Giacomo Casanova Erinnerungen, Band 6 Übersetzer: Heinrich Conrad Inhalt Erstes Kapitel Ich sehe die Zarin. – Meine Unterhaltungen mit der großen Herrscherin. – Die Valville. – Ich trenne mich von Zaïra. – Meine Abreise von Petersburg und Ankunft in Warschau. – Die Fürsten Adam Czartoryski und Sulkowski. – Der König von Polen Stanislaus Poniatowski, genannt Stanislaus August der Erste. – Theaterintrigen. – Branicki. Zweites Kapitel Mein Zweikampf mit Branicki. – Reise nach Lemberg und Rückkehr nach Warschau. – Ich empfange vom König den Befehl, abzureisen. – Aufenthalt in Breslau. – Meine Abreise mit der Unbekannten. Drittes Kapitel Ich komme mit Maton in Dresden an. – Sie macht mir ein Geschenk. – Leipzig. – Die Castelbajac. – Graf Schwerin. – Rückkehr nach Dresden und Abreise von dort. – Prag. – Ankunft in Wien. – Hinterhalt Pocchinis. Viertes Kapitel Ich erhalte den Befehl, Wien zu verlassen. – Die Kaiserin mildert ihn, nimmt ihn aber nicht zurück. – Zawoiski in München. – Mein Aufenthalt in Augsburg. – Eulenspiegelstreich. – Ludwigsburg. – Der Kölner Zeitungsschreiber. – Meine Ankunft in Aachen. Fünftes Kapitel Aufenthalt in Spaa. – Der Faustschlag. – Ein Degenstich. – De la Croce. – Charlotte, ihre Niederkunft und ihr Tod. – Eine lettre de cachet zwingt mich, Paris binnen vierundzwanzig Stunden zu verlassen. Sechstes Kapitel Abreise von Paris. – Meise nach Madrid. – Der Graf von Aranda. – Der Fürst della Cattolica. – Der Herzog von Lossada. – Mengs. – Ein Ball. – Die Pichona. – Dona Ignazia. Siebentes Kapitel Meine Liebschaft mit Dona Ignazia, der Tochter des adligen Schuhflickers. – Meine Gefangenschaft in Buen Retiro und mein Triumph. – Ich werde der venetianischen Botschaft durch einen Staatsinquisitor der Republik empfohlen. Achtes Kapitel Campomanes. – Olavids. – Die Sierra Morna. – Aranjuez. – Mengs. – Marques Grimaldi. – Toledo. – Senora Pelliccia. – Rückkehr nach Madrid zum Vater der Doña Ignazia. Neuntes Kapitel Meine Liebschaft mit Doña Ignazia. – Rückkehr des Herrn von Mocenigo nach Madrid. Zehntes Kapitel Ich begehe eine Indiskretion, die Manucci zu meinem grausamsten Feind macht. – Seine Rache. – Meine Abreise von Madrid. – Saragossa. – Valencia. – Nina. – Meine Ankunft in Barcelona. Elftes Kapitel Mein unvorsichtiges Benehmen. – Passano. – Meine Haft im Gefängnisturm. – Abreise von Barcelona. – Die Castelbajac in Montpellier. – Nimes. – Meine Ankunft in Aix in der Provence. Zwölftes Kapitel Mein Aufenthalt in Aix in der Provence. – Schwere Krankheit. – Ich werde von einer Unbekannten gepflegt. – Der Marquis d'Argens. – Cagliostro. – Meine Abreise. – Brief von Henrietten. – Marseille. – Geschichte der Nina. – Nizza. – Turin. – Lugano. –Frau von ***. Dreizehntes Kapitel Marazzani wird bestraft. – Meine Abreise von Lugano. – Turin. – Herr Dubois. – Livorno. – Orloffs Abfahrt mit dem Geschwader. – Pisa. – Stratico. – Siena. – Die Marchesa Chigi. – Ich reise von Siena mit einer Engländerin ab. Vierzehntes Kapitel Miß Betty. – Der Graf de l'Etoile. – Sir B. M. wird zur Vernunft gebracht. Fünfzehntes Kapitel Rom. – Der spitzbübische Kommödiant wird bestraft. – Lord Baltimore. – Neapel. – Sara Goudar. – Bettys Abreise. – Agata. – Callimene. – Medim. – Albergoni. – Miß Chudleigh, Herzogin von Kingston. – Der Fürst von Francavilla. – Die Schwimmer und Schwimmerinnen. Sechzehntes Kapitel Meine Liebschaft mit Callimene. – Reise nach Sorrent. – Medini. – Goudar. – Miß Chudleigh. – Der Marchese della Petina. – Gaetano. – Der Sohn der Cornelis. – Geschichte von Sara Goudar. – Die von dem König geprellten Florentiner. – Meine glückliche Reise nach Salerno. – Abreise von Neapel und Ankunft in Rom. Siebzehntes Kapitel Margherita. – Die Buonaccorsi. – Die Herzogin von Fiano. – Kardinal Bernis. – Die Prinzessin von Santa-Croce. – Menicuccio und seine Schwester. Achtzehntes Kapitels Ich speise mit Armellina und Emilia im Wirtshaus zu Abend. Neunzehntes Kapitel Der Florentiner. – Emilia wird verheiratet. – Scolastica. – Armellina auf dem Ball. Zwanzigstes und einundzwanzigstes Kapitel Zweiundzwanzigstes Kapitel Die Denis. – Medini. – Zanowitsch. – Zen. – Meine Ausweisung aus Florenz und Ankunft in Bologna. – General Albergati. Dreiundzwanzigstes Kapitel Die Kurfürstin-Witwe von Sachsen und Farinello. – Die Slopitz. – Nina. – Die Hebamme. – Die Soavi. – Abbate Bolini. – Die Viscioletta. – Der Wagen. – Trauriges Vergnügen einer Rache. – Severini geht nach Neapel. – Meine Abreise. – Marchese Mosca in Pesaro. Vierundzwanzigstes Kapitel Ich nehme als Reisegefährten einen Juden von Ancona, namens Mardochai, der mich überredet, in seinem Hause Wohnung zu nehmen. – Ich verliebe mich in seine Tochter Lia. – Nach einem sechswöchentlichen Aufenthalt fahre ich nach Triest. Fünfundzwanzigstes Kapitel Pittoni. – Zaguri. – Der Procuratore Morosini. – Der venetianische Konsul. – Görz. – Der französische Konsul. – Madame Leo. – Ich leiste dem Tribunal der Staatsinquisitoren wichtige Dienste. – Strasoldo. – Die Krainerin. – General Burghausen. Sechsundzwanzigstes Kapitel Abenteuer in Triest. – Ich leiste dem Tribunal des Staatsinquisitoren in Venedig neue Dienste. – Reise nach Görz und Rückkehr nach Triest. – Ich sehe Irena wieder. – Sie ist Schauspielerin geworden und sehr geschickt in allen Glücksspielen. Erster Anhang zum sechsten Bande : Giovachino Costa Zweiter Anhang zum sechsten Bande : Die beiden fehlenden Kapitel Erstes Kapitel Ich sehe die Zarin. – Meine Unterhaltungen mit der großen Herrscherin. – Die Valville. – Ich trenne mich von Zaïra. – Meine Abreise von Petersburg und Ankunft in Warschau. – Die Fürsten Adam Czartoryski und Sulkowski. – Der König von Polen Stanislaus Poniatowski, genannt Stanislaus August der Erste. – Theaterintrigen. – Branicki. Ich gedachte zu Anfang des Herbstes abzureisen, aber die Herren Panin und Alsuwieff sagten mir fortwährend, ich dürfte nicht gehen, wenn ich nicht sagen könnte, daß ich mit der Kaiserin gesprochen hätte. »Auch mir würde es leid tun«, antwortete ich ihnen; »da ich aber niemanden gefunden habe, um mich vorzustellen, so bleibt mir nichts anderes übrig, als mich in mein Schicksal zu ergeben.« Endlich sagte Panin mir eines Tages, ich möchte doch in der Morgenfrühe im Sommergarten spazieren gehen, wo Ihre Kaiserliche Majestät häufig lustwandelte; wenn sie mir scheinbar zufällig begegnete, wäre es sehr wahrscheinlich, daß sie mich anreden würde. Ich sagte ihm, es wäre mir sehr angenehm, wenn ich Ihrer Majestät an einem Tage begegnen könnte, wo er bei ihr wäre. Er bezeichnete mir den Tag, und ich ging hin. Während ich ganz allein spazieren ging, besah ich mir die Statuen, die am Rande der Allee aufgestellt waren – Statuen aus schlechtem Sandstein und von noch schlechterem Geschmack, die aber durch die auf ihrem Sockel eingemeißelten Namen eine komische Wirkung erzielten. Ein Kopf mit strömenden Tränen sollte Demokrit vorstellen, ein anderer, der den Mund von einem Ohr zum anderen aufriß, trug den Namen Heraklit, ein Greis mit langem Bart hieß Sappho und ein altes Weib mit schlotterndem Busen wurde Avicenna genannt. In demselben Geschmack war alles übrige. Während ich über die Geschmacksverirrung lächelte, die diesen Unsinn eingegeben hatte, sah ich die Zarin erscheinen. Graf Gregor Orloff ging vor ihr her, und zwei Hofdamen folgten ihr. Graf Panin ging zu ihrer Linken. Ich trat beiseite, um sie vorüber zu lassen, aber sobald sie in Sprechweite war, fragte sie mich lachenden Mundes, ob die Schönheit der Statuen mich nicht sehr interessiert hätte. Ich schloß mich ihr an und antwortete: »Ich denke mir, man hat die Bilder hier aufgestellt, um die Dummköpfe zu foppen, oder um solche, die ein bißchen von Weltgeschichte wissen, zu erheitern.« Die Kaiserin antwortete mir: »Ich weiß nur soviel, daß man meine gute Tante angeführt hat, die freilich wenig Wert darauf legte, solchen kleinen Scherzen auf den Grund zu gehen, übrigens hoffe ich, daß das, was Sie sonst bei uns gesehen haben. Ihnen nicht ebenso lächerlich vorgekommen ist wie diese Statuen.« Ich würde einen Verstoß gegen Wahrhaftigkeit und Höflichkeit begangen haben, wenn ich diese Anregung nicht verstanden hätte. Ich antwortete daher: das Lächerliche, das man in Rußland sehe, sei nur der Schatten in dem großartigen Gemälde, das es hier zu bewundern gebe. Hierauf unterhielt ich die große Herrscherin länger als eine Stunde von allem, was ich in Petersburg bemerkenswert gefunden hatte. Eine Abschweifung führte mich auf den König von Preußen, und ich pries den großen Mann, tadelte jedoch seine unerträgliche Gewohnheit, den Leuten, mit denen er sprach, niemals Zeit zu einer vollständigen Antwort zu lassen. Hierauf fragte Katharina mich mit dem anmutigsten Lächeln nach den Gesprächen, die ich mit dem Herrscher gehabt hätte, und ich schilderte ihr alles in einer Weise, die sie offenbar interessierte. Sodann hatte sie die Güte, mir zu sagen, sie habe mich niemals auf dem »Courtag« gesehen. Der Courtag war ein Instrumental- und Vokalkonzert, das sie jeden Sonntag nach dem Essen in ihrem Palais gab und wozu jedermann Zutritt hatte. Sie ging unter den Anwesenden auf und ab und sprach hier und da ein Wort mit solchen, die sie auszeichnen wollte. Ich sagte ihr, ich sei nur ein einziges Mal dagewesen, da ich das Unglück habe, die Musik nicht zu lieben. Sie wandte sich zu ihrem lieben Panin und sagte lächelnd, sie kenne jemanden, der dasselbe Unglück habe. Wenn der Leser sich der Worte erinnert, die ich die Kaiserin beim Verlassen der Oper hatte sagen hören, so wird er finden, daß ich als verschlagener Höfling sprach. Ich gebe es zu; aber ach, es ist zu schwer, es regierenden Herrschaften gegenüber nicht zu sein, besonders wenn es Herrschaften im Unterrock sind. Die Zarin unterbrach unsere Unterhaltung, um etwas mit Herrn Betzkoy zu sprechen, der an sie herangetreten war. Da Herr von Panin sich von ihr verabschiedete, so verließ auch ich den Park, ganz bezaubert von der Ehre, die mir zuteil geworden war. Die Kaiserin war von mittlerer Größe, gut gewachsen und von majestätischer Haltung. Sie besaß die Kunst, allen Liebe einzuflößen, von denen sie glaubte, daß sie neugierig seien, sie kennen zu lernen. Ohne schön zu sein, war sie doch sicher, durch ihre Sanftmut und Liebenswürdigkeit zu gefallen, besonders aber durch ihren Geist, dessen sie sich mit feinstem Takt bediente, um den geringsten Anschein von Anmaßlichkeit zu vermeiden, und dies war um so bewunderungswürdiger, da sie mit bestem Recht eine sehr gute Meinung von sich selber haben durfte. Einige Tage darauf sagte Graf Panin mir, die Kaiserin habe sich zweimal nach mir erkundigt, und das sei ein sicheres Zeichen, daß ich ihr gefallen habe. Er riet mir, Gelegenheiten auszuspähen, um ihr zu begegnen, und versicherte mir, da sie bereits Geschmack an mir gefunden habe, so werde sie mich jedesmal zu sich heranrufen, wenn sie mich sehe, und wenn ich Lust hätte, eine Anstellung zu erhalten, so wäre es wohl möglich, daß sie an mich dachte. Obwohl ich selber nicht wußte, zu welchem Amt ich in einem Lande, das ich zudem nicht liebte, wohl tauglich sein könnte, so war es mir doch angenehm, zu erfahren, daß ich mir mit leichter Mühe Zutritt bei Hof verschaffen könnte. Infolgedessen ging ich jeden Tag im Parke spazieren, und bald hatte ich ein zweites Gespräch mit der hohen Frau, das ich ganz genau mitteilen will. Die Kaiserin bemerkte mich von ferne und schickte mir einen Offizier zu, der mich einlud, näher zu kommen. Das Tagesgespräch war damals das große Reiterfest, dessen Abhaltung durch das schlechte Wetter verhindert worden war. Sie fragte mich, ob man auch in Venedig Schauspiele dieser Art geben könnte. In meiner Antwort machte ich eine Menge Bemerkungen über die Schauspiele, die man an keinem anderen Ort als Venedig geben könnte. Meine Ausführungen machten ihr viel Vergnügen. Bei dieser Gelegenheit sagte ich auch, das Klima meiner Heimat sei glücklicher als das russische, insofern, als die schönen Tage dort die Regel seien, während sie in Petersburg eine seltene Ausnahme seien, obwohl die Fremden das Jahr hier jünger fänden als sonstwo auf der Welt. »Sie haben recht,« sagte sie, »bei Ihnen ist das Jahr elf Tage älter.« »Wäre es nicht eine Eurer Majestät würdige Handlung, das russische Jahr ebenso alt zu machen, wie das unsrige, indem Sie den Gregorianischen Kalender annähmen? Alle Protestanten haben das mit Vorteil getan, und England, das ihn vor vierzehn Jahren annahm, hat bereits mehrere Millionen gewonnen. Europa ist erstaunt, Madame, daß der alte Stil sich noch in einem Staate erhält, dessen Herrscherin das sichtbare Oberhaupt der Kirche ist, und dessen Hauptstadt eine Akademie der Wissenschaften besitzt. Man glaubt, Madame, Peter der Große, der den Befehl gab, das Jahr mit dem ersten Januar zu beginnen, würde ebenfalls den alten Stil abgeschafft haben, wenn er es nicht für notwendig und vorteilhaft gehalten hätte, sich nach England zu richten, das damals für den Handel Ihres ungeheuren Reiches die größte Bedeutung hatte.« »Sie wissen doch,« sagte sie mit liebenswürdiger Miene und einem sehr feinen Lächeln, »daß Peter der Große kein Gelehrter war.« »Madame, er war mehr als ein Gelehrter: der unsterbliche Peter war ein Genius ersten Ranges. Wenn er keine wissenschaftliche Bildung besaß, so hatte er statt dessen ein sehr feines Gefühl, und das ließ ihn ein sehr richtiges Urteil fällen über alles, was er sah oder was nach seiner Meinung geeignet war, die Wohlfahrt seiner Untertanen zu erhöhen. Sein großes Genie, verbunden mit einem festen und entschlossenen Charakter, bewahrte ihn vor Irrtümern und setzte ihn instand, die Mißbräuche abzustellen, die die Erreichung seiner großen Absichten hätten hindern können.« Ihre Majestät, die mir mit Vergnügen zugehört zu haben schien, wollte mir antworten, als sie im selben Augenblick zwei Damen bemerkte, die sie heranrufen ließ. Sie sagte mir: »Ich werde Ihnen mit Vergnügen ein anderes Mal antworten.« Hierauf wandte sie sich zu den Damen. Dieses andere Mal trat acht oder zehn Tage später ein, als ich bereits zu glauben begann, sie wolle nicht mehr mit mir sprechen. Denn sie hatte mich gesehen, aber nicht rufen lassen. Sie redete mich mit den Worten an: »Was Sie zum Ruhme Rußlands gerne geschehen sähen, ist bereits gemacht. Alle Briefe, die wir nach fremden Ländern schreiben, alle öffentlichen Urkunden, die von irgendeiner geschichtlichen Bedeutung sein können, sind von jetzt an mit zwei Daten versehen, von denen das eine oben, das andere unten steht. Daß das Datum, das dem anderen um elf Tage voraus ist, das neuere ist, weiß jedermann.« »Darf ich es jedoch wagen, Eure Majestät darauf aufmerksam zu machen, daß am Ende dieses Jahrhunderts der Unterschied der Tage zwölf betragen wird?« »Durchaus nicht, auch dafür ist bereits gesorgt. Das letzte Jahr des Jahrhunderts, das bei Ihnen kein Schaltjahr ist, wird es auch bei uns nicht sein. Es bleibt also kein wirklicher Unterschied zwischen uns. Nicht wahr, diese Einschränkung genügt doch, da sie ein weiteres Umsichgreifen des Irrtums verhindert. Es ist sogar ein Glück, daß der Fehler elf Tage beträgt, denn da dies die Zahl ist, um welche jedes Jahr die Epakten vermehrt werden, so können wir sagen, daß Ihre Epakten auch die unsrigen sind, nur mit dem Unterschied eines Jahres. Wir haben sogar die gleiche Zahl in den elf letzten Tagen des tropischen Jahres. Was die Feier des Osterfestes anbetrifft, so muß man die Leute reden lassen. Ihre Tag- und Nachtgleiche ist auf den einundzwanzigsten März festgesetzt, die unsrige auf den zehnten, und die Vorwürfe, die die Astronomen gegen uns erheben, gelten auch Ihnen; bald haben wir unrecht, bald Sie. Denn die Tag- und Nachtgleiche tritt oftmals einen, zwei und sogar drei Tage früher oder später ein, und sobald wir der Tag- und Nachtgleiche gewiß sind, hat das Gesetz des Märzmondes recht geringe Bedeutung. Sie wissen doch, daß Sie oft nicht einmal mit den Juden übereinstimmen, deren Embolismus, wie man behauptet, ganz vollkommen sein soll. Kurz und gut, der Unterschied der Osterfeier stört nicht im geringsten die öffentliche Ordnung.« »Was Eure Majestät mir soeben gesagt haben, ist voller Weisheit und Gelehrsamkeit. Sie haben mich mit höchster Bewunderung erfüllt; indessen, das Weihnachtsfest –« »Nur in diesem Punkt hat Rom allerdings recht; denn Sie wollten mir vermutlich sagen, daß wir Weihnacht nicht in den Tagen der Wintersonnenwende feiern, wie es eigentlich sein sollte. Wir wissen es, aber ich glaube, man darf es auch nicht so genau nehmen. Ich ziehe es vor, lieber diesen geringen Fehler zu dulden, als allen meinen Untertanen eine große Betrübnis zu verursachen, indem ich elf Tage aus dem Kalender ausmerze und dadurch zwei oder drei Millionen wackere Russen um ihren Geburts- oder Namenstag bringe – ja sogar allen Russen: denn man würde sagen, ich hätte durch einen unerhört despotischen Befehl das Leben aller Menschen um elf Tage abgekürzt. Freilich würde man sich nicht laut beklagen, denn das ist hier nicht der Brauch; aber man würde sich ins Ohr flüstern, ich sei eine Atheistin und greife offenbar die Unfehlbarkeit des Konzils von Nicäa an. Diese einfältige Kritik wäre zwar im Grunde lächerlich, aber ich würde durchaus nicht darüber lachen: denn um mich zu erheitern, habe ich andere und viel angenehmere Gegenstände.« Die Zarin hatte das Vergnügen, mich überrascht zu sehen, und entfernte sich sehr befriedigt. Ich habe nicht einen Augenblick daran gezweifelt, daß sie das Thema eigens studiert hatte, um mich zu verblüffen. Einige Tage darauf sagte Herr Alsuwieff mir, es sei sehr wohl möglich, daß die Kaiserin eine kleine Abhandlung über diesen Gegenstand gelesen habe, ein Werkchen, das er kenne, und worin alles, was sie mir gesagt habe, ganz genau enthalten sei. Übrigens sei es sehr wohl möglich, daß Ihre Majestät tiefe Kenntnisse auf diesem Gebiete besitze. Das war natürlich eine bloße Redensart, wie man sie eben im Munde eines jeden Höflings findet, besonders in Rußland. Die Zarin sagte in sehr bescheidenem Ton und in einer sehr einfachen Redeweise ihre Meinung klar und deutlich, und ihr Geist schien ebenso unerschütterlich zu sein wie ihre gute Laune, deren immer gleiche Beständigkeit ihr lachendes Antlitz verkündete. Da diese lachende Miene ihr zur Gewohnheit geworden war, so kostete sie ihr wahrscheinlich keine Mühe; trotzdem ist sie dieserhalb zu bewundern, denn es gehört dazu eine Selbstbeherrschung, die die gewöhnlichen Regungen der menschlichen Natur im Zaume zu halten weiß. Die äußere Haltung der großen Katharina war das gerade Gegenteil der des Königs von Preußen, aber sie war Zeugnis, daß ihr Genie größer war als das dieses Herrschers. Sie ermutigte durch einen äußeren Anschein von Güte und hatte dadurch stets einen Vorteil, während die ausgeklügelte Schroffheit des Potsdamer Soldaten nicht selten dazu benutzt wurde, ihn zu täuschen. Prüft man Friedrichs Leben, so bewundert man seinen Mut, aber man sieht zugleich, daß er unterlegen wäre, wenn er nicht viel Glück gehabt hätte. Untersucht man dagegen das Leben Katharinas, so findet man, daß sie offenbar auf den Beistand der blinden Göttin sehr wenig gerechnet hat. Sie führte Unternehmungen durch, die vor ihrer Thronbesteigung in ganz Europa für groß gegolten hatten, die sie aber absichtlich als klein ansah. Ich las kürzlich einen jener modernen Zeitschriftenaufsätze, deren Schreiber sich absichtlich von ihrem Thema zu entfernen scheinen, um die Aufmerksamkeit der Leser auf ihre eigene Person zu lenken. Der Verfasser behauptet, Katharina die Zweite sei glücklich gestorben wie sie gelebt habe. Alle Welt weiß, daß die große Herrscherin, auf ihrem Nachtstuhl sitzend, von einem plötzlichen Tod ereilt wurde. Wenn nun der Artikelschreiber diesen Tod einen glücklichen nennt, so liegt darin, daß dies die Todesart ist, die er für sich selber wünscht. Natürlich hat jeder seinen eigenen Geschmack, und wir können einem jeden wünschen, daß er einen solchen Tod findet, wie er ihm gefällt. Wenn aber für die Behauptung, daß dieser Tod ein glücklicher sei, die Voraussetzung gilt, daß der von ihm Betroffene ihn so gewünscht haben müsse – wer hat denn dem sonderbaren Schwärmer gesagt, daß Katharina sich gerade diesen Tod gewünscht habe? Wenn er etwa glaubt, daß dieser Wunsch dem tiefen Geist entspreche, den alle Welt der Kaiserin zuschrieb, so kann man ihn fragen, mit welchem Recht er die Behauptung aufstellt, daß ein tiefer Geist einen plötzlichen Tod als den glücklichsten ansehen müsse. Etwa, weil er selber ihn dafür hält? Aber, wenn er kein Dummkopf ist, so muß er doch befürchten, daß er sich irren kann, und wenn er sich irrt, so ist er ja ein Dummkopf. Der Artikelschreiber hat also auf alle Fälle eine Dummheit gesagt, einerlei, ob er sich irrt oder nicht. Um die Wahrheit zu erfahren, müßten wir die verstorbene Zarin selber befragen können. Wir würden etwa zu ihr sagen: »Sind Sie wirklich froh, Madame, daß Sie eines plötzlichen Todes gestorben sind?« Es wäre nicht unmöglich, daß sie uns antwortete: »Welche Dummheit! Eine solche Frage dürfte nur an einen verzweifelten Menschen gerichtet werden, oder an eine Frau, deren schlechte Gesundheit sie befürchten ließe, daß sie nach langer und grausamer Krankheit einen schmerzhaften Tod erleiden würde. Ich befand mich weder in dem einen noch in dem anderen Fall; denn ich war glücklich und befand mich körperlich wohl. Ein größeres Unglück konnte mir gar nicht zustoßen, und gerade dieses Unglück kam mir völlig unerwartet. Dieses Unglück hat mich verhindert, eine Menge Sachen durchzuführen, die ich leicht hätte zu Ende bringen können, wenn Gott mir eine kleine Krankheit vergönnt hätte, deren Symptome mich auf die Möglichkeit meines Todes aufmerksam gemacht hätten. Es wäre nicht nötig gewesen, daß mein Äskulap mich darauf vorbereitete. Aber so ist es nicht gewesen. Ein unwiderruflicher Befehl hat mich gezwungen, die längste aller Reisen anzutreten, ohne mir Zeit zu lassen, mein Bündel zu schnüren, und in einem Augenblick, wo ich nicht bereit war. Soll man mich etwa wegen dieses Todes glücklich nennen, weil ich nicht die Qual gehabt habe, ihn kommen zu sehen? Wenn man annimmt, ich würde nicht den Mut gehabt haben, mich willig einem Naturgesetz zu fügen, das für mich wie für alle Sterblichen gilt, so traut man mir offenbar eine Feigheit zu, die ich bei Lebzeiten niemals gezeigt zu haben glaube. Heute, da Sie mich als Geist vor sich sehen, kann ich Ihnen versichern, daß ich mich glücklich schätzen würde, wenn der gar zu strenge Befehl, der mich plötzlich wie ein Blitz traf, mir vor meinem Ende einen Aufschub von zwanzig Stunden ruhiger Überlegung gelassen hätte. Dann würde ich mich nicht über die göttliche Ungerechtigkeit beklagen.« »Wie, Madame, Sie klagen Gott der Ungerechtigkeit an?« »Das ist ganz natürlich; denn ich bin ja verdammt. Glauben Sie, ein Verdammter, so schwer er auch bei Lebzeiten gefehlt haben möge, könne das Urteil gerecht finden, das ihn dazu verdammt, für die Ewigkeit unglücklich zu sein?« »Das halte ich allerdings für schwierig, aber ich denke, es hätte Ihnen ein gewisser Trost sein können, wenn Sie die Verurteilung als gerecht anerkennen müßten.« »Der Gedankengang ist richtig, aber ein Verdammter muß stets untröstlich sein.« »Trotzdem gibt es Philosophen, die gerade wegen dieses Trostes, der Sie empört, Sie glücklich schätzen.« »Das sind keine Philosophen, sondern Dummköpfe; denn was ich Ihnen gesagt habe, beweist, daß mein plötzlicher Tod mich offenbar unglücklich macht, selbst wenn ich mich heute glücklich fühlen sollte.« »Ein starker Gedanke! Aber dürfte ich mir die Frage erlauben, ob Sie zugeben, daß auf einen unglücklichen Tod ein ewiges Glück folgen kann, oder umgekehrt: ein ewiges Unglück auf einen glücklichen Tod?« »Das sind zwei Dinge, die außerhalb des Bereiches der Möglichkeit liegen. Das ewige Glück ergibt sich aus dem seligen Zustande, worin die Seele sich in dem Augenblick befindet, da sie ihre Stoffhülle abwirft; gerade so wird die ewige Verdammnis einer Seele zuteil, die den Leib in einem Augenblick verläßt, wo sie von Gewissensbissen gepeinigt und von brennender Reue verzehrt wird. Doch genug davon: die Strafe, zu der ich verdammt bin, erlaubt mir nicht, noch länger mit Ihnen zu sprechen.« »Aber sagen Sie mir wenigstens: was ist das für eine Strafe?« »Mich zu langweilen. Leben Sie wohl!« Nach dieser langen poetischen Abschweifung, woran vielleicht nichts Wahres ist als meine augenblicklichen Ideen, wird der Leser mir Dank wissen, wenn ich wieder zu meiner Erzählung zurückkehre. Graf Panin sagte mir, die Zarin werde in zwei oder drei Tagen nach ihrem Sommerpalast abreisen. Ich fand mich daher wieder im Park ein, in der Voraussicht, daß es zum letzten Male sein werde. Ich befand mich seit einigen Augenblicken im Garten, als ein ziemlich starker Regen zu fallen begann. Ich wollte mich daher entfernen, aber in diesem Augenblick ließ die Kaiserin mich rufen und in einen zu ebener Erde gelegenen Saal eintreten, worin sie mit Gregorewitsch und einer Hofdame auf und ab ging. »Ich vergaß«, sagte sie mit einem Gemisch von Würde und liebenswürdigstem Wohlwollen, »ich vergaß, Sie zu fragen, ob Sie die Verbesserung des Kalenders für völlig fehlerfrei halten.« »Gewiß nicht, Madame; der verbesserte Kalender gibt ja diesen Fehler selber zu; aber der Fehler ist so klein, daß er sich erst nach Ablauf von neun- oder zehntausend Jahren bemerkbar machen kann.« »Das habe ich ebenfalls gefunden, und mir scheint daher, daß unter diesen Umstünden Papst Gregor den Irrtum nicht hätte zugeben dürfen. Ein Gesetzgeber darf sich niemals so schwach und so übertrieben genau zeigen. Ich mußte lachen, als ich vor einigen Tagen sah, daß, ohne die Ausmerzung des Grundirrtums durch Unterdrückung des Schaltjahres am Ende jeden Jahrhunderts, die Welt nach Ablauf von fünfzigtausend Jahren ein ganzes Jahr zuviel gehabt hätte, und daß während dieses Zeitraums die Tag- und Nachtgleiche einhundertunddreißig Mal auf alle Tage des Jahres gefallen sein würde. Man hätte infolgedessen Weihnachten zehn- bis zwölftausendmal im Sommer gefeiert. Der Hohe Priester der lateinischen Kirche fand bei der Durchführung seiner weisen Maßregel einen willigen Gehorsam, den er in meiner Kirche nicht gefunden haben würde; denn diese hält überaus peinlich an ihren alten Gebräuchen fest.« »Ich habe mir stets eingebildet, Eure Majestät würde sie gehorsam gefunden haben.« »Daran zweifle ich nicht; aber wie tief würde es meine Geistlichkeit betrübt haben, wenn sie mehr als hundert männliche und weibliche Heilige ihres Festtages hatte berauben müssen! Sie haben für jeden Tag nur einen Heiligen, wir aber haben ein Dutzend. Ich möchte außerdem noch bemerken, daß alle alten Staaten an ihren alten Gesetzen hängen. Man hat mir gesagt, Ihre Republik beginne ihr Jahr mit dem ersten März, und ich finde diesen Brauch nicht etwa barbarisch, sondern im Gegenteil groß: er ist ein ehrenvolles Denkmal, das für das Alter des Staates zeugt. Übrigens ist es richtiger, das Jahr am ersten März, als am ersten Januar zu beginnen. Aber verursacht dieser Brauch nicht mancherlei Verwirrung?« »Durchaus nicht, Madame. Die beiden Buchstaben M. V., die wir in den Monaten Januar und Februar dem Datum hinzufügen, machen ein Mißverständnis unmöglich.« »Venedig zeichnet sich auch durch sein Wappen aus, das von allen Regeln der Heraldik abweicht; denn man kann es eigentlich kein Wappenschild nennen. Eigentümlich ist auch die scherzhafte Art, wie Ihr Schutzpatron dargestellt ist, und seltsam sind die fünf lateinischen Worte, die sich an den Heiligen Markus richten, und worin, wie man mir gesagt hat, ein grammatikalischer Fehler vorkommt – ein Fehler, der durch sein Alter ehrwürdig geworden ist. Aber ist es wahr, daß Sie die vierundzwanzig Stunden des Tages nicht in zweimal zwölf Stunden einteilen?« »Ganz recht, Madame, und wir beginnen die Stundenzählung mit dem Einbruch der Nacht.« »Da sehen Sie die Macht der Gewohnheit! Ihnen erscheint dies bequemer, und Sie kümmern sich nicht darum, daß es der ganzen übrigen Welt lächerlich vorkommt. Ich wenigstens würde es, glaube ich, sehr unbequem finden.« »Eure Majestät würde durch einen Blick auf die Uhr sofort erfahren, wie viele Stunden der Tag noch dauern wird, und brauchte nicht auf den Kanonenschuß der Zitadelle zu hören, die die Einwohner benachrichtigt, daß die Sonne unter den Horizont verschwunden ist.« »Das ist richtig, aber wenn Sie den Vorteil haben, zu wissen, wieviel Uhr es am Ende des Tages ist, so haben wir dafür zwei Vorteile: wir wissen, daß es um zwölf Uhr stets entweder Mittag oder Mitternacht ist.« Hierauf sprach die Zarin mit mir über die Sitten der Venetianer, besonders über ihre Neigung zum Glücksspiel. Sie fragte mich bei dieser Gelegenheit, ob die Genueser Lotterie bereits in Venedig eingerichtet sei, und bemerkte: »Man hat mich überreden wollen, sie in meinem Staate zu erlauben. Ich wäre einverstanden gewesen, aber nur unter der Bedingung, daß der Einsatz nicht weniger als einen Rubel betragen dürfte, damit die Armen nicht zum Spiel verlockt würden.« Ich antwortete auf diese weise Bemerkung durch eine tiefe Verbeugung, und dies war das Ende der letzten Unterhaltung, die ich mit der berühmten Frau hatte. Sie hat es verstanden, fünfunddreißig Jahre lang zu regieren, ohne auch nur einen einzigen bedeutungsvollen Fehler zu begehen. Der Geschichtschreiber wird ihr stets einen der schönsten Plätze unter den großen Herrschern zuerkennen, wenngleich strenge Moralisten sie zu den übermüßig sinnlichen Frauen rechnen werden, und mit Recht. Wenige Tage vor meiner Abreise gab ich allen meinen Freunden ein Festmahl in Katharinenhof mit einem schönen Feuerwerk, das mir nichts kostete, denn es war ein Geschenk meines Freundes Melissino. Mein Abendessen zu dreißig Gedecken war auserlesen und mein Ball glänzend. Trotz der Schmalheit meiner Börse hielt ich mich für verpflichtet, meinen Freunden für die viele Aufmerksamkeit, die sie mir erwiesen hatten, dieses Zeichen meiner Dankbarkeit zu geben. Da ich mit der Schauspielerin Valville abreiste, so muß ich jetzt dem Leser mitteilen, auf welche Weise ich ihre Bekanntschaft machte. Eines Abends ging ich allein in die Französische Komödie und setzte mich in einer Loge neben eine sehr hübsche Dame, die ohne Begleitung dort war und die ich nicht kannte. Ich kam mit ihr in ein Gespräch, indem ich bald lobende, bald tadelnde Bemerkungen über das Spiel der Künstler und Künstlerinnen machte. Ich fand ihre Antworten stets richtig und geistreich und ihren Ton ebenso verführerisch wie ihre Reize. Ganz entzückt von ihr, nahm ich mir gegen Ende der Vorstellung die Freiheit, sie zu fragen, ob sie Russin sei. »Um Gottes willen, nein!« sagte sie lächelnd; ich bin Pariserin, und zwar Schauspielerin von Beruf. Ich heiße Valville und bin durchaus nicht überrascht, daß Sie mich nicht kennen, denn ich bin erst seit einem Monat hier und habe nur ein einziges Mal die Zofenrolle in den Folies amoureuses gespielt.« »Warum haben Sie nur ein einziges Mal gespielt?« »Weil ich nicht das Glück hatte, der Kaiserin zu gefallen. Da ich jedoch für ein Jahr engagiert bin, hat sie gnädigst befohlen, mir bis zum Ablauf des Jahres jeden Monat hundert Rubel auszuzahlen. Alsdann wird man mir einen Paß geben, mir die Reisekosten bezahlen, und ich werde abreisen.« »Ich bin überzeugt, die Zarin glaubt, Ihnen eine Gnade zu erweisen, indem sie Ihnen Ihr Gehalt auszahlen läßt, ohne daß Sie zu spielen brauchen.« »Wahrscheinlich glaubt sie das, aber sie ist keine Schauspielerin und weiß nicht, daß ich mehr, als sie mir gibt, verliere, indem ich nicht spiele; denn ich verlerne meinen Beruf, worin ich noch nicht einmal ausgelernt hatte.« »Sie müssen Sie darauf aufmerksam machen.« »Es wäre mein Wunsch, daß sie mir eine Audienz bewilligte.« »Das ist nicht nötig. Sie haben doch ganz gewiß einen Liebhaber?« »Nein.« »Das ist unglaublich.« »Das Wahre ist zuweilen nicht wahrscheinlich, aber es ist die Wahrheit.« »Ich will es Ihnen gern glauben.« Ich ließ mir ihre Adresse geben und schrieb ihr gleich am nächsten Tage folgendes Briefchen: »Ich möchte, Madame, eine Intrige mit Ihnen anknüpfen. Sie haben mir Gefühle eingeflößt, die mich unglücklich machen würden, wenn Sie sie nicht erwidern würden. Ich nehme mir die Freiheit, mich bei Ihnen zum Abendessen einzuladen, aber ich wünsche vorher zu wissen, was es mir kosten wird; ich muß in einem Monat nach Warschau reisen und biete Ihnen einen Platz in meinem Schlafwagen an. Ich kenne die Mittel, Ihnen einen Paß zu verschaffen. Der Bote hat Befehl, auf Antwort zu warten, und ich hoffe, Sie werden diese eben so klar und deutlich abfassen, wie mein Brief es ist.« Zwei Stunden später erhielt ich folgende Antwort: »Mein Herr! Da ich das Talent besitze, eine Intrige, deren Fäden mir nicht gefallen, mit Leichtigkeit wieder zu lösen, so nehme ich durchaus keinen Anstand, Ihrem Vorschlage zuzustimmen. Ich verlange nichts Besseres, als die Gefühle zu teilen, die Sie mir eingeflößt haben, und ich werde mein Möglichstes tun, Sie glücklich zu machen. Sie werden das Abendessen bereit finden; über den Preis dessen, was darauf folgen soll, werden wir uns später einigen. Es wird mir eine große Freude sein, den Platz in Ihrem Schlafwagen anzunehmen, wenn Sie soviel Einfluß besitzen, um mir außer meinem Paß auch die Reisekosten bis Paris zu verschaffen. Ich hoffe, Sie werden meine Ausdrücke nicht weniger deutlich finden als die Ihrigen. Leben Sie wohl bis heute Abend!« Ich fand meine neue Bekannte allein in einer sehr gut eingerichteten Wohnung, und wir begrüßten uns wie zwei alte vertraute Freunde. »Ich würde glücklich sein,« sagte sie, »mit Ihnen abreisen zu können, aber ich bezweifle, daß Sie mir die Erlaubnis verschaffen können.« »Ich zweifle gar nicht daran, wenn Sie der Kaiserin eine Eingabe überreichen wollen, wie ich sie Ihnen machen werde.« »Ich werde sie genau so einreichen wie sie ist; darauf können Sie sich verlassen!« Sie reichte mir sofort Schreibzeug, und ich schrieb die Eingabe nieder. Sie lautete ungefähr folgendermaßen: »Madame, ich bitte Eure Majestät allergnädigst bedenken zu wollen, daß ich meinen Beruf, den ich noch nicht einmal völlig erlernt habe, ganz sicherlich verlernen werde, wenn ich ein volles Jahr hier bleibe, ohne etwas zu tun. Ihre Großmut gereicht mir daher nicht zum Nutzen, sondern im Gegenteil zu großem Schaden, und ich würde Eurer Majestät zu tiefster Dankbarkeit verpflichtet sein, wenn Sie mir gütigst gestatten würden, abzureisen.« »Wie? Weiter nichts?« »Kein Wort mehr.« »Du sagst nichts vom Paß, nichts vom Reisegeld. Ich bin nicht reich.« »Überreiche diese Eingabe, und ich müßte der allerdümmste Mensch sein, wenn du nicht nur das Reisegeld, sondern auch dein Gehalt für das ganze Jahr erhieltest.« »Das wäre zuviel.« »Nein, und du wirst es bekommen. Du kennst Katharina nicht, ich aber kenne sie. Laß diese Eingabe abschreiben und überreiche sie persönlich.« »Ich werde sie selber abschreiben, denn ich habe eine ziemlich schöne Schrift. Übrigens kommt es mir vor, wie wenn ich selber diese Eingabe verfaßt hätte, denn es ist ganz und gar mein Stil. Ich glaube, mein lieber Freund, du bist ein besserer Schauspieler als ich, und ich will von heute Abend an deine Schülerin werden. Laß uns zu Tisch gehen, damit du mir meine erste Unterrichtsstunde um so früher geben kannst!« Nach einem recht delikaten Abendessen, das die schöne Valville mit hundert angenehmen Bemerkungen würzte, bewilligte sie mir alles, was ich wünschte. Ich ging einen Augenblick hinunter, um meinen Kutscher fortzuschicken und ihm zu sagen, was er meiner Zaira mitteilen sollte. Ich hatte dieser vorher gesagt, ich würde vielleicht nach Kronstadt fahren und dann erst am nächsten Tage zurückkehren. Mein Kutscher war ein Ukrainer, dessen Treue ich oft erprobt hatte. Aber ich begriff sofort, daß ich mich von meiner schönen Russin trennen mußte, wenn ich der Freund meiner neuen Eroberung wurde. Ich fand an der Valville den Charakter und die Eigenschaften aller jungen Französinnen ihrer Art, die ihre Reize auszunützen gedenken, eine gewisse Erziehung genossen haben, die sie über den großen Haufen hinaushebt, und daraus das Recht ableiten, nur einem einzigen anzugehören: sie wollen unterhalten werden, und es schmeichelt ihnen mehr, eine Geliebte zu sein als eine Gattin. In unserem Zwischenakte erzählte sie mir einige von ihren Abenteuern, und ich erriet daraus ihre ganze Geschichte, die nicht lang war. Der Schauspieler Clerval war nach Paris gegangen, um für den Petersburger Hof eine Schauspielertruppe zu werben. Er hatte sie zufällig kennen gelernt, und da er in ihr ein geistreiches Mädchen fand, so hatte er ihr eingeredet, sie sei zur Schauspielerin geboren, obwohl sie nie in ihrem Leben daran gedacht hatte. Der Gedanke hatte sie geblendet, und sie hatte den Vertrag unterzeichnet. Sie war mit ihrem Werber und sechs anderen Schauspielern und Schauspielerinnen von Paris abgereist; unter diesen war sie die einzige, die noch niemals gespielt hatte. »Ich glaubte,« so erzählte sie mir, »man könnte in eine Schauspielertruppe eintreten, wie in Paris ein junges Mädchen in den Opernchor oder ins Ballett eintritt, ohne jemals singen oder tanzen gelernt zu haben. Konnte ich anders denken, wenn ein Künstler wie Clerval mir sagte, ich sei dazu geschaffen, auf der Bühne zu glänzen, und wenn er es mir dadurch bewies, daß er mit mir einen vorteilhaften Vertrag abschloß und daß er mich mit sich nahm? Er verlangte von mir weiter nichts, als daß ich ihm etwas vorlas und daß ich einige Szenen auswendig lernte, die er mich in meinem Zimmer mit ihm spielen ließ. Er fand, ich sei eine ausgezeichnete Soubrette, und er hat mich ganz gewiß nicht täuschen wollen; aber er hat sich selber getäuscht. Vierzehn Tage nach unserer Ankunft in Petersburg trat ich zum ersten Mal auf und erlitt einen sogenannten Durchfall, aus dem ich mir in Wahrheit recht wenig machte, da ich die angebliche Schande nicht fühlte.« »Vielleicht hast du Angst gehabt.« »Angst! Im Gegenteil. Clerval hat mir geschworen: wenn ich nur ein wenig Angst hätte heucheln können, so würde die Kaiserin, die die Güte selber ist, es als ihre Pflicht angesehen haben, mich zu ermutigen.« Ich verließ sie am Morgen, nachdem sie noch in meiner Gegenwart die Eingabe abgeschrieben hatte. Sie hatte eine sehr schöne Handschrift. »Ich werde«, sagte sie mir, »die Bittschrift morgen überreichen.« Ich bestärkte sie in diesem Beschluß und nahm ihre Einladung zu einem zweiten Abendessen an, das an dem Abend stattfinden sollte, wo ich mich von Zaïra getrennt haben würde. Die jungen Pariserinnen, die sich dem Dienst der Venus gewidmet haben und dabei Geist besitzen, gleichen alle der Valville: sie haben weder Leidenschaft noch Temperament und kennen infolgedessen die Liebe nicht; aber sie sind gefällig, einschmeichelnd und liebenswürdig. Sie kennen nur ein einziges Ziel, dem sie unaufhörlich zustreben: angenehmes Leben und pekuniären Vorteil. Lachend und stets mit der größten Leichtigkeit lösen und knüpfen sie eine Intrige. Das ist keine Leichtfertigkeit, sondern System, und wenn es nicht das beste ist, so ist es sicherlich das bequemste. Als ich nach Hause kam, fand ich Zaïra ruhig, traurig, und dies gefiel mir noch weniger, als wenn sie zornig gewesen wäre, denn ich liebte sie. Aber ich mußte ein Ende mit ihr machen und mich auf alle Pein unserer bevorstehenden Trennung vorbereiten. Der Baumeister Rinaldi, ein alter Herr von siebzig Jahren, aber noch frisch und sinnlich, war in sie verliebt. Er hatte mir mehrere Male gesagt, ich würde ihm ein großes Vergnügen machen, wenn ich bei meiner Abreise sie ihm überließe, und hatte sich erboten, mir das Doppelte von dem zu geben, was sie mir gekostet hätte. Ich hatte ihm bisher immer geantwortet, ich würde sie niemals einem anderen überlassen, dem sie nicht freiwillig folgte, denn ich hatte die Absicht, ihr die Summe zu überlassen, die ich für sie erhalten würde. Diese Erklärung gefiel Herrn Rinaldi nicht, denn er schmeichelte sich nicht mit der Einbildung, ihr zu gefallen. Trotzdem hoffte er. Der Zufall führte ihn gerade an diesem Morgen zu mir, als ich beschlossen hatte, der Sache ein Ende zu machen. Da er sehr gut russisch sprach, so erklärte er der Kleinen, wie innig und zärtlich er sie liebe. Sie antwortete ihm italienisch, sie könne nur demjenigen gehören, dem ich ihren Paß überlassen werde, und er müsse sich daher an mich wenden; denn sie könne keinen anderen Willen haben als den meinigen; sie hege jedoch für keinen Menschen Gefühle des Abscheus oder der Zuneigung. Der ehrenwerte Greis konnte eine bestimmtere Antwort nicht von ihr erlangen und verließ uns daher, nachdem er mit uns gespeist hatte. Seine Hoffnung war gering, trotzdem empfahl er sich angelegentlich meiner Fürsprache. Als Rinaldi fortgegangen war, bat ich Zaïra, mir aufrichtig zu sagen, ob sie es mir übelnehmen würde, wenn ich sie diesem trefflichen Manne überließe, der sie wie seine eigene Tochter behandeln würde. In dem Augenblick, wo sie mir antworten wollte, übergab man mir ein Briefchen von der Valville. Sie bat mich, einen Augenblick bei ihr vorzusprechen, um eine gute Nachricht zu hören. Ich befahl sofort meinen Wagen, indem ich Zaiïra sagte, ich würde sehr bald zurückkommen. »Schön,« antwortete sie mir; »besorge deine Geschäfte. Wenn du wiederkommst, werde ich dir eine bestimmte Antwort geben.« Ich fand die Valville in einem Freudentaumel. »Hurra die Bittschrift!« rief sie mir sofort bei meinem Anblick entgegen. »Ich erwartete die Kaiserin vor ihren Gemächern, als sie aus der Kapelle kam. Sobald sie mich bemerkte, fragte sie mich huldvoll, was ich da machte. Ich überreichte ihr mit ehrfurchtsvoller Miene meine Bittschrift; sie las dieselbe im Gehen und sagte mir mit einem wohlwollenden Lächeln, ich möchte einen Augenblick warten. Zwei Minuten darauf schickte Ihre Majestät mir die Eingabe mit einer eigenhändigen Randbemerkung zurück und ließ mir sagen, ich möchte damit zu Herrn Ghelagin gehen. Der Herr empfing mich sehr freundlich und sagte mir, die Fürstin befehle ihm, mir einen Paß auszuhändigen und dazu mein Gehalt für ein Jahr und hundert Dukaten für die Reisekosten. Paß und Geld werde ich in vierzehn Tagen erhalten, weil soviel Zeit erforderlich ist, um die polizeilichen Veröffentlichungen zu erlassen. Die Valville war voll von Dankbarkeit und versicherte mich ihrer innigsten Freundschaft. Wir verabredeten den Zeitpunkt unserer Abfahrt, und drei oder vier Tage darauf ließ ich bekannt machen, daß ich reisen würde. Da ich Zaiïra versprochen hatte, gleich wieder nach Hause zu kommen, außerdem auch neugierig war, welchen Entschluß sie gefaßt hätte, so verabschiedete ich mich von meiner neuen Freundin, indem ich ihr die Versicherung gab, daß ich mit ihr zusammenleben würde, sobald ich die junge Russin, die ich in Petersburg lassen müßte, guten Händen übergeben hätte. Zaiïra aß in sehr guter Laune mit mir zu Abend und fragte mich dann, ob Herr Rinaldi, wenn er sie erhielt, mir die hundert Rubel zurückzahlen würde, die ich ihrem Vater gegeben hätte. Als ich diese Frage bejahte, fuhr sie fort: »Aber mir scheint, jetzt bin ich doch viel mehr wert; denn du lässest mir alle Sachen, die du mir geschenkt hast, und außerdem spreche ich italienisch.« »Du hast vollkommen recht, mein Kind, aber ich will nicht, daß man mir soll nachsagen können, ich hätte Geld an dir verdient, zumal da ich die Absicht habe, dir die hundert Rubel zu schenken, die er mir auszahlen wird, wenn ich ihm deinen Paß gebe.« »Da du mir dieses schöne Geschenk machen willst, warum gibst du mich nicht mit meinem Paß meinem Vater zurück? Wenn Herr Rinaldi mich liebt, brauchst du ihm nur zu sagen, er solle mich bei meinem Vater aufsuchen. Er spricht ebensogut russisch wie dieser, sie werden sich über den Preis einigen, und ich werde mich nicht widersetzen. Wird es dir unangenehm sein, wenn er für mich bezahlt, was ich wert bin?« »Nein, gewiß nicht; es wird mir im Gegenteil sehr angenehm sein, wenn ich deiner Familie nützlich sein kann, um so mehr, da Rinaldi reich ist.« »Das genügt. Du wirst meinem Gedächtnis stets teuer sein. Bringe mich morgen nach Katharinenhof und jetzt laß uns zu Bett gehen!« So trennte ich mich also von diesem reizenden Mädchen, dem ich es verdankte, daß ich in Petersburg recht vernünftig lebte. Zinowieff sagte mir, ich hätte mit ihr abreisen können, wenn ich eine bescheidene Summe als Bürgschaft hinterlegte. Er würde mir die Erlaubnis leicht verschaffen. Ich dachte jedoch an die Folgen und war so vernünftig, das Anerbieten abzulehnen; denn ich liebte Zaiïra. Sie entwickelte sich immer herrlicher,und bei ihrer Schönheit und ihrem Geist wäre ich ihr Sklave geworden. Immerhin ist es möglich, daß ich es nicht so genau genommen hätte, wenn ich nicht bereits die Valville besessen hätte. Zaiïra verbrachte den Vormittag damit, unter Lachen und Weinen ihre Sachen zu packen. Sie sah meine Tränen fließen, so oft sie ihren Koffer verließ, um mir einen Kuß zu geben. Als ich sie bei ihrem Vater ließ und diesem ihren Paß gab, sah ich um mich herum ihre ganze Familie auf den Knien liegen. Ich schämte mich der menschlichen Natur, die durch die Sklaverei so tief erniedrigt wird. Zaiïra paßte nicht gut in die armselige elterliche Hütte hinein, wo ein riesiger Strohsack das gemeinsame Bett der ganzen Familie war. Rinaldi war mit den getroffenen Anordnungen nicht unzufrieden; er sagte mir, die Einwilligung des Vaters werde er bald haben, da er auf die Zustimmung der Tochter rechnen dürfte. Er besuchte sie gleich am nächsten Tage, doch erhielt er sie erst nach meiner Abreise. Er hat sie bis zu seinem Tode bei sich behalten und ihr viel Gutes getan. Nach dieser traurigen Trennung wurde die Valville meine einzige Freundin. Einige Wochen darauf reisten wir ab. Ich nahm als Diener einen armenischen Kaufmann, der mir hundert Dukaten lieh und recht gut auf orientalische Art kochte. Er hatte einen Empfehlungsbrief des polnischen Gesandten für den Fürsten August Sulkowski und einen anderen von einem anglikanischen Geistlichen für den Fürsten Adam Czartoryski. Am Tage nach unserer Abfahrt von Petersburg machten wir in Koporie Halt, um dort zu Mittag zu essen; wir hatten in unserem Schlafwagen gute Eßwaren und ausgezeichnete Weine. Zwei Tage darauf begegneten wir dem berühmten Kapellmeister Galuppi, genannt Buranelli, der sich mit zwei Freunden und einer Virtuosa nach Petersburg begab. Er kannte mich nicht und war sehr überrascht, in dem Gasthof, wo er Halt machte, ein gutes Mittagessen nach venetianischer Art zu finden und von einem Kavalier mit einem Kompliment in seiner Muttersprache empfangen zu werden. Sobald ich ihm meinen Namen genannt hatte, umarmte er mich mit Ausrufen der Überraschung und Befriedigung. Da der Regen die Straßen verdorben hatte, brauchten wir acht Tage, um nach Riga zu gelangen, wo ich zu meinem großen Schmerz meinen liebenswürdigen Prinzen Karl nicht mehr fand. Von Riga brauchten wir noch vier Tage bis Königsberg, wo die Valville, die in Berlin erwartet wurde, mich verlassen mußte. Ich überließ ihr meinen Armenier, dem sie gerne die hundert Dukaten bezahlte, die ich ihm schuldete. Zwei Jahre später traf ich sie in Paris wieder, wie ich am geeigneten Orte erzählen werde. Wir trennten uns als gute Freunde und ohne jene traurigen Gedanken, die uns stets einige Augenblicke des Glücks rauben. Wir waren nur deshalb ein Liebespaar gewesen, weil wir uns aus der Liebe selbst nichts gemacht hatten, aber unsere Genüsse hatten zwischen uns eine aufrichtige und opferwillige Freundschaft begründet. In Klein-Roop, einem Örtchen nicht weit von Riga, wo wir die Nacht verbrachten, bot sie mir ihre Diamanten und all ihr Geld an. Wir wohnten bei der Gräfin von Löwenwald, der ich einen Brief von der Fürstin Dolgorucki überbracht hatte. Die Dame hatte bei ihren Kindern als Erzieherin Campionis Frau, die hübsche Engländerin, die ich bei meiner ersten Durchreise in Riga kennen gelernt hatte. Sie sagte mir, ihr Mann sei in Warschau und wohne bei Villiers. Sie gab mir einen Brief für ihn, und ich versprach ihr, ihn zu veranlassen, daß er ihr Geld schickte; ich habe Wort gehalten. Ich sah auch die kleine Betty wieder; sie war immer noch reizend und wurde immer noch von ihrer Mutter, die auf sie eifersüchtig zu sein schien, schlecht behandelt. Da ich nun in Königsberg allein war, so verkaufte ich meinen ausgezeichneten Schlafwagen und nahm einen Platz in einem Mietswagen, um die Reise nach Warschau zu machen. Wir waren zu vieren, und meine Begleiter waren Polen, die nur polnisch und deutsch sprachen; so lernte ich denn in den sechs Tagen, die diese unangenehme Reise dauerte, die Langeweile in ihrer ganzen Häßlichkeit kennen. In Warschau stieg ich bei Villiers ab, in dessen Gasthof ich sicher war, meinen Freund Campioni zu treffen. Bald hatte ich das Vergnügen, ihn zu sehen. Ich fand ihn in guten Verhältnissen und in einer schönen Wohnung. Er hielt eine Tanzschule, die sich guten Zuspruchs erfreute. Er war hocherfreut, Nachrichten von Fanny und seinen Kindern zu erhalten, und schickte ihnen Geld, dachte aber nicht daran, sie nach Warschau kommen zu lassen, wie sie es wünschte. Er versicherte mir, Fanny sei nicht seine Frau. Er erzählte mir, Tomatis, der Direktor der Komischen Oper, habe in Warschau sein Glück gemacht; er habe eine Mailänder Tänzerin, eine gewisse Catai, die mehr durch ihre Reize als durch ihr Talent Stadt und Hof entzücke. Das Glücksspiel war erlaubt; er nannte mir die Spieler, die offenes Haus hielten, machte mich aber zugleich darauf aufmerksam, daß Warschau voll von Griechen sei, oder mit einem anderen Wort: von Betrügern. Eine Veroneserin, namens Giropoldi, die mit einem lothringischen Offizier, Bachelier, zusammenlebte, hielt eine Pharaobank; eine Tänzerin, die früher die Geliebte des berüchtigten Afflisio in Wien gewesen war, lockte die Kunden an. Ein anderer Grieche, der mit einer hübschen Sächsin zusammenlebte, war der Major Salvi, von dem ich gelegentlich meines zweiten Aufenthaltes in Amsterdam zur Genüge gesprochen habe. Der Baron von Ste.-Héleine war ebenfalls in Warschau, aber sein Haupttalent bestand nur darin, Schulden zu machen und nicht zu bezahlen. Er wohnte ebenfalls bei Villiers mit seiner hübschen und anständigen Frau, die von seinen Geschäften nichts wissen wollte. Campioni erzählte mir außerdem von verschiedenen anderen Abenteurern, die ich in meinem eigenen Interesse sorgfältig vermeiden müßte. Es war mir sehr lieb, von ihm diese Warnung zu erhalten. Am nächsten Tage nahm ich einen Lohndiener und einen Mietswagen; ein solcher ist in Warschau unentbehrlich, denn es war dort, zu meiner Zeit wenigstens, völlig unmöglich, zu Fuß zu gehen. Es war Ende Oktober 1765. Mein erster Ausgang galt dem Fürsten Adam Czartoryski, General von Podolien, für den ich einen Brief hatte. Ich fand den Fürsten vor einem großen, mit Aktenheften bedeckten Tisch, von etwa fünfzig Menschen umringt, in einer sehr großen Bibliothek, die er sich als Schlafzimmer eingerichtet hatte. Er war indessen mit einer sehr hübschen Gräfin von Flemming verheiratet, hatte ihr aber noch kein Kind machen können, weil er sie zu mager fand. Nachdem er den langen Brief gelesen hatte, den ich ihm überbrachte, sagte er mir in parfümiertem Französisch, er halte große Stücke auf die Person, die mich empfehle; da er aber für den Augenblick sehr beschäftigt sei, so bitte er mich, mit ihm zu Abend zu speisen, ›wenn ich nichts Besseres zu tun habe‹. Ich stieg wieder in meinen Wagen und ließ mich zum Fürsten Sulkowski fahren, der soeben zum Gesandten am Hofe Ludwigs des Fünfzehnten ernannt worden war. Der Fürst war der älteste von vier Brüdern; er hatte einen tiefen Geist und war voll von Plänen; aber diese waren alle im Geschmack des Abbé von St.- Pierre. Er las meinen Brief und sagte mir, er habe viel mit mir zu sprechen; da er aber ausgehen müsse, so werde ich ihm ein großes Vergnügen machen, wenn ich um vier Uhr allein mit ihm zu Mittag speisen werde. Ich versprach es ihm. Von dort fuhr ich zu einem Kaufmann, namens Szempinski, der mir im Auftrage Papanelopulos jeden Monat fünfzig Dukaten auszahlen sollte. Mein Lakai sagte mir, im Theater finde die Generalprobe einer neuen Oper statt, wozu jedermann Zutritt habe. Ich ließ mich hinfahren und verbrachte dort drei Stunden; ich kannte unter den Anwesenden keinen Menschen, und niemand kannte mich. Ich fand die Künstlerinnen hübsch, besonders aber die Catai, obwohl diese keinen Schritt tanzen konnte. Trotzdem fand sie allgemeinen Beifall, besonders auch vonseiten des russischen Gesandten, Fürsten Repnin, der in einem Ton sprach, wie wenn er der Herrscher von Polen wäre. Fürst Sulkowski behielt mich vier lange Stunden bei Tisch und prüfte mich auf allen Gebieten, nur nicht auf denen, wo ich etwas wissen konnte. Seine Stärke waren Politik und Handelswissenschaft, und da er fand, daß ich davon gar nichts verstand, so glänzte er und faßte eine große Zuneigung zu mir; wie ich glaube, gerade darum, weil er in mir nur einen Bewunderer sah. 'Da ich nichts Besseres zu tun hatte' – eine Redensart, die alle polnischen großen Herren unaufhörlich im Munde führten, – so ging ich gegen neun Uhr zum Fürsten Adam, der der Gesellschaft meinen Namen nannte und mir hierauf alle anwesenden Personen vorstellte. Es waren Seine Gnaden der Fürstbischof von Ermland, Krasinski; der Großnotar der Krone, Rzewuski, den ich in Petersburg gesehen hatte, der Freund der kurz vorher an den Pocken gestorbenen Langlade; der Wojwode von Wilna, Oginski, und der General Roniker nebst zwei anderen Herren, deren allzu schwierige Namen ich nicht habe behalten können. Die letzte, die er mir nannte, war seine Frau, die ich sehr hübsch fand. Einige Augenblicke darauf sah ich einen schönen Kavalier eintreten, bei dessen Anblick alle Anwesenden sich erhoben. Fürst Adam nannte meinen Namen, wandte sich hierauf zu mir und sagte in kaltem Tone: »Es ist der König.« Diese Art, einen bedeutungslosen Fremden mit einem Herrscher zusammenzubringen, hatte sicherlich nichts Entmutigendes, denn die souveräne Majestät trat nicht in einer blendenden Form auf; nichtsdestoweniger war es für mich eine Überraschung, und ich sah, daß allzu große Einfachheit einen Menschen ebensowohl aus dem Gleichgewicht bringen kann wie allzugroße Pomphaftigkeit. Den Gedanken, daß der Fürst sich über mich lustig machen könnte, wies ich sofort von mir. Ich trat zwei Schritt vor, und in dem Augenblick, wo ich das Knie beugen wollte, gab Seine Majestät mir mit der größten Anmut die Hand zum Kuß. Als er mich anreden wollte, gab Fürst Adam ihm den Brief des anglikanischen Geistlichen, der ihm ebenfalls sehr gut bekannt war. Der König begann diesen Brief zu lesen, ohne sich zu setzen; hierauf stellte er mir allerlei Fragen über die Zarin und über die hervorragendsten Persönlichkeiten der Hofgesellschaft; er schien sich sehr für die Einzelheiten zu interessieren, die ich ihm erzählen konnte und mit denen ich nicht geizig war. Als zu Tisch gerufen wurde, ging der König in fortwährendem Gespräch mit mir in den Speisesaal und ließ mich zu seiner Rechten Platz nehmen. Alle aßen, außer dem König, der wahrscheinlich keinen Appetit hatte, und mir, der sich wahrscheinlich nicht hätte einfallen lassen, Appetit zu haben, selbst wenn ich nicht vier Stunden am Tische des Fürsten Sulkowski verbracht hätte – so sehr schmeichelte mir die Ehre, daß die ganze Gesellschaft aufmerksam meinen Bemerkungen lauschte. Nach Tisch machte der König Anmerkungen zu allem von mir Gesagten, und zwar legte er in alle seine Worte eine ganz besondere Anmut. Seine Majestät sprach übrigens im elegantesten Stil, aber ganz ungesucht. Als er sich entfernte, sagte er mir, er werde mich stets mit großem Vergnügen an seinem Hofe sehen, und Fürst Adam sagte mir seinerseits, wenn ich von ihm seinem Vater vorgestellt zu werden wünschte, möchte ich ihn nur am nächsten Morgen um elf Uhr aufsuchen. Der König von Polen war von mittlerer Größe, aber sehr gut gewachsen. Sein Gesicht war nicht schön, aber anmutig,geistreich und ausdrucksvoll. Er war ein wenig kurzsichtig, und wenn er nicht sprach, lag auf seinen Zügen ein Anflug von Melancholie; wenn er dagegen sprach, belebte er sich und glänzte durch seine Beredsamkeit. Er besaß auch das Talent, alle Bemerkungen, die es erlaubten, mit feinem Witz zu würzen. Mit diesem ersten Anfang recht zufrieden, kehrte ich nach meinem Gasthof zurück, wo ich Campioni mit mehreren Gästen beiderlei Geschlechts bei Tisch fand. Nachdem ich mich eine halbe Stunde lang aus Neugier bei ihnen aufgehalten hatte, ging ich zu Bett. Am nächsten Tage um elf Uhr machte ich die Bekanntschaft des seltenen Mannes, des prachtliebenden Wojwoden von Rußland, Fürsten August Czartoryski. Der hohe Herr stand im Schlafrock in einem Kreise von Edelleuten, die die polnische Nationalkleidung mit den hohen Stiefeln trugen; sie hatten lange Schnurrbärte, und ihre Köpfe waren unbedeckt und glattrasiert. Der Fürst sprach mit einem jeden von ihnen in freundlichem, aber ernstem Ton. Sobald sein Sohn Adam meinen Namen genannt hatte, erheiterte sich sein Gesicht, und er empfing mich voller Würde und Wohlwollen. Er schüchterte nicht ein, aber er flößte auch keine Vertraulichkeit ein; dies setzte ihn in den Stand, einen Menschen, den er kennen lernen wollte, genau zu beobachten. Als er erfuhr, daß ich in Rußland mich nur unterhalten und mit der Hofgesellschaft verkehrt hatte, zog er den Schluß, daß ich in Polen mich in derselben Absicht aufhielte, und sagte mir, er werde mir Gelegenheit verschaffen, die ganze vornehme Gesellschaft kennen zu lernen. Er fügte hinzu: da er wie ein Junggeselle für sich allein lebte, so würde ich ihm ein Vergnügen machen, wenn ich morgens und abends an seinem Tisch äße, falls ich nicht anderweitig eingeladen wäre. Nachdem er sich hinter einen Wandschirm zurückgezogen hatte, ließ er sich ankleiden; hierauf erschien er in der Uniform seines Regiments nach französischem Schnitt in einer langen blonden Zopfperrücke mit großen Seitenlocken, im Kostüm des verstorbenen Königs August des Dritten. Er machte allen Anwesenden eine Verbeugung und begab sich dann in das Innere seiner Gemächer, wo seine Gemahlin, die Wojwodin, wohnte. Sie litt noch an den Nachwehen einer Krankheit, der sie ohne die Geschicklichkeit des Doktor Reimann, eines Schülers des großen Boerhave, erlegen sein würde. Die Dame entstammte der inzwischen erloschenen Familie d'Enoff, als deren letzte Erbin sie dem Wojwoden ein unermeßliches Vermögen zugebracht hatte. Er trat aus dem Malteserorden aus, als er sie heiratete, und hatte sie durch einen Zweikampf zu Pferde mit Pistolen gewonnen. Die Dame hatte ihr Wort gegeben, den Sieger zu heiraten, und der Fürst hatte das Glück, seinen Nebenbuhler zu töten. Die Kinder aus dieser Ehe waren Fürst Adam und eine Prinzessin, die jetzt verwitwet und unter dein Namen Lubomirska bekannt ist; während ihrer Ehe nannte man sie Stražnikowa nach dem Range, den ihr Gatte im königlichen Heere einnahm. Dieser Fürst-Wojwode von Rußland und sein Bruder, der Großkanzler von Littauen, führten die ersten polnischen Unruhen herbei. Die beiden Brüder waren unzufrieden mit der geringen Beachtung, die ihnen bei Hofe zuteil wurde; denn der König tat nur, was sein Günstling und Premierminister Graf Brühl wollte. Sie stellten sich daher an die Spitze der Verschwörung, die den regierenden König beseitigen wollte, um unter dem Schutze Rußlands ihren Neffen auf den Thron zu setzen – einen jungen Mann, der in Petersburg bei der polnischen Gesandtschaft gewesen war und die Huld der Großfürstin Katharina, die bald darauf Kaiserin wurde, zu gewinnen verstanden hatte. Dieser junge Mann war Stanislaus Poniatowski, der Sohn von Constanze Czartoryska und dem berühmten Poniatowski, dem Freund Karls des Zwölften. Das Glück wollte, daß es nicht einer Verschwörung bedurfte, um einen Thron zu besteigen, dessen er dignus fuisset, si non regnasset: denn König August der Dritte, der Sohn Augusts des Starken, Kurfürst von Sachsen und König von Polen, starb am fünften Oktober 1763 und räumte den Platz dem Fürsten Poniatowski, der am sechsten September 1764 als Stanislaus August der Erste zum König erwählt wurde. Als ich in Warschau ankam, regierte er seit zwei Jahren. Ich fand seine Hauptstadt glänzend, denn man traf eben die Vorbereitungen, den Reichstag dort abzuhalten, und jeder war ungeduldig zu sehen, welche Ansprüche Katharina dafür erheben würde, daß sie den Polen einen König aus dem Geschlechte der Piasten gegeben hatte. Als ich zum Mittagessen kam, fand ich beim Paladin von Rußland drei Tafeln zu je dreißig Gedecken, und man sagte mir, für eine solche Anzahl von Gästen werde jeden Tag gedeckt. Der Glanz des Hofes erblich vor dem Luxus des Paladins. Fürst Adam sagte zu mir: »Herr Chevalier, an der Tafel meines Vaters wird stets ein Gedeck für Sie aufgelegt sein.« Ich fühlte mich von dieser Auszeichnung geschmeichelt. Der Fürst stellte mich an demselben Tag seiner Schwester, der schönen Prinzessin, vor, sowie auch mehreren Wojwoden und Starosten. Da ich nicht verfehlte, allen diesen hohen Herrschaften meinen Besuch zu machen, so war ich in weniger als vierzehn Tagen in allen großen Häusern bekannt und wurde überall sehr gut aufgenommen. Da meine Börse nicht gut genug versehen war, um mich mit den polnischen Spielern einzulassen oder mir eine zärtliche Bekanntschaft mit einer der Theaterschönen zu verschaffen, so nahm ich meine Zuflucht zu der Bücherei des Bischofs von Kiew, Zaluski, der mir eine ganz besondere Zuneigung zu seiner Person eingeflößt hatte. Ich verbrachte bei ihm fast alle meine Vormittage, und von diesem Prälaten erhielt ich die authentischen Dokumente über alle Ränke, die zum Umsturz der alten polnischen Verfassung angesponnen wurden. Zaluski war eine der stärksten Stützen dieser Verfassung; leider war seine Standhaftigkeit erfolglos. Er war einer von den Polen, die die russische Tyrannei unter den Augen des Königs aufheben ließ, der zum Widerstande zu schwach war. Die Zarin ließ sie nach Sibirien schaffen. Dieses schmachvolle Ereignis fand wenige Monate nach meiner Abreise statt. Das Leben, das ich führte, war also sehr eintönig, aber es war das Leben eines Ehrenmannes, und ich erinnere mich dieser Zeit stets mit Vergnügen. Die Nachmittage verbrachte ich beim Wojwoden von Rußland, um mit ihm tre sette zu spielen, ein italienisches Kartenspiel, das er sehr liebte und das ich ziemlich gut spielte, so daß er immer sehr zufrieden war, wenn er seine Partie mit mir machen konnte. Trotz meiner vernünftigen Lebensweise und Sparsamkeit befand ich mich drei Monate nach meiner Ankunft in Schulden, und leider hatte ich keine Hilfsmittel. Ich erhielt aus Venedig monatlich fünfzig Dukaten; aber diese genügten mir nicht, denn die Ausgaben für Wagen, Wohnung, Bediente und die unerläßliche gute Kleidung waren zu hoch. So befand ich mich denn in Not, aber ich wollte mich niemandem offenbaren. Ich hatte recht; denn ein Mensch, der sich in Not befindet und einen Reichen um Hilfe bittet, verliert dessen Achtung, wenn er Unterstützung erlangt, und erwirbt sich dessen Verachtung, wenn sie ihm versagt wird. Aber das Glück sorgte für mich, es hatte mich noch niemals verlassen. Madame Schmidt, die der König aus gewissen Gründen in seinem Palaste wohnen ließ, lud mich zum Abendessen ein, indem sie mir sagen ließ, daß der König anwesend sein werde. Ich ging hin und sah mit Vergnügen den liebenswürdigen Bischof Krasinski, den Abbate Guigiotti und zwei oder drei andere Herren, die sich für die italienische Literatur interessierten. Der König, den ich in Gesellschaft niemals bei schlechter Laune sah, und der große Kenntnisse in allen Literaturen besaß, brachte das Gespräch auf Anekdoten über alte römische Schriftsteller und zitierte dabei Handschriften von Scholiasten, die Seine Majestät vielleicht nur erfand, und mit denen er mir jedenfalls den Mund verschloß. Alle beteiligten sich an der Unterhaltung. Ich war der einzige, der schlechter Laune war. Da ich nicht zu Mittag gespeist hatte, so aß ich wie ein Tiger und gab nur einsilbige Antworten, wenn die Höflichkeit es durchaus verlangte. Die Rede kam auf Horaz; ein jeder zitierte einen oder zwei Aussprüche und sagte seine Meinung über die tiefe Philosophie des großen Dichters der Vernunft. Schließlich zwang Abbate Guigiotti mich zum Sprechen, indem er sagte, ich dürfte nicht schweigen, wenn ich nicht etwa seiner Meinung wäre. »Wenn Sie mein Schweigen«, antwortete ich ihm, »als eine Bestätigung ansehen, daß Sie mit Recht die von Ihnen zitierte Stelle des Horaz mehreren anderen vorziehen, so gestatte ich mir, Ihnen zu sagen, daß ich inbezug auf Hofpolitik bedeutendere von ihm kenne, denn das nec cum venari volet poemata panges, das Ihnen so sehr gefällt, ist im Grunde nur eine keineswegs zartfühlende Satire.« »Es ist schwierig, Zartgefühl und Satire zu vereinigen.« »Nicht für Horaz, der hauptsächlich deshalb Augustus gefiel. Das spricht zum Lobe dieses Herrschers, der als Beschützer von Dichtern und Gelehrten seinen Namen unsterblich machte und dadurch manche gekrönten Häupter dazu veranlaßte, sich als seine Nacheiferer zu erklären, indem sie seinen Namen, zuweilen sogar in einer Verkleidung, annahmen.« Der König, der bei seiner Thronbesteigung den Namen August angenommen hatte, wurde ernst und konnte sich nicht enthalten, mich zu unterbrechen. »Wer sind denn«, fragte er, »die Herrscher, die den Namen August in einer Verkleidung angenommen haben?« »Der erste König von Schweden; er nannte sich Gustav und das ist ein Anagramm von August.« »Das ist amüsant. Diese Anekdote wiegt alle unsrigen auf. Woher haben Sie sie?« »Ich fand sie in Wolfenbüttel in dem Manuskript eines Professors von Upsala.« Der König lachte herzlich; er erinnerte sich, daß er beim Beginn des Essens ebenfalls ein Manuskript zitiert hatte. Er wurde jedoch bald wieder ernst und fragte mich: »In welcher Stelle des Horaz, und zwar einer nicht etwa nur im Manuskripte vorhandenen, sondern allgemein bekannten, finden Sie ein bemerkenswertes Zartgefühl, das geeignet ist, seine Satire besonders angenehm zu machen?« »Sire, ich könnte mehrere anführen, begnüge mich aber mit einem einzigen, das ich sehr schön und vor allen Dingen sehr bescheiden finde. Horaz sagt: Coram rege sua de paupertate tacentes plus quam poscentes ferent. « »Das ist wahr,« sagte der König lächelnd. Madame Schmidt, die kein Latein verstand und von ihrer Mutter her die von der Urmutter Eva ererbte Neugier besaß, bat den Bischof, die Stelle zu übersetzen. Er sagte: »Wer vor dem König nicht von seinen Bedürfnissen spricht, wird mehr erlangen, als andere, die davon sprechen.« Die Dame sagte, die Bemerkung scheine ihr nicht satirisch zu sein. Nachdem ich so viel gesagt hatte, mußte ich schweigen; der König aber brachte die Rede auf Ariost und sagte zu mir, er wünschte, daß wir ihn zusammen läsen. Ich neigte das Haupt und antwortete mit Horaz: »tempora quaeram.« Als am nächsten Tage der edle und unglückliche Stanislaus August zur Messe kam, reichte er mir seine Hand zum Kuß und gab mir eine Rolle mit den Worten: »Danken Sie nur Horaz und sagen Sie keinem Menschen etwas davon.« Die Rolle enthielt zweihundert polnische Dukaten, und ich beeilte mich, meine Schulden zu bezahlen. Seit diesem Tage ging ich fast jeden Morgen in das Ankleidezimmer des Königs, wo er sich das Haar machen ließ und gerne mit den Herren sprach, die sich dort nur einfanden, um ihn zu unterhalten. Es war jedoch niemals die Rede davon, den Ariost zu lesen. Er verstand Italienisch, aber zu wenig, um es zu sprechen oder gar an dem großen Dichter Geschmack finden zu können. Wenn ich an diesen guten Fürsten denke, an die großen Eigenschaften, womit er begabt war, so erscheint es mir unmöglich, daß er als König so viele Fehler begangen hat. Daß er das Ende seines Vaterlandes überlebt hat, war vielleicht der geringste von diesen Fehlern. Wenn er keinen Freund fand, um ihn zu töten, so meine ich, er hätte sich selber töten sollen. Aber er hatte nicht nötig, einen Freund zu suchen, um ihm diesen verhängnisvollen Dienst zu erweisen; denn er brauchte nur den unsterblichen Koscinszko nachzuahmen, und ein Russe würde genügt haben, um ihn in die Unsterblichkeit zu befördern. Der Karneval war sehr glänzend. Die Fremden schienen sich von allen Ecken und Enden Europas hier zusammengefunden zu haben, nur um den glücklichen Sterblichen zu sehen, der so ganz wider Erwarten durch eine Laune des Glücks König geworden war. Aber wer ihn gesehen und mit ihm gesprochen hatte, der gab ohne weiteres zu, daß er die Behauptung Lügen strafte, das Glück sei stets blind und taub. Vielleicht ging er jedoch zu weit in seinem Eifer, sich vor Fremden sehen zu lassen. Ich habe bemerkt, daß er unruhig wurde, wenn er wußte, daß in Warschau irgendein Fremder war, den er noch nicht gesehen hatte, übrigens hatte niemand nötig, sich ihm vorstellen zu lassen; denn sein Hof war, wie alle Höfe es sein sollten, für alle Welt geöffnet, und wenn er Gäste mit fremden Gesichtern sah, so war er der erste, das Wort an sie zu richten. Gegen Ende Januar hatte ich ein Erlebnis, das ich hier berichte, mag man über meine Denkweise urteilen, wie man will. Es handelte sich um einen Traum, und ich habe bereits an anderer Stelle das Bekenntnis abgelegt, daß ich eines gewissen Aberglaubens mich niemals habe erwehren können. Mir träumte, ich speiste in guter Gesellschaft; einer der Gäste warf mir eine Flasche an den Kopf; das Blut strömte reichlich hervor; ich stieß dem Angreifer meinen Degen durch den Leib und stieg in meinen Wagen, um zu fliehen. Prinz Karl von Kurland kam nach Warschau und veranlaßte mich, ein Diner bei dem Grafen Poninski, dem damaligen Haushofmeister der Krone, mitzumachen. Es ist derselbe Poninski, der später so viel von sich reden machte, der zum Fürsten erhoben, später aber geächtet und mit Schimpf und Schande bedeckt wurde. Er machte ein stattliches Haus und hatte eine liebenswürdige Familie. Ich hatte ihm niemals meine Aufwartung gemacht, weil er beim König und dessen Verwandten nicht beliebt war. Während des Essens zersprang eine Flasche Champagner, ein Splitter traf mich über dem Auge und zerschnitt eine Ader. Das Blut rieselte über mein Gesicht und über meine Kleider, sogar bis auf das Tischtuch. Alle Gäste sprangen auf; schnell wird mir die Stirn verbunden, man wechselt das Tischtuch, und das Essen geht weiter. Ich war der erste, der über den Unfall lachte. Freilich war ich erstaunt über das Eintreffen meines Traumes, doch wünschte ich mir Glück, daß die Wirklichkeit in den hauptsächlichsten Umständen davon abwich. Der Leser wird sehen, daß einige Monate später diese Umstände doch noch wirklich eintrafen. Die Binetti, die ich zuletzt in London gesehen hatte, traf mit ihrem Gatten und dem Tänzer Pic in Warschau ein. Sie kamen von Wien und gingen nach Petersburg. Sie hatten einen Empfehlungsbrief an den Bruder des Königs, den Prinzen Poniatowski, der als General im österreichischen Dienst stand, damals aber sich in Warschau aufhielt. Ich erfuhr dies alles am Tage ihrer Ankunft, als ich mit dem König beim Fürsten Wojwoden speiste. Der König sagte, er wolle sie tanzen sehen und werde sie veranlassen, für ein Honorar von tausend Dukaten acht Tage in Warschau zu bleiben. Ich war ungeduldig, die Binetti zu sehen und ihr als erster diese gute Nachricht zu überbringen; daher ging ich am anderen Morgen schon in aller Frühe zu ihr. Sie war sehr überrascht, mich in Warschau zu sehen, und noch mehr über meine Nachricht von den tausend Dukaten, die das Glück ihr in den Schoß warf. Sie rief Pic, der an der Wahrheit zu zweifeln schien; während wir uns aber darüber unterhielten, kam Prinz Poniatowski in eigener Person, um ihnen den Wunsch Seiner Majestät mitzuteilen, und das Anerbieten wurde angenommen. In drei Tagen arrangierte Pic ein Ballett; Kostüme, Dekorationen, Orchester und Ballettpersonal – alles war zur rechten Zeit in Ordnung, weil Tomatis die Sache in großem Stil betrieb, um seinem freigebigen Herrn gefällig zu sein. Die Binetti und ihr Freund gefielen so sehr, daß unter glänzenden Bedingungen mit ihnen ein Vertrag auf ein Jahr geschlossen wurde. Dies war aber der Catai sehr ärgerlich; denn die Binetti verdunkelte sie nicht nur durch ihre Talente, sondern beging noch das viel größere Unrecht, daß sie ihr ihre Anbeter wegnahm. Von ihr beeinflußt, bereitete Tomatis der Binetti solche Unannehmlichkeiten, daß die beiden Tänzerinnen unversöhnliche Feindinnen wurden. Kaum waren zehn oder zwölf Tage vergangen, so hatte die Binetti ein elegant eingerichtetes Haus, einfaches, aber gutes Silbergeschirr, einen Keller mit auserlesenen Weinen, einen ausgezeichneten Koch und zahlreiche Anbeter, darunter den Stolnik Moszcynski und den Freund des Königs, den Kronpodstoli Branicki, der im Schloß seine Gemächer unmittelbar neben denen des Monarchen hatte. Das Parkett war in zwei Parteien geteilt, denn die Catai dachte nicht daran, der Binetti das Feld zu räumen, obgleich ihr Talent sich nicht annähernd mit dem ihrer Feindin vergleichen ließ. Sie tanzte im ersten Ballett, und die Binetti im zweiten. Diejenigen, die der ersten Beifall gezollt hatten, schwiegen, sobald die zweite erschien, und umgekehrt. Die Verpflichtungen, die ich gegen die Binetti hatte, sind bekannt; aber ich hatte Verpflichtungen auch gegen die Catai, auf deren Seite die ganze Familie Czartoryski mit ihrem Anhang stand; unter anderen der Kronstražnik, Fürst Lubomirski, der mich bei jeder Gelegenheit mit seinem Vertrauen beehrte; dieser war ihr vornehmster Anbeter. Es ist klar, daß ich nicht um der Binetti willen die Partei meiner Freunde verlassen konnte, ohne mir deren Verachtung zuzuziehen. Die Binetti machte mir bittere Vorwürfe deswegen; ich sagte ihr offen meine Gründe und sie gab mir recht. Zugleich aber verlangte sie von mir, ich solle nicht mehr ins Theater gehen. Eine nähere Erklärung verweigerte sie mir und sagte nur soviel, daß sie gegen Tomatis eine Rache vorbereite, um ihn für seine Unverschämtheit zu bestrafen. Sie nannte mich den Doyen aller ihrer Bekannten; übrigens liebte ich sie noch und machte mir gar nichts aus der Catai, die zwar hübscher als die Binetti war, aber an Fallsucht litt. Die erste Rache, die die Binetti an Tomatis nahm, bestand in folgendem: Der Vorstand der Anbeter der Binetti war Xaver Branicki, Kronpodstoli, Ritter des weißen Adlers, Ulanenoberst. Er hatte sechs Jahre in Frankreich gedient, war noch jung, hatte ein hübsches Gesicht und war der Freund des Königs. Ohne Zweifel vertraute die Tänzerin ihm ihren Kummer an und wahrscheinlich verlangte sie von ihm, sie an einem Manne zu rächen, der als Theaterdirektor keine Gelegenheit versäumte, um sie zu kränken und zu ärgern. Graf Branicki muß ihr versprochen haben, diese Rache zu vollziehen und eine Gelegenheit dazu zu schaffen, falls eine solche sich nicht binnen kurzer Zeit von selber zeigen sollte. Dies ist der Verlauf, den alle Händel dieser Art nehmen, und ich glaube daher, daß meine Vermutung richtig ist. Eigentümlich aber und wirklich ganz außerordentlich war die Art und Weise, wie der Pole es anfing. Am zwanzigsten Februar war Branicki in der Oper. Gegen seine Gewohnheit ging er nach dem zweiten Akt in das Zimmer, worin die Catai sich auskleidete, und begann der Tänzerin den Hof zu machen. Tomatis war dabei; er war bisher mit der Catai allein gewesen und hielt es nicht für nötig, hinauszugehen. Die Catai und Tomatis glaubten, der Oberst habe sich mit ihrer Nebenbuhlerin überworfen und sei nur gekommen, ihren Triumph vollständig zu machen. Obwohl sie sich sehr wenig daraus machte, ihn unter ihren Anbetern zu sehen, behandelte sie ihn doch mit Auszeichnung, denn sie wußte, daß sie seine Huldigungen nicht verschmähen durfte, ohne sich großen Gefahren auszusetzen. Als die Catai mit dem Umkleiden fertig war, war auch die Vorstellung zu Ende. Der galante Podstoli bot ihr seinen Arm, um sie zu ihrem Wagen zu führen, der vor der Türe hielt, und Tomatis folgte ihnen. Ich befand mich ebenfalls an der Türe, da ich auf meinen Wagen wartete. Die Catai kam, der Wagenschlag ihres Vis-à-Vis wurde geöffnet, sie stieg ein, Branicki folgte ihr und sagte zu dem sehr erstaunten Tomatis, er solle sich in seine Berline setzen und ihnen nachfahren. Aufgebracht erwiderte Tomatis ihm, er wolle nur in seinem eigenen Wagen fahren und bitte den Herrn Oberst, gefälligst auszusteigen. Branicki kümmerte sich nicht um ihn und rief dem Kutscher zu, er solle abfahren. Tomatis dagegen verbot diesem, sich von der Stelle zu rühren, und da der Kutscher natürlich seinem Herrn gehorchte, so sah der schöne Podstoli sich gezwungen, auszusteigen; aber er befahl seinem Husaren, dem Direktor eine Ohrfeige zu geben, und dieser Befehl wurde mit solcher Schnelligkeit und Kraft ausgeführt, daß der arme Tomatis keine Zeit hatte, sich zu erinnern, daß er einen Degen trug, den er seinem Beleidiger für die schnöde Beschimpfung hätte durch den Leib rennen können. Er stieg in seinen Wagen und fuhr ab. Aber er konnte nicht zu Abend essen, wahrscheinlich, weil er erst seine Ohrfeige verdauen mußte. Ich hätte eigentlich bei ihm speisen sollen; nachdem ich jedoch Zeuge dieses schrecklichen Auftritts gewesen war, besaß ich nicht den Mut, hinzugehen. Traurig und gedankenvoll fuhr ich nach Hause; mir war beinahe zu Mute, wie wenn ich die Hälfte dieser schimpflichen Ohrfeige empfangen hätte. Ich zerbrach mir den Kopf, ob der Streich wohl mit der Binetti vereinbart gewesen wäre; dies schien mir jedoch nicht möglich zu sein, denn weder sie noch Branicki hatten ahnen können, daß Tomatis so unhöflich und so feige sein würde. Im nächsten Kapitel wird der Leser sehen, was für ein tragisches Erlebnis die Folge dieses Auftritts war. Zweites Kapitel Mein Zweikampf mit Branicki. – Reise nach Lemberg und Rückkehr nach Warschau. – Ich empfange vom König den Befehl, abzureisen. – Aufenthalt in Breslau. – Meine Abreise mit der Unbekannten. Als ich etwas ruhiger geworden war, dachte ich über die unangenehme Geschichte nach und fand, daß Branicki die Gesetze der Galanterie nicht überschritten hatte, indem er in den Wagen des Herrn Tomatis eingestiegen war. Er war allerdings ohne Umstände verfahren, aber er hatte sich doch einfach nur so benommen, wie wenn er ein Freund des Tomatis gewesen wäre. Der Oberst hatte allerdings eine Aufwallung italienischer Eifersucht voraussehen können, nicht aber einen beleidigenden Widerstand, wie der Direktor ihn geleistet hatte; denn wenn er einen solchen vorausgesehen hätte, konnte er sich dem Schimpf, den Wagen wieder verlassen zu müssen, nur aussetzen, wenn er vorher entschlossen war, ihm seinen Säbel durch den Leib zu rennen. Mir schien also, daß er im Grunde sehr maßvoll gewesen war, indem er seinem Gegner nur eine Ohrfeige hatte geben lassen. Eine Ohrfeige zu erhalten, ist allerdings schlimm, aber nicht so arg wie der Tod. Hätte Branicki ihn getötet, so würde man unfehlbar behauptet haben, er hätte ihn ermordet; denn obleich Tomatis seinen Degen trug, so würden doch die Bedienten des Polen ihm nicht soviel Zeit gelassen haben, diesen gegen ihren Herrn zu ziehen. Trotz alledem war ich der Meinung, Tomatis hätte versuchen müssen, den Bedienten zu töten, und wäre dies selbst mit Gefahr seines eigenen Lebens geschehen. Hierzu war weniger Mut nötig, als er bereits gezeigt hatte, indem er den Günstling des Königs zwang, seinen Wagen wieder zu verlassen. Übrigens hätte er voraussehen müssen, daß der edle Pole durch die Beschimpfung tief gekränkt sein würde, und er hätte daher gegen die erste Regung der Rachsucht auf der Hut sein können. Allerdings fand ich ihn entschuldbar, denn bei einer derartigen Überraschung hört oft die Überlegung auf. Natürlich war schon am nächsten Tage dieses Ereignis Stadtgespräch. Tomatis blieb acht Tage zu Hause und verlangte vergeblich vom König und allen seinen anderen Beschützern Genugtuung. Der Herrscher wußte übrigens wirklich nicht, welche Genugtuung er ihm hätte geben sollen; denn Branicki behauptete, er habe nur eine Beschimpfung mit einer anderen Beschimpfung vergolten. Ich besuchte Tomatis, und dieser sagte mir im Vertrauen, er hätte wohl Mittel gefunden, sich zu rächen, aber dies wäre ihm teuer zu stehen gekommen. Er hatte für die beiden Schauspiele vierzigtausend Dukaten ausgegeben, und dieses Geld wäre verloren gewesen, wenn er sich gerächt hatte; denn er hätte dann das Reich verlassen müssen. Ihn tröstete nur eins: nämlich daß die sehr hohen Familien, zu denen er in Beziehungen stand, ihn mit verdoppeltem Wohlwollen äußerst rücksichtsvoll behandelten, und daß der König ihn geradezu auffällig auszeichnete, sobald er ihm begegnete. Aber die Binetti triumphierte! Als ich sie zum ersten Male sah, bezeigte sie mir mit spöttischen Worten ihr Beileid zu dem Unglück, das meinen Freund betroffen hätte. Sie langweilte mich, aber ich konnte nicht ahnen, daß Branicki nur von ihr aufgereizt gewesen war, als er sich so benommen hatte, und noch weniger konnte ich ahnen, daß sie mir feindlich gesinnt war. Übrigens würde ich darüber gelacht haben, selbst wenn ich es bestimmt gewußt hätte; denn ihr Ritter konnte mir weder im Guten noch im Bösen etwas antun. Ich besuchte ihn niemals und hatte niemals mit ihm gesprochen; wir hatten gar keine Gelegenheit, aneinander zu geraten. Zu den Stunden, in denen ich Seiner Majestät meine Aufwartung zu machen pflegte, war er niemals beim König, und wenn dieser beim Wojwoden zur Nacht speiste, begleitete Branicki ihn niemals, denn er war bei der ganzen Nation unbeliebt. Dieser Branicki galt für einen emporgekommenen Kosaken, der eigentlich Branecki hieß. Nachdem er der Günstling und gefällige Freund des Königs geworden war, hatte er behauptet, er heiße Branicki und gehöre zur Familie der berühmten gleichnamigen Marschalls, der noch am Leben war. Dieser aber erkannte die unechte Verwandtschaft nicht an, sondern befahl auf seinem Totenbett, sein Wappenschild solle zerbrochen und mit ihm begraben werden, denn er sei der letzte Sprößling seines Geschlechts. Wie dem auch immer sein möge – mein Branicki war die Seele der russischen Partei, die Hauptstütze der Nichtkatholiken und Feind aller derer, die sich nicht dem Einfluß der großen Katharina beugen wollten und sich dagegen sträubten, daß Rußland die alte Verfassung Polens vergewaltigte. Der König liebte ihn aus alter Gewohnheit und weil er besondere Verpflichtungen gegen ihn hatte. Mein Lebenswandel war musterhaft: keine Liebelei, kein Spiel! Ich arbeitete für den König, dessen Geheimschreiber ich zu werden hoffte. Der Fürstin Wojwodin, die meine Gesellschaft liebte, machte ich den Hof und mit dem Wojwoden spielte ich Tre sette. Der fünfte März ist der Tag des heiligen Kasimir, und daher der Namenstag des Oberhofzermonienmeisters, älteren Bruders des Königs; aus diesem Anlaß fand am Tage vorher, den vierten März, großes Diner bei Hofe statt, und ich hatte die Ehre, dazu geladen zu sein. Nach dem Essen fragte der König mich, ob ich ins Theater gehen würde. Man gab an diesem Tage zum ersten Male eine Komödie in polnischer Sprache. Alle Welt interessierte sich dafür, mir jedoch war sie gleichgültig, da ich kein Wort Polnisch verstand. Ich sagte dies dem König, aber er antwortete mir: »Das tut nichts: kommen Sie in meine Loge.« Die Einladung war zu schmeichelhaft, als daß ich sie hätte ausschlagen können. Ich gehorchte also und stellte mich hinter seinen Sessel. Nach dem zweiten Akt wurde das Ballett gegeben und die Casacci, eine Piemontesin, tanzte so sehr nach dem Geschmack des Königs, daß Seine Majestät in die Hände klatschte, was eine ganz außerordentliche Huld bedeutete. Ich kannte die Tänzerin nur vom Sehen, denn ich hatte niemals mit ihr gesprochen. Sie war nicht ohne Verdienst. Ihr bevorzugter Anbeter war Graf Poninski, bei dem ich zuweilen speiste. Er machte mir jedesmal Vorwürfe, daß ich alle anderen Tänzerinnen, aber niemals die Casacci besuchte, bei der es doch sehr behaglich wäre. Diese Umstände veranlaßten mich, nach dem Ballett die Königliche Loge zu verlassen und der Casacci meinen Glückwunsch abzustatten, daß der König ihrem Talent Gerechtigkeit habe widerfahren lassen. Als ich bei dem Ankleidezimmer der Binetti vorüber kam, sah ich die Türe offenstehen und verweilte einen Augenblick. Gleich darauf trat Graf Branicki ein, und ich entfernte mich, indem ich ihm eine Verbeugung machte. Hierauf ging ich zur Casacci, die sehr erstaunt war, daß ich sie zum ersten Male besuchte; sie machte mir liebenswürdige Vorwürfe, worauf ich mit Komplimenten antwortete. Sodann umarmte ich sie und versprach ihr, sie zu besuchen. In dem Augenblick, da ich sie umarmte, trat Branicki, den ich einige Minuten vorher bei seiner Schönen gelassen hatte, bei der Casacci ein. Es war klar, daß er mir gefolgt war. Aber warum? Natürlich, um Händel mit mir zu suchen; denn er konnte mich nicht leiden. Sein Oberstleutnant Bininski begleitete ihn. Sobald er erschien, stand ich auf, teils aus Höflichkeit, teils weil ich ohnehin gehen wollte; er hielt mich jedoch zurück, indem er zu mir sagte: »Wie ich sehe, bin ich zu sehr ungelegener Zeit für Sie, mein Herr, hier eingetreten; mir scheint. Sie lieben diese Dame?« »Gewiß, gnädiger Herr; finden Euere Exzellenz sie denn nicht sehr liebenswürdig?« »Über alle Maßen liebenswürdig; ja noch mehr: ich liebe sie und bin nicht gesonnen, Nebenbuhler zu dulden.« »Jetzt, da ich dies weiß, Herr Graf, werde ich sie nicht mehr lieben.« »Sie weichen mir also?« »Von Herzen gern; einem hohen Herrn, wie Sie es sind, muß ein jeder weichen.« »Sehr schön: aber ein Mensch, der einem anderen weicht, scheint mir ein Feigling zu sein.« »Die Bemerkung ist ein wenig stark!« Indem ich diese Worte sprach, sah ich ihn mit stolzem Blick an und faßte an den Griff meines Degens. Drei oder vier Offiziere waren Augenzeugen dieses Vorfalles. Ich hatte noch kaum vier Schritte gemacht, als ich ihn hinter mir herrufen hörte, ich sei eine venetianische Memme. Obwohl das Blut mir zu Kopf stieg, beherrschte ich mich doch, drehte mich um und sagte in ruhigem und festem Ton zu ihm: außerhalb des Theaters könne eine venetianische Memme recht wohl einen tapferen Polen töten. Ohne eine Antwort abzuwarten, ging ich hierauf die große Treppe hinunter, die zum Hauptausgang des Theaters führt. Dort wartete ich vergeblich eine Viertelstunde in der Hoffnung, daß er herauskommen würde. Ich wollte ihn zwingen, sofort den Degen zu ziehen, denn mich hielt ja nicht wie Tomatis die Furcht zurück, vierzigtausend Dukaten zu verlieren. Da ich ihn nicht kommen sah und von der Kälte ganz erstarrt war, so rief ich schließlich meinen Wagen und ließ mich zum Wojwoden von Rußland fahren; denn der König hatte mir gesagt, er werde dort zu Abend speisen. Die Zeit und die Kälte hatten mich ein wenig beruhigt, und als ich allein in meinem Wagen saß, wünschte ich mir Glück, daß ich der ersten Aufwallung widerstanden und nicht schon in dem Zimmer der Tänzerin meinen Degen gezogen, hatte; es war mir sogar lieb, daß Branicki nicht gekommen war, während ich auf ihn wartete; denn da er den mit einem Säbel bewaffneten Bininski bei sich hatte, so wäre ich in Gefahr gewesen, ermordet zu werden. Die Polen sind zwar heutzutage im allgemeinen ziemlich höflich, dennoch aber haftet ihnen noch viel von ihrer alten Natur an. Immer noch sind sie Sarmaten oder Dazier bei Tisch, im Kriege und in der Raserei ihrer sogenannten Freundschaft, die oft nur eine abscheuliche Tyrannei ist. Sie wollen nicht begreifen, daß ein Mensch genügt, es mit einem anderen aufzunehmen, und daß es daher nicht erlaubt ist, rudelweise über einen Menschen, der allein ist und nur mit einem einzigen zu tun hat, herzufallen und ihn abzuschlachten. Ich sah klar und deutlich, daß Branicki mir nur darum gefolgt war, weil die Binetti ihn aufgehetzt hatte, und es schien mir wahrscheinlich, daß er entschlossen gewesen war, mich ebenso zu behandeln wie den Tomatis. Zwar hatte ich keine Ohrfeige empfangen, aber er hatte es gewagt, mich einen Feigling zu nennen, und da es nicht meine Art war, eine derartige Beschimpfung hinunterzuschlucken, so fühlte ich, daß ich einen Entschluß fassen mußte; nur wußte ich nicht, was für einen. Ich mußte völlige Genugtuung verlangen, daran konnte kein Zweifel sein, und ich beabsichtigte auch, mir solche zu verschaffen; zugleich aber gedachte ich dabei Mäßigung zu üben; denn ich wünschte meine Ehre zu verteidigen, gleichzeitig aber auch, wenn es möglich war, meine Interessen wahrzunehmen, also, wie man zu sagen pflegt, nicht nur die Ziege, sondern auch den Kohl zu behalten. In dieser Stimmung begab ich mich in den Palast des Wojwoden Czartoryski. Ich war entschlossen, dem König alles zu erzählen und Seine Majestät ihren Günstling zwingen zu lassen, mir Genugtuung zu geben. Sobald der Wojwode mich sah, machte er mir freundliche Vorwürfe, daß ich ihn hätte warten lassen; sodann setzten wir uns hin, um unsere Partie Tre sette zu machen. Ich war sein Partner und machte mehrere Fehler. Als wir die zweite Partie verloren, sagte er zu mir: »Aber, wo haben Sie denn heute Ihren Kopf?« »Gnädiger Herr, vier Meilen weit von hier.« »Wenn man mit einem anständigen Menschen Tre sette spielt, hat man seinen Kopf beim Spiel und nicht vier Meilen weit.« Mit diesen Worten warf der Fürst seine Karten auf den Tisch und begann im Saale auf und ab zu gehen. Ich war ein bißchen verstört, beherrschte mich jedoch, stand auf und stellte mich an den Kamin. Der König konnte nach meiner Meinung nicht lange mehr ausbleiben; nachdem ich jedoch eine halbe Stunde gewartet hatte, kam ein Kammerherr mit der Nachricht, Seine Majestät könne an diesem Tage nicht das Vergnügen haben, den Wojwoden zu sehen. Diese Meldung gab mir einen Stich ins Herz, aber ich verbarg meinen Verdruß. Es wurde zum Essen gerufen, und ich setzte mich auf meinen gewohnten Platz zur Linken des Wojwoden, der mit mir schmollte. Wir waren achtzehn bei Tisch, und gegen meine Gewohnheit aß ich nicht. Mitten während der Mahlzeit kam Fürst Kaspar Lubomirski, Generalleutnant in russischen Diensten, und setzte sich zufällig an das Ende der Tafel mir gegenüber. Sobald der Fürst mich bemerkte, sprach er mir mit lauter Stimme sein Beileid zu dem Vorgefallenen aus: »Ich bedauere Sie«, sagte er; »aber Branicki war betrunken, und ein Betrunkener kann einen Ehrenmann nicht beschimpfen.« »Was ist geschehen? Was ist geschehen?« so lief es um den ganzen Tisch herum. Ich schwieg. Man fragte Lubomirski, aber der General sagte: da ich nicht antwortete, so wäre er zum Schweigen verpflichtet. Nun nahm der Wojwode das Wort und sagte in seinem, gewöhnlichen herzlichen Ton zu mir: »Was haben Sie mit Branicki gehabt?« »Gleich nach dem Essen, gnädiger Herr, werde ich Ihnen in einem Winkel des Saales alles ganz genau erzählen.« Hierauf wurde von gleichgültigen Dingen gesprochen, und sobald wir vom Tisch aufgestanden waren, ging der Fürst nach der kleinen Tür, durch die er den Speisesaal zu verlassen pflegte. Ich folgte ihm und erzählte ihm alles ganz genau. Er seufzte, machte ein bedauerndes Gesicht und sagte: »Sie hatten allerdings recht, daß Sie Ihren Kopf vier Meilen weit von hier hatten.« »Dürfte ich es wagen, Eure Exzellenz um einen Rat zu bitten?« »In solchen Dingen gebe ich keinen Rat; da muß man entweder viel oder nichts tun.« Diese weisen Worte waren ein deutlicher Rat. Der Wojwode gab mir die Hand und ging hinaus. Ich zog meinen Pelz an und fuhr nach Hause, und meine gesunde Natur verschaffte mir einen sechsstündigen tiefen Schlaf. Sobald ich erwachte, setzte ich mich in meinem Bett aufrecht und überlegte, was ich zu tun hätte. Das ›viel oder nichts‹ ging mir im Kopf herum. Das ›nichts‹ verwarf ich sofort, und indem ich mich für das ›viel‹ entschied, sah ich keine andere Möglichkeit, als mich entweder auf Leben und Tod zu schlagen, oder, falls Branicki einen Zweikampf verweigern sollte, ihn zu töten, selbst auf die Gefahr hin, trotz allen Vorsichtsmaßregeln auf dem Schafott dafür büßen zu müssen. Nachdem ich mich entschieden hatte, galt es, ihm einen Zweikampf vorzuschlagen, der vier Meilen von Warschau, außerhalb der Grenzen der Starostei, stattfinden mußte, denn innerhalb derselben war der Zweikampf bei Todesstrafe verboten. Ich schrieb ihm folgenden Brief, den ich wörtlich mitteile, da ich den Entwurf aufbewahrt habe: Warschau, den 5. März 1766. Gnädiger Herr, Eure Exzellenz haben mich gestern Abend im Theater leichten Herzens beschimpft und hatten doch kein Recht und keine Ursache, mich so zu behandeln. Infolgedessen nehme ich an, daß Sie mich hassen und demgemäß den Wunsch haben, mich aus dem Buche der Lebenden zu tilgen. Ich kann und will Sie zufriedenstellen. Haben Sie also die Gefälligkeit, gnädiger Herr, mich mit Ihrem Wagen abzuholen und mich nach einem Ort zu bringen, wo meine Niederlage Sie nicht in Konflikt mit den Gesetzen Polens bringt, und wo ich desselben Vorteils teilhaftig werden kann, wenn Gott mir beisteht, Eure Exzellenz zu töten. Ich würde Ihnen diesen Vorschlag nicht machen, gnädiger Herr, wenn ich nicht an den Adel Ihrer Seele glaubte. Ich habe die Ehre zu sein usw. Ich ließ diesen Brief durch meinen Bedienten eine Stunde vor Tagesanbruch in das Schloß bringen, wo Branicki neben den Gemächern des Königs wohnte. Der Bote hatte Befehl, den Brief nur zu eigenen Händen des Empfängers zu bestellen und so lange zu warten, bis der Graf erwacht wäre, und dann wieder, bis er ihm die Antwort gegeben hätte. Ich empfing diese Antwort eine halbe Stunde darauf, und sie lautete: Mein Herr, ich nehme Ihren Vorschlag an, aber Sie werden die Güte haben, mich zu benachrichtigen, wann ich die Ehre haben werde, Sie zu sehen. Ich bin mit vollkommener Achtung, mein Herr, Ihr usw. usw. Branicki, Podstoli. Hocherfreut über mein Glück antwortete ich ihm augenblicklich, ich würde am nächsten Tag um sechs Uhr früh bei ihm sein. Sofort erhielt ich einen neuen Brief, worin der Podstoli mir schrieb, ich könnte Ort und Waffen wählen, aber unser Handel müßte im Laufe des Tages ausgetragen werden. Ich schickte ihm das Maß meines Degens, zweiunddreißig Zoll, und teilte ihm mit, daß jeder Ort außerhalb des Weichbildes, den er wählen würde, mir recht wäre. Hierauf sandte er mir folgenden Brief, den letzten: Mein Herr, wollen Sie sich die Mühe machen, sofort zu kommen? Sie erweisen mir damit ein großes Vergnügen. Ich schicke Ihnen meinen Wagen. Ich habe die Ehre zu sein usw. Ich antwortete ihm, ich hätte den ganzen Tag zu tun und würde daher nicht ausgehen, und da ich entschlossen wäre, mich nur zu ihm zu begeben, wenn wir uns sofort darauf schlagen würden, so bäte ich ihn, es mir nicht übel zu nehmen, daß ich ihm seinen Wagen zurückschickte. Eine Stunde darauf kam Branicki selber zu mir. Er ließ seine Leute draußen, trat ein, befahl drei oder vier Leuten, die mit mir zu sprechen hatten, hinauszugehen, schob den Türriegel vor und setzte sich auf mein Bett. Da ich nicht wußte, was dies bedeuten sollte, so ergriff ich meine Pistolen. »Bemühen Sie sich nicht!« sagte er; »ich bin nicht zu Ihnen gekommen, um Sie zu ermorden, sondern um Ihnen zu sagen, daß ich Ihre Vorschläge annehme, daß ich aber, wenn es sich um einen Zweikampf handelt, denselben niemals auf den nächsten Tag verschiebe. Wir werden uns also heute schlagen oder nie.« »Heute kann ich nicht. Heute ist Mittwoch, Posttag, und ich muß etwas fertig machen, das ich dem König zu schicken habe.« »Sie können es nachher schicken. Wahrscheinlich werden Sie doch nicht fallen; sollten Sie aber Ihr Leben lassen, so wird der König Ihnen sehr leicht verzeihen, dafür stehe ich Ihnen, übrigens hat ein toter Mensch keinen Vorwurf zu fürchten.« »Ich habe mein Testament zu machen!« »Auch noch ein Testament! Teufel auch! Sie fürchten also wirklich, daß Sie sterben werden! Lassen Sie diese Furcht: Sie werden Ihr Testament in fünfzig Jahren machen.« »Aber was kann es Eurer Exzellenz ausmachen, bis morgen zu warten?« »Ich will nicht angeführt werden.« »Sie brauchen nicht zu befürchten, daß ich Sie anführe.« »Ich glaube es; aber Sie sowohl wie ich werden noch vor heute Abend Arrest haben, und zwar auf Befehl des Königs.« »Das ist nicht möglich, es müßte denn sein, daß Sie ihn von der Sache benachrichtigen.« »Sie machen mich lachen. Ich weiß, wie es zugeht. Sie haben mich nicht vergeblich herausgefordert. Ich will Ihnen Genugtuung geben – aber heute oder niemals.« »Gut! Dieses Duell liegt mir zu sehr am Herzen, als daß ich Ihnen einen Vorwand liefern möchte, demselben auszuweichen. Holen Sie mich ab, aber erst nach dem Mittagessen, denn ich habe alle meine Kräfte nötig.« »Mit Vergnügen. Ich selber will lieber hinterher gut zu Abend speisen, als vorher gut zu Mittag essen.« »Jeder nach seinem Geschmack.« »Da haben Sie recht. Doch noch eins: wozu schicken Sie mir das Maß ihres Degens? Ich will mich auf Pistolen schlagen, denn auf Degen schlage ich mich nicht mit einem Unbekannten.« »Was verstehen Sie unter Unbekannten? Keine Beleidigung in meinem eigenen Hause, wenn ich bitten darf! Ich kann Ihnen in Warschau zwanzig Zeugen beibringen, daß ich in der Waffenführung durchaus kein Meister bin. Auf Pistolen will ich mich nicht schlagen, und Sie können mich nicht dazu zwingen, denn Sie haben mir die Wahl der Waffen überlassen; ich habe Ihren Brief in Händen.« »Wenn Sie meinen Brief buchstäblich nehmen, haben Sie recht; aber Sie sind zu anständig, als daß Sie sich nicht auf Pistolen schlagen sollten, wenn ich Ihnen versichere, daß Sie mir damit ein Vergnügen machen. Es ist doch die geringste Gefälligkeit, die Sie mir erzeigen können; denn meistens fehlt man ja beim ersten Schuß, und sollten wir beide uns gegenseitig fehlen, so verspreche ich Ihnen, mich auf Degen zu schlagen, so lange Sie wünschen. Wollen Sie mir den Gefallen tun?« »Ihre Sprache gefällt mir, denn sie zeugt für Ihren Geist. Ich will daher Ihren Wunsch erfüllen, obwohl es mir gegen das Gefühl geht, denn ich finde das Pistolenduell barbarisch. Ich nehme also an, aber unter folgenden Bedingungen: Sie bringen zwei Pistolen mit, die Sie in meiner Gegenwart laden lassen, und ich habe die Wahl. Fehlen wir uns beim ersten Schuß, so schlagen wir uns auf Degen und zwar entweder bis Blut fließt, oder auf Leben und Tod, ganz nach Ihrem Belieben. Sie holen mich um drei Uhr ab, und wir begeben uns an einen Ott, wo wir nicht gegen die Gesetze verstoßen.« »Vortrefflich. Sie sind ein liebenswürdiger Mensch. Gestatten Sie mir, Sie zu umarmen. Sie geben mir Ihr Ehrenwort, daß Sie keinem Menschen etwas sagen werden; denn man würde uns augenblicklich in Arrest setzen.« »Wie können Sie an meiner Verschwiegenheit zweifeln; ich würde ja zehn Meilen machen, um die Ehre zu erlangen, die Sie mir erweisen wollen!« »Das genügt.Leben Sie wohl bis drei Uhr.« Sobald der unverschämte, aber tapfere Graf mich verlassen hatte, machte ich aus allen Papieren, die für den König bestimmt waren, ein Paket, das ich versiegelte. Hierauf ließ ich den Tänzer Campioni holen, zu welchem ich volles Vertrauen hatte, und sagte zu ihm: »Dieses Paket werden Sie dem König bringen, wenn ich tot bin. Sie können erraten, worum es sich handelt, aber ich darf es Ihnen nicht sagen. Und bedenken Sie: wenn Sie zu irgendeinem Menschen ein Wort sagen, haben Sie keinen grausameren Feind als mich; denn ich würde entehrt sein.« »Ich begreife Sie vollkommen. Sie können sich auf meine Verschwiegenheit verlassen, und ich wünsche von Herzen, daß Sie die Sache ehrenvoll und glücklich zu Ende führen. Aber gestatten Sie mir, Ihnen einen freundschaftlichen Rat zu geben. Schonen Sie Ihren Gegner nicht, wenn es auch der König selber wäre; denn Ihre Gutmütigkeit könnte Ihnen das Leben kosten. Ich weiß das aus Erfahrung.« »Ich werde Ihren Rat nicht vergessen. Leben Sie wohl.« Wir umarmten uns, und er ging. Hierauf bestellte ich mir ein leckeres Mittagessen, denn ich wollte nicht mit nüchternem Magen zu Pluto gehen. Campioni kam um ein Uhr zum Mittagessen wieder, und als wir beim Nachtisch waren, erhielt ich den Besuch von zwei jungen Grafen mit ihrem Hofmeister Bertrand, einem liebenswürdigen und gebildeten Schweizer. Sie waren Zeuge meiner Heiterkeit und meines ausgezeichneten Appetits. Um halb drei bat ich alle Anwesenden, mich allein zu lassen, und um dreivierteldrei stellte ich mich ans Fenster, um sofort hinunterzugehen, wenn ich den Wagen des Podstoli Branicki sehen würde. Er kam in einer sechsspännigen Berline mit zwei berittenen Reitknechten, die zwei Handpferde führten, ferner mit zwei Offizieren, seinem Adjutanten, und mit zwei Ulanen. Außerdem standen vier Bediente auf seiner Kutsche hinten auf. Ich beeilte mich, hinunterzugehen, sobald der Wagen vor meiner Tür hielt, und sah, daß mein Gegner von einem Generalleutnant begleitet war, während ein Jäger auf dem Vordersitz saß; der Wagenschlag wurde geöffnet, und der General räumte mir seinen Platz ein. Ich stieg ein und befahl meinem Bedienten, mir nicht zu folgen, sondern zu Hause zu bleiben, um meine Befehle abzuwarten. »Vielleicht könnten Sie Ihrer Bedienten bedürfen«, sagte Branicki zu mir, »und deshalb wäre es vielleicht besser, wenn Sie sie mitkommen ließen.« »Wenn ich ebensoviele hätte wie Sie, würde ich sie mitnehmen; da ich aber nur diese paar Leute habe, so kann ich dieselben um so leichter entbehren, weil ich mit einem Ehrenmann zu tun habe: im Notfall werden Eure Exzellenz mich durch Ihre Leute bedienen lassen.« Er reichte mir die Hand zur Bekräftigung seiner Worte und sagte mir, er werde seinen Leuten befehlen, sich meiner noch vor ihm selber anzunehmen. Ich setzte mich, wir fuhren ab. Es wäre mir lächerlich vorgekommen, wenn ich ihn gefragt hätte, wohin wir fuhren. Ich schwieg; denn es gibt Augenblicke, wo der Mensch sich selber in acht nehmen muß. Aber auch Branicki sprach nicht; ich glaubte daher, eine gleichgültige Unterhaltung beginnen zu müssen, und fragte ihn: »Gedenken Eure Exzellenz die schöne Jahreszeit in Warschau zu verbringen?« »Dies war gestern noch meine Absicht; aber vielleicht werden Sie heute meinen Plan umstoßen.« »Ich hoffe, es wird nicht der Fall sein.« »Haben Sie als Soldat gedient?« »Ja; aber dürfte ich mir die Frage erlauben, warum Eure Exzellenz mich darnach fragen, denn ...« »O, das geschah nur, um überhaupt irgend etwas zu fragen.« Wir waren kaum eine halbe Stunde unterwegs, als der Wagen vor der Pforte eines schönen Gartens anhielt. Wir stiegen aus und gingen, begleitet von dem ganzen Gefolge des Podstoli, in einen Laubengang – der, nebenbei bemerkt, am 5. März nicht belaubt war – an dessen Ende ein Steintisch stand. Auf diesen Tisch legte der Jäger zwei Pistolen von anderthalb Fuß Länge nebst einem Pulverhorn und einer Wage. Er lud die beiden Läufe gleichmäßig mit Pulver und Kugeln und legte die Pistolen kreuzweise auf den Tisch. Hierauf sagte Branicki mit unerschrockenem Gesicht zu mir: »Mein Herr, wählen Sie Ihre Waffe.« In diesem Augenblick fragte der General ihn mit lauter Stimme: »Mein Herr, ist dies ein Duell?« »Ja.« »Hier können Sie sich nicht schlagen, Sie befinden sich innerhalb der Starostei.« »Das macht nichts.« »Das macht sehr viel! Ich darf nicht Zeuge davon sein. Ich habe Nachtdienst im Schloß; Sie haben mich überrumpelt.« »Schweigen Sie. Ich stehe für alles ein. Ich bin diesem Ehrenmann eine Genugtuung schuldig und will sie ihm hier geben.« »Herr Casanova,« sagte der General zu mir, »Sie können sich hier nicht schlagen.« »Warum hat man mich denn hierher gebracht, Herr General? Ich verteidige mich überall, wo man mich angreift.« »Tragen Sie Ihre Sache dem Könige vor, und ich bürge Ihnen dafür, daß seine Entscheidung zu Ihren Gunsten ausfällt.« »Dazu bin ich gern bereit, Herr General, wenn der Herr Graf bereit ist, mir in Ihrer Gegenwart zu sagen, daß er das gestern zwischen uns Vorgefallene bedauert.« Nach diesen Worten sah Branicki mich mit einem stolzen Blick an und sagte mit zorniger Stimme, er sei gekommen, um sich zu schlagen, nicht um zu parlamentieren. »Herr General,« sagte ich nun, »Sie können bezeugen, daß ich versucht habe, den Zweikampf zu vermeiden, soweit das von mir abhängt.« Der General faßte mit beiden Händen nach seinem Kopf und entfernte sich. Ich warf meinen Pelzrock ab und ergriff auf Branickis Aufforderung eine von den beiden Pistolen. Branicki nahm die andere und sagte mir, er bürge mit seiner Ehre für die von mir gewählte Waffe. »Ich werde sie«, antwortete ich ihm, »an Ihrem Kopf probieren!« Er erbleichte, warf seinen Degen einem seiner Diener zu und zeigte mir seine entblößte Brust. Ich sah mich gezwungen, es ebenso zu machen, aber ich bedauerte dies; denn mein Degen war nach Abfeuerung der Pistole meine einzige Waffe. Nachdem ich ihm ebenfalls meine Brust gezeigt hatte, trat ich fünf oder sechs Schritte zurück. Der Podstoli machte es wie ich; weiter konnten wir nicht. Als ich sah, daß er stehen geblieben war und, wie ich, die Pistole zur Erde gesenkt hielt, nahm ich mit der Linken meinen Hut ab und bat ihn, mir die Ehre zu erweisen, den ersten Schuß zu tun. Hierauf bedeckte ich mich wieder. Anstatt sofort seine Pistole auf mich zu richten und zu feuern, verlor der Podstoli zwei oder drei Sekunden damit, zu zielen und seinen Kopf hinter seiner Waffe zu decken. Ich war nicht in der Lage, solange zu warten, bis er mit allen diesen Anstalten fertig war. Ich erhob plötzlich meine Pistole und feuerte in demselben Augenblick, wo er auf mich schoß. Hieran kann kein Zweifel sein, denn die Personen der Nachbarschaft erklärten übereinstimmend, nur einen einzigen Schuß gehört zu haben. Ich fühlte mich an der linken Hand verwundet und steckte diese in die Tasche; als ich aber meinen Gegner fallen sah, warf ich meine Pistole fort und eilte auf ihn zu. Man stelle sich meine Überraschung vor, als ich plötzlich drei bloße Klingen über meinem Kopf blitzen sah. Drei adelige Mörder wollten mich über dem Leib ihres Herrn, an dessen Seite ich mich auf die Knie geworfen hatte, in Stücke hacken. Zum Glück hatte Branicki nicht das Bewußtsein verloren; er rief ihnen mit Donnerstimme zu: »Gesindel, laßt diesen Ehrenmann in Frieden!« Sie schienen zu Stein zu erstarren, als sie diese Stimme hörten. Ich faßte den Podstoli mit der rechten Hand unter die Achsel, während der General ihn auf der linken Seite stützte. So führten wir ihn nach dem Gasthof, der hundert Schritte vom Garten entfernt lag. Branicki ging sehr gebückt und sah mich dabei aufmerksam an, da er nicht begriff, woher das Blut kam, das über meine Hose und weißen Strümpfe lief. Als wir das Wirtshaus erreicht hatten, warf Branicki sich in einen großen Lehnstuhl und streckte sich lang aus. Man knöpfte Rock und Hose auf und streifte das Hemd bis zum Magen in die Höhe. Er betrachtete seine Wunde und sah, daß er gefährlich verletzt war. Meine Kugel hatte ihn an der rechten Seite unter der siebenten Rippe getroffen und war unter der letzten falschen Rippe der linken Seite wieder hinausgefahren. Die beiden Öffnungen der Wunde waren zehn Zoll von einander entfernt. Der Anblick war sehr beunruhigend; allem Anschein nach waren die Eingeweide durchbohrt, und der Mann mußte verloren sein. Branicki sagte mir mit schwacher Stimme: »Sie haben mich getötet! Retten Sie sich, denn Sie laufen Gefahr, den Kopf auf einem Schafott zu verlieren. Sie sind innerhalb der Starostei, und ich bin Großwürdenträger der Krone und Inhaber des weißen Adlerordens. Verlieren Sie keine Zeit, fliehen Sie, und wenn Sie nicht genug Geld haben, so nehmen Sie meine Börse!« Seine schwere Börse fiel auf die Erde; ich hob sie auf, steckte sie ihm wieder in die Tasche, dankte ihm und sagte ihm, die Börse wäre für mich nutzlos, denn wenn ich schuldig wäre, so würde ich meinen Kopf verlieren, den ich sofort dem König zu Füßen legen würde. »Ich hoffe,« fuhr ich fort, »daß Ihre Wunde nicht tödlich sein wird, und ich bin in Verzweiflung, daß Sie mich gezwungen haben, Ihnen diese Wunde beizubringen.« Hierauf gab ich ihm einen Kuß auf die Stirn und verließ den Gasthof. Draußen sah ich aber weder Wagen noch Pferd noch Bediente. Sie waren alle unterwegs, um Arzt, Chirurgen und Priester zu holen, und die Verwandten und Freunde des Verwundeten zu benachrichtigen. Ich sah mich allein und ohne Degen auf schneebedecktem Felde; ich war verwundet und wußte nicht, welchen Weg ich einschlagen sollte, um wieder nach Warschau zu kommen. Ich ging aufs Geratewohl los und begegnete in einiger Entfernung einem Bauern mit seinem leeren Schlitten. Ich rief ihm zu: »Warszawa?« und zeigte ihm einen Dukaten. Meine Sprache wurde verstanden; er hob eine grobe Matte auf, mit der er mich wieder zudeckte, sobald ich mich im Schlitten ausgestreckt hatte. Hierauf fuhr er nach polnischer Art im Galopp ab. Eine Viertelstunde weiter sah ich Branickis besten Freund, Bininski, der mit bloßem Säbel im Galopp heransprengte. Offenbar suchte er mich. Zum Glück erregte mein elender Schlitten nicht seinen Verdacht; hätte er einen Blick zur Seite getan, so hätte er meinen Kopf sehen können, und ich zweifle nicht, daß er ihn abgeschlagen haben würde, wie ein Kind mit einer Gerte eine Blume köpft. Ich kam in Warschau an und ließ mich nach dem Palast des Fürsten Adam Czartoryski fahren, um diesen um einen Zufluchtsort zu bitten, aber ich fand keinen Menschen zu Hause. Ohne eine Sekunde zu verlieren, entschloß ich mich, in dem ganz in der Nähe gelegenen Rekollektenkloster Zuflucht zu suchen, und schickte den Schlitten fort. Ich klingelte an der Klosterpforte. Der Pförtner, ein unbarmherziger Mensch, öffnete mir; als er mich ganz mit Blut bedeckt sah, erriet er den Grund meines Besuches und wollte die Tür schnell wieder schließen. Ich war jedoch hurtiger als er und ließ ihm keine Zeit: mit einem Fußtritt streckte ich ihn zu Boden und drang ein. Auf sein Geschrei lief eine Menge erschrockener Mönchlein herbei; ich rief ihnen zu, daß ich ein Asyl verlange, und bedrohte sie für den Fall, daß sie es mir verweigern würden. Einer von ihnen sprach, und man führte mich in ein Kämmerchen, das wie ein Gefängnis aussah. Ich ließ ohne Widerstand alles mit mir geschehen, denn ich war vollkommen sicher, daß sie binnen kurzem ihre Meinung ändern würden. Ich verlangte einen Mann, um meine Bedienten zu rufen, und sobald diese kamen, schickte ich sie aus, um Campioni und einen Wundarzt zu holen. Bevor diese kamen, ließ auf einmal der Wojwode von Podlachien sich melden. Ich hatte niemals die Ehre gehabt, mit ihm zu sprechen; aber er hatte in seiner Jugend ein Duell gehabt, und da er jetzt die schönen Einzelheiten meines Zweikampfes erfahren hatte, so benutzte er die Gelegenheit, um mir sofort die Geschichte seines eigenen zu erzählen. Einen Augenblick später erschienen der Wojwode von Kalisch, die Fürsten Jablonowski und Sanguska und der Wojwode von Wilna, Oginski. Sie alle schimpften vor allen Dingen auf die Mönche, die mich wie einen Galerensträfling untergebracht hätten. Die armen Leute entschuldigten sich damit, daß ich ihren Pförtner mißhandelt hätte. Die hohen Herren lachten darüber; ich aber lachte nicht, denn meine Wunde machte mir viele Schmerzen. Sofort erhielt ich ihre beiden besten Zimmer. Die Kugel war oberhalb des Zeigefingers eingedrungen, hatte die Fingerwurzel zerschmettert und war in der Hand stecken geblieben. Die Gewalt der Kugel war durch einen Metallknopf meiner Weste abgeschwächt worden; außerdem hatte sie meinen Bauch in der Nähe des Nabels leicht verletzt. Es galt nun diese Kugel auszuziehen, die mir sehr lästig war. Der Wundarzt, namens Gendron, war der erste, den man gefunden hatte; er machte an der entgegengesetzten Seite eine Öffnung, so daß ich nunmehr eine doppelte Wunde hatte. Wahrend er diese schmerzhafte Operation vollzog, erzählte ich der Gesellschaft den Hergang und verbiß dabei die Qual, die der ungeschickte Wundarzt mir verursachte, indem er mit seiner Zange in meinem Fleisch herumwühlte, um das Geschoß zu finden. Wie stark wirkt doch die Eitelkeit auf die körperlichen und geistigen Kräfte des Menschen! Wäre ich allein gewesen, so würde ich vielleicht in Ohnmacht gefallen sein. Als Gendron fort war, kam der Wundarzt des Wojwoden von Rußland und bemächtigte sich meiner, nachdem er versichert hatte, er würde den anderen fortjagen, denn dieser sei ein Pfuscher und gehöre nicht zur Zunft. In demselben Augenblick kam Fürst Lubomirski, der Schwiegersohn des Wojwoden von Rußland; er bereitete uns allen eine große Überraschung, indem er uns erzählte, was unmittelbar nach meinem Duell sich ereignet hatte. Bininski war nach Wola gekommen und hatte die Wunde seines Freundes gesehen. Da er mich nicht erblickte, stieg er zu Pferde, schwor, mich zu töten, wo er mich finden würde, und ritt wie ein Rasender davon. Da er vermutete, daß ich bei Tomatis wäre, so begab er sich zu diesem. Er fand ihn in Gesellschaft seiner Geliebten, sowie des Fürsten Lubomirski und des Grafen Moszczynski. Als er mich nicht sah, fragte er, wo ich sei, und als Tomatis ihm antwortete, er wisse nichts davon, feuerte er eine Pistole gegen dessen Kopf ab. Infolge dieses Meuchelmordversuches packte Graf Moszczynski ihn um den Leib, um ihn zum Fenster hinauszuwerfen; aber der Rasende entledigte sich seiner, indem er ihm drei Säbelhiebe versetzte, von denen der eine die Wange spaltete und ihm drei Zähne herausschlug. »Nach dieser Heldentat«, fuhr Fürst Lubomirski fort, »packte er mich am Kragen, setzte mir ein Pistol auf die Brust und drohte abzudrücken, wenn ich ihn nicht heil und gesund auf den Hof brächte wo sein Pferd stände, damit er sich ohne Furcht vor den Bedienten des Herrn Tomatis entfernen könnte. Ich tat dies sofort. Moszczynski ist nach Hause gefahren, wo sein Arzt lange mit ihm zu tun haben wird, und ich bin ebenfalls nach Hause gegangen, um die Aufregung zu beobachten, die wegen dieses Zweikampfes in der ganzen Stadt herrschte. Sobald das Gerücht sich verbreitete, Branicki sei tot, setzten seine Ulanen sich zu Pferde und durchstreiften die ganze Umgegend, um ihren Oberst zu rächen und Sie niederzumetzeln. Es war ein glücklicher Gedanke von Ihnen, sich in dieses Kloster zu flüchten. Der Großmarschall hat das Kloster von zweihundert Dragonern umstellen lassen, angeblich, um sich Ihrer Person zu versichern, in Wirklichkeit aber, um zu verhindern, daß Sie von den rasenden Ulanen ermordet werden, die sehr leicht auf den Gedanken kommen könnten, das Kloster zu stürmen. »Der Podstoli befindet sich in großer Gefahr, sagen die Sachverständigen, wenn die Kugel die Gedärme verletzt hat; wenn dies aber nicht der Fall ist, so bürgen sie dafür, daß er mit dem Leben davon kommt. Hierüber wird man morgen Gewißheit haben. Er hat sich zum Oberzeremonienmeister bringen lassen, da er nicht gewagt hat, seine Wohnung im Königlichen Schloß aufzusuchen. Der König hat sich jedoch sofort zu ihm begeben, und der General, der bei dem Zweikampf zugegen war, hat ihm gesagt, Sie wären nur deshalb mit dem Leben davon gekommen, weil Sie gedroht hätten, nach einem Kopf zu zielen. Branicki hätte seinen Kopf decken wollen und deshalb eine unbequeme Stellung eingenommen; infolgedessen hätte er Sie gefehlt. Sonst hätte er Ihnen das Herz durchbohrt; denn er trifft die Schneide eines Messers, so daß die Kugel in zwei Hälften geteilt wird. Nicht geringer ist Ihr Glück, daß Bininski Sie nicht gesehen hat; er konnte ja nicht auf den Gedanken kommen, daß Sie unter der Matte eines elenden Bauernschlittens lägen.« »Gnädiger Herr, das allergrößte Glück habe ich gehabt, indem ich Branicki nicht auf der Stelle getötet habe; denn ich wäre in dem Augenblick, wo ich ihm zu Hilfe eilte, von seinen drei Freunden niedergemacht worden. Sie schwangen schon ihre Säbel über meinem Kopf, als der Podstoli ihnen zurief: Gesindel, laßt diesen Ehrenmann in Frieden! – Was Eurer Hoheit und dem guten Grafen Moszczynski widerfahren ist, tut mir recht leid! Wenn Tomatis nicht von dem rasenden Mörder getötet wurde, so verdankt er dies ohne Zweifel nur dem Umstand, daß das Pistol nur mit Pulver geladen war.« »Das ist auch meine Meinung, denn man hat von der Kugel nichts gehört; aber es war sicherlich nur ein Zufall, daß das Pistol blind geladen war.« »Daran zweifle ich nicht.« In diesem Augenblick trat ein Beamter des Wojwoden von Rußland ein und übergab mir ein Briefchen, worin der Fürst mir schrieb: »Beiliegendes schickt der König mir in diesem Augenblick; schlafen Sie ruhig!« Das Schreiben des Königs, das ich aufbewahrt habe, lautete: »Mit Branicki steht es sehr schlecht, lieber Oheim. Meine Ärzte sind bei ihm, um ihm mit ihrer ganzen Kunst beizustehen. Ich habe aber auch Casanova nicht vergessen. Sie können ihm die Versicherung geben, daß ich ihn begnadige, selbst wenn Branicki sterben sollte.« Ich drückte einen ehrfurchtsvollen und dankbaren Kuß auf diesen Brief und zeigte ihn meinen edlen Besuchern, die mit mir den wahrhaft königlichen Mann bewunderten. Nachdem ich diesen erquickenden Brief gelesen hatte, bedurfte ich der Ruhe, und die hohen Herren ließen mich allein. Mein Freund Campioni, der leise eingetreten war und, beiseite stehend, alles gehört hatte, trat an mein Bett, gab mir mein Paket zurück und beglückwünschte mich unter Freudentränen zu dem Ausgange des Ereignisses, das mir, wie er versicherte, unsterbliche Ehre einbrächte. Am nächsten Tage kamen Scharen von Besuchern und zugleich goldgefüllte Börsen von den Magnaten der dem Grafen Branicki feindlichen Partei. Die Überbringer dieser Börsen sagten mir im Auftrage ihrer Herren oder der Damen, die sie schickten: als Fremder hätte ich vielleicht Geld nötig, und in dieser Voraussetzung nähme man sich die Freiheit, mir etwas zu schicken. Ich dankte und wies das Geld zurück. Auf diese Weise schickte ich wenigstens viertausend Dukaten zurück, und ich war eitel auf meine Handlungsweise. Campioni fand meinen Heroismus lächerlich, und er hatte recht, denn ich habe ihn später bereut. Das einzige Geschenk, das ich annahm, war ein gutes Essen für vier Personen, das Fürst Adam Czartoryski mir regelmäßig jeden Tag schickte, obgleich ich nichts aß; denn mein Äskulap, der das Pulver nicht erfunden hatte, war ein großer Anhänger der Hungerkur. Meine kleine Wunde am Bauch war auf gutem Wege; aber am vierten Tage drohte der Brand meine Hand zu befallen, und die Ärzte stimmten darin überein, daß eine Heilung ohne Amputation nicht möglich sei. Ich las dieses Ergebnis ihrer wissenschaftlichen Beratung am nächsten Morgen in aller Frühe in der Hofzeitung. Dieses Blatt wurde nachts gedruckt, nachdem der König das Manuskript durch seine Unterschrift genehmigt hatte. Da ich durchaus nicht der Meinung meiner Schlächter war, so lachte ich herzlich über ihre Unwissenheit, und am Vormittag lachte ich allen ins Gesicht, die mir ihr Beileid aussprachen. Ich spottete, als Graf Clary mich überreden wollte, mich der Operation zu unterwerfen. In demselben Augenblick traten drei Ärzte auf einmal ein. »Ei, meine Herren, Sie sind ja recht zahlreich! Warum denn zu dritt, wenn ich bitten darf?« Mein gewöhnlicher Arzt antwortete mir: »Bevor ich zur Amputation schreite, wünsche ich die Zustimmung dieser beiden Herren Professoren zu erhalten. Wir werden sehen, in welchem Zustande sich die Wunde befindet.« Der Verband wird abgenommen, die Wunde untersucht: sie ist blutig, das Fleisch hellbläulich, offenbar ist der Brand bereits dazu getreten; am Abend wird man mir die Hand abnehmen. Diese Mitteilung machte man mir mit strahlendem Gesicht, und mein Handabschneider versicherte mir, ich brauche mich nicht zu fürchten und könne sicher sein, daß ich auf diese Weise schnell genesen werde. »Meine Herren, Ihre wissenschaftlichen Gründe sind sehr schön. Es fehlt dazu nur ein einziges, nämlich meine Einwilligung, und diese werden Sie nicht bekommen. Ich bin Herr über meine Hand und werde Ihnen niemals erlauben, sie von meinem Arm zu trennen. Ich finde Ihren Vorschlag lächerlich.« »Mein Herr, der Brand ist bereits dazugetreten; morgen wird er nach dem Arm hinaufsteigen, und dann müssen wir Ihnen den Arm abnehmen.« »Gut. So werden Sie mir den Arm abnehmen. Aber warten Sie damit noch ein bißchen. Soviel ich mich auf kalten Brand verstehe, ist der bei mir nicht vorhanden.« »Sie verstehen sich darauf jedenfalls nicht besser als wir.« »Das ist wohl möglich, aber mir scheint, Sie verstehen überhaupt gar nichts davon.« »Das ist ein bißchen stark.« »Stark oder schwach – gehen Sie!« Zwei Stunden darauf hatte ich die langweiligsten Besuche von allen denen, welchen die Arzte von meinem Starrsinn Mitteilung gemacht hatten. Der Fürst Wojwode schrieb mir sogar, der König sei ganz erstaunt über meinen Mangel an Mut. Das kränkte mich, und ich schrieb dem König einen langen, halb ernsten, halb scherzhaften Brief, worin ich mich über die Unwissenheit der Ärzte und über die Einfalt der guten Leute, die ihre dummen Aussprüche für ein Evangelium hielten, weidlich lustig machte. Ich schrieb Seiner Majestät: da ich mit meinem Arm ohne die Hand nichts anfangen könnte, so würde ich mir den Arm abschneiden lassen, sobald der kalte Brand wirklich sichtbar wäre. Mein Brief wurde bei Hofe gelesen, und man fand ihn eigentümlich für einen Menschen, der den Brand in der Hand haben sollte; denn er war vier Seiten lang. Fürst Lubomirski sagte mir gütig, ich hätte unrecht getan, mich über die Menschen lustig zu machen, die Anteil an mir nähmen; denn es wäre doch wirklich unmöglich, daß die drei ersten Chirurgen Warschaus bei einem so einfachen Fall sich täuschten. »Gnädiger Herr, sie täuschen sich nicht, aber sie wollen mich täuschen.« »Aber welches Interesse haben sie denn daran?« »Sie wollen Branicki einen Gefallen tun: es steht mit ihm sehr schlecht, und er braucht vielleicht diesen Trost, um zu genesen.« »O, das ist ja aber unglaublich!« »Was werden Eure Hoheit aber sagen, wenn Sie sehen, daß ich recht habe?« »Wenn das der Fall ist, werde ich Sie bewundern, und Ihre Festigkeit wird des höchsten Lobes würdig sein; aber der Fall muß auch wirklich eintreten.« »Das werden wir heute Abend sehen, gnädiger Herr. Wenn der kalte Brand den Arm ergreift, werde ich ihn mir morgen abschneiden lassen. Darauf gebe ich Ihnen mein Wort.« Die Ärzte kamen, vier an der Zahl! Man fand meinen Arm zweimal so dick wie gewöhnlich, und er war bis zum Ellenbogen bläulich; als aber der Verband abgehoben wurde, sah ich rosenrotes Fleisch und löblichen Eiter. Ich sagte indessen nichts, obgleich mein Herz voller Freude war. Fürst August Sulkowski und der Abbé Gouvel waren anwesend, dieser letztere gehörte zum Hause des Wojwoden von Rußland. Die Ärzte erklärten: der Arm sei angegriffen; es genüge nicht mehr, die Hand abzunehmen: die Amputation des Armes sei unvermeidlich und müsse spätestens am nächsten Morgen stattfinden. Ich war es müde, mich mit Leuten zu streiten, die eine vorgefaßte Meinung hatten, und sagte ihnen daher, sie möchten nur am nächsten Morgen mit ihren Instrumenten kommen; ich würde mich der Operation unterwerfen. Fröhlich über diesen Sieg entfernten sie sich schleunigst, um die Nachricht bei Hofe zu verbreiten und dem Grafen Branicki, dem Paladin von Rußland usw. mitzuteilen. Kaum waren sie hinaus, so befahl ich meinen Bedienten, sie an der Tür abzuweisen. Ich will auf die Einzelheiten nicht näher eingehen, obgleich auch der übrige Verlauf nicht uninteressant ist. Doch wird der Leser mir Dank wissen, wenn ich ihm weiter nichts sage, als daß ein französischer Chirurg, der zum Hause des Fürsten Sulkowski gehörte, der Feindschaft aller seiner gelehrten Kollegen zum Trotz, mich nach meinem Wunsch behandelte und mich gesund machte, und daß ich nicht nur meinen Arm, sondern auch meine Hand behielt. Am Ostertage ging ich, den Arm in der Binde, in die Messe. Meine Heilung hatte nur fünfundzwanzig Tage gedauert, aber ich habe mich des linken Armes erst nach achtzehn Monaten wieder richtig bedienen können. Alle jene, die mein Verhalten verdammt hatten, sahen sich nun gezwungen, mir Komplimente wegen meiner Standhaftigkeit zu machen, die mir zur größten Ehre gereiche, und ein jeder erklärte mit Recht, die großen Chirurgen müßten entweder sehr unwissend oder sehr unvorsichtig sein; ich persönlich hatte große Lust, sie für Schelme zu halten. An dieser Stelle glaube ich, ein Erlebnis mitteilen zu müssen, das ich drei Tage nach meinem Zweikampf hatte. Ein Jesuitenpater ließ sich im Auftrage des Bischofs von Posen, zu dessen Sprengel Warschau gehört, bei mir melden und bat um eine Unterredung unter vier Augen. Ich ließ alle Anwesenden hinausgehen und den Geistlichen eintreten. Sobald er erschien, fragte ich ihn, was er von mir wünsche. Er antwortete: »Ich komme im Auftrage Seiner Gnaden – (das war ein Fürst Czartoryski, ein Bruder des Wojwoden von Rußland) – um Sie von der Verletzung der kirchlichen Gebote zu absolvieren, die Sie durch den Zweikampf übertreten haben.« »Es ist mir stets lieb, wenn ich absolviert werde, hochwürdiger Vater, aber nur dann, wenn ich mich für schuldig erkläre. Im gegenwärtigen Fall bedarf ich keiner Absolution, denn ich gebe nicht zu, mich einer Verfehlung schuldig gemacht zu haben. Ich bin angegriffen worden, ich habe mich verteidigt. Danken Sie Seiner Gnaden für seine Huld. Wenn Sie mich jedoch ohne Schuldbekenntnis absolvieren wollen, so widersetze ich mich nicht.« »Wenn Sie die Verfehlung nicht eingestehen, so kann ich Sie nicht freisprechen, aber, lieber Bruder, tun Sie eines: verlangen Sie von mir die Absolution für den Fall, daß Sie sich im Zweikampf geschlagen haben.« »Mit Vergnügen: wenn es ein Zweikampf ist, bitte ich Sie, mich freizusprechen.« Der gute Jesuit erteilte mir die Absolution mit denselben Ausdrücken. Er verleugnete damit seine Schule nicht; die Jesuiten sind bewundernswerte Meister, um geschickte Winkelzüge zu machen und überall einen Ausweg zu finden. Drei Tage vor meinem Ausgang, das heißt am Gründonnerstag, zog der Großmarschall seine Dragoner zurück. Am Ostertag ging ich nach der Messe zu Hofe. Der König reichte mir die Hand zum Kuß und ließ mich auf den Parkettboden niederknien. Er fragte mich, warum ich den Arm in der Binde trüge – (dies war vorher vereinbart worden) – und ich antwortete ihm, ich hätte Rheumatismus. »Hüten Sie sich nur, noch mehr solchen Rheumatismus zu bekommen!« sagte der König zu mir mit einem leichten Lächeln. Nachdem ich den König gesehen hatte, ließ ich mich zu Branicki führen, denn ich glaubte, ihm einen Besuch schuldig zu sein. Er hatte sich während meiner Krankheit regelmäßig jeden Tag nach meiner Gesundheit erkundigen lassen und mir meinen Degen zurückgeschickt. Er mußte mindestens noch sechs Wochen zu Bette liegen; denn der Wergpfropfen meiner Pistole war zum Teil mit in die Wunde eingedrungen, und man hatte diese beträchtlich vergrößern müssen, um das Werg zu entfernen, das im Anfang die Heilung verzögert hatte. Der König hatte ihn kürzlich zum Oberjägermeister der Krone ernannt. Dieses Amt oder diese Würde stand im Range unter der des Oberzeremonienmeisters, aber sie war bedeutend einträglicher. Man sagte, der König habe ihm diese Gnade erst gewährt, als er erfahren habe, daß Branicki ein guter Schütze sei; wenn er aber keinen triftigeren Grund gehabt hätte, so hätte er mir die Stelle geben müssen; denn an jenem Tage hatte ich besser geschossen als Branicki. Ich trat in ein großes Vorzimmer ein; mein Erscheinen rief unter allen Anwesenden, Offizieren, Jägern, Pagen, Lakaien die größte Überraschung hervor. Ich fragte einen Adjutanten, ob der gnädige Herr sichtbar sei, und bat ihn, mich anzumelden. Ohne mir zu antworten, stieß er einen Seufzer aus und ging hinein. Unmittelbar darauf öffneten sich die beiden Flügeltüren, und derselbe Offizier machte mir eine tiefe Verbeugung und forderte mich auf, einzutreten. Branicki lag, in einen prachtvollen Schlafrock gehüllt, auf seinem Bett und stützte sich auf Kissen, die mit roten Bändern geschmückt waren. Er war bleich wie der Tod. Er grüßte mich, indem er seine Mütze abnahm, und ich sagte zu ihm: »Ich bin gekommen, gnädiger Herr, um Ihnen meine Aufwartung zu machen und Ihnen zu sagen, daß ich in Verzweiflung bin, mich nicht über eine Kleinigkeit hinweggesetzt zu haben, auf die ich gar nicht hätte achten sollen, wenn ich vernünftiger gewesen wäre.« »Sie haben sich keinen Vorwurf zu machen, Herr Casanova.« »Eure Exzellenz sind außerordentlich gütig. Ferner bin ich gekommen, um Ihnen zu sagen, daß Sie mir eine Ehre erwiesen haben, die viel größer ist als die Beleidigung, und um Sie für die Zukunft um Ihren edlen Schutz gegen Ihre Freunde zu bitten, die Ihre Seele nicht kennen und darum glauben, meine Feinde sein zu müssen.« »Ich gebe zu, Sie beleidigt zu haben; aber geben auch Sie zu, daß ich wacker mit meiner Person dafür eingestanden bin! Was meine Freunde anbetrifft, so erkläre ich mich als Feind eines jeden, der Ihnen nicht die gebührende Achtung erweist. Bininski ist degradiert und aus dem Adelsstande ausgestoßen worden; ihm ist recht geschehen. Meines Schutzes bedürfen Sie nicht: der König achtet Sie wie mich, wie einen jeden, der die Gesetze der Ehre kennt. Setzen Sie sich und lassen Sie uns Freunde sein. Man bringe dem Herrn eine Tasse Schokolade! Sie sind also geheilt?« »Vollkommen, gnädiger Herr, abgesehen von der Beweglichkeit der Hand; bis ich diese wiedererlange, wird noch eine lange Zeit vergehen.« »Sie haben sich wacker gegen diese Henkersknechte von Ärzten geschlagen; das macht Ihrer gesunden Vernunft ebensoviel Ehre wie Ihrem Mut. Sie hatten vollkommen recht, wenn Sie sagten, daß die Dummköpfe mir zu schmeicheln glaubten, indem sie Sie zum Krüppel machten. Jene beurteilen die Herzen anderer nach ihren eigenen Herzen. Ich wünsche Ihnen Glück, daß Sie die Leute widerlegt haben, indem Sie Ihre Hand behielten. Aber ich begreife noch immer nicht, wie meine Kugel in Ihre Hand eindringen konnte, nachdem sie Sie am Bauch verletzt hatte.« In diesem Augenblick brachte man mir die Schokolade, und der Oberzeremonienmeister trat ein und sah mich lachend an. Binnen fünf Minuten war das ganze Zimmer voll von Damen und Kavalieren, die erfahren hatten, daß ich bei dem Podstoli war, und in ihrer Neugier gern sehen wollten, wie wir uns benähmen. Ich sah klar und deutlich, daß sie nicht erwarteten, uns so einig zu finden, und daß sie angenehm überrascht waren. Branicki nahm das Gespräch wieder auf, das durch die Schokolade und den Eintritt der Besucher unterbrochen war, und bat mich, ihm zu erklären, wie es möglich wäre, daß seine Kugel mich an der Hand verletzt hätte. »Eure Exzellenz wird mir gestatten, die Stellung anzunehmen, in der ich mich in jenem Augenblick befand.« »Ich bitte Sie darum.« Ich stand auf und stellte mich genau so hin, wie ich im Augenblick des Schusses gestanden hatte, worauf er mir sagte: »Jetzt begreife ich.« Eine Dame ergriff das Wort und sagte: »Sie hätten die Hand hinter dem Leib halten sollen.« »Verzeihung, meine Gnädige, ich dachte vielmehr daran, meinen Leib hinter meiner Hand zu halten.« Über diesen Scherz lächelte Branicki, seine Schwester aber sagte zu mir: »Sie wollten meinen Bruder töten, denn Sie haben nach seinem Kopf geschossen.« »Davor soll mich Gott bewahren, Madame! In meinem Interesse lag es vielmehr, daß er am Leben blieb, um mich vor seinen Begleitern zu beschützen, wie er es ja auch getan hat.« »Aber Sie haben zu ihm gesagt, Sie würden nach seinem Kopf schießen.« »Das ist so eine übliche Redensart, wie man ja auch sagt: einem das Gehirn ausblasen; aber ein vernünftiger Mensch zielt mitten auf den Leib; der Kopf ist am äußersten Ende und bietet keine genügend große Oberfläche; außerdem kann er zu leicht bewegt werden. Ich habe die Pistole erhoben und abgedrückt, als sie ungefähr in Höhe der Mitte des Körpers war.« »Das ist wahr«, sagte Branicki. »Ihre Taktik ist besser als die meinige, und Sie haben mir eine Lehre gegeben.« »Eure Exzellenz haben mir ein Beispiel von Heroismus gegeben, das viel würdiger ist, befolgt zu werden.« »Man sieht,« begann seine Schwester Sapieha, »daß Sie sich sehr oft im Pistolenschießen geübt haben müssen.« »Ganz und gar nicht, Madame; denn ich verabscheue diese Waffe. Dieser unglückselige Schuß war mein erster; aber ich hatte stets einen richtigen Begriff von der geraden Linie, einen scharfen Blick und eine sichere Hand.« »Weiter braucht man auch nichts«, sagte Branicki. »Ich besitze dies alles und ich freue mich, daß ich nicht so gut geschossen habe wie für gewöhnlich.« »Ihre Kugel, gnädiger Herr, hat mir die Fingerwurzel zerschmettert. Hier sehen Sie sie; sie hat sich auf meinem Knochen abgeplattet. Gestatten Sie mir, daß ich sie Ihnen zurückgebe.« »Es tut mir leid, daß ich Ihnen nicht auch die Ihrige wieder geben kann, denn die ist auf dem Kampfplatz geblieben.« »Mit Ihrer Wunde geht es ja, Gott sei Dank, besser.« »Sie will sich nicht recht vernarben. Hätte ich es am Tage unseres Zweikampfes wie Sie gemacht, so wäre ich nicht mehr am Leben; denn, wie man mir gesagt hat, haben Sie sehr gut gespeist.« »Das habe ich allerdings getan, gnädiger Herr, weil ich fürchtete, diese Mahlzeit würde meine letzte sein.« »Wenn ich gespeist hätte, würde Ihre Kugel meinen Dickdarm durchschlagen haben; da dieser jedoch leer war, so gab er der Kugel nach, und sie glitt über ihn hinweg, ohne ihn zu beschädigen.« Es steht fest, daß Branicki, sobald er sicher war, daß er sich um drei Uhr schlagen würde, in die Messe ging, beichtete und das Abendmahl nahm. Der Priester wird ihm die Absolution nicht haben verweigern können, da Branicki ihm gesagt haben wird, die Ehre zwinge ihn, sich zu schlagen. So entsprach es dem alten Rittertum. Ich weiß nicht, ob ich mehr oder weniger rechtgläubig war als Branicki; jedenfalls richtete ich an Gott nur die Worte: »Mein Gott und Herr! Wenn mein Feind mich tötet, so bin ich verdammt. Bewahre mich also in Gnaden vor dem Tode! Amen!« Nachdem wir noch mehrere heitere und interessante Bemerkungen ausgetauscht hatten, verabschiedete ich mich von dem Helden und begab mich zum Großmarschall der Krone, dem Grafen Bielinski, Bruder der Gräfin Salmor. Dieser Greis, der schon das neunzigste Lebensjahr vollendet hatte, war kraft seines Amtes die höchste Justizperson in Polen. Ich hatte niemals mit ihm gesprochen; aber er hatte mich gegen Branickis Ulanen beschützt und hatte nur die verwirkte Todesstrafe erlassen. Ich mußte ihm daher die Hand küssen. Ich ließ mich melden und trat ein. Der würdige Neunzigjährige empfing mich mit den Worten: »Was wünschen Sie von mir?« »Ich möchte meinem Wohltäter, der geruht hat, meine Begnadigung zu unterzeichnen, die Hand küssen, und ich möchte Eurer Exzellenz versprechen, daß ich in Zukunft vernünftiger sein werde.« »Das rate ich Ihnen. Für Ihre Begnadigung müssen Sie dem König danken; denn wenn er mir nicht ausdrücklich befohlen hätte, diese Begnadigung auszufertigen, so hätte ich Sie enthaupten lassen.« »Trotz den mildernden Umständen, gnädiger Herr?« »Was für Umstände? Ist es wahr oder nicht, daß Sie sich im Duell geschlagen haben?« »Es ist nicht wahr; denn ich bin gezwungen worden, mich zu verteidigen. Man könnte mich der Teilnahme an einem Zweikampf beschuldigen, gnädiger Herr, wenn Graf Branicki, unserer Verabredung gemäß, mich nach einem Ort außerhalb der Starostei gebracht hätte; aber er hat mich gezwungen, mich an dem Ort zu schlagen, an den er mich willkürlich geführt hat. Wären Eure Exzellenz genau unterrichtet gewesen, so hätten Sie mir nicht mehr den Kopf abschlagen lassen.« »Ich weiß nicht, was ich getan hätte. Der König hat verlangt, daß ich Sie begnadige; das ist ein Beweis, daß Sie nach seiner Meinung die Gnade verdienen, und ich wünsche Ihnen Glück dazu. Wenn Sie morgen bei mir speisen wollen, machen Sie mir ein Vergnügen.« »Gnädiger Herr, ich gehorche Ihnen mit Freuden.« Dieser erlauchte Greis hatte viel Geist. Er war ein sehr guter Freund des berühmten Poniatowski gewesen, des Vaters des regierenden Herrn. Am nächsten Tage erzählte er mir bei Tisch viel von diesem. »Welcher Trost«, bemerkte ich, »wäre es für den würdigen Freund Eurer Exzellenz gewesen, wenn er lange genug gelebt hätte, um noch die Krone auf dem Haupte seines Sohnes zu sehen!« »Er würde seine Einwilligung nicht gegeben haben!« Die Energie, mit der er diese Worte sprach, ließ mich auf dem Grund seiner Seele lesen; er gehörte zur sächsischen Partei. Am Ostersonntag speiste ich zu Mittag beim Fürsten Wojwoden von Rußland. »Politische Gründe«, sagte er zu mir, »haben mich verhindert, Sie im Kloster zu besuchen; aber Sie dürfen deswegen nicht an meiner Freundschaft zweifeln, denn ich habe viel an Sie gedacht. Ich habe Ihnen eine Wohnung in meinem Palast herrichten lassen, denn meine Frau liebt Ihre Gesellschaft; aber die Wohnung wird erst in sechs Wochen fertig sein.« »So werde ich denn, gnädiger Herr, diese Zeit benutzen, um dem Wojwoden von Kiew einen Besuch zu machen; er hat mir die Ehre erwiesen, mich einladen zu lassen.« »Wer hat Sie in seinem Auftrage eingeladen?« »Der Schwiegersohn des Wojwoden, Herr Graf von Brühl in Dresden.« »Sie werden gut tun, diese kleine Reise zu machen; denn durch dieses Duell haben Sie eine Menge Feinde bekommen, die jede Gelegenheit suchen werden, Händel mit Ihnen anzufangen, und der Himmel möge Sie davor bewahren, sich noch einmal zu schlagen! Ich warne Sie davor. Seien Sie auf Ihrer Hut und gehen Sie niemals zu Fuß aus, besonders nicht bei Nacht.« Etwa vierzehn Tage lang war ich fortwährend zu Diners und Soupers eingeladen. Ich war das Modetier geworden. Man konnte gar nicht genug davon bekommen, mich meinen Zweikampf mit allen Einzelheiten erzählen zu hören. Die Geschichte hing mir zum Halse heraus, aber aus Gefälligkeit und auch aus Eitelkeit konnte ich solchen Wünschen nicht widerstehen. Oft war der König bei meinen Erzählungen anwesend; aber er tat so, wie wenn er nichts hörte. Einmal fragte er mich jedoch, ob ich in meiner Vaterstadt Venedig einen Patrizier, der mich beleidigt hätte, sofort zum Zweikampf gefordert haben würde. »Nein, Sire, denn sein Adelsstolz würde ihm nicht erlaubt haben, sich mir zu stellen, und meine Herausforderung wäre daher lächerlich gewesen.« »Was hätten Sie also dann gemacht?« »Sire, ich hätte die Faust in der Tasche geballt; aber wenn der edle Venetianer mich in fremdem Lande zu beleidigen wagte, dann müßte er mir Rechenschaft geben.« Als ich dem Grafen Moszczynski einen Besuch machte, traf ich bei ihm die Binetti, die bei meinem Erscheinen sofort hinauslief. »Was hat sie denn gegen mich?« fragte ich den Grafen. »Sie hat Angst vor Ihnen. Sie ist schuld an Ihrem Duell, und Branicki, der ihr Liebhaber war, will nichts mehr von ihr hören. Sie hoffte, er würde Sie behandeln, wie er Tomatis behandelt hatte; Sie haben aber Ihren Kämpen beinahe getötet. Sie machte ihm einen Vorwurf daraus, daß er Ihre Herausforderung angenommen habe; er aber hat erklärt, er wolle sie nicht wiedersehen.« Dieser Graf Moszczynski war nicht nur sehr geistreich, sondern auch außerordentlich liebenswürdig und so freigebig, daß er durch die Geschenke, die er bei Hof machte, sich zugrunde richtete. Seine Wunde begann zu vernarben. Obgleich ich die mittelbare, wenn auch unschuldige Ursache seiner Schmerzen war, so trug er mir das doch nicht nach, sondern war im Gegenteil mein Freund. Am meisten Sympathie für den Ausgang meines Duells hätte doch gewiß Tomatis fühlen müssen. Er sah mich im Gegenteil nur noch mit schlecht verhehltem Verdruß. Ich war für ihn gewissermaßen ein leibhaftiger Vorwurf seiner Feigheit, der Arm, den ich in der Binde trug, schien ihn darauf aufmerksam zu machen, daß er sein Geld der Ehre vorgezogen hatte. Ich bin überzeugt, es wäre ihm lieber gewesen, wenn Branicki mich getötet hätte; denn durch seinen Sieg wäre dieser für viele Leute ein Gegenstand des Abscheus geworden. Dann wäre Tomatis vielleicht weniger verächtlich erschienen, indem er sich nach wie vor in den großen Häusern zeigte, obgleich die Hand eines Bedienten seine Wange gezeichnet hatte. Er wurde in diesen Häusern auch nur deshalb noch empfangen, weil die Catai, mehr durch ihre Schönheit als durch ihre Talente, vielen eine Art von Fanatismus eingeflößt hatte. Ich hatte beschlossen, die Unzufriedenen zu besuchen, die den neuen König nur gezwungenermaßen anerkannt, sowie mehrere, die ihn überhaupt nicht anerkannt hatten. Ich reiste mit einem einzigen Bedienten und mit Campioni, der ein aufrichtiger und treuer Freund und zugleich in Fällen der Not ein Mann von mutigem Herzen und fester Hand war. Prinz Karl von Kurland war nach Venedig gereist; ich hatte ihn an meine mächtigen Freunde empfohlen, und er hatte allen Anlaß, mit meiner Empfehlung zufrieden zu sein. Der anglikanische Geistliche, der mich von Petersburg aus an den Fürsten Adam empfohlen hatte, war in Warschau angekommen. Ich speiste mit ihm bei dem Fürsten, und der König, welcher ihn gern hatte, nahm an dem Diner teil. Bei Tisch wurde von Madame de Geoffrin, der früheren Freundin des Königs gesprochen; sie sollte demnächst in Warschau eintreffen, wohin sie auf Einladung und Kosten Seiner Majestät reiste. Der König war trotz den Sorgen, die seine Freunde ihm jeden Tag machten, stets die Seele aller Gesellschaften, die er mit seiner Gegenwart beehrte. Der Monarch, dem ich volle Gerechtigkeit widerfahren lasse, hatte leider die Schwäche, der Verleumdung sein Ohr zu leihen und sich dadurch abhalten lassen, mein Glück zu machen. Ich habe jedoch die Freude gehabt, ihn später von seinem Unrecht zu überzeugen. Sechs Tage nach meiner Abreise von Warschau kam ich in Lemberg an, nachdem ich mich zwei Tage bei dem jungen Grafen Zamoiski aufgehalten hatte, der vierzigtausend Dukaten Rente besaß, aber an der Fallsucht litt. »Ich würde«, sagte er zu mir, »mein ganzes Vermögen demjenigen geben, der mich wieder gesund machen könnte.« Seine junge Frau tat mir leid. Sie liebte ihn sehr, wagte ihm aber nichts zu gewähren, weil seine Krankheit ihn stets in der Erregung der Liebe befiel. Sie war in Verzweiflung, seinem verliebten Werben Widerstand leisten und sogar vor ihm fliehen zu müssen, wenn er hartnäckig wurde. Bald darauf starb er. Der Magnat brachte mich in prachtvollen Zimmern unter, worin es an allem Notwendigsten fehlte. Das ist polnische Gewohnheit: man nimmt an, daß ein vornehmer Mann auf Reisen alles Notwendige bei sich hat. In Lemberg wollte ich in einem Gasthof wohnen; aber ich mußte diesen verlassen, um zu der berühmten Kasztellana Kaminska zu ziehen, einer großen Feindin Branickis, des Königs und seiner ganzen Partei. Sie war sehr reich, aber die Konföderationen haben sie zugrunde gerichtet. Sie bewirtete mich acht Tage lang sehr prachtvoll, aber wir hatten beide kein Vergnügen davon, weil sie nur polnisch und deutsch sprach. Von Lemberg reiste ich nach einem Städtchen, dessen Namen ich vergessen habe; die polnischen Namen sind entsetzlich schwer zu behalten. Ich überbrachte einen Brief vom Fürsten Lubomirski an den kleinen General Josef Rzewuski, einen kräftigen, alten, kleinen Herrn, der als Zeichen der Trauer über die unheilkündenden Neuerungen in seinem Vaterlande einen langen Bart trug. Er war reich, gelehrt, abergläubischer Christ und über alle Maßen höflich. Er behielt mich drei Tage bei sich. Natürlich war er der Höchstkommandierende in der kleinen Festung, worin er mit einer Garnison von fünfhundert Mann lag. Am ersten Tage befand ich mich mit mehreren Offizieren gegen elf Uhr in seinem Zimmer und erzählte mein Duell mit Branicki. Während ich sprach, trat ein anderer Offizier ein und flüsterte dem General etwas ins Ohr. Hierauf trat er an mich heran und sagte leise: »Venedig und St. Markus.« »St. Markus«, sagte ich laut, »ist der Schutzheilige von Venedig.« Alle lachten. Da merkte ich, daß es die Parole war, die Seine Exzellenz ausgegeben, und die man aus Höflichkeit mir mitgeteilt hatte. Ich entschuldigte mich bestens, und das Losungswort wurde sofort geändert. Der alte Magnat unterhielt sich mit mir viel über Politik. Er war niemals bei Hofe gewesen, hatte sich aber vorgenommen, den Reichstag zu besuchen und mit allen Kräften die Gesetze zu bekämpfen, die Rußland zugunsten der Nichtkatholiken durchzusetzen beabsichtigte. Der arme General, ein wahrer Pole von echtem Schrot und Korn, war einer von den vier Magnaten, die Repnin aufheben und nach Sibirien bringen ließ. Nachdem ich von dem tapferen Patrioten Abschied genommen hatte, begab ich mich nach Christianpol, wo der berühmte Wojwode von Kiew, Potocki, wohnte. Er war einer der Liebhaber der russischen Kaiserin Anna Iwanowna gewesen. Er war Begründer der Stadt, die er bewohnte, und hatte sie nach seinem eigenen Namen genannt. Er war noch schön und hielt mit großer Pracht Haus. Der Brief des Grafen verschaffte mir einen freundlichen Empfang: Potocki behielt mich vierzehn Tage bei sich und ließ mich jeden Tag mit seinem Leibarzt ausfahren. Dies war der berühmte Styrneus, ein geschworener Feind des noch berühmteren van Swieten. Dieser Styrneus war zwar sehr gelehrt, aber etwas verrückt und ein Anhänger der empirischen Methode. Er befolgte das asklepiadische System, obgleich dieses seit dem großen Boerhave unhaltbar geworden war; trotzdem machte er erstaunliche Kuren. Jeden Abend kehrte ich nach Christianpol zurück und spielte mit dem Wojwoden und seiner Gesellschaft. Es wurde nicht hoch gespielt, und ich hatte beständig Glück, was für mich sehr notwendig war. Nach einem recht angenehmen Aufenthalt bei dem Paladin kehrte ich nach Lemberg zurück, wo ich mich acht Tage lang mit einem sehr hübschen Mädchen amüsierte. Kurze Zeit darauf wußte sie den Grafen Potocki, Starost von Sniatin, dermaßen zu fesseln, daß er sie zu seiner Frau machte. So wird in den adeligen Familien das Blut rein erhalten! Von Lemberg, wo mein Freund Campioni und ich sehr angenehm gelebt hatten, reiste ich nach Pulavy, achtzehn Meilen von Warschau. Dies ist ein herrliches Schloß, das an der Weichsel liegt und dem Fürsten Wojwoden von Rußland gehört, der es selber erbaut hat. Hier trennte Campioni sich von mir und reiste nach Warschau, wohin ihn seine Geschäfte riefen. Ein Ort mag noch so prachtvoll und zauberisch schön sein, er wird stets langweilig sein für einen Menschen, der dort allein leben muß, wenn er nicht etwa mit einer literarischen Arbeit beschäftigt ist, die ihn ablenkt, oder mit einer wichtigen Idee, die ihn beschäftigt. Bei mir war weder das eine noch das andere der Fall, und so machte sich die Langeweile bemerkbar. Eines Tages kam ein hübsches Bauernmädchcn in mein Zimmer. Ich fand sie nach meinem Geschmack und da ich nicht polnisch sprechen konnte, so suchte ich ihr handgreiflich klar zu machen, was ich ihr nicht sagen konnte. Sie setzte sich zur Wehr und machte dabei einen solchen Lärm, daß der Schloßverwalter heraufkam. Dieser sagte mir ganz ruhig: »Warum gehen Sie nicht den geraden Weg, wenn das Mädchen Ihnen gefällt?« »Was ist das für ein Weg?« »Ihr Vater ist hier. Sprechen Sie mit ihm und einigen Sie sich mit ihm im Guten.« »Ich spreche nicht polnisch. Wollen Sie es übernehmen?« »Gern. Werden Sie ihm fünfzig Gulden geben?« »Sie scherzen. Wenn sie noch unberührt ist, werde ich hundert Gulden geben, aber unter einer Bedingung: sie muß sanft wie ein Lamm sein.« Ohne Zweifel war das Geschäft nicht schwierig, denn die Hochzeitsfeier fand an demselben Abend statt. Sobald aber die Operation vollzogen war, lief das arme Schäfchen davon, wie wenn sie mit dem Knüttel verfolgt würde. Ich schloß daraus, daß ihr Vater jedenfalls, um sie zu überreden, die Peitsche angewandt hatte. Hätte ich das ahnen können, so würde ich sie nicht gemocht haben. Am nächsten Tage bot man mir mehrere an, ohne sie mir zu zeigen. »Aber wo ist denn das Mädchen? Ich muß doch ihr Gesicht sehen.« »Was macht Ihnen denn das Gesicht aus?« sagte der Schloßverwalter. »Wenn nur das übrige unversehrt ist!« »Für mich, mein guter Freund, ist das Gesicht das Wesentliche und alles übrige nur ein Anhängsel.« Diese Sprache verstand er nicht. Man ließ mich nun die Mädchen sehen, aber ich fand unter ihnen keine, deren Gesicht meine Begierden erregt hätte. Im allgemeinen ist in jenen Gegenden das weibliche Gesicht häßlich. Die Hübschen sind seltene Ausnahmen, die Schönen aber sind wirklich wahre Wunder. Nach acht Tagen des Überflusses und der Langeweile kehrte ich nach Warschau zurück. Auf diese Weise sah ich Podolien und Wolhynien, die wenige Jahre später Galizien und Lodomerien genannt wurden, denn sie konnten nicht österreichisches Gebiet werden, ohne den Namen zu ändern. Man sagt jedoch – und das ist wohl glaublich –, daß in materieller Beziehung diese fruchtbaren Provinzen heutzutage glücklicher sind als früher. Ich fand in Warschau Madame Geoffrin, die man überall feierte, und die man wegen der Einfachheit ihres Anzuges sehr erstaunt ansah. Ich jedoch empfing nicht solche freundlichen Blicke; ich kann nicht sagen, daß ich kalt empfangen wurde, sondern ich wurde geradezu schlecht empfangen. Ohne alle Umstände sagte man zu mir: »Wir glaubten nicht, daß wir Sie hier wiedersehen würden. Was wollen Sie denn hier?« »Meine Schulden bezahlen!« Ich fand solches Benehmen empörend. Sogar der Wojwode von Rußland schien ganz anders zu sein. Man empfing mich in den Häusern, wo ich ein für allemal zu Tisch geladen war, aber man sprach nicht mit mir. Nur die Fürstin Lubomirski, die Schwester des Fürsten Adam, lud mich in gütigem Ton ein, bei ihr zu Abend zu speisen. Voller Freuden begab ich mich hin und sah mich an einem runden Tische dem König gegenüber, der nicht ein einziges Mal das Wort an mich richtete. Das war mir noch nicht widerfahren. Am nächsten Tage aß ich mittags bei der Gräfin Oginska, der Tochter des Fürsten Czartoryski, Großkanzlers von Littauen, und einer Gräfin Waldstein, einer sehr ehrwürdigen Dame, die neunzig Jahre alt wurde. Diese alte Dame fragte während des Essens, wo der König am Abend vorher gespeist habe; niemand wußte es, und ich schwieg. Im Augenblick, wo man von Tisch aufstand, trat der General Roniker ein, und die Wojwodin fragte ihn, wo der König soupiert habe. »Bei der Fürstin Straznikowa«, antwortete der General; »Herr Casanova war ja auch da.« »Warum haben Sie es mir nicht gesagt, als ich bei Tisch danach fragte?« sagte die Gräfin zu mir. »Gnädige Frau, ich sagte es nicht, weil ich tief betrübt bin, dort gewesen zu sein. Seine Majestät hat nicht nur kein einziges Wort an mich gerichtet, sondern mich nicht einmal angesehen. Ich sehe, daß ich in Ungnade gefallen bin, und ich kann den Grund nicht erraten.« Von Oginski begab ich mich zum Fürsten August Sulkowski, dem scharfsinnigen Denker, um ihm meine Ehrerbietung zu bezeigen. Nachdem er mich, wie gewöhnlich, sehr gut empfangen hatte, sagte er mir, ich habe nicht gut daran getan, nach Warschau zurückzukommen, weil alle Welt die Meinung über mich geändert habe. »Was habe ich denn getan?« »Nichts. Aber so ist nun einmal im allgemeinen der polnische Charakter: unbeständig, launenhaft, unselbständig und oberflächlich – sarmatarum virtus veluti extra ipsos. Diese Wankelmütigkeit wird uns früher oder später teuer zu stehen kommen. Ihr Glück war gemacht: Sie haben den richtigen Augenblick versäumt. Ich rate Ihnen abzureisen.« »Gewiß werde ich gehen, aber es ist grausam.« Als ich nach Hause kam, brachte mein Bedienter mir einen Brief, den ein Unbekannter an der Tür abgegeben hatte. Ich öffnete ihn; er trug keine Unterschrift, war aber offenbar in wohlwollender Absicht geschrieben, und ich konnte erraten, daß er von einer Person kam, die mir gut gesinnt war. In dem Brief stand zu lesen, man wisse aus dem Munde des Königs selber, daß seine Majestät mich nicht gerne mehr bei Hofe sehe, weil man ihm versichert habe, man habe mich in Paris in effigie gehangen. Ich sei von dort entflohen und habe eine große Summe aus der Lotteriekasse der Kriegsschule mitgenommen; außerdem habe ich in Italien das entwürdigende Gewerbe eines umherziehenden Komödianten ausgeübt. Das sind Verleumdungen, die sehr leicht zu verbreiten, aber in einem fremden Lande sehr schwer zu widerlegen sind. An Fürstenhöfen ist der Haß in beständiger Arbeit und wird beständig vom Neid angestachelt. Gerne hätte ich diese niederen Ränke verachtet und wäre auf der Stelle abgereist; aber ich hatte Schulden und besaß nicht genug Geld, um diese zu bezahlen und mich nach Portugal zu begeben, wo ich neue Hilfsquellen zu finden glaubte. Ich ging nicht mehr aus und sah nur noch Campioni, der über mein Schicksal noch trauriger war als ich selber. Ich schrieb nach Venedig und allen anderen Orten, von wo ich Mittel beschaffen zu können glaubte. Bevor ich aber die Antwort erhalten hatte, erschien eines Tages bei mir der General, der bei meinem Zweikampf zugegen gewesen war, und sagte mir mit betrübter Miene, der König lasse mir befehlen, die Starostei Warschau binnen acht Tagen zu verlassen. Außer mir über solche ungerechte Behandlung, sagte ich ihm, er möchte dem König antworten, daß ich mich durchaus nicht geneigt fühlte, einen derartigen Befehl zu befolgen. Wenn ich aber abreisen müßte, so sollte alle Welt wissen, daß ich nur der Gewalt gewichen wäre. »Ich kann eine solche Antwort nicht ausrichten«, erwiderte der General in ebenso wohlwollendem wie edlem Tone. »Ich werde dem König sagen, daß ich den empfangenen Befehl ausgeführt habe; weiter nichts. Sie werden tun, was Sie für angebracht halten.« Kochend vor Zorn, ohne alle Rücksicht auf die etwaigen Folgen, schrieb ich an den König, meine Ehre erheische, daß ich seinem Befehl nicht gehorche. Ich schrieb: »Meine Gläubiger, Sire, werden nur verzeihen, daß ich Polen nur darum verlassen habe, ohne sie zu bezahlen, weil Eure Majestät mich mit Gewalt ausgetrieben haben.« Während ich darüber nachdachte, wie ich meinen Brief dem Herrscher zustellen könnte, sah ich den Grafen Moszczynski eintreten. Ich beeilte mich, ihm alles zu erzählen, was mir begegnet war, und nachdem ich ihm meinen Brief vorgelesen hatte, fragte ich ihn, auf welche Weise ich diesen an Seine Majestät gelangen lassen könnte. »Geben Sie ihn mir!« antwortete der edle Graf; »ich werde ihn persönlich übergeben.« Als er fort war, empfand ich das Bedürfnis, meine Lungen in der freien Luft zu erfrischen. Ich ging aus und begab mich zum Fürsten Sulkowski, den ich zu Hause fand. Er war durchaus nicht erstaunt über den mir zugegangenen Befehl. Gewissermaßen um die Pille zu versüßen, die der Despotismus mich hinunterschlucken ließ, erzählte der Fürst mir bei dieser Gelegenheit, was ihm selber in Wien widerfahren war: die Kaiserin Maria Theresia hatte ihm den Befehl zugehen lassen, binnen vierundzwanzig Stunden abzureisen, und zwar aus dem einzigen Grunde, daß er der Erzherzogin Christine ein Kompliment vom Prinzen Ludwig von Württemberg ausgerichtet hatte. Am nächsten Morgen brachte Graf Moszczynski mir tausend Dukaten. Er sagte mir, der König hätte nicht gewußt, daß ich Geld brauchte, und es wäre viel wichtiger, daß ich mein Leben behielte; aus diesem Grunde hätte Seine Majestät mir den Befehl gesandt, Warschau zu verlassen; denn wenn ich in Warschau bliebe und nachts ausführe, oder am Tage zu Fuß ginge, so wäre ich Gefahren ausgesetzt, denen ich auf die Dauer unmöglich entgehen könnte. Diese Gefahr bestand darin, daß ich fünf oder sechs Herausforderungen empfangen hatte. Ich hatte mir nicht einmal die Mühe genommen, darauf zu antworten. Diese Leute konnten allerdings, um sich für meine Verachtung zu rächen, mir nachts einen bösen Streich spielen, und der König wollte nicht mehr meinetwegen fortwährend in Unruhe sein. Graf Moszczynski sagte mir außerdem, der von Seiner Majestät mir übersandte Befehl gereiche mir durchaus nicht zur Unehre; denn er sei nur von einer Person hohen Ranges überbracht worden, und man habe den Termin so gesetzt, daß ich in aller Bequemlichkeit abreisen könne. Die Folge unserer Unterredung war, daß ich nicht nur mein Wort gab, abzureisen, sondern auch den Grafen bat, Seiner Majestät für alles Gute und für die bezeigte Teilnahme meinen Dank zu sagen. Als ich sagte, daß ich den Befehlen des Königs nachkommen werde, umarmte der edle Moszczynski mich und bat mich zugleich, ihm zu schreiben und als freundschaftliches Andenken einen Reisewagen von ihm anzunehmen, da ich keinen solchen besitze. Hierauf erzählte er mir: »Der Gatte der Binetti ist mit der Kammerzofe seiner Frau durchgegangen und hat Diamanten, Schmuck, Wäsche und sogar das Tafelsilber mitgenommen. Er hat sie seinem Mignon, dem Tänzer Pic, zurückgelassen.« Die Gönner der Binetti, unter ihnen vornehmlich der Bruder des Königs, der Krongeneral, hatten sich zusammengetan, um sie durch ein Geschenk den Diebstahl ihres Mannes vergessen zu machen. Moszczynski erzählte mir ferner, die Krongeneralin, die Schwester des Königs, sei von Bialystock angekommen, und man hoffe, daß ihr Gemahl sich endlich entschließen werde, nach Warschau zu kommen. Dieser Gemahl war der wirkliche Graf Branicki, wie ich bereits sagte, und der Branicki, oder vielmehr Branecki, der mich durch den Zweikampf geehrt hatte, gehörte gar nicht zur Familie. Gleich am nächsten Tage bezahlte ich meine Schulden, ungefähr zweihundert Dukaten, und traf alle Vorbereitungen, um den Tag darauf mit dem Grafen Clary nach Breslau zu reisen. Jeder fuhr in seinem eigenen Wagen. Dieser Clary reiste von Warschau ab, ohne den Hof gesehen zu haben. Daraus machte er sich nichts, denn er liebte weder gute Gesellschaft noch anständige Frauen: er brauchte nur Spieler und Dirnen. Clary war einer von den Menschen, denen das Lügen zur Natur geworden ist. So oft sie den Mund auftun, kann man ihnen sagen: sie haben gelogen oder sie werden lügen. Wenn sie ein Gefühl für ihre Verworfenheit hätten, wären sie sehr zu beklagen; denn sie befinden sich in der schimpflichen Lage, daß kein Mensch ihnen glaubt, selbst wenn sie einmal die Wahrheit sagen, und wenn es für sie von Bedeutung wäre, daß man ihnen glaubte. Dieser Graf Clary, der mit der edlen Familie der Teplitzer Clarys nicht verwandt war, durfte sich in Wien und überhaupt in seinem Vaterlande nicht sehen lassen, weil er unmittelbar vor einer Schlacht desertiert war. Er war lahm; aber wenn er ging, merkte man es nicht, so geschickt wußte er seinen Fehler zu verbergen. Wenn er weiter nichts verborgen hätte, als diese Wahrheit, hätte kein Mensch ihn des Lügens beschuldigt, denn damit trat er niemandem zu nahe. Er ist in Venedig in tiefstem Elend gestorben. Ohne Aufenthalt und ohne Unfall kamen wir in Breslau an. Campioni hatte mich bis Wartemberg, sechzig Meilen von Warschau, begleitet. Er kehrte dorthin zurück, weil ein zärtliches Verhältnis ihn rief. Erst sieben Monate später traf er in Wien wieder mit mir zusammen. Graf Clary reiste schon am anderen Morgen in aller Frühe von Breslau ab; ich blieb jedoch noch, weil ich gerne die Bekanntschaft des Abbés Bastiani machen wollte. Dieser berühmte Venetianer hatte durch den König von Preußen sein Glück gemacht und war Domherr in Breslau. Er empfing mich herzlich und ohne alle Umstände; wir verstanden uns sehr gut und hatten gegenseitig bereits den Wunsch gehabt, uns kennen zu lernen. Er war blond, schön von Gesicht, gut gewachsen und sechs Fuß hoch; ich habe niemals einen schöneren Mann gesehen. Außerdem war er sehr geistreich, besaß ausgezeichnete Kenntnisse der Literatur, große Beredsamkeit, eine verführerische Stimme, ein sehr heiteres Gemüt, eine zahlreiche und gutgewählte Büchersammlung, einen guten Koch und einen ausgezeichneten Keller. Er hatte eine sehr schöne Wohnung zu ebener Erde, und im elften Stock seines Hauses wohnte eine Dame, deren Kinder er sehr liebte, weil er vielleicht ihr Vater war. Er war Verehrer des schönen Geschlechtes, aber dabei nicht exklusiv, sondern auch ein Freund der griechischen Liebe. Seine Leidenschaft für einen jungen Abbé entging mir nicht während der paar Tage, die ich in Breslau zubrachte. Ich nahm alle meine Mahlzeiten, mittags und abends, bei Bastiani ein und hatte also Gelegenheit, ihn zu beobachten. Dieser junge Abbé war ein Graf Cavalcano; er schien ihn geradezu anzubeten, denn er wandte die Augen nicht von ihm ab, und seine Blicke sprühten Feuer. Der unschuldige junge Mensch schien jedoch den Domherrn nicht zu verstehen, und dieser fürchtete wahrscheinlich, seine Würde bloßzustellen, wenn er ihm seine Liebe erklärte. Bastiani zeigte mir alle Briefe, die er vor seiner Beförderung zum Domherrn vom König von Preußen empfangen hatte. Er war der Sohn eines venetianischen Schneiders. Er war Franziskanermönch und hatte als solcher wegen eines leichtsinnigen Streiches harte Strafe zu befürchten; zum Glück gelang es ihm aber, aus dem Kloster zu entfliehen. Er ging nach dem Haag und suchte dort den venetianischen Gesandten, Tron, auf, der ihm hundert Dukaten lieh. Mit diesen begab er sich nach Berlin, wo der König ihn seiner Aufmerksamkeit würdig fand. Auf solchem Wege machen Menschen ihr Glück. Sequere deum! Am Tage vor meiner Abreise von Breslau ging ich gegen elf Uhr zu einer Baronin, um ihr einen Brief zu überbringen, den mir ihr Sohn, ein Offizier des Königs in Warschau, mitgegeben hatte. Ich ließ mich anmelden und man bat mich, einige Augenblicke zu warten, um der Dame Zeit zum Ankleiden zu lassen. Ich setzte mich neben ein hübsches, gut gekleidetes junges Mädchen, das ein Mäntelchen trug und einen Arbeitsbeutel in der Hand hielt. Ich fragte sie, ob sie wie ich auf die Baronin warte. »Ja, mein Herr,« antwortete sie mir, »ich will mich als Gouvernante für die drei kleinen Töchter der gnädigen Frau anbieten.« »Gouvernante? In Ihrem Alter?« »Ach! Auf das Alter kommt es nicht an, wenn man in Not ist. Ich habe weder Vater noch Mutter. Mein Bruder ist ein armer Leutnant, der mir keine Hilfe gewähren kann; was soll ich also tun? Ich kann nur dadurch meinen Lebensunterhalt verdienen, daß ich mir meine gute Erziehung zunutze mache.« »Und wieviel werden Sie verdienen?« »Leider nur fünfzig armselige Taler für meine Kleidung.« »Das ist recht wenig.« »Mehr gibt man nicht.« »Und wo wohnen Sie jetzt?« »Bei einer armen Tante, wo ich kaum mein tägliches Brot verdiene, indem ich vom Morgen bis zum Abend nähe.« »Wenn Sie, statt bei den Kindern hier, bei mir Gouvernante werden wollten, würde ich Ihnen ebenfalls fünfzig Taler geben, aber nicht jährlich, sondern monatlich.« »Ihre Gouvernante? Ich? Sie meinen doch in Ihrer Familie?« »Ich habe keine Familie; ich bin allein und reise. Morgen früh um fünf Uhr fahre ich nach Dresden ab; und zwar allein in meinem Reisewagen, worin auch für Sie Platz ist, wenn Sie wollen. Ich wohne in dem und dem Gasthof. Kommen Sie vor Ihrer Abreise mit Ihrem Koffer, und wir reisen zusammen.« »Sie scherzen. Außerdem kenne ich Sie ja nicht.« »Ich scherze durchaus nicht; und was das Kennen anbetrifft, so sagen Sie mir, wer von uns mehr Ursache hat, den anderen kennen zu lernen. Binnen vierundzwanzig Stunden werden wir uns ausgezeichnet kennen; mehr ist nicht nötig.« Mein Ernst und meine offenbare Aufrichtigkeit überzeugten das Mädchen, daß ich keinen Spaß machte; aber sie war sehr erstaunt. Ich meinerseits war selber überrascht, daß ich so weit gegangen war, denn ich hatte anfangs natürlich nur einen Scherz beabsichtigt. Indem ich meine kleine Abenteurerin überreden wollte, hatte ich mich selber überredet. Dieses Abenteuer schien mir nach allen Regeln eines sehr weisen dummen Streiches angelegt zu sein, und ich sah mit Vergnügen, daß sie darüber nachdachte, indem sie von Zeit zu Zeit einen Blick auf mich warf, wie wenn sie herausbringen wollte, ob ich mich über sie lustig machte. Ich glaubte ihre Gedanken zu erraten und legte sie ganz zu meinen Gunsten aus. Ich bildete mir ein, der Zufall hätte uns nur deshalb zusammengebracht, weil das Schicksal wollte, daß sie durch mich ihr Glück machen sollte. Ich zweifelte weder an ihrer Tugend noch an ihren Gefühlen, denn ich begann mich bereits ernstlich in sie zu verlieben. Um der Sache ein Ende zu machen, zog ich zwei Dukaten aus der Tasche und reichte sie ihr als Angeld auf ihren ersten Monat. Sie nahm sie schüchtern und schien überzeugt zu sein, daß ich sie nicht täuschen wollte. Da inzwischen die Baronin sich angezogen hatte, so trat ich ein und wurde von ihr außerordentlich freundlich aufgenommen und für den nächsten Tag zum Mittagessen eingeladen, was ich aber nicht annehmen konnte, weil ich meine Abreise bereits auf Tagesanbruch angesetzt hatte. Nachdem ich die tausend Fragen einer guten Mutter beantwortet hatte, die von einem Lieblingskinde spricht, verabschiedete ich mich von der prächtigen Dame. Als ich hinausging, achtete ich nicht weiter darauf, daß das Mädchen nicht mehr im Vorzimmer war, wo ich sie kurz vorher verlassen hatte. Ich verbrachte den ganzen Tag beim Domherrn: wir aßen gut, tranken tüchtig, spielten L'hombre und schwatzten von Mädchen oder Literatur. Am nächsten Morgen ist alles zur festgesetzten Stunde bereit: ich steige in meinen Wagen und fahre ab, ohne auch nur im geringsten an mein gestriges Abenteuer zu denken. Wir sind noch keine zweihundert Schritte gefahren, da hält der Postillon und ein Kleiderbündel fliegt in meinen Wagen: die Gouvernante ist da. Ich fand das Abenteuer köstlich, und so begrüßte ich das Mädchen herzlich, umarmte sie und ließ sie sich setzen. Dann fuhren wir weiter. Im folgenden Kapitel wird der Leser die nähere Bekanntschaft meiner neuen Eroberung machen; für jetzt wolle er gemächlich mit mir die Dresdener Straße entlang rollen, während ich ohne Klage die Stöße des Wagens ertrage und neben mir ein Gewächs habe, dessen Früchte vielleicht ein wenig bitter für mich sein werden. Drittes Kapitel Ich komme mit Maton in Dresden an. – Sie macht mir ein Geschenk. – Leipzig. – Die Castelbajac. – Graf Schwerin. – Rückkehr nach Dresden und Abreise von dort. – Prag. – Ankunft in Wien. – Hinterhalt Pocchinis. Als ich mich in meinem Wagen allein sah und neben mir ein schönes Mädchen hatte, das gleichsam aus den Wolken gefallen war, stellte ich mir vor, ich wäre der sehr ehrenwerte Diener des Schicksals. Nur ihr Schutzgeist konnte sie in meine Arme geführt haben; denn ich fühlte mich herzlich bereit, für sie alles Gute zu tun, was in meiner Macht läge. Aber wem verdankte ich sie? Meinem guten oder meinem bösen Geist? Ich warf diese Frage auf, überließ es aber natürlich der Zeit, mir die Antwort darauf zu geben. Ich lebte eben so dahin, ohne meine Gewohnheiten zu ändern und absichtlich nicht daran denkend, daß ich anfing, nicht mehr ein junger Mann zu sein, und daß ich auf Liebe auf den ersten Blick, die mir so oft zuteil geworden war, nicht mehr rechnen konnte. Ich wußte natürlich, daß meine neue Begleiterin, wenn sie nicht ganz dumm war, sich mit mir nur in der festen Absicht eingelassen haben konnte, gegen mich ohne Schranken gefällig zu sein; aber das genügte mir nicht. Wie der Leser weiß, litt ich an der fixen Idee, geliebt sein zu wollen. Dies war für mich die Vorbedingung des Glückes, alles übrige war nur flüchtiger Genuß. Da ich nun seit Zaïra nur Genüsse dieser Art gehabt hatte, so arbeitete meine Phantasie bereits an einem Liebesverhältnis in allerschönster Form. Ich erfuhr bald, daß meine Begleiterin Maton hieß; dies war ihr Familienname, und ich war nicht neugierig, den Namen des oder der Heiligen zu wissen, in deren Schutz ihre Patin sie bei der Taufe gestellt hatte. Ich fragte sie, ob sie ebensogut Französisch schreibe, wie sie es spreche, und sie zeigte mir einen selbstgeschriebenen Brief. Das gab mir die Gewißheit, daß sie eine sorgfältige Erziehung erhalten hatte, und ich gestehe, daß dies mir Vergnügen machte, denn ich glaube, dieser Umstand erhöhte in meinen Augen den Wert meiner neuen Eroberung, wenn ich mir auch nicht Rechenschaft darüber ablegte. Sie sagte mir, sie sei aus Breslau fortgegangen, ohne von irgendeinem Menschen Abschied zu nehmen, ja sie habe nicht einmal ihrer Tante und ihrer Cousine mitgeteilt, daß sie vielleicht nicht wiederkommen werde. »Und Ihre Sachen?« »Meine Sachen! Die lohnten nicht einmal die Mühe des Einpackens. Meine ganze Habe ist dieses Paket; es enthält weiter nichts als ein Hemd, ein paar Strümpfe, einige Taschentücher, ein paar Bänder und dergleichen.« »Was wird Ihr Liebhaber sagen?« »Ich möchte wohl, daß er etwas sagen könnte; aber ich habe leider keinen.« »Das erscheint kaum glaublich.« »Ich habe zwei Liebhaber gehabt. Der erste war ein Schuft: er verführte mich, indem er sich meine Unerfahrenheit zunutze machte, und verließ mich, als ich ihm nichts Neues mehr bieten konnte; der zweite war ein anständiger Mensch, aber er war ein armer Leutnant ohne Hoffnung auf Beförderung. Er hat mich nicht verlassen, aber er wurde in ein anderes Regiment nach Stettin versetzt, und seitdem ...« »Seitdem?« »Wir waren zu arm, um uns zu schreiben, und so mußten wir in aller Stille unser Schicksal tragen.« Diese Geschichte kam mir ganz natürlich vor, und ich begriff, daß Maton offenbar nur mit mir gegangen war, um ihr Glück oder wenigstens etwas Besseres zu suchen, als was sie bis dahin gehabt hatte; dies zu finden, konnte nicht schwer sein. Sie war fünfundzwanzig Jahre alt, und da sie Breslau niemals verlassen hatte, so mußte sie neugierig sein, wie die übrige Welt aussähe, und es mußte ihr eine Freude sein, mit Dresden zu beginnen. Ich verhehlte mir nicht, daß ich eine Dummheit begangen hatte, indem ich mir eine solche Bürde auflud; denn dieses Mädchen mußte mir viel Geld kosten. Trotzdem schien mir, daß ich entschuldbar wäre: denn indem ich den Vorschlag machte, mit mir zu kommen, war hundert gegen eins zu wetten, daß sie mein Anerbieten nicht annehmen würde. Um alle lästigen Gedanken zu verjagen, wünschte ich mir Glück, daß ich wieder einmal im vollen Besitz eines hübschen Mädchens wäre, dessen ganzes Verdienst ich bald kennen lernen mußte. Ich beschloß, während der Reise nichts gegen sie zu unternehmen, weil ich sehen wollte, ob ihre moralischen Eigenschaften, unabhängig von ihren körperlichen Formen, mich in sie verliebt machen würden. Als es dunkel wurde, hielt ich bei einem Posthause an, das mir den Eindruck machte, als ob ich dort gut aufgehoben sein würde. Maton, die halbtot vor Hunger war, aber nicht gewagt hatte, mir etwas davon zu sagen, aß mit einem Appetit, der mir Vergnügen machte; da sie aber nicht an Weintrinken gewöhnt war, so wäre sie bei Tisch eingeschlafen, wenn ich sie nicht gebeten hätte, sich zu Bett zu legen. Sie tat dies, indem sie mich tausendmal um Entschuldigung bat und mir versicherte, so etwas würde nicht wieder vorkommen. Lachend und ihr Mut einsprechend, blieb ich am Tisch sitzen, ohne mich auch nur umzudrehen und zu sehen, ob sie sich angekleidet oder nackt zu Bett legte. Einige Augenblicke später ging ich ebenfalls zu Bett, und um fünf Uhr war ich wieder auf den Beinen, um die Pferde und den Kaffee zu bestellen. Maton lag in tiefem Schlaf; sie hatte sich vollständig bekleidet zu Bett gelegt und schwitzte dicke Tropfen. Ich weckte sie und sagte ihr, ein anderes Mal sollte sie es sich bequem machen, wenn sie sich zu Bett legte; denn in den unbequemen Kleidern und unter der Hitze könnte ihre Gesundheit leiden. Kaum hatte sie die Augen aufgeschlagen, so stand sie auf und ging hinaus, ohne Zweifel, um sich zu waschen; frisch und sauber kam sie wieder herein, wünschte mir guten Morgen und fragte mich, ob ich sie umarmen wolle. »Mit großem Vergnügen!« antwortete ich. Hierauf bat ich sie, sich mit dem Frühstück zu beeilen, weil ich am selben Abend in Dresden anzukommen wünschte. Das gelang mir jedoch nicht, denn es wurde eine Ausbesserung am Wagen notwendig, wodurch ich fünf Stunden verlor, und so mußte ich unterwegs noch einmal übernachten. Maton legte sich ausgekleidet zu Bett; ich besaß jedoch die Standhaftigkeit, sie nicht anzusehen. In Dresden angekommen, stieg ich im Hotel de Saxe ab und nahm für mich den ganzen ersten Stock. Meine Mutter war auf dem Lande; ich fuhr zu ihr hinaus, und die liebe gute Frau war überglücklich, mich zu sehen, besonders meinen Arm in der Binde, denn das sah sehr malerisch aus. Hierauf besuchte ich meinen Bruder Giovanni und dessen Frau, die Römerin Teresa Roland, die ich bereits vor ihm gekannt hatte, und die mich mit großer Freude empfing. Ferner besuchte ich meine Schwester, die Frau von Peter August. Hierauf ging ich mit meinem Bruder zum Starosten Grafen von Brühl, um ihn und seiner Gemahlin, der Tochter des Wojwoden von Kiew, meine Aufwartung zu machen. Sie war entzückt, Neuigkeiten von ihrer Familie zu hören. Ich wurde überall sehr gefeiert und mußte überall die Geschichte meines Duells erzählen. Übrigens will ich gestehen, daß ich mich nicht bitten ließ; denn ich war eitel darauf. Zu jener Zeit tagten gerade die Stände in Dresden; während der Minderjährigkeit des Kurfürsten Friedrich August war dessen ältester Oheim, Prinz Xaver, Regent des Landes. Am selben Abend ging ich in die Italienische Oper, wo eine Pharaobank gehalten wurde. Ich spielte vorsichtig, denn mein ganzer Reichtum bestand in achthundert Dukaten. Als ich nach Hause kam, setzte man uns ein gutes Abendessen vor, und Maton gefiel mir durch ihren Appetit und ihre Liebenswürdigkeit. Als wir mit dem Essen fertig waren, fragte ich sie zärtlich, ob sie mein Bett teilen wollte, und sie antwortete mir im herzlichsten Ton, sie sei ohne jeden Rückhalt mein. Als wir nach einer wollüstigen Nacht aufstanden, waren wir die besten Freunde von der Welt. Ich verbrachte den ganzen Vormittag damit, für sie zu bestellen, was sie zu ihrer Toilette brauchte, und das war nicht weniger als alles, denn sie hatte tatsächlich nichts. Ich hatte viele Besuche, und alle wünschten, daß ich sie Maton vorstellte. Ich hielt diese jedoch in ihrem Zimmer eingeschlossen und antwortete immer nur, das Mädchen sei meine Haushälterin und nicht meine Frau, und ich könne daher nicht die Ehre haben, sie ihnen vorzustellen. Demgemäß hatte ich ihr auch Befehl gegeben, niemanden einzulassen, wenn ich nicht zu Hause wäre. Sie arbeitete in ihrem Zimmer an der Wäsche, die ich ihr gekauft hatte, und half der Näherin, die ich für sie angenommen hatte. Da ich sie jedoch nicht zur Sklavin machen wollte, so fuhr ich manchmal in der reizenden Umgegend von Dresden mit ihr spazieren; bei solchen Gelegenheiten konnte sie nach ihrem Belieben mit allen meinen Bekannten sprechen, denen wir begegneten. Diese Zurückhaltung meinerseits dauerte die ganzen vierzehn Tage, die das Mädchen bei mir blieb, und begann allmählich alle jungen Offiziere von Dresden zu reizen, besonders den Grafen Bellegarde, der nicht gewöhnt war, von einer Schönen, die er nach seinem Geschmack fand, abgewiesen zu werden, wenn er sich um sie bewarb. Jung, schön, freigebig, kühn, ja zuweilen sogar frech, kam er eines Tages in mein Zimmer, als ich mich gerade zu Tisch setzte, und lud sich bei mir zum Essen ein. Ich konnte weder seine Bitte abschlagen, noch Maton hinausschickcn. Während des ganzen Essens neckte er sie durch Scherze und Witze nach Soldatenart, ohne jedoch auch nur im geringsten die Grenzen der Höflichkeit zu überschreiten. Maton benahm sich sehr gut; sie spielte weder die Zimperliche, noch verletzte sie den Respekt, den sie mir und sich selber schuldete. Da ich die Gewohnheit hatte, nach Tisch Siesta zu halten, bat ich eine halbe Stunde, nachdem wir uns erhoben hatten, den Grafen ohne alle Umstände, sich zu entfernen. Er fragte mich lachend, ob das Fräulein ebenfalls Siesta halte, und ich sagte ihm, es wäre unsere Gewohnheit, sie gemeinsam zu halten, so oft wir Lust dazu bekämen, was an diesem Tage wahrscheinlich der Fall sein würde. Hierauf nahm er seinen Hut und Degen und lud mich mit Maton für den nächsten Tag zum Mittagessen ein. Ich antwortete ihm: »Ich gehe mit ihr nirgendswohin, aber es steht Ihnen frei, jeden Tag bei mir zu essen, was eben gerade auf dem Tisch steht, und Sie können sicher sein, uns stets beisammen zu finden.« Auf diese ablehnende Antwort wußte er nichts zu sagen und verabschiedete sich, wenn auch nicht ärgerlich, so doch jedenfalls sehr kühl. Da meine Mutter von ihrem Landaufenthalt zurückgekommen war, suchte ich sie am nächsten Tage auf; sie wohnte im dritten Stock eines Hauses nicht weit von meinem Gasthof, und vom Fenster aus sah ich den Erker der von mir eingenommenen Wohnung. Indes ich zufällig an das Fenster trat und ohne jede Absicht nach meinem Gasthof hinübersah, bemerkte ich Maton im Erker; sie stand am Fenster desselben, arbeitete an ihrer Wäsche und unterhielt sich mit Herrn von Bellegarde, der am Fenster eines Zimmers neben dem Erkerzimmer stand. Dieses Zimmer gehörte ebenfalls zum Gasthof und stieß unmittelbar an meine Wohnung an, gehörte aber nicht zu derselben. Diese Entdeckung belustigte mich; ich kannte das Terrain und hatte keine Angst, gegen meinen Willen zum Hahnrei gemacht zu werden. Ich wünschte indessen keineswegs, daß der schöne Graf sich einen Einbruch in mein Gebiet erlaubte; ich war eifersüchtig, aber mit dem Verstande, nicht mit dem Herzen. Ich kam zum Mittagessen nach Hause. Da ich sicher war, daß man mich nicht gesehen hatte, so war ich sehr heiter, und Maton war es ebenfalls. Ich brachte das Gespräch auf Bellegarde und sagte: »Ich glaube, er ist in Sie verliebt.« »Er ist ein Mädchenjäger, wie alle Offiziere, und ich glaube nicht, daß er in mich mehr verliebt ist als in irgendeine andere.« »Wie? Ist er denn nicht heute Morgen hier gewesen, um mir einen Besuch zu machen?« »Nein, und wenn er gekommen wäre, so hätte die Kleine ihm die Türe geöffnet und ihm gesagt, Sie seien nicht zu Hause.« »Aber hast du ihn nicht unter meinem Fenster auf und ab gehen sehen, als die Wachtparade abgehalten wurde?« »Nein.« Mehr brauchte ich nicht zu wissen: sie waren miteinander im Einverständnis. Maton log, und wenn ich nicht einschritt, war ich in vierundzwanzig Stunden angeführt. Natürlich hätte ich in meinem Alter über einen solchen Verrat mich nicht wundern sollen; aber mein Geist oder vielmehr mein Selbstgefühl hatte sich noch nicht mit dieser Möglichkeit vertraut gemacht. Ich verbarg meine Gefühle, blieb bei guter Laune und schäkerte nach dem Mittagessen einige Augenblicke mit ihr. Hierauf ging ich ins Theater, und nachdem ich ziemlich glücklich gespielt hatte, begab ich mich während des zweiten Aktes nach Hause; es war noch hell. Der Kellner stand vor der Türe; ich fragte ihn, ob im ersten Stock noch andere Zimmer außer den von mir bewohnten wären. »Noch zwei nach der Straße hinaus.« »Sagt Eurem Herrn, ich nehme sie.« »Sie sind seit gestern Abend bestellt.« »Von wem?« »Von einem Schweizer Offizier, der heute abend mit zahlreicher Gesellschaft darin speisen will.« Um keinen Verdacht zu erregen, sagte ich nichts mehr. Ich hatte mich bereits überzeugt, daß es sehr leicht war, von Bellegardes Zimmer in den Erker zu steigen. Außerdem führte von diesem Zimmer eine Verbindungstür in das Zimmer, worin die Schöne mit dem Dienstmädchen schlief, wenn ich keine Lust hatte, sie bei mir zu haben. Diese Tür war auf unserer Seite mit einem Riegel verschlossen. Sobald aber Maton sich im Einverständnis befand, war dies ein trauriges Sicherheitsmittel. Leise ging ich nach oben und fand Maton im Erker sitzen, wo sie die frische Luft genoß. Nach einigen Vorreden sagte ich ihr, daß ich die Zimmer tauschen wollte: »Du nimmst das meinige, und ich ziehe in dieses, wo ich zuweilen ein bißchen lesen oder die Vorübergehenden beobachten kann.« Sie fand meinen Gedanken sehr glücklich und sagte, mein Vorschlag sei ihr um so angenehmer, da wir beide denselben Genuß haben würden, wenn ich ihr erlauben wollte, in dem Erkerzimmer zu arbeiten, so oft ich ausgegangen wäre. An dieser Antwort erkannte ich, daß Maton ebenso schlau war wie ich selber. Ich war überzeugt, daß sie mich betrog oder daß sie mich früher oder später unfehlbar betrügen würde. Und von diesem Augenblick an liebte ich sie nicht mehr. Ich ließ sofort die Sachen umstellen; hierauf aßen wir fröhlich zu Abend, scherzten und lachten, so daß trotz ihrer Schlauheit und ihrer Erfahrung – die sie ohne Zweifel besaß – Maton nichts merkte. In meinem neuen Zimmer allein geblieben, hörte ich bald die Stimmen Vellegardes und seiner lustigen Kumpane. Ich setzte mich in den Erker, aber die Vorhänge des Nebenzimmers waren zugezogen, was mir wahrscheinlich beweisen sollte, daß kein Einverständnis stattfinde. Ich ließ mich dadurch nicht täuschen und erfuhr denn auch richtig, daß Jupiter von Merkur benachrichtigt worden war, Amphitryon habe das Zimmer gewechselt. Am nächsten Tage zwang mich ein starkes Kopfweh, woran ich sonst niemals litt, den ganzen Tag im Hause zu verbringen. Ich ließ mir die Ader schlagen, und meine gute Mutter, die mir Gesellschaft leisten wollte, speiste mit Maton. Meine Mutter hatte eine Schwäche für das Mädchen; sie hatte mich oft gebeten, sie ihr zuzuschicken, um ihr Gesellschaft zu leisten, ich war jedoch so vernünftig gewesen, dazu nicht meine Zustimmung zu geben. Da ich mich am zweiten Tage auch nicht besser befand, so nahm ich Medizin ein; aber schon am Abend sah ich mit Schrecken, daß eine scheußliche Krankheit mich befallen hatte. Diese war ein Geschenk von Maton, denn seit Lemberg hatte ich mit keiner anderen Verkehr gehabt. Ich verbrachte die Nacht in heftigem Zorn. Bei Tagesanbruch stand ich auf, trat in ihr Zimmer, deckte sie plötzlich auf und hatte den ekelhaftesten Anblick, den man sich denken kann. Die Elende gestand mir, sie sei seit sechs Monaten krank; sie habe jedoch gehofft, daß sie mir ihr Leiden nicht mitteilen werde, denn sie habe sich stets sorgfältig gewaschen, so oft sie vorausgesehen habe, daß ich mir mit ihr zu tun machen werde. »Unglückliche! Du hast mich vergiftet. Aber davon darf kein Mensch etwas wissen; denn es ist meine eigene schwere Schuld, und ich schäme mich, daß ich es gar nicht sagen kann. Steh auf; du sollst sehen, wie gut ich bin.« Sie stand auf, und ich ließ alle Kleider und Wäsche, womit ich sie versehen hatte, in einen Koffer packen. Hierauf befahl ich meinem Bedienten, in einen anderen Gasthof zu gehen und ein kleines Zimmerchen für sie zu mieten. Dieses war bald gefunden. Der Bediente meldete es mir, ich sagte ihm, er solle im Vorzimmer meine Befehle erwarten, und bedeutete Maton, sie habe sich sofort in ihre neue Wohnung zu begeben, denn ich wolle nichts mehr mit ihr zu tun haben. Ich gab ihr fünfzig Taler, worüber ich mir eine ausführliche Quittung schreiben ließ. Es war darin der Grund angeführt, weshalb ich sie fortschickte, und sie erklärte ausdrücklich, daß sie unter keinen Vorwänden irgendwelche Ansprüche erheben könnte. Diese Bedingungen waren natürlich sehr demütigend, und sie wünschte sie gemildert zu sehen; doch unterwarf sie sich ihnen, als ich ihr sagte, ich sei entschlossen, sie ohne einen Heller und so bloß, wie sie zu mir gekommen sei, auf die Straße zu setzen. »Was soll ich hier in Dresden machen, wo ich keinen Menschen kenne?« »Wenn Sie nach Breslau zurückkehren wollen, von wo ich Sie unglücklicherweise mitgenommen habe, so will ich Ihnen die Reisekosten bezahlen.« Da sie nichts antwortete, so schickte ich sie mit ihren Sachen nach ihrem neuen Zimmer. Sie warf sich in der Hoffnung, mich zu rühren, vor mir auf die Knie, aber ich drehte ihr den Rücken zu. Ich handelte so, ohne das geringste Mitleid zu empfinden; denn was das Mädchen mir angetan hatte oder antun wollte, zeigte mir, daß sie ein Ungeheuer war, das mir auf diese oder jene Art das Leben gekostet haben würde. Am nächsten Tage verließ ich den Gasthof und mietete auf sechs Monate das möblierte erste Stockwerk des Hauses, worin meine Mutter wohnte. Zugleich traf ich meine Maßregeln, um meinen Körper von dem Gift zu befreien, das die niederträchtige Schlesierin eingeflößt hatte. Ein jeder, der mich sah, fragte mich, was ich mit meiner Haushälterin gemacht hätte; ich antwortete stets, ich bedürfte ihre Dienste nicht mehr und hätte sie daher entlassen, ohne mich weiter um sie zu bekümmern. Acht Tage darauf sagte mein Bruder Giovanni mir, der Graf von Bellegarde und fünf oder sechs von seinen Freunden befänden sich in ärztlicher Behandlung. So gut hatte Maton sie in diesen paar Tagen behandelt. »Sie tun mir leid, aber sie haben selber Schuld«, antwortete ich ihm. »Warum haben sie sich der Gefahr ausgesetzt?« »Ein Mädchen, das mit dir nach Dresden gekommen ist!« »Und das ich fortgejagt habe. Es genügt mir, daß es ihnen nicht gelungen ist, sie kennen zu lernen, solange sie noch bei mir war. Sage den Herren, sie haben unrecht, wenn sie sich über mich beklagen, und noch mehr unrecht, wenn sie ihre Schande offenbaren. Sie mögen sich dies zur Lehre dienen lassen und sollen versuchen, in aller Stille wieder gesund zu werden. Sonst werden alle vernünftigen Leute sie auslachen. Bist du nicht auch meiner Ansicht?« »Diese Geschichte macht dir keine Ehre.« »Das weiß ich wohl; deshalb brüste ich mich auch nicht damit, und ich bin nicht dumm genug, sie über alle Dächer zu schreien. Deine jungen Herren müssen rechte Windbeutel sein; denn sie hätten sich doch denken können, daß ich starke Gründe haben müßte, das Mädchen so plötzlich fortzuschicken; und deshalb hätten sie auf ihrer Hut sein müssen. Sie verdienen den Schaden, den sie ihnen zugefügt hat, und ich wünsche nur, daß sie sich die Lehre zu Herzen nehmen.« »Sie sind ganz erstaunt, daß du dich so wohl befindest.« »Du kannst sie trösten und ihnen sagen, daß sie mich ebenso schlecht behandelt hat wie sie, daß ich aber nichts davon sage, weil mir nichts daran liegt, für einen Dummkopf zu gelten.« Mein guter Giovanni, der sich selber der Dummheit überführt sah, sagte kein Wort mehr und ging. Ich unterwarf mich einer strengen Kur und hatte das Glück, Mitte August mich vollkommen gesund zu sehen. Um diese Zeit kam die Fürstin Lubomirska, die Schwester des Fürsten Adam Czartoryski, nach Dresden und wohnte beim Grafen Brühl. Ich hatte die Ehre, ihr meine Aufwartung zu machen, und erfuhr aus ihrem Munde, daß ihr königlicher Vetter so schwach gewesen war, sich von der Verleumdung täuschen zu lassen. Ich sagte zu ihr: ich sei der Meinung Ariostos, daß die Tugenden nur unter dem Schleier der Standhaftigkeit achtungswert sind. »Sie haben wohl bemerkt, Fürstin, daß es dem König, als ich zum letzten Male bei Ihnen mit ihm zusammen speiste, beliebte, so zu tun, wie wenn er mich nicht sähe. Ich beklage den Herrscher, der unter solchen Umständen der Achtung des Philosophen unwürdig wird. Eure Hoheit gehen jetzt nach Wien und werden nächstes Jahr nach Paris gehen; Sie werden mich dort sehen und können dann Ihrem Vetter, dem König, schreiben, daß Sie mich dort nicht gesehen haben würden, wenn man mich wirklich in effigie gehenkt hätte.« Da die Leipziger September-Messe sehr schön war, so fuhr ich dorthin, um zu meiner Kräftigung recht viele Lerchen zu essen, die mit Recht sehr berühmt sind. Da ich in Dresden mit weiser Zurückhaltung gespielt hatte, obwohl ich immer nur gesetzt hatte, so hatte ich einige hundert Dukaten gewonnen, so daß ich mit einem Kreditbrief von dreitausend sächsischen Talern auf den Bankier Hofmann nach Leipzig abreiste. Dieser machte mich mit einem achtzigjährigen, sehr geistreichen Herrn bekannt, dem Direktor aller Bergwerke des Kurfürstentums. Von diesem ehrenwerten Greis erfuhr ich einen Umstand, der allerdings von geringer Bedeutung, dennoch aber sehr bemerkenswert ist, weil kein Russe ihn kennt: daß nämlich die Kaiserin Katharina die Zweite, die von ganz Rußland und von allen, die sie gesehen haben, für brünett gehalten wurde, ja deren Haare sogar sehr schwarz waren, eigentlich blond war. Der Direktor, der sie von ihrem siebenten bis zum zehnten Jahre täglich in Stettin gesehen hatte, erzählte mir, man habe damals begonnen, die junge Prinzessin mit Bleikämmen zu strählen und die Haare mit einer Salbe einzureiben, wodurch sie schwarz geworden wären. Dies tat man, weil Katharina bereits in ihrem zehnten Jahre zur künftigen Gattin des Herzogs von Holstein, des späteren unglücklichen Zaren, Peters des Dritten, bestimmt war. Da die Russen im allgemeinen blond sind, so bot der Hof alles auf, die Herrscherfamilie schwarzhaarig zu machen. Ich bezweifle jedoch, daß dies gelingen wird, es sei denn durch die natürliche Mischung der Rassen. In Leipzig hatte ich ein Abenteuer, dessen ich mich stets mit Vergnügen erinnere. Die Prinzessin von Arenberg, die von Wien eingetroffen war und in demselben Gasthof wohnte wie ich, hatte die Laune, die Messe zu besuchen, ohne erkannt zu werden. Da sie ein großes Gefolge bei sich hatte, ließ sie sich durch eine ihrer Kammerfrauen vertreten und mischte sich unter die Personen, die die falsche Prinzessin begleiteten. Meine Leser werden vermutlich wissen, daß die Prinzessin sehr hübsch war, daß sie viel Geist besaß und daß sie den verstorbenen Kaiser Franz den Ersten mit ihrer Huld beglückt hatte. Ich hatte von dieser Maskerade Kenntnis erhalten und verließ den Gasthof gleichzeitig mit ihr. Als nun die falsche Prinzessin vor einem Laden stehen blieb, um die ausgelegten Schmucksachen zu besehen, trat ich an die angebliche Zofe heran, die mich nicht kannte, und fragte sie ohne alle Umstände, wie man eben mit einem Kammermädchen spricht, ob es wahr sei, daß die Dame – damit zeigte ich auf diese – die berühmte Prinzessin von Arenberg sei. »Natürlich ist sie es.« »Ich kann es kaum glauben: denn sie ist nicht hübsch, außerdem hat sie nicht die Haltung und das Benehmen einer Prinzessin.« »Offenbar verstehen Sie sich nicht auf Prinzessinnen.« »Daran wäre jedenfalls nicht schuld, daß ich keine gesehen habe; um Ihnen aber zu beweisen, daß ich mich auf Prinzessinnen verstehe, so will ich Ihnen sagen, daß Sie eigentlich die Prinzessin sein müßten, denn ich würde gern hundert Dukaten geben, um die Nacht mit Ihnen zu verbringen.« »Hundert Dukaten! Sie wären schön angeführt, wenn ich Sie beim Wort nähme.« »Versuchen Sie es. Ich wohne in demselben Gasthof wie Sie, und wenn Sie es möglich machen, daß wir zusammenkommen, will ich das Geschenk im voraus geben, jedoch nur wenn ich sicher bin, daß ich Sie bekomme; denn ich liebe es nicht, angeführt zu werden.« »Schön. Sagen Sie nichts und versuchen Sie, vor oder nach dem Abendessen mit mir zu sprechen. Wenn Sie den Mut haben, ein bißchen zu riskieren, so werden wir die Nacht miteinander verbringen.« »Wie heißen Sie?« »Caroline.« Ich war vollkommen überzeugt, daß aus der Sache nichts werden würde, aber es machte mir Spaß, die Prinzessin belustigt und ihr zu verstehen gegeben zu haben, daß sie mir gefiele. Ich beschloß daher, die so glücklich begonnene Rolle des Unwissenden weiter zu spielen. Um die Zeit des Abendessens begann ich vor den Gemächern der Prinzessin herumzustrolchen. Nachdem ich drei- oder viermal vor dem Zimmer stehen geblieben war, worin sich die Kammerfrauen aufhielten, kam eine von ihnen heraus und fragte mich, ob ich etwas suchte. »Ich wünsche eine von Ihren Kolleginnen zn sehen, mit der ich das Vergnügen hatte, mich einen Augenblick auf der Straße zu unterhalten.« »Jedenfalls Caroline?« »Ja.« »Sie bedient die Prinzessin bei Tisch, aber in einer halben Stunde wird sie herauskommen.« Ich verbrachte diese halbe Stunde in meinem Zimmer und kam dann wieder. Bald kam dasselbe Mädchen, mit der ich bereits gesprochen hatte, wieder heraus und sagte mir, ich möchte in eine Kammer eintreten, die sie mir zeigte; Caroline würde sofort zu mir kommen. Die Kammer war dunkel, klein und unbequem; ich trat ein, und nach kurzer Zeit erschien eine Frau. Ich war fest überzeugt, daß es diesmal die wirkliche Caroline war, aber ich spielte meine Rolle weiter. Kaum war sie eingetreten, so ergriff sie meine Hand und sagte mir, ich möchte nur bleiben, sie würde zu mir kommen, sobald ihre Herrin zu Bett gegangen wäre. »Und ohne Licht?« »Ei ja, allerdings! Ohne Licht – denn die Leute von Hause gehen fortwährend hin und her; sie würden merken, daß jemand in der Kammer ist, und das will ich nicht.« »Aber, reizende Caroline, ohne Licht habe ich keine Seele. Außerdem ist dieser Ort nicht geeignet, um fünf oder sechs Stunden zu verbringen. Ich will Ihnen etwas sagen: das erste Zimmer im oberen Stock ist das meine. Ich werde allein sein, und ich schwöre Ihnen, es wird niemand zu mir kommen! Kommen Sie herauf, und Sie machen mich glücklich. Die hundert Dukaten habe ich hier!« »Das ist unmöglich. Nicht um eine Million würde ich es wagen, nach oben zu gehen.« »Um so schlimmer für Sie; denn nicht um anderthalb Millionen würde ich in diesem Loch bleiben, wo nur ein Stuhl ist. Leben Sie wohl, schöne Caroline!« »Warten Sie doch, lassen Sie mich zuerst hinausgehen!« Das schlaue Zöfchen lief schnell hinaus, ich war aber ebenso schlau wie sie und ergriff ihren Rock, so daß sie die Tür nicht hinter sich schließen konnte. Wir gingen also miteinander hinaus, ich brachte sie bis an ihre Tür und sagte dort zu ihr: »Leben Sie wohl, Caroline. Die Falle war nicht ganz richtig aufgestellt!« Im höchsten Grade befriedigt von diesem Maskenscherz legte ich mich zu Bett. Offenbar wollte man mich die Nacht in einem Loch verbringen lassen, um mich dafür zu bestrafen, daß ich es gewagt hatte, der Geliebten eines Kaisers hundert Dukaten anzubieten. Ohne Zweifel biß sich die Prinzessin auf die Lippen, weil ihr Streich ihr mißlungen war. Am nächsten Mittag trat in dem Augenblick, wo ich um ein Paar Spitzenmanschetten handelte, die Prinzessin von Arenberg in den Laden ein. In ihrer Begleitung war der Graf von Zinzendorf, den ich vor zwölf Jahren in Paris bei der Cavamacchie gekannt hatte. Als ich mich zurückzog, um der Prinzessin Platz zu machen, erkannte der Graf mich, redete mich an und fragte mich, ob ich den Casanova kenne, der vor sechs Monaten das Duell gehabt habe. »Ach, Herr Graf, das bin ich selber; ich trage infolge davon noch meinen Arm in der Binde.« »Ich mache Ihnen mein Kompliment dazu, mein Lieber; die Geschichte dieses Duells muß jedenfalls sehr interessant sein.« Hierauf stellte der Graf mich der Prinzessin vor und fragte sie, ob sie von meinem Zweikampf gehört habe. »Ja, ich habe durch die Zeitungen davon erfahren. Also der Herr hier ist der Held dieser Geschichte! Ich bin entzückt, Ihre Bekanntschaft zu machen.« Diese Worte sprach die Prinzessin sehr wohlwollend und zugleich mit der Ruhe vollendeter Verstellung, die man nur bei Hofe richtig lernt. Sie tat, wie wenn sie mich gar nicht kenne, und ich ahmte natürlich ihre Zurückhaltung nach. Als ich nach Tisch dem Grafen meinen Besuch machte, bat er mich, mit ihm einen Augenblick bei der Prinzessin einzutreten; diese werde sehr erfreut sein, aus meinem eigenen Munde die Erzählung meines seltsamen Abenteuers zu vernehmen. Ich folgte ihm mit großem Vergnügen. Die Prinzessin hörte meiner Erzählung sehr aufmerksam zu und blieb immer Prinzessin; ihre Kammerzofen sahen mich nicht an. Den Tag darauf reiste sie ab, und mein Abenteuer hatte keine weiteren Folgen. Gegen Ende der Messe empfing ich zu meiner großen Überraschung den Besuch der schönen Castelbajac. Sie erschien in dem Augenblick, wo ich mich allein zu Tisch setzen wollte, um so recht mit Genuß ein Dutzend schöner Lerchen zu verspeisen und mich hierauf zu Bett zu legen. »Wie, Madame? Sie hier?« »Leider ja, zu meinem großen Unglück! Ich bin seit drei Wochen hier; ich habe Sie zwanzigmal gesehen, und wir sind Ihnen immer ausgewichen.« »Wir? Wer?« »Schwerin.« »Er ist hier?« »Im Gefängnis. Wegen eines falschen Wechsels, den er diskontiert hat; und ich weiß nicht, was man mit dem Unglücklichen machen wird. Er hätte fliehen sollen, aber er will, wie es scheint, durchaus sich hängen lassen.« »Und Sie haben mit ihm die ganze Zeit verbracht, seitdem Sie England verließen? Das ist drei Jahre her.« »Ganz recht, überall hat er gestohlen, gegaunert, betrogen und dann die Flucht ergriffen. Auf der ganzen Welt ist keine so unglückliche Frau wie ich.« »Wieviel beträgt der falsche Wechsel?« »Dreihundert Taler. Vergessen Sie alles, Herr Casanova; tun Sie ein heroisches Werk, retten Sie den Unglücklichen vor dem Galgen oder dem Zuchthaus und mich vor dem Tode; denn ich werde mich töten.« »Meinetwegen mag man ihn hängen, Madame; denn er hat versucht, mich mit seinen falschen Banknoten an den Galgen zu bringen. Aber ich gestehe Ihnen, um Sie tut es mir leid. Darum lade ich Sie ein, übermorgen mit mir nach Dresden zu fahren, und verspreche Ihnen dreihundert Taler, sobald die Justiz über diesen Spitzbuben die verdiente Strafe ausgesprochen hat. Ich begreife nicht, daß eine Frau wie Sie sich hat in einen Mann verlieben können, der weder hübsch noch geistreich ist, der weder Talent noch Vermögen hat; denn alles, was er hat, ist sein Name Schwerin.« »Ach, ich muß Ihnen leider zu meiner Schande gestehen, daß ich ihn niemals geliebt habe. Seitdem der andere Spitzbube Castelbajac – dessen Frau ich, nebenbei bemerkt, niemals gewesen bin – ihn mit mir bekannt machte, habe ich nur gezwungen mit ihm gelebt; aber seine Tränen und seine Verzweiflung haben mich oft gerührt. Hätte das Schicksal mir einen ehrenwerten Mann zugeführt, mit dem ich mich durch die Bande des Gesetzes hätte vereinigen können – ich hätte mich von Herzen gern von diesem Unglücklichen losgesagt, der früher oder später noch die Ursache meines Todes sein wird.« »Wo wohnen Sie?« »Augenblicklich nirgends; denn man hat mich auf die Straße gesetzt, nachdem man mir alle meine Sachen abgenommen hat. Haben Sie Mitleid mit mir!« Mit diesen Worten warf die Unglückselige sich unter strömenden Tränen vor mir auf die Knie. Ich war tief gerührt. Der Kellner des Gasthofs stand dabei und sah ganz verblüfft diesem Auftritt zu, da ich ihm noch nicht gesagt hatte, daß er hinausgehen sollte. Die Frau war unfraglich eine der größten Schönheiten Frankreichs; sie mochte etwa sechsundzwanzig Jahre alt sein. Sie war die Frau eines Apothekers in Montpellier und hatte das Unglück gehabt, sich von Castelbajac verführen zu lassen. In London hatte sie keinen Eindruck auf mich gemacht, weil ich damals von einem anderen Gegenstand zu sehr in Anspruch genommen war, aber sie besaß alles, was ein Weib sich nur wünschen kann, um zu gefallen. Ich hob sie auf, indem ich ihr sagte, ich sei sehr geneigt, ihr zu helfen, müßte sie aber bitten, sich zu beruhigen und sogar mit mir zu Abend zu speisen. Der Kellner brachte, ohne daß ich ihm etwas gesagt hatte, sofort ein zweites Bett in mein Zimmer, worüber ich herzlich lachen mußte. Die arme Frau aß trotz ihrem Kummer mit großem Appetit; sie erinnerte mich an die Witwe von Ephesus. Nachdem sie tüchtig gegessen hatte, stellte ich sie vor die Wahl, daß ich nichts für sie tun und sie in Leipzig ihrem Schicksal überlassen, oder daß ich versuchen würde, alle ihre Sachen herauszubekommen, und daß ich sie mit mir nach Dresden nehmen, ihr alles Notwendige beschaffen und hundert Dukaten in Gold geben würde, sobald ich gewiß wäre; daß sie sie nicht dem Elenden schenkte, der sie in eine so jämmerliche Lage gebracht hätte. Sie brauchte nicht lange nachzudenken, um ihren Entschluß zu fassen, und sagte zu mir: »Wenn ich in Leipzig bleibe, so sehe ich keine Möglichkeit, dem unglückseligen Wechselfälscher nützlich zu werden. Außerdem könnte ich selber keine vierundzwanzig Stunden mehr leben, denn ich habe keinen Heller. Ich müßte entweder betteln oder mich prostituieren, und weder zu dem einen noch zu dem anderen kann ich mich entschließen. Wenn Sie mir die hundert Dukaten in diesem Augenblick gäben und ich mittels dieser Summe den Unglücklichen aus dem Gefängnis befreite, so wäre ich noch ebenso tief im Unglück und wüßte nicht, wie ich von hier fortkommen oder wohin ich gehen sollte. Ich nehme also Ihr großmütiges Anerbieten an, und Sie können auf meine Dankbarkeit zählen.