Charles Dickens Leben und Schicksale des Nicolaus Nickleby und seiner Familie Aus dem Englischen übersetzt von Dr. Carl Kolb Inhalt Einleitung. Erstes Kapitel. das alle übrigen einleitet. Zweites Kapitel Von Herrn Ralph Nickleby, seinen Geschäften und Unternehmungen; desgleichen von einer großen Aktiengesellschaft, die für das ganze Land von höchster Bedeutung ist. Drittes Kapitel Herr Ralph Nickleby erhält traurige Nachrichten von seinem Bruder, weiß sich aber dabei mit edler Standhaftigkeit zu fassen. Der Leser erfährt, wie Nicolaus, der hier eingeführt wird, seinem Onkel gefällt, und wie dieser den wohlwollenden Entschluß faßt, sogleich das Glück seines Neffen zu machen. Viertes Kapitel. Nicolaus und sein Onkel machen, um das Glück ohne Zeitverlust zu fesseln, bei Herrn Wackford Squeers, dem Schulmeister von Yorkshire, ihren Besuch Fünftes Kapitel. Nicolaus begibt sich nach Yorkshire auf den Weg. – Abschied von den Seinigen, seine Reisegefährten und was ihnen unterwegs begegnete. Sechstes Kapitel In dem der im vorigen Kapitel erwähnte Unfall einigen Herren Gelegenheit gibt, sich Geschichten zu erzählen. Siebentes Kapitel. Herr und Madame Squeers in ihrem häuslichen Kreise. Achtes Kapitel. Von dem inneren Haushalt in Dotheboys Hall. Neuntes Kapitel. Von Fräulein Squeers, Madame Squeers, dem jungen Squeers und Herrn Squeers. Auch von verschiedenen Dingen und Personen, die ebensosehr mit der Squeersschen Familie als mit Nicolaus Nickleby in Beziehung stehen. Zehntes Kapitel. Wie Herr Ralph Nickleby für seine Nichte und Schwägerin sorgt. Elftes Kapitel. Herr Newman Noggs führt Frau und Fräulein Nickleby nach ihrer neuen Behausung in der City. Zwölftes Kapitel. Teilt dem Leser mit, welchen Verlauf Fräulein Fanny Squeers' Liebe nahm Dreizehntes Kapitel. Nicolaus bringt durch ein äußerst tatkräftiges und merkwürdiges Verfahren einige Veränderungen in die Einförmigkeit von Dotheboys Hall, was zu nicht unwichtigen Folgen führt. Vierzehntes Kapitel. Hat das Unglück, nur von gewöhnlichen Leuten zu handeln, und ist daher notwendigerweise gleichfalls von niedrigem und gewöhnlichem Charakter. Fünfzehntes Kapitel. Macht den Leser mit der Veranlassung der im vorigen Kapitel beschriebenen Unterbrechung und einigen andern Dingen, die zu wissen nötig sind, bekannt. Sechzehntes Kapitel. Nicolaus sucht eine Anstellung und nimmt, da ihm dieses fehlschlägt, eine Privatlehrerstelle an. Siebzehntes Kapitel. Käthchen Nicklebys weitere Schicksale. Achtzehntes Kapitel. Mamsell Knag, nachdem sie drei ganze Tage in Käthchen Nickleby ganz vernarrt gewesen, nimmt sich vor, sie für immer zu hassen. Die Gründe, die Mamsell Knag zu diesem Entschluß veranlassen. Neunzehntes Kapitel. Beschreibung eines Diners bei Herrn Ralph Nickleby, und der Art, wie sich die Gesellschaft vor, bei und nach diesem Diner unterhielt. Zwanzigstes Kapitel. worin Nicolaus endlich mit seinem Onkel zusammenkommt und ihm mit vieler Offenheit die Meinung sagt. Sein Entschluß. Einundzwanzigstes Kapitel. Madame Mantalini gerät in eine schwierige Stellung, worüber Fräulein Nickleby die ihre ganz und gar verliert. Zweiundzwanzigstes Kapitel. Nicolaus begibt sich in Smikes Begleitung auf den Weg, um sein Glück zu suchen, und macht bei dieser Gelegenheit eine interessante Bekanntschaft in der Person des Herrn Vincent Crummles. Dreiundzwanzigstes Kapitel. Handelt von der Gesellschaft des Herrn Vincent Crummles, wie auch von dessen häuslichen und Theaterangelegenheiten. Vierundzwanzigstes Kapitel. Von Demoiselle Snevelliccis großem Benefiz und Nicolaus' erstem Auftreten auf der Bühne. Fünfundzwanzigstes Kapitel. Handelt von einer jungen Dame aus London, die sich der Gesellschaft anschließt, und einem ältlichen Bewunderer derselben, der ihrem Schlepptau folgt; nebst einer rührenden Zeremonie, die nach ihrer Ankunft stattfindet. Sechsundzwanzigstes Kapitel. In dem Käthchen Nicklebys Seelenfrieden in Gefahr gerät. Siebenundzwanzigstes Kapitel. Madame Nickleby wird mit den Herren Pyke und Pluck bekannt, deren Ergebenheit und Teilnahme über alle Grenzen geht. Achtundzwanzigstes Kapitel. Käthchen Nickleby, durch Sir Mulberry Hawks Verfolgung und die verschiedenen Schwierigkeiten und Unfälle, die sie umgeben, zur Verzweiflung gebracht, sucht, als letztes Mittel, den Schutz ihres Onkels nach. Neunundzwanzigstes Kapitel. Von Nicolaus' weiteren Schicksalen und gewissen Spaltungen in der Gesellschaft des Herrn Vincent Crummles. Dreißigstes Kapitel. Festlichkeiten, die Nicolaus zu Ehren veranstaltet werden. Dieser entzieht sich plötzlich der Vincent Crummlesschen Theatergesellschaft. Einunddreißigstes Kapitel. Von Ralph Nickleby und Newman Noggs, nebst einigen weisen Vorsichtsmaßregeln, deren günstiges oder ungünstiges Ergebnis die Folge zeigen wird. Zweiunddreißigstes Kapitel. Berichtet hauptsächlich eine merkwürdige Unterredung und einige daraus fließende merkwürdige Folgen. Einleitung. Dickens hat seinem 1839 erschienenen Roman »Nicolaus Nickleby« selbst ein auch in unserer Ausgabe zum Abdruck kommendes Nachwort geschrieben, worin er mit echt englisch satirischem Humor bestätigt, daß die von ihm geschilderten Zustände im Privatschulwesen tatsächlich bestanden haben. Der heutige deutsche Leser würde erst recht sonst annehmen, daß so schreckliche Verhältnisse kaum möglich gewesen sein konnten. Aber in unserer Zeit, wo das Schulwesen durchweg unter Aufsicht des Staates steht, ist es schwer denkbar, daß früher auch auf dem Kontinent, auch in Deutschland Winkelschulen schlimmster Art existierten, die denen des Yorkshirer Schulmeisters Squeers kaum etwas nachgaben. Indem Dickens auf die Wunden der menschlichen Gesellschaft schonungslos hinwies, ward er ein sozialer Apostel, als der er sich auch in »Schwere Zeiten« und in gleichgerichteten anderen Werken gezeigt hat. Man wird den Gehalt des Nickleby erst recht zu schätzen wissen, wenn man ihn aus dem Geist der Zeit, dem englischen Puritanismus heraus zu lesen versteht. Unserer ›aufgeklärteren‹, minder empfindsamen Welt von heute wird z. B. fast unbegreiflich erscheinen, wie hilflos zunächst ein junges Mädchen wie Käthchen der argen Welt gegenübersteht, in die sie durch Ralph Nickleby gestürzt wird. Das Mädchen von heute weiß sich anders zu helfen als Käthchen. Aber wir mögen bedenken, daß auch uns Deutschen der dem englischen Käthchen verwandte Typus Gretchens, den uns Goethes »Faust« schenkte, immer seltener, ja fremdartiger wird. Noch seltsamer mögen uns manche gesellschaftliche Zustände und Einrichtungen erscheinen, die aber eben aus dem Geist des Puritanertums begreiflich werden. Die Puritaner bedeuteten zunächst eine von dem Genf Calvins beeinflußte Partei der Protestanten in England. Sie wollten innerhalb der anglikanischen Kirche die Reinheit (puritas) des evangelischen Christentums wiederherstellen, forderten Trennung der Kirche vom Staat und strengste Kirchenzucht. Die puritanische Gesinnung setzte sich im Zeitalter des großen Staatsmannes Cromwell durch; sie bedingte die straff disziplinierte Sittlichkeit Englands während der folgenden Jahrhunderte und hat in ihrer Strenge und Nüchternheit das meiste dazu beigetragen, daß England die Weltmachtstellung erlangte, die es heute besitzt. Anderseits aber drang die äußere Disziplinierung nicht überall durch. So kam es, daß Prüderie und Heuchelei, ein nur »sittlich tun als ob«, ein Nichtsehenwollen und Nichtsehenkönnen des Schlechten, ja ein gewisser Zynismus zu den schlimmsten Fehlern der englischen Gesellschaft wurden. Wie sich der englische Puritanismus zum Guten auswirken konnte, das zeigt bei Dickens das prachtvolle Kaufmannspaar, die Gebrüder Cheerible; und wie er sich zum Bösen wendet, das erweist an gleicher Stelle die Umwelt des Wucherers Ralph Nickleby. Auch das nichtswürdige Dulden von Privatschulen nach dem Muster eines Squeers wird so begreiflich. Ebenso erklärt sich aus dieser Geisteswelt die Sphäre der bald anmutenden, liebenswürdigen, bald beklemmenden, vorurteilsvoll sich zeigenden Moden und Launen der Frauenzimmerwelt, von der Dickens in unserem Roman die verschiedensten Charaktere darstellt: von dem keuschen (keusch im schönsten Sinne!) Käthchen bis zur konventionell aufgeplusterten, geschwätzigen Madame Nickleby, von der eingebildeten Thilda bis zu der liebenswürdigen, harmlosen kleinen Malerin. Als scharfblickender Frauenkenner zeichnet Dickens die einzelnen Vertreterinnen des weiblichen Geschlechts und ihre ewigen Schwächen ersichtlich mit boshaftem Vergnügen. Dickens Romane bewahren stets den Glauben an den endlichen Sieg des Guten. Sie überlasten anfangs oft geradezu den Leser mit den Schrecken des Bösen. Um so größer ist dann des Lesers Freude, wenn der Schurke endlich die verdiente Strafe erhält, und der strebende Brave – in unserm Fall der wackere Brausekopf, der gutherzige Jüngling Nicolaus Nickleby – den Lohn für sein Ausharren auf dem Pfad der Tugend erhält. – Auch bei der Textrevision dieses Werkes habe ich Frau Clara Weinberg für getreue Mithilfe zu danken. P. Th. H. Erstes Kapitel. das alle übrigen einleitet. In einem abgelegenen Teile der Grafschaft Devonshire lebte einmal ein ehrenwerter Mann, Namens Gottfried Nickleby, der es sich in seinen späteren Lebensjahren noch in den Kopf gesetzt hatte, daß er heiraten müsse. Da aber außer dem Mangel der Jugend auch seine Vermögensumstände nicht zu den glänzendsten gehörten, und er daher nicht auf die Hand einer vermögenden Dame rechnen durfte, so verehelichte er sich aus purer Zuneigung mit einer alten Flamme, die ihn aus dem nämlichen Grunde nahm – wie etwa zwei Leutchen, die es nicht erschwingen können, um Geld Karten zu spielen, sich hin und wieder den Gefallen erweisen, miteinander eine Partie umsonst zu machen. Boshafte Ehestandsspöttler mögen hier vielleicht die Einwendung machen, daß das gute Paar so ziemlich den Inhabern einiger Kampfhähne glich, die, wenn ihre Börse knapp bestellt ist und keine Wetter vorhanden sind, gar großmütig aus reiner Lust an dem Schauspiele die Vorzüge ihrer Tiere in einem Kampfe zur Schau stellen. Und in der Tat wäre auch der Vergleich in gewisser Hinsicht nicht ohne treffende Spitze; denn wenn die paar Glücksritter von Fives' Court nachher einen Hut herumgehen lassen werden, in der festen Zuversicht, die Zuschauer würden wohl die Güte haben, ihnen die Mittel zu einer Erfrischung zu liefern, so sahen auch Herr Gottfried Nickleby und seine traute Hälfte nach dem Ablauf der Flitterwochen sehnsüchtig in die Welt hinaus und verließen sich in nicht geringem Grade auf den Zufall, der ihrem Erwerb aufhelfen sollte. Herrn Nicklebys jährliches Einkommen schwankte zur Zeit seiner Verheiratung zwischen jährlichen sechzig bis achtzig Pfunden. Es gibt – der Himmel weiß es – Leute genug in der Welt, und sogar in London, wo Herr Nickleby in jenen Tagen wohnte, hört man nur wenige Klagen darüber, daß die Bevölkerung zu sparsam sei. Aber es ist eben so wahr wie seltsam, daß man sich, weiß Gott, wie lange, unter der Menge umsehen kann, ohne das Gesicht eines Freundes zu entdecken. Herr Nickleby sah und sah sich um, bis ihn die Augen nicht weniger schmerzten als sein Herz, aber nirgends wollte sich ein Freund blicken lassen. Wenn er dann die vom Suchen ermüdeten Gesichtsorgane seinem eigenen Herde zuwandte, so zeigte sich auch dort gar wenig, an dem sie hätten ausruhen können. Ein Maler, der zu lange eine grelle Farbe angesehen hat, stärkt die geschwächte Sehkraft dadurch, daß er das Auge auf tieferen und dunkleren Tinten ruhen läßt; aber alles, was Herrn Nicklebys Blicken begegnete, war so gar schwarz und düster, daß das gerade Gegenteil davon ihn über die Maßen erfrischt haben würde. Als endlich nach fünf Jahren Frau Nickleby ihren Gatten mit ein paar Söhnchen beglückt hatte, fühlte der tiefgedrückte Mann die Notwendigkeit, für seine Familie zu sorgen, immer mehr und mehr, und er war bereits nach ernstlicher Erwägung zu dem Entschluß gekommen, sich am nächsten Quartale in eine Lebensversicherungsgesellschaft aufnehmen zu lassen und dann ganz zufällig von irgend einem Monument oder Turm herunterzufallen, als eines Morgens ein schwarzgesiegelter Brief mit der Nachricht anlangte, Herr Ralph Nickleby, sein Oheim, sei gestorben und habe ihm die Gesamtmasse seines kleinen Vermögens, das sich im ganzen ungefähr auf fünftausend Pfund Sterling belief, hinterlassen. Der Selige hatte bei seinen Lebzeiten keine weitere Notiz von seinem Neffen genommen, als daß er dessen ältestem Knaben – der infolge einer verzweifelten Spekulation bei der Taufe den Namen seines Großonkels erhalten hatte – einen silbernen Löffel in einem Maroquinfutterale schickte. Da der Knabe aber nicht allzuviel damit zu essen hatte, so sah das Geschenk fast wie eine Satire darauf aus, daß das Kind nicht mit diesem nützlichen Artikel im Munde auf die Welt gekommen sei. Herr Gottfried Nickleby konnte im Anfang die ihm auf diese Weise zugekommene Nachricht kaum glauben. Bei weiterer Untersuchung stellte sich jedoch heraus, daß sich die Sache wirklich so verhalte. Der wackere, alte Herr hatte, wie es schien, beabsichtigt, das ganze seiner Habe dem Zentral-Rettungsverein zu hinterlassen, und zu diesem Ende auch schon ein Testament ausfertigen lassen. Aber dieses Institut war einige Monate vorher so unglücklich gewesen, das Leben eines armen Verwandten des Ehrenmannes zu retten, dem er wöchentlich ein Almosen von sechs Schillingen und drei Pencen auszahlte, weshalb er in höchst gerechter Entrüstung das Vermächtnis durch eine Verfügung widerrief und Herrn Gottfried Nickleby zum Universalerben einsetzte, wobei er es nicht unterlassen konnte, seinen Unwillen sowohl gegen die Gesellschaft, die das Leben des armen Verwandten rettete, als auch gegen den armen Verwandten selbst, der sich dasselbe retten ließ, auszudrücken. Mit einem Teile dieser Erbschaft kaufte Gottfried Nickleby ein kleines Landgut unweit Dawlisy in Devonshire, wohin er sich mit seiner Gattin und zwei Kindern zurückzog, um von dem spärlichen Ertrage des Gütchens und den Zinsen des ihm noch übrigbleibenden Geldes zu leben. Das Ehepaar führte fünfzehn Jahre lang so gute Wirtschaft, daß Herr Nickleby, als er – fünf Jahre nach dem Tode seiner Gattin – starb, seinem ältesten Sohne Ralph dreitausend Pfund in barem Gelde, und dem jüngeren, Nicolaus, tausend Pfund und das Landgut zu hinterlassen imstande war, wenn man anders ein Stück Feld ein Landgut nennen kann, das mit Ausnahme des Hauses und des eingehegten Grasgartens keinen größern Umfang hatte, als der Russellplatz von Convent-Garden. Die zwei Brüder waren miteinander in einer Schule zu Exeter erzogen worden und hatten, da sie gewöhnlich wöchentlich einmal einen Besuch in ihrer Heimat machten, von den Lippen ihrer Mutter oft lange Erzählungen von den Leiden ihres Vaters in den Tagen seiner Armut und der Wichtigkeit ihres hingeschiedenen Onkels in den Tagen seines Wohlstandes mit angehört – Erzählungen, die auf die beiden Knaben einen gar verschiedenen Eindruck hervorbrachten: denn während der jüngere, dessen Charakter schüchtern und zurückgezogen war, nur Winke darin fand, die große Welt zu meiden und sein Glück in der Ruhe des Landlebens zu suchen, schöpfte Ralph, der ältere, die zwei großen Lehren daraus, »daß Reichtum die einzige wahre Quelle von Glück und Ansehen sei«, und »daß man zu dessen Erwerb alle Mittel anwenden dürfe, wofern sie nur nicht durch das Gesetz mit der Todesstrafe bedroht wären.« »Wenn meines Onkels Geld auch keinen Nutzen brachte, solange er lebte«, folgerte Ralph weiter, »so kam es doch nach seinem Tode meinem Vater zu Frommen, der jetzt den höchst lobenswerten Vorsatz hat, es für mich aufzusparen; und was den alten Herrn anbelangt, so hatte er doch auch einen Genuß davon in dem Vergnügen, all seiner Lebtage daran zu denken und außerdem von seiner ganzen Familie beneidet und in Ehren gehalten zu werden.« Und so kam Ralph immer bei derartigen Selbstgesprächen zu dem Schluß, daß auf der ganzen Welt nichts dem Gelde gleichkäme. Der hoffnungsvolle Knabe beschränkte sich jedoch schon in seinen frühen Jahren nicht auf die Theorie und auf bloße abstrakte Spekulationen, sondern begann bereits in der Schule im kleinen Maßstab das Gewerbe eines Wucherers, indem er kleine Kapitalien von Schieferstiften und Kugeln auf gute Zinsen auslieh und allmählich seine Betriebsamkeit bis zu der Kupfermünze, über die seine Kameraden zu verfügen hatten, ausdehnte, wobei er auf eine sehr vorteilbringende Weise spekulierte. Er bemühte übrigens seine Schuldner nicht mit umständlichen und verwickelten Berechnungen, denn seine Interessenbestimmung beruhte einfach auf der goldenen Regel: »zwei Pfennig für jeden Heller«, wodurch die Rechnung sehr erleichtert wurde – ein Grundsatz, der großen und kleinen Kapitalisten, insbesondere aber den Geldwechslern, nicht genug zur Beachtung empfohlen werden kann, da er sich leichter erlernen und im Gedächtnis behalten läßt, als jede andere arithmetische Regel. Wir müssen jedoch diesen Herren Gerechtigkeit widerfahren und ihnen die Anerkennung zuteil werden lassen, daß diese Regel unter vielen von ihnen bis auf den heutigen Tag im Schwunge ist und mit ausgezeichnetem Erfolge geübt wird. In gleicher Weise vermied der junge Ralph Nickleby alle umständlichen und verwickelten Berechnungen einzelner Tage, mit denen man, wie jeder weiß, der schon damit zu tun hatte, selbst bei dem einfachsten Zinsfuße, seine liebe Not hat. Er stellte einfach als allgemeine Regel fest, daß Kapital nebst Interessen jedesmal an dem Taschengeldtage, das heißt am Samstage, zurückbezahlt werden, und daß der Zinsenbelauf, mochte die Schuld am Montag oder am Freitag kontrahiert worden sein, stets derselbe sein solle. Er folgerte nämlich, und nicht ohne scheinbaren Grund, daß die Interessen eigentlich für einen Tag höher stehen sollten als für fünf, da man annehmen könne, daß in dem ersteren Falle dem Borgenden aus einer gar großen Verlegenheit geholfen würde, da er sonst gewiß nicht unter solchen nachteiligen Bedingungen Geld aufnehmen würde. Dieser Umstand ist sehr bezeichnend, da er die geheime Verbindung und Sympathie ans Licht stellt, die stets zwischen großen Geistern besteht, denn die obenerwähnte Klasse von Geschäftsleuten verfährt bei allen ihren Operationen genau nach demselben Grundsatze, obgleich unser junges Herrchen das damals noch nicht wissen konnte. Aus diesen Schilderungen und der Bewunderung, die natürlich jeder Leser dem Gesagten zufolge für den Charakter eines solchen jungen Mannes hegen muß, könnte man auf die Vermutung kommen, daß Ralph der Held des Werkes sei, das wir eben begonnen haben. Um jedoch diesen Punkt ein für allemal zu erledigen, beeilen wir uns, jeden Irrtum dadurch zu beseitigen, daß wir zu dem wirklichen Anfange übergehen. Nach dem Tode seines Vaters widmete sich Ralph Nickleby, der kurz zuvor in einem Londoner Handlungshaus untergebracht worden war, leidenschaftlich seinem alten Hange, Geld zu erwerben, in den er sich alsbald so sehr vertiefte, daß er seinen Bruder viele Jahre ganz und gar vergaß. Wenn auch hin und wieder eine Rückerinnerung an seinen alten Spielgefährten durch den Nebel, in dem er lebte, brach – denn das Gold umhüllt den Menschen mit einem Dunste, der auf die früheren Gefühle weit zerstörender und einschläfernder wirkt als die Dämpfe der Steinkohlen – so tauchte damit zugleich auch der Gedanke auf, daß jener im Falle eines innigeren Verhältnisses vielleicht Geld von ihm würde borgen wollen; und so schüttelte Herr Ralph Nickleby die Achseln und sagte: »Es ist besser so, wie es ist.« Was Nicolaus anbelangt, so lebte er als Junggeselle auf seinem Erbgut, bis er der Einsamkeit müde war, und nahm dann die Tochter eines Nachbars mit einer Mitgift von tausend Pfunden zum Weibe. Diese gute Frau gebar ihm zwei Kinder, einen Sohn und eine Tochter, und als der Sohn ungefähr neunzehn Jahre und die Tochter, soweit wir vermuten können, vierzehn Jahre zählte (denn vor dem neuen Gesetz wurden in Englands Registraturen nirgends ganz zuverlässige Angaben über das Alter junger Damen aufbewahrt), so sah sich Herr Nickleby nach Mitteln um, sein Kapital wieder zu vergrößern, da es durch den Zuwachs seiner Familie und die Kosten der Erziehung seiner Kinder sehr geschmälert worden war. »Spekuliere damit!« meinte Frau Nickleby. »Spe-ku-lie-ren, mein Schatz?« entgegnete Herr Nickleby mit bedenklichem Tone. »Warum nicht?« fragte Frau Nickleby. »Weil wir nichts mehr zu leben hätten, meine Liebe, wenn wir es verlieren sollten«, antwortete Herr Nicklebey in seinem gewohnten bedächtigen und gezogenen Ton. »Bah!« erwiderte Frau Nickleby. »Man kann es ja überlegen, meine Gute«, versetzte Herr Nickleby. »Der Nicolaus ist schon ziemlich herangewachsen«, fuhr die Dame fort; »es ist Zeit, daß er sich selbst einmal zu rühren anfängt; und was soll aus unserm Käthchen, dem armen Mädchen, werden, wenn wir ihr keinen Heller mitgeben können? Denk an deinen Bruder! Würde er sein, was er ist, wenn er nicht spekuliert hätte?« »Das ist wahr!« entgegnete Herr Nickleby. »Nun gut also, mein Schatz. So will ich mich denn aufs Spekulieren legen, meine Liebe.« Spekulationen sind ein Glücksspiel. Die Spieler sehen im Anfang wenig oder nichts von ihren Karten. Der Gewinn kann groß sein, ebenso aber auch der Verlust. Das Glück erklärte sich gegen Herrn Nickleby. Man war damals gerade wie toll auf eine Aktienunternehmung – die Seifenblase barst; vier Aktienmakler kauften sich Landgüter in Florenz, und vierhundert arme Schlucker, unter denen sich auch Herr Nickleby befand, waren ruiniert. »Das Haus, in dem ich wohne«, seufzte der unglückliche Spekulant, »kann mir morgen genommen werden. Kein Stückchen unserer alten Möbeln bleibt uns; alles wird an Fremde verkauft werden!