Charles Dickens Denkwürdigkeiten des Pickwick-Klubs. Aus dem Englischen übersetzt von Dr. Carl Kolb Kritisch durchgesehen, gründlich revidiert und erläutert von Dr. Paul Th. Hoffmann Zweiunddreißigstes Kapitel. Das nur von der Gerichtspraxis und verschiedenen großen, darin erfahrenen Autoritäten handelt. In verschiedene Höhlen und Winkel des Temples Einst Ordenshaus der Tempelherren in London, seit 1346 den Rechtsgelehrten und Gerichtspersonen überlassen. sind gewisse dunkle und schmutzige Zimmer zerstreut. Dort findet man den ganzen Morgen während der Freistunden, sowie den halben Abend während der Kanzleistunden, ständig eine unabsehbare Reihe von Schreibern, die mit Papierstößen unter dem Arm und in den Taschen, daraus sie hervorragen, eiligst ab- und zugehen. Es gibt verschiedene Klassen von Schreibgehilfen. Da ist ein Praktikant, der bezahlt hat und ein Rechtsanwalt in spe ist. Er macht eine lange Schneiderrechnung, erhält Einladungen in Privatzirkel, kennt eine Familie in der Gowerstraße und eine andere in Tavistocksquare, besucht in den Feiertagen jedesmal seinen Vater in der Stadt, der eine Menge Pferde hält, und ist, kurz gesagt, der eigentliche Aristokrat unter den Schreibern. Da ist ferner der salarierte Schreiber – außer der Gerichtsstube oder in der Gerichtsstube, je nachdem es ausgemacht ist –, der den größten Teil der dreißig Schilling, die er wöchentlich bezieht, seinem Privatvergnügen und seiner Bekleidung widmet, wenigstens dreimal wöchentlich auf den Olymp im Adelphitheater geht, darauf in den Mostkellern einen großartigen Aufwand macht und eine Schmutzkarikatur der vor einem halben Jahre abgekommenen Mode ist. Dann ist ferner der Kopist von mittlerem Alter mit einer zahlreichen Familie: immer schäbig gekleidet und öfters betrunken. Und dann kommen die Anfänger in ihren ersten Überröcken, die auf die Schulknaben mit Verachtung herabsehen, wenn sie abends die Schreibstube verlassen und in die Kneipe rennen, wobei sie denken, es gehe doch nichts übers »Leben«. Doch die Spielarten der Gattung sind zu zahlreich, um sie alle anzuführen; aber wie zahlreich sie auch sein mögen, so kann man sie zu gewissen festgesetzten Kanzleistunden an den vorerwähnten Orten hin- und hereilen sehen. Diese abgelegenen Winkel sind die Werkstätten des Gesetzes, wo Insinuationen ausgefertigt, Gutachten unterzeichnet, Klagen eingeleitet und eine Menge anderer sinnreicher Einrichtungen zur Marter der getreuen Untertanen Seiner Majestät und zu Nutz und Frommen der Gerichtspersonen in Bewegung gesetzt werden. Die meisten dieser Stuben sind niedere, dumpfe Gemächer, worin zahllose Pergamentrollen, die schon im vergangenen Jahrhundert beschaulich stanken, einen angenehmen Geruch verbreiten, mit dem sich den Tag über das Arom der Trockenfäule und abends die verschiedenen Ausdünstungen der dampfenden Mäntel, der triefenden Regenschirme und der schlechtesten Talglichter verbinden. Eines Abends, ungefähr zehn bis vierzehn Tage nach der Rückkehr des Herrn Pickwick und seiner Freunde, rannte gegen halb acht Uhr in eine dieser Gerichtsstuben ein Jemand in braunem Überrock mit messingenen Knöpfen. Der Betreffende trug langes Haar unter dem Rande eines abgetragenen Hutes sorgfältig gescheitelt. Seine beschmutzten groben Hosen lag so straff über den Blücherstiefeln an, daß die Knie jeden Augenblick aus ihrer Verhüllung hervorzuplatzen drohten. Dieser junge Mann zog aus seiner Rocktasche einen langen, schmalen Pergamentstreifen, auf den der amtierende Schreiber einen unleserlichen schwarzen Stempel drückte. Dann legte er vier Papierschnitzel von gleicher Größe vor, deren jeder eine gedruckte Abschrift des Pergamentstreifens enthielt und unten noch freien Raum für einen Namen hatte. Nachdem diese freien Räume ausgefüllt waren, steckte er die fünf Dokumente wieder in die Tasche und eilte fort. Der Mann mit dem braunen Rock und den geheimnisvollen Dokumenten war kein anderer als unser alter Freund, Herr Jackson, von dem Hause Dodson und Fogg Freemans-Court-Cornhill. Statt in die Schreibstube zurückzukehren, aus der er gekommen, lenkte er seine Schritte gerade auf Sun Court zu und ging in den »Georg und Geier«, wo er nach Herrn Pickwick fragte. »Rufe Herrn Pickwicks Diener Tom«, sagte das Kellermädchen im »Georg und Geier«. »Bemühen Sie sich nicht«, sagte Herr Jackson; »ich komme in Geschäftsangelegenheiten. Wenn Sie mir Herrn Pickwicks Zimmer zeigen wollen, will ich selbst hinaufgehen.« »Ihr Name, Sir?« fragte der Kellner. »Jackson«, erwiderte der Schreiber. Der Kellner eilte die Treppe hinauf, um Herrn Jackson zu melden; aber Herr Jackson überhob ihn dieser Mühe, indem er ihm auf dem Fuße nachfolgte und ins Zimmer trat, ehe jener eine Silbe hervorbringen konnte. Herr Pickwick hatte an diesem Tage seine drei Freunde zu Tisch geladen, und sie saßen alle vor dem Feuer beim Weine, als, wie gesagt, Herr Jackson hereintrat. »Wie geht's, Sir?« fragte Herr Jackson, Herrn Pickwick zuwinkend. Dieser verbeugte sich und sah ihn etwas verblüfft an; denn Herrn Jacksons Züge waren seinem Gedächtnisse nicht mehr gegenwärtig. »Ich komme von Dodson und Fogg«, bemerkte Herr Jackson im Tone eines Dolmetschers. Bei diesem Namen stieg Herrn Pickwick das Blut zu Kopf. »Ich verweise Sie an meinen Anwalt, Sir: Herrn Perker, Grays-Inn«, sagte er. »Kellner, begleiten Sie diesen Herrn hinaus.« »Bitte um Verzeihung, Herr Pickwick«, fiel Jackson ein, indem er unbefangen seinen Hut ablegte und den Pergamentstreifen aus der Tasche zog. »Aber persönliche Einhändigung durch einen Schreiber oder Agenten; in solchen Fällen – Sie wissen ja, Herr Pickwick, bei Rechtsgeschäften geht nichts über die Vorsicht – wie?« Hier warf Herr Jackson einen Blick auf das Pergament, stützte sich mit den Händen auf den Tisch, sah sich mit einem gewinnenden und beredten Lächeln ringsum und sagte: »Nun, lassen Sie uns über eine solche Kleinigkeit nicht viel Worte machen. Wer von diesen Herren heißt Snodgraß?« Auf diese Frage machte Herr Snodgraß eine so unzweideutige und unwiderstehliche Geste, daß es keiner ferneren Erklärung bedurfte. »Ah, ich habe mir's doch gedacht«, sagte Herr Jackson noch freundlicher als zuvor. »Ich habe hier eine Kleinigkeit, womit ich Sie belästigen muß, Sir.« »Mich?« rief Herr Snodgraß. »Es ist nur eine Vorladung in der Prozeßsache Bardell gegen Pickwick, im Namen der Klägerin zu erscheinen«, erwiderte Jackson, einen von den Papierschnipseln aussondernd und einen Schilling aus seiner Westentasche hervorziehend. »Sie wird dem anberaumten Termin zufolge am 14. Februar fällig; wir haben ein Spezialgericht beantragt, aber es sind erst zehn Zeugen angesetzt. Hier ist Ihre Vorladung, Herr Snodgraß.« Während Jackson so sprach, zeigte er Herrn Snodgraß das Pergament und drückte ihm das Papier und den Schilling in die Hand. Herr Tupman hatte dem Auftritt mit stummem Erstaunen zugesehen, als sich Jackson mit einem scharfen Blicke an ihn wandte. »Ich irre wohl nicht«, sagte er, »wenn ich glaube, Sie heißen Tupman?« Herr Tupman sah auf Herrn Pickwick, aber da er in den weitgeöffneten Augen dieses Herrn keine Aufforderung zur Verleugnung seines Namens entdeckte, sagte er: »Ja, ich heiße Tupman.« »Und dieser andere Herr ist vermutlich Herr Winkle?« fuhr Jackson fort. Herr Winkle stotterte eine bejahende Antwort hervor; und beiden Herren wurde sofort von dem gewandten Herrn Jackson je ein Papierstreifen und ein Schilling zugesteckt. »Ich besorge«, sagte Jackson, »Sie werden mich für aufdringlich halten, aber ich muß noch nach jemand fragen, wenn Sie es nicht anmaßend finden. Ich habe hier auch den Namen Samuel Weller, Herr Pickwick.« »Schicken Sie nach meinem Diener, Kellner«, sagte Herr Pickwick. Der Kellner entfernte sich äußerst erstaunt, und Herr Pickwick bot Herrn Jackson einen Stuhl an. Es trat eine ziemliche Pause ein, die endlich von dem unschuldig Beklagten unterbrochen wurde. »Ich vermute, Sir«, bemerkte Herr Pickwick mit steigendem Unwillen; »ich vermute, Sir, Ihre Prinzipale haben die Absicht, mich durch das Zeugnis meiner eigenen Freunde zu stürzen?« Herr Jackson legte seinen Zeigefinger mehrere Male an die linke Seite seiner Nase, um dadurch anzudeuten, daß er nicht aus der Schule schwatzen dürfe, und bemerkte: »Kann's nicht sagen.« »Wozu werden denn meine Freunde vorgeladen, wenn es nicht aus diesem Grunde geschieht?« fuhr Herr Pickwick fort. »Eine verfängliche Frage, Herr Pickwick«, erwiderte Jackson mit langsamem Kopfschütteln. »Aber es geht nicht. Sie mögen es anstellen, wie Sie wollen; aus mir sollen Sie wenig herausbringen.« Hier lächelte Herr Jackson die Gesellschaft wieder an, und seinen linken Daumen an die Nasenspitze setzend, ahmte er mit der rechten Hand die Bewegung nach, als drehe er eine Kaffeemühle – eine höchst graziöse Pantomime, die damals sehr beliebt war, aber jetzt leider beinahe ganz abgekommen ist und mit dem vertraulichen Namen »das Schleiferdrehen« bezeichnet wurde. »Nein, nein, Herr Pickwick«, bemerkte Jackson noch schließlich: »Perkers Leute müssen den Zweck dieser Vorladungen selbst erraten. Wenn ihnen das nicht gelingt, so müssen sie eben warten, bis die Sache vorgenommen wird, und dann werden sie schon dahinterkommen.« Herr Pickwick warf einen Blick höchsten Widerwillens auf seinen unwillkommenen Gast und würde wahrscheinlich irgendeinen schauderhaften Fluch auf die Häupter der Herren Dodson und Fogg herabgerufen haben, hätte ihn nicht in diesem Augenblick Sams Eintritt unterbrochen. »Samuel Weller?« bemerkte Herr Jackson im Tone der Frage. »Eine von den wenigen wirklichen Wahrheiten, die Sie seit vielen Jahren gesagt haben«, versetzte Sam mit dem gelassensten Tone. »Hier ist eine peremtorische Vorladung für Sie, Herr Weller«, sagte Jackson. »Was heißt das in unserer guten Muttersprache?« fragte Sam. »Hier ist das Original«, fuhr Jackson fort, ohne sich auf die verlangte Erklärung einzulassen. »Welches?« fragte Sam. »Das hier«, erwiderte Jackson, ihm das Pergament hinhaltend. »So, das ist das Riginal«, sagte Sam. »Nun, es freut mich sehr, das Riginal zu sehen, denn es ist ein hübsches Ding und macht einem Spaß.« »Und hier ist der Schilling«, fuhr Jackson fort. »Er ist von Dodson und Fogg.« »Nun, es ist doch recht schön von Dodson und Fogg, die mich so wenig kennen, daß sie mir ein Geschenk schicken«, sagte Sam. »Ich bin ihnen für diese schmeichelhafte Aufmerksamkeit sehr verbunden, Sir: und es macht ihnen sehr viel Ehre, daß sie das Verdienst zu belohnen wissen, wo sie es finden. Ja, es muß einen rühren.« Bei diesen Worten rieb sich Herr Weller nach der beliebten Manier der Schauspieler, wenn sie rührende Szenen darstellen, mit dem Rockärmel das rechte Augenlid. Herr Jackson schien durch Sams Benehmen etwas aus dem Konzept gebracht: aber da er die Vorladungen überreicht hatte und nichts weiteres zu sagen wußte, machte er eine Bewegung, als wenn er den einzigen Handschuh, den er Renommage halber gewöhnlich in der Hand trug, anziehen wollte, und kehrte in seine Schreibstube zurück, um Bericht zu erstatten. Herr Pickwick schlief in dieser Nacht wenig: sein Gedächtnis war durch die Erinnerung an seinen Prozeß auf eine höchst unangenehme Weise aufgefrischt worden. Er frühstückte am folgenden Morgen beizeiten und machte sich in Sams Begleitung nach dem Grays- Innviertel auf den Weg. »Sam!« sagte Herr Pickwick, als sie ans Ende von Cheapside gekommen waren, sich rings umsehend. »Sir?« erwiderte Sam stehenbleibend. »Welchen Weg?« »Die New-Gate-Straße hinauf.« Herr Pickwick schlug den bezeichneten Weg nicht sogleich ein, sondern sah einige Sekunden lang seinem Diener mit einem undurchsichtigen Blick ins Gesicht und stieß einen schweren Seufzer aus. »Was ist Ihnen, Sir?« fragte Sam. »Diese Klagsache, Sam, soll also am 14. des nächsten Monats vorkommen«, sagte Herr Pickwick. »Ein merkwürdiges Zusammentreffen das, Sir«, versetzte Sam. »Wieso merkwürdig, Sam?« fragte Herr Pickwick. »'s ist gerade Valentinstag Am Valentinstag, (14. Februar) bestand in England die alle Sitte, daß junge Männer das Mädchen, dem sie am Valentinstag zuerst begegneten oder dessen Namen sie tags vorher durchs Los gezogen hatten, beschenkten und das ganze Jahr über als ihre Valentine betrachteten. Auch Eheversprechen waren zum Teil mit dem Valentinstag verbunden. , Sir«, erwiderte Sam: »ein sehr geeigneter Tag, um über den Bruch eines Eheversprechens zu Gericht zu sitzen.« Herrn Wellers Anspielung rief nicht das geringste Lächeln auf seines Herrn Gesicht. Herr Pickwick wandte sich alsbald um und ging schweigend seines Weges. Sie waren eine Strecke weit gegangen, – Herr Pickwick in tiefes Nachdenken versunken, und Sam mit einem Gesichte, das den beneidenswertesten Gleichmut gegen all und jedes ausdrückte, hinter ihm drein, – als er, der immer darauf bedacht war, seinem Herrn mitzuteilen, was er wußte, seine Schritte beschleunigte, bis er hart hinter Herrn Pickwick stand und auf ein Haus, an dem sie vorüberkamen, deutend, sagte: »Ein sehr hübscher Fleischladen das, Sir.« »Ja, es scheint so«, erwiderte Herr Pickwick. »Berühmte Wurstfabrik«, bemerkte Sam. »Wirklich?« fragte Herr Pickwick. »Ja, wirklich«, wiederholte Sam mit wichtigem Tone: »das will ich meinen. Nun, Sir, Gott segne Ihre unschuldigen Augen: das ist dasselbe Haus, wo vor vier Jahren ein achtbarer Handelsmann auf so geheimnisvolle Weise verschwand.« »Er wurde doch nicht ermordet, Sam?« fragte Herr Pickwick, sich hastig umsehend. »Nein, das nicht, Sir«, erwiderte Herr Weller, »aber ich wollte, er wäre ermordet worden, denn es ging ihm noch viel schlimmer. Er war der Eigentümer dieses Ladens und der Erfinder der Patentwurstdampfmaschinen, die einen Pflasterstein, der ihr zu nahe kam, ergriff, und so leicht, wie wenn es ein kleines Kind wäre, in Würste zerhackte. Er war sehr stolz auf diese Maschine, wie sich von selbst versteht, stand im Keller und sah ihr zu, wenn sie in voller Tätigkeit war, bis er vor Freude ganz melancholisch wurde. Die Maschinen nebst zwei lieblichen Kindern hätten ihn zu einem sehr glücklichen Mann machen können, wenn ihn nicht seine Frau daran verhindert hätte, die eine wilde Hexe war. Sie verfolgte ihn überall und lag ihm immer in den Ohren, bis er es endlich nicht mehr aushalten konnte. ›Ich will dir was sagen, meine Liebe‹, sagte er eines Tages: ›wenn du diese Unterhaltungsart beibehältst‹, sagte er, ›will ich verdammt sein, wenn ich nicht nach Amerika gehe; und damit Punktum.‹ – ›Du bist ein Taugenichts!‹ sagte sie, ›und ich wünsche den Amerikanern zu dieser Erwerbung Glück.‹ Auf das tut sie ihm noch eine halbe Stunde lang den Rost herunter, läuft dann in das Ladenstübchen und fängt an zu schreien: er werde noch ihr Tod sein, und bekommt einen Anfall, der drei volle Stunden dauert – einen von jenen Anfällen, wobei man unaufhörlich schreit und mit Händen und Füßen um sich schlägt. Gut, am andern Morgen wurde der Mann vermißt. Er hatte nichts aus der Kasse genommen, hatte sogar nicht einmal seinen großen Mantel angezogen, es war also augenscheinlich, daß er nicht nach Amerika gegangen war. Kam am andern Tag nicht, kam in der andern Woche nicht: die Frau läßt in öffentlichen Blättern bekanntmachen, wenn er zurückkomme, so solle ihm alles vergeben sein (was sehr großmütig war, da sie sah, daß er nichts getan hatte). Alle Kanäle wurden untersucht, und wenn man in den nächsten zwei Monaten eine Leiche fand, so wurde sie in den Wurstladen gebracht, wie wenn sich das von selbst verstände. Da man aber in keiner von ihnen den Vermißten erkannte, so streute man aus, er sei davongelaufen, und sie setzte das Geschäft fort. Eines Sonnabends abends kommt ein kleiner, hagerer, alter Herr in großer Aufregung in den Laden und sagt: ›Sind Sie die Herrin dieses Ladens?‹ – ›Ha, das bin ich‹, sagt sie. – ›Gut, Madame‹, sagt er, ›dann habe ich Ihnen zu sagen, daß ich und meine Familie für nichts und wieder nichts beinahe erstickt waren: und noch mehr, Madame‹, sagte er, ›Sie werden mir eine Bemerkung erlauben: da Sie nicht gerade das auserlesenste Fleisch in Ihrer Wurstfabrik verwenden, so meine ich, Rindfleisch würde Sie nicht viel mehr kosten als Hosenknöpfe.‹ – ›Hosenknöpfe, Sir?‹ sagt sie. – ›Ja, Hosenknöpfe, Madame‹, sagt der kleine, alte Herr, ein Papier aufmachend und ihr zwanzig bis dreißig halbe Knöpfe zeigend. ›Hosenknöpfe, Madame, sind ein hübsches Gewürz für Würste.‹ – ›Das sind meines Mannes Knöpfe‹, sagt die Witwe und wird ohnmächtig. – ›Was?‹ schreit der kleine, alte Herr erbleichend. – ›Jetzt geht mir ein Licht auf‹, sagte die Witwe: ›er hat sich in einem Anfall vorübergehenden Wahnsinns voreilig in Würste verwandelt!‹ Und so war es denn auch«, fügte Herr Weller, Herrn Pickwick ruhig in das schreckensbleiche Gesicht sehend; »oder er wurde sonstwie in die Maschine geworfen, aber es mag nun sein, wie es will, der kleine, alte Herr, der schon von Kindheit auf in diese Würste vernarrt war, stürzte ganz außer sich aus dem Laden und ließ nie wieder etwas von sich hören.« Bei dem Schlusse dieser rührenden Erzählung aus dem Privatleben waren Herr und Diener in der Wohnung Herrn Perkers angekommen. Lowten unterhielt sich in der halb offenen Tür mit einem schlecht gekleideten, erbärmlich aussehenden Mann in Stiefeln ohne Zehen und Handschuhe ohne Finger. Sein eingefallenes und abgehärmtes Gesicht trug die Spuren der Entbehrung und des Leidens, ja, beinahe der Verzweiflung; er fühlte seine Armut, denn er trat beim Nahen Herrn Pickwicks in den Schatten der Treppe zurück. »Es ist sehr mißlich«, sagte der Fremde mit einem Seufzer. »Allerdings«, erwiderte Lowten, seinen Namen mit dem Kiele an den Türpfosten kritzelnd und mit der Fahne der Feder wieder auswischend. »Soll ich ihm etwas ausrichten?« »Wann glauben Sie wohl, daß er zurückkommt?« fragte der Fremde. »Ganz unbestimmt«, erwiderte Lowten, Herrn Pickwick zuwinkend, als der Fremde die Augen zu Boden schlug. »Glauben Sie nicht, daß ich ihn hier erwarten kann?« fragte der Fremde mit einem sehnsüchtigen Blick in die Schreibstube. »O nein, das können Sie nicht«, erwiderte der Schreiber, sich mehr in die Mitte der Tür stellend. »In dieser Woche kommt er nicht mehr zurück, und es ist eine Frage, ob es in der nächsten der Fall sein wird; denn wenn Perker einmal in die Stadt geht, so hat es mit seiner Rückkehr keine sonderliche Eile.« »Er ist in der Stadt?« sagte Herr Pickwick; »ach Gott, wie mißlich!« »Bleiben Sie doch, Herr Pickwick«, sagte Lowten, »ich habe einen Brief an Sie.« Der Fremde schien unschlüssig und sah abermals auf den Boden, und der Schreiber warf Herrn Pickwick einen schlauen Blick zu, als wollte er ihm bedeuten, daß es einen höchst ergötzlichen Spaß absetzen würde; worin jedoch der Spaß bestände, konnte Herr Pickwick um alle Welt nicht erraten. »Treten Sie ein, Herr Pickwick«, sagte Lowten. »Nun, wollen Sie mir einen Auftrag geben, Herr Watty, oder wollen Sie wieder vorsprechen?« »Bitten Sie ihn freundlichst, zu hinterlassen, was in meiner Sache geschehen sei«, sagte der Mann; »aber ich bitte Sie um Gottes willen, vergessen Sie es nicht, Herr Lowten.« »Nein, nein, ich werde es nicht vergessen«, erwiderte der Schreiber. »Treten Sie ein, Herr Pickwick. Guten Morgen, Herr Watty; ein schöner Tag zum Spazierengehen – nicht wahr?« Und als er sah, daß der Fremde immer noch zögerte, winkte er Sam Weller, mit seinem Herrn einzutreten und schlug ihm die Tür vor der Nase zu. »Einen solchen lästigen Bankerotteur hat es, glaube ich, seit Erschaffung der Welt nicht gegeben«, sagte Lowten, seine Feder mit der Miene eines schwer gekränkten Mannes auf den Tisch werfend. »Seine Sachen liegen noch nicht volle vier Jahre in unserer Kanzlei, und ich will verdammt sein, wenn er uns nicht jede Woche zweimal zur Last fällt. Treten Sie hier ein, Herr Pickwick. Perker ist zu Hause und wird Sie empfangen; ich weiß es. Teuflisch kalt«, setzte er verdrießlich hinzu. »Unter der Tür stehen und sich von einem solchen lumpigen Landstreicher um seine Zeit bringen lassen zu müssen!« Und nachdem er in großer Aufregung mit einem außerordentlich kleinen Eisen ein außerordentlich großes Feuer angeschürt hatte, ging er in das Studierzimmer seines Prinzipals und meldete Herrn Pickwick an. »Ach, mein lieber Herr«, sagte der kleine Herr Perker, von seinem Stuhl aufspringend: »was gibt's neues in Ihrer Angelegenheit? Wieder etwas von unsern Freunden in Freemans Court? Ich weiß, sie haben diese Zeit über nicht geschlafen. O, es sind rührige Burschen – sehr rührig, ich versichere Sie!« Als der kleine Mann seine Rede schloß, nahm er mit wichtiger Miene eine Prise Tabak, um dadurch der Rührigkeit der Herren Dodson und Fogg seine Huldigung darzubringen. »Große Spitzbuben sind es«, sagte Herr Pickwick. »Nun, nun«, versetzte der kleine Mann, »wie man's nimmt. Wir wollen nicht über Worte streiten, denn natürlich kann man von Ihnen nicht erwarten, daß Sie die Sache mit den Augen eines Mannes vom Fache ansehen. Gut, wir haben alles getan, was zu tun war. Ich habe den Prokurator Snubbin gewonnen.« »Ist er gut?« fragte Herr Pickwick. »Gut?« erwiderte Perker. »Beim Himmel, mein lieber Herr, Snubbin ist das vollendete Muster eines Rechtsanwalts. Hat dreimal soviel zu tun, als irgendein anderer Advokat – ist bei allen Gerichtssachen beteiligt. Sie brauchen es nicht weiter zu sagen, aber wir Leute vom Fach meinen, der Prokurator Snubbin führe den Gerichtshof an der Nase herum.« Bei dieser Mitteilung nahm der kleine Mann eine zweite Prise und warf Herrn Pickwick einen geheimnisvollen Wink zu. »Man hat meine drei Freunde vorgeladen«, sagte Herr Pickwick. »Das war natürlich«, erwiderte Perker. »Wichtige Zeugen; sahen Sie in einer delikaten Situation.« »Aber sie wurde mit Willen ohnmächtig«, warf Herr Pickwick ein: »sie fiel mir absichtlich in die Arme.« »Sehr wahrscheinlich, mein lieber Herr«, versetzte Perker; »sehr wahrscheinlich und sehr natürlich. Nichts natürlicher, mein lieber Herr – durchaus nichts. Aber womit beweisen Sie das?« »Sie haben auch meinen Diener vorgeladen«, sagte Herr Pickwick, diesen Punkt fallen lassend, denn Herrn Perkers Frage hatte ihn etwas aus der Fassung gebracht. »Sam?« fragte Perker. Herr Pickwick bejahte. »Natürlich, mein lieber Herr, natürlich. Sie mußten das tun; ich hätte Ihnen das schon vor einem Monat sagen können. Es versteht sich von selbst, mein lieber Herr, wenn Sie Ihre Sache selbst führen wollen, nachdem Sie dieselbe Ihrem Sachwalter übergeben haben, müssen Sie auch die Folgen davon tragen.« Hier richtete sich Herr Perker im Bewußtsein seiner Würde auf und streifte einige verirrte Schnupftabakskörner von seiner Hemdkrause ab. »Und was wollen Sie denn durch ihn beweisen?« fragte Herr Pickwick nach einer Pause von zwei bis drei Minuten. »Ich vermute, Sie haben ihn zu der Klägerin geschickt, um ihr einen Vergleich anzubieten«, erwiderte Perker. »Es hat aber nicht viel zu sagen, denn ich glaube, aus ihm werden sie wenig herausbringen.« »Dieser Ansicht bin ich auch«, bemerkte Herr Pickwick, trotz seiner Verstimmung bei dem Gedanken an Sams Auftreten vor Gericht lächelnd. »Was sollen wir aber anfangen?« »Es steht uns nur ein Weg offen, mein lieber Herr«, erwiderte Perker; »nämlich den Zeugen Querfragen vorzulegen, Snubbins Beredsamkeit zu vertrauen, dem Richter Staub in die Augen und der Juri uns selbst in die Arme zu werfen.« »Und gesetzt, der Spruch fiel gegen mich aus?« sagte Herr Pickwick. Herr Perker lächelte, nahm ganz gemächlich eine Prise Tabak, schürte das Feuer, zuckte die Achseln und beobachtete ein bedeutungsvolles Stillschweigen. »Sie glauben, daß ich in diesem Falle die Entschädigung zahlen müßte?« fragte Herr Pickwick, der die eilige Antwort mit großer Aufmerksamkeit beobachtet hatte. Perker gab dem Brennstoff noch einen höchst unnötigen Stoß und sagte: »Ich fürchte, ja.« »Dann erlauben Sie mir, Ihnen meinen unabänderlichen Entschluß kund zu tun, durchaus keine Entschädigung zu zahlen«, sagte Herr Pickwick mit großem Nachdruck. »Durchaus keine, Perker. Nicht ein Pfund, nicht einen Pfennig von meinem Gelde soll den Weg in Dodson und Foggs Taschen finden. Das ist mein wohlüberlegter und unwiderruflicher Entschluß.« Und zur Bestätigung der Unwiderrruflichkeit seiner Absicht schlug Herr Pickwick heftig auf den Tisch. »Ganz recht, mein lieber Herr, ganz recht«, sagte Herr Perker; »Sie müssen das natürlich am besten wissen.« »Natürlich«, erwiderte Herr Pickwick hastig. »Wo wohnt Prokurator Snubbin?« »In Lincolns Inn, Old Square«, versetzte Perker. »Ich möchte ihn sprechen«, sagte Herr Pickwick. »Prokurator Snubbin sprechen, mein lieber Herr?« fiel Perker im Tone des höchsten Erstaunens ein. »Aber – aber, mein lieber Herr, das ist unmöglich. Prokurator Snubbin sprechen! Wo denken Sie hin, mein lieber Herr? So was ist noch nie erhört worden, ohne daß die Konsultationsgebühr vorher entrichtet und die Konsultation anberaumt war. Es geht durchaus nicht, mein lieber Herr, geht durchaus nicht.« Aber Herr Pickwick hatte es sich in den Kopf gesetzt, daß es nicht nur gehen könne, sondern daß es sogar gehen müsse; und die Folge davon war, daß er zehn Minuten, nachdem er die Versicherung erhalten, es könne unmöglich sein, von seinem Sachwalter in das Vorzimmer des großen Prokurators Snubbin geführt wurde. Es war ein ziemlich geräumiges Gemach, in dem man Fußteppiche vermißte. Vor dem Feuer stand ein großer Schreibtisch, dessen wollener Überzug längst seine Ansprüche auf sein ursprüngliches Grün aufgegeben hatte, und mit Ausnahme der Stellen, deren natürliche Farbe durch Tintenflecke verwischt war, vom Staub und Alter allmählich grau geworden war. Auf dem Tische lagen eine Menge kleiner Bündel Papiere, die mit rotem Zwirn zusammengebunden waren, und hinter diesen saß ein ältlicher Schreiber, dessen stattliches Äußere und schwere goldene Uhrkette den imponierenden Beweis von der ausgedehnten und einträglichen Praxis des Herrn Prokurator Snubbin ablegte. »Herr Mallard, ist der Prokurator auf seinem Zimmer?« fragte Perker, mit aller erdenklichen Höflichkeit dem Schreiber seine Dose hinhaltend. »Ja«, war die Antwort, »hat aber vollauf zu tun. Sehen Sie hier, in all diesen Sachen ist noch kein Gutachten ausgestellt, und von allen sind bereits die Expeditionsgebühren bezahlt.« Bei diesen Worten lächelte der Schreiber und schnupfte mit einem Behagen, das teils von seiner Vorliebe für den Schnupftabak, teils von seiner Lust an Gebühren herzurühren schien. »Das heißt eine Praxis«, bemerkte Perker. »Ja«, antwortete der Schreiber des Rechtsgelehrten, seine eigene Dose aus der Tasche nehmend und sie mit der größten Freundlichkeit anbietend, »Und das beste dabei ist, daß niemand des Prokurators Handschrift lesen kann als ich, und die Leute also, nachdem die Gutachten schon ausgestellt sind, warten müssen, bis ich sie abgeschrieben habe, ha, ha, ha!« »Was noch außer dem Prokurator einem gewissen Jemand zugut kommt, der aus den Klienten noch etwas mehr herauslockt – nicht wahr?« sagte Perker: »ha, ha, ha!« Darauf lachte des Prokurators Schreiber wieder – aber nicht laut, sondern still im Innern, was Herrn Pickwick gar nicht gefiel. Wenn jemand innerlich blutet, so ist es gefährlich für ihn selbst: aber wenn er innerlich lacht, so bedeutet es andern Leuten nichts Gutes. »Haben Sie mir die Gebühren noch nicht ausgeschrieben, die ich Ihnen noch schulde?« fragte Herr Perker. »Nein, ich bin noch nicht dazu gekommen«, erwiderte der Schreiber. »Es wäre mir lieb, wenn Sie's täten«, sagte Perker. »Stellen Sie mir die Rechnung zu, dann werde ich Ihnen eine Anweisung schicken: aber ich vermute, Sie haben zu viel mit der Einnahme des Laufenden zu tun, als daß Sie an ihre Ausstände denken könnten – nicht wahr? Ha, ha, ha!« Dieser Witz schien den Schreiber außerordentlich zu kitzeln, und er lachte wieder innerlich. »Aber Herr Mallard, mein teurer Freund«, sagte Perker, plötzlich wieder ernst werdend und den großen Gehilfen des großen Mannes am Rockzipfel in eine Ecke ziehend, »Sie müssen den Prokurator dazu bewegen, mich und meinen Klienten vor sich zu lassen.« »Gehen Sie, gehen Sie,« erwiderte der Schreiber; »Sie sind wohl nicht bei Trost« – den Prokurator sprechen! Gehen Sie, das ist zu absurd.« Ungeachtet der Absurdität des Gesuchs ließ jedoch der Schreiber Herrn Perker noch mehr darüber reden; und nach einem kurzen Geflüster ging er leise einen schmalen dunklen Gang hinab und verschwand in dem Allerheiligsten des Gesetzes, aus dem er bald nachher auf den Zehen wieder hervorkam und Herrn Perker und Herrn Pickwick eröffnete, der Prokurator sei dazu überredet worden, sie gegen alle hergebrachte Ordnung und Gewohnheit sogleich vor sich zu lassen. Herr Prokurator Snubbin hatte ein mageres, erdfahles Gesicht und zählte ungefähr fünfundvierzig Jahre, oder wie die Novellisten sagen – er war ein Fünfziger. Er hatte jenes düstere, ausgebrannte Auge, das man so oft bei Leuten sieht, die sich eine Reihe von Jahren hindurch einem langwierigen und mühevollen Studium gewidmet haben – ein Auge, das auch ohne das Augenglas, das an einem breiten schwarzen Bande um seinen Nacken hing, einen Fremden auf den Gedanken bringen mußte, er sei sehr kurzsichtig. Sein Haar war dünn und kurz, was teils dem Mangel an Zeit für seine Toilette, teils einer neben ihm hängenden Juristenperücke, die er fünfundzwanzig Jahre lang getragen hatte, zugeschrieben werden mußte. Die Spuren von Puder auf seinem Rockkragen und das beschmutzte und verschobene weiße Halstuch deuteten darauf hin, daß er seit seiner Rückkehr vom Gerichtssaal noch keine Zeit gefunden hatte, eine Änderung in seinem Anzuge vorzunehmen, während die sonstige Nachlässigkeit in seinem Äußern die Vermutung begründete, seine Person würde wenig dabei gewonnen haben, wenn es auch der Fall gewesen wäre. Bücher über das Gerichtswesen, Stöße von Akten und offene Briefe waren ohne alle Rücksicht auf Anordnung und Symmetrie auf dem Tisch zerstreut. Die Einrichtung des Zimmers war alt und schadhaft; die Türen des Bücherschrankes rosteten in ihren Angeln. Bei jedem Schritt flog der Staub in kleinen Wolken von dem Fußteppich auf; die Vorhänge hatten vom Alter und Schmutz gelbbraune Farbe angenommen, und alles im Zimmer wies unzweideutig darauf hin, daß Herr Prokurator Snubbin viel zu viel mit seinen Berufsgeschäften zu tun hatte, als daß er seiner Person viel Aufmerksamkeit schenken konnte. Der Prokurator schrieb, als seine Klienten eintraten; er verbeugte sich kurz, als Herr Pickwick durch seinen Sachwalter vorgestellt wurde, und ersuchte sie dann, Platz zu nehmen, steckte seine Feder sorgfältig in das Tintenfaß, strich über sein linkes Bein und erwartete die Eröffnung des Vortrags. »Herr Pickwick ist der Beklagte in der Sache Bardell und Pickwick, Prokurator Snubbin«, sagte Perker. »Bin ich dabei interessiert?« fragte der Prokurator. »Ja, Sir«, erwiderte Perker. Der Prokurator nickte mit dem Kopfe und wartete auf weiteres. »Herr Pickwick wünschte mit Ihnen zu sprechen, Prokurator Snubbin«, sagte Perker, »um Sie vorläufig zu versichern, daß er es in Abrede stellt, irgendeinen Grund oder Vormund zu der Klage gegen ihn gegeben zu haben; und daß er gar nicht vor Gericht aufträte, wenn er nicht mit reinem Gewissen und mit der festesten Überzeugung, daß er das größte Recht habe, die Klage zurückzuweisen, erscheinen könnte. Ich glaube, Ihre Ansicht ganz richtig auszusprechen, nicht wahr, lieber Herr?« sagte der kleine Mann, sich an Herrn Pickwick wendend. »Ganz richtig«, erwiderte dieser Gentleman. Herr Prokurator Snubbin nahm seine Lorgnette, hielt sie vor die Augen, betrachtete Herrn Pickwick einige Sekunden lang mit großer Aufmerksamkeit, wandte sich dann an Herrn Perker und fragte mit leichtem Lächeln: »Ist die Sache Herrn Pickwicks sicher?« Der Anwalt zuckte die Achseln. »Lassen Sie Zeugen vorladen?« »Nein.« Das Lächeln auf dem Gesicht des Prokurators nahm einen bestimmteren Ausdruck an: er wiegte sein Bein stärker, und sich in seinem bequemen Stuhl zurücklehnend, hustete er zweideutig. Diese Andeutungen der Gedanken des Prokurators über den Gegenstand mochten so unbedeutend sein, wie sie wollten, sie entgingen der Aufmerksamkeit Herrn Pickwicks nicht. Er setzte die Brille, durch die er das Mienenspiel des Rechtsgelehrten beobachtete, fester auf die Nase und sagte ohne alle Rücksicht auf Herrn Perkers Winke und Stirnrunzeln mit großem Nachdruck – »Mein Wunsch, Sie in solcher Angelegenheit zu sprechen, Sir, erscheint einem Mann, der notwendig so viel mit derlei zu tun hat, ohne Zweifel höchst sonderbar.« Der Prokurator machte den Versuch, mit ernster Miene aufs Feuer zu sehen, aber das Lächeln kam ihm wieder. »Herren von Ihrem Fach, Sir«, fuhr Herr Pickwick fort, »sehen die schlechteste Seite der menschlichen Natur – alle ihre Streitsucht, alle ihre Böswilligkeit und Gehässigkeit entschleiert sich vor Ihnen. Sie wissen aus Erfahrung, wieviel bei den Geschworenengerichten auf den äußeren Eindruck ankommt (ich will damit weder Ihnen, noch diesen zunahetreten): und die sind geneigt, bei andern ein Verlangen vorauszusetzen, die Mittel, die Sie aus den reinsten, ehrenvollsten Gründen und in der löblichen Absicht, Ihren Klienten so nützlich wie möglich zu werden, stets in Anwendung zu bringen und die sie in der Praxis nach ihrem vollen Wert schätzen gelernt haben – Sie sind geneigt, sage ich, bei andern die Neigung vorauszusetzen, diese Mittel zum Betrug und zu selbstsüchtigen Zwecken zu mißbrauchen. Ich glaube in der Tat, daß dieser Umstand die gemeine, aber sehr verbreitete Ansicht hervorgerufen hat, als wäre Ihr Stand ein argwöhnischer, mißtrauischer und allzu vorsichtiger. Ich weiß, Sir, daß mir unter den gegebenen Verhältnissen eine solche Erörterung Ihnen gegenüber nur schaden kann. Trotzdem bin ich zu Ihnen gekommen, um in dem, was mein Freund Herr Perker gesagt hat, genau verstanden zu werden: nämlich daß ich an der Treulosigkeit, die mir zur Last gelegt wird, unschuldig bin. Wenn ich auch von dem unschätzbaren Wert Ihres Beistandes überzeugt bin, Sir, so erlauben Sie mir doch zu bemerken, daß ich, im Falle Sie mir nicht unbedingt Glauben schenken, die Unterstützung Ihrer Talente lieber entbehren, als genießen möchte.« Lange bevor Herr Pickwick diese Rede, die wirklich im Verhältnis zum Geist des Redners sehr prosaisch war, beschlossen hatte, war der Prokurator in tiefes Nachdenken versunken. Nach einigen Minuten aber, während deren er seine Feder wieder ergriffen hatte, schien er sich der Anwesenheit seiner Klienten wieder zu erinnern, und den Kopf vom Papiere erhebend, fragte er etwas auffahrend – »Wer ist mein Adjunkt in dieser Sache?« »Herr Phunky, Prokurator Snubbin«, erwiderte der Anwalt. »Phunky – Phunky«, sagte der Prokurator; »diesen Namen habe ich noch nie gehört. Es muß ein sehr junger Mann sein.« »Ja, es ist ein sehr junger Mann«, versetzte der Anwalt. »Er ist erst kürzlich zugelassen. Warten Sie, ich will mich besinnen – ah, es fällt mir ein: es sind noch keine acht Jahre, daß er zugelassen ist.« »Ah, das habe ich mir gedacht«, sagte der Prokurator in jenem mitleidigen Ton, in dem man gewöhnlich von kleinen, hilflosen Kindern spricht. – »Herr Mallard, schicken Sie nach Herrn – Herrn –« »Phunky – Holborn Court, Grays Inn«, fiel Perker ein – (Holborn Court ist, beiläufig gesagt, das jetzige South-Square) – »Herr Phunky, und lassen Sie ihm sagen, es würde mich freuen, wenn er sich auf einen Augenblick hierher bemühen wollte.« Herr Mallard entfernte sich, um seinen Auftrag auszurichten, und Prokurator Snubbin versank wieder in Nachdenken, bis Herr Phunky erschien. Obgleich als Sachwalter noch ein Kind, war er doch ein völlig ausgewachsener Mann. Er war in seinem Benehmen außerordentlich schüchtern und sprach immer mit dem zitternden Ton der Befangenheit, was jedoch nicht von einem Naturfehler, sondern vielmehr von einer gewissen blöden Scheu herzurühren schien. Diese entsprang aus dem Bewußtsein, daß er durch den Mangel an Geld oder Gönner oder Verbindungen oder Unverschämtheit »niedergehalten« wurde. Er sah mit Ehrfurcht an dem Prokurator empor und machte dem Anwalt eine tiefe Verbeugung. »Ich habe noch nie das Vergnügen gehabt, Sie zu sehen, Herr Phunky«, sagte Prokurator Snubbin mit vornehmer Herablassung. Herr Phunky verbeugte sich. Er hatte das Vergnügen gehabt, den Prokurator zu sehen und ihn auch mit dem ganzen Neide des armen Mannes schon acht und ein Vierteljahr lang beneidet. »Wie ich höre, sollen Sie in dieser Sache mein Adjunkt sein?« fragte der Prokurator. Wäre Herr Phunky ein reicher Mann gewesen, so hätte er augenblicklich nach seinem Schreiber geschickt, um seinem Gedächtnis nachhelfen zu lassen. Wäre er ein kluger Mann gewesen, so hätte er den Zeigefinger an die Stirn gelegt und sich zu erinnern gesucht, ob er bei der Unzahl seiner Geschäfte auch dieses übernommen habe oder nicht; so aber war er weder reich noch klug (wenigstens in diesem Sinne), errötete also und verbeugte sich. »Haben Sie die Akten gelesen, Herr Phunky?« fragte der Prokurator. Hier hätte Herr Phunky die Bemerkung hinwerfen sollen, er habe die ganze Sache vergessen; aber da er die Akten, die ihm im Laufe des Prozesses vorgelegt worden waren, gelesen und seit den zwei Monaten, während deren er zu Herrn Prokurator Snubbins Adjunkten erhoben worden war, Tag und Nacht an nichts anderes mehr gedacht hatte, errötete er noch tiefer und machte eine abermalige Verbeugung. »Das ist Herr Pickwick«, sagte der Prokurator, mit seiner Feder nach der Stelle hindeutend, wo dieser Herr stand. Herr Phunky verbeugte sich gegen Herrn Pickwick mit der Ehrerbietung, die ein erster Klient erwecken muß, und verneigte sich dann wieder gegen den Prokurator. »Sie gehen vielleicht mit Herrn Pickwick«, sagte dieser, »und – und – und hören, was Herr Pickwick Ihnen mitzuteilen hat. Wir werden natürlich eine Besprechung darüber halten.« Mit dieser Andeutung, daß er jetzt lange genug unterbrochen worden sei, hielt Herr Prokurator Snubbin, der nach und nach immer nachdenklicher geworden war, für einen Augenblick sein Glas vor die Augen, machte nach allen Seiten eine leichte Verbeugung und vertiefte sich wieder in die vor ihm liegenden Akten eines endlosen Prozesses, der durch die Handlung eines vor einigen hundert Jahren verstorbenen Mannes entstanden war. Er, d. h. der Mann, hatte nämlich einen Fußpfad gesperrt, der von einem Orte, wo niemand herkam, nach einem andern führte, wo niemand hinging. Herr Phunky ließ sich nie darauf ein, durch eine Tür zu gehen, bevor Herr Pickwick und sein Anwalt durchgegangen waren, und so verstrich eine geraume Zeit, bis sie in das Viertel gelangten, Als sie es endlich erreicht hatten, gingen sie auf und nieder und hielten eine lange Konferenz, die darauf hinauslief, daß es sehr schwer zu bestimmen sei, wie der Spruch ausfallen würde; daß sich überhaupt niemand herausnehmen könne, den Ausgang eines Prozesses zu berechnen; daß es ein sehr großes Glück sei, der Gegenpartei in bezug auf die Akquisition des Herrn Snubbin zuvorgekommen zu sein: Ergebnisse, an die sie noch andere Bedenklichkeiten und Trostgründe knüpften, wie sie bei einer solchen Sachlage gewöhnlich vorgebracht werden. Hierauf wurde Herr Weller von seinem Herrn aus einem süßen Schlafe erweckt, der eine Stunde lang gedauert hatte. Nachdem sie von Herrn Lowten Abschied genommen hatten, kehrten sie nach der City zurück. Dreiunddreißigstes Kapitel. Beschreibt ausführlicher, als es die Staatszeitung je getan hat, eine lustige Abendgesellschaft, die Herr Bob Sawyer in seiner Wohnung im Borough gibt. In der Gegend von Lantstreet herrscht eine Ruhe, die die Seele mit einer Art von Melancholie überschattet. In dieser Straße sind immer eine Menge Häuser zu vermieten; dazu handelt es sich um eine Nebenstraße, die immer in liebliches Helldunkel gehüllt ist. Ein Haus in Lantstreet würde den Namen einer Residenz erster Klasse im strengen Sinne des Wortes nicht rechtfertigen, aber trotzdem gehört sie zu den Gegenden, die wir jedermann empfehlen können. Hat jemand Lust, sich von der Welt zurückzuziehen, sich aus dem Bereiche der Verführung zu entfernen, der Möglichkeit einer Versuchung zu entgehen, zum Fenster hinauszusehen, so müssen wir ihm angelegentlichst raten, eine Wohnung in Lantstreet zu beziehen. In dieser glücklichen Zurückgezogenheit haben sich einige Kleisterfabrikanten, eine Gesellschaft von Buchbindergesellen, ein paar Agenten für den Konkursgerichtshof, einige Hausbesitzer von geringerer Ordnung, die auf den Werften verwendet werden, mehrere Damenschneider und sonst noch Zuschneider angesiedelt. Die Mehrzahl der Inwohner richtet ihre Tätigkeit unmittelbar auf die Vermietung möblierter Zimmer zu, oder widmet sich dem gesunden und stärkenden Geschäfte des Mangelns. Die Hauptschöpfungen in der leblosen Natur der Straße sind grüne Fensterläden, Mietzettel, messingene Türplatten und Glockenzüge; die Hauptarten der belebten sind der Küchenjunge, der Semmelbube und der Kartoffelmann. Die Einwohner sind eine Art von Zugvögeln, sie verschwinden gewöhnlich am Ende der Quartals und meistens zur Nachtzeit. Die Einkünfte seiner Majestät werden in diesem Paradiese nur selten eingesammelt, die Renten sind unsicher und die Wasserleitung wird sehr häufig entzogen. An dem Abend, zu dem Herr Pickwick eingeladen worden war, zierte Herr Bob Sawyer im Vorderzimmer seines Erdgeschosses die eine und Herr Ben Allen die andere Seite des Kamins. Die Vorbereitungen zur Aufnahme der Gäste schienen bereits vollendet. Die Regenschirme im Hausgange waren in der kleinen Ecke vor der Stubentür untergebracht; die Haube und der Schal des Dienstmädchens vom Treppengeländer entfernt, nur zwei Paar Überschuhe standen auf der Strohmatte an der Haustür, und auf dem Gesimse des Treppenfensters brannte ein munteres Küchenlicht mit einer sehr langen Schnuppe. Herr Bob Sawyer hatte die Getränke in einem Weingeschäft in der Highstreet selbst gekauft und die Träger der Ware nach Hause begleitet, um der Möglichkeit der Ablieferung in einem unrechten Hause vorzubeugen. Der Punsch stand fertig in einem roten Topf im Schlafgemach. Ein mit grünem Tuch bedecktes Tischchen war von einem Mitbewohner des Hauses geborgt worden, um als Spieltisch verwendet zu werden. Die Gläser des Etablissements aber, samt denen, die man aus einem Wirtshause entlehnt hatte, waren alle auf einem Tisch aufgestellt, der auf dem Treppenplatz vor der Tür stand. Trotz der höchst befriedigenden Art all dieser Anordnungen lag eine Wolke auf Herrn Bob Sawyers Gesicht, als er am Feuer saß. Auch die Züge Herrn Ben Aliens trugen das gleiche Gepräge, während er aufmerksam auf die Kohlen starrte, und seine Stimme hatte etwas Melancholisches, als er nach langem Stillschweigen also sprach: »Nun, es ist doch fatal, daß sie sich gerade bei dieser Gelegenheit in den Kopf gesetzt hat, böse auszusehen. Sie hätte wenigstens bis morgen warten können.« »Das ist lauter Bosheit«, versetzte Herr Bob Sawyer heftig: »das ist lauter Bosheit. Sie sagt, wenn ich Gesellschaft geben könne, so müsse ich auch imstande sein, ihre verdammt kleine Rechnung zu bezahlen.« »Wie lange läuft sie denn jetzt?« fragte Herr Ben Allen. Eine Rechnung ist, beiläufig gesagt das trefflichste Perpetuum mobile, das der menschliche Scharfsinn je erfunden hat. Sie würde das längste Menschenleben lang laufen, ohne je aus eigenem Antrieb stehenzubleiben. »Nur etwa einen Monat über ein Vierteljahr«, erwiderte Herr Bob Sawyer. Ben Allen hustete hoffnungslos und lichtete einen forschenden Blick auf den Berührungspunkt der beiden Stangen am Ofen. »Es wäre doch eine verdammte Geschichte, wenn sie sich in den Kopf setzen würde, vor der Gesellschaft hier aufzubegehren, nicht wahr?« sagte endlich Herr Ben Allen. »Schauderhaft«, versetzte Bob Sawyer, »schauderhaft.« Ein leises Pochen ließ sich an der Zimmertür hören. Herr Bob Sawyer warf seinem Freund einen bedeutsamen Blick zu und rief: »Herein!« worauf ein schmutziges und schlumpiges Mädchen in schwarzen Baumwollenstrümpfen, die für die verwahrloste Tochter eines dienstunfähigen Straßenkehrers in sehr zurückgekommenen Umständen gelten konnte, den Kopf hereinsteckte und sagte: »Verzeihung, Herr Sawyer, Frau Raddle wünscht Sie zu sprechen.« Ehe Herr Bob Sawyer etwas erwidern konnte, verschwand das Mädchen plötzlich mit einem gellenden Schrei, wie wenn ihr jemand von hinten einen heftigen Stoß versetzt hätte. Unmittelbar nach diesem geheimnisvollen Verschwinden erfolgte ein abermaliges Klopfen an die Tür – ein kurzes, entschiedenes Klopfen, das zu sagen schien: »Hier bin ich und ich werde hineinkommen.« Herr Bob Sawyer starrte seinen Freund mit einem Blick hoffnungsloser Angst an und rief abermals: »Herein!« Der Hereinruf wäre indessen nicht notwendig gewesen, denn ehe Herr Bob Sawyer das Wort ausgesprochen hatte, stürzte ein trotziges Weiblein ins Zimmer, an allen Gliedern zitternd vor Zorn und blaß vor Wut. »Nun, Herr Sawyer«, sagte das trotzige Weiblein, indem sie sich bemühte, möglichst ruhig zu erscheinen: »wenn Sie die Güte haben wollen, meine kleine Rechnung da zu berichtigen, werden Sie mich sehr verbinden, denn ich muß heute mittag ebenfalls meine Miete bezahlen, und der Hausbesitzer wartet unten.« Hier rieb das Weiblein die Hände und blickte entschieden über Herrn Sawyers Kopf hin nach der Wand, vor der er saß. »Es tut mir sehr leid. Sie in irgendeine Verlegenheit bringen zu müssen, Frau Raddle«, erwiderte Bob Sawyer demütig, »aber –« »O, es ist keine Verlegenheit«, entgegnete die kleine Frau mit einem gellenden Lachen. »Ich brauchte es vor heute nicht, und da ich es doch sogleich meinem Hausherrn geben muß, so war es mir ganz gleichgültig, ob Sie es hatten, oder ich, Sie haben mir es auf heute nachmittag versprochen, Herr Sawyer, und jeder Ehrenmann, der je hier wohnte, hat sein Wort gehalten, Sir, wie man auch natürlicherweise von jedem erwarten muß, der sich für einen Ehrenmann ausgibt.« Und Frau Raddle schüttelte ihr Haupt, biß sich in die Lippen, rieb ihre Hände noch stärker und blickte trotziger als je nach der Wand hin. Man konnte deutlich sehen, wie Herr Bob bei einer späteren Gelegenheit in orientalisch-allegorischem Stil bemerkte, daß sie zu »dampfen« anfing. »Es tut mir sehr leid, Frau Raddle«, sagte Bob Sawyer mit aller erdenklichen Demut; »allein das Geld, das ich heute in der City hätte erhalten sollen, ist ausgeblieben.« Ein ganz merkwürdiger Platz – diese City. Wir kennen massenhaft viel Leute, die dort die ganze Zeit vergebens auf Gelder warten. »Schön, Herr Sawyer«, sagte Frau Raddle, indem sie sich fest auf eine in den Kidderminster Fußteppich gewebte purpurfarbene Blume pflanzte; was geht das mich an, Sir?« »Ich – ich – zweifle nicht, Frau Raddle«, erwiderte Herr Sawyer, die letzte Frage scheinbar überhörend: »daß wir noch vor Mitte der nächsten Woche miteinander abrechnen können, und dann soll es künftig besser gehen.« . Mehr verlangte Frau Raddle nicht. Sie war mit so bestimmter Absicht zu rasen und zu toben in des unglücklichen Bob Sawyers Zimmer gestürzt, daß sie sich aller Wahrscheinlichkeit nach auch bei baldiger Bezahlung nicht zufrieden gegeben hätte. Sie war in der besten Stimmung zu einer kleinen Herzensergießung, und hatte soeben in der Küche mit Herrn Raddle einige einleitende Liebenswürdigkeiten gewechselt. »Meinen Sie denn, Herr Sawyer«, sagte Frau Raddle, ihre Stimme erhebend, so daß die ganze Nachbarschaft es hören konnte, »meinen Sie denn, ich werde einen Menschen noch länger bei mir wohnen lassen, der nie daran denkt, seine Miete zu bezahlen – ja nicht einmal die baren Auslagen für die frische Butter, den Zucker und die Milch, die ich ihm zu seinem Frühstück einkaufe? – Meinen Sie denn, eine fleißige Frau, die sich's so sauer werden läßt und schon zwanzig Jahre in dieser Straße gewohnt hat (zehn Jahre auf der andern Seite und neununddreiviertel Jahre in diesem Hause), habe weiter nichts zu tun, als sich für ein paar faule Tagdiebe tot zu plagen, die den ganzen Tag nur rauchen, saufen und Maulaffen feilhaben, statt sich nach einem ehrlichen Verdienst umzusehen, um ihre Rechnungen bezahlen zu können? Meinen Sie –« »Meine werte Frau«, unterbrach sie Herr Benjamin Allen begütigend. »Seien Sie so gut und behalten Sie Ihre Bemerkungen für sich, Sir«, rief Frau Raddle, indem sie plötzlich dem reißenden Strom ihrer Rede Einhalt tat und sich mit nachdrucksvollem, langsamfeierlichem Tone an die dritte Person wandte. »Ich wüßte nicht, woher Ihnen ein Recht zukäme, mich anzureden. An Sie habe ich, soviel ich weiß, die Zimmer nicht vermietet.« »Das weiß ich wohl«, sagte Herr Benjamin Allen. »Nun gut, Sir, erwiderte Frau Raddle mit stolzer Höflichkeit: »so werden Sie sich wohl darauf beschränken müssen, den armen Leuten in den Spitälern Arme und Beine zu zerbrechen und vor ihrer eigenen Tür zu kehren, Sir, oder es möchten einige Leutchen da sein, die Sie daran erinnern könnten, Sir.« »Sie sind aber eine unangenehme Person«, entgegnete Herr Benjamin Allen. »Bitte sehr um Verzeihung, junger Mann«, sagte Frau Raddle, indem der Zorn ihr kalten Schweiß auf die Stirn trieb. »Werden Sie vielleicht die Güte haben, das noch einmal zu sagen, Sir?« »Ich wollte Sie durchaus nicht beleidigen, Madame«, erwiderte Herr Benjamin Allen, dem jetzt um seinen eigenen Kopf bang zu werden anfing, »Ich bitte um Verzeihung, junger Mann«, fuhr Frau Raddle in gebieterischem und lauterem Tone fort, »aber wen nannten Sie eine Person? Meinten Sie mich damit, Sir?« »Aber so beruhigen Sie sich doch«, sagte Herr Benjamin Allen. »Haben Sie mich gemeint, Sir, frage ich noch einmal?« schrie Frau Raddle in wildem Ingrimm und riß die Tür weit auf. »Nun ja, allerdings«, erwiderte Herr Benjamin Allen. »Also allerdings«, rief Frau Raddle, allmählich nach der Tür zurückgehend und ihre Stimme aufs äußerste anstrengend, damit Herr Raddle in der Küche alles vernehmen möchte. »Allerdings haben Sie es getan, und jedermann weiß, daß man mich in meinem eigenen Hause ungestraft beleidigen kann, indessen mein Mann ganz ruhig da unten schnarcht und sich so wenig um mich bekümmert wie um einen Hund auf der Straße. Er sollte sich schämen (hier schluchzte Frau Raddle), daß er seine Frau von ein paar Menschen so behandeln läßt, die die Leute lebendig zerschneiden und zusammenmetzgen und ein wahrer Schimpf für das Haus sind. Ja, ich muß mir alles gefallen lassen, und dieser niederträchtige, elende, feige Kerl wagt nicht, herauszukommen, und den unverschämten Burschen den Mann zu zeigen – er wagt es nicht – nein, er wagt es nicht, zu kommen.« Hier hielt Frau Raddle inne, um zu horchen, ob die Wiederholung dieser Aufforderung ihre bessere Hälfte aufgestachelt habe. Als sie aber sah, daß sie erfolglos blieb, ging sie unter endlosem Schluchzen und Seufzen die Treppe hinab, während man lautes Doppelklopfen an der Haustür vernahm. Jetzt brach sie in ein hysterisches Weinen aus, verbunden mit einem jammervollen Geächze und Gewimmer, das so lange dauerte, bis das Klopfen sechsmal wiederholt worden. Dann warf sie in einem unwiderstehlichen Anfall von Wut alle Möbel, die ihr im Wege standen, um, verschwand sofort im Hinterzimmer und schlug die Tür zu, daß das Haus erbebte. »Wohnt Herr Sawyer hier?« fragte Herr Pickwick, als das Haus endlich geöffnet wurde. »Ja«, sagte das Mädchen; »im ersten Stock; die erste Tür vor Ihnen, wenn Sie die Treppe hinaufkommen.« Nach dieser Anweisung verschwand das Mädchen, das unter den Ureinwohnern Southwarks aufgewachsen war, mit dem Lichte in der Hand nach der Küche hin, vollkommen mit sich selbst zufrieden, da sie alles getan zu haben glaubte, was unter diesen Umständen von ihr verlangt werden konnte. Herr Snodgraß, der zuletzt eintrat, verschloß die Tür nach mehreren vergeblichen Versuchen durch Vorziehen der Kette, und die Freunde stolperten die Treppe hinauf, wo sie von Herrn Bob Sawyer empfangen wurden, der aus Angst, Frau Raddle möchte ihm den Weg versperren, sich nicht hinunter gewagt hatte. »Wie geht es Ihnen?« fragte der Student, der sich von seiner Niederlage noch nicht ganz erholt hatte. – »Freut mich, Sie zu sehen – nehmen Sie sich in acht wegen der Gläser.« – Diese Warnung galt Herrn Pickwick, der seinen Hut auf den Tisch gelegt hatte. »Ach, bitte um Entschuldigung«, sagte Herr Pickwick. »Hat durchaus nicht« zu sagen«, erwiderte Bob Sawyer. »Ich bin im Raum etwas beschränkt; aber man muß überall einige Nachsicht haben, wenn man zu einem Junggesellen kommt. Treten Sie ein. Diesen Herrn kennen Sie wohl schon?« Herr Pickwick drückte Herrn Benjamin Allen die Hand, und seine Freunde folgten diesem Beispiel. Sie hatten sich kaum gesetzt, als man abermals ein Doppelklopfen vernahm. »Das wird hoffentlich Jack Hopkins sein«, sagte Bob Sawyer. »Ja, er ist's. Nur herauf, Jack, herauf!« Man hörte schwere Fußtritte auf der Treppe, und Jack Hopkins trat ein. Er trug eine schwarze Samtweste mit Donner- und Blitzknöpfen und ein blaugestreiftes Hemd mit einem angeknöpften weißen Kragen. »Sie kommen spät, Jack?« fragte Benjamin Allen. »Ich wurde in Bartholomä aufgehalten«, erwiderte Hopkins. »Was gibt's Neues?« »Nichts von Belang: doch kam ein ganz eigentümlicher Fall vor.« »Und was denn, Sir?« fragte Herr Pickwick. »Es ist ein Mann vom vierten Stockwerk aus dem Fenster gestürzt; aber es ist ein schöner Fall, wirklich ein sehr schöner Fall.« »Meinen Sie damit, daß der Kranke Hoffnung habe, wieder aufzukommen?« fragte Herr Pickwick. »Nein«, entgegnete Hopkins gleichgültig: »im Gegenteil, ich bezweifle es stark. Aber morgen muß eine glänzende Operation stattfinden, ein prachtvoller Anblick, wenn Slasher sie vornimmt.« »Sie halten also Herrn Slasher für einen geschickten Operateur?« fragte Herr Pickwick. »Es lebt kein besserer auf Erden«, erwiderte Hopkins. »In der letzten Woche nahm er einem Knaben das Bein ab, der dabei fünf Äpfel und einen Pfefferkuchen aß, und zwei Minuten nachdem alles vorüber war, sagte der Knabe, er liege nicht da, um sich für'n Narren halten zu lassen, und wenn sie nicht bald anfingen, so werde er es seiner Mutter sagen.« »Wirklich?« sagte Herr Pickwick erstaunt. »O, das ist noch gar nichts«, versetzte Jack Hopkins, »nicht wahr, Bob?« »Ganz und gar nichts«, bekräftigte Herr Bob Sawyer. »Beiläufig gesagt, Bob«, fuhr Hopkins mit einem kaum bemerkbaren Seitenblick auf Herrn Pickwicks aufmerksames Gesicht fort, »gestern abend wurde ein Kind gebracht, das ein Halsband verschluckt hatte.« »Was verschluckt, Sir?« unterbrach ihn Herr Pickwick. »Ein Halsband«, wiederholte Jack Hopkins. »Es versteht sich, nicht auf einmal, denn das wäre zuviel gewesen – Sie selbst können keins verschlucken, viel weniger das Kind. – Habe ich nicht recht, Herr Pickwick? Ha, ha!« , Herr Hopkins schien mit seinem Witze sehr zufrieden zu sein und fuhr fort: »Die Sache war so. Die Eltern des Kindes sind arme Leute und wohnen auf einem Hof. Das älteste Mädchen kaufte ein Halsband – ein gewöhnliches Halsband von großen, schwarzen, hölzernen Perlen. Das Kind hat seine Freude daran, versteckt das Halsband, spielt damit, zerreißt die Schnur und verschluckt eine Perle. Dies dünkt ihm ein Hauptspaß zu sein, es macht sich am folgenden Tage wieder daran und verschluckt eine zweite Perle.« »Bei meiner Seele«, rief Herr Pickwick, »das ist ja etwas Schreckliches. Doch entschuldigen Sie meine Unterbrechung, Sir, und erzählen Sie weiter.« »Am Tage darauf verschluckte das Kind zwei Perlen, am vierten drei und so fort, bis es in einer Woche das ganze Halsband, bestehend aus fünfundzwanzig Perlen, im Leibe hatte. Die Schwester, ein fleißiges Mädchen, die sich nur selten ein bißchen Putz anschaffte, weinte sich fast die Augen aus über den Verlust des Halsbandes und durchsuchte das Haus von oben bis unten; aber ich brauche wohl nicht zu sagen, daß sie es nicht fand. Einige Tage darauf sitzt die Familie beim Mittagessen um eine gebratene Hammelkeule nebst Kartoffeln, und das Kind, das nicht hungrig ist, spielt im Zimmer, als man auf einmal einen verteufelten Lärm, gleich einem kleinen Hagelsturm, vernimmt. ›Lärme doch nicht so, Junge‹, sagte der Vater. – ›Ich mache ja nichts‹, antwortete das Kind. – ›Nun gut, bleib ruhig‹, ermahnte der Vater. – Einige Zeit war alles still, aber auf einmal begann der Lärm aufs neue ärger als zuvor. ›Wenn du mir nicht folgst, Junge‹, sagte der Vater, ›so mußt du augenblicklich ins Bett.‹ Dabei schüttelte er das Kind, um sich seines Gehorsams besser zu vergewissern; aber nun erfolgte ein Gerassel, wie noch nie jemand gehört hatte. ›Gott straf' mich‹, sagte der Vater, ›in dem Jungen ist etwas; er hat das Kreuz nicht am rechten Ort.‹ – ›Ach nein, Vater‹, sagte das Kind und fing an zu weinen, ›das Halsband ist's, ich habe es verschluckt, Vater.‹ Der Vater nahm das Kind schnell und rannte damit ins Spital; die Perlen in seinem Magen rasselten bei der schnellen Bewegung dermaßen, daß die Leute bald in die Luft hinauf-, bald in die Keller hinabsahen, um diesem ungewöhnlichen Geräusche auf die Spur zu kommen. »Das Kind ist noch im Spital«, fügte Jack Hopkins hinzu, »und macht beim Gehen einen so teufelmäßigen Lärm, daß man es in einen großen Mantel wickeln mußte, damit die übrigen Patienten nicht aus dem Schlafe geweckt würden.« »Das ist doch der außerordentlichste Fall, von dem ich je gehört habe«, sagte Herr Pickwick mit einem tüchtigen Schlag auf den Tisch. »O nein«, erwiderte Jack Hopkins; »das will auch noch nicht viel heißen, nicht wahr, Bob?« »Freilich nicht«, entgegnete Herr Bob Sawyer. »In unserm Beruf kommen höchst seltsame Dinge vor, das kann ich Sie versichern«, fuhr Hopkins fort. »Ich glaube es recht gern«, erwiderte Herr Pickwick. Ein neues Klopfen an die Tür verkündete einen dickköpfigen jungen Mann in einer schwarzen Perücke, der einen hagern, mit dem Skorbut behafteten Jüngling mitbrachte. Der nächste Ankömmling war ein Herr, der ein mit kleinen goldenen Ankern geschmücktes Hemd trug, und unmittelbar darauf folgte ein blasser Jüngling mit einer plattierten Uhrkette. Die Ankunft eines geckenhaften Burschen mit sehr sauberer Wäsche und Tuchstiefeln machte die Gesellschaft vollzählig. Der kleine Tisch mit dem grünen wollenen Teppich wurde auseinandergezogen, die erste Punschauflage in einem gewaltigen Humpen herbeigebracht, und die ersten drei Stunden dem edlen Vingt-un -Spiel, das Dutzend Marken zu sechs Pence, gewidmet – nur ein einziges Mal unterbrochen durch einen kleinen Streit zwischen dem skorbutischen Jüngling und dem Herrn mit den vergoldeten Ankern, wobei der skorbutische Jüngling das glühende Verlangen ausdrückte, dem Herrn mit den Sinnbildern der Hoffnung die Nase einzuschlagen, dieser aber mit großer Entschiedenheit zu verstehen gab, er lasse sich unter keinen Umständen etwas gefallen, weder von dem zornigen jungen Herrlein mit dem skorbutischen Gesicht, noch von sonst irgendeinem Menschen, der einen Kopf zwischen den Schultern habe. Als das letzte Spiel gemacht und Gewinn und Verlust zur allgemeinen Zufriedenheit verteilt waren, klingelte Herr Bob Sawyer nach dem Abendessen, und seine Gäste drückten sich in die verschiedenen Stubenecken, bis es fertig war. Das ging indes nicht so schnell, wie manche Leute vielleicht glauben möchten. Vor allem mußte man die Magd wecken, die mit dem Kopf auf dem Küchentisch eingeschlafen war. Dadurch ging einige Zeit verloren, und selbst als sie endlich auf das wiederholte Klingeln erschien, wurde noch eine Viertelstunde mit den fruchtlosen Bemühungen zugebracht, ihr einen schwachen, entfernten Begriff von ihrer Pflicht beizubringen. Dem Mann, bei dem man die Austern bestellt, hatte man nicht gesagt, daß er sie auch öffnen solle; nun ist es aber sehr schwer, eine Auster mit einem schwachen Messer oder einer zweizinkigen Gabel zu öffnen, und so ging die Sache gar schwer und langsam. Das Ochsenfleisch war auch nicht zum besten ausgefallen, und die Hammelkeule, aus dem deutschen Wurstladen an der Ecke geholt, verdiente gleichfalls kein sonderliches Job. Dagegen war in einer zinnernen Kanne eine Menge Porter vorhanden, und der Käse fand großen Beifall, denn er war sehr pikant. So war denn das Essen im ganzen vielleicht gerade so gut, wie solche Dinge überhaupt zu sein pflegen. Nach Tisch wurde eine neue Auflage Punsch nebst mehreren andern Flaschen mit geistigen Getränken und ein Teller mit Zigarren hereingebracht. Nun aber entstand eine unheimliche Pause, veranlaßt durch einen in solchen Häusern sehr gewöhnlichen Umstand, der aber eine Menge Verlegenheiten herbeiführt. Das Mädchen spülte nämlich die Gläser. Das Haus konnte sich des Besitzes von dreien rühmen – eine Tatsache, die wir durchaus nicht zuungunsten der Frau Raddle anführen wollen; denn es gab nie ein Privathaus, worin es nicht an diesem Artikel gefehlt hätte. Die Gläser der Hausfrau waren kleine, dünne, leicht zerbrechliche Gefäße, die aus dem Wirtshause dagegen große, dickbäuchige, inhaltschwere Stücke mit gewaltigen Henkeln. Das allein hätte die Gesellschaft über den wahren Zustand der Dinge aufklären können; aber die Magd schnitt auch jede Möglichkeit einer Mißdeutung dadurch ab, daß sie jedem, noch ehe er ausgetrunken hatte, mit Gewalt das Glas wegnahm, und trotz aller Winke und Unterbrechungen Bob Sawyers laut genug sagte: sie sei beauftragt, die Gläser hinabzubringen und wieder zu putzen. Ein sehr schlimmer Wind, der niemanden etwas Gutes zubläst. Der Geck in den Tuchstiefeln, der sich die ganze Zeit über vergeblich bemüht hatte, einen Witz vorzubringen, sah jetzt die Gelegenheit dazu und benutzte sie. In dem Augenblick, da die Gläser verschwanden, begann er eine lange Geschichte von einem großen Tier der Öffentlichkeit, dessen Namen er jedoch vergessen hatte. Dieses große Tier hatte einem andern ausgezeichneten und berühmten Mann, dessen Namen er aber auch nie in Erfahrung zu bringen vermocht, eine ungemein treffende Antwort gegeben. Er verbreitete sich mit vieler Weitschweifigkeit und großer Detailkenntnis über verschiedene Nebenumstände, die mit der fraglichen Anekdote in genauer Verbindung standen, konnte aber gerade augenblicklich um alles in der Welt sich der Anekdote selbst nicht mehr erinnern, ungeachtet er sie seit den letzten zehn Jahren schon sehr häufig mit dem größten Beifall erzählt hatte. »Weiß Gott«, sagte der Geck in den Tuchstiefeln, »es ist eine höchst merkwürdige Geschichte.« »Es tut mir sehr leid, daß Sie sie vergessen haben«, versetzte Herr Bob Sawyer, gierige Blicke nach der Tür werfend, da er jeden Augenblick Gläsergeklingel zu hören meinte. »Mir tut es auch sehr leid«, antwortete der Geck, »denn ich bin gewiß, daß sich die ganze Gesellschaft sehr daran ergötzt haben würde. Doch, gleichviel: in einer halben Stunde ungefähr wird sie mir schon wieder einfallen.« Endlich erschienen die Gläser wieder, worauf Herr Bob Sawyer, der die ganze Zeit über in tiefen Gedanken dagesessen hatte, sich unwiderstehlich bemüßigt fühlte, das Ende der Geschichte zu hören, denn so weit sie gediehen sei, gehöre sie zu den schönsten, die ihm bis jetzt zu Ohren gekommen. Der Anblick der Gläser erhob Bob Sawyer wieder zu einer Gemütsruhe, wie er sie seit seiner Unterhaltung mit der Hausfrau nicht besessen hatte. Sein Gesicht heiterte sich auf, und es wurde ihm wieder ganz gesellig zu Mut. »Jetzt, Betsy«, sagte Herr Bob Sawyer sehr freundlich, indem er den ungeordneten Haufen Gläser austeilte, den das Mädchen mitten auf den Tisch gestellt hatte; »jetzt, Betsy, bring' das warme Wasser, und eil dich ein bißchen, liebes Kind.« »Sie können kein warm' Wasser haben«, erwiderte Betsy. »Kein warmes Wasser?« rief Herr Bob Sawyer. »Nein«, sagte das Mädchen mit sehr nachdrücklichem Kopfschütteln, nachdrücklicher als der größte Aufwand von Worten. »Frau Raddle hat gesagt, ich dürfe Ihnen keins bringen.« Das Erstaunen, das sich auf den Gesichtern seiner Gäste malte, flößte dem Wirt neuen Mut ein. »Bring' sofort das warme Wasser – sofort!« gebot Herr Bob Sawyer mit verzweifelter Strenge. »Nein, ich kann nicht«, erwiderte das Mädchen; »Frau Raddle hat das Feuer in der Küche ausgelöscht, ehe sie zu Bett ging, und den Kessel eingeschlossen.« »Macht nichts, macht nichts. Beunruhigen Sie sich doch nicht wegen einer solchen Kleinigkeit«, sagte Herr Pickwick, der den Konflikt der auf Bob Sawyers Angesicht sich spiegelnden Bedrängnisse wohl bemerkte; »kaltes Wasser ist auch sehr gut.« »O freilich«, fügte Herr Benjamin Allen hinzu. »Meine Wirtin hat zuweilen Anfälle von Geistesabwesenheit«, bemerkte Bob Sawyer mit einem seltsamen Lächeln. »Ich fürchte, ich muß ihr kündigen.« »Ach nein, tun Sie das nicht«, sagte Ben Allen. »Ich werde wohl müssen«, erwiderte Bob mit heroischer Festigkeit. »Ich will ihr morgen meine Rechnung bezahlen und auf übermorgen kündigen.« Der arme Bursche – wie sehnlich wünschte er, es tun zu können. Herrn Bob Sawyers herzzerreißende Bemühungen, sich von diesem letzten Schlage zu erholen, übten einen entmutigenden Einfluß auf die Gesellschaft, und der größere Teil suchte seine Heiterkeit dadurch wiederzugewinnen, daß er dem kalten Branntwein und Wasser recht fleißig zusprach. Die ersten sichtbaren Wirkungen davon zeigten sich in einer Erneuerung der Feindseligkeiten zwischen dem skorbutischen Jüngling und dem Herrn mit den vergoldeten Ankern. Die beiden kriegführenden Parteien machten ihren Gefühlen gegenseitiger Verachtung einige Zeit lang durch trotziges Stirnrunzeln und höhnisches Naserümpfen Luft, bis zuletzt der skorbutische Jüngling es für nötig hielt, sich deutlicher zu erklären, und es zu folgender unzweideutiger Auseinandersetzung kam: »Sawyer«, jagte der skorbutische Jüngling mit lauter Stimme. »Was gibts, Noddy?« fragte Bob Sawyer. »Es tut mir sehr leid, Sawyer«, sagte Herr Noddy, »am Tisch eines Freundes, und besonders an dem Ihren, Sawyer, eine Störung zu veranlassen; allein ich muß diese Gelegenheit ergreifen, um Herrn Gunter zu sagen, daß er kein Gentleman ist.« »Und mir«, erwiderte Herr Gunter, »mir würde es sehr leid tun, Sawyer, in Ihrer Behausung eine Störung zu veranlassen. Aber ich fürchte, ich werde notwendigerweise die Nachbarschaft dadurch beunruhigen müssen, daß ich den Menschen, der soeben gesprochen hat, zum Fenster hinauswerfe.« »Was meinen Sie damit, Sir?« fragte Herr Noddy. »Nichts anderes, als was ich gesagt habe«, erwiderte Herr Gunter. »Dann möchte ich doch sehen, wie Sie das machen, Sir«, sagte Herr Noddy. »Sie werden es in einer halben Minute fühlen, Sir«, erwiderte Herr Gunter. »Ich bitte Sie um Ihre Karte«, sagte Herr Noddy. »Sie bekommen sie nicht, Sir«, entgegnete Herr Gunter. »Warum nicht, Sir?« fragte Herr Noddy. »Weil Sie sie an Ihren Spiegel stecken und dadurch die, die Sie besuchen, auf den falschen Glauben bringen würden, es sei ein Gentleman bei Ihnen gewesen, Sir«, entgegnete Herr Gunter. »Sir, ich werde morgen früh einen meiner Freunde zu Ihnen schicken«, sagte Herr Noddy. »Ich bin Ihnen für diese Mitteilung sehr verbunden, Sir, und werde meiner Magd den schärfsten Befehl geben, die Löffel wegzuschließen«, erwiderte Herr Gunter. Jetzt legten sich die übrigen Gäste dazwischen und machten beide Teile auf die Unziemlichkeit ihres Benehmens aufmerksam. Herr Noddy bat darauf um die Erlaubnis, versichern zu dürfen, daß sein Vater ein ebenso ehrenwerter Mann gewesen sei wie Herrn Gunters Vater, und Herr Gunter erwiderte, sein Vater sei in jeder Beziehung so ehrenwert gewesen wie Herrn Noddys Vater: und seines Vaters Sohn sei alle sieben Tage in der Woche ein ebenso rechtschaffener Mann wie Herr Noddy. Da diese Äußerungen als Vorspiel zur Erneuerung der Feindseligkeiten betrachtet wurden, so mischte sich die Gesellschaft zum zweiten Mal dazwischen. Nun aber entstand ein heftiges Hin- und Herreden und Gelärme, in dessen Verlauf Herr Noddy sich allmählich von seinen Gefühlen überwältigen ließ und laut bekannte, er habe von jeher eine aufrichtige Neigung für Herrn Gunter gehegt. Herr Gunter erwiderte, Herr Noddy sei ihm lieber als sein eigener Bruder: als Herr Noddy dies Geständnis hörte, stand er großmütig von seinem Sitz auf und bot Herrn Gunter seine Hand. Herr Gunter ergriff sie mit liebevoller Wärme, und alle sagten, der Streit sei auf eine Art geführt worden, die beiden Teilen zu hoher Ehre gereiche. »Um aber jetzt wieder recht ins Geleise zu kommen, Bob«, sagte Jack Hopkins, »so dächte ich, singen wir ein Liedlein«; worauf Hopkins unter stürmischem Applaus das »Den König segne Gott« anstimmte und, so laut er konnte, aber nach einer ganz neuen und nicht darauf passenden Melodie sang. Der Chor war das beste an der Sache, und da jeder der Herren nach der ihm bekanntesten Melodie sang, so konnte eine durchschlagende Wirkung nicht ausbleiben. Als der Chor mit dem ersten Verse zu Ende war, erhob Herr Pickwick bedeutungsvoll seine Hand und sagte unter allgemeinem Schweigen: »Ich bitte um Entschuldigung: ich glaube aber, es hat unten jemand gerufen.« Alles war mäuschenstill, und Herr Bob Sawyer erbleichte sichtbarlich. »Ich glaube, ich höre es wieder«, sagte Herr Pickwick. »Haben Sie doch die Güte, die Tür zu öffnen.« Dies war kaum geschehen, als alle Zweifel verschwanden. »Herr Sawyer! Herr Sawyer!« kreischte eine Stimme von unten herauf. »Es ist meine Wirtin«, sagte Bob Sawyer, in großer Verlegenheit um sich blickend. »Ja, Frau Raddle.« »Was soll das heißen, Herr Sawyer«, rief die gellende Stimme mit ungemeiner Zungenfertigkeit. »Ist es nicht genug, daß man um seinen Hauszins und um die baren Auslagen geprellt, und von Ihren Freunden, die doch Männer von Bildung sein wollen, geplagt und geschunden wird? Es scheint, Sie wollen auch noch das Haus einreißen, und lassen um zwei Uhr morgens einen Lärm aufführen, daß man mit den Feuerspritzen angefahren kommen könnte. Schicken Sie mir die sauberen Vögel fort.« »Sie sollten sich vor sich selber schämen«, schallte jetzt in einiger Entfernung die Stimme des Herrn Raddle, wie es schien, unter einer Bettdecke hervor. »Nein, du solltest dich schämen«, schrie Frau Raddle. »Warum kommst du nicht und wirfst alle miteinander die Treppe hinab? Wenn du ein rechter Mann wärest, so tätest du es.« »Ja, wenn ich noch ein Dutzend bei mir hätte, mein Schatz«, erwiderte Herr Raddle friedfertig: »allein die Herren sind mir an Zahl überlegen, mein Schatz.« »Pfui, du Memme«, erwiderte Frau Raddle mit unaussprechlicher Verachtung. »Wollen Sie diese Gauner fortjagen oder nicht, Herr Sawyer?« »Sie sind eben im Begriff zu gehen, Frau Raddle; sie gehen ja schon«, erwiderte der erbarmungswürdige Bob. Und zu seinen Freunden sagte Herr Bob Sawyer: »Ich dachte, es wäre am besten, Sie gingen jetzt. Ich bin auch der Meinung, daß Sie zu viel Lärm machen.« »Das ist aber sehr schade«, sagte der Geck. »Jetzt fangen wir erst an, recht in Stimmung zu kommen.« Der Grund für diese Äußerung aber war, daß dem Gecken eben jetzt eine dunkle Erinnerung von seiner vergessenen Geschichte aufzudämmern begann. »Nein, man kann es sich nicht gefallen lassen«, sagte er, um sich blickend: »das ist wahrhaftig zu arg.« »Ja, unausstehlich«, erwiderte Jack Hopkins; »wir wollen wenigstens noch einen Vers singen, Bob, kommen Sie!« »Nein, nein, Jack«, fiel Bob Sawyer ein. »Das Lied ist zwar vortrefflich; allein ich denke, es wäre besser, den Vers nicht mehr zu singen. Die Leute im Hause da sind sehr grob.« »Soll ich einmal hinaufgehen und mit dem Hausherrn anbinden?« fragte Hopkins; »oder soll ich tüchtig schellen, mich auf die Treppe stellen und zu brüllen anfangen? Sie haben nur zu befehlen, Bob.« »Ich danke Ihnen sehr für Ihren guten Willen und Ihre Freundschaft, Hopkins«, sagte Bob Sawyer kläglich, »allein um weiteren Zank zu vermeiden, halte ich's fürs beste, wenn wir sogleich auseinandergehen.« »Nun, Herr Sawyer«, keifte die gellende Stimme der Frau Raddle abermals, »wann gehen denn diese Herren endlich?« »Sie sehen bloß nach ihren Hüten, Frau Raddle«, entgegnete Bob, »und werden dann gleich gehen.« »Gehen?« rief Frau Raddle, ihre Nachthaube hinaufdrückend, als Herr Pickwick, gefolgt von Herrn Tupman, ans einmal vor ihren Blicken auftauchte. »Gehen? Was hatten Sie überhaupt hier zu suchen?« »Meine teure Madame«, beschwichtigte Herr Pickwick aufblickend. »Scheren Sie sich zum Teufel, Sie alter Spitzbube«, erwiderte Frau Raddle, ihre Nachthaube schnell wieder herabzupfend. »Alt genug, um sein Großvater sein zu können, Sie garstiger Mensch, Sie! Sie sind der schlimmste von ihnen allen,« Herr Pickwick hielt es für vergebliche Mühe, seine Unschuld zu beteuern, und rannte die Treppe hinab auf die Straße, wohin ihm die Herren Tupman, Winkle und Snodgraß auf dem Fuße folgten. Herr Ben Allen, den das Trinkgelage und die verschiedenen Auftritte gewaltig angegriffen hatten, begleitete sie bis zur Londoner Brücke und vertraute unterwegs Herrn Winkle, als einem Mann von ausgezeichneter Schweigsamkeit, an, daß er entschlossen sei, außer Herrn Bob Sawyer jeden, der es wagen würde, sich um die Neigung seiner Schwester Arabella zu bewerben, die Kehle abzuschneiden. Nachdem er seine Entschlossenheit, diese peinliche Bruderpflicht zu erfüllen, noch auf angemessene Weise bekräftigt hatte, brach er in Tränen aus, schlug seinen Hut bis über die Augen herab, und indem er so gut wie möglich seinen Heimweg suchte, klopfte er zu wiederholten Malen an dem Tor von Borough Market an; schlummerte abwechselnd hier und da auf den Treppen bis Tagesanbruch, in der festen Meinung, er wohne hier und habe nur seinen Schlüssel vergessen. Als nun die Gäste auf die dringende Aufforderung der Frau Raddle sich alle entfernt hatten, blieb der unglückliche Bob Sawyer allein zurück und dachte noch lange über die wahrscheinlichen Ereignisse des morgigen Tages, sowie über die Vergnügungen des Abends nach.   Vierunddreißigstes Kapitel. Herr Weller, der Ältere, teilt einige kritische Bemerkungen über ein literarisches Produkt mit, und übt mit Hilfe seines Sohnes Samuel eine kleine Wiedervergeltung an dem hochwürdigen Herrn mit der roten Nase Am Morgen des 13. Februar, welcher Tag, wie die Leser dieser wahrhaftigen Erzählung so gut wie wir selbst wissen, dem unmittelbar voranging, an dem der Prozeß der Frau Bardell verhandelt werden sollte, hatte Herr Samuel Weller alle Hände voll zu tun. Er mußte nämlich unaufhörlich von morgens neun Uhr bis mittags zwei Uhr von dem Georg und Geier nach der Wohnung des Herrn Perker und wieder zurück gehen. Nicht als ob er etwas von besonderer Wichtigkeit zu erledigen gehabt hätte: denn die Beratung hatte bereits stattgefunden und alle zu nehmenden Maßregeln waren verabredet. Aber Herr Pickwick befand sich in äußerster Unruhe und schrieb seinem Anwalt unaufhörlich kleine Billetts, in denen bloß die Frage stand: »Lieber Perker, steht alles gut?« worauf Herr Perker einmal wie das andere unverändert erwiderte: »Lieber Pickwick, so gut wie möglich.« Übrigens konnte man, wie wir bereits angedeutet, noch nichts, weder Gutes noch Schlimmes sagen, bis die Sitzung des Gerichtshofs am folgenden Morgen vorüber war. Aber freilich dürfen Leute, die nicht gern Prozesse führen oder dazu gezwungen werden, das erste Mal wohl etwas aufgeregt und ängstlich sein. Sam erfüllte mit allen gebührenden Rücksichten für die Schwachheiten der menschlichen Natur sämtliche Aufträge seines Herrn mit der unzerstörbaren guten Laune und der unbesiegbaren Seelenruhe, die zu seinen hervorstechendsten und liebenswürdigsten Eigenschaften gehörten. Dann hatte er sich mit einem sehr angenehmen kleinen Mittagsmahl erquickt. Nun wartete er in der Schenkstube auf das warme Getränk, wodurch er sich Herrn Pickwicks Aufforderung gemäß nach den Mühseligkeiten seiner Morgenwanderung stärken wollte, als ein junger Bursche von etwa drei Fuß Höhe, dessen härene Mütze und barchente Überhosen, sowie seine ganze übrige Kleidung den lobenswerten Ehrgeiz verrieten, sich mit der Zeit zur Würde eines Stallknechts zu erheben, in den Hausflur des Georg und Geier trat, zuerst die Treppen, dann den Gang und endlich die Schenkstube durchmusterte, als suche er jemand, an den er einen Auftrag habe. Das Kellermädchen, die es für nicht unwahrscheinlich hielt, besagter Auftrag könne den Tee- und andern Löffeln gelten, rief dem Knaben zu: »He da, Junge, was machst du hier?« »Ist niemand namens Sam da?« fragte der Junge mit lauter Diskantstimme. »Wie ist der Zuname?« fragte Sam, sich umblickend. »Tjä, wie kann ich das wissen?« erwiderte der junge Herr unter der härenen Kappe barsch. »Du bist ein hitziges Kerlchen, du«, sagte Herr Weller. »Aber ich würde an deiner Stelle die scharfe Kante nicht so sehr herauskehren, sie könnte dir einmal stumpf geschlagen werden. Wie kommst du dazu, in ein Hotel zu gehen und mit der Höflichkeit eines wilden Indianers nach einem Sam zu fragen?« »Ein alter Herr hat es mich geheißen«, antwortete der Bursche. »Was für ein alter Herr?« fragte Sam mit tiefer Verachtung. »Der Herr, der die Postkutsche nach Ipswich führt und bei uns absteigt«, erwiderte der Knabe. »Er sagte gestern morgen zu mir, ich solle heute mittag in den Georg und Geier gehen und nach Sam fragen.« »Das ist mein Vater, Schätzchen«, sagte Herr Weller mit einem erläuternden Blick auf die junge Dame in der Schenkstube: »ich glaube wahrhaftig, er weiß meinen Zunamen nicht mehr. Nun gut, was will er denn von mir, du Frechdachs?« »Sie sollen«, erwiderte der Knabe, »heute abend um sechs Uhr nach unserm Hause kommen, wo er Sie zu sehen wünscht, – in den Blauen Bären auf dem Leadenhall-Markt. Soll ich sagen, daß Sie kommen werden?« »Ja, Sie können das melden, Sir«, erwiderte Sam. Und mit dieser Vollmacht entfernte sich der junge Gentleman, indem er sämtliche Echos in George Yard durch verschiedene keusche und äußerst korrekte Nachahmungen von Kutscherliedern aufweckte, die er mit einer wirklich sehr vollen und umfangreichen Stimme pfiff. Nachdem Herr Weller Urlaub von Herrn Pickwick erhalten hatte, der in seinem Zustand der Aufregung und Angst gern allein blieb, machte er sich lange vor der bestimmten Stunde auf den Weg. Da er noch über hinreichende Zeit verfügte, schlenderte er nach Mansion House, machte dort halt und musterte mit der Ruhe eines Philosophen die zahllosen Kutschen, die dort standen. Sie treffen dort zusammen zum großen Schrecken und zur Beunruhigung der alten Damenwelt, die in diesem Viertel wohnt. Nachdem er dort etwa ein halbes Stündchen verweilt, kehrte Herr Weller um und begann durch eine Menge Nebenstraßen den Weg nach dem Leadenhall- Markt einzuschlagen. Da er nun seine überflüssige Zeit darauf verwandte, bei allen Gegenständen, die sich seinen Blicken darboten, stehenzubleiben und sie zu betrachten, so darf man sich nicht wundern, daß Herr Weller auch vor dem Fenster eines kleinen Buch- und Bilderhändlers halt machte. Das muß jedoch ohne weitere Erklärung auffallend erscheinen; denn Herr Weller fuhr beim Anblicke dieser zum Verkauf ausgestellten Bilder plötzlich zusammen, stieß mit dem rechten Fuß heftig auf den Boden und rief lebhaft aus: »Hätte ich das nicht gesehen, so hätte ich wahrhaftig die ganze Geschichte vergessen, bis es zu spät gewesen wäre.« Das Bild, an dem Sam Wellers Augen hingen, war ein mit starken Farben aufgetragenes Gemälde zweier durch einen Pfeil verbundener Menschenherzen, die auf einem lustigen Feuer gebraten wurden, indem ein Kannibale und eine Kannibalin, beide in modernem Schmuck, der Herr in einem blauen Frack und weißen Beinkleidern, die Dame in dunkelrotem Schal mit gleichfarbigem Sonnenschirm in der Hand, sich auf einem mit Kies bestreuten Schlangenpfade gierigen Blickes dem Mahle näherten. Ein entschieden unanständig gekleideter junger Herr mit ein paar Flügeln und sonst weiter nichts besorgte das Kochen. In einiger Entfernung erblickte man den Kirchturm von Langham Place. Das Ganze stellte einen Liebesbrief vor, wovon, laut der geschriebenen Ankündigung im Fenster, hier ein großes Lager vorrätig war. Der Buchhändler pries seinen Kunden das Stück zum herabgesetzten Preis von einem Schilling und sechs Pencen an. »Ich hätte es vergessen; ich hätte es wahrhaftig vergessen«, sagte Sam, ging dann sogleich in den Laden und verlangte einen Bogen seines Briefpapier mit goldenem Rand, nebst einer hart geschnittenen Feder, die aber nicht spritzen dürfe. Nachdem er diese Artikel schnell erhalten, ging er, ganz anders als er gekommen war, mit eiligen Schlitten, nach dem Leadenhall-Markt. Hier sah er sich um und erblickte ein Schild, auf dem die Kunst des Malers etwas dargestellt hatte, das eine entfernte Ähnlichkeit mit einem himmelblauen Elefanten hatte. Der Elefant hatte nur statt des Rüssels eine Adlernase. Da Sam mit Recht schloß, dies sei leibhaftig der Blaue Bär, so trat er in das Haus und fragte nach seinem Vater. »Er wird erst in drei Viertelstunden oder noch später kommen«, sagte die junge Dame, die den häuslichen Geschäften des Blauen Bären vorstand. »Schön, mein Schatz«, antwortete Sam. »Haben Sie die Güte, mir für neun Pence Branntwein und Wasser und zugleich Schreibzeug zu geben.« Das Verlangte wurde alsbald in das kleine Gastzimmer gebracht, und nachdem die junge Dame die Kohlen sorgfältig zusammengedrückt hatte, damit sie nicht zu hell lodern möchten, nahm sie das Schüreisen mit, um die Möglichkeit abzuschneiden, ohne vorher eingeholte Mitwissenschaft und Erlaubnis des »Blauen Bären« das Feuer noch mehr zu schüren. Sam Weller setzte sich an einen Tisch nahe am Kamin, zog sein goldgerändertes Briefpapier nebst der hartgeschnittenen Feder aus der Tasche. Sodann betrachtete er die Feder sorgfältig, ob sie nicht vielleicht ein Haar in der Spalte habe, blies den Tisch ab, um keine Brodkrumen unter das Papier zu bekommen, schlug seine Rockärmel zurück, legte seine Ellbogen auf und schickte sich an zu schreiben. Für Damen und Herren, die sich in der Wissenschaft der Federführung keine praktischen Kenntnisse erworben haben, ist das Briefschreiben keineswegs eine leichte Aufgabe. Sie halten es in solchen Fällen für unumgänglich notwendig, daß der Schreibende seinen Kopf auf den linken Arm niederbeugt, so daß die Augen möglichst in gleicher Höhe mit dem Papier liegen, und daß, während Seitenblicke auf die eben entstehenden Buchstaben fallen, die Zunge die entsprechenden Laute ausspricht. So zweckmäßig und förderlich diese Bewegungen auch unbestreitbar für originelle Kompositionen sein mögen, so verzögern sie doch die Fortschritte des Verfassers einigermaßen. Sam hatte unbewußt schon volle anderthalb Stunden geschrieben, wobei er häufig mißratene Buchstaben mit seinem kleinen Finger auslöschte und neue an ihre Stelle setzte; dabei war oft große Nachhilfe nötig, um sie durch die alten Flecken hindurch sichtbar zu machen. Auf einmal wurde er durch das Aufgehen der Tür und den Eintritt seines Vaters in seinem Geschäft unterbrochen. »Willkommen, Sammy!« sagte der Vater. »Willkommen, Alter!« antwortete der Sohn, seine Feder niederlegend. »Wie lautet das letzte Bulletin von der Stiefmutter?« »Frau Weller hatte eine recht gute Nacht; heute morgen aber ist sie äußerst launisch und widerwärtig; unterzeichnet: Tony Weller, Esquire. Das ist die letzte Nachricht, die ausgegeben wurde, Sammy«, antwortete Herr Weller, während er sein Halstuch löste. »Also noch nicht besser?« fragte Sam. »Im Gegenteil, alle Symptome sind schlimmer geworden«, entgegnete Herr Weller kopfschüttelnd. »Aber was hast du denn hier? – Willst du vielleicht gar ein gelehrter Mann werden? – He, Sammy?« »Ich bin schon fertig«, sagte Sam etwas verlegen; »ich habe etwas geschrieben.« »Das sehe ich«, erwiderte Herr Weller. »Aber hoffentlich doch nicht an ein junges Frauenzimmer, Sammy?« »Warum soll ich es nicht sagen?« versetzte Sam. »Es ist ein Liebesbrief.« »Was ist's?« rief Herr Weller, bei diesem Wort sichtbarlich von Schauder erfüllt. »Ein Liebesbrief«, wiederholte Sam. »Samuel! Samuel!« sagte Herr Weller in vorwurfsvollem Tone: »das hätte ich von dir nicht erwartet. Nach den Warnungen, die dir deines Vaters fehlerhafte Neigungen hätten sein sollen, nachdem ich dir so viel über diese Sache gesagt, nachdem du sogar deine Stiefmutter gesehen hast und mit ihr zusammen gewesen bist, was doch, dächte ich, eine moralische Lehre war, die niemand bis zu seinem Sterbestündchen vergessen sollte: ei, ei, Sammy – nach alledem hätte ich so etwas nimmermehr von dir erwartet.« Diese Betrachtungen schienen den guten alten Mann zu überwältigen. Er führte Sams Krug an seine Lippen und trank ihn aus. »Was ist es denn aber so Arges?« sagte Sam. »Ja gewiß, Sammy«, erwiderte Herr Weller: »es wird für mich in meinen alten Tagen ein großes Leid sein. Aber ich bin, Gott sei Dank, schon ziemlich zäh geworden, und das ist noch mein Trost, wie der alte Truthahn bemerkte, als der Pächter sagte, er werde ihn wohl für den Londoner Markt schlachten müssen.« »Was wird euch denn das für große Schmerzen machen?« fragte Sam. »Wenn ich dich verheiratet sehen muß, Sammy: wenn ich in dir ein betörtes Schlachtopfer erblicken muß, das in seiner Unschuld glücklich zu werden glaubt«, erwiderte Herr Weller. »Ach, Sammy, das ist eine schreckliche Prüfung für ein Vaterherz.« »Unsinn!« sagte Sam. »Ich will mich ja nicht verheiraten: also braucht Ihr Euch deswegen keine Sorgen zu machen: ich weiß, daß ihr Euch auf solche Sachen versteht. Laßt Eure Pfeife kommen, und ich will Euch den Brief vorlesen.« Wir können nicht mit Bestimmtheit sagen, ob es die Aussicht auf die Pfeife oder der tröstliche Gedanke war, daß ein unwiderstehlicher Heiratstrieb im Blut der Familie stecke, was Herrn Wellers Unruhe beschwichtigte und seinen Kummer verscheuchte. Wir möchten übrigens fast behaupten, daß dieses Resultat durch die Vereinigung beider Trostgründe erzielt wurde, denn er wiederholte den zweiten sehr häufig leise für sich, während er klingelte, um sich den ersten zu verschaffen. Sodann zog er seinen Überrock aus, zündete die Pfeife an und stellte sich mit dem Rücken gegen das Feuer, damit er dessen volle Hitze empfing und sich zugleich an das Kamingesims anlehnen konnte. Schließlich wandte er sich an Sam, und bat ihn mit einer durch den besänftigenden Tabak bedeutend aufgeheiterten Miene um Feuer. Sam tauchte seine Feder ein, um sich zu allen nötigen Verbesserungen bereit zu halten, und begann mit theatralischen Pathos: »›Liebliches –‹« »Halt!« sagte Herr Weller klingelnd. »Ein Doppelglas von dem Bewußten, liebes Kind!« »Ganz recht, Sir«, erwiderte das Mädchen, das mit großer Schnelligkeit erschien und verschwand, wieder erschien und wieder verschwand. »Sie scheinen Euren Geschmack hier schon zu kennen«, bemerkte Herr Sam. »Ja«, erwiderte sein Vater, »ich bin früher oft hier gewesen. Aber fahr nur jetzt fort, Sammy.« »›Liebliches Wesen!‹« wiederholte Sam. »Das sind am Ende gar Verse?« unterbrach der Vater. »Nein, nein!« erwiderte Sam. »Das freut mich«, sagte Herr Weller. »Verse sind etwas ganz Unnatürliches: es spricht niemand in Versen, außer der Büttel an Boxtagen, oder die Leute, die Warrens Schuhwichse oder Makassaröl ausschreien, und anderes solches Lumpengesindel. Laß es dir darum nie einfallen, in Versen zu sprechen.« Herr Weller führte mit kritischer Feierlichkeit seine Pfeife wieder an den Mund. Sam aber begann aufs neue und las wie folgt: »›Liebliches Wesen, ich fühle mich ganz beschmiert –‹« »Das ist kein schicklicher Ausdruck«, sagte Herr Weller, die Pfeife aus dem Mund nehmend. »Nein, es heißt nicht ›beschmiert‹«, wandte Sam ein, den Brief ans Licht haltend, »es heißt ›beschämt‹, es ist ein Tintenklecks da – ›ich fühle mich beschämt!‹« »Sehr gut«, sagte Herr Weller: »nur weiter.« »›Fühle mich beschämt und gänzlich ver –‹ Da weiß ich schon wieder nicht, wie das Wort heißt«, sagte Sam, während er in vergeblichen Bemühungen, seinem Gedächtnis nachzuhelfen, mit der Feder am Kopf kratzte. »Warum siehst du nicht hinein?« fragte Herr Weller. »Ich sehe freilich hinein«, antwortete Sam; »aber da ist schon wieder so ein Tintenklecks; ich erkenne blos ein v und ein e«. »Verloren vielleicht?« meinte Herr Weller. »Nein, das nicht«, sagte Sam, ›»verzaubert‹ – das ist's!« »Das ist aber kein so gutes Wort als verloren, Sammy«, sagte Herr Weller ernsthaft. »Meint Ihr nicht?« fragte Sam. »Nein, gewiß nicht«, erwiderte sein Vater. »Glaubt Ihr aber nicht, daß es eine stärkere Bedeutung hat?« fragte Sam weiter. »Es mag vielleicht zärtlicher sein«, sagte Herr Weller nach einigem Bedenken. »Jetzt lies weiter, Sammy!« »›Fühle mich beschämt und gänzlich verzaubert, indem ich an Sie schreibe, denn Sie sind ein gar zu hübsches Kind, wie es kein zweites gibt.‹« »Das ist ein sehr hübscher Gedanke«, sagte Herr Weller senior, indem er die Pfeife aus dem Mund nahm, um seiner Bemerkung Platz zu machen. »Ja, ich denke, es ist nicht übel«, bemerkte Sam, höchlich geschmeichelt. »Was mir an dieser Art zu schreiben besonders gefällt«, sagte Herr Weller senior , »ist, daß keine solche fremde Namen darin vorkommen, keine Venusse und dergleichen: denn sag' einmal Sammy, wozu braucht man denn ein junges Mädchen eine Venus oder einen Engel zu heißen?« »Ihr habt ganz recht«, erwiderte Sam. »Ebensogut könntest du sie einen Greif oder ein Einhorn nennen, was doch bekanntlich bloß Fabeltiere sind«, fügte Herr Weller hinzu. »Ganz richtig«, erwiderte Sam. »Jetzt fahr fort, Sammy«, sagte Herr Weller. Sam erfüllte diesen Wunsch und las, während sein Vater rauchend und mit einem höchst erbaulichen, gemischten Ausdruck von Weisheit und Wohlgefälligkeit ihm zuhörte. »›Bevor ich Sie sah, meinte ich, alle Mädchen seien einander gleich –‹« »Das sind sie aber auch«, bemerkte Herr Weller senior zwischendurch. »›Jetzt aber‹«, fuhr Sam fort, »›sehe ich erst ein, was ich für ein hirnverrückter, abgeschmackter Dummerjan gewesen bin, denn es gibt kein Mädchen, das Ihnen gliche, und ich liebe Sie mehr als die andern alle zusammen.‹« »Ich hielt es für gut, mich etwas stark auszudrücken«, sagte Sam aufschauend. Herr Weller nickte beifällig. Sam las weiter: »›So nehme ich mir denn, meine geliebteste Marie, das Privilegium dieses Tages – wie jener verschuldete Edelmann tat, als er Sonntags ausging – um Ihnen zu sagen, daß Ihr Bild sich das erste und einzige Mal, als ich Sie sah, weit schneller und in glänzenderen Farben meinem Herzen eindrückte, als je ein Bild von der Silhouettiermaschine aufgefaßt wurde. (Sie haben vielleicht auch schon davon gehört, liebste Marie, obgleich diese ein Portrait nebst Rahmen, Glas und Haken zum Aufhängen in zwei und einer Viertelminute fix und fertigt macht.)‹« »Ich besorge beinahe, Sammy, dies streift wieder ans Poetische,« sagte Herr Weller bedenklich. »Ganz und gar nicht«, erwiderte Sani, der jetzt sehr schnell las, um weitere Erörterungen über diesen Punkt zu vermeiden. »›Nehmen Sie mich als Ihren Verehrer an, schönste Marie, und überlegen Sie, was ich gesagt habe. – Meine teuerste Marie, jetzt will ich schließen.‹ – Das ist alles«, setzte Sam hinzu. »Das heiß ich aber gar zu schnell abgebrochen, Sammy«, meinte Herr Weller. »Bewahre«, erklärte Sam. »Sie wird wünschen, es käme noch mehr, und eben darin besteht die große Kunst de« Briefschreibens.« »Nun gut«, antwortete Herr Weller; »das ist nicht ganz ohne, und ich wünschte nur, deine Stiefmutter möchte sich zu eben so vernünftigen Grundsätzen bekennen. Willst du deinen Namen nicht unterzeichnen?« »Eben da steht die Kuh vorm neuen Tor«, sagte Sam: »ich weiß nicht, wie ich unterzeichnen soll.« »Schreib: Weller«, erklärte der älteste der noch lebenden Träger dieses Namens. »O nein«, sagte Sam. »Man darf einen Liebesbrief nie mit dem eigenen Namen unterzeichnen.« »So schreib: Pickwick«, meinte Herr Weller: »das ist ein sehr hübscher Name und läßt sich auch leicht buchstabieren.« »Ihr habt recht«, sagte Sam. »Da könnte ich auch mit einem Verse schließen. Was haltet Ihr davon?« »Das will mir nicht gefallen, Sam«, versetzte Herr Weller. »Ich habe nie einen ehrenwerten Kutscher kennengelernt, der in Versen geschrieben hätte, außer einen. Der setzte in der Nacht, ehe er wegen Straßenraubs gehenkt wurde, herzzerbrechende Verse auf. Aber das war bloß ein Camberweller Camberwell, Verwaltungsbezirk Londons, in dem heute viele Deutsche wohnen, die dort eine eigene Kirche haben. , und muß also als eine Ausnahme betrachtet werden.« Sam ließ sich jedoch von seiner poetischen Idee, die er sich einmal in den Kopf gesetzt hatte, nicht abbringen, und unterzeichnete den Brief: »Von Lieb' berückt Ihr Pickwick. « Sodann faltete er das Schreiben auf höchst umständliche Art zusammen und schrieb in einem schiefen Winkel die Adresse: ›An Marie, Hausmädchen bei Herrn Mayor Nupkins, Ipswich, Suffolk‹. Dann versiegelte er es und steckte es in seine Tasche, um es selbst auf die Post zu tragen. Als dies wichtige Geschäft beendet war, kam Herr Weller senior auf das zu sprechen, weswegen er seinen Sohn hatte rufen lassen. »Vor allem, Sammy«, sagte er, »wollen wir von deinem Herrn sprechen. Wird nicht sein Prozeß morgen verhandelt werden?« »Allerdings«, erwiderte Sam. »Schön«, sagte Herr Weller; »ich habe gedacht, er werde vielleicht einige Zeugen nötig haben, um seinen guten Ruf oder vielleicht auch ein Alibi nachzuweisen. Die ganze Geschichte ist mir lange im Kopfe herumgegangen, und er kann jetzt ganz ohne Sorgen sein, Sammy. Ich habe einige Freunde zusammengebracht, die beides für ihn tun wollen; nur wäre mein Rat der, man sollte auf dem guten Ruf nicht so fest bestehen und sich mit dem Alibi begnügen. Ich versichere dich, Sammy, es geht nichts über ein Alibi.« Herr Weller blickte sehr gelehrt um sich, als er dieses sein Rechtsgutachten abgab; dann begrub er seine Nase in dem Humpen und blinzelte über den Rand desselben hinüber seinem erstaunten Sohne zu. »Tja, was meint Ihr denn?« fragte Sam; »glaubt Ihr vielleicht, sein Prozeß werde in Old Bailen Old Bailey heißt in volkstümlicher Sprache das Londoner Hauptkriminalgericht mitten in der City. verhandelt werden?« »Das kommt hier gar nicht in Betracht, Sammy«, entgegnete Herr Weller. »Die Sache mag abgehandelt werden, wo sie will, ein Alibi muß seine Freisprechung bewirken. Wir brachten Tom Wildspark, der auf Totschlag angeklagt war, mit einem Alibi los, als alle die gelehrten Perücken meinten, ihn könne nichts mehr retten. Wenn daher dein Herr kein Alibi nachweisen kann, so ist er futsch, wie die Italiener sagen.« Da der ältere Herr Weller die feste und unabänderliche Überzeugung in sich trug, Old Bailey sei der oberste Gerichtshof des Landes, und nach seinen Rechten und Formen müssen sich alle übrigen richten, so achtete er sehr wenig auf die Versicherungen und Beweisgründe seines Sohnes, der ihm auseinandersetzen wollte, daß ein Alibi hier nichts nütze. Er behauptete mit großer Heftigkeit, in diesem Fall werde Herr Pickwick ein Opfer. Als Sam sich endlich überzeugt hatte, daß weiteres Streiten über diesen Gegenstand doch zu nichts führen würde, brach er ab und fragte nach dem zweiten Punkt, worüber sein verehrter Vater sich mit ihm zu beraten wünsche. »Es betrifft die häuslichen Angelegenheiten, Sammy«, sagte Herr Weller. »Dieser Stiggins da –« »Der Rotnasige?« fragte Sam. »Ja, derselbe«, erwiderte Herr Weller. »Dieser rotnasige Schuft besucht deine Stiefmutter mit einer Freundlichkeit und Beharrlichkeit, die ihresgleichen sucht. Er ist ein solcher Freund unserer Familie, Sammy, daß es ihm außerhalb unseres Hauses nirgends wohl ist, wofern er nicht irgendein Andenken an uns hat.« »An Eurer Stelle«, sagte Sam, »würde ich ihm einen Denkzettel auf den Rücken schreiben, den er mir die nächsten zehn Jahre nicht vergessen sollte.« »Soll er auch bekommen«, fuhr Herr Weller fort; »ich wollte eben sagen, daß er jedesmal eine Flasche mitbringt, die anderthalb Maß hält, und sie mit Ananasgrog füllt, ehe er geht.« »Und wahrscheinlich jedesmal leert, bevor er wiederkommt?« fragte Sam. »Bis auf den letzten Tropfen«, erwiderte Herr Weller. »Er läßt nichts mehr darin, als den Korken und den Geruch. Diese Spitzbuben wollen heute nacht an der monatlichen Versammlung der Brick-Lane-Abteilung des vereinigten großen Ebenezer- Mäßigkeitsvereins teilnehmen. Deine Stiefmutter wollte auch hingehen, Sammy, allein sie hat sich erkältet und kann nicht; nun habe ich die beiden Einlaßkarten zu mir gesteckt, die ihr geschickt wurden.« Herr Weller teilte dieses Geheimnis seinem Sohne sehr fidel mit und blinzelte ihm so unermüdlich zu, daß Sam beinahe glaubte, er habe einen Krampf in seinem rechten Augenlid. »Was ist denn da zu tun?« fragte der junge Gentleman. »Das will ich dir sagen«, fuhr sein Erzeuger fort, indem er sehr vorsichtig um sich blickte; »wir beide wollen heute abend zur rechten Zeit hingehen. Und der Hirtenhelfer will nicht, Sammy, der Hirtenhelfer will nicht.« Hier fing Herr Weller wie närrisch an, aus vollem Halse zu lachen, und lachte so lange, wie es ein ältlicher Herr nur wagen kann, wenn er nicht geradezu ersticken will. »Meiner Lebetage habe ich noch nie so einen komischen alten Kauz gesehen«, rief Sam, dem alten Herrn derb den Rücken reibend, als ob er Feuer herausschlagen wollte. »Bitte lacht Euch nur nicht zu Tode; bei Eurer Korpulenz kann leicht etwas passieren.« »Sammy«, flüsterte Herr Weller, mit größerer Vorsicht um sich blickend; »ich muß dir etwas erzählen. Zwei von meinen Freunden, die auf der Oxforder Straße fahren und gerne einen lustigen Spaß machen, haben den Hirtenhelfer ins Schlepptau genommen, und wenn er in den Ebenezer-Verein kommt (woran gar nicht zu zweifeln ist; denn sie werden ihn bis an die Tür führen und nötigenfalls auch hineinschieben), so wird er so voll von Grog sein, wie er es nur jemals im Marquis von Granby gewesen ist, und das heißt gewiß hoch geschworen.« Bei diesen Worten schlug Herr Weller senior abermals ein außerordentliches Gelächter an und verfiel aufs neue in einen Zustand teilweiser Erstickung. Nichts hätte mit Sam Wellers Gefühlen und Wünschen mehr übereinstimmen können, als dieser Plan zur Entlarvung des rotnasigen Heuchlers, und da die Zeit zur Versammlung herannahte, so begaben sich Vater und Sohn miteinander auf den Weg nach Bricklane. Sam vergaß indessen nicht, seinen Brief sorglich auf einem Postbureau abzugeben. Die monatlichen Versammlungen der Bricklane-Abteilung des vereinigten großen Ebenezer-Mäßigkeitsvereins wurden in einem weiten, freundlich und luftig gelegenen Saale gehalten, zu dem man auf einer sichern und bequemen Leiter hinaufklettern konnte. Präsident war der auf dem rechten Wege wandelnde Herr Anthony Humm, ein bekehrter Spritzenmann, derzeit Schulmeister und gelegentlich reisender Prediger. Das Sekretariat bekleidete Herr Jonas Mudge, Inhaber eines Kramladens, ein enthusiastisches, uneigennütziges Mitglied, das an die Gesellschaft Tee verkaufte. Vor dem Beginn der Geschäfte nämlich tranken die Damen, auf Bänken sitzend, so lange Tee, bis sie endlich glaubten, es sei Zeit aufzuhören, während auf dem mit einem grünen Tuche überzogenen Amtstische, jedermann sichtbarlich, eine große hölzerne Geldbüchse stand, und hinter ihr der Sekretär, der jeden neuen Zuwachs der darin verborgenen Kupfermünzsammlung mit holdseligem Lächeln quittierte. An diesem Abend nun tranken die Damen wirklich unglaublich viel Tee zum großen Abscheu des Herrn Weller senior , der trotz aller warnenden Winke Sams mit dem unverstelltesten Erstaunen nach allen Richtungen herumglotzte. »Sammy«, flüsterte Herr Weller, »wenn man nicht morgen früh mehrere von diesen Weibsbildern abzapfen muß, so bin ich dein Vater nicht, und damit Punktum. Sieh nur die Alte neben mir, die ersäuft sich wahrhaftig noch im Tee.« »Könnt Ihr denn gar nicht ruhig sein?« murmelte Sam. »Sam«, flüsterte Herr Weller einen Augenblick darauf im Tone tiefer Bewegung; »merke dir, was ich sage: wenn der Sekretär dorten nur noch fünf Minuten lang so fortmacht, so muß er bersten vor lauter Butterbroten und Wasser.« »Ja, so laßt ihn doch, wenn es ihm Vergnügen macht«, erwiderte Sam; »es geht Euch doch nichts an.« »Wenn es noch länger so fortgeht, Sammy«, flüsterte Herr Weller in demselben Tone weiter, »so halte ich es für meine Menschenpflicht, aufzustehen und mich an den Präsidenten zu wenden. Dort auf der dritten Bank sitzt ein junges Frauenzimmer, das bereits fünfzehn große Tassen getrunken hat; sie quillt ja schon sichtbarlich vor meinen Augen auf«. Ohne allen Zweifel hätte Herr Weller seine wohlwollende Absicht sofort ausgeführt, hätte ihn nicht zum Glück das laute Geräusch, das durch Abräumen der Tassen und Kannen entstand, zum Bewußtsein gebracht, daß die Teezeit vorüber war. Nach Entfernung des Geschirres wurde der grüne Tisch mitten in den Saal gestellt, und die Geschäfte des Abends von einem sehr lebhaften kleinen Mann mit Kahlkopf und lichtbraunen Kniehosen begonnen, der schnell und mit augenscheinlicher Gefahr, seine zwei in besagte lichtbraune Hosen eingeschlossene Beinchen zu verlieren, die Leiter hinaufkletterte und also sprach: »Meine Herren und Damen, ich mache den Vorschlag, daß unser vortrefflicher Bruder, Herr Anthony Humm, den Präsidentenstuhl einnehme.« Die Damen ließen auf diesen Vorschlag eine auserlesene Sammlung von Taschentüchern wehen, und der unruhige kleine Mann brachte Herrn Humm im buchstäblichen Sinne des Wortes auf den Präsidentenstuhl, indem er ihn an den Schultern nahm und in einen Mahagonisessel warf, der wenigstens früher einmal ein derartiges Möbel vorgestellt hatte. Das Wehen der Taschentücher erneuerte sich: und Herr Humm, ein Mann mit glattem, aber blassem Gesichte, der beständig schwitzte, verbeugte sich holdselig zur großen Verwunderung der Damen, und nahm sofort mit würdevoller Feierlichkeit seinen Sitz ein. Der kleine Mann in den lichtbraunen Hosen gebot sofort Stillschweigen, worauf Herr Humm sich erhob und sagte, mit Erlaubnis seiner versammelten Brüder und Schwestern aus der Bricklane-Abteilung werde der Sekretär den Bericht des Bricklane- Abteilungs-Komitees vorlesen – eine Ankündigung, die abermals mit einer Demonstration vermittels der Taschentücher aufgenommen wurde. Nachdem sich sofort der Sekretär auf eine sehr eindrucksvolle Art geräuspert und der Husten, der eine Versammlung jedesmal befällt, wenn etwas von besonderer Wichtigkeit vorgenommen werden soll, in bester Form vorübergegangen war, las er folgendes Dokument vor: Bericht des Komitees der Bricklane-Abteilung des vereinigten großen Ebenezer-Mäßigkeitsvereins. »Ihr Komitee hat im verflossenen Monat seine dankbaren Arbeiten fortgesetzt, und kann mit unaussprechlichem Vergnügen folgende neue Bekehrungen zur Mäßigkeit mitteilen: Herr Walker, Schneider, nebst seiner Frau und zwei Kindern. Er bekennt, in bessern Umständen täglich Ale und Bier getrunken zu haben, und weiß nicht mit Bestimmtheit anzugeben, ob er nicht seit zwanzig Jahren wöchentlich zweimal ›Hundsnase‹ genossen hat, ein Getränk, das den Nachforschungen unseres Komitees zufolge aus warmem Porter, Farinzucker, Wacholderbranntwein und Muskatnuß gebraut wird. (Stöhnen und ›das ist wahr‹ eines ältlichen Frauenzimmers.) Gegenwärtig ist er ohne Arbeit und ohne Geld; er glaubt, daran sei der Porter (Beifall) oder der Umstand schuld, daß er seine rechte Hand nicht mehr gebrauchen kann. Er ist zwar noch zweifelhaft darüber, hält es aber für sehr wahrscheinlich, daß, wenn er in seinem ganzen Leben nichts als Wasser getrunken hätte, sein Gesell ihn nicht mit einer verrosteten Nadel gestochen und dadurch sein Unglück herbeigeführt haben würde (stürmischer Beifall). Er hat jetzt nichts als kaltes Wasser zu trinken, und ist nicht mehr so durstig, wie zuvor (lauter Beifall). »Betsy Martin, Witwe mit einem Kind und einem Auge. Sie wäscht für Taglohn, hat nie mehr als ein Auge gehabt, weiß aber, daß ihre Mutter starkes Doppelbier trank und würde sich nicht wundern, wenn dieser unglückliche Umstand davon herrührte (ungemeiner Beifall). Sie hält es für unmöglich, daß sie, wenn sie sich stets geistiger Getränke enthalten hätte, dadurch den Gebrauch ihres andern Auges auch erlangt haben würde (stürmischer Zuruf). Sie erhielt gewöhnlich wo sie wusch täglich achtzehn Pence, eine Maß Porter und ein Glas Branntwein, hat aber, seitdem sie Mitglied der Bricklane-Abteilung geworden, statt dessen immer drei Schillinge und sechs Pence verlangt.« (Die Mitteilung dieses höchst interessanten Falles wurde mit betäubendem Enthusiasmus aufgenommen.) Henry Beller – war viele Jahre hindurch Toastausbringer bei den Diners mehrerer Vereine und hat in dieser Zeit eine Menge ausländischer Weine getrunken, mag auch zuweilen eine Flasche oder zwei mit nach Hause genommen haben, weiß dies zwar nicht ganz gewiß, ist aber überzeugt, daß er, wenn er es tat, sie auch ausgetrunken hat. Er fühlt sich sehr niedergeschlagen und melancholisch, hat oft Fieber, leidet an beständigem Durst und glaubt, das müsse von seinem früheren Weintrinken herkommen (Beifall). Ist gegenwärtig ohne Beschäftigung und rührt unter keinen Umständen mehr einen Tropfen fremden Wein an. (Schallender Beifall.) »Thomas Burton – versorgt den Lordmajor, die Sheriffs und mehrere Mitglieder des Magistrats mit Katzenfleisch« (atemlose Aufmerksamkeit, als der Name dieses Gentleman genannt wird), »hat ein hölzernes Bein, findet es kostspielig, damit über das Pflaster zu gehen, pflegte sich alte, gebrauchte hölzerne Beine zu kaufen und jeden Abend ein Glas heißen Wacholderbranntwein mit Wasser zu trinken – manchmal auch zwei (tiefe Seufzer). Fand, daß die alten, schon gebrauchten hölzernen Beine sehr schnell zersplitterten und faulten, und ist fest überzeugt, daß ihre Konstitution durch den Wacholderbranntwein mit Wasser untergraben wurde (anhaltender Beifall). Kauft sich jetzt neue hölzerne Beine und trinkt nichts als Wasser und schwachen Tee. Die neuen Beine halten zweimal so lang wie die andern, und er schreibt dies einzig und allein seiner gegenwärtigen Mäßigkeit zu.« (Triumphierendes Beifallsgeschrei.) Anthony Humm machte jetzt den Vorschlag, ein Lied zu singen. Mit besonderer Rücksicht auf ihre geistlich-sittlichen Genüsse habe Bruder Mordlin die schönen Worte: »Wer kennt ihn nicht, den lust'gen Fährmann« einer alten wohlbekannten Volksmelodie angepaßt, und er bitte nun, ihn bei diesem Liede zu begleiten (großer Beifall). Zugleich nahm er Gelegenheit, seine feste Überzeugung auszusprechen, daß der selige Herr Dibdin, nachdem er die Irrtümer seines früheren Lebens eingesehen, dieses Lied geschrieben habe, um die Vorteile der Enthaltsamkeit darzutun. »Es ist«, sagte er, »ein Mäßigkeitslied« (Wirbelwind von Beifall). »Der schmucke Anzug des interessanten jungen Mannes, die Gewandtheit seiner Bewegungen, der beneidenswerte Gemütszustand, kraft dessen er, um mit den schönen Worten des Dichters zu sprechen »Dahingerudert aller Sorgen bar.« »All das vereinigt sich mit dem Beweise, daß er ein Wassertrinker gewesen sein muß (Beifall). O welch ein Zustand tugendhafter Fröhlichkeit! (Entzückter Beifall.) Und was war der Lohn des jungen Mannes? Mögen alle anwesenden jungen Männer es sich merken: »Die Mädchen hüpften alle in sein Boot« (Lauter Beifall, in den die Damen einstimmen.) Welch ein glänzendes Exempel! Die Mädchen scharten sich um den jungen Wassermann und umgaben ihn auf dem Pfad der Pflicht und der Mäßigkeit. Aber waren es blos Mädchen niedrigen Standes, die ihn erfreuten, trösteten und aufrecht erhielten? O nein! »Den schönsten Frauen der Stadt war er das erste Ruder« (Unermeßlicher Beifall.) Das zarte Geschlecht« – hier bat er eine Dame um Verzeihung – »sammelte sich um den jungen Fährmann und wandte sich mit Verachtung ab von dem Trinker geistiger Flüssigkeiten. (Beifall). Die Brüder der Bricklane-Abteilung wären die Fährleute. (Beifall und Gelächter), Dieser Saal wäre ihr Boot! diese Zuhörerschaft wären die Mädchen, und er (Herr Anthony Humm) sei, wiewohl unwürdig, ›das erste Ruder‹«. (Grenzenloser Beifall). »Was meint er mit dem zarten Geschlecht, Sammy«? fragte Herr Weller leise. »Die Damen«, sagte Sam ebenso leise. »Da braucht er sich nicht so anzustrengen, Sammy«, fuhr Herr Weller fort: »sie müssen freilich ein zartes Geschlecht sein, ja ein sehr zartes und gebrechliches Geschlecht, wenn sie sich von solchen Gaunern am Narrenseil herumführen lassen.« Einige weitere Bemerkungen des entrüsteten alten Herrn wurden schnell durch den Anfang des Liedes unterbrochen, das Herr Anthony Humm, immer zwei Zeilen auf einmal, für diejenigen Hörer vorsagte, die mit dem Teil nicht bekannt waren. Während des Gesangs verschwand das kleine Männlein mit den lichtbraunen Hosen, kehrte aber, als das Lied zu Ende war, rasch zurück und flüsterte mit überaus wichtiger Miene Herrn Anthony Humm etwas ins Ohr. »Meine Freunde und Freundinnen«, sprach Herr Humm, indem er bittend seine Hand emporhob, um diejenigen von den alten Damen, die noch um ein paar Zeilen zurück waren zum Schweigen zu bringen, »meine Freunde und Freundinnen, ein Abgesandter der Dorkingerabteilung unserer Gesellschaft, Bruder Stiggins, wartet unten.« Die Taschentücher flogen aufs neue heraus und wehten stärker als je, denn Herr Stiggins war bei den weiblichen Mitgliedern von Bricklane außerordentlich beliebt. »Er mag kommen, dächte ich«, sagte Herr Humm, mit einem plumpen Lächeln um sich blickend. »Bruder Tadger, führen Sie ihn herauf, uns zu begrüßen.« Der kleine Mann mit den lichtbraunen Kniehosen, der auf den Namen Bruder Tadger hörte, huschte schleunigst die Leiter hinab, und bald darauf vernahm man ihn in Begleitung des ehrwürdigen Herrn Stiggins heraufkommen. »Er kommt, Sammy«, flüsterte Herr Weller, der vor unterdrücktem Lachen purpurrot im ganzen Gesicht wurde. »Sagt nichts zu mir«, erwiderte Sam, »denn ich kann mich sonst nicht halten. Er steht dicht an der Tür. Ich höre, wie er den Kopf an die Latten und an die Wand schlägt.« Während Sam Weller noch sprach, flog die kleine Tür auf, und herein trat Bruder Tadger, gefolgt von dem ehrwürdigen Herrn Stiggins, dessen Anblick mit gewaltigem Händegeklatsch, Fußgetrampel und Taschentücherwehen begrüßt wurde. – Freudenbezeugungen, die Bruder Stiggins nur dadurch erwiderte, daß er mit wirren Augen und starrem Lächeln nach dem Licht auf dem Tische hinglotzte, wobei er höchst unstet und unsicher seinen Körper hin und her bewegte. »Sind Sie unwohl, Bruder Stiggins?« flüsterte Herr Anthony Humm ihm zu. »O, ich bin ganz in Ordnung, Sir«, erwiderte Herr Stiggins in trotzigem Ton, aber mit sehr schwerer Stimme; »ich bin ganz in Ordnung, Sir«. »Ah, sehr wohl«, sagte Herr Anthony Humm, einige Schritte zurückweichend. »Ich hoffe, daß hier niemand sich unterstehen wird, zu sagen, ich sei nicht ganz in Ordnung, Sir?« rief Herr Stiggins. »O gewiß nicht«, sagte Herr Humm. »Ich wollte es auch niemandem raten, Sir; ich wollte es niemandem raten«, lallte Herr Stiggins. Inzwischen war die ganze Versammlung mäuschenstill geworden und sah mit Bangigkeit dem weiteren Verlauf der Dinge entgegen. »Wollen Sie eine Rede an die Versammlung halten?« fragte Herr Humm mit einladendem Lächeln. »Nein, Sir«, erwiderte Herr Stiggins; »nein, Sir; ich will nicht, Sir.« Die Versammelten blickten einander mit großen Augen an, und ein Murmeln der Verwunderung lief durch den Saal. »Meine Meinung, Sir, ist –« begann Herr Stiggins, indem er seinen Rock aufknöpfte, mit sehr lauter Stimme, »meine Meinung, Sir, ist – daß diese Versammlung betrunken ist, Sir. Bruder Tadger – Sir«, fuhr er fort, indem er immer wilder wurde und sich barsch gegen das kleine Männchen in den lichtbraunen Höslein umdrehte, » Sie sind betrunken, Sir.« Da nun Herr Stiggins den löblichen Wunsch hegte, die Nüchternheit der Versammlung zu fördern und deshalb alle ungeeigneten Charaktere auszuschließen, schlug er nach Bruder Tadger und traf seine Nasenspitze mit solcher Sicherheit, daß die lichtbraunen Höslein wie ein Blitz verschwanden. Bruder Tadger war kopfüber die Leiter hinabgestürzt. Jetzt erhoben die Frauenzimmer ein lautes Jammergeschrei, stellten sich in kleinen Abteilungen vor ihren Lieblingsbrüdern auf und schlangen die Arme um sie, um sie vor Gefahren zu schützen. Dieser Beweis von Zärtlichkeit wäre Herrn Humm beinahe schlecht bekommen, denn da er ungemein beliebt war, warfen sich ihm so viele fromme Schönen an den Hals und hingen sich so fest an ihn, daß er beinahe erstickt wäre. Der größere Teil der Lichter wurde ausgelöscht, und von allen Seiten hörte man nichts als Geschrei und wilden Lärm. »Jetzt, Sammy«, sagte Herr Weller, mit großer Kaltblütigkeit seinen Überrock ausziehend, »jetzt geh hinaus und hole einen Polizisten.« »Und was wollt Ihr einstweilen beginnen?« fragte Sam. »Laß mich nur machen, Sammy«, erwiderte der alte Herr; »ich will inzwischen mit diesem Stiggins ein bißchen abrechnen.« Und ehe noch Sam es verhindern konnte, war sein heroischer Vater in den entfernten Winkel des Saales gedrungen, wo er den ehrwürdigen Herrn Stiggins mit ungemeiner Handfertigkeit angriff. »Kommt mit!« rief ihm Sam nach. »Heran, du Halunke!« schrie Herr Weller seinem Gegner zu. Und ohne weitere Aufforderung versetzte er dem ehrwürdigen Herrn Stiggins einen gewaltigen Faustschlag auf den Kopf und tanzte, während er ihn bearbeitete, so flink und lustig um ihr herum, wie man es von einem Herrn in seinem Alter nicht hätte erwarten sollen. Da nun Sam alle seine Vorstellungen vergeblich fand, drückte er seinen Hut fest auf den Kopf, warf seines Vater Überrock über die Schultern, faßte den alten Mann fest um und zog ihn mit Gewalt die Leiter hinab und auf die Straße. Ja, er ließ ihn nicht eher los, und gönnte ihm keine Ruhe, bis sie die Ecke erreicht hatten. Von dort aus konnten sie das Geschrei der versammelten Volksmenge hören, die Zeuge der Abführung des ehrwürdigen Herrn Stiggins in ein wohlverwahrtes Nachtquartier war. Und sie konnten weiter den Lärm vernehmen, womit sich die Mitglieder der Bricklane- Abteilung des vereinigten großen Ebenezer-Mäßigkeitsvereins nach allen Richtungen zerstreuten. Fünfunddreißigstes Kapitel Das einzig und allein einem ausführlichen und wahrheitsgemäßen Bericht über die denkwürdige Gerichtsverhandlung in der Sache Bardell gegen Pickwick gewidmet ist. »Ich möchte nur wissen, was der Obmann der Geschworenen heute gefrühstückt hat«, sagte Herr Snodgraß an dem verhängnisvollen Morgen des 14. Februar, um ein Gespräch anzuknüpfen. »Nun«, meinte Perker, »ich hoffe, er wird etwas Gutes bekommen haben.« »Und warum hoffen Sie das?« fragte Herr Pickwick. »Das ist sehr wichtig, mein lieber Herr, sehr wichtig«, erwiderte Perker; »denn von einem wohlgesättigten, zufriedenen Geschworenen läßt sich etwas Tüchtiges erwarten. Übelgelaunte oder hungrige Geschworene aber, mein lieber Herr, sind schon von vornherein für den Kläger eingenommen.« »Aber woher mag denn das kommen?« fragte Herr Pickwick, sehr mutlos dareinblickend, »warum sind sie so?« »Das weiß ich selbst nicht«, erwiderte der kleine Mann gleichgültig; »ohne Zweifel, um Zeit zu sparen. Wenn die Stunde des Mittagessens heranrückt und die Geschworenen sich zurückgezogen haben, zieht der Obmann seine Uhr heraus und sagt: ›Bei Gott, meine Herren, nur noch zehn Minuten bis fünf. Ich speise um fünf Uhr, meine Herren.‹ – ›Ich auch‹, sagt dann einer nach dem andern, bis auf zwei, die um drei Uhr gespeist haben und deshalb schon eher geneigt sind, auszuhalten. Der Obmann lächelt und steckt seine Uhr wieder ein. ›Nun gut, meine Herren, was wollen wir sagen? – Kläger oder Beklagter, meine Herren? – Was mich betrifft, meine Herren, so dächte ich – ich sage: ich dächte – aber Sie brauchen sich dadurch nicht bestimmen zu lassen – ich dächte, der Kläger hat recht.‹ Hierauf erklären sicherlich zwei oder drei andere, sie dächten ebenso, wie es auch wirklich der Fall sein mag, und so kommt leicht ein einstimmiger Beschluß zustande. Zehn Minuten über neun«, fügte der kleine Mann, auf seine Uhr sehend, hinzu. »Es ist Zeit, aufzubrechen, mein lieber Herr; ein gebrochenes Eheversprechen – bei solchen Fällen ist der Gerichtssaal gewöhnlich sehr voll. Sie sollten nach einem Wagen schicken, lieber Herr, sonst kommen wir zu spät.« Herr Pickwick klingelte alsbald; der Wagen kam, die vier Pickwickier und Herr Perker schlüpften hinein und fuhren nach Guildhald: Sam Weller, Herr Lowten und der blaue Sack folgten in einer Droschke. »Lowten«, sagte Perker, als sie in die Vorhalle des Gerichtshofs kamen, »führen Sie Herrn Pickwicks Freunde zu den Sitzen der Studenten: Herr Pickwick selbst bleibt besser bei mir. Hierher, lieber Herr, hierher.