« Ich umarmte sie und versprach ihr, die von ihrem Wirt mit Beschlag belegten Sachen frei zu machen; hierauf lud ich sie ein, sich zu Bett zu legen; denn sie bedurfte der Ruhe. »Ich sehe voraus,« sagte sie zu mir, »daß Sie, weil Sie Gefallen an mir finden oder auch nur aus Höflichkeit, sich mir nähern und Gunstbezeigungen von mir verlangen werden, die ich herzlich gern aus Liebe und aus Dankbarkeit Ihnen gewähren würde; aber es wäre ein übler Lohn für Ihre Großmut, wenn ich Ihnen nicht sofort mitteilen wollte, in welcher beschämenden Lage ich mich befinde. Hier, sehen Sie meine Wäsche – in diesen Zustand hat mich der Elende versetzt. Darum kann ich ihn auch ohne Bedauern verlassen, obwohl er selber mir immer noch leid tut.« Ich dachte an die Krankheit, von der ich kaum genesen war, und schlug mir vor den Kopf, denn ich sah, daß ich mich sehr leicht von neuem hatte vergiften können. Die Handlungsweise der Frau fand ich edel und zartfühlend; ich dankte ihr daher und gab ihr die Versicherung, daß ich ihr meine Dankbarkeit noch beweisen würde. Die schöne Französin hatte trotz ihrem Fehltritt tiefe Gefühle und ein ausgezeichnetes Herz; gerade dieses war ein schlechtes Geschenk, das die Natur ihr gemacht hatte, denn diesem guten Herzen verdankte sie ihr ganzes Unglück. Gleich am nächsten Tage fand ich einen ehrlichen Makler, dem ich die Angelegenheit in allen Einzelheiten mitteilte; er übernahm es, den Wirt zu veranlassen, daß er gegen eine vernünftige Entschädigung der Frau Castelbajac ihre Sachen herausgäbe. Mit sechzig sächsischen Talern wurde die Sache abgemacht, und schon am Nachmittag sah die arme Frau sich wieder im Besitze aller ihrer Sachen, die sie niemals herauszubekommen geglaubt hatte. Sie war ganz und gar von Dankbarkeit durchdrungen und beklagte den unglücklichen Zustand, der sie hinderte, mir Beweise davon zu geben. Dies entspricht der Natur: eine gefühlvolle Frau glaubt einem Manne, der ihr Wohltaten erwiesen hat, nichts Besseres antun zu können, als daß sie sich rückhaltlos ihm hingibt. Ich glaube, ein Mann denkt anders, und der Grund davon ist sehr einfach: der Mann ist geschaffen, um zu geben, das Weib aber, um zu empfangen. Am nächsten Tage, kurz vor unserer Abreise, kam der Makler und sagte uns, der von Schwerin betrogene Bankier habe einen besonderen Boten nach Berlin gesandt, um den Gesandten zu fragen, ob der König von Preußen etwas dagegen habe, daß man mit aller Strenge des Gesetzes gegen den Grafen Schwerin verfahre. Als die Castelbaiac das hörte, rief sie: »Das ist der Schlag, den der Unglückliche am meisten befürchtete! Es ist um ihn geschehen. Der König wird seine Schulden bezahlen, aber Schwerin wird sein Leben in Spandau beschließen. Warum war er nicht schon vor vier Jahren dort!« Glücklich und dankbar reiste sie mit mir ab; in Dresden war man sehr überrascht, als ich mit dieser neuen Begleiterin erschien. Sie hatte nicht, wie Maton, das Aussehen einer Dirne, sondern konnte sich in der Gesellschaft sehen lassen, beherrschte den guten Ton und hatte ein bescheidenes und doch imponierendes Auftreten. Ich stellte sie als Gräfin Blasin meiner Mutter und meinen Verwandten vor, und ließ sie in meinem schönsten Zimmer wohnen. Ich ließ den Wundarzt rufen, der mich behandelt hatte, und nahm ihm einen Eid ab, daß er niemals über den Zustand der Gräfin sprechen, sondern sagen werde, er komme nach wie vor meinetwegen. Ich nahm sie mit ins Theater und an andere öffentliche Orte und machte mir eine Freude daraus, sie als eine Person von ausgezeichneter Herkunft auftreten zu lassen. Eine nicht zu scharfe, aber pünktlich befolgte Kur gab ihr in kurzer Zeit ihre Gesundheit wieder. Gegen Ende November befand sie sich so wohl, daß sie imstande zu sein glaubte, mich glücklich zu machen. Die Vermählung wurde in aller Heimlichkeit vollzogen und war sehr süß. Als Hochzeitsgeschenk erhielt ich am Tage darauf die Nachricht, der König von Preußen habe Schwerins Schuld bezahlt, und der Taugenichts sei unter guter Bedeckung nach Berlin gebracht worden. Wenn er nicht gestorben ist, befindet er sich noch in Spandau. Die Zeit war also gekommen, wo ich der Schönen, in die ich mich wirklich verliebt hatte, die hundert Dukaten zahlen mußte. Daß ich sie liebte, war kein Wunder, denn sie war sanft, schön und anständig. Ich sagte ihr ganz offen, daß ich meiner Interessen wegen nach Portugal gehen müsse, daß ich aber nicht in Begleitung einer schönen Frau dorthin gehen könne, ohne das Glück in Frage zu stellen, das ich dort zu finden erwarte. Außerdem würden meine Mittel mir nicht erlauben, die Kosten einer so langen Reise für zwei Personen zu bestreiten. Die Castelbajac hatte zu viele Beweise meiner Liebe empfangen, um glauben zu können, daß ich ihrer überdrüssig wäre und mich ihrer zu entledigen wünschte, um mit einer anderen zusammen zu leben. Sie sagte nur freundschaftlich, sie schulde mir alles, und ich sei ihr nichts schuldig; wenn ich aber meinen Wohltaten die Krone aufsetzen wolle, so möge ich ihr die Mittel geben, nach Montpellier zurückzukehren. »Ich habe dort Verwandte,« sagte sie zu mir, »die mich gut aufnehmen werden, und ich hoffe, zu meinem Gatten zurückkehren zu können. Ich bin das verlorene Kind; ich werde in ihm den guten Vater finden.« Ich gab ihr mein Wort, daß ich ihr die Mittel verschaffen würde, in ihre Heimat zurückzukehren. Etwa Mitte Dezember verließ ich Dresden mit Madame Blasin. Ich hatte nur noch vierhundert Dukaten zu meiner Verfügung, weil das Glück mir an der Pharaobank den Rücken gekehrt und weil die Leipziger Reise mit allen ihren Folgen mir dreihundert Dukaten gekostet hatte. Hiervon sagte ich jedoch meiner Schönen nichts, sondern dachte nur daran, ihr meine Liebe auf jede mögliche Art zu beweisen. Wir machten in Prag einen kurzen Aufenthalt und kamen in Wien am ersten Weihnachtsfeiertage an. Wir stiegen im »Roten Ochsen« ab; Frau Gräfin Blasin, die sich in eine Modistin verwandelt hatte, wohnte in dem einen Zimmer und ich in dem anderen, so daß wir getrennt gelten konnten, dabei aber doch in inniger Vertraulichkeit vereint blieben. Gleich am nächsten Morgen, als wir miteinander Kaffee tranken, traten zwei Menschen bei ihr ein und richteten in grobem Tone die Frage an sie: »Wer sind Sie, Madame?« »Ich heiße Blasin.« »Wer ist dieser Herr?« »Fragen Sie ihn selber.« »Was machen Sie in Wien?« »Ich trinke Milchkaffee, wie Sie sehen.« »Wenn der Herr nicht Ihr Gatte ist, werden Sie binnen vierundzwanzig Stunden abreisen.« »Der Herr ist nicht mein Gatte, sondern nur mein Freund, und ich werde abreisen, wann es mir gefällt, es sei denn, daß man mich mit Gewalt fortschafft.« »Gut. Wir wissen, mein Herr, daß Sie ein Zimmer für sich haben. Aber das ist einerlei.« Einer von den beiden Polizisten ging in mein Zimmer; ich folgte ihm und fragte: »Was wollen Sie hier?« »Nur Ihr Bett ansehen. Wie ich bemerke, haben Sie nicht darin geschlafen. Das genügt.« »Zum Teufel nochmal, was geht Sie das an? Wer kann denn nur solch ein abscheuliches Spürsystem erlauben?« Er antwortete nicht, sondern begab sich wieder in das Zimmer der Blasin. Die beiden Büttel wiederholten nochmals den Befehl, binnen vierundzwanzig Stunden abzureisen, und entfernten sich. Ich sagte zu meiner Begleiterin: »Kleiden Sie sich an und berichten Sie den ganzen Vorfall dem französischen Gesandten. Sagen Sie, Sie seien Fräulein Blasin, Modistin, und warten hier nur auf eine Gelegenheit, um sich nach Straßburg und von dort nach Montpellier zu begeben.« Während sie sich ankleidete, ließ ich einen Wagen und einen Lohndiener kommen. Madame Blasin kam nach einer Stunde wieder und sagte mir, der Gesandte habe ihr versichert, sie könne ruhig bleiben und brauche nicht früher abzureisen als bis es ihr passe. Triumphierend fuhr ich mit ihr nach der Messe; da aber das Wetter schlecht war, so fuhren wir gleich nachher nach Hause und brachten den ganzen Tag damit zu, vor einem guten Feuer bei gutem Essen und Trinken es uns wohl sein zu lassen. Um acht Uhr abends kam der Wirt und sagte sehr höflich zu ihr, er habe Befehl erhalten, ihr ein Zimmer anzuweisen, das nicht an das meinige anstoße, und er sei gezwungen, zu gehorchen. »Ich bin bereit, das Zimmer zu wechseln!« rief Madame Blasin lachend. »Muß Madame auch allein speisen?« fragte ich den Wirt. »Einen diesbezüglichen Befehl habe ich nicht erhalten.« »In diesem Falle gedenke ich mit Madame zu soupieren, und ich werde Ihnen sehr verbunden sein, wenn Sie für ein recht gutes Essen sorgen.« »Sie werden zufriedengestellt werden, mein Herr.« Trotz der schikanösesten Polizei, die die bigotteste Tyrannei hat ersinnen können, verbrachten wir in innigster Vertraulichkeit die vier Tage und Nächte, die die reizende Frau sich noch in Wien aufhielt. Als sie abreiste, wollte ich sie zur Annahme von fünfzig Louis bewegen; sie nahm aber nur dreißig, da sie sich ausgerechnet hatte, daß sie bei der Ankunft in Montpellier noch Gold in ihrer Börse haben würde. Wir schieden tiefgerührt voneinander, und sie schrieb mir von Straßburg aus. Bei meiner Durchreise durch Montpellier werden wir sie wiederfinden. Am Neujahrstage 1767 nahm ich eine Wohnung bei einem gewissen Herrn Schröder und übergab meinen Empfehlungsbrief an Frau von Salmor, Oberhofmeisterin der Erzherzogin Marianne, und an Frau von Starhemberg. Hierauf machte ich Besuch bei dem älteren Casalbigi, der unter dem Fürsten Kaunitz für das Ministerium arbeitete. Dieser Casalbigi, dessen ganzer Körper von Beulen bedeckt war, arbeitete stets in seinem Bett, das er fast niemals verließ, und der Minister ging beinahe jeden Tag zu ihm. Ich war oft bei Metastasio und ging jeden Tag ins Theater, wo Vestris tanzte, den der junge Kaiser von Paris hatte kommen lassen. Am 7. oder 8. Januar sah ich die Kaiserin-Mutter ganz in Schwarz gekleidet ins Theater kommen. Sie wurde mit allgemeinem Händeklatschen empfangen, denn es war das erstemal, daß sie sich seit dem Tode ihres kaiserlichen Gemahls in der Öffentlichkeit zeigte. Ich fand in Wien den Grafen de la Perouse, der bei der Kaiserin die Rückerstattung einer halben Million Gulden betrieb, welche Kaiser Karl der Sechste seinem Vater geschuldet hatte. Durch seine Vermittlung machte ich die Bekanntschaft eines gewissen Las Casas, eines geistvollen und, was selten vorkommt, vorurteilsfreien Spaniers. Bei dem Grafen fand ich ferner den Venetianer Uccelli, mit dem ich im Kollegium San Cipriano auf Murano zusammen gewesen war; er war in Wien als Gesandtschaftssekretär bei dem Botschafter Polo Renieri, der in jenen Tagen starb. Der Botschafter, ein geistreicher und gebildeter Mann, schätzte mich, konnte mich jedoch wegen meines Handels mit den Staatsinquisitoren nicht empfangen. In jenen Tagen kam mein Freund Campioni in Wien an; er war von Warschau über Krakau gereist. Ich nahm ihn mit großem Vergnügen in meine Wohnung auf. Er hatte ein Engagement in London, konnte jedoch ein paar Monate mit mir verbringen, worüber ich hocherfreut war. Prinz Karl von Kurland war im Sommer einen Monat in Venedig gewesen, wo Herr von Bragadino und meine anderen Freunde, an die ich ihn empfohlen hatte, ihn mit der größten Auszeichnung empfangen hatten. Hierauf hatte er zwei Monate in Wien zugebracht, war aber vierzehn Tage vor meiner Ankunft nach Venedig zurückgereist, wo damals der vor zwei Jahren verstorbene Herzog von Württemberg großes Aufsehen machte. Er hielt sich unter seinem fürstlichen Namen dort auf und gab ungeheuere Summen aus. Prinz Karl schrieb mir sehr dankbare Briefe; er erklärte, er habe niemals liebenswürdigere und zuvorkommendere Menschen getroffen als meine drei Freunde, und ich könne meinerseits bis zum Tode auf ihn rechnen. Ich lebte in Wien sehr ruhig und in guter Gesundheit. Unaufhörlich dachte ich an meine Reise nach Portugal, die ich im nächsten Frühjahr antreten wollte. Ich sah weder gute noch schlechte Gesellschaft, ging regelmäßig ins Theater und speiste oft bei Casalbigi, der sich mit seinem Atheismus brüstete und in unverschämter Weise auf Metastasio lästerte, der ihn verachtete. Casalbigi wußte dies, aber er lachte darüber; er war ein großer politischer Rechenkünstler und die rechte Hand des Fürsten Kaunitz. Als ich eines Tages nach Tisch mit meinem lieben Campioni plauderte, sah ich ein sehr hübsches kleines Mädchen von zwölf bis dreizehn Jahren bei mir eintreten. Ihr Benehmen war ein Gemisch von Keckheit und Schüchternheit; sie blieb in einiger Entfernung vor uns stehen und machte mir eine tiefe Verbeugung. Ich fragte sie nach ihrem Begehr, und sie antwortete mir in lateinischen Versen, ihre Mutter sei im Vorzimmer und werde hereinkommen, wenn ich es wünsche. Ich antwortete ihr in lateinischer Prosa, es liege mir nichts daran, ihre Mutter zu sehen, und sagte ihr ganz offen den Grund dafür. Sie antwortete mir mit vier anderen lateinischen Versen; da diese jedoch nicht paßten, so sah ich, daß sie die Verse auswendig hersagte, ohne zu wissen, was sie bedeuteten. Sie sagte mir, immer in Versen, ihre Mutter müsse hereinkommen, denn man werde sie ins Gefängnis stecken, wenn die Keuschheitskommissäre Verdacht schöpfen könnten, daß sie mit mir allein wäre, und daß ich mich mit ihr belustigte. Dieser letztere Ausdruck war ohne jede Umschreibung mit dem ganzen Kynismus der lateinischen Sprache und im Stile Pirons angewandt. Ich mußte laut lachen und bekam Lust, ihr in ihrer Muttersprache zu erklären, was sie mir gesagt hatte. Die kleine Spitzbübin erzählte mir, sie sei Venetianerin. Das versetzte mich in eine behagliche Laune, und ich ließ mich dazu fortreißen, ihr zu sagen, die Polizeispione könnten sie nicht im Verdacht haben, daß sie das von ihr Erwähnte täte, denn sie wäre noch zu jung. Die Kleine dachte einen Augenblick über diesen Einwand nach und rezitierte dann einige Verse aus den Priapeen, worin es heißt, daß herbe Früchte den Gaumen mehr reizen als reife. Mehr war nicht nötig, um mich ganz und gar in Feuer zu setzen. Campioni merkte, daß er überflüssig war, und ging in sein Zimmer. Ich zog sie sanft an mich und fragte sie, ob ihr Vater in Wien sei. Sie bejahte diese Frage, ohne sich gegen meine Liebkosungen zu sträuben, und begann erotische Verse zu zitieren. Ich fand das köstlich und gab ihr zwei Dukaten. Hierauf entließ ich sie; bevor sie jedoch ging, sprach sie mir, wiederum in Versen, ihren Dank aus und gab mir einen Zettel, worauf, außer einer Adresse in deutscher Sprache, vier lateinische Verse standen, deren Sinn etwa der war, daß ich in ihr nach meinem Belieben Hebe oder Ganymed finden würde. Trotz aller Verruchtheit konnte ich nicht umhin, den erfinderischen Geist ihres Vaters zu bewundern, der auf diese Weise auf Kosten seiner Tochter zu leben wußte. Die Kleine war sehr hübsch, aber hübsche Mädchen sind in Wien so gewöhnlich, daß sie trotz aller Schönheit in Armut und Elend bleiben. Seine Tochter war durch diese Scharlatankünste eine überraschende Neuheit geworden; allerdings war vorauszusehen, daß er in Wien nicht weit damit kommen würde. Am nächsten Abend gab mir mein böser Geist den Wunsch ein, zu Fuß in die Wohnung des Mädchens zu gehen. Trotz meinen zweiundvierzig Jahren, trotz meiner großen Lebenserfahrung beging ich die Unvorsichtigkeit, allein nach dem mir angegebenen Hause zu suchen. Die Kleine hatte mich vom Fenster aus bemerkt; sie erriet, daß ich ihre Wohnung suchte, und zeigte mir die Haustür. Ich trat ein, ging eine Treppe hinauf und fühlte beim Anblick des niederträchtigen Diebes Pocchini mein Blut eiskalt durch die Adern strömen. Eine falsche Scham hielt mich ab, sofort wieder umzukehren; dies hätte ausgesehen, wie wenn ich ihn fürchtete, und daran dachte ich nicht einmal. Ich sah in demselben Zimmer seine angebliche Frau Catina, zwei slawonische Räuber und den Lockvogel. Alle Lust zum Lachen war mir vergangen; aber ich verbarg meine Gefühle so gut ich konnte, fest entschlossen, nach fünf Minuten wieder zu gehen. Pocchini fluchte und schwor. Er warf mir die Härte vor, womit ich ihn in England behandelt hätte, und erklärte schließlich, jetzt sei für ihn die Zeit gekommen, sich zu rächen, und mein Leben sei in seiner Hand. Einer von den beiden Slawoniern nahm das Wort und sagte, wir müßten Frieden schließen. Er ließ mich Platz nehmen, öffnete eine Flasche Wein und verlangte, daß wir miteinander anstießen. Ich mußte gute Miene zum bösen Spiel machen; da ich jedoch nicht trank, schrie Pocchini wütend, ich tränke nur deshalb nicht, weil ich die Flasche nicht bezahlen wollte. »Sie irren sich,« sagte ich; »ich bin bereit, sie zu bezahlen.« Ich steckte die Hand in die Tasche, um einen Dukaten herauszuholen, ohne die Börse zu ziehen; aber der Slawonier sagte, ich könnte sie unbesorgt hervorholen, denn ich wäre bei ehrlichen Leuten. Abermals veranlaßte falsche Scham mich, nachzugeben; da es mir einige Mühe machte, mit der rechten Hand die Börse zu öffnen, während ich die linke in der Binde trug, nahm der Slawonier mir die Börse aus der Hand. In demselben Augenblick entriß Pocchini sie ihm und rief, das Geld gehöre ihm als Ersatz für einen Teil des Schadens, den ich ihm verursacht hätte. Da ich sah, daß dies eine abgekartete Sache war, so sagte ich lächelnd, dies stehe in seinem Belieben, und stand auf, um mich zu entfernen. Der Slawonier verlangte nun aber, wir sollten uns umarmen, und als ich ihm antwortete, das sei nicht notwendig, zogen er und sein Kamerad wütend ihre Säbel. Ich hielt mich für verloren. Ich beeilte mich, sie zu umarmen, und war sehr erstaunt, daß sie mich gehen ließen. Den Tod im Herzen ging ich nach Hause und da ich nicht wußte, was ich tun sollte, so legte ich mich zu Bett. Viertes Kapitel Ich erhalte den Befehl, Wien zu verlassen. – Die Kaiserin mildert ihn, nimmt ihn aber nicht zurück. – Zawoiski in München. – Mein Aufenthalt in Augsburg. – Eulenspiegelstreich. – Ludwigsburg. – Der Kölner Zeitungsschreiber. – Meine Ankunft in Aachen. Jemand, der einen Spitzbuben bestraft, begeht den allergrößten Fehler, wenn er ihn die Strafe überleben läßt; denn er muß wissen, daß der bestrafte Schuft nur an Rache denken und daß er dazu die allergemeinsten Mittel anwenden wird. Hätte ich in der Wohnung der Halunken meinen Degen bei mir gehabt, so würde ich mich ohne Zweifel verteidigt haben. Da ich aber einer gegen drei war, so wäre es mir schlecht ergangen: sie hätten mich in Stücke gehauen und sich in den Raub geteilt, und die Justiz hätte ihnen nichts getan, denn sie hätten natürlich das Corpus delicti verschwinden lassen. Um acht Uhr kam Campioni an mein Bett; er war sehr erstaunt über mein Abenteuer. Ohne sich damit aufzuhalten, mich zu bedauern, wie die Dummköpfe es tun, beriet er mit mir die Mittel und Wege, wie ich Gerechtigkeit erlangen und meine Börse wieder bekommen könnte. Wir fanden jedoch nur unzulängliche Mittel; das Mordgesindel konnte leugnen, ich aber hatte keine Zeugen, um sie zu überführen. Trotzdem schrieb ich am nächsten Morgen die ganze Geschichte dieses Hinterhaltes auf, indem ich mit dem Mädchen begann, das die lateinischen Verse hergesagt hatte. Ich hatte die Absicht, diese Schrift dem Polizeidirektor oder Kriminalrichter einzureichen, je nachdem mir ein Advokat raten würde, den ich um Rat zu fragen gedachte. Man ließ mir jedoch keine Zeit dazu. Ich hatte eben zu Mittag gegessen, als ein Polizeibeamter erschien und mir den Befehl überbrachte, mit dem sogenannten »Statthalter«, Graf von Schrattenbach, zu sprechen. Ich bat ihn, meinem Kutscher, der an der Haustür hielt, zu sagen, wohin ich mich zu begeben hätte, und sagte, ich würde sofort kommen. Im Amtszimmer des Statthalters sah ich einen dicken Herrn stehen; andere standen zur Seite und schienen nur da zu sein, um seine Befehle auszuführen. Sobald er mich sah, hielt er mir eine Uhr hin und befahl mir, zu sehen, wie spät es wäre. »Ich sehe es.« »Schön. Wenn Sie morgen um dieselbe Stunde noch in Wien sind, werde ich Sie mit Gewalt aus der Stadt schaffen lassen.« »Warum geben Sie mir diesen ungerechten und willkürlichen Befehl?« »Ich habe Ihnen überhaupt keine Rechenschaft abzulegen; aber ich kann Ihnen sagen, daß Sie diesen Befehl nicht empfangen würden, wenn Sie nicht die Gesetze Ihrer Majestät übertreten hätten, die das Glücksspiel verbieten und die Betrüger zur Zwangsarbeit verurteilen. Kennen Sie diese Börse und diese Karten?« Die Karten kannte ich nicht, aber ich erkannte meine Börse, die offenbar nur noch ein Viertel von dem Gold enthielt, das darin gewesen war, als man sie mir abgenommen hatte. Vor Entrüstung bebend, gab ich dem gestrengen Beamten keine andere Antwort, als daß ich ihm den vier Seiten langen wahrheitsgetreuen Bericht über das mir Widerfahrene hinreichte. Der gestrenge Herr las ihn und sagte mir dann lachend, mein Geist sei wohl bekannt, man wisse, wer ich sei und warum man mich aus Warschau ausgewiesen habe; die Geschichte, die er gelesen habe, sei ein Lügengewebe, das dem gesunden Menschenverstand Hohn spreche, denn ihm fehle jede Wahrscheinlichkeit. »Kurz und gut,« so schloß er, »Sie werden innerhalb der von mir vorgeschriebenen Zeit abreisen, und jetzt wünsche ich zu wissen, wohin Sie gehen wollen.« »Dies, mein Herr, werde ich Ihnen erst sagen, wenn ich mich zur Abreise entschlossen habe.« »Wie? Sie wagen mir zu sagen,daß Sie mir nicht gehorchen werden?« »Sie selber haben mir die Wahl gelassen, indem Sie mir sagten, Sie würden mich mit Gewalt aus der Stadt schaffen, wenn ich nicht freiwillig reiste.« »Schön. Man hat mir bereits gesagt, daß Sie einen harten Kopf haben; aber der wird Ihnen hier nichts nützen. Ich rate Ihnen, eine harte Behandlung zu vermeiden und abzureisen.« »Ich bitte Sie, mir meine Schrift zurückzugeben.« »Ich gebe Ihnen nichts zurück. Gehen Sie!« Dies, lieber Leser, war einer der fürchterlichsten Augenblicke, die ich in meinem Leben gehabt habe; ich zittere noch jetzt, so oft ich daran denke. Nur eine feige Liebe zum Leben konnte mich abhalten, meinen Degen zu ziehen und den niederträchtigen Statthalter von Wien zu durchbohren, der sich gegen mich nicht wie ein Richter, sondern wie ein Henkersknecht betrug. Indem ich mich entfernte, kam mir der Gedanke, die Geschichte dem Fürsten Kaunitz zu erzählen, obgleich ich nicht die Ehre hatte, von ihm gekannt zu sein. Ich begab mich zu ihm, und ein Kammerdiener, den ich traf, sagte mir, ich möchte in dem Zimmer warten, worin ich mich befände, weil der Fürst gleich durchkommen würde, um mit seinen Gästen zu Tisch zu gehen. Es war fünf Uhr. Der Fürst erschien mit mehreren Gästen, und ich bemerkte an seiner Seite den venetianischen Botschafter, Herrn Polo Renieri. Der Fürst fragte mich, was ich wolle, und ich erzählte ihm, coram omnibus und mit lauter Stimme, den ganzen Fall. »Ich habe den Befehl erhalten, abzureisen, gnädiger Herr, aber ich werde nicht gehorchen. Ich flehe Eure Durchlaucht um Ihren Schutz an, um meine gerechten Beschwerden an den Thron gelangen zu lassen.« »Schreiben Sie Ihre Eingabe,« antwortete der Fürst, »ich werde sie der Kaiserin schicken; aber ich rate Ihnen, Ihre Majestät nur zu 99 bitten, daß der Befehl aufgeschoben wird; denn Sie würden sie erzürnen, wenn Sie ihr sagten, daß Sie nicht gehorchen werden.« »Aber wenn die Gnade auf sich warten läßt, gnädiger Herr, wird die Gewalt ihren Weg nehmen.« »Begeben Sie sich zu dem Gesandten Ihres Vaterlandes.« »Ach, mein Fürst, ich habe kein Vaterland mehr, obgleich ich es immer noch liebe. Eine Gewaltmaßregel beraubt mich meiner Bürger- und Menschenrechte. Ich bin Venetianer und heiße Casanova.« Überrascht sah der Fürst den venetianischen Gesandten an, der mit lachender Miene etwa zehn Minuten lang mit ihm sprach. »Es ist ein Unglück für Sie,« sagte der Fürst gütig, »daß Sie nicht den Schutz eines Gesandten in Anspruch nehmen können.« Kaum hatte er dies gesagt, so erklärte ein Kavalier von kolossaler Gestalt, ich könne den seinigen in Anspruch nehmen, denn meine ganze Familie stehe im Dienste seines fürstlichen Herrn und ich selber habe ihm gedient. Das war buchstäblich wahr, denn der Kavalier war der sächsische Gesandte. »Es ist Graf von Vitzthum«, sagte der Fürst zu mir. »Schreiben Sie der Kaiserin; ich werde ihr sofort Ihre Eingabe schicken, und sollte die Antwort sich verzögern, so ziehen Sie sich zum Grafen zurück, in dessen Hause Sie vor jeder Gewaltmaßregel sicher sind, bis es Ihnen paßt, nach Ihrer Bequemlichkeit abzureisen.« Hierauf befahl der Fürst, mir Schreibzeug zu geben, und die ganze Gesellschaft folgte ihm in den Speisesaal. Hier die Eingabe, die ich in weniger als zehn Minuten niederschrieb, und die der venetianische Gesandte dem Senat meiner Heimat schickte, weil er glaubte, ihm damit ein Vergnügen zu machen. Madame, ich bin überzeugt, wenn Eure Kaiserliche und Königliche Majestät spazieren geht und ein Insekt mit klagender Stimme Ihnen zuruft, Sie werden es zertreten, so werden Sie Ihren Fuß ein wenig zur Seite wenden, um nicht das arme Geschöpf zu verletzen. Ich bin, Madame, das Insekt, das Sie anzuflehen wagt. Sie wollen dem Herrn Statthalter Schrattenbach befehlen, noch acht Tage zu warten, bevor er mich mit dem Pantoffel Eurer Majestät zerquetscht. Vielleicht, Madame, wird er nach dieser kurzen Zeit nicht nur mich nicht zerquetschen, sondern Eure Majestät werden ihm möglicherweise den erhabenen Pantoffel aus den Händen nehmen, den Sie ihm nur anvertraut haben, um Verbrecher zu zertreten, nicht aber einen Venetianer, der trotz seiner Flucht aus den Bleikammern ein Ehrenmann ist und der sich den Gesetzen Eurer Majestät in tiefer Ehrfurcht unterwirft. Wien, den 21. Januar 1767. Casanova. Als ich mit meiner Eingabe fertig war und sie ins Reine geschrieben hatte, schickte ich sie dem Fürsten, der sie mir fünf Minuten später zurücksandte und mir sagen ließ, er werde sie auf der Stelle abfertigen, bitte mich jedoch, ihm eine Abschrift zu hinterlassen. Nachdem ich die Abschrift gemacht hatte, übergab ich alles dem Kammerdiener und entfernte mich. Ich zitterte wie ein Paralytiker und fürchtete, mein Zorn könnte mich krank machen. Um mich möglichst zu beruhigen, setzte ich mich sofort hin und schrieb im Stil eines Manifestes den Inhalt des Blattes nieder, das ich dem niederträchtigen Schrattenbach eingereicht und das dieser unwürdige Beamte mir nicht hatte zurückgeben wollen. Gegen sieben Uhr sah ich den Grafen Vitzthum in mein Zimmer treten. Er begrüßte mich freundschaftlich und bat mich, ihm die Geschichte von dem Mädchen zu erzählen, das ich infolge der vier Verse aufgesucht hätte, wonach ich nach meinem Belieben Hebe oder Ganymed finden sollte. Ich gab ihm die Adresse; er schrieb die Verse ab und sagte mir: »Dies genügt bereits, um einem aufgeklärten Richter zu beweisen, daß Sie das Opfer eines Hinterhaltes geworden und daß Sie von Schuften verleumdet sind; trotzdem bezweifle ich, daß man Ihnen Gerechtigkeit widerfahren läßt.« »Wie? Ich werde genötigt sein, morgen abzureisen?« »O nein, das nicht; es ist unmöglich, daß die Kaiserin Ihnen nicht die acht Tage bewilligt, um die Sie sie bitten.« »Warum unmöglich?« »Nun, das will ich meinen! Läßt etwa Ihr Pantoffel eine abschlägige Antwort zu? Niemals habe ich eine Eingabe in solchem Stil gesehen. Der Fürst las sie mit seinem kalten Gesicht, konnte aber ein Lächeln nicht unterdrücken. Nachdem er sie gelesen hatte, reichte er sie mir, hierauf gab er sie dem venetianischen Gesandten zum Lesen, der mit der ernstesten Miene den Fürsten fragte, ob er die Eingabe in dieser Form an Ihre Majestät schicken würde. »Diese Eingabe«, antwortete der Fürst ihm, »ist so, daß sie an Gott geschickt werden könnte, wenn man nur den Weg zu ihm wüßte!« Hierauf hat er das Schriftstück einem seiner Sekretäre überbringen lassen, um es sofort mit einem Umschlag zu versehen und an die Kaiserin zu schicken. Während der ganzen Mahlzeit wurde von Ihnen gesprochen, und ich hörte mit großem Vergnügen den venetianischen Gesandten erklären, kein Mensch wisse, aus welchen Gründen man Sie in die Bleikammern gesperrt habe. Man hat auch von Ihrem Duell gesprochen, aber niemand konnte mehr davon sagen, als was man in den Zeitungen darüber gelesen hat. Machen Sie mir die Freude und geben Sie mir eine Abschrift von Ihrer Eingabe. Der Herr von Schrattenbach mit dem Pantoffel in der Hand hat mir gar zu sehr gefallen.« Ich beeilte mich, die Eingabe abzuschreiben, und übergab sie ihm mit einer Abschrift meines Manifestes. Bevor er ging, wiederholte der Graf seine Einladung, bei ihm zu wohnen, falls man mir nicht vor Ablauf der vierundzwanzig Stunden mitteilte, daß die Kaiserin mir die erbetene Gnade bewilligt hätte. Um zehn Uhr erhielt ich den Besuch des Grafen de la Perouse, des Marques Las Casas und des venetianischen Botschaftssekretärs Uccelli. Dieser letztere kam, um mich im Auftrage seines Vorgesetzten um eine Abschrift der Eingabe zu bitten. Ich versprach ihm eine zu schicken, und tat das am anderen Tage, indem ich eine Abschrift meines Manifestes beifügte. Das einzige, was letzteres Schriftstück ein wenig beeinträchtigte, indem es ihm einen komischen Anstrich gab, waren die vier Verse der Adresse, nach denen es gewissermaßen scheinen konnte, wie wenn ich zu Pocchinis Mädchen nur in der Hoffnung gegangen wäre, in ihr Ganymed zu finden, nachdem ich sie als Hebe erkannt hätte. Dies war nicht der Fall, aber die Kaiserin, die Latein verstand und die Fabel kannte, konnte es glauben, und das würde mir bei ihr geschadet haben. Ich ging erst zu Bett, nachdem ich sechs Abschriften gemacht hatte; es war zwei Uhr morgens; ich war todmüde, aber ich war ein wenig ruhiger geworden. Am nächsten Mittag kam ein Legationssekretär des Grafen Vitzthum, der junge Hasse, ein Sohn des ausgezeichneten Kapellmeisters und der berühmten Faustina, und sagte mir im Auftrage des Ministers, ich hätte nichts zu befürchten, wenn ich zu Hause bliebe oder im Wagen ausführe; ich dürfte jedoch nicht zu Fuß ausgehen. Er fügte hinzu, der Graf würde das Vergnügen haben, mich um sieben Uhr zu besuchen. Ich bat Herrn Hasse, mir seine Mitteilungen schriftlich zu hinterlassen; er tat dies und entfernte sich dann. So war denn der Befehl aufgehoben und die Gnade bewilligt. Dies konnte nur von der Herrscherin ausgehen, und so dachte ich denn bei mir selber: »Ich habe keine Zeit mehr zu verlieren; ich werde Gerechtigkeit erlangen, man wird meine niederträchtigen Mörder verurteilen und wird mir meine Börse zurückgeben, und zwar mit zweihundert Dukaten und nicht, wie mir der unwürdige Statthalter sie gezeigt hat, der zum allermindesten seiner Stelle enthoben werden wird.« Dies waren Luftschlösser, aber wer baut nicht gern welche, selbst in weniger bedenklichen Lagen, als die war, worin ich mich befand? Quod nimis miseri volunt, hoc facile credunt – »was ein Unglücklicher wünscht, glaubt er leicht«, sagt in einer seiner Tragödien Seneca, der große Kenner des menschlichen Herzens. Bevor ich mein Manifest der Kaiserin, dem Fürsten Kaunitz und allen Ministern übersandte, glaubte ich, mich zur Gräfin Salmor begeben zu müssen; diese sprach morgens und abends mit der Herrscherin, und ich hatte ihr einen Brief überbracht. Die Dame empfing mich mit den Worten, ich solle doch nicht mehr meine linke Hand in der Binde tragen; dies sei eine Scharlatanerie, denn nach neun Monaten hätte ich es doch gewiß nicht mehr nötig. Äußerst erstaunt über einen derartigen Empfang antwortete ich ihr: »Wenn ich es nicht nötig hätte, würde ich meine Hand nicht in der Binde tragen, und ich bin kein Scharlatan. Ich bin aus einem ganz anderen Grunde zu Ihnen gekommen, Madame.« »Ich weiß es, aber ich will damit nichts zu tun haben. Ihr seid lauter solche Taugenichtse wie Tomatis.« Ich drehte mich auf dem Absatz herum und ging hinaus, ohne sie zu grüßen. Wie vernichtet ging ich nach Hause. Ich begriff nicht, wie ich mich in einer solchen Lage befinden konnte. Ausgeraubt, beschimpft von Halunken aller Stände; ohnmächtig, nicht imstande, die einen ober die anderen zu vernichten; von der Justiz wie ein Verbrecher behandelt! Wie? Eine boshafte Gräfin wagte es, sich über meine Armbinde lustig zu machen? Wäre mir diese Beleidigung von einem Manne widerfahren, so hätte ich von meiner Linken den Handschuh abgezogen, um sie ihm zu zeigen, dann aber meine Rechte auf seinem Gesicht abgezeichnet. Meine linke Hand schwoll sofort an, wenn ich sie eine Stunde ohne Binde trug, und dann konnte ich nicht die geringste Bewegung ohne große Schmerzen machen. Von diesem Leiden wurde ich erst zwanzig Monate nach meinem Duell völlig geheilt. Herr von Vitzthum oder Vicedom – man hat mir versichert, das sei dasselbe – sagte mir, die Kaiserin habe dem Fürsten Kaunitz gesagt, Schrattenbach erkläre die ganze Geschichte, die ich zu meiner Entschuldigung niedergeschrieben habe, für einen Roman. Er wisse bestimmt, daß ich mit gezeichneten Karten, die er in seinem Besitz habe, eine Pharaobank gehalten habe; ich habe mit beiden Händen abgezogen, denn meine Armbinde sei nur eine Scharlatanerie. Einer der Spieler habe mich auf frischer Tat ertappt; man habe mit Recht die Bank mit Beschlag belegt und das von mir auf unredliche Weise gewonnene Geld zurückgenommen. Derselbe Spieler, der ein Vertrauensmann der Polizei sei, habe dem Statthalter meine Börse gegeben; diese habe vierzig Dukaten enthalten, die mit Fug und Recht konfisziert worden seien. Die Kaiserin sehe sich gezwungen, dem Bericht des Herrn von Schrattenbach über diese Geschichte Glauben beizumessen; denn selbst wenn ich recht hätte, könnte sie mir nicht durch Entlassung des Statthalters Gerechtigkeit widerfahren lassen. Sie würde dadurch in große Verlegenheit geraten, denn sie fände niemanden zur Übernahme dieses sehr schwierigen Amtes, bei dessen Ausübung der Graf großen Eifer an den Tag legte. Tatsächlich wäre es ihm gelungen, Wien von einem Ungeziefer frei zu halten, das eine Schande für das Menschengeschlecht sei. »Dies befiehlt Fürst Kaunitz mir, Ihnen zu sagen; im übrigen haben Sie nichts mehr zu befürchten und können abreisen, wann Sie wollen.« »Man soll mir also ungestraft zweihundert Dukaten gestohlen haben? Wenn die Kaiserin aus politischen Gründen nicht will, daß ich einen Kriminalprozeß anstrenge, so soll sie mir doch wenigstens mein Geld wiedergeben. Ich bitte Sie, den Fürsten zu fragen, ob ich in geziemender Form der Kaiserin klarlegen darf, daß sie mir zum allermindesten diese Genugtuung schuldet.« »Ich werde es ihm sagen.« »Andernfalls werde ich abreisen; denn was soll ich in einer Stadt anfangen, wo ich nur im Wagen ausfahren kann und wo die Regierung Mörder in ihrem Solde hält!« »Sie haben recht. Wir alle sind überzeugt, daß Pocchini Sie verleumdet hat. Dieses Mädchen mit den lateinischen Versen ist sehr bekannt; man wußte nur ihre Adresse nicht. Ich möchte Ihnen noch sagen, daß Sie nicht gut daran tun würden, diese Geschichte zu veröffentlichen, solange Sie noch in Wien sind; denn sie stellt Schrattenbach bloß, den unglücklicherweise die Kaiserin offenbar gern hat.« »Ich fühle das alles und muß die Zähne zusammenbeißen. Ich werde abreisen, sobald meine Wäscherin mir die Wäsche gebracht hat; aber ich werde diese Geschichte mit allen ihren ungeheuerlichen Nebenumstanden drucken lassen.« »Die Kaiserin ist gegen Sie eingenommen, ich weiß nicht, durch wen.« »Aber ich weiß es: durch ein gottverdammtes altes Weib, die Gräfin Salmor.« Am nächsten Tage schrieb Graf Vitzthum mir, Fürst Kaunitz rate mir, meine zweihundert Dukaten zu vergessen; Pocchinis Tochter und deren angebliche Mutter seien allem Anschein nach nicht mehr in Wien; denn jemand, der die Adresse gelesen habe und neugierig gewesen sei, habe sie vergeblich suchen lassen. Da ich sah, daß ich diese verdammte Geschichte niemals zu einem guten Ende führen würde, so faßte ich den Entschluß, mich nicht mehr darüber zu ärgern und abzureisen; zugleich aber nahm ich mir vor, die Geschichte zu veröffentlichen und Pocchini mit meinen eigenen Händen zu hängen, sobald ich das Glück hätte, ihn zu treffen. Ich habe weder das eine noch das andere getan. In jenen Tagen kam ein Fräulein aus dem Hause Salis von Chur mit der Post nach Wien; sie reiste allein und ohne Bediente. Der kaiserliche Henker Schrattenbach sandte ihr den Befehl, zwei Tage nach ihrer Ankunft wieder abzureisen; sie ließ ihm antworten, sie wolle in Wien bleiben, solange es ihr gefalle. Der Henkersknecht ließ sie in ein Kloster sperren, und dort war sie noch, als ich abreiste. Der Kaiser machte sich oft über derartige Befehle seiner Mutter lustig, tat aber niemals etwas dagegen; er suchte das Fräulein im Kloster auf. Seine Mutter erfuhr dies und fragte ihn, wie er sie gefunden habe. »Ich habe gefunden,« antwortete der Kaiser, »daß sie viel mehr Geist hat als Schrattenbach.« Es steht außer Frage, daß jede edle Seele stets an das unantastbare Recht glauben wird, »frei zu sein«. Und doch, wer ist wirklich frei in dieser Hölle, die man Welt nennt? Niemand. Nur der Philosoph vielleicht, aber er ist es durch Opfer, die für das mit dem geheiligten Namen »Freiheit« geschmückte Trugbild wahrscheinlich zu kostspielig sind. Ich überließ Campioni meine Wohnung, die ich bis Ende des Monats bezahlt hatte, und das Holz, wovon ich mir einen reichlichen Vorrat angeschafft hatte, und versprach ihm, ihn in Augsburg zu erwarten, wo nur die Gesetze herrschen und wo ich mein Leben genossen hatte. Ich reiste allein ab, in meinem Herzen den bitteren Schmerz, daß ich keine Gelegenheit gefunden hatte, das Ungeheuer zu töten, dessen barbarischer Despotismus mich unterdrückt hatte. Ich kam in Linz an, wo ich nur Aufenthalt machte, um an Schrattenbach einen Brief zu schreiben, der noch schärfer war als jener, den ich im Jahre 1760 dem Herzog von Württemberg geschrieben hatte. Ich brachte den Brief persönlich nach der Post und ließ mir eine Quittung dafür geben, um sicher zu sein, daß er in die Hände des unwürdigen Statthalters gelangen würde. Dieser Brief war für meine Gesundheit notwendig, denn der Zorn wirkt tödlich, wenn es nicht gelingt, ihn auf irgendeine Weise abzulenken. Von Linz reiste ich in drei Tagen nach München, wo ich den Grafen Kajetan Zavoiski besuchte, der vor sieben Jahren in Dresden gestorben ist. Ich hatte ihn in Venedig gekannt, als er in bedrängten Umständen lebte, und hatte das Glück gehabt, ihm nützlich sein zu können. Als ich ihm erzählte, was mir in Wien geschehen war, dachte er sich ohne Zweifel, daß ich Geld nötig hätte, und gab mir fünfundzwanzig Louis. Dies war allerdings viel weniger, als was ich ihm in Venedig gegeben hatte, und wenn er damit seine Schuld hatte begleichen wollen, so wären wir nicht quitt gewesen. Da ich aber niemals beabsichtigt hatte, ihm das Geld als Darlehen zu geben – denn eine solche Denkweise war niemals meine Art – so war ich ihm für die kleine Summe dankbar, wie für eine Wohltat. Er gab mir außerdem einen Brief für den Hofmarschall des Fürstbischofs von Augsburg, den Grafen Maximilian von Lamberg, dessen Bekanntschaft zu machen ich bereits die Ehre gehabt hatte. In Augsburg war damals kein Theater; dafür fanden aber Maskenbälle statt, auf denen Adel, Bürgerschaft und Mädchen aus dem Volke sich mischten. Auch gab es kleine Gesellschaften, wo man Pharao spielte und sich mit geringen Kosten belustigte. Ich war müde der Freuden, Leiden und Scherereien, die mir in drei Hauptstädten zuteil geworden, und entschloß mich, vier Monate in einer freien Stadt wie Augsburg zu verbringen, wo die Fremden dieselben Vorrechte hatten wie die Domherren. Meine Börse war sehr schmal geworden; da aber mein gewöhnliches Leben mir sehr wenig kostete, so hatte ich nichts zu befürchten. Da ich in Augsburg bekannt und außerdem in der Nähe von Venedig war, so war ich sicher, stets hundert Dukaten zur Verfügung zu haben, wenn ich zufällig einer solchen Summe bedürfen sollte. Ich spielte also mit kleinen Einsätzen und führte Krieg gegen die Griechen, die zu unserer Zeit zahlreicher geworden sind als die Einfältigen, die sich betrügen lassen, wie es ja auch bald mehr Ärzte als Kranke gibt. Auch dachte ich daran, mir eine Geliebte zu verschaffen; denn was ist das Leben ohne Liebe? Vergeblich hatte ich versucht, Gertrud wiederzufinden; der Kupferstecher war gestorben, und kein Mensch konnte mir sagen, was aus seiner Tochter geworden war. Einige Tage vor dem Ende des Karnevals sollte ein Ball außerhalb Augsburgs stattfinden, den ich mitmachen mußte. Ich ging zu einem Fuhrhalter, und während man die Pferde anspannte, trat ich ins Zimmer, um mich einen Augenblick am Ofen zu wärmen; denn es war kalt. Ein Mädchen kam herein und fragte mich, ob ich ein Glas Wein trinken wolle. »Nein!« antwortete ich; da die Frage wiederholt wurde, sagte ich noch einmal »Nein«, und zwar in ziemlich barschem Tone und mit ungeduldigem Gesicht. Das Mädchen rührte sich nicht und fing an zu lachen; dies ärgerte mich, und ich fuhr sie an, sie solle mich in Ruhe lassen. Da sagte sie: »Ach, ich sehe wohl, Sie können mich nicht wiedererkennen.« Ich wurde neugierig, sah sie aufmerksam an und entdeckte schließlich unter den häßlichen Zügen eines mehr als gewöhnlichen Mädchens die hübsche Anna Midel, die kleine Magd bei Gertruds Vater, dem Kupferstecher. »Sie scheinen mir Anna Midel zu sein?« fragte ich sie. »Ach, ich war es. Ich bin nicht mehr so, daß man mich lieben kann; aber daran sind Sie schuld.« »Ich?« »Ja, Sie. Die vierhundert Gulden, die Sie mir gaben, veranlaßten den Kutscher des Grafen Fugger, mich zu heiraten. Er hat nicht nur das ganze Geld verzehrt und mich dann verlassen, sondern mir auch eine gräßliche Krankheit mitgeteilt, an der ich beinahe gestorben wäre. Ich bin mit dem Leben davongekommen. Aber wie sehe ich jetzt aus.« »Das tut mir sehr leid; aber sage mir, was ist aus Gertrud geworden?« »Wissen Sie denn nicht, daß Sie zu ihr auf den Ball gehen?« »Zu ihr?« »Ja. Nach dem Tode ihres Vaters hat sie einen wohlhabenden und braven Mann geheiratet. Ihr Haus liegt eine kleine Meile von hier. Er hat einen Gasthof mit Speisewirtschaft; Sie werden dort zufrieden sein.« »Ist sie noch hübsch?« »Sie ist, wie sie war; nur ist sie eben sechs Jahre älter und hat Kinder gehabt.« »Ist sie galant?« »Ich glaube nicht.« Anna hatte mir wahr berichtet. Gertrud freute sich, als sie mich wieder sah, stellte mich ihrem Mann als einen früheren Mieter ihres Vaters vor und bewirtete mich gut; als ich aber während der Nacht unter vier Augen mit ihr sprach, fand ich sie von den anständigen Gefühlen beseelt, die ihre Lage erforderte. Zu Beginn der Fastenzeit kam Campioni in Augsburg an. Er reiste mit Binetti, der nach Paris ging, um sich dort eine Stelle zu kaufen. Er hatte seine Frau ausgeplündert und für immer verlassen. Campioni sagte mir, in Wien bezweifle kein Mensch, daß mein Abenteuer genau so gewesen sei, wie ich es in meinen Schriftstücken geschildert habe. Pocchini und der Slawonier seien wenige Tage nach meiner Abreise verschwunden, und alle Welt tadele den Statthalter. Campioni brachte einen Monat bei mir zu und verließ mich dann, um nach London zu gehen. Als ich meinen Brief dem Grafen Lamberg überbrachte, machten er und seine Gemahlin mir die schmeichelhaftesten Vorwürfe, daß ich nicht früher gekommen wäre. Die Gräfin war nicht schön, aber sie besaß alles, was eine Frau braucht, um von allen, mit denen sie in Berührung kommt, geliebt zu werden. Sie war eine geborene Gräfin Dachsberg. Drei Monate nach meiner Ankunft machte sie mit dem Domherrn Grafen Fugger eine Ausfahrt, um in einem Gasthof, dreiviertel Stunden von Augsburg, zu jausen; ich war mit von der Partie. Die Gräfin war schwanger, glaubte aber nicht, daß ihre Niederkunft schon bevorstände. Während der Jause wurde sie plötzlich von so heftigen Wehen ergriffen, daß sie auf der Stelle niederzukommen fürchtete. Sie wagte es nicht dem gräflichen Domherrn zu sagen, sondern wandte sich an mich, dem sie wohl mehr Kenntnisse auf dem Gebiete zutraute, und flüsterte mir ihre Mitteilung ins Ohr. Sofort eilte ich hinaus und befahl dem Kutscher, schleunigst anzuspannen. Hierauf ging ich wieder in die Wirtsstube und trug sie sozusagen in den Wagen. Der Domherr folgte uns ganz erstaunt und fragte mich fortwährend, was los sei. Er stieg nach uns in den Wagen, und ich bat ihn, dem Kutscher zu sagen, er sollte schnell fahren und wenn er die Pferde zu Tode jagte. Der Domherr gehorchte, fragte aber unaufhörlich ganz ängstlich, was denn eigentlich los sei. »Frau Gräfin wird hier niederkommen, Herr Kanonikus, wenn wir nicht schneller fahren!« Obgleich die Schmerzen der armen Gräfin mir ins Herz schnitten, konnte ich mich kaum enthalten, laut herauszulachen, als ich den guten Domherrn abwechselnd leichenblaß und purpurrot werden sah; er erstickte beinahe vor Angst, daß die Gräfin in seiner Gegenwart und in seinem eigenen Wagen ein Kind zur Welt bringen könnte. Er war in Verzweiflung, denn was würde man davon sagen? Die Komik eines derartigen Ereignisses erfüllte ihn mit Entsetzen; er lag wie der heilige Lorenz auf einem glühenden Rost. Der Bischof war in Plombières, man würde ihm die Geschichte schreiben! Die Neuigkeit würde ein gefundenes Fressen für die Zeitungsschreiber sein. »Schnell, Kutscher! Fahr doch schneller!« Wir kamen glücklich im Schloß an. Ich trug sozusagen die Gräfin in ihr Zimmer, und man lief schleunigst nach der Hebamme und dem Geburtshelfer. Dies war überflüssig, denn fünf Minuten darauf teilte der Graf uns mit, die Gräfin sei glücklich entbunden worden. Dem Domherrn war eine Zentnerlast vom Herzen gefallen, und er ging schnell nach Hause, um sich die Ader schlagen zu lassen. Ich lebte vier Monate lang in Augsburg so angenehm wie nur möglich. Zwei- oder dreimal wöchentlich aß ich beim Grafen Lamberg zu Abend. Bei diesen Soupers machte ich die Bekanntschaft eines seltenen Ehrenmannes, des Grafen von Thurn und Vallesassina; er ist jetzt Dekan des Regensburger Domkapitels und war damals Page des Fürstbischofs. Dieser Page und der fürstbischöfliche Leibarzt, Dr. Algardi aus Bologna, ebenfalls ein reizender Mensch, waren stets beim Souper zugegen. Ferner sah ich beim Grafen Lamberg oft einen preußischen Offizier, den Baron Sellentin, der in Augsburg seinen ständigen Wohnsitz hatte, um für seinen königlichen Herrn Rekruten zu werben. Er war liebenswürdig, geistreich im gascognischen Stil, schlau, tapfer, ein Liebhaber des Spiels und ein guter Spieler. Vor fünf oder sechs Jahren schrieb er mir aus Dresden, er sei alt geworden und bereue es, geheiratet zu haben, obgleich er eine reiche Frau gefunden habe. Vielleicht würde ich dasselbe sagen, wenn ich zufällig geheiratet hätte. Während meines Aufenthaltes in Augsburg besuchten mich mehrere Polen, die ihr Vaterland wegen der ausgebrochcnen Unruhen verließen, unter anderen der Großnotar der Krone Rzewuski, den ich in Petersburg als Liebhaber der armen Langlade gekannt hatte. »Welch ein Reichstag! Was für Ränke! Was für ein Unglück!« sagte der brave Pole zu mir. »Glücklich, wer sich von dem Trubel entfernen kann.« Er reiste nach Spaa und versicherte mir, wenn ich dorthin ginge, würde ich dort die Schwester des Fürsten Adam finden, sowie Tomatis und die Catai, die dieser geheiratet hätte. Schließlich bestimmte er mich zu dem Entschluß nach Spaa zu gehen, und da ich knapp an Geld war, so traf ich meine Maßregeln, um mit drei oder vierhundert Dukaten in meiner Börse in Spaa erscheinen zu können. Zu diesem Zwecke schrieb ich dem Prinzen Karl von Kurland, der in Venedig war, er möchte mir etwa hundert Dukaten schicken. Um ihn zu veranlassen, mir das Geld sofort zu senden, teilte ich ihm ein unfehlbares Mittel mit, um den Stein der Weisen zu gewinnen. Da mein Brief, obwohl er ein so großes Geheimnis enthielt, nicht chiffriert war, so empfahl ich dem Prinzen, ihn zu verbrennen, indem ich ihm versicherte, ich hätte eine genaue Abschrift zurückbehalten. Er tat es nicht, und der Brief wurde mit seinen anderen Papieren in Beschlag genommen, als man ihn in Paris in die Bastille setzte. So kam mein Brief in die Archive dieses Staatsgefängnisses, und er würde ohne die Revolution niemals das Licht der Welt erblickt haben. Bei der Zerstörung der Bastille wurde mein Brief aufgefunden, und man ließ ihn zusammen mit mehreren anderen seltsamen Schriftstücken drucken; der Brief ist seitdem auch ins Deutsche und Englische übersetzt worden. Die Dummköpfe, von denen es in diesem Lande wimmelt, wo ich nach dem Willen des Schicksals zu meiner Erholung die hauptsächlichsten Begebenheiten meines langen, sehr bewegten Lebens niederschreibe, – diese Dummköpfe, die selbstverständlich meine Feinde sind (denn der Esel hat niemals mit dem Pferde Freundschaft schließen können), diese Dummköpfe, sage ich, triumphierten, als sie diese vermeintliche Anklageschrift gegen mich lasen. Sie waren so dumm, mir vorzuwerfen, daß ich der Verfasser des Briefes sei, und glaubten mich zu Boden zu schmettern, indem sie mir sagten, man habe den Brief zu meiner ewigen Schande ins Deutsche übersetzt. Die dummen, böhmischen Trottel, die mir diesen Vorwurf machten, waren ganz verblüfft, als ich ihnen ins Gesicht lachte und antwortete, gerade dieser Brief mache mir unsterbliche Ehre, und wcnn sie etwas weniger lange Ohren hätten, so würden sie mich nicht tadeln, sondern bewundern. Ich weiß nicht, ob mein Brief verändert worden ist; da er aber nun einmal veröffentlicht wurde, so will ich ihn hier mitteilen, um der Wahrheit die Ehre zu geben; denn diese ist der einzige Gott, den ich anbete. Vor mir liegt die genaue Abschrift des Originals, wie ich es im Mai des Jahres 1767 in Augsburg niederschrieb. Heute haben wir den 1. Januar 1798. Der Brief lautete: Gnädiger Herr, Eure Durchlaucht werden diesen Brief verbrennen, wenn Sie ihn gelesen haben, oder Sie werden ihn mit der denkbar größten Sorgfalt aufbewahren. Es ist jedoch besser, wenn Sie ihn verbrennen und nur eine chiffrierte Abschrift davon zurückbehalten, so daß man ihn nicht verstehen kann, wenn er gestohlen werden oder verloren gehen sollte. Die Neigung, die Sie mir eingeflößt haben, ist nicht die einzige Triebfeder meines Vorgehens; ich gestehe Ihnen, daß mein Interesse in gleichem Umfange daran beteiligt ist. Erlauben Sie mir Ihnen zu sagen, daß es mir nicht genügt, von Eurer Hoheit wegen der Eigenschaften geliebt zu werden, die Sie vielleicht an mir erkannt haben; zwar schmeichelt diese Liebe mir unendlich, aber ich muß die Unbeständigkeit befürchten, die eine so natürliche Eigenschaft aller Fürsten ist. Ich wünsche, gnädiger Herr, daß Sie einen triftigen Grund haben, mich zu lieben; ich wünsche, daß Sie mir durch das unschätzbare Geschenk verpflichtet sind, das ich Ihnen machen werde. Dieses Geschenk ist das Geheimnis der Vermehrung des Goldes, des einzigen Stoffes, dessen Eure Hoheit bedürfen. Sie würden reich sein, wenn Sie als Geizhals geboren wären; aber Sie sind von Natur freigebig und werden immer arm sein ohne das Geheimnis, dessen einziger Besitzer ich bin. Euere Hoheit sagten mir in Riga, Sie wünschten, daß ich Ihnen vor meiner Abreise das Geheimnis auslieferte, durch das ich Eisen in Kupfer verwandelt habe. Ich tat es nicht; jetzt aber werde ich Ihnen das Geheimnis einer viel wichtigeren Transmutation schenken. Ich muß Sie jedoch darauf aufmerksam machen, daß der Ort, wo Sie sich jetzt befinden, nicht zur Vornahme der Operation geeignet ist, obgleich Sie dort leicht die erforderlichen Stoffe finden können. Die Operation erheischt meine Gegenwart zur Errichtung des Ofens, und damit die Ausführung mit der äußersten Sorgfalt gemacht werde, denn bei dem geringsten Versehen würde sie mißlingen. Die Transmutation des Eisens ist leicht und mechanisch, aber diejenige, die ich Ihnen jetzt angebe, ist durchaus philosophisch. Wenn Ihr Gold gradiert ist – und das läßt sich sehr leicht machen – so wird es dem Golde gleich sein, woraus die venetianischen Zechinen geschlagen sind. Bedenken Sie, gnädiger Herr, daß ich Sie vielleicht instand setze, meiner entbehren zu können, und noch mehr bedenken Sie, daß ich in Ihre Hände mein Leben und meine Freiheit lege. Mein Vorgehen muß mir Ihr ewiges Wohlwollen sichern und muß Sie über das Vorurteil erheben, das man in bezug auf das bei den Alchimisten übliche Verfahren und ihre Ausdrucksweise hat. Mein Selbstgefühl wäre verletzt, wenn Euere Hoheit mich nicht von der Menge unterschieden. Die einzige Gnade, um die ich Sie bitte, ist die, daß Sie zur Ausführung der Operation den Augenblick unserer Wiedervereinigung abwarten. Allein können Sie nicht arbeiten. Sie können sich aber auch keinem Menschen anvertrauen. Denn wenn auch die Operation gelingen sollte, so würde doch Ihr Helfer Ihr Geheimnis verletzen. Ich will Ihnen sagen, daß ich mit denselben Zutaten unter Hinzufügung von Quecksilber und Salpeter den Projektionsbaum bei der Marquise von Urfé machte: die Fürstin von Anhalt- Zerbst berechnete dessen Wachstum auf fünfzig Prozent. Ich wäre jetzt unermeßlich reich, wenn ich mich einem Fürsten hätte anvertrauen können, der im Besitz einer Münze ist. Dieses Glück ist mir erst jetzt widerfahren, und ich sehe damit meine höchsten Wünsche erfüllt; denn Ihr göttlicher Charakter beseitigt jede Befürchtung für mich. Doch zur Sache: Man nehme vier Unzen guten Silbers, löse es in Scheidewasser auf und schlage es nach den Regeln der Kunst mittels eines Kupferstabcs nieder; hierauf wasche man es mit lauem Wasser, um es von allen Säuren zu befreien. Dann lasse man es gut trocknen, mische es mit einer halben Unze Ammoniaksalz und lege es in einen Tiegel, worin man es schmelzen kann. Hierauf nehme man ein Pfund Federalaun und ein Pfund ungarischen Kristall, vier Unzen Grünspan, vier Unzen echten Zinnober und zwei Unzen lebendigen Schwefel. Alle diese Zutaten müssen zu Pulver zerstoßen und miteinander vermischt werden. Hierauf tut man sie in einen Destillierkolben von solcher Größe, daß er nur zur Hälfte von ihnen gefüllt ist. Dieser Destillierkolben ist auf einen Schmelzofen zu legen, der vier Züge hat, denn das Feuer muß bis zum vierten Grade gesteigert werden. Man muß mit einem langsamen Feuer beginnen, das nur das Phlegma oder die wässerigen Teile ausscheidet. Wenn die geistigen Teile zu erscheinen beginnen, muß das Gefäß aufgesetzt werden, worin sich das Silber mit dem Ammoniak befindet. Alle Fugen müssen mit Weisheitskitt verschlossen werden, und in dem Maße, wie die geistigen Teile ausscheiden, muß das Feuer bis zum dritten Grade gesteigert werden. Wenn man sieht, daß die Sublimation beginnt, muß man unverzagt den vierten Zug öffnen; man achte aber darauf, daß das Sublimierte nicht in den Behälter mit dem Mondmetall gerate; man schließe den Hals mit einer dreifachen Blase und stelle das Gefäß vierundzwanzig Stunden lang in einen Zirkulationsofen; hierauf nehme man die Blase ab und bringe die Retorte in den Mittelpunkt, damit die Masse destillieren kann. Das Feuer muß vermehrt werden, bis die geistigen Teile, die sich vielleicht noch in der Masse befinden, verschwinden und die Masse vollständig trocken ist. Nachdem man diese Operation dreimal wiederholt hat, wird man das Gold in der Retorte sehen. Man nehme es aus der Retorte und schmelze es, indem man das corpus perfectum hinzusetzt. Indem man es mit zwei Unzen Gold schmilzt und es in Wasser legt, wird man vier Unzen Gold finden, das jeder Probe standhält, vollkommenes Gewicht hat und hämmerbar ist; nur ist es ein wenig blaß. Dies, gnädiger Herr, ist die Goldmine für Ihre Münze in Mitau; mittels derselben kann ein Direktor mit vier Arbeitern Ihnen wöchentlich eine Einnahme von tausend Dukaten verschaffen, und das Doppelte und Vierfache, wenn Eure Hoheit die Arbeiter und die Ofen vermehren wollen. Diese Direktorstelle erbitte ich für mich selber, doch verlange ich für meine Rechnung nur soviel Metall, wie Eure Hoheit geruhen wollen, mir zuzuweisen. Die Stempel, womit ich die Münzen schlagen lassen werde, will ich Eurer Hoheit noch bezeichnen. Bedenken Sie, gnädiger Herr, daß diese Angelegenheit ein Staatsgeheimnis sein muß. Als regierender Fürst müssen Sie die ganze Bedeutung dieses Wortes begreifen, überliefern Sie diesen Brief den Flammen, und wenn Eure Hoheit mir schon im voraus eine Belohnung geben wollen, so bitte ich nur um Ihre gnädige Huld für mich, der ich Sie anbete. Ich bin glücklich, wenn ich hoffen darf, daß mein Herr mein Freund sein wird. Mein Leben, das ich mit diesem Brief in Ihre Hand gebe, werde ich stets für Sie hinzugeben bereit sein, und ich werde freiwillig daraus zu scheiden wissen, wenn jemals der Fall eintreten sollte, daß ich es bereuen müßte, mich Eurer Hoheit eröffnet zu haben. Wenn dieser Brief – gleichviel in welcher Sprache er gedruckt sein mag – anders lautet, so ist er nicht von mir, das behaupte ich allen Mirabeaus der ganzen Welt ins Gesicht. Man nennt mich einen aus Frankreich Verbannten, und mit Unrecht; denn wenn einer infolge einer lettre de cachet abreist, so ist er nicht verbannt oder ausgewiesen. Er ist gezwungen, einem Befehl des Herrschers zu gehorchen, der willkürlicherweise irgend jemanden, der ihm lästig ist oder ihm mißfällt, vor die Tür seines Hauses setzt, ohne sich zur Angabe von Gründen für verpflichtet zu halten. Ein König sieht eben – mit oder ohne Grund – sein Königreich als sein Privathaus an, und jeder Privatmann hat das Recht, in seinem Hause ebenso zu handeln. Wirklich ausgewiesen werden kann man nur durch ein Urteil, das durch das Gesetzbuch begründet ist. Sobald meine Börse einen stattlichen Umfang hatte, verließ ich Augsburg; am 14. Juni 1767. Als ich in Ulm war, reiste ein Kurier des Herzogs von Württemberg durch, um die Nachricht nach Ludwigsburg zu bringen, daß Seine Durchlauchtigste Hoheit in fünf oder sechs Tagen von Venedig kommen werde. Dieser Kurier hatte einen Brief für mich. Er war ihm von dem Prinzen Karl von Kurland übergeben worden, der ihm gesagt hatte, er werde mich im Gasthof zum Rebstock in Augsburg finden. Er hatte mich nicht gefunden, weil ich am Tage vorher abgereist war; da er jedoch wußte, welchen Weg ich eingeschlagen hatte, so bezweifelte er nicht, daß er mich einholen würde, und in der Tat traf er mich in Ulm. Als er mir den Brief übergab, fragte er mich, ob ich derselbe Casanova wäre, der wegen einer Spielgeschichte mit drei Offizieren aus dem Arrest entflohen wäre. Da ich niemals verstand, eine Wahrheit zu leugnen, wenn einer mich darnach fragte, so antwortete ich bejahend. Ein württembergischer Offizier, der sich ganz in unserer Nähe befand, sagte mir freundlich, er sei damals in Stuttgart gewesen, und man habe die drei Offiziere wegen ihres Benehmens allgemein verdammt. Ohne ihm zu antworten, las ich meinen Brief, der nur von unseren Privatangelegenheiten handelte; aber während des Lesens hatte ich den Einfall, eine kleine Lüge zu sagen, – eine Lüge, die keinem Menschen schaden konnte und mir eine Art unschuldiger Rache verschaffte – und so sagte ich denn zu dem Offizier: »Nun, mein Herr, nach sieben Jahren ist es mir endlich gelungen, Seine Durchlaucht Ihren Herzog zur Vernunft zu bringen! Hier erhalte ich eben einen Brief, worin mir mitgeteilt wird, daß der Herzog mir eine Genugtuung gibt, woran mir außerordentlich viel liegt. Ich trete als Geheimsekretär mit zwölfhundert Talern Gehalt in seinen Dienst ein. Aber wer weiß, was in diesen sieben Jahren aus den drei Offizieren geworden ist!« »Mein Herr, sie sind alle drei in Ludwigsburg, und * * * ist jetzt Oberst.« »Die Nachricht wird sie jedenfalls überraschen, und sie werden sie morgen erfahren, denn ich reise in einer Stunde ab. Wenn sie in Ludwigsburg sind, so ist damit mein sehnlichster Wunsch erfüllt. Es tut mir nur leid,« sagte ich zu dem Kurier, »daß ich Sie nicht begleiten kann: denn ich will hier übernachten und die Festungswerke besehen; aber übermorgen werden wir uns wiedersehen.« Nachdem ich eine ausgezeichnete Nacht verbracht hatte, erwachte ich mit dem köstlichen Gedanken, daß ich nach Ludwigsburg gehen würde, nicht um mich mit den drei Offizieren zu schlagen, sondern um ihnen Angst einzuflößen und mich auf die angenehmste Art für den mir von ihnen angetanen Schimpf zu rächen. Außerdem freute ich mich auf den Empfang von Seiten der vielen Bekannten, die ich dort noch haben mußte: außer der Toscani, die des Herzogs Geliebte war, mußte ich Baletti und Vestri finden; dieser hatte eine frühere Geliebte des Herzogs geheiratet, die später eine berühmte Schauspielerin wurde. Als Kenner des menschlichen Herzens wußte ich, daß ich nichts zu befürchten hatte. Da die Rückkehr des Fürsten unmittelbar bevorstand, so würde man gar nicht auf den Gedanken kommen, daß ich eine Fabel aufgebracht hätte. Der Herzog würde mich bei seiner Ankunft nicht mehr finden, denn ich würde mich natürlich entfernen, sobald der Kurier, der ihm vorausritt, seine Ankunft meldete. Ich würde einfach allen Leuten sagen, ich reiste Seiner Hoheit entgegen, und alle Leute würden sich von mir anführen lassen. Niemals erschien mir eine Idee in so verführerischem Lichte. Ich war stolz darauf, sie ausgeheckt zu haben, und ich hätte es meines Geistes unwürdig gefunden, wenn ich sie nicht ausgeführt hätte. Ich vollzog damit eine grausame Rache an dem Herzog, dessen Groll ich fürchten mußte, denn er hatte jedenfalls den beleidigenden Brief nicht vergessen, den ich ihm geschrieben hatte. Solche Sachen vergessen Fürsten nicht, wie sie oft genug große Dienste vergessen. Vor Aufregung, die mir meine Ungeduld verursachte, konnte ich die Nacht nicht schlafen. Ich kam in Ludwigsburg an und nannte am Tor meinen Namen, aber ohne meine angebliche neue Würde, denn ich durfte den Spaß auch nicht zu auffällig machen. Ich stieg in dem sehr guten Gasthof zur Post ab und ließ mein Gepäck auf mein Zimmer schaffen. Sodann erkundigte ich mich, wo die Toscani wohnte, und im selben Augenblicke sah ich sie mit ihrem Mann erscheinen. Alle beide fielen mir um den Hals und töteten mich mit ihren Komplimenten über meine Armbinde und über meinen großen Sieg. »Was für ein Sieg?« »Daß Sie hier erscheinen! Es ist für alle ihre Freunde eine wahre Herzensfreude gewesen.« »Ich bin im Dienste des Herzogs; aber woher wissen Sie das?« »Es ist das allgemeine Tagesgespräch. Der herzogliche Kurier, der Ihnen den Brief brachte, hat die Nachricht verbreitet, und der Offizier, der dabei war, hat sie bestätigt; er ist gestern früh hier angekommen. Sie können sich von der Bestürzung ihrer drei Feinde gar keine Vorstellung machen! Trotzdem fürchteten wir, Sie würden noch einen Handel auszufechten haben; denn sie haben noch Ihren Brief aus Fürstenberg, wodurch Sie sie zum Zweikampf herausforderten.« »Warum sind sie nicht gekommen?« »Zwei von ihnen konnten nicht, der dritte kam zu spät.« »Schön. Wenn der Herzog es erlaubt, tun die Herren mir einen Gefallen, indem sie sich mit mir schlagen – nicht etwa alle drei auf einmal, sondern einer nach dem anderen. Auf Pistolen selbstverständlich; denn mit dem Arm in der Binde schlägt man sich natürlich nicht auf Degen.« »Wir werden noch davon sprechen. Meine Tochter will vor der Ankunft des Herzogs eine Aussöhnung bewerkstelligen, und Sie täten gut, wenn Sie ihr die Sache überließen; denn jene sind zu dreien, und es ist mit Bestimmtheit anzunehmen, daß Sie nicht alle drei töten werden.« »Ihre Tochter muß eine Schönheit geworden sein.« »Sie werden heute Abend in meinem Hause mit ihr speisen, denn sie ist nicht mehr Geliebte des Herzogs. Sie wird sich verheiraten.« »Wenn Ihre Tochter uns aussöhnt, ziehe ich den Frieden dem Krieg vor, vorausgesetzt, daß es nicht gegen meine Ehre geht.« »Aber warum diese Binde nach sechzehn Monaten?« »Ich befinde mich wohl, aber meine Hand schwillt an, sobald ich sie herabhängen lasse; Sie werden das nach Tisch selber sehen, denn Sie werden mit mir zu Mittag essen, wenn Sie wünschen, daß ich bei Ihnen zu Abend speise.« In diesem Augenblick kam Vestri, den ich noch nicht kannte, mit meinem lieben Baletti. In ihrer Begleitung befanden sich ein Offizier, der in eine zweite Tochter der Toscani verliebt war, und noch ein anderer Herr von ihrer Gesellschaft, den ich ebenfalls nicht kannte. Alle sprachen mir ihre Glückwünsche darüber aus, daß ich einen so ehrenvollen Posten im Dienste des Herzogs erhalten hätte. Valetti war überglücklich. Meine Leser werden sich erinnern, daß mein Freund mir bei meiner Flucht aus Stuttgart aufs beste beigestanden hatte, und daß ich seine Schwester hätte heiraten sollen. Baletti hatte eine große Seele, viel Geist und ein schönes Talent. Er zeichnete sich durch seinen musterhaften Lebenswandel aus, und der Herzog hielt große Stücke auf ihn. Er besaß ein Häuschen, das am Ende der Stadt halb auf dem Lande lag. Er hatte ein ausgezeichnetes Zimmer für mich und bat mich, dieses anzunehmen; er sei stolz darauf, daß der Herzog erfahren werde, ich sei sein bester Freund und wohne bis zu seiner Ankunft bei ihm; denn alsdann werde ich natürlich im Schlosse wohnen. Ich nahm seine Einladung an, und da es noch früh am Tage war, so gingen wir alle zur jungen Toscani. Ich hatte sie in Paris geliebt, als sie noch nicht ganz entwickelt war; und als wir uns nun wiedersahen, war sie mit Recht stolz auf ihre Erscheinung, denn sie war schön. Sie zeigte mir ihr Haus und ihre Juwelen und erzählte mir von ihrem Liebesverhältnis mit dem Herzog. Arme Leute, diese Fürsten – sie werden niemals um ihrer selbst willen geliebt! Sie erzählte mir ferner, daß es wegen seiner fortgesetzten Treulosigkeiten zum Bruch gekommen sei, und daß sie sich nunmehr mit einem Manne verheiraten werde, den sie verachte, aber der Umstände wegen zu nehmen genötigt sei. Als es Zeit zum Mittagessen war, führte ich die ganze Gesellschaft in meinen Gasthof; unterwegs begegnete mir der Oberst, der sich besonders bemüht hatte, mich unter die Soldaten stecken zu lassen. Er zog zuerst den Hut; wir erwiderten seinen Gruß, und er ging weiter. Wir hatten ein sehr gutes und sehr lustiges Mittagessen; nach der Mahlzeit richtete ich mich in Balettis Haus ein. Am Abend gingen wir zur Toscani, bei der ich zwei Schönheiten fand, die mich entzückten: ihre Tochter und Vestris Frau, die der Herzog mit ihm verheiratet hatte, nachdem sie von ihm zwei Kinder erhalten hatte, die er anerkannte. Die Vestri war schön, aber sie bezauberte mich durch ihren Geist und durch ihre Anmut. Sie hatte nur einen Fehler: sie schnarrte das r. Da die junge Toscani sich etwas zurückhaltend benahm, so erlaubte ich mir bei Tische meine Huldigungen ganz besonders an Frau Vestri zu richten, deren Gatte nicht eifersüchtig war – wahrscheinlich, weil sie sich in gegenseitigem Einverständnis nicht liebten. An jenem Tage waren gerade die Rollen eines kleinen Lustspiels verteilt worden, das zur Feier der Ankunft des Herzogs aufgeführt werden sollte. Ein junger Dichter, der sich in Ludwigsburg aufhielt, hatte es in der Hoffnung verfaßt, dadurch die Huld des Herrschers und eine Anstellung als Hofdichter zu erhalten. Nach dem Essen sprachen wir von diesem Lustspiel, worin Vestri die Hauptrolle spielte. Man bat sie, uns das Stück vorzulesen, und sie tat dies mit der liebenswürdigsten Bereitwilligkeit. »Ihr Spiel ist voll von Seele und Leben,« sagte ich zu ihr, »Sie bringen das Gefühl auf eine Weise zum Ausdruck, daß man darauf schwören muß, alle Ihre Worte seien von inniger Anteilnahme eingegeben. Wie schade, daß Sie das r nicht mit der Zungenspitze aussprechen!« Wegen dieser Äußerung fiel die ganze Tischgesellschaft über mich her. »Das ist doch kein Fehler,« rief man, »sondern eine sehr reizvolle Schönheit; der Ausdruck wird dadurch sanfter und anziehender. Eine Schauspielerin, die nicht so spricht, ist neidisch auf diesen Vorzug.« Ich antwortete nicht, sondern sah nur die Vestri an. »Glauben Sie,« sagte sie, »daß ich mich durch solche Worte täuschen lasse?« »Nein, dazu sind Sie zu klug.« »Einer, der mich liebt und mit aufrichtigem Gesicht zu mir sagt: wie schade!, macht mir mehr Vergnügen, als alle anderen, die mir das Gegenteil sagen, weil sie mir zu schmeicheln glauben. Leider ist es ein unheilbares Übel.« »Unheilbar, Madame?« »Ja.« »Nein. Ich habe in meiner Apotheke ein unfehlbares Heilmittel gegen Ihr Leiden. Sie werden mir eine Ohrfeige geben, wenn ich Sie nicht morgen diese Rolle lesen lasse, ohne daß Ihr Fehler sich bemerkbar macht; aber wenn Sie sie so lesen, wie zum Beispiel Ihr Gemahl sie lesen würde, so werden Sie mir erlauben, Ihnen einen zärtlichen Kuß zu geben.« »Einverstanden! Aber was muß ich tun?« »Weiter nichts, als daß Sie mir das Manuskript zu einer kleinen Hexerei überlassen. Ich rede in vollem Ernst. Geben Sie es mir. Heute Nacht brauchen Sie es ja nicht, und morgen früh um neun Uhr werde ich es in Ihre Wohnung bringen und von Ihnen meine Ohrfeige oder einen süßen Kuß empfangen, wenn Ihr Mann nichts dagegen hat.« »Durchaus nicht! Aber wir glauben nicht an Hexerei.« »Da haben Sie recht. Aber wenn meine Hexerei mir mißlingt, bekomme ich ja meine Ohrfeige.« »Das versteht sich.« Frau Vestri gab mir die Rolle, und wir sprachen von anderen Dingen. Man beklagte mich wegen meiner geschwollenen Hand, und ich erzählte die Geschichte meines Duelles. Alle behandelten mich mit Liebe und herzlicher Hochachtung, und als ich mit Baletti nach seinem Hause ging, war ich ganz verliebt, besonders in die Vestri und in die junge Toscani. Baletti hatte ein wunderbar schönes Mädchen von drei Jahren. »Woher hast du diesen Engel?« »Hier siehst du seine Mutter, die dir nach dem Recht der Gastfreundschaft heute Nacht Gesellschaft leisten wird.« Es war seine Haushälterin, ein Weib von entzückender Schönheit. »Ich nehme das großmütige Anerbieten an, aber erst für morgen Abend.« »Und warum nicht für diese Nacht?« »Weil die Hexerei mich die ganze Nacht beschäftigen wird.« »Wie? Es ist kein bloßer Scherz?« »Nein, es ist voller Ernst.« »Bist du verrückt geworden?« »Nein, du wirst schon sehen. Geh zu Bett und gib mir nur Licht und was ich zum Schreiben brauche.« Ich verbrachte sechs Stunden damit, die Rolle der Vestri umzuschreiben, ohne etwas anderes daran zu ändern als die Wörter auf erre oder re, für die ich gleichwertige Ausdrücke einsetzte. Es war eine Hundearbeit, aber ich hatte Lust, die Vestri in Gegenwart ihres Gemahls zu küssen. Ich führe hier einige Beispiele meiner Änderungen an: Les procédés de cet homme m'outragent et me désespèrent; je dois penser a m'en débarasser. Hierfür schrieb ich: Cet homme a des façons qui m'offensent et me désolent; il faut que je m'en defasse. Il me croit éprise de lui. Hierfür setzte ich: Il pense que je l'aime usw. Als ich fertig war, schlief ich drei Stunden; hierauf kleidete ich mich an. Baletti, dem ich meine Hexerei zeigte, sagte mir, der junge Dichter werde mich verfluchen; denn die Vestri werde ohne Zweifel dem Herzog sagen, er solle ihn verpflichten, in Zukunft nur noch Wörter ohne r für sie in ihren Rollen zu verwenden. So kam es auch. Ich ging zur Vestri, die gerade eben aufgestanden war, und gab ihr die von mir abgeschriebene Rolle. Sie sah sie flüchtig durch, schrie vor Erstaunen laut auf und rief ihren Mann, dem sie sagte, sie wolle in Zukunft keine Rolle mehr spielen, worin ein r vorkomme. Ich beruhigte sie, indem ich ihr versprach, alle ihre Rollen für sie umzuschreiben, wie ich die ganze Nacht darauf verwandt hätte, diese Arbeit für sie zu machen. »Die ganze Nacht! Kommen Sie und machen Sie sich bezahlt! Sie sind mehr als ein Hexenmeister. Es ist köstlich! Wir werden lachen. Der Dichter muß eingeladen werden, bei uns zu Mittag zu essen. Er muß sich verpflichten, alle meine Rollen ohne r zu schreiben, sonst wird der Herzog ihn nicht in seine Dienste nehmen. Der Herzog wird lachen; er wird sagen, ich habe recht. Es ist eine wunderbare Entdeckung! Oh, wie recht hat er getan, Sie zu seinem Sekretär zu machen! So viel Verstand traute ich ihm gar nicht zu. Ich hielt die Erfüllung ihres Versprechens für unmöglich; aber die Aufgabe ist gewiß sehr schwer gewesen?« »Durchaus nicht. Wäre ich eine hübsche Frau mit diesem kleinen Fehler, so wollte ich den ganzen Tag sprechen, ohne jemals ein Wort zu gebrauchen, das auf r endigt.« »Oh, das ist aber doch zuviel!« »Wetten wir noch um eine Ohrfeige oder einen Kuß, daß ich den ganzen Tag mit Ihnen sprechen werde, ohne die Endsilbe re zu gebrauchen!« »Los, angefangen!« »Sehr schön,« sagte Vestri, »aber ohne Wette. Sie scheinen mir zu naschhaft zu sein!« Der Dichter kam zum Essen, und die Vestri setzte ihm gewaltig zu. Sie sagte ihm sofort, Dichter müßten galant gegen die Schauspielerinnen sein, und die geringste Galanterie, die man von ihnen verlangen könnte, wäre, daß sie für solche Künstlerinnen, die das r schnarrten, nur Rollen schrieben, worin kein r vorkäme. Der junge Dichter lachte über die Bemerkung und erklärte, die Sache sei unmöglich, denn man könne so etwas nur durchführen, indem man die Sprache arm mache. Hierauf gab die Vestri ihm die von mir umgeschriebene Rolle; sie forderte ihn auf, sie zu lesen und dann aufrichtig zu sagen, ob er wirklich die Meinung habe, daß die Sprache arm sei. Er mußte zugeben, daß ich meine Änderungen nur deshalb habe machen können, weil die Sprache so reich sei. Er hatte recht; denn es gibt auf der ganzen Welt keine Sprache – trotz der ihr unüberlegterweise oft vorgeworfenen Armut –, worin man den Ausdruck, ohne ihn abzuschwächen, so leicht durch andere Wörter ersetzen kann, wie die französische Sprache. Der kleine Scherz erheiterte uns sehr; aber die Vestri verlangte von nun an allen Ernstes, daß die Theaterdichter sich ihrem Willen fügen und in ihren Rollen das r weglassen sollten. In Paris, wo ich sie später auftreten sah, fand sie die Herren vom Parnaß nicht so gefügig, und so habe ich sie dort das r schnarren hören. Sie gefiel jedoch trotzdem. Sie fragte mich, ob ich mich verpflichten wollte, die Rolle der Zaïre für sie umzuschreiben. »Oho!« antwortete ich ihr, »Verse, und noch dazu Voltairesche Verse! Davor hätte ich denn doch Angst.« Sie schrieb mir einen Brief, den ich noch jetzt aufbewahre und worin nicht eine einzige Endung auf re vorkommt. Hätte ich in Stuttgart bleiben können, so hätte ich durch diesen kleinen Scherz ihre Eroberung gemacht; aber nachdem ich acht Tage lang gefeiert worden war und den Triumph vollständiger Genugtuung genossen hatte, kam eines Vormittags um zehn Uhr der Kurier des Herzogs an und meldete, Seine Durchlaucht werde um vier Uhr nachmittags eintreffen. Sobald ich diese Nachricht erfuhr, sagte ich Baletti mit der größten Gemütsruhe, ich wolle meinem gnädigen Herrn die Höflichkeit erweisen, ihm entgegenzufahren, um dann mit seinem Gefolge in Ludwigsburg einzuziehen; ich müsse daher sofort abreisen. Er lobte meinen Einfall und ließ sofort Postpferde holen. Als er aber sah, daß ich in aller Eile meine Koffer packte, obwohl er mir sagte, ich könnte doch meine Sachen bei ihm lassen, erriet er die Wahrheit und fand meinen Streich sehr scherzhaft. Ich umarmte ihn und gestand ihm meine Kühnheit; es tat ihm leid, daß er mich verlieren sollte, zugleich aber freute er sich auf die Wirkung, die mein Schelmenstreich auf die drei Offiziere und den Herzog ausüben werde. Er versprach mir, einen ausführlichen Bericht über alles nach Mannheim zu schicken. Dort gedachte ich acht Tage zu verbringen, um meinen lieben Algardi zu sehen, der in den Dienst des Kurfürsten von der Pfalz getreten war. Ferner hatte ich Herrn von Sickingen einen Brief vom Grafen Lamberg zu überbringen, der mir noch einen zweiten an den kurfürstlichen Minister, Baron von Becker, gegeben hatte. Als die Pferde vorgespannt waren, umarmte ich meinen lieben Baletti, seine reizende Kleine und die schöne Haushälterin, und befahl dem Kutscher, nach Mannheim zu fahren. Dort sagte man mir, der Hof sei in Schwetzingen; ich befahl daher dem Postillon, ohne Aufenthalt weiter zu fahren. Ich fand dort alle Herren, die ich suchte. Algardi hatte sich verheiratet, Herr von Sickingen bewarb sich um die Stelle des Gesandten in Paris, und der Baron von Becker stellte mich dem Kurfürsten vor. Fünf oder sechs Tage nach meiner Ankunft starb Prinz Friedrich von Zweibrücken. Algardi hatte ihn während seiner letzten Krankheit behandelt. Am Tage vor dem Tode des tapferen und schönen Prinzen soupierte ich bei dem kurfürstlichen Hofdichter Veraci; als Algardi eintrat, fragte ich ihn: »Wie geht es dem Prinzen?« »Der arme Prinz hat höchstens noch vierundzwanzig Stunden zu leben.« »Weiß er es?« »Nein, er hofft noch. Er hat mir einen tiefen Schmerz verursacht, indem er mich aufforderte, ihm ohne jede Rücksicht die Wahrheit zu sagen, und mir sogar mein Ehrenwort darauf abnahm. Er fragte mich, ob er unrettbar dem Tode verfallen sei.« »Und Sie haben ihm die Wahrheit gesagt?« »Gewiß nicht. Ich habe ihm geantwortet, seine Krankheit sei freilich tödlich, aber Natur und Kunst könnten doch noch Wunder wirken, wie man zu sagen pflege.« »Sie haben ihn also getäuscht? Und Sie haben gelogen.« »Ich habe ihn durchaus nicht getäuscht; denn seine Heilung liegt im Bereiche der Möglichkeit. Ich wollte ihn nicht zur Verzweiflung bringen; ein kluger Arzt hat die Pflicht, seinen Kranken niemals zur Verzweiflung zu bringen; denn die Verzweiflung kann den Tod nur beschleunigen.« »Das ist ganz schön; aber gestehen Sie, daß Sie gelogen haben, und zwar trotz dem Ehrenwort, womit Sie auf sein Verlangen ihm versicherten, daß Sie die Wahrheit sagen würden.« »Ich habe ebensowenig gelogen; denn ich weiß, daß er genesen kann.« »Dann lügen Sie also in diesem Augenblick?« »Ebensowenig; denn er wird morgen sterben.« »Alle Wetter, das ist im höchsten Grade jesuitisch gedacht.« »Von Jesuiterei ist nicht die Rede. Es ist meine vornehmste Pflicht, das Leben meines Kranken zu verlängern; darum durfte ich ihm nicht etwas sagen, wodurch sein Leben abgekürzt wäre, wenn auch nur um einige Stunden. Ich habe ihm daher ohne Lüge gesagt, was immerhin doch nicht unmöglich ist. Also habe ich nicht gelogen und lüge auch jetzt nicht; denn auf Grund meiner Erfahrung sage ich Ihnen, was nach meiner Voraussicht unbedingt eintreten muß. Ich lüge also nicht; denn ich würde allerdings eine Million gegen eins wetten, daß er nicht mit dem Leben davon kommen wird. Aber um mein Leben würde ich nicht wetten.« »Sie haben recht; nichtsdestoweniger haben Sie den Prinzen getäuscht; denn er wollte von ihnen nicht das hören, was er ebensogut wußte wie Sie selber, sondern was Sie mit Ihrer Erfahrung besser wissen müssen als er. Trotzdem gebe ich Ihnen zu, daß Sie als sein Arzt sich nicht der Gefahr aussetzen konnten, sein Leben abzukürzen, indem Sie ihm die allerschrecklichste Wahrheit sagten. Und dies bringt mich zu dem Schluß, daß Sie einen unglücklichen Beruf haben.« Nach vierzehn Tagen verließ ich das köstliche Schwetzingen. Dem Dichter Veraci gab ich einen kleinen Teil meines Gepäckes zur Aufbewahrung mit dem Versprechen, es eines Tages wieder abzuholen. Ich habe jedoch niemals Zeit gehabt, und Veraci verwahrt seit einunddreißig Jahren alles, was ich ihm hinterlassen habe. Veraci ist von allen Dichtern, die ich kenne, der sonderbarste. Um sich von den anderen zu unterscheiden, hat er einen Stil gewählt, der gerade das Gegenteil von dem des großen Metastasio ist: er gebraucht nur männliche Reime und behauptet, daß seine Verse für den Komponisten, der sie in Musik setzen soll, besser zu verarbeiten seien. Diese sonderbare Ansicht hatte Jumelli ihm in den Kopf gesetzt. In Mainz mietete ich einen großen Rheinkahn zur Beförderung meines Wagens. Gegen Ende Juli kam ich in Köln an. Ich freute mich auf das Wiedersehen mit der schönen und reizenden Bürgermeistersfrau, die den General Kettler verabscheute und mich vor sieben Jahren so gut behandelt hatte. Aber dies war für mich nicht der einzige Grund, in dem häßlichen Köln Halt zu machen. Ich hatte in Dresden in der Kölnischen Zeitung gelesen: »Der Herr Casanova ist nach zweimonatiger Abwesenheit wieder in Warschau erschienen und hat den Befehl erhalten, sofort wieder abzureisen, da der König mehrere Geschichten erfahren hat, die ihn nötigen, dem Abenteurer den Zutritt zum Hofe zu verbieten.« Dieser Artikel, den ich nicht verdauen konnte, hatte in mir den Entschluß gezeitigt, dem Redakteur des Blattes, Jacquet, einen Besuch zu machen. Die Gelegenheit war jetzt gekommen. Ich aß in aller Eile zu Mittag und ging zum Bürgermeister, um ihm einen Besuch zu machen; ich fand ihn im Kreise seiner Familie bei Tisch. Seine schöne Mimi saß neben ihm. Die Aufnahme, die man mir bereitete, war so freundschaftlich und herzlich, wie ich sie nur wünschen konnte. Die Geschichte meiner Erlebnisse beschäftigte sie zwei Stunden lang. Da Mimi ausgehen mußte, lud man mich für den nächsten Tag zum Mittagessen ein. Mimi schien mir noch schöner zu sein als vor sieben Jahren, und meine der Wirklichkeit vorauseilende Einbildungskraft spiegelte mir unaussprechliche Genüsse vor. Nachdem ich vor Ungeduld eine unruhige Nacht verbracht hatte, machte ich Toilette und begab mich so früh wie möglich zu meinem Amphitryon, um einen günstigen Augenblick zu erhaschen und mit seiner entzückenden Gattin zu sprechen. Ich fand sie allein und umarmte sie stürmisch. Sie wehrte mich ab; zwar war sie sanft, aber ihre Miene kühlte meine Glut zu Eis ab. »Die Zeit ist ein ausgezeichneter Arzt,« sagte sie zu mir; »sie hat mein Herz von einer Krankheit geheilt, die zuviel Bitterkeit in das Süße mischte; ich will mich nicht mehr dem Irrtum einer Leidenschaft aussetzen, die nur Gewissensbisse hinterläßt.« »Wie? Der Beichtstuhl...« »Darf uns nur noch dazu dienen, unsere früheren Verfehlungen zu bereuen und uns gegen neue Versuchungen zu stärken.« »Gott behüte mich vor Reue und vor Gewissensbissen, die nur ein Vorurteil sind. Ich werde morgen abreisen.« »Ich sage nicht, daß Sie abreisen sollen.« »Wenn ich nicht hoffen kann, darf ich nicht bleiben. Kann ich hoffen ?« »Nein, niemals.« Bei Tisch war sie allerdings reizend; aber ich war so entmutigt, daß man mich gewiß recht mürrisch gefunden hat. Die Frauen haben stets die Macht besessen, meinen Geist zu beleben oder zu dämpfen. Am anderen Morgen um sieben Uhr stieg ich in meine Kutsche und fuhr vor das Tor, durch das der Weg nach Aachen führt. Hier stieg ich aus und befahl dem Postillon, auf mich zu warten. Ich ging zu Jacquet, mit meinem Rohrstock und mit einer Pistole bewaffnet; doch hatte ich weiter keine Absicht, als ihn zu verprügeln. Ich kam in das Haus des Tintenklexers; die Magd zeigte mir das Zimmer, worin er allein saß und arbeitete. Es lag im Erdgeschoß, und die Tür stand wegen der Hitze offen. Das Geräusch, das ich beim Eintreten machte, veranlaßte ihn, sich umzudrehen; er fragte, was ich befehle. Da Jacquet kein Mann war, mit dem ich mich im Duell schlagen konnte, so brauchte ich keine Bedenken zu tragen, ihn zu verprügeln. »Elender Zeitungsschreiber,« sagte ich zu ihm, »ich bin der Abenteurer Casanova, den du vor vier Monaten in deiner Zeitung verleumdet hast!« Mit diesen Worten zog ich ein Pistol aus der Tasche und nahm es in die linke Hand, während ich mit der rechten den Stock erhob. Der Unglückliche aber warf sich zur Seite, kniete vor mir nieder und bat mich mit gefalteten Händen um Gnade; er wolle mir den Brief aus Warschau geben, worin ich die Unterschrift der Person lesen könne, die ihm die Mitteilung in denselben Ausdrücken gemacht habe. »Wo ist der Brief?« »Einen Augenblick.« Ich trat zur Seite, um ihn vorbeizulassen, und schob den Riegel vor die Tür. Zitternd wie Espenlaub begann der Unglückliche, unter den Warschauer Briefen zu suchen, die aber nicht nach dem Datum geordnet waren, sondern kunterbunt durcheinanderlagen. Ich zeigte ihm das Datum des Artikels in seiner Zeitung, die ich bei mir hatte. Auch dieses nützte nichts. Nach einer Stunde warf er sich abermals zitternd vor mir auf die Knie und stammelte, ich möchte mit ihm machen, was ich wollte. Ich gab ihm einen Fußtritt, steckte mein Pistol wieder in die Tasche und befahl ihm, mit mir zu kommen. Er folgte mir ohne Widerrede, barhäuptig, und begleitete mich bis an meinen Wagen. Als er mich einsteigen sah, dankte er Gott, daß er so billigen Kaufes davongekommen war. Am Abend kam ich in Aachen an. Dort fand ich die Fürstin Lubomirsta, den General Roniker, mehrere andere vornehme Polen, Tomatis, dessen Frau und eine Menge Engländer, die ich kannte. Fünftes Kapitel Aufenthalt in Spaa. – Der Faustschlag. – Ein Degenstich. – De la Croce. – Charlotte, ihre Niederkunft und ihr Tod. – Eine lettre de cachet zwingt mich, Paris binnen vierundzwanzig Stunden zu verlassen. Alle meine Bekannten freuten sich sehr, mich wieder zu sehen, und ich war nicht weniger hocherfreut, mich wieder in guter Gesellschaft zu befinden. Meine Freunde standen im Begriff, Aachen zu verlassen und nach Spaa zu gehen. Alle Welt ging dorthin, und wenn jemand in Aachen blieb, so tat er das nur, weil es vollkommen unmöglich war, sich in Spaa Unterkunft zu verschaffen. Der Menschenzufluß war ungeheuer. Dies wurde mir von allen Seiten gesagt; mehrere waren nach Aachen zurückgekommen, weil sie in Spaa nicht einmal eine Dachkammer hatten finden können. Gerade diese Schwierigkeiten machten mich hartnäckig, und ich sagte der Fürstin, ich würde mit ihr reisen, ich würde ganz gewiß irgendwo unterkommen und im Notfall in meinem Reisewagen schlafen. Am nächsten Tage fuhren die Fürstin, der Großnotar, Roniker, die beiden Tomatis und ich ab und kamen bei guter Zeit in Spaa an. Alle anderen hatten Wohnungen, die sie vorausbestellt hatten; ich allein wußte nicht, wohin ich gehen sollte. Ich stieg aus und begab mich auf die Suche. Bevor ich jedoch meine Wanderung durch die Straßen antrat, ging ich zu einem Hutmacher, um mir einen Hut zu kaufen, da ich den meinigen unterwegs verloren hatte. Ich erzählte der Hutmachersfrau von meiner Verlegenheit; sie sprach mir ihr Bedauern aus, sah ihren Mann an und sagte ihm etwas auf vlamisch oder wallonisch. Hierauf sagte sie mir: »Wenn es nur für einige Tage ist, werde ich Ihnen mein Zimmer abtreten und mit meinem Mann im Laden schlafen. Aber für Ihren Bedienten habe ich durchaus keinen Platz.« »Ich habe keinen Diener.« »Um so besser. Lassen Sie Ihr Gepäck abladen.« »Wo soll ich meinen Wagen unterbringen?« »Ich übernehme es, diesen in sichere Verwahrung zu geben.« »Was habe ich zu bezahlen?« »Nichts; und wenn Sie mit unsere Hausmannskost essen wollen, kostet Ihnen dies ebenfalls nichts.« »Von solchem Preis läßt sich nichts abhandeln. Ich nehme ohne Umstände Ihr Anerbieten an.« Ich stieg eine kleine Treppe hinauf und fand ein hübsches Zimmer, ein Kabinett, ein gutes Bett, eine Kommode, einen großen Tisch und zwei kleine. Alles war sehr sauber, und ich fühlte mich sehr behaglich. Die Sachen, die sie brauchten und die mir nur im Wege waren, wurden herausgeschafft. Ich fragte die guten Leute, warum sie nicht lieber in der Kammer als im Laden schlafen wollten, wo es doch sehr unbequem für sie sein müßte. Sie antworteten mir wie aus einem Munde: sie würden mir zur Last sein, während ihre Nichte mir keine Unbequemlichkeit verursachen würde. Das Wort Nichte machte mich stutzen. Die Kammer hatte keine Tür und war nicht viel größer als das Bett, das darin stand. Es war ein fensterloses Loch, eine Art Alkoven. Ich muß bei dieser Gelegenheit bemerken, daß meine Wirtin und ihr Mann, die beide aus Lüttich stammten, von musterhafter Häßlichkeit waren. Unmöglich, dachte ich bei mir selber, kann die Nichte noch häßlicher sein; aber wenn man sie so dem ersten besten preisgibt, muß sie gewiß vor jeder Versuchung sicher sein. Wie dem auch sein mochte, ich erklärte mich mit allem einverstanden und verlangte nicht, die Nichte zu sehen, denn man hätte die Frage übel auffassen können. Ohne meinen Koffer geöffnet zu haben, ging ich aus, indem ich ihnen sagte, lch würde erst nach dem Abendessen nach Hause kommen; zugleich gab ich ihnen Geld, um mir Kerzen und eine Nachtlampe zu kaufen. Ich suchte die Fürstin auf, bei der ich mit den anderen Herrschaften zu Abend speisen sollte. Alle wünschten mir Glück zu meinem unerwarteten Funde. Ich besuchte das Konzert und ging dann an die Pharaobank, aber nur um zuzusehen. Ich ging auch durch die Zimmer, die für die Kommerzspieler reserviert waren, und sah dort den angeblichen Marchese d'Aragon, der mit einem alten Reichsgrafen Pikett spielte. Man erzählte mir, daß er vor drei Wochen mit einem Franzosen, der Händel mit ihm gesucht, ein Duell gehabt hätte. Der Franzose war an der Brust verwundet worden und lag noch krank zu Bett. Er wartete nur auf seine Heilung, um von neuem loszugehen; denn er hatte, als er sich zurückzog, Revanche verlangt. In Frankreich ist das so Sitte, wenn der Zweikampf keinen ernstlichen Anlaß hat. In Italien denken wir anders; dort gehen Duelle auf Leben und Tod. Unser Blut kocht, wenn wir den Feind vor uns sehen, der uns verwundet hat. Daher ist ein Dolchstoß in Italien etwas sehr Gewöhnliches und in Frankreich etwas sehr Seltenes; aus demselben Grunde sind in Italien Zweikämpfe selten, während sie in Frankreich Tag für Tag vorkommen. Am meisten freute ich mich, daß ich in Spaa den Marchese Caraccioli traf, den ich zuletzt in London gesehen hatte. Sein Hof hatte ihm einen Urlaub bewilligt, den er in Spaa sehr angenehm verbrachte. Der Marchese war ein wahrhaft geistvoller Mann, von Menschenliebe und Wohlwollen erfüllt. Er hatte Mitgefühl für Unglück und menschliche Schwächen; er liebte die Jugend beiderlei Geschlechts, aber niemals bis zum Übermaß; er verstand zu genießen, ohne jemals zu übertreiben. Er spielte nicht, aber er liebte die Spieler, die ihre Sache verstanden, und verachtete die Toren, die sich betrügen ließen. Durch diese Charaktereigenschaften machte der angebliche Marchese d'Aragon sein Glück: Caraccioli bürgte einer fünfzigjährigen englischen Witwe, die den Spieler nach ihren Geschmack gefunden hatte, für die Echtheit seines Namens und Adels; sie heiratete ihn und brachte ihm sechzigtausend Pfund Sterling zu. Ohne Zweifel verliebte die Witwe sich in die sechs Fuß hohe Gestalt des angeblichen Marchese und in den schönen Namen d'Aragon; denn Dragon hatte weder Geist noch vornehme Manieren, und seine Beine, die er ihr vermutlich nicht zeigte, waren mit ekelhaften Spuren seines liederlichen Lebenswandels bedeckt. Ich sah diesen Marchese einige Zeit darauf in Marseille, und etliche Jahre später wurde er Eigentümer von zwei adligen Gütern in Modena. Er wußte sein Vermögen besser anzulegen als ich. Seine Frau starb vor ihm, und nach den englischen Gesetzen erbte er ihr ganzes Vermögen. Ich kam ziemlich früh nach Hause und legte mich zu Bett, ohne die Nichte gesehen zu haben; denn sie schlief bereits. Die sehr häßliche Tante bediente mich und bat mich, während meines Aufenthaltes bei ihr keinen Bedienten zu nehmen; denn das wären lauter Spitzbuben. Als ich am Morgen aufwachte, war die Nichte schon heruntergegangen. Ich zog mich an, um an den Brunnen zu gehen, und sagte meinen guten Leuten, daß ich an diesem Tage das Vergnügen zu haben wünschte mit ihnen zu speisen. Sie konnten nur in meinem Zimmer essen, und zu meinem großen Erstaunen fragten sie mich eigens um Erlaubnis. Die Nichte war ausgegangen; meine Neugier konnte also für den Augenblick nicht befriedigt werden. Auf der Promenade machte ich verschiedene Bekanntschaften, wie es eben an Badeorten üblich ist, und erfuhr manches über die Schönheiten, die sich dort sehen ließen. Eine unglaubliche Menge Abenteurerinnen finden sich in Spaa während der Badesaison ein, und alle gehen in der Hoffnung hin, daß sie dort ihr Glück machen werden; natürlich gehen die meisten wieder ebenso arm fort, wie sie gekommen sind, wenn nicht noch ärmer. Die Menge des Geldes, das in Spaa umläuft, ist erstaunlich: Speisewirte, Ladeninhaber, Gasthofsbesitzer und Freudenmädchen erhalten einen guten Teil davon; auch die Wucherer machen gute Geschäfte. Die Spielleidenschaft ist stärker als die Galanterie; in Spaa hat der Spieler keine Zeit, lange Betrachtungen über die Vorzüge eines Mädchens anzustellen, und ebensowenig hat er den Mut, der Liebe Opfer zu bringen. Das Geld, das aus dem Spielbetrieb herrührt, geht in drei Teile; der erste, und zwar der kleinste, fließt in die Tasche des Fürstbischofs von Lüttich; der zweite etwas größere, verteilt sich unter die Gauner, von denen es hier wimmelt und die im allgemeinen schlechte Geschäfte machen; denn man weicht ihnen aus, und sie haben keinen bestimmten Ort, wo sie mit obrigkeitlicher Erlaubnis ihr Halsabschneidergewerbe betreiben könnten; den größten Teil endlich, den man jährlich auf eine halbe Million schätzt, erhalten zwölf gewerbsmäßige Spieler, die unter sich eine Gesellschaft bilden und vom Landesherrn autorisiert sind. All das Geld kommt aus den Taschen der Dummen, die von vierhundert Meilen in der Runde herbeieilen, um sich in diesem Loch, das man Spaa nennt, ausbeuten zu lassen. Die Brunnenkur ist für die allermeisten nur ein Verwand. Man geht nach Spaa nur, um zu spielen, zu lieben und Gelegenheiten zu Geschäften auszukundschaften. Eine sehr kleine Anzahl von ehrenwerten Leuten geht dorthin, um sich zu unterhalten oder um sich von den Anstrengungen der Berufsarbeit zu erholen. An einem solchen Ort, wo man weiter nichts tut als essen, trinken, spazierengehn, spielen, tanzen usw., ist das Leben nicht teuer. An einer reich besetzten Tafel zahlt man für das Gedeck nur drei Franken, und für eine gleiche Summe findet man gute Unterkunft. Ich kam zum Mittagessen nach Hause, nachdem ich etwa zwanzig Louis gewonnen hatte. Ich betrat den Laden, um auf mein Zimmer zu gehen, und mein Blick fiel mit angenehmer Überraschung auf ein Mädchen von achtzehn bis neunzehn Jahren, eine kräftige Schönheit, groß, mit schwarzen Haaren und großen schwarzen Augen, Zähnen wie Elfenbein, frischen sinnlichen Lippen und sehr schön gewachsen, aber von ernster Miene. Sie maß Band ab; es war also die Nichte, die sechs Schritte von mir entfernt schlief, und die ich mir als eine häßliche Person vorgestellt hatte. Ohne mir meine Überraschung anmerken zu lassen, setzte ich mich für einen Augenblick, um sie besser sehen zu können und um womöglich ihre Bekanntschaft zu machen. Sie sah mich jedoch kaum an; ein leichtes Neigen des Kopfes war alles, was ich von ihr erhalten konnte. Ihre Tante kam herunter, um mir zu sagen, daß das Essen gleich fertig sei. Ich ging nach oben und sah vier Gedecke. Die Magd füllte die Suppe auf und verlangte hierauf ohne alle Umstände von mir Geld, um Wein zu kaufen, falls ich welchen trinken wollte; denn ihre Herrschaft trinke nur Bier. Entzückt über diese Offenheit gab ich ihr Geld, um zwei Flaschen Burgunder zu kaufen. Der Hutmachermeister kam herein, zeigte mir eine goldene Repetieruhr mit ebensolcher Kette und fragte mich, wieviel diese wohl wert sein könnten. »Mindestens vierzig Louis.« »Ein Herr will sie mir für zwanzig verkaufen, aber unter der Bedingung, daß ich sie ihm morgen zurückgebe, wenn er mir zweiundzwanzig bringt.« »Das ist ein Geschäft, wozu ich Ihnen rate.« »Ich habe nicht soviel Geld.« »Ich werde es Ihnen mit Vergnügen leihen.« Ich gab ihm zwanzig Louis und legte die Uhr in meine Kassette. Bei Tisch saß die Nichte mir gegenüber; ich vermied es, sie anzusehen, und sie sprach als bescheidenes Mädchen während des ganzen Essens keine zwanzig Worte. Ich fand das Essen ausgezeichnet: Suppe, Rindfleisch, Zwischengericht und Braten, alles war sehr gut. Die Meisterin sagte mir, der Braten ginge auf meine Rechnung; denn da sie nicht reich wären, erlaubten sie sich diesen Luxus nur Sonntags. Ich fand ihr Benehmen sehr zartfühlend und ihre Aufrichtigkeit bewunderungswürdig. Als ich die guten Leute bat, von meinem Wein zu trinken, nahmen sie das gerne an und sagten, sie möchten ein bißchen reicher sein, um sich jeden Tag eine halbe Flasche leisten zu können. »Aber mir scheint doch, Ihr Geschäft geht gut.« »Die Ware gehört nicht uns, und wir haben Schulden; außerdem sind die Ausgaben ungeheuer. Bis jetzt haben wir nur wenig verkauft.« »Sie haben nur Hüte?« »Oh, bitte, wir haben auch chinesische Taschentücher, Pariser Strümpfe, Spitzenmanschetten. Aber man findet das alles zu teuer.« »Ich werde von Ihnen Waren kaufen, und Sie sollen auch an alle meine Freunde verkaufen; lassen Sie mich nur machen, ich will Ihnen nützlich sein.« »Merci, hole ein paar Pakete Taschentücher und Strümpfe, aber von den großen, denn der Herr hat starke Waden.« Merci, so hieß die Nichte, gehorchte. Ich fand die Taschentücher herrlich und die Strümpfe sehr schön. Ich kaufte ein Dutzend und versprach ihnen, in weniger als vierundzwanzig Stunden sollten sie den ganzen Vorrat verkaufen, den sie in ihrem Laden hätten. Sie empfahlen sich meinem Wohlwollen und überhäuften mich mit Dankesversicherungen. Nach dem Kaffee, der ebenfalls auf meine Rechnung ging, sagte die Tante zu der Nichte, sie möchte sich in acht nehmen, daß sie morgens beim Aufstehen mich nicht aufweckte. Sie antwortete sie werde sehr sorgfältig aufpassen; ich aber bat sie, sich keinen Zwang anzutun, denn ich hätte einen sehr festen Schlaf. Nach dem Essen ging ich zu einem Waffenschmied, um mir ein paar Pistolen zu kaufen; ich fragte ihn, ob er den Huthändler kenne, bei dem ich wohne. »Wir sind Vettern.« »Ist er reich?« »Ja, an Schulden.« »Warum?« »Weil er unglücklich ist, wie alle ehrlichen Leute.« »Und seine Frau?« »Sie hält ihn durch Ordnungsliebe und Sparsamkeit aufrecht.« »Kennen Sie die Nichte?« »Gewiß. Sie ist ein gutes Mädchen, aber fromm, und hält durch ihre dummen Gewissensbedenken die Kunden fern.« »Was sollte sie denn nach Ihrer Meinung tun, um Kunden anzuziehen?« »Sie müßte höflicher sein und dürfte nicht so zimperlich sein, wenn einmal einer sie umarmen will.« »Ist es wirklich so schlimm mit ihr?« »Versuchen Sie es, und Sie werden selber sehen. Es ist noch keine acht Tage her, da hat sie einem Offizier eine Ohrfeige gegeben. Mein Vetter schalt sie aus, und sie wollte nach Lüttich zurückgehen, aber seine Frau beruhigte sie dann wieder. Sie ist hübsch; finden Sie das nicht auch?« »Ganz gewiß; aber wenn sie so widerhaarig ist, muß man sie in Ruhe lassen.« Infolge dieser Auskunft beschloß ich, mir eine andere Wohnung zu suchen; denn Merci hatte mir bei Tisch außerordentlich gefallen, und ich sah voraus, daß ich nicht lange so unmittelbar neben ihr schlafen würde, ohne ihr einen Besuch zu machen; eine Pamela aber war mir ebenso verhaßt wie eine Charpillon. Am Nachmittag führte ich Rzewuski und Roniker zu meinen Wirtsleuten. Um mir einen Gefallen zu tun, kauften sie für mehr als fünfzig Dukaten. Am nächsten Tage kauften die Fürstin und Frau Tomatis den ganzen Vorrat von Taschentüchern. Als ich um zehn Uhr nach Hause kam, fand ich Merci wie am Abend vorher bereits zu Bette. Am anderen Morgen holte der Hutmacher sich die Uhr wieder und gab mir zweiundzwanzig Louis. Da ich keinen Gewinn solcher Art machen wollte, so schenkte ich ihm die zwei Louis und sagte ihm, wenn er Sicherheit durch Pfand hätte, würde ich ihm stets gern meine Börse öffnen, und die Gewinne könnte er behalten. Er war vor Dankbarkeit ganz gerührt. Da ich bei Tomatis eingeladen war, konnte ich an diesem Tage nicht mit ihnen zu Mittag essen. Ich war jedoch neugierig auf die fromme Nichte und sagte ihnen, ich würde bei ihnen zu Abend essen, und die Kosten der außerordentlichen Ausgabe möchten sie mir anrechnen. Sie gaben mir ein gutes Abendessen, und wir tranken ausgezeichneten Burgunder, von dem aber Merci keinen Tropfen trinken wollte. Als sie gegen das Ende der Mahlzeit auf einen Augenblick hinausgegangen war, sagte ich zur Tante, ihre Nichte sei reizend, aber es sei schade, daß sie so traurig sei. »Sie wird sich ändern müssen, sonst behalte ich sie nicht.« «Ist sie gegen alle Männer so?« »Ohne Ausnahme.« »Sie hat niemals geliebt?« »Sie behauptet es; aber ich glaube es nicht.« »Ich wundere mich, daß sie so gut schläft, da sie doch weiß, daß ein Mann ganz in der Nähe ist.« »Sie hat keine Angst.« Merci kam wieder herein, wünschte uns gute Nacht und wollte zu Bett gehen. Ich bat sie, sie umarmen zu dürfen; sie drehte mir den Rücken zu und stellte einen Stuhl auf die Schwelle der Kammer, damit ich sie nicht im Hemde sehen sollte. Hierauf zog sie sich aus und ging zu Bett. Meine Wirtsleute gingen, und ich legte mich ebenfalls zu Bett. Ich fand Mercis Benehmen unzulässig und wenig natürlich; denn sie wußte oder konnte wissen, daß sie einem Mann gefallen mußte, und sie konnte sich wohl denken, daß ich ein Mann war. Trotzdem ging ich ruhig zu Bett. Als ich am anderen Morgen aufwachte, fand ich den Vogel ausgeflogen. Ich hatte Lust, dem Mädchen unter vier Augen gehörig Bescheid zu sagen und dann, je nach dem Erfolg, meinen Entschluß zu fassen; aber ich wußte nicht, wie ich es anfangen sollte. Inzwischen machte der Huthändler sich mein Anerbieten zunutze, um auf Pfänder zu leihen. Er machte dabei schöne Gewinne. Ich verschaffte ihm diesen Vorteil ohne Risiko für mich selber, und seine Frau und er erklärten es für ein großes Glück, mich bei sich zu haben. Dies brachte mich auf den Gedanken, mir ihr Interesse zunutze zu machen. Am fünften oder sechsten Tage erwachte ich früher als Merci, zog nur meinen Schlafrock an und trat an ihr Bett. Sie hatte ein feines Gehör und erwachte; als sie mich auf sie zukommen sah, fragte sie mich in festem Ton, was ich von ihr wollte. Ich setzte mich auf ihr Bett und antwortete ihr ganz ruhig, ich wollte ihr nur guten Tag sagen und ein bißchen mit ihr plaudern. Unterdessen hatte sie sich in ihr Leinentuch gewickelt, das wegen der starken Hitze ihre einzige Decke bildete; aber ihr Bett war so schmal, daß sie mich nicht hindern konnte, sie mit meinen Armen zu umschlingen. Ich drückte sie an mich und bat sie, sie umarmen zu dürfen. Ihr Widerstand regte mich auf: ich tat einen kühnen Griff unter das Bettuch, und da sie ebenso gewachsen war wie alle anderen Mädchen, so war ich sofort am Ziel. Aber in dem Augenblicke, wo ich mich in ihren Besitz setzen zu können glaubte, erhielt ich einen Faustschlag auf die Nase, so daß ich tausend Sterne sah. Ich brauche wohl kaum zu sagen, daß ich ex abrupto jede Lust verlor, zärtlich zu sein. Das Blut überströmte mein Antlitz und befleckte das Bett der wütenden Merci. Ich war klug genug, mich zu beherrschen. Die Schöne hatte, ohne ein Geschrei auszustoßen, wie es Weiber für gewöhnlich tun, eine ansehnliche Kraft entfaltet und mir dadurch einen Vorgeschmack gegeben, welche Folgen es hätte haben können, wenn ich ihre Tätlichkeiten erwidert hätte. So entfernte ich mich denn. Während ich mein Gesicht in eine Schüssel mit kaltem Wasser tauchte, kleidete Merci sich an und ging hinaus. Als das Blut nicht mehr strömte, sah ich mit Bitterkeit, daß eine Beule zurückgeblieben war, die mich abscheulich entstellte. Mein Gesicht mit einem Taschentuch bedeckend, rief ich den Friseur, der gerade gegenüber wohnte, und als ich frisiert war, kam die Wirtin, um mir Forellen zu zeigen; ich fand diese schön und bezahlte sie; als ich aber der Frau das Geld gab, stieß sie ein lautes Geschrei über mein entstelltes Gesicht aus. Ich beruhigte sie, indem ich ihr den Grund sagte; dabei nahm ich jedoch alles Unrecht auf mich und bat sie dringend, ihrer Nichte nichts zu sagen. Ohne auf ihre überflüssigen Entschuldigungen zu hören, ging ich aus, indem ich mir das Taschentuch vors Gesicht hielt, und besah mir auf der anderen Seite der Straße eine Wohnung, die die Herzogin von Richmond am Tage vorher verlassen hatte. Die Hälfte der Wohnung war für einen italienischen Marchese vorausbestellt; ich nahm die andere, ließ mir einen Lohndiener besorgen und augenblicklich alle meine Sachen von der Huthändlerin abholen, ohne auf ihre Bitten und Tränen zu achten, übrigens konnten ihre Worte mich durchaus nicht versöhnlich stimmen, denn sie sagte, ich würde durch Mercis Anblick nicht mehr belästigt werden; dies war aber nach meiner Meinung eine Genugtuung für das Mädchen und für mich eine Beleidigung oder mindestens eine Strafe. Ich fand in meiner neuen Wohnung einen Engländer, der mir versprach, er wolle die Beule sofort und jede Spur des Faustschlages binnen vierundzwanzig Stunden verschwinden machen. Ich vertraute mich ihm an, und er hielt Wort. Er rieb mir die Stelle mit Branntwein und einem Gewürz, das ich nicht kenne. Trotz dem Erfolge schämte ich mich jedoch, mich sehen zu lassen, und blieb daher den ganzen Tag in meinen vier Wänden. Mittags brachte die ganz untröstliche Huthändlerin mir meine Forellen und sagte mir, Merci sei untröstlich, daß sie mich so behandelt habe, und wenn ich wieder zu ihr ziehen wolle, werde sie mir jede Genugtuung geben, die ich nur wünschen könne. Ich antwortete ihr: »Sie begreifen, daß ich Ihren Bitten nicht nachgeben kann; denn mein Erlebnis würde bekannt werden; ich würde mich lächerlich machen, und es wäre um die Ehre Ihres Hauses und Ihrer Nichte getan; denn diese könnte dann nicht mehr für ein frommes Mädchen gelten.« Ich erinnerte sie auch an die Ohrfeige, die der Offizier erhalten hätte. Sie war ganz erstaunt, daß ich diese Geschichte kannte. Ferner sagte ich ihr, ihre dringenden Einladungen seien unpassend, nachdem sie mich der rohen Mißhandlung ihrer Nichte ausgesetzt habe. Zum Schluß sagte ich ihr, ich brauche nicht allzu boshaft zu sein, um anzunehmen, daß sie mit im Spiele gewesen sei. Als ich das sagte, vergoß sie Ströme von Tränen. Diese konnten echt sein; ich hielt mich daher für verpflichtet, sie zu beruhigen, indem ich sie um Entschuldigung bat und ihr versprach, auch in Zukunft ihr Geschäft zu begünstigen. Als sie mich verließ, war sie ziemlich ruhig. Eine halbe Stunde darauf brachte ihr Mann mir fünfundzwanzig Louis, die ich ihm auf eine diamantenbesetzte goldene Tabaksdose gegeben hatte, und machte mir den Vorschlag, zweihundert Louis auf einen Ring zu geben, der vierhundert wert sei. Der Ring solle mir gehören, wenn der Besitzer ihm nicht innerhalb acht Tagen zweihundertundzwanzig Louis bezahle. Es fehlte mir nicht an Geld. Ich untersuchte den Stein, der offenbar die sechs Karat, die er wiegen sollte, wirklich wog. Es war ein Diamant von reinstem Wasser; das Geschäft war so gut wie Gold. »Ich bin bereit, die gewünschte Summe zu geben,« sagte ich, »wenn der Eigentümer bereit ist, mich schriftlich zum Verkauf des Ringes zu ermächtigen, falls er ihn nicht einlöst.« »Ich werde Ihnen die Ermächtigung selber in Gegenwart von Zeugen geben.« »Schön. In einer Stunde werde ich Ihnen das Geld geben; denn ich will den Stein herausnehmen lassen. Das muß dem Besitzer einerlei sein, denn ich werde den Stein auf meine Kosten genau so wieder fassen lassen, wie er jetzt ist. Wenn er ihn einlöst, sollen die zwanzig Louis Ihnen gehören.« »Ich muß ihn erst fragen, ob er erlaubt, daß der Stein herausgenommen wird.« »Gehen Sie, aber sagen Sie ihm, daß ich nicht einen Taler gebe, wenn er nicht diese Erlaubnis gibt.« Der Hutmacher ging und kam gleich darauf mit einem Juwelier wieder, der mir sagte, er sei bereit, mir dafür zu bürgen, daß der Stein mindestens zwei Gran mehr wiege als sechs Karat.« »Haben Sie ihn gewogen?« »Nein, aber das macht nichts.« »So machen Sie doch das Geschäft selber.« »Ich verfüge nicht über das Geld.« »Warum will der Besitzer nicht den Stein herausnehmen lassen, obwohl ihm das doch nichts kostet?« »Das weiß ich nicht; aber er weigert sich.« »Das kann er tun, gerade so wie es bei mir steht, ihm keinen Heller zu geben.« Sie entfernten sich. Ich war sehr froh, daß ich widerstanden hatte, denn offenbar war der Stein entweder falsch, was man am Gewicht hätte erkennen können, oder er war auf einer künstlichen Unterlage befestigt. Ich verbrachte den ganzen Tag mit Schreiben und erledigte mehrere Briefe, mit denen ich im Rückstande war. Am Abend aß ich mit gutem Appetit, und nachdem ich gut geschlafen hatte, stand ich am anderen Morgen auf, um nachzusehn, wer an meine Tür klopfte. Man stelle sich meine Überraschung vor: es war Merci! Ich ließ sie eintreten, legte mich wieder zu Bett und fragte sie, was sie so früh am Morgen bei mir wünsche. Sie setzte sich auf mein Bett und begann sich mit vielen Worten zu entschuldigen. Ich hatte stets die Marotte, andere Leute von ihrem Unrecht überzeugen zu wollen, und fragte sie daher, wie sie so grausam hätte sein können, mich einer so groben Behandlung von ihrer Seite auszusetzen, wenn sie einmal den Grundsatz hätte, wie eine Tigerin alle Liebkosungen eines von ihr Verführten zurückzustoßen. »Indem ich so dicht bei Ihnen in der Kammer schlief, habe ich dem Befehl meiner Tante gehorcht; indem ich Sie schlug, was ich sehr bereue, folgte ich einem unüberlegten Antrieb meiner Seele, die sich für beschimpft hielt; denn ich glaube, es ist nicht wahr, daß jeder Mann, der mich sieht, den Verstand verlieren muß. Ich glaube an die Pflicht, und Sie werden zugeben, daß es Ihre Pflicht ist, mich zu achten, und meine Pflicht, meine Ehre zu verteidigen.« »Wenn das Ihre Denkungsart ist, so gestehe ich, daß Sie recht haben; aber Sie haben sich nicht zu beklagen, denn Sie haben gesehen, daß ich schweigend litt. Indem ich mich von Ihnen entfernte, müssen Sie sicher sein, daß ich Sie achte und auch in Zukunft achten werde. Sind Sie zu mir gekommen, um diese Erklärung zu erhalten? Hiermit haben Sie sie, und mehr können Sie nicht verlangen wollen. Gestatten Sie mir, daß ich über Ihre Entschuldigungen lache; denn was Sie mir soeben gesagt haben, macht Sie lächerlich.« »Was habe ich Ihnen gesagt?« »Daß Sie Ihre Pflicht getan haben, indem Sie mir die Nase zerschmetterten. Glauben Sie, daß man sich zu entschuldigen braucht, wenn man eine Pflicht erfüllt hat?« »Ich hätte mich ohne Gewalt verteidigen können. Ach, vergessen Sie alles und verzeihen Sie mir! Ich werde mich überhaupt nicht mehr verteidigen, ich bin ganz und gar die Ihre. Ich liebe Sie und bin bereit, Sie davon zu überzeugen.« Merci konnte nicht deutlicher sein. Außerdem sank sie, indem sie diese letzten Worte sprach, auf mich nieder, preßte ihr Gesicht gegen das meinige und überströmte mich mit Ihren Tränen. Ich schämte mich eines Sieges, den sie mir so leicht machte. Zwar stieß ich sie nicht zurück, aber ich machte mich von ihr los, indem ich ihr sagte, sie möchte wiederkommen, wenn mein Gesicht seine frühere Gestalt wieder angenommen hätte. Tief gekränkt verließ sie mich. Der Italiener, den mein Wirt erwartete, war während der Nacht angekommen. Aus Neugier erkundigte ich mich nach seinem Namen und man brachte mir eine Karte mit den Worten: Marchese Don Antonio de la Croce. Sollte dies Croce sein? Das war sehr leicht möglich. Er schlief noch. Ich erkundigte mich nach seinen Verhältnissen und erfuhr, daß die Marchesa eine Kammerfrau, der Marchese einen Sekretär habe, und daß außerdem noch zwei Lakaien da seien. Ich war sehr neugierig, diesen Marchese zu sehen! Ich brauchte nicht lange zu warten, denn als er erfahren hatte, daß ich sein Nachbar sei, kam er zu mir, und schnell vergingen zwei Stunden mit der Erzählung unserer Erlebnisse seit unserem letzten Zusammentreffen in Mailand. Er wußte, daß ich das mir von ihm zurückgelassene Mädchen glücklich gemacht hatte. In den inzwischen verstrichenen sechs Jahren hatte er halb Europa durchwandert und dabei mit dem Glück gekämpft. In Paris und Brüssel hatte er viel Geld gewonnen. In dieser letzten Stadt hatte er sich in ein Fräulein von Stande verliebt, das ihr Vater in ein Kloster einsperren ließ. Er hatte sie entführt, und sie war die Marchesa de la Croce, die damals im sechsten Monat schwanger war. Er sagte mir: »Ich gebe sie für meine Frau aus, weil ich die feste Absicht habe, sie zu heiraten. Ich besitze fünfzigtausend Franken in Gold, ebensoviel in Juwelen und Wertsachen und gedenke in meiner Wohnung Soupers zu geben und Bank zu halten; denn wenn ich spiele, ohne das Glück zu verbessern, bin ich sicher, alles zu verlieren.« Er beabsichtigte, nach Warschau zu gehen, und rechnete darauf, daß ich ihn an alle meine Bekannten empfehlen würde. Er täuschte sich; ich weigerte mich sogar, ihn den mir bekannten Polen vorzustellen, die sich in Spaa aufhielten, und sagte ihm, es liege nur an ihm, deren Bekanntschaft zu machen. Doch versprach ich ihm, mich vollkommen neutral zu verhalten. Ich nahm seine Einladung zum Mittagessen für denselben Tag an. Sein angeblicher Sekretär war weiter nichts als ein Spießgeselle: es war ein geschickter Veroneser, namens Conti, dessen Frau notwendig mit zum Geschäft gehörte. Gegen Mittag kam der Hutmacher wieder mit dem Besitzer des Ringes, der ganz wie ein Halsabschneider aussah. Bei ihm befanden sich der Juwelier und ein anderer Mann. Der Besitzer wiederholte mn die Bitte, ihm zweihundert Louis zu leihen. Wäre ich vernünftig und weniger schwatzhaft gewesen, so hätte ich ihn gebeten, auf das Geschäft mit mir zu verzichten, und damit wäre alles erledigt gewesen; aber es kam anders. Ich wollte ihm auf meine übliche Weise klar machen, daß seine Weigerung, den Stein herausnehmen zu lassen, mich verhindern müsse, ihm den Gefallen zu erweisen. Zum Schluß sagte ich: »Wenn der Stein aus der Fassung genommen wäre, so würde man sehen, was er wirklich wert ist; wiegt er sechsundzwanzig Gran, so will ich Ihnen nicht zweihundert Louis, sondern sogar dreihundert geben. So wie er ist, gebe ich gar nichts dafür.« »Sie haben unrecht, an meinen Worten zu zweifeln, denn Ihr Zweifel beleidigt meine Ehre.« »Meine Worte können ebensowenig wie meine Absicht, den Stein aus der Fassung nehmen zu lassen, die Ehre irgend eines Menschen verletzen. Ich bin mein freier Herr und schlage Ihnen eine Wette vor: Man nehme den Stein aus der Fassung, und wenn er sechsundzwanzig Gran wiegt, verliere ich zweihundert Louis; wiegt er bedeutend weniger, so verlieren Sie den Ring.« »Das ist ein beleidigender Vorschlag, denn er enthält den Vorwurf, daß ich Sie betrogen habe.« Er sagte diese Worte in einem schroffen Ton, der mir mißfiel. Ich trat an meine Kommode, auf der meine Pistolen lagen, und bat den Händelsucher, mich in Ruhe zu lassen. Inzwischen war General Roniker eingetreten, und der Mann mit dem Ringe erzählte ihm unsere Meinungsverschiedenheit. Der General sah sich den Ring an und sagte: »Wenn jemand mir den Ring schenkte, würde ich den Stein nicht herausnehmen lassen, denn einem geschenkten Gaul sieht man nicht ins Maul; wenn ich aber den Ring kaufen sollte, so würde ich nicht einen Taler dafür geben, ohne daß der Stein herausgenommen würde, und wenn der Verkäufer ein Kaiser wäre. Ich bin sehr erstaunt, daß Sie nicht Ihre Einwilligung geben wollen.« Ohne ein Wort zu sagen und ohne zu grüßen, ging der Spitzbube aus der Tür; den Ring behielt der Lütticher in der Hand. »Warum«, fragte ich diesen, »haben Sie ihm seinen Ring nicht wiedergegeben?« »Weil ich ihm fünfzig Louis darauf vorgeschossen habe; aber wenn er mir diese nicht morgen wiedergibt, lasse ich den Stein in Gegenwart eines Beamten herausnehmen und öffentlich versteigern.« »Dieser Mensch gefällt mir nicht; ich bitte Sie, niemanden zu mir in die Wohnung zu führen.« Die Geschichte hatte folgendes Ende: der Betrüger löste seinen Ring nicht ein, und der Lütticher ließ den Stein herausnehmen. Man fand, daß der Diamant auf einer Unterlage von Bergkristall ruhte, die nicht weniger als zwei Drittel des Ganzen ausmachte. Der Diamant war jedoch die fünfzig Louis wert, und ein Engländer kaufte ihn um diesen Preis von dem Darleiher. Acht Tage darauf traf der Gauner mich eine Viertelstunde vor der Stadt allein. Er kam auf mich zu und sagte mir, ich möchte ihm gefälligst an einen Ort folgen, wo wir nicht gesehen würden, denn er hätte ein Wörtchen mit dem Degen in der Hand zu mir zu sagen. In Spaa geht man gewöhnlich ohne Degen, und es war ein besonderer Zufall, daß ich den meinigen bei mir hatte, weil ich am Vormittag als Sekundant ein Duell zwischen zwei Hitzköpfen mitmachen sollte. Ich hatte jedoch das Vergnügen gehabt, sie ohne Blutvergießen miteinander auszusöhnen. Ich antwortete dem Gauner: »Ich werde Ihnen nicht folgen; denn Sie können hier mit mir sprechen.« »Hier sieht man uns.« »Um so besser. Beeilen Sie sich, ziehen Sie Ihren Degen zuerst. Ich verspreche Ihnen, keinen Menschen zu rufen und Ihnen Genugtuung zu geben. Wenn Sie aber nicht den Degen ziehen, so erkläre ich Sie für einen Feigling, und ich glaube, Sie sind einer.« Kaum hatte ich dies gesagt, so zog er blitzschnell den Degen; ich sprang jedoch zurück, und er fand mich zur Verteidigung bereit. Er rückte vor und legte aus, wie man es auf dem Fechtboden macht; in demselben Augenblick führte ich einen geraden Stoß auf seine Brust und versetzte ihm eine Wunde von drei Zoll. Ich würde ihm den Garaus gemacht haben, wenn er nicht den Degen gesenkt und mir gesagt hätte, er würde Gelegenheit finden, Revanche zu nehmen. Hierauf entfernte er sich, die Hand auf seine Wunde pressend. Zwanzig Personen, die uns gesehen hatten, umringten mich und ließen den anderen ruhig ziehen; denn sie waren alle Zeugen, daß er der Angreifer war. Die Geschichte hatte keine Folgen. Als ich von Spaa abreiste, befand er sich noch in ärztlicher Behandlung. Er war ein berüchtigter Abenteurer, der von allen sich in Spaa aufhaltenden Franzosen verleugnet wurde. Die Marchesa, de la Croces angebliche Frau, war ein schönes, blondes Weib von sechzehn bis siebzehn Jahren, hochgewachsen und von adeligen Manieren. Die Geschichte ihrer Entführung ist ihren Brüdern und Schwestern bekannt, und da diese vornehmen und ehrenwerten Personen noch leben, so werden meine Leser mir gestatten, ihren Namen zu verschweigen. Als ihr Gatte mich ihr vorstellte, empfing sie mich auf das freundlichste und anmutigste; sie bereute ihren Schritt nicht, obgleich sie sich bewußt war, daß sie damit alle Grundsätze verletzte, die ihr durch ihre Erziehung eingeprägt waren. Obwohl sie erst im sechsten oder siebenten Monat schwanger war, sah sie doch aus, wie wenn ihre Entbindung unmittelbar bevorstände; im übrigen war sie offenbar vollkommen gesund. Ihr Gesicht trug einen unbeschreiblichen Ausdruck von Aufrichtigkeit. Ihre großen, etwas hervorstehenden blauen Augen, ihre Wangen von blasser Rosenfarbe, ihr kleiner, zart geschnittener Mund mit Zähnen vom glänzendsten Schmelz, dies alles zusammen bildete eine Schönheit, die des Pinsel eines Albano würdig gewesen wäre. Ich hielt mich für einen guten Physiognomiker und glaubte, daß das junge Weib glücklich sei und auch den Gegenstand ihrer Liebe beglücken müsse. Leider mußte ich sehr bald die Eitelkeit meiner vermeintlichen Wissenschaft erkennen, und ich benütze diese Gelegenheit, um zu erklären, daß es keine größere Torheit auf der Welt gibt, als zu glauben, Menschen nach dem ersten Eindruck beurteilen zu können. Die junge Marchesa hatte schöne Ohrringe und zwei herrliche Fingerringe, die mir einen Vorwand lieferten, die Schönheit ihrer Hände in der Nähe bewundern zu dürfen. Contis Frau spielte gar keine Rolle, und ich hatte nur für Charlotte Augen; so hieß die Marchesa. Ich war von ihrer Schönheit so überrascht, daß ich in meiner Zerstreuung fast immer unrichtige Antworten auf die Bemerkungen gab, die sie während des Essens an mich richtete. Unwillkürlich mußte ich darüber nachdenken, daß so viele hervorragende Mädchen sich in diesen Mann verliebten. Vergebens suchte ich nach einem Grund dafür; Croce war weder schön noch von gebildetem Geiste; er beherrschte weder den Ton der guten Gesellschaft, noch war seine Sprache verführerisch. Und so sah ich an ihm nichts, was Mädchen von guten Familien veranlassen konnte, um seinetwillen das Elternhaus zu verlassen; und doch war dies nun schon die zweite, die ich mit meinen eigenen Augen sah. Obgleich ich über diese Rätsel nachsann, war ich doch weit entfernt zu ahnen, was einige Wochen später eintreten sollte. Nachdem wir von Tisch aufgestanden waren, nahm ich Croce auf die Seite und hielt ihm eine vernünftige und eindringliche Rede. Ich zeigte ihm, daß er sich unbedingt vernünftig benehmen müßte; denn er wäre der niederträchtigste Henkersknecht, wenn durch seine Schuld das von ihm verführte herrliche Geschöpf unglücklich werden sollte. »Ich will mich nur noch auf meine Kunst verlassen; denn ich bin sicher, daß ich dann stets ein reicher Mann sein werde.« »Weiß sie, daß dein einziges Vermögen die Dummheit der Menschen ist?« »Sie weiß nichts, als daß ich Spieler bin, und da sie mich anbetet, so hat sie keinen anderen Willen als den meinigen. Ich gedenke sie in Warschau vor ihrer Niederkunft zu heiraten, und ich bin sicher, daß ich diese zweite nicht deiner Sorge anzuvertrauen brauche. Wenn du Geld brauchst, so verfüge nach deinem Belieben über meine Börse.« »Ich danke dir und empfehle dir noch einmal, recht vernünftig und außerordentlich vorsichtig zu sein.« Ich hatte wirklich kein Geld nötig. Ich spielte mit weiser Mäßigung und war mit beinahe vierhundert Louis im Gewinn. Wenn das Glück sich feindlich zeigte, besaß ich die Willenskraft, ihm den Rücken zu wenden und das Spiel aufzugeben. Obgleich die Spuren von Mercis Schlag noch sehr sichtbar waren, führte ich die Marchesa in den Spielsaal, wo sie alle Blicke auf sich lenkte. Sie liebte das Pikett, und ich unterhielt sie, indem ich mit ihr spielte. Um das Spiel interessant zu machen, hatte sie verlangt, daß wir um Geld spielen sollten, und da sie etwa zwanzig Taler verloren hatte, mußte ich dieses Geld annehmen, um sie nicht zu kränken. In der Wohnung fanden wir Croce und Conti, die beide gewonnen hatten: Croce etwa zwanzig Louis im Pharao, und Conti mehr als hundert Guineen im Passedir in einem Engländerklub, in den er sich hatte einführen lassen. Beim Abendessen hatte ich mehr Geist als mittags, und Charlotte lachte herzlich über mich. Von diesem Tage an sah man mich nur noch selten bei den Polen und Tomatis, und nach acht Tagen machten meine Freunde keine Scherze mehr darüber. Ich war verliebt in die schöne Marchesa, und jedermann fand das ganz natürlich-, aber nach Ablauf dieser acht Tage war Croce es müde, daß trotz seinen Soupers keine Dummen zu ihm kommen wollten; er ging an die große Spielbank und verlor beständig. Er war an den Verlust wie an den Gewinn gewöhnt, und seine Laune blieb daher die gleiche: er war immer fröhlich, aß gut, trank noch besser und liebkoste seine schöne Frau, so daß wenigstens diese keinen Verdacht schöpfte. Ich wußte allerdings, wie die Sachen standen, aber ich hielt es nicht für passend, es ihr zu sagen. Ich liebte sie, wagte aber nicht, ihr das zu erkennen zu geben, denn ich glaubte, ich könnte nur auf ihre Freundschaft Anspruch machen. Ich fürchtete, sie möchte es eigennützigen Beweggründen zuschreiben, wenn ich ihr die wahren Verhältnisse ihres unwürdigen Verführers offenbarte. Vor allen Dingen fürchtete ich das Vertrauen zu verlieren, das sie mir zu schenken begann. Nach drei Wochen hatte Conti, der vorsichtiger spielte, einige hundert Louis gewonnen; er verließ Croce und reiste mit seiner Frau und seinem Bedienten nach Verona. Einige Tage später entließ Charlotte ihre Kammerzofe, eine kleine Lütticherin, mit der sie nicht zufrieden war, und bezahlte ihr die Reise nach ihrer Heimatstadt. Gegen Mitte des Septembers verließen alle meine Polen und Tomatis Spaa, um nach Paris zurückzukehren; ich versprach ihnen, mich dort wieder mit ihnen zu treffen. Ich blieb in Spaa nur wegen der tiefen Neigung, die Charlotte mir eingeflößt hatte. Ich sah eine Katastrophe voraus und hatte nicht den Mut, das entzückende Geschöpf in Stich zu lassen. Croce verlor jeden Tag, vormittags und abends, und sah sich bald genätigt, alle seine Juwelen zu verkaufen. Schließlich bat er Charlotten um ihre Schmucksachen, und sie gab ihm alles, was sie hatte: Ohrgehänge, Ringe, Uhren. Er verlor alles, und trotzdem zeigte die junge Person nicht die mindeste Änderung in ihrem engelhaften Charakter. Zuletzt nahm er ihr alle ihre Spitzen und ihre schönsten Kleider, fügte dazu seine eigene Garderobe, verkaufte alles und zog in den letzten Kampf gegen das Glück mit zweihundert Louis, die er in meiner Gegenwart erbärmlich verlor, weil er wie ein verzweifelter Narr das Glück gegen jeden Sinn und Verstand zwingen wollte. Als er nichts mehr hatte, stand er auf, sah mich und machte mit ein Zeichen. Ich ging mit ihm vor das Tor von Spaa. »Mein Freund,« sagte er dort zu mir, »ich habe keine andere Wahl, als mich auf der Stelle zu töten oder, so wie ich bin, Spaa zu verlassen, ohne auch nur einmal noch in meine Wohnung zu gehen. Ich gehe zu Fuß nach Warschau und lasse dir meine Frau zurück; ich weiß, du wirst für sie sorgen, denn du betest sie an, und mit Recht. Ich überlasse es dir, ihr die schreckliche Nachricht von meiner Lage beizubringen. Sage ihr: nur ihretwegen wollte ich ein Vermögen erwerben, und wenn ich in Zukunft mehr Glück habe, so werde ich ihr mein Leben weihen. Sorge für diesen Engel, der eines edleren Geliebten als meiner würdig ist; denn ich bin ein Elender, den sie hassen müßte, wenn ich sie nicht anbetete. Geh mit ihr nach Paris; ich werde dir schreiben und meine Briefe an deinen Bruder adressieren. Ich weiß, du hast Geld; aber ich würde lieber sterben, als einen einzigen Louis von dir annehmen. Ich habe noch drei oder vier Louis in kleiner Münze, und ich versichere dir, ich bin in diesem Augenblick reicher, als ich vor zwei Monaten war. Noch einmal lege ich dir Charlotte ans Herz. Sie wäre glücklich, wenn sie mich nie gekannt hätte.« Nach dieser Rede umarmte er mich unter strömenden Tränen und ging: ohne Mantel, ohne auch nur ein Hemd in der Tasche zu haben, in seidenen Strümpfen und in einem schönen apfelgrünen Samtrock, einen Rohrstock in der Hand! Ich stand, ganz verdutzt, unbeweglich da und sah ihm nach. Ich war in Verzweiflung, eine solche Nachricht einer schwangeren Frau überbringen zu müssen, die ihn unglücklicherweise anbetete. Nur eins gab mir in diesem Augenblick Kraft: das Gefühl, daß ich sie liebte, und daher die Gewißheit, daß sie nicht ohne Stütze wäre. Ich war glücklich, daß ich reich genug war, sie vor Entbehrungen und Not zu schützen. Ich ging zu ihr. Um sie zu schonen, sagte ich ihr, wir könnten zu Mittag essen, denn der Marchese sei in eine Spielpartie verwickelt, die bis zum Abend dauern werde. Sie seufzte, wünschte ihm Glück und setzte sich mit mir zu Tisch. Ich wußte mich so gut zu beherrschen, daß sie keinen Verdacht schöpfte. Nach dem Essen lud ich sie ein, einen Spaziergang in dem nahe gelegenen Kapuzinergarten zu machen. Sie war mit Vergnügen bereit. Um sie auf die verhängnisvolle Nachricht vorzubereiten, fragte ich sie, ob sie ihren Geliebten loben würde, wenn er in einem Ehrenhandel sich der Gefahr, von seinem Feinde ermordet zu werden, dadurch aussetzte, daß er zu ihr käme, um ihr Lebewohl zu sagen, anstatt ohne weiteres zu fliehen. »Ich würde ihn tadeln!« antwortete sie mir; »er muß an seine Rettung denken, wäre es auch nur, um sein Leben für mich zu erhalten. Hat etwa mein Gatte diesen Entschluß gefaßt? Sprechen Sie zu mir ohne jeden Rückhalt! Meine Seele ist stark genug, daß sie einem solchen Schlage widerstehen würde, so furchtbar er auch wäre; ich werde stark sein, zumal da ich einen Freund wie Sie habe. Sprechen Sie!« »Nun, so werde ich Ihnen denn alles sagen. Hören Sie mich an, und seien Sie überzeugt, daß Sie in mir einen zärtlichen Vater sehen müssen, der Sie liebt und es Ihnen an nichts fehlen lassen wird, solange der Himmel ihm das Leben schenkt.« »So bin ich also nicht unglücklich. Sprechen Sie, würdiger Freund!« Ich erzählte ihr nun die ganze Geschichte, ohne von dem, was Croce mir beim Abschieb gesagt hatte, nur ein Wort auszulassen. Ich schloß mit seinen Abschiedsworten: ›Ich lege dir Charlotte ans Herz; sie wäre glücklich, wenn sie mich niemals gekannt hätte.‹ Einige Augenblicke stand sie unbeweglich, in Gedanken versunken, mit gesenkten Augen und gefalteten Händen. Man konnte an ihrer Haltung, an ihrem unregelmäßigen Atmen erraten, was ihre edle Seele in diesem stillen Kampfe litt, den Liebe, Mitleid, Kummer und vielleicht Entrüstung sich in ihrem Innern lieferten. Ich war tief gerührt. Endlich trocknete sie zwei große Tränen, schlug ihre schönen Augen zu mir auf und sagte mit einem leisen Seufzer: »Mein großmütiger Freund, wenn ich auf Sie zählen kann, bin ich ganz gewiß nicht unglücklich.« »Ich schwöre Ihnen, Charlotte: ich werde Sie niemals verlassen, als bis ich Sie Ihrem Gatten in die Arme führe, – es sei denn, daß ich vorher sterbe.« »Das genügt mir. Ich schwöre Ihnen ewige Dankbarkeit und den vollen Gehorsam einer guten Tochter.« Religion und Philosophie hatten sie etwas beruhigt. Sie brüstete sich nicht mit ihren Anschauungen, aber sie war offenbar tief davon durchdrungen. Sie machte einige Bemerkungen über die überstürzte Abreise des Unglücklichen und seufzte, als sie sich vorstellte, in welcher Verzweiflung er sich befunden haben mußte, als er nur die Wahl hatte, entweder sich zu töten oder, entblößt von allem, die Flucht zu ergreifen; aber sie überließ sich dieser Betrachtung nur, um ihn zu beklagen, und da sie alles der blinden und wahnsinnigen Leidenschaft des Spieles zuschrieb, so verurteilte sie ihn nicht. Croce hatte ihr oft die Geschichte von der Marseillerin erzählt, die er in dem Mailänder Gasthof mit dem Rat zurückgelassen hatte, sich an mich zu wenden. Sie fand die Schicksalsfügung wunderbar, daß ich zum zweitenmal die Fürsorge für ein Mädchen übernehmen mußte, das der unglückselige Spieler in einer noch schlimmeren Lage verlassen hatte; denn sie war im achten Monat schwanger. »Der Unterschied«, sagte ich ihr, »besteht darin, daß ich die erste glücklich gemacht habe, indem ich einen ehrenwerten Gatten für sie fand, während ich niemals den Mut haben werde, die zweite auf demselben Wege glücklich zu machen.« »Solange Croce lebt, werde ich niemals die Frau eines andern werden. Dieser Entschluß steht vollkommen fest; trotzdem ist es mir in diesem Augenblick ganz lieb, frei zu sein.« Als wir wieder zu Hause waren, riet ich ihr, den Bedienten zu entlassen und ihm die Reise bis Besançon zu bezahlen, wo Croce ihn angenommen hatte; auf diese Weise wurde er verhindert, verleumderische Reden zu verbreiten, die er sich sonst wohl erlaubt hätte. Auf meinen Rat verkaufte sie auch den ganzen Rest der Garderobe meines armen Freundes und seinen Reisewagen, weil der meinige besser war. Sie zeigte mir die Sachen, die ihr noch blieben und die nur in Wäsche und drei oder vier Kleidern bestanden. Wir blieben noch eine Zeitlang in Spaa, aber ohne jemals auszugehen. Sie sah, daß ich sie mehr als ein Vater liebte; sie sagte es mir und war mir dankbar, daß ich sie schonte; denn obwohl ich sie stundenlang in meinen Armen hielt, begnügte ich mich damit, ihre schönen Augen zu küssen und verlangte niemals etwas mehr für meine Zärtlichkeit. Ich war glücklich über ihre Dankbarkeit und über das Glück, das meine Zurückhaltung ihr bereitete. Wenn die Versuchung meine Gefühle zu stark erweckte, entfernte ich mich und fühlte mich stolz auf meinen Sieg. Unser Verhältnis hatte etwas von der Reinheit einer ersten Liebe. Da Charlotte einen kleinen Reisehut gebrauchte, so bestellte der Hausdiener welche bei dem Lütticher, und Merci brachte mehrere zur Auswahl. Sie errötete bei meinem Anblick, aber ich sagte nichts. Als sie fort war, erzählte ich meiner neuen Freundin die Geschichte von diesem Mädchen, und sie lachte herzlich, als ich ihr sagte, von Merci hätte ich die Beule gehabt, die mein Gesicht entstellte, als ich sie zum ersten Male gesehen hätte. Sie bewunderte meine Tapferkeit, daß ich mich nicht durch ihre scheinbare Reue hätte rühren lassen, und war wie ich der Meinung, daß die ganze Geschichte ein zwischen Merci und ihrer Tante abgekartetes Spiel gewesen wäre. Wir reisten von Spaa ohne Bedienten ab; von Lüttich aus schlugen wir den Weg durch die Ardennen ein, um Brüssel zu vermeiden, wo sie erkannt zu werden fürchtete. In Luxemburg nahmen wir einen Bedienten, der bis Paris bei uns blieb; wir fuhren über Metz und Verdun. Während der ganzen Reise war Charlotte zärtlich, sanft und gut; aber infolge ihres Zustande blieb ich innerhalb der Grenzen kleiner Vertraulichkeiten. Ich sah voraus, daß wir nach ihrer Entbindung nicht dabei stehen bleiben würden; doch die Natur hatte es anders bestimmt. Wir stiegen in Paris im Hotel Montmorency in der Straße gleichen Namens ab. Paris kam mir wie eine neue Welt vor. Frau von Urfé war tot, meine alten Bekannten waren umgezogen oder befanden sich in anderen Verhältnissen: Arme waren reich, Reiche arm geworden; überall waren neue Gebäude, neue Straßen; ich fand mich nicht mehr zurecht. Auf dem Theater herrschte ein neuer Geschmack, und ich fand infolgedessen eine neue Spielweise und neue Schauspieler. Alles war teurer geworden; die Armut lief, um ihre Sorgen zu vergessen, auf den neuen Promenaden herum, die durch Habsucht und aus Politik auf den alten Stadtwällen geschaffen waren und den vollklingenden Namen Boulevards erhalten hatten. Der Luxus derer, die in ihren Karossen die Boulevards entlang fuhren, schien nur des Kontrastes wegen da zu sein. Die Reichen und die Armen waren gleichzeitig und gegenseitig Schauspiel und Zuschauer. Paris ist vielleicht die einzige Stadt auf der Welt, deren Aussehen sich in fünf oder sechs Jahren vollständig ändert. Mein erster Besuch galt der Gräfin du Rumain, die hocherfreut war, mich wiederzusehen. Ich gab ihr das Geld zurück, das sie mit gütigem Herzen in der Zeit meiner Not mir hatte zukommen lassen. Sie befand sich gut, wurde aber durch häuslichen Kummer gequält und sagte mir, die Vorsehung schicke mich, um sie durch meine Kabbala von ihrer Sorge zu befreien. Sie fand mich zu jeder von ihr gewünschten Stunde dienstbereit; dies war das wenigste, was ich für eine Frau von ihrem Charakter tun konnte. Mein Bruder hatte eine neue Wohnung in der Vorstadt Saint-Antoine bezogen. Er sowohl wie seine Frau waren hocherfreut, mich wiederzusehen; sie liebte nur ihn allein, obgleich er sie durch seine Impotenz unglücklich machte. Beide luden mich dringend ein, bei ihnen zu wohnen, und ich versprach ihnen zu kommen, sobald die Dame, die ich bei mir hätte, niedergekommen wäre. Ich hielt es nicht für angebracht, ihnen die Geschichte zu erzählen, und sie waren so zartfühlend, mich nicht danach zu fragen. Am selben Tage machte ich meine Besuche bei der Fürstin Lubomirska und bei den Tomatis; ich bat sie, es mir nicht übel zu nehmen, wenn ich sie nur sehr selten besuchte; die Dame, die sie in Spaa gesehen hätten, stände unmittelbar vor ihrer Niederkunft und bedürfte meiner ganzen Pflege. Nachdem ich mich dieser gesellschaftlichen Verpflichtungen entledigt hatte, wich ich nicht mehr von Charlottens Seite. Am achten Oktober ging ich mit ihr zu der Hebamme Frau Lamarre, die in der Rue du Faubourg St. Denis wohnte; Charlotte wünschte, daß ich sie dort in Pension gäbe. Sie besah sich das Zimmer und das Bett, das sie erhalten sollte, ließ sich ausführlich sagen, wie man sie bedienen und verpflegen würde und was ich für alles zu bezahlen hatte. Am Abend desselben Tages fuhren wir nach Einbruch der Dunkelheit in einem Fiaker dorthin; ein Koffer enthielt alles, was ihr gehörte. Am Ende der Rue Montmorency mußte unser Wagen anhalten, um den Leichenzug irgendeiner reichen Person vorüber zu lassen. Charlotte bedeckte sich die Augen mit ihrem Taschentuch, lehnte ihren schönen Kopf an meine Schulter und sagte: »Lieber Freund, ohne Zweifel ist es eine Dummheit; aber in meinem Zustand ist dieses Zusammentreffen von übler Vorbedeutung.« »Quäle dich nicht mit eitlen Befürchtungen, reizende Charlotte! Vorbedeutungen sind ein eitler Wahn, dem nur der Aberglaube eine gewisse Bedeutung geben kann. Eine gebärende Frau ist keine Kranke, und niemals ist eine Frau im Wochenbett gestorben, wenn nicht eine andere Krankheit hinzutrat.« »Jawohl, mein lieber Philosoph, es ist mit uns gebärenden Frauen wie mit zwei Männern, die sich schlagen: beide sind kerngesund, aber der eine bekommt einen Degenstich und stirbt.« »Dein Vergleich ist sehr geistreich. Aber sei doch nur ruhig: bald werden wir nach Madrid abreisen, nachdem wir vorher für dein Kind gesorgt haben. Ich hoffe, dort werde ich dich glücklich und zufrieden sehen.« Während der ganzen Fahrt unterhielt ich sie recht angenehm, um den peinlichen Eindruck zu verscheuchen, den sie empfangen hatte; denn ich wußte nur zu sehr, welche Wirkungen fixe Ideen auf ein zartes Wesen ausüben können, besonders auf eine junge Frau, die sich in einem solchen Zustande befindet wie Charlotte. Als ich das reizende Geschöpf gut untergebracht sah, kehrte ich nach meiner Wohnung zurück; am nächsten Tage zog ich zu meinem Bruder; aber, solange Charlotte lebte, schlief ich bei ihm nur, denn von neun Uhr früh bis ein Uhr nachts hielt ich mich bei der geliebten Frau auf. Am dreizehnten Oktober wurde Charlotte von einem hitzigen Fieber befallen, das sie nicht mehr verließ. Am siebzehnten brachte sie sehr glücklich einen Jungen zur Welt, der auf den ausdrücklichen Befehl seiner Mutter gleich an demselben Morgen in die Kirche getragen und dort getauft wurde. Charlotte schrieb mit eigener Hand die Namen auf, die er tragen sollte: Jacques (nach mir), Charles (nach ihr), Sohn von Antonio de la Croce und Charlotte *** (sie gab ihren wahren Namen an). Auf ihren Wunsch mußte Frau Lamarre den Knaben von der Kirche sofort ins Findelhaus bringen. In seinen Windeln befand sich sein Taufschein sowie die Angabe, wo und von wem er geboren war. Vergeblich suchte ich sie zu überreden, das Kind meiner Sorgfalt anzuvertrauen. Sie sagte mir, wenn das Kind lebte, wäre es für den Vater sehr leicht, es aus dem Findelhause herauszunehmen. An demselben Tage, den achtzehnten Oktober, gab die Hebamme mir nachstehende Bescheinigung, die in diesem Augenblick vor mir liegt: Wir, I. B. Dorival, königlicher Rat, Kommissarius in Châtelet zu Paris, früher Polizeivorsteher des Stadtviertels der Cité, bescheinigen hiermit kraft unseres Amtes, daß im Findelhause ein Knabe, anscheinend einen Tag alt, eingeliefert worden ist. Die Hebamme Lamarre hat ihn von der Rue de Faubourg St. Denis gebracht; er war mit seinen Windeln bekleidet, und in diesen befand sich eine Bescheinigung, woraus hervorgeht, daß er heute in St. Laurent getauft worden ist, und zwar auf den Namen Jacques-Charles, Sohn von Antonio de la Croce und Charlotte ***. Hierüber haben wir vorliegende Bescheinigung ausgestellt in unserem Palast, Rue des Marmousets in der Cité, am 18. Oktober 1767 abends 7 Uhr. Dorival. Sollten sich unter meinen Lesern Neugierige befinden, die den Namen der Mutter erfahren möchten, so gebe ich ihnen hiermit die Mittel an die Hand, ihre Neugier zu befriedigen. Nach Erledigung dieser Angelegenheit, die mir recht schmerzlich war, wich ich Tag und Nacht nicht mehr von dem Bett der Kranken. Trotz der sorgfältigen Pflege eines geschickten Arztes verließ das Fieber sie keinen Augenblick mehr, und am sechsundzwanzigsten desselben Monats, morgens fünf Uhr, starb sie. Eine Stunde bevor sie den letzten Seufzer ausstieß, nahm sie Abschied von mir; sie sagte mir, es sei der letzte Abschied, und bevor sie meine Hand los ließ, führte sie sie an ihre Lippen; dies geschah in Gegenwart des ehrwürdigen Geistlichen, der ihr um Mitternacht die Beichte abgenommen hatte. Die Tränen, die ich noch in diesem Augenblick vergieße, da ich diese Zeilen schreibe, werden wahrscheinlich die letzten sein, die ich zu Ehren dieses reizenden Kindes weine, eines Opfers der Liebe und eines Mannes, der noch lebt und nur seinem seltsamen und grausamen Geschick zu gehorchen scheint, indem er Menschen unglücklich macht. In Tränen zerfließend, setzte ich mich neben das Bett Charlottens, die ich meine Tochter nannte und so innig liebte. Vergeblich suchte die gute Frau Lamarre mich zu überreden, in ihr Zimmer zu kommen: der Anblick dieser Leiche war mir mehr als die ganze Welt, als ich selber. Mittags kamen mein Bruder und dessen Frau, um sich nach mir zu erkundigen; sie waren unruhig um mich, da sie mich seit acht Tagen nicht mehr gesehen hatten. Als sie eine so junge und so schöne Tote sahen, der selbst die harte Hand des Todes ihre Schönheit nicht hatte rauben können, verstanden sie meine Tränen und weinten lange Zeit mit mir. Endlich entfernten sie sich auf meine Bitte, und ich schlief mit dem Kopf auf dem Bett, worauf Charlottens irdische Überreste lagen. Ich verließ sie nicht eher, als bis das Grab sie verschlungen hatte. Am Tage vor dem Begräbnis, ewig schmerzlichen Angedenkens, hatte mein Bruder mir mehrere Briefe gegeben. Ich hatte sie nicht geöffnet. Als ich nach der Beerdigung das Sterbehaus verließ, erbrach ich meine Briefe, und der erste, den ich las, war von Herrn Dandolo, der mir den Tod des Herrn von Bragadino meldete. Meine Tränen waren versiegt; ich verlor einen Mann, der seit zweiundzwanzig Jahren Vaterstelle an mir vertrat, der um meinetwillen mit der größten Sparsamkeit lebte und sogar Schulden machte. Da sein Vermögen ein Fideikommiß war, so konnte er mir nichts hinterlassen. Seine Möbel und seine Bibliothek wurden die Beute seiner Gläubiger. Seine beiden Freunde, zugleich die meinigen, waren arm und konnten mir nur mit ihren Herzen helfen. Diese schreckliche Nachricht begleitete ein Wechsel von tausend Talern, die der Verstorbene, sein Ende voraussehend, vierundzwanzig Stunden vor seinem Tode mir noch gesandt hatte. Ich war wie zerschmettert. Nun konnte ein schlimmerer Schlag mir nicht mehr vom Schicksal kommen. Drei Tage verbrachte ich im Hause meines Bruders, ohne auszugehen. Am vierten ging ich zur Fürstin Lubomirska, um deren Gunst ich mich eifrig bewarb. Sie hatte dem König, ihrem Vetter, einen Brief geschrieben, der ihn beschämen mußte, denn sie bewies dem Monarchen, daß er schnöder Verleumdung sein Ohr geliehen hatte. Aber Könige lassen sich nicht durch solche Kleinigkeiten beschämen. Außerdem hatte gerade damals Stanislaus August von Rußland den blutigsten Schimpf erlitten: Repnin hatte mit Gewalt die drei Senatoren wegschleppen lassen, weil sie auf ihrem Reichstag als freie Männer gesprochen hatten. Dies war ein Dolchstoß, der dem unglücklichen König das Herz durchbohren mußte. Die Fürstin hielt sich mehr aus Haß als aus Liebe von Warschau fern; aber man glaubte es nicht. Meine Reise nach Madrid war beschlossene Sache; denn ich wollte diesen Hof sehen, bevor ich mich nach Portugal begab. Die Fürstin gab mir vorher einen Brief für den damals in Spanien allmächtigen Grafen d'Aranda, und der Marchese Caraccioli, der noch in Paris war, gab mir drei Empfehlungsbriefe, einen für den Fürsten della Cattolica, den neapolitanischen Gesandten in Madrid, einen für den Herzog von Lossada, den Oberhoftruchseß und Günstling des Königs, und einen dritten für den Marques Mora-Pignatelli. Am 4. November ging ich mit einer Eintrittskarte, die die Fürstin Lubomirska mir gegeben hatte, in ein Konzert gegenüber der Sackgasse der Orangerie. Mitten im Konzert hörte ich hinter mir meinen Namen nennen und lachen. Ich drehte mich um und sah den Menschen, der so verächtlich von mir sprach: es war ein großer junger Mann, der zwischen zwei alten Herren saß. Als ich ihn fest ansah, wandte er seine Blicke ab, setzte aber seine unverschämten Bemerkungen fort. Unter anderem sagte er, ich kostete ihm mindestens eine Million, die ich seiner verstorbenen Tante, der Marquise d'Urfé, gestohlen hätte. Ich sagte zu ihm: »Sie können nur ein frecher Mensch sein. Wenn wir draußen wären, würde ich Ihnen einen Fußtritt vor den Hintern geben, um Ihnen einen anständigen Ton beizubringen.« Mit diesen Worten stand ich auf und ging hinaus; als ich mich umdrehte, sah ich, wie die beiden alten Herren den jungen Brausekopf zurückhielten. Ich stieg in einen Wagen und ließ diesen am Eingang der Sackgasse halten, um zu sehen, ob er mir nachkomme; da ich ihn nicht kommen sah, ging ich in das Meßtheater, wo ich in derselben Loge saß wie die Valville. Sie sagte zu mir: »Ich bin nicht mehr Schauspielerin und werde vom Marquis de Brumoi unterhalten.« »Das freut mich; ich wünsche Ihnen alles Glück.« »Ich hoffe, Sie werden bei mir zu Abend speisen?« »Soviel Vergnügen mir das machen würde, kann ich es leider nicht; aber ich werde Sie besuchen, wenn Sie mir Ihre Adresse geben.« Mit diesen Worten drückte ich ihr eine Rolle von fünfzig Louis in die Hand. »Was ist das?« »Das Geld, das du mir in Königsberg geliehen hast, meine Liebe.« »Hier ist weder der Ort, noch der rechte Augenblick, es mir zurückzugeben. Ich will das Geld nicht haben, wenigstens hier nicht; ich werde es nur in meiner Wohnung annehmen. Bitte, sprich nicht weiter davon!« Ich steckte die Rolle wieder in die Tasche, und sie nahm einen Bleistift und schrieb mir ihre Adresse auf. Bald nachher verabschiedete ich mich von ihr. Ich war zu traurig, um ein Beisammensein mit diesem reizenden Weibe anzunehmen. Zwei Tage später saß ich bei Tische mit meinem Bruder, meiner Schwägerin und einigen Russen, die bei ihm in Pension waren, um die Schlachtenmalerei zu erlernen. Plötzlich wurde mir gemeldet, ein Ludwigsritter warte auf mich im Vorzimmer, um ein Wort mit mir zu reden. Ich ging zu ihm hinaus, und er überreichte mir, ohne ein Wort zu sagen, ein Papier. Ich öffne es; es ist Louis unterzeichnet. Der Monarch befiehlt mir, Paris binnen vierundzwanzig Stunden und Frankreich binnen drei Wochen zu verlassen; und als Grund gibt er mir an: es sei sein bon plaisir . Sechstes Kapitel Abreise von Paris. – Meise nach Madrid. – Der Graf von Aranda. – Der Fürst della Cattolica. – Der Herzog von Lossada. – Mengs. – Ein Ball. – Die Pichona. – Dona Ignazia. Schön, mein Herr Chevalier, ich habe gelesen und werde mich bemühen, dem Herrscher dieses plaisir so früh wie möglich zu erweisen. Sollte ich jedoch in vierundzwanzig Stunden noch nicht reisen können, so wird Seine Majestät das plaisir haben, mit mir alles zu machen, was ihm vielleicht plaisir macht.« »Mein Herr, die vierundzwanzig Stunden sind nur der Form wegen Ihnen vorgeschrieben. Erkennen Sie den Befehl an und geben Sie mir Quittung über die lettre de cachet , dann können Sie nach Ihrer Bequemlichkeit abreisen. Ich ersuche Sie nur, mir Ihr Ehrenwort zu geben, weder Schauspieler zu besuchen noch sich zu Fuß auf die öffentlichen Spaziergänge zu begeben.« »Mein Herr, ich gebe Ihnen mein Wort und danke Ihnen dafür, daß Sie es annehmen.« Ich führte den Chevalier in mein Zimmer und schrieb dort alles nieder, was er mir diktierte. Da er mir hierauf sagte, es werde ihm Freude machen, meinen Bruder zu sehen, den er bereits kenne, so führte ich ihn in den Saal, wo man noch bei Tisch saß, und erzählte den Anwesenden ohne Umstände, aber mit höflichem und heiterem Ausdruck, den Anlaß seines Besuches. Mein Bruder lachte und sagte zum Chevalier: »Mein lieber Herr de Buhot, dieser Befehl war sicherlich nicht notwendig, denn mein Bruder gedachte im Laufe der Woche ohnedies abzureisen.« »Um so besser. Wenn der Minister das gewußt hätte, hätte er sich nicht die Umstände gemacht, den Brief noch heute morgen unterzeichnen zu lassen.« »Kennt man den Grund der Maßregel?« »Man spricht von einer Bemerkung, daß ein gewisser Herr Fußtritte vor den Hintern erhalten solle; es ist zwar ein junger Herr, aber von einem Range, daß er Fußtritts zu empfangen nicht gewöhnt ist.« »Sie begreifen, Herr Chevalier,« sagte ich, »daß diese Worte nur eine Formsache sind, genau wie die vierundzwanzig Stunden des Befehles. Ich habe den ungezogenen jungen Herrn mit diesen Worten bedrohen zu müssen geglaubt, um auf die beleidigenden Worte zu antworten, die er sich mir gegenüber erlaubte. Wäre er herausgekommen, so hatte er ja einen Degen bei sich, durch den er leicht seinen Hintern vor einer Beschimpfung schützen konnte.« Hierauf erzählte ich die Geschichte mit allen Umständen, und Buhot gab zu, daß ich vollkommen recht hätte; aber er meinte doch, daß auch die Polizei recht hätte, wenn sie, soviel es in ihren Kräften stände, Händel dieser Art verhinderte. Er riet mir, am nächsten Morgen die ganze Geschichte dem Herrn von Sartines zu erzählen, der mich ja kenne und entzückt sein werde, den Vorfall aus meinem Munde zu vernehmen. Ich antwortete hierauf nicht, denn ich kannte den berühmten Polizeistatthalter als einen Herrn, der gerne Moralpredigten hielt. Die lettre de cachet war vom 6. November datiert, und ich verließ Paris erst am 20. Ich machte allen meinen Bekannten Mitteilung von der Ehre, die der König von Frankreich mir erwiesen hätte, indem er mir sein bon plaisir hätte bedeuten lassen. Das ist eine abscheuliche Formel, denn sie erniedrigt das Menschengeschlecht. Ich widersetzte mich in aller Form dem wohlwollenden Eifer der Frau du Rumain, die durchaus nach Versailles gehen wollte, da sie, wie sie behauptete, sicher wäre, daß sie die Rücknahme der lettre de cachet erwirken würde. Mein Paß, wonach ich Postpferde nehmen durfte, ist vom 19. November vom Herzog von Choiseul ausgestellt; ich besitze ihn noch. Ich reiste allein, ohne Bedienten, immer noch traurig über den Tod meiner Charlotte, aber ruhig, mit hundert Louis in meiner Börse und einem Wechsel von achttausend Franken auf Bordeaux. Ich erfreute mich einer vollkommenen Gesundheit, und meine Lebensanschauung war eine ganz andere geworden. Ich ging in ein Land, wo ich Klugheit und Umsicht nötig hatte. Außerdem hatte ich alle meine Hilfsquellen verloren; der Tod hatte mich einsam gemacht; ich war bereits in meinen eigenen Augen ein Herr von einem gewissen Alter. Von diesem Alter will das Glück für gewöhnlich nichts wissen, und die Frauen noch weniger. Die Valville besuchte ich erst am Tage vor meiner Abreise; ich fand sie in einer glänzend möblierten Wohnung und reich mit Diamanten versehen. Als ich ihr die fünfzig Louis wiedergeben wollte, fragte sie mich, ob ich mindestens tausend besäße, und als sie erfuhr, daß ich nur fünfhundert hatte, weigerte sie sich rund heraus, das Geld anzunehmen, und bot mir ihrerseits auf die freundschaftlichste Weise ihre Börse an, die ich jedoch ebenfalls zurückwies. Seitdem habe ich niemals wieder etwas von diesem guten Mädchen gehört; ich gab ihr ausgezeichnete Ratschläge, um im Alter eine unabhängige Stellung einzunehmen, wenn ihre Schönheit ihr nichts mehr einbringen würde. Ich will wünschen, daß sie sich diesen Rat zunutze gemacht hat. Nachdem ich meinen Bruder und meine Schwägerin umarmt hatte, stieg ich um sechs Uhr abends in meinen Wagen, um bei Mondschein die ganze Nacht hindurch zu fahren und in Orléans zu Mittag zu essen. Dort wollte ich einen alten Bekannten besuchen. In einer halben Stunde war ich in Bourg-la-Reine. Dort schlief ich ein. Zu meinem Verdruß wurde ich jeden Augenblick aufgeweckt, um das Postgeld zu bezahlen; zum letzten Male erwachte ich in Orléans um sieben Uhr morgens. Oh, mein schönes, liebes Frankreich, wo zu jener Zeit alles so gut ging, trotz den lettres de cachet , trotz den Fronden, dem Elend des Volkes, dem bon plaisir des Königs und der Minister! Mein liebes Frankreich, was ist heute aus dir geworden? Das Volk ist dein Herrscher, – das Volk, der brutalste, tyrannischste von allen Herrschern! Du hast allerdings nicht mehr das bon plaisir des Königs, aber du hast dafür die Laune der Volksmenge, und die Republik ist eine abscheuliche Regierungsform, die für moderne Völker nicht passen kann; denn diese sind zu reich, zu klug und vor allen Dingen zu verderbt für eine Regierungsform, deren Voraussetzungen Selbstverleugnung, Nüchternheit und alle Tugenden sind. Das wird nicht von Dauer sein. Ich ließ mich zu Bodin führen, einem wackeren ehemaligen Tänzer, der die Geoffroy geheiratet hatte, eine von meinen tausend Geliebten, die ich vor zweiundzwanzig Jahren zuerst gekannt hatte. Ich hatte sie später in Turin, Wien und Paris getroffen und ich wollte sie nun gern auch in ihrem Hause sehen. Diese Überraschungen, diese Wiedererkennungen, wodurch alte Erinnerungen belebt, frühere Freuden wieder wachgerufen werden, waren stets meine schwache, oder vielmehr meine starke Seite gewesen. Ich glaubte für einen Augenblick wieder zu sein, was ich einst gewesen war, und meine Seele freute sich, indem ich meine Erlebnisse erzählte oder die der Wiedergefundenen erzählen ließ. Ich hatte eine Freude daran, weil keine Reue mein Gewissen peinigte. Bodins Frau war mehr häßlich als alt geworden; außerdem war sie jetzt ihrem Mann zuliebe fromm und gab Gott, was der Teufel übrig gelassen hatte. Bodin lebte vom Ertrage eines kleinen Gutes, das er gekauft hatte, und schrieb der Gerechtigkeit eines rächenden Gottes alles Unglück zu, das im Laufe des Jahres sein Landgut befiel. Ich aß mit ihm Fastenspeisen, denn es war Freitag, und die Vorschrift der Kirche war unverletzlich. Ich erzählte ihm in aller Ruhe meine Erlebnisse seit der Zeit, daß wir uns zuletzt gesehen hatten, und als ich fertig war, stellten sie lange Betrachtungen darüber an, daß das Leben des Menschen unregelmäßig sei, wenn er sich nicht bei allen seinen Grundzügen von der Religion leiten lasse. Sie sagten mir – was ich ebensogut und vielleicht besser als sie selber wußte –, daß es einen Gott gebe, daß ich eine Seele habe, und daß es für mich hohe Zeit sei, nach ihrem Beispiel auf alle Eitelkeit der Welt zu verzichten. »Und Kapuziner zu werden, nicht wahr?« »Daran täten Sie gar nicht übel.« »Schön; aber ich werde solange warten, bis mein Bart in einer einzigen Nacht lang genug wächst.« Trotz allen diesen Dummheiten war es mir nicht unangenehm, sechs Stunden mit diesen guten Geschöpfen verbracht zu haben, die auf ihre Art durch ihre aufrichtige Reue glücklich sein mußten. Nachdem ich sie zärtlich umarmt hatte, stieg ich wieder in meinen Wagen und fuhr die ganze Nacht hindurch. In Chanteloup machte ich Halt, um das Denkmal der Prachtliebe und des Geschmackes des Herzogs von Choiseul zu sehen. Ich brachte dort vierundzwanzig Stunden zu. Ein Mann von höfischem Wesen, der mich nicht kannte und dem ich nicht empfohlen war, wies mir eine schöne Wohnung an, gab mir ein Abendessen und setzte sich erst, nachdem ich ihn lange hatte bitten müssen, zu mir an den Tisch. Am nächsten Tage beim Mittagessen benahm er sich ebenso; er führte mich überall herum und ehrte mich wie einen Fürsten, ohne mich auch nur nach meinem Namen zu fragen. Er war so aufmerksam, dafür zu sorgen, daß kein Bedienter zugegen war, als ich in meinen Wagen stieg, um weiter zu fahren. Dies geschah aus Zartgefühl, um den Gast zu verhindern, daß er die Herberge bezahlte, indem er einem Bedienten einen Louis in die Hand drückte. Das schöne Schloß, für das der Herzog von Choiseul ungeheure Summen ausgegeben hatte, kostete ihm nichts; denn er blieb alles schuldig und kümmerte sich nicht darum; er war ein abgesagter Feind des Unterschiedes von mein und dein. Er bezahlte keinen Menschen, belästigte aber auch niemals solche, die ihm etwas schuldig waren. Er gab gern. Liebhaber der Künste, Freund aller talent- und geschmackvollen Leute, fand er ein ganz besonderes Vergnügen daran, wenn er ihnen nützlich sein konnte und wenn sie ihm ihre Dankbarkeit dadurch bezeigten, daß sie ihm den Hof machten. Übrigens besaß er viel Geist, aber dieser ging nur ins Große und bekümmerte sich nicht um Kleinigkeiten; denn er war faul und vergnügungssüchtig. »Es ist Zeit für alles!« war sein Lieblingswort. Früher waren die Minister an Kuriertagen nicht zugänglich gewesen; er machte diese Gewohnheit lächerlich und brachte es wirklich dahin, daß auch für die Minister ein Tag wie der andere war. In Poitiers kam ich um sieben Uhr abends an. Ich wollte noch bis Vivonne weiterfahren, aber zwei junge Mädchen rieten mir sehr dringend davon ab. »Es ist sehr kalt, mein Herr,« sagten sie, »und der Weg ist nicht eben der beste. Sie sind doch kein Kurier. Lassen Sie sich von uns raten und essen Sie hier zu Abend; wir werden Ihnen ein ausgezeichnetes Bett geben, und morgen fahren Sie weiter.« »Ich bin entschlossen weiterzureisen, meine jungen Damen; aber wenn Sie mir beim Abendessen Gesellschaft leisten wollen, so bleibe ich.« »Oh, das würde Ihnen zu teuer werden!« »Durchaus nicht zu teuer. Schnell, entscheiden Sie sich!« »Nun gut, wir werden mit Ihnen essen.« »Lassen Sie also drei Gedecke auflegen. In einer Stunde reise ich ab.« »In einer Stunde! In drei Stunden, mein Herr – denn Papa braucht zwei Stunden, um Ihnen ein gutes Abendessen zurecht zu machen.« »Nun, dann werde ich überhaupt nicht abreisen, aber Sie müssen mir die ganze Nacht Gesellschaft leisten.« »Wenn Papa damit einverstanden ist, gern. Wir werden Ihren Wagen in die Remise fahren lassen.« Die lustigen Mädchen bekamen von ihrem Vater die Erlaubnis und gaben mir ein ganz ausgezeichnetes Abendessen mit köstlichen Weinen. Sie hielten mir bis Mitternacht im Essen wie im Trinken stand; fröhlich und zum Scherzen aufgelegt, überschritten sie doch niemals die Grenze eines erlaubten Spaßes. Gegen Mitternacht trat der Vater mit lachendem Gesicht ein und fragte mich, ob ich mit dem Abendessen zufrieden gewesen sei. »Sehr! Und noch vielmehr mit der Gesellschaft Ihrer Töchter, die wirklich reizend sind.« »Das freut mich. Wenn Sie wieder hier durchreisen, werden sie Ihnen stets Gesellschaft leisten; aber es ist Mitternacht vorbei, und da ist es Zeit, zu Bett zu gehen.« Ich antwortete nur durch ein bejahendes Nicken; denn meine Seele war noch zu betrübt über Charlottens Tod, um die Reize der Wollust empfinden zu können. Die liebenswürdigen jungen Damen mußten mich sehr zurückhaltend finden. Ich wünschte ihnen eine gute Nachtruhe, und ich glaube, ich würde sie nicht einmal umarmt haben, wenn der Vater mich nicht aufgefordert hätte, ihnen diese Ehre zu erweisen. Aus Eitelkeit legte ich in meine Umarmungen recht viel Feuer. Vielleicht glaubten sie, ich sei von Begierden verzehrt, und es war mir nicht unangenehm, mir dies vorzustellen. Als ich allein war, dachte ich darüber nach, daß ich ein verlorener Mann wäre, wenn ich nicht Charlotte vergäße. Ich beschloß, mir Mühe zu geben. Ich schlief bis neun Uhr und befahl dann der Magd, die bei mir Feuer machte, Kaffee für drei Personen und die Pferde zu bestellen. Die beiden hübschen Wirtstöchter frühstückten mit mir, und ich dankte ihnen dafür, daß sie mich zum Bleiben überredet hätten. Ich verlangte die Rechnung, und die älteste sagte mir, die Rechnung sei einfach und rund: einen Louis auf den Kopf. Ich ließ mir nichts merken, daß ich diese Geldschneiderei unverschämt fand, sondern gab ihr mit lachendem Munde die drei Louis und fuhr zufrieden ab. In Angoulême, wo ich den Hofkoch des Königs von Preußen, Noël, zu sehen hoffte, fand ich nur dessen Vater; er bewirtete mich ausgezeichnet und zeigte mir sein geradezu wunderbares Talent in der Pastetenbäckerei. Die Beredsamkeit des braven Mannes war so heiß wie seine Backöfen. Er wußte mich zu überzeugen, daß er Pasteten, die ich bei ihm bestellen würde, an jede beliebige Adresse in ganz Europa versenden könnte. »Wie? Nach Venedig, nach London, nach Warschau, nach Petersburg?« »Sogar nach Konstantinopel, wenn Sie es wünschen. Sie brauchen mir nur die Adressen zu geben und, um sicher zu sein, daß ich Sie nicht betrügen will, bezahlen Sie mir die Rechnung erst, nachdem Sie die Nachricht erhalten haben, daß die Pasteten angekommen sind.« Ich bezahlte vertrauensvoll im voraus und ließ ihn Pasteten nach Venedig, Warschau und Turin schicken; von allen Orten habe ich Danksagungen erhalten. Der alte Noël war durch dies Geschäft reich geworden. Er versicherte mir, er schicke viele Pasteten nach Amerika, und mit Ausnahme der durch Schiffbrüche verloren gegangenen seien alle in ausgezeichnetem Zustande angekommen. Seine Pasteten waren meistens mit Truthahn, Rebhuhn oder Hasen gefüllt und mit Trüffeln gewürzt; er machte jedoch auch Gänseleber-, Lerchen- und Wachtelpasteten, je nach der Jahreszeit. Zwei Tage darauf kam ich in Bordeaux an. Es ist eine herrliche Stadt und nach Paris die erste Frankreichs, was auch die Lyoner sagen mögen, deren Stadt es sicherlich mit Bordeaux nicht aufnehmen kann. Ich verbrachte dort acht Tage, um gut zu essen; denn man lebt in Bordeaux besser als anderswo. Nachdem ich meine achttausend Franken auf Madrid hatte überschreiben lassen, reiste ich durch die Landes über Mont-de-Marsan und Bayonne nach Saint-Jean-de-Luz, wo ich meine Postkutsche verkaufte, die ich in Paris für meinen schönen Reisewagen eingehandelt hatte. Von dort begab ich mich nach Pampeluna, indem ich die Pyrenäen auf einem Maultier überstieg; ein zweites trug meine Koffer. Das Gebirge erschien mir viel gewaltiger als die Alpen. Vielleicht täuschte ich mich, denn ich befand mich in dem niedrigsten Teil; so viel ist jedoch gewiß, daß die Pyrenäen angenehmer, abwechslungsreicher, malerischer und fruchtbarer sind als die Alpen. In Pampeluna übernahm der Fuhrmann Andrea Capello die Beförderung meiner Person und meines Gepäckes, und wir brachen nach Madrid auf. Die ersten zwanzig Meilen ermüdeten mich nicht, denn die Straße war ebenso schön wie eine französische. Sie war ein Denkmal zu Ehren des Herrn von Gages, der nach dem italienischen Kriege Gouverneur von Navarra gewesen war und, wie man mir versicherte, diese schöne Straße auf seine Kosten hatte bauen lassen. Der berühmte General, der mich vor vierundzwanzig Jahren hatte in Arrest setzen lassen, gelangte auf diese Weise auf die Nachwelt, und nicht nur das, sondern er verdiente es auch. Als großer General hatte er nur blutbefleckte Lorbeeren gewonnen, war er nur Zerstörer gewesen; aber indem er diese schöne Straße bauen ließ, wurde er zu einem Wohltäter des Volkes und erwarb sich dauernden und unzerstörbaren Ruhm. Ich kann nicht sagen, daß ich nach dem Aufhören dieser schönen Straße eine schlechtere fand, denn ich fand überhaupt keine Straße mehr. Über steile, steinige Hänge ging es bergauf und bergab. Nirgends die geringste Spur, daß schon ein Wagen gefahren war; das ist Alt-Kastilien. Man nimmt nicht an, daß Reisende, die ihre Bequemlichkeit lieben, auf diesem Wege nach Madrid gehen. Ich war denn auch keineswegs verwundert, nur elende Herbergen zu finden, die kaum für die Maultiertreiber gut genug sind, die mit ihren Tieren zusammenschlafen. Senñor Andrea suchte mir sorgfältig die beste Unterkunft aus, die zu haben war, und nachdem er seine Maultiere mit allem Notwendigen versorgt hatte, lief er durch das Dorf, um mir etwas zu essen zu verschaffen. Der Herr der elenden Herberge, wo wir eingekehrt waren, rührte sich nicht; er zeigte mir eine Kammer, wo ich schlafen könnte, einen Kamin, worin ich Feuer machen könnte, wenn ich Lust hätte; aber er kümmerte sich nicht darum, mir das nötige Holz oder Speisen zu beschaffen; das alles ging ihn nichts an. Elendes Spanien! Sich zugrunde zu richten, war allerdings schwer; denn er verlangte für meine Unterkunft weniger als man in Frankreich und sogar in Deutschland für ein Nachtlager in einer Scheune nimmt; aber man mußte stets außerdem eine Pezetta por el ruido bezahlen. Eine Pezetta für den Lärm. Die Pezetta hat einen Wert von vier Realen, nach französischem Gelde ungefähr einundzwanzig Sous. Der gute Mann rauchte nachlässig seinen Sigarito von brasilianischem Tabak in einem zusammengerollten Stückchen Papier und stieß mit würdevoller Miene dicke Rauchwolken aus. Seine Armut war für ihn Reichtum, und seine Nüchternheit machte ihm das Dasein leicht. In ganz Europa versteht man die Kunst, nüchtern zu leben, nicht so gut, wie in den niedrigen Klassen Spaniens. Zwei Unzen weißen Brotes und ein paar geröstete Kastanien oder süße Eicheln, Bellotas genannt, genügen zum Lebensunterhalt eines Spaniers. Sein Stolz ist, sagen zu können, wenn er einen von ihm beherbergten Fremden abreisen sieht: ich habe mir durchaus keine Mühe gegeben, um ihn zu bedienen. Diese Denkungsweise beruht auf großer Faulheit, die mit viel Stolz gemischt ist: man ist ja Kastilianer; man darf sich nicht so weit herablassen, einen gavacho zu bedienen. Mit diesem Namen bezeichnet man in ganz Spanien die Franzosen und dann die Fremden überhaupt. Dies Wort gavacho ist viel schimpflicher als das Wort Hund, womit die Türken uns bezeichnen, und womit auch die Engländer sehr freigebig jeden bedenken, der nicht in den drei Königreichen geboren ist. Es ist selbstverständlich, daß Leute, die durch eine gute Erziehung oder durch Reisen Bildung gewonnen haben, nicht so sprechen oder auch nur denken. Ein Fremder, der gute Empfehlungen hat und sich anständig benimmt, findet vernünftige Leute in Spanien sowohl wie in England und in der Türkei. Die zweite Nacht schlief ich in Algrada, einem kleinen Ort, den man mit dem Namen einer Stadt schmückt, und der ein wahres Wunder von Häßlichkeit und Traurigkeit ist. Dort wurde die Nonne Maria von Algrada wahnsinnig und schrieb das Leben der heiligen Jungfrau nach dem Diktat der Mutter unseres Heilandes. Man hatte mir ihr Werk zu lesen gegeben, als ich unter den Bleidächern war, und der Leser erinnert sich vielleicht, daß ich durch die Träume der Visionärin beinahe meinen Verstand verloren hätte. Wir machten täglich zehn spanische Meilen, und diese sind sehr lang. Eines Morgens glaubte ich vor uns ein Dutzend Kapuziner zu sehen, welche langsamer gingen als die Maultiere vor meinem Wagen. Als ich sie jedoch genauer betrachtete, sah ich lauter Frauen von verschiedenem Alter. »Was ist denn das?« fragte ich den Señor Andrea; »sind denn diese Frauen wahnsinnig?« »Durchaus nicht. Sie tragen die Kapuzinerkutte aus Frömmigkeit, und ich bin überzeugt, daß keine von ihnen ein Hemd auf dem Leibe hat.« Daß sie kein Hemd hatten, war weiter nicht wunderbar; denn Hemden sind in Spanien selten; daß aber jemand das Kapuzinerkleid trug in dem Glauben, dadurch dem Schöpfer mehr zu gefallen, dieser Gedanke erschien mir äußerst seltsam. Am Tore einer Stadt kurz vor Madrid verlangte man von mir meinen Paß. Ich gab ihn und stieg aus. Der Beamte zankte sich mit einem fremden Priester, der nach Madrid reisen wollte, aber keinen Paß für die Hauptstadt hatte. Er zeigte einen Paß, womit er in Bilbao gewesen war; mit diesem war der Beamte jedoch nicht zufrieden. Der Priester war Sizilianer; da man ihn offenbar schikanierte, so erregte er meine Teilnahme, und ich fragte ihn, warum er sich dieser Unannehmlichkeit ausgesetzt hätte. Er antwortete mir, er halte es nicht für notwendig, einen Paß zu haben, um in Spanien zu reisen, wenn man schon einmal im Lande sei. »Ich will nach Madrid,« fuhr er fort, »wo ich bei einem Granden als Beichtvater eintreten zu können hoffe; ich habe einen Brief für ihn.« »Zeigen Sie doch diesen Brief; dann wird man Sie ganz sicher passieren lassen.« »Sie haben recht.« Der arme Priester nahm aus seiner Brieftasche das Schreiben, das offen war, und reichte es dem Beamten; dieser warf einen Blick auf die Unterschrift und stieß einen Schrei aus, als er den Namen Squillace las. »Wie, Herr Abbé, Sie gehen nach Madrid mit einer Empfehlung von Squillace, und Sie wagen, den Brief zu zeigen?« Als die anwesenden Beamten und Polizisten hörten, daß der arme Abbé keine andere Empfehlung hatte als von dem allgemein verhaßten Minister, den man gesteinigt haben würde, wenn nicht der König, der ihn beschützte, ihm zur Flucht verholfen hätte, – da erhoben sie ihre Stöcke und begannen den armen Sizilianer zu prügeln, der natürlich nicht darauf gefaßt war, daß die Empfehlung eines Mannes, auf dessen Fürsprache er vielleicht all seine Hoffnungen gesetzt hatte, ihm einen so traurigen Empfang verschaffen würde. Zum Glück war ich dabei, und es gelang mir, wenn auch nicht ohne Mühe, den armen Abbé zu befreien, den man dann, wahrscheinlich wegen der Prügel, die er erhalten hatte, passieren ließ, obwohl seine Papiere nicht in Ordnung waren. Dieser Squillace wurde von dem König, der ihn liebte, als Botschafter nach Venedig geschickt, wo er in hohem Alter gestorben ist. Er mußte von den Untertanen jedes Fürsten gehaßt werden, der ihn an die Spitze seiner Finanzverwaltung gesetzt hätte; denn er war unbarmherzig in der Eintreibung der Steuern, um die Einnahmen seines Herrn zu vermehren. Die Zimmertüren in den Herbergen hatten Riegel an der Außenseite, aber innen nur den Drücker. Die erste und zweite Nacht sagte ich nichts, aber am dritten Abend erklärte ich meinem Fuhrmann, ich wolle mir das nicht gefallen lassen. »Señor Don Jacob, in Spanien muß man es sich gefallen lassen; denn die heilige Inquisition muß stets nachsehen können, was etwa die Fremden in ihren Zimmern machen, und daher dürfen sich diese nicht einschließen können.« »Aber in was mischt sich denn eure verdammte Inquisition...?« »Um Gottes willen, sprechen Sie nicht so, Señor Jacob! Wenn man Sie hörte, wären wir verloren.« »Nun denn: wonach kann denn Ihre heilige Inquisition neugierig sein?« »Nach allem will sie sehen: ob Sie an Fastentagen Fleisch essen; ob im Zimmer mehrere Personen beiderlei Geschlechts sind; ob die Frauen allein schlafen oder mit Männern, und wenn letzteres der Fall ist, ob die Zusammenschlafenden rechtmäßige Ehepaare sind; wenn sie sich nicht durch Zeugnisse ausweisen können, werden sie ins Gefängnis gebracht. Die heilige Inquisition, Señor Don Jaime, wacht in unserem Lande beständig über unserem Seelenheil.« Wenn wir unglücklicherweise einem Priester begegneten, der irgendeinem Sterbenden die Wegzehrung brachte, hielt Señor Andrea an und befahl mir in gebieterischem Ton auszusteigen und niederzuknien; ich mußte gehorchen, selbst wenn der Weg kotig war. Der Hauptgegenstand religiösen Verfolgungseifers waren damals die Hosen mit einem Schlitz. Wer sich erlaubte, solche zu tragen, anstatt nach alter Väter Sitte den anzuknöpfenden Hosenlatz, wurde ins Gefängnis geworfen; die Schneider, die solche Hosen anfertigten, wurden bestraft. Trotzdem wurden sie getragen, und Priester und Mönche schrien sich vergeblich auf der Kanzel heiser, indem sie gegen diese Unanständigkeit wetterten. Man erwartete schon eine Revolution, die die Weltgeschichte um ein neues Kapitel vermehrt hätte, das der Schilderung durch einen Tacitus würdig gewesen wäre, und worüber ganz Europa sich schief gelacht hätte. Zum Glück kam man schließlich doch ohne Blutvergießen zum Ziel. Es wurde eine Verordnung an allen Kirchentüren angeschlagen, worin man erklärte, die Schlitzhosen seien nur dem Henker erlaubt. Dadurch wurde der Mode ein Ende bereitet, denn niemand wollte das Privilegium haben, für einen Henker zu gelten; man rächte sich aber, indem man sagte, die Mönche brauchten doch eigentlich keine Verordnung, um mit den Unterröcken fertig zu werden. Indem ich so allmählich die Nation kennen lernte, in deren Mitte ich zu leben gedachte, kam ich nach Guadalaxara, dann nach Alcala und endlich nach Madrid. Guadalaxara, Alcala! Was für Worte! Man hört nur den Vokal a , diesen königlichen Buchstaben. Die Sprache der Mauren, deren Vaterland Spanien hundert Jahre lang war, hat eine Menge Namen und viele Wörter hinterlassen. Wie jedermann weiß, ist das Arabische reich an A's , und man hat vielleicht nicht unrecht, wenn man aus diesem Grunde der arabischen Sprache den Vorrang des Alters zuspricht, denn das a ist der leichteste aller Vokale, weil er der natürlichste ist. Man hätte also nach meiner Meinung sehr unrecht, wenn man spanische Namen für barbarisch erklärt: Ala, Achala, Aranda, Almada, Alcala, Armada, Acara, Bacala, Ayapa, Agracaramba, Alava, Alamata, Albadara, Alcantara, Alcaras, Almaras, Alcavala und so viele andere Wörter machen durch ihren vollen Klang das Kastilianische zur reichsten aller modernen Sprachen. Jedenfalls ist die spanische Sprache eine der schönsten, klangreichsten, kräftigsten und majestätischsten der Welt. Wenn sie so recht ora rotundo gesprochen wird, wirkt sie mit der höchsten poetischen Harmonie. Sie wäre der italienischen an musikalischem Wohllaut gleich, vielleicht sogar überlegen, wenn sie nicht die drei Gutturallaute hätte, die ihr die Lieblichkeit nehmen, so viel auch die Spanier das Gegenteil behaupten: man muß sie reden lassen. Quisquis amat ranam, ranam putet esse Dianam. Wer Frösche liebt, behauptet, Diana sei ein Frosch. Wir zogen durch das Alcala-Tor in Madrid ein. Man durchsuchte meine Sachen, und die Aufmerksamkeit der Beamten richtete sich hauptsächlich auf Bücher. Zu ihrem großen Verdruß fanden sie bei mir nur eine griechische Ilias und einen lateinischen Horaz. Man nahm mir diese Bücher weg, brachte sie mir aber drei Tage später nach der Kreuzstraße in das Kaffeehaus, wo ich Wohnung genommen hatte, obwohl Señor Andrea mich durchaus anderswo unterbringen wollte. Ein braver Mann hatte mir in Bordeaux diese Adresse gegeben. Eine Zeremonie, die man am Alcala-Tor mit mir vornahm, mißfiel mir ganz über alle Maßen. Einer von dem Zollbeamten bat mich um eine Prise Tabak; ich öffnete meine Dose und hielt sie ihm hin. Anstatt aber die Prise zu nehmen, bemächtigte er sich der Dose mit den Worten: »Señor, dieser Tabak ist in Spanien verflucht.« Es war Pariser Rape; der freche Mensch schüttete den Tabak auf die Straße und gab mir dann meine Dose wieder. Nirgends verfährt man hinsichtlich dieses unschuldigen Pulvers so strenge wie in Spanien. Trotzdem wird dort mehr als in allen anderen Ländern geschmuggelt, und zwar ganz öffentlich. Die Spione der Steuerpächter, die unter dem besonderen Schutze des Königs stehen, suchen sehr eifrig fremden Tabak zu entdecken, und diejenigen, in deren Dosen welcher gefunden wird, müssen ihn teuer bezahlen. Nur die fremden Gesandten läßt man aus Gefälligkeit eine Ausnahme von dieser Regel bilden. Der König, der jeden Morgen nach dem Aufstehen eine ungeheure Prise in seine ungeheure Nase stopft, verlangt, daß alle Schnupfer seine königliche Tabakfabrik in Flor bringen sollen. Der spanische Tabak ist sehr gut, wenn er rein ist, aber reinen findet man selten, und zur Zeit, von der ich erzähle, hätte man guten Tabak vergeblich gesucht, und wenn man ihn mit Gold hätte aufwiegen wollen. Wie alle Menschen von Natur die Neigung haben, die verbotene Frucht der erlaubten vorzuziehen, so legen die Spanier großen Wert auf den fremden Tabak und machen sich sehr wenig aus ihrem eigenen; die Folge davon ist ein riesiges Schmuggelwesen. Ich sah mich in einer ziemlich guten Wohnung und litt nur unter dem Mangel an Feuer, denn der Frost war scharf und schneidender als in Paris, obwohl Madrid auf dem vierzigsten Breitengrad liegt. Der Grund ist indessen sehr einfach: Madrid ist die höchstgelegene Stadt Europas. Einerlei, von welchem Ort der Küste man kommt, man steigt unmerklich an, bis man angelangt ist. Außerdem ist die Stadt in der Ferne von hohen Gebirgen umgeben, zum Beispiel vom Guadarama, und in der Nähe ist sie von Hügeln umgürtet; infolgedessen herrscht eine durchdringende Kälte, sobald der Wind von Norden oder auch nur von Osten bläst. Die Luft der Stadt ist für alle Fremden ungesund; sie ist rein und dünn und taugt deshalb nicht für jeden, der ein wenig korpulent ist. Sie ist nur für die Spanier zuträglich, die im allgemeinen mager und dürr sind. Sie sind außerdem so frostig, daß sie sogar in den Hundstagen niemals ohne Hülle ausgehen; diese besteht für wohlhabende Leute in einem großen schwarzen Mantel und für die niedrigen Klassen, besonders die Landbevölkerung, in einem richtigen arabischen Burnus. Die Männer sind beschränkten Geistes mit einer Menge von Vorurteilen, während die Frauen zwar unwissend, aber im allgemeinen geistreich sind. Beide Geschlechter sind von Begierden und Leidenschaften beseelt, die so lebhaft sind wie die Luft, die sie einatmen, so glühend wie die Sonne, unter der sie leben. Der Spanier haßt jeden Fremden, schon allein deshalb, weil er kein Spanier ist, denn einen anderen Grund für ihren Haß könnten sie nicht angeben. Die Frauen, die ohne Zweifel die Ungerechtigkeit dieses Hasses erkennen, rächen uns, indem sie uns lieben. Doch brauchen sie dabei große Vorsicht, denn der Spanier ist nicht nur von Natur, sondern auch mit Überlegung eifersüchtig. Die geringste Freiheit der Frau, die ihm gehört, tritt seiner Ehre zu nahe. Die Galanterie muss in diesem Lande notwendig geheimnisvoll sein, weil sie streng verboten ist. Die Folgen davon sind geheimnisvolle Ränke und Unruhe der Seelen, die zwischen den von der Religion auferlegten Pflichten und den von ihnen bekämpften Leidenschaften hin und her geworfen werden. Die Männer sind eher häßlich als schön, doch mit zahlreichen Ausnahmen, während die Frauen im allgemeinen hübsch und nicht selten schön sind. Das Blut, das in ihren Adern kocht, macht sie glühend in der Liebe und stets dazu aufgelegt, ihre Hand zu jeder Intrige zu bieten, um die Menschen zu betrügen, die sie umgeben, um jeden ihrer Schritte auszuspionieren. Der Liebhaber, der am willigsten bereit ist, allen Gefahren zu trotzen, ist stets der bevorzugte. Auf den Spaziergängen, in der Kirche, im Theater sprechen sie mit den Augen zu den Männern, nach denen sie begehren; sie beherrschen diese verführerische Sprache in höchster Vollendung. Wenn der Mann, an den diese Sprache sich wendet, den rechten Augenblick zu erkennen und auszunützen weiß, ist er stets sicher, glücklich zu sein, und braucht keinen Widerstand zu erwarten; übersieht er die Gelegenheit oder nützt er sie nicht aus, so wird sie ihm nicht mehr geboten. Da ich ein warmes Zimmer brauchte, aber keinen Kamin hatte und vom Kohlenbecken Kopfschmerzen bekam, so suchte und fand ich schließlich einen intelligenten Klempner, der nach meinen Angaben einen Ofen aus Eisenblech machte; das Rohr führte durch das Fenster ins Freie und wurde bis zum Dach hinauf geleitet. Der Handwerker war sehr stolz auf sein Erstlingswerk und ließ es mich teuer bezahlen. In den ersten Tagen, bis mein Ofen fertig war, belehrte man mich, daß ich, um mich zu wärmen, eine Stunde vor Mittag nach der Puerto del Sol, dem Sonnentor, gehen und dort bis zum Mittagessen bleiben müßte. Es ist jedoch kein Tor, sondern ein Platz, den man so nennt, weil die große Wärmespenderin dort ihre Reichtümer verschwendet und allen, die dort spazieren gehen und ihres wohltätigen Einflusses genießen wollen, ihre Wärme schenkt. Ich fand dort eine Menge Menschen, die entweder allein mit schnellen Schritten auf und ab liefen oder im Gespräch mit ihren Freunden langsam hin und her gingen. Dieser Ofen war jedoch nicht nach meinem Geschmack. Ich brauchte auch einen Bedienten, der französisch sprach, und es kostete mir eine ungeheure Mühe, bis ich schließlich einen fand, dem ich einen hohen Lohn bezahlen mußte, denn er war ein Page, wie man in Madrid sagt. Ich konnte von ihm nicht verlangen, hinten auf meinen Wagen zu steigen oder ein Paket zu tragen oder mir nachts mit einer Laterne oder Fackel zu leuchten. Dieser Page war ein Mann von dreißig Jahren, überaus häßlich; aber für seinen Pagenberuf war seine Häßlichkeit ein Vorzug, der ihn zur Erfüllung seiner Pflichten besonders geeignet machte, denn es war keine Gefahr vorhanden, daß er den Ehemännern Eifersucht einflößte. Eine Frau von höherem Range wagt nicht auszufahren, ohne von einem sogenannten Pagen begleitet zu sein, der sich auf den Vordersitz setzt und natürlich nur eine Art von Spion ist. Ein solcher Schuft ist schwerer zu verführen als die strengste Dueña, die das ihrer Obhut anvertraute junge Mädchen tyrannisiert. Einen Halunken dieser Art mußte ich also in Ermangelung eines anderen in meinen Dienst nehmen. Wollte Gott, der Spitzbube hätte sich die Beine gebrochen, als er zu mir kam! Ich überbrachte alle meine Briefe, und zwar zuerst den der Fürstin Lubomirska an den Grafen von Aranda. Dies war der Mann, der an einem Tage Spanien von allen Jesuiten gesäubert hatte. Er war in Madrid mächtiger als der König selber und hatte die Kraft gehabt, die Schlapphüte und langen Mäntel verbieten zu lassen. Er war Vorsitzender des Rates von Kastilien und ging nur in Begleitung eines königlichen Leibgardisten aus, den er stets an seinem Tische essen ließ. Selbstverständlich war er der bestgehaßte Mann in ganz Spanien, aber er schien sich wenig daraus zu machen. Er war ein tiefer Denker und großer Politiker, unverzagt, entschlossen, unbeugsam, ein großer Epikuräer, der aber ausgezeichnet den äußeren Anschein zu wahren wußte. Er tat in seinen vier Wänden alles, was er den anderen verbot, und machte sich nichts daraus, daß man davon sprach. Er war ziemlich häßlich und schielte unangenehm. Als ich ihn aufsuchte, empfing er mich recht kalt und sagte: »Was wollen Sie denn in Spanien?« »Ich will mich belehren, indem ich die Sitten einer achtungswerten Nation beobachte, die ich nicht kenne, und ich möchte zur gleichen Zeit aus meinen schwachen Talenten Vorteil ziehen, wenn ich mich der Regierung nützlich machen kann.« »Um hier gut und ruhig zu leben, bedürfen Sie meiner nicht; denn wenn Sie sich den polizeilichen Vorschriften fügen, wird niemand Sie in Ihrer Ruhe stören. Wenn Sie Ihre Talente auszunützen gedenken, um Ihr Glück zu machen, so wenden Sie sich an den Botschafter Ihrer Republik; er wird Sie vorstellen, und Sie können sich auf diese Weise bekannt machen.« »Gnädiger Herr, der venetianische Gesandte wird mir nicht schaden, aber er wird mich auch nicht beschützen, denn ich befinde mich in der Ungnade der Staatsinquisitoren. Ich bin sogar sicher, daß er mich nicht empfangen wird.« »Dann haben Sie bei Hofe nichts zu hoffen; denn der König wird sich zuerst bei ihm nach Ihnen erkundigen, und wenn Ihr Gesandter Sie nicht vorstellt, so rate ich Ihnen, denken Sie hier in Madrid nur daran, sich zu unterhalten.« Von Aranda begab ich mich zum neapolitanischen Gesandten, der mir dasselbe sagte. Auch der Marques de Mora, einer der liebenswürdigsten aller Spanier, sagte mir dasselbe. Der Herzog von Lossada, Oberhoftruchseß Seiner Katholischen Majestät und deren Günstling, bedauerte sehr, trotz seinem besten Willen augenblicklich nichts tun zu können. Er riet mir, einen Versuch zu machen, indem ich mich in das Haus des venetianischen Gesandten selber einschmuggelte und mir diesen zum Freunde zu machen suchte, trotz meiner Ungnade; denn über diese konnte er hinwegsehen, da er den Grund nicht kannte. Ich beschloß, die Ratschläge des weisen Greises zu befolgen, und schrieb daher einen dringenden Brief an Herrn Dandolo, um mir einen Empfehlungsbrief zu verschaffen, der den Botschafter nötigen würde, mich trotz meinem Handel mit den Inquisitoren bei Hof zu empfehlen. Mein Brief war so geschrieben, daß er von den Inquisitoren gesehen werden konnte, und mußte eine gute Wirkung üben. Nachdem ich diesen Brief geschrieben hatte, begab ich mich nach dem Palast des venetianischen Gesandten und stellte mich dem Botschaftssekretär Gasparo Sonderini vor. Er war ein geistvoller, kluger und anständiger Mann und wagte trotzdem mir zu sagen, er sei erstaunt, daß ich die Kühnheit besitze, auf die Gesandtschaft zu kommen. »Ich komme, mein Herr, damit ich mir nicht den Fehler vorzuwerfen brauche, mich nicht vorgestellt zu haben; denn ich habe nichts getan, um glauben zu können, daß ich dessen unwürdig wäre. Ich würde es viel kühner finden, wenn ich in Madrid bliebe, ohne mich vorgestellt zu haben. Jedenfalls wünsche ich mir Glück, diesen Schritt getan zu haben, den ich als eine Pflicht ansehe, zugleich aber bedauere ich, daß der Botschafter, wenn er ebenso denkt wie Sie, für eine Keckheit nehmen wird, was in Wirklichkeit nur eine Handlung der Ehrfurcht ist. Sollte übrigens Seine Exzellenz glauben, mich nicht der Ehre eines Empfanges würdigen zu können, weil zwischen der Inquisition und mir ein ganz besonderer Streithandel besteht, dessen Ursache der Herr Botschafter ebensowenig wissen kann wie ich – so werden Sie es mir nicht übel nehmen, wenn ich mich darüber wundere; denn er ist ja nicht Botschafter der Staatsinquisition, sondern der Republik Venedig, deren Untertan ich immer noch bin; ich fordere ihn wie auch die Staatsinquisition heraus, mir zu sagen, welches Verbrechen ich begangen haben soll, auf Grund dessen man sich das Recht anmaßen könnte, mich meiner Eigenschaft als Venetianer zu berauben. Wenn es meine Pflicht ist, in dem Botschafter das Abbild und den Vertreter meiner hohen Herrschaft zu ehren, so ist es, glaube ich, seine Pflicht, mir seinen Schutz angedeihen zu lassen.« Soderini wurde ganz rot bei dieser Rede und sagte mir: »Warum schreiben Sie nicht dem Botschafter alles, was Sie mir soeben gesagt haben?« »Ich konnte es ihm nicht schreiben, bevor ich nicht wußte, ob er mich empfangen würde oder nicht. Jetzt, da ich Anlaß habe, anzunehmen, daß er nicht anders denkt als Sie, jetzt werde ich die Ehre haben, ihm zu schreiben.« »Ich weiß nicht, ob Seine Exzellenz ebenso denkt wie ich, und trotzdem, was ich Ihnen gesagt habe, kann es wohl sein, daß Sie noch gar nicht wissen, wie ich denke. Auf alle Fälle schreiben Sie ihm; es kann doch sein, daß Sie erhört werden.« »Ich werde Ihren Rat befolgen, für den ich Ihnen dankbar bin.« Ich ging nach Hause und schrieb dem Gesandten alles, was ich seinem Sekretär gesagt hatte. Am nächsten Tage meldete man mir den Grafen Manucci. Ich sah einen hübschen jungen Mann mit ziemlich schönem Gesicht, der einen ausgezeichneten Eindruck machte. Er sagte mir, er wohne beim Botschafter; Seine Exzellenz habe meinen Brief gelesen und schicke ihn zu mir, um mir zu sagen, daß er gewisse Gründe habe, um mich nicht offen zu empfangen; er werde jedoch sehr erfreut sein, mich privatim zu sehen, denn er kenne und achte mich. Dieser junge Manucci sagte mir, er sei Venetianer und kenne mich meinem Rufe nach, denn er habe seine Eltern hundertmal von mir sprechen und mein Unglück bedauern hören. Ich hatte bald heraus, daß der junge Manucci der Sohn jenes Giambatista Manucci war, der die Staatsinquisitoren als Spion bedient hatte, um mich unter die Bleidächer zu bringen, eben jenes Manucci, der sich so geschickt meine Zauberbücher verschafft hatte, die wahrscheinlich das corpus delicti waren, dem ich mein entsetzliches Gefängnisleiden verdankte. Ich hütete mich, ihm etwas von meiner Entdeckung zu sagen, aber ich brauchte nicht daran zu zweifeln, daß ich richtig geraten hatte. Ich kannte seine Mutter, die Tochter eines Kammerherrn vom Hause Loredan, und seinen Vater, der, wie ich in der Geschichte meiner Gefangenschaft erzählt habe, ein armer Edelsteinhändler war. Ich fragte Manucci, ob man ihn beim Gesandten Graf nenne. Er bejahte diese Frage und sagte, er sei es wirklich auf Grund eines Adelsbriefes, den er vom Kurfürsten von der Pfalz erhalten habe. Als er sah, daß ich seine Herkunft erriet, sprach er offen mit mir, und da er wußte, daß ich den widernatürlichen Geschmack des Herrn von Mocenigo kannte, so sagte er mir lachend, er sei dessen Mignon. »Ich werde für Sie tun,« fügte er hinzu, »was nur in meinen Kräften steht.« Dies war für mich höchst wünschenswert, denn ein solcher Alexis mußte von seinem Corydon alles erlangen, was er wollte. Wir umarmten uns, und er sagte mir beim Abschied, er erwarte mich nachmittags im Botschaftspalast, calle ancha , Breite Straße, um auf seinem Zimmer Kaffee zu trinken; der Botschafter würde gewiß kommen, sobald er ihm sagen ließe, daß ich da wäre. Ich ging hin; der Botschafter empfing mich sehr freundlich und sprach mir voller Gefühl sein Bedauern aus, daß er es nicht wagen dürfe, mich öffentlich zu empfangen. Er hätte es allerdings können und hätte mich auch bei Hofe vorstellen können, ohne sich bloßzustellen, denn er brauchte von dem summarischen Verfahren der Inquisitoren gegen meine Person nichts zu wissen. Aber er fürchtete, sich Feinde zu machen. »Ich hoffe«, sagte ich zu ihm, »bald aus Venedig einen Brief zu erhalten, worin Eurer Exzellenz von Seiten der Staatsinquisitoren gesagt werden wird, daß Sie mich unbedenklich vorstellen können.« »Ich werde mich alsdann beeilen, Sie allen Ministern vorzustellen.« Dieser Mocenigo ist derselbe, der in Paris durch seinen unglückseligen Hang zur Päderastie eine so traurige Berühmtheit erlangte, denn dieses Laster oder dieser Geschmack ist den Franzosen ein Greuel. Später wurde er vom Rat der Zehn zu siebenjähriger Haft in der Zitadelle von Brescia verurteilt, weil er von Venedig auf seinen Botschafterposten in Wien abreisen wollte, ohne dazu vorher die Erlaubnis des Staatskabinetts erhalten zu haben. Maria Theresia hatte der venetianischen Regierung mitgeteilt, sie werde niemals einwilligen, an ihrem Hofe einen Mann zu empfangen, dessen verruchter Geschmack ihrer ganzen Hauptstadt ein Ärgernis sein werde. Man war in Venedig in Verlegenheit, Mocenigo zur Vernunft zu bringen; als er aber den Fehler beging, ohne alle Umstände abreisen zu wollen, benutzte man die Gelegenheit, ihn auf die Festung zu verbannen und einen anderen Botschafter zu bestimmen. Dieser Nachfolger hatte denselben obszönen Geschmack wie Mocenigo, aber er machte es mit Hebe und nicht mit Ganymed, wodurch über seine Ausschweifungen ein Schleier von Anstand gebreitet wurde. Trotz seinem schlechten Ruf als Päderast war Mocenigo in Madrid beliebt. Ich mußte lachen, als auf einem Ball bei einem spanischen Granden der Hausherr mit einer geheimnisvollen Miene mir sagte, der junge Manucci, mit dem er mich gesehen habe, sei die Frau des Botschafters. Er wußte nicht, daß im Gegenteil der Gesandte Manuccis Frau war, und konnte die Sache nicht begreifen. Glückliche Unwissenheit! Übrigens war dieser Geschmack, so pervers er erscheinen mag, die herrschende Leidenschaft mehrerer großer Männer. Im Altertum war er allgemein verbreitet, und diejenigen, die ihm frönten, wurden Hermaphroditen genannt; dieser Name bezeichnete die Vereinigung der beiden Leidenschaften, und nicht etwa die der beiden Geschlechter in einer Person; denn diese letzteren sind nur das Sinnbild. Ich hatte bereits zwei oder drei Besuche beim Maler Mengs gemacht, der seit sechs Jahren mit einem hohen Gehalt im Dienste Seiner Katholischen Majestät stand, und er hatte mir schöne Diners gegeben, wozu er auch seine anderen Freunde eingeladen hatte. Seine Frau und seine Familie waren in Rom. Er lebte in Madrid allein mit seinem Bedienten in einer sehr schönen Wohnung eines königlichen Hauses und stand in hoher Achtung, weil er mit dem König sprechen konnte, so oft er wollte. Ich machte bei Mengs die Bekanntschaft des Baumeisters Sabattini. Diesen talentvollen Mann hatte der König von Neapel kommen lassen, um den Versuch zu machen, Madrid zu säubern; vor Sabattinis Ankunft war Madrid die schmutzigste und stinkigste Stadt der Welt gewesen. Sabattini ließ unterirdische Abzugsröhren und Abtritte in vierzehntausend Häusern herstellen und war dadurch reich geworden. Er hatte durch Prokuration die Tochter eines anderen Baumeisters, Vanvitelli, geheiratet; sie befand sich in Neapel und hatte ihn niemals gesehen. Sie war in Madrid zur selben Zeit angekommen wie ich. Sie war eine achtzehnjährige Schönheit und hatte die Kühnheit, sobald sie ihren Gemahl gesehen hatte, zu erklären, sie würde niemals darin einwilligen, seine Frau zu werden. Sabattini war allerdings weder jung noch hübsch, aber er war liebenswürdig und von vornehmem Wesen, und das reizende Weib entschloß sich, den bitteren Kelch zu leeren, als er ihr sagte, sie hätte nur die Wahl zwischen ihm und einem Kloster, übrigens brauchte sie ihren Entschluß nicht zu bereuen, denn sie fand in ihrem Gatten einen reichen, zärtlichen und gefälligen Mann, der ihr keinen Wunsch versagte. Ich glühte für sie, aber ich seufzte in aller Stille und betete sie schweigend an; denn abgesehen davon, daß mein Herz noch um Charlotte blutete, begann es mich zu entmutigen, wenn ich sehen mußte, daß die Frauen mir nicht mehr den Empfang bereiteten wie früher. Um mich zu zerstreuen, ging ich oft ins Theater, das ganz dicht bei meiner Wohnung lag, und besuchte die Maskenbälle, für welche Graf Aranda eigens einen Saal hatte erbauen lassen; man nannte sie Los Scaños del Peral . Die spanische Komödie ist voll von sonderbaren Stellen, indessen mißfiel sie mir nicht. Es wurden religiöse Stücke aufgeführt, die man kurz darauf wieder verbot. Auffällig war mir die Unverschämtheit einer niederträchtigen Polizei, auf deren Anordnung die Logen in einer geradezu unanständigen Form gebaut sind. Statt durch eine Bretterbrüstung die Beine der Männer und die Röcke der Frauen den Blicken des Parketts zu entziehen, läßt man diese Logen vollständig offen, denn die Brüstungen werden nur durch einige kleine Säulen getragen. Vorurteil und Macht der Gewohnheit sind aber so stark, daß ein frommer Herr, der neben mir saß, mit salbungsvoller Miene mir sagte, diese Anordnung sei sehr weise und er wundere sich, daß in Italien die Polizei sie nicht nachahme. »Weshalb wundern Sie sich darüber?« »Nun, wenn ein Liebespaar sicher ist, vom Parkett aus nicht gesehen zu werden, kann es unzüchtige Handlungen begehen.« Ich zuckte die Achseln und antwortete nicht. In einer großen Loge, der Bühne gerade gegenüber, saßen Los Padres der Inquisition, um sich von der Sittenreinheit der Zuschauer und Schauspieler zu überzeugen. Meine Augen betrachteten gerade diese ehrwürdigen Heuchlergesichter, als plötzlich die Schildwache, die am Eingang zum Parkett stand, mit lauter Stimme ausrief: » Dios «. Auf diesen Ruf warfen alle Zuschauer, Männer wie Frauen, und alle Schauspieler, die auf der Bühne standen, sich auf die Knie und verharrten in dieser Stellung bis man nicht mehr das Glöckchen auf der Straße klingen hörte. Dieses Glöckchen verkündete, daß ein Priester vorbeikam, um irgendeinem Kranken die heilige Wegzehrung zu bringen. Ich hatte die größte Lust, laut herauszulachen, aber ich kannte die spanischen Sitten bereits zu gut, als daß ich mich nicht hätte zurückhalten sollen. Bei den Spaniern besteht die Religion durchaus nur in der Ausübung des äußerlichen Kults. Wenn eine Frau den wollüstigen Wünschen ihres Geliebten nachgibt, bedeckt sie vor allen Dingen mit einem Schleier das Bildnis Christi oder der heiligen Jungfrau, das sich im Zimmer befindet. Sollte jemand über diesen abgeschmackten Brauch lachen, so würde er Gefahr laufen, nicht nur für einen Atheisten zu gelten, sondern sogar von derselben Unglücklichen, die ihm ihre Gunst verkauft hätte, bei der heiligen Inquisition denunziert zu werden. In Madrid – und vielleicht gilt dies für ganz Spanien – muß ein jeder, der in einem Gasthof sich ein besonderes Zimmer geben läßt, um mit einer Frau zu speisen, darauf gefaßt sein, daß der Aufwärter beständig in diesem Zimmer weilt, um nach dem Essen beschwören zu können, daß dieser Mann und diese Frau weiter nichts getan und nur gegessen und getrunken haben. Trotz allen diesen Vorsichtsmaßregeln herrscht in Madrid die größte Liederlichkeit. Diese ist viel größer als in allen anderen Ländern, weil noch die abscheuliche Heuchelei hinzukommt, die der wahren Frömmigkeit mehr schadet als unverhüllte Unzucht. Männer und Frauen scheinen sich verabredet zu haben, jede Aufsicht überflüssig zu machen. Übrigens ist der Umgang mit den spanischen Weibern nicht ohne Gefahr, denn man hat oft Anlaß, die erlangten Gunstbeweise zu bedauern. Ob dieses daher rührt, daß die Geschlechtskrankheiten unter der Bevölkerung eingewurzelt sind, oder daß es an Sauberkeit mangelt, oder daß durch den Zwang der Umstände die Überwachung der Gesundheit erschwert wird. Dies lasse ich dahingestellt sein. Der Maskenball entzückte mich. Das erstemal, als ich im Domino hinging, um mir einmal anzusehen, was los wäre, kostete der Spaß mir nur eine Dublone, ungefähr zwölf Franken; aber alle anderen Male kostete er mir vier Dublonen, und das kam so: Ein Herr von etwa sechzig Jahren, der beim Souper neben mir saß, bemerkte, daß ich Schwierigkeiten hatte, mich mit dem Kellner zu verständigen; er erriet, daß ich ein Fremder sei, und fragte mich, wo ich meine Dame hätte. »Ich habe keine. Ich bin allein hierher gekommen, um mir dieses entzückende Etablissement anzusehen. Ich bewundere die Freude, die hier herrscht, und die schöne Ordnung, die ich in Madrid nicht zu finden erwartet hatte.« »Das ist ganz schön und gut; aber um wirklich Genuß zu haben, müssen Sie mit einer Begleiterin kommen, denn Sie sehen mir aus, als wenn Sie Vergnügen am Tanz hätten. Wenn Sie aber allein kommen, so können Sie nicht tanzen; denn jede Dame hat ihren par jo oder Partner, der ihr nicht erlaubt, mit einem anderen zu tanzen als nur mit ihm.« »In diesem Falle werde ich allein hierher kommen und nicht tanzen; denn als Fremder kenne ich keine Dame, die ich einladen könnte, mit mir den Ball zu besuchen.« »Gerade in Ihrer Eigenschaft als Fremder können Sie sich leicht die Gesellschaft einer Frau oder eines Mädchen« verschaffen – viel leichter als ein Spanier von Madrid. Seitdem der Graf von Aranda eine neue Lebensweise bei uns eingeführt hat, ist dieser Ball die Leidenschaft aller Frauen unserer Hauptstadt geworden. Sie sehen hier ungefähr zweihundert Tänzerinnen (die Damen, die in den Logen sitzen, rechne ich nicht), und ich glaube mich nicht zu irren, wenn ich behaupte, daß in diesem Augenblick viertausend junge Mädchen zu Hause weinen und seufzen, daß sie nicht einen Liebhaber haben, der sie auf den Ball führen kann; denn, wie Sie vielleicht wissen, ist es Frauen verboten, allein zu kommen. Darum bin ich überzeugt, daß Sie nur Ihren Namen zu nennen und Ihre Wohnung anzugeben brauchen; kein Vater und keine Mutter werden den Mut haben, Ihnen die Gesellschaft Ihrer Tochter zu verweigern, wenn Sie zu ihnen gehen und um die Ehre bitten, das Mädchen auf den Ball führen zu dürfen, hierauf Domino, Maske und Handschuhe senden, sie im Wagen abholen und sie wieder nach dem väterlichen Herde zurückbringen.« »Und wenn man mir eine abschlägige Antwort gibt?« »So machen Sie Ihre Verbeugung und gehen. Vater und Mutter werden es bereuen; denn die Tochter wird weinen, krank sein, Krämpfe bekommen, sich ins Bett legen, die elterliche Tyrannei verfluchen und Gott zum Zeugen anrufen, daß sie Sie gar nicht gekannt hat, und daß nichts unschuldiger sein konnte, als Ihre Bitte.« Was der Herr sagte; war mir neu, aber es klang überzeugend, und mich erfreute die Hoffnung, auf diese Weise zu einem angenehmen Liebesverhältnis kommen zu können. Ich dankte der freundlichen Maske, die sehr gut italienisch sprach, und sagte dem Herrn, ich würde mir seine Belehrung zunutze machen und ihn von dem Ergebnis in Kenntnis setzen. »Ich werde sehr erfreut sein, von einem günstigen Erfolg zu hören. Sie finden mich jede Ballnacht in der Loge, in die Sie zu führen ich mir gestatten werde, um Sie der Dame vorzustellen, die sich dort befindet, und die Sie in allen folgenden Nächten ebenfalls dort finden werden.« Tief durchdrungen von Dankbarkeit für soviel Höflichkeit sagte ich ihm meinen Namen und folgte ihm; er führte mich in eine Loge, wo sich zwei Damen und ein älterer Herr befanden. Mein Führer stellte mich als einen ihm bekannten Fremden vor, und die Unterhaltung kam auf den Ball. Ich sprach meine Meinung aus und machte einige launige Bemerkungen, die den Herrschaften gefielen. Eine von den beiden Damen, deren Züge von vergangener Schönheit sprachen, fragte mich in sehr gutem Französisch, welche Tertulias (Gesellschaften) ich besuchte. »Madame, ich befinde mich erst seit sehr kurzer Zeit in Madrid, und da ich nicht bei Hofe vorgestellt bin, so habe ich durchaus keine Bekanntschaften.« »Wie! Aber da bedauere ich Sie, kommen Sie zu mir, mein Herr, Sie werden willkommen sein. Ich heiße Pichona, und jedermann wird Ihnen meine Wohnung sagen.« »Ich werde die Ehre haben, gnädige Frau, Ihnen meine Aufwartung zu machen.« Gegen Mitternacht bot sich mir ein entzückendes Schauspiel, als zu den Klängen der Musik und mit Händeklatschen die Paare zu dem tollsten Tanz antraten, den man sich denken kann. Es war der berühmte Fandango, den ich zu kennen glaubte, und von dem ich in Wirklichkeit keine Ahnung hatte. Ich hatte ihn bisher nur in Italien und in Frankreich auf der Bühne tanzen sehen, aber die Tanzenden hatten sich wohl gehütet, die Bewegungen zu machen, durch die der Fandango der verführerischste und wollüstigste Tanz der Welt wird. Er läßt sich nicht beschreiben; jedes Paar, Mann und Weib, macht nur drei Schritte und klappert zum Klange der Musik mit den Castagnetten; dabei aber nehmen sie tausend Stellungen ein und machen tausend Bewegungen von einer unvergleichlichen Sinnlichkeit. Die Liebe wird von ihrem Entstehen bis zu ihrem Ende dargestellt, vom ersten Seufzer des Begehrens bis zur Ekstase des Genusses. Es schien mir unmöglich zu sein, daß nach einem solchen Tanze die Tänzerin ihrem Tänzer etwas versagen könnte; denn der Fandango muß alle Sinne zur höchsten Wollust erregen. Der Anblick dieses Bacchanals entzückte mich dermaßen, daß ich laut aufschrie. Der maskierte Kavalier, der mich in die Loge gefühlt hatte, sagte mir: »Um sich vom Fandango einen richtigen Begriff machen zu können, müßten Sie ihn von Gitanas tanzen sehen, und zwar mit Kavalieren, die ebenso tanzen wie die Mädchen.