« Dieser letzte Gedanke wurde ihm so schmerzlich, daß er sich zu Bett legte, augenscheinlich fest entschlossen, wenigstens dieses in keinem Fall aufzugeben. »Fassen Sie Mut, Sir«, sagte der Arzt. »Sie müssen sich nicht so ganz und gar niederschlagen lassen, Sir«, sagte die Krankenwärterin. »Solche Dinge kommen alle Tage vor«, bemerkte der Advokat. »Und es ist eine große Sünde, sich dagegen aufzulehnen«, flüsterte der Pfarrer. »Ein Mann, der eine Familie hat, sollte so etwas nie tun«, fügten die Nachbarn bei. Herr Nickleby schüttelte seinen Kopf, bedeutete allen, das Zimmer zu verlassen, umarmte sein Weib und seine Kinder, drückte sie abwechselnd an das matter pochende Herz und sank erschöpft auf sein Kissen. Sie bemerkten jedoch bald zu ihrer großen Bestürzung, daß er von nun an irre zu reden begann, denn er sprach lange von der Großmut und der Güte seines Bruders und von den vergnügten Tagen, die sie miteinander auf der Schule zugebracht hätten. Als dieser Anfall vorüber war, empfahl er sich feierlich dem Einen, der nie der Witwen und Waisen vergißt, lächelte ihnen matt zu, richtete das Gesicht aufwärts und sagte, er glaube, daß er einschlummern könne. Zweites Kapitel Von Herrn Ralph Nickleby, seinen Geschäften und Unternehmungen; desgleichen von einer großen Aktiengesellschaft, die für das ganze Land von höchster Bedeutung ist. Herr Ralph Nickleby war, im eigentlichen Sinne des Wortes, weder Kaufmann, noch Bankier, noch Notar, und man hätte ihn überhaupt nicht leicht irgendeinem bestimmten Gewerbe zuteilen können. Demungeachtet aber ließ sich aus dem Umstande, daß er in einem geräumigen Hause in Golden Square wohnte, das nebst einer Messingplatte an der Haustür eine zweite viel kleinere an dem Türpfosten linker Hand hatte, die sich an dem Messingmodell einer Kinderhand befand und die Aufschrift »Bureau« trug, entnehmen, daß Herr Ralph Nickleby irgendein Geschäft betrieb oder zu betreiben schien. Dies ging auch noch zum Überfluß aus der weiteren Tatsache hervor, daß zwischen halb zehn und fünf Uhr täglich ein Mann mit einem aschfahlen Gesicht und in einem rostbraunen Anzug zugegen war, der in einem speisekammerähnlichen Gemache am Ende der Hausflur auf einem ungewöhnlich harten Stuhl saß und stets eine Feder hinter dem Ohr hatte, wenn er auf den Ruf der Klingel die Haustür öffnete. Golden Square ist ziemlich abgelegen; es hat seine Zeit durchlebt und gehört nunmehr unter die herabgekommenen Plätze, so daß nur wenige Geschäftsleute dort ihren Aufenthalt wählen. Die Wohnungen werden meistens vermietet, und die ersten und zweiten Stockwerke gewöhnlich bereits möbliert an ledige Herren abgegeben, die zugleich auch im Hause einen Kosttisch finden. Es ist der vorzugsweise Zufluchtsort der Fremden. Die sonnverbrannten Männergestalten mit großen Ringen, schweren Uhrketten und buschigen Backenbärten, die sich zwischen vier und fünf des Nachmittags unter der Säulenhalle des Opernhauses und um Herrn Seguins Bureau versammeln, sobald er es geöffnet hat, um die Logenbillets auszugeben – all diese leben in Golden Square oder in dessen Nähe. Einige Violinisten und ein Trompeter von der Opernbande haben hier ihren Wohnsitz aufgeschlagen. In den Kosthäusern wird musiziert, und die Töne der Klaviere und Harfen schwimmen in den Abendstunden um das Haupt der trauernden Statue, des Schutzgeistes eines kleinen wirren Buschwerks in dem Mittelpunkt des Platzes. In Sommernächten kann man aus den offenen Fenstern Gruppen von dunklen schnurrbärtigen Gesichtern sehen, die schreckliche Rauchwolken von sich blasen. Die Töne rauher, im Singen sich übender Stimmen unterbrechen die Stille des Abends, und der Rauch aller Sorten von Tabak durchduftet die Luft. Schnupftabak und Zigarren, Flöten, Violinen oder Violoncellos streiten hier miteinander ohne Unterlaß um die Oberherrschaft. Es ist das Reich des Rauches und der Töne. Herumziehende Musikantenbanden fühlen sich in Golden Square wieder neu belebt und erbeben unwillkürlich, wenn sie ihre Stimmen an diesem Ort laut werden lassen. Dem Anscheine nach eignet sich ein derartiger Platz nicht besonders für einen Geschäftsmann. Aber Herr Ralph Nickleby wohnte bereits seit vielen Jahren hier, ohne daß man je eine Beschwerde von ihm vernommen hätte. Er kannte niemanden in der ganzen Umgebung und niemand kannte ihn, obgleich er in dem Rufe eines unermeßlich reichen Mannes stand. Die Handwerker oder Kaufleute hielten ihn für eine Art von Rechtsgelehrten, und die andern Nachbarn meinten, er wäre ein Generalagent oder so etwas; alle diese Vermutungen waren aber so genau und richtig, wie Mutmaßungen über anderer Leute Angelegenheiten gewöhnlich sind oder zu sein pflegen. Herr Ralph Nickleby saß eines Morgens, vollständig zum Ausgehen angekleidet, in seinem Bureau. Er trug einen flaschengrünen Umhang über einem blauen Frack, eine weiße Weste, graumelierte Hosen und darüberhergezogene Wellingtonstiefeln. Der Zipfel eines schmalgefältelten Busenstreifs kämpfte sich, als ob er sich mit Gewalt sehen lassen wolle, zwischen dem Kinn und dem obersten Knopfe seines Umhangs hervor, während das besagte Überwämschen nicht weit genug herunterging, um eine lange, aus einer Reihe von einfachen goldenen Ringen bestehende Uhrkette zu verbergen. Diese nahm in dem Griffe einer goldenen Repetieruhr in Herrn Nicklebys Tasche ihren Ursprung und endete in zwei Schlüssel, von denen der eine zu der Uhr selbst und der andere zu irgendeinem Patentvorlegeschloß gehörte. Er trug etwas Puder in den Haaren, als wünsche er, sich dadurch ein wohlwollendes Aussehen zu geben. Wenn dies aber wirklich seine Absicht war, so hätte er wohl auch sein Gesicht pudern müssen, denn in jeder Falte desselben, nicht minder wie in seinen kalten, unsteten Augen lag etwas, was die im Innern hausende Arglist gegen den Willen des Mannes kundgab. Sei dem jedoch, wie ihm wolle – er saß einmal da, und in der Einsamkeit, in der er sich befand, brachten weder Puder noch Falten noch die Augen auch nur den mindesten guten oder schlimmen Eindruck auf irgend jemand hervor, weshalb auch alles dieses vor der Hand von keinem Belange für uns ist. Herr Nickleby schlug ein auf seinem Pulte liegendes Kontobuch zu, warf sich in seinem Stuhle zurück und blickte mit zerstreuter Miene durch die glanzlosen Fensterscheiben. Einige Häuser in London haben einen trübseligen kleinen Raum hinter sich, der gewöhnlich durch vier hohe, weißgetünchte Mauern umschlossen ist, von denen die Schornsteine zürnend herabblicken. Auf diesem Erdfleckchen welkt alle Jahre ein verkümmerter Baum, der im Spätherbst, wenn andere Bäume ihre Blätter verlieren, tut, als ob er etwas Laub hervorbringen wolle, gar bald aber wieder von seiner Anstrengung abläßt und bis zum nächsten Sommer ausgedörrt dasteht, wo er dann den gleichen Prozeß wiederholt und vielleicht, wenn das Wetter besonders günstig ist, irgendeinen rheumatischen Sperling in Versuchung führt, auf seinen Zweigen zu zirpen. Man nennt diese dunkeln Höfe bisweilen »Gärten«; doch darf man nicht glauben, daß sie jemals angebaut werden, da sie allem Anschein nach nichts weiter als ein unbenutztes Land mit der verwitterten Vegetation des ursprünglichen Tonbodens sind. Niemand denkt daran, an solchen verödeten Plätzen spazierenzugehen oder sie in irgendeiner Weise zu benutzen. Der Mieter wirft vielleicht gleich bei seinem Einzuge – dann aber nimmer – einige Packkörbe, ein halb Dutzend zerbrochener Gläser und ähnlichen Schutt hinein, und da bleibt alles, bis wieder ausgezogen wird, liegen, um unter dem spärlichen Buchsbaum, dem verkümmerten Immergrün und den zerbrochenen Blumentöpfen im Schmutz und Kot nach Belieben zu modern. Nach einem derartigen Raum blickte Herr Ralph Nickleby, als er, die Hände in die Taschen gesteckt, durch das Fenster sah. Er hatte seine Augen auf eine krumme Tanne geheftet, die irgendein früherer Hausbewohner in eine ehedem grüne Kufe gepflanzt und vor Jahren dagelassen hatte, wo sie nach und nach vom Moder aufgezehrt wurde. Der Anblick hatte gerade nichts Einladendes; aber Herr Nickleby war ganz in düstere Gedanken verloren und betrachtete daher diesen Gegenstand mit weit größerer Aufmerksamkeit, als er solche bei klarerem Bewußtsein vielleicht der seltensten ausländischen Pflanze geschenkt haben würde. Endlich wanderten seine Augen zu einem kleinen schmutzigen Fenster linker Hand, durch das das Gesicht des Schreibers undeutlich sichtbar war; und da dieser Ehrenmann gerade aufblickte, so winkte er diesem, hereinzutreten. Der Aufforderung entsprechend, erhob sich der Schreiber von dem hohen Stuhle, der von dem ewigen Auf- und Abrutschen wie poliert aussah, und zeigte sich in Herrn Nicklebys Zimmer. Er war ein großer Mann in mittleren Jahren mit einem Paar Glotzaugen, von denen das eine unbeweglich war, einer Karfunkelnase, einem leichenfahlen Gesichte und einem Anzug, der aufs äußerste abgetragen, um ein namhaftes zu knapp und kurz, und mit so wenigen Knöpfen versehen war, daß man sich wohl höchlich verwundern durfte, wie es der Eigentümer anfing, um ihn überhaupt auf dem Leibe zu behalten. »War das halb ein Uhr, Noggs?« fragte Herr Nickleby mit einer scharfen und unangenehmen Stimme. »Nicht mehr als fünfundzwanzig Minuten nach der –« Noggs wollte beifügen, nach der Wirtshausuhr; er besann sich jedoch noch und ergänzte den Schluß seiner Rede – »nach der Sonnenzeit.« »Meine Uhr ist stehengeblieben«, sagte Herr Nickleby, »ohne daß ich mir denken könnte, warum.« »Nicht aufgezogen«, meinte Noggs. »Nein, das ist nicht der Fall«, versetzte Herr Nickleby. »Dann vielleicht zu stark aufgezogen«, entgegnete Noggs. »Kann auch nicht wohl sein«, entgegnete Herr Nickleby. »Muß sein«, erwiderte Noggs. »Nun, meinetwegen«, sagte Herr Nickleby, die Repetieruhr wieder in seine Tasche steckend. »Vielleicht ist's so.« Noggs gab einen eigentümlich grunzenden Laut von sich, wie er gewöhnlich am Schlusse eines jeden Wortwechsels mit seinem Herrn zu tun pflegte, um dadurch anzudeuten, daß das Recht auf seiner eigenen Seite sei, und versank darauf, da er selten sprach, ohne daß er angeredet wurde, in ein grämliches Schweigen, wobei er sich langsam die Hände rieb, an den Fingern knackte und sie in allen möglichen Richtungen verdrehte. Der Umstand, daß er diese Manipulationen bei jeder Gelegenheit anbrachte, und daß er dem gesunden Auge denselben starren und ungewöhnlichen Ausdruck zu geben wußte, den das andere besaß, wodurch es unmöglich wurde, zu ermitteln, nach was er sehe, war eine von den zahlreichen Eigentümlichkeiten des Herrn Noggs, der jedem, selbst dem gleichgültigsten Beobachter auf den ersten Blick auffallen mußte. »Ich will jetzt nach der London Taverne gehen«, sagte Herr Nickleby. »Öffentliche Versammlung?« fragte Noggs. Herr Nickleby nickte bejahend und versetzte: »Ich erwarte einen Brief von meinem Sachwalter wegen Ruddles Pfandverschreibung. Wenn das Schreiben überhaupt eintrifft, so muß es um zwei Uhr hier sein. Ich werde um diese Zeit die City verlassen und auf der linken Seite des Wegs nach Charing-Croß gehen. Wenn also Briefe anlangen, so werden Sie mir dieselben entgegenbringen.« Noggs nickte, und während er nickte, wurde die Klingel des Bureaus gezogen. Der Herr blickte von seinen Papieren auf, und der Schreiber blieb unbeweglich stehen. »Man hat geläutet«, sagte Noggs, als halte er es für nötig, seinen Gebieter darauf aufmerksam zu machen. »Zu Hause?« »Ja.« »Für jedermann?« »Ja.« »Für den Steuereinnehmer?« »Nein. Er soll ein andermal wiederkommen.« Noggs ließ sein gewohntes Grunzen vernehmen, was so viel als »ich dacht' es ja« sagen sollte, und ging, da das Läuten wiederholt wurde, nach der Tür. Er kehrte übrigens schnell wieder mit einem blassen Herrn, namens Bonney, zurück, der eine sehr schmale weiße Halsbinde ganz nachlässig umgeknöpft trug, mit verwirrten Haaren und ungestümer Hast ins Zimmer trat, und überhaupt aussah, als wäre er in der Nacht aus den Federn geklopft worden, ohne daß er sich zum Ankleiden hätte Zeit nehmen können. »Mein lieber Nickleby«, sagte der Herr, seinen weißen Hut abnehmend, der mit Papieren so vollgepfropft war, daß er kaum auf dem Kopfe festsitzen konnte – »es ist kein Augenblick zu verlieren; ich habe einen Wagen vor der Türe. Sir Matthäus Pupker übernimmt den Vorsitz, und auf drei Parlamentsmitglieder können wir mit Bestimmtheit rechnen. Ich habe selbst zwei von ihnen wohlbehalten aus dem Bett gebracht, und der dritte, der die ganze Nacht durch bei Crockfords am Spieltische gesessen, ist eben nach Hause gegangen, um seine Wäsche zu wechseln und einige Flaschen Sodawasser zu sich zu nehmen; er wird jedoch bestimmt zur rechten Zeit dort eintreffen, um vor der Versammlung seine Rede zu halten. Die durchwachte Nacht hat ihn zwar in einen etwas aufgeregten Zustand versetzt, aber das hat nichts zu sagen; seine Worte werden dadurch nur um so mehr an Nachdruck gewinnen.« »Es scheint, man kann sich etwas Nettes von der Sache versprechen«, versetzte Herr Ralph Nickleby, dessen bedächtiges Benehmen in einem scharfen Gegensatz zu der Lebhaftigkeit des andern Geschäftmannes stand. »Etwas Nettes?« wiederholte Herr Bonney. »Es ist die schönste Idee, die je in eines Menschen Gehirn entsprang. Vereinigte, verbesserte, hauptstädtische, warme Semmel- und Kuchenbäckerei- und pünktliche Ablieferungsgesellschaft. Kapital fünf Millionen in fünfmal hunderttausend Aktien zu je zehn Pfund. Ha, schon der Name wird machen, daß die Aktien in zehn Tagen mit Agio verkauft werden.« »Und wenn's so weit ist?« entgegnete Herr Ralph Nickleby lächelnd. »Wenn's so weit ist, so wissen Sie so gut wie irgendeine andere lebende Seele, was man damit anzufangen hat, und wie man sich in Zeiten ganz ruhig aus der Sache ziehen kann«, versetzte Herr Bonney, indem er dem Kapitalisten vertraulich auf die Schulter klopfte. »Übrigens, Sie haben da einen gar seltsamen Menschen zum Schreiber.« »Hm, es ist ein armer Teufel«, sagte Ralph, seine Handschuhe anziehend; »und doch hat Newman Noggs seinerzeit sich Pferde und Jagdhunde gehalten.« »Ach was!« versetzte der andere gleichgültig. »Ja«, fuhr Ralph fort, »und zwar vor noch nicht langer Zeit; aber er brachte sein Geld durch, legte es aufs Geratewohl an, borgte auf Zinsen und wurde, mit einem Worte, aus einem vollständigen Narren in kurzer Zeit zu einem Bettler. Er ergab sich dem Trinken, wurde von einem Schlagfluß gerührt und kam dann zu mir, um ein Pfund zu borgen, weil ich zur Zeit, als er noch in besseren Verhältnissen war –« »Ah, Sie standen damals mit ihm in Geschäftsverbindung?« entgegnete Herr Bonney mit einem bedeutungsvollen Blicke. »Ganz richtig«, entgegnete Ralph, »Sie werden begreifen, daß ich ihm nichts leihen konnte.« »Ganz natürlich!« »Aber ich bedurfte gerade eines Schreibers und Dieners, der die Tür öffnete usw., weshalb ich ihn aus Barmherzigkeit aufnahm, und so ist er denn seitdem hier geblieben. Ich glaube zwar, daß es in seinem Kopf nicht ganz richtig ist«, fügte Herr Nickleby mit einem Blicke affektierten Mitleids bei – »aber er ist mir nützlich genug, der arme Bursche; ich kann ihn zur Not schon brauchen.« Der weichherzige Mann unterließ es jedoch, hinzuzusetzen, daß der gänzlich verarmte Newman Noggs ihm fast für einen geringeren Lohn diente, als man gewöhnlich einem dreizehnjährigen Knaben zahlt; und in gleicher Weise fand er es nicht für passend, in seiner kurzen Geschichtserzählung des Umstandes zu erwähnen, daß die außerordentliche Schweigsamkeit des Dieners ihn zu einer besonders wertvollen Person an einem Ort machte, wo so viele Geschäfte abgetan wurden, von denen Ralph wünschen mußte, daß diese außer dem Hause nicht zur Sprache kämen. Der andere Herr war jedoch augenscheinlich sehr beeilt, und so verfügten sich denn beide mit einer Hast nach einer Mietdroschke, daß es Herr Nickleby ganz vergaß, solche unwesentlichen Dinge zu erwähnen. Als sie in der Bischoftorstraße anlangten, trafen sie auf ein sehr rühriges Treiben. Es war ein sehr windiger Tag, und ein halb Dutzend Männer durchzogen mit ungeheuren Papierbogen die Straße, auf denen mit riesigen Buchstaben die Ankündigung zu lesen war, daß Punkt ein Uhr eine öffentliche Versammlung stattfinden würde, um die Zweckmäßigkeit einer Petition an das Parlament hinsichtlich der Vereinigten, verbesserten, hauptstädtischen, warmen Semmel- und Kuchenbäckerei- und pünktlichen Ablieferungsgesellschaft zu beraten, deren Kapital aus fünf Millionen in fünfmal hunderttausend Aktien zu je zehn Pfund bestände. Die genannten Zahlen waren gebührend in gewaltigen schwarzen Ziffern auf den Plakaten gemalt. Herr Bonney brach sich unter den tiefen Bücklingen der Aufwärter, die ihm die Treppe hinauf Platz machten, mit dem Ellenbogen Bahn und gelangte mit Herrn Nickleby in eine Reihe von Gemächern hinter dem großen öffentlichen Vorplatz, In dem zweiten derselben befand sich ein geschäftsmäßig aussehender Tisch, um den mehrere geschäftsmäßig aussehende Personen versammelt waren. »Hört!« rief ein Herr mit einem doppelten Kinn, als sich Herr Bonney vorstellte – »einen Stuhl, meine Herren, einen Stuhl!« Die neuen Ankömmlinge wurden mit allgemeinem Beifall aufgenommen. Herr Bonney trat rasch an das Ende des Tisches, nahm seinen Hut ab, strich mit den Fingern durch das Haar und schlug mit einem kleinen Hammer kräftig auf den Tisch, worauf mehrere Herren »Hört!« riefen und sich gegenseitig leicht zunickten, als wollten sie ihre Bewunderung über dieses geistreiche Benehmen ausdrücken. In demselben Augenblicke riß ein Aufwärter in fieberhafter Aufregung geräuschvoll die Tür auf, stürzte in das Gemach und schrie: »Sir Matthäus Pupker!« Das Komitee stand auf und klatschte vor Freude in die Hände; und während man noch klatschte, trat Sir Matthäus Pupker ein, begleitet von zwei leibhaftigen Parlamentsmitgliedern, einem irischen und einem schottischen. Alle drei lächelten, verbeugten sich und benahmen sich so liebenswürdig, daß es als ein wahres Wunder hätte erscheinen müssen, wenn irgendwer den Mut gehabt hätte, gegen sie zu stimmen. Besonders war Sir Matthäus Pupker, der auf dem Scheitel seines kleinen runden Kopfes eine Flachsperücke trug, von einer solchen Verbeugungswut befallen, daß die Perücke jeden Augenblick herunterzufliegen drohte. Als sich diese Symptome einigermaßen gelegt hatten, drängten sich die Herren, die mit Sir Matthäus Pupker und den beiden Parlamentsmitgliedern näher vertraut waren, in drei kleine Gruppen um sie her, während die, die sich einer solchen Ehre nicht zu erfreuen hatten, sich sehnsüchtig heranmachten und lächelnd die Hände rieben, in der verzweifelten Hoffnung, etwas anbringen zu können, was die Aufmerksamkeit auf sie lenken möchte. Inzwischen teilten Sir Matthäus Pupker und die beiden andern Parlamentsmitglieder den sie umgebenden Kreisen die Auffassungen mit, die die Regierung hinsichtlich der Aufnahme der Bill hege, berichteten ausführlich, was ihnen die Minister, als sie das letztemal bei denselben gespeist, zugeflüstert, und welche bedeutungsvollen Winke sie dabei hätten fallen lassen. Aus all diesen Vorgängen könnten sie nur die Folgerung ziehen, daß, wenn sich die Regierung irgendeinen Gegenstand vorzugsweise zu Herzen nähme, dieser kein anderer sei, als das Gedeihen der Vereinigten, verbesserten, hauptstädtischen, warmen Semmel- und Kuchenbäckerei- und pünktlichen Ablieferungsgesellschaft. In der Zwischenzeit, während die Verhandlungsvorbereitungen getroffen und die Ordnung, in der die Sprecher auftreten sollten, festgesetzt wurde, betrachtete das Publikum in dem weiten Raume abwechselnd die leere Tribüne und die Damen auf der Musikantengalerie. Da jedoch der größere Teil der Anwesenden sich schon einige Stunden vorher in dieser erbaulichen Weise unterhalten hatte, und da selbst die angenehmste Zerstreuung, wenn sie allzu lange währt, endlich ermüdet, so begannen einige entschlossene Geister den Boden mit ihren Stiefelabsätzen zu bearbeiten und ihre Unzufriedenheit durch verschiedene Rufe an den Tag zu legen. Diese Musik rührte von denen her, die am längsten da waren und daher der Tribüne am nächsten und dem um der Ordnung willen aufgestellten Polizeipersonal am fernsten standen. Da nun das letztere nicht im Sinn hatte, sich durch das Gedränge durchzukämpfen, trotzdem aber den lobenswerten Wunsch hegte, etwas zu tun, um den Tumult zu beschwichtigen, so begann es sofort allmählich das ruhige, in der Nähe der Tür stehende Volk an den Kragen und Rockschößen zu zerren und gelegentlich einige Hiebe und Stöße mit den Amtsstöcken auszuteilen, ganz in der sinnreichen Weise des Meister Polichinell , dessen glänzendes Beispiel bei diesem Zweig der exekutiven Gewalt, sowohl hinsichtlich der Waffengattung, als der Art ihrer Anwendung, so häufig Nachahmung findet. Es war bereits zu einigen sehr lebhaften Scharmützeln gekommen, als plötzlich ein lauter Ruf die Aufmerksamkeit selbst der kriegführenden Parteien auf sich zog. Jetzt trat durch eine Nebentür eine lange Reihe von Herren mit unbedeckten Häuptern auf die Tribüne, die mit rückwärts gewandten Blicken laute Freudenrufe ausstießen. Die Ursache davon erklärte sich bald in der Erscheinung des Sir Matthäus Pupker und der beiden andern Parlamentsmitglieder, die unter einem betäubenden Geschrei vortraten und sich gegenseitig durch stumme Winke zu verstehen gaben, daß sie in ihrer ganzen öffentlichen Laufbahn nie einen so glorreichen Augenblick wie den gegenwärtigen erlebt hätten. Endlich ließ der Lärm nach, wiederholte sich aber aufs neue für die Dauer von fünf Minuten bei der Ankündigung, daß Sir Matthäus Pupker zum Präsidenten gewählt sei. Als sich der Tumult abermals beschwichtigt hatte, schickte sich Sir Matthäus Pupker an zu sagen, welche Gefühle ihn bei dieser feierlichen Gelegenheit durchdrängen, was der gegenwärtige Augenblick in den Augen der Welt sein würde, wie groß die Einsicht seiner Mitbürger vor ihm und der Reichtum und die Achtbarkeit seiner ehrenwerten Freunde hinter ihm sein müßten; und endlich, welchen wichtigen Einfluß auf den Wohlstand, das Glück, die Bequemlichkeit, die Freiheit und sogar auf die ganze Existenz eines freien und großen Volkes ein Institut üben könne, wie das der Vereinigten, verbesserten, hauptstädtischen, warmen Semmel- und Kuchenbäckerei- und pünktlichen Ablieferungsgesellschaft. Nun trat Herr Bonney vor, um die erste Entscheidung zu beantragen. Er fuhr mit der Rechten durch sein Haar, pflanzte seine Linke gar zierlich gegen seine Rippen, vertraute seinen Hut der Sorgfalt des Herrn mit dem doppelten Kinn, der außerdem auch noch die Weinflaschen für die Redner bereit hielt, und erklärte, daß er den ersten Antrag vorzulesen gedenke – »daß nämlich diese Versammlung nur mit Besorgnis und Unruhe auf den gegenwärtigen Stand des Semmelhandels in der Hauptstadt und deren Nachbarschaft blicken könne; daß die Semmeljungen, wie sie gegenwärtig wären, das Vertrauen des Publikums ganz und gar nicht verdienten, und daß das ganze Semmelsystem ebenso benachteiligend für die Gesundheit und Sittlichkeit des Volkes, wie verderblich für die höchsten Interessen einer großen Handelsstadt wären.