« Dabei faßte der kleine Mann Herrn Pickwick am Rockärmel und führte ihn an eine niedrige Bank, gerade unter das Pult des königlichen Prokurators, das zur Bequemlichkeit der Sachwalter angebracht ist, damit sie von hier aus dem Hauptanwalt ins Ohr flüstern können, wenn sie während des Fortgangs der Verhandlung noch einige Instruktionen für nötig erachten. Der großen Masse der Zuschauer sind die hier Sitzenden unsichtbar, da die Bank viel niedriger ist als der Platz für die Anwälte oder für das Publikum. Letzeren kehren sie also den Rücken, dem Richter dagegen das Gesicht zu. »Dies ist wohl die Zeugenloge?« fragte Herr Pickwick, links auf eine Art Katheder mit messingenem Geländer zeigend. »Ja, mein lieber Herr«, erwiderte Perker, eine Menge Papiere aus dem blauen Sack hervorziehend, die Lowton soeben zu seinen Füßen niedergelegt hatte. »Und dort«, fragte Herr Pickwick, auf ein paar Sperrsitze zur Rechten zeigend, »dort sitzen wohl die Geschworenen?« »Erraten, mein lieber Herr«, erwiderte Perker, auf den Deckel seiner Schnupftabaksdose klopfend. Herr Pickwick stand in großer Unruhe auf und überschaute den ganzen Saal. Es hatten sich bereits eine bunte Schar von Zuschauern auf der Galerie und zahlreiche Exemplare von Herren mit Perücken auf den Bänken der Anwälte eingefunden, die als eine Körperschaft jene lustige und reiche Mannigfaltigkeit an Nasen und Backenbärten darboten, wodurch der englische Advokatenstand mit Recht so berühmt ist. Diejenigen von den Herren, die einen Prozeß zu führen hatten, trugen die Aktenstücke so sehr wie möglich zur Schau und kratzten sich gelegentlich die Nasen damit, um auf die beobachtenden Blicke der Zuschauer einen starken Eindruck zu machen. Andere, die keine Prozeßinstruktionen aufzuweisen vermochten, trugen gewaltige Oktavbände unter den Armen, mit einem Einband, der unter dem technischen Namen »Juristen-Kalbsleder« bekannt ist. Wieder andere, die weder Akten noch Bücher hatten, steckten ihre Hände in die Taschen und blickten so weise um sich, wie sie ziemlicherweise nur konnten, während noch andere mit großer Unruhe und unendlicher Wichtigtuerei hin- und herliefen, zufrieden, die Bewunderung und das Erstaunen der uneingeweihten Fremdlinge zu erregen. Zu Herrn Pickwicks großer Verwunderung hatte sich die ganze Zunft in kleine Gruppen zerteilt, wo sie so gleichgültig wie möglich über die Tagesneuigkeiten hin und her schwatzten, als ob es sich im Augenblicke nicht über einen bedeutenden Rechtsstreit gehandelt hätte. Eine Verbeugung von Herrn Phunky, der eintrat und sich hinter die für den königlichen Anwalt bestimmte Bank setzte, zog Herrn Pickwicks Aufmerksamkeit auf sich. Er hatte sie kaum erwidert, als der Herr Prokurator Snubbin erschien, gefolgt von Herrn Mallard, der einen gewaltigen karmoisinroten Beutel auf den Tisch legte, wodurch der Prokurator beinahe verdeckt wurde. Nachdem er Perker die Hand gedrückt, entfernte er sich. Sodann kamen noch zwei oder drei Prokuratoren herein, und unter ihnen einer mit einem dicken Bauch und einem roten Gesicht, der dem Herrn Prokurator Snubbin freundlich zuwinkte und zu ihm sagte: »Ein schöner Morgen, heute.« »Wer ist der Herr mit dem roten Gesicht, der unserm Anwalt zuwinkte und sagte, es sei ein schöner Morgen?« flüsterte Herr Pickwick. »Das ist der Herr Prokurator Buzfuz«, erwiderte Perker; »der erste Sachwalter unserer Gegenpartei. Der Herr hinter ihm heißt Skimpin und ist sein Assistent.« Herr Pickwick stand eben im Begriff, mit großem Abscheu vor der kaltblütigen Schlechtigkeit des Mannes zu fragen, wie Herr Prokurator Buzfuz, der Anwalt der Gegenpartei, so unverschämt sein könne, zum Herrn Prokurator Snubbin, seinem eigenen Sachwalter, zu sagen: es sei ein schöner Morgen, als er durch allgemeines Aufstehen der Anwälte und lautes Stillgebot seitens der Gerichtsdiener daran verhindert wurde. Er sah um sich und fand, daß soeben der Richter eingetreten war. Herr Stareleigh, der an diesem Tage die Stelle des wegen Krankheit abwesenden Lord-Oberrichters einnahm, war ein auffallend kleiner Mann, und dabei so kugelrund, daß man nichts als Gesicht und Bauch zu sehen glaubte. Er watschelte auf zwei kleinen krummen Beinen herein, und nachdem er sich gravitätisch gegen die Advokaten und die Advokaten sich gegen ihn verbeugt hatten, streckte er die kleinen Beine unter den Tisch und legte seinen kleinen dreispitzigen Hut auf den Tisch. Nun aber konnte man nichts mehr von ihm sehen als zwei wunderlich kleine Äuglein und ein breites rosiges Gesicht, das zur Hälfte aus einer großen, höchst possierlichen Perücke hervorblickte. Kaum hatte der Richter seinen Sitz eingenommen, als ein Gerichtsdiener mit gebieterischem Tone im Saale Schweigen gebot, worauf ein anderer Diener auf der Galerie mit zorniger Stimme »Still!« rief, und sodann drei oder vier andere Stimmen in unwillig tadelndem Tone ebenfalls Ruhe befahlen. Als das geschehen war, rief ein schwarzgekleideter, etwas niedriger als der Richter sitzender Herr die Namen der Geschworenen auf, und nach langem Geschrei ergab es sich, daß nur zehn Mitglieder der Spezial-Jury zugegen waren. Prokurator Buzfuz trug die Wahl von Ersatzmännern an, worauf der schwarzgekleidete Herr zwei Mitglieder der allgemeinen Jury in das Spezial-Geschworenengericht preßte, indem er geradezu einen Gewürzkrämer und einen Apotheker dafür bestimmte. »Geben Sie Antwort auf den Namenaufruf, meine Herren, damit man Sie vereidigen kann«, sagte der schwarz gekleidete Herr. »Richard Upwitch!« »Hier!« sagte der Gewürzkrämer. »Thomas Groffin!« »Hier!« erwiderte der Apotheker. »Nehmen Sie das Buch, meine Herren. Sie wollen gut und gewissenhaft untersuchen – –« »Ich bitte den Gerichtshof um Nachsicht«, sagte der Apotheker, ein langer, hagerer Mann von gelber Gesichtsfarbe, »aber ich hoffe, der Gerichtshof wird mir dies Geschäft erlassen.« »Was haben Sie für Gründe, Sir?« fragte der Richter Stareleigh. »Ich habe keinen Gehilfen, Mylord«, antwortete er. »Da kann ich nicht helfen, Sir«, erwiderte Herr Stareleigh. »Sie sollten sich einen halten.« »Ich kann die Kosten nicht erschwingen, Mylord«, versetzte der Apotheker. »Dann sollten Sie sich Mühe geben, sie erschwingen zu können, Sir«, sagte der Richter und wurde feuerrot: denn sein, nämlich Herrn Stareleighs Temperament war sehr reizbarer Natur, und er konnte keinen Widerspruch ertragen. »Ich weiß wohl, daß ich es sollte, wenn es mir nach Verdienst erginge,- aber das ist nicht der Fall, Mylord«, antwortete der Apotheker. »Vereidigen Sie den Herrn«, sagte der Richter gebieterisch. Der Beamte kam mit der Verlesung der Eidesformel nicht weiter als eben vorhin, denn der Apotheker unterbrach ihn aufs neue. »Ich soll also vereidigt werden, Mylord?« sagte er. »Allerdings, Sir«, erwiderte der eigensinnige kleine Richter. »Sehr gut, Mylord«, sagte der Apotheker in ergebungsvollem Ton. »Aber Sie haben weiter nichts davon, als daß es noch vor Ende der Sitzung einen Mord gibt. Vereidigen Sie mich immerhin, Sir, wenn Sie wollen.« Und der Apotheker war vereidigt, bevor der Richter noch Worte finden konnte. »Ich wollte nur noch bemerken, Mylord«, sagte der Apotheker, indem er mit großer Fassung seinen Sitz einnahm, »daß ich niemand, als einen Laufbuben in meinem Laden zurückgelassen habe. Es ist ein recht wackerer Knabe, Mylord, der sich aber auf die Arzneimittel noch nicht ganz versteht, und ich weiß, daß er besonders die Eigenheit hat, Sauerkleesäure für Epsomsalz und Laudanum für Sennessyrup anzusehen. Das ist alles, Mylord.« Nach dieser Rede setzte sich der lange Apotheker in eine behagliche Stellung, nahm eine zufriedene Miene an und schien auf das Schlimmste gefaßt zu sein. Herr Pickwick betrachtete ihn eben mit Gefühlen des tiefsten Grauens, als im Hintergrund des Saales eine Bewegung entstand, und unmittelbar darauf wurde Frau Bardell, gestützt auf Frau Cluppins, in einem schmachtenden Zustande hereingeführt und ihr am andern Ende derselben Bank, worauf Herr Pickwick saß, ein Platz angewiesen. Herr Dodson reichte ihr einen Schirm von ungewöhnlicher Größe, Herr Fogg ein paar Überschuhe, und diese beiden Herren hatten für die heutige Sitzung höchst mitleidsvolle und melancholische Gesichter angenommen. Sodann erschien Frau Sanders, die den jungen Bardell hereinführte. Beim Anblick ihres Kindes fuhr Frau Bardell auf, dann aber faßte sie sich schnell wieder und küßte es wie wahnsinnig. Sofort versank die gute Dame aufs neue in einen Zustand hysterischer Stumpfheit und fragte, wo sie denn eigentlich sei? Statt aller Antwort wandten Frau Cluppins und Frau Sanders die Köpfe von ihr ab und weinten, während die Herren Dodson und Fogg die Klägerin baten, sie möchte sich doch beruhigen. Prokurator Buzfuz rieb sich mit einem großen, weißen Taschentuche die Augen beinahe wund und warf einen appellierenden Blick auf die Geschworenen. Der Richter aber schien sichtlich ergriffen zu sein, und mehrere von den Zuschauern versuchten, ihre Rührung hinweg zu husten. »Wahrhaftig, ein herrlich angelegter Plan«, flüsterte Perker Herrn Pickwick hinzu. »Das sind Haupthähne, dieser Dodson und dieser Fogg; wirklich, eine vortreffliche Effektberechnung, mein lieber Herr.« Während Perker so sprach, begann Frau Bardell allmählich wieder zu sich zu kommen, während Frau Cluppins den jungen Herrn Bardell nach sorgfältiger Musterung seiner Knöpfe und der Knopflöcher, in die sie gehörten, gerade vor seine Mutter stellte – eine gebietende Stellung, in der er nicht verfehlen konnte, das volle Erbarmen und Mitgefühl sowohl des Richters als der Geschworenen zu erwecken. Das geschah aber nicht ohne bedeutende Widersetzlichkeit. Auch nicht ohne eine Menge Tränen des jungen Herrn, der eine gewisse Ahnung hatte, diese seine unmittelbare Ausstellung vor den Augen der Richter sei bloß ein formelles Vorspiel zu seiner baldigen Hinrichtung oder allerwenigstens zu seiner Strafversendung über das Meer für die ganze Zeit seines leiblichen Lebens. »Bardell und Pickwick«, rief der schwarzgekleidete Herr, den Prozeß anmeldend, der als der erste auf der Liste stand. »Ich trete für die Klägerin auf, Mylord«, sagte der Herr Prokurator Buzfuz. «Wer assistiert Ihnen, Kollege Buzfuz?« fragte der Richter. Herr Skimpin verbeugte sich zum Zeichen, daß er es sei. »Ich bin für den Beklagten erschienen, Mylord«, sagte der Herr Prokurator Snubbin. »Und wer ist Ihr Assistent, Kollege Snubbin?« fragte der Richter. »Herr Phunky, Mylord«, erwiderte der Advokat. »Prokurator Buzfuz und Herr Skimpin für die Klägerin«, sagte der Richter, indem er die Namen in sein Notizbuch einschrieb und zugleich vorlas, »für den Beklagten Prokurator Snubbin und Herr Monkey Affe. .« »Bitte um Verzeihung, Mylord, Phunky.« »Ah, sehr gut«, jagte der Richter; »ich hatte noch nie das Vergnügen, den Namen des Herrn zu hören.« Herr Phunky verbeugte sich und lächelte. Der Richter verbeugte sich ebenfalls und lächelte, und Herr Phunky, der bis in das Weiße seiner Augen rot wurde, suchte sich das Ansehen zu geben, als wisse er nicht, daß alle Augen auf ihn gerichtet seien: ein Bestreben, womit sich noch niemand aus der Verlegenheit geholfen hat und aller Wahrscheinlichkeit nach auch niemand helfen wird. »Beginnen wir jetzt«, sagte der Richter. Die Gerichtsdiener geboten abermals Stillschweigen, und Herr Skimpin schritt zur Eröffnung der Verhandlung, Der Fall schien sehr wenig Redestoff darzubieten; denn der Advokat behielt die ihm bekannten besonderen Umstände gänzlich für sich und setzte sich nach drei Minuten wieder, so daß er die Geschworenen ganz auf derselben hohen Stufe der Weisheit ließ, die sie zuvor innehatten. Prokurator Buzfuz erhob sich sofort mit aller Majestät und Würde, die die ernste Natur der Verhandlung erheischte. Nachdem er Dodson einige Worte zugeflüstert, auch mit Fogg ein wenig konferiert hatte, zupfte er seinen Mantel über die Schultern, machte seine Perücke zurecht und hielt seine Rede an die Geschworenen. Er begann mit der Erklärung, daß ihm während seiner ganzen Praxis, ja vom ersten Augenblick an, da er sich auf das Studium und die Ausübung des Rechtes gelegt, noch nie ein Fall vorgekommen sei, der ihn so im Innersten ergriffen oder mit einem solch klaren Bewußtsein der auf ihm lastenden Verantwortlichkeit erfüllt habe, – einer Verantwortlichkeit, unter deren Gewicht er erlegen wäre, hätte ihn nicht die feste, ja einer positiven Gewißheit gleichkommende Überzeugung aufrechterhalten, daß die Sache der Wahrheit und Gerechtigkeit, oder mit andern Worten, die Sache seiner schwer verletzten und auf schmähliche Art Hintergangenen Klientin bei den edelgesinnten und einsichtsvollen zwölf Männern, die er vor sich sehe, obsiegen müsse. Die Sachwalter beginnen in der Regel auf diese Art, weil sie sich dadurch bei den Geschworenen in ein gutes Licht setzen, und ihnen eine ungeheure Meinung von ihrem eigenen Scharfsinn beibringen. Auch hatte diese Einleitung sogleich eine sichtbare Wirkung, denn mehrere Geschworene fingen mit dem größten Eifer an, lange Notizen aufzuzeichnen. »Sie haben von meinem gelehrten Freunde vernommen«, fuhr Prokurator Buzfuz fort, obgleich er wohl wußte, daß die Herren von der Jury von seinem gelehrten Freunde so gut wie nichts vernommen hatten. »Sie haben von meinem gelehrten Freunde vernommen, meine Herren, daß es sich hier um den Bruch eines Eheversprechens handelt und ein Schadenersatz von 1 500 Pfund verlangt wird. Aber die näheren Tatsachen und Umstände haben Sie von meinem gelehrten Freunde nicht vernommen, wie es meinem gelehrten Freunde auch nicht zukam, sie Ihnen zu sagen. Diese Tatsachen und Umstände, meine Herren, werde ich Ihnen nunmehr ausführlich auseinandersetzen und Ihnen eine unverwerfliche Zeugin vorführen, die sie beweisen wird.« Um dem Wort »beweisen« einen kraftvollen Nachdruck zu geben, schlug Herr Prokurator Buzfuz gewaltig auf den Tisch und blickte die Herren Dodson und Fogg an, die ihm Bewunderung seines Talents und dem Beklagten eine trotzige Herausforderung zuwinkten. »Die Klägerin, meine Herren«, fuhr Prokurator Buzfuz mit einer sanften, melancholischen Stimme fort, »die Klägerin ist eine Witwe: ja, meine Herren, eine Witwe. Der selige Herr Bardell schied, nach dem er sich viele Jahre lang als Wächter der königlichen Einkünfte der Achtung und des Vertrauens seines Souveräns erfreut, sanft und lautlos aus dieser Welt, um in einer andern die Ruhe und den Frieden zu suchen, die ein Zollhaus nimmermehr gewähren kann.« Bei dieser pathetischen Beschreibung vom Abscheiden des Herrn Bardell, der in einem Wirtshauskeller mit einer Bierkanne in den Kopf geschlagen worden war, bebte die Stimme des gelehrten Anwalts, und er fuhr mit großer Rührung also fort: »Einige Zeit vor seinem Tode erblickte er noch sein Ebenbild in einem Söhnlein, und mit diesem Söhnlein, dem einzigen Liebespfand von ihrem entschlafenen Zollbeamten, zog sich Frau Bardell von der Welt zurück, suchte die Abgeschiedenheit und Ruhe der Goswellstraße, und dort hing sie an ihrem vorderen Fenster eine Anzeige aus, des Inhalts: ›Möblierte Zimmer für einen ledigen Herrn. Zu erfragen drinnen.‹« Prokurator Buzfuz hielt hier inne, während mehrere Herrn von der Jury sich dieses Dokument aufzeichneten. »Hatte die Anzeige kein Datum?« fragte einer der Geschworenen. »Nein, mein Herr«, erwiderte Prokurator Buzfuz, »aber ich bin ermächtigt zu sagen, daß sie gerade vor drei Jahren ans Fenster der Klägerin gesteckt wurde. Ich muß die Aufmerksamkeit der Herren Geschworenen auf die wörtliche Abfassung dieses Dokuments lenken. ›Möblierte Zimmer für einen ledigen Herrn.‹ Frau Bardells Ansichten über das andere Geschlecht gründeten sich auf eine lange Beobachtung der unschätzbaren Eigenschaften ihres verstorbenen Gatten. Sie hatte keine Furcht – sie hegte kein Mißtrauen – sie hegte keinen Verdacht – sie war voll argloser Zuversicht. ›Herr Bardell‹, sagte die Witwe, ›Herr Bardell war ein Mann von Ehre – Herr Bardell war ein Mann von Wort – Herr Bardell war kein Betrüger – Herr Bardell war auch einmal ein lediger Herr; bei ledigen Herren will ich daher Schutz, Beistand, Hilfe und Trost suchen – in ledigen Herren werde ich beständig etwas sehen, was mich daran erinnert, wie Herr Bardell war, als er das erstemal die Neigung meines jungen, unerfahrenen Herzens gewann; an einen edigen Herrn will ich also meine Wohnung vermieten.‹ Beseelt von diesem schönen, rührenden Beweggrund (einer der besten Beweggründe unserer unvollkommenen Natur) trocknete die einsame, verlassene Witwe ihre Tränen, möblierte ihren untern Stock, drückte ihren unschuldigen Knaben an den mütterlichen Busen und hing die Anzeige an das Fenster. Blieb sie lange dort? Nein. Die Schlange war bereits auf der Lauer, die Linie war gezogen, die Mine war gegraben, der Pionier und Mineur waren in voller Arbeit. Kaum hing die Anzeige drei Tage am Fenster – drei Tage, meine Herren – als ein zweibeiniges Wesen, das ganz die äußere Gestalt eines Mannes, nicht die eines Ungeheuers hatte, an Frau Bärbells Haustür anklopfte. Er erkundigte sich, mietete die Wohnung und nahm am nächstfolgenden Tage Besitz davon. Dieser Mann war Pickwick – Pickwick der Beklagte.« Prokurator Buzfuz hatte mit solcher Zungenfertigkeit gesprochen, daß sein Gesicht ganz karmoisinrot geworden war und er innehalten mußte, um Atem zu schöpfen. Sein Schweigen erweckte den Herrn Richter Stareleigh, der sogleich mit einer uneingetunkten Feder etwas schrieb und ganz außerordentlich vertieft aussah, um die Geschworenen glauben zu machen, er habe mit geschlossenen Augen der Sache bis in ihren innersten Grund nachgeforscht. Prokurator Buzfuz fuhr fort: »Von diesem Pickwick werde ich nicht viel sagen: die Person bietet nicht sehr viel Anziehendes, und ich, meine Herren, bin nicht der Mann, so wenig wie Sie, meine Herren, die Männer sind, bei der Betrachtung empörender Herzlosigkeit und systematischer Schlechtigkeit mit Lust zu verweilen.« Hier fuhr Herr Pickwick, der sich seit einiger Zeit ruhig Notizen aufgeschrieben hatte, heftig auf, wie wenn sich ihm ein vager Wunsch aufgedrängt hätte, in Gegenwart des versammelten ehrwürdigen Gerichtshofes dem Prokurator Buzfuz zu Leibe zu gehen. Eine abmahnende Geberde von Perker hielt ihn jedoch zurück, und er hörte den ferneren Vortrag des gelehrten Herrn mit einer Entrüstung an, die den stärksten Gegensatz zu den von Bewunderung strahlenden Gesichtern der Frauen Cluppins und Sanders bildete. »Ich sage, systematische Schlechtigkeit, meine Herren«, fuhr Prokurator Buzfuz fort, indem er Herrn Pickwick mit seinen Blicken durchbohren zu wollen schien, »und wenn ich ›systematische Schlechtigkeit‹ sage, so lassen Sie mich dem beklagten Pickwick, wenn er sich, wie ich gehört habe, im Saale befindet, erklären, daß es weit anständiger und schicklicher, weit gescheiter und vernünftiger gewesen wäre, er hätte sich ferngehalten. Lassen Sie mich ihm sagen, meine Herren, daß alle Zeichen von Meinungsverschiedenheit oder Mißbilligung, die er sich im Gerichtssaale erlauben könnte, bei Ihnen nichts fruchten werden, und daß Sie dieselben wohl zu schätzen und zu würdigen wissen: und lassen Sie mich ihm ferner sagen, wie Seine Lordschaft Ihnen, meine Herren, ebenfalls sagen wird, daß ein Anwalt in Erfüllung seiner Pflichten gegen seinen Klienten sich weder einschüchtern noch betäuben oder zum Schweigen bringen läßt, und daß jeder Versuch, das eine oder das andere, das erste oder das letzte zu tun, auf das Haupt dessen zurückfällt, der den Versuch wagt, sei es nun der Kläger oder der Beklagte, möge er nun Pickwick oder Noakes, Stoakes oder Stiles, Brown oder Thompson heißen.« Diese kleine Abschweifung von der Sache konnte die beabsichtigte Wirkung nicht verfehlen, aller Augen auf Herrn Pickwick zu lenken. Nachdem Prokurator Buzfuz der moralischen Entrüstung, zu der er sich hatte hinreißen lassen, wieder einigermaßen Meister geworden war, fuhr er fort: »Ich werde Ihnen nachweisen, meine Herrn, daß Pickwick zwei Jahre lang dauernd, ohne Unterbrechung im Hause der Frau Bardell gewohnt hat. Ich werde Ihnen nachweisen, daß ihn Frau Bardell diese ganze Zeit über bediente, auf jede Art für seine Behaglichkeit sorgte, ihm kochte, seine Wäsche zur Wäscherin schickte, sie flickte, lüftete und überhaupt wieder instandsetzte, mit einem Wort, daß sie sich seines vollkommensten Vertrauens erfreute. Ich werde Ihnen nachweisen, daß er ihrem kleinen Knaben manchmal einen halben Penny, einige Male sogar sechs Pence schenkte, und ich werde Ihnen durch einen Zeugen, dessen Aussagen mein gelehrter Freund weder zu entkräften, noch zu bestreiten imstande sein wird, dartun, daß er einmal den Knaben auf den Kopf tätschelte, und nachdem er ihn gefragt, ob er neulich viele Marmeln oder Murmeln (beides, wie ich höre, besondere Arten von Marmorkugeln, die von der Jugend unserer Stadt sehr geschätzt werden,) gewonnen habe, sich der bemerkenswerten Äußerung bediente: ›würde es dich freuen, wenn du wieder einen Vater bekämest?‹ Ich werde Ihnen ferner nachweisen, meine Herren, daß Pickwick vor etwa einem Jahre plötzlich mehrere Male auf längere Zeit verreiste, wie wenn er im Sinn hätte, allmählich mit meiner Klientin zu brechen. Aber ich werde Ihnen auch dartun, daß er sich in seinem Entschluß damals noch nicht gehörig befestigt hatte, oder daß seine besseren Gefühle, wenn er überhaupt deren fähig ist, obsiegten, oder daß die Neize und Vorzüge meiner Klientin feinen unwürdigen Plan über den Haufen warfen. Denn ich werde Ihnen beweisen, daß er eines Tages, als er vom Lande zurückkehrte, ihr in ganz deutlichen Worten und Ausdrücken einen Heiratsantrag machte, wobei er freilich die besondere Vorsicht gebraucht hatte, daß bei dem feierlichen Versprechen keine Zeugen zugegen waren. Ja, ich bin imstande, durch das Zeugnis von dreien seiner eigenen Freunde – höchst unfreiwillige Zeugen, meine Herren, höchst unfreiwillige Zeugen – zu beweisen, daß man ihn an demselbigen Morgen antraf, wie er eben die Klägerin in seinen Armen hielt und ihre Aufregung durch Schmeicheleien und Liebkosungen zu beschwichtigen suchte.« Dieser Teil der Rede des gelehrten Prokurators brachte einen sichtlichen Eindruck auf das Publikum hervor. Er zog nun zwei ganz schmale Papierstreifen aus der Tasche und sprach also weiter: »Und nun, meine Herren, nur noch ein Wort: Es sind zwischen den Parteien zwei Briefe gewechselt worden, Briefe, deren Handschrift der Beklagte als die seinige anerkennt und deren Inhalt von höchster Wichtigkeit ist. Diese Briefe werfen ein helles Licht auf den Charakter des Mannes. Es sind keine offenen, feurigen, beredten Episteln, die nichts als die Sprache leidenschaftlicher Liebe atmen: nein, es sind versteckte, schlaue, zweideutige Mitteilungen, die aber glücklicherweise mehr Aufschlüsse geben, als wären sie in der glühendsten Sprache und in den poetischsten Bildern abgefaßt – Briefe, die man mit vorsichtigem, argwöhnischem Auge betrachten muß – Briefe, durch die Pickwick offenbar etwaige dritte Personen, denen sie vielleicht in die Hände geraten könnten, hinters Licht zu führen und auf eine falsche Spur zu leiten beabsichtigte. Lassen Sie mich den ersten vorlesen: ›Garraway um 12 Uhr. Liebe Frau B.! Kotelettes und Tomatensauce. Der Ihrige Pickwick .‹ Was soll man davon denken, meine Herren? ›Kotelettes und Tomatensauce. Der Ihrige, Pickwick!‹ Koteletten! Gütiger Gott! und Tomatensauce! Meine Herren, darf das Glück einer gefühlvollen und arglosen Frau durch so elende Kunstgriffe zu Boden getreten werden? Das zweite Billett hat gar kein Datum, wodurch es schon von selbst verdächtig wird. »›Liebe Frau B., ich werde erst morgen nach Hause kommen. Langsame Kutsche.‹ Und dann folgt noch der sehr bemerkenswerte Zusatz: ›Machen Sie sich keine Sorge wegen der Bettflasche.‹ – Die Bettflasche! Wie, meine Herren, wer macht sich denn Sorgen wegen einer Bettflasche? Wann wurde je der Seelenfriede eines Mannes oder einer Frau durch eine Bettflasche gestört oder vernichtet, die an sich selbst ein harmloses, nützliches und, meine Herren, ich will noch hinzufügen, ein komfortables Hausgerät ist? Warum wird Frau Bardell so angelegentlich ersucht, sich wegen der Bettflasche keine Sorgen zu machen, wenn diese nicht (wie hier offenbar der Fall ist) ein verborgenes Feuer bedecken soll – wenn sie nicht bloß die Stelle eines zärtlichen Wortes oder Versprechens vertritt, gemäß einem verabredeten Korrespondenzensystem, das Pickwick behufs seiner längst beabsichtigten Treulosigkeit mit Vorbedacht ausgeheckt hat und das ich nicht näher erklären kann? Und was soll diese Anspielung auf die langsame Kutsche bedeuten? So weit ich die Sache zu durchschauen vermag, bezieht sie sich auf Pickwick selbst, der in der Tat während dieses ganzen Verhältnisses eine verdammt langsame Kutsche gewesen ist, eine Kutsche, die indessen sehr unerwartet in schnellen Lauf gebracht, und deren Räder, wie er auf seine Kosten erfahren wird, von Ahnen sehr bald geschmiert werden dürften.« Hier machte Herr Prokurator Buzfuz eine Pause, um zu sehen, ob die Geschworenen zu seinem Witz lächelten: da dies aber niemand tat als der Gewürzkrämer, dessen Empfänglichkeit dafür höchst wahrscheinlich dadurch hervorgerufen wurde, daß er erst diesen Morgen noch an einer Kutsche obgedachtes Geschäft verrichtet hatte, so hielt es der gelehrte Redner für ratsam, vor dem Schlusse seines Vortrags noch ein wenig auf die Rührung der Richter zu wirken. »Doch genug hiervon, meine Herren«, sprach Herr Prokurator Buzfuz; »es ist schwer, mit blutendem Herzen zu lächeln, es scherzt sich nicht leicht, wenn unsere tiefsten Sympathien aufgeregt sind. Alle Hoffnungen und Aussichten meiner Klientin sind vernichtet, und es ist keine bloße Phrase, wenn ich sage, daß es um ihren Lebensunterhalt geschehen ist. Die Anzeige hängt nicht mehr am Fenster, und doch wohnt kein Herr im Hause. Es kommen ledige Herren, unter denen man auswählen könnte, genug am Hause vorüber – aber es ist keine Einladung mehr vorhanden, einzuziehen. Düsteres Schweigen herrscht setzt in dieser Wohnung. Selbst die Stimme des Knaben ist verhallt; seine kindlichen Spiele machen ihm kein Vergnügen mehr, wenn seine Mutter weint! seine Marmeln und Murmeln sind ihm gleichgültig geworden. Er überhört die Aufforderung seiner Kameraden zum ›Wolf heraus‹, und wollen sie ›Gerade oder Ungerade‹ mit ihm spielen, so rührt er seine Hand nicht. Aber Pickwick, meine Herren, Pickwick, der mitleidslose Zerstörer dieser häuslichen Oase in der Wüste der Goswellstraße – Pickwick, der die Quelle verstopft und auf den grünen Rasen Asche gestreut hat – Pickwick, der mit seiner herzlosen Tomatensauce und seiner Bettflasche heute vor Ihnen erscheint – Pickwick erhebt noch immer mit frecher Schamlosigkeit sein Haupt und blickt ohne einen Seufzer auf die Verwüstung hin, die er angerichtet hat. Eine Geldentschädigung, meine Herren, eine bedeutende Geldentschädigung ist die einzige Strafe, womit Sie ihn heimsuchen, der einzige Ersatz, den Sie meiner Klientin gewähren können. Um diese Geldentschädigung nun wendet sie sich hiermit an eine erleuchtete, großherzige, taktbegabte, gewissenhafte, leidenschaftslose, mitfühlende und einsichtsvolle Jury ihrer gebildeten Mitbürger.« Mit dieser schönen Wendung setzte sich der Herr Prokurator Buzfuz nieder, und der Herr Stareleigh erwachte zum zweiten Male. Nach einer Minute erhob sich Prokurator Buzfuz wieder mit erneuter Kraft und verlangte, daß Elisabeth Cluppins gerufen würde. Der nächststehende Gerichtsdiener rief Elisabeth Tuppins, ein anderer in einiger Entfernung fragte nach Elisabeth Jupkins und ein dritter rannte atemlos in die Königstraße, und schrie sich heiser nach einer Elisabeth Muffins. Mittlerweile wurde Frau Cluppins durch die vereinigte Hilfe der Frauen Bardell und Sanders, sowie der Herren Dodson und Fogg in die Zeugenloge gebracht, und als sie sicher auf die oberste Stufe gelangt war, stellte sich Frau Bardell an die unterste, mit dem Taschentuch und den Überschuhen in der einen Hand, und einer Flasche, die ungefähr ein Viertelpfund Riechsalz enthalten mochte, in der andern, um für alle Fälle bereit zu sein. Frau Sanders, deren Augen unverwandt am Gesichte des Richters hingen, pflanzte sich mit dem großen Regenschirm dicht neben sie und hielt mit ernstem Gesicht ihren rechten Daumen an das Schloß ihrer Tasche gedrückt, um nötigenfalls sogleich ein Stärkungsmittel hervorzuholen. »Frau Cluppins«, redete Prokurator Buzfuz sie an, »ich bitte Sie, beruhigen Sie sich doch, Madame.« Und diese Erinnerung war keineswegs unnötig, denn Frau Cluppins schluchzte und seufzte, daß sich ein Stein hätte erbarmen mögen, ja es stellten sich mehrere beunruhigende Symptome einer herannahenden Ohnmacht ein, denn sie konnte, wie sie später sagte, ihre Gefühle kaum meistern. »Erinnern Sie sich, Frau Cluppins«, sagte Prokurator Buzfuz nach einigen unwichtigen Fragen, »erinnern Sie sich, an einem gewissen Morgen des vergangenen Juli in einem Hinterstübchen der Frau Bardell gewesen zu sein, als sie eben das Zimmer des Herrn Pickwick ausstäubte?« »Ja, Mylord und meine Herrn Geschworenen, ich erinnere mich«, erwiderte Frau Cluppins. »Aber Herrn Pickwicks Wohnzimmer war ja, wie ich glaube, im ersten Stock und nach der Straße zu?« »Ja, Sir«, antwortete Frau Cluppins. »Was hatten Sie denn im Hinterstübchen zu schaffen, Madame?« fragte der kleine Richter. »Mylord und meine Herren Geschworenen«, sagte Frau Cluppins in rührender Aufregung, »ich will Sie nicht täuschen.« »Sie würden auch nicht wohl daran tun«, bemerkte der kleine Richter. »Ich war dort«, erzählte Frau Cluppins, »ohne daß Frau Bardell es wußte. Ich war mit einem kleinen Korb ausgegangen, meine Herren, um drei Pfund rote Kartoffeln zu kaufen, was im Ganzen dritthalb Pence ausmacht, als ich die Haustür der Frau Bardell offen sah. Ich ging also hinein, meine Herren, um ihr guten Morgen zu wünschen, lief aber in Gedanken die Treppe hinauf und in das Hinterzimmer. Meine Herren, da hörte ich im Vorderzimmer mehrere Stimmen, und –« »Und Sie horchten ohne Zweifel, Frau Cluppins?« unterbrach sie Prokurator Buzfuz. »Bitte um Verzeihung, Sir«, erwiderte Frau Cluppins in majestätischem Ton; »so etwas zu tun, dafür bin ich mir zu gut! Die Stimmen waren sehr laut, Sir, und drängten sich mit Gewalt meinen Ohren auf.« »Nun gut, Frau Cluppins, Sie horchten also nicht, hörten aber dennoch die Stimmen. War eine derselben die des Herrn Pickwick?« »Ja, Sir.« Und Frau Cluppins trug jetzt, nachdem sie deutlich angegeben, daß Herr Pickwick mit Frau Bardell gesprochen habe, langsam und mit vielen Umschweifen die unsern Lesern bereits bekannte Unterhaltung vor. Die Geschworenen sahen bedenklich drein und Herr Prokurator Buzfuz setzte sich lächelnd. Noch unheimlicher wurden aber ihre Mienen, als Herr Prokurator Snubbin erklärte, er könne die Zeugin nicht mehr ausfragen, denn Herr Pickwick selbst müsse eingestehen, daß ihre Aussage im wesentlichen richtig sei. Da nun Frau Cluppins einmal das Eis gebrochen hatte, so hielt sie dies für eine günstige Gelegenheit, sich auf eine kurze Darstellung ihrer eigenen häuslichen Verhältnisse einzulassen; sie benachrichtigte daher den Gerichtshof geradezu, daß sie in diesem Augenblick Mutter von acht Kindern sei und die zuversichtliche Hoffnung nähren dürfe, nach etwa sechs Monaten Herrn Cluppins mit einem neunten zu beschenken. Bei dieser interessanten Mitteilung legte sich der kleine Richter voll Zorn ins Mittel, und die Folge davon war, daß sowohl die würdige Dame, als auch Frau Sanders unter Begleitung des Herrn Jackson ohne weitere Umstände aus dem Gerichtssaal hinausgeführt wurden. »Nathaniel Winkle!« rief Herr Skimpin. »Hier!« erwiderte eine schwache Stimme. Herr Winkle trat in die Zeugenloge und verbeugte sich, nachdem er den vorgeschriebenen Eid geschworen, ehrfurchtsvoll gegen den Richter. »Sehen Sie mich nicht an, Sir«, sagte der Richter, statt für den Gruß zu danken, in verweisendem Tone: »sehen Sie nur auf die Geschworenen!« Herr Winkle gehorchte dem Befehl und sah nach dem Platze, wo seiner Wahrscheinlichkeitsberechnung nach die Geschworenen sein mußten, denn in seinem verwirrten Geisteszustand war es ihm schlechterdings unmöglich, etwas genau zu sehen. Herr Winkle wurde sofort von Herrn Skimpin, einem vielversprechenden jungen Manne von 42 bis 43 Jahren, verhört, dem natürlich alle« daran gelegen sein mußte, einen bekanntermaßen für die Gegenpartei eingenommenen Zeugen so sehr wie möglich aus dem Konzept zu bringen. »Nun, Sir«, sagte Herr Skimpin, »haben Sie die Güte, Seine Lordschaft und die Jury Ihren Namen wissen zu lassen.« Und Herr Skimpin neigte den Kopf auf die eine Seite, um die Antwort recht genau zu hören, indessen er den Geschworenen einen Seitenblick zuwarf, der deutlich genug sagte, bei Herrn Winkles natürlichem Hange zur Lüge könne man von ihm auch die Angabe eines falschen Namens erwarten. »Winkle«, antwortete der Zeuge. »Ihr Taufname, Sir?« fragte der kleine Richter ärgerlich. »Nathaniel, Sir.« »Daniel – vielleicht noch andere Taufnamen?« »Nathaniel, Sir – Mylord, wollte ich sagen.« »Nathaniel Daniel oder Daniel Nathaniel?« »Nein, Mylord, blos Nathaniel, nicht Daniel.« »Warum sagten Sie denn vorhin. Sie hießen Daniel, Sir?« fragte der Richter. »Das habe ich nicht gesagt, Mylord«, antwortete Herr Winkle. »Freilich haben Sie es gesagt, Sir«, erwiderte der Richter mit strengem Stirnrunzeln; »wie hätte ich denn Daniel aufschreiben können, wenn Sie nicht so gesagt hätten, Sir?« Auf diesen Beweisgrund ließ sich natürlich nichts antworten. »Herr Winkle hat ein kurzes Gedächtnis, Mylord«, fiel Herr Skimpin mit einem abermaligen Blick auf die Geschworenen ein; »ich denke aber, wir sollten Mittel finden, es aufzufrischen, bevor wir mit ihm fertig sind.« »Nehmen Sie sich in acht, Sir«, rief der kleine Richter mit einem unheimlichen Blick nach dem Zeugen hin. Der arme Herr Winkle verneigte sich und gab sich alle Mühe, unbefangen zu scheinen, gewann aber in seiner Verlegenheit weit eher das Aussehen eines aufs Eis geführten Taschendiebs. »Jetzt, Herr Winkle«, sagte Herr Skimpin, »geben Sie gefälligst auf meine Fragen acht, Sir, und folgen Sie um Ihrer selbst willen meinem Rat, der Ermahnungen Seiner Lordschaft eingedenk zu sein. So viel ich weiß, sind Sie ein vertrauter Freund Herrn Pickwicks, des Angeklagten, nicht wahr?« »Wenn ich mich in diesem Augenblick recht erinnere, so kenne ich Herrn Pickwick beinahe –« »Ich muß bitten, Herr Winkle, daß Sie keine ausweichende Antworten geben. Sind Sie wirklich ein vertrauter Freund des Angeklagten, oder sind Sie es nicht?« »Ich wollte soeben sagen, daß –« »Wollen Sie meine Frage beantworten, Sir, oder nicht?« »Wenn Sie nicht antworten, so laß ich Sie einsperren, Sir«, fiel der kleine Richter ein, indem er über sein Notizbuch herüberblickte. »Nur vorwärts, Sir«, sagte Herr Skimpin. »Ja oder Nein.« »Ja, ich bin's«, antwortete Herr Winkle. »Sie sind es freilich. Warum haben Sie es nicht sogleich gesagt, Sir? Vielleicht kennen Sie auch die Klägerin – wie, Herr Winkle?« »Nein, ich kenne sie nicht; aber gesehen habe ich sie schon.« »So, Sie kennen sie nicht, haben sie aber gesehen? Nun, so haben Sie die Güte, den Herren Geschworenen zu sagen, was Sie damit meinen, Herr Winkle.« »Ich meine damit, daß ich nicht genauer mit ihr bekannt bin, sie aber gesehen habe, wenn ich Herrn Pickwick in der Goswellstraße besuchte.« »Wie oft haben Sie sie gesehen, Sir?« »Wie oft?« »Ja, Herr Winkle, wie oft? Ich will Ihnen die Frage ein Dutzendmal wiederholen, Sir, wenn Sie es verlangen, Sir.« Dabei stemmte der gelehrte Herr mit einem entschiedenen Stirnrunzeln die Hände in die Seite und lächelte den Geschworenen verschmitzt zu. Diese Frage führte das erbauliche Stirnrunzeln herbei, das bei solchen Gelegenheiten gewöhnlich ist. Zuvörderst sagte Herr Winkle, es sei ihm rein unmöglich, anzugeben, wie oft er Frau Bardell gesehen habe. Dann fragte man ihn, ob er sie vielleicht zwanzigmal gesehen, und er erwiderte: »gewiß – auch noch öfter.« Hierauf wollte man wissen – ob er sie hundertmal gesehen – ob er nicht schwören könne, daß er sie mehr als fünfzigmal gesehen – ob er nicht angeben könne, daß er sie mehr als fünfundsiebzigmal gesehen – und so fort; wodurch man endlich zu dem befriedigenden Schlüsse gelangte, ihn nochmals zu ermahnen, er solle sich wohl in acht nehmen und bedenken, was er sage. Nachdem nun der Zeuge auf diese Art so verwirrt worden war, daß er kaum mehr wußte, wo ihm der Kopf stand, wurde das Verhör folgendermaßen fortgesetzt. »Erinnern Sie sich, Herr Winkle, an einem gewissen Morgen im vergangenen Juli den beklagten Pickwick in seiner Wohnung bei der Klägerin in der Goswellstraße besucht zu haben?« »Ja, ich erinnere mich.« »Hatten Sie damals einen Freund, Namens Tupman, und einen andern, Namens Snodgraß bei sich.« »Ja.« »Sind sie hier?« »Ja«, erwiderte Herr Winkle, sehr angelegentlich nach dem Platz blickend, wo seine Freunde saßen. »Sehen Sie gefälligst mich an, Herr Winkle, und nicht Ihre Freunde«, sagte Herr Skimpin mit einem neuen ausdrucksvollen Lächeln auf die Jury. »Die Herren müssen ihre Aussagen ohne vorherige Beratung mit Ihnen ablegen, falls solche etwa nicht schon stattgefunden hat (abermals ein Blick auf die Jury). Nun, Sir, sagen Sie jetzt den Herren Geschworenen, was Sie am selbigen Morgen beim Eintritt ins Zimmer des Beklagten gesehen haben? Nur heraus damit, Sir, wir müssen es früher oder später doch erfahren.« »Der Beklagte, Herr Pickwick, hielt die Klägerin in seinen Armen und hatte mit seinen Händen ihren Leib umschlungen«, erwiderte Herr Winkle mit natürlichem Zögern, »und die Klägerin schien in Ohnmacht gefallen zu sein.« »Hörten Sie Beklagten etwas sprechen?« »Ja, ich hörte, daß er Madame Bardell ›liebe Frau‹ nannte und sie bat, sich zu beruhigen; dann, was man glauben müßte, wenn jemand käme, und ähnliche Redensarten.« »Jetzt, Herr Winkle, habe ich nur noch eine einzige Frage an Sie zu richten, und ich bitte Sie, hierbei der Ermahnung seiner Gnaden wohl eingedenk zu sein. Wollen Sie beschwören, daß beklagter Pickwick bei dieser Gelegenheit nicht gesagt hat: ›meine gute Bardell, Sie sind eine liebe Frau; beruhigen Sie sich, es wird schon noch dazu kommen‹, oder dem ähnliche Redensarten?« »Ich – ich – habe es wahrhaftig nicht so verstanden«, sagte Herr Winkle, erstaunt über die sinnreiche Verdrehung der wenigen Worte, die er gehört hatte. »Ich war noch auf der Treppe und konnte es nicht deutlich hören; aber der Eindruck, den es auf mich machte, ist –« »Die Herren Geschworenen wollen nichts von den auf Sie gemachten Eindrücken, Herr Winkle, die, fürchte ich, ohnehin ehrlichen und rechtschaffenen Leuten wenig nützen würden«, unterbrach ihn Herr Skimpin. »Sie waren also auf der Treppe und hörten es nicht deutlich, wollen aber nicht beschwören, daß Pickwick sich der von mir erwähnten Ausdrücke nicht bedient hat? Habe ich es so zu verstehen?« »Nein, ich will es nicht beschwören«, erwiderte Herr Winkle, und Herr Skimpin setzte sich mit triumphierender Miene. Herrn Pickwicks Sache hatte bis jetzt keinen so überaus günstigen Verlauf gehabt, daß sie noch neue Verdachtsgründe ertragen konnte. Da sie jedoch möglicherweise noch in ein besseres Licht zu stellen war, so erhob sich Herr Phunky, um seinerseits Herrn Winkle auch einige wichtige Aufschlüsse zu entlocken. Ob ihm das glückte oder nicht, wird sich sogleich ergeben. »Ich glaube, Herr Winkle«, begann er, »Herr Pickwick ist kein junger Mann mehr?« »O nein«, erwiderte Herr Winkle, »er könnte mein Vater sein.« »Sie haben meinem gelehrten Freunde gesagt, Sie kennen Herrn Pickwick schon lange. Hatten Sie jemals Grund zu vermuten oder zu glauben, er beabsichtige, sich zu verheiraten?« »Nein, niemals«, antwortete Herr Winkle mit solchem Eifer, daß ihn Herr Phunky so schnell wie möglich aus der Zeugenloge hätte entfernen mögen. In den Augen der Rechtsgelehrten gibt es zwei Arten besonders schlechter Zeugen: solche, die gar nichts, und solche, die zu viel aussagen. Herrn Winkles Schicksal wollte, daß er beide Arten in sich vereinigte. »Ich will sogar noch weiter gehen, Herr Winkle«, fuhr Phunky in einem sehr freundlichen und gefälligen Tone fort. »Bemerkten Sie in Herrn Pickwicks Benehmen gegen das andere Geschlecht je etwas, was Sie hätte auf den Glauben bringen können, daß er in den letzten Jahren überhaupt Heiratsgedanken hege?« »O nein, nicht das mindeste«, erwiderte Herr Winkle. »War sein Benehmen in Gesellschaft von Damen nicht das eines Mannes, der, an Jahren schon ziemlich vorgerückt, nur noch an seine Geschäfte oder Vergnügungen denkt und sie bloß behandelt, wie ein Vater seine Töchter?« »Daran ist kein Zweifel«, antwortete Herr Winkle in der Fülle seines Herzens. »Das heißt – ja – o ja –« »Sie haben also in seinem Benehmen gegen Frau Bardell oder sonst gegen eine Dame nie etwas auch nur im mindesten Verdächtiges wahrgenommen?« fragte Herr Phunky und wollte sich eben niedersetzen, denn Prokurator Snubbin hatte ihm einen Wink gegeben. »Nein, nein«, erwiderte Herr Winkle; »außer in einem einzigen unbedeutenden Fall, der sich aber, wie ich nicht zweifle, leicht wird aufklären lassen.« Hätte sich der unglückliche Phunky sogleich gesetzt, als Sergeant Snubbin ihm zuwinkte, oder wäre Prokurator Buzfuz gleich im Anfang gegen dieses unstatthafte Zeugenverhör aufgetreten (allein er hütete sich wohl, es zu tun, da er Herrn Winkles Ängstlichkeit bemerkte und alle Hoffnung hatte, diese zu seinem Vorteil ausbeuten zu können), so wäre dieses unglückselige Geständnis Herrn Winkle nicht entlockt worden. Kaum aber waren diese Worte seinen Lippen entschlüpft, so setzte sich Phunky, und Prokurator Snubbin rief ihm im größten Eifer zu, er solle die Zeugenloge verlassen, wozu er sich auch mit aller Bereitwilligkeit anschickte, als Prokurator Buzfuz es verhinderte. »Bleiben Sie, Herr Winkle«, sagte er: »bleiben Sie. Wollen Eure Gnaden die Güte haben, ihn zu fragen, was dieser einzige Fall war, wo ihm das Benehmen dieses Herrn, der sein Vater sein könnte, gegen Damen verdächtig vorkam?« »Sie hören, was der gelehrte Anwalt sagt«, bemerkte der Richter, sich gegen den armen, von neuem Schreck ergriffenen Winkle wendend. »Erklären Sie sich näher über den Fall, den Sie angedeutet haben.« »Mylord«, sagte Herr Winkle, zitternd vor Angst, »ich – ich möchte es lieber nicht sagen.« »Das ist wohl möglich«, sagte der kleine Richter, »aber Sie müssen.« Unter dem tiefsten Schweigen der ganzen Versammlung erklärte also Herr Winkle mit stotternder Stimme: der einzige unbedeutende Vorfall, der Verdacht erregen könne, sei, daß man Herrn Pickwick einmal um Mitternacht im Schlafzimmer einer Dame gefunden habe, und, soviel er wisse, sei infolge dieser Entdeckung die projektierte Heirat besagter Dame rückgängig gemacht worden; auch wisse er bestimmt, daß alle dabei Beteiligten mit Gewalt vor Georg Nupkins, Esquire, den Friedensrichter, und Mayor von Ipswich, geführt worden. »Jetzt können Sie die Zeugenloge verlassen, Sir«, sagte Prokurator Snubbin. Herr Winkle tat es und rannte wie besessen nach dem George und Geier, allwo der Kellner ihn einige Stunden nachher jammervoll stöhnend und ächzend, den Kopf in die Sofakissen begraben, entdeckte. Tracy Tupman und Augustus Snodgraß wurden hierauf hintereinander in die Zeugenloge gerufen. Beide bestätigten die Aussage ihres unglücklichen Freundes, und beide wurden durch verfängliche Fragen aus der Fassung gebracht. Jetzt wurde Susanna Sanders aufgerufen und zuerst von Prokurator Buzfuz, sodann von Prokurator Snubbin befragt. Sie habe, erklärte sie, immer gesagt und geglaubt, Herr Pickwick werde Frau Bardell heiraten. Sie wisse, daß nach der Ohnmachtsgeschichte im Juli die ganze Nachbarschaft von nichts gesprochen habe, als von dem Verlöbnis zwischen Frau Bardell und Herrn Pickwick; sie habe es Frau Muderry, die eine Wäschemangel besitze, und Frau Bunkin, die Weißnäherin sei, mehr als einmal sagen hören, obgleich sie keine von beiden hier im Saale erblicke. Sie habe gehört, wie Herr Pickwick das Kind gefragt, ob es sich freuen würde, wenn es wieder einen Vater bekäme. Sie wisse nichts davon, daß Frau Bardell um diese Zeit ein vertrautes Verhältnis mit dem Bäcker gehabt, nur soviel könne sie sagen, daß der Bäcker damals ledig gewesen sei, sich aber jetzt verheiratet habe. Sie könne nicht darauf schwören, daß Frau Bardell nicht sehr verliebt in den Bäcker gewesen sei, glaube aber, der Bäcker müsse nicht sehr verliebt in Frau Bardell gewesen sein, weil er sonst gewiß keine andere geheiratet hätte. Sie glaube, Frau Bardell sei an jenem Julimorgen in Ohnmacht gefallen, weil Herr Pickwick in sie gedrungen habe, den Hochzeitstag zu bestimmen; sie erinnere sich wohl noch, daß sie (die Zeugin) wie tot niedergefallen sei, als Herr Sanders sie gebeten, den Tag festzusetzen, und sie glaube, daß es jeder anständigen Dame unter ähnlichen Umständen ebenso ergehen werde. Sie habe ferner gehört, wie Herr Pickwick den Knaben wegen seinen Marmeln gefragt habe, sie könne aber bei einem Eid nicht einmal den Unterschied zwischen Marmeln und Murmeln angeben. Auf weitere Fragen des Richters erzählte sie noch, sie habe während ihres Verhältnisses mit Herrn Sanders auch Liebesbriefe von ihm erhalten wie andere Damen. Herr Sanders habe sie in seiner Korrespondenz zwar oft eine Gans genannt, niemals aber Kotelettes oder Tomatensauce. Er habe die Gänse für sein Leben gern gegessen. Vielleicht würde er, wenn er ebenso gern Kotelettes und Tomatensauce gegessen hätte, sie in seiner Zärtlichkeit auch so geheißen haben. Prokurator Buzfuz erhob sich jetzt, wenn es möglich gewesen wäre, mit größerer Wichtigkeit, als er jemals an den Tag gelegt, und rief: »Samuel Weller soll jetzt kommen.« Es war höchst unnötig, so laut zu schreien, denn Samuel Weller befand sich in der Zeugenloge, als sein Name kaum ausgesprochen war. Er legte seinen Hut neben sich auf den Boden, die Arme auf das Geländer, besah sich die Anwälte aus einer Vogelperspektive und nahm mit merkwürdiger Unbefangenheit und Heiterkeit einen umfassenden Überblick über die Herren Richter. »Wie heißen Sie, Sir?« fragte der Richter. »Sam Weller, Mylord«, erwiderte dieser Gentleman. »Schreiben Sie sich mit dem V oder mit dem W?« fragte der Richter weiter. »Das kommt ganz auf den Geschmack und das Belieben des Schreibenden an, Mylord«, erwiderte Sam: »ich selbst habe bloß ein paarmal in meinem Leben Veranlassung gehabt, meinen Namen zu schreiben, aber ich machte immer ein V.« Hier rief eine Stimme von der Galerie herab laut: »Ganz recht, Samuel, ganz recht: machen Sie ein V, Mylord, machen Sie ein V.« »Wer ist es, der es wagt, den Gerichtshof anzureden?« rief der kleine Richter, in die Höhe blickend. »Gerichtsdiener!« »Hier, Mylord!« »Führt diese Person sogleich vor.« »Sehr wohl, Mylord.« Da aber der Gerichtsdiener die Person nicht fand, so führte er sie auch nicht vor. Unter großem Geräusch setzten sich die Leute alle wieder, die aufgestanden waren, um den Verbrecher zu sehen. Das Richterlein wandte sich aufs neue an den Zeugen, sobald seine Entrüstung ihm zu sprechen erlaubte und sagte: »Wissen Sie, wer das war, Sir?« »Mylord«, antwortete Sam: »ich vermute fast, mein Vater, war's.« »Sehen Sie ihn noch jetzt?« fragte der Richter. »Nein, Mylord«, antwortete Sam, indem er gerade nach der Laterne stierte, die unter der Decke des Gerichtssaales hing. »Wenn Sie ihn mir hätten zeigen können, so hätte ich ihn sogleich verhaften lassen«, sagte der Richter. (Sam verbeugte sich dankbar und wandte sich dann mit unverminderter Heiterkeit gegen den Prokurator Buzfuz.) »Nun, Herr Weller?« begann der Prokurator Buzfuz. »Nun, Sir?« erwiderte Sam. »Ich glaube, Sie stehen im Dienst des Herrn Pickwick, der hier der Beklagte ist. Sprechen Sie gefälligst geradeheraus, Herr Weller.« »Ich werde schon geradeheraus sprechen«, erwiderte Sam. »Ich stehe allerdings im Dienste dieses Gentleman, und es ist ein sehr guter Dienst.« »Wenig zu tun und recht viel zu verdienen – nicht wahr?« meinte der Prokurator Buzfuz scherzend. »O gerade genug zu verdienen, Sir, wie der Soldat sagte, als man ihm dreihundertfünfzig Stockprügel aufmaß«, antwortete Sam. »Sie brauchen uns nicht zu sagen, was der Soldat oder sonst jemand gesagt hat«, schnauzte ihn der Richter an, »das ist keine Zeugenaussage.« »Sehr wohl, Mylord«, antwortete Sam. »Erinnern Sie sich irgendeines besonderen Umstandes von dem Morgen her, wo der Beklagte Sie in seine Dienste nahm, Herr Weller?« fragte der Prokurator Buzfuz. »Jawohl, Sir«, antwortete Sam. »Haben Sie die Güte, den Geschworenen zu sagen, was es war.« »Ich bekam an diesem Morgen einen ganz neuen Anzug, meine Herren Geschworenen«, sagte Sam, »und das war für mich in selben Tagen ein sehr besonderer und ungewöhnlicher Umstand.« Hierüber entstand ein allgemeines Gelächter. Der kleine Richter blickte zornentbrannt über seinen Schreibtisch hinüber und sagte: »Nehmen Sie sich wohl in acht, Sir.« »So sagte damals auch Herr Pickwick, Mylord«, antwortete Sam, »und ich nahm mich mit diesen Kleidern sehr in acht; sehen Sie nur, wie ich sie geschont habe, Mylord.« Der Richter blickte Sam zwei Minuten lang streng an; aber Sams Züge waren so vollkommen ruhig und heiter, daß er nichts zu sagen wußte, und daher den Prokurator Buzfuz aufforderte, fortzufahren. »Herr Weller«, sagte der Prokurator Buzfuz, indem er würdevoll die Arme kreuzte und sich halb gegen die Geschworenen wandte, als wollte er sie stumm versichern, daß er diesen Zeugen schon fangen werde. »Wollen Sie damit wirklich sagen, Herr Weller, daß Sie nichts davon gesehen haben, wie die Klägerin ohnmächtig in des Beklagten Armen lag, was die Zeugen vorhin bereits ausführlich erzählt haben?« »Habe wirklich nichts gesehen«, erwiderte Sam. »Ich war im Gang, bis man mich rief, und dann war die alte Dame schon nicht mehr da.« »Merken Sie wohl auf, Herr Weller«, sagte der Prokurator Buzfuz, eine große Feder in das vor ihm stehende Tintenfaß tauchend, damit Sam Angst bekommen und glauben solle, er wolle seine Antwort niederschreiben. »Sie waren im Gang und haben nichts von dem gesehen, was vorging? Haben Sie nicht ein paar Augen im Kopf, Herr Weller?« »Ja, wohl habe ich ein paar Augen«, erwiderte Sam, »und eben das ist's. Wären es ein paar Patent-Doppel-Millionen-Vergrößerungsgläser von Extragüte, so hätte ich vielleicht durch ein paar Treppen und eine eichene Tür gesehen; aber da es bloß ganz einfache Augen sind, so ist mein Gesichtskreis beschränkt.« Bei dieser Antwort, die ohne den geringsten Anschein von Aufregung und mit der vollkommensten Unbefangenheit und Gleichmütigkeit gegeben wurde, kicherten die Zuschauer, der kleine Richter lächelte, und Prokurator Buzfuz schaute ausnehmend albern darein. Nach einer kurzen Beratung mit Dodson und Fogg wandte sich der gelehrte Prokurator aufs neue gegen Sam, und sagte, mit peinlicher Anstrengung seinen Ärger verbergend: »Jetzt, Herr Weller, werde ich Ihnen, wenn Sie erlauben, eine Frage über einen andern Punkt vorlegen.« »Ganz, wie es Ihnen beliebt«, erwiderte Sam, mit der besten Laune von der Welt. »Erinnern Sie sich noch, im vergangenen November einmal bei Nacht zu Frau Bardell gegangen zu sein?« »O ja, recht gut.« »So, Sie erinnern sich dessen also, Herr Weller?« fragte Prokurator Buzfuz, neuen Mut fassend, »Ich dachte mir's doch, wir würden am Ende schon noch etwas von Ihnen erfahren.« »Das habe ich mir auch gedacht, Sir«, entgegnete Sam. Und die Zuschauer kicherten aufs neue. »Gut; Sie gingen ohne Zweifel zu ihr, um mit ihr ein bißchen über den Prozeß zu sprechen, nicht wahr, Herr Weller?« fragte Prokurator Buzfuz, den Geschworenen bedeutsame Blicke zuwerfend. »Ich ging hin, um die Miete zu bezahlen: aber wir sprachen allerdings auch über den Prozeß«, erwiderte Sam. »Ah, Sie sprachen auch über den Prozeß?« sagte Buzfuz, strahlend im Vorgenuß einer wichtigen Entdeckung. »Nun, was wurde denn über den Prozeß gesprochen? Wollen Sie die Güte haben, es uns zu sagen, Herr Weller?« »Mit dem größten Vergnügen, Sir«, erwiderte Sam. »Nach einigen unwichtigen Bemerkungen von den zwei tugendfesten Damen, die vorhin befragt wurden, brach die Gesellschaft in sehr große Bewunderung aus über das ehrenwerte Benehmen der Herren Dodson und Fogg, die hier neben Ihnen sitzen.« Dies zog natürlich die allgemeine Aufmerksamkeit auf Dodson und Fogg, die möglichst tugendsame Gesichter schnitten. »Die Sachwalter der Klägerin?« fragte Prokurator Buzfuz. »Die Damen haben also mit großem Lob von dem ehrenhaften Benehmen der Herren Dodson und Fogg, der Sachwalter der Klägerin, gesprochen?« »Ja«, sprach Sam: »sie sagten, es sei doch sehr großmütig von ihnen, daß sie den Prozeß auf Spekulation übernommen haben, und sich nichts für ihre Unkosten bezahlen lassen wollen, außer wenn Herr Pickwick verurteilt werde.« Bei dieser höchst unerwarteten Antwort kicherten die Zuschauer abermals. Die Herren Dodson und Fogg wurden feuerrot, beugten sich gegen Prokurator Buzfuz hin und flüsterten ihm hastig etwas ins Ohr. »Sie haben vollkommen recht«, sagte Prokurator Buzfuz laut, mit erzwungener Ruhe. »Es ist durchaus nutzlos, Mylord, von der unverbesserlichen Dummheit dieses Zeugen irgendeinen Aufschluß zu erwarten. Ich will den Gerichtshof nicht länger damit aufhalten, daß ich noch mehr Fragen an ihn lichte. Entfernen Sie sich, Sir.« »Hat einer von den Herren vielleicht Lust, mich noch etwas zu fragen?« sagte Sam, indem er seinen Hut nahm und sehr bedächtig um sich blickte. »Ich nicht, Herr Weller, danke Ihnen«, antwortete Prokurator Snubbin lachend. »Sie können sich entfernen, Sir«, sagte Prokurator Buzfuz, ungeduldig mit der Hand winkend. Sam trat demgemäß ab, nachdem er der Sache der Herren Dodson und Fogg den größtmöglichen Schaden zugefügt, über Herrn Pickwick aber so wenig wie möglich ausgesagt hatte, was beides von Anfang an seine Absicht gewesen war. »Ich habe keine Einwendung mehr zu machen, Mylord«, sagte Prokurator Snubbin, »wenn ein weiteres Zeugenverhör durch den Umstand erspart wird, daß Herr Pickwick sich von den Geschäften zurückgezogen hat und ein bedeutendes unabhängiges Vermögen besitzt.« »Sehr gut«, sagte der Prokurator Buzfuz, dem Sekretär die zwei Briefe übergebend, um zu lesen. »Dann ist es meine Sache, Mylord.« Prokurator Snubbin hielt jetzt eine sehr lange und nachdrucksvolle Rede zugunsten des Beklagten an die Geschworenen, worin er dem Lebenswandel und Charakter des Herrn Pickwick die größten Lobsprüche erteilte. – Da indessen unsere Leser weit besser als der Prokurator Snubbin imstande sind, sich ein richtiges Urteil über die Verdienste und Vollkommenheiten dieses Gentleman zu bilden, so fühlen wir uns nicht berufen, uns ausführlich auf die Bemerkungen des gelehrten Herrn einzulassen. Er versuchte, darzutun, daß die zum Vorschein gebrachten Billette sich lediglich auf Herrn Pickwicks Mittagessen oder auf die Vorbereitungen zu seinem Empfang bezogen, wenn er von einem ländlichen Ausflug zurückkehrte. – Es genüge, im allgemeinen hinzuzufügen, daß er für Herrn Pickwick sein möglichstes tat, und nach der ewigen Autorität des alten allbekannten Sprichwortes kann man vom besten Manne nicht mehr verlangen. Der Herr Richter Stareleigh zog das Fazit in der althergebrachten und überall üblichen Form. Er las den Geschworenen so viel von seinen Notizen vor, wie er bei der Schnelligkeit, mit der er sie niedergeschrieben, entziffern konnte, und ließ allgemeine Bemerkungen mit einfließen, wie z.B. wenn Frau Bardell recht habe, so sei es sonnenklar, daß Herr Pickwick unrecht habe, und wenn die Geschworenen die Aussagen der Frau Cluppins glaubwürdig finden, so werden sie ihnen Glauben schenken, wo nicht, so werden sie es nicht tun. Wenn sie überzeugt seien, daß ein Eheversprechen nicht gehalten worden sei, so werden sie der Klägerin eine angemessene Entschädigung zuerkennen, wenn sie dagegen glauben, das Eheversprechen habe überhaupt nicht stattgefunden, so werden sie den Beklagten vollkommen freisprechen. Die Geschworenen zogen sich hierauf in ihr besonderes Zimmer zurück, um die Sache zu beraten, und der Richter begab sich auf sein Privatzimmer, um sich an einer Hammelkeule und einem Glas Sekt zu laben. Es verstrich eine ängstliche Viertelstunde: die Geschworenen kamen zurück und der Richter wurde hereingeholt. Herr Pickwick setzte seine Brille auf und starrte mit unruhevollem Gesicht und schnellklopfendem Herzen nach dem Obmann hin. »Meine Herren«, fragte das schwarzgekleidete Individuum, »haben Sie sich über Ihren Ausspruch geeinigt?« »Ja«, antwortete der Obmann. »Für wen haben Sie sich entschieden, meine Herren, für die Klägerin oder den Beklagten?« »Für die Klägerin.« »Welche Entschädigung erkennen Sie ihr zu?« »Siebenhunderundfünfzig Pfund.« Herr Pickwick nahm seine Brille herunter, wischte die Gläser sorgfältig ab, steckte sie ins Futteral und dieses in die Tasche. Sodann zog er mit großer Pünktlichkeit seine Handschuhe an, und nachdem er diese ganze Zeit über den Obmann angestarrt hatte, folgte er mechanisch Herrn Perker und dem blauen Sack zum Saale hinaus. Sie begaben sich in ein Seitenzimmer, wo Perker die Gebühren bezahlte und wohin bald darauf auch Herrn Pickwicks Freunde kamen. Hier trafen sie auch die Herren Dodson und Fogg, die sich mit allen Zeichen innerer Zufriedenheit die Hände rieben. »Nun, meine Herren?« sagte Herr Pickwick. »Nun, Sir?« sagte Herr Dodson für sich und seinen Kompagnon. »Sie bilden sich wahrscheinlich ein, daß Sie Ihre Kosten erhalten werden, meine Herren?« sagte Herr Pickwick. Fogg erwiderte, sie zweifelten nicht daran; und Dodson meinte, sie würden es schon auf einen Versuch ankommen lassen. »Versuchen Sie es, so lange Sie wollen, meine Herren Dodson und Fogg«, sagte Herr Pickwick heftig, »aber Sie erhalten von mir keinen Heller Kosten oder Entschädigung, und wenn ich mein ganzes noch übriges Leben im Schuldturm zubringen müßte.« »Ha, ha!« meinte Dodson, »Sie werden sich noch vor dem nächsten Gerichtstag eines Besseren besinnen, Herr Pickwick.« »Hihihi«, grinste Fogg: »das wollen wir bald sehen, Herr Pickwick.« Sprachlos vor Entrüstung ließ sich Herr Pickwick von seinem Anwalt und seinen Freunden hinausführen und stieg in eine Mietkutsche, die der allzeit aufmerksame Sam Weller für diesen Zweck herbeigeholt hatte. Sam hatt den Tritt hinaufgeschlagen und wollte eben auf den Bock springen, als ihn jemand auf die Schulter klopfte. Er sah sich um, sein Vater stand vor ihm. Das Gesicht des alten Herrn trug den Ausdruck tiefer Betrübnis; er schüttelte ernsthaft sein Haupt und sagte im warnenden Tone: »Ich wußte wohl, was dabei herauskommen würde, wenn man die Sache so angreift. O Sammy, Sammy, warum habt ihr kein Alibi nachgewiesen?« Sechsunddreißigstes Kapitel. Worin es Herr Pickwick fürs beste hält, nach Bath zu gehen, was er auch ausführt. »Aber wahrhaftig, mein lieber Herr«, sagte der kleine Perker, als er am andern Morgen nach der Gerichtssitzung in Herrn Pickwicks Zimmer kam, – »es wird Ihnen doch wahrhaftig nicht Ernst sein, – wir wollen jetzt ohne Spaß und ohne Aufregung davon sprechen – Sie werden doch nicht im Ernst die Unkosten und die Entschädigung verweigern wollen?« »Nicht einen halben Penny bezahle ich«, sagte Herr Pickwick fest, »keinen halben Penny.« »Es geht nichts über feste Grundsätze, wie der Wucherer sagte, als er den Wechsel nicht prolongieren wollte«, bemerkte Herr Weller, der die Reste des Frühstücks abräumte. »Sam«, sagte Herr Pickwick, »sei so gut und geh hinunter.« »Sogleich, Sir«, erwiderte Herr Weller, und zog sich auf diesen freundlichen Wink zurück. »Nein, Perker«, fuhr Herr Pickwick mit großer Ernsthaftigkeit fort; »meine Freunde hier haben sich alle Mühe gegeben, mir diesen Entschluß auszureden; allein vergebens. Ich werde mich wie gewöhnlich beschäftigen; bis die Gegenpartei das Recht hat, zwangsweise Beitreibung gegen mich zu verlangen, und wenn sie niedrig genug denkt, sich derselben zu bedienen und mich verhaften zu lassen, so werde ich mich fröhlich und zufrieden darein geben. Wann können die Spitzbuben das tun?« »Wegen der Entschädigung und den Prozeßkosten, mein lieber Herr«, antwortete Perker, »können sie bei den nächsten Gerichtssitzungen, das heißt, gerade in zwei Monaten, Exekution verlangen.« »Sehr gut«, sagte Herr Pickwick. »Bis dahin, weiter Freund, lassen Sie mich nichts mehr von der Sache hören, und jetzt«, fuhr er fort, indem er sich mit vergnügtem Lächeln und funkelnden Augen, deren Glanz selbst durch die Brille nicht verdunkelt werden konnte, an seine Freunde wandte, »jetzt handelt es sich bloß darum: wohin begeben wir uns zunächst?« Herr Tupman und Herr Snodgraß waren von dem Heroismus ihres Freundes zu sehr hingerissen, als daß sie sogleich eine Antwort hätten finden können; Herr Winkle hatte sich noch nicht hinlänglich von der Erinnerung an seine Zeugenschaft erholt, um ein Wörtchen mitzusprechen, und so wartete Herr Pickwick vergebens auf Antwort. »Also schön«, sagte er endlich, »wenn Sie die Bestimmung mir überlassen wollen, so schlage ich Bath Alte malerische Stadt am Avon im südwestlichen England, im 18. Jahrhundert einen der beliebtesten Kurorte der vornehmen Welt. vor. So viel ich weiß, ist noch keiner von uns dort gewesen.« Es war wirklich so, und da Perker, der es für höchst wahrscheinlich hielt, daß Herr Pickwick nach einiger Luftveränderung und Zerstreuung sich eines Besseren besinnen und den Schuldturm in einem anderen Lichte betrachten werde, den Vorschlag eifrig unterstützte, so wurde die Reise einstimmig beschlossen und Sam sogleich nach dem Weißen Roß abgeschickt, um auf dem am nächsten Morgen um halb acht Uhr abgehenden Postwagen fünf Plätze zu bestellen. Es waren nur noch zwei Plätze innen und drei außen zu vergeben. Sam Weller nahm sie alle, und nachdem er mit dem Postkassierer wegen eines bleiernen halben Talers, den man ihm herausgeben wollte, einige Komplimente gewechselt, ging er nach dem Georg und Geier zurück, allwo er sich bis zum Schlafengehen eifrigst damit beschäftigte, die Kleider und Wäsche in den möglichst kleinen Raum zu zwängen, und sein ganzes mechanisches Genie aufbot, um durch allerhand sinnreiche Kunstgriffe die Koffer zu verschließen, die keine Schlösser hatten. Der nächste Morgen war höchst ungünstig für eine Reise – es herrschte trüber, dunstiger Nebel; auch regnete es. Die Pferde vor dem Postwagen, die gerade von der City herkamen, dampften so, daß die außen fahrenden Passagiere ganz unsichtbar waren. Die Zeitungsverkäufer sahen aus wie aus dem Wasser gezogen und rochen dunstig. Der Regen troff von den Hüten der Oangenverkäufer, wenn sie die Köpfe in die Kutschenfenster reckten und wässerte den Kutschenraum auf eine erfrischende Weise. Die Juden mit den fünfzigklingigen Federmessern steckten ihre Messer verzweifelt ein, und die Männer, die Taschenbücher feilboten, machten wirklich Taschen bücher daraus. Ebensowenig konnten die andern Händler ihre Uhrketten und Röstgabeln, ihre Bleistifthalter und Schwämme losschlagen. Als der Wagen anhielt, überließen Herr Pickwick und seine Freunde Sam Weller die Sorge, das Gepäck aus den Händen der sieben oder acht Träger zu retten, die wütend darüberherfielen, und da sie um zwanzig Minuten zu früh gekommen waren, suchten sie Schutz im Wartezimmer – dem letzten Zufluchtsort menschlichen Elends. Das Wartezimmer im Weißen Roß ist, wie es sich von selbst versteht, alles andere als behaglich: es wäre ja sonst kein Wartezimmer. Es ist die Stube rechter Hand; hat aber mehr Ähnlichkeit mit einer Küche, wo Schüreisen, Feuerzangen und Schaufeln unordentlich beieinander liegen. Zur Beförderung der Geselligkeit der Reisenden ist es in mehrere abgesonderte Verschlage geteilt und mit einer Glocke, einem Spiegel, sowie mit einem Kellner möbliert, welch letzterer Artikel sich an einem Wasserkübel befindet, um die Gläser zu spülen. In einem dieser Verschlage saß damals ein grimmig dreinblickender Mann von etwa fünfundvierzig Jahren, mit glänzend kahler Stirn, jedoch starkem schwarzen Haar an den Schläfen sowie auf dem Hinterkopf und einem großen schwarzen Backenbart. Er hatte seinen braunen Rock bis unter das Kinn zugeknöpft, trug eine große Reisemütze von Seehundsfell; ein Überrock nebst Mantel lag neben ihm auf dem Stuhl. Als Herr Pickwick eintrat, blickte er mit trotziger, gebieterischer Miene, die viel Würdevolles hatte, von seinem Frühstück auf, und nachdem er diesen Herrn samt seinen Gefährten so lange es ihm gefiel gemustert, summte er ein Liedchen in einer Art, die zu sagen schien, wer mit ihm anbinden wolle, dem werde er schon seinen Mann stellen. »Kellner«, rief der Herr mit dem Backenbart. »Sir«, erwiderte ein junger Mensch mit schmutzigem Gesicht und gleichem Handtuch, der aus der Ecke des Zimmers auftauchte. »Noch mehr geröstete Brotschnitten.« »Sogleich, Sir.« »Geröstete Brotschnitten mit Butter: verstehen Sie mich wohl«, sagte der Herr im barschen Ton. »Ganz recht, Sir«, erwiderte der Kellner. Der Herr mit dem Backenbart summte sein Liedchen auf dieselbe Art wie vorhin, näherte sich sodann in Erwartung der Brotschnitten dem Kamin, nahm seine Rockschöße unter den Arm, blickte auf seine Stiefel nieder und schien in tiefes Nachdenken zu versinken. »Ich bin doch begierig, wo unsere Kutsche in Bath anhält«, sagte Herr Pickwick in freundlichem Ton zu Herrn Winkle. »He – wie – was ist das?« fiel der Fremde ein. »Sir«, erwiderte Herr Pickwick, stets bereit, auf eine Unterhaltung einzugehen, »ich sagte zu meinem Freunde, ich wolle doch sehen, wo die Kutsche in Bath anhält. Vielleicht können Sie mir Auskunft geben?« »Reisen Sie nach Bath?« fragte der Fremde. »Ja, Sir«, antwortete Herr Pickwick. »Und die andern Herren?« »Sie reisen auch mit.« »Aber doch nicht im Wagen drinnen – ich will verdammt sein, wenn sie im Wagen fahren«, sagte der Fremde. »Wir alle allerdings nicht«, sagte Herr Pickwick. »Nein, Sie alle gewiß nicht«, versetzte der Fremde mit Nachdruck. »Ich habe zwei Plätze genommen. Wenn man sechs Leute in diesen verwünschten Kasten hineinzwängen will, der nur für vier Raum hat, so nehme ich Extrapost und klage. Ich habe mein Reisegeld bezahlt und dabei dem Sekretär ausdrücklich gesagt, daß dies ein für allemal nicht angeht. Ich weiß, daß diese Burschen es häufig so machen. Ich weiß, daß sie sich's alle Tage herausnehmen: aber bei mir sollen sie schon ein Haar darin finden. Wer mich kennt, weiß, daß ich mir nicht im Bart kratzen lasse. Zum Donnerwetter, ja!« Hier klingelte der wilde Herr mit großer Heftigkeit und schnauzte den Kellner an, er solle die gerösteten Brotschnitten binnen fünf Sekunden bringen oder er wolle ihn Mores lehren. »Mein lieber Herr«, sagte Herr Pickwick, »erlauben Sie mir. Ihnen zu bemerken, daß Sie sich ganz unnötigerweise so ereifern. Ich habe nur zwei Plätze innen genommen.« »Das freut mich«, sagte der bärbeißige Mann: »ich nehme meine Ausdrücke zurück. Ich bitte um Entschuldigung. Hier ist meine Karte. Schenken Sie mir Ihre Bekanntschaft.« »Mit größtem Vergnügen, Sir«, erwiderte Herr Pickwick. »Wir werden Reisegefährten sein und, wie ich hoffe, gegenseitig unsere Gesellschaft angenehm finden.« »Das hoffe ich auch«, sagte der wilde Herr. »Ja, ich weiß es schon im voraus. Sie gefallen mir. Meine Herren, reichen wir uns die Hände, und sagen wir uns gegenseitig die Namen, kernen Sie mich kennen.« Auf diese entgegenzukommende Aufforderung fanden natürlicherweise freundschaftliche Begrüßungen statt, und der grimmige Herr benachrichtigte die Freunde in denselben kurz abgebrochenen und abgestoßenen Sätzen wie zuvor, sein Name sei Dowler, er reise zu seinem Vergnügen nach Bath, habe früher in der Armee gedient aber seinen Abschied genommen, lebe jetzt standesgemäß von seinen Renten, und der zweite Platz, den er bestellt, sei für keine geringere Person bestellt, als für Frau Dowler, seine edle Gemahlin. »Sie ist eine schöne Frau«, fügte Herr Dowler hinzu. »Ich bin stolz auf sie. Ich habe Ursache.« »Ich hoffe, ich werde das Vergnügen haben, mich selbst davon zu überzeugen«, sagte Herr Pickwick lächelnd. »Das sollen Sie auch«, erwiderte Dowler. »Sie soll Ihre Bekanntschaft machen – sie wird Sie hochachten. Ich bewarb mich um sie unter seltsamen Umständen. Ich gewann sie durch ein übereiltes Gelübde. Die Sache war so. Ich sah sie; ich liebte sie; ich erklärte mich; sie gab mir einen Korb. – ›Lieben Sie einen andern?‹ – ›Ersparen Sie mir ein Erröten!‹ – ›Ich kenne ihn.‹ – ›Das weiß ich!‹ – ›Schon gut: wenn er hier bleibt, so werde ich ihn zu Frikassee verarbeiten.‹« »Gott steh mir bei«, rief Herr Pickwick unwillkürlich aus. »Und haben Sie den Herrn wirklich zu Frikassee verarbeitet, Sir?« fragte Herr Winkle mit sehr blassem Gesicht. »Ich schrieb ihm ein Billett. Ich sagte, es sei eine fatale Sache. Und das war es auch.« »Will's wohl glauben«, meinte Herr Winkle. »Ich sagte, ich habe mein Wort als Gentleman verpfändet, ihn zu Frikassee zu verarbeiten. Meine Ehre stehe auf dem Spiel, ich hatte keine Wahl mehr. Als Offizier in den Diensten Seiner Majestät müsse ich es tun. Ich bedaure die Notwendigkeit, allein es lasse sich nicht mehr ändern. Er war empfänglich für Vernunftgründe. Er sah ein, daß man den Gesetzen des Dienstes den Gehorsam nicht verweigern dürfe. Er floh. Ich heiratete sie. Hier kommt die Kutsche. Da sieht sie eben heraus.« Herr Dowler zeigte nach dem offenen Fenster des soeben angekommenen Postwagens, aus dem ein recht hübsches Gesichtchen unter einer hellblauen Haube auf die im Hofe stehende Gruppe herausschaute, höchst wahrscheinlich den grimmigen Mann suchend. Herr Dowler bezahlte seine Rechnung und eilte mit seiner Reisekappe, seinem Stock und Mantel hinaus: Herr Pickwick und seine Freunde folgten ihm, um sich ihrer Plätze zu versichern. Herr Tupman und Herr Snodgraß stiegen hinten hinauf, Herr Winkle war in den Wagen selbst gestiegen, und Herr Pickwick war im Begriff, ihm zu folgen, als Sam Weller zu seinem Herrn trat und ihm mit äußerst geheimnisvoller Miene zuflüsterte, er habe ihm etwas zu sagen. »Nun, Sam«, meinte Herr Pickwick, »was gibt's denn?« »Eine schöne Geschichte, Sir«, antwortete Sam. »Und was denn?« fragte Herr Pickwick. »Ich fürchte sehr«, antwortete Sam, »daß der Eigentümer dieser Kutsche uns einen schnöden Streich gespielt hat.« »Wieso, Sam?« fragte Herr Pickwick; »sind etwa die Namen nicht in die Karte eingetragen?« »O freilich, Sir«, erwiderte Sam, »sie sind nicht nur in die Karte eingetragen, sondern einer davon ist sogar auf die Kutschentür gemalt.« Mit diesen Worten deutete Sam auf den Teil der Tür, wo gewöhnlich der Name des Eigentümers« steht, und wirklich war hier in stattlichen vergoldeten Buchstaben der englische Name Pickwick zu lesen. »Seltsam«, rief Herr Pickwick, verblüfft über dies Zusammentreffen! »wahrhaftig sehr seltsam.« »Das ist noch nicht alles«, sagte Sam, indem er die Aufmerksamkeit seines Herrn von neuem auf die Kutschentür lenkte: »sie haben nicht nur Pickwick daraufgeschrieben, sondern auch noch Moses davor gesetzt, und das nenne ich eine Verhöhnung neben der Beleidigung, wie der Papagei sagte, als man ihn nicht nur aus seinem Vaterland entführte, sondern später auch noch zwang, englisch zu lernen.« »Es ist wirklich höchst auffallend, Sam«, sagte Herr Pickwick, »aber wenn wir noch lange da stehenbleiben und schwatzen, so werden wir unsere Plätze verlieren.« »Aber, aber, wollen Sie denn gar nichts dagegen tun, Sir?« rief Sam, höchst verwundert über die Kaltblütigkeit, mit der Herr Pickwick sich anschickte, einzusteigen. »Was soll ich denn tun?« sagte Herr Pickwick: »was soll ich denn tun?« »Soll denn niemand für diese Frechheit gestraft werden, Sir?« sagte Herr Weller, der zum mindesten den Auftrag erwartet hatte, den Schaffner und den Kutscher zu einem Faustkampf an Ort und Stelle herauszufordern. »Nein, nein«, erwiderte Herr Pickwick eifrig: »unter gar keinen Umständen. Steige jetzt auf deinen Platz.« »Ich fürchte beinahe«, murmelte Sam, als er sich abwandte, »ich fürchte beinahe, mit meinem Herrn ist es nicht ganz richtig, sonst wäre er nicht so ruhig geblieben. Der Prozeß wird ihm doch hoffentlich nicht seine Courage genommen haben; doch es sieht schlimm aus, sehr schlimm.« Herr Weller schüttelte bedenklich den Kopf. Wie sehr er sich die Sache zu Herzen nahm, wird daraus klar, daß er kein Wort mehr sprach, bis die Kutsche am Kensingtoner Schlagbaum anhielt; es war ihm vielleicht in seinem ganzen Leben noch nie vorgekommen, daß er so lange geschwiegen hatte. Sonst trug sich während der Reise nichts von besonderem Belang zu. Herr Dowler erzählte eine Menge Anekdoten, die sämtlich seinen Mut und seine Tollkühnheit zum Thema hatten, und appellierte dabei an seine Gemahlin, die sie bestätigte und als Anhang jedesmal noch irgendeinen merkwürdigen Umstand hinzufügte, den Herr Dowler vergessen oder vielleicht auch aus Bescheidenheit übergangen hatte. Sämtliche Zusätze liefen nämlich darauf hinaus, zu beweisen, daß Herr Dowler noch ein viel wundervollerer Mann sei, als er sich selbst gab. Herr Pickwick und Herr Winkle hörten mit großer Bewunderung zu und unterhielten sich zuweilen mit Frau Dowler, die eine sehr angenehme und bezaubernde Dame war. So schwand zwischen den Geschichten des Herrn Dowler, den Reizen seiner Gemahlin, der guten Laune des Herrn Pickwick und dem trefflichen Hörtalent des Herrn Winkle der Gesellschaft im Wagen ihre Zeit aufs angenehmste dahin. Mit den äußeren Passagieren ging es wie gewöhnlich. Sie waren beim Anfang jeder Station sehr lustig und gesprächig, in der Mitte langweilig und schläfrig und gegen das Ende wieder sehr aufgeräumt und munter. Ein in einen Gummimantel gekleideter junger Herr rauchte den ganzen Tag Zigarren, ein anderer junger Herr in einer Parodie auf einen großen Mantel zündete gleichfalls eine Menge Giftnudeln an, fühlte sich aber nach dem zweiten Zuge unwohl und warf sie wieder weg, wenn er von niemand gesehen zu werden glaubte. Ein Dritter kramte seine Kenntnisse in der Viehzucht aus, und ein alter Mann, der hinten saß, gab seine landwirtschaftlichen Erfahrungen zum besten. Auf jeder Station stiegen Reisende ab und kamen andere hinzu, zum Teil in Bauernkitteln, die als blinde Passagiere bei dem Schaffner aufsaßen und sich rühmen konnten, jedes Pferd und jeden Hausknecht auf dieser Straße zu kennen. Dabei machten sie zugleich ihre Bemerkungen über das Mittagessen und meinten, es wäre nicht um eine halbe Krone zu teuer gewesen, wenn man Zeit gehabt hätte, es aufzuessen. Endlich um sieben Uhr abends langten Herr Pickwick und seine Freunde, sowie Herr Dowler und seine Gemahlin in Bath an und stiegen im Hotel Zum weißen Hirsch, dem großen Brunnensaal gegenüber, ab. Dort könnte man die Kellner wegen ihrer Tracht leicht mit jungen Gymnasiasten aus Westminster verwechseln, wenn die Illusion nicht sogleich dadurch gestört würde, daß erstere sich weit besser zu benehmen wissen. Am folgenden Morgen war das Frühstück kaum abgetragen, als ein Kellner eine Karte von Herrn Dowler brachte, der um Erlaubnis bat, einen Freund vorstellen zu dürfen. Gleich darauf traten die beiden Herren ein. Der Freund war ein sehr einnehmender junger Mann von nicht viel mehr als fünfzig Jahren und trug einen sehr glänzenden blauen Rock mit funkelnden Knöpfen, schwarze Beinkleider und möglichst feine, blank geputzte Stiefel. Eine goldene Lorgnette hing an einem breiten schwarzen Bande an seiner Brust; in der linken Hand trug er nachlässig eine goldene Tabaksdose, an seinen Fingern glänzten zahllose goldene Ringe, und über seinem Busenstreif strahlte eine in Gold gefaßte Diamantnadel. Außerdem trug er eine goldene Uhr an einer goldenen Kette mit großen goldenen Petschaften, und in der Hand hatte er einen feinen Stock von Ebenholz mit einem schweren goldenen Knopf. Seine Wäsche war so weiß, so fein und so glatt, wie man sich nur denken kann; seine Perücke ungemein glänzend, schwarz und lockig. Sein Schnupftabak war Prinzenmischung, sein Duft Bouquet du Roi. Seine Züge umschwebte ein beständiges Lächeln, und seine Zähne hatte er in so vortrefflicher Ordnung erhalten, daß es in einiger Entfernung schwer war, die natürlichen von den falschen zu unterscheiden. »Herr Pickwick«, sagte Dowler, »mein Freund Angelo Cyrus Bantam, Esquire, Kurdirektor Bantam – Herr Pickwick. Lernen Sie einander kennen.« »Willkommen in Ba-ath, Sir. – In der Tat eine herrliche Errungenschaft, dieses Ba-ath. Herzlich willkommen in Ba-ath, Sir. Es ist lange her – sehr lange, Herr Pickwick, daß Sie den Brunnen nicht getrunken haben. Es deucht mir, eine Ewigkeit zu sein, Herr Pickwick. Me-erkwürdig!« So sprechend ergriff Angelo Cyrus Bantam, Esquire, Herrn Pickwicks Hand, hielt sie in der seinen fest und zuckte unter beständigen Verbeugungen die Achseln, als ob er wirklich nicht imstande wäre, sie wieder loszulassen. »Es muß allerdings schon sehr lange her sein, daß ich den Brunnen nicht getrunken habe«, antwortete Herr Pickwick, »denn meines Wissens war ich noch nie hier.« »Noch nie in Ba-ath, Herr Pickwick?« rief der Kurdirektor aus und ließ voll Erstaunen dessen Hand fahren. »Noch nie in Ba-ath? Hihi! Herr Pickwick, Sie sind ein Spaßvogel. Nicht übel, nicht übel. Gut, gut. Hihihi! Me-erkwürdig!« »Ich muß zu meiner Schande bekennen, daß es mir vollkommen Ernst ist«, versetzte Herr Pickwick. »Ich bin wirklich noch nie dagewesen.« »O, ich weiß wohl«, rief der Kurdirektor äußerst vergnügt: »ja, ja – gut, ganz gut – besser und immer besser. Sie sind der Herr, von dem wir gehört haben. Ja, wir kennen Sie, Herr Pickwick, wir kennen Sie.« »Diese verwünschten Zeitungsberichte über meinen Prozeß!« dachte Herr Pickwick. »Sie wissen alles von mir.« »Sie sind der Herr, der in Clapham Green wohnt und den Gebrauch seiner Glieder dadurch verlor, daß er sich erkältete, nachdem er Portwein getrunken – der sich wegen heftiger Schmerzen nicht rühren konnte, und dem man das Wasser vom Königsbad hundertunddrei Grad stark nach London auf sein Zimmer schickte, wo er badete, nieste und an demselben Tage wieder genas. Äußerst me-erkwürdig!« Herr Pickwick erkannte das in dieser Annahme liegende Kompliment an, besaß jedoch Selbstverleugnung genug, es gleichwohl abzulehnen, und benutzte ein augenblickliches Stillschweigen des Herrn Bantam, um ihm seine Freunde, die Herren Tupman, Winkle und Snodgraß vorzustellen. Natürlich war der Kurdirektor ganz überwältigt von Entzücken und Ehre. »Bantam«, sagte Herr Dowler: »Herr Pickwick und seine Freunde sind Fremde. Sie müssen ihre Namen einschreiben. Wo ist das Buch?« »Das Verzeichnis der ausgezeichneten Gäste in Ba-ath wird um zwei Uhr im Brunnensaal aufliegen«, erwiderte der Kurdirektor. »Wollen Sie vielleicht unsre Freunde in dieses Prachtgebäude führen und mich in den Stand setzen, ihre persönlichen Namensunterschriften zu bekommen?« »Sehr gern«, versetzte Dowler. »Das ist übrigens ein langer Besuch. Es ist Zeit, daß wir gehen: ich werde in einer Stunde wieder hier sein. Kommen Sie!« »Es ist heute abend Ball«, sagte der Kurdirektor und ergriff zum Abschiede Herrn Pickwicks Hand abermals. »Die Ballabende in Ba-ath sind paradiesische Momente, zauberhaft durch Musik, Schönheit, Eleganz, guten Ton, Etikette – und – und – durch die Abwesenheit aller Handels- und Gewerbsleute, die sich mit dem Begriff eines Paradieses durchaus nie vereinigen lassen und alle vierzehn Tage in Guildhall als gleich zu gleich sich gern gesellen, was zum mindesten merkwürdig ist. Adieu indessen!« Und nachdem er die ganze Treppe hinab beteuerte, er sei unendlich befriedigt, entzückt, überwältigt und geschmeichelt, stieg Angelo Cyrus Bantam, Esquire und Kurdirektor, in einen sehr eleganten Wagen, der ihn vor der Tür erwartete, und rasselte davon. Zur bestimmten Stunde begaben sich Herr Pickwick und seine Freunde von Dowler begleitet nach dem Brunnensaal und schrieben ihre Namen in das Fremdenbuch ein – ein Beweis von Herablassung, wodurch sich Angelo Bantam noch mehr überwältigt fühlte als zuvor. Die ganze Gesellschaft sollte Einlaßkarten zur Abend- Reunion haben; allein, da sie noch nicht fertig waren, so erklärte Herr Pickwick trotz aller Gegenvorstellungen Angelo Bantams, er werde um vier Uhr seinen Sam nach der Wohnung des Kurdirektors in Queensquare schicken, um sie abzuholen. Nachdem sie sofort einen kurzen Spaziergang durch die Stadt gemacht und einstimmig erklärt hatten, die Parkstraße habe sehr große Ähnlichkeit mit jenen senkrechten Straßen, die man in Träumen sieht und um alles in der Welt nicht hinaufgehen kann, kehrten sie in den Weißen Hirsch zurück, und Sam wurde mit dem eben erwähnten Auftrag fortgeschickt. Sam Weller setzte seinen Hut sehr leicht und graziös auf den Kopf, steckte die Hände in die Seitentaschen und schritt mit gutem Bedacht nach Queensquare, indem er unterwegs etliche der beliebtesten Lieder des Tags, wie sie mit ganz neuen Variationen für das edle Instrument, Leierkasten genannt, komponiert wurden, vor sich hin pfiff. Vor der ihm bezeichneten Nummer in Queensquare angelangt, hörte er auf zu pfeifen und klopfte munter ans Haus, das sogleich von einem bepuderten Portier in prachtvoller Livree und von ebenmäßigem Körperbau geöffnet wurde. »Wohnt hier Herr Bantam, Kollege?« fragte Sam Weller, nicht im mindesten eingeschüchtert durch den Strahlenglanz, den die Person des gepuderten Lakaien mit der prachtvollen Livree um sich verbreitete. »Warum, junger Mann?« war die stolze Gegenfrage des Gepuderten. »Weil Sie, wenn es sich so verhält, mit dieser Karte zu ihm gehen und ihm sagen sollen, Herr Weller sei da. Ist's gefällig?« sagte Sam, trat dabei höchst kaltblütig in die Hausflur und setzte sich nieder. Der gepuderte Lakai schlug die Tür heftig zu und schnitt ein grimmiges Gesicht; allein diese beiden Demonstrationen verfehlten ihren Eindruck auf Sam, der mit allen äußern Zeichen kritischer Billigung einen Mahagonischrank betrachtete. Offenbar hatte die Art, wie sein Herr die Karte aufgenommen, den Gepuderten günstiger für Sam gestimmt; denn er kehrte freundlich lächelnd zurück und sagte, die Antwort werde sogleich folgen. »Schon gut«, erwiderte Sam. »Sagen Sie dem alten Herrn, er brauche sich nicht zu eilen. Es hat keine große Eile, Herr Sechsfuß. Ich habe bereits zu Mittag gespeist.« »Sie speisen also früh, Sir?« bemerkte der Gepuderte. »Ich finde, daß mir dann das Abendessen besser schmeckt«, erwiderte Sam. »Sind Sie schon lange in Bath, Sir?« fragte der Gepuderte. »Ich habe noch nie das Vergnügen gehabt, von Ihnen zu hören.« »Ich habe bisher noch kein großes Aufsehen hier gemacht«, erwiderte Sam, »denn ich und die anderen Herren sind erst heute abend angekommen.« »Ein schöner Ort, Sir«, meinte der Gepuderte. »Scheint so«, bemerkte Sam. »Eine angenehme Gesellschaft, Sir«, fuhr der Portier fort. »Sehr artige Dienerschaften, Sir.« »Das will ich meinen«, erwiderte Sam. »Freundliche, nicht eingebildete Leute, die nicht viel Federlesens machen.« »Ja, das ist wahr, Sir«; sagte der gepuderte Lakai, der Sams Bemerkung offenbar für ein großes Kompliment hielt. »Das ist wahr. Belieben Sie ein Prischen, Sir?« fügte er hinzu, indem er ihm eine kleine Schnupftabaksdose mit einem Fuchskopf auf dem Deckel hinbot. »Ich muß zu sehr niesen«, erwiderte Sam. »Ja, Sir«, sagte der lange Portier, »das Schnupfen ist allerdings schwer; doch nach und nach geht es schon. Am besten lernt man es am Kaffee. Ich habe lange Kaffe geschnupft, Sir. Er sieht ganz aus, wie der Rappee Eine seinerzeit beliebte Schnupftabakmarke. .« Hier versetzte ein scharfes Klingeln den gepuderten Lakaien in die schmähliche Notwendigkeit, den Fuchskopf wieder einzustecken und mit unterwürfiger Miene in Herrn Bantams »Studierzimmer« zu eilen. Beiläufig gesagt, wir haben nicht leicht einen Mann gekannt, der lesen oder schreiben konnte, und nicht irgendein kleines Hinterzimmer in seinem Hause sein Studierzimmer genannt hätte. »Hier ist die Antwort, Sir«, sagte der Gepuderte. »Ich fürchte fast, sie ist ihrer Größe wegen etwas unbequem.« »Hat nichts zu sagen«, erwiderte Sam, einen Brief in einem kleinen Kuvert in Empfang nehmend. »Möglich, daß meine erschöpfte Natur das noch tragen kann.« »Ich hoffe, wir werden uns wiedersehen, Sir«, sagte der Gepuderte, indem er sich die Hände rieb und Sam bis an die Tür begleitete. »Sie sind gar zu gütig, Sir«, erwiderte Sam. »Strengen Sie sich nur nicht über Ihre Kräfte an. Bedenken Sie, was Sie der menschlichen Gesellschaft schuldig sind, und schaden Sie sich nicht durch zu vieles Arbeiten. Um Ihrer Mitgeschöpfe willen halten Sie sich so ruhig wie möglich, und überlegen Sie wohl, wie schmerzlich man Ihren Verlust empfinden würde.« Mit diesen pathetischen Worten entfernte sich Sam wieder. »Ein höchst sonderbarer junger Mensch«, meinte der bepuderte Lakai, Herrn Weller mit einer Miene nachblickend, in der deutlich geschrieben stand, daß er aus ihm nicht klug werden konnte. Sam seinerseits sprach nichts mehr. Er blinzelte, schüttelte den Kopf, lächelte, blinzelte abermals und lief lustig seines Wegs dahin, mit einem Ausdruck auf seinem Gesicht, das nicht daran zweifeln ließ, daß ihm irgend etwas großes Vergnügen machen müsse. Präzis zwanzig Minuten vor acht Uhr am selben Abend sprang Angelo Cyrus Bantam, Esquire, der Kurdirektor, vor dem Kurhaus aus seinem Wagen mit derselben Perücke, denselben Zähnen, derselben Uhr nebst Petschaft, denselben Ringen, derselben Busennadel und demselben Stocke. Die einzigen bemerkbaren Veränderungen in seinem Aufzuge bestanden darin, daß er einen noch glänzenderen blauen Frack mit weißseidenem Futter, enge, schwarze Beinkleider, schwarze seidene Strümpfe, Tanzschuhe und eine weiße Weste trug, und dabei womöglich noch etwas süßer duftete. So geschmückt, begab sich der Kurdirektor zur pünktlichen Erfüllung der wichtigen Obliegenheiten seines hochwichtigen Amtes in die Gemächer, um die Gesellschaft zu empfangen. Da Bath sehr besucht war, so strömten sowohl Gäste wie Fünfpfennig-Kavaliere zum Tee in Massen herein. Im Ballsaal, in dem achteckigen Spielzimmer, in dem langen Spielzimmer, auf den Treppen und in den Gängen, überall herrschte Gedränge und verworrenes Summen, so daß man kaum sein eigen Wort hörte. Kleider rauschten, Federn schwankten, Kerzen leuchteten und Juwelen funkelten. Musik ertönte – nicht die Tanzmusik, die noch nicht begonnen hatte, sondern die Musik zarter und sanfter Fußtritte, und dann und wann jenes leise Kichern und Flüstern weiblicher Stimmen, das so angenehm für das Ohr ist – in Bath, wie überall. Von allen Seiten glänzten und funkelten strahlende Augen voll wonniger Erwartung. Wohin man blickte, schwebte eine herrliche Gestalt anmutvoll durch das Gedränge, und war kaum verschwunden, als eine andere, ebenso schöne und bezaubernde an ihre Stelle trat. Im Teezimmer und an den Kartentischen erblickte man eine große Anzahl wunderlich ausstaffierter alter Damen und abgelebter alter Herren, die all das abgeschmackte Tagesgeschwätz und Geklatsch mit sichtbarer Freude und Vergnügen abhandelten. Unter diesen Gruppen befanden sich drei oder vier Ballmütter, die ihre Töchter gern unter die Haube gebracht hatten und in die Unterhaltung, an der sie teilnahmen, ganz vertieft zu sein schienen, dabei aber nicht ermangelten, von Zeit zu Zeit ihren lieben Kinderchen besorgte Seitenblicke zuzuwerfen. Diese, der mütterlichen Ermahnungen, ihre Blütezeit zu benutzen, eingedenk, hatten bereits ihre kleinen Koketterien begonnen, indem sie absichtlich verlegte Halstücher suchten, Handschuhe anzogen, Tassen auf den Tisch stellten usw.; dem ersten Anschein nach unbedeutende Dinge, mit denen man aber bei einiger Übung und Erfahrung erstaunlich viel erreichen kann. An den Türen und den entfernten Winkeln trieben sich größere oder kleinere Haufen alberner junger Herren herum, naseweise Zierbengel, die durch kindisches Benehmen und Abgeschmacktheiten allen verständigen Leuten zum Gespött wurden. Sie fühlten sich überglücklich in dem Gedanken, Gegenstände der allgemeinen Bewunderung zu sein – eine weise, barmherzige Fügung Gottes, worüber kein gutgesinnter Mensch klagen kann. Auf einigen der hintern Bänke endlich hatte eine Anzahl unverheirateter Damen, die ihr gefährliches Alter bereits hinter sich hatten, ihre Plätze für den Abend eingenommen. Sie tanzten nicht, weil sich keine Tänzer für sie fanden, spielten auch nicht Karten, um nicht unrettbar ledig zu bleiben. Daher befanden sie sich in der günstigen Lage, über jedermann schimpfen zu können, ohne an sich selbst zu denken, – wir sagen: über jedermann, denn es war alles da, und alles war Fröhlichkeit, Glanz und Pracht, lauter elegant gekleidete Herren und Damen, prachtvolle Spiegel, glänzende Fußböden, duftende Blumenkränze, strahlende Wachskerzen. Überall aber hüpfte in stiller Freundlichkeit von Ort zu Ort, bald vor dieser Gesellschaft demütig sich verbeugend, bald jener vertraulich zuwinkend und alle wohlgefällig anlächelnd, die zierlich geschniegelte Person des Kurdirektors Angelo Cyrus Esquire umher. »Kommen Sie in das Teezimmer. Trinken Sie für Ihre sechs Pence. Man gießt siedendes Wasser auf und nennt es Tee. Trinken Sie«, sagte Herr Dowler mit lauter Stimme zu Herrn Pickwick, der mit Frau Dowler am Arm der kleinen Gesellschaft voranging. Herr Pickwick verfügte sich in das Teezimmer, und als Herr Vantam, Esquire umher.[** hier fehlt etwas**] zieher durch das Gedränge und bewillkommte ihn mit Begeisterung. »Mein teurer Herr, ich fühle mich unendlich geehrt. Ba-ath darf sich glücklich schätzen. Madame Dowler, Sie verschönern diese Räume. Ich gratuliere Ihnen zu Ihren Federn. Fa-belhaft.« »Sind Herrschaften hier?« fragte Dowler zweifelhaft. »Herrschaften! – Die Elite von Ba-ath! Herr Pickwick, sehen Sie die Dame dort mit dem Gazeturban.« »Die dicke alte Frau?« fragte Herr Pickwick unschuldig. »Pst, mein teurer Herr – in Ba-ath ist niemand dick oder alt. Es ist die verwitwete Lady Snuphanuph.« »Wirklich?« fragte Herr Pickwick. »Wie ich Ihnen sage, keine geringere Person«, entgegnete der Kurdirektor. »Kommen Sie doch näher, Herr Pickwick. Sie sehen wohl den prachtvoll gekleideten jungen Herrn dort?« »Den mit den langen Haaren und der auffallend niedrigen Stirne?« fragte Herr Pickwick. »Ja; das ist gegenwärtig der reichste junge Mann in Ba-ath, der junge Lord Mutanhed.« »Donnerwetter!« sagte Herr Pickwick. »Sie werden ihn sogleich sprechen hören, Herr Pickwick. Er wird sich mit mir unterhalten. Der andere Herr bei ihm mit der roten Weste und dem dunklen Backenbart ist der ehrenwerte Herr Crushton, sein Busenfreund. Wie befinden Sie sich, Mylord?« »Sehw heiß hiew, Bantam«, bemerkte seine Lordschaft, die beim Aussprechen des ›R‹ einige Schwierigkeiten fand. »Es ist allerdings sehr warm, Mylord«, bemerkte der Kurdirektor. »Verteufelt heiß«, bekräftigte der ehrenwerte Herr Crushton. »Haben Sie den Postwagen Seiner Herrlichkeit schon gesehen, Bantam?« fragte er nach einer kurzen Pause, während der der junge Lord Mutanhed Herrn Pickwick durch vornehm stolzes Mustern aus der Fassung zu bringen versuchte und Herr Crushton sich besonnen hatte, über welchen Gegenstand Seine Herrlichkeit wohl am besten sprechen könne. »Nein, noch nicht«, antwortete der Kurdirektor. »Ein Postwagen? Welch ein herrlicher Einfall! Me-erkwürdig!« »Gütigew Gott«, sagte Seine Lordschaft, »ich dachte, jedewmann müsse den neuen Postkawwen schon gesehen haben; es ist das netteste, ziemlichste, awtigste Ding, was je auf Wädewn gelaufen ist, woth angemalt und mit einem isabellfawbigen Schecken davow.« »Und mit einem wirklichen Briefkasten, alles ganz vollständig«, setzte der ehrenwerte Herr Crushton hinzu. »Und einem kleinen Nowsitz mit eisewnew Lehne füw den Kutschew«, ergänzte Seine Lordschaft. »Ich fuhw gestewn Mowgen damit in einem Kawmoisinwock nach Bwistol und ließ zwei Dienew eine Viewtelstunde hinten nachweiten; und da waw es zu schön, wie die Leute aus den Häusewn stüwzten und mich anhielten und fwagten, ob ich nichts füw sie hätte. Das waw ein Hauptspaß.« Bei dieser Anekdote lachte Seine Lordschaft recht herzlich und die Zuhörer natürlich auch. Sodann schob er seinen Arm durch den des dienstfertigen Herrn Crushton und entfernte sich. »Ein entzückender junger Mann, dieser Lord«, sagte der Kurdirektor. »Es scheint so«, bemerkte Herr Pickwick trocken. Nachdem alle nötigen Einleitungen und Anordnungen zum Tanze getroffen waren und derselbe seinen Anfang genommen hatte, suchte Angelo Bantam Herrn Pickwick wieder auf und führte ihn ins Spielzimmer. Eben als sie eintraten, umschwebten die verwitwete Lady Snuphanuph und zwei andere Damen von antikem, whistlustigem Aussehen einen unbesetzten Spieltisch. Kaum erblickten sie Herrn Pickwick in Begleitung des Herrn Angelo Bantam, so wechselten sie bedeutsame Blicke mit einander, in denen klar und unverkennbar lag, das sei gerade der Mann, dessen sie bedürften, um ein Spielchen zu machen. »Mein lieber Bantam«, sagte die verwitwete Lady Snuphanuph in schmeichelnder Weise, »tun Sie uns doch den Gefallen und suchen Sie uns einen passenden Mitspieler.« Da Herr Pickwick in diesem Augenblick zufällig nach einer andern Seite sah, so winkte Ihre Herrlichkeit mit dem Kopf nach ihm und runzelte ausdrucksvoll die Stirne. »Mylady«, sagte der Kurdirektor, der den Wink verstand, »mein Freund, Herr Pickwick, wird sich unendlich glücklich schätzen. Herr Pickwick – Lady Snuphanuph – Frau Oberst Wugsby – Fräulein Bolo.« Herr Pickwick verbeugte sich vor jeder der drei Damen, und da er einsah, daß hier kein Entrinnen war, so ergab er sich in sein Schicksal. Herr Pickwick und Fräulein Bolo spielten gegen Lady Snuphanuph und die Frau Oberst Wugsby. Eben als die zweite Partie begann und der Trumpf schon auflag, rannten zwei junge Damen ins Zimmer und stellten sich von beiden Seiten neben dem Stuhl der Frau Oberst Wugsby auf, wo sie geduldig warteten, bis das Spiel vorüber war. »Nun, Jane«, sagte die Frau Oberst, sich gegen eines der Mädchen wendend, »was gibt's?« »Ich möchte Sie nur fragen, Mama, ob ich mit dem jüngsten Herrn Crawlei tanzen darf«, flüsterte die hübschere und jüngere der beiden Töchter. »Um Gottes Willen, Jane, wie kannst du an so etwas denken?« erwiderte die Mutter entrüstet. »Hast du nicht schon oft genug gehört, daß sein Vater bloß achthundert Pfund jährlich besitzt, die mit seinem Tode wegfallen? Ich muß mich für dich in die Seele hinein schämen. Nein, um keinen Preis.« »Mama«, flüsterte die andere, die viel älter als ihre Schwester und dabei unendlich einfältig und affektiert war, »Lord Mutanhed ist mir vorgestellt worden. Ich habe gesagt, ich sei, glaube ich, nicht engagiert, Mama.« »Du bist mein liebes Kind«, erwiderte die Frau Oberst, mit dem Fächer auf die Wange der Tochter klopfend; »auf dich kann ich mich immer verlassen. Er ist unermeßlich reich, meine Liebe. Gott segne dich.« Mit diesen Worten küßte sie ihre älteste Tochter aufs zärtlichste, runzelte gegen die andere warnend die Stirn und mischte die Karten. Der arme Herr Pickwick! Er hatte noch nie mit drei ausgelernten Whistspielerinnen gespielt. Sie waren so verzweifelt aufmerksam, daß ihm angst und bang wurde. Spielte er eine falsche Karte aus, so drohte ihm ein ganzes Arsenal von Dolchen aus den Augen der Miß Bolo; besann er sich einen Augenblick, so warf sich Lady Snuphanuph in ihren Stuhl zurück und lächelte mit einem teils ungeduldigen, teils mitleidigen Blick der Frau Oberst Wugsby zu, worauf Frau Oberst Wugsby die Achseln zuckte und hustete, als wollte sie sagen, es werde sie doch wundern, wann er endlich beginne. Nach jedem Spiel fragte Miß Bolo mit verdrießlichem Gesicht und vorwurfsvollem Seufzer, warum Herr Pickwick nicht Karo nachgespielt, oder Kreuz angespielt, oder Pik gestochen, oder Herz gebracht, oder das Aß herausgeholt, oder auf den König gespielt habe, oder sonst etwas Ähnliches. Auf alle diese schweren Vorwürfe wußte Herr Pickwick schlechterdings keine Rechtfertigung vorzubringen, weil er inzwischen das ganze Spiel vergessen hatte. Überdies störte es ihn, daß alle Augenblicke Leute kamen und zusahen. Hauptsächlich aber brachte ihn Angelo Bantam aus dem Konzept, der ganz in der Nähe mit den beiden Fräulein Matinter plauderte, die sitzengeblieben waren und deshalb dem Kurdirektor große Aufmerksamkeit schenkten, um durch seine Vermittlung wenigstens hier und da einen übrig gebliebenen Tänzer zu bekommen. All das, verbünden mit dem Lärm der Musik und den vielen andern Unterbrechungen durch das beständige Auf- und Abgehen von Zuschauern, machte, daß Herr Pickwick ziemlich schlecht spielte. Außerdem hatte er kein Glück, und als sie zehn Minuten nach elf Uhr aufhörten, erhob sich Fräulein Bolo in großer Aufregung vom Tische und ließ sich unter einer Flut von Tränen in einer Sänfte nach Hause tragen. Herr Pickwick kehrte sofort mit seinen Freunden, die sämtlich versicherten, nicht leicht einen Abend angenehmer zugebracht zu haben, nach dem Weißen Hirsch zurück, und nachdem er seine Gefühle mit einigen warmen Flüssigkeiten beschwichtigt, ging er zu Bett, um augenblicklich einzuschlafen. Siebenunddreißigstes Kapitel. In dessen Hauptzügen man eine authentische Version des Märchens vom Prinzen Bladud findet, und worin zugleich von einem höchst merkwürdigen Unglück berichtet wird, das Herrn Winkle widerfuhr. Da Herr Pickwick wenigstens zwei Monate in Bath zu bleiben gedachte, so hielt er es für ratsam: für sich und seine Freunde eine Prioatwohnung zu nehmen; er mietete daher, sobald sich eine günstige Gelegenheit zeigte, zu einem mäßigen Preis den obern Teil eines Hauses im Royal Crescent, der jedoch mehr Raum bot, als sie brauchten, weshalb Herr Dowler und seine Gemahlin sich erboten, ihnen ein Schlaf- und ein Wohnzimmer abzunehmen. Dieser Vorschlag wurde sogleich angenommen, und in drei Tagen waren sie alle in ihrer neuen Wohnung eingerichtet, worauf Herr Pickwick mit dem größten Eifer den Brunnen zu trinken begann. Er ging dabei ganz systematisch zu Werke, Vor dem Frühstück trank er ein Viertelliter und ging dann einen Hügel hinauf spazieren; das zweite Viertelliter trank er nach dem Frühstück und spazierte dann einen Hügel hinab; nach jedem neuen Viertelliter erklärte aber Herr Pickwick aufs feierlichste und nachdrücklichste, er fühle sich um ein Gutes besser, worüber seine Freunde äußerst entzückt waren, obgleich sie vorher nie etwas von einem Unwohlsein an ihm bemerkt hatten. Der große Brunnensaal ist sehr geräumig, mit korinthischen Säulen, einer Musikgalerie, einer Tompionglocke, einer Statue von Nash und einer goldenen Inschrift verziert, die alle Wassertrinker wohl beachten sollten, denn sie appelliert an sie im Namen christlicher Menschenliebe. Das Wasser wird aus einer großen marmornen Vase geschöpft, um die herum eine Menge gelbliche Trinkgläser stehen, und es ist ein höchst erbaulicher und befriedigender Anblick, mit welcher Beharrlichkeit und mit welchem Ernst dieselben geleert werden. Es sind Bäder in der Nähe, die ein Teil der Gesellschaft gebraucht. Hinterher spielt eine Kapelle, um denen, die sich gebadet haben, Glück zu wünschen. Es ist noch ein zweiter Brunnensaal da, in dem gebrechliche Herren und Damen mittels einer so erstaunlichen Menge und Mannigfaltigkeit von Sänften und Stühlen herumgeführt werden, daß derjenige, der keck genug ist, mit der regelmäßigen Anzahl von Zehen einzutreten, in augenscheinlicher Gefahr schwebt, ohne dieselben wieder herauszukommen. In einen dritten Brunnensaal gehen alle ruheliebenden Leute, denn es wird dort weniger Geräusch gemacht als in den andern. Auch an Spaziergängen ist großer Überfluß vorhanden, wo man eine Menge Leute mit und ohne Krücken, mit Stöcken und ohne Stöcke antrifft; es geht dabei sehr lebhaft, lustig und unterhaltend zu. Jeden Morgen trafen sich die regelmäßigen Wassertrinker, Herr Pickwick unter ihnen, im Brunnensaal, tranken ihr Viertelliter aus und gingen dann pflichtgemäß spazieren. Auf der Nachmittagspromenade fanden sich Lord Mutanhed, der ehrenwerte Herr Crushton, die verwitwete Lady Snuphanuph, die Frau Oberst Wugsby und all die vornehmen Herrschaften, sowie sämtliche Wassertrinker vom Morgen zusammen. Sodann gingen oder fuhren sie spazieren oder ließen sich in Sesseln schieben und trafen dann einander nachher wieder. Die Herren begaben sich hierauf in das Lesezimmer, allwo sie verschiedene Gruppen bildeten, und gingen dann nach Hause. War abends Theater, so trafen sie sich vielleicht dort; war Reunion, so suchten sie einander in den Sälen auf; jedenfalls kamen sie am folgenden Tage wieder zusammen – eine höchst angenehme Lebensweise, vielleicht nur etwas zu einförmig. Nach einem solchen Tag saß Herr Pickwick, als seine Freunde bereits zu Bett gegangen waren, noch über seinem Tagebuch, als es auf einmal leise an seiner Tür klopfte. »Bitte um Verzeihung, Sir«, sagte seine Hauswirtin, Frau Craddock, den Kopf hereinstreckend, »wünschen Sie vielleicht noch etwas, Sir?« »Nein, Madame«, erwiderte Herr Pickwick. »Mein Mädchen ist zu Bett gegangen, Sir«, fuhr Frau Craddock fort, »und Herr Dowler will die Güte haben, auf seine Gemahlin zu warten, da die Gesellschaft erst spät auseinandergehen wird. Wenn Sie daher nichts mehr bedürfen, Herr Pickwick, so möchte ich ebenfalls zu Bette gehen.« »Nur zu, Madame«, erwiderte Herr Pickwick. »Dann wünsche ich gute Nacht, Sir«, sagte Frau Craddock. »Gute Nacht, Madame«, dankte Herr Pickwick. Frau Craddock entfernte sich und Herr Pickwick schrieb weiter. Nach einer halben Stunde war er mit seinen Einträgen fertig. Er drückte das Löschblatt sorgfältig auf die letzte Seite, schloß das Buch, wischte die Feder an seinem untern Rockfutter ab und öffnete die Schublade des Schreibpultes, um sie hineinzulegen. Hier erblickte er einige engbeschriebene Bogen Papier, die so zusammengelegt waren, daß der von guter deutlicher Hand geschriebene Titel ihm geradezu in die Augen fiel. Da er nun hieraus sah, daß es kein Privatdokument war, und da es außerdem Beziehung auf Bath zu haben schien und sich durch seine Kürze empfahl, so nahm er das Manuskript, zündete einstweilen sein Nachtlicht an, damit es gut brennen möchte, bis er fertig wäre, rückte sofort seinen Stuhl näher ans Feuer und las wie folgt: Die wahrhaftige Geschichte vom Prinzen Bladud. »Vor nicht ganz 200 Jahren las man auf einem der öffentlichen Bäder in dieser Stadt eine nunmehr verschwundene Inschrift zu Ehren ihres mächtigen Erbauers, des berühmten Prinzen Bladud. Schon viele hundert Jahre vorher hatte sich von Generation zu Generation eine alte Sage fortgepflanzt, der erlauchte Prinz habe, weil er mit dem Aussatz behaftet gewesen, nach seiner Rückkehr von dem alten Athen, allwo er sich eine reiche Ernte von Kenntnissen gesammelt, den Hof seines königlichen Vaters gemieden und trübsinnig unter Hirten und Schweinen gelebt. Unter der Herde befand sich (so erzählt die legende) ein Schwein mit einer ernsten feierlichen Miene, mit dem der Prinz sympathisierte – denn auch er war sehr ernst gestimmt – ein Schwein von nachdenklichem, zurückhaltendem Wesen: ein Tier, das allen andern weit überlegen, dessen Grunzen schrecklich und dessen Biß scharf war. Der junge Prinz seufzte tief, sobald er das Gesicht des majestätischen Schweines sah: er dachte an seinen königlichen Vater, und seine Augen benetzten sich mit Tränen. Dieses kluge Schwein badete sich gern in tiefem Schlamm; jedoch nicht im Sommer, wie gewöhnliche Schweine jetzt zu tun pflegen, um sich abzukühlen, und schon in jenen seinen Zeiten taten (ein Beweis, daß das Licht der Zivilisation schon damals, wiewohl nur schwach, heraufzudämmern begonnen hatte), sondern in schneidend kalten Wintertagen. Es hatte immer ein so reines Fell und sah so gesund aus, daß der Prinz sich entschloß, die reinigenden Kräfte desselben Wassers zu erproben, dessen sich sein Freund bediente. Unter diesem schwarzen Schlamm sprudelten die heißen Quellen von Bath. Er badete sich und wurde kuriert. Nun eilte er an den Hof seines Vaters, bezeugte ihm seine Ehrfurcht, kehrte aber schnell wieder hierher zurück und gründete diese Stadt mit ihren berühmten Bädern. Er suchte das Schwein mit allem Eifer früherer Freundschaft auf – aber ach, das Wasser war sein Tod geworden. Es hatte unvorsichtigerweise bei zu heißer Temperatur ein Bad genommen, und der Naturphilosoph war nicht mehr. Er hatte später in Plinius einen Nachfolger, der ebenfalls ein Opfer seines Durstes nach Kenntnissen wurde. So die Sage: die wahre Geschichte aber lautet folgendermaßen: Vor vielen hundert Jahren blühte in Pracht und Herrlichkeit der weltberühmte Lud Hudibras, König von Britannien. Er war ein mächtiger Monarch und er war so außerordentlich stark, daß die Erde unter seinen Fußtritten erbebte. Sein Volk sonnte sich in dem Leuchten seines Angesichts, so rot und strahlend war dasselbe. Er war wirklich jeder Zoll ein König. Und er maß viele Zoll; denn obgleich er nicht ungewöhnlich groß war, so hatte er dagegen einen merkwürdigen Umfang, und die Zolle, die seiner Länge abgingen, wurden durch seine Dicke ersetzt. Könnte irgendein entarteter Monarch heutigentags einigermaßen mit ihm verglichen werden, so würde ich sagen, der verehrungswürdige König Cole sei dieser erlauchte Potentat. Diesem guten König hatte seine Gemahlin vor achtzehn Jahren einen Sohn geboren, der den Namen Bladud erhielt. Er wurde bis in sein zehntes Jahr einer Erziehungsanstalt des Landes anvertraut und dann unter der Obhut eines zuverlässigen Mannes nach Athen geschickt, um dort seine Studien zu vollenden. Hier blieb er acht volle Jahre, nach deren Verlauf der König, sein Vater, den Lord Kammerherrn hinüberschickte, um seine Rechnungen zu bezahlen und ihn nach Hause zu geleiten. Der Lord Kammerherr wurde mit Jubel empfangen und bekam von Stund an ein bedeutendes Gehalt. Als der König Lud den Prinzen, seinen Sohn, zu einem so schönen jungen Mann herangewachsen sah, dachte er sogleich, wie nett es wäre, wenn er ihn ohne Aufschub verheiratete, damit durch seine Kinder das glorreiche Geschlecht der Lud bis auf die spätesten Zeiten der Welt fortgepflanzt würde. Deshalb schickte er eigens eine aus vornehmen Hofleuten, die weiter nichts zu tun hatten und ein so einträgliches Amt brauchen konnten, bestehende Gesandtschaft zu einem benachbarten König und verlangte dessen schöne Tochter für seinen Sohn. Zugleich ließ er ihm melden, daß ihm alles daran liege, mit seinem Bruder und Freund in den besten Verhältnissen zu bleiben. Wenn aber die Vermählung nicht zustande kommen sollte, so werde er sich in die unangenehme Notwendigkeit versetzt sehen, sein Königreich anzugreifen und ihm die Augen auszustechen. Darauf antwortete der andere König, der der Schwächere war, er sei seinem Freund und Bruder für alle seine Güte und Großmut sehr verbunden, und auch seine Tochter habe nichts gegen die Vermählung einzuwenden, sobald es dem Prinzen Bladud gefällig sein würde, zu kommen und sie zu holen. Diese Antwort hatte Britannien kaum erreicht, als die ganze Nation außer sich war vor Freude. Man hörte von allen Seiten nichts als Töne des Jubels und Entzückens, freilich aber auch das Geklingel des Geldes, das der königliche Schatzmeister von dem Volke einsammelte, um die Kosten des glücklichen Ereignisses zu bestreiten. Aus dieser Veranlassung auch geschah es, daß König Lud im versammelten Rat, hoch auf seinem Thron sitzend, der Freude seines Herzens vollen Lauf ließ und dem Lord Oberrichter befahl, die edelsten Weine und die Minnesänger kommen zu lassen – ein Akt der Gnade, der durch die Unwissenheit gegenseitig sich abschreibender Historiker dem König Cole zugeschrieben wurde, und zwar in jenen berühmten Zeilen, in denen von Seiner Majestät gesagt wird: »Er heischt die Pfeife, und er heischt sein Glas, ›die Fiedler‹, ruft er, sollen jetzt erscheinen.« Das ist jedoch eine offenbare Ungerechtigkeit gegen das Andenken des Königs Lud und eine unbillige Übertreibung der Vorzüge des Königs Cole. Doch inmitten aller dieser Feste und Lustbarkeiten war ein Trauriger, der seine Lippen nicht netzte, wenn die funkelnden Weine eingegossen wurden, und nicht tanzte, wenn die Barden spielten. Das war niemand anders als der Prinz Bladud selbst, dessen Glück zu Ehren in diesem Augenblick ein ganzes Volk sowohl seine Kehlen wie sein Geldbeutel anstrengte. Der Prinz hatte sich nämlich, ohne Rücksicht auf das unzweifelhafte Recht des Ministers der auswärtigen Angelegenheiten, sich für ihn zu verlieben, sowie allen politischen und diplomatischen Gebräuchen zuwider, bereits auf eigene Faust ein Liebchen ausgesucht und sich heimlich mit der schönen Tochter eines edlen Atheners verlobt. Hier haben wir einen schlagenden Beweis von den mannigfaltigen Vorteilen der Zivilisation und feinerer Gesittung. Hätte der Prinz in späteren Zeiten gelebt, so hätte er sich ohne weiteres mit dem Gegenstande der Wahl seines Vaters vermählt und sodann allen Ernstes daran gedacht, sich von der Bürde zu befreien, die so schwer auf ihm lastete. Er hätte sich bemüht, sie durch systematische Mißhandlungen und Vernachlässigungen ins Grab zu bringen, oder wenn der gute Takt ihres Geschlechts und ein stolzes Bewußtsein, daß sie diese Unbilden nicht verdient, sie dennoch aufrechterhalten hätte, so wäre er zu schnelleren und sichereren Mitteln, sie loszuwerden, geschritten. Dem Prinzen Bladud dagegen fiel keiner dieser Auswege ein – er bat seinen Vater um eine geheime Unterredung und eröffnete sich ihm. Es ist ein altes Vorrecht der Könige, alles zu beherrschen, nur ihre Leidenschaften nicht. König Lud geriet in eine schreckliche Wut, schleuderte seine Krone bis an die Zimmerdecke empor und fing sie wieder auf – in jenen Tagen hatten nämlich die Könige ihre Kronen auf dem Kopf und nicht im Tower – er stampfte auf den Boden, schlug sich vor die Stirn, jammerte, daß sein eigen Fleisch und Blut sich gegen ihn empöre, endlich aber rief er seine Leibwache und befahl ihr, den Prinzen alsbald in einen tiefen Turm zu werfen. Das war die gewöhnliche Art, wie die Könige in früheren Zeiten mit ihren Söhnen verfuhren, wenn sie im Punkte der Vermählung andere Absichten hegten, als ihre Väter. Nachdem der Prinz Bladud beinahe ein Jahr lang in dem hohen Turm eingesperrt gewesen, ohne eine andere Aussicht für seine leiblichen Augen als eine steinerne Wand, oder für die Augen seines Geistes als langwierige Gefangenschaft, begann er natürlich einen Plan zur Flucht zu entwerfen, den er nach mondenlangen Vorbereitungen glücklich ausführte. Er ließ absichtlich sein Tischmesser im Herzen des Kerkermeisters stecken, damit der arme Bursche, der Familie hatte, von dem rasenden König nicht als Beförderer seiner Flucht angesehen und bestraft werden möchte. Der König war wie wahnsinnig ob des Entrinnens seines Sohnes. Lange wußte er nicht, an wem er seinen Kummer und Zorn auslassen konnte, bis er sich zum Glück des Lord Kammerherrn erinnerte, der den Prinzen nach Hause begleitet hatte, und dem er seine Pension und seinen Kopf zugleich nahm. Mittlerweile durchwanderte der junge Prinz, gut verkleidet, zu Fuß die Reiche seines Vaters, in allem Ungemach aufrechterhalten und erfreut durch den süßen Gedanken an die atheniensische Jungfrau, die die unschuldige Ursache seiner grausamen Prüfungen war. Eines Tages wollte er in einem Dorfe Ruhe suchen, und da er sah, daß auf dem Rasen lustig getanzt wurde und alle Gesichter vor Freude glänzten, so wagte er es, einen der Fröhlichen, der neben ihm stand, nach der Ursache dieser allgemeinen Freude zu fragen. ›O Fremdling‹, war die Antwort, ›wißt Ihr denn nichts von der neuesten Proklamation unseres gnädigen Königs?‹ ›Proklamation? Nein. Was für eine Proklamation?‹ erwiderte der Prinz, denn er war bisher nur auf ziemlich unbesuchten Nebenwegen gewandert und wußte nichts von allem, was auf den öffentlichen Straßen und überhaupt im Reiche vorging. ›Nun‹, sagte der Bauer: ›die fremde Dame, die unser Prinz zu heiraten wünschte, hat sich mit einem vornehmen Manne in ihrem eigenen Lande vermählt. Dies ließ der König verkünden und zugleich große öffentliche Festlichkeiten anordnen; denn natürlich wird der Prinz Bladud jetzt zurückkehren und die Dame heiraten, die sein Vater ihm ausersehen hat, zumal, da sie schön sein soll wie die Mittagssonne. Eure Gesundheit, Sir. Gott erhalte den König.‹ Der Prinz wollte nichts mehr hören. Er floh von dem Platze und drang in die dichteste Wildnis eines nahen Waldes. So wanderte er Tag und Nacht fort unter der brennenden Sonne, wie unter dem kalten, blassen Mond, durch die dürre Hitze des Mittags, sowie durch den feuchten Frost der Nacht, in dem grauen Licht des Morgens, wie in dem roten Glanz des Abends. Er achtete so wenig auf Zeit und Weg, daß er, statt nach Athen zu gelangen, sich nach Bath verirrte. Da, wo jetzt Bath steht, war dazumal noch keine Stadt. Man sah hier keine Spur von einer menschlichen Wohnung, kein Zeichen von Menschenhand: allein die Gegend war damals schon ebenso reizend, dieselbe herrliche Abwechslung von Hügeln und Tälern, derselbe schöne Fluß, der sich hindurchschlängelt, dieselben hohen Berge, die gleich den Mühseligkeiten des Lebens, von ferne betrachtet, und teilweise durch den glänzenden Nebel des Morgens verborgen, ihre herbe Rauheit verlieren und mild und freundlich erscheinen. Von der lieblichen Schönheit dieser Landschaft ergriffen, sank der Prinz auf den grünen Rasen nieder und badete seine wunden Füße mit seinen Tränen. ›Ach‹, rief der unglückliche Bladud, indem er die Hände rang und trauervoll seine Augen gegen den Himmel erhob: ›möchten doch meine Wanderungen hier zu Ende gehen und meine ergebungsvollen Tränen, womit ich jetzt verfehlte Hoffnungen und verschmähte Liebe beklage, auf immer im Frieden dahinfließen.‹ Sein Wunsch wurde erhört. Es war zur Zeit der heidnischen Gottheiten, die die Leute manchmal beim Worte nahmen, und zwar mit einer Schnelligkeit, die ihnen oft sehr ungelegen kam. Der Boden öffnete sich unter des Prinzen Füßen: er sank hinab in den Abgrund, und alsbald schloß sich die Erde wieder über seinem Haupte, abgesehen von der Stelle, wo seine heißen Tränen durch sie heraufquellen und wo sie seitdem unaufhörlich geströmt sind. Es ist bemerkenswert, daß bis auf den heutigen Tag große Scharen von Damen und Herren, die sich in ihrer Hoffnung, Lebensgefährten zu bekommen, getäuscht sahen, und beinahe ebensoviel junge Damen und Herren, die sich sehnen, solche zu bekommen, alljährlich nach Bath kommen, um die Wasser zu trinken und daraus große Stärkung und Tröstung schöpfen: – ein höchst gewichtiger Beweis für die Wirksamkeit der Tränen des Prinzen Bladud, und ein Umstand, wodurch die Wahrheit dieser Geschichte außer allen Zweifel gestellt wird.«   Herr Pickwick gähnte zu verschiedenen Malen. Als er ans Ende dieses kleinen Manuskripts gelangt war, faltete er es sofort sorgfältig wieder zusammen, legte es an seinen alten Platz in die Schublade des Schreibpults hinein, zündete sodann mit einem Gesicht, worauf die äußerste Müdigkeit zu lesen war, sein Nachtlicht an und begab sich die Treppe hinauf nach seinem Schlafzimmer. Vor Herrn Dowlers Tür blieb er, wie gewöhnlich, stehen und klopfte an, um ihm gute Nacht zu sagen. »Ah«, sagte Dowler, »Sie gehen zu Bett? Ich wollte, ich läge schon drin. Eine widerwärtige Nacht. Nicht wahr, sehr windig?« »Ja«, versetzte Herr Pickwick: »gute Nacht.« »Gute Nacht.