« »Aber hat denn die Inquisition nichts gegen diesen Tanz einzuwenden?« Die Pichona antwortete mir an seiner Stelle, der Tanz wäre streng verboten, und man würde ihn nicht zu tanzen wagen, wenn nicht der Graf von Aranda ihn erlaubt hätte. Man erzählte mir später, der Graf hätte einmal den Einfall gehabt, die Erlaubnis zu widerrufen; da hätten alle Tänzer murrend den Ball verlassen; als aber der Tanz wieder von ihm erlaubt worden wäre, hätten alle unermüdlich sein Lob gesungen. Am nächsten Tage befahl ich meinem elenden Pagen, mir einen Spanier zu verschaffen, von dem ich den Fandango lernen könnte. Er brachte mir einen Operntänzer, bei dem ich ebenfalls spanischen Unterricht nahm, denn er war zugleich auch Schauspieler und sprach sehr gut. In drei Tagen lehrte der junge Mann mich so gut alle Stellungen des Tanzes, daß sogar nach dem Urteil von Spaniern niemand sich schmeicheln konnte, den Fandango besser zu tanzen als ich. Ich gedachte den Rat der freundlichen Maske zu befolgen, und als der Tag des nächsten Balles näher rückte, traf ich meine Vorbereitungen. Ich wollte jedoch weder ein gewöhnliches Frauenzimmer noch eine verheiratete Frau, und an ein reiches oder adeliges Fräulein konnte ich vernünftigerweise nicht denken, denn dieses würde mir eine abschlägige Antwort gegeben und mich obendrein noch lächerlich gefunden haben. Am Antonitage kam ich an der Kirche der Soledad vorbei. Ich trat in der doppelten Absicht ein, die Messe zu hören und mir für den nächsten Tag, am Mittwoch, eine pareja zu verschaffen. Ich bemerkte ein großes und schönes Mädchen, das mit zerknirschter Miene und gesenkten Blicken aus einem Beichtstuhl herauskam. Ich folgte ihr mit den Augen. Mitten in der Kirche kniete sie nach spanischer Gewohnheit auf der Erde nieder. Nach ihrem wiegenden Gang, ihren schön entwickelten Formen, ihrem kleinen Fuß urteilte ich, sie müsse den Fandango wie eine Gitana tanzen. Ich beschloß daher, wenn möglich mit ihr zum erstenmal bei den Scaños del Peral mitzuwirken. Sie sah weder vornehm noch reich aus, aber sie war offenbar auch nicht eine von jenen Dirnen, die in Madrid so gut wie jedes anständige Mädchen zur Messe gehen; ich beschloß daher, ihr zu folgen, um ihre Wohnung zu erfahren. Als die Messe zu Ende war und der Priester das Abendmahl reichte, sah ich sie aufstehen, bescheiden an den Tisch des Herrn treten und die Kommunion empfangen. Hierauf ging sie wieder auf die Seite, um ihr Gebet zu vollenden. Ich besaß die Geduld, so lange zu warten, bis sie fertig war. Endlich ging sie hinaus, begleitet von einem anderen jungen Mädchen; ich folgte ihr von ferne. An einer Straßenecke verließ ihre Begleiterin sie und trat in ein Haus ein. Meine Schöne kehrte um, ging etwa zwanzig Schritte zurück, bog in eine andere Straße ein und betrat ein einstöckiges Häuschen. Ich konnte mich nicht täuschen; ich merkte mir den Namen der Straße: del Desingaño uud ging dann eine halbe Stunde spazieren, um nicht den Verdacht aufkommen zu lassen, daß ich ihr nachgegangen wäre. Hierauf kam ich wieder. Ich war vollkommen darauf vorbereitet, einen abschlägigen Bescheid zu erhalten und meine Verbeugung zu machen, wie der Kavalier mir gesagt hatte. Ich trat ein, ging die Treppe hinauf und fand eine Klingelschnur neben der einzigen Tür, die zu sehen war. Ich klingelte, und man rief: »Wer ist da?« » Gente de paz! « rief ich, wie nach dem Brauch des Landes jedermann außer den Gerichtsboten der Inquisition. Die Tür öffnete sich, und ich sah vor mir einen Mann, eine Frau, das fromme junge Mädchen, dem ich gefolgt war, und ein anderes sehr häßliches Mädchen. Ich sprach allerdings sehr schlecht spanisch, aber doch gut genug, um mich verständigen zu können. Ich zog den Hut und sagte in bescheidenem Tone zum Vater: »Ich bin Ausländer, möchte auf den Ball gehen und habe keine pareja . Ich bin auf gut Glück in Ihr Haus gegangen und möchte Sie um Erlaubnis bitten, Ihre Tochter auf den Ball führen zu dürfen, wenn Sie eine haben. Ich bin ein Ehrenmann und werde sie Ihnen nach dem Ball in demselben Zustande wieder zuführen, wie ich sie von Ihnen erhalten habe.« »Señor, dies ist meine Tochter; aber ich kenne Sie nicht und weiß nicht, ob sie Lust hat, auf den Ball zu gehen.« »Wenn Sie es nur erlauben, lieber Vater und liebe Mutter, werde ich mich glücklich schätzen, hingehen zu dürfen.« »Du kennst also den Herrn?« »Ich habe ihn nie gesehen, und auch er wird mich schwerlich je gesehen haben.« »Das ist wahr, Señora.« Der Mann fragte mich nach meinem Namen und meiner Wohnung und versprach mir zu Mittag eine Antwort, wenn ich bei mir zu Hause äße. Ich entschuldigte mich bei ihm wegen der Freiheit, die ich mir genommen hätte, und bat ihn, mir ganz bestimmt seine Antwort zu überbringen, damit ich mir, wenn er mir seine Tochter nicht gäbe, eine andere pareja auf gut Glück besorgen könnte; meine Bekannten wären lauter reiche Mädchen, die alle bereits ihre Kavaliere hätten. Hierauf entfernte ich mich. Im Augenblick, wo ich mich zu Tisch setzen wollte, sah ich den guten Mann erscheinen. Ich lud ihn ein, Platz zu nehmen, nachdem ich meinen greulichen Pagen hinausgeschickt hatte. Er sagte mir, seine Tochter nehme die Ehre an, die ich ihr erweisen wollte, aber ihre Mutter werde sie begleiten und, in meinem Wagen schlafend, auf sie warten. Ich antwortete ihm, das könne sie nach ihrem Belieben tun, aber es tue mir leid, daß sie jedenfalls frieren werde. Er antwortete mir: »Sie wird einen guten Mantel haben.« Hierauf teilte er mir mit, daß er Schuster sei, worauf ich zu ihm sagte: »Dann möchte ich Sie bitten, mir ein Paar Schuhe anzumessen.« »Das wage ich nicht, denn ich bin hidalgo – adlig: wenn ich jemandem Maß nähme, wäre ich genötigt, seinen Fuß zu berühren, und das würde mich in meiner Würde herabsetzen. Ich bin Schuhflicker, auf diese Weise vergebe ich meinem Stande nichts.« »Wollen Sie mir also diese Stiefel ausflicken.« »Sie sollen wieder so gut wie neu werden, aber es ist viel daran zu machen, wie ich sehe. Es wird Ihnen einen peso duro kosten.« Ein peso duro ist ungefähr fünf Franken wert. Ich sagte ihm, ich finde den Preis sehr billig; hierauf machte er eine tiefe Verbeugung. Mit mir zu essen, schlug er mit aller Bestimmtheit aus. Ein Schuhflicker, der die Schuhmacher verachtet, weil sie die Füße ihrer Kunden anrühren! Jedenfalls verachteten sie ihrerseits ihn, weil er nur altes Leder berührte. Unglückselige Eitelkeit! Was für Formen nimmt sie an! Und wer hat nicht die seinige! Am nächsten Tage schickte ich zu dem adligen Schuhflicker einen Händler mit Dominos, Masken und Handschuhen. Ich selber ging absichtlich nicht hin; ebensowenig schickte ich meinen Pagen, gegen den ich eine natürliche Abneigung hatte, die sich bald als eine sehr richtige Vorahnung erweisen sollte. Nachdem ich mir einen guten viersitzigen Wagen verschafft hatte, begab ich mich mit Einbruch der Nacht in das Haus meiner schönen Frommen. Sie war fix und fertig, und die rosige Farbe, die ihr Gesicht belebte, verriet mir, was in ihrem Herzen vorging. Wir stiegen mit ihrer Mutter, die sich in einen großen Mantel eingewickelt hatte, in den Wagen und fuhren beim Tanzsaal vor, wo wir ausstiegen und die Mutter im Wagen ließen. Als wir allein waren, sagte meine schöne pareja mir, sie heiße Doña Ignazia. Siebentes Kapitel Meine Liebschaft mit Dona Ignazia, der Tochter des adligen Schuhflickers. – Meine Gefangenschaft in Buen Retiro und mein Triumph. – Ich werde der venetianischen Botschaft durch einen Staatsinquisitor der Republik empfohlen. Wir traten in den Saal ein und machten mehrere Mal die Runde in demselben. Doña Ignazia war so freudig erregt, daß ich ihr unwillkürliches Zittern fühlte. Ich deutete mir dieses als eine günstige Vorbedeutung für meine verliebten Absichten. In dem Saal, wo eine Freiheit herrschte, die fast an Zügellosigkeit grenzte, gingen zahlreiche Soldaten mit aufgepflanztem Bajonett umher, um einen jeden, der Lärm machen würde, sofort zu verhaften. Wir tanzten Menuetts und Kontertänze bis zehn Uhr und gingen dann zum Souper. Wir schwiegen beide: sie, um mich nicht zu ermutigen; ich, weil ich nur sehr wenig spanisch konnte und nicht wußte, was ich ihr sagen sollte. Nach dem Essen ließ ich sie einen Augenblick allein und ging in die Loge, wo ich die Pichona treffen sollte. Da ich jedoch nur unbekannte Masken fand, ging ich wieder zu meiner pareja , und wir ergaben uns wie vorher dem Tanze, bis die Erlaubnis verkündet wurde, den Fandango zu tanzen. Ich trat mit meiner pareja an, die ganz ausgezeichnet tanzte und sehr erstaunt war, daß ein Ausländer ihr so gut sekundierte. Der Tanz hatte uns in Flammen qesetzt. Sobald er beendigt war, führte ich sie nach dem Büfett und ließ ihr alles vorsetzen, was ihren Gaumen reizen konnte. Hierauf fragte ich sie, ob sie mit mir zufrieden sei, und sagte ihr, sie habe mich so verliebt gemacht, daß ich sterben werde, wenn sie nicht ein Mittel fände, mich glücklich zu machen. Zugleich versicherte ich ihr, ich sei der Mann, allen Gefahren zu trotzen. Sie antwortete mir: »Ich darf nur daran denken, Sie glücklich zu machen, wenn ich selber glücklich werde; ich werde Ihnen morgen schreiben, inwiefern Sie dazu beitragen können, und Sie werden meinen Brief in die Kapuze meines Dominos eingenäht finden.« »Sie werden mich zu allem bereit finden, schöne Ignazia, wenn ich alles von Ihnen hoffen kann.« Es war Zeit zum Aufbrechen; wir gingen auf die Straße, fanden meinen Wagen und stiegen ein. Die Mutter erwachte, und der Kutscher fuhr ab. Ich ergriff die Hände des Mädchens, um sie ihr zu küssen. Ohne Zweifel dachte sie jedoch, ich hätte andere Absichten, bemächtigte sich meiner Hände und hielt diese so fest, daß ich wohl vergeblich versucht haben würde, sie zu befreien. In dieser seltsamen Stellung und augenscheinlich ohne Kraftanstrengung begann Doña Ignazia ihrer Mutter zu erzählen, wieviel Vergnügen der Ball ihr bereitet habe. Sie ließ meine Hände erst los, als wir an der Ecke ihrer Straße angekommen waren und die Mutter dem Kutscher zurief, daß er halten solle. Sie wollte nicht vor ihrer eigenen Türe aussteigen, um den Lästerzungen keinen Anlaß zu böser Nachrede zu geben. Am nächsten Tage ließ ich den Domino wieder abholen. Ich fand darin den Brief, und Doña Ignazia schrieb mir: Don Francisco de Ramos werde sich bei mir melden lassen; er sei ihr Liebhaber, und ich werde von ihm erfahren, auf welche Weise ich sie glücklich machen könne; mein Glück werde die Folge des ihrigen sein. Dieser Don Francisco ließ nicht lange auf sich warten; denn mein Page meldete ihn mir schon am nächsten Morgen um acht Uhr. Er sagte mir, Doña Ignazia spreche mit ihm jede Nacht von ihrem Fenster aus; sie habe ihm anvertraut, daß sie mit mir und ihrer Mutter auf dem Ball gewesen sei; sie sei überzeugt, daß ich zu ihr eine väterliche Zuneigung gefaßt habe, und habe ihn überredet, sich mir vorzustellen; sie sei gewiß, ich werde ihn wie meinen Sohn behandeln. Infolgedessen habe er den Mut gefaßt, sich mir zu eröffnen und mich um ein Darlehen von hundert Dublonen zu bitten, wodurch er in den Stand gesetzt würde, seine Geliebte noch vor dem Ende des Karnevals zu heiraten. »Ich bin«, fuhr er fort, »bei der Königlichen Münze angestellt, habe jedoch für den Augenblick nur eine schwache Besoldung. Ich hoffe binnen kurzem Beförderung zu erhalten und imstande zu sein, Ignazia glücklich zu machen. Ich habe in Madrid keinen einzigen Freund, denn alle meine Verwandten sind in Toledo; wenn ich eingerichtet bin, werde ich keinen Menschen bei mir sehen als die Eltern meiner Frau und Sie, denn ich weiß, daß Sie sie lieben, wie wenn sie Ihre eigene Tochter wäre.« Ich antwortete ihm: »Sie lassen mir Gerechtigkeit widerfahren, Don Francisco; ich erwarte jedoch Geld, woran es mir in diesem Augenblick fehlt. Sie können auf meine Verschwiegenheit zählen und werden mir ein Vergnügen bereiten, so oft Sie mich besuchen.« Der schöne Liebhaber machte mir eine Verbeugung und ging ganz betrübt hinaus. Don Francisco war ein Jüngling von zweiundzwanzig Jahren, häßlich und schlecht gewachsen. Ich lachte über das Abenteuer, denn ich hatte für Ignazia nur eine flüchtige Neigung empfunden und ging aus, um der Pichona meine Aufwartung zu machen. Dies war die Dame, die mich das erstemal, wo ich sie sah, so freundlich eingeladen hatte, sie zu besuchen. Ich hatte mich nach ihr erkundigt und erfahren, daß sie Schauspielerin gewesen war und dem Herzog von Medina-Celi ihr Vermögen verdankte. Der Herzog hatte ihr bei sehr strenger Kälte einen Besuch gemacht und kein Feuer im Kamin gefunden, weil sie kein Geld hatte, sich Kohlen zu kaufen. Er schämte sich, daß er, der unermeßlich Reiche, bei einer so armen Frau gewesen war, und schickte ihr gleich am nächsten Tage ein silbernes Kohlenbecken, das er, statt mit Kohlen, mit hunderttausend Pesos duros in Gold gefüllt hatte, die einen Wert von ungefähr fünfhunderttausend Franken hatten. Seitdem lebte Pichona in sehr behaglichen Verhältnissen und empfing gute Gesellschaft. Die Pichona nahm mich sehr freundlich auf, aber sie sah traurig aus. Ich sagte ihr: »Da ich nicht das Glück hatte, Sie in der vorigen Ballnacht in Ihrer Loge zu finden, so fürchtete ich, Sie seien unpäßlich, und glaubte, mich nach Ihrer Gesundheit erkundigen zu sollen.« »Ich war nicht da; denn an demselben Tage starb nach dreitägiger Krankheit der Herzog von Medina-Celi, der einzige Freund, den ich auf der Welt besaß.« »Ich nehme tiefen Anteil an Ihrem Schmerz, gnädige Frau. War der Herzog alt?« »Nein, keine sechzig Jahre. Sie haben ihn ja gesehen; man sah ihm sein Alter nicht an.« »Wo habe ich ihn denn gesehen?« »Hat er Sie nicht in meine Loge geführt?« »Wie? Das war er? Er hat mir nicht seinen Namen genannt; ich sah ihn zum ersten Male.« Dieser Todesfall machte tiefen Eindruck auf mich; mein Leser wird mir verzeihen, daß ich geglaubt habe, er sei ein großes Unglück für mich. Sein ganzes Vermögen erbte sein einziger Sohn, der sehr geizig war, und, wie es ja meistens der Fall ist, einen Sohn hatte, der die besten Anlagen zu einem Verschwender aufwies. Man hat mir gesagt, das Haus des Herzogs von Medina-Celi habe dreißig Hüte; das will sagen: dreißig spanische Grandenschaften. Ein junger Mann, der in dem Kaffeehaus verkehrte, das ich niemals besuchte, obwohl ich dort wohnte, trat eines Tages mit recht ungezwungenem Wesen bei mir ein, um mir in einem für mich neuen Lande, das er gründlich zu kennen behauptete, seine Dienste anzubieten. »Ich bin der Graf Marazzani von Piacenza. Ich bin nicht reich und kam nach Madrid, um hier mein Glück zu versuchen. Ich hoffe, in die Leibwache Seiner Katholischen Majestät aufgenommen zu werden. Seit einem Jahr warte ich darauf und amüsiere mich unterdessen. Ich sah Sie auf dem Ball mit einer Schönheit, die kein Mensch kannte. Ich will nicht wissen, wer es ist; aber wenn Sie die Veränderung lieben, kann ich Sie mit dem Besten bekannt machen, was es in Madrid gibt.« Wäre ich so vernünftig gewesen, wie ich mit meiner Erfahrung eigentlich hätte sein sollen, so hätte ich den frechen Menschen zur Tür hinausgeworfen oder ihn jedenfalls tüchtig abfallen lassen. Aber ich und vernünftig! Ohne daß ich es selber wußte, begann mein vernünftiger Lebenswandel mir lästig zu werden; eine gräßliche Leere begann mich zu quälen: ich hatte eine nette, kleine Leidenschaft nötig, wie ich bis dahin so viele gehabt hatte. Ohne mir etwas dabei zu denken, nahm ich also den Merkur gut auf und lud ihn ein, mir die Schönheiten zu zeigen, die meiner Aufmerksamkeit würdig wären; jedoch nicht solche, die leicht zu haben wären, und ebensowenig solche, deren Eroberung zu viele Schwierigkeiten machen würde; denn ich wollte mir in Spanien keine lästigen Geschichten auf den Hals ziehen. »Kommen Sie mit mir auf den Ball«, sagte er mir, »und ich verspreche Ihnen, Sie sollen alle, die Sie interessieren, trotz ihren offiziellen Liebhabern haben.« Der Ball fand an demselben Abend statt. Ich gab ihm meine Zusage, daß ich mitgehen würde, und als er sich bei mir zum Mittagessen einlud, erfüllte ich seine Bitte. Nach dem Essen sagte er mir, er habe kein Geld, und ich war auch noch so schwach, ihm eine Dublone zu geben. Er war weiter nichts als ein frecher Intrigant; außerdem war er häßlich und hatte nur ein Auge. Ich war die ganze Nacht mit ihm auf dem Ball, und er zeigte mir etwa zwanzig hübsche Frauen, deren Geschichte er mir erzählte. Eine von ihnen erregte mein Interesse, und er versprach mir, mich bei einer Kupplerin mit ihr zusammenzubringen. Er hielt mir Wort, aber es kam mir teuer zu stehen, und das Vergnügen, das er mir verschaffte, war der Ausgabe nicht wert; denn ich fand keinen Gegenstand, der würdig gewesen wäre, mich zu fesseln. Gegen Ende des Karnevals brachte der Hidalgo Don Diego, Doña Ignazias Vater, mir meine Stiefel und zugleich die Komplimente seiner Frau und seiner Tochter, die immerzu von dem Vergnügen spreche, das sie auf dem Ball gehabt habe und mein zartfühlendes Benehmen gar nicht genug loben könne. Ich antwortete ihm: »Sie ist ein ebenso ehrbares wie schönes Mädchen; sie verdient ihr Glück zu machen, und wenn ich nicht zu ihr gegangen bin, so geschah dies nur, weil ich ihrem Ruf nicht schaden wollte.« »Ihr Ruf ist ebenso wie der meinige über alle Verleumdungen erhaben, und, Señor Caballero, ich würde mich geehrt fühlen, wenn Sie die Güte haben wollten, mich zu besuchen.« Dieses Entgegenkommen stachelte mich an. »Der Karneval geht seinem Ende zu, und wenn Doña Ignazia Lust hat, noch einmal den Ball zu besuchen, so werde ich sie mit großem Vergnügen hinführen.« »Holen Sie sich die Antwort selber.« »Ich verspreche es Ihnen.« Ich war neugierig, wie meine fromme Spanierin sich benehmen würde, die mich alles nach der Heirat hoffen lassen wollte, und mich für diese Hoffnung hundert Dublonen zahlen zu lassen gedachte. Ich ging noch am gleichen Tage zu ihr und fand sie mit dem Rosenkranz in der Hand bei ihrer Mutter sitzen, während ihr edler Vater alte Stiefel flickte. Ich lachte innerlich darüber, einen Schuhflicker Don nennen zu müssen, der nicht Schuhmacher sein wollte, weil er Hidalgo war. Hidalgo, das bedeutet adlig, kommt von hijo de algo , Sohn von etwas; oft rächt das grobe Volk sich für die Verachtung der Hidalgos, die die Bürgerlichen hijos de nada , Söhne von nichts, nennen, dadurch, daß sie sie hideputa nennen, von hijos de puta , Hurensöhne. Doña Ignazia stand höflich von der Erde auf, auf der sie mit gekreuzten Beinen saß wie eine Afrikanerin. Dieser Brauch stammt noch von den Mauren. Ich sah in Madrid vornehme Frauen so auf dem Parkett sitzen, besonders auch in den Vorzimmern des Hofes und in dem des Palastes der Prinzessin von Asturien. Die Spanierinnen sitzen auf ihren Beinen in der Kirche, wo es weder Bänke noch Stühle gibt; sie besitzen eine überraschende Geschicklichkeit, aus dieser Stellung in eine kniende oder stehende überzugehen oder umgekehrt. Doña Ignazia dankte mir für die Ehre, die ich ihr durch meinen Besuch erweise, und sagte mir, ohne mich würde sie niemals den Ball gesehen haben; auch hoffe sie nicht mehr, noch einmal hinzukommen, denn ohne Zweifel werde ich seitdem einen Gegenstand gefunden haben, der meiner Aufmerksamkeit würdiger sei als sie. »Ich habe keinen gefunden, der würdig wäre, Ihnen vorgezogen zu werden,« antwortete ich ihr, »und wenn Sie noch einmal auf den Ball gehen wollen, werde ich Sie mit größtem Vergnügen hinführen.« Vater und Mutter waren sehr zufrieden, ihrer geliebten Tochter das Vergnügen verschaffen zu können, und da der Ball an demselben Tage stattfand, so gab ich der Mutter eine Dublone, um sofort einen Domino und eine Maske zu beschaffen. Sie ging, und da auch Don Diego irgendeine Besorgung zu machen hatte, so war ich mit dem Mädchen allein. Ich benutzte die Gelegenheit und sagte ihr, es stehe bei ihr, die volle Herrschaft über mich zu erlangen, denn ich bete sie an; wenn sie jedoch mich seufzen zu lassen gedenke, so werde sie mich nicht wiedersehen. »Was können Sie von mir wünschen, und was kann ich Ihnen bieten? Ich muß mich doch für meinen künftigen Gatten rein erhalten.« »Sie müssen sich meiner Liebe ohne jeden Nebengedanken überlassen und können überzeugt sein, daß ich Ihre Unschuld schonen werde.« Ich machte einen sanften Angriff auf sie, sie verteidigte sich jedoch mit Kraft und mit einer ernsten Miene, die auf mich großen Eindruck machte. Als ich es sah, ließ ich von ihr ab, indem ich ihr versicherte, sie werde mich die ganze Nacht hindurch dienstwillig und ehrerbietig finden, aber weder zärtlich noch verliebt, obgleich dies noch viel besser sein würde. Ihr Gesicht war scharlachrot geworden; sie antwortete mir, ihre Pflicht nötige sie, ihrem eigenen Wunsche zum Trotz sich meiner Kühnheit zu widersetzen. Diese Denkweise gefiel mir sehr an einer frommen Spanierin. Es handelte sich nur darum, die feste Idee der Pflicht in ihr zu zerstören; sie würde dann sofort zu allem bereit sein. Zu diesem Zwecke mußte ich sie zum Denken bringen, und ich war sicher, daß sehr bald der Augenblick kommen würde, wo sie mir nicht mehr zu antworten wüßte. Ich sagte daher zu ihr: »Wenn Ihre Pflicht Sie zwingt, mich, entgegen Ihrem eigenen Wunsche, zurückzustoßen, so ist Ihre Pflicht Ihnen zur Last; und wenn sie Ihnen zur Last ist, so ist sie Ihre Feindin; und wenn sie Ihre Feindin ist, warum verhätscheln Sie sie, warum lassen Sie sie so leicht siegen? Wenn Sie Ihre eigene Freundin wären, würden Sie zu allererst Ihrer unverschämten Feindin die Tür zeigen.« »Das ist nicht möglich.« »Im Gegenteil, es ist sehr leicht möglich. Denken Sie an sich selber; schließen Sie die Augen!« »Ist es so gut?« »Vortrefflich.« In demselben Augenblick faßte ich an ihre schwache Stelle; sie stieß mich zurück, doch ziemlich sanft und mit einem weniger ernsten Gesicht. Zugleich sagte sie: »Es steht in Ihrer Macht, mich zu verführen; aber wenn Sie mich lieben, müssen Sie mir diese Schande ersparen.« »Meine angebetete Ignazia, für ein kluges junges Mädchen ist es nur eine Schande, wenn sie sich einem Manne ergibt, den sie nicht liebt. Ergibt sie sich aber dem, den sie liebt, so erklärt und rechtfertigt die Liebe alles. Wenn Sie mich nicht lieben, verlange ich nichts.« »Aber was muß ich tun, um Sie zu überzeugen, daß ich Sie aus Liebe gewähren lasse und nicht aus schmachvoller Gefälligkeit?« »Lassen Sie mich gewähren, und mein Selbstgefühl wird Ihnen beistehen, um mich zu diesem Glauben zu überreden.« »Geben Sie zu, daß ich Sie zurückweisen muß, da ich dessen nicht sicher sein kann.« »Das gebe ich zu, aber Sie werden mich traurig und kalt machen.« »Das würde auch mich traurig machen.« Durch diese Worte ermutigt, umarmte ich sie; durch einen kühnen Griff meiner Hand erreichte ich viel: ihre Hände ließen mir das Feld frei, und sie teilte meinen Genuß, ohne es zu leugnen. Hiermit war ich vollständig zufrieden, denn für den ersten Anfang konnte ich nicht mehr verlangen. Ich überließ mich einer Heiterkeit, die auch die ihrige erregte. Die Mutter kam mit dem Domino, den Handschuhen usw. zurück und wollte mir den Rest der Dublone wiedergeben. Ich weigerte mich jedoch, das Geld anzunehmen und entfernte mich mit dem Versprechen, sie wie das erste Mal am Abend mit einem Wagen abzuholen. Da der erste Schritt einmal getan war, fühlte Doña Ignazia, daß sie sich lächerlich machen würde, wenn sie nicht auf meine Bemerkungen einginge, die sich alle mit der Frage beschäftigten, wie wir uns die Wonne verschaffen könnten, ganze Nächte miteinander zu verbringen. Die glühende Natur der Kastilianerinnen und ihre persönliche Eitelkeit brachten sie zu der Überzeugung, daß sie nur daran denken mußte, mich zu fesseln. Sie fand mich die ganze Nacht hindurch zärtlich, eifrig und zuvorkommend. Beim Souper war ich darauf bedacht, ihr alles vorsetzen zu lassen, was sie gern aß und trank. So zwang ich sie, sich selber Beifall zu zollen, daß sie sich entschlossen hatte, ihren Widerstand aufzugeben. Ich füllte ihre Taschen mit Zuckerwerk und steckte in die meine zwei Flaschen Ratafia; diese gab ich der Mutter, die wir im Wagen eingeschlafen fanden. Doña Ignazia wies einen Quadrupel zurück, den ich ihr schenken wollte; aber sie tat dies ohne Stolz und mit dem Ausdruck zärtlicher Dankbarkeit. Zugleich bat sie mich jedoch, da ich imstande sei, solche Geschenke zu machen, möchte ich den Quadrupel ihrem Liebhaber geben, wenn er mich wieder besuchen würde. »Gern, aber wie soll ich mich vergewissern, daß mein Anerbieten ihn nicht beleidigen wird?« »Sagen Sie ihm, es sei eine Abschlagszahlung auf die Summe, um die er Sie gebeten habe; er ist arm. Ich bin überzeugt, er ist jetzt in Verzweiflung, weil er mich nicht am Fenster gesehen hat. Morgen werde ich ihm zum Trost sagen, ich sei mit Ihnen nur auf den Ball gegangen, um meinem Vater einen Gefallen zu tun.« Doña Ignazias Temperament war eine Mischung von Wollust und Frömmigkeit – eine Mischung, die in Spanien sehr oft vorkommt. Sie tanzte den Fandango mit soviel Hingebung und mit solchem Feuer, daß kein Wort mir hätte verheißen können, was ihre wollüstigen Stellungen mir versprachen. Was für ein Tanz ist der Fandango! Er reißt die Tänzer mit sich fort, versetzt sie in Glut. Trotzdem hat man mir versichern wollen, daß die meisten Tänzer und Tänzerinnen sich gar nichts Schlimmes dabei dächten. Ich habe getan, wie wenn ich das glaubte. Bevor sie ausstieg, bat Ignazia mich, am nächsten Morgen um acht Uhr in der Soledad die Messe zu hören. Ich hatte ihr noch nicht gesagt, daß ich sie dort zum ersten Mal gesehen hatte. Sie bat mich ferner, gegen Abend sie zu besuchen, und sagte mir, sie werde mir einen Brief geben, wenn sie es nicht ermöglichen könne, mit mir allein zusammen zu sein. Ich schlief bis zum Mittag und wurde von Marazzani geweckt, der sich bei mir zum Essen einlud. Er sagte mir, er habe mich die ganze Nacht mit einer schönen Begleiterin beisammen gesehen und habe vergeblich alle seine Bekannten gefragt, wer sie sei. Ich ertrug geduldig diese sehr unbescheidene Neugier; als er mir jedoch sagte, er würde mir jemanden nachgeschickt haben, wenn er Geld gehabt hätte, da sprach ich zu ihm in einem Ton, daß er ganz blaß wurde. Er beeilte sich, mich um Verzeihung zu bitten, und versprach mir, in Zukunft seine Neugier im Zaum zu halten. Er schlug mir eine galante Zusammenkunft mit der berühmten Spiletta vor, die ihre Huld nicht billig verkaufte; ich wollte jedoch nicht, denn ich war ganz und gar von Doña Ignazia eingenommen, die ich mir als eine sehr würdige Nachfolgerin Charlottens vorstellte. Ich war vor ihr in der Soledad, und sie bemerkte mich, sowie sie eintrat. Das Mädchen, das sie das erste Mal begleitet hatte, war wieder bei ihr. Zwei Schritt von mir warf sie sich auf die Knie, aber ohne den Kopf nach mir umzudrehen. Ihre Freundin dagegen sah mich unaufhörlich an; sie war ebenso alt wie Doña Ignazia, aber häßlich. Da ich Don Francisco bemerkte, verließ ich die Kirche vor der Schönen; mein Nebenbuhler folgte mir und machte mir ein etwas bitteres Kompliment darüber, daß ich zum zweiten Male das Glück gehabt hätte, mit seiner Geliebten auf den Ball zu gehen. Er gestand mir, daß er die ganze Nacht auf den Spuren gewesen wäre, und sagte: »Ich wäre mit dem Ball ziemlich zufrieden gewesen, wenn ich nicht Sie beide den Fandango hätte tanzen sehen, denn Sie sahen mir zu sehr wie zwei glückliche Liebende aus.« Ich fühlte ein Bedürfnis, die Gefühle des armen Teufels zu schonen, und sagte ihm daher mit gütiger Miene, die Liebe leide an Einbildungen, aber ein kluger Mann wie er müsse jeden Zweifel an die Reinheit eines tugendhaften Mädchens wie Doña Ignazia aus seinem Herzen verbannen. Zugleich drückte ich ihm eine goldene Unze in die Hand und bat ihn, diese auf Abschlag anzunehmen. Er nahm sie mit erstaunter und gerührter Miene, nannte mich seinen Vater, seinen Schutzengel und versprach mir ewige Dankbarkeit. Gegen Abend ging ich zu Don Diego, der mich mit meinem eigenen ausgezeichneten Ratafia bewirtete. Vater, Mutter und Tochter sprachen mir von den großen Verpflichtungen Spaniens gegen den Grafen Aranda. »Es gibt«, sagte Doña Antonia, die Mutter, »für die Gesundheit nichts Besseres als den Ball, und doch war dieses Vergnügen verboten, bevor der große Mann an die Regierung kam. Trotzdem wird er gehaßt, weil er die Väter der Gesellschaft Jesu aus dem Lande gejagt hat und weil er die bis auf den Absatz reichenden Mäntel und die großen Hüte verboten hat. Aber die Armen segnen ihn; denn sie erhalten alles Geld, das der Ball der Scaños del Peral einbringt.« »Auf diese Weise«, bemerkte der adelige Schuhflicker, »tun alle, die auf diesen Ball gehen, zugleich ein frommes Werk.« »Ich habe«, sagte Doña Ignazia zu mir, »zwei Cousinen, die an Tugend wahre Engel sind. Ich habe ihnen erzählt, daß ich mit Ihnen auf dem Ball war, den zu besuchen sie nicht die geringste Hoffnung haben, denn sie sind arm. Es würde nur von Ihnen abhängen, sie glücklich zu machen, indem Sie sie am letzten Tage des Karnevals mitnehmen. Ihre Mutter wird sie um so lieber mitgehen lassen, da der Ball mit dem Schlage der zwölften Stunde zu Ende ist, um nicht die Sonntagsruhe des Aschermittwochs zu stören.« »Ich bin, meine schöne Ignazia, vollkommen bereit, ihnen dieses unschuldige Vergnügen zu erweisen, um so mehr, da dadurch der Señora Doña Antonia die Mühe erspart bleibt, im Wagen auf uns zu warten.« »Sie sind sehr liebenswürdig; ich müßte Sie jedoch erst mit meiner Tante bekannt machen, die von einer peinlichen Frömmigkeit ist. Wenn sie Sie kennen gelernt hat, bin ich überzeugt, sie wird mir keine abschlägige Antwort geben, wenn ich ihr den Vorschlag mache, denn Sie sehen wie ein sehr verständiger Mann aus. Suchen Sie sie noch heute auf. Sie wohnt in der nächsten Straße gleich im ersten Hause, über dessen Tür ein Schild besagt, daß Spitzen ausgebessert werden. Stecken Sie einige Spitzen in Ihre Tasche und sagen Sie, meine Mutter habe Ihnen ihre Adresse gegeben. Das übrige werde ich selber machen, wenn ich morgen aus der Messe komme. Gegen Mittag kommen Sie bitte hierher, damit wir beraten können, wie wir den letzten Karnevalstag zusammen verbringen.« Ich machte alles genau nach ihrer Vorschrift, und am anderen Tage konnte Doña Ignazia mir melden, daß alles in Ordnung sei. Ich sagte hierauf zu ihr: »Ich werde alle Dominos in meiner Wohnung bereit halten, in die Sie durch die Hintertüre gelangen können. Wir werden in meinem Zimmer speisen; hierauf werden wir uns maskieren, um auf den Ball zu gehen, und wenn dieser zu Ende ist, werde ich Sie alle nach Hause bringen. Die älteste werde ich als Mann anziehen; denn sie wird vollkommen wie ein Kavalier aussehen.« »Ich werde ihr vorher nichts davon sagen, denn sie würde Furcht haben, eine Sünde zu begehen; ist sie aber einmal bei Ihnen, so wird sie alles tun, was Sie wollen.« Die jüngere der beiden Cousinen war häßlich, sah aber unverkennbar wie ein Weib aus; die ältere dagegen, die auffällig häßlich war, sah aus wie ein Mann in Weiberkleidern. Dieser Gegensatz machte mir Spaß, denn Doña Ignazia war eine vollkommene Schönheit und im höchsten Grade verführerisch, sobald sie ihre fromme Miene ablegte. Ich sorgte dafür, daß alles Notwendige in der kleinen Kammer neben meinem Zimmer vorhanden war, ohne daß mein abscheulicher Page etwas davon erfuhr. Am Dienstag morgen gab ich ihm einen Peso duro und sagte ihm, er könne den letzten Karnevalstag in voller Freiheit feiern; es genüge mir, wenn er am anderen Mittag wieder da sei. Nachdem ich ein gutes Mittagessen bestellt und dem Kellner des Kaffeehauses gesagt hatte, daß er mich bedienen sollte, schaffte ich mir Marazzani vom Halse, indem ich ihm eine Dublone gab. So hatte ich alle Vorbereitungen getroffen, mit den beiden Cousinen und der schönen Ignazia, die an diesem Tage meine Frau werden sollte, ein fröhliches Fest zu feiern. Die Partie war neu in ihrer Art: drei Betschwestern, davon zwei ekelhaft häßlich, die dritte höchst appetitlich, schon in meine Absicht eingeweiht und halb gezähmt. Wahrscheinlich ahnte sie, was ihrer als Nachtisch wartete. Sie kamen um zwölf Uhr, und um ein Uhr setzten wir uns zu Tisch, nachdem ich ihnen die ganze Stunde lang weise, moralische und salbungsvolle Reden gehalten hatte. Ich hatte mich mit ausgezeichnetem Manchaner Wein versehen, der sehr angenehm zu trinken ist, aber die hinterlistige Stärke des Ungarweins besizt. Die jungen Mädchen waren nicht daran gewöhnt, zwei Stunden lang bei Tisch zu sitzen, gute Speisen zu essen, so viel sie Lust hatten, und sich an feinen Weinen zu laben; sie waren nicht gerade betrunken, aber sie glühten und waren von einer Lustigkeit beseelt, deren Reiz sie bis dahin nicht gekannt hatten. Ich sagte der älteren, die etwa fünfundzwanzig Jahre alt sein mochte, ich würde sie als Mann anziehen. Entsetzen malte sich auf allen ihren Zügen. Ich war darauf gefaßt gewesen; aber Doña Ignazia sagte ihr, sie sei doch recht glücklich, daß sie das Vergnügen haben könne, und ihre Schwester sagte, das könne doch keine Sünde sein. »Wenn es eine Sünde wäre,« sagte ich zu ihr, »glauben Sie, daß ich Ihrer tugendhaften Schwester einen solchen Vorschlag machen würde?« Doña Ignazia, die die Heiligengeschichte auswendig wußte, bestärkte meine Versicherung, indem sie sagte, die glorreiche heilige Marina habe ihr ganzes Leben in Männerkleidung zugebracht; bei dieser gelehrten Bemerkung streckte die große Cousine dann endlich die Waffen. Ich pries nun in pomphaften Worten ihren Geist und reizte sie dadurch, mich zu überzeugen, daß ich mich nicht täuschte. »Kommen Sie mit mir,« sagte ich zu ihr, »und Sie, meine Damen, warten Sie hier! Ich möchte mich an Ihrer Überraschung weiden, wenn Sie sie als Mann erscheinen sehen.« Die häßliche Cousine bezwang sich und folgte mir. Ich breitete die ganze Ausrüstung eines Mannes vor ihr aus, ließ sie ihre Strümpfe ausziehen und dafür weiße Strümpfe und Schuhe anziehen, von denen ich mehrere Paare besorgt hatte. Indem ich mich vor sie hinsetzte, sagte ich ihr, sie würde eine Todsünde begehen, wenn sie mir unanständige Absichten zutraute; denn da ich ihr Vater sein könnte, wäre es unmöglich, daß ich solche Absichten hätte. Sie antwortete mir, sie sei eine gute Christin, aber nicht dumm. Ich band ihr die Strumpfbänder zu und sagte ihr, ich würde niemals geglaubt haben, daß sie ein so schönes Bein und eine so schöne Haut hätte; sie lächelte vor Eitelkeit sehr befriedigt. Obgleich ich ihre sehr schönen Schenkel sah, errötete sie doch nicht. Ich gab ihr eine von meinen Hosen, die ihr sehr gut paßte, obgleich ich fünf Zoll größer war als sie; aber bei den Frauen ersetzt der Hintere Vorsprung in der Breite, was wir in der Länge mehr haben als sie. Ich hatte mich abgewandt, damit sie die Hose ungestört anziehen könne; hierauf gab ich ihr ein Spitzenhemd, und sie sagte mir, sie sei fertig, bevor sie es am Halse zugeknöpft hatte. Dies übernahm ich natürlich, und es kam mir vor, wie wenn sie mich aus Koketterie zu früh gerufen hätte; denn ihr Busen war prachtvoll, und sie tat durchaus nichts, um mich zu verhindern, ihn zu sehen, als ich ihr die Knöpfe am Halse zumachte, ja, ich weiß nicht, ob sie sich nicht ärgerte, daß ich ihr kein Kompliment darüber machte. Als sie mit ihrem Anzug fertig war, sah ich sie von den Füßen bis zum Kopf an und lobte sie sehr. Ich sagte ihr, nur an einem einzigen Ort könne ein Kenner merken, daß sie ein Weib sei. »Das tut mir recht leid.« »Gestatten Sie mir, Ihr Hemd an diesem Ort zurecht zu machen?« »Ich bitte Sie darum; denn ich habe mich noch niemals als Mann angezogen.« Ich machte die vorderen Knöpfe wieder auf und ordnete die Spitzen des Hemdes, nicht ohne mir dabei die Freiheiten zu erlauben, die die Lage zuließ. Aber ich machte das so ernst, daß die große Cousine, obwohl sie vor Wollust zitterte, das alles für unumgänglich notwendig halten mußte. Nachdem ich ihr ihren Domino angezogen und die Maske vorgebunden hatte, stellte ich sie vor, und ihre Schwester und Doña Ignazia machten ihr Komplimente und sagten ihr, die größten Kenner müßten sie für einen Mann halten. »Nun zu Ihnen«, sagte ich zur jüngeren. »Geh nur,« sagte die ältere zu ihr; »Don Jaime ist der anständigste Mann in ganz Spanien.« Ich hatte bei der jüngeren nicht viel zu machen, denn ich brauchte ihr nur den Domino anzuziehen. Da ich aber ihre Cousine recht lange bei mir behalten wollte, veranlaßte ich sie, schöne weiße Strümpfe anzuziehen, ein anderes Halstuch zu nehmen und tausend andere kleine Änderungen zu machen. Als sie fertig war, stellte ich sie den beiden anderen vor; Doña Ignazia bemerkte, daß sie andere Strümpfe und ein anderes Busentuch trug und fragte sie, ob ich mich ebensogut darauf verstände, einer Frau bei ihrer Toilette zu helfen, wie eine Frau in einen Mann umzukleiden. »Das weiß ich nicht,« antwortete die Cousine ihr; »denn ich habe seiner nicht bedurft, sondern alles selber gemacht.« Nun kam Don Diegos Tochter an die Reihe. Sobald sie in der Kammer war, machte ich mit ihr, was ich wollte, und sie gab sich mir mit jener Miene hin, die zu sagen scheint: »Ich ergebe mich dir, weil ich nicht länger widerstehen kann.« Da ich ihre Ehre schonen wollte, so hielt ich zu rechter Zeit ein; das zweitemal aber hielt ich sie länger als eine halbe Stunde in meinen Armen, bis sie vor Wollust ganz erschöpft war. Sie war zur Liebe geboren, und die Natur hatte sie mit einem Temperament begabt, das den kräftigsten Angriffen zu widerstehen vermochte. Als der Anstand uns zwang, endlich wieder hineinzugehen, sagte sie zu ihren Cousinen: »Ich dachte, wir würden gar nicht fertig werden; aber ich mußte beinahe den ganzen Domino auftrennen und wieder zusammennähen.« Ich bewunderte ihre Geistesgegenwart. Als es Abend wurde, fuhren wir nach dem Ballhaus, wo für diesen Tag der Graf von Aranda den Fandango nach Belieben erlaubt hatte; die Menschenmenge war jedoch so groß, daß es unmöglich war, ihn zu tanzen. Um zehn Uhr speisten wir zu Abend; hierauf gingen wir im Saal auf und ab, bis mit einem Schlage die beiden Orchester schwiegen. Es war Mitternacht, und die heilige Fastenzeit begann; der Karneval war aus. Dieser plötzliche Übergang von der Ausgelassenheit zur Frommigkeit, vom Heidentum mit seinen Bacchanalien zum Christentum mit seinen Mysterien und seinem ganz philosophischen Symbol hat etwas Abstoßendes, Gezwungenes, Widernatürliches an sich. Um elf Uhr neunundfünfzig Minuten sind die Sinne vor Erregung in einer Weißgluthitze; mit dem Schlage Mitternacht, in einer Minute, sollen die Sinne ruhig, die Leidenschaften abgestorben, die Herzen von Reue und Liebe durchdrungen sein: das ist ein schwieriger Übergang, ein unmöglicher Zustand. Nachdem ich mit den drei Spanierinnen nach meiner Wohnung gefahren war, um sie dort die Dominos ablegen zu lassen, brachten wir die beiden Cousinen zu ihrer Mutter. Als wir nur noch ein paar Schritte von ihrem Hause entfernt waren, sagte Doña Ignazia zu mir, sie habe das Bedürfnis, noch Kaffee zu trinken. Ich verstand sie sofort und nahm sie wieder mit zu mir, wo ich gewiß war, sie ein paar Stunden lang zu unserer gegenseitigen Befriedigung zu besitzen. Nachdem ich sie auf mein Zimmer geführt hatte, ließ ich sie einen Augenblick allein, um den Kaffee zu bestellen; aber im Kaffeehaus sah ich plötzlich Don Francisco vor mir, der mich ohne Umstände bat, ihn als dritten zu unserer Gesellschaft zuzulassen, denn er habe Doña Ignazia hinaufgehen sehen. Es gelang mir, meine Enttäuschung und meine Wut zu verhehlen, und ich sagte ihm, es stehe in seinem Belieben, und er könne sicher sein, daß sein unerwarteter Besuch seiner Geliebten das größte Vergnügen machen werde. Ich ging hinauf, er folgte mir, und ich meldete den Eindringling der Schönen, indem ich ihr sagte, sein Besuch zu einer solchen Stunde werde ihr jedenfalls viel Vergnügen machen. Ich hätte wetten mögen, daß sie sich mindestens ebensogut zu verstellen gewußt hätte wie ich; aber ich würde mich getäuscht haben. In ihrem Verdruß sagte sie ihm grob, sie würde sich gehütet haben, mich um Kaffee zu bitten, wenn sie hätte glauben können, er würde mich belästigen. Das wäre sehr indiskret von ihm, und wenn er weniger schlecht erzogen wäre, so würde er mich nicht zu solcher Stunde gestört haben. Trotz meinem Ärger glaubte ich den armen Teufel verteidigen zu müssen; denn er machte ein Gesicht wie ein Hund, den man aus der Küche jagt. Ich suchte Doña Ignazia zu beruhigen, indem ich ihr sagte, es sei doch ganz natürlich, daß Don Francisco in der letzten Karnevalsnacht zu dieser Stunde im Kaffeehaus sei; er habe uns nur zufällig gesehen und sei von mir gebeten worden, heraufzukommen, weil ich geglaubt habe, ich werde ihr damit ein Vergnügen machen. Doña Ignazia erriet meine Absicht und stellte sich, wie wenn sie mir recht gäbe. Sie lud ihn ein, Platz zu nehmen, richtete aber dann kein Wort mehr an ihn und sprach nur mit mir allein von dem Ball, indem sie mir für das Vergnügen dankte, das ich ihr zuliebe ihren Cousinen verschafft hatte. Nachdem Don Francisco seinen Kaffee getrunken hatte, glaubte er, sich entfernen zu sollen. Ich sagte ihm, ich hoffte ihn zuweilen während der Fastenzeit zu sehen. Aber Doña Ignazia sprach kein Wort zu ihm, sondern begnügte sich mit einem leichten Kopfnicken. Als er fort war, sagte sie mir mit traurigem Gesicht, dieser verdrießliche Zwischenfall beraube sie des Vergnügens, eine Stunde mit mir zu verbringen; denn sie sei überzeugt, daß Don Francisco im Kaffeehause oder an irgendeinem anderen Ort auf sie warte, um ihr nachzuspüren, und wenn sie seine Eifersucht verachte, werde sie sich seiner Rache aussetzen. Sie fuhr fort: »Haben Sie also die Güte, mich nach Hause zu fahren, und wenn Sie mich lieben, so besuchen Sie mich. Der Streich, den der Wahnwitzige mir gespielt hat, soll ihm noch Tränen kosten. Vielleicht werde ich ihn mir überhaupt vom Halse schaffen, denn nur, um mich zu verheiraten, erlaube ich ihm, mir am Fenster den Hof zu machen. Sind Sie überzeugt, daß ich nicht in ihn verliebt bin?« »Vollkommen, mein schöner Engel! Du hast mich glücklich gemacht, und ich muß mich für geliebt halten, solange ich dich liebe.« Doña Ignazia gab mir in aller Eile einen neuen Beweis dafür. Hierauf brachte ich sie nach Hause, wo ich ihr versicherte, ich würde nur für sie leben, solange ich mich in Madrid aufhielte. Am nächsten Tage speiste ich bei Mengs zu Mittag, und den Tag darauf um ein Uhr sprach ein Mann von üblem Aussehen mich auf der Straße an und bat mich, ihm in den Kreuzgang einer Kirche zu folgen, wo er mir etwas sagen würde, was für mich von größtem Interesse sein müßte. Ich folgte ihm, ohne ein Wort zu sagen, und sobald er sah, daß uns kein Mensch hören konnte, sagte er mir: »Noch heute Nacht wird der Alcalde Messa Ihnen einen Besuch machen, und zwar mit allen seinen Häschern, zu denen ich gehöre. Er weiß, daß Sie verbotene Waffen besitzen, die Sie unter der Matte Ihres Zimmers hinter dem Ofen versteckt haben. Er weiß oder glaubt zu wissen noch mehrere andere Dinge, die ihn berechtigen, sich Ihrer Person zu bemächtigen und Sie nach dem Gefängnis der zur Galerenstrafe bestimmten Verbrecher bringen zu lassen. Ich sage Ihnen dies alles, weil ich Sie für einen ehrenhaften Menschen halte. Verachten Sie meine Warnung nicht, treffen Sie Ihre Maßnahmen und bringen Sie sich an einen sicheren Ort, um diesem Schimpf zu entgehen.« Da der Umstand der verborgenen Waffen wahr war, so maß ich der Warnung des Mannes Glauben bei und drückte ihm eine Dublone in die Hand. Anstatt zu Doña Ignazia zu gehen, wie es meine Absicht gewesen war, ging ich nach Hause, nahm meine Waffen unter den Mantel und begab mich zu Mengs, nachdem ich im Kaffeehaus Bescheid hinterlassen hatte, man möchte mir meinen Pagen zuschicken, sobald er wieder nach Hause käme. Im Hause des Ritters Mengs war ich in Sicherheit, da es dem König gehörte. Der Maler war ein braver Mann, aber ehrgeizig, stolz und über alle Maßen mißtrauisch. Er verweigerte mir keineswegs eine Zuflucht für die Nacht, sagte mir jedoch, am nächsten Morgen müßte ich daran denken, mir eine andere Wohnung zu besorgen; denn es wäre unmöglich, daß der Alcalde keine stärkeren Gründe für meine Verhaftung hätte, als den Besitz verbotener Waffen. Er wisse von der ganzen Sache nichts und könne daher für nichts aufkommen. Er gab mir ein Zimmer, und wir speisten allein miteinander und sprachen unaufhörlich über diese Geschichte: ich wiederholte fortwährend, ich hätte mich keines anderen Vergehens schuldig gemacht als des Besitzes verbotener Waffen, worauf er mir erwiderte: unter diesen Umständen hätte ich die ungebetene Warnung des Sbirren verachten müssen, anstatt ihm eine Dublone zu geben; ich hätte ruhig in meinem Zimmer bleiben sollen, statt meine Waffen fortzuschaffen; denn als ein kluger Mann müßte ich doch wissen, daß ein jeder Mensch nach dem Naturrecht in seinem eigenen Zimmer nicht nur Waffen, sondern sogar Kanonen haben dürfte. Ich antwortete ihm: »Indem ich zu Ihnen ging, wollte ich nur der Unannehmlichkeit ausweichen, eine Nacht im Gefängnis zuzubringen, denn ich bin überzeugt, der Sbirre, dem ich die Dublone gegeben habe, hat mir weiter nichts als die Wahrheit gesagt. Morgen werde ich eine andere Wohnung nehmen; ich gebe zu, daß ich meine Pistolen und meinen Karabiner hätte zu Hause lassen müssen.« »Sie hätten ebenfalls dort bleiben sollen. Ich glaubte nicht, daß Sie so leicht zu erschrecken wären.« Während wir uns in dieser Weise stritten, kam mein Wirt und sagte, der Alcalde sei mit dreißig Häschern dagewesen und habe meine Wohnung durchsucht, nachdem er die Tür durch einen Schlosser habe öffnen lassen. Nachdem er überall gesucht, aber nichts gefunden, habe er die Tür wieder schließen und versiegeln lassen. Hierauf sei er gegangen und habe meinen Pagen ins Gefängnis geführt unter der Anschuldigung, daß er mich gewarnt habe; »denn sonst,« so habe er hinzugefügt, »würde der venetianische Herr sich nicht zu Ritter Mengs zurückgezogen haben, wo ich mich seiner Person nicht bemächtigen kann.« Nach dieser Erzählung gab Mengs zu, daß ich nicht unrecht gehabt hätte, an die mir gemachte Mitteilung zu glauben; er fügte hinzu, ich müßte sofort am nächsten Morgen den Grafen von Aranda aufsuchen und vor allen Dingen die Unschuld meines Pagen betonen. Als mein Wirt fortgegangen war, stritten wir uns weiter, und da Mengs sich fortwährend für meinen unschuldigen Pagen interessierte, sagte ich ihm schließlich in ungeduldigem Ton: »Mein Page muß ein abgefeimter Schuft sein; denn wenn der Alcalde ihn in Verdacht hat, mich von seinem Besuch in Kenntnis gesetzt zu haben, so ist das ein ganz unwiderleglicher Beweis, daß der Page dasselbe gewußt hat, was der Beamte wußte. Nun frage ich Sie: muß der Diener nicht ein Schurke sein, wenn er von einer derartigen Geschichte hört, und mich nicht davon in Kenntnis setzt? Und weiter frage ich Sie, ob er sie wissen kann, wenn er nicht selber der Anzeiger gewesen ist? Denn schließlich wußte doch nur er allein, wo meine Waffen versteckt waren.« Als Menges sah, daß er mir nichts mehr antworten konnte, ärgerte er sich, ließ mich allein und ging zu Bett. Ich tat dasselbe und schlief sehr friedlich. Am anderen Morgen in aller Frühe schickte der große Mengs mir Wäsche und alles, was ich für meine Toilette brauchte. Seine Magd brachte mir Schokolade, und sein Koch fragte mich, ob ich Erlaubnis hätte, Fleischspeisen zu essen. Durch solche Manieren ladet ein Fürst seinen Gast ein, sein Haus nicht mehr zu verlassen; aber ein Privatmann jagt ihn damit fort. Ich ließ ihm für alles danken und nahm weiter nichts an, als die Schokolade und ein Taschentuch. Mein Wagen hielt vor der Tür, und ich war bei Mengs in seinem Zimmer, um ihm zu danken und ihm zu sagen, daß ich erst wieder zu ihm kommen würde, wenn ich frei wäre. In diesem Augenblick trat ein Offizier ein und fragte den Maler, ob der Chevalier Casanova bei ihm sei. »Der bin ich, mein Herr.« »Mein Herr, ich bitte Sie, mir gutwillig in die Wachtstube des Buen Retiro zu folgen, wo Sie als Gefangener bleiben werden. Da das Haus des Herrn Ritters Mengs ein königliches ist, so kann ich keine Gewalt anwenden; aber ich mache Sie darauf aufmerksam, daß binnen weniger als einer Stunde Herr Ritter Mengs den Befehl erhalten wird, Sie aus seinem Hause zu weisen, und dann werden Sie in aufsehenerregender Weise ins Gefängnis gebracht werden, was Ihnen doch nur sehr unangenehm sein kann. Ich rate Ihnen also, mir ruhig zu folgen und mir die Waffen auszuliefern, die Sie ohne Zweifel besitzen.« »Herr Ritter Mengs kann Ihnen die Waffen übergeben, die ich seit elf Jahren stets bei mir habe und zu meiner Sicherheit auf meinen Reisen mitführe. Ich werde Ihnen folgen, und bitte Sie nur, mir zu gestatten, daß ich vier Briefchcn schreibe, wozu ich nicht einmal eine halbe Stunde nötig habe.« »Ich kann weder solange warten noch Ihnen erlauben, Briefe zu schreiben; aber es steht in Ihrem Belieben, dies zu tun, sobald Sie im Gefängnis sind.« »Das genügt. Ich werde mich gehorsam fügen, was ich nicht tun würde, wenn ich in der Lage wäre, Ihnen Gewalt entgegenzusetzen. Ich werde mich Spaniens erinnern, wenn ich im übrigen Europa freie Menschen finde, die etwa Lust haben sollten, in diesem Lande zu reisen wie ich.« Ich umarmte Mengs, der ein ganz betroffenes Gesicht machte. Hierauf ließ ich meine Waffen in meinen Wagen schaffen und stieg mit dem Hauptmann ein, der wie ein durchaus ehrenwerter Mann aussah. Er brachte mich nach dem königlichen Palast Buen Retiro. Die königliche Familie hatte ihn aufgegeben, und er diente nur noch als Gefängnis für überführte Verbrecher, während die königlichen Gemächer als Kasernen benutzt wurden. In diesen Palast hatte Philipp der Fünfte sich mit der Königin zurückgezogen, um sich auf das Osterfest vorzubereiten. Als der Hauptmann mich dem Offizier vom Tagesdienst übergeben hatte, der wie ein richtiger Zuchthauswärter aussah, führte ein Korporal mich in das Innere des Schlosses, in einen großen Saal im Erdgeschoß. Ich fand dort in einem erstickenden Gestank etwa dreißig Gefangene, von denen zehn Soldaten waren. In dem Raume standen zehn oder zwölf sehr breite Betten und einige Bänke, aber keine anderen Sitze und keine Tische. Ich bat einen Soldaten, mir Papier, Feder und Tinte zu besorgen, und gab ihm zu diesem Zweck einen Duro. Lachend nahm er den Taler, ging und kam nicht wieder. Alle, an die ich mich wandte, um mich nach ihm zu erkundigen, lachten mir ins Gesicht. Am meisten wunderte mich der Anblick meines Pagen und des Grafen Marazzani, der mir auf Italienisch sagte, er befinde sich seit drei Tagen in diesem Gefängnis, habe mir aber nicht geschrieben, weil er ein Vorgefühl gehabt habe, daß er mich bald in seiner Gesellschaft sehen werde. »Binnen weniger als vierzehn Tagen«, fuhr er fort, »wird man uns von hier unter guter Bedeckung auf irgendeine Festung zur Zwangsarbeit schicken; von dort aus werden wir jedoch unsere Verteidigungsgründe vorbringen können, und dürfen hoffen, in drei oder vier Jahren mit einem Paß Spanien zu verlassen.« »Ich hoffe, man wird mich nicht verurteilen, bevor man mich gehört hat.« »Der Alcalde wird morgen kommen; er wird Sie verhören und Ihre Antworten aufschreiben. Das ist alles. Hierauf wird man Sie vielleicht nach Afrika schicken.« »Hat man Ihnen bereits den Prozeß gemacht?« »Man hat sich gestern drei Stunden lang mit mit beschäftigt.« »Wonach hat man Sie gefragt?« »Wer der Bankier sei, der mir das nötige Geld für meinen Lebensunterhalt gebe. Ich habe geantwortet, daß ich keinen Bankier kenne, daß ich von meinen Freunden borge und darauf warte, in die Leibgarde eingestellt zu werden. Man hat mich gefragt, warum der Gesandte von Parma mich nicht kenne, und ich habe geantwortet, ich habe mich ihm niemals vorgestellt. ›Ohne die Empfehlung Ihres heimatlichen Gesandten‹, hat man mir eingewandt, ›können Sie niemals Leibgardist werden, und das müssen Sie wissen; aber der König wird Ihnen eine Beschäftigung geben, zu der Sie von niemandem empfohlen zu werden brauchen‹. Mit diesen Worten ging der Alcalde hinaus, ohne sich weiter um mich zu bekümmern. Ich sehe voraus, daß man Sie ebenso behandeln wird, wenn nicht der venetianische Gesandte Ihre Freilassung verlangt.« Ich beherrschte mich, aber ich mußte einen bitteren Speichel hinunterschlucken, obwohl ich eine so harte Behandlung, wie Marazzani sie mir androhte, nicht für wahrscheinlich hielt. Ich setzte mich auf ein Bett, das ich drei Stunden später verließ, als ich mich von jenem scheußlichen Ungeziefer bedeckt sah, das in Spanien unvermeidlich zu sein scheint, und bei dessen bloßem Anblick sich mir das Herz im Leibe umdrehte. Unbeweglich, ohne auch nur ein Wort zu sagen, stand ich da und schluckte das Gift und die Galle hinunter, die ich im Munde fühlte. Reden hatte keinen Zweck; ich mußte schreiben, und man gab mir nicht die Mittel dazu. Notgedrungen hatte ich den Entschluß gefaßt, die Ereignisse abzuwarten, die etwas früher oder später ja doch eintreten mußten. Gegen Mittag sagte Marazzani zu mir, ich könne mir etwas zum Essen besorgen lassen, wenn ich einem Soldaten, den er kenne und für dessen Ehrlichkeit er bürge, das nötige Geld gebe. »Ich habe keine Lust zu essen,« antwortete ich ihm, »und ich gebe kein Geld mehr, bevor ich meinen Taler zurückerhalten habe.« Er machte Lärm wegen dieser Spitzbüberei, aber man lachte ihn aus. Hierauf sprach mein Page mit ihm, er möge mich doch bitten, ihm etwas Geld für Essen zu geben; denn er habe Hunger und besitze keinen Heller. »Ich werde ihm nichts geben; denn er ist nicht mehr in meinem Dienste, und wollte Gott, er wäre es nie gewesen!« Ich sah alle meine Unglücksgenossen schlechte Knoblauchssuppe und erbärmliches Brot essen und Wasser dazu trinken, mit Ausnahme von zwei Priestern und einem Mann, den man Corregidor nannte; diese hatten gutes Essen. Um vier Uhr brachte ein Bedienter von Mengs mir eine Mahlzeit, die für vier genügt hätte. Er wollte die Speisen dalassen und am Abend wiederkommen, um die Schüsseln zu holen. Ich wollte jedoch in meiner Wut die Reste nicht mit dem Gesindel teilen, das schon um mich herumlungerte, und ließ ihn daher warten. Nachdem ich auf einer schlechten Bank meinen Hunger gestillt hatte, schickte ich den Diener fort, indem ich ihn bat, erst am nächsten Tage um die gleiche Stunde wiederzukommen, da ich nicht zu Abend essen wollte. Der Bediente gehorchte. Marazzani sagte mir in frechem Ton, ich hätte doch wenigstens die Flasche Wein behalten können. Ich antwortete ihm nicht. Um fünf Uhr hatte ich das Vergnügen, Manucci mit einem Offizier zu sehen. Nachdem er mir sein Bedauern ausgesprochen und ich ihm dafür gedankt hatte, fragte ich den Offizier, ob es mir erlaubt wäre, an die Personen zu schreiben, die mich nur darum an diesem Ort lassen könnten, weil sie nicht wüßten, daß ich hier wäre. Er antwortete mir: »Es wäre eine Tyrannei, Ihnen das nicht zu erlauben.« »Wenn dies der Fall ist, ist es dann erlaubt, daß ein Soldat, den man beauftragt, das nötige Schreibzeug zu kaufen, einen Duro nimmt und nicht wiederkommt?« »Wer ist dieser Soldat?« Die Wache war abgelöst worden, und wir fragten vergeblich nach dem Mann; niemand kannte ihn. »Ich verspreche Ihnen, mein Herr,« sagte der Offizier zu mir, »daß Sie Ihr Geld wiederbekommen sollen, und daß der unehrliche Soldat bestraft wird. Unterdessen werden Sie augenblicklich Papier, Tinte, Feder, einen Tisch und Licht erhalten.« »Und ich«, setzte Manucci hinzu, »verspreche Ihnen, daß um acht Uhr ein Bedienter des Gesandten hier sein wird, um die Briefe, die Sie schreiben wollen, an ihre Adressen zu bestellen.« Ich zog hierauf drei Taler aus meiner Tasche und sagte zu dem Gesindel, dieses Geld sei für denjenigen, der den Namen des unehrliehen Soldaten angeben werde. Marazzani war der erste, der ihn nannte; zwei oder drei andere wiederholten den Namen, den der Offizier lächelnd in sein Notizbuch schrieb. Er begann mich kennen zu lernen; denn ich gab drei Taler aus, um einen wiederzubekommen, und das sah nicht eben nach Geiz aus. Manucci sagte mir beiseite, der Gesandte werde sich unter der Hand bemühen, mir Gerechtigkeit zu verschaffen, und er bezweifle nicht, daß diese mir bald werde zuteil werden. Als die Herren fort waren, begann ich zu schreiben, aber ich mußte dabei eine unglaubliche Geduld aufwenden. Die Halunken lasen jedes Wort, das ich dem Papier anvertraute, und wenn sie etwas nicht verstanden, trieben sie die Frechheit so weit, daß sie mich nach der Bedeutung fragten. Unter dem Vorwande, das Licht zu putzen, löschte man die Kerze aus. Aber ich war unter Galgenvögeln und litt, ohne mich zu beklagen. Ein Soldat wagte mir zu sagen, er werde alle zur Ruhe bringen, wenn ich ihm einen Taler geben wollte; ich antwortete ihm nicht. Trotz dieser Höllenpein brachte ich meine Briefe fertig und versiegelte sie. Es war keine Kunst in diesen Sendschreiben, aber ich hatte in sie das ganze Gift geträufelt, das ich in mir brennen fühlte. Ich schrieb Mocenigo, es sei seine Pflicht, einen Untertan seiner Regierung zu verteidigen, wenn die Bräuche einer barbarischen Macht ihn ermordeten, um sich seines Eigentums zu bemächtigen. Er könne mir seinen Schutz nicht verweigern, es sei denn, daß er wisse, was ich begangen habe; mein Gewissen sage mir jedoch, daß ich die Gesetze des Landes nicht übertreten habe. Was zwischen mir und der Republik Venedig vorliege, wisse er ebensowenig wie ich; jedenfalls liege kein Verbrechen und kein Vergehen von meiner Seite vor, und ich habe daher Anspruch auf seinen Schutz, schon weil ich Venetianer sei. Diese Eigenschaft könne ich durchaus nicht verlieren, wenn nicht ein entehrendes Urteil gegen mich ergangen sei. An den gelehrten Don Emanuel de Roda, Minister der Gnade und der Justiz, schrieb ich, ich wende mich an ihn, nicht um eine Gnade zu erlangen, sondern um Gerechtigkeit zu erhalten. »Dienen Sie Gott und Ihrem Herrn, Seiner Katholischen Majestät, indem Sie verhindern, daß der Alcalde Messa einen Venetianer vergewaltigt, der kein Gesetz übertreten hat und nach Spanien in der Zuversicht gekommen ist, daß er sich dort unter ehrlichen Leuten befinden werde, und nicht unter Mördern, die kraft des ihnen anvertrauten Amtes straflos morden dürfen. Der Mann, der Ihnen das schreibt, gnädiger Herr, hat in seiner Tasche eine Börse voll Dublonen. Er ist in einen stinkenden Saal eingesperrt, wo man ihn bereits bestohlen hat, und fürchtet, in dieser Nacht ermordet zu werden.« Dem Herzog von Lossada schrieb ich, er möge seinem Königlichen Herrn mitteilen, man ermorde ohne sein Wissen, aber in seinem Namen einen Venetianer, der kein Verbrechen begangen und kein Gesetz übertreten habe, und dessen ganze Schuld darin bestehe, reich genug zu sein, um während seines ganzen Aufenthaltes in Spanien keines Menschen zu bedürfen. Ich stellte ihm vor, daß er verpflichtet sei, sofort Seine Katholische Majestät zu bitten, sie möge einen Befehl ergehen lassen, um diesen Mord zu verhindern. Aber der kräftigste von den vier Briefen, die ich schrieb, war der, den ich an den Grafen Aranda richtete. Ihm schrieb ich: Wenn man den Mord an mir begehe, so werde ich vor meinem Tode unbedingt glauben müssen, es geschehe auf seinem Befehl; denn dem Offizier, der mich verhaftet habe, sei mehrere Male von mir gesagt worden, ich sei nach Madrid mit der Empfehlung einer Fürstin gekommen, deren Brief ich ihm persönlich übergeben habe. »Ich habe nichts getan; welche Entschädigung wird man mir geben, nachdem ich aus dieser Hölle, aus diesem verpesteten Loch befreit bin? Nie will man die schlechte Behandlung wieder gut machen, die ich bereits erdulden mußte. Lassen Sie mich entweder sofort in Freiheit setzen oder befehlen Sie Ihren Henkern, mir schnell den Garaus zu machen; denn wenn in barbarischer Willkür Ihr Alcalde sich einfallen lassen sollte, mich auf die Galeren zu schicken, so seien Sie versichert, man wird mich nicht lebend dorthin bringen.« Nach meiner Gewohnheit behielt ich Abschriften von meinen Briefen; hierauf beförderte ich diese durch den Diener, den der allmächtige Manucci mir pünktlich zur genannten Stunde sandte. Ich verbrachte eine der entsetzlichsten Nächte, die ein Dante als eine der Qualen für seine Verdammten hätte ersinnen können. Alle Betten waren voll, und selbst wenn in ihnen Platz gewesen wäre, so hätte ich mich nicht darauf ausstrecken mögen. Vergeblich verlangte ich Stroh, aber wenn ich auch welches hätte erhalten können, so wäre es mir doch unmöglich gewesen, mich darauf auszustrecken: ich hätte nicht gewußt, wohin ich es legen sollte, da der ganze Fußboden überschwemmt war; denn für die vielen Menschen waren nur zwei oder drei Nachtgeschirre da, und jeder leerte sich am ersten besten Ort aus. Ich verbrachte die Nacht auf einer schmalen Bank ohne Lehne, indem ich meinen Kopf auf meinen Arm stützte. Um sieben Uhr in der Frühe kam der gute Manucci zu mir. Damals war er gut, ja, er war für mich gewissermaßen eine zweite Vorsehung. Ich bat ihn, mich mit dem Offizier und ihm in die Wachstube gehen zu lassen, damit ich etwas zu mir nehmen könnte; denn ich fühlte mich erschöpft. Meine Bitte wurde augenblicklich bewilligt. Ich trank Schokolade, und als ich ihm dabei mein Leiden schilderte, standen ihm die Haare zu Berge. Manucci sagte mir, meine Briefe könnten erst im Laufe des Tages bestellt werden, und fügte lachend hinzu, der von mir an den Gesandten geschriebene sei grausam. Ich zeigte ihm hierauf die Abschrift der drei anderen, und der unerfahrene junge Mann sagte mir, man erlange durch Freundlichkeit leichter etwas. Er wußte nicht, daß es Lagen gibt, in denen es einem Menschen unmöglich ist, nicht mit Gift und Galle zu schreiben. Er sagte mir im Geheimen, der Botschafter speise an demselben Tage bei Aranda und habe ihm versprochen, unter vier Augen mit dem Minister zu meinen Gunsten zu sprechen; er befürchte jedoch, mein Brief werde den stolzen Spanier gegen mich aufbringen. »Ich bitte Sie nur um die einzige Gnade, dem Herrn Gesandten nicht zu sagen, daß Sie von diesem Briefe Kenntnis hatten.« Er versprach es mir. Nach seinem Fortgehen sah ich mich wieder unter dem Gesindel und tat, wie wenn ich die Unverschämtheiten nicht hörte, mit denen man mich wegen meines hochmütigen Benehmens verhöhnte. Eine Stunde darauf sah ich Doña Ignazia und ihren Vater erscheinen; sie traten mit dem wackeren Hauptmann ein, der mir so viele Freude gemacht hatte. Dieser Besuch schnitt mir in die Seele, aber ich mußte ihn von der guten Seite auffassen und dankbar dafür sein; denn es lagen darin von Seiten des braven Mannes Seelengröße, Tugend und Menschlichkeit und von Seiten der schönen Frommen eine wirkliche Liebe und Ergebenheit. Mit traurigem Gesicht und in schlechtem Spanisch schilderte ich ihnen, wie tief ich die Ehre zu empfinden wüßte, die sie mir antäten. Doña Ignazia sprach kein Wort; das war das einzige Mittel, um zu verhindern, daß ihre Tränen hervorbrachen; Don Diego aber bot seine ganze Beredsamkeit auf, um mir begreiflich zu machen, daß er mich niemals aufgesucht hätte, wenn er nicht die feste Überzeugung hätte, daß man sich irrte oder daß es sich um eine jener schrecklichen Verleumdungen handelte, durch die die Richter für ein paar Tage getäuscht werden könnten. Er zog daraus den Schluß, daß ich bald wieder frei sein, und daß man mir eine dem erlittenen Schimpf angemessene Genugtuung geben werde. »Ich hoffe es,« antwortete ich ihm, »denn ich bin von meiner Unschuld durchdrungen.« Der brave Mann rührte mich tief, als er bei der Abschiedsumarmung mir eine Geldrolle in die Hand drückte und mir ins Ohr sagte, sie enthalte zwölf Quadrupel, die ich ihm wiedergeben würde, wenn ich könnte. Es waren mehr als tausend Franken. Mir standen die Haare zu Berge. Ich drückte ihm herzlich die Hand und sagte ihm ins Ohr, ich hätte in meiner Tasche fünfzig Quadrupel, die ich ihm nicht zu zeigen wagte, weil ich mich vor dem Gesindel fürchtete. Er steckte seine Rolle weinend wieder in die Tasche und entfernte sich mit Ignazia, nachdem ich ihm versprochen hatte, ihn sofort nach meiner Freilassung zu besuchen. Der wackere Mann hatte seinen Namen nicht genannt, und da er sehr gut gekleidet war, so hielt man ihn für einen Herrn von Bedeutung. Derartige Charaktere sind in Spanien nicht selten, wo ein exaltierter Heroismus allgemein ist; aber die Extreme berühren sich. Mittags kam der Bediente des Ritters Mengs mit einer Mahlzeit, die noch feiner, aber weniger reichlich war, als am Tage vorher. Dies war gerade, was ich wollte. Ich aß in seiner Gegenwart, und er entfernte sich wie am Tage vorher mit meinen besten Empfehlungen an seinen Herrn. Um ein Uhr kam ein Mann und befahl mir, ihm zu folgen. Er führte mich in ein kleines Zimmer, wo ich meinen Karabiner und meine Pistolen sah. Der Alcalde Messa saß mit zwei Sbirren an einem mit Aktenheften bedeckten Tisch. Er befahl mir, mich zu setzen und alle seine Fragen genau zu beantworten, da meine Fragen aufgeschrieben würden. 2UH »Ich verstehe nur unvollkommen spanisch und werde nur schriftlich in italienischer, französischer oder lateinischer Sprache antworten.« Diese Antwort, die ich in festem und zuversichtlichem Ton gab, setzte ihn in Erstaunen. Er sprach eine volle Stunde lang auf mich ein. Ich verstand alles, was er mir sagte, aber er empfing von mir immer nur dieselbe Antwort: »Ich verstehe nicht, was Sie mir sagen. Beschaffen Sie einen Richter, der eine von den mir bekannten Sprachen versteht, dann werde ich antworten; aber ich werde meine Antworten nicht diktieren, sondern sie niederschreiben.« Der Alcalde geriet in Zorn, aber ich machte mir nichts aus seinem Toben. Schließlich gab er mir eine Feder und sagte mir, ich möchte in italienischer Sprache aufschreiben, wie ich hieße, was ich wäre und was ich in Spanien wollte. Diesen Wunsch konnte ich ihm nicht abschlagen, aber ich beschränkte mich darauf, folgendes zu schreiben: »Ich bin Giacomo Casanova, Untertan der Republik Venedig, Gelehrter, Ritter vom Goldenen Sporn. Ich besitze genügende Mittel und reise zu meinem Vergnügen. Mich kennen der venetianische Gesandte, Graf Aranda, Fürst della Cattolica, Marques Mora und Herzog von Lossada. Ich habe in keiner Beziehung Gesetze Seiner Katholischen Majestät übertreten, und werde trotzdem vergewaltigt und unter Missetäter und Diebe gesetzt. Dies widerfährt mir von Beamten, die viel härter behandelt zu werden verdienten als ich. Da ich nichts gegen die Gesetze getan habe, so muß Seine Katholische Majestät wissen, daß ihr gegen mich kein anderes Recht zusteht, als daß sie mir befehlen kann, ihre Staaten zu verlassen. Diesem Befehl würde ich gehorchen, sobald ich ihn erhielte. Meine Waffen, die ich hier sehe, habe ich seit elf Jahren auf meinen Reisen bei mir; ich führe sie nur, um mich gegen Straßenräuber zu verteidigen. Man hat sie am Alcalator in meinem Wagen gesehen und hat sie nicht beschlagnahmt; das ist der Beweis, daß der Besitz dieser Waffen jetzt nur ein Vormund ist, um mich zu vergewaltigen.« Nachdem ich diese Zeilen niedergeschrieben hatte, reichte ich das Papier dem Alcalden. Er ließ jemanden rufen, der ihm meine Worte genau übersetzte. Als er sie hörte, sprang er auf, sah mich wütend an und schrie: » Valga me Dios . Sie sollen es verspüren, daß Sie diese unverschämten Worte geschrieben haben!« Mit dieser Drohung, die eines Inquisitors würdig war, lief er wütend hinaus; zugleich befahl er, mich wieder an denselben Ort zu führen. Um acht Uhr kam Manucci und sagte mir, Graf von Aranda habe den Gesandten zuerst gefragt, ob er mich kenne; Herr Mocenigo habe ihm hierauf die allerbeste Auskunft gegeben und ihm zuletzt versichert, es tue ihm leid, daß er mir bei einer Beschimpfung, die man mir angetan habe, nicht unmittelbar nützlich sein könne, weil ich bei den Staatsinquisitoren der Republik in Ungnade sei. Hierauf habe Graf Aranda ihm geantwortet: »Allerdings hat man ihm einen großen Schimpf angetan, aber dieser ist doch nicht derart, daß ein kluger Mann darüber den Kopf verlieren dürfte. Ich würde nichts davon erfahren haben, wenn er mir nicht einen rasenden Brief geschrieben hätte; in derselben Tonart hat er an Don Emanuel de Roda und an den Herzog von Lossada geschrieben. Casanova hat recht, aber so schreibt man nicht.« »Wenn er wirklich gesagt hat, daß ich recht habe, so ist ja meine Sache in Ordnung.« »Das hat er gesagt. Darauf können Sie sich verlassen.« »Wenn er es gesagt hat, so kann er nicht ermangeln, mir Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Was meinen Stil anlangt, so hat eben jeder den seinen. Ich bin wütend und habe wie ein Rasender geschrieben, weil man mich unwürdig behandelt hat. Sehen Sie dieses Zimmer, mein lieber Manucci: ich habe kein Bett; der Boden ist mit Unrat überstreut, und ich kann mich nicht auf die Erde legen; ich werde die zweite Nacht auf dieser Bank ohne Lehne verbringen, wo ich keine Stunde Ruhe finden kann. Scheint es Ihnen möglich, daß ich in einem solchen Zustande nicht Lust bekomme, die Herzen aller der Henkersknechte zu essen, die mich hier gefangen halten? Wenn ich nicht morgen aus dieser Hölle herauskomme, nehme ich mir das Leben oder werde wahnsinnig.« Manucci begriff, daß ich ganz natürlicherweise in einem Zustande ungeheurer Erregung sein mußte. Er versprach mir, am nächsten Morgen in aller Frühe wiederzukommen und riet mir, für Geld mir ein Bett zu verschaffen. Ich konnte jedoch seinem Rat nicht folgen, weil ich halsstarrig war, wie Leute, die durch Ungerechtigkeit leiden, es gewöhnlich sind. Außerdem hatte ich Angst vor dem Ungeziefer und fürchtete für meine Börse und für die Kleinodien, die ich bei mir hatte. Ich verbrachte eine zweite Nacht, die noch entsetzlicher war als die erste. Alle Augenblicke unterlag ich dem Schlummer und fuhr plötzlich wieder auf, wenn ich von meinem schmalen Bett herunterfallen wollte oder wenn mein Arm unter dem Gewicht meines Kopfes von einem Krampf ergriffen wurde; denn ich hatte kein anderes Kopfkissen als meinen Arm. Manucci kam vor acht Uhr wieder, und ich sah ihn bei meinem Anblick erbleichen. Er war in einem Wagen gekommen und brachte gute Schokolade mit, die ich mit Vergnügen trank, und die mir ein bißchen Mut und Kraft wiedergab. Als ich eben damit fertig war, öffnete sich die Türe, ein höherer Offizier trat mit zwei anderen ein und rief: »Herr von Casanova!« Ich trat vor und nannte meinen Namen. »Herr Chevalier,« sagte der Oberst zu mir, »Seine Exzellenz der Graf von Aranda hält vor der Tür. Er bedauert außerordentlich das Unglück, das Ihnen widerfahren ist. Er hat es gestern durch den Brief erfahren, den Sie ihm geschrieben haben, und wenn Sie ihm früher geschrieben hätten, würde Ihre Haft weniger lange gedauert haben.« »Es war meine Absicht, Herr Oberst. Aber ein Soldat ....« Und nun erzählte ich ihm die Geschichte von dem spitzbübischen Soldaten. Der Oberst erkundigte sich nach dem Namen des Mannes, ließ dann dessen Hauptmann kommen und erteilte diesem in meiner Gegenwart einen derben Verweis. Hierauf befahl er ihm, mir selber meinen Taler wiederzugeben, den ich lachend annahm, und den Soldaten kommen zu lassen, um ihm in meiner Gegenwart Stockprügel geben zu lassen. Der Offizier, der als Abgesandter des mächtigen Aranda kam, war der Graf Roya, Oberst des Regiments, das im Schloß Buen Retiro lag. Ich erzählte ihm ausführlich die Vorgänge bei meiner Verhaftung und schilderte ihm alle Qualen, die ich an diesem verpesteten und schmachvollen Ort erduldet hätte. Ich sagte ihm: »Wenn ich nicht im Laufe des Tages meine Freiheit, meine Waffen und meine Ehre wiedererlange, so werde ich entweder wahnsinnig oder ich töte mich; denn, Herr Oberst, ein Mensch hat das Bedürfnis, sich wenigstens einmal am Tage auszustrecken, und ich habe mich weder auf ein Bett, noch auf die Erde legen können. Wären Sie einen Augenblick früher gekommen, so hätten sie den ekelhaften Unflat gesehen, der den Boden überschwemmte, und den Rest davon sehen Sie noch.« Der brave Mann erschrak über die Aufgeregtheit, mit der ich zu ihm sprach. Ich bemerkte es und fuhr fort: »Beruhigen Sie sich, Herr Oberst, wenn ein gerechter Zorn mich wütend macht! In ruhigem Zustande bin ich ganz anders; aber Sie mit Ihrem richtigen Ehrgefühl müssen begreifen, welche Wirkungen eine Behandlung hervorbringen muß, wie sie mir widerfährt.« Manucci sagte ihm auf Spanisch, von welcher Laune ich in meinem gewöhnlichen Zustande wäre. Der Oberst bedauerte mich, seufzte und sagte: »Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß Sie im Laufe des Tages das Gefängnis verlassen, daß Sie Ihre Waffen wieder erhalten und daß Sie in Ihrem eigenen Bette schlafen werden. Hierauf, Herr Chevalier, werden Sie sich zu Seiner Exzellenz dem gnädigen Herrn Grafen von Aranda begeben, um ihm ihren Dank abzustatten; denn er ist eigens Ihretwegen hierher gekommen und hat mir befohlen, Ihnen zu sagen, daß Sie erst nachmittags nach Hause kommen können; Seine Exzellenz will, daß Sie volle Genugtuung erhalten, damit Sie Ihre Ruhe wieder erlangen und diesen Schimpf vergessen – wenn es überhaupt ein Schimpf ist; denn durch ein gerichtliches Verfahren können nur Schuldige entehrt werden. Der Alcalde Messa ist durch den Schuft getäuscht worden, der bei Ihnen im Dienst war.« »Da steht er! Ich erbitte von Ihnen die Gnade, ihn von hier fortzuschaffen, da man ihn ja als Ungeheuer erkannt hat; denn es wäre wohl möglich, daß ich in meiner Entrüstung ihn erwürgte.« »Sofort.« Der Oberst ging hinaus, und zwei Minuten darauf traten zwei Soldaten herein und führten den Halunken fort; ich habe ihn niemals wiedergesehen, und es lag mir nichts daran, zu erfahren, was aus dem Elenden geworden war. Der Oberst bat mich, in die Wachtstube zu kommen und Zeuge zu sein, wie der diebische Soldat seine Stockprügel erhielte. Manucci befand sich an meiner Seite. Ich sah den Grafen Aranda, der von einer großen Anzahl Offiziere umgeben war, und an seiner Seite einen Offizier von der Leibgarde des Königs hatte; er ging etwa vierzig Schritte vor mir auf und ab. Diese ganze Geschichte nahm ein paar Stunden in Anspruch. Bevor er mich verließ, bat der Oberst mich, mit Mengs bei ihm zu speisen, sobald er diesen einladen werde. In mein schmutziges Gefängnis zurückgekehrt, fand ich dort eine saubere Sitzgelegenheit. Es war eine Art von langem Lehnstuhl. Ein Unteroffizier sagte mir, man habe ihn für mich gebracht. Ich streckte mich sofort darauf aus und Manucci verließ mich, nachdem er mich mehrere Male umarmt hatte. Ich war von seiner aufrichtigen Freundschaft überzeugt und bin noch immer traurig, wenn ich daran denke, daß ich mit einer in meinem Alter unentschuldbaren Unbesonnenheit ein Unrecht habe gegen ihn begehen können – ein Unrecht, das er mir niemals verziehen hat. Nichtsdestoweniger glaube ich, daß meine Leser der Meinung sein werden, der Beleidigte habe die Rache zu weit getrieben. Nach der Szene, die sich soeben abgespielt hatte, war das elende Gezücht, das mich umgab, ganz verblüfft, und Marazzani kam an mein Kanapee heran, um sich mir zu empfehlen. Ich dachte nicht daran, mich als hohen Herrn aufzuspielen, sondern sagte ihm, in Spanien müsse ein Fremder sich glücklich schätzen, wenn es ihm gelinge, selber fertig zu werden. Mein Mittagessen wurde mir wie gewöhnlich gebracht, und um drei Uhr kam der Alcalde Messa und sagte mir, ich möchte ihm folgen; er sei getäuscht worden und habe Befehl erhalten mich in meine Wohnung zurückzuführen, wo ich, wie er hoffe, alles finden werde, was ich zurückgelassen habe. Zugleich zeigte er mir meine Waffen, die einer seiner Leute nach meiner Wohnung zurückzubringen beauftragt war. Der wachhabende Offizier gab mir meinen Degen zurück; der Alcalde in schwarzem Mantel trat an meine linke Seite und führte mich, von dreißig Häschern begleitet, nach meiner Wohnung, Er nahm die Siegel ab, der Wirt öffnete die Tür, ich trat in mein Zimmer ein und sagte dem Alcalden, alles sei in Ordnung. »Wenn Sie nicht in Ihrem Dienst einen niederträchtigen Verräter gehabt hätten, den ich auf den Galeeren in Afrika verfaulen lassen werde, Herr Chevalier, so wäre es Ihnen nie in den Sinn gekommen, zu glauben, daß die Diener Seiner Katholischen Majestät Mörder seien.« »Herr Alcalde, dasselbe habe ich im Zorn vier Ministern geschrieben. Damals dachte ich, was ich schrieb, und glaubte, was ich dachte; jetzt glaube ich es nicht mehr. Vergessen wir alles! Aber geben Sie zu, daß Sie mich auf die Galeeren geschickt haben würden, hätte ich nicht zu schreiben gewußt.« »Das ist leider recht wohl möglich.« Ich brauche nicht zu sagen, daß ich mich schleunigst vom Kopf bis zu den Füßen umkleidete. Als ich zum Ausgehen fertig war, veranlaßten mich Pflichtgefühl und Dankbarkeit viel mehr noch als die Liebe, meinen ersten Besuch dem edlen und großmütigen Schuhflicker zu widmen. Der wackere Mann war sehr glücklich mich wiederzusehen und ebenso stolz darauf, daß er den Irrtum der Behörden erraten hatte. Doña Ignazia war halb toll vor Freude; denn sie war vielleicht ihrer Sache nicht ganz so sicher gewesen wie ihr Vater, der, als er erfuhr, welche Genugtuung man mir gegeben hatte, mir sagte, ein Grande von Spanien könnte nicht mehr verlangen. Ich bat die guten Leute, mit mir irgendwo an einem dritten Ort zu essen, sobald ich es ihnen mitteilen würde, und sie versprachen es mir voller Freude. Das Gefühl hatte sich eingemischt, und ich war in Doña Ignazia viel mehr verliebt, als ich es früher gewesen war. Von Don Diego begab ich mich zu Mengs, der als Kenner der spanischen Verhältnisse alles eher erwartet hätte, als mich zu sehen. Als er die Ereignisse des letzten Tages und meinen Triumph erfuhr, machte er mir die größten Komplimente. Er trug Hofkleidung, was bei ihm sehr selten vorkam, und als ich ihn nach dem Grunde fragte, sagte er mir, er sei ausgefahren gewesen, um bei Don Emanuel de Roda ein Wort für mich einzulegen, habe ihn aber nicht sprechen können. Ich umarmte ihn und dankte ihm für seine freundliche Absicht. Er übergab mir einen Brief, den er soeben aus Venedig erhalten hatte. Ich beeilte mich, ihn zu öffnen; er war von Herrn Dandolo und enthielt einen anderen Brief für Herrn von Mocenigo. Herr Dandolo schrieb mir: »Wenn der Herr Gesandte diesen Brief gelesen hat, wird er nicht mehr den Staatsinquisitoren zu mißfallen fürchten, indem er Sie in aller Form vorstellt; denn der Briefschreiber empfiehlt Sie ihm von Seiten der drei Staatsinquisitoren.« Als Mengs dies hörte, sagte er mir, es hänge jetzt nur von mir ab, in Spanien mein Glück zu machen, indem ich mich gut aufführe, besonders da in diesem Augenblick alle Minister gewissermaßen gezwungen seien, mich das mir angetane Unrecht vergessen zu machen. »Ich rate Ihnen, dem Gesandten den Brief augenblicklich zu überbringen. Nehmen Sie meinen Wagen; denn nach einer sechzigstündigen Folterung können Sie sich natürlich kaum aufrecht erhalten.« Da ich der Ruhe bedürftig war, so sagte ich ihm, ich würde nicht zum Abendessen zurückkommen; doch verpflichtete ich mich für den nächsten Tag zum Mittagessen. Den Gesandten traf ich nicht an; ich hinterließ daher meinen Brief Manucci. Sobald ich zu Hause war, ging ich zu Bett und schlief zwölf Stunden lang fest und tief. Manucci kam bei guter Zeit und sagte mir mit freudestrahlendem Gesicht: »Herr Girolamo Zulian schreibt dem Gesandten im Auftrage des Herrn da Mula, er könne Sie überall vorstellen; denn was das Tribunal etwa gegen Sie haben könne, berühre Ihre Ehre nicht. Der Gesandte gedenkt, Sie nächste Woche bei Hofe vorzustellen, und er wünscht, daß Sie heute in zahlreicher Gesellschaft bei ihm speisen.« »Ich habe mich bei Mengs verpflichtet.« »Das macht nichts; ich werde ihn sofort einladen, und wenn er ablehnt, so brauchen Sie auch nicht zu ihm zu kommen; denn Sie begreifen, welch wunderbaren Eindruck es machen wird, wenn Sie am Tage nach Ihrem Triumph beim Gesandten sind.« »Da haben Sie recht. Gehen Sie zu Mengs; ich werde der freundlichen Einladung des Gesandten Folge leisten.« Achtes Kapitel Campomanes. – Olavids. – Die Sierra Morna. – Aranjuez. – Mengs. – Marques Grimaldi. – Toledo. – Senora Pelliccia. – Rückkehr nach Madrid zum Vater der Doña Ignazia. Bei den hauptsächlichsten Wechselfällen meines Lebens haben besondere Umstände immer so zusammengewirkt, daß mein armer Geist ein bißchen abergläubisch geworden ist; ich demütige mich, wenn ich mich in mein Inneres versenke und mich gezwungen sehe, die Wahrheit anzuerkennen. Aber was kann ich dagegen machen? Das Glück spielt mit dem Menschen, der sich der Laune der blinden Göttin überläßt, wie ein Kind eine Elfenbeinkugel aufs Geratewohl über ein Billard laufen läßt und herzlich lacht, wenn sie von ungefähr in den Beutel fällt; dies ist natürlich. Aber nicht natürlich ist es nach meiner Meinung, wenn das Glück mit dem Menschen verfährt wie ein geschickter Spieler mit der Billardkugel: er berechnet Schnelligkeit, Rückstoß, Entfernung und eine Menge von Dingen, die die große Menge mittelmäßiger Spieler auf einem Billard überhaupt nicht sieht. Es ist daher nach meiner Meinung nicht natürlich, wenn ich der Glücksgöttin die Ehre erweise, sie für eine gelehrte Mathematikerin zu halten, oder wenn ich annehme, daß dieses Wesen den physikalischen Gesetzen unterworfen ist, die für die ganze Natur gelten. Obgleich mein Verstand mir das sagt, erstaunen mich meine Beobachtungen. Dieses Glück, von dem ich als gleichbedeutend mit dem Zufall gering denken muß, erscheint in der ehrwürdigen Gestalt einer Gottheit bei allen wichtigen Ereignissen meines Lebens. Es schien stets ein boshaftes Vergnügen darin zu finden, mir zu beweisen, daß es nicht blind ist, was man auch sagen möge. Es hat mich nur immer in die Tiefe gestürzt, um mich zu einer Höhe zu erheben, die meinem Sturz entsprach, und es hat mich anscheinend immer nur recht hoch steigen lassen, um mich ebenso tief in den Abgrund zu stürzen. Wie es scheint, hat das Glück stets nur darum eine unbeschränkte Herrschaft über mich ausgeübt, um mich zu überzeugen, daß es weiß, was es will, und daß es nach seinem eigenen Belieben verfahren kann. Um diesen Zweck zu erreichen, hat die Glücksgöttin stets die geeigneten Mittel angewandt, um mich zum Handeln zu bringen, einerlei ob ich es gern oder ungern tat, und um mir fühlbar zu machen, daß mein Wille durchaus nicht frei, sondern im Gegenteil nur ein Werkzeug sei, dessen sie sich nur bediente, um mit mir zu machen, was sie wollte. Ich konnte nicht hoffen, in Spanien etwas ohne die Hilfe meines heimatlichen Vertreters zu erreichen, und dieser hätte ohne den Brief, den ich ihm übergeben ließ, niemals etwas für mich zu tun gewagt. Dieser Brief nun wäre wahrscheinlich so ziemlich ohne Wirkung geblieben, wenn er nicht gerade in dem Augenblick meiner Haftentlassung gekommen wäre, die wegen der von Graf Aranda mir gegebenen glänzenden Genugtuung das Tagesgespräch geworden war. Als der Gesandte diesen Brief erhielt, tat es ihm leid, nicht mit seinem amtlichen Einfluß für mich eingetreten zu sein und nichts für mich getan zu haben; indessen gab er die Hoffnung noch nicht auf, das Publikum werde glauben, daß der Graf von Aranda nur infolge seines Einschreitens so gegen mich verfahren sei. Sein Günstling, Graf Manucci, hatte mich in seinem Auftrage zum Essen eingeladen, und infolgedessen hatte Manucci den Einfall, den großen Maler ebenfalls zu Tische zu bitten. Diese Einladung schmeichelte ganz außerordentlich der Eitelkeit eines Mannes, bei dem ich eine Zuflucht gesucht hatte, aber vergeblich. Diese Einladung besaß in seinen Augen den Anschein einer Handlung der Dankbarkeit und entschädigte ihn für die Kränkung, die er hatte empfinden müssen, als er sah, wie ich aus seinem Hause weggeführt wurde. Er schrieb mir sofort, er werde mich mit seinem Wagen abholen. Ich ging zum Grafen Aranda, der mich eine Viertelstunde warten ließ und dann mit einer Handvoll von Papieren herauskam und lachenden Mundes zu mir sagte: »Die Geschichte ist in Ordnung; sehen Sie hier Ihre vier Briefe, die ich Ihnen wiedergebe, damit Sie sie noch einmal durchlesen.« »Warum, gnädiger Herr, muß ich sie noch einmal durchlesen? Dieses Schriftstück da ist die Erklärung, die ich dem Alcalden abgegeben habe.« »Ich weiß es, lesen Sie sie noch einmal, und Sie werden einsehen, daß man nicht so schreiben darf, und wenn man noch so sehr recht hat.« »Ich bitte Sie um Verzeihung, gnädiger Herr; ein Mensch, der, wie ich es war, entschlossen ist, sich zu töten, muß so schreiben. Ich glaubte, es sei alles auf Befehl Eurer Exzellenz geschehen.« »Sie kannten mich nicht. Sie werden jetzt zu Don Emanuel de Roda gehen, um ihm Ihren Dank abzustatten; er will Sie durchaus kennen lernen. Außerdem werden Sie mir ein Vergnügen machen, wenn Sie an einem der nächsten Tage, falls Sie nichts anderes zu tun haben, zum Alcalden gehen – nicht, um ihm Ihre Entschuldigungen auszusprechen, denn das haben Sie nicht nötig, sondern nur, um ihm eine Höflichkeit zu erweisen und dadurch die Beleidigungen in Vergessenheit zu bringen, die Sie in Ihrem Schriftstück ihm gesagt haben. Wenn Sie diese Geschichte der Fürstin Lubomirska mitteilen, so sagen Sie ihr, bitte, daß ich eingegriffen habe, sobald ich davon erfuhr.« Vom Grafen Aranda ging ich zum Oberst Roya, um auch diesem einen Besuch zu machen. Er sagte mir, ich hätte sehr übel daran getan, dem Premierminister zu sagen, daß ich zufrieden gestellt wäre. »Was konnte ich beanspruchen?« »Alles: Absetzung des Alcalden und fünfzigtausend Duros als Entschädigung für die Qualen, die man Sie an jenem abscheulichen Orte hat erdulden lassen. Sie sind in einem Lande, wo man laut sprechen kann, ausgenommen der Inquisition gegenüber.« Der Oberst, jetzt General, ist einer der liebenswürdigsten Spanier, die ich gekannt habe. Ich ging nach Hause, und bald darauf kam Mengs und holte mich ab. Der Gesandte empfing mich mit großer Auszeichnung und Herzlichkeit; er spendete dem Ritter Mengs die größten Lobsprüche, weil er mich in seinem Hause aufgenommen und versucht habe, mich vor einem Unglück zu schützen, das wohl auch einen herzhaften Mann zur Verzweiflung bringen könne. Bei Tische erzählte ich ausführlich alle meine Leiden in Buen Retiro und mein Gespräch mit dem Grafen Aranda, der mir meine Briefe zurückgegeben hatte. Man begehrte jene Briefe zu lesen, und jeder sprach seine Meinung darüber aus. Die Gäste waren: der französische Konsul Abbé Bigliardi, Don Rodriguez Campomanes und der berühmte Don Pablo d'Olavides. Bei dem Meinungsaustausch über meine Briefe verurteilte der Gesandte sie, indem er sie als wild bezeichnete. Campomanes dagegen lobte sie und sagte, sie enthielten durchaus keine Beleidigung und wären genau so, wie sie sein müßten, um den Leser, wäre dieser auch König, zu zwingen, mir sofort Gerechtigkeit zu verschaffen. Olavides und Bigliardi stimmten ein. Mengs unterstützte die Meinung des Gesandten und lud mich ein, bei ihm zu wohnen, damit ich nicht mehr den Verleumdungen der Spione ausgesetzt sei, von denen es in Madrid wimmle. Ich nahm seine Einladung erst an, nachdem ich mich lange hatte bitten lassen, und besonders nachdem der Gesandte mir gesagt hatte, ich sei dem Ritter Mengs diese Genugtuung schuldig für die mittelbare Beleidigung, die ihm angetan worden sei. Ich war sehr erfreut, Campomanes und Olavides kennen zu lernen; denn beide waren geistvolle Männer von einer Art, die in Spanien sehr selten ist. Sie waren zwar nicht Gelehrte im eigentlichen Sinne des Wortes, aber sie waren über religiöse Vorurteile erhaben, denn sie scheuten sich nicht nur nicht, sich öffentlich darüber lustig zu machen, sondern arbeiteten ganz offen an deren Zerstörung. Campomanes hatte dem Grafen Aranda das ganze Material gegen die Jesuiten geliefert. Das Publikum machte mit einer Art von heiterer Teilnahme die Bemerkung, daß Aranda, Campomanes und der Jesuitengeneral alle drei schielten. Auf meine Frage, warum er die Jesuiten hasse, antwortete Campomanes: »Ich hasse alle religiösen Orden als schädliche Schmarotzer, und wenn es nur auf mich ankäme, würde ich sie alle von der pyrenäischen Halbinsel und von der ganzen Welt vertilgen.« Er hatte viele Schriften gegen die Tote Hand verfaßt, und da er mit dem venetianischen Gesandten sehr befreundet war, hatte Herr von Mocenigo ihm alles mitgeteilt, was der Senat gegen die Mönche getan hatte. Er hätte dieser Mitteilungen nicht bedurft, wenn er einfach alles gelesen hätte, was unser Fra Paolo Sarpi über diesen Gegenstand geschrieben hat. Campomanes war ein scharfsichtiger, tätiger und mutiger Mann; er war Fiskal des Hohen Rates von Kastilien, dessen Vorsitzender Aranda war, und galt allgemein für einen rechtschaffenen Mann, der stets nur im Interesse des Staates handelte. Darum war er von den Staatsmännern geliebt und geachtet, aber die Mönche und die Frömmler haßten ihn, und die Inquisition hatte ohne Zweifel seinen Untergang geschworen. Man sagte überall ganz laut, Campomanes werde in den Kerkern der Heiligen Hermandad umkommen, wenn er nicht in zwei bis drei Jahren Bischof sei. Diese Weissagung traf nur zum Teil ein: er wurde wirklich vier Jahre später in die Gefängnisse der Inquisition gesperrt, aber er erlangte nach drei Jahren seine Freiheit wieder, nachdem er widerrufen hatte. Das Krebsgeschwür, das Spanien verzehrt, ist immer noch vorhanden. Sein Freund Olavides wurde noch härter behandelt, und Aranda selber hätte dem blutdürstigen Ungeheuer nicht entgehen können, wenn er nicht als vernünftiger Mann von durchdringendem Verstande den Pariser Botschafterposten für sich erbeten hätte. Diesen bewilligte der König ihm von Herzen gern, weil ihm dadurch die Notwendigkeit erspart blieb, den Grafen der Wut der Mönche auszuliefern. Karl der Dritte, der im Wahnsinn starb, wie alle Könige, die zugleich ehrenhafte Männer sind, sterben müssen, hatte Dinge vollbracht, die denen, die ihn kannten, unglaublich erschienen; denn er war eigensinnig wie ein Maulesel, schwach wie ein Weib, materiell wie ein Holländer, bigott und fest entschlossen, eher zu sterben, als seine Seele mit der allerkleinsten Todsünde zu beflecken. Ein jeder wird begreifen, daß ein solcher Mann der Sklave seines Beichtvaters sein mußte. Zu jener Zeit, von der ich erzählte, beschäftigte das Kabinett von Madrid sich mit einem schönen Unternehmen. Man hatte aus verschiedenen deutschen Kantonen der Schweiz tausend Familien ins Land gezogen, um eine Kolonie in der schönen, aber verödeten Gegend der Sierra Morena zu gründen. Ganz Europa kennt diese Gegend durch die Abenteuer des Don Quijote in dem Cervantesschen Meisterwerk. Die Natur schien sich darin gefallen zu haben, ihre schönsten Gaben über diese Landschaft auszuschütten: ein köstliches Klima, fruchtbarer Boden, reichliches und sehr reines Wasser und endlich die günstigste Lage zwischen Andalusien und Granada; und trotzdem war diese große, schöne Landschaft verödet. Um diesem unerfreulichen und beinahe unerklärlichen Zustande abzuhelfen, hatte der König beschlossen, geschickten und fleißigen Kolonisten auf eine gewisse Anzahl Jahre den vollen Ertrag der Erde zum Geschenk zu machen. Infolgedessen hatte er Schweizer ins Land gerufen und ihnen die Reise bezahlt. Die Schweizer kamen, und die spanische Regierung beeilte sich, sie unterzubringen und sie vor allen Dingen einer guten weltlichen und geistlichen Polizei zu unterwerfen. Olavides, der ein kluger Mann und einigermaßen belesen war, betrieb diese Angelegenheit. Er verhandelte mit den Ministern, um unter der neuen Bevölkerung gute Ordnung zu schaffen; sie brauchte Beamte für eine gute und schnelle Rechtspflege, Priester, einen Gouverneur und die nötigen Handwerker, um Häuser und Kirchen zu bauen, besonders aber einen Zirkus für die Stiergefechte, die für gute, einfache Schweizer vollkommen überflüssig sind; einem Spanier jedoch ist es ganz unbegreiflich, wie man diese entbehren kann. In seinen Eingaben hatte Don Pablo Olavides sehr vernünftigerweise gesagt, wenn die Kolonie gedeihen solle, so müsse man jede Art von Mönchen völlig fernhalten. Er hatte die besten Gründe dafür beigebracht, aber selbst wenn er die Richtigkeit seiner Behauptung mathematisch bewiesen hätte, so wäre nichts weiter nötig gewesen, um ihm den Haß aller Mönche und Mönchsfreunde von ganz Spanien zuzuziehen, vor allen Dingen den des dummen Bischofs, zu dessen Sprengel die neue Kolonie gehörte. Die Weltpriester sagten, Olavides habe recht; aber die Mönche schrien, es sei eine Gottlosigkeit, und da die Inquisition in erster Linie mönchisch ist, so begannen bereits die Verfolgungen. Auf dieses Thema kam unsere Unterhaltung beim Essen. Nachdem ich schweigend die Gründe und Gegengründe angehört hatte, sagte ich so bescheiden wie möglich, in wenigen Jahren werde aus mehreren physikalischen und moralischen Gründen die mit so großen Kosten eingerichtete Kolonie wie ein leichter Rauch sich verflüchtigen. Der Hauptgrund, den ich vorbrachte, war der, daß der Schweizer sich von allen anderen Nationen unterscheidet. Ich sagte ungefähr folgendes: »Der Schweizer ist eine Pflanze, die sofort entartet und abstirbt, wenn sie in ein anderes Erdreich versetzt wird. Die Schweizer sind ein Volk, das allgemein in hohem Grade dem Heimweh unterworfen ist. Wenn diese Krankheit bei einem Menschen auftritt, ist das einzige Heilmittel, daß er nach dem Dorf, der Hütte, dem See zurückkehrt, wo er geboren ist. Sonst geht er zugrunde und stirbt. Ich glaube, es wäre gut, die Schweizer Kolonie mit einer Kolonie von Spaniern zu verbinden, damit sie sich durch Heiraten vermischen; man dürfte ihnen, wenigstens in der ersten Zeit, nur schweizerische Richter und Priester geben. Vor allen Dingen aber müßte man ihnen zusichern, daß sie in Gewissensfragen außerhalb der Inquisition stehen; denn die Schweizer Bauern haben in Liebesangelegenheiten ganz eigentümliche Gesetze und Gebräuche, von denen sie ihrer Natur nach niemals lassen können, die aber die geistliche Denkungsart in Spanien niemals billigen würde. Der geringste Zwang in dieser Hinsicht würde sehr schnell ein allgemeines Heimweh hervorrufen.« Meine Bemerkungen, die Olavides anfangs nur für einen Scherz gehalten hatte, leuchteten ihm schließlich doch ein, und er begriff, daß ich wohl recht haben könnte. Er bat mich, meine Gedanken über diesen Gegenstand aufzuschreiben und meine Ansichten nur ihm allein mitzuteilen. Ich versprach es ihm, und Mengs setzte den Tag fest, an dem er mit mir zusammen bei ihm speisen könnte. Am nächsten Tage ließ ich mein kleines Gepäck zu Mengs bringen, und sobald ich mich bei dem berühmten Maler eingerichtet hatte, begann ich an einer Denkschrift über die Kolonien zu arbeiten, indem ich den Gegenstand vom ärztlichen und philosophischen Standpunkt aus behandelte. Ich stellte mich dem Don Emanuel de Roda vor, der, was in Spanien sehr selten vorkommt, ein Gelehrter war. Er liebte lateinische Poesie und fand Geschmack an der italienischen, gab jedoch der spanischen den Vorzug, was man an einem Kinde Kastiliens sehr natürlich finden wird. Er empfing mich außerordentlich freundlich, bat mich ihn oft zu besuchen und sprach mir wegen meiner ungerechten Verhaftung sein tiefstes Bedauern aus. Der Herzog von Lossada wünschte mir Glück dazu, daß der venetianische Gesandte überall mein Lob singe. Er ermutigte mich, an eine Verwertung meiner Talente zu denken, indem ich mich der Regierung für einen geeigneten Posten anböte. Er versprach mir zur Erreichung dieses Zweckes seinen besten Beistand. Der Fürst della Cattolica lud mich mit dem venetianischen Gesandten zusammen zum Mittagessen. So machte ich denn im Verlauf von drei Wochen eine Menge schöner Bekanntschaften; ich wohnte bei Mengs und speiste oft bei Herrn von Mocenigo. Ich dachte ernstlich daran, mich in Spanien anstellen zu lassen, denn da ich aus Lissabon keinen Brief erhielt, so wagte ich nicht auf gut Glück dorthin zu gehen. Da Pauline mir nicht mehr schrieb, gab es für mich kein Mittel, zu erfahren, was aus ihr geworden war. Ich verbrachte meine Abende oft bei einer spanischen Dame, namens Sabattini, bei der eine Tertulia stattfand, das will sagen: eine Versammlung. Diese bestand zum größten Teil aus Gelehrten von kläglicher Art. Ferner ging ich zum Herzog von Medina-Sidonia, einem weisen und vernünftigen gelehrten Herrn; ich war ihm durch einen Kammerdiener des Königs, dessen Bekanntschaft Mengs mir verschafft hatte, einen gewissen Don Domingo Varnier, vorgestellt worden. Auch ging ich sehr oft zu Doña Ignazia; da es aber nicht möglich war, mit ihr allein zu sein, so langweilte ich mich. Wenn ich einmal einen günstigen Augenblick traf, um ihr zu sagen, sie solle doch irgendeine Lustpartie mit ihren beiden Cousinen ausdenken, antwortete sie mir, sie wünsche das ebensosehr wie ich, aber während der Fastenzeit müsse sie jeden Gedanken solcher Art weit fortweisen; denn die heilige Woche nahe heran, und da Gott für uns gestorben sei, so müßten wir an Buße und nicht an irdische Lust denken. Nach Ostern könnten wir vielleicht daran denken. Dies ist die Sinnesart aller jungen Betschwestern in Spanien. Vierzehn Tage vor Ostern verließ der König Madrid, um mit seinem ganzen Hof nach Aranjuez zu gehen. Herr von Mocenigo lud mich ein, mitzukommen und bei ihm zu wohnen; er werde dort leicht eine Gelegenheit finden, mich vorzustellen. Wie man sich denken kann, hatte ich seine Einladung angenommen; aber am Tage vor der Abreise, während ich mit Mengs in seinem Wagen fuhr, um einen Besuch zu machen, ergriff mich plötzlich ein Fieber mit so heftigem Schüttelfrost, daß ich mit dem Kopf gegen eines von den Kutschfenstern schlug und das Glas zerbrach. Mengs bekam einen Schreck und ließ sofort umkehren; man brachte mich zu Bett, und vier Stunden darauf brach ein sehr reichlicher Schweiß aus, der durch zwei Matratzen und den Strohsack drang und den ganzen Fußboden unter meinem Bett überschwemmte. Dieses Schwitzen dauerte zehn bis zwölf Stunden. Achtundvierzig Stunden darauf hörte das Fieber auf, aber eine außerordentliche Schwäche fesselte mich noch acht Tage ans Bett, und ich konnte erst am Sonnabend vor Ostern mich nach Aranjuez begeben. Ich wurde von dem Gesandten sehr gut aufgenommen und untergebracht; aber in derselben Nacht wurde ein Geschwür, das ich bereits während des Tages gespürt hatte, so groß wie ein Ei, und es war mir unmöglich, aufzustehen und in die Messe zu gehen. In fünf Tagen wurde dieses Geschwür so groß wie eine gewöhnliche Melone. Der Gesandte und Manucci waren ganz erschrocken, als sie es sahen, und der Leibarzt des Königs, ein Franzose, erklärte, er habe so etwas noch nie gesehen. Ich selber war vollkommen ruhig; denn da ich keine Schmerzen hatte und die ganze Masse weich war, so erriet ich, daß es nur eine Ansammlung von Lymphe war, die sich in diesen Körperteil ergossen hatte; es war nur eine Ergänzung zu meinem letzten außerordentlich starken Schwitzen. Ich beschrieb dem Arzt mein letztes Kranksein und bat ihn, das Geschwür zu öffnen. Er tat dies. Aus dieser Öffnung ergoß sich einen Tag lang eine unglaubliche Menge Eiter. Am fünften Tage war die Wunde beinahe geschlossen, aber vor Schwäche konnte ich das Bett nicht verlassen. In dieser Lage befand ich mich, als ich durch einen besonderen Boten ein Schreiben von Mengs erhielt; er übergab mir den Brief, der in diesem Augenblick vor mir liegt und den ich wörtlich abschreibe: Gestern ließ der Pfarrer meiner Gemeinde an der Tür der Pfarrkirche die Namen der in seinem Bezirke wohnenden Personen anschlagen, die nicht an Gott glauben und das Osterfest nicht gefeiert haben. Unter diesen Namen steht auch der Ihrige, mit allen Buchstaben ausgeschrieben, und ich mußte mir eine unangenehme Bemerkung von besagtem Pfarrer gefallen lassen, der mir voller Bitterkeit den Vorwurf machte, daß ich Ketzern eine Zuflucht gewährte. Ich wußte nicht, was ich ihm antworten sollte, denn sicherlich konnten Sie einen Tag länger in Madrid bleiben und Ihre Christenpflicht erfüllen, wäre es auch nur gewesen, um die Rücksichten zu erfüllen, die Sie mir schuldig sind. Meine Verpflichtung gegen meinen königlichen Herrn, die Sorge um meinen guten Ruf und das Bedürfnis, in Zukunft ruhig sein zu können, nötigen mich, Ihnen mitzuteilen, duß mein Haus nicht mehr das Ihrige ist. Wenn Sie nach Madrid zurückkommen, mögen Sie wohnen, wo Sie wollen; meine Bedienten werden Ihre Sachen den Leuten übergeben, die Sie mit der Abholung beauftragen. Ich bin usw. Antonio Raffael Mengs. Dieser grobe, unverschämte und ungerechte Brief – denn ich hatte bei Mengs einen musterhaften Lebenswandel geführt –, dieser Brief, sage ich, machte auf mich einen solchen Eindruck, daß Mengs ihn nicht ungestraft an mich geschrieben haben würde, wäre ich nicht sieben starke Meilen von ihm entfernt und außerordentlich schwach gewesen. Ich sagte dem Boten, er könne gehen. Er erwiderte mir, er habe Befehl, auf meine Antwort zu warten. Ich knüllte den Brief zusammen, warf ihn dem Manne ins Gesicht und rief: »Berichte deinem elenden Auftraggeber, was ich soeben getan habe, und sage ihm in meinem Namen, dies sei die Antwort, die ein derartiger Brief verdiene.« Der unschuldige Bote war ganz verdutzt und ging hinaus, ohne ein Wort zu sagen. Der Zorn gab mir Kräfte; ohne eine Minute zu verlieren, kleidete ich mich an und begab mich in einer Sänfte nach der Kirche von Aranjuez, wo ein Franziskaner mir die Beichte abnahm, und am nächsten Morgen um sechs Uhr früh empfing ich das heilige Abendmahl. Mein Beichtvater war so gefällig, mir eine Bescheinigung zu schreiben, daß ich vom Augenblick meiner Ankunft an hätte das Bett hüten müssen und daß ich trotz meiner großen Schwäche mich in die Kirche hätte tragen lassen. Dort hätte ich ihm gebeichtet und von ihm das heilige Abendmahl erhalten; somit hätte ich als guter Christ mein Osterfest gefeiert. Hierauf nannte er mir den Pfarrer, der meinen Namen an seine Kirchentür angeschlagen hatte. Ich ging in die Wohnung des Gesandten zurück und schrieb dem unduldsamen Pfarrer, die Bescheinigung, die ich ihm übersende, werde ihm begreiflich machen, warum ich nicht mein Osterfest gefeiert habe. Ich hoffe, er werde sich nun von meiner Rechtgläubigkeit überzeugt haben, und sich beeilen, meinen Namen von der Schandliste zu streichen. Zum Schluß bat ich ihn, den beiliegenden Brief dem Ritter Mengs zu überbringen. Dem Maler schrieb ich: »Ich erkenne an, daß ich die Beschimpfung verdient habe, die Sie mir soeben angetan haben, indem Sie mich aus Ihrem Hause weisen; ich habe den sehr großen Fehler begangen, Ihrer Bitte nachzugeben und Ihnen die Ehre zu erweisen, bei Ihnen Wohnung zu nehmen. Aber als Christ, der soeben das Osterfest gefeiert hat, verzeihe ich Ihnen Ihr rohes Betragen und empfehle Ihnen nur, sich einen Vers zu merken, den alle anständigen Leute kennen, der Ihnen aber ohne Zweifel unbekannt ist: Turpius ejictur quam non admittitur hospes.« Nachdem ich meine Briefe abgefertigt hatte, erzählte ich das Abenteuer dem Gesandten. Er antwortete mir: »Das wundert mich gar nicht. Mengs steht nur wegen seines Talentes in Achtung; ganz Madrid kennt ihn als einen verrückten Menschen von sehr gewöhnlicher Gesinnung.« In der Tat hatte der ehrgeizige Mann nur aus Eitelkeit mich aufgefordert, bei ihm zu wohnen. Die ganze Stadt sollte es wissen in einem Augenblick, wo man überall von der glänzenden Genugtuung sprach, die ich auf Befehl des Grafen Aranda erhalten hatte, und man sollte glauben, diese Genugtuung sei mir, wenigstens zum Teil, aus Rücksicht auf ihn gewährt worden. Er hatte tatsachlich in seinem Stolz gesagt, ich hätte fordern sollen, daß der Alcalde Messa mich nicht nach meiner Wohnung, sondern nach seinem Hause zurückbrächte, da er mir in seinem Hause die Verhaftung hätte ankündigen lassen. Mengs war ruhmsüchtig und ehrgeizig, ein großer Arbeiter, aber eifersüchtig und Feind aller zeitgenössischen Maler, die etwas konnten. Er hatte unrecht; denn obwohl er in Farbengebung und Zeichnung ein großer Künstler war, fehlte es ihm an Erfindungsgabe, und diese ist eine wesentliche Eigenschaft des Malers sowohl wie des Dichters. Eines Tages sagte ich ihm: »Wie jeder große Dichter ein Maler sein muß, so muß jeder große Maler ein Dichter sein.« Hierüber wurde er ernstlich böse, weil er, übrigens mit Unrecht, glaubte, ich wolle ihm seinen Fehler vorwerfen. Diesen gestand er zwar sich selber nicht ein, aber er fühlte ihn doch. Er war sehr unwissend und wollte trotzdem für gelehrt gelten; er opferte dem Bacchus und Komus und wollte doch für nüchtern gelten. Er war wollüstig, jähzornig, eifersüchtig und geizig und machte trotzdem Anspruch darauf, im Rufe eines tugendhaften Menschen zu stehen. Da er ein großer Arbeiter war, so aß er für gewöhnlich nicht zu Mittag; denn nach dem Essen konnte er nichts mehr machen, weil er sich gewöhnlich bis zur Sinnlosigkeit betrank. Wenn er auswärts speiste, trank er nur Wasser, um sich nicht bloßzustellen. Er sprach vier Sprachen, aber schlecht, und konnte nicht einmal seine Muttersprache richtig schreiben. Trotzdem behauptete er, auch auf diesem Gebiete wie auf allen anderen vollkommen zu sein. Als sein Tischgenosse interessierte ich mich aufrichtig für ihn, aber schon etliche Tage vor meiner Abreise nach Aranjuez wurde er gegen mich verschnupft, weil ich zufällig seine Schwächen erkannte, und weil er sich meine Zurechtweisungen gefallen lassen mußte. Der Flegel war entrüstet, weil er wesentlichen Anlaß hatte, mir dankbar zu sein. Ich hatte ihn eines Tages verhindert, ein Schreiben an den König abzuschicken, das ihn lächerlich gemacht haben würde. Diese Eingabe mußte dem König selber vor Augen kommen, und Mengs hatte sie unterzeichnet el mas inclito , womit er sagen wollte: Ihr demütigster Diener. Ich machte ihn darauf aufmerksam, daß el mas inclito : der Erlauchteste, Edelste, Erhabenste bedeutet, und nicht der demütigste Diener; dieses heißt auf spanisch: el mas humilde . Der stolze Ignorant wurde zornig, sagte mir, es wäre unrecht von mir, zu glauben, daß ich besser Spanisch könnte als er, und war in Verzweiflung, als das Wörterbuch ihm nachwies, daß er unrecht hatte. Ein anderes Mal glaubte ich ihn verhindern zu müssen, einen bösen Fehler zu begehen, indem er eine ausführliche Kritik gegen jemand veröffentlichte, der behauptet hatte, wir besäßen auf der Welt kein Denkmal aus der Zeit vor der Sündflut. Mengs glaubte den Verfasser zu zerschmettern, indem er vorbrachte, man sehe die Überreste des Turms zu Babel; eine doppelte Dummheit; denn man sieht diese angeblichen Überreste nicht, und selbst wenn man sie sähe, so stammt doch dieser eigentümliche Turm aus der Zeit nach der Sündflut. Über alle Maßen jähzornig, schlug Mengs zuweilen seine Kinder beinahe zu Krüppeln. Mehr als einmal entriß ich seinen Händen seinen armen Sohn, den der rohe Mensch mit seinen Zähnen zerreißen zu wollen schien. Er rühmte sich, daß sein Vater, ein schlechter Maler in Böhmen, ihn mit dem Stock in der Hand erzogen habe. Er behauptete, dadurch sei er ein großer Maler geworden, und hatte beschlossen, dasselbe System anzuwenden, um seine Kinder zu zwingen, ebenfalls etwas zu werden. Er war tief gekränkt, wenn er einen Brief erhielt, dessen Adresse nicht seinen Titel Ritter und seinen Namen: Raffael trug. Eines Tages erlaubte ich mir, ihm zu sagen, man sehe diese Dinge als Kleinigkeiten an, und ich sei durchaus nicht beleidigt gewesen, daß die Briefe, die er mir nach Madrid und Florenz geschrieben habe, nicht meinen Rittertitel getragen hätten, obgleich ich die Ehre hätte, mit demselben Orden geschmückt zu sein wie er. Er antwortete mir nicht, und daran tat er gut. Der Grund, weshalb er die Weglassung seiner Taufnamen als eine Beleidigung ansah, war halbverrückt. Er sagte in aller Einfalt, da er Antonio wie Correggio und Raffael wie Raffael von Urbino hieße, so könnten diejenigen, die diese beiden Vornamen fortließen, das nur in der Absicht tun, zu leugnen, daß die Eigenschaften dieser beiden glänzenden Maler in ihm allein vereinigt seien. Eines Tages wagte ich ihm zu sagen, als ich eines seiner Gemälde betrachtete, die Hand einer Figur sei mißraten, denn der vierte Finger sei weniger lang als der Zeigefinger. Er antwortete ärgerlich, das müßte so sein, und zum Beweis zeigte er mir seine Hand. Lachend zeigte ich ihm die meine, indem ich ihm sagte, ich sei überzeugt, daß meine Hand so geformt sei wie die aller Abkömmlinge Adams. »Von wem behaupten Sie denn, daß ich abstamme?« »Das weiß ich nicht. Aber ganz gewiß gehören Sie nicht zu meiner Art.« »Im Gegenteil, Sie gehören nicht zu der meinigen, überhaupt nicht zur menschlichen Rasse; denn alle wohlgebildeten Hände von Männern und Frauen sind wie die meinigen und nicht wie die Ihrigen.« »Ich wette hundert Dublonen, daß Sie unrecht haben.« Er sprang auf, warf Pinsel und Palette auf die Erde, läutete seinen Bedienten und sagte zu mir: »Wir werden sehen, wir werden sehen!« Seine Leute kamen, er sah ihre Hände an, untersuchte sie ganz genau und fand, daß der Zeigefinger kürzer ist als der Ringfinger. Zum ersten Male sah ich ihn lachen und hörte ihn einem Streit durch ein Scherzwort ein Ende machen. Er sagte nämlich: »Ich bin entzückt, daß ich mich rühmen kann, wenigstens in etwas einzig zu sein.« Mit Vergnügen teile ich hier eine sehr vernünftige Bemerkung mit, welche Mengs eines Tages zu mir machte. Er hatte eine Magdalena gemalt, die wirklich von überraschender Schönheit war. Seit etwa zehn Tagen sagte er mir jeden Morgen: »Heute Abend wird das Bild fertig sein!« Eines Tages sagte ich ihm, er habe sich am Tage vorher getäuscht, indem er mir gesagt habe, das Bild werde am Abend fertig sein. »Nein!« antwortete er mir: »denn neunundneunzig von hundert Kennern könnten es für vollendet halten; mir aber liegt am Urteil des hundertsten, und mit dessen Augen sehe ich das Bild an. Es gibt überhaupt auf der ganzen Welt nur relativ fertige Bilder, und diese Magdalena wird erst fertig sein, wenn ich nicht mehr an ihr arbeite, und selbst dann wird sie nur relativ fertig sein; denn sicherlich würde das Bild fertiger sein, wenn ich einen Tag länger daran arbeiten würde. In eurem Petrarca ist kein einziges Sonett, das wirklich vollendet wäre. Auf dieser Welt ist nichts vollkommen, was aus der Hand oder dem Geiste des Menschen hervorgeht, es müßte denn etwa eine mathematische Berechnung sein.« Ich umarmte ihn vor Freude über seine treffliche Bemerkung. Weniger groß war meine Freude an einem anderen Tage, als er mir sagte: »Ich wünschte, ich wäre Raffael von Urdino gewesen. Das war ein großer Maler!« »Ganz gewiß; aber wie können Sie sagen: Sie wünschen gewesen zu sein? Dieser Wunsch ist gegen die Natur; denn wenn Sie Raffael gewesen wären, so wären Sie nicht mehr; Sie können nicht im Ernst reden, wenn Sie sich nicht etwa vorstellen, Sie genössen die Glorie des Paradieses; wenn das der Fall ist, so schweige ich.« »Ganz und gar nicht! Ich möchte Raffael gewesen sein, ganz einerlei, ob ich heute körperlich oder seelisch vorhanden bin.« »Das ist Unsinn. Denken Sie doch darüber nach! Wenn Sie nicht Ihren Verstand verloren haben, können Sie einen solchen Wunsch nicht hegen.« Er wurde zornig und sagte mir eine Menge Beleidigungen, über die ich nur lachte. Ein andermal verglich er die Arbeit des Dichters, der eine Tragödie dichtet, mit der eines Malers, der ein Gemälde entwirft, worauf die ganze Tragödie in eine einzige Handlung zusammengefaßt ist. Nachdem ich eine Menge Unterschiede besprochen hatte, schloß ich mit den Worten: »Der tragische Dichter muß alle Kräfte seines Geistes aufbieten, damit die kleinsten Einzelheiten zueinander stimmen, während der Maler, der sich nur um eine Oberfläche zu bekümmern habe, seine Farben auftragen und dabei mit anwesenden Freunden sich unterhalten kann. Das beweist, daß ein Gemälde sowohl durch die Handfertigkeit des Künstlers wie durch seinen Geist entsteht, während in einer guten Tragödie alles ein Werk des Genies ist. Dies beweist schlagend die Minderwertigkeit des Malers dem Dichter gegenüber. Finden Sie mir einen Dichter, der bei seinem Koch sein Abendessen bestellen kann, während er mit dem Dichten einer Tragödie oder mit der Abfassung epischer Verse beschäftigt ist.« Wenn Mengs sich besiegt und überführt fühlte, gab er doch durchaus nicht zu, daß er unrecht hatte, sondern wurde grob und behauptete, ich hätte ihn beleidigt. Trotzdem wird dieser Mann, der schon im Alter von fünfzig Jahren starb, als Philosoph, großer Stoiker, Gelehrter und Musterbild aller Tugenden auf die Nachwelt kommen, und zwar dank der Lebensbeschreibung, die einer der Anbeter seines Talentes in Groß-Quartformat mit sehr schönen Typen hat drucken lassen, und die er dem König von Spanien gewidmet hat. Diese Lebensbeschreibung, die richtigen Lobeshymnen eines Höflings, ist weiter nichts als ein Lügengewebe. Mengs war nur ein großer Maler, und als solcher verdiente er allerdings auf die Nachwelt zu kommen, hätte er auch weiter nichts hervorgebracht als das herrliche Gemälde, das den Hochaltar der königlichen Kapelle in Dresden schmückt; allerdings hat er die Ideen zu diesem Meisterwerk aus der wunderbaren Schöpfung des Fürsten aller Maler, der Raffaelschen Transfiguration, entnommen. Ich werde noch von Mengs sprechen, da wir ihm in zwei oder drei Jahren noch einmal in Rom begegnen. Meiner Schwäche wegen hütete ich noch das Zimmer, als Manucci zu mir kam und mir den Vorschlag machte, ihn nach Toledo zu begleiten. »Der Gesandte,« sagte er zu mir, »muß dem diplomatischen Korps ein großes Galaessen geben, woran ich nicht teilnehmen kann, da ich nicht angestellt bin; mein Fehlen wird jedoch nicht auffallen, wenn man weiß, daß ich mit Ihnen auf der Reise bin. In fünf oder sechs Tagen sind wir wieder zurück.« Es war mir sehr angenehm, Toledo zu sehen, und da wir in einem bequemen Wagen reisen sollten, so nahm ich an. Wir fuhren am anderen Morgen ab und kamen abends in der berühmten Stadt an. Bei den Toren dieser Hauptstadt von Neu-Kastilien, die auf einer Anhöhe liegt, befinden sich die Reste einer Naumachie. Der Tajo, der, wie man versichert, Gold mit sich führt, umfließt die Stadt von zwei Seiten. Wir fanden für spanische Verhältnisse eine recht gute Unterkunft und gingen am Morgen mit einem Fremdenführer aus, der uns in den Alcazar führte. Das ist der Louvre von Toledo, ein großer Palast, wo einstmals die maurischen Könige wohnten. Hierauf gingen wir in den Dom, ein sehenswertes Kunstdenkmal wegen der Reichtümer, die er enthält. Ich sah das Tabernakel, worin am Fronleichnamstage das heilige Sakrament herumgetragen wird. Es ist von Silber und so schwer, daß dreißig kräftige Männer nötig sind, um es zu tragen. Der Erzbischof von Toledo hat ein Jahreseinkommen von dreihunderttausend Duros, und seine Geistlichkeit hat jährlich vierhunderttausend, mehr als zwei Millionen Franken! Ein Domherr, der mir die Gefäße mit den Reliquien zeigte, sagte mir, in dem einen derselben befänden sich die dreißig Silberlinge, die Judas für den Verkauf unseres Heilandes erhalten hätte. Als ich ihn bat, mir diese Silberlinge zu zeigen, warf er mir grimmige Blicke zu und sagte mir, der König selber würde nicht wagen, eine solche Neugier an den Tag zu legen. Wie man sich denken kann, beeilte ich mich, ihm meine eifrigsten Entschuldigungen auszusprechen; ich bat ihn, er möchte doch die unwissende Neugier eines Fremden nicht übel nehmen. Dies schien ihn zu beruhigen. In Spanien sind die Priester Betrüger, auf die man noch mehr Rücksicht nehmen muß als in anderen Ländern. Am nächsten Tage besahen wir die physikalische und naturgeschichtliche Sammlung. An dieser war nichts Wunderbares, aber man konnte doch wenigstens lachen, ohne daß man den Zorn eines Mönches oder die Klauen der Inquisition zu befürchten brauchte. Der Mann, der uns die Sehenswürdigkeiten zeigte, machte uns besonders auf einen ausgestopften Drachen aufmerksam und sagte: »Dies beweist, meine Herren, daß der Drache kein Fabeltier ist.« Er sagte uns jedoch nicht, ob der Drache aus den Händen der Natur hervorgegangen sei oder ob die Kunst damit etwas zu schaffen habe. Hierauf zeigte er uns den Basilisken, ein würdiges Gegenstück zum Drachen und den unsichtbaren dreißig Silberlingen des Judas. Der Blick dieses angeblichen Basilisken tötete uns nicht, sondern machte uns lachen. Endlich zeigte uns der freundliche Señor, wahrscheinlich, um uns eine Probe von der Ausdehnung seiner Kenntnisse zu geben, was? – das Schurzfell eines Freimaurermeisters, indem er uns versicherte, der Herr, der dieses Schurzfell dem Museum geschenkt habe, sei persönlich in der Loge gewesen. »Und dies beweist,« setzte er mit wichtiger Miene hinzu, »daß diejenigen sich sehr täuschen, welche behaupten, diese Sekte existiere nicht.« Die Reise kräftigte meine Gesundheit, so daß ich nach meiner Rückkehr nach Aranjuez allen Ministern meine Aufwartung machen konnte. Der venetianische Gesandte stellte mich dem Marques Grimaldi vor, mit dem ich mehrere Besprechungen über die Kolonie in der Sierra Morena hatte. Es stand mit dieser Kolonie schlecht. Ich reichte ihm meinen Plan ein, worin ich nachwies, daß die Kolonie aus Spaniern gebildet werden müßte. »Allerdings,« sagte er, »aber Spanien ist überall schwach bevölkert, und nach Ihrem Plan müßten wir eine Gegend berauben, um eine andere zu bereichern.« »Durchaus nicht; denn zehn Einwohner, die in Asturien Hungers sterben, würden in der Kolonie fünfzig Kinder hervorbringen. Diese fünfzig würden zweihundert hervorbringen und so fort.« Mein Plan wurde einer Kommission übergeben, und Marques Grimaldi versicherte mir: wenn der Plan angenommen würde, sollte ich zum Gouverneur der Kolonie ernannt werden. Eine italienische Opera buffa entzückte zu jener Zeit den ganzen Hof, mit Ausnahme des Königs, denn dieser empfand gar keinen Geschmack an Musik. Der König sah aus wie ein Hammel, und auch seine Organe schienen zum Teil mit denen dieses Tieres übereinzustimmen, dem jede Empfindung für Harmonie der Töne abgeht. Man lausche einer Herde von hundert Hammeln und man wird hundert verschiedene Halbtöne hören. Karl der Dritte liebte nur die Jagd; wir werden sehen, warum. Ein italienischer Kapellmeister, den Herr von Mocenigo beschützte, wollte gerne ein neues Drama in Musik setzen; er schmeichelte sich mit der Hoffnung, daß er allgemeinen Beifall verdienen und durch diese Oper sein Glück machen werde. Da die Zeit zu kurz war, um nach Italien zu schreiben, so erbot ich mich auf der Stelle ein Drama zu dichten; ich wurde beim Wort genommen, und am nächsten Tage übergab ich ihm den ersten Akt. Der Maestro setzte ihn in vier Tagen in Musik, und der venetianische Gesandte lud alle Minister ein, der Probe dieses Aktes in dem großen Saale seines Palastes beizuwohnen. Die beiden andern Akte waren auch bereits geschrieben; man fand die Musik köstlich, und in vierzehn Tagen wurde die ganze Oper aufgeführt. Der Kapellmeister empfing schöne Geschenke; von mir aber nahm man an, daß ich über einem Dichter stehe, der für Geld arbeite; mein Lohn bestand daher in Beifall – wahrer Hofmünze. Übrigens war es für mich in meiner Lage Lobes genug, daß der Gesandte entzückt war, mich unter seinen Hausgenossen zu sehen, und daß ich von den Ministern als ein Mann gefeiert wurde, der imstande war, zu den Vergnügungen des Hofes beizutragen. Die Abfassung dieser Oper hatte mich genötigt, die Bekanntschaft der Künstlerinnen zu machen. Die erste war eine Römerin, namens Pelliccia; sie war weder schön noch häßlich, schielte ein wenig und besaß ein mittelmäßiges Talent. Sie hatte eine jüngere Schwester, die wirklich hübsch, um nicht zu sagen schön war. Trotzdem interessierte die junge keinen Menschen, und die ältere liebten alle, die mit ihr sprachen. Ihr Gesicht hatte den Vorzug schielender Augen: einen rührenden sanften Blick; ihr Lächeln war fein und bescheiden, ihr Benehmen gewandt und edel, ohne Anmaßung; alle Welt liebte sie. Ihr Gatte war ein schlechter Maler, ein ziemlich häßlicher Biedermann, der mehr den Eindruck ihres Bedienten als den ihres Gemahls machte. Er war ihr sehr treu ergeben, und sie belohnte ihn dafür durch ein rücksichtsvolles Benehmen. Sie flößte mir keine Liebe ein, wohl aber eine aufrichtige Freundschaft. Ich besuchte sie jeden Tag und dichtete ihr Verse zu römischen Melodien, die sie mit großer Anmut sang. Sie war mir, wie ich ihr, in Freundschaft treu ergeben. Eines Tages bei der Probe eines Aktes der Oper, zu der ich den Text geschrieben hatte, sprach ich mit ihr über die großen Herren, die sich eingefunden hatten, um die neue Musik zu hören. Der Operndirektor, namens Marescalchi, hatte mit dem Gouverneur von Valencia die Abmachung getroffen, daß er den ganzen September mit seiner Truppe dort zubringen solle, um auf einem eigens dazu erbauten kleinen Theater komische Opern aufzuführen. Man hatte in Valencia noch niemals eine italienische Oper gesehen, und Marescalchi hoffte dort Geld zu verdienen. Die Pelliccia wünschte von irgendeinem großen Herrn vom Hofe einen Empfehlungsbrief für Valencia zu erhalten, und da sie niemanden kannte, so fragte sie mich, ob sie den venetianischen Gesandten bitten könnte, sich für sie zu interessieren und irgend jemanden um einen Brief zu ersuchen. »Ich will Ihnen einen Rat geben: Bitten Sie selber den Herzog von Arcos um diesen Brief.« »Wer ist das?« »Der Kavalier, der dort, zwanzig Schritte von uns entfernt, steht und Sie ansieht.« »Aber wie darf ich das wagen?« »Er ist ein großer Herr, und ich will darauf wetten, er hat die allergrößte Lust, Ihnen gefällig zu sein. Gehen Sie augenblicklich zu ihm und bitten Sie ihn um diese Gnade; ich bin fest überzeugt, er wird glücklich sein, sie Ihnen zu gewähren.« »Dazu habe ich nicht den Mut. Stellen Sie mich vor.« »Nein, damit würde ich alles verderben; er darf nicht einmal ahnen, daß ich Ihnen den Rat gegeben habe. Ich werde Sie jetzt verlassen; eine Minute darauf treten Sie an ihn heran und tragen ihm Ihr Anliegen vor.« Ich ging nach dem Orchester, und als ich einen Augenblick darauf den Kopf umwandte, sah ich, wie der Herzog auf die Sängerin zuging. »Die Sache ist in Ordnung«, sagte ich bei mir selber. Nach der Probe sagte die Pelliccia mir, sie werde den Brief am Tage der ersten Opernaufführung erhalten. Der Herzog hielt Wort; er übergab ihr einen versiegelten Brief an einen Kaufmann Don Diego Valencia. Da sie erst im September nach Valencia gehen sollte, so war noch Zeit, denn wir befanden uns erst im Mai. Wir werden daher erst später erfahren, was der Brief enthielt. In Aranjuez verkehrte ich viel mit dem Kammerdiener des Königs, Don Domingo Varnier, mit einem anderen Kammerdiener des Prinzen von Asturien, der jetzt den Thron einnimmt, und mit einer Kammerfrau der Prinzessin, heutigen Königin. Diese angebetete Prinzessin hatte die Macht besessen, eine Menge ebenso törichter wie lästiger Etikettenvorschriften zu unterdrücken und den ernsten und schweren Ton des Hofes in eine sanfte Liebenswürdigkeit zu verwandeln. Mit großem Vergnügen sah ich Seine Katholische Majestät jeden Tag um elf Uhr zu Mittag essen, wie es im siebzehnten Jahrhundert in Paris die Schuster taten; er aß jeden Tag dasselbe, ging jeden Tag zur selben Stunde auf die Jagd und kam abends todmüde mit seinem Bruder zurück. Der König war sehr häßlich, aber alles ist verhältnismäßig; denn er war schön im Vergleich zu seinem Bruder, der eine wahre Vogelscheuche war. Dieser Bruder reiste niemals ohne ein Bild der heiligen Jungfrau, das Mengs ihm gemalt hatte. Es war ein Gemälde von zwei Fuß Höhe und dreieinhalb Fuß Breite. Die Jungfrau saß auf dem Grase; ihre Füße waren nackt und ihre Beine nach maurischer Art gekreuzt und bis zu den Waden entblößt. Es war ein wollüstiges Bild, das die Seele durch die Vermittlung der Sinne entflammte. Der Infant war in dieses Bild verliebt, aber er hielt die verbrecherischsten aller wollüstigen Gefühle für Frömmigkeit; es war unmöglich, daß er beim Betrachten dieses Bildes nicht vor fleischlicher Begier glühte, die lebendige Wirklichkeit in seinen Armen zu halten. Hiervon hatte jedoch der Infant keine Ahnung; er war entzückt, in die Mutter des Heilandes verliebt zu sein. So sind übrigens die Spanier im allgemeinen alle. Wenn ein Bild sie interessieren soll, muß es sich an ihre Sinne wenden, und sie legen alles nur zugunsten der Leidenschaft aus, die sie beherrscht. Bevor ich nach Aranjuez ging, sah ich in Madrid das Bild einer Madonna, die ihren Sohn an der Brust hielt. Es war das Altargemälde einer Kapelle in der Hieronymus-Straße. Die Kapelle war den ganzen Tag voll von Frauen, die dorthin gingen, um die Mutter des Gottessohnes anzubeten. Ihre Gestalt hatte weiter nichts Interessantes als den wundervollen Busen, woran das Kind hing. Die Almosen, die diesem Heiligtum zuflossen, waren so reichlich, daß man im Laufe von anderthalb Jahrhunderten – solange Zeit hatte das Bild seine Anziehungskraft auf die Menge geübt – eine große Anzahl silberner Lampen und Leuchter und andere Gefäße von vergoldetem Silber und sogar von Gold angeschafft hatte. Vor der Tür der Kapelle fand man stets mehrere herrschaftliche Kutschen, und eine Schildwache stand dort, um die Ordnung aufrecht zu erhalten und Streitigkeiten zwischen den Kutschern der vielen sich kreuzenden Wagen zu verhindern; denn kein Kavalier fuhr an diesem heiligen Ort vorbei, ohne den Wagen anhalten zu lassen und, wenn auch nur im Vorübergehen, der Jungfrau zu huldigen und den beata ubera, quae lactaverunt aeterni patris filium – die seligen Brüste, die des ewigen Gottes Sohn genährt haben. Wenn man den Menschen kennt, wird man sich über diese Frömmigkeit nicht verwundern. Als ich wieder in Madrid war, wollte ich dem Abbate Pico einen Besuch machen; ich befahl meinem Kutscher, nicht durch die Straße der Kapelle zu fahren, damit er keinen Aufenthalt durch die vielen Wagen hätte. »Oh, Señor,« antwortete er mir, »seit einiger Zeit führt nur noch selten ein Wagen bei der Kapelle vor; ich kann ganz bequem durchkommen.« Er fuhr weiter und bei der vormals so besuchten Kapelle vorbei; es war kein Mensch da. Als ich vor dem Hause des Abbates, den ich besuchen wollte, aus dem Wagen stieg, fragte ich den Kutscher nach der Ursache dieser Veränderung. »Oh, Señor! Die Menschen werden jeden Tag schlechter.« Dieser Grund erschien mir kindisch, und als ich mit dem Abbate, einem geistvollen und ehrwürdigen Greise, eine Tasse Schokolade getrunken hatte, fragte ich ihn, warum jene Kapelle nicht mehr in Gunst stehe. Er lachte laut auf und sagte: »Verzeihen Sie mir, mein Lieber, wenn ich Ihnen dies nicht zu sagen wage. Gehen Sie selber hin, und Ihre Neugier wird befriedigt werden.« Meine Neugier wurde durch diese Worte lebhaft erregt, und ich ging sofort hin. Beim Anblick des heiligen Bildes wußte ich sofort alles: der Busen war unter einem Tuch verschwunden. Das herrliche Gemälde war verdorben; die berückende Zauberei war verschwunden. Man sah nicht einmal mehr die Rundung der Brust; das Kind streckte den Hals aus, ohne etwas zu finden, und die Kopfhaltung der Jungfrau war nicht mehr natürlich, weil sie nicht mehr den Zweck hatte, die Bewegung der Lippen ihres Säuglings zu verfolgen. Dieses Unglück war gegen Ende des Karnevals des Jahres 1768 geschehen. Der alte Kaplan war gestorben; der Vandale, der ihm nachfolgte, fand den herrlichen Busen skandalös, und so verschwand denn jeder Reiz des Bildes. Der Priester hatte vielleicht recht als Dummkopf, aber er hatte unrecht als Christ und Spanier. Übrigens ist es wahrscheinlich, daß die beträchtliche Verminderung der Almosen ihn recht bald seinen Vandalismus hat bedauern lassen. Mein Interesse für diesen Vorfall und meine unersättliche Neugier, die Menschen zum Sprechen zu bringen und auf diese Weise zu studieren, veranlaßte mich zu einem Besuch bei diesem Busenzerstörer, der nach meiner Vorstellung alt und dumm sein mußte. Ich ging also eines Morgens zu ihm; anstatt mich jedoch einem Greise gegenüber zu finden, sah ich einen dreißigjährigen schönen Mann von lebhaftem und zuvorkommendem Wesen, der mir mit dem besten Anstande, obwohl er mich doch nicht kannte, eine Tasse Schokolade anbot. Ich lehnte diese ab, wie jeder Fremde es tun muß; denn abgesehen davon, daß die Schokolade im allgemeinen schlecht ist, wird sie einem überall und zu allen Stunden angeboten, und man würde ersticken, wenn man sie jedesmal annähme. Ohne meine Zeit mit einer langen Vorrede zu verlieren, sagte ich ihm, als großer Freund der Malerei empfände ich einen tiefen Schmerz, daß er ein herrliches Gemälde hätte verderben lassen. »Das mag sein,« antwortete er; »aber gerade seine künstlerische Schönheit machte es in meinen Augen unwürdig, ein Weib darzustellen, dessen Anblick zur Frömmigkeit anregen, die Seele erheben und reinigen muß, nicht aber die Sinne mit fleischlichen Begierden erfüllen darf. Mögen alle Gemälde zugrunde gehen, wenn sie alle zusammen die unschuldige Ursache der geringsten Sünde sein können.« »Wer hat Ihnen diese Verstümmlung erlaubt? In Venedig hätte die Staatsinquisition, sogar Herr Barbarigo selber, obgleich er Theologe und sehr fromm ist, Sie unter die Bleidächer bringen lassen; denn die Liebe zur Paradieseswonne darf nicht den schönen Künsten schaden, und ich bin überzeugt, der Evangelist Sankt Lukas, der, wie Sie wissen müssen, Maler war und das Bildnis der Mutter unseres Heilandes mit nur drei Farben gemalt hat – er spricht jetzt gegen Sie zur heiligen Jungfrau, deren schönstes Bild Sie verstümmelt haben.« »Mein Herr, ich bedurfte der Erlaubnis keines Menschen. Ich muß jeden Tag vor diesem Altar die Messe lesen, und ich schäme mich nicht, Ihnen zu sagen, daß ich nicht mehr imstande war, Gott zu opfern. Sie sind ein Mann und ein Christ; Sie werden meine Schwäche entschuldigen. Die wollüstige Erscheinung brachte meine Phantasie in Verwirrung.« »Wer zwang Sie, das Bild anzusehen?« »Ich sah es nicht an, aber der Feind Gottes zeigte es mir, ohne daß ich es wollte.« »Warum haben Sie sich nicht verstümmelt, wie Origines es tat? Glauben Sie mir, Ihre Geschlechtsteile, die zu schwach sind, weil sie allem Anschein nach zu stark sind, haben nicht den Wert des von Ihnen zerstörten Gemäldes.« »Mein Herr, Sie beleidigen mich!« »Das ist nicht möglich; denn das ist nicht meine Absicht.« Der junge Priester führte mich mit solchem Ungestüm an die Tür, daß ich sein Haus mit der Überzeugung verließ, er würde mittels der Inquisition irgendeine spanische Rache gegen mich anspinnen. Ich wußte, daß es ihm leicht sein würde, sich meinen Namen zu verschaffen, und da ich Scherereien dieser Art fürchtete, so beschloß ich, ihm zuvorzukommen. Diese Befürchtung und dieser Entschluß wurden durch ein Ereignis hervorgerufen, das ich hier als Episode erzählen will. Einige Tage vorher hatte ich einen Franzosen, namens Ségur, kennen gelernt, der erst ganz vor kurzem nach dreijähriger Haft aus dem Gefängnisse der Inquisition entlassen worden war. Er hatte in seinem Saal einen Brunnen, bestehend aus einem Marmorbecken, in das ein nacktes Kind nach der Art des Brüsseler Manneken-Pis das Wasser strömen ließ, nämlich aus seinem kleinen Gliede. Herr Ségur hatte die Gewohnheit, sich an diesem Brunnen zu waschen. Das Kind konnte nach Belieben einen Amor oder einen kleinen Jesus vorstellen; aber der Bildhauer hatte die Phantasie gehabt, seinen Kopf mit einer Art von Glorienschein zu schmücken; infolgedessen machte der Fanatismus daraus das Kind Gottes. Der arme Ségur wurde der Gottlosigkeit angeklagt, und die Inquisition fand es sündhaft, daß er zum Waschen ein Wasser benützte, das man als den Urin Christi ansehen konnte. Ich fühlte mich zum mindesten ebenso schuldig wie Ségur, und da ich mich nicht der Gefahr einer gleichen Strafe aussetzen wollte, so begab ich mich zum Großinquisitor und berichtete dem Bischof Wort für Wort das Gespräch, das ich mit dem bildzerstörenden Kaplan gehabt hatte. Zum Schluß bat ich ihn um Verzeihung für den Fall, daß der Priester sich etwa beleidigt fühlen sollte, und versicherte Seiner Gnaden, ich wäre ein guter Christ und durchaus rechtgläubig. Ich hätte niemals erwartet, in Madrid einen Großinquisitor zu finden, der ein geistreicher Mann und trotz seinem häßlichen Gesicht ein liebenswürdiger Mensch war; aber ich hatte mich geirrt; denn der würdige Prälat lachte nur zu meiner Erzählung. Ich hatte bei ihm beichten wollen, aber dies hatte er abgelehnt. »Der Kaplan«, sagte er zu mir, »ist selber schuldig und ist unfähig, seinen Beruf auszuüben; denn indem er die anderen für ebenso schwach hält wie sich selber, hat er der Religion einen wirklichen Schaden zugefügt. Trotzdem, mein lieber Sohn, haben Sie unrecht daran getan, ihn zu reizen.« Da ich ihm meinen Namen hatte sagen müssen, las er mir, immer mit lachendem Gesicht, eine andere Anschuldigung vor, die von einem Augenzeugen des Vorfalles bei ihm eingereicht worden war. Er warf mir mit Sanftmut vor, den Beichtvater des Herzogs von Medina-Sidonia, einen Franziskaner, als Ignoranten behandelt zu haben, weil er mir nicht hatte zugeben wollen, daß ein Priester die Messe zum zweitenmal lesen müßte, selbst wenn er inzwischen gegessen haben sollte, falls an einem Feiertag sein König die Messe nicht gehört hätte und beföhle, sie noch einmal zu lesen. »Sie hatten recht«, sagte der liebenswürdige Bischof zu mir; »trotzdem aber durften Sie ihn nicht ins Gesicht einen Ignoranten schelten, denn man darf nicht jede Wahrheit sagen. In Zukunft vermeiden Sie jeden müßigen Streit über religiöse Dinge, sowohl was das Dogma wie die Disziplin betrifft. Damit Sie bei Ihrem Abschied von Spanien einen richtigen Begriff von der Inquisition mit sich fortnehmen, so will ich Ihnen sagen, daß der Pfarrer, der Sie auf die Liste der Exkommunizierten gesetzt hat, einen derben Verweis erhalten hat; denn er hätte Sie vorher väterlich warnen und vor allen Dingen sich erkundigen müssen, ob Sie krank wären; wir wissen, daß dies wirklich der Fall war.« Hierauf beugte ich vor ihm eine Knie zur Erde, küßte ihm die Hand und entfernte mich sehr zufrieden. Doch zurück nach Aranjuez! Sobald ich erfuhr, daß der Gesandte mich in Madrid nicht bei sich unterbringen konnte, wo ich zu verweilen gedachte, um die Ergebnisse meiner Arbeiten über die Kolonie abzuwarten, schrieb ich meinem guten Freunde, dem Schuhflicker Don Diego, ich brauchte ein gut möbliertes Zimmer, ein gutes Bett, eine Kammer und einen ehrlichen Bedienten, der auf meinen Wagen hinten aufsteigen wollte. Ich gab ihm an, wieviel ich monatlich ausgeben wollte, und schrieb ihm, daß ich Aranjuez verlassen würde, sobald er mir mitteilte, daß alles von mir Gewünschte bereit wäre. Der Plan der Besiedelung der Sierra Morena nahm meine Zeit sehr in Anspruch, denn ich schrieb über die Polizeiverwaltung, auf die es vor allen Dingen ankam, um die Kolonie zur Blüte zu bringen. Meine Schriftstücke gefielen dem Minister Grimaldi und schmeichelten Herrn von Mocenigo; dieser hoffte: wenn es mir gelänge, zum Gouverneur der Kolonie ernannt zu werden, so würde dadurch der Ruhm seiner Gesandtschaft erhöht und sein diplomatischer Einfluß gestärkt werden. Meine Arbeiten hielten mich jedoch nicht ab, mich gut zu unterhalten und vor allen Dingen die Herren vom Hofe zu besuchen, die mich über die besonderen Charaktereigenschaften der verschiedenen Mitglieder der königlichen Familie am besten unterrichten konnten. Don Varnier, ein kluger, offener und wahrheitsliebender Mann, war in dieser Beziehung eine reiche Mine, die ich mit Vorteil ausbeutete. Eines Tages fragte ich ihn, ob es wahr sei, daß der König den Minister Squillace nur deshalb begünstigt habe, weil er früher dessen Frau geliebt habe. »Das ist eine Verleumdung«, antwortete Varnier, »und sie ist aus der unruhigen Phantasie von Leuten entstanden, die für wahrnehmen, was kaum wahrscheinlich ist. Wenn der Beiname des Keuschen einem König der Wahrheit gemäß und nicht aus Schmeichelei beigelegt werden soll, so verdient Karl der Dritte ihn vielleicht mehr, als bis jetzt irgend ein König ihn verdient hat. In seinem ganzen Leben hat er sich nicht ein einziges Mal einem anderen Weibe genähert als der verstorbenen Königin, und zwar nicht so sehr wegen seiner Verpflichtung zur ehelichen Treue wie aus Christenpflicht. Er meidet die Sünde aus Furcht, seine Seele zu beflecken, und weil er die Schande vermeiden will, dem Beichtvater seine Schwäche gestehen zu müssen. Er ist stark, sogar robust und erfreut sich einer eisernen Gesundheit, und da er niemals eine Krankheit, wäre es auch nur das geringste Fieber, gehabt hat und mit einem sehr spanischen Temperament begabt ist, so ist kein einziger Tag seiner Ehe vergangen, ohne daß er der Königin die eheliche Pflicht erwies, ausgenommen wenn ihre Gesundheit die Fürstin zwang, ihn um Schonung zu bitten. Dann mattete sich der keusche Gemahl auf der Jagd ab, um seine Glut zu löschen, und kasteite sich, indem er sich erregender oder allzu nahrhafter Speisen enthielt. Stellen Sie sich vor, wie verzweifelt der Mann war, als er plötzlich Witwer war; denn er war entschlossen, tausendmal lieber zu sterben, als sich zu der Demütigung gezwungen zu sehen, eine Geliebte zu nehmen. Seine einzige Zuflucht war die Jagd und ein solches Arbeitsprogramm für jede Stunde des Tages, daß ihm keine Zeit übrig blieb, an Weiber zu denken. Dies war eine sehr schwierige Sache, denn er findet weder am Lesen noch am Schreiben irgendwelchen Gefallen; die Musik ist für ihn nur ein Geräusch, das das Ohr betäubt, und jede Unterhaltung ist ihm zum Ekel, sobald sie ein wenig munter wird. Er tat nun folgendes und wird es bis zu seinem Tode tun: um sieben Uhr kleidet er sich an und begibt sich dann in ein Zimmer, wo er frisiert wird. Um acht Uhr betet er; hierauf hört er die Messe, und nach dem Gottesdienst nimmt er seine Schokolade und eine ungeheure Prise Tabak, die er in seine große Nase stopft und einige Minuten darin behält. Es ist die einzige, die er den ganzen Tag über nimmt. Von neun Uhr an arbeitet er mit seinen Ministern bis elf. Dann kommt das Mittagessen, das nur dreiviertel Stunden dauert, da er stets allein speist. Hierauf macht er der Prinzessin von Asturien einen kurzen Besuch; mit dem Schlage zwölf steigt er in seinen Wagen und fährt zur Jagd. Um sieben Uhr ißt er einen Bissen, wo er sich gerade befindet, und um acht Uhr kommt er so müde zurück, daß er oft einschläft, bevor er in seinem Bett liegt. Auf diese Weise hält er seine sinnlichen Bedürfnisse nieder.« »Er ist ein armer Mann, ein freiwilliger Märtyrer an sich selber.« »Er hat daran gedacht, sich wieder zu verheiraten, aber Adelaide von Frankreich bekam Furcht, als sie sein Bild sah, und wies ihn ab. Dies kränkte ihn, und er verzichtete auf eine zweite Heirat. Wehe dem, der ihm vorschlagen würde, eine Geliebte zu nehmen!« Wir sprachen hierauf noch weiter vom Charakter des Königs, und Don Domingo sagte mir, die Minister hatten recht, daß sie den Herrscher unzugänglich machten; denn wenn es durch Überraschung irgend jemandem gelänge, sich dem König zu nahen und ihn um irgendeine Gnade zu bitten, so machte er es sich zur Ehrensache, niemals eine abschlägige Antwort zu geben, weil er der Meinung wäre, daß er nur so sich als König betätigte. »Er ist also nicht hartherzig, wie man von ihm glaubt?« »Nein, Könige stehen selten in dem Ruf, den sie verdienen. Die Fürsten, zu denen man am leichtesten Zugang findet, sind notwendigerweise am wenigsten freigebig; denn sie werden fortwährend mit lästigen Gesuchen bestürmt, und wenn sie ein neues Gesicht sehen, so ist ihr erster Gedanke, das abzuschlagen, was man von ihnen verlangen wird.« »Aber wenn Karl der Dritte nicht zugänglich ist, so braucht er ja offenbar keine Bitte zu gewähren noch abzuschlagen.« »Man findet ihn allein auf der Jagd, und dann ist er gewöhnlich guter Laune. Sein Hauptfehler ist seine Halsstarrigkeit, denn wenn er einmal etwas will, so will er es durchaus, und Unmöglichkeiten gibt es für ihn nicht. Vor seinem Bruder, dem Infanten, hat er die größte Hochachtung; er kann ihm nichts abschlagen, obgleich er doch stets der Herr bleiben will. Man glaubt, er werde ihm die Erlaubnis bewilligen, eine Gewissensehe einzugehen, obgleich der König illegitime Kinder nicht liebt. Er fürchtet aber, der Infant werde verdammt sein, weil er bereits drei uneheliche Kinder hat.« In Aranjuez befanden sich eine unglaubliche Menge Leute, die die Minister verfolgten, um von ihnen Stellen zu erlangen. »Alle diese Leute«, sagte Don Domingo zu mir, »gehen wieder nach Hause, wenn der König zurückreist, und kein einziger hat etwas erlangt.« »Sie verlangen also Unmögliches?« »Sie verlangen gar nichts. ›Was wünschen Sie?‹ sagt ein Minister zu ihnen. ›Was nach der Meinung Eurer Exzellenz für mich passen kann,‹ ›Aber was können Sie denn?‹ ›Das weiß ich nicht. Eure Exzellenz kann mein Talent prüfen und mir dann das Amt geben, das ich am besten auszufüllen vermag.‹ ›Gehen Sie; ich habe keine Zeit.‹« Aber so ist es überall. Karl der Dritte ist im Wahnsinn gestorben; die Königin von Portugal ist wahnsinnig; der König von England ist es gewesen, und manche behaupten, er sei nicht geheilt. Man möchte sagen, es sei unter den Königen eine Epidemie ausgebrochen, und das wäre kein Wunder, denn die Könige, die ihre Pflicht tun wollen, haben zu viel zu tun. Ich verabschiedete mich von Herrn von Mocenigo drei Tage, bevor er selber abreiste, und umarmte voll Zärtlichkeit Manucci, der mir während meines ganzen Aufenthaltes unaufhörlich Beweise seiner Freundschaft gab. Ich gestehe dies zu meiner eigenen Schande und hoffe, man wird dieses Geständnis als mildernden Umstand für das Unrecht ansehen, das ich gegen ihn begangen habe. Mein Schuhflicker Don Diego hatte mir geschrieben, für die Summe, die ich ausgeben wollte, bekäme ich auch noch eine biskayische Magd, die mir gute Mahlzeiten bereiten würde, so oft ich Lust hätte. Er hatte mir auch die Adresse meiner Wohnung geschickt, die in der Alcalastraße lag. Ich reiste von Aranjuez am Morgen ab und kam am Nachmittag in Madrid an. In meiner Wohnung fand ich meine Biskayerin, die französisch sprach. Ich hatte ein sehr hübsches Zimmer mit einer schönen Kammer und ein zweites sehr sauberes Zimmer, worin ich einen Freund aufnehmen konnte, denn es war mit einem guten Bett versehen. Ich ließ mein Gepäck heraufschaffen und sah bei dieser Gelegenheit meinen Lakaien, dessen Gesichtsausdruck mir gefiel. Da ich neugierig auf die Geschicklichkeit meiner Köchin war, so befahl ich ihr, ein gutes Abendessen für mich allein herzurichten, und wollte ihr Geld dazu geben. Sie antwortete mir aber: »Ich habe Geld, mein Herr, und werde Ihnen morgen meine Rechnung geben.« Nachdem ich mir die Sachen von Mengs hatte abholen lassen, lenkte ich meine Schritte nach Doña Ignazias Wohnung, um dem Vater meine volle Zufriedenheit auszusprechen. Ich kam an und fand das Haus leer. Erstaunt darüber, daß er mich nicht von seinem Umzuge benachrichtigt hatte, ging ich nach Hause; nachdem ich dort meine Sachen geordnet hatte, fragte ich meinen Bedienten Filippo, wo denn Don Diego jetzt wohne. »Das ist sehr weit, Herr; ich werde Sie morgen hinführen.« »Wo wohnt mein Wirt?« »Über Ihnen, Herr; aber Sie können sicher sein, daß man niemals den geringsten Lärm machen wird.« »Ich wünsche ihn zu sehen.« »Er ist ausgegangen und wird erst um zehn Uhr nach Hause kommen.« Ich gab Filippo bis zum Abendessen Urlaub, und um neun Uhr meldete er mir, daß im Nebenzimmer aufgetragen sei. Hungrig stand ich auf und sah zu meiner großen Überraschung einen kleinen Tisch, der mit einer geschmackvollen Sauberkeit gedeckt war, wie man sie in Spanien selten trifft. Es tat mir leid, daß ich nicht Don Diego bei mir hatte, um ihm zu sagen, wie sehr ich zufrieden sei. Ich setzte mich zu Tisch, und nun kam mein würdiger Schuhflicker mir geradezu wie ein Held vor, denn meine Biskayerin konnte es mit dem ersten cordon bleu Frankreichs aufnehmen. Ich hatte fünf Schüsseln und dazu las Criadillas , die ich leidenschaftlich liebte; alles war ausgezeichnet, tadellos. Obgleich ich meine Wohnung ziemlich teuer bezahlte, schien es mir doch unmöglich zu sein, noch obendrein eine so ausgezeichnete Köchin zu haben. Als ich mit dem Abendessen so ziemlich fertig war, sagte Filippo mir, mein neuer Wirt sei nach Hause gekommen, und wenn ich es erlaube, werde er mir guten Abend wünschen. »Er möge eintreten; er wird mir angenehm sein.« Die Türe öffnete sich; ich sah Don Diego und seine reizende Tochter. Er hatte das Haus eigens gemietet, um mich beherbergen zu können! Neuntes Kapitel Meine Liebschaft mit Doña Ignazia. – Rückkehr des Herrn von Mocenigo nach Madrid. Ihr unglückseligen Grafen und Barone, die ihr das Selbstgefühl eines Mannes verspottet, der euch durch schöne Handlungen zu dem Eingeständnis zwingen will, daß er ebenso adlig ist, wie ihr – hütet euch vor ihm, wenn es euch gelingt, seine edle Anmaßung niederzuhalten, ihn selber zu demütigen; denn von gerechter Verachtung ergriffen, wird er mit Nägeln und Zähnen über euch herfallen, und mit Recht. Denn ihr müßt diesen Mann achten, der zwar kein Edelmann nach eurer Art ist, aber sich Edelmann nennt, weil er der Meinung ist, er brauche nur schöne Handlungen zu vollbringen, um das Recht zu haben, als Edelmann aufzutreten. Achtet diesen Mann, der dem Worte Adel einen Sinn gibt, den ihr nicht begreift. Er behauptet nicht, daß der Adel in einer Reihenfolge von Geschlechtern besteht, deren letzter Sprößling er selber ist; denn er lacht über die Stammbäume, die so oft durch unedles Blut befleckt sind, das durch ungetreue Gattinnen in die Adern ihrer Kinder gelangte. Nach seiner Erklärung ist der wirkliche Adelige der Mann, der Achtung verlangt, und nach dessen Meinung es nur ein einziges Mittel gibt, um Achtung zu verdienen: sich selber zu achten, seine Mitmenschen zu achten, ehrenhaft zu leben, niemanden zu täuschen, niemals seine Zunge mit einer Lüge zu besudeln, wenn der, zu dem man spricht, glauben muß, daß man die Wahrheit spricht, und endlich die Ehre dem Leben vorzuziehen. Dieser letzte Teil seiner Erklärung muß in euch die Furcht erwecken, daß er euch tötet, wenn ihr ihn verräterischerweise oder durch Überraschung entehrt. Nach einem physikalischen Gesetze folgt auf jeden Stoß ein Gegenstoß; aber im Moralischen ist die Rückwirkung noch stärker. Die Rückwirkung des Betruges ist Verachtung, die Rückwirkung der Verachtung ist Haß, und Haß führt zu Mord. Der Schuhflicker Don Diego hatte vielleicht gedacht, daß er sich in meinen Augen etwas lächerlich gemacht hatte, indem er mir sagte, er sei ein Edelmann, da er jedoch wußte, daß er in dem Sinne, den er diesem Worte beilegte, wirklich ein Edelmann war, so wollte er mich immer mehr überzeugen, daß er mir keine Vorspiegelungen gemacht hatte. Seine edle Handlungsweise im Buen Retiro hatte mir schon seine schöne Seele enthüllt; aber dies genügte ihm nicht; er wollte konsequent sein. Als er durch meinen Brief einen Auftrag erhielt, wie ihn ein jeder gut oder schlecht ausführen kann, da wollte er mich nicht wie ein Bankier bedienen, sondern beschloß ein Haus zu mieten, um mir dessen besten Teil abzutreten. Ohne Zweifel hatte er auch berechnet, daß er dabei nichts verlieren würde, da er hoffen konnte, eine gut imstande gehaltene hübsche Wohnung würde nach mir nicht lange leer bleiben; hauptsächlich aber rechnete er auf meine Zufriedenheit und auf die Achtung, die ich ihm infolgedessen innerlich zollen würde. Er täuschte sich nicht, denn ich behandelte ihn wie meinesgleichen und pries auf das höchste alles, was er gemacht hatte. Doña Ignazia war ganz stolz auf das, was ihr Vater für mich getan hatte. Wir blieben eine Stunde lang beisammen, leerten eine Flasche ausgezeichneten Weines und regelten alle unsere geschäftlichen Angelegenheiten. Ich verlangte, daß die Biskayerin auf meine Rechnung gehen solle, und setzte diesen Wunsch mit großer Mühe durch. Da ich jedoch wünschte, daß das Mädchen in Don Diegos Dienst zu stehen glaubte, so bat ich diesen, ihr täglich ihre Auslagen für mich zu bezahlen; denn ich wollte zu Hause essen, zum mindesten bis zur Rückkehr des Gesandten. Außerdem sagte ich ihm, es sei für mich eine Folterqual, allein zu essen, und ich bitte ihn daher, mittags und abends stets an meinem Tische zu speisen. Vergeblich suchte er Ausreden zu gebrauchen; er mußte schließlich nachgeben und behielt sich nur das Recht vor, sich durch seine Tochter vertreten zu lassen, wenn er selber zuviel Arbeit hätte, um sich umkleiden zu können. Wie man sich denken kann, lehnte ich diese Bedingung nicht ab, denn ich hatte sie erwartet. Am nächsten Tage machte ich meinem Wirt einen Besuch, denn ich war neugierig, wie er eingerichtet wäre. Ich betrat zunächst eine kleine Kammer, die für Doña Ignazia bestimmt war. Die Einrichtung bestand nur aus einem Bett, einem Koffer und einem Stuhl; neben dem Bett stand außerdem ein Betschemel, auf welchem sie niederkniete, um vor einem vier Fuß hohen Bilde zu beten. Dieses stellte den heiligen Ignaz von Loyola vor, einen schönen Jüngling von wollüstigen Formen, der mehr dazu angetan war, die Sinne zu erregen, als zur Frömmigkeit anzueifern. Mein Schuhflicker sagte zu mir: »Ich wohne jetzt viel besser als früher, und Ihre Wohnung trägt mir das Vierfache der Miete für das ganze Haus.« »Aber die Möbel und die Wäsche?« »In vier Jahren wird alles bezahlt sein. Ich hoffe, dieses Haus wird die Mitgift meiner Tochter sein, und diese schöne Spekulation verdanke ich Ihnen.« »Das freut mich. Aber mir scheint, Sie machen da ein Paar ganz neuer Schuhe?« »Allerdings; aber bemerken Sie, daß ich nach einem Leisten arbeite, den man mir gegeben hat. Ich bin daher nicht genötigt, sie meinem Besteller anzuziehen, und brauche mich nicht darum zu bekümmern, ob sie gut oder schlecht sitzen.« »Wieviel bezahlt man Ihnen dafür?« »Dreißig Realen.« »Das ist teurer als der gewöhnliche Preis.« »O ja; es ist aber auch ein großer Unterschied zwischen meinen Schuhen und denen der anderen Schuhmacher. Bei den meinigen ist sowohl die Arbeit wie die Güte des Leders viel besser.« »Ich werde mir einen Leisten machen lassen, und Sie werden mir Schuhe anfertigen, wenn es Ihnen recht ist; ich mache Sie jedoch darauf aufmerksam, daß sie vom schönsten Leder sein und Sohlen von doppeltem Marokkoleder haben müssen.« »Solche kosten mehr und halten nicht solange.« »Das ist einerlei; im Sommer kann ich nur sehr leichte Schuhe tragen.« Als ich mich empfahl, sagte er mir, er sei sehr beschäftigt, seine Tochter werde daher mit mir speisen. Ich machte einen Besuch beim Grafen von Aranda, der mich kalt, aber sehr höflich empfing. Ich erzählte ihm, was mir in Aranjuez begegnet war: die Schikane des Pfarrers und die Unhöflichkeit des Ritters Mengs. »Ich habe davon gehört. Dieses neue Abenteuer war schlimmer als das erste, und ich hätte keine Abhilfe zu schaffen gewußt, wenn Sie nicht schnell Ihre Osterbeichte abgelegt hätten; dadurch war der Pfarrer gezwungen, Ihren Namen wieder auszustreichen. Augenblicklich glaubt man mich durch Plakate zu beunruhigen; aber ich bin dabei ganz ruhig.« »Was will man denn nur von Eurer Exzellenz?« »Ich soll den langen Mantel und den Schlapphut erlauben. Das wissen Sie doch?« »Ich bin erst gestern Abend angekommen.« »Schön. Kommen Sie also Sonntag lieber nicht zu mir, denn mein Haus soll in die Luft fliegen.« »Gnädiger Herr, ich bin neugierig, ob es recht hoch fliegen wird. Ich werde um zwölf Uhr in Ihrem Saal sein.« »Ich glaube, Sie werden nicht allein sein.« Ich ging hin, und der Saal war so voll, wie ich ihn nie gesehen hatte. Der Graf sprach mit allen Anwesenden. Unter dem letzten Plakate, das ihn mit dem Tode bedrohte, standen zwei sehr kräftige Verse. Der Verfasser des Anschlages wußte, daß man ihn hängen würde, wenn man ihn entdeckte, und hatte geschrieben: Wenn sie mich kriegen, hängen sie mich. Aber sie kriegen mich nicht. Beim Essen gab Doña Ignazia mir zu erkennen, daß sie mich sehr gerne in ihrem Hause sah; aber sie ging nicht ein einziges Mal auf die verliebten Reden ein, die ich an sie richtete, wenn Filippo hinausgegangen war. Sie errötete, seufzte, und da sie doch endlich sprechen mußte, so sagte sie mir, sie bitte mich, alles zu vergessen, was zwischen ihr und mir vorgefallen sei. Ich antwortete ihr lächelnd, sie wisse sicherlich, daß mir dies nicht möglich sei, und setzte mit gekränkter Miene, halb ernst, halb zärtlich hinzu: »Selbst wenn es in meiner Macht stünde, alles zu vergessen, so würde ich es nicht wollen.« Da ich wußte, daß sie weder sich verstellte noch heuchelte, so begriff ich sofort, daß die Frömmigkeit sie in ihrer Macht hielt, aber ich wußte, woran ich mich zu halten hatte, und daß ihr Widerstand nicht lange dauern konnte. Ich mußte Schritt vor Schritt vorgehen. Ich hatte schon mit anderen Frommen zu tun gehabt, die nicht ein so siedend heißes Temperament besaßen wie Ignazia und mich weniger liebten; trotzdem hatten sie sich ergeben. Nach dem Essen blieb sie noch eine Viertelstunde mit mir zusammen, aber ich ließ mir nicht das geringste von meiner Liebe merken. Als ich meine Siesta gehalten hatte, kleidete ich mich an und ging aus, ohne sie zu sehen. Als sie am Abend zu mir und ihrem Vater kam, der mit mir gespeist hatte, behandelte ich sie mit der größten Freundlichkeit, ohne mich im geringsten verdrießlich zu zeigen. Am folgenden Tage verfuhr ich ebenso. Beim Essen sagte sie mir, sie habe mit ihrem Liebhaber gleich in den ersten Tagen der Fasten gebrochen und bitte mich, ihn nicht zu empfangen, falls er mir etwa einen Besuch machen sollte. Am Pfingsttage war ich beim Grafen Aranda und ging dann nach Hause; Don Diego, als richtiger Edelmann gekleidet, speiste mit mir. Seine Tochter sah ich nicht. Als ich ihn fragte, ob sie auswärts esse, antwortete er mir mit einem Lächeln, das ganz unspanisch war und das er sich einem seiner Landsleute gegenüber nicht erlaubt haben würde, sie habe sich in ihr Zimmer eingeschlossen, wo sie allem Anschein nach das heilige Fest des Heiligen Geistes feiere. Am Abend werde sie sicherlich herunterkommen, um mit mir zu essen; denn er sei bei seinem Bruder eingeladen und werde mindestens bis Mitternacht ausbleiben. »Mein lieber Diego, machen Sie keine Komplimente! Sagen Sie, bevor Sie fortgehen, Ihrer lieben Tochter, sie möge keine Umstände machen; ich verzichte herzlich gern auf meine gesellschaftlichen Rechte zugunsten jener Ansprüche, die Gott auf ihr Gewissen haben mag. Sagen sie ihr, sie möge sich ganz nach ihrer Bequemlichkeit verhalten, wenn sie etwa ihren frommen Übungen Zwang antun müsse, um mit mir zu Abend zu essen; wir würden ein andermal miteinander speisen. Werden Sie ihr das sagen? Sie machen mir damit ein Vergnügen.« »Da Sie es wünschen, so soll es nach Ihrem Willen geschehen.« Nachdem ich meine Siesta gehalten hatte, kam der brave Mann wieder und sagte mir, Doña Ignazia lasse mir danken, sie werde von meiner Erlaubnis Gebrauch machen, da es ihr angenehm sei, an diesem Tage niemanden zu sehen. »Sehen Sie, so müssen wir untereinander leben! Morgen werde ich ihr meinen Dank sagen.« Es kostete mir einige Mühe, ihm diese Antwort zu geben; denn diese übermäßige Frömmigkeit mißfiel mir so sehr, daß ich sogar fürchtete, sie könnte die Liebe ersticken, die ich dem reizenden Mädchen entgegenbrachte. Trotz meiner Empfindlichkeit hätte ich aber beinahe laut herausgelacht, als der biedere Don Diego mir sagte, ein kluger Vater müsse seiner Tochter ein Übermaß von Frömmigkeit ebenso verzeihen wie eine starke Liebesleidenschaft. Solche Philosophie hätte ich von einem spanischen Schuhflicker nicht erwartet, trotz seinem Adel. Da das Wetter an diesem Tage nicht schön war, so beschloß ich nicht auszugehen. Ich sagte Filippo, er möchte meinen Wagen fortschicken und könnte spazieren gehen; doch solle er vorher der Biskayerin sagen, ich würde erst um zehn Uhr zu Abend essen. Als ich allein war, setzte ich mich zum Schreiben nieder; am Abend kam die Mutter und zündete meine Kerzen an, und ich ging zu Bett, ohne gegessen zu haben. Als ich am anderen Morgen um neun Uhr eben erwacht war, sah ich zu meiner großen Überraschung Doña Ignazia eintreten. Sie sagte mir, wie schmerzlich es ihr gewesen sei, als sie am Morgen erfahren habe, daß ich nicht zu Abend gegessen habe. »Da ich allein, traurig und unglücklich war, so tat ich gut, mich des Essens zu enthalten.« »Sie sehen niedergeschlagen aus.« »Ich werde besser aussehen, sobald es Ihnen gefällt.« Da der Friseur kam, so ließ sie mich allein. Ich kleidete mich an und ging zur Messe in die Kirche Buen Suceso, wo ich die schönsten Kurtisanen von Madrid sah. Ich aß mit Don Diego zu Mittag, und als beim Nachtisch seine Tochter erschien, sagte er zu ihr, sie sei schuld, daß ich am Abend vorher nichts gegessen habe. »Dies soll nicht wieder vorkommen!« antwortete sie. »Wollen Sie mit mir nach der Kirche Unserer lieben Frau von Atocha fahren, meine teure Ignazia?« »Ich möchte es gern«, antwortete sie, indem sie ihrem Vater einen Blick zuwarf. »Liebe Tochter,« sagte Diego, »die wahre Frömmigkeit ist untrennbar von einem fröhlichen Herzen und von dem Vertrauen, das man zu Gott, zu sich selber und zu der Rechenschaft der ehrenwerten Menschen, mit denen man verkehrt, haben muß. Daher mußt du glauben, daß Señor Don Jaime ein braver Mann ist, obgleich er nicht das Glück hat, als Spanier geboren zu sein.« Über diesen Schluß mußte ich unwillkürlich lachen; Don Diego fühlte sich jedoch nicht dadurch beleidigt. Doña Ignazia küßte ihrem Vater die Hand und fragte mich in einem Ton verführerischer Unschuld, ob ich erlauben wolle, daß sie ihre Cousinen einlade. »Wozu brauchst du deine Cousinen mitzunehmen?« sagte Diego. »Ich bürge für Don Jaime.« »Ich bin Ihnen sehr verbunden, mein lieber Don Diego. Aber wenn ihre Cousine mitkommen will und Doña Ignazia ihre Begleitung wünscht, so wird es mir eine große Freude sein; nur möchte ich, daß die ältere käme, denn deren Charakter gefällt mir besser als der ihrer Schwester.« Nachdem diese Verabredung getroffen worden war, entfernte der Vater sich, und ich schickte Filippo in ein Fuhrgeschäft, um vier Maultiere anspannen zu lassen. Als wir allein waren, fragte Ignazia mich zärtlich und reuevoll, ob ich ihr verzeihe. »Alles, mein Engel – wenn Sie mir nur erlauben, Sie zu lieben.« »Ach, lieber Freund! Ich fürchte wahnsinnig zu werden, wenn ich noch länger den Kampf bestehe, der mir Seele und Herz zerreißt!« »Es ist kein Kampf nötig, teure Ignazia. Lieben Sie mich wie ich Sie liebe, oder befehlen Sie mir zu gehen und nicht wieder vor Ihren Augen zu erscheinen. Ich werde die Kraft besitzen, Ihnen zu gehorchen, aber das wird Sie nicht glücklich machen.« »Oh, das weiß ich! Nein, nein, bleiben Sie zu Hause, dieses Haus gehört Ihnen. Nun aber gestatten Sie mir, Ihnen zu sagen, daß Sie unrecht haben, wenn Sie glauben, meine große Cousine habe einen besseren Charakter als die kleine. Ich weiß, warum Sie dies seit der letzten Nacht des Karnevals glauben. Die kleine ist gut; so häßlich sie ist, so ist sie doch unterlegen, genau wie ich. Aber die ältere, die zehnmal häßlicher ist, ist boshaft vor Verdruß, daß niemals ein Mann sie hat lieben wollen. Sie glaubt, Sie verliebt gemacht zu haben, und trotzdem spricht sie schlecht von Ihnen; sie macht mir Vorwürfe, daß ich Ihnen nicht widerstanden habe, und brüstet sich, bei ihr werde es Ihnen nicht so leicht gelingen.« »Sagen Sie nichts weiter, meine Liebe! Wir müssen sie bestrafen und die jüngere mitnehmen.« »Vortrefflich; ich danke Ihnen.« »Weiß Sie, daß wir uns lieben?« »Wozu es ihr sagen? Sie hat es erraten; aber sie hat ein gutes Herz und begnügt sich damit, mich zu beklagen. Sie wünscht, daß wir zusammen vor der heiligen Jungfrau der Soledad eine Andacht verrichten, die die Wirkung haben wird, uns alle beide von einer Liebe zu heilen, die uns um unser Seelenheil bringt.« »Sie ist also ebenfalls verliebt?« »Ja, und das arme Mädchen liebt unglücklich; denn ihre Liebe wird nicht erwidert. Das muß eine große Qual sein.« »Wahrhaftig, ich bedauere sie; denn so, wie sie aussieht, weiß ich nicht, welcher Mann sie begehren sollte. Sie ist ein armes Mädchen, und es wäre ihr gut, wenn sie nicht das Bedürfnis hätte, zu lieben. Aber Sie...« »Ich! Schweigen Sie. Meine Seele ist einer größeren Gefahr ausgesetzt als die ihrige; ich weiß nicht, ob ich hübsch bin, aber man begehrt meiner. Ich muß mich verteidigen oder mich hingeben, und es gibt Männer, gegen die eine Verteidigung nicht möglich ist. Gott ist mein Zeuge, daß ich in der Osterwoche ein armes Mädchen besucht habe, das die Pocken hatte. Ich habe sie berührt, weil ich hoffte, daß ihre Krankheit mich anstecken und daß ich dann häßlich werden würde. Aber Gott hat es nicht gewollt, und obendrein hat mein Beichtvater mich ausgescholten und mich zu einer Buße verurteilt, die ich niemals erwartet hätte.« »Was für eine Buße war das?« »Nachdem er mir gesagt hatte, daß ein schönes Gesicht ein Zeichen für eine schöne Seele und daß es ein Geschenk Gottes sei, für das man ihm jeden Tag danken müsse, weil ein schönes Gesicht eine Empfehlung bei allen Menschen sei, erklärte er mir: indem ich mich bemüht hätte, häßlich zu werden, hätte ich Gott beleidigt, indem ich sein Werk zerstören wollte, und hätte mich dadurch seiner Gnade unwürdig gemacht. Nachdem er mir tausend Dinge dieser Art gesagt hatte, befahl er mir, zur Strafe für diese Sünde ein wenig rote Schminke auf meine Wangen zu legen, so oft es mir vorkäme, als ob sie zu blaß wären. Ich habe mich fügen müssen und einen Topf roter Schminke gekauft, aber ich habe mich desselben noch nicht bedienen zu müssen geglaubt. Bedenken Sie nur, daß mein Vater ihn sehen könnte! In welcher Verlegenheit würde ich sein, wenn ich ihm sagen müßte, daß ich die Schminke zur Buße gekauft habe.« »Ist Ihr Beichtvater jung?« »Er ist ein alter Mann von siebzig Jahren.« »Sagen Sie ihm alle einzelnen Umstände Ihrer Sünden?« »O gewiß; denn ein jeder Umstand, mag er noch so klein sein, kann eine große Sünde sein.« »Fragt er Sie?« »Nein; denn er weiß, daß ich ihm alles sage. Ich schäme mich dabei sehr, aber dies läßt sich nicht vermeiden.« »Haben Sie diesen Beichtvater schon lange?« »Seit zwei Jahren. Vor ihm hatte ich einen ganz unerträglichen. Er fragte mich nach Dingen, die mich empörten.« »Wonach fragte er Sie?« »Oh, erlassen Sie es mir, Ihnen dies zu sagen.« »Wozu brauchen Sie so oft zur Beichte zu gehen?« »So oft! Wollte Gott, ich brauchte nicht so oft hinzugehen. Übrigens gehe ich nur alle acht Tage zur Beichte.« »Das ist zuviel!« »Nein; denn Gott weiß, daß ich nicht schlafen kann, wenn ich eine Sünde begangen habe. Ich habe Angst, während meines Schlafes zu sterben.« »Ich beklage Sie, teure Freundin; denn diese Angst muß Sie unglücklich machen. Ich habe einen Vorzug, den Sie nicht besitzen: ich rechne viel mehr als Sie auf Gottes Barmherzigkeit, die dem Menschen nicht fehlen kann.« Die Cousine kam, und wir fuhren ab. Wir fanden viele Wagen vor der Tür der kleinen Kirche, die voll von Frommen beiderlei Geschlechts war. Ich sah unter anderen die durch ihre Mannstollheit berüchtigte Herzogin von Villadorias. Wenn die Begierde über sie kam, konnte nichts sie zurückhalten. Sie bemächtigte sich des Mannes, der ihren Instinkt erregte, und er mußte sie befriedigen. Dies war mehrere Male in großer Gesellschaft vorgekommen, deren Teilnehmer sich hatten flüchten müssen. Ich hatte sie auf dem Ball kennen gelernt; sie war noch hübsch und ziemlich jung. In dem Augenblick, wo ich mit meinen beiden Betschwestern eintrat, lag sie auf den Fliesen der Kirche auf den Knien; sie hob den Kopf und richtete ihre Augen auf mich, wie wenn sie sich auf mich zu besinnen suchte. Sie hatte mich bis dahin nur im Domino gesehen. Als meine Begleiterinnen eine halbe Stunde gebetet hatten, standen sie auf, um hinauszugehen, und die Herzogin erhob sich ebenfalls. Draußen vor der Kirche fragte sie mich, ob ich sie kenne; ich nannte sie bei ihrem Namen, und sie fragte mich, warum ich sie nicht besuche, und ob ich zur Herzogin von Benevento gehe. Ich verneinte diese Frage und sagte ihr, ich würde die Ehre haben, ihr meine Aufwartung zu machen. Während wir nach der Promenade der Balbazos fuhren, erklärte ich meinen beiden Begleiterinnen die Krankheit der Herzogin. Doña Ignazia fragte mich in ängstlichem Ton, ob ich Wort halten und ihr einen Besuch machen würde. Sie atmete auf, als ich ihr versicherte, ich würde es nicht tun. Es kommt mir über alle Maßen lächerlich vor, wenn eine elende Philosophie Tatsachen, die von der Vernunft entschieden sind, seitdem die Vernunft existiert, immer noch zu den ungelösten Problemen rechnet. Man fragt, welches von den beiden Geschlechtern beim Zeugungsakt die größere Befriedigung empfinde. Homer behandelt diese Frage, indem er einen Wettstreit zwischen Jupiter und Juno mitteilt. Teiresias, der Weib gewesen war, gab ein richtiges Urteil ab, das jedoch einen lächerlichen Eindruck macht, weil es so aussieht, wie wenn er die beiden Freuden in die beiden Schalen einer Wage gelegt habe. Irgend jemand hat gesagt, das Weib habe den größten Genuß, weil dieser bei ihr schneller einträte, weil er sich oft wiederhole, und endlich, weil das Fest bei ihr stattfinde; dieser Grund ist ziemlich glaubwürdig, denn sie braucht mit der größten Bequemlichkeit nur alles geschehen zu lassen; sie ist zugleich handelnder und leidender Teil, während zur Befriedigung des Mannes Handeln unumgänglich notwendig ist. Es gibt jedoch noch einen physikalischen Grund, der die Frage ohne jeden Zweifel entscheidet; wenn die Frau nicht mehr Genuß hätte als der Mann, so wäre die Natur ungerecht; dies aber ist nicht möglich. Übrigens gibt es nichts Überflüssiges in der Schöpfung, und der Schöpfer hat kein Ding dazu bestimmt, nur Schmerzen zu leiden oder Genuß zu bereiten, ohne solchen zu empfangen. Wenn die Frau nicht mehr Genuß hätte als der Mann, hätte sie nicht mehr als er zu verrichten und hätte auch nicht mehr Organe als er. Schon die Gebärmutter muß ein Zeichen sein, daß der Genuß des Weibes bei weitem größer ist als der des Mannes; denn dieses Organ hängt mit dem Gehirn in keiner Weise zusammen und ist daher völlig unabhängig von der Vernunft; es hat kein anderes Bedürfnis als Nahrung zu geben und Nahrung zu empfangen; sein Instinkt wird Wut, wenn es vom Temperament erregt wird. Dies wäre hinreichend bewiesen durch die Andromanie, an welcher viele Frauen leiden; diese Krankheit macht die einen zu Messalinen und die anderen zu Märtyrerinnen. Der Mann hat keine Krankheit, die mit der Andromanie verglichen werden könnte. Ist es nicht ganz einfach, daß die Natur, die in ihren Gegenwirkungen und Entschädigungen stets gerecht ist, der Frau und überhaupt jedem weiblichen Geschöpf eine Wonne geschenkt hat, die für alle daraus erwachsenden Leiden einen Ausgleich bietet? Welcher Mann würde sich auch nur ein einziges Mal dem Genuß der Liebe hingeben, so süß er ihm auch sein mag, wenn er sich dadurch der Gefahr aussetzte, neun Monate lang schwanger zu sein und dann eine Niederkunft zu haben, die stets mehr oder weniger schmerzhaft ist und zuweilen tödlich verläuft? Die Frau setzt sich dieser Gefahr aus, und sie tut es sogar wiederholt, nachdem sie diese schmerzliche Erfahrung gemacht hat. Sie findet also, daß der Genuß des Schmerzes wert ist; folglich muß ihr Genuß viel größer sein als der des Mannes. Wenn ich mich trotzdem frage, ob ich als Weib wiedergeboren werden möchte, so sage ich zu mir selber nein, so wollüstig ich auch bin, denn ich habe Freuden, die das Weib nicht kennt, und die mich veranlassen, mein Geschlecht vorzuziehen. Nichtsdestoweniger würde ich, wenn ich den Vorzug haben könnte, noch einmal wiedergeboren zu werden, mich gern einverstanden erklären, nicht nur als Weib, sondern sogar als Tier irgendwelcher Art wiedergeboren zu werden; selbstverständlich mit meinem Gedächtnis; denn sonst wäre ich ja nicht mehr ich. Auf der Balbazos-Promenade aßen wir Eis; hierauf fuhren meine beiden jungen Damen mit mir nach Hause; sie waren sehr zufrieden mit dem Vergnügen, das ich ihnen an diesem Tage verschafft hatte, ohne den lieben Gott zu beleidigen. Doña Ignazia war entzückt, mit mir den ganzen Tag verbracht zu haben, ohne daß ich etwas gegen sie unternommen hätte; offenbar fürchtete sie jedoch, ich würde mich beim Abendessen nicht in denselben Grenzen halten, und bat mich daher, ihre Cousine einzuladen, mit uns zu speisen. Ich war damit einverstanden, und sogar mit Vergnügen. Diese Cousine, die ebenso dumm wie häßlich war, hatte ein gutes Herz und besaß die ausgezeichnete Eigenschaft, mitfühlend zu sein. Da ich wußte, daß Doña Ignazia ihr alles anvertraut hatte, was zwischen uns vorgefallen war, so war es mir nicht unlieb, daß sie bei unseren Unterhaltungen zugegen war: sie konnte mir nicht lästig werden, und Doña Ignazia glaubte, ich würde in ihrer Anwesenheit nichts unternehmen. Es war bereits ein drittes Gedeck aufgelegt worden, als ich jemanden die Treppe hinaufkommen hörte. Es war der Vater, und ich lud ihn ein, mit uns zu essen. Ich glaube, bereits gesagt zu haben, daß Don Diego liebenswürdig war; besonders aber ergötzte er mich durch seine Lebensweisheiten auf dem Gebiete der Moral. Er hatte die Marotte, sich mit seinem Vertrauen brüsten zu wollen. Er wußte oder ahnte doch zum mindesten, daß ich seine Tochter liebte; aber er glaubte, es geschehe in allen Ehren, sei es, daß er sich auf meine Redlichkeit verließ, oder daß er seine Tochter durch ihre Frömmigkeit gepanzert glaubte. Ich bin stets der Meinung gewesen, daß er gekränkt gewesen wäre und ihr nicht erlaubt haben würde, mit mir unter vier Augen beisammen zu sein, wenn er geahnt hätte, was bereits zwischen uns vorgefallen war. Bei Tisch saß er neben seiner Nichte und gegenüber seiner Tochter, die mir zur Rechten saß; er bestritt zu einem guten Teil die Kosten der Unterhaltung; denn der Spanier ist zwar ernst, aber beredt, und seine reiche, pomphafte Sprache macht ihm die Beredsamkeit leicht. Es war sehr warm, und da ich gerne mir selber es bequem machen wollte, so forderte ich ihn auf, seinen Rock auszuziehen und auch seine Tochter es sich bequem machen zu lassen, wie wenn sie mit ihm und seiner Frau allein wäre. Ohne sich lange bitten zu lassen, nahm Doña Ignazia ihr Halstuch ab und entblößte ihren schönen Busen; aber es kostete viele Mühe, bis ihre arme Cousine sich entschloß, uns ihre schwarze Haut und ihre Knochen sehen zu lassen. Doña Ignazia erzählte ihrem Vater, wie viel Vergnügen die Anbetung Unserer lieben Frau von Atocha und der Spaziergang auf der Balbazos-Promenade ihr gemacht habe, und sagte ihm schließlich, sie habe die Herzogin von Villadorias gesehen, die mich eingeladen habe, sie zu besuchen. Dies veranlaßte den biederen Don Diego über die Krankheit der Dame zu philosophieren und zu scherzen. Er erzählte viele Einzelheiten, über die wir lange Betrachtungen anstellten; die beiden Mädchen taten so, wie wenn sie nichts davon verständen. Der gute Manchaer Wein hielt uns bis ein Uhr bei Tische, und uns allen war die Zeit kurz vorgekommen. Don Diego sagte seiner Nichte, sie könnte mit seiner Tochter in der Kammer schlafen, worin wir uns befänden, denn das Bett wäre breit genug für zwei, während das Bett der Doña Ignazia zu eng wäre, besonders bei der sehr heißen Nacht. Ich beeilte mich hinzuzufügen, daß die jungen Damen durch die Annahme dieses Vorschlages mir eine Ehre erwiesen; Doña Ignazia erwiderte jedoch errötend, es sei nicht schicklich, denn das Zimmer sei von dem meinigen nur durch eine Glastüre getrennt. Auf diesen Einwurf sah ich Don Diego mit einem Lächeln an, und der brave Mann, dem stets viel daran lag, mir einen hohen Begriff von seinem Geiste zu geben, begann auf die lächerlichste Art auf seine Tochter einzureden. Er sagte ihr: »Señor Don Jaime muß mindestens zwanzig Jahre älter sein als du. Durch diesen Verdacht hast du eine größere Sünde begangen, als wenn du dich zu irgendeiner kleinen verliebten Gefälligkeit herbeigelassen hättest. Ich bin überzeugt, am Sonntag wirst du vergessen, dich des Verbrechens anzuklagen, daß du Don Jaime eine unehrenhafte Handlungsweise zugetraut hast.« Doña Ignazia sah mich zärtlich an, bat mich um Verzeihung und sagte mir, sie werde tun, wie es ihr Vater wolle. Die Cousine sagte nichts. Der Vater küßte seine Tochter auf die Stirn, wünschte mir gute Nacht und entfernte sich, sehr zufrieden mit seiner Rednergabe. Ich dachte mir, daß Ignazia irgendeinen Angriff von meiner Seite erwartete, und da ich überzeugt war, daß sie sich einen Widerstand vorgenommen hatte, mit dem sie sich vor ihrer Cousine brüsten konnte, und der mich geschmerzt haben würde, so beschloß ich, sie ganz und gar in Ruhe zu lassen, und ging zu Bett. Am anderen Morgen stand ich jedoch um sechs Uhr auf in der Hoffnung, ihr irgendeinen kleinen Streich spielen zu können. Als ich aber in das Zimmer trat, fand ich das Bett bereits gemacht und die Vögel ausgeflogen. Da es der dritte Feiertag war, so zweifelte ich nicht, daß sie in die Soledad zur Messe gegangen wären. Um zehn Uhr kam Doña Ignazia allein zurück. Sie fand mich allein, vollständig angezogen und mit Schreiben beschäftigt. Sie sagte mir, sie sei drei Stunden in der Kirche gewesen, und ihre Cousine, die sie begleitet habe, sei eben erst zu ihrer Mutter zurückgekehrt. »Ich vermute, Sie sind zur Beichte gegangen?« »Nein, ich war Sonntag zur Beichte und werde erst am nächsten Sonntag wieder hingehen.« »Ich bin entzückt, daß Ihre Beichte nicht meinetwegen länger sein wird.« »Sie täuschen sich.« »Wie, ich täusche mich? Ach so, ich verstehe. Aber hören Sie, ich will nicht, daß wir beide wegen einfacher Begierden unser Seelenheil verscherzen. Ich bin nicht zu Ihnen gekommen, um Sie zu quälen, und ebensowenig, um selber Märtyrer zu werden. Was Sie mir bewilligt haben, hat mich ganz und gar in Sie verliebt gemacht, und ich schaudere bei dem Gedanken, daß meine und Ihre Zärtlichkeiten zum Gegenstande Ihrer Reue geworden sind. Ich habe eine sehr schlechte Nacht verbracht, und ich muß auf meine Gesundheit acht geben. Ich werde versuchen, Sie zu vergessen, aber dazu ist vor allen Dingen notwendig, daß ich Sie nicht mehr sehe. Ich werde die Wohnung bei Ihnen behalten, aber schon morgen ziehe ich anderswohin. Wenn Ihr religiöses Gefühl aufrichtig ist, so müssen Sie meinem Plan beistimmen. Teilen Sie ihn am Sonntag Ihrem Beichtvater mit, und Sie werden sehen, daß er ihn billigen wird.« »Was Sie da sagen, ist wahr; aber ich kann nicht einwilligen. Es steht Ihnen frei, sich von mir zu entfernen; ich werde es schweigend dulden, werde meinen Vater reden lassen, aber ich werde das unglücklichste Geschöpf in ganz Madrid sein.« Während sie diese Worte sprach, rollten zwei dicke Tränen über ihre Wangen. Sie schlug die Augen nieder; ich fühlte mich tief bewegt und sagte: »Ich liebe Sie, schöne Ignazia, und ich hoffe, die Leidenschaft, die Sie mir eingeflößt haben, wird mich nicht zur Hölle verdammen. Ich kann Sie nicht sehen, ohne Sie zu lieben, und da ich Sie liebe, so zwingt die Natur mich, Ihnen meine Liebe deutlich zu bekunden: dies ist für mein Glück notwendig. Sie sagen: wenn ich gehe, so werden Sie unglücklich sein. Ich kann mich nicht entschließen. Sie unglücklich zu machen; aber wenn ich bleibe, so werde ich unglücklich sein, falls Sie nicht eine andere Haltung einnehmen. Ich bin sogar sicher, daß es mir meine Gesundheit kosten wird. Sagen Sie mir jetzt, was ich tun soll! Soll ich gehen oder bleiben? Wählen Sie!« »Bleiben.« »Sie werden also lieb und zärtlich sein, wie Sie es, vielleicht zu meinem Unglück, bereits waren.« »Ach, ich habe es bereuen und Gott versprechen müssen, nicht wieder in dieselbe Sünde zu verfallen. Ich bitte Sie zu bleiben, weil ich überzeugt bin, in acht oder zehn Tagen werden wir uns dermaßen aneinander gewöhnen, daß ich Sie nur noch wie einen Vater lieben werde und daß Sie in mir nur eine Tochter oder eine Schwester sehen werden, die Sie in Ihre Arme schließen können, ohne daß Sie dabei irgendwie an Liebe zu denken brauchen.« »Und Sie sagen. Sie sind dessen sicher?« »Ja, mein lieber Freund, sehr sicher.« »Sie täuschen sich.« »Gestatten Sie mir, mich zu täuschen. Wollen Sie es mir glauben? Es macht mir ein Vergnügen, mich zu täuschen.« »Unglückselige Frömmigkeit!« »Warum unglückselig?« »Nichts, meine liebe Freundin; ich würde zu weitschweifig werden und vielleicht Gefahr laufen ... Ach, sprechen wir nicht mehr davon! Ich werde bei Ihnen bleiben.« Ich ging aus. Der Zustand des armen Mädchens betrübte mich mehr als mein eigener, und ich fühlte, daß ich mich bemühen müßte, sie zu vergessen. »Denn,« sagte ich bei mir selber, »selbst wenn es mir gelingen sollte, sie noch einmal durch eine Überraschung zu besitzen oder nachdem ich sie durch meine Worte in Feuer gesetzt hätte, so würde bald wieder der Sonntag da sein, und eine neue Beichte würde sie wieder störrisch und widerhaarig machen. Sie gestand, daß sie mich liebte, aber sie schmeichelte sich, ihre Liebe bändigen zu können, indem sie mich nach wie vor sähe und sich zusammennähme. Ein solcher Wunsch und solche wahnsinnige Hoffnung kann nur in einer ehrlichen Seele vorhanden sein, wenn diese sklavisch einem Vorurteil gehorcht, das ihr als ein Verbrechen zeigt, was naturgemäß kein Verbrechen sein kann.« Zum Mittag kam ich nach Hause; Don Diego glaubte mir eine Aufmerksamkeit zu erweisen, indem er mit mir aß; seine Tochter erschien erst beim Nachtisch. Ich bat sie höflich, aber mit trauriger und kalter Miene, sie möchte Platz nehmen. Ihr Vater fragte sie spöttisch, ob ich vielleicht in der Nacht aufgestanden wäre und sie in ihrem Bett besucht hätte. »Ich habe Don Jaime durch keinen Verdacht beleidigt«, antwortete sie ihm; »und wenn ich Einwendungen machte, so geschah dies nur infolge meiner gewöhnlichen Zurückhaltung.« Ich unterbrach sie, indem ich ihre Bescheidenheit lobte und ihr sagte, sie würde recht haben, sich vor mir in acht zu nehmen, wenn die Gesetze der Pflicht nicht stärker wären als die Wünsche, die ihre Schönheit mir einflößte. Don Diego fand diese Liebeserklärung erhaben und der alten Tafelrunde würdig. Seine Tochter antwortete ihm, ich machte mich über sie lustig; er erwiderte ihr jedoch, er sei überzeugt, daß sie sich irrte, und er glaube, ich habe sie schon gekannt, bevor ich zu ihm gekommen sei und sie zum Ball eingeladen habe. »Ich schwöre Ihnen, Sie irren sich!« erwiderte Doña Ignazia ziemlich feurig. »Sie schwören falsch, Señora, Ihr Vater weiß mehr als Sie.« »Wie? Sie hätten mich gesehen? Wo denn?« »In der Soledad, wo Sie eben das Abendmahl genommen hatten, und ich die Messe hörte. Als Sie mit Ihrer Cousine hinausgingen, folgte ich Ihnen von weitem. Das übrige können Sie erraten.« Sie war sprachlos; ihr Vater triumphierte und freute sich seines Scharfblickes. »Ich gehe zum Stiergefecht«, sagte mein Wirt zu mir; »es ist ein schöner Tag, ganz Madrid wird dort sein; man muß früh hingehen, um einen guten Platz zu finden. Sie haben dieses herrliche Schauspiel nie gesehen? Ich rate Ihnen, hinzugehen. Und du, liebe Tochter, bitte den Señor Don Jaime, dich mitzunehmen.« »Wäre meine Gesellschaft Ihnen angenehm?« fragte sie mich mit zärtlicher Miene. »Daran können Sie nicht zweifeln, Doña Ignazia, aber ich stelle die Bedingung, daß Ihre Cousine Sie begleitet, denn ich bin in sie verliebt.« Don Diego lachte laut heraus, seine Tochter aber sagte ein bißchen boshaft: »Das ist nicht unmöglich.« Wir gingen also hin, um uns dieses prachtvolle und barbarische Schauspiel anzusehen, das alle Spanier entzückt. Die beiden Mädchen setzten sich auf die Vorderplätze der einzigen Loge, die noch zu haben war, und ich saß hinter ihnen auf der zweiten Sitzbank, die anderthalb Fuß höher war als die erste. Es waren bereits zwei Damen da, und die eine von ihnen war die berühmte Herzogin von Villadorias. Ich mußte unwillkürlich lachen. Sie saß vor mir, so daß ihr Kopf ungefähr zwischen meinen Beinen sich befand. Sie erkannte mich und wünschte sich Glück zu dem Zufall, der uns in Kirche und bei Schauspielen zusammenbrächte; hierauf betrachtete sie Doña Ignazia, die neben ihr saß, äußerte mir in französischer Sprache ihre Bewunderung ihrer Schönheit und fragte mich, ob sie meine Frau oder meine Geliebte sei. Ich antwortete ihr, es sei eine Schönheit, um die ich vergebens seufze. Sie sagte mir lächelnd: in diesem Punkte sei sie ungläubig; hierauf wandte sie sich zu Ignazia und machte die reizendsten Bemerkungen über die Liebe, in der sie ihr die gleiche Erfahrung zutraute wie sich selber. Schließlich sagte sie ihr etwas ins Ohr. Ignazia errötete. Die Herzogin wurde feurig und sagte mir, ich hätte mir das schönste Mädchen in ganz Madrid ausgesucht; sie wolle gar nicht wissen, wer sie sei, aber sie werde sich freuen, wenn ich mit dem reizenden Mädchen bei ihr in ihrem Landhause speise. Ich versprach es ihr, da es eben nicht anders ging. Doch ersparte ich es mir, den Tag festzusetzen. Indessen nötigte sie mich zu dem Versprechen, sie am nächsten Tage um ein Uhr zu besuchen. Ich bekam einen Schreck, als sie mir sagte, sie werde allein sein; denn dieses Wort bedeutete ein Stelldichein in aller Form. Sie war hübsch, aber zu bekannt; es wäre über meinen Besuch zu viel geredet worden. Zum großen Glück begann das Stiergefecht, und damit wurde allgemeines Schweigen unerläßlich; denn die Spanier sind für dieses Schauspiel so leidenschaftlich begeistert, daß sie sich durch nichts davon ablenken lassen. Man hat von diesen Stierkämpfen so viel gesprochen, daß ich meine Leser nicht durch eine Beschreibung ermüden will. Es möge genügen, wenn ich sage, daß sie eine Barbarei sind, die den Sitten eines Volkes nur schädlich sein kann; denn die Arena ist zuweilen ganz überströmt von dem Blute der Stiere, der Pferde, denen sie den Bauch aufgeschlitzt haben, und oft sogar der unglücklichen Picadores, deren Geschäft und Vergnügen es ist, die wütenden Stiere noch mehr zu reizen. Sie haben keine anderen Verteidigungsmittel als eine kleine rote Fahne, womit sie den sie verfolgenden Tieren eine andere Richtung geben, indem sie sie ihnen hinwerfen, während sie selber so schnell wie möglich nach einer anderen Stelle laufen oder mit großer Gelenkigkeit über die hohe Schranke springen. Als das Stiergefecht zu Ende war, brachte ich die beiden Mädchen, die mir tausendmal dankten, nach meiner Wohnung und lud die Cousine zum Abendessen ein, indem ich darauf rechnete, daß sie wie am Tage vorher dableiben und mit ihrer Cousine zusammen schlafen werde. Wir aßen, aber wir waren traurig; denn Don Diego aß außerhalb des Hauses, und ich war in so schlechter Laune, daß ich mir keine Mühe geben mochte, die Mahlzeit zu erheitern. Doña Ignazia wurde nachdenklich, als ich auf ihre Frage, ob ich die Herzogin wirklich besuchen würde, ihr antwortete: »Ich würde gegen alle Gebote der Schicklichkeit verstoßen, wenn ich nicht hinginge. Wir werden auch eines Tages nach ihrem Landhause hinausfahren.« »Oh, rechnen Sie nur nicht auf mich!« »Warum denn nicht?« »Weil sie wahnsinnig ist. Sie flüsterte mir Bemerkungen ins Ohr, die mich beleidigt haben würden, wenn ich mir nicht gesagt hätte, daß sie mir eine Ehre zu erweisen glaubte, indem sie mich wie ihresgleichen behandelte.« Wir standen vom Tisch auf, und nachdem ich meinen Bedienten fortgeschickt hatte, setzten wir uns auf den Balkon, um auf Don Diego zu warten und einen leichten kühlen Wind zu genießen, der bei solcher Hitze köstlich ist. Wir saßen nebeneinander auf den Fliesen. Von Liebe befeuert und von der geheimnisvollen Dunkelheit erregt, die die Liebenden gegen lästige Blicke schützt, ohne sie zu verhindern, einander zu sehen, blickten wir uns verliebt an, und ich las in Ignazias Augen, daß die Schäferstunde da war. Ich legte meinen Arm um sie und drückte meine Lippen auf ihren Mund. Das süßeste Zittern verriet mir, von welchem Feuer ihre Seele verzehrt wurde. »Wirst du zur Herzogin gehen?« »Nein, mein Herz, ich werde nicht gehen, wenn du mir versprichst, Sonntag nicht zu deinem Beichtvater zu gehen.« »Aber was wird er sagen, wenn ich nicht komme?« »Nichts – vorausgesetzt, daß er sein Geschäft versteht. Aber laß uns einmal vernünftig darüber sprechen!« Wir saßen so dicht aneinandergepreßt, daß die Cousine, die sich wohl dachte, was kommen könnte, als gutes, teilnehmendes Mädchen an das andere Ende des Balkons ging und uns den Rücken zudrehte. Ohne mich zu rühren, ohne die Stellung zu ändern, und mich gewaltsam jeder Bewegung enthaltend, so schwer mir dies auch wurde, fragte ich sie, ob sie in diesem Augenblick geneigt sei, die Sünde zu bereuen, die sie zu begehen geneigt sei. »Ich denke in diesem Augenblick nicht an meine Beichte; aber wenn du mich daran erinnerst, werde ich ganz gewiß beichten.« »Und wenn du gebeichtet hast – wirst du dann fortfahren, mich zu lieben wie in diesem Augenblick?« »Ich hoffe, Gott wird mir die Kraft geben, ihn nicht mehr zu beleidigen.« »Ich versichere dir, Gott wird dir diese Kraft nicht geben, wenn du fortfährst, mich zu lieben. Ich bin überzeugt, du wirst dein möglichstes tun, um Gottes Gnade zu verdienen, und so sehe ich voraus, daß du mir Dienstag Abend das Glück verweigern wirst, das du mir zu bewilligen in diesem Augenblick bereit bist.« »Ach, das ist nur zu wahr, mein lieber Freund; aber warum sollen wir in diesem Augenblick daran denken?« »Weil ich meine Liebe und die deinige vermehre, wenn ich mich jetzt dem süßesten Genusse hingebe, und weil ich dann später unglücklich sein würde, wenn ich dich nicht jeden Tag besitzen könnte. Versprich mir also, während der ganzen Zeit, die ich noch in Madrid bleibe, nicht zur Beichte zu gehen, oder laß mich in diesem Augenblick mich selber zum Unglücklichsten aller Menschen machen, indem ich mich zurückziehe; denn ich kann mich mit gutem Gewissen nicht der Liebe überlassen, wenn ich an den Kummer denke, den dein Widerstand mir am Sonntag bereiten würde.« Während ich ihr diese in unserer Lage sehr grausamen Worte sagte, schloß ich sie zärtlich in meine Arme, indem ich sie in überströmender Liebe mit allen möglichen Liebkosungen überhäufte; bevor ich jedoch zur entscheidenden Handlung schritt, fragte ich sie von neuem, ob sie mir verspreche, am nächsten Sonntag nicht zu beickten. »Oh, wie grausam sind Sie in diesem Augenblick, mein lieber Freund! Sie machen mich unglücklich; denn dieses Versprechen kann ich mit gutem Gewissen Ihnen nicht geben.« Als ich diese Antwort vernahm, die ich erwartet hatte, hielt ich mich vollkommen unbeweglich; obwohl ich sicher war, sie für den Augenblick unglücklich zu machen. Denn ich mußte sie zur Verzweiflung bringen, indem ich bei dem Zustande höchster Erregung, worin sie sich befand, das Werk nicht zu Ende brachte. Ich litt ebenfalls viel; denn ich befand mich auf der Schwelle des Tempels, und eine einzige Bewegung würde genügt haben, um in das Heiligtum hineinzugelangen. Aber ich war gewiß, daß die Entbehrung für sie noch viel größer war als für mich, und daß sie nicht lange widerstehen würde. Doña Ignazia war in der Tat in Verzweiflung; ich hatte sie nicht zurückgestoßen, aber ich verhielt mich vollständig untätig. Da die Schamhaftigkeit sie verhinderte, offen das Werk der Liebe zu begehren, so verdoppelte sie ihre Liebkosungen, drängte sich in der bequemsten Stellung an mich heran und warf mir zugleich vor, daß meine Handlungsweise eine grausame wäre, nachdem ich sie verführt hätte. Ich weiß nicht, ob ich mich hätte halten können; aber in diesem Augenblick drehte die Cousine sich um und sagte uns, Don Diego komme nach Hause. Schnell brachten wir unsere Kleider in Ordnung und nahmen eine anständige Stellung ein. Die Cousine setzte sich neben uns; Don Diego ließ uns nach einigen Komplimenten im Dunkeln allein, indem er uns gute Nacht wünschte. Ich hätte wieder anfangen können; aber, hartnäckig meinem Plane getreu, wünschte ich mit der traurigsten Miene den beiden Mädchen eine gute Nachtruhe und legte mich zu Bett. Ich hoffte, Doña Ignazia würde vielleicht Reue empfinden und mir Gesellschaft leisten, sobald ihre Cousine eingeschlafen wäre; aber sie kam nicht. Sie verließen das Zimmer am Morgen in aller Frühe. Mittags kam Don Diego herunter, um mit mir zu speisen; er sagte mir, seine Tochter habe so starke Kopfschmerzen, daß sie nicht einmal zur Messe gegangen sei; jetzt sei sie eingeschlummert. »Man muß sie überreden, etwas zu essen.« »Im Gegenteil, das Fasten wird ihr gut tun, und heute Abend wird sie mit Ihnen essen können.« Sobald ich meine Siesta gehalten hatte, ging ich zu ihr und setzte mich neben ihr Bett. Drei Stunden hindurch sagte ich ihr alles, was ein Liebhaber wie ich einem Mädchen sagen kann, das erst bekehrt werden muß, um glücklich zu werden. Sie hielt die Augen geschlossen, sprach kein Wort und seufzte, wenn ich irgend etwas Rührendes sagte. Ich verließ sie, um einen Spaziergang auf dem Prado San Jeronimo zu machen. Beim Abschied sagte ich ihr: wenn sie nicht herunterkäme, um mit mir zu Abend zu essen, so wäre das ein Beweis, daß sie mich nicht mehr sehen wollte. Die Drohung tat ihre Wirkung. Sie setzte sich zu Tisch, als ich schon nicht mehr auf ihr Kommen hoffte, aber sie war bleich und verstört. Sie aß wenig und sprach nicht; denn ihre Überzeugung stand fest, und sie wußte nicht, was sie mir sagen sollte. Von Zeit zu Zeit benetzte eine Träne ihre Wimper. Ich sah, daß sie litt, und war tief bewegt. Bevor sie wieder nach oben ging, fragte sie mich, ob ich bei der Herzogin gewesen sei. Ihre Traurigkeit verminderte sich ein wenig, als ich ihr antwortete: »Nein, ich bin nicht dagewesen; hiervon kann Filippo Sie überzeugen, denn er hat der Dame einen Brief überbracht, worin ich sie gebeten habe, mich zu entschuldigen, wenn ich ihr heute nicht meinen Besuch machen könne.« »Aber werden Sie an einem anderen Tage hingehen?« »Nein, mein Herz; denn ich sehe, daß das Ihnen Schmerz machen würde.« Sie stieß einen Seufzer der Genugtuung aus; ich umarmte sie sanft, und sie ging hinaus, indem sie mich ebenso traurig zurückließ, wie sie selber war. Ich sah wohl, daß das, was ich von ihr verlangte, viel zu viel war; aber ich durfte trotzdem mit Grund hoffen, sie zur Vernunft zu bringen, denn ich wußte, wie heiß ihre Liebesglut war. Ich wollte sie nicht dem lieben Gott abspenstig machen, sondern ihrem Beichtvater. Wäre sie nicht katholisch gewesen, so hätte ich am ersten Tage gesiegt. Sie hatte mir gesagt, sie wäre ihrem Beichtvater gegenüber in Verlegenheit, wenn sie nicht mehr zur Beichte ginge. Von Redlichkeit und hohem spanischen Ehrgefühl erfüllt, konnte sie sich nicht entschließen, ihren Beichtvater zu betrügen, ebensowenig aber, ihre Liebe mit ihrer vermeintlichen religiösen Pflicht in Einklang zu bringen. Sie tat recht daran, daß sie so dachte. Der Freitag und der Sonnabend vergingen, ohne daß sie eine Wendung brachten. Ihr Vater, dem es nicht entgehen konnte, daß wir uns liebten, der aber auf ihre Tugend und wohl auch auf meine Redlichkeit rechnete, ließ uns miteinander zu Mittag und zu Abend essen. Er selber kam fast nur herunter, wenn ich ihn eigens bitten ließ. Doña Ignazia verließ mich am Sonnabend trauriger als gewöhnlich; sie wandte den Kopf ab, als ich ihr wie jeden Abend einen Kuß geben wollte, durch den ich sie, so kam es mir vor, meiner Treue versicherte. Ich sah, warum sie sich so benahm: sie sollte am nächsten Tag das Abendmahl empfangen. Ich bewunderte unwillkürlich die Aufrichtigkeit ihrer Seele, und ich beklagte sie, denn ich erriet, welchen Kampf die beiden entgegengesetzten Leidenschaften in ihrem Herzen führen mußten. Ich begann Furcht zu hegen und zu bereuen, daß ich alles aufs Spiel gesetzt hatte, anstatt mich mit einer anständigen Teilung zu begnügen. Um mich mit eigenem Auge zu überzeugen, stand ich am Sonntag in aller Frühe auf und verließ nach ihr das Haus. Ich wußte, daß sie ihre kleine Cousine abholen würde, und ging daher nach der Soledad voraus. Ich stellte mich an die Tür der Sakristei, von wo aus ich alles sehen konnte, ohne selber gesehen zu werden. Ich wartete eine Viertelstunde auf die beiden Cousinen. Sie kamen, knieten einige Augenblicke nieder und trennten sich dann, um eine jede zu ihrem Beichtvater zu gehen. Da die Cousine mich durchaus nicht interessierte, so beschäftigte ich mich nur mit Doña Ignazia. Ich sah sie in den Beichtstuhl eintreten und den Beichtvater sich zu ihr wenden. Ich wartete geduldig, und ich hatte allerdings viel Geduld nötig; oenn diese Beichte nahm gar kein Ende. Was sagt sie ihm? Was sagt er ihr? dachte ich bei mir selber, als ich sah, daß der Beichtvater von Zeit zu Zeit mit ihr sprach. Ich konnte es nicht mehr aushalten und war schon auf dem Sprunge, mich zu entfernen, als ich sie endlich aufstehen sah. Doña Ignazia sah wie eine Heilige aus; mit gesenkten Augen kniete sie nicht weit von mir nieder, aber ich konnte sie von meinem Platz aus nicht mehr sehen. Ich glaubte, sie wollte die Messe hören, die vor einem Altar in ihrer Nähe gelesen wurde, und würde nach Beendigung derselben vor den Hauptaltar treten, um das Abendmahl zu empfangen. Aber es kam anders: als die Messe zu Ende war, ging sie nach der Türe zu, wo ihre Cousine auf sie wartete, und die beiden Mädchen verließen die Kirche. Diese Wahrnehmung versetzte mich in große Aufregung. Ich empfand beinahe Gewissensbisse und sagte bei mir selber: »Es ist aus. Aufrichtig, fromm und zugleich leidenschaftlich verliebt, wird das arme Mädchen ehrlich gebeichtet, wird das Gefühl gestanden haben, das sie beseelt, und der Priester, der pflichtgemäß, ein grausamer Barbar ist und außerdem vielleicht sich in gutem Glauben befindet, wird ihr die Absolution verweigert haben. Alles ist verloren! Was wird nun kommen? – Meine eigene Ruhe und die des jungen Mädchens, das ein Opfer seiner Frömmigkeit und seiner Liebe ist, verlangen, daß ich mich entferne. – Daß ich doch auch mit meiner unglücklichen, dummen Lebenserfahrung alles an alles gesetzt habe! Der spanische Charakter ist zu sonderbar; er kann nicht nach dem Muster anderer Völker beurteilt werden. – Ich hätte sie ab und zu durch Überraschung besessen; die Schwierigkeit hätte die Intrige noch pikanter gemacht. Ich bin eingebildet gewesen, wie ein zwanzigjähriger Jüngling; darum habe ich alles verloren. – Heute beim Mittagessen werde ich sie traurig sehen; sie wird weinen. Dieser Qual muß ich ein Ende machen.« Unter solchen Selbstgesprächen ging ich sehr traurig und sehr unzufrieden mit mir selber nach Hause. Mein Friseur wartete auf mich; ich schickte ihn fort und sagte meiner Biskayerin, sie solle mein Mittagessen nicht früher auftragen, als bis ich es befehle. Um meinen Kummer zu verschlafen, legte ich mich wieder zu Bett und lag bis ein Uhr in tiefem Schlaf wie ein Toter. Nachdem ich aufgestanden war, befahl ich das Essen aufzutragen und dem Vater und der Tochter Bescheid zu sagen, daß ich sie erwarte. Man denke sich meine Überraschung, als ich Doña Ignazia in spanischer Tracht erscheinen sah: sie trug ein Mieder von schwarzem Samt mit Schleifen und Litzen an allen Nähten. Es gibt in ganz Europa keine schönere Kleidung, wenn sie von einem schönen Weibe getragen wird. Als ich sie so hübsch sah, konnte ich mich nicht mehr enthalten, ihr über die heitere Ruhe, die auf ihren Zügen lag, ein Kompliment zu machen. Sie antwortete mir mit einem süßen Lächeln; ich vergaß, daß sie mir am Tage vorher einen Kuß verweigert hatte, und umarmte sie, und sie war sanft wie ein Lamm. Filippo trat ein, und wir setzten uns zu Tisch. Ich dachte über die unverhoffte Änderung nach und sah, daß meine schöne Spanierin den Graben übersprungen und ihren Entschluß gefaßt hatte. »Ich werde glücklich sein,« sagte ich zu mir selber, »aber tun wir nichts, und lassen wir sie von selber kommen.« Ich verbarg jedoch nicht die Zufriedenheit, von der meine Seele erfüllt war, sondern sprach mit ihr von Liebe, so oft mein Bedienter uns allein ließ; ich sah, daß sie nicht nur in behaglicher Stimmung war, sondern von Liebe glühte. Bevor wir vom Tisch aufstanden, fragte sie mich, ob ich sie noch liebte. »Mehr denn je, mein Herz! Ich bete dich an!« »So führe mich doch zum Stiergefecht!« »Schnell den Friseur!« Nachdem ich frisiert war, machte ich auf das sorgfältigste Toilette; ich zog einen seidenen Rock mit Lyoner Stickerei an, den ich noch nicht ein einziges Mal getragen hatte. Vor Ungeduld glühend gingen wir zu Fuß hin, um uns nicht durch das Warten auf den Wagen zu verspäten; denn ich fürchtete, wir würden keinen guten Platz mehr finden. Wir erhielten zwei Plätze in einer großen und schönen Loge und setzten uns nebeneinander. Ignazia warf einen schnellen Blick auf die anderen Insassen der Loge und sagte mir, sie sei recht glücklich, daß ich nicht neben der scheußlichen Herzogin sitze. Es war ein herrliches Wetter. Als das Stiergefecht zu Ende war, bat meine Schöne mich, sie nach dem Prado zu führen, wo wir die ganze galante Welt von Madrid fanden. Doña Ignazia ging an meinem Arm und schien stolz darauf zu sein, mir anzugehören. Ich war vor Freude ganz selig. Plötzlich sahen wir vor uns den venetianischen Gesandten und seinen Günstling Manucci. Sie waren an demselben Tage von Aranjuez gekommen, aber ich wußte das noch nicht. Nachdem wir uns mit vollem spanischen Anstand begrüßt hatten, machte der Botschafter mir das schmeichelhafte Kompliment über die Schönheit meiner Begleiterin. Doña Ignazia tat, wie wenn sie nichts verstände, aber sie drückte mir den Arm mit jenem unmerklichen Zartgefühl, das eine hervorragende Eigenschaft der Spanier ist. Nachdem sie ein Stückchen mit uns spazieren gegangen waren, sagte Herr von Mocenigo zu mir, er hoffe, ich werde ihm das Vergnügen machen, am nächsten Tage bei ihm zu speisen. Ich antwortete ihm durch eine Neigung des Kopfes auf französische Art, und wir trennten uns. Nachdem wir Gefrorenes gegessen hatten, gingen wir in der Dämmerung nach Hause. Unterwegs bereitete ein sanfter Druck des Armes mich auf das Glück vor, das meiner harrte. Wir fanden den Vater auf dem Balkon; er hatte auf uns gewartet, und nachdem er mich herzlich begrüßt hatte, machte er seiner Tochter ein Kompliment über ihre gute Laune und über das Vergnügen, dessen sie in Gesellschaft eines so eleganten Kavaliers wie des Don Jaime genossen hat. Entzückt von dem fröhlichen Humor des guten Papas lud ich ihn ein, mit uns zu Abend zu speisen. Er nahm meine Einladung an und unterhielt uns durch hundert Anekdötchen, durch hübsche galante Geschichtchen, bei deren Erzählung sein schöner Charakter so recht zutage trat. Beim Abschied aber sagte der wackere Mann zu mir: »Amigo, Senor Don Jaime, ich lasse Sie hier, um auf dem Balkon mit meiner Tochter die frische Nachtluft zu genießen. Ich bin entzückt, daß Sie Ignazia lieben, und versichere Ihnen, daß es nur bei Ihnen steht, mein Schwiegersohn zu werden, sobald ich sagen kann, daß ich Ihres Adels sicher bin.« Ich habe seine Ausdrücke getreulich wiedergegeben; unmöglich aber kann ich den edlen spanischen Ernst wiedergeben, womit sie gesprochen wurden. Sobald er fort war, sagte ich zu seiner Tochter: »Ich wäre überglücklich, meine reizende Freundin, wenn dieses sein könnte; aber in meiner Heimat nennt man Adlige nur diejenigen, die durch ihre Geburt das Recht haben, den Staat zu lenken. Wäre ich in Spanien geboren, so wäre ich adlig. Aber wie ich auch bin, – ich bete dich an, und ich darf hoffen, daß du mich glücklich machen wirst.« »Ja, mein lieber Freund, ganz und gar! Aber auch ich will mit dir glücklich sein. Keine Untreue!« »Niemals! Darauf gebe ich dir mein Ehrenwort.« »So komm, mein Herz, corazon mio, laß uns die Balkontür schließen.« »Nein; laß uns die Kerze auslöschen und noch ein Viertelstündchen hier bleiben. Sage mir, mein Engel, woher kommt mir dieses Glück, auf das ich nicht mehr zu hoffen wagte?