« Die Rede des ehrenwerten Herrn lockte Tränen aus den Augen der Damen und weckte bei allen Anwesenden die lebhaftesten Empfindungen. Er hatte die Wohnungen der Armen in den verschiedenen Distrikten Londons besucht und auch nicht die mindesten Semmelspuren daselbst aufgefunden, wodurch er sich zu der Annahme berechtigt glaubte, daß manche dieser dürftigen Personen jahraus, jahrein keine Semmel zu kosten bekämen. Er hatte bemerkt, daß unter den Semmelverkäufern Trunkliebe und Ausschweifungen aller Art herrschten, was er der entsittlichenden Natur ihres Geschäftes in dem gegenwärtigen Betrieb desselben zuschrieb. Er hatte die gleichen Laster unter der ärmeren Klasse des Volkes, die doch auch an der Semmelkonsumtion teilnehmen sollte, entdeckt und glaubte den Grund in der Verzweiflung zu finden, die diese Leute antrieb, ein falsches Reizmittel in berauschenden Getränken zu suchen, weil sie nicht in der Lage wären, sich ein so ungemein kräftigendes Nahrungsmittel wie die Semmel zu verschaffen. Er wollte es auf sich nehmen, vor einem Komitee des Unterhauses zu beweisen, daß eine geheime Verbindung bestehe, um den Preis der Semmeln stets recht hoch zu halten und um deren Austrägern ein Monopol zu verschaffen. Er erklärte sich bereit, dieses durch die eigenen Worte der Verkäufer vor den Schranken dieses Hauses zu beweisen. Er wollte auch dartun, daß diese Menschen sich gegenseitig durch geheime Worte und Zeichen als »Snooks«, »Walker«, »Ferguson«, »Ist Murphy fertig« und dergleichen in ein Einvernehmen setzten. Die Gesellschaft beabsichtige nun, diesem betrübenden Zustand der Dinge abzuhelfen, indem sie erstlich beantrage, daß aller und jeder Privatsemmelverkauf bei schwerer Strafe verboten werde, und zweitens, daß sie selbst das Publikum ausschließlich mit dieser Ware versehe, und zwar so, daß auch die Armen in ihren eigenen Häusern mit Semmeln von vorzüglicher Güte zu herabgesetzten Preisen bedient werden könnten. Der patriotische Präsident dieser Versammlung, Sir Matthäus Pupker, habe über diesen Gegenstand bereits eine Bill vor das Parlament gebracht, zu deren Unterstützung die gegenwärtige Versammlung beantragt worden sei. Wer diese Bill unterstütze, würde unsterblichen Ruhm und Glanz über England bringen unter dem Namen der Vereinigten, verbesserten, hauptstädtischen, warmen Semmel- und Kuchenbäckerei- und pünktlichen Ablieferungsgesellschaft mit einem Kapital von fünf Millionen in fünfmal hunderttausend Aktien zu je zehn Pfund. Herr Ralph Nickleby unterstützte diesen Antrag, und ein anderer Herr machte den Vorschlag, daß in dem Aufsatze des Herrn Bonney, wo immer das Wort Semmeln vorkäme, auch die Kuchen beigefügt werden sollten, was auch siegreich durchging. Nur ein Mann im Gedränge rief »nein«, wurde aber dafür auf der Stelle festgenommen und ohne weiteres fortgeschafft. Der zweite Vorschlag, der die Zweckmäßigkeit einer unmittelbaren Ausrottung aller Semmel- und Kuchenverkäufer – mochten sie nun Männer oder Weiber, Knaben oder Erwachsene, Glockenmänner oder mit keinen Schellen versehene Leute sein – behandelte, wurde durch einen weinerlichen Herrn in halb geistlichem Habit vorgebracht, der mit einem so ergreifenden Pathos sprach, daß er augenblicklich den ersten Sprecher rein ausstach. Man hätte eine Stecknadel – doch, was sage ich, eine Stecknadel! nein, man hätte eine Feder fallen hören können, als er die Grausamkeit schilderte, mit der die Semmeljungen von ihren Herren behandelt würden und die, wie er weislich hervorhob, an sich schon ein hinreichender Grund wäre, um die beantragte, in ihrem Werte nicht genug zu schätzende Gesellschaft zu bilden. Er sagte, die unglücklichen Jungen würden jede Nacht, selbst in der rauhesten Jahreszeit, auf die nassen Straßen hinausgestoßen, um stundenlang ohne Obdach, Nahrung oder warme Bekleidung durch Finsternis und Regen, Hagel und Schnee umherzuwandern, und machte das Publikum insbesondere darauf aufmerksam, daß man die Knaben, völlig verwahrlost, nur ihren eigenen kümmerlichen Hilfsquellen überlasse, während man doch die Semmeln in warme Tücher einschlage. (Schändlich!) Der ehrwürdige Herr erzählte einen Fall von einem Semmeljungen, der diesem unmenschlichen und barbarischen System nicht weniger als fünf Jahre ausgesetzt war und endlich das Opfer einer Erkältung wurde, unter der er immer weiter herunterkam, bis er endlich in einen Schweiß verfiel und wieder genas. Diesen Vorfall konnte er als Augenzeuge bekräftigen. Er hatte aber auch von einem andern viel herzzerreißenderen und schrecklicheren gehört, dessen Wahrheit zu bezweifeln er keinen Grund finden konnte. Er hatte sich von einem verwaisten Semmelknaben erzählen lassen, der durch einen Mietwagen überfahren wurde, sich in dem Krankenhaus den Fuß unter dem Knie abnehmen lassen mußte und im gegenwärtigen Augenblick noch sein Geschäft auf Krücken fortsetzte. O Quell der Gerechtigkeit! sollen diese Abscheulichkeiten nie aufhören? Dies war der rührendste Teil der Verhandlung, der seine Wirkung auf das Mitgefühl der Versammlung nicht verfehlte. Die Männer riefen Beifall, und die Damen weinten in ihre Taschentücher, bis sie ganz naß, und schwenkten sie so lange, bis sie wieder trocken waren. Die Aufregung war außerordentlich, und Herr Nickleby flüsterte seinem Freunde zu, daß die Aktien bereits jetzt schon fünfundzwanzig Prozent über dem Nennwert anzuschlagen wären. Der Antrag ging natürlich mit lautem Beifall durch, und jeder bekundete seine Zustimmung mit beiden Händen. Man würde in der Begeisterung sogar beide Beine in die Höhe gestreckt haben, wenn es sich füglich hätte ausführen lassen. Es ging nun an das förmliche Verlesen der Petition, in der – wie bei allen Petitionen – vorkam, daß die Bittsteller sehr untertänig und die Empfänger derselben sehr ehrenwert wären, und daß es sich bei der Frage um das allgemeine Beste handle, weshalb der Antrag alsbald, zum unvergänglichen Ruhme der höchst ehrenwerten und ruhmwürdigen versammelten Unterhaus-Abgeordneten des englischen Parlaments, in Gesetzeskraft treten müsse. Dann trat der Herr auf, der die ganze Nacht über im Spielhause gesessen und daher etwas verstörten Blicks war, erklärte seinen Mitbürgern, was für eine Prachtrede er zugunsten der Petition zu halten gedächte, wenn sie im Parlament zur Sprache käme, und setzte ihnen auseinander, mit welchem verzweifelten Hohn er die Unterhaus-Abgeordneten behandeln wolle, wenn es ihnen einfallen sollte, den Antrag zu verwerfen. Er drückte sofort sein Bedauern aus, daß seine ehrenwerten Freunde nicht eine Klausel beigefügt hätten, die es allen Klassen der bürgerlichen Gesellschaft zur zwingenden Aufgabe mache, Semmeln und Kuchen zu kaufen; denn er sei kein Freund von halben Maßregeln und ziehe es vor, allenthalben geradedurch unmittelbar aufs Ziel loszugehen; er behalte sich jedoch vor, dem Komitee hierüber seine Vorschläge zu machen. Der ehrenwerte Herr wurde, nachdem er diese Absicht kundgegeben, scherzhaft; und da Patentstiefel, zitronenfarbige, ziegenlederne Handschuhe und ein Pelzkragen einen Spaß wesentlich unterstützen, so erfolgte ungemeines Lachen und lebhafte Heiterkeit, wobei die Taschentücher der Damen auf eine so glänzende Weise mitwirkten, daß der vorhergehende Sprecher mit seiner empfindsamen Rede ganz in den Schatten zu stehen kam. Als die Petition nach einem abermaligen Verlesen eben förmlich angenommen werden sollte, trat das irische Parlamentsmitglied, ein junger Mann von feurigem Temperament, mit einer Rede auf, wie sie nur ein irisches Parlamentsmitglied halten kann; denn sie war ganz Poesie und schoß in einem solchen Glutstrom dahin, daß man sich schon erwärmt fühlte, wenn man nur den Sprecher ansah. Im Verlauf derselben sagte er, daß er die Ausdehnung dieser großen Wohltat auch auf sein Geburtsland beantragen wolle, für das er, wie bei allen andern, so auch bei dem Semmelgesetz Rechtsgleichheit beanspruche. Auch hoffe er noch den Tag zu erleben, wo Kuchen in Irlands armseligsten Hütten gebacken würden und das Geläut der Semmelglocke dessen reiche, grüne Täler durchtöne. Nach ihm kam das schottische Parlamentsmitglied mit verschiedenen erfreulichen Hindeutungen auf den wahrscheinlichen Belauf des Gewinns, was die gute Laune, die der dichterische Schwung des Irländers geweckt hatte, nur noch mehr erhöhte. Mit einem Wort, alle diese Reden zusammengenommen bewirkten gerade das, was sie erzielen sollten, und brachten den Zuhörern die Überzeugung bei, daß keine Spekulation so vielverheißend und zu gleicher Zeit so preiswürdig sei als die der Vereinigten, verbesserten, hauptstädtischen, warmen Semmel- und Kuchenbäckerei- und pünktlichen Ablieferungs-Gesellschaft. So wurde denn die Petition zugunsten der Bill einstimmig angenommen, und die Versammlung ging unter Beifallrufen auseinander. Herr Nickleby und die andern Direktoren verfügten sich nach einem Speisehause, wo sie das gewöhnliche Halbzweiuhrmahl einnahmen, und brachten, da die Gesellschaft erst im Entstehen war, nur je drei Guineen für ihre eigenen Bemühungen bei dieser Sache in Anrechnung. Drittes Kapitel Herr Ralph Nickleby erhält traurige Nachrichten von seinem Bruder, weiß sich aber dabei mit edler Standhaftigkeit zu fassen. Der Leser erfährt, wie Nicolaus, der hier eingeführt wird, seinem Onkel gefällt, und wie dieser den wohlwollenden Entschluß faßt, sogleich das Glück seines Neffen zu machen. Nachdem Herr Ralph Nickleby bei dem Mahle mit der vollen Rührigkeit eines Geschäftsmannes eifrigen Beistand geleistet hatte, nahm er von seinen Mitspekulanten einen herzlichen Abschied und trat in ungewöhnlich guter Laune den Heimweg an. Als er zu der St.-Pauls-Kirche kam, machte er in einem Torweg halt, um seine Uhr zu richten, und wie er so, den Schlüssel in der Hand und das Auge auf den Zeiger der Kirchturmuhr geheftet, dastand, trat plötzlich ein Mann an seine Seite. Es war Newman Noggs. »Ah, Newman!« sagte Herr Nickleby, während seiner Beschäftigung aufblickend; »das Schreiben wegen der Hypothek ist angelangt, nicht wahr? Ich dachte mir's wohl.« »Mit nichten«, versetzte Newman. »Wie? Und hat niemand deshalb angefragt?« fuhr Herr Nickleby nach einer Pause fort. Noggs schüttelte mit dem Kopfe. »Aber was ist denn gekommen?« fragte Herr Nickleby. »Ich«, entgegnete Newman. »Und was sonst?« fragte sein Dienstherr strenge. »Dies«, erwiderte Newman, indem er langsam einen versiegelten Brief aus der Tasche zog. »Postzeichen Strand, schwarzes Siegel, schwarzer Rand, Frauenhand, C. N. in der Ecke.« »Schwarzes Siegel?« sagte Herr Nickleby mit einem Blick auf den Brief. »Ich glaube, ich kenne die Hand. Es sollte mich nicht wundernehmen, Newman, wenn mein Bruder tot wäre.« »Will's wohl glauben«, versetzte Newman ruhig. »Warum?« fragte Herr Nickleby. »Einfach deshalb, weil Sie nie etwas wundernimmt«, antwortete Newman. Herr Nicklcby riß den Brief aus der Hand seines Dieners, betrachtete ihn mit kalten Blicken, öffnete, las, steckte ihn in seine Tasche und begann nun, da die Zeit jetzt bis auf die Sekunde eintraf, seine Uhr aufzuziehen. »Es ist, wie ich erwartete, Newman«, sagte Herr Nickleby während dieser Beschäftigung, »er ist tot. Du mein Himmel, das kommt recht unverhofft. Ich hätte es in der Tat nicht gedacht.« Mit diesem rührenden Ausbruch seines Schmerzes steckte Herr Nickleby seine Uhr in die Tasche, streifte sich seine Handschuhe zurecht und ging langsam, die Hände auf den Rücken legend, weiter. »Kinder hinterlassen?« fragte Noggs, seinem Herrn folgend. »Ei, das ist's eben«, erwiderte Herr Nickleby, dessen Gedanken gerade mit diesem Gegenstande beschäftigt schienen, »zwei lebendige Kinder.« »Zwei?« wiederholte Newman Noggs mit leiser Stimme. »Und auch die Witwe«, fügte Herr Nickleby bei. »Alle drei sind jetzt in London – hole sie der Henker! Alle drei hier, Newman!« Newman blieb etwas hinter seinem Gebieter zurück, und sein Gesicht wurde durch eine seltsame Grimasse verzerrt – ob jedoch infolge seiner körperlichen Schwäche, eines Schmerzgefühls oder eines innerlichen Lachens, konnte niemand als er selbst sagen. Der Ausdruck des menschlichen Gesichts ist gewöhnlich ein Spiegel der Gedanken oder der Erklärer der Worte; aber Newman Noggs Züge blieben in allen Gemütsstimmungen ein unlösliches Rätsel. »Gehen Sie nach Hause«, sagte Herr Nickleby nach einer Weile, indem er seinem Schreiber einen Blick zuwarf, als ob dieser sein Hund wäre. Die Worte waren kaum ausgesprochen, als Newman über die Straße glitt und sich augenblicklich in dem Gedränge verlor. »Wohl ausersonnen!« brummte Herr Nickleby im Weitergehen vor sich hin, »trefflich ausgedacht! Mein Bruder hat nie etwas für mich getan, und ich erwartete es auch nicht; aber kaum ist ihm der Atem ausgegangen, so sieht man sich nach mir um, als der einzigen Stütze eines großen, stämmigen Weibes, eines herangewachsenen Jungen und eines dito Mädchens. Was sind sie mir? Ich habe sie in meinem Leben nie gesehen.« Unter diesen und ähnlichen Betrachtungen schlug Herr Nickleby den nächsten Weg nach dem Strand ein, zog den Brief zu Rate, um sich hinsichtlich der Hausnummer, die er suchte, Gewißheit zu verschaffen, und machte vor der Tür eines Hauses etwa in der Mitte dieser sehr belebten Straße halt. Es mußte hier ein Miniaturmaler wohnen, denn über der Türe war ein großer vergoldeter Rahmen festgeschraubt, in dem sich auf schwarzem Samtgrunde zwei Porträts in Marineuniform nebst den bezeichnenden Teleskopen, das eines jungen Herrn im Scharlachfracke, der einen Säbel schwang, und das eines Gelehrten mit hoher Stirn, einer Feder, einem Tintenfaß, sechs Büchern und einem Vorhange befanden. Daneben sah man noch das ungemein ansprechende Gemälde einer jungen Dame, die in einem endlosen Walde ein Manuskript las, und die liebenswürdige ganze Figur eines großköpfigen, kleinen Knaben, der mit Beinen, die zu der Größe von Salzlöffelchen verkürzt waren, auf einem Schemel saß. Außer diesen Kunstprodukten zeigten sich auch noch viele Köpfe von alten Damen und Herren, die aus blauen und braunen Hintergründen sich gegenseitig zulächelten, und eine zierlich geschriebene Preisliste mit gepreßtem Rande. Herr Nickleby blickte mit großer Verachtung auf diese Armseligkeiten und klopfte mit Doppelschlägen an die Tür, was er jedoch dreimal wiederholen mußte, ehe ihm ein Dienstmädchen mit einem ungemein schmutzigen Gesicht öffnete. »Ist Madame Nickleby zu Hause, Mädchen?« fragte Ralph ungeduldig. »Sie heißt nicht Nickleby«, antwortete das Mädchen; »Sie meinen vielleicht La Creevy?« Herr Nickleby blickte das Dienstmädchen, das ihn in dieser Weise verbessern wollte, unwillig an und fragte sie in einem strengen Tone, was sie damit sagen wolle. Das Mädchen war auch eben im Begriffe, sich näher zu erklären, als eine weibliche Stimme von einer fast senkrechten Treppe an dem Ende der Hausflur herunter die Frage vernehmen ließ, zu wem man wolle. »Zu Frau Nickleby«, versetzte Ralph. »Es ist der zweite Stock, Hanna«, fuhr dieselbe Stimme fort. »Was du doch für ein dummes Ding bist. Ist man im zweiten Stock zu Hause?« »Es ist eben jemand hinausgegangen, aber ich glaube, es kam von der Dachstube, aus der man den Kehricht heruntergetragen hat«, versetzte das Mädchen. »So sieh nach!« erwiderte das unsichtbare Frauenzimmer. »Zeige dem Herrn, wo die Klingel ist, und sage ihm, er dürfe nicht mit einem Doppelschlag für den zweiten Stock anpochen. Ich kann überhaupt das Pochen nicht gestatten, es müßte denn die Klingel zerbrochen sein, und dann muß es durch zwei einfache Schläge geschehen.« »Nun«, sagte Herr Ralph, ohne weiteres ins Haus tretend, »ich bitte um Verzeihung; sind Sie Madame La – wie ist Ihr Name?« »Creevy – La Creevy«, versetzte die Stimme, indem zugleich ein gelber Kopfputz über dem Geländer auftauchte. »Ich möchte, wenn Sie erlauben, einen Augenblick mit Ihnen sprechen, Madame«, entgegnete Ralph. Die Stimme ersuchte den Herrn, heraufzukommen. Dies war aber bereits geschehen, ehe sie noch gesprochen hatte, und als Herr Nickleby in dem ersten Stock anlangte, wurde er von der Besitzerin des gelben Kopfputzes empfangen, deren Kleid und Gesicht so ziemlich von derselben Farbe waren. Fräulein La Creevy war eine gezierte junge Dame von fünfzig, und ihr Zimmer bildete ein passendes Seitenstück zu dem vergoldeten Rahmen über der Tür, nur daß hier die Kunstproduktionen noch zahlreicher und der Raum selbst um ein gutes schmutziger war. »Hm!« begann Fräulein La Creevy, gar zimperlich hinter ihren seidenen Halbhandschuhen hustend, »ich denke, Sie wünschen ein Miniaturporträt? Ihr Gesicht hat hierfür ganz den geeigneten kräftigen Ausdruck, Sir. Sind Sie früher schon gesessen?« »Sie sind, wie ich sehe, hinsichtlich meines Zweckes im Irrtum, Madame«, versetzte Herr Nickleby in seiner gewohnten plumpen Weise. »Ich habe kein Geld, um es für Miniaturbilder wegzuwerfen, Madame, und, Gott sei Dank, auch niemanden, dem ich eins schenken könnte, im Falle ich es hätte. Da ich Sie aber gerade auf der Treppe sah, so wollte ich Ihnen nur eine Frage über einige der hier wohnenden Mieter vorlegen.« Fräulein La Creevy hustete aufs neue – diesmal, um den Verdruß über die fehlgeschlagene Erwartung zu verbergen – und sagte: »Ah, in der Tat?« »Ich vermute aus den an Ihre Magd gerichteten Worten«, entgegnete Herr Nickleby, »daß das zweite Stockwerk Ihnen gehört, Madame?« Fräulein La Creevy erwiderte, daß dem so sei; der obere Teil des Hauses gehöre ihr, und da sie der Zimmer des zweiten Stocks zurzeit nicht bedürfe, so pflege sie dieselben zu vermieten; in der Tat sei es auch gegenwärtig an eine Dame vom Lande mit ihren beiden Kindern vergeben. »An eine Witwe, Madame?« fragte Ralph. »Ja, sie ist eine Witwe«, antwortete die Dame. »Eine arme Witwe , Madame?« fuhr Ralph mit einer starken Betonung dieses kleinen Beiworts, das so viel in sich faßt, fort. »Ach, ich fürchte, sie ist arm«, versetzte Fräulein La Creevy. »Ich weiß zufällig, daß dem so ist, Madame«, sagte Ralph. »Und nun frage ich Sie, was hat eine arme Witwe in einem Hause wie diesem zu schaffen?« »Sehr wahr«, erwiderte Fräulein La Creevy, die solch ein Kompliment über die Schönheit ihrer Zimmer nicht ungnädig aufnahm: »Sie haben vollkommen recht.« »Ich kenne ihre Umstände ganz genau, Madame«, versetzte Ralph. »Mit einem Wort, ich bin mit ihrer Familie verwandt, und ich möchte Ihnen raten, sie nicht zu behalten.« »Wäre nicht zu hoffen«, entgegnete Fräulein La Creevy mit einem weiteren Husten, »daß, im Falle die Dame nicht imstande sein sollte, ihre Zahlungsverbindlichkeiten einzuhalten, ihre Familie –« »Nein, nein, Madame«, unterbrach sie Ralph hastig – »daran ist nicht zu denken.« »Wenn ich dies glauben muß«, erwiderte Fräulein La Creevy, »so erhält die Sache freilich ein ganz anderes Aussehen.« »Glauben Sie es immerhin, Madame«, sagte Ralph, »und treffen Sie danach Ihre Vorkehrungen. Ich bin diese Familie – wenigstens glaube ich der einzige Verwandte zu sein, den sie haben, und ich halte es für meine Pflicht, Sie in Kenntnis zu setzen, daß ich ihre verschwenderische Lebensweise nicht unterstützen kann. Auf wie lange haben sie sich bei Ihnen eingemietet?« »Es geht nur von Woche zu Woche«, versetzte Fräulein Creevy. »Madame Nickleby zahlte für die ersten acht Tage voraus.« »Dann werden Sie gut tun, wenn Sie ihnen für das Ende derselben aufkündigen«, versetzte Ralph. »Das beste ist, wenn sie wieder aufs Land zurückgehen, denn hier sind sie jedermann im Wege.« »Gewiß«, erwiderte Fräulein La Creevy, die Hände reibend, »es wäre sehr unschicklich für eine Dame wie Frau Nickleby, wenn sie Zimmer mietete, ohne die Mittel zu besitzen, ste zu bezahlen.« »Natürlich, natürlich, Madame«, bekräftigte Ralph. »Und da ich vorderhand – hm – nur eine einzelne, schutzlose Dame bin«, fuhr Fräulein La Creevy fort, »so könnte ich einen Verlust an meinen Zimmern nicht verschmerzen.« »Das können Sie freilich nicht, Madame«, stimmte Ralph bei. »Und doch –« fuhr Fräulein Creevy fort, die augenscheinlich zwischen ihrer Gutmütigkeit und ihrem Vorteil schwankte – »kann ich durchaus nichts gegen die Dame sagen; denn obgleich sie ungemein niedergedrückt zu sein scheint, so ist sie doch sehr gefällig und freundlich; und auch die jungen Leutchen sind so artig und wohlerzogen, daß man nicht leicht ihresgleichen findet.« »Nun wohl, Madame«, sagte Ralph, indem er sich der Tür zuwandte, da ihn dieses der Armut gezollte Lob empörte; »ich habe meine Schuldigkeit getan, und vielleicht mehr, als ich hätte tun sollen. Indessen finde ich es natürlich, daß mir kein Mensch für das, was ich gesagt habe, Dank weiß.« »Ich für meine Person wenigstens bin Ihnen sehr verbunden, Sir«, versetzte Fräulein La Creevy mit einer zierlichen Verbeugung. »Wollen Sie mir die Gunst erweisen, einige Proben meiner Porträtmalerei anzusehen?« »Sie sind sehr gütig, Madame«, entgegnete Herr Nickleby, indem er sich mit großer Eile davonmachte; »aber da ich noch einen Besuch eine Stiege weiter oben abzustatten habe und meine Zeit kostbar ist, so bin ich in der Tat außerstande –« »Ich werde mich zu jeder Zeit glücklich schätzen, wenn Sie etwa im Vorbeigehen vorsprechen wollen«, erwiderte Fräulein La Creevy. »Vielleicht haben Sie die Gefälligkeit, meine Karte anzunehmen? – Ich danke Ihnen – guten Morgen!« »Guten Morgen, Madame«, brach Ralph plötzlich ab, indem er rasch die Tür hinter sich schloß, um jede Fortsetzung des Gesprächs zu verhindern. »Noch jetzt zu meiner Schwägerin – Wartet!« Herr Ralph Nickleby klomm nun eine zweite senkrechte Stiegenflucht hinan, die mit großem mechanischem Scharfsinn nur aus Eckstufen zusammengesetzt war, und hielt eben an dem Geländer inne, um ein wenig zu Atem zu kommen, als er von Fräulein La Creevys Dienstmädchen überholt wurde, die seit ihrer letzten Begegnung augenscheinlich einige nicht sehr gelungene Versuche gemacht hatte, ihr schmutziges Gesicht mit einer noch viel schmutzigeren Schürze zu reinigen, und nun von ihrer höflichen Gebieterin abgeschickt worden war, den Herrn anzumelden. »Wie ist Ihr Name?