« Herr Pickwick ging auf sein Schlafzimmer und Herr Dowler nahm seinen Sitz vor dem Feuer wieder ein, um sein übereiltes Versprechen zu halten, bis zur Rückkehr seiner Gemahlin aufbleiben zu wollen. Es gibt nicht leicht etwas Unangenehmeres, als nachts auf jemanden zu warten, besonders wenn dieser Jemand in einer Gesellschaft ist. Man kann sich des Gedankens nicht erwehren, wie schnell den Leuten dort die Zeit vergeht, die sich für uns so träge dahinschleppt, und je mehr man daran denkt, desto mehr schwindet die Hoffnung auf die baldige Ankunft des Erwarteten. Auch ticken die Uhren so laut, wenn man so allein dasitzt, und man meint – wenigstens geht es uns immer so – man habe Unterkleider voll Ungeziefer an. Zuerst juckt es einen am rechten Knie, und dann stellt sich derselbe Reiz am linken ein. Ändert man seine Stellung, so kommt es in die Arme, und wenn man seine Beine in allen möglichen Richtungen die Kreuz und die Quere herumgeworfen hat, so juckt es einen plötzlich an der Nase, an der man sofort reibt, als wollte man sie hinwegreiben, was man gewiß auch täte, wenn es möglich wäre. Auch die Augen machen viel Unbehagen, und der Docht eines Lichtes wird anderthalb Zoll lang, bis man ihn putzt. Diese und andere kleine Nervenstimmungen machen das lange Aufbleiben, wenn alle übrigen schon zu Bett gegangen sind, keineswegs zu einem lustigen Zeitvertreib. So dachte Herr Dowler, als er vor dem Feuer saß, und er ärgerte sich im Innersten seines Herzens über all die gefühllosen Leute auf dem Ball, die ihn solange hinhielten. Seine Laune wurde nicht verbessert durch den Gedanken, daß er es sich am Abend in den Kopf gesetzt hatte, Kopfweh haben zu wollen und deswegen zu Hause geblieben war. Endlich, nachdem er zu wiederholten Malen eingenickt und gegen den Kamin hin vorgefallen war, sich aber immer wieder bald genug zurückgeworfen hatte, um das Gesicht nicht zu verbrennen, beschloß Herr Dowler, sich auf das Bett im Hinterzimmer zu legen und daselbst seinen Gedanken nachzuhängen – natürlich nicht um zu schlafen. »Ich habe einen harten Schlaf«, sagte Herr Dowler, als er sich aufs Bett warf. »Ich muß wach bleiben; hier werde ich das Klopfen wohl hören können. Ja. Ich dachte es doch. Ich kann den Nachtwächter hören. Da unten geht er. Jetzt schon leiser. Eben geht er um die Ecke. Ah!« Als Herr Dowler soweit gekommen war, wandte auch er sich um die Ecke, an der er solange gezögert hatte, und versank in einen festen Schlaf. Schlag drei Uhr wurde eine Sänfte, mit Frau Dowler darin, vor das Haus gebracht. Die Träger waren ein kurzer, fetter Knirps und ein himmellanger Bursche, die auf dem Wege viel Mühe hatten, ihre Körper und vollends gar die Sänfte senkrecht zu erhalten; auf der Höhe und in der Nähe des Halbmondplatzes aber wütete und stürmte der Wind, der ihn von allen Seiten überstreifen konnte, so abscheulich, als wollte er das Straßenpflaster aufreißen; sie waren daher herzlich froh, die Sänfte endlich an Ort und Stelle niedersetzen zu können und fingen an, tüchtig an die Tür zu klopfen. Sie warteten einige Zeit, aber es kam niemand, »Das Gesinde liegt gewiß in den Armen des Porpus Morpheus. «, sagte der kurze Sänftenträger, indem er sich die Hände an der Fackel des begleitenden Fackelbuben wärmte. »Ich wollte, er kneipte sie, daß sie aufwachten«, bemerkte der Lange. »Haben Sie die Güte, doch noch einmal zu klopfen«, rief Frau Dowler von der Sänfte herab. »Klopfen Sie noch zwei- oder dreimal.« Der Kurze, der seinen Auftrag sobald wie möglich los zu werden wünschte, stellte sich an die Tür und polterte aus Leibeskräften darauf los, zuerst in Absätzen von vier oder fünf, sodann von acht bis zu zehn Schlägen, während der Lange sich auf die Straße stellte, ob er etwa an einem Fenster Licht bemerken könnte. Niemand kam. Alles war still und finster wie zuvor. »Mein Gott«, sagte Frau Dowler; »Sie müssen noch einmal klopfen.« »Ist vielleicht eine Glocke da?« fragte der Kurze. »O freilich«, fiel der Fackelträger ein; »ich habe schon in einem fort daran geläutet.« »Bloß der Handgriff ist da«, sagte Frau Dowler; »der Draht ist gerissen. »Ich wollte. Ihrer Dienerschaft würden die Schädel eingeschlagen«, knurrte der Lange. »Ich muß Sie bemühen, gefälligst noch einmal zu klopfen«, sagte Frau Dowler mit der größten Höflichkeit. Der Kurze klopfte noch mehrere Male, aber ohne den geringsten Erfolg. Dem Langen riß jetzt die Geduld, er löste ihn ab und klopfte in einem fort mit gewaltigen Doppelschlägen an die Tür wie ein wahnsinniger Briefträger. Endlich begann Herr Winkle zu träumen, er sei in einem Klub. Die Mitglieder hätten Streit miteinander bekommen und der Präsident sei genötigt, gewaltig auf den Tisch zu hämmern, um die Ordnung wieder herzustellen: sodann schwebte ihm dunkel ein Auktionszimmer vor, wo es an Kaufliebhabern fehlte und der Auktionator alles selbst kaufen mußte; endlich fing er an zu denken, es könne in den Grenzen der Möglichkeit liegen, daß jemand an die Haustür klopfe. Um jedoch ganz sicher zu gehen, blieb er noch etwa zehn Minuten ruhig im Bett und horchte. Erst als er zwei- oder dreiunddreißig Schläge gezählt hatte, gab er sich zufrieden und bildete sich nicht wenig auf seine Wachsamkeit ein. »Rap rap – rap rap – rap rap – ra, ra, ra, ra, ra, rap«, erschallte der Klopfer an der Haustür. Höchst verwundert, was dies wohl sein könne, sprang Herr Winkle aus dem Bett, zog schleunigst Strümpfe und Pantoffeln an, wickelte seinen Schlafrock um sich, zündete an dem Nachtlicht, das auf dem Kamin brannte, eine kleine Kerze an und eilte die Treppe hinab. »Endlich kommt doch jemand, Madame«, sagte der kleine Sänftenträger. »Ich wollte, ich wäre mit der Hetzpeitsche hinter ihm her«, murrte der Lange. »Wer ist draußen?« rief Herr Winkle, den Riegel zurückschiebend. »Frag' nur nicht, du Eselskopf«, erwiderte in großem Ärger der Lange, der nicht anders glaubte, als der Fragende sei ein Diener. »Aufgemacht!« »Vorwärts! schnell! Du Faultier!« fügte der Kurze aufmunternd hinzu. Herr Winkle, der noch halb im Schlaf war, gehorchte dem Befehl mechanisch, öffnete die Tür ein wenig und blickte hinaus. Das erste, was er sah, war der rote Glanz der Fackel. Bei diesem unerwarteten Anblick erschrak er, und in der Meinung, das Haus stehe in Flammen, stieß er schnell die Tür weit auf, hielt das Licht über seinen Kopf empor und starrte geradeaus vor sich hin, ohne sich überzeugen zu können, ob das, was er erblickte, eine Sänfte sei oder eine Feuerspritze, In diesem Augenblick kam ein heftiger Windstoß, das Licht wurde ausgeblasen, Herr Winkle ward unwiderstehlich auf die Tritte vor der Haustür hingeweht, und die Tür selbst schlug mit lautem Krachen zu. »Da haben Sie's, junger Mann«, sagte der kleine Sänftenträger. Als Herr Winkle durch das Fenster der Sänfte hindurch das Gesicht einer Dame erblickte, wandte er sich eiligst um, klopfte aus Leibeskräften an die Tür und schrie den Trägern wie wahnsinnig zu, sie sollten mit der Sänfte ihres Weges gehen. »Fort damit! fort damit!« rief Herr Winkle. »Da kommt jemand aus einem andern Hause: laßt mich in die Sänfte hinein. Versteckt mich, helft mir.« Dabei schauerte er vor Kälte, und jedesmal, wenn er die Hand nach dem Klopfer erhob, faßte der Wind auf eine höchst unzarte Weise seinen Schlafrock. »Da kommen ja Leute. Es sind Damen dabei; bedeckt mich doch mit irgend etwas; stellt euch vor mich hin«, heulte Herr Winkle. Allein die Sänftenträger waren zu sehr durch Lachen in Anspruch genommen, als daß sie ihm den geringsten Beistand hätten leisten können, und die Damen kamen mit jedem Augenblick naher und immer näher. Herr Winkle tat einen letzten hoffnungslosen Schlag. Die Damen waren nur noch einige Häuser entfernt. Er warf das ausgelöschte Licht, das er in der ganzen Zeit über seinen Kopf emporgehalten hatte, weg und stürzte geradezu auf die Sänfte los, worin Frau Dowler saß. Jetzt hatte Frau Craddock endlich auch das Klopfen und Lärmen gehört, und nachdem sie sich bloß soviel Zeit genommen, um eine andere Kopfbedeckung als ihre Nachthaube aufzusetzen, rannte sie in das vordere Wohnzimmer, um zu sehen, ob es die rechten Leute seien, und rückte das Schiebefenster gerade in dem Augenblick zurück, als Herr Winkle auf die Sänfte losstürzte. Kaum aber hatte sie gesehen, was unten vorging, so erhob sie ein gewaltiges Jammergeschrei und weckte Herrn Dowler mit der Bemerkung, er solle doch sogleich aufstehen, denn seine Frau laufe mit einem andern Herrn davon. Herr Dowler sprang vom Bett auf wie ein Gummielastikumball, stürzte in das vordere Zimmer, kam in demselben Augenblick an ein Fenster, wo Herr Pickwick ein anderes aufriß, und das erste, was sich ihren erstaunten Blicken darbot, war Herr Winkle, der in die Sänfte hineinstürmen wollte. »Nachtwächter!« schrie Dowler wütend, »fangt ihn – packt ihn – haltet ihn fest, bis ich hinabkomme. Ich will ihm die Kehle abschneiden – gebt mir ein Messer – ja, von einem Ohr bis zum andern, Frau Craddock.« Und trotz des Jammergeschreis der Hausfrau, in das Herr Pickwick mit einstimmte, ergriff der entrüstete Ehemann ein kleines Tischmesser und stürzte auf die Straße hinunter. Aber Herr Winkle erwartete ihn nicht. Kaum hörte er die schreckliche Drohung des tapfern Dowler, so sprang er ebenso schnell wieder aus der Sänfte heraus, wie er hineingesprungen war, schleuderte seine Pantoffeln auf die Straße, gab Fersengeld und rannte, hitzig verfolgt von Dowler und dem Nachtwächter, um den Halbmondplatz herum. Er behielt immer einen Vorsprung, und als er zum zweitenmal vor das Haus kam und die Tür offen fand, stürzte er hinein, warf sie Dowler vor der Nase zu, sprang in sein Schlafzimmer, verschloß die Tür, pflanzte zur Verrammlung einen Toilettentisch nebst einigen Kommoden davor auf und packte einige notwendige Sachen zusammen, in der Absicht, mit Tagesanbruch zu entfliehen. Dowler kam vor seine Tür, erklärte durch das Schlüsselloch hinein seinen festen Entschluß, Herrn Winkle am folgenden Tag die Kehle abzuschneiden, und nach einem gewaltigen, verworrenen Lärm im Salon, wobei man vor allem Herrn Pickwicks Stimme vernahm, der Frieden zu stiften bemüht war, zerstreuten sich die Hausgenossen nach ihren verschiedenen Schlafgemächern, worauf alles wieder ruhig wurde. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß hier die Frage aufgeworfen wird, wo Herr Weller diese ganze Zeit über gewesen? Wir werden uns im nächsten Kapitel darüber erklären. Achtunddreißigstes Kapitel. Erteilt genügende Auskunft über Herrn Wellers Abwesenheit und enthält die Beschreibung einer Soiree, zu der er eingeladen war. Zugleich berichtet es, wie ihm von Herrn Pickwick eine geheime Sendung von großer Wichtigkeit und Zartheit anvertraut wird. »Herr Weller«, sagte Frau Craddock am Morgen dieses verhängnisvollen Tage«, »hier ist ein Brief für Sie.« »Das ist sehr kurios«, meinte Sam. »Ich fürchte fast, es muß etwas dahinter stecken, denn ich erinnere mich in meinem Kreis von Bekanntschaften keines Gentlemans, der imstande wäre, einen Brief zu schreiben.« »Vielleicht hat sich etwas Außerordentliches ereignet«, bemerkte Frau Craddock. »Das muß freilich etwas Außerordentliches sein, was einem meiner Freunde einen Brief ablocken könnte«, erwiderte Sam, zweifelhaft den Kopf schüttelnd. »Von meinem Vater kann der Brief auch nicht kommen«, fügte er hinzu, indem er die Handschrift betrachtete; »der druckt immer, weil er das Schreiben an den großen Anschlagzetteln vor den Buchhandlungen gelernt hat. Es ist mir ganz unerklärlich, woher der Brief wohl kommen mag.« Zugleich tat Sam, was sehr viele Leute tun, wenn sie über den Schreiber eines Billetts im Ungewissen sind, d.h. er beschaute das Siegel, sodann den vorderen, dann den hinteren Teil, hierauf die Seiten und endlich die Überschrift; für das allerletzte Auskunftsmittel mochte er wohl den Inhalt ansehen, um ganz gewiß aus der Sache klar zu werden. »Er ist auf goldgerandetes Papier geschrieben«, sagte Sam, als er ihn entfaltete, »und mit braunem Siegellack petschiert, und zwar mit der Spitze eines Türschlüssel«. Nun, wir wollen einmal sehen.« Und mit sehr ernstem Gesicht las Herr Weller langsam wie folgt: »Eine auserlesene Gesellschaft von den Bather-Lakaien empfiehlt sich Herrn Weller und bittet um das Vergnügen seiner Gesellschaft auf diesen Abend zu einem freundschaftlichen Schmause, bestehend aus einer gekochten Hammelkeule nebst dem übrigen Zubehör. Präzis halb zehn Uhr wird serviert.« Diese Einladung war in ein anderes Billett folgenden Inhalts eingeschlossen: »Herr John Smauker, der Gentleman, der das Vergnügen hatte, Herrn Weller vor einigen Tagen im Hause ihres gemeinschaftlichen Bekannten, des Herrn Bantam, kennenzulernen, gibt sich die Ehre, Herrn Weller die beifolgende Einladung zuzuschicken. Wenn Herr Weller Herrn John Smauker um neun Uhr abholen will, so wird Herr John Smauker das Vergnügen haben, Herrn Weller einzuführen. (Unterzeichnet) John Smauker.« Die Adresse lautete: »An Weller, Esquire bei Herrn Pickwick«, und in der linken Ecke stand als Instruktion für den Überbringer in Paranthese das Wort: »Dienerglocke«. »Gut«, sagte Sam? »das gefällt mir nicht übel. Ich habe mein Lebtag noch nie gehört, daß man eine gekochte Hammelkeule einen Schmaus genannt hätte. Wie würden sie wohl eine gebratene nennen?« Ohne sich jedoch lange den Kopf darüber zu zerbrechen, begab sich Sam sogleich zu Herrn Pickwick und bat ihn für den Abend um Urlaub, der gern bewilligt wurde. Mit dieser Erlaubnis und dem Hausschlüssel in der Tasche ging Sam Weller etwas vor der bestimmten Zeit aus und schlenderte gemächlich dem Queensquare zu, wo er kaum angelangt war, als er das Vergnügen hatte, Herrn John Smauker in einiger Entfernung seinen bepuderten Kopf an einen Laternenpfahl lehnen und aus einer Bernsteinröhre eine Zigarre rauchen zu sehen. »Guten Tag, wie geht'», Herr Weller?« rief ihm Herr John Smauker zu, mit der einen Hand graziös den Hut lüftend, während er ihm mit der andern freundlich und herablassend zuwinkte. »Wie geht's, Sir?« »Recht ordentlich«, erwiderte Sam. »Und wie geht es Ihnen, lieber Kamerad?« »So so, la la«, sagte John Smauker. »Sie haben sich gewiß zu sehr angestrengt«, bemerkte Sam. »Ich fürchtete es immer; aber es führt zu nichts; Sie müssen Ihrem Eifer und Fleiß Zaum und Gebiß anlegen.« »Ach nein«, erwiderte Herr John Smauker, »es kommt nicht sowohl davon her, als von dem schlechten Wein; ich glaube, ich bin ein bißchen liederlich gewesen.« »Aha, geht's da hinaus?« sagte Sam. »Das ist freilich eine schlimme Sache.« »Aber«, bemerkte Herr John Smauker, »Sie wissen ja, daß die Verführung immer so groß ist.« »Freilich«, erwiderte Sam. »Wenn man so mitten in den Wirbel der Gesellschaft hineingezogen wird, Herr Weller, – Sie wissen ja schon«, sagte Herr John Smauker mit einem Seufzer. »Ja, es ist schrecklich«, meinte Sam. »Aber es geht immer so«, sagte Herr John Smauker; »wenn das Schicksal einen ins öffentliche Leben und in eine öffentliche Stellung führt. Da ist man Versuchungen ausgesetzt, von denen andere Leute nichts wissen, Herr Weller.« »Gerade das sagte auch mein Onkel, als er ins öffentliche Leben getreten und ein Wirt geworden war«, bemerkte Sam; »und der alte Herr hatte ganz recht; denn in weniger als einem Vierteljahr trank er sich tot.« Herr John Smauker sah sehr entrüstet aus über die zwischen ihm und dem besagten seligen Herrn gezogene Parallele. Da indessen Sams Gesicht in dem unveränderlichen Zustand der Ruhe blieb, so besann er sich eines bessern und wurde wieder freundlich. »Es wird wohl Zeit, zu gehen«, sagte Herr Smauker und zog eine kupferne Uhr, die auf dem Grunde einer tiefen Uhrtasche wohnte und vermittels eines schwarzen Bandes an die Oberfläche heraufgezogen wurde, auch am andern Ende mit einem kupfernen Schlüssel versehen war, zu Rate. »Ich denke auch«, erwiderte Sam; »das Essen möchte sonst kalt werden.« »Haben Sie den Brunnen schon getrunken, Herr Weiler?« fragte sein Kamerad, als sie nach der Hochstraße zuschritten. »Ein einziges Mal«, erwiderte Sam. »Und wie fanden Sie ihn, Sir?« »Ganz abscheulich widerlich«, erklärte Sam. »Ah«, sagte Herr John Smauker, »vielleicht behagt Ihnen der Mineralgeschmack nicht?« 99 »Davon verstehe ich nichts«, sagte Sam, »aber es kam mir vor, als hätte der Brunnen einen scharfen, brandigen Geruch, wie von glühenden Bügeleisen.« »Das ist eben das Mineralische, Herr Weller«, bemerkte Herr John Smauker verächtlich. »Meinetwegen: es ist aber ein sehr unverständliches Wort«, sagte Sam. »Es mag aber schon so sein, denn ich verstehe nicht viel von chemischen Geschichten, kann also nichts sagen.« Und nun begann Sam Weller zum großen Entsetzen des Herrn John Smauker zu pfeifen. »Ich bitte um Entschuldigung, Herr Weller«, sagte Herr John Smauker, schaudernd über die nicht eben lieblichen Töne. »Darf ich Ihnen meinen Arm anbieten?« »Danke, Sie sind gar zu gütig: ich will Sie nicht bemühen«, erwiderte Sam. »Wenn Sie nichts dagegen haben, so stecke ich lieber meine Hände in die Taschen.« Sam tat das auch sogleich und pfiff noch lauter als zuvor. »Auf diesem Weg«, sagte sein neuer Freund, dem es offenbar viel leichter ums Herz wurde, als sie in eine Nebenstraße kamen, »auf diesem Weg werden wir bald dort sein.« »So?« sagte Sam, ganz ungerührt durch die Ankündigung seiner unmittelbaren Nähe bei der auserwählten Gesellschaft der Bather-Lakaien. »Ja«, sagte Herr John Smauker. »Seien Sie nur nicht zu schüchtern, Herr Weller.« »O gewiß nicht«, sagte Sam. »Sie werden einige sehr schöne Uniformen sehen, Herr Weller«, fuhr Herr John Smauker fort, »und vielleicht werden Sie auch finden, daß etliche von diesen Herren die Nase ein bißchen hoch tragen: allein Sie werden sie schon zu gewinnen wissen.« »Das wäre sehr schön«, erwiderte Sam. »Und Sie wissen«, fuhr Herr John Smauker mit erhabener Protektormiene fort, »Sie wissen, da Sie ein Fremder sind, so wird man Ihnen im Anfang vielleicht scharf zu Leib gehen.« »Sie werden doch nicht gar grausam gegen mich sein?« fragte Sam. »Nein, nein«, erwiderte Herr John Smauker, den Fuchskopf hervorziehend und eine gentlemanische Prise nehmend: »doch es sind einige lustige Käuze darunter, die werden ihren Witz an Ihnen auslassen wollen, aber Sie müssen sich nur nicht darum kümmern.« »Ich werde es ihnen schon heimzugehen wissen«, erwiderte Sam. »Das ist recht«, sagte Herr John Smauker, den Fuchskopf einsteckend und seinen eigenen emporhebend; »ich werde Ihnen beistehen.« Inzwischen hatten sie einen kleinen Gemüseladen erreicht; in den Herr John Smauker eintrat, gefolgt von Sam, der, während er hinter ihm herging, ganz offen und unwillkürlich zu lachen begann und durch andere Zeichen verriet, daß er sich in einem sehr beneidenswerten Zustande inneren Vergnügens befand. Sie gingen durch den Laden, legten ihre Hüte in dem kleinen Gang dahinter ab und kamen in ein kleines Zimmer, allwo der volle Glanz der Szene Herrn Weller alsbald in die Augen sprang. Mitten in der Stube waren ein paar Tische zusammengerückt, bedeckt mit drei oder vier Tüchern von verschiedenem Alter und verschiedenem Datum der Wäsche, die jedoch so arrangiert waren, daß sie so sehr wie möglich über ihr verschiedenes Aussehen hinwegtäuschten. Auf den Tischen lagen Messer und Gabeln für sechs oder acht Personen. Einige von den Messergriffen waren grün, andere rot und noch andere gelb; die Gabeln dagegen waren sämtlich schwarz, und diese Farbenkombination bildete einen sehr scharfen Kontrast. Die Teller für eine entsprechende Anzahl Gäste wurden hinter dem Kaminrost gewärmt, und die Gäste selbst wärmten sich vor demselben. Der Angesehenste und Bedeutendste unter ihnen schien ein stattlicher Herr in karmoisinrotem Rock mit langen Schößen, hellroten Hosen und mit einem aufgestülpten Hut zu sein, der mit dem Rücken gegen das Feuer stand, und offenbar soeben erst gekommen sein mußte; denn er hatte nicht nur seinen aufgestülpten Hut noch auf dem Kopf, sondern auch in seiner Hand einen langen Stab, wie ihn die Gentlemen seiner Profession schief über die Kutschendächer hinauszuhalten pflegen. »Smauker, alter Kerl«, sagte der Gentleman mit dem aufgestülpten Hut. Herr Smauker fügte das oberste Gelenk des kleinen Finger seiner rechten Hand in das entsprechende des Gentleman mit dem aufgestülpten Hut und sagte, »er sei entzückt, ihn so wohl zu sehen.« »Ja, die Leute sagen, ich sehe recht blühend aus«, begann der Mann mit dem aufgestülpten Hut, »und das ist wirklich ein Wunder. In den letzten vierzehn Tagen bin ich tagtäglich zwei Stunden hinter unserer alten Dame hergelaufen; und wenn man ständig sehen muß, wie sie ihr verteufeltes, altes, lavendelfarbiges Kleid hinten zu hat; wenn das einen braven Kerl auf die Dauer nicht in die bitterste Verzweiflung bringt, so verzichte ich auf meinen nächsten Arbeitslohn.« Die versammelten Notabilitäten lachten herzlich, und ein Gentleman in einer gelben, mit einer Kutscherborte besetzten Weste flüsterte einem Nachbar in grünsamtenen Kniehosen zu, »Tuckle sei heute abend sehr aufgeräumt.« »Unter uns gesagt«, bemerkte Herr Tuckle, »mein lieber Smauker, Sie – –«, der Rest des Satzes wurde Herrn John Smauker ins Ohr hineingeflüstert. »Ach, wahrhaftig, das habe ich ganz vergessen«, sagte Herr John Smauker. »Meine Herren – mein Freund, Herr Weller.« »Es tut mir leid, Weller, daß ich Ihnen vor dem Feuer stehe«, sagte Herr Tuckle herablassend. »Ich hoffe, es wird Ihnen nicht zu kalt sein, Weller?« »Nicht im geringsten, Feuerbrand«, erwiderte Sam. »Das müßte doch ein recht frostiger Bursche sein, den es frieren könnte, wenn Sie ihm gegenüberstehen. Mit Ihnen könnte man Kohlen ersparen, wenn man Sie in einem Wirtshaus hinter das Kaminfeuer stellte.« Da diese Bemerkung offenbar eine persönliche Anspielung auf Herrn Tuckles karmoisinrote Livree enthielt, so blickte dieser Gentleman einige Sekunden lang majestätisch drein, schob sich jedoch allmählich vom Feuer weg, brach in ein erzwungenes Lachen aus und sagte, »der Witz gefalle ihm nicht übel«. »Ich bin Ihnen sehr verbunden für Ihre gute Meinung, Sir«, entgegnete Sam. »Wir werden schon warm miteinander werden.« Hier wurde die Unterhaltung durch die Ankunft eines Gentleman in orangefarbigen Plüschhosen unterbrochen, der ein anderes Kabinettstück in purpurfarbigem Rocke und mit ungeheuren langen Strümpfen mit sich brachte. Nachdem die neuen Gäste von den alten bewillkommt waren, schlug Herr Tuckle vor, mit dem Essen zu beginnen, was einstimmig angenommen wurde. Der Gemüsehändler und seine Frau trugen jetzt die gekochte Hammelkeule, noch siedendheiß, mit einer Kapernsoße nebst Rüben und Kartoffeln auf den Tisch. Herr Tuckle nahm den Präsidentenstuhl ein und ans andere Ende des Tisches setzte sich als Vizepräses der Gentleman in den orangefarbigen Plüschhosen. Der Gemüsehändler zog waschlederne Handschuhe an, um die Teller umherzureichen, und stellte sich hinter den Stuhl des Herrn Tuckle. »Harris!« sagte Herr Tuckle in befehlendem Tone. »Sir«, antwortete der Gemüsehändler. »Haben Sie die Handschuhe angezogen?« »Ja, Sir.« »So nehmen Sie den Deckel hinweg.« »Sehr wohl, Sir.« Der Gemüsehändler tat mit großer Unterwürfigkeit wie ihm befohlen wurde und reichte Herrn Tuckle dienstbeflissen das Vorlegemesser, wobei er jedoch zufällig gähnte. »Was soll das bedeuten, Sir?« ließ ihn Herr Tuckle sehr rauh an. »Ich bitte um Verzeihung, Sir«, erwiderte der erschrockene Gemüsehändler, »ich habe es nicht absichtlich getan, Sir: ich war in der letzten Nacht so lange auf, Sir.« »Ich will Ihnen sagen, was ich von Ihnen denke, Harris«, sagte Herr Tuckle mit höchst nachdrucksvoller Geberde: »Sie sind ein ganz dummer Kerl.« »Meine Herren«, antwortete Harris, »ich hoffe, Sie werden nicht so streng mit mir verfahren, meine Herren. Ich bin Ihnen wirklich sehr verbunden, meine Herren, für Ihre Gönnerschaft und auch für Ihre Empfehlungen, meine Herren, wenn irgendwo zur Aushilfe ein Aufwärter nötig ist. Ich hoffe, meine Herren, daß ich Sie zur Zufriedenheit bediene.« »Nein, das tun Sie nicht, Sir«, antwortete Herr Tuckle; »weit gefehlt, Sir.« »Wir halten Sie für einen unachtsamen Bengel«, sagte der Gentleman in den organgefarbigen Plüschhosen. »Und für einen niederträchtigen Dieb«, fügte der Gentleman in den grünsamtenen Kniehosen hinzu. »Und für einen unverbesserlichen Taugenichts«, rief der Gentleman in dem Purpurgewand. Der arme Gemüsehändler verbeugte sich demutsvoll, während er im echten Geist kleinlicher Tyrannen mit diesen hübschen Ehrentitelchen belegt wurde. Als nun jeder, um seine Oberherrlichkeit über ihn zu beweisen, etwas gesagt hatte, begann Herr Tuckle die Hammelkeule zu tranchieren und der Gesellschaft vorzulegen. Kaum war dieses wichtigste Geschäft des Abends angefangen, als die Tür hastig aufgerissen wurde und ein anderer Gentleman in hellblauem Rock mit bleiernen Knöpfen hereintrat. »Gegen die Ordnung«, sagte Herr Tuckle. »Zu spät, zu spät.« »Nein, nein; ich konnte wahrhaftig nicht anders«, erwiderte der Blaue. »Ich appelliere an die Gesellschaft – ein galantes Abenteuer – ein Stelldichein im Theater.« »Wirklich?« fragte der Gentleman in den orangenen Plüschhosen. »Ja, auf meine Ehre«, sagte der Blaue. »Ich hatte versprochen, unsere jüngste Tochter um halb zehn Uhr abzuholen, und sie ist ein so schönes Frauenzimmer, daß ich es nicht übers Herz bringen konnte, sie warten zu lassen. Ich wollte die Gesellschaft dadurch nicht beleidigen, Sir, aber eine Schürze, Sir – eine Schürze, Sir, da kann man nicht widerstehen.« »Sie Schwerenöter, Sie«, sagte Tuckle, als der neue Ankömmling sich neben Sam setzte. »Es ist mir schon ein paarmal aufgefallen, daß sie sich sehr fest an Ihre Schultern lehnt, wenn sie in den Wagen hinein- oder heraussteigt.« »Ja freilich, freilich, Tuckle: aber von so etwa« darf man nicht reden«, sagte der Blaurock; »es schickt sich nicht. Ich habe vielleicht zu einem oder zwei Freunden gesagt, daß sie ein göttliches Geschöpf ist, und ohne einleuchtende Gründe schon einen oder zwei Anträge zurückgewiesen hat; aber – – nein, nein, nein, wahrhaftig, Tuckle – und besonders vor Fremden – das ist nicht recht – Sie sollten es nicht tun. Zartgefühl, mein teurer Freund, Zartgefühl!« Und der Blaurock ordnete sein Halstuch, zupfte seine Handkrausen zurecht, blinzelte und schnitt dabei Grimassen, als ob er noch viel sagen könnte, wenn er wollte, und wenn ihm nicht die Ehre zu schweigen geböte. Da der Blaue ein blondlockiger, steifnackiger, munterer, unbefangener Bursche von keckem, prahlhansigem Aussehen war, so hatte er gleich im Anfang Herrn Wellers besondere Aufmerksamkeit erregt. Als er sich aber vollends auf diese Art auszulassen begann, fühlte Sam noch größere Lust, seine Bekanntschaft zu machen und knüpfte daher mit seiner charakteristischen Ungezwungenheit ohne weiteres eine Unterhaltung mit ihm an. »Ihre Gesundheit, Sir«, sagte er zu ihm. »Sie gefallen mir. Wir müssen Freundschaft schließen.« Der Blaurock lächelte, als wäre er an Komplimente dieser Art längst gewöhnt, blickte jedoch Sam freundlich an und sagte, »er hoffe, näher mit ihm bekannt zu werden, denn er scheine ihm ohne alle Schmeichelei ein ganz angenehmer Bursche zu sein – ganz der Mann nach seinem Herzen.« »Sie sind gar zu gütig, Sir«, erwiderte Sam. »Was für ein Glückskind Sie sind!« »Wie meinen Sie das?« fragte der Gentleman im blauen Rock. »Ich meine die junge Dame«, erwiderte Sam. »Die wird schon wissen, was sie zu tun hat. Ich verstehe wohl.« Herr Weller schloß ein Auge und schüttelte seinen Kopf auf eine Art, die für die persönliche Eitelkeit des Gentleman im blauen Gewand höchlich befriedigend war. »Ich fürchte, Sie sind ein verfluchter Kerl, Herr Weller«, sagte er. »Nein, nein«, erwiderte Sam. »Ich überlasse das Ihnen. Sie haben weit mehr davon als ich, wie der Gentleman auf der sicheren Seite der Gartenmauer zu dem Manne draußen sagte, während der wütende Stier die Gasse hinausjagte.« »Na schön, Herr Weller«, sagte der Blaurock, »ich dächte wenigstens, sie hat meine Art und mein Wesen wohl bemerkt, Herr Weller.« »Das soll mich nicht im geringsten wundern«, erwiderte Sam. »Haben Sie auch so eine kleine Geschichte dieser Art, Sir?« antwortete der begünstigte Gentleman im blauen Rock, indem er einen Zahnstocher au« seiner Westentasche zog. »So eigentlich nicht«, antwortete Sam. »In meinem Hause gibt es keine Töchter, sonst würde ich mich natürlich auch an eine herangemacht haben. So aber würde ich es unter einer Marquise nicht tun. Doch ließe ich mir zur Not noch eine junge Dame mit großem Vermögen gefallen, wenn sie auch keinen Titel hätte, aber recht rasend in mich verliebt wäre, sonst durchaus nicht.« »Das will ich doch meinen, Herr Weller«, sagte der Blaue. »Man darf sich nicht wegwerfen, und wir, wir als Männer von Welt und Erfahrung, wissen, Herr Weller, daß eine hübsche Uniform bei den Damen früher oder später immer ihre Wirkung tut. Unter uns gesagt, das ist auch das einzige, warum es sich der Mühe lohnt, in einen Dienst zu gehen.« »Ganz recht«, sagte Sam, »so denke ich auch.« Als dieses vertrauliche Zwiegespräch soweit gediehen war, wurden Gläser gebracht und jeder der Gentlemen bestellte, was er wollte, bevor das Wirtshaus geschlossen wurde. Der Blaue und der Orangefarbene, die die Häupter dieser auserlesenen Gesellschaft waren, bestellten »kalten Shrub« Zucker, Branntwein und Zitronensaft. und Wasser; das Lieblingsgetränk der andern aber schien Wacholderbranntwein und Zucker zu sein. Sam nannte den Gemüsehändler einen fürchterlichen Dummkopf und bestellte eine große Bowle Punsch, zwei Heldentaten, die ihn in den Augen dieser Notabilitäten sehr zu heben schienen. »Meine Herren«, rief der Blaurock mit dem Anstand und den Gebärden des vollendetsten Dandy, »die Damen sollen leben!« »Hört, hört«, sagte Sam. »Die jungen Bälger.« Jetzt wurde laut zur Ordnung gerufen, und Herr John Smauker, als der Gentleman, der Herrn Weller in die Gesellschaft eingeführt hatte, nahm sich die Freiheit, ihm zu bemerken, der Ausdruck, dessen er sich bedient, sei unparlamentarisch. »Welchen andern hätte ich denn wählen sollen, Sir?« fragte Sam. »Bälger, Sir?« erwiderte Herr John Smauker mit beunruhigendem Stirnrunzeln. »Wir erkennen solche Definitionen nicht an.« »Ah, sehr gut«, sagte Sam, »so will ich die Bemerkung verbessern und sie mit Erlaubnis des Herrn Feuerbrand süße Engelein nennen.« Im Gemüt des Gentleman mit den grünen Samthosen schien einiger Zweifel vorzuwalten, ob man den Präsidenten füglich Feuerbrand nennen könne; da die Gesellschaft sich aber nicht daran stieß, so wurde die Frage nicht aufgeworfen. Der Mann mit dem aufgestülpten Hut atmete kurz und blickte Sam lange an, hielt es aber offenbar für geratener, nichts zu sagen, um nicht noch schlimmer wegzukommen. Nach einer kurzen Pause rührte ein Gentleman mit einem bordierten Rock, der ihm bis an die Fersen ging, und ebensolcher Weste, die eine Hälfte seiner Beine warm hielt, mit großer Energie seinen Wacholderbranntwein und Wasser, erhob sich dann auf einmal mit gewaltiger Anstrengung und sagte, er wünsche der Gesellschaft einiges mitzuteilen, worauf der Herr mit dem aufgestülpten Hut durchaus nicht zweifelte, daß die Gesellschaft sich sehr glücklich schätzen werde, einiges zu hören, was der Herr mit dem langen Rock ihr vorzutragen wünsche. »Meine Herren«, begann dieser; »nur mit großer Schüchternheit wage ich es, vor Sie zu treten, da ich das Unglück habe, ein Kutscher zu sein und nur als Ausnahmegast zu diesen angenehmen Schmausereien zugelassen bin. Aber, meine Herren, ich fühle mich verbunden – in die Ecke getrieben – wenn ich diesen Ausdruck gebrauchen darf – eine betrübende Tatsache bekanntzumachen, die mir zu Ohren gekommen ist, und von der ich wohl sagen darf, daß sie mir den ganzen Tag vor den Augen geschwebt hat. Meine Herren, unser Freund, Herr Whiffers (aller Augen richteten sich auf den Orangefarbigen), unser Freund, Herr Whiffers, hat gekündigt.« Allgemeines Erstaunen lag über den Zuhörern. Jeder sah seinen Nachbar an und ließ dann die Blicke wieder auf den stehenden Kutscher gleiten. »Ja, meine Herren«, fuhr dieser fort, »Sie haben Ursache, verwundert zu sein. Ich will es nicht wagen, mich über die Gründe dieses unersetzlichen Verlustes für den Dienst auszulassen, aber ich möchte Herrn Whiffers bitten, dieselben zur Belehrung und Nachahmung seiner bewundernden Freunde selbst anzugeben.« Da der Antrag mit lautem Beifall angenommen wurde, so erklärte sich Herr Whiffers bereit. Er sagte, er hätte allerdings wünschen können, den Posten, den er nunmehr aufgegeben, länger zu behalten. Die Uniform sei glänzend und kostbar gewesen, die Frauenzimmer in der Familie äußerst angenehm und die Pflichten seiner Stellung, wie er nicht anders sagen könne, keineswegs zu beschwerlich, denn sein Hauptdienst habe darin bestanden, in Gesellschaft eines andern Gentleman, der ebenfalls gekündigt habe, soviel wie möglich aus dem Fenster neben dem Hausflur hinauszusehen. Er hätte der Gesellschaft gern die widrigen und empörenden Details, auf die er eingehen müsse, erspart, da man aber eine Erklärung von ihm gefordert, so habe er keine andere Wahl, als deutlich und geradeheraus zu gestehen, daß man ihm zugemutet habe, kalte Küche zu essen. Es ist unmöglich, die Entrüstung zu begreifen, die diese Mitteilung in den Busen der Zuhörer erweckte. Ein lautes Geschrei: »Pfui! pfui!« mit Murren und Gezische vermischt, dauerte wenigstens eine Viertelstunde. Herr Whiffers fügte jetzt hinzu, er fürchte, einen Teil dieser Schmach durch sein nachgiebiges und geduldiges Wesen selbst verschuldet zu haben. Er erinnere sich deutlich, daß er sich einmal herabgelassen habe, gesalzene Butter zu essen, und ein andermal, als jemand im Hause plötzlich erkrankt sei, habe er sich sogar soweit vergessen, einen Kohleneimer in den zweiten Stock hinauf zu tragen. Er hege die Zuversicht, daß er durch dieses offene Geständnis seiner Fehler in der guten Meinung seiner Freunde nicht gesunken sei, oder wenn dies geschehen sein sollte, so hoffe er, daß die Schnelligkeit, womit er die soeben erzählte letzte schamlose Verletzung seiner Gefühle gerächt habe, ihn in ihre Achtung wieder einsetzen werde. Herrn Whiffers Rede belohnte schallender Bewunderungszuruf, und voll Enthusiasmus wurde die Gesundheit des hochsinnigen Märtyrers getrunken. Der Märtyrer dankte und brachte einen Toast auf ihren Gast, Herrn Weller, aus – einen Gentleman, den er zwar nicht das Vergnügen habe, genauer zu kennen, der aber der Freund des Herrn John Smauker sei, was in jeder Gesellschaft von Gentlemen als ein hinreichender Empfehlungsbrief betrachtet werden müsse. Deshalb würde er sich gedrungen gefühlt haben, Herrn Wellers Gesundheit mit allen Ehren auszubringen, wenn seine Freunde Wein tränken; da sie aber der Abwechslung halber Branntwein vorgezogen, und es nicht ratsam sein möchte, bei jedem Toaste einen Humpen zu leeren, so schlage er vor, die Ehren stillschweigend vorauszusetzen. Beim Schluß dieser Rede schlürften alle zu Ehren Sams ein wenig aus ihren Bechern, und nachdem Sam sich selbst zu Ehren zwei volle Gläser Punsch herausgeschöpft und hinabgestürzt hatte, dankte er in einer wohlgesetzten Rede. »Kameraden«, begann er, indem er so unbefangen wie möglich sein Glas füllte; »ich bin sehr verbunden für dieses Kompliment, das mich beinahe zu Boden drückt, da es von solchen Ehrenmännern kommt. Ich habe schon viel von Ihnen als Korporation gehört, aber das muß ich sagen, ich hätte nie geglaubt, daß Sie so außerordentlich angenehme Leute wären, wie ich jetzt in Ihnen gefunden habe. Ich hoffe nur, daß Sie acht auf sich selbst nehmen und Ihrer Würde nichts vergeben, denn es ist sehr hübsch anzusehen, wenn einer auf der Straße geht, und dieser Anblick hat mir von jeher sehr viel Vergnügen gemacht, schon als ich noch ein Knabe war und kaum halb so hoch als der mit einem Messingknopf versehene Stock meines ehrenwerten Freundes Feuerbrand da. Was das Opfer der Unterdrückung in dem Schwefelkleide betrifft, so kann ich weiter nichts sagen, als daß ich hoffe, er werde einen so guten Platz bekommen, wie er es verdient, in welchem Fall man ihm sehr wenig mit kalter Küche beschwerlich fallen wird.« Hier setzte sich Sam mit einem anmutsvollen Lächeln; seine Rede wurde stürmisch beklatscht, und ein Teil der Gesellschaft machte Anstalt, aufzubrechen. »Wie, Sie werden doch nicht im Ernst schon gehen wollen, alter Kollege«, sagte Sam Weller zu seinem Freunde, Herrn John Smauker. »Ach Gott, ich muß«, erwiderte Herr Smauker: »ich habe es Bantam versprochen.« »Dann ist's was anderes«, erwiderte Sam. »Vielleicht würde er kündigen, wenn Sie lange auf sich warten ließen. Aber Sie gehen doch noch nicht, Feuerbrand?« »O freilich«, erwiderte der Mann mit dem aufgestülpten Hut. »Wie, und Dreiviertel einer Punschbowle zurücklassen?« eiferte Sam. »Das wäre ja Unsinn! Setzen Sie sich wieder.« Herr Tuckle vermochte dieser Einladung nicht zu widerstehen. Er stellte den aufgestülpten Hut sowie den Stock, den er soeben ergriffen hatte, wieder auf die Seite und sagte, um der guten Kameradschaft willen wolle er noch ein Gläschen trinken. Da der hellblaue Gentleman denselben Heimweg hatte wie Herr Tuckle, so ließ auch er sich überreden, noch zu bleiben. Als der Punsch etwa halb getrunken war, bestellte Sam noch Austern aus des Gemüsehändlers Laden, und die Wirkung von beiden war so außerordentlich erheiternd, daß Herr Tuckle mit seinem aufgestülpten Hut und Stock auf dem Tische zwischen den Austernschalen den Froschhornpipe tanzte, während ihm der hellblaue Gentleman auf einem sinnreichen Instrument, bestehend aus einem Haarkamm und einem Papierstreif, dazu aufspielte. Endlich, als der Punsch getrunken und die Nacht so ziemlich vorüber war, machten sie sich auf, in der Absicht, ein Haus weiterzugehen. Kaum war Herr Tuckle an der frischen Luft, als ihn auf einmal der Wunsch ankam, sich auf das Straßenpflaster niederzulegen, und Sam, der es für eine Sünde gehalten hätte, ihm zu widersprechen, ließ ihn gewähren. Da jedoch der aufgestülpte Hut leicht hätte verdorben werden können, wenn man ihn hier ließ, so drückte er denselben klugerweise dem hellblauen Herrn auf den Kopf, gab ihm den dicken Stab in die Hand, lehnte ihn sofort an seine Haustür, läutete und ging ruhig nach Hause. An diesem Morgen war Herr Pickwick früher als gewöhnlich aufgestanden; er ging vollständig angekleidet die Treppen hinab und läutete. »Sam«, sagte er, als Herr Weller auf das Geklingel erschien, »schließ die Tür zu.« Herr Weller tat es. »Wir haben«, fuhr Herr Pickwick fort, »heute Nacht einen unglückseligen Vorfall gehabt, infolgedessen Herr Winkle Gewalttätigkeiten von Herrn Dowler befürchten muß.« »Ich habe es schon von der Alten unten gehört«, erwiderte Sam. »Und«, erzählte Herr Pickwick mit höchst verdrießlicher Miene weiter, »ich muß leider hinzufügen, daß Herr Winkle sich aus Furcht vor diesen Gewalttätigkeiten davongemacht hat.« »Davongemacht?« sagte Sam. »Er hat diesen Morgen sehr früh, ohne die geringste Beratung mit mir, das Haus verlassen«, erklärte Herr Pickwick. »Und er ist davongegangen, ohne daß ich weiß, wohin.« »Er hätte dableiben und die Sache ausfechten sollen, Sir«, versetzte Sam verächtlich. »Ich wollte mit diesem Dowler schon fertig werden, Sir.« »Gut, Sam«, sagte Herr Pickwick; »auch ich habe meine Zweifel an seiner großen Tapferkeit und Entschlossenheit. Aber dem sei wie ihm wolle, Herr Winkle ist nun einmal nicht mehr da. Er muß aufgesucht und zu mir zurückgebracht werden, Sam.« »Wenn er aber nicht mehr kommen will, Sir?« fragte Sam. »So muß man ihn dazu zwingen, Sam«, sagte Herr Pickwick. »Und wer soll das tun, Sir?« fragte Sam mit einem Lächeln. »Du«, erwiderte Herr Pickwick. »Sehr wohl, Sir.« Mit diesen Worten verließ Herr Weller das Zimmer, und man hörte ihn bald nachher die Haustür schließen. Zwei Stunden nachher kehrte er so ruhig zurück, als hätte man ihn mit dem allergewöhnlichsten Auftrag abgesandt, und brachte die Nachricht, ein Individuum, dessen Beschreibung in jeder Beziehung auf Herrn Winkle passe, sei heute morgen mit der Postkutsche von Royal- Hotel weg nach Bristol gefahren. »Sam«, sagte Herr Pickwick, seine Hand ergreifend: »du bist ein Kapitalkerl, den man in Gold fassen sollte. Du mußt ihm nachreisen, Sam.« »Sehr wohl, Sir«, erwiderte Herr Weller. »Sobald du ihn entdeckst, schreibst du es mir auf der Stelle, Sam«, fuhr Herr Pickwick fort: »und wenn er einen Versuch macht, zu entfliehen, so schlägst du ihn zu Boden oder sperrst ihn ein. Du hast meine unumschränkte Vollmacht, Sam.« »Ich werde alles getreu befolgen«, erwiderte Sam. »Sage ihm«, setzte Herr Pickwick hinzu, »ich sei im höchsten aufgebracht, erzürnt und empört über das äußerst auffallende benehmen, das er sich habe zuschulden kommen lassen.« »Das will ich, Sir«, erwiderte Sam. »Sage ihm ferner«, fuhr Herr Pickwick fort, »wenn er nicht mit dir in dieses Haus zurückkehren wolle, so werde er mit mir zurückkehren müssen, denn ich würde selbst kommen und ihn holen.« »Ich werde es ausrichten, Sir«, versprach Sam. »Meinst du wirklich, daß du ihn finden werdest, Sam?« fragte Herr Pickwick, ihm scharf in's Gesicht sehend. »O ich will ihn schon finden, er mag sein, wo er will«, erwiderte Sam mit großer Zuversicht. »Sehr gut«, sagte Herr Pickwick; »so reise je eher, je lieber, ab.« Mit diesen Instruktionen drückte Herr Pickwick seinem getreuen Diener eine Summe Geldes in die Hand und befahl ihm, sogleich nach Bristol abzureisen, um den Flüchtling einzuholen. Sam packte einige notwendige Sachen in einen Koffer und war bereit, aufzubrechen. Am Ende des Ganges blieb er stehen, kehrte noch einmal um und steckte den Kopf durch die Tür. »Sir«, flüsterte Sam. »Was ist'«, Sam?« erwiderte Herr Pickwick. »Ich habe doch meine Instruktionen recht verstanden, Sir?« fragte Sam. »Ich hoffe wenigstens«, sagte Herr Pickwick. »Habe ich das mit dem Niederschlagen buchstäblich zu verstehen?« fragte Sam weiter. »Allerdings«, erwiderte Herr Pickwick: »ganz buchstäblich. Tu, was du für nötig hältst. Du hast meine Vollmacht.« Sam nickte einverstanden, zog seinen Kopf aus der Tür und begab sich leichten Herzens auf seine Wanderschaft. Neununddreißigstes Kapitel. Wie Herr Winkle aus der Bratpfanne heraus hübsch ordentlich ins Feuer selbst gerät. Nachdem der unter einem bösen Stern geborene Gentleman, der die unglückliche Ursache des von uns bereits beschriebenen ungewöhnlichen Lärms und der Störung sämtlicher Bewohner von Royal Crescent gewesen war, eine Nacht voll Bangigkeit und Angst zugebracht hatte, verließ er das Dach, unter dem seine Freunde noch schlummerten, und entfloh, ohne zu wissen wohin. Die vortrefflichen, edlen Gesinnungen, die Herrn Winkle zu diesem Schritte antrieben, können nie zu hoch oder zu warm gepriesen werden, »Wenn« – überlegte Herr Winkle bei sich selbst – »wenn dieser Dowler sich untersteht (und ich zweifle keineswegs daran), seine Drohungen persönlicher Gewalttätigkeiten gegen mich in Ausführung zu bringen, so werde ich nicht umhin können, ihn herauszufordern. Er hat eine Frau. Diese Frau liebt ihn über alles und kann ohne ihn nicht leben. Gütiger Gott! wenn ich ihn in der Blindheit meines Zornes tötete, was für Gefühle würden mich dann verfolgen!« Dieser peinliche Gedanke wirkte so mächtig auf das Gemüt des menschenfreundlichen jungen Mannes, daß seine Knie zusammenschlugen und aus seinem Gesichte beunruhigende Merkmale von tiefer innerer Bewegung sich bekundeten. Unter dem Einflusse solcher Betrachtungen ergriff er daher seinen Koffer, schlich sich leise die Treppen hinab, verschloß die verwünschte Haustür so geräuschlos wie möglich und machte sich davon. Er lenkte seine Schritte gegen das Royal-Hotel, traf dort eine Kutsche, die im Begriff war, nach Bristol zu fahren; und da ihm Bristol für seine Zwecke ein ebenso guter Ort dünkte wie jeder andere, so stieg er auf den Bock und erreichte den Ort seiner Bestimmung so schnell, wie man den zwei Pferden, die täglich zwei oder mehrere Male den ganzen Tag hin und her machen mußten, billigerweise zumuten konnte. Er nahm sein Quartier im Gasthof Zum Busch, und entschlossen, alle briefliche Verbindung mit Herrn Pickwick solange auszusetzen, bis Herrn Dowlers Zorn nach menschlicher Berechnung einigermaßen verraucht wäre, ging er aus, um sich die Stadt zu besehen, an der ihm weiter nichts auffiel, als daß sie noch ein wenig schmutziger war als jeder andere Ort, den er bisher in Augenschein genommen. Nachdem er die Docks, die Schiffswerft und die Kathedrale besichtigt, erfragte er den Weg nach Klifton und schlug sofort die Richtung ein, die man ihm bezeichnet hatte. Wie indessen das Pflaster von Bristol nicht das breiteste oder reinlichste auf Erden ist, so sind auch die Straßen dieser Stadt eben nicht die geradesten, und da Herr Winkle durch ihre mannigfaltigen Wendungen und Drehungen sehr verwirrt wurde, so sah er sich nach einem anständigen Laden um, wo er sich aufs neue Rat holen und Erkundigungen einziehen könnte. Seine Augen fielen auf ein neu angestrichenes Haus, das vor kurzem in ein Mittelding zwischen einem Laden und einem Privathaus verwandelt worden war. Eine über das fächerförmige Fenster der Haustür vorhängende rote Lampe würde es deutlich genug als den Wohnsitz eines Heilkünstlers bezeichnet haben, hätte nicht auch das Wort »Chirurgenstube« in goldenen Buchstaben auf dem Getäfel geprangt, über dessen Fenster in früheren Zeiten die Vorderstube gewesen war. Da Herr Winkle dies für einen geeigneten Ort hielt, um seine Nachforschungen anzustellen, so trat er in den kleinen Laden, wo die mit vergoldeten Lettern überschriebenen Schubfächer und Flaschen sich befanden, und als er niemand traf, klopfte er mit einer halben Krone auf den Ladentisch, um die Aufmerksamkeit der Leute zu erregen, die sich vielleicht im Hinterzimmer befinden möchten. Dies Hinterzimmer hielt er für das innerste und ganz besondere Heiligtum der Anstalt, weil das Wort »Chirurgenstube« hier aufs neue, und zwar zur Abwechslung diesmal mit weißen Lettern an die Tür gemalt war. Auf sein erstes Klopfen hörte er ein bis jetzt wohl vernehmbares Geräusch, das demjenigen ähnlich, wenn mit Rapieren gefochten wird, plötzlich auf, und beim zweiten trat ein gelehrt aussehender junger Herr mit einer grünen Brille auf der Nase und einem gewaltigen Buch in der Hand ruhig in den Laden, stellte sich hinter den Tisch und fragte nach dem Begehren seines Gastes. »Ich bedaure, wenn ich Sie störe, Sir«, sagte Herr Winkle, »aber würden Sie nicht die Güte haben, mir zu sagen, wo –« »Ha! ha! ha!« lachte der gelehrte junge Herr, das große Buch in die Luft werfend und mit erstaunlicher Gewandtheit in demselben Augenblicke wieder auffangend, wo es sämtliche Flaschen auf dem Tisch zu Atomen zu zertrümmern drohte. »Das nenne ich einmal einen Zufall.« Das war es auch wirklich, denn Herr Winkle war über das auffallende Benehmen des Äskulapsohnes so über die Maßen erstaunt, daß er unwillkürlich gegen die Tür zurücktrat und äußerst unruhig über diesen sonderbaren Empfang aussah. »Wie, – kennen Sie mich nicht?« fragte der Medikus. Herr Winkle murmelte, er habe nicht das Vergnügen. »Nun«, fuhr der Doktor fort, »dann habe ich noch Hoffnung: wenn mir das Glück nur ein bißchen will, kann ich die Hälfte der alten Weiber von Bristol zu Kunden bekommen. Packe dich, du verschimmelter alter Spitzbube, fort mit dir!« Unter dieser Verwünschung, die dem großen Buche galt, schleuderte der Doktor das Werk mit bewundernswürdiger Fertigkeit nach dem entfernten Ende des Ladens, nahm seine grüne Brille ab und ließ das leibhaftige Grinsen des Robert Sawyer Esquire, früher in Guys-Hospital, mit einer Privatwohnung in Landstreet, erkennen. »Sie haben mich also nicht sogleich erkannt?« fragte Herr Bob Sawyer, mit freundschaftlicher Wärme Herrn Winkle die Hand schüttelnd. »Auf Ehre nicht«, antwortete Herr Winkle, den Druck erwidernd. »Haben Sie denn meinen Namen nicht gesehen?« fuhr Bob Sawyer fort, die Aufmerksamkeit seines Freundes auf die äußere Türe lenkend, wo ebenfalls weiß angemalt die Worte standen: »Sawyer, früher Nockemorf.« »Ich habe es nicht bemerkt«, erwiderte Herr Winkle. »Bei Gott, wenn ich gewußt hätte, daß Sie es sind, so wäre ich sogleich herausgestürzt und hätte Sie in meine Arme geschlossen«, sagte Bob Sawyer: »aber so wahr ich lebe, ich meinte es sei der Steuereinnehmer.« »Wirklich?« fragte Herr Winkle. »Ja«, antwortete Bob Sawyer: »und ich wollte eben sagen, ich sei nicht zu Hause. Möchte übrigens wissen, was er mir mitzuteilen hätte, denn er kennt mich so wenig wie der Beleuchtungs- und Pflastersteuereinnehmer. Der Steuerbote für die Kirche indes scheint zu erraten, wer ich bin, und der Wassersteuerbote kennt mich auch; denn diesem habe ich gleich nach meiner Ankunft einen Zahn ausgezogen. Doch kommen Sie jetzt, treten Sie herein.« So schwatzend trieb Herr Bob Saywer seinen Freund Winkle in das Hinterzimmer, allwo niemand Geringerer als Herr Benjamin Allen saß und zu seinem Zeitvertreib mit einem glühenden Schüreisen kleine runde Löcher in das Kamingesims bohrte. »Wahrhaftig«, sagte Herr Winkle, »das ist ein Vergnügen, das ich nicht erwartet hätte. Sie haben ja einen recht hübschen Platz hier.« »O ja, so ziemlich«, erwiderte Bob Sawyer. »Ich machte bald nach unserer köstlichen Abendgesellschaft das Examen? meine Freunde schossen mir das Nötige zur Einrichtung vor, und nun legte ich mir einen schwarzen Anzug nebst einer Brille bei, um so feierlich wie möglich auszusehen, und kam hierher.« »Sie haben ohne Zweifel ein recht hübsches Geschäftchen?« fragte Herr Winkle mit einem Kennerblick. »O ja«, erwiderte Bob Sawyer; »so hübsch, daß Sie nach Verfluß von wenigen Jahren den ganzen Profit in ein Weinglas legen und mit einem Stachelbeerblatt bedecken können.« »Das kann doch nicht Ihr Ernst sein?« meinte Herr Winkle. »Schon die Vorräte –« »Lauter Larifari, Freundchen«, sagte Bob Sawyer. »In der einen Hälfte der Schubladen ist gar nichts, und die andern können nicht einmal herausgezogen werden.« »Sie scherzen«, sagte Herr Winkle. »Nein, auf Ehre«, erwiderte Bob Sawyer, in den Laden tretend und die Wahrhaftigkeit seiner Versicherung dadurch bekräftigend, daß er zu verschiedenen Malen vergeblich an den kleinen vergoldeten Knöpfen der falschen Schubladen zerrte. »Im ganzen Laden ist kaum etwas Reelles, außer den Blutegeln, und auch diese haben schon einmal Dienste geleistet.« »Das hätte ich nicht gedacht«, rief Herr Winkle sehr überrascht. »Hoffentlich«, erwiderte Bob Sawyer; »denn was nützte mir sonst all das Scheingepränge. Doch, was wollen Sie jetzt genießen? Halten Sie es mit uns. Ben, mein lieber Kamerad, geh an den Schenktisch und hole uns den Patentverdauer.« Herr Benjamin Allen gab seine Bereitwilligkeit durch ein Lächeln zu erkennen und zog aus dem Schrank an seinem Ellenbogen eine schwarze, halbvolle Branntweinflasche hervor. »Sie trinken natürlich ohne Wasser?« fragte Bob Sawyer. »Danke Ihnen«, erwiderte Herr Winkle,- »es ist noch ziemlich früh, und ich nehme lieber Wasser dazu, wenn Sie nichts dagegen haben.« »Nicht das geringste, wenn Sie es mit Ihrem Gewissen vereinbaren können«, erwiderte Bob Sawyer, mit großen Behagen ein Glas hinabstürzend. »Ben, die Kruke.« Herr Benjamin Allen zog aus demselben Versteck einen kleinen messingenen Topf hervor, auf den Bob Sawyer stolz zu sein behauptete, besonders weil er so apothekermäßig aussehe. Das Wasser war in diesem kunstgerechten Topf mittels mehrerer Schaufeln Kohlen, die Herr Bob Sawyer aus einem bequemen, »Sodawasser« überschriebenen Wandschrank genommen hatte, zum Sieden gebracht. Dann mischte Herr Winkle seinen Branntwein, und die Unterhaltung fing bereits an, recht belebt zu werden, als sie durch einen jungen Burschen unterbrochen wurde, der in einer bescheidenen grauen Livree mit goldbetreßtem Hut und einem kleinen verdeckten Korb unter dem Arm in den Laden trat und von Herrn Bob Sawyer mit den Worten bewillkommt wurde: »Kommst du endlich, Tom, du Tagedieb?« Der Junge trat sogleich vor. »Gewiß bist du wieder mit allen Gassenjungen von Bristol herumgeschlingelt, du fauler Spitzbube«, fuhr Herr Bob Sawyer fort. »Nein, Sir, ganz gewiß nicht«, erwiderte der Knabe. »Ich will es dir auch nicht raten«, sagte Herr Bob Sawyer mit drohender Geberde. »Wer wird auch wohl einen Geschäftsmann rufen lassen, wenn man sieht, daß sein Laufbursche auf der Gasse spielt wie kleine Kinder? Hast du denn gar keinen Sinn für dein Geschäft, du Gauner? Hast du die Arzneien alle abgegeben?« »Ja, Sir.« »Die Pulver für das Kind in dem großen Hause, wo die neue Familie wohnt, und die Pillen, die der übellaunige alte Herr mit seinem Podagra täglich viermal einzunehmen hat?« «Ja, Sir.« »Nun, so mach die Tür zu und besorge den Laden.« »Nun«, sagte Herr Winkle, als der Knabe sich entfernt hatte: »die Sachen scheinen doch nicht so schlimm zu stehen, wie Sie mich glauben machen wollten. Sie haben doch jedenfalls einige Medizin auszuschicken.« Herr Bob Sawyer sah in den Laden, ob kein Fremder ihn hören könne, dann aber beugte er sich zu Herrn Winkle und sagte leise: »Er bringt sie alle in die falschen Häuser.« Herr Winkle blickte äußerst verwundert um sich: Bob Sawyer aber und sein Freund lachten. »Sehen Sie«, sagte Bob, »er geht in ein Haus, läutet, gibt dem Diener ein Paket ohne Aufschrift ab und entfernt sich wieder. Der Bediente bringt es in die Wohnstube, der Herr öffnet es und liest die Aufschrift: ›Ein Trank, vorm Schlafengehen einzunehmen – Pillen, wie das letztemal – Wasser, wie gewöhnlich – das Pulver. Nach den Vorschriften des Doktor Sawyer, früher Nockemorf, sorgfältig bereitet usw.‹ Er zeigt es seiner Frau, die liest die Aufschrift ebenfalls: dann geht das Paket wieder an die Dienerschaft zurück, und diese liest es auch. Am andern Tage kommt der Bursche wieder und sagt, es tue ihm sehr leid – er habe sich vergriffen – das große Geschäft – so viele Pakete zum Austragen – Komplimente von Herrn Sawyer, früher Nockemorf. Der Dame wird bekannt, und so, Freundchen, muß es ein Mediziner angreifen: ich versichere Sie, alter Freund, das wirkt weit besser als alle Ankündigungen von der Welt. Wir haben eine Vierunzenflasche, die schon in halb Bristol gewesen ist und noch in manche Häuser wandern muß.« »Du mein Himmel, jetzt geht mir ein Licht auf«, bemerkte Herr Winkle. »Ein ganz vortrefflicher Plan.« »O, Ben und ich haben schon ein Dutzend ähnliche ausgedacht«, erwiderte Bob Sawyer sehr vergnügt. »Der Lampenanzünder bekommt achtzehn Pence wöchentlich dafür, daß er jedesmal, wenn er vorbeigeht, zehn Minuten lang die Nachtglocke läutet, und mein Junge stürzt immer gerade während der kirchlichen Andacht, wenn die Leute nichts zu tun haben, als umherzusehen, in die Kirche und ruft mich hinaus, mit einem Gesicht, auf dem sich Schauder und Entsetzen malen. Ach Gott, sagt dann alles, es muß jemand plötzlich krank geworden sein. Man hat zu Sawyer, früher Nockemorf, geschickt. Welche Praxis der junge Mann schon hat!« Nach dieser Enthüllung einiger Geheimnisse der Arzneiwissenschaft warfen sich Herr Bob Sawyer und sein Freund Ben Allen in ihre Stühle zurück und lachten aus vollem Halse. Als sie dieses Vergnügen nach Herzenslust genossen, wurde das Gespräch auf Gegenstände gelenkt, bei denen Herr Winkle unmittelbar interessiert war. Wir haben, wenn wir nicht irren, schon früher einmal angedeutet, daß Herr Benjamin Allen nach dem Branntwein gewöhnlich sentimental wurde. Dieser Fall gehört nicht zu den seltenen, wie wir selbst bezeugen können, da wir es schon hier und da mit Patienten zu tun hatten, denen es ebenso erging. Herr Benjamin Allen war vielleicht gerade um diese Periode seines Daseins mehr als je zu diesem Zustand der Benebelung geneigt, und seine Krankheitsgeschichte ist kurz folgende: Er hatte sich schon beinahe drei Wochen bei Herrn Bob Sawyer aufgehalten; Herr Bob Sawyer zeichnete sich nicht gerade durch Mäßigkeit aus, so wenig wie Herr Benjamin Allen durch den Besitz eines extra festen Kopfes, und die Folge davon war, daß Ben während dieser Zeit zwischen teilweisem und gänzlichem Beschwipstsein geschwankt hatte. »Mein teurer Freund!« sagte Herr Ben Allen, die zeitweise Abwesenheit des Herrn Bob Sawyer benutzend, der in den Laden gegangen war, um einige von den oben erwähnten gebrauchten Blutegeln abzugeben, »mein teurer Freund, ich bin sehr unglücklich.« Herr Winkle sprach sein herzliches Bedauern darüber aus und wollte wissen, ob er nichts tun könne, um den Kummer des leidenden Studenten zu erleichtern. »Ach nein, mein teurer Freund, nichts«, erwiderte Ben. »Sie erinnern sich Arabellas, Winkle – meiner Schwester Arabella: – ein kleines Mädchen, Winkle, mit schwarzen Augen – damals als wir bei Wardle waren? Ich weiß nicht, ob Sie sie zufällig bemerkt haben – ein hübsches, kleines Mädchen, Winkle. Vielleicht fällt sie Ihnen bei meiner Beschreibung wieder ein.« Herr Winkle bedurfte keineswegs einer solchen Erklärung an die reizende Arabella, und zu seinem Glück; denn die Beschreibung ihres Bruders Benjamin hätte ohne Zweifel sein Gedächtnis nicht sehr aufgefrischt. Er antwortete daher mit aller Ruhe, die er aufzubieten vermochte, er erinnere sich der jungen Dame noch sehr gut und wünsche von Herzen, daß sie sich wohl befinde. »Unser Freund Bob ist ein herrlicher Kerl, Winkle«, war die einzige Antwort des Herrn Ben Allen. »Gewiß«, sagte Herr Winkle, dem diese nahe Zusammenstellung der beiden Namen keineswegs behagte. »Ich hatte sie für einander bestimmt; sie waren für einander geschaffen, für einander in die Welt gesandt, für einander geboren, Winkle«, sagte Herr Ben Allen, indem er mit großem Nachdruck sein Glas niederstellte. »Es waltet ein besonderes Geschick in dieser Sache, mein lieber Herr; sie sind nur um fünf Jahre von einander im Alter getrennt und beider Geburtstage fallen in den August.« Herr Winkle war zu begierig, zu hören, was folgen würde, als daß er großes Erstaunen über diesen außerordentlichen und wirklich wunderbaren Umstand ausgedrückt hätte. Herr Ben Allen erzählte ihm daher nach ein paar Tränen weiter, trotz aller seiner Achtung, Wertschätzung und Verehrung für seinen Freund, zeige Arabella unbegreiflicher- und pflichtvergessenerweise die entschiedenste Abneigung gegen seine Person. »Ich glaube«, so schloß Herr Ben Allen, »ich glaube, es steckt eine frühere Neigung dahinter.« »Haben Sie vielleicht eine Vermutung über die betreffende Person?« fragte Herr Winkle recht zögernd. Herr Ben Allen ergriff das Schüreisen, schwang es nach Kriegerart über seinem Haupte, führte einen furchtbaren Schlag gegen einen in seiner Einbildung vorhandenen Hirnschädel und sagte in höchst bedeutsamem Tone, es sei sein einziger Wunsch, das erraten zu können. »Ich würde ihm dann sagen, was ich von ihm denke«, sagte Herr Ben Allen und schwang aufs neue, noch drohender als zuvor, das Schüreisen. All das mußte natürlich äußerst beschwichtigend auf die Gefühle des Herrn Winkle wirken, der ein paar Minuten lang stillschwieg, endlich aber sich den Mut faßte, zu fragen, ob Miß Allen in Kent sei? »Nein, nein«, sagte Herr Ben Allen, das Schüreisen auf die Seite legend und sehr pfiffig dreinblickend: »Wardles Haus schien mir eben nicht der geeignetste Platz für ein widerspenstiges Mädchen. Da nun unsere Eltern tot sind und ich ihr natürlicher Beschützer und Vormund bin, so habe ich sie in der hiesigen Gegend auf ein paar Monate zu einer alten Tante gebracht, die in einem zwar etwas abgelegenen, aber dennoch recht hübschen Ort wohnt. Das soll sie schon kurieren, mein Freund. Wo nicht, so gehe ich ein Weilchen mit ihr ins Ausland und versuche, ob das nicht hilft.« »Ah, die Tante ist also in Bristol?« stotterte Herr Winkle. »Nein, nein: nicht in Bristol«, erwiderte Herr Ben Allen, den Daumen über seine rechte Schulter legend; »dort nach dieser Seite hin – da unten. Aber still jetzt; Bob kommt; kein Wörtchen, teuerster Freund, kein Wörtchen.« HZ So kurz diese Unterhaltung gewesen war, so versetzte sie doch Herrn Winkle in die peinlichste Aufregung und Angst. Die mutmaßliche frühere Neigung nagte in seinem Herzen. War er vielleicht der Gegenstand derselben? Konnte die schöne Arabella um seinetwillen den luftigen Bob Sawyer verächtlich angeblickt haben, oder hatte er einen glücklichen Nebenbuhler? Er beschloß, sie um jeden Preis zu besuchen; aber hier stellte sich ihm ein unüberwindliches Hindernis entgegen, denn er konnte schlechterdings nicht erraten, ob Ben Allens erklärende Worte: »dort nach dieser Richtung« und »da unten« eine Entfernung von drei, dreißig oder dreihundert Meilen zu bedeuten hatten. Indes war ihm für den Augenblick keine Muße gestattet, seinen Liebesgedanken länger nachzuhängen; denn Bob Sawyers Rückkehr war der unmittelbare Vorläufer einer noch warmen Fleischpastete, und der Hausbesitzer bestand darauf, er müsse sie verzehren helfen. Eine Frau, die Herrn Bob Sawyers Haushälterin vorstellte, deckte den Tisch: ein drittes Paar Messer und Gabeln wurde von der Mutter des Jungen in der grauen Livree entlehnt (denn Herrn Sawyers häusliche Einrichtungen befanden sich noch auf einem beschränkten Fuße); sodann setzten sie sich zu Tisch, und das Bier wurde, wie Herr Sawyer bemerkte, in vaterländischem Zinn aufgetragen. Nach dem Essen ließ Herr Bob Sawyer den größten Mörser aus dem Laden holen und begann einen dampfenden Rumpunsch darin zu brauen, wozu er die Materialien in kundiger Apothekerweise mit dem Stößel umrührte und verband. Herr Sawyer hatte als Junggeselle nur ein einziges Glas im Haus, das ehrenhalber für Herrn Winkle als den Gast bestimmt wurde. Ben Allen erhielt daher einen unten mit einem Kork zugestopften Trichter und Bob Sawyer begnügte sich mit einem jener weitrandigen, von einer Menge kabalistischer Zeichen bedeckten Glasgefäße, in denen die Apotheker den betreffenden Vorschriften gemäß ihre Flüssigkeiten auszumessen pflegen. Nachdem diese Präliminarien im reinen waren, wurde der Punsch gekostet und für vortrefflich erklärt. Sofort wurde der Beschluß gefaßt, Bob Sawyer und Ben Allen sollten die Erlaubnis haben, zwei Gläser zu trinken, bis Herr Winkle mit einem fertig würde, und nach allen diesen Einleitungen begannen sie mit großem Vergnügen und guter Kameradschaftlichkeit das Gelage. Gesungen wurde nicht, weil Herr Bob Sawyer es mit der Würde seines Amtes für unverträglich hielt. Um sich jedoch für diese Entbehrung zu entschädigen, schwatzten und lachten sie so laut, daß man sie am Ende der Straße hören konnte und wahrscheinlich auch hörte. Diese Unterhaltung erheiterte auch dem Laufburschen wesentlich seine Arbeit und trug zu seiner ferneren Ausbildung bei; denn statt den Abend seiner gewöhnlichen Beschäftigung zu widmen, nämlich seinen Namen auf den Ladentisch zu schreiben und dann wieder auszulöschen, schaute er heute durch die Glastür, wo er genug zu hören und zu sehen bekam. Herrn Bob Sawyers Lustigkeit wurde schnell zur Ausgelassenheit; Herr Ben Allen fiel in seine Sentimentalität zurück, und der Punsch war beinahe ganz verschwunden, als der Bursche hereinstürzte und meldete, es sei soeben ein junges Frauenzimmer gekommen und habe gesagt, Herr Sawyer, früher Nockemorf, möchte sogleich einen Patienten besuchen, der ein paar Straßen entfernt wohne. Das war das Signal zum Ende des Gelages. Herr Bob Sawyer verstand die Botschaft, nachdem man sie ihm etliche zwanzigmal wiederholt hatte, band ein nasses Tuch um seinen Kopf, um sich wieder nüchtern zu machen, was ihm auch einigermaßen gelang, setzte sofort seine grüne Brille auf und ging seinem Berufe nach. Trotz aller Bitten, bis zu seiner Rückkehr zu bleiben, nahm Herr Winkle, da er es rein unmöglich fand, mit Herrn Ben Allen eine vernünftige Unterhaltung über den Gegenstand, der seinem Herzen am nächsten lag, oder sonst über etwas anderes anzuknüpfen, Abschied und kehrte in den Busch zurück. Die ängstliche Aufregung seines Gemüts und die zahllosen Gedanken, die Arabella in ihm hervorgerufen, verhinderten es, daß seine Portion aus dem Punschmörser die Wirkung hervorbrachte, die unter andern Umständen unausbleiblich gewesen wäre. Nachdem er daher noch im Schenkstübchen ein Glas Whisky mit Soda getrunken, begab er sich, durch die Vorfälle des Abends mehr entmutigt als aufgerichtet, in das Gastzimmer. Vorn am Kamin saß ein langer Herr in einem großen Überrock, der ihm den rücken zuwandte; sonst befand sich niemand in der Stube. Es war ein für diese Jahreszeit etwas kühler Abend, und der Herr schob seinen Stuhl auf die Seite, um dem neuen Gaste auch etwas vom Feuer zukommen zu lassen. Aber wer vermag Herrn Winkles Gefühle zu schildern, als er auf einmal das Gesicht und die Gestalt des rachsüchtigen, blutdürstigen Dowler erblickte! Herrn Winkles erster Gedanke war, so stark wie möglich an der nächsten Klingelschnur zu ziehen; aber diese hing unglücklicherweise unmittelbar hinter Herrn Dowlers Kopf. Er hatte schon einen Schritt dahin getan, hielt aber auf einmal still, und als er das tat, zog sich Herr Dowler hastig zurück. »Ach, Herr Winkle, seien Sie ruhig. Schlagen Sie mich nicht. Ich kann es nicht ertragen. Einen Schlag! Nein, nie!« sagte Herr Dowler, sah aber weit sanftmütiger aus, als Herr Winkle von einem so wilden Manne erwartet hatte. »Einen Schlag, Sir?« stammelte Herr Winkle. »Einen Schlag, Sir«, erwiderte Dowler. »Beruhigen Sie Ihre Gefühle. Setzen Sie sich. Hören Sie mich an.« »Sir«, sagte Herr Winkle, von Kopf bis Füßen zitternd, »bevor ich mich darauf einlassen kann, ohne die Anwesenheit eines Kellners neben Ihnen oder Ihnen gegenüber zu sitzen, muß ich mich durch vorläufige Auseinandersetzung mit Ihnen verständigen. Sie haben gestern abend eine schreckliche Drohung gegen mich fallen lassen, Sir – ja, eine schreckliche Drohung, Sir!« Bei diesen Worten wurde Herr Winkle leichenblaß und hielt inne. »Allerdings«, sagte Dowler mit einem beinahe ebenso weißen Gesicht: »ich habe da« allerdings getan. Die Umstände waren verdächtig: sie sind geklärt worden. Ich achte Ihre Tapferkeit. Ihre Gesinnung ist aufrichtig. Bewußte Unschuld. Hier ist meine Hand. – Nehmen Sie sie.« »Wirklich, Sir«, versetzte Herr Winkle, unschlüssig, ob er seine Hand geben solle oder nicht, denn er fürchtete beinahe, es möchte eine Schlinge sein: »wirklich, Sir, ich –« »Ich weiß, was Sie sagen wollen«, unterbrach ihn Dowler. »Sie fühlen sich beleidigt. Sehr natürlich. Es ginge mir auch so. Ich hatte unrecht. Ich bitte um Verzeihung. Seien Sie freundlich. Vergeben Sie mir.« Mit diesen Worten ergriff Dowler gewaltsam Herrn Winkles Hand, schüttelte sie mit äußerster Heftigkeit, schwur, Herr Winkle sei ein Mann von außerordentlichem Mut, und er habe von ihm eine höhere Meinung als je. »Jetzt«, sagte Dowler, »setzen Sie sich. Erzählen Sie alles. Wie fanden Sie mich? Wann sind Sie mir nachgereist? Seien Sie offen. Sprechen Sie.« »Es ist ganz zufällig«, erwiderte Herr Winkle, in hohem Grade verblüfft über die sonderbare, unerwartete Art dieses Zusammentreffens: »reiner Zufall.« »Freut mich«, sagte Dowler. »Ich wachte heute morgen auf. Ich hatte meine Drohungen vergessen. Ich lachte über die Geschichte. Ich hatte gar keine bösartigen Absichten. Ich sagte es auch sogleich.« »Wem haben Sie es gesagt?« fragte Herr Winkle. »Meiner Frau. – ›Du hast ein Gelübde getan‹, sagte sie. – ›Ja‹, sprach ich. – ›Es war recht unüberlegt‹, meinte sie. – ›Ich weiß wohl‹, sagte ich. ›Ich will es zurücknehmen. Wo ist er?‹« »Wer?« fragte Herr Winkle. »Sie«, erwiderte Dowler. »Ich ging die Treppe hinunter. Sie waren nicht zu finden. Pickwick sah recht ärgerlich aus. Schüttelte den Kopf. Hoffte, es würden keine Gewalttätigkeiten vorkommen. Ich sah alles ein, Sie fühlten sich beleidigt. Sie waren ausgegangen, vielleicht um einen Freund zu holen. Vielleicht auch um Pistolen. ›Großer Mut‹, sagte ich. ›Ich bewundere ihn.‹« Herr Winkle hustete, und da er anfing, zu verstehen, was es geschlagen hatte, so nahm er eine höchst gewichtige Miene an. »Ich habe ein Billett an Sie zurückgelassen«, fuhr Dowler fort. »Ich sagte, es tut mir leid. Es war auch so. Ein dringendes Geschäft rief mich hierher. Sie waren nicht zufrieden. Sie sind nachgereist. Sie verlangten eine nähere Erklärung. Sie haben recht gehabt. Jetzt ist alles vorbei. Mein Geschäft ist abgemacht. Morgen reise ich zurück. Gehen Sie mit mir.« Je weiter Dowler in seiner Erklärung fortschritt, um so würdevoller wurde Herrn Winkles Antlitz. Die geheimnisvolle Art, wie ihre Unterhaltung anfing, war erklärt: Herr Dowler hatte ebenso viele Einwendungen gegen das Duell wie er selbst. Kurz und gut, dieser auftobende, schreckliche Mann war einer der herrlichsten Hasenfüße, so weit man um sich blickte. Er hatte Herrn Winkles Abwesenheit durch das Medium seiner eigenen Erschrockenheit betrachtet, hatte wirklich denselben Schritt getan wie jener und sich klüglich zurückgezogen, bis jede Aufregung des Gefühls sich gelegt haben konnte. Als der wirkliche Stand der Sache in Herrn Winkles Kopf dämmerte, blickte er höchst furchtbar drein und sagte, er sei vollkommen befriedigt; er sagte das aber in einem Tone, woraus Herr Dowler notwendig schließen mußte, wenn dies nicht der Fall wäre, so hätte es unausweichbar zu einer höchst schauderhaften und zerstörenden Katastrophe kommen müssen. Herr Dowler schien von einem geziemenden Gefühl der Großmut und Herablassung des Herrn Winkle ergriffen zu sein, und die beiden kriegführenden Parteien verabschiedeten sich zur Nacht mit mannigfachen Versicherungen ewiger Freundschaft. Ungefähr um halb ein Uhr, als Herr Winkle etliche zwanzig Minuten im vollen üppigen Genuß des ersten Schlafe« geschwelgt hatte, wurde er plötzlich durch lautes Klopfen an seine Kammertür geweckt, das sich mit vermehrter Heftigkeit erneuerte und ihn veranlaßte, im Bett aufzuspringen und zu fragen, wer da sei und was es gäbe?« »Erlauben Sie, Sir, es ist ein junger Mann da, der sagt, er müsse Sie sogleich sehen«, antwortete die Stimme des Stubenmädchens. »Ein junger Mann?« rief Herr Winkle. »Ja, Sie werden es sogleich zu wissen bekommen, Sir«, ertönte eine andere Stimme durch das Schlüsselloch, »und wenn dieser interessante junge Mensch nicht unverzüglich hineingelassen wird, so wäre es sehr wohl möglich, daß seine Beine vor seinem Kopf hineinkämen.« Der junge Mann stieß nach dieser sanften Andeutung recht artig an eins der unteren Bretter der Tür, als wenn er seiner Bemerkung Kraft und Nachdruck geben wollte. »Sind Sie's, Sam?« fragte Herr Winkle aus dem Bett springend. »Nein unmöglich: einen Gentleman auch nur annähernd sicher zu erkennen, wenn man ihn nicht sieht, Sir«, erwiderte die Stimme dogmatisch. Herr Winkle zweifelte nicht mehr, wer der junge Mann sei und öffnete die Tür. Auch hatte er es kaum getan, als Herr Samuel Weller mit großer Hast eintrat, sorgfältig von innen abschloß, mit großem Bedacht den Schlüssel in seine Westentasche steckte und, nachdem er Herrn Winkle von Kopf zu Fuß gemustert, also anhob: »Sie sind ein sehr humoristischer junger Gentleman, Sir.« »Was wollen Sie mit diesem Benehmen, Sam?« fragte Herr Winkle entrüstet. »Gehen Sie hinaus, Sir; im Augenblick! Was glauben Sie denn, Sir?« »Was ich glaube?« erwiderte Sam. »Kommen Sie, Sir; das ist noch viel zu gut, wie die junge Dame sagte, als sie mit dem Pastetenbäcker Händel anfing, weil er eine Schweinspastete an sie verkaufte, wo das Inwendige nichts als lauter Fett war. Was ich glaube? Gut, ich glaube, daß das gar nicht so übel ist – gar nicht so übel.« Öffnen Sie die Tür und verlassen Sie sogleich dies Zimmer«, sagte Herr Winkle. »Ich werde dieses Zimmer hier ganz in dem nämlichen Augenblick verlassen, Sir, wenn Sie es verlassen«, antwortete Sam in höchst eindringlichem Tone und setzte sich dabei mit vollendeter Gravität nieder. »Wenn ich es für nötig finde, Sie auf den Rücken zu packen und fortzuführen, so werde ich das letzte bißchen Zeit nehmen, das noch dazu da ist. Aber erlauben Sie mir, die Hoffnung auszudrücken, daß Sie mich nicht zu diesem Äußersten treiben werden: und wenn ich das sage, so fällt mir der Edelmann ein, der die widerspenstige Auster mit der Nadel nicht herausholen konnte und sagte, er fürchte, er müsse sie zusammenschlagen.« Am Ende dieser für ihn ungewöhnlich langen Rede stemmte Herr Weller seine Hände auf die Knie und sah Herrn Winkle mit einem Ausdruck ins Gesicht, worin deutlich zu lesen war, daß er nicht die entfernteste Absicht habe, sich durch Ausflüchte abspeisen zu lassen. »Sie sind ein zu Scherzen aufgelegter junger Mann, Sir«, fuhr Herr Weller im Tone moralischen Vorwurfs fort, »daß Sie unsern lieben Herrn in alle möglichen Torheiten verwickeln, während es doch sein Grundsatz ist, überall den geraden Weg zu gehen. Sie sind noch viel schlimmer, Sir, als Dodson, und was Fogg betrifft, so betrachte ich ihn als einen geborenen Engel gegen Sie.« Nachdem Herr Weller diese seine letzte Empfindung mit einem nachdrücklichen Schlag auf beide Knie begleitet hatte, kreuzte er mit sehr entrüsteter Miene die Arme und warf sich in seinen Stuhl zurück, als erwartete er die Verteidigung des Verbrechers. »Mein guter Junge«, sagte Herr Winkle, die Hand ausstreckend und mit den Zähnen klappernd, denn er hatte während der ganzen Lektion des Herrn Weller in einem leichten Nachtgewande dagestanden, »mein guter Junge, ich achte Ihre Anhänglichkeit an meinen vortrefflichen Freund, und es tut mir in der Tat sehr leid, ihm Ursache zum Kummer gegeben zu haben. Da, Sam, da!« »Gut«, sagte Sam mürrisch, obgleich er die hingebotene Hand ehrerbietig schüttelte – »es darf Ihnen wohl leid tun, und mich freut es sehr, daß Sie mich hier getroffen haben: denn wenn ich ihm dazu helfen kann, so soll ihm keine sterbliche Seele einen Kummer machen.« »Da haben Sie ganz recht, Sam«, erwiderte Herr Winkle. »Aber jetzt gehen Sie zu Bett und morgen früh wollen wir weiter über die Sache sprechen.« »Es tut mir sehr leid«, erklärte Sam, »aber ich kann nicht zu Bett gehen.« »Nicht zu Bett gehen?« wiederholte Herr Winkle. »Nein«, sagte Sam, den Kopf schüttelnd, »es kann nicht sein.« »Sie werden doch nicht in der Nacht zurückreisen wollen, Sam?« drängte Herr Winkle sehr überrascht, »Nein, außer wenn Sie es absolut wünschen«, versetzte Sam, »aber ich darf dieses Zimmer hier nicht verlassen. Der Herr hat mir ganz ausdrückliche Befehle gegeben.« »Unsinn, Sam«, sagte Herr Winkle. »Ich muß zwei oder drei Tage hier bleiben, und was mehr ist, Sam, Sie müssen auch hier bleiben, um mir zu einer Zusammenkunft mit einer jungen Dame zu verhelfen – nämlich, mit Fräulein Allen. Sie erinnern sich ihrer; ich muß und will sie sehen, bevor ich Bristol verlasse.« Statt aller Antwort auf diese Vorschläge schüttelte Sam mit großer Festigkeit sein Haupt und erwiderte ausdrucksvoll: »Es kann nicht sein.« Nach manchen Argumentationen und Vorstellungen von Herrn Winkles Seite jedoch und nach einer umständlichen Auseinandersetzung über das Zusammentreffen mit Dowler begann Sam zu schwanken, und zuletzt kam ein Vertrag zustande, dessen Hauptbedingungen folgende waren: Daß sich Sam entfernen und Herrn Winkle im ungestörten Besitz seines Zimmers lassen solle, jedoch mit der Erlaubnis, die Tür von außen zu schließen und den Schlüssel mitzunehmen; dagegen habe er, im Fall ein Feuer ausbrechen oder sonst eine Gefahr eintreffen sollte, die Tür sofort zu öffnen. Ferner solle am nächsten Morgen in aller Frühe dem Herrn Dowler ein Brief an Herrn Pickwick mitgegeben werden, worin Sam und Herr Winkle um Erlaubnis bitten, zu dem bereits bezeichneten Zwecke in Bristol zu bleiben und um Antwort mit der nächsten Postkutsche ersuchen: falle diese günstig aus, so sollen die besagten Parteien bleiben – wenn nicht, unmittelbar nach Empfang des Schreibens nach Bath zurückreisen. Endlich solle Herr Winkle gehalten sein und sich verpflichten, in der Zwischenzeit nicht durch das Fenster, den Kamin oder sonst auf hinterlistige Art zu entweichen. Nachdem diese Punkte festgesetzt waren, schloß Sam die Tür und ging. Er war beinahe die Treppen heruntergegangen, als er stehenblieb und den Schlüssel aus der Tasche zog. »Das Niederschlagen habe ich ganz vergessen«, sagte Sam, sich halb zurückwendend. »Der Herr hat es doch ausdrücklich gesagt. O, ich Allerweltsdummkopf! Doch, es macht nichts«, setzte er, plötzlich sich klar werdend, hinzu: »es läßt sich ja morgen leicht nachholen.« Durch diesen Gedanken augenscheinlich sehr getröstet, steckte Herr Weller den Schlüssel abermals in die Tasche, ging ohne weitere Gewissensbisse die paar Treppen vollends hinunter und verfiel bald darauf, gleich den übrigen Bewohnern des Hauses, in tiefe Ruhe.   Vierzigstes Kapitel Herr Samuel Weller wird um Liebesboten ernannt und versieht sein Amt als solcher. Mit welchem Erfolg er agiert. Am ganzen folgenden Tag behielt Sam Herrn Winkle fest im Gesicht, entschlossen, seine Augen keine Minute lang von ihm abzuwenden, bis er von der Hauptquelle aus bestimmte Instruktionen erhalten hätte. So unangenehm nun dieses strenge Aufpassen und die große Wachsamkeit des Herrn Weller für Winkle waren, so hielt er es doch für besser, sich darein zu fügen, als sich der Gefahr einer gewaltsamen Abführung auszusetzen, zumal da ihm Sam mehr als einmal deutlich zu verstehen gab, daß sein Pflichtgefühl ihm keinen andern Ausweg lasse. Man hat wenig Grund zu zweifeln, daß Sam seine Bedenklichkeiten sehr schnell beschwichtigt haben würde, wenn er Herrn Winkle an Händen und Füßen gebunden nach Bath zurückgebracht hätte. Allein die schnelle Aufmerksamkeit, die Herr Pickwick dem durch Dowler ihm zugeschickten Schreiben widmete, ließ es nicht soweit kommen. Kurz und gut, abends um acht Uhr trat Herr Pickwick in eigener Person ins Gastzimmer des Busches herein und sagte, Sam zu dessen großer Beruhigung zulächelnd, er habe seinen Auftrag ganz recht vollzogen, doch brauche er jetzt nicht länger Schildwache zu stehen. »Ich hielt es für besser, selbst zu kommen«, fügte Herr Pickwick gegen Herrn Winkle hinzu, während ihm Sam seinen Überrock und seinen Reiseschal abnahm, »um mich, bevor ich die Verwendung Sams in dieser Sache zugebe, zu vergewissern, daß es Ihnen mit der jungen Dame vollkommen Ernst ist.« »So wahr ich lebe«, antwortete Winkle mit vielem Feuer. »Bedenken Sie wohl«, sagte Herr Pickwick mit blitzenden Augen, »daß wir sie im Hause unseres vortrefflichen, gastlichen Freundes getroffen haben. Es wäre schlechter Dank, wenn Sie mit den Neigungen dieser jungen Dame ein leichtfertiges, unüberlegtes Spiel treiben wollten. Ich werde das nie zugeben, Sir – niemals.« »Ich habe auch keine solche Absicht«, rief Herr Winkle warm. »Ich habe die Sache schon lange Zeit wohl überlegt und fühle, daß mein Glück an Arabella hängt.« »Dann hängt es an einem sehr kleinen Ding, Sir«, fiel Herr Weller mit scherzhaftem Lächeln ein. Herr Winkle blickte, über diese Unterbrechung einigermaßen entrüstet, um sich, und Herr Pickwick bemerkte seinem Diener unwillig, er brauche mit einem der edelsten Gefühle der Natur keinen Scherz zu treiben, worauf Sam erwiderte, dieses werde er auch niemals mit Wissen tun: aber es gebe so vielerlei edele Gefühle, daß er kaum unterscheiden könne, welches das edelste sei. Herr Winkle erzählte sofort, was in Beziehung auf Arabella zwischen ihm und Herrn Ben Allen vorgegangen, erklärte, er wünsche mit der jungen Dame zusammenzukommen, um ihr seine Liebe in aller Form zu gestehen, und drückte seine auf gewisse dunkle Winke und Andeutungen des besagten Ben gegründete Überzeugung aus, daß sie jedenfalls in der Nähe der Dünen eingesperrt sein müsse: darauf beschränkte sich indessen sein ganzes Wissen oder Vermuten in dieser Sache. Mit diesem schwachen Leitfaden sollte Herr Weller nach einem Beschluß der Gesellschaft am nächsten Morgen eine Entdeckungsreise antreten! Es wurde aber festgesetzt, daß Herr Pickwick und Herr Winkle, die kein übertriebenes Vertrauen auf ihre Kräfte besaßen, einstweilen die Stadt durchwandern und zufällig bei Herrn Bob Sawyer einsprechen sollten, ob sie dort vielleicht über die Verhältnisse der jungen Dame etwas sehen oder hören könnten. Demgemäß ging Sam Weller am nächsten Morgen auf Kundschaft aus, keineswegs eingeschüchtert durch die nicht sehr ermunternden Aussichten, die vor ihm lagen. Er wanderte eine Straße hinauf und eine hinab – wir wollten sagen, einen Hügel hinauf und einen andern hinunter, wenn in Clifton nicht alles Hügel wäre – ohne auf irgendein Ding oder eine Person zu stoßen, die das geringste Licht auf den Gegenstand seiner Forschungen geworfen hätte. Viel waren der Zwiegespräche, die Sam mit Dienern einleitete, die Pferde spazierenritten, und mit Kindermädchen, die mit ihren Kindern in den Gassen herumschlenderten. Aber er vermochte aus diesen beiden Arten von Menschenkindern nichts herauszulocken, was den mindesten Bezug auf seine schlau betriebenen Nachforschungen gehabt hätte. Es waren in sehr vielen Häusern sehr viele junge Damen, denen die männlichen und weiblichen Dienstboten scharfsichtig genug abgemerkt hatten, daß sie in irgend jemand sterblich verliebt oder jedenfalls im Begriff seien, bei der nächsten besten Gelegenheit, es zu werden. Da aber unter diesen jungen Damen kein Fräulein Arabella Allen war, so blieb Sam auf derselben Stufe der Weisheit stehen, von der er ausgegangen. Herr Weller arbeitete sich gegen einen starken Hochwind die Dünen hindurch, voll Verwunderung, warum es in diesem Teil des Landes nötig sei, mit beiden Händen den Hut festzuhalten, und kam endlich in eine schattige Gegend, wo ihm mehrere kleine Landhäuser von ruhigem, abgeschlossenem Aussehen in die Augen sprangen. Am Ende einer langen Hintergasse ohne Ausgang faulenzte ein Reitknecht in halber Livree, der sich offenbar einredete, er stehe im Begriff, mit einem Spaten und einem Schiebkarren etwas zu arbeiten. Man erlaube uns hier die Bemerkung, daß wir nicht leicht in der Nähe eines Stalles einen Reitknecht in seinen müßigen Augenblicken gesehen haben, der nicht in größerem oder geringerem Maße das Opfer dieser seltsamen Selbsttäuschung gewesen wäre. Sam dachte, er könne mit diesem Reitknecht so gut sprechen wie mit irgendeinem anderen Menschen, zumal da er etwas müde vom Gehen war und gegenüber dem Schiebkarren einen recht angenehmen breiten Stein erblickte. Er schlenderte also das Gäßchen hinab, setzte sich auf den Stein und leitete mit seiner merkwürdigen, ungezwungenen Offenheit ein Gespräch ein. »Guten Morgen, alter Freund«, begann Sam. »Guten Nachmittag, wollen Sie sagen«, erwiderte der Knecht mit einem grämlichen Blick. »Sie haben recht, alter Freund«, sagte Sam, »ich wollte Nachmittag sagen. Wie geht es Ihnen?« »Nicht viel besser darum, weil ich Sie sehe«, entgegnete der übelgelaunte Reitknecht. »Das ist höchst sonderbar«, sagte Sam: »denn Sie sehen so ungemein lustig aus und scheinen überhaupt ein so munteres Kerlchen zu sein, daß es eine wahre Herzenslust ist. Sie anzuschauen.« Der verdrießliche Bursche machte ein noch verdrießlicheres Gesicht, jedoch nicht grämlich genug, um irgendeine Wirkung auf Sam hervorzubringen, der sogleich sehr angelegentlich zu fragen begann, ob sein Herr nicht Walker heiße? »Nein«, antwortete der Bursche. »Oder Brown?« »Nein.« »Oder Wilson?« »Nein, ebensowenig.« »Gut«, erwiderte Sam, »dann habe ich mich geirrt, und er hat die Ehre meiner Bekanntschaft nicht, wie ich gedacht hatte. Warten Sie nur nicht aus Höflichkeit gegen mich hier außen«, setzte er hinzu, als der Knecht den Karren hineinschob und sich anschickte, das Tor zu verschließen. Es geht nichts über die Bequemlichkeit, alter Knabe: ich entschuldige Sie gern.« »Und ich möchte Ihnen gern für eine halbe Krone den Schädel einschlagen«, erwiderte der griesgrämige Stallknecht, indem er den einen Torflügel zuschloß. »Könnte es nicht so billig geschehen lassen«, entgegnete Sam. »Es würde Ihnen wenigstens eine lebenslängliche Verköstigung eintragen und wäre daher allzu wohlfeil. Melden Sie im Hause meine Empfehlung. Sagen Sie, man brauche mit dem Essen nicht auf mich zu warten und mir auch nichts aufzuheben: denn es würde doch kalt werden, bis ich komme.« Der Knecht machte ein wütendes Gesicht und murmelte den Wunsch, jemanden den Kopf zusammenzuschlagen, verschwand jedoch, ohne jenen in Ausführung zu bringen und schlug ärgerlich die Tür hinter sich zu, indem er der zärtlichen Bitte Sams, ihm wenigstens eine Locke von seinen Haaren zu lassen, nicht die geringste Beachtung schenkte. Sam blieb auf dem großen Stein sitzen. Er besann sich, was wohl jetzt das beste wäre und wälzte eben in seinem Geiste den Plan herum, fünf Meilen im Umkreise von Bristol an alle Türen anzuklopfen, indem er täglich etwa einhundertfünfzig oder zweihundert schaffen könnte, um dadurch Fräulein Arabella ausfindig zu machen, als ihm der Zufall unerwartet etwas in den Weg warf, was er bei jahrelangem Sitzen auf dem Stein nicht gefunden hätte. In die Gasse, wo er saß, öffneten sich drei oder vier Gartentore, die zu ebenso vielen, nur durch die Gärten voneinander getrennten Häusern führten. Da diese Gärten groß, lang und dicht mit Bäumen bepflanzt waren, so standen die Häuser nicht bloß ziemlich weit voneinander entfernt, sondern waren auch meistenteils fast unsichtbar. Sam starrte weiter auf das staubige Tor, und zwar auf die Stelle, durch die der Knecht verschwunden war. Er war in tiefes Nachsinnen über die Schwierigkeiten seiner dermaligen Unternehmungen versunken, als das Tor sich öffnete und ein Mädchen auf die Gasse herauskam, um einige Teppiche auszuklopfen. Sam war so durchaus mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, daß er höchstwahrscheinlich weiter keine Notiz von der jungen Dame genommen, sondern etwa nur den Kopf aufgerichtet und bemerkt hätte, es sei ein recht hübsches Figürchen, wären nicht seine Kavaliergefühle gewaltig durch die Beobachtung ermuntert worden, daß sie keinen Gehilfen hatte und die Teppiche für ihre einzelne Kraft offenbar zu schwer schienen. Herr Weller war ein Gentleman von großer Galanterie in seiner Art, und kaum hatte er diesen Umstand bemerkt, als er sich schleunigst von dem breiten Steine erhob und auf die Dame zuschritt. »Mein liebes Kind«, sagte Sam, indem er mit großer Ehrerbietung auf sie zuschlenderte, »Sie schaden offenbar Ihrer über alle Maßen schönen Figur, wenn Sie die Teppiche allein ausstauben. Darf ich Ihnen Beistand leisten?« Die junge Dame, die sich züchtiglich gestellt hatte, als wüßte sie nichts von der Nähe eines Gentleman, drehte sich bei dieser Anrede um – ohne Zweifel (denn sie sagte es nachher selbst), um das Anerbieten von einem ganz Unbekannten abzulehnen, aber statt zu sprechen, fuhr sie zurück und stieß einen halbunterdrückten Schrei aus. Sam war nicht viel weniger verblüfft, denn in dem Angesicht der wohlgestalteten Dame erblickte er die wohlbekannten Züge des hübschen Hausmädchens des Herrn Nupkins. »Was sehe ich? meine liebe Marie«, sagte Sam. »Ach nein, Herr Weller«, erwiderte Marie: »wie haben Sie mich erschreckt!« Sam gab auf diese Klage keine Erwiderung mit Worten, auch können wir nicht mit Bestimmtheit sagen, welche Erwiderung er gab. Nur soviel wissen wir, daß Marie nach einer kurzen Pause sagte: »Sie Böser, Sie: lassen Sie mich doch gehen, Herr Weller«, und daß ihm sein Hut wenige Augenblicke zuvor vom Kopf gefallen war, aus welchen beiden Zeichen wir nicht abgeneigt wären zu schließen, daß einer oder mehrere Küsse vorgefallen. »Aber wie sind Sie denn hierher gekommen?« fragte Marie, als das Gespräch, das diese Unterbrechung erlitten hatte, wieder seinen Anfang nahm. »Bloß, um nach Ihnen zu sehen, mein Schätzchen«, erwiderte Herr Weller, der seiner Leidenschaft den Sieg über seine Wahrheitsliebe einräumte. »Woher haben Sie denn gewußt, daß ich hier bin?« fragte Marie. »Wer kann es Ihnen gesagt haben, daß ich in Ipswich zu einer andern Herrschaft ging, die dann hierher gezogen ist? Wer kann es Ihnen gesagt haben, Herr Weller?« »Ja freilich«, sagte Sam mit pfiffigem Blick, »das ist eben die Frage: das möchten Sie gern wissen. Wer meinen Sie wohl, daß es mir gesagt habe?« »Herr Muzzle vielleicht?« fragte Marie. »O nein«, erwiderte Sam mit feierlichem Kopfschütteln: »Muzzle nicht.« »Dann muß es die Köchin gewesen sein«, meinte Marie. »Versteht sich«, sagte Sam. »So was habe ich mein Lebtag nie gehört«, rief Marie aus. »Ich auch nicht«, sagte Sam. »Aber meine liebste Marie« – hier wurden Sams Manieren ungemein zärtlich – »meine liebste Marie, ich habe gegenwärtig ein Geschäft, das äußerst dringend ist. Es ist da einer von meines Prinzipals Freunden – Herr Winkle – Sie erinnern sich seiner.« »Der mit dem grünen Rock?« fragte Marie. »O ja, ich kann mir ihn noch recht gut vorstellen.« »Nun sehen Sie«, fuhr Sam fort: »der ist schauderhaft verliebt, so daß er nimmer weiß, wo ihm der Kopf steht, und es bei ihm ordentlich rappelt.« »Nein, aber so was!« rief Marie. »Das wäre schon recht«, sagte Sam, »aber was hilft es, wenn wir die junge Dame nicht auffinden können?« Nun stattete Sam unter manchen Abschweifungen über Maries persönliche Schönheit und die unaussprechlichen Qualen, die er ausgestanden, seit er sie zum letztenmal gesehen, einen getreuen Bericht über Winkles Lage ab. »Hat man je so was gehört?« sagte Marie. »Nein, ganz gewiß nicht«, erwiderte Sam. »Das hat noch niemand gehört und wird auch niemand hören, und ich laufe da herum wie der ewige Jude – ein komischer Kerl, von dem Sie vielleicht gehört haben, mein Schatz, der immer mit der Zeit um die Wette läuft und niemals schläft – und suche nach dem Fräulein Arabella Allen.« »Was für ein Fräulein?« fragte Marie mit großem Erstaunen. »Fräulein Arabella Allen«, wiederholte Sam. »Ach du meine Güte«, rief Marie nach dem Gartentore hindeutend, das der griesgrämige Stallknecht hinter sich verschlossen Hütte. »Das ist ihr Haus dort, und sie ist schon seit sechs Wochen hier. Die Stütze, die zugleich das Stubenmädchen von der gnädigen Frau ist, hat es mir an einem Morgen zur Waschküche heraus gesagt, als die Herrschaft noch in den Federn war.« »Was Sie nicht sagen! Also gerade neben Ihnen?« sagte Sam. »Freilich, freilich«, erwiderte Marie. Herr Weller war durch diese Nachricht so überwältigt, daß er es für unumgänglich notwendig hielt, sich mit beiden Armen auf seine schöne Auskunfterteilerin zu stützen, und erst nach verschiedenen kleinen Liebespassagen hatte er sich wieder gehörig gesammelt, um zur Hauptsache zurückzukommen. »Wahrhaftig«, sagte Sam endlich, »wenn das nicht übers Hahnenfechten geht, so geht nichts darüber, wie der Lordmayor sagte, als der erste Staatssekretär nach dem Schmause die Gesundheit seiner Frau ausbrachte. Also gerade neben Ihrem Haus? Ich habe eine Botschaft an sie auszurichten, mit der ich mich den ganzen Tag abgequält habe.« »Sie können sie auch jetzt nicht ausrichten«, sagte Marie, »weil sie nur abends im Garten spazierengeht, und allemal bloß ganz kurze Zeit; ausgehen tut sie gar nicht ohne die alte Dame.« Sam sann einige Augenblicke nach und verfiel auf folgenden Operationsplan: Er wollte um die Dämmerung, zu welcher Zeit Arabella einen Tag wie den andern ihre Spaziergange machte, zurückkommen. Marie solle ihn in den Garten ihrer Herrschaft einlassen, dann wolle er, geschützt durch die überhängenden Zweige eines großen Birnbaums, unbemerkt über die Mauer klettern, seinen Auftrag ausrichten und womöglich auf den folgenden Abend um dieselbe Stunde eine Zusammenkunft zwischen dem Fräulein und Herrn Winkle einleiten. Nachdem er diesen Plan mit großer Eile auseinandergesetzt, half er Marien bei ihrem lange hinausgeschobenen Geschäft des Teppichausstäubens. Das Teppichausstäuben ist nicht halb so unschuldig wie es aussieht – das Stäuben selbst zwar mag etwas ganz Harmloses sein, aber das Zusammenlegen ist eine sehr verfängliche Sache. Solange da» Stäuben dauert und beide Parteien auf Teppichlänge voneinander getrennt sind, ist es eine so unschuldige Ergötzlichkeit, wie man nur eine denken kann; wenn aber das Zusammenlegen beginnt und die Entfernung der Stäubenden von der Hälfte der früheren Länge zu einem Viertel, sodann zu einem Achtel, endlich zu einem Sechzehntel, und wenn der Teppich lang genug ist, zu einem Zweiunddreißigstel herabsinkt, da wird es höchst gefährlich. Wir vermögen nicht genau zu bestimmen, wie viele Teppiche im vorliegenden Falle zusammengelegt wurden, aber das können wir zu behaupten wagen, daß Sam das hübsche Mädchen sovielmal küßte, wie Teppiche da waren. Herr Weller labte sich in der nächsten Kneipe bis es dunkel zu werden anfing und kehrte sodann in das Gäßchen ohne den Ausgang zurück. Nachdem ihn Marie in den Garten gelassen und mehrfache Ermahnungen für seine Sicherheit vor Hals- und Beinbruch erteilt hatte, kletterte Sam auf den Birnbaum, um Arabella zu erwarten. Er mußte so lange angstvoll ausharren, daß er schon glaubte, sie werde nicht mehr kommen, als er auf einmal leichte Fußtritte auf dem Kies vernahm und bald darauf Arabella erblickte, die nachdenklich den Garten herabkam. Als sie in der Nähe des Baumes war, begann Sam, um seine Anwesenheit recht artig und zart zu erkennen zu geben, allerhand diabolische Töne auszustoßen, wie man sie etwa bei einer Person natürlich finden könnte, die von früherer Kindheit an fortwährend an Halsentzündung, Heiserkeit und Stickhusten gelitten hat. Das Fräulein warf einen hastigen Blick nach der Stelle hin, von wo die furchtbaren Töne kamen, und ihr anfänglicher Schreck wurde keineswegs dadurch vermindert, daß sie einen Mann zwischen den Zweigen erblickte. Sie wäre gewiß entflohen und hätte Lärm im Hause gemacht: allein glücklicherweise nahm ihr die Furcht alle Kraft, sich zu rühren, und sie sank auf einen zum guten Glück dastehenden Gartenstuhl nieder. »Sie wird ohnmächtig«, monologisierte Sam in großer Verlegenheit. »Das ist doch zu dumm, daß diese jungen Damen immer in Ohnmacht fallen wollen, wenn sie es nicht sollten. He da, Frauenzimmerchen, Fräulein Knochensägerin! – Herr Winkle – werden Sie munter.« War es der Zauber des Namens ›Winkle‹ oder die Kühle der Abendluft oder eine dunkle Erinnerung an Herrn Wellers Stimme, was Arabella wieder zum Leben brachte – wir wissen es nicht. Aber sie erhob ihren Kopf und fragte mit matter Stimme: »Wer ist da, und was wollen Sie?« »Pst«, sagte Sam, sich auf die Mauer schwingend und sich dort auf den möglichst kleinen Raum zusammenkauernd; »Ich bin's bloß, mein Fräulein, bloß ich.« »Herrn Pickwicks Diener?« sagte Arabella ernst. »Zu Befehl, mein Fräulein«, erwiderte Sam. »Herr Winkle ist hier, und ganz in der ärgsten Verzweiflung, mein Fräulein.« »Ah«, sagte Arabella, näher an die Mauer tretend. »Ja freilich«, erwiderte Sam. »Wir meinten schon gestern nacht, wir müßten ihm die Zwangsjacke anlegen. Er rast den ganzen Tag und sagt, wenn er Sie nicht vor morgen nacht zu sehen bekomme, so ertränke er sich oder werde sonst etwa« Schreckliches tun.« »Um Gottes willen!« rief Arabella, die Hände zusammenschlagend. »Ja, das hat er gesagt, mein Fräulein«, setzte Sam kaltblütig hinzu. »Er ist ein Mann von Wort, und ich bin überzeugt, daß er es tut. Der Knochensäger mit der Brille hat ihm von Ihnen erzählt!« »Mein Bruder?« fragte Arabella, durch diese Andeutung einigermaßen auf die Spur geleitet. »Ich weiß nicht recht, wer Ihr Bruder ist«, erwiderte Sam. »Ist es der Schmutzigere von den beiden?« »Ja, ja, Herr Weller«, erwiderte Arabella: »aber nur weiter: beeilen Sie sich.« »Nun schön, mein Fräulein«, sagte Sam, »er hat von ihm alles erfahren, und mein Prinzipal meinte, wenn er Sie nicht so bald wie möglich sehe, so würde der Knochensäger so viel Extrablei in den Kopf bekommen, daß die Entwicklung der Organe dadurch beschädigt werde, wenn man sie je nachher in den Spiritus lege.« »Gott im Himmel, was kann ich denn tun, um diesen schrecklichen Streit zu verhindern?« rief Arabella. »Die Vermutung einer früheren Neigung ist an der ganzen Geschichte schuld. Es wäre wirklich das beste, wenn Sie ihn sehen würden, mein Fräulein. « »Aber wie und wo?« rief Arabella. »Ich darf das Haus nicht allein verlassen. Mein Bruder ist so unfreundlich wie unvernünftig. Ich weiß, wie auffallend diese Sprache Ihnen gegenüber erscheinen muß, Herr Weller, aber ich bin sehr, sehr unglücklich –« und hier fing die arme Arabella so bitterlich zu weinen an, das es Sam ganz mitleidig ums Herz wurde. »Es mag sehr auffallend scheinen, daß Sie so mit mir sprechen, mein Fräulein«, sagte Sam mit großem Feuer; »aber ich kann Ihnen nur sagen, daß ich nicht bloß bereit, sondern auch fest entschlossen bin, alles zu tun, was die Sache zu einem guten Ende zu führen vermag. Und wenn man einen von den Knochensägern zum Fenster hinauswerfen muß, so bin ich der Mann dazu.« Bei diesen Worten krempte Sam, um seine Bereitwilligkeit zur Erfüllung des Versprochenen an den Tag zu legen, mit augenscheinlicher Gefahr, von der Mauer herabzufallen, seine Ärmel zurück. So schmeichelhaft diese Beweise von gutem Willen waren, so weigerte sich doch Arabella zu Sams größter Verwunderung entschieden, davon Gebrauch zu machen. Längere Zeit sträubte sie sich mit aller Macht gegen die von Sam so pathetisch verlangte Zusammenkunft mit Herrn Winkle. Endlich aber, als die Unterhaltung durch die unwillkommene Ankunft einer dritten Person unterbrochen zu werden drohte, gab sie ihm unter mannigfachen Versicherungen ihrer Dankbarkeit eiligst zu verstehen, es sei doch möglich, daß sie am nächsten Abend um eine Stunde später in den Garten komme. Sam verstand das ausgezeichnet. Arabella trippelte, nachdem sie ihn mit einem ihrer süßesten Lächeln beglückt, anmutig davon und ließ Herrn Weller mit seiner ungemeinen Bewunderung ihrer körperlichen und geistigen Vorzüge allein. Nachdem Herr Weller sicher von der Mauer herabgestiegen war und nicht vergessen hatte, seinen eigenen Angelegenheiten in demselben Departement einige Augenblicke zu widmen, kehrte er so schnell wie möglich in den Busch zurück, wo seine lange Abwesenheit großes Kopfzerbrechen und viel Unruhe erregt hatte. »Wir müssen bedächtig zu Werke gehen«, sagte Herr Pickwick, nachdem er Sams Bericht mit Aufmerksamkeit angehört; »nicht um unserer selbst, sondern um der jungen Dame willen. Wir müssen sehr vorsichtig sein.« » Wir? « sagte Herr Winkle mit scharfer Betonung. ^ Herrn Pickwicks Gesicht verdüsterte sich vor Unwillen über den Ton dieser Bemerkung, nahm jedoch bald wieder seinen eigentümlich wohlwollenden Ausdruck an, als er erwiderte: »Ja, Sir, wir – denn ich werde Sie begleiten.« »Sie?« sagte Herr Winkle. »Allerdings, ich «, entgegnete Herr Pickwick mit Milde. »Als die Dame Ihnen diese Zusammenkunft bewilligte, hat sie einen vielleicht natürlichen, aber immerhin sehr unklugen Schritt getan. Wenn ich dabei bin, ein beiderseitiger Freund, der alt genug ist, um der Vater von beiden sein zu können, dann kann sich die Stimme der Verleumdung nachmals nicht gegen sie erheben.« Herrn Pickwicks Augen funkelten von gerechtem Entzücken über seine Vorsicht, als er so sprach. Herr Winkle war durch diesen Beweis zartsinniger Verehrung für die junge Schützlingin seines Freundes tief gerührt und ergriff seine Hand mit einem Gefühl, das an Ehrfurcht grenzte. »Sie müssen mitgehen«, sagte er. »Allerdings gehe ich mit«, erwiderte Pickwick. »Sam, halte meinen Überrock und Schal in Bereitschaft und bestelle auf morgen abend, etwas früher als unbedingt notwendig wäre, einen Wagen, damit wir zu rechter Zeit an Ort und Stelle gelangen.« Herr Weller salutierte, die Hand an den Hut legend, um seinen Gehorsam zu versichern und entfernte sich, um die nötigen Vorbereitungen für die Expedition zu treffen. Der Wagen fuhr zur bestimmten Stunde vor, und Herr Weller nahm, nachdem er Herrn Pickwick und Herrn Winkle pflichtgemäß hineingeholfen, seinen Sitz auf dem Bock neben dem Kutscher. Sie stiegen verabredetermaßen etwa eine Viertelmeile vom Ort des Stelldicheins ab, befahlen dem Kutscher, ihre Rückkehr zu erwarten, und machten den übrigen Weg zu Fuß. Bis dahin war alles gediehen, als Herr Pickwick lächelnd und offenbar sehr selbstzufrieden aus einer seiner Rocktaschen eine Blendlaterne hervorzog, womit er sich ausdrücklich für diesen Fall versehen hatte, und deren große mechanische Schönheit er im Weitergehen zur nicht geringen Verwunderung der wenigen Leute, die ihnen begegneten, Herrn Winkle erklärte. »Bei meiner letzten nächtlichen Gartenexpedition wäre mir ein solches Ding sehr zustatten gekommen, nicht wahr, Sam?« fragte Herr Pickwick, indem er mit vergnügtem Lächeln nach seinem Diener umsah, der hinter ihm hertrollte. »Sehr hübsche Dinger, Sir, wenn man sie recht gebraucht«, erwiderte Herr Weller: »aber wenn man nicht gesehen sein will, so glaube ich, daß sie nützlicher sind, wenn das Licht ausgelöscht ist, als wenn es brennt.« Herrn Pickwick schien Sams Bemerkung einzuleuchten, denn er steckte seine Laterne wieder in die Tasche, und nun gingen sie schweigend weiter. »Da hinab«, sagte Sam: »lassen Sie mich den Weg zeigen. Hier ist die Gasse, Sir.« Sie gingen die Gasse hinab und es war bereits ziemlich dunkel. Herr Pickwick nahm, als sie dahintappten, ein- oder zweimal die Laterne heraus, die einen sehr hellen Lichtkreis, jedoch bloß von einem Fuß Durchmesser, auf den Weg warf. Es war recht artig anzusehen, schien aber die Wirkung zu haben, die umgebenden Gegenstände noch dunkler zu machen. Endlich kamen sie an den großen Stein, und hier empfahl Sam seinem Gebieter und Herrn Winkle, sich zu setzen, während er das Gelände auskundschaften und sich vergewissern wollte, ob Marie noch warte. Nach einer Abwesenheit von fünf oder zehn Minuten kam Sam mit der Nachricht zurück, das Tor sei offen und alles ruhig. Herr Pickwick und Herr Winkle folgten ihm verstohlenen Tritts und befanden sich bald im Garten. Hier sagten alle drei gar manchesmal »Pst«, und keiner schien eine genaue Vorstellung von dem zu haben, was zunächst geschehen sollte. »Ist Fräulein Allen schon im Garten, Marie?« fragte Herr Winkle sehr aufgeregt. »Ich weiß es nicht, Sir«, erwiderte das hübsche Mädchen. »Das beste wird sein, Herr Weller hilft Ihnen auf den Baum hinauf und Herr Pickwick wird vielleicht die Güte haben, zu sehen, ob niemand die Gasse heraufkommt. Ich selbst will inzwischen am andern Ende des Gartens Schildwache stehen. Barmherziger Himmel, was ist das?« »Die verdammte Laterne wird uns alle ins Unglück stürzen«, sagte Sam ärgerlich. »Nehmen Sie sich doch in acht, Sir: Sie werfen ja einen ganz hellen Lichtschein in das Fenster vom hintern Zimmer da.« »Weiß Gott«, sagte Herr Pickwick, sich schnell auf die Seite wendend, »das habe ich nicht gewollt.« »Jetzt ist's im nächsten Hause, Sir«, eiferte Sam. »Verdammt noch mal!« rief Herr Pickwick, sich abermals umwendend. »Jetzt ist's im Stalle, und die Leute werden meinen, es brenne darin«, sagte Sam; »machen Sie doch zu, Sir, können Sie nicht?« »Das ist doch die sonderbarste Laterne, die ich je in meinem Leben gesehen habe«, rief Herr Pickwick, ganz verblüfft über die Wirkungen, die er so unabsichtlich hervorbrachte. »Ein so starker Reflektor ist mir noch nicht vorgekommen.« »Er wird wohl zu stark für uns werden, wenn Sie ihn so fortleuchten lassen, Sir«, antwortete Sam, als Herr Pickwick nach mehreren vergeblichen Versuchen den Schieber endlich schloß. »Da kommt die junge Dame. Jetzt, Herr Winkle, schnell hinauf.« »Halt, halt!« sagte Herr Pickwick, »ich muß zuerst mit ihr sprechen. Helfen Sie mir hinauf, Sam.« »Nur sachte, Sir«, sagte Sam, seinen Kopf an die Mauer lehnend und aus seinem Nucken eine Plattform machend. »Treten Sie zuerst auf diesen Blumentopf, Sir. Jetzt schnell hinauf.« »Ich fürchte, ich tue dir weh, Sam«, sagte Herr Pickwick. »Sorgen Sie sich nicht um mich, Sir«, erwiderte Sam. »Geben Sie ihm die Hand, Herr Winkle. Nur frisch zu, Sir: so ist es recht.« Während Sam so sprach, gelang es Herrn Pickwick durch Anstrengungen, die bei einem Herrn in seinen Jahren und seinem Gewicht fast übernatürlich zu nennen waren, Sams Rücken zu erklimmen: Sam richtete sich allmählich in die Höhe und Herr Pickwick hielt sich am Rande der Mauer fest, während Herr Winkle seine Beine umfaßte, so daß Herrn Pickwicks Brille gerade noch die Mauer überragte. »Mein Liebe«, sagte Herr Pickwick, als er über die Mauer schaute und auf der andern Seite Arabella erblickte: »erschrecken Sie nicht, meine Liebe. – Ich bin's nur.« »Ich bitte, gehen Sie doch, Herr Pickwick«, erwiderte Arabella. »Sagen Sie ihnen allen, daß sie fortgehen, denn ich bin in der tödlichsten Angst. Lieber, lieber Herr Pickwick, bleiben Sie nicht länger da. Sie werden ganz gewiß herabfallen und nicht mehr aufstehen können.« »Seien Sie ohne Sorgen, liebe« Kind«, versetzte Herr Pickwick beschwichtigend. »Ich versichere Sie, es ist nicht die geringste Gefahr vorhanden. Stehe fest, Sam«, setzte er hinzu, indem er unter sich blickte. »Sehr wohl, Sir«, erwiderte Herr Weller. »Bleiben Sie nur nicht länger, als es durchaus notwendig ist, Sir: Sie sind ein bißchen schwer.« »Nur noch einen Augenblick, Sam«, erwiderte Herr Pickwick. »Ich wünschte Ihnen nur zu sagen, meine Liebe, daß ich meinem jungen Freund nicht gestattet haben würde, Sie auf diesem heimlichen Wege zu besuchen, wenn Ihre Verhältnisse ihm einen andern Ausweg übriggelassen hätten. Damit Ihnen nun die Ungebührlichkeit dieses Schrittes keine Unruhe verursache, mein liebes Kind, mag es Ihnen zur Befriedigung dienen, zu wissen, daß ich in der Nähe bin; mehr habe ich nicht zu sagen, meine Liebe.« »Ich bin Ihnen wirklich sehr verbunden für Ihre rücksichtsvolle Güte, Herr Pickwick«, antwortete Arabella, mit ihrem Tuche die Tränen trocknend. Sie hätte wahrscheinlich noch mehr gesagt, wenn nicht Herrn Pickwicks Kopf infolge eines falschen Trittes auf Sams Schulter, der ihn schnell auf die Erde brachte, plötzlich verschwunden wäre. Er stand jedoch im Augenblick wieder auf, ermahnte Herrn Winkle, sich zu beeilen und die Zusammenkunft nicht zu versäumen, und rannte sofort mit dem Mut und Feuer eines Jünglings auf die Gasse, um Schildwache zu stehen. Herr Winkle, den die gute Gelegenheit begeisterte, war im Nu auf der Mauer und hielt nur inne, um zu Sam zu sagen, er solle für seinen Herrn Sorge tragen. »Das werde ich schon tun, Sir«, erwiderte Sam. »Überlassen Sie es nur mir.« »Wo ist er? Was macht er, Sam?« fragte Herr Winkle. »Gott segne seine alten Gamaschen«, erwiderte Sam, nach der Gartentür hinblickend. »Dort in der Gasse steht er mit seiner Blendlaterne Schildwache, wie ein liebenswürdiger Guy Fawkes Guy Fawkes, Hauptteilnehmer an der englischen Pulververschwörung 1605. Am 5. November wird noch in England der Guy-Fawkes-Day gefeiert, wobei eine Fawkes darstellende Strohpuppe verbrannt wird. . Hab' meiner Lebtage nichts Schöneres gesehen. Der Teufel soll mich holen, wenn sein Herz nicht wenigstens fünfundzwanzig Jahre nach seinem Leibe auf die Welt gekommen ist.« Herr Winkle nahm sich nicht die Zeit, die Lobrede auf seinen Freund anzuhören. Er war schnell die Mauer hinabgesprungen, hatte sich zu Arabellas Füßen geworfen und setzte ihr die Aufrichtigkeit seiner Leidenschaft mit einer Beredsamkeit auseinander, die Herrn Pickwicks selbst würdig gewesen wäre. Während das alles im Freien vor sich ging, saß ein ältlicher Herr von wissenschaftlichem Rufe, der zwei oder drei Häuser vom Garten entfernt wohnte, in seinem Studierzimmer und schrieb eine philosophische Abhandlung, wobei er von Zeit zu Zeit aus einer achtunggebietenden Flasche, die danebenstand, seine Lippen und seine Arbeit mit einem Glas Bordeaux benetzte. Während seiner geistigen Geburtswehen blickte der gelehrte Herr bald auf den Teppich, bald zur Decke empor, bald an die Wand, und wenn weder Teppich, noch Decke, noch Wand den erforderlichen Grad von Begeisterung zu liefern vermochten, so sah er zum Fenster hinaus. In einer dieser Pausen starrte das erfinderische Genie abstrakt in die dichte Finsternis hinaus, als er zu seiner höchsten Überraschung ein äußerst glänzendes Licht in geringer Entfernung über die Erde hin durch die Luft gleiten und beinahe augenblicklich wieder verschwinden sah. Nach kurzer Zeit wiederholte sich das Phänomen, nicht bloß ein- oder zweimal, sondern mehrere Male. Endlich legte der gelehrte Herr seine Feder nieder und begann darüber nachzudenken, welchen natürlichen Ursachen diese Erscheinungen wohl zuzuschreiben seien. Meteore waren es nicht; sie waren zu niedrig. Johanniswürmer konnten es auch nicht sein; sie waren zu hoch. Es waren keine Irrlichter, es waren keine Feuerfliegen, es war kein Feuerwerk. Was konnte es wohl sein? Irgendein außerordentliches und wunderbares Naturphänomen, das noch kein Philosoph vor ihm gesehen, eine Erscheinung, deren Entdeckung ihm allein vorbehalten war, und die seinen Namen unsterblich machen mußte, wenn er sie zum Nutzen und Frommen der Nachwelt aufzeichnete. Voll von dieser Idee ergriff der gelehrte Herr seine Feder wieder und brachte verschiedene Bemerkungen über diese unvergleichbaren Erscheinungen mit Angabe des Tages, der Stunde, der Minute und Sekunde, in der sie sichtbar gewesen, zu Papier – Stoff genug, um ein umfangreiches, von großem Forschungsgeist und tiefer Gelehrsamkeit zeugendes Werk zu schreiben, zum Erstaunen aller atmosphärischen Narren in sämtlichen Teilen der zivilisierten Erdkugel. Er warf sich in seinen behaglichen Sessel zurück, überwältigt von Betrachtungen über seine künftige Größe. Das geheimnisvolle Licht zeigte sich abermals, und zwar glänzender als zuvor; allem Anschein nach tanzte es die Gasse auf und ab, kreuzte herüber und hinüber und bewegte sich in so exzentrischen Bahnen, wie die Kometen selbst. Der gelehrte Herr war Hagestolz. Er hatte keine Frau, die er hereinrufen konnte, damit sie sich wundere, und läutete daher seinem Diener. »Pruffle«, sagte er, »es ist heute abend etwas ganz Außerordentliches in der Luft. Siehst du es dort?« fügte er hinzu, zum Fenster hinausdeutend, als das Licht wieder sichtbar wurde. »Ja, Sir.« »Was denkst du davon, Pruffle?« »Was ich davon denke?« »Nun ja. Du bist auf dem Lande aufgewachsen. Welcher Ursache würdest du diese Lichter zuschreiben?« Der gelehrte Herr setzte lächelnd voraus, Pruffle werde antworten, er wisse die Ursache dieser Lichter schlechterdings nicht anzugeben. Pruffle sann nach. »Ich denke, es sind Diebe«, sagte er endlich. »Du bist ein Dummkopf und kannst dich entfernen«, schrie ihn der gelehrte Herr an. »Danke Ihnen, Sir«, erwiderte Pruffle und ging. Allein dem gelehrten Herrn ließ der Gedanke keine Ruhe, die scharfsinnige Abhandlung, die er bereits projektiert, möchte für die Welt verlorengehen, was unvermeidlich der Fall sein mußte, wenn die Ansicht des scharfsinnigen Herrn Pruffle nicht in der Geburt erstickt wurde. Er setzte daher den Hut auf und ging schnell in den Garten hinab, entschlossen, der Sache bis auf den tiefsten Grund nachzuspüren. Kurz bevor der gelehrte Herr kam, war Herr Pickwick so schnell wie möglich die Gasse herabgelaufen und hatte blinden Lärm geschlagen, es komme jemand des Weges, wobei er zufällig die Laterne vor sich hinhielt, um nicht in den Graben zu fallen. Herr Winkle kletterte sogleich wieder über die Mauer, Arabella eilte ins Haus, das Gartentor wurde geschlossen und die Abenteurer eilten auf schnellstem Wege die Gasse hinab, als sie auf einmal von dem gelehrten Herrn erschreckt wurden, der sein Gartentor aufschloß. »Halt!« flüsterte Sam, der natürlich voranging, »machen Sie jetzt nur auf eine Sekunde Licht, Sir.« Herr Pickwick tat es, und Sam, der einen Mann sehr vorsichtig, bloß ein paar Schritte von ihm entfernt, aus dem Gartentor herausblicken sah, versetzte ihm mit der geballten Faust einen tüchtigen Schlag auf den Kopf, so daß dieser mit einem hohlen Schall gegen das Tor flog. Nachdem er mit großer Schnelligkeit und Gewandtheit diese Tat ausgeführt, nahm er Herrn Pickwick auf den Rücken und folgte Herrn Winkle die Gasse hinab mit einer bei seiner Bürde wahrhaft erstaunlichen Geschwindigkeit. »Haben Sie sich jetzt wieder erholt, Sir?« fragte Sam, als er das Ende erreicht hatte. »Vollkommen«, erwiderte Herr Pickwick. »Nun, so kommen Sie«, fuhr Sam fort, indem er seinen Herrn wieder auf die Füße stellte. »Gehen Sie zwischen uns beiden, Sir. Wir haben keine halbe Meile mehr zu laufen. Stellen Sie sich vor, es gehe zum kühlen Trunke, Sir. Nur munter vorwärts.« So ermutigt machte Herr Pickwick den möglichst besten Gebrauch von seinen Beinen, und man kann zuversichtlich behaupten, daß nicht leicht ein paar schwarze Gamaschen schneller über den Boden hüpften, als die des Herrn Pickwick bei dieser denkwürdigen Gelegenheit. Der Wagen wartete, die Pferde waren frisch, die Straßen gut und der Kutscher voll guten Willens. Die ganze Gesellschaft langte sicher im Busche an, ehe Herr Pickwick wieder zu Atem kommen konnte. »Schnell hinein, Sir«, sagte Sam, als er seinem Herrn heraushalf. »Nach dieser Motion dürfen Sie keine Sekunde auf der Straße bleiben. Bitte um Verzeihung, Sir«, fuhr er fort, seinen Hut anfassend, als Herr Winkle ausstieg. »Ich hoffe, es war keine andere Liebesneigung vorhanden?« Herr Winkle nahm seinen devoten Freund bei der Hand und flüsterte ihm ins Ohr: »Es ist alles in Ordnung, Sir, ganz in Ordnung«, worauf Herr Weller zum Zeichen des Verständnisses dreimal tüchtig an seine Nase schlug. Sodann lächelte er, blinzelte und ging mit dem Ausdruck der lebhaftesten Freude im Gesicht die Treppen hinan. Was den gelehrten Herrn betrifft, so bewies er in einer meisterhaften Abhandlung, diese wundervollen Lichter seien Wirkungen der Elektrizität, und erklärte dies deutlich durch die umständliche Erzählung, wie ihm, als er den Kopf zur Tür hinausgesteckt, ein blitzendes Leuchten vor den Augen getanzt und er einen Schlag erhalten habe, der ihn eine volle Viertelstunde seiner Sinne beraubt. Dieses Schriftchen ergötzte sämtliche gelehrte Gesellschaften über die Maßen und verschaffte dem Manne später ein allgemeines Ansehen als Leuchte und Zierde der Wissenschaft. Einundvierzigstes Kapitel. Das Herrn Pickwick in eine neue und hoffentlich nicht uninteressante Szene im großen Drama des Lebens führt. Der Rest der Zeit, die Herr Pickwick für die Dauer seines Aufenthaltes in Bath bestimmt hatte, ging ohne einen Vorfall von Belang vollends dahin. Der Trinitystermin begann. Nach Verlauf seiner ersten Woche kehrten Herr Pickwick und seine Freunde nach London zurück, und ersterer Herr begab sich, natürlicherweise von Sam begleitet, geradenwegs in sein altes Quartier im Georg und Geier. Am dritten Morgen nach ihrer Ankunft, als sämtliche Glocken in der City, jede einzelne neun und alle zusammen neunhundert schlugen und Sam eben im Hofe frische Luft schöpfte, rasselte ein sonderbares, frisch angestrichenes Fuhrwerk heran, aus dem mit großer Behendigkeit, die Zügel einem neben ihm sitzenden vierschrötigen Mann zuwerfend, ein sonderbarer Herr heraussprang, der ganz für das Fuhrwerk gemacht schien und das Fuhrwerk für ihn. Dies Fuhrwerk war nämlich nicht ganz Kutsche und ebensowenig ein Stanhope Leichter, offener, zwei- oder vierrädriger Wagen. . Es war nicht, was man in der Regel einen Karren nennt, es war keine Kalesche, war kein guillotiniertes Kabriolett und doch hatte es etwas vom Charakter all' dieser Vehikel. Es war hellgelb angestrichen, die Deichsel und die Räder schwarz betupft, und der Kutscher saß in dem hohen Jagdstil auf Polstern, die etwa zwei Fuß höher waren als die Wagenleiter. Das Pferd war ein ziemlich munterer Brauner, hatte aber etwas Schmuckes und Bissiges an sich, was vortrefflich sowohl zu dem Fuhrwerk, wie zu dem Herrn paßte. Der Herr selbst war etwa ein Vierziger und trug schwarze Haare nebst einem sorgfältig gekämmten Schnurrbart. Sein ganzer Anzug war auffallend glänzend und mit einer Menge Juwelen überladen, alle wenigstens dreimal so groß, wie man gewöhnlich zu tragen pflegt: das Ganze krönte ein grober Überrock. In eine Tasche dieses Überrocks steckte er beim Absteigen seine linke Hand, während er aus der andern mit seiner rechten ein sehr helles, funkelndes, seidenes Taschentuch zog, womit er ein paar Staubflecken von seinen Stiefeln abwischte, es sodann in der Hand zusammendrückte und endlich in den Hof hineinging. Es war Sams Aufmerksamkeit nicht entgangen, daß, als dieser Herr abstieg, ein schäbig aussehender Mann in einem braunen Überrock mit etlichen fehlenden Knöpfen, der vorher dem Wirtshause gegenüber auf- und abgewandelt war, auf einmal herüberkam und sich zu dem Ankömmling gesellte. Da ihm der Zweck eines Besuches von diesem Gentleman mehr als verdächtig erschien, ging ihm Sam in den Georg und Geier voran, wandte sich dann rasch um und pflanzte sich mitten auf der Haustürschwelle auf. »Nun, Kamerad?« sagte der Mann in dem groben Rock mit herrischem Ton, indem er ihn zugleich wegzupuffen versuchte. »Nun, Sir, was gibt's?« entgegnete Sam, den Puff mit reichlichen Zinsen heimgebend. »Komm Er mir nicht so, Mensch; Er wird nicht viel ausrichten«, sagte der Eigentümer des groben Rockes, seine Stimme erhebend und sehr weiß werdend – »hierher Smouch.« »Nun, wo fehlt es denn?