« »Wenn es ein Glück ist, so verdankst du es einer Tyrannei, die mich zur Verzweiflung bringen wollte. Gott ist gut, und ich bin überzeugt, er will nicht, daß ich mein eigener Henker werde. Als ich meinem Beichtvater sagte, es sei mir ebenso unmöglich, dich nicht mehr zu lieben, wie es mir unmöglich sei, mit dir eine geschlechtliche Ausschweifung zu begehen – da antwortete er mir, ich könne nicht dieses Vertrauen zu mir haben, da ich bereits einmal schwach gewesen sei. Hierauf verlangte er, ich sollte ihm versprechen, niemals wieder mit dir unter vier Augen zu sein. Ich sagte ihm, dies könnte ich ihm nicht versprechen, und hierauf verweigerte er mir die Absolution. Dieser Schimpf widerfuhr mir zum ersten Male in meinem Leben, aber ich habe ihn mit einer Geisteskraft getragen, die ich mir nicht zugetraut hätte. Ich habe mich in Gottes Hände gegeben und gesagt: \>Herr, dein Wille geschehe!\< – Während ich die Messe hörte, faßte ich meinen Entschluß: Solange du mich liebst, werde ich nur dir angehören. Wenn du, zu meiner Verzweiflung, Spanien verlassen wirst, will ich einen anderen Beichtvater aufsuchen. Mein Trost ist, daß mein Gewissen sehr ruhig ist. Meine Cousine, der ich alles gesagt habe, ist darüber ganz erstaunt, aber sie hat sehr wenig Verstand. Sie weiß nicht, daß meine Leidenschaft für dich nur eine vorübergehende Verirrung ist.« Nach dieser Rede, die mir meine volle Ruhe wiedergab und alle meine Gewissensbedenken beseitigt haben würde, wenn ich welche gehabt hätte, nahm ich sie mit mir in mein Bett. Am Morgen verließ sie mich, ermüdet, aber verliebter denn je. Zehntes Kapitel Ich begehe eine Indiskretion, die Manucci zu meinem grausamsten Feind macht. – Seine Rache. – Meine Abreise von Madrid. – Saragossa. – Valencia. – Nina. – Meine Ankunft in Barcelona. Wenn diese Erinnerungen, die ich nur niederschreibe, um die Langeweile zu unterbrechen, diese dumpflastende Krankheit, die mich hier in Böhmen tötet und mich vielleicht auch an jedem anderen Ort töten würde, da sie möglicherweise ein unvermeidliches Ergebnis meines Charakters und meines Alters ist – zweier Dinge, die sich beständig im Gegensatz befinden, denn an Jahren bin ich alt, mein Charakter aber ist jung geblieben wie meine Begierden; – wenn, sage ich, diese Erinnerungen jemals das Licht der Welt erblicken, so wird dies erst der Fall sein, wenn ich es nicht mehr sehe. Und wie der scheußliche Mörder Karls des Ersten sagte: »Was macht es mir aus, ob man mich für einen Schelm hält« – so werde ich das Urteil der Welt verlachen können, wie ich es schon im voraus verlache. Da jedoch die Menschheit aus zwei Teilen besteht, der sehr zahlreichen Menge von Unwissenden und Oberflächlichen und der sehr geringen Menge von Gelehrten und Denkern, so wende ich mich an diesen kleinen Teil der Menschheit und nur an ihn; denn nur aus seinem Beifall mache ich mir etwas, und nur sein künftiges Urteil schätze ich – ein Urteil, das ich niemals vernehmen werde, das aber – ich weiß es – meine Wahrhaftigkeit anerkennen wird. Denn warum sollte ich nicht wahr sein? Sich selber täuscht man niemals; und jetzt schreibe ich nur für mich selber. Ich habe bis jetzt die Wahrheit gesprochen, ohne darauf zu sehen, ob die Wahrheit mir günstig oder schädlich wäre. Meine Lebenserzählung verfolgt keine dogmatischen Zwecke. Wenn man mich jemals liest, werde ich keinen Menschen verderben. Wenigstens ist das nicht mein Wille. Aber meine Erfahrung, meine Laster, wenn man sie so nennen will, und die Tugend, die man wohl in meinem Charakter und in meinen Grundsätzen finden kann – sie werden solchen, die wie die Bienen aus allen Blüten Honig zu saugen wissen, von Nutzen sein können. Nach dieser Abschweifung, die vielleicht zu lang ist, für die ich aber nur mir selber Rechenschaft schuldig bin, will ich mit der Aufrichtigkeit, deren ich mir bewußt bin, erklären, daß es mir niemals so schwer geworden ist, die Wahrheit zu sagen, wie bei dem, was ich jetzt dem Papier anvertrauen werde: eine verhängnisvolle Indiskretion, eine begreifliche Leichtfertigkeit, die ich mir niemals habe verzeihen können; denn nach so vielen Jahren, nach so vielen Wechselfällen des Lebens zerreißt sie mir noch heute das Herz. Am nächsten Tage speiste ich beim venetianischen Gesandten und hatte das Vergnügen, von ihm zu vernehmen, daß bei Hof alle Minister und alle Granden, deren Bekanntschaft ich gemacht hatte, von mir die allerbeste Meinung hätten. Drei oder vier Tage darauf kehrte der König mit den Ministern und der königlichen Familie nach Madrid zurück. Wegen der Kolonie in der Sierra Morena verhandelte ich täglich mit den Ministern, und ich stand im Begriff, eine Reise nach jener Gegend zu machen. Manucci, der mir fortwährend eine aufrichtige Freundschaft bezeigte, wollte mich zu seinem Vergnügen begleiten und gedachte, eine Abenteuerin mitzunehmen, die sich Porto-Carrero nannte; sie behauptete, eine Nichte oder Tochter des verstorbenen Kardinals dieses Namens zu sein, und machte daraufhin große Ansprüche, obwohl sie in Wirklichkeit nur die geheime Konkubine des französischen Konsuls in Madrid, Abbé Bigliardi, war. In dieser günstigen Lage befanden sich meine Verhältnisse, als ein böser Geist einen Lütticher Baron de Fraiture nach Madrid führte. Er war Oberhofjägermeister seines heimatlichen Fürstentums, ein Wüstling, Spieler und Gauner – ein Gauner, wie alle diejenigen, die noch heute behaupten, er sei ehrlich verfahren. Ich hatte das Unglück gehabt, ihn in Spaa kennen zu lernen, wo ich ihm gesagt hatte, ich würde nach Portugal gehen. Dorthin reiste er mir nach, da er auf meine Bekanntschaft rechnete, um Zutritt zur guten Gesellschaft zu erlangen und seine Börse mit dem Gelde der Dummen zu füllen, die er zu finden hoffte. Niemals haben die Spieler den geringsten Grund zu der Annahme gehabt, daß ich zu ihrer höllischen Bande gehörte, trotzdem haben sie mich aufs hartnäckigste für einen Falschspieler gehalten. Sobald der Baron erfuhr, daß ich in Madrid sei, besuchte er mich; und da er anständig aussah und höflich zu reden wußte, so nötigte er mich, ihn gut aufzunehmen. Ich glaubte, er würde mich nicht bloßstellen, wenn ich ihm einige Höflichkeiten erwiese, und vielleicht einige Bekanntschaften vermittelte. Er hatte einen Reisegefährten, mit dem er mich bekannt machte. Dies war ein dicker Franzose, ein Faulenzer, ein unwissender Mensch, aber eben ein Franzose, also liebenswürdig. Solche Leute gehen unbeachtet durch die Welt, wenn man nicht gerade forschende Blicke auf sie wirft, und man denkt selten daran, den Charakter eines Franzosen auszuforschen, der gut auftritt, sich sauber kleidet und, mit einem Wort, das ganze Äußere eines Mannes von gutem Ton hat. Er war von Beruf Rittmeister von jener Sorte von Militärs, die das Glück haben, beständig ein halbes Jahr auf Urlaub zu sein. Vier oder fünf Tage nach seinem ersten Besuch sagte der Baron Fraiture ohne alle Umstände zu mir, er habe kein Geld und bitte mich, ihm doch zwanzig Louis zu geben, die er mir zurückerstatten werde. Ich dankte ihm für sein Vertrauen und sagte ihm, ebenfalls ohne alle Umstände, ich könne ihm bei dieser Gelegenheit nicht gefällig sein, denn ich brauche selbst das bißchen Geld, das ich zur Verfügung habe. »Aber wir werden irgendein gutes Geschäft machen, und an Geld wird es Ihnen nicht fehlen können.« »Ich weiß nicht, ob das gute Geschäft zustande kommt, aber ich weiß, daß ich das Notwendige nicht hergeben darf.« »Wir wissen nicht, was wir anfangen sollen, um unseren Wirt zu beruhigen: sprechen Sie doch mal mit ihm!« »Wenn ich mit ihm spreche, werde ich Ihnen mehr Schaden als Nutzen bringen, denn er wird mich fragen, ob ich für sie bürgen wolle, und ich werde antworten, Sie seien Kavaliere, die keines Bürgen bedürften. Trotzdem wird der Wirt natürlich denken, daß ich für Sie nicht bürge, weil ich Zweifel hege.« Da ich ihn auf der Promenade mit dem Grafen Manucci bekannt gemacht hatte, so überredete Fraiture mich, ihn zu diesem zu führen, und ich war so schwach, dies zu tun. Ihm eröffnete sich einige Tage darauf der Lütticher Baron. Manucci war dienstwillig, aber selber Falschspieler und schlau; er lieh ihm kein Geld, aber verschaffte ihm jemanden, der ihm ohne Wucherzinsen gegen Pfand lieh. Fraiture und sein Freund machten einige Spielpartien und gewannen auch etwas; ich mischte mich in keiner Weise in diese Angelegenheiten ein. Mit meiner Kolonie und mit Dona Ignazia beschäftigt, wollte ich in Frieden leben; hätte ich eine einzige Nacht außer dem Hause verbracht, so hätte ich dadurch die Seele des ausgezeichneten Mädchens beunruhigt, das alles der Liebe opferte. In jenen Tagen kam der neue venetianische Gesandte Herr Querini in Madrid an, um Herrn von Mocenigo abzulösen, der als Botschafter an den Französischen Hof ging. Dieser Querini besaß wissenschaftliche Bildung, eine Eigenschaft, die Herrn von Mocenigo abging; denn der liebte nur die Musik und die Liebe auf seine besondere Art. Der neue Gesandte wurde mir wohl geneigt und binnen wenigen Tagen konnte ich mich überzeugen, daß ich auf ihn viel mehr hätte rechnen können als auf Mocenigo. Baron Fraiture und sein Freund mußten daran denken, Spanien zu verlassen; weder beim Gesandten noch anderswo brachten sie eine Spielpartie zusammen, und sie hatten keine Hoffnung, im Escorial spielen zu können. Sie mußten nach Frankreich zurückkehren, aber sie hatten Schulden in ihrem Gasthof, und für die Reise brauchten sie Geld. Ich konnte ihnen nichts geben, und Manucci glaubte ihnen ebenfalls nichts geben zu können. Wir bedauerten ihr Unglück, aber wir mußten in erster Linie an uns selber denken und daher gegen alle Welt grausam sein. Eines Morgens kam Manucci verstört und aufgeregt zu mir, ohne mir jedoch zu sagen, was ihn bekümmerte. »Was hast du, lieber Freund?« »Ich weiß es nicht. Ich habe dem Baron Fraiture seit acht Tagen den Zutritt verboten; denn er wurde mir lästig, da ich ihm kein Geld geben konnte. Nun hat er mir einen Brief geschrieben, worin er mir droht, er werde sich heute noch erschießen, wenn ich ihm nicht hundert Pistolen leihe, und ich bin überzeugt, er wird es tun, wenn ich ihm das Geld verweigere.« »Vor drei Tagen hat er mir dasselbe gesagt. Ich habe ihm geantwortet, ich wolle zweihundert Pistolen wetten, daß er sich nicht töten werde. Aufgebracht über meine Antwort, forderte er mich auf, mich mit ihm zu schlagen. Ich antwortete ihm: da er in einem verzweifelten Zustande wäre, so hätte er entweder einen Vorteil vor mir, oder ich vor ihm. Antworte ihm wie ich, oder antworte ihm überhaupt nicht.« »Ich kann deinen Rat nicht befolgen. Da hast du hundert Pistolen. Bringe sie ihm und sieh zu, daß du eine Quittung von ihm bekommst.« Ich bewunderte die schöne Handlung und übernahm den Auftrag. Ich ging zum Baron, den ich sehr verwirrt und verlegen fand; ich wunderte mich jedoch nicht darüber, da ich es mir durch seine Lage erklärte. Ich dachte mir, seine gute Laune würde wohl zurückkehren, wenn ich ihm sagte, daß ich ihm tausend Franken überbrächte, die der Graf Manucci ihm schickte, um seine Angelegenheiten ordnen und abreisen zu können. Er nahm das Geld, aber ohne irgendwelche Freude oder Dankbarkeit zu bezeigen, und schrieb den Schuldschein nach meinem Diktat. Hierauf versicherte er mir, er werde am nächsten Tage mit seinem Freunde nach Barcelona abreisen und sich von dort nach Frankreich begeben. Ich brachte Manucci, der immer noch nachdenklich und zerstreut war, die Quittung des Barons und blieb beim Gesandten zum Mittagessen. Es war das letzte Mal. Drei Tage darauf wollte ich bei dem Gesandten speisen, als zu meiner großen Überraschung der Türhüter mir sagte, er habe Befehl, mich nicht mehr eintreten zu lassen. Dies war für mich ein Blitzschlag, dessen Herkunft ich nicht erraten konnte. Ganz vernichtet ging ich nach Hause. Ich schrieb sofort an Manucci, um eine Erklärung für die erlittene Beschimpfung zu erhalten. Filippo brachte mir den Brief uneröffnet zurück. Neue Überraschung. Ich fiel aus den Wolken. »Was ist geschehen? Ich will eine Erklärung haben, und sollte ich darüber zugrunde gehen!« sagte ich zu mir selbst. Ich speiste sehr traurig mit Doña Ignazia, ohne ihr etwas von der Ursache meines Kummers zu sagen. Als ich mich eben zur Mittagsruhe hinlegen wollte, brachte Manuccis Bedienter mir einen Brief von seinen Herrn und lief hinaus, obwohl ich ihm sagte, er möchte warten, bis ich den Brief gelesen hätte. Dieser Brief enthielt einen anderen, offenen, den ich augenblicklich las. Er war vom Baron Fraiture. Der verzweifelte Mensch erbat von Manucci hundert Pistolen als Darlehen und versprach ihm, wenn er ihm das Geld gebe, wolle er ihm einen Feind gerade in dem Manne enthüllen, den er für den treuesten Freund halte. Manucci nannte mich einen Verräter und Undankbaren und schrieb mir, er sei neugierig gewesen, diesen Feind kennen zu lernen, und habe den Baron Fraiture nach dem Padro San Jeronimo bestellt. Nachdem der Baron sein Ehrenwort erhalten habe, daß er ihm das Geld leihen werde, habe er ihm bewiesen, daß ich dieser Feind sei; denn von mir habe er erfahren, daß zwar der Name, den Manucci trage, echt sei, daß er aber nicht den Rang besitze, den er sich beilege usw. Manucci führte viele Einzelheiten an, die Fraiture ihm gegeben hatte, und die er nur von mir haben konnte. Er schloß seinen Brief mit dem Rat, ich möchte Madrid so schnell wie möglich und spätestens binnen acht Tagen verlassen. Vergeblich würde ich versuchen, den Zustand der Niedergeschlagenheit zu schildern, in den mich dieser Brief versetzte. Zum ersten Male in meinem Leben mußte ich mich einer ungeheuerlichen, ohne jeden Grund begangenen Indiskretion schuldig bekennen, einer abscheulichen Undankbarkeit, die sonst nicht in meinem Charakter lag, mit einem Wort, eines Verbrechens, dessen ich mich nicht für fähig gehalten hätte. Ich schämte mich meiner selber, erkannte das Unrecht in vollem Umfang an und fühlte, daß ich nicht einmal um Verzeihung bitten durfte, da ich keine verdiente. Darum versank ich traurig in eine Art von Verzweiflung. Obwohl jedoch Manucci mit Recht erzürnt war, mußte ich sagen, daß er einen großen Fehler begangen hatte, indem er seinen Brief mit dem beleidigenden Rat schloß, Madrid binnen acht Tagen zu verlassen. Da er mich genau kannte, so mußte der junge Mann wissen, daß mein Selbstgefühl mir verbot, einen solchen Rat zu befolgen. Er war nicht mächtig genug, fordern zu können, daß ich einen Rat annähme, der einem Befehl von höchster Stelle glich. Nachdem ich das Unglück gehabt hatte, eine unwürdige Handlung zu begehen, durfte ich mich nicht einer zweiten schuldig machen, durch die ich mich zum erbärmlichsten Menschen gemacht und mich für unfähig erklärt hätte, ihm eine andere Genugtuung zu geben. Kummervoll verbrachte ich den Tag, ohne einen Entschluß fassen zu können. Ich aß nicht zu Abend und ging zu Bett, ohne mich an der Gesellschaft meiner Ignazia erfreut zu haben. Nachdem ich ziemlich gut geschlafen hatte, so daß ich imstande war, einen vernünftigen Entschluß zu fassen, wie er mir als dem schuldigen Teil zukam, stand ich auf und schrieb dem beleidigten Freunde in einem demütigen Brief das aufrichtigste Schuldbekenntnis. Ich endete mit den Worten: »Wenn Ihre Seele so großmütig ist, wie ich gerne glauben will, so wird mein Brief, der Ihnen meine ebenso tiefe wie aufrichtige Reue zeigt. Ihnen die weitestgehende Genugtuung gewähren müssen. Sollte aber, entgegen meiner Hoffnung, dies Ihnen nicht genügen, so brauchen Sie mir nur zu sagen, was Sie beanspruchen. Ich bin zu allem bereit, wenn es nur nicht ein Schritt ist, der nach Furcht von meiner Seite aussehen würde. Es steht in Ihrem Belieben, mich ermorden zu lassen, aber ich werde von Madrid nur nach meiner Bequemlichkeit abreisen, und wenn ich hier nichts mehr zu tun habe.« Nachdem ich meinen Brief mit einem nichtssagenden Siegel verschlossen hatte, ließ ich von Filippo, dessen Handschrift Manucci nicht kannte, die Adresse drauf schreiben und schickte ihn mit der Königlichen Post nach Pardo, wohin der König sich begeben hatte. Ich verbrachte den ganzen Tag auf meinem Zimmer mit Dona Ignazia, die nicht mehr in mich drang, um die Ursache meiner Niedergeschlagenheit zu erfahren, da sie sah, daß meine Stimmung sich gehoben hatte. Auch am nächsten Tag ging ich nicht aus, da ich auf eine Antwort hoffte; aber meine Hoffnung war vergebens. Am dritten Tage, einem Sonntag, ging ich aus, um dem Fürsten della Cattolica einen Besuch zu machen. Während ich vor der Türe wartete, kam der Türsteher höflich an meinen Wagen und sagte mir ins Ohr, Seine Exzellenz habe Gründe, um mich zu bitten, sie nicht mehr zu besuchen. Das hatte ich nicht erwartet; aber nach diesem Schlage war ich auf alles gefaßt. Ich begab mich zum Abbé Bigliardi; ein Lakai meldete mich an und brachte mir den Bescheid, der Herr sei ausgegangen. Ich stieg wieder in meinen Wagen und fuhr zu Varnier, der mir sagte, er habe mit mir zu sprechen. »Wollen Sie sich zu mir in den Wagen setzen? Wir werden zusammen die Messe hören.« Sobald er eingestiegen war, teilte er mir mit, der venetianische Gesandte Mocenigo habe dem Herzog von Medina-Sidonia gesagt, er fühle sich verpflichtet, ihm mitzuteilen, daß ich ein gefährlicher Mensch sei. Der Herzog habe ihm geantwortet: sobald er dies bemerke, werde er Ihnen keinen Zutritt mehr zu seiner Person gestatten. Diese drei Dolchstöße, die mich in Zeit von einer halben Stunde trafen, ließen mich die ganze Stufenfolge aller schmerzlichen Gefühle durchmachen. Mir war zumute, als wenn ich ersticken solle; – aber ich sagte nichts und hörte mit diesem würdigen Manne zusammen die Messe. Als aber diese zu Ende war, da hätte mich ein Schlagfluß getroffen, wenn ich nicht mein Herz erleichtert hätte, indem ich ihm mit allen Einzelheiten erzählte, warum der Gesandte so zornig war. Varnier sprach mir sein Bedauern aus und schloß mit den Worten: »So sind die großen Herren, wenn sie sich einmal über Tugend und gute Sitte hinweggesetzt haben. Ich rate Ihnen jedoch, mit keinem Menschen darüber zu sprechen, denn dies könnte Manucci, dem gegenüber Sie leider unrecht haben, nur erbittern.« Ich fuhr nach Hause zurück und schrieb Manucci, er möchte eine zu unanständige Rache aufgeben, die mich in die Notwendigkeit versetzen würde, indiskret zu werden und alle, die um dem Haß des Gesandten einen Gefallen zu tun, mich beschimpfen zu müssen glaubten, über den wahren Sachverhalt aufzuklären. Ich schickte meinen Brief offen an den Gesandtschaftssekretär Soderini, da ich sicher war, daß dieser ihn weiterbefördern würde. Hierauf aß ich mit meiner Geliebten zu Mittag und ging dann mit ihr zum Stiergefecht, wo ich zufällig neben der Loge saß, worin Manucci und die beiden Gesandten sich befanden. Ich machte ihnen eine Verbeugung, die sie nicht umhin konnten mir zu erwidern, und sah sie hierauf gar nicht mehr an. Als am nächsten Tage der Minister Grimaldi mir eine Audienz verweigerte, sah ich, daß ich nichts mehr zu hoffen hatte. Der Herzog von Lossada empfing mich, denn er liebte den Gesandten nicht wegen dessen unnatürlicher sexuellen Neigungen; aber er sagte mir, er sei bereits ersucht worden, mich nicht mehr zu empfangen, und fügte hinzu, bei einer derartigen erbitterten Verfolgung sei leicht vorauszusehen, daß ich vom spanischen Hofe nichts erlangen würde. Eine derartige Wut war unglaublich. Manucci brüstete sich mit der Macht, die er über den Menschen ausübte, dem er als Gatte diente. Um sich zu rächen, hatte er sich über alle Grenzen der Scham hinweggesetzt. Ich wollte wissen, ob er Don Emanuel de Roda und den Marques Mora vergessen hätte; ich fand sie bereits benachrichtigt. So blieb nur noch Graf Aranda übrig. Im Augenblick, wo ich mich anschickte, ihn aufzusuchen, kam ein diensttuender Adjutant zu mir und teilte mir mit, Seine Exzellenz wolle mit mir sprechen. Bei dieser Mitteilung wurde ich vor Schreck ganz kalt; denn in meiner damaligen Stimmung stellte ich mir sofort die übelsten Dinge vor. Zu der mir bezeichneten Stunde ging ich hin. Ich fand den klugen Denker allein, und er empfing mich mit heiterer Miene. Dies machte mir Mut. Er ließ mich Platz nehmen, und da er mir solche Gnade bisher niemals hatte widerfahren lassen, so fühlte ich mich in angenehmer Stimmung. »Was haben Sie Ihrem Gesandten getan?« fragte er mich. »Ihm selber nichts, gnädiger Herr; aber ich habe mit einer unentschuldbaren Leichtfertigkeit seinen süßen Freund Manucci an seiner empfindlichsten Stelle verletzt. Ohne die geringste Absicht, ihm schaden zu wollen, beging ich eine Indiskretion und machte einem elenden Menschen eine vertrauliche Mitteilung, die dieser gemeiner Weise dem Herrn Manucci für hundert Pistolen verkaufte. In seiner Wut hat Manucci den anderen gegen mich vorgeschickt – den anderen, der ihn anbetet und der alles tun muß, was er will.« »Sie haben unrecht getan, aber was einmal geschehen ist, ist geschehen. Es tut mir leid, daß Sie sich durch diese Unbesonnenheit geschadet haben: Sie begreifen wohl, daß Sie von Ihrem Plan nichts mehr erhoffen können; denn sobald es sich darum handeln würde, Sie anzustellen, würde der König sich bei Ihrem Gesandten nach Ihnen erkundigen.« »Ich fühle es zu meinem großen Bedauern, gnädiger Herr; aber muß ich denn gehen?« »Nein. Der Gesandte hat an mich die dringende Bitte gerichtet, Sie ausweisen zu lassen; aber ich habe ihm geantwortet, dies stehe nicht in meiner Macht, solange Sie die Gesetze des Landes nicht übertreten. – Er sagte zu mir: ›Er hat durch Verleumdungen die Ehre eines venetianischen Untertanen verletzt, den zu schützen ich verpflichtet bin.‹ – ›Wenn er ein Verleumder ist,‹ habe ich ihm geantwortet, ›müssen Sie ihn auf dem gewöhnlichen Wege belangen, und wenn er sich nicht rechtfertigen kann, wird man nach der ganzen Strenge des Gesetzes gegen ihn vorgehen.‹ – Zum Schluß hat der Gesandte mich gebeten, Ihnen zu befehlen, daß Sie nicht mit den Venetianern, die gegenwärtig in Madrid sind, über ihn sprechen, und mir scheint, dies könnten Sie mir versprechen, um ihn zu beruhigen.« »Gnädiger Herr, darauf gebe ich Ihnen mein Ehrenwort, das ich niemals gebrochen habe.« »Schön; im übrigen können Sie in Madrid bleiben und so wie jetzt weiterleben, solange es Ihnen paßt und ohne irgend etwas zu befürchten. Außerdem wird Mocenigo ja im Laufe der Woche abreisen.« Dies war mein ganzes Gespräch mit dem hochverdienten Manne. Ich faßte augenblicklich den Entschluß, mich nur noch zu unterhalten und mich nicht mehr damit zu bemühen, irgendwelchen großen Herren den Hof zu machen. Freundschaft allein führte mich oft zu Varnier, zu dem von mir hochgeachteten Herzog von Medina-Sidonia und zum Baumeister Sabattini, der mich ebenso wie seine Frau stets sehr gut aufnahm. Doña Ignazia besaß mich ganz und gar und wünschte mir oft Glück, mich von alledem befreit zu sehen, was mir früher Sorgen machte. Nach der Abreise des Herrn von Mocenigo, der sich, nachdem sein Gesuch, Venedig besuchen zu dürfen, abschlägig beschieden worden war, auf dem Wege durch Navarra nach Paris auf seinen Botschafterposten begab, wollte ich sehen, ob sein Neffe Querini für den Groll seines Oheims eintrete; ich lachte dem Türsteher ins Gesicht, der mir den Bescheid überbrachte, er habe Befehl, mir den Eintritt in den Palast zu versagen. Sechs oder sieben Wochen nach Manuccis Abreise verließ ich ebenfalls Madrid. Ich mußte mich dazu entschließen, trotz meiner Liebe zu Ignazia, die mich völlig glücklich machte und mein Glück teilte; denn abgesehen davon, daß ich nicht nach Portugal gehen konnte, von wo ich keine Briefe mehr erhielt, hatte ich meine Börse erschöpft, ohne daß meine Geliebte etwas davon ahnte. Ich gedachte eine schöne Repetieruhr und eine Tabaksdose, deren Goldwert 25 Louis betrug, zu verkaufen, um nach Marseille zu reisen. Von dort beabsichtigte ich nach Konstantinopel zu gehen, wo ich mein Glück machen zu können glaubte, ohne mich zu Mohammed bekennen zu müssen. Ohne Zweifel würde ich mich geirrt haben, denn ich trat in ein Alter ein, von dem die Glücksgöttin, die flatterhafte Kokette, nichts mehr wissen will. Damit will ich jedoch nicht sagen, daß ich mich über sie zu beklagen habe, denn sie hat mir oft ihre Gunst zugewandt, und ich habe diese stets mißbraucht – das will ich gerne zugeben. In meiner Verlegenheit verschaffte der gelehrte Abbate Pinzi, Auditor des päpstlichen Nuntius, mir die Bekanntschaft eines Genueser Buchhändlers Corrado, eines reichen, ehrenwerten und tugendhaften Mannes, den der liebe Gott auf die Welt geschickt zu haben schien, damit man die Genueser Spitzbüberei verzeihe. An diesen braven Mann wandte ich mich, um meine Uhr und Tabaksdose zu verkaufen; aber der gute Corrado weigerte sich, diese Gegenstände zu kaufen, und wollte sie nicht einmal als Pfand nehmen, sondern gab mir zwanzig goldene Unzen oder siebzehnhundert Franken, ohne etwas anderes zu verlangen als mein Wort, daß ich ihm diese Summe wiedergeben würde, wenn ich jemals in der Lage wäre, es zu tun. Unglücklicherweise bin ich niemals mehr imstande gewesen, diese heilige Schuld anders heimzuzahlen, als durch ewige Dankbarkeit, die ich dem Geber zolle. Nichts ist für einen Mann süßer, als mit einer Frau zusammen zu leben, die er anbetet und von der er geliebt wird; aber es gibt auch nichts, das bitterer wäre, als die Trennung, wenn die Liebe noch in voller Kraft steht: der Schmerz scheint viel größer zu sein als die Wonne, die nicht mehr vorhanden ist und deren Eindruck sich verwischt hat oder die zum mindesten durch das auf sie folgende Leid sehr beeinträchtigt wird. Ich verbrachte meine letzten Tage in Madrid in Genüssen, die von Traurigkeit vergiftet wurden. Der gute Diego weinte nicht, obgleich er sehr traurig war. Filippo, ein tüchtiger Junge, der hoch über seiner Herkunft stand, gab mir bis in die Mitte des nächsten Jahres Nachrichten von Doña Ignazia. Sie wurde die Gattin eines reichen Schuhmachers; die Rücksicht auf den Nutzen besiegte den Widerwillen, den ihr Vater gegen eine nicht standesgemäße Heirat hatte. Ich hatte dem Marques Mora und dem Obersten Royas versprochen, sie in der aragonischen Hauptstadt Saragossa oder Caesarea Augusta zu besuchen. Ich kam anfangs September an und verbrachte dort vierzehn Tage, die mir Gelegenheit gaben, die Sitten der Aragonesen zu beobachten. Arandas Gesetze hatten bei diesem Volke keine Kraft; denn bei Tage wie bei Nacht sah man auf den Straßen Männer mit langen Mänteln und Schlapphüten. Sie sahen aus wie wirkliche Masken oder wie schwarze Gespenster; denn der Mantel, der die Absätze bedeckte, verbarg auch die Hälfte des Gesichts. Aber unter dem Mantel trug die Maske el spadino, einen Degen von riesiger Länge. Diese Gespenster werden mit großer Ehrfurcht behandelt, obwohl es meistens nur Spitzbuben waren; es konnten aber auch große Herren sein. Man muß in Saragossa die ungeheure Frömmigkeit sehen, womit Unsere liebe Frau del Pilar verehrt wird. Ich habe Prozessionen gesehen, bei denen hölzerne Statuen von ungeheurer Größe herumgetragen wurden. Man führte mich in die besten Gesellschaften ein, wo es von Mönchen wimmelte. Man stellte mich einer erstaunlich dicken Dame vor, die man mir als eine Cousine des seligen Palafox bezeichnete; ich war jedoch keineswegs von Ehrfurcht hingerissen, wie man ohne Zweifel erwartet hatte. Ferner hatte ich Gelegenheit, den Domherrn Pignatelli, einen gebürtigen Italiener, kennen zu lernen, den ehrwürdigen Präsidenten der Inquisition. Dieser Herr ließ jeden Morgen die Kupplerin einkerkern, die ihm das Mädchen besorgt hatte, das mit ihm zu Abend gegessen und die Nacht bei ihm geschlafen hatte. Die Strafe erhielt sie, um dafür Buße zu tun, daß sie ihm ermöglicht hatte, eine Sünde zu begehen. Von Wollust erschöpft, erwachte der Domherr und gab Befehl, das Mädchen aus dem Hause zu jagen und die Kupplerin ins Gefängnis zu setzen. Hierauf kleidete er sich an, beichtete, las die Messe und setzte sich sofort zu Tisch. Von Wein und gutem Essen erhitzt, verlangte er ein neues Mädchen, und so ging es jeden Tag. Trotzdem wurde dieser Mensch in Saragossa hoch verehrt, denn er war Mönch, Domherr und Inquisitor. Die Stierkämpfe waren in der Hauptstadt Aragoniens schöner als in Madrid; denn sie waren mörderischer, und solche barbarischen Schauspiele sind um so schöner, je mehr Blut dabei fließt. Die Herren Mora und Royas gaben mir sehr schöne Diners. Der Marques war der liebenswürdigste aller Spanier; er ist zwei Jahre darauf in sehr jugendlichem Alter gestorben. Die große Kirche Nuestra Señora del Pilar liegt auf den Wällen der Stadt, und die Aragonesen betrachten diesen Teil als uneinnehmbar; sie behaupten, im Falle einer Belagerung würde der Feind, wenn Gott es wollte, von allen anderen Seiten eindringen, aber nicht von dieser. Ich hatte der Doña Pelliccia versprochen, sie in Valencia zu besuchen. Unterwegs sah ich auf einer Anhöhe das alte Sagunt liegen. »Ich will da hinauf!« sagte ich zu einem Priester, der mit mir fuhr, und zu dem Fuhrmann, der am Abend in Valencia ankommen wollte und dem seine Maultiere lieber waren als alle Antiquitäten der Welt. Wie der Priester und der Maultiertreiber sich sträubten und wie sie redeten! »Sie werden nur Ruinen sehen, Señor.« »Gut; ich will eben Ruinen sehen, und wenn sie recht alt sind, ziehe ich sie den schönsten Gebäuden der Neuzeit vor.« »Aber wir werden nicht mehr heute Abend in Valencia ankommen können!« »Da hast du einen Duro; wir werden morgen ankommen.« Dieser Taler brachte alles in Ordnung; denn der Fuhrmann rief: »Helf mir Gott! Das ist ein Ehrenmann!« Das ist der schönste Lobspruch aus dem Munde eines Untertanen Seiner Katholischen Majestät! Oben auf der Anhöhe sah ich Mauern, die zum großen Teil noch im guten Stande waren, und deutlich erkennbare Zinnen, und doch stammt dieses Denkmal aus der Zeit des zweiten Punischen Krieges. An zwei Toren, die noch aufrecht standen, bemerkte ich Inschriften, die für mich und für viele andere stumm sind, die aber La Condamine oder Séguier, der frühere Freund des Marchese Maffei, sicherlich entziffert hätten. Dieses Denkmal eines ganzen Volkes, das lieber in den Flammen untergehen, als den Römern die Treue brechen und sich einem Hannibal ergeben wollte, erregte meine volle Bewunderung und die Heiterkeit des unwissenden Priesters, der nicht einmal eine Messe gratis gelesen hätte, um Besitzer dieses von Erinnerungen so reichen Ortes zu werden, dessen Namen sogar untergegangen ist. Diesen hätte man doch wenigstens achten können, zumal da er schöner und leichter auszusprechen ist als der an seine Stelle getretene Name Murviedro, wenngleich dieser ebenfalls auch dem Lateinischen entstammt und von muri veteres hergeleitet ist. Aber die Zeit ist ein unbändiges, wildes Ungeheuer, das nicht nur Marmelstein und Erz zerstört, sondern auch die Erinnerung vertilgt. »Dieser Ort,« sagte der Priester zu mir, »hat stets Murviedro geheißen.« »Das ist nicht möglich; denn der gesunde Menschenverstand sträubt sich dagegen, etwas alt zu nennen, was bei seiner Entstehung neu war. Das ist gerade, wie wenn Sie behaupten wollten, Neu-Kastilien sei nicht alt, weil man es ›Neu‹ nenne.« »Aber es ist doch sicher, daß Alt-Kastilien älter sein muß als Neu-Kastilien.« »Nein, das ist nicht der Fall: Neu-Kastilien ist so genannt worden, weil es die letzte Rückeroberung von den Mauren war, in Wirklichkeit aber ist Neu-Kastilien älter als Alt-Kastilien.« Der arme Abbate schwieg; er schüttelte den Kopf und hielt mich für verrückt. Vergeblich bemühte ich mich, Hannibals Kopf und die Inschrift zu Ehren des Cäsar und Claudius, des Nachfolgers des Kaisers Gallienus, aufzufinden; dagegen sah ich die Spuren des Amphitheaters. Am anderen Morgen besah ich den Mosaikboden, den man zwanzig Jahre vor jener Zeit bloßgelegt hatte. Um neun Uhr morgens kam ich in Valencia an. Ich fand sehr schlechte Unterkunft, weil der Operndirektor Marescalchi aus Bologna alle guten Zimmer für die Sänger und Sängerinnen belegt hatte, die von Madrid eintreffen sollten. Bei ihm befand sich sein Bruder, ein Abbate, den ich für sein Alter gelehrt fand. Wir machten einen Spaziergang, und er lachte, als ich ihm vorschlug, ins Kaffeehaus zu gehen; denn es gab in der ganzen Stadt keinen einzigen Ort, wo ein anständiger Mensch eintreten konnte, um sich gegen eine Geldvergütung in anständiger Weise auszuruhen. Es gab nur Schenken niedrigster Ordnung, in denen der Wein untrinkbar war. Ich fand das unbegreiflich; aber Spanien ist ein ganz besonderes Land. In Valencia, das so nahe bei Malaga und Alicante liegt, konnte man zu meiner Zeit eine gute Flasche Wein sich nur mit großen Schwierigkeiten beschaffen. In den ersten drei Tagen meines Aufenthaltes in Valencia, der Vaterstadt des Papstes Alexanders des Sechsten, sah ich alles Sehenswerte, was in dieser Stadt vorhanden ist, und fand wieder einmal meine Wahrnehmung bestätigt, daß alles, was wir nach Beschreibungen von Dichtern und Abbildungen von Künstlern bewundern, unendlich viel verliert, wenn wir es in der Nähe und in der Wirklichkeit betrachten. Valencia liegt in herrlichem Klima ganz dicht am Mittelmeer in einer lachenden Landschaft, die die köstlichsten und leckersten Erzeugnisse der Natur in reicher Fruchtbarkeit hervorbringt; die Luft ist gesund und von köstlicher Milde; die Stadt liegt nur eine Stunde von dem berühmten Amoenum stagnum, worin es so delikate Fische gibt; in Valencia wohnt ein zahlreicher vornehmer und begüterter Adel; in Valencia sind die Frauen, wenn nicht die geistreichsten, so doch zum mindesten die schönsten von ganz Spanien; Valencia hat einen Erzbischof und einen Klerus mit einem Jahreseinkommen von einer Million Duros – und trotzalledem ist Valencia eine sehr unangenehme Stadt für einen Fremden; denn er kann dort keine der Bequemlichkeiten genießen, die er sonst überall für sein Geld findet. Unterkunft und Essen ist schlecht; trinken kann man nicht, weil es keinen guten Wein gibt; unterhalten kann man sich nicht, weil man keine gute Gesellschaft hat; man kann nicht einmal disputieren; denn obgleich Valencia eine Universität hat, findet man dort keinen Menschen, den man vernünftigerweise einen Gelehrten nennen könnte. Die fünf Brücken über den Guadalajara, die Kirchen, die öffentlichen Gebäude, das Zeughaus, die Börse, das Stadthaus, die zwölf Tore konnten mich nicht dazu hinreißen, eine Stadt zu bewundern, deren Straßen nicht gepflastert sind, und wo man nur außerhalb der Mauern spazieren gehen kann. Dort draußen findet man dann allerdings alle seine Sinne befriedigt; denn die Umgebung von Valencia ist ein wahres Paradies, besonders nach dem Meere zu. Aber die Umgegend ist nicht die Stadt. Was ich dort bewunderte und was man wahrscheinlich noch dort findet, waren eine beträchtliche Anzahl einspänniger Wagen, die immer bereit stehen und die einen für einen sehr bescheidenen Betrag sehr schnell überall hinfahren, sei es auf die Promenade, sei es auf Entfernungen von zwei und drei Tagereisen. Wäre ich bei guter Laune gewesen, so hätte ich eine Fahrt durch die Königreiche Murcia und Granada gemacht, die an materieller Schönheit alles überbieten, was man in Italien findet. Arme Spanier! Die Schönheit, die Fruchtbarkeit und der Reichtum eures Landes sind die Ursachen eurer Unwissenheit, wie die Minen von Peru und Potosi schuld sind an eurem dummen Stolz und an allen Vorurteilen, die euch erniedrigen. O Spanier! Wann werdet ihr einen edlen, aber starken Anstoß erhalten, der euch aus eurer dumpfen Betäubung weckt und eure eingeschlafene Tatkraft mit neuem Leben beseelt, dessen sie recht wohl fähig ist! Heute seid ihr ein elendes, bemitleidenswertes Volk, für die ganze Welt so unnütz wie für euch selber. Was braucht ihr? Ihr braucht eine starke Revolution, eine völlige Umwälzung, einen furchtbaren Anstoß, eine Eroberung, die neues Leben weckt. Eure Fäulnis kann nicht durch einfache zivilisatorische Maßnahmen beseitigt werden; der Krebsschaden, der euer Fleisch verzehrt, muß mit Feuer ausgebrannt werden. Ich reiste der edlen und bescheidenen Pelliccia entgegen. Die erste Vorstellung sollte am zweiten Tage darauf stattfinden. Das war nicht schwierig; denn man spielte dieselben Opern, die man vor der Hofgesellschaft im Sitios aufgeführt hatte, das will sagen: in Aranjuez, im Escorial, in der Granja; denn Graf Aranda hat niemals gewagt, seine freisinnige Kühnheit so weit zu treiben, um dem Theater in Madrid die Aufführung einer italienischen Opera buffa zu erlauben. Solche Neuerung wäre zu groß gewesen, und die Inquisition hätte ihre satanischen Augen zu weit aufgerissen. Die Bälle der Scaños del Peral hatten die Inquisition erstaunt, und man war genötigt, sie zwei Jahre später wieder zu unterdrücken. Solange Spanien eine Inquisition hat, wird dieses Ungeheuer der Stein des Anstoßes für Fortschritt und Glück sein. Señora Pelliccia schickte sofort nach ihrer Ankunft dem Don Diego Valencia den Empfehlungsbrief, den der Herzog von Arcos ihr drei Monate vorher gegeben hatte. Sie hatte den hohen Herrn seit jenen Tagen in Aranjuez nicht wieder gesehen. Wir saßen beim Essen, nämlich sie, ihr Mann, ihre Schwester, ein berühmter erster Geiger, den sie einige Zeit darauf heiratete, und ich, und waren eben beim Nachtisch angelangt, als man ihr den Señor Diego Valencia meldete; dies war der Bankier, an den der Herzog sie empfohlen hatte. »Gnädige Frau,« sagte Don Diego zu ihr, »ich bin entzückt von der Gnade, die der Herzog von Arcos mir zuteil werden läßt, indem er Sie an mich weist, und möchte Ihnen meine Dienste anbieten und Ihnen die Befehle mitteilen, die Seine Exzellenz mir gibt und die ihnen vielleicht noch unbekannt sind.« »Mein Herr, ich hoffe, es wird nicht der Fall eintreten, daß ich genötigt wäre, Sie zu belästigen, aber ich weiß vollkommen die Gnade zu schätzen, die der Herzog mir erwiesen hat, und bin Ihnen sehr dankbar, daß Sie sich zu mir bemüht haben; ich werde die Ehre haben, Ihnen meinen Besuch zu machen, um Ihnen meinen Dank abzustatten.« »Das ist nicht notwendig, Señora, aber ich muß Ihnen sagen, daß ich Befehl habe, Ihnen jede gewünschte Summe bis zur Höhe von fünfundzwanzigtausend Dublonen auszuzahlen.« »Fünfundzwanziqtausend Dublonen?« »Zweihundertfünfzigtausend Franken, Señora, und nicht mehr. Haben Sie die Güte, den Brief Seiner Exzellenz zu lesen; denn es kommt mir vor, wie wenn Sie den Inhalt nicht kennen.« Der Brief war vier Zeilen lang: Don Diego, Sie werden der Dona Pelliccia auf ihr Ersuchen jede Summe bis zur Höhe von fünfundzwanzigtausend Dublonen für meine Rechnung auszahlen. Der Herzog von Arcos. Wir waren vor Erstaunen sprachlos. Doña Pelliccia gab den Brief dem Bankier zurück, der seine Verbeugung machte und sich entfernte. Die Geschichte ist beinahe unglaublich, und nur in Spanien kann man so etwas erleben; dort aber sind solche Züge nicht selten. Ich habe bereits erzählt, wie der Herzog von Medina-Celi sich gegen die Pichona benahm. Wer weder den spanischen Charakter noch die ungeheuren Reichtümer einiger großer Herren kennt, mag vielleicht solche Handlungen unvernünftig und lächerlich finden und sie für Verschwendung erklären; dies ist begreiflich, denn der Mensch urteilt stets nur durch Vergleichung. In diesem Falle aber würde er sich täuschen. Der Verschwender gibt ohne Unterschied und ohne Aufhören, wie der Geizhals unablässig Schätze aufhäuft; weder der eine noch der andere handelt mit Überlegung und aus edlem Antrieb. Es mag wohl vorkommen, daß der Verschwender innehält; aber das geschieht nur, wenn er sich mit Schrecken am Rande des Abgrundes sieht. Die heldenmütigen Handlungen aber, von denen ich spreche, tragen nicht diesen Charakter. Der Spanier ist in hervorragendem Maße gierig nach Bewunderung; alles, was er tut, geschieht in der Absicht, bewundert zu werden; dieser selbe Stolz hält ihn aber zurück, wenn die Leidenschaften ihn dazu treiben möchten, irgendeine Handlung zu begehen, die ihm Schande bringen könnte. Man soll von ihm glauben, er stehe über seinesgleichen, geradeso wie seine Nation über allen anderen erhaben zu sein glaubt. Diejenigen, die ihn prüfen, sollen ihn eines Thrones würdig erachten und von ihm voraussetzen, daß ihm alle Tugenden eigen sind; Tugenden aber kann der Mensch nicht in eigennütziger Absicht ausüben. Man kann noch hinzufügen, daß gewisse spanische Granden ebenso reich sind wie gewisse englische Lords, daß sie aber nicht wie diese die Mittel haben, ihre Reichtümer auszugeben; infolgedessen wird es ihnen eben möglich, sie zu verschenken. Als Don Diego fortgegangen war, drehte unsere ganze Unterhaltung sich um die Freigebigkeit des Herzogs. Señora Pelliccia sagte, der Herzog habe ihr zeigen wollen, was für einen Mann sie um eine Empfehlung gebeten habe, und er habe ihr dabei die Ehre erwiesen, sie für unfähig zu halten, sein Vertrauen zu mißbrauchen. »Jedenfalls ist so viel sicher, daß ich lieber vor Hunger sterben als von Don Diego eine einzige Dublone annehmen würde.« »Der Herzog wird sich beleidigt fühlen«, sagte der Geiger; »ich wäre der Meinung, Sie sollten etwas annehmen.« »Du mußt die ganze Summe annehmen«, sagte der Gatte. »Ich bin der Meinung der gnädigen Frau: sie muß sich so verhalten, daß man ihr nicht den Vorwurf machen kann, seine Großmut mißbraucht zu haben.« Und mich an die Pelliccia wendend, fuhr ich fort: »Ich bin überzeugt, der Herzog von Arcos wird sich für verpflichtet halten, Ihr Glück zu machen, gerade weil Sie durch Ihr Zartgefühl seine Achtung erworben haben werden.« Sie folgte meinem Rat und ihrem eigenen Antrieb, zur nicht geringen Unzufriedenheit des Bankiers. Aber so groß ist die Verderbtheit der Menschen, daß niemand an das Zartgefühl der Pelliccia glaubte. Der König erhielt Kenntnis von dem Vorfall; er wollte den Herzog von Arcos verhindern, sich zugrunde zu richten, und ließ der ehrenwerten Sängerin den Befehl zustellen, sofort Madrid zu verlassen. So wird zuweilen die Tugend hienieden verkannt; aber die boshaften Menschen, die den König vielleicht zu dieser ungerechten Handlung angestachelt hatten, um der Pelliccia zu schaden, wurden die Ursache ihres Glückes. Der Herzog glaubte sich durch den willkürlichen Befehl seines Herrschers beleidigt; er kannte die Römerin gar nicht weiter, als daß er zuweilen an öffentlichen Orten mit ihr gesprochen hatte, und er hatte niemals etwas für sie ausgegeben. Als er nun sah, daß er wider Willen die brave Frau unglücklich machte, wollte er dies nicht dulden. Zu stolz, um die Rücknahme eines Befehls zu erbitten, dem er sich nicht widersetzen konnte, faßte er den einzigen Entschluß, der seiner edlen Seele würdig war. Zum ersten Mal in seinem Leben begab er sich in die Wohnung der Señora Pelliccia und bat sie, ihm zu verzeihen, daß er die unfreiwillige Ursache ihres Mißgeschickes sei, und eine Rolle und einen Brief anzunehmen, die er auf einen Tisch legte, indem er ihr glückliche Reise wünschte. Die Rolle enthielt hundert goldene Unzen mit den Worten: »Für die Reisekosten.« Der Brief war an die Bank des Heiligen Geistes in Rom gerichtet und enthielt eine Anweisung auf achtzigtausend römische Taler oder vierhundertachtzigtausend Franken, die Herr Belloni ihr auszahlte. Durch die uneigennützige Freigebigkeit eines Ehrenmannes reich geworden, legte die Dame ihr Vermögen in guten Werten an. Seit neunundzwanzig Jahren führt sie in Rom ein Haus auf eine Weise, die klar und deutlich zeigt, daß sie dieses Glückes würdig war. Am Tage nach der Abreise der Pelliccia sagte der König im Pardo zum Herzog von Arcos, er solle nicht traurig sein, sondern die Dame vergessen, die er nur zu seinem Besten habe ausweisen lassen. »Indem Eure Majestät ihr den Ausweisungsbefehl übersandt haben, haben Sie mich gezwungen, das wahr zu machen, was bis dahin nur eine Fabel war; denn ich kannte die Frau nur insofern, daß ich einige Male mit ihr an öffentlichen Orten gesprochen hatte, und ich hatte ihr niemals auch nur das kleinste Geschenk gemacht.« »Du hast ihr also nicht fünfundzwanzigtausend Dublonen gegeben?« »Sire, ich habe diese Summe verdoppelt, aber erst vorgestern. Eure Majestät sind der Herr und können tun, was Ihnen beliebt; aber soviel ist gewiß: wäre sie nicht ausgewiesen worden, so wäre ich niemals zu ihr gegangen, und sie hätte mir niemals etwas gekostet.« Der König war so erstaunt, daß er kein Wort sagen konnte. Nun begriff er, daß ein König sich um das müßige Geschwätz des Publikums nicht kümmern darf. Ich erfuhr von diesem Gespräch durch Herrn Monino, der später unter dem Namen Floridablanca bekannt wurde und in diesem Augenblick in seiner Vaterstadt Murcia als Verbannter lebt. Nach Marecalchis Abreise traf ich meine Vorbereitungen, um nach Barcelona zu fahren. Kurz vor meiner Abreise sah ich in der Stierkampf- Arena ein Weib, das etwas unbeschreiblich Imposantes an sich hatte. Ich fragte einen Alcantara-Ritter, der neben mir saß, wer die Dame sei. »Wieso berühmt?« »Wenn Sie sie nicht dem Ruf nach kennen, ist Ihre Geschichte zu lang, um sich hier erzählen zu lassen.« Ohne mir irgend etwas dabei zu denken, sah ich die Dame scharf an; zwei Minuten später trennte ein ziemlich übel aussehender, aber gut gekleideter Mann sich von der imposanten Schönheit, trat an den Ritter heran und sagte ihm etwas ins Ohr. Der Ritter wandte sich mit höflicher Miene zu mir und sagte mir, die Dame, nach deren Namen ich ihn gefragt habe, wünsche den meinigen zu wissen. Dummerweise von dieser Neugier geschmeichelt, antwortete ich dem Boten, wenn die Dame es erlaube, werde ich nach dem Schauspiel ihr persönlich meinen Namen sagen. »Nach Ihrem Akzent scheinen Sie Italiener zu sein.« »Ich bin aus Venedig.« »Sie auch.« Als der Bote fort war, wurde der Ritter weniger wortkarg und sagte mir, Nina sei eine Tänzerin, die der Generalkapitän des Fürstentums Barcelona, Graf Ricla, seit einigen Wochen in Valencia unterhält, bis er sie wieder nach Barcelona zurückkehren lassen könne, wo der Bischof sie wegen des von ihr erregten Ärgernisses nicht länger habe dulden wollen. »Der Graf ist wahnsinnig in sie verliebt und gibt ihr täglich fünfzig Dublonen.« »Aber sie gibt sie doch hoffentlich nicht aus?« »Das kann sie nicht; aber sie macht jeden Tag tolle Streiche, die ihm viel Geld kosten.« Ich war sehr neugierig, eine Frau von solchem Charakter kennen zu lernen, und fürchtete durchaus nicht, daß diese Bekanntschaft mir irgendwelche Unannehmlichkeiten zuziehen könnte. Ich konnte daher kaum das Ende des Schauspiels abwarten, um mit ihr zu sprechen. Als ich sie anredete, empfing sie mich mit großer Ungezwungenheit. Sie wollte eben in eine schöne, mit sechs Maultieren bespannte Kutsche einsteigen und sagte mir, sie würde entzückt sein, wenn ich ihr das Vergnügen machte, am nächsten Tag um neun Uhr mit ihr zu frühstücken. Ich versprach es ihr und ging pünktlich hin. Ich fand sie in einem sehr großen Hause ganz dicht vor der Stadt. Es war mit ziemlich viel Geschmack reich möbliert, und ein großer Garten umgab es. Was mir besonders auffiel, waren eine Menge von Bedienten in glänzenden Livreen und mehrere elegant gekleidete Kammerfrauen, die überall hin und her liefen. Als ich näher trat, hörte ich eine gebieterische Stimme laut schelten. Die Schimpferin war die Nina, die einen Mann herunterputzte, der ganz erstaunt vor einem großen Tisch stand, worauf eine Menge Waren ausgebreitet lagen. »Sie werden meinen Zorn entschuldigen«, sagte sie zu mir; »dieser spanische Dummkopf will behaupten, die Spitzen seien schön. Sagen Sie mir Ihre Meinung darüber.« Ich fand die Spitzen wirklich schön; weil ich sie aber nicht bei meinem ersten Besuch ärgern wollte, so sagte ich ihr, ich verstände nichts davon. »Señora,« sagte der Händler schließlich unwillig zu ihr, »wenn Sie die Spitzen nicht wollen, so lassen Sie sie liegen; aber wollen Sie die Stoffe?« »Ja, ich behalte sie. Außerdem will ich Sie überzeugen, daß ich Ihre Spitzen nicht deshalb zurückweise, um Geld zu sparen!« Mit diesen Worten nahm sie eine Schere und zerschnitt die Spitzen. »Das ist sehr schade«, sagte der Mann, der am Tage vorher mit mir gesprochen hatte. »Man wird sagen, Sie seien wahnsinnig!« »Halt den Mund, elender Kuppler!« rief sie, indem sie ihm eine kräftige Ohrfeige versetzte. Der Kerl ging hinaus, indem er sie ›Hure‹ nannte, worüber sie nur laut auflachte; hierauf wendete sie sich zum Spanier und befahl ihm, augenblicklich seine Rechnung zu machen. Der Kaufmann ließ sich das nicht zweimal sagen; er hielt sich an den Preisen für die Beleidigungen schadlos, mit denen sie ihn überhäuft hatte. Sie nahm die Rechnung, unterschrieb, ohne sie zu lesen, und sagte: »Gehen Sie zu Don Diego Valencia; er wird Sie sofort bezahlen.« Als wir allein waren, wurde die Schokolade gebracht, und sie ließ dem Ohrfeigenkerl befehlen, augenblicklich zu kommen und mit uns zu frühstücken. »Wundern Sie sich nicht«, sagte sie zu mir, »über die Art und Weise, wie ich mit diesem Subjekt umgehe. Er ist ein jämmerlicher Lump, den Ricla mir beigegeben hat, um zu spionieren. Ich behandle ihn, wie Sie gesehen haben, damit er ihm alles schreibt.« Ich glaubte zu träumen, so sonderbar kam mir alles vor, was ich sah und hörte; ich hatte niemals gedacht, es könnte eine Frau von solchem Charakter auf der Welt geben. Der unglückselige Geohrfeigte, ein Sänger aus Bologna, kam und trank seine Schokolade, ohne ein Wort zu sagen. Er hieß Molinali. Sobald er fertig war, ging er wieder hinaus. Hierauf erzählte Nina mir eine Stunde lang Geschichten aus Spanien, Italien und Portugal, wo sie einen Tänzer, namens Bergonzi, geheiratet hatte. »Ich bin eine Tochter des berühmten Scharlatans Pelandi, den Sie vielleicht in Venedig gekannt haben.« Nach dieser vertraulichen Mitteilung, aus der sie kein Geheimnis machte, bat sie mich, mit ihr zu soupieren. Das Souper sei ihre Lieblingsmahlzeit. Ich versprach es ihr und machte dann einen Spaziergang, um ungestört über den Charakter dieser Frau nachzudenken, die ein so großes Glück schnöde mit Füßen trat. Nina war eine überraschende Schönheit; aber da ich niemals geglaubt habe, daß Schönheit allein genügen könne, um einen Mann glücklich zu machen, so begriff ich nicht, wie ein Vizekönig von Katalonien bis zu einem solchen Grade verliebt sein konnte. Molinari konnte ich nach allem, was ich gesehen hatte, nur für einen niederträchtigen Schuft halten. Ich ging zu ihrem Souper, wie zu einem Schauspiel; denn so schön sie auch war, so hatte sie mir doch keine Gefühle eingeflößt. Wir standen im Anfang des Oktobermonats, aber in Valencia waren zwanzig Grad Réaumur im Schatten. Nina ging mit ihrem Jocrisse im Garten spazieren. Beide waren sehr leicht gekleidet; Nina hatte nur ein Hemd und ihr dünnes Röckchen an. Sobald sie mich sah, kam sie auf mich zu und forderte mich auf, es mir ebenso bequem zu machen; ich unterließ dies jedoch, indem ich einige Gründe anführte, mit denen sie sich zufrieden geben mußte. Die Gegenwart des gemeinen Menschen war mir im höchsten Grade widerwärtig. Bis zum Abendessen unterhielt Nina mich mit tausend schlüpfrigen Anekdoten, deren Heldin sie gewesen war, von Beginn ihres ausgelassenen Lebenswandels bis zum dreiundzwanzigsten Jahre, in welchem sie damals stand. Ohne die Gegenwart des ekelhaften Argus hätten alle diese Geschichten ohne Zweifel ihre natürliche Wirkung auf mich geübt, wenn ich sie auch nicht liebte. So aber verspürte ich gar nichts. Das Abendessen war lecker zubereitet, und wir hatten alle großen Appetit; als wir fertig waren, wäre ich gerne nach Hause gegangen, aber das lag nicht in ihrer Absicht. Der Wein hatte sie erhitzt, der Hanswurst war betrunken; sie wollte ihren Spaß haben. Nachdem sie alle Leute hinausgeschickt hatte, verlangte die Messalina von Molinari, er solle sich ganz nackt ausziehen; hierauf begann sie mit ihm Experimente zu machen, die ich nur mit dem größten Ekel beschreiben könnte. Der Bursche war jung und kräftig, und obgleich er betrunken war, versetzten Ninas Manipulationen ihn bald in einen recht respektablen Zustand. Offenbar war ihre Absicht, daß ich sie bei dieser Gelegenheit in Gegenwart des Halunken bedienen sollte; sein Anblick nahm mir jedoch sogar die Fähigkeit, Begierden zu haben. Nina hatte sich, ohne mich anzusehen, in Naturzustand versetzt; als sie mich bei dieser Orgie kalt bleiben sah, bediente sie sich dieses Menschen, um ihre Glut zu löschen. Ich sah mit Schmerz ein so schönes Weib sich mit einem Vieh begatten, das kein anderes Verdienst hatte, als eine ungeheuerliche Mißbildung, die für sie ohne Zweifel eine Vollkommenheit war. Als sie ihn durch alle möglichen Buhlkünste, die nur eine Bacchantin aufbieten konnte, völlig erschöpft hatte, warf sie sich einen Augenblick in eine Badewanne, die in Gestalt einer Kommode im Zimmer stand und von mir bis dahin nicht bemerkt worden war. Hierauf kam sie wieder, nahm eine Flasche Malvasier von Madeira und zwang den Kerl zu trinken, bis er niedersank. Ich flüchtete mich in ein Nebenzimmer, denn ich konnte es vor Ekel nicht mehr aushalten; sie folgte mir, immer noch nackt. Durch das Bad erfrischt, setzte sie sich neben mich auf eine Ottomane und fragte mich, wie ich dieses Fest gefunden hätte. Da meine Ehre und mein Stolz eine Genugtuung verlangten, so sagte ich ihr, der Abscheu, den der Elende mir einflößte, sei so groß, daß er alle Wirkungen zerstöre, die ihre Reize auf mich, wie auf jeden Mann, der Augen im Kopfe hätte, ausüben könnten. »Ich halte das wohl für möglich; aber jetzt ist er doch nicht da, und trotzdem sagen Sie nichts. Man würde das nicht glauben, wenn man Sie sieht.« »Man würde recht haben, Nina, denn ich bin nicht minderwertiger als ein anderer; aber er hat mich zu sehr angeekelt. Lassen Sie mich heute! Morgen, wenn ich dieses Ungeheuer nicht mehr sehe, das nicht würdig ist, Ihrer zu genießen...« »Er genießt nicht; ich töte ihn. Wenn ich glauben könnte, er genösse, so würde ich lieber sterben, als etwas mit ihm machen; denn ich verabscheue ihn.« »Wie? Sie lieben ihn nicht und bedienen sich seiner zu solchen Zwecken?« Wie ich mich eines künstlichen Werkzeuges bedienen würde.« Ich sah in diesem Weibe die Natur in ihrer tiefsten Verderbnis. Sie lud mich für den nächsten Tag zum Abendessen ein, indem sie mir sagte: »Ich will sehen, ob Sie die Wahrheit gesagt haben. Wir werden unter vier Augen sein, denn Molinari wird krank sein.« »Er wird seinen Wein verdaut haben und sich sehr wohl befinden.« »Ich sage Ihnen nochmals, er wird krank sein. Kommen Sie, und kommen Sie jeden Abend.« »Ich reise übermorgen.« »Sie werden erst in acht Tagen reisen, und zwar werden wir zusammen fahren.« »Sie werden nicht reisen, sage ich Ihnen; denn Sie würden mir einen Schimpf antun, den ich nicht dulden würde.« Ich ging nach Hause, fest entschlossen, sofort abzureisen, ohne mich um sie zu bekümmern. Obwohl es für mich in meinem Alter auf diesem Gebiete nichts Neues mehr gab, war ich doch erstaunt über die Schrankenlosigkeit dieser Megäre, über ihre freie Sprech- und Handlungsweise und vor allen Dingen über ihre Offenheit; denn sie hatte mir eingestanden, was ich zuvor wußte, was aber niemals ein Weib einem Manne gesteht: »Ich bediene mich seiner, um mich zu befriedigen, weil ich sicher bin, daß er mich nicht liebt; wenn ich wüßte, daß er mich liebte, würde ich lieber sterben, als ihm etwas erlauben; denn ich verabscheue ihn.« Am nächsten Tage ging ich um sieben Uhr abends zu ihr. Sie empfing mich mit einer erheuchelten traurigen Miene, indem sie zu mir sagte: »Leider werden wir beim Abendessen allein sein, denn Molinari hat Kolik.« »Sie haben mir gesagt, er werde krank sein; haben Sie ihn vergiftet?« »Ich wäre dazu imstande; aber Gott soll mich davor behüten.« »Aber Sie haben ihm irgend etwas eingegeben?« »Nur was er gern hat; aber darüber werden wir noch sprechen. Jetzt wollen wir spielen. Hierauf werden wir zu Abend speisen und bis morgen früh lustig sein, und morgen Abend fangen wir wieder an.« »Nein, denn ich werde um sieben Uhr abfahren.« »Oh, Sie werden nicht abreisen, und Ihr Kutscher wird deshalb keine Händel mit Ihnen anfangen, denn er ist bezahlt. Hier ist die Quittung.« Dies alles sagte sie in einem heiteren Tone verliebter Tyrannei, die mir nicht mißfallen konnte. Da ich es im Grunde nicht eilig hatte, nahm ich die Sache von der heiteren Seite und sagte ihr nur: »Sie sind wahnsinnig; ich bin des Geschenks nicht würdig, das Sie mir damit gemacht haben. Über eins wundere ich mich jedoch: daß ein Weib wie Sie, das ein so schön eingerichtetes Haus hat, sich nichts daraus macht, Gesellschaft zu empfangen.« »Alle Welt zittert vor mir. Sie fürchten den verliebten und eifersüchtigen Ricla, dem der Kerl mit der Kolik alles schreibt, was ich mache. Er schwört, das sei nicht wahr; aber ich weiß, daß er lügt. Es ist mir sogar sehr lieb, daß er es tut, und ich bedauere außerordentlich, daß er ihm bis jetzt nichts Wichtiges hat melden können.« »Er wird ihm schreiben, daß ich heute mit Ihnen allein soupiert habe.« »Um so besser. Haben Sie Furcht?« »Nein, aber mir scheint, Sie müßten mir sagen, ob ich etwas zu befürchten habe.« »Nichts; denn er kann sich nur an mich halten.« »Aber ich möchte nicht die Ursache einer Zwistigkeit sein, die Ihnen zum Schaden gereichen würde.« »Im Gegenteil; je mehr ich ihn reize, desto mehr wird er mich lieben, und die Aussöhnung wird ihm teuer zu stehen kommen.« »Sie lieben ihn also nicht?« »Doch! Aber nur, um ihn zugrunde zu richten. Leider ist er so reich, daß es mir nicht gelingen wird.« Ich sah vor mir ein Weib, schön wie Venus, verdorben wie der Engel der Finsternis, eine abscheuliche Prostituierte, die dazu geboren war, einen jeden zu strafen, der das Unglück haben würde, sich in sie zu verlieben. Ich hatte andere Weiber dieser Art gekannt, aber niemals ihresgleichen. Um von dieser verruchten Sünderin einen Vorteil zu haben, beschloß ich, mir ihren Reichtum zunutze zu machen. Sie ließ Karten bringen und lud mich ein, mit ihr ›Primiera‹ zu spielen. Dies ist ein Glücksspiel, aber es enthält solche Kombinationen, daß der beste und vorsichtigste Spieler stets gewinnen muß. In weniger als einer Viertelstunde bemerkte ich, daß ich besser spielte als sie. Sie hatte jedoch so viel Glück, daß ich mit zwanzig Pistolen im Verlust war, als wir aufstanden, um uns zu Tisch zu setzen. Sie nahm das Geld und versprach mir Revanche. Wir aßen gut zu Abend und begingen hierauf alle Tollheiten, die sie von mir verlangte und die ich noch leisten konnte; denn ich war nicht mehr in dem Alter, wo man Wunder vollbringt. Am anderen Tage ging ich früher zu ihr. Wir spielten, und sie verlor; ebenso an den folgenden Tagen, so, daß ich zwei- bis dreihundert Dublonen von ihr gewann, was bei meinen damaligen Glücksumständen keine gleichgültige Sache war. Der Spion war wieder gesund; am nächsten Tage und ebenfalls an den folgenden Tagen speiste er mit uns; aber seine Gegenwart belästigte mich nicht mehr, seitdem sie nicht mehr vor meinen Augen sich ihm preisgab. Sie hatte sich gerade das Gegenteil ausgedacht: sie gab sich mir hin und sagte ihm, er möchte nur dem Grafen Ricla alles schreiben, was er sähe. Der Graf schrieb ihr einen Brief, den sie mir zu lesen gab und worin der arme Verliebte ihr mitteilte, sie könnte nach Barcelona ohne alle Furcht zurückkehren; denn der Bischof hätte vom Hofe Befehl empfangen, sie nur als eine Theaterdame anzusehen, die sich in seinem Sprengel nur auf der Durchreise aufhielte; sie könnte daher den ganzen Winter in Barcelona verbringen und sich darauf verlassen, daß man sie nicht belästigen würde, vorausgesetzt, daß sie kein Ärgernis erregte. Sie sagte mir, während meines Aufenthaltes in Barcelona könnte ich sie nur nachts besuchen, nachdem der Graf sie verlassen hätte, was er stets um zehn Uhr täte. Sie versicherte mir außerdem, es wäre für mich durchaus keine Gefahr dabei. Ich hätte mich vielleicht nicht in Barcelona aufgehalten, wenn Nina mir nicht gesagt hätte, falls ich etwa Geld nötig haben sollte, würde sie mir die Summe leihen, deren ich bedürfte. Sie verlangte, daß ich einen Tag vor ihr aus Valencia abreiste und in Tarragona Halt machte, um auf sie zu warten. Ich tat, was sie wünschte, und verbrachte in dieser Stadt, die voll von Denkmälern des Altertums ist, einen der angenehmsten Tage. Ich ließ ein leckeres Abendessen zurechtmachen, um Nina so zu empfangen, wie sie es gerne hatte, und sorgte dafür, daß ihr Schlafzimmer an das meinige anstieß, um kein Ärgernis zu erregen. Am Morgen reiste sie ab und bat mich, erst am Abend abzufahren, die Nacht hindurch zu reisen und am Morgen in Barcelona anzukommen, wo ich im Gasthof Santa Maria absteigen sollte. Sie empfahl mir, sie nicht früher zu besuchen, als bis sie mir Nachricht gegeben hätte. Ich befolgte die Vorschriften dieser eigentümlichen Frau und fand in Barcelona eine sehr schöne Wohnung bei einem Schweizer, der mir im geheimen sagte, er habe Befehl erhalten, mich gut zu bedienen, und ich brauchte nur zu verlangen, was ich haben wollte. Wir werden sehen, wohin das alles führte. Elftes Kapitel Mein unvorsichtiges Benehmen. – Passano. – Meine Haft im Gefängnisturm. – Abreise von Barcelona. – Die Castelbajac in Montpellier. – Nimes. – Meine Ankunft in Aix in der Provence. Obgleich mein Wirt ein ehrlicher Schweizer zu sein schien, auf dessen Verschwiegenheit ich rechnen zu können glaubte, fand ich doch Ninas Empfehlung höchst unvorsichtig. Sie war die Geliebte des Generalkapitäns, der vielleicht ein geistreicher Mann war, aber in Spanien in Sachen der Galanterie jedenfalls unbequem sein mußte. Nach ihrer eigenen Schilderung war er von hitzigem, mißtrauischem und eifersüchtigem Charakter. Aber es war nun einmal geschehen. Als ich aufgestanden war, stellte mein Wirt mir einen Lohndiener vor, für den er bürgte; hierauf ließ er mir ein ausgezeichnetes Mittagessen auftragen. Es war ungefähr drei Uhr, und ich hatte seit dem Morgen geschlafen. Nach dem Essen ließ ich den Schweizer heraufkommen und fragte ihn, ob er mir den Bedienten auf Ninas Befehl besorgt habe. Er bejahte dies und sagte, ein Mietswagen halte zu meiner Verfügung vor der Tür; er habe diesen wochenweise gemietet. »Ich wundere mich, daß Nina sich diese Mühe macht. Denn meine Ausgaben kann nur ich allein bestimmen.« »Mein Herr, alles ist bezahlt.« »Alles ist bezahlt? – Das werde ich nicht leiden.« »Sie können das mit ihr abmachen; inzwischen aber können Sie sich darauf verlassen, daß ich keinen Heller von Ihnen annehmen werde.« Ich sah sofort alles mögliche Unheil voraus; da ich aber niemals unangenehmen Gedanken nachzuhängen liebte, so beschäftigte ich mich nicht genug mit diesen. Ich hatte einen Empfehlungsbrief vom Marques de Mora für Don Miguel de Cevallos, und einen vom Obersten Royas für Don Diego de la Secada. Ich gab sie ab; und am nächsten Tage besuchte Don Diego mich und führte mich zum Grafen Peralada. Am übernächsten Tage stellte Don Miguel mich dem Grafen von Ricla vor; dies war der Generalkapitän, Statthalter des Königs im Fürstentum Katalonien und Liebhaber Ninas. Der Graf von Peralada war ein sehr reicher junger Herr, hübsch von Gesicht, schlecht gewachsen, ein großer Wüstling, Freund schlechter Gesellschaft, Feind der Religion, der guten Sitten und der Polizei. Er war von heftigem Charakter und sehr stolz auf seine Geburt: er stammte in gerader Linie von jenem Grafen Peralada ab, der Philipp dem Zweiten so gut gedient hatte, daß der König ihn zum Grafen »von Gottes Gnaden« ernannte. Dies stand auf einem Pergament, das unter Glas und Rahmen in seinem Vorzimmer aufgehängt war. Es war absichtlich dort angebracht, damit die Besucher während der Viertelstunde, die er sie warten ließ, es lesen konnten. Der Graf empfing mich mit jener freien und ungezwungenen Weise, die den großen Herrn ankündigt, der auf alle Zeichen von Ehrfurcht, die er wegen seiner hohen Geburt beanspruchen zu können glaubt, freiwillig verzichtet. Er dankte Don Diego dafür, daß er mich zu ihm geführt habe, und sprach mit mir viel vom Obersten Royas. Er fragte mich, ob ich die Engländerin kennen gelernt habe, die der Oberst in Saragossa unterhalte, und als ich diese Frage bejahte, flüsterte er mir ins Ohr, er habe bei ihr geschlafen. Nachdem er mich in seinen Stall geführt hatte, wo er herrliche Pferde hatte, lud er mich für den nächsten Tag zum Mittagessen ein. Ganz anders war der Empfang, den der Generalkapitän mir bereitete: er empfing mich stehend, damit er mir keinen Stuhl anzubieten brauchte. Als ich ihn in italienischer Sprache anredete, die ihm, wie ich wußte, vertraut war, antwortete er mir auf Spanisch und redete mich mit »Ussia« an – eine Zusammensetzung von vuestra Señioria : eure Herrlichkeit, eine gebräuchliche Anrede, mit der man in Spanien sehr verschwenderisch umgeht; denn die Packträger nennen sich untereinander so – im Austausch für den Titel Exzellenz, den ich ihm selbstverständlich gab. Er sprach mit mir viel über Madrid und beklagte sich, daß Herr von Mocenigo über Bajonne nach Paris gereist sei, statt über Barcelona, wie er es ihm versprochen habe. Um den Gesandten zu entschuldigen, sagte ich, Herr von Mocenigo habe auf der anderen Straße etwa fünfzig Wegstunden gespart; aber der Statthalter antwortete mir, es wäre besser gewesen, wenn er sein Wort gehalten hätte. Er fragte mich, ob ich mich in Barcelona lange aufzuhalten gedächte, und schien überrascht zu sein, als ich ihm sagte, ich würde mit seiner Erlaubnis so lange bleiben, wie es mir gefiele. »Ich wünschte,« versetzte er, »daß es Ihnen lange hier gefiele; aber ich mache Sie darauf aufmerksam, daß die Vergnügungen, die mein Neffe Peralada Ihnen verschaffen kann, Sie in Barcelona in keinen guten Ruf bringen werden.« Da der Graf Ricla diese Bemerkung in Gegenwart anderer Leute gemacht hatte, so glaubte ich sie dem Grafen Peralada bei Tische an demselben Tage wiedererzählen zu können. Er war entzückt davon und erzählte mir in ruhmredigem Ton, er habe drei Reisen nach Madrid gemacht und jedesmal vom Hofe den Befehl erhalten, nach Katalonien zurückzukehren. Ich glaubte den indirekten Rat des Generalkapitäns befolgen zu sollen und schlug alle Einladungen zu Vergnügungspartien, sei es auf dem Lande, sei es in Peraladas Hause, höflich aus. Am fünften Tage überbrachte ein Offizier mir eine Einladung zum Mittagessen bei dem Generalkapitän. Diese Einladung freute mich sehr; denn ich befürchtete, er möchte von meinen Beziehungen zu Nina während meines Aufenthaltes in Valencia gehört haben und mir deswegen grollen. Bei Tisch war er liebenswürdig und richtete oft das Wort an mich, aber stets in ernstem Tone und mit Vermeidung jeder scherzhaften Wendung. Ich befand mich seit acht Tagen in Barcelona und hatte zu meinem großen Erstaunen von Nina noch nichts gehört; endlich aber schrieb sie mir einen Brief, ich möchte, zu Fuß und ohne Bedienten, an demselben Abend um zehn Uhr bei ihr vorsprechen. Da ich in dieses Weib nicht verliebt war, so hätte ich sicherlich nicht hingehen sollen. Damit würde ich anständig und weise gehandelt haben und hätte zugleich dem Grafen Ricla einen Beweis meiner Achtung gegeben. Aber ich war, der Leser weiß es, weder weise noch vorsichtig. In meinem an Unglück so reichen Leben hatte ich doch noch nicht genug Unglück gehabt, um vernünftig zu werden. Ich begab mich also zur bestimmten Stunde, im Überrock und nur mit meinem Degen bewaffnet, zu ihr. Ich fand sie mit ihrer Schwester zusammen, einer Person von ungefähr sechsunddreißig Jahren, die an einen italienischen Tänzer verheiratet war. Dieser hatte den Beinamen Schizza, weil er plattnäsiger war als ein Kalmücke. Nina hatte mit ihrem Liebhaber gespeist, der sie nach seiner unabänderlichen Gewohnheit kurz vor meiner Ankunft verlassen hatte. Sie sagte mir, sie sei hocherfreut, daß ich bei ihm gespeist habe, um so mehr, daß sie mit ihm über mich gesprochen und mich gelobt habe, daß ich ihr acht oder zehn Tage lang in Valencia so gute Gesellschaft geleistet habe. »Vortrefflich, meine Liebe; aber mir scheint. Sie sollten mich nicht zu unschicklicher Zeit zu sich kommen lassen.« »Das tue ich, um der Klatschsucht der Nachbarn keinen Stoff zu liefern.« »Dazu ist das nicht das rechte Mittel; im Gegenteil, du wirst dadurch die bösen Zungen noch mehr reizen und deinem Grafen einen Floh ins Ohr setzen.« »Er kann nichts davon wissen.« »Er wird es erfahren.« Um Mitternacht zog ich mich nach einer höchst anständigen Unterhaltung zurück. Ihre Schwester, die übrigens durchaus nicht zimperlich war, verließ uns keinen Augenblick, und Nina tat nichts, wodurch jene unsere vertrauten Beziehungen hätte erraten können. An den nächsten Tagen machte ich jeden Abend den gleichen Besuch, weil sie mich darum bat. Wir ließen die Rechte des Grafen unangetastet, und darum fürchtete ich nichts. Trotzdem hätte ich nicht mehr hingehen sollen, denn ich erhielt eine Warnung. Aber mein Schicksal und mein Eigensinn trieben mich vorwärts. Ein Offizier von der Wallonischen Garde redete mich eines Mittags an, als ich vor der Stadt allein spazieren ging. Er sagte höflich: »Ich bitte Sie, zu entschuldigen, daß ich, obwohl Ihnen unbekannt, mir die Freiheit nehme, von etwas zu sprechen, was mich selber durchaus nichts angeht, für Sie jedoch von großem Interesse ist.« »Sprechen Sie nur, mein Herr! Ich kann Ihnen nur dankbar sein für das, was Sie mir gütigst sagen wollen.« »Schön. Sie sind ein Fremder, mein Herr; Sie kennen vielleicht weder den Boden, worauf Sie sich befinden, noch die spanischen Sitten, und wissen infolgedessen nicht, daß Sie sich einer großen Gefahr aussetzen, indem sie jeden Abend oder vielmehr jede Nacht zu Nina gehen, sobald der Graf sie verlassen hat.« »Was kann ich dabei riskieren? Ich möchte darauf wetten, daß der Graf es weiß, und daß er nichts Böses dabei findet.« »Ich glaube ebenfalls, daß er es weiß, und daß er vielleicht ihr gegenüber tut, wie wenn er nichts weiß, weil er sie ebensosehr fürchtet, wie er sie liebt; aber wenn sie Ihnen sagt, der Graf nehme es nicht übel, so täuscht sie sich oder Sie; denn es ist nicht möglich, daß er sie liebt, ohne eifersüchtig zu sein, und ein eifersüchtiger Spanier...! Folgen Sie meinem Rat, mein Herr, glauben Sie mir und verzeihen Sie mir!« »Ich danke Ihnen aufrichtig, mein Herr; aber ich werde Ihren Rat nicht befolgen, denn das wäre ein Verstoß Nina gegenüber, die meine Gesellschaft liebt, mich sehr gut aufnimmt und weiß, daß ich sie gerne besuche. Ich werde so lange hingehen, bis sie mir es verbietet, oder bis der Graf mir kundgibt, daß meine Besuche bei seiner Geliebten ihm unangenehm sind.« »Das würde der Graf niemals tun; er würde fürchten, sich dadurch zu erniedrigen.« Der brave Offizier erzählte mir hierauf ausführlich alle Ungerechtigkeiten und Gewaltsamkeiten, die Graf Ricla begangen hatte, seitdem er sich in diese Frau verliebt hatte, die ihn alles tun ließ, was sie wollte. Leute wurden auf den einfachen Verdacht, sie zu lieben, aus dem Dienst gejagt, andere wurden in die Verbannung geschickt, noch andere unter nichtigen Vorwänden eingekerkert. Der Graf, der ein so hohes Amt bekleidete und der vor der Bekanntschaft mit Nina ein Muster von Weisheit, Gerechtigkeit und Tugend gewesen war – er war, seitdem er sich in sie verliebt hatte, ungerecht, gewalttätig, blind geworden und gab allen Leuten ein Ärgernis. Die Auseinandersetzungen des ehrlichen Offiziers hätten mich zur Vernunft bringen sollen; aber es war nicht der Fall. Ich sagte ihm beim Abschied aus Höflichkeit, ich würde mich allmählich von ihr trennen; aber ich dachte nicht daran, zu tun, was ich sagte. Als ich ihn fragte, wie er erfahren hätte, daß ich zu Nina ginge, antwortete er mir lachend, das sei das Tagesgespräch in allen Kaffeehäusern der Stadt. An demselben Abend besuchte ich Nina, ohne ihr ein Wort von unserer Unterhaltung zu sagen. Ich wäre entschuldbar gewesen, wenn ich sie geliebt hätte; da ich aber nichts für sie fühlte, so war ich – wahnsinnig. Am 14. November ging ich um die gewöhnliche Stunde zu ihr. Ich fand bei ihr einen Mann, der ihr Miniaturen zeigte. Ich sah ihn an und erkannte den niederträchtigen Schurken Passano oder Pogomas. Das Blut stieg mir zu Kopf; ich nahm Nina bei der Hand, führte sie in ein Nebenzimmer und sagte ihr, sie möchte augenblicklich den Gauner fortschicken, den sie bei sich hätte; sonst würde ich gehen und niemals wiederkommen. »Es ist ein Maler.« »Ich weiß es, ich kenne ihn; ich werde Ihnen alles sagen; aber schicken Sie ihn fort oder ich gehe.« Nina rief ihre Schwester und trug ihr auf, dem Genueser zu befehlen, sofort ihr Haus zu verlassen und es nicht wieder zu betreten. Der Befehl wurde sofort ausgeführt, und die Schwester berichtete mir, er habe im Hinausgehen gesagt: Se ne pentira – »er wird es bereuen!« Eine Stunde lang erzählte ich ihnen einen Teil der Beschwerden, die ich gegen das Ungeheuer hatte. Am nächsten Tage, dem 15. November, begab ich mich zur gewohnten Stunde zu Nina, und nachdem ich in Gegenwart ihrer Schwester zwei Stunden in heiterer Unterhaltung verbracht hatte, ging ich mit dem Schlage zwölf Uhr hinaus. Die Haustüre befand sich unter dem Bogengang, der bis an das Ende der Straße führte. Es war dunkel. Kaum hatte ich fünfundzwanzig Schritte unter den Steinlauben gemacht, als ich mich von zwei Männern angegriffen sah. Schnell sprang ich zurück, zog den Degen, rief »Mörder!« und stieß meine Klinge dem nächsten in den Leib. Dann sprang ich aus dem Bogengang über die niedrige Mauer mitten auf die Straße und lief davon. Ein Schuß, den der zweite Mörder mir nachsandte, traf mich glücklicherweise nicht. Unterwegs fiel ich hin, sprang aber sofort wieder auf und lief weiter, ohne meinen Hut zu suchen, den ich bei meinem Sturze verloren hatte. Ich wußte nicht, ob ich verwundet war, aber ich lief immer weiter, den blanken Degen in der Hand, bis ich ganz außer Atem in meinem Gasthof ankam, wo ich meinen Degen vor dem Wirt auf den Schenktisch legte. Die Klinge war ganz blutig. Ich erzählte dem guten alten Mann, was vorgefallen war; hierauf zog ich meinen Überrock aus und fand unterhalb der Achsel zwei Kugellöcher. »Ich werde zu Bett gehen,« sagte ich zu meinem Schweizer, »und lasse Ihnen meinen Degen und meinen Überrock zurück. Morgen früh werde ich Sie bitten, mit mir vor den Richter zu gehen, um diesen Mordanfall anzuzeigen; denn wenn ein Mensch getötet H0Z sein sollte, so wird man sehen, daß ich nur in Verteidigung meines Lebens gehandelt habe.« »Ich glaube, Sie werden besser tun, sofort abzureisen.« »Sie glauben also, daß die Sache sich nicht so verhält, wie ich sie ihnen erzählt habe?« «Ich glaube alles. Aber reisen Sie ab! Denn ich sehe, von wo der Streich ausgeht, und Gott weiß, was Ihnen noch geschieht!« »Mir wird nichts geschehen; wenn ich aber abreiste, würde man mich für schuldig halten! Nehmen Sie den Degen in Verwahrung! Man hat mich ermorden wollen. Die Mörder mögen sich in acht nehmen!« Ziemlich aufgeregt legte ich mich zu Bett; indessen war ich doch weniger aufgeregt, wie ich es nach einem solchen Ereignis hätte sein können; denn wenn ich einen Menschen getötet hatte – wie ich noch jetzt ganz bestimmt glaube – so hatte ich es nur zu meiner Selbsterhaltung getan. Mein Gewissen war ruhig. Um sieben Uhr morgens wurde an meine Tür geklopft. Ich öffnete und sah vor mir meinen Wirt und einen Beamten in Uniform, der mir befahl, ihm alle meine Papiere zu übergeben, mich anzukleiden und ihm zu folgen; wenn ich den geringsten Widerstand leistete, würde er bewaffnete Hilfe heraufkommen lassen. Ich antwortete ihm: »Ich habe durchaus keine Lust, Widerstand zu leisten, auch bedarf ich dessen nicht. In wessen Auftrag verlangen Sie von mir meine Papiere?« »Auf Befehl des Gouverneurs; sie werden Ihnen zurückgegeben werden, wenn nichts Verdächtiges dabei ist.« »Und wohin werden Sie mich bringen?« »Auf die Zitadelle. Sie werden dort in Haft gesetzt werden.« Ich öffnete meinen Koffer und nahm meine Wäsche und meine Kleider heraus, die ich dem Schweizer übergab. Der Beamte machte ein ganz erstauntes Gesicht, als er sah, daß der Koffer halb voll von Papieren war. »Dies sind meine Papiere, mein Herr; andere habe ich nicht.« Ich schloß den Koffer wieder zu und übergab ihm den Schlüssel. Er nahm ihn und sagte zu mir: »Ich rate Ihnen, in einen Mantelsack die Sachen zu legen, die Sie für die Nacht brauchen.« Hierauf wandte er sich zum Wirt und befahl ihm, mir ein Bett zu schicken; dann sagte er, er wünschte zu wissen, ob ich Papiere in meinen Taschen hätte. »Nur meine Pässe.« »Gerade Ihre Pässe«, sagte er mit einem bitteren Lächeln, »wünsche ich zu erhalten.« »Meine Pässe sind unantastbar, ich werde sie nur dem Generalgouverneur übergeben, und Sie können sie mir nur zugleich mit meinem Leben entreißen. Haben Sie Respekt vor Ihrem König, hier ist sein Paß, hier der des Grafen Aranda und hier der des venetianischen Gesandten. In diesen Pässen wird Ihnen befohlen, mich zu respektieren. Sie bekommen Sie nur, wenn Sie mir Arme und Beine binden lassen.« »Mäßigen Sie sich, mein Herr! Wenn Sie sie mir geben, ist das so gut, als wenn Sie sie Seiner Exzellenz übergäben. Wenn Sie sich widersetzen, werde ich Ihnen nicht Hände oder Füße binden lassen, aber ich werde Sie vor den Generalkapitän führen, und dort werden Sie gezwungen sein, sie vor allen Leuten herauszugeben. Liefern Sie sie mir gutwillig aus, und ich werde Ihnen eine Quittung darüber ausstellen.« Mein guter Schweizer sagte mir, es wäre besser, wenn ich nachgäbe, und meine Pässe könnten mir nur günstig sein. Der Beamte gab mir eine genaue Quittung darüber; ich legte diese in meine Brieftasche, die er mir aus Gefälligkeit ließ, und ging mit ihm hinaus. Sechs Häscher, die er unter seinem Befehl hatte, folgten uns nur von ferne. Indem ich mich an die Katastrophe in Madrid erinnerte, fühlte ich mich menschlich behandelt. Bevor wir gingen, sagte der Beamte mir, ich könne bei meinem Wirt bestellen, was ich zu meinen Mahlzeiten zu erhalten wünsche, und ich bat diesen, mir Mittag- und Abendessen nach meiner Gewohnheit zu schicken. Unterwegs erzählte ich dem Beamten, was mir in der letzten Nacht begegnet war; er hörte mich mit großer Aufmerksamkeit an, ohne jedoch auch nur ein einziges Wort zu äußern. In der Zitadelle übergab mein Begleiter mich dem wachthabenden Offizier, der mich in ein Zimmer im ersten Stock brachte. Dieses Zimmer hatte völlig kahle Wände, aber die Fenster waren nicht vergittert und gingen auf einen kleinen Platz hinaus. Kaum war ich zehn Minuten dort, so brachte man mir meinen Nachtsack und ein ausgezeichnetes Bett. Als ich allein war, überließ ich mich meinen Betrachtungen. Ich hörte mit dem auf, womit ich hätte anfangen sollen: Was bedeutet ein solches Gefängnis, und was kann es mit meinem Abenteuer von voriger Nacht zu tun haben? Ich sehe keine Beziehungen. Man will meine Papiere prüfen; ohne Zweifel glaubt man, ich habe mit irgendeiner Verschwörung gegen die Regierung oder die Religion zu tun; ich weiß, daß ich nichts zu befürchten habe, und darum bin ich ruhig. Man gibt mir eine sehr anständige Unterkunft, versichert sich aber meiner Person jedenfalls so lange, bis man meine Papiere untersucht hat. In alledem ist nichts, was nicht in der Ordnung wäre. Die Erstechung meines Mörders hat gar nichts damit zu tun. Selbst wenn der Schurke tot sein sollte, habe ich doch, glaube ich, von dieser Seite nichts zu fürchten. Anderseits zeigt mir der Rat, den mein Wirt mir gestern Abend gab, daß ich alles zu fürchten habe, wenn die Menschen, die mich töten wollten, auf Befehl eines Mannes handelten, der nichts zu fürchten hat, weil ihm eine unbeschränkte Macht zu Gebote steht. Ricla kann sich rächen, er kann mich verderben wollen; aber ich darf dies nicht annehmen. Würde ich gut daran getan haben, dem Rate des ehrlichen Schweizers zu folgen und auf der Stelle abzureisen? Das kann wohl sein, aber ich glaube es nicht; denn abgesehen davon, daß es meine Ehre verletzt hätte, so hätte man mich verfolgen, mich fangen und in einen schrecklichen Kerker setzen können. Hier bin ich zwar in einem Gefängnis, befinde mich aber ganz behaglich. Zur Durchsicht meiner Papiere sind nur drei oder vier Tage nötig, und da in ihnen nichts enthalten ist, was die Regierung oder den spanischen Stolz beleidigen könnte, so wird man sie mir zurückgeben und zugleich mit ihnen meine Freiheit, die mir um so süßer erscheinen wird, da ich ihrer für einige Augenblicke beraubt gewesen bin. Meine Pässe können mir nur Achtung verschaffen. Es ist nicht wahrscheinlich, daß der heute Nacht gegen mich verübte Angriff von einem tyrannischen Befehl des einzigen Mannes ausgeht, der in Barcelona einen solchen erteilen kann; denn abgesehen davon, daß ein solcher Befehl ihn entehrt hätte, so würde er mich auch jetzt nicht so sanft behandeln. Ist der Befehl von ihm ausgegangen, so hat er auch auf der Stelle erfahren, daß seinen Mordknechten der Streich mißlungen ist, und ich glaube nicht, daß ein kluger Mann wie er dann den Befehl gegeben hätte, mich zu verhaften. Wir werden sehen. Täte ich gut daran, an Nina zu schreiben? Aber kann man hier überhaupt schreiben? Mit tausend solchen Gedanken beschäftigt lag ich auf meinem Bett, denn einen Stuhl hatte ich nicht. Während ich so nachdachte, ohne zu einem Entschluß kommen zu können, hörte ich ein Geräusch. Ich öffnete mein Fenster und sah zu meiner größten Überraschung den Schurken Passano, den ein Korporal und zwei Soldaten in das Gefängnis führten, das sich fünfundzwanzig Schritte von meinem Fenster entfernt im Erdgeschoß befand. Als der Spitzbube in die Tür trat, blickte er auf, bemerkte mich und fing an zu lachen. »Aha!« sagte ich bei mir selber, »da gibt es neue Nahrung für meine Mutmaßungen. Der Schurke hat zu Ninas Schwester gesagt, ich werde es bereuen. Er wird irgendeine gräßliche Verleumdung gegen mich ausgeheckt haben, und man nimmt ihn in Haft, damit er für sie eintritt. Gut! Besseres könnte ich mir gar nicht wünschen.« Man brachte mir ein leckeres Mittagessen, aber ich hatte weder Tisch noch Stuhl. Der Soldat, der mich zu bewachen hatte, besorgte mir beides für einen Duro. Es war verboten, ohne besondere Erlaubnis den Gefangenen Federn und Tinte zu liefern; da aber die Vorschrift von Bleistift und Papier nichts sagte, so besorgte mein Soldat mir für mein Geld davon soviel, wie ich wollte, ferner noch Kerzen und Leuchter, und ich machte, um die Zeit totzuschlagen, geometrische Berechnungen. Ich ließ den freundlichen Soldaten mit mir zu Abend essen, und er versprach mir, am nächsten Tage mich einem seiner Kameraden zu empfehlen, der mich treu bedienen würde. Die Wache wurde um elf Uhr abgelöst. Am Morgen des vierten Tages trat der wachhabende Offizier mit traurigem Gesicht bei mir ein und sagte mir höflich, es tue ihm sehr leid, mir eine recht unangeneme Nachricht ankündigen zu müssen. Eine solche hatte ich an diesem Ort nicht erwartet. »Worum handelt es sich?« »Ich habe Befehl, Sie in das unterirdische Gefängnis des Turms zu bringen.« »Mich?« «Sie.« »Man hat also in mir einen großen Verbrecher entdeckt. Gehen wir, mein Herr!« Wir kamen in ein rundes Gefängnis, eine Art von Keller, der mit großen Steinfliesen gepflastert war. Fünf oder sechs Spalten von zwei Fuß Breite ließen ein spärliches Licht ein. Der Offizier sagte mir, ich könne befehlen, was ich zu essen wünsche, aber nur einmal am Tage; denn sonst sei es verboten, das Gefängnis zu öffnen. »Wer wird mir Licht bringen?« »Sie können beständig eine Lampe brennen lassen, und diese muß Ihnen genügen, denn Bücher sind nicht erlaubt. Wenn man Ihnen Ihr Essen bringt, wird der wachhabende Offizier die Pasteten und das Geflügel öffnen, um sich zu überzeugen, daß sie nichts Geschriebenes enthalten; denn hier ist es nicht erlaubt, Briefe zu empfangen oder welche zu schreiben.« »Ist dieser Befehl eigens für mich gegeben worden?« »Nein, mein Herr, es ist allgemeine Vorschrift. Sie werden beständig eine Schildwache bei sich haben, mit der Sie sich nach Ihrem Belieben unterhalten können.« »Die Tür wird also offen sein?« »O nein!« »Und die Reinlichkeit?« »Der Offizier, der Ihnen das Essen bringen läßt, wird einen Soldaten mitkommen lassen, der Sie für eine Kleinigkeit bedienen wird.« »Darf ich zu meiner Unterhaltung mit Bleistift architektonische Pläne zeichnen? »Soviel Sie wollen!« »Wollen Sie also, bitte, befehlen, daß man mir Papier kaufe.« »Mit Vergnügen.« Der Offizier verließ mich mit bekümmerter Miene, indem er mich zur Geduld ermahnte, wie wenn es von mir abgehangen hätte, keine Geduld zu haben, und verschloß doppelt eine dicke Tür, hinter der ich eine Schildwache mit aufgepflanztem Bajonett sah. In dieser Tür war ein kleines, vergittertes Fenster angebracht. Der Offizier, der mittags kam, brachte mir Papier, zerlegte ein Huhn und stocherte mit der Gabel in den Schüsseln herum, worin sich Tunke befand, um sich zu vergewissern, daß nicht etwa ein Papier auf dem Grunde läge. Mein Essen war so reichlich, daß es für sechs genügt haben würde. Ich sagte ihm, er würde mir eine Ehre erweisen, wenn er mit mir speisen wollte, aber er antwortete mir, das sei streng verboten. Dieselbe Antwort gab er mir, als ich ihn fragte, ob ich die Zeitungen lesen dürfte. Meine Schildwachen führten ein Götterleben, denn ich gab ihnen zu essen und bewirtete sie mit ausgezeichnetem Wein. Die armen Teufel behandelten mich denn auch mit aller erdenklichen Rücksicht. Ich war sehr neugierig, zu erfahren, ob ich das gute Essen auf meine eigenen Kosten erhielt, aber es war mir nicht möglich, meine Neugier zu befriedigen; denn der Kellner aus dem Gasthof konnte nicht bis zu mir dringen. In diesem Loch, worin ich zweiundvierzig Tage verbrachte, schrieb ich mit Bleistift und ohne ein anderes Hilfsmittel als mein Gedächtnis die ganze Widerlegung der Geschichte der Regierung von Venedig von Amelot de la Houssaye; die Stellen für die Zitate ließ ich frei, um sie einzufügen, wenn ich wieder in Freiheit wäre und das Werk selber vor Augen hätte. Der Zufall fügte es, daß ich in meinem Gefängnis einen Augenblick lachen durfte, und das Lachen ist ein Vorrecht des vernunftbegabten Wesens, das oft zu wenig mit Vernunft begabt ist. Um diese Geschichte zu erzählen, muß ich etwas weiter ausholen: Ein Italiener, namens Tadini, kam nach Warschau, während ich mich in der polnischen Hauptstadt aufhielt. Er war an Tomatis empfohlen, und dieser empfahl ihn an mich. Dieser Tadini nannte sich einen Okulisten. Tomatis lud ihn manchmal zum Essen ein; ich, der ich damals nicht reich war, konnte ihm weiter nichts geben als gute Worte und eine Tasse Kaffee, wenn er zum Frühstück zu mir kam. Tadini sprach überall von seinen Operationen und schimpfte auf einen anderen, seit zwanzig Jahren in Warschau ansässigen Augenarzt, weil dieser, wie er behauptete, nicht den Star zu stechen wüßte. Der andere dagegen nannte ihn einen Scharlatan, der nicht einmal wisse, wie das Auge gebaut sei. Tadini bat mich, zu seinen Gunsten mit einer Dame zu sprechen, die von dem anderen erfolglos operiert worden war, denn der Star war wiedergekommen. Diese Dame war auf dem operierten Auge blind, aber mit dem anderen sah sie, und da die Geschichte heikel war, so sagte ich Tadini, ich wolle nichts damit zu tun haben. »Ich habe mit der Dame gesprochen,« sagte der Italiener zu mir, »und habe ihr gesagt, daß Sie für mich bürgen können.« »Daran haben Sie sehr unrecht getan, denn in solchen Dingen würde ich nicht einmal für den allergelehrtesten Menschen bürgen. Ihr Wissen aber kenne ich ja gar nicht.« »Aber Sie wissen doch, daß ich Okulist bin.« »Ich weiß, daß Sie als solcher bezeichnet werden; das ist aber auch alles. In Ihrem Beruf dürfen Sie keine Empfehlung von irgendeinem Menschen nötig haben; Sie müssen laut rufen: Operibus credite – glaubet meinen Werken! Das muß Ihr Wahlspruch sein.« Er machte keine Einwendungen, legte mir aber eine Menge Zeugnisse vor, die ich vielleicht gelesen haben würde, wenn nicht das allererste, das er mir zeigte, von einer Person hergerührt hätte, die urbi et orbi verkündete, Herr Tadini habe sie vom schwarzen Star geheilt. Ich lachte ihm ins Gesicht und bat ihn, mich ungeschoren zu lassen. Einige Tage darauf war ich mit ihm zum Essen bei der Dame mit dem grauen Star. Ich behandelte ihn freundlich und ließ ihn reden, jedoch mit der Absicht, die Dame rechtzeitig zu warnen, daß sie sich ihm nicht anvertrauen solle. Ich fand sie beinahe entschlossen, sich der Operation zu unterwerfen; da aber der Bursche mich als Zeugen angerufen hatte, so wünschte sie, daß ich bei einer Disputation zwischen ihm und dem Warschauer Okulisten zugegen wäre. Dieser kam nach Tisch. Ich war mit dem größten Vergnügen bereit, die Gründe der beiden feindlichen Professoren anzuhören. Der Alte war ein Deutscher, sprach aber gut französisch. Er griff jedoch Tadini in lateinischer Sprache an. Dieser fiel ihm sofort ins Wort, indem er sagte, die Dame müsse doch verstehen können, was sie sagten. Dieser Meinung schloß ich mich an. Offenbar aber verstand Tadini kein Wort Latein. Der deutsche Augenarzt führte zunächst Gründe der Vernunft an. Er sagte: es sei allerdings wahr, daß das Stechen des grauen Stares dem Operateur und dem Operierten die Gewißheit gebe, daß der Star nicht wiederkommen werde; die Operation aber sei weniger sicher und setze außerdem den Kranken der Gefahr aus, blind zu werden, indem er die unersetzbare Kristallinse verliere. Tadini hätte dies leugnen sollen, denn der Deutsche hatte unrecht; statt dessen beging er die Albernheit, eine kleine Schachtel hervorzuziehen, worin er kleine Kugeln hatte, die sehr schönen Kristallinsen glichen. »Was soll das bedeuten?« fragte der alte Professor. »Ich besitze die Kunst, diese Kügelchen anstatt der Kristallinsen in die Hornhaut einzusetzen.« Hierüber lachte der Deutsche so laut und so anhaltend, daß die Dame sich nicht enthalten konnte, ebenfalls zu lachen. Ich hätte gerne mitgelacht, aber ich schämte mich, für einen dummen Ignoranten zu gelten, und verhielt mich schweigend. Tadini glaubte ohne Zweifel, ich wolle mit diesem Schweigen das Lachen des Deutschen mißbilligen, und hoffte das Gewitter beschwören zu können, indem er sich an mich wandte. Ich antwortete ihm: »Da Sie meine Meinung kennen zu lernen wünschen, so will ich sie Ihnen sagen: der Unterschied zwischen einem Zahn und der Kristallinse des Auges ist sehr groß und Sie haben unrecht, wenn Sie glauben, man könne die Kristallinse in das Auge zwischen der Netzhaut und der Hornhaut einsetzen, wie Sie vielleicht an Stelle eines ausgerissenen hohlen Zahnes einen falschen Zahn in einen Kiefer einsetzen.« »Mein Herr, ich habe keinem Menschen je einen Zahn eingesetzt!« »Das kann wohl sein, aber sicherlich auch keine Kristallinse.« Als ich diese Worte sagte, stand der freche Ignorant auf und ging hinaus. Daran tat er wohl, denn was hätte er anderes machen sollen? Wir lachten noch lange über den Mann, und die Dame nahm sich fest vor, den unverschämten Menschen, der sehr gefährlich werden konnte, nicht mehr zu empfangen. Der Professor aber glaubte, ihn nicht stillschweigend verachten zu dürfen. Er ließ ihn vor das Kollegium der Fakultät zitieren, um in einer Prüfung seine Kenntnisse von der Einrichtung des menschlichen Auges zu zeigen. Außerdem brachte er einen komischen Artikel in die Zeitungen, worin er sich über die Einsetzung einer Kristallinse zwischen Netz- und Hornhaut lustig machte; dabei zitierte er den wunderbaren Künstler, der in Warschau wäre und diese Operation mit derselben Leichtigkeit vollzöge, wie ein Zahnarzt einen falschen Zahn einsetzte. Wütend und verzweifelt lauerte Tadini dem alten Professor in einer Straße auf; er griff ihn mit gezücktem Degen an und zwang ihn, in ein Haus zu flüchten. Nach dieser schönen Heldentat verließ er ohne Zweifel die Stadt zu Fuß; denn man sah ihn nicht wieder. Man stelle sich also meine Überraschung und meine Lachlust vor, als ich eines Tages durch das vergitterte Türfenster meines Calabozo, worin ich vor Langeweile umkam, den Okulisten Tadini sah, der in weißer Uniform mit aufgepflanztem Bajonett als Schildwache dastand. Ich weiß nicht, wer von uns beiden am meisten erstaunt war. Jedenfalls fiel der arme Teufel aus den Wolken, als er trotz der Dunkelheit mich endlich erkannte. Aber ihm war nicht lächerlich zumute, während ich mich nicht enthalten konnte, während der ganzen zwei Stunden bis zu seiner Ablösung aus vollem Halse zu lachen. Nachdem ich ihm tüchtig zu essen gegeben und ihn mehrere Gläser meines ausgezeichneten Weines hatte trinken lassen, schenkte ich ihm einen Taler und versprach ihm eine gleiche Bewirtung für jedes Mal, wo er auf Posten sein würde. Er kam jedoch nur viermal wieder, denn die Soldaten rissen sich darum, tagsüber vor meinem Gefängnis Wache zu stehen. Tadini belustigte mich, indem er mir alles Unglück erzählte, das ihm seit seinem Fortgange von Warschau widerfahren war. Nachdem er viel gereist, aber nirgendswo das Glück getroffen hatte, war er nach Barcelona gekommen, wo die katalonischen Gesetze auf seine Würde als Okulist keine Rücksicht genommen hatten. Da er keine Empfehlungen hatte und kein Universitätsdiplom besaß, so wollte man mit ihm ein Examen in lateinischer Sprache anstellen. Er weigerte sich jedoch, sich diesem zu unterziehen, indem er erklärte, die lateinische Sprache habe mit den Augenkrankheiten nichts zu schaffen. Man begnügte sich nicht, ihn wie an anderen Orten einfach auszuweisen – worin er sich gefügt hätte, zumal da er daran gewöhnt war – sondern man hatte ihn zum Soldaten gemacht. Nachdem ich ihm Verschwiegenheit versprochen hatte, vertraute er mir an, er würde bei der nächsten Gelegenheit desertieren, wollte jedoch sicher sein, daß er nicht auf die Galeren käme. »Und was haben Sie mit Ihren Kristallinsen gemacht?« »Auf diese habe ich seit Warschau verzichtet, obgleich ich sicher bin, daß sie Erfolg haben müssen.« Er hatte niemals eine praktische Erfahrung damit gemacht. Ich habe nicht wieder von ihm sprechen hören. Am 28. Dezember, sechs Wochen nach dem Tage meiner Verhaftung, kam der wachthabende Offizier und forderte mich auf, mich anzukleiden und ihm zu folgen. »Wohin gehen wir?« »Es wartet auf Sie ein Beamter des General-Kapitäns; diesem werde ich Sie übergeben.« Ich kleidete mich in aller Eile an, und nachdem ich alle Sachen, die ich dort hatte, in einen Mantelsack gepackt hatte, folgte ich ihm. In der Wachtstube übergab er mich demselben höflichen Beamten, der mich verhaftet hatte. Dieser führte mich nach dem Palast des Statthalters, wo ein Regierungsbeamter mir meinen Koffer zeigte und mir sagte, alle meine Papiere seien darin. Hierauf übergab er mir meine drei Pässe mit den Worten, sie seien in Ordnung. »Das weiß ich und wußte ich.« »Ich zweifle nicht daran, aber man hat starke Gründe gehabt, das Gegenteil zu glauben.« »Das müssen Gründe sein, die ich mir nicht denken kann; denn, wie Sie sehen, waren diese Gründe unbegründet.« »Sie werden begreifen, Señor, daß ich auf eine solche Bemerkung nicht antworten kann.« »Das verlange ich auch nicht.« »Euer Gnaden sind vollkommen gerechtfertigt; indessen erteile ich Ihnen hierdurch den Befehl, Barcelona in drei Tagen zu verlassen und Katalonien in acht.« »Selbstverständlich werde ich gehorchen; aber ich hoffe, alle ehrlichen Leute der ganzen Welt, und Sie zu allererst, werden zugeben, daß dieser Befehl kaum dazu angetan ist, die mir widerfahrene Ungerechtigkeit wieder gut zu machen.« »Es steht in Ihrer Macht, nach Madrid zu gehen und sich bei Hofe zu beschweren, wenn Sie Anlaß zu Klagen zu haben glauben.« »Ich habe sehr großen Anlaß zu Klagen, mein Herr, aber ich werde nach Frankreich gehen und nicht nach Madrid: ich habe von Spanien genug. Wollen Sie mir wohl den Befehl schriftlich geben, den Sie mir erteilt haben?« »Das ist nicht nötig. Sie haben ihn ja verstanden. Ich heiße Emanuel Badillo und bin Sekretär der Regierung. Der Herr wird Sie nach Santa Maria in dasselbe Zimmer bringen, worin er Sie verhaftet hat. Sie werden dort alles finden, was Sie zurückgelassen haben. Sie sind frei. Morgen werde ich Ihnen den von Seiner Exzellenz, dem General-Kapitän, und von mir unterzeichneten Paß schicken. Leben Sie wohl, mein Herr.« Begleitet von dem Zivilbeamten und einem Bedienten, der meinen Koffer trug, begab ich mich nach meinem Gasthof. Unterwegs las ich die Theateranzeige für denselben Abend und sagte: »Gut, ich werde die Oper sehen.« Mein guter Schweizer strahlte vor Freude, als er mich wiedersah, und ließ mir schnell ein gutes Feuer anzünden; denn bei dem Nordwind war es außerordentlich kalt. Er versicherte mir, kein Mensch außer ihm habe mein Zimmer betreten, und übergab mir in Gegenwart des Beamten meinen Degen, meinen Überrock und außerdem, zu meinem großen Erstaunen, meinen Hut, den ich bei meinem Sturz auf der Flucht vor den Mördern verloren hatte. Der Beamte ließ hierauf ebenfalls alles, was ich in dem Turm der Zitadelle zurückgelassen hatte, auf mein Zimmer bringen und fragte mich, ob ich irgendwelche Ansprüche an ihn hätte. »Nicht den geringsten, mein Herr.« »Ich wäre glücklich, wenn Sie anerkennen wollten, daß ich nur meine Pflicht getan habe und daß Sie sich nicht über mich zu beklagen haben.« Ich streckte ihm die Hand hin und versicherte ihn meiner Achtung. »Leben Sie wohl, mein Herr, ich wünsche Ihnen glückliche Reise.« Diese Erzählung ist in allen Einzelheiten wahr; sie könnte, wenn das der Mühe wert wäre, von mehreren Personen bezeugt werden. Aber sie ist noch nicht zu Ende: Ich sagte meinem guten Schweizer, ich würde um zwölf Uhr zu Mittag essen, und er müßte daran denken, mir zur Feier meiner Befreiung ein Festmahl zu rüsten; hierauf ging ich mit meinem Bedienten nach der Post, um nachzufragen, ob Briefe für mich da seien. Ich fand fünf oder sechs, die völlig unversehrt waren, worüber ich mich ebenfalls in hohem Grade verwunderte. Denn wie kann man begreifen, daß eine Behörde einen Menschen aus irgendwelchen Verdachtsgründen seiner Freiheit beraubt und sich dann selbstverständlich auch seiner Papiere bemächtigt, zugleich aber das Geheimnis der Briefe achtet, die an ihn adressiert sind? Ich glaube, schon gesagt zu haben: Spanien ist ein Land, wo alles anders ist als sonst auf der Welt. Diese Briefe kamen von Paris, Venedig, Warschau und Madrid, und ich hatte keinen Anlaß zum Verdacht, daß die Behörde einen anderen beseitigt hätte. Nachdem ich in meinen Gasthof zurückgekehrt war, um in aller Bequemlichkeit meine Briefe zu lesen, ließ ich meinen Wirt kommen und fragte ihn nach meiner Rechnung. »Mein Herr, Sie sind mir nichts schuldig. Hier ist die Rechnung über Ihre Ausgaben seit Ihrer Verhaftung; wie Sie sehen, ist sie beglichen. Außerdem habe ich von derselben Seite den Befehl erhalten, Ihnen im Gefängnis und solange Sie überhaupt in Barcelona bleiben, alles zu liefern, was Sie wünschen könnten.« »Haben Sie gewußt, wie lange Zeit ich im Gefängnis bleiben sollte?« »Nein, mein Herr; man hat mich am Ende jeder Woche bezahlt.« »In wessen Auftrag?« »Das wissen Sie.« »Haben Sie irgendeinen Brief für mich empfangen?« »Nichts.« »Und was ist während meiner Haft aus dem Lohndiener geworden?« »Nach Ihrer Verhaftung zahlte ich ihm seinen Lohn und entließ ihn; jetzt habe ich in bezug auf ihn keinerlei Befehl.« »Ich wünsche, daß der Mann mich bis Perpignan begleitet.« »Sie haben recht, und ich glaube, Sie tun gut daran, Spanien zu verlassen, denn Gerechtigkeit werden Sie hier nicht finden.« »Was hat man zu dem Mordanfall gesagt?« »O, das ist sehr komisch! Man sagt, den Büchsenschuß, den man hörte, hätten Sie selber abgefeuert; ebenso hätten Sie selber Ihren Degen blutig gemacht; denn man behauptet, man habe weder einen Toten noch einen Verwundeten gefunden.« »Das ist scherzhaft; und mein Hut?« »Man hat ihn mir drei Tage später gebracht.« »Welches Chaos! Aber wußte man, daß ich im Turm saß?« »Die ganze Stadt wußte es, und man führte zwei gute Gründe dafür an, den einen öffentlich, den anderen im Vertrauen.« »Und was sind das für Gründe?« »Der öffentlich bekannt gegebene Grund: daß Ihre Pässe falsch wären; der Grund, den man sich ins Ohr flüsterte: daß Sie alle Nächte mit der Nina verbrächten.« »Sie hätten bezeugen können, daß ich keine Nacht außer dem Hause geschlafen habe.« »Das habe ich auch zu jedermann laut gesagt; aber das war einerlei: Sie gingen zu Nina, und für einen gewissen hohen Herrn ist das ein Verbrechen. Ich glaube aber jetzt, Sie haben gut daran getan, daß Sie nicht die Flucht ergriffen, wie ich es Ihnen riet; denn jetzt stehen Sie vor aller Welt gerechtfertigt da.« »Ich will heute Abend in die Oper gehen, aber nicht ins Parkett. Ich bitte Sie, mir eine Loge für mich allein zu besorgen.« »Sie sollen sie erhalten. Aber, mein guter Herr, Sie werden nicht zur Nina gehen, nicht wahr?« »Nein, mein braver Mann, ich bin entschlossen, nicht mehr hinzugehen.« Im Augenblick, wo ich mich zum Essen niedersetzen wollte, brachte ein Bankkommis mir einen Brief, der mir eine angenehme Überraschung bereitete, denn er enthielt die Wechsel, die ich in Genua dem Marchese Augustino Grimaldi de la Pietra gegeben hatte, nebst folgenden Zeilen: Passano ersucht mich vergebens, diese Wechsel nach Barcelona zu schicken, um Sie verhaften zu lassen. Ich schicke sie, aber um sie Ihnen zu schenken und Sie dadurch zu überzeugen, daß ich nicht der Mann bin, die Leiden von Menschen zu vermehren, die ohnehin schon vom Schicksal verfolgt werden. Genua, den 30. November 1768. Das war der vierte Genuese, der sich gegen mich wie ein wirklicher Held betrug. Mußte ich um dieser vier braven Männer willen ihrem scheusäligen Landsmann Passano verzeihen? Ich fühlte mich solcher Tugend nicht fähig. Ich dachte, es wäre besser, wenn ich diesen Räuber beseitigte, der über alle Genuesen Schimpf und Schande brächte; aber ich habe vergeblich gewünscht, eine Gelegenheit dazu zu finden. Einige Jahre später erfuhr ich, daß der Elende in größter Armut in seiner Heimatstadt gestorben sei. Die hochherzige Handlungsweise des Herrn Grimaldi machte mich neugierig zu erfahren, was aus Passano geworden sei. Ich wußte, daß er als Gefangener in der Kaserne geblieben war, als man mich in den Turm brachte, und es war für mich wichtig, seinen Aufenthaltsort zu wissen, um ihn entweder wenn möglich zu vernichten, wenn er etwa imstande sein sollte, mir zu schaden, oder um gegen einen solchen Mordgesellen auf der Hut zu sein. Ich teilte meinen Wunsch dem Wirte mit, und dieser beauftragte den Lohndiener, sich zu erkundigen. Ich konnte aber weiter nichts entdecken, als folgendes: Ascanio Pogomas, genannt Passano, war gegen Ende November aus dem Gefängnis entlassen worden, und man hatte ihn auf eine Feluke gebracht, die nach Toulon segelte. Ich schrieb am selben Tage einen langen Brief an Herrn Grimaldi, um ihm meine lebhafte Dankbarkeit auszudrücken. Mit solchen Gefühlen der Dankbarkeit mußte ich die tausend Zechinen bezahlen, die ich ihm schuldig war, und ihm für seine wahrhaft großmütige Handlungsweise danken; denn wenn er auf die Ratschläge meines niederträchtigen Feindes gehört hätte, hätte er mich furchtbar unglücklich machen können. Mein Wirt hatte eine Loge auf meinen Namen genommen. Zwei Stunden darauf wurden zum großen Erstaunen der ganzen Stadt die Theaterzettel mit einer Ankündigung überklebt, worin es hieß, zwei von den Sängern seien plötzlich unwohl geworden; die angekündigte Vorstellung finde daher nicht statt, und das Theater sei bis zum 2. Januar geschlossen. Dieser Befehl konnte nur vom Grafen Ricla ausgehen, und alle Welt erriet die Ursache. Es tat mir sehr leid, unschuldigerweise die große Stadt ihres einzigen leidlichen Vergnügens zu berauben, und ich beschloß, überhaupt nicht auszugehen. Dies schien mir das beste Mittel, den Eifersüchtigen über seine tyrannische Willkür erröten zu machen. Petrarca sagt: Amor che fa gentile un cor villano. Wenn er den Liebhaber der verruchten Nina gekannt hätte, hätte er das Gegenteil von ihr sagen können: Amor che fa villan un cor gentile. In einem Monat werde ich etwas mehr über diese dunkle Geschichte sagen können. Wäre ich nicht ein bißchen abergläubisch gewesen, so wäre ich am selben Tage abgereist; aber ich wollte am letzten Tage des unglückseligen Jahres abreisen, das ich in Spanien erlebt hatte. Ich brachte also meine drei Tage damit zu, an alle meine Bekannten eine Menge Briefe zu schreiben. Don Miguel de Cevallos, Don Diego de la Secada und der Graf von Peralada besuchten mich, ohne jedoch einander zu treffen. Dieser Herr de la Secada war ein Oheim der Gräfin A. B., die ich in Mailand gekannt hatte. Diese drei Herren erzählten mir einen sehr eigentümlichen Umstand, der ebenso sonderbar ist wie die anderen, aus denen sich meine Erlebnisse in Barcelona zusammensetzen. Am 26. desselben Monats, also zwei Tage vor meiner Befreiung, fragte der Abbate Marquisio, Gesandter des Herzogs von Modena, den Grafen Ricla in Gegenwart vieler Leute, ob er mir einen Besuch machen könne, um mir einen Brief zu übergeben, den er mir nur persönlich zustellen könne, und den er sonst zu seinem großen Bedauern mit sich nach Madrid nehmen müsse, wohin er am nächsten Tage abreise. Zum großen Erstaunen aller Anwesenden antwortete der Graf nichts, und der Abbate reiste wirklich am nächsten Tage ab. Ich schrieb diesem Abbate, den ich nicht kannte; aber ich habe niemals erfahren können, was aus diesem so sorgfältig behandelten Briefe, der meine Neugier im höchsten Maße erregte, geworden ist. Es ist sonnenklar, daß ich nur durch Willkür des armen Grafen Ricla verhaftet worden war. Nina machte sich über den Eifersüchtigen lustig, und die schöne Verbrecherin hatte sich den Spaß gemacht, ihm einzubilden, sie mache mich mit ihrer Liebe glücklich. Meine Pässe konnten nur ein Vorwand sein; denn wenn man überhaupt an ihrer Echtheit zweifelte, so hätte man sie in acht oder zehn Tagen nach Madrid schicken und wieder zurückhaben können. Wenn Passano gewußt hätte, daß ich einen Paß vom König besaß, so hätte er allerdings darauf aufmerksam machen können, daß dieser falsch wäre; denn um eine solche Ehre zu erlangen, hätte ich einen Paß vom venetianischen Botschafter beibringen müssen, und dies konnte nicht möglich sein, weil ich bei den Staatsinquisitoren in Ungnade war. Er hätte sich allerdings getäuscht, aber dies wäre entschuldbar gewesen, und es wäre ihm gelungen, mir Unannehmlichkeiten zu verursachen. Als ich mich gegen Ende August entschlossen hatte, mich von meiner reizenden Doña Ignazia zu trennen und Madrid für immer zu verlassen, bat ich den Grafen Aranda um einen Paß. Er antwortete mir, nach der herkömmlichen Regel könne er mir einen solchen nur ausstellen, wenn ich ihm einen Paß vom venetianischen Gesandten bringe, der mir, so sagte er, einen solchen nicht verweigern könne. Sehr zufrieden mit diesem Bescheide, begab ich mich nach dem Gesandtschaftspalast. Da Herr Querini in San Jldefonso war, sagte ich dem Türsteher, ich hätte mit dem Gesandtschaftssekretär zu sprechen. Der Türsteher meldete mich an, aber der Geck erlaubte sich, mich nicht empfangen zu wollen. Entrüstet schrieb ich ihm, ich sei nicht Hl l in den Palast Seiner Exzellenz des venetianischen Gesandten gekommen, um seinem Sekretär meine Aufwartung zu machen, sondern um einen Paß zu verlangen, den er mir nicht verweigern könne. Ich unterzeichnete mit meinem Namen und mit meinem Titel als Doktor der Rechte und hat ihn, den Paß beim Türsteher zu hinterlegen, bei dem ich ihn am nächsten Tage abholen würde. Am nächsten Tage fand ich mich ein, und der Türhüter sagte mir, er habe Auftrag, mir mitzuteilen, daß der Gesandte mündlich Befehl hinterlassen habe, mir keinen Paß zu geben. Wütend schrieb ich sofort an den Marques Grimaldi und an den Herzog von Lossaba und bat sie, dem venetianischen Gesandten zu sagen, er möchte mir einen regelrechten Paß schicken, sonst würde ich die schmachvolle Ursache veröffentlichen, durch die sein Oheim Mocenigo veranlaßt worden wäre, mich in Ungnade zu stürzen. Ich weiß nicht, ob die Herren meinen Brief dem Gesandten Querini zeigten, aber ich weiß, daß der Sekretär Olivieri mir den Paß schickte. Auf Grund dieses Passes schickte Graf Aranda mir einen anderen Paß, der vom König unterzeichnet war. Am letzten Tage des Jahres verließ ich Barcelona mit meinem Bedienten, der auf meiner Kalesche hinten aufsaß. Mit dem Fuhrmann hatte ich einen Vertrag gemacht, wonach ich in kleinen Tagereisen am 3. Januar 1769 in Perpignan ankommen sollte. Mein Fuhrmann war ein Piemontese, ein braver Mann. Als ich am zweiten Tage in einem Wirtshaus an der Straße beim Mittagessen saß, trat er mit meinem Bedienten in ein Zimmer und fragte mich, ob ich vielleicht annehmen könnte, daß ich verfolgt würde. »Das wäre wohl möglich; warum fragen Sie danach?« »Ich sah gestern bei unserer Abfahrt aus Barcelona drei bewaffnete und übel aussehende Männer zu Fuß. Die letzte Nacht haben sie bei meinen Maultieren im Stall geschlafen. Heute haben sie hier zu Mittag gegessen und vor dreiviertel Stunden sind sie vorausgegangen. Die Leute sprachen mit keinem Menschen; sie sind mir verdächtig.« »Was können wir tun, um nicht ermordet zu werden oder um uns von einem lästigen Verdacht zu befreien?« »Wir können später fahren und bei einem mir bekannten Wirtshaus anhalten, das eine Wegstunde diesseits der gewöhnlichen Station liegt, wohin die Leute gegangen sein werden, um uns zu erwarten. Sehen wir sie umkehren und in demselben Wirtshaus, wo wir sind, übernachten, so wird kein Zweifel mehr sein.« Dies schien mir richtig gedacht zu sein. Wir fuhren später als gewöhnlich ab, und ich ging fast den ganzen Weg zu Fuß. Um fünf Uhr machten wir Halt. Es war eine schlechte Herberge, aber wir sahen wenigstens die drei verdächtigen Gestalten nicht. Als ich um acht Uhr beim Abendessen saß, trat mein Bedienter ein und sagte mir, die drei Kerle wären zurückgekommen und säßen im Stall, wo sie mit dem Fuhrmann trinken. Meine Haare sträubten sich mir auf dem Kopf. Es war kein Zweifel mehr. Im Gasthof hatte ich nichts zu befürchten, um so mehr aber an der Grenze, wo wir in der Dämmerung des nächsten Tages ankommen mußten. Ich ermahnte meinen Bedienten, sich nichts merken zu lassen, und befahl ihm, dem Fuhrmann Bescheid zu sagen, daß er mit mir sprechen möchte, sobald die drei Mörder schliefen. Um zehn Uhr kam der brave Mann und sagte mir ohne alle Umschweife, die drei Kerle würden uns ermorden, sobald wir an der französischen Grenze wären. »Sie haben mit Ihnen getrunken?« »Ja, nachdem wir einige Flaschen geleert hatten, die ich bezahlte, fragte einer von ihnen mich, warum ich nicht bis zur nächsten Station gefahren wäre, wo Sie doch bessere Unterkunft gefunden hätten. Ich antwortete ihm, es wäre Ihnen zu kalt gewesen und wir hätten uns verspätet gehabt. Ich hätte sie fragen können, warum sie nicht selber dort geblieben wären und wohin sie gingen. Ich habe mich aber wohl gehütet und sie nur gefragt, ob die Straße bis Perpignan gut sei. Sie haben mir geantwortet, sie sei ausgezeichnet.« »Was tun sie jetzt?« »Sie schlafen, in ihre Mäntel eingewickelt, neben meinen Maultieren.« »Was sollen wir tun?« »Wir werden vor Tagesanbruch abfahren, jedoch selbstverständlich erst nach ihnen, und werden auf der gewöhnlichen Haltestelle zu Mittag essen. Von diesem Augenblicke an verlassen Sie sich nur auf mich: wir fahren nach ihnen ab, ich werde in gutem Trabe einen anderen Weg einschlagen, und um Mitternacht sind wir heil und gesund in Frankreich. Sie können sich auf meine Worte verlassen.« Hätte ich eine Bedeckung von vier bewaffneten Männern erhalten können, so würde ich den Rat des Piemontesen nicht befolgt haben. Aber in der Lage, in der ich mich befand, konnte ich nichts Besseres tun, als ihm folgen. Wir fanden die drei Halunken an dem von meinem Fuhrmann mir bezeichneten Ort. Ich sah sie scharf an. Sie sahen wie richtige Halsabschneider aus, die für ein paar kleine Münzen den ersten besten töten würden. Eine Viertelstunde darauf brachen sie auf. Eine halbe Stunde später kehrte mein braver Fuhrmann um und nahm einen Bauern als Führer an; mein Bedienter hatte sich in den Wagen neben mich gesetzt, der Bauer stieg hinten auf, um dem Kutscher Bescheid zu sagen, wenn er sich im Wege irren sollte. Er bog in einen Seitenweg ein und ließ seine Maultiere fortwährend traben, so daß wir in sieben Stunden elf französische Meilen machten. Um zehn Uhr kamen wir an ein gutes Wirtshaus in einem großen Dorf des lieben Frankreichs, wo wir nichts mehr zu befürchen hatten. Ich schenkte dem Führer eine Dublone, so daß er mit diesem guten Nebengeschaft sehr zufrieden war, und gab mich selber in einem ausgezeichneten französischen Bett einem köstlichen Schlummer hin. Hoch Frankreich für seine guten Betten und für seine köstlichen Weine! Am nächsten Tage kam ich zur Essenszeit vor dem Gasthof zur Post in Perpignan an. Nun erst war ich ganz sicher, mein Leben gerettet zu haben; ich verdankte es meinem ehrlichen Fuhrmann. Ich zerbrach mir den Kopf, um zu erraten, wer die Räuber bezahlt haben könnte. Bald wird der Leser sehen, wie ich zwanzig Tage später dies erfuhr. In Perpignan entließ ich meinen Bedienten, den ich ebenso wie meinen braven Fuhrmann so reichlich belohnte, wie es mir in Anbetracht meiner damaligen Mittel möglich war. Hierauf schrieb ich meinem Bruder nach Paris und teilte ihm mit, daß ich den Nachstellungen von drei Mördern glücklich entronnen sei. Ich bat ihn, mir nach Aix in der Provence zu antworten, wo ich in der Hoffnung, den Marquis d'Argens zu treffen, vierzehn Tage zu verbringen gedachte. Ich verließ Perpignan am Tage nach meiner Ankunft und übernachtete in Narbonne; den Tag daraus fuhr ich bis Béziers. Von Narbonne bis Béziers sind nur fünf französische Meilen, und es war nicht meine Absicht gewesen, hier die Tagereise zu beschließen; aber, wie mein Leser weiß, hat gutes Essen immer einen verführerischen Reiz für mich gehabt. Diese Leidenschaft wird Gott sei Dank nicht mit dem Alter schwächer, wie die andere so süße Leidenschaft, die sich zu einer Qual verwandelt, wenn das Alter uns unsere körperlichen Kräfte genommen hat. Das gute Essen also, das ausgezeichnete Essen, das die liebenswürdigste aller Wirtinnen mir zu Mittag vorsetzte, veranlaßte mich, mit ihr und ihrer ganzen Familie zu Abend zu essen. Béziers ist eine Stadt, deren herrliche Lage man auch in der schlechten Jahreszeit mit Vergnügen sieht. Keine Stadt eignet sich so sehr zur Alterszuflucht für einen Philosophen, der auf alle Eitelkeiten der Erde verzichtet hat, oder für einen wollüstigen Epikuräer, der alle Freuden der Sinne genießen möchte, ohne reich zu sein. Der Geist ist ein einheimisches Produkt dieses Landes; alle Welt hat Geist; das weibliche Geschlecht ist schön, und man ißt ausgezeichnet für einen bescheidenen Preis. Wie man weiß, sind die Weine köstlich und billig. Was kann man mehr wünschen? Hoffentlich wird die Gegend nicht durch zu großen Fremdenzustrom verdorben, und vielleicht werde ich eines Tages ... Aber verlieren wir uns nicht in eitle Pläne! Nachdem ich in Pézénas übernachtet hatte, kam ich in Montpellier an und stieg im Gasthof zum weißen Roß ab, mit der Absicht, acht Tage in der Stadt zu verbringen. Am Abend speiste ich an der Wirtstafel; die Gesellschaft war zahlreich, und ich bemerkte mit Vergnügen, daß ebenso viele Schüsseln auf dem Tisch standen, wie Esser vorhanden waren. Nirgendwo in Frankreich, selbst in Béziers nicht, ißt man besser als in Montpellier. Es ist ein wahres Schlaraffenland. Am nächsten Morgen ging ich zum Frühstück ins Kaffeehaus. Dies ist eine göttliche Einrichtung, die man nur in Frankreich gut antrifft, wo man überhaupt sich auf Lebenskunst besser versteht als in allen anderen Ländern. Ich knüpfte mit einem der Gäste ein Gespräch an, und als er erfuhr, daß ich ein Fremder sei und Professoren kennen zu lernen wünschte, erbot er sich, mich selber zu einem der berühmtesten zu führen. Diese Dienstwilligkeit ist auch wieder eine von den herrlichen Eigenschaften des französischen Charakters. Die französische Nation ist überhaupt in mancher Hinsicht allen anderen überlegen, trotz ihren zahlreichen Fehlern, die man vielleicht zu sehr übertrieben hat. Für einen Franzosen in seinem Lande ist ein Fremder ein geheiligtes Wesen; überall empfängt ihn Gastfreundschaft im besten Sinne des Wortes – nicht jene Gastfreundschaft, die darin besteht, dem Gast die Füße zu waschen, ihm einen Platz am Tisch und am Kamin zu geben, sondern jene Herzlichkeit, jene feine Zuvorkommenheit, die es ihm behaglich macht und es ihm erleichtert, alles kennen zu lernen, was ihn interessieren kann. Mein neuer Bekannter stellte mich dem Professor vor, der mich mit jener Freundlichkeit empfing, die nach der Meinung der französischen Gelehrten mit Recht für die schönste Blume in Apollos Kranz angesehen wird. Der wahre Gelehrte muß der Freund aller sein, die die Wissenschaft lieben, und er ist es in Frankreich noch mehr als in Italien. In Deutschland ist der Gelehrte geheimtuerisch und zurückhaltend. Er glaubt sich zu sehr verpflichtet, als ganz anspruchslos zu erscheinen, während für ein schwaches Auge der Dünkel überall hervorsieht; dieses Vorurteil verhindert ihn, sich die Freundschaft der Fremden zu erwerben, die ihn aufsuchen, um ihn in der Nähe zu bewundern und die Milch seiner Weisheit zu saugen. In Montpellier war damals eine ausgezeichnete Schauspielertruppe. Ich ging noch an demselben Abend ins Theater, und meine Seele weitete sich vor Glück, weil ich mich wieder in der wohltuenden Luft Frankreichs befand, nachdem ich in Spanien so viele Leiden ausgestanden hatte. Mir war, als sei ich eben wiedergeboren; ich fühlte mich verjüngt, aber auch verwandelt, denn ich hatte auf der Bühne mehrere Schauspielerinnen von reizender Anmut, Jugend und Schönheit gesehen; und doch hatten sie keinerlei Wunsch in mir erregt, und das war mir angenehm. Ich hatte den lebhaften Wunsch, die Castelbajac wiederzusehen, viel mehr, um mich zu freuen, wenn es ihr gut gehen sollte, oder mit ihr das Bißchen zu teilen, was ich besaß, als in der Hoffnung, unsere Beziehungen wieder anzuknüpfen; aber ich wußte nicht, wie ich es anfangen sollte, um sie zu entdecken. Ich hatte an sie unter dem Namen Madame Blasin geschrieben; aber sie hatte meinen Brief nicht erhalten, weil sie sich diesen Namen willkürlich beigelegt hatte. Ihren richtigen Nnmen hatte sie mir nicht angegeben, überdies befürchtete ich, ihr vielleicht zu schaden, wenn ich mich nach ihr erkundigte. Da ich wußte, daß ihr Mann Apotheker sein sollte, so beschloß ich, mich mit allen Apothekern von Montpellier bekannt zu machen. Unter dem Vorwande, zu chemischen Experimenten einiger wenig bekannter Stoffe zu bedürfen, unterhielt ich mich über die Verschiedenheit des Apothekenwesens in Frankreich und in den fremden Landern, die ich besucht hatte. Wenn ich mit dem Herrn selber sprach, so hoffte ich, daß er mit seiner Frau über den Fremden sprechen würde, der dieselben Länder besucht hätte, wo sie gewesen wäre; ich dachte mir, dadurch würde sie neugierig werden, mich kennen zu lernen. Wenn ich dagegen mit einem Gehilfen spräche, so würde ich bald alles erfahren, was die Familie seines Herrn beträfe, und wenn das nicht zu meinen Nachforschungen passen würde, so würde ich gehen. Am dritten Tage endlich gelang mir mein Plan. Ich erhielt von meiner früheren Freundin einen Brief, worin sie mir schrieb, sie habe mich mit ihrem Gatten in seinem Laboratorium sprechen sehen. Sie bitte mich, zu der und der Stunde wiederzukommen und ihrem Mann auf seine Fragen nichts weiter zu sagen, als daß ich sie als Spitzenhändlerin unter dem Namen eines Fräuleins Blasin in England, Spaa, Leipzig und Wien gekannt und daß ich mich in Wien ihrer angenommen habe, um ihr den Schutz des Botschafters zu verschaffen. Sie beendete ihren Brief mit den Worten: »Ich zweifle nicht daran, daß mein guter Mann zum Schluß mich triumphierend als seine liebe Frau vorstellen wird.« Ich befolgte ihre Vorschrift. Der Biedermann freute sich, als er mich wiedersah, und fragte mich, ob ich irgendwo eine junge Spitzenhändlerin, namens Fräulein Blasin, aus Montpellier kennen gelernt hätte. »Ja, ich erinnere mich sehr wohl dieser sehr liebenswürdigen und sehr anständigen jungen Dame, aber ich weiß nicht, ob sie aus Montpellier war. Sie war hübsch und anständig, und ich glaube, sie machte gute Geschäfte. Ich habe sie mehrere Male an verschiedenen Orten Europas gesehen, das letzte Mal in Wien, wo ich das Glück hatte, ihr nützlich zu sein. Ihre gute Aufführung verschaffte ihr die Achtung aller Damen, mit denen sie in Berührung kam. Die Dame, bei der ich sie in England kennen lernte, war sogar nichts geringeres als eine Herzogin.« »Würden Sie sie wieder erkennen, wenn Sie sie sähen?« »Das will ich meinen. Eine so hübsche Frau! Ist sie in Montpellier? Wenn sie hier ist, fragen Sie sie nach dem Chevalier de Seingalt.« »Mein Herr, Sie können selber mit ihr sprechen, wenn Sie mir die Ehre erweisen wollen, mir zu folgen.« Mir klopfte das Herz, aber es gelang mir, mich zu beherrschen. Der biedere Apotheker ging voran, stieg eine Treppe hinauf, öffnete im ersten Stock eine Tür und sagte zu mir: »Da ist sie.« »Wie, mein Fräulein, Sie hier? Ich bin entzückt. Sie zu sehen.« »Mein Herr, es ist kein Fräulein, sondern meine liebe Frau, wenn Sie nichts dagegen haben, und ich bitte Sie, sich dadurch nicht abhalten zu lassen, sie zu umarmen.« »Das ist eine Ehre, die ich niemals gehabt habe; aber ich tue es mit großem Vergnügen. Sie sind also nach Montpellier gekommen, um sich zu verheiraten? Ich wünsche Ihnen allen beiden Glück und danke für mich dem glücklichen Zufall. Sagen Sie mir, ob Sie von Wien nach Lyon eine gute Reise gehabt haben?« Madame Blasin – ich muß sie wohl auch weiter hier unter diesem Namen bezeichnen – erzählte mir irgendwelche Geschichte und fand in mir einen ebenso guten Schauspieler, wie sie selber war. Unser Vergnügen über dieses Wiedersehen war groß; aber die Freude, die der gute Apotheker empfand, als er sah, wie ehrfurchtsvoll ich seine keusche Gattin behandelte, war unzweifelhaft noch viel größer. Eine volle Stunde lang erzählten wir uns Geschichten, die lediglich unserer Einbildungskraft entsprungen waren, aber den Eindruck unverfälschter Wahrheit machten. Sie fragte mich, ob ich den Karneval in Montpellier zu verbringen gedächte, und nahm eine gekränkte Miene an, als ich ihr sagte, ich würde am nächsten Tage abreisen. Ihr Mann erklärte sofort, das sei nicht möglich. Sie selber sagte ebenfalls: »Oh, das werden Sie doch hoffentlich nicht tun! Sie müssen unbedingt meinem Mann die Ehre erweisen, ihm zwei Tage zu schenken, um übermorgen in unserer Familie zu speisen.« Nachdem ich mich durch den Gatten ziemlich lange hatte bitten lassen, gab ich endlich nach und nahm ihr Familienessen für den übernächsten Tag an. Ich widmete ihnen nicht nur zwei Tage, sondern vier. Die Mutter des Apothekers war eine durch ihre Weisheit sowohl wie ihr Alter ehrwürdige Dame. Sie hatte wie ihr Sohn alles vergessen, was sie hätte verhindern können, ihre Schwiegertochter mit mütterlicher Zärtlichkeit zu lieben. Bei unseren Unterhaltungen, die wir unter vier Augen hatten, versicherte Madame Blasin mir in einem Tone schlichter Einfachheit, sie sei glücklich, und ich hatte allen Anlaß, ihr dies zu glauben. Sie hatte es sich zum Gesetz gemacht, alle Pflichten einer ehrbaren Frau und guten Gattin gewissenhaft zu erfüllen, und ging nur selten ohne ihre Schwiegermutter oder ihren Mann aus. Ich verbrachte diese vier Tage in der süßen Zufriedenheit einer, aufrichtigen und reinen Freundschaft, ohne daß die Erinnerung an unsere früheren Liebesfreuden in uns den Wunsch erregte, sie zu erneuern. Wir brauchten unsere Gedanken nicht auszusprechen, um sie gegenseitig zu kennen. Am Tage vor meiner Abreise speiste ich mit ihr und ihrem Gemahl zu Mittag; als wir nach Tisch einen Augenblick allein waren, sagte sie mir: wenn ich fünfzig Louis brauchen sollte, so wüßte sie, wo sie sich diese Summe verschaffen könnte. Ich bat sie, mir dieses Geld für ein anderes Mal aufzuheben, wenn ich das Glück hätte, sie wiederzusehen, und das Unglück, in Geldnot zu sein. ^ Ich verließ Montpellier mit der Gewißheit, daß mein Besuch die Achtung ihres Gatten und ihrer Schwiegermutter nur noch vermehrt hätte, und ich freute mich, zu sehen, daß ich mich wirklich glücklich fühlen konnte, ohne Verbrechen zu begehen. Einen Tag nach meinem Abschied von dieser Frau, die mir ihr Glück verdankte, übernachtete ich in Nîmes, wo ich drei Tage in der Gesellschaft eines sehr gelehrten Naturforschers verbrachte, des Herrn de Séguier, eines vertrauten Freundes des Marchese Maffei in Verona. Er zeigte mir in den Wundern seiner Sammlung die Unendlichkeit der Natur und die unbegreifliche Allmacht ihres Schöpfers. Nîmes ist eine Stadt, die es verdient, die Aufmerksamkeit eines gebildeten oder Bildung suchenden Fremden zu fesseln. Man findet für den Geist reichliche Nahrung in ihren großen Denkmälern und in dem schönen Geschlecht, das hier wirklich schön ist, noch reichlichere fürs Herz. Ich wurde zu einem Ball eingeladen, bei dem ich in meiner Eigenschaft als Fremder die erste Rolle spielte. Ein solches Vorrecht genießt der Fremde nur in Frankreich, während in England und besonders in Spanien das Wort Ausländer eine Beleidigung ist. Nachdem ich von Nîmes abgereist war, beschloß ich, den ganzen Karneval in Aix zu verbringen, das der Sitz eines Parlaments ist und dessen Adel sich eines großen Rufes erfreut. Ich wünschte diese Gesellschaft kennen zu lernen. Ich stieg, wenn ich mich nicht irre, in den Drei Delphinen ab, wo ich einen spanischen Kardinal fand, der sich zur Wahl eines Nachfolgers für den Papst Rezzonico nach dem Konklave begab. Zwölftes Kapitel Mein Aufenthalt in Aix in der Provence. – Schwere Krankheit. – Ich werde von einer Unbekannten gepflegt. – Der Marquis d'Argens. – Cagliostro. – Meine Abreise. – Brief von Henrietten. – Marseille. – Geschichte der Nina. – Nizza. – Turin. – Lugano. –Frau von ***. Da mein Zimmer von der kastilianischen Eminenz nur durch eine leichte Scheidewand getrennt war, so hörte ich beim Abendessen den Kardinal seinem Haushofmeister einen derben Verweis erteilen, daß er auf der Reise an den Mahlzeiten und Wohnungen sparte, wie wenn er der armseligste aller Spanier wäre. »Eure Gnaden, ich spare durchaus nicht; aber es ist nicht möglich, mehr auszugeben, wenn ich nicht etwa die Wirte zwinge, für die Mahlzeiten, die sie mir geben, das Doppelte zu verlangen. Eure Eminenz finden ja selber, daß das Essen ausgezeichnet und reichlich ist.« »Das mag sein, aber wenn Sie ein bißchen Geist hätten, könnten Sie zum Beispiel durch reitende Boten Mahlzeiten bestellen, die ich unterwegs nicht einnehmen würde und die Sie natürlich trotzdem zu bezahlen hätten; ferner könnten Sie für zwölf bestellen, während wir nur sechs sind; vor allen Dingen müssen stets drei Tafeln da sein: eine für mich, die zweite für die Beamten meines Haushaltes, die dritte für die Bedienten. Ich sehe aus dieser Rechnung, daß Sie den Postillonen immer nur einen Franken Trinkgeld geben; Sie müßten ihnen wenigstens einen Taler geben; denn über eine solche Knickerei muß ich ja erröten. Wenn man Ihnen auf einen Louis herausgibt, müssen Sie das Geld auf dem Tische liegen lassen, statt es in Ihre Tasche zu stecken. Von Schäbigkeiten will ich nichts wissen. Man wird in Versailles und Madrid, vielleicht sogar in Rom sagen: der Kardinal de la Cerda ist ein Geizhals. Ich bin es nicht und will nicht in solchem Rufe stehen. Ich verlange, daß Sie mich fernerhin nicht mehr entehren; sonst müssen Sie gehen.« Dieses eigentümliche Gespräch würde mich ein Jahr früher sehr überrascht haben; jetzt aber hörte ich es ohne Erstaunen an, denn ich hatte inzwischen den spanischen Charakter einigermaßen kennen gelernt: alles für den Ruhm, oder vielmehr für das Großtun! Wenn ich die freigebige Verschwendung des *Senor de la Cerda bewunderte, so konnte ich andererseits nicht umhin, es kläglich zu finden, wie dieser Kirchenfürst in einem Augenblick, wo er an der Wahl des Oberhauptes der Christenheit teilnehmen sollte, sich mit seinen Reichtümern brüstete. Was ich aus dem Munde des Prälaten gehört hatte, machte mir Lust, ihn zu sehen, und ich paßte auf, als er abreiste. Was für ein Mann! Er war nicht nur klein, braun von Farbe, schlecht gewachsen, sondern es war auch ein Gesicht so häßlich, der Ausdruck seiner Züge so gemein, daß neben Seiner Eminenz Äsop wie ein Liebesgott hätte aussehen müssen. Nun begriff ich, warum er das Bedürfnis hatte, sich durch Verschwendung Achtung zu verschaffen und sich durch äußeren Prunk auszuzeichnen; denn sonst hätte man ihn für einen Stallknecht halten können. Sollte jemals das Konklave die sonderbare Laune haben, ihn zum Papst zu machen, so würde Gottes Sohn niemals einen häßlicheren Statthalter auf Erden gehabt haben. Sogleich nach der Abfahrt Seiner Eminenz erkundigte ich mich nach dem Marquis d'Argens und erfuhr, er sei auf dem Lande bei seinem Bruder, dem Parlaments-Präsidenten, Marquis l'Eguille. Ich begab mich dorthin. Der Marquis, der mehr durch die beständige Freundschaft Friedrichs des Zweiten als durch seine heutigentags von keinem Menschen mehr gelesenen Werke berühmt geworden ist, war damals schon alt. Ehrenhaft und sinnlich, liebenswürdig und witzig, ein überzeugter Epikuräer, lebte der Marquis d'Argens mit der Schauspielerin Cochois zusammen, die er geheiratet hatte und die es verstand, sich dieser Ehre würdig zu zeigen. Der Marquis selber besaß ein gründliches gelehrtes Wissen und eine große Kenntnis der lateinischen, griechischen und hebräischen Sprache; er war mit einem wunderbaren Gedächtnis begabt und infolgedessen vollgepfropft mit Kenntnissen. Er empfing mich sehr gut, da er sich erinnerte, was sein Freund, Mylord Marishal, ihm über mich geschrieben hatte. Er stellte mich seiner Frau und seinem Bruder vor. Dieser war ein ausgezeichneter Beamter, ziemlich reich, ein Freund der Wissenschaften. Er führte einen streng sittlichen Lebenswandel, und dazu veranlaßte ihn noch mehr sein Charakter als sein religiöser Glaube. Das will viel sagen; denn er war aufrichtig fromm, obwohl er ein kluger Mann war. Übrigens können nach meiner Meinung diese beiden Eigenschaften sich sehr wohl miteinander vertragen. Trotzdem überraschte es mich sehr, daß er ein sogenannter Jesuit von der kurzen Robe war; er liebte seinen Bruder zärtlich und seufzte fortwährend über dessen sogenannte Irreligiosität; doch hoffte er immer noch, daß die werktätige Gnade ihn früher oder später in den Schoß der Kirche zurückführen würde. Sein Bruder ermutigte ihn zu diesen Hoffnungen und lachte zugleich darüber. Da sie beide vernünftige Leute waren, so vermieden sie es, von Religion zu sprechen, um sich nicht zu ärgern. Man stellte mich einer zahlreichen Gesellschaft vor, die aus Verwandten beiderlei Geschlechtes bestand. Alle waren liebenswürdig und höflich, wie eben der Adel der Provence durchweg ist. Man spielte Komödie auf einem hübschen kleinen Theater, aß und trank gut und ging trotz der Jahreszeit spazieren. Aber in der Provence macht sich die Strenge des Winters nur fühlbar, wenn der Nordwind weht, was leider oft der Fall ist. Eine Berlinerin, die Witwe eines Neffen des Marquis d'Argens, war nebst ihrem Bruder auf dem Schlosse anwesend. Der noch sehr junge Mann, ein lustiger Tollkopf, hatte seine Freude an allen Vergnügungen des Hauses, kümmerte sich aber gar nicht um den Gottesdienst, der jeden Tag abgehalten wurde. Als geborener Ketzer dachte er höchst selten einmal an die Kirche, während das ganze Haus der Messe beiwohnte, die der Jesuit, bei dem die ganze Familie beichtete, jeden Tag las, spielte er auf seiner Flöte lustige Walzer. Er lachte über alles. Mit seiner Schwester war es anders; sie war nicht nur katholisch geworden, sondern auch so fromm, daß das ganze Haus sie für eine Heilige ansah, obgleich sie erst zweiundzwanzig Jahre alt war. Das war das Werk des Jesuiten. Ihr Bruder erzählte mir, ihr Mann, der an der Schwindsucht gestorben sei, habe im Augenblick seines Todes zu ihr gesagt: er könne nicht hoffen, sie im Jenseits wiederzusehen, wenn sie nicht katholisch werde. Diese Worte hatten sich in ihre Seele eingegraben, und da sie ihren Gatten anbetete, hatte sie sich entschlossen, Berlin zu verlassen und bei den Verwandten ihres Mannes zu leben. Niemand hatte gewagt, sich ihrer Absicht zu widersetzen. Ihr Bruder erklärte sich bereit, sie zu begleiten, und sobald sie sich den Verwandten des Verstorbenen entdeckt hatte, herrschte die größte Freude in der ganzen Familie. Diese angehende Heilige war häßlich. Ihr junger Bruder wurde bald mein Freund, da er mich in meinen Ansichten weniger starr fand als seine Verwandten. Er kam alle Tage nach Aix, um mich in allen adligen Familien einzuführen. Wir waren jeden Tag mindestens dreißig Personen bei Tisch; das Essen war gut und lecker, aber ohne Übertreibung. Es herrschte der Ton der guten Gesellschaft, die Scherze waren geschmackvoll und alle Bemerkungen anständig. Ausgeschlossen waren doppelsinnige Bemerkungen, die sich auf die Geschlechtsliebe bezogen oder darauf hätten bezogen werden können. Wenn dem Marquis d'Argens eine derartige Bemerkung auch nur in ganz verschleierter Form entschlüpfte, so schnitten die Damen jedesmal Gesichter, und der Herr Beichtvater beeilte sich, ein anderes Gespräch zu beginnen. Dieser Beichtvater hatte nichts von der jesuitischen Weltgewandtheit an sich, denn er ging auf dem Lande wie ein einfacher Abbé gekleidet, und ich hätte nicht erraten, daß er Jesuit wäre, obwohl man doch dieses Wild von weitem wittern muß. Der Marquis d'Argens hatte mich darauf aufmerksam gemacht; übrigens übte die Gegenwart des Pfaffen durchaus keine Wirkung auf meine natürliche Heiterkeit aus. Ich erzählte in sorgfältig gewählten Ausdrücken die Geschichte von dem Bilde der Jungfrau, die ihren göttlichen Sprößling säugte und von den Spaniern nicht mehr angebetet wurde, als der unglückselige Pfarrer ihren schönen Busen mit einem häßlichen Tuch hatte bedecken lassen. Ich weiß nicht mehr auf welche besondere Art ich diese Geschichte erzählte, aber alle Damen lachten darüber. Dieses Lachen mißfiel dem Jünger Loyolas so sehr, daß er sich erlaubte, mir zu sagen, man dürfe Geschichten, die sich zweideutig auslegen ließen, nicht öffentlich erzählen. Ich dankte ihm mit einer Neigung des Kopfes, und um das Gespräch abzulenken, fragte der Marquis d'Argens mich, wie man auf italienisch eine große Fleischpastete nenne, die Madame d'Argens gerade eben verteilte und die von allen ausgezeichnet gefunden wurde. »Wir nennen das eine Crostata, doch weiß ich nicht, wie man die Beatilien bezeichnet, mit denen sie gefüllt ist.« Diese Beatilien waren kleine Schweserwürstchen, Champignons, Artischockenböden, Gänseleber usw. Der Jesuit fand, ich machte mich über den ewigen Ruhm lustig, indem ich dieses Allerlei Beatilien nannte. Über diese dumme Empfindlichkeit mußte ich unwillkürlich laut auflachen. Der Marquis d'Eguille nahm meine Partei und sagte, Beatilles sei in gutem Französisch die Bezeichnung für alle Leckereien. Nachdem er sich in dieser Weise erlaubt hatte, gegen seinen Gewissensbeirat aufzutreten, hielt der verständige Mann es für besser, von etwas anderem zu sprechen. Unglücklicherweise trat er erst recht ins Töpfchen, indem er mich fragte, welchen Kardinal man nach meiner Meinung zum Papst machen würde. »Ich möchte darauf wetten, daß man den Pater Ganganelli wählen wird, denn er ist der einzige Kardinal, der zugleich Mönch ist.« »Warum muß man denn durchaus einen Mönch zum Papst wählen?« »Weil nur ein Mönch imstande ist, das zu tun, was Spanien von dem neuen Pontifex verlangt.« »Sie meinen die Unterdrückung des Jesuiten-Ordens?« »Ganz recht.« »Spanien verlangt sie vergebens.« »Ich wünsche es; denn in den Jesuiten liebe ich meine Lehrer; aber ich hege große Befürchtungen, denn ich habe einen schrecklichen Brief gelesen. Abgesehen davon wird Kardinal Ganganelli noch aus einem anderen Grund gewählt werden, über den Sie lachen werden, der aber nichtsdestoweniger ausschlaggebend ist.« »Was ist das für ein Grund? Nennen Sie ihn uns; wir werden lachen.« »Er ist der einzige Kardinal, der keine Perücke trägt. Solange das Papsttum besteht, hat auf Sankt Peters Stuhl niemals ein Papst mit einer Perücke gesessen.« Da ich allen diesen Bemerkungen den Anstrich eines leichten Scherzes gab, so wurde viel darüber gelacht; hierauf aber veranlaßte man mich, in Ernst über die Aufhebung des Ordens zu sprechen, und als ich alles sagte, was ich vom Abbate Pinzi erfahren hatte, sah ich meinen Jesuiten erbleichen. »Der Papst«, sagte er, »kann diesen Orden nicht unterdrücken.« »Augenscheinlich, Herr Abbé haben Sie nicht bei den Jesuiten studiert; denn Sie haben den Satz aufgestellt: Der Papst kann alles et aliquid pluris.« Infolge dieser Worte glaubten alle, ich wüßte nicht, daß ich mit einem Jesuiten spräche, und da er nicht antwortete, so begannen wir von etwas anderem zu reden. Nach dem Essen bat man mich, zur Aufführung des Polieucte dazubleiben; aber ich entschuldigte mich und fuhr mit dem jungen Berliner nach Aix zurück. Dieser erzählte mir die Geschichte seiner Schwester und schilderte den Charakter der verschiedenen Personen, aus denen die tägliche Gesellschaft des Marquis d'Eguille bestand. Ich sah, daß es mir unmöglich sein würde, mich ihren Gewohnheiten und Vorurteilen anzuschmiegen, und wenn ich nicht durch den jungen Berliner reizende Bekanntschaften gemacht hätte, so wäre ich nach Marseille gegangen. Mit Gesellschaften, Bällen, Soupers und Liebeleien mit sehr hübschen Provencalinnen verbrachte ich den Karneval und einen Teil der Fastenzeit in Aix. Ich hatte dem Marquis d'Argens, der ebenso gut griechisch sprach wie französisch, eine Ilias von Homer zum Geschenk gemacht. Ferner hatte ich seiner Adoptivtochter eine lateinische Tragödie geschenkt, denn sie verstand die lateinische Sprache sehr gut. Meine Iliade hatte die Anmerkungen des Porphyrius. Es war ein seltenes Exemplar in reichem Einbande. Der Marquis kam nach Aix, um mir zu danken, und ich mußte, seiner Einladung folgend, noch einmal auf das Land hinausgehen. Am Abend fuhr ich ohne Mantel in einem offenen Wagen bei sehr kaltem Nordwind nach Aix zurück. Ich kam ganz erstarrt an. Anstatt sogleich zu Bett zu gehen, begleitete ich den jungen Berliner zu einer Frau, die eine junge Tochter von seltener Schönheit hatte, ein Mädchen von herrlichem Wuchs, mit allen Zeichen vollständiger Mannbarkeit, obgleich sie nur vierzehn Jahre alt war. Dieses kleine Wunder forderte alle Liebhaber heraus, es zu entjungfern. Mein Berliner hatte sich bereits mehrere Male bemüht, es war ihm jedoch nicht gelungen. Ich lachte ihn aus, denn ich wußte, daß es nur Spiegelfechterei war, und war entschlossen, die junge Spitzbübin aus dem Sattel zu heben, wie mir ähnliches bereits in England und in Metz gelungen war. Da das Mädchen uns zur Verfügung stand, so gingen wir ans Werk. Die junge Spitzbübin dachte nicht an Widerstand, sondern sagte, sie wünsche gar nichts Besseres, als von ihrem unangenehmen Leiden befreit zu werden. Ich bemerkte sofort, daß die Schwierigkeit nur von ihrer schlechten Haltung herrührte; ich hätte sie vor allen Dingen durchprügeln sollen, wie ich es fünfundzwanzig Jahre früher in Venedig getan hatte; aber törichterweise wollte ich durch Anwendung von Kraft siegen, denn ich glaubte, ich könnte sie vergewaltigen. Die Zeit der Wundertaten war jedoch vorbei. Nachdem ich zwei Stunden lang mich vergeblich bemüht hatte, ging ich allein in meinen Gasthof zurück, indem ich den jungen Preußen weiterarbeiten ließ. Als ich mich zu Bett legte, verspürte ich sehr heftiges Seitenstechen, und nachdem ich sechs Stunden geschlafen hatte, fühlte ich mich sehr unwohl. Es war eine Lungenentzündung ausgebrochen. Ein alter Arzt, den der Wirt holen ließ, wollte mich zu Ader lassen. Ich hatte einen heftigen Husten, und am nächsten Tage begann ich Blut zu spucken. Nach sechs oder sieben Tagen war die Krankheit so ernst, daß ich beichtete und die letzte Wegzehrung erhielt. Am zehnten Tage, nachdem ich drei Tage lang bewußtlos gewesen war, erklärte der alte Arzt, ein geschickter Mann, ich werde bestimmt mit dem Leben davonkommen; aber erst am achtzehnten Tage hörte ich auf, Blut zu spucken. Hierauf begann eine Rekonvaleszenz, die drei Wochen dauerte und die ich schwerer zu ertragen fand als meine Krankheit; denn ein Kranker, der leidet, hat keine Zeit sich zu langweilen. Während der ganzen Krankheit wurde ich Tag und Nacht von einer Frau gepflegt, die ich nicht kannte. Ich wußte nicht einmal, woher sie kam. Da ich mich aber mit unendlicher Sorgfalt und Aufmerksamkeit bedient sah, so wartete ich nur meine vollständige Heilung ab, um sie zu belohnen und wieder fortzuschicken. Diese Frau war nicht alt, sah aber auch nicht so aus, um mir den Wunsch einzuflößen, mich mit ihr zu belustigen. Sie hatte während meiner Krankheit beständig in meinem Zimmer geschlafen. Gleich nach dem Osterfest fühlte ich mich bereits wohl genug, um wieder ausgehen zu können. Ich belohnte sie nach besten Kräften, dankte ihr, und fragte sie, wer sie zu mir gebracht habe. Sie antwortete mir, der Arzt habe sie zu meiner Pflege angenommen; hierauf dankte sie mir und entfernte sich. Als ich ein paar Tage später meinem alten Doktor dafür dankte, daß er mir eine so gute Krankenpflegerin besorgt habe, war er sehr erstaunt und versicherte mir, er kenne sie gar nicht! Dies machte mich neugierig; ich fragte meine Wirtin, ob sie sie kenne, und sie verneinte ebenfalls. Kurz und gut, kein Mensch wollte die gute Frau kennen, und ich konnte trotz der größten Mühe nicht herausbringen, wie sie zu mir gekommen war. Als ich wieder gesund war, holte ich von der Post alle Briefe, die für mich dort lagen. Eine eigentümliche Nachricht erhielt ich von meinem Bruder in Paris in seiner Antwort auf meinen von Perpignan an ihn gerichteten Brief. Er dankte mir für das Vergnügen, das ich ihm durch meinen Brief bereitete, indem ich durch diesen die ihm zugegangene schreckliche Nachricht widerlegt hätte, ich sei in den ersten Tagen des Januar an der Grenze von Katalonien ermordet worden. »Die Trauerbotschaft brachte mir einer deiner besten Freunde, der Graf Manucci von der venetianischen Gesandtschaft, und er versicherte mir, sie sei durchaus zuverlässig.« Dies war für mich ein Lichtstrahl. Der beste meiner Freunde hatte seine Rachsucht so weit getrieben, Mörder zu bezahlen, um mir das Leben zu nehmen. Bis dahin war Manucci entschuldbar, von diesem Augenblicke an aber hatte er unrecht. Er mußte seiner Sache offenbar sehr sicher sein, da er meinen Tod als bereits eingetreten meldete. Indem er die Todesart bekannt gab, zu der seine fürchterliche Rachsucht mich verurteilt hatte, enthüllte er seinen verbrecherischen Anschlag. Als ich diesen verächtlichen Menschen zwei Jahre später in Rom traf und ihn von der Schimpflichkeit seiner Handlungsweise überzeugen wollte, leugnete er alles und behauptete, er hätte die Nachricht ganz frisch von Barcelona erhalten; aber davon werden wir später sprechen. Ich speiste täglich mittags und abends an der Gasttafel, wo die Gesellschaft ausgezeichnet und das Essen köstlich war. Eines Mittags sprach man von einem Pilger und einer Pilgerin, die soeben angekommen waren. Sie waren Italiener; sie kamen zu Fuß von Santiago de Compostella in Galizien und mußten Leute von hoher Geburt sein, denn sie hatten gleich nach ihrer Ankunft in der Stadt reichliche Almosen ausgeteilt. Man sagte, die Pilgerin solle reizend sein; sie sei ungefähr achtzehn Jahre alt und habe sich, sehr ermüdet, gleich nach ihrer Ankunft zu Bett gelegt. Sie wohnten in demselben Gasthof. Wir wurden alle neugierig, und ich mußte mich als Italiener an die Spitze der Gesellschaft stellen, um den beiden Personen einen Besuch zu machen, die offenbar entweder fanatisch fromm oder Betrüger waren. Wir fanden die Pilgerin, die allem Anschein nach sehr ermüdet war, in einem Lehnstuhl sitzend. Sie erregte unsere Teilnahme durch ihre große Jugend, durch ihre Schönheit, die durch einen Schimmer von Frömmigkeit noch besonders gehoben wurde, und durch einen sechs Zoll langen Kruzifixus von gelbem Metall, den sie in den Händen hielt. Als wir eintraten, legte sie den Kruzifixus fort und stand auf, um uns eine anmutige Verbeugung zu machen. Der Pilger, der auf seinem Mäntelchen von schwarzer Wachsleinwand Muschelschalen ordnete, rührte sich nicht; indem er seine Frau ansah, schien er uns zu sagen, wir müßten uns nur mit ihr beschäftigen. Er war anscheinend vierundzwanzig oder fünfundzwanzig Jahre alt, klein von Gestalt und ziemlich gut gewachsen. Auf seinem nicht unangenehmen Gesicht las man Kühnheit, Frechheit, Spottsucht und Betrügerei; er war gerade das Gegenteil von einer Frau, die offenbar edel, bescheiden und sanft war und jene schüchterne Schamhaftigkeit zeigte, die ein junges Weib so reizvoll macht. Da die beiden nur so viel Französisch sprachen, wie unumgänglich notwendig ist, um sich verständlich zu machen, so atmeten sie erleichtert auf, als ich sie auf italienisch anredete. Die Pilgerin sagte mir, sie sei Römerin; sie hätte es mir nicht zu sagen gebraucht, denn ihre hübsche Aussprache verriet es mir. Den jungen Mann hielt ich für einen Neapolitaner oder Sizilianer. Sein in Rom ausgestellter Paß lautete auf den Namen Balsamo. Sie trug die Namen Serafina Feliciani, die sie seitdem immer beibehalten hat; ihn werden wir zehn Jahre später unter dem Namen Cagliostro wieder finden. Sie erzählte mir: »Wir sind auf dem Rückwege nach Rom, nachdem wir Santiago von Compostella und Unsere liebe Frau del Pilar verehrt haben. Wir sind den ganzen Weg zu Fuß gegangen und haben nur von Almosen gelebt, damit Gott, den ich in meinem Leben so oft beleidigt habe, uns eher seine Barmherzigkeit schenke. Vergebens bat ich, mir aus Barmherzigkeit nur einen Sou zu geben; man hat mir stets Silbermünzen und sogar Goldstücke gegeben, so daß wir nach unserer Ankunft in jeder Stadt das uns verbliebene Geld unter die Armen verteilen mußten, damit wir nicht die Sünde begingen, kein Vertrauen zur ewigen Vorsehung zu haben. Mein Mann ist kräftig und hat nicht viel gelitten; ich aber habe große Leiden ausgestanden, um einen so langen Weg zu Fuß zu machen, auf Stroh oder in schlechten Betten zu schlafen, und zwar stets angekleidet, um nicht von Krankheiten angesteckt zu werden, die man nicht leicht wieder los wird.« Ich fand es ziemlich wahrscheinlich, daß sie den letzten Umstand nur anführte, um uns Lust zu machen, die Sauberkeit ihrer Haut noch an anderen Stellen als an ihren Armen und Händen zu sehen, deren Weiße und tadellose Sauberkeit sie uns einstweilen gratis sehen ließ. »Gedenken Sie sich hier einige Tage aufzuhalten, Madame?« »Meine Ermüdung wird uns zwingen, drei Tage hier zu verbringen; von hier werden wir uns nach Rom begeben, und zwar über Turin, wo wir zum heiligen Schweißtuch beten werden.« »Sie wissen ohne Zweifel, daß es in Europa mehrere Schweißtücher gibt?« »Man hat es uns gesagt, aber zugleich uns versichert, das Turiner Schweißtuch sei das echte: es ist das Tuch, dessen die heilige Veronika sich bediente, um unserem Erlöser den Schweiß abzutrocknen, wodurch das göttliche Gesicht dem Tuche sein Bild eindrückte.« Wir verabschiedeten uns sehr befriedigt von der schönen Pilgerin, an deren Frömmigkeit wir jedoch wenig glaubten. Ich war noch zu schwach von meiner Krankheit her und hatte daher keine Absichten auf sie; aber alle anderen Herren, die mit mir bei ihr gewesen waren, hätten gerne mit ihr zu Abend gespeist, um sie zu erobern. Am nächsten Tage kam der Gatte der schönen Römerin zu mir und fragte mich, ob ich hinaufkommen und mit ihnen frühstücken wolle oder ob es mir lieber wäre, wenn sie zu mir herunterkämen. Es wäre unhöflich gewesen, ihm zu antworten: keines von beiden; ich sagte ihm daher, sie würden mir ein Vergnügen bereiten, wenn sie herunterkämen. Beim Frühstücken fragte ich den Pilger nach seinem Beruf; er antwortete mir, er mache Federzeichnungen in sogenannter helldunkler Art. Seine Kunst bestand darin, einen Kupferstich zu kopieren, nicht aber einen neuen Stich zu entwerfen. Er versicherte mir jedoch, er verstehe seine Kunst ganz ausgezeichnet und könne einen Stich so getreu abzeichnen, daß die Kopie vom Urbilde nicht zu unterscheiden sei. »Ich mache Ihnen mein Kompliment dazu. Wenn Sie nicht reich sind, so sind Sie sicher, mit solchem Talent Ihr Brot zu verdienen, einerlei, wo Sie sich niederlassen.« »Von allen Seiten wird mir dasselbe gesagt, aber es ist ein Irrtum, denn mit meinem Talent kann man Hungers sterben. Wenn ich in Rom oder Neapel diese Beschäftigung ausübe, verdiene ich höchstens einen halben Franken täglich, und das ist nicht genug, um zu leben.« Hierauf zeigte er mir Fächer, die er gemacht hatte, und man konnte nichts Schöneres sehen; sie waren mit Federzeichnungen geschmückt, die nicht von den besten Kupferstichen übertroffen wurden. Um mich vollends zu überzeugen, zeigte er mir eine von ihm kopierte Rembrandt-Zeichnung, die beinahe noch schöner war als das Original. Trotzdem schwor er mir, sein Talent verschaffe ihm nicht den Lebensunterhalt; ich glaubte ihm nicht; nach meiner Meinung war er einer von jenen Faulenzern, die lieber in der Welt herumziehen, als ein arbeitsames Leben führen. Ich bot ihm für einen seiner Fächer einen Louis; er wies jedoch das Geld zurück, bat mich, den Fächer umsonst anzunehmen und für ihn bei Tisch eine Sammlung zu veranstalten, denn er wünsche am dritten Tage weiterzureisen. Ich nahm sein Geschenk an und versprach ihm, die Sammlung zu veranstalten. Ich brachte ein paar hundert Franken zusammen, die die Pilgerin sich holte, als wir noch bei Tisch saßen. Die junge Frau sah in höchstem Grade tugendhaft aus. Als sie gebeten wurde, ihren Namen auf ein Lotteriebillett zu schreiben, entschuldigte sie sich mit der Bemerkung: Kinder, die man zu ehrbaren und tugendhaften Mädchen erziehen wolle, lasse man in Rom nicht schreiben lernen. Alle lachten über diese Entschuldigung, außer mir; sie tat mir leid, und ich wollte sie nicht gerne erniedrigt sehen. Aber es schien mir nunmehr offenbar zu sein, daß sie den allerniedrigsten Klassen des Volkes angehörte. Am nächsten Tage kam die Pilgerin in mein Zimmer und bat mich, ihr einen Empfehlungsbrief für Avignon zu geben. Ich schrieb sofort zwei, den einen an den Bankier Audifret, den andern an den Wirt des Gasthofes zum heiligen Homer. Am Abend brachte sie mir den für Herrn Audifret zurück, indem sie mir sagte, ihr Mann habe diesen für überflüssig erklärt. Zugleich bat sie mich, genau nachzusehen, ob es auch wirklich der Brief sei, den ich ihr gegeben habe. Ich sah die Schrift genau an und sagte, es sei ganz gewiß mein Brief. Hierauf antwortete sie mir lachend: »Sie irren sich, das ist nur eine Abschrift.« »Das ist nicht möglich!« Sie rief ihrem Mann, und dieser kam mit meinem echten Brief in der Hand. Da ich nicht mehr zweifeln konnte, so sagte ich zu ihm: »Ihr Talent ist wunderbar; denn ein Brief ist viel schwerer nachzumachen, als eine Zeichnung zu kopieren ist. Sie können es bei Ihrer Begabung weit bringen und aus Ihrer Geschicklichkeit großen Vorteil ziehen; aber wenn Sie nicht vernünftig sind, kann es Ihnen das Leben kosten.« Am nächsten Tage reiste das Paar ab. Ich werde später erzählen, wann und wie ich zehn Jahre später diesen Menschen unter dem Namen eines Grafen Pellegrini wiedersah; seine Frau und unzertrennliche Begleiterin, die gute Serafina, war immer noch bei ihm. Im Augenblick, da ich dieses schreibe, befindet er sich im Gefängnis, das er wahrscheinlich nicht mehr verlassen wird; seine Frau befindet sich in einem Kloster und ist, vielleicht, glücklich. Als ich meine Kräfte völlig wiedererlangt hatte, begab ich mich zum Marquis d'Argens und seinem Bruder, um mich zu verabschieden. Nachdem ich am Familientische mit dem Jesuiten gespeist hatte, den ich gar nicht beachtete, verbrachte ich drei Stunden mit dem guten und gelehrten alten Herrn, und es waren drei köstliche Stunden, denn sie waren mit Geist, Gelehrsamkeit, Philosophie und Heiterkeit gewürzt. Er erzählte mir eine Menge Züge aus dem Privatleben Friedrichs des Zweiten. Der Leser würde mir gewiß dankbar sein, wenn ich ihm diese charakteristischen Anekdoten mitteilte, um so mehr, da sie zum größten Teil für die Geschichte verloren sein werden. Aber eine unerklärliche Faulheit quält mich in diesem Augenblick, ich werde alt, oder ich bin alt geworden, das fühle ich. In einem anderen Augenblick vielleicht, wenn das Schloß zu Dux nicht von so dichten Nebeln umgeben ist, wenn mein Geist von einigen Strahlen einer belebenden Sonne aufgeweckt wird – ein anderes Mal vielleicht, sage ich, werde ich dies alles zu Papier bringen; heute fühle ich nicht den Mut dazu. Friedrich hatte große Eigenschaften und große Schwächen, wie fast alle großen Menschen; aber sicherlich war die Gesamtheit seiner Schwächen geringer als die seiner hohen Eigenschaften, und die Weltgeschichte wird in diesem Herrscher stets einen großen Mann sehen und in ihm ein Merkzeichen des achtzehnten Jahrhunderts verehren. Der ermordete König von Schweden fand ein Vergnügen darin, Haß zu erregen, weil es in seinen Augen ein Ruhm war, solchem Hasse zu trotzen. Er hatte eine Despotenseele, und er mußte ein Despot sein, um seine herrschende Leidenschaft zu befriedigen: nämlich von sich reden zu machen und für einen großen Mann zu gelten. Darum haben seine Feinde sich dem Tode geweiht, um ihm das Leben zu entreißen. Der König hätte sein Ende voraussehen müssen, denn seine Gewalttaten hatten schon lange die von ihm Unterdrückten zur Verzweiflung getrieben. Zwischen ihm und Friedrich ist kein Vergleich möglich. Der Marquis d'Argens schenkte mir alle seine Werke. Ich fragte ihn, ob ich mich wirklich rühmen könnte, alle zu besitzen, und er antwortete mir: »Ja, mit Ausnahme eines Teils meiner Lebensgeschichte, die ich in meiner Jugend geschrieben und später vernichtet habe, weil ich es bereute, sie veröffentlicht zu haben.« »Warum?« »Weil ich die Manie hatte, nur die Wahrheit sagen zu wollen, und mich damit unsterblich lächerlich gemacht habe. Sollten Sie jemals eine solche Lust verspüren, so weisen Sie sie als eine unvernünftige Versuchung von sich ab. Ich kann Ihnen versichern, Sie würden es bereuen; denn als Ehrenmann könnten Sie nur die Wahrheit schreiben und als wahrhaftliebender Geschichtschreiber wären Sie nicht nur verpflichtet, nichts zu verschweigen, sondern Sie dürften nicht einmal mit den von Ihnen begangenen Fehlern eine feige Nachsicht üben und müßten sie als guter Moralist geißeln, wie Sie als echter Philosoph das von Ihnen bewirkte Gute hervorheben müßten. Sie wären genötigt, auf jeder Seite sich selber zu loben oder zu tadeln. Nun würde man alles Böse, das Sie von sich selber sagen, für bare Münze nehmen, alle Ihre kleinen Sünden für Verbrechen erklären, und wenn Sie etwas Gutes von sich sagen, würde man es Ihnen nicht nur nicht glauben, sondern Ihnen obendrein Stolz, Eitelkeit usw. vorwerfen. Außerdem würden Sie durch die Abfassung von Lebenserinnerungen sich alle jene zu Feinden machen, von denen Sie Unvorteilhaftes berichten müßten. Glauben Sie mir, lieber Freund, wenn es einem Ehrenmann nicht erlaubt ist, von sich selber zu sprechen, so ist es ihm noch weniger erlaubt, über sich selber zu schreiben, es sei denn, daß Verleumdung uns zwingt, uns zu verteidigen. Ich hoffe, Sie werden niemals Rousseaus Fehler begehen – einen Fehler, den ich von einem so hervorragenden Mann niemals habe begreifen können.« Durch seine weisen Reden überzeugt, versprach ich ihm, niemals eine solche Torheit zu begehen; trotzdem tue ich seit sieben Jahren nichts anderes, und es ist für mich allmählich eine Notwendigkeit geworden, die Sache zu Ende zu bringen, obwohl ich sehr bereue, sie angefangen zu haben. Aber ich schreibe in der Hoffnung, daß meine Geschichte niemals das Tageslicht der Öffentlichkeit erblicken wird; denn abgesehen davon, daß die niederträchtige Zensur, dieses Löschhorn des Geistes, niemals den Druck erlauben würde, so hoffe ich, daß ich in meiner letzten Krankheit vernünftig werde, da ich nicht mehr verrückter werden kann, und alle meine Hefte vor meinen Augen verbrennen lasse. Sollte dies nicht der Fall sein können, so rechne ich auf die Nachsicht meiner Leser, und diese werden sie mir nicht vorenthalten, wenn sie erfahren, daß die Niederschrift meiner Erinnerungen für mich das einzige Heilmittel war, um nicht wahnsinnig zu werden oder vor Ärger zu sterben – vor Ärger über die Unannehmlichkeiten und täglichen Scherereien von seiten der neidischen Halunken, die sich mit mir zusammen auf dem Schloß des Grafen von Waldstein oder Wallenstein in Dux befinden. Indem ich täglich zehn oder zwölf Stunden schrieb, habe ich verhindert, daß der düstere Kummer mein Leben verzehrte oder mir die Vernunft raubte. Wir werden später darüber sprechen, wenn ich nicht etwa früher sterbe. Am Tage nach dem Fronleichnamsfest reiste ich von Aix ab und begab mich nach Marseille. Ich habe jedoch eine wichtige Sache zu erwähnen vergessen, die ich noch nachtragen will. Ich spreche von der Fronleichnamsprozession. Wie ein jeder weiß, wird das Fest des heiligen Sakraments in der ganzen Christenheit mit Pomp gefeiert; aber in Aix in der Provence sind mit dieser Feier so anstoßende Gebräuche verbunden, daß jeder vernünftige Mensch eine derartige Verirrung beklagen muß. Dem Wesen aller Wesen, das unter dem Bilde der Eucharistie in Leib und Seele verkörpert wird, folgen bekanntlich überall sämtliche religiöse Körperschaften. Hierüber will ich also nichts sagen, denn dasselbe findet auch in Aix statt. Was aber unangenehm überraschen und anstößig wirken muß, das sind die Maskeraden und unpassenden Späße, die man sich bei einer so heiligen Handlung erlaubt, bei welcher man alles darauf berechnen müßte, die der Religion unentbehrliche Ehrfurcht noch zu vermehren, indem man Liebe und Dankbarkeit und fromme Verehrung für den Schöpfer aller Dinge und Spender alles Guten erregte. Statt dessen sieht man den Teufel, den Tod und die sieben Todsünden, auf die lächerlichste Art gekleidet, tausend komische Gliederverrenkungen machen, sich schlagen und stoßen, heulen und schreien, wie wenn sie außer sich darüber wären, dem Herrn der Welt dienen zu müssen. Das Volk lacht und schreit und pfeift die greulichen Gestalten aus, singt Spottlieder auf sie, foppt sie auf alle möglichen Arten. Dies alles zusammen bildet ein Schauspiel, das mehr an Karnevalssaturnalien erinnert als an eine Prozession christlicher Völker, und das an schmutziger Unsittlichkeit alles überbietet, was wir über die Bacchanalien des Heidentums lesen. Die ganze Landbevölkerung von fünf bis sechs Wegstunden in der Runde kommt an diesem Tage nach Aix, um Gott zu ehren. Es ist sein Fest. Gott kommt im ganzen Jahre nur an diesem einen Tage auf die Straße. Ohne Zweifel hat eine Geistlichkeit, die entweder aus Verrückten oder aus Betrügern bestand, es für notwendig gehalten, den lieben Gott zum Lachen zu bringen. Die niedrigen Klassen des Volkes glauben dies allen Ernstes, und wenn einer sich erlauben sollte, etwas dagegen zu sagen, so würde es ihm übel ergehen, denn der Bischof marschiert an der Spitze des ganzen Mummenschanzes; folglich muß alles fromm und heilig sein. Als ich gegen das tolle Treiben sprach, das die Religion nur in Verruf bringen könnte, sagte ein gewisser Herr der St. Marc, ein Mann von Bedeutung und Mitglied des Parlaments, in ernstem Tone zu mir, dieses Fest wäre eine ausgezeichnete Sache, denn dadurch kämen an einem einzigen Tage mehr als hunderttausend Franken in die Stadt. Diese Anschauungsweise war so gewichtig, daß ich mir keine Antwort erlaubte. Während meines Aufenthaltes in Aix verging kein Tag, daß ich nicht an Henriette dachte. Da ich ihren richtigen Namen kannte, so hatte ich nicht vergessen, was sie mir durch Marcolina hatte sagen lassen; ich erwartete, sie in Aix in irgendeiner Gesellschaft zu finden, und ich würde mich alsdann gegen sie so benommen haben, wie sie es gewünscht hätte. Oft hatte ich ihren Namen nennen gehört, aber ich hatte mir niemals eine Frage erlaubt, da ich sorgfältig vermeiden wollte, daß man vermuten konnte, sie sei mir bekannt. Ich hatte stets geglaubt, sie sei auf dem Lande, und da ich beschlossen hatte, ihr einen Besuch zu machen, war ich nur deswegen so lange in Aix geblieben, um vollständig gesund bei ihr anzukommen. Als ich nun von Aix abreiste, hatte ich in meiner Tasche einen Brief, wodurch ich mich bei ihr anmeldete. Ich beabsichtigte vor dem Tor des Schlosses zu halten, ihr den Brief hineinzuschicken und den Wagen nicht zu verlassen, wenn sie mich nicht dazu auffordern würde. Ich hatte dem Postillon Bescheid gesagt; ihr Schloß lag anderthalb französische Meilen diesseits von Croix d'Or. Es war elf Uhr, als wir ankamen. Ein Mann kam heraus. Ich gab ihm meinen Brief, und er sagte mir, er werde nicht verfehlen, ihn der gnädigen Frau zu schicken. »Ist sie denn nicht hier?« »Nein, mein Herr; sie ist in Aix.« »Seit wann?« »Seit sechs Monaten.« »Wo wohnt sie?« »In ihrem Hause; sie wird erst in drei Wochen hier hinauskommen, um nach ihrer Gewohnheit den Sommer hier zu verbringen.« »Würden Sie so freundlich sein, mich einen Brief schreiben zu lassen?« »Bitte, steigen Sie nur aus! Ich werde Ihnen das Zimmer der gnädigen Frau öffnen lassen; dort werden Sie alles finden, was Sie brauchen.« Ich stieg aus, trat ins Haus und sah zu meiner größten Überraschung meine Krankenwärterin vor mir. »Sie wohnen hier?« »Jawohl, mein Herr.« »Seit wann?« »Seit zehn Jahren.« »Wie kam es denn, daß Sie mich während meiner Krankheit pflegten?« »Das werde ich Ihnen oben sagen.« Ihre Erzählung lautete folgendermaßen: »Die gnädige Frau ließ mich in aller Eile holen und befahl mir, zu Ihnen zu gehen und Sie so zu pflegen, wie wenn sie selber krank gewesen wäre, und Ihnen zu sagen, ich sei auf Anordnung des Arztes bei Ihnen, falls Sie etwa irgendeine Frage an mich stellen sollten.« »Der Arzt hat mir gesagt, er kenne Sie nicht.« »Vielleicht hat er Ihnen die Wahrheit gesagt; wahrscheinlicher aber ist es, daß er von der gnädigen Frau Befehl erhalten hatte, Ihnen so zu antworten. Mehr weiß ich übrigens nicht; aber ich bin überrascht, daß Sie die gnädige Frau nicht in Aix gesehen haben.« »Sie muß wohl nicht in Gesellschaft verkehren, denn ich bin überall gewesen.« »Allerdings empfängt Madame keine Besuche, aber sie geht überall hin.« »Das ist sehr wunderbar! Ich muß sie gesehen haben, und kann nicht begreifen, daß ich sie nicht erkannt habe. Sie sind seit zehn Jahren bei ihr?« »Jawohl, mein Herr, wie ich bereits die Ehre hatte. Ihnen zu sagen.« »Ist sie verändert? Hat sie irgendeine Krankheit gehabt, durch die ihr Gesicht sich geändert hat? Ist sie gealtert?« »Durchaus nicht. Sie ist stärker geworden, aber ich versichere Ihnen, man würde sie für eine Frau von dreißig Jahren halten.« »Ich muß blind sein, oder ich habe sie nicht ein einziges Mal zu sehen bekommen. Ich werde ihr schreiben.« Die Frau ging hinaus. Ich fühlte mich ratlos in dieser seltsamen Lage und fragte mich: soll ich augenblicklich nach Aix umkehren? Sie wohnt in ihrem Hause, sie empfängt niemanden. Wer kann sie verhindert haben, mit mir zu sprechen, und wer könnte sie verhindern, mich zu empfangen? Wenn sie mich nicht vorläßt, werde ich sofort wieder abfahren, und dann hätte ich eben einfach den Weg vergebens gemacht. Damit wäre dies erledigt. Aber Henriette liebt mich noch. Sie hat mich während meiner Krankheit pflegen lassen, und das würde sie nicht getan haben, wenn ich ihr gleichgültig geworden wäre. Sie wird empfindlich darüber sein, daß ich sie nicht wiedererkannt habe. Sie weiß, daß ich von Aix abgereist bin, und kann nicht daran zweifeln, daß ich in diesem Augenblick hier bin. Soll ich zu ihr fahren? Oder soll ich ihr schreiben? Zu dem letzteren entschloß ich mich endlich. Ich schrieb ihr, ich würde in Marseille auf ihre Antwort warten. Ich gab meiner Pflegerin den Brief und das nötige Geld, um ihn sofort durch einen besonderen Boten zu befördern, und stieg wieder in meinen Wagen. Zum Mittagessen war ich in Marseille, wo ich in einem geringen Gasthof abstieg, da ich nicht erkannt werden wollte. Kaum war ich ausgestiegen, so sah ich die Donna Schizza, Ninas Schwester. Sie kam mit ihrem Mann von Barcelona; sie reisten nach Livorno und befanden sich seit drei oder vier Tagen in Marseille. Signora Schizza war in diesem Augenblick allein, denn ihr Mann war ausgegangen. Ich hatte eine brennende Lust, hundert Dinge zu erfahren, und bat sie daher, in mein Zimmer zu kommen, bis man mir mein Essen brächte. »Was macht Ihre Schwester? Ist sie immer noch in Barcelona?« »Ja; aber sie wird nicht lange mehr dort bleiben, denn der Bischof will sie weder in der Stadt noch in seinem Sprengel dulden, und der Bischof ist mächtiger als Graf Ricla. Sie ist von Valencia zurückgekehrt, weil Graf Ricla geltend machte, man könne es ihr nicht verwehren, durch Katalonien nach ihrer Heimat zurückzureisen. Man bleibt aber nicht neun oder zehn Monate in einer Stadt, wenn man nur auf der Durchreise ist. In einem Monat wird sie sicherlich abreisen, aber daraus macht sie sich nicht viel; denn sie ist sicher, daß der Graf ihr überall einen mehr als reichlichen Lebensunterhalt gewähren wird, und es wird ihr vielleicht gelingen, ihn zugrunde zu richten. Einstweilen freut sie sich, daß sie seinen guten Ruf vernichtet hat.« »Ich weiß ja, wie sie zu denken pflegt; aber schließlich kann sie doch nicht einen Mann hassen, durch den sie jetzt reich geworden sein muß.« »Reich? Sie hat nur Diamanten. Aber können Sie annehmen, daß dieses Scheusal Dankbarkeit kennt? Glauben Sie, sie denke wie ein Mensch? Sie ist ein Scheusal; das weiß niemand so gut wie ich. Sie hat nur darum den Graf gezwungen, hundert Ungerechtigkeiten zu begehen, weil ganz Spanien von ihr sprechen und weil alle Welt wissen soll, daß sie Herrin über seinen Leib, sein Hab und Gut, seine Seele und seinen Willen ist. Je haarsträubender eine Ungerechtigkeit ist, zu der sie ihn veranlaßt, desto sicherer ist sie, daß man von ihr sprechen wird, und weiter will sie nichts. Ihre Verpflichtungen gegen mich, mein Herr, sind unzählig; denn sie verdankt mir alles, sogar das Leben; aber anstatt mir Gutes zu tun, indem sie meinem Mann einen besseren Posten mit einer Gehaltserhöhung verschaffte, was ihr nur ein Wort gekostet hätte, hat sie ihn verabschieden lassen.« »Ich wundere mich, daß sie bei einer solchen Denkungsweise sich gegen mich so edel benommen hat.« »Ja, ich weiß alles; aber wenn Sie ebenfalls alles wüßten, würden Sie ihr für das, was sie für Sie getan hat, keinen Dank wissen.« »Nun, sprechen Sie!« »Sie hat Ihre Rechnung im Gasthof und die Verpflegung im Gefängnisturm nur deshalb bezahlt, damit das Publikum zur Schande des Grafen glauben sollte, Sie wären ihr Liebhaber. Ganz Barcelona weiß, daß man Sie vor ihrer Tür hat ermorden wollen, und daß der Mordbube an dem Degenstich gestorben ist, den Sie zu Ihrem großen Glück ihm versetzt hatten.« »Aber sie hat doch nicht meine Ermordung befehlen können! Sie hat nicht einmal Mitschuldige sein können; denn das wäre nicht natürlich!« »Das weiß ich wohl, aber an Nina ist eben nichts Natürliches. Aber ich kann Ihnen für gewiß sagen, was ich selber mit angehört habe: Während der Stunden, die Graf Ricla bei ihr verbrachte, sprach sie unaufhörlich von Ihnen, von Ihrem Geist, von Ihrem edlen und galanten Auftreten, das sie mit dem der Spanier verglich, um diese verächtlich zu machen und herunterzusetzen. Der Graf ärgerte sich und sagte ihr schließlich, sie möchte von etwas anderem sprechen; aber vergeblich. Um nichts mehr davon zu hören, entfernte er sich mit einem Fluch auf Sie. Zwei Tage vor jenem Vorfall war er wieder ganz außer sich; er verließ sie mit den Worten: »Valga me Dios! Ich werde Ihnen eine Höflichkeit erweisen, auf die Sie nicht gefaßt sind!« Als wir dann den Büchsenschuß gleich nach Ihrem Fortgehen hörten, sagte sie ohne die geringste Gemütsbewegung, dieser Schuß sei ohne Zweifel die Höflichkeit, die ihr ekliger Spanier ihr in Aussicht gestellt habe. Ich sagte ihr, vielleicht habe man Sie getötet. »Um so schlimmer für den Grafen!« sagte sie zu mir; »denn er wird ebenfalls an die Reihe kommen.« Hierauf lachte sie wie eine Wahnsinnige bei dem Gedanken, welchen Lärm diese Neuigkeit in Barcelona verursachen würde. Am anderen Morgen um acht Uhr – dies muß ich zu ihrem Lobe sagen – war sie recht erfreut, als Ihr Bedienter ihr meldete, man habe Sie auf die Zitadelle gebracht.« »Wie? Mein Bedienter? Ich habe niemals gewußt, daß er Beziehungen zu ihr hatte.« »Sie sollten das auch nicht wissen. Übrigens kann ich Ihnen versichern, daß der ein braver Mann war, der Sie liebte.« »Davon bin ich überzeugt gewesen. Fahren Sie fort.« »Nina schrieb Ihrem Wirt ein Briefchen. Sie zeigte es mir nicht; aber ohne Zweifel hat sie ihm darin befohlen, Ihnen alles zu besorgen, was Sie wünschen würden. Der Bediente sagte uns, er habe den blutbefleckten Degen gesehen, und Ihr Mantel sei von einer Kugel durchlöchert worden. Sie freute sich darüber, aber nicht etwa, weil sie Sie liebte; glauben Sie das nur nicht! Sie freute sich, weil Sie dem Mordanfall entronnen waren und sich daher rächen könnten. In Verlegenheit brachte sie nur der Vorwand, dessen der Graf sich bedient hatte, um Sie verhaften zu lassen. – An jenem Abend kam der Graf nicht, aber am nächsten Tage kam er um acht Uhr, und das niederträchtige Weib empfing ihn lachend, wie wenn sie ganz glücklich wäre. Sie sagte ihm, sie wisse, daß er Sie ins Gefängnis gesteckt habe; daran habe er wohl getan, denn er könne sich dazu doch nur entschlossen haben, um Ihr Leben gegen neue Nachstellungen zu sichern. Er antwortete kurz angebunden, Ihre Verhaftung habe mit dem Vorfall der Nacht nichts zu tun. Sie seien nur für einige Tage gefangen gesetzt, denn man untersuche Ihre Papiere und werde Sie wieder in Freiheit setzen, wenn man daran nichts finde, was eine strenge Haft rechtfertigen könnte. Nina fragte ihn, wer der Mann wäre, den Sie verwundet hätten. Er antwortete: \>Die Polizei stellt Nachforschungen an, denn man hat weder einen Toten noch einen Verwundeten, ja nicht einmal Blutspuren gefunden. Man hat nur Casanovas Hut gefunden, und diesen hat man in seinen Gasthof geschickt.« – Hierauf blieben sie bis Mitternacht miteinander allein; so daß ich nicht hören konnte, was sie noch weiter über Sie sagten; aber drei Tage darauf erfuhr alle Welt, daß Sie in den Turm gesperrt worden seien. Am Abend fragte Nina den Grafen nach dem Grunde dieser strengen Maßregel; er antwortete, man hätte Verdacht, daß Ihre Pässe falsch seien; denn der vom Botschafter in Ildefonso ausgestellte müsse falsch sein. Da Sie nämlich bei der Staatsinquisition von Venedig in Ungnade seien, so sei es nicht wahrscheinlich, daß der Gesandte Ihnen einen Paß gegeben habe; ohne diesen aber hätten Sie weder den des Königs noch den vom Grafen Aranda erhalten können. In dieser Annahme habe man Sie in den Turm setzen müssen, denn das Verbrechen könne Ihnen teuer zu stehen kommen. Diese Nachrichten beunruhigten uns, und als wir erfuhren, daß Pogomas verhaftet worden war, waren wir überzeugt, daß er Sie angezeigt hätte, um sich dafür zu rächen, daß Sie ihn aus unserem Hause hatten jagen lassen. Als wir erfuhren, daß der Kerl aus dem Gefängnisse entlassen, aber zu Schiff nach Genua gebracht worden war, glaubten wir, nun könne Ihre Freilassung nicht lange mehr dauern, denn man hätte doch längst die Nachricht erhalten müssen, daß ihre Pässe in Ordnung seien. Als wir aber sahen, daß man Sie immer noch in Haft behielt, da wußten wir nicht mehr, was wir darüber denken sollten; denn der Graf antwortete nicht mehr auf ihre Fragen nach Ihrem Befinden. Falsch, wie sie ist, hatte sie den Entschluß gefaßt, zu schweigen. Da erfuhren wir endlich, daß Sie in Freiheit gesetzt und vollkommen gerechtfertigt seien. Nina zweifelte nicht, daß sie Sie im Parkett sehen und daß sie in ihrer Loge triumphieren würde; sie gedachte sich in dem ganzen Schmuck ihrer Diamanten zu zeigen; sie war daher in Verzweiflung, als sie von dem unerwarteten Ausfall der Theatervorstellungen hörte. Am Abend erfuhr sie vom Grafen, man habe Ihnen Ihre Pässe wiedergegeben, aber auch zugleich Ihnen den Befehl erteilt, binnen drei Tagen abzureisen. Die falsche Spitzbübin lobte die Vorsicht ihres Liebhabers, obgleich sie im geheimen ihn in die Hölle wünschte. Sie dachte sich wohl, daß Sie nicht wagen würden, sie zu besuchen, denn sie glaubte, Sie hätten gewiß geheime Befehle empfangen, keinerlei Beziehungen zu ihr zu unterhalten; da erfuhr sie, daß Sie abgereist seien, ohne ihr auch nur ein ganz kleines Briefchen zu schreiben; sie geriet in eine rasende Wut gegen Ricla und schrie: \>\>Wenn Casanova den Mut gehabt hätte, mich zur Reise mit ihm einzuladen, so würde ich es getan haben.« Durch Ihren Bedienten erfuhr sie, daß Sie glücklich drei Mördern entronnen seien. Am Abend machte sie Ricla ein Kompliment darüber, er schwor aber, er wisse nichts davon. Nina glaubte es ihm nicht. Ach! danken Sie Gott, daß Sie aus Spanien heraus gekommen sind, nachdem Sie Nina kennen gelernt hatten, dieses Scheusal, das Ihnen schließlich noch das Leben gekostet hätte und das mich dafür bestraft, es ihr gegeben zu haben.« »Wie, Sie sind ihre Mutter?« »Ja, Nina, dieses abscheuliche Geschöpf, ist meine Tochter.« »Ist es möglich! Alle Welt hält sie für Ihre Schwester.« »Das ist ja eben das Entsetzliche. Alle Welt hat recht.« »Wie? Erklären Sie mir dies.« »Ich will es tun, obgleich es mich in Verlegenheit bringt: sie ist meine Tochter und meine Schwester; denn sie ist die Tochter meines Vaters.« »Was höre ich! Ihr Vater hat Sie geliebt.« »Ob der Barbar mich geliebt hat, weiß ich nicht; jedenfalls hat er mich als seine Frau behandelt. Ich war damals sechzehn Jahre alt. Sie ist aus einem Verbrechen entsprossen, und der gerechte Gott bestraft mich durch sie. Mein Vater ist der Rache Gottes entgangen; möchte er auch der ewigen Höllenstrafe entgehen! Was soll aus mir werden? Ich hätte das niederträchtige Geschöpf in der Wiege erdrosseln sollen; vielleicht aber werde ich sie noch erdrosseln, bevor sie mich tötet.« Außer mir vor Entsetzen, hörte ich schweigend diese furchtbare Erzählung an, deren Wahrheit nicht anzuzweifeln war. »Ihr eigener Vater hat es ihr gesagt, als sie zwölf Jahre alt war. Er weihte sie zuerst in den Lebenswandel ein, den sie seitdem geführt hat, und er würde schließlich auch sie zur Mutter gemacht haben, wenn er nicht in demselben Jahre gestorben und dadurch vielleicht dem Galgen entgangen wäre.« »Wie kam es, daß Graf Ricla sich in sie verliebte?« »Hören Sie! Die Geschichte ist nicht lang, und sie ist eigenartig. Als sie vor zwei Jahren von Portugal nach Barcelona kam, wurde sie nur wegen ihres schönen Wuchses als Ballettfigurantin angenommen; denn Talent hat sie ja nicht; das einzige, was sie gut macht, ist die Rebaltade, eine Art Rückwärtssprung mit Pirouetten. Bei ihrem ersten Auftreten klatschte das Parkett lebhaften Beifall, weil sie bei der Rebaltade ihre Unterhosen bis zum Gürtel sehen ließ. Nun muß man wissen, daß in Spanien ein Gesetz besteht, daß jede Tänzerin, die auf der Bühne dem Publikum ihre Unterhosen zeigt, zu einem Taler Strafe verurteilt wird. Nina wußte davon nichts; als sie den Beifall hörte, machte sie es gleich noch einmal; aber nach dem Ballett sagte der Inspektor ihr, er würde zur Strafe für ihre schamlosen Sprünge zwei Taler von ihrem Monatsgehalt zurückbehalten. Nina fluchte und wetterte, konnte aber gegen das Gesetz nichts machen. Wissen Sie, was sie am nächsten Tage tat, um das Gesetz zu umgehen und sich zu rächen?« »Vielleicht tanzte sie schlecht?« »Sie tanzte ohne Unterhosen und machte wieder ihre Rebaltade. Dies erregte im Parkett eine so stürmische Heiterkeit, wie man sie in Barcelona noch niemals erlebt hatte. Graf Ricla, der von seiner Loge alles gesehen hatte und sich von Entsetzen und zugleich von Bewunderung ergriffen fühlte, ließ den Inspektor rufen und sagte ihm, er müsse diese freche Tänzerin auf ganz andere Weise als durch Geldbuße exenplarisch bestrafen. 'Einstweilen schicken Sie sie mal sofort zu mir!' Gleich darauf stand Nina in der Loge des Vizekönigs und fragte ihn mit ihrem schamlosen Gesicht, was er von ihr wünsche. 'Sie sind eine schamlose Person und haben das Publikum beschimpft.' 'Was habe ich getan?' 'Sie haben denselben Sprung gemacht wie gestern.' 'Allerdings; aber ich habe Ihr Gesetz nicht verletzt; kein Mensch kann behaupten, daß er eine Unterhose gesehen hat; denn, um sicher zu sein, daß man sie nicht sehen würde, habe ich keine angezogen. Konnte ich mehr für Ihr verdammtes Gesetz tun, das mir bereits zwei Taler kostete? Antworten Sie nur!' Der Vizekönig und alle die ernsten würdigen Herren, die zugegen waren, mußten sich auf die Lippen beißen, um nicht zu lachen; denn im Grunde hatte Nina recht, und wenn es zu einer Diskussion über diese Gesetzesübertretung gekommen wäre, hätte man sich sehr lächerlich darüber gemacht. Der Vizekönig begriff, daß er sich in einer falschen Lage befand; er sagte zur Tänzerin nur: wenn sie noch einmal ohne Unterhose tanze, werde sie einen Monat bei Wasser und Brot im Gefängnis sitzen. Nina war gehorsam. Acht Tage darauf gab man ein Ballett meines Mannes. Es wurde mit solchem Beifall aufgenommen, daß das Publikum stürmisch die Wiederholung verlangte. Ricia befahl, den Wunsch des Publikums zu erfüllen, und den Tänzern wurde gesagt, daß sie noch einmal aufzutreten hätten. Nina, die sich inzwischen fast gänzlich entkleidet hatte, sagte meinem Mann, er möchte sich einrichten, wie er wollte, sie würde nicht tanzen. Da sie nun die erste Rolle hatte, so konnte das Ballett ohne sie nicht aufgeführt werden. Mein Mann schickte daher den Direktor zu ihr, aber diesen warf sie in ihrer Wut mit solcher Kraft zur Türe hinaus, daß der arme Mensch mit der Stirn gegen die Korridorwand fuhr. Der Direktor berichtete jammernd dem Vizekönig von der Weigerung der Tänzerin. Zwei Soldaten erhielten Befehl, sie vor ihn zu führen, und dies war zu seinem Unglück; denn Nina ist, wie Sie wissen, sehr schön, und ihr Anzug war in jenem Augenblicke in einem Zustande, daß sie den kältesten Mann verführt haben würde. Der Graf sagte ihr mit unsicherer Stimme, was er ihr zu sagen hatte. Seine Verlegenheit machte sie kühn, und sie antwortete ihm, es stehe in seiner Macht, sie in Stücke reißen zu lassen, aber er sei nicht mächtig genug, um sie dazu zu bringen, daß sie gegen ihren Willen tanze; denn in ihrem Vertrage stehe nichts davon, daß sie an einem Abend zweimal tanzen müsse; das könne weder er noch das Publikum von ihr verlangen. 'Ich bin außer mir', rief sie, 'über Ihr tyrannisches Vorgehen, das mich zwingt, beinahe nackt zwischen zwei Soldaten zu erscheinen, und ich werde Ihnen diesen barbarischen Despotismus niemals vergeben. Sie können machen, was Sie wollen, ich werde nicht tanzen, und ich erkläre Ihnen, ich werde Ihnen nicht mehr die Ehre erweisen, vor Ihnen und Ihrem Publikum zu tanzen. Ich verlange von Ihnen weiter nichts, als daß Sie mich gehen lassen oder mich töten; standhaft werde ich die härteste Behandlung erdulden und Ihnen beweisen, daß ich Venetianerin und ein freies Weib bin!' Erstaunt sagte der Vizekönig, Nina sei toll. Hierauf ließ er meinen Gatten kommen und befahl ihm, das Ballett ohne sie tanzen zu lassen und in Zukunft nicht auf sie zu rechnen, denn sie stehe nicht mehr in seinem Dienst. Dann sagte er zu Nina, sie möchte gehen, und befahl den Soldaten, sie freizulassen. Sie ging in ihre Ankleidekammer zurück, und als sie sich angezogen hatte, kam sie zu uns, denn sie wohnte bei uns. Das Ballett wurde wiederholt, so gut es eben ging; der arme Graf sah aber nicht mehr viel davon, denn das Gift hatte bereits seine Wirkung getan. ' Am folgenden Tage kam der jämmerliche Sänger Molinari zu Nina und sagte ihr, der Gouverneur wünsche sich zu überzeugen, ob sie wahnsinnig sei oder nicht; er wolle sie in einem gewissen Landhause sehen. Das war just, was das unglückselige Geschöpf wollte, und sie antwortete Molinari: 'Sagen Sie Seiner Exzellenz, ich werde der Einladung Folge leisten und der Herr Gouverneur werde mich sanft wie ein Lamm und keusch wie einen Engel finden.' So begann ihre Bekanntschaft. Sie wußte die Schwächen ihrer neuen Eroberung so scharfsinnig zu erraten, daß sie den armen Spanier ebensosehr durch ihre schlechte Behandlung fesselte wie durch ihre verführerischen Reize und durch die schlaueste Koketterie.« Dieses erzählte die unglückselige Schizza mit der ganzen Leidenschaft einer von Reue und Rachsucht gepeinigten Italienerin. Am nächsten Tage erhielt ich, wie ich erwartet hatte, die Antwort meiner Henriette. Sie schrieb mir: »Nichts, mein lieber Freund, ist romantischer als unsere Begegnung in meinem Landhause vor sechs Jahren und jetzt wieder von neuem, zweiundzwanzig Jahre nach jenem Tage, da wir uns in Genf trennten. Wir sind alle beide gealtert, das ist natürlich. Aber wollen Sie es glauben? Obgleich ich Sie noch liebe, ist es mir doch angenehm, daß Sie mich nicht wiedererkannt haben. Nicht daß ich häßlich geworden wäre, aber ich bin dicker geworden, und dadurch haben sich meine Gesichtszüge verändert. Ich bin Witwe, lebe glücklich und besitze ein genügendes Vermögen, um Ihnen sagen zu können, daß Sie sich an Henriettens Börse wenden mögen, wenn Sie etwa bei den Bankiers kein Geld haben sollten. Kommen Sie nicht nach Aix zurück, um das Wiedersehen mit mir zu feiern, denn Ihre Rückkehr könnte Anlaß zu Gerede geben; wenn Sie aber nach einiger Zeit herkommen, so werden wir uns sehen können, jedoch nicht als alte Bekannte. Ich fühle mich glücklich in dem Gedanken, daß ich vielleicht zur Verlängerung Ihres Lebens beigetragen habe, indem ich Ihnen eine Frau schickte, deren gutes Herz und Treue ich kannte. Wenn Ihnen ein Briefwechsel mit mir recht ist, so werde ich gern mein Bestes tun. Ich bin sehr neugierig, zu erfahren, was Sie seit Ihrer Flucht aus den Bleikammern gemacht haben, und da Sie jetzt einen so schönen Beweis von Verschwiegenheit abgelegt haben, so verspreche ich Ihnen, alles zu erzählen, was unser Zusammentreffen in Cesena und meine Rückkehr in die Heimat veranlaßte. Unsere Bekanntschaft ist ein Geheimnis für alle Welt. Nur Herr d'Antoine kennt einen Teil davon. Ich bin Ihnen dankbar, daß Sie sich bei keinem Menschen nach meiner Existenz erkundigt haben, obwohl Marcolina Ihnen gewiß alles gesagt hat, was ich ihr für Sie auftrug. Schreiben Sie mir, was mit diesem entzückenden Geschöpf geworden ist. Leben Sie wohl!« Ich antwortete ihr, indem ich den angebotenen Briefwechsel annahm und ihr in großen Umrissen meine wechselvollen Schicksale erzählte. Sie ihrerseits erzählte mir in etwa vierzig Briefen ihre ganze Lebensgeschichte. Wenn sie vor mir stirbt, werde ich diese Briefe meinen Erinnerungen beigeben; aber heutigentags lebt sie noch, und sie ist glücklich, wenngleich alt. Am nächsten Tage besuchte ich Frau Audibert, und wir fuhren zusammen zu Frau N. N., die bereits Mutter von drei Kindern war. Sie wurde von ihrem Gatten angebetet und war infolgedessen glücklich. Ich brachte ihr gute Nachrichten von Marcolina und erzählte ihr Croces Abenteuer und Charlottens Tod, der ihr sehr zu Herzen ging. Sie gab mir dafür die allerneuesten Nachrichten über Rosalie, die durch ihren Mann sehr reich geworden war. Ich konnte nicht mehr hoffen, diese reizende Frau wiederzusehen, denn in Genua würde der Anblick des Herrn Grimaldi mir kein Vergnügen gewesen sein. Meine liebe frühere Nichte betrübte mich, ohne es zu wollen; sie sagte mir, sie finde mich gealtert. Obgleich ein Mann sich aus dem Altwerden nichts zu machen braucht, so mißfällt doch ein solches Kompliment, wenn man noch nicht auf Galanterie verzichtet hat. Sie gab mir zu Ehren ein schönes Diner, und ihr Gatte machte mir Anerbietungen, die ich aus falscher Scham nicht annahm. Ich besaß noch fünfzig Louis, und da ich nach Turin gehen wollte, so wußte ich, daß ich dort Hilfsquellen haben würde. Ich traf in Marseille den Herzog von Villars, den Tronchin künstlich am Leben erhielt; der hohe Herr war Gouverneur der Provence; er lud mich zum Abendessen ein; und ich fand zu meiner Überraschung bei ihm den angeblichen Marquis d'Arragon, der eine Bank hielt. Ich spielte mit kleinen Einsätzen und verlor. Der Marquis lud mich zum Mittagessen bei seiner Frau, der alten Engländerin, ein, die ihm vierzigtausend Guineen zugebracht hatte, während weitere zwanzigtausend nach ihrem Tode einem Sohne zufallen sollten, den sie in London hatte. Von diesem glücklichen Taugenichts schämte ich mich nicht, fünfzig Louis zu borgen, obwohl es ziemlich sicher war, daß ich sie ihm niemals zurückgeben würde. Ich reiste allein von Marseille über Antibes, Nizza und den Col di Tenda, die höchste Alpenstraße nach Turin. Auf diesem Wege hatte ich das Vergnügen, das sogenannte Piemont zu sehen, ein Land von großer Schönheit. In Turin empfingen der Chevalier Raiberti und Graf de la Pérouse mich auf das freundlichste. Beide wiederholten mir das Kompliment meiner Exnichte: sie fanden, daß ich alt geworden wäre. Da ich aber nur im Verhältnis zu den vierundvierzig Jahren alt sein konnte, die ich damals zählte, so tröstete ich mich leicht. Ich schloß enge Freundschaft mit dem englischen Gesandten, Ritter R., einem liebenswürdigen, wissenschaftlich gebildeten, reichen, geschmackvollen Mann, der eine ausgezeichnete Tafel führte und den alle Welt liebte, unter anderen auch eine Tänzerin aus Parma, namens Campioni, ein Weib von entzückender Schönheit. Ich teilte meinen Freunden mit, daß ich die Absicht hätte, nach der Schweiz zu gehen, und dort auf meine Kosten in italienischer Sprache eine Widerlegung der Geschichte der venetianischen Regierung von Amelot de la Houssaie drucken zu lassen. Alle beeilten sich, mir Subskribenten zu verschaffen, die mir eine gewisse Anzahl von Exemplaren vorausbezahlten. Der Freigebigste von allen war der Graf de la Pérouse, der mir siebenhundertundfünfzig Franken für fünfzig Exemplare gab. Acht Tage darauf verließ ich Turin mit dreitausend Franken in meiner Börse. Dieses Geld setzte mich in den Stand, das ganze Werk drucken zu lassen, das ich in der Zitadelle von Barcelona niedergeschrieben hatte. Ich mußte es jedoch noch einmal umschreiben, weil ich damals den zu widerlegenden Autor und die venetianische Geschichte des Prokurators Rani nicht vor Augen gehabt hatte. Nachdem ich mir diese Werke verschafft hatte, begab ich mich in der Absicht, mein Buch drucken zu lassen, nach Lugano, wo eine gute Buchdruckerei und keine Zensur war. Ich wußte außerdem, daß der Buchdruckereibesitzer ein wissenschaftlich gebildeter Mann war, sowie, daß man in Lugano gut aß und gute Gesellschaft fand. Ich war dort dicht bei Mailand, in nächster Nähe von Varese, wo der Herzog von Modena die schöne Jahreszeit verbrachte, von Como, Chiavenna und dem Lago Maggiore mit den berühmten Borromeischen Inseln. Ich befand mich also an einem Ort, wo ich leicht Unterhaltung finden mußte. Ich ging in den Gasthof, der für den besten galt, und der Wirt, ein gewisser Tagoeretti, gab mir das beste Zimmer seines Hauses. Gleich am nächsten Morgen suchte ich den Dottore Agnelli auf; er war zugleich Buchdrucker, Priester, Theologe und ein recht ehrlicher Mann. Ich machte mit ihm einen Vertrag in einer Form, wonach er sich verpflichtete, mir wöchentlich vier Bögen in zwölfhundert Exemplaren zu liefern. Ich meinerseits verpflichtete mich, jede Woche das Fertige zu bezahlen. Er behielt sich das Recht der Zensur vor, sprach aber die Hoffnung aus, daß seine Meinung stets mit der meinigen übereinstimmen werde. Ich übergab ihm sofort Vorwort und Einleitung, womit er für eine volle Woche genug zu tun haben mußte, und suchte ein Papier in Großoktavformat aus. Als ich in den Gasthof zurückgekehrt war, um zu Mittag zu essen, meldete man nur den Bargello oder Polizeimeister. Obgleich Lugano zu den dreizehn Kantonen der Schweizerischen Eidgenossenschaft gehört, wird die Polizei dort wie in den italienischen Städten gehandhabt. Ich war neugierig, was ein solcher Mann von übler Vorbedeutung von mir wünschen könnte, und da ich außerdem verpflichtet war, ihn anzuhören, so ließ ich ihn eintreten. Nachdem er mir eine tiefe Verbeugung gemacht hatte, sagte der Signore Bargello, mit dem Hut in der Hand, er sei gekommen, um mir seine Dienste anzubieten und mir zu versichern, daß ich mich, wenngleich fremd, in Lugano sehr wohl befinden werde und daß ich weder für meine Person etwas zu befürchten habe, falls ich etwa Feinde außerhalb des Kantons habe, noch für meine persönliche Freiheit, falls ich Verdrießlichkeiten mit der venetianischen Regierung haben sollte. »Ich danke Ihnen, Herr Bargello, und bin vollkommen überzeugt, daß Sie mir die Wahrheit sagen, da ich mich ja in der Schweiz befinde.« »Ich nehme mir die Freiheit, Ihnen zu sagen, mein Herr, daß Ausländer, die hierher kommen und der Unverletzlichkeit der ihnen gewährten Zuflucht sicher sein wollen, gewöhnlich eine Kleinigkeit vorauszahlen, sei es wöchentlich oder monatlich oder auf ein Jahr.« »Und wenn sie nicht zahlen wollen?« »Dann sind sie nicht so sicher.« »Schön! – Geld macht alles?« »Aber mein Herr....« »Ich verstehe, aber ich will Ihnen etwas sagen: ich habe nichts zu befürchten und halte mich daher für unverletzlich, ohne daß ich mir die Mühe mache, etwas zu bezahlen.« »Sie werden mir verzeihen, aber ich weiß, daß Sie im Unfrieden mit der venetianischen Regierung leben.« »Sie täuschen sich, mein guter Freund.« »Oh nein, hierin täusche ich mich ganz gewiß nicht.« »Wenn Sie Ihrer Sache sicher zu sein glauben, so bringen Sie mir irgend jemanden, der um zweihundert Zechinen wetten will, daß ich irgend etwas von Venedig zu befürchten habe. Ich werde dagegen wetten und die Summe sofort hinterlegen.« Der Bargello wurde ganz verlegen, und der Wirt, der zugegen war, sagte ihm, er möchte sich doch vielleicht irren. Er grüßte mich und entfernte sich sehr enttäuscht. Mein Wirt freute sich, dieses Gespräch mit angehört zu haben, und sagte mir: »Da Sie die Absicht haben, einige Zeit hier am Orte zu verweilen, so tun Sie gut, wenn Sie dem Capitano oder Landvogt einen Besuch machen. Er ist gewissermaßen Gouverneur, und alle Macht liegt in seiner Hand. Er ist ein liebenswürdiger Schweizer Edelmann, und seine Frau ist voller Geist und eine strahlende Schönheit.« »O, das ist etwas anderes. Verlassen Sie sich darauf, gleich morgen werde ich den Herrn aufsuchen.« Am nächsten Tage ließ ich mich gegen Mittag beim Landvogt melden; ich wurde sofort vorgelassen und sah vor mir Herrn von R. und seine reizende Gemahlin mit einem hübschen Knaben von fünf oder sechs Jahren. Man stelle sich unsere gegenseitige Überraschung vor! Dreizehntes Kapitel Marazzani wird bestraft. – Meine Abreise von Lugano. – Turin. – Herr Dubois. – Livorno. – Orloffs Abfahrt mit dem Geschwader. – Pisa. – Stratico. – Siena. – Die Marchesa Chigi. – Ich reise von Siena mit einer Engländerin ab. Diese glücklichen unvorhergesehenen zufälligen Begegnungen sind die schönsten Augenblicke meines Lebens. Sie sind mir um so lieber, da ich sie nur dem Zufall verdanke. – Alle drei standen wir stumm vor Überraschung und Freude. Herr von R. brach zuerst das Schweigen und umarmte mich herzlich. Schnell entschuldigten wir uns gegenseitig: er, daß er angenommen hatte, es gäbe in Italien noch andere Personen meines Namens; ich, daß ich mich seines Namens nicht erinnert hatte. Ich mußte gleich zum Essen dableiben, und so war unsere Bekanntschaft wieder erneuert. Seine Republik hatte ihm dieses sehr einträgliche Amt gegeben, das zu seinem großen Bedauern nur zwei Jahre währte. Er sagte mir, er sei entzückt, daß er gerade während meines Aufenthaltes da sei, um mir nützlich sein zu können, und bat mich, in jeder Beziehung über ihn zu verfügen. Besseres konnte ich mir nicht wünschen. Er vernahm mit lebhafter Freude, daß ich in Lugano war, um ein Werk drucken zu lassen, und daher genötigt war, mich drei oder vier Monate lang aufzuhalten, aber er war betrübt, als ich ihm sagte, ich könne seinen Tisch höchstens einmal wöchentlich annehmen, da ich das Werk erst in Umrissen entworfen habe und daher sehr fleißig sein müsse. Frau von R. konnte sich von ihrer Überraschung gar nicht erholen. Es war neun Jahre her, daß ich sie in Solothurn zurückgelassen hatte, und sie war damals so schön gewesen, daß ich nicht hatte annehmen können, einige Jahre mehr würden ihre Schönheit noch vergrößern. Und doch war dies der Fall: sie war viel schöner geworden, und ich machte ihr mein Komplimente darüber. Sie zeigte mir ihren einzigen Sprößling und gab ihn mir auf den Arm. Sie hatte ihn vier Jahre nach meiner Abreise zur Welt gebracht und liebte ihn mehr als das Licht ihrer Augen. Es sah auch ganz darnach aus, wie wenn der Knabe etwas verzogen wäre, ich habe jedoch vor kurzer Zeit gehört, daß dieses Kind jetzt ein ebenso liebenswürdiger wie wohlunterrichteter Mann ist. Im Laufe einer Viertelstunde erzählte Frau von R. mir alles, was sie seit meiner Abreise von Solothurn erlebt hatte. Sie sagte nur, Lebel habe sich in Besançon niedergelassen und lebe dort mit seiner Frau in sehr angenehmen Vehältnissen. Während unserer Unterhaltung sagte sie mir beiläufig, sie finde mich nicht mehr so jugendfrisch aussehend wie in Solothurn. Dies veranlaßte mich zu einem Verhalten, das ich sonst vielleicht nicht beobachtet haben würde. Statt mich von ihrer Schönheit fortreißen zu lassen, war ich auf meiner Hut, und anstatt eine Wiederanknüpfung unseres Liebesverhältnisses zu versuchen, sagte ich mir: um so besser; da ich auf den Namen eines Liebhabers keinen Anspruch mehr machen darf, so werde ich ihr Freund sein und werde mich würdig erweisen, auch der ihres ehrenwerten Gatten zu sein. Übrigens erlaubte auch das Werk, das ich drucken lassen wollte, mir keinerlei Zerstreuung, und eine Liebschaft würde den besten Teil meiner Zeit in Anspruch genommen haben. Gleich am nächsten Tage begann ich zu arbeiten und schrieb mit Ausnahme einer Stunde, die ich einem Besuche widmen mußte, den Herr von R. mir machte, den ganzen Tag hindurch bis in die Nacht hinein. Am nächsten Tage erhielt ich den ersten Korrekturbogen, mit dem ich ziemlich zufrieden war. Ich verbrachte den ganzen ersten Monat, emsig arbeitend, in meinem Zimmer. Nur an den Sonntagen ging ich aus, um die Messe zu hören, bei Herrn von R. zu speisen und dann mit Frau von R. und ihrem Kinde einen Spaziergang zu machen. Am Ende dieses ersten Monats war mein erster Band fertig gedruckt und broschiert, und das ganze Manuskript für den zweiten lag bereit. In den letzten Tagen des Oktobers lieferte der Drucker mir das vollständige dreibändige Werk ab, und in weniger als einem Jahre verkaufte ich die ganze Auflage. Indem ich dieses Werk schrieb, beabsichtigte ich weniger, mir Geld zu verschaffen, als die Gnade der Inquisitoren von Venedig zu erlangen; denn nachdem ich ganz Europa durchstreift hatte, wurde das Bedürfnis, meine Heimat wiederzusehen, so heftig, daß mir zumute war, wie wenn ich ohne dieses Glück überhaupt nicht mehr leben konnte. Amelot de la Houssaie hatte die Geschichte der venetianischen Regierung als wahrer Feind der Venetianer geschrieben; seine Geschichte war eine Satire, die neben gelehrten Bemerkungen auch viele Verleumdungen enthielt. Amelots Werk befand sich seit siebzig Jahren in allen Händen, und kein Mensch hatte sich die Mühe gemacht, es zu widerlegen. Hätte ein Venetianer Amelots Lügen bloßstellen und ein Buch darüber drucken lassen wollen, so würde er in den venetianischen Staaten nicht die Erlaubnis dazu erhalten haben, denn die Regierung der Republik gestattet grundsätzlich nicht, daß man sich mit ihr beschäftigt, weder im Lob noch im Tadel. So hatte bis dahin kein einziger Schriftsteller die französische Satire zu widerlegen gewagt, da er anstatt einer verdienten Belohnung nur eine schimpfliche Bestrafung hätte erwarten können. Ich glaubte nun, daß wegen meiner Ausnahmestellung diese Aufgabe mir vorbehalten sei. Da ich Grund genug hatte, mich über eine Regierung zu beklagen, deren Mitglieder mich durch ihre willkürliche und despotische Gewalt verfolgten, so war ich gegen den Verdacht der Parteilichkeit geschützt. Da ich andererseits sicher war, vor ganz Europa Amelots Lügen und Ungenauigkeiten zu enthüllen, so hoffte ich auf eine Belohnung, die nach meiner Meinung gar nicht ausbleiben konnte, da sie nur in einem Akte der Gerechtigkeit bestehen sollte. Nach einer vierzehnjährigen Verbannung hatte ich Anspruch auf Rückkehr in meine Heimat, und ich glaubte, die Staatsinquisitoren würden sich freuen, diese Gelegenheit benützen zu können, um ihre Ungerechtigkeit wieder gut zu machen, indem sie mir zur Belohnung meiner Vaterlandsliebe meine Begnadigung bewilligten. Meine Leser werden sehen, daß ich richtig geraten hatte; aber man ließ mich noch fünf Jahre auf etwas warten, was man mir sofort hätte bewilligen sollen. Da Herr von Bragadino tot war, so hatte ich in Venedig nur noch meine beiden guten alten Freunde Dandolo und Barbaro; durch sie fand ich in Venedig, jedoch ganz im geheimen, etwa fünfzig Subskribenten. Während meines ganzen Aufenthaltes in Lugano verkehrte ich im Hause des Herrn von R., wo ich mehrere Male den weisen und gelehrten Abbate Riva traf, an den ich von seinem Verwandten, Herrn Guerini empfohlen worden war. Dieser Abbate stand bei seinen Landsleuten wegen seiner Klugheit in so hohem Ruf, daß sie ihn fast bei allen Streitigkeiten, die sonst zu kostspieligen Prozessenssen geführt hätten, zum Schiedsrichter erwählten. Er wurde aber von allen Gerichtsvollziehern, Rechtsanwälten, Sachwaltern und anderen Dienern der Gerechtigkeit herzlich gehaßt. Sein Neffe, Giambattista Riva, war nicht nur ein Freund der Musen, sondern er liebte auch den Gott vom Ganges und die Göttin von Cythere; er war mein Freund, obwohl ich ihm mit dem Glase in der Hand weder standhalten konnte noch wollte. Er lieh mir die jungen Nymphen, die er in die großen Mysterien eingeweiht hatte, und sie hatten ihn darum nur um so lieber, denn ich machte ihnen kleine Geschenke. Ich machte mit ihm und seinen sehr hübschen Schwestern eine Reise nach den Borromeischen Inseln. Ich wußte, daß Graf Federigo Borromeo, der mich im Juni mit seiner Freundschaft beehrt hatte, anwesend war, und war sicher, daß er mich gut empfangen würde. Die eine von den beiden Schwestern sollte für die Frau meines Freundes Riva gelten, und die andere für seine Schwägerin. Graf Borromeo war zwar ruiniert, lebte aber auf seinen Inseln wie ein Fürst. Es ist unmöglich, diese glückseligen Inseln zu schildern; man muß sie sehen. Es ist das herrlichste Klima, ein ewiger Frühling; man kennt dort buchstäblich weder Hitze noch Frost. Der Graf bewirtete uns mit einem leckeren Essen und ließ die beiden Schönen nach Fischen angeln; dies machte ihnen viel Vergnügen. Obwohl er häßlich, alt, gichtbrüchig und verarmt war, besaß er doch noch die große Kunst zu gefallen. Als wir vier Tage nach unserer Abreise nach Lugano zurückkehrten, wollte ich auf einem ziemlich engen Wege einem Wagen ausweichen; mein Pferd glitt über den Wegrand und stürzte zehn Fuß tief hinab. Ich stieß mit dem Kopf gegen einen großen Stein und glaubte, es sei um mich geschehen, denn das Blut strömte aus einer großen Wunde hervor. Ich kam mit der Furcht davon, denn in einigen Tagen war ich wieder hergestellt. Dies war das letzte Mal, daß ich ein Pferd bestieg. Während meines Aufenthaltes in Lugano kamen die Abgeordneten der Dreizehn Kantone auf ihrer Rundreise durch die Untertanenländer dorthin. Die Luganesen gaben ihnen den prachtvollen Titel Ambassadoren, Herr von R. aber nannte sie einfach die Schultheißen. Die Herren wohnten im selben Gasthof wie ich, und ich speiste mit ihnen während der ganzen Zeit ihres Aufenthaltes. Der Schultheiß von Bern gab mir Nachricht über meinen armen Freund F. und dessen Familie. Seine reizende Tochter Sarah hatte Herrn von W. geheiratet und war glücklich. Bald nach der Abreise der Schultheißen, die lauter kenntnisreiche und sehr liebenswürdige Männer waren, sah ich eines schönen Morgens den unglückseligen Marazzani in mein Zimmer treten. Sobald ich ihn erkannte, sprang ich ihm an den Kragen, schleppte ihn trotz seinem Geschrei und Sträuben hinaus und gab ihm, ohne daß er Zeit gehabt halte, sich seines Stockes oder Degens zu bedienen, so viele Ohrfeigen, Faustschläge, Fußtritte (die er nach besten Kräften erwiderte), daß der Wirt und die Kellner, die auf den Lärm herbeieilten, die größte Mühe hatten, uns zu trennen. »Lassen Sie den Spitzbuben nicht entwischen,« sagte ich zum Wirt, »und holen Sie den Bargello, damit er ihn ins Gefängnis bringt.