« fragte das Mädchen. »Nickleby«, antwortete Ralph. »Ah, Madame Nickleby«, rief das Mädchen, die Tür aufreißend, »hier ist Herr Nickleby.« Eine tief in Trauer gekleidete Dame erhob sich, als Herr Ralph Nickleby ins Zimmer trat, war jedoch augenscheinlich nicht imstande, ihm entgegenzugehen, sondern stützte sich auf den Arm eines zarten, aber ungemein schönen Mädchens von ungefähr siebzehn Jahren das ihr zur Seite gesessen hatte. Ein Jüngling, der um ein oder zwei Jahre älter sein mochte, trat vor und grüßte Ralph als seinen Onkel. »Aha!« brummte Ralph mit einem ungnädigen Stirnrunzeln, »du bist vermutlich der Nicolaus?« »Das ist mein Name, Sir«, sagte der Jüngling. »Nimm mir den Hut ab«, versetzte Ralph gebieterisch. »Nun, wie geht's Ihnen, Madame? Sie müssen den Kummer niederkämpfen, Madame; ich mache es auch nie anders.« »Mein Verlust war kein gewöhnlicher!« entgegnete Madame Nickleby, indem sie mit ihrem Taschentuch nach den Augen fuhr. »Es war kein ungewöhnlicher Verlust, Madame«, erwiderte Ralph und knöpfte kaltblütig seinen Umhang auf. »Familienväter sterben alle Tage, Madame; und Mütter nicht minder.« »Und auch Brüder, Sir«, fügte Nicolaus mit einem Blicke des Unwillens bei. »Ja, Musje, und auch naseweise Zierbengel und Schoßhunde«, bemerkte sein Onkel, indem er einen Stuhl nahm. »Sie sprachen sich in Ihrem Briefe nicht darüber aus, an was mein Bruder litt, Madame?« »Die Ärzte konnten seinen Tod keiner besondern Krankheit beimessen«, sagte Frau Nickleby, in Tränen ausbrechend. »Ach! wir haben nur allzuviel Grund zu glauben, daß er an einem gebrochenen Herzen starb.« »Bah!« sagte Ralph, »so was gibt es nicht. Ich kann mir zwar wohl denken, wie ein Mensch an einem gebrochenen Hals sterben oder an einer zerbrochenen Nase, einem zerbrochenen Arm, Fuß oder Schädel daniederliegen kann: aber ein gebrochenes Herz – Dummheiten, von denen man nur um der lieben Mode willen schwatzt. Wenn einer seine Schulden nicht bezahlen kann, so stirbt er an einem gebrochenen Herzen, und seine Witwe gilt als eine Märtyrerin.« »Ich will glauben, daß es Leute gibt, denen kein Herz brechen kann, weil sie keins haben«, bemerkte Nicolaus ruhig. »Wie alt, zum Kuckuck, ist wohl dieser Bursche?« fragte Ralph, seinen Stuhl umwendend und mit unaussprechlicher Geringschätzung seinen Neffen vom Kopf bis zu den Füßen betrachtend. »Nicolaus ist bald neunzehn«, antwortete die Witwe. »Wie? Neunzehn?« fuhr Ralph fort. »Und was gedenkst du anzufangen, um dir deinen Unterhalt zu erwerben, Musje?« »Ich bin nicht willens, auf meiner Mutter Kosten zu leben«, versetzte Nicolaus, dem während des Sprechens das Herz schwoll. »Würdest wenig genug zu leben haben, wenn du das im Schilde führtest«, entgegnete der Onkel mit einem Blick der Verachtung. »Was es auch immer sein mag«, erwiderte Nicolaus zornrot, »auf keinen Fall werde ich von Ihnen erwarten, daß Sie es vermehren.« »Nicolaus, mein Lieber, vergiß dich nicht«, verwies ihn Madame Nickleby. »Bitte, lieber Nicolaus«, flehte die Schwester. »Halt'« Maul, Musje«, sagte Ralph. »Auf mein Wort, das ist ein schöner Anfang, Madame Nickleby – ein sauberer Anfang.« Frau Nickleby machte keine weitere Entgegnung, als daß sie Nicolaus durch eine Gebärde bat, sich ruhig zu verhalten, und Onkel und Neffe maßen sich gegenseitig einige Sekunden, ohne ein Wort zu sprechen. Die Züge des Alten waren streng, hart und zurückstoßend, die des Jünglings offen, schön und edel. In Ralphs stechendem Auge drückte sich die unruhige Bewegung des Geizes und der Hinterlist aus, während in Nicolaus' leuchtenden Augensternen Verstand und Mut sprachen. Die Gestalt des letzteren war etwas schmächtig, aber männlich schön geformt, und abgesehen von der Anmut der Jugend zeigte sich in seinem Blick und in seiner ganzen Haltung der Widerstrahl eines warmen Herzens, der den alten Mann in den Schranken hielt. Wie schreiend aber auch ein derartiger Gegensatz für den Zuschauer sein mag, so wird er doch nur in seiner ganzen Schärfe und Bitterkeit von dem empfunden, der darin die armseligere Rolle übernehmen muß. Ralph fühlte das Innere seines Herzens mit Galle erfüllt und haßte Nicolaus von dieser Stunde an. Der gegenseitigen Besichtigung wurde endlich durch Ralph ein Ende gemacht, der mit der Miene der höchsten Geringschätzung seine Augen abwandte und Nicolaus einen Knaben nannte. Dieser Ausdruck wird von älteren Personen gern gegen jüngere im Ton des Tadels gebraucht, wahrscheinlich in der Absicht, den Leuten glauben zu machen, daß sie um keinen Preis wieder jung werden möchten, selbst wenn sie es könnten. »Nun, Madame«, begann Ralph ungeduldig, »die Gläubiger sind eingeschritten, wie Sie mir schrieben, und es ist nichts für Sie übriggeblieben?« »Nichts«, antwortete Frau Nickleby. »Und Sie haben das bißchen Geld, das Sie noch hatten, auf die weite Reise nach London verwandt, um zu sehen, was ich für Sie tun könnte?« fuhr Ralph fort. »Ich hoffte«, stotterte Madame Nickleby, »daß Sie imstande sein würden, den Kindern Ihres Bruders zu ihrem Fortkommen behilflich zu sein. Es war der Wunsch des Sterbenden, daß ich mich deshalb an Sie wenden sollte.« »Ich weiß nicht, wie es kommt«, brummte Ralph, im Zimmer auf und ab gehend; »aber wenn jemand stirbt, ohne selbst etwas zu hinterlassen, so scheint er stets zu glauben, er hätte ein Recht, über das Vermögen anderer Leute zu verfügen. Was hat Ihre Tochter gelernt, Madame?« »Käthchen ist gut erzogen«, schluchzte Frau Nickleby. »Sage deinem Onkel, meine Liebe, wie weit du im Französischen und in anderen Lehrgegenständen gekommen bist.« Das arme Mädchen schickte sich an, einige Worte vorzubringen, als ihr der Onkel plötzlich ziemlich unhöflich in die Rede fiel. »Wir müssen versuchen, dich in einer Kostschule unterzubringen«, sagte Ralph. »Du bist doch hoffentlich nicht zu zärtlich dafür erzogen?« »Nein, gewiß nicht, Onkel«, versetzte das weinende Mädchen; »ich will mich allem unterziehen, womit ich mir meinen Unterhalt verschaffen kann.« »Nun – nun«, entgegnete Ralph, vielleicht durch die Schönheit, vielleicht aber auch (um ihm nicht gerade alles abzusprechen) durch das Unglück seiner Nichte etwas besänftigt; »du mußt's eben versuchen, und wenn's dich zu hart ankommt, so geht's vielleicht mit der Kleidernäherei oder dem Stickrahmen. Hast du je etwas gearbeitet, Musje?« fuhr er gegen seinen Neffen fort. »Nein«, erwiderte Nicolaus unbefangen. »Das konnte ich mir denken«, sprach Ralph. »Das ist also die Art, wie mein Bruder seine Kinder erzogen hat, Madame?« »Mein armer Mann hat Nicolaus so weit herangebildet, wie er es selbst zu tun vermochte«, versetzte die Witwe, »und er dachte eben daran –« »eines Tags etwas aus ihm zu machen«, fiel Ralph ein; »die alte Geschichte! Man denkt immer und handelt nie. Wäre mein Bruder ein tätiger und kluger Mann gewesen, so würde er Ihnen ein schönes Vermögen hinterlassen haben, Madame; und hätte er seinen Sohn in die Welt hinausgeschickt, wie es mein Vater mit mir machte, als ich noch anderthalb Jahre jünger als dieser Bursche war, so würde er in der Lage sein, Sie zu unterstützen, während er Ihnen jetzt zur Last fällt und Ihre traurige Lage nur noch vergrößert. Mein Bruder war ein unüberlegter, gedankenloser Mensch, Madame Nickleby, und gewiß kann das niemand mehr fühlen, als Sie selbst.« Diese Berufung an die Witwe weckte in ihr den Gedanken, wie sie vielleicht mit ihren tausend Pfund doch wohl eine bessere Partie hätte machen können, und welche ansehnliche Summe ihr in diesem Falle möglicherweise jetzt zu Gebote stünde. Unter solchen leidigen Betrachtungen strömten ihre Tränen reichlicher, und in dem Übermaße ihres Schmerzes begann sie, da sie zwar eine gute Frau, aber äußerst schwach war, ihr hartes Los zu beklagen. Sie gab unter vielem Schluchzen zu, daß sie von dem armen Nicolaus in einer wahrhaft sklavischen Abhängigkeit gehalten worden sei, und daß sie ihm oft gesagt hätte, wie viel bessere Partien sie hätte machen können (was auch in der Tat sehr oft geschehen war). Sie hätte die ganze Zeit über nie gewußt, wo das Geld hinkäme, und es wäre wohl alles weit besser gegangen, wenn er mehr Vertrauen in sie gesetzt hätte – und was dergleichen bittere Erinnerungen mehr sind, die man gewöhnlich bei verheirateten Frauen während ihres Ehestandes oder nachher, vielleicht auch in beiden dieser Perioden zu hören bekommt. Frau Nickleby schloß mit der Klage, daß der teure Selige nie von ihrem Rat habe Nutzen ziehen wollen, eine einzige Gelegenheit ausgenommen, was auch in der Tat vollkommen der Wahrheit gemäß war, denn er war demselben nur ein einziges Mal nachgekommen und hatte sich dadurch zugrunde gerichtet. Herr Ralph Nickleby hörte alles dieses mit einem halben Lächeln, und als die Witwe mit ihrem Wehklagen fertig war, nahm er den Gegenstand gerade da wieder auf, wo er durch die Herzensergießung seiner Schwägerin unterbrochen worden war. »Hast du Lust zu arbeiten, Musje?« fragte er seinen Neffen mit gerunzelter Stirn. »Das versteht sich«, antwortete Nicolaus stolz. »So sieh her«, fuhr sein Onkel fort. »Dies fiel mir diesen Morgen ins Auge, und du magst deinen Sternen dafür danken.« Nach dieser Einleitung zog Herr Ralph Nickleby ein Zeitungsblatt aus der Tasche, entfaltete es, sah sich eine Weile unter den Anzeigen um und las wie folgt: Erziehungs-Anstalt . – In Herrn Wackford Squeers Akademie, Dotheboys Hall, bei dem anmutigen Dorfe Dotheboys, in der Nähe von Greta Bridge in Yorkshire, werden Knaben beköstigt, gekleidet, mit Büchern, Taschengeld und allem Erforderlichen versehen; auch erhalten sie Unterricht in allen Sprachen, lebenden und toten, der Mathematik, Rechtschreibung, Geometrie, Astronomie, Trigonometrie, dem Gebrauch der Erd- und Himmelskugeln, der Algebra, im Fechten (wo es verlangt wird), Schreiben, Rechnen, in der Fortifikation und jedem andern Zweige der klassischen Literatur. Pensionsgeld zwanzig Guineen jährlich. Keine Extranachforderungen, keine Ferien und unvergleichlich gute Kost. Herr Squeers ist gegenwärtig in London und täglich von ein bis vier Uhr im Mohrenkopf auf Snow Hill zu sprechen. – N. B. Es wird ein fähiger Hilfslehrer gesucht. Jährliches Gehalt fünf Pfund. Ein Magister der freien Künste erhält den Vorzug. »So!« sagte Ralph, indem er sein Papier wieder faltete. »Erhält er diese Stelle, so ist sein Glück gemacht.« »Aber er ist nicht Magister der freien Künste«, versetzte Frau Nickleby. »Das wird sich, glaube ich, machen lassen«, entgegnete Ralph. »Aber das Gehalt ist so gering und die Entfernung so sehr groß, Onkel«, stotterte Käthchen. »Still, liebes Käthchen«, verwies ihr die Mutter, »dein Onkel muß es am besten verstehen.« »Ich sage es noch einmal«, bemerkte Ralph mit Schärfe, »bekommt er die Stelle, so ist sein Glück gemacht. Behagt sie ihm übrigens nicht, so mag er selbst für eine sorgen. Wenn er aber ohne Freunde, ohne Geld, ohne Empfehlung oder ohne irgendwelche Geschäftskenntnisse eine ehrliche Beschäftigung in London finden kann, womit er sich nur die Schuhsohlen verdient, so will ich ihm tausend Pfund geben – das heißt«, unterbrach er sich selbst, »ich würde sie ihm geben, wenn ich sie hätte.« »Armer Bruder!« sagte das Mädchen. »Ach Onkel, müssen wir uns denn schon so bald trennen?« »Belästige deinen Onkel nicht mit Fragen, wenn er nur für unser Wohl bedacht ist, mein liebes Kind«, bemerkte Frau Nickleby. »Lieber Nicolaus, weißt du denn gar nichts darauf zu sagen?« »Doch, doch, Mutter«, antwortete Nicolaus, der bisher schweigend und in Gedanken vertieft dagesessen hatte. »Wenn ich so glücklich bin, diese zu erhalten, für die ich mich so wenig geeignet fühle, was wird aus denen werden, die ich zurücklasse?« »In diesem Falle, aber auch nur in diesem Falle, will ich für deine Mutter und deine Schwester sorgen«, versetzte Ralph, »und sie in eine Stellung bringen, in der sie unabhängig leben können. Es wird dann meine Sorge sein, daß sie keine Woche nach deiner Abreise in ihrer gegenwärtigen Lage bleiben.« »Dann« – entgegnete Nicolaus freudig aufspringend und seines Onkels Hand drückend – »dann bin ich bereit, alles zu tun, was Sie von mir wünschen. Wir wollen unverzüglich unser Glück bei Herrn Squeers versuchen; denn er kann mir höchstens eine abschlägige Antwort geben.« »Es wird das nicht«, sprach Ralph. »Er wird dich mit Freuden annehmen, wenn ich dich ihm empfehle. Suche ihm nach Kräften nützlich zu werden, und du wirst dich in kurzem zum Teilhaber an seinem Institut emporschwingen. Du mein Himmel, wenn er dann gar mit Tod abginge – dein Glück wäre auf immer gemacht.« »Gewiß, ich sehe dies alles«, erwiderte der arme Nicolaus, durch tausend herrliche Träume entzückt, die sein lebhafter Geist und seine Unerfahrenheit heraufbeschworen. »Oder vielleicht gewinnt mich irgendein junger Edelmann, der in der Anstalt erzogen wird, lieb, erbittet mich von seinem Vater, wenn er die Schule verläßt und auf Reisen geht, als Hofmeister und verschafft mir nach unserer Zurückkunft von dem Festlande irgendeine hübsche Anstellung. Was halten Sie davon, Onkel?« »Ach, höchst wahrscheinlich«, höhnte Ralph. »Und wer weiß – wenn er kommt, um mich in meinem Hausstande zu besuchen, wie er natürlich tun würde, so verliebt er sich vielleicht in Käthchen, die meine Wirtschaft führt, und – und – heiratet sie. Ei, Onkel, wer weiß.« »Ja, wer weiß«, brummte Ralph. »Wie glücklich würden wir sein«, rief Nicolaus begeistert. »Der Schmerz der Trennung ist nichts gegen die Freude des Wiedersehens. Ich werde stolz darauf sein, Käthchen eine schöne Frau nennen zu hören; und wie glücklich ist dann nicht erst die Mutter, wenn sie wieder bei uns weilt und alle diese traurigen Zeiten vergessen sind; ja, und –« Die Farben dieses Gemäldes waren zu strahlend, um nicht zu blenden, und Nicolaus, der sich dadurch ganz überwältigt fühlte, lächelte leicht und brach dann in Tränen aus. Die einfache Familie, die in ihrer Zurückgezogenheit nichts von dem kennengelernt hatte, was man vermöge einer konventionellen Phrase »Welt« nennt und was eigentlich die Schurken in derselben bedeuten, ließ ihre Tränen bei dem Gedanken an ihre nahe Trennung zusammenströmen. Als dieser erste Ausbruch ihrer Gefühle vorüber war, fuhren sie mit der Schwungkraft nie getäuschter Hoffnungen fort, ihre Zukunft sich aufs schönste auszumalen, bis Herr Ralph Nickleby einwandte, daß leicht ein glücklicherer Bewerber unseren Nicolaus des Glücks berauben könnte, das das Zeitungsblatt in Aussicht stellte, und alle Luftschlösser untergraben dürfte, wenn man längere Zeit verliere. Diese Erinnerung steckte der Unterhaltung ein Ziel, und nachdem Nicolaus die Adresse des Herrn Squeers sorgfältig aufgeschrieben hatte, schickten sich Onkel und Neffe an, diesen Ehrenmann sofort aufzusuchen. Nicolaus gewann nun die feste Überzeugung, er hätte seinem Verwandten sehr unrecht getan, als er bei der ersten Begegnung einen Widerwillen gegen denselben gefaßt hatte, und Frau Nickleby gab sich nicht wenig Mühe, ihre Tochter zu belehren, daß der Onkel gewiß ein viel wohlwollenderer Mann wäre, als es den Anschein hätte, worauf Käthchen pflichtschuldigst bemerkte, daß dies sehr leicht der Fall sein könne. Um die Wahrheit zu sagen, so hatte die Berufung ihres Schwagers an ihre bessere Einsicht und das darin eingehüllte Kompliment für ihre hohen Verdienste nicht wenig zur Bildung dieser Ansicht beigetragen; und obgleich die gute Dame ihren Mann zärtlich geliebt hatte und in ihre Kinder eigentlich vernarrt war, so hatte doch Ralph, der mit den Schwächen des menschlichen Herzens aufs innigste vertraut war, obgleich ihm die schöneren Seiten desselben fremd blieben, eine jener kleinen mißtönenden Saiten mit so günstigem Erfolge berührt, daß sie sich allen Ernstes für das beklagenswerte, duldende Opfer der Unklugheit ihres hingeschiedenen Gatten zu betrachten begann. Viertes Kapitel. Nicolaus und sein Onkel machen, um das Glück ohne Zeitverlust zu fesseln, bei Herrn Wackford Squeers, dem Schulmeister von Yorkshire, ihren Besuch Snow Hill ! Was für eine Art von Ort mag sich wohl der ruhige Städter unter Snow Hill denken, wenn er dieses Wort mit der vollen Deutlichkeit goldener Buchstaben im schwarzen Schatten auf den Landkutschen aus dem Norden liest? Jedermann hat einen unbestimmten Begriff von einem Platz, dessen Namen man oft sieht oder hört, und welch eine Unzahl von Vorstellungen ins Blaue hinein mögen sich wohl ohne Unterlaß an dieses Snow Hill ketten? Es ist ein vielbesagender Name. Snow Hill – und Snow Hill noch dazu in Verbindung mit einem Mohrenkopf – führt uns infolge einer dopelten Ideen-Assoziation etwas Unfreundliches und Rauhes vor die Seele. Ein frostiger, öder Landstrich, der schneidenden Winden und wilden Winterstürmen preisgegeben ist – eine kalte, trübselige Heide, auf der sich bei Tage niemand blicken läßt und an die nachts der ehrliche Mann nur mit Schrecken denken kann – ein Ort, den der einsame Wanderer scheut und wo nur verzweifelte Räuber ihre Versammlungen abhalten; – in diese oder ähnliche ferne Gegenden auf dem Lande mag wohl die Einbildungskraft Snow Hill verlegen und sich dabei denken, wie der Mohrenkopf alle Tage und alle Nächte gleich irgendeinem schrecklichen Gespenst mit geheimnisvoller und geisterartiger Pünktlichkeit über diese hinstreift und in seinem raschen, ungestümen Lauf, an dem ihn weder Wind noch Wetter zu hindern vermag, sogar den Elementen Trotz zu bieten scheint. Die Sache verhält sich jedoch in der Wirklichkeit ganz anders und ist übrigens demungeachtet auch nicht zu verachten. Der Name führt uns ganz in den Mittelpunkt von London, recht in das Herz seiner Geschäftigkeit und Rührigkeit, in den Wirbel des Lärms und der Bewegung. Dort – gleichsam um die gewaltigen Ströme des Lebens zu hemmen, die von allen Seiten ohne Unterlaß herbeifließen und sich unter seinen Mauern begegnen, steht Newgate. In der gedrängt vollen Straße, auf die dieses Gebäude so düster zürnend herunterblickt, wenige Fuß von den schmutzigen, wankenden Häusern, auf derselben Stelle, auf der die Garköche, Fischhändler und Obstverkäufer ihr Gewerbe treiben, sind Hunderte von menschlichen Wesen – oft vier, sechs bis acht kräftige Männer zumal unter einem Gebrüll von Stimmen, gegen das sogar der Tumult einer großen Stadt als nichts erscheint, schnell und gewaltsam unter dem fürchterlichsten Zudrang von Menschenmassen aus der Welt geschafft worden. Neugierige Augen blickten dann aus allen Fenstern, von allen Dachgiebeln, Mauern und Pfeilern, und wenn dann der zum Tode verurteilte Elende sich mit dem alles umfassenden Blick der Todesangst unter der Masse von weißen, aufwärts gerichteten Gesichtern umsah, so traf er auch nicht eins – nicht eins – das den Ausdruck von Mitleid oder Teilnahme getragen hätte. In der Nähe des Gefängnisses und daher auch in der Nähe von Smithfield, dem Schuldturm, und dem Lärm der City, gerade an einer Stelle von Snow Hill, wo die nach Osten gehenden Omnibuspferde allen Ernstes daran denken, absichtlich zu fallen, und die westwärts ziehenden Droschkengäule nicht selten zufällig stürzen, befindet sich der Wagenschuppen des Wirtshauses zum Mohrenkopf, dessen Portal durch die Büsten von zwei Mohren gehütet wird. Es war ehedem der Stolz und Ruhm der geistvollen Londoner Jugend, diese beiden Wächter herunterzustoßen; aber schon seit einiger Zeit befinden sie sich in ungestörter Ruhe, vielleicht weil diese Art von Scherz sich nunmehr auf den St.-James-Bezirk beschränkt, wo man sich lieber mit den leichter tragbaren Türklingeln zu tun macht und Klingeldrähte für geeignete Zahnstocher hält. Mag nun dies der Grund sein oder nicht – genug sie sind da, zürnend von jeder Seile des Torwegs herabstierend. Das Wirtshaus selbst, das mit einem weiteren Mohrenkopf geziert ist, blickt finster aus dem Hintergrunde des Hofes hervor, während sich über der Tür des hinteren Schuppens, in dem die roten Postkutschen stehen, ein kleiner Mohrenkopf befindet, der dem vor dem Hauptportal sprechend ähnlich ist, wie denn auch das ganze Äußere des Gebäudes nebst der Säulenordnung dem sarazenischen Geschmack anzugehören scheint. Wenn man in den Hof kommt, so hat man das Einschreibebureau zur Linken, den Turm der Kirche zum heiligen Grab, der schroff himmelan steigt, zur Rechten und eine Reihe von Schlafzimmern auf beiden Seiten. Gerade nach vorn ist ein hohes Fenster bemerklich, über dem das Wort »Kaffeezimmer« gemalt ist. Wer da zu rechter Zeit gekommen wäre, hätte durch dieses Fenster Herrn Wackford Squeers mit den Händen in den Rocktaschen auf und ab gehen sehen können. Herrn Squeers Äußeres war nicht besonders ansprechend. Er hatte nur ein Auge, während man doch allgemein das Vorurteil hegt, daß man zwei haben müsse. Das, was er besaß, kam ihm ohne Zweifel sehr zustatten, obgleich es ihm nicht sonderlich zur Zierde gereichte, denn es hatte eine grünlich graue Farbe und glich so ziemlich dem Ventilator einer Haustür. Die blinde Seite seines Gesichts war in unzählige Falten und Runzeln gelegt, was ihm, besonders wenn er lächelte, einen um so häßlicheren Ausdruck verlieh, da dann seine Physiognomie eine nur allzugroße Ähnlichkeit mit der eines Gauners gewann. Sein Haar war glänzend und glatt gestrichen, ausgenommen an der niederen, sich vordrängenden Stirn, wo es steif in die Höhe gebürstet war – ein Bild, das mit der rauhen Stimme und dem unbeholfenen Benehmen des Mannes trefflich zusammenstimmte. Er war etwa zwei- oder dreiundfünfzig Jahre alt, ein wenig unter Mittelgröße und trug ein weißes Halstuch mit langen Zipfeln nebst einem schwarzen Schulmeisteranzug. Aber die Ärmel seines Frackes waren viel zu lang und seine Hosen viel zu kurz, so daß es fast aussah, als wären die Kleider nicht die seinigen und als sei er in beharrlicher Verwunderung, sich selbst in einem so respektablen Anzug zu finden. Herr Squeers stand in einem Verschlage bei einem der Kaffeezimmerkamine, in dem sich ein Tisch, wie man sie gewöhnlich in Kaffeezimmern sieht, und zwei andere von ganz seltsamer Form, wie sie eben für die Winkel der Wände paßten, befanden. Auf einer Eckbank stand ein mit einem vermürbten Strick zusammengebundener kleiner Koffer, und auf dem Koffer saß ein winziger Knabe, dessen Bundstiefeln und Corduroy-Beinkleider in der Luft baumelten, während er die Schultern bis an die Ohren hinaufgezogen hatte und mit auf die Knie gepflanzten Händen von Zeit zu Zeit in augenscheinlicher Furcht und Besorgnis ängstliche Blicke nach dem Schulmeister schoß. »Halb drei«, brummte Herr Squeers, indem er sich von dem Fenster abwandte und verdrießlich nach der Uhr des Kaffeezimmers blickte. »Es wird heute niemand mehr kommen.