« murrte der Herr mit dem braunen Rock, der während dieses kurzen Zwiegesprächs sich allmählich durch den Hof hierhergeschlichen hatte. »Bloß eine Unverschämtheit von diesem jungen Burschen«, sagte der Prinzipal, Sam einen neuen Stoß versetzend. »Laß Er solche Späße bleiben«, murrte Smouch, indem er Sam ebenfalls einen recht derben Puff gab. Dieser letzte Puff hatte die Wirkung, die der erfahrene Herr Smouch beabsichtigte, denn während Sam, um das Kompliment so schnell wie möglich heimzugeben, den Gentleman an den Türpfosten drückte, schlich der Prinzipal hinein und gelangte in die Gaststube, wohin ihm Sam unter allerhand bezeichnenden Bemerkungen gegen Herrn Smouch alsbald nachfolgte. »Guten Morgen, liebes Kind«, sagte der Prinzipal mit kolonialer Ungezwungenheit und neusüdwälischer Artigkeit zu der jungen Dame in der Gaststube. »Wo ist Herrn Pickwicks Zimmer, meine Teuerste?« »Zeigen Sie es ihm«, sagte das Mädchen zu einem Kellner, ohne den sonderbaren Gast eines weiteren Blickes zu würdigen. Der Kellner ging die Treppe hinauf, der Mann mit dem groben Rock folgte und hinter ihm Sam, der unterwegs, zum unaussprechlichen Ergötzen des Gesindes und anderer Zuschauer, durch allerhand Gebärden seine überschwengliche Verachtung und einen herausfordernden Trotz an den Tag legte. Herr Smouch, der an einem trockenen Husten litt, blieb unten und wartete im Gang. Herr Pickwick lag in tiefem Schlafe, als sein früher Gast, von Sam gefolgt, ins Zimmer trat. Das Geräusch, das sie machten, weckte ihn auf. »Wasser zum Rasieren, Sam!« rief er hinter den Bettvorhängen. »Rasieren Sie sich nur sogleich, Herr Pickwick«, sagte der Gast, den obersten Vorhang zurückschiebend. »Ich habe auf Verlangen der Bardell einen Exekutionsbefehl gegen Sie. – Da ist er, unterzeichnet vom Gericht. Hier meine Karte. Ich denke, Sie gehen mit mir in mein Haus.« Und indem er Herrn Pickwick freundlich auf die Schulter klopfte, warf der Offiziant des Sheriffs – denn ein solcher war er – seine Karte auf die gesteppte Bettdecke und zog einen goldenen Zahnstocher aus seiner Westentasche. »Namby ist mein Name«, sagte er, als Herr Pickwick seine Brille unter dem Kissen hervorzog und aufsetzte, um die Karte zu lesen. »Namby, Bell Alley in der Colemansstraße.« Hier mischte sich Sam Weller, der seine Augen fortwährend auf Herrn Nambys glänzenden Castorhut geheftet hatte, ins Gespräch: »Sie sind ein Quäker?« fragte er. »Er wird es mit der Zeit schon erfahren, wer ich bin«, erwiderte der entrüstete Offiziant. »Ich will Ihn an einem schönen Vormittag schon Mores lehren, mein sauberer Bursche.« »Danke schön«, sagte Sam: »ich will Ihnen denselben Gefallen erweisen. Nehmen Sie den Hut ab.« Mit diesen Worten schlug er Herrn Namby so geschickt und kräftig den Hut vom Kopfe, daß jener beinahe noch obendrein seinen goldenen Zahnstocher verschluckt hätte. »Sie sehen es, Herr Pickwick«, sagte der bestürzte Agent, nach Luft schnappend: »ich bin in der Ausübung meiner Amtspflicht von Ihrem Diener in Ihrem Zimmer angegriffen worden. Ich stehe in Gefahr und rufe Sie zum Zeugen auf.« »Bezeugen Sie nichts, Sir«, unterbrach ihn Sam. »Machen Sie die Augen fest zu, Sir; ich will ihn zum Fenster hinauswerfen', nur schade, daß er nicht tief fallen kann.« »Sam«, sagte Herr Pickwick in ärgerlichem Tone, als sein Diener allerhand feindselige Demonstrationen machte, »wenn du noch ein Wort sprichst oder diesem Herrn die geringste Beleidigung antust, so entlasse ich dich auf der Stelle.« »Aber, Sir –« meinte Sam. »Schweig«, versetzte Herr Pickwick, »und heb den Hut wieder auf.« Dieses aber verweigerte Sam allerdings, und nachdem er von seinem Herrn einen strengen Verweis erhalten hatte, ließ sich der Agent, der Eile hatte, herab, ihn selbst aufzuheben, wobei er eine Masse Drohungen gegen Sam ausstieß, die dieser Gentleman mit vollkommener Gemütsruhe entgegennahm und bloß bemerkte, wenn Herr Namby die Güte haben wolle, seinen Hut wieder aufzusetzen, so werde er ihn bis ans letzte Ende der nächsten Woche herunterschlagen. Herr Namby, der von einem solchen Prozeß nicht viel Ersprießliches erwarten mochte, wollte Herrn Weller nicht in Versuchung führen und rief bald darauf Smouch herein. Diesem sagte er, der Fang sei gemacht, er solle warten, bis der Verhaftete sich vollends angekleidet hätte und stolzierte dann hinaus. Smouch forderte Herrn Pickwick in griesgrämigem Tone auf, sich möglichst zu beeilen, denn es gebe viel zu tun, stellte sofort einen Stuhl vor die Tür und setzte sich darauf, bis der alte Herr mit seiner Toilette fertig war. Nun wurde Sam nach einer Mietskutsche fortgeschickt, und das Triumvirat fuhr nach der Colemansstraße. Glücklicherweise war die Entfernung kurz, denn Herr Smouch, der eben kein bezauberndes Talent für Unterhaltung besaß, war bei dem physischen Gebrechen, dessen wir oben erwähnt, in einem so beschränkten Raum ein entschieden unangenehmer Gesellschafter. Der Wagen fuhr in die sehr enge und düstere Straße und hielt vor einem Haus mit eisernen Gittern an sämtlichen Fenstern an; die Türpfosten schmückte die Aufschrift: »Namby, Agent der Sheriffs von London.« Das innere Tor wurde von einem Gentleman geöffnet, den man für einen verwahrlosten Zwillingsbruder des Herrn Smouch hätte halten können, und der für sein Amt mit einem gewaltigen Schlüssel versehen war. Dieser wies Herrn Pickwick in das Gastzimmer. Das Gastzimmer war eine einfache Vorderstube, deren Haupteigenschaften in frischem Sand und veraltetem Tabaksrauch bestanden. Herr Pickwick verbeugte sich gegen die drei Personen, die drinnen saßen, befahl Sam, Herrn Perker zu holen, zog sich in einen dunklen Winkel zurück und betrachtete von da aus mit einiger Neugierde seine augenblicklichen Kameraden. Einer davon war ein Bursche von neunzehn oder zwanzig Jahren, der, obgleich es erst zehn Uhr war, bereits Wacholderbranntwein mit Wasser trank und eine Zigarre dazu rauchte – Vergnügungen, denen er, nach seinem roten Gesicht zu schließen, die letzten zwei Jahre seines Lebens so ziemlich ganz gewidmet haben mußte. Ihm gegenüber saß, mit der Zehe seines rechten Fußes im Feuer herumstöbernd, ein plumper Bursche von etwa dreißig Jahren, mit bleichem Gesicht und rauher Stimme. Er besaß offenbar diejenige Weltkenntnis und die lockende Freiheit im Benehmen, die man sich in Kneipen und an gemeinen Billarden erwerben kann. Der dritte Insasse des Zimmers war ein Mann von mittleren Jahren: er hatte einen sehr alten, schwarzen Rock an, sah blaß und verstört aus und lief unaufhörlich auf und ab; nur von Zeit zu Zeit schaute er mit großer Ängstlichkeit zum Fenster hinaus, als erwartete er jemand, und begann dann sogleich seinen Spaziergang wieder. »Sie können heute morgen mein Rasiermesser haben, Herr Ayresleigh«, sagte der Mann, der im Feuer stöberte, indem er seinem Freunde, dem jungen Burschen, zuwinkte. »Danke, ich werde es nicht brauchen. Ich hoffe, etwa in einer Stunde frei zu kommen«, erwiderte der andere in hastigem Tone, ging sofort aus neue ans Fenster, und als er abermals getäuscht sich abwenden mußte, seufzte er tief und verließ das Zimmer, worüber die zwei andern in lautes Gelächter ausbrachen. »Einen solchen Spaß habe ich noch nie erlebt«, sagte der Gentleman, der das Rasiermesser angeboten hatte und Price zu heißen schien. Er bekräftigte diese Versicherung mit einem Fluche und lachte dann aufs neue, worauf natürlicherweise der junge Bursche, der seinen Kameraden für einen der witzigsten Köpfe von der Welt hielt, auch lachte. »Sie werden es kaum glauben«, sagte Herr Price, sich gegen Herrn Pickwick wendend, »daß dieser Mensch gestern schon eine Woche hier war und sich noch nie rasiert hat, weil er aufs bestimmteste wissen will, daß er in einer halben Stunde freikomme und deshalb glaubt, er könne es aufschieben, bis er wieder nach Hause komme.« »Der arme Mann!« erwiderte Pickwick. »Hat er denn gar keine Aussicht, aus seiner schwierigen Lage loszukommen?« »Nein, keine Spur«, erwiderte Price. »Ich wollte hundert gegen eins wetten, daß er binnen zehn Jahren auf keine Straße mehr kommt.« Dabei schnalzte Herr Price verächtlich mit dem Finger und läutete. »Geben Sie mir einen Bogen Papier, Crookey«, sagte er zu dem Aufwärter, der seiner Kleidung und ganzen Erscheinung nach ein Mittelding zwischen einem bankerotten Viehmäster und einem zahlungsunfähigen Pächter zu sein schien; »und ein Glas Branntwein mit Wasser. Verstehen Sie mich? Ich will meinem Vater schreiben und muß eine Stimulanz haben, sonst kann ich dem alten Knaben nicht eindringlich genug ins Gewissen reden.« Es ist unnötig, hinzuzusetzen, daß der junge Bursche bei dieser scherzhaften Sprache vor lauter Lachen beinahe Krämpfe bekam. »Bravo!« sagte Herr Price: »das ist ein Hauptspaß!« »Ganz vortrefflich«, sagte der junge Gentleman. »Sie haben eben Geist«, fuhr Price fort: »Sie kennen das Leben.« »Das will ich meinen«, erwiderte der Bursche. Er hatte es durch die schmutzigen Scheiben einer Gaststube betrachtet. Herr Pickwick, den die Unterhaltung sowie das ganze Benehmen der beiden Burschen nicht wenig anekelte, wollte eben fragen, ob man ihm kein Privatzimmer geben könne, als zwei oder drei Fremde von anständigem Aussehen eintraten, bei deren Anblick der Bursche seine Zigarre ins Feuer warf und Herrn Price zuflüsterte, sie seien gekommen, um seine Sachen in Ordnung zu bringen, worauf er sich mit ihnen an einen Tisch am andern Ende des Zimmers begab. Es schien freilich, daß die Sachen nicht so leicht in Ordnung zu bringen waren, wie der junge Gentleman voraussetzte, denn es erfolgte eine sehr lange Unterhaltung, wovon Herr Pickwick unwillkürlich einige zornige Bemerkungen über liederlichen Lebenswandel und wiederholte Verzeihung mit anhörte. Endlich wurden von dem ältesten Herrn in der Gesellschaft sehr deutliche Anspielungen auf eine gewisse Whitecroßstraße Dort befand sich eine Straf- und Korrektionsanstalt. gemacht, wobei der Jüngling, trotz seiner Munterkeit, trotz seines Witzes und seiner Lebenskenntnis obendrein, den Kopf auf den Tisch lehnte und jammervoll heulte. Sehr zufrieden über das rasche Geducktwerden des jungen Renommisten läutete Herr Pickwick und wurde auf sein Verlangen in ein Privatzimmer geführt, das mit einem Teppich, einem Tische, mehreren Stühlen, einem Kredenztisch und Sofa versehen und mit einem Spiegel sowie mehreren alten Gemälden geschmückt war. Hier hatte er den Genuß, solange sein Frühstück bereitet wurde, unmittelbar über sich Frau Namby Klavier spielen zu hören, und als ersteres kam, erschien auch Herr Perker. »Aha, mein lieber Herr«, sagte das kleine Männchen: »endlich in die Falle gegangen? Ich gräme mich indessen nicht sehr darüber, denn jetzt werden Sie doch endlich die Abgeschmacktheit Ihres Benehmens einsehen. Ich habe mir den Betrag der Prozeßkosten, sowie die Entschädigungsgelder notiert, und es wäre am gescheitesten, wir machten die Sache mit einem Male und ohne Zeitverlust ab. Namby wird wohl jetzt zurückgekommen sein. Was meinen Sie, mein lieber Herr, soll ich Ihnen eine Anweisung niederschreiben?« So sprechend rieb sich das Männchen mit erzwungener Lustigkeit die Hände, konnte aber, als er Herrn Pickwick ins Gesicht schaute, nicht umhin, zu gleicher Zeit einen verzweifelten Blick auf Sam Weller zu werfen. »Perker«, sagte Herr Pickwick, »ich muß bitten, daß Sie mich nichts mehr davon hören lassen. Ich sehe nicht ein, warum ich noch länger hierbleiben soll und will deshalb heute nach noch ins Gefängnis gehen.« »In die Whitecroßstraße können Sie unmöglich, mein teurer Sir«, erwiderte Perker. »Da sind sechzig Betten in einer Abteilung und die Riegel sechzehn Stunden täglich vorgeschoben.« »Dann möchte ich lieber in ein anderes Gefängnis, wenn es möglich ist«, sagte Herr Pickwick. »Wo nicht, so muß ich mir's dort bequem machen, so gut es angeht.« »Sie können ins Fleet gehen, mein lieber Herr, wenn Sie überhaupt entschlossen sind, wohin zu gehen«, meinte Perker. »Das will ich tun«, sagte Herr Pickwick; gleich nach dem Frühstück.« »So warten Sie doch noch ein wenig, lieber Herr; es ist nicht der geringste Grund vorhanden, so schrecklich an einen Ort zu eilen, von dem sich die meisten andern Menschen ebenso gewaltig wegsehnen«, sagte der gutmütige kleine Anwalt. »Wir müssen ein habeas corpus auswirken und bis vier Uhr nachmittags warten, denn eher treffen wir keinen Richter an.« »Ganz gut«, sagte Herr Pickwick mit unveränderlicher Geduld: »dann können wir um zwei Uhr hier ein Beefsteak speisen. Sieh danach, Sam, und bestelle es pünktlich.« Da Herr Pickwick trotz aller Vorstellungen und Beweisgründe Perkers fest blieb, so erschienen und verschwanden die Beefsteaks zur bestimmten Zeit. Darauf wurde er in eine andere Mietskutsche gesetzt und in die Kanzleistraße geführt, nachdem er etwa eine halbe Stunde auf Herrn Namby gewartet, der eine erlesene Gesellschaft beim Mittagsmahle hatte und unter keinen Umständen früher gestört werden durfte. Im Vorzimmer von Sergeants Inn waren zwei Richter, einer von der Kings Bench und einer von Common Pleas. Auch schienen hier gewaltig viele Geschäfte abgemacht zu werden, wenn man aus der Menge Advokatenschreiber, die mit Aktenstößen herein- und hinauseilten, einen Schluß ziehen darf. Als sie an den niedrigen Bogengang kamen, der den Eingang in das Inn bildet, zankte sich Herr Perker einige Minuten lang mit dem Kutscher um den Fuhrlohn, Herr Pickwick aber stellte sich auf die Seite, um dem Gedränge der Hinein- und Herausströmenden auszuweichen und blickte mit einiger Neugier um sich. Die Leute, die seine Aufmerksamkeit am meisten anzogen, waren drei oder vier Herren von schäbig-kavaliermäßigem Aussehen. Sie zogen vor manchem der vorbeigehenden Anwälte die Hüte, und schienen ein Geschäft zu haben, dessen Art Herr Pickwick nicht erraten konnte. Sie bildeten eine höchst sonderbare Gruppe. Der eine war schlank und ein bißchen lahm, er hatte einen schmierigen schwarzen Rock an und ein weißes Halstuch; ein anderer war untersetzt gedrungen und gekleidet wie der erste, nur daß er ein großes, schwarzrotes Halstuch trug; ein dritter war klein von Gestalt, hatte ein finniges Gesicht und sah aus wie ein Trunkenbold. Sie schlenderten, die Hände auf dem Rücken, mit neugierigen Gebärden auf und ab und flüsterten von Zeit zu Zeit einigen von den Herren, die mit den Papieren hereinstürzten, etwas ins Ohr. Herr Pickwick erinnerte sich, sie schon oft unter dem Torweg, wenn er gerade vorüberging, faulenzen gesehen zu haben, und war neugierig, zu welcher Art von Profession diese schmierigen Tagediebe wohl gehören mochten. Eben wollte er Namby, der sich dicht bei ihm aufhielt und an einem großen goldenen Ring seines kleinen Fingers lutschte, fragen, als Perker zu ihm herstürmte und ihm mit der Bemerkung, man habe keine Zeit zu verlieren, den Weg in den Saal zeigte. Als Herr Pickwick folgte, trat der Lahme zu. ihm, zog höflich den Hut und hielt ihm eine beschriebene Karte hin, die Herr Pickwick, der die Gefühle de« Mannes nicht durch eine Weigerung zu verletzen wünschte, freundlich annahm und in seine Westentasche steckte. »Nun«, sagte Perker, der sich, bevor er in die Amtsstube trat, umwandte; ob seine Kameraden auch hinter ihm seien. »Hier herein, mein lieber Herr. He da, was wollen Sie? « Diese letzte Frage galt dem Lahmen, der sich ohne Herrn Pickwicks Wissen an ihn angeschlossen hatte. Statt der Antwort zog der Mann mit aller erdenklichen Höflichkeit seinen Hut ab und deutete auf Herrn Pickwick. »Nein, nein«, sagte Perker lächelnd; »wir bedürfen Eurer ganz und gar nicht, guter Freund.« »Bitte um Vergebung, Sir«, erwiderte der Lahme. »Der Herr hat meine Karte angenommen. Ich hoffe. Sie werden mich verwenden, Sir. Der Herr hat mir zugenickt. Ich berufe mich auf den Herrn selbst. Nicht wahr, Sie haben mir zugenickt, Sir?« »Ach was, Unsinn. Sie haben niemandem zugenickt, Pickwick. Ein bloßes Mißverständnis«, sagte Perker. »Der Herr hat mir seine Karte angeboten«, erwiderte Herr Pickwick, sie aus der Tasche hervorziehend. »Ich nahm sie an, wie der Herr zu wünschen schien – ich war in der Tat einigermaßen neugierig, sie gelegentlich näher zu betrachten – ich –« Der kleine Advokat brach in ein lautes Lachen aus, gab dem Lahmen die Karte zurück, sagte ihm, es sei ein Mißverständnis, und flüsterte Herrn Pickwick, als der Mann sich grimmig abwandte, ins Ohr, es sei dies nur ein Bürge. »Ein was?« rief Herr Pickwick. »Ein Bürge«, versetzte Perker. »Ein Bürge?« »Ja, mein lieber Herr: es ist ein halbes Dutzend solcher Leute hier. Sie verbürgen sich für jede beliebige Summe und verlangen nur eine halbe Krone. Nicht wahr, ein sonderbares Geschäft?« fügte Perker hinzu, indem er sich mit einer Prise Tabak labte. »Wie?« rief Herr Pickwick, ganz erschrocken über diese Entdeckung: »Verstehe ich recht? Erwerben diese Leute wirklich dadurch ihren Lebensunterhalt, daß sie hier herumliegen und vor den Richtern des Landes Meineide schwören? Für eine halbe Krone ein Verbrechen?!« »Meineid müssen Sie e» nicht gerade nennen, lieber Herr«, erwiderte der kleine Gentleman; »dieser Ausdruck ist wahrhaftig viel zu hart. Es ist eine Rechtsfiktion, mein lieber Herr, weiter nichts.« Dabei zuckte das Anwältchen die Achseln, lächelte, nahm eine zweite Prise und ging voraus in das Gerichtszimmer. Dies war ein Gemach von besonders schmutzigem Aussehen, mit einer sehr niedrigen Decke und alten in Vierecke geteilten Wänden. Dabei war es so finster, daß man bei hellem Tag auf den Schreibtischen große Talglichter brannte. An einem Ende war eine Tür, die in das Privatzimmer des Richters führte, um das sich eine Menge von Anwälten und Schreibern drängte, die hereingerufen wurden, sobald die Reihe des Dienstes an ihnen war. So oft diese Tür sich öffnete, um eine Partei hinauszulassen, machte eine nächste Parte! gewaltsame Versuche, hineinzudringen, und außer den zahlreichen Zwiegesprächen zwischen den Gentlemen, die auf den Anblick des Richters harrten, erhoben sich unter der Mehrzahl derer, die ihn bereits gesehen, allerhand persönliche Zwistigkeiten, so daß man sich in einem so kleinen Zimmer kaum ein betäubenderes Getöse denken kann. Indessen waren die Unterhaltungen dieser Herren nicht die einzigen Töne, die das Ohr zerrissen. In einer Loge hinter einer hölzernen Schranke am andern Ende des Zimmers stand ein Schreiber mit der Brille auf der Nase, der die Advokatenschreiber schwören ließ und die Protokolle darüber haufenweise von Zeit zu Zeit dem Richter zur Unterzeichnung in sein Privatzimmer schickte. Eine Menge Advokatenschreiber wollten beeidigt werden, und da es rein unmöglich war, diesen Akt mit allen zugleich vorzunehmen, so gab es an der Schranke des bebrillten Herrn ein Stoßen und Drangen, wie manchmal am Eingang des Theaters, wenn Ihre Gnädigste Majestät dasselbe mit Höchst Ihrer Gegenwart beehrt. Ein anderer Mann von der Feder übte seine Lunge von Zeit zu Zeit damit, daß er die Namen der Beeidigten laut ausrief, um ihnen vom Richter unterzeichnete Atteste zurückzustellen, was natürlich wieder zu mehrfachen Püffen und Stößen Veranlassung gab. Da das alles zu gleicher Zeit geschah, so herrschte ein Durcheinander und Getöse, für dessen Lieblichkeit wir nicht jedermann Sinn und Empfänglichkeit zutrauen möchten. Es war schließlich noch eine andere Sorte von Leuten da, solche, die auf das Aufgerufenwerden ihrer Klienten warteten, wobei der Anwalt der Gegenpartei die Wahl hatte, solange zu bleiben oder nicht, und solche, die von Zeit zu Zeit den Namen des Gegenadvokaten ausrufen mußten, um sich zu vergewissern, daß er nicht ohne ihr Wissen vor Gericht stand. Zum Beispiel: dicht neben Herrn Pickwicks Sitz lehnte sich ein vierzehnjähriger Bursche mit einer Tenorstimme an die Wand und neben ihm stand ein Schreiber mit einem tiefen Baß. Ein anderer Schreiber huschte mit einem Pack Papiere herein und stierte umher. »Sniggle und Blink!« rief der Tenor. »Porkin und Snob!« brummte der Baß. »Stumpy und Deacon!« sagte der neue Ankömmling. Niemand antwortete, und der nächste Mann, der kam, wurde von allen Dreien begrüßt, worauf dieser laut nach einem andern schrie; dann brüllte sonst eine Stimme wieder nach einem noch andern und so ging es fort. Die ganze Zeit über war der Mann mit der Brille fortwährend beschäftigt, die Schreiber zu beeidigen. Er tat dies ohne alle Abwechslung in der Betonung und leierte dem einen wie den andern den üblichen Eid vor, der folgendermaßen lautete: »Nehmen Sie das Buch in die rechte Hand dies ist Ihr Name und Handschrift Sie schwören daß der Inhalt dieses Ihres Zeugnisses wahr ist so helfe Ihnen Gott Sie müssen einen Schilling bezahlen herausgeben kann ich nicht.« »Nun, Sam«, sagte Herr Pickwick, »ich dächte, das Habeas Corpus könnte jetzt fertig sein.« »Ja«, sagte Sam, »und ich wollte, man brächte seinen Korpus einmal heraus. Es ist eine sehr unangenehme Sache um das lange Warten da. Ich hätte in dieser Zeit ein halbes Dutzend solcher Korpus fertig gemacht und damit aufgepackt.« Für was für eine beschwerliche und unbrauchbare Maschine Sam Weller die Ausstellung eines Habeas corpus hielt, wird nicht ganz klar, denn in diesem Augenblick kam Perker und nahm Herrn Pickwick mit sich fort. Nachdem die gewöhnlichen Förmlichkeiten durchgemacht waren, wurde bald darauf der Leib Samuel Pickwicks der Bewachung des Gerichtsdieners übergeben und sofort dem Vorsteher des Fleetgefängnisses überantwortet, um solange in Verwahrung gehalten zu werden, bis die Entschädigungssumme an Frau Bardell und die Prozeßkosten auf Heller und Pfennig bezahlt sein würden. »Da soll ihnen die Zeit lang werden«, sagte Herr Pickwick lachend. »Sam, hole einen Mietwagen. Perker, mein werter Freund, auf Wiedersehen!« »Ich will mit Ihnen gehen, um mich von Ihrer glücklichen Ankunft zu überzeugen«, erwiderte Perker. »Ich danke Ihnen«, sagte Herr Pickwick: »ich möchte nicht gern einen andern Begleiter haben als Sam. Sobald ich aber eingerichtet bin, werde ich Ihnen schreiben und Sie dann sogleich erwarten. Inzwischen leben Sie wohl.« Also sprach Herr Pickwick und stieg in Begleitung des Gerichtsdieners in den Wagen. Sam setzte sich auf den Bock und sie fuhren ab. »Ein ganz außerordentlicher Mann das«, sagte Perker, indem er stehenblieb, um seine Handschuhe anzuziehen. »Er hätte einen prächtigen Bankerottmacher gegeben, Sir«, bemerkte Herr Lowten, der in der Nähe stand. »Der würde die Kommissare schinden und ihnen Trotz bieten, wenn sie auch tausendmal vom Verhaften sprächen.« Der Anwalt schien darüber, wie sein Schreiber berufsmäßig Herrn Pickwicks Charakter schätzte, nicht sehr erbaut: denn er ging fort, ohne ihn einer Antwort zu würdigen. Die Mietkutsche rumpelte die Fleetstraße entlang, wie Mietkutschen zu tun pflegen. Der Kutscher sagte, die Pferde gehen besser, wenn sie etwas vor sich sehen (und sie müssen wirklich einen erstaunlichen Schritt gelaufen sein, wenn nichts vorhanden war), und hielt sich daher hinter einem Karren: blieb dieser stehen, so blieb die Kutsche auch stehen, und setzte sich der Karren wieder in Bewegung, so tat sie desgleichen. Herr Pickwick saß dem Gerichtsdiener gegenüber, der seinen Hut zwischen den Knien hielt, ein Liebchen pfiff und fortwährend zum Fenster hinaus schaute. Die Zeit vollbringt indessen Wunder, und mit der mächtigen Hilfe dieser alten Dame legt sogar ein Mietwagen eine halbe Meile Wegs zurück. Sie hielten endlich an, und Herr Pickwick stieg vor dem Tore des Fleetgefängnisses aus. Der Gerichtsdiener blieb ihm dicht auf der Ferse und führte ihn ins Gefängnis: daselbst angekommen, wandten sie sich links und gelangten durch eine offene Tür in eine Vorhalle, aus der ein gewichtiges Tor, das dem Eingangstor gerade gegenüberstand und von einem stämmigen Kerkermeister mit dem Schlüssel in der Hand bewacht wurde, ins Innere des Gefängnisses führte. Hier hielten sie an, bis der Gerichtsdiener seine Papiere abgegeben hatte, und man sagte Herrn Pickwick, er habe solange allda zu verweilen, bis er sich der dem Eingeweihten wohlbekannten Zeremonie unterworfen, das heißt, zu seinem Porträt gesessen hätte. »Zu meinem Porträt gesessen?« fragte Herr Pickwick. »Ja, Sir, damit wir Ihr Konterfei bekommen«, erwiderte der stämmige Schließer, »Wir sind Spezialisten im Abzeichnen, brauchen nur einen Augenblick dazu und treffen immer richtig. Tun Sie, als wenn Sie zu Hause wären, Sir.« Herr Pickwick willfahrte der Aufforderung und setzte sich, worauf Herr Weller, der sich hinter seinem Stuhle aufgestellt, ihm zuflüsterte, da« »zum Porträtsitzen« wäre bloß ein anderer Ausdruck für die Beaugenscheinigung von seiten der verschiedenen Schließer, damit diese die Gefangenen von Besuchen unterscheiden könnten. »Gut, Sam«, sagte Herr Pickwick, »dann wünschte ich, die Künstler kämen; das ist ein sehr öffentlicher Platz.« »Sie werden wohl nicht lange ausbleiben«, versetzte Sam. »Da hängt eine hölzerne Schwarzwälderuhr.« »Das sehe ich«, bemerkte Herr Pickwick. »Und ein Vogelkäfig«, sagte Sam. »Reusen in Reusen, ein Gefängnis im Gefängnisse. Nicht wahr, Sir?« Als Herr Weller diese philosophische Bemerkung machte, gewahrte Herr Pickwick, daß das Sitzen seinen Anfang genommen hatte. Der stämmige Schließer hatte das Schloß fahren lassen, sich niedergesetzt und betrachtete ihn nachlässig von Zeit zu Zeit. Dann starrte ihn ein langer, schmächtiger Bursche, der jenen abgelöst, und der sich mit den Händen unter den Rockschößen ihm gegenüber aufpflanzte, lange unverwandt an. Ein dritter Gentleman von etwas grämlichem Aussehen, der offenbar beim Tee gestört worden war, denn er verfügte bei seinem Eintritt gerade über den letzten Rest seiner mit Butter beschmierten Stulle, stellte sich dicht neben Herrn Pickwick, stemmte die Hände in die Seiten und beschaute ihn so nahe wie möglich, indessen noch zwei andere mit aufmerksamen, gedankenschweren Gesichtern seine Züge studierten. Herr Pickwick stampfte während der Operation zu wiederholten Malen mit den Füßen, und es schien ihm auf seinem Sitze nur gar nicht zu behage; er machte jedoch die ganze Zeit über keine Bemerkung, selbst gegen Sam nicht, der, an die Rückseite des Stuhles gelehnt, teils über die Lage seines Herrn, teils über das große Vergnügen nachdachte, das ihm ein feindlicher Angriff auf sämtliche Schließer gewähren würde, wenn er unter dem Schutz des Gesetzes und ohne Friedensbruch über einen nach dem andern herfallen dürfte. Endlich war das »Porträtieren« vollendet, und man sagte Herrn Pickwick, er könne jetzt ins Gefängnis gehen. »Wo werde ich heute nacht schlafen?« fragte er. »Das weiß ich selbst nicht recht«, erwiderte der vierschrötige Schließer; »aber morgen bekommen Sie einen Stubenburschen und können sich dann ganz hübsch und bequem einrichten. In der ersten Nacht ist in der Regel noch nicht alles recht in Ordnung, aber morgen können Sie bekommen, was Sie wollen.« Nach einigen Erörterungen ergab es sich, daß einer der Schließer ein Bett zu vermieten hatte, und Herr Pickwick war froh, es für die Nacht bekommen zu können. »Wenn Sie mit mir kommen wollen, so will ich es Ihnen sogleich zeigen«, sagte der Mann. »Es ist zwar nicht besonders groß, aber es schläft sich ganz herrlich darin. Hier, Sir.« Sie gingen durch das innere Tor und stiegen eine kurze Treppe hinab. Der Schlüssel wurde hinter ihnen herumgedreht, und Herr Pickwick befand sich zum ersten Male in seinem Leben innerhalb der Mauern eines Schuldturms. Zweiundvierzigstes Kapitel. Wie es Herrn Pickwick in Fleet erging; was für Schuldner er daselbst antraf, und wie er die Nacht zubrachte. Herr Tom Roker, der Gentleman, der Herrn Pickwick ins Gefängnis begleitet hatte, wandte sich unten auf der kurzen Treppe nach rechts und führte ihn durch ein offenstehendes eisernes Tor, sodann eine andere kurze Treppe hinauf in einen langen, engen, schmutzigen, niedrigen, mit Steinen bepflasterten Gang, der bloß durch ein einziges Fenster an jedem Ende ein höchst spärliches Licht erhielt. »Dies«, sagte der Gentleman, seine Hände einsteckend und Herrn Pickwick nachlässig über die Schulter ansehend; »dies ist der Weg zur Halle.« »So«, erwiderte Herr Pickwick, eine dunkle, schmutzige Treppe hinabblickcnd, die zu einer Reihe dumpfer, düsterer, unterirdischer Steingewölbe zu führen schien: »und dies da sind wohl die kleinen Keller, wo die Gefangenen ihre geringen Kohlenvorräte aufbewahren? Der Zugang ist sehr garstig: doch mögen sie zu diesem Zwecke wohl passen.« »Ei, warum sollten sie nicht passen?« meinte der Gentleman, »es wohnen ja mehrere Leute ganz hübsch darin; das dürfen Sie mir wohl glauben.« »Mein Freund«, sagte Herr Pickwick, »es wird Ihnen doch nicht ernst damit sein, daß menschliche Wesen in diesen Löchern wohnen?« »Ei, warum denn nicht?« erwiderte Herr Roker mit unwilliger Verwunderung, »warum denn nicht?« »Da unten leben also wirklich Menschen?« rief Herr Pickwick. »Ja, sie leben da unten, und sehr oft sterben sie auch da unten«, erwiderte Herr Roker. »Was liegt denn daran? Wer kann etwas dagegen einwenden? Dies ist ein ganz guter Platz zum Leben.« Da Roker bei diesen Worten sich etwas barsch gegen Herrn Pickwick umwandte und noch überdies in aufgereiztem Tone gewisse unfreundliche Äußerungen über seine Augen, seine Glieder und seine zirkulierenden Flüssigkeiten murmelte, so hielt es letzterer für ratsam, das Gespräch nicht weiter zu verfolgen. Herr Roker stieg sofort abermals eine Treppe hinauf, die so schmutzig war wie die letzte, und die Herren Pickwick und Weller folgten ihm auf der Ferse. »Hier«, sagte Herr Roker, indem er Atem schöpfte, als sie eine andere Galerie von demselben Umfang wie die untere erreicht hatten: »hier ist der Gang ins Wirtszimmer! es sind noch zwei darüber, und das Zimmer, wo Sie heute nacht schlafen werden, gehört dem Gefängniswärter! hier bitte, treten Sie ein.« Nachdem er das alles in einem Atem gesagt, stieg Herr Roker mit seinen Begleitern von neuem eine Treppe hinauf. Diese Treppe erhielt ihr Licht von einigen niedrig angebrachten Fenstern, die auf einen mit Kies bedeckten und von einer hohen Backsteinmauer mit eisernen spanischen Reitern umgebenen offenen Raum sahen. Das war, wie aus Herrn Rokers Erklärung hervorging, der Ballplatz, und nach dem Bericht dieses Gentlemans befand sich in dem zunächst an die Farringdonstraße stoßenden Teile des Gefängnisses ein ähnlicher aber kleinerer Hofraum, der »gemalte Platz« genannt, weil man an seinen Mauern früher mehrere Abbildungen von Kriegsschiffen unter vollen Segeln sowie andere Kunstleistungen erblickt hatte, wodurch sich ein eingesperrter Maler in seinen Mußestunden hier verewigte. Nachdem Herr Roker diese Notiz, augenscheinlich mehr um sein Gemüt durch Mitteilung einer wichtigen Tatsache zu erleichtern, als in der speziellen Absicht, Herrn Pickwick aufzuklären, mitgeteilt hatte, ging er mit ihm in eine andere Galerie und lenkte in einen kleinen Nebengang am äußersten Ende desselben ein; hier öffnete er eine Tür und erschloß ein Zimmer von keineswegs einladendem Aussehen, worin acht bis neun eiserne Bettstellen standen. »Hier«, sagte er, die Tür offen haltend und Herrn Pickwick triumphierenden Blickes anschauend: »hier ist ein Zimmer.« Herrn Pickwicks Gesicht verriet indessen ein so durchaus geringes Maß von Zufriedenheit, daß Herr Roker in den Mienen Samuel Wellers, der bis jetzt ein würdevolles Schweigen beobachtet hatte, nach Sympathie suchte. »Hier ist ein Zimmer, junger Mann«, bemerkte Herr Roker. »Ich sehe es«, erwiderte Sam mit einem freundlichen Kopfnicken. »Was meinen Sie? So ein Zimmer würden Sie im Farringdon-Hotel nicht finden«, sagte Herr Roker mit selbstgefälligem Lächeln. Statt aller Antwort drückte Herr Weller auf eine behagliche und unstudierte Weise ein Auge zu, was entweder bedeuten konnte, er denke auch so, oder er denke nicht so, oder er habe überhaupt noch gar nicht darüber nachgedacht, wie es der Beobachter nun auslegen mochte. Nachdem er das vollbracht und sein Auge wieder geöffnet hatte, fragte er Herrn Roker, welches die merkwürdige Bettstelle sei, worin es sich nach seiner lockenden Beschreibung so herrlich schlafen lasse. »Diese da«, erwiderte Herr Roker, auf eine sehr rostige Bettlade in einem Winkel zeigend. »Jedermann schläft darin ein, er mag wollen oder nicht.« »Dann wären ja«, meinte Sam, mit einem Blick unendlichen Widerwillens das fragliche Möbel betrachtend: »dann wären ja Mohnköpfe nichts dagegen.« »Das ist wahr«, versetzte Herr Roker. »Und«, fügte Sam mit einem Seitenblick auf seinen Herrn hinzu, ob er bei diesem nicht etwa einige Merkzeichen eines erschütterten Entschlusses zu erkennen vermöchte, »die andern Gentlemen, die hier schlafen, sind doch hoffentlich Gentlemen?« »Das versteht sich«, sagte Herr Roker. »Einer von ihnen trinkt Tag für Tag zwölf Kannen Ale und läßt seine Pfeife nie kalt werden, nicht einmal beim Essen.« »Das muß ja ein außerordentlicher Mann sein«, meinte Sam. »Ja freilich, ich bin es selbst.« Keineswegs eingeschüchtert durch diese Nachricht, kündigte Herr Pickwick seinen Entschluß an, die Wunderkräfte des narkotischen Bettes auf die nächste Nacht zu erproben: Herr Roker sagte ihm, er könne sich ohne weitere Anzeige oder Formalität zu jeder beliebigen Stunde zur Ruhe begeben und ließ ihn sofort mit Sam auf dem Gange stehen. Es wurde dunkel, das heißt, an diesem niemals hellen Platze wurden aus Artigkeit gegen den Abend, der sich außen eingestellt hatte, einige Gaslichter angezündet. Da es ziemlich heiß war, so hatten die Bewohner einiger von den zahlreichen, auf beiden Seiten in den Gang sich öffnenden Stuben ihre Türen mehr oder weniger weit aufgemacht, und Herr Pickwick schaute im Vorübergehen mit großer Neugier und vielem Interesse hinein. Im ersten saßen vier oder fünf mäßig große Burschen, durch eine Wolke von Tabaksrauch beinahe unsichtbar gemacht, in lärmender, schreiender Unterhaltung über halbleeren Bierkannen und spielten mit schmutzigen Karten »Allevier«. Im nächsten Zimmer erblickte er einen einsamen Bewohner, der beim Schein eines schwachen Talglichts einen Packen beschmutzter, verwitterter, mit gelbem Staub bedeckter und vor Alter beinahe zerfallener Papier studierte und zum hundertstenmal ein langes Verzeichnis seiner Beschwerden für irgendeinen bedeutenden Mann niederschrieb, dessen Augen dies Schreiben niemals lesen, dessen Herz nie dadurch gerührt werden sollte. In einem dritten wohnte ein Mann mit seinem Weibe und einem ganzen Haufen Kinder, und bereitete für die jüngsten ein ärmliches Nachtlager auf der Erde oder auf ein paar Stühlen. Im vierten, fünften, sechsten und siebten wiederholte sich das Geschrei, das Biertrinken, der Tabaksrauch und das Kartenspiel in verstärktem Maße. Auf den Gängen selbst und besonders auf den Treppen standen eine Menge Leute, die hierher kamen, einige, weil ihnen ihr Zimmer zu leer und zu einsam, andere, weil sie zu voll und zu heiß waren, die meisten aber, weil sie keine Ruhe fanden, sich unbehaglich fühlten und das Geheimnis nicht besaßen, mit Bestimmtheit zu wissen, was sie mit sich selbst anfangen sollten. Es waren Leute aus allen Klassen da, vom Arbeiter in der Barchentweste bis zu dem ruinierten Verschwender in seinem tuchenen Schlafrock mit den zerrissenen Ellenbogen. Aber alle hatten dieselbe Art sich zu benehmen, eine gewisse, leichtfertige Galgenvogelsorglosigkeit, ein großtuerisches, vagabundenhaftes Wesen, das sich mit Worten schlechterdings nicht beschreiben läßt. Doch jeder, der Lust hat, kann sogleich Einsicht nehmen, wenn er einen Fuß in den nächsten besten Schuldturm setzt und die nächste beste Gruppe, die er erblickt, mit ebensoviel Interesse anschaut, wie Herr Pickwick es tat. »Sam«, sagte Herr Pickwick, sich an das eiserne Geländer oben an der Treppe lehnend, »es scheint mir, als wenn die Einsperrung wegen Schulden kaum eine Strafe genannt werden könnte.« »Meinen Sie das wirklich, Sir?« fragte Herr Weller. »Du siehst, wie diese Burschen trinken, rauchen und schreien«, fuhr Herr Pickwick fort. »Ihre Lage kann ihnen unmöglich sehr zu Herzen gehen.« »Das ist's ja, Sir«, erwiderte Sam. »Die machen sich freilich nicht viel daraus, sondern haben alle Tage blauen Montag, saufen den ganzen Tag Porter und kegeln: aber es gibt auch noch andere, die kein Bier trinken und nicht Kegel schieben können, die gern bezahlen würden, wenn sie das Geld dazu hätten, und die ganz traurig und kleinmütig werden, wenn man sie einsperrt. Ich will Ihnen sagen, wie die Sachlage ist, Sir: denen, die den ganzen Tag in den Wirtshäusern herumliegen, schadet es nichts, denen aber, die immer arbeiten, wenn sie Gelegenheit haben, schadet es vielzuviel. Es ist gar zu ungleich, wie mein Vater zu sagen pflegte, wenn sein Grog nicht gerade halb Rum und halb Wasser war, es ist gar zu ungleich, und da liegt der Hase im Pfeffer.« »Du hast recht, Sam«, sagte Herr Pickwick nach einigen Augenblicken des Nachdenkens, »du hast ganz recht.« »Vielleicht gibt es dann und wann auch einige ehrliche Leute, denen es gefällt«, bemerkte Herr Weller gedankenvoll: »aber ich habe doch von keinem gehört, ausgenommen von dem kleinen Mann mit dem schmutzigen Gesicht und dem braunen Rock, und da war es die Macht der Gewohnheit.« »Wer war es denn?« fragte Herr Pickwick. »Eben das ist die Sache, die kein Mensch jemals erfahren hat«, erwiderte Sam. »Was hat er denn getan?« »Was manche viel berühmtere Leute ihrer Zeit auch getan haben, Sir; er hat seine Ausgaben und seine Einnahmen nicht ins rechte Verhältnis zueinander zu setzen gewußt.« »Das heißt, er hat Schulden gemacht?« fragte Herr Pickwick. »Eben das, Sir«, erwiderte Sam; »und so kam er endlich im Verlauf der Zeit hierher. Es war nicht viel – Pfändung wegen neun Pfund geradeaus, multipliziert mit fünf Pfund Unkosten, und doch mußte er siebzehn Jahre lang hierbleiben. Wenn er Runzeln ins Gesicht bekam, so wurden sie mit Schmutz verstopft, denn das schmierige Gesicht wie der braune Rock hatten ganz dieselbe Farbe am Ende dieser Zeit wie im Anfang. Er war ein stilles, harmloses, kleines Männchen, das sich immer etwas zu schaffen machte oder Ball spielte und nie gewann, bis endlich die Schließer sich ganz in ihn vernarrten und ihn jeden Abend auf ihr Zimmer kommen ließen, wo er mit ihnen schwatzen und Geschichten erzählen mußte und dergleichen. Eines Abends war er wie gewöhnlich auch da, und ganz allein mit einem alten Freunde, der gerade die Schlüssel hatte: da fing er auf einmal an und sagte: ›Bill, ich habe den Markt draußen schon siebzehn Jahre nicht mehr gesehen‹, (dazumal war gerade der Fleetmarkt). – ›Ich weiß wohl‹, sagte der Schließer und rauchte seine Pfeife. – ›Ich möchte ihn gar zu gern auf eine Minute wiedersehen, Bill‹, fuhr der Kleine fort. – ›Glaub's wohl‹, sagte der Schließer und dampfte mächtig, um sich das Ansehen zu geben, als ob er den kleinen Mann nicht verstände. – ›Aber‹, sagte dieser immer dringlicher, ›ich habe es mir nun einmal in den Kopf gesetzt. Laßt mich die Straße noch einmal vor meinem Tode sehen, und wenn mich der Schlag nicht rührt, so bin ich in fünf Minuten wieder da.‹ – ›Aber‹, sagte der Schließer, ›was soll aus mir werden, wenn der Schlag Euch wirklich rührt?‹ – ›Ach‹, erwiderte das kleine Männchen, ›wer mich findet, der wird mich schon bringen, denn ich habe meine Karte in der Tasche: Nr. 20, Gefängnishallengang.‹ Und das war wirklich so, denn wenn er mit einem Neuangekommenen Bekanntschaft machen wollte, so zog er jedesmal eine kleine biegsame Karte mit den obengenannten Worten und sonst gar nichts darauf aus der Tasche, daher sie ihn auch die ›Nummer 20‹ nannten. Der Schließer sah ihn scharf an und sagte zuletzt sehr feierlich: ›Zwanzig, ich will Euch trauen: Ihr werdet Euren alten Freund nicht in Verlegenheit bringen.‹ – ›Nein, mein Schatz‹, antwortete das kleine Männchen, ›ich hoffe, es steckt etwas Besseres hier unten‹, dabei schlug er mit Macht auf sein kleines Westchen, und in jedem Auge stand ihm eine Träne, was ganz außerordentlich war, denn er galt dafür, daß nie Wasser sein Gesicht berührte. Er schüttelte dem Schließer die Hand, ging hinaus –« »Und kam nie wieder?« fragte Herr Pickwick. »Diesmal haben Sie fehlgeraten, Sir«, erwiderte Herr Weller, denn er erschien zwei Minuten vor der Zeit, kochend vor Wut, wieder und sagte, eine Mietkutsche habe ihn beinahe überfahren: er sei an so etwas nicht gewöhnt und er wolle ein schlechter Kerl sein, wenn er es nicht dem Lordmayor schreibe. Sie beschwichtigten ihn endlich, aber fünf ganze Jahre hernach hat er nie mehr auch nur ein einziges Mal zum Tore hinausgeschaut.« »Und nach Verlauf dieser Zeit ist er wohl gestorben?« fragte Herr Pickwick. »Nein, Sir, das nicht«, erwiderte Sam. »Er bekam ein Gelüst, in dem neuen Wirtshaus über der Straße am Eingang das Bier zu versuchen, und dort war ein so hübsches Zimmer, daß er sich's in den Kopf setzte, jeden Abend dahin zu gehen, was er eine geraume Zeitlang tat. Regelmäßig etwa eine Viertelstunde vor Torschluß kam er dann immer wieder zurück. Das war nun alles ganz schön und gut, aber endlich wurde er so lustig und ausgelassen, daß er die Zeit ganz vergaß oder sich gar nichts mehr daraus machte, und immer später und später zurückkam, bis er zuletzt eines Abends vor dem Tore erschien, als sein guter Freund eben zuschließen wollte und bereits den Schlüssel umgedreht hatte. – ›He da, Bill, halt!‹ ruft er ihm zu. – ›Seid Ihr denn noch nicht zu Hause, Zwanzig?‹ sagte der Schließer; ›ich dachte, Ihr wäret längst da.‹ – ›Nein, noch nicht‹, erwiderte der Kleine und lächelte. – ›Dann will ich Euch etwas sagen, guter Freund‹, sprach der Schließer und machte das Tor sehr langsam und gemächlich wieder auf: ›ich habe mit großem Leidwesen gesehen, daß Ihr in der neuesten Zeit in schlechte Gesellschaften geraten seid. Ich will nun nicht hart mit Euch verfahren, aber wenn Ihr Euch nicht zu gesetzten Leuten haltet und zur regelmäßigen Stunde wieder heimkommt, so schließe ich Euch ganz und gar aus, so wahr ich da stehe.‹ Der kleine Mann fing heftig an zu zittern und zu beben und verließ seitdem nie wieder die Gefängnismauern.« Als Sam geendet hatte, ging Herr Pickwick langsam die Treppe wieder hinab, und nachdem er einige Male auf dem bemalten Platz, wo er, da es jetzt dunkel war, beinahe allein sein konnte, gedankenvoll auf und ab gegangen, sagte er zu Herrn Weller, es scheine ihm hohe Zeit zu sein, zu Bett zu gehen,- er solle in einem nahen Wirtshaus eine Unterkunft suchen und am andern Morgen beizeiten wieder kommen, um für die Herbeischaffung seiner Garderobe aus dem Georg und Geier Sorge zu tragen. Herr Samuel Weller schickte sich an, diesem Befehl mit so gutem Anstand wie er anzunehmen vermochte, zu gehorchen, legte aber dennoch einen bedeutenden Widerwillen an den Tag. Er ging sogar soweit, durch allerhand wirkungslose Winke anzudeuten, daß es passend wäre, wenn er sich für heute nacht auf den Kiesboden hinstreckte: da er aber Herrn Pickwick für alle solche Anspielungen hartnäckig taub fand, so zog er sich endlich zurück. Die Tatsache darf nicht verschwiegen werden, daß Herr Pickwick äußerst niedergedrückt war und sich durchaus unbehaglich fühlte – nicht wegen mangels an Gesellschaft, denn das Gefängnis war sehr voll, und mit einer Flasche Wein konnte er sich ohne alle förmliche Einführungszeremonie die beste Kameradschaft einiger auserwählten Geister erkaufen. Allein er fühlte sich einsam unter einem rohen Gesindel, und der Gedanke, ohne Aussicht auf Befreiung eingekäfigt zu sein, benahm ihm allen frohen Mut. Dessenungeachtet fiel es ihm aber nicht von ferne ein, sich damit loszukaufen, daß er der Betrügerei Dodsons und Foggs Vorschub leistete. In dieser Stimmung begab er sich noch einmal in den Gefängnishallengang und spazierte langsam auf und ab. Der Platz war unerträglich schmutzig und der Tabaksdampf beinahe erstickend. Die Leute warfen unaufhörlich die Türen zu, wenn sie aus- und eingingen, und das Geräusch ihrer Stimmen und Fußtritte hallte beständig durch den Gang. Eine junge Frau mit einem Kind auf den Armen, das vor Magerkeit und Elend kaum kriechen zu können schien, ging mit ihrem Manne, der keinen andern Platz hatte, um sie zu sehen, den Gang auf und ab. Als sie an Herrn Pickwick vorbeikamen, konnte er die Frau bitterlich schluchzen hören, und einmal brach sie in ein so heftiges Jammern aus, daß sie sich an der Wand halten mußte, während der Mann das Kind in seine Arme nahm und sie zu beruhigen versuchte. Herrn Pickwicks Herz war wirklich zu voll, um das zu ertragen: er ging die Treppen hinauf und ins Bett. Obgleich nun das Zimmer des Gefängniswärters in Beziehung auf Möblierung und Einrichtung durchaus unwohnlich und um mehrere hundert Grad schlechter war als das gemeinste Krankenzimmer in einem Grafschaftsgefängnis, so hatte es doch für den Augenblick den Vorzug, ganz verlassen und nur von Herrn Pickwick bewohnt zu sein. Er setzte sich am Fuß seiner kleinen eisernen Bettstelle nieder und begann zu berechnen, wieviel der Gefängniswärter wohl jährlich aus diesem schmutzigen Zimmer lösen könne. Er brachte auf mathematischem Wege heraus, daß es vielleicht soviel eintrage, wie eine kleine Straße in den Vorstädten Londons. Dann fing er an, sich zu wundern, warum wohl eine düster blickende Fliege, die auf seinen Beinkleidern herumkroch, in ein so enges Gefängnis gekommen sein mochte, während sie doch unter so vielen luftigen Wohnungen die Wahl habe: eine Betrachtung, die ihn zu dem unausweichlichen Schluß leitete, das Insekt müsse verrückt sein. Nachdem er darüber ins reine gekommen, merkte er, daß er schläfrig sei. Er zog daher seine Nachtmütze aus der Tasche, die er morgens einzustecken die Vorsicht gebraucht, kleidete sich gemächlich aus, ging ins Bett und schlummerte ein. »Bravo! die Füße in Schwung! Munter! Juchheisa, Zephyr! Ich will mich hängen lassen, wenn nicht das Opernhaus Ihre eigentliche Heimat ist. Holla ho!« Diese und ähnliche mit dem tobendsten Geschrei hervorgelärmte und von lautem, schallendem Gelächter begleiteten Ausdrücke erweckten Herrn Pickwick aus einem jener gesunden Schlummer, die in Wirklichkeit nur eine halbe Stunde andauern, dem Schläfer aber drei bis vier Wochen lang gewährt zu haben scheinen. Die Stimme hatte nicht sobald aufgehört, als das Zimmer mit solcher Heftigkeit erschüttert wurde, daß die Fenster in ihren Rahmen rasselten und die Bettstellen erzitterten. Herr Pickwick schrak auf und blieb einige Minuten lang in stummes Erstaunen über die seinen Augen sich darstellende Szene versunken. In seinem eigenen Zimmer nämlich führte ein Mann in einem grobgesäumten schwarzen Rock, manchesternen Kniehosen und grauen wollenen Strümpfen die gewöhnlichste Art eines Hornpipetanzes mit einer spitzbübisch-burlesken Karikatur von Anmut und Leichtigkeit auf, die, verbunden mit dem eigentümlichen Charakter seines Kostüms, unaussprechlich abgeschmackt war. Ein anderer Mann, der offenbar sehr betrunken und wahrscheinlich von seinem Kameraden in ein Bett geworfen worden war, saß zwischen den Tüchern und trillerte, soweit es ihm sein Gedächtnis erlaubte, ein komisches Lied mit den sentimentalsten Empfindungen und Phrasen, während ein dritter, der gleichfalls auf einem Bette saß, den beiden Künstlern mit tiefer Kennermiene zujubelte und sie durch solche Aufwallungen von Gefühl, die Herrn Pickwick bereits aus dem Schlafe gestört hatten, ermutigte. Dieser letztere war ein bewunderungswürdiges Musterstück von einer Klasse Leute, die in ihrer gänzlichen Vollkommenheit nur an solchen Orten zu sehen sind: – im unvollkommenen Zustand kann man sie gelegentlich auch in der Gegend von Viehställen und in öffentlichen Häusern treffen, aber ihre volle Blume erhalten sie nur in diesen Mistbeeten, die von der Gesetzgebung klüglicherweise einzig und allein zu ihrer Erzielung geschaffen zu sein scheinen. Er war ein langer Kerl von olivenartiger Gesichtsfarbe, hatte lange dunkle Haare und einen sehr dicken, buschigen Schnurrbart, der unter dem Kinn zusammenlief. Er trug kein Halstuch, da er den ganzen Tag Ball gespielt hatte, und sein offener Hemdkragen enthüllte die volle Üppigkeit seines Nackens. Auf dem Kopf hatte er eine gewöhnliche französische Mütze zu achtzehn Pence sitzen, mit bunten Trotteln daran, die ihm zu dem gemeinen Barchentrock sehr hübsch stand. Seine Beine, die lang und schwach waren, schmückten ein Paar Oxforder Pumphosen, geeignet, die ganze Symmetrie seiner Glieder ins gehörige Licht zu stellen. Da sie indessen etwas nachlässig geschnallt und außerdem auch unvollständig zugeknöpft waren, so fielen sie in einer Reihe nicht eben sehr anmutsvoller Falten über ein Paar Schuhe gerade soweit auf die Ferse herab, um ein Paar schmutzige, weiße Strümpfe zu zeigen. In seinem ganzen Wesen sprach sich eine gewisse gaunerhafte, vagabundenmäßige Lebhaftigkeit und eine Art großtuerischer Spitzbüberei aus, die wenigstens eine Goldmine wert war. Diese Person war die erste, die bemerkte, daß Herr Pickwick zuschaute: sie winkte hierauf dem Zephyr zu und bat ihn mit drolliger Gravität, den Herrn nicht aufzuwecken. »Gott segne den ehrlichen Gentleman in Zeit und Ewigkeit«, rief der Zephyr sich abwendend und die äußerste Überraschung an den Tag legend, »der Gentleman ist bereits erwacht. Hallo, Shakespeare! Wie geht es Ihnen, Sir? Was machen Marie und Sara, Sir? und die liebwerteste alte Madame zu Hause, Sir? – He, Sir? Wollen Sie die Güte haben, in das erste Paketchen, das Sie abschicken, meine Komplimente zu legen und dabei zu melden, ich würde sie schon früher abgesandt haben, wenn ich nicht gefürchtet hätte, sie möchten im Wagen zerbrochen werden. Nicht wahr, Sir?« »Belästigen Sie den Gentleman nicht mit gewöhnlichen Höflichkeiten, da Sie sehen, daß er ungemein durstig ist«, sagte der Schnurrbart in scherzhaftem Tone. »Warum fragen Sie den Gentleman nicht, was er befehle?« »Beim Himmel, das habe ich ganz vergessen«, erwiderte der andere. »Was wollen Sie trinken, Sir? Wollen Sie Portwein, Sir? oder Xeres, Sir? Auch das Ale kann ich empfehlen, Sir: oder vielleicht wünschen Sie lieber Porter, Sir? Gönnen Sie mir das Glück, Ihre Nachtmütze aufzuhängen, Sir.« Mit diesen Worten schnappte der Sprecher den genannten Artikel von Herrn Pickwicks Kopf weg und setzte ihn in einem Nu dem Betrunkenen auf, der im festen Glauben, eine zahlreiche Versammlung zu ergötzen, fortfuhr, in möglichst melancholischen Tönen sein Lied abzuleiern. Jemanden mit Gewalt die Nachtmütze vom Kopf reißen und einem unbekannten Schmutznickel aufsetzen, mag an und für sich ein geistreicher Witz sein, gehört aber unstreitig in die Klasse der handgreiflichen Späße. Auch Herr Pickwick betrachtete die Sache von diesem Gesichtspunkte aus. Ohne seine Absicht im mindesten vorher zu verkünden, sprang er wie ein Blitz aus dem Bett und versetzte dem Zephyr Der Zephyr ist der Frühlingswind, der in den Dichtungen der Griechen und Römer viel gepriesen wird. einen so derben Schlag auf die Brust, daß er ihm einen bedeutenden Teil der Bequemlichkeit raubte, die zuweilen sein Name mit sich bringt; sodann riß er seine Mütze wieder an sich und nahm kühn eine defensive Stellung an. »Nur herbei!« rief Herr Pickwick keuchend vor Zorn wie infolge des ungewöhnlichen Kraftaufwandes: »kommt nur alle beide!« Diese kecke Aufforderung begleitete der würdige Gentleman mit wiederholten Schwingungen seiner geballten Fäuste, um seinen Gegnern durch Entwicklung seiner Kunstfertigkeit Schrecken einzujagen. War es Herrn Pickwicks höchst unerwartete Tapferkeit, oder war es die verwickelte Art, wie er aus dem Bett gesprungen und ohne Umstände den Hornpipemann überfallen hatte, was seine Gegner rührte – kurz und gut, gerührt waren sie, und statt Mordversuche zu machen, wie Herr Pickwick unbedingt von ihnen vorausgesetzt, wurden sie auf einmal still, starrten einander ein paar Augenblicke an und begannen dann aus vollem Halse zu lachen. »Sie sind ein wackerer Mann«, sagte der Zephyr zu ihm, »und gefallen mir sehr wohl. Gehen Sie jetzt nur wieder ins Bett, sonst erkälten Sie sich. Sie werden doch hoffentlich keinen Zorn auf uns haben.« Zugleich streckte er ihm eine Hand hin, ähnlich dem gelben Fingerklumpen, den man hier und da über dem Laden eines Handschuhmachers hängen sieht. »O gewiß nicht«, sagte Herr Pickwick recht munter; denn jetzt, da die Aufregung vorüber war, begann er Kälte in seinen Füßen zu verspüren. »Gestatten Sie mir die Ehre, Sir«, sagte der Gentleman mit dem Schnurrbart, ihm seine rechte Hand anbietend. »Mit vielem Vergnügen, Sir«, erwiderte Herr Pickwick und stieg nach einem langen, feierlichen Händeschütteln wieder in sein Bett. »Mein Name ist Smangle, Sir«, sprach der Mann mit dem Schnurrbart. »Ah, schön«, sagte Herr Pickwick. »Ich heiße Mivins«, sprach der Mann mit den Strümpfen. »Freut mich, es zu hören«, erwiderte Herr Pickwick. »Hm«, hustete Herr Smangle. »Sagten Sie etwas, Sir«, fragte Herr Pickwick. »Nein, Sir«, erwiderte Herr Smangle. »Dann habe ich mich geirrt, Sir«, versetzte Herr Pickwick. Alles das war sehr artig und angenehm; um aber auf einen noch freundlicheren Fuß zu gelangen, versicherte Herr Smangle den Herrn Pickwick zu wiederholten Malen, daß er eine sehr hohe Verehrung für die Gefühle eines Gentleman hege: eine Gesinnung, die wirklich laut zu seinen Gunsten sprach, da durchaus kein Grund war, vorauszusetzen, daß er dieselben verstanden hätte. »Kommen Sie durch den Hof hierher, Sir?« fragte Herr Smangle. »Durch was?« sagte Herr Pickwick. »Durch den Hof – Portugalstraße – Sie wissen ja schon.« »O nein«, erwiderte Herr Pickwick. »Das Geld ausgegangen vielleicht?« erwiderte Mivins. »Ich fürchte nicht«, erwiderte Herr Pickwick. »Ich weigere mich bloß, Schadenersatz zu bezahlen und bin deshalb hier.« »So?« sagte Herr Smangle. »Mein Verderben war Papier.« »So sind Sie vielleicht ein Buchhändler, Sir?« fragte Herr Pickwick unschuldig. »Buchhändler? Gott bewahre. Nichts so Niederträchtiges. Kein Geschäftsmann. Wenn ich Papier sage, so meine ich Wechsel.« »Aha, jetzt verstehe ich Sie«, sagte Herr Pickwick. »Gott straf mich, ein Gentleman muß Unglücksfälle zu ertragen verstehen«, fügte Smangle hinzu. »Was ist es auch? Ich bin hier im Fleetgefängnis; nun gut, bin ich deswegen schlimmer daran als vorher?« »Nein, um kein Haar«, versetzte Herr Mivins. Und er hatte ganz recht: Herr Smangle war sogar weit besser daran, weil er, um sich für seinen neuen Wohnort zu versorgen, in den unentgeltlichen Besitz gewisser Schmucksachen gekommen war, die schon lange vorher den Weg zu einem Pfandleiher gefunden hatten. »Schön, aber kommen Sie«, sagte Herr Smangle: »das ist trockene Arbeit. Spülen wir den Mund mit einem Tröpfchen Glühwein aus; der letzte Ankömmling hat ihn zu bezahlen, Mivins wird ihn holen, und ich helfe ihn austrinken. Das ist, Gott straf mich, eine billige und gentlemanische Teilung der Arbeit.« Herr Pickwick, der keine Lust hatte, sich abermaligen Handgreiflichkeiten auszusetzen, nahm den Vorschlag mit Vergnügen an, gab Herrn Mivins Geld, und dieser verlor, da es nahe an elf Uhr war, keine Zeit, sondern eilte sogleich in die Restauration. »He, was haben Sie ihm gegeben?« flüsterte Smangle im Augenblick, wo sein Freund das Zimmer verlassen hatte. »Einen halben Sovereign«, sagte Herr Pickwick. »Er ist ein verteufelt angenehmer, gentlemanischer Kerl«, fuhr Herr Smangle fort – »ganz höllisch angenehm. Ich kenne keinen besseren Kameraden, aber –« Hier brach Herr Smangle kurz ab und schüttelte bedenklich den Kopf. »Sie werden damit doch nicht sagen wollen, daß er imstande wäre, das Geld für sich selbst zu verwenden?« fragte Herr Pickwick. »O nein, Gott bewahre, das sage ich nicht; ich sage ausdrücklich, daß er ein verteufelt gentlemanischer Kerl ist«, erwiderte Herr Smangle. »Aber ich denke, wenn vielleicht jemand hinunterginge, um zu sehen, ob er nicht zufälligerweise seinen Schnabel in den Krug steckt oder tölpelhaft genug ist, die Treppe herauf das Geld zu verlieren, so könnte das nicht schaden. He da, Sie, gehen Sie hinab und sehen Sie nach diesem Gentleman.« Diese Aufforderung galt einem kleinen, schüchtern um sich blickenden, nervenschwachen Manne, dessen ganze Erscheinung große Armut verriet, und der sich die Zeit über offenbar völlig betäubt über die Neuheit seiner Lage auf einem der Betten zusammengeduckt hatte. »Sie wissen doch die Restauration?« sagte Smangle. »Laufen Sie hinunter und sagen Sie jenem Herrn, Sie kämen, um ihm den Krug herauftragen zu helfen. Doch wie? – warten Sie noch einmal – ich will Ihnen etwas sagen – ich will Ihnen sagen, wie wir ihn bekommen werden«, fügte Smangle mit einem pfiffigen Blick hinzu. »Und wie denn?« fragte Herr Pickwick. »Lassen Sie ihm sagen, daß er für das übrige Geld Zigarren kaufen solle. Ein großartiger Einfall! Laufen Sie schnell hinab und melden Sie es ihm. Sie sollen nicht zugrunde gehen; ich werde sie rauchen.« Dieses Manöver war so ausnehmend scharfsinnig und wurde mit so unerschütterlicher Ruhe und Kaltblütigkeit ausgeführt, daß Herr Pickwick es nicht stören wollte, wenn es auch in seiner Macht gestanden hätte. In kurzer Zeit kam Herr Mivins mit dem Getränk zurück, das Herr Smangle in zwei kleine, zersprungene und schmutzige Krüge schüttete. Er machte dabei die kluge Bemerkung, ein Gentleman müsse unter solchen Umständen nicht zu ekel sein: wenigstens er für seine Person schäme sich nicht, aus einem irdenen Kruge zu trinken. Um seine Aufrichtigkeit sogleich zu beweisen, tat er der Gesellschaft Bescheid mit einem Zuge, der seinen Krug zur Hälfte leerte. Nachdem nun auf diese Weise ein vortreffliches Einverständnis herbeigeführt worden war, begann Herr Smangle seine Zuhörer mit einem Bericht von verschiedenen romantischen Abenteuern zu unterhalten, die er seinerzeit bestanden, und ließ dabei allerhand interessante Anekdoten von einem Vollblutpferde einfließen, sowie von einer prachtvollen Jüdin, beide von ausnehmender Schönheit und sehr gesucht von dem hohen und niederen Adel dieser Königreiche. Lange bevor diese eleganten Auszüge aus der Biographie eines Gentleman zu Ende waren, hatte sich Herr Mivins ins Bett begeben und schnarchte; dem schüchternen Fremdling und Herrn Pickwick gönnte er den vollen Genuß von Herrn Smangles Erfahrungen. Übrigens wurden auch die zwei letztgenannten Gentlemen von den rührenden Aussagen, die man ihnen vortrug, nicht halb genug erbaut. Herr Pickwick war schon geraume Zeit in einem Zustande von Halbschlummer und hatte nur noch eine dunkle Vorstellung davon, daß der Betrunkene aufs neue mit seinem komischen Lied losbrach, worauf er von Herrn Smangle mit dem Wasserkrug die artige Andeutung erhielt, daß die Zuhörerschaft für den Augenblick nicht musikalisch gestimmt sei. Er, das heißt Herr Pickwick, nickte aber gleich wieder ein und hatte dabei noch das verschwommene Bewußtsein, daß Herr Smangle immer noch eine lange Geschichte erzähle, deren Hauptpunkt sich darauf belief, daß er bei gewissen ausführlich auseinandergesetzten Gelegenheiten eine Zeche und zugleich einen Gentleman gemacht habe. Dreiundvierzigstes Kapitel. Worin, wie im vorhergehenden, das alte Sprichwort sich bewährt, daß das Unglück mit sonderbaren Schlafkameraden zusammenführt. Zugleich enthält es Herrn Pickwicks ganz außerordentliche und überraschende Erklärung gegen Herrn Samuel Weller. Als Herr Pickwick am andern Morgen die Augen öffnete, war der erste Gegenstand, auf dem sie ruhten, Samuel Weller, der auf einem kleinen schwarzen Koffer saß und offenbar gänzlich in Betrachtung der stattlichen Figur des lustigen Herrn Smangle versunken war, während Herr Smangle selbst bereits halb angekleidet auf dem Bette saß, mit dem verzweifelt hoffnungslosen Versuche beschäftigt, Herrn Weller durch starres Anschauen aus der Fassung zu bringen. Wir nannten diesen Versuch verzweifelt hoffnungslos, weil Sam nach einem umfassenden Blick auf Herrn Smangles Mütze, Füße, Kopf, Gesicht, Beine und Schnurrbart unverdrossen fortfuhr, ihn mit allen Zeichen lebhaften Vergnügens im Auge zu behalten, ohne jedoch auf Herrn Smangles persönliche Gefühle hierbei mehr Rücksicht zu nehmen, als er bei der Betrachtung einer hölzernen Statue oder einer mit Stroh ausgestopften Vogelscheuche getan haben würde. »Nun, kennen Sie mich jetzt?« begann Herr Smangle endlich mit finsterem Stirnrunzeln. »Ich wollte auf Sie schwören, Sir«, erwiderte Sam heiter. »Seien Sie nicht unverschämt gegen einen Gentleman, Sir«, sagte Herr Smangle. »Ganz und gar nicht«, erwiderte Sam. »Wenn Sie mir sagen wollen, wann er aufwacht, so werde ich mich ganz extrafein gegen ihn benehmen.« Da in dieser Bemerkung die entfernte Absicht lag, Herrn Smangle für keinen Gentleman gelten zu lassen, so geriet er in Zorn. »Mivins!« rief er heftig. »Was gibt's?«, antwortete dieser Gentleman von seinem Bette aus. »Wer zum Teufel ist dieser Bursche da?« »Was weiß ich?« sagte Herr Mivins, schläfrig unter der Decke hervorsehend. »Darum muß ich Sie fragen. Hat er hier etwas zu tun?« »Nein«, erwiderte Herr Smangle. »So werfen Sie ihn die Treppe hinab und sagen Sie ihm, er solle sich nicht einfallen lassen, wieder heraufzukommen; denn sonst werde ich ihn windelweich schlagen«, erwiderte Herr Mivins. Und mit diesem guten Rat fing der vortreffliche Gentleman aufs neue an einzuschlummern. Da das Gespräch solche recht persönliche Wendung genommen hatte, hielt es Herr Pickwick für Zeit, sich ins Mittel zu legen. »Sam«, sagte er. »Sir«, erwiderte dieser Gentleman, »Ist seit gestern abend nichts Neues vorgefallen?« »Nichts Besonderes, Sir«, erwiderte Sam mit einem Blick auf Herrn Smangles Schnurrbart. »Das Vorherrschen einer abgeschlossenen, dicken Luft ist dem Wachstum des Unkrauts auf eine beunruhigende und drohende Art günstig gewesen; sonst aber ist allein Ordnung.« »Ich will aufstehen«, sagte Herr Pickwick. »Gib mir die Wäsche.« Was für feindliche Absichten Herr Smangle auch gehegt haben mochte, seine Gedanken erhielten schnell eine ganz andere Richtung durch das Auspacken des Koffers, dessen Inhalt ihn auf einmal mit einer höchst günstigen Meinung nicht bloß von Herrn Pickwick, sondern auch von Sam zu erfüllen schien. Daher begann er laut genug, um von diesem außerordentlichen Mann gehört zu werden, Herrn Weller für ein wahrhaft vollkommenes Original und ganz für den Mann nach seinem Herzen zu erklären. Was Herrn Pickwick betrifft, so kannte die Neigung, die er für ihn empfand, keine Grenzen. »Kann ich Ihnen in etwas dienen, mein teurer Sir?« fragte Herr Smangle. »Wüßte nicht; danke bestens«, erwiderte Herr Pickwick. »Haben Sie nichts der Wäscherin zu schicken? Ich kenne eine herrliche Wäscherin, nicht weit von da, die zweimal in der Woche zu mir kommt und – beim Teufel, wie schön sich das trifft! – heute ist gerade ihr Tag. Soll ich etwas von Ihren Sachen zu den meinen nehmen? Es macht mir ja durchaus keine Mühe. Der Henker soll mich holen, was müßte man von der menschlichen Natur denken, wenn nicht ein Gentleman in Bedrängnis einem andern Gentleman, der in derselben Lage ist, aushelfen wollte?« So sprechend rückte Herr Smangle so nahe wie möglich an den Koffer, und seine Blicke strahlten die glühendste, uneigennützigste Freundschaft. »Haben Sie nicht vielleicht etwas zum Ausbürsten für den Aufwärter?« fuhr Smangle fort. »Ganz und gar nichts, mein Wertester«, erwiderte Sam, für seinen Herrn antwortend. »Vielleicht würde es angenehmer für alle Teile sein, wenn einer von uns das Bürsten übernähme, ohne den Mann zu bemühen, wie der Schulmeister sagte, als die jungen Gentlemen sich nicht vom Büttel durchprügeln lassen wollten.« »Haben Sie denn gar nichts, das ich in meinem Köfferchen der Wäscherin schicken könnte?« fragte Smangle, indem er sich etwas entmutigt von Sam zu Herrn Pickwick wandte. »Nicht das Mindeste, Sir«, antwortete Sam abermals. »Ich fürchte, der kleine Koffer dürfte von Ihren eigenen Sachen schon übervoll sein.« Diese Worte begleitete ein besonderer Blick auf Herrn Smangles Anzug, nach dem man die Geschicklichkeit einer Wäscherin beurteilen konnte. So drehte dieser sich um und gab wenigstens für den Augenblick alle Absichten auf Herrn Pickwicks Portemonnaie und Garderobe auf. Grimmig begab er sich zum Ballplatz, wo er als leichtes und gesundes Frühstück ein Paar von den in der letzten Nacht gekauften Zigarren rauchte. Herr Mivins, der kein Raucher war, und für den kein Kaufmann mehr eine Feder, kein Wirt eine Kreide anrührte, blieb im Bett und »schlief zum Frühstück«, wie er sich ausdrückte. Herr Pickwick nahm in einem kleinen Stübchen neben der Restauration, das den imponierenden Namen »Heimlicher Winkel« führte, das Frühstück. Jeder augenblickliche Gast in diesem »Heimlichen Winkel« genoß hier gegen eine kleine Vergütung den unschätzbaren Vorteil, die ganze Unterhaltung in der Restauration anzuhören. Herr Pickwick schickte dann Herrn Weller mit einigen notwendigen Aufträgen fort und ging auf sein Zimmer zurück, um sich nun mit Herrn Roker wegen seiner künftigen Einrichtung zu besprechen. »Einrichtung? So, so!« sagte dieser Gentleman, ein großes Buch zu Rate ziehend. »Einrichtung und Bequemlichkeit genug, Herr Pickwick, Ihr Gesellschaftsbillett lautet Nummer 27 im dritten Stock.« »Wie? Was sagen Sie?« fragte Herr Pickwick. »Ihr Gesellschaftsbillett«, erwiderte Herr Roker: »verstehen Sie mich nicht?« »Nicht ganz«, erwiderte Herr Pickwick lächelnd. »Es ist doch so klar wie Tinte«, sagte Herr Roker. »Sie haben ein Gesellschaftsbillett auf Nummer 27 im dritten Stock, und die Leute, die im Zimmer sind, sind Ihre Gesellschaft.« »Sind es viele?« fragte Herr Pickwick bedenklich. »Drei«, erwiderte Herr Roker. Herr Pickwick hustete. »Der eine ist ein Pfarrer«, sagte Herr Roker, ein Stück Papier überschreibend: »der andere ein Metzger.« »Was?« rief Herr Pickwick. »Ein Metzger«, wiederholte Herr Roker, die Spitze seiner Feder an das Pult schlagend, damit sie besser Tinte lassen sollte. »Was der für ein reicher, vornehmer Mann früher war! Sie erinnern sich doch des Tom Martin, Neddy?« fragte Roker einen andern Mann in der Stube, der soeben mit einem fünfundzwanzigklingigen Taschenmesser den Schmutz von seinen Schuhen abschabte. »Das will ich meinen«, erwiderte der Angeredete mit starkem Nachdruck auf dem »Ich«. »So wahr Gott lebt«, sagte Herr Roker, seinen Kopf langsam hin und her wiegend und zerstreut zu dem vergitterten Fenster hinausstarrend, als wolle er sich irgendeine friedliche Szene aus seiner früheren Jugend zurückrufen, »es ist mir noch, als wäre es erst gestern geschehen, wie er den Kohlenträger bei Foggs-under-the- Hill die Werfte hinabschleuderte. Ich kann ihn noch sehen, wie er zwischen zwei Polizeidienern den Strand heraufkam, ein wenig nüchtern geworden durch den Sturz, mit einem Essigumschlag und einem braunen Pflaster über seinem rechten Augenlid. Das war ein Hauptspaß, wie die kleinen Buben auf der Gasse ihm nachsprangen. Was für ein sonderbares Ding doch die Zeit ist, Neddy!« Der Gentleman, an den diese Beobachtungen gerichtet waren, schien schweigsam und gedankenvoll zu sein; denn er sprach bloß die Fragen nach. Herr Roker aber schüttelte jetzt die poetische schwermütige Gedankenreihe, in die er sich hatte hineinreißen lassen, ab, ließ sich zu dem gewöhnlichen Geschäft des Lebens hernieder und nahm seine Feder aufs neue zwischen die Finger. »Wissen Sie auch, wer der dritte Gentleman ist?« fragte Herr Pickwick, nicht sehr befriedigt durch diese Beschreibung von seinem künftigen Kameraden. »Wer ist dieser Simpson, Neddy?« sagte Herr Roker zu seinem Gesellschafter. »Was für ein Simpson?« fragte Neddy. »Der in Nummer 27 im dritten Stock, wohin dieser Gentleman hier auch kommt.« »So der«, erwiderte Neddy: »der ist eigentlich nicht«. Er war früher ein Pferdeanpreiser, jetzt aber hat man ihm das Handwerk gelegt.« »Ah, das dachte ich mir doch«, versetzte Herr Roker, das Buch schließend und das kleine Stückchen Papier Herrn Pickwick in die Hand gebend; – »hier ist das Billett, Sir.« Sehr verblüfft durch dieses summarische Verfügen über seine Person ging Herr Pickwick in das Gefängnis zurück und besann sich, was er tun sollte. Da er es jedoch für ratsam hielt, bevor er weitere Schritte einleite, mit den drei Gentlemen, denen er als Stubengenosse zugewiesen war, in persönlichen Verkehr zu treten, so begab er sich schnell in den dritten Stock. Nachdem er einige Zeit im Gange herumgetappt und bei der schwachen Beleuchtung umsonst die verschiedenen Stubennummern zu entziffern versucht hatte, wandte er sich endlich an einen Bierwirtejungen, der seiner gewöhnlichen Morgenbeschäftigung nachging, die zinnernen Kannen wieder zusammenzuholen. »Wo ist Nummer 27, Kleiner?« rief er ihm zu. »Fünf Türen weiter unten«, erwiderte der Junge. »Außen an die Türe ist mit Kreide ein Galgen hingemalt, woran einer hängt und dabei seine Pfeife raucht.« Herr Pickwick ging sofort langsam den Gang hinab, bis er an das oben beschriebene Porträt eines Gentleman gelangte, auf dessen Gesicht er mit dem Knöchel seines Zeigefingers das erstemal ganz sachte, sodann aber etwas vernehmlicher anklopfte. Nachdem er diesen Prozeß mehrere Male vergeblich wiederholt hatte, wagte er es, die Tür zu öffnen und hineinzublicken. Es war bloß ein einziger Bewohner anwesend, der sich, soweit er konnte, ohne Gefahr, das Gleichgewicht zu verlieren, zum Fenster hinauslehnte und mit großer Beharrlichkeit geschäftig war, auf den Hut eines seiner Freunde im untern Gang zu spucken. Weder Sprechen, Husten, Niesen, Klopfen, noch irgendeine andere gewöhnliche Art, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, konnte diesem Manne die Anwesenheit eines Fremden begreiflich machen. So schritt Herr Pickwick nach einiger Zeit aufs Fenster zu und zupfte ihn sachte am Rockflügel. Das Individuum brachte Kopf und Schultern mit großer Schnelligkeit herein, musterte Herrn Pickwick von oben bis unten und fragte ihn in einem grämlichen Tone, was er zum Henker wolle. »Wenn ich nicht irre«, sagte Herr Pickwick, sein Billett zu Rate ziehend, »so ist das Nummer 27 im dritten Stock.« »Nun ja«, erwiderte der Gentleman. »Ich bin hierhergekommen, weil man mir dies Papier gegeben hat«, sagte Herr Pickwick. »Zeigen Sie es einmal«, sprach der Gentleman. Herr Pickwick tat es. »Roker hätte Sie auch anderswo unterbringen können«, entgegnete Herr Simpson (denn dieser war es) nach einer sehr mißvergnügten Pause. Herr Pickwick dachte auch so, hielt es jedoch unter allen Umständen für eine Forderung der gesunden Politik, zu schweigen. Herr Simpson sann einige Augenblicke nach, dann streckte er den Kopf zum Fenster hinaus, tat einen gellenden Pfiff und rief mehrmals ein Wort. Was dieses Wort war, konnte Herr Pickwick nicht erraten, doch schien es ihm ein Spitzname auf Herrn Martin zu sein, weil eine Menge Gentlemen unten sogleich anfingen »Metzger« zu schreien und dabei den Ton nachmachten, in dem diese nützliche Klasse der Gesellschaft ihre Anwesenheit kundzutun pflegt. Herr Pickwick fand seine Mutmaßung alsbald bestätigt; denn wenige Sekunden darauf stürzte beinahe atemlos ein für seine Jahre übermäßig dicker Gentleman in einem zunftmüßigen blauen Frack, mit Stulpenstiefeln und zirkelrunden Zehen ins Zimmer, und hinter ihm ein anderer Gentleman in einem abgeschabten schwarzen Rock und mit einer Mütze von Seehundsfell. Der letztere, der seinen Rock abwechselnd vermittels einer Nadel oder eines Knopfes bis ans Kinn zumachte, hatte ein sehr plumpes, rotes Gesicht und sah aus wie ein dauernd dem Trunke ergebener Kaplan, was er auch in der Tat war. Nachdem die beiden Gentlemen, einer nach dem andern, Herrn Pickwicks Billett gelesen hatten, drückte der eine seine Meinung dahin aus, dies sei ein verdammter Streich, und der andere erklärte, das könne nie und nimmermehr geschehen. Als sie sofort in diesen sehr verständlichen Ausdrücken ihre Willensmeinung kundgetan, sahen sie Herrn Pickwick und einander selbst mit unhöflichem Schweigen an. »Eine widerwärtige Sache jetzt, da wir gerade so hübsche Betten haben«, sagte der Kaplan und blickte auf drei schmutzige Matratzen, die in weißwollene Decken gewickelt waren und den Tag über in einer Ecke des Zimmers neben dem Tische lagen. Auf diesem Tisch prangten ein altes zerbrochenes Waschbecken, eine Gießkanne und ein Seifenschälchen von gemeiner gelber Töpferarbeit mit einer blauen Blume verziert. »Sehr widerwärtig«, wiederholte er. Herr Martin erklärte sich in noch stärkeren Ausdrücken für die gleiche Ansicht, und Herr Simpson schlug, nachdem er eine Menge ausfüllender Adjektive ohne die begleitenden Substantive über die Gesellschaft losgelassen, seine Ärmel zurück und begann das Gemüse für das Mittagessen zu waschen. Inzwischen hatte Herr Pickwick das Zimmer zur Genüge betrachtet: es war abscheulich schmutzig und der Geruch darin ganz unerträglich. Keine Spur von einem Teppich, einem Fenster- oder Bettvorhang. Nicht einmal ein Schrankverschlag war dabei. Man hätte zwar wenig hineinzulegen gehabt, wenn einer da gewesen wäre, aber dem sei wie ihm wolle, Überreste von Brotlaiben, Käsestückchen, schmierige Handtücher, alte Fleischbrocken, Kleidungsstücke, zerbrochenes Geschirr, Blasbälge ohne Röhren und verrostete Gabeln ohne Zacken geben, wenn sie untereinander auf dem Boden umherliegen, einem kleinen Zimmer, das die gemeinschaftliche Wohn- und Schlafstube dreier müßiger Leute ist, ein für allemal ein höchst unbehagliches Ansehen. »Ich dächte, es ließe sich doch noch helfen«, sagte der Metzger nach einer ziemlich langen Pause. »Was verlangen Sie dafür, daß Sie sich fortpacken?« »Bitte um Verzeihung«, erwiderte Herr Pickwick. »Was haben Sie gesagt? Ich verstehe Sie nicht recht.« »Wie wir Sie ausbezahlen sollen?« fragte der Metzger. »Die gewöhnliche Taxe ist zwei Schillinge und sechs Pence. Wir wollen Ihnen drei geben.« »Und einen Spanner«, fügte der geistliche Herr hinzu. »Nun gut, wir bezahlen Ihnen wöchentlich drei Schillinge und sechs Pence, wenn Sie uns allein lassen«, sagte Herr Martin; »damit werden Sie doch wohl zufrieden sein?« »Und obendrein noch ein Maß Bier hier zu trinken«, stimmte Herr Simpson ein. »Ja, und zwar gleich jetzt«, rief der Kaplan. »Ich bin wirklich mit den Regeln dieses Hauses noch so vollkommen unbekannt«, erwiderte Herr Pickwick, »daß ich Sie immer noch nicht begreife. Kann ich denn eine andere Wohnung bekommen? Ich glaubte, das ginge nicht an.« Bei dieser Frage blickte Herr Martin seine zwei Freunde äußerst verwundert an, und dann deutete jeder der Gentlemen mit seinem rechten Daumen über seine linke Schulter. Diese Handlung, die sich in Worten mit dem schwachen Ausdruck »links« nur höchst unvollkommen bezeichnen läßt, hat, wenn sie von einer Anzahl Damen oder Herren, die miteinander im Einklang stehen, vollzogen wird, eine sehr anmutige und lustige Wirkung: ihr Ausdruck ist der eines munteren, mutwilligen Sarkasmus. »Ob Sie können ?« wiederholte Herr Martin mit einem mitleidigen Lächeln. »Wenn ich mich so wenig aufs Leben verstände, würde ich meinen Hut fressen und die Schnalle hinunterschlucken«, sagte der geistliche Herr. »Das täte ich auch«, fügte der andere feierlich hinzu. Nach dieser Einleitung benachrichtigten die drei Stubengenossen Herrn Pickwick in einem Atem, das Geld sei im Fleet gerade, was es auch außerhalb dieser Anstalt sei; er könne sich damit alles, was er wünsche, sogleich anschaffen, und wenn er zahlen könne und wolle, so brauche er nur seinen Wunsch auszudrücken, um binnen einer halben Stunde ein wohleingerichtetes und möbliertes Zimmer für sich allein zu beziehen. Hierauf trennten sich beide Teile zu großer gegenseitigen Zufriedenheit. Herr Pickwick verfügte sich abermals ins Zimmer des Aufwärters, und die drei Kameraden begaben sich in die Restauration, um daselbst die fünf Schillinge zu verzehren, die der geistliche Herr mit bewunderungswürdiger Klugheit und Geistesgegenwart zu diesem Zwecke von ihm geborgt hatte. »Das wußte ich doch«, sagte Herr Roker, aus vollem Halse lachend, als Herr Pickwick ihm seinen Wunsch mitteilte. »Habe ich's nicht gesagt, Neddy?« Der philosophische Eigentümer des universalen Federmessers knurrte bejahend. »Das habe ich mir wohl gedacht, daß Sie ein eigenes Zimmer verlangen würden«, sagte Herr Roker. »Nicht wahr. Sie wünschen anständige Möbel? Sie möchten ohne Zweifel das meine mieten? Dies ist eine ganz hübsche Wohnung.« »Mit großem Vergnügen«, erwiderte Herr Pickwick. »Auf dem Gange zur Restauration befindet sich ein vortreffliches Zimmer, das einem Kanzleigefangenen angehört«, sagte Herr Roker. »Ich will es Ihnen gegen ein Pfund wöchentlich abtreten. Sie finden das hoffentlich nicht teuer?« »Nicht im geringsten«, erwiderte Herr Pickwick. »Nun, so kommen Sie mit mir«, sagte Herr Roker, mit großer Munterkeit seinen Hut aufsetzend: »die Sache ist in fünf Minuten im reinen. Warum haben Sie's auch nicht gleich gesagt, daß Sie etwas Hübsches verlangen?« Die Angelegenheit war, wie der Schließer vorhergesagt, bald abgemacht. Der Kanzleigefangene hatte lange genug hier verweilt und Freunde und Vermögen, Heimat und Glück verloren, um sich das Recht auf ein eigenes Zimmer zu erwerben. Da er aber an dem kleinen Ungemach litt, oft kein Stückchen Brot zu besitzen, so nahm er Herrn Pickwicks Vorschlag, ihm das Zimmer abzutreten, mit Vergnügen an und überließ ihm gerne den ungestörten Besitz desselben gegen eine Vergütung von zwanzig Schillingen in der Woche, mit welcher Summe er sich anheischig machte, alle Personen abzukaufen, die man in sein Zimmer verweisen möchte. Als sie den Handel abmachten, betrachtete ihn Herr Pickwick mit schmerzlicher Teilnahme. Er trug einen alten Schlafrock und Pantoffeln und war ein langer, hagerer Mann von leichenhafter Gesichtsfarbe, mit eingesunkenen Wangen und lebhaften, unruhigen Augen. Seine Lippen waren blutlos und seine Knochen scharf, dünn und eckig. Gott helfe ihm! Der Eisenzahn des Gefängnisses und der Entbehrung hatte ihn seit zwanzig Jahren langsam zernagt und zerfeilt. »Aber wo werden Sie dann wohnen, Sir?« fragte Herr Pickwick, als er das Geld für die erste Woche ihm auf den wackelnden Tisch legte. Der Mann raffte es mit zitternder Hand zusammen und erwiderte, er wisse es noch nicht: er müsse sich nun umsehen, wo er sein Bett aufschlagen könne. »Ich fürchte, Sir«, sagte Herr Pickwick, ihn freundlich und mitleidsvoll am Arme fassend – »ich fürchte. Sie kommen an irgendeinen lärm- und geräuschvollen Ort. Bitte, betrachten Sie dieses Zimmer als Ihr eigenes, so oft Sie der Ruhe bedürfen, oder wenn Ihre Freunde Sie besuchen.« »Freunde?« wiederholte der Mann mit röchelnder Stimme. »Wenn ich tot in der Tiefe des tiefsten Schachtes oder im engen Sarge eingeschlossen läge und in dem dunklen garstigen Graben verfaulte, dessen Schleim die Grundmauern dieses Gefängnisses umgibt, ich könnte nicht vergessener und unbeachteter sein als jetzt. Ich bin ein Toter – tot für die Gesellschaft, aber ohne daß mir das Mitleid zuteil wird, das sie denjenigen widmet, deren Seelen bereits vor den ewigen Richterstuhl getreten sind. Besuche von Freunden? Mein Gott! Ich bin an diesem Orte hier von der Blüte meines Gebens zum schwachen Greis herabgesunken. Niemand wird seine Hand auf mein Bett legen, wenn ich tot liege, und sprechen: ›es ist ein Gottessegen, daß er dahin ist!‹« Die Aufregung, die ein ungewohntes Licht über das Gesicht des Unglücklichen geworfen hatte, solange er sprach, legte sich jetzt wieder; er schlug verstört und hastig seine welken Hände zusammen und verließ schnell das Zimmer. »Der Mann ist etwas mürrisch«, sagte Herr Roker lächelnd. »Ja, sie sind wie die Elefanten: sie fühlen es dann und wann, und das macht sie wild.« Nach dieser tief verständigen Bemerkung traf Herr Roker seine Anordnungen mit solcher Schnelligkeit, daß das Zimmer in kurzem mir einem Teppich, sechs Stühlen, einem Tisch, einem Sofabett, einem Teekessel und verschiedenen kleinen Gegenständen versehen war, wofür er den äußerst billigen Preis von siebenundzwanzig Schillingen und sechs Pencen in der Woche zu bezahlen hatte. »Kann ich sonst mit etwas dienen, Sir?« fragte Herr Roker, mit großer Zufriedenheit um sich blickend und voll Vergnügen mit dem ersten Wochenzins in der Hand klappernd. »Ja«, sagte Herr Pickwick nach tiefem Nachsinnen. »Gibt es wohl Leute hier, die mir meine Aufträge in der Stadt und sonst meine Angelegenheiten besorgen könnten?« »Also keine Gefangenen?« fragte Herr Roker. »Nein, sie müssen auch in die Stadt gehen können.« »Wohl«, sagte Herr Roker. »Da ist so ein armer Teufel, der einen Freund in der Armenabteilung hat, und der froh sein würde, ein solches Geschäft zu bekommen. Er arbeitet schon seit zwei Monaten dort in der Frone. Soll ich nach ihm schicken?« »Ja, wenn Sie die Güte haben wollen«, erwiderte Herr Pickwick. »Doch nein. – Die Armenabteilung, sagten Sie? Ich möchte sie gerne in Augenschein nehmen: – ich will selbst zu ihm gehen.« Die Armenabteilung in einem Schuldturm ist, wie es schon der Name mit sich bringt, der Aufenthaltsort für die armseligste und elendeste Klasse von Schuldnern. Wer in diese Abteilung bestimmt wird, bezahlt weder Wohnung noch Kost. Er bekommt ein dürftiges Essen, das aus einigen kleinen Legaten bestritten wird, die menschenfreundliche Leute von Zeit zu Zeit gestiftet haben. Die meisten unserer Leser werden sich erinnern, daß bis vor einigen wenigen Jahren in der Mauer des Fleetgefängnisses eine Art eiserner Käfig angebracht war, in den ein Mensch von hungrigem Aussehen hineingesteckt wurde. Dieser rasselte von Zeit zu Zeit mit einer Geldbüchse und rief in kläglichem Tone: »Erbarmet euch der armen Schuldner! Erbarmet euch der armen Schuldner!« Was in die Kasse einging, wurde unter die armen Gefangenen geteilt, die sich einander in diesem erniedrigenden Geschäft ablösten. Diese Gewohnheit ist nun zwar abgeschafft und der Käfig entfernt. Aber die trostlos elende Lage dieser Unglücklichen ist dieselbe geblieben. Wir gestatten es nicht mehr, daß sie an den Toren des Gefängnisses das Mitleid und die Menschenliebe der Vorübergehenden anrufen. Aber in den Blättern unseres Gesetzbuches lassen wir zur Verehrung und Bewunderung der kommenden Zeiten noch immer das ebenso gerechte als heilsame Gesetz stehen, kraft dessen der ruchloseste Verbrecher gespeist und gekleidet wird, der geldlose Schuldner aber vor Hunger und Elend umkommen muß. Und das ist leider keine Erdichtung. Keine Woche geht über unsern Häuptern dahin, ohne daß in jedem unserer Schuldgefängnisse mehrere dieser Unglücklichen den langsamen Qualen des Hungertodes erliegen müßten, wenn sie nicht von ihren Mitgefangenen unterstützt würden. Unter solchen Betrachtungen stieg Herr Pickwick die enge Treppe hinan, an deren Fuß Roker ihn verlassen hatte, und arbeitete sich allmählich hinauf; er war indessen so aufgeregt, daß er in das Zimmer, wohin man ihn gewiesen, hineinstürmte, ehe er noch eine deutliche Vorstellung von dem Platz, wo er war, oder von dem Zweck seines Besuches hatte. Der allgemeine Anblick des Zimmers rief ihn auf einmal wieder zu sich; doch hatte er nicht sobald seine Augen auf einen Mann geworfen, der am staubigen Kamine niederkauerte, als ihm der Hut entsank. Er stand starr und regungslos vor Staunen da. Ja, in zerlumpten Fetzen, ohne einen Rock, sein gewöhnliches Musselinhemd gelb und zerrissen, die Haare über das Gesicht herabhängend, sein Gesicht von Leiden entstellt und vor Hunger eingefallen –, so saß Herr Alfred Jingle da; den Kopf hatte er auf die Hand gestützt, die Augen starr aufs Feuer geheftet, und seine ganze Erscheinung verkündete das Elend in seiner schauderhaftesten Gestalt. Nicht weit von ihm stand nachlässig an die Wand gelehnt ein kräftiger Bauersmann, der mit einer abgenutzten Jagdpeitsche den Stulpenstiefel flickte, der seinen rechten Fuß zierte; den linken hatte er in einen Pantoffel gestellt. Pferde, Hunde und Saufgelage hatten ihn soweit gebracht. Er hatte an dem einzelnen Stiefel einen verrosteten Sporn, den er gelegentlich in die leere Luft stieß, während er zugleich mit der Reitgerte auf den Stiefel schlug. Dabei murmelte er Ausdrücke, wie sie der Jäger braucht, um sein Pferd aufzumuntern. Er bildete sich in diesem Augenblick ein, auf irgendeinem verzweifelten Kirchturmrennen zu sein. Der arme Teufel! er war bei keinem Wettrennen auf dem flinksten Pferde seines kostbaren Marstalls halb so geschwind über die Erde dahingeflogen, als er die Laufbahn durchgemacht hatte, die im Fleet endete. An der entgegengesetzten Seite des Zimmers saß ein alter Mann auf einem kleinen Holzbock. Er hatte seine Augen auf den Boden geheftet, und in seinem Gesicht lag ein Ausdruck der tiefsten, hoffnungslosesten Verzweiflung. Ein junges Mädchen, seine kleine Enkelin, bemühte sich mit tausend kindlichen Kunstgriffen, seine Aufmerksamkeit zu erregen; allein der alte Mann sah und hörte sie nicht. Die Stimme, die einst Musik für sein Ohr, und die Augen, die einst sein Licht gewesen, ließen ihn jetzt ganz ungerührt. Seine Glieder schlotterten krankhaft und sein Geist war wie vom Schlage gelähmt. Noch zwei oder drei andere Männer standen in einer Gruppe zusammen und schwatzten laut miteinander. Eine hagere, bleiche Frau – die Gattin eines Gefangenen – begoß mit großer Sorgfalt den elenden Rumpf einer ausgetrockneten, verwelkten Pflanze, die offenbar nie wieder einen grünen Schößling treiben konnte – ein vielleicht nur zu wahres Sinnbild für den Zweck, der sie hierher geführt. Das waren die Gegenstände, die sich Herrn Pickwicks Blicken darboten, als er voll Erstaunen um sich schaute. Das Geräusch, das ein hastig Hereintretender machte, erweckte ihn wieder. Er wandte seine Augen nach der Tür; sie begegneten dem neuen Ankömmling, und trotz aller seiner Lumpen, alles seines Schmutzes und seines Elends erkannte er die nicht fremden Züge des Herrn Job Trotter. »Herr Pickwick!« rief Job laut. »He!« sagte Jingle, von seinem Sitz aufspringend. »Herr –! Ja, so ist's – kurioser Ort – sonderbare Dinge – ist mir recht geschehen – ganz recht.« Mit diesen Worten steckte Herr Jingle seine Hände an den Ort, wo früher seine Hosentasche gewesen war, dann aber ließ er den Kopf auf seine Brust herabfallen und sank in seinen Stuhl zurück. Herr Pickwick war im Innersten ergriffen: die zwei Leute sahen unendlich elend aus. Der scharfe, unwillkürliche Blick, den Jingle nach einem Stückchen rohen Hammelfleisch, das Job mitgebracht, geworfen hatte, zeigte ihre entsetzliche Lage deutlicher als es eine zweistündige Auseinandersetzung vermocht hätte. Herr Pickwick sah Jingle freundlich an und sagte: »Ich möchte Sie gerne allein sprechen. Wollen Sie einen Augenblick mit mir herauskommen?« »Sehr gern«, erwiderte Jingle und stand hastig auf. »Kann nicht weit gehen – keine Gefahr, daß man sich hier überläuft – ein dichtes Gehege – schöner Boden – romantisch, aber nicht ausgedehnt – offen für allgemeine Besichtigung – die Familie immer in der Stadt– der Hausvogt verzweifelt vorsichtig.« »Sie haben Ihren Rock vergessen«, sagte Herr Pickwick, als sie auf die Treppen hinauskamen, und schloß die Tür hinter sich. »O nein«, sagte Jingle. »Teures Leben – Onkel Tom – konnte nicht helfen – mußte essen. Sie wissen ja. Naturbedürfnisse – das ist's.« »Was meinen Sie damit?« »Dahin, mein lieber Herr – der letzte Rock – konnt's nicht ändern – lebte von einem Paar Stiefeln – ganze vierzehn Tage. Seidener Regenschirm – elfenbeinerner Griff – letzte Woche – es ist geschehen – auf Ehre – fragen Sie Job – weiß es.« »Drei Wochen von einem Paar Stiefeln und einem seidenen Regenschirm gelebt?« rief Herr Pickwick, der von solchen Dingen nur bei Schiffbrüchen gehört oder in Constables Miscellany gelesen hatte. »Ja freilich«, sagte Jingle, mit dem Kopf nickend. »Pfandleiher – bloß das halbe Geld – elende Summen – soviel wie gar nichts – lauter Spitzbuben.« »O«, sagte Herr Pickwick, dem es bei dieser Erklärung leichter ums Herz wurde: »Sie haben also Ihre Garderobe bloß versetzt?« »Ja alles – Job ebenfalls – alle Hemden fort – tut nichts – erspart den Wäscherlohn – bald alles vorbei – auf den Schrägen liegen – verhungern – sterben – Untersuchung – Anatomie – armer Gefangener – die gemeinsten Bedürfnisse – fort damit – die Herren von der Jury – Gefängnisarbeit – alles in Ordnung – natürlicher Tod – Leichenbeschauererklärung – Armenhausbegräbnis – recht geschehen – alles vorbei – Vorhang herab.« Jingle entwickelte diesen sonderbaren Inbegriff seiner Lebensaussichten mit seiner gewohnten Zungenfertigkeit und mit mancherlei Grimassen, um ein Lächeln zu erzwingen. Herr Pickwick bemerkte aber leicht, daß ihm seine Sorglosigkeit nichts weniger als von Herzen kam; er sah ihm voll aber nicht unfreundlich ins Gesicht und gewahrte, daß seine Augen von Tränen feucht waren. »Guter Mensch«, sagte Jingle, seine Hand drückend, jedoch mit abgewandtem Gesicht. »Undankbarer Schurke – kindisch zu jammern – kann's nicht lassen – böses Fieber – schwach – krank – hungrig. Alles wohlverdient; aber viel gelitten – sehr viel.« Ganz unfähig, den Schein länger zu wahren und durch seine Anstrengungen vielleicht unwohler gemacht, setzte sich der arme Landstreicher auf die Treppe nieder, bedeckte sein Gesicht mit beiden Händen und schluchzte wie ein Kind. »Kommen Sie, kommen Sie«, sagte Herr Pickwick sehr gerührt, »wir wollen sehen, was sich machen läßt. Heda, Hiob: wo ist er?« »Hier, Sir«, erwiderte Hiob, sich auf der Treppe einstellend. Wir haben schon früher beiläufig von ihm gesagt, daß er in seinen besten Zeiten tief eingesunkene Augen hatte; jetzt sah er aus, als ob diese Teile seines Gesichts gänzlich verschwunden wären. »Hier, Sir«, sagte Hiob. »Kommen Sie, Sir«, sprach Herr Pickwick, der sich Mühe gab, einen strengen Blick zu machen, wiewohl ihm vier große Tränen auf die Weste hinabfielen. »Nehmen Sie das, Sir.« Was nehmen? Unter den obwaltenden Umständen hätte man bei diesen Worten an einen Hieb oder wenigstens, wie einmal die Menschen sind, an einen derben, tüchtigen Puff denken sollen. Denn Herr Pickwick war von dem elenden Auswürfling, der jetzt gänzlich in seiner Gewalt stand, hinters Licht geführt, betrogen und beeinträchtigt worden. Sollen wir die Wahrheit sagen? Es war etwas aus Herrn Pickwicks Westentasche, das hell klang, als es in Hiobs Hand gegeben wurde. Daß Herr Pickwick also aber Böses mit Gutem vergelten konnte, das ließ das Äuge unseres vortrefflichen alten Freundes funkeln und machte sein Herz schwellen, als er hinwegeilte. Auf seinem Zimmer angelangt, traf Herr Pickwick Sam an, der die komfortablen Einrichtungen seines Herrn mit einer Art grimmigen Vergnügens, das sehr lustig anzusehen war, in Augenschein nahm. Da Herr Weller eine entschiedene Abneigung gegen das Verbleiben seines Herrn allda hegte, so schien er es für eine hohe moralische Pflicht zu halten, nichts was hier getan, gesagt, geraten oder vorgeschlagen wurde, mit gar zu großem Beifall zu beehren. »Schön, Sam«, sagte Herr Pickwick. »Nun, Sir«, erwiderte Herr Weller. »Nicht wahr, recht behaglich, Sam?« »Ja, so ziemlich, Sir«, erwiderte Sam, indem er geringschätzig um sich blickte. »Hast du Herrn Tupman und unsere andern Freunde gesehen?« »Ja, ich habe sie gesehen, Sir, und sie werden morgen kommen. Ich wunderte mich sehr, daß sie nicht heute schon da waren«, bemerkte er weiter. »Hast du die Sachen gebracht, die ich verlangte?« Herr Weller deutete statt der Antwort auf verschiedene Pakete, die er so ordentlich wie möglich in eine Ecke der Stube gelegt hatte. »Sehr gut, Sam«, sagte Herr Pickwick nach einigem Zögern; »höre jetzt, was ich dir zu sagen habe, Sam.« »Ich höre, Sir«, erwiderte Herr Weller; »legen Sie los, Sir.« »Ich habe vom ersten Augenblick an gefühlt, Sam«, begann Herr Pickwick mit vieler Feierlichkeit, »daß dies kein Platz für einen jungen Menschen ist.« »Auch nicht für einen alten, Sir«, entgegnete Herr Weller. »Du hast ganz recht, Sam«, sagte Herr Pickwick. »Aber alte Leute können durch ihre eigene Unbedachtsamkeit und ein allzu großes Zutrauen gegen andere hierher gebracht werden, und junge durch die Selbstsucht derer, denen Sie dienen. Jedenfalls ist es übrigens für einen jungen Menschen viel besser, nicht hier zu bleiben. Verstehst du mich, Sam?« »Ich? Nein, Sir«, versetzte Sam, sich etwas dumm stellend. »So überlege dir's«, entgegnete Herr Pickwick. »Wohl Sir«, erwiderte Sam nach einer kurzen Pause. »Ich glaube, zu merken, wo Sie hinaus wollen; und wenn ich hierbei wirklich auf dem rechten Wege bin, so muß ich meine Meinung dahin aussprechen, daß Sie mir zu dicke kommen, wie der Kutscher zu dem Schneegestöber sagte, das ihn auf seiner Fahrt beunruhigte.« »Ich sehe, du begreifst mich, Sam«, sagte Herr Pickwick. »Abgesehen von meinem Wunsche, dich in den nächsten Jähren nicht an einem Orte wie diesem müßig herumlungern zu sehen, fühle ich auch, daß es eine ungeheure Abgeschmacktheit wäre, wenn ein Schuldner im Fleetgefängnis einen eigenen Diener halten wollte. – Sam«, fügte Herr Pickwick bei, »wir müssen uns für eine Zeitlang trennen.« »Ah, für eine Zeitlang meinen Sie, Sir?« versetzte Herr Weller etwas bitter. »Ja, für die Dauer meines hiesigen Aufenthalts«, entgegnete Herr Pickwick. »Deinen Lohn zahle ich dir fort. Einer von meinen drei Freunden wird sich glücklich schätzen, dich aufzunehmen, wäre es auch nur aus Achtung gegen mich. Und wenn ich je diesen Ort wieder verlasse«, fuhr Herr Pickwick mit erkünstelter Heiterkeit fort – »wenn es je der Fall ist, so hast du mein Wort, daß du augenblicklich wieder in meine Dienste treten kannst.« »Ich will Ihnen meine Ansicht von der Sache sagen, Sir«, erwiderte Herr Weller mit ernster und feierlicher Stimme. »Es geht nicht, und deshalb lassen Sie mich nichts mehr davon hören.« »Es ist mein fester, unabänderlicher Wille, Sam«, erklärte Herr Pickwick. »So? Ist das wirklich bei Ihnen der Fall?« fragte Sam mit Festigkeit. »Ganz gut, Sir; dann geht es mir gerade ebenso.« Mit diesen Worten drückte Herr Weller mit großer Bestimmtheit seinen Hut auf den Kopf und verließ das Zimmer. »Sam!« rief ihm Herr Pickwick nach. »Sam! Komm noch einmal her.« Aber die sich entfernenden Fußtritte verhallten in dem langen Gange. Sam Weller war fort. Vierundvierzigstes Kapitel. Zeigt, wie Herr Samuel Weller in Ungelegenheiten gerät. In einem hohen, schlecht erleuchteten und noch schlechter gelüfteten Gemach in der Portugalstraße, Lincolns Inn Fields, sitzen beinahe jahraus und jahrein, wie es der Zufall mit sich bringt, einer, zwei, drei oder vier Perücken tragende Herren hinter kleinen Schreibpulten, wie sie gewöhnlich die Richter auf dem Lande haben, die dem französischen Geschmacke unzugänglich sind. Zu ihrer Rechten steht man eine Advokatenkapsel, zu ihrer Linken eine Insolventenschachtel und vor ihnen eine geneigte Ebene von Schmutzgesichtern. Diese Herren sind die Komissare des »Zahlungsunfähigkeits- Gerichtshofes«, und der Ort, an dem sie ihre Sitzungen halten, ist eben der »Zahlungsunfähigkeits-Gerichtshof« selbst. Dieser Gerichtshof hat und hatte schon seit undenklichen Zeiten das Schicksal, von der ganzen Sippschaft der bankrotten Steifbettler von London allgemein als gemeinschaftliches Asyl und tägliche Zufluchtsstätte angesehen und behandelt zu werden. Er ist immer voll. Der Bier- und Branntweindunst steigt unaufhörlich zur Decke empor und träufelt, von der Wärme verdichtet, gleich einem Regen an den Wänden herab. Hier sieht man an einem Tage mehr alte Trachten, als im ganzen Houndsditch in einem Jahre feilgeboten weiden, und mehr ungewaschene Gesichter und schmutzige Barte, als alle Brunnen und Barbierstuben zwischen Tyburn und Whitechapel vom Aufgang bis zum Untergang der Sonne zu säubern imstande sind. Man darf keineswegs glauben, es habe irgendeiner von diesen Herren nur den geringsten Schatten von Geschäft hier oder stehe nur in der entferntesten Verbindung mit dem Platze, den sie so unermüdet besuchen. Wäre dies der Fall, so hätte die Sache durchaus nichts Besonderes an sich, und das Auffallende würde im Augenblick verschwinden. Einige schlafen den größeren Teil der Sitzung hindurch, andere führen kleine, tragbare Mittagsmahle bei sich, die entweder in Taschentücher eingewickelt sind oder aus ihren abgenutzten Taschen hervorsehen, und kauen und horchen mit gleicher Lust. Aber noch keinen hat man gesehen, der auch nur das entfernteste persönliche Interesse an einem Falle gehabt hätte, der je vorgebracht wurde. Was sie auch immer tun, hier sitzen sie vom ersten Augenblick bis zum letzten. Bei starkem Regenwetter kommen sie ganz durchnäßt, und dann dunstet es im Gerichtssaale wie in einer Pilzgrube. Wer zufälligerweise hineinkommt, könnte diesen Ort für einen dem Genius des Schmutzes geheiligten Tempel halten. Im ganzen Hause sieht man keinen dazugehörigen Gerichtsboten, der einen ihm auf den Leib gemachten Rock trüge, kein Gesicht, das auch nur einen Anstrich von Lebensfrische und Gesundheit hätte, außer einem kleinen rotbackigen Gerichtsdiener mit weißen Haaren, und sogar dieser scheint wie eine wurmdurchnagte Kirsche, die in Weingeist aufbewahrt wird, das gute Aussehen, auf das er von Natur keinen Anspruch hatte, der Hand der Kunst zu verdanken, die ihn trocknete und dörrte. Selbst die Advokatenperücken sind schlecht gepudert, und ihre Locken schmachten nach dem Haarkräusler. Doch die Anwälte, die an einem großen nackten Tische unter den Kommissaren sitzen, sind die merkwürdigsten Persönlichkeiten. Die gewerbliche Ausstattung der wohlhabenderen dieser Herren besteht in einem blauen Beutel und einem Jungen, der gewöhnlich dem Glauben der Hebräer zugetan ist. Sie haben keine bestimmten Schreibstuben; denn ihre Rechtsgeschäfte werden in den Wirtshäusern und in den Gefängnishöfen abgehandelt, in die sie sich scharenweise eindringen, und wo sie sich so aufdringlich wie die Omnibusjungen nach Kunden umsehen. Ihr Äußeres ist schmutzig und mit Staub bedeckt, und wenn ihnen überhaupt Laster zugeschrieben werden können, so ist vielleicht der Hang zum Trinken und Betrügen das hervorragendste unter denselben. Ihre Wohnungen haben sie meistens in den Vorstädten der sogenannten Rules, die hauptsächlich im Umkreise von einer Meile um den Obelisk in St. Georg Fields herumliegen. Ihre Gesichter sind nicht einnehmend und ihre Manieren recht sonderbar. Herr Salomo Pell, einer von dieser gelehrten Körperschaft, war ein fetter Mann mit einem blassen, welken Gesicht und trug einen Überrock, der in einem Augenblicke grün und im nächsten braun aussah, mit einem Samtkragen von denselben Chamäleonsfarben. Seine Stirn war schmal, sein Gesicht breit, sein Kopf groß und seine Nase auf die Seite gedrückt, als hätte ihr die Natur im Ärger über die Neigungen, die sie bei seiner Geburt an ihm entdeckte, einen Hieb versetzt, von dem sich besagte Nase nicht wieder erholen konnte. Da Herr Pell jedoch kurzhalsig und engbrüstig war, so beschränkte sich sein Atemholen beinahe einzig auf dieses Organ, das dadurch an Nützlichkeit ersetzte, was ihm an Schönheit abging. »Ich versichere Sie, ich führe es durch«, sagte Herr Pell. »Meinen Sie?« versetzte die Person, an die diese Versicherung gerichtet war. »Ich bin fest überzeugt«, erwiderte Pell; »aber wenn er an irgendeinen Winkeladvokaten geraten wäre, so hätte ich nicht für die Folgen stehen mögen.« »So?« rief der andere mit offenem Munde aus. »Ja, ich hätte nicht dafür stehen mögen«, wiederholte Herr Pell, und warf die Lippen auf, runzelte die Stirn und schüttelte den Kopf mit geheimnisvoller Miene. Der Ort, an dem dieses Gespräch geführt wurde, war das Wirtshaus, das dem Zahlungsunfähigkeits-Gerichtshofe gegenüber steht, und die Person, mit der es geführt wurde, niemand anders, als der ältere Herr Weller, der hierhergekommen war, um einem Freunde Trost und Stärkung zu bringen, dessen Liquidationsprozeß an diesem Tage verhandelt werden sollte, und dessen Anwalt er in diesem Augenblick um seine Meinung befragte. »Und wo ist Georg«, fragte der alte Herr. Herr Pell winkte mit dem Kopfe nach einem Hinterzimmer, in das sich Herr Weller alsbald begab und zur Beglückwünschung von einem halben Dutzend Kollegen aufs wärmste und schmeichelhafteste begrüßt wurde. Der zahlungsverlegene Herr, der eine zwar berechnende aber trotzdem unkluge Leidenschaft für lange Verbindlichkeiten gefaßt hatte, die ihn in seine gegenwärtige Verlegenheit versetzte, sah äußerst heiter aus und bekämpfte die Aufregung seiner Gefühle mit Krabben und Porter. Die Begrüßung zwischen Herrn Weller und seinen Freunden hielt sich ganz in den Schranken der Gewerbsfreimaurerei und bestand nur in einem die Runde machenden Händedrücken und einem gleichzeitigen Schnalzen mit dem kleinen Finger der Linken. Wir kannten einmal zwei berühmte Kutscher (sie sind jetzt tot, die armen Kerle), die Zwillinge waren, und zwischen denen eine ungeheuchelte und innige Zuneigung bestand. Sie kamen seit zwanzig Jahren jeden Tag auf der Dowerstraße aneinander vorüber und wechselten nie einen andern Gruß als diesen; und doch, als der eine starb, welkte der andere dahin und folgte ihm bald nach. »Nun, Georg«, sagte Herr Weller senior , seinen Oberrock aufnehmend und sich mit der gewohnten Würde niedersetzend. »Wie steht's? Alles in Ordnung hinten, und innen voll?« »Alles in Ordnung, alter Kamerad«, erwiderte der Zahlungsverlegene. »Ist die graue Stute jemandem in Pflege gegeben?« fragte Herr Weller mit ängstlicher Neugier. Georg nickte bejahend. »Nun, das ist alles recht«, sagte Herr Weller. »Die Kutsche auch wohl aufgehoben?« »In einen sicheren Verwahrungsort gebracht«, versetzte Georg, einem Halbdutzend Krabben die Köpfe abreißend und sie ohne weitere Umstände verschlingend. »Ganz gut, ganz gut«, bemerkte Herr Weller. »Nur immer rückwärts gesehen, wenn's bergab geht. Ist der Wegzettel deutlich und geradeaus?« »Der Schein, Sir«, sagte Pell, erratend, was Herr Weller sagen wollte, «der Schein ist so klar und bestimmt, als ihn nur Tinte und Feder machen können.« Herr Weller nickte billigend und sagte dann, auf seinen Freund Georg deutend, zu Herrn Pell: »Wann glauben Sie wohl, daß er sich zur Verhandlung in Gang setzen darf?« »Nun«, versetzte Herr Pell, »er ist der dritte auf der Liste, und ich glaube, es wird ungefähr in einer halben Stunde an ihm die Reihe sein. Ich gab meinem Schreiber die Weisung, er solle herüberkommen und melden, wann ein Parteiwechsel vorkomme.« Herr Weller betrachtete den Anwalt von Kopf bis zu Fuß mit großer Bewunderung und sagte dann mit Emphase – »Und was wollen Sie trinken, Sir?« »Nun, wirklich«, erwiderte Herr Pell, »Sie sind sehr – – auf meine Ehre, es ist nicht meine Gewohnheit, des – – es ist noch so früh am Tage, daß ich wirklich beinahe – – doch, Sie können mir für drei Pence Rum bringen, meine Liebe.« Die Kellnerin, die dem Befehl bereits zuvorgekommen war, setzte Herrn Pell ein Glas Branntwein vor und entfernte sich. »Meine Herren«, sagte Herr Pell, sich rings in der Gesellschaft umsehend; »auf gut Glück für Ihren Freund! Ich will mich nicht rühmen, meine Herren; das ist nicht meine Sache; aber ich muß bemerken, daß, wenn Ihr Freund nicht so glücklich gewesen wäre, in Hände zu fallen, die – – doch ich will still sein. Meine Herren, auf Ihre Gesundheit!« Herr Pell leerte sein Glas in einem Augenblick, schnalzte dann mit den Lippen und sah die versammelten Kutscher, die offenbar eine Art göttlichen Wesens in ihm erblickten, nacheinander mit großer Selbstgefälligkeit an. »Nun, laßt uns sehen«, sagte die juristische Autorität, – »was wollte ich sagen, mein« Herren?« »Ich glaube. Sie bemerkten, daß Sie gegen ein zweites vom Gleichen nichts einzuwenden wüßten, Sir?« antwortete Herr Weller mit würdevoller Heiterkeit. »Ha, ha!« lachte Herr Pell. »Nicht übel, nicht übel. Versteht sein Fach, der Mann. Um diese Morgenstunde könnte es auch nicht schaden – –. Nun, ich weiß nicht, meine Liebe – – Sie können es ja wiederholen, wenn es Ihnen recht ist. Hem!« Es folgte ein feierliches und würdevolles Husten, das Herr Pell glaubte verlautbaren zu müssen; denn er sah einige Zuhörer recht unziemlich schmunzeln. »Der letzte Lordkanzler, meine Herren, hielt große Stücke auf mich«, sagte Herr Pell. »Und vertraute ihm auch sehr viel an«, fiel Herr Weller ein. »Hört, hört«, rief Herrn Pells Klient aus. »Und warum sollte er das nicht?« »Ja – in der Tat!« bemerkte ein Mann mit einem hochroten Gesicht, der bis jetzt noch nichts gesagt hatte und gar nicht danach aussah, als wollte er mehr sagen. »Warum sollte er nicht?« Ein Beifallsgemurmel lief durch die Gesellschaft. »Ich erinnere mich, meine Herren«, sagte Herr Pell, »daß ich einmal bei ihm zu Mittag speiste; – wir waren nur unser zwei, aber es war alles so glänzend, als ob man zwanzig Personen erwartet hätte. Das große Siegel lag rechts auf einem Drehtisch, und ein Mann mit einer Zopfperücke und einem Harnisch bewachte das Zepter mit gezücktem Schwert und seidenen Strümpfen, was immer der Fall ist, meine Herren, Tag und Nacht; – als er sagte, ›Pell‹, sagte er: ›keine falsche Bescheidenheit, Pell. Sie sind ein Mann von Talent Sie vermögen alles im Zahlungunfähigkeits-Gerichtshofe, Pell, und Ihr Land darf auf Sie stolz sein.‹ Das waren seine eigenen Worte. – ›Mylord‹, erwiderte ich, ›Sie schmeicheln.‹ – ›Pell‹, sagte er, ›wenn ich schmeichle, so soll mich der Teufel holen.‹ »Sagte er das?« fragte Herr Weller. »Ja, das sagte er«, erwiderte Pell. »Gut denn«, bemerkte Herr Weller; »so hätte das Parlament wegen Fluchens einschreiten sollen, und wenn es ein armer Mann gewesen wäre, so wäre es sicherlich auch geschehen.« »Aber, mein lieber Freund«, erwiderte Herr Pell, »es war im Vertrauen gesprochen.« »In was?« fragte Herr Weller. »Im Vertrauen.« »Ah! ganz gut!« versetzte Herr Weller nach einigem Nachdenken, »wenn er sich im Vertrauen vom Teufel hat holen lassen, so ist das natürlich etwas anderes.« »Natürlich war es etwas anderes«, sagte Herr Pell. »Der Unterschied springt in die Augen, wie Sie gleich sehen werden.« »Ändert die Sache ganz«, bemerkte Herr Weller. »Fahren Sie fort, Sir.« »Nein; ich will nicht fortfahren, Sir«, versetzte Herr Pell mit gedämpftem, ernsthaften Tone. »Sie haben mich daran erinnert, Sir, daß diese Unterredung eine geheime war – eine geheime und vertrauliche, meine Herren. Meine Herren, ich bin ein Mann vom Fach. Es mag sein, daß ich in den Augen meiner Kollegen dadurch gehoben wurde – möglich aber auch, daß dies nicht der Fall war. Die meisten Leute wissen das. Ich sage nichts. Bemerkungen sind schon in diesem Zimmer gemacht worden, die den Ruf meines edlen Freudes antasteten. Sie werden mich entschuldigen, meine Herren, ich war unvorsichtig. Ich fühle, daß ich nicht recht daran tat, diesen Gegenstand ohne seine Beistimmung zu berühren. Danke Ihnen, Sir, danke Ihnen.« Sich also rechtfertigend, steckte Herr Pell seine Hände in die Taschen und ließ mit einem grimmigen Stirnrunzeln und furchtbarer Entschlossenheit drei Halbpencestücke klingen. Dieser tugendhafte Entschluß war kaum gefaßt, als der Junge und der blaue Sack, die unzertrennliche Gefährten waren, ins Zimmer hereinstürmten und sagten (wenigstens der Junge sagte; denn der blaue Sack nahm keinen Teil an der Meldung), die Sache komme im Augenblick daran. Die Nachricht war kaum vernommen worden, als die ganze Gesellschaft auf die Straße eilte und sich zu dem Gerichtshof Bahn brach – eine Vorbereitung, die in gewöhnlichen Fällen auf eine Zeit von fünfundzwanzig bis dreißig Minuten berechnet wird. Herr Weller, ein starker Mann, warf sich ohne weiteres ins Gedränge, mit der verzweifelten Hoffnung, um jeden Preis einen Platz zu erobern, der für ihn angemessen wäre. Der Erfolg entsprach aber seinen Erwartungen nicht ganz. Es wurde ihm nämlich sein Hut, den er abzunehmen vergessen hatte, von einer unsichtbaren Person, der er ziemlich stark auf die Zehen getreten hatte, über die Augen heruntergeschlagen. Offenbar bereute dieses Individuum seine Heftigkeit im Augenblick; denn einen unbestimmten Ausruf der Überraschung murmelnd, zog es den alten Mann in die Halle und befreite ihn durch eine heftige Anstrengung von dieser Zwangsmaske. »Samuel?« rief Herr Weller, als er auf diese Art in den Stand gesetzt wurde, seinen Befreier zu sehen. Sam nickte. »Du bist ein zärtlicher Knabe, der seiner Pflicht eingedenk ist – nicht wahr?« sagte Herr Weiler, »da du deinem Vater in seinen alten Tagen den Deckel über den Kopf schlägst.« »Wie konnte ich wissen, wer Ihr wäret?« erwiderte der Sohn. »Glaubt Ihr, ich könnte Euch an der Schwere Eurer Füße erkennen?« »Ja, da« ist sehr wahr, Sammy«, versetzte Herr Weller, alsbald besänftigt. »Aber was tust du hier? Dein Herr kann sich hier nicht sehen lassen. Sie wollen das Verdikt nicht passieren lassen, sie wollen es nicht passieren lassen, Sammy.« Und Herr Weller schüttelte den Kopf mit juristischer Feierlichkeit. »Was ist das für ein verkehrtes Altweibergeschwätz!« rief Sam. »Immer nur von Verdikten und Alibis und dergleichen Zeug. Wer sagte etwas von Verdikt?« Herr Weller gab keine Antwort, sondern schüttelte nur dem Kopf mit einer noch gelehrteren Miene. »Kümmert Euch nicht um das, was Ihr nicht versteht«, sagte Sam ungeduldig, »und sprecht vernünftig. Ich ging gestern abend, um Euch zu treffen, in den Marquis von Granby.« »Sahst du die Marquise von Granby, Sammy?« fragte Herr Weiler mit einem Seufzer. »Ja, ich sah sie«, erwiderte Sam. »Wie sah das liebe Kind aus?« »Sehr sonderbar«, versetzte Sam. »Ich glaube, sie richtet sich allmählich selbst zugrunde mit zu viel Ananasrum und andern starken Medizinen der Art.« »Glaubst du?« fragte der Ältere mit ernstem Tone. »Ja, gewiß«, versetzte der Jüngere. Herr Weller ergriff die Hand seines Sohnes, drückte sie und ließ sie dann wieder fallen. Es lag während dieses Verfahrens ein Ausdruck auf seinem Gesichte, nicht von Besorgnis oder Angst, sondern vielmehr von dem süßen, wohltuenden Gefühle der Hoffnung. Ein Schimmer von Ergebung und sogar von Heiterkeit ging über sein Gesicht, als er langsam sagte – »Ich bin meiner Sache nicht gewiß, Sammy; ich möchte nicht sagen, ich sei ganz positiv, ich könnte mich noch täuschen; aber ich meine fast, – ich meine fast, der Hirtenhelfer hat sich ein Leberleiden zugezogen.« »Sieht er schlecht aus?« fragte Sam. »Er ist ungemein blaß«, erwiderte sein Vater, »nur um die Nase herum nicht, die röter schimmert als je. Sein Appetit ist so so, aber trinken kann er außerordentlich.« Während dieser Äußerung schienen sich Herrn Wellers Geist auch einige Gedanken an Rum aufzudringen, denn er sah trübsinnig und nachdenklich aus: aber bald sammelte er sich wieder, wie sein vollkommenes Alphabet von Gebärdensprache verriet, der er nur dann nachzuhängen pflegte, wenn er besonders aufgeräumt war. »Wohlan denn«, sagte Sam; »jetzt von meinen Angelegenheiten. Spitzt Eure Ohren und unterbrecht mich nicht, bis ich fertig bin.« Nach dieser kurzen Einleitung erzählte Sam so gedrängt wie möglich die letzte merkwürdige Unterredung, die er mit Herrn Pickwick gehabt hatte. »Sitzt da allein, der arme Mensch!« rief der ältere Herr Weller aus, »und niemand nimmt Anteil an ihm! Das kann nicht gehen, Samuel, das kann nicht gehen.« »Natürlich nicht«, bestätigte Sam; »ich wußte das, ehe ich kam.« »Wollen ihn lebendig fressen, Sammy«, rief Herr Weller aus. Sam nickte beistimmend. »Hinein geht er in den Schuldturm etwas grün, Sammy«, sagte Herr Weller umschreibend, »und heraus kommt er so entsetzlich braun, daß ihn seine vertrautesten Freunde nicht mehr kennen. Ein gebratenes Täubchen ist nichts dagegen, Sammy.« Wieder nickte Sam Weller. »Das sollte nicht sein, Samuel«, bemerkte Herr Weller ernst. »Es darf nicht sein«, sagte Sam. »Gewiß nicht«, bestätigte Herr Weller. »Nun ja«, bemerkte Sam, »Ihr wäret ein trefflicher Wahrsager, wie die rotbackigen Elfen, die sie immer auf den Sechspencebüchsen abbilden.« »Was war der, Sammy?« fragte Herr Weller. »Daran liegt nichts, was er war«, erwiderte Sam; »es war wenigstens kein Kutscher, das muß für Euch genügen. »Ich kannte einen Hausknecht dieses Namens«, sagte Herr Weller nachdenkend. »Er war es nicht«, erwiderte Sam. »Der Gentleman, den ich meine, war ein Prophet.« »Was ist ein Prophet?« fragte Herr Weller, seinen Sohn forschend ansehend. »Nun, ein Mensch, der die Zukunft voraussagt«, antwortete Sam. »Ich wollte, ich hätte ihn gekannt, Sammy«, meinte Herr Weller; »vielleicht hätte er mir einigen Aufschluß über das Leberleiden geben können, von dem ich soeben sprach. Da er aber jetzt toi ist, und niemandem sein Geschäft hinterlassen hat, so ist die Sache vorüber. Fahre fort, Sam«, sagte Herr Weller mit einem Seufzer. »Nun wohlan«, bemerkte Sam, »Ihr sagtet die Zukunft voraus, die meinen Herrn erwarten würde, wenn man ihn allein ließe. Wißt Ihr kein Mittel, wie man für ihn sorgen kann?« »Nein, ich weiß keins, Sammy«, versetzte Herr Weller mit nachdenkendem Gesicht. »Gar kein Mittel?« fragte Sam. »Kein einziges«, versetzte Herr Weller: »außer« – und der Schein eines inneren Lichtes überstrahlte sein Gesicht, als er seine Stimme zu einem Geflüster dämpfte und seinen Mund an das Ohr seines Sprößling« hielt, »außer er würde sich in einem Bettkasten ohne Wissen des Schließers heraustragen lassen oder sich in ein altes Weib mit einem grünen Schleier verkleiden.« Sam Weller nahm beide Vorschläge mit einer unerwarteten Verachtung auf und wiederholte seine Frage. »Nein«, sagte der alte Herr: »wenn er dich nicht bei sich lassen will, so sehe ich durchaus kein Mittel. Es läßt sich nicht machen, Sammy – läßt sich nicht machen.« »Nun denn, so will ich Euch was sagen«, versetzte Sam. »Leiht mir fünfundzwanzig Pfund.« »Wozu das?« fragte Herr Weller. »Das ist gleichgültig«, erwiderte Sam. »Ihr könnt allenfalls nach fünf Minuten fragen; vielleicht sage ich dann, ich will nicht bezahlen und fahre euch grob an. Ihr werdet doch nicht daran denken, Euren eigenen Sohn wegen Geldes verhaften und nach dem Fleet bringen lassen – oder würdet Ihr das tun. Ihr unnatürlicher Landstreicher?« Darauf wechselten Vater und Sohn ein ganzes Buch schlauer telegraphischer Winke und Gebärden. Schließlich setzte sich der ältere Herr Weller auf eine steinerne Bank und lachte, bis er ganz blau war. »Was ist doch das für ein altes dummes Tier!« rief Sam unwillig über diesen Zeitverlust. »Was sitzt Ihr jetzt da und verdreht Euer Gesicht zu einer Haustürklingel, wo es so viel zu tun gibt. Wo ist das Geld?« »Im Kutschkasten, Sammy, im Kutschkasten«, antwortete Herr Weller, sich sammelnd. »Halte meinen Hut, Sammy!« Nachdem er sich's leicht gemacht hatte, gab Herr Weller seinem Körper plötzlich einen Schwung auf die Seite und brachte vermöge einer geschickten Wendung seine rechte Hand in eine sehr geräumige Tasche, aus der er, nach großer Anstrengung, schnaufend eine dicke Brieftasche in großem Oktavformat hervorzog, die mit einem starken ledernen Riemen umwickelt war. Aus dieser nahm er ein paar Peitschenschnüre, drei oder vier Schnallen, eine Musterkarte und endlich ein Röllchen beschmutzter Banknoten heraus, von dem er die verlangte Summe ablöste und seinem Sohne einhändigte. »Und nun Sammy«, sagte der alte Herr, als Peitschenschnüre, Schnallen und Musterkarte wieder eingepackt und das Schreibbuch in der gleichen Tasche in Verwahrung gebracht waren. »Nun, Sammy, kenne ich hier einen Herrn, der im Augenblick den übrigen Teil unseres Geschäftes besorgen wird – ein Glied der Gesetzgebung, Sammy, der ein Froschhirn hat, das durch seinen Körper verbreitet ist und bis in die äußersten Spitzen der Finger geht, ein Freund des Lordkanzlers, Sammy, dem man nur sagen darf, was man will, und er sorgt bestens für dich auf dein ganzes Leben.« »Nichts davon«, sagte Sam. »Nichts wovon?