« Ich ging wieder in mein Zimmer, und während ich mich in aller Eile ankleidete, um Herrn von R. aufzusuchen, trat der Bargello ein und fragte mich, warum er den Menschen ins Gefängnis bringen sollte. »Das werden Sie bei Herrn von R. erfahren, wo ich Sie erwarten werde.« Warum war ich so zornig? Mein lieber Leser erinnert sich vielleicht, daß ich den Elenden im Schloß Buen Retiro zurückgelassen hatte, als der Alcalde Messa mich aus jener Hölle befreite, um mich nach meiner Wohnung zurückzubringen. Ich hatte später erfahren, daß er nach den afrikanischen Presidios gesandt worden war, um dort dem König aller Spanier als Galerenknecht mit dem Solde eines gemeinen Soldaten zu dienen. Da ich nichts gegen ihn hatte, so bedauerte ich ihn; da ich ihn jedoch auch nicht näher kannte und nichts tun konnte, um sein Schicksal zu mildern, so hatte ich nicht mehr an ihn gedacht. Als ich acht Monate später nach Barcelona kam, fand ich unter den Opernsängerinnen die Bellucci, eine junge Venetianerin, die ich im Vorübergehen einmal geliebt hatte, und deren Freund ich geblieben war. Sie stieß einen Freudenschrei aus, als sie mich wiedersah, und sagte mir, sie sei glücklich, mich von dem Unglück erlöst zu sehen, das die Tyrannei über mich gebracht habe. »Was für ein Unglück meinen Sie, meine Liebe? Ich habe Unglück von mehr als einer Art gehabt, seitdem wir uns zuletzt gesehen haben.« »Ich spreche vom Presidio, lieber Freund!« »Dies ist, Gott sei Dank, ein Unglück, das ich nicht zu beklagen habe. Wer hat Ihnen nur so etwas Schreckliches erzählt?« »Ein gewisser Graf Marazzani, der hier drei Wochen zubrachte; er war, wie er mir sagte, glücklicher gewesen als Sie und hatte entfliehen können.« »Der Mensch ist ein niederträchtiger Schuft, der Sie frech belogen hat, meine Liebe; aber wenn ich ihn jemals treffe, soll er mir seine Verleumdung teuer bezahlen.« Seit jenem Augenblick konnte ich an diesen Kerl nicht ohne ein lebhaftes Verlangen, ihn durchzuprügeln, denken; ich dachte jedoch nicht, daß der Zufall ihn so bald mir in den Weg führen würde. Da ich mich in dieser Stimmung befand, so wird man es wohl ganz natürlich finden, daß ich der ersten Aufwallung folgte und über ihn herfiel, sobald ich ihn sah. Ich hatte ihn geprügelt, aber damit war ich nicht zufrieden; denn ich hatte tatsächlich vielleicht ebenso viele Schläge bekommen, wie ich ausgeteilt hatte. Jedenfalls war er im Gefängnis, und ich wollte doch sehen, was Herr von R. tun könnte, um mir durch Bestrafung des Elenden volle Genugtuung zu verschaffen. Als Herr von R. den Sachverhalt erfuhr, sagte er mir, er könne Marazzani weder im Gefängnis halten noch aus der Stadt ausweisen, wenn ich nicht eine Eingabe machte, worin ich Schutz meines Lebens gegen diesen Mann verlangte,von dem ich mit gutem Grund annehmen müßte, daß er ein Mörder und eigens nach Lugano gekommen wäre, um einen Anschlag auf mein Leben zu machen. »Zur Begründung Ihrer Anklage können Sie die wirklichen Beschwerden anfühlen, die Sie gegen ihn haben, und können seinem plötzlichen unangemeldeten Erscheinen in Ihrem Zimmer die übelste Deutung geben. Reichen Sie Ihre Schrift ein; wir werden dann sehen, was er darauf antwortet. Ich werde ihm seinen Paß abverlangen, werde die Geschichte in die Länge ziehen und werde Befehl geben, daß man ihn hart behandle; aber schließlich werde ich doch nichts weiter machen können, als daß ich ihn aus der Stadt ausweise, und wenn er gute Bürgschaft stellt, kann ich selbst das nicht tun.« Weiter konnte ich natürlich von dem braven Mann nichts verlangen. Ich reichte meine Schrift ein und ging am nächsten Morgen zu Herrn von R., um mir das Vergnügen zu bereiten, den Burschen gefesselt vorgeführt zu sehen. Auf Herrn von R.'s Frage schwor Marazzani, er habe durchaus keine böse Absicht gehabt, indem er bei mir eingetreten sei. Was er in Barcelona gesagt habe, sei nur eine Wiederholung dessen, was man ihm selber erzählt habe, und es freue ihn sehr, daß man ihm falsch berichtet habe. Diese Genugtuung hatte mir gewiß genügen sollen, das fühle ich; trotzdem sagte ich kein Wort, um die Strafe zu mildern, die der Richter vielleicht über ihn verhängen würde. Herr von R. sagte ihm: »Mit einem leeren Gerede, das nicht zu greifen ist, kann man nicht die Verleumdung eines Mitmenschen entschuldigen; ich kann daher Herrn Casanova Gerechtigkeit und die geforderte Genugtuung nicht verweigern. Übrigens ist Herrn Casanovas Verdacht, daß Sie ihn haben ermorden wollen, hinreichend dadurch gerechtfertigt, daß Sie sich im Gasthof unter einem falschen Namen vorgestellt haben; denn der Klüger behauptet, Sie seien kein Graf Marazzani. Er erbietet sich, zur Untersuchung des Tatbestandes Kaution zu stellen, und wenn Herr Casanova Ihnen unrecht tut, wird diese Kaution zu Ihrer Entschädigung verwandt werden. Einstweilen bleiben Sie im Gefängnis, bis ich von Piacenza die Bestätigung von Herrn Casanovas Anschuldigung oder Ihre Rechtfertigung empfangen habe.« Der Angeklagte wurde ins Gefängnis zurückgeführt, und da der arme Teufel keinen Heller hatte, so brauchte dem Bargello durchaus keine Strenge besonders befohlen zu werden. Herr von R. schrieb nach Parma an den Geschäftsträger der Dreizehn Kantone, um die erforderliche Aufklärung zu erhalten. Der freche Gauner wußte, daß die Antwort nicht zu seinen Gunsten ausfallen würde, und schrieb mir daher einen ganz demütigen Brief, worin er gestand, daß er in der Tat nur ein armer Bürgersmann von Bobio sei, und daß er, obwohl er wirklich Marazzani heiße, doch mit den Marazzanis von Piacenza nichts zu tun habe. Zum Schluß flehte er mich an, ich mochte ihn wieder in Freiheit setzen lassen. Ich zeigte Herrn von R. diesen Brief; er ließ den Menschen sofort in Freiheit setzen, indem er ihm Befehl gab, Lugano binnen vierundzwanzig Stunden zu verlassen. Ich fand diese Genugtuung hinreichend, und um das Unrecht wieder gutzumachen, das ich meinerseits ihm vielleicht angetan hatte, gab ich dem armen Teufel etwas Geld, um nach Augsburg zu gehen, und einen Brief an Herrn von Sellentin, der sich als Werber für den König von Preußen dort aufhielt. Ich werde auf diesen Menschen zu seiner Zeit noch zurückkommen. Der Chevalier de Breche kam nach Lugano, um Pferde zu kaufen, und verbrachte vierzehn Tage dort. Er verkehrte mit mir häufig im Hause des Herrn von R., denn die Reize der gnädigen Frau hatten tiefen Eindruck auf ihn gemacht. Wir verkehrten miteinander in guter Freundschaft, und ich sah ihn mit Bedauern scheiden. Ich verließ Lugano wenige Tage nach ihm, um den Winter in Turin zu verbringen, wo ich im Umgang mit dem englischen Gesandten und meinen anderen Freunden ein angenehmes Leben erwarten durfte. Vor meiner Abreise erhielt ich vom Fürsten Lubomirski einen sehr freundschaftlichen Brief mit einem Wechsel über hundert Dukaten, die er mir als Preis für fünfzig an ihn gesandte Exemplare meines Werkes schickte. Der gute Fürst war nach dem Tode des Großmalschalls der Krone, Grafen Bilinski, zu dieser hohen Würde erhoben worden. In Turin fand ich einen Brief des edlen Venetianers Girolamo Zulian, desselben, der mich mit Erlaubnis der Staatsinquisitoren an den Botschafter Mocenigo in Madrid empfohlen hatte. Dieses Schreiben enthielt einen Brief an den Geschäftsträger der Republik in Turin, Herrn Berlendis. Er freute sich sehr über den Empfang und dankte mir, daß ich durch diesen Brief ihn der unangenehmen Notwendigkeit enthoben hätte, mir sein Haus zu verschließen. Der Geschäftsträger war ein reicher Mann, großer Freund des schönen Geschlechtes und machte ein großes Haus; dies genügte, um die Herren in Venedig von ihm sagen zu lassen, er mache der Republik Ehre; denn um Venedig als Gesandter an fremden Höfen zu vertreten, braucht man keinen Geist zu haben. Es wäre genauer, wenn ich sagte: man darf keinen Geist haben, oder man muß diesen zu verbergen wissen; denn wer Geist hätte und solchen zur Schau trüge, würde gar bald beim Senat in Ungnade fallen, der stets nur das tut, was das Kollegium will. Unter Kollegium versteht man in Venedig den Rat der Staatsinquisitoren. Berlendis lief keine Gefahr, zu mißfallen, denn von Geist war bei ihm keine Rede. Überzeugt, daß der Erfolg mir nur günstig sein könnte, veranlaßte ich den Geschäftsträger, mein Werk amtlich den Staatsinquisitoren zu übersenden. Die Antwort, die er erhielt, wird erstaunlich erscheinen; mich überraschte sie jedoch keineswegs. Der Sekretär dieses gestrengen und höchst abscheulichen Tribunals schrieb ihm: er habe sehr wohl daran getan, dieses Werk den Inquisitoren zu senden, denn der Titel allein zeige zur Genüge die Vermessenheit des Verfassers. Man werde das Werk prüfen; unterdessen solle er mich genau beobachten und vor allen Dingen mir keinen Gunstbeweis geben, der bei dem Hofe die Meinung erregen könnte, ich würde von ihm in meiner Eigenschaft als Venetianer beschützt. Die Mitglieder dieses Tribunals waren jedoch dieselben, die mir den Zutritt zu Mocenigo verschafft hatten. Ich sagte Herrn Berlendis, ich würde ihn nur von Zeit zu Zeit vorsichtig besuchen. Der Hofmeister seines Sohnes, ein gewisser Abbé Andreis, interessierte mich sehr; er war gelehrt, ein guter Schriftsteller und guter Dichter. Als Freund der Freiheit hat er sich später nach England zurückgezogen, wo er sich der köstlichsten aller Güter, einer vollen Freiheit, erfreute. Ich lebte in Turin auf die angenehmste Weise und sehr friedlich, in einer liebenswürdigen Gesellschaft von Epikuräern: diese waren der alte Chevalier Raiberti, der Graf de la Pérouse, ein reizender Abbé de Roubien, ein genußfreudiger Graf Riva und der englische Gesandte. Dazu beschäftigte ich mich ein bißchen mit guter Literatur, aber ich hatte keine Liebschaft. Häufige Soupers mit sehr hübschen Modistinnen löschten unsere Begierden, bevor sie noch eigentlich entstanden oder jedenfalls bevor wir Zeit gehabt hatten, zu schmachten. Während meines Aufenthaltes wurde die Geliebte des Grafen de la Pérouse, eine hübsche Modistin, ernstlich krank. Sie verschluckte bei der letzten Kommunion das Bildnis ihres Geliebten anstatt der Hostie. Ich machte auf diesen Vorfall zwei Sonette, mit denen ich zufrieden war und noch jetzt zufrieden bin. Man wird vielleicht sagen, es sei die Eigenschaft aller Dichter, mit ihren Werken zufrieden zu sein, wie die Äffin mit ihren Äffchen zufrieden ist; aber es ist Tatsache, daß ein vernünftiger Dichter sein erster Kritiker sein muß. Zu jener Zeit befand sich das russische Geschwader unter dem Oberbefehl des Grafen Alexis Orloff in Livorno; es bedrohte Konstantinopel und wäre vielleicht dorthin gelangt, wenn ein Engländer es befehligt hätte. Da ich den Grafen Orloff von Petersburg her kannte, so fiel mir ein, daß ich ihm vielleicht nützlich sein und zugleich mein Glück machen könnte. Nachdem ich vom englischen Gesandten einen Brief erhalten hatte, durch den er mich eindringlich dem Konsul seiner Nation empfahl, verließ ich Turin mlt sehr wenig Geld in der Tasche und ohne einen Kreditbrief für einen Bankier. Der Engländer Acton empfahl mich einem Landsmann, der in Livorno ein Geschäft hatte, aber seine Empfehlung ging nicht so weit, Geld für mich zu verlangen. Dieser Acton hatte damals eine eigentümliche Geschichte auf dem Halse: in Venedig hatte er sich in eine sehr schöne Frau verliebt, eins Griechin oder Neapolitanerin. Der Gatte, ein Turiner von Geburt und Taugenichts von Beruf, legte der Liebe Actons, der sehr viel Geld ausgab, kein Hindernis in den Weg, aber er verstand es, gerade in solchen Augenblicken unbequem zu werden, wo er sich als anständiger Mensch hätte fern halten sollen. Ein solches Verhalten konnte dem offenen und freigebigen, zugleich aber stolzen und ungeduldigen Charakter des verliebten Insulaners nicht lange passen. Im Einverständnis mit seiner Schönen, entschloß Acton sich, die Zähne zu zeigen. Als eines Tages der Ehemann wieder zur Unzeit seinen Besuch machte, sagte der Engländer, ihm mit dürren Worten: »Brauchen Sie tausend Guineen? Diese stehen Ihnen zu Diensten, aber unter der Bedingung, daß Sie mir erlauben, drei Jahre mit Ihrer Frau zu reisen, ohne daß Sie uns begleiten.« Der Mann fand das Geschäft gut, nahm den Vorschlag an und unterschrieb den Vertrag. Nach Ablauf der drei Jahre schrieb der Ehemann von Turin aus an seine Frau nach Venedig, sie solle zu ihm kommen, und an Acton, er solle sie nicht daran verhindern. Die Dame antwortete, sie wolle nicht mehr mit ihm leben; Acton gab ihm zu verstehen, er könne nicht gezwungen werden, die Frau aus seinem Hause zu jagen. Da er jedoch voraussah, daß der Gatte sich an den englischen Gesandten wenden würde, so schrieb Acton an diesen, um ihn zu seinen Gunsten zu stimmen. Der Gatte verfehlte nicht, den von Acton vorausgesehenen Schritt zu tun: er verlangte, der Gesandte solle ihm befehlen, seine Frau herauszugeben. Er bat sogar den Chevalier Raiberti, dem Komtur Camarana, sardinischen Gesandten in Venedig, zu schreiben, er möchte bei der venetianischen Regierung die Heimsendung der Frau beantragen. Die Angelegenheit würde nach seinem Wunsche erledigt worden sein, wenn Raiberti diesen Schritt getan hätte. Dieser stellte jedoch die Ehre höher als das Sakrament der Ehe und unterließ es nicht nur, an Camarana zu schreiben, sondern bereitete auch auf Veranlassung seines Freundes, des englischen Gesandten, dem Ritter Acton die allerbeste Aufnahme, als er zur Ordnung dieser Angelegenheit nach Turin kam. Seine Geliebte hatte Acton unter dem Schutze des englischen Konsuls in Venedig gelassen. Der dumme Ehemann schämte sich, öffentlich zu klagen, denn sein Vertrag bedeckte ihn mit Schimpf und Schande; aber Berlendis vertrat seine Rechte und gab uns durch die Art seiner Verteidigung viel zu lachen. Einerseits stellte er die eheliche Vereinigung als heilig und unverletzlich hin, andererseits konnte nach seiner Behauptung die Frau nach Gutdünken verhandelt werden, da sie sich dem Willen und der Verfügung des Gatten in jeder Weise zu unterwerfen hätte. Ich hatte mit ihm einen Disput und wies ihm nach, wie lächerlich er sich machte, indem er die Niedertracht eines Menschen unterstützte, der ohne Erröten eine Frau, die zu beschützen und zu verteidigen er geschworen hätte, als Ware behandelte. Ich überzeugte ihn jedoch erst, als ich ihm nachwies, daß der unwürdige Ehemann dem Liebhaber das Anerbieten gemacht hatte, den Vertrag auf weitere drei Jahre für denselben Preis von tausend Guineen zu erneuern. Zwei Jahre später fand ich Acton in Bologna wieder und bewunderte die Schönheit der Frau, die er in jeder Beziehung als seine Gattin ansah und behandelte. Sie hielt einen hübschen kleinen Acton auf dem Schoß. Ich brachte ihr Nachrichten von ihrer Schwester, von der ich noch sprechen werde. Ich reiste von Turin nach Parma mit einem Venetianer, der wie ich aus Gründen, die nur den Staatsinquisitoren bekannt waren, fern von der Heimat durch die Welt irrte. Er war Schauspieler geworden, um sein Brot zu verdienen, und ging nach Parma mit zwei Schauspielerinnen, von denen die eine einige Aufmerksamkeit verdiente. Sobald er hörte, wer ich sei, wurden wir Freunde, und er hätte mich gerne zu allen Vergnügungen zugezogen, die die Gesellschaft unterwegs bieten konnte, wenn ich in der Laune gewesen wäre, mich zu amüsieren. Ich ging mit phantastischen Ideen nach Livorno und ich glaubte, mich dem Grafen Orloff bei der Eroberung Konstantinopels, zu der er, wie man sagte, auszog, nützlich machen zu können. Ich bildete mir ein, das Schicksal hätte bestimmt, daß er ohne mich niemals die Dardanellen passieren würde. Obwohl diese Gedanken mich beschäftigten, faßte ich doch eine große Zuneigung zu meinem jungen Landsmann Angelo Bentivoglio. Die Inquisitoren verziehen ihm niemals ein Verbrechen, das die Philosophie nur als eine Läpperei ansehen kann. Ich komme in vier Jahren auf diesen Venetianer zu sprechen, wenn ich wieder in Venedig bin. Ich kam in Parma gegen Mittag an und verabschiedete mich von Bentivoglio und seinen Begleiterinnen. Der Hof war in Colorno; da ich aber mit diesem Diminutivhof nichts zu tun hatte und schon am nächsten Tage nach Bologna weiterreisen wollte, so erbat ich mir einen Löffel Suppe von dem buckligen Herrn Dubois-Châteleroux, dem Münzdirektor des Infanten. Er war ein geistreicher und sehr talentvoller Mann, obgleich eitel. Der Leser erinnert sich vielleicht, daß ich ihn vor zweiundzwanzig Jahren gekannt hatte, zu jener glücklichen Zeit, als ich in Henriette verliebt war. Er empfing mich mit lauten Ausrufen der Freude und dankte mir herzlich für die Höflichkeit, die ich ihm erwiesen, indem ich die wenigen Stunden meines Aufenthaltes in Parma mit ihm verbringen wollte. Ich sagte ihm, ich ginge nach Livorno zum Grafen Alexis Orloff, der mich erwartete; ich würde Tag und Nacht reisen, denn er müßte in dem Augenblick, wo wir sprächen, bereits segelfertig liegen. »Er muß in der Tat im Begriff stehen, abzufahren,« antwortete der Bucklige mir; »hier habe ich Briefe von Livorno, in denen er mir gemeldet wird.« Ich antwortete ihm in geheimnisvollem Ton, er würde nicht ohne mich abreisen, und der feine Bucklige machte mir eine Verbeugung voll politischer Bewunderung. Er wollte über diese Expedition sprechen, worüber ganz Europa orakelte; mein zurückhaltender Ton veranlaßte ihn jedoch, das Gespräch auf etwas anderes zu bringen. Beim Mittagessen, woran seine Haushälterin teilnahm, sprachen wir viel von meiner Henriette, deren Namen erfahren zu haben er behauptete. Obgleich er mit großer Ehrerbietung von ihr sprach, nahm ich mich doch in acht, damit er aus meinen Worten keine Schlüsse ziehen konnte. Den ganzen Nachmittag unterhielt er sich mit mir und beklagte sich über alle Herrscher Europas mit Ausnahme des Königs von Preußen, der ihn zum Baron gemacht hatte, obwohl er ihn nicht kannte und niemals auch nur das Geringste mit ihm zu tun gehabt hatte. Am meisten schimpfte er auf den Infanten von Parma, der ihn durchaus nicht aus seinem Dienst entlassen wollte, obgleich er nicht die Mittel besaß, eine Münze einzurichten und daher seine Talente brach liegen ließ. Ich hörte alle seine Litaneien sehr gefällig an und gab ihm zu, daß er vollkommen recht hätte, wenn er sich über Frankreich beklagte, weil Ludwig der Fünfzehnte ihm nicht das Band des Michaelordens gegeben hätte; über Venedig, weil es sehr wenig für die großen Dienste bezahlte, die er dem Staat geleistet hätte, indem er das Druckwerk einrichtete, mittels dessen alle Münzen mit Rand geschlagen werden könnten, Ähnliche Beschwerden hatte er über Spanien, Neapel usw. Nachdem er seinem Herzen Luft gemacht hatte, bat ich ihn, mir durch irgendeinen Bankier fünfzig Zechinen geben zu lassen, die ich in Livorno an irgendein von ihm mir zu bezeichnendes Haus bezahlen würde. Er antwortete mir in freundschaftlichstem Tone, es sei unnötig, wegen eines solchen Bettels zu einem Bankier zu gehen; er werde mir die fünfzig Zechinen selber geben. Ich nahm sie an und versprach ihm, das Geld schnellstens zurückzuzahlen. Unglücklicherweise bin ich niemals in der Lage gewesen, dies zu tun, und ich werde mit dem zwecklosen Wunsche sterben, ihn noch bezahlen zu können, übrigens weiß ich nicht, ob er noch lebt; aber selbst wenn er so alt werden sollte wie Methusalem, mache ich mir durchaus keine Hoffnungen; denn ich werde jeden Tag ärmer und sehe, daß ich ganz dicht am Ende meiner Laufbahn stehe. Am nächsten Tage kam ich in Bologna an und den Tag darauf in Florenz, wo ich den neunzehnjährigen Chevalier Morosini, den Neffen des Prokurators, traf. Er reiste mit dem Grafen Stratico, Professor der Mathematik an der Universität Padua, der den jungen Morosini als Erzieher begleitete. Er gab mir einen Brief an seinen Bruder, den Jakobinermönch und Professor der schönen Wissenschaften an der Universität Pisa. Ich hielt mich in dieser Stadt nur ein paar Stunden auf, um die Bekanntschaft dieses Mönches zu machen, der durch seinen Geist ebenso berühmt war wie durch sein Wissen. Ich fand ihn weit über seinem Beruf stehend, und da er mich sehr gut aufnahm, so versprach ich ihm, ein anderes Mal eigens zu dem Zweck, seine interessante Gesellschaft zu genießen, wieder nach Pisa zu kommen. Ich verweilte eine Stunde im Seebade, wo ich die Bekanntschaft des Prätendenten auf den großbritannischen Thron machte, und begab mich dann nach Livorno, wo ich den Grafen Orloff nur darum noch vorfand, weil widrige Winde ihn verhindert hatten, in See zu stechen. Der englische Konsul, bei dem er wohnte, stellte mich sofort dem russischen Admiral vor, der mich mit großer Freude empfing. Er sagte mir, er sei entzückt, mich wiederzusehen, und es werde ihm eine große Freude sein, mich an Bord zu haben. Er forderte mich auf, sofort mein Gepäck an Bord bringen zu lassen, weil er beim ersten günstigen Winde in See gehen würde. Er verließ mich, um einige Geschäfte zu erledigen, und ich blieb mit dem englischen Konsul allein, der mich fragte, in welcher Eigenschaft ich mich einschiffen würde. »Das möchte ich allerdings auch wissen, bevor ich meine Sachen auf sein Schiff bringen lasse.« »Sie können erst morgen früh mit ihm sprechen.« Am nächsten Morgen begab ich mich zum Grafen Orloff und ließ ihm zwei Zeilen überbringen, wodurch ich ihn bat, mir einige Augenblicke für eine Unterhaltung zu gewähren, bevor ich meinen Koffer auf sein Schiff bringen ließe. Ein Adjutant meldete mir, der Admiral sei im Bett mit Schreiben beschäftigt und lasse mich bitten, etwas zu warten. »Sehr gern.« Als ich einige Minuten gewartet hatte, erschien da Loglio, Geschäftsträger des Königs von Polen in Venedig, der mich von Berlin her und sogar durch alte Beziehungen schon von meiner Geburt an kannte. »Was machen Sie hier, mein lieber Casanova?« »Ich warte auf eine Besprechung mit dem Admiral.« »Er ist sehr beschäftigt.« Nachdem da Loglio mir diese Worte gesagt hatte, trat er ein. Das war eine Unverschämtheit; konnte er mir deutlicher sagen, daß für ihn Orloff nicht beschäftigt sei? Einen Augenblick darauf kam der Marchese Marucci mit seinem Sankt-Annenorden – und seinem aufgeblasenen Wesen. Er machte mir ein Kompliment über mein Erscheinen in Livorno und sagte mir darauf, er lese mein Werk über Amelot de la Houssaie, worin er sich nicht erwähnt zu finden erwarte. Er hatte recht; denn der Gegenstand des Werkes und er hatten nichts miteinander gemein; aber er war nicht der Mann, um auf der Welt nur das zu sehen, was er erwartete. Er ließ mir keine Zeit, ihm dies zu sagen, denn er trat beim Admiral ein, wie da Loglio eingetreten war. Ich ärgerte mich, daß die Herren sofort vorgelassen wurden, während man mich im Vorzimmer warten ließ, und mein Plan begann mir zu mißfallen. Fünf Stunden darauf kam Orloff mit einem großen Gefolge zum Vorschein. Er sagte mir mit liebenswürdiger Miene, wir wollten bei Tisch oder nach dem Essen miteinander sprechen. »Nach dem Essen«, antwortete ich ihm. Um zwei Uhr kam er wieder und setzte sich zu Tisch. Wer sich zuerst hinsetzte, konnte mitessen. Zu diesen gehörte ich; die anderen mußten zusehen. Orloff sagte fortwährend: »Essen Sie doch, meine Herren!« Er selber aber aß nichts, sondern las fortwährend seine Briefe, die er einem Sekretär übergab, nachdem er mit Bleistift Notizen darauf gemacht hatte. Ich sagte während der ganzen Mahlzeit kein Wort. Als nach dem Essen der Kaffee herumgereicht wurde, sah der Graf mich plötzlich an, ergriff meine Hand und führte mich in eine Fensternische. Dort sagte er mir, ich möchte mich beeilen, mein Gepäck an Bord zu schicken, denn wenn der Wind sich hielte, würde er noch vor dem nächsten Morgen an Bord gehen. »Ja, aber erlauben Sie mir, Herr Graf, Sie zu fragen, in welcher Eigenschaft Sie mich mitnehmen und welcher Art mein Amt sein wird.« »Ein Amt kann ich Ihnen nicht geben. Aber vielleicht kommt das noch. Fahren Sie nur immer als mein Freund mit mir.« »Ihr Freund zu sein, ist sehr ehrenwert, und als solcher würde ich sicherlich ohne Zögern mein Leben für Sie aufs Spiel setzen, aber man würde mir das nach der Expedition nicht anrechnen, ja nicht einmal während der Expedition selbst. Denn nur Sie allein würden in Ihrer Güte mir Zeichen von Vertrauen und Achtung geben; sonst würde kein Mensch sich um mich kümmern. Man würde mich als eine Art Lustigmacher ansehen, und ich würde vielleicht den ersten töten, der mir Zeichen von Mißachtung zu geben wagte. Ich brauche ein Amt, das mir die Pflicht auferlegt, Ihnen zu dienen und Ihre Uniform zu tragen. Ich kann Ihnen zu allem möglichen nützlich sein. Ich kenne das Land, wohin Sie gehen, spreche die Umgangssprache, bin gesund, und es fehlt mir nicht an Mut. Ich will Ihre kostbare Freundschaft nicht umsonst haben, sondern ziehe die Ehre vor, sie mir zu verdienen.« »Mein lieber Freund, ein bestimmtes Amt habe ich Ihnen nicht zu geben.« »Dann, Herr Graf, wünsche ich Ihnen gute Reise. Ich gehe nach Rom. Ich wünsche, daß es Ihnen niemals leid tun möge, mich nicht mitgenommen zu haben; denn ohne mich werden Sie niemals die Dardanellen passieren.« »Ist das eine Weissagung?« »Mehr als das: ein Orakel.« »Wir werden sehen, mein lieber Kalchas.« Hiermit endete das Gespräch, das ich mit diesem tapferen Manne hatte, der wirklich nicht die Dardanellen passierte. Würde er sie passiert haben, wenn er mich an Bord gehabt hatte? Das kann kein Mensch sagen. Am nächsten Tage gab ich meine Briefe bei Herrn Rivarola und bei dem englischen Kaufmann ab. Das russische Geschwader war gegen Morgen abgefahren. Den Tag darauf begab ich mich nach Pisa, wo ich acht Tage sehr angenehm mit dem Frater Stratico verbrachte. Er wurde zwei oder drei Jahre später Bischof durch einen kühnen Streich, der ihn hätte verderben können. Er wagte es, eine Leichenrede auf den Pater Ricci, den letzten Jesuitengeneral, zu verfassen. Diese Predigt, eine Lobrede auf den Verstorbenen, versetzte den Papst Ganganelli in die Notwendigkeit, entweder den Redner zu bestrafen und sich dadurch vielen Menschen verhaßt zu machen oder ihn für seinen Mut auf eine heroische Weise zu belohnen. Dieses letztere schien der Pontifex vorzuziehen. Als ich Stratico einige Jahre später als Bischof wiedersah, wiederholte er mir mehrere Male im Vertrauen, als ziemlich guter Kenner des menschlichen Herzens habe er die Leichenrede auf den Pater Ricci nur in der Überzeugung verfaßt, daß Seine Heiligkeit ihn durch eine glänzende Belohnung dafür bestrafen werde, und so sei er über den Empfang derselben nicht erstaunt gewesen. Dieser Mönch ließ mich in Pisa die Reize seiner entzückenden Gesellschaft mitgenießen. Er hatte einige junge Damen von Stande ausgewählt, die Geist mit Schönheit vereinten, und lehrte sie improvisierte Lieder zur Gitarre singen. Er hatte sie durch die berühmte Corilla unterrichten lassen, die sechs Jahre später bei Nachtzeit auf dem Kapitol als Dichterin gekrönt wurde. Man hatte denselben Ort gewählt, wo unsere größten italienischen Dichter den Lorbeerkranz empfingen, und dies war ein großer Skandal; denn das Verdienst der Corilla war allerdings einzig in seiner Art, da jedoch ihre Kunst nur in einem schönen Klingklang bestand, so war sie nicht würdig, dieselben Ehren zu empfangen, die mit Recht einem Petrarca und einem Tasso zuerkannt wurden. Man machte auf die gekrönte Corilla blutige Satiren, und die Verfasser derselben hatten noch mehr unrecht als jene, die durch ihre Krönung das Kapitol entweihten; denn die Schmähgedichte bezogen sich alle darauf, daß das Kleid der Keuschheit nicht zu den Ehren gehöre, die man ihr habe zuerkennen können. Alle Dichterinnen, von den Zeiten Homers bis auf die unsrigen, zum mindesten alle diejenigen, deren Namen auf die Nachwelt gekommen, haben auf dem Altar der Venus geopfert. Kein Mensch würde Corilla kennen, wenn sie es nicht verstanden hätte, unter geistreichen Leuten Liebhaber zu finden, und niemals wäre sie in Rom gekrönt worden, wenn sie nicht jenen Fürsten Gonzaga Solferino begeistert hätte, der später die hübsche Nangoni heiratete, die Tochter des römischen Konsuls, die ich in Marseille kennen lernte und von der ich bereits gesprochen habe. Corilla hätte bei hellem Tage gekrönt werden müssen oder überhaupt nicht; man tat sehr übel daran, die Nacht zu wählen, denn diese verstohlene Krönung machte der Frau wenig Ehre und war für ihre Anbeter eine Unehre. Die Regierung des gegenwärtigen Papstes hat hierdurch einen unauslöschlichen Makel erhalten; denn es ist sicher, daß von nun an kein Dichter mehr nach einer Ehre streben wird, die Rom bis dahin keineswegs verschwendet, sondern im Gegenteil mit sehr kluger Zurückhaltung nur solchen Geistern bewilligt hatte, die über das gewöhnliche Größenmaß der menschlichen Natur hinausgingen. Zwei Tage nach der Krönung verließen Corilla und ihre Anbeter Rom voller Scham, daß es ihnen gelungen war, einer derartigen Nichtigkeit einen so feierlichen Anstrich zu geben. Abbate Pizzi, der Vorsitzende der arkadischen Akademie, der die hauptsächlichste Anregung zur Apotheose der Dichterin gegeben hatte, wurde dermaßen mit Spottweisen und Satiren überschüttet, daß er mehrere Monate lang sich nicht öffentlich zu zeigen wagte. Nach dieser langen Abschweifung, die man zu ganzen Bänden erweitern könnte, muß ich noch einmal zum Pater Stratico zurückkehren, der mir so angenehme Tage verschaffte. Der Mönch, der nicht schön war, aber in höchstem Maße die Kunst besaß, Liebe zu erwerben, wußte mich zu überreden, acht Tage in Siena zu verbringen. Er versprach, mir alle Genüsse des Herzens wie des Geistes zu verschaffen, indem er mir zwei Empfehlungsbriefe mitgebe, einen für die Marchesa Chigi, den anderen für den Abbate Chiaccheri. Da ich nichts Besseres zu tun hatte, so nahm ich an und begab mich auf geradem Wege nach Siena, ohne Florenz zu berühren. Abbate Chiaccheri empfing mich auf das allerbeste; er versprach mir alle Genüsse, die von ihm abhingen, und hielt mir Wort. Er führte mich selber zur Marchesa Chigi, die sofort den angenehmsten Eindruck auf mich machte. Sie überflog den Brief des Abbate Stratico, ihres teueren Lieblings, wie sie ihn nannte, sobald sie seine Handschrift erkannte. Die Marchesa war noch schön, obgleich sie bereits über die Jugend hinaus war. Trotzdem war sie offenbar ihrer Macht sich bewußt. Wenn ihr die Jugend fehlte, so ersetzte sie diese durch das zuvorkommendste Benehmen, die natürlichste Anmut, ein liebenswürdiges, ungezwungenes Wesen, einen aufgeklärten, angenehmen Geist, womit sie den gleichgültigsten Bemerkungen eine besondere Wendung zu geben wußte, durch die Reinheit ihrer Sprache, und besonders durch die gänzliche Abwesenheit jeder Geziertheit und Anmaßung. »Setzen wir uns«, sagte sie zu mir. »Sie werden hier acht Tage verbringen, wie mein lieber Stratico mir schreibt. Das ist wenig für uns, aber vielleicht zu viel für Sie. Ich hoffe, unser Freund hat nicht zu übertrieben günstig von uns gesprochen.« »Er hat mir nichts weiter gesagt, Signora, als daß ich hier acht Tage verbringen müßte und daß alle Reize des Geistes und des Herzens mich umgeben würden. Ich habe es nicht geglaubt und bin hierher gekommen, um zu sehen, ob er die Wahrheit gesprochen hat. Ich habe also, wie Sie sehen, mich nicht vorher beeinflussen lassen.« »Daran haben Sie recht getan, aber Stratico hätte Sie ohne Mitleid mindestens zu einem Monat verurteilen müssen.« »Warum ohne Mitleid? Welche Gefahr hätte mir drohen können?« »Das Sie sich zu Tode langweilen oder in Siena ein Stück Ihres Herzens ließen.« »Dies kann auch in acht Tagen geschehen; aber ich trotze diesen beiden Gefahren, denn Stratico hat mich gegen die erste geschützt, indem er auf Sie, und gegen die zweite, indem er auf mich rechnete. Sie werden meine Huldigung empfangen, und damit sie ganz rein sei, wird sie durchaus geistiger Art sein. Mein Herz wird Siena frei verlassen, wie es jetzt ist, denn da ich nicht auf eine Rückkehr hoffen kann, so würde eine Niederlage mich unglücklich machen.« »Ist es möglich, daß Sie zu den Verzweifelten gehören?« »Ja, und zu meinem großen Glück, denn diesem Umstand verdanke ich meine Ruhe.« »Welches Unglück, wenn Sie sich täuschten!« »Das Unglück wäre nicht groß, gnädige Frau, zum mindesten nicht so groß, wie Sie es sich vorstellen. Apollo sorgt mir stets für einen trefflichen Ausweg. Er läßt mir nur die Freiheit, den Augenblick zu genießen, aber da dies eine Gunst des Gottes ist, so genieße ich sie, so sehr ich nur kann. Carpe diem ist mein Wahlspruch.« »Es war der Wahlspruch des lebensfreudigen Horaz; aber ich billige ihn nur, weil er bequem ist. Der Genuß, der der Begierde folgt, ist vorzuziehen, denn er ist lebhafter.« »Das ist wahr, aber man kann nicht darauf zählen, und das betrübt den Philosophen, der zugleich ein guter Rechner ist. Möge Gott Sie davor behüten, Signora, diese grausame Wahrheit durch eigene Erfahrung kennen zu lernen. Das Glück, das man genießt, ist stets vorzuziehen. Das Glück, das man begehrt, beschränkt sich oft auf die Freude des Begehrens. Es ist eine Einbildung, deren Nichtigkeit ich in meinem Leben nur zu gut kennen gelernt habe; aber wenn Sie noch nicht erfahren haben, daß Horaz recht hat, so wünsche ich Ihnen Glück dazu.« Die liebenswürdige Marchesa lächelte freundlich und ersparte sich dadurch, ja oder nein zu sagen. Chiaccheri, der bis dahin noch nicht den Mund aufgetan hatte, sagte uns, kein größeres Glück könnte uns widerfahren, als daß wir niemals einer Meinung wären. Die Marchesa gab das zu, indem sie Chiaccheri für seinen feinen Gedanken mit einem Lächeln belohnte. Ich aber bestritt die Richtigkeit desselben und sagte: »Wenn ich dies zugebe, verzichte ich auf das Glück, das nach Ihrer Meinung davon abhängt, niemals mit Ihnen einer Meinung zu sein. Lieber will ich Ihnen widersprechen, Signora, als auf die Ehre verzichten, Ihnen zu gefallen. Der Abbate ist ein böser Geist, der den Apfel der Zwietracht zwischen uns beide geworfen hat; aber wenn wir fortfahren, wie wir begonnen haben, so lasse ich mich dauernd in Siena nieder.« Glücklich, mir eine Probe ihres Geistes gegeben zu haben, sprach die Marchesa nunmehr von Regen und Sonnenschein. Sie fragte mich, ob ich einigen hübschen Damen in den großen Gesellschaften vorgeführt zu werden wünsche, und erbot sich, mich überall einzuführen. Ich bat sie allen Ernstes, sich doch nicht die Mühe zu machen, und sagte: »Ich will sagen können, Signora, daß wahrend der acht Tage meines Aufenthaltes in Siena Sie die einzige gewesen sind, der ich den Hof gemacht habe, und daß nur der Abbate Chiaccheri mir die Denkmäler der Stadt gezeigt und mich mit den hiesigen Gelehrten bekannt gemacht habe.« Geschmeichelt von dieser Erklärung, lud die Marchesa mich mit dem Abbate ein, am nächsten Tage in ihrem reizenden Landhause zu speisen, das dicht vor der Stadt lag und Vico genannt wurde. Je älter ich wurde, desto mehr zog mich der Geist bei Frauen an, ganz unabhängig von anderen Vorzügen; Geist war das beste Reizmittel für meine abgestumpften Sinne. Bei Männern von entgegengesetztem Temperament wie dem meinigen tritt das Gegenteil ein. Wenn ein grobsinnlicher Mann altert, will er nur noch materielle Genüsse, Weiber, die im Dienste der Venus erfahren sind, und keine philosophischen Gespräche. Nachdem wir die Narchesa verlassen hatten, sagte ich zu Chiaccheri: wenn ich in Siena bliebe, wäre sie die einzige Frau, die ich besuchen würde; möchte es dann kommen, wie es Gott gefiele. Der Abbate mußte mir zugeben, daß ich recht hätte. Während meines Aufenthaltes in Siena zeigte Abbate Chiaccheri mir alle die interessanten Kunstschätze der Stadt und führte mich zu allen Gelehrten von einiger Bedeutung, dis mir dann meinen Besuch erwiderten. Gleich am selben Abend brachte Chiaccheri mich in ein Haus, wo die gelehrte Gesellschaft in zwangloser Weise zusammenkam. Es war die Wohnung zweier Schwestern, von denen die ältere reichlich häßlich, die jüngere sehr hübsch war; aber die ältere galt für die Corinna des Ortes, und mit Recht. Sie bat mich, ihr ein paar von meinen eigenen Versen herzusagen, und versprach mir dafür eine von ihren Dichtungen. Ich deklamierte das erste beste, was mir ins Gedächtnis kam, und sie antwortete mir mit vieler Bescheidenheit, indem sie ein Gedicht von vollendeter Schönheit vortrug. Ich machte ihr mein Kompliment darüber, obgleich ich glaubte, daß sie nicht die Verfasserin wäre. Chiaccheri, der ihr Lehrer gewesen war, erriet meine Gedanken und schlug vor, Gedichte zu gegebenen Endreimen zu machen. Die hübsche Schwester erhielt den Auftrag, die Reime auszugeben, und alle machten sich an die Arbeit. Die Häßliche war vor den anderen fertig und legte die Feder hin. Als die Gedichte verglichen wurden, waren ihre Verse weitaus die besten. Ich war erstaunt darüber, schrieb aus dem Stegreif ein Gedicht zu ihrem Lobe nieder und überreichte es ihr. In weniger ais fünf Minuten erwiderte sie in einem höchst vollendeten Gedicht mit denselben Reimen. Sehr überrascht, nahm ich mir die Freiheit, sie nach ihrem Namen zu fragen, und es war mir wirklich eine Freude zu hören, daß sie die berühmte Maria Fortuna sei, Schäferin, das heißt Mitglied, der arkadischen Akademie. »Wie, mein Fräulein, das sind Sie?« Ich hatte die schönen Stanzen gelesen, die sie zu Metastasios Ruhm veröffentlicht hatte. Als ich ihr dies sagte, holte sie die Antwort, die der unsterbliche Dichter mit eigener Hand für sie niedergeschrieben hatte. Von Bewunderung hingerissen, hatte ich nur noch für sie Worte, und alle ihre Häßlichkeit verschwand. Hatte ich am Morgen eine köstliche Unterhaltung mit der Marchesa gehabt, so war ich am Abend buchstäblich außer mir vor Entzücken. Bei Tische sprach ich mit dem Abbate unaufhörlich über Fortuna. Als ich den Abbate fragte, ob sie auch nach Corillas Art improvisiere, sagte er mir, sie habe dies gewünscht, er habe es jedoch nicht gestatten wollen. Es kostete ihm keine große Mühe, mich zu überzeugen, daß dies ihr schönes Talent verderben würde. Ich stimmte ihm ebenfalls bei, als er mir sagte, er habe sie dringend aufgefordert, sich nicht dem Vergnügen des Improvisierens hinzugeben; denn wenn der Geist des Dichters über den ersten besten Gegenstand sprechen soll, ohne Zeit zur Überlegung zu haben, so kann er nur zufällig Gutes geben; denn da er schnell dichten muß, so muß er oft die Vernunft dem Reim aufopfern und das beste Wort dem von ihm gewählten Versmaß, So kommt es, daß gewöhnlich der von dem Improvisator ausgedrückte Gedanke ein Kleid von schlechtem Zuschnitt oder von einer unpassenden Farbe trägt. Die Improvisation stand bei den Griechen wie bei den Römern nur darum in einigem Ansehen, weil ihre Sprachen nicht die Fesseln des Reimes trugen. Trotzdem waren die großen Dichter, besonders die lateinischen, nur selten bereit, in Reimen zu sprechen; sie wußten, daß trotz all ihrem Genie ihre Verse matt sein würden und daß sie unmittelbar darauf über sie würden erröten müssen. Horaz verbrachte oft eine schlaflose Nacht, um in einem kräftigen Verse gerade das zu sagen, was er wollte; hatte er diesen Vers gefunden, so schrieb er ihn an die Wand und schlief ruhig ein. Die Verse, die ihm keine Mühe kosteten, sind rhythmische Prosa, deren er sich in mehreren seiner Episteln meisterhaft bediente. Abbate Chiaccheri, selber ein Gelehrter und liebenswürdiger Dichter, gestand mir, er sei in seine beredte Schülerin trotz ihrer Häßlichkeit verliebt, und er habe, als er sie zuerst im Versemachen unterrichtet habe, niemals gedacht, daß ihm dergleichen widerfahren könnte. »Das kann ich ohne Mühe glauben,« sagte ich, »denn sublata lucerna...« »Nichts von sublata lucerna!« versetzte der Abbata lachend; »in ihr Gesicht bin ich verliebt, denn dieses ist untrennbar von ihr selber.« Ich glaube, ein Toskaner kann leichter als ein anderer Italiener in schöner poetischer Sprache schreiben; denn er saugt seine herrliche Sprache mit der Muttermilch ein. In Siena ist die Sprache noch sanfter, lieblicher, rhythmischer, anmutiger und zugleich kräftiger als die von Florenz, obgleich diese den ersten Rang einzunehmen behauptet, den sie auch durch ihre Reinheit verdient. Diesen unermeßlichen Vorzug und ihren Reichtum verdankt sie ihrer Akademie. Dieser Reichtum, dieser Überfluß gewährt uns die Möglichkeit, einen Gegenstand mit viel größerer Beredsamkeit als die Franzosen zu behandeln; denn wir haben eine Menge von Synonymen zu unserer Wahl, während man deren in der Sprache Voltaires sehr wenige findet. Der alte Spötter lachte mit Recht über seine Landsleute, welche behaupteten, die französische Sprache sei durchaus nicht arm, denn sie besitze alle Wörter, die ihr notwendig seien. Wer nur das Notwendige hat, ist nicht reich, und die Hartnäckigkeit, womit die Akademie Fremdwörter zurückweist, zeugt mehr von Stolz als von Weisheit. Das wird nicht ewig so bleiben. Wir Italiener nehmen aus allen Sprachen die Wörter, die wir brauchen, wenn sie zu dem Geist unserer Sprache passen. Wir sehen mit Freude unseren Reichtum wachsen, wir bestehlen sogar die Armen: das ist die Art des Reichen. Die liebenswürdige Marchesa Chigi gab uns ein ausgezeichnetes Mittagessen in ihrem hübschen, von Palladio erbauten Hause. Chiaccheri hatte mich gebeten, mit ihm nicht über das Vergnügen zu sprechen, das mir der bei der Dichterin Fortuna verlebte Abend bereitet hätte. Bei Tisch sagte sie mir jedoch, sie sei überzeugt, daß er mich zu ihr geführt habe. Er besaß nicht den Mut, dies zu leugnen, und auch ich verbarg ihr nicht, daß es für mich eine große Freude gewesen sei. »Stratico«, sagte die Marchesa zu mir, »ist ein Bewunderer der Maria Fortuna. Ich habe einige von ihren Erzeugnissen gelesen und lasse ihrem Talent Gerechtigkeit widerfahren; aber es ist schade, daß man nur heimlich in dieses Haus gehen kann.« »Warum denn, gnädige Frau?« sagte ich ein wenig erstaunt. »Wie, Abbate? Sie haben dem Herrn nicht gesagt, was dies für ein Haus ist?« »Ich habe das nicht für notwendig gehalten, denn ihr Vater und ihre Mutter lassen sich niemals sehen.« »Ich glaube es wohl, aber einerlei.« »Aber was ist denn das für ein Vater?« fragte ich sehr neugierig; »es ist doch ganz gewiß nicht der Henker?« »Schlimmer als das: es ist der Bargello; Sie sehen wohl ein, daß ein Fremder unmöglich zu uns kommen und gleichzeitig in diesem Hause verkehren kann, wo er keine gute Gesellschaft finden kann.« Ich sah den guten Chiaccheri ein wenig bestürzt und hielt es für angebracht, der Marchesa zu sagen, ich würde erst am Abend vor meiner Abreise noch einmal hingehen. »Eines Tages«, sagte die Marchesa, »zeigte man mir auf der Promenade die Schwester der Dichterin; das ist wirklich ein schönes Mädchen, und es ist sehr schade, daß diese reizende Person trotz ihrer makellosen Sitten sich nur mit einem Manne vom Stande ihres Vaters verheiraten kann.« »Ich kannte«, sagte ich nun meinerseits, »einen gewissen Colterini, den Sohn des Bargello von Florenz. Er muß noch jetzt als Hofdichter im Dienste der Kaiserin von Rußland stehen. Ich will an ihn schreiben und ihm diese Heirat vorschlagen. Er ist ein junger Mann von seltensten Gaben.« Die Marchesa billigte meinen Plan; bald hernach erfuhr ich jedoch, daß der Dichter gestorben war. In ganz Italien gibt es nichts Verhaßteres als einen Bargello; nur in Modena verkehrt sogar der Adel in seinem Hause und tut seiner ausgezeichneten Tafel alle Ehre an. Dies muß überraschen; ein Bargello muß von Berufs wegen Spion, Lügner, Betrüger, Gauner und Feind der Menschheit sein; denn wer verachtet wird, haßt den, der ihn verachtet. Man zeigte mir in Siena einen Grafen Piccolomini, einen geistvollen, gelehrten und sehr liebenswürdigen Herrn. Er hatte die sonderbare Laune, wie ein Murmeltier sechs Monate zu Hause zu liegen, ohne jemals auszugehen, ohne einen Besuch zu empfangen, ohne mit irgendeinem Menschen zu sprechen, stets nur mit Lesen und Arbeiten beschäftigt. Während der anderen sechs Monate hielt er sich dafür nach besten Kräften schadlos. Die Marchesa versprach mir, im Sommer nach Rom zu kommen. Sie hatte dort einen sehr guten Freund, Herrn Bianchoni, der den ärztlichen Beruf aufgegeben hatte, um Geschäftsträger des sächsischen Hofes zu werden. Sie kam auch nach Rom, aber ich sah sie dort nicht. Am Tage vor meiner Abreise kam der Fuhrmann, der mich allein nach Rom bringen sollte und über den leeren Platz in seiner Kalesche ohne meine Einwilligung nicht verfügen konnte, und fragte mich, ob ich einen Reisegefährten zulassen und dadurch drei Zechinen sparen wollte. »Ich will niemanden.« »Sie haben unrecht, denn es ist eine hübsche, junge Dame, die eben angekommen ist.« »Allein?« »Nein, sie reist mit einem Herrn, der ein Pferd hat und den Weg nach Rom im Sattel zurücklegen will.« »Und wie ist dieses Mädchen hier angekommen?« »Zu Pferde; aber sie kann das Reiten nicht mehr vertragen. Sie ist vollständig erschöpft und hat sich sofort zu Bett gelegt. Der Herr hat mir vier Zechinen geboten, um die Signora nach Rom zu befördern. Da ich ein armer Teufel bin, so können Sie mich dieses Geld wohl verdienen lassen.« »Der Kavalier wird ohne Zweifel im Schritt hinter dem Wagen herreiten?« »Ach, das kann er machen, wie er will, das kann weder Ihnen noch mir was ausmachen.« »Sie sagen, sie sei jung und hübsch?« »Man hat es mir gesagt, aber ich habe sie nicht gesehen.« »Was für eine Art Mensch ist ihr Begleiter?« »Ein hübscher junger Mann, der fast kein Wort Italienisch spricht.« »Hat er das Pferd verkauft, worauf die Dame ritt?« »Nein, es war ein Mietpferd. Er hat nur einen Koffer, den er hinter den Wagen schnallen wird.« »Das alles ist sehr eigentümlich. Ich will mich zu nichts entschließen, bevor ich den Herrn gesehen habe.« »Ich werde ihm sagen, er solle mit Ihnen sprechen.« Einen Augenblick darauf sah ich einen schönen jungen Mann in einer Phantasieuniform. Er trat recht gut auf und wiederholte mir alles, was der Fuhrmann mir gesagt hatte. Zum Schluß sagte er mir, er sei überzeugt, daß ich mich nicht weigern werde, mit seiner Frau zusammenzureisen. Ich erkannte ihn als Franzosen und sagte daher in französischer Sprache zu ihm: »Mit Ihrer Frau, mein Herr?« »Ach, Gott sei gelobt. Sie sprechen meine Sprache. Ja, mein Herr: mit meiner Frau, einer Engländerin, die Ihnen ganz gewiß nicht lästig fallen wird.« »Schön. Ich möchte aber meine Abreise nicht verzögern. Wird sie um fünf Uhr bereit sein können?« »Verlassen Sie sich darauf!« Am anderen Morgen fand ich sie zur angegebenen Stunde im Wagen. Ich machte ihr eine Verbeugung, setzte mich neben sie, und wir fuhren ab. Vierzehntes Kapitel Miß Betty. – Der Graf de l'Etoile. – Sir B. M. wird zur Vernunft gebracht. Es war das vierte Abenteuer dieser Art, das mir in meinem Leben begegnete. Es ist an sich nicht zu verwundern, daß einem solche Erlebnisse begegnen, wenn man allein reist und einen Wagen mietet. Dieses vierte Abenteuer hatte aber etwas Romantischeres an sich als die früheren. Ich besaß ungefähr zweihundert Zechinen und war fünfundvierzig Jahre alt; ich liebte noch immer das schöne Geschlecht, obgleich mit viel weniger Feuer; ich hatte mehr Erfahrung und weniger Mut zu kühnen Unternehmungen; denn da ich mehr wie ein Papa als wie ein Jüngling aussah, so billigte ich mir selber nur noch wenig Rechte zu und machte geringe Ansprüche. Das junge Madchen, das an meiner Seite saß, war freundlich und hübsch, einfach, aber sehr sauber nach englischer Art gekleidet, blond und zierlich. Ihr knospender Busen zeichnete sich unter einem Halstuch von feinem Musselin ab; ihre Gesichtszüge waren edel, ihre Haltung war sehr bescheiden. Ein Hauch jungfräulicher Unschuld umgab sie und flößte Zuneigung und zugleich Ehrerbietung ein. »Ich hoffe, meine Gnädige, Sie sprechen Französisch?« »Ich spreche auch ein bißchen Italienisch, mein Herr.« »Ich schätze mich glücklich, daß das Schicksal mich dazu ausersehen hat. Sie nach Rom zu bringen.« »Vielleicht bin ich glücklicher als Sie.« »Wie man mir gesagt hat, sind Sie zu Pferde angekommen.« »Allerdings; aber das war eine Torheit, die ich nicht wieder begehen werde.« »Mir scheint, Ihr Gemahl hätte sein Pferd verkaufen und einen Wagen nehmen sollen.« »Es gehört ihm nicht, mein Herr; er hat es in Livorno gemietet und muß es in Rom an eine ihm bezeichnete Adresse abliefern. Von Rom werden wir nach Neapel im Wagen fahren.« »Sie reisen gern?« »Sehr gern, aber es muß etwas bequemer sein.« Bei diesen Worten wurde die Engländerin, deren Alabasterantlitz keinen Tropfen Blut zu enthalten schien, plötzlich purpurrot. Ich erriet die Qual, die sie ausstand, und mehr als die Hälfte ihres Geheimnisses. Ich bat sie um Verzeihung, daß ich sie belästigt hätte, und schwieg dann länger als eine Stunde, indem ich scheinbar die Gegend betrachtete. In Wirklichkeit aber beschäftigten meine Gedanken sich mit ihr, denn sie begann mir eine lebhafte Teilnahme einzuflößen. Obgleich die Lage meiner jungen Begleiterin mehr als zweideutig war, beschränkte ich mich darauf, sie zu beobachten, denn ich wollte Klarheit haben, bevor ich etwas unternahm. Geduldig wartete ich bis Buonconvento, wo wir zu Mittag aßen und wo der Gatte der Dame uns erwarten sollte. Wir kamen um zehn Uhr an. Die Fuhrleute fahren in Italien stets nur im Schritt; man geht schneller zu Fuß, denn sie machen nur drei Miglien in der Stunde, Man langweilt sich zu Tode, und wenn es warm ist, muß man um die Mitte des Tages fünf bis sechs Stunden Halt machen, um nicht krank zu werden. Mein Fuhrmann sagte mir, er wolle nicht weiter fahren als bis San Quirico, wo der Gasthof sehr gut sei; er breche daher erst um vier Uhr wieder auf. Wir hatten also sechs Stunden vor uns, um uns auszuruhen. Meine Engländerin war erstaunt, ihren Gatten nicht zu sehen, und suchte ihn mit den Augen. Ich bemerkte es und fragte den Wirt, wo er sei. Dieser antwortete, er habe gefrühstückt, sein Pferd ausruhen lassen und ihn beauftragt, uns zu sagen, er werde uns im Nachtquartier erwarten, wo er ein gutes Abendessen bestellen werde. Ich fand das sehr sonderbar, sagte aber nichts. Die arme Engländerin tadelte sein Verhalten und bat mich, seine Leichtfertigkeit zu entschuldigen. »Ihr Herr Gemahl gibt mir dadurch einen Beweis seines Vertrauens, und ich kann ihm daher nichts übel nehmen, meine Gnädige, das ist so französische Art.« Der Wirt fragte mich, ob der Fuhrmann die Ausgaben für mich bezahle. Als ich dies verneinte, bat die junge Engländerin mich, sich zu erkundigen, ob er Auftrag habe, die Rechnung für sie zu bezahlen. Der Fuhrmann kam mit dem Wirt herein. Um die Dame zu überzeugen, daß er durchaus nicht verpflichtet sei, sie zu verpflegen, zeigte er ihr ein Papier, das sie mir zu lesen gab. Die Unterschrift lautete, wie ich sah, Comte de l'Etoile. Als sie wieder mit mir allein war, bat die reizende Engländerin mich in bescheidenem Tone, dem man aber, ohne daß sie es wollte, einen tiefen Schmerz anmerkte, ich möchte dem Wirte sagen, daß er das Mittagessen nur für mich machen sollte. Ich erriet mit leichter Mühe, welches Gefühl sie so handeln ließ, und meine Zuneigung zu ihr wurde noch größer. »Madame,« sagte ich zu ihr im Tone innigster Teilnahme, »wollen Sie mich als einen langerprobten Freund ansehen? Ich errate, daß Sie kein Geld bei sich haben und daß Sie aus Zartgefühl Enthaltsamkeit üben wollen; aber das gebe ich nicht zu. Ihr Mann kann mir das Geld wiedergeben, wenn er es durchaus will. Wenn ich dem Wirt sagte, er solle das Mittagessen nur für mich zubereiten, so würde ich den Grafen entehren, vielleicht auch Sie und in erster Linie mich. Das werden Sie begreifen.« »Mein Herr, ich fühle es: Sie haben recht. Wir müssen für zwei auftragen lassen, aber ich werde nicht essen, denn ich fühle mich krank und bitte Sie, mir zu gestatten, daß ich mich einen Augenblick aufs Bett lege.« »Es tut mir außerordentlich leid, und ich bitte Sie, sich durchaus keinen Zwang anzutun. Dieses Zimmer ist ausgezeichnet; ich werde den Tisch im anderen decken lassen. Legen Sie sich in aller Bequemlichkeit zu Bette; schlafen Sie, wenn es Ihnen möglich ist; ich werde erst in zwei Stunden das Essen auftragen lassen. Ich hoffe, Sie werden sich dann besser fühlen.« Ohne ihr Zeit zu einer Antwort zu lassen, ging ich hinaus, schloß die Tür und bestellte ein Mittagessen, wie ich es wünschte. Diese Engländerin, deren Wuchs ich erst nach dem Aussteigen aus dem Wagen gesehen hatte, war eine vollendete Schönheit. Ich war entschlossen, mich nötigenfalls mit ihrem Verführer zu schlagen, den ich nicht mehr für ihren Gatten hielt. Ich legte mir die Sache so zurecht: ich war in eine Entführung verwickelt, und ihr guter Geist hatte sie unter meinen Schutz gestellt, um sie vor irgendwelchen Gefahren zu beschirmen, die ich selber nicht kannte, um sie zu retten, für sie zu sorgen und sie vielleicht der Schande zu entreißen, in die ihre unglückliche Lage sie stürzen konnte. Mit solchen Vorstellungen schmeichelte ich meiner eben entstehenden Leidenschaft. Ich lachte über den Namen eines Grafen de l'Etoile, den dieser Taugenichts sich beilegte. Wenn ich daran dachte, daß möglicherweise der Abenteurer das arme junge Mädchen verlassen hatte, um sie für immer in meine Hände zu geben, so fand ich diesen Streich des Galgens würdig. Allerdings fühlte ich mich geneigt, sie niemals zu verlassen. Ich hatte mich auf ein Bett gelegt, und während ich tausend Luftschlösser baute, schlief ich ein. Die Wirtin kam leise herein, weckte mich und sagte, es habe drei Uhr geschlagen. »Warten Sie einen Augenblick, bevor Sie das Essen bringen; ich werde nachsehen, ob die Dame schon wach ist.« Ich öffnete leise die Tür und sah meine Engländerin eingeschlafen; als ich aber beim Zumachen der Türe ein kleines Geräusch verursachte, wurde sie wach und fragte mich, ob ich schon gegessen hätte. »Ich werde überhaupt nicht zu Mittag essen, meine Gnädige, wenn Sie mir nicht die Ehre antun, mit mir zu speisen. Sie haben fünf Stunden geruht, und ich hoffe. Sie befinden sich besser.« »Da Sie es wünschen, mein Herr, so werde ich kommen.« »Schön! Das macht mich glücklich; ich werde das Essen auftragen lassen.« Sie aß wenig, aber mit gutem Appetit, und war angenehm überrascht, Beefsteaks und einen Plumpudding zu finden. Diese Speisen hatte ich bestellt, nachdem ich den Wirtsleuten die Zubereitung angegeben hatte. Als die Wirtin hineinkam, fragte sie sie, ob der Koch ein Engländer sei, und als sie erfuhr, daß ihre beiden Nationalgerichte von mir herstammten, war sie ganz gerührt vor Dankbarkeit. Mit heiterer Miene wünschte sie mir Glück zu meinem ausgezeichneten Appetit. Ich veranlaßte sie, von den ausgezeichneten Weinen, einem Monte Pulciano und einem Monte Fiascone, zu trinken. Sie tat mir Bescheid, aber mit Maß, so daß sie am Schluß der Mahlzeit ganz ruhig war, während ich einen etwas heißen Kopf hatte. Sie sagte mir auf italienisch, sie sei in London geboren und habe in ihrer Pension Französisch gelernt. Ich glaubte, vor Freude zu sterben, als sie auf meine Frage, ob sie die Cornelis kenne, mir antwortete, sie habe ihre Tochter in derselben Pension gekannt, in der auch sie erzogen sei. »Sagen Sie mir, ob Sophie recht groß geworden ist?« »Nein, sie ist klein, aber außerordentlich hübsch und sehr talentvoll.« »Sie muß jetzt siebzehn Jahre alt sein.« »Ganz genau; wir stehen im gleichen Alter.« Bei diesen Worten wurde sie rot und schlug die Augen nieder. »Fühlen Sie sich unwohl?« »Nein, durchaus nicht. Ich wage Ihnen nicht zu sagen, daß Sophie Ihnen vollkommen ähnlich sieht.« »Warum sollten Sie das nicht wagen? Man hat es mir mehrere Male gesagt. Ohne Zweifel ist es ein Zufall. Aber es ist schon lange her, seitdem Sie sie gesehen haben?« »Zum letzten Male sah ich sie vor achtzehn Monaten; damals sollte sie zu ihrer Mutter zurückkehren – wie man sagte, um sich zu verheiraten; aber ich weiß nicht, mit wem.« »Sie haben mir, Madame, eine sehr interessante Mitteilung gemacht.« Als der Wirt mir die Rechnung brachte, sah ich darauf drei Paoli, die der Reiter für sich und sein Pferd ausgegeben hatte; der Wirt bemerkte: »Der Herr sagte mir, Sie würden bezahlen.« Die schöne Engländerin errötete. Ich bezahlte, und wir fuhren ab. Im Grunde machte es mir große Freude, das junge Mädchen erröten zu sehen; denn dies bewies mir, daß sie mit dem Benehmen ihres angeblichen Gatten nichts zu tun hatte. Ich empfand ein brennendes Verlangen, zu erfahren, welches Abenteuer sie aus London fortgeführt hatte, wie sie zu der Verbindung mit einem Franzosen kam und was sie in Rom wollte; aber ich befürchtete, ihr durch Fragen lästig zu fallen, und ich liebte sie bereits zu sehr, als daß ich ihr Kummer hätte machen mögen. Da wir drei Stunden lang Seite an Seite im Wagen verbringen mußten, bis wir ins Nachtquartier kamen, so brachte ich das Gespräch auf die junge Cornelis, mit der sie ein Jahr in derselben Pension zugebracht hatte. »War Miß Nancy Stein noch dort?« fragte ich sie. Der Leser wird sich erinnern, daß dies das junge Mädchen war, das bei mir gespeist hatte, daß ich sie köstlich fand, obgleich sie erst zwölf Jahre alt war, und daß ich sie mit Küssen verschlungen hatte. Als sie den Namen Nancy hörte, seufzte meine junge Engländerin und sagte mir: »Sie war dort, als ich eintrat, aber sie verließ die Anstalt sieben oder acht Monate darauf.« »War sie immer noch schön?« »Eine vollkommene Schönheit; aber ach, Schönheit ist oft eine verhängnisvolle Mitgabe. Nancy war meine vertraute Freundin geworden; wir liebten uns zärtlich. Vielleicht aber stimmten wir nur deshalb so vortrefflich überein, weil das gleiche Geschick uns erwartete, weil wir in eine ganz ähnliche Falle gehen sollten. Nancy, die zärtliche, allzu unschuldige Nancy, ist heute vielleicht noch unglücklicher als ich.« »Noch unglücklicher? Was sagen Sie da!« »Ach!« »Können Sie sich über Ihr Geschick beklagen? Können Sie mit dem Empfehlungsbrief, den die Natur Ihnen gegeben hat, unglücklich sein?« »Ach, mein Herr... aber ich beschwöre Sie, sprechen wir von etwas anderem.« Die tiefste Erregung malte sich in ihren Augen. Ich bedauerte sie von Herzen und brachte das Gespräch wieder auf Nancy: »Möchten Sie mir wohl sagen, warum Sie Nancy für unglücklich halten?« »Sie ist mit einem jungen Manne entflohen, der sie liebte und der sich keine Hoffnung machen durfte, sie von ihren Eltern zu erhalten. Seit ihrer Flucht hat man nichts mehr von ihr gehört, und so hat, wie Sie sehen, meine Freundschaft allen Anlaß, zu befürchten, daß sie sehr unglücklich ist.« »Sie haben recht. Ich fühle, daß ich mich für sie aufopfern würde, wenn ich sie im Unglück finde.« »Wo haben Sie sie kennen gelernt?« »In meinem Hause. Sie speiste dort mit Sophie, und ihr Vater kam gegen Ende der Mahlzeit.« »Oh, jetzt weiß ich! Wie, mein Herr, das sind Sie? Wenn Sie wüßten, wie oft ich sie mit Sophie Cornelis über Sie habe sprechen hören. Nancy liebte Sie ebenso innig wie ihren Vater und beglückwünschte Sophie zu der Freundschaft, die Sie für sie empfinden. Ich habe sie erzählen hören, Sie wären nach Rußland gegangen und hätten in Polen einen Zweikampf mit einem General gehabt. Ist das wahr? Ach, warum kann ich nicht meiner teuren Sophie alle diese Neuigkeiten melden! Darauf kann ich jetzt leider nicht hoffen!« »Es ist alles wahr, Madame. Aber warum sollten Sie denn nicht nach England schreiben, an wen Sie wollen? Ich empfinde die lebhafteste Teilnahme für Sie; haben Sie Vertrauen zu mir, und ich verspreche Ihnen, Ihre Briefe an jede gewünschte Adresse zu befördern.« »Ich bin Ihnen unendlich dankbar.« Hierauf schwieg sie, und ich überließ sie ihren Gedanken. Um sieben Uhr kamen wir in San Quirico an, wo der angebliche Graf de l'Etoile seine Frau sehr lustig und sehr verliebt empfing. Er bedeckte sie vor allen Leuten mit Küssen, so daß man ohne Zweifel glaubte, er sei ihr Mann, und ich ihr Vater. Ganz fröhlich und zufrieden erwiderte die Engländerin seine Liebkosungen. Ohne ihm den leisesten Vorwurf zu machen, ging sie mit ihm ins Haus; augenscheinlich erinnerte sie sich gar nicht mehr, daß ich auch noch da war. Ich entschuldigte sie mit Liebe und Jugend und mit der Leichtfertigkeit, die nun einmal diesem Alter von Natur eigen ist. Nachdem ich ebenfalls mit meinem Nachtsack eingetreten war, ließ der Wirt uns sofort das Essen auftragen; denn der Fuhrmann wollte in aller Frühe abfahren, um vor der starken Hitze in Radicosani anzukommen, und wir hatten sechs starke Stunden zu fahren. Unser Abendessen war ausgezeichnet. Der Graf, der sechs Stunden vor uns angekommen war, hatte es bestellt, und der Wirt hatte schöne Zeit gehabt, um es zurecht zu machen. Meine Engländerin schien in den Grafen de l'Etoile ebenso verliebt zu sein wie dieser in sie; offenbar bemerkte sie kaum, daß ich als dritter an ihrem Tische saß, oder vielmehr an dem meinigen. Dies kam mir sonderbar vor. Die Späße und manchmal etwas schlüpfrigen Witze des jungen Narren lassen sich nicht beschreiben; seine Schöne lachte darüber aus vollem Halse, und manchmal mußte ich mitlachen. Mir war, wie wenn ich in einer Theaterloge säße, und ich hörte, beobachtete und dachte nach. Vielleicht, dachte ich bei mir selber, ist er ein leichtsinniger junger Offizier, ein reicher Herr von Stande, der alles nach seiner Art behandelt und für den nichts wichtig ist. Ich sah solche Leute nicht zum ersten Mal. Sie sind auf die Dauer unerträglich, für kurze Zeit jedoch unterhaltend; sie sind leichtfertig, frivol, zuweilen gefährlich, tragen ihre Ehre in der Tasche und legen ihr Ehrenwort auf eine Karte oder hängen es an eine Degenspitze. Ich war nicht recht mit mir selber zufrieden, denn mir schien, der junge Mann behandele mich zu kavaliermäßig, halte mich für einen Dummkopf und beleidige mich, indem er mir vielleicht eine Ehre zu erweisen glaube. Wenn die Engländerin wirklich seine Frau war, so wurde ich offenbar von oben herab behandelt, und ich hatte durchaus keine Lust, die Null zu spielen. Ich konnte mir nicht verhehlen, daß jeder, der uns beobachtete, mich für eine untergeordnete Persönlichkeit halten mußte. In dem Zimmer, wo wir speisten, standen zwei Betten. Als die Aufwärterin hereinkam, um reine Bettücher aufzulegen, befahl ich ihr, mir ein anderes Zimmer anzuweisen. Der Graf forderte mich höflich auf, in demselben Zimmer zu schlafen; ich machte mir aber nichts aus ihrer Nachbarschaft und bestand darauf, sie allein zu lassen. Ich ließ meinen Nachtsack in ein Zimmer bringen, wünschte ihnen guten Abend und schob den Riegel vor meine Tür. Da meine neuen Bekannten nur einen kleinen Koffer hatten, der hinten an meinen Wagen geschnallt war, so dachte ich mir, sie hätten ihr Gepäck auf einem anderen Wege vorausgeschickt, und das Köfferchen enthielte nur das durchaus Notwendige; da sie jedoch auch diesen nicht auf ihr Zimmer bringen ließen, so nahm ich an, sie seien so heroisch, sich ohne ihre Nachtsachen zu behelfen. Ich ging ganz ruhig zu Bett; für meine Reisebegleiterin interessierte ich mich jetzt viel weniger als während der ganzen Fahrt. Diese Ruhe gefiel mir. In aller Frühe weckte mich der Wirt. Ich zog mich eilig an, und als ich hörte, daß meine Nachbarn sich ebenfalls ankleideten, öffnete ich meine Türe ein wenig und wünschte ihnen, ohne einzutreten, guten Morgen. Eine Viertelstunde später hörte ich einen Wortwechsel auf dem Hof. Ich öffnete mein Fenster und sah, daß der Franzose und der Fuhrmann sich stritten. Der Fuhrmann hielt das Pferd am Zügel, und der vorgebliche Graf machte die größten Anstrengungen, um ihm diesen aus der Hand zu reißen. Ich erriet den Anlaß des Streites: offenbar hatte der Franzose kein Geld, und der Fuhrmann verlangte vergeblich den Lohn, auf den er Anspruch hatte. Voraussehend, daß sie sich an mich wenden würden, bereitete ich mich darauf vor, unbarmherzig meine Pflicht zu tun, als l'Etoile zuerst bei mir eintrat und mir sagte: »Der Lümmel versteht mich nicht; da er jedoch vielleicht recht hat, so bitte ich Sie, ihm zwei Zechinen zu geben, die ich Ihnen in Rom wiedererstatten werde. Der Zufall fügt es, daß ich kein Geld habe. Er hat nichts zu befürchten, denn er hat meinen Koffer in Händen; aber er behauptet, er brauche bares Geld. Tun Sie mir den Gefallen, mein Herr; in Rom werden Sie erfahren, wer ich bin.« Ohne meine Antwort abzuwarten, läuft der Bursche die Treppe hinunter. Der Fuhrmann bleibt. Ich stecke den Kopf zum Fenster hinaus und sehe – kaum zu glauben – den Grafen in seidenen Strümpfen sich auf das Pferd schwingen und davon sprengen. Seine wirkliche oder angebliche Gattin stand völlig sprachlos vor mir, und der Fuhrmann schien zur Salzsäule erstarrt zu sein. Ich setzte mich auf mein Bett und rieb mir die Hände. Plötzlich mußte ich laut auflachen, so scherzhaft und komisch erschien mir der ganze Auftritt. »Lachen Sie, Madame, lachen Sie! Von allem Gefühl abgesehen – Ihre Traurigkeit ist wirklich nicht am Platz.« »Ich gebe zu, es ist lächerlich, aber ich habe nicht den Mut, darüber zu lachen.« »Nun, so setzen Sie sich doch wenigstens.« Hierauf zog ich zwei Zechinen aus meiner Börse, gab sie dem armen Teufel von Fuhrmann und sagte ihm, es würde nichts schaden, wenn wir eine Viertelstunde später abführen; ich wollte erst Kaffee trinken. Das traurige Gesicht meiner Engländerin tat mir leid. »Ich begreife«, sagte ich zu ihr, »Ihren gerechten Kummer, und ich will sogar zugeben, daß er Ihnen zum Lobe gereicht; aber ich bitte Sie, sich während dieser Reise zusammenzunehmen. Ich werde für alles aufkommen. Ich bitte Sie nur um eine einzige Gunst; wenn Sie mir diese verweigern, werde ich ebenso traurig sein wie Sie, und das wird nicht unterhaltend sein.« »Was kann ich Ihnen zu Gefallen tun?« »Sagen Sie mir auf Ihr Ehrenwort als Engländerin, ob dieser sonderbare Herr Ihr Gatte oder nur Ihr Liebhaber ist.« »Ich werde Ihnen die Wahrheit sagen: er ist nicht mein Gatte, aber er wird es in Rom sein.« »Ich atme auf. Er wird es niemals sein, und um so besser für Sie. Ich bin überzeugt, er hat Sie verführt. Sie sind in ihn verliebt; aber von dieser Krankheit werden Sie bald genesen.« »Das ist unmöglich; er müßte mich denn betrügen.« »Er hat sie bereits betrogen. Ich bin überzeugt, daß er Ihnen gesagt hat, er sei reich, von vornehmem Stande und werde Sie glücklich machen. Dies ist alles falsch.« »Aber wie können Sie das wissen?« »Meine reizende Miß, ich weiß das, wie ich so viele andere Sachen weiß, die die Erfahrung den Menschen lehrt. Ihr Liebhaber ist ein liederlicher, schamloser Narr, der Sie vielleicht heiraten wird, aber nur, um Ihr Herr zu werden und um durch den Handel mit Ihren Reizen sein Glück zu machen oder doch wenigstens sein Leben zu fristen.« »Er liebt mich, das muß ich doch wissen.« »Gewiß liebt er Sie, aber nicht mit einer ehrlichen und zartfühlenden Liebe. Er kennt mich nicht, hat mich zum ersten Male gesehen, niemals von mir sprechen hören, denn er kennt meinen Namen nicht. Trotzdem liefert er Sie mir auf Gnade und Ungnade aus; er überläßt Sie mir. Glauben Sie, ein zartfühlender Mensch könnte seine Geliebte auf solche Weise im Stich lassen, wenn er sich auch nur das geringste aus ihr machte?« »Er ist nicht eifersüchtig. Wie Sie wissen, sind die Franzosen überhaupt nicht eifersüchtig.« »Ein französischer Ehrenmann ist nichts anderes als ein englischer oder italienischer Ehrenmann; wenn er Sie liebte, hätte er Sie wohl ohne einen Heller Geld in der Gewalt eines Unbekannten gelassen, der unter der Drohung, Sie auf der Straße stehen zu lassen, von Ihnen Gefälligkeiten hätte verlangen können, die Ihnen widerstrebt hätten? Was würden Sie jetzt machen, wenn ich ein roher Mensch wäre? Sprechen Sie, Sie laufen keine Gefahr.« »Ich würde mich verteidigen.« »Schön; aber dann würde ich Sie hier sitzen lassen, und was würden Sie dann anfangen? Obgleich Sie hübsch und gefühlvoll sind, so gibt es doch Männer, die für Sie nur etwas tun würden, wenn Sie ihnen Ihre Gefühle zum Opfer brächten. Der Mensch, den Sie zu Ihrem Unglück lieben, kennt mich nicht und setzt Sie dem Hunger und der Schande aus. Beruhigen Sie sich, Ihnen wird nichts geschehen; denn ich bin gerade der Mann, der Ihnen notwendig war; aber Sie müssen das als eine Art Wunder ansehen. Wenn Sie glauben, daß meine Worte vernünftig sind, so sagen Sie mir, ob Sie finden, daß dieser Abenteurer Sie liebt? Er ist ein Ungeheuer. Ich bin in Verzweiflung, Ihre Tränen fließen zu sehen und durch meine Rede Ihre Trauer verschuldet zu haben. Aber, liebe Miß, dies war notwendig, und ich bereue nicht, grausam gewesen zu sein, denn ich werde so gegen Sie handeln, daß ich gerechtfertigt dastehe. Ich wage es. Ihnen zu sagen, daß Sie mir außerordentlich gefallen, und daß ich mich hauptsächlich wegen des Gefühles, das Sie mir einflößen, für Sie interessiere; aber seien Sie überzeugt, ich werde nicht einen einzigen Kuß verlangen, und ich werde Sie auch in Rom nicht verlassen. Bevor wir jedoch dort ankommen, werde ich Ihnen beweisen, daß der angebliche Graf nicht nur Sie nicht liebt, sondern auch, daß er ein abgefeimter Gauner ist.« »Sie werden mir dies beweisen?« »Ja, Miß, darauf gebe ich Ihnen mein Ehrenwort. Aber trocknen Sie Ihre Tränen und lassen Sie uns versuchen, den Tag so wie gestern zu verbringen. Sie glauben gar nicht, wie glücklich ich mich schütze, daß der Zufall Sie unter meinen Schutz gestellt hat. Ich will Sie von meiner Freundschaft überzeugen, und wenn Sie mich dafür nicht durch ein wenig Liebe belohnen, so werde ich mein Leiden mit Geduld tragen.« Der Wirt kam mit der Rechnung über die ganze Zeche. Ich hatte dies erwartet und bezahlte, ohne ein Wort zu sagen und ohne das arme verirrte Schaf anzusehen; denn ich machte mir beinahe einen Vorwurf daraus, ihr zuviel gesagt zu haben: ich erinnerte mich, daß eine zu starke Arznei den Kranken tötet, anstatt ihn zu heilen. Ich brannte vor Verlangen, ihre Geschichte zu erfahren, und hoffte, sie dahin bringen zu können, daß sie sie mir vor unserer Ankunft in Rom erzählte. Nachdem wir ein paar Tassen Kaffee getrunken hatten, fuhren wir ab und reisten Seite an Seite, ohne ein Wort miteinander zu sprechen, bis zum Gasthof zur Scala, wo wir ausstiegen. Von der Scala bis Radicosani ist der Weg bergig und schwierig. Der Fuhrmann hätte ein Beipferd nehmen müssen und würde trotzdem vier Stunden zu dem Weg gebraucht haben. Natürlich mußte es ihm sehr angenehm sein, wenn er mit leerem Wagen fahren konnte; da ich mir dadurch das Vergnügen verschaffte, länger in der Scala bleiben zu können, so entschloß ich mich, zwei Postpferde zu nehmen und erst um zehn Uhr abzufahren. »Wäre es nicht besser, wenn Sie die Post sofort nähmen?« fragte die Engländerin mich; »denn von zehn bis zwölf Uhr wird die Hitze stark sein.« »Allerdings; aber der Graf de l'Etoile, den wir unfehlbar in Radicofani treffen würden, würde mich nicht gern sehen.« »Warum denn nicht? Im Gegenteil.« Ein Gefühl des Mitleids hielt mich ab, ihr zu antworten; denn hätte ich ihr den Grund genannt, so würde sie sicher geweint haben. Ich sah, daß die Liebe sie blind machte und sie verhinderte, in dem von ihr angebeteten Mann einen Schurken zu sehen, weil sie nicht die Kraft hatte, ihren eigenen Instinkt als richtig zu erkennen. Durch sanfte Beredsamkeit konnte ich sie nicht heilen; ich mußte sie ohne Schonung von der Wahrheit überzeugen. Sie litt an einem Geschwür, das ich mit einem glühenden Eisen ausbrennen mußte, ohne mich durch ihren Schmerz erweichen zu lassen. War es aber ein tugendhaftes Gefühl, das mich zu solcher Handlungsweise antrieb? Legte ich mir aus schöner Teilnahme für die junge Unschuld eine solche ebenso heikle wie peinliche Aufgabe auf? Gewiß kamen alle diese Momente in Betracht, denn sie erregte mein Mitleid; aber ich bin nicht so eitel, mich mit Pfauenfedern schmücken zu wollen, und sage daher ganz offen: wäre die Engländerin nicht schön, sondern häßlich und mürrisch gewesen, so hätte ich sie vielleicht ihrem unglücklichen Schicksal überlassen. Im Grunde arbeitete ich also nur für mich selber. Also, fahre wohl, Tugend! Ich wollte, vielleicht auch unbewußt, einem anderen einen leckeren Bissen entreißen, um ihn mir anzueignen. Allerdings sagte ich mir das nicht und täuschte mich vielleicht selber darüber; denn ich hätte vor mir selber Abscheu gehabt, wenn ich meine Gedanken entblößt hätte. Indem ich später darüber nachdachte, habe ich erkannt, daß ich in aller Unschuld den Heuchler spielte. Ist dies ein allgemeines Laster, das der ganzen Menschheit gemeinsam ist? Ist der Egoismus, ohne daß wir es wissen, beständig die Triebfeder unserer Handlungen? Dieses Gefühl ist zwar nicht schmeichelhaft; ich gestehe jedoch, daß ich es glaube. Als der Fuhrmann fort war, lud ich Betty ein, mit mir einen Spaziergang zu machen. Die Landschaft ist dort so schön, daß die Poesie kaum etwas Köstlicheres schaffen könnte. Sie sprach die florentinische Mundart mit etwas englischem Akzent, aber mit einer so silberhellen Stimme, daß der Mangel als ein Vorzug erschien. Ich war von ihr entzückt. Ich sehnte mich danach, auf ihre beweglichen Lippen Küsse der Liebe zu drücken; aber ich hielt meine Gefühle im Zaum und schonte sie. Wir waren zwei Stunden spazieren gegangen und hatten auf das angenehmste von tausend verschiedenen Dingen geplaudert, als wir plötzlich alle Kirchenglocken läuten hörten. Betty sagte mir, sie habe niemals einen katholischen Gottesdienst gesehen, und es war mir eine Freude, ihr dieses Vergnügen verschaffen zu können. Es war ein örtlicher Feiertag, wie es deren in Italien so viele gibt. Sie wohnte dem Hochamt mit der größten Bescheidenheit bei und machte alles, was sie die Leute machen sah, so daß kein Mensch auf den Gedanken gekommen wäre, sie könnte Protestantin sein. Als wir hinausgingen, sagte sie zu mir: der katholische Gottesdienst sei für zärtliche Seelen geschaffen; er sei viel mehr geeignet, Liebe zur Religion zu erwecken als der englische Kultus. Sie war überrascht von dem Luxus und der südlichen Schönheit der italienischen Bäuerinnen, die sie den englischen weit überlegen fand. Sie fragte mich nach der Zeit, und ich sagte gedankenlos zu ihr, ich wundere mich, daß sie keine Uhr habe. Sie antwortete mir errötend, der Graf habe sie ihr abverlangt, um sie dem Wirt, von dem er das Pferd gemietet habe, als Pfand zu lassen. Ich bereute meine unfreiwillige Indiskretion; denn ihre Röte verriet brennende Scham, und ich bedauerte diese veranlaßt zu haben. Die arme Betty wußte, daß sie schuldig war, und sie verstand nicht zu lügen. Um zehn Uhr fuhren wir mit drei Pferden ab, und da ein leichter frischer Wind die Hitze milderte, so kamen wir ganz angenehm mittags in Radicofani an. Der Wirt, der zugleich Postmeister war, fragte mich, ob ich die drei Paoli bezahlen werde, die der Franzose für sich und sein Pferd verzehrt habe; er sei abgeritten und habe gesagt, sein, Freund werde bezahlen. Da ich Betty nicht betrüben wollte, so sagte ich ihm, ich würde bezahlen. Dies beruhigte ihn; aber es war noch nicht alles. »Der Herr«, fuhr der Postmeister fort, »hat mit dem blanken Degen drei von meinen Postillonen geschlagen. Der eine von ihnen, den er im Gesicht verwundet hat, ist ihm nachgeritten, und es wird ihm sicherlich teuer zu stehen kommen. Er hat sie geschlagen, weil sie ihn nicht wollten abreiten lassen, bevor er bezahlt hätte.« »Sie haben unrecht getan, ihm Gewalt antun zu wollen, denn er sieht nicht wie ein Spitzbube aus, und Sie hätten ihm ohne weiteres glauben müssen, daß ich Sie bei meiner Ankunft bezahlen würde.« »Sie irren sich; ich war durchaus nicht verpflichtet, ihm zu glauben; denn ich bin hundertmal auf diese Art betrogen worden. Wenn Sie speisen wollen, so ist Ihr Tisch gedeckt.« Ich sah die arme Betty in Verzweiflung. Ihr Gesicht verriet die ganze Unruhe ihrer Seele; aber sie schwieg, und ich achtete sie deshalb. Anstatt ihr daher Vorhaltungen über den neuen Streich ihres Geliebten zu machen, suchte ich sie durch scherzhafte Reden zu erheitern und forderte sie auf, tüchtig zu essen und den ausgezeichneten Muskatwein zu trinken, von dem der Wirt uns eine riesige Flasche vorgesetzt hatte. Da ich sah, daß sie vergeblich sich bemühte, ihre Unruhe zu bezwingen, um mir einen Gefallen zu tun, so rief ich den Fuhrmann und sagte ihm, ich wolle sofort nach dem Essen wieder abfahren. Dieser Befehl übte eine Zauberwirkung auf sie aus. »Wir fahren nur bis Centino«, antwortete der Fuhrmann; »wir können bis zur Abendkühle warten.« »Nein; der Gatte der Signora braucht vielleicht Hilfe. Der verwundete Postillon hat ihn verfolgt, er spricht schlecht Italienisch, und Gott weiß, was alles noch kommen kann.« »Gut. Wir werden fahren.« Betty sah mich mit einem Gesicht an, worin sich die lebhafteste Dankbarkeit spiegelte, und um mir diese zu beweisen, tat sie, wie wenn sie großen Appetit hätte. Sie hatte bereits bemerkt, daß dies ein Mittel war, mir zu gefallen. Während wir aßen, ließ ich einen von den geschlagenen Postillonen heraufkommen und mir von ihm die Geschichte erzählen. Der Bursche sprach ohne Umstände: er gestand, Hiebe mit der flachen Klinge erhalten zu haben, aber er rühmte sich, den Herrn mit einem Steinwurf getroffen zu haben, den er jedenfalls gespürt hätte. Ich gab ihm einen Paolo und versprach ihm einen Taler, wenn er nach Centino gehen und gegen seinen Kameraden aussagen wollte; er nahm mich beim Wort und begann sofort zugunsten des Grafen zu reden, worüber Betty herzlich lachte. Er sagte, die Wunde im Gesicht sei nur ein Kratzer, über die er sich nicht beklagen dürfe, denn er habe gar kein Recht gehabt, den Reisenden festzuhalten. Um uns zu trösten, versicherte er uns, der Franzose habe nur drei oder vier Steinwürfe erhalten. Für Betty war dies gar kein Trost, aber ich sah, daß die Geschichte eine komische Wendung nahm und daß nichts dabei herauskommen würde. Der Postillon ritt ab, und wir folgten ihm eine halbe Stunde später. Bis Centino war Betty ziemlich ruhig, aber sie wurde sehr traurig, als sie bei der Ankunft dort vernahm, daß Graf l'Etoile nach Acquapendente geritten sei; der anklagende Postillon sei ihm dahin gefolgt, und der verteidigende Postillon habe denselben Weg eingeschlagen. Vergeblich sagte ich ihr, sie habe nichts zu befürchten; der Graf habe den Mund auf dem richtigen Fleck und werde sich zu verteidigen wissen. Sie antwortete mir nur durch tiefe Seufzer. Ich hatte sie im Verdacht, daß sie befürchtete, ich würde mich ein wenig für die gehabten Mühen und verauslagten Kosten bezahlt machen, wenn sie die Nacht mit mir verbrächte. Ich hatte richtig geraten. »Wünschen Sie, Betty, daß wir sofort nach Acquapendente weiterfahren?« Als sie diese Worte hörte, strahlte ihre Stirn von unverhofftem Glück; sie öffnete mir die Arme, und ich drückte sie an mein Herz. O Natur! Was kommt es für mich darauf an, welcher Quelle der süße Kuß entstammt? Ich rief den Fuhrmann und sagte ihm, ich wolle sofort nach Acquapendente fahren. Der Kerl antwortete mir grob, seine Pferde wären im Stall, und er würde nicht anspannen; aber ich könnte ja die Post nehmen. »Schön. Bestelle zwei Pferde.« Ich glaube, in diesem Augenblick hätte Betty, von Zärtlichkeit durchdrungen, mir alles gewährt; denn sie wußte nicht, wie sie mir ihre Dankbarkeit ausdrücken sollte, und ließ sich in meine Arme sinken. Ich drückte sie zärtlich an mich und sagte ihr, ich könne keinen anderen Willen haben als den ihrigen. Ich bedeckte sie mit Küssen, doch ohne ihr andere Zärtlichkeiten zu bezeigen, und sie schien mir wegen meiner Zurückhaltung dankbar zu sein. Als die Pferde angespannt waren, bezahlte ich dem Wirte das Abendessen, das er für uns zurecht gemacht zu haben behauptete, und wir fuhren ab. Wir brauchten nur drei Viertelstunden bis Acquapendente, wo wir den tollen Menschen ganz lustig und zufrieden vorfanden. Er eilte auf seine Dulcinea zu und schloß sie verliebt in seine Arme, und Betty war trunken vor Glück, daß sie ihn heil und gesund wiederhatte. Er sagte uns triumphierend, er habe die sämtlichen Spitzbuben von Radicofani verprügelt und dafür nur ein paar unbedeutende Steinwürfe empfangen, da er seinen Kopf geschickt vor ihnen geschützt habe. »Wo ist denn der Postillon mit der Schmarre?« fragte ich ihn. »Er sitzt unten mit seinem Kameraden, der ihm nachgeritten war, und sie trinken auf meine Gesundheit. Sie haben mich alle beide um Verzeihung gebeten.« »Ja, weil der Herr dem zweiten einen Scudo gegeben hat!« rief Betty. »Einen Scudo? Wie schade! Sie hätten ihm nichts geben sollen.« Vor dem Abendessen zeigte der Graf l'Etoile uns die Spuren der Steinwürfe an seinen Schenkeln und Rippen; der Bursche war ein sehr hübscher Junge und konnte wohl einem heißblütigen Mädchen den Kopf verdrehen. Bettys verzücktes Wesen ärgerte mich allerdings; doch ertrug ich es mit großer Geduld, da sie mir bereits ein anderes Zeichen der Dankbarkeit gegeben hatte. Beim Essen trieb l'Etoile wieder dieselben tollen Späße wie am Tage vorher. Er wollte durchaus, daß ich im selben Zimmer schlafen sollte; ich fühlte jedoch, daß meine Nachbarschaft Betty sehr belästigt haben würde, die bisher nichts von den Orgien wußte, an die der Elende sie gewöhnen wollte. Ich weigerte mich daher standhaft. Am nächsten Morgen sagte der schamlose Mensch mir, er werde uns ein gutes Abendessen in Viterbo bestellen, und ich werde ihm dafür eine Zechine leihen, damit er sein Mittagessen in Montefiascone bezahlen könne. Mit diesen Worten zeigte er mir nachlässig einen Wechsel von dreitausend Scudi auf einen Bankier in Rom. Ich lehnte es ab, den Wechsel zu lesen, sondern sagte ihm, ich sei überzeugt, und gab ihm die gewünschte Zechine, obwohl ich mir dachte, daß ich sie niemals wiedersehen würde. Betty war inzwischen in ein ganz freundschaftliches Verhältnis zu mir gekommen. Als wir in Montefiascone waren, sagte sie mir: »Wie Sie sehen, mein Herr, befindet mein Freund sich nicht durch Zufall oder Leichtsinn in Geldverlegenheit; denn er hat einen Wechsel auf einen hohen Betrag.« »Ich halte ihn für falsch.« »Ah, das ist aber boshaft von Ihnen!« »Nein. Ich schließe dies aus seinem Benehmen; und ich schwöre Ihnen, ich wäre glücklich, wenn ich mich täuschte; aber ich bin überzeugt, ich täusche mich nicht. Vor zwanzig Jahren hätte ich ebenso wie Sie den Wechsel für echt gehalten, aber jetzt ist das etwas anderes. Wenn dieser Wechsel auf Rom wirklich gut ist, warum hat er ihn dann nicht in Siena, in Florenz, in Livorno diskontiert?« »Vielleicht hat er keine Zeit dazu gehabt; ei hatte es so eilig. Ach, wenn Sie alles wüßten!« »Ich will, reizende liebe Betty, weiter nichts wissen, als was Sie mir zu sagen für gut befinden werden. Unterdessen aber wiederhole ich Ihnen, daß alles, was ich Ihnen gesagt habe, nicht auf Verdacht und unbestimmter Vermutung beruht, sondern auf Wahrheiten, die aus allem von mir Gesehenen hervorgehen.« »Sie verharren also bei dem Gedanken, daß er mich nicht liebt?« »Ich verharre bei der Behauptung, daß er Sie nur auf eine Art liebt, die Ihren Haß verdient.« »Wieso?« »Würden Sie nicht einen Mann hassen, der Sie nur liebt, um mit Ihren Reizen Handel zu treiben?« »Es tut mir leid, daß Sie dies glauben.« »Ich kann Ihnen dies schon heute abend beweisen, wenn Sie es wünschen.« »Tun Sie mir diesen Gefallen; aber ich verlange einen vollen, klaren Beweis. Er wird mich auf das tiefste schmerzen, aber Sie erweisen mir damit den allergrößten Dienst.« »Und wenn ich Sie davon überzeugt habe, können Sie dann wohl aufhören, ihn zu lieben?« »Ganz gewiß, ich habe mich nur in ihn verliebt, weil ich ihn für einen rechtschaffenen Menschen hielt.« »Sie irren sich. Sie werden ihn selbst dann noch lieben, wenn ich Ihnen seine schurkische Gesinnung nachgewiesen habe; denn dieser Mensch hat Sie völlig bezaubert. Wenn es anders wäre, würde Ihnen die Sache ebenso klar sein wie mir.« »Was Sie da sagen, kann wahr sein; aber weisen Sie mir klar und deutlich nach, daß Ihre Behauptungen richtig sind, und überlassen Sie es mir. Sie zu überzeugen, daß ich imstande sein werde, ihn zu verachten.« »Auf heute abend also! Aber sagen Sie mir zuvor noch, ob Sie ihn schon seit langer Zeit kennen.« »Ungefähr seit einem Monat; aber wir sind erst seit fünf Tagen beisammen.« »Haben Sie ihm vorher irgendwelche Gunst gewährt?« »Nicht einen einzigen Kuß. Er war beständig unter meinem Fenster, und ich habe annehmen müssen, daß er mich innig liebe.« »Daß er Sie liebt, meine Teuerste, gebe ich zu; es wäre auch schwierig. Sie nicht zu lieben; aber er liebt Sie nicht wie ein zartfühlender Gatte, sondern wie ein schamloser Wüstling.« »Aber wie können Sie denn eigentlich einen Menschen im Verdacht haben, den Sie nicht kennen?« »Wollte Gott, ich kennte ihn nicht! Ich bin gewiß, da er nicht zu Ihnen gehen konnte, so hat er Sie überredet, zu ihm zu kommen und mit ihm zu entfliehen.« »Das ist wahr. Er hat an mich geschrieben, und ich werde Ihnen seinen Brief zeigen, worin er mir versichert, daß er mich in Rom heiraten wird.« »Und wer bürgt Ihnen für seine Beständigkeit?« »Seine Zärtlichkeit.« »Haben Sie zu befürchten, daß Sie verfolgt werden?« »Nein.« »Hat er Sie einem Vater, einem Liebhaber, einem Bruder entführt?« »Einem Liebhaber, der erst in acht oder zehn Tagen nach Livorno zurückkehren wird.« »Wohin ist er gereist?« »Nach London, wo er Geschäfte hat; er hatte mich unter die Obhut einer Frau gestellt, der er vertraute.« »Ich weiß genug, liebe Betty, und beklage Sie tief. Sagen Sie nur, ob Sie den Engländer lieben, und ob er würdig ist, Sie zu besitzen.« »Ach, ich habe einzig und allein ihn geliebt, bis ich nach seiner Abreise, in den Boboli-Gärten diesen Franzosen sah, der mich zu meinem Glück oder Unglück dem anderen untreu machte. Jener betete mich an und wird in Verzweiflung sein, wenn er mich nicht vorfindet.« »Ist er reich?« »Nicht sehr reich, aber wohlhabend. Er ist Geschäftsmann.« »Ist er jung?« »Nein, er ist ein Mann von Ihrem Alter; er ist freundlich, höflich, gut und wartete nur auf den Tod seiner Frau, um mich zu heiraten. Seine Frau stirbt an der Schwindsucht.« »Ich bedauere ihn. Haben Sie ihm ein Kind geschenkt?« »Nein. Aber ich sehe, daß Gott mich nicht für ihn bestimmt hatte; denn Herr de l'Etoile hat mich unwiderstehlich unterjocht.« »An solche Unwiderstehlichkeit glauben alle, die aus Liebe einen falschen Schritt tun.« »Jetzt wissen Sie alles, und ich bin recht froh, daß ich Ihnen nichts verheimlicht habe, denn gestern habe ich erkannt, daß Sie mein wahrer Freund sind.« »Daß ich das bin, werden Sie in Zukunft noch besser einsehen als jetzt, liebe Betty. Sie bedürfen meiner sehr, und ich verspreche Ihnen, Sie nicht zu verlassen. Ich liebe Sie; das habe ich Ihnen gesagt und wiederhole es Ihnen gerne; trotzdem werden Sie mich nur um Ihre Freundschaft mich bewerben sehen, solange Sie diesen Franzosen lieben.« »Ich nehme Ihr Wort an und verspreche Ihnen dafür, Ihnen nichts zu verbergen.« »Sagen Sie mir, warum Sie kein Gepäck haben?« »Ich bin zu Pferde entflohen; aber mein Koffer, der voll von Wäsche und anderen Sachen ist, wird zugleich mit dem des Grafen zwei Tage nach uns in Rom eintreffen. Ich habe ihn am Tage vor meiner Flucht aus meiner Wohnung herausschaffen lassen, und ich kenne den Mann, der ihn in Empfang nahm: er war vom Grafen geschickt worden.« »Ade Ihr Koffer!« »Ach, lieber Freund, Sie sehen überall lauter Unglück.« »Es genügt, liebe Betty, wenn meine Voraussicht nicht die Macht hat, Unglück hervorzurufen; ich werde mich glücklich schätzen, wenn ich mich täusche. Obgleich Sie zu Pferde gereist sind, hätten Sie doch, wie mir scheint, einen Reisemantel und einen Nachtsack mit einigen Hemden mitnehmen müssen.« »Das alles befindet sich in dem kleinen Koffer, den ich heute Abend werde auf mein Zimmer bringen lassen.« Wir kamen um sieben Uhr in Viterbo an und fanden dort den Grafen in sehr lustiger Stimmung. Da ich sie schon hier überzeugen sollte, daß sie sich einem Schelme anvertraut hatte, so begann ich mich zu stellen, als wenn ich von Betty ganz entzückt wäre. Ich übertrieb das Glück, das ich gehabt hätte, indem ich mit ihr zusammengetroffen wäre, beneidete ihn um sein Glück, daß er einen solchen Schatz besäße, und rühmte besonders den Heroismus, den er dadurch zeigte, daß er mich mit ihr allein ließe, ohne zu befürchten, daß ich sie zur Untreue verführte. Der Windbeutel stimmte in das Lob ein, das ich seiner Gattin zollte. Er sagte, die Eifersucht liege seinem Charakter so fern, daß er gar nicht begreifen könne, wie ein Verliebter auf eine Frau eifersüchtig sein und wie er sie beständig lieben könne, ohne zu sehen, daß sie anderen Männern Begierden einflöße. Über dieses Thema verbreitete er sich ausführlich, und ich hütete mich wohl, ihm zu widersprechen. Ich war zufrieden, den Burschen auf diesen Gegenstand gebracht zu haben, und behielt mir den zweiten Teil meines Beweises bis nach dem Abendessen vor. Während des Essens ließ ich ihn tüchtig trinken und suchte ihn in eine angenehme Stimmung zu bringen, indem ich eine Menge Bemerkungen machte, die alle darauf hinausliefen, daß er ein geistreicher Mann und über Vorurteile erhaben sei. Als nach Tisch das Gespräch auf die Liebe kam, sagte er, zwei Liebende, die wirklich glücklich sein wollten, müßten vor allen Dingen die gegenseitige Gefälligkeit bis aufs äußerste treiben. »So muß zum Beispiel Betty, die mich liebt, mir den Genuß Fannys schaffen, wenn sie ahnen kann, daß mich auch nur eine einfache Laune zu dieser zieht, und ich, der ich Betty anbete, muß ihr den Genuß verschaffen, mit Ihnen zu schlafen, wenn ich entdecke, daß sie Sie liebt.« Betty hörte die törichten Behauptungen ihres Abgottes mit großem Erstaunen an, sagte aber kein Wort. »Ich gestehe, mein lieber Graf,« antwortete ich ihm, »Ihr System ist großartig und scheint mir einzig in seiner Art zu sein, um die allgemeine Glückseligkeit auf Erden zu begründen; aber es ist eine Chimäre. Alles, was Sie gesagt haben, ist theoretisch ganz prachtvoll, praktisch aber unsinnig und nicht auszuführen. Ich glaube, daß Ihr Mut groß ist, aber ich halte Sie nicht für tapfer genug, um ruhig die Gewißheit zu erdulden, daß ein anderer die Reize Ihrer Geliebten genießt. Ich wette um diese fünfundzwanzig Zechinen hier, daß Sie Ihrer Frau nicht erlauben werden, mit mir zu schlafen.« »Erlauben Sie mir, über Ihre Zweifel zu lachen: Ich wette fünfzig, daß ich sogar die Kraft habe, beim großen Werk ruhiger Zuschauer zu bleiben. Jedenfalls nehme ich die Wette an. Betty, meine liebe Betty, laß uns diesen Ungläubigen bestrafen: ich bitte dich, lege dich mit ihm zu Bett.« »Du scherzest wohl?« »Nein, ich bitte dich darum. Ich werde dich nur um so mehr lieben.« »Ich glaube, du bist verrückt. Ganz gewiß werde ich so etwas nicht tun.« Nun nahm der Graf sie in seine Arme, liebkoste sie auf das zärtlichste und bat sie, unter Anführung von höchst sophistischen Gründen, ihm doch diesen Beweis von Liebe zu geben, nicht so sehr wegen der fünfundzwanzig Zechinen, als um mich zu lehren, wieweit er über jedes Vorurteil erhaben sei. Um sie zu verführen, scheute er sogar vor unerlaubten Liebkosungen nicht zurück. Betty wies diese sanft, aber entschlossen zurück und sagte ihm, sie werde niemals tun, was er von ihr verlange; übrigens habe er die Wette bereits gewonnen. Dies konnte wahr sein. Endlich bat ihn das arme Mädchen mit einer zärtlichen Umarmung, er möchte doch davon aufhören und sie lieber töten als sie zu einer Handlung zwingen, die ihr niederträchtig erscheine. Dieser Ton, diese Worte, die den unglückseligen Wüstling hätten zum Erröten bringen sollen, versetzten ihn nur in Wut. Er stieß sie zurück und gab ihr die gemeinsten Schimpfnamen. Zum Schluß rief er zornig, ihr Widerstand sei nur Heuchelei, und er sei fest überzeugt, sie habe mir bereits alles gewährt, was ein verlorenes Mädchen wie sie einem Manne gewähren könne. Betty zitterte und wurde bleich wie der Tod. Aufs äußerste empört, lief ich nach meinem Degen, den ich ihm durch den Leib gerannt haben würde, wenn der feige Schuft nicht ins Nebenzimmer geflohen wäre, dessen Tür er mit dem Riegel verschloß. Ich war in Verzweiflung, die unschuldige Ursache der Verlegenheit zu sein, worin dies reizende Mädchen sich befand, und setzte mich neben sie, um sie nach Möglichkeit zu beruhigen. Ihr Zustand machte mir Sorge. Ihre gepreßten Atemzüge drohten sie zu ersticken, ihre stieren Augen traten aus ihren Höhlen hervor, ihre bleichen Lippen zitterten, ihre Zähne knirschten. Im Gasthof schlief alles; ich konnte keine Hilfe herbeirufen und hatte zu ihrer Erleichterung nur Wasser und tröstende Worte. Nachdem sie eine Stunde lang in höchster Erregung gewesen war, verfiel sie vor Erschöpfung in eine dumpfe Betäubung. Länger als zwei Stunden blieb ich neben ihr sitzen und beobachtete alle ihre Bewegungen. Ich hoffte, der Schlaf würde ihr neue Kräfte geben, denn es wäre höchst unangenehm gewesen, wenn sie krank geworden wäre und in dem Gasthof hätte bleiben müssen. Bei Tagesanbruch hörte ich l'Etoile abreisen. Das war mir sehr angenehm. Betty erwachte aus ihrer Betäubung, als jemand an die Türe klopfte und uns zurief, wir möchten uns ankleiden; die Leute glaubten, wir lägen zu Bett. »Sind Sie imstande weiter zu reisen, meine liebe Betty?« »Ich befinde mich ganz wohl, lieber Freund, aber ich habe es sehr nötig, ein bißchen Tee zu trinken.« Da die einfache Art der Zubereitung dieses Getränkes in Italien fast unbekannt ist, so nahm ich den Tee, den sie mir gab, und machte ihn selber zurecht. Als ich wieder nach oben kam, fand ich sie am Fenster stehen und die frische Morgenluft einatmen. Sie schien ruhig zu sein, und ich faßte Hoffnung, sie geheilt zu haben. Sie trank einige Tassen von dem Lieblingsgetrank der Engländer, und ihr schönes Gesicht gewann wieder die Frische, die sie durch die entsetzliche Nacht verloren hatte. Als sie in dem Zimmer, wo wir zu Abend gegessen hatten, Laute hörte, fragte sie mich, ob ich die Börse, die auf dem Tisch liegen geblieben wäre, wieder an mich genommen hätte. Ich hatte sie vergessen, als ich dem Grafen die Wette vorschlug. Ich fand meine Börse wieder, und daneben lag ein Papierstreifen mit den Worten: Wechsel über dreitausend Taler. Der Betrüger hatte ihn aus seiner Tasche gezogen, um die Wette anzunehmen, und hatte ihn vergessen, als er aus dem Zimmer floh. Der Wechsel war in Bordeaux auf einen in Paris ansässigen Weinhändler gezogen und an den Grafen de l'Etoile giriert. Er lautete auf Sicht und war bereits sechs Monate alt; einen größeren Unsinn konnte man sich nicht denken. Ich brachte Betty diesen Wechsel, aber sie sagte mir, sie verstehe nichts davon und bitte mich um Gottes Willen nicht mehr über den Elenden mit ihr zu sprechen. Und in einem Ton, der sich unmöglich beschreiben läßt, setzte sie hinzu: »Seien Sie menschlich und verlassen Sie ein armes Mädchen nicht, das mehr unglücklich als schuldig ist!« Ich versicherte ihr wiederholt auf mein Ehrenwort, daß ich wie ein Vater für sie sorgen würde, und wir fuhren ab. Meine arme Engländerin war traurig und niedergeschlagen und schlief vor Erschöpfung bald ein; ich folgte ihrem Beispiel. Wir erwachten beide sehr erstaunt, als der Fuhrmann uns zurief, wir seien in Monterosi. Er war sechs Stunden lang gefahren und hatte achtzehn Miglien zurückgelegt, ohne daß wir ein einziges Mal aufgewacht wären. Wir konnten bis vier Uhr uns ausruhen, und dies war uns sehr angenehm; denn wir mußten darüber nachdenken, welchen Entschluß wir fassen sollten. Vor allen Dingen erkundigte ich mich, ob der Unglückliche durchgekommen wäre. Ich erfuhr, er habe eine bescheidene Mahlzeit eingenommen und bezahlt, und er habe gesagt, er werde in Storta übernachten. Wir speisten mit ziemlich gutem Appetit, und Betty bekam dadurch neue Kräfte. Nach dem Essen sagte sie zu mir, wir müßten uns noch einmal, aber zum letzten Male, mit ihrem unwürdigen Verführer beschäftigen. »Seien Sie mir ein Vater! Raten Sie mir nicht, sondern befehlen Sie mir, was ich tun soll, und verlassen Sie sich auf meinen Gehorsam. Sie haben vieles, vielleicht alles erraten, nur nicht den Abscheu, den mir der hinterlistige Verbrecher eingeflößt hat, der mich allmählich in die tiefste Schande hineingebracht haben würde, wenn Sie nicht gewesen wären.« »Können Sie auf die Verzeihung Ihres Engländers rechnen?« »Ich glaube, ja.« »Dann müssen Sie nach Livorno zurückkehren. Finden Sie diesen Rat gut, und trauen Sie sich die Kraft zu, ihn zu befolgen? Aber wenn Sie ihn annehmen, so müssen Sie ihn sofort ausführen. Natürlich denke ich nicht daran, ein junges, hübsches, anständiges Mädchen wie Sie allein oder in der Gesellschaft von Leuten zu lassen, für die ich nicht bürgen könnte wie für mich selber. Wenn das Ihnen die Überzeugung gibt, daß ich Sie liebe und Ihrer Achtung würdig bin, so bin ich glücklich und verlange keinen anderen Lohn. Ich werde mit Ihnen verkehren, wie ein Vater mit seiner Tochter, wenn es Ihnen widerstrebt, mir ein lebhafteres Gefühl zu bezeigen, das nicht von Herzen kommen würde. Verlassen Sie sich auf mein Wort; ich halte mich für verpflichtet, Sie wieder mit den Männern auszusöhnen, indem ich Ihnen beweise, daß es ebenso ehrenhafte gibt, wie Ihr Verführer gemein und niederträchtig ist.« Eine gute Viertelstunde lang saß Betty in tiefem Schweigen da. Sie hatte die Ellbogen auf den Tisch gestützt, den Kopf auf ihre Hände gelegt und sah mich fest an. Sie sah weder traurig noch erstaunt aus, aber offenbar waren ihre Gedanken sehr beschäftigt. Es war mir lieb, daß sie sich ihre Antwort reiflich überlegte, damit sie zu einem endgültigen Entschluß käme. Endlich sagte sie: »Glauben Sie nicht, mein würdiger und teurer Freund, mein Schweigen sei ein Zeichen der Unentschlossenheit. Wenn dies der Fall wäre, so würde ich mich selber verachten. Ich bin verständig genug, um die Weisheit Ihrer Ratschläge zu schätzen und um die edle Quelle zu erkennen, aus der sie entspringt. Ich nehme Ihren Rat an und erkenne es als eine große Wohltat der Vorsehung, daß ich das Glück gehabt habe, einem Mann von Ihrem Charakter in die Hände gefallen zu sein und Ihre Teilnahme in so hohem Maße erregt zu haben, daß Sie für mich alles tun, was ein Vater für eine herzlich geliebte Tochter tun könnte.« »Wir wollen also nach Livorno zurückkehren und augenblicklich abfahren.« »Was mich noch schwanken läßt, ist die Ungewißheit, wie ich mich versichern kann, daß Sir B. M. mir verzeihen wird. Ich zweifle nicht an seiner Verzeihung, aber es ist schwierig, an ihn heranzukommen, denn er ist wohl freundlich, zärtlich und liebevoll, aber auch kitzlich im Ehrenpunkt und läßt sich leicht von der allerersten Aufwallung hinreißen. Dieser verhängnisvolle Augenblick muß vermieden werden, denn er würde mich vielleicht töten, und dann wäre ich an seinem Untergang schuld.« »Darüber können Sie unterwegs nachdenken und mir dann Ihre Absichten mitteilen.« »Er ist sehr klug und wird sich von einer Lüge nicht täuschen lassen. Ich glaube, ich muß ihm alles schriftlich gestehen, ohne ihm auch nur das geringste zu verbergen; denn wenn ich irgend etwas beschönigen wollte, so würde ihn dies aufregen, und wenn er mutmaßen könnte, daß man ihn betrügen wolle, so würde er in eine unzähmbare Wut geraten. Wenn Sie meinen, daß Sie ihm schreiben wollen, so dürfen Sie ihm ja nicht sagen, daß ich seine Verzeihung verdiene; er muß selber urteilen, ob ich derselben würdig bin oder nicht. Er wird meine Reue aus dem Brief ersehen, den ich ihm schreiben werde; es wird ein Brief voller Tränen sein, und er wird darin meine Seele finden; aber er darf nicht wissen, wo ich mich befinde, bevor er nicht ausgesprochen hat, daß er mir vergibt; alsdann wird weiter nichts mehr zu befürchten sein. Edel und ehrenhaft, wie er ist, wird er sein Wort halten und bis an seinen Tod mit mir leben, ohne mir jemals meinen Fehltritt vorzuwerfen. Wie unglücklich fühle ich mich, daß ich mich so gegen ihn habe vergehen können!« »Nehmen Sie es mir nicht übel – aber ich möchte Sie fragen, ob Sie ihm schon früher einmal ...« »Niemals, lieber Freund! Das schwöre ich Ihnen.« »Wie ist seine Vergangenheit?« »Seine erste Frau hat ihm großen Kummer bereitet. Er hat sich ihretwegen zweimal auf den Antillen geschlagen; er war damals Offizier. Nachdem er sich zum zweiten Male verheiratet hatte, zwangen dringende Gründe ihn, sich scheiden zu lassen. Ich lernte ihn vor zwei Jahren in unserer Pension kennen, wohin er mit Nancys Vater kam. Als ich dann das Unglück hatte, meinen Vater zu verlieren und als dessen Gläubiger sich seines ganzen Vermögens bemächtigten, mußte ich die Pension verlassen, weil ich das Kostgeld nicht bezahlen konnte. Nancy, Sophie und alle meine Freundinnen waren hierüber untröstlich, denn ich war allgemein beliebt. Da übernahm Sir B. M. es, für meinen Unterhalt zu sorgen, und setzte mir eine kleine Rente aus, die mich für mein ganzes Leben gegen Armut schützt. Die Dankbarkeit bewirkte, was die Liebe vielleicht nicht bewirkt hätte, und ich bat ihn, mich mitzunehmen, als ich erfuhr, daß er England auf längere Zeit verlassen würde. Meine Bitte setzte ihn in Erstaunen, und als echter Ehrenmann sagte er mir, er liebe mich zu sehr, als daß er hoffen könne, nur die Gefühle eines Vaters für mich zu haben, wenn er mich mitnähme. Es schien ihm unmöglich zu sein, daß ich ihn anders als mit töchterlicher Liebe lieben könnte. Wie Sie begreifen werden, beseitigte diese Erklärung alle Schwierigkeiten. Ich antwortete ihm: ›Einerlei, auf welche Art Sie mich lieben, ich werde glücklich sein, wenn ich etwas zu Ihrem Glücke beitragen kann.‹ Er gab mir hierauf aus eigenem Antriebe ein schriftliches Versprechen, mich zu heiraten, sobald er es gesetzlich könnte. Wir verließen England, und ich habe ihm niemals den geringsten Anlaß zu Klagen gegeben.« »Ich bin fest überzeugt, er wird Ihnen verzeihen, meine liebe Betty. Aber trocknen Sie Ihre Tränen und lassen Sie uns abfahren, und kein Mensch wird erfahren, daß wir miteinander bekannt gewesen sind. Ich werde Sie sicheren und ehrlichen Händen anvertrauen und die Stadt nicht früher verlassen, als bis Sie wieder bei Sir B.M. sind, den ich bereits liebe. Sollte etwa dieser Herr unerbittlich sein, so verspreche ich Ihnen, Sie niemals zu verlassen und Sie, wenn Sie es wünschen, nach England zu bringen.« »Aber wie können Sie Ihre Geschäfte aufgeben?« »Ich will nicht lügen, um mir ein besonderes Ansehen zu geben, liebe Betty: ich habe in Rom nichts zu tun, so wenig wie anderswo. Es macht mir nichts aus, ob ich nach Rom oder nach London gehe, wohl aber liegt mir daran, Ihr Unglück zu verhindern.« »Was soll ich tun, um Ihnen meine Dankbarkeit zu bezeugen?« Ich ließ den Fuhrmann kommen und sagte ihm, ich müsse durchaus nach Viterbo zurückfahren. Er machte Einwendungen, die ich damit behob, daß ich ihm ein paar Piaster gab und Postpferde nahm, um die seinigen nicht zu ermüden. Wir kamen um sieben Uhr in Viterbo an, und ich fragte in scheinbarer Aufregung, ob man nicht meine Brieftasche gefunden hätte, die ich auf meinem Bett vergessen zu haben behauptete. Die Magd versicherte, es habe kein Mensch außer ihr das Zimmer betreten, und da die angeblich verlorene Brieftasche sich nicht wiederfand, so bestellte ich mit ruhiger Miene ein Abendessen, hörte jedoch nicht auf, über mein Unglück zu jammern. Ich sagte zu Betty, ich müßte nach meiner Meinung so handeln, damit der Fuhrmann keine Schwierigkeiten machte, mich mit ihr nach Siena zurückfahren zu lassen; denn er hätte sich für verpflichtet halten können, sie ihrem angeblichen Gatten zu übergeben. Wir ließen den kleinen Koffer heraufkommen; mit leichter Mühe sprengte ich das Schloß, und Betty nahm ihren Mantel und ihre paar Sachen heraus. Hierauf untersuchten wir die Sachen, die dem Abenteurer gehörten und die vielleicht alles waren, was er besaß: einige zerlumpte Hemden, zwei oder drei Paar geflickte Seidenstrümpfe, eine Hose, ein Beutel mit Puder, ein Topf Schminke und etwa zwanzig Hefte, lauter Komödien oder komische Opern; außerdem ein Paket Briefe, die augenscheinlich sehr interessant sein mußten; Betty machte daher den Vorschlag, wir sollten sie zusammen lesen. Das erste, was uns an diesen Briefen auffiel, waren die Adressen: an Herrn l'Etoile, Schauspieler in Marseille, in Bordeaux, in Bayonne, in Montpellier usw. Die arme Betty tat mir leid. Sie sah sich von einem elenden Possenreißer betrogen und schämte sich darüber so sehr, daß sie Herzkrämpfe bekam. »Wir wollen diese Wische morgen lesen, meine liebe Betty; heute wollen wir an etwas anderes denken.« Das arme Mädchen atmete auf. Schnell aßen wir zu Abend, und dann bat mich Betty, sie einen Augenblick allein zu lassen, damit sie sich zu Bett legen und die Wäsche wechseln könnte. »Bitte, tun Sie das, und wenn Sie es wünschen, werde ich mein Bett in einem Nebenzimmer zurecht machen lassen.« »Nein, mein großmütiger Freund! Ich muß ja Ihre Gesellschaft lieben, denn Sie haben mich von Ihrer Freundschaft überzeugt. Was wäre ohne Sie aus mir geworden?« Ich kam erst wieder herein, als ich annahm, daß sie im Bett läge. Als ich mich ihr näherte, um ihr Gute Nacht zu sagen, umarmte sie mich mit solcher Dankbarkeit, daß ich fühlte, die Schäferstunde habe für mich geschlagen. Mit dem übrigen will ich dich verschonen, lieber Leser. Ich war glücklich und konnte mich versichern, daß ihr Glück dem meinigen nichts nachgab. Wir waren in der Morgenfrühe eben eingeschlafen, als der Fuhrmann an unsere Tür klopfte. Ich kleidete mich in aller Eile an, um ihn zu empfangen, und sagte zu ihm: »Höre, ich muß durchaus meine Brieftasche wieder haben und hoffe sie in Acquapendente zu finden ...« »Ei, schon gut, mein werter Herr!« sagte der Bursche mit seiner italienischen Mimik. »Bezahlen Sie mich, wie wenn wir bis Rom gewesen wären, und geben Sie mir täglich eine Zechine, so fahre ich Sie, wenn Sie wollen, bis nach England!« »Da, ich sehe, du bist ein vernünftiger Mann.« Ich gab ihm Geld, und wir machten einen neuen Vertrag. Um sieben Uhr machten wir in Montefiascone Halt, um an Sir B. M. zu schreiben, sie englisch, ich französisch. Ich hatte bereits bei mir beschlossen, Betty zum Korsen Rivarola zu bringen; diesen hatte ich als einen klugen Mann schätzen gelernt, und er hatte eine schöne und anständige Frau. Betty zeigte eine Zufriedenheit und Sicherheit, die mich entzückte. Sie sagte mir, sie sei voller Hoffnung, und lachte, indem sie sich vorstellte, was für ein Gesicht der Komödiant machen würde, wenn er sich in Rom allein fände. Sie hoffte, wir würden dem Fuhrmann begegnen, der ihren Koffer hätte, und könnten ihn dann leicht herausbekommen. »L'Etoile kann uns nachsetzen.« »Er wird es nicht wagen.« »Das glaube ich ebenfalls; für alle Fälle aber werde ich ihm einen Empfang bereiten, daß ihm die Lust vergehen soll, die Sache noch weiter zu treiben; denn wenn er nicht umkehrte, würde ich ihm eine Kugel durch den Kopf schießen.« Bevor ich meinen Brief an Sir B. M. zu schreiben begann, erinnerte Betty mich noch einmal daran, daß ich ihm nichts verschweigen sollte. »Auch nicht die Belohnung, die du mir gewährt hast?« »Oh! Diese muß ein Geheimnis unserer Herzen bleiben.« In kaum drei Stunden waren wir mit unseren Briefen fertig. Betty war mit meinem Brief zufrieden, und der ihrige, den sie mir übersetzte, war ein Meisterwerk an Kunst und Gefühl; ich war überzeugt, daß sie damit ihren Zweck vollkommen erreichen würde. Ich gedachte sofort nach der Ankunft in Siena die Post zu nehmen, um sie schleunigst vor der Ankunft ihres Geliebten in Sicherheit zu bringen. Was mich in Verlegenheit setzte, war der Wechsel des Narren; denn mochte er echt oder falsch sein, so mußte ich jedenfalls versuchen, ihm denselben zuzustellen, und ich wußte nicht, wie ich das machen sollte. Sofort nach dem Essen fuhren wir wieder ab, trotz der Hitze, und waren in Acquapendente mit Einbruch der Nacht, die wir in den Wonnen einer gegenseitigen Liebe verbrachten. Als ich am Morgen aufstand, sah ich vor dem Gasthof einen beladenen Frachtwagen, der gerade eben nach Rom abfahren wollte. Mir fiel ein, dies könnte wohl der Wagen sein, worauf Bettys Koffer sich befände; ich bat sie daher aufzustehen und sich zu vergewissern. Wir gingen hinunter, und meine schöne Engländerin erkannte den Koffer, den sie ihrem Entführer anvertraut hatte. Wir baten den Fuhrmann um die Herausgabe dieses Koffers, aber er ließ sich nicht erbitten, und da die Gründe, die er anführte, richtig waren, so mußten wir uns damit zufrieden geben. Das einzige, was er uns bewilligen konnte, war die Zusicherung, daß der Koffer auf dem römischen Zollamte einen Monat lang unter Verschluß bleiben sollte, damit sie ihre Ansprüche geltend machen konnte. Ein Notar wurde gerufen, um die Beschlagnahme zu beglaubigen, für die der Fuhrmann die Bürgschaft übernahm. Dieser, der ein sehr ehrlicher und verständiger Mann zu sein schien, versicherte uns, er hätte kein anderes Gepäck mit der Adresse des Grafen de l'Etoile empfangen. Wir gewannen daher die Überzeugung, daß unser Komödiant nur ein Landstreicher war, der auf gewinnreiche Abenteuer auszog, und daß die Lumpen, die wir bei uns hatten, seine ganze Habe ausmachten. Nach der glücklichen Erledigung dieser Angelegenheit wurde Betty ganz reizend. »Der Himmel«, rief sie, »wird nichts dagegen haben, daß alles in Ordnung kommt, und mein Erlebnis wird dazu dienen, daß ich mich in Zukunft vor jedem tollen Streich in acht nehme, denn die Lektion war derb genug, und es hätte noch schlimmer ausfallen können, wenn ich nicht das Glück gehabt hätte, Ihnen zu begegnen.« »Ich wünsche Ihnen Glück, daß es mir gelungen ist, Sie so schnell von einer Leidenschaft zu heilen, die Ihnen Ihre Vernunft hätte kosten können.« »Ach, die Vernunft einer Frau ist ein recht zerbrechliches Gefäß. Ich schaudere, wenn ich nur an das Scheusal denke. Trotzdem glaube ich, ich wäre nicht so schnell wieber zu mir gekommen und hätte nicht die Überzeugung gewonnen, daß er mich nicht liebte, wenn der Elende nicht seiner Heuchelei müde geworden wäre, und wenn er mir nicht so verächtlich und zornig gesagt hätte, er sei überzeugt, ich habe Ihnen bereits gewährt, was eine verlorene Dirne dem ersten besten gewähren könne. Diese abscheulichen Worte nahmen die Siegel von meinen Augen, indem sie meine Entrüstung erregten und mir den ganzen Umfang meiner Schande zeigten. Ich glaube, ich hätte Ihnen geholfen, ihm mit Ihrem Degen das Herz zu durchbohren, wenn nicht der Feigling die Flucht ergriffen hätte. Es ist mir jedoch sehr angenehm, daß die Furcht ihm den guten Gedanken gab, hinauszulaufen – nicht seinetwegen, aber weil wir in großer Verlegenheit gewesen wären, wenn ein solches Unglück eingetreten wäre.« »Sie haben recht: es ist ein großes Glück; aber er wird doch irgendwo gehängt werden.« »Das ist seine Sache; aber ich bin überzeugt, er wird es niemals wagen, sich vor Ihnen oder vor mir sehen zu lassen.« Wir kamen gegen zehn Uhr in Radicofani an und setzten uns an einen Tisch, um den für Sir B. M. bestimmten Briefen noch eine Nachschrift hinzuzufügen. Wir saßen am selben Tisch, Betty gegenüber der geschlossenen Tür und ich so dicht bei der Tür, daß ein Eintretender mich nur hätte sehen können, wenn er sich umgedreht hätte. Betty war sehr anständig vollkommen bekleidet; ich aber hatte wegen der erstickenden Hitze meinen Rock ausgezogen; obgleich ich aber in Hemdsärmeln war, hätte ich mich doch in Italien in diesem Aufzuge vor der anstandigsten Frau sehen lassen können. Plötzlich hörte ich schnelle Schritte auf dem Gange. Unsere Türe wurde gewaltsam aufgestoßen, ein wütender Mensch drang in unser Zimmer und rief bei Bettys Anblick: »Ah! Da bist du!« Ich ließ ihm keine Zeit, sich umzudrehen und mich zu erblicken, sondern sprang auf ihn zu und packte ihn kräftig an den Schultern; hätte ich ihm die Zeit gelassen, sich umzudrehen, so würde er mich mit der Pistole, die er in der Hand hielt, totgeschossen haben. Als ich auf ihn zusprang, hatte ich unwillkürlich die Tür geschlossen, und in dem Augenblick, wo er mir zurief: »Laß mich los, Verräter!« hatte Betty sich vor ihm auf die Knie geworfen und ihm gesagt: »Du irrst dich – er ist mein Retter!« Sir B.M. aber schrie in seiner Wut immerzu: »Laß mich los, Schurke!« Da er dabei die Pistole in der Hand hatte, so dachte ich natürlich nicht daran, seiner Aufforderung Folge zu leisten. Während er sich aus Leibeskräften bemühte, sich frei zu machen, und ich mich ebensosehr anstrengte, um ihn festzuhalten, fiel er hin, und ich auf ihn. Von draußen wurde gegen die Tür gedrängt, denn der Wirt und die Kellner waren auf den Lärm herbeigeeilt; da wir aber gegen die Tür gefallen waren, so konnte man diese nicht öffnen. Betty hatte die Geistesgegenwart, ihrem Engländer die Pistole zu entreißen; sobald ich sah, daß er keinen Schaden anrichten konnte, ließ ich ihn los, indem ich zu ihm sagte: »Mein Herr, Sie irren sich!« Betty warf sich wieder auf die Knie und versicherte immer wieder, er irre sich, ich sei ihr Retter, er möge sich doch beruhigen. »Wieso dein Retter?« sagte B. M. Betty nahm den Brief und sagte: »Lies diesen Brief!« Ohne aufzustehen, las der Engländer meinen Brief; während er las, öffnete ich zuversichtlich die Tür und sagte dem Wirt, er möchte das Mittagessen für drei anrichten und die Leute von unserer Tür fortschicken, denn alles wäre in Ordnung. Fünfzehntes Kapitel Rom. – Der spitzbübische Kommödiant wird bestraft. – Lord Baltimore. – Neapel. – Sara Goudar. – Bettys Abreise. – Agata. – Callimene. – Medim. – Albergoni. – Miß Chudleigh, Herzogin von Kingston. – Der Fürst von Francavilla. – Die Schwimmer und Schwimmerinnen. Als ich mit dem Engländer hinfiel, hatte ich mir an einem Nagel oder Splitter den vierten Finger der linken Hand verletzt, und das Blut strömte hervor, wie wenn eine Ader getroffen wäre. Betty half mir ein Taschentuch um die Wunde zu binden, während Sir B. M. meinen Brief mit der größten Aufmerksamkeit las. Ich erblickte in Bettys Handlung ein Vertrauen, das mir sehr gefiel; sie bewies mir dadurch, daß sie der Aussöhnung mit ihrem Liebhaber sicher war. Ich nahm meinen Nachtsack und meinen Rock und ging in das Nebenzimmer, um die Wäsche zu wechseln und mich anzuziehen. Ich war glücklich, daß eine so heikle Sache, die mir beinahe verhängnisvoll geworden wäre, allem Anschein nach einen glücklichen Ausgang fand, und bedauerte unter diesen Umständen keineswegs, daß meine Liebschaft ein so schnelles Ende nahm. Ich war bereits seit einer halben Stunde angezogen; da ich sie jedoch ziemlich ruhig englisch miteinander sprechen hörte, so wollte ich sie nicht unterbrechen. Endlich klopfte der Engländer leise an meine Tür, trat mit traurigem Gesicht ein, streckte mir die Hand entgegen und sagte mir: »Ich bin vollkommen überzeugt, daß Sie nicht nur meine Betty gerettet, sondern sie auch von ihrer tollen Liebe geheilt haben. Sie werden mir verzeihen, mein Herr! Ich konnte ja nicht ahnen, daß der Mann, den ich bei meiner Freundin fand, ihr Befreier und nicht ihr Entführer war, ebensowenig, daß der Wagen, den ich vor der Tür sah, und mit welchem, wie man mir sagte, eine schöne Frau und ein Mann angekommen waren, von Rom herkam; hätte man mir diesen letzteren Umstand mitgeteilt, so wäre ich nicht einmal hinaufgekommen. Ich segne das Schicksal, daß Sie mich sofort von hinten packten; denn ich würde Sie getötet haben, sobald ich Sie gesehen hätte, und ich wäre in diesem Augenblick der unglücklichste aller Menschen. Seien Sie mein Freund, mein Herr, und umarmen Sie mich.« Ich umarmte ihn sogleich und sagte, ich fände sein Benehmen vollkommen natürlich und hätte es an seiner Stelle auch nicht anders gemacht. Wir gingen wieder in das andere Zimmer, wo wir Betty an das Bett gelehnt stehen sahen. Sie weinte herzbrechend. Da das Blut immer noch aus meinem Finger heworströmte, ließ ich mir einen Wundarzt holen. Er fand, daß ich mir eine Ader verletzt hatte, und mußte mir einen regelrechten Verband anlegen. Da Betty immer noch heiße Tränen weinte, glaubte ich dem Sir B. M. sagen zu müssen, sie verdiene seine Verzeihung. »Wie, mein Herr? Glauben Sie, ich habe ihr nicht bereits vergeben? Ich wäre ja ein ganz gemeiner Mensch, wenn ich nicht anerkennen wollte, daß sie volle Vergebung verdient. Meine arme Betty hat ihren Irrtum eingesehen, sobald Sie ihr die Wahrheit handgreiflich nachgewiesen haben, und ich bin überzeugt, sie weint nur vor Kummer darüber, daß sie sich hat verführen lassen. Sie, mein Herr, können sie nicht so gut kennen wie ich; ich aber weiß, daß sie in Zukunft vor jedem Rückfall gesichert ist, gerade weil sie der Schwachheit einmal ihren Tribut gezahlt hat.« Rührung ist ansteckend: Sir B. M. war tief gerührt, als er Betty in Tränen zerfließen sah. Er konnte sich nicht enthalten, seinen Tränen ebenfalls freien Lauf zu lassen, und auch ich konnte nicht anders, sondern weinte wie sie. Als wir genug geweint und geschluchzt hatten, beruhigten wir uns ein wenig, denn die erschöpfte Natur verlangte Ruhe. Sir B. M. war ein Mann von hochherzigstem Charakter. Er begann zu lachen und zu scherzen, und seine Liebkosungen beruhigten Betty. Wir speisten mit gutem Appetit zu Mittag, und der ausgezeichnete Muskatwein stellte vollends Zufriedenheit und Glück wieder her. Da wir keine Eile mehr hatten, sagte Sir B. M. uns, wir würden gut tun, uns bis zum nächsten Tage auszuruhen; er war fünfzehn Posten geritten und konnte sich vor Müdigkeit kaum noch auf den Beinen halten. Er erzählte uns: »Gestern kam ich in Livorno an. Als ich Betty nicht in ihrer Wohnung fand, erkundigte ich mich und erfuhr im Malteser Kreuz, von wo aus der Wagenverkehr nach Rom geht, daß der Kofferträger erzählt habe, der Offizier, dem der Koffer gehöre, habe ein Pferd gemietet und dafür eine Uhr als Pfand gelassen. Ich erkannte Bettys Uhr und wußte nun, daß Betty entweder mit ihrem Verführer zu Pferd war oder daß sie mit dem Wagen fuhr, worauf sich ihr Koffer befand. Überzeugt, daß ich sie unterwegs finden würde, zögerte ich keinen Augenblick, sie zu verfolgen. Ich versah mich mit zwei guten Pistolen; nicht um mich derselben gegen sie zu bedienen, denn die erste Regung meines Herzens war, sie zu beklagen, und die zweite, ihr zu verzeihen. Ich nahm die Pistolen in der festen Absicht mit, dem Menschen, der sie unglücklich gemacht hatte, das Hirn auszublasen, und bei diesem Entschluß soll es auch bleiben, bis ich mich für seine Schurkerei gerächt habe. Wir werden morgen nach Rom weiterreisen.« Bei diesem Schluß seiner Erzählung strahlten Bettys Züge vor Freude; ich glaube, in diesem Augenblick wäre sie glücklich gewesen, mit eigener Hand das Herz des hinterlistigen Schurken durchbohren zu können, der sie an den Rand des Abgrundes gebracht hatte. Sie rief: »Wir werden ihn in Rolands Gasthof finden.« Sir B. M. sah mich befriedigt an und schloß Betty in seine Arme, wie wenn er mich hätte auffordern wollen, die englische Seelengröße zu bewundern, die in ihrer Kraft allerdings die Schwäche des englischen Charakters bei weitem übertrifft. »Ich verstehe Sie,« rief ich, »aber Sie werden nicht ohne mich reisen. Umarmen wir uns, und versprechen Sie mir, es mir zu überlassen, daß ich Ihnen Genugtuung verschaffe. Sonst fahre ich sofort ab, komme vor Ihnen in Rom an und rette den Unglücklichen, gegen den Sie beide so vielen Anlaß zur Beschwerde haben. Hätten Sie ihn getötet, bevor er Rom erreicht gehabt hätte, so wäre ihm ganz recht geschehen. In Rom aber wäre es etwas anderes, und Sie könnten es zu bereuen haben, wenn Sie sich Ihrer gerechten Entrüstung überließen. Sie kennen Rom nicht und kennen nicht die Gerechtigkeit der Priester. Also, Sir B. M,, geben Sie mir die Hand und Ihr Ehrenwort, daß Sie nichts ohne meine Zustimmung tun, oder ich verlasse Sie augenblicklich.« Sir B. M. war ein Mann von meiner Größe, nur etwas magerer; er war fünf oder sechs Jahre jünger als ich, und der Leser kennt wohl schon seinen Charakter, ohne daß ich ihn zu beschreiben brauche. Meine Rede war ein wenig despotisch und mußte ihn in Erstaunen setzen; er fühlte jedoch bald, was mich so sprechen ließ, und konnte, mir seine Hand nicht verweigern. Als er mich bei der Berührung unserer Hände als Bruder erkannte, leuchtete sein Auge vor Freude auf, und wir umarmten uns als gute Freunde. »Ja, mein Herz,« sagte nun auch Betty, »überlassen wir unsere Rache dem Freunde, den der Himmel uns gesandt hat!« »Ich bin damit einverstanden, in der Annahme, daß wir stets einig und gleicher Meinung sein werden.« Nach diesen Worten trennten wir uns, da Sir B. M. der Ruhe bedürftig war. Ich begab mich zum Fuhrmann, um ihm seinen Lohn zu bezahlen und ihm zu sagen, daß wir am nächsten Tage wieder nach Rom zurückreisen würden. »Nach Rom! Sie haben also Ihre Brieftasche wiedergefunden? Es wäre besser gewesen, mein guter Herr, Sie hätten sie gar nicht erst gesucht!« Der gute Mann glaubte, wie alle anderen Leute, die mich mit dem Arm in der Binde sahen, ich hätte mich geschlagen. Da Sir B. M. zu Bett gegangen war, so verbrachte ich den ganzen Tag mit Betty, die im Gefühl ihres Glücks, einem so wackeren Mann anzugehören, ganz und gar von Dankbarkeit und Liebe durchdrungen war. Sie sagte mir, wir dürften uns des zwischen uns Vorgefallenen nur erinnern, um unser ganzes Leben lang treue Freunde zu sein, ohne daß irgendein Liebesverkehr die Reinheit dieses schönen Bandes befleckte. Ich stimmte dieser Bedingung ohne allzu große Überwindung bei. Da ihr Herz vor Verlangen brannte, sich an dem hinterlistigen Komödianten für den ihr zugefügten Schimpf zu rächen, so gab ich mir alle Mühe, ihr begreiflich zu machen, daß sie im Gegenteil Herrn B. M. dahin bringen müßte, in einer Stadt wie Rom jeden Gedanken an Gewalttätigkeiten aufzugeben; denn solche könnten ihm teuer zu stehen kommen, und außerdem würde es nur seinem guten Ruf schaden, wenn sein Abenteuer bekannt würde. »Ich verspreche Ihnen, den Burschen ins Gefängnis setzen zu lassen, sobald wir angekommen sind. Dies wird Ihnen genügen müssen; denn der Halunke wird sich in seinen Erwartungen getäuscht sehen und wird statt des Gewinnes, den er erhoffte, nur Elend und Verdruß haben.« Nachdem Sir B. M. sieben oder acht Stunden ununterbrochen geschlafen hatte, war er viel weniger zornig gegen den Verführer seiner Schönen und nahm meinen Plan unter der Bedingung an, daß er sich das Vergnügen machen dürfte, den Komödianten zu besuchen, denn ihm läge daran, den Burschen kennen zu lernen. Nachdem wir diese vernünftige Abmachung getroffen und ein ausgezeichnetes Abendessen zu uns genommen hatten, legte ich mich allein zu Bett. Ich tat dies ohne Bedauern, denn ich empfand das Glück, eine gute Handlung vollbracht zu haben. Am anderen Morgen fuhren wir gleich nach Sonnenaufgang ab. In Acquapendente beschlossen wir die Post zu nehmen und so in zwölf Stunden einen Weg zu machen, wozu wir sonst drei Tage gebraucht haben würden. In Rom begab ich mich gleich nach unserer Ankunft auf das Zollamt und übergab dem Vorsteher die von dem Notar aufgenommene Urkunde, um Bettys Koffer herauszubekommen. Man brachte uns diesen am nächsten Tage in den Gasthof. Da Sir B. M. es vollkommen mir überlassen hatte, die Geschichte mit dem Komödianten in Ordnung zu bringen, so begab ich mich zum Bargello, der in Rom eine wichtige Persönlichkeit ist und seine Obliegenheiten stets sehr schnell erledigt, wenn eine Angelegenheit ihm zur Genüge klar gemacht wird, und wenn die Antragsteller keine Kosten scheuen. Er ist denn auch reich und lebt mit einem gewissen Luxus; er hat sozusagen freien oder doch wenigstens bequemen Zutritt zum Kardinalvikar, zum Gouverneur und sogar zum Heiligen Vater. Er bewilligte mir sofort eine geheime Unterredung. Ich erzählte ihm die ganze Geschichte und sagte zum Schluß: »Man verlangt weiter nichts, als daß der Spitzbube gefangen gesetzt wird und daß er seine Freiheit nur wieder erhält, um aus der Stadt ausgewiesen zu werden. Dieses Verlangen ist sehr gerecht, und Sie begreifen sofort, daß man dies alles leicht auf gesetzlichem Wege erreichen würde; da wir es jedoch eilig haben, so muß ich Sie bitten, alles auf sich zu nehmen, und damit Sie Ihre Erkundigungen recht schnell einziehen können, so biete ich Ihnen fünfzig Scudi an, die wir an Gerichtskosten sparen werden.« Der Bargello verlangte zunächst den falschen Wechsel und die in dem Köfferchen des Abenteurers enthaltenen Sachen und Briefe. Da ich den Wechsel bei mir hatte, so gab ich ihm diesen gegen Quittung und bat ihn, die Sachen im Gasthof abholen zu lassen. Er sagte mir: »Sobald es mir gelungen ist, ihn in Gegenwart mehrerer zuverlässiger Zeugen zum Geständnis einiger der von Ihnen angeführten Vergehungen zu bringen, wird die Sache nicht lange dauern. Ich weiß bereits, daß der Mensch bei Roland wohnt und daß er auf dem Zollamt war, um den Koffer der Engländerin herauszubekommen. Es liegt gegen ihn genügend viel vor, um ihn für ein paar Jahre auf die Galeeren zu schicken, wenn man statt fünfzig Scudi hundert ausgeben will.« »Das können wir noch sehen; zunächst haben wir am Gefängnis genug.« Der Bargello war sehr erfreut, als er vernahm, daß das Pferd dem Komödianten nicht gehörte; er sagte mir, wenn ich gegen neun Uhr wieder vorsprechen wollte, könnte er mir ganz gewiß etwas Neues mitteilen. Ich versprach es ihm. Ich hatte in Rom sehr viel zu tun, vor allen Dingen den Kardinal Bernis aufzusuchen; ich verschob jedoch alles andere auf später, um mich nur mit dieser Angelegenheit zu beschäftigen, für die ich mich ganz besonders interessierte. In unserem Gasthof fand ich einen Lohndiener, den Sir B. M. zu unserer Bedienung angenommen hatte. Er sagte mir, der Engländer sei schon zu Bett gegangen. Da wir einen Mietswagen brauchten, ließ ich den Wirt kommen und war sehr überrascht, als ich Roland selbst vor mir sah. »Wie? Ich glaubte. Sie seien noch am Spanischen Platz?« »Ich habe mein Geschäft meiner ältesten Tochter überlassen; sie hat einen Franzosen geheiratet, der dort gute Geschäfte macht. Ich haben diesen Palazzo genommen, worin ich herrliche Zimmer habe.« »Hat Ihre Tochter augenblicklich viele Fremde?« Sie hat in diesem Augenblick nur einen einzigen Franzosen, einen gewissen Grafen de l'Etoile, der sein Gepäck erwartet und ein gutes Pferd besitzt, das ich ihm abzukaufen gedenke.« «Ich rate Ihnen, bis morgen zu warten und unter keinen Umständen zu sagen, von wem Sie diesen Rat haben.« »Warum soll ich warten?« »Für den Augenblick kann ich Ihnen nicht mehr sagen.« Dieser Roland war Vater der Teresa, die ich neun Jahre früher geliebt hatte und die mein Bruder Giovanni ein Jahr nach meiner Abreise, im Jahre 1762, heiratete. Er sagte mir, mein Bruder sei in Rom mit dem Fürsten Beloselski, dem russischen Gesandten am Dresdener Hof. »Ich glaubte, mein Bruder könne nicht nach Rom kommen?« »Er ist hier mit einem Geleitsbrief, den die Kurfürstin-Witwe von Sachsen vom Heiligen Vater erbeten hat. Er will, daß seine unglückselige Geschichte noch einmal abgeurteilt wird, und er hat unrecht; denn wenn er sie auch hundertmal wiederaufnehmen ließe, so würde er stets dieselbe Verurteilung erleiden. Kein Mensch sieht ihn, jedermann weicht ihm aus; selbst Mengs will ihn nicht sehen.« »Mengs ist hier? Ich glaubte, er sei in Madrid?« »Er hat einen Urlaub auf ein Jahr erhalten; aber seine Familie ist in Spanien geblieben.« Nachdem ich alle diese verdrießlichen Nachrichten erhalten hatte – denn ich wünschte weder meinen Bruder noch Mengs zu sehen –, legte ich mich zu Bett, indem ich Befehl gab, mich zum Mittagessen zu wecken. Eine Stunde darauf riß man mich aus meinem Schlaf, weil jemand da wäre, der einen Brief zu meinen eigenen Händen zu bestellen hätte. Es war einer von den Leuten des Vargello, der die Sachen des Schauspielers l'Etoile abholen sollte. Beim Mittagessen berichtete ich dem Sir B. M. über alles, was ich getan hatte, und wir kamen überein, daß er mich am Abend zum Bargello begleiten sollte. Am Nachmittag besuchten wir im Wagen die hauptsächlichsten Villen, und nachdem wir Betty nach dem Gasthof gebracht hatten, begaben wir uns zum Bargello, der uns sagte, unser Mann sei bereits in sicherem Gewahrsam, und wenn uns etwas daran liege, so werde er zu den Galeren verurteilt werden. »Bevor ich einen Entschluß fasse,« sagte Sir B. M. zu ihm, »möchte ich mit ihm sprechen.« »Das können Sie morgen tun. Er hat ohne Widerrede alles gestanden, und zwar mit lachendem Munde, denn er stellt die Sache als einen Eulenspiegelstreich dar und behauptet, ihm könne deshalb nichts geschehen, denn das Fräulein sei freiwillig mit ihm gereist. Ich habe ihm den Wechsel zurückgegeben; er nahm ihn mit der größten Gleichgültigkeit in Empfang. Er sagte mir, er sei allerdings Schauspieler von Beruf, nichtsdestoweniger aber von adligem Stande; das Pferd könne er nach seinem Belieben verkaufen, denn die von ihm als Pfand hinterlassene Uhr sei mehr wert als das Tier.« Ich hatte vergessen, dem Bargello zu sagen, daß die versetzte Uhr Betty gehörte. Nachdem wir diesem ehrenwerten Beamten der summarischen Justiz Roms fünfzig römische Scudi anvertraut hatten, gingen wir zu Betty, um mit ihr zu Abend zu essen; wir fanden sie damit beschäftigt, ihren wiedererlangten Koffer auszupacken und ihre Sachen zu ordnen. Sie freute sich, als sie hörte, daß der Spitzbube im Gefängnis war, aber sie verspürte durchaus keine Lust, ihn dort zu besuchen. Am nächsten Nachmittag suchten wir ihn auf. Der Bargello hatte uns einen Advokaten gegeben; dieser verlangte schriftlich von dem Häftling die Bezahlung der Reisekosten und seiner Verhaftung, sowie einer Geldentschädigung für die von ihm getäuschte Person, falls er nicht etwa binnen sechs Wochen durch eine Bescheinigung des französischen Gesandten seinen gräflichen Stand nachwiese. Wir fanden l'Etoile mit diesem Schriftstück in der Hand, das einer seiner Mitgefangenen ihm ins Französische übersetzte. Sobald er mich erblickte, sagte der Bursche mir lachend, ich sei ihm von unserer Wette her fünfundzwanzig Zechinen schuldig; denn er habe Betty bei mir schlafen lassen. Der Engländer, dem wir den Sachverhalt mitgeteilt hatten, sagte ihm: »Sie lügen; aber ich weiß, daß Sie bei ihr geschlafen haben.« »Sind Sie Bettys Liebhaber?« »Ja; und wenn ich dich bei ihr getroffen hätte, hätte ich dir eine Kugel durch den Kopf geschossen; denn du hast sie doppelt betrogen: du bist ja nur ein Bettelkomödiant.« »Ich habe dreitausend Scudi!« »Ich hinterlege sechstausend als Bürgschaft, wenn der Wechsel nicht falsch ist. Bis dies festgestellt ist, bleibst du eingesperrt, und wenn er falsch ist, wie ich glaube, so wirst du auf den Galeren dafür büßen.« »Ich nehme den Vorschlag an.« »Ich werde mit dem Advokaten darüber sprechen.« Wir begaben uns zu dem Advokaten, denn dem Engländer lag daran, den frechen Menschen auf den Galeren zu sehen. Es kam jedoch keine Einigung zustande, denn der Unverschämte wollte wohl den Wechsel herausgeben, aber er verlangte, daß bis zum Eintreffen der Antwort der Engländer ihm täglich einen Scudi aussetzen solle, damit er im Gefängnis leben könne. Da er nun einmal da war, so wollte Sir B. M. sich Rom ansehen; er mußte sich daher vom Kopfe bis zu den Füßen neu kleiden lassen und Wäsche kaufen; denn er hatte sich so wie er war in den Sattel gesetzt. Betty dagegen hatte alles, was sie brauchte, denn ihr Koffer war ein riesiges Ding. Ich wich nicht von ihrer Seite; denn ich wollte ihre Abreise abwarten, um mir mein Leben nach meinem Gefallen einzurichten. Ich liebte Betty, ohne ihrer zu begehren, und hatte an dem Geist des Engländers Gefallen gefunden, denn er war ein sehr liebenswürdiger Mann. Er wollte anfangs nur vierzehn Tage in Rom zubringen und dann nach Livorno zurückkehren; in der Zwischenzeit war aber sein Freund Lord Baltimore eingetroffen, und dieser überredete ihn, einige Tage in Neapel zu verbringen. Der Lord, der eine sehr hübsche Französin und zwei Bediente bei sich hatte, übernahm es, alle Vorkehrungen zur Reise zu treffen, und bestand darauf, daß ich mitkäme; denn ich hatte den Vorzug gehabt, ihn in London kennen zu lernen. Mit Freude benutzte ich die Gelegenheit, Neapel wiederzusehen. Das erste, was ich dort erfuhr, war der Tod des Herzogs von Matalone und die Wiedervermählung seiner Witwe mit dem Herzog von Caramanica. Da durch diesen Tod die Bekanntschaften, die ich durch den Herzog gemacht hatte, nutzlos für mich wurden, so dachte ich nur noch daran, mich mit meinen Reisegefährten zu belustigen, wie wenn ich noch niemals in Neapel gewesen wäre. Lord Baltimore war bereits mehrere Male dort gewesen, aber seine Geliebte kannte es noch gar nicht und wollte gerne alles sehen, ebenso Betty und deren Geliebter. Ich diente ihnen daher als Cicerone; denn Mylord und ich wußten viel besser Bescheid als diese lästigen Schwätzer. Gleich am Tage nach unserer Ankunft sah ich zu meiner unangenehmen Überraschung den allzu bekannten Chevalier Goudar, mit dem ich in London verkehrt hatte, dem Lord Baltimore einen Besuch abstatten. Der berüchtigte Wüstling und seine Frau hatten ein Haus am Posilippo; diese Frau aber war keine andere als die schöne Irländerin Sara, die frühere Aufwirterin in einer Londoner Bierschenke, deren der Leser sich gewiß noch erinnert. Da Goudar wußte, daß ich sie kannte, so hielt er es für notwendig, mich zu ihren Gunsten einzunehmen, indem er uns alle für den nächsten Tag zum Mittagessen einlud. Sara war nicht im geringsten verlegen, als sie mich sah, ich aber war wie versteinert. Sie war mit der größten Eleganz gekleidet, benahm sich ausgezeichnet mit dem gewandtesten und edelsten Anstand, sprach elegant Italienisch und war von einer entzückenden Schönheit; ich war wie betäubt, denn die Verwandlung war geradezu wunderbar. Innerhalb einer Viertelstunde sahen wir die Gäste ankommen: es waren fünf oder sechs Damen von höchstem Range, zehn oder zwölf Herzöge, Fürsten, Marchesen und etliche Fremde von allen möglichen Nationen. Bevor wir uns an den Tisch setzten, der für mehr als dreißig Personen gedeckt war, nahm Madame Goudar vor dem Klavier Platz und sang einige Lieder mit einer Sirenenstimme und mit einer Sicherheit, die die Gesellschaft, die sie bereits kannte, nicht überraschte, die aber mich und meine Reisegefährten in Staunen versetzte, denn es war herrlich. Diese Art von Wunder hatte Goudar bewirkt. Es war der Erfolg der Erziehung, die er ihr sechs oder sieben Jahre lang hatte geben lassen. Um ein unbestreitbares Recht auf sie zu haben, hatte er sie geheiratet. Hierauf hatte er sie nach Paris, Wien, Venedig, Florenz, Rom und nach anderen Orten geführt; da er jedoch nirgends ein Glück fand, wie er es beanspruchte, so hatte er sich in Neapel niedergelassen. Hier hatte seine Frau, um Einlaß bei der großen Gesellschaft zu finden, auf seine Veranlassung ihren Ketzerglauben abgeschworen; unter den Auspizien der Königin hatte er eine Katholikin aus ihr gemacht. Das Scherzhafte bei dieser Komödie war, daß die Irländerin Sara von Geburt an katholisch war und niemals aufgehört hatte, es zu sein. Abgeschmackt fand ich es, daß der ganze Adel, ja sogar der Hof, zu Sara ging, daß aber die schöne Irländerin nirgendwohin ging, weil sie nicht eingeladen wurde. Das war die echte adelige Schmarotzerei, die man in allen Ländern trifft. Goudar, der mir das alles erzählte, vertraute mir an, daß er sich nur durch das Glücksspiel halte. Pharao und Biribi bestritten die Kosten seiner Haushaltung; andere Mittel hatte er nicht, aber offenbar brachte das Spiel ihm viel ein, denn bei ihm war alles prächtig. Er lud mich ein, mich bei diesem Geschäft zu beteiligen, und ich lehnte dies nicht ab, da ich sicher war, an dem Gewinn teilzunehmen, den ich der Gesellschaft verschaffen konnte, indem ich mich klug benahm. Ich wußte, was man in solchen Fällen zu tun hat. Meine Börse näherte sich zusehends der Erschöpfung, und ich hatte keine anderen Mittel, um auch weiterhin so leben zu können, wie ich es bisher getan hatte. Nachdem ich diesen Entschluß gefaßt hatte, entschuldigte ich mich bei Betty und Sir B. M., daß ich nicht mit ihnen nach Rom zurückkehren könnte. Er bestand darauf, mir alles zu ersetzen, was ich für sie ausgegeben hätte. Ich war nicht in der Lage, den Großmütigen zu spielen, und nahm daher sein Anerbieten an. Zwei Monate nach ihrer Abreise erfuhr ich in Rom vom Bargello, daß l'Etoile auf Fürsprache des Kardinals Bernis aus dem Gefängnis befreit worden war und Rom verlassen hatte. Im folgenden Jahre hörte ich in Florenz, daß Sir B. M. nach England zurückgekehrt war; dort wird er ohne Zweifel sofort nach dem Tode seiner Frau seine Betty geheiratet haben. Der berühmte Lord Baltimore, Herr von Boston, verließ Neapel einige Tage nach meinen neuen Freunden, um nach seiner Gewohnheit in Italien umherzureisen. Drei Jahre später ging er durch seine angelsächsische Waghalsigkeit zugrunde. Gegen jede Regel der Vorsicht reiste er im Monat August durch die Pontinischen Sümpfe. Er verbrachte eine einzige Nacht in Piperno und starb an der schlechten Luft, die während der heißen Jahreszeit diese vergifteten Gegenden beherrscht. Ich blieb nach wie vor in Neapel in dem Gasthof zu den Crocielle, weil dort alle reichen Fremden abstiegen; so konnte ich leicht Bekanntschaft mit ihnen machen und ihnen das Glück verschaffen, bei der schönen Goudar ihr Geld zu verlieren. Allerdings tat mir dies im innersten Herzen weh, aber ich mußte mich der Macht der Umstände fügen. Fünf oder sechs Tage nach Bettys Abreise begegnete ich zufällig dem Abbate Gama; ich fand ihn sehr gealtert, aber fröhlich und gesund. Nachdem wir uns eine halbe Stunde über unsere beiderseitigen Abenteuer unterhalten hatten, sagte er mir, die Streitigkeiten zwischen dem Heiligen Stuhl und dem Hofe von Neapel seien durch Ganganellis, tapfere Haltung beigelegt; er werde daher nach Rom zurückkehren. Vor seiner Abreise wolle er mich aber einer Person vorstellen, die ich mit Freuden wiedersehen werde. Ich dachte an Donna Leonilda oder deren Mutter Donna Lucrezia; wie überrascht war ich aber, als ich Agata sah, die Tänzerin, die ich in Turin geliebt hatte, nachdem ich mich von der Corticelli losgesagt hatte! Der Abbate hatte ihr nichts vorher gesagt, und so war die schöne Frau ebenso überrascht wie ich. Wir waren beide über unser Wiedersehen entzückt und erzählten uns sofort alle Abenteuer, die wir seit unserer Trennung erlebt hatten. Sie hatte in Neapel nur ein Jahr lang getanzt. Ein Advokat hatte sich in sie verliebt und sie geheiratet, und sie zeigte mir vier schöne Kinder, die sie ihm geschenkt hatte. Der Gatte kam zum Abendessen, und da sie ihm viel von mir erzählt hatte, so fiel er mir um den Hals, sobald sie ihm meinen Namen nannte. Er war ein geistvoller Mann, wie die meisten Paglietti von Neapel. Wir speisten wie alte Freunde miteinander, und während der Abbate Gama sich sofort nach dem Essen empfahl, blieb ich noch bis Mitternacht bei ihnen. Ich mußte ihnen versprechen, am nächsten Tage in ihrer Familie zu speisen. Obgleich Agata sehr schön war und in der Blüte ihrer Jahre stand, entzündete sie doch nicht wieder das Feuer, womit ich einst für sie geglüht hatte; so war nun einmal mein Charakter, außerdem war ich zehn Jahre älter. Ich freute mich meiner Kühle, denn es wäre mir unlieb gewesen, den Frieden einer glücklichen Ehe zu stören. Da ich mich ziemlich nahe beim Posilippo befand und an Goudars Bank stark beteiligt war, so begab ich mich von Agata zu Goudar, bei dem ich ein Dutzend Spieler um den grünen Tisch versammelt fand. Dies war in der Ordnung, aber der Anblick des Bankhalters überraschte mich sehr: es war der Graf Medini. Erst vor drei oder vier Tagen hatte man diesen Medini aus dem Hause des französischen Gesandten, Herrn von Choiseul, gejagt, weil man ihn beim Falschspiel ertappt hatte. Ich hatte mich ebenfalls von früher her über ihn zu beklagen, und der Leser erinnert sich vielleicht noch, daß wir uns auf Degen geschlagen hatten. Ich warf einen Blick auf das Geld der Bank und sah, daß sie in den letzten Zügen lag; denn sie mußte ungefähr sechshundert Unzen stark gewesen sein, und er hatte kaum noch hundert vor sich liegen. Ich war mit einem Drittel beteiligt. Ich prüfte das Gesicht des Spielers, der diese Verwüstung angerichtet hatte, und erriet sofort, daß Medini mit ihm unter einer Decke steckte. Man sah den Gauner zum ersten Male bei Goudar. Als die Taille zu Ende war, kam Goudar zu mir und sagte, der Spieler sei ein reicher Franzose, den Medini vorgestellt habe, und ich solle mich nicht ärgern, daß er an diesem Tage gewinne, denn er könne ein anderes Mal viel mehr verlieren. »Ich frage nicht, wer der Spieler ist«, antwortete ich; »denn dies kann mir gleichgültig sein, da ich in aller Form erklärt habe, ich wolle mich nicht an der Bank beteiligen, wenn Medini abziehe.« »Ich habe Medini diesen Grund vorgehalten und wollte die Bank um ein Drittel verkleinern, aber er spielte den Beleidigten und sagte mir, im Falle des Verlustes werde er Ihnen Ihren Anteil zurückerstatten, aber die Bank müsse unangetastet bleiben.« »Gut. Aber wenn er mir nicht morgen früh mein Geld wiedergibt, geschieht irgendein Unglück. Auf alle Fälle ist es Ihre Sache, mich zu entschädigen, denn ich habe mit aller Bestimmtheit erklärt, daß ich auf jede Beteiligung verzichte, wenn Medini die Bank halte.« »Gewiß können Sie Ihre zweihundert Unzen von mir verlangen; aber ich denke, Sie werden Vernunft annehmen: denn es wäre grausam, wenn ich zwei Drittel verlieren sollte.« Ich glaubte Goudar nicht; denn ich wußte, daß er ein noch größerer Gauner war als Medini. Ich wartete daher mit Ungeduld das Ende des Spieles ab, um die Sache ins reine zu bringen. Um ein Uhr war alles zu Ende. Der glückliche Spieler entfernte sich goldbeladen, und Medini sagte mit einer ganz unangebrachten Heiterkeit, dieser Sieg würde dem Sieger teuer zu stehen kommen. »Wollen Sie mir wohl meine zweihundert Unzen wiedergeben?« sagte ich zu ihm. »Goudar hat Ihnen doch jedenfalls gesagt, daß ich nicht am Spiel beteiligt sei?« »Ich gestehe, daß ich Ihnen diese Summe schulde, wenn Sie durchaus nicht beteiligt sein wollen; aber ich bitte Sie, mir zu sagen, warum Sie nicht die Bank mithalten wollen, wenn ich abziehe?« »Weil ich kein Vertrauen zu Ihrem Glück habe.« »Sie begreifen wohl, daß der von Ihnen angeführte Grund bei den Haaren herbeigezogen ist, und daß ich ihn sehr übel auslegen könnte?« »Ich gedenke Sie durchaus nicht daran zu hindern, ihn nach Ihrem Belieben auszulegen; aber es steht bei mir, zu denken, was mir gut scheint. Ich will zweihundert Unzen haben und überlasse Ihnen alle künftigen Siege über Ihren Sieger. Sie brauchen sich nur mit Herrn Goudar auseinanderzusetzen, und Sie, Herr Goudar, werden mir morgen Mittag diese Summe übergeben.« »Ich werde sie Ihnen erst übergeben können, wenn Graf Medini sie mir gegeben hat; denn ich habe kein Geld.« »Ich bin sicher, mein werter Herr, morgen Mittag werden Sie es haben. Adieu!« Ohne auf seine Gründe zu hören, die nur schlecht sein konnten, ging ich nach Hause. Ich fand die Gaunerei augenscheinlich und war entschlossen, mich von der Spielhölle loszusagen, sobald ich, auf gütlichem Wege oder mit Gewalt, mein Geld zurückerlangt hätte. Am anderen Morgen um neun Uhr erhielt ich von Medini einen Brief, worin er mich bat, ich möchte bei ihm vorsprechen, um die Angelegenheit zu erledigen. Ich ließ ihm antworten, er möchte sich mit Goudar auseinandersetzen und mich entschuldigen, wenn ich nicht zu ihm ginge. Eine Stunde später trat er in mein Zimmer und bot seine ganze Beredsamkeit auf, damit ich von ihm einen in acht Tagen zahlbaren Wechsel über zweihundert Unzen annähme. Ich schlug das rundweg ab und wiederholte, ich wollte nur mit Goudar zu tun haben, und verlangte von diesem mein Geld bis Mittag; ich wäre zu allem entschlossen, wenn er es mir nicht wiedergäbe, denn er hätte es von mir nur in Verwahrung. Medini wurde laut und rief, mein Widerstand sei eine Beleidigung für ihn. Ich ergriff ein Pistol, schlug es auf ihn an und befahl ihm, augenblicklich hinauszugehen. Er tat das erbleichend und ohne ein einziges Wort zu sagen. Um zwölf Uhr mittags ging ich zu Goudar, ohne Degen, aber mit zwei guten Pistolen in der Tasche. Ich fand bei ihm Medini, der mir sofort den Vorwurf machte, ich hätte ihn in meiner Wohnung ermorden wollen. Ich antwortete ihm nicht, hielt mich immer auf meiner Hut und sagte Goudar, er solle mir meine zweihundert Unzen wiedergeben. Goudar verlangte sie von Medini. Und nun wäre der Streit losgegangen, wenn ich diesen nicht dadurch verhindert hätte, daß ich die Treppe hinuntereilte, nachdem ich Goudar gesagt hätte, ich würde gegen ihn einen Krieg führen, der ihn zugrunde richten sollte, wenn mein Geld mir nicht unverzüglich zugestellt würde. Als ich auf der Schwelle der Torfahrt war, sah ich die schöne Sara, die mich von ihrem Fenster aus bat, die Hintertreppe hinaufzugehen und mit ihr unter vier Augen zu sprechen. Als ich sie bat, mich zu entschuldigen, sagte sie, sie werde herunterkommen. Einen Augenblick darauf war sie bei mir und sagte: »Sie haben recht, mein lieber Freund, wenn Sie Ihr Geld verlangen; aber mein Mann hat augenblicklich kein Geld und darum müssen Sie zwei oder drei Tage warten. Ich bürge Ihnen für die Bezahlung.« »Es tut mir leid, meine Gnädige, in diesem Augenblick nichts für eine so liebenswürdige Dame wie Sie tun zu können; aber nichts kann mich beruhigen als mein Geld, und Sie werden mich nicht wieder in Ihrem Hause sehen, dem ich hiermit den Krieg erkläre.« Kaum hatte ich dies gesagt, so zog sie von ihrem Finger einen Solitär, den ich kannte und der mindestens vierhundert Unzen wert war. Sie bat mich, diesen Ring als Pfand anzunehmen. Ich nahm ihn, machte ihr meine Verbeugung und ging. Ohne Zweifel war sie sehr erstaunt, denn sie war in einem Morgengewande von so verführerischer Unordnung, daß sie wohl kaum eine Abweisung zu befürchten brauchte. Sehr zufrieden mit meinem Siege ging ich zu dem Advokaten, Agatas Mann, bei dem ich zu Mittag essen sollte. Ich erzählte ihm die Geschichte mit allen Einzelheiten und bat ihn, jemanden ausfindig zu machen, der mir zweihundert Unzen auf den Ring gäbe. Er sagte, er werde das selber machen, schrieb mir eine Quittung in aller Form und gab mir sofort zweihundert Unzen; hierauf schickte er in meinem Namen an Goudar ein Briefchen und teilte ihm mit, daß der Ring bei ihm hinterlegt sei. Nachdem diese Sache in Ordnung gebracht war, fand ich meine gute Laune wieder. Vor dem Essen nahm Agata mich mit sich in ihr Zimmer, öffnete einen schönen Juwelenkasten und zeigte mir die herrlichen Ohrgehänge und die anderen Schmucksachen, die ich ihr geschenkt hatte, als ich reich und in sie verliebt war. Dazu sagte sie: »Ich bin jetzt reich und verdanke Ihnen mein ganzes Glück, mein lieber Freund; Sie würden mich daher glücklich machen, indem Sie alles wiedernehmen, was Sie mir gegeben haben. Fassen Sie dies nicht als Beleidigung auf! Mein Herz ist voller Dankbarkeit, und was ich Ihnen sage, ist heute morgen zwischen meinem guten Manne und mir verabredet worden.« Um mir alle Bedenken zu nehmen, zeigte sie mir hierauf alle Diamanten, die ihr Gemahl ihr geschenkt hatte. Sie hatten früher seiner ersten Frau gehört und besaßen einen sehr beträchtlichen Wert. Voller Dankbarkeit und Bewunderung für ein so edles und zartfühlendes Benehmen konnte ich keine Worte finden, um ihr meine Gefühle auszudrücken, aber ich drückte ihr innig die Hände, und meine Blicke sagten ihr deutlich genug, was ich in meinem Herzen fühlte. In diesem Augenblick trat ihr Gatte ein. Es war wirklich alles zwischen ihnen verabredet worden; denn der brave Mann ergriff freundschaftlich meine Hand und sagte mir, ich dürfte nicht zögern, den Vorschlag seiner Frau anzunehmen, die mir dadurch ihre und seine aufrichtige Freundschaft bewiese. Mit diesen Worten umarmte er mich zärtlich. Wir begaben uns wieder zur Gesellschaft, die aus einem Dutzend guter Freunde bestand; aber der einzige, der meine Aufmerksamkeit fesselte, war ein sehr junger Mann, der offenbar in Agata verliebt war. Er hieß Don Pasquale Latilla. Er besaß alles, was ein Mann braucht, um geliebt zu werden: Geist, Liebenswürdigkeit, Manieren und ein sehr hübsches Gesicht. Wir machten uns bei Tisch näher miteinander bekannt. Unter den Angehörigen des schönen Geschlechts entzückte mich vor allen ein junges Mädchen. Sie war erst vierzehn Jahre alt, aber wie eine Achtzehnjährige entwickelt. Agata sagte mir, sie studiere Musik, um sich dem Theater zu widmen, denn sie sei arm. »Arm und so schön?« »Ja, denn sie will sich nur ganz und gar hingeben, und wenn ein Mann sie haben wollte, müßte er für alles aufkommen; in Neapel aber sind Männer solcher Art sehr selten.« »Es ist unmöglich, daß sie keinen Liebhaber hat!« »Wenn es der Fall ist, so weiß wenigstens kein Mensch etwas davon. Du kannst ihre Bekanntschaft machen und sie besuchen; dann wirst du es bald erfahren.« »Wie heißt sie?« »Callimene. Sie wohnt am Platz beim Eierschloß. Die Dame, die in diesem Augenblick mit ihr spricht, ist ihre Tante, und ich errate, daß sie von dir sprechen.« Wir setzten uns zu Tisch. Das Essen war ausgezeichnet: reichlich und verständig zubereitet. Agata strahlte vor Freude, daß sie mich von ihrem Glück überzeugen konnte. Der alte Abbate Gama war ganz stolz darauf, daß er mich eingeführt hatte; Don Pasquale Lattila konnte nicht eifersüchtig sein auf die Aufmerksamkeiten, die sein Abgott für mich hatte, denn ich war ein Fremder und konnte Anspruch darauf machen; und Agatas Mann glänzte durch seinen Geist und durch die Abwesenheit der gewöhnlichen Vorurteile, durch die der natürliche und lebhafte Geist seiner Landsleute noch sehr verdunkelt wird. Während man mich so von allen Seiten mit Aufmerksamkeiten überhäufte, beschäftigte ich mich beständig mit Callimene. Ich wünschte sie geistreich zu finden und richtete daher oft das Wort an sie; sie antwortete mir höflich, aber immer so kurz, daß ich ein scherzhaftes Gespräch nicht anknüpfen konnte. Ich fragte sie, ob Callimene ihr Familienname oder ihr Rufname sei. »Es ist mein Taufname.« »Der Name ist griechisch, und Sie wissen ohne Zweifel, was er bedeutet.« »Nein.« »Rasende Schönheit oder schöner Mond.« «Ich freue mich, zu vemehmen, daß ich mit meinem Namen nichts gemein habe.« »Haben Sie Brüder und Schwestern?« »Ich habe nur eine verheiratete Schwester, die Sie vielleicht kennen.« »Wie heißt sie und wo ist sie verheiratet?« »Ihr Mann ist Piemontese, aber sie lebt von ihm getrennt.« »Sollte es etwa Madame Slopis sein, die mit dem Ritter Acton reist?« »Ganz recht.« »Ich werde Ihnen angenehme Nachrichten über sie geben.« Nach Tisch fragte ich Agata, in welcher Eigenschaft das reizende Geschöpf bei ihr zu Mittag äße. »Mein Mann ist ihr Pate und tut für sie, was er kann.« »Wie alt ist sie genau?« »Vierzehn Jahre.« »Das ist ein Wunder! Welch eine Schönheit« »Aber ihre Schwester ist noch schöner.« »Ich kenne sie nur dem Namen nach.« In diesem Augenblick meldete man Goudar, der mit dem Herrn Advokaten eine geheime Unterredung zu haben wünschte. Der Advokat empfing ihn in einem Nebenzimmer, und als er eine Viertelstunde darauf wieder kam, sagte er mir, er habe die zweihundert Unzen empfangen und dafür den Ring herausgegeben. So war also die Geschichte erledigt. Ich war sehr froh darüber. Allerdings war ich mit Goudar auf ewig erzürnt, aber daraus machte ich mir sehr wenig. Es wurde Karten gespielt, und Agata brachte mich mit Callimene zusammen, die mich durch ihren reizenden Charakter entzückte, der ebenso völlig ungekünstelt war wie ihre Schönheit. Ich sagte ihr alles, was ich von ihrer Schwester wußte und versprach ihr, mich in Turin zu erkundigen, wo sie sich augenblicklich aufhielte. Ich sagte ihr, daß ich sie liebte, und fragte sie, ob sie mir erlaubte, sie zu besuchen. Ich war von ihrer Antwort sehr befriedigt. Am anderen Morgen hatte ich nichts Eiligeres zu tun, als ihr guten Tag zu sagen. Ich fand sie mit ihrem Lehrer am Klavier. Ihr Talent war mittelmäßig, aber die Liebe ließ es mich hervorragend finden. Als der Lehrer fort war, blieb ich mit ihr allein. Die reizende Kleine entschuldigte sich tausendmal wegen ihres armseligen Morgenrockes und wegen der armseligen Möbel. Sie bedauerte unendlich, daß es ihr unmöglich sei, mir ein anständiges Frühstück oder Mittagessen anzubieten. »Dies alles trägt nur dazu bei, in meinen Augen Ihren Wert zu erhöhen; ich fühle mich unglücklich, daß ich nicht imstande bin. Ihnen ein Ihrer würdiges Vermögen anzubieten.« Während sie anhörte, was ich zum Lobe ihrer Schönheit sagte, erlaubte sie mir, sie mit Küssen zu bedecken; als ich aber weitergehen wollte, hielt sie mich zurück, indem sie mir gleichzeitig einen Kuß gab, wie wenn sie mich besänftigen wollte. Ich machte eine Anstrengung, mich zu beherrschen, und es gelang mir, ruhig zu bleiben. Dann bat ich sie, mir aufrichtig zu gestehen, ob sie einen Geliebten habe. »Ich habe keinen.« »Haben Sie einen gehabt?« »Niemals.« »Nicht einmal vorübergehend, so aus Laune?« »O nein, nie!« »Wie? Sie sind so schön und, wie ich glaube, auch sinnlich, und es sollte in Neapel kein Mann sein, der es verstanden hätte, Ihnen Wünsche einzuflößen?« »Niemand; denn niemals hat einer dies versucht. Niemand hat bis jetzt so zu mir gesprochen wie Sie! Das können Sie mir glauben.« »Ich glaube Ihnen, und ich sehe, daß ich meine Abreise beschleunigen muß, um nicht der unglücklichste aller Menschen zu werden.« »Wieso denn?« »Indem ich Sie liebe, ohne daß ich hoffen kann, Sie zu besitzen.« »Lieben Sie mich und bleiben Sie! Warum sollten Sie es nicht dahin bringen, daß ich Sie liebe? Mäßigen Sie nur Ihre Erregung; denn Sie werden begreifen, daß ich nicht in Sie verliebt werden kann, wenn ich sehe, daß Sie sich nicht selber beherrschen können.« »Wie jetzt zum Beispiel?« »Ja. Wenn ich Sie ruhig sehe, werde ich denken, Sie mäßigen sich mir zuliebe, und Liebe entspringt oft aus Dankbarkeit.« Sie sagte mir damit auf feine Weise, daß sie mich noch nicht liebte, daß es aber wohl allmählich dahin kommen könnte, und ich begriff, daß der von ihr angedeutete Weg der beste war, um mich zum Ziel zu führen. Ich befand mich in dem Alter, wo ein Mann sich leicht entschließt, geduldig vorzugehen. Nachdem ich sie zärtlich umarmt hatte, fragte ich sie beim Abschied, ob sie Geld nötig hätte. Über diese Frage errötete sie; gleich darauf aber sagte sie mir, ich möchte ihre Tante, die im Nebenzimmer wäre, danach fragen. Ich ging allein hinein und war ein wenig verlegen, als ich zwei sehr bescheidene Kapuziner bei ihr fand, die sie mit einem einfachen und scherzhaften Geplauder unterhielten, während sie nähte; dicht bei ihnen waren drei junge Mädchen damit beschäftigt, Wäsche zu nähen. Die Tante wollte aufstehen, um mich zu begrüßen; ich hielt sie davon ab, erkundigte mich nach ihrer Gesundheit und machte ihr lächelnd ein Kompliment über ihre Gesellschaft. Sie lächelte ebenfalls, die Kapuziner aber blieben wie Bildsäulen auf ihren Plätzen, ohne mich eines Blickes zu würdigen. Ich nahm einen Stuhl und setzte mich ihr ganz dicht gegenüber. Die Tante streifte, wie man zu sagen pflegt, das fünfzigste Jahr, wenn sie nicht schon rittlings quer darüber saß; ihre Manieren waren höflich, ihr Benehmen anständig und ihre Züge zeigten die Spuren einer Schönheit, die der Rost der Jahre angefressen hatte. Obwohl ich völlig frei von Vorurteilen bin, war die Gegenwart der beiden Bocksbärte, die in ihren Kutten schwitzten und infolgedessen ekelhafte Gerüche ausströmten, mir im höchsten Grade unbequem. Es kam mir als eine Beleidigung vor, daß sie so hartnäckig blieben. Ich wußte wohl, daß sie Menschen waren wie ich, und daß sie trotz ihrem Bocksbart und ihrer schmierigen Kutte dieselben Neigungen haben mußten wie ich; aber ich fand ihre Frechheit unverzeihlich, denn sie verachteten offenbar mein Recht, sie schlecht zu behandeln. Ich konnte sie nicht beleidigen, ohne die Dame zu beleidigen, und das wußten die Burschen; sie wußten, daß ich Rücksicht auf die Dame nehmen mußte. Niemand weiß solche Berechnungen besser auszunützen als ein Mönch. Nachdem ich ganz Europa durchzogen habe, kann ich sagen, daß ich nur in Frankreich eine anständige Geistlichkeit gefunden habe, die sich in den Grenzen ihres Standes zu halten weiß. Nach einer Viertelstunde konnte ich es nicht mehr aushalten und sagte der Tante, ich hätte ihr etwas unter vier Augen mitzuteilen; ich glaubte, nun würden die beiden Satyrn verschwinden; aber ich hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Die Tante stand auf und führte mich in das andere Zimmer. Auf meine Frage, die ich so schonend wie möglich stellte, antwortete sie mir: »Ach, ich brauche nur allzu dringend zwanzig Dukaten (ungefähr achtzig Franken), um meine Miete zu bezahlen.« Ich drückte ihr diesen Betrag in die Hand und sah sie tief von Dankbarkeit durchdrungen; aber ich entfernte mich, ohne ihr Zeit zu lassen, mir diese auszudrücken. An diesem Tage hatte ich ein eigentümliches Erlebnis, das ich meinen Lesern, wenn ich jemals welche haben sollte, mitteilen muß. Als ich allein auf meinem Zimmer speiste, meldete man mir einen Venetianer, der mich zu kennen behauptete und mit mir zu sprechen wünschte. Ich ließ ihn eintreten und sah ein Gesicht, das mir nicht unbekannt war, auf das ich mich aber nicht besinnen konnte. Der Mann war von meiner Größe; aus seinen Zügen sprachen Hunger, Elend und Erschöpfung; er hatte einen außerordentlich langen Bart und einen kahlen Kopf. Er trug eine eselsgraue Kutte und um den Leib einen dicken Strick, woran sich ein Rosenkranz und ein schmutziges Taschentuch befanden, über seinen Rücken hing eine große Kapuze herab; in der linken Hand hielt er einen viereckigen Korb und in der rechten einen langen Stock. Dieser Mensch, der mir noch heute vor den Augen steht, sah nicht aus wie ein Diener Gottes, ein reuiger Sünder, ein demütiger Almosenempfänger, sondern wie ein Verzweifelter, ein Rasender, ein Mörder. »Wer sind Sie? Es kommt mir vor, wie wenn ich Sie irgendwo einmal gesehen habe, aber...« »Ich werde Ihnen sagen, wer ich bin, und Sie werden überrascht sein, wenn Sie meine Leiden vernehmen; zuvor aber lassen Sie mir etwas zu essen geben, denn ich sterbe vor Hunger; seit drei Tagen habe ich nur eine schlechte Suppe gegessen.« »Gern. Lassen Sie sich unten etwas zu essen geben, und kommen Sie dann wieder; denn während des Essens könnten Sie ja doch nicht mit mir sprechen.« Mein Lakai ging mit ihm hinunter, um ihm etwas zu essen geben zu lassen; als er wieder hinaufkam, befahl ich ihm, mich nicht mit dem Mann allein zu lassen; denn dieser flößte mir Angst ein. Trotzdem war ich ungeduldig, seine Geschichte zu hören, denn ich war überzeugt, daß ich ihn kennen mußte. Nach dreiviertel Stunden kam er wieder; er sah aus wie ein Kranker, dem ein Fieberanfall das Gesicht entflammt hat. »Setzen Sie sich und sprechen Sie frei heraus!« «Ich bin Albergoni.« »Wie?« Dieser Albergoni war ein Edelmann aus Padua, mit dem ich fünfundzwanzig Jahre früher sehr eng befreundet gewesen war. Albergoni hatte wenig Vermögen, aber viel Geist und eine große Neigung zur Genußsucht und zur Satire. Er machte sich über die Behörden und über die betrogenen Ehemänner lustig, feierte Venus und Bacchus als ein wahrer Athlet, frönte der Päderastie und war ein entschlossener Spieler. Außerdem war dieser jetzt abstoßend häßliche Mann bis zum Alter von fünfundzwanzig Jahren schön wie ein Antinous gewesen. Er erzählte mir folgendes: »Eine Gesellschaft von etlichen jungen Tollköpfen, zu denen ich gehörte, hatte ein Kasino auf der Zuecca, wo wir köstliche Stunden verbrachten, ohne einem Menschen etwas zuleide zu tun. Irgend jemand bildete sich ein, unsere Gesellschaften seien unerlaubten Vergnügungen gewidmet, man machte uns im tiefsten Geheimnis den Prozeß, das Kasino wurde geschlossen, und gegen die Mitglieder wurden Haftbefehle erlassen. Alle flohen, außer mir und einem gewissen Branzandi. Nachdem wir zwei Jahre lang auf den Ausgang unseres Prozesses gewartet hatten, kam endlich das ungerechte Urteil heraus. Mein unglücklicher Leidensgefährte wurde verurteilt, enthauptet, um dann verbrannt zu werden; ich erhielt zehn Jahre carcere duro . Im Jahre 1765 wurde ich in Freiheit gesetzt und zog mich nach Padua zurück, wo ich ruhig leben zu können hoffte; aber man quälte mich unaufhörlich, und um mir diesen Aufenthalt zu verekeln, klagte man mich abermals desselben Verbrechens an. Ich glaubte, dem Blitzstrahl nicht trotzen zu können, und begab mich nach Rom; zwei Jahre darauf verurteilte der Rat der Zehn mich zu lebenslänglicher Verbannung. Man kann eine solche Strafe geduldig ertragen, wenn man seinen Lebensunterhalt hat; aber mein hinterlistiger Schwager hat sich meines Vermögens bemächtigt, und das ungerechte Tribunal hat ihn dabei begünstigt. Ein römischer Sachwalter ist beauftragt worden, mir eine Pension von täglich zwei Paoli anzubieten unter der Bedingung, daß ich in rechtsgültiger Form auf alle Ansprüche irgendwelcher Art verzichte. Ich habe diese unbillige Bedingung abgelehnt und Rom verlassen, um hier bei Neapel Eremit zu werden. Seit zwei Jahren treibe ich dieses traurige Gewerbe; aber ich kann es nicht länger aushalten, das Elend tötet mich.« »Kehren Sie nach Rom zurück; ich glaube mit zwei Paoli täglich werden Sie dort leben können.« »Ich bin entschlossen, lieber zu sterben, als in solche Schmach einzuwilligen.« Ich bedauerte ihn aufrichtig, mußte ihm aber leider sagen, daß ich nicht reich sei. Ich lud ihn jedoch ein, während meines ganzen Aufenthaltes in Neapel in meinem Gasthof auf meine Rechnung zu essen; ich würde den Wirt benachrichtigen. Zugleich gab ich ihm eine Zechine. Drei oder vier Tage darauf sagte mein Bedienter mir, der Unglückliche habe sich das Leben genommen. Man fand in seiner Kammer fünf Lotterienummern, die er Medini und mir zum Dank für die ihm erwiesenen Wohltaten vermachte. Diese fünf Nummern brachten der Lotterie von Neapel viel Geld ein; denn jedermann spielte darauf, nur ich nicht. Keine einzige der Zahlen kam heraus; aber diese Enttäuschung heilte keinen Menschen; denn es besteht nun einmal das Vorurteil, daß die Nummern, die jemand unmittelbar vor seinem Selbstmord aufschreibt, unfehlbar seien. Dieses Vorurteil ist bei dem unwissendsten, wenn auch zugleich geistreichsten Volk Europas unausrottbar eingewurzelt. Ich besuchte die Leiche des Unglücklichen, bei dessen Anblick sich mir das Herz umdrehte. Hierauf ging ich in ein Kaffeehaus, wo ein Klugsprecher seine Ansicht über den Selbstmord zum besten gab und behauptete, der Tod durch Erhängen müsse köstlich sein, denn jeder Mann, der sich aufhänge, habe im Augenblick des Todes eine Erektion. Er hatte vielleicht recht, andererseits könnte die Erektion auch von einer schmerzhaften Erregung erzeugt sein, und ich dachte daher damals, wie ich noch heute denke: um diese Frage entscheiden zu können, müßte man alles selber durchgemacht haben. Als ich das Kaffeehaus verließ, hatte ich das Glück, einen kleinen Taschentücherdieb bei der Hand zu erwischen, als er mir gerade ungefähr das zwanzigste im Laufe eines Monats stehlen wollte, überall, besonders aber in Neapel, gibt es eine ganze Menge kleiner Schlingel, die nur von diesem Gewerbe leben und deren Geschicklichkeit erstaunlich ist. Als der Bursche sich erwischt sah, bat er mich, keinen Lärm zu machen; er werde mir alle Taschentücher wiedergeben, die er mir gestohlen habe, im ganzen sieben oder acht. »Du hast mir mehr als zwanzig weggenommen.« »Nicht ich, sondern einer meiner Kameraden. Kommen Sie mit mir, vielleicht finden Sie sie alle wieder.« »Ist es weit?« »Am Schloßplatz. Aber lassen Sie mich los, man beobachtet uns.« Der kleine Spitzbube führte mich nach einem elenden Wirtshaus und ließ mich in ein Zimmer eintreten, wo ein sehr beweglicher Mann mich fragte, ob ich alte Sachen kaufen wollte. Als er erfuhr, daß ich Taschentücher wünschte, die mir gestohlen worden wären, öffnete er einen großen Schrank und zeigte mir mindestens zweihundert, unter denen ich ein Dutzend von den meinigen fand, die ich für eine Kleinigkeit zurückkaufte. Einige Tage später kaufte ich ohne alle Gewissensbedenken mehrere andere von ihm, obwohl ich bestimmt wußte, daß sie gestohlen waren. Dieser ehrliche neapolitanische Händler, ein richtiger Jude in seinem Beruf, hielt mich offenbar für unfähig, ihn zu verraten; denn zwei oder drei Tage vor meiner Abreise aus Neapel sagte er mir im Vertrauen: wenn ich ihm für zehn- oder zwölftausend Dukaten Waren abkaufen wollte, könnte ich in Rom oder anderswo das Vierfache daran verdienen. »Was sind das für Waren?« »Uhren, Tabaksdosen, Ringe, die ich hier nicht zu verkaufen wage.« »Und Sie fürchten nicht, entdeckt zu werden?« »Ich habe nicht viel zu befürchten; auch vertraue ich mich nicht aller Welt an.« Ich dankte ihm, weigerte mich aber, seine Kleinodien zu sehen; denn ich fürchtete, der Versuchung nicht widerstehen zu können, für zehn zu kaufen, was fünfzig wert war. Dies hätte mich in einen Abgrund stürzen können. In meinen Gasthof zurückgekehrt, fand ich dort neu angekommene Fremde, von denen einige mir bekannt waren. Bartoldi war von Dresden mit zwei jungen Sachsen angekommen, deren Mentor er war. Die jungen Herren waren schön, reich und sahen ganz danach aus, wie wenn sie das Vergnügen liebten. Bartoldi war ein alter Bekannter von mir. Er hatte in der italienischen Komödie des vorigen Königs von Polen den Harlekin gespielt. Nach dem Tode des Herrschers war Bartoldi zum Kommissionsrat für die Opera buffa ernannt worden. Die Kurfürsten-Witwe, die eine große Musikkennerin war, liebte diese Oper sehr. Die anderen Fremden, die zu gleicher Zeit mit großem Gefolge angekommen waren, waren Miß Chudleigh, die inzwischen Herzogin von Kingston geworden war, ein Lord und ein Chevalier, deren Namen ich vergessen habe. Die Herzogin erkannte mich sofort und war ohne Zögern damit einverstanden, daß ich ihr den Hof machen wollte. Eine Stunde darauf machte Herr Hamilton ihr einen Besuch, und ich war entzückt, seine Bekanntschaft zu machen. Wir speisten alle zusammen. Herr Hamilton war ein genialer Mann; trotzdem hat er sich schließlich mit einem jungen Mädchen verheiratet, die das Talent besaß, ihn in sie verliebt zu machen. Dieses Unglück stößt oft klugen Leuten zu, wenn sie alt werden. Sich zu verheiraten, ist immer eine Dummheit; aber wenn ein Mann sie zu einer Zeit begeht, wo seine körperlichen Kräfte abnehmen, so wird sie unverzeihlich; denn die Frau, die er heiratet, kann – besonders wenn sie jung ist – nur Gefälligkeiten für ihn haben, die er stets teuer bezahlen muß; wenn aber zufällig die Frau in ihn verliebt ist, so tötet sie ihn. Vor sieben Jahren war ich dicht daran, diese Dummheit zu begehen; ich danke Gott, daß ich meine Absicht nicht ausführte. Nach unserem Mittagessen stellte ich der Herzogin die beiden Sachsen vor, die ihr Nachrichten von ihrer sehr guten Freundin, der Kurfürstin-Witwe, gaben; hierauf gingen wir zusammen ins Theater. Zufällig befand Madame Goudar sich in der Loge neben der unsrigen, und Hamilton amüsierte die Herzogin, indem er ihr die Geschichte der schönen Insulanerin erzählte; sie war jedoch nicht neugierig, deren Bekanntschaft zu machen. Nach dem Abendessen machte die Herzogin eine Partie Quinze mit den beiden Engländern und den beiden Sachsen. Das Spiel war klein, der Verlust mittelmäßig, und die beiden Sachsen waren siegreich. Ich hatte nicht mitgespielt, beschloß jedoch, am nächsten Tage mich ebenfalls an dem Spiel zu beteiligen. An diesem Tage speisten wir alle bei dem Fürsten von Francavilla, der uns ein herrliches Mahl gab. Gegen Abend führte er uns nach einem ihm gehörenden kleinen Bade am Meere und zeigte uns ein Wunder. Ein Priester warf sich nackt in das Wasser und schwamm, ohne irgendwelche Bewegung zu machen, wie ein Fichtenbrett. Es war nichts Künstliches dabei, denn es ist unzweifelhaft, daß er diese Fähigkeit der Einrichtung seines inneren Organismus verdankte. Hierauf gab der Fürst der Herzogin ein sehr interessantes Schauspiel: er ließ gleichzeitig alle seine Pagen, Jünglinge von fünfzehn bis siebzehn Jahren und schön wie Liebesgötter, ins Wasser springen. Sie tauchten fast gleichzeitig aus den Wellen empor und schwammen vor unseren Augen, indem sie durch tausend verschiedene Stellungen ihre Kraft und ihre Anmut zeigten. Alle diese jungen Adonisse waren die Mignons des liebenswürdigen und prachtliebenden Fürsten, der in der Liebe Ganymed der Hebe vorzog. Die Engländer fragten den Fürsten, ob er ihnen dasselbe Schauspiel mit Nymphen an Stelle der Adonisse geben würde, und er versprach es ihnen für den nächsten Tag in einem ungeheuern Marmorbassin zu geben, das er mitten im Garten seines prachtvollen Hauses in der Umgegend von Portici hatte herstellen lassen. Sechzehntes Kapitel Meine Liebschaft mit Callimene. – Reise nach Sorrent. – Medini. – Goudar. – Miß Chudleigh. – Der Marchese della Petina. – Gaetano. – Der Sohn der Cornelis. – Geschichte von Sara Goudar. – Die von dem König geprellten Florentiner. – Meine glückliche Reise nach Salerno. – Abreise von Neapel und Ankunft in Rom. Der Fürst von Francavilla war ein prachtliebender, geistvoller, reicher Epikuräer, der den Wahlspruch hatte Fovet et favet hatte . Er stand in Spanien in Gunst; der König hatte jedoch geglaubt, ihn in Neapel lassen zu müssen, weil er fürchtete, daß er seine perversen Neigungen dem Prinzen von Asturien, seinem Bruder und vielleicht dem ganzen Hofadel mitteilen könnte. Am nächsten Tage zeigte er uns seinem Versprechen gemäß das Bassin von zehn oder zwölf jungen Mädchen belebt, die bis zum Abend vor uns ihre Schwimmkunst machten. Miß Chudleigh und die beiden anderen Damen fanden diese Unterhaltung langweilig, aber das Schauspiel des vorigen Tages hatten sie köstlich gefunden. Diese Gesellschaft verhinderte mich nicht, meine liebe Callimene, die mich schmachten ließ, zweimal täglich zu besuchen. Agata, die ich alle Tage sah, war die Vertraute meiner Flamme; sie hätte gern ein Mittel gefunden, um mich ans Ziel zu bringen, aber ihre Würde erlaubte ihr nicht, offen vorzugehen. Sie versprach mir, sie zu einem beabsichtigten Ausflug nach Sorrent einzuladen, in der Hoffnung, daß es mir während der Nacht, die wir dort zubringen würden, gelingen könnte, sie zu besiegen. Bevor diese Partie mit Agata zustande kam, verabredete Hamilton denselben Ausflug mit der Herzogin von Kingston, und da es sich um ein Picknick handelte, so nahm ich ebenfalls daran teil; ferner beteiligten sich die beiden Sachsen und ein reizender Abbate Giuliani, mit dem ich später in Rom genauer bekannt wurde. Um vier Uhr morgens fuhren wir in einer Feluke mit zwölf Ruderern von Neapel ab, und um neun Uhr kamen wir in Sorrent an. Wir waren fünfzehn, alle in heiterster Stimmung und hingerissen von den Freuden, die dieses irdische Paradies uns bot. Hamilton führte uns in einen Garten, der dem Herzog von Serra Capriola gehörte; zufällig war der Herr selber dort mit seiner Gemahlin, einer Piemontesin, die damals schön wie ein Stern und in ihren Gatten verliebt war. Der Herzog war seit ein paar Monaten auf dieses Landgut verbannt, weil er sich in einer zu glänzenden Equipage auf der Promenade gezeigt hatte. Der Minister Tanucci hatte beim König durchgesetzt, daß der Herzog bestraft werde, weil er die Luxusgesetze verletzt und dadurch ein verderbliches Beispiel gegeben habe. Der König, der noch nicht gelernt hatte, dem Willen seines Ministers zu widerstehen, hatte den Herzog und seine Frau verbannt, aber er hatte ihnen das angenehmste Gefängnis seines Königreichs angewiesen. Leider mißfällt jedes Paradies, wenn man gezwungen ist, es zu bewohnen; daher starb das verbannte Ehepaar vor Langeweile, und unser Erscheinen war für alle beide ein wahrer Balsam. Ein Abbate Bettoni, den ich vor neun Jahren bei dem verstorbenen Herzog von Matalone kennen gelernt hatte, besuchte die beiden liebenswürdigen Exilierten und war sehr erfreut, mich bei ihnen zu finden. Dieser Abbate war ein Edelmann aus Brescia, der Sorrent zu seinem dauernden Wohnsitz erwählt hatte. Er hatte dreitausend Taler Einkünfte und lebte an diesem Ort im Überflusse aller Gaben des Bacchus, der Ceres, des Comus und besonders auch der Venus, die seine Lieblingsgottheit war. Er brauchte nur zu begehren, so erhielt er, und er konnte nicht mehr begehren, als was die verschwenderische Natur ihm in Sorrent darbot. Er war zufrieden und lachte über die Philosophen, die der Meinung sind, ein Mensch könnte mit einem mittelmäßigen Vermögen nicht glücklich sein, selbst wenn er nur mäßige Leidenschaften hätte und sich einer vollkommenen Gesundheit erfreute. Es berührte mich peinlich, in seiner Gesellschaft den Grafen Medini zu sehen, der mein Feind sein mußte und den ich verachtete; wir begrüßten uns denn auch sehr kalt. Bei Tisch waren wir zweiundzwanzig Personen. Wir erhielten eine ausgezeichnete Mahlzeit, denn in jener Gegend ist alles ganz köstlich, besonders auch das Mehl; es gibt dem Brot einen würzigen Geschmack, den man sonst nirgendwo findet. Den Nachmittag über streiften wir durch die Dörfer, deren Alleen schöner sind als die der prachtvollsten Schlösser Europas. Wir fanden beim Abbate Bettoni Gefrorenes von Zitronen, Kaffee und Schokolade und köstlichen Rahmkäse. Bekanntlich ist dieser in Neapel ausgezeichnet, aber der Abbate war ganz besonders gut bedient. Er hatte fünf oder sechs entzückend schöne junge Bauernmädchen, die so sauber waren, daß sie durchaus nicht den Eindruck gewöhnlicher Mägde machten. Als ich ihn fragte, ob dies sein Serail sei, antwortete er mir, das könne wohl sein; aber die Eifersucht sei ausgeschlossen, und es liege nur an mir, mich davon zu überzeugen, indem ich acht Tage bei ihm zubringe. Ich bewunderte diesen glücklichen Sterblichen, aber ich beklagte ihn zugleich; denn er war mindestens zwölf Jahre älter als ich, und ich war bereits nicht mehr jung. Sein Glück konnte nicht von langer Dauer sein. Gegen Abend kehrten wir zum Herzog zurück, bei dem wir ein Abendessen vorfanden, das aus Fischen verschiedener Arten bestand. Die Luft in Sorrent gibt ständigen Appetit, und das Abendessen wurde mit Behagen verspeist. Nach dem Essen wünschte Mylady, daß eine Pharaobank aufgelegt werde. Abbate Bettoni, der Medini als berufsmäßigen Spieler kannte, schlug ihm vor, die Bank zu halten. Er entschuldigte sich jedoch damit, daß er nicht genug Geld bei sich habe. Der Wunsch der Herzogin mußte jedoch erfüllt werden, und so erbot ich mich, die Bank zu übernehmen. Man brachte Karten, und ich schüttete meine arme Börse aus, die nicht mehr als vierhundert Unzen enthielt, obgleich dies mein ganzes Vermögen war. Jeder zog Geld hervor und nahm Karten. Medini fragte mich, ob ich ihn an meiner Bank beteiligen wolle; ich antwortete, dies sei mir nicht möglich, da ich mein Geld nicht zählen wolle. Ich zog bis nach Mitternacht ab und hatte nur noch etwa fünfzig Unzen vor mir liegen, als ich aufhörte. Alle Anwesenden hatten gewonnen, mit Ausnahme eines Chevalier Rosbury, der kein Guld bei sich hatte und nur mit englischen Banknoten setzte, die ich in meine Tasche steckte, ohne sie zu zählen. Als ich in meinem Zimmer war, hatte ich nichts Eiligeres zu tun, als meine Banknoten zu untersuchen; denn der Aderlaß, den meine Börse erlitten hatte, beunruhigte mich. Man stelle sich meine Freude vor: ich fand vierhundertundfünfzig Pfund Sterling, mehr als das Doppelte von dem, was ich verloren hatte. Sehr zufrieden mit meinem Tagwerk legte ich mich mit dem Vorsatz zu Bett, von meinem Glück nichts verlauten zu lassen. Da die Herzogin von Kingston gesagt hatte, daß wir um neun Uhr abfahren würden, so bat Frau von Serra Capriola uns, erst noch Kaffee zu trinken, bevor wir zu Schiff gingen. Nach dem Frühstück kamen Medini und Bettoni, und der erstere fragte Herrn Hamilton, ob er nicht etwa störe, wenn er mit uns nach Neapel zurückfahre. Da Hamilton nicht gut nein sagen konnte, so wurde er zugelassen. Um zwei Uhr waren wir wieder in unserem Gasthof, wo ich zu meiner Überraschung in meinem Vorzimmer eine junge Dame fand, die mit traurigem Gesicht auf mich zutrat und mich fragte, ob ich sie wiedererkenne. Es war die älteste von den fünf Hannoveranerinnen, die ich in London geliebt hatte – jene, die mit dem Marchese della Petina geflohen war. Ich war ebenso neugierig wie überrascht und ließ sie eintreten, indem ich zugleich mein Mittagessen bestellte. »Wenn Sie allein speisen, werde ich gerne mit Ihnen essen.« »Sehr angenehm.« Ich bestellte das Essen für zwei Personen. Ihre Geschichte war nicht lang. Sie befand sich in Neapel mit ihrem Gatten, den seine Mutter nicht hatte sehen wollen. Der Unglückliche hatte sich mit seiner Frau in eine elende Schenke zurückgezogen und hatte alles verkauft, was sie besaß; ein paar Monate später hatte man ihn wegen sieben oder acht Fälschungen ins Gefängnis gesetzt. Seit sieben Jahren unterhielt die arme Hannoveranerin ihn im Gefängnis. Sie hatte gehört, daß ich in Neapel war, und wollte mich nur bitten, ihr zu helfen, nicht etwa indem ich ihr Geld gäbe, wie der Marchese es wünschte, sondern indem ich die Herzogin von Kingston veranlaßte, sie in ihren Dienst zu nehmen, damit sie wieder nach Deutschland kommen könnte. »Sind Sie die Frau des Marchese?« »Nein.« »Wie haben Sie ihn sieben Jahre lang erhalten können?« »Ach!... Denken Sie sich hundert Geschichten aus, und sie werden alle wahr sein.« »Ich errate.« »Können Sie mir eine Unterredung mit der Herzogin verschaffen?« »Ich werde mit ihr sprechen; aber ich mache Sie darauf aufmerksam; daß ich nur die Wahrheit sagen werde.« »Vortrefflich! Ich auch. Ich kenne Ihren Charakter.« »Kommen Sie morgen wieder.« Gegen sechs Uhr besuchte ich Hamilton, um mich zu erkundigen, wie ich die am Tage vorher gewonnenen englischen Banknoten umwechseln könnte. Er gab mir selber den Wert. Vor dem Abendessen sprach ich mit der Herzogin zugunsten der armen Hannoveranerin. Mylady sagte, sie erinnere sich, sie gesehen zu haben, aber sie wolle erst mit ihr sprechen, bevor sie sich entscheide. Ich stellte ihr am nächsten Tage die Hannoveranerin vor und ließ sie dann miteinander allein. Das Ergebnis der Unterhaltung war, daß die Herzogin sie an Stelle einer Römerin in ihre Dienste nahm und daß sie mit ihr nach England reiste. Ich habe nie wieder etwas von ihr gehört. Einige Tage nach ihrer Abreise konnte ich Petinas Bitten nicht länger widerstehen und besuchte ihn im Gefängnis der Vicaria. Ich fand bei ihm einen jungen Mann, den ich als seinen Bruder erkannte, obwohl der Jüngling sehr hübsch und er selber sehr häßlich war; aber zwischen Schönheit und Häßlichkeit ist oft nur ein fast unmerklicher Übergang. Dieser Besuch, zu dem mich mehr Neugierde als Gefühl veranlaßt hatte, erheiterte mich nicht, denn ich mußte eine ebenso langweilige wie lange Erzählung über mich ergehen lassen. Als ich fort ging, fand ich unten an der Treppe des Gefängnisses einen Beamten, der mir sagte, ein Gefangener wünsche mit mir zu sprechen. »Wer ist es?« »Er behauptet, Ihr Verwandter zu sein; er heißt Gaëtano.« Mein Verwandter und Gaëtano! Ich glaubte, es könnte der Abbate sein. Ich stieg mit dem Beamten nach dem zweiten Stockwerke hinauf und fand einige zwanzig Unglückliche, die auf der Erde saßen und im Chor unzüchtige Lieder sangen. In den Gefängnissen und auf den Galeren ist Lustigkeit das einzige Mittel gegen Elend und Verzweiflung; der Selbsterhaltungstrieb läßt die Menschen zu diesem Mittel greifen. Einer von den Unglücklichen kam auf mich los und nannte mich Gevatter. Da er Miene machte, mich zu umarmen, so wich ich zurück; er nannte seinen Namen, und ich erkannte in ihm jenen Gaëtano, der vor zwölf Jahren in Paris unter meiner Gevatterschaft die hübsche Frau geheiratet hatte, die ich später wieder aus seinen Klauen befreit hatte. Der Leser wird sich der Geschichte vielleicht noch erinnern. »Ich bedauere, Sie hier zu sehen; aber worin kann ich Ihnen nützlich sein?« »Indem Sie mir etwa hundert Taler bezahlen, die Sie mir für mehrere an Sie verkaufte Waren von Paris her noch schuldig sind.« Da diese Behauptung eine Lüge war, so drehte ich ihm den Rücken zu und sagte nur, er wäre im Gefängnis wohl verrückt geworden. Als ich wieder herunter kam, fragte ich, warum er im Gefängnis wäre, und hörte, er sei ein Fälscher und sei dem Galgen nur durch ein formales Versehen entgangen; infolgedessen sei er zu lebenslänglicher Haft verurteilt. Ich dachte schon nicht mehr an den Elenden, als ich am Nachmittage den Besuch eines Advokaten erhielt, der in Gaëtanos Auftrag hundert Dukaten von mir verlangte. Zur Unterstützung der Ansprüche zeigte er mir ein dickes Geschäftsbuch, worin auf verschiedenen Seiten mein Name stand für Waren, die ich in Paris auf Kredit entnommen haben sollte. »Herr Advokat,« sagte ich, »der Mann ist verrückt; ich bin ihm nichts schuldig, und dieses Buch hat nicht den geringsten Wert.« »Sie irren sich, mein Herr: dieses Buch ist eine Autorität, und die Justiz dieses Landes ist den Ansprüchen armer Gefangener sehr günstig gesinnt. Ich bin deren Anwalt, und ich erkläre Ihnen, daß ich Sie morgen vor Gericht laden lasse, wenn Sie sich nicht heute mit mir einigen.« Ich bezähmte meine Entrüstung, bat ihn höflich um seinen Namen und seine Adresse, die er mir sofort aufschrieb, und versicherte ihm, ich würde die Sache vor Ablauf von vierundzwanzig Stunden ordnen. Ich begab mich zu Agata, und ihr Mann fing an zu lachen, als ich ihm alles erzählte, was sein Kollege mir gesagt hatte. Er ließ mich eine Vollmacht unterzeichnen, und von diesem Augenblick an übernahm er alles, indem er für meinen Prozeß und für meine Person eintrat; dem anderen Anwalt ließ er mitteilen, daß er nur noch mit ihm zu tun habe. Die in Neapel sehr zahlreichen Paglietti leben, abgesehen von einigen ehrenvollen Ausnahmen, nur von Gaunereien, besonders auf Kosten von Fremden. Da der Chevalier Rosbury in Neapel geblieben war, so wurde ich mit allen neuankommenden Engländern bekannt. Sie stiegen alle in den Crocielle ab; denn die Engländer sind in dieser Beziehung noch hammelhafter als die Champagner: der eine folgt dem anderen, sie ahmen einander nach, gehen alle nach demselben Ort, ziehen alle dieselbe Straße. Wir machten oft Ausflüge miteinander mit den beiden Sachsen; ich unterhielt mich sehr gut. Trotzdem wäre ich nach der Messe abgereist, wenn mich nicht meine Liebe zu Callimene zurückgehalten hätte. Ich sah das schöne Mädchen alle Tage und machte ihr Geschenke, aber sie bewilligte mir nur leichte Gunstbezeigungen. Die Messe neigte sich ihrem Ende zu, und Agata veranstaltete den Ausflug nach Sorrent, wie sie es mir versprochen hatte. Sie bat ihren Mann, eine Frau einzuladen, die er vor ihrer Heirat geliebt hatte; dieser forderte seinerseits den schönen Pasquale Latilla auf, und damit jeder seinen Anteil hätte, lud man meine liebe Callimene ein. Wir waren also drei Paare, und die Kosten des Ausfluges sollten von den drei Kavalieren getragen werden. Agatas Mann behielt sich die Oberleitung des Ganzen vor. Am Tage vor diesem Ausflug erschien zu meiner großen Überraschung Joseph, der Sohn der Cornelis und Bruder meiner geliebten Sophie. »Wie kommen Sie denn nach Neapel, und mit wem sind Sie hier?« »Ich bin ganz allein hier. Ich hatte Lust, Italien zu sehen, und meine Mutter hat mir diesen Wunsch erfüllt. Ich sah Turin, Mailand, Genua, Florenz, Venedig, Rom, und sobald ich das übrige Italien besucht habe, werde ich mir die Schweiz und Deutschland ansehen und mich dann in Holland einschiffen, um nach London zurückzukehren.« »In wieviel Zeit gedenken Sie diese kleine Reise zu vollenden?« »In sechs Monaten.« »Und wenn Sie nach London zurückkommen,, werden Sie imstande sein, über alle Merkwürdigkeiten dieser Länder Rechenschaft abzulegen?« »Ich hoffe, Mama zu überzeugen, daß das Geld, das diese Reise ihr kostet, nicht nutzlos ausgegeben ist.« »Wieviel glauben Sie, daß die Reise ihr kosten wird?« »Die fünfhundert Guineen, die sie mir gegeben hat, und nicht mehr.« »Wie? Sie sollten sechs Monate leben, diese große Reise machen und nur fünfhundert Guineen ausgeben? Das ist unglaublich!« »Wenn man sich die Mühe machen will, zu sparen, kann man sogar noch weniger ausgeben.« »Das mag sein. Und an wen sind Sie denn empfohlen gewesen in all diesen Ländern, die Sie jetzt so gründlich kennen?« »An keinen Menschen. Ich habe einen englischen Paß und lasse die Leute glauben, daß ich Engländer sei.« »Sie haben keine Furcht vor schlechter Gesellschaft?« »Ich setze mich solcher Gefahr nicht aus. Ich eröffne mich keinem Menschen. Wenn man das Wort an mich richtet, gebe ich nur einsilbige Antworten; in den Gasthöfen vereinbare ich stets vorher den Preis für Essen und Wohnung. Da ich nur mit der allgemeinen Post reise, so laufe ich keine Gefahr, übervorteilt zu werden.« »Vortrefflich. Hier in Neapel werden Sie etwas sparen; denn ich werde alle Kosten für Sie übernehmen und Ihnen einen ausgezeichneten Cicerone geben, der Ihnen nichts kosten wird.« »Sie werden mir verzeihen, wenn ich es nicht annehme; denn ich habe meiner Mutter versprochen, von keinem Menschen etwas anzunehmen.« »Mir scheint, ich muß eine Ausnahme bilden.« »Nein. Ich habe in Venedig Verwandte; ich habe sie besucht, aber ich habe nicht einmal ein Mittagessen von ihnen angenommen, weil ich meiner Mutter diesen Schwur getan hatte. Was ich verspreche, halte ich.« Da ich seinen Fanatismus kannte, so drang ich nicht weiter in ihn. Der junge Mann war dreiundzwanzig Jahre alt. Er war sehr klein, und da er zugleich auch sehr hübsch war, so hätte man ihn leicht für ein verkleidetes Mädchen halten können, wenn er nicht seinen Backenbart bis an den Mund hätte wachsen lassen. Obgleich diese Reise offenbar ein Unsinn war, mußte ich doch unwillkürlich einen gewissen Mut und einen unbestimmten Wissensdrang daran bewundern. Als ich mich nach den Verhältnissen seiner Mutter und nach der Lage meiner Tochter erkundigte, gab er mir rückhaltlos Auskunft. Ich erfuhr, daß die Cornelis tiefer denn je in Schulden steckte. Ihre Gläubiger ließen sie jedes Jahr fünf- oder sechsmal einsperren; sie bekam aber immer ihre Freiheit wieder, indem sie neue Bürgschaft stellte oder Vereinbarungen mit ihren Gläubigern traf, die sie aus dem Gefängnis herauslassen mußten, damit sie ihre Bälle geben konnte; denn dies war das einzige Mittel, etwas Geld zur Befriedigung der Gläubiger zu beschaffen. Meine Tochter, damals siebzehn Jahre alt, war hübsch, talentvoll und erfreute sich der Protektion der ersten Damen von London. Sie gab Konzerte und war unglücklich durch die Kränkungen, die sie ihrer Mutter wegen erleiden mußte. Ich fragte ihn, mit wem man Sophie habe verheiraten wollen, als man sie aus der Pension fortgenommen habe. Er antwortete mir, er wisse nicht, daß dergleichen überhaupt jemals beabsichtigt worden sei. »Haben Sie eine Beschäftigung?« »Nein. Meine Mutter will mich von Jahr zu Jahr mit einem Schiff voller Waren auf meine eigene Rechnung nach Indien schicken. Sie sagt, ich werde dadurch den Grund zu einem großen Vermögen legen. Aber bis jetzt ist der Augenblick niemals gekommen, und ich fürchte sehr, er wird überhaupt nicht kommen: denn um Ware zu bekommen, braucht man Geld, und meine Mutter hat nur Schulden.« Trotz seinem Schwur überredete ich ihn endlich, sich von meinem Bedienten begleiten zu lassen, der ihm in acht Tagen alle Merkwürdigkeiten Neapels zeigte. Es war mir unmöglich, ihn zu bewegen, noch acht Tage länger zu bleiben. Er reiste nach Rom und schrieb mir von dort aus, er habe sechs Hemden und seinen Überrock in einem Schubfach vergessen, und bitte mich ihm diese mitzubringen; seine Adresse gab er jedoch nicht an. Er war ein Windhund mit leerem Kopf; aber mit drei oder vier Grundsätzen sehr gewöhnlicher Art versehen, durchzog er halb Europa, ohne daß ihm ein Unglück zustieß. Ich empfing einen sehr unerwarteten Besuch von Goudar. Er wußte, in welcher Art Gesellschaft ich verkehrte, und bat mich, ihn und seine Frau zu einem Mittagessen mit den Sachsen und Engländern einzuladen. Er wußte, daß ich mit ihnen Ausflüge machte, ohne zu spielen, und sagte: »Es ist ein wahrer Mord, diese Leute nicht spielen zu lassen; denn sie sind eigens dazu gemacht, um zu verlieren.« Ich bewunderte seine Logik und versprach, ihm diesen Gefallen zu tun, unter der ausdrücklichen Bedingung jedoch, daß nicht bei mir gespielt würde, denn ich wollte mich keiner Unannehmlichkeit aussetzen. Er war damit vollkommen zufrieden, denn er war sicher, daß seine Frau sie in seine Wohnung locken würde, wo man, wie er mir sagte, ohne jede Besorgnis spielen könnte. Da ich am nächsten Tage nach Sorrent fahren sollte, so setzte ich das Mittagessen auf den Tag nach meiner Rückreise fest. Dieser Ausflug nach Sorrent war für mich der letzte Tag wirklichen Glückes. Der Advokat führte uns in ein Haus, wo wir mit aller wünschenswerten Bequemlichkeit untergebracht waren. Wir hatten vier Zimmer: eines für Agata und ihren Mann, das zweite für Callimene und die frühere Freundin des Advokaten, eine sehr liebenswürdige, obwohl schon etwas ältliche Dame, das dritte für Pasquale Latilla und das vierte für mich. Wir besuchten den Herzog und die Herzogin von Serra Capriola und den Abbate Bettoni, nahmen jedoch weder Mittag- noch Abendessen an. Nach dem Abendessen gingen wir früh zu Bett, und am Morgen waren wir mit Sonnenaufgang auf den Beinen und gingen spazieren, wohin ein jeder Lust hatte. Der Advokat mit seiner alten Freundin, Agata mit ihrem Pasquale, und ich mit meiner Callimene. Um zwölf Uhr waren wir alle wieder beisammen, um ein köstliches Mittagessen einzunehmen; hierauf überließen wir den Advokaten seinem süßen Mittagsschlaf, Pasquale machte einen Spaziergang mit Agata und der Freundin ihres Mannes, und ich verlor mich mit Callimene in den dichten Laubgängen, in die kein Strahl der glühenden Sonne eindringen konnte. Dort gab meine schöne Callimene mir den süßesten Lohn, nachdem sie zwei Tage lang gegen sich selber gekämpft hatte. Das schöne Kind opferte weder dem Eigennutz noch der Dankbarkeit, denn ich hatte ihr nur Kleinigkeiten geschenkt; ihre Erstlinge erhielt die Liebe, daran konnte ich nicht zweifeln. Sie gab sich mir mit überschwenglichem Gefühl hin und bereute, daß sie so lange gezögert hatte, mich glücklich zu machen. Am vierten Tage kehrten wir in drei Kaleschen nach Neapel zurück, da der Wind sehr stark war. Callimene überredete mich, ihrer Tante zu sagen, was zwischen uns vorgefallen war, damit wir uns in voller Freiheit sehen könnten. Ich fand den Rat nach meinem Geschmack, denn ich war überzeugt, daß ich mit der Tante leicht fertig werden würde. Nachdem ich ihr ihre Nichte übergeben hatte, nahm ich sie beiseite, vertraute ihr alles an und machte ihr vernünftige Anerbietungen. Die brave Frau nahm mein Bekenntnis sowohl wie meinen Vorschlag sehr gut auf und sagte mir: da ich etwas für ihre Nichte tun wollte, so würde sie mir bei meinem nächsten Besuch ein Verzeichnis der notwendigsten Anschaffungen geben. Ich sagte ihr, daß ich in wenigen Tagen nach Rom zurückkehren müßte und daher jeden Abend mit ihrer Nichte zu speisen wünschte. Sie fand diesen Wunsch ganz natürlich, und wir gingen zu Callimene, die sehr erfreut war, als sie von unseren Vereinbarungen erfuhr. Um keine Zeit zu verlieren, speiste ich gleich denselben Abend bei ihr. Hierauf verbrachten wir die Nacht miteinander. Ich gewann vollends ihr Herz durch meine Liebe und indem ich ihr die Sachen kaufte, deren sie dringend bedurfte. Es waren für etwa hundert Louis Kleider und Wäsche, und diese Summe erschien mir gering im Vergleich zu meinem Glück, wennschon meine Börse recht schmal geworden war. Agata, die ich in mein Glück einweihte, war hocherfreut, es mir verschafft zu haben. Zwei oder drei Tage später gab ich ein Mittagessen, wozu ich die Engländer, die beiden Sachsen, ihren Hofmeister Bartoldi und Goudar nebst Frau einlud. Die Engländer und die Sachsen waren schon da, und wir erwarteten nur noch Herrn und Frau Goudar, da sah ich die Engländerin mit dem Grafen Medini eintreten. Angesichts einer solchen Unverschämtheit fühlte ich all mein Blut mir zu Kopfe steigen. Ich hatte jedoch die Kraft, mich bis zu Goudars Ankunft zu beherrschen. Ich setzte mich sofort mit ihm auseinander, denn wir hatten abgemacht, daß seine Frau mit ihm kommen sollte. Der Erzgauner brauchte Ausflüchte und suchte mich zu überzeugen, daß Medini an der Sprengung der Bank unschuldig gewesen sei; aber er verschwendete seine Beredsamkeit vergeblich. Unser Mittagessen war köstlich und sehr heiter. Die schöne Irländerin glänzte, denn sie besaß alles, um zu gefallen: Schönheit, Anmut, Geist, Jugend, Talent und Frohsinn, und zu alledem noch ein vornehmes und zugleich liebenswürdiges Wesen, das sie unwiderstehlich machte. Diese Kellnerin wäre würdig gewesen, einen Thron einzunehmen! Das Glück ist blind! Nach dem Essen machte ein vornehmer Russe, Herr von Buturlin, ein großer Liebhaber schöner Frauen, mir einen Besuch. Er war durch die süße Stimme der schönen Goudar angelockt worden, die ein neapolitanisches Lied zur Gitarre sang. Ich war also für meinen reichen Nachbarn nur ein Reflexspiegel; aber ich nahm ihm dies durchaus nicht übel. Buturlin verliebte sich augenblicklich in Sara, und einige Monate nach meiner Abreise besaß er sie für fünfhundert Louis, die Goudar brauchte, weil er den Befehl erhalten hatte, Neapel binnen dreimal vierundzwanzig Stunden zu verlassen. Diese Ohrfeige erhielt er von der Königin, die entdeckt hatte, daß der König in Procida eine geheime Unterhaltung mit der Goudar gehabt hatte. Sie überraschte ihren königlichen Gemahl, wie er aus vollem Halse über einen Brief lachte, den er ihr nicht zeigen wollte. Durch den Widerstand ihres Gemahls wurde die Neugier der Königin noch mehr erregt; sie bestand darauf, den Brief zu erhalten, und als der König schließlich nachgab, las sie folgende bezeichnende Worte: »Ti aspettero nel medemiso luogo, ed alla stessa ora, coll' impazienza medesima che ha una vaca che desidera l'avvicinamento del toro.« Für keusche Ohren ist das nicht zu übertragen. »Che infamia!« rief die Königin. Kraft ihrer eigenen Machtvollkommenheit ließ Ihre Majestät dem Gatten der Kuh mitteilen, daß sie ihm drei Tage Zeit lasse, um außerhalb ihres Königreiches Stiere für sie zu finden. Ohne dieses Ereignis wäre Herr von Buturlin nicht so billig davongekommen. Nach meinem Diner lud Goudar die ganze Gesellschaft ein, am nächsten Abend in seinem Hause am Posilippo zu speisen. Das Mahl war prachtvoll; als aber Medini sich an einen großen Tisch setzte und die Karten ergriff, um hinter einem großen Goldhaufen Bank zu halten, fand sich niemand ein, um zu setzen. Die schöne Goudar forderte vergebens auf, Karten zu nehmen. Die Engländer und die Sachsen sagten ihr galant, sie seien bereit zu setzen, wenn sie selber die Bank halten oder mich an ihrer Stelle abziehen lassen wolle; denn sie fürchteten, wie sie sagten, die allzu glückliche Hand des Grafen. Hierauf erkühnte Goudar sich, mir den Vorschlag zu machen, die Bank zu übernehmen und mich mit einem Viertel daran zu beteiligen. »Ich werde mich zur Hälfte beteiligen«, antwortete ich ihm, »oder gar nicht; indessen habe ich durchaus kein Vertrauen zu meinem Glück.« Goudar sprach mit Medini; dieser fürchtete die Gelegenheit zu verlieren, irgendeinen großen Raubzug machen zu können; er stand auf, steckte seinen Anteil der Bank in die Tasche und überließ mir seinen Platz. Ich hatte nur zweihundert Unzen in der Börse. Ich vermischte diese mit zweihundert Unzen von Goudar, und in weniger als einer Stunde war meine Bank gesprengt. Ohne mich darüber zu ärgern, ging ich zu meiner Callimene, der es nicht schwer wurde, mich zu trösten. Da ich mich also vollkommen ohne Geld sah, so entschloß ich mich, das Gewissen des Advokaten zu erleichtern, der im Verein mit seiner Frau Agata beständig in mich drang, die Ohrgehänge wieder zu nehmen, die ich ihr in Turin geschenkt hatte. Ich sagte Agaten, ich würde mich niemals auf einen derartigen Vorschlag eingelassen haben, wenn das Glück mich nicht so arg mißhandelt hätte. Als sie meinen Entschluß ihrem Gatten mitgeteilt hatte, kam der brave Mann mit ausgebreiteten Armen aus seinem Arbeitszimmer heraus, fiel mir um den Hals, nannte mich seinen würdigen Freund und dankte mir, wie wenn ich sein Glück gemacht hätte. Ich sagte ihm, ich wünschte den Wert des Schmuckes in barem Gelde zu erhalten, und er übernahm es, mir dieses bis zum nächsten Tage zu beschaffen. So sah ich mich von neuem im Besitz von ungefähr fünfzehntausend Franken. Hierauf traf ich sofort meine Vorbereitungen, um nach Rom zu reisen, wo ich acht Monate zuzubringen gedachte; vor meiner Abreise lud der Advokat mich ein, in einem hübschen Kasino, das er in Portici hatte, zu Mittag zu essen. Welche Gedanken kamen über mich, als ich mich in demselben Hause sah, wo ich vor siebenundzwanzig Jahren ein kleines Vermögen erworben hatte, indem ich den wackeren Griechen mit der falschen Vermehrung des Quecksilbers anführte. Der König war damals mit seinem ganzen Hof in Portici. Neugier lockte uns an, und wir waren Zeugen eines sehr eigentümlichen Schauspiels, das zwar höchst lächerlich war, uns aber durchaus nicht lachen machte. Der König, der damals erst neunzehn Jahre alt war, belustigte sich mit der Königin in einem großen Saal mit allen möglichen Possenstreichen. Er bekam Lust, sich prellen zu lassen. Ein König läßt sich prellen, verwandelt sich in einen Sancho Pansa! Ohne Zweifel war das ein nicht eben alltäglicher Einfall für ein gekröntes Haupt. Was ein König will, wird schnell von der Rotte der Schmeichler und Speichellecker ausgeführt, und Seine sizilianische Majestät wurde nach Wunsch geprellt. Aber nachdem der junge Herrscher oben in der Luft gezappelt hatte, wollte er seinerseits auf Kosten derer lachen, die er erheitert hatte. Zunächst schlug er dieses Spiel der Königin vor, die aber lachend abwehrte. Er bestand nicht weiter darauf, ebensowenig wie bei den Hofdamen; bei diesen letzteren hatte er, glaube ich, Angst, daß sie den Vorschlag annähmen. Die alten Höflinge drückten sich voller Angst. Ich bedauerte dies sehr, denn es hätte mir das größte Vergnügen gemacht, etliche von ihnen alle Beine in die Luft strecken zu sehen, besonders den Prinzen Paul Nicander, der den König sehr schlecht erzogen hatte; denn er hatte einen wahren Lazzarone aus ihm gemacht und seinen kleinen Geist mit allen möglichen Vorurteilen vollgepfropft. Der König ließ aber nicht locker, und da er bemerkte, daß die Alten sich aus dem Staub gemacht hatten, so blieb ihm nichts anderes übrig, als das edle Spiel den anwesenden jungen Kavalieren vorzuschlagen, die vielleicht sogar von Herzen nach dieser eigentümlichen Gunstbezeigung ihres eigentümlichen Herrn begierig waren. Ich fürchtete diese Ehre nicht, denn ich war unbekannt und nicht vornehm genug, um sie zu verdienen. So wurden drei oder vier junge Leute geprellt, die alle mehr oder weniger ihren Mut leuchten ließen, während die Königin sich die Seiten hielt und ihre Hofdamen und die anderen Herrschaften nach neapolitanischer Art aus vollem Halse lachten; denn in Neapel lacht man nicht verstohlen in sich hinein wie in Madrid, man lächelt nicht mit den Mundwinkeln wie in Versailles, noch weniger lacht man wie an den nordischen Höfen, wo das Lachen ein unterdrücktes Niesen ist, wo man sich auf die Lippen beißt, um nicht vor Langeweile zu gähnen. Plötzlich erblickte der König zwei iunge Kavaliere aus Florenz, die ganz frisch in Neapel angekommen waren. Sie waren da mit ihrem Hofmeister, und sie hatten alle drei herzlich gelacht, als sie das lustige Prellspiel des Königs und seiner Hofkavaliere sahen. Der Monarch trat sehr freundlich an sie heran und schlug ihnen vor, sich prellen zu lassen. Die beiden armen Toskaner waren von der Natur recht stiefmütterlich bedacht worden: sie waren klein, bucklig und häßlich. Als der König ihnen den Vorschlag machte, wurden ihre kleinen Gesichter lang, und ihre Augen trübten sich; sie lagen auf der Folter. Alle Anwesenden warteten ungeduldig in tiefstem Schweigen auf die Wirkungen der Beredsamkeit des Königs. Er forderte sie wiederholt auf, sich zu entkleiden, und sagte ihnen, es stünde Ihnen übel an, noch länger Widerstand zu leisten, denn wenn es ihnen widerstrebte, sich von der Gesellschaft auslachen zu lassen, so müßten sie diesen Gedanken aufgeben; denn da er selber es zuerst getan hätte, so dürften sie sich deshalb nicht für erniedrigt halten. Der Hofmeister begriff, daß der König keine Weigerung gelten lassen wollte; er sagte ihnen, sie könnten sich der Einladung Seiner Majestät nicht entziehen, und die beiden kleinen Affen legten ihre Röcke ab. Beim Anblick dieser armseligen Buckligen unterbrach ein lautes Gelächter das Schweigen. Der König sagte ihnen, es sei keine Gefahr für sie dabei, nahm einen von ihnen bei der Hand und ließ ihn sich mitten auf die Decke niederlegen. Um ihn besonders zu ehren, ergriff er selber einen der Zipfel, aber dies hielt den kläglichen Kavalier nicht ab, dicke Tränen zu weinen. Nachdem er drei- oder viermal in der Luft gezappelt hatte, zum Gaudium aller Anwesenden, die sich über den Anblick seiner langen dünnen Beine totlachen wollten, ging er in eine Ecke, um sich anzukleiden; sein jüngerer Bruder nahm mit munterem Wesen seinen Platz ein und wurde dafür durch ein Händeklatschen belohnt. Der Gouverneur hatte Seine Majestät in Verdacht, ihm dieselbe Ehre erweisen zu wollen, an der ihm jedoch gar nichts lag. Er hatte sich heimlich aus dem Staube gemacht, und der König lachte darüber aus vollem Halse. So hatten wir umsonst ein Schauspiel, das man vergeblich sich mit schwerem Gelde zu verschaffen suchen würde. Don Pasquale Latilla, den der König glücklicherweise nicht bemerkt hatte, erzählte uns bei Tisch eine Menge reizender Anekdoten von dem guten König; alle diese Geschichten sprachen für einen ausgezeichneten Charakter und eine unwiderstehliche Neigung zur Fröhlichkeit. Er versicherte uns, daß jeder, der mit dem König zu tun hätte, ihn lieben müßte; denn dieser wolle lieber als Freund behandelt werden, als den Ausdruck der Furcht auf den Stirnen sehen. Niemals war er tiefer betrübt, so erzählte uns Pasquale, als wenn sein Minister Tanucci ihn zu notwendigen strengen Maßregeln veranlaßte, und niemals war er fröhlicher, als wenn er Gnade üben konnte. Ferdinand hatte keinen Schimmer von literarischer Bildung, aber er war mit einem gesunden Menschenverstand begabt und legte den größten Wert auf wissenschaftlich gebildete Männer, sowie überhaupt auf solche, die sich durch ihr Können oder ihre Tugenden auszeichneten. Er verehrte den Minister Marco, er schätzte das Andenken an Lelio Caraffa, an die Herzöge von Matalone und hatte für einen Neffen des berühmten Genovesi in Anbetracht der Verdienste seines Oheims anständig gesorgt. Das Glücksspiel war verboten. Eines Tages überraschte er die Offiziere seiner Schloßwache bei einer Partie Pharao. Die jungen Leute bekamen einen Schreck, als sie den König sahen, und wollten ihre Karten und ihr Geld verbergen. »Machen Sie keine Umstände!