« Durch diese Aussicht sehr mißlaunig gestimmt, blickte Herr Squeers nach dem kleinen Knaben, um nachzusehen, ob er nicht etwas täte, wofür man ihn züchtigen könnte. Da aber dieser zufällig gar nichts tat, so versetzte er ihm nur eine Ohrfeige und sagte ihm, er solle es nicht wieder tun. »Als ich das letztemal hier war«, brummte Herr Squeers, seine Klage wieder aufnehmend, vor sich hin – »konnte ich zehn Knaben mitnehmen: zehnmal zwanzig macht zweihundert Pfund. Morgen früh um acht Uhr kehre ich wieder zurück und habe nur drei – dreimal Null ist Null –, dreimal zwei ist sechs – sechzig Pfund. Was ist denn aus all diesen Jungen geworden? Was ist den Eltern in die Köpfe gefahren? Was soll das alles heißen?« Der kleine Knabe auf dem Koffer nieste jetzt heftig. »Wie, Junge«, zürnte der Schulmeister, sich umwendend, »was war das?« »Nichts, Sir«, antwortete der Knabe. »Wie? Nichts?« rief Herr Squeers. »Ich habe nur geniest, lieber Herr«, versetzte der Knabe und zitterte so heftig, daß der kleine Koffer unter ihm klapperte. »Ah, du hast geniest, nicht wahr?« versetzte Herr Squeers. »Warum sagtest du dann, du hättest nichts getan, Bürschchen.« In Ermangelung einer besseren Antwort auf diese Frage bohrte der Kleine ein paar Fingerknöchel in jedes seiner Augen und begann zu weinen, wofür Herr Squeers ihn mit einem Schlage auf die eine Seite seines Gesichts von dem Koffer herunter und mit einem zweiten auf die andere wieder hinaufschlug. »Warte nur, bis ich dich in Yorkshire drunten habe, mein junges Herrchen«, sagte Herr Squeers; »der Rest soll dir dort nicht entgehen. Willst du augenblicklich still sein, Bürschchen?« »J–i–a«, schluchzte der Knabe, indem er sich das Gesicht eifrig mit einem baumwollenen Taschentuch rieb, das mit der Bettlerpetition bedruckt war. »So sei es gleich jetzt«, donnerte Squeers; »hörst du?« Da diese Ermahnung von einer wilden, drohenden Gebärde begleitet war, rieb der Knabe sein Gesicht noch stärker, um die Tränen zurückzuhalten, und machte seinen Gefühlen nur noch abwechselnd durch ein Schnüffeln und Schlucksen Luft. »Herr Squeers!« rief jetzt ein Kellner zur Tür herein, »am Büfett ist ein Herr, der nach Ihnen fragt.« »Führen Sie ihn herein, Richard«, entgegnete Herr Squeers mit sanfter Stimme. »Stecke dein Schnupftuch in die Tasche, du kleiner Spitzbube, oder ich bringe dich um, sobald der Herr fort ist.« Der Schulmeister hatte kaum dem Knaben diese Worte in einem grimmigen Tone zugeflüstert, als der Fremde eintrat. Herr Squeers tat, als sähe er ihn nicht, und gab sich den Anschein, als sei er eifrig beschäftigt, seinem jungen Zöglinge eine Feder zu schneiden und ihm wohlwollende Ermahnungen zu erteilen. »Mein liebes Kind«, begann Herr Squeers, »jedermann hat seine trüben Augenblicke. Aber diese frühe Prüfung, ob der dir das Herz brechen möchte und du dir die Augen aus dem Kopf weinst – was ist sie? Nichts, – weniger als nichts. Du verlässest zwar deine Familie, mein Lieber, aber du wirst in mir einen Vater und in Madame Squeers eine Mutter finden. In dem anmutigen Dorf Dotheboys bei Greta Bridge in Yorkshire, wo junge Leute verköstigt, gekleidet, mit Büchern, Wäsche, Taschengeld und allem Nötigen versehen werden –« »Er ist es«, sagte der Fremde, den Schulmeister in der Wiederholung seiner Anzeige unterbrechend. »Herr Squeers, wie ich glaube?« »Hier bin ich, Sir«, versetzte Herr Squeers mit der Miene der höchsten Überraschung. »Der Herr«, fuhr der Fremde fort, »der eine Anzeige in die Zeitung einrücken ließ?« »Ja, in die Times, Morning Post, Chronicle, Herald und Advertiser hinsichtlich der Akademie Dotheboys Hall bei dem anmutigen Dorfe Dotheboys in der Nähe von Greta Bridge in Yorkshire«, fügte Herr Squeers bei. »Sie kommen in Geschäftssachen, Sir, wie ich an diesen meinen jungen Freunden bemerke. Wie befindest du dich, mein junges Herrchen? Und wie geht's dir, mein Lieber?« Mit dieser Begrüßung klopfte Herr Squeers zwei hohläugigen, ausgemergelten, kleinen Knaben auf den Kopf, die der Besuchende mit sich gebracht hatte, und harrte fernerer Mitteilungen. »Ich handle mit Öl und Farben und heiße Snawley, Sir«, kündigte sich der Fremde an. Squeers nickte mit dem Kopf, als wolle er damit sagen, »ein sehr schöner Name.« »Ich habe mir vorgenommen, Herr Squeers«, fuhr der Fremde fort, »meine zwei Knaben Ihrer Anstalt anzuvertrauen.« »Es schickt sich vielleicht nicht für mich, Sir, es zu sagen«, versetzte Herr Squeers; »aber ich glaube kaum, daß Sie eine bessere Wahl hätten treffen können.« »Hm!« sagte der andere; »zwanzig Pfund jährlich, glaube ich, Herr Squeers?« »Guíneen«, entgegnete der Schulmeister mit einem überredenden Lächeln. »Pfund, denke ich, Herr Squeers, da ich gleich zwei bringe«, erwiderte Herr Snawley feierlich. »Wird sich kaum machen lassen, Sir«, wendete Squeers ein, als ob ihm nie früher ein solcher Antrag gemacht worden wäre. »Doch wir wollen sehen, viermal fünf ist zwanzig – dieses doppelt genommen und davon ab –, nun ein Pfund mehr oder weniger soll uns nicht im Wege stehen. Sie müssen mich bei Ihren Bekannten empfehlen, Sir, und es auf diese Weise wieder auszugleichen suchen.« »Sie sind keine starken Esser«, sagte Herr Snawley. »Oh, das kommt nicht in Betracht«, versetzte Squeers. »Wir nehmen in unserer Anstalt keine Rücksicht auf den Appetit der Knaben.« Dieses war allerdings vollkommen wahr. »Die gesundeste Kost, Sir, die man in Yorkshire auftreiben kann«, fuhr Squeers fort, »herrliche Sittenlehren, die ihnen Madame Squeers beibringt, alles, was sich ein Knabe nur zu Hause wünschen kann, Herr Snawley.« »Es wäre mir lieb, wenn vor allem für ihre Sittlichkeit Sorge getragen würde«, bemerkte Herr Snawley. »Ich freue mich, dies zu hören, Sir«, versetzte der Schulmeister, sich in die Brust werfend. »Hinsichtlich der moralischen Grundlage hätten Sie an kein besseres Institut kommen können, Sir.« »Sie sind selbst ein Mann von Religion?« sagte Herr Snawley. »Ich meine wenigstens, Sir«, entgegnete Herr Squeers. »Ich habe diese beruhigende Überzeugung, Sir«, erwiderte Herr Snawley. »Ich fragte bei einem Manne, auf den Sie sich beriefen, nach, und er sagte, Sie gehörten zu den Frommen.« »Ich hoffe allerdings ein wenig auf ihren Pfaden zu wandeln, Sir«, sagte Herr Squeers. »Ich hoffe das von mir gleichfalls«, meinte der andere. »Könnte ich nicht ein paar Worte allein mit Ihnen sprechen?« »Aber gewiß!« – versetzte Squeers mit einem Grinsen. »Meine Lieben, wollt ihr euch nicht ein paar Minuten mit eurem neuen Spielkameraden unterhalten? Dies ist einer meiner Zöglinge, Sir. Er heißt Belling und ist von Taunton, Sir.« »Wirklich?« erwiderte Herr Snawley, indem er den armen Kleinen wie irgendeine außerordentliche Naturmerkwürdigkeit anstaunte. »Er geht morgen mit mir«, fuhr Herr Squeers fort. »Der Koffer, auf dem er sitzt, enthält sein Gepäck. Jeder Knabe muß zwei volle Anzüge, sechs Hemden, sechs paar Strümpfe, zwei Schlafmützen, zwei Taschentücher, zwei paar Schuhe, zwei Hüte und ein Rasiermesser mitbringen.« »Ein Rasiermesser«, rief Herr Snawley, als sie in das Nebengemach traten. »Wozu denn dieses?« »Zum Rasieren«, entgegnete Squeers in einem langsamen gezogenen Tone. Es lag nicht viel in diesen zwei Worten: aber in der Art, wie sie gesprochen wurden, mußte etwas zu finden gewesen sein, was Aufmerksamkeit erregte; denn der Schulmeister und sein Gefährte blickten sich einige Augenblicke gegenseitig an und wechselten dann ein sehr bedeutungsvolles Lächeln. Snawley war ein runder, plattnasiger Mann, dunkel gekleidet, mit langen, schwarzen Gamaschen, in dessen Zügen der Ausdruck großer Selbstzerknirschung und Heiligkeit lag, so daß dieses Lächeln ohne irgendeinen augenfälligen Grund nur um so merkwürdiger war. »Bis zu welchem Alter behalten Sie die Knaben in Ihrer Schule?« fragte er endlich. »Gerade so lange, als ihre Verwandten meinem Geschäftsträger in der Stadt die vierteljährliche Pension vorausbezahlen, oder bis die Jungen davonlaufen«, antwortete Squeers. »Wir müssen uns verständigen; denn ich sehe, wir können es ohne Gefahr tun. Was sind das für Knaben? – Uneheliche Kinder?« »Nein, das sind sie nicht«, versetzte Snawley, dem Blicke des einäugigen Schulmeisters entgegenkommend. »Ich glaubte, es wäre so«, entgegnete Squeers kaltblütig. »Wir haben deren eine große Anzahl; der Knabe ist auch eines.« »Der nebenan?« fragte Snawley. Squeers nickte bejahend, und der Farbenhändler blickte abermals nach dem Knaben auf dem Koffer hinüber, wandte sich wieder um, machte ganz eine Miene, als nähme es ihn höchlich Wunder, daß dieser ganz wie andere Kinder aussähe, und meinte, daß er sich das nicht hätte träumen lassen. »Und doch ist's so«, erwiderte Squeers: »aber Sie wollten mich wegen Ihrer Knaben sprechen?« »Ja«, erwiderte Snawley. »Der Umstand ist, daß ich nicht ihr eigentlicher Vater, sondern nur ihr Stiefvater bin, Herr Squeers.« »Ah, verhält es sich so?« sagte der Schulmeister. »Das erklärt freilich alles«. Ich konnte mir nicht vorstellen, was zum Henker Sie veranlassen mochte, die Jungen nach Yorkshire zu schicken. Ha, ha, ich verstehe jetzt.« »Sehen Sie, ich habe die Mutter geheiratet«, fuhr Snawley fort. »Es kostet viel, die Kinder zu Hause zu erziehen: und da sie einiges Vermögen besitzt, so fürchte ich – denn Weiber sind gar töricht, Herr Squeers – sie möchte es auf die Knaben vergeuden, was ihnen, wie Sie wissen, nur zum Verderben gereichen würde.« »Ich begreife«, entgegnete Squeers, indem er sich in seinem Stuhl zurücklehnte und mit der Hand winkte. »Und dies« – nahm Snawley wieder auf – »hat mich zu dem Wunsche veranlaßt, sie in eine recht entfernte Kostschule zu geben, wo es keine Ferien gibt, das unzweckmäßige Nachhausekommen der Kinder, das alle Jahre zweimal zum großen Nachteil der Erziehung stattfindet, wegfällt, und sie ein wenig abgerieben werden. – Sie verstehen mich?« »Die Zahlungen regelmäßig, ohne irgend weitere Nachfrage?« erwiderte Squeers, den Kopf nickend. »Natürlich«, erklärte der andere: »nur wünsche ich, daß dabei streng auf die Sittlichkeit gesehen wird.« »Versteht sich«, sagte Squeers. »Ich hoffe, es ist nicht gestattet, daß sie allzuviel nach Hause schreiben?« versetzte der Stiefvater zögernd. »Nie, als am Christtag, wo alle in gleicher Weise ihren Angehörigen melden müssen, daß sie sich nie so glücklich befunden hätten, und daß sie nicht wünschten, je wieder abgeholt zu werden«, entgegnete Squeers. »Recht so, recht so«, erwiderte der Stiefvater, vergnügt die Hände reibend. »Und nun wir uns gegenseitig verstehen«, fuhr Herr Squeers fort, »werden Sie mir auch die Frage zugut halten, ob Sie mich für einen wirklich tugendhaften, exemplarischen und untadelhaften Mann im Privatleben betrachten, und ob Sie in meine Person als Erzieher, was makellose Rechtlichkeit, Uneigennützigkeit, Religiosität und Tüchtigkeit anbelangt, vollkommenes Vertrauen setzen?« »Gewiß«, versetzte der Stiefvater, das Grinsen des Schulmeisters erwidernd. »Sie würden vielleicht auch nichts dagegen haben, wenn ich mich auf Sie beriefe?« »Nicht das mindeste.« »Sie sind ein Mann von meinem Sinne«, erwiderte Squeers, eine Feder zur Hand nehmend, »das nenn' ich mir ein Geschäft, wie ich's liebe!« Nachdem der Schulmeister Herrn Snawleys Adresse eingetragen hatte, blieb ihm noch das weit angenehmere Geschäft übrig, den Empfang der ersten Vierteljahrsrate zu quittieren; und kaum war er mit diesem Geschäfte zu Ende gekommen, als sich eine andere Stimme vernehmen ließ, die nach Herrn Squeers fragte. »Hier ist er«, antwortete der Schulmeister. »Was steht zu Diensten?« »Nur eine Geschäftssache, Sir«, sagte Ralph Nickleby, eintretend, während ihm Nicolaus auf der Ferse folgte. »Diesen Morgen stand eine Ankündigung mit Ihrem Namen in den Zeitungen?« »Es ist so, Sir. Ist's Ihnen gefällig, hier hineinzuspazieren?« versetzte Squeers, indem er nach dem Gemach, wo der Kamin stand, deutete. »Wollen Sie Platz nehmen?« »Ich denke wohl«, entgegnete Ralph, seine Worte durch die Tat begleitend, indem er zugleich seinen Hut auf den Tisch vor sich hinlegte. »Das ist mein Neffe, Sir, Herr Nicolaus Nickleby.« »Wie befinden Sie sich, Sir?« erwiderte Squeers. Nicolaus verbeugte sich, sagte, daß er ganz wohl sei, und schien nicht wenig erstaunt über das Äußere des Eigentümers von Dotheboys Hall, wozu er denn auch alle Ursache hatte. »Vielleicht erinnern Sie sich meiner«, sagte Ralph, den Schulmeister scharf ins Auge fassend. »Ich glaube, Sie bezahlten mir einige Jahre lang bei meinen halbjährigen Besuchen in der Stadt eine kleine Note, Sir?« versetzte Squeers. »Es ist so«, entgegnete Ralph. »Für Rechnung der Eltern eines Knaben, namens Dorker, der unglücklicherweise –« »– unglücklicherweise in Dotheboys Hall starb«, fiel Ralph, den Satz beendigend, ein. »Ich kann mich noch recht gut erinnern, Sir«, erwiderte Squeers. »Ach, Sir, meine Frau hatte den Knaben so gerne, als ob er ihr eigenes Kind gewesen wäre. Die Aufmerksamkeit, Sir, die wahrend seiner Krankheit auf ihn verwendet wurde – Anisschnitten und warmen Tee jeden Abend und jeden Morgen, als er nichts mehr hinunterbringen konnte – ein Licht in seinem Schlafgemach in der Nacht, in der er starb – das beste Kissen hinaufgeschickt, um seinen Kopf darauf zu legen. Doch ich bereue es nicht, denn es ist etwas gar Angenehmes in dem Gedanken, seine Schuldigkeit getan zu haben.« Ralph lächelte, aber in einer Weise, als ob es ihm gar nicht lächerlich sei, und betrachtete die anwesenden fremden Gesichter. »Das sind nur einige meiner Zöglinge«, sagte Wackford Squeers, indem er nach dem kleinen Knaben auf dem Koffer und den beiden andern auf dem Boden deutete, die sich gegenseitig, ohne ein Wort zu sprechen, anstierten und ihre Körper auf eine gar seltsame Weise verdrehten, wie Kinder zu tun pflegen, wenn sie zum ersten Male miteinander bekannt werden. »Dieser Herr, Sir, ist ein Vater, der so gütig war, mir ein Kompliment zu machen über den Erziehungsplan zu Dotheboys Hall, das bei dem angenehmen Dörfchen Dotheboys in der Nähe von Greta Bridge in Yorkshire liegt, wo junge Leute verköstigt, gekleidet, mit Büchern, Wäsche und Taschengeld –« »Ja, wir wissen das alles, Sir«, unterbrach ihn Ralph mürrisch; »es steht in der Anzeige.« »Sie haben vollkommen recht, Sir; es steht in der Anzeige«, versetzte Squeers. »Und verhält sich auch ganz so«, fiel Herr Snawley ein. »Ich fühle mich verpflichtet, Ihnen zu versichern, Sir, und ich bin stolz auf diese Gelegenheit, es tun zu können, daß ich Herrn Squeers für einen höchst tugendhaften, exemplarischen, tadellosen Mann halte, und daß –« »Ich ziehe es nicht in Zweifel, Sir«, unterbrach ihn Ralph, den Strom dieser Lobpreisung und Empfehlung hemmend; »ich setze es nicht im mindesten in Zweifel. Doch ich denke, wir können an unser Geschäft gehen?« »Mit größter Freude, Sir«, sagte Squeers. »Du sollst dein Geschäft nie verschieben, ist die erste Regel, die wir unsern für den Handelsstand bestimmten Zöglingen ans Herz legen. Master Belling, mein Lieber, behalte dies stets im Gedächtnis; hörst du?« »Ja, Sir«, erwiderte Master Belling. »Weiß er wohl jetzt noch das Sprüchlein?« – fragte Ralph, »Sag' es dem Herrn her«, entgegnete Squeers. »Du sollst –« wiederholte Master Belling. »Sehr gut«, sagte Squeers. »Weiter!« »Deine Geschäfte nie –« fuhr Master Belling fort. »Sehr gut, in der Tat«, lobte Herr Squeers. »Nun?« »Ver–« flüsterte Nicolaus gutmütig dem Knaben zu. »Verrichten«, sagte Master Belling. »Du sollst – deine Geschäfte – nie verrichten.« »Sehr wohl, Bürschchen«, erwiderte Squeers, einen vernichtenden Blick auf den Verbrecher werfend. »Wenn wir's auch jetzt verschieben müssen, so werden wir doch, wenn wir allein sind, ein kleines Geschäft miteinander zu verrichten haben.« »Vorderhand wäre es aber vielleicht geeigneter, wenn wir an das unsrige gingen«, sagte Ralph. »Ganz nach Ihrem Belieben«, entgegnete Squeers. »Es wird bald abgetan sein«, fuhr Ralph fort. »Ihrer Anzeige zufolge suchen Sie einen tüchtigen Hilfslehrer, Sir?« »Ganz richtig«, erwiderte Squeers. »Und brauchen also wirklich einen solchen?« »Gewiß«, antwortete Squeers. »Hier steht er«, sagte Ralph. »Mein Neffe Nicolaus kommt warm von der Schule weg, und da ihm alles, was er dort gelernt hat, im Kopfe, und nichts in der Tasche gärt, so ist er gerade ein Mann, wie Sie ihn brauchen.« »Ich fürchte nur«, wendete Squeers ein, den die Bewerbung eines Jünglings von Nicolaus' Äußerem verwirrte – »ich fürchte nur, der junge Mann wird nicht für mich passen.« »Er wird«, sagte Ralph; »ich weiß das besser. – Du brauchst den Mut nicht gleich sinken zu lassen, denn du wirst in weniger als einer Woche die jungen Edelleute in Dotheboys Hall unterrichten, wenn dieser Herr nicht störrischer ist, als ich voraussetze.« »Ich besorge nur, Sir«, sprach Nicolaus zu Herrn Squeers, »daß Sie gegen meine Jugend und den Umstand, daß ich nicht Magister der freien Künste bin, etwas einzuwenden haben.« »Der Mangel eines akademischen Grades kommt allerdings in Betracht«, versetzte Squeers mit möglichst ernster Miene, obgleich nicht wenig verblüfft durch den Gegensatz in der Einfachheit des Neffen und dem weltklugen Benehmen des Onkels sowohl, als durch die unbegreifliche Anspielung auf die jungen Edelleute, die sich in seiner Schule befinden sollten. »Merken Sie einmal auf, Sir«, sagte Ralph; »ich will die Sache in ein paar Augenblicken in das rechte Licht stellen.« »Wenn Sie die Güte haben wollen«, versetzte Squeers. »Dies ist ein Knabe, ein Jüngling, ein junger Mann, ein Springinsfeld, oder wie sie ihn sonst nennen wollen, von achtzehn oder neunzehn Jahren«, fuhr Ralph fort. »Das sehe ich«, bemerkte der Schulmeister. »Und ich auch«, meinte Snawley, der es für passend hielt, seinem neuen Freunde gelegentlich den Rücken zu decken. »Sein Vater ist tot. Er weiß nichts von der Welt, ist durchaus mittellos und braucht Beschäftigung«, erklärte Ralph. »Ich empfehle ihn daher Ihrem vortrefflichen Institute, das er zu dem Grundstein seines Glücks machen kann, wenn er es recht anzufangen weiß. Hast du mich verstanden?« »Alle Welt muß das einsehen«, versetzte Squeers, den spöttischen Seitenblick nachahmend, mit dem Ralph seinen unerfahrenen Neffen betrachtete. »Natürlich«, entgegnete Nicolaus hastig. »Sie sehen, er hat mich verstanden«, fuhr Ralph in derselben harten und trockenen Weise fort. »Wenn irgendeine leidenschaftliche Laune ihn veranlassen sollte, diese goldene Gelegenheit wegzuwerfen, ehe sie zur Reife gediehen ist, so hört meine Verbindlichkeit, seiner Mutter oder Schwester Beistand zu leisten, auf. Sehen Sie ihn einmal an und überlegen Sie, auf wievielerlei Weise er Ihnen nützlich werden kann. Es fragt sich nun, ob er Ihren Zwecken für die nächste Zeit nicht besser entsprechen wird als zwanzig andere, die Sie unter gewöhnlichen Umständen erhalten könnten. Ist dies nicht der Überlegung wert?« »Allerdings«, entgegnete Squeers, ein Kopfnicken von seiten Ralphs mit einem gleichen erwidernd. »Gut«, versetzte Ralph; »ich möchte nun noch ein paar Worte allein mit Ihnen sprechen.« Dieses geschah, und in einigen Minuten erklärte Herr Wackford Squeers, daß Herrn Nicolaus Nickleby von Stunde an das Amt eines ersten Hilfslehrers in Dotheboys Hall übertragen sei. »Sie verdanken es der Empfehlung Ihres Onkels, Herr Nickleby«, bemerkte Wackford Squeers. Nicolaus drückte in der Freude seines Herzens über diesen glücklichen Erfolg seinem Onkel die Hand und hätte auf der Stelle vor Squeers niederfallen können. »Er sieht zwar etwas wunderlich aus«, dachte Nicolaus; »doch, was macht das? bei Porson und dem Doktor Johnson war es derselbe Fall, wie überhaupt bei allen solchen Bücherwürmern.« »Morgen früh um acht Uhr geht die Kutsche ab, Herr Nickleby«, bemerkte Squeers. »Sie müssen eine Viertelstunde früher hier sein, da wir diese Knaben mitnehmen.« »Ich werde nicht fehlen, Sir«, sagte Nicolaus. »Ich habe die Fahrt für dich bezahlt«, grämelte Ralph; »du hast also nichts zu tun, als dich warm zu kleiden.« Das war ein neuer Beweis von der Großmut seines Onkels. Nicolaus empfand diese unerwartete Güte so tief, daß er kaum Worte für seine Dankäußerungen finden konnte, und er hatte deren in der Tat auch nicht halb genug gefunden, als sie sich von dem Schulmeister verabschiedeten und das Gasthaus zum Mohrenkopf verließen. »Ich werde morgen hier sein, um dich wohlbehalten abfahren zu sehen«, sagte Ralph. »Daß du dich also bei Zeiten einstellst!« »Ich danke Ihnen, Sir«, versetzte Nicolaus; »ich werde Ihre Güte nie vergessen.« »Daran wirst du wohl tun«, entgegnete sein Onkel. »Doch mach' jetzt, daß du nach Hause kommst, und packe ein, was du zu packen hast. Glaubst du den Weg nach Golden Square zum erstenmal finden zu können?« »Gewiß«, erwiderte Nicolaus; »ich kann ja fragen.« »So bring' diese Papiere meinem Schreiber«, sagte Ralph, ein kleines Päckchen herausziehend, »und sage ihm, er soll auf mich warten, bis ich nach Hause käme.« Nicolaus übernahm gerne diese Botschaft, verabschiedete sich herzlich von seinem würdigen Onkel, was von dem warmherzigen, alten Herrn nur durch ein Brummen erwidert wurde, und eilte fort, um seinen Auftrag auszurichten. Er fand sich nach Golden Square zurecht, und Herr Noggs, der im Heimgehen auf einige Minuten in einem Wirtshaus vorgesprochen hatte, drückte eben auf die Türklinke, als ersterer bei der Wohnung seines Oheims anlangte. »Was ist das?« fragte Noggs, auf das Päckchen deutend. »Papiere von meinem Onkel«, antwortete Nicolaus. »Er läßt Ihnen sagen, Sie möchten warten, bis er nach Hause käme.« »Onkel?