« fragte Herr Weller. »Nun, nichts von solchen verfassungswidrigen Mitteln«, erwiderte Sam. Die Gefühle seines Sohnes respektierend, suchte Herr Weller alsbald den gelehrten Salomo Pell auf und teilte ihm seinen Wunsch mit, unverzüglich gegen einen gewissen Samuel Weller einen Verhaftsbefehl wegen der Summe von fünfundzwanzig Pfund und der Gerichtskosten ergehen zu lassen, wofür die Gebühren des Herrn Salomo Pell im voraus entrichtet werden sollten. Der Anwalt war sehr aufgeräumt; denn der zahlungsverlegene Pferdelenker war angewiesen worden, sogleich liquidieren zu lassen. Er lobte Sams Anhänglichkeit an seinen Herrn außerordentlich, erklärte, daß er ihn da ganz an seine eigenen Gefühle der Ergebenheit gegen seinen Freund, den Kanzler, erinnere, und führte den älteren Herrn Weller alsbald nach dem Temple, um ihn daselbst die Richtigkeit seiner Schuldforderung beschwören zu lassen – ein Akt, der denn auch unter Beihilfe des blauen Sacks, den der Junge nachgetragen, vollzogen wurde. Mittlerweile war Sam dem weißgewaschenen Herrn und seinen Freunden förmlich als Sprößling des Herrn Weller von Belle Sauvage vorgestellt worden. Man behandelte ihn mit ausgezeichneter Achtung und lud ihn ein, sich zu Ehren des Anlasses mit der übrigen Gesellschaft gütlich zu tun – eine Einladung, die Sam keineswegs verschmähte. Die Fröhlichkeit von Herren dieses Berufes hat gewöhnlich einen ernsten und ruhigen Charakter; aber der gegenwärtige Anlaß war ein besonders festlicher, und sie ließen deshalb einmal alle Fünf gerade sein. Nach mehreren lärmenden Toasten auf den Oberkommissar und Herrn Salomo Pell, der an diesem Tage so bewunderungswürdige Fähigkeiten entwickelt hatte, machte ein Herr mit buntscheckigem Gesicht und blauer Halsbinde den Vorschlag, es solle jemand einen Gesang anstimmen. Natürlich erfolgte darauf das Ersuchen, der Buntscheckige möchte selbst singen, wenn es ihm so sehr um Gesang zu tun sei; aber das lehnte der Buntscheckige standhaft und einigermaßen beleidigt ab, worauf, wie gewöhnlich in solchen Fällen, sich ein Wortwechsel erhob. »Meine Herren«, sagte der Pferdelenker; »um die Eintracht des köstlichen Festes nicht zu stören, wird vielleicht Herr Samuel Weller die Gesellschaft mit einer Gabe erfreuen.« »In der Tat, meine Herren«, erwiderte Sam, »ich bin es eigentlich nicht gewohnt, ohne Begleitung eines Instruments zu singen; aber nichts geht über ein ruhiges Leben, wie der Mann sagte, als er die Stelle eines Leuchtturmwächters annahm.« Nach dieser Vorbemerkung stimmte Herr Samuel Weller sogleich eine wilde und schöne Legende an, die wir, in der Voraussetzung, daß sie nicht allgemein bekannt sei, hier einzulegen so frei sind. Wir bitten, eine besondere Aufmerksamkeit der Endsilbe in der zweiten und vierten Versecke zu schenken, die es nicht nur dem Sänger möglich macht, an dieser Stelle Atem zu schöpfen, sondern auch das Versmaß sehr unterstützt. Romanze. I. Kühn Turpin einst auf der Hounslowhald' Seine kühne Mähre ri-itt, Als er den Wagen des Erzbischofs Sich entgegenkommen sie-ieht. Er sprengt alsbald im Galopp herbei Und steckt seinen Kopf hinein, Und der Bischof sagt: »Ist ein Ei ein Ei. Muß das kühn Turpin sein.« (Chor.) Und der Bischof sagt: »Ist ein Ei ein Ei, Muß das kühn Turpin sein.« 2. Sagt Turpin: »Da freßt nun Euer Wort Im bleiernen Kügelei-ein.« Und setzt ihm ein Pistol an den Mund Und jagt ihm den Schuß hinei-ein. Der Kutscher hat die Schüsse dick Und sprengt im Galopp davon. Doch Dick jagt ihm eins ins Genick, Da hält der Bursche schon. (Chor, sarkastisch.) Doch Dick jagt ihm eins ins Genick, Da hält der Bursche schon. »Das Lied ist ganz für die Leinwand geeignet«, fiel nun der Buntscheckige ein. »Ich bitte um den Namen des Kutschers.« »Es kannte ihn niemand«, erwiderte Sam, »er hatte keine Karte in seiner Tasche.« »Ich protestiere gegen die Einführung der Politik«, sagte der Buntscheckige. »Ich behaupte, daß das Lied für die gegenwärtige Gesellschaft politischer Natur ist, und was so ziemlich dasselbe ist, daß es nicht wahr ist. Ich glaube, daß der Kutscher nicht davonsprengte, sondern daß er auf einer ordentlichen Jagd erschossen wurde – auf der Jagd wie ein Fasan, und rate es niemandem, mir zu widersprechen.« Da der Buntscheckige sehr energisch und bestimmt sprach und die Ansichten der Gesellschaft über diesen Gegenstand voneinander abzuweichen schienen, so drohte wieder ein neuer Streit auszubrechen, als gerade im rechten Augenblicke die Herren Weller und Pell erschienen. »Alles in Ordnung, Sammy«, sagte Herr Weller. »Der Gerichtsbote wird um vier Uhr hier sein«, ergänzte Herr Pell. »Ich hoffe. Sie werden während der Zeit nicht davonlaufen – nicht wahr? Ha, ha!« »Vielleicht läßt sich mein grausamer Papa bis dahin noch erweichen«, versetzte Sam mit einem breiten, grinsenden Gesichte. »Nein«, sagte der ältere Herr Weller. »O doch!« bat Sam. »Unter keiner Bedingung«, erwiderte der unerbittliche Gläubiger. »Ich will Scheine zu sechs Pence des Monats ausstellen«, sagte Sam. »Ich nehme sie nicht an«, entgegnete Herr Weller. »Ha, ha, ha! sehr gut, sehr gut!« lachte Herr Salomo Pell, der seine kleine Rechnung vorlegte. »In der Tat ein sehr lustiger Fall. Benjamin, schreibe das ab.« Und Herr Pell lächelte wieder, als er Herrn Wellers Aufmerksamkeit auf den Betrag der Summe lenkte. »Danke Ihnen, danke Ihnen«, sagte der Mann vom Fach, eine von den schmutzigen Banknoten in Empfang nehmend, die Herr Weller aus seiner Brieftasche hervorgezogen hatte. »Drei Zehner und ein Zehner machen fünf. Sehr verbunden, Herr Weller. Ihr Sohn ist ein sehr verdienstvoller junger Mann – in der Tat, Sir. Es ist ein sehr schöner Zug im Charakter eines jungen Mannes – wirklich ein sehr schöner Zug«, fügte Herr Pell hinzu, indem er sich mit süßem Lächeln in der Gesellschaft umsah und das Geld einsteckte. »Was da für ein Spaß ist!« sagte der ältere Herr Weller mit Lachen. »Ein wahres Wunderkind.« »Ein Wunder von Verschwendung Hier ein unübersetzliches Wortspiel zwischen prodigy und prodigal. , Sir«, verbesserte Herr Pell mit sanftem Tone. »Hat nichts zu sagen, Sir«, versetzte Herr Weller mit Würde. »Ich weiß, was die Glocke geschlagen hat, Sir, und wenn ich es nicht weiß, so will ich Sie fragen, Sir.« Jetzt erschien der Gerichtsbote. Sam hatte sich so außerordentlich beliebt gemacht, daß sämtliche Herren, die hier versammelt waren, den Entschluß faßten, als Gesamtkorporation ihm ins Gefängnis das Geleit zu geben. Man brach auf; der Kläger und der Beklagte gingen Arm in Arm, der Gerichtsbote schritt voran und acht wohlgenährte Kutscher bildeten den Nachtrab. Beim Prokuratie-Café machte die ganze Gesellschaft halt, um Erfrischungen zu sich zu nehmen, und als die gesetzlichen Einleitungen getroffen waren, setzte sich der Zug wieder in Bewegung. In der Fleetstraße trat durch die Laune der acht Herren in der Nachhut, die durchaus zu vieren nebeneinandergehen wollten, eine kleine Störung ein. Man hielt es für notwendig, den Buntscheckigen zurückzulassen, um sich mit einem Zettelträger zu balgen und erst nach Ausfechtung dieses Kampfes von seinen Freunden wieder mitgenommen zu werden. Außer diesen unbedeutenden Zufällen ereignete sich unterwegs nichts Denkwürdiges. Als sie das Fleettor erreichten, nahm die Karawane vom Kläger Abschied und brachte dem Beklagten drei donnernde Lebehoch; und nachdem ihm alle nacheinander die Hand gegeben hatten, verließen sie ihn. Als Sam zum ungeheuren Erstaunen Rokers und sogar zur augenscheinlichen Rührung des phlegmatischen Teddy dem Wärter förmlich in Gewahrsam gegeben war, ging er alsbald in den Kerker, schritt auf das Zimmer seines Herrn zu und pochte an die Tür. Herr Pickwick rief: »Herein«. Sam trat ein, nahm den Hut ab und lächelte. »Ach, Sam, mein guter Junge«, sagte Herr Pickwick, offenbar erfreut, seinen ergebenen Freund wieder zu sehen. »Es lag nicht in meiner Absicht, gestern durch meine Worte deine Gefühle zu verletzen, mein treuer Junge. Lege ab, Sam, ich will mich jetzt näher erklären.« »Im Augenblick, Sir?« fragte Sam. »Jawohl«, antwortete Herr Pickwick: »doch warum soll ich es jetzt nicht?« »Es wäre mir lieber. Sie verschöben das auf ein anderes Mal, Sir«, sagte Sam. »Warum?« fragte Herr Pickwick. »Weil –« begann Sam zögernd. »Weil was?« fragte Herr Pickwick, durch das Benehmen seines Dieners beunruhigt. »Sprich dich aus, Sam.« »Weil –« fing Sam wieder an, »weil ich ein kleines Geschäft übernommen habe, das ich jetzt ausführen muß.« »Welches Geschäft?« fragte Herr Pickwick, über Sams verlegenes Benehmen erstaunt. »Nichts Besonderes, Sir«, versetzte Sam. »O, wenn es nichts Besonderes ist«, sagte Herr Pickwick, lächelnd, »so kannst du mir es jetzt gleich sagen.« »Ich meine, es wäre besser, nachher auf einmal«, erwiderte Sam immer noch zögernd. Herr Pickwick sah verblüfft drein, sagte aber nichts. »Die Sache ist die – –«, fing Sam an und blieb stecken. »Nun«, sagte Herr Pickwick. »Sprich doch aus, Sam.« »Nun, die Sache ist die –« begann Sam wieder mit verzweifelter Anstrengung. »Aber vielleicht wäre es am besten, ich sähe zuerst nach meinem Bett, ehe ich etwas anderes tue.« »Nach deinem Bett?« rief Herr Pickwick voll Erstaunen. »Ja, nach meinem Bett, Sir«, versetzte Sam. »Ich bin ein Gefangener. Ich wurde diesen Nachmittag wegen Schulden verhaftet.« »Du wegen Schulden verhaftet?« rief Herr Pickwick in einen Stuhl sinkend. »Ja, wegen Schulden, Sir«, erwiderte Sam; »und der Mann, der mich setzen ließ, will mich nicht mehr herauslassen, bis Sie gehen.« »Gütiger Himmel! was willst du damit sagen?« rief Herr Pickwick aus. »Was ich damit sagen will, Sir?« wiederholte Sam. »Wenn es vierzig Jahre lang dauert, so will ich Gefangener bleiben, und ich bin recht froh darüber; und wenn ich zu Newgate säße, so wäre es ganz dasselbe. Jetzt ist die Geschichte heraus, und, hol' mich der Henker, das ist das Ende vom Lied.« Mit diesen Worten, die er sehr pathetisch und energisch wiederholte, warf Sam Weller aufs stärkste erregt den Hut auf den Boden, schlug die Arme ineinander und sah seinem Herrn mit einem festen und starren Blick ins Gesicht.   Fünfundvierzigstes Kapitel. Handelt von verschiedenen Kleinigkeiten, die im Fleet vorfielen und von Herrn Winkles geheimnisvollem Benehmen; zeigt auch, wie der Kanzleigefangene endlich erlöst wird. Herr Pickwick war von Sams inniger Anhänglichkeit zu sehr gerührt, um über seinen raschen Schritt, nämlich seine freiwillige Gefangengebung auf unbestimmte Zeit, Zorn oder Mißfallen zu äußern. Der einzige Punkt, worüber er beharrlich Aufschluß verlangte, war der Name von Sams Gläubiger; aber gerade das wollte Herr Weller beharrlich verschweigen. »Das bringt durchaus keinen Nutzen«, sagte er nur immer und immer wieder. »Es ist ein nichtsnutziger, schlechtgesinnter, weltlich denkender, bösartiger, rachsüchtiger Kerl mit einem harten Herzen, das nichts zu erweichen imstande ist, wie der tugendhafte Geistliche von dem alten wassersüchtigen Gentleman sagte, als dieser der Meinung war, im ganzen halte er es für besser, seine Habe seinem Weibe zu hinterlassen, als eine Kapelle damit zu bauen.« »Aber bedenke, Sam«, setzte Herr Pickwick auseinander, »die Summe ist so unbedeutend, daß sie leicht bezahlt werden kann, und wenn du dir vorgenommen hast, bei mir zu bleiben, so solltest du auch daran denken, daß du mir weit mehr zu nützen vermagst, wenn du außerhalb dieser Mauern spazierengehen kannst.« »Ich bin Ihnen sehr verbunden, Sir«, versetzte Herr Weller ernst, »aber ich habe das nicht im Sinn.« »Was nicht im Sinn, Sam?« »Nun, Sir, ich habe nicht im Sinn, mich so weit zu demütigen, um diesen gewissenlosen Feind um Gnade zu bitten.« »Aber das heißt nicht um Gnade bitten, wenn du ihm sein Geld gibst, Sam«, urteilte Herr Pickwick. »Bitte um Verzeihung, Sir«, versetzte San»: »aber eine sehr große Gnade wäre es für ihn, wenn ich es ihm gäbe, und die verdient er nicht; da liegt der Hase im Pfeffer.« Als sich Herr Pickwick mit einer verlegenen Miene an der Nase rieb, fand es Herr Weller für gut, das Thema der Unterhaltung zu verändern. »Ich fasse meine Entschlüsse aus Grundsatz, Sir«, bemerkte Sam, »und Sie fassen die ihrigen aus dem nämlichen Grunde, und dabei fällt mir der Mann ein, der sich aus Grundsatz tötete, wovon Sie natürlich schon gehört haben werden, Sir.« Hier verstummte Herr Weller und warf einen verschmitztkomischen Blick auf seinen Herrn. »Ich finde darin nichts Natürliches«, erwiderte Herr Pickwick, trotz der Unbehaglichkeit, in die ihn Sams Beharrlichkeit versetzt hatte, in ein Lächeln übergehend. »Der Nuf des fraglichen Mannes ist mir noch nie zu Ohren gekommen.« »Nicht doch, Sir«, rief Herr Weiler. »Sie setzen mich in Erstaunen, Sir: es war ein Schreiber bei einer Regierungsbehörde, Sir.« »So«, entgegnete Herr Pickwick. »Ja, das war er, Sir«, versetzte Herr Weller: »und ein sehr artiger Herr dazu – einer von jener exakten und empfindlichen Art, der bei nasser Witterung seine Füße in wärmende Hüllen steckte und keine anderen Busenfreunde hatte als Hasenbälge. Er sparte sein Geld aus Grundsatz, trug jeden Tag ein frisches Hemd aus Grundsatz, sprach nie mit einem von seinen Verwandten aus Grundsatz (denn er fürchtete, sie möchten ihm etwas abborgen), und war in der Tat ein ganz scharmanter Mann. Er ließ sich aus Grundsatz alle vierzehn Tage das Haar schneiden und trug enge Kleider aus ökonomischem Grundsatz – drei Anzüge des Jahrs, die abgelegten schickte er zurück. Da er ein sehr ordnungsliebender Herr war, so speiste er jeden Tag an dem gleichen Orte, wo das Gedeck einen Schilling und neun Pence kostete, und es war wirklich einen Schilling und neun Pence wert, wie der Wirt mit Tränen in den Augen oft bemerkte, wenn der Herr zur Winterszeit das Feuer anzuschüren pflegte, was täglich wenigstens ein Verlust von fünfthalb Pen« für ihn war, um gar nicht den Verdruß zu erwähnen, den ihm dieser Anblick verursachte. Dabei war er auch außerordentlich vornehm. ›Die Post nach dem nächsten Herrn‹, singt er täglich dem Kellner vor, wenn er hereintritt. ›Sehen Sie nach den Times, Thomas: bringen Sie mir den Morning-Herald, wenn er frei ist, vergessen Sie nicht, mir das Chronicle Alles englische Tageszeitungen, die der wirtschaftliche Herr dann im Gasthaus umsonst zu lesen bekam. zu bestellen: und holen Sie mir auch das Wochenblatt, wollen Sie so gut sein?‹ Und dann setzt er sich nieder, heftet seine Augen starr auf die Uhr und rennt gerade eine Viertelstunde vor der Zeit hinaus, um dem Boy in den Weg zu stehen, wenn er mit den Abendzeitungen kommt. Diese liest er dann mit einer Aufmerksamkeit und Beharrlichkeit, die die andern Gäste an den Rand der Verzweiflung und des Wahnsinns bringen, besonders aber einen reizbaren alten Herrn, auf den der Kellner während dieser Zeit ein besonders wachsames Auge haben muß, weil zu befürchten steht, er möge versucht sein, mit dem Tranchiermesser eine allzu rasche Handlung zu begehen. Gut, Sir: und hier sitzt er drei Stunden lang auf dem besten Platz und erquickt sich nach seinem Mittagessen mit nichts andern, mehr, als mit Schlaf. Dann geht er in ein Kaffeehaus, das einige Straßen weiter oben ist, und läßt sich eine kleine Kanne Kaffee und vier Milchwecken geben, worauf er nach seiner Wohnung zu Kinsington schlendert und sich zur Ruhe legt. Eines Abends fühlt er sich sehr unwohl: schickt nach dem Doktor. Der Doktor kommt in einem grünen Fly mit einer Art von Robinson-Crusoe-Leiter, die er niederlassen konnte, wenn er ausstieg, und heraufziehen, wenn er eingestiegen war, um den Kutscher der Notwendigkeit zu überheben, ihm herauszuhelfen, damit das Publikum nicht gewahr werde, daß derselbe nur einen Livreerock, aber keineswegs dazu passende Hosen anhatte. ›Was fehlt Ihnen?‹ fragte der Doktor. – ›Ich bin sehr krank‹, sagte der Patient. – ›Was haben Sie gegessen?‹ fragte der Doktor. – ›Kalbsbraten‹, sagte der Patient. – ›Was haben Sie zuletzt zu sich genommen?‹ fragte der Doktor. – ›Milchwecken‹, sagte der Patient. – ›Da haben wir's‹, sagte der Doktor. ›Ich will Ihnen sogleich ein Schächtelchen voll Pillen schicken, und nehmen Sie nie wieder etwas der Art zu sich‹, sagte er. – ›Was soll ich nie wieder zu mir nehmen?‹ fragte der Patient: ›Pillen?‹ – ›Nein, Milchwecken‹, sagte der Doktor. – ›Warum?‹ fragte der Patient, sich schnell aufrichtend. ›Fünfzehn Jahre lang habe ich aus Grundsatz jeden Abend vier Milchwecken gegessen.‹ – ›Nun, so lassen Sie es aus Grundsatz künftig bleiben‹, sagte der Doktor. – ›Milchwecken sind gesund, Sir‹, sagte der Patient. – ›Milchwecken sind nicht gesund, Sir‹, sagte der Doktor mit sehr strengem Tone. – ›Aber sie sind so wohlfeil‹, sagte der Patient, etwas verstimmt, ›und so sättigend für ihren Preis.‹ – ›Für Sie sind sie um jeden Preis zu teuer gewesen, zu teuer, weil Sie jetzt dafür büßen müssen‹, sagte der Doktor. ›Vier Milchwecken an einem Abend‹, sagte er, ›werden Sie in sechs Monaten vollends liefern!‹ – Der Patient sieht ihm fest ins Gesicht, überlegt sich das Ding lange und sagte endlich: ›Wissen Sie gewiß, daß die Wecken ungesund sind, Sir?‹ – ›Ich setze meinen ärztlichen Ruf zum Pfande‹, sagte der Doktor. – ›Wie viele Milchwecken müßte ich wohl auf einem Sitz essen, um auf einmal umzukommen?‹ fragte der Patient. – ›Ich weiß nicht‹, sagte der Doktor. – ›Glauben Sie, mit Wecken für eine halbe Krone wäre es geschehen?‹ fragte der Patient. – ›Ich denke fast‹, sagte der Doktor. – ›Können es nicht auch drei Schilling tun?‹ fragte der Patient. – ›Jawohl‹, sagte der Doktor. – ›Schon recht‹, sagte der Patient; ›gute Nacht.‹ Am nächsten Morgen steht er auf, macht Feuer, läßt für drei Schilling Milchwecken kommen, bäht sie alle, ißt sie alle und haucht seinen Geist aus.« »Warum tat er das?« fragte Herr Pickwick plötzlich; denn er war durch den tragischen Ausgang der Erzählung außerordentlich ergriffen. »Warum er das tat, Sir?« wiederholte Sam. »Nun, aus Treue gegen seinen erhabenen Grundsatz, daß Milchwecken gesund seien, und um zu zeigen, daß er sich von niemandem seine Meinung rauben lasse!« Mit dergleichen Wendungen und Abschweifungen im Gange der Unterhaltung begegnete Herr Weller den Fragen seines Herrn den ganzen ersten Abend über, an dem er seine Residenz im Fleet aufgeschlagen hatte; und als sich Herr Pickwick von der Nutzlosigkeit aller seiner Gegenvorstellungen überzeugte, erlaubte er es endlich, daß er sich für eine Woche bei einem kahlköpfigen Schuhflicker einlogierte, der in einem der oberen Gänge ein kleines, schmales Gemach bewohnte. In dieses bescheidene Kämmerchen schaffte Herr Weller eine Matratze und ein Bett, die er von Herrn Roker mietete. Als er während der Nacht darauf lag, fühlte er sich so heimisch, als ob er im Kerker erzogen worden wäre und seit drei Menschenaltern seine ganze Familie darin gehaust hätte. »Raucht Ihr immer, nachdem Ihr zu Bett gegangen seid, alter Kautz?« fragte Herr Weller seinen Zimmergenossen, als sie sich beide zur Ruhe gelegt hatten. »Ja, das tue ich, junger Mann«, versetzte der Schuhmacher. »Gestatten Sie mir die Frage, warum Sie Ihr Bett unter diesem tannenen Tische aufschlagen?« sagte Sam. »Weil ich immer an einen Vierpfosten gewöhnt war, bevor ich hierher kam, und ich finde, daß es diese vier Beine ebenso gut tun«, versetzte der Schuhmacher. »Sie sind ein Mann von Charakter, Sir«, meinte Sam. »Ich habe noch nie etwas Derartiges an mir entdeckt«, sagte der Schuhflicker mit Kopfschütteln, »und wenn Sie einen guten haben, so fürchte ich, es möchte Ihnen schwer fallen, sich mit diesem Bureau zu befreunden.« Dies kurze Zwiegespräch fand statt, als Herr Weller an dem einen und der Schuhmacher an dem andern Ende des Gemachs auf seinem Bett ausgestreckt lagen, während das Kämmerchen von dem Schein eines Nachtlichtes und der Pfeife des Schuhmachers, die wie eine rotglühende Kohle unter dem Tische schimmerte, erleuchtet war. So kurz die Unterhaltung auch war, so nahm sie doch Herrn Weller sehr für seinen Zimmergenossen ein. Sich auf den Ellbogen stützend, schenkte er seinem Äußern eine weit längere Aufmerksamkeit, als er bisher dazu Zeit oder Neigung gehabt hatte. Es war ein schmutzig aussehender Mann – alle Schuhmacher sind es – und hatte eine starken, struppigen Bart – alle Schuhmacher haben ihn; sein Gesicht war ein seltsames, gutmütiges, krummgezogenes Exemplar aus der Tagelöhnersippschaft, mit einem Paar Augen, die einst einen sehr jovialen Ausdruck gehabt haben mußten, denn sie glänzten auch jetzt noch. Das Alter hatte den Mann auf sechzig und das Gefängnis, der Himmel weiß, auf wieviel Jahre gebracht, so daß sein an Heiterkeit oder Zufriedenheit grenzendes Gesicht sonderbar genug aussah. Es war ein kleiner Mann, und da er durch sein Bett in zwei Hälften geteilt war, so erschien er ungefähr gerade so groß, wie er ohne Beine gewesen sein mußte. Er hatte eine große, rote Pfeife im Munde stecken, aus der er kräftige Wolken blies, und starrte mit einem Ausdrucke beneidenswerter Behaglichkeit ins Licht. »Sind Sie schon lange hier?« fragte Sam, das Stillschweigen unterbrechend, das seit einiger Zeit drückend auf ihnen lastete. »Zwölf Jahre«, versetzte der Schuhmacher, bei diesen Worten an dem Mundstück seiner Pfeife kauend. »Wahrscheinlich einen Befehl des Gerichtshofes verachtet?« fragte Sam. Der Schuhmacher nickte. »Schön«, versetzte Sam ernst; »warum beharren Sie in Ihrem Starrsinn, daß Sie Ihr kostbares Leben in diesem großartigen Pfandstall dahinschwinden lassen? Warum geben Sie nicht nach und erklären der Kanzlerschaft, es tue Ihnen sehr leid, daß Sie den Gerichtshof verachtet hätten; Sie wollten es aber nicht wieder tun?« Der Schuhmacher schob lächelnd seine Pfeife in einen Mundwinkel, brachte sie dann wieder an ihren alten Platz zurück und sagte nichts. »Warum tun Sie es nicht?« fragte Sam mit eindringlicherem Ernste. »Ach«, erwiderte der Schuhmacher, »das verstehen Sie nicht. Was glauben Sie, das mich zugrunde gerichtet hat?« »Nun«, sagte Sam, das Nachtlicht putzend, »vermutlich begann die Sache damit, daß Sie in Schulden kamen, nicht wahr?« »Noch nie schuldete ich einen Heller«, versetzte der Schuhmacher; »raten Sie noch einmal.« »Wohlan, Sie kauften vielleicht Häuser, was hier zu Land schwierig genug ist, um wahnsinnig zu werden; oder bauten gar, was ein medizinischer Kunstausdruck für Unheilbarkeit ist?« Der Schuhmacher schüttelte den Kopf und sagte: »Raten Sie weiter.« »Sie prozessierten doch hoffentlich nicht?« sagte Sam argwöhnisch. »In meinem Leben nie«, versetzte der Schuhmacher. »Die Sache ist die, ich wurde durch eine Erbschaft ruiniert.« »Gehen Sie, gehen Sie«, sagte Sam; »das ist nicht wahr. Ich wünschte mir einen reichen Feind, der mich auf diese Art zu ruinieren suchte. Ich ließe ihn gewähren.« »Ich dachte mir wohl. Sie würden's nicht glauben«, fuhr der Schuhmacher, ruhig seine Pfeife rauchend, fort. »An Ihrer Stelle ginge es mir ebenso; aber es ist bei all'dem wahr.« »Wie ist das aber möglich?« fragte Sam, durch den Blick, den ihm der Schuhmacher zuwarf, schon in seiner Zweifelsucht wankend gemacht. »Es kam so«, versetzte der Schuhmacher: »Ein alter Herr im Lande drunten, für den ich arbeitete, und von dem ich eine arme Verwandte heiratete – sie starb, Gott habe sie selig, und Dank sei ihm dafür gesagt – ward vom Schlag getroffen und ging heim.« »Wohin?« fragte Sam, den die zahlreichen Ereignisse des Tages schläfrig gemacht hatten. »Was weiß ich, wohin er ging?« erwiderte der Schuhmacher, im Hochgenüsse seiner Pfeife durch die Nase sprechend. »Er ging zu den Toten.« »Ah, so meinen Sie's?« bemerkte Sam. »Gut.« »Gut«, sagte der Schuhmacher; »er hinterließ fünftausend Pfund.« »Und das war sehr schön von ihm«, fiel Sam ein. »Wovon er mir eintausend vermachte«, fuhr der Schuhmacher fort, »weil ich seine Verwandte geheiratet hatte. Sie verstehen mich?« »Sehr gut«, murmelte Sam. »Und von einer großen Menge Nichten und Neffen umringt, die sich unaufhörlich um das Vermögen stritten und zankten, machte er mich zum Vollstrecker seines letzten Willens und gab mir das übrige in Verwahrung, um es vorschriftsmäßig unter sie zu verteilen.« »Was meinen Sie mit dem in ›Verwahrung geben?‹« fragte Sam, etwas wach werdend. »Wenn es kein bar Geld ist, wozu nützt es dann?« »Es ist ein juristischer Fachausdruck, weiter nichts«, antwortete der Schuhmacher. »Daran dachte ich nicht«, sagte Sam, den Kopf schüttelnd. »In diesem Gewölbe liegt wenig in Verwahrung. Indessen, fahren Sie nur fort.« »Gut«, sagte der Schuhmacher, »als ich im Begriff war, einen gerichtlichen Bestätigungsschein ausfertigen zu lassen, gaben die Nichten und Neffen, die über die Enttäuschung, daß sie nicht alles erhalten sollten, in Verzweiflung waren, ein Caveat ein.« »Was ist das?« fragte Sam. »Eine gerichtliche Eingabe, die so viel sagen will, wie ›wir leiden's nicht‹«, erwiderte der Schuhmacher. »Ich verstehe«, sagte Sam: »eine Art Stiefbruder von dem hafis corpus Verdrehung des lateinischen » Habeas corpus «, womit gesetzliche Bestimmungen anfingen. . Gut.« »Aber«, fuhr der Schuhmacher fort, »als sie fanden, daß sie untereinander selbst nicht eins werden und folglich auch das Testament nicht anfechten konnten, zogen sie das Caveat wieder zurück, und ich bezahlte sämtliche Vermächtnisse aus. Kaum habe ich dies getan, als ein Neffe eine Schrift eingibt, die auf Umstoßung des Testaments anträgt. Der Fall kommt einige Monate darauf vor einen alten tauben Herrn in einem Hinterzimmer in der Gegend vom Pauls-Kirchhof: und nachdem ihn vier Advokaten einen Tag lang schrecklich überlaufen haben, um ihn noch künstlich zu betäuben, zieht er die Sache acht bis vierzehn Tage lang in Erwägung und entlehnt seine Entscheidung aus sechs Bänden, die dahin ausfällt, daß der Erblasser im Oberstübchen nicht recht zu Haus gewesen sei und ich das ganze Geld wieder herausgeben und alle Kosten bezahlen müsse. Ich appellierte: die Sache kam vor drei oder vier Schlafmützen, die die Verhandlung schon im ersten Gerichtshöfe mit angehört hatten, wo sie Anwälte ohne Geschäft sind: der einzige Unterschied bestand darin, daß sie hier Doktoren und im andern Gerichtshofe Delegaten heißen, wenn Sie das verstehen: und sie bestätigten pflichtschuldigst das Urteil des alten Herrn. Daraufhin wanderten wir in die Kanzlei, wo wir noch sind, und wo ich zeitlebens bleiben werde. Meine Anwälte hatten sich schon lange vorher in den Besitz meiner sämtlichen tausend Pfund gesetzt, und was den Stand, wie sie es nennen, und die Kosten betrifft, so sitze ich hier für zehntausend, und werde hier sitzen, bis meine letzten Schuhe geflickt sind. Einige Herren haben davon gesprochen, die Sache dem Parlamente vorzulegen, und ich glaube, sie würden es getan haben: aber sie hatten keine Zeit, zu mir zu kommen, und ich keine Erlaubnis, zu ihnen zu gehen: und der langen Episteln wurden sie müde, und so ließen sie die Sache fallen. Das ist Gottes Wahrheit und kein Jota zu wenig oder zu viel, wie fünfzig Personen, sowohl in als außer diesen Mauern, sehr genau wissen.« Der Schuhmacher schwieg, um die Wirkung zu beobachten, die seine Erzählung auf Sam gemacht hatte: aber da er sah, daß derselbe eingeschlafen war, so klopfte er die Asche aus seiner Pfeife, seufzte, legte sie beiseite, zog die Bettlaken über den Kopf und überließ sich gleichfalls dem Schlafe. Am folgenden Morgen war Sam im Kämmerchen des Schuhmachers eifrig damit beschäftigt, seines Herrn Schuhe zu wichsen und dessen schwarze Gamaschen auszubürsten. Herr Pickwick saß allein beim Frühstück, als jemand an seine Tür pochte. Ehe Herr Pickwick »Herein« rufen konnte, wurde ein Kopf sichtbar, der von Haar umwallt und mit einer Mütze von Baumwollsamt bedeckt war – Bekleidungsstücke, die man ohne große Schwierigkeit als persönliches Eigentum Herrn Smangles erkannte. »Wie geht es Ihnen?« fragte der würdige Mann, seine Frage mit einem oder zwei Dutzend Bücklingen begleitend. »Erwarten Sie heute morgen jemand? Drei Herren – verteufelt gentlemanmäßige Burschen - haben unten nach Ihnen gefragt und auf der Hausflur an jede Tür gepocht, so daß sie von den Mitgliedern des hiesigen Kollegiums, die aufmachen mußten, ganz teuflisch angefahren wurden.« »Lieber Himmel, wie töricht von ihnen«, sagte Herr Pickwick aufstehend. »Ja, ich zweifle nicht, es sind Freunde von mir, die ich schon gestern erwartete.« »Freunde von Ihnen?« rief Smangle, Herrn Pickwick bei der Hand fassend. »Sprechen Sie nicht weiter. Bei Gott, von diesem Augenblick an sind es auch Freunde von mir und Freunde von Mivins. Ein verteufelt fixer, gentlemanmäßiger Bursche, der Mivins, nicht wahr?« sagte Smangle voller Empfindung. »Ich kenne diesen Herrn zu wenig«, sagte Herr Pickwick zögernd, »als daß ich – –« »Ich weiß es«, unterbrach ihn Smangle, Herrn Pickwick auf die Schulter klopfend. »Sie werden ihn besser kennenlernen. Sie werden entzückt von ihm sein. Dieser Mann, Sir«, sagte Smangle mit feierlichem Gesichte, »hat Anlagen zum Komiker, die dem Drury-Lane-Theater ein beliebtes Theater in London Ehre machen würden.« »Wirklich?« entgegnete Herr Pickwick. »Ja, beim Zeus, das hat er!« versetzte Smangle. »Hören Sie 195 ihn einmal die vier Kater auf dem Schiebkarren spielen – vier ausgezeichnete Kater, Sir, ich gebe Ihnen mein Ehrenwort. Nun, Sie wissen, es ist verteufelt hübsch: Gott verdamme mich. Sie müssen einen Mann liebgewinnen, wenn Sie solche Eigenschaften an ihm entdecken. Er hat nur einen Fehler – das Fehlerchen, von dem ich Ihnen gesagt habe. Sie wissen es.« Als Herr Smangle bei diesen Worten seinen Koff auf eine vertrauliche, Beifall fordernde Weise schüttelte, fühlte Herr Pickwick, daß man eine Antwort von ihm erwartete. Er sagte deshalb »Ja« und sah unverwandt nach der Tür. »Ja«, wiederholte Herr Smangle mit einem langen Seufzer. »Er ist ein trefflicher Gesellschafter, dieser Mann, Sir – ich kenne keinen besseren Gesellschafter: aber er hat die eine abstoßende Eigenschaft: wenn ihm heute der Geist seines Großvaters erschiene, so würde er ihn um ein Darlehen von achtzehn Pence ersuchen.« »Ach du mein Himmel!« rief Herr Pickwick aus. »Ja«, setzte Herr Smangle hinzu, »und wenn er Macht hätte, ihn wieder zu rufen, so würde er ihn zwei Monate und drei Tage nach diesem Zeitpunkt um die gleiche Summe bitten.« »Das sind äußerst merkwürdige Eigenschaften«, sagte Herr Pickwick, »aber ich fürchte, meine Freunde möchten, während wir hier miteinander sprechen, in großer Verlegenheit sein, wenn Sie mich nicht finden.« »Ich will ihnen den Weg zeigen«, sagte Smangle, nach der Tür gehend. »Guten Tag. Ich möchte Sie nicht stören, während sie hier sind, Sie wissen es. Beiläufig gesagt – – « Bei den beiden letzten Worten blieb Herr Smangle stehen, drückte die Tür, die er geöffnet hatte, wieder zu, kehrte zu Herrn Pickwick zurück, stellte sich dicht neben ihm auf die Zehenspitzen und flüsterte ihm ganz leise ins Ohr – »Könnten Sie mir nicht bis gegen Ende der nächsten Woche eine halbe Krone vorstrecken?« Herr Pickwick konnte sich kaum des Lächelns enthalten, zwang sich jedoch, seinen Ernst beizubehalten, zog das Geld hervor und legte es Herrn Smangle in die Handfläche, worauf dieser Herr mit verschiedenem Winken und Gebärden, die auf Geheimhaltung des großen Mysteriums hindeuteten, verschwand, um die drei Fremden aufzusuchen. Mit diesen kehrte er im nächsten Augenblick zurück, und nachdem er dreimal gehustet und ebensooft genickt hatte, um Herrn Pickwick zu verstehen zu geben, er werde es nicht vergessen, das Geliehene wieder heimzugeben, schüttelte er allen Anwesenden sehr verbindlich die Hand und ging endlich ab. »Meine teuren Freunde«, sagte Herr Pickwick, Herrn Tupman, Herrn Winkle und Herrn Snodgraß – denn das waren die drei fraglichen Gäste – nacheinander die Hand drückend: »ich bin entzückt. Sie zu sehen.« Das Triumvirat war sehr gerührt. Herr Tupman schüttelte kläglich sein Haupt: Herr Snodgraß zog mit unverstellter Bewegung sein Taschentuch hervor und Herr Winkle trat ans Fenster und schluchzte laut. »Guten Morgen, meine Herren«, sagte Sam, in diesem Augenblick mit den Schuhen und Gamaschen eintretend: »weg mit der Melancholie, wie der kleine Junge sagte, als seine Schulmeisterin starb. Willkommen in der Akademie, meine Herren!« »Dieser närrische Bursche«, sagte Herr Pickwick, Sam an den Kopf tätschelnd, als er niederkniete, um seinem Herrn die Gamaschen zu knöpfen – »dieser närrische Bursche hat sich selbst setzen lassen, um in meiner Nähe zu sein.« »Was?« riefen die drei Freunde. »Ja, meine Herren«, sagte Sam: »ich bin – halten Sie gefälligst Ihren Fuß ruhig, Sir – ich bin ein Gefangener, meine Herren; ein bißchen in der Soße, wie die Dame sagte.« »Ein Gefangener!« rief Herr Winkle mit unaussprechlicher Empörung. »Holla, Sir!« versetzte Sam in die Höhe sehend. »Was gibt's, Sir?« »Ich hatte gehofft, Sam, daß – nichts, nichts«, sagte Herr Winkle plötzlich. In Herrn Winkles Benehmen lag etwas so Hastiges und Unentschlossenes, daß Herr Pickwick unwillkürlich einen um Aufschluß bittenden Blick auf seine beiden Freunde warf. »Wir wissen nichts«, sagte Herr Tupman, diese stumme Aufforderung laut erwidernd. »Er ist schon seit zwei Tagen außerordentlich aufgeregt, und sein ganzes Benehmen ist anders, als es bisher zu sein pflegte. Wir fürchteten, es möchte etwas vorgefallen sein, aber er leugnet hartnäckig.« »Nein, nein«, sagte Herr Winkle, unter Herrn Pickwicks Forscherblick errötend: »es ist wirklich nichts: ich versichere Sie, es ist nichts, mein Teuerster. Ich werde wegen eines Privatgeschäftes in kurzem die Stadt verlassen müssen, und ich hatte gehofft, Sie zu der gütigen Erlaubnis bewegen zu können, Sam mitgehen zu lassen.« Herrn Pickwicks Gesicht drückte noch größeres Erstaunen aus als zuvor. »Ich glaubte«, stammelte Herr Winkle, »Sam würde nichts dagegen haben. Aber natürlich, wenn er Gefangener ist, so ist die Sache unmöglich und ich muß allein gehen.« Während Herr Winkle also sprach, fühlte Herr Pickwick mit einigem Erstaunen, daß Sams Finger an den Gamaschen zitterten, als ob er überrascht oder bestürzt wäre. Er sah auch auf Herrn Winkle, als dieser geredet hatte, und obgleich der Blick, den sie wechselten, nur die Zeit eines Augenblicks wegnahm, so schienen sie einander doch zu verstehen. »Weißt du etwas von dieser Sache, Sam?« fragte Herr Pickwick scharf. »Nein, Sir«, versetzte Herr Weller, mit außerordentlicher Emsigkeit zu knöpfen anfangend. »Gewiß; Sam?« sagte Herr Pickwick. »Nun, Sir«, antwortete Herr Weller: »soviel ist wenigstens gewiß, daß ich von diesem Augenblick noch nie etwas über diesen Gegenstand gehört habe. Wenn ich auch etwas errate«, fügte Sam mit einem Blick auf Herrn Winkle hinzu, »so bin ich nicht befugt, es zu sagen, denn ich könnte auch falsch geraten haben.« »Ich habe kein Recht, weiter in die Privatangelegenheiten meines Freundes zu dringen, und wenn wir auch noch so vertraut sind«, sagte Herr Pickwick nach kurzem Schweigen. »Laßt mich nur noch soviel sagen, daß ich von all dem nicht das mindeste verstehe. Es – doch genug über diesen Punkt.« Hierauf lenkte Herr Pickwick das Gespräch auf verschiedene Dinge, und Herr Winkle wurde allmählich unbefangener, wiewohl er immer noch weit von der eigentlichen Behaglichkeit entfernt war. Sie hatten so viel miteinander zu besprechen, daß der Vormittag schnell verfloß, und als Herr Winkle um drei Uhr auf dem kleinen Tische eine Hammelkeule und eine ungeheure Fleischpastete mit verschiedenen Platten Gemüse und Flaschen Porter aufstellte, die auf den Stühlen oder auf dem Ruhebette oder wo sonst Platz war, standen, fühlte sich jeder in die Stimmung versetzt, dem Mahle Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, obgleich es die abstoßende Küche des Gefängnisses war, wo das Fleisch gekauft und zubereitet und die Pastete gemacht und gebacken worden war. Den Nachtisch bildeten ein paar Flaschen vorzüglichen Weines, die Herr Pickwick aus dem Kaffeehaus Horn in Doktor Commons hatte holen lassen. Die paar Flaschen hätte man eigentlich richtiger ein Halbdutzend nennen können, und als der Wein getrunken und der Tee vorüber war, läutete die Glocke zum Zeichen, daß sich die Fremden jetzt entfernen müßten. Aber war Herrn Winkles Benehmen am Morgen unerklärlich gewesen, so wurde es jetzt völlig übersinnlich und feierlich, als er sich unter dem Einflüsse seiner Gefühle und seines Anteils an dem Halbdutzend zum Abschied vorbereitete. Er blieb zurück bis die Herren Tupmann und Snodgraß verschwunden waren, und drückte dann Herrn Pickwick feurig die Hand, mit einem Gesicht, auf dem feste Entschlossenheit und Gram zusammen brennend kämpfen. »Gute Nacht, mein Teuerster«, murmelte Herr Winkle zwischen den Zähnen. »Gott segne Sie, mein lieber Freund«, versetzte der gerührte Herr Pickwick, als er den Händedruck seines jungen Freundes erwiderte. »Rasch, rasch!« erscholl Herrn Tupmans Stimme im Gang. »Ja, ja, im Augenblick«, antwortete Herr Winkle. »Gute Nacht.« »Gute Nacht«, sagte Herr Pickwick. Es wurde noch einmal gute Nacht gesagt und noch einmal, und nach diesem noch ein Halbdutzendmal, und immer noch hielt Herr Winkle die Hand seines Freundes fest und sah ihm mit demselben seltsamen Ausdruck ins Gesicht. »Ist denn etwas vorgefallen?« fragte Herr Pickwick, als ihm vor lauter Schütteln sein Arm weh tat. »Nichts«, erwiderte Herr Winkle. »Nun denn, gute Nacht«, sagte Herr Pickwick, seine Hand loszumachen suchend. »Mein Freund, mein Wohltäter, mein verehrter Gefährte«, murmelte Herr Winkle, ihn am Handgelenk fassend; »beurteilen Sie mich nicht hart; tun Sie das nicht, wenn Sie hören, daß ich, durch unüberwindliche Hindernisse dazu genötigt – – « »Wird's bald?« sagte Herr Tupman, sich wieder in der Tür zeigend. »Kommen Sie oder sollen wir eingesperrt werden?« »Ja, ja, ich bin bereit«, erwiderte Herr Winkle. Und mit furchtbarer Anstrengung riß er sich los. Als ihnen Herr Pickwick mit stummem Erstaunen durch den Gang nachblickte, erschien Sam Weller oben an der Treppe und flüsterte einen Augenblick Herrn Winkle etwas ins Ohr. »O gewiß, verlassen Sie sich auf mich«, sagte dieser Herr laut. »Danke Ihnen, Sir; aber Sie vergessen es doch nicht, Sir?« bemerkte Sam. »Auf keinen Fall«, erwiderte Herr Winkle. »Wünsche Ihnen Glück, Sir«, sagte Sam, an seinen Hut greifend. »Es hätte mich recht sehr gefreut. Sie begleiten zu können, Sir; aber die Herrschaft kommt natürlich zuerst.« »Es ist ein sehr empfehlender Zug von Ihnen, daß Sie hier bleiben«, versetzte Herr Winkle. Mit diesen Worten ging das Kleeblatt die Treppe hinab und verschwand. »Höchst sonderbar«, sagte Herr Pickwick, in sein Zimmer zurückkehrend und sich in nachdenklicher Haltung an den Tisch setzend. »Was kann der junge Mann vorhaben?« Er hatte einige Zeit über diesen Punkt nachgedacht, als die Stimme Rokers, des Schließers, fragte, ob er eintreten dürfe. »Ich bringe Ihnen hier ein weicheres Kissen, Sir«, sagte Roker, »statt des bisherigen, das Sie gestern nacht gehabt haben.« »Ich danke Ihnen«, versetzte Herr Pickwick. »Wollen Sie ein Glas Wein trinken?« »Sie sind sehr gütig, Sir«, erwiderte Herr Roker, das dargebotene Glas annehmend. »Ihre Gesundheit, Sir.« »Ich danke Ihnen«, sagte Herr Pickwick. »Ich bedaure. Ihnen sagen zu müssen, daß es Ihrem Gefährten diesen Abend sehr schlecht geht, Sir«, bemerkte Roker, das Glas niederstellend und das Futter seines Hutes musternd, um den Hut zum Aufsetzen vorzubereiten. »Was? der Kanzleigefangene?« rief Herr Pickwick. »Er wird nicht mehr lange Kanzleigefangener sein, Sir«, erwiderte Roker, seinen Hut umwendend, so daß er oben auf der rechten Seite den Namen des Hutmachers erblickte, wenn er hinein sah. »Ich bin starr!« sagte Herr Pickwick. »Was meinen Sie damit?« »Er ist schon lange schwindsüchtig gewesen«, versetzte Herr Roker, »und diesen Abend hat er außerordentliche Atmungsbeschwerden bekommen. Der Arzt sagt schon seit einem halben Jahre, nur eine Luftveränderung könne ihn retten.« »Großer Gott!« rief Herr Pickwick; »so ist dieser Mann ein halbes Jahr lang von der Gerechtigkeit langsam gemordet worden?« »Das verstehe ich nicht, Sir«, erwiderte Roker, den Hut zwischen beiden Händen an der Krempe wägend. »Es wäre ihm vermutlich an jedem andern Orte auch so gegangen. Diesen Morgen kam er aufs Krankenzimmer. Der Doktor sagt, man müsse ihm so viel als möglich stärkende Sachen geben, und der Vorsteher schickt ihm Wein, Fleischbrühe und dergleichen aus seinem eigenen Hause. Der Vorsteher ist unschuldig, das wissen Sie, Sir.« »Natürlich«, erwiderte Herr Pickwick schnell. »Ich fürchte jedoch«, sagte Roker kopfschüttelnd, »es ist alles umsonst. Ich bot Neddy soeben erst eine Wette von zwei Gläsern Schnaps gegen eines an, aber er wollte nicht, und da hatte er ganz recht. Danke Ihnen, Sir. Gute Nacht, Sir.« »Halt«, rief Herr Pickwick mit ernstem Tone. »Wo ist das Krankenzimmer?« »Gerade über Ihrem Schlafgemach, Sir«, antwortete Roker. »Ich will es Ihnen zeigen, wenn Sie mitkommen wollen.« Herr Pickwick ergriff in Eile schweigend seinen Hut und folgte auf der Stelle. Der Schließer ging still voran, und die Türklinke leise aufdrückend, forderte er Herrn Pickwick auf, einzutreten. Es war ein großes, kahles, ödes Zimmer mit einer Menge eiserner Halbbettstellen, auf deren einer der Schatten eines Menschen lag – bleich und geisterhaft. Er atmete hart und schwer und ächzte vor Schmerzen, so oft sich die Brust hob und so oft sie sich senkte. Am Bette saß ein kleiner, alter Mann in einer Schuhmacherschürze, der eine Hornbrille auf der Nase hatte und laut aus der Bibel vorlas. Es war jener uns bekannte »glückliche« Testamentsvollstrecker. Der Kranke legte seine Hand auf den Arm seines Trösters und bat ihn, innezuhalten. Dieser machte das Buch zu und legte es aufs Bett. »Öffnen Sie doch das Fenster«, sagte der Kranke. Er tat es. Das Gepolter der Wagen und Karren, das Gerassel der Räder, das Geschrei der Männer und Kinder, der ganze Lärm des Lebens und Webens einer geschäftigen Menge wogte in dumpfem Gemurmel in das Zimmer. Aus dem dumpfen Summen erhob sich von Zeit zu Zeit ein schallendes Gelächter, oder schlug das Bruchstück eines fröhlichen Liedes, das von einem lustigen Haufen gesungen wurde, auf einen Augenblick ans Ohr und verhallte dann im allgemeinen Lärm der Stimmen und Fußtritte – die Brandung der rastlosen See des Lebens, die draußen ihre Wogen wälzt. Das sind jederzeit melancholische Töne für einen ruhigen Zuhörer, aber wie melancholisch müssen sie dem Ohre des Menschen klingen, der am Sterbebette wacht. »Es fehlt an Luft hier«, sagte der Kranke mit schwacher Stimme. »Der Ort verpestet sie: sie war ringsum frisch, als ich vor Jahren hierher kam: aber sie wird schwül und drückend auf ihrem Wege durch diese Mauern. Ich kann sie nicht atmen.« »Wir haben sie lange miteinander geatmet«, versetzte der Alte. »Es wird schon wieder besser werden.« Es folgte eine kurze Pause, während der die beiden Zuschauer näher ans Bett traten. Der Kranke zog eine von den beiden Händen seines alten Mitgefangenen an sich, drückte sie zärtlich zwischen den seinen und hielt sie lange umschlungen. »Ich hoffe«, stöhnte er nach einiger Zeit mit so schwacher Stimme, daß man das Ohr hart ans Bett halten mußte, um die halben Laute zu vernehmen, die über seine blauen Lippen zitterten – »ich hoffe, mein gnädiger Richter wird meiner schweren Buße auf Erden gedenken. Zwanzig Jahre, mein Freund, zwanzig Jahre in diesem scheußlichen Grabe! Mein Herz brach, als mein Kind starb, und ich konnte es nicht einmal küssen in seinem kleinen Sarge. Meine Verlassenheit seitdem ist, trotz all dieses Lärmens und Tosens, wahrhaft fürchterlich gewesen. Möge mir Gott vergeben! Er hat meine Einsamkeit, meinen langsamen Tod gesehen.« Er faltete die Hände, und noch etwas murmelnd, was man nicht verstehen konnte, fiel er in Schlaf – nur in Schlafanfang: denn sie sahen ihn lächeln. Eine kurze Zeit lang flüsterten sie miteinander und der Schließer, der das Kissen hinaufziehen wollte, fuhr schnell zurück. »Bei Gott, er ist erlöst!« sagte der Mann. Er war es. Aber er war schon im Leben so totenähnlich geworden, daß sie nicht wußten, wann er gestorben war. Sechsundvierzigstes Kapitel Schildert eine rührende Zusammenkunft Herrn Samuel Wellers mit einem Familienkreis. Herr Pickwick macht die Runde in der kleinen Welt, darinnen er wohnt, und faßt den Entschluß, künftighin so wenig wie möglich mit ihr zu verkehren. Einige Tage nach seiner Gefangensetzung ging Herr Samuel Weller des Morgens, nachdem er das Zimmer seines Herrn mit aller möglichen Sorgfalt in Ordnung gebracht hatte und seinen Herrn behaglich über seinen Büchern und Papieren sitzen sah, mit sich selbst zu Rate, wie er die nächsten zwei Stunden am angemessensten verwenden könnte. Der Morgen war schön, und Sam kam aus den Gedanken, daß eine Flasche Porter in der freien Luft seine nächste Viertelstunde ebensogut erheitern würde, als irgendeine andere kleine Erholung, deren er sich erfreuen könnte. Auf diesen Schluß gekommen, ging er in die Schenkstube, und nachdem er das Bier und überdies noch die ehegestrige Zeitung bekommen hatte, begab er sich auf die Kugelbahn, setzte sich auf eine Bank und begann, sich auf eine sehr gesetzte und systematische Methode zu unterhalten. Vor allem nahm er einen erfrischenden Schluck Bier zu sich, sah dann zu einem Fenster empor und beglückte eine junge Dame, die hinter diesem Kartoffeln schälte, mit einem platonischen Blinzeln. Dann entfaltete er die Zeitung und gab sich Mühe, die Polizeiberichte nach außen zu wenden. Da das bei dem sich darin verfangenden Winde eine anstrengende und schwierige Arbeit war, so nahm er nach deren Vollendung einen zweiten Schluck Bier. Dann las er zwei Zeilen und unterbrach diese Beschäftigung, um einigen Männern zuzusehen, die ein Racketspiel zum Schluß brachten, nach dessen Beendigung er beifälligerweise »sehr gut« rief. Dann ließ er seine Augen im Kreise der Zuschauer die Runde machen, um sich zu überzeugen, ob ihre Gefühle mit den seinen zusammenträfen. Weiter sah er sich veranlaßt, auch das Fenster hinaufzusehen: und da die junge Dame noch immer dort stand, so erforderte es die allgemeine Höflichkeit, ihr wieder zuzublinzeln und in einem andern Schluck Bier mit stummem Wink ihre Gesundheit zu trinken, was Sam sofort tat. Nachdem er einem jungen, der solchem Beginnen mit weitgeöffneten Augen zusah, einen furchtbaren Zornblick zugeworfen hatte, schlug er seine Beine übereinander und begann nun, die Zeitung mit beiden Händen haltend, in allem Ernste zu lesen. Kaum hatte er sich in den erforderlichen Zustand des Nachdenkens versetzt, als er aus einem entfernten Gange seinen eigenen Namen zu hören glaubte. Das war auch keine Täuschung, denn der Name lief alsbald von Mund zu Mund, und in wenigen Sekunden erzitterte die Luft mit lauter »Weller«. »Hier!« schrie Sam mit Stentorstimme. »Was gibt's? Wer fragt nach ihm? Ist ein Eilbote gekommen, um zu melden, daß mein Landhaus in Flammen steht?« »In der Halle fragt jemand nach Ihnen«, sagte ein Mann, der neben ihm stand. »Geben Sie auf das Blatt und den Krug acht, alter Kamerad, wollen Sie?« bat Sam. »Ich komme. Bei Gott, wenn sie mich vor die Schranken riefen, so könnten sie keinen größeren Lärm machen.« Diese Worte unterstrich er durch einen sanften Schlag an den Kopf des vorerwähnten jungen Herrn, der, die unmittelbare Nähe der verlangten Person nicht ahnend, aus Leibeskräften »Weller« schrie. Sam eilte über den Hof und sprang die Treppe hinauf in die Halle. Hier war das erste, was seine Augen sahen, sein geliebter Vater, der mit dem Hute in der Hand auf der untersten Treppenstufe saß und alle halbe Minuten aus vollem Halse »Weller« rief. »Warum schreit Ihr denn so?« fragte Sam energisch, als der alte Herr eben einen weiteren Schrei ausgestoßen hatte. »Ihr macht Euch ja so heiß, daß Ihr wie ein geplagter Glasbläser ausseht. Was gibt's?« »Aha!« rief der alte Herr: »ich fürchtete schon, du möchtest einen Gang um den Regentschaftspark gemacht haben, Sammy.« »Still!« sagte Sam, »niemand verhöhnt das Opfer des Geizes. Und geht von dieser Treppe weg. Warum sitzt Ihr denn hier? Da ist doch gewiß mein Logis nicht.« »Ich muß dir einen Spaß erzählen, Sammy«, versetzte der ältere Weller aufstehend. »Wartet einen Augenblick«, sagte Sam. »Ihr seid ganz weiß hinten.« »Das ist recht, Sammy, bürste mich ab«, versetzte Herr Weller, als ihn sein Sohn abstäubte. »Es möchte hier ein außerordentliches Ereignis sein, wenn jemand etwas Weißes auf dem Leibe hätte – nicht wahr, Sammy?« Als Herr Weller sich vor Lachen schütteln wollte, winkte ihm Sam, innezuhalten. »Seid ruhig«, sagte Sam. »Ein solcher alter Narr ist doch noch nie auf die Welt gekommen. Was habt Ihr jetzt zu lachen?« »Sammy«, versetzte Herr Weller sich die Stirne abwischend, »ich fürchte, mich trifft dieser Tage noch der Schlag vor lauter Lachen.« »Warum setzt Ihr Euch dem aus?« fragte Sam. »Nun was wolltet Ihr mir erzählen?« »Wer, glaubst du, daß mit mir hierher gekommen sei, Samuel?« fragte Herr Weller, einen oder zwei Schritte zurücktretend, indem er den Mund aufsperrte und die Brauen in die Höhe zog. »Pell?« sagte Sam. Herr Weller schüttelte den Kopf und dehnte seine roten Backen durch das Gelächter aus, das er hervorzudrängen versuchte. »Der Buntscheckige vielleicht?« riet Sam. Herr Weller schüttelte wieder den Kopf. »Nun, wer, denn?« fragte Sam. »Deine Stiefmutter«, erwiderte Herr Weller. Und es war ein Glück, daß er das endlich verriet, sonst wären seine Backen bei der unmäßigen Anstrengung unvermeidlich geborsten. »Deine Stiefmutter, Sammy«, sagte Herr Weller, »und die Rotnase, mein Junge, die Rotnase. Ho! Ho! Ho!« Bei diesen Worten bekam Herr Weller Lachkrämpfe, während ihn Sam mit einem breiten Grinsen ansah, das sich allmählich über sein ganzes Gesicht verbreitete. »Sie sind hierher gekommen, um dir ins Gewissen zu reden, Samuel«, sagte Herr Weller, sich die Augen wischend. »Laß nur nichts von deinem merkwürdigen Gläubiger merken, Sammy.« »Was? Wissen sie nicht, wer es ist?« fragte Sam. »Nicht im mindesten«, versetzte sein Vater. »Wo sind sie?« fragte Sam, mit dem Alten um die Wette lachend. »In der Snuggerey«, versetzte Herr Weller. »Glaubst du, die Rotnase gehe hin, wo es nichts Gebranntes gibt? Nie, Samuel – nie. Wir hatten diesen Morgen eine sehr hübsche Fahrt vom Marquis hierher«, sagte Herr Weller, als er vom Lachen wieder mehr zu sich kam. »Ich spannte den alten Schecken in das alte Wägelchen, das dem ersten Manne deiner Stiefmutter gehört hatte. Man hob einen Armstuhl für den Hirten hinauf; und ich will verdammt sein«, fügte Herr Weller mit dem Blicke tiefer Verachtung bei, »wenn sie nicht eine tragbare Treppe auf die Straße herausschleppten, um dem Hirten das Aufsteigen bequem zu machen.« »Das kann doch unmöglich Euer Ernst sein?« bemerkte Sam. »Purer Ernst«, versetzte sein Vater, »und ich wünschte nur, du hättest es gesehen, wie er sich beim Aufsteigen an den Leitern festklammerte, als fürchtete er, sechs volle Fuß hinabzustürzen und in Million Stücke zerschmettert zu werden. Endlich plumpte er hinein; wir fuhren von dannen, und ich meine fast, – ich sage, ich meine fast, Samuel – daß er ordentlich gerüttelt wurde, wenn's um die Ecken ging.« »Vermutlich fuhret Ihr an ein Paar Pfosten an?« fragte Sam. »Ich fürchte«, versetzte Herr Weller im Feuer seines Gebärdenspiels – »ich fürchte, ich streifte an einem oder zwei vorbei, Sammy: er flog nach allen Seiten aus seinem Armstuhl heraus.« Hier schüttelte der Alte seinen Kopf gewaltig und wurde von einem heiseren inneren Kollern befallen, das sein Gesicht bis zum Sprengen auftrieb – Symptome, die seinen Sohn nicht wenig beunruhigten. »Sei unbesorgt, Sammy – sei unbesorgt«, sagte der Alte, als er nach ungeheurer Anstrengung und verschiedenen konvulsivischen Stößen gegen den Boden seine Stimme wiedererlangt hatte. »Es ist nur eine Art von stillem Lachen, das ich zum Ausbruch kommen lassen will, Sammy.« »Nun, wenn es ist, was es ist«, sagte Sam, »so wäre es besser. Ihr ließet's drinnen. Ihr werdet finden, daß diese Erfindung etwas gefährlicher Natur ist. »Gefällt sie dir nicht, Sammy?« fragte der Alte. »Nicht im geringsten«, versetzte Sam. »Gut«, sagte Herr Weller, indem ihm immer noch die Tränen über die Wangen liefen, »es wäre eine große Erleichterung für mich gewesen, wenn mir's gelungen wäre, und hätte mir und deiner Stiefmutter eine große Menge Reden erspart: aber ich fürchte, du hast recht, Sammy: es grenzt zu nahe an das Schlagartige – viel zu nahe, Samuel.« So weit war die Unterhaltung gediehen, als sie an der Tür der Snuggery ankamen, in die Sam alsbald eintrat, nachdem er zuvor einen Augenblick stehengeblieben war, um über die Schulter weg einen schlauen Blick auf seinen verehrten Erzeuger zu werfen, der immer noch kicherte. »Stiefmutter«, sagte Sam, die Dame höflich grüßend, »sehr verbunden für Ihren gütigen Besuch. Hirte, wie geht es Ihnen?« »O Samuel!« sagte Frau Weller, »das ist fürchterlich.« »Nicht im mindesten, Madame«, versetzte Sam; »oder ist es, das Hirte?« Herr Stiggins hob seine Hände empor und verdrehte seine Augen, bis nur noch das Weiße oder vielmehr das Gelbe allein sichtbar war, erwiderte aber nichts. »Ist der Herr mit einem schmerzhaften Leiden behaftet?« fragte Sam, seine Stiefmutter mit einem Blicke ansehend, der um Aufschluß bat. »Der gute Mann ist bekümmert, Sie hier zu sehen, Samuel«, versetzte Frau Weller. »So; wirklich?« sagte Sam. »Sein Betragen machte mich besorgter möchte es vergessen haben, die letzten Gurken, die er zu sich nahm, mit Pfeffer zu bestreuen. Setzen Sie sich, Sir; wir machen keine Zeche für das Sitzen, wie der König bemerkte, als er seine Minister absetzte.« »Junger Mann«, versetzte Herr Stiggins hochtrabend, »ich fürchte, das Gefängnis hat Sie noch nicht gedemütigt.« »Bitte um Verzeihung, Sir«, erwiderte Sam, »was waren Sie so gütig zu bemerken?« »Ich fürchte, junger Mann, Ihr Charakter ist durch diese Züchtigung nicht demütiger geworden«, sagte Stiggins mit lauter Stimme. »Sie sind sehr gütig, Sir«, erwiderte Sam. »Ich hoffe, meine Natur gehört nicht zu den demütigen. Sehr verbunden für Ihre gute Meinung, Sir.« Bei diesem Teile des Gesprächs ließen sich in der Gegend des Stuhles, auf dem der ältere Herr Weller saß, aufreizende, gelächterartige Laute vernehmen, über die Frau Weller nach schneller Überlegung aller obwaltenden Umstände allmählich hysterische Krämpfe zu bekommen für ihre unerläßliche Pflicht hielt. »Weller«, sagte Frau Weller (der Alte saß in einem Winkel): »Weller, komm hervor!« »Sehr freundlich, meine Liebe«, versetzte Herr Weller: »aber ich fühle mich ganz behaglich, wo ich bin.« Daraufhin brach Frau Weller in Tränen aus. »Was fehlt Ihnen, Madame?« fragte Sam. »O Samuel!« versetzte Frau Weller, »Ihr Vater macht mich ganz unglücklich. Will ihm denn gar nichts zur Raison bringen?« »Hört Ihr's«, rief Sam. »Die Dame möchte wissen, ob Euch gar nichts zur Raison bringen würde.« »Ich bin der Frau Weller für ihre höflichen Fragen sehr viel Dank schuldig, Sammy«, erwiderte der Alte. »Ich denke, eine Pfeife würde mich zur Raison bringen. Könnte ich eine bekommen, Sammy?« Hier vergoß Frau Weller einige Tränen weiter und Herr Stiggins schluchzte. »Holla! diesem unglücklichen Herrn wird wieder übel«, sagte Sam, sich rund umsehend. »Wo schmerzt e« Sie jetzt, Sir?« »Immer noch an der gleichen Stelle, junger Mann«, erwiderte Herr Stiggins: »immer noch an der gleichen Stelle.« »Wo mag das sein, Sir?« fragte Sam anscheinend mit großer Einfalt. »Im Herzen, junger Mann«, entgegnete Herr Stiggins, seinen Regenschirm an die Weste setzend. Bei dieser rührenden Antwort konnte Frau Weiter ihre Gefühle unmöglich unterdrücken. Sie schluchzte laut und stellte die Behauptung auf, der Mann mit der roten Nase sei ein Heiliger; worauf Herr Weller senior mit gedämpftem Tone die Äußerung wagte, er müsse der Vertreter der vereinigten Gemeinden des heiligen Simon Außen und des heiligen Walker Innen sein. »Ich fürchte, liebe Verwandte, dieser Herr mit seinen verdrehten Gesichtszügen bekommt Durst von dem traurigen Anblick, den er vor sich hat. Ist das der Fall, Frau Mutter?« Die würdige Dame sah Herrn Stiggins forschend an, und der Herr ließ seine Augen rollen und faßte seine Kehle mit der rechten Hand an, wobei er die Handlung des Schlingens mimisch darstellte, um dadurch anzudeuten, daß er Durst habe. »Ich fürchte, seine Gefühle haben ihn durstig gemacht«, bemerkte Herr Weller düster. »Was ist Ihr gewöhnliches Getränk, Sir?« fragte Sam. »O, mein lieber junger Freund!« versetzte Herr Stiggins, »Getränke sind Eitelkeiten.« »Nur zu wahr; zu wahr, in der Tat«, bemerkte Frau Weller schluchzend, mit beifälligem Kopfnicken. »Wohlan«, sagte Sam, »ich gebe es zu, Sir, aber Ihre Lieblingseitelkeit. Welche Eitelkeit schmeckt Ihnen am besten, Sir?« »Ach mein lieber junger Freund«, versetzte Herr Stiggins, »ich verachte alle. Wenn«, fuhr Herr Stiggins fort, »wenn es eins gibt, das weniger gehässig ist, als ein anderes, so ist es der Geist, den man Rum nennt – warm, mein lieber junger Freund, mit drei Stückchen Zucker für das Glas.« »Tut mir sehr leid. Ihnen sagen zu müssen«, versetzte Sam, »daß es nicht gestattet ist, Ihre Lieblingseitelkeit in diesem Lokale zu verkaufen.« »Ach, über die Hartherzigkeit dieser verstockten Menschen!« rief Herr Stiggins aus. »Ach, über die fluchenswürdige Grausamkeit dieser unmenschlichen Verfolger!« Mit diesen Worten hob Herr Stiggins wieder seine Augen auf und stieß den Regenschirm gegen seine Brust. Wir lassen dem ehrwürdigen Mann nur Gerechtigkeit widerfahren, wenn wir sagen, sein Unwille war in der Tat aufrichtig und ungeheuchelt. Nachdem Frau Weller und der Mann mit der roten Nase über diesen unmenschlichen Gebrauch aus allen Kräften losgezogen und gegen die Urheber desselben eine Menge frommer und heiliger Verwünschungen ausgestoßen hatten, schlug der letztere eine Flasche Portwein mit etwas warmem Wasser, Gewürz und Zucker vor, weil dieses dem Magen sehr dienlich sei und weniger nach Eitelkeit schmecke, als viele andere Mischungen. Es war also befohlen, ihn zu bereiten und während der Bereitung sahen der Mann mit der roten Nase und Frau Weller auf den älteren Weller und schluchzten. »Nun, Sammy«, sagte dieser Gentleman, »ich hoffe, du bist über diesen leibhaftigen Besuch sehr erfreut? Eine sehr heitere und lehrreiche Unterhaltung, Sammy, nicht wahr?« »Ihr seid ein Verworfener«, entgegnete Sam; »und ich wünschte, Ihr richtetet keine so ruchlosen Bemerkungen an mich.« Weit entfernt, durch diese höchst zeitgemäße Erwiderung erbaut zu werden, verzog der ältere Herr Weller sein Gesicht plötzlich zu einem breiten Grinsen. Da dieses unveränderliche Benehmen die Dame und Herrn Stiggins veranlaßte, die Augen zu schließen und unruhig auf ihren Stühlen hin- und herzurücken, so führte er noch mehrere Pantomimen aus, die das Verlangen andeuteten, vorbesagten Stiggins eins auf die Nase zu versetzen – ein Verlangen, dessen Befriedigung sein Herz sehr zu erleichtern versprach. Die Gesten des alten Weller blieben übrigens jenen beiden kaum unbekannt. Herr Stiggins war nämlich bei einem zufälligen Blick auf den ankommenden Glühwein mit seinem Kopf heftig gegen die geballte Faust gestoßen, die Herr Weller einige Minuten lang, nur zwei Zoll von seinem Ohre entfernt, wie ein Feuerrad kreisen ließ. »Was reckt Ihr Eure Hand auf diese rohe Weise nach dem Becher aus?« rief Sam plötzlich. »Seht Ihr denn nicht, daß Ihr den Herrn da stoßt?« »Ich wollte das nicht, Sammy«, sagte Herr Weller, durch den Zusammenprall denn doch einigermaßen in Verlegenheit gebracht. »Versuchen Sie einmal eine innerliche Medizin, Sir«, bemerkte Sam, als der rotnasige Herr sich mit kläglicher Miene am Kopf scheuerte. »Was halten Sie von einer solchen warmen Eitelkeit, Sir?« Herr Stiggins antwortete nicht mit Worten, aber sein Benehmen war verständlich. Er kostete den Inhalt des Glases, das ihm Sam in die Hand gegeben hatte, und stieß seinen Regenschirm auf den Boden. Dann kostete er wieder, die Magengegend zwei- bis dreimal behaglich mit der Hand streichend; schließlich trank er das Ganze auf einen Zug aus, schmatzte mit den Lippen und hielt den Becher hin, um ihn zum zweitenmal füllen zu lassen. Auch Frau Weller blieb nicht zurück, wo es galt, der Mischung Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Die gute Dame protestierte anfangs, sie könne keinen Tropfen trinken, – dann trank sie eine kleinen Tropfen –- dann einen großen Tropfen – und dann eine große Menge Tropfen, und da ihre Gefühle von der Natur derjenigen Substanzen waren, die durch Anwendung gebrannter Wasser stark angegriffen werden, so ließ sie bei jedem Tropfen Glühwein einen Tränentropfen fallen und ihre Gefühle so sehr zerfließen, daß sie endlich eine sehr anständige und imposante Höhe des Elends erreichte. Der ältere Herr Weller gab bei der Beobachtung dieser Zeichen und Merkmale sein Mißfallen auf mannigfache Weise zu erkennen. Als nun Herr Stiggins, nach einem zweiten Kruge desselben Inhalts, kläglich zu seufzen anfing, so legte er seine Unzufriedenheit mit der ganzen Aufführung durch verschiedenes zorniges Gebrumme und Bemerkungen wie »Alfanzereien« offen an den Tag. »Ich will dir sagen, was es ist, Samuel, mein Junge«, flüsterte der alte Herr, nach einer langen, aufmerksamen Beobachtung seiner Frau und Herrn Stiggins, seinem Sohn ins Ohr: »ich glaube, es muß deiner Stiefmutter und dem Rotnasigen im Leib nicht recht wohl sein.« »Wie meint Ihr das?« fragte Sam. »Ich meine, Sammy«, versetzte der alte Herr, »was sie trinken, scheint ihnen nicht zur Nahrung zu dienen: es verwandelt sich alles plötzlich in warmes Wasser und kommt durch die Augen wieder heraus. Ich versichere dich, Sammy, es ist ein Fehler in ihrer Konstitution.« Herr Weller brachte seine wissenschaftliche Ansicht mit einer Menge bestätigender Winke und Gebärden vor: und als Frau Weller dieselben bemerkte und irgendeine mißliebige Beziehung auf sich oder Herrn Stiggins oder beide bezog, stand sie im Begriff, außerordentlich unwohl zu werden, während Herr Stiggins, sich so gut wie möglich auf die Beine helfend, in einer erbaulichen Rede fortfuhr, die auf das Seelenheil der Gesellschaft, insbesondere aber Herrn Samuels, abzielte. Er beschwor Weller Junior in rührenden Ausdrücken, die Sünde zu fliehen, der er anheimgefallen sei, alle Heuchelei und allen Hochmut zu meiden, und in allen Stücken ihn (Stiggins) zum Neuster und Vorbild zu nehmen. Dann könne er früher oder später zu dem köstlichen Bewußtsein gelangen, daß er, gleich ihm, ein höchst achtbarer und tadelloser Charakter und alle seine Bekannten und Freunde rettungslos verloren und verworfen seien – ein Bewußtsein, sagte er, das ihm die größte Seligkeit bereiten würde. Er beschwor ihn ferner, vor allen Dingen das Laster der Trunkenheit zu fliehen, das er den unflätigen Gewohnheiten der Schweine und den giftigen und verderblichen Arzneien verglich, die in den Mund aufgenommen, das Gedächtnis vernichteten. An dieser Stelle seiner Rede wurde der ehrwürdige Herr mit der roten Nase besonders unzusammenhängend, und im Feuer der Beredsamkeit hin- und herschwankend, mußte er sich an der Stuhllehne halten, um das Gleichgewicht zu behaupten. Herr Stiggins suchte seine Zuhörer zwar nicht vor den falschen Propheten und elenden Spöttern über die Religion zu warnen, die ohne den Verstand, die ersten Lehrsätze de« Glaubens auszulegen, oder ohne das Herz, die Grundwahrheiten zu empfinden, gefährlichere Mitglieder der Gesellschaft sind, als der gemeine Verbrecher: denn sie üben notwendig auf die Schwächsten und am wenigsten Unterrichteten die stärkste Herrschaft aus, setzen alles, was am heiligsten gehalten werden sollte, herab, machen es verächtlich und bringen ganze Klassen von tugendhaften und sittlich guten Menschen vieler wertvollen Sekten und Glaubenspartien in üblen Ruf. Aber da Herr Stiggins sich eine geraume Zeitlang an der Stuhllehne festhielt und das eine Auge geschlossen hatte, während er mit dem andern fortwährend blinzelte, so läßt sich annehmen, daß er an all das dachte, aber es weislich bei sich behielt. Während dieser Predigt seufzte und weinte Frau Weller am Schlüsse der Abschnitte, während Sam mit übergeschlagenen Beinen und auf der Seitenlehne seines Stuhles ruhenden Armen den Sprecher mit einem süßen, milden Lächeln betrachtete, und gelegentlich einen Blick des Verständnisses auf den alten Herrn warf, der im Anfang entzückt war und ungefähr in der Mitte einschlief. »Bravo! ganz vortrefflich!« rief Sam, als der Mann mit der roten Nase nach dem Schlüsse der Rede seine abgetragenen Handschuhe anzog und, während dieses Geschäft«, die Finger durch die durchlöcherten Enden steckte, bis die Knöchel sichtbar wurden – »ganz vortrefflich.« »Ich hoffe, es wird bei Ihnen anschlagen, Samuel«, sagte Frau Weller feierlich. »Ich denke auch, Stiefmutter«, versetzte Sam. »Ich wollte, es schlüge auch bei Ihrem Vater an«, sagte Frau Weller. »Danke dir, meine Teure«, erwiderte Herr Weller senior . »Welchen Eindruck macht es denn auf dich selbst, meine Liebe?« »Spötter!« rief Frau Weller. »Unerleuchteter Mann!« sagte der ehrwürdige Herr Stiggins. »Wenn ich kein besseres Licht bekomme, als Ihren Mondschein, mein würdiges Goldkind«, versetzte der ältere Herr Weller, »so ist es sehr wahrscheinlich, daß ich ewig eine Nachtkutsche fahren werde, bis ich ganz von der Lebensstraße Abschied nehme. Jetzt aber, Frau Weller, wenn der Schecke noch länger am Futtertrog steht, so hält er mir auf dem Heimweg nicht mehr Stand und wirft vielleicht den Armstuhl samt dem Hirten in diese oder jene Hecke.« Auf diese Bemerkung nahm Herr Stiggins in augenscheinlicher Bestürzung Hut und Regenschirm und drang auf alsbaldige Abreise, womit Frau Weller ebenfalls zufrieden war. Sam ging mit ihnen bis ans Gefängnistor, wo er einen zärtlichen Abschied von seinen Gästen nahm. »Adio, Samuel«, sagte der alte Herr. »Was heißt das, Adio?« fragte Sam. »Nun denn: so lebe wohl«, sagte der alte Herr, »Weiter habt Ihr nichts gewußt?« fragte Sam. »Nun, so lebt wohl, alter Racker.« »Sammy«, flüsterte Herr Weller, vorsichtig um sich blickend, »meine Empfehlung an deinen Prinzipal, und wenn er sich einmal eines Besseren besinne, so solle er es nur mich wissen lassen. Ich und der Kunsttischler haben miteinander einen Plan ausgeheckt, ihn herauszukriegen. Ein Piano, Samuel – ein Piano!« fügte Herr Weller hinzu, indem er seinen Sohn mit der Rückseite seiner Hand auf den Brustkasten schlug und ein paar Schritte zurücktrat. »Was meint Ihr damit?« fragte Sam. »Ein Pianoforte, Samuel«, erwiderte Herr Weller noch geheimnisvoller; »er kann es mieten: so eins, wo man nicht darauf spielt, Sammy.« »Und wozu soll das gut sein?« meinte Sam. »Er soll zu meinem Freund, dem Kunsttischler schicken, und es holen lassen«, erklärte Herr Weiler. »Verstehst du mich jetzt?« »Nein«, versicherte Sam. »Es ist gar nichts dabei zu riskieren«, flüsterte sein Vater. »Er kann sich mit seinem Hut und seinen Schuhen hineinlegen, und durch das Gestell, das hohl ist, frische Luft schöpfen. Wir halten ein Schiff nach Amerika für ihn bereit. Die amerikanische Regierung gibt ihn nicht heraus, sobald sie sieht, daß er Geld zu verzehren hat, Sammy. Dort kann dein Prinzipal bleiben, bis Frau Bardell tot ist, oder die Herren Dodson und Fogg am Galgen hängen, welches letztere wahrscheinlich zuerst geschehen wird, Sammy. Dann soll er zurückkommen und ein Buch über die Amerikaner schreiben, das ihm alle seine Reisekosten und noch mehr einträgt, wenn er ihnen nur tüchtig heimleuchtet.« Herr Weller flüsterte diesen kurzen Abriß von seinem Komplott dem Sohne erregt ins Ohr; dann aber gab er, als fürchte er, durch ein weiteres Gespräch die Wirkung seiner unerhörten Mitteilung zu schwächen, den Kutschergruß und verschwand. Sam hatte kaum seine gewöhnliche Ruhe wieder erlangt, die durch die geheime Mitteilung seines verehrten Vaters gewaltig gestört worden war, als Herr Pickwick zu ihm trat. »Sam«, sprach dieser Gentleman. »Sir«, erwiderte Herr Weller. »Ich wünsche einen Gang durch das ganze Gefängnis zu machen, und du sollst mich dabei begleiten. Da kommt ja eben ein Gefangener, den wir kennen, Sam«, fügte Herr Pickwick lächelnd hinzu. »Wer ist es, Sir?« fragte Herr Weller; »der Gentleman mit dem Krauskopf oder der interessante Herr in den Strümpfen?« »Keiner von beiden«, erwiderte Herr Pickwick. »Ein viel älterer Freund von dir, Sam.« »Von mir, Sir?« rief Herr Weller. »Du mußt dich dieses Herrn noch ganz gut erinnern«, sagte Herr Pickwick, »sonst hättest du ja ein weit schlechteres Gedächtnis für alte Bekannte, als ich dir zutrauen kann. Still! kein Wort mehr, Sam – keine Silbe. Da ist er.« Während Herr Pickwick sprach, kam Jingle herbei. Er sah weniger elend aus, als zuvor; denn er trug seine bloß halbabgenutzten Kleider, die er mit Herrn Pickwicks Hilfe aus der Gefangenschaft des Leihhauses gelöst hatte. Auch hatte er ein weißes Hemd an, und seine Haare waren frisch gestutzt. Gleichwohl war er sehr blaß und mager, und als er, auf einen Stock sich stützend, langsam heranschlich, konnte man ihm leicht ansehen, daß er durch Krankheit und Mangel hart gelitten hatte und noch immer äußerst schwach war. Er zog seinen Hut, als Herr Pickwick ihn grüßte, und beim Anblick Sam Wellers schien er sehr gedemütigt und beschämt. Dicht hinter ihm erschien Job Trotter, in dessen Sündenregister jedenfalls Mangel an Treue und Anhänglichkeit an seinen Kameraden keinen Platz findet. Er war noch immer zerlumpt und schmutzig, sein Gesicht aber nicht mehr ganz so hohl, wie bei seinem ersten Zusammentreffen mit Herrn Pickwick vor einigen Tagen. Als er gegen unsern wohlwollenden alten Freund den Hut abnahm, murmelte er einige abgebrochene Ausdrücke der Dankbarkeit und stammelte etwas von Errettung vorm Hungertode. »Schon gut«, sagte Herr Pickwick, ihn ungeduldig unterbrechend, »Sie können mit Sam nachkommen. Ich wünsche Sie zu sprechen, Herr Jingle. Können Sie gehen ohne seinen Arm?« »O ja, Sir – ganz zu Diensten – nicht zu schnell – Beine schlottrig – Kopf betäubt – immer im Ring herum – erdbebenartige Empfindung – ganz erdbebenartig.« »Da, geben Sie mir Ihren Arm«, sagte Herr Pickwick. »Nein, nein«, erwiderte Jingle, »unmöglich, – zu viel Güte.« »Unsinn!« sagte Herr Pickwick; »stützen Sie sich auf mich, ich will es so haben, Sir.« Da Herr Pickwick sah, daß Jingle äußerst aufgeregt, verwirrt und unschlüssig war, so brach er den Handel kurz ab, indem er den Arm des kranken Komödianten durch den seinen steckte und ihn fortführte, ohne noch ein Wort darüber zu verlieren. Während dieser ganzen Zeit zeigte Herrn Samuel Wellers Angesicht einen Ausdruck des überwältigendsten und überschwenglichsten Erstaunens, das sich die Einbildungskraft nur vormalen kann. Nachdem er in tiefem Schweigen von Job zu Jingle und von Jingle zu Job geblickt, stieß er endlich leise die Worte aus: »Nun, das ist wirklich ...!« und wiederholte sie wenigstens zwanzig Mal. Nach dieser Übung aber schien er seiner Stimme gänzlich beraubt zu sein, und warf in Arger, Verworrenheit und Verwunderung seine Augen aufs neue zuerst auf den einen und dann auf den andern. »Nun, Sam«, sagte Herr Pickwick sich umsehend. »Ich komme, Sir«, erwiderte Herr Weller, indem er seinem Herrn mechanisch nachfolgte; und noch immer wandte er seine Augen nicht von Herrn Job Trotter ab, der schweigend ihm zur Seite ging. Job heftete seine Blicke einige Zeit auf den Boden, und Sam, der die seinigen an Jobs Gesicht gleichsam geklebt hatte, rannte gegen alle Leute, die ihm begegneten, an, fiel über kleine Kinder, stolperte an Treppen und Geländern und schien von all dem nichts zu bemerken, bis Job verstohlen aufblickte und sagte: »Wie geht es Ihnen, Herr Weller?« »Ja, er ist's! « rief Sam, und nachdem er Jobs Identität zweifellos festgestellt, schlug er sich auf das Bein und machte seinen Gefühlen in einem langen, lauten Pfeifen Luft. »Mit mir hat es sich sehr geändert, Sir«, sagte Job. »Das sehe ich«, rief Herr Weller, mit unverstellter Verwunderung die Lumpen seines Begleiters betrachtend. »Es ist aber ein schlechter Tausch gewesen, wie der Bauer sagte, als er zwei verdächtige Schillinge und sechs Pence in kleiner Münze für eine gute halbe Krone eingehandelt hatte.« »Ja, es ist wahr«, versetzte Job den Kopf schüttelnd. »Die Zeit des Betrugs ist jetzt vorbei, Herr Weller. Tränen«, fügte er halb verschmitzt hinzu, – »Tränen sind weder die einzigen Beweise von Kummer und Elend, noch die besten.« »Das weiß der liebe Gott!« erwiderte Sam ausdrucksvoll. »Man kann sie auch künstlich hervorrufen, Herr Weller«, fuhr Job fort. »Sehr richtig bemerkt«, versetzte Sam; »es gibt Leute, die immer welche in Bereitschaft halten und den Stöpsel herausziehen können, wann es ihnen paßt.« »Ja, ja«, sagte Job; »aber, mein lieber Herr Weller, diese Dinge lassen sich doch nicht so leicht nachmachen, und es ist ein gar schmerzhafter Prozeß, sie künstlich hervorzurufen.« So sprechend deutete er auf seine blassen, eingesunkenen Wangen, schlug seinen Rockärmel zurück und entblößte einen Arm, der aussah, als ob man ihn durch die geringste Berührung abbrechen könnte, so dünn und spitzig stachen die Knochen unter seiner dünnen Fleischdecke hervor. »Was haben Sie mit sich selbst angefangen?« fragte Sam zusammenschauernd. »Nichts«, erwiderte Job. »Nichts?« wiederholte Sam. »Ich habe schon viele Wochen gar nichts getan«, sagte Job, »und beinahe ebensowenig gegessen und getrunken.« Sam warf einen umfassenden Blick auf Herrn Trotters dünnes Gesicht und seine ganze jammervolle Erscheinung; dann ergriff er ihn beim Arm und zog ihn rasch mit sich fort. »Wohin wollen Sie, Herr Weller?« stöhnte Job, der sich aus dem mächtigen Griff seines alten Feindes vergeblich loszuringen suchte. »Kommen Sie«, sagte Sam, »kommen Sie.« Er würdigte ihn keiner weiteren Erklärung, bis sie die Snuggery erreicht hatten, wo er einen Krug Porter bestellte, der sogleich gebracht wurde. »Da«, sagte Sam, »trinken Sie alles bis auf den letzten Tropfen, und dann kehren Sie den Krug um, damit ich sehe, wie Sie die Arznei eingenommen haben.« »Aber mein bester Herr Weller«, wendete Job ein. »Hinunter damit«, sprach Sam gebieterisch. Dieser Aufforderung zufolge erhob Herr Trotter den Krug zu seinen Lippen und leerte ihn in kleinen, beinahe unmerkbaren Schlucken bis auf den Grund. Einmal, aber auch nur ein einziges Mal, pausierte er, um einen langen Atemzug zu tun, ohne aber sein Gesicht von dem Gefäße zu erheben, das er einige Augenblicke darauf mit ausgestrecktem Arm umgekehrt hinhielt. Nichts fiel auf den Boden, als ein paar Tröpfchen Schaum, die sich langsam vom Rande losmachten und träge hinabträufelten. »Bravo«, sagte Sam. »Wie fühlen Sie sich jetzt?« »Besser, Sir, ich glaube besser«, antwortete Job. »Das versteht sich«, sagte San, überzeugt. »Es ist gerade, wie wenn man Gas in einen Luftballon bläst. Ich kann's mit bloßen Augen sehen, daß Sie unter der Operation stärker werden. Was würden Sie von einer zweiten, ebenso kräftigen Dosis halten?« »Ich bin Ihnen sehr verbunden, Sir«, antwortete Job; »aber sie würde mir nicht gut sein. »Nun, meinetwegen«, sagte Sam. »Aber etwas zwischen die Zähne; was würden Sie dazu sagen?« »Dank sei Ihrem würdigen Herrn, Sir«, antwortete Herr Trotter; »wir haben heute um drei Viertel auf drei Uhr eine gebackene Hammelkeule nebst Kartoffeln gehabt, so daß uns das Kochen erspart war.« »Was? Hat er für Sie gesorgt?« fragte Sam nachdrucksvoll. »Ja, Sir«, erwiderte Job, »und noch mehr als das, Herr Weller. Da mein Herr sehr unwohl war, so hat er ein Zimmer für uns gemietet – wir bewohnten vorher ein wahres Hundeloch – und es bezahlt, Sir; auch ist er bei Nacht zu uns gekommen, damit es niemand erfahren sollte. Ja, Herr Weller«, fügte Job, diesmal mit wirklichen Tränen in den Augen hinzu, »diesem Gentleman könnte ich dienen, bis ich tot zu seinen Füßen niedersänke.« »Bemühen Sie sich nicht, mein Freund«, entgegnete Sam, »kein Wort mehr.« Job Trotter sah ihn verwundert an. »Kein Wort mehr, junger Mann, sage ich«, wiederholte Sam fest. »Niemand dient ihm, als ich. Und da wir gerade daran sind, so will ich Sie noch in ein Geheimnis einweihen«, fügte Sam hinzu, indem er das Bier bezahlte. »Ich habe niemals gehört, oder in Geschichtsbüchern gelesen, oder auf Gemälden etwas gesehen von Engeln mit knappen Beinkleidern und Gamaschen – ja auch nicht einmal in Komödien, so viel ich mich erinnere, obgleich das auch aus andern Gründen geschehen sein mag: aber merken Sie sich's, Job Trotter, er ist dessenungeachtet ein ganz echter und vollkommener Engel, und den Mann möchte ich sehen, der mir zu sagen wagte, er kenne eine besseren.« Mit dieser Herausforderung steckte Herr Weller das herausbekommene Geld in eine Seitentasche, und unter bekräftigenden Winken und Gesten machte er sich auf, den Gegenstand seiner Rede zu suchen. Sie fanden Herrn Pickwick auf dem Ballplatze, in einem sehr ernsthaften Gespräch mit Jingle begriffen. Er würdigte die buntscheckigen hier versammelten Gruppen keines Blickes, obschon sie es wohl verdient hätten, daß man sie wenigstens aus Neugier etwas näher ins Auge faßte. »Gut«, sagte Herr Pickwick, als Sam und sein Begleiter näher kamen, »Sie werden sehen, wie Ihre Gesundheitsumstände sich gestalten, und die Sache inzwischen näher überlegen. Machen Sie mir eine Berechnung, sobald Sie sich stark genug fühlen; ich will es dann bedenken und weiter mit Ihnen sprechen. Jetzt gehen Sie auf Ihr Zimmer. Sie sind müde und dürfen nicht zu lange außen bleiben.« Ohne ein Wort zu sprechen, ohne einen Funken von seiner alten Lebhaftigkeit oder auch nur von der trübseligen Heiterkeit, die er angenommen hatte, als Herr Pickwick zum ersten Mal in seinem Elend auf ihn stieß, verbeugte sich Herr Alfred Jingle tief, winkte Job, ihm noch nicht zu folgen, und ging langsam hinweg. »Eine kuriose Szene das, nicht wahr, Sam?« sagte Pickwick, vergnügt um sich blickend. »Ja, sehr kurios, Sir«, erwiderte Sam. »Die Wunder hören ja gar nicht auf«, fügte er mit sich selbst sprechend hinzu. »Ich müßte mich sehr irren, wenn dieser Jingle da sich nicht mit dem Wasserkarrengeschäft abgegeben hat.« Der freie Raum, den die Mauer in dem Teile des Fleet, wo Herr Pickwick stand, bildete, war gerade groß genug, um einen passenden Ballplatz abzugeben. Die eine Seite bestand, wie sich von selbst begreift, aus der Mauer selbst, die andere aus dem Teile des Gefängnisses, der nach der St.-Pauls-Kirche Berühmte alte Kirche und Wahrzeichen Londons. zu lag. Hier schlenderten oder saßen in allen möglichen Stellungen gedankenlosen Müßiggangs eine Masse Schuldner herum, die größtenteils im Gefängnis den Tag abzuwarten hatten, wo ihre Sache vor dem Zahlungsunfähigkeits- Gericht verhandelt werden sollte, während andere auf verschiedene Termine verwiesen waren, die sie so gut wie möglich hinwegzufaulenzen sich bemühten. Einige waren schäbig gekleidet, andere geputzt, die meisten schmutzig und nur wenige reinlich: alle aber hungerten, waren Tagediebe und schlichen ohne Absicht und Zweck herum, wie die Tiere in einer Menagerie. An den Fenstern, die die Aussicht auf den Spaziergang beherrschten, räkelten sich ebenfalls eine Menge Leute: Einige in geräuschvoller Unterhaltung mit ihren Bekannten unten begriffen, andere die Bälle auffangend und zurückschleudernd, die ihnen von außen zugeworfen wurden, noch andere den Ballspielern zusehend oder das lärmvolle Getreibe der Kinder überwachend. Schmutzige Weibspersonen mit abgetretenen Schuhen gingen hin und wieder nach der Küche, die sich in einem Winkel des Ballplatzes befand. Kinder schrien, balgten sich herum und spielten miteinander; das Gerassel der Kegel, das Geschrei der Spielenden vermischte sich unaufhörlich mit diesen und hundert andern Tönen. Ringsumher nichts als Getöse und Getümmel, nur in dem kleinen elenden Schuppen wenige Schritte davon nicht, wo ruhig und blaß der Leib des in der vorigen Nacht gestorbenen Kanzleigefangenen lag und das Possenspiel einer Totenschau erwartete. Der Leib! Dies ist der gerichtsgesetzliche Ausdruck für die ruhelos wirbelnde Masse von Sorgen und Ängsten, Gemütsbewegungen, Hoffnungen und Bekümmernissen, die den lebenden Menschen ausmachen. Dem Gesetz war sein Leib verfallen, und da lag er, in's Grabtuch eingehüllt, ein schauderhafter Zeuge für dessen zärtliche; mitleidsvolle Fürsorge. »Wünschen Sie vielleicht einen Pfeifladen zu sehen, Sir?« fragte Job Trottet. »Was verstehen Sie darunter?« fragte Herr Pickwick. »Ein Pfeifladen, Sir?« fiel Herr Weller ein. »Was ist das, Sam? – etwa der Laden eines Vogelhändlers?« fragte Herr Pickwick. »Gott bewahre«, erwiderte Job; »ein Pfeifladen, Sir, ist ein Laden, wo geistige Getränke verkauft werden!« Herr Job Trotter setzte sofort kurz auseinander, es sei bei schwerer Strafe verboten, Spirituosen in die Schuldgefängnisse einzuführen. Da jedoch diese Artikel bei den allda befindlichen Ladies und Gentlemen in hohem Werte stehen, so sei ein spekulativer Schließer auf den sinnreichen Einfall geraten, zwei oder drei Gefangenen gegen gewisse einträgliche Erkenntlichkeiten den Kleinhandel mit ihrem Lieblingsartikel, Wacholderbeerbranntwein genannt, zu ihrem eigenen Nutzen und Vorteil zu gestatten. »Dieses System«, fügte Herr Trotter hinzu, »ist, wie Sie sich überzeugen können, allmählich in allen Schuldtürmen eingeführt worden.« »Ja«, sagte Sam, »und es hat den außerordentlichen Vorteil, daß die Schließer äußerst bedacht sind, jedermann, der diese Schlechtigkeit begehen will, ohne sie bezahlt zu haben, abzufangen, worauf die Sache in die Zeitungen kommt und sie wegen ihrer Wachsamkeit belobt werden. So fangen sie zwei Mücken auf einmal; andere Leute werden von dem Handel abgeschreckt, und sie selbst stellen sich in ein besseres Licht bei ihren Vorgesetzten.« »Sehr wahr, Herr Weller«, bemerkte Job. »Gut, aber werden denn diese Zimmer nie untersucht, ob keine geistigen Getränke eingeschmuggelt sind?« fragte Herr Pickwick. »Freilich, Sir«, erwiderte Sam; »aber die Schließer wissen es vorher und melden es den Pfeifern; dann pfeift man dem Untersuchungsbeamten etwas, wenn er kommt.« Mittlerweile hatte Job an eine Tür geklopft, die von einem Gentleman mit ungekämmtem Kopf geöffnet wurde. Er verriegelte sie sogleich wieder, als sie darin waren, und die Zähne fletschte, worauf Job ebenfalls die Zähne fletschte und Sam desgleichen. Herr Pickwick aber, in der Meinung, man erwarte dies von ihm, lächelte während der ganzen Dauer des Besuchs unausgesetzt. Der Gentleman mit dem ungekämmten Kopf schien von dieser stummen Ankündigung ihres Begehrens vollkommen befriedigt. Er zog einen platten steinernen Krug, der etwa zwei Quart halten mochte, unter seiner Bettstelle hervor und schenkte drei Gläser Wacholderbranntwein ein, über die Job Trotter und Sam auf sehr fachmännische Weise verfügten. »Noch ein Gläschen?« fragte der pfeifende Gentleman. »Nein«, erwiderte Job Trotter. Herr Pickwick bezahlte, die Tür wurde aufgeriegelt, und sie gingen hinaus, wobei der ungekämmte Gentleman Herrn Roker, den sein Weg in diesem Augenblick zufällig vorbeiführte, freundlich zuwinkte. Herr Pickwick durchwanderte von da an noch sämtliche Galerien, ging alle Treppen auf und ab, und machte noch einmal die Runde um den ganzen Hofraum. Die große Masse der Bevölkerung des Gefängnisses schien auf und ab der Rasse Mivius oder Smangle, des Pfarrers, des Metzgers oder des Roßmaklers anzugehören. In allen Winkeln, den besten, wie den schlechtesten, derselbe Schmutz, dasselbe Getümmel und Getöse, dieselben allgemeinen Merkmale. In dieser ganzen Sphäre ein ruhelos verworrenes Umhertreiben: die Leute drängten und wälzten sich hin und her gleich den Schatten in einem unbehaglichen Traum. »Jetzt habe ich genug gesehen«, sagte Herr Pickwick, als er sich auf seinem kleinen Zimmer in einen Stuhl warf. »Der Kopf tut mir weh von all diesen Szenen, und das Herz nicht minder. Ich will hinfort auf meinem eigenen Stübchen Gefangener bleiben.« Und Herr Pickwick verharrte standhaft bei diesem Beschlusse. Drei lange Monate blieb er den ganzen Tag eingeschlossen und stahl sich nur bei Nacht, wenn der größere Teil seiner Mitgefangenen im Bett war oder auf seinen Zimmern zechte, hinaus, um frische Luft zu schöpfen. Seine Gesundheit begann infolge dieses selbstauferlegten strengen Gewahrsam sichtbarlich zu leiden. Allein weder die vielfach wiederholten Bitten Perkers und seiner Freunde, noch die weit öfter wiederholten Warnungen und Mahnungen des Herrn Samuel Weller konnten ihn vermögen, auch nur ein Jota an seinem unbeugsamen Entschlusse zu ändern. Siebenundvierzigstes Kapitel. Erzählt einen rührenden, ober nicht betrüblichen Vorfall, herbeigeführt durch das Zartgefühl der Herren Dodson und Fogg. Es war in der letzten Woche des Monats Juli, als eine Mietdroschke, jedoch ohne hintenanhängende Nummer, in raschem Trab die Goswellstraße hinauffuhr. Drei Personen waren darinnen eingepfercht, ohne den Kutscher, der, wie natürlich, seinen eigenen kleinen äußern Sitz auf der Seite hatte. Am ledernen Deckel hingen zwei Schals, allem Anschein nach zwei kleinen, streitsüchtig aussehenden Damen gehörig, zwischen denen, auf einen äußerst kleinen Umfang beschränkt, ein Gentleman von linkischem, unterwürfigem Benehmen eingezwängt saß, der, wenn er je eine Bemerkung zu machen wagte, jedesmal von einer der obenerwähnten streitsüchtigen Damen barsch angefahren wurde. Zu guter Letzt gaben die beiden Keiferinnen und der linkische Gentleman dem Kutscher widersprechende Anweisungen, die sämtlich auf den einen Punkt hinzielten, daß er vor Frau Bardells Tür anhalten solle, die, wie der linkische Gentleman in direkter Opposition gegen die streitsüchtigen Damen und ihnen zu Trotz behauptete, eine grüne Tür war und keine gelbe. »An dem Haus mit der grünen Tür halt' an, Schwager«, sagte der linkische Gentleman. »O du dummer, einfältiger Kerl!« rief eine der streitsüchtigen Ladies. »Nein, an dem Haus mit der gelben Tür, Kutscher!« Daraufhin ließ der Kutscher, der bei seiner hastigen Bemühung, am Haus mit der grünen Tür zu halten, das Pferd so straff angezogen hatte, daß es beinahe rückwärts in die Droschke hineinfiel, die Vorderfüße seiner Mähre wieder auf den Boden sinken und pausierte. »Wo soll ich denn halten?« fragte er. »Machen Sie es unter sich aus. Ich frage nur, wo?« Hier erneuerte sich der Streit mit vermehrter Heftigkeit, und da das Pferd in diesem Augenblick von einer Fliege an seiner Nase beunruhigt wurde, so verwandte der Kutscher humanerweise seine Aufmerksamkeit, nach dem Grundsatz des Gegenreizes mit der Peitsche um dessen Kopf herumzufuchteln. »Ein langweiliger Tag heute«, sagte endlich eine der streitsüchtigen Damen. »Das Haus mit der gelben Tür, Kutscher.« Als aber die Droschke in Pracht und Herrlichkeit vor dem Haus mit der gelben Tür vorfuhr, wobei es, wie eine der streitsüchtigen Ladies triumphierend bemerkte, »wahrhaftig mehr Lärm machte, als wenn einer in seinem eigenen Wagen kommt«, und der Kutscher bereits abgestiegen war, eine der Damen herauszuhelfen – siehe, da steckte sich auf einmal der kleine Rundkopf des Masters Thomas Bardell zum Fenster eines Hauses mit einer roten Tür, wenige Nummern weiter, heraus. »Eine ärgerliche Geschichte«, sagte die Keiferin, dem linkischen Gentleman einen vernichtenden Blick zuwerfend. »Ich bin nicht daran schuld, liebe Frau«, versetzte der Gentleman. »Sprich nicht mit mir, du Dummkopf!« erwiderte die Dame. »Das Haus mit der roten Tür, Kutscher. O, wenn je eine Frau mit einem boshaften Taugenichts betrogen worden ist, der seinen Stolz und sein Vergnügen darin sucht, sie bei jeder möglichen Gelegenheit vor Fremden zu blamieren, so bin ich'«!« »Sie sollten sich vor sich selbst schämen, Raddle«, sagte das andere Frauchen, das niemand anders war als Frau Cluppins. »Was habe ich denn getan?« fragte Herr Radle. »Sprich nicht mit mir, du Vieh; ich könnte mich sonst bewogen finden, mein Geschlecht zu vergessen und dich zu schlagen«, sagte Frau Raddle. Während dieses Zwiegesprächs führte der Kutscher höchst schimpflicherweise das Pferd am Zügel vor das Haus mit der roten Tür, das Master Bardell bereits geöffnet hatte. Wahrhaftig, eine niedrige, schmähliche Art, vor einem Freundeshaus anzukommen! – Kein ungestüm feuriges Heranfliegen von seiten des Tieres, kein Herabspringen und lautes Anklopfen von seiten des Kutschers, kein hastiges, knarrendes Aufreißen der Kutschentür, damit die Ladies nicht im Zug sitzen mußten, und dann der Mann, der die Schals bereithielt – gerade wie ein gemeiner Kutscher! Der ganzen Sache war der Eindruck bereits genommen – es wäre noch anständiger gewesen, zu Fuß zu erscheinen. »Nun, Tommy«, begann Frau Cluppins, »wie geht es deiner lieben Mutter?« »O, sehr gut«, erwiderte Master Bardell: »sie ist im Vorderzimmer – alles bereit. Ich bin auch bereit.« Hier steckte Herr Bardell seine Hände in die Taschen und trippelte auf der untersten Stufe der Haustreppe hin und her. »Geht sonst niemand mit, Tommy?« sagte Frau Cluppins, ihren Mantel zurechtmachend. »Frau Sanders auch«, erwiderte Tommy. »Und ich gleichfalls.« »Der verdammte Bube!« sagte die kleine Frau Cluppins. »Er denkt an nichts, als an sich selbst. Komm her, lieber Tommy!« »Da bin ich«, sagte Master Bardell. »Wer sonst noch, mein Lieber?« fuhr Frau Cluppins in einschmeichelnder Weise zu fragen fort. »Frau Rogers auch, erwiderte Master Bardell, seine Augen sehr weit aufreißend, als er mit dieser Kunde heranrückte. »Wie? die Dame, die bei euch wohnt?« rief Frau Cluppins. Herr Bardell steckte seine Hände noch tiefer in seine Taschen und nickte geradezu fünfunddreißigmal, um anzudeuten, daß es wirklich diese Dame und keine andere sei. »Wahrhaftig«, sagte Frau Cluppins, »das ist ja eine hübsche Gesellschaft!« »Ja, und wenn Sie wüßten, was wir in der Speisekammer haben, dann würden Sie erst so sagen«, versetzte Master Bardell. »Was ist's, Tommy?« sagte Frau Clupping liebkosend. »Du sagst es mir gewiß, Tommy.« »Nein, nein«, erwiderte Master Bardell, den Kopf schüttelnd und auf der Türschwelle hin- und hertänzelnd. »Der Blitzjunge!« murmelte Frau Cluppins. »Wie der kleine Spitzbube einen necken kann! Komm, Tommy, sag es deiner lieben Cluppy!« »Die Mutter hat gesagt, ich dürfe nicht«, entgegnete Master Bardell. »Ich bekomme auch etwas davon.« Und voll Freude über diese Aussicht tänzelte der frühreife Knabe mit vermehrter Lebhaftigkeit weiter. Während dieses Verhörs mit dem Kinde hatten Herr und Frau Raddle mit dem Kutscher Streit wegen des Fahrlohns, und als der Sieg sich für den letzteren entschieden hatte, wankte Frau Raddle die Treppe hinauf. »He, Marianne! was gibt's?« rief Frau Cluppins. »Ich zittere am ganzen Leibe, Betty«, stöhnte Frau Raddle. »Raddle ist auch gar kein Mann; er hängt mir alles an den Hals.« Das war gewiß nicht schön gegen den unglücklichen Herrn Raddle, der beim Beginn des Streits von seiner sanften Ehehälfte auf die Seite gestoßen worden war und den energischen Befehl erhalten hatte, sein Maul zu halten. Trotzdem war ihm keine Gelegenheit vergönnt, sich zu verteidigen: denn Frau Raddle entwickelte unzweideutige Zeichen einer Ohnmacht. Als Frau Bardell, Frau Sanders, ferner die Hausbewohnerin und ihre Magd vom Stubenfenster aus dies bemerkten, stürzten sie eifrig herbei und führten sie ins Haus, wobei sie alle zugleich sprachen und verschiedene Ausdrücke des Mitgefühls fallen ließen, als wäre die gute Frau eine der beklagenswertesten Sterblichen auf Erden. Sie wurde in das Vorderzimmer gebracht und auf ein Sofa niedergelassen. Die Dame vom ersten Stock rannte in den ersten Stock, kehrte mit einem Fläschchen Riechsalz zurück, und indem sie Frau Raddle in den Armen hielt, brachte sie das Riechsalz mit aller weiblichen Sorglichkeit und Zärtlichkeit an ihre Nase, bis diese Dame unter vielem Gestöhne und Sträuben endlich erklärte, es gehe ihr entschieden besser. »Ach, die Ärmste«, sagte Frau Rogers; »ich kann mir nur zu gut denken, wie es ihr ums Herz sein mag.« »Die Ärmste! ja, ich kann mir« auch denken«, sagte Frau Sanders. Und nun fingen die Damen alle im Verein an, zu klagen und zu jammern, sagten, sie könnten sich's denken, was es sei, und bemitleideten sie von ganzem Herzen; selbst das dreizehn Jahr alte und drei Fuß hohe Dienstmädchen murmelte sein Mitgefühl. »Aber was hat's denn gegeben?« fragte Frau Bardell. »Ach, was hat Sie so angegriffen, Madame?« fragte Frau Rogers. »O, ich bin abscheulich mißhandelt worden«, erwiderte Frau Raddle in vorwurfsvollem Ton. Sämtliche Damen warfen entrüstete Blicke auf Herrn Raddle. »Die ganze Sache ist die«, begann dieser unglückliche Gentleman vortretend: »als wir hier abstiegen, erhob sich ein Streit mit dem Droschkenkutscher – « Bei Erwähnung dieses Wortes stieß seine Frau ein lautes Geschrei aus, das jede weitere Erklärung unverständlich machte. »Sie würden besser daran tun, sie ganz uns zu überlassen, Raddle«, sagte Frau Cluppins. »So lange Sie da sind, wird es ihr nicht besser.« Sämtliche Damen stimmten in dieser Ansicht überein. Herr Raddle wurde aus dem Zimmer getrieben und angewiesen, sich im hintern Hofraum zu ergehen, was er auch etwa eine Viertelstunde Während dieses Zwiegesprächs führte der Kutscher höchst schimpflicherweise das Pferd am Zügel vor das Haus mit der roten Tür, das Master Bardell bereits geöffnet hatte. Wahrhaftig, eine niedrige, schmähliche Art, vor einem Freundeshaus anzukommen! – Kein ungestüm feuriges Heranfliegen von seiten des Tieres, kein Herabspringen und lautes Anklopfen von seiten des Kutschers, kein hastiges, knarrendes Aufreißen der Kutschentür, damit die Ladies nicht im Zug sitzen mußten, und dann der Mann, der die Schals bereithielt – gerade wie ein gemeiner Kutscher! Der ganzen Sache war der Eindruck bereits genommen – es wäre noch anständiger gewesen, zu Fuß zu erscheinen. »Nun, Tommy«, begann Frau Cluppins, »wie geht es deiner lieben Mutter?« »O, sehr gut«, erwiderte Master Bardell; »sie ist im Vorderzimmer – alles bereit. Ich bin auch bereit.« Hier steckte Herr Bardell seine Hände in die Taschen und trippelte auf der untersten Stufe der Haustreppe hin und her. »Geht sonst niemand mit, Tommy?« sagte Frau Cluppins, ihren Mantel zurechtmachend. »Frau Sanders auch«, erwiderte Tommy. »Und ich gleichfalls.« »Der verdammte Bube!« sagte die kleine Frau Cluppins. »Er denkt an nichts, als an sich selbst. Komm her, lieber Tommy!« »Da bin ich«, sagte Master Bardell. »Wer sonst noch, mein Lieber?« fuhr Frau Cluppins in einschmeichelnder Weise zu fragen fort. »Frau Rogers auch, erwiderte Master Bardell, seine Augen sehr weit aufreißend, als er mit dieser Kunde heranrückte. »Wie? die Dame, die bei euch wohnt?« rief Frau Cluppins. Herr Bardell steckte seine Hände noch tiefer in seine Taschen und nickte geradezu fünfunddreißigmal, um anzudeuten, daß es wirklich diese Dame und keine andere sei. »Wahrhaftig«, sagte Frau Cluppins, »das ist ja eine hübsche Gesellschaft!« »Ja, und wenn Sie wüßten, was wir in der Speisekammer haben, dann würden Sie erst so sagen«, versetzte Master Bardell. »Was ist's, Tommy?« sagte Frau Clupping liebkosend. »Du sagst es mir gewiß, Tommy.« »Nein, nein«, erwiderte Master Bardell, den Kopf schüttelnd und auf der Türschwelle hin- und hertänzelnd. »Der Blitzjunge!« murmelte Frau Cluppins. »Wie der kleine Spitzbube einen necken kann! Komm, Tommy, sag es deiner lieben Cluppy!« »Die Mutter hat gesagt, ich dürfe nicht«, entgegnete Master Bardell. »Ich bekomme auch etwas davon.« Und voll Freude über diese Aussicht tänzelte der frühreife Knabe mit vermehrter Lebhaftigkeit weiter. Während dieses Verhörs mit dem Kinde hatten Herr und Frau Raddle mit dem Kutscher Streit wegen des Fahrlohns, und als der – ein Versuch, der dadurch im Keime erstickt wurde, daß es dem lieben Jungen einfiel, hinterm Rücken der Großen ein halbes Glas von dem alten Portwein hinabzugießen, wodurch sein Leben auf einige Sekunden in Gefahr geriet – brach die Gesellschaft auf, um eine Kutsche nach Hampstead zu suchen. Diese fand sich bald, und in ein paar Stunden langten sie wohlbehalten im spanischen Teegarten an, wo des unglücklichen Herrn Raddle erste Handlung seiner Gemahlin beinahe einen Rückfall zuzog; denn sie bestand in nichts Geringerem, als daß er sieben Portionen Tee bestellte, während doch, wie die Damen alle einstimmig bemerkten, nichts leichter gewesen wäre, als daß Tommy aus irgendeiner andern beliebigen Tasse getrunken hätte, wenn es der Kellner nicht gerade sah, wodurch dann eine ganze Portion von dem teuren Tee erspart worden wäre. Aber die Sache ließ sich nun einmal nicht mehr ändern; das Teebrett kam mit sieben Ober- und sieben Untertassen und ebenso vielen Portionen Brot und Butter. Frau Bardell wurde einstimmig zur Präsidentin ernannt, Frau Rogers pflanzte sich zu ihrer Rechten, Frau Raddle zu ihrer Linken auf, und nun ging der Schmaus mit großer Lustigkeit und bestem Erfolg vor sich. »Wie herrlich es doch auf dem Lande ist!« seufzte Frau Rogers; »ich möchte das ganze Jahr da leben.« »Das kann unmöglich Ihr Ernst sein, Madame«, erwiderte Frau Bardell schnell; denn auf Rücksicht auf die zu vermietenden Wohnungen war es durchaus nicht ratsam, solche Ansichten zu er mutigen; »es würde Ihnen gewiß nicht gefallen, Madame.« »Meiner Ansicht nach«, sagte die kleine Frau Cluppins, »sind Sie viel zu lebhaft und gesellschaftlich, um gern auf dem Lande zu wohnen, Madame.« »Ja, das mag sein, Madame, das mag sein«, seufzte die Bewohnerin de« ersten Stocks. »Für einsame Leute, die niemand haben, der für sie sorgt oder für den sie selbst sorgen müssen, oder deren Gemüt verletzt ist, oder etwas der Art«, bemerkte Herr Raddle, einige Lustigkeit erringend und um sich blickend, »für solche Leute ist das Landleben ganz gut. Das Land ist für ein krankes Herz, pflegt man zu sagen.« Der unglückliche Mann hätte alles in der Welt sagen können, es wäre mehr am Platze gewesen, nur das nicht. Frau Bardell brach sogleich in Tränen aus und bat, man möchte sie augenblicklich vom Tische wegführen, worauf das liebe Kind ebenfalls höchst jämmerlich zu schreien begann. »Sollte man es glauben, Madame«, rief Frau Raddle, sich ingrimmig an die Bewohnerin des ersten Stocks wendend, »sollte man es glauben, daß man einen so dummen Esel zum Mann haben kann, der imstande ist, den ganzen Tag mit den Gefühlen des weiblichen Herzens Spott zu treiben?« »Aber, liebe Frau«, wandte Herr Raddle ein. »Ich habe es nicht bös gemeint, liebe Frau.« »Du hast es nicht bös gemeint?« wiederholte Frau Raddle mit unaussprechlicher Verachtung. »Geh' mir aus den Augen, ich kann dich nicht mehr ansehen, du Meerkalb.« »Sie müssen sich nicht so erhitzen, Marianne«, fiel Frau Cluppins ein. »Sie sollten wirklich auf sich selbst mehr Rücksicht nehmen, was Sie nie tun. – Gehen Sie jetzt, Raddle, Sie machen der guten Seele nur Kummer.« »Sie hätten besser daran getan, Sir, Ihren Tee für sich allein zu trinken«, sagte Frau Rogers, die dampfende Kanne aufs neue handhabend. Frau Sanders, die ihrer Gewohnheit gemäß sehr mit dem Butterbrot beschäftigt war, drückte dieselbe Ansicht aus, und Herr Raddle zog sich gänzlich zurück. Jetzt zappelte und wand sich Master Bardell, der fast schon zu groß zu solchen Liebkosungen war, gewaltig in den Armen seiner Mutter, bei welcher Operation er seine Stiefel auf den Teetisch brachte und einige Verwirrung unter den Tassen und Kannen anrichtete. Doch diese Art von Ohnmachtsanfällen, die bei den Frauen seuchenartig ist, dauert selten lange, und nachdem er sie tüchtig abgeküßt und auch ein wenig angeschrien hatte, kam Frau Bardell wieder zu sich, stellte ihn auf den Boden, wunderte sich, daß sie habe so närrisch sein können, und schenkte aufs neue Tee ein. In diesem Augenblick vernahm man das Gerassel herannahender Räder. Die Damen blickten auf und sahen eine Mietkutsche am Gartentor anhalten. »Da kommt noch mehr Gesellschaft«, sagte Frau Sanders. »Es ist ein Gentleman«, bemerkte Frau Raddle. »Ach du meine Güte! ist das nicht Herr Jackson, der junge Schreiber bei Dodson und Fogg?« rief Frau Bardell. »Lieber Himmel, am Ende hat Herr Pickwick doch die Entschädigung bezahlt.« »Oder er will Sie jetzt heiraten!« sagte Frau Cluppins. »Wahrhaftig, wie langsam der Gentleman ist!« rief Frau Rogers. »Warum tummelt er sich denn nicht?« Während sie diese Worte sprach, wandte sich Herr Jackson von der Kutsche ab, wo er einige Bemerkungen an einen schäbig gekleideten Mann in schwarzen Beinkleidern gerichtet hatte, der soeben mit einem dicken Eschenstock in der Hand aus dem Wagen hervorgetaucht war, und ging, die Haare unter den Rand seines Hutes streichend, gerade auf die Damen zu. »Was gibt's? Ist etwas neues vorgefallen?« rief ihm Frau Bardell voll Eifer entgegen. »Ganz und gar nichts, Madame«, erwiderte Herr Jackson. »Wie geht es Ihnen, meine Gnädigen? Ich muß um Verzeihung bitten, daß ich mich eindränge – aber das Geschäft, meine Gnädigen, das Geschäft.« Mit dieser Entschuldigung lächelte Herr Jackson, verbeugte sich vor allen zugleich und strich sein Haar abermals hinauf. Frau Rogers flüsterte Frau Raddle zu, es sei wirklich ein scharmanter junger Mensch. »Ich war in der Goswellstraße«, fuhr Jackson fort, »und da ich von dem Mädchen hörte, daß Sie hier seien, nahm ich eine Kutsche und fuhr Ihnen nach. Meine Prinzipale bedürfen Ihrer sogleich in der Stadt, Frau Bardell.« »Um Gottes willen!« rief die Dame, erschrocken über diese plötzliche Mitteilung. »Ja«, sagte Jackson, sich in die Lippen beißend. »Es ist ein sehr wichtiges und dringendes Geschäft, das unter keinen Umständen aufgeschoben werden kann. Dodson hat es mir ausdrücklich gesagt, und Fogg ebenfalls. Ich habe die Kutsche eigens deshalb genommen, um Sie nach London zurückzuführen.« »Sehr merkwürdig!« rief Frau Bardell. Die Damen erklärten es ebenfalls für sehr merkwürdig, sprachen aber einstimmig ihre Ansicht dahin aus, die Sache müsse von großer Wichtigkeit sein, sonst würden Dodson und Fogg nicht nach ihr geschickt haben; und wegen dieser Dringlichkeit des Geschäfts solle sie sich unverzüglich zu ihrem Anwalt begeben. Es war Frau Bardell keineswegs unlieb, daß ihre Rechtsfreunde in so besonderer Eile nach ihr verlangten. Sie glaubte dadurch sowohl überhaupt, als namentlich auch in den Augen der Bewohnerin ihres ersten Stocks bedeutend an Wichtigkeit zu gewinnen, ein Gedanke, der ihrer Eitelkeit nicht wenig schmeichelte. Sie lachte ein bißchen, stellte sich, als ob es ihr höchst unangenehm wäre und sie sich nicht entschließen könnte, kam aber doch zuletzt zu der Meinung, sie glaube, gehen zu müssen. »Aber wollen Sie nach Ihrer Fahrt nicht eine kleine Erfrischung einnehmen, Herr Jackson?« fragte Frau Bardell in einladendem Ton. »Ich danke vielmal, habe wirklich keine Zeit zu verlieren«, erwiderte Jackson; »auch habe ich einen Freund bei mir«, fuhr er fort, indem er auf den Mann mit dem Eschenstock sah. »Aber so bitten Sie doch Ihren Freund hierher, Sir«, sagte Frau Bardell. »Rufen Sie ihn doch zu uns, Sir.« »Nein, ich danke sehr«, erwiderte Herr Jackson einigermaßen verlegen. »Er ist an Damengesellschaft nicht gewöhnt und wird da immer ganz blöde. Wenn Sie dem Kellner auch den Auftrag geben wollten, ihm ein Gläschen zu bringen, er würde es wahrhaftig nicht annehmen. – Doch, Sie können ja einen Versuch machen.« Herrn Jacksons Finger wanderten dabei spielend um seine Nase, um seine Zuhörerinnen aufmerksam zu machen, daß er ironisch spreche. Der Kellner wurde alsbald an den blöden Gentleman entsandt, und der blöde Gentleman genehmigte etwas; Herr Jackson genoß ebenfalls etwas und die Damen genossen, ihrem Gaste zu Ehren, auch noch etwas. Herr Jackson sagte sofort, er fürchte, es sei die höchste Zeit zu gehen, worauf Frau Sanders, Frau Cluppins und Tommy, die der Verabredung gemäß Frau Bardell begleiten und die übrigen dem Schutz des Herrn Raddle überlassen sollten, sich alsbald in die Kutsche verfügten. »Jsack«, sagte Jackson, als Frau Bardell sich anschickte, einzusteigen und blickte dabei den Mann mit dem Eschenstock an, der auf dem Bock saß und eine Zigarre rauchte. »Sir.« »Das ist Frau Bardell.« »O, ich wußte es schon lange«, sagte der Mann. Frau Bardell stieg ein, Herr Jackson gleichfalls, und sie fuhren fort. Frau Bardell konnte nicht umhin, sich allerhand Gedanken darüber zu machen, was Herrn Jacksons Freund wohl gemeint habe. »Schlaue Gesellen, diese Anwälte«, meinte sie: »Gott steh uns bei, wie sie die Leute überall ausfindig zu machen wissen.« »Ein verdrießliches Ding um unsere Prozeßkosten«, sagte Jackson, als Frau Cluppins und Frau Sanders eingeschlafen waren: »die Kosten für Ihren Prozeß, meine ich. »Es tut mir sehr leid, daß Sie nicht dazu kommen können«, versetzte Frau Bardell. »Aber wenn ihr Anwälte solche Sachen auf Spekulation übernehmt, so müßt ihr euch dann und wann auch einen Verlust gefallen lassen.« »Sie haben Ihnen aber, soviel ich weiß, nach dem Prozeß eine Erkenntlichkeitsbestätigung für die Kosten ausgestellt«, sagte Jackson. »Ja, aber bloß der Form wegen«, erwiderte Frau Bardell. »Gewiß«, versetzte Jackson trocken. »Eine bloße Formsache – bloße Formsache.« Sie fuhren weiter und Frau Bardell druselte ein. Nach einiger Zeit wurde sie durch das Anhalten der Kutsche geweckt. »Mein Gott«, sagte die Dame, »sind wir schon in Freemans Court?« »Wir fahren nicht ganz so weit«, erwiderte Jackson. »Haben Sie die Güte, hier auszusteigen.« Frau Bardell tat es noch schlaftrunken. Es war ein sonderbarer Platz: – eine große Mauer mit einem Tor in der Mitte, und innen brannte ein Gaslicht. »Nun, meine Damen«, rief der Mann mit dem Eschenstock, in die Kutsche hineinsehend und Frau Sanders aus dem Schlafe rüttelnd: »kommen Sie!« Frau Sanders weckte ihre Freundin und stieg aus. Frau Bardell war, an Jacksons Arm gelehnt und Tommy bei der Hand führend, bereits zum Portal eingegangen. Die übrigen folgten. Der Raum, in den sie jetzt traten, sah noch weit sonderbarer aus, als das Portal. Es standen so viele Leute herum und sie starrten einen so an! »Wo sind wir denn?« fragte Frau Bardell, stehenbleibend. »Bloß in einem unserer öffentlichen Büros«, erwiderte Jackson, sie schnell durch eine Tür ziehend und um sich blickend, ob die übrigen Damen nachfolgten. »Passen Sie gut auf, Isack.« »Soll gar nicht fehlen«, erwiderte der Mann mit dem Eschenstock. Die Tür wurde rasch hinter ihnen zugeschlagen, und sie stiegen eine kleine Treppe hinab. »Endlich wären wir da. Es ist alles nach Wunsch gegangen, Frau Bardell«, sagte Jackson, triumphierenden Blickes um sich schauend. »Was meinen Sie damit?« fragte Frau Bardell mit klopfendem Herzen. »Nichts Besonderes«, erwiderte Jackson, sie ein bißchen auf die Seite ziehend: »erschrecken Sie nur nicht, Frau Bardell. Es gibt keinen zartfühlenderen Mann als Dodson und keinen billigdenkenderen als Fogg. Als Geschäftsmänner wäre es ihre Pflicht gewesen. Ihnen wegen der Kosten Exekution einlegen zu lassen! aber sie wünschten um jeden Preis, Ihre Gefühle möglichst zu schonen. Wie tröstlich muß Ihnen der Gedanke sein, daß es so gegangen ist! Wir sind im Fleet, Madame. Wünsche Ihnen gute Nacht, Frau Bardell. Gute Nacht, Tommy.« Da Jackson jetzt in Gesellschaft des Mannes mit dem Eschenstock davoneilte, so führte ein anderer Mann mit einem Schlüssel in der Hand, der bisher bloß zugeschaut hatte, die bestürzten Damen an eine zweite kleine Treppe, die zu einem Tor führte. Frau Bardell schrie laut auf: Tommy heulte; Frau Cluppins schauerte zusammen, und Frau Sanders nahm ohne weiteres Reißaus. Denn hier stand der schwerbeleidigte Herr Pickwick, der eben auf seinem nächtlichen Spaziergange begriffen war, und neben ihm lehnte Samuel Weller, der, als er Frau Bardell erblickte, mit spöttischer Ehrerbietung seinen Hut abnahm, während sein Gebieter unwillig ihr den Rücken zukehrte. »Vexieren Sie die Frau nicht«, sagte der Schließer zu Weller: »sie ist soeben angekommen.« »Als Gefangene?« sagte Sam, schnell den Hut wieder aufsetzend, »Wer sind die Kläger? Warum? Sprich, alter Knabe!« »Dodson und Fogg«, erwiderte der Mann: »Exekution wegen Prozeßkosten.« »He da, Job! Job!« rief Sam, sich in den Gang stürzend, »laufen Sie so schnell als Sie können zu Herrn Perker. Ich wünsche ihn sogleich zu sprechen. Das kann zu etwas Gutem führen. Ein Kapitalspaß! Hurra! Juchhe! Wo ist der Prinzipal?« Aber diese Fragen blieben sämtlich unbeantwortet: denn Job war gleich nach Empfang seines Auftrags wie wild davongerannt: Frau Bardell aber war in wirklichem vollen Ernst in Ohnmacht gesunken.   Achtundvierzigstes Kapitel. Ist hauptsächlich Geschäftsangelegenheiten und dem zeitlichen Vorteil der Herren Dodson und Fogg gewidmet. – Herr Winkle tritt unter außerordentlichen Umständen wieder auf, und Herrn Pickwicks Wohlwollen erweist sich stärker als seine Hartnäckigkeit. Job Trotter rannte, ohne von seiner Eilfertigkeit im mindesten abzulassen, Holborn hinauf, bald mitten in der Straße, bald auf dem Pflaster und bald in der Rinne, je nachdem die Gelegenheiten zu gehen mit dem Gedränge der Männer, Weiber, Kinder und Wagen auf jedem Teil des Weges abwechselten. Ohne auf irgendein Hindernis Rücksicht zu nehmen, blieb er keinen Augenblick stehen, bis er das Tor von Grays Inn erreicht hatte. Trotz aller seiner Hast war aber das Tor schon eine gute halbe Stunde geschlossen, als er davor anlangte. Er sah sich daher um und machte endlich Herrn Perkers Wäscherin ausfindig, die mit einer verheirateten Tochter zusammenlebte. Diese hatte ihre Hand fürs Leben einem nicht in London residierenden Kellner gegeben und bewohnte ein paar Zimmer in einer Straße dicht bei einer Brauerei etwas hinter Grays Inn Lane. Es waren noch fünfzehn Minuten bis zur allnächtlichen Schließungszeit des Gefängnisses. Herr Lowten mußte aus dem hinteren Zimmer der Elster herausgeklopft werden, und Job hatte dies Geschäft kaum vollendet und Sam Wellers Botschaft mitgeteilt, als die Glocke zehn Uhr schlug. »Es ist zu spät«, sagte Lowten. »Sie können nicht mehr hineinkommen, oder haben Sie vielleicht den Schlüssel, mein Platze wären?« [**hier fehlt offenbar etwas] »Sorgen Sie nicht für mich«, erwiderte Job; »ich kann überall schlafen. Aber würde es nicht besser sein, Herrn Perker heute nacht noch aufzusuchen, damit wir morgen in aller Frühe auf dem Platze wären?« »Meinetwegen«, versetzte Lowten nach kurzer Überlegung. »Wenn es sich um irgend etwas anderes handelte, so würde Herr Perker über einen so späten Besuch sehr ungehalten sein; da es aber Herrn Pickwicks Sachen sind, so glaube ich wohl, einen Wagen nehmen und bei den Kosten berechnen zu dürfen.« Nachdem Herr Lowten sich zu dieser Maßregel entschlossen hatte, nahm er seinen Hut, bat die versammelte Gesellschaft, während seiner zeitlichen Abwesenheit einen andern Präsidenten zu ernennen, steuerte auf den nächsten Kutschenplatz los, bestellte den Wagen, dessen Aussehen am meisten versprach, und befahl dem Kutscher, nach dem Montagueplatz, Russell Square zu fahren. Herr Perker gab an diesem Tage einen Schmaus, wie aus den Lichtern hinter den Fenstern des Gesellschaftzimmers, aus den Tönen eines vervollkommneten großen Pianos, aus einer daraus hervordringenden, aber der Vervollkommnung noch sehr bedürftigen Stimme und dem beinahe überwältigenden Speiseduft im Entree zur Genüge hervorging. Da zufällig einige recht gute Kunden vom Lande zu gleicher Zeit in die Stadt gekommen waren, so hatte sich zu ihrem Empfang ein angenehmes Gesellschaftchen zusammengefunden, bestehend aus Herrn Snicks, dem Sekretär der Lebensversicherung, aus Herrn Prosee, dem ausgezeichneten Rechtskonsulenten, aus drei Anwälten, einem Kommissar vom Fallitengericht, einem speziellen Advokaten vom Temple, einem kleinäugigen, schmissigen jungen Gentleman, seinem Mündel, der ein scharfes Buch über das Legatengesetz mit einer ungeheuren Menge Randnoten und Zitaten geschrieben hatte, und mehreren andern hervorragenden, ja wirklich ausgezeichneten Personen. Von dieser Gesellschaft machte sich der kleine Herr Perker los, als ihm die Ankunft seines Schreibers zugeflüstert wurde. Er begab sich in das Speisezimmer und traf dort Herrn Lowten und Job Trotter beim trüben Dämmerschein eines Küchenlichtes, das der Gentleman, der sich herabließ, gegen vierteljährlichen Lohn in kurzen Plüschhosen und wollenen Strümpfen zu erscheinen, mit gebührender Verachtung für den Schreiber und für alle das Geschäft berührenden Dinge auf den Tisch gestellt hatte. »Nun, Lowten«, sagte der kleine Perker, die Tür schließend, »was gibt's? Sind wichtige Briefe angekommen?« »Nein, Sir«, erwiderte Lowten; »aber da ist ein Bote von Herrn Pickwick, Sir.« »Von Pickwick?« fragte das kleine Männchen, sich schnell zu Job wendend. »Nun, was will er?« »Dodson und Fogg haben Frau Bardell wegen der Prozeßkosten verhaften lassen«, sagte Job. »S'ist nicht möglich!« rief Perker, seine Hände in die Taschen steckend und sich rücklings an den Kredenztisch lehnend. »Es ist wirklich so«, sagte Job. »Wie es scheint, haben sie sich von ihr unmittelbar nach der Gerichtsverhandlung eine Erkenntlichkeitsbestätigung für die Prozeßkosten ausstellen lassen.« »Bei Gott!« rief Herr Perker, beide Hände aus den Taschen ziehend und die Knöchel seiner Rechten an die Fläche der Linken schlagend, »das sind doch die gerissensten Kerle, mit denen ich je zu tun gehabt habe.« »Die abgefeimtesten Spitzbuben, die mir je vorgekommen sind, Sir«, bemerkte Lowten. »Abgefeimt?« wiederholte Perker. – »Ja, allerdings, es ist ihnen nicht beizukommen.« »Sehr wahr, Sir«, erwiderte Lowten. Und dann sannen beide, Meister und Geselle, einige Sekunden lang recht lebhaft nach, gleich als ob sie über eine der schönsten und sinnreichsten Entdeckungen nachdächten, die der menschliche Verstand je ausgeklügelt. Als sie sich einigermaßen von ihrer Bewunderungsverzückung erholt hatten, entledigte sich Job Trotter des Restes seines Auftrags. Perker nickte gedankenvoll mit dem Kopfe und zog seine Uhr heraus. »Schlag zehn Uhr will ich dort sein«, sagte der kleine Mann. »Sam hatte vollkommen recht. Sagen Sie ihm das. Darf ich Ihnen ein Glas Wein anbieten, Lowten?« »Nein, ich danke Ihnen, Sir.« »Sie meinen ›Ja‹, denke ich«, sagte das Männlein, sich an den Kredenztisch wendend, um eine Flasche und Gläser zu holen. Da Lowten wirklich ›Ja‹ meinte, so verlor er kein Wort mehr über die Sache, sondern fragte Job mit einem hörbaren Flüstern, ob das gegenüber vom Kamin hängende Porträt Perkers nicht zum Sprechen ähnlich sei, worauf Job natürlich antwortete, ja, es sei so. Inzwischen war der Wein eingeschenkt, und Lowten trank die Gesundheit der Frau Perker und ihrer Kinder, und Job trank die Gesundheit des Herrn Perker. Da der Gentleman in den kurzen Plüschhosen und wollenen Strümpfen es nicht für seine Amtspflicht hielt, den Leuten zum Büro hinauszuleuchten, lehnte er es beharrlich ab, dem Geklingel zu entsprechen, und sie mußten den Weg selbst suchen. Der Anwalt verfügte sich in sein Besuchzimmer, der Schreiber in die Elster zurück, und Job ging auf den Covent-Garden-Markt, um die Nacht in einem Gemüsekorb zu verbringen. Pünktlich zur bestimmten Stunde klopfte am andern Morgen der heitere kleine Anwalt an Herrn Pickwicks Tür, die von Sam Weller recht munter geöffnet wurde. »Herr Perker, Sir«, sagte Sam, den Besuch Herrn Pickwick ankündigend, der gedankenvoll am Fenster saß. »Sehr erfreut, daß Sie gelegentlich auch einmal nach uns sehen, Sir. Ich denke, der Prinzipal möchte gern einige Worte mit Ihnen sprechen, Sir.« Perker warf einen Blick des Einverständnisses auf Sam, um ihm zu bedeuten, er verstehe schon, daß er nicht sagen solle, man habe nach ihm geschickt. Dann winkte er ihn zu sich und flüsterte ihm etwas ins Öhr. »Nicht möglich, Sir!« rief Sam, in der äußersten Überraschung einige Schritte zurückfahrend. Perker nickte und lächelte. Herr Samuel Weller blickte den kleinen Advokaten, dann Herrn Pickwick, dann die Stubenecke, dann wieder Herrn Perker an, grinste, lachte laut auf, nahm endlich seinen Hut vom Nagel und verschwand ohne eine weitere Erklärung. »Was soll das bedeuten?« fragte Herr Pickwick, indem er Perker verwundert anblickte. »Was ist mit Sam los?« »O nichts, nichts«, erwiderte Perker. »Kommen Sie, mein lieber Herr, rücken Sie Ihren Stuhl an den Tisch. Ich habe viel mit Ihnen zu sprechen.« »Was sind das für Papiere?« fragte Herr Pickwick, als der kleine Mann ein mit roter Schnur zusammengebundenes Paket Dokumente auf den Tisch legte. »Die Papiere in der Sache Bardell und Pickwick«, erwiderte Perker, den Knoten mit den Zähnen öffnend. Herr Pickwick stieß die Füße seines Stuhles gegen den Boden, warf sich sodann hinein, faltete seine Hände und blickte seinen Rechtsfreund grimmig an, wenn anders Herr Pickwick grimmig blicken konnte. »Sie hören diesen Namen nicht gern?« fragte der kleine Mann, noch immer mit dem Knoten beschäftigt. »Nein, wirklich nicht«, entgegnete Herr Pickwick. »Tut mir leid«, fuhr Perker fort; »denn eben darüber möchte ich mit Ihnen sprechen.