« sagte der gute König. »Nehmen Sie sich nur in acht, daß Tanucci nichts von Ihrer Kühnheit erfährt; ich für meine Person verspreche Ihnen, ihm nichts zu sagen.« Als dieser gute König ungefähr vierzig Jahre alt war, ergriff er mit viel Verstand die Gelegenheit, sich bei seinem Volke, in ganz Italien und in einem großen Teil von Deutschland beliebt zu machen, indenm er überall seinen guten Charakter und seine Tugenden an den Tag legte. Sein Vater liebte ihn zärtlich bis zu dem Tage, wo die Staatsraison ihn nötigte, den Befehlen des Königs von Spanien zu widersprechen und den Forderungen seiner eigenen Minister nachzugeben. Ferdinand wußte, daß er nicht nur ein Sohn des Königs von Spanien, sondern nicht weniger auch König beider Sizilien war und daß seine Königspflichten seinen Kindespflichten vorgingen. Er hatte dem Einfluß Tanuccis zur Genüge nachgegeben. Einige Monate nach der Unterdrückung des Jesuitenordens schrieb er seinem Vater einen Brief, dessen Anfang folgendermaßen lautete: »Unter den Dingen, die ich nicht verstehe, finde ich besonders vier erstaunlich. Erstens: Daß man bei den gemaßregelten Jesuiten, die doch so reich sein sollten, keinen Heller findet; zweitens: daß alle Scrivani meines Königreiches reich sind, obwohl sie nach dem Gesetz keinen Lohn empfangen dürfen; drittens: daß alle jungen Frauen, die einen jungen Mann haben, früher oder später einmal schwanger werden, daß aber die meinige es niemals wird; viertens: daß jedermann am Ende seines Lebens stirbt, nur Tanucci nicht, der, wie ich glaube, bis ans Ende der Jahrhunderte leben wird.« Der König von Spanien zeigte im Esturial diesen Brief allen seinen Ministern, um ihnen zu beweisen, daß sein Sohn, der König von Neapel, Geist hätte; er täuschte sich nicht, denn ein Mann, der so schreibt, hat Geist. Zwei oder drei Tage nach jenem Prellfeste kam der neunzehnjährige Cavaliere Morosini nach Neapel. Er war der Neffe des Prokurators und der einzige Erbe des erlauchten Hauses; ihn begleitete sein Lehrer, Graf Stratico, Professor der Mathematik an der Universität Padua – derselbe, der mir einen Empfehlungsbrief an seinen Bruder, den Mönch in Pisa, gegeben hatte. Er stieg in den Crocielle ab, und wir freuten uns beide, uns wiederzusehen. Der junge Venetianer reiste, um seine Erziehung zu vollenden. Er hatte drei Jahre an der Turiner Akademie verbracht, und er reiste mit einem Gelehrten, unter dessen Anleitung er alle Vorzüge sich hätte aneignen können, um in seiner Heimat die höchsten Stellen zu bekleiden und sich von der Menge des venetianischen Adels, der die Republik beherrscht, vorteilhaft zu unterscheiden. Unglücklicherweise aber fehlte dem jungen Herrn, der ein hübscher Junge, reich und geistvoll war, der gute Wille, etwas zu lernen. Er liebte die Weiber bis zur Brutalität, suchte den Umgang junger Wüstlinge und gähnte, wenn er sich in guter Gesellschaft befand. Er war ein Feind vom Studieren und dachte nur immer an neue Lustbarkeiten. Das Geld, das er erhielt, warf er zum Fenster hinaus, mehr um sich an seinem Oheim für dessen Sparsamkeit zu rächen, als aus Freigebigkeit. Er beklagte sich, daß man ihn unter Vormundschaft halten wolle, obgleich er doch mündig sei. Er hatte sich ausgerechnet, daß er monatlich achthundert Zechinen ausgeben konnte, und ärgerte sich, daß man ihn nur zweihundert ausgeben ließ. Infolgedessen gab er sich alle mögliche Mühe, um Schulden zu machen; er ließ den Grafen Stratico abfallen, wenn dieser ihm in aller Milde seine tollen Ausgaben vorwarf und ihm begreiflich zu machen suchte, daß er in Venedig nach seiner Rückkehr besonders prächtig auftreten könnte, wenn er jetzt ein wenig sparte. Dort hatte sein Oheim ihm eine ausgezeichnete Heiratspartie mit einem sehr hübschen Mädchen, der Erbin des Hauses Grimani de' Servi, vermittelt. Zum Glück besaß der junge Kavalier eine Eigenschaft, die seinen Mentor davor bewahrte, fortwährend in einer Todesangst zu sein: er hatte die größte Abneigung gegen jede Art von Spiel. Seitdem man meine Bank gesprengt hatte, war ich wohl noch zu Goudar gegangen, hatte aber vom Spiel nichts mehr wissen wollen. Medini war mein Todfeind geworden; er ging, wenn er mich kommen sah; aber ich tat, wie wenn ich es nicht bemerkte. An dem Tage, als ich Morosini und seinen Mentor vorstellte, war Medini anwesend; er warf sofort seinen Blick auf den jungen Mann und machte sich mit diesem bekannt; als er ihn aber unerschütterlich in seinem Entschluß, nicht zu spielen, fand, wuchs sein Haß gegen mich, weil er überzeugt war, daß ich schuld wäre, wenn der junge Herr nicht spielen wollte. Morosini verliebte sich in Saras Reize und dachte nur daran, durch Liebe ihren Besitz zu erlangen. Er befand sich noch in jenem Stadium jugendlicher Überspanntheit, die sie ihm verhaßt gemacht haben würde, wenn er hätte ahnen können, daß er sie nur durch Aufopferung einer großen Summe gewinnen könnte. Er hatte mir mehrere Male gesagt: »Wenn ich eine Frau, die ich liebe, bezahlen müßte, um ihre Gunst zu erlangen, so würde ich mich für so erniedrigt halten, daß ich ohne Zweifel sofort von der Liebe genesen würde, die sie mir eingeflößt hätte.« Er behauptete nämlich, und zwar mit Recht, daß er als Mann ebensoviel wert sei wie die Goudar als Weib. Morosini hatte also auch noch den Vorzug, sich nicht von einer Frau betrügen lassen zu wollen, die ihre Huld nur als Lohn für empfangene Geschenke gewährte. Saras Grundsätze waren den seinigen genau entgegengesetzt; denn sie verlangte, daß ihre Liebe als ein Kreditbrief aufgefaßt würde. Stratico war hocherfreut, seinen Zögling durch diese Liebschaft beschäftigt zu sehen. Die Hauptsache war, ihn zu beschäftigen; denn wenn sein Herz müßig war, so kannte er keinen anderen Zeitvertreib als schlechte Gesellschaft und Reiten. Er ritt aber nicht spazieren wie ein Kavalier, sondern sprengte zehn oder zwölf Meilen ohne anzuhalten im Galopp dahin, und wenn er ein Pferd totritt, so machte ihm dies Spaß, weil er sich freute, daß sein Oheim, der Geizhalz, wie er ihn nannte, es bezahlen mußte. Ich hatte mich bereits zur Abreise entschlossen, als Don Pasquale Latilla mich mit dem Abbate Galiani besuchte, den ich in Paris gekannt hatte. Man erinnert sich vielleicht, daß ich den Bruder dieses Abbate in Sant'Agata kennen gelernt, daß ich bei ihm gewohnt und Donna Lucrezia Castelli bei ihm zurückgelassen hatte. Ich sagte ihm, daß ich die Absicht hätte, sie zu besuchen, und fragte ihn, ob Lucrezia noch bei seinem Bruder sei. »Sie wohnt in Salerno bei der Marchesa C., ihrer Tochter.« Ich war entzückt über diese Nachricht, denn ohne den Besuch des Abbate würde ich niemals erfahren haben, was aus den Damen geworden war. Ich fragte ihn, ob er die Marchesea C. kenne. »Ich kenne nur den Marchese, er ist alt und sehr reich.« Mehr wollte ich nicht wissen. Ein paar Tage darauf gab Morosini ein Mittagessen. Die Gäste waren außer Stratico und mir Sara, Goudar, zwei andere junge Spieler und Medini, der immer noch den Cavaliere auf irgendeine Weise zu betrügen hoffte. Gegen Ende der Mahlzeit war Medini aus irgendeinem Anlaß anderer Meinung als ich. Da er sich etwas ärgerlich ausdrückte, so machte ich ihn darauf aufmerksam, daß ein höflicher Mensch seine Ausdrücke zu wählen verstehen müsse. »Das kann sein; aber von Ihnen wünsche ich keine Höflichkeit zu lernen.« Ich tat mir Gewalt an und antwortete nicht; aber ich war es müde, die Ausfälle zu ertragen, die der Mensch sich von Zeit zu Zeit erlaubte. Er hatte vielleicht Ursache mir zu grollen; da er jedoch im Grunde unrecht hatte, so hätte er seinen Haß verbergen müssen. Ich dachte, er schriebe vielleicht meine kluge Zurückhaltung der Furcht zu und würde daher von Tag zu Tag unverschämter werden. Ich beschloß daher, ihm diese Meinung zu benehmen. Er stand auf dem Balkon, der nach dem Meere hinausging, und trank seinen Kaffee. Mit der Tasse in der Hand trat ich auf ihn zu, und da uns niemand hören konnte, so sagte ich ihm, ich wäre es müde, seine üble Laune zu ertragen, wenn wir uns zufällig in Gesellschaft träfen. »Sie würden mich noch viel rücksichtsloser finden, wenn wir uns unter vier Augen ohne Zeugen treffen könnten.« »Unter vier Augen«, antwortete ich ihm mit einem spöttischen Lächeln, »wäre es mir leicht, Sie zurecht zu weisen.« »Ich bin sehr neugierig, das zu sehen.« »Folgen Sie mir, sobald Sie mich hinausgehen sehen. Vor allen Dingen aber kein Wort!« »Ich werde pünktlich sein.« Ich begab mich wieder zur Gesellschaft; eine Viertelstunde später aber ging ich hinaus und entfernte mich mit langsamen Schritten den Posilippo entlang. Bald sah ich ihn mir von ferne folgen, und da ich wußte, daß er tapfer war, so bezweifelte ich nicht mehr, daß der Handel in wenigen Augenblicken ausgetragen sein würde, denn wir hatten beide unseren Degen an der Seite. Am Ende des Strandweges wandte ich mich nach rechts, und sobald ich mich auf freiem Felde an einem Ort sah, wo wir unseren Streit ungestört ausmachen konnten, blieb ich stehen. Als Medini mich eingeholt hatte, glaubte ich mit ihm sprechen zu können; ich bildete mir sogar ein, daß eine Aussprache ihm angenehm sein würde; aber der brutale Mensch lief wie ein Rasender mit gezücktem Degen auf mich los. Ich sah, daß ich in Gefahr war, ermordet zu werden. Ich erwartete ihn also festen Fußes, zog und versetzte ihm meinen geraden Stoß in demselben Augenblick, wo er, ohne zu parieren, eine Quart nach mir stieß. Unsere beiden Klingen hatten unsere Ärmel getroffen, nur mit dem Unterschied, daß bei mir nur der Rock getroffen war, während meine Klinge ihm den Arm durchbohrt hatte. Ich legte wieder aus, und er trat zurück. Da ich bemerkte, daß seine Parade keine Kraft mehr hatte, so sagte ich ihm, ich gäbe ihm Quartier, wenn seine Wunde ihn etwa verhindern sollte, sich zu verteidigen. Da er nicht antwortete, so drückte ich seine Klinge herunter, so daß sein Degen zur Erde fiel. Sofort setzte ich den Fuß darauf. Schäumend vor Wut sagte er nur, diesmal hätte ich die Oberhand behalten, aber er hoffte, ich würde ihm Revanche geben. »Sehr gern. In Rom. Und ich hoffe, dann wird meine dritte Lektion vollständiger sein als die beiden, die Sie bereits empfangen haben.« Da ich sah, daß er viel Blut verlor, steckte ich ihm den Degen in die Scheide und verließ ihn dann, indem ich ihm riet, zu Goudar zu gehen, dessen Haus nur zweihundert Schritt entfernt lag, und sich dort verbinden zu lassen. Ich selber ging nach den Crocielle zurück, wie wenn gar nichts los gewesen wäre. Ich fand den Cavaliere Morosini, der der schönen Sara Komplimente machte, während Goudar mit Stratico und den beiden anderen eine Quadrille spielte. Eine Stunde darauf verließ ich die Gesellschaft, ohne von meinem Abenteuer etwas gesagt zu haben, und ging zu meiner köstlichen Callimene, um zum letzten Male mit ihr zu soupieren. Ich sah sie erst sechs Jahre später, strahlend von Schönheit und Talent, in Venedig im Theater San Benedetto wieder. Nachdem ich mit dem reizenden Mädchen eine köstliche Nacht verbracht hatte, begab ich mich mit Tagesanbruch nach den Crocielle und fuhr um acht Uhr in einer Postkalesche ab, ohne mich von einem Menschen zu verabschieden. In Salerno kam ich nachmittags um zwei Uhr an; sobald ich meinen Koffer in einem guten Zimmer untergebracht hatte, schrieb ich an Donna Lucrezia Castelli beim Marchese C. Ich fragte sie, ob ich ihr einen Besuch machen könnte, um Salerno sofort darauf zu verlassen, und bat sie, mir ihre Antwort zukommen zu lassen, während ich zu Mittag essen würde. Ich saß bei Tische, als ich zu meiner außerordentlichen Freude Lucrezia selber erscheinen sah. Sie stieß einen Freudenruf aus und warf sich in meine Arme, da sie in Worten ihre Freude über dieses Wiedersehen nicht ausdrücken konnte. Diese ausgezeichnete Frau, eine wahre Zauberin, war genau so alt wie ich, aber man hätte sie für mindestens fünfzehn Jahre jünger gehalten als mich. Nachdem ich ihr gesagt hatte, wie ich ihren Aufenthalt erfahren, fragte ich sie nach unserer Tochter. »Sie erwartet dich mit lebhafter Ungeduld, ebenso wie ihr Gatte, ein ehrwürdiger alter Herr, der vor Verlangen brennt, dich kennen zu lernen.« »Woher weiß er denn von mir?« »Leonilda hat in den fünf Jahren, seitdem sie seine Frau ist, tausendmal von dir gesprochen. Er weiß sogar, daß du ihr fünftausend Dukaten geschenkt hast. Er erwartet dich, und wir werden zusammen zu Abend speisen.« »Laß uns sofort hingehen, meine liebe Lucrezia; denn ich sterbe vor Verlangen, meine Leonilda zu sehen und den guten Gatten, den der liebe Gott ihr beschert hat. Hat sie Kinder?« »Nein, und das ist ein Unglück für sie, denn nach dem Tode ihres Mannes wird das ganze Vermögen an seine Verwandten fallen. Trotzdem wird Leonilda stets reich sein; denn sie hat ein gesichertes Vermögen von hunderttausend Dukaten.« »Du hast dich niemals verheiraten wollen?« »Nein.« »Du bist so schön wie vor sechsundzwanzig Jahren. Wäre der Abbate Galiani nicht gewesen, so wäre ich von Neapel abgereist, ohne dich zu sehen.« Unter solchen Gesprächen begaben wir uns in ihr Haus. Ich fand in Leonilda eine vollendete Schönheit. Sie war jetzt fünfundzwanzig Jahre alt. Die Anwesenheit ihres Gatten legte ihr keinen Zwang auf; sie empfing mich mit offenen Armen, so daß ich mich sofort heimisch fühlte. Sie war meine Tochter, daran konnte ich nicht zweifeln, aber die Natur hatte die zärtlichsten Gefühle in mir nicht ertötet, sondern sie im Gegenteil mit der ganzen Glut der Jugend sich in meinem Herzen entfalten lassen. Sie stellte mich ihrem Mann vor, der von einer bösen Gicht befallen war und sich nicht von seinem großen Lehnstuhl rühren konnte. Der brave Mann nahm mit lachendem Gesicht seine Mütze ab, breitete die Arme aus und sagte: »Mein lieber Freund, umarmen Sie mich.« Ich umarmte ihn mit herzlichem Gefühl, und als wir uns den Handschlag gaben, erkannte ich ihn als Bruder. Der Marchese hatte dies erwartet, ich aber nicht; denn ein adliger Herr von sechzig Jahren, der sich rühmen konnte, das Licht der Aufklärung erblickt zu haben, war vor dreißig Jahren etwas sehr Seltenes in den Staaten Seiner sizilianischen Majestät, geradezu eine Art von Wundertier. Als ich neben ihm saß, umarmten wir uns noch einmal, um uns als Maurer zu begrüßen; die Damen waren ganz verblüfft, uns so befreundet zu sehen. Donna Leonilda glaubte, wir wären schon seit langer Zeit bekannt; sie war hoch entzückt und umarmte ihren alten Gemahl, indem sie ihm ihre Freude aussprach. Der alte Herr strahlte vor Vergnügen. Lucrezia erriet die Wahrheit, biß sich aber lachend auf die Lippen und schwieg. Die schöne Marchesa verschob die Befriedigung ihrer Neugier auf später. Der Marchese war ein vornehmer Herr, der ganz Europa bereist hatte. Er hatte viel gesehen und ans Heiraten nicht eher gedacht als bei dem Tode seines Vaters, der neunzig Jahre alt geworden war. Da er eine Rente von dreißigtausend Dukaten oder hundertzwanzigtausend Franken besaß, also in einem Lande, wo alles billig ist, sehr reich war, so bildete er sich ein, er könnte trotz seinem vorgerückten Alter noch Kinder haben. Er sah Leonilda und machte sie nach wenigen Tagen zu seiner Frau, indem er ihr ein Witwengeld von hunderttausend Dukaten aussetzte. Donna Lucrezia, die den Herzog von Matalone verloren hatte, zog zu ihrer Tochter. Der Marchese von C. konnte, obgleich er mit großer Pracht lebte, nur mit Mühe die Hälfte seiner Einkünfte ausgeben. Er ließ alle seine Verwandten in seinem großen Palast wohnen; es waren drei Familien, die jede ihre Haushaltung für sich hatten. Obgleich alle diese Verwandten bequem leben konnten, warteten sie mit Ungeduld auf den Tod ihres Familienoberhauptes, um sich in seine Reichtümer zu teilen. Dies betrübte den Marchese, der sie nicht liebte. Er hatte sich nur in der Hoffnung verheiratet, einen Erben zu erhalten, und er wagte einen solchen nicht mehr zu erwarten. Darum aber liebte er seine Frau nicht weniger, die ihn ihrerseits durch die Reize ihres Geistes und durch ihren liebenswürdigen Charakter beglückte. Der Marchese und seine Frau waren Freigeister, aber davon wußte kein Mensch etwas; denn in Salerno war kein Verständnis dafür vorhanden. Der brave Mann lebte daher mit seiner Frau und Schwiegermutter allem Anschein nach als ein sehr guter Christ, indem er sich äußerlich allen Vorurteilen seiner Landsleute fügte. Ich erfuhr dies alles drei Stunden später von Donna Lucrezia selber, als wir in einem schönen Garten spazieren gingen. Der Marchese hatte uns dorthin geschickt, nachdem dieser drei Stunden lang mit mir über interessante Dinge geplaudert hatte, die aber für die Damen kein Interesse haben konnten. Trotzdem verließen sie uns nicht einen Augenblick, denn sie waren entzückt, daß der würdige alte Herr sich freute, einmal mit jemandem sprechen zu können, der ihn verstand und seine Ansichten über Menschen und Dinge teilte. Gegen sechs Uhr bat der Marchese Donna Lucrezia, mich in den Garten zu führen und mich bis zum Abend zu unterhalten. Er forderte seine Frau auf, bei ihm zu bleiben, da er etwas mit ihr zu besprechen hätte. Wir befanden uns mitten im August, und die,Hitze war sehr stark. Aber ein sanfter Luftzug milderte sie im Zimmer des Erdgeschosses, worin wir uns befanden. Da ich durch das Fenster sah, daß die Blätter der Bäume sich nicht bewegten, so mußte die Luft vollkommen ruhig sein, und ich konnte mich nicht enthalten, dem Marchese zu sagen, ich sei erstaunt, in seinem Zimmer mitten in der Sonnenglut den Frühling zu finden. «Ihre Freundin«, antwortete er mir, »wird Ihnen dieses Geheimnis aufklären.« Wir gingen durch eine Reihe von Gemächern und kamen nach etwa fünfzig Schritten in eine Kammer, in deren Ecke sich eine viereckige Öffnung von vier Fuß befand. Aus dieser düsteren Öffnung kam ein sehr frischer, sogar heftiger Wind hervor. Sie befand sich über dem Ende einer Steintreppe von mehr als hundert Stufen, und diese Treppe führte zu einer Grotte, worin eine Quelle von eiskaltem Wasser entsprang. Donna Lucrezia sagte mir, ich würde mich einer großen Gefahr aussetzen, wenn ich in diese Grotte hinunterstiege, ohne mich sehr warm anzuziehen. »Ich bin niemals so waghalsig gewesen, um mich Gefahren dieser Art auszusetzen.« Lord Baltimore würde darüber gelacht haben. Ich sagte meiner Freundin, daß ich mir sehr gut vorstellen könnte, wie die Sache sich verhielte, und daß ich durchaus nicht neugierig wäre, mich zu überzeugen, ob ich mich nicht täuschte. Lucrezia lobte meine Vorsicht und führte mich in den Garten. Dieser Garten war sehr groß; er war von dem zum gemeinsamen Gebrauch der drei verwandten Familien bestimmten getrennt. Man fand herrliche Blumen, die die Luft mit balsamischen Gerüchen erfüllten, Springbrunnen, Grotten, die mit den schönsten Muscheln ausgelegt waren, reizende Gartenhäuser mit Ottomanen und mit ebenso reicher wie geschmackvoller Einrichtung. Ein großes, sehr tiefes Wasserbecken war mit den seltensten Fischen besetzt, die man sich durch die Wellen schlängeln sah; da sie nur zur Augenweide bestimmt waren, waren sie so zahm geworden, daß sie den Besuchern aus den Händen fraßen. Die geschlossenen Laubgänge dieses schönen irdischen Paradieses waren von Weinreben gebildet, an denen die Trauben ebenso zahlreich waren wie die Blätter, die sie voneinander trennten; andere mit Früchten beladene Bäume bildeten zur Rechten und zur Linken den Säulengang, der die Reben stützte. Ich sagte meiner lieben Lucrezia, die sich an meiner Überraschung weidete: ich sei durchaus nicht erstaunt, daß dieser Garten- mehr Eindruck auf mich mache als die Rebengänge von Tivoli und Frascati; denn je großartiger etwas sei, desto mehr blende es die Augen, anstatt die Seele zu rühren. Sie sagte mir: »Meine Tochter ist vollkommen glücklich; der Marchese ist ein ausgezeichneter Mensch, der sich, abgesehen von seinen Gichtanfällen, einer vortrefflichen Gesundheit erfreut. Sein größter Schmerz ist, daß er keinen Nachfolger hat; aber er weiß diesen Kummer zu verbergen. Seine Philosophie wird auf eine harte Probe gestellt; denn unter seinen zehn oder zwölf Neffen hat er keinen einzigen gefunden, der es verdiente, wegen seiner körperlichen oder geistigen Eigenschaften von ihm ausgezeichnet zu werden. Sie sind alle häßlich, mürrisch und von plumpen Lehrern und unwissenden Priestern wie richtige Bauern erzogen worden; darum liebt der Marchese sie so wenig.« »Aber ist denn Leonilda wirklich glücklich?« »Sehr glücklich, obgleich sie in dem von ihr geliebten Gemahl nicht den Liebhaber findet, dessen sie in ihrem Alter bedürfte. »Ihr Mann scheint mir wenig zur Eifersucht veranlagt zu sein.« »Eifersüchtig ist er gar nicht, und ich bin überzeugt, wenn Leonilda einen ausgezeichneten Liebhaber gefunden hätte, so würde der Marchese mit seinem hohen Geiste diesen aufs freundschaftlichste behandeln. Auch bin ich überzeugt, daß er hoch erfreut wäre, wenn ein so schöner Boden von einem anderen befruchtet würde, da es ihm selber nicht gelungen ist, ihn zu befruchten.« »Kann er tatsächlich die Gewißheit haben, daß er nicht der Vater sein kann, wenn sie ihm ein Kind schenkt?« »Nein; denn wenn er gesund ist, tut er, was er kann; indessen ist augenscheinlich keine Aussicht mehr vorhanden, daß seine Zärtlichkeit glückliche Folgen haben kann. In den ersten sechs Monaten ihrer Ehe hatte meine Tochter einigen Grund zur Hoffnung; seitdem sind aber die Gichtanfälle so zahlreich und so stark geworden, daß sie befürchten muß, eine übermäßige Zärtlichkeit könne die verhängnisvollsten Folgen haben. Es macht ihr daher den größten Schmerz, wenn der Marchese zuweilen von seinem Gefühl getrieben wird, sich ihr als Gatte zu nahen.« In meiner Bewunderung für die unverwüstliche Schönheit Lucrezias begann ich ihr die Gefühle auszusprechen, die sie von neuem in meinem Herzen erweckte; da erschien in dem Laubgang, worin wir spazieren gingen, die Marchesa mit einem Pagen und einem jungen Mädchen. Ich begrüßte sie mit der größten Ehrerbietung, und sie beantwortete diese, wie wenn wir uns verabredet hätten, mit der adligsten Höflichkeit. »Ich komme,« sagte sie zu mir, »um eine Angelegenheit in Ordnung zu bringen, die für mich von der größten Wichtigkeit ist; denn wenn ich mit meinen Bemühungen scheitern sollte, werde ich alle diplomatische Bedeutung verlieren, die ich in den Augen meines Gatten besitze.« »Wer ist denn der Mensch, bei dem Sie, schöne Marchesa, fürchten können, sich ohne Erfolg zu bemühen?« »Sie selber sind es.« »Wenn ich es bin, so ist Ihre Sache bereits gewonnen, denn ich gebe Ihnen Vollmacht, bevor ich noch weiß, worum es sich handelt. Ich behalte mir nur einen einzigen Punkt vor.« »Um so schlimmer; denn dieser Punkt könnte der einzige von Bedeutung sein, der Stein des Anstoßes. Nennen Sie ihn mir, bitte, bevor ich spreche.« »Ich wollte nach Rom abreisen, da sagte Abbate Galiani mir, Donna Lucrezia sei hier bei Ihnen. Ich habe meine Maßregel getroffen, damit ein Umweg von sechzig Miglien nicht meine Geschäfte stört.« »Kann denn eine kleine Verzögerung irgendwelchen Einfluß auf Ihr Glück üben? Sind Sie denn nicht Ihr eigener Herr? Von wem hängen Sie ab? Sie sehen, da bin ich schon mitten in meiner diplomatischen Verhandlung!« »Rufen Sie, bitte, die Heiterkeit auf Ihr schönes Gesicht zurück. Ihre Wünsche sind Befehle, die das Glück meines Lebens nur vermehren können. Ich war bis jetzt mein eigener Herr, aber von diesem Augenblick ab bin ich es nicht mehr, denn ich stelle mich ganz und gar Ihnen zur Verfügung.« »Vortrefflich. So befehle ich Ihnen denn, einige Tage mit uns auf einem Landgut zu verbringen, das nur anderthalb Stunden von hier liegt. Mein Mann wird sich hintragen lassen. Sie erlauben mir, in Ihren Gasthof zu schicken und Ihr Gepäck abholen zu lassen?« »Hier ist mein Zimmerschlüssel, köstliche Marchesa. Glücklich der Sterbliche, dem Sie erlauben, Ihnen zu gehorchen.« Leonilda gab den Schlüssel dem Pagen, der ein sehr hübscher Junge war, und befahl ihm, dafür zu sorgen, daß alles nach dem Schloß gebracht würde. Ihre Kammerjungfer oder Gesellschaftsdame war eine Blondine. Ich machte zu Leonilda über sie eine Bemerkung in französischer Sprache, ohne zu wissen, daß das Fräulein Französisch verstand; aber sie lächelte und sagte ihrer Herrin, ich hätte sie gekannt. »Wann habe ich dieses Vergnügen gehabt, mein Fräulein?« »Vor neun Jahren. Sie haben mehrere Male mit mir gesprochen und mich oft geärgert.« »Aber wo denn, bitte?« »Bei der Herzogin von Matalone, der jetzigen Prinzessin von Caramanica.« »Das kann wohl sein, und ich glaube mich jetzt auf Sie zu besinnen; aber es tut mir leid, mein Fräulein, mich nicht erinnern zu können, daß ich Sie geärgert habe.« Die Marchesa und ihre Mutter lachten und amüsierten sich über unser Gespräch. Sie drangen in uns, zu sagen, wie ich sie geärgert hätte; sie sagte aber nur, ich hätte sie gefoppt. Ich glaubte mich zu erinnern, daß ich ihr einige Küsse geraubt hatte, und überließ es den Damen, sich zu denken, was sie wollten. Als Kenner des menschlichen Herzens fand ich, daß Anastasia – so hieß sie – mir sehr weit entgegen kam, indem sie mir diesen Vorwurf machte, daß sie aber zugleich sehr ungeschickt war; denn wenn sie mir wirklich noch böse war, so mußte sie schweigen und einen besseren Zeitpunkt wählen. »Mir scheint,« sagte ich zu ihr, »Sie waren damals viel kleiner und sind seitdem auch runder geworden.« »Ich war erst zwölf oder dreizehn Jahre alt. Sie haben sich ebenfalls sehr verändert.« »Ja, ich bin älter geworden.« Anastasia verließ uns, und wir sprachen von dem verstorbenen Herzog von Matalone. Wir setzten uns in eine reizende Grotte, und da wir allein waren, so überließen wir uns dem Vergnügen, uns mit den zärtlichen Namen Papa und Tochter anzureden. Diese Namen erlaubten uns Freiheiten, die zwar unvollkommen, aber nichtsdestoweniger eigentlich verbrecherisch waren. Die Marchesa glaubte meinen Überschwang besänftigen zu müssen, indem sie mit mir von ihrem guten Mann sprach. Als Donna Lucrezia mich in höchster Bewegung ihre Tochter in den Armen halten und Leonilda lebhaft bewegt sah, bat sie uns, vernünftig zu sein und den Spaß nicht zu weit zu treiben; hierauf entfernte sie sich nach der anderen Seite des Gartens. Ihre Worte im Verein mit ihrem uns so bequemen Fortgehen bewirkten das Gegenteil von dem, was sie gesagt hatte; denn obwohl wir entschlossen waren, das doppelte Verbrechen nicht zu begehen, waren wir einander so nahe, daß wir durch eine fast unwillkürliche Bewegung es vollzogen. Wenn wir mit Vorbedacht gehandelt hätten, hätten wir es nicht besser machen können. Unbeweglich blieben wir liegen und sahen einander an, ohne die Stellung zu ändern. Ernst und stumm überließen wir uns unseren Gedanken und waren erstaunt, uns weder schuldig zu finden noch Reue zu verspüren. Wir brachten unsere Kleider in Ordnung; die Marchesa saß wieder neben mir und nannte mich ihren lieben Gatten, während ich sie meine liebe Frau nannte. Wir besiegelten durch die zärtlichsten Küsse das neue Band, das uns vereinte. Wir waren in unserer gegenseitigen Zärtlichkeit so versunken, daß Lucrezia hoch erfreut war, als sie uns so ruhig fand. Leonilda und ich brauchten uns nicht zu verabreden, daß wir schweigen mußten. Donna Lucrezia war eine geistvolle Frau, aber die ganzen Umstände mußten uns verhindern, ihr etwas anzuvertrauen, was sie nicht zu wissen brauchte. Wir waren überzeugt, daß sie uns nur darum allein gelassen hatte, um nicht Zeuge dessen zu sein, was wir nach ihrer bestimmten Annahme tun würden. Nachdem wir uns noch eine Zeitlang unterhalten hatten, gingen wir mit Anastasia, die wir allein in der Allee wiedergefunden hatten, nach dem Schloß zurück. Der Marchese empfing seine Frau mit großer Freude und wünschte ihr Glück zu dem Erfolge ihrer Unterhandlung. Mir schüttelte er die Hand, dankte mir und versicherte, auf dem Lande werde ich viel besser wohnen als in den Gemächern, in die man meine Koffer gebracht hätte. »Sie werden doch nicht böse sein, liebe Schwiegermutter, daß Sie unseren Freund zum Nachbarn haben?« »Nein, mein lieber Schwiegersohn, aber wir werden vernünftig sein, denn unsere schöne Zeit ist vorbei.« »Ich glaube, was ich will, meine Liebe; jedenfalls würde ich dafür nicht die Hand ins Feuer legen, denn ich könnte mich verbrennen.« Der gute alte Herr war geistreich, frohsinnig und machte gern einen Witz. Man deckte für fünf Personen an einem großen Tisch, und als aufgetragen war, sah ich einen alten Priester eintreten, der sich mit zu Tisch setzte, ohne einen von uns anzusehen. Niemand sprach ein Wort mit ihm. Der hübsche Page trat hinter den Stuhl der Marchesa, und zehn bis elf Lakaien liefen hin und her, um uns zu bedienen. Da ich mittags nur meine Suppe gegessen hatte, so aß ich wie ein Menschenfresser, denn abgesehen davon, daß ich Hunger und einen ausgezeichneten Appetit hatte, besaß der Marchese einen ausgezeichneten französischen Koch. Der Marchese kreischte vor Vergnügen, als er mich unter den leckeren Gerichten aufräumen sah, mit denen die Tafel besetzt war. Er sagte mir: das einzige, was seiner schönen Lebensgefährtin fehle, um eine ganz vollendete Frau zu sein, sei ein guter Appetit, denn sie esse ebensowenig wie ihre Mutter. Von köstlichen Weinen in fröhliche Stimmung versetzt, vergnügten wir uns nach Tisch in heiteren Gesprächen, und da wir Französisch sprachen, das der Priester nicht verstand, so entfernte er sich, nachdem er das gratias agimus gesagt hatte. Der Marchese sagte mir, dieser Geistliche bekleide in seinem Hause seit zwanzig Jahren die Stelle des Beichtvaters, aber er habe noch niemals einem von der Familie die Beichte abgenommen. Er sagte mir, ich müßte mich in Gegenwart dieses Ignoranten in acht nehmen, aber nur, wenn ich Italienisch spräche; auf Französisch könnte ich sagen, was ich wollte. Ich war in so lustiger Stimmung, daß ich die Gesellschaft bis ein Uhr nach Mitternacht bei Tische hielt. Bevor wir auseinandergingen, sagte der Marchese uns, wir würden nach dem Mittagessen abfahren, und er würde eine Stunde nach uns ankommen. Er versicherte seiner Frau, er befinde sich sehr wohl und hoffe, sie zu überzeugen, daß ich ihn um zehn Jahre verjüngt habe. Leonilda umarmte ihn zärtlich und bat ihn, sich doch ja mit seiner Gesundheit in acht zu nehmen. »Ja, ja!« antwortete der Marchese; »aber erwarte meinen Besuch!« »Ich wünsche Ihnen eine gute Nacht und in neun Monaten einen kleinen Marchese!« »Stellen Sie den Wechsel aus!« rief er; »morgen früh werde ich ihn akzeptieren.« »Ich verspreche dir,« sagte Leonilda, »mein möglichstes zu tun, damit du nicht Bankerott machst.« Donna Lucrezia führte mich in mein Zimmer, übergab mich dort einem großen Lakaien und wünschte mir gute Nacht. Ich schlief acht Stunden in einem ausgezeichneten Bett; als ich mich angekleidet hatte, führte meine Lucrezia mich zum Frühstück zu der Marchesa, die bereits bei der Toilette war. »Kann ich ruhig den Neunmonats-Wechsel ziehen?« fragte ich. »Es wäre wohl möglich, daß er bezahlt würde, mein lieber Freund!« »Im Ernst?« »Ja, allen Ernstes. Und dir wird mein guter Gatte das Glück verdanken, wonach er sich am meisten sehnt. Er hat es mir gesagt, als er vor einer Stunde mich verließ.« »Ich werde glücklich sein, zu Ihrem beiderseitigen Glück beigetragen zu haben.« Leonilda war frisch wie eine Rose und strahlte vor Glück. Ich hätte sie mit Küssen bedecken mögen, aber ich mußte mich zurückhalten, denn sie war von ihren Zofen umgeben, lauter jungen und hübschen Mädchen. Um etwaigen Verdacht leichter abzulenken, machte ich Anastasia den Hof, und Leonilda tat, wie wenn sie mich ermutigte. Ich spielte den leidenschaftlich Verliebten und konnte leicht sehen, daß es mir wenig Mühe kosten würde, erhört zu werden. Infolgedessen hielt ich mich in engen Grenzen, um nicht beim Wort genommen zu werden, denn ich fürchtete die Verlegenheit des Überflusses. Zum Frühstück begaben wir uns zum Marchese, der bereits auf uns wartete und mich mit Beteuerungen seiner aufrichtigen Freude empfing. Seine Gesundheit wäre ausgezeichnet gewesen, wenn er nicht die Gicht gehabt hätte. Diese verhinderte ihn, sich zu bewegen, denn die leiseste Berührung machte ihm große Schmerzen. Nach dem Frühstück hörten wir die Messe, und ich sah bei dieser Gelegenheit mehr als zwanzig männliche und weibliche Dienstboten; hierauf leistete ich dem Marchese bis zum Mittagessen Gesellschaft. Er sagte mir, er wisse meine Herzensgüte zu schätzen, die mich veranlaßt habe, ihm zuliebe die Gesellschaft seiner Frau und Schwiegermutter aufgeopfert zu haben. Er war überzeugt, daß ich immer noch in Donna Lucrezia verliebt war. Nach dem Mittagessen fuhren wir nach seinem Landgute, ich mit den beiden Damen in einem guten Wagen, er in einer bequemen Sänfte, die von zwei Maultieren getragen wurde. In anderthalb Stunden kamen wir nach seinem schönen und großen Schloß, das in herrlicher Gegend zwischen Vicenza und Battipaglia lag. Da ihre Zofen noch nicht angekommen waren, führte die Marchesa mich in den Park, wo sie sich von neuem meiner neuerwachten Zärtlichkeit überließ. Wir verabredeten, daß ich in ihre Gemächer nur kommen sollte, um Anastasia den Hof zu machen; denn wir mußten es vermeiden, auch nur den geringsten Verdacht zu erregen. Diese vorgebliche Neigung mußte sogar den Marchese belustigen, dem sie natürlich davon erzählen würde. Donna Lucrezia fand diesen Plan sehr gut, denn sie wünschte nicht, daß der Marchese sich einbilden sollte, ich wäre nur ihretwegen in Salerno geblieben. Meine Zimmer stießen an die der Marchesa an, aber ich konnte nur durch das Zimmer Anastasiens zu ihr gelangen, und in diesem befand sich außer ihrer Gesellschafterin noch eine andere Kammerzofe, die noch hübscher war als sie. Eine Stunde darauf kam der Marchese mit allen Bedienten an. In einem bequemen Tragstuhl sitzend, war er so freundlich, mir die schönsten Stellen seines Parkes zu zeigen, während seine Frau und Schwiegermutter die Einrichtung im Schloß überwachten. Nach dem Abendessen fühlte er sich sehr ermüdet und ging zu Bett, indem er mich mit den Damen allein ließ. Nachdem wir noch einige Augenblicke geplaudert hatten, begleitete ich die Marchesa auf ihr Zimmer. Als ich sie verlassen wollte, sagte sie mir, ich könnte durch das Zimmer ihrer Zofe nach meinen Gemächern gehen. Zugleich befahl sie Anastasien, mich zu führen. Die Höflichkeit verpflichtete mich, mich wegen eines solchen Glückes erfreut zu zeigen, und ich sagte der Schönen: »Ich hoffe, Sie werden nicht so mißtrauisch gegen mich sein, daß Sie sich einschließen, obgleich ich neben Ihnen schlafe.« »Ich habe gegen keinen Menschen Mißtrauen, aber ich werde meine Türe schließen, weil dies meine Pflicht ist. Dieses Zimmer ist das Kabinett meiner Herrin, und ich schlafe nicht allein darin; meine Kameradin aber könnte es eigentümlich finden, wenn ich gegen meine Gewohnheit die Türe offen ließe.« »Diese Gründe sind sehr verständig, und ich muß Ihnen beipflichten; aber, schöne Anastasia, wollen Sie sich nicht einen Augenblick zu mir setzen, damit ich mich erinnere, wie ich Sie einstmals habe ärgern können.« »Nein, ich will mich dessen nicht mehr erinnern, und ich bitte Sie, mir zu gestatten, daß ich gehe.« »Daran kann ich Sie nicht verhindern«, sagte ich, indem ich sie an mich zog, und nachdem ich sie geküßt hatte, was sie mir erlauben zu sollen glaubte, wünschte ich ihr gute Nacht. Sobald sie fort war, trat mein Bedienter ein; ich sagte ihm, in Zukunft würde ich mich allein auskleiden. Am anderen Morgen erzählte die Marchesa mir lachend die ganze Unterhaltung, die ich mit Anastasia gehabt hatte. Diese hatte ihr nichts verschwiegen. Leonilda sagte: »Ich habe sie wegen ihres Widerstandes gelobt, ihr aber gesagt, sie könne Ihnen abends alle Dienste anbieten, deren Sie vielleicht bedürften.« Leonilda verfehlte nicht, ihren Gemahl mit dieser kleinen Geschichte zu ergötzen; der gute Marchese glaubte allen Ernstes, ich sei in das Zöfchen verliebt, und neckte mich damit nach dem Essen. Am Abend ließ er sie mit uns soupieren, und so mußte ich denn mit größtmöglichem Anstande dem Mädchen gegenüber die Rolle des Verliebten spielen. Anastasia fühlte sich sehr geschmeichelt, daß ich ihr den Vorzug vor ihrer reizenden Herrin gab, und daß diese die Güte hatte, unsere gegenseitige Neigung nicht zu mißbilligen. Dem Marchese machte diese kleine Intrige viel Spaß, denn indem er mir Gelegenheit gab, diese Komödie zu spielen, glaubte er zugleich mich zu veranlassen, meinen Aufenthalt in seinem Hause zu verlängern. Am Abend begleitete Anastasia mich mit einer Kerze in mein Zimmer, und da sie sah, daß ich keinen Bedienten hatte, bestand sie darauf, mein Haar für die Nacht zurecht zu machen. Sie fühlte sich geschmeichelt, daß ich es nicht wagte, mich in ihrer Gegenwart zu Bett zu legen, und saß länger als eine Stunde bei mir. Da ich nicht in sie verliebt war, kostete es mir keine Mühe, den schüchternen Liebhaber zu spielen. Als sie mir gute Nacht wünschte, bemerkte sie mit Vergnügen, daß meine Küsse zärtlich, aber nicht so glühend waren wie am Tage vorher. Am anderen Morgen sagte die Marchesa zu mir: »Wenn das, was Anastasia mir gesagt hat, wahr ist, so muß ihre Gegenwart Ihnen wohl lästig sein; denn ich weiß, wenn Sie sie liebten, so würden Sie nicht schüchtern sein.« »Sie ist mir in keiner Weise unbequem; denn die Szenen mit ihr sind hübsch und sogar unterhaltend; aber ich wundere mich, wie du dir einbilden kannst, daß ich sie lieben kann; wir haben doch abgemacht, es sollte nur ein Spiel sein, um Späherblicke zu täuschen und Neugierige auf einen falschen Weg zu führen.« »Anastasia glaubt, daß du sie anbetest, und es ist mir nicht unangenehm, wenn du ihr etwas Geschmack an der Galanterie beibringst.« »Wenn ich sie dahin bringen kann, daß sie die Tür offen läßt, werde ich mich leicht zu dir begeben können, ohne daß sie davon das geringste merkt; denn wenn ich sie verlasse, nachdem ich sie amüsiert habe, wird sie nicht auf den Gedanken kommen können, daß ich in dein Zimmer gehe, anstatt in das meinige zurückzukehren.« »Sei nur vorsichtig in allen deinen Maßregeln!« »Sei unbesorgt; ich werde den Plan schon heute Abend einfädeln.« Der Marchese und Lucrezia glaubten, daß ich mich wie ein verschwiegener Mann benehme; aber sie zweifelten nicht einen Augenblick daran, daß Anastasia jede Nacht bei mir schliefe, und sie freuten sich darüber. Den ganzen Tag verbrachte ich mit dem guten Marchese, den ich dadurch glücklich machte, wie er sagte. Ich brachte ihm durchaus kein Opfer, denn ich liebte seine Ansichten und seinen Geist. Bei diesem dritten Abendessen war ich gegen Anastasia noch zärtlicher und zuvorkommender als für gewöhnlich, und sie war sehr erstaunt, als sie mich auf meinem Zimmer kühl fand; aber sie ließ sich nichts merken, sondern sagte: »Es freut mich, daß Sie ein bißchen ruhiger sind, denn beim Abendessen machten Sie mir Angst.« »Ich denke mir, Sie glauben in Gefahr zu sein, wenn Sie mit mir allein sind.« »Durchaus nicht; ich glaube nur, Sie sind jetzt viel vernünftiger, als Sie vor neun Jahren waren.« »Was für Torheiten habe ich denn damals gemacht?« »Keine Torheiten; aber Sie haben meine kindliche Unschuld nicht respektiert.« »Ich habe Ihnen unbedeutende kleine Liebkosungen erwiesen, und das tut mir leid; denn diese sind schuld, daß Sie heute auf Ihrer Hut sein und sich in Ihrem Zimmer einschließen zu müssen glauben.« »Ich tue das nicht aus Mißtrauen gegen Sie, sondern aus den Gründen, die Sie bereits anerkannt haben, übrigens könnte ich ja auch sagen, daß Sie aus einem gewissen Mißtrauen sich nicht zu Bett legen, solange ich bei Ihnen bin.« »Da halten Sie mich doch für sehr eingebildet! Ich werde zu Bett gehen, aber Sie dürfen sich erst entfernen, nachdem Sie mir einen Kuß gegeben haben.« »Das verspreche ich Ihnen.« Ich legte mich zu Bett, und Anastasia verbrachte eine halbe Stunde an meiner Seite. Es kostete mir große Mühe, sie unberührt zu lassen; aber ich hielt mich zurück, weil ich befürchtete, sie würde der Marchesa alles erzählen. Als sie mich verließ, gab Anastasia mir einen so heißen Kuß, daß ich mich nicht länger halten konnte; ihre Hand, von der meinigen gefühlt, zeigte ihr, welche Macht sie über meine Sinne ausüben konnte. Sie ging hinaus, und ich will die Frage nicht entscheiden, ob meine Zurückhaltung sie mehr erfreute oder ärgerte. Ich war sehr neugierig, in welcher Weise sie das Vorkommnis der Marchesa erzählen würde, und es war mir nicht unlieb, als ich am anderen Morgen erfuhr, daß sie die Hauptsache verschwiegen hatte; denn nun wußte ich, daß sie die Türe offen lassen würde, und so versprach ich denn meiner lieben Marchesa, zwei Stunden mit ihr zuzubringen. Als ich mich am Abend wieder mit Anastasia unterhielt, forderte ich sie auf, mir dasselbe Vertrauen zu bezeigen, das ich am Abend vorher ihr gegenüber gehabt hätte. Sie antwortete mir, das würde sie ohne Bedenken tun, unter der Bedingung, daß ich meine Kerze ausbliese und niemals meine Hand nach ihr ausstreckte. Ich versprach ihr dies und war gewiß, daß ich mein Wort halten würde, denn ich durfte mich nicht der Gefahr aussetzen, bei Leonilda eine klägliche Figur zu spielen. Ich zog mich in aller Eile aus, ging barfuß in Anastasias Zimmer und legte mich neben sie. In ihr langes Hemd eingehüllt, hielt sie meine Hände fest. Ich machte gar keine Anstrengungen, diese zu befreien, und sie hielt das für einen Rest von verliebter Ehrfurcht. Um ihre Kameradin nicht zu wecken, sprachen wir kein Wort. Nur unsere Lippen waren an der Arbeit und einige Bewegungen, die in dieser Lage sehr natürlich waren, mußten in ihr den Glauben erwecken, daß ich Folterqualen litte. Die halbe Stunde, die ich bei ihr verbrachte, erschien mir über alle Maßen lang, während ich annehmen durfte, daß sie für sie köstlich gewesen war; denn sie konnte sich einbilden, daß sie mit mir anstellen könnte, was sie wollte. Als ich sie verließ, umarmte ich sie mit einer Art von Verzückung; hierauf ging ich in mein Zimmer, indem ich die Tür offen ließ. Als ich annehmen konnte, daß sie eingeschlafen wäre, ging ich auf den Fußspitzen durch ihr Zimmer und gelangte ohne Hindernis zu meiner Leonilda, die mich erwartete, mein Kommen jedoch erst bemerkte, als sie meinen Mund auf ihren Lippen fühlte. Nachdem ich ihr einen kräftigen Beweis meiner Zärtlichkeit gegeben hatte, erzählte ich ihr alles, was zwischen mir und Anastasia vorgefallen war; hierauf erneuerte ich meine Liebestaten, die sie mit unbeschreiblicher Glut erwiderte. Ich verließ sie, nachdem wir zwei so köstliche Stunden verbracht hatten, wie die Wollust sie nur je ersinnen konnte, und wir versprachen uns, daß es nicht die letzten sein sollten. Ich kam in mein Zimmer zurück, ohne daß jemand aufwachte. Ich stand erst mittags auf, und der Marchese und seine Frau neckten mich damit beim Mittagessen. Beim Abendessen scherzten sie darüber mit Anastasia, die sich sehr gut zu benehmen wußte. Sie sagte mir am Abend, sie würde ihre Tür nicht schließen, aber es wäre nicht gut, daß ich sie aufsuchte, denn dies wäre gefährlich; es wäre besser, wenn wir in meinem Zimmer plauderten, wo wir die Kerze nicht auszulöschen brauchten. Damit sie sicher wäre, daß sie mich nicht störte, bäte sie mich, zu Bett zu gehen. Ich konnte nicht nein sagen, aber ich hoffte bestimmt, daß nichts vorfallen würde, was mich verhindern könnte, Leonilda aufzusuchen, nachdem Anastasia eine Stunde mit mir verbracht hätte. Ich hatte, wie man zu sagen pflegt, die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Ich lag im Bett und hielt Anastasia in meinen Armen. Während sie mich küßte, sagte ich ihr so nebenbei, sie würde doch wohl nicht genug Vertrauen zu mir haben, um sich zu entkleiden und sich an meine Seite zu legen. Auf diese Herausforderung antwortete sie mir mit der Frage, ob ich auch recht vernünftig sein würde. Hätte ich mit nein geantwortet, so wäre ich ein Dummkopf gewesen. Ich sagte ihr also notgedrungen ja und beschloß augenblicklich, das hübsche Mädchen glücklich zu machen, denn es hatte in der vorhergehenden Nacht genug gegen sich selber gekämpft. In einem Augenblick lag sie liebeglühend in meinen Armen; sie dachte nicht daran, mich aufzufordern, ihr mein Wort zu halten. Der Appetit kommt beim Essen. Ihre Glut machte mich verliebt, und da sie all ihre Reize mir zur Schau stellte, huldigte ich ihr ununterbrochen, bis ich vor Ermattung einschlief. Anastasia verließ mich, ohne daß ich etwas davon merkte; als ich erwachte, fand ich es sehr lächerlich, der Marchesa sagen zu müssen, welches Hindernis ohne mein Zutun mich vom nächtlichen Besuch abgehalten hatte. Ich sah, daß ich Anastasias Beute geworden war; denn ich konnte sie doch nicht gut wegschicken, nachdem ich eine Stunde mit ihr getändelt hatte; außerdem hätte sie dann ihre Türe geschlossen, und ich hätte keinen Vorwand gehabt, von ihr zu verlangen, daß sie sie offen ließe. Und dann: was wäre für die Marchesa übrig geblieben, nachdem Anastasia ihren Teil erhalten hätte? Als ich meiner Leonilda das Abenteuer erzählte, lachte sie laut auf. Sie sah, wie ich, daß ich nichts mehr für sie tun konnte. Wir fanden uns damit ab, und während der fünf oder sechs Tage, die wir noch beisammen blieben, sah ich sie nur drei- oder viermal verstohlen in den Gartenhäusern. Ich mußte Anastasia jede Nacht in meinem Bett empfangen, und sie sah gewiß in mir einen Verräter, als ich mich weigerte, sie mit mir nach Rom zu nehmen. Der gute Marchese bereitete mir am Tage vor meiner Reise eine eigentümliche Überraschung. Als ich mit ihm allein war, sagte er mir ohne lange Vorrede, er habe vom Herzog von Matalone erfahren, warum ich seine Frau nicht geheiratet habe, und er habe es stets bewundert, daß ich ihr die fünftausend Dukaten geschenkt habe, obwohl ich nicht reich gewesen sei. »Diese fünftausend Dukaten,« fuhr er fort, »nebst sechs- oder siebentausend, die sie der Freigebigkeit des Herzogs verdankt, bildeten Leonildas Mitgift; ich habe ein Witwengeld von hunderttausend Dukaten hinzugefügt, so daß eine schöne Existenz ihr gesichert ist, selbst wenn ich ohne Leibeserben sterben sollte. Nachdem Sie mich nun durch Ihren Aufenthalt bei mir glücklich gemacht haben, habe ich eine Bitte an Ihre Freundschaft, nämlich, daß Sie mir gestatten, Ihnen die fünftausend Dukaten zurückzugeben, die Sie meiner Leonilda geschenkt haben. Sie selber wünscht Ihnen diesen Beweis aufrichtiger Freundschaft zu liefern. Ich habe ihren edlen Wunsch bewundert, aber die Summe muß aus meinem Geldschrank fließen. Sie hat es nicht gewagt, Ihnen dieses selber zu sagen, und Sie dürfen Ihr dieses Zartgefühl nicht übel nehmen!« »Ich würde allerdings, mein würdiger Marchese, von Leonilda diese Summe nicht angenommen haben, aber von Ihnen nehme ich sie als ein Zeichen Ihrer Freundschaft. Diese Handlungsweise enthüllt Ihre schöne Seele, und wenn ich mich weigern wollte, so wäre dies übel angebrachter Stolz; denn ich bin nicht reich. Ich wünsche nur, daß Leonilda und ihre Mutter zugegen sind, wenn Sie mir dieses Geschenk machen.« »Umarmen Sie mich, lieber Freund! Die Sache soll nach dem Essen abgemacht werden.« Neapel war für mich stets der Tempel des Glücks. Wenn ich jetzt hinginge, würde ich dort verhungern. Das Glück verachtet das Alter. Leonilda und Lucrezia weinten Freudentränen, als der gute Marchese mir die fünftausend Dukaten in Banknoten übergab und eine gleiche Summe seiner Schwiegermutter schenkte, um ihr dafür zu danken, daß sie ihm die Bekanntschaft mit mir verschafft hätte. Der Marchese war so diskret, mir den Hauptgrund zu verschweigen. Donna Lucrezia wußte nicht, daß der Herzog von Matalone ihm enthüllt hatte, wessen Tochter Leonilda war. Dankbarkeit stimmte meine Heiterkeit für den Rest des Tages herab, und Anastasia verbrachte an meiner Seite eine ziemlich traurige Nacht. Am anderen Morgen um acht Uhr reiste ich ab. Ich war sehr traurig, und wir weinten alle. Ich versprach dem guten Marchese, ihm von Rom aus zu schreiben, und kam um elf Uhr in Neapel an. Agata, die ich sofort aufsuchte, war sehr erstaunt über mein Erscheinen und sagte mir, sie hätte geglaubt, daß ich in Rom wäre. Ihr Gatte nahm mich mit der freimütigsten Freundschaft auf, obgleich er an jenem Tage sehr leidend war. Ich sagte ihm, ich würde mit ihm speisen, aber sofort nach Tisch abreisen, und bat ihn, mir für die Banknoten, die ich ihm übergab, einen Wechsel von fünftausend Dukaten aus Rom zu besorgen. Da Agata sah, daß ich zur Abreise entschlossen war, so versuchte sie nicht mehr, mich zurückzuhalten, und beeilte sich, Callimene kommen zu lassen. Das gute Mädchen war außer sich vor Freude, als sie mich wiedersah; denn sie hatte geglaubt, ich wäre seit vierzehn Tagen in Rom, und hatte nicht mehr erwartet, mich noch einmal wiederzusehen. Mein plötzliches Verschwinden und meine unerwartete Rückkehr bildeten das Geheimnis, das die Unterhaltung bei Tisch belebte; ich ließ jedoch die allgemeine Neugier unbefriedigt. Um drei Uhr verließ ich diese liebenswürdigen Menschen, nachdem wir uns aufs zärtlichste umarmt hatten. Ich hielt erst in Montecasino an, das ich noch niemals gesehen hatte. Es war eine glückliche Idee von mir gewesen, denn ich fand dort den Prinzen Xaver von Sachsen, der unter dem Namen eines Grafen von der Lausitz mit der Signora Spinucci reiste. Diese Dame stammte aus der Stadt Fermo, und der Prinz hatte sie halb im geheimen geheiratet. Er befand sich seit drei Tagen in Montecasino, um die Erlaubnis des Papstes für Signora Spinucci abzuwarten; denn in der Ordensregel des heiligen Benedikt war es den Frauen ausdrücklich verboten, das Kloster zu betreten, und da die Dame dies Verbot für sich nicht anerkennen wollte, so blieb dem Gatten nichts anderes übrig, als den Heiligen Vater um einen Dispens zu bitten. Ich übernachtete in Montecasino, nachdem ich alle Merkwürdigkeiten des Ordens besehen hatte. Dann fuhr ich ohne Aufenthalt bis Rom, wo ich bei Rolands Tochter am Spanischen Platz abstieg. Siebzehntes Kapitel Margherita. – Die Buonaccorsi. – Die Herzogin von Fiano. – Kardinal Bernis. – Die Prinzessin von Santa-Croce. – Menicuccio und seine Schwester. Ich hatte mich entschlossen, sechs Monate in der größten Ruhe in Rom zu verbringen und mich nur mit dem Studium der Stadt zu beschäftigen, andere Bekanntschaften aber zu vermeiden. Am Morgen nach meiner Ankunft nahm ich eine hübsche Wohnung gegenüber dem Palast des spanischen Gesandten, damals Monsignore d'Aspura. Zufällig war es dieselbe Wohnung, die vor siebenundzwanzig Jahren der Sprachlehrer inne hatte, bei dem ich Stunden nahm, als ich beim Kardinal Acquaviva war. Die Wirtin war die Frau eines Kochs, der wöchentlich nur einmal bei seiner Frau schlief. Sie hatte eine Tochter von sechzehn oder siebzehn Jahren, die trotz ihrer etwas dunklen Hautfarbe sehr hübsch gewesen wäre, wenn nicht die Pocken sie eines Auges beraubt hätten. Man hatte ihr ein falsches Auge eingesetzt, dessen Farbe und Größe nicht zu dem natürlichen Auge paßten, und dies verlieh ihr ein geradezu unangenehmes Aussehen. Margherita, so hieß meine junge Wirtstochter, machte durchaus keinen Eindruck auf mich; trotzdem machte ich ihr ein Geschenk, das ihr unendlich wertvoll war. Ein englischer Augenarzt, Ritter Taylor genannt befand sich damals in Rom; durch ihn ließ ich ihr ein Emailleauge machen, das ihrem echten Auge täuschend ähnlich war. Dieses Geschenk brachte Margherita auf den Gedanken, daß ich mich binnen vierundzwanzig Stunden in sie verliebt hätte, und ihre Mutter, die sehr fromm war, schwebte in großer Angst, ihr Gewissen zu belasten, indem sie ein voreiliges Urteil über meine Absichten fällte. Dies alles entdeckte ich sehr bald, da ich mit Margherita sehr gut bekannt wurde. Ich vereinbarte mit der Mutter den Preis für gutes, aber nicht übertriebenes Mittag- und Abendessen. Da ich dreitausend Zechinen besaß, so nahm ich mir vor, so zu leben, daß ich in Rom nicht nur keines Menschen bedürfte, sondern sogar eine anständige Rolle spielen könnte. Am nächsten Tage fand ich Briefe auf mehreren Postämtern vor, und der Bankvorsteher Belloni, der mich seit langer Zeit kannte, war von den Wechseln, die ich überbrachte, bereits in Kenntnis gesetzt. Herr Dandolo, stets mein getreuer Freund, schickte mir zwei Empfehlungsbriefe, von denen der eine an den venetianischen Gesandten Erizzo adressiert war. Es war der Bruder des früheren Gesandten in Paris. Dieser Brief machte mir das größte Vergnügen. Der andere war an die Herzogin von Fiano von ihrem Bruder, Herrn von Zuliani, gerichtet. Ich sah mich also in der Lage, zu allen großen Häusern Roms Zutritt zu erhalten, und machte mir ein wahres Vergnügen daraus, mich dem Kardinal Bernis erst vorzustellen, wenn ich bereits in der ganzen Stadt bekannt wäre. Ich nahm weder Wagen noch Bedienten; denn dies ist in Rom durchaus nicht notwendig, da man dort beides sofort findet, wenn das Bedürfnis sich geltend macht. Mein erster Besuch galt der Herzogin von Fiano. Sie war sehr häßlich und nicht eben reich, aber sie hatte einen ausgezeichneten Charakter, obgleich sie, um ihren Mangel an Geist zu verdecken, den Entschluß gefaßt hatte, recht boshaft zu sein, damit man sie für geistreich hielte. Ihr Gemahl, der Herzog, der auch den Namen Ottoboni trug, hatte sie nur geheiratet, um sich einen Erben zu verschaffen. Aber der arme Teufel war babilano, wie man in Rom sagt, mit anderen Worten impotent. Dies vertraute die gute Herzogin mir schon bei meinem dritten Besuch an. Sie sagte es mir jedoch nicht in einem Ton, wie wenn sie ihn nicht liebte, oder wie wenn sie bedauert oder getröstet werden wollte, sondern nur um sich über ihren Beichtvater lustig zu machen, dem sie diesen Umstand anvertraut hatte, und der ihr gedroht hatte, ihr die Absolution zu verweigern, wenn sie fortführe, sich über den Zustand ihres Gemahls zu beklagen, und wenn sie irgendein Mittel anwendete, um ihn von seiner Ohnmacht zu heilen. Die Herzogin gab jeden Abend ihrem aus sieben oder acht Personen bestehenden Kreise ein kleines Souper; zu diesen Mahlzeiten wurde ich erst nach zehn Tagen zugelassen, als alle mich kannten und meine Gesellschaft zu lieben schienen. Der Herzog war eine Art Uhu und liebte keine Gesellschaft; er speiste auf seinem Zimmer. Der Fürst von Santa-Croce war der Cavaliere servente der Herzogin, und die Fürstin wurde vom Kardinal Bernis bedient. Die Fürstin war eine Tochter des Marchese Falconieri; sie war jung, hübsch, lebhaft und ganz dazu angetan, den Männern zu gefallen; aber sie war eifersüchtig auf den Besitz des Kardinals und ließ keiner anderen Dame die Hoffnung, ihren Platz einzunehmen. Der Fürst war ein schöner Mann von edlen Manieren und mit einem recht scharfsinnigen Geist begabt, dessen er sich jedoch nur bediente, um geschäftliche Spekulationen zu machen; er war mit Recht überzeugt, daß er seiner vornehmen Geburt nichts vergab, indem er sein Vermögen durch Operationen vermehrte, zu denen vor allen Dingen Intelligenz nötig sei. Da er nicht gern Geld ausgab, so war er der Kavalier der Herzogin von Fiano geworden, weil diese ihm nichts kostete, und weil er außerdem nicht der Gefahr ausgesetzt war, sich in sie zu verlieben. Der Fürst war nicht fromm, aber er war Jesuit von der kurzen Robe in der vollsten Bedeutung des Wortes. Als ich einige Wochen nach meiner Ankunft mich beklagte, daß einem Gelehrten so viele lästige Schwierigkeiten gemacht würden, wenn er in der römischen Bibliothek arbeiten wollte, erbot er sich, mich dem Superior des Hauses der Gesellschaft Jesu vorzustellen. Ich nahm sein Anerbieten an und wurde von einem der Bibliothekare empfangen, der mich allen Unterbeamten vorstellte; seitdem konnte ich nicht nur auf die Bibliothek gehen, so oft ich wollte, sondern auch die Bücher, die ich brauchte, in meine Wohnung schaffen lassen; ich hatte zu diesem Zweck nur meinen Namen und die Titel der gewünschten Bücher aufzuschreiben. Man brachte mir Kerzen, wenn man annahm, daß ich nicht mehr genügend Licht zum Lesen hätte, und trieb die Höflichkeit so weit, daß man mir die Schlüssel zu einer kleinen Seitentür gab, durch die ich zu allen Stunden eintreten konnte, oft sogar ohne gesehen zu werden. Die Jesuiten sind stets die höflichsten von den Orden unserer Religion gewesen, ich muß sogar sagen: die einzigen höflichen; aber in der Krisis, in der sie sich damals befanden, waren sie von einer geradezu kriechenden Zuvorkommenheit. Der König von Spanien verlangte die Unterdrückung des Ordens, und die Jesuiten wußten, daß der Papst sie ihm versprochen hatte; sie glaubten jedoch, der große Schlag könnte niemals geführt werden, und fühlten sich daher beinahe ganz sicher. Sie konnten sich nicht denken, daß der Papst eine übermenschliche Kraft hätte. Sie ließen sogar von dritter Seite darauf aufmerksam machen, daß seine Macht- Vollkommenheit nicht so weit ginge, ihren Orden ohne die Einwilligung eines Konzils aufzuheben; aber sie täuschten sich. Wenn der Pontifex maximus sich nur mit großer Mühe entschließen konnte, die Aufhebungsbulle zu unterzeichnen, so kam dies daher, daß er überzeugt war, mit der Bulle zugleich auch sein Todesurteil zu unterzeichnen; er entschloß sich daher erst dann dazu, als er sich in seiner Ehre bedroht sah. Der König von Spanien, der starrköpfigste aller Despoten, schrieb ihm mit eigener Hand: wenn er den Orden nicht aufhöbe, so würde er in allen europäischen Sprachen die Briefe drucken lassen, die er als Kardinal an ihn geschrieben hätte, und die ihn, den König, veranlaßt hätten, ihm die Tiara des heiligen Petrus auf das Haupt zu setzen. Ein Papst mit einem anderen Kopf als Ganganelli würde dem König geantwortet haben, der Papst habe die Versprechungen eines Kardinals nicht zu halten, und die Jesuiten würden diese Doktrin unterstützt haben, die durchaus noch nicht die spitzfindigste unter den von den Anhängern des Probabilismus aufgestellten ist; aber Ganganelli liebte im Grunde die Kinder Loyolas nicht: er war Franziskanermönch und kein Edelmann von Geburt; seine Höflichkeit war bäuerisch, und sein Geist war nicht stark genug, um der Scham zu trotzen, die er gefühlt hätte, wenn er als ein Ehrgeiziger bloßgestellt worden wäre, der sein Wort brechen könnte, das er einem großen Herrscher gegeben hätte, um sich auf den Stuhl des vornehmsten Apostels setzen zu können. Ich muß lachen, wenn ich sagen höre, Ganganelli hat sich durch das Einnehmen von Gegengiften vergiftet. Allerdings gebrauchte er Gegengifte und schützende Arzneien, weil er mit Recht befürchtete, daß man ihn vergiften würde. Er verstand nichts von Medizinen und hätte daher wohl einen solchen Fehler machen können; aber ich habe die moralische Gewißheit – wenn es überhaupt eine moralische Gewißheit gibt, daß der Papst wirklich an Gift starb, aber nicht an seinen Gegengiften. Meine Gewißheit gründet sich auf folgendes: In dem Jahre meines Aufenthaltes in Rom, dem dritten Regierungsjahr Klemens' des Vierzehnten, verhaftete man eine Frau aus Viterbo, die in einem rätselhaften Stil ganz überraschende Prophezeiungen aussprach. Sie weissagte in dunklen Ausdrücken die Zerstörung der Gesellschaft Jesu, ohne den Zeitpunkt anzugeben, wann dieses große Ereignis eintreten sollte; aber sie sagte sehr klar und deutlich: dieser religiöse Orden werde von einem Papst vernichtet werden, der nur fünf Jahre drei Monate und drei Tage regieren würde, genau so lange wie Sixtus der Fünfte, keinen Tag länger und keinen weniger. Fast alle lachten über diese Weissagung, als eine Äußerung eines kranken Gehirns, und man sprach bald nicht mehr von der Sibylle von Viterbo, die man jedoch einsperrte. Ich bitte meine Leser, mir zu sagen, ob ein urteilsfähiger, denkender Mensch an der Vergiftung Ganganellis noch zweifeln kann, da sein Tod die Prophezeiung wahr machte? Hier gewinnt die moralische Gewißheit die ganze Kraft einer tatsächlichen Gewißheit. Derselbe Geist, der die Pythia von Viterbo abzurichten wußte, verstand es auch, seine Maßregeln so zu treffen, daß die Welt erfuhr, die Jesuiten hätten, wenn sie auch nicht ihre Unterdrückung verhindern konnten, jedenfalls nicht die Macht verloren, sich zu rächen, und wußten von dieser Macht Gebrauch zu machen. Der mächtige Jesuit, der dem Leben Ganganellis zur vorausbestimmten Stunde ein Ende machte, hätte ihn sicherlich vergiften können, bevor er das Breve der Aufhebung des Ordens unterzeichnet hatte; aber alles scheint dafür zu sprechen, daß die Nachfolger Loyolas die Sache erst dann für möglich hielten, als sie bereits vollbracht war. Hätte der Papst nicht den Jesuitenorden aufgehoben, so wäre er auch nicht vergiftet worden, und dann hätte die Weissagung auch nicht gelogen. Es ist zu bemerken, daß Klemens der Vierzehnte genau so wie Sixtus der Fünfte Franziskanermönch war, und daß beide von geringer Herkunft waren. Auffallenderweise wurde nach dem Tode des Papstes die Prophetin in Freiheit gesetzt, indem man sie für wahnsinnig erklärte. Man hörte niemals mehr von ihr sprechen, und obwohl die Prophezeiung durch das Ereignis bestätigt wurde, sagte man in allen gelehrten und adeligen Kreisen hartnäckig, der Papst sei an den Gegenmitteln gestorben, die er zum Schutz gegen Gift eingenommen habe. Wer vorurteilslos und nicht voreingenommen ist, möge mir sagen, welches Interesse der Papst daran haben konnte, die Weissagung der Frau von Viterbo buchstäblich zu bestätigen? Wenn man mir sagt, das Ereignis könne nur ein Wert des Zufalles gewesen sein, so stopft man mir natürlich den Mund, denn diese Möglichkeit kann ich nicht leugnen; trotzdem werde ich bei meiner Überzeugung bleiben, weil sie auf Wahrscheinlichkeit und Vernunft gegründet ist. Diese Vergiftung war die letzte Machtäußerung der Jesuiten. Es war ein Verbrechen, weil es nach dem Ereignis stattfand; wäre der Papst vor ihrem Sturz vergiftet worden, so hätte die Politik diese Tat gerechtfertigt; denn wirkliche Politik besteht in Voraussicht und Vorsicht und zögert niemals, die Mittel anzuwenden, die am meisten geeignet sind, den beabsichtigten Zweck möglichst schnell zu erreichen; der elendeste von allen Politikern ist derjenige, der nicht weiß, daß es nichts auf der Welt gibt, was nicht in zweifelhaften Fällen vorsichtshalber geopfert werden müßte. Als der Fürst von Santa-Croce mich zum zweitenmal bei der Herzogin von Fiano sah, fragte er mich ohne jede Vorrede, warum ich den Kardinal Bernis nicht besuchte. »Ich gedenke ihm morgen meine Aufwartung zu machen.« »Gehen Sie ja hin; denn ich habe niemals Seine Eminenz mit so großer Achtung von einem Menschen sprechen hören, wie von Ihnen.« »Ich habe seit achtzehn Jahren große Verpflichtungen gegen ihn und bewahre ihm eine unerschütterliche Dankbarkeit.« »Besuchen Sie ihn also; wir alle werden uns freuen.« Der Kardinal empfing mich am nächsten Tage mit offenbar großer Freude. Er lobte die Zurückhaltung, womit ich zum Fürsten über ihn gesprochen hätte, und sagte mir, er halte es nicht für notwendig, mir Verschwiegenheit in bezug auf unsere Bekanntschaft von Venedig her anzuempfehlen. »Eure Eminenz sind ein wenig stärker geworden,« sagte ich zu ihm, »im übrigen aber finde ich Sie frisch und durchaus nicht verändert wieder.« »Sie irren sich, lieber Freund, ich bin in allem anders geworden. Vor allen Dingen bin ich jetzt fünfundfünfzig Jahre alt, während ich damals nur sechsunddreißig zählte; außerdem darf ich nur noch Gemüse essen.« »Geschieht dies, um die Neigung zu den Freuden der Venus zu töten?« »Ich möchte gern, daß man es glaubte; aber ich denke, kein Mensch läßt sich dadurch täuschen.« Er freute sich sehr, als er hörte, daß ich einen Brief für den venetianischen Gesandten besäße, aber ihn noch nicht abgegeben hätte. Er versicherte mir, er werde den Gesandten zu meinen Gunsten stimmen und dieser werde mich gut aufnehmen. »Schon morgen werde ich damit anfangen, das Eis zu brechen,« sagte der liebenswürdige Kardinal; »Sie werden bei mir speisen, und Seine Exzellenz wird es erfahren.« Er hörte mit Vergnügen, daß ich gut mit Mitteln versehen und daß ich allein war, sowie, daß ich beschlossen hatte, verständig und ohne jeden Luxus zu leben. »Ich werde diese Nachricht unserer M. M. mitteilen; denn ich stehe immer noch im Briefwechsel mit der schönen Nonne, und ich glaube, sie wird sich darüber freuen.« Ich machte ihm viel Spaß, indem ich ihm mein Abenteuer mit der Nonne von Chambery erzählte. »Sie können«, sagte der Kardinal, »den Fürsten von Santa-Croce ruhig bitten, Sie der Fürstin vorzustellen; wir können dann angenehme Stunden miteinander verbringen, aber nicht in der Art jener einstigen Stunden in Venedig; denn die Fürstin hat nicht die geringste Ähnlichkeit mit M. M.« »Sie ist aber doch das Entzücken Eurer Eminenz.« »Ja,in Ermanglung eines Besseren. Sie werden sehen.« Am nächsten Tage sagte der Kardinal nach Tisch zu mir, Herr Zuliani habe den Botschafter Erizzo von meiner Anwesenheit in Rom benachrichtigt, und dieser habe die größte Lust, mich kennen zu lernen. Ich war sehr zufrieden mit dem Empfang, den er mir bereitete. Chevalier Erizzo, der Bruder des noch lebenden Prokurators, war ein geistvoller Mann, ein guter Bürger, ein ausgezeichneter Redner und ein großer Politiker. Er machte mir ein Kompliment wegen meiner Reisen und beglückwünschte mich, daß ich mich der Protektion der Staatsinquisitoren erfreute, anstatt von ihnen verfolgt zu werden; denn Herr Zuliani hatte mich ihm mit ihrer Einwilligung empfohlen. Er behielt mich zum Essen bei sich und bat mich, ihm den Vorzug zu geben, so oft ich nichts Besseres zu tun hätte. Am selben Abend war ich bei meiner Herzogin und bat den Fürsten Santa-Croce, mich seiner Frau vorzustellen. Er antwortete mir: »Sie selber wünscht dies, seitdem der Kardinal länger als eine Stunde mit ihr über Sie gesprochen hat. Sie können sich jeden Tag um elf Uhr oder um zwei Uhr nachmittags melden lassen.« Gleich am nächsten Tage ging ich um zwei Uhr hin. Sie lag im Bett und hielt ihre Mittagsruhe; da ich aber den Vorzug hatte, ein Mensch ohne Bedeutung zu sein, so ließ sie mich sofort eintreten. In einer Viertelstunde wußte ich ganz genau, was an ihr war: sie war jung, hübsch, fröhlich, lebhaft, neugierig, lachlustig, sprach und fragte fortwährend und hatte nicht die Geduld, die Antwort abzuwarten oder zu Ende zu hören. Sie kam mir vor wie ein Spielzeug, um Geist und Herz eines genußfreudigen und weisen Mannes zu erheitern, der wichtige Geschäfte hatte und das Bedürfnis fühlte, sich zu zerstreuen. Der Kardinal sah sie regelmäßig dreimal taglich: am Morgen, wenn sie sich anzog, erkundigte er sich, ob sie eine gute Nacht gehabt hätte; am Nachmittag um drei Uhr trank er mit ihr Kaffee, und am Abend sah er sie noch einmal in der Gesellschaft. Dort machte er mit ihr seine Partie Pikett und spielte so geschickt, daß er jeden Abend sechs römische Zechinen verlor, niemals mehr und niemals weniger. Hierdurch wurde die Fürstin die reichste junge Frau in ganz Rom. Ihr Gemahl besaß zwar den Fehler der Eifersucht, aber er war zu vernünftig, um es übel zu nehmen, daß seine Frau eine Pension von achtzehnhundert Franken im Monat hatte, ohne sich etwas vorzuwerfen zu brauchen und ohne der üblen Nachrede den geringsten Stoff zu liefern; denn alles ging in voller Öffentlichkeit vor sich; übrigens war das Geld ehrlich im Spiel gewonnen, und dieses sehr unschuldige Spiel konnte schließlich ja auch wohl eine schöne Frau beständig begünstigen. Warum sollte das Glück nicht verliebt sein? Der Fürst Sante-Croce mußte einen unendlichen Wert auf die Freundschaft des Kardinals für seine junge Gemahlin legen; sie war sehr fruchtbar und schenkte ihm jedes Jahr ein Kind; manchmal sogar alle neun Monate, obgleich Doktor Salicetti dringend geraten hatte, an ihre Gesundheit zu denken; er hatte ihr gesagt, sie setze sich den größten Gefahren aus, wenn sie wieder schwanger würde, bevor sechs Wochen seit ihrer letzten Niederkunft vergangen wären. Man behauptete, der Fürst, der sich während der letzten Tage der Schwangerschaft seiner Frau hätte enthalten müssen, ginge sofort wieder ans Werk, wenn man das Neugeborene zur Taufe trüge. Die Freundschaft des Kardinals mit seiner Frau bot dem Fürsten Santa-Croce ferner noch den Vorteil, daß er alle gewünschten Stoffe aus Lyon kommen lassen konnte, ohne daß der Schatzmeister des Papstes sich hineinmischen durfte, denn die Waren wurden an den französischen Botschafter, Kardinal Vernis, adressiert. Die Gönnerschaft des Kardinals schützte ferner das Haus des Prinzen gegen alle diejenigen, die sonst seiner Frau gerne den Hof gemacht hätten, und ohne Zweifel waren die Freier sehr zahlreich. Der Connetabel Colonna war sehr in sie verliebt. Der Fürst hatte eines Tages den vornehmen Herrn unter vier Augen mit seiner Frau in einem Zimmer seines Palastes überrascht, und zwar in einem Augenblick, wo sie sicher war, daß das Glockenzeichen an der Tür nicht die Eminenz anmeldete. Kaum war der Fürst-Connetabel fortgegangen, so befahl der Fürst seiner Gattin, sich bereit zu halten, um mit ihm am nächsten Tage aufs Land zu gehen. Die Frau verwahre sich dagegen und sagte, diese plötzliche Abreise sei nur eine törichte Laune von ihm, und ihre Ehre erlaube ihr nicht, darin einzuwilligen. Der Fürst war jedoch fest entschlossen, und sie hätte nachgeben müssen, wenn nicht der Kardinal während des Streites eingetroffen wäre. Nachdem er die Geschichte aus dem Munde der naiven und unschuldigen Fürstin vernommen hatte, machte er dem Fürsten begreiflich, er müsse um seines Glückes willen allein aufs Land gehen, wenn er dort Geschäfte hätte, und seine Frau ruhig in Rom lassen; in Zukunft werde sie ihre Maßregeln besser treffen, um solche Zusammentreffen zu vermeiden, die stets listig seien, und aus denen Mißverständnisse hervorgehen könnten, die den häuslichen Frieden stören würden. In weniger als einem Monat war ich den drei Hauptspielern dieser Komödie völlig unentbehrlich geworden. Niemals mischte ich mich in ihre Dispute ein, sondern hörte und bewunderte immer nur, gab stets dem Sieger recht und wurde ihnen dadurch ebenso notwendig, wie ein Marqueur Billardspielern ist. Durch Erzählung oder scherzhafte Erläuterungen füllte ich die verdrießlichen Augenblicke aus, die derartigen Debatten zu folgen pflegen; man kam wieder in gute Stimmung, man fühlte, daß man dies mir verdankte, und belohnte mich dadurch, daß man mich niemals für überflüssig hielt. Ich sah im Kardinal, im Fürsten und in seiner schönen Frau drei liebenswürdige Wesen, die vernünftig und vorurteilsfrei genug waren, um durch unschuldige Mittel ihr Leben glücklich zu machen, ohne dem Frieden und den guten Sitten der Gesellschaft zu nahe zu treten. Die Herzogin von Fiano war eitel auf ihren Ruf, den sie in Rom hatte, und da sie den Gatten der Frau besaß, die dieser dem Kardinal überließ, so bildete sie sich nicht wenig darauf ein; aber außer ihr selber ließ sich kein Mensch dadurch täuschen. Die gute Dame wunderte sich, warum ich nicht begreifen konnte, daß die Fürstin nur aus unwiderstehlicher Eifersucht niemals zu ihr käme. Eines Tages suchte sie mich mit solchem Feuer hiervon zu überzeugen, daß ich wohl sah, ich würde mich dem Verlust ihrer Huld aussetzen, wenn ich ihr nicht beistimmte. Ich hatte ihr von Anfang an zugeben müssen, daß es unbegreiflich wäre, wie die Reize der Fürstin den Kardinal hätten blenden können; denn nach ihrer Meinung gab es keine so magere, leichtfertige und flatterhafte Person wie die Fürstin. Ich war durchaus nicht dieser Meinung, denn in meinen Augen war die Fürstin Santa-Croce ein wahres Kleinod für einen genußliebenden und philosophischen Liebhaber wie den Kardinal Bernis. Manchmal ertappte ich mich darauf, den Prälaten wegen des Besitzes dieses Schatzes glücklicher zu finden als wegen der hohen Würde, zu der ihn Glück und persönliches Verdienst erhoben hatten. Ich liebte die Fürstin; da ich aber nicht so kühn war, Hoffnungen auf Erfolg zu hegen, so hielt ich mich innerhalb der Grenzen, die mir eine friedliche Fortdauer unseres Verhältnisses sicherten. Ich hätte es wagen können, und es wäre mir vielleicht geglückt; aber ich hätte mich vielleicht auch getäuscht und den Stolz der Frau beleidigt, die offenbar mehr stolz als verliebt war; ich würde das Zartgefühl des Kardinals beleidigt haben, der trotz seiner Philosophie durch die Jahre und den Kardinalspurpur anders geworden war als zu der Zeit, da wir die schöne M. M. gemeinsam besaßen. Ich erinnerte mich, daß der Kardinal mir gesagt hatte, er empfinde für sie nur die Zärtlichkeit eines Vaters; hierdurch hatte er mir zur Genüge zu verstehen gegeben, daß er es übel nehmen würde, wenn ich mehr zu werden versuchte als der meistbegünstigte ihrer sehr ergebenen Diener. Übrigens mußte ich mich sehr glücklich schätzen, daß sie sich mir gegenüber nicht mehr Zwang antat als vor ihrer Kammerzofe. Um ihr nach Möglichkeit gefällig zu sein, tat ich, wie wenn ich nichts sähe, während sie überzeugt war, daß ich alles sähe. Es ist nicht leicht, den Weg zu finden, um die Gunst einer gegen alles so gleichgültigen Frau zu erringen, besonders wenn sie in ihrem Dienst einen König hat – oder einen Kardinal. Ich war nun seit einem Monat in Rom. Das Leben, das ich führte, war so, wie ich es mir nur wünschen mochte, um glücklich und ruhig zu sein. Margherita hatte schließlich durch ihre Aufmerksamkeiten meine Teilnahme erregt. Da ich keinen Bedienten hatte, so war sie morgens und abends in meinem Zimmer, und ihr falsches Auge war so vorzüglich gemacht, daß ich an ihre Einäugigkeit gar nicht dachte. Sie hatte viel natürlichen Geist, aber nicht die geringste Bildung; sie war eitel, und obwohl ich anfangs gar keine Absicht dabei hatte, schmeichelte ich ihrer Eitelkeit, indem ich abends und morgens mit ihr schäkerte und ihr kleine Geschenke machte, um sich für den Kirchgang am Sonntag putzen zu können. Es dauerte denn auch nicht lange, so bemerkte ich zweierlei: erstens, daß sie sich wunderte, warum ich niemals zu einer Erklärung in Worten oder Taten käme, obwohl ich sie doch offenbar liebte, denn davon war sie überzeugt; zweitens, daß ihre Eroberung nicht schwierig sein würde, wenn ich sie liebte. Diesen letzten Umstand erriet ich, als ich sie eines Tages bat, mir die kleinen Abenteuer zu erzählen, die sie gewiß von ihrem elften oder zwölften Jahre bis zu ihrem gegenwärtigen Alter von siebzehn oder achtzehn Jahren gehabt hätte; sie erzählte mir Einzelheiten, die sie nur enthüllen konnte, indem sie jede Zurückhaltung beiseite setzte. Da diese kleinen Skandalgeschichten mir das größte Vergnügen machten, so hatte ich sie daran gewöhnt, mir niemals etwas zu verschweigen; denn ich gab ihr jedesmal, wenn ich an ihrer Erzählung den Charakter der Wahrheit fand, einige Geldstücke; ich gab ihr aber nichts, wenn ich zu bemerken glaubte, daß sie mir Umstände verschwieg, durch deren Einfügung die Geschichte interessanter geworden wäre. Sie gestand mir, daß sie das nicht mehr hatte, was ein Mädchen nur einmal verlieren kann, und daß eine Freundin von ihr, namens Buonaccorsi, die sie jeden Feiertag besuchte, sich in derselben Lage befand; schließlich nannte sie mir auch den Namen des jungen Mannes, der sie beide entjungfert hatte. Mein Nachbar war ein junger piemontesischer Abbate, namens Ceruti; wenn ihre Mutter keine Zeit hatte, mußte Margherita ihn bedienen. Als ich sie mit ihm neckte, schwor sie mir, sie hätte kein Liebesverhältnis mit ihm. Das machte mir Spaß, denn mir lag durchaus nichts daran. Der Abbate war schön, gelehrt und geistvoll; aber er war arm, verschuldet und wegen einer sehr unangenehmen Geschichte in ganz Rom berüchtigt. Man erzählte sich, er habe einem Engländer, der die Fürstin Lanti liebte, im Vertrauen gesagt, die Fürstin habe zweihundert Zechinen nötig; der Engländer habe ihm das Geld für sie gegeben und der Abbate habe es für sich behalten. Diese Gemeinheit war entdeckt worden, als es zwischen der Dame und dem Insulaner zu einer Aussprache kam. Dieser sagte der Fürstin, er sei bereit, alles für sie zu tun, und rechne dabei die zweihundert Zechinen nicht, die er ihr bereits habe geben lassen. Überrascht und entrüstet leugnete die Fürstin. Alles klärte sich auf. Der vorsichtige Engländer entschuldigte sich, und dem Abbaten wurde der Zutritt zum Hause der Fürstin versagt, während der Engländer sich weigerte, ihn zu sehen. Dieser Abbate Ceruti war der Schriftsteller, von dem Bianconi die allwöchentlich erscheinenden römischen Ephemeriden schreiben ließ; er war, wie man zu sagen pflegt, mein Freund geworden, als wir in Margheritas Haus nebeneinander wohnten. Ich hatte bemerkt, daß er sie liebte, und war durchaus nicht eifersüchtig auf ihn, denn ich war nicht in sie verliebt; da er jedoch jung und schön war, so konnte ich mir nicht vorstellen, daß Margherita ihn hart behandelte. Sie versicherte mir jedoch, sie verabscheute ihn und es wäre ihr sehr unangenehm, daß ihre Mutter ihn nicht immer bedienen könnte. Ceruti hatte einige Verpflichtungen gegen mich; er hatte von mir zwanzig Scudi auf acht Tage geliehen; und es waren bereits drei Wochen vergangen, ohne daß er Wort gehalten hatte. Ich mahnte ihn jedoch nicht und würde ihm sogar noch zwanzig Scudi geliehen haben, wenn er mich darum gebeten hätte. Wenn ich bei der Herzogin von Fiano zu Abend speiste, kam ich spät nach Hause, und Margherita wartete dann auf mich. Ihre Mutter lag schon zu Bett. Ich behielt das Mädchen eine Stunde oder manchmal auch zwei bei mir und dachte nicht daran, daß unsere geräuschvollen Späße vielleicht dem Abbate mißfallen könnten, der alles hören mußte; denn unsere Zimmer waren nur durch eine dünne Scheidewand getrennt. Als ich eines Abends gegen Mitternacht nach Hause kam, fand ich zu meiner Überraschung die Mutter auf mich warten. »Wo ist Ihre Tochter?« fragte ich sie. »Sie schläft, und ich kann es mit gutem Gewissen nicht mehr erlauben, daß sie die ganze Nacht bei Ihnen bleibt.« »Aber sie bleibt ja nur so lange bei mir, bis ich zu Bett gehe. Ihre Mitteilung beleidigt mich, denn es liegt darin ein Verdacht, der für mich verletzend ist. Was kann denn Margherita Ihnen gesagt haben? Wenn sie sich über mich beschwert hat, so hat sie gelogen. Morgen werde ich ausziehen.« »Da würden Sie unrecht tun. Margherita hat mir nichts gesagt; sie behauptete im Gegenteil, Sie scherzten nur.« »Ganz recht. Haben Sie etwas gegen solches Scherzen einzuwenden?« »Nein, aber Sie können sonst noch was machen.« »Und auf diese Möglichkeit hin erheben Sie einen unwürdigen Verdacht, der Ihr Gewissen beunruhigen muß, wenn Sie eine gute Christin sind?« »Gott soll mich behüten, daß ich Argwohn gegen meinen Nächsten habe! Aber mir ist gesagt worden, Ihr Gelächter und Ihre Scherze seien so laut, daß ohne jeden Zweifel Ihre Unterhaltungen gegen die guten Sitten verstoßen müßten.« »So hat also mein Nachbar, der Abbate, Sie mit dieser Sache behelligt?« »Ich kann Ihnen nicht sagen, wer mich darauf aufmerksam gemacht hat, aber ich weiß Bescheid.« »Um so besser für Sie! Morgen werde ich ausziehen, damit Ihr Gewissen sich beruhigt.« »Aber kann ich Sie nicht ebensogut bedienen wie meine Tochter?« »Nein. Ihre Tochter macht mich lachen, und das tut mir gut. Mit Ihnen wäre es anders. Sie haben mich beleidigt, und ich werde morgen Ihre Wohnung verlassen, denn so etwas darf nicht mehr vorkommen.« »Es würde mir außerordentlich leid tun wegen meines Mannes; er würde von mir verlangen, daß ich ihm den Grund sage, und dies würde mich in Verlegenheit bringen.« »Machen Sie das, wie Sie wollen; es ist mir völlig gleichgültig, was Ihr Mann davon denkt, und ich werde morgen ausziehen. Bitte, entfernen Sie sich; ich will zu Bett gehen.« »Erlauben Sie mir, Sie zu bedienen.« »Nein. Wenn Sie wünschen, daß ich bedient werde, so schicken Sie mir Margherita.« »Sie schläft.« »Wecken Sie sie!« Die gute Mutter ging hinaus, und zwei Minuten darauf trat die Tochter ein. Sie hatte beinahe nur ein Hemd an, und da sie keine Zeit gehabt hatte, sich ihr falsches Auge einzusetzen, so fand ich sie so komisch, daß ich laut auflachte. »Ich schlief«, sagte Margherita, »und meine Mutter hat mich plötzlich aufgeweckt und mir befohlen, Sie zu bedienen und Sie zu bitten, daß Sie nicht ausziehen; denn dann würde mein Vater denken, wir hätten irgend etwas Böses miteinander gemacht.« »Ich werde bleiben; aber Sie werden nach wie vor allein zu mir kommen.« »Oh, ich komme gern; aber wir dürfen nicht mehr lachen, denn der Abbate hat sich beschwert.« »Ah, so hat also der Abbate diesen ganzen Lärm gemacht?« »Das können Sie sich doch denken. Unsere Freude hat ihn geärgert und hat seine Leidenschaft angestachelt.« »Er ist ein jämmerlicher Kerl, der bestraft werden muß; haben wir gestern gelacht, so werden wir diese Nacht noch mehr lachen.« Nachdem wir uns hierüber geeinigt hatten, begingen wir tausend Kindereien und lachten dazu absichtlich doppelt laut, um den Bäffchenträger zu ärgern. Als wir seit einer Stunde im schönsten Tollen waren, ging die Türe auf, und die Mutter trat ein. Sie fand mich mit Margheritas Haube auf dem Kopf und das Mädchen mit einem großen Schnurrbart verziert, den ich ihr mit Tinte angemalt hatte. Bei diesem Anblick mußte die Mutter, die uns vielleicht auf frischer Tat zu ertappen geglaubt hatte, in unser Gelächter einstimmen. »Nun?« fragte ich sie; »ist dies wirklich ein Verbrechen?« »Nein; ich sehe, Sie haben recht; aber bedenken Sie, daß Ihre unschuldigen Orgien Ihren Nachbarn am Schlafen verhindern.« »Mag er anderswo schlafen! Ich werde mir seinetwegen keinen Zwang antun. Ja, ich muß Ihnen sogar sagen, daß Sie zwischen ihm und mir zu wählen haben; denn wenn ich bei Ihnen bleibe, so geschieht dies nur unter der Bedingung, daß Sie ihn fortschicken; sein Zimmer nehme ich.« »Ich kann ihm erst zum Ende des Monats kündigen, aber ich sehe voraus, daß er meinem Mann Dinge erzählen wird, die den Frieden des Hauses stören werden.« »Ich verspreche Ihnen, daß er morgen ausziehen und daß er sich hüten wird, etwas zu sagen, überlassen Sie alles mir! Der Abbate wird sofort aus freiem Willen Ihr Haus verlassen, ohne daß Sie die geringste Unruhe zu befürchten haben. In Zukunft aber fürchten Sie für Ihre Tochter, wenn sie mit einem Mann allein ist, ohne zu lachen und zu sprechen. Wenn man nicht lacht, begeht man etwas Ernstes.« Nach diesem Gespräch entfernte die Mutter sich zufrieden und legte sich zu Bett. Margherita bewunderte die schöne Tat, die ich am nächsten Tage ausführen sollte, und wurde so lustig, daß ich mich nicht enthalten konnte, ihren Reizen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Nachdem ich mit ihr eine Stunde verbracht hatte, ohne zu lachen, verließ sie mich sehr glücklich über ihren Sieg. Am anderen Morgen trat ich in aller Frühe beim Abbaten ein, warf ihm seine Indiskretion vor und forderte ihn auf, sich entweder sofort eine andere Wohnung zu besorgen oder mir unverzüglich die zwanzig Taler zu bezahlen, die er mir schuldig wäre. Er machte allerlei Ausflüchte; als er mich aber unerbittlich sah, sagte er mir, er könne nicht ausziehen, ohne einige kleine Summen zu bezahlen, die er dem Hauswirt schuldig sei, und ohne das Geld zu haben, ein anderes Zimmer auf einen Monat zu bezahlen. »Gut. Hier sind zwanzig Taler; ich schenke sie Ihnen und ebenso die zwanzig Taler, die Sie mir bereits schuldig sind; aber ziehen Sie noch heute aus und hüten Sie sich, auch nur ein Wörtchen über die ganze Geschichte zu sagen, wenn Sie nicht wollen, daß ich mich für Ihren unversöhnlichen Feind erkläre.« Nachdem ich mich auf diese Weise des Abbaten entledigt hatte, sah ich mich im Besitz der beiden Zimmer und hatte auf diese Weise eine bequemere Wohnung; ich hatte Margherita zu meiner freien Verfügung, und durch sie wenige Tage später die hübsche Buonaccorsi, die ihr weit überlegen war. Die beiden Mädchen machten mich mit dem jungen Helden bekannt, der sie verführt hatte. Er war ein Jüngling von fünfzehn bis sechzehn Jahren mit einem reizenden Gesicht, aber klein von Wuchs. Die Natur hatte ihm ein ungeheures männliches Glied gegeben, und auf Lampsakus würde man ihm ohne Zweifel im Tempel des Priapus Altäre errichtet haben, denn er konnte es mit diesem Gott aufnehmen. Dieser Jüngling, der sehr freundliche und liebenswürdige Manieren hatte, war von Gefühlen beseelt, die sich weit über die Anschauungsweise eines gewöhnlichen Arbeiters erhoben. Er liebte weder Margharita noch die Buonaccorsi; aber als sie eines Tages ungestört beisammen gewesen waren, hatte er erraten, daß sie neugierig waren, das zu sehen, was sie nicht glaubten, und hatte ihnen die Wahrheit gezeigt. Der Anblick erregte das Bedürfnis einer vollständigeren Befriedigung; er bemerkte es und bot ihnen seine Dienste an. Die beiden jungen Mädchen berieten sich miteinander, und indem sie so taten, als wenn sie ihm nur eine Gefälligkeit erwiesen, gaben sie sich ihm hin, und das doppelte Werk wurde vollzogen. Der junge Mann gefiel mir. Ich versah ihn mit guter Wäsche und Kleidung, und bald hatte er zu mir vollstes Vertrauen. Er war in ein junges Mädchen verliebt, dessen Besitz ihm das höchste Glück dünkte. Aber er war unglücklich, denn sie war in ein Kloster eingesperrt, und da er sie nicht zur Frau erhalten konnte, so war er der Verzweiflung nahe. Er verdiente nämlich täglich nur einen Paolo (elf Soldi) und hatte also nicht einmal genug für seinen eigenen Lebensunterhalt. Da er mir oft von seiner angebeteten Schönen erzählte, so bekam ich Lust, sie zu sehen. Bevor ich jedoch diese Geschichte erzähle, muß ich erst sagen, in welchen Verhältnissen ich mich in Rom befand. Eines Tages ging ich aufs Kapitol, um der Verteilung der Preise an die jungen Zöglinge der Mal- und Zeichenschule beizuwohnen. Der erste, den ich dort sah, war Raphael Mengs. Er war mit Pompeo Battoni und zwei oder drei anderen Malern da, um zu bestimmen, welche Arbeiten einen Preis erhalten sollten. Da ich nicht vergessen hatte, wie der Künstler sich in Madrid gegen mich benommen hatte, so tat ich, wie wenn ich ihn nicht gesehen hätte, aber sobald er mich bemerkte, kam er auf mich zu, begrüßte mich freundlich und sagte: »Mein lieber Casanova, trotz dem, was in Madrid zwischen uns vorgefallen ist, können wir hier in Rom, dem Lande wahrer Freiheit, alles vergessen und miteinander sprechen, ohne dadurch unserer Ehre etwas zu vergeben.« »Ich sage nicht nein; vorausgesetzt, daß der Gegenstand unseres Zwistes niemals erwähnt wird; denn ich für meinen Teil fühle, daß ich dabei nicht kaltblütig bleiben könnte.« »Das leugne ich nicht, aber hätten Sie Madrid gekannt wie ich und gewußt, wie notwendig es für mich war, Rücksicht auf die bösen Zungen zu nehmen, so hätten Sie mich nicht in die Lage gebracht, tun zu müssen, was ich nur mit großem Bedauern tat.« »Es sah nicht danach aus.« »Ich glaube es, aber um so besser! Ich stand nämlich in dem dringenden Verdacht, Protestant zu sein, und wenn ich mich gegen Ihr Verhalten gleichgültig gezeigt hätte, so hätte ich dadurch die Verdachtgründe bestärkt und mich vielleicht zugrunde gerichtet. Kommen Sie morgen zu mir zum Mittagessen; Bacchus wird unseren Groll ertränken. Wir speisen im Kreise meiner Familie und meiner Freunde. Da Sie, wie ich weiß, mit Ihrem Bruder nicht verkehren, so wird er nicht bei mir sein, übrigens empfange ich ihn auch sonst nicht. Denn wenn ich das täte, würden alle anständigen Leute sich von meinem Hause fernhalten.« Ich nahm die Einladung an, die den Stempel freimütigster Freundschaft trug, und fand mich pünktlich ein. Mein Bruder verließ Rom einige Zeit nachher mit dem russischen Gesandten in Dresden, Fürsten Beloselski, mit dem er gekommen war; er hatte die Wiederherstellung seiner Ehre nicht erlangen können, denn der Senator Rezzonico war unerbittlich. Wir sahen uns m Rom nur drei- oder viermal. Fünf oder sechs Tage vor seiner Abreise hatte ich die angenehme Überraschung, meinen anderen Bruder, den Abbate, bei mir eintreten zu sehen. Er war wie gewöhnlich in Lumpen und verlangte ganz frech Hilfe von mir. »Woher kommst du?« »Von Venedig. Dort konnte ich nicht bleiben, weil ich meinen Lebensunterhalt nicht fand.« »Und wovon gedenkst du in Rom zu leben?« »Ich werde Messen lesen und französischen Unterricht geben.« »Du willst Sprachlehrer sein? Du kannst ja nicht einmal deine eigene Sprache.« »Ich kenne die meinige und auch die französische und habe bereits zwei Schüler.« »Ich wünsche ihnen Glück zu den Grundsätzen, die du ihnen beibringen wirst. Wer sind sie denn?« »Der Sohn und die Tochter des Gastwirts, bei dem ich wohne. Aber das genügt nicht, und im Anfang mußt du mich unterstützen.« »Darauf hast du nicht zu rechnen. Hinaus mit dir!« Ohne länger auf ihn zu hören, zog ich mich in aller Eile fertig an und ging aus, indem ich Margherita beauftragte, mein Zimmer zu schließen. Der elende Mensch stellte mich bei allen meinen Bekannten bloß, auch bei der Herzogin von Fiano und sogar beim Abbate Gama. Alle Welt lag mir in den Ohren, ich müßte ihn unterstützen oder ihn von Rom fortschaffen. Das wurde mir sehr lästig. Endlich kam der Abbate Ceruti zu mir und sagte: »Wenn es nicht dahin kommen soll, daß der Taugenichts auf der Straße bettelt, so müssen Sie etwas für ihn tun. Sie können ihn außerhalb Roms unterhalten, wenn Sie täglich drei Paoli opfern. Er ist bereit, die Stadt zu verlassen.« ^ Ich erklärte mich einverstanden, und Ceruti ordnete die Angelegenheit auf eine mir sehr erwünschte Weise. Er sprach mit einem Pfarrer, der sich damals in Rom aufhielt und der den Gottesdienst einer Franziskanerinnen-Kirche besorgte. Dieser Pfarrer nahm meinen Bruder mit, indem er ihm täglich drei Paoli zusicherte, um die Messe zu lesen, außerdem hatte er noch Aussicht, Geschenke zu erhalten, wenn es ihm glückte, als Prediger zu gefallen, denn auf das Predigen legten die Nonnen seines Klosters großen Wert. Der Abbate Casanova entfernte sich also, und ich kümmerte mich wenig darum, ob er wußte oder nicht wußte, von wem er die drei Paoli erhielt. Solange ich in Rom blieb, fehlten die neun Piaster im Monat, ungefähr fünfzig Franken, ihm niemals. Nach meiner Abreise kehrte er nach Rom zurück; später kam er in ein anderes Kloster, wo er vor dreizehn oder vierzehn Jahren eines plötzlichen Todes starb. Medini befand sich seit meiner Ankunft in Rom ebenfalls dort, aber wir hatten uns niemals gesehen. Er wohnte in der Ursulinerinnenstraße bei einem päpstlichen Dragoner; er lebte nur vom Spiel und suchte die Fremden zu betrügen, deren er habhaft werden konnte. Der Taugenichts hatte ein bißchen Glück und ließ von Mantua seine Geliebte mit ihrer Mutter und einem anderen sehr hübschen Mädchen von zwölf bis dreizehn Jahren kommen. Er glaubte größere Vorteile zu haben, wenn er eine größere möblierte Wohnung nähme, und zog daher nach dem Spanischen Platz, wo ich fünf oder sechs Häuser von ihm entfernt wohnte. Dieser Umstand war mir jedoch völlig unbekannt. Als ich eines Tages beim venetianischen Botschafter speiste, sagte Seine Exzellenz mir: »Sie werden mit einem Grafen Manucci speisen, der von Paris kommt, und sich sehr gefreut hat, als er vernahm, daß Sie in Rom sind. Ich nehme an, daß Sie ihn genau kennen; würden Sie wohl die Güte haben, mir zu sagen, wer dieser Graf ist, den ich morgen dem Heiligen Vater vorstellen soll?« »Ich habe ihn in Madrid beim Gesandten Mocenigo gekannt; er macht einen guten Eindruck, ist bescheiden und höflich und ein hübscher junger Mensch. Das ist alles, was ich weiß.« »Wurde er vom spanischen Hof empfangen?« »Ich glaube es; aber ich kann es nicht bestimmt behaupten.« »Ich glaube, nein; aber ich sehe. Sie wollen mir nicht alles sagen, was Sie von ihm wissen. Nun, es macht nichts; ich laufe keine Gefahr, wenn ich ihn dem Papst vorstelle. Er behauptet, von dem berühmten Reisenden Manucci aus dem dreizehnten Jahrhundert abzustammen und ein Nachkomme der berühmten Buchdruckerfamille Manucci zu sein, die der Literatur so viel Ehre gemacht hat. Er zeigte mir den Anker in seinem Wappen mit sechzehn Feldern.« Ich war sehr erstaunt, daß dieser Mensch, der die Rache so weit getrieben hatte, mich sogar ermorden lassen zu wollen, von mir wie von einem vertrauten Freunde sprach. Ich entschloß mich jedoch, meine Gefühle zu verbergen, um zu sehen, wie es weiter kommen würde. Ich sah ihn also erscheinen, ohne ihn meinen gerechten Groll fühlen zu lassen. Als er den Gesandten nach der üblichen Etikette begrüßt hatte, kam er mit ausgebreiteten Armen auf mich zu, um mich zu umarmen und ich wich ihm nicht aus, sondern erkundigte mich nach seinem Gesandten. Manucci sprach bei Tisch sehr viel; er erzählte, um mich herauszustreichen, zwanzig Lügen, was ich alles in Madrid getan hätte; wahrscheinlich dachte er dabei, wenn er selber lüge, zwinge er mich, ebenfalls zu lügen und meinerseits ihn herauszustreichen. Ich schluckte alle diese sehr bitteren Pillen hinunter, da es nun einmal nicht anders ging; aber ich war fest entschlossen, gleich am nächsten Tage eine ernsthafte Erklärung herbeizuführen. Ein Franzose, der mit Manucci gekommen war, ein gewisser Chevalier de Reuville, interessierte mich sehr. Er war nach Rom gekommen, um die Ehe einer Dame, die sich zu Mantua in einem Kloster befand, für ungültig erklären zu lassen. Er war dem Kardinal Galli ganz besonders empfohlen. Er erzählte uns eine Menge hübscher Geschichten und erheiterte die ganze Gesellschaft. Als wir den Gesandten verließen, nahm ich Manuccis Einladung an, mit ihm in seinen Wagen zu steigen und bis zum Abend spazieren zu fahren. Als wir mit Einbruch der Dunkelheit zurückkehrten, sagte der Franzose uns, er werde uns einer hübschen Dame vorstellen, bei der wir zu Abend speisen würden und auch eine Pharaobank legen könnten. Der Wagen hielt am Spanischen Platz dicht bei meiner Wohnung vor einem Hause, und wir gingen nach dem zweiten Stock hinauf. Als ich eintrat, sah ich zu meiner großen Überraschung den Grafen Medini und dessen Geliebte, die der Chevalier sehr gerühmt hatte, die ich jedoch durchaus nicht nach meinem Geschmack fand. Medini begrüßte mich herzlich und dankte dem liebenswürdigen Franzosen, daß er mich veranlaßt hätte, das Vergangene zu vergessen und ihn zu besuchen. Herr von Reuville machte ein erstauntes Gesicht; um eine Auseinandersetzung zu vermeiden, die vielleicht unangenehm geworden wäre, brachte ich die Unterhaltung auf einen anderen Gegenstand. Als die Gesellschaft beisammen war, schienen dem Graf Medini genügend viel Spieler vorhanden zu sein. Er setzte sich an einen großen Tisch, legte fünf- oder sechshundert Scudi in Gold und Banknoten vor sich hin und begann abzuziehen. Manucci verlor alles Gold, das er bei sich hatte; Reuville gewann die Hälfte von dem Golde der Bank, und ich begnügte mich mit der Rolle des Zuschauers. Nach dem Abendessen verlangte Medini von dem Franzosen Revanche, und Manucci bat mich um hundert Zechinen. Ich gab sie ihm und in weniger als einer Stunde hatte er keinen Heller mehr; Reuville dagegen gewann Medini alles Gold ab, bis auf etwa zwanzig oder dreißig Zechinen. Hierauf gingen wir alle nach Hause. Manucci wohnte bei Rolands Tochter, meiner Schwägerin. Ich gedachte ihn dort gleich am nächsten Morgen aufzusuchen; er ließ mir jedoch keine Zeit dazu, denn ich sah ihn in aller Frühe schon bei mir erscheinen. Nachdem er mir meine hundert Zechinen wiedergegeben hatte, ließ er mir keine Zeit, mich zu besinnen, sondern umarmte mich herzlich, zeigte mir einen starken Kreditbrief auf Belloni und bot mir an, mir soviel Geld zu leihen, wie ich nötig hätte. Ohne von dem Vergangenen ein Wort zu sagen, benahm der eigentümliche junge Mann sich so, daß ich einsah, wir müßten unser beiderseitiges Unrecht vergessen und uns als gute Freunde betrachten. Bei dieser Gelegenheit trug wieder einmal mein Herz den Sieg über meine Vernunft davon, wie es mir oft geschehen ist. Ich nahm den Frieden an, den er mir anbot. übrigens war ich nicht mehr in dem Alter, wo der unüberlegte Mut nur durch einen Degenstoß befriedigt werden kann. Manucci war zwar im Unrecht, aber ich sah auch klar und deutlich, daß es ihm leid tat und daß er es gerne wieder gutmachen wollte. Ich erinnerte mich, daß ich vor ihm im Unrecht gewesen war, wenn auch nicht so sehr wie er, und ich fühlte mein Herz beruhigt und meine Ehre befriedigt. Am dritten Tage speiste ich mit ihm unter vier Augen in seiner Wohnung. Gegen das Ende der Mahlzeit kam der Chevalier de Reuville und kurz darauf Medini. Reuville forderte uns auf, jeder einmal die Bank zu halten. Wir nahmen seinen Vorschlag an, und das war zu seinem Unglück. Manucci gewann das Doppelte von dem, was er das vorige Mal verloren hatte; Reuville verlor vierhundert Zechinen, und ich verlor eine Kleinigkeit. Medini, der nur etwa fünfzig Zechinen verloren hatte, war in Verzweiflung und wollte sich aus dem Fenster stürzen. Einige Tage darauf reiste Manucci nach Neapel, nachdem er der Geliebten Medinis, die mit ihm soupiert hatte, hundert Louis geschenkt hatte. Trotz dieser unverhofften Einnahme wurde Medini verhaftet, weil er seit seiner Ankunft in Rom mehr als tausend Scudi Schulden gemacht hatte. Der Unglückliche schrieb mir vom Gefängnis aus jämmerliche Bittgesuche um Hilfe; diese Schreibebriefe übten jedoch auf mich weiter keine Wirkung aus, als daß ich mich seiner sogenannten Familie annahm. Ich hielt mich für meine Auslagen an der jungen Schwester seiner Geliebten schadlos, da ich nicht verpflichtet zu sein glaubte, ohne jeden Vorteil den Großmütigen zu spielen. Um diese Zeit kam der deutsche Kaiser mit seinem Bruder, dem Großherzog von Toskana, nach Rom. Einer von den Herren seines Gefolges machte die Bekanntschaft der jungen Schönheit und setzte Medini instand, seine Gläubiger zu befriedigen. Er verließ Rom wenige Tage, nachdem er seine Freiheit wiedererlangt hatte; in einigen Monaten werden wir ihn wiederfinden. Ich lebte glücklich auf meine selbstgewählte Art. Abends ging ich zur Herzogin von Fiano, jeden Nachmittag zur Fürstin Santa-Croce, und die übrige Zeit war ich zu Hause, wo ich Margherita, die hübsche Buonaccorsi und den jungen Menicuccio hatte, der mir so viel von seiner Liebe erzählte, daß ich schließlich Lust bekam, sein Mädchen kennen zu lernen. Das junge Mädchen, das er liebte, befand sich seit dem zehnten Jahre in einer Art von klösterlicher Wohltätigkeitsanstalt, die sie nur verlassen konnte, um sich mit der Erlaubnis des Kardinals, dem die Verwaltung und Beaufsichtigung des Hauses unterstand, zu verheiraten. Die in dieses Kloster eingesperrten Mädchen erhielten bei ihrem Austritte zweihundert römische Scudi, die sie ihrem Gatten als Mitgift zubrachten. Menicuccios Schwester befand sich in derselben Anstalt, und er konnte sie jeden Sonntag besuchen; sie kam mit ihrer Erzieherin an das Sprechgitter. Obgleich Menicuccio ihr Bruder war, erlaubte die Klosterordnung nicht, daß sie allein an das Gitter kam. Vor fünf oder sechs Monaten hatte der junge Mann bei einem seiner gewöhnlichen Besuche seine Schwester mit einem anderen jungen Mädchen kommen sehen, das er vorher noch niemals bemerkt hatte. Er hatte sich sofort sterblich in dieses verliebt. Da er die ganze Woche arbeiten mußte, so konnte er nur an Feiertagen das Sprechgitter aufsuchen; aber selbst an diesen Festtagen hatte der arme Junge nur selten das Glück, die Geliebte zu sehen, um die er so viele Seufzer ausstieß; in fünf oder sechs Monaten hatte er sich nur etwa achtmal ihrer Gegenwart erfreut. Seine Schwester kannte seine Liebe und erwies ihm gerne jede Gefälligkeit; aber es stand nicht in ihrer Macht, die Freundin nach ihrem Belieben mit an das Gitter zu führen, und die Oberin um Erlaubnis zu fragen wagte sie nicht, weil sie Verdacht zu erregen fürchtete. Ich hatte mich also entschlossen, der armen Eingesperrten einen Besuch zu machen. Unterwegs erzählte Menicuccio mir, daß die Frauen, die dieses Haus leiteten, eigentlich keine Nonnen wären; denn sie hätten kein Gelübde abgelegt und trügen keine geistliche Tracht; trotzdem aber kämen sie kaum in Versuchung, ihr Gefängnis zu verlassen, denn draußen in der Welt würden sie ihr Brot erbetteln oder eine dienende Stellung annehmen müssen. Die mannbaren jungen Mädchen verließen das Haus, indem sie die Flucht ergriffen, was sehr schwierig wäre, oder indem sie sich verheirateten, was sehr selten vorkäme. Wir kamen an ein schlecht gebautes großes Haus, das an einem der Stadttore in öder Gegend lag; denn das Tor führte auf keinen Weg. Als wir das Sprechzimmer betraten, sah ich zu meiner Überraschung ein doppeltes Gitter von gekreuzten Stäben, die so dicht waren, daß ein zehnjähriges Mädchen seine Hand nicht hätte hindurchstecken können, ohne sich zu verletzen. Zwischen dem inneren und äußeren Gitter befand sich ein ziemlich großer Zwischenraum, wodurch die öffnungen scheinbar noch um die Hälfte kleiner wurden; hierdurch wurde es außerordentlich schwierig, die Gesichtszüge der Personen zu erkennen, die sich dicht an das zweite stellten, um so mehr, da der Teil des Sprechzimmers, wo die unglücklichen Gefangenen sich aufhielten, nur von dem unsicheren Licht des für die Besucher bestimmten Teiles notdürftig erhellt wurde. Der Anblick erfüllte mich mit Entsetzen, und ich fragte Menicuccio: »Wie und wo hast du denn deine Geliebte gesehen? Ich sehe hier nur Finsternisse.« »Das erste Mal hatte die Erzieherin zufällig eine Lampe bei sich; aber eine solche anzuzünden, ist bei Strafe der Exkommunikation nur gestattet, wenn Verwandte kommen.« »Wird sie denn heute mit Licht kommen?« »Das bezweifle ich; denn die Pförtnerin wird ihr gesagt haben, daß ich nicht allein bin.« »Aber wie ist es dir dann gelungen, deine Freundin zu sehen, die doch nicht deine Verwandte ist?« »Durch Zufall. Das erste Mal war sie heimlich gekommen, und die Aufseherin meiner Schwester, eine sehr gute Person, sagte nichts. Die anderen Male kam sie auf Bitten meiner Schwester, jedoch ohne Kerze.« Wirklich erschien bald darauf die Frauengestalt, aber ohne Licht; es war mir unmöglich, die Aufseherin zu überreden, uns welches zu verschaffen. Sie fürchtete, entdeckt und exkommuniziert zu werden. Da ich sah, daß ich die unschuldige Ursache war, daß mein junger Freund den Anblick der Geliebten entbehren mußte, so wollte ich mich entfernen; aber dies wollte er nicht zugeben. So verbrachte ich an diesem barbarischen Gitter eine peinliche Stunde, die jedoch nicht uninteressant war. Die Stimme von Menicuccios Schwester erregte in mir ein köstliches Gefühl und brachte mich auf den Gedanken, daß die Blinden sich durch das Gehör verlieben müssen. Die Aufseherin war noch nicht dreißig Jahre alt. Sie sagte mir, die Insassen des Hauses würden nach ihrem fünfundzwanzigsten Jahre Aufseherinnen über die jüngeren, und mit fünfunddreißig Jahren stände es ihnen frei, das Haus zu verlassen. Hierzu entschlössen sich jedoch aus Furcht vor der Armut nur sehr wenige. »Dann haben Sie wohl viele Alte hier?« »Wir sind hundert, und die Zahl vermindert sich nur durch den Tod oder durch einen Austritt, der selten vorkommt.« »Aber es treten doch auch einige aus, um sich zu verheiraten; wie fangen denn diese es an, ihren Freiern Liebe einzuflößen?« »In den zwanzig Jahren, seitdem ich hier bin, habe ich nur vier austreten sehen, um sich zu verheiraten, und diese haben ihren Gatten erst vor dem Altar kennen gelernt. Wer bei dem Kardinal-Protektor eine von uns zur Ehe verlangt, ist ein Narr oder ein Verzweifelter, der zweihundert Piaster braucht. Übrigens erteilt der Kardinal die Erlaubnis nur, nachdem er sich überzeugt hat, daß der Bewerber in seinem Berufe so viel verdient, um seine Frau ordentlich unterhalten zu können.« »Und wie wird die Auswahl vollzogen?« »Der Bewerber muß sagen, wie alt seine Frau sein und was sie können muß, und der Kardinal verläßt sich dann auf die Oberin.« »Ich nehme an, daß Sie gutes Essen und gute Wohnung haben?« »Keines von beiden. Dreitausend Scudi jährlich können nicht genügen, um die Bedürfnisse von hundert Personen zu bestreiten. Die glücklichsten sind diejenigen, die sich mit ihrer Arbeit etwas verdienen.« »Und was sind das für Leute, die sich darum bewerben, ihre Töchter in ein solches Gefängnis zu bringen?« »Arme Leute oder Fromme, welche Furcht haben, daß ihre Töchter dem Laster zur Beute fallen. Aus diesem Grunde werden nur hübsche Madchen bei uns aufgenommen.« »Und wer urteilt über diese Schönheit?« »Die Älteren, der Priester, ein Mönch oder der Pfarrer und als letzte Instanz der Kardinal-Protektor; wenn dieser das Mädchen nicht hübsch findet, so verwirft er sie ohne Mitleid, denn er sagt, die häßlichen haben von der Verführung der Welt nichts zu befürchten. Sie können sich also wohl denken, daß wir Unglücklichen, die wir hier sind, diejenigen verfluchen, die uns hübsch gefunden haben.« »Ich beklage Sie, aber ich wundere mich, daß man nicht die Erlaubnis erhalten kann, Sie in allen Ehren zu sehen; dies würde vielleicht doch manchen veranlassen, eine von Ihnen zur Frau zu begehren.« »Der Kardinal sagt, er dürfe diese Erlaubnis nicht geben, denn die Übertretung der Gründungsgesetze sei mit Exkommunikation bedroht.« »Der Begründer dieses Hauses muß in der Hölle sein.« »Das glauben wir alle, und wir beten nicht dafür, daß er herauskommt. Der Papst sollte diesem Unfug ein Ende machen.« Ich gab dem Mädchen zehn Scudi und sagte ihr, da ich sie nicht sehen könne, so wolle ich ihr nicht versprechen, ein zweites Mal wiederzukommen. Ich ging mit Menicuccio hinaus, der sich Vorwürfe machte, mir diese langweilige Stunde verschafft zu haben. Ich antwortete ihm: »Ich sehe voraus, daß ich niemals deine Geliebte und deine Schwester erblicken werde, deren Stimme mir ins Herz gedrungen ist.« »Es scheint mir unmöglich zu sein, daß Ihre zehn Piaster nicht Wunder wirken.« »Es muß doch noch ein anderes Sprechzimmer da sein?« »Ja, aber dieses dürfen bei Strafe der Exkommunikation ohne Erlaubnis des Heiligen Vaters nur Priester betreten.« Ich begriff nicht, wie eine so abscheuliche Anstalt geduldet werden konnte; denn es war offenbar, daß die armen Eingesperrten nur mit größter Mühe einen Gatten finden konnten. Da jedem Mädchen eine Mitgift von zweihundert Piastern zugesichert war, so hatte der Gründer der Anstalt doch wohl auf zwei Heiraten jährlich rechnen müssen; ich vermutete, daß diese Summen von irgendeinem Gauner zu seinem Nutzen verwendet würden. Ich teilte meine Gedanken dem Kardinal Bernis in Gegenwart der Fürstin mit. Sie wurde von lebhafter Teilnahme für die Unglücklichen ergriffen und sagte, man müsse dem Papst eine von allen Insassen der Anstalt unterzeichnete Eingabe überreichen, worin sie den Heiligen Vater um Erlaubnis bäten, im Sprechzimmer in allen Ehren und unter denselben Förmlichkeiten wie in anderen Frauenklöstern Besuche zu empfangen. Der Kardinal bat mich, die Bittschrift aufzusetzen, sie unterzeichnen zu lassen und der Fürstin zu übergeben. Unterdessen werde er einen günstigen Augenblick benützen, den Heiligen Vater von der Sache in Kenntnis zu setzen, und werde die geeignete Person ausfindig machen, um die Eingabe in aller Form zu überreichen. An der Einwilligung der allergrößten Zahl der Eingesperrten zweifelte ich nicht. Ich setzte die Bittschrift auf, und als ich zum zweiten Male an das Gitter ging, übergab ich sie derselben Aufseherin, mit der ich bereits gesprochen hatte. Sie war von meiner Idee begeistert und versprach mir, bei meinem nächsten Besuch mir die Eingabe mit den Unterschriften aller ihrer Leidensgefährtinnen zurückzugeben. Sobald die Fürstin Santa-Croce die Eingabe mit den Unterschriften hatte, wandte sie sich an den Kardinal-Protektor Orsini; dieser versprach ihr, mit dem vom Kardinal Bernis schon vorbereiteten Papst darüber zu sprechen. Der Heilige Vater ließ unverzüglich ein Breve ausfertigen, wodurch die Exkommunikation aufgehoben wurde. Der Kaplan des Hauses erhielt den Auftrag, der Oberin zu sagen, daß sie in Zukunft Besuche im großen Sprechzimmer zu erlauben hätte; die jungen Mädchen, die gerufen würden, wären von einer Aufseherin zu begleiten. Menicuccio kam freudestrahlend zu mir und erzählte mir diese Neuigkeit, die die Fürstin selber noch nicht kannte. Sie freute sich außerordentlich, als ich sie ihr erzählte. Papst Ganganelli war ein Ehrenmann und ließ es dabei nicht bewenden. Er befahl, der Verwaltung den Prozeß zu machen und sie über alles in den hundert Jahren seit der Gründung Unterschlagene genau Rechenschaft ablegen zu lassen. Er setzte die Zahl der Zöglinge von hundert auf fünfzig herunter und verdoppelte die Mitgift. Er befahl außerdem, daß jedes Mädchen, das fünfundzwanzig Jahre alt geworden wäre, ohne einen Mann zu finden, mit der Mitgift von vierhundert Talern entlassen werden sollte. Zwölf Matronen von anerkannt gutem Lebenswandel wurden mit festem Gehalt als Aufseherinnen über die jungen Mädchen angestellt, so daß je vier unter der unmittelbaren Leitung einer dieser Frauen standen; zwölf Mägde sollten bezahlt werden, um die groben Arbeiten und die Bedienung im Hause zu verrichten. Achtzehntes Kapitels Ich speise mit Armellina und Emilia im Wirtshaus zu Abend. Die Neuerungen, von denen ich soeben gesprochen habe, verteilten sich auf einen Zeitraum von sechs Monaten. Vor allen Dingen wurde die Bestimmung abgeschafft, wonach es verboten war, das Speisezimmer und überhaupt das Innere des Klosters zu betreten; da keine Gelübde abgelegt worden waren und eine Klausur nicht bestand, so erhielt die Oberin freie Verfügung, nach ihrem Gutdünken zu handeln. Menicuccio erhielt davon durch ein Briefchen seiner Schwester Nachricht. Er brachte mir dies freudestrahlend und forderte mich auf, ihn nach dem Kloster zu begleiten, wie seine Schwester ihn bat, um ihrer Aufseherin ein Vergnügen zu machen. Sie sagte ihm, wir möchten ihre junge Freundin herunterbitten; sie würde entweder mit ihr allein oder mit ihrer Aufseherin herunterkommen; aber die Hauptsache wäre, daß ich sie rufen ließe. Ich war von Herzen gern dazu bereit, denn ich war ungeduldig, die Gesichter der drei Eingesperrten zu sehen und ihre Bemerkungen über das große Ereignis zu hören. Wir gingen daher sofort hin. Im großen Sprechzimmer sah ich zwei Gitter; an dem einen befand sich der Abbate Guasco, den ich im Jahre 1751 in Paris bei Giulietta kennen gelernt hatte; an dem anderen saßen ein russischer Kavalier, Iwan Iwanowitsch Schuwaloff, und der gelehrte Astronom Pater Jaquier aus dem Minimitenkloster der Trinita de' monti. Im Innern bemerkte ich sehr hübsche Personen. Als unsere Freundinnen gekommen waren, begannen wir eine sehr interessante Unterhaltung, aber wir mußten leise sprechen, weil man uns hören konnte. Erst als die anderen Besucher fort waren, wurde es für uns behaglich. Die Geliebte meines jungen Freundes war ein sehr hübsches Mädchen, aber seine Schwester war entzückend. Sie war eben sechzehn Jahre alt geworden; hochgewachsen und von üppigen Formen; sie entzückte mich. Niemals glaubte ich eine weißere Haut, schwärzere Augen, Brauen und Haare gesehen zu haben; unwiderstehlich aber wurden ihre Reize durch die Sanftheit ihrer Blicke und ihrer Stimme und durch die geistvolle Naivität ihrer Bemerkungen. Ihre Aufseherin, die zehn oder zwölf Jahre älter war als sie, war ebenfalls sehr liebenswürdig; sie war blaß und traurig und sah aus, wie wenn sie unaufhörlich ein verzehrendes Feuer unterdrücken müßte. Sie machte mir viel Vergnügen, indem sie mir ausführlich erzählte, welche Verwirrung die neue Ordnung der Dinge im Hause angerichtet hatte. »Die Oberin ist sehr zufrieden damit,« erzählte sie mir, »und alle meine jungen Kameradinnen sind selig vor Freude; aber die alten, die natürlich fromm geworden sind, zetern über den Skandal. Die Oberin hat bereits Befehle gegeben, in dem dunklen Sprechzimmer Fenster anzubringen, obgleich die Alten behaupten, sie dürfe nicht weiter gehen, als der Beichtvater ihr erlaubt habe.« Die Oberin hatte vollkommen recht, indem sie sagte, die dunklen Sprechzimmer seien lächerlich, seitdem es jedermann erlaubt sei, in das helle Sprechzimmer zu gehen. Ferner hatte sie bestimmt, daß das zweite Gitter zu entfernen sei, da im großen Sprechzimmer sich ebenfalls nur eines befinde. Ich fand, daß die Oberin eine kluge Frau sein mußte, und bekam Lust, ihre Bekanntschaft zu machen. Emilia verschaffte mir dieses Vergnügen am nächsten Tage. Emilia hieß die traurige Freundin von Menicuccios Schwester Armellina. Dieser erste Besuch dauerte zwei Stunden, die mir sehr kurz vorkamen. Menicuccio war mit seiner Geliebten und der Aufseherin an ein anderes Gitter gegangen. Ich entfernte mich, nachdem ich ihnen wie das erstemal zehn römische Taler zurückgelassen und Armellinas schöne Hände geküßt hatte; ihr Gesicht überzog sich mit einem hellen Rot, als sie meine Lippen fühlte. Niemals hatte bis zu diesem Augenblick eine Männerhand diese kleinen, zarten Hände berührt, und sie war ganz verwirrt, als sie sah, mit welcher Wollust ich sie ihr küßte. Verliebt in die junge Schönheit ging ich nach Hause. Ohne an die Schwierigkeiten zu denken, die ihrer Eroberung entgegenstanden, überließ ich mich dieser Leidenschaft; es schien mir die süßeste und innigste zu sein, die ich jemals empfunden hätte. Mein junger Freund war ganz selig vor Freude. Er hatte seiner Schönen seine Liebe erklärt, und sie war von Herzen gern bereit, seine Frau zu werden, wenn er sich die Einwilligung des Kardinals beschaffen konnte. Da er, um diese Einwilligung zu erhalten, nur nachzuweisen brauchte, daß er durch seine Arbeit seinen Lebensunterhalt erwerben konnte, so versprach ich ihm hundert römische Taler, sobald er sie nötig hätte, und meine Protektion, um ihm Kunden zu verschaffen; denn da er seine Lehrzeit bestanden und schon als Schneidergeselle gearbeitet hatte, so konnte er eine Werkstatt für eigene Rechnung eröffnen. »Ich beneide dich um dein Los,« sagte ich zu ihm; »denn du hast die Gewißheit, glücklich zu sein, während ich in Verzweiflung bin, da ich deine Schwester liebe und sie unmöglich heiraten kann.« »Sie sind also verheiratet?« fragte er mich. »Leider ja. Aber wir dürfen nichts davon sagen; denn ich will sie jeden Tag besuchen, und wenn man erführe, daß ich verheiratet bin, würden meine Besuche verdächtig werden.« Ich sah mich zu dieser Lüge gezwungen, einerseits, damit ich nicht etwa die Dummheit beging, mich zu verheiraten, andererseits damit Armellina sich nicht einbildete, daß ich in dieser Absicht zu ihr käme. Ich fand die Oberin des Klosters sehr liebenswürdig, sehr höflich, geistreich und vorurteilsfrei. Nachdem sie einmal an das Sprechgitter gekommen war, um meinen Höflichkeitsbesuch zu empfangen, erschien sie später mehrere Male zu ihrem eigenen Vergnügen. Sie wußte, daß ich der Urheber der glücklichen Veränderung war, die sich in ihrem Hause vollzogen hatte, und sie gab mir Bericht, sobald sie eine neue Verpflichtung gegen mich zu haben glaubte, und deren waren sehr viele, denn in weniger als sechs Wochen hatte sie das Glück, daß drei von ihren jüngeren Zöglingen aus dem Kloster austraten, um sehr gute Heiratspartien zu machen, und man hatte sechshundert römische Taler zu dem Betrage hinzugefügt, den sie jährlich zur Unterhaltung des von ihr verwalteten Hauses empfing. Die Oberin vertraute mir an, daß sie mit einem von den Beichtvätern unzufrieden sei. Sie sagte zu mir: »Es ist ein Dominikaner, der von seinen Beichtkindern verlangt, daß sie jeden Sonn- und Festtag vor den Tisch des Herrn treten; er ist stundenlang mit ihnen im Beichtstuhl und legt ihnen zur Buße Entbehrungen auf, unter denen ihre Gesundheit leiden kann. Dies kann ihre Moral nicht verbessern und kostet ihnen viel Zeit, so daß ihre Arbeit darunter leidet und infolgedessen auch ihr Wohlbefinden; denn nur durch ihre kleine Hausindustrie können sie sich einige Annehmlichkeiten verschaffen.« »Wie viele Beichtväter haben Sie?« »Im ganzen vier.« »Sind Sie mit den anderen zufrieden?« »Ja. Sie sind sehr vernünftige Priester, die von der menschlichen Natur nicht mehr verlangen, als was sie ohne Anstrengung leisten kann.« »Ich übernehme es, Ihre gerechten Beschwerden dem Kardinal mitzuteilen; wollen Sie sie niederschreiben?« »Haben Sie die Güte, mir ein Muster anzufertigen.« Ich tat dies. Sie schrieb die Beschwerde ab, unterzeichnete sie und gab sie mir. Ich ließ sie Seiner Eminenz zustellen, und wenige Tage darauf erhielt der Dominikaner einen anderen Wirkungskreis, und seine Beichtkinder wurden unter die drei anderen Beichtväter verteilt. Dies verschaffte mir bei den jüngeren Insassen des Hauses außerordentliche Ehre. Menicuccio besuchte seine Freundin an jedem Festtag. Ich war in seine Schwester rasend verliebt und ging jeden Morgen um neun Uhr zu ihr. Ich frühstückte mit ihr und Emilia und blieb bis elf Uhr im Sprechzimmer mit ihnen allein. Da nur ein einziges Sprechgitter in diesem Zimmer war, so schloß ich mich ein; aber dies nützte mir nichts, denn man konnte vom Innern des Hauses das Gitter sehen. Weil nämlich kein Fenster vorhanden war, ließ man die Tür auf, um Licht einzulassen. Dies war mir sehr lästig, denn jeden Augenblick sah ich junge oder alte Insassen des Hauses vor dieser Tür vorübergehen; sie blieben zwar niemals stehen, warfen jedoch unfehlbar einen Blick nach dem Gitter, und dies verhinderte meine schöne Armellina, ihre Hand meinen liebedurstigen Lippen zu überlassen. Als gegen Ende des Dezembers die Kälte sehr fühlbar wurde, benützte ich diesen Umstand zu einer Bitte an die Oberin, sie möchte mir gestatten, einen Wandschirm ins Kloster zu schicken, um mich vor einer Erkältung zu bewahren, der ich sonst durch die beständige Zugluft unfehlbar ausgesetzt sein würde. Die Frau begriff, daß die Tür nicht geschlossen werden konnte, und nahm daher keinen Anstand, mir meine Bitte zu gewähren. Nun machten wir es uns bequem, aber was ich erlangte, hielt sich im Vergleich zu den heftigen Begierden, die Armellina mir einflößte, in so engen Grenzen, daß ich vor Liebessehnsucht beinahe starb. Am Neujahrstage 1771 schenkte ich jedem der beiden Mädchen ein gutes Winterkleid und sandte der Oberin eine größere Menge Schokolade, Zucker und Kaffee. Dieses Geschenk wurde herzlich gern und mit bestem Dank angenommen. Emilia war mehrere Male eine Viertelstunde vor Armellina an das Gitter gekommen, weil ihre Freundin noch nicht fertig war. Ebenso begann Armellina allein zu kommen, um mich nicht allein zu lassen, wenn ihre Aufseherin mit irgend etwas anderem beschäftigt war. In diesen kurzen Augenblicken ungestörten Beisammenseins eroberte die engelhafte Sanftmut dieses anbetungswürdigen Mädchens mich ganz und gar. Emilia und Armellina waren in der innigsten Freundschaft verbunden; trotzdem waren ihre Vorurteile in bezug auf sinnliche Genüsse so stark, daß es mir noch nicht gelungen war, sie dahin zu bringen, daß sie freie Bemerkungen anhörten oder mir kleine Ungezogenheiten verziehen, die ich mir gerne erlaubte, und mit denen man sich in Erwartung eines Besseren einstweilen begnügt. Eines Tages waren sie ganz starr vor Entsetzen, als ich sie fragte, ob sie nicht zuweilen miteinander im Bett lägen, um sich gegenseitig Beweise der zärtlichsten Freundschaft zu geben. Sie wurden bei diesen Worten dunkelrot. Emilia fragte mich mit der Einfalt der Unschuld, was es denn mit Freundschaft zu tun hätte, wenn man sich die Unbequemlichkeit machte, zu zweien in einem sehr engen Bette zu liegen. Ich hütete mich wohl, meine Frage zu erläutern, denn ich sah, daß der von mir angeregte Gedanke sie beunruhigte. Natürlich waren sie so gut wie ich von Fleisch und Blut, aber unsere Erziehung war nicht von gleicher Art. Ich hielt sie für aufrichtig. Sie hatten sich niemals ihre intimen Geheimnisse mitgeteilt und hatten sie vielleicht nicht einmal ihrem Beichtvater eingestanden, sei es aus unüberwindlicher Schamhaftigkeit, sei es, weil sie gar keine Sünde begangen zu haben glaubten, indem sie ihren Händen gewisse Freiheiten an ihrem eigenen Körper erlaubten. Eines Tages schenkte ich ihnen seidene Strümpfe, die mit Plüsch gefüttert waren, um gegen die Kälte zu schützen. Sie empfingen dieses Geschenk mit Bekundungen lebhaftester Dankbarkeit, aber ich bat sie vergeblich, die Strümpfe in meiner Gegenwart anzuziehen. Ich sagte ihnen, es sei kein Unterschied zwischen den Beinen eines jungen Mädchens und denen eines Mannes; es wäre nicht einmal eine läßliche Sünde, und ihr Beichtvater würde sie auslachen, wenn sie es als ein Verbrechen beichten wollten. Sie antworteten mir stets übereinstimmend und errötend, Mädchen könne so etwas nie erlaubt sein, denn man habe ihnen die Röcke gegeben, um ihre Beine zu bedecken. Ich erriet Emiliens Gedanken: sie war überzeugt, daß sie sich in meinen Äugen erniedrigen und daß ich eine ungünstige Meinung von ihr haben würde, wenn sie anders gehandelt hätte. Und doch war Emilia bereits siebenundzwanzig Jahre alt und durchaus nicht übertrieben fromm. Armellina schämte sich offenbar, weniger sittenstreng zu sein als ihre Freundin, in der sie ihr Vorbild zu erblicken gewohnt war. Mir schien, daß sie mich liebte, und daß es mir weniger schwer sein würde, im geheimen Gunstbezeigungen von ihr zu erlangen, als in Gegenwart ihrer Freundin; in dieser Beziehung war sie allerdings anders als die meisten jungen Mädchen. Ich stellte sie auf die Probe, als sie eines Morgens allein am Gitter erschien und mir sagte, ihre Aufseherin sei für einige Augenblicke beschäftigt. Ich rief: »Ich bete Sie an, und darum bin ich der unglücklichste aller Menschen; denn da ich verheiratet bin, so kann ich nicht darauf hoffen, mich mit Ihnen zu vermählen und mir auf diese Weise das Glück zu verschaffen, Sie in meinen Armen zu halten und mit meinen Küssen zu bedecken. Wie ist es mir möglich, schöne Armellina, daß ich noch leben kann, da ich keinen anderen Trost habe, als daß ich Ihre reizenden Hände küssen darf?« Ich sprach diese Worte im leidenschaftlichsten Ton; sie sah mich mit ihren schönen Augen an, dachte einige Sekunden nach und küßte dann meine Hände ebenso feurig, wie ich die ihrigen geküßt hatte. Nun bat ich sie, ihren Mund dem Gitter zu nähern, gegen das ich meine Lippen gepreßt hatte. Sie errötete, schlug die Augen nieder und rührte sich nicht. Ich beklagte mich bitter darüber, aber vergebens. Sie war taub und stumm, bis Emilia kam, die uns fragte, warum wir nicht so fröhlich wären wie sonst. An einem der ersten Tage des Jahres 1771 sah ich jene Mariuccia bei mir eintreten, welche ich vor zehn Jahren mit einem braven jungen Menschen verheiratet hatte, der einen Barbierladen aufgemacht hatte. Meine Leser werden sich vielleicht erinnern, daß ich sie bei dem Abbate Momolo, dem Scopatore des Papstes Rezzonico, kennen gelernt hatte. In den drei Monaten, seit ich wieder in Rom war, hatte ich vergeblich Nachforschungen angestellt, um zu erfahren, was aus ihr geworden wäre. Ihr Erscheinen war mir daher sehr angenehm, um so mehr, da ich sie sehr wenig verändert fand. »Ich habe Sie bei der Weihnachtsmesse in Sankt Peter gesehen,« sagte sie zu mir; »wegen der Gesellschaft, in der ich mich befand, wagte ich jedoch nicht, mich Ihnen zu nähern, und bat daher einen von meinen Bekannten, Ihnen nachzugehen, um zu erfahren, wo Sie wohnten.« »Wie kommt es, daß ich in drei Monaten nichts von Ihnen habe erfahren können?« »Seit acht Jahren hat mein Mann sein Geschäft in Frascati, wo wir sehr glücklich leben.« »Das freut mich. Haben Sie Kinder?« »Vier, und die älteste, die jetzt neun Jahre alt, sieht Ihnen sehr ähnlich.« »Lieben Sie sie?« »Ich bete sie an; aber ich habe die drei anderen ebenso lieb.« Da ich mit Armellina frühstücken wollte, bat ich Margherita, meiner alten Freundin bis zu meiner Rückkehr Gesellschaft zu leisten. Mariuccia speiste mit mir zu Mittag, und ich verbrachte den Rest des Tages auf die angenehmste Weise mit ihr, ohne mich versucht zu fühlen, unser Liebesverhältnis zu erneuern. Unsere Erlebnisse boten reichlichen Stoff für unsere Unterhaltung; sie machte mir die interessante Mitteilung, daß mein früherer Kammerdiener Costa drei Jahre nach meiner Abreise mit großem Pomp nach Rom zurückgekehrt war und Momolos Tochter geheiratet hatte, in die er sich verliebt hatte, als er in meinem Dienste stand. »Das ist ein Lump, der mich bestohlen hat.« »Ich habe es erraten; aber es hat ihm keinen Nutzen gebracht. Zwei Jahre nach der Heirat hat er seine Frau verlassen, und man weiß nicht, wo er jetzt ist.« »Was ist aus seiner Frau geworden?« »Sie befindet sich in Rom und lebt seit dem Tode ihres Vaters im tiefsten Elend. Ich hatte keine Lust, die unglückliche arme Frau zu besuchen, denn ich konnte ihr nichts Gutes tun und wollte sie nicht betrüben. Ich hätte mich nicht enthalten können, ihr zu sagen, daß ich ihren Mann hängen lassen würde, wenn ich ihn wiederträfe. Diese Absicht habe ich in der Tat bis zum Jahre 1785 gehabt; zu dieser Zeit fand ich den Taugenichts in Wien, wo er Kammerdiener des Grafen Hardegg war. Wenn wir so weit sind, werde ich sagen, was ich mit ihm machte. Ich versprach Mariuccia, sie während der Fastenzeit einmal zu besuchen. Die Fürstin Santa-Croce und der gute Kardinal Bernis bedauerten mich wegen meiner unglücklichen Liebe zu Armellina; trotz ihrem Mitleid aber amüsierte ich sie oft, indem ich ihnen von meinen Leiden erzählte. Der Kardinal sagte der Fürstin, sie könnte mir wohl den Gefallen tun, beim Kardinal Orsini die Erlaubnis auszuwirken, mit Armellina ins Theater zu gehen; ich würde dann mitgehen und könnte sie vielleicht gefügiger machen. »An der Zustimmung des Kardinals können Sie nicht zweifeln, denn Armellina hat kein Gelübde getan; da es jedoch notwendig ist, daß Sie den Gegenstand der heißen Liebe unseres Freundes kennen, bevor Sie diese Bitte aussprechen, so brauchen Sie nur dem Kardinal zu sagen, Sie seien neugierig, das Innere des Hauses zu besichtigen.« »Glauben Sie, daß er mir das erlauben wird?« »Sofort; denn die Klausur ist nur eine innere Verwaltungsmaßregel. Wir werden mit Ihnen gehen.« »Sie gehen mit? Oh, mein lieber Kardinal, das ist eine reizende Partie.« »Bitten Sie um die Erlaubnis, und wir werden den Zeitpunkt festsetzen.« Ich fand diesen Plan köstlich. Ich erriet, daß der galante Kardinal neugierig war, Armellina zu sehen; aber seine Neugier beunruhigte mich nicht, denn ich wußte, daß er treu war. Außerdem war ich überzeugt, daß er und die Fürstin, wenn die schöne Eingesperrte ihnen gefiel, sich bemühen würden, einen Mann für sie zu finden, der sie glücklich machen könnte; sie brauchten ihr nur einige von den milden Stiftungen zuzuwenden, die in Rom, wie in allen schlecht regierten Ländern, sehr zahlreich sind. Drei oder vier Tags darauf ließ die Fürstin mich in ihre Loge im Theater Aliberti rufen und zeigte mir einen Brief vom Kardinal Orsini, der ihr schrieb, sie könnte mit einer beliebigen Anzahl von Personen das Innere des Klosters besichtigen. »Morgen Nachmittag«, sagte die liebenswürdige Fürstin zu mir, »werden wir Tag und Stunde festsetzen.« Als ich am nächsten Morgen meinen gewöhnlichen Besuch machte, kam die Oberin an das Gitter, um mir zu sagen, der Kardinal-Protektor habe ihr mitgeteilt, daß die Fürstin Santa-Croce mit einer Gesellschaft das Haus besichtigen werde; dies mache ihr viel Vergnügen. »Ich weiß es; ich werde bei der Fürstin sein.« »Und wann wird sie kommen?« »Das weiß ich noch nicht; aber ich werde Ihnen Bescheid geben, sobald ich es erfahre.« »Die Neuigkeit hat das ganze Haus in Aufregung gebracht. Unsere Frommen laufen wie geistesabwesend herum; denn mit Ausnahme einiger Priester, des Arztes und des Wundarztes hat seit der Begründung des Hauses kein Mensch jemals Lust gezeigt, das Innere zu besichtigen.« »Die Exkommunikation ist aufgehoben, Signora, und infolgedessen kann man an eine Klausur nicht mehr denken. Sie brauchen keine Erlaubnis von Seiner Eminenz, um Privatbesuche zu empfangen.« »Das fühle ich wohl; trotzdem würde ich es aber nicht wagen.« Am Nachmittag wurde die Stunde des Besuches festgesetzt, und ich meldete dies der Oberin gleich am nächsten Morgen. Die Herzogin von Fiano wollte ebenfalls den Besuch mitmachen, und um drei Uhr waren wir im Kloster. Der Kardinal trug kein Abzeichen seiner hohen Würde. Er erkannte Armellina, sobald er sie sah; so genau war die Beschreibung gewesen, die ich von ihr entworfen hatte. Er machte ihr ein Kompliment wegen ihrer Schönheit und wünschte ihr Glück, daß sie meine Eroberung gemacht hätte. Das arme Mädchen errötete bis in das Weiße der Augen, und ich glaubte, sie würde ohnmächtig werden, als die Fürstin ihr sagte, niemand im ganzen Hause sei so schön wie sie, und ihr zwei zärtliche Küsse gab, die nach den Regeln des Hauses streng verboten waren. Nachdem die Fürstin Armellina in dieser Weise geliebkost hatte, machte sie der Oberin Komplimente; sie sagte ihr, ich hätte mit Recht ihre Klugheit gelobt, denn sie fände diese durch die Ordnung und Sauberkeit, die im Hause herrschte, vollauf bestätigt. Sie würde mit dem Kardinal Orsini über sie sprechen, und die Oberin könnte sich darauf verlassen, daß sie ihr alle Gerechtigkeit würde widerfahren lassen, die sie verdiente. Nachdem wir alle Zimmer gesehen hatten, in denen nichts Merkwürdiges zu sehen war, stellte ich Emilia der Fürstin vor. Diese begrüßte sie auf das herzlichste und sagte zu ihr: »Ich weiß, daß Sie traurig sind, und ich errate die Ursache: Sie sind gut und hübsch; ich werde dafür sorgen, daß Sie einen Mann bekommen werden, der Sie wieder fröhlich machen wird.« Die Oberin zollte diesem Kompliment ein freundliches Lächeln; aber ich sah ein Dutzend alter Betschwestern fürchterliche Gesichter schneiden. Emilia wagte nicht zu antworten, aber sie ergriff die Hand der Fürstin und küßte sie inbrünstig, wie wenn sie sie auffordern wollte, ihr Versprechen zu halten. Ich sah mit Stolz, daß in der ganzen Schar wirklich schöner Mädchen kein einziges es mit meiner Armellina aufnehmen konnte. Sie überstrahlte sie alle, wie vor dem Glanz des Tagesgestirnes die glänzendsten Sterne erbleichen. Als wir nach dem Sprechzimmer hinuntergingen, sagte die Fürstin zu Armellina, sie würde den Kardinal um Erlaubnis bitten, sie während des Karnevals drei- oder viermal ins Theater zu führen. Über diese Worte machten alle ganz erstaunte Gesichter; nur die Oberin sagte zur Fürstin, Seine Eminenz habe das Recht, in einem Hause, wo die Mädchen nur solange blieben, um sich gut zu verheiraten, alle strengen Maßregeln zu unterdrücken. Die arme Armellina war halb ohnmächtig vor Scham und Freude. Sie fand keine passenden Worte, um der Fürstin zu danken, die beim Abschied sie und ihre Freundin Emilia noch einmal der Oberin warm empfahl und dieser eine Anweisung übergab, um für sie anzuschaffen, was sie am dringendsten nötig hätten. Die Herzogin von Fiano wollte an Großmut nicht zurückbleiben und sagte der Oberin, sie würde ihr durch mich ein kleines Geschenk zustellen, das sie Armellina und Emilia zu machen wünschte. Man kann sich denken, wie eifrig ich der Fürstin meinen Dank abstattete, sobald wir im Wagen saßen. Ich brauchte Armellina nicht zu entschuldigen; denn die Fürstin und der Kardinal hatten ihr Wesen richtig erkannt. Eine natürliche Verwirrtheit hatte sie gehindert, Geist zu zeigen, aber ihr lebhaftes Auge ließ den Verdacht nicht aufkommen, daß sie keinen Geist hätte, übrigens konnte sie nicht anders sein, als wie die Erziehung sie gemacht hatte. Die Fürstin war ungeduldig, sie im Theater zu sehen und hierauf nach römischem Brauch im Gasthof mit ihr zu speisen. Sie schrieb Armellinas und Emilias Namen in ihr Notizbuch ein, um ihnen alle nur möglichen Vergünstigungen zu verschaffen. Ich dachte an die Geliebte meines armen Menicuccio; aber der Augenblick war nicht günstig, um sie zu empfehlen. Am nächsten Tage zeigte sich jedoch ein günstiger Augenblick, und ich vertraute dem Kardinal Bernis an, warum ich mich für den jungen Menschen interessierte. Der Kardinal ließ ihn kommen, und da Menicuccio ihm gefiel, so interessierte er sich so wirksam für ihn, daß der junge Mensch noch vor dem Ende des Karnevals seine Geliebte mit einer Ausstattung von fünfhundert römischen Talern heiraten konnte. Mit dieser Summe und mit den hundert Talern, die ich ihm schenkte, war er imstande, sich eine gute Einrichtung zu beschaffen und eine Schneiderwerkstatt für eigene Rechnung aufzumachen. Der Tag nach unserem Besuch im Kloster war für mich ein wahrer Triumph. Als ich wie gewöhnlich am Sprechgitter erschien, sagte man sofort der Oberin Bescheid, die eilends herunterkam, um mir ihren Dank abzustatten. Die Anweisung, die die Frau Fürstin ihr gegeben hatte, lautete über fünfzig römische Taler; sie sagte mir, sie werde diese darauf verwenden, Armellina und Emilia mit Wäsche zu versehen. Die lieben Geschöpfe waren ganz starr vor Staunen, als ich ihnen sagte, der dicke Abbate sei der Kardinal Bernis gewesen, denn sie wußten nicht, daß ein Kardinal den Purpur nach seinem Belieben ablegen darf. Die Herzogin von Fiano hatte ihnen ein Faß Wein geschickt. Dies war ein Genuß, dessen das Haus seit langer Zeit hatte entbehren müssen, und so viele Geschenke erweckten die Hoffnung, daß ihnen noch andere folgen würden. Sie betrachteten mich als den ersten Urheber ihres Glückes, und ihre Dankbarkeit malte sich in ihren Blicken, in dem Klange jedes Wortes, das sie sprachen. Ich glaubte daher, alles hoffen zu können. Einige Tage darauf stattete die Fürstin dem Kardinal Orsini ihren Dank ab und sagte ihm, sie nehme an zwei von den jungen Mädchen des Klosters besonders Anteil; um passende Partien für sie zu finden, wünsche sie, sie zuweilen ins Theater führen zu können, damit sie die Welt ein bißchen kennen lernten; sie verpflichte sich, sie im Kloster abzuholen und wieder dorthin zu bringen oder sie nur sicheren Leuten anzuvertrauen. Der Kardinal antwortete ihr, die Oberin werde in dieser Beziehung alle Befehle empfangen, die die Fürstin nur wünschen könne. Als die Fürstin Santa-Croce mir über ihre Unterhaltung mit dem Kardinal berichtete, sagte ich ihr, ich würde dafür sorgen, daß sie alle Befehle erführe, die die Oberin erhielte. Wirklich sagte die Oberin mir schon am nächsten Tage, der Auditor des Kardinals sei bei ihr gewesen und habe ihr gesagt, Seine Eminenz überlasse es ihrer Weisheit, die ihrer Obhut anvertrauten jungen Mädchen bestens zu lenken, und bitte sie auf die Wünsche der Fürstin Santa- Croce alle nur mögliche Rücksicht zu nehmen. »Ich habe ferner«, erzählte mir die Oberin, »den Befehl erhalten, Seiner Eminenz die Namen derjenigen mitzuteilen, die über dreißig Jahre alt sind und das Kloster verlassen möchten; sie werden die Erlaubnis und zweihundert Scudi erhalten. Ich habe diesen Auftrag noch nicht bekannt gemacht, aber ich glaube mich nicht zu täuschen, wenn ich Ihnen sage, daß ich mindestens zwanzig Mädchen auf diese Weise los werde.« Ich gab der Fürstin Bericht über die Aufträge des Kardinals, und sie fand, daß Seine Eminenz wirklich nicht vornehmer handeln könnte. Kardinal Bernis, der bei unserer Unterhaltung zugegen war, sagte ihr, sie werde wohl daran tun, wenn sie das erste Mal ihre jungen Schützlinge persönlich abholte und der Oberin sagte, sie werde die jungen Mädchen stets nur mit ihrem eigenen Wagen und von Leuten, die ihre Livree trügen, abholen lassen. Natürlich stimmte die Fürstin dem Kardinal bei, und wenige Tage darauf fuhr sie allein nach dem Kloster und fuhr mit ihnen nach ihrem Palazzo am Campo di Fiore, wo der Kardinal, der Fürst, ihr Gemahl, die Herzogin von Fiano und ich auf sie warteten. Man empfing sie mit der größten Liebenswürdigkeit, sprach gütig mit ihnen, ermutigte sie zu antworten, zu lachen und ihre Gedanken frei auszusprechen. Alles war vergeblich: sie befanden sich zum ersten Male in einem so herrlich ausgestatteten Saal, in einer glänzenden Gesellschaft und waren so verwirrt, daß sie sich nicht entschließen konnten, ein Wort zu sprechen, weil sie Angst hatten, daß sie Dummheiten sagen würden. Emilia wagte keine zwei Worte zu sagen, ohne aufzustehen, und Armellina glänzte nur durch ihre Schönheit. Die Röte, die bei jeder meiner an sie gerichteten Fragen ihr Gesicht überzog, gab ihrem schönen Antlitz neues Leben. Die Fürstin bedeckte sie mit Küssen, aber sie konnte sie durch nichts bewegen, diese zu erwidern. Bald jedoch wurde Armellina ein bißchen zuversichtlich: sie ergriff die Hand der Fürstin und preßte inbrünstig ihre Lippen darauf; als aber die schöne Römerin sie auf den Mund küßte, blieb das junge Mädchen untätig und schien von der so natürlichen und süßen Kunst des Küssens gar keine Ahnung zu haben. Der Kardinal und der Fürst lachten; die Herzogin aber sagte, eine solche Zurückhaltung sei nicht natürlich. Ich stand Höllenqualen aus, denn ein so linkisches Benehmen schien mir an Dummheit zu grenzen, weil Armellina nur mit den Lippen der Fürstin dasselbe zu machen brauchte, was sie mit deren Händen machte. Ohne Zweifel glaubte sie, gegen den Respekt zu verstoßen, indem sie es ebenso machte wie die Fürstin, obgleich diese sie so dringend dazu aufforderte. Erziehung verdirbt die Natur, wenn sie sie nicht vervollkommnet. Der Kardinal nahm mich beiseite und sagte mir, es komme ihm unmöglich vor, daß ich in zwei Monaten das junge Mädchen noch nicht verführt habe; er müsse jedoch wohl davon überzeugt sein und anerkennen, welche Macht eine lange Gewohnheit ist, wenn sie von Vorurteilen unterstützt wird. Dieses erste Mal wollte die Fürstin mit ihnen ins Theater von Torre di Nona fahren, wo Schwänke gespielt werden; sie mußten über die Späße lachen, und dies erweckte unsere Hoffnungen. Nach der Vorstellung gingen wir in ein Wirtshaus und aßen zu Abend. Das gute Essen und mein Zuspruch lösten endlich ihre Befangenheit. Wir überredeten sie, Wein zu trinken, und dies gab ihnen Mut. Emilia legte ihre Traurigkeit ab, und Armellina gab endlich der Fürstin richtige schöne Küsse. Wir klatschten Beifall, und dies bewies ihr, daß sie nicht unrecht getan hatte. Natürlich übertrug die Fürstin mir die angenehme Aufgabe, ihre beiden Gäste nach ihrem Kloster zurückzubringen, und dies war der Augenblick, wo ich den ersten Schritt tun mußte, um das große Ziel zu erreichen. Kaum war aber der Wagen abgefahren, da merkte ich, daß ich unrecht daran getan hatte, die Rechnung ohne den Wirt zu machen: Wenn ich Küsse geben wollte, drehte man den Kopf zur Seite; wenn ich mir einen unbescheidenen Griff erlaubte, hüllte man sich in seine Röcke; wenn ich den Zugang mit Gewalt erkämpfen wollte, leistete man mir gewaltsamen Widerstand; wenn ich mich beklagte, sagte man mir, ich hätte unrecht; wenn ich zornig wurde, ließ man mich reden, und wenn ich drohte, ich würde mich nicht wieder sehen lassen, so glaubte man mir nicht. Als wir im Kloster angekommen waren, öffnete eine Magd die Nebenpforte, und da ich sah, daß sie die Tür nicht wieder zumachte, nachdem die beiden Mädchen eingetreten waren, so ging ich ebenfalls ins Kloster und begab mich mit ihnen zur Oberin, die in ihrem Bett lag und über meinen Anblick durchaus nicht erstaunt zu sein schien. Ich sagte ihr, ich hätte es für meine Pflicht gehalten, ihr ihre beiden Zöglinge persönlich zurückzubringen. Sie dankte mir, sagte mir, ich hätte sehr recht getan, fragte die Mädchen, ob sie sich auch gut unterhalten und tüchtig gelacht hätten, und wünschte mir gute Nacht, indem sie mich bat, beim Hinausgehen möglichst wenig Geräusch zu machen. Ich entfernte mich, indem ich ihr eine angenehme Nacht wünschte, und nachdem ich der Magd eine Zechine gegeben hatte und dem Kutscher ebenfalls eine, ließ ich mich vor meiner Wohnung absetzen, wo ich Margherita auf einem Lehnstuhl eingeschlafen fand. Sie schimpfte, als sie mich sah, aber sie wurde bald besänftigt, als sie an der Kraft meiner Liebkosungen merkte, daß ich keiner Untreue fähig war. Ich stand erst mittags auf; um drei Uhr begab ich mich zur Fürstin, bei der ich den Kardinal fand. Sie erwartete, von einem Triumph zu hören; als ich ihr aber das Gegenteil erzählte, war sie sehr überrascht, und noch mehr darüber, daß ich mich so gleichgültig zeigte. Ich muß jedoch gestehen, daß mein Gesichtsausdruck nicht der Wahrheit entsprach. Da ich über das Alter, mich wie ein Kind zu beklagen, hinaus war, so gab ich meiner Enttäuschung einen komischen Anstrich und sagte ihr, ich liebte die Pamelas nicht und hätte daher beschlossen, den Versuch aufzugeben. »Mein Lieber,« sagte der Kardinal zu mir, »in drei Tagen werde ich Ihnen meinen Glückwunsch abstatten.« Er kannte das menschliche Herz. Als Armellina mich an diesem Tage nicht sah, glaubte sie, ich hätte die Zeit verschlafen; als aber auch der zweite Tag verging, ohne daß ich mich zeigte, ließ sie ihren Bruder holen, um sich zu erkundigen, ob ich krank sei; denn ich hatte bisher nie zwei Tage vergehen lassen, ohne sie zu besuchen. Menicuccio kam also zu mir und sagte mir, wie unruhig seine Schwester sei; zugleich freute er sich, ihr sagen zu können, daß ich mich ausgezeichnet wohl befände. »Ja, mein lieber Freund, sage deiner Schwester, daß ich mich auch weiterhin bemühen werde, ihr die Gunst der Fürstin zu erwirken, daß sie mich aber nicht mehr sehen wird.« »Warum denn nicht?« »Ich will versuchen, von meiner unglückseligen Leidenschaft zu genesen. Deine Schwester liebt mich nicht; davon bin ich überzeugt. Ich bin nicht mehr jung, und ich fühle mich durchaus nicht geneigt, ein Märtyrer ihrer Tugend zu werden. Ein junges Mädchen, das liebt, darf die Tugend nicht so weit treiben, daß sie dem Manne, der sie anbetet, nicht einen einzigen Kuß bewilligt.« »Das hätte ich aber wirklich nicht von ihr geglaubt!« »Aber es ist so, und ich muß der Sache ein Ende machen. Deine Schwester ist zu jung; sie weiß nicht, welche Folgen es haben kann, wenn sie sich gegen einen Verliebten von meinem Alter so benimmt. Sage ihr dies alles, Menicuccio, aber laß dir nicht einfallen, ihr Ratschläge zu geben.« »Sie können sich gar nicht vorstellen, wie leid mir das alles tut; aber vielleicht schämt sie sich in Gegenwart Emilias.« »Nein. Ich habe sie auch unter vier Augen oft mit meinen Bitten bestürmt, ohne etwas von ihr zu erlangen. Ich will von meiner Leidenschaft genesen; denn wenn sie mich nicht liebt, will ich sie weder verführen noch durch Dankbarkeit für mich gewinnen. Tugendhaft zu sein, kostet einem Mädchen, das nicht liebt, keine Mühe; sie fühlt vielleicht, daß sie undankbar ist, aber es macht ihr Vergnügen, die Dankbarkeit dem Vorurteil zu opfern. Wie behandelt dich deine Zukünftige?« »Seitdem sie sicher ist, daß ich sie heiraten werde, ist sie sehr lieb.« Ich bedauerte, daß ich mich für einen verheirateten Mann ausgegeben hatte, denn in meinem damaligen Gemütszustand würde ich ihr auch versprochen haben, sie zu heiraten, und ich würde durchaus nicht die Absicht gehabt haben, sie mit diesem Versprechen zu täuschen. Menicuccio entfernte sich ganz betrübt, und ich begab mich nach dem Kapitol zur Versammlung der Akademie, wo die Marquise d'Août ihr Aufnahmegedicht vortragen sollte. Diese Marquise war eine junge Französin, die sich seit sechs Monaten mit ihrem Gatten in Rom befand. Er war ein freundlicher und liebenswürdiger Mensch, der es jedoch in bezug auf Geist durchaus nicht mit ihr aufnehmen konnte; denn sie war sogar genial zu nennen. Ich befreundete mich an diesem Tage mit ihr, ohne jedoch an ein Liebesverhältnis zu denken. Der Platz war bereits besetzt von einem französischen Abbé, der rasend in sie verliebt war und ihretwegen auf seine aussichtsreiche geistliche Laufbahn verzichtete. Die Fürstin von Santa-Croce sagte mir jeden Tag, sie würde mir die Schlüssel ihrer Loge geben, so oft ich Lust hätte, mit Armellina und Emilia allein in die Oper zu gehen. Als sie aber sah, daß ich in acht Tagen noch nicht wieder dagewesen war, begann sie zu glauben, daß ich wirklich mit dem Mädchen gebrochen hätte. Der Kardinal dagegen hielt mich immer noch für verliebt und lobte mein Verhalten. Er prophezeite mir, daß die Oberin mir schreiben würde, und er hatte richtig geraten; denn nach acht Tagen schrieb sie mir ein sehr höfliches Briefchen und bat mich, sie zu besuchen. Ich glaubte mich diesem Besuch nicht entziehen zu können. Am Sprechgitter sagte ich, daß ich sie allein zu sehen wünschte; sie kam und fragte mich, warum ich so plötzlich meine Besuche eingestellt hätte. »Weil ich in Armellina verliebt bin.« »Wenn dieser Grund stark genug war, um Sie jeden Tag hierher zu führen, so kann ich nicht begreifen, warum er jetzt auf einmal genau das Entgegengesetzte bewirkt.« »Das ist doch ganz natürlich, Signora: wenn man liebt, begehrt man, und wenn man vergeblich begehrt, leidet man; ein beständiges Leiden aber macht den Menschen unglücklich. Sie sehen wohl ein, daß ich alles, was in meinen Kräften steht, tun muß, um nicht mehr unglücklich zu sein.« »Ich beklage Sie und ich sehe ein, daß Sie weise handeln; aber wenn die Sache sich so verhält, wie ich glaube, so möchte ich Ihnen sagen, daß Sie Armellina achten müssen und daß Sie sie nicht auf diese Weise verlassen dürfen; denn dadurch werden alle ihre Freundinnen veranlaßt, ein Urteil über sie zu fällen, das der Wahrheit widerspricht.« »Was für ein Urteil denn, Signora?« »Daß Ihre Liebe nur eine Laune war, und daß Sie, sobald Sie diese befriedigt hatten, Armellina verlassen haben.« »Das wäre der Gipfel der Bosheit; aber ich kann nichts dagegen machen, denn ich habe nur dieses eine Heilmittel, um von meiner Torheit zu genesen. Kennen Sie ein anderes, Signora? So nennen Sie es mir gütigst.« »Ich verstehe nicht viel von dieser Krankheit; aber mir scheint, die Liebe wird allmählich zur Freundschaft werden, und dann wird man wieder ruhig.« »Das ist richtig; aber um zur Freundschaft werden zu können, darf die Liebe nicht beleidigt werden. Wenn der geliebte Gegenstand sie nicht schont, gerät sie in Verzweiflung und wird dann zur Verachtung oder Gleichgültigkeit. Ich will weder in Verzweiflung geraten noch Armellina verachten; denn sie ist ein Engel an Schönheit und Tugend. Ich werde mich ihr nützlich machen, genau so wie wenn sie mich glücklich gemacht hätte; aber ich will sie nicht mehr sehen, und ich bin überzeugt, daß dies ihr nicht mißfallen kann, denn sie muß meinen Zorn bemerkt haben. Das darf nicht wieder vorkommen.« »Ich tappe vollkommen im Dunklen; sie haben mir fortwährend versichert, daß Sie durchaus keinen Verstoß gegen sie begangen haben, und daß sie nicht zu erraten vermögen, warum Sie nicht mehr kommen.« »Sie haben gelogen, entweder aus Schüchternheit oder aus Vorsicht oder aus Zartgefühl oder aus Furcht, mir bei Ihnen zu schaden. Aber Sie verdienen alles zu wissen, Signora, und meine Ehre verlangt, daß ich Ihnen alles sage.« »Ich bitte Sie darum; Sie können auf meine Verschwiegenheit rechnen.« Hierauf erzählte ich ihr alles ganz ausführlich. Sie war ganz bestürzt und sagte: »Ich habe den Grundsatz, an das Böse nur zu glauben, wenn wirklich Anlaß dazu vorliegt; aber da ich die menschliche Schwäche kenne, so würde ich niemals geglaubt haben, daß Sie beide, die seit drei Monaten jeden Tag mehrere Stunden zusammen waren, sich in so strengen Grenzen gehalten hätten. Mir scheint, ein Kuß hätte weniger geschadet als das Gerede, das Ihr Fernbleiben verursacht.« »Ich bin überzeugt, daß Armellina sich nichts daraus macht.« »Sie weint den ganzen Tag.« »Ihre Tränen entspringen vielleicht einem Gefühl von Eitelkeit oder auch dem Verdruß über den Grund, dem man meine Unbeständigkeit zuschreibt.« »Nein, das kann nicht sein; denn ich habe allen mitgeteilt, Sie seien krank.« »Und was sagt Emilia?« »Sie weint nicht, aber sie ist sehr traurig; sie sagt mir fortwährend, es sei nicht ihre Schuld, daß Sie nicht mehr kommen, und mir scheint, sie will damit sagen, daß Armellina schuld habe. Tun Sie mir den Gefallen und kommen Sie morgen! Sie haben die größte Lust, einmal die Oper im Theater Aliberti und die Komische Oper in der Capronica zu sehen.« »Nun gut denn, Signora; ich werde morgen vormittag zum Frühstück kommen, und morgen abend werden sie die Oper sehen.« »Das freut mich außerordentlich, und ich danke Ihnen recht sehr dafür. Kann ich ihnen diese Neuigkeit mitteilen?« »Ich bitte Sie sogar, Armellina zu sagen, daß ich mich nur in Anbetracht der mir von Ihnen genannten Gründe entschlossen habe, sie wiederzusehen.« Die Fürstin frohlockte, als ich ihr mein Gespräch mit der Oberin erzählte, und der gute Kardinal rief triumphierend, er habe richtig geraten. Die Fürstin gab mir den Schlüssel zu ihrer Loge und erteilte den Befehl, daß am Abend ein Wagen für mich bereit gehalten werden sollte. Als ich am anderen Tage Armellina rufen ließ, kam Emilia zuerst herunter, um mir Vorwürfe wegen meiner Grausamkeit zu machen. Sie sagte mir, wenn ein Mann wirklich liebte, könnte er nicht so handeln, und es wäre unrecht von mir gewesen, der Oberin alles zu sagen. »Ich würde ihr nichts gesagt haben, liebe Emilia, wenn ich ihr etwas von Bedeutung zu sagen gehabt hätte.« »Armellina ist unglücklich, seitdem sie Sie kennt.« »Und warum denn, bitte?« »Weil sie nicht gegen ihre Pflicht verstoßen will, und weil sie sieht, daß Sie sie nur lieben, um sie vom Wege der Pflicht abzubringen.« »Aber ihr Unglück wird doch aufhören, sobald ich sie nicht mehr behellige.« »Indem Sie sie zugleich nicht mehr besuchen?« »Ganz recht. Glauben Sie, das sei mir nicht schmerzlich? Aber um meiner Ruhe willen muß ich mich überwinden.« »Dann wird sie überzeugt sein, daß Sie sie nicht geliebt haben.« »Sie mag denken, was sie will. Ich bin überzeugt, daß wir längst einig wären, wenn sie mich liebte, wie ich sie liebe.« »Wir haben Pflichten, die Sie nicht zu haben glauben.« »So seien Sie Ihren vermeintlichen Pflichten getreu, aber nehmen Sie es nicht übel, wenn ein Ehrenmann diese Pflichten achtet, sich jedoch Ihnen fernhält.« Armellina erschien. Ich fand sie verändert. »Wie kommt es denn, daß Sie so bleich sind? Wo ist Ihre lachende Miene geblieben?« »Sie haben mir Kummer gemacht.« »Nun, beruhigen Sie sich nur. Verschaffen Sie sich Ihre gute Laune wieder, und gestatten Sie, daß ich mich von einer Leidenschaft zu heilen suche, die ihrer Natur nach mich veranlaßt, Sie von Ihren Pflichten abwendig zu machen. Deshalb bleibe ich doch Ihr Freund und werde Sie, solange ich in Rom bin, einmal die Woche besuchen.« »Einmal die Woche! Dann hätten Sie nicht damit anfangen müssen, jeden Tag zu kommen.« »Sie haben recht. Ihr Gesicht hat mich zu einem Irrtum verleitet; aber ich hoffe, Sie werden aus bloßer Dankbarkeit damit einverstanden sein, daß ich mich bemühe, wieder vernünftig zu werden. Damit aber dieses Heilmittel wirken kann, muß ich es mir zum Gesetz machen, Sie möglichst wenig zu sehen. Denken Sie selber ein wenig darüber nach, und Sie werden finden, daß mein Entschluß weise und Ihrer Achtung würdig ist.« »Es ist recht schmerzlich, daß Sie mich nicht so lieben können, wie ich Sie liebe!« »Das heißt: in aller Ruhe und ohne jeden Wunsch.« «Das will ich nicht sagen; aber so, daß Sie Ihre Wünsche im Zaum zu halten wissen, wenn diese Wünsche unserer Pflicht widersprechen.« »Das wäre eine Kunst, die ich in meinem Alter nicht erlernen könnte und die ich auch wirklich gar nicht lernen möchte. Möchten Sie mir wohl sagen, ob Sie viel leiden, indem Sie die Wünsche zurückhalten, die Ihre Liebe zu mir Ihnen einflößt?« »Es würde mir sehr leid tun, wenn ich Wünsche zurückdrängen müßte, indem ich an Sie denke. Im Gegenteil, ich hätschele diese Wünsche. Ich möchte, Sie würden Papst; zuweilen wünsche ich, Sie wären mein Vater, damit ich, frei von jedem Zwange, Sie tausendfach liebkosen könnte; in meinen Träumen wünsche ich, Sie würden ein Mädchen, wie ich, damit ich alle Stunden des Tages mit Ihnen zusammen sein könnte.« Über ihre naive, aber ebenso natürliche und wahre wie eigenartige Ausdrucksweise mußte ich unwillkürlich lachen. Nachdem ich ihnen gesagt hatte, daß ich sie abholen und mit ihnen ins Theater Aliberti gehen würde, verließ ich sie sehr befriedigt; denn in allem, was Armellina mir gesagt hatte, fand ich nicht die geringste Verstellung oder Koketterie. Ich sah klar und deutlich, daß sie mich liebte, aber sich selber dies durchaus nicht gestehen wollte. Darum empfand sie einen Widerwillen, mir Gunstbezeigungen zu bewilligen, die sie hätte teilen müssen. Dadurch würde sie von ihren wahren Gefühlen überzeugt worden sein. Dies alles sagte ihr ihr Gefühl, denn ihre Seele wußte nichts von Verstellung, und die Erfahrung hatte sie noch nicht gelehrt, daß sie entweder mich fliehen oder sich darein ergeben mußte, unserer Liebe zu erliegen. Zur rechten Zeit holte ich die beiden Freundinnen wieder mit demselben Wagen ab, und sie ließen mich nicht warten. Ich war allein in dem Wagen, aber dies überraschte sie nicht. Emilia überbrachte mir die Empfehlungen der Oberin, die mich bitten ließ, sie am nächsten Tage zu besuchen. In der Oper machte ich keinen Versuch, ihre Aufmerksamkeit von dem Schauspiel abzulenken, das sie zum ersten Male sahen. Ich war weder fröhlich noch traurig und beschäftigte mich nur damit, ihre Fragen zu beantworten. Da sie Römerinnen waren, mußten sie einigermaßen wissen, was ein Kastrat ist; trotzdem hielt Armellina den Unglücklichen, der die Primadonna spielte, für eine Frau; sie glaubte, ihrer Sache gewiß zu sein, weil man seinen Busen sah, der allerdings sehr schön war. »Würden Sie es wagen,« fragte ich sie, »sich mit ihm in ein Bett zu legen?« »Nein, aber nur deshalb nicht, weil ein anständiges Mädchen stets allein im Bett liegen muß.« So strenge waren bis dahin die Mädchen in ihrer Anstalt erzogen worden. Diese geheimnisvolle Zurückhaltung in bezug auf alles, was zum Liebesgenuß reizen konnte, war schuld daran, daß jeder Blick und jede Berührung die größte Bedeutung erhielten. Dies war der Grund, warum Armellina mir erst nach langem Kampf ihre Hände überlassen hatte, und weshalb weder sie noch Emilia niemals gestatten wollten, daß ich mich durch den Augenschein überzeugte, ob meine gefütterten Seidenstrümpfe ihnen gut säßen. Das strenge Verbot, mit einem anderen Mädchen zusammenzuschlafen, ließ es ihnen als eine große Sünde erscheinen, sich vor einer Freundin nackt sehen zu lassen; sich gar einem Manne so zu zeigen, mußte in ihren Augen eine Verruchtheit sondergleichen sein. Bei dem bloßen Gedanken daran mußten ihnen die Haare zu Berge stehen. Sooft ich mir am Sprechgitter eine etwas freie Bemerkung über die Freuden der Liebe erlaubt hatte, hatte ich sie stumm und taub gefunden. Obgleich Emilia trotz ihrer Blässe frisch und hübsch war, interessierte ich mich nicht genug für sie, um mir Mühe zu geben, ihre Traurigkeit zu verjagen; aber in meiner Liebesglut geriet ich in Verzweiflung, als ich sah, daß Armellinas lachendes Gesicht seinen Ausdruck veränderte, weil ich mir die Frage erlaubte, ob sie von dem Unterschied in der körperlichen Bildung einer Frau und eines Mannes eine Ahnung hätte. Nach der Oper sagte Armellina mir, sie hätte guten Appetit, denn sie hätte wegen des Kummers, den ich ihr machte, seit acht Tagen fast gar nichts gegessen. »Wenn ich dies hätte ahnen können, hätte ich ein gutes Abendessen bestellt, während ich Ihnen jetzt nichts weiter anbieten kann, als was der Zufall uns gewährt.« »Oh, das macht nichts. Wie viele werden wir sein?« »Nur wir drei.« »Um so besser; wir werden freier sein.« »Sie lieben also die Fürstin nicht?« »Ich bitte Sie um Verzeihung, aber sie verlangt von mir Küsse, die mir nicht gefallen.« »Sie haben ihr aber doch recht heiße Küsse gegeben.« »Nur aus Furcht, daß sie mich für eine dumme Gans halten würde, wenn ich es nicht täte.« »Wollen Sie mir sagen, ob Sie eine Sünde zu begehen glaubten, indem Sie ihr diese Küsse gaben?« »Nein, ganz gewiß nicht! Denn ich habe nicht nur kein Vergnügen daran gefunden, sondern mich gewaltsam überwinden müssen.« »Warum haben Sie denn nicht diese Anstrengung auch zu meinen Gunsten gemacht?« Sie schwieg. Wir kamen in den Gasthof, wo ich vor allen Dingen ein gutes Feuer anzünden ließ; hierauf bestellte ich ein gutes Abendessen. Der Kellner fragte mich, ob ich Austern wünschte; da ich sah, daß meine Gäste sehr neugierig darauf waren, fragte ich ihn nach dem Preise. »Sie kommen aus dem Arsenal von Venedig, und wir können sie nicht billiger geben als zu fünfzig Paoli das Hundert.« »Gut; lassen Sie hundert auftragen; aber ich wünsche, daß sie hier geöffnet werden.« Armellina war erstaunt, daß ihre Laune mir fünf römische Taler kosten sollte, und bat mich, die Bestellung zu widerrufen; sie schwieg jedoch, als ich ihr sagte, mir wäre nichts zu teuer, wenn ich annehmen könnte, ihr damit ein Vergnügen zu machen. Als sie diese Antwort hörte, ergriff sie meine Hand und wollte sie an ihre Lippen ziehen; sie war ganz traurig, als ich meine Hand etwas heftig zurückzog. Ich saß vor dem Feuer zwischen den beiden Mädchen. Armellinas Verwirrung tat mir sehr leid, und ich sagte zu ihr: »Ich bitte Sie um Verzeihung, Armellina; ich habe meine Hand nur zurückgezogen, weil sie nicht würdig ist, daß Sie Ihre schönen Lippen darauf drücken.« Trotz meiner Entschuldigung konnte sie nicht verhindern, daß zwei große Tränen über ihre Rosenwangen rollten. Ich empfand einen tiefen Schmerz, als ich dies sah. Armellina war eine zarte Taube, die nicht hart behandelt werden durfte. Ich konnte auf ihre Liebe verzichten; da ich aber nicht die Absicht hatte, mich ihr verhaßt zu machen, so mußte ich entweder aufhören, sie zu sehen, oder sie ganz anders behandeln. Die beiden Tränen zeigten mir, daß ich ihr Zartgefühl tief verletzt hatte. Ich stand auf und ging hinaus, um Champagner zu bestellen. Als ich einige Minuten später wieder hereinkam, sah ich, daß sie ihren Tränen freien Lauf gelassen hatte und daß sie sich mit traurigem Herzen zu Tische setzen würde. Ich war darüber untröstlich. Ich durfte keine Zeit verlieren: ich wiederholte meine Entschuldigung und bat sie, wieder ein fröhliches Gesicht zu machen, wenn sie mich nicht auf das allerhärteste bestrafen wollte. Emilia unterstützte meine Bitte; ich ergriff Armellinas Hand, bedeckte sie mit zärtlichen Küssen und hatte das Glück, ihre schönen Augen in neuer Heiterkeit strahlen zu sehen. Die Austern wurden in unserer Gegenwart geöffnet, und das Erstaunen der jungen Mädchen würde mir viel Spaß gemacht haben, wenn mein Herz besser zufrieden gewesen wäre. Aber die Liebe brachte mich zur Verzweiflung, und ich fühlte mich unbehaglich. Vergeblich bat Armellina mich, ich möchte doch heiter sein, wie im Anfang unserer Bekanntschaft. Die Stimmung hängt ja nicht vom Willen ab. Wir setzten uns zu Tisch, und ich lehrte meine liebenswürdigen Gäste Austern schlürfen. Diese waren ausgezeichnet und schwammen in ihrem Wasser. Nachdem Armellina ein halbes Dutzend hinuntergeschluckt hatte, sagte sie zu ihrer Freundin, einen so köstlichen Bissen zu essen, müßte eine Sünde sein. Emilia antwortete: »Nicht, weil der Bissen so köstlich ist, muß es eine Sünde sein, meine Liebe, aber, weil wir mit jedem Mundvoll einen halben Paolo hinunterschlucken.« »Einen halben Paolo! Und unser Heiliger Vater, der Papst, verbietet das nicht? Wenn dies keine Todsünde der Völlerei ist, so weiß ich nicht, was man so nennen kann. Ich esse diese Austern mit großem Vergnügen, aber ich habe bereits daran gedacht, mich in der Beichte dieser Sünde zu beschuldigen, um zu sehen, was mein Beichtvater mir sagen wird.« Diese Naivitäten waren ein großes Vergnügen für meinen Geist; aber mein Leib wollte auch sein Vergnügen haben, und dies fehlte mir. Meine Liebe war neidisch auf meinen Mund. Während wir fünfzig Austern aßen, tranken wir zwei Flaschen schäumenden Champagners. Der Wein brachte meine beiden Gäste zum Lachen und zum Erröten, indem er sie nötigte, die Unschicklichkeit des Aufstoßens zu begehen. Ich hätte gern gelacht und Armellina mit Küssen verschlungen; leider aber konnte ich sie nur mit den Augen verschlingen. Indem ich den Rest der Austern für den Nachtisch zurückhielt, befahl ich das Essen aufzutragen, und da ich ein wenig auf Bacchus rechnete, so tat ich das Wasser in Acht und Bann. Das Abendessen war über alle Erwartungen gut, und meine beiden Heldinnen langten tüchtig zu. Zum Schluß war sogar Emilia ganz entflammt. Ich ließ Zitronen und eine Flasche Rum kommen, und nachdem ich die fünfzig zurückbehaltenen Austern hatte anrichten lassen, schickte ich den Kellner fort und machte eine Bowle Punsch, den ich dadurch verbesserte, daß ich eine Flasche Champagner hineingoß. Nachdem wir einige Austern geschlürft und von dem Punsch, der die beiden Freundinnen zu lauten Ausrufen der Bewunderung hinriß, ein oder zwei Gläser getrunken hatten, erlaubte ich mir, Emilia zu bitten, mir eine Auster mit ihren Lippen zu geben. »Sie besitzen zu viel Geist,« sagte ich zu ihr, »um sich einbilden zu können, daß etwas Böses dabei sein könnte.« Erstaunt über diesen Vorschlag dachte Emilia darüber nach. Armellina sah sie aufmerksam an; augenscheinlich war sie neugierig, welche Antwort sie mir geben würde. »Warum«, sagte Emilia schließlich, »machen Sie diesen Vorschlag nicht Ihrer Armellina?« »Gib du zuerst ihm die Auster,« sagte Armellina zu ihr, »wenn du den Mut hast, werde ich ihn auch haben.« »Was für ein Mut ist dazu nötig? Es ist ja nur ein kindlicher Scherz und gar nichts Schlimmes dabei.« Als ich diese Antwort vernahm, glaubte ich Victoria rufen zu können. Ich hielt ihr die Austernschalen an den Mund, und nachdem sie viel gelacht hatte, schlürfte sie die Auster ein und hielt sie zwischen den Lippen fest. Schnell nahm ich die Auster, indem ich meine Lippen auf ihren Mund preßte; ich tat dies jedoch in sehr anständiger Weise. Armellina klatschte in die Hände und sagte, sie hätte Emilia nicht für so tapfer gehalten. Hierauf machte sie es genau ebenso wie ihre Freundin. Sie war entzückt über das Zartgefühl, womit ich ihre Auster nahm, indem ich kaum ihre schönen Lippen streifte. Aber man stelle sich meine angenehme Überraschung vor, als ich sie zu mir sagen hörte, es komme mir zu, das Geschenk zurückzuerstatten. Man kann sich denken, mit welcher Wonne ich dies tat. Nach diesem reizenden Scherz fuhren wir fort, unsere Austern zu essen und unseren Punsch zu trinken. Wir saßen in einer Reihe, den Rücken dem Feuer zugewandt. Wir waren berauscht, aber niemals hatte es einen fröhlicheren und vernünftigeren Rausch gegeben. Wir erstickten vor Hitze, aber der Punsch war noch nicht ausgetrunken. Da ich es nicht mehr aushalten konnte, zog ich meinen Rock aus, und sie mußten ihre Kleider aufschnüren, deren Mieder mit Pelz gefüttert waren. Ich erriet, daß sie Bedürfnisse hatten, von denen sie nicht zu sprechen wagten, und zeigte ihnen eine Kammer, wo sie es sich bequem machen konnten. Sie faßten sich an der Hand und liefen schnell dorthin. Als sie wieder hereinkamen, waren sie nicht mehr zwei schüchterne Klosterzöglinge; sie lachten laut auf, als sie sahen, daß sie nur noch im Zickzack gehen konnten. Wir saßen vor dem Feuer, und ich diente ihnen als Ofenschirm. Ich verschlang mit meinen Blicken tausend Reize, die sie mir in dem Zustande, worin sie sich befanden, nicht verbergen konnten. Ich sagte ihnen, wir dürften unter keinen Umständen fortgehen, bevor wir den Punsch ausgetrunken hätten, und sie antworteten mir wie aus einem Munde, aus vollem Halse lachend, es würde eine Sünde sein, wenn wir etwas so Gutes umkommen ließen. Hierauf wagte ich ihnen zu sagen, ihre Beine wären vollendet schön, und ich würde in Verlegenheit sein, wenn ich erklären sollte, welche von ihnen die schönsten hätte. Dies verdoppelte ihre Heiterkeit, denn sie hatten nicht bemerkt, daß ihre offenen Kleider und kurzen Unterröcke mich die Hälfte ihrer Beine sehen ließen. Nachdem wir den letzten Tropfen von unserem Punsch getrunken hatten, plauderten wir noch eine halbe Stunde lang. Ich wünschte mir innerlich Glück, daß ich die Selbstbeherrschung besessen hatte, nichts gegen sie zu unternehmen. Im Augenblick des Aufbruchs fragte ich sie, ob sie sich über mich beklagen könnten. Armellina antwortete mir sofort: wenn ich sie als meine Tochter annehmen wollte, wäre sie bereit, mir bis ans Ende der Welt zu folgen. »Sie fürchten also nicht mehr, daß ich Sie verleiten könnte, gegen Ihre Pflicht zu verstoßen?« »Nein, ich fühle mich bei Ihnen vollkommen sicher.« »Und Sie, liebe Emilia?« »Ich, ich werde Sie lieben, wenn Sie für mich tun, was die Oberin Ihnen morgen sagen wird.« »Ich werde alles tun, aber ich werde erst gegen Abend mit ihr sprechen; denn es ist fast drei Uhr.« Da ging das Gelächter von neuem los: »Was wird Mama sagen? Was wird Mama sagen?« Ich bezahlte die Rechnung, belohnte den Kellner, der uns gut bedient hatte, und fuhr mit ihnen nach ihrem Kloster, dessen Pförtnerin mit der veränderten Hausordnung sehr zufrieden war, als sie zwei Zechinen in ihrer Hand sah. Da es bereits zu spät war, um noch zur Oberin hinaufzugehen, so fuhr ich mit dem Wagen der Fürstin zu meiner Wohnung, wo ich den Kutscher und den Lakaien reichlich belohnte. Margherita, die mir die Augen ausgekratzt haben würde, wenn ich ihr nicht bewiesen hätte, daß ich ihr treu war, war sehr mit mir zufrieden; denn ich löschte an ihr die Glut, die Armellina und der Punsch in meinen Sinnen entzündet hatten. Ich sagte ihr, ich sei durch eine Spielpartie zurückgehalten worden, und da sie ihre Leidenschaft befriedigt sah, so fragte sie nicht weiter. Am nächsten Tage erheiterte ich die Fürstin und den Kardinal durch die ausführliche Erzählung des Vorgefallenen. »Sie haben den rechten Augenblick versäumt!« sagte die Prinzessin zu mir. »Das glaube ich nicht,« bemerkte der Kardinal; »ich denke im Gegenteil, Casanova hat sich dadurch einen vollständigen Sieg für ein anderes Mal gesichert.« Am Abend begab ich mich nach dem Kloster, wo die gute Oberin mich aufs beste empfing. Sie machte mir ein Kompliment darüber, daß ich mich mit ihren beiden Mädchen bis drei Uhr in der Früh hätte belustigen können, ohne gegen die Ehrbarkeit zu verstoßen. Sie hatten ihr erzählt, auf welche Weise wir das halbe Hundert Austern gegessen hatten, und sie sagte mir, ich hätte da einen sehr scherzhaften Einfall gehabt. Ich bewunderte ihre Unschuld, ihre Einfalt oder ihre Philosophie. Nach dieser Einleitung sagte sie mir, ich könnte Emilia glücklich machen, indem ich die Fürstin veranlaßte, ihr eine Befreiung von dem dreimaligen Aufgebot zu verschaffen. »Ein Kaufmann von Civita vecchia würde sie schon längst geheiratet haben, wenn nicht das Aufgebot wäre. Es ist nämlich eine Frau vorhanden, die ein Vorrecht auf ihn zu haben behauptet, obgleich dies durchaus nicht der Fall ist. Ihr Einspruch würde einen Prozeß zur Folge haben, und Gott weiß, wann dieser endigen würde. Wenn Sie diese Sache in Ordnung brächten, würde Emilia glücklich werden, und das würde sie nur Ihnen zu verdanken haben.« Ich schrieb nur den Namen des Mannes auf und versprach ihr, der Fürstin die Sache bestens ans Herz zu legen. »Haben Sie immer noch die Absicht, sich von Ihrer Liebe zu Armellina zu heilen?« »Ja, aber ich werde erst in der Fastenzeit aufhören, sie zu besuchen.« »Nun, dann wünsche ich Ihnen Glück dazu, daß der Karneval dieses Jahr sehr lang ist.« Am nächsten Tage sprach ich mit der Fürstin über die Sache. Der Dispens konnte nicht ohne eine Bescheinigung des Bischofs von Civita vecchia erlangt werden, woraus hervorginge, daß der Bittsteller ein unabhängiger Mann wäre. Der Kardinal sagte mir, wir müßten den Mann kommen lassen und er würde sich seiner annehmen, wenn er durch zwei bekannte Zeugen bescheinigen lassen könnte, daß er nicht verheiratet wäre. Ich meldete der Oberin den Bescheid Seiner Eminenz. Sie schrieb nach Civita vecchia, und einige Tage darauf sah ich den Mann am Gitter eines anderen Sprechzimmers mit der Oberin und Emilia. Nachdem er sich meinem Wohlwollen angelegentlich empfohlen hatte, vertraute er mir an, daß er sich nicht verheiraten könnte, wenn er nicht sicher wäre, sechshundert römische Taler zu bekommen. Es handelte sich nur darum, ihm eine Gabe von zweihundert Scudi zu verschaffen, da das Kloster ihm ja vierhundert geben mußte. Es gelang mir, ihm dieses Geld zu verschaffen; zuvor aber verabredete ich noch ein Abendessen mit Armellina, die mich jeden Morgen fragte, wann ich sie in die Komische Oper führen würde. Ich antwortete ihr, ich müßte befürchten, daß meine Zärtlichkeit mich nötigen würde, sie ihren Pflichten abspenstig zu machen; sie antwortete jedoch, die Erfahrung habe sie und ihre Freundin gelehrt, mich nicht zu fürchten. Neunzehntes Kapitel Der Florentiner. – Emilia wird verheiratet. – Scolastica. – Armellina auf dem Ball. Wenn ich vor jenem Abendessen so verliebt in Armellina gewesen war, daß ich mich zu dem Entschluß genötigt sah, sie nicht mehr zu besuchen, um nicht wahnsinnig zu werden, so befand ich mich nach jenem Abend in der Notwendigkeit, sie unter allen Umständen gewinnen zu müssen, wenn es nicht mein Tod sein sollte. Ich hatte gesehen, daß sie in die kleinen Scherze, zu denen ich sie veranlaßt hatte, nur einwilligte, weil sie sie für unwichtige Spielereien hielt; ich beschloß daher, auf demselben Wege so weit wie nur möglich vorwärts zu gehen. Zunächst spielte ich so gut ich es vermochte den Gleichgültigen, indem ich sie nur jeden zweiten Tag besuchte und sie stets nur mit großer Höflichkeit behandelte. Während ich so tat, wie wenn ich ihr die Hand zu küssen vergäße, küßte ich Emilia die Hand, sprach mit ihr über ihre Heirat und sagte ihr, ich würde sofort nach ihrer Hochzeit mich gerne für einige Wochen in Civita vecchia niederlassen, wenn ich sicher sein könnte, daß sie mir gewisse Zärtlichkeitsbeweise geben würde. Ich tat, wie wenn ich es nicht bemerkte, daß Armellina bei solchen Bemerkungen anfing zu zittern; sie konnte es nicht ertragen, daß ich an Emilia Geschmack fand. Emilia antwortete mir, als verheiratete Frau würde sie frei sein. Es ärgerte Armellina, daß ihre Freundin mir in ihrer Gegenwart Hoffnungen zu machen wagte, und sie sagte in gereiztem Ton zu ihr, die Pflichten einer verheirateten Frau seien viel strengere als die eines Mädchens. Ich gab ihr bei mir selber recht; da aber eine solche Auffassung nicht zu meinen Absichten paßte, so sagte ich ihr gegen meine Überzeugung, die Hauptpflicht einer Frau bestehe darin, zu verhüten, daß die Nachkommenschaft ihres Mannes angezweifelt werden könne; alles andere sei eine Kleinigkeit. Um Armellina aufs Äußerste zu treiben, sagte ich sogar zu ihrer Freundin: damit ich mich recht wirksam um die Gewährung von Stipendien bewerben könnte, müßte sie mir nicht nur Hoffnungen machen, daß sie mir in Civita vecchia ihre Gunst gewähren würde, sondern sie müßte mir auch noch vor ihrer Verheiratung bestimmte Beweise geben, daß sie in Zukunft gut zu mir sein würde. Sie antwortete mir: »Ich werde Ihnen keine anderen Pfänder von Zärtlichkeit geben als Armellina, der Sie ebenfalls einen Gatten verschaffen müssen.« Diese Rede setzte Armellina in die größte Verlegenheit; trotzdem sagte sie zu mir: »Sie sind der einzige Mann, den ich gesehen habe, solange ich auf der Welt bin, und da ich nicht hoffe, einen Mann zu bekommen, so werde ich Ihnen niemals irgendein Pfand geben; übrigens verstehe ich gar nicht, was Sie mit diesem Wort sagen wollen.« Ich fühlte die ganze Reinheit dieses Engels, aber ich war so grausam und hart, mich zu entfernen und sie mit ihrer Verwirrung allein zu lassen. Allerdings mußte ich mir mit Schmerzen Gewalt antun, um das reizende Mädchen, das ich anbetete, so hart zu behandeln; aber ich sah kein anderes Mittel, um ihre Vorurteile zu besiegen, die sich der Erfüllung meiner Wünsche entgegenstellten. Ich sah bei dem Haushofmeister des venetianischen Botschafters prachtvolle Austern und bewog ihn, mir hundert davon abzulassen; hierauf mietete ich eine Loge im Capronica-Theater und bestellte ein gutes Abendessen im selben Gasthof, wo wir bereits gewesen waren. »Ich wünsche«, sagte ich zum Kellner, »ein Zimmer, worin ein Bett steht.« »Das ist in Rom nicht erlaubt, Signor; aber im dritten Stock sind zwei Zimmer mit breiten Kanapees, die die Stelle des Bettes vertreten können, ohne daß das Heilige Offizium etwas dagegen einwenden kann.« Ich besah mir die beiden Zimmer, mietete sie und befahl, die leckersten Speisen aufzutragen, die man in Rom sich beschaffen könnte. Als ich am Abend mit meinen beiden Schönen in die Loge eintrat, bemerkte ich in der Nebenloge die Marquise d'Août, die ich nicht vermeiden konnte. Sie grüßte mich und sagte, sie sei hocherfreut, meine Nachbarin zu sein. Bei ihr befanden sich ihr französischer Abbé, ihr Gatte und ein junger Mann von edler und schöner Erscheinung; den ich noch nicht gesehen hatte. Sie fragte mich, wer die beiden jungen Damen seien, und ich sagte ihr, sie gehörten zum Hofstaat des venezianischen Botschafters. Sie bewunderte ihre Schönheit und begann ein Gespräch mit Armellina, die an ihrer Seite saß und ihr bis zu Beginn der Vorstellung sehr treffende Antworten gab. Der junge Kavalier richtete ebenfalls einige Komplimente an sie und gab ihr, nachdem er mich um Erlaubnis gebeten hatte, eine große Tüte mit Zuckerplätzchen, die er sie mit ihrer Nachbarin zu teilen bat. Da ich den schönen jungen Mann an seiner Aussprache als Florentiner erkannte, so fragte ich ihn, ob dieses Zuckerzeug von den Ufern des Arno komme; er antwortete mir, er habe es von Neapel mitgebracht, von wo er soeben eingetroffen sei. Nach dem ersten Akt hörte ich zu meiner großen Überraschung den jungen Mann mir sagen, er habe für mich einen Brief von der Marchesa C. »Ich erfahre soeben Ihren Namen und werde die Ehre haben, Ihnen morgen den Brief zu überbringen, wenn Sie so gütig sein wollen, mir Ihre Adresse zu geben.« Ich tat dies und fragte ihn nach dem Marchese, dessen Schwiegermutter, Anastasia usw. Ich sagte ihm, ich sei entzückt, einen Brief von der Marchesa zu erhalten, von der ich seit einem Monat eine Antwort erwarte. »Eben diese Antwort auf Ihren Brief war die liebenswürdige Dame so gütig mir anzuvertrauen.« »Ich bin sehr ungeduldig, sie zu lesen.« »In diesem Fall kann ich Ihnen den Brief sofort übergeben, doch werde ich mir trotzdem morgen das Vergnügen machen, Sie in Ihrer Wohnung aufzusuchen. Ich werde Ihnen den Brief in Ihrer Loge übergeben, wenn Sie gestatten.« »Ich bitte Sie darum.« Er hätte mir den Brief von seinem Platze aus hinüberreichen können; aber dies paßte ihm nicht in seine Pläne. Er trat ein, und aus Höflichkeit überließ ich ihm meinen Platz neben Armellina. Er zog eine schöne Brieftasche hervor und übergab mir den Brief. Ich öffnete diesen; als ich aber sah, daß er vier Seiten lang war, steckte ich ihn in die Tasche und sagte, ich würde ihn zu Hause lesen, weil die Loge zu dunkel wäre. »Ich werde bis Ostern in Rom bleiben«, sagte er; »denn ich will alles sehen, obgleich ich nicht hoffen kann, etwas Schöneres anzutreffen, als ich hier unter den Augen habe.« Armellina, die ich aufmerksam ansah, wurde rot. Ich selber ärgerte mich und fand mich gewissermaßen beleidigt durch ein Kompliment, das ja freilich sehr höflich, aber auch ebenso keck wie unerwartet war. Ich antwortete ihm nicht, aber ich dachte bei mir selber, dieser Adonis müßte ein eingebildeter Geck ersten Ranges sein. Das Schweigen, das in unserem Kreise herrschte, machte ihn darauf aufmerksam, daß er mich verletzt hatte, und er empfahl sich, nachdem er noch einige zusammenhanglose Bemerkungen gemacht hatte. In meinem Verdruß machte ich Armellina ein Kompliment über die Eroberung, die sie im Handumdrehen gemacht hätte, und fragte sie, was sie von dem Herrn hielte, den sie so bezaubert hätte. »Er ist, wie mir scheint, ein schöner Mann, aber sein Kompliment beweist seinen schlechten Geschmack. Sagen Sie mir, ob es Mode ist, auf diese Weise ein junges Mädchen erröten zu machen, das man zum erstenmal sieht?« »Nein, meine liebe Armellina, das ist weder Mode, noch ist es höflich, und es ist einem Menschen, der in der guten Gesellschaft verkehren will, nicht erlaubt, denn es entspricht nicht der herrschenden Sitte.« Ich hüllte mich in Stillschweigen und tat, wie wenn ich nur auf die Musik hörte; in Wirklichkeit aber nagte eine jämmerliche Eifersucht mir am Herzen. Ich dachte über meinen Ärger nach und bemühte mich, ihn vernünftig zu finden: mir schien, der Florentiner hätte annehmen müssen, daß ich Armellina liebte, und dann durfte er ihr nicht in meiner Gegenwart eine sehr deutliche Liebeserklärung machen, wenn er nicht etwa so unverschämt war, mich für einen Menschen zu halten, der ein schönes Mädchen bei sich hätte, um den Gefälligen zu spielen. Nachdem eine Viertelstunde in diesem ungewöhnlichen Stillschweigen vergangen war, verschlimmerte die naive Armellina meinen Zustand noch, indem sie mit einem zärtlichen Blick zu mir sagte, ich sollte mich doch beruhigen, denn ich könnte überzeugt sein, daß der junge Mensch ihr nicht das geringste Vergnügen gemacht, indem er ihr diese Schmeicheleien gesagt hätte. Sie fühlte nicht, daß sie mir in Wirklichkeit gerade das Gegenteil sagte. Ich antwortete ihr, ich wünschte, daß es ihr Vergnügen gemacht hätte. Unglücklicherweise goß Armellina noch Öl ins Feuer, indem sie mir sagte, der junge Mann habe ganz gewiß nicht die Absicht gehabt, mich zu verletzen, denn es sei wohl möglich, daß er mich für ihren Vater gehalten habe. Was konnte ich auf diese ebenso grausame wie richtige Bemerkung antworten? Nichts. Ich konnte nur innerlich toben wie ein Kind und schweigen. Endlich konnte ich es nicht mehr aushalten und bat meine beiden Freundinnen, mit mir zu gehen. Dies geschah nach dem Ende des zweiten Aktes. Wenn ich bei Vernunft gewesen wäre, so hätte ich sicher nicht den guten Mädchen einen so unverständigen Vorschlag gemacht. Wie tyrannisch mein Verlangen war, erkannte ich erst am nächsten Tage, als mein Kopf seine Ruhe wiedergefunden hatte. Trotz der Sonderbarkeit meines Verlangens sahen sie sich nur einen Augenblick an und erklärten sich dann bereit. Da ich nicht wußte, wie ich meinen Verstoß bemänteln sollte, so sagte ich ihnen, ich wollte vermeiden, daß die Kutsche der Fürstin erkannt würde, wenn wir mit der ganzen Zuschauermenge das Theater verließen; ich würde sie am übernächsten Tage wieder ins Theater führen. Ich hielt Armellina davon ab, ihren Kopf in die Loge der Marquise d'Août zu stecken, und wir gingen hinaus. An der Tür fand ich den Bedienten, den die Fürstin mir zur Verfügung gestellt hatte; er plauderte mit einem seiner Kameraden, und infolgedessen nahm ich an, daß die Fürstin in der Oper wäre. Vor dem Wirtshaus stiegen wir ab, und ich sagte dem Bedienten ins Ohr, er möchte mit dem Wagen nach Hause fahren und mich um drei Uhr morgens abholen; denn es herrschte eine strenge Kälte, und ich mußte auf Menschen und Pferde Rücksicht nehmen. Zunächst setzten wir uns vor ein gutes Feuer und beschäftigten uns eine halbe Stunde lang damit, Austern zu schlürfen, die ein Küchenjunge in meiner Gegenwart so geschickt öffnete, daß von dem köstlichen Wasser, worin sie schwammen, kein Tropfen verlorenging. Wir aßen sie sofort, nachdem sie geöffnet waren, und die Heiterkeit meiner reizenden jungen Gäste, die bei dem Gedanken an unser erstes Austernessen lachten, verscheuchte allmählich meine unangebrachte Verdrießlichkeit. An Armellinas sanftem Wesen erkannte ich die Unschuld ihres Herzens, und ich haderte mit mir selber, daß ich mich durch ein häßliches Gefühl hatte aufregen lassen, weil ihr ein Mann gefallen hatte, der darauf viel mehr Anspruch hatte als ich. Armellina trank Champagner, wie ich es ihr gezeigt hatte, und sah mich dabei mit Blicken an, die mich offenbar baten, in ihre Heiterkeit einzustimmen. Emilia sprach mit mir von ihrer künftigen Heirat; ohne etwas davon zu sagen, daß ich nach Civita vecchia gehen würde, versprach ich ihr, daß ihr zukünftiger Gatte binnen kurzem vollständigen Dispens erhalten sollte. Während ich sprach, küßte ich Armellinas schöne Hand, und sie schwor mir, dankbar dafür zu sein, daß ich wieder zärtlich geworden wäre. Nachdem Austern und Champagner uns in eine heitere Stimmung versetzt hatten, aßen wir köstlich zu Abend. Man gab uns unter anderem Stör und wundervolle Trüffeln, denen meine schönen Gäste mit einem wollüstigen Appetit zusprachen, der mir noch mehr Vergnügen machte als das ausgezeichnete Essen an sich. Ein natürlicher und sehr vernünftiger Instinkt sagt einem Verliebten, daß es eines der sichersten Mittel ist, Gegenliebe zu finden wenn er der Umworbenen Genüsse verschafft, die sie bisher nicht gekannt hat. Als Armellina mich von Freude belebt und liebeglühend sah, erkannte sie darin ihr Werk und empfand offenbar Freude, daß sie eine solche Herrschaft über mich ausübte. Sie gab mir aus eigenem Antriebe ihre Hand und hielt beständig ihre Augen auf die meinigen geheftet, um mich dadurch zu verhindern, den Kopf nach links zu wenden und Emilia anzusehen. Diese aß und kümmerte sich wenig darum, was wir trieben. Armellina war so zärtlich und in so liebevoller Stimmung, daß es mir unmöglich schien, sie könnte sich meinem Wunsche versagen, wenn wir zum Schluß die Austern und den Punsch gehabt hätten. Als das Dessert, die fünfzig Austern und alle notwendigen Zutaten zu dem Punsch auf dem Tisch standen, entfernte der Aufwärter sich, indem er uns sagte, im Nebenzimmer würden die Damen alles finden, was sie brauchten. Da das Zimmer klein und das Feuer sehr stark war, so war uns zu warm. Ich forderte die beiden Freundinnen auf, sich's bequem zu machen. Sie gingen in das Nebenzimmer und erschienen bald darauf wieder in kleinen weißen Leibchen und kurzen halbseidenen Röckchen, die die Beine kaum bis zu den Waden bedeckten. Sie hielten sich umschlungen und lachten über ihre leichte Kleidung. Es gelang mir, die Aufregung zu verbergen, in die mich dieses außerordentlich pikante Kostüm versetzte, und ich sah nicht einmal ihren schönen Busen an, als sie ihr Bedauern aussprachen, daß sie weder ein Halstuch noch eine Spitzeneinfassung an ihren Hemden hätten. Ich sagte ihnen nachlässig, ich würde nicht hinsehen, und der Anblick einer Brust wäre mir sehr gleichgültig. Da ich ihre Unerfahrenheit kannte, so glaubte ich lügen zu müssen, denn ich war überzeugt, daß sie nicht sehr auf etwas achten würden, was ich so wenig zu schätzen schien. Armellina und Emilia wußten wohl, daß sie einen sehr schönen Busen hatten, und waren vielleicht erstaunt über meine Gleichgültigkeit; ohne Zweifel dachten sie, ich hätte niemals einen schönen Busen gesehen, und in Rom sind alleidings schöne Brüste seltener als hübsche Gesichter. Trotz der Reinheit ihrer Sitten mußte also die natürliche Eitelkeit ihnen den Gedanken einflößen, mir zu beweisen, daß ich unrecht hätte. Meine Aufgabe dagegen war es, sie in eine behagliche Stimmung zu versetzen und dafür zu sorgen, daß sie sich nicht schämten. Ich machte ihnen eine große Freude, als ich ihnen sagte, sie sollten den Punsch selber machen, und sie jubelten, als sie mich sagen hörten, ich fände den Punsch besser als den, den ich das erste Mal selber gemacht hätte. Als wir wieder die Austern von Mund zu Munde aßen, machte ich Armellina Vorwürfe darüber, daß sie den Saft der Austern hinunterschluckte, bevor ich diese in meinen Mund bekäme. Ich gab zu, daß es schwierig sei, es anders zu machen, aber ich erbot mich, ihnen zu zeigen, wie man das Wasser anhalten könnte, indem man mit der Zunge einen Damm bildete. Dies gab mir Gelegenheit zum Zungenspiel, das ich nicht näher erklären will, weil jeder es kennt, der einmal wirklich geliebt hat. Armellina ging mit solcher Gefälligkeit und Ausdauer darauf ein, daß sie offenbar ebensoviel Vergnügen daran fand wie ich, obwohl sie zugab, daß es ein höchst unschuldiges Spiel sei. Zufällig glitt eine schöne Auster, die ich Emilia in den Mund legen wollte, von der Schale herunter und fiel in ihren Busen. Sie wollte sie mit ihren Fingern herausholen, aber ich machte mein Vorrecht geltend, und sie mußte nachgeben, sich aufschnüren lassen und mir erlauben, die Auster aus der Tiefe, wo sie liegen geblieben war, mit meinen Lippen hervorzuholen. Sie konnte es nicht verhindern, daß ich sie gänzlich entblößte, aber ich schlürfte meine Auster so geschickt, daß sie durchaus nicht auf den Verdacht kommen konnte, ich empfände dabei ein anderes Vergnügen als das, meine Auster wiederzuerlangen. Armellina sah dies alles an, ohne zu lachen; offenbar war sie überrascht, daß ich auf die Schönheiten, die ich vor meinen Augen hatte, gar keinen Wert zu legen schien. Emilia schnürte lachend ihr Mieder wieder zu. Die Entdeckung war zu schön, als daß ich sie nicht hätte ausnützen sollen. Während ich Armellina auf meinem Schoß hielt, gab ich ihr eine Auster und ließ diese geschickt in ihren Busen herunterfallen. Hierüber lachte Emilia sehr, denn es hatte sie bereits geärgert, daß Armellina nicht auch schon ihren Mut auf dieselbe Weise wie sie gezeigt hatte. Armellina war weit davon entfernt, in Verlegenheit zu geraten; im Gegenteil, sie konnte nicht verbergen, daß sie von dem Zufall entzückt war, obwohl sie sich den Anschein gab, wie wenn sie sich nichts daraus machte. »Ich will meine Auster!« sagte ich zu ihr. »Nehmen Sie sie!« Das ließ ich mir nicht zweimal sagen. Ich schnürte ihr Mieder absichtlich so ungeschickt auf, daß die Auster ganz tief hinunterfiel, und beklagte mich dabei, daß ich sie mit den Händen hervorholen müßte. Welches Martyrium für einen Verliebten, wenn er in einem solchen Augenblick die höchste Wonne verheimlichen muß! Armellina konnte mich unter keinen Umständen beschuldigen, mir eine Freiheit herausgenommen zu haben, denn ich berührte ihre beiden Alabasterhalbkugeln nur, um mir meine Auster zu holen. Als ich diese endlich erhascht hatte, konnte ich es nicht mehr aushalten: ich bemächtigte mich der einen ihrer Brüste, indem ich den Saft meiner Auster verlangte, und saugte an der kaum hervortretenden Knospe mit einer Wollust, die sich nicht beschreiben läßt. Ich ließ sie erst los, um wieder zur Besinnung zu kommen, denn meine Wollust hatte den Höhepunkt erreicht. Sie war überrascht, aber augenscheinlich gerührt. Als sie mich meine Augen mit jenem schmachtenden Ausdruck, der dem höchsten Genuß folgt, auf die ihrigen richten sah, fragte sie mich, ob es mir viel Vergnügen gemacht hätte, den Säugling zu spielen. »Ja, mein Herz, ein sehr großes Vergnügen; aber es ist eine ganz unschuldige Kinderei.« »Das glaube ich nicht, und ich hoffe, Sie werden der Oberin nichts davon sagen. Was Sie mit mir gemacht haben, kann für mich wenigstens nicht unschuldig sein, denn ich habe Gefühle gehabt, die gewiß eine Sünde sind. Wir dürfen auf diese Weise keine Austern mehr essen.« »Das sind kleine Schwächen, die man mit Weihwasser abspült,« sagte Emilia. »Wir können beschwören, daß wir uns nicht einen einzigen Kuß gegeben haben.« Sie gingen in das Nebenzimmer, und einen Augenblick später folgte ich ihnen dahin. Wir schoben den Tisch beiseite und setzten uns auf das Sofa vor das Feuer. Als ich nun zwischen ihnen saß, sagte ich zu ihnen, unsere Beine wären doch vollkommen gleich, und ich begriffe nicht, warum die Frauen sie durchaus mit Röcken bedecken wollten. Während ich sprach, betastete ich ihre Beine und sagte zu ihnen, es wäre genau ebenso, wie wenn ich meine eigenen befühlte. Als ich sah, daß sie sich dieser Untersuchung, die sich bis zum Knie erstreckte, nicht widersetzten, sagte ich zu Emilia, ich verlangte von ihr keine andere Belohnung, als daß sie mich die Dicke ihrer Schenkel messen ließe, um sie mit denen Armellinas zu vergleichen. »Sie muß«, sagte diese, »stärkere Schenkel haben als ich, obwohl ich größer bin als sie.« »Es ist nichts Schlimmes dabei, mich dies sehen zu lassen.« »Ich glaube doch.« »Nun, so werde ich sie mit den Händen messen.« »Nein; denn Sie würden hinsehen.« »Ich sehe nicht hin; das verspreche ich Ihnen.« »Lassen Sie sich die Augen verbinden!« »Gern; aber ich werde Ihnen ebenfalls die Augen verbinden.« »Gut. Wir werden Blindekuh spielen.« Bevor ich ihnen die Augen verband und dasselbe mit mir vornehmen ließ, sorgte ich dafür, daß sie eine tüchtige Menge Punsch tranken. Hierauf begann das Spiel. Meine beiden Schönen ließen sich, vor mir stehend, mehrere Male messen und fielen lachend auf mich, so oft ich sie zu hoch maß. Ich hatte meine Binde in die Höhe geschoben und sah alles; aber sie mußten so tun, wie wenn sie keine Ahnung davon hätten. Ohne Zweifel betrogen sie mich auf dieselbe Weise, um das zu sehen, was sie an ihrer Gabelung fühlten, wenn sie auf mich fielen. Dieses reizende Spiel endigte erst, als meine Natur von Wollust völlig erschöpft war und ich durchaus nicht mehr konnte. Ich brachte meine Kleider in eine anständige Verfassung und bat sie, die Binden von ihren Augen zu nehmen. Nachdem ich ein schmeichelhaftes Urteil über den Umfang ihrer Schenkel abgegeben hatte, setzten sie sich lachend, aber ohne ein Wort zu sagen, an meine Seite: vielleicht glaubten sie, vor sich selber leugnen zu können, was sie mich hatten machen lassen. Es kam mir vor, wie wenn Emilia einen Liebhaber gehabt hätte, aber ich hütete mich natürlich, ihr dies zu sagen; Armellina war jedenfalls eine vollkommene Jungfrau. Daher kam es denn wohl, daß sie beschämter aussah als ihre Freundin, und daß ihre großen Augen von einem bescheidenen Feuer der Wollust glänzten. Als ich mir einen Kuß von ihrem schönen Munde nehmen wollte, wandte sie den Kopf zur Seite. Nach allem, was wir getan hatten, mußte ich das sehr sonderbar finden; gleichzeitig drückte sie mir jedoch mit größter Zärtlichkeit die Hände. Wir hatten vom Ball gesprochen, und sie waren sehr neugierig, zu sehen, was da los wäre; denn für den Ball schwärmten alle jungen Römerinnen, da Papst Rezzonico sie während der zehn langen Jahre seiner Regierung dieses Vergnügens beraubt hatte. Papst Rezzonico hatte den Römern die Glücksspiele jeder Art erlaubt, aber ihnen den Tanz verboten. Sein Nachfolger Ganganelli dachte anders: er hatte das Spiel verboten und den Tanz erlaubt. Es gehört zur Unfehlbarkeit der Päpste, daß der eine gut findet, was der andere verurteilt. Ganganelli fand es weniger unmoralisch, seine Untertanen herumhüpfen zu lassen, als ihnen die besten Mittel zu erleichtern, um sich zugrunde zu richten, sich das Leben zu nehmen oder Räuber zu werden; aber daran hatte Rezzonico vielleicht nicht gedacht. Ich versprach also meinen beiden Schönen, sie mitzunehmen, sobald ich einen Ball entdeckt hätte, auf welchem sie wahrscheinlich nicht erkannt werden könnten. Mit dem Schlage drei hielt der Wagen vor der Tür, und ich fuhr sie nach dem Kloster. Ich war ziemlich zufrieden mit dem, was ich getan hatte, um meine Wünsche zu befriedigen, wenngleich meine Leidenschaft sich nur vergrößert hatte. Ich war mehr denn je überzeugt, daß jeder Mann, der unter der Herrschaft der Schönheit stehe, Armellina anbeten müsse. Ich gehörte zu diesen Untertanen der Schönheit und gehöre noch heute dazu; aber es macht mich rasend, arm zu sein und zu fühlen, daß das Weihrauchgefäß ein jämmerliches Ding ist, seitdem der Weihrauch verbrannt ist. Ich dachte darüber nach, was für eine Art von Verzauberung mich wohl zwingen möchte, mich immer wieder in ein Weib zu verlieben, das mir neu vorkam und mir dieselben Begierden einflößte, die das letzte von mir geliebte in mir erweckt hatte – das letzte, das ich erst dann zu lieben aufgehört hatte, als es nicht mehr meine Begierden erregte. War aber dieses Weib, das mir neu vorkam, auch wirklich neu? Durchaus nicht; denn es war immer wieder dasselbe Stück und nur der Titel war neu. Aber wenn es mir nun gelang, mich in Besitz des begehrten Gegenstandes zn setzen, bemerkte ich dann, daß er mir bereits bekannt war? Beklagte ich mich? Fand ich mich getäuscht? Ganz gewiß nicht, und der Grund dafür war ohne Zweifel der, daß ich bei der Aufführung des Stückes beständig den Titel vor Augen hatte, den reizenden Titel, der mich verliebt gemacht hatte. Wenn aber die ganze Illusion nur von dem Titel herrührt, wäre es dann nicht besser, sich das Stück anzusehen, ohne den Theaterzettel zu lesen? Denn was frommt es uns, den Namen eines Buches zu wissen, das wir lesen wollen, den Namen einer Speise, die wir essen wollen, den Namen einer Stadt, deren Straßen wir durchstreifen, deren Schönheiten wir bewundern wollen. Wir finden alles, was wir suchen, in der Stadt, in der Speise, in dem Buche; der Name tut gar nichts dazu. Aber jeder Vergleich ist ein Sophismus. Der Mensch unterscheidet sich eben vom Tier und kann nur mittels der Sinne verliebt werden, und der Sitz aller Sinne, mit Ausnahme des Tastsinnes, befindet sich im Kopf. Und deshalb übt auf einen Menschen, der Augen hat, der Anblick eines Gesichtes so wunderbare Wirkung aus, indem es ihn verliebt macht. Wenn das allerschönste Weib mit nacktem Leib, aber bedecktem Kopf, sich dem Blick eines Mannes darböte, so könnte dieser wohl zu fleischlichem Genuß angeregt werden, niemals aber zu einem Genuß des Herzens, eben zu dem, was man Liebe nennt; denn wenn man in dem Augenblick, wo man sich dem körperlichen Genuß überließe, den Kopf entblößte, und wenn dieser Kopf wirklich häßlich wäre, wie gewisse Köpfe, die Abscheu, ja oft sogar Haß einflößen, so würde der Mann voller Grauen entfliehen, und weder die Schönheit des Leibes, noch die Vollendung der Formen könnte ihn reizen, den Akt tierischer Liebe zu vollenden, zu welchem er sich bereits anschickte. Ganz etwas anderes ist es, wenn eines jener begnadigten Gesichter von einem unwiderstehlichen Zauber einen Mann verliebt gemacht hat. Wenn es ihm gelingt, den Schleier vom Heiligtum zu lüften, so wird, selbst wenn er entstellte Glieder erblicken sollte, das Gesicht doch den Sieg davontragen: nichts wird ihn zurückhalten, und das Opfer wird vollzogen werden. Dies ist der Grund, warum in allen Ländern der übereinstimmende Brauch herrscht, den ganzen Körper mit Ausnahme des Gesichtes zu verhüllen, und zwar nicht nur bei den Frauen, sondern auch bei den Männern, obwohl allerdings in Europa seit langer Zeit die Männer sich so kleiden, daß die Frauen so ziemlich alles, was sie nicht sehen, doch erraten können. Der Vorteil, den die Frauen von diesem Brauch haben, ist unbestreitbar, obgleich schöne Leiber weniger selten sind als schöne Gesichter, denn es gelingt der Kunst leicht, die Unvollkommenheiten des Gesichtes zu verbergen, ja sogar eine scheinbare Schönheit desselben herzustellen, dagegen gibt es keine Schminke, um die Häßlichkeit einer Brust, eines Bauches oder irgendeines anderen Teiles des menschlichen Körpers zu verbessern. Trotzdem gebe ich zu, daß die Phänomeriden Spartas recht hatten, indem sie ihren Körper zeigten, und dasselbe Recht muß man allen Frauen zugestehen, die einen sehr schönen Leib, aber ein abstoßendes Gesicht haben. Denn trotz der Schönheit des Stückes finden sie, nur wegen des Titels, keine Zuschauer. Glücklich, dreimal glücklich sind Weiber wie Armellina, bei denen Titel und Stück beide gleich schön sind! Als ich nach Hause kam, hatte ich das Glück, Margherita in tiefem Schlaf zu finden. Ich hütete mich wohl, sie zu wecken, und legte mich, nachdem ich meine Kerze ausgelöscht hatte, so geräuschlos wie möglich zu Bett. Ich bedurfte der Ruhe, denn ich besaß nicht mehr die unerschöpfliche Kraft der Jugend. Ich schlief bis zum Mittag. Als ich erwachte, sagte Margherita mir, ein sehr schöner junger Mann habe mir gegen zehn Uhr einen Besuch machen wollen, und da sie nicht gewagt habe, mich zu wecken, so habe sie ihn bis elf Uhr unterhalten. »Ich habe ihm Kaffee gemacht, den er sehr gut gefunden hat. Er will morgen wiederkommen, aber er hat mir seinen Namen nicht genannt. Er ist ein sehr schöner junger Mann und hat mir dieses Goldstück geschenkt, das ich nicht kenne. Ich hoffe, es wird Ihnen nicht unangenehm sein.