« rief Noggs. »Herr Nickleby«, erklärte Nicolaus. »Kommen Sie herein«, versetzte Newmann. Er führte Nicolaus, ohne ein weiteres Wort zu sprechen, in die Hausflur und von da in das Bureau an dem Ende derselben, wo er ihm einen Stuhl anwies und dann selber seinen Schreibbock bestieg, auf dem er mit gerade an den Seiten herunterhängenden Armen saß und den neuen Ankömmling wie von einer Warte herunter festen Blicks betrachtete. »Es bedarf keiner Antwort«, sagte Nicolaus, das Päckchen auf einen Tisch neben sich legend. Newman erwiderte nichts, sondern schlug seine Arme übereinander, streckte den Kopf vorwärts, um Nicolaus' Gesicht besser beobachten zu können, und forschte aufmerksam in dessen Zügen. »Keine Antwort!« wiederholte Nicolaus sehr laut, da es ihm vorkam, als ob Newman Noggs schwerhörig sei. Newman legte die Hände auf seine Knie und fuhr, ohne eine Silbe laut werden zu lassen, fort, das Gesicht seines Gefährten zu prüfen. Dieses Benehmen von seiten eines landfremden Menschen war höchst auffallend und das Äußere desselben so sonderbar, daß Nicolaus, der eine Lächerlichkeit wohl aufzufinden wußte, sich nicht enthalten konnte, den Mund zu einem Lächeln zu verziehen, als er Noggs fragte, ob er einen Auftrag für ihn hätte. Noggs schüttelte den Kopf und seufzte, worauf Nicolaus mit der Bemerkung, daß er nicht müde sei, sich wieder erhob und jenem guten Tag wünschte. Newman Noggs atmete jetzt tief auf und unterzog sich einer Anstrengung, deren man ihn bisher, zumal einem ganz Fremden gegenüber, nicht für fähig gehalten haben würde, indem er, ohne auch nur ein einziges Mal zu stottern, sagte, daß es ihm sehr angenehm wäre zu erfahren, was sein Onkel für ihn zu tun im Sinne hätte, wenn es der junge Herr für gut finden sollte, eine Mitteilung darüber zu machen. Nicolaus sah nicht ein, warum er das nicht tun sollte, sondern war im Gegenteil sehr erfreut, eine Gelegenheit zu finden, von dem, was seine Gedanken so ganz in Anspruch nahm, zu reden. Er setzte sich daher wieder nieder und ging, da seine warmherzige Einbildungskraft während des Sprechens immer wärmer wurde, in eine glühende Schilderung all jener Ehren und Vorteile ein, die er sich von seiner Anstellung an dem Sitze der Gelehrsamkeit, Dotheboys Hall, versprach. »Doch was ist Ihnen – sind Sie unwohl?« unterbrach sich Nicolaus plötzlich, als sein Gefährte, nachdem er sich in den verschiedensten, merkwürdigsten Stellungen verdreht hatte, seine Hände unter dem Sitze zusammenschlug und an den Gelenken knackte, als ob er alle Fingerknochen zerbrechen wollte. Newman Noggs erwiderte nichts, sondern fuhr fort, die Achseln zu zucken und mit den Fingergelenken zu knacken, indem er zugleich das Gesicht zu einem schrecklichen Lächeln verzog und fast mit gespenstigem Ausdruck unverwandten Auges ins Leere starrte. Anfangs glaubte Nicolaus, der rätselhafte Mensch habe einen Anfall von Veitstanz, aber bei weiterer Überlegung entschied er sich für die Meinung, er wäre betrunken, weshalb er es für das vernünftigste hielt, sich ohne weitere Umstände zu entfernen. Als er die Tür geöffnet hatte, blickte er noch einmal zurück. Newman Noggs erging sich noch immer in denselben seltsamen Gebärden, und das Knacken seiner Finger schallte lauter als je. Fünftes Kapitel. Nicolaus begibt sich nach Yorkshire auf den Weg. – Abschied von den Seinigen, seine Reisegefährten und was ihnen unterwegs begegnete. Wenn Tränen, die in einen Koffer träufeln, Schutzmittel wären, um dessen Eigentümer vor Leid und Mißgeschick zu bewahren, so hätte Nicolaus Nickleby seine Reise unter den glücklichsten Vorbedeutungen begonnen. Man hatte so viel zu tun und doch so wenig Zeit dazu – so viele herzliche Worte zu sprechen und doch so bitteren Schmerz im Herzen, der die Laute erstickte, daß die kleinen Vorbereitungen für den Aufbruch in der Tat in größter Trauer getroffen wurden. Nicolcaus bestand darauf, hundert Dinge, die die ängstliche Sorge der Mutter und Schwester für durchaus unentbehrlich hielten, zurückzulassen, da sie den Seinigen nachher nützlich werden oder im Falle der Not in Geld umgesetzt werden könnten. Hundert zärtliche Wortwechsel über derartige streitige Punkte fanden in der traurigen Nacht statt, die seiner Abreise voranging; und je näher sie das Ende eines jeden dieser harmlosen Zwiste dem Schlusse ihrer kleinen Vorbereitungen brachte, desto geschäftiger wurde Käthchen und desto mehr weinte sie im stillen. Der Koffer war endlich gepackt, und nun wurde das Nachtessen mit einer eigens für diesen Anlaß bereiteten Leckerei herbeigebracht, für deren Bestreitung Käthchen und ihre Mutter nicht zu Mittag gegessen hatten, indem sie vorgaben, sie hätten es getan, als Nicolaus nicht zu Hause war. Die Bissen quollen ihm jedoch im Munde, und es wollte ihm fast das Herz brechen, als er einige Scherze anzubringen und ein melancholisches Lachen hervorzuzwingen versuchte. So zögerten sie, bis die gewöhnliche Schlafengehenszeit längst vorüber war; und erst jetzt fanden sie, daß sie recht wohl früher ihren wahren Gefühlen hätten Luft machen können, da sie dieselben trotz aller Mühe doch nicht zu unterdrücken vermochten. Sie ließen ihnen daher den Lauf, und auch dies gereichte ihnen zur Erleichterung. Nicolaus schlief tief bis morgens 6 Uhr, träumte von der Heimat oder von dem, was sonst seine Heimat war – was allerdings gleich viel bedeutet, denn Dinge, die anders geworden oder dahin sind, führt uns, Gott sei Dank, der Schlaf wieder zurück, wie sie ehedem waren – und stand ganz frisch und munter auf. Er schrieb mit dem Bleistift einige Zeilen des Abschieds, da er sich den Schmerz des mündlichen Lebewohls ersparen wollte, legte sie nebst der Hälfte seiner spärlichen Barschaft vor die Tür seiner Schwester, warf seinen Koffer über die Schulter und schlich sacht die Stiegen hinunter. »Hanna, bist du's?« rief eine Stimme von Fräulein La Creevys Arbeitszimmer her, aus dem der matte Schein eines Kerzenlichtes die Wand beleuchtete. »Ich bin's, Fräulein La Creevy«, sagte Nicolaus, indem er den Koffer niedersetzte und hineinblickte. »O du mein Himmel!« rief Fräulein La Creevy aufspringend, indem sie mit der Hand nach ihren Haarwickeln fuhr; »Sie sind sehr früh auf, Herr Nickleby.« »Sie gleichfalls«, erwiderte Nicolaus. »Die schönen Künste bringen mich so zeitig aus den Federn, Herr Nickleby«, entgegnete die Dame. »Ich harre des Tags, um einen Gedanken auszuführen.« Fräulein La Creevy war so früh aufgestanden, um eine Phantasienase in das Miniaturportrat eines häßlichen kleinen Jungen zu malen, das die Bestimmung hatte, seiner Großmutter auf dem Lande geschickt zu werden, von der man erwartete, sie würde ihn in ihrem Testamente besonders bedenken, wenn sich bei ihm eine Familienähnlichkeit vorfände. »Einen Gedanken auszuführen«, wiederholte Miß La Creevy; »und da kommt mir der Umstand, daß ich in einer so belebten Straße, wie der Strand, wohne, sehr zu statten. Wenn ich einer Nase oder eines Auges für einen meiner Kunden bedarf, so brauche ich mich bloß ans Fenster zu setzen und zu warten, bis mir vorkommt, was ich haben möchte.« »Braucht man lange dazu, um eine Nase zu bekommen?« fragte Nicolaus lächelnd. »Das hängt ganz davon ab, was es für eine sein soll«, antwortete Miß La Creevy. »Stumpfnasen und Habichtsnasen gibt es genug, und Plattnasen von jeder Sorte und Größe trifft man, wenn es eine Versammlung zu Exeter Hall gibt; aber wirkliche Adlernasen sind, wie ich mit Bedauern gestehen muß, sehr selten, und doch brauchen wir sie so oft für Offiziere oder amtliche Persönlichkeiten.« »Wirklich?« entgegnete Nicolaus. »Wenn mir auf meinen Reisen eine solche aufstoßen sollte, so will ich versuchen, Ihnen ein Bild davon zu fertigen.« »Sie wollen damit doch nicht sagen, daß Sie wirklich die Absicht hätten, bei diesem kalten, winterlichen Wetter den weiten Weg nach Yorkshire hinunter zu machen, Herr Nickleby?« erwiderte Fräulein La Creevy. »Ich hörte in der letzten Nacht davon sprechen.« »Allerdings habe ich diese Absicht«, antwortete Nicolaus. »Sie wissen, die Not ist eine harte Drängerin.« »Nun, da kann ich weiter nichts sagen, als daß es mir sehr leid tut«, erwiderte Fräulein La Creevy, »sowohl um Ihrer Mutter und Schwester als um Ihretwillen. Ihre Schwester ist ein gar hübsches Mädchen, Herr Nickleby, und schon deshalb könnte sie recht wohl einen Beschützer brauchen. Ich habe sie überredet, mir ein paar Male zu sitzen, um ihr Bild für meinen Haustürrahmen benutzen zu können. Ach, das wird ein herrliches Miniaturporträt geben.« Bei diesen Worten hielt Fräulein La Creevy ein auf Elfenbein gemaltes Gesicht mit sehr bemerklichen himmelblauen Adern empor und betrachtete es mit so viel Wohlbehagen, daß Nicolaus sie ordentlich beneidete. »Wenn Sie je Gelegenheit haben sollten, Käthchen irgendeinen kleinen Liebesdienst zu erweisen, so verspreche ich mir von Ihrer Güte, daß Sie es tun werden«, sagte Nicolaus, ihr die Hand reichend. »Sie dürfen sich darauf verlassen«, entgegnete die gutmütige Porträtmalerin. »Gott sei Ihr Begleiter und lasse es Ihnen wohlergehen, Herr Nickleby.« Nicolaus kannte die Welt nur wenig, konnte aber doch so viel von ihrer Weise erraten, daß er glaubte, es könne vielleicht nicht schaden, Fräulein La Creevy für die Seinigen günstig zu stimmen, wenn er ihr einen kleinen Kuß gäbe. Er gab ihr daher drei oder vier mit einer Art scherzender Galanterie, und Fräulein La Creevy ließ keine stärkeren Andeutungen ihres Mißvergnügens bemerken, als daß sie, während sie ihren gelben Turban zurechtsetzte, erklärte, das wäre etwas Unerhörtes, und sie hätte es selber nie für möglich gehalten. Als dieses unverhoffte Renkontre in einer so befriedigenden Weise verlaufen war, verließ Nicolaus eilig das Haus. Es war erst sieben Uhr, als er einen Mann auftrieb, der ihm den Koffer tragen sollte, und so ging er langsam dahin, wahrscheinlich mit nicht halb so leichtem Herzen in der Brust, wie der ihm folgende Träger, obgleich dieser keine Weste besaß, die seinige damit zu bedecken, und obgleich er, wie man aus seinen übrigen Kleidern schließen konnte, augenscheinlich die Nacht in einem Stall zugebracht und sein Frühstück bei einem Brunnen eingenommen hatte. Nicolaus betrachtete mit nicht geringer Neugier und Teilnahme die geschäftigen Vorbereitungen für den kommenden Tag, die sich nicht nur in jeder Straße, sondern fast vor jedem Hause zeigten, und machte sich hin und wieder seine Gedanken darüber, daß es doch hart für ihn sei, so weit reisen zu müssen, um sich seinen Lebensunterhalt zu gewinnen, da doch so viele Menschen aller Art den ihrigen in London fänden, bis er endlich vor dem Mohrenkopf auf Snow Hill anlangte. Nachdem er seinen Begleiter entlassen und seinen Koffer wohlbehalten in dem Postbureau untergebracht hatte, sah er sich in den Frühstückszimmern nach Herrn Squeers um. Er fand den Schulmann beim Frühstück sitzend, während die drei bereits erwähnten Knaben nebst zwei andern, die Herr Squeers durch irgendeinen glücklichen Zufall seit der Besprechung des gestrigen Tages aufgetrieben hatte, der Reihe nach auf einer gegenüberstehenden Bank aufgepflanzt waren. Herr Squeers hatte eine kleine Kaffeekanne, eine Platte mit gerösteten Brotschnitten und ein Stück kaltes Rindfleisch vor sich, war jedoch in diesem Augenblick beschäftigt, das Frühstück für die Knaben zu besorgen. »Das soll für zwei Pence Milch sein, Kellner?« sagte Herr Squeers und sah in einen großen blauen Krug, den er ein wenig schräg hielt, um einen genauen Überblick über die darin enthaltene Flüssigkeit zu gewinnen. »Das ist für zwei Pence, Sir«, antwortete der Kellner. »Was doch die Milch in London für ein teurer Artikel ist!« sprach Herr Squeers mit einem Seufzer. »Nun so füllen Sie mir den Krug vollends mit lauem Wasser, Wilhelm.« »Bis an den Rand, Sir?« fragte der Kellner. »Ei, da wird ja die Milch ersaufen.« »Kümmern Sie sich nicht darum«, versetzte Herr Squeers. »Es geschieht ihr dann nur ihr Recht, weil sie so teuer ist. Haben Sie ein dickes Brot und Butter für drei bestellt?« »Wird sogleich kommen, Sir.« »Es hat's nicht so eilig«, entgegnete Squeers; »wir haben noch genug Zeit. Bekämpft eure Leidenschaften, Jungen, und seid mir nicht gierig auf das Essen.« Während Herr Squeers diese gute Lehre anbrachte, sprach er seinem Rindfleisch kräftig zu, als er auf einmal seinen neuangestellten Hilfslehrer erblickte. »Setzen Sie sich, Herr Nickleby«, sagte Squeers. »Wir sind hier beim Frühstück, wie Sie sehen.« Nicolaus konnte nicht sehen, daß jemand anders als Herr Squeers beim Frühstück wäre, er verbeugte sich aber mit dem geziemenden Respekt und nahm eine so heitere Miene an, wie er konnte. »Ach, ist das die Milch mit Wasser, Wilhelm?« fragte Squeers. »Gut! vergessen Sie das Brot und die Butter nicht.« Bei dieser neuen Erwähnung des Butterbrots sahen sich die fünf Knaben gierig an und folgten mit ihren Augen dem Kellner, während Herr Squeers die Wassermilch kostete. »Ah!« sagte der Schulmann, mit den Lippen schnalzend, »das ist eine treffliche Milch! Denkt an die vielen Bettler und Waisen in den Straßen, die froh dabei wären, ihr Jungen. Der Hunger ist ein leidig Ding, nicht wahr, Herr Nickleby?« »Allerdings, sehr leidig, Sir«, versetzte Nicolaus. »Wenn ich eins zähle«, fuhr Herr Squeers fort, indem er den Krug vor den Kindern niedersetzte, »so kann der Knabe, der zunächst an dem Fenster sitzt, einen Trunk tun; zähle ich zwei, so trinkt der nächste und so fort, bis ich zu fünf, das heißt, zu dem letzten Knaben komme. Seid ihr bereit?« »Ja, Sir«, riefen alle Knaben einstimmig. »So ist's recht!« entgegnete Squeers, ruhig an seinem Frühstück fortfahrend. »Haltet euch bereit, bis ich zu zählen anfange. Bezähmt euren Appetit, meine Lieben, und ihr werdet zu Herren eurer tierischen Begierden. Das ist die Weise, wie wir die Kinder an Selbstbeherrschung gewöhnen, Herr Nickleby«, fügte der Schulmeister mit von Fleisch und Brotschnitten vollgepfropftem Munde, gegen Nicolaus gewendet, bei. Nicolaus murmelte etwas – er wußte nicht, was – als Erwiderung, und die Jungen teilten ihre Blicke zwischen dem Krug, dem Butterbrot, das inzwischen angelangt war, und jedem Bissen, den Herr Squeers in seinen Mund steckte, während in ihren gierigen Augen alle Qualen der Erwartung zu lesen waren. »Gottlob, das hat geschmeckt«, sagte Squeers, als er mit seinem Frühstück zu Ende gekommen war. »Nummer Eins kann zu trinken anfangen.« Nummer Eins griff heißhungrig nach dem Krug und hatte eben genug getrunken, um noch nach mehr begierig zu sein, als Herr Squeers das Signal für Nummer Zwei gab, die ihn in demselben bedeutungsvollen Augenblick an Nummer Drei abgeben mußte, und so wurde der Prozeß wiederholt, bis die Wassermilch mit Nummer Fünf alle war. »Und nun –« sagte der Schulmeister, das Butterbrot für drei in ebenso viele Portionen, als Kinder da waren, zerteilend – »werdet ihr gut tun, mit eurem Frühstück rasch zu machen; denn das Horn wird in ein paar Minuten blasen, und dann muß jeder Knabe aufhören.« Da die Kinder jetzt Erlaubnis hatten, über das Butterbrot herzufallen, so begannen sie heißhungrig und in verzweifelter Hast zu essen, während der Schulmann, der nach seiner Mahlzeit ungemein gut gelaunt war, mit der Gabel die Zähne ausstocherte und lächelnd zusah. Kurz darauf ließ sich das Horn vernehmen. »Ich dachte mir wohl, daß es nicht lange dauern würde«, sagte Squeers aufspringend und einen kleinen Korb unter seinem Sitz hervorziehend. »Legt das, was ihr nicht habt essen können, hier herein, Knaben, es wird euch unterwegs gut tun.« Nicolaus war über diese höchst ökonomische Einrichtung nicht wenig verblüfft, aber er hatte keine Zeit darüber nachzudenken, denn die Knaben mußten oben auf die Kutsche hinaufgehoben, ihr Gepäck herausgeholt und versorgt, wie auch Herrn Squeers' Bagage sorgfältig in dem Wagenkorbe untergebracht werden, was alles dem Hilfslehrer anheimfiel. Er hatte alle Hände voll zu tun und war eben mit diesen Vorkehrungen zustande gekommen, als ihn sein Onkel, Herr Ralph Nickleby, anredete. »Ah, du bist hier, Musje?« sagte Ralph. »Hier sind deine Mutter und Schwester.« »Wo?« rief Nicolaus, sich hastig umsehend. »Hier!« versetzte sein Onkel. »Da sie zuviel Geld haben und nicht wissen, was sie damit anfangen sollen, wollten sie eben eine Kutsche mieten, als ich zu ihnen kam.« »Wir fürchteten, zu spät da zu sein und ihn nicht mehr zu sehen, ehe er abreiste«, entgegnete Frau Nickleby, ihren Sohn umarmend, ohne der im Hofe umherschlendernden Zuschauer zu achten. »Sehr gut, Madame«, erwiderte Ralph; »Sie müssen das natürlich am besten wissen. Ich sagte nur, Sie seien im Begriff gewesen einen Lohnkutscher zu bezahlen. Ich zahle nie eine Lohnkutsche, Madame, und miete auch keine. Ich bin seit dreißig Jahren nicht auf eigene Rechnung in einer Mietkutsche gesessen, und ich hoffe, es soll noch dreißig Jahre dauern, bis ich es tue, wenn ich so lange lebe.« »Ich hätte es mir nie vergeben können, wenn ich ihn nicht noch einmal gesehen hätte«, sagte Frau Nickleby. »Der liebe, arme Junge – er ging sogar ohne Frühstück fort, weil er fürchtete, daß uns der Abschied schmerzlich fiele.« »Gewiß – außerordentlich zart!« bemerkte Ralph grämlich. »Als ich ins Geschäftsleben trat, war jeden Morgen, ehe ich in die City ging, ein Pennybrot und für einen halben Penny Milch mein Frühstück. Was sagen Sie hierzu, Madame? Frühstück! Bah!« »Nun, Nickleby«, sagte Squeers, der in diesem Augenblick, seinen Überrock zuknöpfend, herantrat; »es wird gut sein, wenn Sie hinten aufsitzen: es könnte einer der Knaben herunterfallen, und dann sind jährlich zwanzig Pfund zum Henker.« »Lieber Nicolaus«, flüsterte Käthchen, ihres Bruders Arm berührend, »wer ist dieser rohe Mensch?« »He?« brummte Ralph, dessen rasches Ohr die Frage aufgefangen hatte, »wünschest du dem Herrn Squeers vorgestellt zu werden, meine Liebe?« »Das der Schulmeister? Nein, Onkel, gewiß nicht«, versetzte das Mädchen zurücktretend. »Ich hörte doch eben, daß du ihn kennenzulernen wünschtest«, entgegnete Ralph in seiner kalten, beißenden Weise. »Herr Squeers, hier ist meine Nichte, Nicolaus' Schwester.« »Sehr erfreut, Ihre Bekanntschaft zu machen, Fräulein«, erwiderte Squeers, seinen Hut um einige Zoll lüftend. »Ich wünschte nur, daß Frau Squeers Schülerinnen aufnähme; wir könnten Sie dann als Lehrerin brauchen. Ich möchte übrigens nicht dafür stehen, ob sie nicht eifersüchtig würde, ha! ha! ha!« Hätte der Eigentümer von Dotheboys Hall wissen können, was in diesem Augenblick in der Brust seines Hilfslehrers vorging, so würde er mit einiger Überraschung bemerkt haben, daß er einer gesunden Tracht Schläge so nahe war, wie nur je in seinem Leben. Käthchen Nickleby übrigens, die die Gefühle ihres Bruders schnell erfaßte, führte ihn sacht beiseite und verhinderte dadurch, daß Herr Squeers auf eine etwas unangenehme Weise mit der Tatsache bekannt wurde. »Mein lieber Nicolaus«, fragte das Mädchen, »wer ist dieser Mann, und was für eine Stelle kannst du bei ihm zu versehen haben?« »Ich weiß es selbst nicht, Käthchen«, entgegnete Nicolaus, die Hand der Schwester drückend. »Ich denke, die Leute von Yorkshire sind etwas roh und ungebildet; das wird wohl alles sein.« »Aber dieser Mensch?« erwiderte Käthchen. »Ist mein Dienstherr, mein Vorgesetzter, oder wie ich es nennen mag«, versetzte Nicolaus rasch, »und es war einfältig von mir, seine Ungeschliffenheit übelzunehmen. Sie sehen nach uns her, und es ist Zeit, daß ich meinen Platz einnehme. Gott sei mit dir, meine Liebe, und lasse es dir wohlergehen. Mutter, denken Sie nicht an die Trennung, sondern an das Wiedersehen. Leben Sie wohl, Onkel! Herzlichen Dank für alles, was Sie an uns getan haben und noch zu tun gedenken. Ich bin fertig, Sir.« Mit diesen raschen Abschiedsworten schwang sich Nicolaus gewandt nach seinem Sitze hinauf und winkte den Seinen zu, als ob er unverzagten Herzens in die Zukunft blicke. In diesem Augenblick, als der Postillion zum letzenmal vor dcm Aufbruch mit dem Schaffner die Unkosten der Fahrt berechnete, die Lastträger die letzten widerstrebenden sechs Pence herauspreßten, hausierende Neuigkeitskrämer den letzten Versuch machten, eine Morgenzeitung anzubringen, und die Pferde zum letztenmal ungeduldig in ihren Geschirren rasselten, fühlte sich Nicolaus auf einmal sanft am Beine berührt. Er sah hinunter und entdeckte Newman Noggs, der ihm einen schmutzigen Brief heraufreichte. »Was ist das?« fragte Nicolaus. »Bst!« versetzte Noggs, auf Ralph Nickleby blickend, der mit Herrn Squeers in geringer Entfernung noch einige ernste Worte wechselte. »Nehmen Sie; lesen Sie. Niemand weiß davon. Das ist alles.« »Halten Sie noch«, rief Nicolaus. »Nein«, entgegnete Noggs. Nicolaus rief abermals »Halt«, aber Newman Noggs war verschwunden. Die Rührigkeit einer Minute, das Auf- und Zuklappen der Kutschenschläge, eine Neigung des Wagens auf die eine Seite, als der schwere Postillion und der noch schwerere Schaffner auf ihre Sitze klommen, ein Ruf, daß alles in Ordnung sei, ein paar Stöße in das Posthorn; dann noch ein hastiger Blick von zwei bekümmerten Gesichtern unten, die harten Züge Ralph Nicklebys – und die Kutsche rasselte über das Pflaster von Smietfield dahin. Die Beine der kleinen Knaben waren zu kurz, als daß sie diese, wenn sie saßen, hätten auf etwas ruhen lassen können, und da ihre Leiber deshalb in unablässiger Gefahr waren, von der Kutsche heruntergeworfcn zu werden, so hatte Nicolaus genug zu tun, sie zu halten. Er fühlte sich daher nach der mit diesem Geschäfte verbundenen Angst und körperlichen Anstrengung nicht wenig erleichtert, als die Kutsche vor dem Pfauen zu Islington halt machte. Noch mehr Trost gewährte es ihm aber, als ein Herr von biederem Äußeren, einem heiteren Gesicht und gesunder Farbe hinten aufstieg und sich erbot, die andere Seite des Sitzes einzunehmen. »Wenn wir einige von diesen Knaben in die Mitte nehmen«, sagte der neue Ankömmling, »so werden sie, im Falle sie einschlafen sollten, sicherer sein, – meinen Sie nicht?« »Wenn Sie diese Güte haben wollten, Sir«, versetzte Squeers, »so würde ich es Ihnen sehr Dank wissen. Herr Nickleby, nehmen Sie drei von den Knaben zwischen sich und den Herrn. Belling, und der iüngere Snawley können zwischen mir und dem Schaffner sitzen. Drei Kinder«, erklärte Squeers gegen den Fremden, »werden als zwei eingebucht.