« »Von dieser Sache darf zwischen uns keine Rede mehr sein, Perker«, unterbrach ihn Herr Pickwick hastig. »Gemach, gemach! mein teurer Sir«, sagte der kleine Mann, das Paket aufbindend und Herrn Pickwick anblickend. »Wir müssen davon sprechen. Ich bin ausdrücklich deshalb hierher gekommen. Sind Sie bereit, mich anzuhören, mein lieber Herr? Es hat keine Eile: wenn es Ihnen nicht genehm ist, so kann ich warten. Ich habe die Zeitungen von heute früh mitgenommen. Sie dürfen nur sagen, wann es Ihnen paßt. So.« Mit diesen Worten schlug der kleine Mann ein Bein über das andere und gab sich den Anschein, als begänne er mit großer Ruhe und Aufmerksamkeit zu lesen. »Gut, gut«, sagte Herr Pickwick mit einem Seufzer, worauf aber unmittelbar ein Lächeln folgte; »sprechen Sie, was Sie zu sagen haben. Ohne Zweifel immer wieder die alte Geschichte?« »Nur mit einem Unterschied, mein lieber Herr, mit einem Unterschied«, versetzte Perker, indem er sein Zeitungsblatt bedächtig zusammenlegte und wieder in die Tasche steckte. »Frau Bardell, die Klägerin in diesem Prozeß, befindet sich innerhalb dieser Mauern, Sir.« »Das weiß ich«, war Herrn Pickwicks Antwort. »Sehr gut!« erwiderte Perker. »Und ohne Zweifel wissen Sie auch, wie sie hierher gekommen ist; ich meine, aus was für Gründen und auf wessen Verlangen?« »Ja; wenigstens hat mir Sam davon gesagt«, versetzte Herr Pickwick mit erkünstelter Gleichgültigkeit. »Sams Erzählung«, erwiderte Perker, »ist gewiß vollkommen richtig; wenigstens möchte ich es zu behaupten wagen. Nun, mein lieber Herr, die erste Frage, die ich an Sie zu richten habe, ist, ob die Frau hierbleiben soll?« »Hierbleiben!« wiederholte Herr Pickwick. »Ja, hierbleiben, mein teurer Sir«, entgegnete Perker, sich in seinen Stuhl zurücklehnend und seinen Klienten fixierend. »Wie können Sie mich so fragen?« sagte dieser Gentleman. »Es hängt ganz von Dodson und Fogg ab. Sie wissen das recht gut.« »Nein, ich weiß nichts davon«, entgegnete Perker fest. »Es hängt mitnichten von Dodson und Fogg ab. Sie kennen die Leute ebensogut wie ich, mein teurer Sir: es hängt ganz und gar nur von Ihnen ab.« »Von mir?« rief Herr Pickwick, von seinem Stuhle aufspringend und sich gleich wieder setzend. Der kleine Mann klopfte zweimal auf den Deckel seiner Schnupftabaksdose, öffnete sie, nahm eine große Prise, schlug die Dose zu und wiederholte: »Von Ihnen.« »Ja, mein lieber Herr«, fuhr der kleine Mann fort, der durch die Prise Zuversicht zu gewinnen schien; »ich sage, ihre schleunige Befreiung oder lebenslängliche Einkerkerung hängt von Ihnen ab, lediglich nur von Ihnen. Hören Sie mich gefälligst zu Ende, mein lieber Herr, und erhitzen Sie sich nicht so gewaltig; denn Sie kommen dadurch in Schweiß, und das hilft zu nichts. Ich sage«, fuhr Perker fort, indem er jeden Satz, den er vorbrachte, mit einem andern Finger bezeichnete, »ich sage, daß niemand als Sie die arme Frau aus dieser Höhle des Elends erlösen kann, und daß Sie das nur können, wenn Sie sämtliche Kosten dieses Prozesses, sowohl die für die Klägerin als für den Beklagten, diesen Gaunern vom Freemans Court, bezahlen. Lassen Sie mich gefälligst ruhig ausreden, mein lieber Herr.« Herr Pickwick, dessen Mienenspiel währenddem sich lebhaft betätigt hatte, und der eigentlich seinen Unwillen kräftig bekunden wollte, beschwichtigte dessenungeachtet seinen Zorn so gut wie möglich; und Herr Perker fuhr, indem er seine Überredungskraft durch eine neue Prise Schnupftabak stärkte, also fort: »Ich habe die Frau heute morgen gesehen. Wenn Sie die Prozeßkosten bezahlen, so kann Ihnen die Entschädigungssumme gänzlich erlassen werden, und überdies bekommen Sie von ihr – was, wie ich wohl weiß, in Ihren Augen von weit größerer Bedeutung ist, mein lieber Herr – eine freiwillige, eigenhändige Erklärung in der Form eines Schreibens an mich, daß diese Leute da, Dodson und Fogg, an dem ganzen Prozeß schuld, sind. Sie brachten nämlich Frau Bardell durch glänzende Vorspiegelungen auf den Gedanken zu prozessieren. Und weiter erhalten Sie die Erklärung, daß sie es aufs tiefste bedauert, sich zum Werkzeug ihrer Kränkungen und Beeinträchtigungen hergegeben zu haben, und daß sie mich dringend ersucht, die Sache zu vermitteln und Sie um Verzeihung anzuflehen.« »Wenn ich die Kosten für sie bezahle?« sagte Herr Pickwick entrüstet. »Wahrhaftig ein wertvolles Dokument!« »Es ist von keinem Wenn mehr die Rede, mein teurer Sir«, sagte Perker triumphierend, »Hier ist das Schreiben. Es wurde mir heute früh um neun Uhr von einer Frau auf mein Büro gebracht, ehe ich noch einen Fuß in dieses Haus gesetzt oder die geringste Unterhandlung mit Frau Bardell gepflogen hatte; das kann ich Sie auf Ehre versichern.« Und der kleine Advokat suchte den Brief aus dem Paket heraus, legte ihn an Herrn Pickwicks Seite nieder und schnupfte zwei Minuten hintereinander, ohne zu blinzeln. »Ist das alles, was Sie mir zu sagen haben?« sagte Herr Pickwick, etwas sanfter. »Noch nicht«, erwiderte Herr Perker. »Ich kann in diesem Augenblick noch nicht sagen, ob die Abfassung der Erkenntlichkeitbestätigung, die Natur des scheinbaren Kontrakts und der Beweis, den wir über das ganze Benehmen bei diesem Prozeß bekommen können, hinreichend sein wird, um eine Klage wegen eines Komplotts zur Betrügerei zu begründen. Ich fürchte, nein, mein lieber Herr; denn diese Herren sind gar zu schlau. Jedenfalls aber werden sämtliche Tatsachen zusammengenommen mehr als hinreichend sein, Sie in den Augen aller vernünftigen Menschen zu rechtfertigen. Und nun, mein lieber Herr, überlasse ich die Sache ganz Ihnen. Diese 150 Pfund oder was es sein mag, wenn man eine runde Summe annimmt, sind ja gar nichts für Sie. Eine Jury hat gegen Sie entschieden; ihr Ausspruch war ungerecht: allein die Geschworenen entschieden einmal, wie sie es für recht hielten, und der Spruch ist gegen Sie ausgefallen. Sie haben jetzt eine Gelegenheit, unter sehr annehmbaren Bedingungen eine weit höhere Stellung in der öffentlichen Meinung einzunehmen, als Sie durch Ihr Hierbleiben jemals erlangen können. Denn glauben Sie mir, mein lieber Herr, jeder, der Sie nicht kennt, wird es Ihnen als baren, verrückten, lächerlichen und abgeschmackten Eigensinn auslegen. Können Sie noch zögern, diese Gelegenheit zu benützen, wodurch Sie Ihren Freunden, Ihren alten Beschäftigungen und Vergnügungen zurückgegeben werden und Ihre Gesundheit wieder herstellen können? – eine Gelegenheit, die zugleich Ihren treuen anhänglichen Diener, den Sie sonst für die ganze Dauer Ihres Lebens zur Einkerkerung verurteilen, befreit – und vor allem eine Gelegenheit, die Sie in den Stand setzt, eine höchst großmütige Rache zu nehmen. Ich weiß, daß eine solche ganz Ihrem Herzen entspricht, wenn Sie diese Frau von einem Schauplatz des Elends und Lasters erlösen, wo man nach meiner Ansicht nicht einmal Männer einsperren sollte. Aber es ist vollends wahrhaft schauerlich und barbarisch, hier Damen einzusperren. Nun frage ich Sie, mein lieber Herr, nicht bloß als ihr juristischer Ratgeber, sondern als wohlmeinender treuer Freund, ob Sie die Gelegenheit, all das zu erreichen und all das Gute zu tun, unterlassen wollen wegen der armseligen Rücksicht auf ein paar Pfund, die in die Tasche zweier Schufte wandern? Diese werden dadurch auch nicht glücklicher, wohl aber nur um so habsüchtiger werden und sich vielleicht um so eher zu irgendeinem Bubenstreich verleiten lassen, der mit ihrem Sturze endet. So schwach und unzulänglich ich Ihnen alle diese Rücksichten auch vorgelegt haben mag, mein lieber Herr, so ersuche ich Sie doch, recht, recht gründlich zu überlegen. Ich werde geduldig wie ein Lamm auf Ihre Antwort harren.« Ehe Herr Pickwick erwidern konnte und ehe Herr Perker den zwanzigsten Teil der Prise zu sich genommen hatte, die eine so ungewöhnlich lange Rede gebieterisch erheischte, vernahmen sie ein leises Gemurmel von außen und dann ein schüchternes Klopfen an die Tür. »Mein Gott!« rief Herr Pickwick, den die letzten Bemerkungen seines Freundes sichtbarlich aufgeregt hatten; »wie ärgerlich, daß wir gestört werden! Wer ist da?« »Ich, Sir«, erwiderte Sam Weller, den Kopf hereinsteckend. »Ich kann dich jetzt nicht brauchen, Sam«, sagte Herr Pickwick. »Ich bin beschäftigt, Sam.« »Bitte um Verzeihung, Sir«, erwiderte Herr Weller. »Aber hier ist eine Dame, Sir, die sagt, sie habe Ihnen ganz besondere Mitteilungen zu machen.« »Ich kann jetzt keinen Damenbesuch annehmen«, entgegnete Herr Pickwick, dessen Geist lauter Gestalten, wie Frau Bardell, vorschwebten. »Das möchte ich doch nicht so bestimmt behaupten, Sir«, drängte Herr Weller kopfschüttelnd. »Wenn Sie wüßten, wer hier ist, Sir, so würden Sie, meine ich wohl, aus einem andern Ton pfeifen, wie der Habicht mit einem lustigen Lachen zu sich selbst sagte, als er das Rotkehlchen um die Ecke singen hörte.« »Wer ist's denn?« fragte Herr Pickwick. »Wollen Sie selbst sehen, Sir?« fragte Herr Weller, die Tür in der Hand haltend, als hätte er draußen irgendein lebendiges, merkwürdiges Tier. »Nun, so bring' sie einmal«, sagte Herr Pickwick, mit einem Blick auf Perker. »Recht so«, rief Sam, »jetzt geht der Tanz an. Die Geigen gestimmt, den Vorhang aufgezogen, und herein treten die zwei Verschwörer.« So sprechend riß Sam Weller die Tür auf, und herein stürmte Herr Nathanael Winkle, an seiner Hand dieselbe junge Dame führend, die in Dingley Dell die Pelzstiefelchen getragen hatte und jetzt – eine höchst anmutige Mischung von Erröten, Verwirrung, lila Seide und Spitzenschleierhut – reizender aussah als je. »Miß Arabella Allen!« rief Herr Pickwick, von seinem Stuhle aufspringend. »Nein«, erwiderte Herr Winkle, sich auf ein Knie niederlassend! »Frau Winkle. Verzeihen Sie, mein teurer Freund, verzeihen Sie!« Herr Pickwick mochte kaum seinen Sinnen trauen und würde es vielleicht auch nicht getan haben, wäre dieses Zeugnis nicht durch das lächelnde Gesicht Perkers, sowie durch die leibliche Anwesenheit Sams und des hübschen Hausmädchens im Hintergrund, die die Szene mit der lebhaftesten Befriedigung zu betrachten schienen, bekräftigt worden. »Ach, Herr Pickwick«, sagte Arabella mit leiser Stimme, als ob sein Stillschweigen sie beunruhigt hätte, »können Sie meine Unklugheit verzeihen?« Herr Pickwick antwortete nicht mit Worten, sondern nahm in großer Hast seine Brille ab, ergriff beide Hände der jungen Dame, küßte sie mehrmals, vielleicht öfter, als unbedingt notwendig war, und sagte dann, indem er fortwährend ihre eine Hand in der seinigen hielt, Herr Winkle sei ein verwünschter Schwerenöter, er solle übrigens nur aufstehen; was Herr Winkle auch, nachdem er gleich einem reuigen Sünder einige Sekunden lang mit dem Rande seines Hutes sich an der Nase gerieben hatte, alsbald tat. Herr Pickwick schlug ihn hierauf mehrere Male auf den Rücken und schüttelte sodann Herrn Perker herzlich die Hand, der, um mit seinen Komplimenten nicht zurückzubleiben, sowohl die junge Frau, als das hübsche Dienstmädchen voll Freundlichkeit begrüßte. Nachdem er Herrn Winkle aus lauter Freundschaft beinahe die Hand aus dem Gelenk gerissen hatte, beschloß er seine Freudenbezeugungen damit, daß er Schnupftabak genug nahm, um ein Halbdutzend Leute mit gewöhnlich konstruierten Nasen zeitlebens niesen zu machen. »Aber mein liebes Mädchen«, sagte Herr Pickwick endlich: »wie ist denn das alles gekommen? Setzen Sie sich zu mir und erzählen Sie. Wie sie so hübsch aussieht – nicht wahr, Herr Perker?« setzte Herr Pickwick hinzu und schaute dabei Arabella mit so viel Stolz und Wonne ins Angesicht, als ob sie seine eigene Tochter gewesen wäre. »Zum Entzücken, mein lieber Herr«, erwiderte der kleine Mann. »Wäre ich nicht selbst schon verheiratet, so könnte es mich ankommen, Sie zu beneiden. Sie Tausendsasa.« Bei diesen Worten klopfte der kleine Advokat Herrn Winkle auf den Rücken, und nun fingen sie beide an zu lachen, doch nicht so laut wie Herr Samuel Weller, der seinen Gefühlen soeben dadurch Luft verschafft hatte, daß er unter dem Schutz der Tür das hübsche Hausmädchen küßte. »Wahrhaftig, ich kann Ihnen nicht dankbar genug sein, Sammy«, sagte Arabella mit dem süßesten Lächeln, das sich denken läßt. »Ich werde Ihre Bemühungen im Garten zu Clifton nie vergessen.« »Sprechen Sie nicht davon, Madame«, erwiderte Sam. »Ich bin bloß der Natur zu Hilfe gekommen, Madame, wie der Doktor zur Mutter des Knaben sagte, als er ihn solange zur Ader gelassen hatte, bis er tot war.« »Setzen Sie sich doch, liebe Marie«, sagte Pickwick, diese Komplimente kurz abschneidend. »Und nun, wie lange sind Sie denn schon verheiratet?« Arabella blickte ihren Herrn und Gebieter verschämt an, und dieser erwiderte: »Erst drei Tage.« »Erst drei Tage?« fragte Herr Pickwick; »aber was habt Ihr denn in diesen drei Monaten getrieben?« »Ja, ja«, fiel Herr Perker ein, »rechtfertigen Sie sich nur wegen Ihrer Faulheit. Sie sehen, Herr Pickwick wundert sich nur darüber, daß Sie nicht schon vor Monaten ans Ziel gekommen sind.« , »Die Sache ging so zu«, erwiderte Herr Winkle, indem er seine errötende junge Frau ansah: »ich konnte Bella lange nicht überreden, davonzulaufen, und als es mir endlich gelungen war, wollte sich lange keine Gelegenheit dazu finden. Auch Marie mußte einen Monat zuvor aufkündigen, ehe sie ihren Platz verlassen konnte, und ihr Beistand war uns durchaus notwendig.« »Auf mein Wort«, rief Herr Pickwick, der inzwischen seine Brille wieder aufgesetzt hatte und mit soviel Entzücken seine Blicke von Arabella auf Winkle und von Winkle auf Arabella schweifen ließ, wie ein warmes Herz und freundliche, liebevolle Teilnahme nur einem menschlichen Antlitz verleihen kann – auf mein Wort, Ihr scheint sehr systematisch zu Werke gegangen zu sein. Und weiß Ihr Bruder schon alles, mein liebes Kind?« »Ach nein, nein«, erwiderte Arabella, die Farbe wechselnd, »Lieber Herr Pickwick, er darf es nur von Ihnen, – nur aus Ihrem Munde erfahren. Er ist so heftig, so voll von Vorurteilen, und hatte so – so lebhafte Wünsche für seinen Freund, Herrn Sawyer«, fügte sie, die Augen niederschlagend, hinzu, »daß ich die entsetzlichste Angst vor den Folgen habe.« »Ja, ja«, sagte Herr Perker ernsthaft. »Sie müssen diese Sache für sie ausfechten, mein lieber Herr. Vor Ihnen werden diese jungen Männer Respekt haben, wenn sie auf niemanden sonst hören: Sie müssen Unglück verhüten, mein lieber Herr. Heißes Blut – heißes Blut.« »Sie vergessen nur, liebes Kind«, sagte Herr Pickwick freundlich, »Sie vergessen nur, daß ich ein Gefangener bin,« »Nein, mein lieber Herr Pickwick«, erwiderte Arabella, »das nicht. Ich habe es nie vergessen und beständig daran gedacht, wie entsetzlich Sie an diesem abscheulichen Orte leiden müssen. Allein ich hoffte, wozu keine Rücksicht auf Ihre eigene Person Sie bewegen könnte, dazu würden Sie sich vielleicht durch Ihre Wünsche für unser Glück bestimmen lassen. Wenn mein Bruder es von Ihnen zuerst erfährt, so hoffe ich mit Bestimmtheit aus Versöhnung. Er ist mein einziger Verwandter in der Welt, Herr Pickwick, und wenn Sie nicht für mich sprechen, so fürchte ich, auch ihn verloren zu haben. Ich habe unrecht getan – sehr, sehr unrecht; ich weiß es wohl.« Hier hielt sich die arme Arabella ihr Tuch vor das Gesicht und weinte bitterlich. Herrn Pickwicks Natur war schon durch diese Tränen gewaltig erschüttert; als aber Frau Winkle ihre Augen trocknete und gar anfing, mit den süßesten Tönen ihrer überaus süßen Stimme ihn zu liebkosen und zu bestürmen, da wurde er sehr unruhig und war offenbar zweifelhaft, was er tun sollte, wie aus seinem mehrfach wiederholten krampfhaften Reiben an den Brillengläsern, an Nase und Schenkeln, Kopf und Gamaschen, hervorging. Herr Perker, dem es schien, als müsse das junge Paar diesen Morgen große Eile gehabt haben, benutzte diese Symptome von Unentschlosscnheit und setzte mit juristischer Gewandtheit und Advokatenschlauheit auseinander, wie Herr Winkle senior, der Vater, von dem wichtigen Fortschritt, den sein Sohn auf seiner Lebensleiter gemacht habe, noch nichts wisse; wie die künftigen Aussichten des besagten Sohnes gänzlich davon abhingen, daß besagter Winkle senior ihn fortwährend mit unverminderten Gefühlen der Liebe und Zuneigung betrachte, was höchst unwahrscheinlich sei, wenn dieses große Ereignis lange vor ihm geheimgehalten werde. Er setzte weiter auseinander, wie Herr Pickwick, wenn er sich nach Bristol begebe, um Herrn Allen zu besuchen, ebensogut auch nach Birmingham gehen und Herrn Winkle senior aufsuchen könne; wie endlich Herr Winkle senior alles Recht und vollkommene Befugnis habe, Herrn Pickwick einigermaßen als Mentor und Ratgeber seines Sohnes zu betrachten, und wie es folglich diesem Gentleman gezieme, ja er es sogar seiner persönlichen Ehre schuldig sei, den vorbesagten Winkle senior persönlich und in mündlicher Besprechung mit dem ganzen Verhalten der Sache, sowie mit seinem eigenen Anteil bei der Verhandlung bekannt zu machen. So standen die Unterhandlungen, als sehr zur gelegenen Zeit Herr Tupman und Herr Snodgraß erschienen, und da man ihnen alles Vorhergegangene nebst den verschiedenen Gründen für und wider auseinandersetzen mußte, so wurden sämtliche Beweisgründe wieder aufgeführt und von einem jeden auf seine Weise und nach seiner Weltanschauung dargetan. Endlich wurde Herr Pickwick geradezu aus allen seinen Entschlüssen hinausdisputiert und widerlegt. Da er nun in augenscheinlicher Gefahr schwebte, auch aus seinem Verstand hinausdisputiert und widerlegt zu werden, so nahm er Arabella in seine Arme, erklärte, sie sei ein unendlich liebenswürdiges Geschöpf; er wisse selbst nicht, wie es zugegangen, aber er habe sie vom ersten Augenblick an außerordentlich liebgewonnen: er könne es nicht übers Herz bringen, dem Glück der jungen Leute im Wege zu stehen, und sie könnten jetzt mit ihm anfangen, was sie wollten. Als Herr Weller diese Nachgiebigkeit vernahm, war sein Erstes, daß er Job Trotter zu dem berühmten Herrn Pell schickte, mit der Aufforderung, dem Boten die förmliche Quittung zu übergeben, die sein kluger Vater in den Händen dieses gelehrten Gentlemans zu lassen die Vorschrift gehabt hatte. Sein Zweites war, daß er seinen ganzen Vorrat an barem Gelde zum Ankauf von fünfundzwanzig Gallonen schmackhaften Porters verwandte, die er in eigener Person auf dem Bauplätze an alle Interessenten austeilte. Endlich jagte er mit Hallo in verschiedenen Teilen des Hauses herum, bis er seine Stimme verloren hatte, und schließlich versank er wieder gänzlich in seine philosophische Ruhe und Sammlung. Um drei Uhr nachmittags warf Herr Pickwick seinen letzten Blick auf sein kleines Zimmer und bahnte sich, so gut er konnte, seinen Weg durch den Haufen von Schuldnern, die sich begierig herandrängten, um ihm noch die Hand zu schütteln, bis er die Treppe erreicht hatte. Hier drehte er sich noch einmal um und sein Auge leuchtete dabei. Unter dem Gedränge all der bleichen, abgemagerten Gesichter sah er kein einziges, das er nicht durch sein wohlwollendes Mitgefühl glücklicher gemacht hätte. »Perker«, sagte Herr Pickwick, einen jungen Mann zu sich winkend, »dies ist Herr Jingle, von dem ich Ihnen gesagt habe.« »Sehr wohl, mein lieber Herr«, erwiderte Perker, Jingle scharf ins Auge fassend. »Sie werden mich morgen wieder sehen, junger Mann. Was ich Ihnen mitzuteilen habe, wird Ihnen hoffentlich zeitlebens in Erinnerung bleiben, Sir.« Jingle verbeugte sich ehrerbietig, zitterte sehr, als er Herrn Pickwicks dargebotene Hand ergriff, und entfernte sich. »Den Job kennen Sie doch?« sagte Herr Pickwick, diesen Gentleman vorstellend. »Ja, ich kenne den Spitzbuben«, erwiderte Perker lustig. »Sehen Sie nach Ihrem Freund, und seien Sie morgen um ein Uhr an Ort und Stelle. – Vergessen Sie's nicht. – Nun, gibt es sonst noch was?« »Nichts«, entgegnete Herr Pickwick. »Sam, du hast doch das Päckchen abgeliefert, das ich dir für deinen alten Stubenburschen gab?« »O freilich, Sir«, erwiderte Sam. »Er hat laut aufgeheult, Sir, und sagte, es sei sehr generös von Ihnen, daß Sie auch an ihn dächten, und er wünsche nur, Sie hätten ihm die galoppierende Schwindsucht einimpfen können: denn sein alter Freund, der solange hier gelebt, sei gestorben, und jetzt könne er sich nach keinem neuen mehr umsehen. »Der arme, arme Kerl«, sagte Herr Pickwick. »Lebt wohl, meine Freunde, Gott segne euch.« Als Herr Pickwick diese Abschiedsworte sprach, erhob die Menge ein lautes Geschrei, und viele drängten sich vorwärts, um ihm die Hand noch einmal zu drücken. Allein er nahm Perkers Arm und eilte für den Augenblick weit betrübter und niedergeschlagener aus dem Gefängnis hinaus, als er es betreten hatte. Ach, wie viele unglückliche, trostlose Wesen hatte er dort zurückgelassen! Und wie viele davon liegen noch darin eingekäfigt! Ein glücklicher Abend war es indessen für eine Gesellschaft im »Georg und Geier«; und leicht und fröhlich waren zwei Herzen, die am nächsten Morgen die gastliche Tür dieses Hauses verließen. Die Inhaber dieser fröhlichen Herzen aber waren Herr Pickwick und Sam Weller. Jener wurde schnell in eine behagliche Postkutsche befördert, auf deren kleinen äußeren Rücksitz sich dieser mit großer Munterkeit schwang. »Sir«, rief Herr Weller seinem Gebieter zu. »Was ist's, Sam?« erwiderte Herr Pickwick, den Kopf zum Fenster hinausstreckend. »Ich wollte nur, diese Pferde da wären Ihre guten drei Monate im Fleet gewesen, Sir.« »Und warum, Sam?« fragte Herr Pickwick. »Ei, Sir«, rief Herr Weller, sich die Hände reibend, » die würden laufen!« Neunundvierzigstes Kapitel. Berichtet, wie Herr Pickwick mit Hilfe Samuel Wellers das Herz des Herrn Benjamin Allen zu erweichen und den Zorn des Herrn Robert Sawyer zu besänftigen sucht. Herr Ben Allen und Herr Bob Sawyer saßen zusammen in ihrer kleinen Doktorstube hinter dem Laden, mit gehacktem Kalbfleisch und künftigen Aussichten beschäftigt, da das Gespräch sich sehr natürlicher Weise um die Praxis, die besagter Bob bereits hatte, und um seine gegenwärtigen Hoffnungen handelte, aus dem ehrenwerten Geschäft, dem er sich gewidmet, sich die Mittel zu einem anständigen, unabhängigen Leben zu erwerben. »Ich meine«, bemerkte Herr Bob Sawyer, den Faden des Gespräches weiterspinnend, »ich meine, Ben, es ist immer noch zweifelhaft.« »Was ist zweifelhaft?« fragte Herr Ben Allen, indem er seine Verstandeskräfte mit einem Schluck Bier schärfte. »Was ist zweifelhaft?« »Nun, die Aussichten«, antwortete Herr Bob Sawyer. »Ich hatte das ganz vergessen«, sagte Herr Ben Allen. »Das Bier hat mich daran erinnert, daß ich es vergessen hatte; ja Bob, sie sind allerdings zweifelhaft.« »Es ist zum Bewundern, wie die Armen des Ortes mich begünstigen«, sagte Bob Sawyer nachdenklich. »Sie klopfen mich zu allen Stunden der Nacht aus dem Bette, nehmen Arzneien ein in Quantitäten, die ich für rein unmöglich gehalten hätte, lassen sich mit einer Beharrlichkeit, die einer besseren Sache würdig wäre, Blasenpflaster und Blutegel setzen, und vermehren ihre Familie auf eine wahrhaft erschreckliche Weise; – sechs solche kleine Solawechselchen, Ben! alle am gleichen Tage ausgestellt und alle mir anvertraut.« »Das ist ja höchst erfreulich«, sagte Herr Ben Allen, seinen Teller hinhaltend, um sich noch einiges gehacktes Kalbfleisch zu langen. »Ja, gewiß«, erwiderte Bob; »aber noch erfreulicher wäre mir das Zutrauen von Patienten, die auch einige Schillinge erübrigen könnten. Ein solches Geschäft habe ich in meiner Ankündigung vor Augen gehabt, Ben. Nun habe ich zwar eine Praxis, eine sehr ausgedehnte Praxis; aber das ist auch alles.« »Bob«, sagte Herr Ben Allen, Messer und Gabel niederlegend und seine Augen auf das Gesicht des Freundes heftend. »Bob, ich will dir etwas sagen.« »Und das wäre?« fragte Herr Bob Sawyer. »Du mußt dich so bald wie möglich in den Besitz von Arabellas tausend Pfund setzen.« »Dreiprozentige konsolidierte Bank-Leibrenten, gegenwärtig auf ihren Namen in das Buch oder die Bücher des Gouverneurs und der Kompagnie der englischen Bank eingetragen«, fügte Bob Sawyer in juristischer Phraseologie hinzu. »Ganz recht«, sagte Ben. »Diese bekommt sie, wenn sie mündig wird oder heiratet. Mündig wird sie in einem Jahr, und wenn es dir nicht ganz an Mut gebricht, so braucht sie keinen Monat mehr zu warten, um einen Mann zu haben.« »Sie ist ein allerliebstes, entzückendes Geschöpf«, erwiderte Herr Robert Sawyer, »und hat meines Wissens nur einen einzigen Fehler. Dieser einzige Makel aber besteht unglückseligerweise im Mangel an Geschmack. Sie liebt mich nicht.« »Meiner Ansicht nach weiß sie selbst nicht, was sie liebt«, sagte Herr Ben Allen verächtlich. »Das mag sein«, bemerkte Herr Bob Sawyer. »Aber meiner Ansicht nach weiß sie recht gut, was sie nicht liebt, und das ist noch weit wichtiger.« »Ich möchte nur«, entgegnete Herr Ben Allen, indem er die Zähne zusammenbiß und mehr wie ein wilder Krieger sprach, der rohes Wolfsfleisch mit den Fingern zerreißt und ißt, als wie ein friedlicher junger Gentleman, der gehacktes Kalbfleisch mit Messer und Gabel speist. – »Ich möchte nur wissen, ob irgendein Schuft wirklich Absichten auf sie hat und sich um ihre Gunst bemüht. Ich würde ihn, glaube ich, erdolchen, Bob.« »Und ich würde ihm eine Kugel durch den Leib jagen, wenn ich ihn fände«, sagte Herr Sawyer, unterbrach sich aber gleich wieder durch einen langen Schluck Bier, wobei er giftig über den Rand des Kruges hinausschaute. »Und wenn es damit noch nicht getan wäre, so würde ich sie ihm hernach wieder herausziehen und ihn auf diese Art töten.« ' Herr Benjamin Allen starrte seinen Freund einige Minuten lang mit düsterem Schweigen an und sagte dann: »Hast du ihr nie geradezu einen Antrag gemacht, Bob?« »Nein, denn ich sah wohl ein, daß es mir nichts nützen würde«, erwiderte Herr Robert Sawyer. »So mußt du es tun, bevor du vierundzwanzig Stunden älter bist«, entgegnete Ben mit verzweifelter Ruhe. »Sie soll dich haben, oder ich will den Grund wissen warum? – ich werde meine ganze Gewalt anwenden.« »Gut«, sagte Herr Bob Sawyer, »wir werden sehen.« »Wir werden allerdings sehen, mein Freund«, erwiderte Herr Ben Allen mit grimmigem Trotz. Er schwieg einige Augenblicke und fügte dann mit zornbebender Stimme hinzu: »Du hast sie schon als Kind geliebt, mein Freund – du liebtest sie, als wir noch Schulknaben waren, und schon damals war ste eigensinnig und verschmähte deine jungen Gefühle. Erinnerst du dich noch, wie du einst mit aller Inständigkeit eines verliebten Kindes in sie drangst, sie möchte doch zwei kleine Kümmelbiskuitchen und einen süßen Apfel von dir annehmen, die du ihr gar zierlich in einer aus einem Schreibheftblatt gedrehten Tüte anbotest?« »Ich weiß es noch sehr gut«, erwiderte Herr Bob Sawyer. »Und sie schlug es aus, nicht wahr?« sagte Ben Allen. »Ja freilich«, versetzte Bob. »Sie sagte, ich habe die Tüte so lange in den Taschen meiner Manchesterhosen getragen, daß der Apfel ganz unangenehm warm sei.« »Ja, so war es«, sagte Herr Ben Allen düster. »Wir aßen ihn dann zusammen, indem einer nach dem andern hineinbiß.« Bob Sawyer gab mit einem melancholischen Stirnrunzeln zu verstehen, daß er sich des Umstandes, auf den zuletzt angespielt wurde, recht wohl entsinne; und die beiden Freunde blieben einige Zeit, jeder in seine eigenen Betrachtungen versunken. Während diese Bemerkungen zwischen Herrn Bob Sawyer und Herrn Benjamin Allen ausgetauscht wurden und der Junge in der grauen Livree voll Verwunderung über die ungewöhnliche Ausdehnung des Mahles von Zeit zu Zeit einen ängstlichen Blick nach der Glastür warf, von schlimmen Ahnungen ergriffen ob des Restes von gehacktem Kalbfleisch, das für seine Zähne übrigbleiben würde – rollte ganz ehrbarlich durch die Straßen von Bristol eine dunkelgrün bemalte, von einem dickköpfigen braunen Pferde gezogene Privatkutsche. Auf dieser thronte ein sauertöpfisch aussehender Kutscher, der Beinkleider wie ein Groom, im übrigen aber die gewöhnliche Uniform eines Mietskutschers trug. Solche Erscheinungen sind etwas Gewöhnliches bei manchen Fuhrwerken, die alten Damen von sparsamen Gewohnheiten angehören und die von ihnen gehalten werden. Auch saß in dem Wagen wirklich eine alte Dame, die Besitzerin und Eigentümerin desselben. »Martin!« sagte die alte Dame, vom vorderen Fenster aus dem sauertöpfischen Manne zurufend. »Madame?« erwiderte der Sauertöpfische, mit der Hand an seinen Hut fahrend. »Zu Herrn Sawyer«, sagte die alte Dame. »Ich war eben im Begriff zu halten«, versetzte der sauertöpfische Mann. Die alte Dame nickte zufrieden über diese Umsichtigkeit des sauertöpfischen Mannes, und der Sauertöpfische gab seinem dickköpfigen Pferde einen derben Hieb, worauf sie sich alle nach Herrn Bob Sawyers Haus begaben. »Martin!« sagte die alte Dame, als die Kutsche vor der Tür des Herrn Robert Sawyer, weiland Nockemorf, hielt. »Madame!« erwiderte Martin. »Sagen Sie dem Jungen, er soll herauskommen und das Pferd halten.« »Das werde ich schon selbst besorgen«, sagte Martin, seine Peitsche auf das Kutschendach legend. »Nein, nein«, meinte die alte Dame; »ich kann das unter keinen Umständen zugeben; Ihr Zeugnis ist von höchster Wichtigkeit, und Sie müssen durchaus mit mir ins Haus kommen. Sie dürfen während der ganzen Unterredung nicht von meiner Seite weichen. Verstehen Sie mich?« »Ja, ich verstehe«, erwiderte Martin. »Nun also, auf was warten Sie noch?« »Auf nichts«, versetzte Martin. Also sprach der sauertöpfische Mann und stieg gemächlich vom Rade herab, auf dem er sich mit den Zehenspitzen seines rechten Fußes gewiegt hatte, rief den Burschen in der grauen Livree, öffnete die Kutschentür, schlug die Tritte herunter, streckte eine in einem dunklen waschledernen Handschuh gehüllte Hand hinein und zog die alte Dame ungefähr mit derselben Manierlichkeit heraus, wie wenn sie eine Putzschachtel gewesen wäre. »Ach du mein Gott«, rief die alte Dame, »es ist mir ganz angst und bange, seit ich hier bin, Martin, und ich zittere an allen Gliedern.« Herr Martin hustete hinter seinem dunklen waschledernen Handschuh, drückte aber kein weiteres Mitgefühl aus, und nachdem die alte Dame sich gesammelt hatte, wackelte sie Herrn Bob Sawyers Treppe hinauf, woselbst Herr Martin nachfolgte. Unmittelbar nachdem die alte Dame in den Laden getreten war, stürzten Herr Benjamin Allen und Herr Bob Sawyer, die inzwischen die geistigen Getränke auf die Seite geschafft und übelriechende Arzneien ausgeschüttet hatten, um den Tabaksgeruch zu dämpfen, voll Entzücken, Freundlichkeit und Zärtlichkeit herein. »Ach meine liebe Tante«, rief Herr Ben Allen: »wie schön, daß Sie auch nach uns sehen! – Herr Sawyer, Tante! Mein Freund, Herr Bob Sawyer, von dem ich Ihnen schon gesagt habe wegen – Sie wissen schon was, Tante.« Herr Ben Allen, der in diesem Augenblick nicht besonders nüchtern war, fügte das Wort Arabella bei, zwar nur flüsternd, wie er meinte, aber immerhin noch laut und vernehmlich genug, daß es alle Anwesenden hören mußten, wenn sie überhaupt ein Gehör hatten. »Mein lieber Benjamin«, begann die alte Dame, die sehr kurzatmig war und am ganzen Leibe zitterte – »erschrick nur nicht, guter Junge: aber ich möchte gern Herrn Sawyer einen Augenblick allein sprechen – nur einen Augenblick.« »Bob«, sagte Herr Ben Allen, »führe meine Tante ins Stübchen.« »Sehr gern«, erwiderte Bob in einem sehr würdigen Ton. »Hierher, meine verehrteste Madame. Haben Sie nur keine Angst, Madame. Ich zweifle keinen Augenblick, daß wir Sie in kurzer Zeit vollkommen wiederherstellen werden. Hier, meine teuerste Madame. Jetzt schütten Sie gefälligst Ihr Herz aus.« Das erste, was die alte Dame tat, war, daß sie sehr oft den Kopf schüttelte und dann zu schluchzen begann. »Nervös«, sagte Bob Sawyer verbindlich. »Kampferspiritus und Wasser dreimal des Tages und einen beruhigenden Trank für die Nacht.« »Ich weiß nicht, wie ich anfangen soll, Herr Sawyer«, sagte die alte Dame. »Es ist so namenlos peinlich und schmerzlich.« »Sie brauchen nicht anzufangen, Madame«, erwiderte Herr Bob Sawyer. »Ich weiß von vornherein alles, was sie sagen wollen. Ihr Leiden sitzt im Kopfe.« »Ach nein, im Herzen«, sagte die alte Dame mit schwachem Gestöhne. »Da ist nicht die geringste Gefahr, Madame«, erwiderte Bob Sawyer. »Der Magen ist die Hauptsache.« »Herr Sawyer!« rief die alte Dame zusammenfahrend. »Man kann nicht im geringsten zweifeln, Madame«, fuhr Bob mit wunderbar weiser Miene fort: »Arznei zu rechter Zeit würde alles verhütet haben, meine teuerste Madame.« »Herr Sawyer«, sagte die alte Dame, noch aufgeregter als zuvor; »Ihr Benehmen gegen eine Frau in meiner Lage ist entweder eine große Unverschämtheit oder ein Beweis, daß Sie über den Zweck meines Besuches gänzlich im Irrtum sind. Hätte ich das, was geschehen ist, durch Arzneien oder Vorsicht verhüten können, so hätte ich es gewiß getan. Es ist übrigens am besten, ich wende mich unmittelbar an meinen Neffen«, fügte die Alte hinzu, indem sie voll Entrüstung ihren Strickbeutel herumdrehte und aufstand. »Bleiben Sie doch noch einen Augenblick, Madame«, sagte Bob Sawyer: »ich fürchte, ich habe Sie mißverstanden, Um was handelt es sich denn, Madame?« »Um meine Nichte, Herr Sawyer«, sagte die alte Dame – »um die Schwester Ihres Freundes.« »Nun ja, Madame«, erwiderte Bob voll Ungeduld, denn die alte Dame sprach trotz ihrer äußersten Aufgeregtheit mit der peinigendsten Langsamkeit, wie alte Damen oft tun. »Nun ja, Madame.« »Sie verließ mein Haus vor drei Tagen, Herr Sawyer, angeblich, um meine Schwester, eine andere Tante von ihr, zu besuchen, die unmittelbar jenseits des dritten Meilensteins die große Pension hält, dort, wo der große Bohnenbaum und das eichene Tor steht«, sagte die alte Dame und hielt inne, um ihre Augen zu trocknen. »Der Teufel hole den Bohnenbaum, Madame«, sagte Bob, der in der Angst seine Amtswürde ganz vergaß. »Ein bißchen schneller, wenn ich bitten darf: wenden Sie ein bißchen mehr Dampf an, Madame.« »Heute morgen«, fuhr die alte Dame langsam fort, »heute morgen ist sie –« »Zurückgekommen, ohne Zweifel?« fiel Bob sehr aufgeregt ein: »zurückgekommen?« »Nein, sie kam nicht – sie schrieb«, erwiderte die alte Dame. »Und was schrieb sie?« fragte Bob voll Eifer. »Sie schrieb, Herr Sawyer«, fuhr die Alte fort: – »und darauf bitte ich Sie, Benjamin allmählich und vorsichtig vorzubereiten – sie schrieb – sie sei – ich habe den Brief in meiner Tasche, Herr Sawyer: aber meine Brille liegt noch im Wagen, und es würde zu viel Zeit kosten, wenn ich Ihnen die betreffende Stelle ohne Brille vorlesen wollte: kurz und gut, Herr Sawyer, sie schrieb, sie sei verheiratet.« »Was!« sagte oder schrie vielmehr Bob Sawyer. »Verheiratet«, wiederholte die Alte. Herr Bob Sawyer wollte nichts mehr hören: er stürzte aus dem Hinterstübchen in den äußeren Laden und rief mit Stentorstimme: »Ben, lieber Freund, sie ist durchgegangen!« Herr Ben Allen, der hinter dem Ladentisch eingeschlummert war und seinen Kopf etwa einen halben Fuß unter den Knien hängen hatte, vernahm nicht so bald diese Schreckensnachricht, als er urplötzlich auf Herrn Martin losstürzte, den schweigsamen Diener an seinem Halstuch faßte und die verbindliche Absicht ausdrückte, ihn auf der Stelle zu erwürgen – eine Absicht, die er auch sogleich mit einer Raschheit, wie sie oft nur die Verzweiflung zu geben vermag, und dabei mit großer Kraft und chirurgischer Geschicklichkeit auszuführen begann. Herr Martin, ein Mann von wenig Worten und geringer Beredsamkeit oder Überzeugungsgabe, unterwarf sich dieser Operation einige Augenblicke mit einem sehr ruhigen und heitern Ausdruck in seinem Gesichte. Als er aber sah, daß diese Operation ihn schnell für alle künftigen Zeiten außerstand setzen könnte, auf Lohn, Schmerzensgeld oder sonst etwas zu warten, so murmelte er eine unverständliche Erwiderung und schlug Herrn Benjamin Allen zu Boden. Da aber dieser Gentleman die Hände in seiner Krawatte verwickelt hatte, so blieb ihm keine Wahl übrig, als ihm nachzufolgen. So kämpften sie beide noch liegend, als die Ladentür aufging und die Gesellschaft durch die Ankunft zweier höchst unerwarteten Gäste, nämlich der Herren Pickwick und Weller, vermehrt wurde. Der erste Eindruck, den das, was er sah, auf Herrn Weller machte, war, daß Herr Martin von dem Etablissement Sawyer, weiland Nockemorf, gedungen sei, um starke Arzneien einzunehmen, Anfälle zu bekommen und Experimente mit sich anstellen zu lassen, oder auch um dann und wann ein Gift zu verschlucken, damit die Wirksamkeit einiger neuen Gegengifte sich erproben ließe, oder sonst etwas zu tun, was die große Wissenschaft »Medizin« befördern und den glühenden Wissensdurst befriedigen könnte, der in der Brust ihrer beiden jungen Anhänger brannte. Er machte daher keinen Versuch, sich ins Mittel zu legen, sondern blieb ruhig, gelassen und sah zu, als ob er auf das Ergebnis des schwebenden Experiments äußerst begierig wäre. Nicht so Herr Pickwick. Er warf sich sogleich mit seiner gewohnten Energie auf die Kämpfer und ermunterte die Umstehenden laut, die Feinde zu trennen. Sein Geschrei brachte Herrn Bob Sawyer zur Besinnung, der bisher durch den Wahnsinn seines Freundes wie gelähmt dagestanden hatte; und mit Hilfe dieses Gentlemans brachte Herr Pickwick Ben Allen wieder auf die Beine. Herr Martin, der sich nun allein auf dem Boden sah, stand ebenfalls auf und blickte wild um sich. »Herr Allen«, sagte Herr Pickwick, »was gibt es denn hier?« »Das geht Sie nichts an, Sir«, erwiderte Herr Allen mit hochmütigem Trotz. »Was ist denn los?« fragte Herr Pickwick, sich gegen Bob Sawyer wendend? »ist er unwohl?« Ehe jedoch Bob antworten konnte, ergriff Herr Ben Allen Herrn Pickwick bei der Hand und murmelte in demütigem Tone: »Meine Schwester, lieber Herr Pickwick, meine Schwester!« »O, ist das alles?« fragte Herr Pickwick. »Diese Sache werden wir hoffentlich bald ins reine bringen. Ihre Schwester ist wohl und gesund und ich bin hier, mein teurer Sir, um –« »Es tut mir leid, etwas zu tun, was so äußerst angenehme Verhandlungen unterbrechen kann, wie der König sagte, als er das Parlament auflöste«, fiel Herr Weller ein, der durch die Glastür geschaut hatte; »aber es ist noch ein anderes Experiment zu machen, Sir. Da liegt eine ehrwürdige alte Dame auf dem Teppich und wartet auf Sektion oder Galvanisierung oder sonst eine andere wiederbelebende und wissenschaftliche Erfindung.« »Ach, das habe ich ganz vergessen«, rief Herr Ben Allen. »Es ist meine Tante.« »Um Gottes willen«, sagte Herr Pickwick, »Die arme Dame! Nur sachte, Sam, sachte,« »Eine sonderbare Lage für jemand aus der Familie«, bemerkte Sam Weller, indem er die Tante auf einen Stuhl hob. »Heda, Meister Knochensäger, das Riechfläschchen her!« Diese Aufforderung war an den Burschen in der grauen Livree gerichtet, der das Fuhrwerk der Fürsorge eines Straßenaufsehers überlassen hatte und herbeigeeilt war, um zu sehen, was der Lärm bedeute. Durch die Bemühungen dieses Burschen nun, sowie des Herrn Bob Sawyer und des Herrn Benjamin Allen (der, nachdem er seine Tante in eine Ohnmacht geschreckt hatte, voll Zärtlichkeit und Eifer geschäftig war, sie wieder herzustellen), wurde die alte Dame endlich wieder zum Bewußtsein gebracht. Nun wandte sich Herr Ben Allen mit verstörtem Geiste an Herrn Pickwick und fragte ihn, was er habe sagen wollen, als er auf eine so beunruhigende Weise unterbrochen worden sei. »Wir sind doch lauter gute Freunde hier?« sagte Herr Pickwick, sich räuspernd und nach dem wortkargen Mann mit dem sauertöpfischen Gesicht blickend, dem die Kutsche mit dem dickköpfigen Pferde angehörte. Das erinnerte Herrn Bob Sawyer, daß der Bursche in der grauen Livree mit weit geöffneten Augen und gierigen Ohren zuschaute. Nachdem daher dieser angehende Chemiker an seinem Rockkragen in die Höhe gehoben und zur Tür hinausbefördert war, versicherte Bob Sawyer Herrn Pickwick, er könne jetzt ohne Rückhalt sprechen. »Ihre Schwester, mein teurer Sir«, begann Herr Pickwick, sich gegen Benjamin Allen wendend, »befindet sich in London und ist wohl und glücklich.« »Ich habe nichts mit ihrem Glück zu schaffen, Sir«, sagte Herr Benjamin Allen mit einer raschen Bewegung der Hand. »Ich aber habe mit ihrem Gemahl zu schaffen, Sir«, sagte Bob Sawyer. »Ich will auf zwölf Schritte mit ihm zu schaffen haben, Sir, und will ihn gehörig verarbeiten, diesen niederträchtigen Schurken!« Das war nun eine sehr runde, großherzige Erklärung; Herr Bob Sawyer aber schwächte ihre Wirkung dadurch, daß er einige Gemeinplätze, das Schädelzerklopfen und Augenausschlagen betreffend, mit einflocht. »Nur sachte, Sir«, sagte Herr Pickwick: »bevor Sie auf den fraglichen Gentleman solche Beiwörter anwenden. Erwägen Sie einmal leidenschaftslos den Umfang seiner Schuld, und bedenken Sie vor allem, daß er ein Freund von mir ist.« »Was?« sagte Herr Bob Sawyer. »Wie heißt er? Wer ist er?« rief Ben Allen. »Herr Nathaniel Winkle«, erklärte Herr Pickwick mit Festigkeit. Herr Benjamin Allen zertrat ganz bedächtig seine Brille mit dem Absatz seines Stiefels, und nachdem er die Stücke aufgelesen und in drei verschiedene Taschen gesteckt hatte, legte er die Arme übereinander, biß sich in die Lippen und blickte mit drohender Gebärde in das sanfte Gesicht des Herrn Pickwick. »Dann haben also Sie, Sir, und niemand anders als Sie, diese Verbindung ermutigt und zustande gebracht?« fragte Herr Benjamin Allen endlich. »Und dann ist es«, fiel die alte Dame ein, »vermutlich der Diener dieses Gentleman gewesen, der um mein Haus herumschlich und meine Dienerschaft zu einer Verschwörung gegen mich zu verleiten suchte. Martin!« »Madame?« sagte der sauertöpfische Mann vortretend. »Ist das der junge Mann, den Sie in der Gasse sahen und von dem Sie mir heute früh erzählten?« Herr Martin, der, wie es sich bereits herausgestellt hat, ein kurz angebundener, wortkarger Mann war, sah Sam Weller an, nickte mit dem Kopfe und brummte: »Ja, der ist's.« Herr Weller, der keineswegs stolz war, lächelte zum Zeichen freundlichen Wiedererkennens, als seine Augen denen des griesgrämigen Groom begegneten, und gestand in höflichen Ausdrücken, daß er ihn schon von früher kenne. »Und diesen treuen Menschen«, rief Herr Ben Allen, »hätte ich beinahe erwürgt! Herr Pickwick, wie konnten Sie es wagen, Ihrem Kerl zu erlauben, daß er sich bei der Entführung meiner Schwester gebrauchen ließ? Ich verlange eine Erklärung von Ihnen, Sir.« »Erklären Sie sich, Sir«, schrie Bob Sawyer trotzig. »Es ist eine Verschwörung«, sagte Ben Allen. »Ein hinterlistiger, niederträchtiger Betrug«, fügte Bob Sawyer hinzu. »Eine schändliche Büberei«, bemerkte die alte Dame. »Ein echtes Schurkenstück«, meinte Martin. »Bitte, hören Sie mich doch an«, bat Herr Pickwick, als Herr Ben Allen auf den Stuhl sank, wo er seinen Patienten zur Ader zu lassen pflegte, und seine Zuflucht zu seinem Taschentuche nahm. »Ich war bei der Sache durchaus unbeteiligt, außer daß ich einer Zusammenkunft der beiden jungen Leute beiwohnte. Ich konnte deren Liebe nun einmal nicht verhindern, und zwar tat ich dies in der Überzeugung, daß meine Anwesenheit auch den geringsten Schein von Unschicklichkeit, den die Sache sonst gehabt hätte, verbannen müsse. Weiter habe ich die Hand nicht im Spiele gehabt. Ich hatte nicht einmal eine Ahnung davon, daß eine so schnelle Verbindung beabsichtigt werde. Im übrigen will ich nicht sagen, daß ich sie verhindert haben würde, wenn ich etwas davon gewußt hätte.« »Sie hören es alle? Sie hören es?« sagte Herr Benjamin Allen. »Hoffentlich«, bemerkte Herr Pickwick sanft, indem er um sich blickte, »und«, fügte er hinzu, indem ihm die Röte ins Gesicht stieg, »Sie hören hoffentlich auch das, Sir, daß ich Ihnen, nach allen eingezogenen Erkundigungen, versichern muß, wie Sie keineswegs berechtigt waren, den Neigungen ihrer Schwester einen Zwang anzutun. Sie hätten sich vielmehr bestreben sollen, ihr durch freundliches, zärtliches Benehmen alle andern näheren Verwandten zu ersetzen, deren sie von Kindheit auf keine gekannt hat. Was meinen jungen Freund betrifft, so erlaube ich mir hinzuzusetzen, daß er in Beziehung auf Glücksgüter und äußere Verhältnisse zum mindesten auf gleichem Fuße mit Ihnen steht, wo nicht auf einem weit besseren. Im übrigen werde ich nicht mehr über die Angelegenheit reden, wenn sie nicht mit geziemender Mäßigung und dem gebührenden Anstand verhandelt wird. »Ich möchte auch noch einige wenige Bemerkungen zu dem machen, was von dem ehrenwerten Herrn Vorredner gesagt worden ist«, begann Herr Weller, vortretend, »nämlich das: ein Individuum in der Gesellschaft hat mich einen Kerl genannt.« »Das hat durchaus nichts mit der Sache zu schaffen, Sam«, unterbrach ihn Herr Pickwick. »Sei so gut und schweig.« »Ich will auch gar nichts über die Sache sagen, Sir«, erwiderte Sam, »als bloß dieses. Vielleicht denkt der Gentleman, es sei eine frühere Zuneigung vorhanden gewesen; aber das ist durchaus nicht der Fall; denn die junge Dame sagte gleich im Anfang der Bekanntschaft, daß sie ihn nicht ausstehen könne. Es hat ihn also niemand ausgestochen; und es wäre ganz der gleiche Fall für ihn gewesen, wenn die junge Dame den Herrn Winkle nie gesehen hätte. Das habe ich nur sagen wollen, Sir, und ich hoffe, das Gemüt des Gentlemans wird sich jetzt beruhigen.« Auf diese trostreichen Bemerkungen des Herrn Weller folgte eine kurze Pause. Dann sprang Herr Ben Allen von seinem Stuhle auf und beteuerte, Arabella dürfe ihm nie wieder vor die Augen treten, während Herr Bob Sawyer, trotz Sams schmeichelhafter Versicherung, dem glücklichen Bräutigam schreckliche Rache gelobte. Doch gerade in dem Augenblick, als die Sache das feindseligste Ansehen gewann und zu behalten drohte, fand Herr Pickwick einen mächtigen Beistand an der alten Dame, der die Art, wie er die Sache ihrer Nichte verfochten hatte, offenbar sehr gefiel, und die es daher wagte, Herrn Benjamin Allen einige tröstende Bemerkungen vorzuhalten: es sei doch vielleicht gut, daß es nicht noch schlimmer gekommen wäre. Beim Lichte betrachtet, stünden die Sachen doch nicht so gar schlimm: zu geschehenen Dingen müsse man das beste reden, und was man nicht abändern könne, darein müsse man sich in Geduld fügen. Dann fuhr die Tante noch eine ganze Weile in gleichen erbaulichen Betrachtungen fort. Herr Benjamin Allen erwiderte bloß, er habe allen möglichen Respekt vor seiner Tante und vor jedermann; dies ändere aber an der Sache nichts; man müsse ihm erlauben, seinem eigenen Kopf zu folgen, und er werde sich das Vergnügen nehmen, seine Schwester bis zu ihrem Tode und noch nach demselben zu hassen. Endlich, nachdem er diesen Entschluß einhalbhundertmal angekündigt hatte, brauste die alte Dame auf einmal auf, blickte höchst majestätisch um sich und verlangte zu wissen, was sie getan habe, um so wenig Ehrerbietung für ihre Jahre und Verhältnisse zu verdienen und diese Sprache gegen ihren eigenen Neffen führen zu müssen, dessen sie seit den fünfundzwanzig Jahren seiner Geburt stets eingedenk gewesen sei, den sie gekannt habe, noch ehe er einen Zahn im Munde gehabt; nicht zu gedenken ihrer Anwesenheit, als man ihm zum erstenmal das Haar geschnitten, und ihrer Mitwirkung bei vielen andern Vorgängen und Feierlichkeiten während seiner Kindheit; lauter Dinge, die wichtig genug seien, um ihre Ansprüche auf seine Liebe, seinen Gehorsam und sein Mitgefühl auf immer zu begründen. Während die gute Dame solchergestalt Herrn Ben Allen den Text las, hatten sich Herr Bob Sawyer und Herr Pickwick in eifriger Unterhaltung nach dem Hinterstübchen zurückgezogen, wo man den ersteren zu wiederholten Malen eine schwarze Flasche ansetzen sah, unter deren Einfluß seine Züge allgemach einen vergnügten und sogar heiteren Ausdruck gewannen. Endlich trat er sogar mit der Flasche in der Hand aus der Stube, erklärte, es tue ihm sehr leid, sagen zu müssen, daß er ein Narr gewesen sei, trank die Gesundheit und das Wohlergehen des Herrn und der Frau Winkle und sagte, daß er sie nicht nur nicht um ihr Glück beneide, sondern auch der erste sein wolle, der ihnen dazu gratuliere. Als Herr Ben Allen das hörte, sprang er von seinem Stuhle auf, ergriff die schwarze Flasche und trank gleichfalls auf die ausgebrachte Gesundheit so herzlich, daß er von dem starken Likör beinahe ebenso schwarz im Gesicht wurde wie die Flasche selbst. Endlich machte die schwarze Flasche die Runde, bis sie leer war, und da gab es denn ein Händeschütteln und einen Komplimentenaustausch, daß sogar Herr Martin mit dem metallenen Gesichte sich herabließ, zu lächeln. »Und jetzt«, sagte Bob Sawyer, sich die Hände reibend, »jetzt wollen wir eine lustige Nacht haben.« »Es tut mir leid«, sagte Herr Pickwick, »daß ich in meinen Gasthof zurückkehren muß. Ich bin seit längerer Zeit an keine Strapazen mehr gewöhnt, und die Reise hat mich gewaltig angegriffen.« »Aber eine Tasse Tee werden Sie doch annehmen, Herr Pickwick?« sagte die alte Dame mit unwiderstehlicher Freundlichkeit. »Danke sehr, ich kann wirklich nicht«, erwiderte der Gentleman, Und in der Tat war die sichtbarlich zunehmende Zuvorkommenheit der alten Dame für Herrn Pickwick ein Hauptgrund, zu gehen. Er dachte an Frau Bardell, und jeder Strahl aus den Augen der Alten ließ ihn in kalten Schweiß geraten. Da Herr Pickwick unter keinen Umständen zu bewegen war, zu bleiben, so wurde auf seinen eigenen Antrag beschlossen, Herr Benjamin Allen solle ihn auf seiner Reise zu dem älteren Herrn Winkle begleiten und die Kutsche am nächsten Morgen um neun Uhr vor der Tür stehen. Er nahm also Abschied und ging mit Samuel Weller nach dem Busch zurück. Es verdient bemerkt zu werden, daß Herrn Martins Gesicht sich schrecklich und eigentlich krampfhaft verzog, als er beim Abschied Sam die Hand schüttelte, und daß er sich dabei eines Lächelns und zugleich eines Fluches nicht enthalten konnte. Daraus zogen die, die mit den Eigenheiten des Herrn Martin am besten bekannt waren, den Schluß, er habe hierdurch seine große Freude über Herrn Wellers Gesellschaft ausdrücken wollen und bitte um die Ehre seiner ferneren Bekanntschaft. »Soll ich ein besonderes Zimmer bestellen, Sir?« fragte Sam, als sie den Busch erreichten. »Nein«, erwiderte Herr Pickwick; »da ich im Kaffeezimmer zu Mittag gespeist habe und bald zu Bett gehen werde, so ist es kaum der Mühe wert. Sieh einmal nach, wer im Gastzimmer ist.« Herr Weller ging diesen Auftrag auszurichten und kam bald mit der Nachricht zurück, daß niemand da wäre, als ein einäugiger Gentleman und der Wirt, die miteinander eine Bowle Bischof Ein Getränk aus Rotwein, Zucker und Apfelsinenschalen. tränken. »Ich will mich zu ihnen setzen«, sagte Herr Pickwick. »'s ist ein sonderbarer Kauz, dieser Einäugige«, bemerkte Herr Weller, als er ihm den Weg zeigte. »Er lügt den Wirt dermaßen an, Sir, daß er nimmer recht weiß, ob er auf den Sohlen seiner Stiefel oder auf der Krone seines Hutes steht.« Das Individuum, dem diese Bemerkung galt, saß am oberen Ende des Zimmers, als Herr Pickwick, eintrat, und rauchte aus einer großen holländischen Pfeife; sein Auge hatte er fest auf das runde Gesicht des Wirts, eines lustigen alten Burschen, geheftet, dem er weben eine wunderbare Geschichte erzählt hatte, wie aus den verschiedenen abgebrochenen Ausrufungen desselben: »Ei, ei, wer hätte das geglaubt.« – »Die merkwürdigste Sache, die ich je gehört habe!« – »Nein, nicht möglich!« und andern Ausdrücken des Erstaunens hervorging, die unaufhörlich von seinen Lippen flossen, wenn er dem einäugigen Mann sein starres Anschauen zurückgab. »Ihr Diener, Sir«, sagte der Einäugige zu Herrn Pickwick. »Ein schöner Abend, Sir.« »Ja, sehr schön«, erwiderte Herr Pickwick, als der Kellner eine kleine Flasche Branntwein nebst einigem heißen Wasser vor ihm aufpflanzte. Während Herr Pickwick seinen Branntwein mit Wasser mischte, blickte der Einäugige von Zeit zu Zeit ernsthaft um sich und sagte endlich: »Ich glaube. Sie schon irgendwo gesehen zu haben.« »Ich erinnere mich nicht«, erwiderte Herr Pickwick. »Sehr möglich«, sagte der Einäugige. »Sie kannten mich nicht, aber ich kannte zwei Freunde von Ihnen, die sich zur Zeit der Wahl im Pfauen zu Eatanswill aufgehalten haben.« »Ah, wirklich?« rief Herr Pickwick. »Ja«, erwiderte der Einäugige. »Ich erzählte ihnen eine kleine Geschichte von einem meiner Freunde, namens Tom Smart. Vielleicht hat man zu Ihnen davon wieder gesprochen?« »O ja, oft«, erwiderte Herr Pickwick lächelnd. »Er war Ihr Onkel, wenn ich nicht irre.« »Nein, nein – nur ein Freund meines Onkels«, versetzte der Einäugige. »Das war ein wunderbarer Mann, Ihr Onkel«, bemerkte der Wirt, den Kopf schüttelnd. »Allerdings, man darf es wohl sagen«, antwortete der Einäugige. »Ich könnte Ihnen von demselben Onkel eine Geschichte erzählen, meine Herren, worüber Sie gewiß staunen würden.« »Nun, so lassen Sie hören«, sagte Herr Pickwick. Der einäugige Hausierer schöpfte sich ein Glas voll aus der Bowle, trank es, tat einen langen Zug aus der holländischen Pfeife und rief Sam Weller, der an der Tür zögerte, zu, er brauche sich nicht zu entfernen, wenn man es nicht von ihm verlange: denn die Geschichte sei kein Geheimnis. Sofort heftete er sein Auge auf den Wirt und erzählte, was das nächste Kapitel vermelden wird. Fünfzigstes Kapitel. Die Geschichte von dem Onkel des Hausierers. »Mein Onkel – verehrte Herren«, sagte der Hausierer, »war einer der lustigsten, angenehmsten und gescheitesten Burschen, die je gelebt haben. Ich wollte, Sie hätten ihn gekannt, meine Herren. Aber wenn ich die Sache näher überlege, so wünsche ich es nicht; denn wenn Sie ihn gekannt hätten, so würden Sie jetzt, nach dem gewöhnlichen Laufe der Natur, wo nicht tot, doch jedenfalls dem Tode so nahe sein, daß Sie zu Hause bleiben und alle Gesellschaft meiden müßten. Dadurch würde ich denn um das unschätzbare Vergnügen gekommen sein, jetzt mit Ihnen zu sprechen. Nein, meine Herren, ich wünsche, daß Ihre Väter und Mütter meinen Onkel gekannt hätten. Sie würden ganz gewiß erstaunlich viel auf ihn gehalten haben, besonders ihre ehrwürdigen Mütter. Wenn unter den zahlreichen Tugenden, die seinen Charakter zierten, zwei vorherrschten, so möchte ich sagen, es waren dies seine Punschbereitung und seine Gesänge nach dem Nachtessen. Entschuldigen Sie mein langes Verweilen bei diesen melancholischen Erinnerungen an entschwundenes Verdienst; aber einen Mann, wie meinen Onkel, findet man nicht alle Tage. Ich habe es allezeit als einen Hauptzug im Charakter meines Onkels betrachtet, daß er der vertraute Freund und Kamerad des Tom Smart aus dem großen Hause Bilson und Slum, Cateatonstraße in der City, war. Mein Onkel reiste für Tiggin und Welps, nahm aber lange Zeit so ziemlich dieselbe Route wie Tom, und gleich am ersten Abend, an dem sie zusammentrafen, faßte mein Onkel eine Zuneigung für Tom, die von Tom in gleichem Grade erwidert wurde. Noch ehe sie einander eine halbe Stunde lang kannten, wetteten sie einen neuen Hut, wer am besten ein Quart Punsch brauen und am schnellsten austrinken könne. Mein Onkel gewann die Wette um das Brauen, aber Tom Smart überwand ihn im Trinken um etwa einen halben Salzlöffel voll. Sie machten jeder ein neues Quart aus, um gegenseitig ihre Gesundheit zu trinken und waren von der Zeit an immer die treuesten Freunde. In solchen Dingen waltet eine Fügung des Himmels, meine Herren; man kann ihr nicht entgehen. Was sein Äußeres betrifft, so war mein Onkel ein bißchen unter der Mittelgröße, aber um einen Grad Verstand stärker als die gewöhnlichen Menschenkinder, und vielleicht war auch sein Gesicht um eine Schattierung röter. Er hatte das lustigste Gesicht, das man sich nur denken kann, meine Herren; etwas Hanswurstartiges darin, aber Nase und Kinn viel hübscher; seine Augen sprühten und funkelten von guter Laune; und ein Lächeln – aber kein so nichtssagendes, hölzernes Gegrinse, sondern ein echtes, fröhliches, herzliches, gutmütiges Lächeln schwebte ständig um seinen Mund. Er wurde einmal aus seinem Zweiradwagen herausgeschleudert und fiel mit dem Kopf gegen einen Meilenstein. Da lag er nun betäubt, und sein Gesicht war von den Steinen dermaßen zerschunden, daß ihn, um seinen eigenen starken Ausdruck zu gebrauchen, seine leibliche Mutter nicht erkannt hätte, wenn sie auf die Erde zurückgekommen wäre. Und in der Tat, wenn ich näher über die Sache nachdenke, meine Herren, so glaube ich selbst, daß sie ihn nicht erkannt haben würde, denn sie starb, als mein Onkel zwei Jahre und sieben Monate alt war; und schon seine Stulpenstiefel würden die gute Frau nicht wenig verlegen gemacht haben, um auch nichts von den Kiessteinen oder gar von seinem lustigen roten Gesicht zu sprechen. Nun, er lag also da; und ich habe meinen Onkel oft sagen hören, der Mann, der ihn aufgehoben, habe erzählt, daß er so lustig gelächelt habe, wie wenn er zu seinem Vergnügen herausgepurzelt wäre. Nachdem man ihn zur Ader gelassen, habe sich der erste schwache Schimmer der rückkehrenden Lebenskraft darin gezeigt, daß er in seinem Bett hoch aufgesprungen und in lautes Lachen ausgebrochen sei, das junge Frauenzimmer, das das Becken gehalten, geküßt, und auf der Stelle Hammelrippchen und eingemachte Nüsse gefordert habe. Er aß eingemachte Walnüsse für sein Leben gern, meine Herren. Er sagte, er habe immer gefunden, daß sie, ohne Weinessig genossen, so gut schmeckten wie Bier. Meines Onkels große Reise fand zur Zeit statt, wo die Blätter fallen. Er kassierte dann die ausstehenden Schulden ein und nahm Aufträge für den Norden an. Von London ging er nach Edinburg, von Edinburg nach Glasgow, von Glasgow nach Edinburg zurück und von da zu Wasser wieder nach London. Sie müssen mich wohl verstehen, daß er nur seines Vergnügens halber zum zweitenmal nach Edinburg reiste. Er pflegte dort eine Woche zuzubringen, um nach seinen alten Freunden zu sehen und mit dem einen zu frühstücken, mit dem andern zu lunchen, mit dem dritten zu Mittag und mit einem vierten zu Abend zu speisen. So trieb er es eine volle Woche. Ich weiß nicht, meine Herren, ob einer von Ihnen schon einmal an einem echten, substantiellen, gastlichen schottischen Frühstück teilgenommen und dann ein kleines Lunch von einigen Körben Austern, einem Dutzend Flaschen guten Ales und zum Beschluß ein paar Maß Whisky genehmigt hat. Wenn Sie schon dabei waren, so werden Sie mir zugeben, daß dazu eine ziemlich gute Konstitution gehört, um nachher noch ein Mittag- und Abendessen einzunehmen. Aber, Gott sei Lob und Dank, das alles war für meinen Onkel nichts. Er hatte sich so gut daran gewöhnt, daß es bloßes Kinderspiel für ihn war. Ich habe ihn sagen hören, er wolle die Dundeer einen Tag um den andern unter den Tisch trinken und, ohne zu taumeln, nach Hause gehen. Und doch, meine Herren, haben die Dundeer so starke Köpfe und einen so starken Punsch, wie man es zwischen beiden Erdpolen nur finden kann. Ich habe einmal von einem Glasgower und einem Dundeer erzählen hören, die in einer einzigen Sitzung fünfzehn Stunden lang miteinander um die Wette tranken. Sie erstickten zwar beide, und so gut es sich ermitteln ließ, im gleichen Augenblick; aber mit Ausnahme dieser Kleinigkeit, meine Herren, befanden sie sich noch genau so wohl wie vorher, meine Herren. Eines Abends in den letzten vierundzwanzig Stunden vor seiner Einschiffung nach London speiste mein Onkel bei einem seiner ältesten Freunde, einem Baillie Mac oder so ähnlich, der in der alten Stadt Edinburg lebte. Des Baillies Frau war da, ferner seine drei Töchter, ein erwachsener Sohn und drei oder vier stämmige, lustige, alte, schottische Kumpane mit buschigen Augenbrauen, die der Baillie meinem Onkel zu Ehren und um einen recht lustigen Abend zu haben, eingeladen hatte. Es war ein glorreicher Schmaus. Da gab es geräucherte Lachse, finnländische Schellfische, Lammköpfe und Hachis – ein berühmtes schottisches Gericht, meine Herren, von dem mein Onkel zu sagen pflegte, wenn es auf den Tisch kam, es komme ihm vor wie ein Götterfraß; – außerdem noch eine Menge andere Sachen, deren Namen ich vergessen habe, übrigens jedenfalls lauter gute Sachen. Die Mädchen waren hübsch und munter, die Frau des Baillies eines der besten Geschöpfe, die je gelebt haben, und mein Onkel in seiner besten Stimmung. Die Folge war, daß die jungen Damen in einem fort kicherten, die alte Dame laut lachte, der Baillie und die andern alten Kumpane aber die ganze Zeit über brüllten und schrien, bis sie feuerrot wurden. Ich kann nicht mit Bestimmtheit angeben, wieviel Humpen Toddy- Whisky jeder der Herren nach dem Essen trank, aber soviel weiß ich, daß etwa um ein Uhr nach Mitternacht der erwachsene Sohn des Baillie kaum mehr lallen konnte, als er den ersten Vers des Liedes: ›Wilhelm braut ein gut Getränk usw.‹ zu singen versuchte. Da mein Onkel nun schon eine halbe Stunde neben diesem Sohn der einzige über dem Mahagonitisch noch sichtbare Mann gewesen war, so fiel es ihm ein, es möchte Zeit sein, aufzubrechen, besonders da sie schon um sieben Uhr zu trinken angefangen hatten, damit er zeitig nach Hause kommen möchte. Indessen meinte er doch, es dürfte nicht ganz höflich sein, sich gerade in diesem Augenblick zu entfernen. Er ernannte sich daher zum Präsidenten, mischte sich noch ein Glas, stand auf, um seine eigene Gesundheit auszubringen, hielt eine wohlgesetzte und sehr schmeichelhafte Rede auf sich selbst und trank den Toast mit großem Enthusiasmus. Da niemand mehr wachte, so nahm mein Onkel noch ein Tröpfchen zu sich, aber diesmal lauter und unvermischt, damit der Whisky ihm nicht verleidet werden möchte. Schließlich faßte er doch einen festen Entschluß, griff nach seinem Hut und wankte auf die Straße hinaus. Es war eine wilde stürmische Nacht, als mein Onkel die Tür des Baillie schloß; er drückte den Hut fest auf den Kopf, damit ihn der Wind nicht nehme, steckte die Hände in die Taschen, schaute nach dem Himmel und nahm eine kurze Inspektion über den Zustand des Wetters vor. Die Wolken trieben in der schwindelndsten Eile über den Mond hin und verdunkelten ihn bald völlig; bald ließen sie ihn in seinem vollen Glanze hervorleuchten und über alle Gegenstände ringsum sein Licht verbreiten. Unmittelbar darauf aber jagten sie wieder mit vermehrter Schnelligkeit über ihn hin und verhüllten alles in Dunkel. ›Wahrhaftig, das will mir nicht gefallen‹, sagte mein Onkel, indem er das Wetter anredete, als fühlte er sich persönlich von ihm beleidigt. ›Das paßt durchaus nicht zu meiner Reise; nein, das geht wahrhaftig nicht‹, fügte er mit großem Nachdruck hinzu. Nachdem er diese Worte mehrere Male wiederholt, gewann er mit einiger Mühe sein Gleichgewicht wieder – er war nämlich durch sein langes Hinaufsehen an den Himmel schwindlig geworden – und ging vergnügt seines Wegs. Der Baillie wohnte in Canongate, und mein Onkel mußte eine ganze Meile weit ausschreiten bis zum andern Ende von Leith Walk. Auf beiden Seiten schossen hohe, schmale, zuweilen einzelnstehende Häuser gegen den schwarzen Himmel empor mit verwitterten Vorderseiten und Fenstern, die das Los der Menschenaugen geteilt zu haben, d. h. vor Alter düster geworden und eingesunken zu sein schienen. Sechs, sieben, acht Stock hoch waren die Häuser; Stockwerk auf Stockwerk gehäuft, wie Kinder mit Karten bauen. – Sie warfen ihren düsteren Schatten über die rauh gepflasterten Straßen und machten die Nacht noch finsterer. Einige wenige Öllampen hingen in langen Zwischenräumen hier und da, dienten aber nur dazu, den schmutzigen Eingang in irgendein schmales Gäßchen zu bezeichnen, oder zu zeigen, wie irgendein steiler und verwickelter Steg wieder auf die verschiedenen ebenen Wege führte. All das mit der Miene eines Mannes betrachtend, der so etwas schon zu oft gesehen hat, um sie einer Beachtung wert zu finden, ging mein Onkel, die Daumen in seiner Westentasche, mitten auf der Straße dahin, sang dabei von Zeit zu Zeit zu seiner Unterhaltung allerlei Liedchen, und zwar so kräftig und wohlgemut, daß die ruhigen, ehrsamen Leute aus ihrem ersten Schlaf aufschraken und zitternd im Bette lagen, bis die Töne in der Ferne erstarben. Dann trösteten sie sich mit dem Gedanken, es sei wohl nur irgendein betrunkener Taugenichts, der den Weg nach Hause suche, deckten sich warm zu und versanken wieder in den Schlaf. Wenn ich so weitläufig erzähle, wie mein Onkel mit den Daumen in seinen Westentaschen mitten auf der Straße einherwandelte, so geschieht das deshalb, meine Herren, weil, wie er, und zwar mit allem Recht, zu sagen pflegte, an der ganzen Geschichte nichts Außerordentliches ist, wenn man sich nicht gleich im Anfang gehörig merkt, daß er keineswegs in einer zum Wunderbaren geneigten oder romantischen Stimmung war. Mein Onkel wandelte also mit seinen Daumen in den Westentaschen dahin, indem er die Mitte der Straße einnahm, bald einen Vers aus einem Liebes-, bald aus einem Trinkliede sang, und wenn er beides genug hatte, gar melodisch pfiff, bis er die Nordbrücke erreichte, die hier die Alt- und Neustadt von Edinburg verbindet. Er stand eine Minute lang still, um die seltsam unregelmäßige Masse von übereinanderhängenden Lichtern zu betrachten, die in der Entfernung meist so hoch in der Luft flimmerten, daß sie aussahen wie Sterne, die von den Kastellmauern auf der einen und von dem Caltonhill auf der andern Seite herabfunkelten. Es war, als ob sie wirkliche Kastelle in der Luft beleuchteten, während die alte malerische Stadt unten in Dunkel und Finsternis schwer schlief. Der Palast und die Kapelle von Holyrood aber, die, wie ein Freund meines Onkels zu sagen pflegte, Tag und Nacht von des alten Arthurs Sitz aus bewacht werden, ragte düster und finster wie ein grämlicher Genius über die bejahrte Stadt hin, die er so lange gehütet. Hier, meine Herren, blieb also mein Onkel eine Minute lang stehen, um sich umzuschauen. Dann machte er dem Wetter, das sich, obgleich der Mond im Untergehen war, ein wenig aufgeklärt hatte, sein Kompliment und schritt so königlich wie vorher wieder weiter, mit großer Würde die Mitte der Straße behauptend und um sich blickend, als wünschte er gar sehr auf jemand zu stoßen, der ihn den Besitz dieser Straßenmitte streitig machen wollte. Zufälligerweise zeigte jedoch niemand Lust zu diesem Kampfe, und so zog er mit den Daumen in seinen Westentaschen friedlich wie ein Lamm dahin. Als mein Onkel das Ende von Leith Walk erreichte, mußte er über einen ziemlich großen, unangebauten Platz schreiten, der ihn von einer kurzen nach seiner Wohnung führenden Straße trennte. Auf diesem unangebauten Platze befand sich dazumalen eine Einfriedigung, die einem Wagenbauer gehörte. Dieser pflegte der Post ihre alten abgenutzten Kutschen abzukaufen. Da nun mein Onkel eine besondere Vorliebe für Kutschen, alte, junge oder mittelalterliche hatte, so kam ihm auf einmal der Gedanke, von seiner Straße ein bißchen abzugehen, um sich durch die Pfahleinfriedigung hindurch diese Kutschen anzusehen. Er glaubte deren ungefähr ein Dutzend in einem höchst verwahrlosten Zustand und teilweise zertrümmert in dem genannten Raum zu bemerken. Mein Onkel war ein sehr enthusiastisches, kurz angebundenes Menschenkind, meine Herren. Als er merkte, daß er durch die Umzäunung nicht gut hindurchsehen konnte, kletterte er über sie hinein, setzte sich ganz ruhig auf eine alte Wagenachse und begann mit großem Ernst sich die Postkutschen zu betrachten. Es mochten ein Dutzend oder auch ein paar mehr sein – mein Onkel kam über diesen Punkt nie ganz ins reine, und da er in Beziehung auf Zahlen ein Mann von peinlicher Wahrheitsliebe war, so sprach er sich nicht bestimmt darüber aus – aber da standen sie alle, in der trostlosesten Lage durcheinander gerückt, die man sich nur denken kann. Die Türen waren aus den Angeln gerissen und fehlten, das Futter war gleichfalls abgerissen, und nur noch dann und wann hing ein Läppchen an einem rostigen Nagel. Die Laternen waren dahin, die Deichseln schon längst verschwunden, das Eisen rostig, die Farbe abgeschabt; der Wind pfiff durch die Ritzen des entblößten Holzwerks, in den Dächern hatte sich der Regen gesammelt und fiel in hohlem melancholischem Ton tropfenweise hinein. Es waren nur noch die zerfallenen Skelette dahingeschwundener Postkutschen; und an diesem einsamen Orte, um diese Zeit der Nacht, sahen sie gar düster und jammervoll aus. Mein Onkel stützte den Kopf auf seine Hände und gedachte der geschäftigen, unruhigen Leute, die vor Jahren in den alten Kutschen dahingerasselt und jetzt ebenfalls schweigsam und ganz verändert waren. Er gedachte der zahllosen Leute, denen eines dieser gebrechlichen, vermoderten Fuhrwerke viele Jahre lang Nacht um Nacht und bei jedem Wetter die ängstlich erwartete Kunde, den sehnsüchtig verlangten Wechsel, die versprochene Versicherung der Gesundheit und des Wohlseins, die plötzliche Nachricht von Krankheit und Tod gebracht hatte. Der Kaufmann, der Liebhaber, die Gattin, die Witwe, die Mutter, der Schulknabe, das Kind, das beim Klopfen des Briefträgers nach der Tür hintrippelte – wie neugierig hatten sie alle der Ankunft der alten Kutsche entgegengesehen! und wo waren sie jetzt alle?? Meine Herren, mein Onkel pflegte zu sagen, daß er damals an all das gedacht habe; allein ich vermute eher, daß er es nachher in einem Buche gelesen, denn er erklärte selbst ganz ausdrücklich, daß er, wie er so auf der alten Wagenachse saß und die zerfallenen Postkutschen betrachtete, in eine Art Dösen versunken sei. Daraus hätten ihn plötzlich die dumpfen Töne der Kirchenuhr geweckt, die zwei geschlagen. Überdies war mein Onkel niemals ein gewaltiger Denker, und wenn er an alle diese Sachen gedacht hätte, so bin ich überzeugt, daß solche Gedanken ihn wenigstens bis halb drei Uhr beschäftigt haben würden. Deshalb, meine Herren, bin ich entschieden der Ansicht, daß mein Onkel eingedöst ist, ohne an derlei zu denken. Dem sei nun, wie es wolle, eine Kirchenuhr schlug zwei. Mein Onkel erwachte, rieb sich die Augen und sprang verwundert auf. In dem Augenblick, da die Glocke ausgeschlagen hatte, verwandelte sich dieser ruhige und verlassene Platz auf einmal in eine Szene von Leben und Bewegung. Die Kutschentüren waren in den Angeln, das Futter ganz in Ordnung, das Eisenwerk so gut wie neu, die Farben wieder hergestellt, die Laternen brannten, Kissen und große Mäntel lagen auf jedem Bock; die Packer steckten Pakete in die Kutschenschläge, die Schaffner verwahrten ihre Briefe, die Hausknechte schütteten Kübel voll Wasser über die frischen Räder, viele Leute stürzten herbei und merkten sich die betreffende Kutsche; Passagiere kamen, die Koffer wurden aufgepackt, die Pferde angespannt; kurzum, es war vollkommen klar, daß jede Kutsche sogleich abfahren mußte. Mein Onkel sperrte ob alledem die Augen so weit auf, daß er bis zum letzten Augenblick seines Lebens zu sagen pflegte, er wundere sich nur, wie er imstande gewesen sei, sie wieder zu schließen. ›He da‹, sagte eine Stimme, und mein Onkel fühlte eine Hand auf seiner Schulter. ›Sie haben ein Billett auf einen inneren Platz. Steigen Sie ein.‹ ›Ich ein Billett?‹ rief mein Onkel, sich umwendend. ›Freilich.‹ Mein Onkel konnte kein Wort sprechen, denn er war vor Erstaunen ganz außer sich. Das närrischste an der Sache aber war, daß bei all dem Gedränge, und obgleich jeden Augenblick neue Gesichter auftauchten, doch niemand sagen konnte, woher sie kamen; sie schienen auf irgendeine seltsame Art aus dem Boden zu wachsen oder aus der Luft herabzukommen und ebenso wieder zu verschwinden. Wenn ein Packknecht sein Gepäck in die Kutsche gelegt und sein Trinkgeld empfangen hatte, wandte er sich um und war fort. Ehe mein Onkel recht angefangen hatte, sich zu verwundern, was aus ihm geworden sei, traten einhalb Dutzend frische auf und wankten unter der Last von Koffern, die schwer genug schienen, daß sie darunter hätten zusammenbrechen können, einher. Die Passagiere waren ebenfalls sonderbar gekleidet – weite, breit gesäumte Tressenröcke mit großen Aufschlägen und ohne Kragen und Perücken, meine Herren – große förmliche Perücken mit einem Knoten hinten. Mein Onkel konnte nicht klug daraus werden. ›Nun, werden Sie bald einsteigen?‹ fragte der Mann, der meinen Onkel zuerst angeredet hatte. Er war wie ein Schaffner gekleidet, hatte eine Perücke auf dem Kopf, ungeheure Ärmelaufschläge an dem Rock und in der einen Hand eine Laterne, in der andern eine gewaltige Doppelbüchse, die er eben in seinen kleinen Sack stecken wollte. ›Werden Sie bald einsteigen, Jack Martin?‹, sagte er und hielt meinem Onkel die Laterne vors Gesicht. ›Ei, der Teufel!‹ sagte mein Onkel, ein paar Schritte zurücktretend; ›das nenne ich wirklich sehr vertraulich.‹ ›Es steht so im Passagierverzeichnis‹, erwiderte der Schaffner. ›Und steht kein Herr davor?‹ fragte mein Onkel – denn er fühlte, meine Herren, daß es sich für einen Schaffner, den er gar nicht kannte, keineswegs schicke, ihn schlechtweg Jack Martin anzureden, und daß das Postamt diese Freiheit gewiß nicht gutheißen würde, wenn er das anzeigte. ›Nein‹, erwiderte der Schaffner kaltblütig. ›Ist für mich bezahlt?‹ fragte mein Onkel. ›Versteht sich‹, erwiderte der Schaffner. ›So, so; schon gut‹, sagte mein Onkel. ›In welcher Kutsche fahre ich?‹ ›In dieser da‹, entgegnete der Schaffner, auf eine altmodische Edinburg-Londoner Postkutsche deutend, wo der Tritt bereits heruntergelassen war und die Tür offen stand. ›Doch halt – da sind die andern Passagiere; lassen Sie diese zuerst einsteigen.‹ Als der Schaffner so sprach, erschien auf einmal gerade vor meinem Onkel ein junger Gentleman in einer bepuderten Perücke und einem himmelblauen silberbordierten Rock mit vollen breiten Schößen, die mit Steifleinwand gefüttert waren. Auf dem gedruckten Kattun und im Westenfutter stand Tiggin und Welps zu lesen, meine Herren, und so kannte mein Onkel sämtliche Stoffe im Augenblick. Der junge Mann trug Kniehosen, eine Art Gamaschen über seinen seidenen Strümpfen und Schnallenschuhe. Um seine Handgelenke kräuselten sich Manschetten, und auf dem Kopfe hatte er einen dreieckigen Hut, während an seiner Seite ein langer, spitzer Degen hing. Die Flügel seiner Weste reichten ihm bis über die Hälfte der Schenkel hinab, und die Zipfel seines Halstuches hingen bis an die Mitte des Leibes hinunter. Er schritt gravitätisch auf den Kutschenschlag zu, nahm seinen Hut ab, hielt ihn auf Armlänge über den Kopf empor und streckte dabei seinen kleinen Finger in die Luft, wie Gecken manchmal tun, wenn sie eine Tasse Tee nehmen. Darauf – rückte er die Hacken zusammen, machte eine tiefe, steife Verbeugung und streckte dann seine linke Hand aus. Mein Onkel war eben im Begriff vorzutreten und sie herzlich zu schütteln, als er bemerkte, daß diese Aufmerksamkeit nicht an ihn gerichtet war, sondern an eine junge Dame in einem altmodischen Samtkleid mit langer Taille und einem ebensolchen Brustlatz, die soeben an dem Kutschentritte erschien. Sie hatte keinen Hut auf dem Kopfe, meine Herren, dafür jedoch eine schwarze seidene Haube. Aber sie sah sich einen Augenblick um, als sie Anstalten machte, in die Kutsche zu steigen, und ein so schönes Gesicht, wie sie zeigte, hatte mein Onkel noch nie gesehen, nicht einmal auf einem Gemälde. Sie stieg endlich wirklich ein, wobei sie mit einer Hand das Kleid aufhob, und mein Onkel beteuerte jedesmal, wenn er diese Geschichte erzählte, mit feierlichem Schwur, er hätte es nie für möglich gehalten, daß Beine und Füße einen solchen Grad von Vollkommenheit erlangen könnten, wenn er diese nicht mit eigenen Augen gesehen hätte. Aber bei diesem einzigen Lichtstrahl des schönen Gesichtes sah mein Onkel, daß die junge Dame einen flehenden Blick auf ihn geworfen hatte, und daß sie äußerst betrübt und niedergeschlagen aussah. Er bemerkte auch, daß sie der junge Mann mit der bepuderten Perücke, trotz seiner scheinbaren Galanterie, die allerdings sehr fein und großartig war, fest beim Handgelenk faßte, als sie einstieg, weshalb er ihr unmittelbar nachfolgte. Ein Kerl von äußerst boshaftem Aussehen, mit einer dunkelbraunen Perücke, einem pflaumfarbigen Rock, einem gewaltigen Schwert an der Seite und Stiefeln, die ihm bis an die Hüften reichten, gehörte ebenfalls zu der Gesellschaft. Als er sich nun unmittelbar neben die junge Dame setzte, die sich bei seiner Annäherung in eine Ecke zusammendrückte, da bestätigte sich meinem Onkel sein ursprünglicher Eindruck, daß hier irgendeine geheimnisvolle finstere Tat im Werk sein müsse, oder wie er sich gewöhnlich ausdrückte, daß es hier nicht ganz geheuer sein könne. Es verdient wirklich Bewunderung, wie schnell er den Beschluß faßte, auf jede Gefahr hin der Dame Hilfe zu leisten, wenn sie ihrer bedürfen sollte. ›Tod und Blitz!‹ rief der junge Gentleman, an sein Schwert schlagend, als mein Onkel in die Kutsche stieg. ›Donner und Blut!‹ brüllte der andere Gentleman. Zugleich riß er sein Schwert aus der Scheide und machte ohne weitere Umstände einen Ausfall auf meinen Onkel. Mein Onkel hatte keine Waffen bei sich, aber mit großer Gewandtheit riß er dem boshaft aussehenden Gentleman seinen dreieckigen Hut von dem Kopf, fing die Spitze des Schwertes mit der Krone dieses Hutes auf, drückte dann die Seiten zusammen und hielt die Klinge damit fest. ›Durchbohren Sie ihn von hinten!‹ schrie der Kerl mit der Galgenphysiognomie seinem Begleiter zu, während er sich bemühte, sein Schwert wieder an sich zu reißen. ›Er wird gut tun, das bleiben zu lassen‹, rief mein Onkel, indem er den Absatz eines seiner Stiefel mit drohender Gebärde schwang. ›Ich schlage ihm das Hirn aus dem Kopf, wenn er welches darin hat, oder zermalme ihm wenigstens den Schädel, wenn er keines hat.‹ Dabei nahm mein Onkel seine ganze Kraft zusammen, riß dem Kerl mit der Galgenphysiognomie das Schwert aus der Hand und warf es geradezu zum Kutschenfenster hinaus, worauf der junge Gentleman abermals Tod und Blitz rief und mit ingrimmiger Gebärde auf das Heft seines Degens schlug, dasselbe aber nicht zog. Vielleicht, meine Herren – (pflegte mein Onkel lächelnd zu sagen) vielleicht fürchtete er, der Dame Angst zu machen. ›Nun, meine Herren‹, sagte mein Onkel, indem er mit vieler Ruhe seinen Platz einnahm, ›ich wünsche nicht, daß in Gegenwart einer Dame mit oder ohne Blitz ein Todesfall vorkäme. Blut und Donner haben wir für eine Reise jetzt schon genug gehabt; wenn es Ihnen also gefällig ist, so wollen wir uns wie friedliebende Postwagenpassagiere auf unsere Plätze setzen. He da, Schaffner, geben Sie doch das kleine Käsemesser des Gentlemans herein!‹ Sobald mein Onkel diese Worte gesagt hatte, erschien der Schaffner an der Kutschentür mit des Gentlemans Schwert in der Hand. Er hielt seine Laterne empor und blickte dabei meinem Onkel ernst ins Gesicht, und mein Onkel sah bei diesem Lichte zu seiner großen Verwunderung, daß eine riesige Menge Schaffner um den Wagen herumschwärmte, die ihn sämtlich ebenso fest ins Auge faßte. Er hatte zeitlebens noch nie ein solches wogendes Meer von weißen Gesichtern, roten Körpern und ernsthaften Augen gesehen. ›So etwas Wunderbares ist mir doch noch nie vorgekommen‹, dachte mein Onkel – ›erlauben Sie mir, Ihnen Ihren Hut zurückzugeben, Sir!‹ Der boshaft blickende Gentleman nahm seinen dreieckigen Hut schweigend zurück, betrachtete mit forschender Miene das Loch in der Mitte und steckte ihn endlich auf die Spitze seiner Perücke mit einer Feierlichkeit, deren Wirkung jedoch durch ein plötzliches, heftiges Niesen etwas geschwächt wurde; denn infolgedessen purzelte der Hut wieder herunter. ›Alles in Ordnung!‹ rief der Schaffner, mit der Laterne auf seinen kleinen Sitz hinten hinaufsteigend, und nun fuhren sie ab. Mein Onkel sah zum Kutschenfenster hinaus, als sie vor den Posthof hinauskamen, und bemerkte, daß die andern Kutschen samt den Postillionen, Schaffnern, Pferden und Passagieren fortwährend in einem langsamen Trott, so daß sie etwa fünf Meilen in der Stunde zurückgelegt hätten, im Kreise herumfuhren. Meine Herren, da entbrannte mein Onkel vor Entrüstung. Als Handelsmann fühlte er, daß man mit den Postpaketen nicht so fahrlässig umgehen dürfe, und er beschloß, unmittelbar nach seiner Ankunft in London, dem Postamt die gebührende Anzeige davon zu machen. Für den Augenblick waren jedoch seine Gedanken mit der jungen Dame beschäftigt, die in der äußersten Ecke der Kutsche saß und ihr Gesicht gänzlich in ihre Haube gehüllt hatte. Der Gentleman im himmelblauen Rocke saß ihr gerade gegenüber, der andere Herr mit dem pflaumfarbigen Kleid an ihrer Seite, und beide beobachteten sie sehr genau. Wenn sie nur die geringste Bewegung machte, wenn nur die Falten ihrer Haube ein wenig sich bewegten, so konnte er den boshaft aussehenden Mann an sein Schwert schlagen hören und aus dem Schnauben des andern (es war nämlich so dunkel, daß er dessen Gesicht nicht sehen konnte) entnehmen, daß jener sich so wütend gebärdete, als wollte er sie mit Haut und Haar verschlingen. Dies machte meinen Onkel immer aufmerksamer, und er beschloß, es komme was da wolle, das Ende der Geschichte mit anzusehen. Er hegte eine große Bewunderung für glänzende Augen, süße Gesichtchen und hübsche Beine; kurz, er war in das ganze schöne Geschlecht verliebt. Es liegt das so in unserer Familie, meine Herrn; mir ergeht es auch nicht anders. Mein Onkel kam auf eine Menge listiger Erfindungen, um die Aufmerksamkeit der Dame auf sich zu ziehen, oder jedenfalls mit dem geheimnisvollen Herrn ein Gespräch anzuknüpfen. – Allein vergeblich. Die Herren wollten nichts sprechen und die Dame wagte es nicht. Er steckte von Zeit zu Zeit den Kopf zum Kutschenfenster hinaus und schrie die Postillione an, warum sie nicht schneller führen. Er schrie sich heiser; aber niemand widmete ihm die geringste Aufmerksamkeit. Er lehnte sich in die Kutsche zurück und dachte an das schöne Gesicht, an die schönen Beine. Das schlug besser an; es vertrieb ihm die Zeit und verscheuchte den Gedanken, wohin es gehe und in welch sonderbarer Lage er sich befinde. Doch hätte er sich auch darüber nicht sehr gegrämt, denn, meine Herren, mein Onkel war ein gewaltig lustiger und leichtfertiger Kamerad, der sich um keinen Teufel scherte. Auf einmal hielt die Kutsche an. ›He da!‹ rief mein Onkel, ›schon an Ort und Stelle?‹ ›Ja‹, sagte der Schaffner, indem er die Tritte hinunterließ, ›steigen Sie aus.‹ ›Hier?‹ rief mein Onkel. ›Ja‹, erwiderte der Schaffner. ›Das tue ich nicht‹, sagte mein Onkel. ›Nun gut, so bleiben Sie, wo Sie sind‹, erklärte der Schaffner. ›Das werde ich auch‹, sagte mein Onkel. ›Meinetwegen‹, erwiderte der Schaffner. Die andern Passagiere hatten dieses Zwiegespräch sehr aufmerksam mit angehört, und da sie fanden, daß mein Onkel entschlossen war, nicht auszusteigen, so drückte sich der jüngere Herr an ihm vorüber, um der Dame hinauszuhelfen. In diesem Augenblick besichtigte der boshaft aussehende Mann das Loch in der Spitze seines Dreimasters. Als die junge Dame an meinem Onkel vorüberhuschte, ließ sie einen ihrer Handschuhe in seine Hand fallen und flüsterte ihm mit ihren Lippen so nahe an seinem Gesicht, daß er ihren warmen Atem an seiner Nase spürte, das einzige Wörtchen: ›Hilfe!‹ zu. Jetzt, meine Herren, sprang mein Onkel auf einmal mit solcher Heftigkeit hinaus, daß die Kutsche in ihren Federn schwankte. ›So, haben Sie sich eines Besseren besonnen?‹ sagte der Schaffner, als er meinen Onkel auf dem Boden stehen sah. Mein Onkel blickte den Schaffner einige Sekunden lang an, etwas zweifelhaft, ob es nicht besser wäre, ihm seine Doppelbüchse aus der Hand zu reißen, den Mann mit dem großen Schwert niederzuschießen, den andern mit dem Kolben niederzuschlagen, die junge Dame in seine Arme zu nehmen und sich wie der Blitz mit ihr aus dem Staube zu machen. Bei näherer Überlegung gab er jedoch diesen Plan auf, weil ihm seine Ausführung um einen Schatten zu melodramatisch vorkam, und folgte den beiden geheimnisvollen Herren, die, die Dame in ihrer Mitte, gerade in ein altes Haus traten, vor dem die Kutsche angehalten hatte. Sie lenkten in die Hausflur ein, und mein Onkel hielt sich dicht hinter ihnen. Mein Onkel hatte schon viele trostlos verfallene Häuser gesehen, aber noch keines so wie dieses. Dem Anschein nach mußte es früher ein großes Wirtshaus gewesen sein. Allein das Dach war an manchen Stellen eingefallen und die Treppen waren steil, holperig und zerbrochen. In dem Zimmer, worein sie traten, befand sich ein ungeheurer Ofensitz, der Kamin war von Rauch geschwärzt, aber es brannte kein Feuer darin. Der weiße leichte Staub von verbranntem Holz war noch über den Herd gestreut, aber der Ofen war kalt und alles finster und düster. ›Schön‹, sagte mein Oheim, als er um sich blickte, ›eine recht saubere Einrichtung, daß man sechs und eine halbe Stunde lang in einer Postkutsche gefahren ist und dann auf unbestimmte Zeit in einer solchen Höhle anhalten soll. Das muß bekanntgemacht werden; ich setze es in die Zeitungen.‹ Mein Onkel sagte das mit ziemlich lauter Stimme und in offener, rückhaltloser Manier, um womöglich mit den zwei Fremdlingen ein Gespräch anzuknüpfen. Aber keiner von beiden nahm Notiz von ihm, außer daß sie einander zuflüsterten und ihm dabei finstere Blicke zuwarfen. Die Dame war am andern Ende des Zimmers, und einmal wagte sie es, ihre Hand zu bewegen, als ob sie meinen Onkel um Beistand anflehte. Endlich näherten sich die beiden Fremden ihm etwas und die Unterhaltung begann wirklich. ›Sie scheinen nicht zu wissen, Kerl, daß dies ein Privatzimmer ist‹, redete ihn der Gentleman mit dem himmelblauen Rock an. ›Nein, ich weiß es nicht, Kerl‹, antwortete mein Onkel; ›wenn dies übrigens ein besonders für die Reisenden eingerichtetes Privatzimmer ist, dann muß das Gastzimmer wohl höchst lieblich und bequem sein.‹ Mit diesen Worten setzte sich mein Onkel auf einen hochlehnigen Stuhl und maß den Gentleman so genau mit den Augen, daß er der Schneiderfirma Tiggin und Welps bloß nach dieser Schätzung genau hätte angeben können, wieviel Stoff sie bei einem Rock für diesen Gentleman hätten reservieren müssen. Da wäre kein Zoll zu viel noch zu wenig gewesen. ›Verlassen Sie das Zimmer‹, sagten die beiden Männer, nach ihren Degen greifend. ›Was sagen Sie?‹ bemerkte mein Onkel, der sich stellte, als ob er ihre Aufforderung schlechterdings nicht begriffe. ›Verlassen Sie das Zimmer oder Sie sind ein Mann des Todes‹, sprach der boshaft Blickende mit dem großen Degen, indem er ihn sogleich zog und in der Luft schwang. ›Nieder mit ihm!‹ rief der Himmelblaue, indem er ebenfalls seinen Degen zog und zwei oder drei Schritte ausfiel, ›nieder mit ihm!‹ Die Dame stieß einen lauten Schrei aus. Nun hatte sich mein Onkel von jeher durch großen Mut und ungewöhnliche Geistesgegenwart ausgezeichnet. Er hatte sich diese Zeit über zwar scheinbar vollkommen gleichgültig verhalten, aber dabei listigerweise immer nach irgendeiner Verteidigungswaffe umgesehen und in dem Augenblick, wo die Degen gezogen wurden, wirklich im Kaminwinkel ein altes Rapier mit einem Korb und in einer rostigen Scheide erspäht. Mit einem Sprung hatte es mein Onkel in der Hand, zog es, schwang es tapfer über seinem Kopfe, rief der Dame laut zu, sie möchte auf die Seite treten, schleuderte nach dem Himmelblauen den Stuhl, nach dem Pflaumfarbigen die Scheide, benutzte dann die Verwirrung, über beide herzufallen, und hieb wacker auf sie los. Meine Herren, es ist eine alte Geschichte, und deshalb ist sie nicht schlechter, weil sie wahr ist: nämlich, daß ein junger irischer Gentleman auf die Frage, ob er die Geige spielen könne, zur Antwort gab, er zweifle nicht daran, vermöge es jedoch nicht mit Bestimmtheit zu sagen, da er es noch nie versucht habe. Diese Geschichte paßt einigermaßen auf meinen Onkel und sein Fechten. Er hatte nie zuvor einen Degen in seiner Hand gehabt, außer ein einzigesmal, als er auf einem Privattheater Richard III. spielte. Dabei war mit Richmond verabredet worden, daß er von hinten durchrannt werden solle, ohne vorher überhaupt fechten zu müssen. Aber hier stieß und hieb er sich mit zwei erfahrenen Fechtern herum, schlug und parierte, fiel aus und voltierte, und erwies sich dabei überhaupt so mannhaft und gewandt wie möglich, obgleich er bis auf diesen Augenblick nicht gewußt, daß er auch nur den geringsten Begriff von dieser Kunst habe. Ein mächtiger Beweis für die Wahrheit des alten Sprichworts: Probieren gehe über Studieren. Der Kampf verursachte einen schrecklichen Lärm, da alle drei wie Matrosen fluchten und ihre Degen mit solcher Macht gegeneinander schlugen, daß es sich anhörte, als rasselten auf einmal alle Messer und Stähle auf dem Newportmarkt zusammen. Als das Gefecht am hitzigsten war, zog die Dame, höchstwahrscheinlich um meinen Onkel zu ermutigen, ihre Haube ganz von ihrem Gesichte weg und enthüllte ein Antlitz von solch blendender Schönheit, daß er gerne mit fünfzig Männern gefochten hätte, nur um ihm ein Lächeln abzugewinnen und dann zu sterben. Er hatte schon vorher Wunder getan, jetzt aber fing er an, sich anzustrengen wie ein rasender Riese. In diesem Augenblick wandte sich der Himmelblaue um, und als er die junge Dame mit enthülltem Gesicht sah, stieß er vor Wut und Eifersucht einen Schrei aus, wandte seine Waffe gegen ihren schönen Busen und stieß nach ihrem Herzen. Mein Onkel schrie vor Angst um sie dermaßen, daß das ganze Haus widerhallte. Die Dame aber trat schnell auf die Seite, riß dem jungen Mann den Degen aus der Hand, bevor er sein Gleichgewicht wiedererhalten hatte, trieb ihn an die Wand und stieß ihm den Degen bis ans Heft in den Leib, so daß die Klinge noch in das Täfelwerk drang und er selbst festgespießt war. Das war einmal ein glänzendes Exempel. Mein Onkel nötigte mit einem lauten Triumphgeschrei und unwiderstehlicher Kraft seinen Gegner, in gleicher Richtung zurückzuweichen, stieß ihm das alte Rapier mitten durch eine große rote Blume in seiner Weste und spießte ihn neben seinen Freund an die Wand, so daß die beiden Gentlemen dastanden und im Todeskampf mit ihren Armen und Beinen zappelten, gleich Marionettenfiguren, die man am Faden tanzen läßt. Mein Onkel sagte nachher immer, dies sei eines der sichersten Mittel, die er wisse, um einen Feind loszuwerden, nur sei wegen des Kostenpunktes etwas einzuwenden, da jedesmal dabei ein Degen verlorengehe. ›Die Kutsche! die Kutsche!‹ rief die Dame, indem sie auf meinen Onkel zurannte und ihm ihren schönen Arm um seinen Nacken warf; ›wir können vielleicht entfliehen.‹ › Vielleicht? ‹ sagte mein Onkel. ›Wie meine Teuerste, ist noch einer umzubringen?‹ Mein Onkel war etwas ärgerlich, ihr Herren, denn er hatte gedacht, nach dem Gemetzel würde es sehr angenehm sein, in der Ruhe ein bißchen der Liebe zu pflegen, und wäre es auch nur um der Abwechslung willen. ›Wir dürfen hier keinen Augenblick verlieren‹, sagte die junge Dame. ›Er (dabei deutete sie auf den jungen Herren im himmelblauen Rock) ist der einzige Sohn des mächtigen Marquis von Filletoville.‹ ›Schon gut, meine Teuerste; ich fürchte nur, er wird nie seinen Titel erlangen‹, sagte mein Onkel, indem er gleichgültig nach dem jungen Herrn blickte, der in der oben beschriebenen Maikäfermanier an die Wand gespießt dastand. ›Sie haben ihm die Erbfolge abgeschnitten, meine Liebe.‹ ›Diese Schurken haben mich von meinem Haus und meinen Freunden fortgerissen‹, erklärte die junge Dame, indem ihre Züge vor Entrüstung glühten. ›Der Elende wollte mich in der nächsten Stunde mit Gewalt heiraten.‹ ›Pfui über seine Unverschämtheit‹, sagte mein Onkel, indem er einen höchst verächtlichen Blick auf den sterbenden Erben von Filletoville warf. ›Wie Sie aus dem Gesehenen schließen können‹, fuhr die junge Dame fort, ›ist die Rotte entschlossen, mich zu ermorden, sobald Sie jemand zum Beistand auffordern. Wenn ihre Spießgesellen uns hier finden, so sind wir verloren. In zwei Minuten kann es zu spät sein. Ach, die Kutsche! –‹ Und mit diesen Worten sank sie, überwältigt von ihren Gefühlen und der Anstrengung, den jungen Marquis von Filletoville aufzuspießen, meinem Onkel in die Arme. Mein Onkel fing sie auf und trug sie an die Tür. Da stand der Wagen mit vier langgeschweiften, flattermähnigen, schwarzen Rossen bereits aufgeschirrt; aber weit und breit waren weder Postillione, noch Schaffner, noch Hausknecht zu schauen. Meine Herren, ich hoffe, das Andenken meines Oheims nicht zu beschimpfen, wenn ich die Meinung ausspreche, daß er, obgleich ein Junggeselle, schon vorher mehr als eine Dame im Arm gehabt hatte; ich glaube in der Tat, daß es eine Gewohnheit von ihm war, die Kellnerinnen zu küssen; und es sind mir mehrere Beispiele bekannt, daß glaubwürdige Zeugen es gesehen haben, wie er auf eine sehr wahrnehmbare Weise eine Wirtin umarmte. Ich erwähne das, um zu zeigen, welch eine höchst ungewöhnliche Art von Frauenzimmer diese schöne junge Dame gewesen sein muß, um auf meinen Oheim einen solchen Eindruck zu machen. Als ihr langes Haar über seinen Arm herabhing und ihre schönen schwarzen Augen, nachdem sie wieder erwacht, sich auf sein Gesicht hefteten, wäre es ihm, wie er bekannte, so sonderbar zumute geworden, daß seine Beine gezittert hätten. Doch wer kann in ein süßes, sanftes, schwarzes Augenpaar sehen, ohne wundersam erregt zu werden! Ich, meine Herren, kann es nicht und scheue mich deshalb sogar, in manche Augen, die ich kenne, zu schauen, wie Sie mir aufs Wort glauben dürfen. ›Sie werden mich doch nicht verlassen‹, flüsterte die junge Dame. ›Nie‹, sagte mein Onkel, und er meinte es aufrichtig. ›Mein teurer Retter!‹ rief die junge Dame. ›Mein teurer, menschenfreundlicher, ritterlicher Beschützer!‹ ›Still, still!‹ sagte mein Onkel, sie unterbrechend. ›Und warum denn?‹ fragte die junge Dame. ›Weil Ihr Mund so schön ist, wenn Sie sprechen‹, erwiderte mein Onkel, ›daß ich fürchte, ich könnte dreist genug sein, ihn zu küssen.‹ Die junge Dame hob ihre Hand auf, als wollte sie meinen Onkel warnen, es nicht zu tun, und sagte – doch nein, sie sagte nichts – sie lächelte bloß. Wenn man auf ein Paar der wonnigsten Lippen von der Welt blickt und diese so köstlich zu einem schelmischen Lächeln aufbrechen sieht, – wenn man ihnen ganz nahe ist und sonst niemand dabei – da kann man seine Bewunderung für ihre schöne Form und Farbe nicht besser betätigen, als durch einen schnellen Kuß. Mein Onkel tat es, und ich ehre ihn dafür. ›Horch!‹ rief die junge Dame aufschreckend. ›Das Geräusch von Rädern und Rossegestampfe!‹ ›Ja, es ist so‹, sagte mein Onkel lauschend. Er hatte ein gutes Ohr für Räder und Fußtritte; aber es schienen so viele Pferde und Wagen in einiger Entfernung gegen sie herzurasseln, daß es rein unmöglich war, einen Schluß auf ihre Anzahl zu machen. Es war ein Getöse, wie von fünfzig Sechsspännern. ›Wir werden verfolgt!‹ rief die Dame, ihre Hände zusammenschlagend. ›Wir werden verfolgt und Sie sind meine einzige Hoffnung.‹ Es lag ein solcher Ausdruck des Schrecks in ihrem schönen Gesicht, daß mein Onkel sogleich seinen Entschluß faßte. Er hob sie in die Kutsche, sagte ihr, sie solle guten Mutes sein, preßte seine Lippen noch einmal auf die ihrigen, riet ihr, das Fenster zu schließen, um nicht vom Zugwind belästigt zu werden, und stieg auf den Bock. ›Warten Sie noch, mein Lieber‹, rief die junge Dame. ›Was gibt's?‹ fragte mein Onkel vom Kutschenbock aus. ›Nur noch ein Wort‹, sagte die junge Dame, ›nur noch ein einziges Wort.‹ ›Muß ich hinabkommen?‹ fragte mein Onkel. Die Dame antwortete nicht, aber sie lächelte wieder. Solch ein Lächeln, meine Herren, das geht über alles. Mein Onkel stieg in einem Augenblick von seinem Bock herab. ›Was ist's, meine Teure?‹ sagte mein Onkel, zum Kutschenfenster hineinsehend. Die Dame beugte sich zufällig in demselben Augenblick vorwärts und mein Onkel glaubte, sie sehe schöner aus als je zuvor. Er war ihr eben jetzt ganz nahe, meine Herren, und so mußte er es wirklich wissen. ›Was ist's, meine Liebe?‹ sagte mein Onkel. ›Werden Sie auch nie eine andere lieben als mich – nie eine andere heiraten als mich?‹ fragte die junge Dame. Mein Onkel schwur einen teuren Eid, daß er nie eine andere heiraten wolle, und die junge Dame zog ihren Kopf zurück und schloß das Fenster. Er schwang sich wieder auf den Bock, zog die Ellbogen zurück, machte sich die Leine zurecht, ergriff die Peitsche, die auf dem Dach lag, gab dem Leitroß einen Hieb, und fort flogen die vier langgeschweiften, flattermähnigen, schwarzen Pferde, fünfzehn gute englische Meilen in der Stunde, und hinter ihnen die alte Postkutsche – hui, wie sie zogen und sprangen. Aber das Geräusch wurde immer lauter. Je schneller die alte Postkutsche dahinflog, um so schneller kamen die Verfolger – Männer, Pferde und Hunde hatten sich vereinigt, auf sie Jagd zu machen. Das Getöse war schrecklich, aber alles überragte die Stimme der jungen Dame, die in jammervollen Tönen meinem Onkel zurief: ›Schneller, schneller!‹ Mein Onkel gebrauchte Peitsche und Zügel, und die Pferde flogen dahin, bis sie weiß waren von Schaum; aber immer erschrecklicher wurde der Lärm hinter ihnen, und immer angstvoller schrie die junge Dame: ›Schneller! Schneller!‹ In der Bedrängnis dieses Augenblicks stampfte mein Onkel kräftig auf den Boden und fand – daß der Morgen graute und er selbst in dem Gerätschaftslager des Wagners auf dem Bock einer alten Edinburger Postkutsche saß, schauernd vor Kälte und Nässe und mit den Füßen stampfend, um sie zu erwärmen. Er stieg herab und sah sich eifrig nach der schönen jungen Dame um – aber ach, die Kutsche hatte weder Tür noch Sitz – sie war ein bloßer Rumpelkasten. Natürlich sah mein Oheim sehr wohl ein, daß etwas Geheimnisvolles an der Sache sein müsse, und daß alles sich genau so ereignet hatte, wie er zu erzählen pflegte. Er blieb dem großen Eid, den er der schönen, jungen Dame geschworen, treu, schlug ihr zuliebe mehrere Wirtinnen, die er hätte wählen können, aus und starb endlich als Junggeselle. Er sagte immer, wie gar wunderbar es sei, was er durch einen bloßen Zufall, wie durch sein Klettern über das Staket, ausfindig gemacht habe, daß die Geister der Postkutschen und Pferde, der Schaffner, Postillione und Passagiere regelmäßig jede Nacht Reisen machen, und dann pflegte er hinzuzusetzen, er halte sich für die einzige lebendige Person, die jemals auf einer dieser Fahrten als Passagier mitgenommen worden sei. Ich glaube auch, daß er recht hat, meine Herren; wenigstens habe ich nie von einer andern gehört.«   »Ich möchte nur wissen, was diese Geister von Postkutschen in ihren Beuteln stecken haben«, sagte der Wirt, der die ganze Erzählung mit großer Aufmerksamkeit angehört hatte. »Natürlich die Totenbriefe«, antwortete der Hausierer. »Ach ja, das ist wahr«, antwortete der Wirt, »daran hatte ich nicht gedacht.« Einundfünfzigstes Kapitel Wie Herr Pickwick die Ausführung seines Auftrags beeilte und gleich im Anfang durch einen höchst unerwarteten Bundesgenossen Verstärkung erhielt. Am andern Morgen pünktlich um dreiviertel neun Uhr waren die Pferde angespannt. Herr Pickwick und Sam Weller nahmen ihre Plätze ein, der eine in der Kutsche, der andere draußen auf dem Hintersitz, und dem Postillion wurde die gebührende Weisung erteilt, zunächst vor Herrn Bob Sawyers Hause vorzufahren, um daselbst Herrn Benjamin Allen abzuholen. Als die Kutsche vor der Tür mit der roten Lampe und der weithin sichtbaren Inschrift »Sawyer, weiland Nockemorf« anhielt und Herr Pickwick seinen Kopf zum Fenster hinausstreckte, bemerkte er mit nicht geringer Verwunderung den Knaben in der grauen Livree sehr eifrig beschäftigt, die Läden zu schließen. Da nun dies zu solcher Morgenstunde ein höchst ungewöhnliches und für einen Geschäftsmann keineswegs geziemendes Verfahren war, so verfiel Herr Pickwick sogleich auf zwei Vermutungen: entweder müsse irgendein guter Freund oder Patient von Herrn Bob Sawyer gestorben sein oder Herr Bob Sawyer selbst Bankrott gemacht haben. »Was gibt's da?« fragte Herr Pickwick den Jungen. »Nichts, Sir«, erwiderte dieser, seinen Mund bis zur ganzen Breite seines Gesichts lachend dehnend. »Alles in Ordnung«, rief Bob Sawyer, der plötzlich mit einer kleinen, dünnen, schmutzigen, ledernen Reisetasche in der einen Hand und einem groben Mantel nebst Halstuch über den Arm an der Tür erschien. »Ich komme sogleich, alter Freund.« »Sie?« rief Herr Pickwick. »Ja, ich!« erwiderte Bob Sawyer; »und wir werden eine ganz regelmäßige Expedition machen. Hier, Sam – geben Sie acht.« Damit appellierte Herr Bob Sawyer kurzerhand an Herrn Wellers Aufmerksamkeit und warf die lederne Reisetasche in den äußeren Rücksitz, wo sie alsbald von Sam, der dieses Verfahren sehr erstaunt betrachtete, unter das Polster gebracht wurde. Hierauf arbeitete sich Bob Sawyer mit Hilfe des Jungen gewaltsam in den groben Mantel, der ihm um ein gutes zu eng war, trat sofort an das Kutschenfenster, steckte den Kopf hinein und lachte wie toll. »Ein Hauptspaß, nicht wahr?« sagte Bob und wischte sich mit einem Ärmel des groben Mantels die Tränen aus den Augen. »Mein lieber Herr«, erwiderte Herr Pickwick ziemlich verlegen, »ich erwartete nicht, daß Sie uns begleiten würden.« »Das ist's ja eben«, sagte Bob, Herrn Pickwick am Rockflügel fassend. »Das ist ja eben der Spaß.« »So, ein Spaß soll es sein?« fragte Herr Pickwick. »Versteht sich«, erwiderte Bob. »Die ganze Sache, müssen Sie wissen, ist die, daß ich das Geschäft für sich selbst sorgen lasse, da es nun einmal für mich nicht sorgen zu wollen scheint.« Bei dieser Erklärung des Phänomens mit den Fensterläden deutete Herr Bob Sawyer auf seine Apotheke und verfiel aufs neue in ausgelassene Lustigkeit. »Sie werden doch wahrhaftig nicht so wahnsinnig sein, Ihre Patienten zu verlassen, ohne sie der Pflege eines andern zu übergeben?« wandte Herr Pickwick in sehr ernstem Tone ein. »Ei, warum nicht?« fragte Bob dagegen. »Ich spare dadurch, müssen Sie wissen. Kein einziger bezahlt mich. Zudem«, setzte er hinzu und dämpfte seine Stimme zu einem vertraulichen Flüstern, – »wird es ihnen um kein Haar schlechter gehen; denn meine Arzneien sind bereits auf der Neige, und da ich eben jetzt nicht imstande bin, meine Rechnung zu vergrößern, so könnte ich dem einen wie dem andern nichts als Rizinusöl geben, und dies würde gewiß bei mehreren unangenehme Folgen haben – somit ist jetzt allen geholfen.« In dieser Antwort lag eine Philosophie und eine Logik, auf die Herr Pickwick nicht vorbereitet war. Er schnappte einige Augenblicke nach Luft und fügte dann weniger entschieden als vorher hinzu: »Aber, mein junger Freund, der Wagen ist nur zweisitzig, und ich muß Herrn Allen mitnehmen.« »Seien Sie meinetwegen ohne Sorgen«, erwiderte Bob. »Ich habe schon alles bedacht; Sam und ich werden den Rücksitz miteinander teilen. Sehen Sie hier. Diesen Anschlag da hefte ich an die Ladentür: ›Sawyer, weiland Nockemorf. Zu erfragen gegenüber bei Frau Cripps.‹ – Frau Cripps ist die Mutter meines Burschen. – ›Es tut Herrn Sawyer sehr leid‹, sagt Frau Cripps, ›aber er konnte es nicht ändern – er wurde heute früh zu einer Beratung mit den berühmtesten Wundärzten auf das Land geholt – konnten ohne ihn nicht fertig werden – wollten ihn um jeden Preis haben – eine schreckliche Operation.‹ Die Wahrheit an der Sache ist«, fügte Bob schließlich hinzu, »daß ich den besten Erfolg davon erwarte. Kommt die Sache in eines der Lokalblätter, so bin ich ein gemachter Mann. Da kommt Ben – vorwärts Ben, hineingesprungen!« Mit diesen schnell herausgehaspelten Worten stieß Herr Bob Sawyer den Postillion auf die Seite, hob seinen Freund in den Wagen, warf den Schlag zu, schlug die Fußtritte hinauf, klebte seinen Anschlag an die Haustür, verschloß sie, steckte den Schlüssel in die Tasche, schwang sich auf den äußeren Rücksitz, gab das Signal zum Abfahren, und tat das alles so im Handumdrehen, daß, bevor noch Herr Pickwick angefangen hatte, sich zu besinnen, ob Herr Bob Sawyer mitfahren solle oder nicht, der Wagen bereits mit Herrn Bob Sawyer davonrollte, der sich als Teil und förmliches Mitglied der Gesellschaft eingenistet hatte. Solange sich ihre Fortschritte auf die Straßen von Bristol beschränkten, behielt der lustige Bob seine grüne Doktorbrille auf der Nase und benahm sich überhaupt mit gebührender Würde und voller Ernst, wobei er jedoch zum ausschließlichen Vorteil und Vergnügen des Herrn Samuel Weller verschiedene Witze zu reißen nicht unterlassen konnte. Als sie aber auf die offene Heerstraße gelangten, legte er seine grüne Brille und seine Gravität zugleich ab und führte eine Menge Späße aus, die wohl geeignet waren, die Aufmerksamkeit der Vorübergehenden zu erregen und den Wagen nebst seinem Anhalt zu Gegenständen einer mehr als gewöhnlichen Neugier zu machen. Zu seinen geringsten und am wenigsten auffallenden Taten gehörte die höchst lärmende Nachahmung der Töne eines Klapphorns sowie die prahlerische Entfaltung eines karmoisinroten Taschentuchs, das er an seinen Spazierstock band und mit allerlei Gebärden vornehmtrotziger Herausforderung gelegentlich in der Luft schwenkte. »Ich möchte doch wissen«, sagte Herr Pickwick, mitten in einer höchst gesetzten Unterredung mit Ben Allen, die sich auf die zahlreichen guten Eigenschaften des Herrn Winkle und seiner Schwester bezog, innehaltend – »ich möchte doch wissen, was die Leute an uns zu bewundern haben, daß sie uns alle so anstarren.« »Ei, das kann ich mir wohl denken«, erwiderte Ben Allen mit einigem Stolz in seinem Tone. »Eine solche Equipage sehen sie nicht alle Tage.« »Möglich«, sagte Herr Pickwick; »das könnte sein.« Herr Pickwick hätte sich sehr wahrscheinlich selbst in den Glauben eingewiegt, daß es so sei, hätte er nicht zufällig eben jetzt zum Kutschenfenster hinausgesehen und bemerkt, daß die Blicke der Vorübergehenden keineswegs eine ehrfurchtsvolle Bewunderung verrieten, und daß verschiedene telegraphische Verbindungen zwischen ihnen und einigen Personen auf dem Außensitz des Wagens obzuwalten schienen, worauf es ihm schnell klar wurde, diese Demonstrationen könnten irgendeine entfernte Beziehung auf das humoristische Benehmen des Herrn Robert Sawyer haben. »Ich will doch hoffen«, sagte Herr Pickwick, »daß unser leichtfertiger Freund da draußen keine Abgeschmacktheiten begeht.« »Gott behüte«, erwiderte Ben Allen. »Bob ist das ruhigste Geschöpf, das da lebt, wenn er nicht gerade ein Gläschen zuviel getrunken hat.« In diesem Augenblick traf eine verlängerte Nachahmung des Klapphorns, gefolgt von einem lustigen Geschrei und lauten Gebrüll, alles offenbar aus der Kehle und Lunge des ruhigsten Geschöpfes, das da lebt, oder, um mich deutlicher auszudrücken, des Herrn Bob Sawyer, ihre Ohren. Herr Pickwick und Herr Ben Allen sahen einander bedeutungsvoll an. Ersterer nahm den Hut ab und lehnte sich beinahe mit dem halben Leib zum Kutschenfenster hinaus, wodurch er endlich in den Stand gesetzt wurde, seinen spaßhaften Freund ins Auge zu fassen. Herr Bob Sawyer saß nicht auf dem Rücksitz, sondern auf dem Kutschendache und hatte seine Beine so weit auseinander gespreizt wie nur möglich. Er hatte Herrn Samuel Wellers Hut seitwärts auf den Kopf gedrückt, hielt in der einen Hand ein ungeheures Stück Butterbrot, in der andern eine stattliche, strohumflochtene Flasche und sprach mit innigem Behagen diesen beiden Gegenständen zu, wobei er sich die Eintönigkeit seiner Beschäftigung durch gelegentliches Geheul und Gebrüll oder durch den Austausch einiger lustigen, kurzweiligen Worte mit den nächsten besten Vorübergehenden unterhaltender zu machen suchte. Die karmoisinrote Flagge war mit großer Sorgfalt an die Lehne des Hintersitzes festgebunden, und Herr Samuel Weller saß mit Bob Sawyers Hut geschmückt im Zentrum desselben, ein zweites Butterbrot bearbeitend, und zwar mit so behaglichem Gesicht, daß seine gänzliche und vollkommene Zustimmung zu der ganzen Anordnung darin zu lesen war. Das war genug, um die Galle eines Mannes von Herrn Pickwicks Schicklichkeitsgefühl rege zu machen. Aber es kamen noch mehr erschwerende Umstände hinzu; denn in diesem Augenblick fuhr eine sowohl innen als außen wohlbesetzte Postkutsche an ihnen vorüber, und die Passagiere gaben ihr Erstaunen auf eine sehr unzweideutige Art zu erkennen. Ebenso unangenehm waren die Gratulationen einer irischen Bettlerfamilie, die mit der Kutsche gleichen Schritt hielt, besonders ihres männlichen Oberhauptes, das zu glauben schien, es werde hier ein satirisch-politischer Triumphzug oder sonst etwas Ähnliches gefeiert. »Herr Sawyer!« rief Herr Pickwick in großer Aufregung. »Herr Sawyer! – Sir!« »Was beliebt?« antwortete dieser Gentleman mit der größten Kaltblütigkeit, auf der Seite des Wagens herabsehend. »Sind Sie toll, Sir?« fragte Herr Pickwick. »Ganz und gar nicht«, erwiderte Bob; »bloß lustig.« »Lustig, Sir?« rief Herr Pickwick. »Nehmen Sie dieses skandalöse rote Tuch da herab. Ich bitte – ich bestehe darauf. Sam, nimm es hinweg.« Ehe jedoch Sam sich ins Mittel legen konnte, strich Herr Bob Sawyer gutwillig seine Flagge, steckte sie in die Tasche, nickte Herrn Pickwick höflich zu, wischte den Mund der Flasche ab und setzte ihn an seinen eigenen, wodurch er Herrn Pickwick ohne allen unnötigen Wortaufwand zu verstehen gab, daß er ihm mit diesem Trank alles nur erdenkliche Glück und Heil wünsche. Als er das getan, pfropfte Bob mit großer Sorgfalt die Flasche wieder zu, sah mit holdseliger Freundlichkeit auf Herrn Pickwick nieder, nahm einen großen Bissen von dem Butterbrote und lächelte. »Schon gut«, sagte Herr Pickwick, dessen augenblicklicher Ärger gegen Bobs unerschütterliche Seelenruhe nicht standzuhalten vermochte; »aber ich bitte, lassen Sie jetzt diese Albernheiten unterwegs, Sir.« »Ja, das will ich«, erwiderte Bob, mit Herrn Weller den Hut austauschend; »ich habe es nicht so bös gemeint; aber die Fahrt hat mich so lustig gemacht, daß ich nicht anders konnte.« »Bedenken Sie doch, was die Leute sagen werden«, fuhr Herr Pickwick fort; »Sie müssen doch auch den Anstand wahren.« »Ja gewiß«, sagte Bob; »ich will es nicht mehr tun und ganz ruhig sein, mein Verehrtester.« Zufrieden mit dieser Versicherung steckte Herr Pickwick seinen Kopf wieder in den Wagen hinein und ließ das Fenster herab; kaum aber hatte er die durch Herrn Bob Sawyer unterbrochene Unterhaltung wieder aufgenommen, als er einigermaßen erschreckt wurde durch das Erscheinen eines kleinen dunklen Körpers von länglicher Gestalt an der Außenseite des Fensters, der zu wiederholten Malen gegen dieses anschlug, als ob er ungeduldig Einlaß begehrte. »Was ist das?« rief Herr Pickwick. »Es steht aus wie eine Flasche«, bemerkte Ben Allen, den fraglichen Gegenstand mit einigem Interesse durch seine Brille betrachtend. »Ich glaube, sie gehört Bob.« Die Vermutung war vollkommen richtig; denn Herr Bob Sawyer hatte die Flasche an das Ende seines Stocks gebunden und schlug damit an das Fenster, zum Zeichen, daß er seine Freunde drinnen in guter Kameradschaftlichkeit und Harmonie am Inhalt derselben teilnehmen zu lassen wünschte. »Was soll das nun wieder?« sagte Herr Pickwick, die Flasche betrachtend. »Dies Benehmen ist noch weit abgeschmackter, als das vorige.« »Es wird wohl das beste sein«, erwiderte Herr Ben Allen, »wir nehmen die Flasche herein und behalten sie; es geschieht ihm dann ganz recht.« »Ja, allerdings«, sagte Herr Pickwick. »Soll ich?« »Es wird sich wohl nichts anderes tun lassen«, erwiderte Ben. Da dieser Rat vollkommen mit seiner eigenen Ansicht zusammenfiel, so ließ Herr Pickwick das Fenster sachte herab und machte die Flasche von dem Stocke los, worauf der Stock wieder hinaufgenommen wurde, und sie Herrn Bob Sawyer herzlich lachen hörten. »Ein Donnerwetterkerl!« sagte Herr Pickwick, mit der Flasche in der Hand seinen Gefährten anblickend. »Ja, das ist er«, erwiderte Herr Allen. »Man kann ihm unmöglich böse sein«, bemerkte Herr Pickwick. »Nein, schlechterdings nicht«, erwiderte Benjamin Allen. Während dieses kurzen Gesinnungsaustausches hatte Herr Pickwick in der Zerstreuung den Kork herausgezogen. »Was ist darin?« fragte Ben Allen gleichgültig. »Ich weiß es nicht«, erwiderte Herr Pickwick mit derselben Gleichgültigkeit. »Dem Geruch nach scheint es Punsch zu sein.« »Ja, ohne Zweifel«, sagte Ben. »Es scheint mir wenigstens so«, bemerkte Herr Pickwick, der sich jederzeit sehr gegen die Möglichkeit verwahrte, eine Unwahrheit zu sagen: »für gewiß kann ich es nicht zu behaupten wagen, ohne es versucht zu haben.« »Nun, so tun Sie es«, sagte Ben: »dann kommen wir der Sache auf den wahren Grund.« »Meinen Sie?« erwiderte Herr Pickwick. »Nun gut, wenn Sie es gerne wissen möchten, so habe ich nichts dagegen.« Stets bereit, seine eigenen Gefühle den Wünschen seiner Freunde aufzuopfern, nahm Herr Pickwick einen ziemlich langen Schluck. »Was ist es?« fragte Herr Ben Allen, ihn mit einiger Ungeduld unterbrechend. »Sonderbar!« antwortete Herr Pickwick, mit den Lippen schmatzend: »ich weiß es selbst noch nicht. Doch ja«, fügte er nach einem zweiten Schluck hinzu, »es ist wirklich Punsch.« Herr Ben Allen sah Herrn Pickwick an; Herr Pickwick sah Herrn Ben Allen an. Herr Ben Allen lächelte; Herr Pickwick lächelte nicht. »Es würde ihm recht geschehen«, sagte Herr Pickwick mit einiger Strenge; »es würde ihm recht geschehen, wenn wir ihm alles bis auf den letzten Tropfen austränken.« »Das meine ich auch«, bemerkte Ben Allen. »Ja, ja«, versetzte Herr Pickwick. »Nun, so lassen Sie uns auf seine Gesundheit trinken.« Mit diesen Worten nahm der vortreffliche Herr einen höchst energischen Zug aus der Flasche und übergab sie dann Ben Allen, der nicht säumte, sein Beispiel nachzuahmen. Das Lächeln wurde gegenseitig, und der Punsch allmählich und mit vielem Vergnügen ausgetrunken. »Beim Lichte besehen«, sagte Herr Pickwick, als er den letzten Tropfen ausschlürfte, »sind seine Possen doch wirklich sehr lustig und unterhaltend.« »Ja, das kann man nicht anders sagen«, erwiderte Herr Ben Allen. Und zum Beweis, daß Bob Sawyer einer der drolligsten Burschen sei, die man finden könne, begann er Herrn Pickwick mit einer langen und umständlichen Erzählung zu unterhalten, wie Bob Sawyer sich einmal ein Fieber an den Hals getrunken und sich dann seinen ganzen Kopf abgeschoren habe; eine wirklich ergötzliche und anmutige Geschichte, deren Vortrag nur durch das Anhalten der Kutsche vor der Glocke in Berkeley Heath unterbrochen wurde, wo die Pferde gewechselt werden sollten. »Wir werden hier doch zu Mittag speisen?« sagte Bob zum Fenster hineinsehend. »Zu Mittag speisen?« erwiderte Herr Pickwick. »Ei, wir haben erst neunzehn Meilen zurückgelegt und müssen im ganzen siebenundachtzig und eine halbe machen.« »Eben deshalb sollten wir uns in den Stand setzen, die Strapazen der Reise zu ertragen«, wendete Herr Bob Sawyer ein. »Aber es ist ja rein unmöglich, um halb zwölf Uhr zu Mittag zu speisen«, erwiderte Herr Pickwick, auf seine Uhr sehend. »Nun meinetwegen«, versetzte Bob; »so will ich es ein Lunch nennen. He da, Bursche! Ein Lunch für drei Personen; die Pferde können noch eine Viertelstunde im Stalle bleiben. Man soll alles Kalte, was die Küche vermag, auf den Tisch stellen, auch einige Flaschen Ale und von eurem besten Madeira.