« Ich erriet, daß es mein Florentiner war. Das Goldstück war eine doppelte Unze. Ich lachte, denn da ich in das Mädchen nicht verliebt war, so war mir alles gleichgültig. Ich sagte ihr, es sei gut, daß sie ihn unterhalten habe, und noch besser, daß sie das Goldstück angenommen habe, das achtundvierzig Paoli wert sei. Sie umarmte mich zärtlich und verschonte mich dank diesem Abenteuer mit den Vorwürfen, die sie mir sonst wegen meines späten Nachhausekommens gemacht haben würde. Ich war neugierig, was das für ein toskanischer Phönix sein möchte, der sich so freigebig zeigte, und beeilte mich daher, den Brief meiner lieben Leonilda zu lesen. Er war ein reicher Kaufherr, namens M., der ein Geschäft in London hatte und durch einen Malteserritter ihrem Gatten empfohlen worden war. Leonilda schilderte ihn mir als einen reichen, liebenswürdigen, gebildeten und freigebigen Mann und versicherte mir, daß ich ihn lieb gewinnen würde. Nachdem sie mir viel über ihren Gatten mitgeteilt und allerlei Aufträge von dem guten Marchese und der ganzen Familie an mich ausgerichtet hatte, schrieb Leonilda zum Schluß, sie sei glücklich, denn sie sei guter Hoffnung, Mutter zu werden, und sie würde auf dem Gipfel der Seligkeit sein, wenn sie einen Sohn zur Welt brächte. Sie bat mich, dem Marchese meinen Glückwunsch zu schreiben. Sei es die Stimme der Natur, sei es die Macht der Erziehung – genug, ich schauderte, als ich diese Mitteilung las. Ich antwortete ihr jedoch einige Tage darauf und legte diesem Brief offen einen anderen an den Marchese bei, dem ich schrieb, daß Gottes Gnaden niemals zu spät kommen, und daß mich niemals eine Nachricht so gefreut habe wie die, daß er bald einen Erben haben werde. Im Mai brachte Leonilda einen Knaben zur Welt. Ich sah diesen in Prag, als Leopold der Zweite gekrönt wurde, im Hause des Fürsten Rosenberg. Er nennt sich Marchese E., wie sein Vater, vielmehr wie der Gatte seiner Mutter, der ein Alter von achtzig Jahren erreicht hat. Obgleich mein Name dem jungen Menschen unbekannt war, ließ ich mich ihm vorstellen; ich erfreute mich seiner Unterhaltung noch ein zweites Mal im Theater. Er wurde von einem sehr gebildeten Abbate begleitet, den man seinen Hofmeister nannte; aber er bedurfte eines solchen nicht, denn er war mit zwanzig Jahren schon so vernünftig, wie wenig Menschen es mit sechzig sind. Ich sah mit inniger Freude, daß der Jüngling das leibhaftige Ebenbild des Marchese war. Ich weinte hierüber Tränen des Glückes, indem ich daran dachte, wie glücklich diese Ähnlichkeit den wackeren Marchese und die Mutter gemacht haben mußte, und ich bewunderte das Spiel eines Zufalls, der die Natur zur Mitschuldigen an einer glücklichen Lüge gemacht zu haben schien. Ich schrieb an meine teure Leonilda und übergab ihrem Sohn diesen Brief, den sie erst im Karneval des Jahres l792 erhielt, als der junge Marchese nach Neapel zurückkehrte. Bald darauf erhielt ich eine Antwort, worin sie mich zur Hochzeit ihres Sohnes einlud und mich bat, zu ihr zu ziehen und im Schoße zärtlicher Freundschaft meine Tage zu beschließen. Wer weiß, ob es nicht noch mal dazu kommt! Um drei Uhr begab ich mich zur Fürstin Santa-Croce, die ich im Bett fand. Neben ihr saß der Kardinal und las ihr vor. Kaum erblickte sie mich, so fragte sie, warum ich die Oper nach dem zweiten Akt verlassen hätte. »Fürstin, ich kann Ihnen eine sechs Stunden lange, interessante Geschichte erzählen, aber bevor ich dies tue, müssen Sie mir in Bezug auf die Einzelheiten freie Hand gewähren; denn es kommen darin Episoden vor, die unbedingt der Natur gemäß erzählt werden müssen.« »Ist es etwas in der Art wie mit der Nonne M. M.?« »Ja, gnädiger Herr, ungefähr so.« »Wollen Sie taub sein, Fürstin?« fragte Seine Eminenz sie. »Sie können sich darauf verlassen!« Ich erzählte ihnen hierauf die Geschichte der Nacht ungefähr in derselben Weise, wie ich sie hier niedergeschrieben habe. Über das Herausfischen der Austern aus dem Leibchen und über das Blindekuhspiel lachte die Fürstin trotz ihrer angeblichen Taubheit bis zu Tränen. Schließlich stimmten sie und der Kardinal darin überein, ich hätte mich gut benommen und würde ohne Zweifel bei der nächsten Zusammenkunft den Lohn meiner Mühen ernten. »In zwei oder drei Tagen«, sagte der Kardinal zu mir, »werden Sie den Dispens für Emiliens künftigen Gatten erhalten; er kann sie dann heiraten, sobald er will.« Am nächsten Morgen um neun Uhr machte der Florentiner mir einen Besuch. Ich fand ihn genau so, wie die Marchesa ihn mir geschildert hatte; aber ich war nicht gut auf ihn zu sprechen, und meine Stimmung verbesserte sich nicht, als er mich fragte, ob die hübsche Person, die ich im Theater bei mir gehabt hätte, etwa verheiratet oder verlobt sei, und ob sie Vater oder Mutter oder andere Verwandte habe, von denen sie abhängig sei. Ich bat ihn mit einem etwas bitteren Lächeln, mir zu erlassen, daß ich hierüber Auskunft gebe, da die junge Dame im Theater maskiert gewesen sei. Er errötete und bat mich um Verzeihung. Ich dankte ihm für die Ehre, die er Margherita erwiesen, indem er eine Tasse Kaffee von ihr angenommen habe, und bat ihn, auch mir dieses Vergnügen zu erweisen, indem ich ihm zugleich sagte, ich würde mich am nächsten Morgen zum Frühstück bei ihm einfinden. Er wohnte bei Roland gegenüber San Carlo; in demselben Gasthof wohnte auch die berühmte Sängerin Gabrielli, mit Beinamen la Couchetta, der vom Fürsten Borghese eifrig der Hof gemacht wurde. Kaum war der junge Florentiner fort, so eilte ich nach San Paolo; ich konnte es kaum erwarten, zu sehen, was für ein Gesicht meine beiden von mir so herrlich eingeweihten Vestalinnen machten. Sie hatten eine ganz andere Miene als bisher: Emilia war fröhlich, und Armellina war traurig geworden. Ich sagte zu Emilia: »In drei Tagen werde ich Ihnen einen vollständigen Ablaß vom Aufgebot bringen; in etwa acht Tagen werden Sie die Anweisung des Kardinals ausgehändigt empfangen, auf Grund deren Sie vierhundert Scudi und Ihren Abschied erhalten werden. Am selben Tage werde ich Ihnen ein Stipendium von zweihundert Scudi überbringen.« Sie geriet bei dieser Nachricht vor Freude ganz außer sich und verließ das Sprechgitter, um zur guten Oberin zu eilen und ihr ihr Glück mitzuteilen. Als ich mit Armellina allein war, ergriff ich ihre Hände, bedeckte diese mit Küssen und flehte sie an, doch wieder ihre alte köstliche Fröhlichkeit zu zeigen. »Was soll ich hier ohne Emilia machen!« rief sie aus. »Was soll ich hier machen, wenn Sie fort sind? Ich werde unglücklich sein. Ich liebe mich selber nicht mehr.« Ich fühlte tiefe Betrübnis, als ich sie Tränen vergießen sah, die ich für mein Leben gern aufgefangen hätte, um mich in Liebe zu berauschen, oder noch besser, um die Glut zu dämpfen, die mich verzehrte. Ich schwor ihr, ich würde Rom nicht verlassen, bevor ich sie verheiratet sähe, und würde ihr eine Mitgift von tausend Talern aussetzen. »Aus den tausend Talern mache ich mir nichts, aber es beglückt mich, daß Sie mir versprechen, Rom nicht zu verlassen, bevor Sie mich verheiratet haben. Weiter verlange ich nichts; aber wenn Sie mich täuschten, werde ich daran sterben.« »Und ich werde lieber sterben als Sie täuschen; aber meine liebe Armellina, verzeihen Sie der Liebe, die mich vielleicht vorgestern zu weit fortgerissen hat.« »Ich verzeihe Ihnen alles, wenn Sie stets mein Freund bleiben.« »Das verspreche ich Ihnen; aber erlauben Sie mir doch, Sie auf Ihren schönen Mund zu küssen.« Nach diesem ersten Kuß, den ich als ein sicheres Unterpfand ihrer Übergabe auffaßte, trocknete sie ihre Tränen, und Emilia erschien mit der Oberin, die mir die verbindlichsten Komplimente machte. Unter anderem sagte sie zu mir: »Sie müssen mir versprechen, sich für die neue Kameradin zu interessieren, die ich unserer Armellina zu geben gedenke, sobald Emilia uns verläßt.« »Ich verspreche Ihnen alles zu tun, was Sie mir befehlen werden, und ich hoffe, Signora, Sie werden mir zum Lohne dafür erlauben, die jungen Mädchen heute Abend ins Theater zu führen.« »Sie werden sie bereit finden, denn wer könnte Ihnen wohl etwas abschlagen!« Als ich mit den beiden Freundinnen allein war, entschuldigte ich mich eifrig, daß ich ohne ihre Einwilligung über sie verfügt hätte. »Ohne unsere Einwilligung!« rief Emilia; »wir wären ja im höchsten Grade undankbar, wenn wir nach allem, was Sie für uns getan haben und noch tun, Ihnen irgend etwas abschlagen könnten.« »Und Sie, meine schöne Armellina – werden Sie sich meiner Zärtlichkeit entziehen?« »Nein, lieber Freund. Aber ich werde mich in den Grenzen halten, die die Vernunft vorschreibt. Vor allen Dingen kein Blindekuhspiel mehr!« »Ach! es ist doch ein so hübsches Spiel! Sie machen mich wirklich traurig.« »Erfinden Sie doch ein anderes!« sagte Emilia. Emilia war in Feuer geraten, und das war mir nicht angenehm; denn ich fürchtete, Armellina könnte eifersüchtig werden. Wenn ich dies befürchtete, so brauchte ich darum kein eingebildeter Geck zu sein, denn ich kannte das menschliche Herz. Sobald ich sie verlassen hatte, eilte ich nach dem Theater von Torre di Nona, um mir eine Loge zu beschaffen; hierauf ging ich in den Gasthof und bestellte das Abendessen und dieselben Zimmer. Ich vergaß auch die Austern nicht, obgleich ich überzeugt war, daß ich derselben nicht mehr bedürfte. Hierauf begab ich mich sofort zu einem Musiker und beauftragte diesen, mir drei Eintrittskarten für einen Ball zu besorgen, auf welchem ich von niemanden erkannt werden könnte. Ich ging nach Hause, um dort allein zu essen, fand jedoch ein Briefchen von der Marquise d'Août, die mich zum Mittagessen einlud und mir die freundschaftlichsten Vorwürfe machte, daß ich mich niemals uneingeladen bei ihr sehen ließe. Ich folgte der Einladung und fand bei der Marquise den Florentiner. Bei Tisch lernte ich eine Menge von den guten Eigenschaften des liebenswürdigen jungen Mannes kennen und fand, daß Leonilda ihm mit ihrer Beschreibung nicht geschmeichelt hatte. Gegen Ende der Mahlzeit fragte die Marquise mich, warum ich nicht bis zum Schluß der Vorstellung in der Oper geblieben sei. »Meine jungen Damen langweilten sich.« »Ich weiß, daß sie nicht zum Hofstaate des venetianischen Botschafters gehören.« »Allerdings nicht, meine Gnädige, und ich bitte Sie wegen meiner kleinen Lüge um Verzeihung.« »Sie erfanden Ihre Mitteilung aus dem Stegreif, um mir nicht zu sagen, wer sie sind; aber man weiß es.« »Ich wünsche den Neugierigen Glück dazu, Madame.« »Die junge Dame, mit der ich gesprochen habe, ist dazu angetan, allgemeine Neugier zu erregen; aber an Ihrer Stelle würde ich sie ein wenig Puder auflegen lassen.« »Dazu besitze ich keine Autorität, und wenn ich solche besäße, so möchte ich ihr um alles in der Welt keinen Zwang antun.« Der Florentiner gefiel mir, weil er alles anhörte, ohne ein Wort zu sagen. Ich ließ ihn viel von England und von seinen Geschäften sprechen. Er sagte mir, er gehe nach Florenz, um seine Erbschaft anzutreten und eine Gattin zu suchen, die er mit sich nach London nehmen würde. Beim Abschied sagte ich ihm, ich würde erst am übernächsten Tage das Vergnügen haben, ihn in seiner Wohnung aufzusuchen, da eine geschäftliche Angelegenheit mich abhielte, ihn meinem Versprechen gemäß schon am nächsten Tage zu besuchen. Er bat mich, erst zum Mittagessen zu kommen und dieses mit ihm zu teilen. Voll von Liebe und Hoffnung holte ich meine beiden Freundinnen ab. Sie sahen mit großer Heiterkeit die ganze Komödie an, ohne daß irgend etwas uns störte. Vor dem Gasthof stiegen wir ab, und ich befahl dem Kutscher, mich um zwei Uhr abzuholen. Hierauf gingen wir in den dritten Stock hinauf und setzten uns dort vor ein gutes Kaminfeuer, während man uns die Austern öffnete, die uns nicht mehr so interessierten wie die vorigen Male. Emilia und Armellina benahmen sich so, wie es sich für unsere Beziehungen gehörte. Emilia sah aus wie jemand, der gute Ware auf Kredit verkauft hat und den Käufer gönnerhaft behandelt, weil er ihm ein gutes Geschäft vermittelt hat. Armellina war zärtlich und lachte, war aber zugleich etwas bedrückt und winkte mir mit den Augen, wie wenn sie mich an das Wort erinnern wollte, das ich ihr gegeben hatte. Ich antwortete ihr nur durch glühende Küsse, die ihr ihre Sicherheit zurückgaben, sie aber zugleich voraussehen ließen, daß ich meine Verpflichtungen, die ich gegen sie hätte, noch bedeutend zu vermehren gedächte. Es kam mir jedoch so vor, als wenn sie sich mit der Tatsache abgefunden hätte, und so setzte ich mich mit zufriedener Seele zu Tisch. Ich beschäftigte mich nur mit Armellina. Da Emilia unmittelbar vor ihrer Heirat stand, so konnte sie wohl annehmen, daß ich sie nur aus einer gewissen ehrfurchtsvollen Scheu vor dem Sakrament der Ehe vernachlässigte. Als wir gespeist hatten, setzte ich mich, fröhlich und wollüstig wie immer, mit Armellina auf das Sofa und verbrachte mit ihr drei Stunden, die ich mir köstlich hätte machen können, wenn ich mich nicht darauf versteift hätte, die höchste Gunst von ihr haben zu wollen. Hierauf wollte sie sich nicht einlassen. Worte, Bitten, Zornesausbrüche konnten sie ebensowenig besiegen wie ihre engelhafte Sanftmut ändern. Zärtlich in meinen Armen liegend, bald lachend, bald liebevoll traurig, bewilligte sie mir niemals, was ich durchaus erringen wollte. Dabei verweigerte sie es mir niemals in aller Form. Dies scheint ein Rätsel zu sein, aber es ist keines. Sie verließ meine Arme als Jungfrau, obgleich sie vielleicht betrübt war, daß sie es nicht gewagt hatte, sich über ihre Pflichten hinauszusetzen, indem sie mich ganz und gar glücklich machte. Die Natur zwang mich aufzuhören, obgleich ich immer noch vor Liebe glühte und wenig befriedigt war. Ich bat sie um Verzeihung. Die Vernunft sagte mir, daß dies das einzige Mittel war, um mir ihre Einwilligung für ein anderes Mal zu verschaffen. Nachdem wir uns, halb traurig, halb lustig, angezogen hatten, weckten wir Emilia, die in tiefem Schlaf lag, und entfernten uns. In meiner Wohnung angekommen, legte ich mich zu Bett, ohne mich um die Schimpfwörter zu bekümmern, womit Margherita in ihrem Zorn mich überhäufte. Der Florentiner gab mir ein Diner von ausgezeichneter Feinheit. Aufs tiefste rührten mich die Freundschaftsbeweise, mit denen er mich überhäufte, und sein Anerbieten, mir mit Geld auszuhelfen, wenn ich dessen bedürfen sollte. Er hatte Armellina gesehen, und sie hatte ihm gefallen. Ich hatte ihn schroff abfallen lassen, als er mit mir von ihr gesprochen hatte. Seitdem hatte er kein Wort mehr von ihr gesagt, und auch bei diesem Essen wurde nicht mehr von ihr gesprochen. Ich glaubte annehmen zu müssen, daß eine innere Sympathie ihn zu mir hinzöge; diese war mir angenehm, und ich glaubte, sie ihm in gleicher Weise vergelten zu müssen. Ich lud ihn bei mir zum Essen ein und ließ Margherita mit mir speisen. Da ich nicht eifersüchtig auf sie war, so wäre es mir sehr angenehm gewesen, wenn er sich in sie verliebt hätte. Er würde, glaube ich, keine Schwierigkeiten bei ihr gefunden haben, denn er gefiel ihr, und ich würde gerne ein Auge zugedrückt haben. Es geschah jedoch nichts. Als das Mädchen einen Ring bewunderte, den er an seiner Uhrkette trug, bat er mich um Erlaubnis, ihr denselben anbieten zu dürfen, und ich gab meine Einwilligung. Dies war deutlich genug; aber dabei blieb die Sache stehen. In acht Tagen war alles für Emilias Heirat in Ordnung. Ich verschaffte ihr für ihren Stipendienschein bares Geld, und an demselben Tage, wo sie das Kloster verließ, verheiratete sie sich und reiste mit ihrem Mann nach Civitia vecchia. Menicuccio, von dem ich seit langer Zeit nicht mehr gesprochen habe, war glücklich über mein Verhältnis zu seiner Schwester, denn er glaubte, daß sie in Zukunft Vorteil davon haben würde, und er war noch glücklicher über die Entwicklung, die seine eigenen Angelegenheiten nahmen; denn drei Tage nach Emilias Hochzeit heiratete er seine Geliebte und begründete einen hoffnungsreichen Hausstand. Als Emilia fort war, gab die gute Oberin meiner Armellina eine neue Aufseherin. Es war ein junges Mädchen, das vielleicht zwei oder drei Jahr älter war als meine Freundin; sie war sehr schön, erregte aber trotzdem meine Teilnahme nur in sehr geringem Grade. Wenn ich von einem Gegenstand stark in Anspruch genommen war, konnte, bevor ich Befriedigung gefunden hatte, ein anderer mir nur sehr leichte Wünsche einflößen. Die Oberin sagte mir, Armellinas neue Freundin heiße Scolastica. Sie werde gewiß meine Achtung gewinnen, denn sie sei ebenso verständig wie Emilia. Sie hoffe, ich werde ihr dazu verhelfen, daß ein Mann, der eine sehr gute Anstellung habe und den sie kenne, sie heirate; er brauche nur dreihundert Scudi, um den erforderlichen Dispens zu bezahlen. Dieser Bewerber war der Sohn eines Vetters von Scolastica. Sie nannte ihn ihren Neffen, obwohl er älter war als sie. Der Dispens war für Geld nicht schwer zu erlangen, aber um ihn umsonst zu erhalten, mußte ich jemanden ausfindig machen, der den Heiligen Vater darum bat. Ich versprach, mich mit der Sache zu beschäftigen. Der Karneval näherte sich seinem Ende, und Scolastica hatte in ihrem Leben weder Opern noch Komödien gesehen. Armellina hatte Lust, einen Ball zu sehen, und ich hatte endlich einen gefunden, wo wir nach meiner Meinung von keinem Menschen erkannt werden konnten. Da die Sache jedoch Folgen nach sich ziehen konnte, so waren Vorsichtsmaßregeln nötig. Ich fragte also die beiden neuen Freundinnen, ob sie sich als Männer verkleiden wollten, und sagte ihnen, ich werde ihnen alles Nötige besorgen. Sie waren mit Freuden einverstanden. Für den Tag nach dem Ball hatte ich mir eine Loge im Theater Aliberti besorgt. Ich benachrichtigte also meine jungen Freundinnen, sie möchten die Oberin um Erlaubnis bitten und mich in der Dämmerung erwarten. Obgleich durch Armellinas Widerstand und durch die Gegenwart ihrer neuen Gesellschafterin etwas entmutigt – denn diese kam mir so vor, wie wenn sie sich weder durch einen Handstreich überrumpeln lassen, noch sich bereit finden lassen würde, unserer Liebschaft als Deckmantel zu dienen – so ließ ich doch alles Erforderliche, um sie in zwei schöne Knaben zu verwandeln, nach dem Gasthof schaffen. Beim Einsteigen in den Wagen gab Armellina mir die üble Nachricht, daß Scolastica von nichts wüßte und daß wir uns in ihrer Gegenwart nichts erlauben dürften. Da im selben Augenblick Scolastica einstieg, so hatte ich keine Zeit ihr zu antworten, und wir fuhren nach dem Gasthof. Als wir in dem Zimmer mit dem guten Feuer waren, sagte ich ihnen etwas verdrießlich: wenn sie allein sein wollten, so würde ich trotz der Kälte in das Nebenzimmer gehen. Mit diesen Worten zeigte ich ihnen die Männerkleider. Armellina sagte: »Es genügt, wenn Sie uns den Rücken zukehren. Nicht wahr, Scolastica?« »Ich mache alles wie du, meine Liebe, aber ich bin sehr betrübt; denn ich bin überzeugt, daß ich euch zur Last bin. Ihr liebt euch, das ist ja sehr einfach, ich verhindere euch, euch eure Liebe zu beweisen, und bin darüber in Verzweiflung. Ich bin doch kein Kind mehr, und ich bin deine Freundin; warum behandelst du mich, wie wenn ich es nicht wäre?« Als ich diese vernünftige Sprache hörte, atmete ich auf. »Sie haben recht, schöne Scolastica«, sagte ich zu ihr. »Ich liebe Armellima; aber sie liebt mich nicht und sucht Vorwände, um mich nicht glücklich zu machen.« Mit diesen Worten verließ ich das Zimmer, schloß die Tür hinter mir und zündete mir im zweiten Zimmer ein Feuer an. Seit einer Viertelstunde mopste ich mich, als endlich Armellina an die Türe klopfte und mich bat, ich möchte öffnen. Sie war in Hosen und sagte mir, ich müßte ihr durchaus helfen, denn die Schuhe wären zu klein, und sie könnte sie nicht anbekommen. Da ich immer noch ein verdrießliches Gesicht machte, fiel sie mir um den Hals und bedeckte mich mit Küssen. Es gelang mir ohne große Mühe, mich zu beruhigen. Während ich ihr die Gründe meiner Verdrießlichkeit sagte und alles, was ich sah, mit meinen Küssen bedeckte, lachte Scolastica laut auf und sagte: »Ich wußte ja, daß ich euch zur Last war. Aber wenn ihr nicht das größte Zutrauen zu mir habt, so erkläre ich euch hiermit, daß ich morgen nicht das Vergnügen haben werde, euch in die Oper zu begleiten.« »Nun, so umarme doch meinen Freund ebenfalls!« rief Armellina. »Gern!« Dieser Edelmut Armellinas gefiel mir nicht, aber dies verhinderte mich nicht, Scolastica mit aller Glut zu küssen, die sie verdiente. Ich hätte es selbst dann getan, wenn sie weniger schön gewesen wäre; denn eine so große Liebenswürdigkeit verdiente ihren Lohn. Ich küßte sie sogar ganz besonders heiß, weil ich Armellina ein wenig bestrafen wollte, aber ich irrte mich: sie war offenbar entzückt und umarmte ihre Freundin zärtlich, wie wenn sie ihr für ihre Gefälligkeit danken wollte. Ich ließ sie sich hinsetzen, um ihr beim Anziehen der Schuhe zu helfen; aber ich sah, daß die Schuhe nicht paßten und daß wir andere brauchten. Ich rief den Kellner, der uns bediente, und schickte ihn fort, um mir einen Vorrat an Schuhen zu holen. Während wir auf seine Ankunft warteten, erlaubte die Liebe mir nicht, mich bei Armellina mit einfachen Küssen zu begnügen. Sie wagte ebensowenig sich mir zu entziehen, wie sich mir ganz und gar hinzugeben; aber gewissermaßen, wie wenn sie sich entschuldigen wollte, nötigte sie mich, ihrer Freundin Scolastica dieselben Liebkosungen zu erweisen wie ihr, und diese kam mir so weit entgegen, ^6i daß ich von ihr nichts mehr hätte verlangen können, wenn ich in sie verliebt gewesen wäre. Sie war ein reizendes Mädchen und stand an Schönheit des Gesichtes wie an Vollendung der Formen nicht hinter Armellina zurück, wohl aber in einer gewissen Zartheit des Ausdruckes, der nur dieser eigentümlich war. Im Grunde mißfiel der Scherz mir nicht, aber indem ich darüber nachdachte, mischte sich einige Bitterkeit in den Genuß; denn ich glaubte zu entdecken, daß Armellina mich nicht liebte, und daß die andere mir nur darum keinen Widerstand leistete, weil sie ihrer Freundin die Verlegenheit benehmen und sie überzeugen wollte, daß sie ihr ganz und gar vertrauen könnte. Dies machte mich so ratlos, daß ich mit dem Liebesspiel innehielt. Schließlich aber kam ich auf den Gedanken, ich würde gut tun, an derjenigen Geschmack zu finden, bei der ich mir völlige Befriedigung verschaffen könnte. Kaum war dieser Gedanke mir durch den Kopf geschossen, so wurde ich neugierig, einen Versuch zu machen, ob Armellina ihr Verhalten ändern würde, wenn ich mich wirklich in ihre Freundin verliebt zeigte, und ob diese vielleicht finden würde, daß ich zu weit ginge; denn bis dahin waren meine Hände nach unten nicht über die Grenzen ihres Hosenbundes hinausgegangen. Ich wollte gerade ans Werk gehen, da kam der Schuster. In ein paar Minuten hatten sie gutes Schuhzeug. Nachdem sie ihre Röcke angezogen hatten, sah ich vor mir zwei sehr hübsche Jünglinge, deren Formen so viel von ihrem Geschlecht verrieten, um einen jeden, der mich in ihrer Gesellschaft sehen würde, eifersüchtig auf mein Glück zu machen. Ich befahl, das Souper für Mitternacht bereit zu halten, und wir gingen auf den Ball, wo ich hundert gegen eins hätte wetten mögen, daß man mich nicht erkennen würde; denn der Musiker, der mir die Eintrittskarten besorgt hatte, hatte mir gesagt, es sei eine Gesellschaft von kleinen Kaufleuten. Aber was vermag nicht der Zufall oder das Schicksal! Wir betreten einen großen Saal, der sehr gut, aber ohne Luxus ausgestattet ist, und die ersten Personen, auf die mein Blick fällt, sind die Marquise d' Août, ihr Gatte und ihr unzertrennlicher Abbé. Ich wurde jedenfalls feuerrot, aber ich konnte nicht mehr zurück, denn sie hatten mich bereits gesehen. So nahm ich mich zusammen und ging auf sie zu. Wir machten die üblichen Komplimente, und die feine Marchesa fügte diesen auch noch viele Scherze über meine beiden jungen Begleiter hinzu, die in ihrer Verlegenheit kein Wort zu sagen wußten, da sie es nicht gewohnt waren, in Gesellschaft zu verkehren. Was mich aber sehr verdroß, war eine große, junge Dame, die nach der Beendigung eines Menuetts meiner Armellina eine Verbeugung machte und sie aufforderte, mit ihr zu tanzen. In diesem Mädchen erriet ich den Florentiner, der die Laune gehabt hatte, sich als Weib zu verkleiden. Er sah wie eine vollendete Schönheit aus. Armellina glaubte, sie dürfte nicht für dumm gelten, und sagte ihm: »Ich erkenne Sie.« »Vielleicht täuschen Sie sich«, sagte er sehr geistvoll zu ihr; »denn ich habe einen Bruder, der mir vollkommen ähnlich sieht; ebenso müssen Sie eine Schwester haben, die Ihr leibhaftiges Abbild ist. Mein Bruder hat das Glück gehabt, sich im Theater Capronica einen Augenblick mit ihr zu unterhalten.« Über diese schlagfertige Antwort des Florentiners lachte die Marquise, und ich glaubte einstimmen zu müssen, obgleich mir durchaus nicht danach zumute war. Da Armellina sich damit entschuldigte, daß sie nicht tanzen könnte, so ließ die Marquise sie zwischen ihr und dem Florentiner Platz nehmen. Der Marquis bemächtigte sich meiner Scolastica, und so blieb mir nur die Aufgabe, mich um die Marquise zu bemühen, ohne Armellina auch nur einmal ansehen zu können, die von den Reden des Florentiners ganz und gar in Anspruch genommen wurde. Ich war eifersüchtig wie ein Tiger und brüllte innerlich vor Wut; aber die gesellschaftliche Sitte zwang mich, meinen Zorn unter einer Miene völliger Zufriedenheit zu verbergen. Ich überlasse es dem Leser sich auszumalen, wie sehr ich litt, und wie tief ich es bereute, auf diesen Ball gegangen zu sein. Aber ich hatte noch nicht einmal den Höhepunkt meiner Leiden erreicht, denn diese wuchsen noch ganz beträchtlich als ich sah, wie Scolistaca den Arm des Marquis losließ und auf einen Mann von reiferen Jahren zutrat, mit dem sie sich in eine Ecke des Saals zurückzog, wo sie in sehr vertrauter Weise sich miteinander unterhielten. Nach den Menuetten kamen die Kontertänze an die Reihe, und ich glaubte zu träumen, als ich Armellina als Kavalier und den Florentiner als Dame in dem Viereck nebeneinander stehen sah. Ich mußte fortfahren, Gefühle zu zeigen, die mit meinen wirklichen Gefühlen in grausamsten Widerspruch standen. Ich trat daher auf sie zu, um ihnen mein Kompliment zu machen, und fragte Armellina in freundlichem Tone, ob sie auch sicher wäre, daß sie den Kontertanz tanzen könnte. »Der Herr hat mir gesagt, ich könnte mich unmöglich irren, wenn ich nur alles nachmachte, was er mir vormachen würde.« Auf diese Antwort ließ sich nichts erwidern. Ich begab mich nun zu Scolastica, denn ich war sehr neugierig, den Herrn kennen zu lernen, mit dem sie sich unterhielt. Als sie mich herantreten sah, stellte sie ihn mir mit schüchternem Wesen vor und sagte mir, er sei der Neffe, von dem sie mit mir gesprochen habe und der sie glücklich zu machen wünsche, wenn er die Erlaubnis erhalten könne, sie zu heiraten. Meine Überraschung war groß, aber ich wußte sie zu verbergen. Ich sprach mit ihm so höflich und trostreich, wie ich nur konnte, und sagte unter anderem, die Oberin habe bereits zu seinen Gunsten mit mir gesprochen, und ich habe auch bereits darüber nachgedacht, wie man den Dispens vom Heiligen Vater erlangen könne, ohne etwas dafür zu bezahlen. Der Mann, der sehr anständig aussah, dankte mir lebhaft und empfahl sich mir angelegentlich, indem er besonders betonte, daß er kein Geld habe. Da ich sah, daß er nicht im geringsten eifersüchtig war, ließ ich Scolastica mit ihm allein und begab mich wieder zu Armellina. Mit Erstaunen sah ich, daß sie ihre Sache sehr gut machte und bei keiner einzigen Figur einen Fehler beging. Der Florentiner, der ein ausgezeichneter Tänzer war, sagte ihr vorzüglich Bescheid, und alle beide schienen sehr glücklich zu sein. Mir trat die Galle ins Blut; aber ich nahm mich zusammen und machte nach dem Tanz meiner Armellina sowohl wie ihrem Florentiner ein Kompliment. Er spielte die Dame ganz ausgezeichnet und war so gut angezogen, daß man ihn weder nach seinen Formen noch nach seinem Benehmen jemals für einen Mann hätte halten können. Dies war allerdings kein Wunder, denn die Marquise d'Août hatte es übernommen, ihn zu verkleiden. Meine Eifersucht erlaubte mir nicht, Armellina aus den Augen zu lassen, und ich versagte mir daher das Vergnügen, selber zu tanzen. Um Scolastica, die immer noch mit ihrem Bräutigam zusammen war, beunruhigte ich mich nicht; ich wußte, daß das Geplauder mit ihm ihr aufs angenehmste die Zeit vertreiben würde. Das Souper sollte um Mitternacht beginnen, denn es war ein Samstag, und darum wagte man nicht vor dieser Stunde Fleischspeisen auf den Tisch zu bringen. Gegen halb zwölf Uhr sagte die Marquise, von Armellinas geistreicher Naivität entzückt und vielleicht auch um ihren jungen Freunden angenehm zu sein, in dem leichten Ton der guten Gesellschaft, aber zugleich mit der gebieterischen Miene einer vornehmen Dame zu mir, sie erwarte mich und meine beiden Begleiter in ihrem Hause zum Nachtessen. »Leider kann ich nicht die Ehre haben, meine gnädige Frau«, antwortete ich ihr, »meine beiden Begleiter wissen warum.« Sie zeigte auf Armellina und sagte: »Die da hat mir soeben gesagt, es hänge nur von Ihnen ab.« »Das ist ein Irrtum, glauben Sie mir!« Ich wandte mich zu Armellina und sagte zu ihr lachend und mit soviel Freundlichkeit, wie ich nur erheucheln konnte: »Sie wissen doch, daß Sie spätestens um halb ein Uhr zu Hause sein müssen.« »Allerdings«, sagte sie sanft; »aber Sie haben ja doch darüber zu bestimmen.« Ich antwortete ihr ein wenig traurig, daß ich nicht berechtigt zu sein glaubte, mein Wort zu brechen, daß es aber bei ihr stände, mich dazu zu veranlassen. Nunmehr begannen die Marquise, deren Mann, der Abbé und der Florentiner sie aufzufordern, sie möchte doch von ihrer Macht Gebrauch machen und mich veranlassen, mein angebliches Wort zu brechen, und Armellina wagte es, mich in dringlicher Weise darum zu bitten. Ich platzte vor Ärger; da ich jedoch entschlossen war, lieber alles zu tun, als ihnen den geringsten Grund zu geben, mich für eifersüchtig zu halten, so sagte ich zu Armellina mit ganz unbefangener Miene, ich wäre einverstanden, vorausgesetzt, daß es auch ihrer Freundin recht wäre. »Nun«, sagte sie mit einem Ausdruck von Zufriedenheit, der mich außerordentlich peinlich berührte, »fragen Sie sie doch!« Nun war ich meiner Sache sicher. Ich begab mich sofort zu Scolastica, trug ihr in Gegenwart ihres Freundes den ganzen Fall vor und bat sie, sie möchte ihre Einwilligung nicht geben, aber es so einrichten, daß ich nicht bloßgestellt würde. Der Bräutigam lobte meine Vorsicht, aber ich brauchte Scolastica nicht erst zu bitten, sich zu verstellen, denn sie sagte mir, sie sei ohnehin entschlossen gewesen, nicht mit anderen Leuten zu soupieren. Sie kam mit mir, und ich bat sie, zuerst mit ihrer Freundin zu sprechen, bevor sie in Gegenwart der anderen etwas sagte. Ich führte Scolastica der Marquise zu und sprach mein Bedauern aus, daß es mir nicht gelungen sei, sie zu überreden. Scolastica bat die Gesellschaft um Entschuldigung und sagte zu Armellina, sie habe ihr etwas unter vier Augen mitzuteilen. Nachdem sie einige Minuten miteinander gesprochen hatten, kamen sie mit trauriger Miene wieder, und Armellina sagte, es tue ihr sehr leid, aber es sei ganz und gar unmöglich. Die Marquise bestand nicht länger auf ihren Wunsch, und wir entfernten uns. Ich bat Scolasticas Bräutigam um Verschwiegenheit und lud ihn ein, am zweiten Tage der Fastenzeit bei mir zu Mittag zu essen. Wir verließen das Haus. Da die Nacht sehr dunkel war, so war ich sicher, daß man uns nicht folgen würde, und wir gingen zu dem Wagen, den wir auch richtig an dem Ort fanden, wo ich dem Kutscher zu warten befohlen hatte. Mir war zumute, als wäre ich aus einer Hölle erlöst, wo ich vier Stunden lang tausend Qualen erlitten hätte. Wir kamen beim Gasthof an, ohne daß ich zu den beiden Mädchen auch nur ein Wort gesagt hätte; ich antwortete nicht einmal auf die sehr vernünftigen Fragen, welche die naive Armellina mit einer Stimme, die Stein und Eisen hätten erweichen können, an mich richtete. Scolastica rächte mich, indem sie ihr Vorwürfe darüber machte, daß sie mich vor die unangenehme Wahl gestellt habe, entweder unhöflich und eifersüchtig zu erscheinen oder meine Pflicht zu verletzen. Als wir dann aber unser Zimmer betraten, verwandelte meine eifersüchtige Wut sich in Mitleid; denn Armellinas schöne Augen schwammen in Tränen, die die von Scolastica ihr gesagten bitteren Wahrheiten ihr entrissen hatten. Da das Abendessen sofort aufgetragen wurde, so hatten sie nur soviel Zeit, ihre Schuhe zu wechseln. Ich war traurig und hatte Grund dazu; aber Armellinas Stimmung tat mir sehr leid, denn ich fand nicht meine Rechnung dabei. Es galt also, ihre Traurigkeit zu verscheuchen, und dies war eine schwierige Aufgabe, denn ich konnte die Ursache derselben nur darin sehen, daß sie sich in den Florentiner verliebt hatte. Unsere Mahlzeit war ausgezeichnet; Scolastica tat ihr alle Ehre an, aber Armellina aß gegen ihre sonstige Gewohnheit fast gar nichts. Scolastica zeigte sich von einer reizenden Lustigkeit; sie umarmte ihre Freundin und bat sie, sich doch ihres Glückes zu freuen, denn ihr Bräutigam sei mein Freund geworden, und daher sei sie sicher, daß ich mich für ihn und für sie interessieren würde, wie ich mich für Emilia interessiert hatte. Sie segnete diesen Ball und den Zufall, der ihn hingeführt hätte. Endlich bemühte sie sich aus Leibeskräften, Armellina zu überzeugen, daß sie durchaus keinen Anlaß hätte, traurig zu sein, denn sie könnte doch sicher sein, daß ich nur sie allein liebte. Scolastica täuschte sich, und Armellina wagte es nicht, ihr diese Täuschung zu benehmen, indem sie ihr die wirkliche Ursache ihrer Traurigkeit mitteilte. Mich hielt nur mein Selbstgefühl davon zurück, es ihr zu sagen; denn ich wußte wohl, daß ich unrecht hatte. Armellina dachte daran, sich zu verheiraten, und der schöne Florentiner war so recht nach ihrem Geschmack. Unser Abendessen ging zu Ende, und Armellina hatte immer noch nicht ihre gute Laune wiedergefunden. Sie trank nur ein einziges Glas Punsch, und da sie sehr wenig gegessen hatte, so forderte ich sie nicht zum Trinken auf, weil ich befürchtete, daß es ihr schlecht bekommen könnte. Scolastica dagegen, die dieses angenehme Getränk zum ersten Male kostete, überließ sich schrankenlos dem Genuß und fand es scherzhaft, daß der Likör, anstatt in den Magen zu geraten, ihr in den Kopf stieg. In ihrer lustigen Stimmung hielt sie sich für verpflichtet, zwischen Armellina und mir eine vollkommene Aussöhnung zustande zu bringen und uns zu überzeugen, daß sie bei allen Zärtlichkeitsbeweisen, die wir uns vielleicht noch geben würden, nicht stören würde. Als sie sich erhob, konnte sie kaum stehen; trotzdem trug sie ihre Freundin auf das Sofa, drückte sie an ihre Brust und gab ihr so feurige Küsse, daß Armellina lachen mußte, obgleich sie bei alledem traurig blieb. Hierauf rief sie mich heran, ließ mich an ihrer Seite Platz nehmen und legte Armellina in meine Arme. Ich liebkoste meine Schöne, die diese Liebkosungen nicht zurückwies, aber auch nicht erwiderte, wie Scolastica es erwartet hatte. Ich selber hatte übrigens nicht darauf gehofft, denn ich fühlte recht wohl, daß sie mir in ihrer augenblicklichen Stimmung nicht in Gegenwart Scolasticas gewähren würde, was sie mir verweigert hatte, als ich sie drei Stunden lang in meinen Armen hielt, während sie wußte, daß ihre Freundin in tiefem Schlaf lag. Scolastica war jedoch damit nicht zufrieden und wandte sich an mich, dem sie eine Kälte vorwarf, von der ich durchaus nichts verspürte. Ich bat sie, ihre Männerkleider auszuziehen und dafür ihre Frauentracht wieder anzulegen. Ich half Scolastica Rock und Weste ausziehen, und Armellina erlaubte mir hierauf, ihr ebenfalls zu helfen. Als ich ihnen ihre Hemden reichte, bat Armellina mich, mich vor das Feuer zu setzen. Ich tat dies. Bald darauf machte das Geräusch von Küssen mich neugierig; ich drehte mich um und sah, wie Scolastica, vom Punsch erhitzt, Armellinas Busen mit Küssen verschlang. Schließlich wurde diese besiegt; sie fand ihre gewöhnliche Heiterkeit wieder und vergalt ihrer liebeglühenden Freundin Gleiches mit Gleichem. Bei diesem Anblick geriet der Salpeter in meinen Adern in Wallung; ich eilte zu ihnen, und Scolastica nahm es mir nicht übel, daß ich der Schönheit ihrer herrlichen Brüste Gerechtigkeit widerfahren ließ und sie zur Amme machte. Armellina schämtte sich, weniger großmütig zu sein als ihre Freundin, und Scolastica jubelte, als sie sah, welchen Gebrauch ich zum erstenmal von den Händen ihrer schönen Kameradin machte. Armellina forderte nach ihrer Gewohnheit ihre Freundin auf, dasselbe zu tun wie sie, und diese ließ sich nicht bitten. Am meisten gefiel mir an ihr ihr Erstaunen, woraus ich sah, daß sie trotz ihren zwanzig Jahren noch Neuling war. Nachdem die unausbleibliche Wirkung eingetreten war, streifte ich ihnen ihre Hemden über und zog ihnen in allen Ehren die Hosen aus. Nachdem sie einige Minuten im Nebenzimmer allein gewesen waren, kamen sie, sich umschlungen haltend, wieder herein und setzten sich aus eigenem Antrieb auf meine Knie. Scolastica nahm es mir durchaus nicht übel, daß ich anfangs Armellinas geheimen Schönheiten den Vorzug gab, sondern schien davon entzückt zu sein. Sie sah mit der größten Aufmerksamkeit zu, wie ich es machte und wie Armellina sich benahm, und es war leicht zu erraten, daß sie die Hoffnung hegte, mich das große Werk vollziehen zu sehen; aber dazu wollte die sanfte Armellina es nicht kommen lassen. Da ich das, was ich wollte, nicht erreichen konnte, so gab ich es auf, zumal da ich ja auch Verpflichtungen gegen Scolastica hatte; außerdem reizte es mich, ihre geheimsten Schönheiten in Augenschein zu nehmen. Die gefällige Freundin leistete keinen Widerstand, denn sie war sicher, daß sie keinen Vergleich zu scheuen brauchte. Es war schwierig zu entscheiden, welche von den beiden Schönen den Apfel verdiente; aber Armellina hatte den Vorzug, von mir geliebt zu sein, und Scolasticas Gesicht, dessen Schönheit vielleicht regelmäßiger war, hatte nicht jenen unbeschreiblichen Schimmer, womit die Liebe den angebeteten Gegenstand umkleidet. Ich merkte, daß sie ebenso unberührt war wie Armellina, aber an der Stellung, die sie einnahm, erkannte ich, daß sie sich mir ohne jeden Widerstand überließ. Eine gewisse Furcht hielt mich ab, den Augenblick auszunützen. Der Triumph war zu schön, als daß ich ihn der Trunkenheit hätte verdanken mögen. Trotzdem stellte ich alles mit ihr auf, was ein Kenner nur machen kann, um die Geliebte, wenn er sie auch täuscht, doch in die höchste Wonne zu versetzen. Von Wollust überwältigt, sank Scolastica in Ohnmacht; sicherlich war sie überzeugt, daß ich nur aus Zartgefühl ihren geheimen Wünschen nicht ganz nachgegeben hatte. Lachend wünschte die naive Armellina uns beiden Glück. Ich fühlte mich beschämt, und Scolastica bat sie um Verzeihung. Hierauf brachte ich sie nach ihrem Kloster, wo ich ihnen versicherte, daß ich sie am nächsten Tage abholen und in die Oper führen würde. Als ich nach Hause kam und mich zu Bett legte, war ich mir selber nicht klar darüber, ob ich an diesem Abend verloren oder gewonnen hatte. Erst als ich erwachte, fühlte ich mich imstande, mir ein bestimmtes Urteil zu bilden. Zwanzigstes und einundzwanzigstes Kapitel Diese beiden Kapitel waren bisher ganz unbekannt, da sie in der edition originale fehlten; sie sind inzwischen aufgefunden und im August und September 1906 von Octave Uzanne in der Pariser Monatsschrift veröffentlicht worden. Näheres darüber im Anhang zu diesem Bande. Am Faschingssonntag nach der Oper ergab Armellina, von Scolasticas Beispiel fortgerissen, sich meiner Zärtlichkeit; am letzten Tage des Karnevals erfreute ich mich ihrer Gesellschaft noch einmal, und zwar zum letzten Male, nachdem ich als Pierrot verkleidet, zu Pferde auf dem Korso herumgeritten war, wo ich von keinem Menschen erkannt zu werden glaubte. Aber ich hatte mich geirrt. Ich hielt vor einem Triumphwagen an und war höchst überrascht, als ein als alter römischer Krieger verkleideter Herr die Zügel meines Pferdes mit der Linken festhielt und mit der Rechten einer neben ihm sitzenden weiblichen Maske, die als Königin gekleidet war, eine Feder und ein Stück Papier gab. Die Königin schrieb und reichte das Papier dem Krieger, der es mir gab, indem er zu gleicher Zeit den Zügel meines Pferdes losließ. In demselben Augenblick spielte die Musik einen Marsch, und alle Masken des Wagens warfen Hände voll Zuckerkonfetti auf mich. Hierauf folgte der Wagen der voranmarschierenden Musik. – Ich glaubte, der Zettel enthielte einen Scherz der gewöhnlichen Art; als ich ihn jedoch las, fand ich zu meiner Überraschung folgende Verse: Pierrot audacieux, tremble! voici ton sort: Je t'ai sauvé de Muran à Venise; Mais cette nuit, je de condamme à mort, Tu rendras l'âme en changeant de chemise. Ich erriet sofort, daß der Krieger nur der Kardinal Bernis sein konnte, und daß die Königin seine schöne Fürstin sein mußte. Nur er konnte mich an Vorfälle erinnern, die sich vor siebzehn Jahren abgespielt hatten. Die Improvisation mußte daher von ihm herrühren. Ich verließ den Korso, ritt vor die Tür eines Kaffeehauses und schrieb dort vier Verse, mit denen ich auf den Korso zurückkehrte, um sie der Königin zu übergeben. Sie lauteten: Je signe à ta sentence, adorable déesse; Mais de ma sort laisse-moi donc le choix. Mon crime en bon chrétien au guerrier je confesse: J'expirerai content, mais sur la sainte croix. Am zweiten Tage der Fasten erhielt ich von der Oberin alle notwendigen Papiere, um Scolasticas Heirat in Ordnung zu bringen. Die Fürstin und der Kardinal verwendeten sich so nachdrücklich für sie, daß sie kurz nach Ostern das Kloster verließ und sich verheiratete. Am ersten Sonntag der Fastenzeit gab die Marquise d'Août mir und dem Florentiner ein Diner. Dieser erklärte mir, daß er ernstliche Absichten auf Armellina habe, und es kostete ihm keine große Mühe, mich zu überreden, beim Abschluß dieser Angelegenheit Vaterstelle an dem jungen Mädchen zu vertreten. In acht Tagen brachte ich alles in Ordnung. Er setzte ihr eine Mitgift von zehntausend Scudi aus, die er auf der Bank des Heiligen Geistes hinterlegte. Nach Ostern heiratete er sie und reiste mit ihr nach Florenz und von dort nach England, wo sie noch jetzt glücklich lebt. Bei dieser Gelegenheit stellte ich mich dem Kardinal Orsini vor. Er war Princeps der Akademie der Unfruchtbaren und verschaffte mir die Ehre, Mitglied derselben zu werden. Er forderte mich auf, für die erste Versammlung, die am Karfreitag stattfinden sollte, eine Ode auf das Leiden Jesu Christi zu verfassen. Um diese Ode zu dichten, entschloß ich mich einige Tage auf dem Lande zu verbringen und wählte Frascati, wo ich als Einsiedler leben zu können glaubte. Ich hatte Mariuccia mein Wort gegeben, ihr einen Besuch zu machen. Sie hatte mir versichert, daß ich mich freuen würde, ihre Familie kennen zu lernen, und ihre Worte hatten mich neugierig gemacht. Drei Wochen vor Ostern reiste ich ab; ich kam in der Dämmerung in Frascati an, und als ich am nächsten Morgen einen Perückenmacher holen ließ, sah ich Mariuccias Mann vor mir, der mich sofort erkannte. Er sagte mir, er habe einen Kornhandel, mache sehr gute Geschäfte und betreibe sein Gewerbe als Friseur nur zu seinem Vergnügen. Hierauf bot er mir ein Zimmer an und lud mich ehrerbietig zum Essen ein. Ich war sehr überrascht, als er mir sagte, er werde mir meine Tochter vorstellen, die er in der Taufe Giacomina genannt habe. Ich hielt es nicht für angebracht, eine solche Möglichkeit zuzugeben, sondern lachte und sagte ihm, es sei nicht möglich; er antwortete mir aber kaltblütig, ich würde selber die Nichtigkeit seiner Behauptung zugeben, wenn ich das Mädchen sähe. Natürlich wurde ich nun sehr neugierig: schon wieder eine Geschichte, die recht eigentümliche Folgen haben konnte. Jedenfalls konnte aber das Mädchen nur ein Kind von neun oder zehn Jahren sein, und meine Vaterschaft mußte sehr zweifelhaft sein, denn der Friseur hatte Mariuccia vier Wochen nach meiner ersten zärtlichen Unterhaltung mit ihr geheiratet. Als ich dann aber beim Mittagessen das Gesicht des Mädchens sah, war ich betroffen. Sie hatte alle meine Züge, nur zur Schönheit verfeinert, und war viel schöner als meine Sophie, die ich bei ihrer Mutter, Teresa Pompeati, in London zurückgelassen hatte. Giacomina war sehr groß für ihr Alter und sehr gut gewachsen. Ich beachtete sie nur wenig, aber ich bemerkte, daß sie mich schweigend sehr aufmerksam musterte. Ich benutzte den ersten günstigen Augenblick, um Mariuccia zu fragen, mit welchem Grunde ihr Mann mir habe sagen können, daß Giacomma meine Tochter sei, und sie antwortete mir in einem Ton, wie wenn das etwas ganz Selbstverständliches wäre: er sei dessen ebenso sicher wie sie selber. Dies hindere ihn aber nicht, Giacomina mehr zu lieben als alle ihre anderen Kinder. »Aber die Kleine weiß doch nicht, daß sie nicht die Tochter deines Mannes ist?« »Selbstverständlich nicht. Solche Geheimnisse vertraut man doch keinem Kinde an.« Ich fand Mariuccias Haus sehr sauber, und da das Zimmer, das ihr Gatte mir anbot, mir gefiel, so erklärte ich mich damit einverstanden, daß er meine Koffer aus dem Gasthof hinüberschaffen ließ. Als wir miteinander allein waren, sagte Mariuccia mir, ich würde mit einer Frau speisen, die noch Jungfer wäre. Man nenne sie Signora Veronica, und sie leite eine Zeichenschule, die von Giacomina besucht werde. »Giacomina macht ganz erstaunliche Fortschritte«, sagte sie. »Veronica wird mit ihrer angeblichen Nichte kommen; das Mädchen ist hübsch und sehr geschickt und Giacominas beste Freundin; sie ist dreizehn Jahre alt. Ihre Tante kennt dich noch viel besser als deinen Bruder Zanetto. Wir haben viel von dir gesprochen, und sie wird angenehm überrascht sein, wenn sie dich sieht.« Sie war allerdings überrascht, als sie mich erblickte, aber nicht so sehr wie ich, als ich ihre Nichte sah, die meinem Bruder auf eine höchst indiskrete Art ähnelte. Ich erriet alles. Signora Veronica, die bei Tisch neben mir saß, erzählte mir, das junge Mädchen sei die Tochter ihrer verstorbenen Schwester; nach Tisch aber sagte sie mir, ich würde ihr Schwager sein, wenn mein Bruder ein Ehrenmann gewesen wäre. Sie konnte nicht deutlicher sprechen, um mich sofort auf den Gedanken zu bringen, daß ihre angebliche Nichte ihre Tochter und daß ich selber deren Oheim war. Als ich diese Nachricht hörte, fühlte ich mich sofort entschlossen, diese Nichte zu lieben, und ich fand es spaßhaft und außerordentlich, daß eine gewisse Rachsucht mich zu dieser Liebelei trieb. Kennern der Natur, die gelehrter sind als ich, überlasse ich es, derartige Erscheinungen zu erklären. Meine hübsche Nichte hieß Guglielmina, und während des Essens fand ich immer mehr, daß sie reizend war. Giacomina sprach nur sehr wenig, aber sie schien mir viel zu denken. Nach Tisch ging ich allein in den Park der Villa Ludovisi, um einen Spaziergang zu machen. Welche Gedanken strömten auf mich ein, als ich mich wieder an dem Ort sah, den ich vor siebenundzwanzig Jahren mit Donna Lucrezia besucht hatte! Der Ort war noch da, und ich fand ihn noch schöner als früher; ich selber war aber nicht nur nicht mehr der gleiche, sondern ich fand auch meine Kräfte in jeder Beziehung herabgemindert, ausgenommen allein meine Erfahrung, die mir aber keinen Ersatz bieten konnte. Daß ich meine Vernunft besser zu brauchen wußte als früher, war ein erbärmlicher Gewinn, denn die Anwendung dieser Gabe führte mich nur zur Traurigkeit, der unbarmherzigen Mutter der Gedanken an den Tod, dem wie ein Stoiker ins Auge zu sehen ich nicht die Kraft hatte. Zu dieser Selbstüberwindung bin ich niemals imstande gewesen und werde ich nie imstande sein. Diese Schwachheit hat mich niemals feige gemacht, trotzdem aber habe ich ihre Ursache verabscheut und habe niemals begreifen können, wie ein denkender Mensch gleichgültig gegen den Tod sein kann. Wie immer scheuchte ich diese düsteren Gedanken von mir, indem ich mir sagte, daß ich mit Ausnahme der Corticelli alle von mir geliebten Mädchen glücklich gemacht hatte. Lucia von Paseano hatte nur darum ein Ende in Schmach und Schande gefunden, weil ich sie aus einem von meiner Erziehung herrührenden Vorurteil geschont hatte. Sie fiel einem erbärmlichen Lakaien zur Beute, der sie in den Abgrund stürzen mußte. Als es dämmerig wurde, ging ich nach Hause, wo ich bis zum Abendessen auf meinem Zimmer blieb. Vergebens arbeitete ich vier Stunden lang an meiner Ode über die Erlösung, die ich dem Kardinal Orsini versprochen hatte. Eine Ode zu dichten, ist ein Unternehmen, das nicht vom Willen des Dichters abhängt. Sie kann weder seinem Kopf noch seiner Feder entspringen, wenn Apollo ihm keine Gedanken schickt. An diesem Tage aber spottete Apollo meiner; denn indem ich ihn anrief, dachte ich an Guglielmina, an der dem Gott nichts lag. Zu Abend aß ich mit Clemente und seiner Frau, die in anderen Umständen war. Er hoffte auf einen Jungen, und ich konnte nichts Besseres tun, als ihm die Erfüllung seiner Hoffnung wünschen. Er ließ mich mit seiner Frau allein. Dies war von seiner Seite eine große Höflichkeit; ich fand sie jedoch in diesem Augenblick zu bürgerlich. Ich verbrachte eine sehr angenehme Stunde mit ihr, aber wir taten während der gangen Zeit nichts als plaudern. Mariuccia war ganz durchdrungen von ihrem Glück, und da sie dieses mir zu verdanken glaubte, so mußte sie mich anbeten; deshalb brauchte sie mich aber nicht mehr zu lieben. Das sind Naturgefühle, die nichts kosten; aber je mehr man hat, desto weniger ist es. Ich sah, daß Manuccia mir zur Verfügung stand, aber mich verlangte nur nach Guglielmina. Meine Freundin sagte mir: »Ihre Tante hat sie bei Giacomina gelassen. Sie sind da oben und liegen im selben Bett. Ich bin überzeugt, sie liegen im tiefsten Schlaf; wollen wir sie uns ansehen?« »Gern; aber wir dürfen sie nicht aufwecken.« Auf den Fußspitzen betraten wir das Zimmer. Ich sah zwei Betten; in dem einen schliefen ihre beide jungen Töchter; in dem anderen sah ich Guglielmina und meine Tochter. Beide lagen auf dem Rücken und schliefen; beide waren hübsch und hatten rosige Wangen, wie man sie bei Knaben und Mädchen oft nur im Schlafe sieht. Die Decke lieh die Brüste der beiden Kinder frei; die meiner Tochter war glatt, aber auf dem Busen der anderen sah ich zwei Erhebungen, gleich jenen auf der Stirne eines Kalbes, dem die Hörner sprießen wollen. Von ihren Händen und Unterarmen war nichts zu sehen. Welch wundervoller Anblick! Manuccia lachte über meine Bewunderung. Aber sie wollte diese noch vermehren und zog langsam die Decke herunter. Da sah denn meine begehrliche Seele ein Gemälde, das ich leicht hatte erraten können und das mir daher nicht neu zu sein brauchte. Die beiden unschuldigen Kinder ließen ihre rechte Hand auf dem Unterleib ruhen; die etwas gekrümmten Finger bedeckten die Zeichen ihrer eben erwachenden Mannbarkeit. Der Mittelfinger war noch etwas mehr gekrümmt als die anderen und ruhte unbeweglich auf einer kaum wahrnehmbaren Rundung rosigen Fleisches. Dies war der einzige Augenblick in meinem Leben, wo ich ganz deutlich die wirkliche Denkweise meiner Seele erkannte. Ich empfand ein köstliches Grauen, und dies freute mich. Dieses neue Gefühl zwang mich mit meinen eigenen zitternden Händen die beiden nackten Leiber wieder zuzudecken. Mariuccia war nicht imstande, die Größe des Verrates zu begreifen, den wir begangen hatten. Sie hatte, ohne sich etwas Böses dabei zu denken, das größte Geheimnis zweier unschuldiger Seelen gerade in dem Augenblick verraten, wo sie sich vollkommen sicher glaubten. Wären sie in dem Augenblick aufgewacht, wo ich mich an ihrer schönen Stellung weidete, sie hätten vor Schmerz sterben können. Nur eine vollständige Unwissenheit hätte sie unbedingt vor solchem Schicksal beschützt, aber diese konnte ich ihnen nicht zutrauen. Ich verließ zuerst das Zimmer, und Mariuccia geleitete mich nach dem meinigen, wo es zu etwas kam, was sicherlich nicht eingetreten wäre, wenn ich nicht jenes köstliche Gemälde gesehen hätte. Mariuccia faßte es jedoch nicht als Strafe auf, sondern vielmehr als eine Belohnung für das Vergnügen, das sie mir verschafft zu haben glaubte. Ich beließ sie bei ihrem Glauben, und sie ging auf ihr Zimmer, um sich zu ihrem Mann ins Bett zu legen. Ich hatte nicht beabsichtigt, sie wieder zu lieben; aber wenn sie mich nicht beruhigt hätte, würde ich nicht haben einschlafen können. Ich erwachte, als der Morgen graute, und als ich an meine Ode dachte, mußte ich lachen. Ich fand, daß ich Guglielminas Sklave geworden war: ich hätte nur auf sie Verse machen können. Cupido bekämpfte mit seinen Pfeilen einen traurigen Apoll, der nur an den schmerzensreichen Tod unseres Heilands denken wollte. Als Clemente gerade dabei war, mir meine Haare zu machen, traten die beiden reizenden Freundinnen ein. Giacomina brachte mir auf einem Untersatz meine Schokolade. Die andere hielt eine Papierrolle in der Hand. Auf ihren schonen Zügen malten sich Fröhlichkeit, Unschuld und Vertrauen. Wenn sie gewußt hätten, was in der Nacht vorgefallen war, so hätten sie nicht gewagt, sich vor mir sehen zu lassen. Guglielmina würde es selbst dann nicht gewagt haben, wenn man ihr gesagt hätte, daß ich infolge des gehabten Anblicks mich bis zur Raserei in sie verliebt hätte. Das erste Gefühl eines Mädchens, das wirklich von Natur Geist hat, ist Koketterie, denn dieses ist das einzige, das ihr die Sicherheit gibt, einen Liebhaber beständig zu machen. Guglielmina mit ihren dreizehn Jahren würde mich gehaßt haben, wenn sie erfahren hätte, daß meine Augen sich bereits ohne ihren Willen in ihren Besitz gesetzt hatten. Meine Tochter, die erst neun Jahre alt war, konnte noch nicht so reife Ideen haben. Ich bat sie, mir die Erzeugnisse ihres Bleistiftes zu zeigen, und nach einigem Sträuben überließ sie mir das Heft. Es waren fast lauter nackte Gestalten von Männern und Weibern, Statuen und Kindergruppen. Alles war hübsch, alles war nach ausgezeichneten Vorbildern kopiert: Der Apoll von Belvedere, Antinous, Herkules und Tizians liegende Venus, die ihre Hand auf derselben Stelle hält, wo ich die der guten Mädchen gesehen hatte. Hierüber erhob sich zwischen Guglielmina und meiner Tochter ein Streit, der mir das größte Vergnügen machte, weil er mich in ihrer Seele lesen ließ. Meine Tochter wollte mir nicht erlauben, bei der Betrachtung dieser Venus länger zu verweilen, und Guglielmina lachte sie deswegen aus und behauptete, ich dürfte im Gegenteil den Antinous und Apollo nicht näher betrachten, denn da ich ein Mann wäre, könnte ich an diesen Zeichnungen nichts Neues finden: sie dagegen dürfte nicht wissen lassen, daß sie es gewagt hätte, diese Zeichnungen zu machen. Dieser Wortwechsel erfüllte meine ganze Seele mit Wonne; als sie mich jedoch als Schiedsrichter anriefen, da geriet ich in Verlegenheit. Endlich sagte ich ihnen: »Ich weiß nicht, wer von euch beiden recht hat; aber wenn ich nach dem Vergnügen urteile, das eure Zeichnungen mir machen, so muß ich euch sagen, daß die Venus mich mehr interessiert als der Antinous.« Scherzhafterweise glaubten beide den Sieg davongetragen zu haben, und Guglielmina wollte von einer ausführlichen Erläuterung nichts hören. Mein ganzes Leben legte ich auf solche Kleinigkeiten den höchsten Wert, denn sie bahnten mir oft den Weg zu den Herzen, die ich erobern wollte. Sie gingen in die Schule. Ich zog mich an und machte dann der Signora Veronica einen Besuch. Ich sah bei ihr sieben oder acht ganz junge Mädchen, von denen aber keine meine Gedanken von Guglielmina abwendig machen konnte. Um einen Grund zu haben, bat ich die Lehrerin, mein Miniaturbildnis zu machen. Da sie nicht reich war, so war sie natürlich hoch erfreut, sechs Zechinen verdienen zu können. Am nächsten Tage versprach ich Guglielmina ebenfalls sechs Zechinen, wenn sie eine Bleistiftzeichnung machen wollte, die mich in Schlafrock und Nachtmütze darstellte. Um diese Zeichnung zu machen, mußte sie sehr früh zu mir kommen. Da sie am nächsten Tage zu lange auf sich warten ließ, sagte Giacomina zu ihr, sie müsse bei ihr über Nacht bleiben; ihre Mutter Mariuccia stimmte ein, und es kostete keine Mühe, die Tante zur Einwilligung zu bewegen. Von diesem Augenblick an hoffte ich auf alles. Am vierten Tag meines Aufenthaltes in Frascati kam Guglielmina allein zu uns zum Abendessen, und um meiner lieben Giacomina H77 jeden eifersüchtigen Gedanken zu benehmen, kaufte ich von ihrem Vater eine goldene Uhr mit Agraffe und schenkte sie ihr. Die Kleine war ganz außer sich vor Freude und überschüttete mich, um mir ihre Dankbarkeit zu bezeugen, mit solchen Liebkosungen, daß es mir große Mühe kostete, diese mit der Miene eines Vaters hinzunehmen. Im ganzen Städtchen flüsterte man sich ins Ohr, ich sei ganz gewiß ihr Vater, und Mariuccia und ihr Mann hatten durchaus nichts dagegen, daß man dies glaubte. Auch Giacomina selber ahnte es, aber sie wußte nicht, wie sie die Gedanken deuten sollte, die ihr durch den jungen Kopf schossen. Als ich mich niedergelegt hatte, forderte ich sie auf, in mein Bett zu kommen. Sie tat dies tapfer und lachte die weiterblickende Guglielmina aus, die es nicht wagte, dasselbe zu tun. Ich begnügte mich damit, meiner Tochter zärtliche Küsse auf ihre schönen Augen und ihren Mund zu drücken. Guglielmina stand dabei und lachte über dieses Getändel. Ich sagte nachlässig zu ihr, vier Jahre machten keinen Unterschied, und wenn sie an Giacominas Platz wäre, würde ich sie ebenfalls nur wie ein Kind behandeln. Diese Art von Verachtung übte nach drei oder vier Tagen endlich die unvermeidliche Wirkung aus. Ich gab ihr sechs Zechinen für ihre Zeichnung, die von ihrer Tante durchgearbeitet wurde, und an demselben Abend legte sie sich neben mich, während meine Tochter an meiner anderen Seite lag. Diese war entzückt, als sie sah, daß ich ihre Freundin genau so behandelte wie sie selber: ich gab ihr harmlose Küsse, und dabei blieb es. Als sie müde waren, gingen sie in ihr Zimmer, um sich zu Bett zu legen; ich war jedoch überzeugt, daß Guglielmina meinen Küssen ernstliche Absichten angemerkt hatte, die ich nur unterdrückte. Am nächsten Morgen erzählten sie, bevor sie zur Schule gingen, in meiner Gegenwart Mariuccia, wie sie mich vor dem Schlafengehen in meinem Bett zur Verzweiflung brächten. Die gute Frau lachte; sie wußte schon wie die Sache endigen würde. Drei oder vier Tage darauf schlief Giacomina ein oder tat wenigstens so; nach einigen Minuten folgte Guglielmina ihrem Beispiel und ließ mich alles machen, was ich wollte, allerdings nur bis zu einem gewissen Grade, denn plötzlich glaubte sie aufwachen zu müssen. Sie erblickte mich jedoch in einer so ruhigen Haltung, daß sie es für angebracht hielt, sich nicht zu beklagen. Sie wollte in mir den Glauben erwecken, daß sie eingeschlafen sei und ganz und gar nichts bemerkt habe. Nachdem sie Giacomina geweckt hatte, entfernten sich die beiden Mädchen. Am nächsten Morgen schenkte ich ihr einen Ring, der wenigstens fünfzig Taler wert war. Beim Abendessen dankte die Tante mir vielmals dafür. Da die Zeichnung fertig war, machte sie den Vorschlag, ihre angebliche Nichte mit nach Hause zu nehmen, und ich hatte große Furcht, daß sie es wirklich täte. Meine Tochter widersetzte sich aber dieser Absicht mit heißen Tränen, und Signora Veronica gab lachend nach. Sie sagte mir, ich hätte recht, daß ich ihre Nichte liebte, und ebenso recht hätte Giacomina, daß sie ihre Freundin liebte. Sie glaubte ein unlösbares Rätsel gelöst zu haben. Als sie fort war, blieben die jungen Mädchen mit mir allein und ließen sich zu einem warmen Punsch einladen. Als sie mich in meinem Bette sahen, kamen sie zu mir, um mich zur Verzweiflung zu bringen, wie sie sagten. Meine Tochter schlief sofort fest ein, ich aber brachte es nicht übers Herz, meine liebe Guglielmina zum zweiten Male zu nötigen, zu solcher Kriegslist ihre Zuflucht zu nehmen. Ich sah klar und deutlich, daß ich auf ihre Zärtlichkeit rechnen konnte, und ich hatte mich nicht getäuscht. Ich erklärte ihr meine Liebe in den innigsten Ausdrücken und wartete ihre Antwort nicht ab, aber an das große Werk machte ich mich erst, als ich ihre Seufzer hörte. Sie gab sich mir hin, ohne sich darum zu bekümmern, daß Giacomina sich aufgerichtet hatte und aufmerksam und erstaunt dem zusah, was wir machten. Nach dem Ende des süßen Liebeskampfes überschütteten wir Giacomina mit unseren Zärtlichkeiten, und es kostete uns keine Mühe, sie Verschwiegenheit schwören zu lassen; aber sie verlangte alles zu wissen und ganz aus der Nähe zu sehen, wie es dabei herginge. Während der nächsten Nacht mußten wir ihre ganze Neugier befriedigen. Vergebens versuchte ich sie zu überzeugen, daß ich sie wegen ihrer Jugend unmöglich ebenso behandeln könnte wie ihre Freundin: sie verlangte von mir den Beweis. Ich empfand inniges Mitleid mit ihr, und Guglielmina hielt sich schließlich für verpflichtet, ihr zu sagen, sie sei wahrscheinlich meine Tochter, und ich dürfe mich nicht in die Gefahr begeben, möglicherweise eine Schändlichkeit zu begehen, die uns beide für unser Leben lang unglücklich machen würde. Dieser Gedanke erfüllte sie mit Entsetzen; sie wurde vernünftig und löschte ihr Feuer so gut sie konnte. Was sie, von der Natur getrieben, mit sich vornahm, mußte meine Wollust noch erhöhen, und Guglielmina konnte an diesen Tändeleien keinen Anstoß nehmen, denn sie selber hatte am meisten Vorteil davon. Am nächsten Tage trat ein sehr glückliches Ereignis ein, wie ich bereits mehrere erlebt hatte, die mich in einem gewissen Aberglauben bestärkt hatten: bei Tisch erinnerte Mariuccia mich daran, daß sie in Rom das Glück gehabt hatte, mir eine Nummer zu geben, die im Lotto herausgekommen wäre, und der ganzen Gesellschaft einen Gewinn verschafft hätte. Giacomina sagte, sie hätte eine ganz sichere Nummer, und nannte, bevor wir sie noch darnach gefragt hatten, die Zahl siebenundzwanzig. Mariuccia stieß einen Schrei aus; sie erinnerte sich ebensogut wie ich selber, daß die Nummer, die sie mir vor zehn Jahren gegeben hatte, ebenfalls die siebenundzwanzig war. Mehr war nicht nötig; ich erklärte, ich würde sie sofort spielen, aber Clemente sagte, in Frascati könne man nicht mehr spielen, sondern müsse die Nummern in Rom setzen. Die Ziehung fand am übernächsten Tage statt. Ich befahl sofort, einen sicheren Mann nach Rom zu schicken, und Clemente sagte, er werde selber gehen. Ich bestärkte ihn in dieser Absicht, und er bestellte sofort ein Pferd und zog sich Reitkleider an. Ich bestimmte fünfundzwanzig Scudi auf Auszug zu gemeinsamem Spiel für fünf Personen, nämlich Mariuccia, Clemente, Giacomina, Guglielmina und die Signora Veronica. Weitere fünfundzwanzig Scudi gab ich für mich selber und bestimmte, daß sie auf den Auszug an zweiter Stelle gesetzt werden sollten. Ich gab Clemente die fünfzig Taler, und dieser ritt unverzüglich ab, indem er versprach, zum Abendessen wieder zurück zu sein. Mariuccia sagte, sie sei sicher, daß sie gewinnen werde, aber ihre Tochter zeigte sich traurig. Sie sagte: »Wir werden gewinnen und Sie nicht! Warum soll denn diese Nummer nach Ihrer Meinung als zweite und nicht als erste, dritte, vierte oder fünfte herauskommen?« »Weil es mir Spaß macht, dem Glück ganz und gar zu vertrauen; weil man mir zum zweitenmal die Zahl siebenundzwanzig und weil ich fünfmal mehr gewinnen will als die anderen.« »Aber die Schwierigkeit ist auch fünfmal so groß, ich glaube, Ihre Berechnung ist nicht richtig!« »Wenn die 27 als zweiter Auszug herauskommt, nehme ich euch alle mit mir nach Rom und behalte euch die ganze Osterwoche da.« »Gott gebe, daß sie herauskommt!« Clemente war um elf Uhr zurück und gab mir meinen Zettel, während er den anderen behielt. Nach dem Essen flüsterte Mariuccia mir ins Ohr, sie habe nicht versäumt, mir neue Bettücher zu geben. Ich dankte ihr, indem ich sie zärtlich umarmte und ihr versicherte, daß wir nach Rom gehen würden. Guglielmina war mein Engel geworden. In dieser zweiten Nacht fand ich sie so verliebt, daß ich meinem Bruder alle seine Dummheiten verzieh; ich wünschte ihn noch in Rom zu treffen, um ihm meine Erkenntlichkeit zu bezeigen und ihm dafür zu danken, daß er zum Troste für meine Seele dieses Kleinod geschaffen hatte. Guglielmina seufzte in meinen Armen, indem sie an den grausamen Augenblick dachte, wo ich sie verlassen würde. Ich glaubte ihr versprechen zu können, daß ich sie heiraten würde, wenn ihre Tante damit einverstanden wäre. Sie antwortete mir, sie sei gewiß, daß ihre Tante ihre Zustimmung geben würde, aber ich war vom Gegenteil überzeugt. Die arme Kleine wußte nicht, daß sie die Tochter meines Bruders war. Aber oh, welche Wonne, als man am zweiten Tage darauf die fünf Nummern der römischen Lotterie angeschlagen sah! Der zweite Auszug war die 27. Giacomina fiel mir um den Hals und nach ihr die ganze Familie. Signora Vcronica wußte gar nicht, wie sie ihre Dankbarkeit aussprechen sollte. Dank meinem Einfall sah sie sich im Besitz von hundertundfünfzig Scudi, während auf Clemente und seine Familie zweihundertfünfundzwanzig entfielen. Ich selber hatte achtzehnhundertfünfundsiebzig Scudi gewonnen, und diese Summe konnte mir nicht gleichgültig sein: denn nach den Ausgaben des Karnevals näherte sich mein Schatz seinem Ende. Der römische Scudo ist soviel wie eine halbe Zechine, Meine Tochter brachte die ganze Gesellschaft zum Lachen, als sie mich fragte, warum ich denn nicht die Nummer für alle Beteiligten auf zweiten Auszug gespielt hätte. Clemente umarmte mich und gestand mir, er habe ebenfalls zehn Taler auf den zweiten Auszug gesetzt. Er gewann dadurch siebenhundertundfünfzig Scudi, wozu ich ihm von ganzem Herzen Glück wünschte. Ich hielt mein Wort, sie die ganze Osterwoche auf meine Kosten in Rom verbringen zu lassen, doch entschuldigten Veronica und Clemente sich; sie, weil sie nicht von ihrer Schule, und er, weil er nicht von seinem Laden fort konnte. Die Gesellschaft bestand also aus Mariuccia, Giacomina, Guglielmina und mir, und wir machten uns am Sonntag Morgen bei der ersten Dämmerung auf den Weg. Welche Wonne war es für mich, mich von diesen drei lieben Geschöpfen angebetet zu sehen! Diese schönen Augenblicke in meinem Leben machten mich hundertmal glücklicher, als die bösen Augenblicke mich unglücklich machten. Ich nahm die drei mit in meine Wohnung, ohne mich darum zu kümmern, daß Margherita ein schiefes Gesicht zog, als ich ihrer Mutter befahl, in dem Nebenzimmer, wo Zerutti gewohnt hatte, zwei Betten aufzuschlagen. Nachdem ich Margheritas Mutter befohlen hatte, bis zum zweiten Ostertage jeden Mittag und Abend für fünf Personen anzurichten, nahm ich einen Wagen von Roland und fuhr mit ihnen nach dem Petersdom sowie im Laufe der Osterwoche nach allen Sehenswürdigkeiten Roms. Margherita beruhigte sich, weil ich ihr das Vergnügen machte, sie mit uns speisen zu lassen, und sie konnte nichts dagegen einwenden, als ich ihr sagte, während der nächsten acht Tage könnte ich sie nach dem Abendessen nicht mein Zimmer betreten lassen. Ich ließ sie bei ihrem Glauben, daß Signora Mariuccia meine Bettgenossin sein würde. Als sie Giacomina sah, konnte sie ohne Schwierigkeiten erraten, daß sie meine Tochter war und daß ich zehn Jahre vorher ihre Mutter geliebt haben mußte. Was sie über Guglielmina dachte, war mir einerlei. Nach dem Abendessen ging Mariuccia zu Bett, und die beiden jungen Mädchen kamen in mein Zimmer, wie sie es in Frascati getan hatten. Ich verbrachte acht sehr glückliche, aber auch sehr kostspielige Tage, denn ich gab für Kleiderstoffe, Wäsche und Schmucksachen aller Art mehr als vierhundert Zechinen aus. Ich vergaß auch die Signora Veronica nicht; die Geschenke, die ich für diese gekauft hatte, nahm Guglielmina mit. In der Nacht des Gründonnerstags verfaßte ich die Ode, die ich am nächsten Tage in der Versammlung der Unfruchtbaren vortrug. Ich sah dort den Kardinal Bernis und den Kardinal Giambattista Rezzonico, der mich um eine Abschrift meiner Ode bat. Ich trug diese aus dem Gedächtnis vor und vergoß dabei einen Strom von Tränen. Alle Akademiker weinten. Das richtige Mittel, um andere zum Weinen zu bringen, ist, selber zu weinen; aber dann muß das eigene Antlitz den Ausdruck tiefen Schmerzes tragen, ohne zur Grimasse zu werden. Mein Gesicht hatte diesen Ausdruck, und wenn ich Verse sprach, nahm es den Charakter an, der dem behandelten Gegenstande angemessen war. Dies ist noch jetzt so. Kardinal Bernis, der meine Denkweise kannte, sagte mir vier Tage später, er habe mich niemals für einen so großen Schauspieler gehalten. Ich schwor ihm, daß ich in jenem Augenblick wirklich so gefühlt hätte; nachdem er einen Augenblick nachgedacht hatte, gab er zu, daß dies wohl möglich sein könnte. Am zweiten Ostertag führte ich Mariuccia und die beiden Mädchen nach Frascati zurück. Guglielminas Verzweiflung schnitt mir in die Seele. Ich aß in Mariuccias Hause zu Mittag und zu Abend und schlief dort zum letzten Male. Signora Veronica war sehr gerührt von meiner Freigebigkeit, als Guglielmina alle für sie bestimmten Sachen vor ihr ausbreitete; aber sie betrübte mich tief, als ich am nächsten Tage eine Stunde vor meiner Abreise zu ihr ging, um mich zu verabschieden. Sie nahm mich beiseite und sagte mir: Bei dem Anblick von Guglielminas Tränen könne sie sich des Gedankens nicht erwehren, daß ich sie verliebt gemacht hätte. Nachdem sie sich in allerhand traurigen Gedanken ergangen hatte, forderte sie mich auf, ihr auf mein Ehrenwort zu sagen, ob zwischen uns beiden etwas Ernstliches vorgefallen wäre. Ich versicherte ihr auf mein Ehrenwort, daß Guglielminas Tränen nur von einer Liebe herrühren könnten, die aus der Dankbarkeit entsprungen wäre, und Veronica schien damit zufrieden zu sein. Kann man einen Ehrenmann unter Berufung auf seine Ehre auffordern, ein Geheimnis preiszugeben, das zu enthüllen die Ehre ihm verbietet? Gott weiß, was ich bei dieser grausamen Trennung litt! Alle Trennungen sind furchtbar, und die letzte scheint stets noch schlimmer zu sein als alle vorhergehenden. Ich wäre hundertmal gestorben, wenn Gott mir nicht eine gute Seele gegeben hätte, die sich leicht mit den Tatsachen abfand und sich in wenigen Tagen beruhigte. Man hat unrecht, wenn man das Vergessen nennt. Vergessen rührt von Schwachheit her; um sich zu beruhigen, indem man einen Ersatz unterschiebt, ist eine Kraft nötig, die man zu den Tugenden rechnen kann. Übrigens ist Guglielmina glücklich geworden. Sie wurde ein Jahr darauf die Frau eines Malers, der sich noch heute durch seine Leistungen auszeichnet. Clemente berichtete mir über sie, so oft ich neugierig war und an ihn schrieb. Er wurde reich und kehrte sieben oder acht Jahre später nach Rom zurück, wo er sich mit einem Kornhändler zusammen tat, der Giacomina heiratete. Diese Ehe war jedoch nicht glücklich. Sie wurde schon mit zwanzig Jahren Witwe und verließ Rom mit einem Grafen aus Palermo, der sie nach dem Tode seiner Frau heiratete. Als ich im Jahre 1783 Venedig verließ, hätte Gott mich nach Rom, Neapel, Sizilien oder Parma führen sollen, und ich würde allem Anschein nach ein glückliches Alter gehabt haben. Mein Genius aber, der immer recht hat, führte mich nach Paris, um meinen Bruder Francesco zu retten, der, von Schulden überladen, in Gefahr war, in das Gefängnis des Temple gesetzt zu werden. Ich rühme mich nicht damit, daß er mir seine neue Existenz verdankt, aber ich bin glücklich, ihm dazu verholfen zu haben. Wenn er mir dankbar wäre, würde ich mich für belohnt halten; mir ist es recht, daß er eine Verpflichtung gegen mich trägt, die er von Zeit zu Zeit gewiß sehr schwer findet. Eine größere Strafe verdient er nicht. Heute, im dreiundsiebzigsten Jahre meines Lebens, habe ich weiter nichts nötig, als daß ich in Frieden lebe, und daß kein Mensch sich einbilden kann, Ansprüche auf meine moralische Freiheit machen zu können; denn eine solche Einbildung müßte unbedingt von einer Tyrannei begleitet sein. Nach dem etwas gar zu ausgelassenen Ausflug nach Frascati verbrachte ich sechs Wochen in Rom ohne jede neue Liebschaft. Ich verkehrte im Hause Santa-Croce und in meiner Akademie der Arkadier. Margherita, die mich stets zu erheitern wußte, genügte mir. Zu jener Zeit kam Pater Stratico, der jetzige Bischof von Lesina, dem ich die Bekanntschaft der schönen Marchesa Chigi in Siena verdankte, nach Rom, um die Würde eines Magisters zu erwerben; dies ist das Doktorat der Dominikaner-Mönche. Ich hatte das Vergnügen, bei der Prüfung zugegen zu sein, die er ablegen mußte, um die Würde eines vollgültigen Theologen zu erhalten. Die Theologen, die ihn prüften, waren vier an der Zahl; außerdem war der Ordensgeneral anwesend. Die Mönche sind sehr streng: sie legen dem Kandidaten die schwierigsten Fragen der ganzen Theologie zur Lösung vor; anscheinend glaubten sie, ihrem General nur dann sehr gelehrt zu erscheinen, wenn sie den Prüfling in Verlegenheit setzen. Sollte dieser zufällig gelehrter sein als sie, so muß er sich wohl in acht nehmen, dies merken zu lassen; denn sie lassen ihn ohne Gnade durchfallen, und gegen ihr Urteil gibt es keine Berufung. Was aber theologische Wissenschaft bedeutet, wird mein Leser ohne Zweifel wissen. Ich war sehr neugierig auf diese lächerliche Doktorprüfung, über welche Stratico selber sich im geheimen lustig machte, und ging am Morgen zu ihm. Ich glaubte ihn mit dem heiligen Thomas in der Hand und mit dem Studium der Kirchenväter beschäftigt zu finden; statt dessen galt seine ganze Aufmerksamkeit einer Partie Pikett, die er mit einem anderen Mönch spielte, der auf das Glück fluchte. »Ich glaubte,« sagte ich zu ihm, »Sie in das Studium vertieft zu finden.« Er antwortete mir: »Oportet studuisse.« Ich verließ ihn, indem ich ihm sagte, ich würde Augenzeuge seines Kampfes sein, wo ich mit besonderer Freude den berühmten Mamocchi zu hören gedächte. Ach, welche Leiden mußte ich ausstehen! Der Prüfling saß nicht auf seinem Schemel, sondern geradezu auf einer Folterbank wie ein Verbrecher. Er mußte die Beweisgründe seiner vier Henker in aller Form widerlegen, und diese machten sich ein ganz besonderes Vergnügen daraus, ihren Schlußfolgerungen Voraussetzungen vorauszuschicken, die gar kein Ende nahmen. Ich fand, daß sie alle unrecht hatten, denn einer war noch abgeschmackter als der andere; aber ich wünschte ihnen Glück dazu, daß es mir nicht erlaubt war, zu sprechen. Ohne Theologe zu sein, schmeichelte ich mir, daß ich sie alle mit Gründen der gesunden Vernunft zerschmettert haben würde. Aber ich täuschte mich: Die gesunde Vernunft hat mit der ganzen Theologie nichts zu tun, am allerwenigsten mit der spekulativen. Stratico bewies mir dies mit philosophischen Gründen noch an demselben Tage in einem Hause, in das er mich mitnahm, um zu Abend zu speisen. Sein Bruder, der Professor der Mathematik an der Universität Padua, traf zu derselben Zeit in Rom ein; er kam mit dem jungen Cavaliere Morosini, dessen Hofmeister er war, von Neapel. Er hatte bei einem der unvernünftigen Spazierritte, an denen sein zügelloser Zögling ihn teilzunehmen zwang, ein Bein gebrochen und kam nach Rom, um sich dort völlig heilen zu lassen. Die Gesellschaft dieser Brüder Stratico, die beide ehrenhaft, gelehrt und vorurteilsfrei waren, machte mir die größte Freude. Als sie abgereist waren, verließ ich ebenfalls Rom, wo ich, mein Leben genossen, aber zuviel Geld ausgegeben hatte. Ich ging nach Florenz, nachdem ich mich von allen meinen Bekannten verabschiedet hatte, besonders von dem Kardinal, der immer noch hoffte, daß Ludwig der Fünfzehnte ihn nach Versailles zurückrufen würde. Dies ist das tragische Geschick aller derjenigen, die an einem großen Hofe Minister gewesen sind und sich dann genötigt sehen, anderswo zu leben, wo sie keine amtliche Stellung einnehmen oder nur eine solche, die sie von den Ministern abhängig macht, deren Vorgänger sie waren. Weder Reichtum noch Philosophie, weder Ruhe noch ein anderes Glück kann sie trösten; sie schmachten und seufzen und leben nur in der Hoffnung, daß man sie doch noch wieder rufen werde. Wir finden daher in der Weltgeschichte mehr Herrscher, die dem Thron entsagt haben, als Minister, die freiwillig auf ihr Amt verzichteten. Diese Beobachtung hat mir oft den Wunsch erweckt, Minister zu sein; viel weniger oft habe ich gewünscht, König zu sein: man muß annehmen, daß es einen unbegreiflichen Reiz hat, Minister zu sein; ich möchte gern wissen, was daran ist, denn ich kann mir von diesen Reizen keine recht deutliche Vorstellung machen. Zu Anfang des Monats Juni 1771 reiste ich allein in meinem Wagen mit vier Postpferden von Rom ab. Ich besaß eine schöne Ausrüstung, befand mich sehr wohl und war fest entschlossen, von nun an einen ganz anderen Lebenswandel zu führen, als ich es bis jetzt getan hatte. Ich war der Genüsse, die ich dreißig Jahre lang gekostet hatte, jetzt müde; ich beabsichtigte zwar nicht ganz auf sie zu verzichten, aber ich wollte für die nächste Zeit nur ab und zu daran nippen und mich vor jeder Verpflichtung in acht nehmen, welche Folgen nach sich ziehen könnte. Ich war entschlossen, mit keinem Menschen zu verkehren, sondern mich gänzlich dem Studium zu widmen, und reiste daher ohne alle Empfehlungsbriefe nach Florenz. Homers Ilias, die ich seit meiner Abreise von London mit dem größten Entzücken täglich ein oder zwei Stunden in der Ursprache las, hatte mir Lust gemacht, sie in italienische Stanzen zu übertragen. Mir schien, daß alle italienischen Übersetzer den Homer verfälscht hätten, mit Ausnahme des Salvini, den wegen allzu großer Trockenheit kein Mensch lesen konnte. Ich besaß Scholiasten und legte besonderen Wert auf Popes Anmerkungen; aber ich fand, daß dieser in seinen Bemerkungen sehr viel mehr hätte sagen müssen. Florenz war die Stadt, wo ich mich damit zu beschäftigen gedachte, ohne mit irgendeinem Menschen zu verkehren. Noch andere Umstände bestimmten mich zu diesem Entschluß. Es kam mir vor, wie wenn ich gealtert wäre. Sechsundvierzig Jahre erschienen mir als ein hohes Alter. Es begegnete mir bereits, daß ich den Liebesgenuß weniger lebhaft, weniger verführerisch fand, als ich ihn mir vorgestellt hatte; seit acht Jahren hatte meine Potenz ganz allmählich abgenommen. Ich fand, daß einem langen Liebeskampf nicht mehr der ruhige Schlaf folgte wie früher; mein Appetit, der einstmals von der Liebe geschärft worden war, war jetzt geringer als in den alten Zeiten des Genießens. Außerdem fand ich, daß ich das schöne Geschlecht nicht mehr auf den ersten Blick interessierte: ich mußte erst sprechen, man zog mir Nebenbuhler vor und tat so, wie wenn man mir eine Gnade erwiese, indem man mich im geheimen einem anderen beigesellte; daß man für mich Opfer brächte, konnte ich nicht mehr erwarten. Ich ärgerte mich, wenn so ein junger Brausekopf sich offenbar gar nichts daraus machte, daß die Schöne, die er liebte, mir ebenfalls gefiel, und wenn diese Schöne, um mir einen Gefallen zu tun, mich als einen Nebenbuhler ohne Bedeutung hinstellte; wenn man von mir sagte, ich sei ein älterer Herr, so gab ich die Richtigkeit dieser Bemerkung zu; aber sie verdroß mich. Wenn ich mit mir allein war und mit mir selber zu Rate ging, so sah ich dies alles ein, und so kam ich denn zu der Überzeugung, daß ich an einen anständigen Rückzug denken müßte. Ich sah mich sogar dazu gezwungen, denn ich konnte mir nicht verhehlen, daß ich keinen Lebensunterhalt mehr hatte, sobald ich meinen kleinen Schatz aufgezehrt hatte. Alle meine Freunde, deren Börsen mir offen gestanden hatten, waren gestorben. Herr Barbaro, der in diesem Jahre gestorben war, hatte mir weiter nichts vermachen können, als eine lebenslängliche Rente von jämmerlichen sechs Zechinen im Monat, und Dandolo, der einzige Freund, der mir noch blieb, konnte mir auch nichts weiter geben, als noch sechs Zechinen im Monat, und dabei war er zwanzig Jahre älter als ich. Als ich von Rom abreiste, besaß ich sieben- oder achthundert römische Taler und dazu meine Schmucksachen: Uhren, Tabaksdosen, hübsche Ringe von kleinem Wert. Diese Sachen waren mir mehr von Schaden als von Nutzen, denn sie erweckten den Anschein, als ob ich ein reicher Mann wäre, und der Ehrgeiz veranlaßte mich, entsprechende Ausgaben zu machen, um zu zeigen, daß man sich nicht täuschte. Da ich diese Wahrheit erkannte, so faßte ich den weisen Entschluß, in Florenz nur in einfacher Kleidung und ohne jeden Luxus aufzutreten. Sollte ich dann, aus Geldnot, meine Sachen verkaufen müssen, so würde jedenfalls kein Mensch etwas davon wissen. Mit diesem Plan im Kopfe reiste ich in weniger als zwei Tagen nach Florenz, ohne mich unterwegs aufzuhalten. Ich stieg in einem Gasthof ab, den kein Mensch kannte, und schickte meinen Wagen auf die Post, da der Wirt, ein gewisser J. B. Allegranti, keine Gelegenheit hatte, ihn unterzubringen. Am nächsten Tage ließ ich ihn in eine Remise schaffen. , Ich fand in einem kleinen Zimmer eine recht nette Wohnung, der Wirt war freundlich und vernünftig in seinen Preisen, und da ich nur häßliche und alte Frauen sah, so glaubte ich, sehr ruhig in Florenz leben zu können und vor der Gefahr, verführerische Bekanntschaften zu machen, vollkommen sicher zu sein. Am nächsten Morgen begab ich mich in schwarzer Kleidung und mit dem Degen an der Seite in den Palazzo Pitti, um mich dem Großherzog vorzustellen. Es war jener Leopold, der vor sieben Jahren als Kaiser starb. Er gewährte jedem, der sich einfand, Audienz, und ich glaubte daher unmittelbar zu ihm gehen zu können, ohne vorher den Grafen Rosenberg aufzusuchen. Da ich in Toskana in Ruhe zu leben wünschte, so glaubte ich mich dem Landesherrn selber vorstellen zu müssen, um vor den Unannehmlichkeiten der Spionage und vor dem natürlichen Argwohn der Polizei gesichert zu sein. Ich ging also in das Vorzimmer und schrieb meinen Namen an das Ende der Liste derjenigen, die bereits da waren und auf ihre Audienz warteten. Unter diesen war auch ein Marchese Pucci, der mich in Rom bei einer Marchesa Frescobaldi aus Florenz kennen gelernt hatte. Er trat auf mich zu und sagte mir, wie sehr er sich freue, mich in seiner Vaterstadt wiederzusehen. Er sägte mir, er habe Herrn * * * bis Bologna begleitet. Dieser sei auf dem Rückweg nach England mit einer jungen Gattin, einer Römerin, die alle Londoner Schönheiten in den Schatten stellen werde. Er erzählte mir dies, weil Herr * * * während seines Aufenthaltes in Florenz viel von mir gesprochen und stets gehofft habe, mich nach meiner Rückkehr von Rom noch zu sehen. Ich dankte ihm bestens für die gute Nachricht, die er mir gab, und sagte ihm, daß ich an dem Glück des schönen Paares warmen Anteil nehme. Es wäre mir unangenehm gewesen, Armellina noch in Florenz zu finden; denn da ich sie noch liebte, so würde es mein Herz mit Bitterkeit erfüllt haben, wenn ich sie im Besitze eines anderen gesehen hätte. Der Leser wird bemerkt haben, daß ich keinerlei Nebenumstände berichtete, als ich von ihrer Heirat mit dem großmütigen und liebenswürdigen Herrn * * * erzählte. Der Grund ist der, daß ich niemals imstande war, ein Ereignis, dessen Erinnerung mir schmerzlich ist, mit lebhaften Farben zu schildern. Die Ränke der Marquise d'Août und Armellinas Tränen waren mächtige Beweggründe, die mich nötigten, gegen die Wünsche meines Herzens zu handeln. Ich wußte, daß sie in den Florentiner verliebt war, und hatte ihr, als ich die letzten Genüsse von ihr verlangte, mein Ehrenwort gegeben, sie zu seiner Frau zu machen. Sie hatte sie mir unter dieser für sie selber und für mich demütigenden Bedingung gewährt. Nachher tat mein Versprechen mir leid, und ich sah mich in die Notwendigkeit versetzt, in Gegenwart der Oberin Armellina meine Hand anzubieten, nachdem ich sie überzeugt hatte, daß ich nicht verheiratet war. Armellina schlug meinen Antrag nicht mit Worten aber mit Tränen aus, und ein paar Worte der Madame d'Août demütigten mich vollends auf das tiefste: sie fragte mich, ob ich imstande wäre, dem trefflichen Mädchen ein Witwengut von zehntausend Scudi auszusetzen. Diese anmaßende Frage brachte mich zur Vernunft, aber meine Seele war darüber tief bekümmert. Infolgedessen schrieb ich an die Oberin und an Armellina selber: »Ich erkenne mein ganzes Unrecht an und hoffe, Sie werden die von mir begangenen Fehler mit der Leidenschaft entschuldigen, die ich empfand. Ich wünsche ihr von Herzen alles Glück mit Herrn * * *, der ihrer viel würdiger ist als ich.« Ich bat sie nur, nicht an ihrer Hochzeit teilnehmen zu müssen, und diese Bitte wurde mir gewährt, obgleich die Marquise d'Août, in deren Augen alle Liebesgefühle nur Bagatelle waren, mit allem Nachdruck behauptete, kluge Leute müßten sich über dergleichen hinwegsetzen. Die Fürstin Santa-Croce dachte wie die Marquise, aber der Kardinal Bernis nahm meine Partei, denn er war mehr Philosoph als Franzose. Die Hochzeit fand bei der Marquise statt; Maricuccio und seine Frau nahmen daran teil, weil Armellina in Rom keine anderen Verwandten hatte. Mit diesem Kummer im Herzen ging ich nach Frascati. Ich glaubte, dieser Kummer werde meine Begeisterung für die Ode auf die Leidensgeschichte Jesu Christi vermehren; mein wohltätiger Genius hatte mir jedoch einen Trost ganz anderer Art zugedacht. Laster ist nicht gleichbedeutend mit Verbrechen; denn man kann lasterhaft sein, ohne deshalb ein Verbrecher zu sein. Lasterhaft war ich mein Leben lang, aber ich wage zu behaupten, daß ich oftmals neben dem Laster tugendhaft war; denn wenn auch jedes Laster im Gegensatz zur Tugend stehen muß, so braucht es doch nicht die allgemeine Harmonie zn stören. Meine Laster haben stets nur mich selber betroffen, ausgenommen allerdings die Fälle, wo ich Unschuldige verführt habe, aber ich war niemals ein Verführer von Beruf, denn wenn ich verführte, wußte ich gar nichts davon, sondern war selber verführt. Der berufsmäßige, absichtliche Verführer ist ein verabscheuenswürdiger Mensch, er ist seinem Wesen nach der Feind der Person, auf die er Absicht hat. Er ist ein wahrer Verbrecher, und wenn er die zum Verführer erforderlichen Eigenschaften besitzt, so zeigt er sich derselben unwürdig; denn er mißbraucht sie, um ein Weib unglücklich zu machen. Zweiundzwanzigstes Kapitel Die Denis. – Medini. – Zanowitsch. – Zen. – Meine Ausweisung aus Florenz und Ankunft in Bologna. – General Albergati. Ohne mich mit langen Umschweifen aufzuhalten, bat ich den jungen Großherzog, mir in seinen Staaten eine sichere Zuflucht für die Zeit meines Aufenthaltes zu gewähren, und um allen Fragen von seiner Seite zuvorzukommen, beeilte ich mich, ihm zu sagen, aus welchen Gründen die Türen meiner Heimat mir verschlossen wären. »Was meinen Lebensunterhalt anlangt,« fügte ich hinzu, »so bitte ich Eure Kaiserliche Hoheit zu glauben, daß ich keines Menschen bedarf, da die Mittel, die ich besitze, mir in dieser Hinsicht völlige Unabhängigkeit gewähren, übrigens gedenke ich meine ganze Zeit nur dem Studium zu widmen.« »Wenn Sie sich gut aufführen,« antwortete mir der Fürst, »so genügen die Gesetze meines Landes, um Ihnen ein unabhängiges Dasein zu sichern; immerhin ist es mir sehr angenehm, daß Sie sich an mich gewandt haben. Was für Bekannte haben Sie in Florenz?« »Gnädiger Herr, vor zehn Jahren verkehrte ich hier in mehreren vornehmen Häusern; da ich jedoch die Absicht habe, sehr zurückgezogen zu leben, so gedenke ich nicht, diese Bekanntschaften zu erneuern.« Hiermit endigte mein Gespräch mit dem jungen Herrscher. Der Schritt, den ich getan hatte, schien mir unumgänglich notwendig zu sein, zugleich aber auch genügend, um mich gegen jedes Unglück zu schützen. Was mir vor zehn Jahren in Toskana widerfahren war, mußte vergessen oder doch wenigstens in der Erinnerung stark abgeblaßt sein, denn die neue Regierung hatte gar keine Beziehungen zu der früheren. Vom großherzoglichen Palast begab ich mich zu einem Buchhändler, bei dem ich die Bücher kaufte, deren ich bedurfte. Ein Herr von vornehmem Aussehen bemerkte, daß ich mich nach griechischer Literatur erkundigte, und redete mich an. Er gefiel mir, und ich sagte ihm, daß ich an einer Übersetzung der Ilias arbeitete. Er dankte mir für meine Mitteilung und vertraute mir an, daß er mit einer Anthologie griechischer Epigramme beschäftigt sei, die er in lateinischen und italienischen Versen veröffentlichen wolle. Ich sprach ihm den Wunsch aus, seine Arbeit kennen zu lernen, und er fragte mich, wo ich wohne. Ich beantwortete seine Frage, erkundigte mich aber später nach seinem Namen und seiner Wohnung, weil ich seinem Besuche zuvorkommen wollte. Ich ging gleich am nächsten Tage zu ihm, und den Tag darauf erwiderte er meinen Besuch. Wir zeigten uns unsere wissenschaftliche Arbeiten, wurden Freunde und blieben es bis zu meiner Abreise von Florenz. Wir sahen uns jeden Tag entweder in seiner oder in meiner Wohnung, ohne jemals daran zu denken, miteinander zu essen oder auch nur einen Spaziergang zu machen. Eine Freundschaft zwischen zwei Jüngern der Wissenschaft schließt oft alle materiellen Genüsse aus, weil sie sich diesen nur hingeben könnten, wenn sie die für die Literatur bestimmte Zeit darauf verwendeten. Dieser ehrenwerte Florentiner Edelmann hieß oder heißt, wenn er noch lebt, Everardo de' Medici. Meine Wohnung bei Giambattista Allegranti war sehr hübsch; ich hatte dort Einsamkeit und die Ruhe, die ich brauchte, um den Homer zu studieren und mich meiner Arbeit hinzugeben; trotzdem entschloß ich mich, eine andere Wohnung zu nehmen. Maddalena, die Nichte meines Wirtes, beinahe noch ein Kind, war so schön, so anmutig, so klug und reizvoll, daß sie mich fortwährend von meinen Studien ablenkte. Sie kam zuweilen in mein Zimmer, wünschte mir guten Tag und fragte mich, wie ich die Nacht verbracht hätte, ob ich irgend etwas nötig hätte. Ihr Anblick, der Klang ihrer Stimme .... ich konnte nicht widerstehen. Ich fürchtete von ihr verführt zu werden, und wollte sie nicht verführen, und da fand ich kein anderes Hilfsmittel, als die Flucht zu ergreifen. Einige Jahre später wurde Maddalena eine berühmte Sängerin. Ich zog also von Allegranti aus und nahm zwei Zimmer bei einem Bürgersmann, dessen Frau häßlich und der weder eine hübsche Tochter noch eine verführerische Nichte hatte. Hier lebte ich drei Wochen sehr anständig, wie Lafontaines Ratte. Dann aber kam Graf Stratico mit seinem Zögling, dem achtzehnjährigen Cavaliere Morosini, nach Florenz. Ich konnte nicht umhin, ihnen meinen Besuch zu machen. Das gebrochene Bein war noch nicht wieder so kräftig, daß er hätte gehen können. Er konnte also seinen Zögling nicht begleiten, und da dieser alle Laster der Jugend ohne eine einzige ihrer guten Eigenschaften besaß, so bat mich der Professor, der beständig in Angst vor einem Unglück schwebte, ich möchte mich doch des Jünglings annehmen und nötigenfalls mich sogar an seinen Vergnügungen beteiligen, damit er nicht allein an Orte ginge, wo er nur schlechte Gesellschaft finden und vielleicht gar in Gefahr geraten könnte. Hierdurch wurden meine Studien unterbrochen und meine friedliche Lebensweise völlig geändert. Ich mußte aus Gefälligkeit an den Ausschweifungen eines jungen Wüstlings teilnehmen. Cavaliere Morosini war wirklich ein zügelloser Wüstling; von Literatur, von guter Gesellschaft, von vernünftigen Leuten wollte er nichts wissen. Pferde zu Schanden reiten, auf die Gefahr seines eigenen Lebens, im gestreckten Galopp über Stock und Stein sausen, alle möglichen Arten Wein trinken, bis er das Bewußtsein verlor, mit Prostituierten, die er oftmals prügelte, sich den wüstesten Ausschweifungen hingeben, – das waren die Genüsse, denen er Tag für Tag nachging. Der junge Cavaliere zahlte einen Lohndiener eigens zu dem Zweck, ihm jeden Tag ein Mädchen oder eine Frau zu verschaffen, die nicht in Florenz als öffentliche Dirne bekannt wäre. In zwei Monaten, die der Tollkopf in Florenz verbrachte, rettete ich ihm zwanzigmal das Leben. Es war für mich ein Höllendasein, aber ich hielt mich für verpflichtet, ihn nicht im Stich zu lassen. Um die Ausgaben brauchte ich mich nicht zu kümmern, denn er war freigebig bis zur Verschwendung und würde es niemals gelitten haben, daß ich die Börse zog. Aber selbst dies war eine Unannehmlichkeit, worüber es zwischen uns oft zum Streit kam; denn da er bezahlte, so behauptete er, ich müßte ebensoviel essen und trinken wie er und müßte ihm auch bei seinen anderen Ausschweifungen nachahmen, sei es mit denselben Weibern, sei es mit anderen. In dieser Beziehung befriedigte ich jedoch nur selten seinen Wunsch, sondern tat, was mir selber genehm war. Eines Tages waren wir nach Lucca gefahren, um dort die Oper zu sehen; zum Abendessen nahmen wir zwei Tänzerinnen mit in unseren Gasthof. Morosini, der wie gewöhnlich zu viel getrunken hatte, bediente sehr schlecht die von ihm gewählte, obgleich sie ein herrliches Geschöpf war. Da ich mit der anderen, die zwar hübsch war, aber mit ihrer Freundin nicht verglichen werden konnte, nur getändelt hatte, so verschaffte ich der Schönen eine kräftige Genugtuung. Sie hielt mich für den Vater des jungen Cavaliere und gab mir den freundlichen Rat, ihm eine bessere Erziehung geben zu lassen. Als Graf Stratico vollkommen wieder hergestellt war, reiste er mit seinem jungen Herrn ab, und ich nahm meine Studien wieder auf, doch soupierte ich jeden Abend bei der früheren Tänzerin Denis, die den Dienst des Königs von Preußen verlassen und sich nach Florenz zurückgezogen hatte. Die Denis war ungefähr von meinem Alter; das will sagen: sie war nicht mehr jung, besonders für eine Frau; trotzdem besaß sie noch genügende Überreste ihrer Schönheit, um zärtliche Gefühle einflößen zu können; denn wer sie nicht kannte, würde ihr höchstens dreißig Jahre gegeben haben. Sie war von einer reizenden Frische, hatte das liebenswürdige Wesen eines jungen Mädchens, besaß viel Anmut, beherrschte den Ton und die Gewohnheiten der guten Gesellschaft und wußte sich ganz entzückend anzuziehen. Außerdem hatte sie eine wundervolle Wohnung am Hauptplatz, im ersten Stockwerk oberhalb des besuchtesten Kaffeehauses von Florenz. Zu ihrer Wohnung gehörte ein herrlicher Balkon, auf dem man in den warmen Nächten die köstlichste kühle Luft genoß. Der Leser hat vielleicht nicht vergessen, auf welche Weise ich im Jahre 1764 in Berlin ihr Freund geworden war; als wir durch einen glücklichen Zufall in Florenz uns wiederfanden, entzündete unsere Glut sich von neuem, und wir setzten die Komödie fort, die wir in Preußen begonnen hatten. Die Hauptmieterin des Hauses, in welchem die Denis wohnte, war jene Brigonzi, die ich auf dem Wege von Petersburg in Memel getroffen hatte. Diese Dame Brigonzi, welche behauptete, ich hätte sie vor fünfundzwanzig Jahren geliebt, besuchte ihre Mieterin oft mit dem Marchese Capponi, einem sehr liebenswürdigen und gebildeten Mann, der früher ihr Liebhaber gewesen war. Da ich sah, daß er sich gern mit mir unterhielt, erleichterte ich es ihm, meine Bekanntschaft zu machen, indem ich ihm meinen Besuch abstattete. Er erwiderte denselben und ließ eine Karte zurück, da er mich nicht antraf. Als ich ihn daraufhin abermals aufsuchte, stellte er mich seiner Familie vor und lud mich zum Mittagessen ein. Um seiner Einladung Ehre zu machen, kleidete ich mich zum ersten Male mit Eleganz und legte alle meine Schmucksachen an. Beim Marchese Capponi machte ich die Bekanntschaft des berühmten Liebhabers der Corilla, des Marchese Ginori. Dieser führte mich in ein Florenzer Haus ein, wo ich meinem Schicksal nicht entgehen konnte. Ich verliebte mich in eine noch junge Witwe, eine gebildete und ziemlich reiche Dame. Sie hatte einige Monate in Paris zugebracht und dadurch sich jenen guten Ton und jene Höflichkeit zu eigen gemacht, die jeder Bewegung Anmut und Würde verleihen. Die drei Monate, die ich noch in Florenz verbrachte, wurden mir durch diese unglückliche Liebe zur Qual. Zu Anfang des Monats Oktober kam Graf Medini in Florenz an; er hatte keinen Heller und konnte nicht einmal seinen Fuhrmann bezahlen, weshalb dieser ihn verhaften ließ. Dieser unglückselige Medini, der mich zu verfolgen schien, wohnte bei einem Irländer, der ein armer Mann war, obwohl er sein ganzes Leben lang ein Gauner gewesen war. Ich weiß nicht, wie Medini erfuhr, daß ich in Florenz war; genug, er schrieb an mich und bat mich flehentlich, ihm die Sbirren vom Halse zu schaffen, die ihn in seinem Zimmer bewachten und ihn ins Gefängnis bringen wollten. Er schrieb mir, es wäre nicht notwendig, daß ich für ihn bezahlte, sondern ich brauchte nur Bürgschaft für ihn zu stellen und dies wäre für mich ganz gefahrlos, da er sicher wäre, in einigen Tagen bezahlen zu können. Meine Leser wissen, welche Gründe ich hatte, um Medini nicht zu lieben. Trotz diesen Gründen besaß ich nicht die Kraft, seine Bitte einfach unbeachtet zu lassen. Ich war sogar geneigt, mich für ihn zu verbürgen, wenn er mir hätte beweisen können, daß er wirklich imstande wäre, die Summe bald zu bezahlen, um deren willen man ihn verhaftet hatte. Übrigens dachte ich nicht, daß diese Summe sehr groß sein könnte, und ich begriff nicht, warum sein Wirt ihm nicht den Gefallen tat. Ich wunderte mich jedoch nicht mehr, als ich in Medinis Zimmer trat. Sobald ich eintrat, eilte er auf mich zu, umarmte mich und bat mich, alles zu vergessen und ihn aus seiner peinlichen Verlegenheit zu befreien. Ich sah mich schnell im Zimmer um und erblickte drei große Koffer, die beinahe leer waren, weil die darin enthalten gewesenen Sachen im ganzen Zimmer herumgestreut waren. Seine Geliebte, die ich kannte und die mich aus gewissen Gründen nicht gern hatte, blickte mich nicht an; ihre elf- oder zwölfjährige junge Schwester weinte; ihre Mutter schimpfte, nannte Medini einen Gauner und drohte, ihn beim Richter zu verklagen; denn es wäre doch nicht möglich, rief sie, daß man ihr ihre Kleider und die ihrer Töchter wegnähme, um damit seine Schuld bei dem Fuhrmann zu decken. Ich fragte den Wirt, warum er keine Bürgschaft leistete, da er doch die Leute und ihre Sachen bei sich hätte und infolgedessen jedes Risiko ausgeschlossen wäre. »Alles, was Sie hier sehen«, antwortete er mir, »genügt nicht, um den Fuhrmann zu bezahlen. Ich will diese Leute nicht bei mir behalten.« Ich war überrascht und begriff nicht, daß alle diese Sachen nicht genügen sollten, um die Schuld bei dem Fuhrmann zu decken. Ich fragte daher den Knecht des Fuhrmanns, wie hoch seine Forderung denn sei. Er übergab mir ein von Medini unterschriebenes Papier, worauf ich die Summe von zweihundertvierzig römischen Talern las. »Wie?« rief ich voll Erstaunen; »woher kann denn nur eine so große Schuld entstanden sein?« Mein Erstaunen legte sich, als der Kutscher mir sagte, er bediene den Grafen und die drei Frauen seit sechs Wochen; er habe sie von Rom nach Livorno, von Livorno nach Pisa und dann kreuz und quer durch ganz Toskana gefahren und habe sie überall verpflegt. »Der Fuhrmann«, sagte ich zu Medini, »kann mich nicht als Bürgen für eine so bedeutende Summe annehmen; selbst wenn er soviel Vertrauen zu mir haben sollte, würde ich niemals die Torheit begehen, mich auf eine derartige Verpflichtung einzulassen.« »Haben Sie die Güte, mit mir in das Nebenzimmer zu treten,« sagte der Graf zu mir, »ich werde Sie überreden.« »Gern.« Zwei von den Sbirren widersetzten sich jedoch seinem Vorhaben und sagten, er dürfe das Zimmer nicht verlassen, weil er aus dem Fenster entfliehen könnte. »Ihr könnt ihn mit mir allein lassen; ich bürge für ihn.« In diesem Augenblick erschien der arme Fuhrmann; er küßte mir die Hand und sagte mir, wenn ich für den Grafen bürgen wollte, so würde er mir zur Bezahlung drei Monate Zeit lassen. Zufällig war der brave Mann derselbe, der mich mit der von dem Schauspieler Etoile verführten Engländerin nach Rom gefahren hatte. Ich sagte ihm, er möchte warten. Medini war ein großer Redner und schamloser Lügner, der stets seiner Sache gewiß war. Er glaubte mich zu überreden, indem er mir Briefe zeigte, die ihn in pomphaften Ausdrücken an die ersten adeligen Häuser von Florenz empfahlen. Ich las diese Briefe, aber ich fand in keinem derselben eine Anweisung, ihm Geld zu geben, und machte ihn darauf aufmerksam. »Das ist allerdings richtig,« sagte er zu mir, »aber in diesen Häusern wird gespielt, und wenn ich abziehe, bin ich sicher, ungeheuere Summen zu gewinnen.« »Wie Sie wissen, habe ich wenig Vertrauen zu Ihrem Glück.« »Für alle Fälle habe ich noch eine andere Hilfsquelle.« »Welche?« Er zeigte mir hierauf eine große Mappe, die eine Menge Hefte enthielt. Es waren drei Viertel der Henriade Voltaires, ausgezeichnet in italienische Stanzen übersetzt. Die Verse waren denen des Tasso gleichwertig. Er gedachte dieses schöne Gedicht in Florenz zu vollenden und es dem Großherzog zu überreichen; er war überzeugt, daß er nicht nur ein prachtvolles Geschenk von ihm erhalten, sondern sogar der Günstling des Fürsten werden würde. Ich wagte es nicht, ihm seinen Irrtum zu benehmen, aber ich mußte innerlich lachen. Medini wußte nicht, daß der Großherzog sich nur den Anschein gab, die Literatur zu lieben. Ein gewisser Abbate Fontaine, ein geschickter Mensch, amüsierte den Fürsten mit etwas Naturgeschichte; dies war die einzige Wissenschaft, wofür er sich interessierte. Im übrigen zog er die schlechteste Prosa den schönsten Versen vor, ohne Zweifel, weil er nicht die Organe besaß, um poetische Schönheiten zu schätzen und sich an ihren Reizen zu erfreuen. Er hatte nur zwei Leidenschaften: Weiber und Geld. Ich verbrachte zwei sehr langweilige Stunden mit diesem unglückseligen Medini, der ein geistvoller, aber gänzlich urteilsloser Mensch war. Ich bereute es sehr, meiner Neugier nachgegeben zu haben, um zu hören, was er von mir wollte, und sagte ihm schließlich kurz und bündig, daß ich nichts tun könnte, um ihm aus seiner Verlegenheit zu helfen. Als ich aber auf die Tür zuschritt, wagte er es, mich am Kragen zu packen. Verzweiflung treibt die Menschen zu traurigen Ausschreitungen. In seiner blinden Verzweiflung packte der leidenschaftliche Medini mich am Kragen, ohne eine Waffe in der Hand zu haben, ohne daran zu denken, daß ich vielleicht stärker war als er, daß ich ihn bereits zweimal im Duell verwundet hatte und daß die Sbirren, der Wirt, der Fuhrmann und die Bedienten im Nebenzimmer waren. Wenn ich feige gewesen wäre, hätte ich um Hilfe gerufen; aber da ich größer war als er, so überwältigte ich ihn: ich packte mit beiden Händen seinen Hals, hielt ihn mir vom Leibe und preßte ihm die Gurgel zusammen, bis er die Zunge herausstreckte und mich loslassen mußte. Nun aber packte ich ihn am Kragen und fragte ihn, ob er verrückt geworden wäre. Nachdem ich ihn mit einem heftigen Stoß gegen die Wand geworfen hatte, öffnete ich die Türe, und die vier Sbirren traten ein. Ich sagte dem Fuhrmann, ich könnte nicht bürgen und er dürfte nicht auf mich rechnen. In dem Augenblick, wo ich den Türdrücker in die Hand nahm, sprang Medini nach der Tür und rief, ich dürfte ihn nicht im Stich lassen. Ich hatte die Tür geöffnet. Die Sbirren befürchteten, daß er entfliehen würde, und eilten herbei, um ihn festzuhalten. Und nun entspann sich ein Kampf, der mein tiefes Mitgefühl erregte. Medini, ohne Waffen und im Schlafrock, traktierte die vier Feiglinge, die doch ihre Degen an der Seite hatten, mit Ohrfeigen, Fußtritten und Faustschlägen. Inzwischen hielt ich die Tür zu, um den irländischen Wirt zu verhindern, daß er das Zimmer verließ und Hilfe herbeirief. Medini war ganz von Blut überströmt, da er einen Fausthieb auf die Nase erhalten hatte; sein Schlafrock und sein Hemd waren zerrissen. Trotzdem prügelte er die vier Sbirren so lange, bis sie von ihm abließen. Wenn auch sein Mut nur einer blinden Verzweiflung entsprang, so flößte er mir doch Achtung ein, und ich beklagte ihn. Als es einen Augenblick still wurde, fragte ich seine beiden Livreebedienten, die neben mir standen, warum sie ihren Herrn nicht verteidigt hätten? Der eine von den beiden antwortete mir, er sei ihnen den Lohn für sechs Monate schuldig; der andere sagte, er wolle ihn ebenfalls verhaften lassen. Während Medini sich bemühte, das aus seiner Nase strömende Blut mit kaltem Wasser zum Stillstand zu bringen, sagte der Fuhrmann zu mir: da ich mich weigerte, für seinen Schuldner Bürgschaft zu leisten, so wäre das ein Zeichen, daß er ihn ins Gefängnis bringen lassen müßte. Was ich sah, rührte mich, und ich sagte zu ihm: »Geben Sie ihm vierzehn Tage Aufschub; wenn er mir in dieser Zeit entflieht, werde ich bezahlen.« Nachdem er einige Augenblicke nachgedacht hatte, sagte er: »Gut, Signore. Aber ich will keine Kosten bezahlen.« Ich erkundigte mich, wieviel diese Kosten ausmachten, und bezahlte, ohne auf die Sbirren zu hören, die eine Entschädigung für die empfangenen Schläge verlangten. Nun aber sagten die beiden niederträchtigen Lakaien zu mir, wenn ich nicht auch zu ihren Gunsten Bürgschaft leistete, würden sie den Grafen für ihre Rechnung verhaften lassen. Medini rief: »Kümmern Sie sich gar nicht um die Leute! Lassen Sie sie machen, was sie wollen.« Nachdem ich dem Fuhrmann schriftlich die erforderliche Bestätigung gegeben und vier oder fünf Taler für die Sbirren bezahlt hatte, sagte Medini mir, er müsse noch einmal mit mir sprechen. Ich hörte jedoch nicht mehr auf ihn, sondern drehte ihm den Rücken zu und ging zum Mittagessen. Zwei Stunden darauf kam einer von den Lakaien zu mir und sagte mir: wenn ich ihm sechs Zechinen versprechen wollte, würde er mir Bescheid sagen, sobald er bemerken würde, daß sein Herr die Flucht ergreifen wolle. Ich antwortete ihm kurz angebunden, sein Eifer sei für mich ohne Wert, denn ich sei sicher, daß der Graf noch vor dem festgesetzten Termine alle seine Schulden bezahlen werde. Am nächsten Morgen setzte ich den Grafen von dem Schritte seines Dieners in Kenntnis. Als Antwort schrieb er mir einen langen Brief, voll von Versicherungen seiner Dankbarkeit; zugleich bot er noch einmal seine ganze Beredsamkeit auf, daß ich ihn doch in den Stand setzen möchte, mit Ehren seinen Verpflichtungen nachzukommen. Ich antwortete ihm nicht. Sein guter Geist, der es noch nicht müde geworden war, ihn zu beschützen, ließ jemanden nach Florenz kommen, der ihn aus seiner Verlegenheit erlöste. Das war Premislav Zanowitsch, der später ebenfalls berühmt wurde, wie sein Bruder, der die Amsterdamer Kaufleute betrog und sich den Namen und Rang eines Fürsten Skanderbeg beilegte. Ich werde später von ihnen sprechen. Diese Falschspieler großen Stiles nahmen beide ein schlechtes Ende. Premislav Zanowitsch stand damals im glücklichen Alter von fünfundzwanzig Jahren; er war der Sohn eines Edelmannes von Budua, der letzten Stadt von Dalmatien an der albanischen Grenze, früher der Republik Venedig, heute dem Großtürken untertan; es ist das alte Epirus. Premislav war ein kluger Mann: er hatte in Venedig studiert und dort in der vornehmen Welt verkehrt. Er hatte sich an die Genüsse gewöhnt, an denen diese große Stadt so reich ist, und konnte sich nicht entschließen, nach Budua zurückzukehren, wo er nur rohe und ungebildete Slavonier gefunden hätte, die wie das liebe Vieh in den Tag hinein lebten, nichts von Künsten und Wissenschaften wußten und von den Vorgängen in der Welt draußen nur etwas erfuhren, wenn zufällig einmal ein Schiff bei ihnen anlegte. Als daher der Rat der Zehn ihm und seinem noch klügeren Bruder Steffano den Befehl gab, in ihrer Heimat die großen Summen zu verzehren, die sie im Spiel gewonnen hatten, beschlossen sie, sich zu trennen und der eine den Norden, der andere den Süden Europas aufzusuchen, um überall Leute zu betrügen, wo ihr guter Stern ihnen eine Gelegenheit dazu bieten würde. Premislav, den ich als Kind gekannt hatte und der sich bereits eines gewissen Ruhmes erfreute, weil er in Neapel den Cavaliere Morosini geprellt hatte, indem er ihn veranlaßte, sich für eine Summe von sechstausend Dukaten zu verbürgen, – Premislav kam nach Florenz in einem schönen Wagen mit seiner Maitresse, zwei großen Lakaien und einem Kammerdiener, der ihm als Kurier diente. Er bezog eine schöne Wohnung, mietete Wagen und Pferde, nahm eine Loge in der Oper und gab seiner schönen Geliebten eine Gesellschaftsdame. Hierauf begab er sich, prachtvoll angezogen und mit Juwelen bedeckt, allein in das adlige Kasino. Man kannte ihn unter dem Namen Graf Premislav Zanowitsch. Die Florentiner haben ein sogenanntes adliges Kasino. Jeder Fremde kann hingehen, ohne vorgestellt zu sein; aber wehe ihm, wenn er sich nicht so zu benehmen weiß, daß er die Berechtigung zum Besuch eines solchen Ortes dadurch kund tut; denn die Florentiner behandeln ihn mit eisiger Kälte und sprechen niemals ein Wort mit ihm. Es kommt daher selten vor, daß einer, dem es so ergangen ist, sich zum zweiten Male einfindet. In diesem Kasino geht es sehr anständig und zugleich sehr zwanglos her: man liest Zeitungen, spielt alle möglichen Spiele, ißt und trinkt für sein Geld. Es fehlt sogar an Liebe nicht: denn auch Damen besuchen dieses Kasino, und dies gilt sogar für besonders guten Ton. Zanowitsch spielte den Liebenswürdigen, wartete nicht, bis man ihn anredete, machte Verbeugungen nach rechts und links und wünschte sich Glück, daß er sich inmitten einer so vornehmen Gesellschaft befinde. Er sprach von Neapel, von wo er kam, zog Vergleiche, durch die die Anwesenden sich geschmeichelt fühlten, und nannte bei einer passenden Gelegenheit in ganz unauffälliger Weise seinen Namen, spielte sehr vornehm, verlor, ohne sich seine gute Laune trüben zu lassen, bezahlte, nachdem er erst getan hatte, wie wenn er es vergessen hätte, und gefiel allgemein. Ich erfuhr dies alles am nächsten Tage bei der Denis aus dem Munde des weisen Marchese Capponi. Er erzählte mir, man habe Zanowitsch gefragt, ob er mich kenne, und er habe geantwortet, bei meiner Abreise aus Venedig sei er noch auf der Schule gewesen, aber er habe seinen Vater stets mit großer Achtung von mir sprechen hören. Der Cavaliere Morosini war sein bester Freund, und Graf Medini, der seit acht Tagen in Florenz war, war ebenfalls ein Bekannter von ihm und sprach nur Gutes von ihm. Der Marchese fragte mich, ob ich den jungen Mann kenne. Ich sprach mich lobend über ihn aus und hielt mich nicht für verpflichtet, zu erzählen, was ich wußte und was ihm hätte Schaden bringen können. Die Denis sprach den Wunsch aus, ihn kennen zu lernen, und Cavaliere Puzzi versprach ihr, den jungen Herrn zu ihr zu führen. Dies tat er auch wirklich drei oder vier Tage darauf. Ich war zufällig bei Frau Denis anwesend, als Puzzi ihr den Grafen Zanowitsch vorstellte. Ich sah einen schönen jungen Mann, der sich mit vollendeter Sicherheit benahm und überall Eindruck machen mußte. Zwar waren seine Gesichtszüge nicht eigentlich schön, und seine Gestalt war nicht imponierend, aber er benahm sich mit einem ungezwungenen, edlen Anstand, wußte geistreich zu unterhalten und besaß eine fröhliche Laune, die ansteckend wirkte. Er sprach niemals von sich selber und wußte sehr geschickt seine Teilnahme für andere kund zu geben. Als die Rede auf seine Heimat kam, beschrieb er seine Herrschaft, die zur Hälfte von den Staaten des Sultans eingeschlossen war, als einen Ort, von dem der Frohsinn verbannt wäre und wo der größte Menschenfeind unfehlbar an Traurigkeit zugrunde gehen müßte. Als er erfuhr, wer ich war, machte er mir die angenehmsten Komplimente, ohne daß diese etwas von Schmeichelei an sich hatten. Ich erkannte den jungen Mann, einen künftigen großen Abenteurer, der es zu großen Erfolgen bringen konnte, wenn er sich zu benehmen wußte; aber sein Luxus verriet mir die schwache Stelle seines Panzers. Er glich mir, wie ich vor fünfzehn Jahren gewesen war; ich konnte jedoch nicht annehmen, daß er meine Hilfsmittel besäße, und konnte mich daher nicht enthalten, ihn zu bedauern. Zanowitsch machte mir einen Besuch und sagte mir beiläufig, Medini habe ihm leid getan, und er habe alle seine Schulden bezahlt. Ich lobte ihn wegen dieser guten Handlung und sprach ihm meinen Dank aus, aber diese Freigebigkeit brachte mich auf die Vermutung, daß sie irgendein Komplott nach ihrer Art angesponnen hätten, das jedenfalls bald zur Ausführung gelangen würde. Ich wünschte ihnen alles Glück dazu, aber es lag mir nichts daran, daran beteiligt zu sein. Gleich am nächsten Tage erwiderte ich seinen Besuch. Er saß mit seiner Geliebten bei Tisch: ich hätte gerne getan, wie wenn ich sie nicht kannte, aber sie nannte sofort zu meinem Unglück meinen Namen und sprach ihre Freude über das Wiedersehen aus. Als sie mich Don Giacomo anredete, nannte ich sie mit einer Miene der Ungewißheit Donna Ippolita, und sie antwortete mir, ich täusche mich nicht, denn sie sei größer und stärker geworden, aber immer noch dieselbe. Ich hatte mit Lord Baltimore und ihr in den Crocielle soupiert, und sie war sehr hübsch. Zanowitsch lud mich für den nächsten Tag zum Mittagessen ein, ich dankte ihm aber, da ich keine Lust hatte, enge Bekanntschaft zu schließen. Ippolita wußte mich jedoch zur Annahme der Einladung zu veranlassen, indem sie mir sagte, ich würde Gesellschaft finden und ihr Koch habe sich verpflichtet, den Beifall aller Gäste zu erringen. Ich war ein wenig neugierig, die Gesellschaft kennen zu lernen, die sich zu dieser Mahlzeit einfinden würde, und um dem Grafen Zanowitsch zu zeigen, daß er nicht zu befürchten brauchte, ich würde seine Börse in Anspruch nehmen, legte ich zum zweiten Male während meines Aufenthaltes in Florenz meinen ganzen Staat an. Wie ich erwartet hatte, fand ich Medini mit seiner Geliebten, außerdem zwei fremde Damen mit ihren Kavalieren und einen sehr glänzend gekleideten Venetianer, einen ziemlich schönen Mann von etwa fünfunddreißig bis vierzig Jahren, den ich nicht wiedererkannt haben würde, wenn Zanowitsch mir nicht seinen Namen genannt hätte. Es war Aloisio Zen. Da die Zen eine patrizische Familie sind, so hielt ich es für angebracht, ihn zu fragen, mit welchen Titeln ich ihn anzureden hätte. Er antwortete mir: »Wie einen alten Freund, den Sie natürlich nicht wiedererkennen; denn ich war erst zehn Jahre alt, als ich Sie kannte.« Er erzählte mir hierauf, daß er der Sohn des Hauptmanns wäre, den ich gekannt hätte, als ich im Fort Sant' Andrea in Haft gewesen wäre. »Seitdem sind«, antwortete ich, »achtundzwanzig Jahre vergangen. Jetzt erinnere ich mich Ihrer, mein Herr, obgleich Sie damals noch nicht die Pocken gehabt hatten.« Ich sah, daß es ihm unangenehm war, dies zugeben zu müssen; aber das war seine eigene Schuld; denn er hätte ja nicht nötig gehabt, mir zu sagen, daß er mich dort gekannt hätte und daß der Adjutant sein Vater gewesen sei. Sein Vater war der natürliche Sohn eines venetianischen Nobile, und er selber war der größte Schlingel auf der ganzen Festung gewesen, ein Herumtreiber und Taugenichts im wahren Sinne des Wortes. Als ich ihn in Florenz traf, kam er von Madrid, wo er viel Geld gewonnen hatte, indem er im Hause des venetianischen Botschafters Marco Zen eine Pharaobank gehalten hatte. Ich war sehr erfreut, ihn persönlich kennen zu lernen. Beim Essen bemerkte ich jedoch, daß er weder Bildung noch Erziehung genossen hatte, und daß seine Manieren und seine Sprache nicht die eines Mannes von gutem Ton waren; aber er selber hätte nicht sein Talent, das Glück zu verbessern, gegen alle diese Vorzüge vertauschen mögen. Medini und Zanowitsch waren ganz andere Leute. Die beiden Fremden waren die Opfer, die sie sich zum Prellen ausersehen hatten. Ich wünschte nicht zu wissen, wie die Sache verlief; sobald ich sah, daß der Spieltisch zurecht gemacht wurde und daß Zen eine große Börse voll Gold darauf ausschüttete, grüßte ich die Gesellschaft und entfernte mich. So lebte ich während der sieben Monate, die ich in Florenz zubrachte. Seit diesem Diner sah ich Zen, Zanowitsch und Medini nur gelegentlich aus Zufall an öffentlichen Orten. Gegen Mitte des Dezembers aber ereignete sich folgendes. Lord Lincoln, ein Jüngling von achtzehn Jahren, verliebte sich in eine venetianische Tänzerin, namens Lamberti, eine Tochter des Wirtes in der Karrengasse. Dieses junge Mädchen gefiel aller Welt. Nach jeder Opernvorstellung sah man den jungen Engländer sie in ihrer Ankleidekammer besuchen, und alle Beobachter wunderten sich, daß er sie nicht in ihrer Wohnung besuchte, wo er sicher sein konnte, von ihr gut aufgenommen zu werden, nicht nur als Engländer, der natürlich für sehr reich galt, sondern auch wegen seiner Jugend und Schönheit. Ich glaube, er war der einzige Sohn des Grafen von Newcastle. Zanowitsch machte diese Beobachtungen nicht vergebens und wurde in wenigen Tagen der vertraute Freund der Lamberti. Als er dies erreicht hatte, machte er die Bekanntschaft des jungen Lords Lincoln und führte ihn zu seiner Schönen, wie eben ein höflicher Mann einen Freund zu seiner Geliebten führt. Die Lamberti spielte mit dem Gauner unter einer Decke und geizte dem jungen Insulaner gegenüber nicht mit ihrer Gunst. Er soupierte bei ihr jeden Abend mit Zanowitsch und Zen, den Zanowitsch ihm vorgestellt hatte, weil er ihn entweder brauchte, um die Bank mit barem Golde zu halten oder weil er selber nicht gut genug zu betrügen verstand. Natürlich ließen die Gauner an den ersten Abenden den jungen Lord einige hundert Zechinen gewinnen. Da sie erst nach dem Abendessen spielten und Lord Lincoln nach der echten Gewohnheit der Engländer sich so betrank, daß er nicht mehr seine rechte Hand von seiner linken unterscheiden konnte, so war er ganz erstaunt, beim Erwachen am anderen Morgen sich vom Glück ebensogut behandelt zu sehen wie von der Liebe. Der arme Junge sollte sein Lehrgeld bezahlen, er fand den Köder lecker und biß an. Das Erwachen sollte nicht lange auf sich warten lassen. Zen gewann von dem jungen Lord zwölftausend Pfund Sterling, und Zanowitsch lieh diesem die Summe in kleinen Beträgen von drei- und vierhundert Louis; denn der Engländer hatte seinem Hofmeister versprochen, niemals auf Wort zu spielen. Zanowitsch mußte natürlich glücklich sein, denn sonst hätte der Plan nicht durchgeführt werden können. Er gewann daher von Zen alles, was Zen von dem Lord gewann, und so machte dasselbe Geld fortwährend die Runde um den Tisch, wobei die Schuld des jungen Dummkopfs immer größer wurde. Zum Schluß wurde gezählt, und es stellte sich heraus, daß Lord Lincoln die ungeheure Summe von zwölftausend Pfund Sterling oder dreimalhunderttausend Franken schuldig war. Der Engländer versprach, dreitausend Guineen am nächsten Tage zu bezahlen, und unterschrieb zwei Wechsel im gleichen Betrage, die in Abständen von drei Monaten bei seinem Londoner Bankier zahlbar waren. Ich erfuhr diesen ganzen Schwindel von Lord Lincoln selber, als wir uns drei Monate später in Bologna trafen. Schon am Tage nach diesem denkwürdigen Abend begann man in ganz Florenz von diesem Streich zu sprechen. Der Bankier Sasso Sassi hatte auf MylordS Befehl sechstausend Zechinen an Zanowitsch ausgezahlt. Medini kam zu mir. Er war wütend, daß Zanowitsch ihn nicht zu der Partie zugezogen hatte. Ich hingegen wünschte mir Glück, daß ich nicht dabei gewesen war. Man stelle sich meine Überraschung vor, als ich drei Tage darauf einen Menschen in mein Zimmer treten sah, der mich nach meinem Namen fragte und mir sodann im Namen des Großherzogs befahl, Florenz binnen drei Tagen und Toskana binnen acht Tagen zu verlassen. Ganz verblüfft ließ ich meinen Wirt heraufkommen, um einen Zeugen für den gegen mich ergangenen unwürdigen Befehl zu haben. Es war am achtundzwanzigsten Dezember. Am gleichen Tage hatte ich vor drei Jahren in Barcelona den Befehl erhalten, die Stadt binnen dreimal vierundzwanzig Stunden zu verlassen. Nachdem ich mich in aller Eile angekleidet hatte, begab ich mich zum Auditore, um zu erfahren, was meine Ausweisung veranlaßt hatte, denn diese schien mir nicht natürlich zu sein. Als ich das Amtszimmer betrat, sah ich vor mir denselben Mann, der mich vor elf Jahren wegen des falschen Wechsels des Russen Ivan aus Florenz ausgewiesen hatte. Auf meine Frage, aus welchem Grunde er mir den Befehl zur Abreise zugestellt hätte, antwortete er mir kalt, es sei der Wille Seiner Kaiserlichen Hoheit. »Aber Seine Kaiserliche Hoheit kann diesen Willen nicht ohne Grund haben, und ich habe, wie mir scheint, das Recht, mich darnach zu erkundigen.« »Wenn Sie dieses Recht haben, das ich Ihnen durchaus nicht bestreite, so erkundigen Sie sich beim Fürsten darnach; denn ich für meine Person weiß nicht, worum es sich handelt. Der Großherzog ist gestern nach Pisa abgereist, wo er drei Tage bleiben wird; es steht in Ihrem Belieben, dorthin zu gehen.« »Und wird er mir die Reise bezahlen, wenn ich nach Pisa fahre?« »Das bezweifle ich; aber Sie werden ja jedenfalls sehen, ob er Ihnen diese Höflichkeit erweist.« »Ich werde nicht nach Pisa gehen, aber ich werde an Seine Kaiserliche Hoheit schreiben, wenn Sie mir versprechen wollen, ihm meinen Brief zuzustellen.« »Ich werde ihm den Brief sofort schicken; denn dies ist meine Pflicht.« »Gut, mein Herr, Sie werden ihn noch vormittags erhalten, und morgen vor Sonnenaufgang werde ich auf päpstlichem Gebiet sein.« »Sie brauchen sich nicht so sehr zu beeilen.« »Ich habe es im Gegenteil außerordentlich eilig, denn ich finde keine Ruhe in einem von Despotismus und Gewalt regierten Lande, dessen Herrscher mir sein Wort bricht, und wo das Völkerrecht verletzt wird. Dies alles werde ich Ihrem Herrn schreiben.« Draußen vor der Tür begegnete ich Medini, der sich aus demselben Grunde wie ich zum Auditeur begab. »Ich habe ihn eben aus demselben Grunde belästigt,« sagte ich lachend zu ihm, »und er hat mir gesagt, ich möchte nach Pisa gehen und den Großherzog nach dem Grunde des Ausweisungsbefehls fragen.« »Wie? Sie haben ebenfalls den Befehl zur Abreise empfangen?« »Ja.« »Was haben Sie getan?« »Nichts.« »Ich auch nicht. Gehen wir nach Pisa.« »Sie können ja hinfahren, wenn es Ihnen Spaß macht. Ich aber verlasse das Land noch vor heute Abend.« Ich ging nach Hause und befahl meinem Wirt, meinen Wagen nachsehen zu lassen und zum Einbruch der Nacht vier Postpferde zu bestellen. Dann schrieb ich an den Großherzog den Brief, den ich hier in wörtlicher Übersetzung mitteile: »Gnädiger Herr! Jupiter hat Ihnen den Blitz nur anvertraut, um ihn gegen die Schuldigen zu schleudern, und Sie sind ungehorsam gegen den Gott, indem Sie ihn auf mein Haupt schleudern. Vor sieben Monaten haben Sie mir versprochen, ich könnte bei Ihnen in vollem Frieden leben, vorausgesetzt, daß ich niemals die gute Ordnung der Gesellschaft störte und daß ich die Gesetze achtete; diese gerechte Bedingung habe ich gewissenhaft erfüllt; Sie aber, Kaiserliche Hoheit, haben Ihr Wort gebrochen. Ich schreibe Ihnen, gnädiger Herr, nur zu dem Zwecke, um Ihnen mitzuteilen, daß ich Ihnen verzeihe. Infolgedessen werde ich mich keinem Menschen gegenüber beklagen und werde Sie von Bologna, wo ich übermorgen sein werde, weder schriftlich noch mündlich der Ungerechtigkeit beschuldigen. Ich wünsche sogar, ich könnte diese Wunde, die Ihre Willkür meiner Ehre geschlagen hat, vergessen, aber ich möchte sie im Gedächtnis behalten, damit ich niemals wieder meinen Fuß auf den Boden setze, zu dessen Herrn Gott Sie gemacht hat. Der Auditore, der an der Spitze Ihrer Polizei steht, hat mir gesagt, ich könnte in Pisa mit Eurer Kaiserlichen Hoheit sprechen; aber ich habe gefürchtet, ein solcher Schritt von meiner Seite könne einem Fürsten allzu kühn erscheinen, der nach dem allgemein geltenden Rechte nicht nach ihrer Verurteilung mit den Menschen sprechen muß, sondern vor derselben. Ich bin usw.« Sobald ich mit meinem Brief fertig war, schickte ich ihn dem Auditore; dann begann ich, meine Koffer zu packen. Als ich mich zu Tische setzen wollte, sah ich Medini bei mir eintreten. Er schimpfte fürchterlich auf Zanowitsch und Zen, die an seinem Unglück schuld wären; denn nur wegen der zwölftausend Guineen, die sie dem Engländer abgewonnen hätten, müßte er Florenz verlassen, und nun weigerten sie sich, ihm hundert Zechinen zu geben, ohne die er doch nicht abreisen könnte. »Wir fahren alle nach Pisa,« sagte er zu mir, »und wir sind sehr erstaunt, daß Sie nicht ebenfalls hinfahren.« »Daß Sie überrascht sind, macht mich lachen,« rief ich lachend; »aber ich bitte Sie, mich allein zu lassen, denn ich muß meine Koffer packen.« Wie ich es erwartet hatte, bat er mich darauf, ihm Geld zu leihen; als ich dies aber auf die unzweideutigste Art abschlug, bestand er nicht länger darauf, sondern entfernte sich. Nach dem Essen verabschiedete ich mich von Herrn de' Medici und machte einen letzten Besuch bei Madame Denis. Sie wußte bereits die ganze Geschichte und schimpfte auf den Großherzog, von dem sie nicht begreifen konnte, wie er dazu käme, die Unschuldigen mit den Schuldigen zu verwechseln. Sie erzählte mir, daß nicht nur die Lamberti ebenfalls den Befehl zur Abreise erhatten hätte, sondern auch ein kleiner, buckeliger venetianischer Abbate, der die Tänzerin zu besuchen pflegte, aber niemals bei ihr soupiert hatte. Der Großherzog hatte offenbar mit allen Venetianern aufgeräumt, die sich damals in Florenz befanden. Auf dem Heimwege traf ich Lincolns Hofmeister, den ich vor elf Jahren in Lausanne kennen gelernt hatte. Ich erzählte ihm mit verächtlicher Miene, was mir begegnet war, weil sein Schüler sich von den Gaunern hatte ausbeuten lassen. Er sagte mir lachend, der Großherzog habe dem Lord mitgeteilt, er brauche die verlorene Summe nicht zu bezahlen; der Jüngling habe ihm jedoch antworten lassen, wenn er nicht bezahlte, würde er sich eine unanständige Handlungsweise zuschulden kommen lassen; denn das verlorene Geld sei geliehenes Geld, da er niemals auf Wort gespielt habe. Er konnte wohl den Verdacht hegen, daß Spieler und Darleiher unter einer Decke steckten, aber er hatte keine Gewißheit dafür. Meine Abreise von Florenz heilte mich von einer sehr unglücklichen Liebe, die ohne Zweifel verhängnisvolle Folgen gehabt haben würde, wenn ich mich nicht so plötzlich entfernt hätte. Ich habe die traurige Geschichte meinen Lesern erspart, weil ich auch jetzt nur mit einem Gefühl des Schmerzes mich ihrer erinnern kann. Die Witwe, die ich liebte, und der ich mich in meiner Schwachheit offenbart hatte, spannte mich nur deshalb vor ihren Triumphwagen, um mich nach Herzenslust demütigen zu können: sie verachtete mich und machte sich mit dem Stolz eines jungen Weibes ein Vergnügen daraus, mir dies zu zeigen. Ich wollte sie durchaus besiegen und bemerkte erst, als die Abwesenheit mich geheilt hatte, daß ich meine Zeit verloren haben würde. Ich hatte mich noch nicht mit dem Gedanken vertraut gemacht, daß das Alter kein junges Herz erweichen kann, besonders, wenn noch Armut dazu kommt. Das ist eine böse Erfahrung, die man jedoch unvermeidlich machen muß, wenn man nicht so weise ist, sich selber zur rechten Zeit richtig zu beurteilen. Ich verließ Florenz mit hundert Zechinen weniger als bei meiner Ankunft. Ich hatte immer verständig gelebt und niemals unnütz Geld ausgegeben. Am ersten Posthause auf päpstlichem Gebiet machte ich Halt, und am vorletzten Tage des Jahres stieg ich in Bologna im Gasthof San Marco ab. Mein erster Besuch galt dem florentinischen Geschäftsträger, Grafen Marulli. Ich bat ihn, Seiner Kaiserlichen Hoheit dem Groß- herzog zu schreiben, daß ich aus Dankbarkeit für meine Ausweisung es mir aller Orten zur Pflicht machen würde, seine Tugenden zu preisen. Da der Graf einen Brief erhalten hatte, der ihm die Geschichte in allen Einzelheiten mitteilte, so glaubte er nicht, daß meine Worte mit meinen Gedanken in Einklang ständen. »Sie können davon halten, was Sie wollen,« sagte ich zu ihm; »aber wenn Sie alles wüßten, so würden Sie sehen, daß ich Seiner Hoheit wirklich zu großem Dank verpflichtet bin, obwohl er sich allerdings nichts dabei gedacht hat.« Er versprach mir, seinem Herrn mitzuteilen, wie ich von ihm dächte und spräche. Am Neujahrstage 1772 stellte ich mich dem päpstlichen Legaten, Kardinal Brancaforte, vor; ich hatte ihn vor zwanzig Jahren in Paris kennen gelernt, als er von Benedikt dem Vierzehnten dorthin gesandt worden war, um den neugeborenen Herzog von Burgund die geweihten Windeln zu bringen. Wir waren in der Freimaurerloge zusammengetroffen; denn die Mitglieder des Heiligen Kollegiums, die gegen die Maurer donnern, wissen wohl, daß ihre Bannflüche nur den Schwachen gelten, die durch ein zu grelles Licht geblendet werden könnten. Wir hatten auch in Gesellschaft des Don Francesco Sensale und des Grafen Ranucci mit hübschen Sünderinnen feine Soupers veranstaltet und hatten uns diesen gegenüber als Sünder benommen. Mit einem Wort, dieser Kardinal war ein geistvoller Mensch und ein sogenannter Lebemann. »Ah, da sind Sie ja!« rief er, als er mich sah; »ich hatte Sie erwartet.« »Wie konnten Sie das, gnädiger Herr, da doch nichts mich verpflichtete, gerade nach Bologna zu gehen?« »Aus zwei Gründen: Erstens, weil Bologna besser ist als viele andere Orte; zweitens, weil ich mir schmeichelte, Sie würden an mich gedacht haben. Aber es ist nicht nötig, hier zu erzählen, was für einen Lebenswandel wir in unseren jungen Jahren führten.« »Die Erinnerung daran ist stets süß.« »Ganz gewiß. Graf Marulli sagte mir gestern, Sie halten große Lobreden auf den Großherzog; daran tun Sie recht. Unter uns gesprochen, – Sie können sich darauf verlassen, daß nichts über die Wände des Zimmers hinausdringen wird – wie viele von euch haben sich in die zwölftausend Guineen geteilt?« Ich erzählte ihm die Geschichte vollkommen wahrheitsgemäß und zeigte ihm schließlich die Abschrift des Briefes, den ich an den Großherzog geschrieben hatte. Er antwortete mir lachend, es tue ihm leid, daß ich unschuldig sei. Als er hörte, daß ich mich einige Monate in Bologna aufzuhalten gedächte, sagte er mir, ich könnte auf die größte Freiheit rechnen, und sobald der erste Lärm vorüber wäre, würde er mir seine Freundschaft durch die Tat beweisen. Nachdem ich diesen notwendigen Besuch erledigt hatte, richtete ich mich so ein, um in Bologna auf dieselbe Weise zu leben, wie ich es in Florenz getan hatte. Es gibt in ganz Italien keine Stadt, wo man freier leben könnte als in Bologna: die Lebensmittel sind gut und billig, und man kann sich mit geringen Kosten alle Freuden des Lebens verschaffen. Außerdem ist die Stadt schön, und fast alle Straßen sind mit Säulengängen eingefaßt – eine große Annehmlichkeit in einem Klima, wo die Hitze sich zuweilen mit großer Kraft fühlbar macht. Um die Gesellschaft kümmerte ich mich nicht. Ich kannte die Bolognesen: der Adel ist stolz, und seine Angehörigen sind schlau, unhöflich und gewalttätig; das niedere Volk, die sogenannten Birichini, taugt noch weniger als die Lazzaroni von Neapel, während die bürgerlichen Klassen, der Mittelstand, im allgemeinen sehr nette Leute sind. Es ist bemerkenswert, daß in Bologna und Neapel die beiden äußersten Schichten der Bevölkerung verdorben sind, während die mittleren Klassen in jeder Beziehung Achtung verdienen. In diesen Klassen finden sich denn auch, abgesehen von wenigen Ausnahmen, alle Tugenden, alles Können und Wissen. Übrigens kam es mir wenig auf den Charakter der Gesellschaft an, da ich die Absicht hatte, mich nur meinen Studien hinzugeben und meine Zeit mit einigen Gelehrten hinzubringen, deren Bekanntschaft überall leicht zu machen ist. Die Florentiner sind im allgemeinen unwissend in bezug auf ihre Sprache, obwohl man dort sehr gut spricht; diese Vollkommenheit ist jedoch kein Verdienst, und ich nenne einen jeden unwissend, der seine Sprache nicht ihrem Wesen nach kennt. In Bologna dagegen hat alles einen literarischen Anstrich. Die Universität hat dreimal soviel Professoren als irgendeine andere; aber sie führen alle ein kümmerliches Dasein, weil sie schlecht bezahlt werden. Es gibt Professoren, die nur fünfzig römische Taler im Jahr bekommen; diese halten sich an den sehr zahlreichen Studenten schadlos. Die Druckereien arbeiten billiger als anderswo, und die Presse ist trotz der Inquisition sehr frei. Vier oder fünf Tage nach mir kamen alle anderen Florentiner Verbannten in Bologna an. Die Lamberti reiste gleich nach Venedig weiter. Zanowitsch und Zen blieben fünf oder sechs Tage, aber sie wohnten nicht zusammen; denn sie hatten sich bei der Teilung des Raubes veruneinigt. Zanowitsch weigerte sich, einen von den Wechseln des jungen Lords an Zen zu girieren, weil er sich nicht der Gefahr aussetzen wollte, selber für die Summen Schuldner zu werden, wenn der Engländer nicht bezahlte. Er wollte nach England gehen, und stellte es Zen frei, sich ebenfalls dorthin zu begeben. Sie reisten nach Mailand, ohne sich geeinigt zu haben; die Mailänder Regierung befahl ihnen jedoch, die Lombardei zu verlassen, und ich habe nicht erfahren, wie sie sich geeinigt haben. Einige Zeit darauf hörte ich, daß die Wechsel des jungen Lords pünktlich bezahlt worden waren. Medini hatte immer noch kein Geld. Er war in demselben Gasthof abgestiegen, wo ich wohnte, und schleppte immer noch seine Geliebte, deren kleine Schwester und Mutter mit sich, hatte jedoch nur noch einen Bedienten. Er sagte mir, der Großherzog habe in Pisa niemanden anhören wollen; er habe abermals einen Ausweisungsbefehl erhalten und infolgedessen alles verkaufen müssen. Natürlich bat er mich dann wieder, daß ich ihm helfen möchte, aber vergeblich. Ich sah diesen Abenteurer niemals anders als in verzweifelter Stimmung wegen Geldmangels; trotzdem wollte oder konnte er sich niemals entschließen, seine Ausgaben zu mäßigen, sondern zog sich stets per fas et nefas aus der Schlinge. In Bologna hatte er das Glück, einen slavonischen Franziskanermönch, namens de Dominis, zu finden, der nach Rom ging, um vom Papst die Erlaubnis zu erwirken, Weltgeistlicher zu werden. Der Mönch verliebte sich in seine Geliebte, die ihm natürlich ihre Huld teuer bezahlen ließ. Nach drei Wochen reiste Medini ab. Er ging nach Deutschland, wo er seine Henriade drucken ließ, nachdem er im Kurfürsten von der Pfalz einen freigebigen Mäzen gefunden hatte. Hierauf irrte er noch ein Dutzend Jahre in allen Ländern Europas umher, um schließlich im Jahre 1788 in einem Londoner Gefängnis zu sterben. Ich hatte ihm stets gesagt, er solle England meiden, denn ich war gewiß, daß er dort dem Gefängnis nicht entgehen und daß er lebend nicht mehr herauskommen würde, wenn er einmal hinter Schloß und Riegel säße. Er hat meinen Rat verachtet, und wenn er dies getan hat, um mich Lügen zu strafen, so hat er unrecht gehabt, denn er hat mich zum Propheten gemacht. Medini war von vornehmer Geburt; er hatte eine gute Erziehung genossen und besaß Geist; da er jedoch arm war und gerne Geld ausgab, sich aber nur durch das Spiel halten konnte, so verbesserte er das Glück oder machte Schulden, die er niemals bezahlen konnte, die ihn folglich zwangen, überall die Flucht zu ergreifen, um nicht mit allen Gefängnissen Europas Bekanntschaft zu machen. So hat dieser Mensch siebzig Jahre lang gelebt, und er würde vielleicht noch leben, wenn er meinen Rat befolgt hätte. Vor acht Jahren erzählte Graf Tosio mir, er habe Medini in London im Gefängnis besucht, und der Narr habe ihm gesagt, er würde niemals nach England gegangen sein, wenn ich ihm nicht so grausam sein Unglück prophezeit und wenn er nicht Lust gehabt hätte, mich Lügen zu strafen. Er hatte sehr unrecht, und ich würde es für vernünftiger gehalten haben, wenn er mich innerlich für einen Lügner erklärt hätte, als daß er sich der Gefahr aussetzte, auf seine eigenen Kosten die Erfahrung zu machen, daß er recht hatte. Medinis Torheit soll mich nicht abhalten, jedem Unglücklichen, den ich am Rande eines Abgrundes sehe, einen guten Rat zu geben. Diesem Grundsatz folgend sagte ich vor zwanzig Jahren in Venedig dem Grafen Cagliostro, der sich Graf Pellegrini nennen ließ, und von dem ich damals nicht wußte, daß er ein abgefeimter Gauner war: er sollte sich hüten, Rom zu betreten. Wenn er mir geglaubt hätte, so wäre er nicht elendiglich in der Festung San Leone zugrunde gegangen. Ich habe nicht vergessen, daß vor dreißig Jahren ein Weiser mir sagte, ich sollte mich vor Spanien in acht nehmen. Trotz dem guten Rat reiste ich hin, und der Leser weiß, ob ich mich dessen zu freuen habe. Etwa eine Woche nach meiner Ankunft in Bologna machte ich beim Buchhändler Tarufi die Bekanntschaft eines jungen Abbaten, in dem ich binnen einer Viertelstunde einen geistreichen und geschmackvollen Gelehrten fand. Er schenkte mir zwei Hefte, die neuesten Geisteserzeugnisse zweier jungen Professoren von der Universität. Er sagte mir, ich würde beim Lesen lachen, und er hatte recht. Die eine dieser beiden Schriften suchte zu beweisen, daß man den Frauen alle ihre Fehler verzeihen müßte, weil für diese ihre Gebärmutter verantwortlich wäre, auf deren Antrieb sie unwillkürlich handelten. Die zweite Schrift war eine Kritik der ersten. Der Verfasser gab zu, daß allerdings der Uterus ein Tier für sich sei; aber er behauptete er übe keinen Einfluß auf die Vernunft des Weibes aus, denn die berühmtesten Anatomen hätten niemals auch nur die geringste Verbindung zwischen dem Behältnis des Fötus und dem Gehirn entdeckt. Ich bekam Lust, eine Streitschrift gegen diese beiden Abhandlungen drucken zu lassen, und ich verfaßte sie in drei Tagen. Als sie fertig war, schickte ich sie Herrn Dandolo, um fünfhundert Exemplare davon abziehen zu lassen. Ich empfing sie ohne Zeitverlust und gab sie einem Buchhändler, um sie auf meine Rechnung zu vertreiben; in weniger als vierzehn Tagen sah ich mich auf Kosten der beiden schöngeistigen Ärzte im Besitz von hundert Zechinen. Die erste von diesen beiden Schriften trug den Titel: L'utero pensante – der denkende Uterus. Die zweite Schrift, die Kritik der ersten, war französisch geschrieben und trug den Titel: La force vitale – die Lebenskraft. Ich betitelte die meinige: Lana caprina – Ziegenwolle. Ich behandelte den Stoff in scherzhafter Art, aber doch nicht ohne Tiefe, und machte mich über die beiden Doktoren lustig. Ich hatte eine französische Vorrede vorausgeschickt, die mit echt pariserischen Redensarten gespickt war, so daß sie für jeden unverständlich war, der nicht in der Riesenstadt gelebt hatte. Dieser Schelmenstreich verschaffte mir die Bekanntschaft vieler junger Leute. Durch den schielenden Abbaten, der Zacchierdi hieß, wurde ich mit dem Abbaten Severini bekannt, mit dem ich in etwa zehn oder zwölf Tagen vertraute Freundschaft schloß. Er veranlaßte mich, aus dem Gasthof auszuziehen, indem er mir zwei schöne Zimmer bei einer früheren Virtuosa verschaffte, der Witwe des Tenors Carlani, die sich von der Bühne zurückgezogen hatte. Mit einem Pastetenbäcker machte er für mich einen Vertrag wegen der Lieferung meines Mittag- und Abendessens, das mir ins Haus geschickt wurde. Dies alles, mit Einschluß eines Bedienten, den ich nehmen mußte, kostete mir nicht mehr als zehn Zechinen im Monat. Severini wurde die, übrigens sehr angenehme, Ursache, daß ich für den Augenblick meinen Geschmack an den Studien verlor. Ich ließ meine Iliade liegen, um sie wieder aufzunehmen, sobald ich Lust bekommen würde. Severini stellte mich seiner Familie vor, in der ich bald wie ein guter alter Freund verkehrte. Besonders gern hatte mich seine Schwester, dreißig Jahre alt, eher häßlich als hübsch, aber ein kluges Mädchen; da sie sich in die Notwendigkeit versetzt sah, sich ohne Mann zu behelfen, so spielte sie die Stolze, die die Ehe verachtete. Während der Fastenzeit verschaffte mir der Abbate die Bekanntschaft aller hübschen Tänzerinnen und Sängerinnen von Bologna. Bologna ist die Pflanzschule dieses Gezüchtes, und alle diese Theaterheldinnen sind sehr vernünftig und sehr billig zu haben, solange sie sich in ihrer Heimat befinden. Jede Woche machte mein gefälliger Abbate mich mit einer neuen bekannt. Wie ein wahrer Freund paßte er auf, daß ich nicht zu viel Geld ausgab. Da er arm war, so gab er selber nichts für die Partien aus, die er mit der Geschicklichkeit eines fürstlichen Günstlings zustande brachte; aber ohne ihn hätten diese Vergnügungen mir das Doppelte gekostet, und so fanden wir beide unsere Rechnung dabei. Ein bologneser großer Herr, der Marchese Albergati Capacelli, machte damals von sich reden. Er hatte dem Publikum sein Theater geschenkt und war selber ein sehr guter Schauspieler. Er hatte sich berühmt gemacht, indem er seine Ehe mit der Tochter eines sehr guten Hauses, die er nicht liebte, für nichtig erklären ließ, um eine Tänzerin zu heiraten, von der er bereits zwei Kinder hatte. Das Komische bei dieser Scheidung war, daß er sein Verlangen mit seiner angeblichen Impotenz begründete und daß er sie sogar bewiesen hatte, indem er sich dem sogenannten Congresso unterwarf, einem ebenso barbarischen wie lächerlichen Gebrauch, der noch jetzt in dem größten Teil von Italien in Kraft ist. Vier erfahrene, gerechte und unbestochene Richter nahmen mit dem völlig entkleideten Marchese alle Handlungen vor, die sie für geeignet hielten, um eine Erektion bei ihm hervorzubringen. Er bestand alle Proben und wußte in vollkommener Nullität zu verharren; die Ehe wurde daher wegen relativer Impotenz für nichtig erklärt, denn man wußte, daß er Kinder hatte. Hätte man sich nicht an das alte Vorurteil gekehrt, sondern die Vernunft zu Rate gezogen, so würde man einen anderen Spruch gefällt haben; denn welchen Zweck hatte der Congresso, wenn die relative Impotenz genügend war, um auf Nichtigkeit der Ehe zu erkennen? Es hätte genügen müssen, wenn der Marchese geschworen hätte, daß er bei seiner Frau ohnmächtig wäre; hätte die Signora dies nicht zugeben wollen, so hätte der Marchese sie auffordern können, ihn eigenhändig in einen Zustand zu versetzen, der ihr recht gegeben hätte. Aber es sind Jahrhunderte nötig, um Bräuche zu zerstören, die auf leeren Vorurteilen beruhen. Ich war neugierig, dieses Original kennen zu lernen, und schrieb an Herrn Dandolo, er möchte mir einen Empfehlungsbrief an den Marchese besorgen. Acht Tage darauf empfing ich von meinem guten alten Freunde den gewünschten Brief. Er war von einem guten Freunde Albergatis, einem edlen Venetianer, namens Zaguri. Da der Brief nicht versiegelt war, so las ich ihn und war sehr befriedigt davon; denn unmöglich konnte man eine Person besser empfehlen, die man selber nicht kennt, die einem aber durch einen guten Freund empfohlen ist. Ich glaubte Herrn Zaguri einen Danksagungsbrief schreiben zu sollen, worin ich zum Ausdruck brachte, daß sein Schreiben in mir den lebhaftesten Wunsch erweckt hätte, meine Begnadigung zu erlangen, um Gelegenheit zu haben, den edlen Herrn, der zu meinen Gunsten einen so schönen Brief geschrieben, persönlich kennen zu lernen. Ich erwartete keine Antwort, aber ich empfing eine, worin Herr von Zaguri mir sagte, er finde meinen Wunsch so schmeichelhaft, daß er sich bemühen werde, mir Vergebung für das Vergangene und Erlaubnis der Rückkehr in mein Vaterland zu erwirken. Wie man sehen wird, gelang ihm dies, jedoch erst nach zweieinhalbjähriger Bemühung und mit der Unterstützung einiger mächtiger Freunde. Albergati war von Bologna abwesend: sobald jedoch Severini mir seine Rückkehr mitteilte, begab ich mich nach seinem Palazzo. Der Türsteher sagte mir, Seine Exzellenz – diesen Titel beanspruchen in Bologna alle Edelleute – habe sich nach seinem Landsitz begeben und werde dort das ganze Frühjahr verbringen. Zwei oder drei Tags später nahm ich Postpferde und fuhr in meinem eigenen Wagen nach der Villa des hohen Herrn hinaus. Ich fand einen sehr hübschen Landsitz. Da niemand an der Tür war, so ging ich die Treppe hinauf und trat in einen Saal ein, wo ich einen Herrn und eine sehr hübsche Dame erblickte, die sich gerade zu Tisch setzen wollten. Das Essen war angerichtet, und es waren nur zwei Gedecke aufgelegt. Nachdem ich eine sehr höfliche Verbeugung gemacht hatte, fragte ich den Herrn, ob ich die Ehre hätte, mit dem Herrn Marchese Albergati zu sprechen. Auf seine bejahende Antwort hin überreichte ich ihm den Brief, den ich bei mir hatte. Er nahm ihn, las die Aufschrift, steckte ihn in seine Tasche und sagte, er danke mir, daß ich mir die Mühe gemacht habe, ihm den Brief zu überbringen; er werde nicht verfehlen, ihn zu lesen. »Es hat mir durchaus keine Mühe gemacht, Ihnen diesen Brief zu bringen, den ich Sie zu lesen bitte. Er ist vom Herrn von Zaguri, den ich darum gebeten habe, da ich die Ehre zu haben wünschte, die Bekanntschaft des Herrn Marchese zu machen.« Er antwortete mir mit einem liebenswürdigen Lachen, er lese niemals Briefe, wenn er sich zu Tische setze; er werde den Brief nach Tisch lesen und die Befehle ausführen, die sein Freund Zaguri ihm gebe. Dieses ganze kleine Gespräch führten wir im Stehen; es nahm weniger Zeit in Anspruch, als ich gebraucht habe, um es niederzuschreiben. Da nichts mehr zu sagen war, so fand ich das Benehmen des Herrn sehr unpassend, ging, ohne zu grüßen, hinaus und die Treppe hinunter. Ich kam gerade noch zur rechten Zeit, um den Postillon davon abzuhalten, daß er seine Pferde ausspannte. Ich sagte ihm mit lachender Miene, indem ich ihm ein doppeltes Trinkgeld versprach, er möchte mich nach irgendeinem Dorf fahren; ich wünschte zu frühstücken, und er könnte dort seine Pferde ausruhen lassen. Im Augenblick, wo ich in meinen sehr hübschen und sehr bequemen Wagen einstieg und der Postillon sich zu Pferde setzen wollte, sah ich einen Bedienten herbeieilen; er trat sehr höflich an den Wagenschlag und sagte mir, Seine Exzellenz lasse mich bitten, nach oben zu kommen. Ich fand, daß der dumme Marchese sehr schlecht Komödie spielte, zog eine Karte mit meinem Namen und meiner Adresse aus der Tasche und gab diese dem Bedienten, indem ich ihm sagte, dies sei, was sein Herr wünsche. Zugleich befahl ich dem Postillion, im Galopp abzufahren. Eine halbe Stunde von der Villa hielten wir bei einem guten Gasthof an; hierauf fuhren wir nach Bologna zurück. Am selben Tage noch berichtete ich Herrn von Zaguri ganz ausführlich über den Empfang, der mir zuteil geworden war, und über meine Abfahrt. Ich schickte meinen Brief offen an Herrn Dandolo mit der Bitte, ihn abzugeben. Ich schloß meinen Brief, indem ich den edlen Venetianer bat, dem Bolognesen zu schreiben, daß ich mich beleidigt fühlte, und daß er es mir nicht übel nehmen könnte, wenn ich meinen berechtigten Ärger nach allen Regeln der Ehre an ihm ausließe. Ich mußte herzlich lachen, als ich am nächsten Tage nach Hause kam und meine Wirtin mir eine Visitenkarte übergab, worauf ich las: General Marchese d' Albergati. Sie sagte mir, der Herr habe ihr die Karte persönlich übergeben, nachdem er gehört habe, daß ich nicht zu Hause sei. Ich fühlte mich durch diese Genugtuung keineswegs zufriedengestellt, sondern wartete auf den Erfolg des Briefes, den ich an Herrn Zaguri geschrieben hatte, um mich dann erst zu entschließen, welche Art von Genugtuung ich zu fordern hätte. Ich betrachtete die Karte, die der täppische Marchese mir dagelassen hatte, und konnte nicht begreifen, wie er dazu kam, sich den Generalstitel beizulegen. Während ich darüber nachgrübelte, kam mein lieber Severini; dieser sagte mir, der Marchese habe vor drei Jahren vom König von Polen den Stanislaus-Orden und den Kammerherrntitel erhalten. »Aber ist er denn auch General im Dienste dieses Fürsten?« »Ich bezweifle es; indessen weiß ich nichts Gewisses.« Ah! Ich errate es! sagte ich bei mir selber: In Polen hat ein Kammerherr den Rang eines Generaladjutanten. Darum nennt der Marchese sich General! Ich war entzückt, mich rächen zu können, indem ich den Mann lächerlich machte. Ich schrieb ein Gespräch in burleskem Stil und ließ es am nächsten Tage drucken. Die ganze Auflage schenkte ich meinem Buchhändler, und dieser verkaufte in drei oder vier Tagen sämtliche Exemplare zu einem Bajocco das Stück. Dreiundzwanzigstes Kapitel Die Kurfürstin-Witwe von Sachsen und Farinello. – Die Slopitz. – Nina. – Die Hebamme. – Die Soavi. – Abbate Bolini. – Die Viscioletta. – Der Wagen. – Trauriges Vergnügen einer Rache. – Severini geht nach Neapel. – Meine Abreise. – Marchese Mosca in Pesaro. Wer mit satirisch-komischen Schriften einen Stolzen angreift, ist fast immer des Triumphes sicher, denn er wird stets die Lacher auf seiner Seite haben. Ich fragte in meinem Dialog, ob ein Maréchal de camp sich ganz einfach Maréchal nennen kann oder ein Oberstleutnant Oberst? Ich fragte, ob man einen Mann für vernünftig halten könne, der seinem Geburtsadel Titel vorziehe, die er mit klingendem Gold gekauft habe? Der Marchese glaubte, sich über meinen Dialog hinwegsetzen zu können, und damit hatte die Angelegenheit ein Ende. Aber seit dieser Zeit nannte ihn die ganze Stadt nur noch: Herr General. Er hatte über der Tür seines Palazzo das Wappen der königlichen Republik Polen anbringen lassen; zur großen Erheiterung des polnischen Gesandten in Berlin, Grafen Miszynski, der zu jener Zeit von den Bädern in Pisa zurückkehrte und über Bologna fuhr. Ich erzählte dem edlen Polen meinen kleinen Streit mit dem verrückten Herrn und überredete ihn, in seinem Palazzo eine Visitenkarte mit Titel und Würden abzugeben. Der Gesandte hoffte einen Spaß zu erleben und folgte meinem Rate; Albergati erwiderte den Besuch, aber auf der Karte, die er zurückließ, war der Generalstitel verschwunden. Die Kurfürstin-Witwe von Sachsen kam nach Bologna, und ich beeilte mich, ihr meine Aufwartung zu machen. Die Fürstin kam nur, um den berühmten Kastraten Farinello zu besuchen, der den Hof von Madrid verlassen hatte, um in Ruhe und Reichtum in Bologna zu leben. Er gab der Kurfürstin ein prachtvolles Frühstück und sang eine von ihm selbst komponierte Arie zu eigenhändiger Klavierbegleitung. Die Kurfürstin, eine begeisterte Musikfreundin, umarmte den Kastraten und rief: »Jetzt kann ich ruhig sterben!« Farinello, genannt Ritter Don Carlo Broschi, hatte sozusagen in Spanien regiert. Die Königin Elisabeth von Parma, Philipps des Fünften Gemahlin, hatte Kabalen angezettelt, wodurch Broschi genötigt wurde, den Hof zu verlassen, nachdem Encenade in Ungnade gefallen war. Beim Anblick eines Bildes der Königin, die von Amigoni in ganzer Figur dargestellt war, sprach die Kurfürstin einige Worte zu ihrem Lobe und erwähnte dabei eines Vorfalles, der sich unter der Herrschaft Ferdinands des Sechsten zugetragen hatte. Der herrliche Sänger brach in Tränen aus, die er vergeblich zurückzuhalten suchte, und sagte, die Königin Barbara sei ebenso gut, wie Elisabeth von Parma böse gewesen sei. Broschi mochte etwa siebzig Jahre alt gewesen sein, als ich ihn in Bologna sah. Er war sehr reich, erfreute sich einer guten Gesundheit und war trotzdem unglücklich, da er nichts zu tun hatte und sich stets unter Tränen nach seinem geliebten Spanien sehnte. Der Ehrgeiz ist eine viel größere Leidenschaft als der Geiz. Farinello war übrigens auch aus einem anderen Grunde unglücklich, der, wie man mir gesagt hat, die Ursache seines Todes wurde: Er hatte einen Neffen, der einmal alle seine Reichtümer erben sollte. Er verheiratete diesen mit einem adeligen Fräulein aus Toskana und fühlte sich glücklich, in der Hoffnung daß dank seinem großen Vermögen sein Geschlecht einer adeligen Familie entsprießen würde, wenn auch erst in der zweiten Generation. Aber anstatt ihn glücklich zu machen, wurde diese Heirat ihm lediglich zur Qual; denn trotz seinem Alter und seiner Impotenz verliebte er sich unglücklicherweise in seine Nichte und war eifersüchtig auf seinen Neffen. Um sein Mißgeschick voll zu machen, war er dem Gegenstand seiner Wünsche ekelhaft; denn seine Nichte konnte nicht begreifen, wie ein altes Tier seiner Art hoffen konnte, einem Gatten vorgezogen zu werden, den sie liebte, und der doch ein wirklicher Mann war. In seinem Zorn gegen die junge Frau hatte Farinello seinen Neffen auf Reisen geschickt, und da er von ihr nicht die geringste Gefälligkeit erlangen konnte, so tyrannisierte er sie und ließ sie nicht eine Minute aus den Augen. Wenn ein Combabus eine Frau liebt, die ihn verachtet, so wird er zum Tiger. Lord Lincoln kam mit einer Empfehlung an den Kardinal-Legaten nach Bologna, und der Prälat gab ihm ein Diner, zu dem auch ich die Ehre hatte, eingeladen zu werden. Er hatte das Vergnügen, sich zu überzeugen, daß ich noch niemals mit dem Engländer zusammengewesen war, daß also der Großherzog eine himmelschreiende Ungerechtigkeit begangen hatte, indem er mich ausweisen ließ. Bei dieser Angelegenheit erfuhr ich aus dem Munde des Lords, wie man ihn in die Falle gelockt hatte; aber er sagte durchaus nicht, daß man ihn betrogen hätte. Ein Engländer ist zu stolz, um einzugestehen, daß man ihn hat betrügen können. Er versicherte mir, daß er aus eigenem Antriebe zu spielen aufgehört habe. Der junge Lord starb drei oder vier Jahre später in London an den Folgen seiner Ausschweifungen. In Bologna sah ich damals auch den Engländer Acton mit der schönen Slopitz, der Schwester der reizenden Callimene. Sie hatte von Acton zwei Kinder, die so schön waren wie Raffaelsche Engel. Ich sprach mit ihr von ihrer Schwester, und an der Begeisterung, womit ich sie pries, merkte sie, daß ich sie geliebt hatte. Sie sagte mir, sie werde während des Karnevals 1775 in Florenz sein; ich habe sie erst im Jahre 1776 in Venedig gesehen und werde noch Gelegenheit haben, von ihr zu sprechen. Die Nina, die verhängnisvolle Nina Bergonci, die dem Grafen Ricla den Kopf verdreht hatte und an allem Unglück schuld war, das mir in Bologna widerfahren war – Nina befand sich seit Beginn der Fastenzeit in Bologna und bewohnte ein schönes Haus, das sie gemietet hatte. Sie hatte einen unbegrenzten Kreditbrief bei einem Bankier, besaß Equipagen und zahlreiche Dienerschaft und behauptete, vom Generalkapitän Kataloniens schwanger zu sein. Daraufhin verlangte sie von den guten Bolognesen dieselben Ehren, die man etwa einer regierenden Fürstin erwiesen hätte, welche ihre Niederkunft dort abzuwarten gedächte. Sie war ganz besonders an den Kardinal-Legaten empfohlen, und dieser besuchte sie oft in tiefstem Inkognito. Als die Zeit ihrer Niederkunft sich näherte, kam ein Vertrauensmann des Grafen Ricla, ein gewisser Don Martino mit einer Vollmacht des verrückten Spaniers, den die Spitzbübin seit so langer Zeit betrog, nach Bologna. Er hatte Auftrag, das Kind taufen zu lassen, und es als natürliches Kind des Grafen Ricla anzuerkennen. Nina renommierte mit ihrer Schwangerschaft, zeigte sich im Theater und auf der Promenade mit einem ungeheuer dicken Leib und ließ sich rechts und links von den vornehmsten Bolognesern den Arm reichen. Diese machten ihr heldenmütig den Hof, und sie sagte ihnen oft, sie würde sie jederzeit empfangen, aber sie müßten auf ihrer Hut sein, denn sie könnte nicht dafür bürgen, daß Graf Ricla in seiner unduldsamen Eifersucht sie nicht durch einen Dolchstoß aus der Welt schaffen ließe. Sie erzählte ihnen in schamloser Weise, wie es mir in Barcelona ergangen wäre. Sie wußte nicht, daß ich damals in Bologna war und war sehr überrascht, als Graf Zini, der mich kannte, ihr sagte, daß ich mich in derselben Stadt aufhielte. Graf Zini begegnete mir eines Nachts auf der Promenade der Montagnola, redete mich an und fragte mich, ob die Geschichte von Barcelona, wie Nina sie erzählte, wahr wäre. Da ich keine Lust hatte, den Grafen Zini ins Vertrauen zu ziehen, so sagte ich ihm, die Erzählung der Nina, die ich gar nicht kenne, sei ein Märchen, das sie ohne Zweifel nur vorgebracht habe, um zu sehen, ob er den Mut haben würde, ihr einen großen Beweis seiner Liebe zu geben und sein Leben einer großen Gefahr auszusetzen. Dem Kardinal gegenüber verhielt ich mich anders: als er mir diese Geschichte erzählte, die er von der hinterlistigen Nina selbst gehört hatte, gestand ich ihm alles, was in Barcelona vorgefallen war. Seine Eminenz war sehr erstaunt, als ich ihm alle Ausschweifungen des schamlosen Weibes schilderte und ihm sagte, daß sie die Tochter ihrer Schwester und ihres Großvaters sei. »Ich wette,« sagte ich zu ihm, »diese schamlose Nina ist so wenig schwanger wie Eure Eminenz.« »O! Das wäre aber doch ein bißchen zu stark!« versetzte der Legat, laut auflachend, »warum wollen Sie sie denn nicht für schwanger halten? Es wäre doch nichts natürlicher; denn sie ist ein famoses Weib. Es ist wohl möglich, daß sie nicht von Ricla schwanger ist; aber schwanger ist sie, und zwar steht sie vor ihrer Niederkunft. Es kann gar nicht anders sein; denn, zum Donnerwetter, sie muß ja doch ein Kind kriegen!« »Ja, wenn sie schwanger ist.« »Aber ich sehe nicht, welche Notwendigkeit für sie vorliegt, sich schwanger zu stellen.« »Keine andere, gnädiger Herr, als der Wunsch, sich berühmt zu machen, indem sie den Grafen Ricla bloßstellt, der ein Muster von Gerechtigkeit und Tugend war, bevor er diese Messalina kennen lernte. Wenn Eure Eminenz den abscheulichen Charakter der Nina kennten, würden Sie alles ganz einfach finden.« »Nun, wir werden ja sehen.« »Allerdings.« Acht Tage nach diesem Gespräch, hörte ich eines Morgens gegen elf Uhr einen lauten Lärm auf der Straße. Ich sah zum Fenster hinaus und erblickte eine bis zum Gürtel herunter nackte Frau, die auf einem Esel festgebunden war und vom Henker mit Ruten gepeitscht wurde. Sie war von vielen Sbirren umringt, und es folgten ihr alle Birichini von Bologna und freuten sich mit unendlichem Gebrüll des schönen Festes. Severini, der im selben Augenblick bei mir eintrat, sagte mir, die so schlecht behandelte unglückliche Frau sei die berühmteste Hebamme von Bologna; die Exekution finde auf Befehl des Kardinals statt; den Grund wisse man noch nicht, werde ihn aber bald erfahren. »Eine solche Strafe«, sagte ich zu ihm, »kann nur wegen irgendeines großen Verbrechens stattfinden.« »Ganz gewiß. Es ist dieselbe Hebamme, die vorgestern die Nina entbunden hat.« »Wie? Nina ist wirklich entbunden?« »Ja, aber von einem toten Kinde.« »Aha! Ich verstehe.« Am nächsten Morgen erfuhr die ganze Stadt folgendes: Eine arme Frau war zum Erzbischof gekommen und hatte sich bitterlich beklagt, daß die Hebamme Teresa sie verführt habe. Sie habe ihr zwanzig Zechinen versprochen, wenn sie ihr einen schönen Knaben überlassen wolle, den sie vor vierzehn Tagen zur Welt gebracht habe. Sie hatte die versprochene Summe nicht erhalten, und voller Verzweiflung, an dem Tode ihres Kindes schuld zu sein, verlangte sie Gerechtigkeit und erbot sich zu beweisen, daß das tote Kind, das die Nina geboren haben sollte, dasselbe wäre, das sie der niederträchtigen Teresa anvertraut hätte. Der Erzbischof befahl seinem Kanzler, im größten Geheimnis den Tatbestand festzustellen, und ließ die Verbrecherin nach summarischem Urteil sofort bestrafen gemäß der lex Valeria, quae punire permittit deinde scribere . Acht Tage nach diesem Skandal reiste Don Martino nach Barcelona zurück; die schamlose Nina ließ sich die ganze Sache nicht anfechten: sie ließ ihre Bedienten doppelt so große Kokarden tragen und machte bekannt, daß Spanien sie für die verleumderische Beleidigung rächen werde, die der Kardinal-Erzbischof ihr angetan habe. Sie blieb noch sechs Wochen in Bologna, angeblich krank, um ihre Rolle als Kindsbetterin durchzuführen. Der Kardinal-Legat schämte sich, daß er eine solche schamlose Vettel hatte begünstigen können, und ergriff im geheimen alle erforderlichen Maßnahmen, um sie zur Abreise zu zwingen. Graf Ricla wurde bis zum letzten Augenblick von seiner Leidenschaft beherrscht; er setzte der Nina ein beträchtliches Jahrgeld aus, unter der Bedingung, daß sie sich niemals wieder in Barcelona sehen ließe. Einige Monate später wurde er zum Kriegsminister ernannt; er starb aber schon nach einem Jahre. Nina überlebte ihn nur um ein Jahr; sie starb an den Folgen ihrer Ausschweifungen im tiefsten Elend. Ihre Mutter und Schwester, die ich später in Venedig traf, erzählte mir die Geschichte der beiden letzten Lebensjahre ihrer Tochter; diese Geschichte ist jedoch so traurig und ekelhaft, daß ich mich für verpflichtet halte, meine künftigen Leser damit zu verschonen. Der schrecklichen Hebamme fehlte es übrigens nicht an Beschützern. Es erschien eine Flugschrift, deren Verfasser ebensowenig wie ihr Drucker entdeckt werden konnte; in dieser wurde behauptet, der Kardinal-Erzbischof verdiene Strafe, weil er eine Bürgerin unter Verletzung aller Formen des Kriminalprozesses zur schimpflichsten Strafe verurteilt habe. Infolgedessen sei die Frau, selbst wenn man ihre Schuld zugeben wolle, ungerecht verurteilt worden; sie könne in Rom Berufung einlegen und vom Erzbischof eine sehr bedeutende Entschädigung verlangen. Der Prälat fühlte die volle Berechtigung der in dieser Schrift gegen ihn erhobenen Beschwerden; aber er ließ eine Erklärung in Umlauf setzen, worin er sagte: die Hebamme, die er nur mit Rutenstreichen hätte bestrafen lassen, würde vom Gericht dreimal zum Galgen verurteilt worden sein; ihn hätte jedoch die Rücksicht auf die Ehre dreier erlauchter Bologneser Familien davon abgehalten, ihre Verbrechen bekannt werden zu lassen, die durch ein vollständiges Gerichtsverfahren mit aller Bestimmtheit festgestellt worden wären; die Akten darüber befänden sich in seiner Kanzlei. Es handelte sich um gewaltsame Abtreibungen, an denen die schuldigen Mütter gestorben waren. Lebende Kinder waren totgeborenen untergeschoben; ein Knabe war für ein Mädchen untergeschoben und befand sich jetzt sehr ungerechterweise im Besitz des gesamten Familienvermögens. Diese Erklärung brachte alle Beschützer der niederträchtigen Hebamme zum Schweigen; denn mehrere junge Herren, deren Mütter von ihr entbunden worden waren, fürchteten Geheimnisse zu entdecken, die sie in eine peinliche Lage gebracht haben würden. Ich sah in Bologna die Tänzerin Marcucci, die kurze Zeit nach meiner Abreise aus Spanien ebenfalls ausgewiesen worden war, und zwar aus demselben Grunde wie die Pelliccia. Diese hatte sich in Rom niedergelassen. Die Marcucci begab sich nach ihrer Vaterstadt Lucca, um dort fortan in Reichtum zu leben. Ich hatte die Tänzerin Soavi von Bologna in Parma gekannt, als ich dort mit meiner Henriette glücklich lebte: später in Paris, wo sie Tänzerin bei der Oper war, und von einem vornehmen Russen unterhalten wurde; und schließlich in Venedig, wo sie die Geliebte des Herrn von Marcello war. Während ich mich in Bologna aufhielt, ließ sie sich dort mit ihrer elfjährigen Tochter nieder, die sie von Herrn von Marygny hatte. Diese Tochter, Adelaida genannt, war von seltener Schönheit und besaß alle Reize und Talente, die bei einer glücklichen Anlage die sorgfältigste Erziehung zu entfalten vermag. In Bologna fand die Soavi ihren Mann vor, den sie seit fünfzehn Jahren nicht gesehen hatte. »Sieh!« sagte sie zu ihm, indem sie ihm ihre Tochter zuführte; »ich schenke dir diesen Schatz.« »Sie ist ein hübsches Mädchen, liebe Frau; aber was soll ich mit ihr anfangen? Sie gehört mir ja nicht.« »Sie gehört dir; denn ich schenke sie dir. Sie hat sechstausend Franken Rente, und ich bin ihre Kassiererin bis zu dem Tage, wo ich sie mit einem guten Tänzer verheiraten werde; denn ich wünsche, daß sie den Charaktertanz lernt und daß die Welt sie auf der Bühne sieht. An Sonn- und Feiertagen wirst du mit ihr spazieren gehen.« »Und wenn man mich fragt, wer sie ist?« »Dann sagst du, sie sei deine Tochter, und du seiest dessen gewiß, denn deine Frau habe sie dir geschenkt.« »Das alles verstehe ich nicht.« »Das kommt davon, mein lieber Freund, daß du ein großer Ignorant bist, weil du niemals auf Reisen warst.« Ich war bei diesem eigentümlichen Zwiegespräch zugegen und mußte herzlich darüber lachen, wie ich noch jetzt beim Niederschreiben darüber gelacht habe. Ich war von diesem wirklich köstlichen Juwel ganz entzückt und bot der Mutter an, die Talente des schönen Kindes zu vermehren; aber die Soavi antwortete mir lächelnd: »Fuchs, du hast in deinem Leben zu viel Hühnchen verspeist, als daß ich dir dieses anvertrauen möchte; ich müßte befürchten, daß du die Talente meines Kindes zu früh entwickeltest.« »Das war nicht meine Absicht; aber du hast recht.« Adelaida wurde von ganz Bologna wie ein Wunder angestaunt. Ein Jahr nach meiner Abreise kam der Graf Dubarry, der Schwager der berüchtigten Geliebten Ludwig des Fünfzehnten, auf der Durchreise nach Bologna. Er verliebte sich so leidenschaftlich in Adelaida, daß ihre Mutter sie aus der Stadt entfernte, weil sie befürchtete, daß er sie entführen würde. Dubarry bot ihr hunderttausend Franken; sie schlug sie aus. Fünf Jahre später sah ich Adelaida in Venedig auf der Bühne wieder. Als ich sie aufsuchte, um ihr mein Kompliment zu machen, benutzte das reizende Mädchen einen unbewachten Augenblick, um mir zu sagen: »Meine Mutter, die mich zur Welt gebracht hat, will mich auch aus der Welt schaffen; denn ich fühle, daß das Tanzen mich tötet.« Diese schöne Blume welkte wirklich dahin. Adelaida übte nur sieben Jahre lang den anstrengenden Beruf aus, den sie auf Verlangen ihrer Mutter hatte ergreifen müssen. Die Soavi war nicht so vorsichtig gewesen, die Jahresrente von sechstausend Franken, die der Vater ausgesetzt hatte, nicht nur auf Adelaida, sondern auch auf sich selber übertragen zu lassen. Mit dem Tode ihrer Tochter verlor sie alles; sie starb in bitterer Armut, nachdem sie sich im Golde gewälzt hatte. Leider bin ich nicht berechtigt, ihr Vorwürfe zu machen. Ich sah in Bologna den berüchtigten Afflisio, der aus dem kaiserlichen Dienst ausgestoßen worden war. Er war Theaterdirektor geworden. Von Stufe zu Stufe sinkend beging er, fünf oder sechs Jahre später, Fälschungen, die ihn auf die Galeren brachten. Dort ist er gestorben. « Meine besondere Teilnahme erregte in Bologna ein Mann, der einer hohen Familie entstammte und als Erbe großen Reichtums geboren war. Es war der Graf Filomarino. Er befand sich im tiefsten Elend und war infolge von Geschlechtskrankheiten an allen Gliedern gelähmt. Ich besuchte ihn ziemlich oft, um ihm ein paar Geldstücke zuzustecken und das menschliche Herz zu studieren, indem ich seine boshafte Zunge, das einzige Glied, das die Pest verschont hatte, ihre Bemerkungen machen ließ. Der Mann war ein Schurke und ein Verleumder. Er war wütend, daß er nicht imstande war, nach Neapel zu gehen und seine Verwandten umzubringen. Diese waren sehr ehrenwerte Leute, aber in seinen Augen Ungeheuer. Die Tänzerin Sabbattini kehrte nach Bologna zurück; sie war reich genug, um auf ihren Lorbeeren ausruhen zu können, und gab all ihr Hab und Gut einem Professor der Anatomie, der sie heiratete. Ich fand bei ihr ihre Schwester, die weder talentvoll noch reich, aber sehr angenehm war. Bei ihr lernte ich einen Abbate kennen, dessen schönes Gesicht die Aufmerksamkeit dieser Schwester gefesselt hatte; er war ein Muster von Bescheidenheit und schien ihre Liebe nur aus Dankbarkeit zu erwidern. Als ich irgendeine Bemerkung an diesen bescheidenen Adonis richtete, antwortete er mir sehr verständig, aber in jenem Tone des Zweifels, der immer einen guten Eindruck macht. Da wir uns zusammen entfernten, gingen wir ein Stück Weges miteinander. Im Laufe des Gespräches erzählten wir uns gegenseitig, woher wir stammten und was uns in Bologna interessierte. Beim Abschied versprachen wir uns, uns wiederzusehen. Dieser Abbate, der vierundzwanzig oder fünfundzwanzig Jahre alt war, hatte noch nicht die Priesterweihe empfangen; er war der einzige Sohn einer adligen Familie in Novara, die unglücklicherweise nicht reich war. Da er nur ein schmales Einkommen hatte, so lebte er bequemer in Bologna als in Novara, wo die Lebensmittel teurer sind. Außerdem langweilte ihn dort alles, seine Verwandten waren ihm lästig, und es herrschte dort eine allgemeine Unwissenheit. Der Abbate von Bollini, so hieß er, war von ruhigem Geist, er liebte den Frieden und die Freiheit; alles andere interessierte ihn nur in sehr bescheidenem Maße. Er liebte die wissenschaftlich Gebildeten mehr als die Wissenschaften selber und machte keinen Anspruch darauf, für einen Mann von Geist zu gelten. Es genügte ihm, daß er nicht dumm war und daß die Gelehrten, mit denen er zuweilen zusammenkam, ihn nicht für unwissend hielten; denn er besaß die Gabe des Zuhörens. Bollini war nicht nur der Verhältnisse wegen, sondern auch seiner Naturanlage nach ein Mann von mäßigen Gewohnheiten. Er suchte keinen Ruhm darin, Freigeist zu sein; denn er sprach niemals über Religion; er war infolge seiner Erziehung ein guter Christ, aber er nahm keinen Anstoß an einem freien Wort. Da er gutmütig war, so war er nicht eben zur Kritik geneigt, die ja fast immer boshaft ist; er lobte selten und tadelte niemals. In bezug auf die Weiber war er fast völlig gleichgültig; er vermied die Häßlichen und Langweiligen, ließ aber solche, die er hübsch fand, nicht lange schmachten, wenn sie sich in ihn verliebten. Er war aber mehr aus Dankbarkeit gefällig, niemals aus Liebe; denn er war so veranlagt, daß nach seiner Meinung die Frauen das Glück des Lebens eher verminderten als vermehrten. Diese Charakteranlage interessierte mich ganz besonders an dem jungen Manne. Wir verkehrten ungefähr seit drei Wochen miteinander, als wir eines Tages uns über seine Ansichten über das schönere Geschlecht unterhielten. Ich nahm mir die Freiheit, ihn zu fragen, wie er diese mit seinem Verhältnis zu Fräulein Brigida Sabbattini vereinbaren könne. Er speiste jeden Abend bei mir, und sie kam jeden Morgen zu ihm, um mit ihm zu frühstücken. Wenn ich ihn besuchte, fand ich entweder das Fräulein schon bei ihm, oder sie kam jedenfalls sehr bald. Sie war stets zufrieden und anständig, aber man merkte ihr ihre Liebe an jedem Blick, an jeder Bewegung an; dagegen entdeckte ich bei dem Abbate nur Gefälligkeit und eine gewisse Verlegenheit, die sich trotz aller seiner Höflichkeit nicht verbergen ließ. Brigida war zwar noch recht hübsch, aber mindestens zehn Jahre älter als der Abbate. Sie behandelte mich mit großer Zuvorkommenheit; sie wollte mich nicht in sie verliebt machen, wohl aber mich überzeugen, daß der Abbate glücklich war, wenn er ihr Herz besaß, und daß sie der Erwiderung würdig war. Als ich eines Tages mit dem Freimut, den eine Flasche guten Weines einem teilnehmenden Freunde gegenüber einflößt; beim Nachtisch Bollini nach der Art seines Verhältnisses zu Brigida fragte, da lächelte, seufzte, errötete er, schlug die Augen nieder und sagte mir, dieses Verhältnis sei das Unglück seines Lebens. »Das Unglück Ihres Lebens? Läßt sie Sie etwa vergebens schmachten? Dann müssen Sie sie verlassen, damit Sie Ihr Glück wiederfinden.« »Ich kann nicht vergeblich schmachten, denn ich bin nicht in sie verliebt. Sie aber ist in mich verliebt, gibt mir alle Beweise davon und bedroht meine Freiheit.« »Wieso?« »Sie verlangt, daß ich sie heirate. Aus Schwäche und aus Mitleid habe ich es ihr versprochen, und nun drängt sie mich.« »Das glaube ich; so machen es alle alten Mädchen.« »Jeden Abend gibt es Bitten, Tränen, Verzweiflungsszenen. Sie fordert mich auf, ihr mein Versprechen zu halten, und beschuldigt mich, sie zu betrügen. Sie werden begreifen, wie bitter meine Laqe ist.« »Sind Sie ihr gegenüber Verpflichtungen eingegangen?« »Keine. Sie hat mich sozusagen genotzüchtigt; denn sie kam mir aufs äußerste entgegen. Sie besitzt kein Vermögen, denn sie hat nur, was ihre Schwester ihr von heute auf morgen gibt; und sobald sie verheiratet wäre, würde sie ihr nichts mehr geben.« »Haben Sie ihr ein Kind gemacht?« »Davor habe ich mich wohl gehütet, und eben darüber ist sie empört; sie nennt meine Vorsichtsmaßregeln einen Verrat, den sie verabscheut.« »Sie gedenken sie aber doch wohl früher oder später zu heiraten?« »Ich fühle, daß ich mich dazu werde niemals entschließen können. Ebensogut könnte ich mich aufhängen. Durch diese Heirat würde ich mindestens viermal so arm werden, als ich jetzt bin, und ich würde mich höchst lächerlich machen, wenn ich eine Gattin von ihrem Alter nach Novara brächte – eine Gattin, die zwar anständig, aber weder adlig noch reich ist; in Novara aber verlangt man wenigstens Reichtum, wenn schon keine vornehme Abkunft vorhanden ist.« »Als vernünftiger Mann und noch mehr als ehrlicher Mann müssen Sie mit ihr brechen, und zwar lieber heute als morgen.« »Ich fühle es, aber was soll ich tun? Mir fehlt die moralische Kraft dazu. Wenn ich heute Abend nicht zu ihr zum Essen ginge, würde sie unfehlbar zu mir kommen, um zu sehen, was ich mache. Sie werden begreifen, daß ich nicht meine Tür vor ihr verschließen und daß ich sie nicht hinauswerfen kann.« »Das sehe ich ein; aber Sie werden ebenfalls begreifen, daß Sie nicht in einem solchen Zustande von Aufregung leben können. Sie müssen einen Entschluß fassen und dieses Liebesverhältnis lösen, wie Alexander den gordischen Knoten zerhieb.« »Ich habe nicht sein Schwert.« »Ich werde es Ihnen leihen.« »Wieso?« »Hören Sie zu: Sie müssen, ohne ihr etwas davon zu sagen, sich nach einer anderen Stadt begeben. Sie wird doch nicht so verrückt sein, Sie von dort zurückholen zu wollen!« »Dies wäre das beste Mittel; aber die Flucht ist außerordentlich schwierig.« »Schwierig? Sie scherzen. Sie brauchen mir nur zu versprechen, alles zu tun, was ich Ihnen sagen werde, und ich werde dafür sorgen, daß Sie in aller Bequemlichkeit abreisen können. Sie wird Ihre Abreise erst erfahren, wenn Sie nicht zum Abendessen kommen und sie sich infolgedessen erkundigt, was Sie zurückgehalten hat.« »Ich werde alles tun, was Sie mir sagen, Sie leisten mir einen Dienst, den ich niemals vergessen werde. Aber der Schmerz wird sie wahnsinnig machen.« »Vor allen Dingen verbiete ich Ihnen, an ihren Schmerz zu denken. Sie haben weiter nichts zu tun als an nichts zu denken und mir die Sorge für alles zu überlassen. Wollen Sie morgen abreisen?« »Morgen?« »Ja! Haben Sie Schulden?« »Nein.« »Wollen Sie Geld?« »Auch nicht; ich habe zur Genüge. Aber der Gedanke, daß ich morgen abreisen soll, kommt mir komisch vor. Ich brauche mindestens drei Tage.« »Wozu?« »Ich erwarte übermorgen Briefe, und ich muß meinen Verwandten schreiben, wo ich mich befinde.« »Ich werde Ihre Briefe in Empfang nehmen und sie Ihnen an den Ort nachsenden, wohin Sie gehen.« »Und wohin wird das sein?« »Das werde ich Ihnen im Augenblick Ihrer Abreise sagen. Vertrauen Sie sich nur an. Ich werde Sie nach einer Stadt schicken, wo Sie sich wohlbefinden werden. Sie brauchen weiter nichts zu tun, als daß Sie Ihren Koffer Ihrem Wirt hinterlassen und ihm befehlen, daß er ihn nur an mich ausliefern soll.« »Es soll so geschehen. Sie wollen also, daß ich ohne meinen Koffer abreise?« »Ja. Meinetwegen bleiben Sie noch drei Tage hier, aber kommen Sie jeden Tag zu mir zum Mittagessen. Vor allen Dingen hüten Sie sich, irgendeinem Menschen zu sagen, daß Sie abreisen.« »Ich werde mich selbstverständlich sehr in acht nehmen.« Der junge Mann strahlte vor Freude. Ich umarmte ihn und dankte ihm dafür, daß er mir sein Geheimnis mitgeteilt hatte und daß er mir solches Vertrauen bezeigte. Ich war ganz stolz darauf, solch ein gutes Werk tun zu können, und lachte bereits vorher über den Zorn, womit die arme Brigida nach der Flucht ihres Liebhabers gegen mich losziehen würde. Ich schrieb dem guten Herrn Dandolo, daß in fünf oder sechs Tagen ein junger Abbate aus Novara mit einem Brief von mir sich bei ihm vorstellen würde, und bat ihn, ihm so billig wie möglich ein Zimmer und eine anständige Pension zu besorgen, weil der junge Edelmann, der einen tadellosen Lebenswandel führe, leider nicht reich sei. Hierauf schrieb ich den Brief, den der Abbate überbringen sollte. Am nächsten Tage sagte Bollini mir, Brigida habe gar keine Ahnung von seiner Absicht; denn in seiner Freude über die bevorstehende Befreiung sei er sehr gut aufgelegt gewesen und habe sie in der mit ihr verbrachten Nacht nach ihrer Herzenslust befriedigt; sie glaube daher, er sei jetzt in sie ebenso verliebt wie sie in ihn. Zwar habe sie seine ganze Wäsche in Verwahrung, er hoffe jedoch unter irgendeinem Vorwande einen guten Teil derselben herausbekommen zu können, und den Rest wolle er gerne opfern. Am festgesetzten Tage kam er zur festgesetzten Stunde zu mir; eine große Reisetasche enthielt die Sachen, deren er während der fünf oder sechs Tage bis zum Eintreffen seines Koffers bedurfte. Ich fuhr mit ihm in der Post nach Modena, wo wir in bester Freundschaft miteinander zu Mittag aßen; hierauf gab ich ihm meinen Brief für Herrn Dandolo und sagte ihm, ich würde seinen Koffer gleich am nächsten Tage an dessen Adresse nachschicken. Er war sehr angenehm überrascht, als er erfuhr, daß er in Venedig wohnen sollte, das er schon seit langer Zeit kennen zu lernen wünschte, und als ich ihm versicherte, der Edelmann, an den ich ihn empfehle, würde dafür sorgen, daß er in Venedig ebenso billig lebte wie in Bologna. Nachdem ich ihn nach Finale hatte abreisen sehen, fuhr ich nach Bologna zurück; ich ließ seinen Koffer abholen und sandte ihm diesen gleich am nächsten Tage. Wie ich erwartet hatte, erschien am nächsten Tage die arme Verlassene ganz in Tränen aufgelöst in meiner Wohnung. Ich hielt mich für verpflichtet, ihr mein Mitleid zu bezeigen, und es wäre grausam gewesen, wenn ich mich hätte stellen wollen, als ob die Ursache ihrer Verzweiflung mir unbekannt wäre. Ich hielt ihr in aller Güte eine ernstliche Strafpredigt und suchte ihr begreiflich zu machen, daß ich allerdings sie selber nur beklagen könne, daß ich aber meinen Freund nicht im Stich lassen und daß ich nicht zusehen dürfe, wie er sich zugrunde richte, indem er sie heirate; denn wenn er diesen tollen Streich beginge, so würde er sich in das entsetzlichste Elend stürzen, und sie selber nach sich ziehen. Das arme Mädchen warf sich unter strömenden Tränen mir zu Füßen und flehte mich an, ich möchte doch ihren lieben Abbate zurückkommen lassen; sie versprach mir bei allen Heiligen, sie würde niemals wieder ein Wort vom Heiraten zu ihm sagen. Um sie zu beruhigen, sagte ich ihr, ich würde mein möglichstes tun, um ihn dazu zu veranlassen. Sie wollte wissen, wohin er gegangen sei, und ich sagte ihr, er sei in Venedig, was sie natürlich nicht glaubte. Es gibt Fälle, wo ein geschickter Mensch die Wahrheit sagen muß, um irre zu führen; gegen eine solche Lüge kann die strengste Moral nichts einzuwenden haben. Siebenundzwanzig Monate später sah ich Bollini in meiner Heimat. Ich werde von ihm sprechen, wenn wir so weit sind. Wenige Tage nach der Abreise dieses Freundes machte ich die Bekanntschaft der schönen Viscioletta; ich wurde so verliebt in sie, daß ich mich entschließen mußte, den Genuß mit schönem klingendem Golde zu bezahlen, da ich nicht lange schmachten wollte. Die Zeit, wo ich Frauen in mich verliebt gemacht hatte, war vorüber; ich mußte entweder auf sie verzichten oder mir ihre Gefälligkeit erkaufen. Damals zwang die Natur mich, diesen letzteren Entschluß zu ergreifen, den ich aus Liebe zum Leben heute zurückweisen würde, selbst wenn ich dieses Mittel anwenden könnte. Der traurige Sieg, den ich davontrug, nötigt mich am Schlusse meiner Lebenslaufbahn meinen Nachfolgern alles zu verzeihen und über diejenigen zu lachen, die mich um Rat fraqen, denn ich weiß im voraus, daß die meisten ihn nicht befolgen würden. Gerade weil ich dies weiß, gebe ich meinen Rat mit größerem Vergnügen, als wenn ich sicher wäre, daß man ihn befolgen würde; denn der Mensch ist ein Tier, das nur durch eigene Erfahrung klug werden kann, und Erfahrung gewinnt man für gewöhnlich nur dadurch, daß man im sogenannten Leben schmerzhafte Stöße und Püffe davonträgt. Weil dies nun einmal so sein muß, wird die Menschheit stets in Unordnung und Unwissenheit dahinleben; denn die Weisen bilden eine unendlich kleine Minderheit. Die Viscioletta, die ich jeden Tag besuchte, machte mich mit dem Mitglied des Vierzigerrats Doria bekannt, der für ein wenig verrückt galt. Sie behandelte mich wie die Florentiner Witwe; aber diese verlangte von mir Gefühle der Ehrfurcht, die ich mir der Viscioletta gegenüber ersparte; denn schließlich war sie doch nur eine gewerbsmäßige Kurtisane, wenn sie sich auch Künstlerin nannte. Seit drei Wochen schmeichelte ich um sie herum, ohne in meinen Belagerungsarbeiten große Fortschritte zu machen; denn ich wurde lachend zurückgewiesen, wenn ich kleinere Angriffe versuchte. Der Vizelegat, Monsignore Buoncompagni, war ihr geheimer Liebhaber; zwar wußte es die ganze Stadt; aber in Italien schließt eine solche Öffentlichkeit nicht aus, daß nach außen hin das Geheimnis gewahrt bleibt. Er konnte ihr seines geistlichen Charakters wegen nicht öffentlich den Hof machen, aber die Spitzbübin machte mir kein Geheimnis daraus. Da ich Geld brauchte und lieber meinen Wagen hergeben wollte als andere Gegenstände, an denen mein Herz hing, so bot ich ihn zum Preise von dreihundertundfünfzig römischen Talern zum Verkauf aus. Der Wagen war schön und bequem und war diesen Preis wert. Der Besitzer der Remise kam zu mir und sagte mir, der Vizelegat biete dreihundert Taler dafür. Es machte mir ein wahres Vergnügen, den Prälaten, der mein glücklicher Nebenbuhler war, ein wenig zu ärgern. Ich antwortete: es sei nicht meine Gewohnheit, zu feilschen, ich habe meinen Preis genannt und werde nichts davon ablassen. Gegen Mittag ging ich nach der Remise, um einmal nachzusehen, ob der Wagen in gutem Zustande sei. Ich fand dort den Vizelegaten, der mich kannte, weil wir uns beim Kardinallegaten getroffen hatten; es konnte ihm nicht unbekannt sein, daß ich in seinem Gehege jagte. Er sagte mir in wenig höflichem Ton, mein Wagen sei nicht mehr als dreihundert Taler wert; er verstehe das besser als ich, ich müsse die Gelegenheit benützen, den Wagen herzugeben, denn er sei zu schön für mich. Es gelang mir, mich zu beherrschen und mich über seinen Ton und seine Worte hinwegzusetzen; ich sagte ihm stolz und kurz, ich lasse nichts ab, drehte ihm den Rücken und ließ ihn stehen. Am nächsten Tage schrieb die Viscioletta mir: wenn ich dem Vizelegaten meinen Wagen zu dem angebotenen Preise gäbe, würde ich ihr ein großes Vergnügen machen, denn sie sei überzeugt, daß er ihn ihr schenken werde. Ich antwortete ihr, ich würde sie im Laufe des Nachmittags besuchen, und es hinge von ihr ab, mich zu allem zu bestimmen, was sie wünschte. Nach einer kurzen, aber ziemlich lebhaften Unterhaltung überließ sie sich meinem Willen, und ich schrieb ihr ein Briefchen, worin ich erklärte, daß ich ihr den Wagen zu dem vom Vizelegaten gebotenen Preise ließe. Schon am nächsten Tage war sie im Besitz des erwarteten Geschenkes; ich hatte meine dreihundert römische Taler und die Genugtuung, daß der unhöfliche Prälat mit gutem Grunde annehmen konnte, ich hätte mich für seinen dummen Stolz zu rächen gewußt. Um diese Zeit herum gelang es Severini, eine vorteilhafte Stellung in einer vornehmen neapolitanischen Familie als Hofmeister des jungen Sohnes zu erhalten; er verließ Bologna, sobald er das Reisegeld erhalten hatte, und ich dachte ebenfalls daran, die Stadt zu verlassen. Herr Zaguri, der seit meinem Abenteuer mit dem Marchese Albergati einen sehr interessanten Briefwechsel mit mir unterhalten hatte, faßte den Plan, mir zur Rückkehr in die Heimat zu verhelfen; hierbei unterstützte ihn Herr Dandolo, dessen sehnlichster Wunsch dies war. Zaguri schrieb mir: um meine Begnadigung zu erlangen, müsse ich mich so nahe wie möglich an der venetianischen Grenze aufhalten, damit die Staatsinquisitoren imstande seien, sich von meiner guten Aufführung zu überzeugen. Der Bruder der Herzogin von Fiano, Herr Zuliani, der mich gern wieder in Venedig sehen wollte, unterstützte Zaguris Ratschläge und versprach mir, seinen ganzen Einfluß aufzubieten, um ein glückliches Gelingen herbeizuführen. Da ich mir also ein anderes Asyl suchen mußte, das nahe an der Grenze der Republik liegen sollte, so entschied ich mich für Triest, denn ich hatte weder für Mantua noch für Ferrara eine große Vorliebe. Außerdem schrieb Herr Zaguri mir, er habe in Triest einen guten Freund, an welchen er mich empfehlen werde. Da ich nicht zu Lande reisen konnte, ohne das venetianische Gebiet zu berühren, so beschloß ich, mich nach Ancona zu begeben, von wo jeden Tag Schiffe nach Triest segeln. Da ich über Pesaro reisen mußte, bat ich meinen treuen Beschützer um einen Empfehlungsbrief an den ausgezeichneten Gelehrten Marchese Mosca, den ich gerne kennen lernen wollte. Er machte gerade damals viel von sich reden, da er eine Abhandlung über das Almosen veröffentlicht hatte, die vom römischen Hof auf den Index gesetzt worden war. Marchese Mosca war ein gelehrter und frommer Mann; er huldigte der Lehrmeinung des heiligen Augustinus, die, auf ihre äußersten Konsequenzen getrieben, die der sogenannten Jansenisten ist. Ich verließ Bologna mit Bedauern, denn ich hatte dort acht köstliche Monate verbracht. Ich besaß eine ausgezeichnete Ausrüstung und kam am zweiten Tage meiner Reise bei bester Gesundheit in Pesaro an. Ich ließ dem Marchese meinen Brief zustellen, über den er hocherfreut war; er suchte mich noch am selben Tage auf und sagte mir, sein Haus werde mir stets offen stehen, und er werde mich seiner Gemahlin übergeben, um mich mit dem ganzen Adel der Stadt bekannt zu machen und mir alle Sehenswürdigkeiten zu zeigen. Er endigte seinen kurzen Besuch mit der Bitte, am nächsten Tage im Kreise seiner Familie zu speisen. Er fügte hinzu, ich würde der einzige Fremde sein; wenn ich ihm am Vormittage einen Besuch in seiner Bibliothek machen wollte, so würden wir beide dort eine ausgezeichnete Schokolade trinken. Ich kam der Einladung nach und hatte das Vergnügen, eine ungeheure Sammlung von Scholiasten zu sehen, die bis ins zwölfte Jahrhundert Erläuterungen zu allen lateinischen Dichtern, selbst zu solchen vor der Zeit des Ennius geschrieben hatten. Er hatte alle Erzeugnisse in seinem Hause und auf seine Kosten in vier großen Foliobänden drucken lassen. Die Ausgabe war genau und richtig, aber sie war nicht schön. Ich wagte ihm dies zu sagen, und er gab es zu. Er hatte durch den Verzicht auf Schönheit eine Ausgabe von hunderttausend Franken erspart, aber ihm war dadurch ein Gewinn von dreihunderttausend entgangen. Er schenkte mir ein Exemplar und schickte mir dieses in meinen Gasthof zugleich mit einem anderen ungeheuren Foliobande, betitelt Marmora Pesaurentina; ich hatte keine Zeit, diesen genauer zu prüfen; aber ich hätte daraus alles lernen können, was sich auf die Stadt Pesaro bezieht. Bei Tische hatte ich große Freude an der Marchesa, in der ich eine ausgezeichnete Dame erkannte; sie hatte drei Töchter und zwei Söhne; alle waren hübsch und gut erzogen. Die Marchesa Mosca besaß in höchstem Grade, was man Weltgewandtheit nennt, während ihr Gatte nur für Literatur Sinn hatte. Aus dieser verschiedenen Geschmacksrichtung entstand zuweilen ein Mißklang, der dem Glücke ihrer Ehe schadete; ein Fremder bemerkte jedoch nichts davon, und wenn man es mir nicht gesagt hätte, wäre ich gar nicht auf den Gedanken gekommen. Vor fünfzig Jahren sagte ein weiser Mann zu mir: alle Familien haben in ihrem Innern etwas, das ihren Frieden stört. Die Klugheit derer, die an der Spitze der Familie stehen, hat dafür zu sorgen, daß dieses Elend nicht öffentlich wird; denn man muß es vermeiden, Anlaß zu boshaften Kommentaren zu geben und sich vom Publikum auspfeifen zu lassen, das stets unwissend und übelwollend ist. Das Sprichwort drückt diese Weisheit in dem Rate aus: Man soll seine schmutzige Wäsche nicht vor anderen Leuten waschen. Frau von Mosca-Barzi widmete sich während den fünf Tagen, die ich in Pesaro verbrachte, ausschließlich mir. Sie fuhr mit mir in ihrer Kutsche nach allen ihren Landhäusern und stellte mich abends in den Gesellschaften dem ganzen Adel der Stadt vor. Marchese Mosca mochte damals etwa fünfzig Jahre alt sein. Kalt von Natur, hatte er keine andere Leidenschaft als für das Studium, und seine Sitten waren rein. Er hatte eine Akademie gegründet, deren Vorsitz er sich selber vorbehalten hatte. Sein Wahrzeichen war eine Fliege in Anspielung auf seinen Namen Mosca oder Musca, mit. den Worten: de me ce ; dies sollte heißen: wenn man von Musca das c wegnehme, so bleibe Musa. Der ausgezeichnete Mensch hatte nur einen einzigen Fehler, den die Mönche als seine schönste Eigenschaft betrachteten: er war religiös bis zum Übermaß, und diese übertriebene Religiosität mußte ihn so weit führen, daß er nicht mehr das Rechte zu erkennen wußte. Aber ist es weniger schlimm, wenn man über das Ziel hinausschießt, als wenn man es nicht erreicht? Diese Frage werde ich mir niemals zu entscheiden erlauben. Horaz hat gesagt: Nulla est mihi religio , aber er beginnt eine Ode mit einer Verdammung der Philosophie, die ihn von der Anbetung der Götter zurückhalte. Jedes Zuviel ist von Übel. Ich verließ Pesaro, ganz entzückt von der schönen Gesellschaft, die ich dort kennen gelernt hatte, und mit großem Bedauern, daß ich den Bruder des Marchese, von dem man allgemein mit Bewunderung sprach, nicht getroffen hatte. Vierundzwanzigstes Kapitel Ich nehme als Reisegefährten einen Juden von Ancona, namens Mardochai, der mich überredet, in seinem Hause Wohnung zu nehmen. – Ich verliebe mich in seine Tochter Lia. – Nach einem sechswöchentlichen Aufenthalt fahre ich nach Triest. Erst in meinen Mußestunden während meines Aufenthalts in Ancona untersuchte ich Moscas Sammlung lateinischer Dichter; ich fand in ihnen weder die Priapeen, noch die Fescenninen, noch verschiedene andere Fragmente, die in mehreren Bibliotheken handschriftlich vorhanden sind. Die Sammlung des Marchese war ohne Zweifel ein Zeugnis seiner Liebe zur Literatur; aber sie sprach nicht für seine Gelehrsamkeit, denn er selber hatte keine einzige Zeile dazu geschrieben, sondern sich darauf beschränkt, jedes Stück in strenger chronologischer Reihenfolge mitzuteilen. Ich hätte gerne kritische Anmerkungen, Glossen, erklärende Bemerkungen gehabt, denn dies sind eben die Dinge, die einer derartigen Sammlung Wert verleihen, aber von alledem fand ich nichts. Außerdem zeichnete die Ausgabe sich weder durch schöne Typen noch durch einen breiten Rand aus; das Papier war sehr gewöhnlich und der Druck unkorrekt. Dies sind Fehler, die man mit Recht durchaus nicht entschuldigt; besonders nicht in einem großen Werke, das sonst seiner Anlage nach klassisch gewesen wäre. Das Werk oder die Kompilation des Marchese Mosca fand daher denn auch keinen Beifall, und da er nicht reich war, so veranlaßten seine Ausgaben für dieses Unternehmen oftmals Mißhelligkeiten in seiner Ehe. Ich las seine Abhandlung über das Almosen, und diese, sowie noch mehr seine Verteidigungsschrift zu derselben, gaben mir einen richtigen Begriff von der Literaturkenntnis, der Geistesrichtung und der Urteilsweise des Marchese. Es war leicht zu erkennen, daß alles von ihm Geschriebene in Rom mißfallen haben mußte, und daß er diese Klippe hätte vermeiden können, wenn er ein gesundes Urteil gehabt hätte. Der Marchese hatte allerdings recht; aber auf dem Gebiet der Theologie hat man nur recht, wenn Rom ja sagt; dieses Ja wird aber nur zugunsten derer ausgesprochen, die sich im Sinne der im Laufe der Zeit eingerissenen Mißbräuche erklären. Marchese Mosca war buchstabengläubig und sprach sich oft gegen den heiligen Augustinus aus, obwohl er stark jansenistisch angehaucht war. Er leugnete zum Beispiel, daß man durch das Almosen die Strafe seiner Sünden abwenden könnte, und erkannte als verdienstlich nur ein solches Almosen an, wobei man buchstäblich die Vorschrift des Evangeliums befolgte: Laß deine Rechte nicht wissen, was deine Linke tut. Er behauptete mit einem Wort: es sei eine Sünde, Almosen zu geben, wenn man es nicht ganz im stillen tue; denn sonst sei es unmöglich, daß sich keine Eitelkeit einmische. Man hätte ihm einwenden können, daß das Almosen, abgesehen von dem positiven Vorteil für den Empfänger, sein moralisches Verdienst durch die Absicht des Gebers erhält; denn es kann sehr wohl vorkommen, daß ein ehrenwerter Mensch an öffentlichem Orte einem Unglücklichen ein Geldstück in die Hand drückt, ohne sich darum zu bekümmern, ob seine Handlung Zeugen hat oder nicht, sondern nur in der Absicht, Elend zu lindern, oder sogar in dem Wunsche, sich ein Verdienst vor Gott zu erwerben. Da ich nach Triest wollte, so hätte ich die Adria überqueren sollen, indem ich mich in Pesaro auf einer Tartane einschiffte, die am selben Tage absegelte und die mich bei dem herrschenden günstigen Winde in zwölf Stunden ans Ziel gebracht haben würde. Natürlich hätte ich diesen Weg einschlagen sollen; denn, abgesehen davon, daß ich in Ancona nichts zu tun hatte, machte ich einen Umweg von hundert Miglien; aber ich hatte gesagt, ich würde nach Ancona gehen, und schon aus diesem Grunde hielt ich mich für verpflichtet, wirklich hinzugehen. Ich habe stets eine gute Beimischung von Aberglauben gehabt, und es ist mir heute klar, daß dieser einen ganz bedeutenden Einfluß auf die Wechselfälle meines seltsamen Lebenslaufes gehabt hat. Ich begreife vollkommen, was der sogenannte Dämon des Sokrates war, der ihn selten antrieb, etwas Bestimmtes zu tun, ihn aber oft davon zurückhielt, einen Entschluß zu fassen. Ich habe mir daher wohl einbilden können, daß ich einen ähnlichen Genius hätte; aber ich war überzeugt, daß dieser Genius oder Dämon nur gut sein und nur mein Bestes wünschen könnte; darum nahm ich jedesmal meine Zuflucht zu ihm, wenn ich nicht wußte, wie ich mich entscheiden sollte. So oft eine geheime Stimme mir sagte, ich sollte mich eines Schrittes enthalten, wozu ich mich geneigt fühlte, tat ich, was mein Genius wollte, ohne ihn nach dem Grunde zu fragen. Diese innere Stimme konnte nur eine Eingebung meines Dämons sein. Hundertmal in meinem Leben habe ich dies mit Dank angenommen, und oft habe ich mich innerlich darüber beklagt, daß er mich nur selten antrieb, etwas zu tun, wogegen meine Vernunft sprach. Meinem Dämon folgend, sah ich mich oft in der Lage, mir Glück zu wünschen, daß ich mich über meine Vernunft hinweggesetzt hatte. Diese Erkenntnis war jedoch für mich nicht demütigend, und sie hat mich niemals davon abgehalten, von meiner Vernunft nach besten Kräften Gebrauch zu machen. In Sinigaglia, drei Poststationen vor Ancona, kam mein Fuhrmann zu mir, als ich mich gerade zu Bett legen wollte, und fragte mich, ob ich ihm gestatten wolle, einen Juden, der ebenfalls nach Ancona reise, in der Kalesche mitzunehmen. In der ersten Aufwallung sagte ich ihm ärgerlich, ich wolle keinen Reisegefährten, und am allerwenigsten einen Juden. Der Fuhrmann ging hinaus, aber ein unerklärliches Etwas rief mir zu: Du mußt diesen armen Israeliten mitnehmen! Trotz meinem Widerwillen, der mich veranlaßt hatte, zuerst nein zu sagen, rief ich den Fuhrmann zurück und sagte ihm, ich wolle den Mann mitnehmen. »In diesem Falle, Signore, müssen Sie sich aber entschließen, früher abzufahren; denn morgen ist Freitag, und wie Sie wissen, darf ein Jude Freitags nur bis Sonnenuntergang reisen.« »Ich werde nicht eine Minute früher abfahren als sonst, denn ich will mir um einen Menschen von dieser Rasse keine Unbequemlichkeiten machen; aber es steht Ihnen frei, Ihre Pferde schneller laufen zu lassen, denn Sie haben ja den Nutzen davon.« Der Fuhrmann antwortete nicht und ging hinaus. Als wir am anderen Morgen im Wagen saßen, fragte mich mein Jude, der recht gut aussah, warum ich die Juden nicht liebte? »Weil ihr auf Befehl eurer Religion die Feinde aller anderen Völker, besonders aber der Christen seid, und weil ihr ein verdienstliches Werk zu vollbringen glaubt, wenn ihr uns betrügen könnt. Ihr seht uns nicht als Brüder an. Ihr treibt den Wucher bis zum äußersten, wenn wir uns in der Zwangslage befinden, von euch Geld leihen zu müssen. Mit einem Wort: Ihr haßt uns, und darum liebe ich euch nicht.« »Mein Herr, Sie befinden sich im Irrtum. Kommen Sie heute Abend mit mir in unsere Synagoge, und Sie werden uns alle im Chor für alle Christen beten hören, und zu allererst für unseren Landesherrn, den Papst.« Ich mußte unwillkürlich laut auflachen und sagte: »Das ist wahr, aber das Gebet besteht durchaus nicht in einfachen Worten: das Herz muß beten, nicht der Mund. Wenn Sie mir nicht zugeben, daß die Juden in einem Lande, wo sie die Herren wären, nicht für die Christen beten würden, so werfe ich Sie aus dem Wagen!« Natürlich erließ ich ihm die Antwort, aber um ihn vollends stumm zu machen, zitierte ich auf Hebräisch Stellen aus dem Alten Testament, worin den Juden befohlen wird, bei jeder sich bietenden Gelegenheit allen Nichtjuden, die sie jeden Tag in ihren Gebeten verfluchen, soviel wie möglich zu schaden. Der arme Mann saß da mit geschlossenem Munde und sagte kein Wort mehr. Als wir an der Haltestelle angekommen waren, wo zu Mittag gegessen werden sollte, lud ich ihn ein, sich mit mir zu Tisch zu setzen; er antwortete mir jedoch, seine Religion verbiete es ihm, und er werde daher nichts anderes essen als Eier, Obst und Gänseleberwurst; letztere habe er bei sich. Er war so abergläubisch, daß er nur Wasser trank, weil er nicht sicher war, daß der Wein rein war. »Sie dummer Mensch,« sagte ich zu ihm; »können Sie denn jemals sicher sein, daß der Wein rein ist, wenn Sie ihn nicht selber machen? Sie bauen ja doch aber keinen Wein!« Als wir weiterfuhren, sagte er mir: wenn ich bei ihm wohnen und mich mit den Speisen begnügen wolle, die Gott nicht verboten habe, so werde er mir besseres und reicheres Essen geben, als ich es im Gasthof finden könne; ich werde bei ihm billiger aufgehoben sein und ein schönes Zimmer mit Aussicht auf das Meer ganz für mich allein haben. »Sie vermieten also an Christen?« »Ich vermiete an keinen Menschen; aber ich werde eine Ausnahme machen, um Sie von Ihrem Irrtum zu überzeugen. Sie zahlen mir nur sechs Paoli täglich und erhalten dafür gutes Mittag- und Abendessen, ohne den Wein.« »Aber Sie müssen mir alle Fische zubereiten lassen, die ich gerne habe, und auf die ich vielleicht Lust bekomme. Selbstverständlich werde ich diese besonders bezahlen, wie auch den Wein.« »Gern. Ich habe eine christliche Köchin, übrigens bekümmert auch meine Frau sich stets um die Küche.« »Sie werden mir jeden Tag Gänseleber vorsetzen, aber unter der Bedingung, daß Sie in meiner Gegenwart mit davon essen.« »Ich weiß, was Sie sich denken; indessen Ihre Wünsche sollen erfüllt werden.