« »Das kann man sich gefallen lassen«, entgegnete der Herr. »Ich haben einen Bruder, der nichts dagegen haben würde, wenn seine sechs Kinder in den Büchern der Bäcker und Metzger des Königreichs als zwei betrachtet würden; im Gegenteil –« »Sechs Kinder, Sir?« rief Squeers. »Ja, und lauter Knaben«, erwiderte der Fremde. »Herr Nickleby«, sagte Squeers in großer Hast, »halten Sie mir diesen Korb ein wenig. Erlauben Sie mir, Sir, Ihnen die Karte eines musterhaften Instituts zu überreichen, wo diese sechs Knaben auf eine lichtvolle, freisinnige und moralische Weise erzogen werden können, ohne daß mehr als zwanzig Guineen, – zwanzig Guineen jährlich, Sir, für den Kopf bezahlt zu werden brauchen. Ich würde auch alle zusammen für die runde Summe von hundert Pfund jährlich aufnehmen.« »Ah, da sind wohl Sie selbst der hier erwähnte Squeers,« sagte der Herr mit einem Blicke nach der Karte. »Ja, Sir«, erwiderte der würdige Pädagog. »Wackford Squeers ist mein Name, und ich darf mich dessen nicht schämen. Dies sind einige meiner Schüler, Sir, und da einer meiner Hilfslehrer – Herr Nickleby, ein Mann aus gutem Hause mit gar schönen mathematischen, klassischen und wirtschaftlichen Kenntnissen. Wir machen in unserer Anstalt die Sachen nicht halb ab. Meine Schüler müssen alles lernen, Sir. Ich scheue dabei keine Kosten; auch erhalten sie eine väterliche Behandlung und obendrein die Wäsche.« »Meiner Treu«, sagte der Herr, indem er Nicolaus mit einem halben Lächeln und einem mehr als halben Ausdruck von Überraschung anblickte; »das nenne ich mir in der Tat Vorteile.« »Sie dürfen wohl so sagen, Sir«, entgegnete Squeers, die Hände in seine Überrocktaschen steckend. »Auf Verlangen können die einwandfreiesten Zeugnisse nachgewiesen werden. Ich würde jedoch keinen Zögling aufnehmen, für den nicht die Zahlung von fünf Pfunden fünf Schillingen vierteljährlich verbürgt ist, – nein, nicht wenn sie auf die Knie vor mir niederfielen und mich mit Tränen im Gesicht drum bäten.« »Sehr vorsichtig«, meinte der Reisende. »Vorsicht ist stets mein Hauptaugenmerk, Sir«, versetzte Squeers. »Snawley junior, wenn du nicht aufhörst zu frieren und mit den Zähnen zu klappern, so will ich dich, ehe eine halbe Minute vergeht, mit einer Tracht Schläge warm machen.« »Sitzen Sie hier fest, meine Herren?« fragte der Schaffner, als er nach seinem Platze hinaufstieg. »Ist alles hinten in Ordnung, Dick?« rief der Postillion, »Alles richtig«, war die Antwort. »Vorwärts!« Und vorwärts ging es unter lautem Schmettern des Posthornes und dem ruhigen Beifall aller Roß- und Wagenkenner, die vor dem Pfauen versammelt waren, insbesondere aber dem der Stallknechte, die, die Pferdedecken über ihren Armen, der Kutsche nachsahen, bis sie verschwunden war, und dann wieder brummend nach den Ställen gingen, der Schönheit der Abfahrt allerlei bewundernde Lobsprüche zollend. Als der Schaffner, ein stämmiger, alter Yorkshirer, sich fast außer Atem geblasen hatte, steckte er das Hörn in ein an der Seite der Kutsche zu diesem Zwecke angebrachtes Futteral, zerklopfte sich selbst unter der Bemerkung, daß es ungewöhnlich kalt sei, tüchtig Brust und Arme und fragte dann jede Person besonders, ob sie geradeaus zu reisen gedenke, und wenn nicht, wo der Weg hinginge. Als diese Fragen zur Zufriedenheit beantwortet waren, meinte er, die Wege wären nach dem Schneefall der letzten Nacht ziemlich schwer zu befahren, und nahm sich die Freiheit, zu fragen, ob einer von den Herren eine Schnupftabakdose bei sich führe. Da zufälligerweise keiner der Anwesenden schnupfte, bemerkte er mit geheimnisvoller Miene, daß er, als er in der letzten Woche nach Grantham hinuntergefahren, einen Doktor hätte sagen hören, daß das Schnupfen nicht gut für die Augen sei, obgleich er für seine Person dieses nie gefunden hätte, und er der Ansicht sei, daß jeder äußern solle, wie er es finde. Da niemand den Versuch machte, etwas gegen diesen Satz einzuwenden, so nahm er ein kleines braunes Papierpäckchen aus seinem Hut, setzte eine Hornbrille auf seine Nase (weil die Schrift etwas undeutlich sei), überlas die Anweisung ein halbes Dutzend Male, brachte Päckchen und Brille wieder an den früheren Platz und starrte dann alle Reisenden der Reihe nach an. Er griff nun, da die gewöhnlichen Gemeinplätze seiner Unterhaltung erschöpft waren, um sich zu erfrischen, abermals nach dem Horn, schlug dann zuletzt, so gut es bei den vielen Röcken, die er anhatte, möglich war, die Arme zusammen und blickte stumm und unbekümmert auf die verschiedenen Gegenstände, an denen die Kutsche vorbeirollte. Die einzigen Dinge, für die er ein Interesse zu haben schien, waren Pferde und Viehherden, die er, sooft man an solchen vorbeikam, mit den Blicken eines Kenners musterte. Es war bitterkalt; hin und wieder stöberte es tüchtig, und der Wind war unerträglich schneidend. Herr Squeers stieg bei jeder Station aus, um, wie er sagte, seine Beine zu strecken, und da er von solchen Ausflügen immer mit einer sehr roten Nase zurückkam und unmittelbar darauf sein Schläfchen machte, so ist Grund zur Annahme vorhanden, daß ihm dieses Verfahren sehr gut bekam. Die kleinen Zöglinge wurden durch die Überreste ihres Frühstücks und durch einige kleine Schlückchen einer seltsamen Herzstärkung gelabt, die Herr Squeers bei sich führte, und die fast wie Brotwasser, das aus Versehen in eine Branntweinflasche gegossen wurde, schmeckte. Sie schliefen ein, erwachten wieder, schauderten und weinten, wie es ihnen eben gerade behagte. Nicolaus und der andere Flügelmann wußten über so mancherlei zu sprechen, daß während ihrer Unterhaltung und den Versuchen, die Knaben zu ermuntern, die Zeit so schnell entschwand, wie es unter solchen leidigen Umständen möglich war. So verging der Tag. Zu Eton Slocomb trafen sie eine gute Mahlzeit, an der die Mehrzahl der Reisegesellschaft – worunter auch Nicolaus, der gutgelaunte Mann und Herr Squeers – teilnahm, während man die fünf Knaben, um sie aufzutauen, an den Kamin setzte und sie mit Butterbrot und kaltem Fleisch erquickte. Ein paar Stationen später wurden die Laternen angezündet und eine große Störung durch die Aufnahme einer gezierten Dame verursacht, die mit ihren Dutzend Mänteln und Schachteln aus einem Wirtshaus in einer Nebenstraße einstieg, zur großen Erbauung der Passagiere sich laut über das Ausbleiben ihres eigenen Wagens, der sie hätte aufnehmen sollen, beklagte und dem Schaffner das feierliche Versprechen abnahm, jede grüne Kutsche, die er kommen sähe, anzuhalten, was auch dieser Ehrenmann, da es stockfinstere Nacht war und er mit dem Gesicht nach der andern Seite saß, unter ernstlichen Beteuerungen zu tun versprach. Als endlich die gezierte Dame fand, daß in dem Innern des Wagens nur ein einzelner Herr saß, so ließ sie sich eine kleine Laterne, die sie in ihrem Strickbeutel bei sich führte, anzünden, und nachdem der neue Passagier endlich mit vieler Mühe hineingebracht war, flog der Wagen unter vollem Galopp der Pferde von hinnen. Die Nacht hindurch schneite es stark, zum großen Leidwesen der Reisenden. Man hörte keinen andern Ton als das Heulen des Windes; denn die Bewegung der Räder und der Tritt der Pferde waren auf der dicken Schneehülle, die die Erde bedeckte und mit jedem Augenblick zunahm, nicht vernehmlich. Als sie durch Stamfort kamen, fanden sie die Straßen verlassen, und die alten Kirchtürme stiegen düster und zürnend auf der weißen Ebene empor. Zwanzig Meilen weiter machten sich zwei Reisende von den vorderen Außensitzen die Ankunft bei einem der besten Gasthäuser in England zunutze und blieben im Georg zu Grantham über Nacht. Die übrigen hüllten sich dichter in ihre Überröcke und Mäntel, lehnten sich, als sie das Licht und die Wärme der Stadt wieder verlassen mußten, gegen das Gepäck und schickten sich mit vielen halbunterdrückten Seufzern an, aufs neue dem schneidenden Winde, der über über [*Doppelung] die Schneefelder fegte, zu begegnen. Sie befanden sich wenig mehr als eine Station von Grantham, oder ungefähr auf dem halben Wege zwischen dieser Stadt und Newark, als Nicolaus, der kurz zuvor eingeschlafen war, plötzlich durch einen heftigen Stoß geweckt wurde, der ihn beinahe von seinem Sitz geworfen hätte. Er griff nach der Lehne und fand, daß die Kutsche sich ganz auf die eine Seite neigte, obgleich sie noch immer von den Pferden fortgeschleppt wurde. Durch den Stoß und das laute Kreischen der Dame im Innern verwirrt, besann er sich eben, ob er hinausspringen solle oder nicht, als der Wagen plötzlich ganz umkippte und ihm, indem er ihn auf die Straße schleuderte, alle weitere Ungewißheit ersparte. Sechstes Kapitel In dem der im vorigen Kapitel erwähnte Unfall einigen Herren Gelegenheit gibt, sich Geschichten zu erzählen. »O ha!« rief der Schaffner, der in einem Augenblick wieder auf den Beinen war und zu den Vorderpferden des Zuges eilte. »Ist kein Herr da, der hier Hand anlegen kann? Ruhig, ihr verwünschten Bestien. O ha!« »Was gibt's?« fragte Nicolaus, schlaftrunken aufsehend. »Was es gibt? Es gibt genug für eine Nacht«, versetzte der Schaffner. »Der Henker hole die einäugige Mähre; sie ist toll geworden und bildet sich was drauf ein, daß sie die Kutsche umgeworfen hat. Da, können Sie nicht Hand mit anlegen? Hol's der Teufel, ich tät's, wenn auch alle meine Knochen zerbrochen wären.« »Ich bin bereit«, rief Nicolaus, sich auf die Beine helfend. »Meine Sinne waren nur nicht ganz beieinander, das ist alles.« »Ziehen Sie fest an«, rief der Schaffner, »ich will inzwischen die Stränge abschneiden. Recht so, Musje. Jetzt können Sie sie fahren lassen. Blitz und Hagel, sie werden schnell genug heimlaufen.« In der Tat waren die Tiere auch kaum erlöst, als sie gar umsichtig wieder nach dem Stall zurücktrabten, den sie erst vor ein paar Minuten verlassen hatten. »Können Sie Horn blasen?« fragte der Schaffner, eine der Kutschenlaternen losmachend. Nicolaus bejahte. »Nun, so blasen Sie einmal in das, das dort auf dem Boden liegt, hinein«, fuhr der Mann fort; »es ist so gut, daß man die Toten damit wecken könnte. Ich will inzwischen dem Gekreisch in der Kutsche da drinnen Einhalt tun. Kommen Sie heraus, kommen Sie heraus, Frauenzimmer! Machen Sie keinen solchen Lärm.« Unter diesen Worten war es dem Manne gelungen, den nach oben gekehrten Kutschenschlag aufzureißen, und Nicolaus weckte mit einer der außerordentlichsten Leistungen, die je von menschlichen Ohren auf einem Posthorn gehört wurden, das Echo auf eine weite Ferne hin. Die Töne taten auch ihre Wirkung, denn sie brachten nicht nur die Passagiere, die sich allmählich von den betäubenden Wirkungen ihres Falles erholten, auf die Beine, sondern riefen auch Beistand herbei, denn man sah bereits Lichter in der Ferne, die immer näher kamen. In der Tat galoppierte auch, noch ehe sich die Passagiere gehörig gesammelt hatten, ein Reiter heran, und bei einer sorgfältigen Untersuchung stellte sich heraus, daß die Dame im Innern ihre Lampe und der Herr seinen Kopf zerstoßen hatte; zwei Reisende von dem vorderen Außensitz waren mit blauen Augen, einer aus der Droschke mit blutiger Nase, der Postillion mit einer Beule an der Schläfe, Herr Squeers mit einer Beule an seinem Gesäß und die übrigen Reisenden – Dank sei es der Weichheit der Schneeschicht, auf die sie geworfen wurden – ohne alle Beschädigung davongekommen. Sobald man sich hierüber Gewißheit verschafft hatte, wollte die Dame in Ohnmacht fallen; aber man bedeutete ihr, daß man sie, wenn sie das täte, einem Herrn auf die Schultern laden und sie so nach dem nächsten Wirtshause bringen würde, weshalb sie sich weislich eines Bessern besann und mit dem Rest der Gesellschaft auf ihren eigenen Beinen nach demselben zurückgehen wollte. Als sie daselbst anlangten, fanden sie, daß es ein ziemlich einsamer Ort war, der hinsichtlich des Raumes, den er bot, keine sonderlichen Bequemlichkeiten gewährte, da sich dieser nur auf das einzige, reichlich mit Sand bestreute und mit etlichen Stühlen versehene Wirtschaftszimmer beschränkte. Als man jedoch ein großes Reisigbündel und eine tüchtige Portion Kohlen auf dem Herde aufgehäuft hatte, gewann das Ganze bald ein besseres Aussehen, und ehe man noch alle vertilgbaren Spuren des kürzlichen Unfalles wegwaschen konnte, war das Zimmer warm und hell – kein übler Tausch für die Nacht und Kälte im Freien. »Nun, Herr Nickleby«, sagte Squeers, der für sich die wärmste Ecke ausgesucht hatte; »es war sehr gut, daß Sie die Pferde hielten. Ich hätte es auch so gemacht, wenn ich zeitig genug dazugekommen wäre; es freut mich aber recht, daß Sie es taten. Sie haben sehr wohl daran getan – sehr wohl.« »So wohl«, sagte der Herr mit dem heiteren Gesicht, dem der Gönnerton, den Squeers Nickleby gegenüber anschlug, nicht sonderlich zu gefallen schien, »daß Ihnen wahrscheinlich kein Gehirn geblieben wäre, mit dem Sie hätten Unterricht erteilen können, wenn sie nicht gerade in diesem Augenblick festgehalten worden wären.« Diese Bemerkung veranlaßte eine reichlich mit Komplimenten und Danksagungen gewürzte Erörterung über die Gewandtheit, die Nicolaus bei dieser Gelegenheit an den Tag gelegt hatte. »Ich bin natürlich sehr froh, so davongekommen zu sein«, bemerkte Squeers; »denn jedermann freut sich, eine Gefahr glücklich überstanden zu haben. Aber wenn einer meiner Pflegebefohlenen Schaden genommen hätte – wenn ich verhindert worden wäre, einen dieser kleinen Knaben seinen Eltern wieder ganz gesund zurückzugeben, wie ich ihn erhielt –, was hätten da meine Gefühle sein müssen? Es würde mir weit lieber gewesen sein, wenn mir ein Rad über den Kopf gegangen wäre.« »Sind es lauter Brüder, Sir?« fragte die Dame, die den › Davy ‹ oder die Sicherheitslampe bei sich geführt hatte. »In einem gewissen Sinne sind sie es, Madame«, antwortete Squeers, in seinen Überrocktaschen nach Karten suchend. »Sie stehen alle unter der gleichen, liebevollen und väterlichen Leitung. Madame Squeers und ich, wir beide sind jedem derselben Mutter und Vater. Herr Nickleby, geben Sie der Dame und den Herren diese Karten. Vielleicht kennen sie einige Eltern, die sich freuen würden, mein Institut zu benutzen.« Mit diesen Worten legte Herr Squeers, der keine Gelegenheit versäumte, seine Anzeige unentgeltlich unter die Leute zu bringen, die Hände auf seine Knie und blickte mit so viel Wohlwollen, als er zur Schau zu stellen vermochte, auf seine Zöglinge, während Nicolaus schamrot dem Auftrag entsprach und die Karten umherbot. »Ich hoffe, Sie haben bei dem Umwerfen keinen Schaden genommen, Madame«, sagte der Herr mit dem heiteren Gesicht zu der gezierten Dame, als sei es sein sehnlichster Wunsch, den Gegenstand des Gesprächs zu wechseln. »Körperlich nicht«, versetzte die Dame. »Wie, ich will nicht hoffen, daß Sie im Geiste –« »Der Vorfall ist für meine Gefühle zu schmerzlich, Sir«, entgegnete die Dame in großer Aufregung, »und ich bitte Sie als einen Mann von Erziehung, seiner nicht mehr zu erwähnen.« »Du mein Himmel!« sagte der Herr mit dem heiteren Gesicht, eine noch heiterere Miene annehmend, »ich wollte bloß fragen –« »Ich hoffe, daß man keine Fragen an mich stellt«, sagte die Dame, »oder ich werde mich genötigt sehen, den Schutz der übrigen Herren aufzurufen. Herr Wirt, ich bitte, lassen Sie einen Knaben vor der Tür achtgeben. Wenn eine grüne Kutsche von Grantham herkommt, so soll er sie sofort anhalten.« Die Leute im Hause waren augenscheinlich durch diese Bitte überrascht, und als die Dame dem Knaben anempfahl, als Erkennungszeichen der erwarteten grünen Kutsche auf den mit Goldborten versehenen Hut des Kutschers auf dem Bock und auf den Lakaien hinten, der wahrscheinlich seidene Strümpfe tragen würde, zu achten, verdoppelte sich die Aufmerksamkeit der Wirtin. Selbst der Passagier aus der Droschke ließ sich hiervon anstecken, wurde wunderbar höflich und fragte sogleich, ob es in dieser Gegend nicht sehr gute Gesellschaft gäbe, was die Dame auf eine Weise bejahte, die deutlich merken ließ, daß sie sich eigentlich auf der obersten Spitze derselben bewege. »Da der Schaffner nach Grantham geritten ist, um eine andere Kutsche zu holen«, sagte der Herr mit dem heiteren Gesicht, als sie eine Weile schweigend um das Feuer gesessen hatten, »und er vor ein paar Stunden nicht wieder zurückkommen kann, so mache ich den Vorschlag, eine Bowle Punsch miteinander zu leeren. Was sagen Sie dazu, Sir?« Diese Frage war an den Mann gerichtet, der sich im Innern der Kutsche den Schädel zerstoßen hatte. Er war von sehr achtbarem Äußeren, in Trauer gekleidet und nicht über das mittlere Alter hinaus, obgleich sein Haar – vielleicht von Gram und Sorge – frühzeitig gebleicht war. Er ging auf den Vorschlag bereitwillig ein und schien an der freimütigen guten Laune dessen, der ihn gemacht hatte, Gefallen zu finden. Dieser übernahm, als der Punsch fertig war, das Amt des Mundschenken und leitete, nachdem er alle mit dem dampfenden Naß versehen hatte, die Unterhaltung auf die Altertümer von York, mit denen sowohl er als der grauhaarige Herr sehr vertraut zu sein schienen. Als dieser Gegenstand erschöpft war, wandte er sich lächelnd an den Herrn mit dem grauen Haar und fragte ihn, ob er singen könne. »Nein, das kann ich wirklich nicht«, erwiderte dieser, gleichfalls lächelnd. »Schade«, sagte der Eigentümer des heiteren Gesichtes. »Ist niemand hier, der ein Liedchen singen könnte, um uns die Zeit zu kürzen?« Die Passagiere beteuerten samt und sonders, daß sie nicht singen könnten; die einen wünschten, daß sie es könnten, die andern konnten sich des Textes nicht erinnern, wenn sie nicht das Buch hatten usw. »Vielleicht wäre es der Dame angenehm«, sagte der Vorsitzer mit einer tiefen Verbeugung und einem heitern Blinzeln seines Auges. »Irgendeine kleine italienische Arie aus der Oper, die letzthin in der Stadt gegeben wurde, würde gewiß von allen mit dem größten Beifall aufgenommen werden.« Da sich die Dame nicht herabließ, etwas zu erwidern, sondern nur verächtlich den Kopf in die Höhe warf und etwas von Verwunderung, daß die grüne Kutsche so lange ausbliebe, murmelte, drängten einige Stimmen den Vorsitzenden selber, einen Versuch zum allgemeinen Besten zu machen. »Gerne, wenn ich könnte«, sagte der Herr mit dem heiteren Gesicht; »denn ich halte es für passend, daß in diesem, wie in allen anderen Fällen, wo Fremde unerwartet zusammentreffen, alle sich bemühen sollten, sich der kleinen Gesellschaft so angenehm wie möglich zu machen.« »Ich wünschte, daß dieser Grundsatz überall und allgemeiner gehandhabt würde«, erwiderte der Mann mit dem grauen Haar. »Ich höre das nicht ungerne«, erwiderte der andere. »Vielleicht würde es Ihnen, da Sie nicht singen können, recht sein, uns eine Geschichte zu erzählen?« »Nein, ich würde Sie darum bitten.« »Nach Ihnen – mit Vergnügen.« »Wirklich?« versetzte der grauhaarige Herr lächelnd. »Nun, so sei es. Ich fürchte nur, der Gang meiner Gedanken ist nicht geeignet, die Zeit, die wir hier zubringen müssen, auf eine heitere Weise zu töten; da Sie aber so wünschen, so mögen Sie selbst urteilen. Wir haben eben von dem Münster in York gesprochen. Meine Geschichte steht in einiger Beziehung zu demselben; ich nenne sie daher: »Die fünf Schwestern von York.« Nach einem Beifallsgemurmel seitens der übrigen Passagiere, währenddessen die empfindliche Dame heimlich ein Glas Punsch austrank, nahm der Herr mit dem grauen Haar wieder das Wort: Vor einer langen Reihe von Jahren – denn das fünfzehnte Jahrhundert war damals kaum zwei Jahre alt, und König Heinrich IV. saß auf dem Thron von England – wohnten in der alten Stadt York fünf jungfräuliche Schwestern, die den Gegenstand meiner Erzählung bilden. Diese fünf Schwestern waren von außerordentlicher Schönheit. Die älteste stand in ihrem dreiundzwanzigsten Jahre, die zweite war ein Jahr jünger, die dritte ein Jahr jünger als die zweite und die vierte ein Jahr jünger als die dritte. Alle waren hohe, stattliche Gestalten mit dunklen, leuchtenden Augen und kohlschwarzen Haaren. In jeder ihrer Bewegungen lag Anmut und Würde, und der Ruf ihrer hohen Schönheit war im ganzen Lande verbreitet. Aber, wenn die vier älteren Schwestern liebenswürdig waren, wie bezaubernd war nicht erst die jüngste, ein holdes Wesen von fünfzehn Jahren! Das sanfteste Rot einer Frucht, die zarteste Färbung der Blume sind nicht lieblicher als die Mischung der Rosen und Lilien in ihrem edlen Antlitz oder als das tiefe Blau ihres Auges. Die Rebe in ihrer zierlichsten Üppigkeit ist nicht anmutiger als die reichen braunen Locken, die um ihre Stirne wehten. Wenn wir alle so leichte Herzen hätten, wie sie in der Brust der Jugend und Schönheit schlagen, welch ein Himmel würde die Erde sein! Wenn unsere Herzen ihre jugendliche Frische bewahren könnten, während unsere Körper hinwelken, was könnten uns dann Sorge und Leiden anhaben? Aber das schwache Abbild des Paradieses, das unserer Kindheit eingeprägt ist, reibt sich auf in den rauhen Kämpfen mit der Welt und schwindet bald dahin – nur zu oft, um nichts zurückzulassen als eine traurige Öde. Das Herz dieses schönen Mädchens hüpfte vor Heiterkeit und Freude. Eine aufopfernde Anhänglichkeit an ihre Schwestern und eine glühende Liebe für alles Schöne in der Natur waren ihre reinen Gefühle. Ihre frohe Stimme und ihr heiteres Lachen bildeten die süßeste Musik an ihrem heimischen Herde, dessen eigentliches Licht und Leben sie selbst war. Die schönsten Blumen des Gartens waren von ihr gezogen; die Vögel in den Käfigen sangen, wenn sie ihre Stimme hörten, und trauerten, wenn sie dieses Wohllauts entbehren mußten. O Alice, holde Alice, welches lebende Wesen hätte in deinem süßen Zauberkreise weilen und dich nicht lieben müssen. Man würde jetzt vergeblich nach der Stätte forschen, wo die Schwestern wohnten, denn selbst ihre Namen sind verklungen, und der im Schutt wühlende Altertumsforscher spricht von ihnen nur als von einer Fabel. Sie wohnten jedoch in einem alten, hölzernen Hause – alt schon in jenen Tagen – mit überhängenden Giebeln und eichenen, durch rohes Schnitzwerk verzierten Balkonen, das in einem anmutigen Garten stand. Dieser wurde von einer einfachen, steinernen Mauer umschlossen, von wo aus ein tüchtiger Bogenschütze einen Pfeil nach der Abtei der heiligen Maria hätte hinüberschießen können. Die alte Abtei befand sich damals in ihrer Blüte, und die fünf Schwestern, die auf dem Grund und Boden des Klosters wohnten, hatten an die schwarzen Benediktinermönche, die in demselben hausten, jährliche Abgaben zu entrichten. Eines Tages, an einem köstlichen Sommermorgen, tauchte einer jener schwarzen Mönche aus der Klosterpforte auf und lenkte seine Schritte nach dem Hause der schönen Schwestern. Der Himmel oben war blau, und die Erde unten war grün. Der Strom blitzte im Schein der Sonne wie ein Pfad von Diamanten; die Vögel sangen unter den schattigen Bäumen ihre Lieder; die Lerche schwebte hoch über den wogenden Kornfeldern, und das tiefe Summen der Insekten füllte die Luft. Alles atmete Lust und Heiterkeit, aber der heilige Mann ging düster, mit gesenkten Augen seines Weges. Die Schönheit der Erde ist nur ein Hauch und der Mensch nur ein Schatten; welche Mitgefühle hätten sie wecken können in der Brust eines Mannes, der den Eitelkeiten der Welt entsagt hatte? Mit zur Erde gesenktem Blick, den er nur erhob, wenn es durch ein auf seinem Wege liegendes Hindernis nötig ward, ging der Mönch langsam vorwärts, bis er ein kleines Pförtchen in der Gartenmauer der Schwestern erreichte, durch das er hineintrat und es wieder hinter sich abschloß. Er war jedoch noch nicht weit gegangen, als er den Ton sanfter Stimmen und fröhlichen Gelächters vernahm. Er erhob nun seine Augen höher, als es seine demütige Gewohnheit war, und sah in geringer Entfernung die fünf Schwestern, wie gewöhnlich mit Stickereien beschäftigt, Alice in der Mitte, im Grase sitzen. »Gott sei mit euch, schöne Töchter«, sagte der Mönch. Sie waren aber auch in der Tat so schön, daß selbst ein Mönch sie als auserlesene Meisterstücke aus der Hand seines Schöpfers hätte lieben können. Die Schwestern begrüßten den heiligen Mann mit geziemender Ehrfurcht, und die älteste winkte ihm, auf einer Moosbank neben ihnen Platz zu nehmen; aber der gute Mönch schüttelte den Kopf und ließ sich auf einen sehr harten Stein nieder, woran ohne Zweifel die Engel im Himmel eine sehr große Freude hatten. »Ihr wart fröhlich, meine Töchter«, sagte der Mönch. »Ihr wißt, wie leichten Herzens die gute Alice ist«, versetzte die älteste Schwester, indem sie mit den Fingern durch die Locken des lächelnden Mädchens fuhr. »Muß es nicht Freude und Wonne in unsere Herzen gießen, wenn wir die ganze Natur in ihrem Festgewand und in den heitersten Strahlen der Sonne sehen, Vater?