« Nachdem Herr Bob Sawyer mit ungeheurer Wichtigkeit und großem Lärm diese Befehle erteilt hatte, eilte er sogleich ins Haus, um die Anordnungen zu überwachen; und noch ehe fünf Minuten vorüber waren, kam er zurück und erklärte, alles sei vortrefflich. Die Qualität des Lunchs rechtfertigte vollkommen das von Bob ausgesprochene Lob; und nicht bloß dieser Gentleman, sondern auch Herr Ben Allen und Herr Pickwick ließen ihm alle Gerechtigkeit widerfahren. Unter den Auspizien dieses Kleeblattes waren die Flaschen Ale und Madeira bald geleert, und als man die Pferde wieder angespannt, sämtliche Passagiere ihre Sitze eingenommen und Bob die strohumflochtene Flasche mit dem besten Nachfolger seines früheren Punsches, den er in so kurzer Zeit erhalten konnte, angefüllt hatte, erschallte das Klapphorn aufs neue, und die rote Flagge wehte ohne den geringsten Widerspruch von seiten des Herrn Pickwick. In der Hopfenstange zu Tewkesbury machten sie Mittag. Bei dieser Gelegenheit wurde noch mehr gepfropftes Ale, einige weitere Flaschen Madeira und überdies einiger Portwein getrunken, auch die strohumflochtene Flasche zum vierten Male wieder aufgefüllt. Über dem Einfluß dieser vereinigten Reizmittel schlummerten Herr Pickwick und Herr Ben Allen dreißig Meilen weit, während Bob und Herr Weller auf dem Rücksitze Duette sangen. Es war schon ganz dunkel, als Herr Pickwick sich so weit aufraffte, um aus dem Fenster sehen zu können. Die einzeln stehenden Hütten an der Straße, die dunkle Farbe aller sichtbaren Gegenstände, die trübe Atmosphäre, die mit Schmiedekohlenasche und Ziegelmehl bestreuten Wege, das tiefrote Glühen der Ofenfeuer in der Ferne, die dicken Rauchwolken, die sich schwerfällig von den hohen Kaminen herauswälzten, alles ringsum schwärzend und verdunkelnd, die schweren Wagen, die sich, mit schwirrenden Eisenstäben beladen, oder mit sonstigen Frachtwaren bis oben angehäuft, langsam auf der Straße hinquälten – alles verkündete ihre schnelle Annäherung an die große Fabrikstadt Birmingham. Als sie durch die engen Tore, die mitten in das Getümmel führen, hineinrasselten, wurden ihre Sinne mächtig angespannt durch den Anblick und das Getöse ernster Tätigkeit. Die Straßen waren voll von Arbeitern. Das Getöse harten Geschäftes drang aus jedem Hause hervor; Lichter glänzten von den langen Fensterflügeln der Dachstöcke her, und das Gewirbel der Räder sowie das Getöse der Maschinerien erschütterte die zitternden Wände. Die Feuer, deren trübselig bleicher Schein meilenweit sichtbar gewesen, brannten kräftig in den großen Fabriken und Arbeitshäusern der Stadt. Das Getöse der Hämmer, das Rauschen des Dampfes und das matte, schwerfällige Gerassel der Maschinen war die unliebliche Musik, die von allen Seiten herdrang. Der Postillion fuhr rasch durch die offenen Straßen und an den hübschen, wohlbeleuchteten Läden vorbei, die zwischen den Vorstädten und dem alten Royal Hotel liegen, bevor Herr Pickwick angefangen hatte, sich über die höchst schwierige und kitzliche Natur des Geschäftes zu besinnen, das ihn hierher geführt. Die Kitzlichkeit dieses Geschäftes und die Schwierigkeit, es befriedigend durchzuführen, wurden durch die freiwillige Gesellschaft des Herrn Bob Sawyer keineswegs verringert. Im Gegenteil fühlte Herr Pickwick, daß Bobs Anwesenheit, so gut gemeint und sonst angenehm sie auch sein mochte, keineswegs eine Ehre war, die er mit Willen selbst gewünscht hätte. Ja, er hätte gern eine ansehnliche Summe Geldes gegeben, wenn er Herrn Bob Sawyer unverzüglich auf nicht weniger als fünfzig Meilen hätte entfernen können. Herr Pickwick kannte Herrn Winkle senior nicht persönlich, obgleich ihm dieser schon einige Male geschrieben und befriedigende Antworten auf seine Fragen betreffs des moralischen Charakters und Benehmens seines Sohnes von ihm erhalten hatte; auch fühlte er deutlich, daß, wenn er ihm das erstemal in Begleitung Bob Sawyers und Ben Allens, die beide etwas benebelt waren, besuchte, dies eben nicht das sinnreichste und praktischste Mittel sein dürfte, ihn für seine Zwecke sympathisch zu stimmen. »Indes«, sagte Herr Pickwick, indem er sich zu beruhigen suchte; »ich muß es so gut machen, wie ich kann. Ich will noch heute abend zu ihm gehen, denn ich habe es heilig versprochen, und wenn sie darauf bestehen, mich zu begleiten, so muß ich den Besuch möglichst abkürzen, inzwischen aber mich mit der Hoffnung begnügen, daß sie sich um ihrer selbst willen anständig aufführen werden.« Während er sich mit diesen Betrachtungen tröstete, hielt der Wagen vor dem Old Royal an. Ben Allen wurde dadurch teilweise aus seinem merkwürdig tiefen Schlafe erweckt und von Herrn Samuel Weller am Kragen herausgezogen; Herr Pickwick aber war selbst imstande auszusteigen. Sie wurden in ein behagliches Zimmer gewiesen, und Herr Pickwick fragte den Kellner sogleich nach Herrn Winkles Wohnung. »Ganz in der Nähe, Sir«, sagte der Kellner; »nicht über fünfhundert Schritte. Herr Winkle ist Kajenmeister, Sir, am Kanal. Es ist keine Privatwohnung, Sir; nicht fünfhundert Schritte von hier, Sir.« Hier blies der Kellner ein Licht aus und tat, als ob er es wieder anzünden wollte, um Herrn Pickwick Gelegenheit zu weitern Fragen zu geben, falls er Lust hätte. »Befehlen Sie etwas, Sir?« fragte der Kellner endlich, indem er, in Verzweiflung über Herrn Pickwicks Schweigen, das Licht wieder anzündete. »Tee oder Kaffee, Sir? Ein Mittagessen?« »Vorderhand nichts.« »Sehr wohl, Sir. Wünschen Sie ein Nachtessen, Sir?« »Für jetzt noch nicht.« »Sehr wohl, Sir.« Hier ging er sachte an die Tür, hielt aber schnell an, wandte sich um und sagte mit großer Freundlichkeit: »Soll ich Ihnen das Kammermädchen schicken, meine Herren?« »Ja, wenn Sie wollen«, erwiderte Herr Pickwick. »Wenn Sie wollen, Sir.« »Und bringen Sie auch etwas Sodawasser«, sagte Bob Sawyer. »Sodawasser, Sir? Sehr wohl, Sir.« Das Gemüt des Kellners war offenbar von einem überwältigenden Druck erlöst, weil er doch endlich irgendeine Bestellung erhalten hatte, und er verschwand unmerkbar. Kellner gehen oder laufen niemals; sie haben eine ganz eigentümliche, geheimnisvolle Gabe, zu den Zimmern hinauszuschweben, eine Gabe, die andere Menschenkinder nicht besitzen. Nachdem durch das Sodawasser einige geringe Symptome von Lebenskraft in Herrn Ben Allen erweckt waren, ließ er sich herbei, Gesicht und Hände zu waschen, und endlich gestattete er auch Sam, ihn auszubürsten. Als nun Herr Pickwick und Bob Sawyer gleichfalls die Unordnung, die die Reise in ihren Aufzug gebracht, beseitigt hatten, brachen alle drei Arm in Arm auf, um zu Herrn Winkle zu gehen; wobei Bob Sawner unterwegs die Atmosphäre mit Tabakrauch schwängerte. Etwa eine Viertelmeile vom Wirtshaus entfernt, in einer ruhigen, solid aussehenden Straße stand ein altes, aus roten Backsteinen gebautes Haus mit drei Staffeln vor der Tür und einem messingenen Schild darüber, das in dicken römischen Hauptbuchstaben das Wort »Winkle« enthielt. Die Staffeln waren sehr weiß, die Ziegel sehr rot, das Haus sehr niedlich, und hier standen Herr Pickwick, Herr Benjamin Allen und Herr Bob Sawyer, als die Glocke zehn Uhr schlug. Ein hübsches Dienstmädchen erschien auf das Klopfen und fuhr zurück, als sie die drei Fremdlinge erblickte. »Ist Herr Winkle zu Haus, mein liebes Kind?« fragte Herr Pickwick. »Er hat sich soeben zu Tisch gesetzt, Sir«, erwiderte das Mädchen. »Geben Sie ihm doch gefälligst diese Karte«, fuhr Herr Pickwick fort, »und sagen Sie ihm, es tue mir leid, ihn so spät noch stören zu müssen: allein es liege mir sehr viel daran, ihn heute nacht noch zu sehen, und ich sei soeben erst angekommen.« Das Mädchen blickte schüchtern an Herrn Bob Sawyer hinauf, der durch allerhand wunderliche Grimassen seine Bewunderung für ihre persönlichen Reize ausdrückte: dann warf sie einen Blick auf die im Gange hängenden Hüte und Mäntel und rief einem andern Mädchen, um auf die Tür acht zu haben, während sie hinaufginge. Die Schildwache wurde bald abgelöst, denn das Mädchen kehrte im Augenblick zurück, bat die Herren um Verzeihung, daß sie sie auf der Straße gelassen habe, und führte sie in ein mit Teppichen geschmücktes Hinterzimmer, das halb eine Amtsstube, halb ein Toilettenzimmer zu sein schien, und worin die hauptsächlichsten, zum Nutzen und Schmuck dienenden Gerätschaftsartikel in einem Pult, einem Waschständer, nebst Rasierschüssel, einem Stiefelzieher, einem Schreibbock, vier Stühlen, einem Tisch und einer alten, acht Tage lang gehenden Uhr bestanden. Über dem Kamingesims befanden sich die eingesunkenen Türen eines eisernen Geldschrankes, während einige hängende Bücherständer, ein Wandkalender und mehrere Schichten bestaubten Papiers die Wände zierten. »Es tut mir sehr leid, daß ich Sie vor der Tür stehen ließ«, sagte das Mädchen, indem sie eine Lampe anzündete, mit einem gewinnenden Lächeln zu Herrn Pickwick: »aber Sie waren mir ganz fremd, und es gibt so viele Landstreicher, die nur kommen, um zu sehen, ob sie nichts wegfischen können, so daß ich wirklich –« »Sie brauchen sich nicht im geringsten zu entschuldigen, liebes Kind«, sagte Herr Pickwick freundlich. »Nein, durchaus nicht, mein Schätzchen«, setzte Bob Sawyer hinzu, indem er liebkosend die Arme ausstreckte und von einer Seite nach der andern hüpfte, als wollte er die junge Dame verhindern, das Zimmer zu verlassen. Die junge Dame ließ sich jedoch durch alle diese Lockungen nicht im mindesten zur Milde stimmen; denn sie drückte ein für allemal ihre Meinung dahin aus, Herr Bob Sawyer sei ein höchst widerwärtiger, unverschämter Mensch, und als er mit seinen Aufmerksamkeiten immer zudringlicher wurde, schlug sie ihm ihre schönen Finger ins Gesicht und rannte unter vielen Ausdrücken der Abneigung und Verachtung aus dem Zimmer. Nachdem Herr Bob Sawyer der Gesellschaft der jungen Dame beraubt war, begann er sich die Zeit damit zu vertreiben, daß er in das Pult hineinschaute, sämtliche Schubfächer durchsuchte und scheinbar Anstalten machte, das Schloß des eisernen Geldschrankes aufzudrücken. Dann drehte er den Kalender mit der Vorderseite gegen die Wand, probierte Herrn Winkle seniors Stiefel über seine eigenen an und stellte mit den andern Hausgerätschaften auch sonst noch allerlei humoristische Experimente an, die Herrn Pickwick mit unaussprechlicher Angst und wahrem Schauder erfüllten, Herrn Bob Sawyer aber ungemeines Ergötzen bereiteten. Endlich ging die Tür auf, und ein kleiner alter Herr in einem schnupftabakfarbigen Rock, mit einem Kopf und Gesicht, die, abgesehen von der Kahlheit, ein wahres Gegenstück vom Kopf und Gesicht des Herrn Winkle junior waren, wackelte, Herrn Pickwicks Karte in der einen und einen silbernen Leuchter in der andern Hand, ins Zimmer. »Ah, guten Abend, Herr Pickwick?« begann Herr Winkle senior , den Leuchter wegstellend und seine Hand ausstreckend. »Ich hoffe, Sie recht wohl zu sehen. Freut mich sehr. Setzen Sie sich doch, Herr Pickwick; ich bitte, Sir. Dieser Herr ist –« »Mein Freund, Herr Sawyer«, fiel Herr Pickwick ein, »und auch ein Freund von Ihrem Sohne.« »Ah!« sagte Herr Winkle senior mit einem ziemlich grämlichen Blick auf Bob. »Wie geht es Ihnen, hoffentlich gut, Sir?« »Wie dem Fisch im Wasser«, erwiderte Bob Sawyer. »Der andere Herr hier«, fuhr Herr Pickwick fort, »ist, wie Sie aus dem mir anvertrauten Briefe ersehen werden, ein sehr naher Verwandter, oder, ich sollte vielmehr sagen, ein ganz intimer Freund Ihres Sohnes. Er heißt Allen.« »Dieser Herr da?« fragte Herr Winkle, mit der Karte auf Ben Allen deutend, der auf einem Stuhle eingeschlafen war, so daß man nichts von ihm sah, als seinen Rücken und seinen Rockkragen. Herr Pickwick war im Begriff, die Frage zu beantworten und Herrn Benjamin Allens Namen nebst seinem ehrenwerten Stand und andern ausgezeichneten Eigenschaften lang und breit herzuzählen, als der mutwillige Herr Bob Sawyer seinen Freund, um ihn zum Bewußtsein seiner Lage zu bringen, dermaßen in das Fleisch seines Armes kniff, daß er zusammenschrak und mit einem lauten Schrei in die Höhe sprang. Auf einmal bemerkte er, daß ein Unbekannter dastand, trat vor, schüttelte Herrn Winkle äußerst verbindlich gegen fünf Minuten lang beide Hände, murmelte in einigen halbverständlichen Satzfragmenten sein unendliches Vergnügen, ihn zu sehen, und überhörte die gastfreundliche Frage, ob er nicht vielleicht nach seinem weiten Gange eine Erfrischung annehmen wolle, oder ob er es vorziehe, bis zum Mittagessen zu warten. Dann setzte er sich wieder und starrte mit so glasigen Augen umher, als ob er nicht den entferntesten Begriff davon hätte, wo er sei; denn er wußte das auch wirklich nicht. Dies alles brachte Herrn Pickwick in die peinlichste Verlegenheit, zumal da Herr Winkle senior das unverkennbarste Erstaunen über das exzentrische – um nicht zu sagen unanständige Benehmen seiner zwei Gefährten an den Tag legte. Um der Sache ein schnelles Ende zu machen, zog er einen Brief aus der Tasche und überreichte ihn Herrn Winkle senior mit den Worten: »Hier ist ein Brief von Ihrem Sohne, Sir. Sie werden daraus ersehen, daß sein ganzes Lebensglück und seine ganze Wohlfahrt von Ihrer wohlwollenden und väterlichen Erwägung seines Inhaltes abhängt. Haben Sie die Güte, ihn ruhig und kaltblütig durchzulesen und nachher den Gegenstand in dem Tone und Geist mit mir zu besprechen, in dem dergleichen Dinge allein besprochen werden dürfen. Wie hochwichtig Ihre Entscheidung für Ihren Sohn ist, und mit welcher Angst er dieser entgegensieht, mögen Sie daraus schließen, daß ich Ihnen in so später Stunde ohne vorhergegangene Anmeldung und –« fügte Herr Pickwick mit einem flüchtigen Blick auf seine zwei Begleiter hinzu – »unter so ungünstigen Umständen meine Aufwartung mache.« Nach diesem Vorspiel legte Herr Pickwick vier eng geschriebene Seiten extrasuperfeinen, flordünnen Briefpapiers in die Hände des erstaunten Herrn Winkle senior , setzte sich sofort wieder auf seinen Stuhl und beobachtete dessen Blicke und Benehmen zwar einigermaßen ängstlich, jedoch mit der offenen Stirn eines Mannes, der sich bewußt ist, nichts getan zu haben, was einer Entschuldigung oder Bemäntelung bedurfte. Der alte Kajenmeister drehte den Brief um und um, besah ihn von vorn, von hinten und von den Seiten, stellte eine mikroskopische Untersuchung mit dem dicken Bübchen auf dem Siegel an, erhob seine Augen zu Herrn Pickwicks Gesicht, dann aber setzte er sich auf den Schreibbock, zog die Lampe näher zu sich, erbrach das Siegel, öffnete die Epistel, hielt sie hoch an das Licht und schickte sich an zu lesen. Eben in diesem Augenblick legte Herr Bob Sawyer, dessen Witz einige Minuten lang geschlafen hatte, seine Hände auf seine Knie und schnitt ein Gesicht, wie man es ungefähr in den Bildern des seligen Herrn Grimaldi Giovanni Grimaldi aus Bologna (1606-1680) war ein berühmter Maler, der auch für Ludwig XIV. von Frankreich viel Aufträge ausgeführt hat. als Clown sehen kann. Nun fügte es sich, daß Herr Winkle senior , statt, wie Herr Bob Sawyer meinte, tief in die Lesung des Briefes versunken zu sein, über den Rand desselben hinaus- und zufällig niemand anders anschaute, als Herrn Bob Sawyer selbst. Da er nun mit Recht schloß, besagte Grimasse habe den Zweck, seine eigene Person lächerlich zu machen und zu verhöhnen, so heftete er seine Augen mit solch ausdrucksvoller Strenge auf Bob, daß die Züge des seligen Herrn Grimaldi sich allmählich wieder in einen recht hübschen Ausdruck der Demut und Beschämung auflösten. »Haben Sie etwas gesagt, Sir?« fragte Herr Winkle senior nach einer unheimlichen Pause. »Nein, Sir«, erwiderte Bob, der nichts mehr von dem Clown an sich hatte, als einzig und allein die feurige Röte seiner Wangen. »Sie haben wirklich nichts gesagt, Sir?« fuhr Herr Winkle senior fort. »O nein, ganz gewiß nicht, Sir«, erwiderte Bob. »Ich meinte es doch, Sir«, versetzte der alte Herr mit unwilligem Nachdruck. »Aber Sie haben mich doch angeschaut, Sir?« »Bitte um Vergebung, Sir; ganz und gar nicht«, erwiderte Bob mit äußerster Höflichkeit. »Nun, freut mich, Sir«, sagte Herr Winkle senior . Nachdem der alte Herr sofort dem gedemütigten Bob mit großer Würde noch einen Zornblick zugeworfen, hielt er den Brief wieder ans Licht und begann ihn mit vielem Ernste zu lesen. Herr Pickwick betrachtete ihn mit großer Spannung, als er von der untersten Linie der ersten Seite auf die oberste der zweiten und von der untersten der zweiten auf die oberste der dritten und von der untersten der dritten auf die oberste der vierten überging. Aber nicht die geringste Veränderung auf seinem Gesichte gab einen Schlüssel zu den Gefühlen, mit denen er die Nachricht von seines Sohnes Verheiratung aufnahm, die, wie Herr Pickwick wußte, gleich in den ersten sechs Zeilen verkündet wurde. Er las den Brief bis zum letzten Wort, legte ihn mit der ganzen Sorgfalt und Pünktlichkeit eines Geschäftsmannes wieder zusammen, und als Herr Pickwick endlich einen großen Ausbruch seiner Gefühle erwartete, tunkte er eine Feder in das Tintenfaß und sagte so ruhig, als ob es sich um den allergewöhnlichsten Geschäftsgegenstand handelte: »Nathanaels Adresse, Herr Pickwick?« »Gegenwärtig Georg und Geier«, erwiderte Herr Pickwick. »Georg und Geier? Wo ist das?« »George-Yard. Lombardstraße.« »In der City?« »Ja.« Der alte Herr schrieb mechanisch die Adresse auf den Rücken des Briefes, legte ihn dann in sein Pult, verschloß dasselbe und sagte, als er vom Bock aufstand und den Schlüsselbund in seine Tasche steckte: »Sie haben ohne Zweifel nichts mehr zu sagen, was uns aufhalten könnte, Herr Pickwick?« »Ganz und gar nichts, mein teurer Sir«, bemerkte der warmherzige Mann in unmutigem Erstaunen; »ganz und gar nichts! – Aber beliebt es Ihnen nicht vielleicht, Ihre Meinung über dieses wichtige Ereignis im Leben unseres jungen Freundes gegen mich auszusprechen? Wollen Sie ihm nicht vielleicht durch mich die Versicherung Ihrer fortdauernden Liebe und Unterstützung zukommen lassen? Haben Sie ihm nichts zu sagen, was ihn und die junge Dame, die angstvoll Trost und Ermutigung bei ihm sucht, erfreuen und aufrechterhalten könnte? Überlegen Sie es doch, mein teurer Herr.« »Ich werde es allerdings überlegen«, antwortete der alte Gentleman: »für den Augenblick aber habe ich nichts zu sagen. Ich bin ein Geschäftsmann, Herr Pickwick; ich lasse mich nie über Hals und Kopf in eine Sache ein, und soweit mir diese bekannt ist, will sie mir durchaus nicht gefallen. Tausend Pfund ist nicht viel, Herr Pickwick.« »Sie haben vollkommen recht, Sir«, fiel Ben Allen ein, der gerade wach genug war, um sich zu erinnern, daß er seine tausend Pfund ohne die geringste Schwierigkeit untergebracht hatte. »Sie sind ein gescheiter Mann. Bob, der Herr da ist wahrhaftig nicht auf den Kopf gefallen.« »Ich schätze mich sehr glücklich, daß S i e mir diese Gerechtigkeit widerfahren lassen, Sir«, sagte Herr Winkle senior mit einem verächtlichen Blick auf Ben Allen, der eben bedächtig seinen Kopf schüttelte. »Die Sache ist die, Herr Pickwick: als ich meinem Sohn die Erlaubnis gab, auf ein Jahr zu reisen und sich in der Welt umzusehen (was er unter Ihren Auspizien getan hat), damit er nicht wie ein soeben der Schule entschlüpfter Milchbart ins Leben treten und sich vom nächsten besten übers Ohr hauen lassen sollte, da habe ich dies durchaus nicht mit in den Kauf genommen. Er weiß es sehr gut, und wenn ich jetzt die Hand von ihm abziehe, so hat er kein Recht, sich zu verwundern. Er soll von mir hören, Herr Pickwick. Gute Nacht, Sir. Margarete, öffne bitte die Tür.« Bob Sawyer hatte die ganze Zeit über Herrn Ben Allen mit dem Ellbogen gestoßen, damit er ein begütigendes Wort sprechen sollte, und demgemäß hob jetzt Ben, ohne die geringste vorläufige Bemerkung, eine kurze, aber nachdrucksvolle Rede an: »Sir«, sagte Herr Ben Allen, den alten Gentleman recht trist ansehend und heftig gestikulierend, »Sir – Sie sollten sich vor sich selber schämen.« »Als der Bruder der jungen Dame sind Sie natürlich ein vortrefflicher Richter in der Sache«, versetzte Herr Winkle senior . »Gut, schon genug. Ich bitte, kein Wort mehr, Herr Pickwick. Gute Nacht, meine Herren.« Mit diesen Worten nahm der Alte den Leuchter, öffnete die Tür und bewegte sich gemessenen Schrittes dem Gange zu. »Sie werden es bereuen, Sir«, sagte Herr Pickwick, die Zähne zusammenbeißend, um seinen Zorn niederzuhalten; denn er fühlte, wie wichtig dieser Auftritt für seinen jungen Freund sein mußte. »Ich bin vorderhand einer anderen Meinung«, erwiderte Herr Winkle senior kaltblütig. »Noch einmal, meine Herren, ich wünsche Ihnen gute Nacht.« Herr Pickwick ging mit zornigen Schritten auf die Straße. Herr Bob Sawyer, durch die Entschiedenheit des alten Herrn gänzlich niedergedrückt, trollte nach; Herrn Ben Allens Hut war unmittelbar darauf die Treppe hinuntergerollt, und Herrn Ben Allens Körper folgte ebenfalls gleich. Alle drei gingen stumm und ohne Abendessen zu Bett, und Herr Pickwick dachte noch vor dem Einschlafen, wenn er gewußt hätte, daß Herr Winkle senior so durch und durch ein Geschäftsmann wäre, so würde er höchstwahrscheinlich niemals in einem solchen Auftrag zu ihm gegangen sein. Zweiundfünfzigstes Kapitel In dem Herr Pickwick einen alten Bekannten trifft Der Morgen, der um acht Uhr über Herrn Pickwicks Angesicht anbrach, war keineswegs berechnet, seinen Mut zu heben oder die Niedergeschlagenheit, in die ihn der unvorhergesehene Erfolg seiner Gesandtschaft gesetzt hatte, zu vermindern. Der Himmel war düster und trübe, die Luft feucht und rauh, die Straßen naß und kotig. Der Rauch hing schwerfällig über den Schornsteinen, als gebräche es ihm an Mut, aufzusteigen; und der Regen fiel langsam und verdrossen herab, als hatte er keine rechte Lust, sich zu ergießen. Im Hof stand der Haushahn, ohne alle Funken seiner gewöhnlichen Lebhaftigkeit, verdrießlich auf einem Bein in einem Winkel. Der Esel träumte gesenkten Hauptes unter dem schmalen Dach des Holzschuppens, und seinem nachdenklichen, jammervollen Gesichte nach zu schließen, schien er auf Selbstmord zu sinnen. Auf der Straße sah man nichts als Regenschirme, und die einzigen Töne, die sich vernehmen ließen, waren das Schlürfen von Gummischuhen und das Plätschern der Regentropfen. Das Frühstück wurde sehr wenig durch Unterhaltung unterbrochen; selbst Herr Bob Sawyer fühlte den Einfluß des Wetters und die Nachwehen vom gestrigen Tage. Er war, wie er in seiner höchst ausdrucksvollen Sprache erklärte, wie zu Boden geschlagen. Ebenso auch Herr Ben Allen und nicht anders Herr Pickwick. In einer länger sich hinausziehenden Erwartung, daß das Wetter sich aufklären möchte, wurde das neueste Londoner Abendblatt mit einem Eifer und einem Interesse gelesen, wie sich dies nur in solchen Fällen äußerster Langeweile denken läßt; mit gleicher Beharrlichkeit wurde jeder Zoll des Bodens beim Auf- und Abwandeln ausgemessen. Endlich als der Mittag herankam, ohne daß das Wetter sich geändert hatte, zog Herr Pickwick entschlossen die Klingel und bestellte seinen Wagen. Obgleich die Straßen schmutzig waren und der Sprühregen heftiger als bisher herabfiel, obgleich der Kot und die Feuchtigkeit durch die offenen Fenster des Wagens hereinspritzten, so daß die darinnen Sitzenden fast ebensosehr dadurch belästigt wurden wie die beiden Reisenden auf dem Rücksitze, so war man doch jedenfalls in der freien Luft. Das Gefühl, unterwegs zu sein und Bewegung zu haben, das so unendlich angenehmer ist, als die Eingeschlossenheit in eine trübe Stube, wo man nur den trüben Regen in eine trübe Straße träufeln sehen kann, ließ sie alle gestehen, daß sie durch den Tausch viel gewonnen hätten und eigentlich selbst nicht wüßten, wie sie dazu gekommen wären, solange mit dem Aufbruch zu zögern. Als sie in Coventry anhielten, um die Pferde zu wechseln, stieg der Dampf in solchen Wolken von den Tieren auf, daß der Hausknecht ganz verdunkelt wurde. Aber man hörte ihn aus dem Nebel heraus erklären, er erwarte bei der nächsten Preisverteilung die erste goldene Medaille von dem Rettungsverein dafür, daß er dem Postillion seinen Hut abgenommen habe; denn von dem Rande desselben ströme eine solche Wassermasse herab, daß er, nämlich der Postillion, unfehlbar ertrunken sein würde, wenn er, nämlich der unsichtbare Hausknecht, ihm nicht kraft seiner großen Geistesgegenwart, den Hut schnell vom Kopfe gerissen und das Gesicht des schweratmenden Mannes mit einem Strohwisch abgetrocknet hätte. »Eine erbauliche Fahrt«, sagte Bob Sawyer, als er seinen Rockkragen umschlug und sich den Schal über dem Munde zusammenzog, um die Düfte eines soeben verschluckten Glases Branntwein nachzukosten. »Ja, sehr erbaulich«, erwiderte Sam mit Ruhe. »Sie scheinen sich nicht viel daraus zu machen?« bemerkte Bob. »Darum sehe ich nicht ein, was es mich nützen würde«, erwiderte Sam. »Gegen diesen Grund läßt sich freilich nichts einwenden«, meinte Bob. »Ganz gewiß nicht, Sir«, erwiderte Herr Weller. »Was ist, ist recht, wie der junge Edelmann schmunzelnd bemerkte, als man ihn auf die Pensionsliste setzte, weil der Großvater der Frau von seiner Mutter Onkel einmal dem König mit einem Feuerzeug die Pfeife angesteckt hatte.« »Nicht übel bemerkt«, sagte Herr Bob Sawyer beifällig. »Eben das sagte der junge Edelmann auch nachher alle Tage viermal bis an sein seliges Ende«, erwiderte Herr Weller. »Wurden Sie jemals«, fragte Sam nach einer kurzen Pause mit einem Blick auf den Kutscher, indem er seine Stimme zu einem geheimnisvollen Flüstern dämpfte; »wurden Sie jemals zu einem Postillion gerufen, solange Sie bei einem Knochensäger in der Lehre waren?« »Ich erinnere mich nicht«, erwiderte Herr Bob Sawyer. »Haben Sie auch nie einen Postillion in einem Spital gesehen, wenn Sie dort umgingen, wie man von den Geistern sagt?« fragte Sam. »Nein«, erwiderte Bob Sawyer, »mit Wissen nicht.« »Oder wissen Sie einen Kirchhof, wo der Leichenstein von einem Postillion ist, oder haben Sie schon einen toten Postillion gesehen?« fuhr Sam fort zu fragen. »Nein«, sagte Bob. »Also nicht?« erwiderte Sam triumphierend. »Nun, so werden Sie auch keinen zu sehen bekommen, und es gibt noch ein anderes Ding, das niemand sieht; nämlich einen toten Esel. – Niemand hat je einen toten Esel gesehen, außer der Gentleman in den schwarzen Kniehosen, der das junge Frauenzimmer kannte, das eine Ziege hielt und das war ein französischer Esel, also keiner von der gewöhnlichen Art.« »Gut, was hat das aber mit den Postillionen zu schaffen?« sagte Bob Sawyer. »Das will ich Ihnen sagen«, erwiderte Sam. »Ich will nicht so weit gehen und, wie viele sehr gescheite Leute behaupten, daß die Postillione und Esel unsterblich seien. Aber das sage ich, wenn sie spüren, daß sie steif werden und nicht mehr arbeiten können, so machen sie sich, ein Postillon nach dem andern, auf dem gewöhnlichen Wege davon; was aus ihnen wird, weiß niemand; aber es ist sehr wahrscheinlich, daß sie sich entfernen, um ihr Vergnügen in der andern Welt zu suchen; denn kein lebendiger Mensch hat je gesehen, daß ein Postillion oder ein Esel sein Vergnügen in dieser gehabt hätte!« Sam Weller breitete sich über diese gelehrte und merkwürdige Theorie noch weiter aus, führte zur Unterstützung derselben eine Menge merkwürdiger, statistischer und anderer Tatsachen an, und vertrieb sich damit die Zeit, bis sie nach Dunchurch kamen, wo für einen trockenen Postillion und frische Pferde gesorgt wurde. Die nächste Station war Daventry, die folgende Towcester, und am Ende jeder Station regnete es heftiger als am Anfang derselben. »Ich sage nur«, bemerkte Bob Sawyer, zum Kutschenfenster hineinsehend, als sie vor dem Türkenkopf in Towcester anhielten, »ich sage nur, daß man so nicht weiterreisen kann.« »Ja, wahrhaftig«, sagte Herr Pickwick, der eben aus einem Schläfchen erwachte; »ich fürchte, Sie sind durch und durch naß.« »Ja, ganz unausstehlich«, erwiderte Bob: »und Sie ohne Zweifel auch ein wenig?« Bob blickte verdrießlich drein, da ihm der Regen von seinem Nacken, von seinen Ellbogen, von den Ärmeln, den Rockschößen und Knien herabströmte: sein ganzer Anzug glänzte so von Feuchtigkeit, daß man ihn leicht hätte für Wachstuch halten können. »Ja, ich bin naß«, sagte Bob, indem er sich schüttelte und einen Regenschauer aus sich trieb, »ich bin naß wie ein Pudel, den man ins Wasser geworfen hat.« »Ich halte es für rein unmöglich, heute nacht weiter zu reisen«, fiel Ben ein. »Ganz ohne Frage, Sir«, bemerkte Sam Weller, der sich gleichfalls zur Konferenz einstellte: »es ist Tierquälerei, Sir, wenn man Ihnen noch mehr zumuten will. Man bekommt hier Betten, Sir«, fügte er gegen seinen Herrn und Meister hinzu: »alles reinlich und behaglich. Ein recht gutes, kleines Mittagessen, Sir, und in einer halben Stunde schon fertig – ein paar Stücke Geflügel, Sir, und Kalbskoteletten, französische Bohnen, Pastetchen und Torten. Sie würden am besten tun, hier zu bleiben, Sir, wenn Sie mich etwas gelten lassen. Nehmen Sie Rat an, Sir, wie der Doktor sagte.« Zum Glück erschien in diesem Augenblick der Wirt »Zum Türkenkopf«, bestätigte Herrn Wellers Bericht in betreff der Bequemlichkeiten seines Hotels und unterstützte seine Bitten mit allerhand trostlosen Vermutungen über den weiteren Zustand der Straßen, die Wahrscheinlichkeit, daß auf der nächsten Station keine frischen Pferde zu haben seien, die blanke Gewißheit, daß es die ganze Nacht hindurch regnen werde, die ebenso blanke Gewißheit, daß es sich am nächsten Morgen aufhelle, und andern bei den Wirten gebräuchlichen Beweisgründen. »Schon gut«, sagte Herr Pickwick: »aber ich muß durch irgendeine Gelegenheit einen Brief nach London absenden, so daß derselbe morgen in aller Frühe bestellt wird. Wenn das nicht möglich ist, so müssen wir unter allen Umständen weiterfahren.« Der Wirt lächelte vergnügt. Nichts sei leichter, als einen Brief in einen Bogen Packpapier einzuwickeln und entweder mit der Post oder mit der Nachtdiligence von Birmingham weiterzubefördern. Wenn dem Herrn so außerordentlich viel an möglichst baldiger Besorgung desselben liege, so dürfe er ja nur auf die Adresse schreiben: »sogleich abzugeben«, was sicher beachtet würde; oder: »dem Überbringer für schleunige Besorgung eine halbe Krone extra«, was noch sicherer sei. »Sehr gut«, sagte Herr Pickwick: »dann wollen wir also hierbleiben.« »Lichter in die Sonne, John; mach das Feuer auf: die Herren sind naß. Hierher meine Herren: bekümmern Sie sich nicht mehr um den Postillion, Sir; ich werde ihn zu Ihnen senden, sobald Sie ihm läuten, Sir. Jetzt, John, die Kerzen. Die Lichter wurden gebracht, das Feuer geschürt und ein frisches Scheit hineingeworfen. In zehn Minuten deckte ein Kellner den Tisch zum Mittagessen: der Vorhang wurde aufgezogen, das Feuer flackerte lustig, und alles sah (wie überhaupt immer in jedem anständigen englischen Gasthof) aus, als ob die Reisenden schon mehrere Tage vorher erwartet worden wären und ihre Bestellungen gemacht hätten. Herr Pickwick saß an einem Seitentisch und schrieb schnell einen Brief an Herrn Winkle, worin er ihm einfach meldete, daß er durch das Unwetter zurückgehalten sei, aber unfehlbar am folgenden Tag sich in London einfinden werde; bis dahin wolle er den weiteren Bericht über seine Reise ausgesetzt sein lassen. Dieser Brief wurde schnell zusammengelegt und von Samuel Weller weiterbefördert. Sam übergab ihn der Wirtin, und nachdem er sich selbst am Küchenfeuer getrocknet hatte, wollte er zurückkehren, um seinem Herrn die Stiefel auszuziehen, wobei er zufällig durch eine halboffene Tür hindurch einen rothaarigen Herrn erblickte, der einen großen Packen Zeitungen auf dem Tisch vor sich liegen hatte und den Leitartikel in einer von ihnen mit grimmigem Schmunzeln las, wobei seine Nase und sein ganzes Gesicht sich zu einem majestätischen Ausdruck hochmütiger Verachtung verzogen. »Ho, ho!« sagte Sam, »den Kopf und dies Gesicht da sollt ich kennen; auch da« Augenglas und den breitkrempigen Deckel! Und ich will katholisch werden, wenn's nicht in Eatanswill war.« Sam wurde auf einmal von einem heftigen Husten befallen, um die Aufmerksamkeit des Herrn auf sich zu ziehen: der Herr fuhr zusammen, erhob seinen Kopf und sein Augenglas und enthüllte dem Blick die tiefen, gedankenvollen Züge des Herrn Pott, Redakteurs der Eatanswiller Zeitung. »Bitte um Verzeihung, Sir«, sagte Sam; »mein Herr ist hier, Herr Pott.« »Pst, Pst!« rief Herr Pott, Sam ins Zimmer ziehend und die Tür verschließend, während sich geheimnisvolle Sorge und Beängstigung auf seinem Gesichte malte. »Was gibt's denn, Sir?« fragte Sam, indem er gleichmütig um sich blickte. »Nennen Sie nur meinen Namen nicht«, erwiderte Pott – »es ist hier alles gelb. Wenn der aufgeregte und leicht erregbare Pöbel wüßte, daß ich hier bin, er würde mich in Stücke reißen.« »Meinen Sie wirklich?« fragte Sam. »Ja, ich würde das Opfer seiner Wut werden«, fuhr Pott fort, »Nun, junger Mann, was macht denn Ihr Herr?« »Er ist auf der Reise nach London begriffen und übernachtet hier mit einigen Freunden.« »Ist Herr Winkle dabei?« fragte Pott mit leichtem Stirnrunzeln. »Nein, Sir«, antwortete Sam: »Herr Winkle bleibt jetzt zu Hause; er ist verheiratet.« »Verheiratet?« rief Pott auffahrend. Er schwieg einige Augenblicke, lächelte düster und setzte dann rachsüchtig hinzu: »Das geschieht ihm recht.« Nachdem Herr Pott dieser grausamen Aufwallung seines tödlichen Hasses und kaltblütigen Triumphes über einen gefallenen Feind Luft gemacht, fragte er, ob Herrn Pickwicks Freunde blau seien: und als er von Sam, der soviel von der Sache wußte, wie Pott selbst, eine befriedigende bejahende Antwort erhalten hatte, entschloß er sich, ihn auf Herrn Pickwicks Zimmer zu begleiten, wo ein herzlicher Empfang seiner wartete, und sogleich die Übereinkunft getroffen wurde, daß sie alle zusammen speisen wollten. »Und wie steht's denn in Eatanswill?« fragte Herr Pickwick, als Herr Pott einen Stuhl ans Feuer gerückt, und die ganze Gesellschaft die nassen Stiefel ausgezogen und trockene Pantoffel angezogen hatte. »Existiert der Unabhängige noch?« »Der Unabhängige, Sir«, erwiderte Pott, »schleppt noch immer sein elendes, erlöschendes Dasein hin, verabscheut und verachtet selbst von den wenigen, denen seine schmachvolle, erbärmliche Existenz bekannt ist, erstickt in demselben Schmutz, mit dem er so reichlich um sich wirft. Taub und blind gemacht durch die Ausdünstungen seines eigenen Unrats, versinkt dieses garstige Journal, das sich glücklicherweise seiner Gesunkenheit nicht einmal bewußt ist, rasch in dem verräterischen Schlamme, der, obgleich er ihm bei den niedrigen und verdorbenen Klassen der Gesellschaft einen festen Standpunkt zu geben scheint, dennoch über sein verruchtes Haupt hinauswächst und es bald auf ewig verschlingen wird.« Nachdem der Redakteur dieses Manifest, das einen Teil eines seiner Leitartikel von der letzten Woche bildete, mit heftiger Betonung von sich gegeben, schwieg er, um Atem zu schöpfen, und blickte Bob Sawyer majestätisch an. »Sie sind ein junger Mann, Sir«, sagte Pott. Herr Bob Sawyer nickte. »Und Sie auch, Sir«, fuhr Pott gegen Herrn Ben Allen fort, Ben ließ sich diese freundliche Annahme gefallen. »Und sind Sie auch beide tief durchdrungen von diesen blauen Grundsätzen, zu deren Aufrechthaltung und Verfechtung ich mich, solange ich lebe, gegen die Bevölkerung dieser Königreiche anheischig gemacht habe?« sprach Pott weiter. »O freilich«, erwiderte Bob Sawyer: »ich verstehe nur die Sache nicht recht, ich bin –« »Doch nicht gelb, Herr Pickwick?« unterbrach ihn Pott, mit seinem Stuhl zurückweichend. »Ihr Freund ist doch nicht gelb, Sir?« »Nein, nein«, versetzte Bob; »ich bin in diesem Augenblick gewürfelt, ein Gemisch von allen Farbensorten.« »Also ein Schwankender«, entgegnete Pott feierlich; ein Schwankender. Ich möchte Ihnen nur eine Reihe von acht Artikeln vorlegen, Sir, die in der Eatanswiller Zeitung erschienen sind. Ich glaube, behaupten zu dürfen, daß Sie dann bald Ihre Ansichten auf eine feste und solide Basis gründen würden, Sir.« »Und ich«, antwortete Bob, »glaube behaupten zu dürfen, daß ich sehr blau würde, noch lange ehe ich sie ganz gelesen hätte.« Herr Pott blickte Bob Sawyer noch einige Sekunden lang zweifelhaft an, wandte sich sofort zu Herrn Pickwick und sagte: »Sie haben doch die literarischen Artikel gelesen, die im Laufe der letzten drei Monate in der Eatanswiller Zeitung erschienen sind und eine so allgemeine – ich kann wohl sagen, so universale Aufmerksamkeit und Bewunderung erregt haben?« »Ich muß gestehen«, erwiderte Herr Pickwick, durch die Frage einigermaßen verlegen, »ich muß gestehen, ich war anderweitig so beschäftigt, daß ich wirklich keine Zeit hatte, sie zu lesen.« »Sie sollten so etwas nicht unterlassen, Sir«, sagte Pott mit strengem Gesichte. »Ja, Sie haben recht«, meinte Herr Pickwick. »Sie sind in der Form einer ausführlichen Kritik eines Werks über die chinesische Metaphystik erschienen«, fuhr Pott fort. »Ah, so?« bemerkte Herr Pickwick – »und hoffentlich aus Ihrer Feder?« »Aus der meines Rezensenten, Sir«, antwortete Pott mit Würde. »Und wahrscheinlich sehr gelehrt abgefaßt?« – fragte Herr Pickwick. »Ja, ungeheuer«, antwortete Pott, unendlich weise um sich blickend. »Er ochste aber auch gehörig, um mich eines technischen, aber ausdrucksvollen Terminus zu bedienen; er las zu diesem Behuf auf mein Verlangen in der Enzyclopaedia britannica Das altberühmte große Nachschlagewerk des allgemeinen Wissens und noch heute in England populärste Konversationslexikon. .« »Wirklich?« fragte Herr Pickwick. »Ich wußte nicht, daß dieses schätzbare Werk auch Nachweise über die chinesische Metaphysik enthält.« »Ja, Sir«, erklärte Pott, indem er seine Hand auf Herrn Pickwicks Knie legte und mit einem Lächeln geistiger Überlegenheit um sich blickte: »er las über die Metaphysik unter dem Buchstaben M und über China unter dem Buchstaben C, und produzierte so daraus einen eigenen neuen Artikel.« Herrn Potts Züge nahmen bei dieser Erinnerung der in besagten gelehrten Ergießungen entwickelten Geistesschärfe und Kenntnissen etwas so Großartiges an, daß einige Minuten verstrichen, bevor Herr Pickwick sich kühn genug fühlte, das Gespräch fortzusetzen. Endlich, als das Gesicht des Redakteurs allmählich wieder in seinen gewöhnlichen Ausdruck moralischer Überlegenheit zurückfiel, wagte er es, die Unterhaltung durch die Frage wieder anzuknüpfen: »Dürfte ich wohl erfahren, welcher große Zweck Sie so weit von Haus fort und hierher geführt hat?« »Derselbe Zweck, der mich bei allen meinen riesigen Arbeiten antreibt und beseelt«, erwiderte Pott mit einem ruhigen Lächeln – »das Wohl meines Vaterlandes.« »Ich dachte, es sei irgendeine öffentliche Mission«, bemerkte Herr Pickwick. »Ja, Sir, das ist es«, erwiderte Pott. Hier beugte er sich zu Herrn Pickwick und flüsterte ihm mit tiefer hohler Stimme zu: »Die Gelben haben morgen abend in Birmingham einen Ball.« »Wie interessant!« rief Herr Pickwick. »Ja, Sir, und ein Abendessen«, fügte Pott hinzu. »Was Sie sagen!« rief Herr Pickwick. Pott nickte mit unheilverkündender Miene. Obgleich sich nun Herr Pickwick stellte, als wäre er durch diese Eröffnungen sehr überrascht, so war er doch mit der Lokalpolitik so wenig vertraut, daß er sich schlechterdings keinen angemessenen Begriff von der Wichtigkeit der schrecklichen Verschwörung machen konnte, auf die hier angespielt wurde. Herr Pott bemerkte dies auch, zog die letzte Nummer der Eatanswiller Zeitung aus der Tasche und las zur näheren Aufklärung seines Freundes folgenden Artikel vor: Höhlen- und Winkelgelbtum. Ein Ungeziefer, ein böser, schädlicher Wurm von Kollegen hat neulich sein schwarzes Gift ausgespien, in dem eitlen hoffnungslosen Versuch, den schönen Namen unseres ausgezeichneten und vortrefflichen Abgeordneten, des ehrenwerten Herrn Slumkey zu beflecken – desselben Slumkey, von dem wir lange, bevor er seine gegenwärtige edle und erhabene Stellung gewonnen, vorausgesagt, er werde werden, was er jetzt ist, die glänzendste Ehre seines Landes, sein höchster Ruhm, sein kühnster Verteidiger und seine herrlichste Zierde – unser ungezieferartig denkender Kollege, sagen wir, hat sich lustig gemacht über ein plattiertes, herrlich gearbeitetes Kohlengefäß, das diesem glorreichen Manne von seinen entzückten Wählern überreicht worden ist. Zu dessen Ankauf hat, wie der namenlose Wicht lästert, der ehrenwerte Herr Slumkey selbst durch einen vertrauten Freund seines Tafeldeckers mehr als dreiviertel der ganzen Summe beigesteuert. Wie! sieht denn dieses kriechende Geschmeiß nicht, daß selbst, wenn solches wahr wäre, der ehrenwerte Herr Slumkey uns in einem um so freundlicheren und strahlenderen Lichte als vorher erscheinen würde, wofern das überhaupt noch möglich wäre! Sicht sein Stumpfsinn nicht einmal soviel ein, daß dieser liebenswürdige, rührende Wunsch, dem Sehnen seiner Wähler entgegenzukommen, ihn den Herzen und Seelen derer unter seinen Mitbürgern nur noch teurer machen muß, die nicht verächtlicher sind als Schweine, oder mit andern Worten, die nicht ebenso niederträchtig sind als unser Kollege selbst? Aber das sind die elenden betrügerischen Kunstgriffe des Höhlen- und Winkelgelbtums! Indessen beschränkt es sich nicht darauf, Verrat ist das Losungswort. Wir verkünden es kühn, jetzt da wir zu dieser Erklärung genötigt sind und uns unter den Schutz des ganzen Landes und seiner Magistrate stellen dürfen: – wir verkünden es kühn, daß in diesem Augenblick geheime Vorbereitungen getroffen werden zu einem Balle der Gelben, der in einer gelben Stadt mitten im Herzen und Zentrum einer gelben Bevölkerung gehalten, von einem gelben Zeremonienmeister geleitet, von vier ultragelben Parlamentsmitgliedern besucht werden soll, und wozu man den Zutritt nur vermöge gelber Einlaßkarten erlangen kann. Unser feindlicher Kollege wird wohl ein Pfauenrad vor Stolz schlagen. Aber er winde sich in ohnmächtigem Grimm, wenn wir die Worte niederschreiben: » W ir werden auch dabei sein .« »Sehen Sie, Sir«, sagte Pott, ganz erschöpft das Blatt zusammenlegend, »so stehen die Sachen.« In diesem Augenblick traten der Wirt und der Kellner mit den Anfängen des Mittagsmahles herein, und nötigten Herrn Pott, den Finger auf seine Lippen zu legen, zum Zeichen, daß er sein Leben in Herrn Pickwicks Hände gelegt, und daß dasselbe von seiner Schweigsamkeit abhänge. Die Herren Bob Sawyer und Benjamin Allen, die während der Vorlesung des Artikels in der Eatanswiller Zeitung und der darauf folgenden Erörterung unehrerbietigerweise eingeschlafen waren, wurden durch das bloße Geflüster des talismanischen Wortes »Mittagessen« aufgeweckt und machten sich sofort an die Mahlzeit mit einem Appetit, der absonderlich gute Gesundheit und Verdauungskräfte erfordert. Im Verlaufe des Mittagsmahles und der darauffolgenden Sitzung erklärte Herr Pott, der sich auf einige Augenblicke zu häuslichen Gegenständen herabließ, seinem Freunde, Herrn Pickwick, die Luft in Eatanswill sei seiner Gemahlin nicht gut bekommen, und deswegen mache sie eine Reise in die verschiedenen Luxusbäder, um ihre gewohnte Gesundheit und Munterkeit wieder zu erhalten. Im Grunde aber waren die Mitteilungen des Herrn Pott eine höchst zarte Verhüllung der Tatsache, daß Frau Pott ihre oft wiederholte Scheidungsdrohung endlich ausgeführt, und ihr Bruder, der Leutnant, mit ihrem Manne eine Übereinkunft abgeschlossen hatte, kraft deren sie sich nebst ihrer getreuen Leibwache von ihrem Manne trennte und die Hälfte seines jährlichen Einkommens und Gewinns von seiner Redaktion sowie von dem Verlage der Eatanswiller Zeitung erhielt. Während der große Herr Pott bei diesen und ähnlichen Gegenständen verweilte und die Unterhaltung von Zeit zu Zeit mit verschiedenen Auszügen aus den Resultaten seiner nächtlichen Studien belebte, fragte ein griesgrämiger Passagier vom Fenster einer von London herkommenden Postkutsche her, die hier anhielt, um Pakete abzugeben, ob er für den Fall, daß er übernachten wolle, die nötigen Bequemlichkeiten, nämlich Bett und Zimmer, bekommen könne. »Gewiß, Sir«, erwiderte der Wirt. »Also wirklich?« fragte der Fremde, der aus Gewohnheit in Blick und Manieren argwöhnisch zu sein schien. »Sie können sich darauf verlassen, Sir«, erklärte der Wirt. »Gut«, sagte der Fremde. »Postillion, ich bleibe hier. Schaffner, meinen Koffer.« Er wünschte den andern Passagieren auf eine etwas schnippische Weise gute Nacht und stieg aus. Der Fremdling war untersetzter Statur, hatte ein sehr straffes schwarzes Haar, das nach Stachelschweins- oder Stiefelbürstenart zugeschnitten war und auf seinem ganzen Kopfe, steif sich sträubend, emporstand. Seine Erscheinung war pomphaft und drohend, seine Manieren gebieterisch, seine Augen scharf und unruhig, und sein ganzes Wesen verkündete große Zuversichtlichkeit sowie das Bewußtsein unermeßlicher Überlegenheit über alle Menschenkinder. Dieser Gentleman wurde in das Zimmer gewiesen, das ursprünglich für den patriotischen Herrn Pott bestimmt war. Der Kellner bemerkte, als er kaum die Lichter angezündet hatte, in dumpfem Erstaunen über das sonderbare Zusammentreffen, daß der Gentleman in seinen Hut griff, eine Zeitung hervorzog und mit demselben Ausdruck unwilliger Verachtung, die eine Stunde zuvor auf Potts majestätischen Zügen dessen ganze Geisteskraft darauf markiert hatte, zu lesen begann. Er bemerkte auch, daß, während Herrn Potts Verachtung durch eine Zeitung, betitelt: »Eatanswiller Unabhängiger«, rege gemacht worden war, der zermalmende Hohn dieses Gentlemans durch ein Prefseblatt erweckt wurde, das die »Eatanswiller Zeitung« hieß. »Holen Sie den Wirt!« sagte der Fremde. »Sehr wohl, Sir«, versetzte der Kellner. Der Wirt wurde gerufen und erschien. »Sind Sie der Wirt?« fragte der Gentleman. »Aufzuwarten, Sir«, versetzte der Wirt. »Kennen Sie mich?« fragte der Gentleman. »Habe nicht das Vergnügen, Sir«, erklärte der Wirt. »Mein Name ist Slurk«, sagte der Gentleman. Der Wirt neigte den Kopf ein wenig. »Slurk, Sir«, wiederholte der Gentleman hochmütig. »Kennen Sie mich jetzt. Mann?« Der Wirt zog sich ein paar Schritte nach der Tür zurück, und sah dann den Fremdling an und lächelte gezwungen. »Kennen Sie mich. Mann?« forschte der Fremdling zornig. Der Wirt strengte sich gewaltig an und erwiderte endlich: »Nein, Sir, ich kenne Sie nicht.« »Guter Gott«, sagte der Fremde, die geballte Faust auf den Tisch schlagend, »und das ist Popularität!« Der Wirt zog sich ein paar Schritte nach der Tür zurück, und der Fremde fuhr, seine Augen auf ihn heftend, also fort – »Das also – das ist der Dank für jahrelange Bemühungen und Arbeiten zugunsten der Masse. Ich steige durchnäßt und müde aus. Keine enthusiastische Menge drängt sich vorwärts, um ihren Kämpen zu begrüßen. Die Glocken der Kirchen sind stumm; selbst der Name lockt kein entsprechendes Gefühl in solch kaltem Herzen hervor. Es ist genug«, setzte Herr Slurk hinzu, indem er in großer Aufregung auf und ab ging: »man sollte die Tinte in der Feder vertrocknen lassen und ihre Sache für immer aufgeben.« »Haben Sie Branntwein und Wasser befohlen, Sir?« sagte der Wirt, ein Wort wagend. »Num«, erwiderte Herr Slurk, sich trotzig gegen ihn, umwendend. »Haben Sie irgendwo Feuer?« »Man kann sogleich eines anzünden«, sagte der Wirt. »Das aber erst Wärme geben wird, wenn es Zeit ist, ins Bett zu gehen«, unterbrach ihn Herr Slurk. »Ist jemand in der Küche?« »Keine Seele.« Es war ein schönes Feuer dort; die Leute waren alle gegangen und die Tür für die Nacht geschlossen. »Ich will«, sagte Herr Slurk, »meinen Grog am Küchenfeuer trinken.« Somit nahm er seinen Hut und die Zeitung, folgte feierlich dem Wirte nach diesem niederen Gelasse, warf sich auf eine Bank am Herde, nahm sein höhnisches Gesicht wieder an und begann in stiller Würde zu lesen und zu trinken. Nun flog in diesem Augenblick ein Dämon der Zwietracht über seinen Pfeifenkopf. Dieser Dämon ließ aus bloßer eitler Neugierde seine Augen umherschweifen, erblickte zufällig den behaglich am Küchenfeuer gelagerten Slurk und Herrn Pott, der etwas vom Weine erhitzt in einem andern Zimmer saß. Darauf schoß dieser bösartige Geist mit unbegreiflicher Schnelligkeit in das letzerwähnte Gemach herab, fuhr plötzlich dem Herrn Bob Sawyer in den Kopf und stiftete ihn an, zu seinen (nämlich des Dämons) schlimmen Zwecken folgendermaßen zu sprechen: »Wir haben das Feuer ausgehen lassen. Nach dem Regen ist es unangenehm kalt hier.« »Ja, das ist wahr«, versetzte Herr Pickwick schauernd. »Es wäre meine ich, kein schlechter Einfall, am Küchenfeuer eine Zigarre zu rauchen«, fuhr Bob Sawyer fort, in dem vorgenannter Dämon immer stärker wirkte. »Ich denke auch, es müßte ganz behaglich sein«, versetzte Herr Pickwick. »Was sagen Sie dazu Herr Pott?« Herr Pott nickte bereitwillig Beifall, und sämtliche vier Reisende begaben sich, jeder mit seinem Glas in der Hand, nach der Küche, während Sam Weller die Prozession anführte, um den Weg zu zeigen. Der Fremdling las noch immer; er sah auf und schrak zusammen. Herr Pott schrak ebenfalls zurück. »Was gibt's?« flüsterte Herr Pickwick. »Dieses Ungeziefer da!« erwiderte Pott. »Was für ein Ungeziefer?« fragte Herr Pickwick um sich blickend, aus Furcht, er möchte auf irgendeinen alten Käfer oder eine wassersüchtige Spinne treten. »Dort, das Ungeziefer«, flüsterte Pott, Herrn Pickwick am Arme fassend und nach dem Fremden deutend. »Das Ungeziefer da – Slurk vom Unabhängigen.« »Wir würden vielleicht besser tun, uns zurückzuziehen«, flüsterte Herr Pickwick. »Niemals, Sir!« erwiderte Pott, der sich Mut angetrunken hatte: »niemals!« Mit diesen Worten nahm er seinen Sitz auf einer entgegengesetzten Bank, zog sich aus einem kleinen Packen Zeitungen eine heraus und begann, seinem Feind gegenüber, zu lesen. Herr Pott las natürlich den Unabhängigen, Herr Slurk ebenso natürlich die Eatanswiller Zeitung, und jeder der Herren drückte sehr vernehmlich seine Verachtung des jeweiligen fremden Zeitungsinhalts durch bitteres Lächeln und sarkastische Grimassen aus. Bald schritten sie zu noch offeneren Meinungsäußerungen, wie zum Beispiel »abgeschmackt« – »erbärmlich« – »schauderhaft« – »Aufschneiderei« – »Spitzbüberei« – »Kot« – »Mist« – »Schleim« – »Sumpfwasser« und andere kritische Bemerkungen dieser Gattung. Herr Sawyer sowohl als Herr Ben Allen hatten die Symptome der Eifersucht und des Hasses mit einem Grad von Vergnügen betrachtet, der den Zigarren, die sie recht kräftig rauchten, einen höchst angenehmen Beigeschmack gab. In dem Augenblick, als die zwei Gegner zu ermatten begannen, wandte sich der boshafte Herr Bob Sawyer mit großer Höflichkeit an Slurk und sagte zu ihm: »Würden Sie mir vielleicht erlauben. Ihr Blatt ein wenig anzusehen, Sir – wenn Sie es nämlich nicht mehr brauchen?« »Sie werden in dem elenden Dinge da sehr wenig finden, was Sie für Ihre Mühe belohnt«, versetzte Slurk mit einem satanischen Stirnrunzeln gegen Pott. »Sie können sogleich dieses da haben«, sagte Pott, indem er blaß vor Wut aufschaute und aus demselben Grunde seine Stimme zitterte. »Ha, ha! Die Frechheit dieses Kerls wird Ihnen gewiß Spaß machen.« Ein schrecklicher Nachdruck war auf die Worte »Ding« und »Kerl« gelegt, und die Gesichter der beiden Zeitungsschreiber begannen vor herausforderndem Trotze zu glühen. »Die Gemeinheit dieses elenden Menschen ist widerlich und ekelhaft«, sagte Pott, indem er sich an Bob Sawyer wandte, dabei aber Slurk einen giftigen Blick zuwarf. Hier lachte Slurk recht herzlich, legte die Zeitung so, daß er bequem eine frische Spalte bekam und sagte, der Tölpel ergötze ihn wirklich. »Wie der Kerl so unverschämt und dabei so dumm ist!« rief Pott, dessen Gesichtsfarbe vom Blaßroten ins Karmoisin überging. »Haben Sie jemals etwas von den Albernheiten dieses Menschen gelesen, Sir?« fragte Slurk Herrn Bob Sawyer. »Nie«, erwiderte Bob: »ist es sehr schlecht?« »O abscheulich! über alle Maßen!« versetzte Slurk. »Wahrhaftig, das ist zu schauderhaft!« rief Pott, der sich immer noch stellte, als wäre er in seine Lektüre vertieft. »Wenn es Ihnen möglich ist, durch ein paar Sätze voll Bosheit, Niedertracht, Falschheit, Meineid, Verräterei und Betrügerei zu waten«, sagte Slurk, indem er das Blatt Herrn Bob übergab, »so werden Sie sich vielleicht dadurch belohnt finden, daß Ihnen der Stil dieses ungrammatikalischen Schwätzers ein Lachen abnötigt.« »Was haben Sie gesagt, Sir?« fragte Pott aufblickend und am ganzen Leibe vor Wut zitternd. »Was geht es Sie an, Sir?« erwiderte Slurk. »Ungrammatikalischer Schwätzer, nicht wahr, Sir?« sagte Pott. »Ja, Sir, so sagte ich, und blaues Rindvieh , Sir, wenn Sie das lieber hören.« Herr Pott erwiderte auf diese schmerzhafte Beleidigung kein Wort, sondern faltete wohlbedächtig seine Nummer vom Unabhängigen auseinander, legte sie sorgfältig flach auf den Boden, trat sie unter seine Füße, spie mit vieler Feierlichkeit darauf und warf sie dann ins Feuer. »Sehen Sie, Sir«, sagte Pott, indem er vom Kamin zurücktrat; »ebenso würde ich auch die Viper behandeln, die dieses Gift erzeugt, würde ich nicht zu ihrem Glück durch die Gesetze des Landes daran gehindert.« »Tun Sie es nur, Sir«, rief Slurk aufspringend: »Man wird diese Gesetze in einer solchen Sache niemals zu Hilfe rufen. Versuchen Sie es einmal, Sir.« »Hört, hört!« sagte Bob Sawyer. »Etwas Schöneres ist mir noch nie vorgekommen«, bemerkte Ben Allen. »Tun Sie es nur, Sir«, wiederholte Slurk mit lauter Stimme. Herr Pott warf ihm einen verachtungsvollen Blick zu, der einen Anker hätte zermalmen können. »Tun Sie es nur, Sir«, wiederholte Slurk noch lauter als vorher. »Ich will nicht, Sir«, versetzte Pott. »So, so! Sie wollen also nicht?« sagte Herr Slurk in höhnendem Tone. »Sie hören es, meine Herren! Er will nicht: nicht als ob er sich fürchtete; o ganz und gar nicht: aber er will nun einmal nicht: ha ha ha!« »Ich betrachte Sie, Sir«, sagte Herr Pott, durch diesen Sarkasmus aufgebracht: »ich betrachte Sie als eine Viper. Ich halte Sie für einen Menschen, der sich durch sein höchst freches, schandbares und abscheuliches öffentliches Benehmen außer den Bereich der Gesellschaft gestellt hat. In meinen Augen, Sir, sind Sie sowohl von Ihrem persönlichen, wie von Ihrem politischen Standpunkt aus, weiter gar nichts, als eine nichtswürdige Viper, vor deren giftiger Bosheit man sich hüten muß.« Der entrüstete Unabhängige wartete das Ende dieser persönlichen Anklage nicht ab, sondern nahm seinen wohlgefüllten Koffer, schwang ihn, als Pott sich eben abwandte, in der Luft, und ließ ihn gerade mit der Ecke, wo zufällig eine tüchtige, dicke Haarbürste eingepackt lag, auf den Kopf seines Gegners fallen, so daß dieser augenblicklich zu Boden stürzte, und man das Gekrach in der ganzen Küche hörte. »Meine Herren!« rief Herr Pickwick, als Pott wieder aufsprang und sich der Kohlenschaufel bemächtigte; »meine Herren, bedenken Sie doch ums Himmels willen – Hilfe – Sam! he da! – ich bitte, meine Herren, lassen Sie es doch nicht so weit kommen.« Also rief er erregt und stürzte zwischen die wütenden Kämpfer, gerade im rechten Augenblick, um auf die eine Seite seines Körpers den Koffer und auf die andere die Kohlenschaufel zu bekommen. Ob nun die Repräsentanten der öffentlichen Meinung von Eatanswill durch Leidenschaft gänzlich geblendet waren, oder ob sie als kluge, scharfsinnige Köpfe sogleich den Vorteil einsahen, einen Dritten, der die Streiche auffange, zwischen sich zu haben – so viel ist gewiß, daß sie nicht die mindeste Notiz von Herrn Pickwick nahmen, sondern einander mit viel Mut Trotz boten und Koffer wie Kohlenschaufel aufs furchtbarste handhabten. Herr Pickwick hätte sein menschenfreundliches Dazwischentreten ohne Zweifel schwer zu büßen gehabt, wäre nicht Herr Weller auf das Geschrei seines Herrn im Augenblick hereingestürzt, und hätte dieser nicht dem Kampfe dadurch ein Ende gemacht, daß er einen Mehlsack ergriff, denselben dem mächtigen Pott über Kopf und Schultern herabzog und ihn auf diese Art bis an die Ellenbogen festhielt. »Nehmen Sie dem andern Tollhäusler den Koffer weg«, sagte Sam zu Ben Allen und Bob Sawyer, die indessen ganz vergnügt müßig zugeschaut und nur eine Lanzette mit schildpattenem Heft in die Hand genommen hatten, um dem ersten, der ohnmächtig würde, zur Ader zu lassen. »Wollen Sie aufhören, Sie elendes, kleines Bürschchen, oder ich drücke Sie zusammen.« Eingeschüchtert durch diese Drohung und ganz atemlos ließ sich der Unabhängige entwaffnen, worauf Herr Weller den erstickenden Sack von Pott wegnahm und ihn vorsichtig wieder in Freiheit setzte. »Jetzt gehen Sie beide ruhig ins Bett«, sagte Sam, »oder ich stecke Sie miteinander in den Sack und lasse Sie die Sache mit zugebundener Öffnung ausfechten. Meinetwegen dürfte es ein ganzes Dutzend solcher Leute sein: ich würde mich nicht vor ihnen genieren. Und Sie, haben Sie die Güte, gefälligst hierher zu kommen, Sir.« Mit diesen Worten nahm Sam seinen Herrn beim Arme und führte ihn fort, während die nebenbuhlerischen Journalisten von dem Wirt unter Aufsicht des Herrn Bob Sawyer und des Herrn Benjamin Allen nach verschiedenen Seiten hin in ihre Schlafzimmer gebracht wurden, wobei sie noch manche blutdürstige Drohungen ausstießen und vage Bestellungen auf einen tödlichen Zweikampf für den nächsten Tag machten. Bei weiterer Überlegung fiel es ihnen jedoch ein, daß sie ihren Kampf weit besser mit Druckerschwärze auskämpfen könnten: sie erneuerten daher ohne Verzug ihre Feindseligkeiten auf Tod und Leben und ganz Eatanswill staunte ob ihrer Kühnheit – auf dem Papier. Sie waren am andern Morgen in der Frühe, jeder in einer besonderen Kutsche, abgereist, ehe die übrigen Passagiere sich regten, und da das Wetter sich nun wirklich aufgeklärt hatte, so wandte die Pickwicksche Reisegesellschaft aufs neue ihre Front der Stadt London zu.   Dreiundfünfzigstes Kapitel. Erzählt von einer wichtigen Veränderung in der Familie Weller und von dem frühzeitigen Sturze des rotnasigen Herrn Stiggins. Herrn Pickwick erlaubte sein Zartgefühl nicht, Bob Sawyer oder Ben Allen dem jungen Paare vorzustellen, bevor er dasselbe gehörig zu ihrem Empfang vorbereitet hätte, und da er Arabellas Gefühle möglichst zu schonen wünschte, so machte er den Vorschlag, er und Sam sollten in der Nähe vom Georg und Geier absteigen, die beiden jungen Männer aber vor der Hand irgendwo anders ihre Quartiere nehmen. Dieser Vorschlag wurde bereitwillig angenommen und ausgeführt. Herr Ben Allen und Herr Bob Sawyer begaben sich in ein abgelegenes Bierhaus am äußersten Ende des Borough, wo ihre Namen schon früher sehr häufig an der Spitze langer und verwickelter Rechnungen, mit weißer Kreide geschrieben, hinter dem Schanktisch an der Tür zu lesen gewesen waren. »Welche Überraschung, der Herr Weller!« rief das hübsche Hausmädchen, als ihr Sam an der Tür begegnete. »Ja, das ist es auch, liebes Kind«, erwiderte Sam, etwas zurückbleibend, um seinen Herrn aus der Gehörweite kommen zu lassen. »Was für ein süßes, angenehmes Geschöpf Sie sind, Marie.« »Aber, aber, Herr Weller; was schwatzen Sie doch für Unsinn«, sagte Marie. »Lassen Sie das, Herr Weller.« »Was soll ich lassen, mein liebes Kind?« sagte Sam. »Nun, eben das«, erwiderte das hübsche Hausmädchen. »Gehen Sie Ihres Weges.« Mit dieser Mahnung stieß das hübsche Hausmädchen Sam lächelnd an die Wand und erklärte ihm, er habe ihr ihre Haube zerdrückt und ihr Haar ganz in Unordnung gebracht. »Auch haben Sie mich gehindert, zu sagen, was ich wollte«, fügte sie hinzu. »Es liegt schon seit vier Tagen ein Brief für Sie da; Sie waren kaum eine halbe Stunde fort, als er kam, und auf der Adresse steht: ›Höchst eilig‹.« »Wo ist er denn, meine Liebe?« fragte Sam. »Ich habe ihn zu mir gesteckt, sonst wäre er ganz gewiß schon lange verlorengegangen«, erwiderte Marie. »Da ist er: es ist mehr, als Sie verdient haben.« Mit diesen Worten und nach vielen artigen, kleinen, koketten Zweifeln, Befürchtungen und Wünschen, sie werde ihn doch nicht verloren haben, zog Marie den Brief hinter dem hübschesten und feinsten Musselinbusenstreif, den man sich denken kann, hervor und überreichte ihn Sam, der ihn mit ebenso vieler Galanterie als Innigkeit küßte. »Ach, du meine Güte!« sagte Marie, den Busenstreif wieder zurecht drückend und sich stellend, als ob sie von nichts wüßte: »Sie scheinen sich ja auf einmal ganz darin verliebt zu haben.« Herr Weller antwortete nur mit einem Blinzeln, von dessen eigentlicher voller Bedeutung keine Beschreibung auch nur den schwächsten Begriff geben könnte: dann setzte er sich neben Marie auf eine Fensterbank, erbrach den Brief und betrachtete seinen Inhalt. »Hallo!« rief Sam; »was ist das?« »Doch nichts Schlimmes?« fragte Marie, ihm über die Schultern sehend. »Oh, Ihre Racker von Augen!« sagte Sam aufblickend. »Kümmern Sie sich nicht um meine Augen: lesen Sie Ihren Brief«, sagte das hübsche Hausmädchen und ließ dabei ihre Augen so schalkhaft und schön blitzen, daß sie ganz unwiderstehlich waren. Sam erfrischte sich mit einem Kuß und las wie folgt: »Markis Gran. »By Dorken. »Mithewoch. Mein liber Samele! Es dut mier Sehr leith das ich daß vergnigen habe dir schlechte nachrichten fon deiner stiefmudder gäben zu müssen – sie hat sich verkeldet weil sie onforsichtiger weise im nasen Graß Im Regen saß um Einen schäfer zu Hören der erßt in der senkenden nacht aufhören konnte weil ehr sich mit Brandwein Und Wasser erhißt hadde und Sich nicht eher anhalden Konnte als biß er wieder ein bißgen nichtern Geworten wahr Was gar manche stunden weknam und der Dokter sagte wen Sie Gleich darauf warmmen Brandwein und waßer gedronken hette stadd vorhehr so hädde es ihr Nichts gedan ihre reder wurden Augenblücklich geschmiehrt und alles Gebraucht um sie wider in den gang zu brengen was Mann sich nur denken kan dein Vadder hadde hofnung sie werde sich wider Herausreisen wie gewenlich aber als sie wider um di ecke herumfuhr da kamm sie in dem falschen weg und rolte den Berg hennunter mit Einer geschwentigkeit wie mann noch nie gesehen had und droz dem das der Dokter sie kleich pesah, so half es doch alles nichts den sie bezalde am lezden schlagbaum 20. Minuten vor 6 Ur gestern abend und had also die krose reise weid under der gewenlichen zeit Gemacht waß vielleicht auch daher gekomen ist daß sie unterwegs Gar wennig gepäk eingenommen had dein vatter sagt wenn du komen wilst und mich Besuchen Sammi so wird er es als eine Grose Freide ansehen den ich ben so Gans allein Samel Nodabene er wird es dir schon Sagen das es recht wird und weil wir so vile denge mid einanter abzumachen haben so wird dein Brenzibal dir gewiß nichts in den weg Legen Sammi denn ich kene en besser und vermelte ihm Meinen resbegt und bin auf Ewig dein Tony Weller.« »Was für ein unbegreiflicher Brief!« sagte Sam: »wer kann aus diesen Geschichten allen klug werden? Auch ist es nicht meines Vaters Hand, sondern nur seine Unterschrift mit Kanzlei-Buchstaben. Die kenne ich.« »Vielleicht hat er einen andern schreiben lassen und dann nur seinen Namen daruntergesetzt«, sagte das hübsche Hausmädchen. »Warten Sie noch eine Minute«, versetzte Sam, den Brief noch einmal überlesend und dabei von Zeit zu Zeit innehaltend, um darüber nachzudenken. »Sie haben es erraten. Der Herr, der es geschrieben hat, hat das ganze Unglück gehörig erzählt, und dann ist mein Vater dazugekommen, hat ihm über die Achsel gesehen und den ganzen Handel dadurch verwirrt gemacht, daß er auch seinen Senf dazu gab. So macht er es immer. Sie haben ganz recht, liebe Marie.« Nachdem er sich über diesen Punkt zufriedengestellt, überlas Sam den Brief noch einmal, und da er sich jetzt endlich einen klaren Begriff von seinem Inhalt zu bilden schien, sagte er schwermütig, als er ihn zusammenlegte: »So ist also das arme Geschöpf tot! Es tut mir leid um sie. Sie war kein böses Weib; wenn nur die Schäfer sie in Frieden gelassen hätten. Ich bin recht betrübt darüber.« Herr Weller äußerte diese Worte in einem so ernsthaften Tone, daß das hübsche Hausmädchen die Augen niederschlug und gleichfalls eine sehr ernsthafte Miene annahm. »Und doch«, fuhr Sam fort, indem er den Brief mit einem leisen Seufzer in die Tasche steckte: »es hat einmal sein müssen, und nun es geschehen ist, läßt sich nimmer helfen, wie die alte Dame sagte, als sie ihren Diener geheiratet hatte – nicht wahr. Marie?« Marie schüttelte den Kopf und seufzte ebenfalls. »Ich muß meinen Herrn um Urlaub angehen«, sagte Sam. Marie seufzte abermals – der Brief war so gar rührend. »Adieu!« sagte Sam. »Adieu!« erwiderte das hübsche Hausmädchen, den Kopf abwendend. »Sie werden mir zum Abschied doch eine Hand geben?« sagte Sam. Das hübsche Hausmädchen reichte ihm eine Hand, die, obwohl die Hand eines Hausmädchens, dennoch eine sehr kleine Hand war, und stand auf, um zu gehen. »Ich werde nicht sehr lange fortbleiben«, sagte Sam. »Ach, Sie sind immer fort«, erwiderte Marie, ihren Kopf ein ganz klein wenig emporwerfend. – »Kaum kommen Sie, Herr Weller, so gehen Sie schon wieder.« Herr Weller zog die Haushaltungsschönheit näher an sich und knüpfte ein flüsterndes Gespräch mit ihr an, das noch nicht lange gedauert hatte, als sie ihr Gesichtchen umwendete und sich herabließ, ihn wieder anzublicken. Als sie sich trennten, war es auf irgendeine Art unumgänglich notwendig für sie geworden, auf ihr Zimmer zu gehen und ihre Haube und Locken zu ordnen, bevor sie daran denken konnte, sich ihrer Gebieterin zu zeigen, und als sie zu dieser Tätigkeit die Treppe hinauftrippelte, beglückte sie Sam noch mit manchem Gruß und Lächeln über das Geländer hinab. »Ich werde nicht länger als einen oder höchstens zwei Tage ausbleiben, Sir«, sagte Sam, nachdem er Herrn Pickwick mit dem Verlust bekannt gemacht, den sein Vater erlitten. »So lange du es für nötig findest, Sam«, erwiderte Herr Pickwick. »Du hast unbeschränkte Erlaubnis.« Sam verbeugte sich. »Sag' deinem Vater, Sam, wenn ich ihm in seiner gegenwärtigen Lage auf irgendeine Art von Nutzen sein könne, so sei ich von Herzen gern bereit, alles zu tun, was in meinen Kräften steht«, setzte Herr Pickwick hinzu. »Danke Ihnen, Sir«, erwiderte Sam. »Ich werd's melden, Sir.« Unter solchen und ähnlichen Äußerungen gegenseitiger Geneigtheit und gegenseitiger Teilnahme trennten sich Herr und Diener. Es war gerade sieben Uhr, als Samuel Weller vom Bock einer Postkutsche, die durch Dorking kam, einige hundert Schritte vom Marquis von Granby entfernt, abstieg. Der Abend war kalt und trübe, die kleine Straße sah düster und traurig aus, und das mahagonifarbige Gesicht des edlen und tapferen Marquis schien einen finstereren und melancholischeren Ausdruck zu haben als sonst, indem es wehmütig knarrend vom Winde hin und her geworfen wurde. Die Fenstervorhänge waren herabgelassen, die Läden teilweise geschlossen; von dem Haufen Müßiggänger, die sich gewöhnlich an der Tür versammelten, war keine Spur zu sehen, und der Platz stand öde und verlassen. Da Sam niemand erblickte, an den er einige vorläufige Fragen hätte richten können, so ging er sachte ins Haus, schaute sich um und fand schließlich rasch seinen Vater. Der Witwer saß in dem kleinen Zimmer hinter dem Schanktisch an einem besonderen runden Tischchen, rauchte eine Pfeife und starrte mit unverwandtem Blick ins Feuer. Offenbar hatte das Begräbnis erst an diesem Tage stattgefunden; denn an seinem Hut, den er auf dem Kopfe behielt, hing ein etwa anderthalb Ellen langes Trauerband, das nachlässig über die Stuhllehne herabwallte. Herr Weller war offenbar in sehr tiefe Betrachtungen versunken, denn obgleich Sam ihn mehrere Male beim Namen rief, so fuhr er doch mit demselben starren und ruhigen Gesichte zu rauchen fort, und blickte erst auf, als ihm sein Sohn endlich die flache Hand auf die Schulter legte. »Sammy!« rief Herr Weller; »sei mir willkommen!« »Ich habe Euch schon einhalbdutzendmal gerufen«, sagte Sam, seinen Hut an einen Nagel hängend; »aber Ihr hörtet mich ja gar nicht.« »Nein, Sam, ich habe dich nicht gehört«, erwiderte Herr Weller und sah aufs neue gedankenschwer ins Feuer. »Ich war ganz in eine Träumerei versunken, Sammy.« »Worüber habt Ihr denn so nachgesonnen?« fragte Sam, seinen Stuhl ans Feuer rückend. »Ich habe an sie gedacht, Sammy«, erwiderte Herr Weller senior und warf seinen Kopf in der Richtung nach dem Dorkinger Kirchhof empor, als stumme Erklärung, daß seine Worte sich auf die selige Frau Weller bezögen. »Ich dachte eben daran, Sammy«, fuhr Herr Weller fort, indem er seinen Sohn mit großem Ernst über seine Pfeife hinaus anblickte, als wollte er ihn versichern, daß seine Worte, so außerordentlich unglaublich sie auch klingen möchten, doch ruhig und mit gutem Bedacht erwogen seien: »ich habe eben daran gedacht, Sammy, daß es mir im ganzen sehr leid tut, daß sie abgefahren ist.« »Das gebührt sich auch für Euch«, erwiderte Sam. Herr Weller nickte zustimmend, senkte seinen Blick zum Feuer herab, hüllte sich in eine Wolke und versank aufs neue in tiefes Nachdenken. Nach einer langen Pause vertrieb er den Rauch mit der Hand und sagte: »Ach, sie hat noch so gescheit gesprochen, Sammy.« »Was hat sie denn gesprochen?« fragte Sam. »Ich meine bloß das, was sie in ihrer Krankheit gesagt hat«, erwiderte der alte Herr. »Und was denn?« »Das will ich dir jetzt erzählen. ›Weller‹, sagte sie, ›ich fürchte, ich habe nicht ganz so an dir gehandelt, wie ich hätte handeln sollen: du bist ein sehr guter Mann, und ich hätte dir dein Haus angenehmer machen sollen. Jetzt, da es zu spät ist, fange ich an, einzusehen, wenn eine verheiratete Frau fromm zu sein wünscht, so soll sie damit anfangen, ihre häuslichen Pflichten zu erfüllen und die, welche um sie sind, glücklich und fröhlich zu machen. Sie kann zwar wohl in die Kirche oder Kapelle oder was weiß ich alles gehen, aber sie soll dieses nicht als Entschuldigung für Müßiggang, für eigennützige Absichten oder etwas noch Schlimmeres verwenden. Ich habe das getan und habe Zeit und Vermögen an solche verschwendet, die es noch mehr getan haben als ich. Aber ich hoffe, wenn ich nicht mehr sein werde, Weller, so wirst du an mich denken, wie ich war, ehe ich diese Leute kennenlernte, und wie ich eigentlich von Natur gewesen.‹ – ›Susanne‹, sagte ich, denn ich war sehr angegriffen, Samuel: ich kann's nicht leugnen, mein Junge – ›Susanne‹, sagte ich, ›du bist mir ein sehr gutes Weib gewesen, deswegen sprich nichts von alledem und sei guten Muts, mein Schatz: du wirst es gewiß noch erleben, daß ich diesem Stiggins den Kopf entzweischlage.‹ Sie lächelte darüber, Samuel«, fuhr der alte Herr fort, einen Seufzer durch seine Pfeife erstickend, »aber hernach starb sie.« »Nun gut«, sagte Sam, der es nach drei oder vier Minuten, während denen der alte Herr beständig langsam den Kopf hin und her gewiegt und feierlich geraucht hatte, endlich wagte, mit einem kleinen Trostgrunde hervorzurücken: »Seht Ihr, Vater, wir müssen alle mal sterben, der eine früher, der andere später.« »Ja, das müssen wir alle, Sammy«, sprach Herr Weller senior »Die Vorsehung hat es einmal so eingerichtet«, sagte Sam. »Ja, ja«, versetzte sein Vater mit ernstem Beifallsnicken. »Was würde denn sonst aus den Totengräbern werden, Sammy?« Verloren in dem durch diese Betrachtungen eröffneten unermeßlichen Feld der Vermutungen, legte Herr Weller senior seine Pfeife auf den Tisch und schürte mit nachdenklichem Gesicht das Feuer. Während der alte Herr damit beschäftigt war, trat eine wohlbeleibte Köchin in Trauerkleidung, die bisher in der Schenkstube beschäftigt gewesen war, ins Zimmer, nickte Sam zum Zeichen der Erkennung mehrere Male freundlich zu, stellte sich schweigend hinter seines Vaters Stuhl und kündigte ihre Anwesenheit durch ein leises Husten an, welchem, als es unbeachtet blieb, ein lauteres nachfolgte. »Hallo«, sagte Herr Weller senior , indem er das Schüreisen fallen ließ, als er um sich schaute und hastig mit dem Stuhle wegrückte. »Was gibt's?« »Trinken Sie doch eine Tasse Tee, mein lieber Herr«, erwiderte das wohlbeleibte Frauenzimmer in schmeichelndem Tone. »Ich mag nicht«, versetzte Herr Weiler in barschem Tone. »Ich wollte, Ihr wäret« – hier hielt Herr Weiler plötzlich inne und fügte in leisem Tone hinzu – »wo der Pfeffer wächst.« »Ach du meine Güte! Wie doch das Unglück die Leute verändert!« sagte das Frauenzimmer emporblickend. »Ja, das ist's«, murmelte Herr Weller: »das Unglück ist der einzige Doktor, der meine Lage verändert.« »Ich habe in meinem Leben nie einen so übellaunischen Mann gesehen«, sagte das wohlbeleibte Frauenzimmer. »Doch was brauche ich mich zu betrüben«, fuhr der alte Herr fort; »es ist ja bloß zu meinem Besten, mit welcher Betrachtung der reuige Schulknabe seinen Kummer beschwichtigte, als er ausgepeitscht wurde.« Das wohlbeleibte Frauenzimmer schüttelte mit mitleidig-teilnahmsvoller Miene den Kopf und berief sich auf Sam, ob sein Vater nicht wirklich sich zusammennehmen und gegen diese Niedergeschlagenheit ankämpfen solle. »Sie sehen selbst, Herr Samuel«, sagte sie, »wie ich ihm schon gestern bemerkte, er wird sich einsam fühlen, und das kann er nicht ertragen: aber er sollte sich wieder ein Herz fassen, Sir; denn wahrhaftig, wir bedauern ihn alle wegen seines Verlustes und werden ihm gern alles zulieb tun. Es ist ja keine Lage im Leben so schlimm, Herr Samuel, daß sie nicht verbessert werden könnte, wie eine sehr würdige Person zu mir sagte, als mein seliger Mann starb.« Hier hielt sich die Sprecherin die Hand vor den Mund, hustete abermals und blickte Herrn Weller senior liebreich an. »Ich mag jetzt Ihr Geschwätz nicht haben. – Wollen Sie wohl so gut sein, uns allein zu lassen?« fragte Herr Weller mit ernster, fester Stimme. »Ach du lieber Gott, Herr Weller«, sagte das beleibte Frauenzimmer; »ich habe ja nur aus christlicher Liebe so gesprochen.« »Ja, das glaube ich«, versetzte Herr Weller. »Samuel, zeig ihr den Weg und mach die Tür hinter ihr zu.« Das wohlbeleibte Frauenzimmer verstand diesen Wink, ging schnell hinaus und machte selbst die Tür hinter sich zu, worauf Herr Weller senior , dem große Schweißtropfen auf der Stirn standen, sich in seinen Stuhl zurückwarf und sagte: »Sammy, wenn ich hier noch eine Woche allein bliebe – nur noch eine Woche, mein Junge – so würde mich dieses Weibsbild noch vor Ablauf derselben mit aller Gewalt heiraten.« »Hm, ist sie denn so gar verliebt in Euch?« fragte Sam. »Ach, was verliebt!« antwortete sein Vater. »Ich kann sie nun einmal nicht fern von mir halten. Wenn ich mich in einen feuerfesten Kasten mit einem Patentschloß einsperren würde, sie würde Mittel und Wege finden, an mich heranzukommen, Sammy.« »Das ist ja etwas ganz Herrliches, wenn man so begehrt wird«, bemerkte Sam lächelnd. »Ich bilde mir nichts darauf ein, Sammy«, erwiderte Herr Weller, heftig das Feuer schürend: »es ist eine schauderhafte Lage. Man vertreibt mich von Haus und Hof. Kaum war deiner armen Stiefmutter der Atem ausgegangen, so schickt mir so ein altes Weib einen Topf mit Marmelade, eine andere einen Krug mit Gelee, und noch eine andere kocht mir eine großmächtige Kanne voll Kamillentee und bringt sie mir höchsteigenhändig.« Herr Weller pausierte ein wenig mit mannigfachen Zeichen tiefer Entrüstung, blickte dann umher und setzte flüsternd hinzu: »Es waren lauter Witwen, Sammy, eine wie die andere; nur die Kamillenteefrau nicht – das war eine unverheiratete junge Dame von dreiundfünfzig Jahren.« Sam antwortete nur mit einem schalkhaften Lächeln, und der alte Herr, nachdem er ein hartnäckiges Stück Kohle voll ernster Empörung zerschlagen hatte, als wäre diese Kohle der Kopf einer dieser Witwen, fuhr also fort: »Kurz und gut, Sammy, ich fühle, daß ich nirgends sicher bin als auf dem Bock.« »Und warum meint Ihr da sicherer zu sein, als sonstwo?« unterbrach ihn Sam. »Weil ein Kutscher ein privilegiertes Individuum ist«, erwiderte Herr Weller, seinen Sohn fest ansehend. »Weil ein Kutscher, ohne Argwohn zu erregen, viel tun kann, was andere Leute nicht tun können; weil ein Kutscher auf achtzig Meilen Weges mit allen Frauenzimmern auf dem freundschaftlichsten Fuße stehen kann, ohne daß es einem Menschen einfällt, er wolle eine davon heiraten. Welcher andere Mann kann das sagen, Sammy?« »Ja, es ist etwas daran«, sagte Sam. »Wäre dein Herr ein Kutscher gewesen«, meinte Herr Weller weiter; »glaubst du, die Jury würde ihn dann verurteilt und die Sachen so zum äußersten haben kommen lassen? Ganz gewiß nicht!« »Warum nicht?« sagte Sam verächtlich. »Warum nicht?« versetzte Herr Weller; »weil es gegen ihr Gewissen gewesen wäre. Ein ordentlicher Kutscher ist eine Art Verbindungsglied zwischen dem ledigen und dem ehelichen Stande, und das weiß jeder praktische Mann.« »Ihr meint also, die Kutscher seien überall der Hahn im Korbe, und es falle den Frauenzimmern nicht ein, sich an sie zu halten?« Sein Vater nickte. »Wie das so gekommen ist«, fuhr Vater Weller fort, »kann ich nicht sagen; aber es ist einmal so. Ein Kutscher, der seine bestimmten Stationen fährt, besitzt soviel liebenswürdige Eigenschaften, daß stets alle jungen Frauenzimmer in jeder Stadt, durch die er kommt, ihm nachsehen und – ich möchte fast sagen – ihn anbeten: ich weiß selbst nicht warum, denn ich weiß nur, daß es so ist. Es muß der Naturlauf so sein – eine Fügung, ein Dispensarium, wie deine selige Mutter zu sagen pflegte.« »Eine Disposition«, sagte Sam, den alten Herrn verbessernd. »Ganz recht, Samuel, eine Dispensition, wenn du lieber willst«, erwiderte Herr Weller: »ich sage einmal Dispensarium, und es ist überall so geschrieben an all den Arten, wo man umsonst Arzneien bekommt und bloß eine Flasche mitbringen muß; weiter sage ich nichts.« Mit diesen Worten stopfte Herr Weller seine Pfeife aufs neue, zündete sie an, gab seinem Gesicht abermals einen gedankenvollen Ausdruck und fuhr also fort: »Darum also, mein Junge, weil ich es nicht für ratsam ansehe, hier zu bleiben und zu heiraten, ich mag wollen oder nicht, und weil ich mich von diesen interessanten Mitgliedern der Gesellschaft nicht ganz und gar trennen möchte, habe ich den Entschluß gefaßt, wiederum mit meiner alten Kutsche zu fahren und mein Quartier abermals im Bell-Savage aufzuschlagen, das mein väterliches und angeborenes Element ist.« »Was soll aber hier aus dem Geschäft werden?« fragte Sam. »Das Geschäft, Samuel?« erwiderte der alte Gentleman, »das Haus und alles, was niet- und nagelfest ist, wird durch einen Privatkontrakt verkauft, und von dem Kaufgeld werden nach dem Wunsch deiner Stiefmutter, den sie ganz kurz vor ihrem Tode ausdrückte, zweihundert Pfund für dich angelegt, in den – wie heißt man doch diese Dinger –« »Was für Dinger«, fragte Sani. »Die Dinger, die in der City immer auf und ab fahren.« »Omnibus?« meinte Sam. »Unsinn!« erwiderte Herr Weller. »Die Dinger, die immer so schwanken und sich auf alle mögliche Arten mit der Nationalschuld und den Schatzkammerscheinen und all den Geschichten vermischen.« »Ah so, die Fonds?« sagte Sam. »Richtig, ja«, meinte Herr Weller: »die Fonds; zweihundert Pfund von dem Geld sollen für dich in den Fonds angelegt werden, Samuel, in Obligationen zu viereinhalb Prozent.« »Sehr viel Güte von der alten Dame, daß sie an mich gedacht hat«, sagte Sam. »Ich bin ihr sehr verbunden.« »Der Rest wird auf meinen Namen angelegt«, fuhr der ältere Herr Weller fort, »und wenn ich einmal von der Heerstraße abberufen werde, so fällt er auch an dich. Darum, mein Junge, bring nur nicht alles auf einmal durch und nimm dich in acht, daß keine Witwe aufspürt, du habest Vermögen, denn sonst bist du verloren.« Nach dieser väterlichen Warnung nahm Herr Weller mit vergnügterem Gesichte seine Pfeife wieder zur Hand, indem die Auseinandersetzung dieser Dinge offenbar sein Herz bedeutend erleichtert hatte. »Es klopft jemand an die Tür«, sagte Sam. »Laß ihn nur klopfen«, versetzte sein Vater mit Würde. Sam befolgte die Weisung: aber es wurde zum zweiten- und drittenmal geklopft. Das Klopfen schien gar nicht mehr aufhören zu wollen, und nun fragte Sam, warum der Klopfende nicht hereingelassen werde? »Still still!« flüsterte Herr Weller mit ängstlichen Blicken: »nimm nur gar keine Notiz davon: vielleicht ist es eine von den Witwen.« Da also keine Notiz von dem Klopfen genommen wurde, so wagte es der ungesehene Gast nach kurzer Pause, die Tür zu öffnen und hereinzusehen. Es war kein Weiberkopf, der sich zu der teilweise geöffneten Tür hereinsteckte, sondern die langen schwarzen Locken und das rote Gesicht des Herrn Stiggins. Herrn Weller fiel die Pfeife aus der Hand. Der ehrwürdige Gentleman öffnete beinahe unmerklich allmählich die Tür, bis die Öffnung weit genug war, um seinen langen Leib hereinzulassen, worauf er ins Zimmer schlüpfte und es mit großer Sorgfalt sehr sachte verschloß. Er wandte sich sofort gegen Sam, hob zum Zeichen seiner unaussprechlichen Bekümmernis über den Unglücksfall, der die Familie betroffen, Hände und Augen empor, rückte den hochlehnigen Stuhl in seinen alten Winkel am Kamin, setzte sich auf die Ecke desselben, zog ein braunes Taschentuch hervor und hielt es an seine Augen. Während dies vorging, hatte sich Herr Weller senior mit weit aufgerissenen Augen seine Hände auf die Knie gestemmt und mit einem Gesicht, da« grenzenlosestes und überwältigendstes Erstaunen ausdrückte, in seinen Stuhl zurückgelehnt. Sam saß ihm stumm gegenüber und wartete mit brennender Neugier den weiteren Verlauf der Sache ab. Herr Stiggins hielt sich sein braunes Taschentuch mehrere Minuten lang vor die Augen, stöhnte zu verschiedenen Malen recht herzlich, bemeisterte aber endlich durch eine gewaltige Kraftanstrengung seine Gefühle, steckte das Tuch ein und knöpfte seinen Rock auf. Danach schürte er das Feuer, rieb sich sodann die Hände und blickte Sam an. »Ach, mein junger Freund!« sagte Herr Stiggins, mit sehr leiser Stimme das Stillschweigen unterbrechend; »hier ist Trauer und Betrübnis eingetreten.« Sam nickte ein ganz klein wenig. »Auch für den Mann des Zorns!« fügte Herr Stiggins hinzu: »sie macht das Herz eines Auserwählten bluten.« Sam hörte seinen Vater etwas murmeln, als ob er Lust hätte, die Nase eines Auserwählten bluten zu machen; Herr Stiggins aber hörte nichts davon. »Wissen Sie nicht, junger Mann«, flüsterte Herr Stiggins, seinen Stuhl näher zu Sam rückend, »ob sie dem Immanuel etwas vermacht hat?« »Wer ist das?« fragte Sam. »Die Kapelle«, erwiderte Herr Stiggins: »unserer Kapelle, unserer Herde, Herr Samuel.« »Sie hat dem Pferch nichts vermacht und dem Schäfer auch nichts und den Tieren darin ebensowenig; nicht einmal den Hunden hat sie etwas vermacht.« Herr Stiggins blickte Sam verschmitzt an, warf einen Seitenblick auf den alten Herrn, der mit geschlossenen Augen dasaß, als ob er schliefe, rückte sodann seinen Stuhl immer näher und sagte: »Auch mir nichts, Herr Samuel?« Sam schüttelte den Kopf. »Ich sollt doch denken, etwas«, sagte Stiggins, so blaß werdend, wie er nur konnte. »Besinnen Sie sich, Herr Samuel: nicht einmal ein kleines Andenken?« »Nicht einmal soviel, wie Ihr alter Schirm da wert ist«, erwiderte Sam. »Aber vielleicht«, fuhr Herr Stiggins nach einigen Augenblicken tiefen Nachdenkens zögernd fort: »vielleicht hat sie mich dem Manne des Zornes zur Fürsorge empfohlen, Herr Samuel?« »Nach allem, was er mir gesagt hat, könnte es sehr wohl sein«, antwortete Sam; »er hat soeben von Ihnen gesprochen.« »Wirklich?« rief Stiggins aufstrahlend. »Ah, gewiß ist eine Änderung mit ihm vorgegangen. Wir können jetzt ganz angenehm miteinander leben; nicht wahr, Herr Samuel? Ich würde für seine Sachen sorgen, solange Sie fort sind – und ganz gewiß gut sorgen.« Herr Stiggins stieß einen tief hervorgeholten Seufzer aus, schwieg und erwartete eine Antwort. Sam nickte, Herr Weller senior aber gab einen ganz außerordentlichen Ton von sich, einen Ton, der weder ein Seufzer, noch ein Gestöhne, weder ein Grunzen, noch ein Geknurr war, sondern von allen vieren etwas zu haben schien. Stiggins deutete diesen Ton als ein Zeichen der Reue oder Gewissensangst, blickte ermutigt umher, rieb sich die Hände, weinte, lächelte, weinte wieder. Dann aber ging er sachte durch das Zimmer nach dem ihm wohlbekannten Schranke in der Ecke, nahm ein Glas herunter und warf mit großem Bedacht vier Stücke Zucker hinein. Hierauf blickte er abermals um sich, stöhnte jämmerlich, ging sachte hinaus in die Speisekammer, füllte das Glas mit Ananasrum, kam schnell zurück, trat an den Kessel, der lustig über dem Feuer sprudelte, mischte seinen Grog, rührte um, schlürfte, setzte sich, nahm sofort einen langen herzlichen Zug von dem Rum mit Wasser und hielt darauf an, um zu verschnaufen. Herr Weller senior , der bis jetzt immer noch verschiedene, seltsame und wunderliche Versuche machte, sich schlafend zu stellen, sprach bei alledem kein Wort. Als aber Herr Stiggins innehielt, um Atem zu schöpfen, stürzte er auf ihn zu, riß ihm das Glas aus der Hand, schüttete ihm den Rest ins Gesicht und schleuderte das Glas in den Kamin. Zugleich packte er den ehrwürdigen Gentleman fest am Kragen und machte sich daran, ihn wütend durchzuprügeln und mit den Füßen zu zerstampfen, wobei er jeden Stoß seiner Stulpenstiefel mit verschiedenen heftigen und unzusammenhängenden Flüchen auf Herrn Stiggins Gliedmaßen, seine Augen und seinen Leib begleitete. »Sammy!« rief Herr Weller: »drück mir den Hut fest auf den Kopf. Sam drückte als ein gehorsamer Sohn seinem Vater den Hut mit dem langen Bande fester auf den Kopf. Darauf hämmerte der alte Gentleman mit neuer Munterkeit auf Herrn Stiggins los, trieb ihn durch das ganze Zimmer, durch den Gang, zur Haustür hinaus und auf die Straße. Dabei nahm seine Wut während der ganzen Aktion eher zu als ab, und er ward immer grimmiger, so oft er seinen Stulpenstiefel aufhob. Es war ein schöner, erheiternder Anblick, den rotnasigen Mann in Herrn Wellers Griffen sich winden und seine ganze Gestalt vor Angst zittern zu sehen, während in rascher Reihenfolge Schlag auf Schlag fiel. Noch herrlicher aber war es anzuschauen, wie Herr Weller unter gewaltigem Widerstande Herrn Stiggins Kopf in einen vollen Pferdetrog tunkte und ihn solange unter dem Wasser hielt, bis er halb erstickt war. »So!« sagte Herr Weller, seine ganze Energie in einen höchst konzentrierten letzten Fußtritt legend, als er Herrn Stiggins endlich mit dem Kopfe wieder aus dem Trog hervorkommen ließ; »jetzt schick' mir noch einen von diesen müßiggängerischen Schäfern daher, ich will ihn zu Brei zusammendrücken und nachher ersäufen. Sammy, hilf mir herein und reiche mir ein Gläschen Branntwein. Ich bin ganz echauffiert, mein Junge.«   Vierundfünfzigstes Kapitel Enthält das endliche Abtreten des Herrn Jingle und Job Trotter nebst einem großen Geschäftsmorgen in Gray's Inn Square. Es schließt mit einem doppelten Klopfen an Herrn Perkers Tür. Als Arabella nach manchen zarten Vorbereitungen und vielen Versicherungen, daß durchaus kein Grund da sei, den Mut sinken zu lassen, von Herrn Pickwick das unbefriedigende Resultat seines Besuches in Birmingham erfahren hatte, brach sie in Tränen aus und klagte laut schluchzend in beweglichen Ausdrücken, daß sie die unglückselige Ursache einer Entfremdung zwischen Vater und Sohn sei. »Mein liebes Kind«, sagte Herr Pickwick freundlich, »es ist nicht Ihre Schuld. Man konnte unmöglich voraussehen, daß der alte Herr so übel auf die Heirat seines Sohnes zu sprechen sein würde. Gewiß«, fügte er hinzu, indem er Arabella in das hübsche Gesichtchen schaute; »gewiß hat er nicht die entfernteste Vorstellung von dem Vergnügen, dessen er sich selbst beraubt.« »Ach, mein teurer Herr Pickwick«, sagte Arabella: »was sollen wir tun, wenn er fortfährt, uns zu zürnen?« »Nun, warten Sie es nur mit Geduld ab, liebes Kind, bis er besser von der Sache denkt«, erwiderte Herr Pickwick vergnügt. »Aber, mein teurer Herr Pickwick, was soll aus Nathaniel werden, wenn sein Vater die Hand von ihm abzieht?« drängte Arabella. »Für diesen Fall, meine Liebe«, versetzte Herr Pickwick, »will ich zu prophezeien wagen, daß er schon irgendeinen Freund finden wird, der ihm mit Vergnügen dazu hilft, es in der Welt zu etwas zu bringen.« Der Sinn dieser Antwort war von Herrn Pickwick nicht so verschleiert gegeben, daß ihn Arabella nicht hätte verstehen können. Sie warf ihre Arme um seinen Nacken, küßte ihn zärtlich und schluchzte noch lauter als zuvor. »Nur Mut!« sagte Herr Pickwick, ihre Hand ergreifend; »wir wollen hier noch einige Tage verweilen und sehen, ob er schreibt oder den Brief Ihres Mannes in einem andern Lichte auffaßt. Wo nicht, so habe ich schon ein Dutzend Pläne ausgesonnen, von denen jeder einzelne zu Ihrem Glücke führen muß. Beruhigen Sie sich nur, meine Liebe.« Mit diesen Worten drückte Herr Pickwick freundlich Arabellas Hand und bat sie, ihre Augen zu trocknen und ihrem Mann keinen Kummer zu machen. Arabella, eines der besten Geschöpfe, die je gelebt haben, steckte auch wirklich ihr Taschentüchlein in ihren Pompadour, und als Herr Winkle zu ihnen kam, zeigte sie ihm in vollem Glanz dasselbe strahlende Lächeln und dieselben funkelnden Augen, die gleich im Anfang sein Herz gefesselt hatten. »Die jungen Leute befinden sich doch in einer peinlichen Lage«, dachte Herr Pickwick, als er sich am folgenden Morgen ankleidete. »Ich will zu Perker gehen und ihn über die Sache um Rat fragen.« Da Herr Pickwick noch einen andern sehnlichen Wunsch hatte, der ihn nach dem Grays Inn Square trieb, nämlich unverzüglich mit dem freundlichen kleinen Anwalt ein finanzielles Geschäft abzuwickeln, so nahm er in aller Geschwindigkeit ein Frühstück ein und führte seine Absicht so schleunig aus, daß es noch nicht zehn Uhr geschlagen hatte, als er Grays Inn erreichte. Es fehlten noch zehn Minuten bis zehn Uhr, als er die Treppe hinaufgestiegen war, bei deren Stockwerk sich Perkers Zimmer befanden. Die Schreiber waren noch nicht da, und er vertrieb sich die Zeit mit Hinaussehen aus dem Treppenfenster. Das gesunde Licht eines schönen Oktobermorgens machte sogar die trüben alten Häuser etwas erglänzen. Einige der staubbedeckten Fenster sahen wirklich lustig aus, als die Sonnenstrahlen sie anglühten; Schreiber um Schreiber eilten durch den einen oder andern Eingang in das Haus, blickten auf die Uhr der Halle und beschleunigten oder mäßigten ihre Art zu gehen je nach der Zeit, zu der ihre Kanzleistunden begannen. Die auf halb zehn Uhr bestimmten Leute schlugen plötzlich einen sehr raschen Schritt an, die auf zehn Uhr bestimmten Gentlemen wandelten mit höchst aristokratischer Gelassenheit einher. Es schlug zehn Uhr, und die Schreiber strömten schneller als je herein, immer einer in größerem Schritt als der andere. Das Geräusch des Schließens und Öffnens der Türen hallte von allen Seiten wider. Köpfe erschienen wie durch einen Zauberschlag an jeglichem Fenster; die Portiers stellten sich für das Heute auf ihre Posten; die Reinmachefrauen in ihren abgetretenen Schuhen eilten davon; der Briefträger rannte von Haus zu Haus, und der ganze juristische Bienenschwarm war in geschäftiger Aufregung. »Sie kommen früh, Herr Pickwick«, sagte eine Stimme hinter ihm. »Ah, Herr Lowten!« erwiderte dieser Gentleman, um sich blickend und seinen alten Bekannten erkennend. »Köstlich warm heute«, sagte Lowten, indem er einen Bramahschlüssel mit einem kleinen Stöpsel darin, um ihn vom Staub rein zu halten, aus der Tasche zog. »Ihnen scheint es wenigstens so zu sein«, versetzte Herr Pickwick, dem Schreiber, der wirklich feuerrot war, zulächelnd. »Ich komme aber auch weit her, kann ich Ihnen sagen«, erwiderte Lowten. »Ich habe eine ganze halbe Stunde durch das Polygon gebraucht. Doch bin ich noch vor ihm hier, und das freut mich.« Mit diesem Gedanken sich tröstend, zog Herr Lowten den Stöpsel aus dem Hausschlüssel, öffnete die Tür, verstöpselte und steckte seinen Bramah wieder ein, nahm die Briefe, die der Briefträger in den Kasten geworfen hatte und führte Herrn Pickwick ins Amtszimmer. Hier legte er hastig seinen Rock ab, zog eine fadenscheinige Jacke an, die er aus einem Kasten nahm, holte ein paar Bogen Schreib- und Löschpapier in abwechselnden Schichten hervor, steckte eine Feder hinter sein Ohr und rieb sich mit sehr vergnügtem Gesichte die Hände. »Sehen Sie, Herr Pickwick«, sagte er; »jetzt bin ich fertig. Ich habe meinen Arbeitskittel angezogen, meine Schreibmaterialien in Bereitschaft gesetzt, und nun kann er kommen, sobald er mag. Haben Sie nicht vielleicht eine Prise Tabak bei sich?« »Nein«, antwortete Herr Pickwick. »Das tut mir leid«, sagte Lowten. »Doch gleichviel – ich will geschwind fortrennen und eine Flasche Sodawasser holen. Sehe ich nicht etwas sonderbar um die Augen herum aus, Herr Pickwick?« Herr Pickwick betrachtete Herrn Lowtens Augen aus einiger Entfernung und meinte, es sei durchaus nichts Auffallendes daran zu sehen. »Das freut mich«, sagte Lowten. »Wir waren gestern nacht ziemlich lange in der Elster, und es ist mir diesen Morgen nicht ganz geheuer. – Beiläufig gesagt, Perker hat das Geschäft für Sie zustande gebracht.« »Welches Geschäft?« fragte Herr Pickwick – »die Kostensache für die Bardell?« »Nein, das meine ich nicht«, erwiderte Lowton, »sondern wegen des Burschen, für den wir auf Ihre Rechnung zehn Schilling vom Pfund bezahlten, um ihn, wie Sie wissen, aus dem Fleet zu befreien und nach Demerara zu schaffen.« »Ah so, Herr Jingle«, sagte Herr Pickwick hastig: »wie ging's?« »Ist alles in Ordnung«, versetzte Lowten, seine Feder ausbessernd. »Der Agent in Liverpool sagte, Sie haben ihm, als Sie dort in Geschäften gewesen, so viele Gefälligkeiten erwiesen, daß er ihn auf Ihre Empfehlung sehr gern annehme.« »Nun, das freut mich«, sagte Herr Pickwick. »Aber der andere«, fuhr Lowten fort, die Rückseite seiner Feder Die Feder, die Herr Lowton in der guten alten Zeit gebrauchte. vorläufig schabend, um einen frischen Schlitz zu machen, »was der für ein empfindsamer Kerl ist.« »Welcher andere?« »Je nun, der Diener oder Freund, oder was er ist – Sie wissen ja schon: der Trotter.« »Ah, so«, sagte Herr Pickwick mit einem Lächeln. »Den habe ich immer für sein wahres Gegenstück gehalten.« »Ich auch: und ich hatte es bloß aus dem wenigen geschlossen, was ich von ihm sah«, erwiderte Lowten: »aber da sieht man, wie man sich in den Menschen irren kann. Was halten Sie davon, daß er ebenfalls nach Demerara geht?« »Wie? – Und er macht keinen Gebrauch von dem, was ich ihm hier angeboten habe?« rief Herr Pickwick. »Perkers Angebot von achtzehn Schilling wöchentlich mit der Aussicht auf mehr, wenn er sich gut anstellte, machte durchaus keinen Eindruck auf ihn«, erwiderte Lowten. »Er sagte, er müsse mit dem andern gehen. Sie überredeten Perker, noch einmal zu schreiben, und nun ist er auch dort untergebracht, wo er es, sagt Herr Perker, nicht halb so gut hat, wie es ein Verbrecher in Neusüdwales haben würde, wenn er in einem neuen Anzug vor Gericht erscheint.« »Ein närrischer Kerl«, sagte Herr Pickwick mit funkelnden Augen; »wirklich, ein ganz närrischer Kerl.« »O, es ist noch mehr als närrisch: es ist geradezu heillos, müssen Sie wissen«, versetzte Lowten mit verachtungsvollem Gesicht, seine Feder spitzend. »Er sagt, dies sei der einzige Freund, den er je gehabt: deswegen könne er auch nicht von ihm lassen, und solches Zeug. Die Freundschaft mag immerhin eine recht schöne Sache sein. Wir zum Beispiel sind in Stumpf und Elster alle recht freundschaftlich und vergnügt bei unserm Grog. Jeder zahlt für sich selbst, aber der Teufel sollte einen holen, wenn man sich wegen eines andern etwas versagen müßte. Der Mensch sollte eigentlich nie mehr als zwei Neigungen haben – die erste zu Nummer 1, das heißt zu sich selbst, und die zweite zu den Frauenzimmern: damit basta!« Herr Lowten schloß mit einem lauten, halb lustigen und halb höhnischen Gelächter, das jedoch schnell abgebrochen wurde durch das Geräusch von Perkers Fußtritten auf der Treppe, bei dessen Nahen er sich mit der merkwürdigsten Behendigkeit auf seinen Stuhl schwang und eifrig schrieb. Die Begrüßung zwischen Herrn Pickwick und seinem Rechtsfreunde war warm und herzlich. Der Klient hatte sich aber kaum in den Armstuhl des Anwaltes geworfen, als ein Klopfen an der Tür gehört wurde und eine Stimme fragte, ob Herr Perker drinnen sei? »Ah«, sagte Perker: »da ist einer von unseren vagabundierenden Freunden: – Jingle, mein lieber Herr. Wollen Sie ihn sehen?« »Was meinen Sie?« fragte Herr Pickwick zögernd. »Ich denke, es wird das beste sein. He da, Sir, wie Sie heißen: wollen Sie nicht hereinkommen?« Auf diese zwanglose Einladung hin traten Jingle und Job ins Zimmer, blieben aber, als sie Herrn Pickwick erblickten, verlegen stehen. »Nun«, sagte Perker: »kennen Sie diesen Herrn nicht?« »Guten Grund dazu«, versetzte Jingle vortretend. »Herr Pickwick – tiefstes Dankgefühl – Lebensretter – einen Menschen aus mir gemacht – sollen es nie bereuen, Sir.« »Es freut mich, Sie so zu hören«, sagte Herr Pickwick. »Sie sehen bedeutend besser aus.« »Dank Ihnen, Sir – große Veränderung – Fleet – ungesunder Ort – sehr ungesund«, versetzte Jingle, den Kopf schüttelnd. Er war anständig und reinlich gekleidet, ebenso auch Job, der kerzengerade hinter ihm stand und Herrn Pickwick mit eisernem Gesichte anstarrte. »Wann gehen sie nach Liverpool?« fragte Herr Pickwick leise seinen Advokaten. »Heute abend, Sir, um sieben Uhr«, sagte Job, einen Schritt vortretend. »Mit der Citypostkutsche, Sir.« »Haben Sie Ihre Plätze schon?« »Ja, Sir«, antwortete Job. »So sind Sie also fest entschlossen, zu gehen?« »Ja, Sir.« »Was die nötige Ausrüstung für Jingle betrifft«, sagte Perker laut zu Herrn Pickwick, »so habe ich es auf mich genommen, die Anordnung zu treffen, daß ihm eine kleine Summe von seinem Vierteljahrsgehalt abgezogen wird, um diese Ausgabe zu decken, was in einem Jahre geschehen ist. Ich erkläre mich entschieden dagegen, mein lieber Herr, daß Sie irgend etwas für ihn tun, wofern er es nicht durch Fleiß und gute Aufführung verdient.« »Wird gewiß geschehen«, unterbrach ihn Jingle mit großer Festigkeit. »Klarer Kopf – Mann von Welt – ganz recht – vollkommen.« »Durch die Befriedigung seiner Gläubiger, die Auslösung seiner Kleider, die Unterstützung, die Sie ihm im Gefängnis zukommen ließen, und die Bezahlung der Überfahrtskosten«, fuhr Perker, ohne die mindeste Rücksicht auf Jingles Bemerkung, fort, »haben Sie bereits über fünfzig Pfund verloren.« »Nicht verloren«, sagte Jingle hastig. »Alles bezahlen – fleißig arbeiten – sparen – jeden Heller. Gelbes Fieber vielleicht – kann nicht helfen – wenn nicht –« Hier hielt Herr Jingle inne, schlug mit großer Heftigkeit auf seinen Hut, fuhr mit der Hand über die Augen und setzte sich nieder. »Er will damit sagen«, erläuterte Job, ein paar Schritte vortretend, »daß er, wenn ihn das Fieber nicht wegraffe, das Gold zurückbezahlen werde. Bleibt er am Leben, so tut er es gewiß, Herr Pickwick. Ich will selbst dafür sorgen, daß es geschieht – ich weiß, daß er es tun wird, Sir«, fügte er mit großem Nachdruck hinzu. »Ich könnte darauf schwören.« »Schon gut«, sagte Herr Pickwick, der Perker ein paar Dutzend zornige Blicke zugeworfen hatte, um ihm zu bedeuten, daß er die Aufzählung seiner Wohltaten unterlassen solle, worauf jedoch der kleine Anwalt hartnäckig keinen Bedacht nahm; »Sie müssen sich nur hüten, keine so verzweifelten Kricketpartien mehr zu machen, Herr Jingle, oder Ihre Bekanntschaft mit Sir Thomas Blazo zu erneuern: dann zweifle ich nicht, daß Sie Ihre Gesundheit erhalten werden.« Herr Jingle lächelte über diesen witzigen Einfall, sah aber doch ein wenig verdutzt aus, und so gab Herr Pickwick dem Gespräch eine andere Wendung. »Wissen Sie nicht vielleicht«, fragte er, »was aus einem andern Freunde von Ihnen geworden ist – einem etwas demütigeren, den ich in Rochester sah?« »Meinen Sie den trübsinnigen Jemmy?« fragte Jingle. »Ja.« Jingle schüttelte den Kopf. »Ein verschmitzter Bursche – ein närrischer Kerl – ein Lügengenie – Jobs Bruder.« »Jobs Bruder?« rief Herr Pickwick. »Ja wahrhaftig, wenn ich ihn so in der Nähe ansehe, entdecke ich eine Ähnlichkeit.« »Man hat uns immer für ähnlich gehalten, Sir«, sagte Job mit einem verschmitzten Blick, der in seinen Augenwinkeln lauerte: »nur war ich von jeher ernsthafter Natur und er niemals. Er wanderte nach Amerika aus, Sir, weil man ihm hier zu sehr auf die Finger sah, als daß er sich hätte behaglich fühlen können: und seitdem hat man nichts von ihm gehört.« »Deswegen habe ich also die ,Seite aus dem Roman des wirklichen Lebens' nicht bekommen, die er mir eines Morgens versprach, als er auf der Rochesterbrücke stand und offenbar mit Selbstmordgedanken umging?« sagte Herr Pickwick lächelnd. »Ich brauche nicht zu fragen, ob sein trübseliges Benehmen natürlich war oder bloß erkünstelt.« »Er konnte sich in jede Rolle hineinfinden, Sir«, sagte Job, »und Sie dürfen von großem Glück sagen, daß Sie ihm so wohlfeil entronnen sind. Bei genauerem Umgang würde er noch ein gefährlicherer Bekannter für Sie geworden sein, als« – Job blickte nach Jingle, stockte und setzte endlich hinzu: »als – als – ich selbst sogar.« »Eine recht hoffnungsvolle Familie, Herr Trotter« sagte Perker, indem er einen Brief versiegelte, den er soeben beendet hatte. «Ja, gewiß, Sir«, versetzte Job. »Nun gut«, fuhr der kleine Mann lachend fort: »Sie werden hoffentlich aus der Art schlagen. Übergeben Sie diesen Brief dem Agenten, wenn Sie nach Liverpool kommen, und nehmen Sie den Rat von mir an, meine Herren, in Westindien nicht gar zu pfiffig aufzutreten. Verscherzen Sie diese Gelegenheit, so werden Sie beide unbedingt verdienen, gehenkt zu werden, und ich glaube auch fest, daß dies dann geschehen wird. Jetzt aber muß ich bitten, mich mit Herrn Pickwick allein zu lassen, denn wir haben noch andere Sachen zu besprechen, und die Zeit ist kostbar.« Bei diesen Worten sah Perker nach der Tür mit einem Gesicht, das unbeirrt den Wunsch ausdrückte, die Herren möchten den Abschied so kurz wie möglich machen. Von Herrn Jingles Seite war er kurz genug. Er dankte dem kleinen Anwalt in wenigen herausgehaspelten Worten für die Güte und Bereitwilligkeit, womit er ihm Beistand geleistet, wandte sich sofort zu seinem Wohltäter und stand einige Sekunden unentschlossen da, was er sagen oder wie er sich benehmen solle. Job Trotter erlöste ihn aus seiner Verlegenheit, indem er mit einer demütigen, dankbaren Verbeugung gegen Herrn Pickwick seinen Freund sachte am Arme nahm und hinausführte. »Ein würdiges Paar«, sagte Perker, als sich die Tür hinter ihnen schloß. »Ich hoffe, daß sie es werden«, erwiderte Pickwick. »Was meinen Sie? Ist Aussicht auf bleibende Besserung vorhanden?« Perker zuckte zweifelhaft die Achseln; als er aber Herrn Pickwicks unruhigen und mißvergnügten Blick bemerkte, sagte er – »Aussicht ist allerdings vorhanden, und ich hoffe, sie wird sich erfüllen. Sie sind jetzt ohne alle Frage bußfertig, aber Sie müssen bedenken, daß die Erinnerung an ihre kürzlich erstandenen Leiden noch ganz frisch bei ihnen ist. Was aus ihnen werden wird, wenn diese nach und nach verschwindet, ist ein Problem, das ich so wenig lösen kann wie Sie. Aber, mein lieber Herr«, fügte Perker, seine Hand auf Herrn Pickwicks Schulter legend, hinzu, »der Erfolg mag sein, wie er will, Ihre Absicht bleibt immer gleich ehrenhaft. Ob jene Art von Wohlwollen, die so unendlich behutsam und vorsichtig zu Werke geht, daß sie sich nur selten in Anwendung bringen läßt; damit ja der, dem sie gilt, nicht in seiner Eigenliebe gekränkt werde, wirkliche Menschenfreundlichkeit ist, oder bloß ein verfälschter Nachdruck davon, überlasse ich klügeren Köpfen auszumitteln. Wenn indes die zwei Burschen morgen schon einen nächtlichen Einbruch begingen, meine Meinung von Ihrem Benehmen würde demungeachtet gleich hoch bleiben.« Mit diesen Bemerkungen, die mit weit lebhafterem Mitgefühl und Ernst gesprochen waren, als es bei den Herren Juristen sonst der Fall zu sein pflegt, rückte Herr Perker seinen Stuhl an sein Pult und ließ sich von Herrn Pickwick die Hartnäckigkeit des alten Herrn Winkle erzählen. »Geben Sie ihm eine Woche Zeit«, sagte Perker, prophetisch mit dem Kopfe nickend. »Meinen Sie, er werde weich werden?« fragte Herr Pickwick. »Ja«, erwiderte Perker. »Wo nicht, so müssen wir die Überredungsgabe der jungen Dame erproben, womit jeder andere, als Sie, es gleich im Anfang erprobt hätte.« Herr Perker nahm eine Prise und zuckte die Achseln in betreff der Überredungskräfte junger Damen. Da hörte man in der äußern Stube fragen und antworten, und unmittelbar darauf klopfte Lowten an die Tür. »Herein!« rief der kleine Mann. Der Schreiber kam und schloß mit sehr geheimnisvoller Miene hinter sich zu. »Was gibt's?« fragte Perker »Man fragt nach Ihnen, Sir.« »Wer?« Lowten sah Herrn Pickwick an und hustete. »Wer fragt nach mir? Können Sie nicht sprechen, Herr Lowten?« »Nun, Sir«, erwiderte Lowten,- »es sind die Herren Dodson und Fogg.« »Wahrhaftig!« sagte der kleine Mann, auf seine Uhr sehend: »ich habe sie auf halb zwölf zu mir bestellt, um Ihre Angelegenheit mit ihnen abzumachen, Herr Pickwick. Ich gab ihnen eine Anweisung, gegen die sie mir Ihre Entlassung aus dem Gefängnis zuschickten. Die Leute kommen sehr ungelegen, mein teurer Sir, was wollen Sie tun? Wollen Sie vielleicht in das andere Zimmer treten?« Das andere Zimmer war indessen dasselbe, worin sich die Herren Dodson und Fogg befanden, und Herr Pickwick erklärte, er werde bleiben wo er sei, zumal die Herren Dodson und Fogg sich schämen müßten, ihm ins Gesicht zu sehen, während er sich keineswegs vor ihnen zu schämen hätte. Das bat er mit glühendem Gesicht und allen Zeichen der Entrüstung, Herrn Perker nicht zu vergessen. »Ganz gut, mein lieber Herr, ganz gut«, erwiderte Perker: »soviel muß ich Ihnen aber sagen: wenn Sie glauben, daß Dodson oder Fogg auch nur die geringste Beschämung oder Verlegenheit an den Tag legen werden, weil sie Ihnen oder sonst jemand ins Gesicht sehen sollen, so sind Sie in Ihren Erwartungen der größte Optimist, der mir je vorgekommen ist. Führen Sie die Leute herein, Lowten.« Herr Lowten verschwand mit Grinsen und kam sogleich zurück, um in gehöriger Form die Firma, Dodson zuerst und dann Fogg, einzuführen. »Sie kennen Herrn Pickwick bereits, dächte ich«, begann Perker zu Dodson, indem er seine Feder nach der Richtung neigte, wo der Gentleman saß. »Ah, Herr Pickwick, guten Tag. Wie geht es Ihnen?« sagte Dodson mit lauter Stimme. »Ach ja, Herr Pickwick, wie geht es Ihnen?« rief Fogg. »Recht gut, wie ich hoffe, Sir? Ich will's doch meinen, daß ich den Herrn kenne«, fügte er hinzu, indem er einen Stuhl nahm und sich lächelnd umschaute. Herr Pickwick nickte zur Erwiderung auf diese Grüße nur ebenhin, und als er Fogg einen Pack Papiere aus seiner Rocktasche ziehen sah, stand er auf und ging ans Fenster. »Herr Pickwick braucht sich nicht zu entfernen, Herr Perker«, sagte Fogg, indem er den roten Bindfaden löste, der seine Papiere zusammenfaßte, und noch süßer lächelte als zuvor. »Herr Pickwick kennt unsere Verhandlungen ziemlich genau, und ich dächte, wir haben hier keine Geheimnisse voreinander. Hihihi!« »Das meine ich auch«, sagte Dodson. »Hahaha!« Und nun lachten die beiden Associés miteinander vergnügt und lustig, wie die Leute meist tun, die im Begriff sind, Geld in Empfang zu nehmen. »Herr Pickwick soll seine Neugierde büßen«, sagte Fogg mit vielem natürlichen Humor, als er seine Papiere ordnete. »Die taxierten Kosten belaufen sich auf hundertunddreiunddreißig Pfund, sechs Schilling und vier Pence, Herr Perker.« Während nun Fogg und Perker zur Ermittlung dieser Berechnung von Profit und Verlust die Papiere verglichen und manche Blätter umschlugen, sagte Dodson in verbindlichem Tone zu Herrn Pickwick: – »Es scheint mir. Sie sehen nicht mehr ganz so kräftig aus, wie an dem Tage, wo ich zum letztenmal das Vergnügen hatte, Sie zu sehen, Herr Pickwick.« »Mag wohl sein, Sir«, erwiderte Herr Pickwick, der Blicke wilden Ingrimms auf die beiden Gauner losgeschossen hatte, ohne jedoch den mindesten Eindruck auf sie hervorzubringen. »Es ist auch kein Wunder, Sir, denn ich bin in der letzten Zeit von Schurken verfolgt und gequält worden, Sir.« Perker hustete heftig und fragte Herrn Pickwick, ob er nicht vielleicht die Zeitung ansehen wolle; eine Frage, die Herr Pickwick mit der entschiedensten Verneinung beantwortete. »Ja«, sagte Dodson, »ich will es gern glauben, daß Sie im Fleet gequält worden sind: es gibt gar verschiedenartige Leute dort. Wo waren Ihre Gemächer, Herr Pickwick?« »Meine einzige Stube«, erwiderte der schwergekränkte Mann, »befand sich im Restaurationsgang.« »So?« sagte Dodson. »Meines Wissens ist das ein sehr angenehmer Teil des Gebäudes.« »Sehr«, entgegnete Herr Pickwick trocken. Der ganze Ton dieser Unterhaltung war so frostig, daß ein Mann von erregbarem Temperament unter solchen Umständen leicht aufs äußerste gereizt werden konnte. Herr Pickwick bezwang indessen seinen Ingrimm durch gigantische Anstrengungen. Als aber Perker einen Schein für die ganze Summe schrieb und Fogg denselben in eine kleine Brieftasche legte mit einem triumphierenden Lächeln auf seinen sinnigen Zügen, das sich sogar dem strengen Gesicht Dodsons mitteilte, da fühlte er, daß ihm sein Blut vor Zorn in den Wangen kochte. »Jetzt, Herr Dodson«, sagte Fogg, die Brieftasche einsteckend und seine Handschuhe anziehend; »jetzt stehe ich zu Ihren Diensten.« »Sehr gut«, sagte Dodson aufstehend; »ich bin ebenfalls bereit.« »Ich schätze mich sehr glücklich«, bemerkte Fogg, durch den Wechsel in die beste Laune versetzt, »daß ich das Vergnügen gehabt habe, Herrn Pickwicks Bekanntschaft zu machen. Ich hoffe. Sie werden von uns nicht mehr ganz so übel denken, Herr Pickwick, wie damals, als ich zum erstenmal das Vergnügen hatte. Sie zu sehen.« »Das hoffe ich auch«, sagte Dodson im hohen Ton beleidigter Tugend. »Herr Pickwick kennt uns jetzt ohne Zweifel besser. Was auch Ihre Meinung von den Herren unseres Standes sein mag, Sir, ich erlaube mir, Sie zu versichern, daß ich durchaus keine Spur von Groll oder Rachegefühl gegen Sie hege wegen der Gefühle, die Sie bei der Gelegenheit, auf die mein Kollege sich soeben bezogen hat, auf unserm Büro im Freemans Court, Cornhill, auszudrücken beliebten.« »O nein, nein, ich auch nicht«, sagte Fogg in einem sehr verzeihenden Tone. »Unser Benehmen, Sir«, fügte Dodson hinzu, »wird für sich selbst sprechen und sich hoffentlich bei jeder Veranlassung rechtfertigen. Wir haben schon einige Jährchen praktiziert, Herr Pickwick, und sind mit dem Vertrauen vieler ausgezeichneter Klienten beehrt worden. Ich wünsche Ihnen guten Morgen, Sir.« »Guten Morgen, Herr Pickwick«, sagte Fogg, nahm seinen Regenschirm unter den Arm, zog seinen rechten Handschuh aus und streckte die Hand zur Versöhnung dem ergrimmten Gentleman hin, der aber beide Hände unter seine Rockschöße steckte und den Advokaten mit Blicken verachtungsvollen Erstaunens anschaute. »Lowten!« rief Perker in diesem Augenblick: »öffnen Sie die Tür.« »Warten Sie noch einen Augenblick«, sagte Herr Pickwick: »Perker, ich will sprechen.« »Mein lieber Herr, bitte, lassen Sie die Sache beruhen«, fiel der kleine Anwalt ein, der während der ganzen Szene in der peinlichsten Angst gewesen war: »bitte, Herr Pickwick –« »Ich lasse es mir nicht nehmen, Sir«, erwiderte Herr Pickwick hastig. »Herr Dodson, Sie haben einige Bemerkungen an mich gerichtet.« Dodson drehte sich um, neigte verbindlich den Kopf und lächelte. »Bemerkungen an mich!« wiederholte Herr Pickwick beinahe atemlos: »und Ihr Associé hat mir die Hand geboten, und Sie haben beide einen verzeihenden, großmütigen Ton gegen mich angenommen, was ein Grad von Unverschämtheit ist, den ich selbst von Ihnen nicht erwartet hätte.« »Wie, Sir?« rief Dodson. »Wie, Sir?« wiederholte Fogg. »Wissen Sie, daß ich das Opfer Ihrer Ränke und Kniffe geworden bin?« fuhr Herr Pickwick fort. »Wissen Sie, daß ich der Mann bin, den Sie ins Gefängnis gebracht und beraubt haben? Wissen Sie, daß Sie die Anwälte für die Klägerin im Prozeß Bardell und Pickwick waren.« »Ja, Sir, das wissen wir«, erwiderte Dodson. »Versteht sich, Sir«, fügte Fogg hinzu, indem er – vielleicht zufällig – an seine Tasche schlug. »Ich sehe, daß Sie sich mit Vergnügen daran erinnern«, sagte Herr Pickwick, und versuchte zum erstenmal in seinem Leben zu hohnlächeln, was ihm jedoch gänzlich mißlang. »So sehr ich es schon längst gewünscht habe. Ihnen mit deutlichen Worten sagen zu können, was ich von Ihnen denke, so würde ich dennoch aus Rücksicht auf die Wünsche meines Freundes Perker sogar diese Gelegenheit vorübergelassen haben, hätten Sie nicht diesen unverantwortlichen Ton gegen mich angenommen und sich diese schamlose Vertraulichkeit erlaubt – ich sage schamlose Vertraulichkeit, Sir.« Und nun wandte sich Herr Pickwick mit so wütender Gebärde gegen Fogg, daß dieser sich eiligst nach der Tür zurückzog. »Nehmen Sie sich in acht, Sir«, sagte Dodson, der, obgleich der größte von allen Anwesenden, sich dennoch klüglich hinter Fogg verschanzte und mit käsebleichem Gesicht über dessen Kopf herübersprach. »Lassen Sie ihn nur zuschlagen, Herr Fogg: geben Sie unter keiner Bedingung einen Streich zurück.« »Nein, nein, da werde ich mich wohl hüten«, sagte Fogg, ein wenig zurückweichend, zum offenbaren Nutzen seines Associé, der dadurch allmählich in den Stand gesetzt wurde, das äußere Zimmer zu erreichen. »Sie sind«, fuhr Herr Pickwick, den Faden seiner Rede wieder aufnehmend, fort. »Sie sind ein trefflich zusammenpassendes Paar von niederträchtigen, schuftigen, zungendrescherischen Gaunern.« »Nun, ist da« alles?« fiel Perker ein. »Ja«, versetzte Herr Pickwick, »es ist alles in den Worten begriffen: es sind niederträchtige, schuftige, zungendrescherische Gauner.« »Jetzt«, sagte Perker in einem höchst versöhnlichen Tone: »jetzt, meine werten Herrn, hat er alles gesagt, was er zu sagen hatte: ich bitte, gehen Sie endlich. Lowten, ist die Tür offen?« Herr Lowten bejahte mit einem schlecht unterdrückten Kichern. »Nun, nun – guten Morgen – guten Morgen – bitte, meine werten Herren – Herr Lowten, die Tür!« rief der kleine Mann, die Herren Dodson und Fogg unwillig aus seinem Zimmer treibend; »dahin, meine werten Herren – bitte, halten Sie sich nicht länger auf – zum Kuckuck auch, Herr Lowten! – Die Tür, Sir – warum sind Sie nicht bei der Hand?« »Wenn es Gesetze in England gibt, Sir«, sagte Dodson, gegen Herrn Pickwick gewendet, als er seinen Hut aufsetzte, »so sollen Sie dafür büßen.« »Sie sind ein Paar niederträchtige –« »Bedenken Sie wohl, Sir, Sie müssen teuer dafür bezahlen«, sagte Fogg, seine Faust schüttelnd. »Schuftige, zungendrescherische Gauner«, fuhr Herr Pickwick fort, ohne die geringste Notiz von diesen Drohungen zu nehmen. »Gauner!« rief Herr Pickwick, an die Treppe springend, als die zwei Advokaten hinabgingen. »Gauner!« schrie Herr Pickwick, sich von Lowten und Perker losreißend und den Kopf zum Fenster hinausstreckend! Als Herr Pickwick seinen Kopf wieder hereinbrachte, schwebte ein mildes Lächeln auf seinem Gesicht! er ging ruhig auf das Bureau zurück und erklärte, er habe jetzt eine große Last von seinem Herzen gewälzt und fühle sich wieder vollkommen behaglich und vergnügt. Perker sprach kein Wort, bis er seine Dose geleert und Lowten fortgeschickt hatte, um sie wieder zu füllen. Dann aber brach er in ein lautes Gelächter aus, das volle fünf Minuten dauerte, und nach Verlauf dieser Zeit sagte er, er sollte eigentlich sehr unwillig sein, aber für den Augenblick könne er der Sache keine ernste Seite abgewinnen – er werde übrigens schon noch bös werden. »Jetzt will ich auch mit Ihnen abrechnen«, sagte Herr Pickwick. »Etwa auch in dieser Weise?« fragte Perker, abermals ein Gelächter anschlagend. »Das nun eben nicht«, erwiderte Herr Pickwick, seine Brieftasche herausziehend und dem kleinen Mann herzlich die Hand schüttelnd: »ich will bloß meine Geldrechnung berichtigen. Sie haben mir viele Gefälligkeiten erwiesen, die ich nicht bezahlen kann und auch nicht zu bezahlen wünsche, denn ich ziehe es vor. Ihr Schuldner zu bleiben.« Nach dieser Vorrede versenkten sich die zwei Freunde in sehr verwickelte Rechnungen und Dokumente, die, nachdem Herr Perker sie alle pflichtgemäß vorgelegt und durchgegangen hatte, von Herrn Pickwick unter wiederholten Versicherungen seiner Achtung und Freundschaft bezahlt wurden. Kaum war diese Sache abgemacht, als man ein sehr heftiges und überraschendes Klopfen an der Tür hörte. Es war kein gewöhnliches doppeltes Klopfen, sondern eine fortlaufende, ununterbrochene Reihenfolge der lautesten Einzelschläge, gleich als wäre der Türklopfer mit ewiger Bewegung begabt, oder als hätte die Person draußen vergessen, einmal aufzuhören. »Mein Gott, was ist das?« rief Perker erschreckend. »Ich denke, es ist ein Klopfen an die Tür«, sagte Herr Pickwick, als ob über diese Tatsache der geringste Zweifel hätte obwalten können. Der Klopfer antwortete weit kräftiger, als mit Worten möglich gewesen wäre: denn er fuhr fort mit überraschender Gewalt und großem Lärmen darauf loszuhämmern, ohne einen Augenblick auszusetzen. »Wahrhaftig«, sagte Perker, die Klingel ziehend, »wir müssen Lärm im Hause machen. – Herr Lowten, hören Sie kein Klopfen?« »Ich will die Tür im Augenblick öffnen«, erwiderte der Schreiber. Der Klopfer schien die Antwort zu hören und zu versichern, daß es rein unmöglich sei, so lange zu warten. Er machte ein entsetzliches Getöse. »Das ist ja schrecklich«, sagte Herr Pickwick, seine Ohren verstopfend. »Tummeln Sie sich, Herr Lowten«, rief Perker hinaus, »sonst wird ja die Tür eingeschlagen.