« Ich stieg also wirklich bei diesem Juden ab. Ich fand die Sache höchst sonderbar, aber ich sagte mir, daß ich ja am nächsten Tage ausziehen könnte, wenn ich mich bei ihm nicht wohl fühlte. Seine Frau und seine Kinder erwarteten ihn bereits und empfingen ihn mit großer Freude, um den Sabbat zu feiern. An diesem, dem Herrn gewidmeten Tage, ist jede Arbeit untersagt, und ich bemerkte mit Vergnügen etwas Festliches in ihren Gesichtern und in ihren Kleidern und eine gewisse fröhliche Sauberkeit im ganzen Hause. Man empfing mich wie einen Bruder, und ich ging auf ihren Ton ein, so gut ich konnte. Mardochai zeigte mir zwei Zimmer und bat mich, von diesen dasjenige auszuwählen, das mir am besten gefiele. Da ich beide nach meinem Geschmack fand, so sagte ich ihm, ich würde alle beide nehmen und dafür einen Paolo täglich mehr bezahlen. Er war damit sehr zufrieden. Nachdem Mardochai seiner Frau in kurzen Worten alles erklärt hatte, befahl sie ihrer christlichen Magd, mich zu bedienen und mir ein Abendessen zurecht zu machen. Nachdem ich mein Gepäck in mein Schlafzimmer hatte bringen lassen, machte ich mir ein Vergnügen daraus, mit Mardochai in die Synagoge zu gehen. Seitdem er mein Wirt geworden war, schien er mir ein ganz anderer Mann geworden zu sein. Während ihres kurzen Gottesdienstes kümmerten die Israeliten sich um mich so wenig wie um mehrere andere Christen, die sich in ihrem Tempel befanden. Die Juden gehen in die Synagoge, um zu beten, und dies finde ich sehr lobenswert von ihnen; es wäre zu wünschen, wenn die Christen es ebenso machten, und wenn die Kirche nicht für mehr als einen ein Ort wäre, wo man Zerstreuung sucht, ja manchmal sogar Liebeshändel anknüpft. Von der Synagoge ging ich allein nach der Börse; ich überließ mich meinen Gedanken, die immer traurig sind, wenn sie sich auf eine vergangene glückliche Zeit beziehen, auf deren Wiederkehr ich nicht hoffen darf. In dieser Stadt Ancona hatte ich zum ersten Male begonnen, im großen Stil mein Leben zu genießen, und wenn ich bedachte, daß seitdem fast dreißig Jahre vergangen waren, so fühlte ich mich wie betäubt. Im Leben eines Menschen sind dreißig Jahre ein ungeheurer Zeitraum; trotzdem fühlte ich mich noch jung, obgleich mein fünfzigstes Lebensjahr bereits vor der Tür stand. Welcher Unterschied, wenn ich meinen körperlichen und seelischen Zustand jener ersten Jugend mit meinem gegenwärtigen Dasein verglich! Es wurde mir schwer, in mir denselben Menschen zu erkennen. So glücklich ich mich damals gefühlt hatte, so unglücklich kam ich mir jetzt vor: vor meinen Blicken schimmerte nicht mehr die schöne Aussicht auf eine glückliche Zukunft; meine Phantasie zeigte mir nicht mehr das Leben in den glänzendsten Farben. Ich mußte mir gegen meinen eigenen Willen eingestehen, daß ich meine Zeit verloren und mein Leben vergeudet hatte. Die zwanzig Jahre, die ich vielleicht noch vor mir hatte und auf die ich rechnen zu können glaubte, boten mir nur noch eine nebelhafte Aussicht, in der selbst meine Hoffnung kein erquickendes Grün entdecken konnte: alles erschien mir traurig und öde. Ich war volle siebenundvierzig Jahre alt, und ich sah, wie das Glück vor dieser hohen Zahl sich davon machte. Dies war genug, um mich traurig zu machen; denn ohne die Gunst der blinden Göttin kann kein Mensch hienieden glücklich sein, wenigstens konnte ich es nicht, denn mir waren meine lebenslangen Gewohnheiten zur zweiten Natur geworden. Alle meine Anstrengungen galten damals der Rückkehr in mein Vaterland, von dem ich so lange verbannt gewesen war. Mir war, wie wenn ich keine anderen Wünsche hätte, als umzukehren und alles, was ich bis dahin an Gutem und Bösem gemacht hatte, wieder von mir abzutun. Alles brachte mir zum Bewußtsein, daß es sich für mich nur noch darum handelte, einen unvermeidlichen Abstieg, dessen unverrückbares Ziel der Tod ist, so wenig unangenehm wie möglich zu machen. Ein Mensch, der sein Leben in den Freuden und Genüssen dieser Welt verbracht hat, macht solche Betrachtungen nur auf dem Abstieg. Unmöglich können sie in der Blüte ihrer Jugend entstehen, denn diese braucht nichts vorauszusehen, sie beschäftigt sich nur mit der Gegenwart, deren immer rosenroter Horizont das Leben glücklich macht, jedenfalls die Vorstellung eines Glückes unterhält. Der Jüngling lacht den Philosophen aus, der ihm sagt, daß hinter diesem entzückenden Horizont Alter, Armut und Reue seiner warten – Reue, die immer zu spät kommt, und endlich der Tod, dessen Name allein genügen würde, um Abscheu und Furcht einzuflößen. Solche Betrachtungen stellte ich vor sechsundzwanzig Jahren an; und nun, mein lieber Leser, male dir die Gedanken aus, die mich heute quälen, wo ich einsam, verachtet, impotent und arm bin. Diese Gedanken würden mich ins Grab bringen, wenn ich nicht alle meine Kraft aufböte, die grausame Zeit zu töten, die sie in meinem Geiste ausheckt – in meinem Geiste, der noch jung ist wie mein Herz; ich weiß nicht, ob ich sagen soll, daß sie glücklicherweise oder unglücklicherweise jung sind, denn sie stehen nicht mehr im Einklang mit meinen körperlichen Kräften. Was nützen Wünsche, wenn man nicht mehr die Mittel hat, sie zu befriedigen? Ich schreibe, um die Langweile zu töten, und ich freue mich, daß ich an dieser Beschäftigung Gefallen finde. Was macht es mir aus, wenn mein Urteil falsch ist? Mir genügt es, überzeugt zu sein, daß ich mich damit unterhalte: Malo scriptor delirans inersque videri, Dum mea delectent mala me vel denique fallunt, Quam sapere.... Als ich nach Hause kam, fand ich Mardochai im Kreise seiner zahlreichen Familie bei Tisch sitzen. Diese bestand aus elf oder zwölf Personen, unter denen sich auch seine neunzigjährige und noch sehr rüstige Mutter befand. Ich bemerkte noch einen anderen Juden von mittlerem Alter; er war der Gatte der älteren Tochter, die mir nicht hübsch vorkam. Die jüngere dagegen, die mit einem Juden von Pesaro verlobt war, den sie niemals gesehen hatte, fesselte meine ganze Aufmerksamkeit. Ich sagte ihr: wenn sie ihren künftigen Gatten niemals gesehen hätte, könnte sie nicht in ihn verliebt sein. Sie antwortete mir darauf in sehr ernstem Tone, man brauche durchaus nicht verliebt zu sein, um sich zu verheiraten. Die Alte lobte höchlichst den klugen Sinn ihrer Enkelin, und die Mutter bemerkte, sie sei erst nach ihrem ersten Kindbett in ihren Gatten verliebt geworden. Ich will die hübsche Jüdin Lia nennen, da ich meine Gründe habe, um sie nicht mit ihrem wirklichen Namen zu bezeichnen. Während die Familie aß, setzte ich mich neben Lia und gab mir die größte Mühe, ihr allerlei Angenehmes zu sagen, um sie zum Lachen zu bringen; aber es war verlorene Mühe, denn sie würdigte mich nicht einmal eines Blickes. Ich fand für mich selber ein auserlesenes Abendessen, dem ich alle Ehre antat, und nachher ein vorzügliches Bett. Am anderen Morgen kam mein Wirt zu mir herein und sagte mir, ich könne der Magd meine Wäsche geben; Lia werde sie mir besorgen. Ich sagte ihm, ich hätte das Abendessen von Fastenspeisen sehr gut gefunden; da ich jedoch vom Papst die Erlaubnis erhalten hätte, alle Tage Fleisch oder Fisch zu essen, so bäte ich ihn, die Gänseleber nicht zu vergessen. »Sie werden morgen welche erhalten; aber in meiner Familie ißt nur Lia sie.« »Dann wird also Lia mit mir essen. Sagen Sie ihr, bitte, daß ich sie mit sehr reinem Zypernwein bewirten werde.« Ich hatte keinen solchen Wein, aber ich bestellte ihn noch am selben Morgen beim venetianischen Konsul, dem ich den Brief des Herrn Dandolo überbrachte. Der Konsul war ein Venetianer von altem Schrot und Korn. Er hatte von mir sprechen hören und zeigte sich sehr erfreut, meine Bekanntschaft zu machen. Er sah aus wie ein richtiger Pantalon der Komödie und war lustig und welterfahren, ein Leckermaul und großer Esser. Er gab mir für mein Geld reinen Scopolowein und alten Muskateller von Zypern; aber er erhob ein lautes Geschrei, als ich ihm sagte, daß ich bei Mardochai wohnte und durch welchen Zufall dies gekommen wäre. »Er ist reich,« sagte der Konsul, »aber ein großer Wucherer, und wenn Sie Geld nötig haben, wird er Ihnen übel mitspielen.« »Ich sehe nicht, wie ich in den Fall kommen könnte, von ihm Geld nötig zu haben.« Nachdem ich ihm noch gesagt hatte, daß ich noch am Ende des Monats und nur mit einem guten Schiff absegeln würde, ging ich zum Mittagessen, mit dem ich sehr zufrieden war. Ich hatte meine Wäsche der Magd gegeben. Am nächsten Morgen sah ich Lia eintreten, die sich erkundigte, wie ich meine Spitzen von ihr gewaschen zu haben wünschte. Als Lia mit ihren achtzehn Jahren so plötzlich vor mir erschien, ohne Busentuch, in einem einfachen, sehr niedrigen Mieder, das ihre herrlichen Brüste sehen ließ, geriet ich in eine lebhafte Erregung, die sie bemerkt haben würde, wenn sie mich angesehen hätte. Nachdem ich mich etwas beruhigt hatte, sagte ich ihr, ich überließe alles ihr; sie möchte meine ganze Wäsche besorgen und überzeugt sein, daß es mir auf billige Preise nicht ankäme. »Dann werde ich sie also ganz allein besorgen, wenn Sie keine Eile haben.« »Es steht in Ihrer Macht, mich in Ihrem Hause so lange bleiben zu lassen, wie Sie wollen«, sagte ich zu ihr; sie schien jedoch diese Erklärung gar nicht zu beachten. »Ich bin mit allem zufrieden,« fuhr ich fort, »ausgenommen mit der Schokolade; diese liebe ich gut geschlagen und recht schaumig.« »Ich werde sie selber zubereiten, damit Sie zufrieden sind.« »In diesem Fall, liebenswürdige Lia, werde ich Ihnen eine doppelte Portion geben, und wir werden sie zusammen trinken.« »Ich liebe Schokolade nicht.« »Das tut mir leid, aber Sie essen doch gerne Gänseleber?« »Sehr! Heute werde ich welche mit Ihnen essen, wie mein Vater mir gesagt hat.« »Das macht mir viel Vergnügen.« »Sie fürchten ohne Zweifel, vergiftet zu werden.« »Im Gegenteil! Ich fürchte es nicht nur nicht, sondern ich wünsche, daß wir zusammen sterben.« Die Spitzbübin tat, wie wenn sie nichts verstände, entfernte sich und ließ mich voller Begierden zurück. Die schöne Jüdin hatte meine Sinne zu heller Glut entfacht, und ich fühlte, daß ich entweder mich schleunigst ihrer noch am selben Tage bemächtigen oder daß ich ihrem Vater sagen müßte, er möchte sie nicht mehr in mein Zimmer schicken. Von meiner Turiner Jüdin wußte ich, wie die Angehörigen ihrer Religion in Liebessachen denken. Nach meiner Meinung mußte Lia noch schöner und weniger schwierig zu erobern sein als die Turinerin; denn das galante Leben von Ancona konnte gewiß nicht mit dem von Turin verglichen werden. So denkt ein Wüstling; aber seine Meinungen sind nicht unfehlbar. Man setzte mir ein nach jüdischer Art, aber ausgezeichnet zubereitetes Mittagessen vor; Lia brachte mir selber eine herrliche Gänseleber herein und setzte sich mir gegenüber. Ihr schöner Busen war jetzt mit einem Musselintuch verhüllt. Die Leber war vorzüglich; wir befeuchteten sie reichlich mit Scopolo, den Lia noch besser fand als die Leber. Als die Leber verzehrt war, stand Lia auf, um sich zu entfernen. Dem widersetzte ich mich jedoch, denn wir hatten bisher nur das halbe Mittagessen gehabt. »Ich werde bleiben,« sagte sie zu mir; »aber ich fürchte, mein Vater wird es übel nehmen.« »Gut. Ruft Euren Herrn!« befahl ich der Magd, die in diesem Augenblick eintrat; »ich habe ihm ein Wörtchen zu sagen.« »Mein lieber Mardochai, der Appetit Ihrer Tochter verdoppelt den meinen, und Sie tun mir einen Gefallen, wenn Sie ihr erlauben, mit mir zu speisen, so oft wir Gänseleber haben.« »Ich finde nicht meine Rechnung dabei, wenn meine Tochter Ihren Appetit verdoppelt; aber wenn Sie doppelt bezahlen wollen, habe ich nichts dagegen, daß sie Ihnen Gesellschaft leistet.« »Dies gefällt mir sehr. Ich nehme Ihren Vorschlag an: Sie erhalten also täglich einen Testone mehr.« Um ihm meine Zufriedenheit zu erkennen zu geben, schenkte ich ihm einen Fiasco Scopolo, von dem Lia ihm versicherte, daß er sehr rein wäre. Wir speisten also zusammen. Bald versetzte der Wein sie in Heiterkeit. Der Scopolo ist wegen seines Teergeschmackes sehr harntreibend und zur Liebe reizend. Ich sagte ihr, ihre Augen entflammten mich und sie müßte mir erlauben, sie ihr zu küssen. »Meine Pflicht verbietet mir. Ihnen dies zu erlauben. Keinen Kuß, keine Berührung! Lassen Sie uns zusammen essen und trinken. Mein Vergnügen wird dem Ihrigen gleich kommen.« »Sie sind grausam.« »Ich hänge von meinem Vater ab und habe selber gar nichts zu sagen.« »Muß ich Ihren Vater bitten, Ihnen zu erlauben, daß Sie gefällig sein dürfen?« »Das wäre, wie mir scheint, nicht anständig. Es könnte wohl sein, daß mein Vater sich beleidigt fände und mir nicht mehr erlaubte, zu Ihnen zu gehen.« »Und wenn er Ihnen nun sagte, daß Sie in diesen Kleinigkeiten es nicht so genau nehmen dürften?« »Dann würde ich nicht auf ihn hören, sondern fortfahren, meine Pflicht zu tun.« Diese deutliche Erklärung machte mir begreiflich, daß Lia nicht leicht zu haben sein würde. Wenn ich auf meiner Absicht verharrte, konnte ich in einen Liebeshandel hineingeraten, den ich vielleicht nicht zu Ende geführt haben würde; dies würde mich dann vielleicht geärgert haben. Ferner bedachte ich, daß ich in Gefahr geriet, meine Hauptangelegenheit zu vernachlässigen; diese erlaubte mir durchaus nicht einen langen Aufenthalt in Ancona. Alle diese Gedanken schossen mir in einer Sekunde durch den Kopf. Ich sagte Lia kein Wort mehr von Liebe. Als der Nachtisch aufgetragen war, schenkte ich der schönen Jüdin Zyper-Muskateller ein, den sie für den köstlichsten Nektar erklärte, welchen sie in ihrem Leben getrunken hätte. Da ich sie von dem Getränk erhitzt sah, so schien es mir unmöglich zu sein, daß Venus nicht ebenso viele Macht über ihre Sinne ausübte wie Bacchus; aber ihr Kopf war stark: ihr Blut geriet in Flammen, doch ihre Vernunft blieb kalt. Trotzdem veranlaßte nach dem Kaffee ihre Lustigkeit mich, ihre Hand zu ergreifen, um sie ihr zu küssen. Unmöglich! Ihre Weigerung war jedoch derart, daß sie mir nicht mißfallen konnte; denn sie sagte zu mir: »Für die Ehre ist das zu viel und für die Liebe zu wenig.« Diese witzige Bemerkung machte mir um so mehr Vergnügen, da sie mir zeigte, daß Lia nicht mehr unerfahren war. Ich verschob die Ausführung meines Planes auf den nächsten Tag und sagte ihr, ich würde beim venetianischen Konsul zu Abend essen; man möchte also nichts für mich zurecht machen. Der Konsul hatte mir gesagt, er äße nicht zu Mittag, ich würde ihm jedoch ein großes Vergnügen machen, so oft ich zu ihm käme, um mit ihm zu Abend zu essen. Es war Mitternacht, als ich nach Hause kam. Alles im Hause schlief schon, mit Ausnahme der Magd, die auf mich wartete. Ich gab ihr eine solche Belohnung, daß sie jedenfalls wünschte, ich möchte alle Abende so spät nach Hause kommen. Da ich etwas über Lias Lebenswandel zu hören wünschte, so brachte ich die Magd darauf zu sprechen; sie sagte jedoch nur Gutes von ihr. Nach ihrer Schilderung war Lia ein gutes Mädchen, das immer fleißig arbeitete, von der ganzen Familie geliebt wurde und niemals einen Liebhaber erhört hatte. Wenn Lia sie bezahlt hätte, hätte die Magd nicht mehr zu ihrem Lobe sagen können. Am Morgen brachte Lia mir meine Schokolade und setzte sich auf mein Bett; sie sagte mir, wir hätten eine ausgezeichnete Leber; und da sie nicht zu Abend gegessen hätte, so würde sie mit großem Appetit zu Mittag speisen. »Und warum, meine Liebe, haben Sie nicht zu Abend gegessen?« »Daran ist ohne Zweifel Ihr ausgezeichneter Zyperwein schuld; mein Vater ist ganz verrückt darnach.« »Er hat ihn also gut gefunden? Das freut mich sehr; wir werden ihm einschenken!« Lia saß vor mir in demselben Anzug wie am Tage vorher, und die beiden halbnackten Halbkugeln ihres Busens brachten mich zur Verzweiflung. »Sie wissen wohl nicht,« sagte ich zu ihr, »daß Sie einen herrlichen Busen haben?« »Aber alle jungen Mädchen haben doch ebensolchen Busen wie ich!« »Können Sie sich nicht vorstellen, daß ich beim Anblick desselben ein außerordentliches Vergnügen empfinde?« »Wenn dies der Fall ist, freue ich mich sehr; denn ich habe mir keinen Vorwurf zu machen, wenn ich Sie dieses Vergnügen genießen lasse, übrigens verhüllt ein Mädchen ihren Busen so wenig wie ihr Gesicht, außer wenn sie in großer Gesellschaft ist.« Während sie so mit mir sprach, betrachtete die Spitzbübin ein von einem Pfeil durchbohrtes und mit kleinen Brillanten besetztes goldenes Herz, das den Busenstreifen meines Hemdes zusammenhielt. »Finden Sie das Herzchen hübsch?« fragte ich sie. »Reizend! Ist es echt?« »Gewiß, und dies ermutigt mich, es Ihnen anzubieten.« Mit diesen Worten löste ich die Nadel, aber sie sagte mir freundlich, sie danke mir; ein Mädchen, das nichts geben wolle, dürfe auch nichts annehmen. »Nehmen Sie es an! Ich schwöre Ihnen, niemals auch nur den kleinsten Gunstbeweis von Ihnen zu verlangen.« »Aber ich würde mich als Ihre Schuldnerin fühlen; ich werde daher niemals etwas annehmen.« Ich sah, daß nichts zu machen war, oder daß ich zuviel hätte aufstellen müssen, um etwas zu erreichen; im einen wie im anderen Fall war es das beste, mich mit der Tatsache abzufinden. Ich dachte nicht an einen tätlichen Angriff, der sie hätte erzürnen oder veranlassen können, mich auszulachen. Dies hätte mich erniedrigt, oder ohne jeden Zweck noch mehr verliebt gemacht. Hätte sie sich beleidigt gefühlt, so wäre sie nicht mehr gekommen, und ich hätte mich darüber nicht beklagen können. Ich entschloß mich also, meine gierigen Blicke zu meistern und sie nicht mehr mit verliebten Bemerkungen zu unterhalten. Wir speisten sehr fröhlich zu Mittag. Man setzte mir Muscheln vor, die nach der mosaischen Glaubensvorschrift verboten sind. In Gegenwart der Magd forderte ich sie auf, mit mir davon zu essen, sie wies jedoch meine Einladung mit Abscheu zurück; sobald das Madchen hinausgegangen war, nahm sie aus eigenem Antrieb von den Muscheln und aß dieselben mit einer überraschenden Begierde, indem sie mir versicherte, es wäre das erste Mal in ihrem Leben, daß sie diesen Genuß kostete. Dieses Mädchen, sagte ich zu mir selber, dieses Mädchen, diese Lia, die die Vorschriften ihrer Religion so unbedenklich übertritt, die über alles das Vergnügen liebt und mir gar nicht zu verhehlen sucht, mit welcher Wonne sie sich demselben hingibt – diese Lia will mich glauben machen, sie sei unempfindlich gegen die Wonne der Liebe oder könne sich darüber hinwegsetzen, wie über eine Bagatelle? Das ist nicht möglich. Sie liebt mich nicht oder sie liebt mich nur, um sich einen Spaß zu machen, indem sie meine Liebe entflammt. Sie muß Hilfsmiittel haben, um ihr Temperament zu beschwichtigen, das ich für sehr wollüstig halte. Ich will einmal sehen, ob ich nicht heute Abend mit Hilfe meines ausgezeichneten Muskatellers zum Ziele kommen kann. Am Abend entschuldigte sie sich jedoch und lehnte sowohl Essen wie Trinken ab, indem sie sagte, dies verhindere sie, zu schlafen. Am anderen Morgen brachte sie mir meine Schokolade, aber sie hatte ihre schöne Brust mit einem weißen Halstuch bedeckt. Wie gewöhnlich setzte sie sich auf mein Bett. Es fiel mir nicht ein, zu dem abgedroschenen Mittel zu greifen und mich zu stellen, wie wenn ich nichts bemerkte; ich sagte ihr vielmehr, sie sei nur darum mit bedeckter Brust gekommen, weil ich ihr gesagt habe, ich sähe sie mit Vergnügen. Sie antwortete mir mit liebenswürdiger Nachlässigkeit, daran habe sie nicht gedacht; sie habe nur deshalb ein Tuch umgebunden, weil sie keine Zeit gehabt habe, ihr Mieder anzuziehen. »Darin haben Sie recht getan,« sagte ich lachend, »denn vielleicht hätte ich Ihren Busen nicht so schön gefunden, wenn ich ihn ganz gesehen hätte.« Sie antwortete nicht, und ich trank meine Schokolade aus. Mir fielen die galanten Bilder und Zeichnungen ein, die ich in meiner Kassette hatte. Ich bat Lia, mir diese zu geben, und sagte ihr, ich wollte ihr Abbildungen von den schönsten Busen der Welt zeigen. »Das wird mich nicht interessieren,« sagte sie; trotzdem gab sie mir meine Kassette und setzte sich wieder auf mein Bett. Ich nahm eine Abbildung von einem nackten Weibe, das auf dem Rücken liegend, sich selber eine Illusion erregte, bedeckte sie mit meinem Taschentuch bis zum Unterleib und zeigte ihr das Bild, ohne es aus der Hand zu geben. »Aber das ist ja ein Busen wie alle anderen; Sie können ruhig Ihr Schnupftuch wegnehmen.« »Meinetwegen, nehmen Sie es, mir ist so etwas ekelhaft!« »Es ist gut gemalt,« sagte sie laut auflachend; »aber das ist nichts Neues für mich.« »Wie? Das ist nichts Neues für Sie?« »Nein, natürlich nicht; das machen ja alle jungen Mädchen, bevor sie heiraten.« »Sie also auch?« »So oft ich Lust dazu bekomme.« »Machen Sie es doch jetzt!« »Ein wohlerzogenes Mädchen tut das nur im verborgenen.« »Und was machen Sie nachher?« »Wenn es im Bett geschieht, schlafe ich ein.« »Meine liebe Lia, Ihre Aufrichtigkeit entzückt mich und bringt mich zugleich außer mir. Sie sind zu klug, als daß Sie dies nicht wissen sollten. Seien Sie also gut und gefällig, oder kommen Sie nicht mehr zu mir.« »Sie sind also sehr schwach?« »Ja, weil ich stark bin.« »In Zukunft werden wir uns also nur noch beim Mittagessen sehen. Aber zeigen Sie mir doch noch einige andere Zeichnungen.« »Ich habe Kupferstiche, die Ihnen nicht gefallen werden.« »Zeigen Sie sie nur her.« Ich gab ihr die Sammlung der Figuren zum Aretin und bewunderte, mit welcher ruhigen aber aufmerksamen Miene sie sie prüfte, von einer zur anderen ging und solche, die sie bereits angesehen hatte, noch einmal betrachtete. »Finden Sie das interessant?« fragte ich sie. »Sehr! Die Zeichnungen sind sehr natürlich. Aber ein anständiges Mädchen darf diese Bilder nicht zu lange ansehen; denn Sie begreifen wohl, daß diese wollüstigen Stellungen sie in große Aufregung versetzen.« »Ich glaube es, schöne Lia, und empfinde es wie Sie. Sehen Sie!« Sie lächelte, stand auf und ging mit dem Buch nach dem Fenster, um es dort weiter zu betrachten. Sie drehte mir den Rücken zu und kümmerte sich nicht um mein Rufen. Nachdem ich mich wie ein armer Schüler beruhigt hatte, kleidete ich mich an. Ich schämte mich beinahe. Da der Friseur kam, ging Lia hinaus, indem sie mir sagte, sie würde mir mein Buch beim Mittagessen wiedergeben. Ich zitterte vor Freude, denn ich glaubte, nun würde ich sie, wenn nicht am gleichen Tage, spätestens am anderen Morgen besitzen. Der erste Schritt war getan; aber ich war noch weit vom Ziel. Wir aßen gut und tranken noch besser. Nach dem Essen zog Lia das Buch aus der Tasche und brachte mich ganz in Feuer, indem sie Erklärungen von mir verlangte; leider verhinderte sie aber durch die Drohung, daß sie sonst gehen würde, die praktische Vorführung, die meine Glossen belebt haben würde, und die ich wahrscheinlich noch nötiger hatte als sie. Ärgerlich nahm ich ihr schließlich das Buch weg und ging spazieren. Ich rechnete auf die Stunde des Schokoladenfrühstücks; als aber die grausame Jüdin am Morgen kam, sagte sie mir, sie bedürfe einiger Erklärungen; wenn ich ihr jedoch ein Vergnügen machen wollte, so sollte ich ihr diese nur an Hand der Abbildungen geben und alles Lebendige aus dem Spiel lassen. »Gern; aber nur unter der Bedingung, daß Sie mir alle Fragen beantworten, die Ihr Geschlecht betreffen.« »Ich verspreche es Ihnen, aber ebenfalls nur unter einer Bedingung: daß unsere Bemerkungen sich nur auf das beziehen, was wir auf den Bildern sehen werden.« Unser Anschauungsunterricht dauerte zwei Stunden. Während desselben verfluchte ich hundertmal den Aretino und meinen verrückten Gedanken, sie neugierig darauf zu machen; denn das unbarmherzige Frauenzimmer drohte mir, sie würde fortgehen, so oft ich auch nur den bescheidensten Versuch machte. Wahre Folterqualen aber bereitete sie mir mit dem, was sie mir über ihr Geschlecht sagte. Ich stellte mich unwissend und veranlaßte sie dadurch zu den schlüpfrigsten Schilderungen. Die äußeren und inneren Bewegungen, die sich bei der Ausübung der Begattungsakte, die wir im Bilde vor Augen hatten, vollziehen mußten, beschrieb sie mir so lebhaft, daß es mir unmöglich schien, die Theorie allein könnte ihr so richtige Begriffe beigebracht haben. Was mich vollends verführte, war, daß kein Schleier von Scham das helle Licht ihrer Wissenschaft umhüllte. Sie philosophierte über diese Gegenstände viel natürlicher und viel gelehrter als die Genfer Hedwig. Ihr Geist befand sich mit ihrem Körper so wohl im Einklang, daß sich eine vollkommene Harmonie hieraus ergab. Ich hätte ihr gern alles gegeben, was ich besaß, um ihren wunderbaren Talenten Gelegenheit zu geben, sich beim großen Werk zu entfalten. Sie schwor mir, sie wisse nichts aus der Praxis, und ich fand sie glaubwürdig, als sie mir anvertraute, daß sie sich nach der Heirat sehnte, um endlich zu erfahren, was an ihren Ahnungen richtig wäre. Sie wurde traurig oder tat wenigstens so, als ich mich erkühnte, ihr zu sagen: der Gatte, den ihr Vater für sie ausgesucht hätte, wäre vielleicht von der Natur so schlecht ausgestattet, daß er ihr die Gattenpflicht nicht mehr als einmal in der Woche erweisen könnte. »Wie?« sagte sie mit beunruhigter Miene; »die Männer sind also nicht alle untereinander gleich, wie die Frauen es sind?« »Was verstehen Sie unter ›gleich‹?« »Können Sie denn nicht jeden Tag und in jedem Augenblick verliebt sein, wie sie jeden Tag essen, trinken und schlafen müssen?« »Nein, meine liebe Lia; die Männer, die jeden Tag verliebt sein können, sind selten.« Da ich jeden Tag so fürchterlich erregt wurde, so ärgerte ich mich, daß es in ganz Ancona kein anständiges Haus gab, wo ein anständiger Mann sich für sein Geld sicheren Genuß verschaffen konnte. Ich zitterte, denn ich sah, daß ich mich allen Ernstes in Lia verliebte; trotzdem sagte ich dem Konsul jeden Tag, ich hätte es mit der Abreise nicht eilig. Ich erging mich in Betrachtungen wie ein Seladon von zwanzig Jahren. Ich sah in Lia das tugendhafteste aller Mädchen, weil sie mit ihrer glühenden Leidenschaft und mit ihrer theoretischen Kenntnis vom Verkehr der beiden Geschlechter trotzdem ihre Kenntnisse nicht vervollständigen wollte. Ich sah in ihr ein Musterbild der Tugend: Alles an ihr war Wahrheit, sie wußte nichts von Heuchelei und Betrug. Sie befriedigte ihre Begierden nur an sich selber und versagte sich die Genüsse, die durch ihr Gesetz verboten waren; trotz dem Feuer, das sie verzehrte, blieb sie diesem Gesetz treu. Es stand in ihrer Macht, sofort glücklich zu werden; sie aber leistete stundenlang Widerstand, obwohl sie mit einem von Liebe glühenden Manne unter vier Augen war. Sie führte dem Feuer, das in ihr loderte, neuen Brennstoff zu und war stark genug, um nichts zu erlauben, was sie hätte erleichtern können. O, die tugendhafte Lia! Jeden Tag setzte sie sich der Niederlage aus und verhinderte diese durch das einfache Mittel, daß sie niemals den ersten Schritt tat. Nichts sehen lassen, nichts anrühren lassen! Das war ihr Schild und Schirm. Man wird sehen, worauf alle diese Tugend hinauslief, die mein aufgeregter Geist ihr beilegte. Nach neun oder zehn Tagen begann ich gegen Lia heftig zu werden, allerdings nicht in Tätlichkeiten, sondern nur in Worten. Sie war traurig, gab zu, daß ich recht hätte, sagte mir, sie wüßte nicht, was sie antworten sollte, und schloß mit der Bemerkung, daß ich wohl daran tun würde, wenn ich ihr verböte, am Morgen zu mir zu kommen. Beim Mittagessen liefen wir nach ihrer Meinung keine Gefahr. Ich entschloß mich, sie zu bitten, zwar nach wie vor zu kommen, aber mit verhüllter Brust und ohne über Liebe und dergleichen zu sprechen. »Recht gern!« rief die Spitzbübin; »aber,« setzte sie lachend hinzu, »ich werde nicht die erste sein, die die Bedingungen bricht.« Ich wollte dies ebensowenig; denn drei Tage darauf sagte ich, des Leidens müde, dem Konsul, ich würde mit der ersten Gelegenheit absegeln; mein Entschluß war vollkommen aufrichtig; ich glaubte Lia zu kennen, und ihre Lustigkeit raubte mir den Appetit. So sollte ich also auch auf mein zweites Glück verzichten, nämlich das Essen, ohne Aussicht zu haben, das erste Glück, die Liebe, zu genießen. Da meine dem Konsul gegenüber abgegebene Willensäußerung mich gewissermaßen band, ging ich ruhig zu Bett. Gegen meine sonstige Gewohnheit verspürte ich gegen zwei Uhr morgens das Bedürfnis, der Göttin Cloacina ein Opfer zu bringen, und verließ ohne Licht mein Zimmer, da ich mich im Hause auch so zurecht finden konnte. Der Tempel befand sich im Erdgeschoß. Da ich niemand stören wollte, ging ich in sehr leichten Pantoffeln hinunter und machte nicht das geringste Geräusch. Als ich wieder hinaufging, sah ich auf dem ersten Treppenabsatz durch eine schmale Ritze einen Lichtschimmer aus einer kleinen Kammer dringen, die, wie ich wußte, nicht bewohnt war. Ich legte mein Auge an die Türspalte, ohne im geringsten daran zu denken, daß Lia zu solcher Stunde in der Kammer sein könnte. Man denke sich meine Überraschung, als mein Auge auf ein Bett fiel und Lia, völlig nackt, in Gesellschaft eines ebenfalls nackten jungen Mannes bemerkte, mit welchem sie eifrig beschäftigt war, die Stellungen des Aretino auszuführen. Sie sprachen dabei im Flüsterton und gaben mir alle vier oder fünf Minuten das Schauspiel einer neuen Gruppe. Bei diesen verschiedenen Stellungen konnte ich alle Schönheiten Lias sehen, und dieses Vergnügen milderte die Wut, die mir der Gedanke verursachte, daß ich eine abgefeimte Dirne für ein tugendhaftes Mädchen hatte halten können. Es war nicht schwer, zu bemerken, daß sie jedesmal, wenn sie sich der Krisis näherten, innehielten und das Werk mit Hilfe ihrer Hände vollendeten. Bei der Gruppe des arbre droit , die nach meiner Meinung die wollüstigste aller Stellungen ist, die das unzüchtige Genie Aretinos hat ersinnen können, betrug Lia sich wie eine richtige Lesbierin; denn während der Jüngling ihre geile Wut entflammte, bemächtigte sie sich seines Gliedes, nahm es ganz in den Mund und magnetisierte es, bis die Opfergabe dargebracht war. Da ich sie nicht ausspucken sah, so konnte ich nicht daran zweifeln, daß sie sich mit dem Nektar meines glücklichen Nebenbuhlers genährt hatte. Der Adonis zeigte ihr hierauf sein geschwächtes Werkzeug; sie aber machte ein halb glückliches, halb trauriges Gesicht und schien den Tod ihrer Hoffnungen zu beklagen. Bald darauf bemühte sie sich von neuem, ihn ins Leben zurückzurufen; aber der Kerl sah auf seine Uhr, stieß Lia von sich und zog sein Hemd an. Lia war offenbar außer sich. Sie suchte ihn durch die wollüstige Stellung einer schönen Venus zu verführen, deckte sich aber endlich wieder zu, nachdem sie ihm einige Worte gesagt hatte, die mir Vorwürfe zu sein schienen. Als ich sah, daß die beiden beinahe angekleidet waren, ging ich leise auf mein Zimmer und sah aus einem Fenster heraus, von wo aus ich die Haustüre erblicken konnte. Ich stand kaum einige Minuten auf der Lauer, als ich den glücklichen Liebhaber das Haus verlassen sah. Ich ging wieder zu Bett. Ich hätte mich freuen sollen, daß mir meine Täuschung benommen war; dies war jedoch nicht der Fall, sondern ich war entrüstet und fühlte mich gedemütigt. Mit dem Glauben an Lias Tugend war es nun natürlich vorbei; ich sah in ihr nur noch eine schamlose Prostituierte, die ich haßte. Ich schlief endlich mit der Absicht ein, ihr am nächsten Morgen die schlüpfrige Szene zu beschreiben, die ich zufällig mit angesehen hatte, und sie dann aus dem Zimmer zu jagen. Aber die Entschlüsse, die man im Zorn oder auch nur in einem Augenblick des Verdrusses faßt, halten meistens einem Schlaf von einigen Stunden nicht stand. Als ich Lia lustig und liebenswürdig mit meiner Schokolade eintreten sah, gab ich meinem Gesicht ebenfalls einen freundlichen Ausdruck und beschrieb ihr mit großer Ruhe ihre nächtlichen Arbeiten oder vielmehr die letzte Stunde ihrer Orgie, im besonderen die Gruppe des arbre droit und das Verschlucken des Saftes. Zum Schluß sprach ich meine Hoffnung aus, daß sie mir in der nächsten Nacht dasselbe bewilligen werde, nicht nur um meine Liebe zu belohnen, sondern auch um sich meine Verschwiegenheit zu sichern. Sie antwortete mir mit furchtloser Miene: »Hoffen Sie von mir keine Gefälligkeit! Ich liebe Sie nicht. Wenn Sie aus Rachsucht mein Geheimnis verraten wollen, so mögen Sie es tun. Ich bin überzeugt, Sie sind einer solchen schlechten Handlung nicht fähig.« Mit diesen Worten drehte sie mir den Rücken zu und ging hinaus. über den eigentümlichen Charakter des Mädchens nachdenkend, mußte ich mir selber gestehen, daß sie recht hatte. Ich fühlte, daß ich wirklich einen häßlichen Streich begehen würde, wenn ich sie verriete; aber ich war weit entfernt davon, einen solchen zu begehen, und dachte bereits nicht mehr daran. Sie hatte mich mit den vier Worten »Ich liebe Sie nicht« zur Vernunft gebracht. Hierauf ließ sich nichts erwidern. Wenn sie mich nicht liebte, hatte sie keine Verpflichtungen gegen mich, und ich konnte keine Ansprüche machen. Im Gegenteil, mir schien, daß sie Grund hatte, sich über mich zu beklagen; denn welches Recht hatte ich, hinter ihr her zu spionieren? Noch weniger Recht hatte ich, sie zu beleidigen, indem ich Dinge enthüllte, die ich nur durch eine indiskrete und gar nicht zu entschuldigende Neugier hatte erfahren können. Ich konnte sie nicht beschuldigen, daß sie mich betrogen hätte. Worüber konnte ich mich also beklagen? Sie hatte über ihren Leib verfügt; aber gehörte ihr Leib nicht ihr? Und würde ich sie tadelnswert gefunden haben, wenn ich mich an der Stelle des vorgezogenen Liebhabers befunden hätte? Wenn ich alles mit gerechtem Urteil erwog, mußte ich schweigen. Ich zog mich in aller Eile an und ging nach der Börse, wo ich erfuhr, daß am selben Tage eine Peote nach Fiume abging. Fiume liegt am anderen Ufer des Meerbusens Ancona gegenüber. Von Fiume nach Triest sind zu Lande nur vierzig Miglien, ungefähr dreizehn französische Wegstunden; ich beschloß, auf diesem Wege nach meinem Bestimmungsort zu reisen. Ich ging nach dem Hafen hinunter; besah mir die Peote und sprach mit dem Schiffer. Er sagte mir, wir würden mit dem Winde segeln und am anderen Morgen bereits im Angesicht der jenseitigen Küste sein. Ich belegte für mich den besten Platz, machte dem Konsul einen Abschiedsbesuch, bezahlte Mardochai seine Rechnung und packte meine Koffer. Als Lia von ihrem Vater hörte, daß ich am selben Tage absegelte, sagte sie mir, es sei ihr unmöglich, mir meine Wäsche, Spitzen und seidenen Strümpfe noch im Laufe des Tages abzuliefern; sie könnte jedoch am nächsten Tage alles fertig haben. »Ihr Vater«, sagte ich mit der ruhigsten Miene, »kann alle diese Sachen dem venetianischen Konsul geben, der so freundlich sein wird, sie mir nach Triest zu schicken.« Im Augenblick, wo ich mich zu Tisch setzte, kam der Schiffer mit einem Matrosen, um meine Sachen abzuholen. Ich gab ihm meinen Koffer, der bereits fertig war, und sagte ihm, das übrige würde ich mit an Bord bringen, sobald er absegeln wollte. »Signore, ich denke eine Stunde vor Dunkelwerden in See zu stechen.« »Ich werde bereit sein.« Als Mardochai erfuhr, daß ich nach Fiume führe, bat er mich, eine kleine Kiste und einen Brief, den er noch schreiben würde, an einen Freund zu bestellen. »Ich bin sehr erfreut, Ihnen diesen kleinen Dienst leisten zu können.« Bei Tische setzte Lia sich zu mir, wie wenn gar nichts los wäre. Sie unterhielt sich mit mir wie sonst und fragte mich, ob ich dies gut fände oder ob jenes nach meinem Geschmack sei; meine einsilbigen Antworten brachten sie nicht im geringsten aus der Fassung, aber ihre Blicke wichen beständig meinen Augen aus. Ich bildete mir ein, sie wünschte, daß ich ihr freies Benehmen für Geisteskraft, für philosophische Festigkeit, für ein edles Vertrauen halten sollte; ich sah jedoch in diesem allem weiter nichts als eine unerschütterliche Frechheit. In diesem Augenblick empfand ich nur Haß gegen sie; denn sie hatte mich betrogen, indem sie mich entflammte, und sie hatte mich beleidigt, indem sie mir mit dürren Worten sagte, daß sie mich nicht liebte; ich verachtete sie, weil sie mir allem Anschein nach zu verstehen geben wollte, daß ich sie darum achten müsse, weil sie nicht errötete. Vielleicht rechnete sie auf meine Dankbarkeit dafür, daß sie mir gesagt hatte, sie hielte mich nicht für fähig, ihrem Vater zu verraten, was ich gesehen hätte. Sie begriff nicht, daß ich ihr für dieses Vertrauen zu keinem Dank verpflichtet war. Nachdem sie ein Glas Scopolo geschlürft hatte, sagte sie mir, es seien von diesem Wein und von dem Muskateller noch etliche Flaschen vorhanden. »Ich schenke sie Ihnen; Sie können sie benützen, um sich auf Ihre nächtlichen Arbeiten vorzubereiten.« Sie erwiderte lächelnd, ich hätte umsonst einen Anblick gehabt, für den ich gewiß gerne mehrere Goldstücke bezahlt hätte, und ihr selber hätte die Sache so viel Vergnügen gemacht, daß sie mir diesen Anblick gern noch einmal verschafft hätte, wenn ich nicht so schnell abreiste. Diese Frechheit ärgerte mich so, daß ich Lust bekam, ihr die vor mir stehende Karaffe an den Kopf zu werfen. Offenbar merkte sie meine Absicht, als ich nach der Flasche griff. Aber sie sah mir so ruhig und mutig ins Gesicht, daß ich nicht imstande war, diese schändliche Handlung zu begehen. Ich sagte ihr daher nur, sie sei die schamloseste Spitzbübin, die mir jemals begegnet sei, und goß mir hierauf mein Glas voll, wie wenn ich die Flasche nur zu diesem Zwecke ergriffen hätte. Ich stand auf und ging in mein anderes Zimmer, denn ich konnte es nicht mehr aushalten; trotzdem kam sie eine halbe Stunde darauf mir nach, um mit mir Kaffee zu trinken. Diese Beharrlichkeit schien mir im höchsten Grade beleidigend; ich beruhigte mich jedoch bei dem Gedanken, daß sie sich durch dieses Benehmen wahrscheinlich rächen wolle. Allerdings hatte sie sich ja eigentlich bereits genug gerächt, indem sie mir sagte, daß sie mich nicht liebte und indem sie mir dies bewies. »Ich will Ihnen packen helfen,« sagte sie zu mir. »Und ich,« antwortete ich ihr kalt, »ich bitte Sie, mich in Ruhe zu zu lassen.« Zugleich nahm ich ihren Arm, führte sie hinaus und machte die Tür hinter ihr zu. Wir hatten beide recht. Lia hatte mich betrogen und gedemütigt, und darum hatte ich ein Recht, sie zu verabscheuen, denn ich hatte sie als falsch, heuchlerisch, lügenhaft und höchst unzüchtig erfunden; sie hatte ein Recht, mich zu hassen, und ich glaube, es wäre ihr nicht unangenehm gewesen, wenn ich irgendein Verbrechen an ihr begangen hätte; denn dann hätte ich sicherlich meine Entdeckungen bereuen müssen. Niemals habe ich mich in größerer Aufregung befunden. Gegen Abend holten zwei Matrosen meine übrigen Sachen ab; ich dankte meinem Wirte und sagte Lia mit gleichgültiger Miene, sie möchte meine Wäsche in Wachsleinwand packen und ihrem Vater übergeben. Dieser hatte sich mit der Kiste, die ich für ihn bestellen sollte, bereits nach der Peote begeben. Wir segelten mit gutem Winde ab, und ich glaubte, ich würde Lia niemals wiedersehen. Wie man sehen wird, hat das Schicksal anders bestimmt. Wir hatten einen kräftigen Wind im Rücken und machten zwanzig Miglien, ohne eine andere Bewegung des Schiffes, als ein Schaukeln von vorn nach hinten, was durchaus nicht unangenehm ist. Plötzlich trat eine völlige Windstille ein, und wir blieben auf dem Fleck, wo wir waren. Solche plötzlichen Veränderungen des Windes sind auf dem Adriatischen Meere nichts Seltenes, besonders in jener Gegend, wo wir uns befanden. Diese Windstille dauerte nur kurze Zeit, ein starker West-Nord- West wühlte hohe Wogen auf, und das Meer wurde so unruhig, daß unsere kleine, fast unbeladene Peote auf eine fürchterliche Art und Weise, die mich sehr krank machte, auf den Wellen zu tanzen begann. Gegen Mitternacht war der Wind völlig umgeschlagen und blies uns so stark entgegen, daß wir uns in der größten Gefahr befanden. Der Schiffer sagte mir: wenn wir nicht kentern wollten, könnte er nichts anderes tun, als mit dem Winde nach Ancona zurücksegeln, denn wir könnten es nicht wagen, auf einen der istrischen Häfen zuzuhalten. In weniger als drei Stunden waren wir glücklich wieder im Hafen von Ancona. Der wachthabende Hafenbeamte erkannte uns und war so gefällig, mich an Land gehen zu lassen. Während ich dem Beamten meinen Dank aussprach, daß er mir erlaubte, mich in einem guten Bett auszuruhen, bemächtigten sich die Matrosen meines Gepäcks und brachten es, ohne mich zu fragen, zu Mardochai. Dies war mir unangenehm, denn ich wollte ein Wiedersehen mit Lia vermeiden und hatte die Absicht gehabt, im nächsten besten Gasthof abzusteigen. Indessen, es war nun einmal geschehen. Mein Jude stand auf und sprach mir seine große Freude aus, daß er das Glück hätte, mich wiederzusehen. Es war drei Uhr vorbei: ich war sehr krank und wünschte mich unverzüglich zu Bett zu legen. Ich sagte ihm, ich würde spät aufstehen und wünschte allein und im Bett zu essen, sobald ich rufen würde; ich bäte um ein gewöhnliches Mittagessen ohne Gänseleber. Obgleich ich mich wie gerädert fühlte, schlief ich zehn Stunden in einem Zuge; aber als ich aufwachte, verspürte ich einen gesunden Appetit und klingelte. Die Magd kam herein und sagte mir, sie werde die Ehre haben und mich bedienen, weil Lia seit dem vorigen Tage mit heftigem Kopfweh zu Bett liege. Ich antwortete ihr nicht, aber dankte in meinem Herzen der Vorsehung, daß mir der Anblick der gefährlichen Dirne erspart blieb. Ich fand das Mittagessen zu wenig reichlich, und da ich mich nach dem Essen viel besser fühlte, so sagte ich der Köchin, sie sollte mir ein gutes Abendessen zurecht machen. Das Wetter war fürchterlich. Der venetianische Konsul hörte, daß ich wieder zurückgekehrt wäre, und als er mich nicht in seinem Hause sah, vermutete er, daß der Sturm mich krank gemacht hätte, und brachte zwei Stunden bei mir zu. Er versicherte mir, das schlechte Wetter werde mindestens acht Tage dauern. Diese Mitteilung war mir im höchsten Grade unangenehm, teils Lias wegen, die ich unmöglich während eines so langen Zeitraumes vermeiden konnte, teils aber auch, weil ich kein Geld mehr hatte. Glücklicherweise besaß ich Wertgegenstände, und dieser zweite Punkt beunruhigte mich daher weniger. Ich fürchtete, Lia würde zum Abendessen kommen. Da sie jedoch nicht erschien, so glaubte ich, sie würde überhaupt nicht mehr kommen. Dafür war ich ihr dankbar, denn ich hielt ihre Krankheit nur für vorgeschützt, um ein Wiedersehen mit mir zu vermeiden. Ich fühlte mich infolgedessen viel weniger zornig auf sie; meine Vermutungen hatten jedoch keine innere Berechtigung. Am anderen Morgen kam sie, wie gewöhnlich, und verlangte von mir Schokolade, um mein Frühstück zurecht zu machen; ihr Gesicht trug jedoch nicht mehr den Ausdruck von Zufriedenheit und Ruhe, der ihr so natürlich stand, oder den sie so gut zu heucheln wußte. »Ich werde Kaffee trinken, mein Fräulein, und da ich keine Gänseleber mehr zu essen wünsche, so werde ich allein speisen. Sie können daher Ihrem Vater sagen, daß ich ihm nur sieben Paoli für den Tag bezahlen werde. Außerdem werde ich von jetzt an nur noch Orvietowein trinken.« »Sie haben noch vier Flaschen Scopolo- und Zypernwein.« »Ich nehme niemals wieder, was ich einmal gegeben habe; diese Flaschen gehören Ihnen. Sie tun mir einen Gefallen, wenn Sie sich entfernen und wenn Sie so wenig wie möglich in mein Zimmer kommen. Denn Ihre Gefühle und Ihre Bemerkungen sind darnach angetan, die Geduld eines Sokrates zu erschöpfen, und ich bin kein Sokrates. Außerdem empört Ihr Anblick mich. Ihr Äußeres hat nicht mehr die Macht, meine Augen zu blenden, und Ihr schöner Leib vermag nicht, mir den Gedanken fern zu halten, daß er die Seele eines Ungeheuers umschließt. Seien Sie überzeugt, daß die Matrosen mein Gepäck ohne meine Einwilligung hierher gebracht haben; sonst hätten Sie mich niemals wieder in Ihrem Hause gesehen, wo ich eine Todesangst ausstehe, daß man mich vergiften wird.« Lia ging hinaus, ohne mir zu antworten, und ich fühlte mich überzeugt, daß sie nach meiner wenig schmeichelhaften Ansprache sich hüten würde, wieder vor mir zu erscheinen. Die Erfahrung hatte mich gelehrt, daß Mädchen von Lias Charakter nicht selten sind. Ich hatte solche in Spaa, in Genua, in London und sogar in Venedig gekannt; aber diese Israelitin übertraf alles, was ich bis dahin in dieser Art kennen gelernt hatte. Es war Samstag. Mardochai fragte mich nach seiner Rückkehr von der Synagoge mit lachendem Gesicht, warum ich denn seine Tochter gekränkt hätte; sie hätte ihm geschworen, sie hätte mir durchaus keinen Anlaß gegeben, mich über sie zu beklagen. »Ich habe sie durchaus nicht gekränkt, mein lieber Mardochai; wenigstens ist dies durchaus nicht meine Absicht gewesen. Aber ich muß Diät halten und habe ihr daher gesagt, daß ich keine Gänseleber mehr wünsche; die Folge davon ist, daß ich allein essen und täglich drei Paoli sparen kann.« »Lia ist bereit, mir diese drei Paoli aus ihrer Tasche zu bezahlen; sie will mit Ihnen speisen, um Ihnen zu beweisen, daß Sie keine Furcht zu haben brauchen, bei uns vergiftet zu werden. Sie hat mir nämlich gesagt, daß Sie dies befürchten.« »Das war ein Scherz, den Sie natürlich nicht ernst nehmen dürfen; ich weiß sehr wohl, daß ich im Hause eines ehrlichen Mannes bin. Aber Ihre Tochter ist dumm, weil sie zu klug ist. Sie braucht keine drei Paoli zu bezahlen, denn ich habe es nicht nötig, dieses Geld zu sparen. Um Ihnen dies zu beweisen, werde ich sechs bezahlen, aber unter der Bedingung, daß Sie ebenfalls mit mir essen. Lias Anerbieten, drei Paoli für mich zu bezahlen, ist eine Unverschämtheit. Mit einem Wort, mein Lieber: entweder esse ich allein und bezahle Ihnen täglich sieben Paoli, oder ich bezahle dreizehn und esse mit Vater und Tochter. Das ist mein letztes Wort.« Der gute Mardochai entfernte sich mit der Bemerkung, er habe nicht den Mut, mich allein essen zu lassen. Zum Mittagessen stand ich auf. Ich sprach bei Tisch nur mit Mardochai, sah Lia nicht an und lachte nicht ein einziges Mal über die witzigen Bemerkungen, die sie von Zeit zu Zeit losließ, um meine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Ich trank nur Orvietowein. Beim Nachtisch füllte Lia mein Glas mit Scopolowein und sagte mir, wenn ich diesen nicht tränke, würde sie ihn auch nicht mehr trinken. Ohne sie anzusehen, antwortete ich ihr: wenn sie vernünftig wäre, würde sie stets nur Wasser trinken, und ich wolle nichts aus ihrer Hand empfangen. Mardochai, der den Wein liebte, lachte, sagte, ich hätte recht, und trank für drei. Da das Wetter schlecht war, brachte ich den Rest des Tages mit Schreiben zu; nachdem ich zu Abend gegessen hatte, wobei mich die Magd bediente, legte ich mich zu Bett und schlief ein. Ich lag im ersten Schlummer, als ich von einem kleinen Geräusch geweckt wurde. »Wer ist da?« rief ich. »Ich«, sagte Lia leise; »ich will Sie nicht beunruhigen, sondern möchte mich nur eine halbe Stunde mit Ihnen unterhalten, um mich zu rechtfertigen.« Mit diesen Worten legte sie sich neben mich, aber auf die Bettdecke. Dieser unerwartete Besuch, der so wenig zu dem Charakter des eigentümlichen Mädchens zu passen schien, freute mich; denn da ich nur Gefühle der Rache gegen sie hegte, fühlte ich mich sicher, daß ich nicht den Listen erliegen würde, die sie vielleicht aufbieten würde, um einen Sieg davon zu tragen, den sie gewiß nur erstrebte, um sich für meine Kälte zu rächen. Weit entfernt, sie schroff zurückzuweisen, sagte ich ihr ziemlich freundlich, ich hielte sie für gerechtfertigt und bäte sie, sich zu entfernen, da ich der Ruhe bedürftig wäre. »Ich werde mich erst entfernen, wenn Sie mich angehört haben.« »So sprechen Sie denn; ich höre.« Hierauf begann sie eine Rede, die eine gute Stunde dauerte, und die ich nicht ein einziges Mal unterbrach. War es nun die Kunst ihrer Beredsamkeit oder war es Macht des Gefühls, das sie mit einer herrlichen Stimme zum Ausdruck brachte – genug, ihre Rede machte Eindruck auf mich. Zunächst gestand sie all ihr Unrecht ein; dann aber sagte sie, in meinem Alter und mit meiner Erfahrung müßte ich einem achtzehnjährigen jungen Mädchen verzeihen, daß es, von einem glühenden Temperament und von einer unwiderstehlichen Neigung zu den Freuden der Liebe fortgerissen, nicht imstande gewesen wäre, auf die Stimme der Vernunft zu hören. Dieser verhängnisvollen Schwäche müßte ich alles verzeihen, sogar ein Verbrechen; denn selbst wenn sie sich eines solchen schuldig machen sollte, so geschähe es nur, weil sie sich selber nicht in der Gewalt hätte. »Ich schwöre Ihnen, daß ich Sie liebe!« rief sie. »Ich würde Ihnen dieses auf die unzweideutigste Weise bewiesen haben, wenn ich nicht unglücklicherweise in einen jungen Christen verliebt wäre, eben jenen, den Sie bei mir gesehen haben; er ist ein armer Schlucker, ein Wüstling, liebt mich nicht und läßt sich von mir bezahlen. Trotz meiner Liebe und meiner glühenden Leidenschaft habe ich ihm niemals bewilligt, was ein Mädchen nur einmal verlieren kann. Seit sechs Monaten hatte ich ihn nicht gesehen, und Sie sind schuld daran, daß ich ihn in jener Nacht kommen ließ; denn Sie hatten mit Ihren Bildern und Ihren Likörweinen meinen Leib in Flammen gesetzt.« Der Schluß dieser ganzen Verteidigungsrede lief darauf hinaus, daß ich ihr ihren Seelenfrieden wiedergeben müßte, indem ich ihr während der leider nur zu wenigen Tage, die ich noch bei ihr bleiben würde, meine ganze Neigung wieder schenkte. Als sie ausgeredet hatte, gestattete ich mir nicht den geringsten Einwurf. Ich tat, wie wenn ich überzeugt wäre, versicherte ihr, daß ich anerkennen müßte, unrecht getan zu haben, indem ich ihr die geilen Bilder zum Aretino gezeigt hätte, und sagte, es täte mir sehr leid, daß sie das Unglück hätte, ihrem Temperament nicht widerstehen zu können. Ich schloß mit dem Versprechen, daß sie in meiner Haltung keine Spur von Groll mehr bemerken würde. Da diese meine Erklärung nicht auf das hinauslief, was die Spitzbübin wünschte, fuhr sie fort, von der Schwäche des Fleisches zu sprechen oder von der Macht des Selbstgefühls, das gar oft der zärtlichsten Neigung Hindernisse in den Weg lege und ein Herz zwinge, gegen seine eigenen teuersten Interessen zu handeln usw. Sie wollte mich überzeugen, daß sie mich liebte und daß sie sich mir nur deshalb vorenthalten hätte, um meine Liebe stärker zu machen und meine Achtung zu gewinnen. Ich sollte überzeugt sein, daß ihre Natur sie gezwungen hätte, so zu handeln, und daß es nicht ihre Schuld wäre, wenn sie mir nicht alles bewilligt hätte. Wie viel hätte ich ihr antworten können! Wie leicht hätte ich ihre Gründe widerlegen können! Ich hätte ihr sagen können, daß ich sie gerade wegen ihrer abscheulichen Naturanlage hassen müsse; aber ich hütete mich wohl, dies zu tun. Ich wollte sie nicht zur Verzweiflung bringen. Ich sah wohl, worauf sie hinaus wollte, und es galt nun, ihren vorauszusehenden Angriff abzuwarten, um sie durch dessen Zurückweisung auf das tiefste zu demütigen. Dieser Angriff, den ich so nahe geglaubt hatte, kam jedoch nicht. Sie machte nicht die geringste Bewegung mit ihren Händen und kam mir nicht ein einziges Mal mit ihrem Gesicht zu nahe. Ohne Zweifel wurde sie endlich des Kampfes müde, den sie seit zwei Stunden mit sich selber zu führen hatte. Wider mein Erwarten ging sie plötzlich hinaus, indem sie mir gute Nacht wünschte. Als sie fort war, wünschte ich mir Glück, daß ihre Verführungsversuche nicht über Worte hinausgegangen waren; denn sie hatte mich in einen solchen Zustand versetzt, daß ein körperlicher Angriff ihr vielleicht einen vollständigen Sieg verschafft hätte, obwohl wir im Dunkeln waren. Gerade ein sehr starker Mann ist in solchen Fällen außerordentlich schwach. Ich darf nicht vergessen, zu erwähnen, daß ich ihr, bevor sie ging, versprechen mußte, mir von ihr wie früher meine Schokolade machen zu lassen. Am anderen Morgen kam sie in aller Frühe, um eine Tafel Schokolade zu holen. Sie war äußerst mangelhaft bekleidet und ging auf den Fußspitzen, wie wenn sie mich aufzuwecken befürchtete. Sie hätte aber bloß einen Blick nach meinem Bett zu werfen brauchen, um zu sehen, daß ich nicht schlief. Ich sah also, daß sie immer noch ebenso falsch und listig war, und nahm mir von neuem ganz fest vor, ihr in keiner Weise entgegenzukommen. Als sie mir meine Schokolade brachte, sah ich zwei Tassen auf dem Anrichtebrett und sagte: »Es ist also nicht wahr, daß Sie die Schokolade nicht lieben?« »Ich halte mich für verpflichtet, Ihnen jede Furcht der Vergiftung zu benehmen.« Sehr bezeichnend fand ich es auch, daß sie ein Kleid angezogen hatte und den Busen bedeckt trug, während sie eine halbe Stunde vorher in Hemd und Unterrock mit völlig nackter Brust gekommen war. Je mehr ich aber sah, daß sie mich durch ihre Reize ködern wollte, desto fester wurde mein Entschluß, sie durch Gleichgültigkeit zu demütigen. Wenn ich nicht siegte, so war dies für mich eine große Schande, und bei dem Gedanken daran verspürte ich einen eisig kalten Schauder. Trotz meinen festen Vorsätzen begann Lia mich beim Mittagessen von neuem zu verführen; denn sie ließ gegen meinen Befehl eine schöne Gänseleber auftragen und sagte, diese sei für sie allein, und wenn sie dadurch vergiftet würde, so wollte sie mit Vergnügen sterben. Mardochai konnte der Versuchung des leckeren Gerichtes nicht widerstehen und sagte, er wolle ebenfalls sterben, hierauf langte er ganz gehörig zu. Ich mußte gegen meinen Willen lachen und rief: »Dann wollen wir alle drei sterben!« »Ihre Entschlüsse«, sagte Lia, »sind nicht stark genug, um der Verführung standzuhalten.« Diese Bemerkung ärgerte mich, und ich antwortete ihr: wenn sie sich zu viele Blößen gäbe, so wäre das sehr geistreich, aber weniger klug; sie würde sehen, daß ich stark genug sein würde, um standhaft zu bleiben. Ein feines Lächeln kräuselte ihre Lippen. »Versuchen Sie es nur,« rief ich, »mich dazu zu bringen, daß ich Scopolo oder Muskateller trinke. Ich hätte allerdings diese Weine getrunken, wenn Sie mir nicht die Schwäche meiner Entschlüsse vorgeworfen hätten. Ich werde Sie überzeugen, daß diese unerschütterlich sind.« »Wer immer standhaft bleibt, ist allerdings stark,« sagte Lia; »liebenswürdig aber ist der Mensch, der sich oft besiegen zu lassen weiß.« »Das will ich zugeben, aber Sie werden begreifen, daß ein liebenswürdiges Mädchen einem Manne niemals die Schwächen vorhält, zu denen sie selber ihn veranlaßt.« Ich rief die Magd und schickte sie zum venetianischen Konsul, um mir Scopolo und Muskateller zu holen. Lia war außer sich vor Freude, aber sie ärgerte mich abermals, indem sie vor Begeisterung ausrief: »Ich gebe mit Freuden zu, daß Sie der liebenswürdigste aller Männer sind.« Mardochai, der nichts von dem Sinn unserer Worte begriff, aß und trank lachend und war sehr zufrieden. Am Nachmittag ging ich trotz dem scheußlichen Wetter in ein Kaffeehaus. Indem ich an Lia dachte, hielt ich es für sicher, daß sie gleich in der nächsten Nacht den Angriff erneuern würde und daß dieser, ihrem Charakter entsprechend, noch stärker sein würde als in der vorhergehenden Nacht. Ich wollte nicht unterliegen, aber ich fürchtete, daß meine Manneskraft mich schwach machen würde, und beschloß, diese zu schwächen, wenn ich ein einigermaßen erträgliches Frauenzimmer finden könnte, um bei dieser den Überschuß meiner Kraft los zu werden. Zu diesem Zwecke ließ ich mich von einem Griechen, der mir einige Tage vorher ein Haus gezeigt hatte, das mir nur Ekel verursacht hatte, nach einem anderen Hause führen, wo eine geschmacklos herausgeputzte, über und über geschminkte Griechin mir einen solchen Widerwillen einflößte, daß ich beim ersten Anblick davonlief. Ich ärgerte mich, daß in einer Stadt wie Ancona ein einigermaßen zartfühlender Mensch nicht für sein gutes Geld ein so gebieterisches Bedürfnis befriedigen konnte, aber es blieb mir nichts anderes übrig, als nach Hause zu gehen. Nachdem ich allein, wie immer, zu Abend gegessen hatte, schloß ich meine Tür zu, was ich bis dahin nur zweimal getan hatte, und begann mich auszuziehen. Diese Vorsicht war jedoch zwecklos. Wenige Augenblicke später klopfte Lia an meine Tür unter dem Verwande, daß ich vergessen hätte, ihr die Schokolade zu geben. Ich öffnete und gab ihr die Schokolade; hierauf bat sie mich, meine Türe offen zu lassen: »Ich habe Ihnen Wichtiges zu sagen, und es wird das letzte Mal sein.« »Sie können mir jetzt sagen, was Sie von mir wünschen.« »Nein, es ist ein bißchen lang, was ich Ihnen zu sagen habe und, ich kann erst kommen, wenn alle Leute im Hause eingeschlafen sind. Aber sie haben nichts zu befürchten, denn Sie wissen sich ja zu beherrschen. Sie können sich ruhig zu Bett legen, da ich Ihnen ja nicht mehr gefährlich bin.« »Nein, gefährlich sind Sie ganz gewiß nicht, und um Ihnen dies zu beweisen, werde ich meine Türe offen lassen.« Ich war fester denn je entschlossen, alle ihre Listen zuschanden zu machen; deshalb ließ ich meine Kerzen brennen, denn wenn ich sie ausgelöscht hätte, so hätte sie vielleicht glauben können, daß ich mich vor ihr fürchtete, und das wollte ich nicht, übrigens mußte bei Licht mein Triumph und ihre Niederlage um so vollkommener sein. Ich legte mich zu Bett. Um elf Uhr kündigte ein leises Geräusch mir an, daß der Augenblick des Kampfes da war. Ich sah Lia eintreten. Sie war nur mit ihrem Hemd und einem dünnen Unterröckchen bekleidet. Leise schob sie den Riegel vor die Tür, und als ich sie fragte: »Nun? Was wollen Sie mir denn sagen?« kam sie in das Bettgäßchen, ließ Unterrock und Hemd fallen, hob meine Decke auf und legte sich, wie eine Venus, die eben aus dem Bade kommt, an meine Seite. Ich war zu überrascht und zu aufgeregt, um sie zurückstoßen zu können. Lia, ihrer Sache sicher, sprach keinen Ton, warf sich auf mich, drückte mich gegen ihren Busen und preßte ihren Mund auf meine Lippen. Augenblicklich waren alle meine Kräfte gelähmt mit Ausnahme gerade jener, die ich hatte schlummern lassen wollen. In einem kurzen Augenblick, den ihre heißen Liebkosungen mir zum Nachdenken frei ließen, erkannte ich, daß ich ein anmaßender Tor war, daß Lia sehr klug war und daß sie die menschliche Natur unendlich besser kannte als ich. Sofort wurden meine Liebkosungen ebenso stürmisch wie die ihrigen; ich verschlang mit meinen Küssen ihre beiden Halbkugeln von Alabaster und Rosen und verhauchte mein Leben am Eingang zum Heiligtum der Liebe, das ich zu meiner großen Überraschung unverletzt fand. Ich war überzeugt, daß ich das Schloß nur mit Gewalt sprengen konnte. Nach einem kurzen Schweigen sagte ich zu ihr: »Teure Lia, du zwingst mich, dich anzubeten; aber wie hast du nur verlangen können, daß ich dich hassen sollte? Wäre es möglich, daß du dich nur in meine Arme geworfen hättest, um mich zu demütigen, um einen nichtigen und flüchtigen Sieg zu erlangen? Wenn du dies gedacht hast, so verzeihe ich dir, aber du hast unrecht; der Genuß, glaube mir, ist tausendmal köstlicher als das Vergnügen, das deine Rache dir vielleicht machen kann.« »Nein, mein Freund, ich bin hier nicht, um zu triumphieren, um mich zu rächen, um einen Sieg zu erringen, dessen ich mich schämen müßte; ich bin hier nur, um mich dir ganz und gar hinzugeben, um dich zu meinem Sieger und zu meinem unumschränkten Gebieter zu machen. Um mir dies zu beweisen, mache mich, bitte, ganz glücklich!! Sprenge die Schranke, die ich bis zu diesem Augenblick trotz ihrer Schwäche und meiner Glut unversehrt erhalten habe; und wenn du trotz dem Opfer, das ich dir bringe, noch an der Aufrichtigkeit meiner Zärtlichkeit zweifelst, so muß ich in dir den boshaftesten aller Menschen sehen.« Niemals hatte ich eine so kräftige und zugleich so wollüstige Sprache gehört. Ich ging ans Werk. Sanft wie ein Lamm half sie mir nach besten Kräften. Ich sprengte das Schloß und konnte auf Lias schönem Gesicht eine seltsame Mischung von heftigem Schmerz und vollständiger Wollust beobachten. Ich fühlte, wie in der ersten Ekstase ihr ganzer Leib von Lust und Wonne zitterte. Der Genuß, der mir zuteil wurde, erschien mir völlig neu. Ich fühlte mich wieder kräftig wie vor zwanzig Jahren, aber ich besaß das verständige Zartgefühl meines Alters und beschloß daher, meinem Genuß erst dann den Höhepunkt erreichen zu lassen, wenn ich es durchaus nicht länger zurückhalten könnte. So sparte ich meine Kräfte, indem ich Lia schonte, die ich bis morgens drei Uhr an mich gepreßt hielt. Als ich sie losließ, war sie von Wollust überströmt und völlig erschöpft, und auch ich konnte nicht mehr. Sie verließ mich voller Dankbarkeit und nahm die vom Opferblut besprengten Bettücher mit. Ich aber schlief in einem Zuge bis zu Mittag. Als ich sie bei meinem Erwachen mit dem süßen Ausdruck befriedigter Liebe auf dem Gesicht vor mir erscheinen sah, betrübte mich der Gedanke an meine baldige Abreise; ich sprach ihr meine Gefühle aus, und sie bat mich, meine Abreise so lange wie möglich hinauszuschieben. Ich sagte ihr, wir würden das während der nächsten Nacht in Ordnung bringen. Hierauf hatten wir ein köstliches Mittagessen. Seitdem Mardochai mein Tischgenosse geworden war, setzte er seinen Stolz darein, mir zu zeigen, daß er nicht geizig war. Ich verbrachte den Nachmittag beim Konsul und verabredete mit ihm, daß ich auf einem neapolitanischen Kriegsschiff segeln sollte, das nach Beendigung der Quarantäne nach Triest fahren mußte. Diese Abmachung nötigte mich, noch einen vollen Monat in Ancona zu bleiben, und ich segnete den Sturm, der mich wider meinen Willen in den Hafen zurückgeführt hatte. Ich gab dem Konsul die goldene Tabaksdose, die ich vom Kurfürsten von Köln erhalten hatte, jedoch ohne das Porträt, denn dieses wollte ich behalten. Drei Tage darauf gab er mir ungefähr vierzig goldene Zechinen dafür. Das war alles, was ich brauchte. Mein Aufenthalt in dieser Stadt kostete mir sehr viel Geld in Anbetracht meiner damaligen Mittel. Als ich jedoch Mardochai sagte, daß ich noch einen Monat bei ihm bleiben werde, erklärte er mir mit aller Bestimmtheit, er wolle mir nicht mehr zur Last fallen. Wie man sich denken kann, bestand ich nicht darauf. So blieb mir also nur noch Lia. Ich habe immer geglaubt – vielleicht allerdings mit Unrecht – daß es dem Juden nicht unbekannt war, daß seine Tochter mir ihre Huld schenkte. In dieser Hinsicht find die Juden im allgemeinen nicht heikel; denn da die Frucht, die ein solches Verhältnis vielleicht trägt, unter allen Umständen israelitisch bleibt, so sind sie der Meinung, daß sie einen Christen betrügen, wenn sie ihn gewähren lassen. Ich wollte meine teure Lia nicht in die Lage bringen, daß sie unsere Vereinigung bereuen müßte. Wie dankbar, wie zärtlich war sie, als ich ihr sagte, daß ich noch einen ganzen Monat bei ihr bleiben würde! Wie segnete sie das schlechte Wetter, das mich verhindert hatte, nach Fiume zu kommen! Wir schliefen alle Nächte beieinander, sogar in jenen Nächten, während welcher Moses bei Strafe des Fluches den Frauen verboten hat, sich der Liebe hinzugeben. Ich schenkte dem reizenden Mädchen das kleine goldene Herz, das unsere ersten Gespräche über Liebe veranlaßt hatte; es mochte etwa zehn Zechinen wert sein; sie weigerte sich jedoch, irgendeine Belohnung dafür anzunehmen, daß sie mir sechs Wochen lang meine Wäsche besorgt hatte. Außerdem nötigte sie mich, herrliche indische Taschentücher von ihr zum Geschenk anzunehmen. Sechs Jahre später habe ich diese reizende Frau in Pesaro wiedergesehen; ich werde davon sprechen, wenn wir so weit sind. Am 14. November fuhr ich von Ancona ab und am 15. befand ich mich in Triest im Albergo Grande. Fünfundzwanzigstes Kapitel Pittoni. – Zaguri. – Der Procuratore Morosini. – Der venetianische Konsul. – Görz. – Der französische Konsul. – Madame Leo. – Ich leiste dem Tribunal der Staatsinquisitoren wichtige Dienste. – Strasoldo. – Die Krainerin. – General Burghausen. Der Wirt fragte mich nach meinem Namen. Ich verabredete mit ihm die Preise und fand mich gut untergebracht, schöne Zimmer mit gutem Bett. Am nächsten Morgen ging ich auf die Post und fand dort Briefe, die seit einem Monat auf mich warteten. In einem Briefe an Herrn Dandolo fand ich ein unversiegeltes Schreiben des Patriziers Marco Dona an den Polizeimeister Baron Pittoni. Ich las ihn und fand, daß ich darin warm empfohlen wurde. Ich ging sofort zu dem Beamten und übergab ihm meinen Brief. Er nahm ihn, las ihn aber nicht, sondern sagte mir, Herr Dona habe ihn bereits benachrichtigt, und ich könne darauf rechnen, daß er mich bei jeder Gelegenheit mit der größten Rücksicht behandeln werde. Von Pittoni ging ich zum Juden Moses Levi, um ihm einen Brief von seinem Freunde Mardochai zu überbringen. Ich hatte keine Ahnung, daß dieser Brief irgendwelchen Bezug auf mich hatte, und begnügte mich daher damit, ihn in seinem Geschäftslokal einem der Angestellten zu übergeben. Levi war ein kluger, liebenswürdiger und sehr wohlhabender Mann. Er machte mir gleich am nächsten Tage einen Besuch und bot mir in der freundlichsten Weise seine Dienste an. Er reichte mir den Brief seines Freundes und bat mich, ihn zu lesen. Mit Überraschung und Dankbarkeit sah ich, daß nur von mir die Rede war. Der gute Mardochai schrieb ihm: falls ich Geld nötig haben sollte, so bitte er ihn, mir zu geben, was ich wünsche. Er komme für hundert Zechinen auf. Dieses Vorgehen Mardochais erfüllte mich mit tiefer Dankbarkeit und versöhnte mich sozusagen mit den Juden. Ich hielt mich für verpflichtet, ihm einen Danksagungsbrief zu schreiben und ihm für vorkommende Fälle, meinen Einfluß in Venedig zur Verfügung zu stellen. Unwillkürlich verglich ich den kalten und förmlichen Empfang des Barons Pittoni mit Levis Benehmen. Welcher Unterschied! Der Baron war zehn oder zwölf Jahre jünger als ich. Er war ein geistreicher und wissenschaftlich gebildeter Mann, liebenswürdig, zu Scherzen aufgelegt und gänzlich ohne Vorurteil. Er hatte kein Gefühl für das Mein und Dein, verstand es nicht, zu sparen, und überließ die Sorgen um sein Hauswesen seinem Kammerdiener, der ihn bestahl; er wußte dies, aber er machte sich nichts daraus. Ein grundsätzlicher Freund des Zölibats, war er galant gegen alle hübschen Frauen und ein großer Gönner aller Lebemänner. Im übrigen war er faul und gleichgültig und häufig in einem unverzeihlichen Grade zerstreut; dies ging so weit, daß er oft sogar wichtige Amtsgeschäfte vergaß. Er stand im Rufe, ein Lügner zu sein, jedoch mit Unrecht; denn ein Lügner ist man nur, wenn man wissentlich Falsches sagt; wenn aber Pittoni nicht die Wahrheit sagte, so geschah dies nur, weil er sie vergessen hatte. Ich schrieb diese Charakterschilderung des seltsamen Menschen einen Monat nach dem Beginn unserer Bekanntschaft nieder. Wir wurden bald gute Freunde und sind es noch. Nachdem ich meinen Freunden in Venedig meine Ankunft in Triest angezeigt hatte, verbrachte ich, in meinem Zimmer eingeschlossen, zehn Tage damit, alle auf die polnischen Ereignisse seit dem Tode der Elisabeth Petrowna bezüglichen Papiere zu ordnen, die ich von Warschau mitgebracht hatte. Ich wollte die Geschichte der Unruhen des unglücklichen Landes bis zu der Zerstückelung, die damals vorgenommen wurde, ausführlich behandeln. Dieses Ereignis, das ich in Wort und Schrift vorausgesagt hatte, als der polnische Reichstag bei der Wahl des Königs Poniatowski die Zarin Katharina als Kaiserin aller Preußen und den Kurfürsten von Brandenburg als König in Preußen anerkannt hatte, regte mich zu dem Unternehmen an, die ganze Geschichte der Unruhen bis zur Teilung zu schreiben. Ich habe jedoch nur die ersten drei Bände veröffentlicht, weil der spitzbübische Drucker die vereinbarten Bedingungen nicht einhielt. Man wird nach meinem Tode das Manuskript der letzten vier Bände vorfinden, und wer meine Papiere erhält, kann sie veröffentlichen, wenn er Lust hat. Mir ist dies wie so vieles andere gleichgültig geworden, seitdem ich gesehen habe, wie die Herrschaft der Dummheit ihren Höhepunkt erreicht hat. Polen, das heute nicht mehr vorhanden ist und das vielleicht vom Schicksal dazu bestimmt ist, niemals wieder eine Stelle unter den Nationen einzunehmen – Polen würde noch jetzt so vorhanden sein, wie es beim Tode des Kurfürsten von Sachsen, August des Dritten, war, wenn nicht die stolze und ehrgeizige Familie der Czartoryski von dem Grafen Brühl, dem Premierminister des Königs August, gedemütigt worden wäre. Die erlauchte Familie dachte nur noch an Rache, und um diese zu erlangen, richtete der Woiwode von Rußland, Fürst August Czartoryski, sein unglückliches Vaterland zugrunde. Die Leidenschaft machte diesen klugen Mann blind, und er vergaß, daß gewisse Grundsätze unerschütterlich sein müssen, besonders in der Politik. Czartoryski beschloß, um sich für die Beleidigungen zu rächen, nicht nur das Haus Sachsen bei der nächsten Wahl vom polnischen Thron auszuschließen, sondern sogar den regierenden Herrscher vom Thron zu stoßen. Weil er, um seinen Zweck zu erreichen, die Freundschaft der Zarin und des Kurfürsten von Brandenburg nötig hatte, ließ er vom Reichstag die eine als Kaiserin aller Preußen und den andern als König in Preußen anerkennen. Diese beiden Herrscher, die untereinander vollkommen einig waren, konnten mit der Republik nicht verhandeln, so lange diese Anerkennung noch nicht erfolgt war. Die Republik hatte jedoch vollkommen recht, wenn sie diese Titel nicht bewilligen wollte; denn sie besaß die hauptsächlichsten Preußen selber und war der wirkliche König von Preußen, da der Kurfürst von Brandenburg nur das Herzogtum Preußen besaß. Von Rachsucht verblendet, überredete der Woiwode von Rußland, Czartoryski, den Reichstag, daß diese Anerkennung nur eine inhaltsleere Höflichkeitsformel sei, da der Bewerber weiter nichts wünschte, als die Ehre des Titels, und sich verpflichtete, diesen niemals verwirklichen zu wollen. Die Herrscherin von Rußland und ihr Kollege, der Kurfürst von Brandenburg, baten allerdings nur um einen Titel, wie einst die Hündin nur um eine Hütte bat, um ihre Jungen werfen zu können; die Hündin erhielt die Hütte von ihrer gutmütigen Freundin, und die Republik bewilligte den Titel. Als aber die Kleinen der Hündin groß waren, zeigte die Mutter die Zähne. Bekanntlich haben Rußland und Preußen das Beispiel der Hündin befolgt, und Gott weiß, wie weit sie noch gehen werden! Weitsichtige und urteilsfähige Beobachter konnten voraussehen, daß der Besitz des Titels früher oder später dazu führen würde, von dem ganzen Lande Besitz zu ergreifen. Der Woiwode von Rußland, den sein Vaterland verfluchen muß, hatte das Vergnügen, den Sohn seiner Schwester Constanze, Stanislaus Poniatowski, auf dem Throne zu sehen. Ich sagte damals dem Woiwoden: der bewilligte Titel gebe ein wirkliches Recht, und das Versprechen, niemals davon Gebrauch machen zu wollen, sei illusorisch; die beiden Mächte würden niemals sich um den Titel beworben noch das Versprechen gegeben haben, wenn sie nicht die volle Bedeutung des ersten und die vollkommene Wertlosigkeit des zweiten erkannt hätten. Lachend – denn ich konnte dem Fürsten von diesem Gegenstand nur im scherzhaften Ton sprechen, wie der Narr, der Weisheit feil hält – lachend fügte ich hinzu, infolge dieser Anerkennung könne von jetzt an ganz Europa die Republik Polen nur als zeitweiligen Inhaber der drei Reußen, des roten, weißen und schwarzen, und des Königreichs Preußen ansehen; spätestens die nächsten Nachfolger der anerkannten Fürsten würden der Republik die Last dieser Inhaberschaft abnehmen. Es waren nicht die Nachfolger der Titelinhaber, die meine Prophezeihung wahr machten: die beiden anerkannten Fürsten ließen ihnen keine Zeit dazu; sie haben Polen mit ihren eigenen Händen zerstückelt. Sie haben allerdings nicht nötig gehabt, sich auf ihre Titel zu berufen; den die Politik, die im Äußerlichen stets den Anschein der Höflichkeit aufrecht erhält, hat sie von der Notwendigkeit entbunden, davon Gebrauch zu machen. Dieselben Herrscher, die damals Polen zerstückelten, haben im vorigen Jahr das Ganze an sich genommen. Der zweite Fehler, den Polen damals beging, und zwar ein Hauptfehler, woran Czartoryski, damals die Seele der polnischen Politik, schuld war, bestand darin, duß man nicht an die Geschichte von dem Pferde dachte, das den Menschen zu seinem Beschützer erwählte. Die römische Republik wurde die Herrin der damaligen bekannten Welt, indem sie die Königreiche beschützte, die sie später einverleibte. Sieht man jemals regierende Fürsten einen Augenblick zögern, Ländern ihren erbetenen Schutz zu gewähren? Nein; denn sie wissen sehr gut, daß dies der erste Schritt ist, und daß das andere von selbst kommt. Kaum ist man Vormund, so macht man sich zum Vater und dann zum Herrn seines Mündels, wäre es auch nur, um die Erbschaft zu verwalten. So wurde meine teure Gebieterin, die Republik Venedig, Herrin des Königreichs Zypern, das später der Großtürke ihr fortnahm, um sich des guten Zypernweines zu bemächtigen, obgleich der Koran ihm die Benützung verbietet. Venedig existiert heute nur noch zu seiner ewigen Schande. Ehrgeiz, Rachsucht und Dummheit richteten also Polen zugrunde, vor allem aber die Dummheit. Diese Dummheit, die zuweilen aus Güte und Gleichgültigkeit entsteht, verschuldete auch den Anfang von Frankreichs Untergang, als der schwache und unglückliche Ludwig der Sechzehnte auf den Thron kam. Jeder entthronte König muß dumm gewesen sein und verdiente seine Entthronung; denn eine Nation, die einen König hat, hat ihn nur, weil er die Gewalt hat; an und für sich ist ja die Kraft der Nation größer. Ludwig der Sechzehnte ist also durch seine Dummheit zugrunde gegangen. Hätte er die Klugheit und die weise Vorsicht besessen, die der König eines geistreichen Volkes besitzen muß, so wäre er noch auf dem Throne und hätte Frankreich die Greuel erspart, die die rasende Wut einer Bande von Schurken, die Feigheit und Verderbtheit des Adels und die Habsucht einer despotischen, fanatischen und übermächtigen Geistlichkeit über das Land gebracht haben. Die Krankheit, die in Frankreich herrscht, wäre überall anderswo leicht zu heilen; aber bei den Franzosen ist sie vielleicht unheilbar. Die Nachwelt wird es erfahren, ich bin zu alt dazu. Die französischen Emigranten können vielleicht gewissen Leuten leid tun, deren Mitleid bei jeder Gelegenheit erregt wird; ich aber erkläre hiermit, daß sie mir nur Verachtung einflößen; denn wenn sie standhaft sich um den Thron geschart hätten, so hätten sie der Gewalt Gewalt entgegensetzen und die Unruhestifter vernichten können, bevor diese Zeit gehabt hätten, zu Mördern ihrer Nation zu werden; ihre Pflicht, ihr eigener Nutzen und ihre Ehre schrieben ihnen vor, ihren König zu retten, oder sich von den Trümmern des Thrones begraben zu lassen. Statt dessen sind sie mit ihrem Stolz und ihrer Schande im Ausland umherstolziert, ohne Nutzen für sie selber und zum größten Schaden derer, die sie ernähren müssen. Was wird aus Frankreich werden? Das kann ich nicht sagen; aber das weiß ich: ein Körper ohne Kopf kann nur ein Eintagsdasein führen, denn der Kopf ist der Sitz der Vernunft. Am 1. Dezember ließ der Baron mich bitten, bei ihm vorzukommen; ich würde in seinem Hause jemanden finden, der eigens von Venedig herübergekommen wäre, um mich zu sehen. Sehr neugierig zog ich mich in aller Eile an, und der Baron stellte mir einen elegant gekleideten schönen Mann von fünfunddreißig bis vierzig Jahren vor, der mich mit lachendem Gesicht und lebhafter Teilnahme ansah. »Mein Herz sagt mir, daß Eure Exzellenz der Herr von Zaguri sind.« »Ganz recht, mein lieber Casanova; sobald mein Freund Dandolo mir sagte, daß Sie hier wären, beschloß ich, Sie zu umarmen und Ihnen zu Ihrer demnächstigen Rückkehr in die Heimat Glück zu wünschen; diese wird, wenn nicht schon in diesem, spätestens im nächsten Jahre stattfinden; denn ich hoffe, zu Staatsinquisitoren zwei Männer ernannt zu sehen, von denen ich weiß, daß sie nicht taub und auch nicht dumm sind. Ich bin hierher gekommen, um Sie zu sehen, obwohl das Gesetz nicht erlaubt, daß ein im Amt befindlicher Avogador sich aus der Hauptstadt entfernt; dies muß Ihnen ein sicherer Beweis meiner Freundschaft sein. Wir werden heute und morgen den ganzen Tag beisammen sein.« Ich antwortete ihm mit herzlichem Dank, indem ich besonders die hohe Ehre hervorhob, die sein Besuch für mich bedeute. Hierauf sagte Pittoni zu mir, ich möchte doch entschuldigen, daß er mich nicht aufgesucht hätte, er hätte es vergessen. Ein schöner alter Herr bat Seine Exzellenz, mich zum Mittagessen bei ihm einzuladen, obgleich er nicht die Ehre hätte, mich zu kennen. »Wie?« rief Zaguri; »Casanova ist seit zehn Tagen in Triest, und der venetianische Konsul kennt ihn nicht?« Ich beeilte mich, das Wort zu ergreifen, und sagte: »Das ist meine Schuld; ich hätte den Herrn zu beleidigen geglaubt, wenn ich ihm einen Besuch gemacht hätte, denn der Konsul von Venedig hätte mich für Schmuggelware halten können.« Er antwortete mir witzig, von diesem Augenblick an werde er mich als Durchgangsware ansehen, die bis zur Wiedereinführung in ihr Heimatland in Quarantäne liege; sein Haus werde mir stets offen stehen, wie das des venetianischcn Konsuls in Ancona mir offen gestanden habe. Durch diese Antwort gab der Konsul mir zu verstehen, daß meine Verhältnisse ihm bekannt waren, und dies war mir nicht unangenehm. Marco Monti, so hieß der Konsul, war ein geistvoller und weltkluger Mann, ein liebenswürdiger, fröhlicher Gesellschafter, der ganz ausgezeichnet zu erzählen wußte und seine Zuhörer zum Lachen brachte, ohne selber zu lachen. Er konnte sich bei passenden Anlässen über gewisse Personen lustig machen, ohne doch diese zu verletzen, und er war die Seele aller Gesellschaften, in denen er verkehrte. Da ich ebenfalls ein wenig das gleiche Talent besaß, so gefielen wir einander bald und wurden Nebenbuhler im Anekdotenwettkampf. Obgleich er dreißig Jahre älter war als ich, wußte ich seiner Weisheit auf angenehme Art die Spitze zu bieten, und wenn wir in einer Gesellschaft zusammen waren, dachte kein Mensch ans Spiel, um die Zeit zu töten. Daß ich mir die Freundschaft dieses wackeren Mannes zu gewinnen wußte, war mir während meines zweijährigen Aufenthaltes in Triest sehr nützlich, und ich habe stets geglaubt, daß er viel zu meiner Begnadigung beigetragen hat, die damals der einzige Gegenstand meiner Wünsche war, weil ich von der Krankheit ergriffen war, die die Schweizer und Deutschen Heimweh nennen. Für die Schweizer und Slawonier ist das Heimweh eine tödliche Krankheit, eine wahre Pest, die sie schnell hinwegrafft, wenn man sie nicht unverzüglich ihren Penaten wieder zuführt. Die Deutschen leiden ebenfalls leicht an Heimweh; denn sie sind Ofenhocker; von allen Völkern leiden die Franzosen und nach ihnen die Italiener am wenigsten an Heimweh. Es gibt jedoch keine Regel ohne Ausnahme, und ich war eine solche Ausnahme. Hätte ich mich über die Krankheit hinweggesetzt, so wäre ich vielleicht nicht gestorben und jedenfalls hatte ich nicht neun Jahre meines Lebens bei meiner grausamen Stiefmutter Venedig verloren. Ich speiste also mit Herrn Zaguri und zahlreicher anderer Gesellschaft beim Konsul und wurde für den nächsten Tag zum Gouverneur, dem Grafen Auersperg, eingeladen. Dieser Besuch eines venezianischen Avogador verschaffte mir sehr große Achtung. Man konnte mich nicht mehr als einen Verbannten ansehen. Man behandelte mich wie einen Mann, dessen Auslieferung die venetianische Regierung nicht einmal verlangen könnte; denn da ich mein Vaterland nur verlassen hatte, um einem Gefängnis zu entfliehen, worin ich in widergesetzlicher Weise festgehalten wurde, so konnte die Regierung, deren Gesetze ich nicht übertreten hatte, mich nicht als schuldig ansehen. Am dritten Tage begleitete ich Herrn Zaguri nach Görz, wo er drei Tage verweilte, da er sich den Ehrenbezeigungen des in jener Gegend sehr vornehmen Adels nicht entziehen konnte. Ich erhielt ebenfalls meinen Teil oder vielmehr die Hälfte von allen Höflichkeiten, die man ihm erwies, und ich sah, daß ein Fremder in Görz sehr ungezwungen leben und alle die Annehmlichkeiten der Gesellschaft genießen konnte. Ich lernte dort einen Grafen Cobenzl kennen, der vielleicht noch lebt, einen weisen, freigebigen, vollkommen anspruchslosen Mann von tiefer Gelehrsamkeit. Er gab Herrn von Zaguri ein großes Diner, und ich lernte dabei vier Damen kennen, die in jeder Beziehung meine Huldigungen verdienten. Ferner machte ich die Bekanntschaft des Grafen Torres, dessen Vater, ein Spanier von Geburt, als Generalleutnant in österreichischen Diensten stand. Er hatte sich im Alter von sechzig Jahren mit einer sehr fruchtbaren Frau verheiratet, die ihm fünf Kinder schenkte, welche sämtlich ebenso häßlich waren wie er. Seine ausgezeichnet erzogene Tochter war trotz ihrer Häßlichkeit sehr liebenswürdig; denn sie glich an Geist und Charakter ihrer Mutter. Der älteste Sohn war häßlich und schielte; er war ein geistreicher Mensch, aber beinahe verrückt; außerdem war er Wüstling, Prahlhans, Lügner, Schwätzer und Verleumder. Trotz allen seinen Fehlern und Lastern sah man ihn gern in den Gesellschaften, weil er sehr gut und auf eine komische Art erzählte. Hätte er studiert, so wäre er ein sehr gelehrter Mann geworden, denn er hatte ein wunderbares Gedächtnis. Er übernahm, leider vergeblich, die Bürgschaft für den Vertrag, den ich mit dem Buchdrucker Valerio Valeri wegen der Veröffentlichung der Geschichte von Polen abschloß. Ferner lernte ich während dieser beiden Tage einen Grafen Coronini kennen, der wegen einiger Werke, die er in lateinischer Sprache über diplomatische Gegenstände veröffentlicht hatte, für einen Gelehrten galt. Kein Mensch las diese Werke und man gab ihm lieber freiwillig den Titel eines Gelehrten, als daß man sich die Mühe machte, nachzuforschen, ob er ihn wirklich verdiente. Außerdem wurde ich einem jungen Edelmann namens Morelli vorgestellt. Er hatte eine Geschichte von Görz geschrieben und stand im Begriff, den ersten Band derselben zu veröffentlichen. Er gab mir sein Manuskript mit der Bitte, es in meinen Mußestunden in Triest zu lesen und etwaige Mängel, die ich fände, zu verbessern. Ich führte diesen Wunsch zu seiner Zufriedenheit aus, denn ich schickte ihm sein Werk zurück, ohne etwas hinzugefügt oder gestrichen zu haben. Hierdurch machte ich mir ihn zum Freunde. Das wäre jedenfalls nicht der Fall gewesen, wenn ich mir die Mühe gemacht hätte, kritische Bemerkungen zu schreiben. Ich faßte eine große Zuneigung zum Grafen Franz Karl Coronini, einem sehr begabten jungen Mann. Er hatte eine Belgierin geheiratet; da er sich jedoch nicht mit ihr vertragen konnte, so lebte sie in ihrer Familie, und er hatte sich auf sein Schloß zurückgezogen, wo er seine Zeit mit kleinen Liebschaften, Jagdpartien und mit dem Lesen einer Menge von politischen und literarischen Zeitungen verbrachte. Er lachte über die Leute, welche behaupteten, es gäbe auf dieser Welt keine Glücklichen. Denn er war glücklich, und er begründete diese Behauptung mit einem Satz, auf den sich nichts erwidern ließ: »Ich fühle mich glücklich.« Er hatte recht; er ist jedoch im Alter von fünfunddreißig Jahren an einem Geschwür im Kopfe gestorben, und die Schmerzen, die ihn getötet haben, werden wahrscheinlich seine Meinung geändert haben. Es ist nicht wahr, daß es auf der Welt einen Menschen gibt, der beständig glücklich oder beständig unglücklich ist. Ob einer mehr glücklich oder mehr unglücklich ist, kann von niemandem festgestellt werden; denn Glück und Unglück sind relativ und hängen vom Charakter, vom Temperament und von den äußeren Umständen ab. Ebensowenig ist es wahr, daß die Tugend den Menschen glücklich macht; denn es gibt Tugenden, deren Ausübung Leiden verursachen muß; jedes Leiden aber schließt das Glück aus. Meine Leser werden wohl begreifen, daß ich nicht zu denen gehöre, die das moralische Glück über alles stellen; wir sind zu sehr Leib, als daß die geistige Befriedigung allen Ansprüchen genügen könnte. Mag auch das Genießen noch so ruhig sein, so begreife ich doch nicht, wie es glücklich machen kann, wenn man Hunger hat oder wenn von einem Kolikanfall sich die Eingeweide zusammenziehen. Ich begleitete meinen prächtigen Avogador Zaguri in Gesellschaft des Barons Pittoni bis an die Grenze des venetianischen Gebietes und kehrte mit dem letzteren nach Triest zurück. In der Begleitung des liebenswürdigen Venetianers befand sich der Abbate Pini, ein geistiger Advokat, der eine große Geschicklichkeit in Scheidungsangelegenheiten besaß. Innerhalb drei oder vier Tagen stellte Pittoni mich in allen vornehmen Familien vor und führte mich im Kasino ein, zu welchem nur die ersten Kreise der Stadt Zutritt hatten. Dieses Kasino befand sich in demselben Gasthof, wo ich wohnte. Unter den Damen fand ich am bemerkenswertesten eine evangelische Venetianerin, die Tochter eines deutschen Bankiers und Gattin des in Triest ansässigen Kaufmanns Pickelin aus Schwaben. Pittoni war in sie verliebt und blieb es bis zu ihrem Tode. Er liebte sie zwölf Jahre lang, wie Petrarca seine Laura liebte; er seufzte und hoffte unaufhörlich und erlangte niemals etwas. Diese seltene Frau, namens Zanetta, deren Gatte keine Eifersucht kannte, war schön, sang entzückend zum Klavier und stand aufs beste ihrem Hause vor. Was sie aber noch mehr auszeichnete als alle Vorzüge der Natur und Erziehung, das war die Sanftmut ihres Charakters und eine unerschütterliche, ewig gleich bleibende gute Laune. Ich brauchte nur drei Tage lang mit ihr zu verkehren, um zu erkennen, daß sie nicht zu erobern war. Ich sagte dies, jedoch vergeblich, dem armen Pittoni, den sie stets vor ihren andern Anbetern auszeichnete, ohne sich jedoch jemals von der ehelichen Treue zu entfernen, die sie ihrem Gatten und gewiß noch mehr sich selber gelobt hatte. Was ihr wahrscheinlich die Tugend weniger schwer machte, war eine sehr zarte Gesundheit. Man hätte dies nicht geglaubt, wenn man sie sah; aber die Tatsache war in der ganzen Stadt bekannt; die reizende Frau ist denn auch wirklich in jungen Jahren eines sanften Todes gestorben. Einige Tage nach der Abreise des Herrn Zagun erhielt ich vom Konsul briefliche Nachricht, daß der Herr Prokurator Morosini während der Nacht in Triest angekommen sei und im selben Gasthof wie ich wohne; wenn ich ihn kenne, so rate er mir, die Gelegenheit zu benutzen und ihm meine Aufwartung zu machen. Ich war dem guten Konsul für seine Mitteilung und seinen Rat unendlich dankbar; denn Herr von Morosini war eine der ersten Persönlichkeiten von Venedig, nicht nur, weil er die erlauchte Würde eines Prokurators von San Marco bekleidete, sondern auch wegen seiner hohen Weisheit. Er kannte mich seit meiner Kindheit, und der Leser erinnert sich vielleicht, daß er mich im Jahre 1750 in Fontainebleau dem Marschall Richelieu vorstellte, als die angebliche Querini auf die Eroberung Ludwigs des Fünfzehnten ausging. Nachdem ich in aller Eile sorgfältig Toilette gemacht hatte, wie wenn ich mich einem Monarchen vorstellen sollte, begab ich mich in sein Vorzimmer und schickte zu meiner Anmeldung ein Briefchen hinein. Er ließ mich nicht warten; er kam selber heraus, rief mich hinein und sprach in den freundlichsten Ausdrücken sein Vergnügen aus, mich wiederzusehen. Nachdem ich ihm gesagt hatte, warum ich mich in Triest aufhielt, und daß ich nach einem so wechselreichen Leben den sehnlichsten Wunsch hätte, in meine Heimat zurückzukehren, versicherte er mir, er werde alles tun, was in seinen Kräften stehe, um mir die Gnade des gestrengen Tribunals zu erwirken; er glaube, daß ein Mann wie ich, nach siebzehn Jahren, wohl Anspruch darauf habe. Er dankte mir für meine Freundlichkeit, daß ich mich in Florenz seines Neffen angenommen hätte, und behielt mich den ganzen Tag bei sich, um ihm in allen Einzelheiten die interessanten Abenteuer meines Lebens zu erzählen. Er freute sich, als er hörte, daß Herr von Zaguri alles für mich tun wolle, und bat mich, an ihn zu schreiben, er möchte sich dieserhalb mit ihm in Verbindung setzen. Er empfahl mich lebhaft dem Konsuls und da dieser mit dem Sekretär des Tribunals der Staatsinquisitoren in ununterbrochener schriftlicher Verbindung stand, so war es ihm eine ganz besondere Freude, melden zu können, mit welcher Achtung der Prokurator mich behandelt hätte, und daß er, der Konsul, dadurch genötigt wäre, mich mit der größten Rücksicht zu behandeln. Nach Herrn von Morosinis Abreise begann ich in Triest mein Leben zu genießen, aber in einer Weise, wie sie meinen Mitteln entsprach; ich mußte sparsam sein, denn meine sicheren Einnahmen betrugen nur fünfzehn Zechinen im Monat. Ich spielte niemals und speiste jeden Tag bei denen, die mich ein für allemal eingeladen hatten und mich, wie ich wußte, gerne sahen. Dies waren außer mehreren anderen der venetianische Konsul, der französische Konsul, ein etwas grober, aber anständiger Mann, der einen guten Koch hatte, und Pittoni, in dessen Hause man gut speiste, dank seinem Kammerdiener, der keine Ausgaben scheute, weil er dabei selber am besten seine Rechnung fand. Freuden der Liebe genoß ich nur hie und da, lediglich um das Bedürfnis zu befriedigen; ich nahm meine Börse und noch mehr meine Gesundheit in acht. Gegen Ende des Karnevals war ich auf einem Maskenball im Theater, und ein Harlekin stellte mir seine Harlekine vor. Die beiden neckten mich, und die Harlekine gefiel mir so, daß ich heftige Lust bekam, sie kennen zu lernen. Nach vielen Nachforschungen sagte der französische Konsul, Herr de St.-Sauveur, mir: »Der Harlekin ist ein adeliges Fräulein; die Harlekine dagegen ist ein hübscher Junge. Wenn Sie wünschen, werde ich Sie der Familie Harlekins vorstellen, und ich bin überzeugt, sobald Sie ihn in ein Mädchen verwandelt sehen, wird er Sie viel mehr interessieren als seine Kameradin, ein so hübscher Junge sie auch ist.« Während die beiden Masken mich bis zum Ende des Balles unaufhörlich neckten, konnte ich, ohne den Anstand allzu schwer zu verletzen, mich überzeugen, daß der Konsul mir nichts Falsches gesagt hatte. Als wir uns trennten, forderte ich ihn auf, sein Wort zu halten, und er versprach mir, mich am Aschermittwoch vorzustellen. Auf diese Weise machte ich die Bekanntschaft der Frau Leo, einer klugen und liebenswürdigen Dame, die in ihrer Jugend fröhlich gelebt hatte, trotzdem abe»noch schön war. Sie hatte ihrem Gatten einen Sohn und sechs Töchter geschenkt, die alle recht hübsch waren; besonders aber der verkleidete Harlekin, der mir sehr gefiel. Natürlich verliebte ich mich in das junge Mädchen; da ich jedoch um dreißig Jahre älter war als sie, und besonders, da ich ihr anfangs nur eine väterliche Zärtlichkeit gezeigt hatte, so hielt mich ein Gefühl von Scham, das bis dahin meinem Charakter ganz fremd gewesen war, davon zurück, irgend etwas zu unternehmen, was sie auf den Gedanken bringen konnte, daß ich sie wie ein Liebhaber liebte. Ich verlangte daher niemals etwas von ihr, was über die Grenzen einer väterlichen Liebe hinausgeht. Erst vier Jahre später erfuhr ich von ihr selber, daß meine Neigung ihr nicht entgangen war und daß sie oft über meine dumme Zurückhaltung gelacht hatte. Die Natur ist eine geschickte Lehrerin, von der ein junges Mädchen durch seinen Instinkt mehr lernt, als uns Graubärte die Erfahrung eines langen Lebens lehrt. Nach dem Osterfest des Jahres 1773 wurde der Stalthalter von Triest, Graf Auersperg, nach Wien berufen, und an seine Stelle kam der Graf von Wagensperg. Seine älteste Tochter, Gräfin Lantieri, war so schön wie ein Stern; sie flößte mir eine Leidenschaft ein, die mich unglücklich gemacht haben würde, wenn ich nicht Kraft genug besessen hätte, meine Liebe mit dem Schleier der größten Ehrfurcht zu umhüllen. Zur Feier der Ankunft des neuen Statthalters ließ ich ein Gedicht drucken, worin ich die Verdienste des Vaters pries und auch den seltenen Vorzügen der Tochter eine glänzende Huldigung darbrachte. Da diese Aufmerksamkeit gut aufgenommen wurde, begann ich eifrig in dem Hause des Statthalters zu verkehren. Der Graf wurde mein Freund und bezeigte mir seine Freundschaft durch vertrauliche Mitteilungen. Er wünschte, daß ich diese zu meinem Vorteil verwendete; er sagte es mir zwar nicht ausdrücklich, aber es war leicht zu erraten, daß dies seine wohlwollende Absicht war. Der venetianische Konsul hatte mir mitgeteilt, er bemühe sich seit vier Jahren bei der Statthaltere! in Triest, daß die Schnellpost, die wöchentlich einmal von Triest nach Mestre fuhr, ihren Weg um eine einzige Post verlängerte und Udine, die Hauptstadt des venezianischen Friaul, berührte. »Wenn die Schnellpost nach Udine führe,« sagte der Konsul zu mir, »so wäre dies für den Handel beider Staaten von großem Vorteil; der Stadtrat von Triest widersetzt sich jedoch dieser Maßregel aus einem ebenso gesuchten wie unverschämten Grunde. Die Triester Handelsrichter behaupten als große Politiker, wenn die Republik Venedig diese Maßregel so eifrig wünsche, so wäre dies ein offenbarer Beweis, daß sie für Venedig nützlich und folglich für Triest schädlich sein würde.« Der Konsul versicherte mir, die Staatsinquisitoren würden eine sehr gute Meinung von mir bekommen, wenn ich diese Sache in Ordnung bringen könnte; wenn ich für diesen wichtigen Dienst nicht durch meine Begnadigung belohnt würde, so würde ich mich zum mindesten ihrer Achtung würdig machen; ich könnte mich auf seine Freundschaft verlassen, daß er meine Leistung in das richtige Licht stellen würde, so daß der ganze Verdienst mir zufallen würde. Ich hatte dem Konsul versprochen, daran zu denken. Da ich nun sah, daß der Statthalter eine sehr gute Meinung von mir hatte, sprach ich eines Tages mit ihm über diese Angelegenheit. Er kannte sie und sagte mir, er finde die Halsstarrigkeit des Stadtrates lächerlich und sogar skandalös. Leider könne er jedoch nichts dabei tun, da der Beschluß nicht von ihm abhänge. »Der hartnäckigste von allen«, sagte der wohlwollende Graf, »ist der Stadtrat Rizzi, und er versteht es, durch sophistische Gründe seine Meinung in der Versammlung durchzusetzen. Reichen Sie nur eine Denkschrift ein, worin Sie logisch nachweisen, daß die Erfüllung des Wunsches der Republik Venedig viel vorteilhafter für den Freihafen und die große Handelsstadt Triest sein wird, als für Udine, dessen Handel winzig klein ist. Ich werde dem Stadtrat diese Denkschrift übersenden, ohne zu sagen, von wem ich sie erhalten habe; ich werde mich den angeführten Gründen anschließen und die gegnerischen Räte auffordern, Ihre Gründe durch überzeugende Gegengründe zu widerlegen. Schließlich werde ich vor versammeltem Rate erklären, daß ich die Angelegenheit mit meinen Erläuterungen nach Wien berichten werde, wenn sie nicht im Sinne der gesunden Vernunft entschieden wird.« Da ich meiner Sache sicher war, so ging ich sofort ans Werk und hatte bald eine Denkschrift fertig, gegen die man nur Scheingründe anführen konnte. Der Erfolg war vollständig. Der Stadtrat beschloß die gewünschte Abänderung des Fahrplans, und Graf Wagensperg übergab mir eine Abschrift des Beschlusses, die ich eilends dem venezianischen Konsul überbrachte. Auf dessen Rat schrieb ich an den Sekretär deS Tribunals, ich schätze mich glücklich, daß ich dem Tribunal eine Probe meines Eifers habe geben können; es sei mein Wunsch, mich meinem Vaterlande nützlich zu machen und die gnädige Erlaubnis zur Rückkehr zu erhalten, sobald Ihre Exzellenzen mich derselben würdig erachteten. Der Statthalter veröffentlichte mir zuliebe die neue Fahrordnung erst nach acht Tagen, so daß man in Undine die glückliche Änderung durch das Tribunal von Venedig erfuhr, bevor die Stadt Triest etwas davon wußte. Man glaubte allgemein, das Tribunal von Venedig, das alles im geheimen abmacht, habe den Erfolg durch Geld erlangt. Der Sekretär antwortete mir nicht, schrieb jedoch dem Konsul einen Brief, den dieser mir zeigte. Hierin befahl er dem Konsul, mir eine Belohnung von hundert Silberdukaten auszuzahlen, das sind vierhundert Franken, und mir mitzuteilen, dies solle mich ermutigen, der Republik gut zu dienen, und ich könne von der Milde des Tribunals alles erhoffen, wenn ich in der großen Angelegenheit der Armenier Erfolg hätte. Der Konsul teilte mir in einer Viertelstunde mit, worum es sich bei dieser Angelegenheit handelte. Ich war sofort der Meinung, daß ich meine Zeit und Mühe verlieren würde; trotzdem beschloß ich den Versuch zu machen. Vier armenische Mönche waren aus dem Kloster San Lazzaro in Venedig entflohen, weil ihnen die Tyrannei ihres Abtes unerträglich geworden war. Sie hatten sehr reiche Verwandte in Konstantinopel und verlachten daher den Bannfluch ihres Tyrannen, der sie für Abtrünnige erklärte. Sie waren nach Wien gegangen und hatten um sichere Zuflucht gebeten. Sie versprachen sich dem Staat nützlich zu machen, indem sie auf ihre Kosten eine armenische Druckerei einrichteten, die die sämtlichen armenischen Klöster in dem ganzen großen türkischen Reich mit Büchern versehen würde. Sie verpflichteten sich, eine Summe von einer Million Gulden aufzuwenden, um an dem Ort, wo Ihre k. k. Majestät ihnen die Niederlassung gestatten werde, die geplante Druckerei in großem Stil zu begründen und ein Haus zu kaufen oder bauen zu lassen, wo sie in klösterlicher Gemeinschaft, jedoch ohne Oberhaupt, zu leben gedächten. Wie zu erwarten war, erfüllte die österreichische Regierung ohne Zögern ihren Wunsch; sie bewilligte ihnen sogar Privilegien. Es galt den Platz Venedig dieses einträglichen Handels zu berauben und ihn nach dem kaiserlichen Staat zu verpflanzen. Der Wiener Hof schickte infolgedessen die armenischen Mönche nach Triest mit einer dringenden Empfehlung an den Statthalter. Sie hielten sich seit sechs Monaten dort auf. Die Inquisitoren hatten natürlich den lebhaften Wunsch, die Mönche nach Venedig zurückzubringen. Nachdem sie vergeblich versucht hatten, auf geradem Wege ihr Ziel zu erreichen, indem ihr Abt ihnen die weitgehendste Genugtuung anbot, versuchten sie durch alle möglichen Geheimmittel den Mönchen Hindernisse zu bereiten, ihnen die Niederlassung in Triest zu verleiden. Der Konsul sagte mir ganz offen, er habe sich an diese Sache nicht herangemacht, weil ihm ein Gelingen in jeder Beziehung unmöglich erschienen sei; er sagte mir voraus, ich würde mein Latein dabei verlieren, wenn ich den Versuch machte. Ich fühlte die Nichtigkeit dieser Prophezeihung des ehrenwerten Konsuls um so mehr, da ich bei diesem Anlaß nicht auf die Freundschaft des Statthalters rechnen durfte, denn ich konnte mir nicht einmal erlauben, mit diesem zu sprechen. Es war mir im Gegenteil sofort klar, daß ich sorgfältig alles vermeiden mußte, um den hohen Beamten ahnen zu lassen, daß ich die Mönche von ihren Plänen abzubringen versuchen wollte. Er mußte alles, was in seinen Kräften stand, aufbieten, um dem Plan der vier Flüchtlinge zum Gelingen zu verhelfen, nicht nur, weil er als kaiserlicher Diener diese Pflicht hatte, sondern auch weil ihn ein ganz besonderer Eifer für den Handel von Triest beseelte. Trotz allen diesen Erwägungen trieb mich mein Heimweh, mich mit den Mönchen bekannt zu machen. Ich besuchte sie unter dem Vorwande, mir die armenischen Typen anzusehen, die sie bereits hatten gießen lassen, und die Waren aus kostbaren Metallen und Edelsteinen zu besichtigen, die sie aus Konstantinopel hatten kommen lassen. In acht bis vierzehn Tagen war ich ihr vertrauter Freund geworden. Eines Tages sagte ich zu ihnen, ihre Ehre verlangte, daß sie zu dem Gehorsam zurückkehrten, den sie ihrem Abt geschworen hätten, wäre es auch nur, damit der über sie verhängte Kirchenbann aufgehoben würde. Einer von den vieren, und zwar eben der, der am meisten erbittert war, antwortete mir, der Abt selber hätte zuerst das Band zerrissen, das sie früher vereinigt hätte, denn er hätte sich wie ein Tyrann benommen und nicht wie ein Vater; was den Kirchenbann betreffe, so habe ein boshafter Priester nicht das Recht, ehrliche Christen darast zu verhindern, daß sie mit dem Heiland aller Menschen verkehrten; übrigens sei er überzeugt, daß ihr Patriarch sie vom Bann lösen und ihnen mehrere levantinische Mönche zusenden werde, um sich zur Begründung eines neuen Klosters in Triest mit ihnen zu vereinigen. Ich fand, daß ich gegen derartige Gründe nicht ankämpfen konnte; trotzdem fragte ich sie an einem anderen Tage, welche Bedingungen ihr früherer Abt erfüllen müßte, damit sie nach Venedig zurückkehrten. Der Vernünftigste von ihnen antwortete mir, die erste Bedingung würde sein, daß der Abt sich vom Marchese Serpos vierhunderttausend Dukaten zurückzahlen ließe, die er ihm zu vier Prozent geliehen hätte. Diese vierhunderttausend Dukaten bildeten das Grundvermögen des Klosters San Lazzaro, das die armenischen Basilianer seit dreihundert Jahren in Venedig unterhielten. Dieses Vermögen war von der Nation hergegeben worden, und der Abt konnte nicht einmal unter Zustimmung der Mehrheit seiner Mönche darüber verfügen. Wenn der Marchese Serpos Bankerott gemacht hätte, so wäre das Kloster mittellos gewesen, und es war nicht zu leugnen, daß der Abt dies beträchtliche Kapital seinem eigentlichen Zwecke entfremdet hatte. Marchese Serpos, ein armenischer Kaufmann, der in Venedig ein großes Juwelengeschäft betrieb, war ein intimer Freund des Abtes. Auf meine Frage nach den anderen Bedingungen antworteten meine Armenier, diese beträfen nur die Klosterordnung und es würde sich darüber ohne Schwierigkeit eine Einigung erzielen lassen; sie würden mir diese anderen Bedingungen schriftlich mitteilen, sobald ich ihnen die Gewißheit geben könnte, daß Serpos nicht mehr das Klostervermögen in Händen hätte. So hatte also meine Unterhandlung in aller Form begonnen. Ich schrieb alles nieder, und der Konsul sandte meinen Bericht dem Tribunal. Sechs Wochen darauf erhielt ich die Antwort, der Abt würde imstande sein, die streitige Summe auf der Bank zu hinterlegen, wollte jedoch vorher im einzelnen wissen, worin die Abänderungen der Klosterordnung bestehen sollten. Als ich diesen Bescheid las, der genau das Gegenteil von dem war, was ich geschrieben hatte, beschloß ich, die Sache aufzugeben. Zu diesem Entschluß veranlaßten mich hauptsächlich auch einige Worte, welche Graf Wagensperg mir im Vertrauen sagte: »Ich weiß, daß Sie die vier Mönche mit ihrem Abt aussöhnen wollen, und dies ist mir schmerzlich; denn wenn Ihnen ihr Plan gelingt, so müssen Sie dem Lande schaden, worin Sie sich zurzeit aufhalten und dessen Freund Sie sein müssen, weil man Sie hier achtet und Sie dementsprechend behandelt.« Ohne Zögern erklärte ich ihm mit voller Aufrichtigkeit den ganzen Zusammenhang. Ich versicherte ihm, ich würde die Angelegenheit niemals in die Hand genommen haben, wenn ich nicht die innere Überzeugung gehabt hatte, daß sie nicht gelingen könnte. Ich hätte nämlich aus Venedig, und zwar aus einer ganz zuverlässigen Quelle erfahren, daß es dem Marchese Serpos vollständig unmöglich wäre, die von dem Abt erhaltenen vierhunderttausend Dukaten zurückzuerstatten. Diese Erklärung verscheuchte auch die letzte Wolke der Verdrießlichkeit. Die Armenier kauften für dreißigtausend Gulden das Haus des Stadtrates Rizzi und richteten sich darin ein. Ich besuchte sie von Zeit zu Zeit, aber von Venedig wurde nicht mehr gesprochen. Bald darauf gab mir Graf Wagensperg, der leider im Herbst desselben Jahres kaum fünfzig Jahre alt starb, wieder einen neuen Beweis seiner Güte. Als ich eines Morgens bei ihm war, zeigte er mir ein dickes Aktenstück, das er soeben von Wien erhalten hatte, und sagte: »Es ist schade, daß Sie nicht Deutsch verstehen; ich hätte Sie gerne dieses Aktenstück lesen lassen. Doch einerlei, ich werde Ihnen den Inhalt desselben sagen. Sie haben hier, mein lieber Casanova, eine Gelegenheit, bei den Behörden Ihrer Heimat Ehre einzulegen, ohne daß Sie das Mißfallen derer zu erregen brauchen, die von Amts wegen verpflichtet sind, unserem Handel jeden möglichen Vorteil zuzuwenden. Es versteht sich von selbst, daß Sie niemals meinen Namen nennen dürfen. Ich will Ihnen etwas anvertrauen, was Ihnen großen Vorteil bringen muß, einerlei, ob Sie mit Ihrem Schritt Erfolg haben oder nicht; denn auf alle Fälle wird man genötigt sein, Ihre Vaterlandsliebe anzuerkennen; man wird Ihnen dankbar sein für die Schnelligkeit, womit Sie diese Nachricht mitteilen, und wird Ihnen die Geschicklichkeit, womit Sie sie entdeckt haben, als Verdienst anrechnen. Nur dürfen Sie niemals enthüllen, wie Ihnen die Angelegenheit bekannt geworden ist; sagen Sie weiter nichts, als daß Sie für die Wahrheit Ihrer Meldung bürgten, und daß Sie dieselbe nicht machen würden, wenn Sie ihrer Richtigkeit nicht vollkommen sicher wären. Es handelt sich um folgendes: Alle Waren, die wir nach der Lombardei schicken, nehmen den Weg durch das venetianische Gebiet und über Venedig selbst, wo man sie auf dem Zollamt in Empfang nimmt und als Durchgangsgut in Speichern aufstapelt. Dies ist immer so gewesen, ist noch jetzt so und kann noch lange so bleiben, wenn die venetianische Regierung sich entschließt, die Lagergebühren für unsere Waren mindestens auf die Hälfte herabzusetzen. Die vier Prozent, die wir jetzt bezahlen, bilden eine ungeheuerliche Abgabe. Nun ist ein Plan vorgelegt worden, den der Wiener Hof sofort gebilligt hat. Hier habe ich den Befehl, diesen Plan sofort ausführen zu lassen, ohne auch nur die venetianische Regierung vorher zu benachrichtigen; denn dieser Plan ist nicht derart, daß wir verpflichtet wären, ihn einer befreundeten Regierung vorher mitzuteilen. Wenn es sich nur um einen Durchgangsverkehr handelt, so bezahlt man für die Waren, die man schickt; wenn man keine schickt – und dazu ist man ja nicht verpflichtet – so braucht man nichts zu bezahlen, und niemand hat ein Recht, sich zu beklagen, wenn ein Staat oder auch ein einfacher Privatmann diesen Weg oder einen anderen wählt. So liegt die Sache in diesem Falle. Von jetzt an wird alles, was wir nach der Lombardei schicken, hier eingeschifft und in Mezzola ausgeladen werden, ohne in Zukunft das Gebiet der Republik zu berühren. Mezzola gehört dem Herzog von Modena und liegt Triest gegenüber. Die Fahrt über die Adria erfordert nur eine Nacht und unsere Waren werden in Speichern gelagert werden, die man sofort bauen lassen wird. Wie Sie sehen, kürzen wir auf diese Weise die überfahrt um die Hälfte ab, was schon an sich einen bedeutenden Gewinn ausmacht. Ferner wird die Regierung von Modena sich mit einem kleinen Wiegegeld begnügen, das kaum ein Viertel von dem beträgt, was die venetianische Behörde verlangt. Trotzdem bin ich überzeugt, daß man ein Anerbieten Ihrer Republik annehmen wird, wenn sie nach Erwägung dieser Gründe dem Finanzministerium und dem Handelsgericht in Wien mitteilen läßt, daß sie bereit sei, die bisher bezogenen Gebühren um die Hälfte zu vermindern; denn Neuerungen machen stets Arbeit und sind durchaus nicht nach dem Geschmack der österreichischen Regierung, weil sie außerordentliche Ausgaben erfordern und infolge von Ereignissen und Umständen, die sich nicht voraussehen lassen, zu Unordnungen Anlaß geben können. Ich werde diese Angelegenheit erst in vier bis fünf Tagen der Handelskammer vortragen, denn wir haben es durchaus nicht eilig. Sie dagegen müssen sich beeilen; denn sobald ich den Entschluß meiner Regierung bekannt mache, wird Ihre Regierung durch Ihren Konsul und durch alle venetianischen Kaufleute davon in Kenntnis gesetzt werden. Ich würde mich freuen, wenn Sie die Veranlassung wären, daß ich in dem Augenblick, wo ich die Sache in die Hand nähme, von Wien den Befehl erhielte, sie noch aufzuschieben.« Ich begriff sofort, welchen Vorteil es mir bringen könnte, wenn ich diese Neuigkeit unverzüglich den Staatsinquisitoren übermittelte; denn es ist die Marotte dieses gestrengen und schrecklichen Tribunals, die Welt dadurch in Staunen zu setzen, daß es alles auf irgendeine unerklärliche Art bereits vorher weiß. Diese unerklärlichen Mittel können natürlich nichts anderes sein, als ein ungeheures Spioniersystem, das mit reichlichem Golde unterhalten wird. Ich sprach dem Grafen meine tiefste Dankbarkeit aus und sagte ihm, ich würde sofort den Bericht niederschreiben und diesen, nachdem er ihn gelesen hätte, durch einen besonderen Boten den Staatsinquisitoren senden. »Gut, ich werde ihn mit Vergnügen lesen.« Voller Freude ging ich nach Haus. Ich speiste an diesem Tage nicht zu Mittag, sondern schrieb in vier oder fünf Stunden Entwurf, Reinschrift und Abschrift und brachte dann das Ganze Seiner Exzellenz dem Herrn Statthalter, der von meiner Schnelligkeit ganz entzückt war. Er fand alles vortrefflich, und ich begab mich sofort zum Konsul, den ich ohne alle Vorrede bat, meine Schrift zu lesen. Als er sie gelesen hatte, sah er mich ganz erstaunt an und sagte: »Sind Sie wirklich sicher, daß diese ganze Geschichte kein Märchen ist? Mir erscheint sie unmöglich, denn ich weiß kein Wort davon, so wenig wie irgendein anderer Mensch in Triest.« »Ich bürge mit meinem Kopfe für die Wahrheit des von mir Berichteten; aber ich bitte Sie, nicht von mir zu verlangen, daß ich Ihnen die Quelle dieser wichtigen Nachricht bekannt gebe.« Er dachte einige Augenblicke nach und sagte dann: »Wenn ich dieses Schriftstück als einen Bericht, von dem ich Kenntnis genommen habe, nach Venedig schicken soll, kann ich ihn nur an die Fünf Weisen des Handelsgerichts adressieren, deren Untergebener ich bin, und nicht an die Staatsinquisitoren, es sei denn, daß Sie mich ausdrücklich ersuchen, dies zu tun. Da es nun in Ihrem Interesse liegt, dieses Schriftstück den Staatsinquisitoren selber zuzusenden, so rate ich Ihnen, es mir versiegelt zu übergeben und mir dazu einen höflichen Brief zu schreiben, worin Sie mich bitten, es dem Tribunal zu überschicken, und Ihnen nicht übe! zu nehmen, daß Sie es mir nicht offen übergeben.« »Warum soll ich denn Ihnen ein solches Mißtrauen bezeigen?« »Wenn man von mir annehmen könnte, daß ich den Inhalt kenne, so müßte ich für die Wahrheit Ihrer Meldung einstehen. Dann würden die Fünf Weisen des Handelsgerichtes mich einer Pflichtversäumnis schuldig finden; denn ich bin hier in ihrem Dienst und nicht in dem der Staatsinquisitoren, gegen die ich keine Verpflichtungen habe. Gestatten Sie also, daß ich in Ihrem eigenen Interesse die Sache ignoriere, bis sie bekannt gemacht wird. Wenn sie wahr ist, so muß, wie mir scheint, Seine Exzellenz der Herr Statthalter sie erfahren, und dann wird sie nach einer Woche für niemanden mehr ein Geheimnis sein. Alsdann werde ich meinen Fünf Weisen Bericht erstatten und damit habe ich meine Pflicht getan.« »Dann könnte ich ja das Schriftstück durch einen eigenen Boten schicken, ohne es durch Ihre Hände gehen zu lassen.« »Ich bitte um Verzeihung: erstens würde man Ihnen nicht glauben, zweitens würde ich Schaden davon haben; denn unter einer so mißtrauischen Regierung, wie die der Republik es ist, muß man beständig auf der Hut sein; ich bin überzeugt, daß man mich sicherlich der Nachlässigkeit beschuldigen würde, wenn ich später die Nachricht mitteilen könnte. Es ist noch ein drittes \>Weil\< dabei: meine verehrte vorgesetzte Behörde würde Ihnen keine Zechine geben, würde Ihnen vielleicht nicht einmal danken. Wenn Sie Ihrer Nachricht sicher sind, wie ich gerne glauben will, so ist es ein sehr geschickter Schachzug von Ihnen, indem Sie sie an das Tribunal adressieren; denn Sie können nicht nur auf Anerkennung rechnen, sondern auch auf eine Belohnung in Geld, die die sicherste Bürgschaft solcher Anerkennung ist. Wenn die Tatsache wahr ist, so wünsche ich Ihnen von ganzem Herzen Glück dazu; wenn Sie sich aber irren, dann, mein Lieber, sind Sie verloren; denn indem Sie das gestrenge, unfehlbare Tribunal zu einem Irrtum verleiten, es der Gefahr aussetzen, einen schweren Fehler zu begehen, machen Sie es sich zum unversöhnlichsten Feinde. Sie können sich darauf verlassen: eine Stunde, nachdem das Tribunal der Inquisitoren von Ihrem Bericht Kenntnis genommen hal, wird die Handelsbehörde eine Abschrift davon in Händen haben.« »Warum eine Abschrift?« »Weil Sie Ihren Namen nennen und weil niemand die Namen der Vertrauten Ihrer unfehlbaren und schweigsamen Exzellenzen wissen darf.« »Ich begreife.« Ich verfuhr nach dem Rate meines weisen und vorsichtigen Freundes. Ich schrieb an ihn sofort einen Brief, wie er ihn wünschte, versiegelte meinen Bericht und überschrieb ihn an den Sekretär des Tribunals, Herrn Marcantonio Businello, einen Bruder desjenigen, während dessen Amtsdauer ich vor siebzehn Jahren aus den Bleikammern entflohen war. Der Herr Statthalter war hocherfreut, als ich ihm am anderen Morgen meldete, daß alles vor Mitternacht fertig gewesen sei. Er versicherte mir von neuem, der venetianische Konsul würde vor dem nächsten Sonntag nichts erfahren. In der Zwischenzeit tat mir der Konsul wegen seiner Unruhe wirklich leid. Aus Zartgefühl sagte er mir nichts, und es bekümmerte mich, ihn nicht beruhigen zu können. Am Samstag teilte Rat Rizzi mir im Kasino freudestrahlend diese Nachricht mit, indem er bemerkte, der Handelsplatz Triest werde sich um den Verlust bereichern, den Venedig durch diese Veränderungen erleiden werde. Der Konsul trat ein, während wir uns über diese Neuigkeit unterhielten; er sagte uns, für Venedig würde der Verlust nicht nennenswert sein und durch den ersten Schiffbruch würde Triest mehr verlieren, als das Lagergeld in zehn Jahren kostete. »Außerdem werden die deutschen Spediteure das Frachtgeld für die Waren verlieren, die von Mezzola nach der venetianischen Lombardei und nach allen unseren Messen und Märkten gefahren werden müssen.« Mit einem Wort, der Konsul machte sich über die Neuerung lustig, anstatt darüber betrübt zu erscheinen; aber das gehörte zu seinem Geschäft. In allen kleinen Handelsstädten, wie Triest, macht man ein großes Aufheben um kleine Dinge. Ich speiste zu Mittag bei dem Konsul, der, sobald er sich mit mir allein sah, sein Herz erleichterte und mir seine Unruhe und seine Zweifel gestand. Auf meine Frage, was nach seiner Meinung die Venetianer tun würden, um diesen Schlag abzuwenden, antwortete er mir: »Sie werden sehr gelehrte und sehr systematische Beratungen halten; hierauf werden sie nichts beschließen, und die Österreicher werden ihre Waren auf dem Wege schicken, der ihnen gut dünkt.« »Aber die Regierung ist doch so weise!« »Oder hält sich dafür.« »Sie glauben also, daß sie von der Vergangenheit zehrt?« »Wie alle wurmstichigen Einrichtungen, die nur noch dank ihrer früheren Bedeutung weiter bestehen. Die meisten heutigen Regierungen gleichen jenen alten Dämmen, deren Grundgerüst völlig verfault ist und die nur noch vermöge ihres eigenen Gewichtes an ihrer Stelle bleiben. Der Konsul hatte richtig geraten. Er meldete die Neuigkeit am selben Tage seiner vorgesetzten Behörde und erhielt im Laufe der folgenden Woche die Antwort, Ihre Exzellenzen seien bereits seit mehreren Tagen auf außerordentlichem Wege davon unterrichtet gewesen. Man trug ihm auf, sich für den Augenblick darauf zu beschränken, die Behörde auch fernerhin von jeder neuen Wendung dieser Angelegenheit in Kenntnis zu setzen. »Habe ich es nicht gesagt?« sagte der Konsul zu mir. »Ich weiß doch, was von der Weisheit unserer sogenannten Weisen zu halten ist!« »Ich denke, Sie würden nicht übel nach Bedlam oder Charenton passen,« Erst drei Wochen später empfing der wackere Konsul vom Sekretär des Tribunals brieflich den Befehl, mir abermals eine Belohnung von hundert Silberdukaten auszuzahlen und mir monatlich zehn Zechinen zu geben, um mich zu neuem Eifer für den Dienst des Tribunals zu ermutigen. Von nun an zweifelte ich nicht mehr daran, daß ich im Laufe des Jahres begnadigt werden würde. Aber ich hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht; denn man gestattete mir die Rückkehr erst im folgenden Jahre, wie ich an seinem Ort erzählen werde. Diese neue Belohnung und das Monatsgeld von zehn Zechinen machten mich wieder ein bißchen flott; denn mit dem, was ich sonst hatte, kam ich nicht aus, weil gewisse Vergnügungen, die ich nicht entbehren konnte, mir viel Geld kosteten. Es war mir durchaus nicht unangenehm, im Solde desselben Tribunals zu stehen, das mich meiner Freiheit beraubt und dessen Macht ich Trotz geboten hatte. Ich erblickte darin einen Triumph für mich und hielt es für Ehrensache, ihm in allem nützlich zu sein, was nicht gegen die Naturgesetze und das Völkerrecht verstieße. Ein kleines Erlebnis, worüber die ganze Stadt Triest lachte, scheint mir darnach angetan zu sein, meinen Lesern Spaß zu machen. Es war zu Beginn des Sommers. Ich hatte am Meeresufer Sardinen gegessen und kam gegen zehn Uhr abends nach Haus, da sah ich in mein Zimmer ein Mädchen eintreten, in welchem ich die Magd des jungen Grafen Strasoldo erkannte. Dieser Graf war ein sehr hübscher junger Mann, aber arm wie fast alle Strasoldos; er liebte kostspielige Vergnügungen und hatte infolgedessen viele Schulden. Er hatte eine kleine Anstellung, die ihm jährlich sechshundert Gulden eintrug, und es wurde ihm nicht schwer, sein Gehalt in drei Monaten auszugeben, übrigens war er ein höflicher und freigebiger Mensch, und ich hätte mehrere Male in Pittonis Gesellschaft bei ihm zu Abend gespeist. Er hatte in seinem Dienst eine überaus hübsche Krainerin, die seine Freunde natürlich kannten, der aber niemand den Hof zu machen wagte, weil er verliebt und eifersüchtig war. Ich hatte mich den Umständen angepaßt, hatte sie gesehen, bewundert, gelobt, aber stets nur in Gegenwart ihres Herrn, den ich glücklich nannte, daß er einen solchen Schatz besäße; im übrigen aber hatte ich niemals ein einziges Wort mit ihr gesprochen. Strasoldo wurde durch den Grafen Auersperg nach Wien berufen; dieser mochte ihn gerne leiden und hatte ihm bei seiner Abberufung versprochen, er wolle an ihn denken. Strasoldo sollte als Bezirkshauptmann nach Polen versetzt werden; er hatte seine Möbel verkauft, sich überall verabschiedet und war zur Abreise bereit. In Triest hielt man es allgemein für ganz selbstverständlich, daß er seine schöne Krainerin mitnehmen würde. Ich glaubte dies ebenfalls, denn ich hatte am selben Morgen ihm gute Reise gewünscht. Man stelle sich also meine Überraschung vor, als ich sein hübsches Mädchen, das mich bis dahin kaum einmal angesehen hatte, zu solcher Stunde in meinem Zimmer sah. »Was wünschen Sie, mein schönes Kind?« »Sie werden mir verzeihen, mein Herr, aber ich will nicht mit Strasoldo reisen, und da ich nicht weiß, wo ich mich verstecken soll, so habe ich gedacht, ich wäre nirgendswo so sicher wie bei Ihnen. Kein Mensch wird ahnen können, wo ich bin, und wenn Strasoldo mich nicht findet, wird er allein abreisen müssen. Sobald er fort ist, werde ich Triest verlassen und zu meiner Familie zurückkehren. Werden Sie so grausam sein, mich hinauszujagen?« »Nein, meine Liebe.« »Ich verspreche Ihnen, mich morgen zu entfernen; denn Strasoldo muß bei Tagesanbruch abreisen. Sein Reisewagen ist schon gepackt, wie Sie vielleicht von Ihren Fenstern aus schon gesehen haben.« »Reizende Leuzika, gewiß würde Ihnen kein Mensch eine Zuflucht verweigern, am wenigsten ich, da ich Sie immer anbetungswürdig gefunden habe. Sie sind hier sicher; denn ich bürge Ihnen dafür, daß, solange Sie hier sind, kein Mensch ohne Ihre Erlaubnis mein Zimmer betreten wird. Ich danke dem Zufall oder meinem guten Glück, das Sie veranlaßt hat, an mich zu denken; aber wenn es wahr ist, daß der Graf, wie alle Welt behauptet, in Sie verliebt ist, so sollen Sie sehen, er wird nicht abreisen. Er wird mindestens morgen noch den ganzen Tag hierbleiben, in der Hoffnung, Sie ausfindig zu machen.« »Selbstverständlich wird er mich überall suchen, nur nicht hier. Versprechen Sie nur, mich nicht zur Mitreise zu nötigen, selbst wenn er erraten sollte, daß ich bei Ihnen bin?« »Ich schwöre es Ihnen.« »Dann bin ich zufrieden.« »Aber, meine reizende Leuzika, Sie begreifen wohl, daß Sie nicht werden umhin können, mein Bett zu teilen.« »Wenn ich Sie nicht belästige, bin ich gern dazu bereit.« »Sie sprechen von belästigen, schöne Krainerin? Sie werden sehen. Schnell, schnell ziehen Sie sich aus! Aber wo sind denn Ihre Sachen?« »Alles was ich habe, befindet sich in einem Köfferchen, das der Graf bereits hinten auf seinen Wagen hat aufschnallen lassen; aber daraus mache ich mir nichts.« »Der arme Graf; er muß jetzt wütend sein.« »Noch nicht; denn er kommt erst um Mitternacht nach Hause. Er speist heute Abend bei Frau Bissolotti, die in ihn verliebt ist.« Während dieses Gespräches zog Leuzika sich aus und legte sich zu Bett. In einem Augenblick war ich an ihrer Seite und nach einer harten Entbehrungszeit von acht Monaten verbrachte ich in ihren Armen eine köstliche Nacht, denn seit Lia hatte ich nur flüchtige Freuden gehabt, die nur eine Viertelstunde dauern und stets einen unangenehmen Nachgeschmack haben. Leuzika war eine vollendete Schönheit, würdig in einem Hirschpark zu herrschen; wäre ich reich gewesen, so hätte ich mir einen Haushalt eingerichtet, um sie in meinen Dienst zu behalten. Wir erwachten erst um sieben Uhr. Sie stand auf, und als sie den Wagen noch vor Strasoldos Tür halten sah, sagte sie mit trauriger Miene, ich hätte richtig geraten. Ich tröstete sie, indem ich ihr die Versicherung gab, sie könnte bei mir bleiben, so lange sie wollte. Es tat mir leid, daß ich keine Kammer hatte; denn ich konnte sie nicht vor dem Kellner verstecken, der uns den Kaffee bringen mußte. Wir verzichteten auf das Frühstück, aber ich mußte daran denken, wie ich ihr etwas zu essen besorgen könnte. Ich glaubte dazu genügend Zeit zu haben, aber ich täuschte mich. Gegen zehn Uhr sah ich Strasoldo und seinen Freund Pittoni in den Gasthof eintreten, wo ich wohnte. Ich öffnete meine Tür und sah, daß sie mit dem Wirt sprachen. Einen Augenblick darauf traten sie ins Kasino ein; sie kamen gleich wieder heraus, und ich sah sie in verschiedene Zimmer eintreten und wieder herauskommen. Ich erriet, was dies bedeutete, und sagte lachend zu Leuzika, man suche sie und werde uns ohne Zweifel bald einen Besuch machen. »Sie werden sich Ihres Versprechens erinnern, nicht wahr?« »Sie können ruhig sein.« Der feste Ton meiner letzten Worte beruhigte sie; zugleich aber begriff sie, daß ich ihnen nicht den Eintritt verbieten könnte, ohne daß sie die Wahrheit erraten würden. »Nun,« sagte sie, »mögen sie kommen! Sie haben nichts zu gewinnen.« Als ich sie kommen hörte, ging ich hinaus, schloß meine Türe hinter mir und bat sie, mich zu entschuldigen, wenn ich sie nicht einladen könnte, bei mir einzutreten, da ich ein Stück Schmuggelware bei mir hätte. »Sagen Sie mir nur,« sagte Strasoldo zu mir mit kläglichem Gesicht, »ob es nicht meine liebe Krainerin ist, die Sie bei sich haben. Wir sind sicher, daß sie heute Nacht in diesen Gasthof gegangen ist; denn die Schildwache vor der Tür hat sie gegen zehn Uhr eintreten sehen.« »Das stimmt ganz genau; die schöne Krainerin ist in meinem Zimmer, und ich habe ihr mein Wort gegeben, daß niemand ihr Gewalt antun wird. Sie können sich darauf verlassen, daß ich ihr mein Versprechen halten werde.« »Ich will ihr ganz gewiß keine Gewalt antun, aber ich bin sicher, daß sie freiwillig kommen wird, wenn ich mit ihr sprechen kann.« »Ich werde sie fragen, ob sie darin einwilligt, Sie zu sehen. Warte!« Leuzika hatte das Ohr an der Tür gehabt und alles gehört; sobald ich öffnete, sagte sie zu mir, ich könne die Herren eintreten lassen. Kaum erschien Strasoldo, so fragte sie ihn in stolzem Ton, ob sie irgendwelche Verpflichtung gegen ihn habe, ob er sie beschuldigen könne, in ihrem Dienste irgend etwas auf die Seite gebracht zu haben, und ob es ihr nicht freistehe, ihn zu verlassen. Der arme Graf erwiderte ihr freundlich: »Im Gegenteil, ich bin dir ein ganzes Jahr Lohn schuldig und habe alle deine Sachen in meinem Besitz; aber du hast unrecht, mich auf solche Weise ohne irgendeinen Grund zu verlassen.« »Ich habe keinen anderen Grund als meinen Willen, aber dieser ist sehr fest. Ich will nicht nach Wien gehen. Das habe ich vor acht Tagen schon gesagt. Wenn Sie ein anständiger Mann sind, werden Sie mir meinen Koffer herausgeben, und meinen Lohn können Sie mir nach Laibach an meine Tante schicken, wenn Sie jetzt kein Geld haben.« Strasoldo tat mir wirklich leid, denn nachdem er sich zu den demütigsten Bitten herabgelassen hatte, weinte er zuletzt wie ein Kind. Dies war mir widerlich, aber Pittoni hätte mich beinahe ernstlich aufgebracht, als er sich erlaubte, mir zu sagen, ich müßte ein solches Weibsstück aus meinem Zimmer jagen. »Sie sind nicht der Mann,« sagte ich in entschiedenem Ton zu ihm, »um mich zu lehren, meine Pflicht zu tun; da ich das junge Weib bei mir aufgenommen habe, sollten Sie Ihre Ausdrücke ein wenig mäßigen!« Als er mich so aufgebracht sah, schlug er einen anderen Ton an und sagte zu mir, ob es wirklich möglich wäre, daß ich mich in so kurzer Zeit in sie verliebt hätte. Strasoldo unterbrach ihn und sagte, er sei fest überzeugt, daß sie nicht bei mir geschlafen habe. »Da täuschen Sie sich sehr!« rief Leuzika; »denn es ist nur ein Bett da, und ich habe nicht auf der Erde geschlafen.« Da sie weder durch Bitten noch durch Vorwürfe etwas erlangen konnten, so entfernten sie sich gegen Mittag; meine schöne Krainerin wußte gar nicht, wie sie mir ihren Dank aussprechen sollte. Dns Geheimnis war nun doch einmal enthüllt, und ich ließ daher das Mittagessen für zwei auftragen. Da der Wagen des Grafen immer noch vor der Tür hielt, so versprach ich ihr, bei ihr zu bleiben, solange Strasoldo noch in Triest wäre, und sie keinen Augenblick zu verlassen. Um drei Uhr kam der venetianische Konsul und sagte mir, der Graf habe sich an ihn gewandt, er möchte mich zu überreden versuchen, daß ich ihm seine geliebte Leuzika herausgebe. »Sie müssen sich, mein würdiger Konsul, an sie selber wenden; denn sie befindet sich hier nicht als meine Gefangene, sondern auf ihren eigenen Wunsch.« Als mein ehrenwerter Freund aus dem Munde des jungen Mädchens die Wahrheit erfahren hatte, sagte er, wir hätten beide recht, und entfernte sich. Gegen Abend brachte ein Dienstmann den Koffer des jungen Mädchens in mein Zimmer; sie war davon gerührt, empfand aber keine Reue. Leuzika aß mit mir zu Abend und teilte zum zweiten Male mein Lager. Bei Tagesanbruch reiste der Graf endlich ab. Sobald ich seiner Abreise sicher war, nahm ich einen Wagen und brachte meine reizende Leuzika bis zur zweiten Poststation auf dem Weg nach Laibach; nachdem ich gut mit ihr zu Mittag gespeist hatte, übergab ich sie einer Frau, die sie kannte. In Triest wurde mein Verhalten allgemein gebilligt, und Pittoni selber sagte mir, er würde es an meiner Stelle ebenso gemacht haben. Der arme Strasoldo nahm ein übles Ende. In seinem neuen Amte in Lemberg machte er neue Schulden, beging Kassenunterschlagungen und flüchtete, um seinen Kopf zu retten, nach der Türkei, wo er den Turban nahm. Um jene Zeit kamen der venetianische General de Palmanova, Patrizier aus der Familie Rota, und der Prokurator Erizzo nach Triest, um dem Statthalter Grafen Wagensperg einen Besuch zu machen. Am Nachmittag stellte der Graf mich Ihren Exzellenzen vor, die sehr überrascht waren, mich in Triest zu sehen. Auf die Frage des Prokurators, ob ich mich ebensogut amüsierte, wie ich es vor sechzehn Jahren in Paris getan hätte, antwortete ich ihm, die sechzehn Jahre mehr und die hunderttausend Franken weniger nötigten mich zu einer anderen Lebensweise. Während wir plauderten, trat der Konsul ein und meldete, die Feluke sei bereit. Frau von Lantieri und ihr Vater, der Graf, sagten mir, ich müßte die Partie mitmachen. Die drei edlen Venetianer – der dritte war mir unbekannt – stimmten ein. Nachdem ich eine Kopfneigung gemacht hatte, die weder ja noch nein sagte, fragte ich den Konsul, was dies für eine Partie mit der Feluke sei. Er antwortete mir, man wolle ein venetianisches Kriegsschiff besichtigen, das am Eingang des Hafens vor Anker liege und dessen Befehlshaber der anwesende dritte Herr sei. Ich sagte hierauf der liebenswürdigen Gräfin mit lachendem Gesicht, aber in bescheidenem Ton, eine alte Schuld zwinge mich, mich des Glückes zu berauben, ihr bei dieser Schiffspartie meine Huldigungen darzubringen. »Es ist mir verboten, gnädige Frau, den Fuß auf venetianischen Boden zu setzen.« Von allen Seiten rief man: »Oh! Oh! Sie haben nichts zu befürchten; Sie sind ja bei uns. Wir sind anständige Leute, und Ihr Zweifel ist ja geradezu beleidigend.« »Das ist alles recht schön und gut, meine Herren und Damen, und ich gebe sehr gerne Ihrer Bitte nach, wenn eine von Ihren Exzellenzen dafür bürgen kann, daß die Staatsinquisitoren nicht, vielleicht morgen schon, erfahren werden, daß ich die Kühnheit gehabt habe, an dieser schönen Partie teilzunehmen, die im übrigen eine außerordentliche Ehre für mich ist.« Auf diese Worte hin verstummten alle; jeder sah den andern an, und niemand wagte, einen Einwand zu machen. Der edle Befehlshaber des Schiffes, der mich nicht gekannt hatte, unterhielt sich einige Minuten lang mit den anderen; hierauf entfernten sie sich. Am nächsten Tage sagte der Konsul mir, der Schiffskommandant hätte es sehr vorsichtig von mir gefunden, daß ich auf das Vergnügen verzichtet hätte; denn wenn man ihm zufällig meinen Namen genannt hätte, während ich auf dem Schiffe gewesen wäre, so würde er es für seine Pflicht gehalten haben, mich an Bord zurückzuhalten. Als ich dem Statthalter von Triest berichtete, was der Konsul mir gesagt hatte, antwortete er mir in ernstem Ton, er würde dem Kriegsschiff nicht erlaubt haben, die Anker zu lichten. Der Prokurator Erizzo, den ich am selben Abend sah, beglückwünschte mich wegen meiner Vorsicht und sagte mir, er werde dafür sorgen, daß mein Verhalten zur Kenntnis des Tribunals komme; es sei ein Zeichen meiner Ehrfurcht vor den Entscheidungen der Inquisitoren und werde gewiß dazu beitragen, die Erfüllung meiner Wünsche zu beschleunigen. Ich sah in jenen Tagen in Triest eine der schönsten Venetianerinnen, die damals von sich sprechen machte. Sie befand sich mit mehreren von ihren Anbetern auf einer Vergnügungspartie. Sie stammte aus der patrizischen Familie Bon, und hatte einen Grafen Romili von Bergamo geheiratet, der ihr volle Freiheit ließ, dabei aber ihr bester Freund war. Ihrem Triumphwagen folgte der General Graf Burghausen, ein alter Gichtkrüppel, berühmter Lebemann und großer Schuldenmacher, der seit etwa zehn Jahren dem Kriegsgott Valet gesagt hatte, um den Rest seines Lebens um so freier der Venus widmen zu können. Dieser reizend liebenswürdige Weltmann blieb in Triest und war so freundlich, meine Bekanntschaft zu suchen. Zehn Jahre später war er mir nützlich, wie meine Leser im folgenden Bande sehen werden, der vielleicht der letzte sein wird. Sechsundzwanzigstes Kapitel Abenteuer in Triest. – Ich leiste dem Tribunal des Staatsinquisitoren in Venedig neue Dienste. – Reise nach Görz und Rückkehr nach Triest. – Ich sehe Irena wieder. – Sie ist Schauspielerin geworden und sehr geschickt in allen Glücksspielen. Die Triester Damen bekamen Lust, ihre Talente in der französischen Komödie zu versuchen, und erwählten mich zum Direktor und Oberregisseur. Ich erhielt den Auftrag, nicht nur die Stücke auszuwählen, sondern auch die Mitwirkenden beiderlei Geschlechts zu bestimmen und die Rollen zu verteilen. Diese Aufgabe machte mir unendliche Mühe und verschaffte mir durchaus nicht das Vergnügen, das ich mir versprochen hatte. Da alle meine Schauspielerinnen völlige Neulinge waren, so mußte ich sie geradezu abrichten und täglich von einer zur anderen laufen, um mit ihnen die Rollen durchzugehen, die sie auswendig zu lernen hatten. Dies wollte leider niemals gelingen, da sie alle aus Mangel an Übung ein sehr widerspenstiges Gedächtnis hatten. Wenn in Italien eine Revolution notwendig ist, so ist dies auf dem Gebiete der Erziehung und besonders auf dem des weiblichen Unterrichtes der Fall. Abgesehen von einigen Ausnahmen, begnügen sich die besten Familien damit, ihre Töchter einige Jahre lang in ein Kloster einzuschließen, bis sie einem Gatten in die Arme gelegt werden, den sie oftmals am Tage vor der Hochzeit zum ersten Male sehen, den sie niemals kennen gelernt haben und der ihnen nicht selten ihr ganzes Leben lang gleichgültig bleibt. Die Folge ist, daß beide Teile sich durch das Cicisbeowesen schadlos halten. Man kann daher, ohne sich zu täuschen, ruhig behaupten, daß in Italien in der sogenannten guten Gesellschaft die Ehen völlig konventionell sind; der muß ein sehr kluger Edelmann sein, der von sich sagen kann: ich heiße ebenso wie mein Vater. Was können nun auch in einem Kloster, besonders in den Klöstern unseres schönen Italiens, die Mädchen lernen? Einige fromme Übungen, wenig Religion, viel Intrigen und Heuchelei; perverse Sitten, oft große Ausschweifungen, kokettes Benehmen; ein bißchen Lesen und Schreiben, allerlei zwecklose hübsche Handarbeiten, und höchstens ein bißchen Musik und Zeichnen; gar keine Weltgeschichte, gar keine Geographie und ebensowenig Mythologie; fast gar kein Rechnen und nichts von dem, was eine gute Gattin und Mutter ausmacht. Fremde Sprachen sind völlig ausgeschlossen, und sollte man wirklich daran denken, so würde die Weichheit unserer schönen italienischen Sprache das Erlernen einer fremden außerordentlich schwierig machen, um so schwieriger, da die Gewohnheit des dolce far niente jedes fleißige Studium hindert. Ich habe diese Wahrheiten hier niedergeschrieben, sozusagen um mein Gewissen zu beruhigen und trotz meinem Nationalstolz. Ich weiß wohl, daß meine schönen Landsmänninnen den Stein auf mich werfen werden, wenn mich jemals einige von ihnen lesen und verstehen; aber was wird mir ihr Zorn ausmachen? Ich werde dann nicht mehr da sein; denn wenn meine Erinnerungen das Licht der Welt erblicken, werde ich es nicht mehr sehen. Außerdem weiß ich ja nur zu gut, daß ich ihnen nicht mehr gefallen kann. Doch wieder zu unserem Theater zurück! Da es mir nicht gelingen wollte, meinen Schauspielerinnen ihre Rollen einzutrichtern, so entschloß ich mich dazu, ihr Souffleur zu werden, und erfuhr am eigenen Leibe, was für ein undankbares Geschäft dies ist. Ein Souffleur muß arbeiten wie ein Galerensträfling; die Schauspieler erkennen niemals die Verpflichtungen an, die sie gegen ihn haben, und geben ihm die Schuld an allen Fehlern, die sie machen. Ein Arzt in Spanien befindet sich ungefähr in derselben Lage wie ein Souffleur: wenn sein Kranker gesund wird, geschieht dies dank dem Schutze dieses oder jenes Heiligen, und wenn er stirbt, so ist das immer nur die Wirkung der ihm verschriebenen Heilmittel. Eine schöne Negerin, die Dienerin der hübschesten meiner Schauspielerinnen, der ich die größte Aufmerksamkeit erwies, sagte mir eines Tages etwas, was ich nie vergessen werde: »Ich weiß nicht, wie Sie in meine Herrin so verliebt sein können; die ist ja weiß wie der Teufel.« »Haben Sie denn niemals einen Weißen geliebt?« fragte ich sie. »O doch,« antwortete die Mohrin, »aber das geschah nur, weil ich keinen Neger hatte, dem ich sicherlich den Vorzug gegeben haben würde.« Einige Zeit darauf ergab die Negerin sich mir, denn sie hatte mich neugierig gemacht. Bei dieser Gelegenheit erkannte ich die Unrichtigkeit des Sprichwortes: Sublata lucerna nullum discrimen inter feminas – denn selbst sublata lucerna muß man merken, ob die Frau schwarz oder weiß ist. Es ist nach meiner Meinung nicht zweifelhaft, daß die Neger eine von der unsrigen völlig verschiedene Säugetiergattung sind. Abgesehen von der Farbe besteht der Unterschied, daß eine erfahrene Afrikanerin es in ihrem Belieben hat, bei der Begattung zu empfangen oder nicht, und nicht nur dies, sondern daß sie sogar nach ihrem Belieben ein männliches oder ein weibliches Kind empfangen kann. Wenn meine Leser mir diese Behauptung nicht glauben wollen, so haben sie recht; denn wenn wir nach unserer eigenen Natur urteilen, ist die Sache unglaublich; aber man würde nicht mehr ungläubig sein, wenn ich die Theorie dieser melanthropogenesischen Wissenschaft der Negerinnen auseinandersetzte. Der Oberkämmerer des Kaisers, Graf Rosenberg, der später Fürst wurde und vor einem Jahr gestorben ist, kam zu seinem Vergnügen nach Triest; in seiner Begleitung befand sich der Abbate Casti, dessen Bekanntschaft ich gerne machen wollte, weil er einige sehr ruchlose kleine Gedichte verfaßt hatte. Meine Erwartung wurde nicht erfüllt; denn anstatt eines geistreichen Menschen fand ich in diesem Abbate nur einen unwissenden, sehr unverschämten Frechling, der kein anderes Verdienst hatte als eine sehr große Gewandtheit im Verseschmieden. Graf Rosenberg hatte ihn mitgenommen, weil er ihm als Possenreißer und als Kuppler sehr gute Dienste leistete; diese beiden Berufe paßten sehr gut zu seinem niedrigen Charakter, aber sehr wenig zu seinem geistigen Stande. Damals hatte ihm die Syphilis noch nicht das Zungenzäpfchen zerfressen. Ich habe gehört, daß dieser schamlose Wüstling, dieser unwissende und unzüchtige Reimschmied zum kaiserlichen Hofdichter ernannt worden ist. Wie schändet dieser Nachfolger das Gedächtnis des großen Metastasio, der kein einziges Laster hatte, alle Tugenden besaß und mit den schönsten Kenntnissen geziert war! Was Castis Dichtkunst betrifft, so hat er keine edle Sprache und versteht nichts vom Theater. Diese Behauptung findet sich bestätigt durch zwei oder drei komische Opern, die er verfaßt hat, und in denen man nur platte Narrenspäße in wirrem Durcheinander findet. Eins von diesen Stücken wimmelte von Verleumdungen gegen den König Theodor wie gegen die Republik Venedig, die er durch die kläglichste Lüge lächerlich zu machen suchte. In einem anderen Stück, das er die Grotte des Trophonus betitelte, hat Casti sich zum Gespött aller wissenschaftlich gebildeten Leute gemacht, indem er ganz zwecklos eine barocke Gelehrsamkeit zur Schau trägt, die weder zur Komik des Stückes noch zum Gang der Handlung etwas beiträgt. Die französische Komödie wurde im Hause des Barons von Königsbrunn aufgeführt, dessen reizende Gemahlin, eine geborene Gräfin Almis, die ersten Rollen spielte. Unter den vornehmen Leuten, die nach Triest kamen, um sich an der Komödie zu ergötzen, lernte ich auch einen Grafen Torriano kennen, der mich zu überreden wußte, den Herbst mit ihm auf seinem Landhause, sechs Miglien von Görz, zu verbringen. Wäre ich der Stimme meines Genius gefolgt, so wäre ich nicht hingegangen. Der Graf war noch nicht dreißig Jahre alt und unverheiratet. Er war nicht hübsch von Gesicht, doch konnte man ihn auch nicht häßlich nennen, obgleich er eine Galgenphysiognomie hatte, auf welcher man folgende Charakterzüge las: Grausamkeit, Hinterlist, Verräterei, Stolz, rohe Sinnlichkeit, Haß und Eifersucht. Diese fürchterliche Mischung ließ mich glauben, daß ich mich täuschte und daß die Ware besser wäre als das Aushängeschild. Eine sehr liebenswürdige Einladung schien seinem unangenehmen Gesichtsausdruck nicht zu entsprechen. Bevor ich mich durch ein Versprechen band, erkundigte ich mich nach ihm und hörte überall nur Gutes. Man sagte mir nur, er liebe das schöne Geschlecht und werde fürchterlich, wenn es einen Schimpf zu rächen gelte, den ihm irgendein Mensch angetan habe. Diese Eigenschaften schienen mir jedoch eines Edelmannes durchaus nicht unwürdig zu sein, und ich gab ihm daher mein Versprechen. Er sagte mir, er würde mich am 1. September in Görz erwarten, und am folgenden Tage würden wir nach Spessa fahren; so hieß sein Landgut. Infolge meiner Verabredung mit dem Grafen Torriano verabschiedete ich mich für ein paar Monate von allen meinen Bekannten, besonders dem Grafen Wagensperg, der damals ernstlich an einer Krankheit litt, die man leicht durch Quecksilber heilt, wenn dieses von geschickter Hand angewandt wird, während es dem Kranken den Tod bringt, wenn er mit Pfuschern zu tun hat. Der arme Graf hatte dieses Unglück, denn er starb einen Monat nach meiner Abreise. Ich fuhr also am Morgen von Triest ab, aß in Proseco zu Mittag, kam bei guter Zeit in Görz an und stieg vor dem Hause des Grafen Luigi Torriano ab. Er war nicht zu Hause, aber man ließ mich mein kleines Gepäck ablegen, als ich sagte, daß der Graf mich eingeladen habe. Hierauf ging ich zum Grafen Torres, bei dem ich bis zum Abendessen blieb. Am Abend ging ich wieder nach dem Hause des Grafen Torriano. Man sagte mir, er sei aufs Land gefahren und werde erst am nächsten Tage zurückkommen. Einstweilen habe man meine Sachen in den Gasthof zur Post gebracht, wo ein Abendessen und ein Zimmer für mich bestellt sei. Sehr erstaunt begab ich mich in den Gasthof, wo ich ein schlechtes Essen und ein schlechtes Zimmer fand. Ich machte mir jedoch nichts daraus; ich nahm an, daß der Graf mich nicht in seinem Hause hatte unterbringen können, und fand es nur unrecht von ihm, daß er mich nicht vorher benachrichtigt hatte. Ich konnte nicht ahnen, daß ein Edelmann, der sein eigenes Haus hat, einem Freunde, den er einladet, kein Zimmer geben kann. Am nächsten Morgen besuchte Graf Torriano mich, dankte mir für meine Pünktlichkeit, beglückwünschte sich selber zu dem Vergnügen, das meine Gesellschaft auf seinem Landgut Spessa ihm bereiten werde, und sagte mir, es täte ihm sehr leid, daß wir erst nach zwei Tagen abreisen könnten, weil am nächsten Tage der Gerichtshof das Urteil in einem Prozeß fällen würde, den er mit einem spitzbübischen alten Pächter hätte. Dieser wäre sein Schuldner und wollte nicht nur nicht zahlen, sondern hätte sogar außerdem noch Ansprüche erhoben. »Nun gut!« antwortete ich ihm; »ich werde die Reden der Advokaten anhören, das wird für mich ein wahres Vergnügen sein.« Gleich darauf ging er, nicht nur ohne mich zu fragen, wo ich zu Mittag äße, sondern auch ohne mich nur um Entschuldigung zu bitten, daß er mich nicht in seinem Hause habe aufnehmen können. Ich war sehr eigentümlich berührt und kam auf alle möglichen Vermutungen; schließlich dachte ich mir, er habe es mir vielleicht übel genommen, daß ich bei ihm abgestiegen sei, ohne ihn vorher zu benachrichtigen. Ei, mein lieber Casanova, sagte ich zu mir selber, vielleicht hast du dich geirrt. Menschenkenntnis ist ein unergründlicher Abgrund. Ich glaubte den Menschen zur Genüge studiert zu haben, um ihn zu kennen, aber meine Erfahrung ist unzureichend. Ich muß noch weiter studieren; es ist ja noch nicht alles verloren. In Wirklichkeit hat der Graf mich ja auf sein Landgut eingeladen, und, genau genommen, hat der gute Mann keine Verpflichtungen gegen mich, da wir in der Stadt sind. Nur Geduld; wir werden ja sehen, vielleicht hat er mir aus einem gewissen Zartgefühl nichts gesagt. Es würde mir sehr leid tun, wenn ich etwa nach seiner Meinung den Fehler begangen hätte, mich nicht bei ihm entschuldigt zu haben, obgleich 707 ich nach meiner Auffassung und nach dem allgemeinen Brauch mich durchaus nicht verfehlt habe. Ich aß allein zu Mittag und verbrachte den Nachmittag damit, Besuche zu machen. Am Abend speiste ich beim Grafen Torres und erwähnte im Gespräch, daß ich mir am nächsten Morgen das Vergnügen machen wollte, die Beredsamkeit der Görzer Advokaten zu hören. »Ich werde ebenfalls dort sein,« sagte der Graf; »denn ich bin sehr neugierig, das Gesicht zu sehen, das Torriano machen wird, wenn der Bauer gewinnt. Ich kenne die Geschichte, und jedermann weiß, daß Torriano nicht verlieren kann, wenn nicht das von ihm eingereichte Buch, auf Grund dessen der Bauer als sein Schuldner erscheint, gefälscht ist. Der Bauer seinerseits muß gewinnen, wenn nicht die Quittungen des Grafen Torriano zum größten Teil gefälscht sind. Der Bauer hat bereits in erster und zweiter Instanz verloren, aber er hat stets appelliert und die Kosten bezahlt; dabei ist zu bemerken, daß er arm ist. Wenn er morgen verliert, ist er nicht nur zugrunde gerichtet, sondern wird auch zu den Galeren verurteilt werden; aber wenn er gewinnt, so beklage ich Torriano, denn dann würde er die Galere verdienen, und mit ihm sein Advokat, der sie schon viele Male verdient hat.« Da ich wußte, daß Graf Torres für ein Lästermaul galt, machten seine Bemerkungen keinen Eindruck auf mich, sie vermehrten jedoch meine Neugier. Ich war daher am nächsten Morgen einer der ersten im Gerichtssaal. Ich sah die Richter, die beiden streitenden Parteien und ihre Rechtsbeistände. Der Anwalt des Bauern war ein alter Mann mit rechtschaffener Miene, der des Grafen dagegen sah aus wie ein frecher Spitzbube. Der Graf saß neben ihm mit verächtlichem Gesicht; sein stolzes Lächeln schien sagen zu wollen, es sei nur eine Laune von ihm, wenn er sich allergnädigst mit einem elenden Kerl einlasse, über den er schon zweimal den Sieg errungen habe. Der Bauer hatte seine Frau, einen Sohn und zwei schöne Töchter bei sich, die alle Prozesse der Welt hätten gewinnen sollen; er sah bescheiden aus und benahm sich ruhig und mit der Zuversicht, die ein gutes Gewissen verleiht. Ich wunderte mich, daß diese biedere Familie zweimal hatte verlieren können; sie flößte mir eine solche, von jedem Hintergedanken freie Teilnahme ein, daß ihre Sache mir unanfechtbar erschien. Die braven Leute waren schlecht gekleidet, und wie sie so mit niedergeschlagenen Augen bescheiden dasaßen, sah man ihnen an, daß sie Opfer der Bedrückung waren. Jeder Anwalt durfte zwei Stunden sprechen. Der ehrenwerte Anwalt des Bauern sprach nur ungefähr dreißig Minuten. Er legte den Richtern das Quittungsbuch vor, das die Unterschriften des Grafen bis zu dem Tage trug, wo er den Bauern aus seinem Dienst entlassen hatte, weil er als verständiger Mensch und Vater seinen Töchtern nicht hatte erlauben wollen, zum Herrn zu gehen. Mit der größten Ruhe und ohne jede Übertreibung erläuterte er hierauf das Buch, das der Graf eingereicht hatte und wonach der Pächter dessen Schuldner geworden sein sollte, ferner bewies er die Unrichtigkeit der Behauptung, daß die angeblichen Quittungen seines Klienten gefälscht wären. Er wies außerdem Unrichtigkeiten und Ungenauigkeiten auf allen Seiten nach und erklärte schließlich, daß sein Klient in der Lage wäre, der Justiz die beiden vom Grafen bezahlten Fälscher namhaft zu machen, deren Dokumente der Graf den Richtern vorzulegen wagte, um eine ehrenhafte Familie zugrunde zu richten, deren einziges Vergehen ihre Armut wäre. Zum Schluß verlangte er Vergütung der bereits erwachsenen und noch erwachsenden Auslagen und einen angemessenen Schadenersatz für den Zeitverlust und für die Schädigung des guten Leumundes seines ehrenhaften Klienten. Der Anwalt meines lieben Grafen würde länger als zwei Stunden geredet haben, wenn der Richter ihm nicht das Wort entzogen hätte. Er erlaubte sich alle erdenklichen Beschimpfungen des Anwalts, der Sachverständigen und des Pächters, dem er mehrere Male zurief, er würde ihn auf die Galeren bringen und kein Mensch würde mit seinem Schicksal Mitleid haben. Während dieser langen Debatten würde ich mich sehr gelangweilt haben, wenn ich das Unglück gehabt hätte, blind zu sein. Dank meinen guten Augen aber hatte ich das Vergnügen, die Gesichter beobachten zu können. Mein lieber Gastgeber, ein Tartüff von unerschütterlicher Frechheit, behielt seine unerschrockene und lachende Miene. Nach Beendigung der Advokatenreden gingen wir alle in einen anstoßenden Saal, um dort auf die Ausfertigung des Urteils zu warten. Der Pächter und seine Familie standen vereinsamt und traurig in einer Ecke; kein Freund nahte sich ihnen, um ihnen ein Wort des Trostes zu sagen. Graf Torriano dagegen war von einem Dutzend Leuten umringt, die ihm um die Wette in die Ohren bliesen, sein Prozeß stände so schön, daß er ihn nicht verlieren könnte; sollte aber dieser ungeheuerliche Fall dennoch eintreten, so müßte er bezahlen und den Bauern zwingen, das Verbrechen der Fälschung nachzuweisen. Ich hörte alle diese Bemerkungen in tiefem Schweigen an, denn ich fühlte viel mehr innerliche Teilnahme für den Pächter, der mir ein ehrlicher Mann zu sein schien, als für meinen Gastgeber, den ich stark im Verdacht hatte, ein Windbeutel zu sein. Natürlich hütete ich mich, ein Wort davon verlauten zu lassen. Graf Torres fragte mich mit seiner unverbesserlichen Unvorsichtigkeit, was ich von der Sache hielte. Ich antwortete ihm leise: »Selbst wenn der Graf recht hätte, sollte er wegen der niederträchtigen Rede seines Anwalts den Prozeß verlieren; der Advokat verdiente, daß man ihm die Ohren abschnitte oder ihn sechs Monate lang jeden Tag an den Pranger stellte.« »Und der Klient verdiente dasselbe!« sagte Torres ziemlich laut; doch hatte zum Glück niemand gehört, was ich gesagt hatte. Nachdem wir eine Stunde gewartet hatten, trat der Gerichtsschreiber mit zwei Papieren ein; das eine gab er dem Anwalt des Pächters, das andere dem des Grafen Torriano. Der Graf las es, lachte laut auf und las es uns vor. Das Gericht verurteilte ihn, die Forderungen des Pächters anzuerkennen, alle Kosten zu bezahlen und ihm als Schadenersatz einen Jahreslohn auszuzahlen; dem Bauern blieb das Recht vorbehalten, wegen anderer Beschwerden, die er etwa noch vorzubringen gedächte, ad minimum zu appellieren. Der Anwalt machte ein trauriges Gesicht, aber Torriano tröstete ihn, indem er ihm sechs Zechinen gab. Hierauf entfernten alle Anwesenden sich. Ich blieb mit dem Verurteilten allein und fragte ihn, ob er in Wien Berufung einlegen würde. »Meine Berufung wird anderer Art sein,« antwortete er mir. Ich hielt es nicht für angebracht, ihn zu fragen, was diese Worte zu bedeuten hätten. Am nächsten Vormittag fuhren wir von Görz ab. Als der Wirt mir meine Rechnung brachte, sagte er mir, er habe vom Grafen Auftrag erhalten, nicht auf seiner Forderung zu bestehen, falls ich etwa nicht bezahlen wolle; alsdann werde er selber bezahlen. Ich fand dies sonderbar, aber ich lachte nur darüber. Immerhin gaben die drei oder vier Pröbchen, die ich von seinem Charakter erhalten hatte, mir eine Ahnung, daß ich sechs Wochen bei einem gefährlichen Sonderling zu verbringen hätte. Eine Fahrt von weniger als zwei Stunden brachte uns nach Spessa. Ich erblickte auf einer kleinen Anhöhe ein großes Haus, das sich in architektonischer Beziehung nicht besonders auszeichnete. Wir begaben uns in seine Gemächer, die weder besonders gut noch besonders schlecht ausgestattet waren; nachdem er mir hierauf alle anderen Zimmer gezeigt hatte, führte er mich in die für mich bestimmte Wohnung: es war ein Zimmer im Erdgeschoß, schlecht möbliert, mit dumpfer Luft und wenig Licht. »Dies«, sagte er zu mir, »ist das Lieblingszimmer meines seligen Vaters, der wie Sie ein großer Freund des Studierens war. Sie können sicher sein, daß Sie hier eine unumschränkte Freiheit genießen werden, denn Sie werden hier keinen Menschen sehen.« Wir aßen sehr spät zu Mittag, und infolgedessen gab es an diesem Tage kein Abendessen. Ich fand das Essen leidlich, ebenso den Wein, und die Gesellschaft eines Priesters, der ihm als Verwalter diente und vertragsgemäß an seinem Tische essen mußte, wenn er sich in Spessa aufhielt, erschien mir nicht unangenehm; dagegen ärgerte es mich, daß der Graf, der selber sehr schnell aß, mir, allerdings mit lachendem Munde, zu sagen wagte, ich äße zu langsam. Als wir vom Tische aufstanden, sagte er zu mir, er hätte viel zu tun, und wir würden uns am nächsten Tage wiedersehen. Ich ging auf mein Zimmer, um meine Sachen auszupacken und meine Papiere in Ordnung zu bringen. Ich arbeitete damals am zweiten Bande meines Werkes über die polnischen Unruhen. Als es dämmerig wurde, verließ ich mein Zimmer, um Licht zu verlangen. Ein Bedienter brachte mir ein einziges Talglicht. Dies fand ich unanständig, denn ich konnte Kerzen oder doch wenigstens eine Lampe beanspruchen. Ich hielt jedoch meine Entrüstung zurück und begnügte mich damit, den Bedienten zu fragen, ob einer von ihnen mit meiner Bedienung beauftragt sei. »Gnädiger Herr,« antwortete er, »unser Herr hat uns in bezug auf Sie keinen Auftrag gegeben; aber es versteht sich von selbst, daß wir Ihnen zu Diensten sind, so oft Sie uns rufen.« Das wäre eine sehr unangenehme Sache gewesen; um irgend jemanden zu finden, hätte ich durch Haus und Hof laufen, vielleicht sogar auf die Straße gehen müssen; denn eine Klingel war nicht vorhanden. »Und wer wird mein Zimmer machen?« fragte ich ihn. »Das wird die Magd besorgen « »Sie hat also einen Schlüssel zum Zimmer?« »Den braucht sie nicht, denn Ihre Türe hat kein Schloß; Sie können sich jedoch nachts einschließen, indem Sie den Riegel vorschieben.« Ich wußte nicht, ob ich mich ärgern oder lachen sollte; jedenfalls konnte die Sache so nicht weiter gehen. Ich hatte so viel Selbstbeherrschung, nichts zu sagen, und lachte nur vor mich hin. Als der Lakai fort war, machte ich mich wieder an meine Arbeit; aber nach einer halben Stunde hatte ich das kleine Unglück, daß mir das Talglicht ausging, als ich es schneuzen wollte. Ich konnte in der Dunkelheit nicht hinausgehen, da ich im Hause nicht genügend Bescheid wußte; es blieb mir nichts anderes übrig, als im Finsteren zu Bett zu gehen. Das Fluchen war mir näher als das Lachen, aber zum Glück war das Bett gut, und da ich dies nicht erwartet hatte, so beruhigte es mich ein wenig, und ich schlief ausgezeichnet. Da am anderen Morgen niemand zu mir kam, schloß ich meine Papiere ein und ging in Schlafrock und Nachtmütze zu meinem Amphitryon hinüber, um ihm guten Tag zu sagen. Sein zweiter Lakai, der das Amt eines Kammerdieners versah, war gerade dabei, ihn zu frisieren. Ich sagte ihm, ich hätte gut geschlafen und käme zu ihm, um mit ihm zusammen zu frühstücken. Er antwortete mir ziemlich höflich, er frühstücke niemals und bitte mich, seinetwegen mir nicht die Umstände zu machen, ihn morgens aufzusuchen; denn er sei immer mit seinen Bauern beschäftigt, und dies seien lauter Spitzbuben. Da ich die Gewohnheit habe, zu frühstücken, so werde er es dem Koch sagen lassen, daß er mir Kaffee machen solle, wann ich es wünsche. »Sie haben wohl auch die Güte, dem Bedienten zu befehlen, daß er mir ein bißchen die Haare macht, nachdem er Sie bedient hat.« »Ich wundere mich, daß Sie keinen Bedienten mitgebracht haben!« »Ich hatte keine Ahnung, daß es Ihnen unbequem sein könnte, wenn ich in einem Dorfe, wo es keinen Friseur gibt, den Kamm Ihres Bedienten in Anspruch nehme. Wenn ich daran gedacht hätte, würde ich mir einen Bedienten besorgt haben.« »Oh, mir wird das nicht unbequem sein, wohl aber Ihnen; denn Sie werden oft ungeduldig werden, weil Sie auf ihn werden warten müssen.« »Ich werde gern warten. Was ich notwendig brauche, ist ein Schloß an meiner Zimmertür; denn ich habe Papiere, für die ich verantwortlich bin, und ich kann diese nicht jedesmal, wenn ich hinausgehen muß, in meinen Koffer schließen.« »Bei mir ist alles sicher.« »Das nehme ich an; aber Sie begreifen, daß es lächerlich wäre, wenn ich Sie für einen Brief verantwortlich machen müßte, der mir vielleicht abhanden käme. Dies könnte für mich ein sehr unangenehmer Verlust sein, aber ich würde Ihnen nichts davon zu sagen wagen.« Er antwortete mir nicht gleich; nach fünf Minuten aber sagte er seinem Lakaien, der ihn frisierte, er solle dem Priester sagen, daß er an meiner Zimmertür ein Schloß anbringen ließe, und mir den Schlüssel übergeben. Wählend er hierüber nachdachte, bemerkte ich auf seinem Nachttisch eine Kerze mit der Lichtputzschere und einem Buch. Ich näherte mich dem Tischchen und fragte ihn, wie es die Höflichkeit verlangte, ob ich mir einmal das Buch ansehen dürfte, das ihm einen guten Schlaf verschaffte. Er antwortete mir höflich, er bitte mich, das Buch nicht anzurühren. Schnell trat ich zurück und sagte mit einem Lächeln, ich wäre überzeugt, daß es ein Gebetbuch wäre, aber ich verspräche ihm, meinen Verdacht keinem Menschen mitzuteilen. »Sie haben es erraten«, antwortete er mir lachend. Ich verließ ihn, indem ich ihn höflich bat, mir seinen Bedienten und eine Tasse Kaffee, Schokolade oder auch Fleischbrühe zu schicken. Ich ärgerte mich über eine Behandlung, wie sie mir noch nie widerfahren war, und besonders darüber, daß man mir ein elendes Talglicht gab, während er Wachskerzen brannte. Unter ernsten Gedanken ging ich in meine dumpfe Kammer zurück. Ich hatte die beste Lust, unverzüglich wieder abzureisen; denn obgleich ich nur etwa fünfzig Dukaten besaß, war mein Herz doch noch ebenso stolz wie zu jenen Zeiten, da ich reich war. Diesen Gedanken verwarf ich jedoch wieder; denn ich wollte mich nicht ins Unrecht setzen, indem ich ihm eine tödliche Beleidigung antat. Da das abscheuliche Talglicht die Hauptursache meines Ärgers war, so beschloß ich, den Lakaien zu fragen, ob er nicht den Auftrag erhalten habe, mir Kerzen zu bringen. Diese Frage war notwendig, denn es konnte möglicherweise ein Versehen oder eine Spitzbüberei von Seiten des Lakaien vorliegen. Eine Stunde später kam er und brachte mir eine Tasse Kaffee, fertig eingeschenkt und nach seinem Geschmack oder dem des Kochs gezuckert. Ein solches Getränk konnte ich nicht anrühren, weil es mich anekelte, und ich ließ es stehen, indem ich mit einem Auslachen – denn ich mußte entweder lachen oder ihm den Kaffee in das Gesicht gießen – zu ihm sagte, auf diese Art serviere man keinen Kaffee. Ich wollte mich zum Frisieren hinsetzen, aber ich konnte nicht länger an mich halten und fragte ihn, warum er mir ein elendes Talglicht an Stelle von zwei Kerzen gebracht habe. »Gnädiger Herr,« antwortete der ehrliche Diener mir bescheiden, »ich habe Ihnen nur bringen können, was der Priester mir gegeben hat, der alles unter Verschluß hält: ich habe eine einzige Kerze für meinen Herrn und ein Talglicht für Sie erhalten.« Es tat mir leid, den armen Teufel gekränkt zu haben. Ich antwortete ihm nicht; da ich mir aber dachte, daß der Priester vielleicht mit seiner Sparsamkeit dem Grafen einen Gefallen tun wollte oder zu seinem eigenen Nutzen knauserte, so beschloß ich, ihn am selben Tage noch zu fragen, um zu wissen, woran ich wäre. Sobald ich angekleidet war, ging ich an die frische Luft, um meine verdrießliche Laune zu vertreiben. Unterwegs begegnete ich dem geistlichen Faktotum. Er war beim Schlosser gewesen und sagte mir, es sei kein Schloß vorrätig, und er werde daher an meiner Tür ein Hängeschloß anbringen lassen, dessen Schlüssel ich an mich nehmen könne. »Wenn ich die Tür nur schließen kann, kommt es mir auf das Wie nicht an.« Ich kehrte mit ihm um, um bei der Anbringung des Vorhängeschlosses zugegen zu sein. Während der Schlosser hämmerte, fragte ich den Priester, warum er mir ein Talglicht und nicht eine oder zwei Kerzen geschickt habe. »Das würde ich, mein Herr, ohne ausdrücklichen Befehl des Grafen niemals gewagt haben.« »Aber ist denn das nicht selbstverständlich?« »Überall sonst, ja; hier aber ist überhaupt nichts selbstverständlich. Ich kaufe allerdings die Kerzen, und er bezahlt sie mir; ein Irrtum ist ausgeschlossen, denn die Kerze steht auf der Rechnung, so oft er eine braucht.« »Sie können also mir, Herr Abbate, ein Pfund Kerzen zu dem Preise ablassen, den Sie selber dafür bezahlen?« »Den Gefallen will ich Ihnen gerne tun; indessen werde ich nicht umhin können, es dem Grafen zu sagen. Denn Sie begreifen...« »Ja, ich begreife alles; aber ich mache mir nichts daraus.« Nachdem ich ihm den Preis von einem Pfund Kerzen übergeben hatte, setzte ich meinen Spaziergang fort. Vorher hatte der Abbate selber mir gesagt, daß um ein Uhr zu Mittag gegessen werde. Ich kam pünktlich um halb ein Uhr nach Hause; aber man kann sich denken, daß ich überrascht war, als man mir sagte, der Graf sitze seit einer halben Stunde bei Tisch. Da ich mir nicht erklären konnte, was alle diese Ungezogenheiten zu bedeuten hätten, so unterdrückte ich meinen Ärger und sagte dem Grafen, als ich in das Speisezimmer eintrat, der Abbate habe mir mitgeteilt, daß um ein Uhr gegessen werde. »Für gewöhnlich ist das richtig,« antwortete der Graf; »heute wollte ich aber Besuche bei Nachbarn machen, um Sie vorzustellen, und deshalb habe ich schon um zwölf Uhr zu Mittag gegessen. Sie haben aber trotzdem noch Zeit genug, zu speisen.« Hierauf befahl er, die bereits abgetragenen Schüsseln wieder auf den Tisch zu setzen. Ich antwortete ihm nicht. Indem ich eine gute Laune zur Schau trug, von der ich in Wirklichkeit durchaus nichts verspürte, aß ich von den Gerichten, die noch auf dem Tische standen, und wies die wieder hereingebrachten Schüsseln zurück. Vergeblich forderte er mich auf, mir von der Suppe, dem Rindfleisch und den Vorgerichten zu nehmen. Ich beharrte bei meiner Weigerung und sagte ihm, dies sei meine selbstauferlegte Strafe dafür, daß ich den Fehler begangen habe, bei einem großen Herrn zu spät zu Tisch zu kommen. Meine schlechte Laune verbergend fuhr ich mit ihm aus, um mit ihm Besuche zu machen. Zunächst fuhr er zu dem eine halbe Meile von seinem Schloß wohnenden Baron del Mestre, der das ganze Jahr auf dem Lande wohnte, eine zahlreiche Familie hatte und ein gastfreies Haus hielt, wo alles fröhlich und liebenswürdig war. Der Graf verbrachte bei dieser Familie den ganzen Nachmittag, indem er die anderen beabsichtigten Besuche auf einen anderen Tag verschob. Am Abend fuhren wir nach Spessa zurück, wo der Priester wenige Augenblicke nach unserem Eintreffen mir das Geld zurückgab, das ich ihm für das Pfund Kerzen bezahlt hatte. Zugleich sagte er mir, der Graf habe vergessen, ihm zu sagen, daß ich wie er selber behandelt werden solle. So war denn der Fehler immerhin wieder gut gemacht, und ich tat, wie wenn ich die Ausrede für bare Münze nähme. Es wurde ein sehr reichliches Abendessen aufgetragen, wie wenn wir nicht zu Mittag gegessen hätten. Ich aß für vier, während der Graf beinahe nichts anrührte. Ich konnte mich nicht enthalten, ihm zu sagen, er sei ein geistreicher Mensch. Der Lakai, der mich in mein Zimmer fühlte, fragte mich, zu welcher Stunde ich mein Frühstück beföhle. Ich gab ihm meinen Auftrag, er war pünktlich, und diesmal war der Kaffee in einer Kanne und der Zucker für sich. Der andere Lakai kam und frisierte mich, die Magd brachte mein Zimmer in Ordnung. Alles hatte sich geändert. Ich glaubte, dem Grafen Lebensart beigebracht zu haben, und dachte bei mir selbst, ich würde in Spessa keinen Verdruß mehr haben; aber ich hatte, wie man sehen wird, die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Drei oder vier Tage darauf kam der Priester eines Morgens zu mir und fragte mich, zu welcher Stunde ich zu Mittag zu essen wünsche. Zugleich sagte er mir, ich würde allein und auf meinem Zimmer speisen. »Warum allein und auf meinem Zimmer?« »Weil der Graf gestern nach dem Abendessen allein nach Görz gefahren ist. Er hat mir gesagt, er wisse nicht, wann er wiederkommen werde, und hat mir befohlen, Ihnen die Mahlzeiten in Ihrem Zimmer auftragen zu lassen.« »Schön. Ich werde um ein Uhr essen.« Gewiß erkennt niemand bereitwilliger als ich den natürlichen Grundsatz der persönlichen Freiheit an; aber mir schien, das einfachste Anstandsgefühl hätte meinem ländlichen Amphitryon gebieten müssen, mir zu sagen, daß er nach Görz fahre. Er blieb dort acht Tage, und ich wäre während dieser Zeit vor Langeweile gestorben, wenn ich nicht jeden Tag einige Stunden bei dem Baron del Mestre verbracht hätte, denn ich hatte in Spessa keine Gesellschaft, da der Abbate ein unwissender Bauer von kriechender Höflichkeit war, und es waren keine hübschen Landmädchen da, um mir die Zeit mit einer kleinen Tändelei zu vertreiben. Es kam mir unmöglich vor, noch vier Wochen in dieser traurigen Verbannung zu verbringen. Als der Graf wieder da war, sprach ich mich ihm gegenüber ganz offen aus. »Ich bin nach Spessa gekommen,« sagte ich, »um Ihnen Gesellschaft zu leisten und mich selber zu unterhalten; da ich sehe, daß meine Gesellschaft Ihnen überflüssig, vielleicht sogar lästig ist, so bitte ich Sie, mich nach Görz zu bringen, sobald Sie wieder dorthin fahren, und mich dort zu lassen; denn ich gestatte mir, Sie darauf aufmerksam zu machen, daß ich ebenso wie Sie die Gesellschaft liebe, und daß ich durchaus keine Lust habe, mich bei Ihnen zu Tode zu langweilen.« Er versicherte mir, es werde nicht wieder vorkommen, und sagte mir, er sei nur deshalb so über Hals und Kopf abgereist, weil er eine Schauspielerin habe besuchen müssen, in die er verliebt sei. Sie sei zum großen Verdruß des Direktors der komischen Oper von Triest, der sie angehöre, eigens seinetwegen nach Görz gekommen. Außerdem habe er sich diese acht Tage zunutze gemacht, um einen Heiratsvertrag mit der Tochter eines venezianischen Grundbesitzers zu unterzeichnen, die er im nächsten Karneval heiraten wolle. Alle diese Gründe und besonders der Ton, worin er sie vorbrachte, veranlaßten mich, noch länger bei dem sonderbaren Kauz zu bleiben. Das ganze Vermögen des Grafen bestand in Weingärten, die einen ausgezeichneten weißen Wein trugen und ihm jährlich ungefähr tausend Zechinen einbrachten; da aber der Narr das Doppelte ausgab, so richtete er sich zu Grunde, überzeugt, daß alle Bauern ihn bestöhlen, streifte er überall umher, ging in ihre Hütten hinein und verprügelte, wenn er ein paar Trauben fand, mit seinem Rohrstock die armen Leute, die nicht leugnen konnten, sie in seinen Weinbergen gepflückt zu haben. Vergeblich warfen sie sich auf die Knie und flehten um Gnade; er prügelte sie unbarmherzig durch. Ich war bereits mehrere Male, sehr gegen meinen Geschmack, bei diesen willkürlichen und grausamen Abstrafungen zugegen gewesen; eines Tages aber mußte ich Zeuge sein, wie er von zwei Bauern zahlreiche Hiebe mit Besenstielen erhielt. Anfangs hatte er ihnen die übliche Züchtigung verabreicht; als er aber selber tüchtig verdroschen wurde, ergriff er sehr vernünftigerweise die Flucht. Hinterher machte er mir die größten Vorwürfe, daß ich der Prügelei einfach zugesehen hätte. Ich setzte ihm in aller Ruhe auseinander, daß ich mich nicht hätte einmischen können: Erstens wäre er der Angreifer und daher im Unrecht gewesen; zweitens verstände ich nicht mich mit Knüppeln zu prügeln, besonders nicht gegen Bauern, die darin viel besser geübt wären als ich und die mich hätten niederschlagen können, ohne daß ich auch nur ein Recht gehabt hätte, mich zu beklagen. Meine Gründe befriedigten ihn sehr wenig, und in seiner Wut über eine große Beule, die er an der Stirn empfangen hatte, wagte er es, mir zu sagen, ich sei ein ganz erbärmlicher Feigling, der das Gesetz nicht kenne, wonach man einen Freund verteidigen oder mit ihm sterben müsse. So beleidigend diese Bemerkungen waren, antwortete ich darauf doch nur mit einem verächtlichen Blick, dessen Bedeutung er verstehen mußte. Bald wußte das ganze Dorf um das unangenehme Abenteuer des gnädigen Herrn, und ein jeder hatte im geheimen sein helles Vergnügen daran; denn der Herr Graf genoß den eigentümlichen Vorzug, von jedermann gefürchtet und von keinem geliebt zu werden. Die beiden Bauern hatten sich nach Verübung ihrer Missetat aus dem Staube gemacht. Bald darauf aber erfuhr man, daß Seine Gnaden beschlossen hätten, in Zukunft bei ihren häuslichen Besuchen stets ihre Pistolen mitzunehmen. Da geriet die ganze Gemeinde in Aufregung; man hielt eine Versammlung ab und sandte ihm zwei Redner zu, die ihm erklärten, die ganze Bauernschaft würde binnen einer Woche auswandern, wenn er nicht feierlich verspräche, in Zukunft weder allein noch in Begleitung in ihre bescheidenen Hütten einzudringen, um sie zu beunruhigen. Ich bewunderte in der einfachen Beredsamkeit der trotzigen Bauern eine philosophische Vernunft, die ich erhaben fand. »Wir haben«, sagten die guten Dörfler zu ihm, »das Recht, eine Traube von dem Weinstock zu pflücken, der keine einzige hervorbringen würde, wenn wir ihn nicht mit unserem Schweiß begössen, genau so gut, wie Ihr Koch das Recht hat, von den für Sie zubereiteten Speisen zu kosten, bevor er sie auf Ihren Tisch setzen läßt.« Die Drohung, gerade im Augenblick der Weinlese auszuwandern, schüchterte den rohen Menschen ein, und er gab das verlangte Versprechen. Die Abgeordneten entfernten sich freudestrahlend, weil sie ihn zur Vernunft gebracht hatten. Am nächsten Sonntag gingen wir in die Kapelle, um die Messe zu hören; wir fanden aber den Priester vor dem Altar, wie er bereits die letzten Worte des Credo sprach. Ich sah in den Blicken des Grafen eine rasende Wut auflodern. Nach der Messe führte er mich in die Sakristei und bereitete mir dort das ruchloseste und roheste Schauspiel: er ging auf den armen Priester los, sagte ihm mehrere Schimpfwörter und gab ihm vier oder fünf Stockhiebe, obgleich er noch das Meßgewand trug. Der Priester konnte sich nicht anders rächen, als daß er ihm ins Gesicht spie und um Hilfe rief. Mehrere Leute eilten herbei, und wir gingen hinaus. Ich war empört und sagte ihm: »Der Priester wird unfehlbar nach Udine gehen und Ihnen gewiß eine sehr unangenehme Suppe einbrocken. Suchen Sie ihn daran zu verhindern, nötigenfalls mit Gewalt; aber sehen Sie lieber zu, daß Sie ihn besänftigen!« Ohne Zweifel hatte der Graf Angst; denn er rief seine Bedienten und befahl ihnen, den Priester mit Güte oder Gewalt vorzuführen. Sein Befehl wurde ausgeführt. Der Priester schäumte vor Wut, überhäufte ihn mit den stärksten Schmähworten, nannte ihn einen Gottlosen, aus der Kirche Verstoßenen, dessen Atem ein Pesthauch wäre, und schwor zum Schluß, weder er noch ein anderer Priester würden jemals wieder in seiner Kapelle, die er durch eine Gotteslästerung besudelt hätte, die Messe lesen, und der Erzbischof würde das Verbrechen, das er an seiner Person begangen hätte, zu rächen wissen. Der Graf ließ ihn ausreden, ohne ihn zu unterbrechen, erlaubte ihm jedoch nicht, sich zu entfernen, sondern zwang ihn, sich mit ihm zu Tisch zu setzen, und der unwürdige Pfaffe ließ sich nicht nur herbei, von seinen Speisen zu essen, sondern ließ sich obendrein noch von ihm betrunken machen. Diese niedrige Gefräßigkeit führte den Frieden herbei: der Abbate vergaß alles, damit sein Unrecht vergessen würde. Einige Tage darauf kamen gegen Mittag zwei Kapuziner zum Grafen, um ihm einen Besuch zu machen. Da er sah, daß sie nicht von selber gingen, sie aber auch nicht dazu auffordern mochte, ließ er das Essen auftragen, ohne für sie decken zu lassen. Als sie sahen, daß sie nicht eingeladen wurden, sagte der Keckste von beiden zum Grafen, sie hätten noch nicht zu Mittag gegessen. Ohne ihm zu antworten, ließ der Graf ihm einen Teller voll Reis vorsetzen. Der Kapuziner wies diesen zurück und sagte, er sei würdig, sich nicht nur an seinen Tisch, sondern sogar an den eines Monarchen zu setzen. Der Graf war bei guter Laune und zum Lachen aufgelegt; er antwortete ihm, die Kapuziner nennten sich von Ordens wegen Indigni; folglich sei er überhaupt nicht würdig; außerdem untersage ihr Gelübde der Demut ihnen jegliche Anmaßung. Der Kapuziner verteidigte sich schlecht, und da der Graf recht hatte, glaubte ich ihm beitreten zu müssen. Ich sagte dem Kapuziner, er müsse sich schämen, seine Ordensregeln zu verletzen; indem er die Todsünde des Stolzes begehe. Als der Kapuziner mir mit Beleidigungen antwortete, befahl der Graf, ihm eine Schere zu bringen, um den schmutzigen Betrügern den Bart abzuschneiden. Sowie sie diese furchtbare Drohung hörten, ergriffen die beiden bocksbärtigen Kuttenträger die Flucht, und wir lachten hinter ihnen her. Wären die Ausschreitungen des Grafen alle von dieser Art, das heißt mehr oder minder geschmackvolle Späße gewesen, so hätte ich sie ihm gerne verziehen; aber so harmlos waren sie ganz und gar nicht. Im Magen dieses Unglücklichen entwickelte sich kein Speisesaft, sondern eine ätzendes Gift; dadurch wurde er in den Stunden der Verdauung grausam, ungerecht, gewalttätig und blutdürstig. Sein Hunger war eine Raserei; er aß, wie ein Tiger schlingt. Als eines Tages jeder von uns beiden auf seinem Teller eine saftige Schnepfe vor sich hatte, konnte ich mich nicht enthalten, diese mit der Freude eines Feinschmeckers zu loben. Er nahm die seinige in die Hand, zerriß sie, wie etwa ein halbverhungerter Falke es getan haben würde, und sagte mir in ernstem Ton, er bitte mich, ruhig zu essen, mich nach meinem Gefallen daran zu erfreuen, aber zu schweigen, denn es ärgere ihn, wenn ich die Speisen lobte, die mir gefielen. Ich hatte Lust, zu lachen und zugleich ihm eine Flasche an den Kopf zu werfen, was ich zwanzig Jahre früher sehr wahrscheinlich getan haben würde. Ich tat jedoch weder das eine noch das andere, sondern schwieg; denn ich fühlte, daß ich entweder den Grobian verlassen oder mich seiner Laune fügen müßte. Drei Monate später sagte mir die kleine Costa, jene Triester Schauspielerin, die er damals besucht hatte, als er plötzlich nach Görz gefahren war: »Bevor ich den Grafen Torriano kannte, hätte ich niemals geglaubt, daß es auf der Welt einen Menschen von solchem Charakter geben könnte. Obgleich seine Männlichkeit sehr kräftig entwickelt ist, macht es ihm unendliche Mühe, bei der Vollziehung des Beischlafs zu der Krisis zu gelangen, die das Werk krönt, und wenn die Arme, die er durch die lange Reizung in eine unglaubliche Wollust versetzt, so unglücklich ist, ihre Ekstase nicht verbergen zu können, läuft sie Gefahr, von diesem wilden Menschen erdrosselt zu werden; so eifersüchtig ist er auf das Glück eines anderen. Ich bedaure herzlich das Schicksal der Unglücklichen, die man ihm zur Gemahlin bestimmt.« Ein eigentümliches Abenteuer machte meinen Beziehungen zu diesem giftigen Tier ein Ende: In der Langeweile und dem Müßiggang dieses unglückseligen Spessa, wo ich keinerlei Vergnügungen hatte, entdeckte ich eine sehr hübsche und sehr liebenswürdige arme Witwe. Ich machte ihr kleine Geschenke, und nachdem ich einige leichte Gunstbezeigungen von ihr erhalten hatte, überredete ich sie, die Nacht in meinem Zimmer zuzubringen. Sie kam um Mitternacht, um von keinem Menschen gesehen zu werden, und entfernte sich im ersten Morgengrauen durch eine kleine Tür, die auf die Straße hinausging. Seit etwa acht Tagen hatte ich diesen angenehmen Zeitvertreib; wir betrieben unseren Verkehr in aller Ruhe, denn wir nahmen an, daß kein Mensch etwas davon wüßte. Eines schönen Morgens verließ meine gute Freundin meine Arme, kleidete sich an und weckte mich dann, damit ich wie gewöhnlich die kleine Tür hinter ihr schließen könnte. Kaum hatte ich die Tür wieder zugemacht, so hörte ich sie schreien. Schnell riß ich die Tür auf und sah den greulichen Torriani, der mit der einen Hand ihren Rock festhielt und mit der anderen sie mittels seines Rohrstockes verprügelte. Dies sehen und mich auf ihn stürzen, war das Werk einer Sekunde. Wir fielen zu Boden, er unten, ich oben; die arme Witwe lief davon. Ich hatte nur meinen Schlafrock an und war also in dieser Beziehung im Nachteil; denn bekanntlich hat der zivilisierte Mensch nur die Hälfte seiner Kräfte, wenn er nackt ist. Indessen hielt ich mit der einen Hand seinen Stock fest und drückte ihm mit der anderen die Kehle zusammen; er dagegen suchte mit der rechten Hand seinen Stock los zu bekommen und hielt mit der linken meine Haare gepackt. Er ließ erst los, als ihm die Zunge weit aus dem Munde hervorstand und er dem Ersticken nahe war. Als ich mich frei fühlte, sprang ich schnell auf, entriß ihm den Stock und führte nach seinem Kopf einen kräftigen Hieb, den er zu seinem Glück teilweise mit seinen beiden Händen parierte. Da ich ihm nur den einen Schlag gab, stand er auf, ergriff die Flucht und begann Steine aufzuheben; ich wartete jedoch seine Würfe nicht ab, sondern ging in mein Zimmer zurück und schloß mich ein, ohne zu wissen, ob wir gesehen worden waren oder nicht. Ganz außer Atem warf ich mich auf mein Bett; ich bedauerte, daß meine Hand nicht stark genug gewesen war, diesen Räuber zu erdrosseln, von dem ich glaubte, daß er mich ermorden würde. Als ich mich ein wenig erholt hatte, stand ich auf, untersuchte meine Pistolen und versicherte mich, daß ich mich im Notfalle auf sie verlassen konnte. Ich zog mich an, steckte die Pistolen in meine Taschen und ging aus, um mir bei irgend einem Bauern einen Karren zu besorgen, der mich nach Görz bringen könnte. Ohne es zu wissen, schlug ich einen Weg ein, der mich hinter dem Hause meiner armen Witwe vorbeiführte; ich trat bei ihr ein und fand sie traurig, aber ruhig. Sie tröstete mich, indem sie mir sagte, sie habe nur einige Schläge auf die Schultern erhalten und geringe Schmerzen ausgestanden. Es tat ihr nur leid, daß der Vorfall bekannt werden mußte; denn zwei Bauern hatten gesehen, wie der Graf sie schlug, und dieselben Leute und die Witwe hatten unser Handgemenge gesehen. Ich schenkte ihr zwei Zechinen und bat sie, mich in Görz aufzusuchen, wo ich ein paar Wochen zuzubringen gedachte. Ferner bat ich sie, mir zu sagen, bei welchem Bauern ich einen Wagen finden konnte; denn ich wollte so früh wie möglich abfahren. Ihre Schwester erbot sich, mich nach einem Pachthof zu führen, wo ich finden würde, was ich brauchte. Sie sagte mir unterwegs, Torriani habe ihre Schwester schon bei Lebzeiten ihres Mannes gehaßt, weil sie von ihm nichts habe wissen wollen. Auf dem Pachthof, zu dem sie mich führte, fand ich ein gutes Wägelchen, und der Bauer versprach mir, daß wir zum Mittagessen in Görz sein sollten. Ich gab ihm einen halben Taler Angeld und ging nach Haus, indem ich ihm sagte, ich würde ihn erwarten. In das Haus des Grafen zurückgekehrt, beeilte ich mich meine Sachen zu packen. Ich war kaum fertig, als der Wagen ankam. Ich wollte gerade meine Sachen hinausbringen, als ein Diener erschien und mir sagte, der Graf lasse mich bitten, einen Augenblick bei ihm vorzusprechen. Ich schrieb ihm auf französisch, daß wir nach dem, was zwischen uns vorgefallen wäre, uns nur noch außerhalb seines Hauses sehen könnten. Eine Minute darauf trat er bei mir ein, schloß die Türe hinter sich zu und sagte: »Da Sie nicht zu mir kommen wollen, komme ich zu Ihnen, um mit Ihnen zu sprechen.« »Was haben Sie mir zu sagen?« »Indem Sie auf solche Weise von mir fortgehen, entehren Sie mich; ich werde Sie daher nicht abreisen lassen.« »Alle Wetter, mein Herr, ich bin neugierig, wie Sie es anfangen werden, mich daran zu verhindern. Denn es ist ausgeschlossen, daß Sie mich überreden, freiwillig hier zu bleiben.« »Ich werde Sie verhindern, allein abzufahren; denn die Ehre verlangt, daß wir zusammen fahren.« »Vortrefflich! Ich glaube, Sie zu verstehen. Holen Sie also Ihren Degen oder Ihre Pistolen, und wir werden sofort, mit gleichen Waffen versehen, abfahren. Wie Sie sehen, ist in meinem Wagen Platz für zwei.« »Nein, Sie müssen in meinem bequemen Wagen fahren, und zwar erst, nachdem Sie mit mir zu Mittag gespeist haben.« »Sie irren sich, man würde mich für verrückt halten, wenn ich mit Ihnen speisen wollte; unsere häßliche Geschichte ist ja im ganzen Dorf bekannt und wird morgen in Görz das Stadtgespräch sein.« »Wenn Sie nicht mit mir speisen wollen, werde ich hier mit Ihnen speisen; was man darüber sagt, ist mir einerlei. Wir werden nach Tisch abfahren. Schicken Sie Ihr Wägelchen fort, damit es keinen Skandal gibt; denn ich wiederhole Ihnen: Sie werden nicht abfahren.« Ich mußte nachgeben und meinen Wagen fortschicken. Der unglückselige Graf blieb bis zum Mittag bei mir; um mich zu überzeugen, daß ich im Unrecht wäre, sagte er mir, ich wäre nicht berechtigt, ihn zu verhindern, auf der Straße eine Bäuerin zu prügeln, auf die ich schließlich nicht die geringsten Ansprüche zu machen hätte. Lachend antwortete ich ihm: »Ich bin neugierig, zu vernehmen, mit welchem Recht Sie einen freien Menschen auf der Straße schlagen dürfen, und was Sie dagegen haben können, daß diese unabhängige Person einen Verteidiger in einem Manne findet, dessen Herz sie nahe steht, wie es hier der Fall ist. Wie haben Sie sich einbilden können, daß ich die Frau von Ihnen mißhandeln lassen würde, ein schwaches und liebenswürdiges Geschöpf, das gerade in jenem Augenblicke meine Arme verlassen hatte, und das Sie schon aus diesem Grunde hätten respektieren sollen? Wenn Sie ein Mann sind, so sagen Sie mir: wäre ich nicht ein Feigling oder ein Ungeheuer, wie Sie, gewesen, wenn ich einem solchen barbarischen Vorgang gleichgültig zugesehen hätte, und würden Sie es nicht an meiner Stelle ebenso gemacht haben wie ich, ohne sich um Vernunftgründe zu kümmern, selbst wenn der Angreifer ein großer Fürst gewesen wäre?« Der Unselige vermochte nur mit leeren Ausflüchten zu antworten; ich wies seine Sophismen zurück, indem ich ihm schonungslos die Wahrheit sagte. Da das Eis nun einmal gebrochen war, konnte er von meiner Seite keinerlei Schonung erwarten. Kurz bevor wir uns zu Tisch setzten, sagte er mir, diese Geschichte könnte dem, der den anderen tötete, keine Ehre machen; er würde sich aber nur auf Leben und Tod schlagen. »In bezug auf die Ehre«, antwortete ich lachend, »teile ich durchaus nicht Ihre Meinung; übrigens steht es ja in Ihrer Macht, sich keiner Gefahr auszusetzen; denn nach der Lektion, die ich Ihnen gegeben habe und zu meinem großen Bedauern Ihnen geben mußte, habe ich allen Anlaß, befriedigt zu sein. Bei einem Zweikampf auf Leben und Tod hoffe ich, Sie trotz Ihrer Wut unter den Lebenden zu lassen: ich werde mich bemühen, Sie für lange Zeit kampfunfähig zu machen und Ihnen dadurch Muße zu geben, über Ihre Vergangenheit und Zukunft nachzudenken. Sollte dagegen das Schicksal Sie begünstigen oder Ihre Geschicklichkeit größer sein als die meinige, so steht es in Ihrem Belieben, zu tun, was Ihnen gut dünkt.« »Wir werden allein in ein Gehölz gehen, und ich werde meinem Kutscher befehlen, Sie nach dem Ort zu fahren, den Sie angeben, wenn Sie allein zum Wagen zurückkehren; denn ich nehme keinen Bedienten mit.« »Gut; diese Anordnungen sind mir recht. Aber wollen Sie sich auf Degen oder auf Pistolen schlagen?« »Der Degen muß uns genügen.« »In diesem Falle verspreche ich Ihnen, meine Pistolen im Wagen zu lassen, wenn wir aussteigen.« Es brachte mich etwas außer Fassung, den brutalen Menschen plötzlich höflich und vernünftig geworden zu sehen, während nach meiner Erwartung der Gedanke an einen bevorstehenden Zweikampf ihn hätte unruhig machen müssen; denn es dünkte mir unmöglich, daß ein Mann von diesem Charakter tapfer sein könnte. Da ich selber vollkommen kaltblütig war, fühlte ich mich sicher, daß ich ihn beim ersten Stoß mit meiner Prim, die mich noch niemals im Stich gelassen, kampfunfähig machen und daß ich ihn durch einen Stich ins Knie lähmen würde, wenn er den Kampf fortsetzen wollte. Ich wäre dann auf das venezianische Gebiet geflüchtet, das ich leicht wieder hätte verlassen können, da ich nicht bekannt war. Ich sah jedoch voraus, daß es nicht dazu kommen, sondern daß dieses Duell in Rauch aufgehen würde, wie so viele andere, wenn der eine von den beiden Gegnern ein Feigling ist; und dafür hielt ich den Grafen. Wir fuhren ab, nachdem wir eine ausgezeichnete Mahlzeit eingenommen hatten, während welcher ich sehr lustig war. Der Graf hatte nichts bei sich, mein geringes Gepäck dagegen war an seinen Wagen geschnallt. Ich hatte vor den Augen des Grafen meine Pistolen entladen, und er hatte mir gezeigt, daß er keine bei sich hatte. Ich hatte ihn seinem Kutscher befehlen hören, die Straße nach Görz zu fahren, aber ich erwartete jeden Augenblick, daß er ihn nach rechts oder links abbiegen lassen würde, damit wir in einem der Wälder unseren Handel zum Austrag brächten. Wie man sich denken kann, enthielt ich mich während der Fahrt jeder Frage; es kam mir nicht zu, eine solche zu stellen. Endlich jedoch wußte ich Bescheid: wir kamen in Görz an, und ich lachte laut auf, als der Graf dem Kutscher befahl, nach dem Gasthof zur Post zu fahren. Dort sagte er zu mir: »Sie haben recht gehabt; wir müssen Freunde bleiben. Geben wir uns gegenseitig das Versprechen, mit keinem Menschen über diese Geschichte zu sprechen und nur darüber zu lachen, wenn etwa jemand sie erzählen sollte und dabei die Tatsachen entstellte.« Ich versprach es ihm; wir gaben uns die Hand, und alles war erledigt. Am nächsten Tage nahm ich eine Wohnung in einer sehr ruhigen Straße, um meinen zweiten Band über die polnischen Unruhen zu beendigen. Obwohl ich fleißig arbeitete, genoß ich doch auch mein Leben. So angenehm es in Görz war, mußte ich mich doch entschließen, nach Triest zurückzukehren, um dort meine Begnadigung durch die Staatsinquisition abzuwarten. Wenn ich in Görz blieb, konnte ich schwerlich Gelegenheit finden, meinen Eifer für ihren Dienst an den Tag zu legen; außerdem wurde ich ja nicht von ihnen bezahlt, um mich einem angenehmen Müßiggang zu ergeben. Ich verweilte daher in Görz nur bis zum Ende des Jahres 1774 und fand während meines fünfmonatlichen Aufenthaltes alle Annehmlichkeiten, die ich mir wünschen konnte. Mein Handel, den ich mit dem Grafen Tornani in Spessa gehabt hatte, war in der ganzen Stadt bekannt. In den ersten Tagen fragte man mich überall darnach; als man aber sah, daß ich nur darüber lachte und den Vorfall für eine Kleinigkeit ohne jede Bedeutung ansah, sprach man mit mir nicht mehr darüber. Torriani selber trug am meisten dazu bei, die Sache in Vergessenheit zu bringen, indem er mir auf das angelegentlichste seine Freundschaft bezeigte, so oft er mir begegnete. Da ich ihn jedoch als einen gefährlichen Menschen kannte, dem man besser aus dem Wege ging, so entschuldigte ich mich wohlweislich, so oft er mich zum Mittag- oder Abendessen einlud. Während des Karnevals heiratete er die junge Edeldame, von der ich bereits sprach; er machte sie unglücklich, so lange er lebte! Zum Glück für sie starb er nach dreizehn oder vierzehn Jahren in Wahnsinn und Armut. Während meines Aufenthaltes erfreute mich der Umgang mit dem Grafen Carl Coronini, von dem ich bereits gesprochen zu haben glaube. Der liebenswürdige Mann starb vier Jahre später. Einen Monat vor seinem Ende schickte er mir sein Testament in achtfüßigen italienischen Versen. Ich bewahre dieses Gedicht noch jetzt als ein Muster seines philosophischen Geistes und seiner fröhlichen Seele. Dieses komische Testament ist voll feinen Witzes. Wenn er geahnt hätte, daß ihm der Tod so nahe bevorstand, würde das Gedicht wohl nicht eine so joviale Färbung getragen haben; denn es dünkt mir unmöglich, daß die Aussicht auf sofortige oder baldige Vernichtung zu Fröhlichkeit und Scherz anregen kann, es müßte denn einer nicht bei richtigem Verstande sein. Während ich in Görz war, ließ Herr Richard Lorrain sich dort nieder. Er war ein Junggeselle von ungefähr vierzig Jahren, der nach treuen Diensten in der Wiener Finanzverwaltung sich mit einer sehr guten Pension in den Ruhestand zurückgezogen hatte. Er war ein schöner, geistvoller Mann, der den Ton der guten Gesellschaft beherrschte, einige literarische Kenntnisse besaß und durchaus anspruchslos war. Er wurde daher in den besten Häusern von Görz mit großer Freude empfangen. Ich machte seine Bekanntschaft im Hause des Grafen Torres, in dessen Haus ihn der Geist der jungen Komtesse zog, die er einige Zeit darauf heiratete. Zu Anfang des Oktobermonats war nach dem Brauch meines erlauchten Vaterlandes der neue Rat der Zehn in Wirksamkeit getreten; infolgedessen wurden von den Staatsinquisitoren die drei abgelöst, die während der vorhergehenden zwölf Monate regiert hatten. Meine Beschützer, der Prokurator Morosini, der Senator Zaguri und mein treuer Freund Dandolo schrieben mir: wenn sie meine Begnadigung nicht im Laufe der nächsten zwölf Monate durchsetzen könnten, hätten sie keine Hoffnung, sie jemals zu erreichen; denn abgesehen davon, daß die neuen Inquisitoren besonders tugendhafte Männer wären, fügte es auch der Zufall, daß sie meine Gönner mit ihrer besonderen Freundschaft beehrten. Der erste, der Inquisitor Sagrelo, war innig befreundet mit dem Prokurator Morosini; der zweite, Herr Grimani, war der Freund meines lieben Dandolo, und Herr Zaguri schrieb mir, er hätte Einfluß auf den dritten, der nach dem Gesetz einer von den sechszehn Räten sein mußte, die den Rat der Zehn bilden. Es ist vielleicht nicht allgemein bekannt, daß der sogenannte Rat der Zehn in Wirklichkeit aus siebzehn Mitgliedern bestand, da der Doge an den Beratungen teilnehmen durfte, so oft es ihm gut schien. Ich kehrte nach Triest mit dem festen Entschlusse zurück, nichts zu verabsäumen, um das despotische Tribunal gut zu bedienen und von seiner Gerechtigkeit die Begnadigung zu erlangen, auf die ich wohl Anspruch hatte, nachdem ich neunzehn Jahre lang ganz Europa als Verbannter durchzogen hatte. Ich war damals neunundvierzig Jahre alt und glaubte nichts mehr von Fortuna erhoffen zu dürfen; denn sie ist eine ebenso flatterhafte wie launische Göttin, die nur die Jugend liebt und begünstigt und das reife Alter, besonders aber das traurige Greisenalter, zu verabscheuen scheint. Ich war der Meinung, daß ich in Venedig glücklich müßte leben können, ohne der Gunst der blinden Göttin zu bedürfen. Ich rechnete darauf, von meinen Talenten leben zu können, und keinem Unglück mehr ausgesetzt zu sein, da ich über eine große Erfahrung verfügte und an keiner der Eitelkeiten mehr krankte, die mich vielleicht in den Abgrund hätten stürzen können. Mir schien auch, die Inquisitoren müßten sich verpflichtet fühlen, mir in der Stadt Venedig irgendein Amt zuzuweisen, von dessen Erträgnissen ich gemächlich würde leben können, da ich allein stand, keine Familie hatte und bereit war, mich mit dem Notwendigen zu begnügen und auf das Überflüssige gerne zu verzichten. Ich schrieb an der Geschichte der polnischen Unruhen; der erste Band war bereits gedruckt; ich arbeitete an dem zweiten und hatte genügend Stoff, um dem Publikum die ganze Geschichte in sieben Bänden darzubieten. Nach der Vollendung dieses Werkes gedachte ich eine Übersetzung der homerischen Ilias in Stanzen zu veröffentlichen, und ich zweifle nicht, daß es mir leicht fallen würde, nach der Ilias noch andere Werke zu veröffentlichen. Kurzum, ich sah keine Gefahr, in einer Stadt Not leiden zu müssen, wo tausend Hilfsquellen flössen, von denen eine Menge Leute, die anderswo hätten betteln müssen, in aller Gemächlichkeit lebten. Ich verließ also Görz am letzten Tage des Jahres 1773 und nahm am ersten Januar 1774 im Albergo Grande am Marktplatz von Triest Wohnung. Ich wurde über alle Maßen herzlich empfangen. Baron Pittoni, der venezianische Konsul, alle Räte, die Kaufleute, die Damen, sämtliche Mitglieder des Kasinos bezeigten mir auf das lebhafteste ihre Freundschaft und ihre Freude, mich wieder zu sehen. In ihrer Mitte verbrachte ich den Karneval heiter und in bester Gesundheit, ohne daß meine literarischen Arbeiten darunter litten; denn schon zu Beginn der Fasten veröffentlichte ich den zweiten Band meiner Geschichte der polnischen Wirren. Was mich in Triest am meisten interessierte, war die zweite Schauspielerin der Truppe, die dort spielte. Die Künstlerin war keine andere, als Irena, die Tochter des angeblichen Grafen Rinaldi, dessen meine Leser sich wohl noch erinnern werden. Ich hatte sie in Mailand geliebt und in Genua, ihres Vaters wegen, nichts mit ihr zu tun haben wollen; ich war ihr in Avignon nützlich gewesen, wo ich ihr, meiner Marcolina zuliebe, aus der Verlegenheit geholfen hatte. Elf Jahre waren verflossen, ohne daß ich ein Wort von ihr gehört hatte. Ich war sehr überrascht von ihrem Anblick und ich gestehe, daß dieses Wiederfinden mir mehr Schmerz als Freude verursachte. Denn da sie noch schön war, so sah ich voraus, daß sie mir noch gefallen würde. Zugleich aber begriff ich, daß ich auf meiner Hut sein müßte, da ich nicht imstande sein würde, ihr nützlich zu sein. Trotzdem glaubte ich nicht umhin zu können, ihr einen Besuch zu machen; auch war ich sehr neugierig, ihre Erlebnisse zu hören. Ich begab mich daher am nächsten Tage kurz vor Mittag zu ihr. Sie empfing mich mit einem Ausruf der Freude und sagte mir, sie habe mich im Parkett bemerkt und sei überzeugt gewesen, daß ich sie besuchen werde. Sie stellte mir ihren Mann vor, der die komischen Bedientenrollen spielte, sowie ihre Tochter, die neun Jahre alt war und Begabung für den Tanz hatte. Ihre Geschichte war nicht lang, denn Frauen wissen nach Bedürfnis abzukürzen. In demselben Jahre, wo ich sie in Avignon gesehen hatte, war sie mit ihrem Vater nach Turin gegangen. Dort hatte sie sich in den Mann verliebt, den sie mir vorgestellt hatte; sie hatte ihre Eltern verlassen, um ihn zu heiraten, und war Schauspielerin geworden, um in allem das Los ihres Gatten zu teilen. »Ich weiß,« sagte sie mir, »daß mein Vater gestorben ist; aber ich weiß nicht, was aus meiner Mutter geworden ist.« Nach mancherlei Bemerkungen aller Art sagte sie mir: »Ich bin meinem Gemahl treu, mache mich jedoch nicht dadurch lächerlich, daß ich einen Liebhaber verzweifeln lasse, wenn es sich lohnt, ihn zu erhören. Hier habe ich niemanden, und mein einziges Vergnügen besteht darin, abends einige Freunde zum Essen bei mir zu sehen; die Ausgaben dafür drücken mich nicht, denn ich gewinne genug, indem ich eine kleine Pharaobank halte.« »Sie werden mich heute Abend nach der Vorstellung sehen,« sagte ich beim Abschied; »in Triest ist das Spiel verboten, aber da die Bank klein ist, werde ich mich, wie die anderen, mit niedrigen Einsätzen am Spiel beteiligen.« Ich kam pünktlich und speiste bei ihr mit einer Gesellschaft von leichtsinnigen jungen Kaufleuten, die alle in sie verliebt waren. Nach dem Essen legte sie eine kleine Bank auf. Ich war sehr überrascht, als ich deutlich sah, daß sie sehr geschickt die Volte schlug, und zwar immer im richtigen Augenblick. Es kam mir komisch vor, als ich sie ihr Talent sogar gegen mich ausüben sah, doch sagte ich nichts und entfernte mich mit den anderen, nachdem ich ein paar Gulden verloren hatte. Es war eine Kleinigkeit, aber die Sache ärgerte mich doch, denn ich wollte nicht, daß Irena mich für dumm halten sollte. Ich suchte sie daher am nächsten Vormittage bei der Probe im Theater auf und machte ihr ein Kompliment über ihre Geschicklichkeit. Sie tat anfangs, als wenn sie mich nicht verstände; als ich ihr aber sagte, worum es sich handelte, hatte sie die Frechheit, mir zu sagen, ich irrte mich. Hierüber ärgerte ich mich, drehte ihr den Rücken zu und sagte: »Sie werden bereuen, daß Sie dies nicht zugeben.« Da lachte sie und sagte: »Nun also, mein lieber Freund, ich gebe es zu, und wenn Sie mir sagen wollen, wieviel Sie verloren haben, will ich Ihnen das Geld wiedergeben; wenn es Ihnen angenehm ist, bin ich sogar bereit, Sie an meinem kleinen Spiel zu beteiligen, ohne daß außer meinem Mann irgendein Mensch etwas davon erfährt.« »Ich will weder das eine noch das andere, Irena; ich werde nicht einmal mehr zum Spiel kommen. Aber ich warne Sie davor, einen Ihrer Freunde zu sehr zu prellen; denn man würde es erfahren, und eine harte Buße würde Sie treffen, da die Glücksspiele streng verboten sind.« »Ich weiß es und halte daher niemals unbare Sätze; übrigens haben alle diese jungen Leute mir Verschwiegenheit gelobt.« »Ich werde nicht mehr bei Ihnen zu Abend speisen, aber Sie werden mir ein Vergnügen machen, wenn Sie zu mir zum Frühstück kommen, so oft Sie Zeit haben.« Einige Tage darauf kam sie mit ihrer Tochter, die mir sehr gefiel und nichts dagegen hatte, daß ich sie liebkoste. Seitdem kam sie noch mehrere Male wieder. Eines Tages traf sie bei mir den Baron Pittoni, der nicht weniger als ich Geschmack an kleinen Mädchen fand; er wurde neugierig auf Irenas Tochter und bat die Mutter, ihm zuweilen dieselbe Ehre zu erweisen wie mir. Ich redete ihr zu, das Anerbieten nicht zurückzuweisen, und der Baron verliebte sich in das kleine Mädchen. Dies war für Irena ein Glück; denn gegen Ende des Karnevals wurde sie angeschuldigt, verbotene Glücksspiele zu dulden, und der Baron würde unter anderen Umständen nach der Strenge der Polizeivorschriften gegen sie verfahren sein; da er aber ihr Freund geworden war, so warnte er sie zur rechten Zeit. Man konnte die Buße nicht von ihr einziehen, denn als die Polizeibeamten in ihre Wohnung kamen, fanden sie dort niemanden. Irena verließ Triest zu Anfang der Fastenzeit mit der Truppe, der sie angehörte. Drei Jahre später fand ich sie in Padua mit ihrer Tochter wieder, die ein reizendes Mädchen geworden war und mit der ich das zärtlichste Verhältnis erneuerte. Ende Erster Anhang zum sechsten Bande Giovachino Costa Ueber Casanovas Zusammentreffen mit seinem früheren Kammerdiener Costa, der ihm für Hundertfünfzigtausend Franken Wert an Diamanten und anderen Kostbarkeiten unterschlagen hatte, die ihm von Frau von Urfé mitgegeben worden waren, erzählt Lorenzo da Ponte in seinen Erinnerungen folgendes: Ich ging von Venedig fort und hörte länger als drei Jahre nichts mehr von Casanova. Endlich traf ich ihn in Wien, wo ich damals wohnte, auf dem Graben. Casanova hielt sich mehrere Jahre in Wien auf; aber was er dort machte, wovon er lebte, das kann kein Mensch sagen. Ich unterhielt mich ziemlich oft mit ihm; mein Haus und meine Börse standen stets zu seiner Verfügung. Wenngleich ich weder seine Grundsätze noch seine Aufführung billigen konnte, so hatte ich ihn doch gerne; ja, ich legte sogar großen Wert auf seine Lehren und Ratschläge, die wirklich nicht mit Gold aufzuwiegen waren; ich habe zwar nur wenig Gebrauch davon gemacht, aber sie hätten mir ganz außerordentlich nützlich sein können. Als ich eines Tages mit Casanova auf dem Graben spazieren ging, sah ich ihn plötzlich die Stirn runzeln, mit den Zähnen knirschen, die Hände zum Himmel emporheben und sich auf einen Menschen stürzen, den er zu kennen schien. Dabei rief er laut: » Assassino! t'ho colto! – Räuber, hab ich dich endlich!« Da sich infolge seines seltsamen Benehmens und seines Geschreis eine Menge Leute angesammelt hatten, so näherte ich mich ihm, nicht ohne einige Furcht; endlich faßte ich mir jedoch Mut, ergriff Casanovas Hand und zog ihn fast mit Gewalt aus dem Getümmel heraus. Hierauf erzählte er mir, fast wie ein Besessener tobend, die Geschichte von der alten Dame und sagte mir, der Mensch sei Giovachino Costa, der ihn damals betrogen habe. Dieser Giovachino war durch seinen lasterhaften Lebenswandel so weit heruntergekommen, daß er wieder in Dienst hatte gehen müssen; er war damals Kammerdiener bei einem Wiener großen Herrn (dem Grafen von Hardegg) und machte auch Verse, so gut oder schlecht er es eben konnte. Er war auch einer von denen, die mich mit ihren Epigrammen beehrt hatten, als Joseph II. mich zu seinem Theaterdichter zu machen geruhte. Er ging in ein Kaffeehaus hinein und schrieb dort, während ich meinen Spaziergang mit Casanova fortsetzte, folgende Verse, die er ihm durch einen kleinen Jungen zuschickte: Casanova non far strepito, Tu rubasti, ed anch'io furbai; Tu maestro, ed io discepolo L'arte tua bene imparai. Desti pan, ti io focaccia; Sara meglio che tu taccia. Casanova, mach keinen Lärm! Du hast gestohlen, und auch ich hab betrogen: Du warst der Meister, ich der Schüler, Deine Kunst hab ich gut gelernt. Du gabst mir Brot, ich gab dir Kuchen: Besser ist's, du schweigst fein still. Diese Verse hatten eine gute Wirkung; nach einem kurzen Schweigen fing Casanova an zu lachen und sagte mir leise ins Ohr: » Il birbante ha regione – der Schuft hat recht!« Er trat in das Kaffeehaus ein und winkte Costa zu, er möchte herauskommen. Sie gingen miteinander den Graben entlang, wie wenn gar nichts vorgefallen wäre, und trennten sich schließlich, indem sie sich mehrere Male ganz freundschaftlich die Hand schüttelten. Casanova kam wieder zu mir und zeigte mir an seinem Finger einen Ring mit einem Cameo, der durch einen sonderbaren Zufall Merkur, den Schutzgott der Diebe, darstellte. Dieses Kleinod war der letzte Rest von Costas großer Beute; es paßte vorzüglich zum Charakter der beiden wiederversöhnten Freunde. Zweiter Anhang zum sechsten Bande Die beiden fehlenden Kapitel Bekanntlich fehlten im Zwölften Band der edition originale die Kapitel IV und V (in meiner Ausgabe Kap.XX und XXI dieses Bandes). Schon der Herausgeber der éd. orig. sprach die Vermutung aus, daß Casanova selber die beiden Kapitel von dem anderen Manuskript abgetrennt habe, wahrscheinlich um sie zu überarbeiten oder aus einem ähnlichen Grunde. Diese Vermutung hat sich als richtig erwiesen: Die beiden Kapitel befanden sich in Dux bei C.s anderen Papieren, die bekanntlich schon seit Jahrzehnten geordnet sind. Ja, noch mehr: seit zwanzig Jahren befand sich eine Abschrift der beiden Kapitel in Paris in den Händen des Herrn Octave Uzanne! Da dieser seither eine ganze Anzahl Casanoviana von geringerer Bedeutung veröffentlichte, so ist es wirklich verwunderlich, daß er mit der Bekanntgabe dieser bedeutungsvollen Kapitel bis zum Jahre 1906 gezögert hat. Sie sind im August- und Septemberheft der von Uzanne herausgegebenen Zeitschrift L'Ermitage veröffentlicht. Mit der den Franzosen eigenen Fixigkeit in der Fabrikation und Ergänzung von Memoiren war natürlich die Lücke schon in ziemlich frühen französischen und belgischen Ausgaben der Mémoires ausgefüllt worden. Diese Fälschungen waren auch in einige der schlechten deutschen Ausgaben übergegangen. Selbstverständlich ist es völlig aus der Luft gegriffenes, dummes Zeug. Warum Casanova diese Kapitel wieder an sich genommen hatte, darüber kann man natürlich nur Vermutungen aufstellen. Vielleicht hatte einer seiner Freunde, die die Mémoires erwiesenermaßen gelesen haben (Fürst de Ligne, Graf Salmour u. a.) ihn darauf aufmerksam gemacht, daß die Geschichte von dem abermaligen Lotteriegewinn auf Nr. 27 denn doch sehr sonderbar erscheint. Daß übrigens ein Werk von einem derartigen Umfang, besonders in den nebensächlichen Geschichten, die gewissermaßen Arabesken sind, eine Menge Dichtung enthält, ist wohl selbstverständlich. Die innere Wahrhaftigkeit des Ganzen wird dadurch nicht im geringsten in Frage gestellt. Bei dieser Gelegenheit möchte ich doch einmal besonders darauf hinweisen, daß ein volles Drittel, nämlich die Bände V und VI, meiner Ausgabe für Deutschland sozusagen etwas ganz Neues ist. Buhl, von dem man bisher, ohne eine genauere Vergleichung anzustellen, angenommen hatte, daß ihm die édition originale als Vorlage gedient habe und daß daher seine Ausgabe, abgesehen von einigen geringfügigen Kürzungen, vollständig sei, hat nach der sechsbändigen Rosezschen Ausgabe übersetzt. Daß diese sich als édition originale, la seule complète ausgiebt, muß man wirklich als eine ganz erstaunliche Frechheit bezeichnen. Denn von dem, was die letzten vier Bände meiner Ausgabe bringen, fehlt mindestens ein Drittel, 600 bis 700 Druckseiten (so z. B. die ganze, menschlich doch gewiß äußerst interessante Episode seines Bruders des Abbate, der Venezianerin Marcolina usw.). Und schlimmer noch: in dem, was gebracht wird, ist Casanovas Schilderung oft geradezu auf den Kopf gestellt. Auch die (vor der éd. orig. ) erschienene Bearbeitung des Herrn von Schütz erwies sich mir bei weiterem Vorschreiten meiner Arbeit als ein ganz erbärmliches Machwerk. Entweder hat von Schütz die französische Sprache nur in sehr geringem Maße beherrscht – und dann durfte er eine solche Aufgabe nicht übernehmen – oder er hat bewußt gefälscht. Es ist nur zu bedauern, daß die Buhlsche wie die Schützsche Ausgabe in Deutschland immerhin noch ziemlich verbreitet sind und sich einer gewissen Wertschätzung erfreuen. Aus ihnen kann man von Casanova unmöglich den richtigen Begriff bekommen.