« Herr Lowten, der eben in einem dunklen Nebenstübchen seine Hände gewaschen hatte, sprang an die Tür, drückte die Schnalle auf und erblickte die Erscheinung, die im nächsten Kapitel beschrieben werden soll. Fünfundfünfzigstes Kapitel. Enthält einige nähere Umstände in betreff des vorberührten Klopfens, und unter andern, auch interessante, für diese Geschichte bedeutsame Aufschlüsse in Beziehung auf Herrn Snodgraß und eine junge Dame. Der Gegenstand, der sich den Blicken des erstaunten Schreibers darstellte, war ein junger, auffallend dicker Bursche in Livree, der kerzengerade und mit geschlossenen Augen, als ob er im Stehen schliefe, vor der Tür stand. Er hatte noch nie einen so fetten Burschen unter einer reisenden Karawane oder sonstwo gesehen, und dies, verbunden mit der äußersten Ruhe und Gelassenheit seiner Erscheinung, entsprach seinen Mutmaßungen über die Person, die dermaßen angeklopft, so wenig, daß er in die größte Verwunderung geriet. »Was gibt's?« fragte der Schreiber. Der außerordentliche Bursche erwiderte kein Wort, sondern nickte bloß einmal, und dem Schreiber schien es, als ob er ein wenig schnarchte. »Woher kommen Sie?« fragte der Schreiber. Der Bursche machte kein Zeichen. Er atmete schwer, war aber sonst völlig bewegungslos. Der Schreiber wiederholte die Frage dreimal, und da er keine Antwort erhielt, machte er Anstalten, die Tür wieder zu schließen, als der Bursche plötzlich die Augen aufschlug, mehrere Male winkte, einmal nieste und seine Hand erhob, als ob er das Klopfen wiederholen wollte. Da er die Tür offen fand, starrte er mit großem Erstaunen um sich herum und heftete endlich seine Augen auf Herrn Lowtens Gesicht. »Warum zum Teufel haben Sie so toll geklopft?« fragte der Schreiber ärgerlich. »Wie denn?« entgegnete der Bursche mit träger, schläfriger Stimme. »Gerade wie vierzig Mietkutscher«, erwiderte der Schreiber. »Weil mein Herr gesagt hat, ich solle in einem fort klopfen, bis man die Tür öffne, damit ich nicht einschlafe«, sagte der Bursche. »Gut«, versetzte der Schreiber. »Was haben Sie denn hier zu bestellen?« »Er ist unten«, versetzte der Bursche. »Wer?« »Mein Herr. Er wünscht zu wissen, ob Sie zu Hause sind.« Lowten benützte diese Gelegenheit, um zum Fenster hinauszusehen. Als er nun einen offenen Wagen mit einem wohlbeleibten alten Herren darin erblickte, der sehr unruhig hinaufschaute, wagte er es, ihm zu winken, worauf der alte Herr sogleich heraussprang. »Ist das Ihr Herr in dem Wagen?« fragte Lowten. Der Bursche nickte. Alle weiteren Nachfragen wurden überflüssig gemacht durch die Erscheinung des alten Wardle, der die Treppe hinaufrannte, Lowten flüchtig begrüßte und schnell in Herrn Perkers Zimmer ging. »Ah, Pickwick«, rief der alte Herr: »Ihre Hand, mein Freund, Warum habe ich erst gestern gehört, daß Sie sich ins Gefängnis sperren ließen, und warum haben Sie es gelitten, Perker?« »Ich bin unschuldig, mein lieber Herr«, erwiderte Perker mit einem Lächeln und einer Prise: «Sie wissen ja, wie eigensinnig er ist.« »Ja, ja, das weiß ich«, versetzte der alte Herr: »aber dessenungeachtet freut es mich herzlich, ihn wieder zu sehen. Ich werde ihn auch sobald nicht wieder aus den Augen lassen.« Mit diesen Worten schüttelte er Herrn Pickwick abermals die Hand, und nachdem er auch Perker die Hand geschüttelt, warf er sich in einen Lehnstuhl: sein lustiges rotes Gesicht glänzte wieder von Lächeln und Gesundheit. »Nun«, sagte Wardle, »es gehen ja nette Dinge hier vor – eine Prise, Perker, mein Junge. Das sind einmal Zeiten!« »Was meinen Sie?« fragte Herr Pickwick. »Ei«, erwiderte Wardle, »ich glaube, die Mädchen sind samt und sonders toll geworden. Sie werden vielleicht sagen, das sei nichts Neues, und vielleicht ist es auch nichts Neues, aber wahr ist es.« »Sie sind doch nicht ausdrücklich deshalb nach London gekommen, um uns das zu sagen, mein lieber Herr?« fragte Perker. »Nein, das gerade nicht«, antwortete Wardle: »doch hängt es mit dem Hauptgrund meiner Reise zusammen. Wie steht es mit Arabella?« »Sehr gut«, antwortete Herr Pickwick: »sie wird sich gewiß unendlich freuen, Sie zu sehen.« »Das kleine schwarzäugige Hexlein. Ich hatte große Lust, sie selbst zu heiraten, und in dieser närrischen Zeit auch den Narren zu machen. Doch, ich bin auch so zufrieden; es freut mich sehr.« »Wie haben Sie es erfahren?« fragte Herr Pickwick. »Natürlich durch meine Mädchen«, antwortete Wardle. »Arabella schrieb vorgestern, sie habe sich heimlich und ohne Einwilligung des Schwiegervaters mit ihrem Manne verheiratet. Sie aber, Herr Pickwick, seien fortgereist, um die Einwilligung zu etwas einzuholen, was er nun einmal nicht mehr ändern könne. Ich hielt dies für eine sehr passende Gelegenheit, ein paar ernste Worte an meine Mädchen zu richten, und sagte ihnen, was es für eine schreckliche Sache sei, wenn Kinder ohne Erlaubnis ihrer Eltern heiraten und so weiter; aber wahrhaftig, ich konnte nicht den geringsten Eindruck auf sie hervorbringen. Sie fanden nichts Schreckliches darin, als daß die Hochzeit ohne Brautjungfern vor sich gegangen sei, und es war nicht anders, als wenn ich vor meinem Joe eine Predigt gehalten hätte.« Hier hielt der alte Herr inne, um zu lachen, und als er sich nach Herzenslust ausgelacht, fuhr er also fort: »Das ist aber noch lange nicht alles, sondern bloß die Hälfte von den Liebeshändeln und Komplotten, die gegenwärtig vor sich gehen. Wir sind in den letzten sechs Monaten auf Minen gewandelt, und nun sind sie endlich in die Luft geflogen.« »Was meinen Sie damit?« rief Herr Pickwick erblassend: »hoffentlich doch keine zweite heimliche Heirat?« »Nein, nein«, erwiderte der alte Wardle; »so schlimm steht es nicht aus.« »Aber was ist's denn?« fragte Herr Pickwick: »bin ich auch dabei interessiert?« »Soll ich die Frage beantworten, Perker?« sagte Wardle. »Wenn Sie sich nicht dadurch kompromittieren, mein lieber Herr.« »Wohlan denn«, sagte Wardle: »Sie sind es allerdings.« »Wieso?« fragte Herr Pickwick ängstlich. »Inwiefern?« »Wahrhaftig«, erwiderte Wardle: Sie sind ein so temperamentvoller junger Bursche, daß ich mich beinahe fürchte, es Ihnen zu sagen. Aber wenn Perker sich zwischen uns setzen will, um Unheil zu verhüten, so will ich es wagen.« Nachdem der alte Herr sofort die Tür geschlossen und sich mit einer neuen Prise aus Perkers Dose gestärkt hatte, fuhr er folgendermaßen in seiner wichtigen Erklärung fort. »Die Sache ist die. Meine Tochter Bella – Sie wissen ja – Bella, die den jungen Trundle geheiratet hat?« »Ja, ja, das wissen wir«, sagte Herr Pickwick ungeduldig. »Machen Sie mir nur nicht gleich im Anfang Angst. Also meine Tochter Bella setzte sich, nachdem Emilie, die mir Arabellas Brief vorgelesen, mit Kopfschmerzen zu Bett gegangen war, vorgestern abend an meine Seite und fing an, von dieser Heiratsgeschichte zu sprechen. ›Nun, lieber Papa‹, sagte sie, ›was hältst du von der Sache?‹ – ›Ei, liebes Kind‹, antwortete ich, ›ich denke, es kann noch ganz gut gehen: ich hoffe das beste.‹ Ich antwortete so, weil ich gerade vor dem Feuer saß, etwas gedankenvoll meinen Grog trank und wußte, daß sie weitersprechen würde, wenn ich nur dann und wann ein unbestimmtes Wörtchen dazwischen würfe. Meine Mädchen sind beide die getreuen Abbilder ihrer seligen Mutter, und jetzt, da ich alt werde, sitze ich gern bei ihnen: denn ihre Stimmen und ihre Blicke führen mich in die glücklichste Periode meines Lebens zurück und machen mich für den Augenblick wieder so jung, wie ich damals war, obgleich mein Herz nicht wieder so leicht wird.« ›Es ist eine Neigungsheirat‹, sagte Bella nach kurzem Schweigen. – ›Ja, liebes Kind‹, erwiderte ich; ›allein solche Ehen sind nicht immer die glücklichsten.‹« »Das bestreite ich Ihnen«, fiel Herr Pickwick mit vieler Wärme ein. »Ganz gut«, antwortete Wardle: »bestreiten Sie, was Sie wollen, wenn die Reihe zu sprechen an Ihnen ist: aber unterbrechen Sie mich nicht.« »Bitte um Verzeihung«, sagte Herr Pickwick. »Schon verziehen«, erwiderte Wardle. ›Es tut mir leid, dich gegen Neigungsheiraten sprechen zu hören, Papa‹, sagte Bella, sich ein wenig verfärbend. – ›Ich hatte unrecht, ich hätte nicht so sagen sollen, liebes Kind‹, antwortete ich, indem ich sie so freundlich auf die Wange klopfte, wie ich rauhhaariger alter Bursche nur klopfen kann, ›denn deine Mutter hat auch aus Neigung geheiratet, und du ebenfalls.‹ – ›Das meinte ich eigentlich nicht, Papa‹, sagte Bella. ›Die Sache ist, ich wollte mit dir über Emilie sprechen.‹« Herr Pickwick erschrak. »Nun, was ist's?« fragte Wardle, in seiner Erzählung innehaltend. »Nichts«, erwiderte Herr Pickwick: »bitte, fahren Sie fort.« »Ich habe nie eine Geschichte weitläufig ausspinnen können«, sagte Wardle schnell, »früher oder später muß die Sache doch heraus, und wenn es auf einmal kommt, so erspart man viel Zeit. Also kurz und gut: Bella bot endlich all ihren Mut auf, um mir zu sagen, Emilie sei höchst unglücklich. Sie und Ihr junger Freund Snodgraß hätten seit letzten Weihnachten in dauerndem Briefwechsel miteinander gestanden, und sie habe sehr pflichtgetreu beschlossen, in lobenswerter Nachahmung ihrer alten Freundin und Schulkameradin davonzulaufen. Inzwischen habe sie einige Gewissensbisse empfunden, weil ich von jeher gegen beide so gütig gewesen sei. Nun sei es aber in der ersten Instanz für besser erachtet worden, mir die Ehre zu erweisen und mich zu fragen, ob ich nichts dagegen einzuwenden habe, daß sie einander auf die gewöhnliche alltägliche Art heiraten. Wenn es Ihnen also möglich ist, Herr Pickwick, Ihre Augen wieder auf die gewöhnliche Größe zu reduzieren und mir hierin einen guten Rat erteilen, so werde ich mich Ihnen sehr verpflichtet erachten.« Die wunderliche Art, wie der gute alte Herr den letzten Satz sprach, war nicht ganz ohne Veranlassung, denn Herrn Pickwicks Gesicht hatte einen Ausdruck von Verwunderung und Verlegenheit angenommen, der wirklich sehr lustig mit anzusehen war. »Snodgraß? – seit letzten Weihnachten?« waren die ersten abgebrochenen Worte, die über die Lippen des verdutzten Gentlemans kamen. »Allerdings, seit letzten Weihnachten«, erwiderte Wardle. »Die Sache ist deutlich genug, und wir müssen sehr schlechte Brillen getragen haben, daß wir ihr nicht schon früher auf den Grund gekommen sind.« »Ich begreife es wahrhaftig nicht«, sagte Herr Pickwick nachsinnend; »ich kann es rein nicht begreifen.« »Die Sache ist nicht so unbegreiflich«, erwiderte der joviale Alte. »Wären Sie jünger gewesen, so würden Sie längst in das Geheimnis eingeweiht worden sein; und außerdem«, fügte Herr Wardle nach augenblicklichem Zögern hinzu, »muß ich gestehen, daß ich seit den letzten vier oder fünf Monaten Emilie einigermaßen gedrängt habe, die Bewerbungen eines jungen Mannes in unserer Nachbarschaft anzunehmen (natürlich nur, wenn sie selbst Liebe empfinden könnte; denn ich möchte den Neigungen einer Tochter nie Gewalt antun). Ich zweifle nicht, daß sie nach Mädchenart, um ihren eigenen Wert zu erhöhen und das Liebesfeuer des Herrn Snodgraß noch mehr anzuschüren, ihrem Geliebten die Sachen in den glühendsten Farben vorgestellt hat, und daß sie auf diesem Wege zu dem Schluß gelangt sind, sie seien schrecklich verfolgte unglückliche Leute, denen gar nichts mehr übrigbleibe, als sich heimlich zu heiraten oder Gas zu schlucken. Jetzt fragt es sich also, was zu tun ist.« »Was haben Sie denn getan?« fragte Herr Pickwick. »Ich?« »Ja, ich meine, was Sie getan haben, als Ihre verheiratete Tochter Ihnen diese Mitteilung machte.« »O, ich habe natürlich einen dummen Streich gemacht.« »Das glaube ich«, fiel Perker ein, der dieses Zwiegespräch mit wiederholtem Zupfen an seiner Uhrkette, mit grimmigem Reiben an seiner Nase und andern Symptomen der Ungeduld begleitet hatte. – »Das ist ganz natürlich: aber erklären Sie sich näher.« »Ich geriet in gewaltigen Zorn, so daß meine Mutter vor lauter Angst einen Anfall bekam.« »Das war sehr gescheit«, bemerkte Perker: »und was weiter, mein lieber Herr?« »Ich brummte und tobte den ganzen folgenden Tag und machte einen gewaltigen Lärm ins Haus«, fuhr der Alte fort. »Endlich wurde ich es müde, mich selbst zu ärgern und alle andern Leute in Jammer zu bringen; ich mietete daher in Muggleton einen Wagen, spannte meine eigenen Pferde davor und fuhr unter dem Vorwand, Emilie sollte Arabella besuchen, in die Stadt.« »Miß Wardle ist also auch hier?« fragte Herr Pickwick. »Freilich«, erwiderte Wardle, »und zwar befindet sie sich augenblicklich in Obornes Hotel in den Adelphis, wofern nicht etwa Ihr unternehmender Freund heute morgen mit ihr davongelaufen ist, seit ich hier bin.« »Sie sind also wieder versöhnt?« sagte Perker. »Ganz und gar nicht«, antwortete Wardle. »Sie hat die ganze Zeit über Gesichter geschnitten und geweint, ausgenommen gestern abend zwischen dem Tee und Abendessen, wo sie recht auffallend einen Brief schrieb. Ich tat währenddem, als merkte ich es nicht.« »Sie wünschen also meinen Rat in dieser Sache zu vernehmen?« sagte Perker, von dem nachdenklichen Gesicht des Herrn Pickwick hinweg auf das strenge Antlitz Wardles sehend und hintereinander mehrere Prisen von seinem Lieblingsschnupfpulver nehmend. »Ich dächte so«, sagte Herr Wardle, Herrn Pickwick anblickend. »Ja gewiß«, erwiderte dieser Gentleman. »Nun gut«, sagte Perker aufstehend und seinen Stuhl zurückschiebend: »mein Rat ist der, daß Sie beide miteinander fortgehen oder fortreiten, oder sich auf irgendeine Art aufmachen und die Sache überlegen, denn ich bin Ihrer müde. Haben Sie, bis wir uns das nächste Mal wiedersehen, einen Entschluß gefaßt, so will ich Ihnen sagen, was zu tun ist.« »Wahrhaftig, ein köstlicher Rat«, versetzte Wardle, der kaum wußte, ob er lächeln oder sich beleidigt fühlen solle. »Ach was, mein lieber Herr«, erwiderte Perker: »ich kenne Sie beide besser, als Sie sich selbst kennen. Sie haben in allen Beziehungen und Richtungen bereits einen Entschluß gefaßt.« So sprechend, stieß der kleine Herr seine Schnupftabaksdose zuerst Herrn Pickwick auf die Brust und dann Herrn Wardle auf die Weste, worauf alle drei lachten, besonders aber die zwei letztgenannten Herren, die einander ohne besonderen Grund aufs neue die Hände schüttelten. »Sie speisen doch mit mir zu Mittag?« sagte Wardle zu Perker, als er sie hinausbegleitete. »Kann's nicht versprechen, mein lieber Herr, kanns nicht versprechen«, erwiderte Perker. »Aber ich werde mich jedenfalls auf den Abend ein wenig einstellen.« »Ich werde Sie um fünf Uhr erwarten«, sagte Wardle. »Heda, Joe!« Und nachdem Joe endlich aufgerüttelt war, fuhren die beiden Freunde im Wagen des Herrn Wardle davon, der aus purer Menschenliebe hinten einen Rücksitz für den fetten Jungen hatte anbringen lassen; denn wäre dort ein bloßer Schemel gewesen, so würde er in seinem ersten Schläfchen herabgekollert und ums Leben gekommen sein. Sie fuhren in den Georg und Geier, und erfuhren dort, daß Arabella mit ihrem Mädchen gleich nach Empfang eines kurzen Briefchens von Emilie, worin sie ihre Ankunft in der Stadt meldete, nach einer Mietkutsche geschickt habe und schleunigst in die Adelphi gefahren sei. Da Wardle Geschäfte in der City hatte, so schickte er den Wagen nebst dem fetten Burschen in sein Hotel und ließ durch ihn sagen, daß er und Herr Pickwick um fünf Uhr miteinander zum Diner kommen würden. Mit dieser Botschaft kehrte der fette Bursche zurück, ebenso friedlich in seinem Rücksitz über den Steinen schlafend, als wäre es ein Flaumbett mit Sprungfedern gewesen. Infolge eines außerordentlichen Wunders erwachte er von selbst, als die Kutsche anhielt, schüttelte sich gewaltig, um seine Geisteskräfte anzuregen und ging die Treppe hinauf, um seinen Auftrag auszurichten. Sei es nun, daß die Stöße des Wagens auf dem holperigen Pflaster die Geisteskräfte des fetten Jungen verwirrt, statt in die gehörige Ordnung gebracht, oder eine solche Menge neuer Ideen in ihm erweckt hatten, daß er die gewöhnlichen Formen und Zeremonien darüber vergaß, oder (was auch möglich ist) daß sie sein Einschlafen die Treppen hinauf nicht zu verhindern vermocht hatten, soviel ist ausgemachte Tatsache, daß er, ohne vorher anzuklopfen, ins Empfangszimmer hineinging und daselbst einen Gentleman erblickte, der seinen Arm um den Leib seiner jungen Gebieterin geschlungen hielt und sehr verliebt neben ihr auf einem Sofa saß, während Arabella und ihr hübsches Zöfchen sich stellten, als ob sie am andern Ende des Zimmers unaufhörlich zum Fenster hinaussähen. Beim Anblick dieses Phänomens stieß der fette Bursche einen Ausruf der Verwunderung aus, die Damen schrien und der Herr fluchte – alles zu gleicher Zeit. »Elender Kerl, was machst du hier?« rief der Herr, von dem wir wohl nicht zu sagen brauchen, daß es Herr Snodgraß war. Der fette Junge geriet in ziemliche Angst und sagte kurz: »Fräulein!« »Was willst du von mir?« fragte Emilie, ihr Gesicht abwendend, »du dummer Geselle!« »Der Herr und Herr Pickwick kommen um fünf Uhr zum Mittagessen«, erwiderte der fette Bursche. »Mach, daß du hinauskommst!« rief Herr Snodgraß mit wildem Blick dem verdutzten Burschen zu. »Nein, nein, nein!« fügte Emilie hastig hinzu. »Rate mir doch, liebe Bella.« Nun drängten sich Emilie und Herr Snodgraß nebst Arabella und Marie in eine Ecke und flüsterten mehrere Minuten lang sehr eifrig miteinander, während der fette Junge einschlummerte. »Joe«, sagte Arabella endlich, mit dem bezauberndsten Lächeln um sich blickend: »wie geht es dir, Joe?« »Joe«, sagte Emilie, »du bist ein ganz vortrefflicher Junge – ich werde dich nicht vergessen, Joe.« »Joe«, sagte Herr Snodgraß, auf den erstaunten Burschen zuschreitend und seine Hand ergreifend: »ich habe dich vorhin gar nicht erkannt. Da hast du fünf Schillinge, Joe.« »Und von mir auch fünf«, sagte Arabella: »du weißt ja, weil wir alte Bekannte sind.« Und das einnehmendste Lächeln wurde an den beleibten Eindringling verschwendet. Da die Fassungskraft des fetten Jungen etwas langsam war, so machte er bei diesen unerwarteten Gunstbezeugungen eine höchst verwunderte Miene und stierte auf eine wirklich beunruhigende Weise umher. Endlich begann sein breites Gesicht Symptome eines Grinsens von verhältnismäßig breiten Dimensionen zu zeigen; er versenkte in jede seiner Taschen eine halbe Krone, steckte eine Hand bis zum Gelenk hinein und brach dann in ein heiseres Lachen aus, das erste und einzige Mal in seinem Leben. »Ich sehe schon, er versteht uns«, sagte Arabella. »Er muß sogleich etwas zu essen bekommen«, bemerkte Emilie. Der fette Junge lachte beinahe noch einmal, als er diese Erklärung hörte. Marie trippelte nach einigem weiteren Geflüster von der Gruppe hinweg und sagte: »Ich will mit Ihnen zu Mittag speisen, Sir, wenn Sie nichts dagegen haben.« »Meinetwegen«, sagte der fette Bursche vergnügt. »Es ist eine ganz hübsche Fleischpastete da.« Mit diesen Worten ging der fette Junge wieder die Treppe hinab, während seine hübsche Begleiterin alle Kellner fesselte und alle Stubenmädchen ärgerte, als sie ihm ins Speisezimmer folgte. Da stand die Fleischpastete, von der der Bursche mit so vielem Gefühl gesprochen hatte: ferner war ein Beefsteak da, ein Kartoffelgericht und ein Krug Porter. »Setzen Sie sich«, sagte der fette Junge. »Ach du lieber Himmel, wie prächtig! Ich bin so hungrig.« Nachdem er so in einer Art Verzückung fünf- oder sechsmal den lieben Himmel angeredet hatte, nahm der Bursche oben an dem Tische Platz, und Marie setzte sich unten hin. »Wollen Sie auch etwas davon?« fragte der fette Junge, Messer und Gabel bis ans Heft in die Pastete versenkend. »Ein bißchen, wenn ich bitten darf«, erwiderte Marie. Der fette Bursche verhalf Marie zu einer kleinen, sich selbst aber zu einer großen Portion, und war eben im Begriff, das Essen zu beginnen, als er auf einmal Messer und Gabel niederlegte, sich in seinem Stuhl vorwärtsbeugte, seine Hände samt dem Messer und der Gabel auf seine Knie fallen ließ und sehr langsam sagte: »Aber wie hübsch Sie aussehen!« Das wurde in bewunderndem Tone gesprochen und deshalb nicht ärgerlich aufgenommen: doch lag in den Augen des jungen Gentlemans immer noch soviel Kannibalisches, daß das Kompliment zweifelhaft erscheinen mußte. »Mein Gott, Joe!« sagte Marie, indem sie sich stellte, als ob sie errötete: »was fällt Ihnen ein?« Der fette Junge, der allmählich seine frühere Haltung wieder einnahm, antwortete nur mit einem tiefen Seufzer, blieb einige Augenblicke in Gedanken versunken und tat endlich einen langen Zug aus dem Porterkruge. Nachdem er diese Tat vollbracht, seufzte er wieder und machte sich dann mit vielem Eifer weiter über die Pastete her. »Was für eine artige junge Dame doch Emilie ist!« sagte Marie nach langem Schweigen. Der fette Junge war inzwischen mit der Pastete fertig geworden. Er heftete seine Augen auf Marie und erwiderte: »Ich kenne noch eine artigere.« »Wirklich?« sagte Marie. »Ja, in der Tat«, erwiderte der fette Junge mit ungewohnter Lebhaftigkeit. »Wie heißt sie denn?« fragte Marie. »Wie heißen Sie?« »Marie.« »So heißt sie auch«, sagte der fette Junge. »Sie sind es selbst.« Der Bursche grinste, um seinem Kompliment mehr Nachdruck zu geben, und verdrehte seine Augen zu einem halb schielenden, halb scharfen Blick, was, wie man Grund zu vermuten hat, ein Liebäugeln bedeuten sollte. »So etwas müssen Sie nicht zu mir sprechen«, sagte Marie: »es ist doch nicht Ihr Ernst.« »So? meinen Sie?« erwiderte der fette Bursche; »ich sage Ihnen––––« »Nun?« »Kommen Sie öfters hierher?« »Nein«, antwortete Marie, ihren Kopf schüttelnd: »ich gehe noch heute abend wieder fort. – Aber warum?« »O!« sagte der fette Bursche recht bewegt, »was für eine angenehme Gesellschaft hätten wir beim Essen aneinander gehabt, wenn Sie hiergeblieben wären!« »Vielleicht komme ich hier und da, um nach Ihnen zu sehen«, sagte Marie, mit erkünstelter Sprödigkeit ihre Serviette zusammenlegend. »Aber Sie müssen mir einen Gefallen tun.« Der fette Junge blickte von der Pastetenschüssel auf die mit dem Beefsteak, als ob er glaubte, eine Gefälligkeit müsse auf irgendeine Weise mit einem eßbaren Gegenstande im Zusammenhange stehen: dann zog er eine seiner halben Kronen heraus und schaute sie mit Behagen an. »Verstehen Sie mich nicht?« sagte Marie, ihm schalkhaft in das fette Gesicht schauend. Er blickte abermals seine halbe Krone an und sagte mit schwacher Stimme: »Nein.« »Die Damen bitten Sie, dem alten Herrn nichts von dem jungen Herrn zu sagen, der oben war, und ich bitte Sie auch darum.« »Ist das alles?« sagte der fette Junge, dem es augenscheinlich viel leichter ums Herz war, als er seine halbe Krone wieder einstecken konnte. »Ich will gewiß nichts sagen.« »Sie sehen«, fuhr Marie fort, »Herr Snodgraß ist sehr verliebt in Fräulein Emilie und Fräulein Emilie in ihn, und wenn Sie etwas davon sagten, so würde der alte Herr sie viele Meilen weit in eine Gegend fortschaffen, wo sie niemand zu sehen bekäme.« »Nein, nein, ich sage gewiß nichts«, wiederholte der fette Junge entschlossen. »So ist's recht«, sagte Marie. »Jetzt muß ich aber hinaufgehen und mein Fräulein zum Mittagessen anziehen helfen.« »O, bleiben Sie doch noch ein wenig!« drängte der fette Junge. »Ich muß«, erwiderte Marie. »Leben Sie wohl. Auf Wiedersehen!« Der fette Junge streckte mit Elefantenanmut seine Arme aus, um einen Kuß zu rauben: da es aber keine große Flinkigkeit erforderte, ihm auszuweichen, so war seine schöne Herzensbezwingerin verschwunden, ehe er die Arme wieder geschlossen hatte, worauf der gleichmütige Bursche etwa ein Pfund Beefsteak mit sentimentalem Gesicht verzehrte und dann fest einschlief. Man hatte sich ebensoviel zu sagen, und es waren so viele Pläne zur Flucht und heimlichen Verheiratung zu besprechen, im Fall der alte Wardle bei seiner Grausamkeit verharren sollte, daß Herr Snodgraß erst eine halbe Stunde vor dem Mittagessen zum letzten Male Abschied nahm. Die Damen eilten in Emiliens Schlafzimmer, um ihre Toilette zu machen, und der Liebhaber nahm seinen Hut und entfernte sich aus dem Zimmer. Kaum war er vor der Tür draußen, als er die laute Stimme des Herrn Wardle vernahm und vom Geländer herab denselben in Begleitung einiger andern Herren geradezu die Treppe heraufkommen sah. Da Herr Snodgraß im Hause unbekannt war, so eilte er in seiner Verwirrung nach dem eben verlassenen Zimmer zurück, ging von da in ein inneres Zimmer (Herrn Wardles Schlafgemach) und schloß sachte die Tür in dem Augenblick zu, wo die Herren, die er gesehen, ins Wohnzimmer traten. Es waren dies Herr Wardle, Herr Pickwick, Herr Nathaniel Winkle und Herr Benjamin Allen; er erkannte sie ohne Mühe alle an ihren Stimmen. »Ich darf von Glück sagen, daß ich Geistesgegenwart genug besaß, ihnen auszuweichen«, dachte Herr Snodgraß mit einem Lächeln, indem er sich auf den Zehen einer andern Tür neben dem Bette näherte: »diese da führt auf denselben Gang hinaus, und ich kann mich jetzt in Ruhe und Frieden davonschleichen.« Diesem ruhigen und friedlichen Davonschleichen stellte sich aber nur ein einziges Hindernis in den Weg, nämlich die Tür war verschlossen und der Schlüssel abgezogen. »Geben Sie uns heute von Ihren besten Weinen«, sagte der alte Wardle, die Hände reibend. »Sie sollen ganz vortreffliche bekommen, Sir«, erwiderte der Kellner. »Lassen Sie die Damen wissen, daß wir hier sind.« »Sehr wohl, Sir.« Sehnlich und feierlich wünschte Herr Snodgraß, die Damen möchten wissen, daß er hier sei. Er wagte es, ein einziges Mal durch das Schlüsselloch »Kellner!« zu flüstern: da sich ihm aber die Wahrscheinlichkeit aufdrang, daß ein falscher Kellner ihm zu Hilfe kommen könnte, und ebenso das Bewußtsein der starken Ähnlichkeit zwischen seiner eigenen Lage und derjenigen, in der ein anderer Gentleman erst vor kurzem in einem benachbarten Hotel angetroffen wurde (über dessen Mißgeschick die Morgenblätter unter der Rubrik »Polizeisachen« berichtet hatten), so ließ er sich, am ganzen Leibe zitternd, auf einen Koffer nieder. »Wir wollen nicht auf Perker warten«, sagte Wardle, auf seine Uhr sehend: »er ist immer pünktlich. Wenn er kommen will, so kommt er zur Zeit, und hat er nichts mit im Sinne, so hilft auch das Warten nichts. Ah, da ist ja Arabella!« »Schwester!« rief Herr Benjamin Allen, sie höchst romantisch in seine Arme schließend. »Aber, lieber Ben, wie du nach Tabak riechst!« sagte Arabella, durch dieses Zeichen von Zärtlichkeit beinahe überwältigt, »Wirklich?« sagte Herr Benjamin Allen. »Rieche ich wirklich nach Tabak, Bella? Nun, es wäre möglich.« Es war allerdings möglich, denn er hatte soeben noch mit zwölf Studierenden der Medizin in einem kleinen Hinterstübchen bei einem großen Feuer eine lustige kleine Rauchpartie gemacht. »Ich bin ganz entzückt, dich zu sehen«, sagte Herr Ben Allen. »Grüß dich Gott, Bella.« »Ach!« sagte Arabella, sich vorwärtsbeugend, um ihren Bruder zu küssen; »halte mich nicht so fest, lieber Ben, du bringst ja meine Kleider ganz in Unordnung.« Nach dieser Versöhnungsszene ließ sich Herr Ben Allen von seinen Gefühlen, den Zigarren und dem Porter überwältigen; er blickte mit feuchter Brille die Zuschauer ringsherum an. »Und mir hat man gar nichts zu sagen?« rief Wardle mit offenen Armen. »O, sehr viel«, flüsterte Arabella, als sie des alten Herrn herzliche Liebkosungen und Glückwünsche empfing. »Sie sind ein hartherziges, gefühlloses, grausames Ungeheuer!« »Und Sie eine kleine Rebellin«, erwiderte Wardle in demselben Ton: »ich fürchte sehr, ich werde mich genötigt sehen, Ihnen das Haus zu verbieten. Leute wie Sie, die jedermann zum Trotze heiraten, sollte man nicht auf die Gesellschaft loslassen. Aber kommen Sie«, fügte der alte Herr laute hinzu: »es ist aufgetragen: Sie müssen neben mir sitzen. Joe! Was der Teufel, der Bursche ist wach!« Zur großen Verwunderung seines Herrn war der fette Junge allerdings in einem Zustand merkwürdiger Wachsamkeit: seine Augen standen weit offen und sahen aus, als ob sie es so bleiben sollten. In seinem ganzen Wesen lag eine rein unerklärliche Munterkeit: so oft seine Blicke denen Emiliens oder Arabellas begegneten, schmunzelte und grinste er. Einmal hätte Wardle sogar darauf schwören können, er habe ihn blinzeln gesehen. Diese Veränderung im Benehmen des fetten Jungen kam von dem vergrößerten Gefühl seiner Wichtigkeit und von der Würde her, die er sich dadurch erworben, daß die jungen Damen ihn mit ihrem Vertrauen beehrt hatten. Sein fortwährendes Schmunzeln, Grinsen und Blinzeln war daher bloß eine herablassende Versicherung, daß sie auf seine Treue bauen könnten. Da aber diese Zeichen mehr geeignet waren, Verdacht zu erwecken als zu beschwichtigen und überdies Verlegenheit herbeiführen konnten, so erwiderte sie Arabella gelegentlich mit einem Stirnrunzeln oder Kopfschütteln, was der fette Junge als Winke betrachtete, daß er auf seiner Hut sein solle. Darum deutete er mit verdoppeltem Eifer durch Schmunzeln, Grinsen und Blinzeln an, daß er sie vollkommen verstehe. »Joe«, sagte Herr Wardle nach einer erfolglosen Durchsuchung aller seiner Taschen, »sieh einmal, ob meine Dose nicht auf dem Sofa liegt?« »Nein, Sir«, erwiderte der fette Junge. »Ach! ich erinnere mich: ich habe sie heute früh auf meinem Waschtische liegenlassen«, sagte Wardle. »Geh ins Nebenzimmer und hole sie.« Der fette Junge ging ins Nebenzimmer und kam etwa nach einer Minute mit der Dose und dem bleichsten Gesicht zurück, das je ein fetter Junge zur Schau gestellt hat. »Was ist denn los mit dem Burschen!« rief Wardle. »Gar nichts«,rief Joe zitternd. »Hast du vielleicht Geister gesehen?« fragte der alte Herr. »Oder Geist genossen?« fügte Ben Allen hinzu. »Sie werden wohl recht haben«, flüsterte Wardle über den Tisch hinüber. »Gewiß ist er betrunken.« Ben Allen erwiderte, das glaube er auch; und da dieser Gentleman schon sehr viele Krankheitsfälle dieser Gattung gesehen hatte, so wurde Wardle in einer Meinung bestärkt, die er bereits seit einer halben Stunde gehegt hatte; und er kam zu dem Schluß, der fette Junge sei sehr betrunken. »Behalten Sie ihn nur noch einige Minuten im Auge«, murmelte Wardle. »Wir werden bald finden, ob er es ist oder nicht.« Der unglückliche Jüngling hatte nur ein Dutzend Worte mit Herrn Snodgraß gewechselt, der ihn beschworen, durch irgend jemand seine Erlösung zu bewerkstelligen und ihn dann mit der Dose hinausgestoßen hatte, damit seine verlängerte Abwesenheit nicht zur Entdeckung führen möchte. Er besann sich ein wenig mit höchst verstörtem Ausdruck im Gesichte und verließ dann das Zimmer, um Marie aufzusuchen. Zu allem Unglück aber war Marie, nachdem sie ihrer Gebieterin beim Ankleiden Dienste geleistet, ausgegangen, und der fette Junge kam noch verstörter als vorher zurück. Wardle und Herr Ben Allen wechselten Blicke. »Joe«, sagt Wardle. »Hier, Sir.« »Warum bist du soeben hinausgegangen?« Der fette Junge stierte hoffnungslos alle am Tische Sitzenden der Reihe nach an und stammelte endlich, er wisse es selbst nicht. »Ah, so«, sagte Wardle; »du weißt es selbst nicht? Gib diesen Käse Herrn Pickwick.« Herr Pickwick war in der rosenfarbigsten Laune von der Welt; er war das ganze Essen über sehr vergnügt gewesen und unterhielt sich in diesem Augenblick sehr lebhaft mit Emilie und Herrn Winkle. Im Eifer des Gesprächs hatte er den Kopf höflich vorgebeugt, agierte ein wenig mit seiner linken Hand, um seinen Bemerkungen Kraft zu geben, und glühte ganz von stiller Wonne. Er nahm ein Stückchen Käse vom Teller und war eben im Begriff, die Unterhaltung zu erneuern, als der fette Junge, der sich so gestellt hatte, daß er seinen Kopf in die gleiche Höhe mit dem des Herrn Pickwick brachte, mit dem Daumen über seine Schulter deutete und das sonderbarste, groteskeste Gesicht machte, das man je außerhalb einer Pantomime gesehn hat. »Mein Gott!« sagte Herr Pickwick erschreckend, »was für ein – ein wie?« Er hielt inne, denn der fette Junge hatte sich wieder emporgerichtet und schlief entweder wirklich oder stellte sich wenigstens so. »Was gibt's denn?« fragte Wardle. »Ihr Diener ist doch ein ganz sonderbarer Kerl«, meinte Herr Pickwick mit einem unruhigen Blick auf den Burschen. »Man sagt es zwar nicht gern, aber auf mein Wort, ich fürchte, daß er zuweilen einen kleinen Sparren hat.« »O, Herr Pickwick, bitte, sprechen Sie nicht so«, riefen Emilie und Arabella, beide zugleich. »Ich kann es natürlich nicht mit Gewißheit sagen«, fuhr Herr Pickwick bei dieser Stille und allgemeiner Verstimmung fort; »allein sein Benehmen gegen mich in diesem Augenblick war wirklich sehr beunruhigend. O weh!« rief er mit einem kurzen Schrei, plötzlich aufspringend. »Ich bitte um Verzeihung, meine Damen; aber er hat mich in diesem Augenblick mit einem spitzen Instrument ins Bein gestochen. Er ist wahrhaftig nicht recht bei Trost.« »Nein, betrunken ist er«, brüllte der alte Wardle ingrimmig. »Klingeln Sie, rufen Sie die Kellner; er ist betrunken.« »Nein, ich bin es gewiß nicht«, jammerte der fette Junge, auf die Knie fallend, als sein Herr ihn am Kragen faßte. »Ich bin gewiß nicht betrunken.« »Dann bist du toll, und das ist noch schlimmer. Rufen Sie die Kellner«, sagte der alte Herr. »Ich bin nicht toll, ich bin ganz vernünftig«, erwiderte der fette Junge und fing an zu schreien. »Was zum Teufel stichst du denn Herrn Pickwick scharfe Instrumente ins Bein?« fragte Wardle zornig. »Er wollte mich nicht ansehen, und ich hätte ihm doch gern etwas gesagt«, erwiderte der Bursche. »Was hättest du ihm gern gesagt?« fragten ein halbes Dutzend Stimmen zugleich. Der fette Junge stöhnte, blickte nach der Tür des Schlafzimmers, stöhnte abermals und wischte sich mit den Knöcheln seiner Finger zwei Tränen aus den Augen. »Was wolltest du sagen?« fragte Wardle, ihn rüttelnd. »Halt!« sagte Herr Pickwick: »erlauben Sie. Was wolltest du mir mitteilen, armer Junge?« »Ich wollte Ihnen etwas ins Ohr flüstern«, erwiderte der fette Junge. »Du wolltest ihm wahrscheinlich sein Ohr abbeißen«, sagte Wardle. »Gehen Sie nicht so nahe zu ihm, er ist toll; klingeln Sie, der Kellner soll ihn hinabbringen.« In dem Augenblick, da Herr Winkle die Klingelschnur in die Hand nahm, wurde er durch einen allgemeinen Ausdruck des Erstaunens zurückgehalten: denn plötzlich trat mit einem vor Beschämung glühenden Gesichte der gefangene Liebhaber aus dem Schlafzimmer und verbeugte sich vor der ganzen Gesellschaft. »Donnerwetter!« rief Wardle, den Kragen des fetten Jungen loslassend und zurücktaumelnd. »Was ist das?« »Ich befand mich seit Ihrer Rückkehr im anstoßenden Zimmer versteckt, Sir«, erklärte Herr Snodgraß. »Emilie! Mädchen!« sagte Wardle in vorwurfsvollem Tone: »ich verabscheue Unwürdigkeit und Betrug: das ist im höchsten Grade unzart und kann schlechterdings nicht entschuldigt werden. Ich habe es wahrhaftig nicht um dich verdient, Emilie.« »Teuerster Papa!« rief Emilie, »Arabella weiß es – jedermann hier weiß es – Joe weiß es, daß ich dabei die Hand nicht im Spiele gehabt habe. August, erklären Sie uns um Himmels willen, wie es zuging.« Herr Snodgraß, der nur auf geneigtes Gehör gewartet hatte, erzählte jetzt sogleich, wie er in diese peinliche Lage geraten sei; wie die Besorgnis, häusliche Zwistigkeiten zu veranlassen, ihn allein bewogen habe, Herrn Wardle bei seiner Ankunft auszuweichen, und wie er durch eine andere Tür entwischen zu können geglaubt, diese aber verschlossen gefunden habe und dadurch genötigt geworden sei, gegen seinen Willen zu bleiben. Seine Lage sei peinlich gewesen, indessen bedaure er sie jetzt keineswegs, da sie ihm Gelegenheit verschaffe, vor ihren gemeinschaftlichen Freunden das Bekenntnis abzulegen, daß er Herrn Wardles Tochter aus tiefstem Herzen und aufrichtig liebe, daß er stolz darauf sei, sagen zu können, daß seine Empfindungen erwidert würden, und daß er, wenn auch Tausende von Meilen zwischen ihnen lägen oder Ozeane ihre Wasser zwischen ihnen wälzten, doch keinen Augenblick die seligen Tage vergessen könnte, da er zum erstenmal – usw. usw. Nach dieser Erklärung verbeugte sich Herr Snodgraß abermals, schaute in seinen Hut und schritt auf die Tür zu. »Halt!« rief Wardle. »Bei allem, was –« »Entzündbar ist«, fiel Herr Pickwick freundlich ein, denn er glaubte, es werde etwas Schlimmeres kommen. »Nun gut – bei allem, was entzündbar ist«, sagte Wardle, den Ausdruck aufgreifend. »Warum haben Sie mir das alles nicht schon früher gesagt?« »Oder sich mir anvertraut?« fügte Herr Pickwick hinzu. »Du lieber Gott«, sagte Arabella, die Verteidigung übernehmend, »was nützt all das Fragen, da man doch weiß, daß Sie Ihr habgieriges altes Herz an einen reicheren Schwiegersohn gehängt haben und überdies so wild und bärbeißig sind, daß jedermann vor Ihnen Angst hat, nur ich nicht. Geben Sie ihm die Hand und lassen Sir ihm um Gottes Barmherzigkeit willen etwas zu essen kommen, denn er sieht halb verhungert aus; und dann bestellen Sie auch einmal Ihre Weine, denn Sie werden ja doch nicht eher erträglich, als bis Sie zum mindesten zwei Flaschen getrunken haben.« Der würdige alte Herr zupfte Arabella am Ohr, küßte sie ohne die mindeste Bedenklichkeit, küßte auch seine Tochter mit vieler Zärtlichkeit und schüttelte Herrn Snodgraß herzlich die Hand. »In einem Punkt hat sie jedenfalls recht«, sagte der alte Herr vergnügt. »Läute, daß der Wein gebracht wird.« Der Wein kam, und in demselben Augenblick ging Perker die Treppe hinauf. Herr Snodgraß bekam an einem Seitentisch etwas zu essen, und als er damit fertig war, rückte er ohne den mindesten Einspruch des alten Herrn seinen Stuhl unmittelbar neben Emilie. Der Abend war herrlich. Der kleine Herr Perker zeigte sich wundervoll: er erzählte allerhand komische Geschichten und sang ein ernsthaftes Lied, das beinahe ebenso drollig klang wie seine Anekdoten. Arabella war höchst bezaubernd, Herr Wardle höchst jovial, Herr Pickwick höchst harmonisch, Herr Ben Allen höchst lärmend, die Liebenden höchst schweigsam, Herr Winkle höchst redselig, und alle miteinander höchst vergnügt.   Sechsundfünfzigstes Kapitel. Herr Salomo Pell ordnet mit Hilfe eines auserlesenen Kutscherkomitees die Angelegenheit des älteren Herrn Weller. »Samuel«, sagt Herr Weller am Morgen nach dem Begräbnis zu seinem Sohne, »ich habe es gefunden, Sammy. Ich dachte wohl, es werde da sein.« »Was habt Ihr gefunden?« fragte Sam. »Das Testament deiner Stiefmutter, Sammy«, erwiderte Herr Weller, »kraft dessen die Anordnungen zu treffen sind, wovon ich dir gestern nacht gesagt habe, nämlich in Beziehung auf die Fonds.« »Ei, hat sie denn nicht gesagt, wo sie es aufbewahrt hat?« fragte Sam. »Kein Wörtlein, Sammy«, erwiderte Herr Weller. »Wir legten gerade unsere kleinen Zwistigkeiten bei, ich suchte sie aufzuheitern und aufrechtzuerhalten, und so vergaß ich alles darüber. Und wenn ich auch daran gedacht hätte, so weiß ich nicht, ob ich es wirklich getan haben würde«, fügte Herr Weller hinzu: »denn es ist eine ganz eigene Sache, Sammy, nach dem Vermögen eines Menschen zu schnüffeln, während man ihn auf dem Krankenbett pflegt. Das ist gerade, wie wenn man einem herabgefallenen Außenpassagier auf die Kutsche hinaufhilft und dabei die Hand in seine Tasche steckt, indem man ihn mit einem Seufzer fragt, wie er sich befinde.« Bei dieser bildlichen Erläuterung seiner Ansichten öffnete Herr Weller seine Brieftasche und zog einen schmutzigen Bogen Briefpapier heraus, worauf allerlei Buchstaben in merkwürdigem Gemenge untereinander geschrieben waren. »Dies da ist das Dokument, Sammy«, sagte Herr Weller. »Ich fand es in dem kleinen schwarzen Teetopf auf dem Sims im Kabinett. Sie pflegte ihre Banknoten darin aufzubewahren, ehe ich sie heiratete, Samuel. Ich habe hundertmal gesehen, wie sie den Deckel abnahm, um eine Rechnung zu bezahlen. Die arme gute Frau, sie hätte alle Teetöpfe im Hause mit Testamenten anfüllen können, ohne sich selbst etwas zu entziehen; denn sie trank in der letzten Zeit sehr wenig Tee, außer an den Mäßigkeitsabenden, wo man immer den Grund mit Tee legte, um die Geister munter zu erhalten.« »Was steht denn darin?« fragte Sam. »Was ich dir schon gesagt habe, mein Junge«, antwortete sein Vater. »Ein Schein von zweihundert Pfund für meinen Stiefsohn Samuel, und den ganzen Rest meines Vermögens, welcher Art und Gattung es sein möge, meinem Mann, Herrn Tony Weller, den ich zu meinem einzigen Testamentsvollstrecker ernenne.« »Und ist das alles?« fragte Sam. »Ja«, erwiderte Herr Weller. »Und da nun alles ganz recht und zu deiner und meiner Zufriedenheit ausgefallen ist und wir die einzigen Parteien sind, die die Sache angeht, so könnten wir ja ebensogut diesen Wisch ins Feuer werfen.« »Ei, was seid Ihr doch für ein Mondkalb!« sagte Sam, seinem Vater das Papier entreißend, als dieser in aller Unschuld bereits das Feuer schürte, um seinem Worte Kraft zu geben. »Ihr seid mir ein sauberer Testamentsvollstrecker, Ihr.« »Warum nicht?« fragte Herr Weller, indem er mit dem Schüreisen in der Hand schnell um sich blickte. »Warum nicht?« rief Sam. – »Seht Ihr, es muß vorher bewiesen, gutbefunden, beschworen werden und eine Menge solcher Förmlichkeiten.« »Ist das wirklich dein Ernst?« fragte Herr Weller, das Schüreisen niederlegend. Sam steckte das Testament sorgfältig in eine Seitentasche und gab inzwischen durch einen Blick zu verstehen, daß er es wirklich so meine, und zwar in allem Ernst. »Dann will ich dir sagen, was es ist«, sagte Herr Weller nach kurzem Nachdenken: »es ist das ein Fall für den vertrauten Freund des Lordkanzlers. Pell muß die Sache untersuchen, Sammy. Er ist der Mann für eine schwierige Rechtsfrage. Wir werden die Sache sogleich vor den Zahlungsunfähigkeits-Gerichtshof bringen, Samuel.« »Ich habe meiner Lebtage noch nie einen so schwindelköpfigen, alten Kerl gesehen«, rief Sam gereizt. »Alte Kanzleien, Zahlungsunfähigkeits -Gerichtshof, Alibis und aller mögliche Unsinn gehen ihm beständig durch sein Hirn. Es wäre gescheiter. Ihr zöget Euren Sonntagsanzug an und ginget mit diesem Geschäft in die Stadt, als daß Ihr da über Sachen redet, von denen Ihr gar nichts versteht.« »Ganz gut, Sammy«, erwiderte Herr Weller. »Ich bin mit allem einverstanden, was das Geschäft befördert, Sammy. Aber merk dirs wohl, mein Junge, niemand anders als Pell – niemand als Pell darf unser Advokat sein.« »Ich verlange auch sonst niemand«, erwiderte Herr Weller, der, nachdem er mit Hilfe eines kleinen am Fenster hängenden Spiegels sein Halstuch zugeknöpft hatte, jetzt mit den größten Anstrengungen an seiner Oberkleidung herumarbeitete. »Wart noch eine Minute, Sammy. Wenn du einmal so alt bist wie dein Vater, so wirst du auch nicht mehr ganz so leicht in dein Jackett hineinschlüpfen, wie du es jetzt tust, mein Junge.« »Wenn ich es nicht leichter tun kann, als so, dann soll mich der Teufel holen, wenn ich überhaupt eines trage«, versetzte sein Sohn. »So denkst du jetzt«, sagte Herr Weller mit der Würde des Alters, »du wirst aber schon finden, daß man um so weiser wird, je weiter oder dicker man wird. Dicke und Weisheit, Sammy, wachsen immer miteinander.« Als Herr Weller diesen unfehlbaren Grundsatz, das Ergebnis vieljähriger persönlicher Erfahrung und Beobachtung, preisgab, gelang es ihm durch eine gewandte Drehung des Körpers, den untersten Rockknopf seiner Bestimmung gemäß anzuwenden. Nachdem er wenige Sekunden pausiert hatte, um wieder Atem zu schöpfen, bürstete er seinen Hut mit seinem Ellbogen und erklärte sich bereit. »Vier Köpfe sind besser als zwei, Sammy«, sagte Herr Weller, als sie miteinander auf dem Postwagen nach London fuhren, »und da alle diese Habseligkeiten eine sehr große Versuchung für einen Advokaten sind, so wollen wir ein paar von meinen Freunden dazunehmen, die sehr schnell über ihn herfahren werden, wenn er sich eine Unregelmäßigkeit erlaubt: zwei von denen, die dich damals im Fleet besuchten. Sie sind die allerbesten Pferdekenner, die du je gesehen hast«, fügte Herr Weller in halbem Flüstern hinzu. »Sind sie aber auch Advokatenkenner?« fragte Sam. »Wer ein richtiges Urteil über ein Tier zu fällen imstande ist, kann auch ein richtiges Urteil über alles andere abgeben«, erwiderte sein Vater so überzeugt, daß Sam es nicht wagte, den Satz zu bestreiten. Infolge dieser bemerkenswerten Entscheidung wurden die Dienste des pausbäckigen Herrn und zweier anderer sehr dicker Kutscher, die Herr Weller wahrscheinlich aus Rücksicht auf ihre Wohlbeleibtheit und auf die daraus folgende Weisheit auserwählt hatte, in Anspruch genommen. Sodann begab sich die Gesellschaft nach dem Gasthaus in der Portugalstraße, von wo aus sogleich ein Bote in den Zahlungsunfähigkeits-Gerichtshof hinübergeschickt wurde, um Herrn Salomo Pell zu bitten, daß er sich alsobald einfinden möchte. Der Bote fand Herrn Salomo Pell glücklicherweise im Gerichtshofe mit einer nicht gar zu schweren Arbeit, nämlich mit einer kleinen kalten Zwischenmahlzeit, bestehend aus Abernethyzwieback und einem Hühnchen, beschäftigt. Die Botschaft war ihm kaum ins Ohr geflüstert, als er seinen Mundvorrat nebst verschiedenen amtlichen Dokumenten in seine Tasche steckte und mit solcher Munterkeit über den Weg eilte, daß er das Gastzimmer erreichte, ehe der Bote noch den Gerichtshof verlassen hatte. »Meine Herren«, begann Herr Pell, seinen Hut berührend, »seien Sie mir alle gegrüßt. Ich sage es nicht, um Ihnen zu schmeicheln, meine Herren: aber es gibt nicht noch fünf andere Männer auf der Welt, denen zuliebe ich heute den Gerichtshof verlassen hätte.« »So beschäftigt, he?« fragte Sam. »O, außerordentlich«, erwiderte Pell: »ich bin ganz abgehetzt, wie mein Freund, der verstorbene Lordkanzler, manchesmal zu mir sagte, wenn er aus dem Oberhaus kam, wo man allerhand Fragen an ihn gerichtet hatte. Der arme Mann! Solche Anstrengungen griffen ihn sehr an, und die Fragen pflegten ihm außerordentlich ans Herz zu gehen. Ich glaubte wirklich mehr als einmal, er müsse unter der Last seiner Arbeiten notwendig erliegen.« Hier schüttelte Herr Pell den Kopf und hielt inne, worauf der ältere Herr Weller seinen Nachbar mit dem Ellbogen stieß, um ihn auf die hohen Verbindungen des Anwalts aufmerksam zu machen, und fragte, ob die eben erwähnten Amtsgeschäfte irgend bleibende nachteilige Wirkungen auf das Befinden seines edlen Freundes hervorgebracht hätten. »Ja«, versetzte Pell, »ich glaube, er hat sich nie mehr ganz davon erholt; sie haben ihm gewiß den Rest gegeben. ›Pell‹, pflegte er oft zu mir zu sagen, ›wie zum Henker Sie all diese Kopfarbeiten aushalten können, das ist mir ein wahres Rätsel.‹ – ›So wahr ich lebe‹, pflegte ich ihm zu antworten, ›ich begreife es selbst nicht.‹ – ›Pell‹, setzte er dann seufzend hinzu, indem er mich mit ein wenig Neid – einem freundschaftlichen Neid, müssen Sie wissen, meine Herren, einem reinen, freundschaftlichen Neid, an dem nichts Böses war – ansah, ›Pell, Sie sind ein wahrer Wundermann.‹ O, meine Herren, Sie hätten ihn gewiß auch sehr liebgehabt, wenn Sie ihn gekannt hätten. Heda, liebes Kind, bringen Sie mir doch für drei Pence Rum.« Während Herr Pell diese letzte Bemerkung im Tone unterdrückten Schmerzes an die Kellnerin richtete, seufzte er, sah auf seine Schuhe hinab, dann zur Decke hinauf, und da der Rum inzwischen angekommen war, trank er ihn aus. »Indes«, sagte Pell, indem er einen Stuhl an den Tisch rückte, »ein Geschäftsmann hat kein Recht, an seine Privatfreundschaften zu denken, wenn sein juristischer Beistand verlangt wird. Beiläufig gesagt, meine Herren, seit ich Sie das letztemal hier sah, haben wir ein sehr trauriges Ereignis zu beweinen gehabt.« Herr Pell zog ein Taschentuch heraus, als er an das Wort »Weinen« kam, machte aber keinen weiteren Gebrauch davon, als daß er ein Tröpfchen Rum, das an seiner Oberlippe hängengeblieben war, damit abwischte. »Ich habe es im Anzeiger gelesen, Herr Weller«, fuhr Pell fort. »Gütiger Gott, nicht mehr als zweiundfünfzig Jahre! Wahrhaftig – wenn ich nur daran denke.« Diese Pröbchen von Nachdenklichkeit wurden an den pausbäckigen Mann gerichtet, der seine Augen zufällig auf Herrn Pell geheftet hatte, worauf der pausbäckige Mann, dessen Furcht vor Geschäftssachen im allgemeinen neblichter Natur war, sich unruhig auf seinem Sitze bewegte und seine Meinung dahin aussprach, daß er auf diese Art nicht einsehe, wie die Sachen weiter gefördert werden könnten: eine Bemerkung, die, da sie einen jener spitzfindigen Vorschläge in sich schloß, denen beim Disputieren schwer zu begegnen ist, von niemanden bekämpft wurde. »Ich habe gehört, daß sie eine sehr schöne Frau gewesen, Herr Weller«, sagte Pell im Tone des Mitgefühls. »Ja, Sir, das war sie«, erwiderte der ältere Herr Weller, dem diese Art, von der Sache zu sprechen, nicht sehr behagte, obgleich er fest glaubte, der Anwalt müsse von seiner langen vertrauten Bekanntschaft mit dem verstorbenen Lordkanzler her am besten wissen, was guter Ton sei. »Sie war eine sehr schöne Frau, Sir, als ich Sie kennenlernte. Sie war damals eine Witwe.« »Nun, das ist doch sonderbar«, sagte Pell, mit kummervollem Lächeln um sich blickend; »meine Frau war ebenfalls eine Witwe.« »Das ist ja ganz merkwürdig«, meinte der pausbäckige Mann. »Wirklich ein seltsames Zusammentreffen«, sagte Pell. »Nicht im geringsten«, bemerkte der ältere Herr Weller verdrießlich. »Es heiraten mehr Witwen als ledige Frauenzimmer.« »Ganz gut, ganz gut«, sagte Pell; »Sie haben vollkommen recht, Herr Weller. Meine Gemahlin war eine sehr elegante und vollendete Frau. Ihr feiner Anstand war der Gegenstand allgemeiner Bewunderung in unserer Nachbarschaft. Ich war stolz, diese Frau tanzen zu sehen; sie hatte etwas so Festes, so Würdevolles und doch Natürliches in ihrer Bewegung. Ihr Benehmen, meine Herren, war die Einfachheit selbst. Doch gut, gut! Entschuldigen Sie die Frage, Herr Samuel«, fuhr der Anwalt mit gedämpfter Stimme fort. »War Ihre Stiefmutter schlank?« »Nicht sehr«, antwortete Sam. »Aber meine Gemahlin war eine schlanke Figur«, sagte Pell, »eine herrliche Frau mit einer edlen Haltung, und einer Nase, meine Herren, ganz dazu geschaffen, zu gebieten und majestätisch zu sein. Sie war mir sehr zugetan – sehr – hatte aber auch sehr vornehme Verwandte, meine Herren: ihrer Mutter Bruder, meine Herren, fallierte um achthundert Pfund als Staatspapierhändler.« »Schon gut«, sagte Herr Weller, der während dieser Rede etwas unruhig geworden war: »aber gehen wir einmal ans Geschäft.« Dieses Wort war Musik für Pells Ohren. Er hatte sich immer darüber besonnen, ob wohl ein Geschäft abgemacht werden solle, oder ob man ihn bloß zu einem freundschaftlichen Glas Grog oder einer Bowle Punsch oder sonst einem ähnlichen Achtungsbeweise eingeladen habe; und nun wurde sein Zweifel beseitigt, ohne daß er auf die Lösung desselben im mindesten gedrungen zu haben schien. Seine Augen funkelten, als er den Hut auf den Tisch legte und sagte: »Was ist es für ein Geschäft? Wozu? – Wünscht einer von den Herren etwas beim Gerichtshof abzumachen? Wir verlangen einen richterlichen Ausspruch; mit einem freundschaftlichen richterlichen Ausspruch ist es geschehen, müssen Sie wissen; wir sind alle zusammen gute Freunde,« »Das Dokument, Sammy«, sagte Herr Weller, das Testament seinem Sohne fortnehmend, der sich an der ganzen Verhandlung ungemein zu ergötzen schien. »Was wir verlangen, Sir, ist bloß eine Beglaubigung von diesem da.« »Also eine gerichtliche Abschrift, mein werter Sir«, sagte Pell. »Meinetwegen, Sir«, versetzte Herr Weller ärgerlich: »das wird wohl auf eines hinauskommen. Wenn Sie nicht verstehen, was ich meine, so werde ich schon andere Leute finden, die es tun.« »Sie werden doch nicht böse sein, Herr Weller«, sagte Pell bescheiden. »Sie sind der Vollstrecker, wie ich sehe«, fügte er hinzu, indem er seine Augen auf das Papier warf. »Ja, Sir«, erwiderte Herr Weller. »Und diese andern Herren sind ohne Zweifel Legatare?« fragte Pell mit einem glückwünschenden Lächeln. »Nein, Sammy ist der einzige Legatar«, erwiderte Herr Weller; »diese andern Herren sind Freunde von mir, und nur gekommen, um den Handel mit anzusehen: – eine Art Schiedsrichter.« »Ah«, sagte Pell: »sehr gut. Ich habe durchaus nichts dagegen. Nur muß ich um fünf Pfund Vorschuß bitten, bevor ich anfange.« Da« Komitee entschied, die fünf Pfund sollten vorgeschossen werden. Herr Weller bezahlte die Summe, und nun fand eine lange Beratung über die Sache im allgemeinen statt, wobei Herr Pell zur vollkommenen Befriedigung der Herren Schiedsrichter den Beweis führte, daß, wenn die Leitung des Geschäftes nicht ihm anvertraut worden wäre, es notwendig schief hätte gehen müssen, aus Gründen, die zwar nicht ganz klar, aber ohne Zweifel genügend waren. Nachdem dieser wichtige Punkt ins reine gebracht war, erfrischte sich Herr Pell auf Kosten der Beteiligten mit einigen guten Bissen, und zwar sowohl mit malzigen, als mit andern geistigen Getränken, worauf sie sich alle zu Doktors Commons begaben. Am nächsten Tag war ein neuer Besuch in Doktors Commons, wo man viel mit einem zum Zeugen aufgerufenen Hausknecht zu schaffen hatte, der betrunken war und zum großen Ärgernis der Prokuratore und des Bevollmächtigten sich weigerte, andere als profane Eide zu schwören. In der folgenden Woche mußten abermals mehrere Besuche in Doktors Commons gemacht werden, sowie auch einer auf dem Vormundschaftsamt. Es mußten Pacht- und Geschäftsverträge eingehen, dieselben ratifiziert, Inventarien gemacht, Lunche eingenommen. Schmause gehalten und so viele profitable Dinge getan und eine solche Masse Papiere aufgehäuft werden, daß Herr Salomo Pell und der Bursche und der blaue Sack alle miteinander so dick wurden, daß niemand sie für denselben Mann, denselben Burschen und denselben Sack gehalten hätte, die vor wenigen Tagen um die Portugalstraße herumgeschlendert waren. Nachdem diese wichtigen Angelegenheiten in Ordnung gebracht waren, wurde ein Tag festgesetzt, um die bestimmte Summe in den Fonds anzulegen, was durch Vermittlung des Staatspapiermaklers Wilkins Flasher Esq. in der Nähe der Bank von London geschah. Herr Salomo Pell hatte ihn dazu empfohlen. Es war das eine festliche Veranlassung, und die beteiligten Personen schmückten sich daher auch angemessen. Herr Weller ließ sein Haar neu frisieren und ordnete seinen Anzug mit besonderer Sorgfalt; der pausbäckige Herr trug in seinem Knopfloch eine prachtvolle Dahlie mit vielen Blütenblättern, und die Röcke seiner zwei Freunde waren mit Loibeersträußen und anderm Immergrün geschmückt. Alle drei trugen den strengsten Festornat, d. h. sie hüllten sich bis ans Kinn ein und zogen so viele Kleider an, wie nur immer möglich war, was seit der Erfindung von Postkutschen bei den Postkutschern von jeher zum Begriff von großer Gala gehört hat und noch gehört. Herr Pell erschien zur bestimmten Zeit am gewöhnlichen Versammlungsorte, und auch er trug ein paar Handschuhe und ein frisches Hemd, letzteres durch vieles Waschen am Kragen und den Vorderärmeln bedeutend abgescheuert. »Ein Viertel auf drei«, sagte Pell, auf die Stubenuhr blickend. »Wenn wir ein Viertel danach zu Herrn Flasher kommen, so ist das gerade die beste Zeit.« »Was würden Sie zu einem Tröpfchen Bier sagen, meine Herren?« meinte der pausbackige Mann. »Und zu einem bißchen kalten Beefsteaks?« sagte der zweite Kutscher. »Oder zu ein paar Austern?« fügte der dritte hinzu, der ein heiserer Herr war und von sehr runden Beinen getragen wurde. »Hört! hört!« sagte Pell, »nur um Herrn Weller gratulieren zu können, daß er nunmehr in den Besitz seines Eigentums gekommen ist. Haha!« »Vollkommen einverstanden, meine Herren«, erwiderte Herr Weller. »Sammy, läut einmal!« Sam gehorchte. Der Porter, das kalte Beefsteak, die Austern wurden schnell gebracht, und dem Lunch widerfuhr reichlich Gerechtigkeit. Wo jedermann so tätigen Anteil nahm, da ist es beinahe gehässig, dem einen vor dem andern den Vorzug zu geben, aber wenn ein Individuum größere Fähigkeiten erprobte als ein anderes, so war es der Kutscher mit der heiseren Stimme, der ein ganzes Maß Weinessig zu seinen Austern nahm, ohne die geringste Bewegung zu verraten. »Herr Pell«, sagte der ältere Herr Weller, ein Glas Branntwein mit Wasser emporhebend, welches Getränk jedem der Herren vorgesetzt wurde, als die Austernschalen entfernt waren: »Herr Pell, es war meine Absicht, bei dieser Gelegenheit die Fonds hochleben zu lassen, aber Samuel hat mir ins Ohr geflüstert –« Hier rief Herr Samuel Weller, der mit ruhigem Lächeln schweigend seine Austern verzehrt hatte, mit sehr lauter Stimme: »Hört!« – »Hat mir ins Ohr geflüstert«, fuhr sein Vater fort, »daß es schicklicher sein würde, das Glas auf Ihre Gesundheit und Ihr Wohlergehen zu trinken und Ihnen so für die Art zu danken, wie Sie dieses Geschäft da zustande gebracht haben. Also auf Ihr Wohl, Sir!« »Aufgepaßt, meine Herren!« fiel der pausbackige Gentleman mit plötzlicher Energie ein; »schauen Sie einmal mich an, meine Herren!« So sprechend, erhob sich der pausbackige Gentleman, und die andern Gentlemen erhoben sich auch. Der pausbackige Gentleman überschaute die Gesellschaft und streckte langsam seine Hand empor, worauf jeder der Herren (mit Einschluß des Pausbackigen) tief Atem holte und sein Glas an seine Lippen hob. In einem Augenblick drückte der pausbackige Gentleman seine Hand wieder herab, und sämtliche Gläser wurden leer auf den Tisch gestellt. Es ist unmöglich, die durchdringende Wirkung dieser bedeutsamen Zeremonie zu beschreiben – so würdevoll, feierlich und eindrücklich vereinigte sie alle Elemente des Großartigen in sich. »Nun gut, meine Herren!« begann jetzt Herr Pell, »alles, was ich sagen kann, ist, daß solche Beweise von Vertrauen einem Geschäftsmanne im höchsten Grade erfreulich sein müssen. Ich möchte nicht gerne etwas sagen, was nach Selbstlob riechen könnte, meine Herren, aber um Ihrer selbst willen bin ich herzlich froh, daß Sie zu mir gekommen sind und damit Punktum. Wären Sie zu irgendeinem geringen Mitglied meines Standes gegangen, so ist es meine feste Überzeugung, und ich versichere es Ihnen wie eine Tatsache, daß Sie bald auf den Holzweg geführt worden wären. Ich möchte nur wünschen, mein edler Freund wäre noch am Leben gewesen, um meine Behandlung dieses Falles sehen zu können. Das sage ich nicht aus Stolz, aber ich denke – doch meine Herren, ich möchte Sie damit nicht langweilen. Ich bin in der Regel hier zu finden, meine Herren, aber wenn ich auch einmal nicht anwesend oder auf der Reise bin, so ist hier meine Adresse. Sie werden meine Bedingungen sehr wohlfeil und billig finden. Niemand ist tätiger für seine Klienten als ich, und ich hoffe von meinem Geschäfte etwas zu verstehen. Wenn Sie Gelegenheit haben, mich irgendeinem Freunde zu empfehlen, meine Herren, so werde ich Ihnen sehr verbunden sein, und Ihre Freunde werden es Ihnen ebenfalls danken, wenn sie mich einmal kennenlernen. Ihre Gesundheit, meine Herren!« Mit dieser Darlegung seiner Gefühle legte Herr Salomo Pell Herrn Wellers Freunden drei kleine beschriebene Karten vor, sah dann wieder auf die Uhr und sagte, es sei Zeit zu gehen. Auf diese Andeutung hin bezahlte Herr Weller die Rechnung, und Testamentsvollstrecker, Erben, Advokaten und Schiedsrichter brachen auf, um ihre Schritte nach der City zu richten. Das Büro des Wilkins Flasher Esq. von der Stockbörse war Parterre in einem Hofe hinter der Bank von England. Das Haus des Wilkins Flasher Esq. war in Brixton, Surrey; das Pferd und der Wagen des Wilkins Flasher Esq. standen in einem Mietstall in der Nähe; der Groom des Wilkins Flasher Esq. war auf dem Weg nach Westend, um einiges Wildpret abzuliefern. Der Schreiber des Wilkins Flasher Esq. war zum Mittagessen gegangen, und so rief Wilkins Flasher Esq. in eigener Person »herein«, als Herr Pell mit seinen Begleitern an die Tür des Kontors klopfte. »Guten Morgen, Sir«, sagte Pell mit höflicher Verbeugung. »Wir möchten gerne eine kleine Übertragung machen, wenn es Ihnen gefällig ist.« »Ah, schön!« sagte Herr Flasher. »Setzen Sie sich einen Augenblick. Ich werde Ihnen sogleich aufwarten.« »Danke Ihnen, Sir«, sagte Pell, »es hat keine Eile. Nehmen Sie einen Stuhl, Herr Weller.« Herr Weller nahm einen Stuhl, Sam nahm eine Kiste und die Schiedsrichter nahmen, was sie bekommen konnten und besahen sich den Kalender wie auch ein paar an die Wand geklebte Papiere mit so offenbarer Ehrfurcht, als ob es die schönsten Ausführungen alter Meister gewesen wären. »Nun gut, ich wette ein halb Dutzend Flaschen Bordeaux: schlagen Sie ein«, sagte Wilkins Flasher Esq., die Unterhaltung wieder aufnehmend, die durch Herrn Pells Eintritt eine augenblickliche Unterbrechung erlitten hatte. Diese Worte waren an einen sehr eleganten jungen Gentleman gerichtet, der seinen Hut auf seinem rechten Backenbart liegen hatte und, nachlässig über ein Pult hingestreckt, mit einem Lineal Mücken totschlug. Wilkins Flasher Esq. wiegte sich mit beiden Beinen auf einem Schreibbock, eine Oblatendose mit einem Federmesser durchspießend, das er dann und wann mit großer Gewandtheit gerade in den Mittelpunkt einer kleinen roten Oblate fallen ließ, die außen angeklebt war. Die beiden Gentlemen trugen sehr weit offenstehende Westen und sehr weit zurückgeschlagene Kragen, sehr kleine Stiefel und sehr dicke Ringe, sehr kleine Uhren und sehr große Uhrketten, knapp anliegende Hosen und duftende Taschentücher. »Ich wette nie ein halbes Dutzend«, sagte der andere Gentleman. »Ein ganzes Dutzend muß es sein.« »Gilt, Simmery, gilt!« sagte Wilkins Flasher Esq. »Aber sogleich zu bezahlen«, bemerkte der andere. »Versteht sich«, erwiderte Wilkins Flasher Esq. Und Wilkins Flasher Esq. trug es in ein kleines Büchlein mit einer goldenen Bleistiftröhre ein, und der andere Gentleman trug es ebenfalls in ein anderes kleines Büchlein mit einer anderen goldenen Bleistiftröhre ein. »Ach, da lese ich eben etwas über diesen Boffer«, bemerkte Herr Simmery. »Der arme Teufel wird heute aus dem Hause gejagt.« »Ich wette zehn Guineen gegen fünf, daß er sich den Hals abschneidet«, sagte Wilkins Flasher Esq. »Gilt!« erwiderte Herr Simmery. »Halt!« sagte Wilkins Flasher Esq. gedankenvoll. »Vielleicht henkt er sich auch.« »Auch gut«, meinte Herr Simmery, die goldene Bleistiftröhre wieder herausziehend. «Ich nehme die Wette auch so an. Sagen wir also – er macht seinem Leben ein Ende.« »Er tötet sich selbst«, sagte Wilkins Flasher Esq. »Ganz recht«, erwiderte Herr Simmery, es aufschreibend. »Flasher, zehn Guineen gegen fünf, Boffer tötet sich selbst. Binnen welcher Zeit wollen wir sagen?« »Binnen vierzehn Tagen etwa«, versetzte Wilkins Flasher Esq. »Gott bewahre, nein«, antwortete Herr Simmery, einen Augenblick innehaltend, um eine Mücke mit dem Lineal zu zerquetschen. »Sagen Sie eine Woche.« »Wir wollen halbwegs zusammenkommen«, sagte Wilkins Flasher Esq., »und zehn Tage machen.« »Gut, also zehn Tage«, erwiderte Herr Simmery. Es wurde somit in die kleinen Büchlein eingetragen, daß Boffer binnen zehn Tagen sich selbst töten werde, oder Wilkins Flasher Esq. habe an Frank Simmery Esq. die Summe von zehn Guineen zu bezahlen: wenn sich aber Boffer binnen dieser Zeit selbst töte, so habe dagegen Frank Simmery Esq. an Wilkins Flasher Esq. fünf Guineen zu bezahlen. »Es tut mir doch sehr leid«, sagte Wilkin« Flasher Esq., »daß er bankerott ist. Er hat so prächtige Diners gegeben.« »Und so einen herrlichen Portwein gehalten«, bemerkte Herr Simmery. »Wir werden morgen unsern Kellermeister in die Auktion schicken, um etwas von seinem Vierundsechziger zu erstehen.« »Fatal!« sagte Wilkin» Flasher Esq. »Der meinige geht auch hin. Fünf Guineen, daß mein Mann den Ihrigen überbietet.« »Gilt!« Es wurde ein neuer Eintrag mit den goldenen Bleistiftröhren in die kleinen Büchlein gemacht, und nachdem Herr Simmery sämtliche Mücken getötet und sämtliche Wetten aufgezeichnet hatte, begab er sich auf die Börse, um zu sehen, was dort vor sich gehe. Jetzt ließ sich Wilkins Flasher Esq. herab, Herrn Salomo Pells Instruktionen zu empfangen, und nachdem er einige gedruckte Schemata ausgefüllt, ersuchte er die Gesellschaft, ihn auf die Bank zu begleiten, was diese auch tat. Herr Weller und seine drei Freunde starrten alles, was sie sahen, mit namenlosem Erstaunen an, Sam dagegen besichtigte jedes Ding mit einer Kälte, die nichts zu stören vermochte. Sie kamen über einen Hofraum, wo großer Lärm und viel Geschäftigkeit war, sodann an ein paar Portiers vorbei, deren Kleidung der roten Feuerspritze glich, die in einen Winkel gebracht war, und traten sofort in ein Büro, wo das Geschäft abgemacht werden sollte, und wo Pell und Herr Flasher sie einige Augenblicke stehen ließen, indes sie selbst die Treppen hinauf auf das Vormundschaftsamt gingen. »Was ist das für ein Platz?« flüsterte der pausbackige Gentleman dem älteren Herrn Weller zu. »Das Konsolsbüro«, erwiderte der Testamentsvollstrecker flüsternd. »Was sind das für Herren, die hinter den Tischen sitzen?« fragte der heisere Kutscher. »Reduzierte Konsols ohne Zweifel«, erwiderte Herr Weller. »Sind das nicht die reduzierten Konsols, Samuel?« »Ei, meint Ihr denn, die reduzierten Konsols seien lebendig?« fragte Sam mit einiger Verachtung. »Wie kann ich das wissen«, erwiderte Herr Weller; »ich glaubte einmal, sie sehen so aus. Was sind sie denn?« »Schreiber«, erwiderte Sam. »Warum essen sie denn alle Schinken?« fragte sein Vater. »Vermutlich, weil es zu ihrem Amte gehört«, erwiderte Sam: »es ist ein Teil des Systems und sie tun es den ganzen Tag.« Herr Weller und seine Freunde hatten kaum einen Augenblick Zeit, über diese sonderbare, mit dem Münzsystem des Landes zusammenhängende Einrichtung nachzudenken, als Pell und Wilkins Flasher Esq. wieder zu ihnen kamen und sie an einen der Tische führten, über dem sich ein schwarzes rundes Brett mit einem großen W befand. »Wozu ist das, Sir?« fragte Herr Weller, Pells Aufmerksamkeit auf das genannte Schild lenkend. »Das ist der Anfangsbuchstabe der Verstorbenen«, erwiderte Pell. »Ich sage nur«, sagte Herr Weller, sich an die Schiedsrichter wendend, »da steckt etwas Schlimmes dahinter. W ist unser Anfangsbuchstabe – so geht die Sache nicht.« Die Schiedsmänner sprachen sich mit Bestimmtheit dahin aus, man könne unter dem Buchstaben W nicht gesetzlich in dem Geschäfte fortfahren, und aller Wahrscheinlichkeit nach wäre dasselbe zum mindesten noch um einen Tag hinausgeschoben worden, ohne das rasche, wiewohl auf den ersten Anblick nicht eben pflichtmäßige Benehmen Sams, der seinen Vater an den Rockschößen ergriff, an den Schreibtisch zog und daselbst so lange festhielt, bis er seine Unterschrift auf ein paar Bogen Papier gesetzt hatte, was bei Herrn Wellers Gewohnheit zu drucken so viel Arbeit und Zeit erforderte, daß der diensttuende Schreiber inzwischen drei große Apfel schälte und zerschnitt. Da der ältere Herr Weller darauf bestand, seinen Anteil unverzüglich zu verkaufen, so begaben sie sich von der Bank aus nach dem Tore der Stockbörse, wo Wilkins Flasher Esq. nach kurzer Abwesenheit mit einem Wechsel auf Smith, Payen und Smith im Betrage von fünfhundertunddreißig Pfund zu ihnen zurückkehrte. Diese Summe hatte Herr Weller nach dem Marktpreis des Tages anzusprechen, hinsichtlich des Ausgleichs durch die von der zweiten Frau Weller angelegten Gelder. Sams zweihundert Pfund standen auf seinen Namen eingetragen, und Wilkins Flasher Esq. ließ, als man ihn für seine Bemühungen bezahlte, das Geld nachlässig in seine Rocktasche gleiten, worauf er nach seinem Büro zurückschlenderte. Herr Weller war im Anfang hartnäckig entschlossen, seinen Wechsel bloß gegen Guineen auswechseln zu lassen. Als ihm aber die Schiedsrichter vorstellten, daß er einen kleinen Sack kaufen müßte, um sie nach Hause zu bringen, ließ er es sich gefallen, den Betrag in Fünfpfundnoten anzunehmen. »Mein Sohn«, sagte Herr Weller, als sie von der Bank weggingen: »mein Sohn und ich haben heute nachmittag ein ganz besonderes Geschäft, und es wäre mir lieb, wenn wir diese Sache vorher ins reine brächten; wir wollen daher jetzt irgendwo hingehen und die Rechnungen nochmals überprüfen.« Es war bald ein ruhiges Zimmer ausfindig gemacht, und die Rechnungen wurden hervorgezogen und geprüft. Herrn Pells Konto wurde von Sam taxiert, und einige Ansätze von den Schiedsrichtern gestrichen: aber trotz Herrn Pells Erklärungen und vielfachen feierlichen Versicherungen, daß man zu hart mit ihm umgehe, war dies doch in manchen Beziehungen das beste Geschäft, das er je gemacht hatte, denn er bestritt mit dem Betrag desselben sechs Monate lang Kost, Wohnung und Wäsche. Nachdem die Schiedsrichter noch an einem Abschiedstrunk teilgenommen, schüttelten sie einander die Hände und reisten ab, da sie sämtlich noch vor Abend die Stadt verlassen mußten. Herr Salomo Pell nahm ebenfalls, sobald er sah, daß es nichts mehr zu essen und zu trinken gab, aufs freundschaftlichste Abschied, so daß Sam und sein Vater jetzt allein waren. »Nun hätten wir also«, sagte Herr Weller, seine Brieftasche in seine Seitentasche steckend, »außer den Rechnungen für den Mietkontrakt und solche Geschichten elfhundertundachtzig Pfund beisammen. Jetzt, Samuel, kehre um und fahre nach dem Georg und Geier, mein Junge.« Siebenundfünfzigstes Kapitel Eine wichtige Beratung findet statt zwischen Herrn Pickwick und Samuel Weller, wobei sein Vater zugegen ist. – Ein alter Herr in schnupftabakfarbenen Kleidern tritt unerwartet auf. Herr Pickwick saß allein auf seinem Zimmer und sann über mancherlei Dinge, besonders aber darüber nach, wie er am besten für das junge Paar sorgen könne, dessen gegenwärtige unsichere Lage für ihn ein Gegenstand ständiger Sorge und Unruhe war, als Marie schnell hereintrippelte, bis an den Tisch vorlief und hastig sagte: »Ach, Sir, erlauben Sie, Samuel ist unten und fragt, ob er Sie mit seinem Vater besuchen dürfe.« »Ja, warum nicht?« erwiderte Herr Pickwick. »Danke Ihnen, Sir«, sagte Marie wieder auf die Tür zutrippelnd. »Ist Sam schon lange hier?« fragte Herr Pickwick. »Ach nein, Sir«, erwiderte Marie eifrig. »Er ist soeben erst nach Hause gekommen. Er sagt, er werde Sie von jetzt an um keinen Urlaub mehr bitten, Sir.« Marie mochte selbst gefühlt haben, daß sie diese letzte Mitteilung mit mehr Wärme gemacht hatte, als eben notwendig war, oder hatte sie vielleicht das gutmütige Lächeln bemerkt, womit Herr Pickwick sie ansah, als sie mit ihrem Vortrag zu Ende war. Soviel ist gewiß, sie ließ den Kopf sinken und betrachtete den Zipfel ihrer sehr artigen kleinen Schürze mit weit mehr Aufmerksamkeit, als unumgänglich erforderlich schien. »Sagen Sie ihnen, sie können immerzu sogleich heraufkommen«, sagte Herr Pickwick. Marie, der es offenbar viel leichter ums Herz war, eilte mit ihrer Botschaft fort. Herr Pickwick ging zwei- oder dreimal im Zimmer auf und ab, und schien, indem er sich mit der linken Hand das Kinn rieb, wie er gerne zu tun pflegte, in Gedanken verloren zu sein. »Ja, ja«, sagte Herr Pickwick endlich in einem freundlichen, aber etwas wehmütigen Ton, »das ist die beste Art, wie ich ihn für seine Anhänglichkeit und Treue belohnen kann: so sei es denn in Gottes Namen. Es ist nun einmal das Los eines alten einsamen Mannes, daß seine Umgebungen neue und andere Verbindungen anknüpfen und ihn verlassen. Ich habe kein Recht, zu erwarten, daß es mit mir anders sein sollte. Nein, nein«, fügte er ein wenig heiterer hinzu, »es wäre selbstsüchtig und undankbar von mir. Ich muß mich freuen, eine Gelegenheit zu haben, ihn so gut zu versorgen, und ich freue mich auch wirklich.« Herr Pickwick war dermaßen in diese Betrachtungen versunken, daß das Klopfen an seine Tür drei- oder viermal wiederholt werden mußte, bevor er es hörte. Er setzte sich schnell, raffte sich zu seinem gewöhnlichen freundlichen Blick wieder auf, gab die gewünschte Erlaubnis, und Sam Weller trat in Begleitung seines Vaters herein. »Freut mich, dich wiederzusehen, Sam«, sagte Herr Pickwick. »Wie geht es Ihnen, Herr Weller?« »Recht gut, danke Ihnen, Sir«, erwiderte der Witwer? »und Sie sind hoffentlich auch wohl, Sir?« »O ja, ich danke Ihnen«, erwiderte Herr Pickwick. »Ich möchte gern ein paar Wörtchen mit Ihnen sprechen, Sir, wenn Sie etwa fünf Minuten für mich erübrigen könnten«, sagte Herr Weller. »Ei, warum nicht?« erwiderte Herr Pickwick. »Sam gib deinem Vater einen Stuhl.« »Dank dir, Samuel: habe schon einen«, sagte Herr Weller, einen Sessel holend. »Ein außerordentlich schöner Tag heute«, setzte der alte Herr hinzu, indem er seinen Hut auf den Boden legte, während er sich setzte. »Ja, sehr schön«, erwiderte Herr Pickwick. »Sehr angenehm.« »Das angenehmste Wetter, das ich je gesehen habe, Sir«, versetzte Herr Weller. Hier wurde der alte Herr von einem heftigen Husten befallen, und als dieser vorüber war, nickte er mit dem Kopfe, winkte und nickte bittend seinem Sohn zu, der aber hartnäckig darauf nicht reagierte. Als Herr Pickwick die Verlegenheit des alten Herrn bemerkte, stellte er sich, als wäre er beschäftigt, ein neben ihm befindliches Buch aufzuschneiden, und wartete geduldig, bis Herr Weller mit dem Zweck seines Besuches herausrücken würde. »Einen so gottlosen Buben, wie du bist, habe ich Tag meines Lebens nicht gesehen, Samuel«, sagte Herr Weller endlich mit einem unwilligen Blick auf seinen Sohn. »Was tut er denn, Herr Weller?« fragte Herr Pickwick. »Er will nicht anfangen, Sir«, erwiderte Herr Weller, »und weiß doch, daß ich mich nicht ausdrücken kann, wenn etwas Besonderes zu sagen ist: und da steht er nun und sieht mich da sitzen und Ihnen Ihre kostbare Zeit wegnehmen, macht mich zur komischen Figur, daß ich mich schämen muß, und kommt mir mit keiner Silbe zur Hilfe. Das ist kein kindliches Benehmen, Samuel«, fuhr Herr Weller fort, indem er sich die Stirn abwischte: »nein, das ist es gar nicht.« »Ihr habt ja gesagt, Ihr wolltet selber sprechen«, erwiderte Sam: »wie konnte ich wissen, daß Ihr schon fertig sein würdet, noch ehe Ihr angefangen?« »Du hättest es wohl sehen können, daß ich steckenblieb«, entgegnete sein Vater: »ich bin auf den falschen Weg gekommen und in Gräben und alle möglichen Lumpereien hineingeraten, und du streckst keine Hand aus, um mir zu helfen. Ich schäme mich deiner, Samuel.« »Die Sache ist die, Sir«, sagte Sam mit einer leichten Verbeugung: »mein Vater hat sein Geld an sich gezogen.« »Sehr gut, Samuel, sehr gut«, sagte Herr Weller, zufrieden mit dem Kopfe nickend: »ich habe es nicht so bös gemeint, Sammy. Sehr gut. So muß man anfangen: dann kommt man auf einmal ans Ziel. Sehr gut, in der Tat, Samuel.« Herr Weller nickte im Übermaß seiner Befriedigung außerordentlich oft mit dem Kopfe und wartete voll Spannung, wie Sam seinen Bericht fortsetzen würde. »Setz dich doch, Sam«, sagte Herr Pickwick, der fürchtete, die Zusammenkunft möchte leicht länger werden, als er erwartet hatte. Sam verbeugte sich abermals und setzte sich: sein Vater blickte sich stolz um und der Sohn fuhr fort: »Der Alte hat fünfhundertunddreißig Pfund an sich gezogen, Sir.« »Reduzierte Konsols«, fiel Herr Weller senior in leiserem Tone ein. »Daran liegt nicht viel, ob es reduzierte Konsols sind oder nicht«, sagte Sam: »funfhundertunddreißig Pfund ist die Summe, nicht wahr?« »Ganz richtig, Samuel«, erwiderte Herr Weller. »Zu dieser Summe kommt noch einiges für das Haus und das Geschäft –« »Mietzins, Vergütung, Kapital, Niet- und Nagelfestes«, mischte sich Herr Weller ein. »– So daß die ganze Summe elfhunderdundachtzig Pfund beträgt«, fuhr Sam fort. »Wirklich?« sagte Herr Pickwick. »Das freut mich: ich gratuliere Ihnen, Herr Weller, daß Sie soviel zusammengebracht haben.« »Warten Sie noch eine Minute, Sir«, sagte Herr Weller und hob bittend die Hand. »Fahre fort, Samuel!« »Dies Geld da«, sagte Sam mit einigem Zögern, »dies Geld da möchte er nun irgendwo unterbringen, wo er es sicher weiß, und ich wünsche es auch sehr, denn wenn er es behält, so wird er es entweder ausleihen oder in Pferde stecken, oder seine Brieftasche irgend einmal verlieren, oder auf die eine oder andere Art sich selbst zu einer ägyptischen Mumie machen.« »Sehr gut, Samuel«, bemerkte Herr Weller in so wohlgefälligem Tone, als ob Sam die höchsten Lobsprüche auf seine Klugheit und Vorsicht erhoben hätte. »Sehr gut. »Aus diesen Gründen nun«, fuhr San» fort, heftig am Rande seines Hutes zupfend, »aus diesen Gründen nun hat er heute sein Geld an sich gezogen und ist mit mir hierher gekommen, um zu sagen, – um wenigstens anzubieten, oder mit andern Worten, um –« »Und das zu sagen«, fiel der alte Herr Weller ungeduldig ein, »daß ich da« Geld nicht brauchen kann. Ich habe im Sinn, wieder eine regelmäßige Postkutsche zu führen und weiß keinen Ort, wo ich es aufbewahren soll, außer ich wollte den Schaffner dafür bezahlen, daß er acht darauf gibt, oder es in eine Kutschentasche stecken, was für die Passagiere drinnen eine große Versuchung sein würde. Wenn Sie es mir aufbewahren wollten, Sir, so würde ich Ihnen gar sehr verbunden sein. Vielleicht«, setzte Herr Weller bei, indem er Herrn Pickwick näher trat und ihm ins Ohr flüsterte, »vielleicht könnte es Ihnen ein bißchen dienen, wegen Ihrer Prozeßkosten. Ich will nur, daß Sie es solange behalten, bis ich es Ihnen wieder abfordere.« Mit diesen Worten legte Herr Weller die Brieftasche in Herrn Pickwicks Hände, ergriff seinen Hut und rannte mit einer Geschwindigkeit zum Zimmer hinaus, die man von einem so wohlbeleibten Manne kaum hätte erwarten sollen. »Halt ihn, Sam!« rief Herr Pickwick eifrig. »Spring ihm nach und bring ihn augenblicklich zurück. Herr Weller – aber bitte! – Kommen Sie zurück!« Sam sah ein, daß den Befehlen seines Herrn der Gehorsam nicht verweigert werden durfte: er ergriff daher seinen Vater am Arm, als dieser die Treppe hinab wollte und schleppte ihn mit Gewalt zurück. »Mein lieber Freund«, sagte Herr Pickwick, den alten Herrn bei der Hand fassend, »Ihr ehrliches Vertrauen rührt mich.« »Ich sehe ganz und gar keinen Grund dazu, Sir«, erwiderte Herr Weller hartnäckig. »Ich versichere Sie, mein lieber Freund, ich habe mehr Geld, als ich jemals bedarf, weit mehr, als ein Mann in meinem Alter je noch verbrauchen kann«, sagte Herr Pickwick. »Niemand weiß, wieviel er brauchen kann, bis er es probiert hat«, bemerkte Herr Weller. »Mag sein«, erwiderte Herr Pickwick. »Da ich aber durchaus keine Lust habe, solche Experimente anzustellen, so werde ich wahrscheinlich nicht leicht in Not kommen. Ich muß Sie daher bitten, Ihre Wechsel zurückzunehmen, Herr Weller.« »Schon gut«, sagte Herr Weller mit sehr unzufriedenem Blick. »Doch merk', was ich dir sage, Sammy: ich werde mit diesem Gelde da etwas Verzweifeltes anfangen, etwas ganz Verzweifeltes!« »Laßt das lieber bleiben«, erwiderte Sam. Herr Weller besann sich einige Zeit, knöpfte dann mit großer Entschiedenheit seinen Rock auf und sagte: »Ich will einen Schlagbaum pachten Das Gewerbe der »Zöllner« galt damals für verächtlich. Die Drohung seines Vaters, Zöllner werden zu wollen und einen Schlagbaum zu pachten, muß daher den biedern Sam sehr erschrecken « »Was?« rief Sam. »Einen Schlagbaum«, murmelte Herr Weller durch seine Zähne; »ich will Schlagbaumwärter werden. Nimm Abschied von deinem Vater, Samuel: ich widme den Rest meiner Tage einem Schlagbaum.« Diese Drohung war so schrecklich, und Herr Weller schien so fest entschlossen, sie auszuführen, und durch Herrn Pickwicks Weigerung dermaßen gekränkt zu sein, daß dieser Herr nach kurzem Bedenken sagte: »Nun gut, Herr Weller, ich will das Geld annehmen. Ich kann vielleicht mehr Gutes damit tun als Sie.« »Eben das meine ich auch«, rief Herr Weller aufstrahlend: »Sie können es freilich, Sir.« »Sprechen Sie nicht mehr davon«, sagte Herr Pickwick, die Brieftasche in sein Pult verschließend: »ich bin Ihnen herzlich verbunden, mein lieber Freund. Jetzt aber setzen Sie sich wieder, ich möchte Sie um Ihren Rat fragen.« Das durch den großartigen Erfolg seines Besuches herbeigeführte innere Lachen, das nicht nur Herrn Wellers Gesicht, sondern auch seine Arme, Beine und seinen ganzen Leib erschüttert hatte, während seine Brieftasche eingeschlossen wurde, wich plötzlich der würdevollsten Gravität, als er diese Worte hörte. »Sam, warte draußen ein paar Minuten«, sagte Herr Pickwick. Sam zog sich sogleich zurück. Herr Weller blickte ungemein weise und äußerst verwundert drein, als Herr Pickwick das Gespräch mit den Worten eröffnete: »Sie sind, glaube ich, kein Verteidiger des Ehestandes?« Herr Weller schüttelte den Kopf. Er war schlechterdings nicht imstande zu sprechen, denn unbestimmte Gedanken, es möchte irgendeine ruchlose Witwe mit ihren Plänen bei Herr Pickwick Erfolg gehabt haben, lähmten seine Zunge. »Haben Sie vielleicht zufällig ein junges Mädchen unten gesehen, als Sie mit Ihrem Sohne kamen?« »Ja – ich sah ein junges Ding«, erwiderte Herr Weller kurz. »Was halten Sie von ihr? Aufrichtig gesprochen, Herr Weller, wie gefiel sie Ihnen?« »Sie ist sehr stattlich und gut gebaut«, sagte Herr Weller mit kritischer Miene. »Ja, das ist sie«, sagte Herr Pickwick: »ein recht hübsches Mädchen. Und wie hat Ihnen ihr Benehmen gefallen, soviel Sie von ihr gesehen haben?« »Sie ist sehr angenehm«, erwiderte Herr Weller, »sehr angenehm und konform.« Die eigentliche Bedeutung, die Herr Weller an diese letzte Bezeichnung knüpfte, war nicht so ganz klar; doch ging aus seinem Tone hervor, daß es ein günstiger Ausdruck war, und Herr Pickwick war daher ebenso damit zufrieden, als wenn er eine vollkommen klare Antwort erhalten hätte. »Ich interessiere mich sehr für sie, Herr Weller«, sagte Herr Pickwick. Herr Weller hustete. »Das heißt«, fuhr Herr Pickwick fort, »ich interessiere mich insofern für sie, daß ich wünsche, es möchte ihr recht gut und glücklich ergehen. Sie verstehen mich?« »Vollkommen«, erwiderte Herr Weller, der aber noch nicht das mindeste verstand. »Diese junge Person«, sagte Herr Pickwick, »ist in Ihren Sohn verliebt.« »In Samuel Weller?« rief der Vater. »Ja«, sagte Herr Pickwick. »Es ist natürlich«, sagte Herr Weller nach einigem Bedenken: »es ist natürlich, aber doch beunruhigend. Sammy soll sich nur in acht nehmen.« »Wieso?« fragte Herr Pickwick. »Ja er muß sich in acht nehmen, daß er nichts zu ihr sagt«, anwortete Herr Weller. »Er muß sich sehr in acht nehmen, daß er sich nicht in einem unschuldigen Augenblick verleiten läßt, etwas zu sagen, das zu einer Klage wegen Eheversprechens führen könnte. Man ist bei den Frauenzimmern niemals sicher, Herr Pickwick. Wenn sie einmal Absichten auf einen haben, so halten sie einen fest, ehe man daran denkt. So habe ich mich selbst das erstemal verheiratet, Sir, und Sammy war die Folge von dem Fehltritt.« »Sie ermutigen mich nicht sehr bei dem, was ich sagen will«, bemerkte Herr Pickwick; »doch muß es einmal sein. Diese junge Person ist nicht nur in Ihren Sohn verliebt, Herr Weller, sondern Ihr Sohn ist auch in sie verliebt.« »Schön«, sagte Herr Weller, »das sind ja saubere Sachen für eines Vaters Ohren.« »Ich habe sie bei verschiedenen Gelegenheiten beobachtet«, fuhr Herr Pickwick fort, ohne von Herrn Wellers letzter Bemerkung weitere Notiz zu nehmen, »und ich hege nicht den mindesten Zweifel darüber. Wenn ich ihnen nun für irgendein kleines Geschäft oder eine Stellung sorgen wollte, wo sie anständig miteinander leben könnten, was würden Sie dazu sagen, Herr Weller?« Im Anfang nahm Herr Weller mit allerhand Hin und Her den Vorschlag auf, der die Verheiratung eines Menschen bezweckte, für den er sich immerhin interessierte. Als aber Herr Pickwick näher mit ihm auf die Sache einging und großen Nachdruck auf das Faktum legte, daß Marie keine Witwe sei, so wurde er allmählich zugänglicher, und Herr Pickwick bekam großen Einfluß auf ihn. Auch war ihm Mariens Äußeres ausnehmend nett vorgekommen, und er hatte ihr bereits einige Male sehr unväterlich zugeblinzelt. Endlich sagte er, es würde ihm schlecht anstehen, sich Herrn Pickwicks Wünschen zu widersetzen, und er werde mit Freuden seinen Rat befolgen, worauf Herr Pickwick ihn fröhlich beim Worte nahm und Sam wieder hereinrief. »Sam«, sagte Herr Pickwick sich räuspernd, »dein Vater und ich haben soeben von dir gesprochen.« »Ja, von dir, Samuel«, sagte Herr Weller in eindrucksvollem Gönnerton. »Ich bin nicht so blind, Sam«, fuhr Herr Pickwick fort, »um nicht schon geraume Zeit bemerkt zu haben, daß du gegen das Kammermädchen der Frau Winkle etwas mehr als freundschaftliche Gefühle hegst.« »Hörst du, Samuel?« sagte Herr Weller in demselben richterlichen Tone wie zuvor. »Ich hoffe, Sir«, antwortete Sam, sich an seinen Herrn wendend: »ich hoffe, daß Sie nichts Böses darin finden werden, wenn ein junger Mann seine Augen auf ein junges Frauenzimmer wirft, das ganz unbestreitbar hübsch aussieht und sich gut aufführt.« »Sicherlich nicht«, sagte Herr Pickwick. »Nein, nicht im geringsten«, stimmte Herr Weller in freundlichem, aber dennoch würdevollem Tone ein. »Ich bin«, fuhr Herr Pickwick fort, »weit entfernt, an einem so natürlichen Benehmen etwas Unrechtes zu finden, daß ich vielmehr, deinen Wünschen in dieser Beziehung entgegenzukommen und sie zu fördern beabsichtige. Ich habe soeben mit deinem Vater eine kleine Unterredung darüber gehabt, und da ich finde, daß er meiner Meinung ist –« »Weil nämlich das Frauenzimmer keine Witwe ist«, fiel Herr Weller erläuternd ein. »Ja, weil das Frauenzimmer keine Witwe ist«, sagte Herr Pickwick lächelnd. »Ich wünsche also, dich von dem Zwang zu befreien; den dir deine gegenwärtige Stellung auferlegt, und dir meine Dankbarkeit für deine Treue und viele vortreffliche Eigenschaften dadurch zu beweisen, daß ich dich in den Stand setze, das Mädchen zu heiraten und für dich selbst mit einer Familie ein unabhängiges Leben zu führen. Ich werde stolz darauf sein, Sam«, fügte Herr Pickwick hinzu, dessen Stimme bisher ein wenig gebebt hatte, jetzt aber ihren gewöhnlichen Ton wieder annahm, »ich werde stolz darauf sein und mich glücklich schätzen, deine künftigen Aussichten im Leben zum Gegenstand meiner dankbaren und ganz besonderen Sorgfalt zu machen.« Auf einige Augenblicke trat eine kurze Stille ein, dann aber sagte Sam mit etwas leiser und dumpfer, jedoch fester Stimme: »Ich bin Ihnen sehr verbunden für Ihre Güte, Sir, die Ihnen ganz gleich sieht; aber es kann nicht sein.« »Kann nicht sein?« rief Herr Pickwick erstaunt. »Samuel!« sprach Herr Weller mit Würde. »Ich sage, es kann nicht sein«, wiederholte Sam in lauterem Tone. »Was würde denn aus Ihnen werden, Sir?« »Du bist ein guter Kerl!« erwiderte Herr Pickwick: »aber die neuerlichen Veränderungen unter meinen Freunden werden auch meine künftige Lebensweise ganz verändern: überdies werde ich älter und bedarf der Ruhe und Stille. Mein unruhiges, von Reisen erfülltes Leben ist zu Ende, Sam.« »Das kann man noch nicht so bestimmt sagen«, meinte Sam. »Sie denken jetzt zwar so, aber wenn es Ihnen einmal wieder anders einfiele, was nicht unwahrscheinlich ist, denn Sie haben immer noch die Munterkeit eines Fünfundzwanzigers – was sollte dann aus Ihnen werden ohne mich? Es geht nicht, Sir, es geht nicht.« »Sehr gut, Samuel, das ist einmal gescheit gesprochen«, sagte Herr Weller ermutigend. »Ich spreche nach langer Überlegung, Sam, und mit der Gewißheit, daß ich mein Wort halten werde«, sagte Herr Pickwick, den Kopf schüttelnd. »Neue Schauplätze sind mir verschlossen: mein vagabundierendes Leben ist zu Ende.« »Mag sein«, erwiderte Sam. »Aber eben das ist der beste Grund, warum Sie immer jemand bei sich haben müssen, der Sie versteht, Sie aufheitert und in eine gute Laune versetzt. Wenn Sie einen seineren, abgeschliffeneren Diener brauchen, – ganz recht: so nehmen Sie einen: aber mit oder ohne Lohn, mit oder ohne Anerkennung, mit oder ohne Wohnung, mit oder ohne Kost – Sam Weller, den Sie aus dem alten Wirtshause in Borough aufnahmen, bleibt bei Ihnen, es mag kommen, was da will: und wenn es noch so schlimm geht und die Leute noch so hart mit mir verfahren, nichts soll mich daran verhindern.« Am Schluß dieser Erklärung, die Sam mit großer Bewegung gemacht hatte, sprang Herr Weller von seinem Sitze auf, vergaß alle Rücksichten auf Zeit, Ort und Schicklichkeit, schwenkte seinen Hut über dem Kopfe und brach in drei stürmische Hurras aus. »Mein guter Junge«, sagte Herr Pickwick, als Herr Weller etwas beschämt über seinen Enthusiasmus sich wieder gesetzt hatte, »du mußt aber das junge Frauenzimmer doch auch bedenken.« »Ich bedenke das junge Frauenzimmer immer wohl, Sir«, sagte Sam. »Ich habe das junge Frauenzimmer bedacht, ich habe mit ihr gesprochen, ich habe ihr gesagt, wie meine Lage ist: sie ist bereit zu warten, bis ich sie heiraten kann, und ich glaube auch, daß sie es tun wird. Tut sie es nicht, so ist sie nicht das junge Frauenzimmer, wofür ich sie halte, und ich lasse sie mit Vergnügen fahren. Sie haben mich schon vorher gekannt, Sir. Mein Entschluß ist gefaßt, und nichts kann ihn jemals ändern.« Wer möchte gegen solche Gesinnungen anzukämpfen? Herr Pickwick einmal nicht. Er empfand in diesem Augenblick mehr Stolz und Wonne über die uneigennützige Anhänglichkeit seiner niedriggestellten Freunde, als zehntausend Freundschaftsversicherungen von den vornehmsten Leuten in seinem Herzen hätten erwecken können. Während in Herrn Pickwicks Zimmer diese Unterhaltung vor sich ging, erschien unten ein kleiner alter Herr in schnupftabakfarbenen Kleidern, gefolgt von einem Träger mit einem kleinen Koffer; er bestellte sich ein Bett für die Nacht und fragte dann den Kellner, ob eine Frau Winkle hier wohne. Der Kellner bejahte. »Ist sie allein?« fragte der kleine alte Herr. »Ich glaube ja, Sir«, erwiderte der Kellner; »ich kann indessen ihr Kammermädchen rufen, Sir, wenn Sie –« »Nein, ich brauche das nicht«, sagte der alte Herr schnell. »Führen Sie mich in ihr Zimmer, ohne mich anzumelden.« »Wieso, Sir?« fragte der Kellner. »Sind Sie taub?« fragte der kleine alte Herr. »Nein, Sir.« »Nun, so hören Sie mich gefälligst an. Können Sie mich jetzt anhören?« »Ja, Sir.« »Nun gut, so zeigen Sie mir der Frau Winkle Zimmer, ohne mich anzumelden.« Während der kleine alte Herr diesen Befehl aussprach, ließ er fünf Schilling in die Hand des Kellners gleiten und sah ihn fest an. »Wahrhaftig, Sir«, sagte der Kellner: »ich weiß wirklich nicht, Sir, ob – –« »Ach, ich sehe schon. Sie wollen es tun«, sagte der kleine alte Herr. »Tun Sie es deshalb lieber gleich, dann sparen wir Zeit.« Es lag etwas so Ruhiges und Gesammeltes im ganzen Benehmen des alten Herrn, daß der Kellner die fünf Schilling einsteckte und ihn ohne weitere Worte die Treppe hinaufführte. »Dies ist also das Zimmer?« fragte der Herr. »Nun, so können Sie gehen.« Der Kellner tat es, indem er sich sehr verwunderte, wer wohl der Herr sein möge und was er wolle; der kleine alte Herr wartete, bis er verschwunden war, und klopfte dann an die Tür. »Herein!« rief Arabella. »Hm! jedenfalls eine hübsche Stimme«, murmelte der kleine alte Herr, »doch das will noch nichts heißen.« So sprechend, öffnete er die Tür und ging hinein. Arabella die gerade bei einer weiblichen Arbeit saß, erhob sich beim Anblick eines Fremdlings in einiger Verwirrung, die ihr aber allerliebst stand. »Bitte, lassen Sie sich nicht stören, Madame«, begann der Unbekannte, hineintretend und die Tür hinter sich schließend. »Frau Winkle, wie ich glaube?« Arabella neigte den Kopf. »Frau Nathaniel Winkle, die den Sohn des alten Winkle von Birmingham geheiratet hat?« sagte der Fremde, Arabella mit sichtlicher Neugier betrachtend. Arabella nickte abermals mit dem Köpfchen und blickte unruhig um sich, wie wenn sie sich besänne, ob sie nicht um Hilfe rufen solle. »Wie ich sehe, habe ich Sie überrascht, Madame?« sagte der alte Herr. »Ich kann es nicht leugnen«, erwiderte Arabella, sich immer mehr wundernd. »Wenn Sie gestatten, setze ich mich, Madame«, sagte der Fremde. Er setzte sich, zog sein Brillenfutteral aus der Tasche, nahm nachlässig eine Brille heraus und setzte sie auf seine Nase. »Sie kennen mich nicht, Madame?« sagte er, Arabella so scharf ins Auge fassend, daß sie sich unheimlich zu fühlen begann. »Nein, Sir«, antwortete sie schüchtern. »Also wirklich nicht?« sagte der Herr, auf sein linkes Bein klopfend. »Ich wüßte auch nicht, woher Sie mich kennen sollten. Doch kennen Sie vielleicht meinen Namen, Madame?« »Bitte um Verzeihung«, sagte Arabella zitternd, obgleich sie kaum wußte, warum. »Darf ich Sie vielleicht darum bitten?« »Sogleich, Madame, sogleich«, sagte der Unbekannte, der seine Augen noch nicht von ihrem Gesicht abgewandt hatte. »Sie haben sich erst vor kurzem verheiratet, Madame?« »Ja«, erwiderte Arabella in einem kaum hörbaren Ton, indem sie ihre Arbeit beiseite legte und sehr aufgeregt zu werden begann, als ein Gedanke, der ihr schon vorher gekommen war, sich ihr immer stärker aufdrängte. »Ohne Ihrem Gemahl vorgestellt zu haben, daß es sich ziemen würde, seinen Vater, von dem er abhängig ist, zuerst um Rat zu fragen, nicht wahr?« sagte der Fremde. Arabella hielt ihr Tuch vor die Augen. »Ohne sich auch nur die Mühe zu nehmen, durch irgendeine indirekte Anfrage in Erfahrung zu bringen, wie der alte Mann über eine Sache denkt, die ihn natürlich in hohem Grade interessieren muß?« fuhr der Fremde fort. »Ich kann es nicht leugnen, Sir«, sagte Arabella. »Und ohne Vermögen genug zu besitzen, Ihrem Gemahl ein hinlängliches Auskommen zu verschaffen und ihn für die zeitlichen Vorteile zu entschädigen, die ihm natürlich nicht entgangen wären, wenn er den Wünschen seines Vaters gemäß geheiratet hätte«, setzte der alte Gentleman hinzu. »Knaben und Mädchen nennen dies uneigennützige Neigung, bis sie selbst Knaben und Mädchen haben und dann die Sache in einem trüben, ganz andern Lichte betrachten.« Arabellas Tränen flossen reichlich, als sie zur Entschuldigung anführte, sie sei jung und unerfahren; Neigung allein habe sie zu diesem Schritte verleitet, und sie habe beinahe von Kindheit an den Rat sowie die Leitung ihrer Eltern entbehren müssen. »Es war unrecht«, sagte der alte Herr in milderem Tone: »sehr unrecht. Es war romantisch, eines Geschäftsmannes unwürdig, töricht.« »Es ist meine Schuld, ganz meine Schuld, Sir«, versetzte die arme Arabella weinend. »Unsinn!« sagte der alte Herr, »gewiß war es nicht Ihre Schuld, daß er sich in Sie verliebte. Und doch ist es so«, fügte der alte Herr hinzu, indem er Arabella etwas schalkhaft anblicke, »und doch war es Ihre Schuld: er konnte nicht anders.« Dieses kleine Kompliment oder des kleinen Herrn sonderbare Art, es zu machen, oder sein verändertes Benehmen – um vieles freundlicher, als im Anfang – oder all diese drei Umstände zusammen nötigten Arabella mitten unter ihren Tränen ein Lächeln ab. »Wo ist denn Ihr Mann?« fragte der alte Herr schnell, ein Lächeln unterdrückend, das eben sein Gesicht überfliegen wollte. »Ich erwarte ihn in jedem Augenblick«, sagte Arabella. »Ich sprach ihm zu, heut? früh einen Spaziergang zu machen. Er ist sehr niedergeschlagen und unglücklich, weil sein Vater nichts von sich hören läßt.« »Niedergeschlagen?« fragte der alte Herr. »Geschieht ihm recht.« »Ich fürchte, er ist es meinetwegen«, sagte Arabella: »und in der Tat, Sir, ich fühle es auch sehr schwer, denn ich bin allein schuld an seiner gegenwärtigen Lage.« »Lassen Sie es sich um seinetwegen nicht so zu Herzen gehen, meine Liebe«, sagte der alte Herr. »Es geschieht ihm recht. Es freut mich – freut mich in der Tat, so weit es ihn betrifft.« Kaum waren diese Worte über die Lippen des alten Herrn gekommen, als man die Treppe herauf Fußtritte hörte, die er und Arabella im selbigen Augenblick zu erkennen schienen. Der kleine Herr wurde blaß, gab sich indessen viele Mühe, ruhig zu erscheinen, und stand auf, als Herr Winkle ins Zimmer trat. »Vater!« rief Herr Winkle, indem er verblüfft zurückprallte. »Ja, Sir«, versetzte der kleine alte Herr. »Nun, Sir, was haben Sie mir zu sagen?« Herr Winkle blieb still. »Sie schämen sich hoffentlich Ihrer selbst, Sir?« fuhr der alte Herr fort. Herr Winkle sprach immer noch nichts. »Schämen Sie sich Ihrer selbst, Sir, oder schämen Sie sich nicht?« fragte der alte Herr. »Nein, Vater«, erwiderte Herr Winkle, Arabellas Arm in den seinigen legend. »Ich schäme mich weder meiner selbst, noch meiner Frau.« »Wirklich?« rief der alte Herr ironisch. »Es tut mir sehr leid, etwas getan zu haben, was Ihre Neigung für mich verringert hat«, sagte Herr Winkle: »zugleich aber muß ich erklären, daß ich keinen Grund habe, mich dieser Frau zu schämen, und Sie ebensowenig, sich einer solchen Tochter zu schämen.« »Gib mir die Hand, Nathaniel«, sagte der alte Herr mit veränderter Stimme. »Küssen Sie mich, mein liebe« Kind, Sie sind in der Tat ein allerliebstes Schwiegertöchterchen.« Nach wenigen Minuten ging Herr Winkle auf Herrn Pickwicks Zimmer, kam mit diesem Herrn zurück und stellte ihn seinem Vater vor, worauf sie einander fünf Minuten lang ununterbrochen die Hände schüttelten. »Herr Pickwick, ich danke Ihnen aufs herzlichste für all Ihre Freundschaft gegen meinen Sohn«, sagte der alte Herr Winkle mit seinem offenen, biderben Wesen. »Ich bin ein bißchen kurz angebunden, und als ich Sie das letztem«! sah, war ich ärgerlich und zu sehr überrascht. Ich habe mir nun die Sache überlegt und bin mehr als zufrieden. Soll ich noch mehr Entschuldigungen vorbringen, Herr Pickwick?« »O keineswegs«, erwiderte Herr Pickwick. »Sie haben getan, was allein noch zur Vollendung meines Glücke« fehlte.« Hierauf folgte ein neues fünf Minuten langes Händeschütteln, begleitet von einer Unmasse komplimentierender Redensarten, die. abgesehen von der darin sich beurkundenden Höflichkeit, auch noch die weitere und ganz neue Empfehlung hatten, aufrichtig gemeint zu sein. Sam hatte seinen Vater pflichtgemäß nach Belle Sauvage begleitet, und auf dem Rückwege begegnete er im Hof dem fetten Jungen, der ein Billett von Emilie Wardle zu überbringen gehabt halte. »Ich sage mir«, begann Joe, der ungewöhnlich redselig war; »ich sage nur, was diese Marie für ein hübsches Mädchen ist – nicht wahr, Sam? Ich bin ganz verliebt in sie.« Herr Weller gab hierauf keine Erwiderung mit Worten, sondern ganz verblüfft über diese Vermessenheit, betrachtete er den fetten Jungen nur einen Augenblick, packte ihn dann am Rockkragen bis an die nächste Ecke und entließ ihn mit einem harmlosen, aber durchaus förmlichen Fußtritt, worauf er pfeifend ins Haus ging. Achtundfünfzigstes Kapitel. In dem der Pickwick-Klub endlich aufgelöst wird und alles zur allgemeinen Zufriedenheit endet. Eine ganze Woche lang nach der glücklichen Ankunft des Herrn Winkle von Birmingham waren Herr Pickwick und Sam Weller den ganzen Tag über von Haus abwesend und kehrten nur zum Mittagessen zurück, wobei sie ein geheimnisvolles, wichtiges Wesen zur Schau trugen, das ihren Naturen sonst ganz fremd war! Offenbar waren sehr ernste und ereignisschwere Dinge am Werk, über deren bestimmten Charakter allerhand Vermutungen schwebten. Einige – und unter ihnen Herr Tupman – waren geneigt, zu glauben, Herr Pickwick beabsichtige eine eheliche Verbindung: aber diese Idee wurde von den Damen aufs entschiedenste verworfen. Andere neigten sich der Ansicht zu, er trage sich mit einem großen Reiseprojekt und beschäftige sich gegenwärtig mit den vorläufigen Anordnungen dazu. Aber das wurde entschieden von Sam selbst verneint, der auf die Kreuz- und Querfragen seiner Marie unzweideutig erklärte, es würden keine neuen Reisen mehr unternommen. Endlich, als sich der ganze Freundeskreis sechs Tage lang durch fruchtlose Vermutungen das Gehirn abgemartert hatte, wurde einhellig beschlossen, Herrn Pickwick zur Erklärung seines Benehmens aufzufordern und ihn geradezu zu fragen, warum er sich auf diese Art von der Gesellschaft seiner ihn bewundernden Freunde zurückziehe. In dieser Absicht lud Herr Wardle den ganzen Zirkel zum Mittagessen in die Adelphi ein, und man stellte die große Frage, als die Flaschen zweimal die Runde gemacht hatten. »Wir sind allesamt sehr begierig, zu erfahren«, begann der alte Herr, »was wir Ihnen zuleide getan haben, daß Sie sich so gänzlich von uns absondern und immer diese einsamen Spaziergänge machen.« »Möchten Sie es wirklich wissen?« fragte Herr Pickwick. »Merkwürdig, daß ich gerade heute im Sinn hatte, mich von freie» Stücken darüber zu erklären: geben Sie mir noch ein Glas Wein, so will ich Ihre Wißbegierde befriedigen.« Die Flaschen gingen mit ungewohnter Schnelligkeit von Hand zu Hand, und Herr Pickwick fuhr, indem er mit vergnügtem Lächeln die Gesichter seiner Freunde nacheinander anschaute, also fort: »Die Veränderungen, die in unserm Kreise stattgefunden haben, ich meine die bereits eingetretene und die demnächst bevorstehende Hochzeit nebst den Wandlungen, die notwendig daraus erfolgen werden, haben mich genötigt, ernstlich an einen künftigen Lebensplan für mich zu denken. Ich beschloß, mich in eine hübsche Gegend in der Nähe von London zur Ruhe zurückzuziehen und fand da ein Haus, das meinen Wünschen gänzlich entspricht. Ich habe es gemietet und wohnlich eingerichtet, so daß ich kommen kann, wann ich will. Ich gedenke nun in der nächsten Zeit meinen Einzug zu halten und hoffe noch manches friedliche Jährchen in stiller Zurückgezogenheit daselbst zuzubringen, während meines Lebens erfreut durch die Gesellschaft meiner Freunde, und nach meinem Tode fortlebend in ihrer liebevollen Erinnerung.« Hier hielt Herr Pickwick inne, und ein leises Gemurmel lief rings um die Tafel. »Das Haus, das ich gemietet habe«, sprach Herr Pickwick weiter, »liegt in Dulwich: es hat einen großen Garten und befindet sich in einer der reizendsten Gegenden von Londons Umgebung. Es ist die größte Aufmerksamkeit darauf verwendet worden, es so behaglich wie möglich, vielleicht auch ein bißchen elegant einzurichten! doch darüber sollen Sie selbst urteilen. Sam begleitet mich dahin. Ich habe auf Perkers Vorstellung eine Haushälterin in Dienst genommen – eine sehr alte Person – und werde noch so viele andere Domestiken annehmen, wie diese für nötig hält. Ich möchte nun mein kleines Idyll durch irgendeine Festlichkeit, die ich sehr gern feiern würde, eingeweiht sehen. Wenn mein Freund Wardle nichts dagegen hat, so möchte ich ihn bitten, die Vermahlung seiner Tochter in meinem neuen Hause an demselben Tage vollziehen zu lassen, wo ich Besitz davon nehme. Das Glück junger Leute«, sagte Herr Pickwick ein wenig bewegt, »war von jeher die größte Freude meines Lebens. Es wird mir das Herz erwärmen, unter meinem eigenen Dache Zeuge des Glückes meiner Freunde zu sein.« Herr Pickwick hielt abermals inne: Emilie und Arabella schluchzten laut. »Ich habe«, begann Herr Pickwick aufs neue, »dem Klub sowohl mündliche als schriftliche Mitteilungen gemacht und ihn von meinen Absichten in Kenntnis gesetzt. Er hat während unserer Abwesenheit viel durch innere Zwistigkeiten gelitten, und die Zurückziehung meines Namens, verbunden mit diesen und andern Umständen, hat seine Auflösung herbeigeführt. Der Pickwick-Klub existiert nicht mehr.« »Ich werde es niemals bereuen«, setzte Herr Pickwick mit leiserer Stimme hinzu – »ich werde es niemals bereuen, daß ich mich beinahe zwei volle Jahre hindurch unter verschiedenen Gattungen und Schattierungen des menschlichen Charakters umhergetrieben habe, so töricht meine Abenteuersucht auch vielen erschienen sein mag. Fast mein ganzes früheres Leben war Geschäften und trockenem Gelderwerb gewidmet, jetzt aber bin ich mit zahlreichen Szenen bekannt geworden, von denen ich früher keine Ahnung gehabt hatte – und ich hoffe, daß sich mein geistiger Gesichtskreis dadurch erweitert und meinen Verstand mehr ausgebildet hat. Wenn ich nur wenig Gutes getan habe, so glaube ich doch, noch weniger Böses getan zu haben, und hoffe, daß meine sämtlichen Abenteuer mir am Abend meines Lebens nur eine Quelle angenehmer und ergötzlicher Erinnerungen sein werden. Gott segne euch alle.« Bei diesen Worten füllte und leerte Herr Pickwick mit bebender Hand sein Glas; seine Augen feuchteten sich, als sämtliche Freunde sich wie verabredetermaßen erhoben und ihm von ganzem Herzen Bescheid taten. Zur Vermählung des Herrn Snodgraß waren nur noch sehr wenige Vorbereitungen erforderlich. Da er weder Vater noch Mutter, und während seiner Minderjährigkeit unter Herrn Pickwicks Vormundschaft gestanden hatte, so kannte dieser seine Vermögens- und sonstigen Umstände aufs genaueste. Wardle war mit seiner Auskunft über beides vollkommen zufrieden; wie denn der gute alte Herr in dieser Zeit, wo er von Heiterkeit und Zärtlichkeit überfloß, fast mit allem zufrieden gewesen wäre. Emilien wurde eine hübsche Mitgift ausgesetzt und der vierte Tag zur Vermählung anberaumt; eine Eilfertigkeit, die drei Putzmacherinnen und einen Schneider bis an den Rand des Verrücktwerdens brachte. Der alte Wardle nahm am folgenden Tage Postpferde, um seine Mutter nach der Stadt zu bringen. Da er der alten Dame diese Nachricht mit seinem charakteristischen Ungestüm mitteilte, so fiel sie augenblicklich in Ohnmacht, kam aber sehr bald wieder zu sich, befahl, das durchwirkte Seidenkleid einzupacken, und fing an, verschiedene Umstände ähnlicher Art, die sich bei der Verheiratung der ältesten Tochter der verstorbenen Lady Tollimglower zugetragen, herzuzählen, womit sie nach drei vollen Stunden noch nicht zur Hälfte fertig war. Frau Trundle mußte ebenfalls von den gewaltigen Vorbereitungen zu London in Kenntnis gesetzt werden, und da sie sich in einem zarten Gesundheitszustände befand, so erfolgte die Mitteilung durch Herrn Trundle selbst, damit ihr die Überraschung nicht schaden möchte. Allein sie schadete ihr keineswegs: denn sie schrieb sogleich nach Muggleton, bestellte sich eine neue Haube und ein schwarze« Atlaskleid und erklärte, unter allen Umstanden an der Hochzeitsfeier teilnehmen zu wollen. Herr Trundle ließ den Arzt rufen, und der Arzt sagte, Frau Trundle müsse am besten wissen, wie sie sich befinde, worauf Frau Trundle erwiderte, sie fühle sich vollkommen stark genug und habe einmal ihren Kopf darauf gesetzt, mitzugehen, worauf wiederum der Arzt, der ein weiser und verständiger Arzt war, und wußte, was sowohl für ihn selbst als für andere Leute gut war, erklärte, wenn Frau Trundle zu Hause bliebe und sich ärgerte, so würde ihr dies vielleicht mehr schaden, als wenn sie ginge, und deshalb würde sie vielleicht besser daran tun, mitzureisen. Sie reiste also wirklich mit, nachdem ihr der Arzt mit gewissenhafter Sorgfalt ein halbes Dutzend Arzneiflaschen zugesandt hatte, die sie unterwegs austrinken sollte. Zu den Aufträgen, die Herr Wardle bekommen hatte, gehörte auch die Besorgung zweier Briefchen an zwei junge Dämchen, die die Brautjungfern vorstellen sollten und durch diese Einladung in Verzweiflung gerieten, denn sie jammerten, sie hätten gar keine Sachen in Bereitschaft für ein so wichtiges Geschäft und könnten sich in der kurzen Zeit auch nicht mehr damit versehen: ein Umstand, der den beiden würdigen Papas der beiden jungen Dämchen nicht ganz unerfreulich zu sein schien. Indessen wurden alte Kleider neu zugestutzt, neue Hauben gemacht, und die jungen Dämchen sahen darin so gut aus, wie man von ihnen nur erwarten konnte; da sie überdies während der Trauung bei den geeigneten Stellen weinten und immer zur rechten Zeit zitterten, so erwarben sie sich die Bewunderung sämtlicher Zuschauer. Wie die zwei armen Bäschen nach London kamen, ob zu Fuß, zu Wagen oder zu Pferd, ist unbekannt. Jedenfalls aber trafen sie vor Wardle ein, und die ersten Leute, die an dem Hochzeitsmorgen an Herrn Pickwicks Haustür anklopften, waren die zwei armen Bäschen, hochaufgedonnert und voll Freundlichkeit. Sie wurden indessen aufs herzlichste bewillkommt, denn Reichtum und Armut hatten keinen Einfluß auf Herrn Pickwick. Die neuen Diener waren die Munterkeit und Bereitwilligkeit selbst; Sam befand sich in der unvergleichlichsten Festlaune, und Marie glänzte von Schönheit und prächtigen Bändern. Der Bräutigam, der sich schon zwei oder drei Tage vorher im Hause aufgehalten hatte, fuhr stattlich angetan in die Dulwicher Kirche, begleitet von Herrn Pickwick, Ben Allen, Bob Sawyer und Herrn Tupman, auch Sam Weller nicht zu vergessen, der im Knopfloch eine weiße Bandschleife, ein Geschenk der Dame seines Herzens trug, und überdies in einer neuen, prachtvollen, ausdrücklich für den Tag erfundenen Livree prangte. Sie trafen dort Herrn und Frau Wardle, Herrn und Frau Winkle, Braut und Brautjungfern und Herrn und Frau Trundle! und nach beendigter Feierlichkeit rasselten sämtliche Kutschen zum Frühstück nach Herrn Pickwicks Hause, wo der kleine Herr Perker sie bereits erwartete. Nachdem sich hier die leichten Wolken des ernsteren und feierlichen Teils der Tagesereignisse zerteilt hatten, erglänzten alle Gesichter von Freude, und man hörte nichts als Glückwünsche und Lebehochrufe. Es war alles so schön! Der Grasplatz vor dem Hause, der Garten hinter demselben, das kleine Gewächshaus, das Speise-, das Gesellschafts-, das Rauch- und die Schlafzimmer, vor allem aber das Studierzimmer mit seinen Gemälden, den behaglichen Sesseln, den merkwürdigen Wandschränken, den sonderbar geformten Tischen und zahllosen Büchern, nebst seinem großen heiteren Fenster, das sich gegen einen hübschen Grasplatz hin öffnete und eine reizende Landschaft beherrschte: hübsche Villen im Grün der Bäume; und dann die Vorhänge, die Teppiche, die Stühle und die Sofas – alles war so schön, so sein berechnet, so zierlich und so geschmackvoll, daß jedermann sagte, man wisse wirklich nicht, was am meiste» Bewunderung verdiene. Und mitten zwischen alledem stand Herr Pickwick, dessen Gesicht von einem seligen Lächeln strahlte, dem das Herz keines Mannes, keiner Frau, keines Kindes widerstehen konnte: er selbst der Glücklichste im ganzen Kreise, immer denselben Leuten wieder die Hände schüttelnd, und wenn die seinigen nicht gerade geschüttelt wurden, sie voll Vergnügen reibend; bei jedem neuen Ausbruch der Freude voll Teilnahme sich überall hinwendend und durch seine wonnestrahlendcn Blicke alle begeisternd. Das Frühstück wird angekündigt. Herr Pickwick führt die alte Dame, die sehr beredt über das Thema von der Lady Tollimglower gewesen, oben an die lange Tafel hin; Wardle setzt sich an das andere Ende, die Freunde reihen sich auf beiden Seiten, Sam faßt hinter dem Stuhle seines Herrn Posten, das Gelächter und Geplauder hört auf; Herr Pickwick spricht das Tischgebet, schweigt dann einen Augenblick und blickt rund um sich; aber wahrend er das tut, rollen ihm in der Fülle seiner Freundlichkeit die Tränen über die Wangen herab. Und nun laßt uns von unserm alten Freunde Abschied nehmen – in einem jener Augenblicke ungetrübten Glückes, von denen uns, wenn wir sie nur suchen, immerhin einige zur Erheiterung unseres flüchtigen Daseins beschieden sind. Die Erde hat finstere Schatten, aber der Kontrast hebt ihre Lichtseiten um so stärker hervor. Es gibt Leute, die wie die Fledermäuse und Eulen bessere Augen für die Finsternis haben, als für das Licht; wir, denen solche optische Fähigkeiten nicht gegeben sind, finden mehr Vergnügen daran, den geträumten Gefährten mancher einsamen Stunden unsern letzten Abschiedsblick zuzuwerfen, wenn der kurze Sonnenschein der Welt in vollem Glänze über sie erstrahlt.   Es ist das Los der meisten Menschen, die sich in der Welt bewegen und es zu einem gewissen Alter bringen, daß sie sich viele wirkliche Freunde erwerben und sie durch den Lauf der Natur wieder verlieren. Es ist das Los aller Autoren oder Dichter, daß sie sich eingebildete Freunde schaffen und sie im Verlauf der Kunst wieder verlieren. Damit ist indessen das Maß ihres Unglücks noch nicht erschöpft: man verlangt von ihnen auch noch eine umständliche Erzählung, was aus diesen allen geworden ist. Indem wir uns hiermit dieser unbestreitbaren bösen Gewohnheit fügen, setzen wir noch einige wenige biographische Notizen über die bei Herrn Pickwick versammelte Gesellschaft bei. Herr und Frau Winkle, von dem alten Herren vollkommen in Gnaden aufgenommen, bezogen bald darauf ein eigenes neugebautes Haus, nur eine halbe Meile von Herrn Pickwick entfernt. Herr Winkle wurde der Cityagent oder Stadtkorrespondent seines Vaters, vertauschte sein altes Kostüm mit der gewöhnlichen Kleidung der Engländer und zeigte hernach immer das Äußere eines zivilisierten Christen. Herr und Frau Snodgraß ließen sich in Dinglen Dell nieder, wo sie mehr der Beschäftigung als des Gewinn« halber ein kleines Gut kauften und bewirtschafteten. Herr Snodgraß, der zuweilen zerstreut und melancholisch ist, gilt bis auf den heutigen Tag unter seinen Freunden und Bekannten für einen großen Dichter, obgleich wir nicht finden, daß er je etwas geschrieben hätte, was diesen Glauben bestätigen könnte. Wir kennen freilich viele literarische, philosophische und andere Berühmtheiten, deren bedeutender Ruf keinen festeren Boden hat. Herr Tupman ließ sich, als seine Freunde geheiratet und Herr Pickwick sich zurückgezogen hatte, in Richmond nieder, allwo er bis setzt geblieben ist. In den Sommermonaten geht er beständig auf der Terrasse spazieren, und zwar mit einer jugendlichen Munterkeit, die ihm die Bewunderung all der zahlreichen ältlichen Damen ledigen Standes gewonnen hat, die in der Nähe wohnen. Er hat indessen nie wieder einen Heiratsantrag gemacht. Herr Bob Sawyer inserierte einige Male in den Zeitungen und ging dann, begleitet von Herrn Benjamin Allen, nach Bengalen, beide als wohlbestellte Chirurgen in Diensten der ostindischen Kompagnie. Sie haben vierzehnmal das gelbe Fieber gehabt und sich endlich zu einiger Enthaltsamkeit entschlossen. Seitdem ergeht es ihnen sehr gut. Frau Bardell vermietete ihr Haus noch an manchen umgänglichen ledigen Herrn mit großem Profit, hat jedoch seitdem nicht mehr wegen gebrochenen Eheversprechens geklagt. Ihre Anwälte, die Herren Dodson und Fogg, betreiben ihr Geschäft noch immer mit gewohnter Rührigkeit, beziehen ein bedeutendes Einkommen daraus und gelten allgemein für die Schlauesten unter den Schlauen. Sam Weller hielt sein Wort und blieb noch zwei Jahre unverheiratet. Als nach Verfluß dieser Zeit die alte Haushälterin starb, beförderte Herr Pickwick Marie zu diesem Posten, jedoch unter der Bedingung, Herrn Weller unverweilt zu heiraten, was sie ohne Murren tat. Aus dem Umstand, daß am Tore des Gartens hinter dem Hause zu wiederholten Malen ein paar derbe kleine Buben erblickt worden sind, glauben wir schließen zu können, daß Sam Familie hat. Der ältere Herr Weller regierte noch zwölf Monate lang eine Postkutsche, bekam aber die Gicht, die ihn nötigte, sich zurückzuziehen. Herr Pickwick hatte den Inhalt seiner Brieftasche so gut für ihn angelegt, daß er eine recht hübsche jährliche Rente besitzt, von der er gemächlich in einem vortrefflichen Gasthause in der Nähe von Shooters Hill lebt. Dort wird er als ein wahres Orakel verehrt; er rühmt sich gewaltig seiner vertrauten Freundschaft mit Herrn Pickwick und hegt fortwährend den unüberwindlichen Widerwillen gegen Witwen. Herr Pickwick aber wohnt dauernd in seinem neuen Hause und verwendet seine Mußestunden dazu, die Memoiren aufzuzeichnen, die er später dem Sekretär des einst so berühmten Klubs mitteilt. Oder er ist damit beschäftigt, sich von Sam Weller vorlesen zu lassen, dessen Bemerkungen, wie sie sich ihm gerade aufdrängen, Herrn Pickwick stets großes Vergnügen bereiten. Im Anfang wurde er sehr durch die zahlreichen Gesuche der Herren Snodgraß, Winkle und Trundle belästigt, bei ihrer Nachkommenschaft Gevatter zu stehen; allein er hat sich setzt daran gewöhnt und betrachtet diesen Dienst als eine Sache, die sich nun einmal nicht abändern läßt. Er hat niemals Veranlassung gehabt, seine Güte gegen Herrn Jingle zu bereuen; denn sowohl er als Job Trotter sind mit der Zeit würdige Mitglieder der menschlichen Gesellschaft geworden, haben indessen jede Aufforderung, nach den Schauplätzen ihres früheren Unwesens zurückzukehren, standhaft zurückgewiesen. Herr Pickwick ist etwas kränklich geworden, sein Geist aber hat alle seine Jugendfrische behalten, und man sieht ihn noch häufig die Gemälde in der Dulwicher Galerie betrachten, oder an schönen Tagen in seiner hübschen Nachbarschaft lustwandeln. Die Armen in der Gegend kennen ihn alle und unterlassen es nie, mit großer Ehrerbietung die Hüte abzuziehen, wenn er vorübergeht. Die Kinder vergöttern ihn, und die ganze Nachbarschaft tut es wahrhaftig auch. Er begibt sich alljährlich zu einem großen Familienfest in Herrn Wardles Haus; und, wie überall hin, begleitet ihn auch hier der getreue Sam. Zwischen diesem und seinem Herrn waltet eine feste Anhänglichkeit, der nur der Tod ein Ende machen wird.