« fügte Alice, unter dem strengen Blick des Asketen errötend, bei. Der Mönch antwortete nur durch ein ernstes Neigen des Kopfes, und die Schwestern fuhren schweigend in ihrer Arbeit fort. »Ihr vergeudet also noch immer« – sagte endlich der Mönch, indem er sich an die älteste Schwester wandte – »ihr vergeudet also noch immer die kostbaren Stunden auf dieses eitle Treiben. Ach! ach! daß die wenigen Schaumblasen auf der Fläche der Ewigkeit – alles, was uns der Himmel von jenem dunkeln, tiefen Strome schauen lassen will – so leichtfertig umhergestreut werden müssen.« »Vater«, entgegnete das Mädchen, indem sie wie die übrigen in ihrem Geschäft innehielt; »wir haben diesen Morgen die Messe gehört, das tägliche Almosen an der Tür verteilt, die Kranken besucht und unser Morgentagewerk vollendet. Ich hoffe, unsere gegenwärtige Beschäftigung ist nicht von der Art, daß sie Tadel verdiente?« »Seht hier« – sagte der Mönch, den Stickrahmen aus ihrer Hand nehmend – »ein buntes Farbengewirr, ohne irgendeinen anderen Zweck, als daß es eines Tages zu einer eitlen Zierde diene und den Hochmut eines schwachen und unbeständigen Geschlechtes unterstütze. Wie viele Tage sind auf dieses bedeutungslose Geschäft verwendet worden, und doch ist es noch nicht halb vollendet. Der Schatten eines jeden entschwundenen Tages fällt auf unsere Gräber, und die Würmer frohlocken, wenn sie ihn niedersinken sehen; denn sie wissen, daß wir ihm bald folgen werden. Töchter! Töchter! wißt ihr die flüchtigen Stunden nicht besser zu benutzen?« Die vier älteren Schwestern senkten, beschämt durch den Vorwurf des heiligen Mannes, die Blicke, aber Alice erhob die ihrigen und richtete sie sanft auf den Mönch. »Unsere liebe Mutter – möge Gott ihrer Seele gnädig sein –« begann die Jungfrau. »Amen«, entgegnete der Mönch mit tiefer Stimme. »Unsere liebe Mutter« – stotterte die schöne Alice – »war noch am Leben, als wir diese langwierigen Arbeiten begannen, und befahl uns, sie in unseren Mußestunden mit aller Sorgfalt und Heiterkeit fortzusetzen, wenn sie das Zeitliche gesegnet haben würde. Sie sagte, wenn wir diese Stunden in harmloser Fröhlichkeit und bei jungfräulichen Beschäftigungen verlebten, so würden sie die glücklichsten und friedvollsten in unserem Leben sein; und wenn wir später in die Welt hinausträten und mit ihren Sorgen und Prüfungen bekannt würden – wenn wir, durch ihre Versuchungen angelockt und durch ihren Flitter geblendet, je der Liebe und Pflicht vergäßen, die die Kinder einer Mutter mit heiligen Banden umschlingen sollten – dann würde ein Blick auf die alte Arbeit unserer gemeinschaftlich verlebten Mädchenjahre gute Gedanken an die Vergangenheit in uns wecken und unsere Herzen aufs neue der Innigkeit und Liebe erschließen.« »Alice spricht wahr, Vater«, sagte die älteste Schwester mit einigem Stolze. Sie nahm mit diesen Worten ihre Arbeit wieder auf, und die übrigen folgten ihrem Beispiel. Jede der Schwestern hatte ein Modell von großem Umfang vor sich; das Muster war verwickelt und schwierig, Zeichnung und Farben aber bei allen die gleichen. Die Schwestern beugten sich anmutig über ihre Arbeit nieder, und der Mönch, der das Kinn auf seine Hände stützte, blickte schweigend von der einen auf die andere. »Wie viel besser wäre es«, sagte er endlich, »allen solchen Gedanken und Möglichkeiten vorzubeugen und in dem friedlichen Schirme der Kirche das Leben dem Himmel zu weihen! Kindheit, Jugend, das Alter des Mannes und das des Greises schwinden so schnell dahin, wie sie aufeinander folgen. Bedenkt, wie der Staubmensch dem Grabe zueilt, wendet eure Augen ohne Unterlaß auf dieses Ziel eurer Rennbahn und meidet die Wolke, die über den irdischen Lüsten der Welt aufsteigt und die Sinne der Weltmenschen betrügt. Nehmt den Schleier, meine Töchter, nehmt den Schleier!« »Nimmermehr, Schwestern!« rief Alice. »Vertauscht nicht das Licht und die Luft des Himmels, die Frische der Erde und alle diese Herrlichkeiten, die auf ihr atmen, gegen eine kalte Klosterzelle. Die Segnungen der Natur sind die eigentlichen Lebensgüter, und wir dürfen uns ihrer recht wohl erfreuen, ohne befürchten zu müssen, eine Sünde zu begehen. Der Tod ist zwar unser bitteres Erbteil, aber ach – laßt uns sterben im Kreise des Lebens. Wenn unsere Pulse stocken, mögen warme Herzen in unserer Nähe schlagen, und unser letzter Blick hafte auf den Grenzen, die Gott seinem schönen Himmel gesteckt hat – nicht aber auf steinernen Mauern und eisernen Gittern. Liebe Schwestern, hört auf meine Worte: laßt uns in der Umzäunung dieses schönen Gartens leben und sterben; laßt uns das Düstere und die Trauer des Klosters meiden!« Tränen entquollen den Augen der Jungfrau, als sie ihren leidenschaftlichen Aufruf schloß und ihr Gesicht an dem Busen einer Schwester verbarg. »Beruhige dich, Alice«, sagte die Älteste, indem sie die schöne Stirne des Mädchens küßte. »Der Schleier soll nie dein junges Antlitz beschatten. Was sagt ihr, Schwestern? Sprecht für euch selbst, und nicht für Alice oder für mich.« Die Schwestern riefen wie mit einem Mund, daß ihre Lose zusammengeworfen seien und daß es auch außerhalb der Klostermauern Wohnungen des Friedens und der Tugend gebe. »Vater!« sagte die Älteste, indem sie mit Würde aufstand, »Ihr habt unsern unabänderlichen Entschluß vernommen. Die gleiche fromme Sorgfalt, die die Abtei zur heiligen Maria bereicherte und uns Waisen ihrer wohlwollenden Obhut anheimgab, befahl, daß unsern Neigungen kein Zwang auferlegt werden, sondern daß wir frei und ganz nach unserer eigenen Wahl leben sollen. Wir bitten Euch, laßt uns nichts mehr von alledem hören. Doch Schwestern, es ist bald Mittag; wir wollen bis zum Abend Schutz im Hause suchen.« Die Dame erhob sich mit einer Verbeugung gegen den Mönch und ging, Hand in Hand mit Alice, dem Hause zu; die übrigen Schwestern folgten. Der heilige Mann, der früher schon oft dieselbe Angelegenheit zur Sprache gebracht, aber nie eine so unumwundene Abfertigung erhalten hatte, ging mit zur Erde gesenkten Blicken in kurzer Entfernung hinter ihnen her und bewegte seine Lippen wie im Gebet. Als die Schwestern die Tür erreicht hatten, beschleunigte er seinen Schritt und rief ihnen zu, daß sie halten möchten. »Verweilt noch«, sagte der Mönch, die rechte Hand in die Höhe hebend, indem er abwechselnd einen zürnenden Blick auf Alice und die älteste Schwester warf; »verweilt noch und hört von mir, was diese Rückerinnerungen sind, die ihr höher schätzt als die Ewigkeit, und die ihr, wenn sie durch die Gnade des Himmels schlummern, kraft solchen eitlen Tandes wieder erwecken möchtet. Die Erinnerung an Erdendinge ist in späteren Jahren immer mit bitterer Täuschung, Schmerz und Tod belastet und spricht nur von traurigem Wechsel und verzehrendem Gram. Es wird eines Tages eine Zeit kommen, wo ein Blick auf dieses nichtige Spielwerk in den Herzen einiger von euch tiefe Wunden aufreißen und eure innerste Seele treffen wird. Wenn diese Stunde kommt – und denkt an mich, sie wird kommen –, so wendet euch von der Welt, die ihr so brünstig umschließt, nach dem Zufluchtsort, den ihr verachtet. Die Zelle ist nicht so kalt wie das Herz des Sterblichen, wenn sein Feuer durch Prüfungen und Unglück gelöscht ist; sucht sie daher auf und weint um die Träume eurer Jugend. Doch diese Dinge sind der Wille des Himmels und nicht der meine«, sagte der Mönch mit leiserer Stimme, als er die erbebenden Mädchen der Reihe nach anblickte. »Der Segen der heiligen Jungfrau komme über euch, meine Töchter.« Mit diesen Worten verschwand er durch das Pförtchen, und die Schwestern, die in das Haus eilten, ließen sich an diesem Tage nicht mehr blicken. Aber die Natur lachte trotz des Stirnrunzelns der Priester. Die Sonne schien hell und klar am nächsten Tage, wie auch am zweiten und dritten. Die fünf Schwestern lustwandelten nach wie vor im Morgenrot und in der sanften Ruhe des Abends, oder vertrieben sich die Zeit mit Arbeit und heiterer Unterhaltung in ihrem friedlichen Garten. Die Zeit entschwand einem Märchen gleich, das erzählt ist, – schneller sogar, als manche Geschichten sich erzählen lassen, unter die, wie ich fürchte, auch die gegenwärtige gehört. Das Haus der fünf Schwestern stand noch immer an derselben Stelle, und dieselben Bäume warfen ihren lieblichen Schatten auf den Rasen des Gartens. Auch die Schwestern waren da, liebenswürdig wie ehedem, aber in ihrer Wohnung hatte sich gar vieles verändert. Man vernahm bisweilen Waffenlärm, und der Mond beleuchtete stählerne Helme. Ein andermal sprengten abgehetzte Rosse vor das Tor, und eine weibliche Gestalt glitt rasch hervor, als harrte sie neugierig der Kunde, die der ermüdete Bote brachte. Einmal übernachtete ein stattlicher Zug von Rittern und Damen in den Mauern der Abtei, und am nächsten Morgen ritten sie mit zweien der schönen Schwestern wieder fort. Dann begannen die Reiter sich seltner zu zeigen, und wenn sie kamen, schienen sie nur böse Nachrichten zu bringen. Endlich blieben sie ganz aus, und Bauern mit wunden Füßen schlichen sich nach Sonnenuntergang an die Tür, um heimlich ihre Botschaft zu bestellen. Einmal wurde in stiller Mitternacht eilig ein Diener nach der Abtei geschickt, und als der Morgen kam, hörte man Jammerlaute und Wehegeschrei in der Wohnung der Schwestern. Dann umfing die Stille des Grabes das Haus, und weder Ritter noch Dame, weder Roß noch Rüstung wurden je wieder in der Nähe desselben gesehen. Ein unheimliches Düster umflorte den Himmel, und die Sonne war zürnend untergegangen, die dunklen Wolken mit den letzten Spuren ihres Grolles färbend, als derselbe schwarze Mönch, einen Steinwurf weit von der Abtei entfernt, mit übereinandergeschlagenen Armen einherging. Die Bäume und Gesträuche ließen ihre Zweige sinken, und der Wind, der endlich die unnatürliche Stille, die den ganzen Tag über geherrscht hatte, zu unterbrechen begann, seufzte hin und wieder schwer auf, als wolle er mit Wehmut die Verheerungen des kommenden Sturmes voraussagen. Die Fledermaus flatterte in gespenstigen Kreisen durch die schwüle Luft, und der Boden wimmelte von kriechendem Gewürm, das der Instinkt an die Oberfläche brachte, um sich an dem kommenden Regen zu erquicken. Die Augen des Mönches waren nicht mehr zur Erde gesenkt; er warf sie frei umher und ließ sie von einer Stelle zur andern schweifen, als ob das Düster und die Verödung der Szene einen raschen Anklang in seiner eigenen Brust fände. Er blieb wieder vor der Gartenmauer des Hauses der Schwestern stehen und trat abermals durch das Pförtchen. Aber jetzt begegnete sein Ohr keinem frohen Gelächter, und sein Auge traf nicht auf die schönen Gestalten der fünf Schwestern; alles war stumm und öde. Die Zweige der Bäume waren niedergebogen und zerbrochen, und das Gras wucherte hoch und wild auf dem Boden. Ach, so viele, viele Tage hatte es kein leichter Fuß niedergetreten! Mit der Unempfindlichkeit oder Gleichgültigkeit eines Mannes, der an den Wechsel gewöhnt ist, glitt der Mönch in das Haus und trat in ein niederes, düsteres Gemach. Hier saßen vier Schwestern. Ihre schwarzen Gewänder ließen ihre bleichen Gesichter noch blasser erscheinen. Zeit und Kummer hatten tiefe Spuren der Verheerung auf denselben zurückgelassen. Es waren noch immer stattliche Gestalten, aber die Wärme und der Stolz jugendlicher Schönheit war dahin. Und Alice – wo war sie? Im Himmel! Der Mönch – selbst der Mönch – konnte sich hier einigen Schmerzes nicht erwehren; denn die Schwestern hatten sich lange nicht zusammengefunden, und in ihren bleichen Gesichtern zeigten sich Furchen, wie sie die Zeit allein nicht eingraben konnte. Er setzte sich schweigend nieder und winkte ihnen, ihr Gespräch fortzusetzen. »Hier sind sie, Schwestern«, sagte die Älteste mit bebender Stimme. »Ich habe es seitdem nicht vermocht, sie wieder anzusehen, und ich schäme mich jetzt meiner Schwäche. Liegt denn etwa in der Erinnerung an die Schwester, was wir scheuen müßten? Sollte es uns jetzt nicht eher eine wehmütige Lust gewähren, die Tage der Vergangenheit uns ins Gedächtnis zurufen?« Sie warf bei diesen Worten einen Blick auf den Mönch, öffnete ein Gemach und brachte fünf Stickrahmen zum Vorschein, daran die Arbeit längst vollendet war. Ihr Schritt war fest, aber ihre Hand zitterte, als sie den letzten vorzeigte. Die andern Schwestern machten bei dem Anblick desselben ihren Gefühlen durch Tränen Luft, und die Älteste vereinigte die ihrigen damit und sprach schluchzend: »Gottes Frieden sei mit ihr!« Der Mönch stand auf und trat ihnen näher. »Es war wohl der letzte Gegenstand, den sie in den Tagen ihrer Gesundheit berührte«, sagte er mit leiser Stimme. »Er war's«, sprach die Älteste, bitterlich weinend. Der Mönch wandte sich an die zweite Schwester. »Der tapfere Jüngling, der dir ins Auge blickte und an jedem deiner Atemzüge hing, als er dich zuerst mit diesem Tand beschäftigt sah, liegt unter dem Rasen begraben, den sein Blut rötete. Rostige Bruchstücke einer sonst so herrlich glänzenden Rüstung liegen zerfressen auf dem Boden und sind von seinen eigenen Überresten so wenig zu unterscheiden wie in Moder verfallene Gebeine.« Die Dame seufzte und rang die Hände. »Die Schlauheit der Höfe«, fuhr er gegen die beiden andern Schwestern fort – »führte euch aus eurer friedlichen Heimat zu Schauplätzen des Prunkes und der Lust. Dieselbe Arglist und der nie rastende Ehrgeiz stolzer, übermütiger Männer hat euch als verwitwete Jungfrauen entehrt und gedemütigt zurückgeschickt. Spreche ich wahr?« Das Schluchzen der beiden Schwestern war die einzige Antwort. »Warum wollt ihr« – fuhr der Mönch mit vielsagendem Blicke fort – »eure Zeit mit einem Tand vergeuden, der nur die bleichen Geister entschwundener Hoffnungen heraufbeschwört? Begrabt sie, bringt sie durch Reue und Buße zur Ruhe und laßt sie die Mauern eines Klosters umschließen.« Die Schwestern baten um drei Tage Bedenkzeit, und es war ihnen in jener Nacht, als ob der Schleier in der Tat das passendste Leichentuch für ihre hingestorbenen Freuden wäre. Aber der Morgen kam, und obgleich die Zweige der Bäume herniederhingen oder auf dem Boden umherlagen, so war es doch noch derselbe Garten. Das Gras war dicht und hoch, aber sie fanden doch noch die Stelle, auf der sie so oft beieinander gesessen hatten, als sie Wechsel und Kummer nur dem Namen nach kannten. Alle die Pfade und Ecken waren noch vorhanden, denen Alices heiterer Sinn Leben verliehen hatte, und in dem Schiff der Klosterkirche lag ein flacher Stein, unter dem sie im Frieden schlummerte. Und konnten sie, wenn sie sich erinnerten, wie Alices Herz bei dem Gedanken an Klostermauern erbebte – konnten sie in Gewändern auf ihr Grab blicken, die sogar die Asche in demselben noch verletzt haben würden? Konnten sie in dem Niedersinken bei klösterlichen,Gebeten, selbst wenn der ganze Himmel sich ihnen aushorchend zugeneigt hätte, den tiefen Schatten der Trauer über das Antlitz eines Engels bringen? – Nein! Sie sandten nach den berühmtesten Künstlern und ließen, als sie die Genehmigung der Kirche zu ihrem frommen Werk erlangt hatten, mit kostbarem buntem Glase eine Kopie ihrer Stickereien in fünf großen Feldern ausführen. Diese wurden einem großen Fenster, das bisher ohne allen Schmuck gewesen war, eingepaßt, und wenn die Sonne prachtvoll leuchtete, wie es die Schwestern ehedem so gerne gesehen hatten, so strahlten die liebgewonnenen Bilder in ihren ursprünglichen Farben und warfen ihren schimmernden Lichtstrom warm auf den Namen Alice . Die Schwestern gingen jeden Tag viele Stunden langsam in dem Schiff der Kirche auf und ab oder knieten an der Seite des breiten, flachen Steines nieder. Im Verlaufe der Jahre sah man nur noch drei, dann zwei und endlich nur noch eine einzige Frauengestalt. diese aber von Alter gebeugt, an dem gewohnten Art. Endlich blieb auch sie aus, und der Stein trug einfach fünf Taufnamen. Man hat den Stein weggenommen und durch einen andern ersetzt, und manche Generation wurde seitdem geboren und wieder zu Grabe getragen. Die Zeit hat die Farben gebleicht, aber derselbe Lichtstrom fällt noch auf das vergessene Grab, das durch kein Denkmal mehr angezeigt ist; und bis auf den heutigen Tag zeigt man dem Volk in der Kathedrale zu York ein altes Fenster, das den Namen: » Die fünf Schwestern « trägt.   »Das ist eine trübselige Geschichte«, sagte der Herr mit dem heiteren Gesicht, indem er sein Glas leerte. »Es ist eine Geschichte nach dem Leben, wie denn überhaupt unser Erdenwallen eine Kette derartiger Leiden ist«, entgegnete der andere höflich, aber mit einem ernsten und traurigen Tone der Stimme. »Jedes gute Gemälde hat seine Schattenflächen, aber auch seine Lichtseiten, wenn wir sie nur suchen wollen«, sagte der Herr mit dem heiteren Gesicht. »Die jüngste Schwester in Ihrer Erzählung war immer frohen Sinnes.« »Und starb früh«, entgegnete der andere weich. »Sie würde wohl früher gestorben sein, wenn sie weniger glücklich gewesen wäre«, erwiderte der erste Sprecher mit Gefühl. »Glauben Sie, die Schwestern, die sie so sehr liebten, hätten sich weniger gegrämt, wenn ihr Leben reich an Schmerz und Trübsal gewesen wäre? Wenn irgend etwas den ersten Schmerz eines schweren Verlustes sänftigen kann, so ist es meiner Ansicht nach der Gedanke, daß diejenigen, um die wir trauern, in ihrem unschuldigen Glück, dessen sie sich hienieden erfreuten, und in der Liebe, mit der sie ihre Umgebung umfingen, für ein reineres und glücklicheres Dasein sich vorbereiteten. Verlassen Sie sich darauf, die Sonne scheint nicht auf diese Erde, um finstern Gesichtern zu begegnen.« »Ich glaube. Sie haben recht«, sagte der Herr, der die Geschichte erzählt hatte. »Glauben?« versetzte der andere. »Kann das wohl einem Zweifel unterliegen? Rufen Sie sich was immer für einen schmerzlichen Gegenstand ins Gedächtnis und sehen Sie, ob sich nicht auch viel Wonne daran knüpft. Dagegen kann die Erinnerung entschwundener Freuden schmerzlich werden –« »Gewiß«, fiel der andere ein. »Es ist eine bekannte Tatsache. Der Rückblick auf ein Glück, das unwiederbringlich dahin ist, erzeugt Schmerz, aber einen Schmerz milderer Art. Unsere Erinnerungen sind unglücklicherweise mit vielem gemischt, was wir beklagen, und mit manchen Handlungen, die wir bitter bereuen. Aber ich bin der festen Überzeugung, daß auch in dem getrübtesten Leben so viele kleine Sonnenstrahlen sind, auf die man zurückblicken kann, daß ich nicht glaube, irgendein Sterblicher, der sich nicht selbst alle Lichtblicke der Hoffnung abgeschnitten hat, würde mit Vorbedacht einen Trunk aus Lethes Strom tun, wenn er es auch könnte.« »Ihre Ansicht ist vielleicht richtig«, sagte der grauhaarige Herr nach einem kurzen Nachdenken, »und ich bin nicht abgeneigt, Ihrer Meinung beizupflichten.« »Je nun«, erwiderte der andere, »dann überwiegt das Gute, dem wir in unserm Erdenleben begegnen, das Schlimme, mögen auch die sogenannten Philosophen sagen, was sie wollen. Wenn unsere Gefühle auch manche Prüfungen erdulden müssen, so bleiben sie doch unser Trost und unsere Lust, wie denn auch die Erinnerung, selbst wenn sie noch so düster ist, die schönste und reinste Verbindung zwischen dieser und einer bessern Welt bildet. – Doch, fahren wir fort; ich will Ihnen ein Geschichtchen anderer Art erzählen.« Nach einem kurzen Schweigen füllte der Herr mit dem heiteren Gesicht die Gläser der Anwesenden aufs neue mit Punsch, warf einen schlauen Blick nach der gezierten Dame, die sich mit der Besorgnis, es möchte irgend etwas Unschickliches erzählt werden, abzuängstigen schien, und nannte den Titel seiner Geschichte: » Der Freiherr von Weinzapf «. Der Freiherr von Weinzapf auf Zapfenburg war ein so liebenswürdiger junger Edelmann, wie man nur einen sehen kann. Ich habe nicht nötig zu sagen, daß er in einer Burg wohnte, weil sich das von selber versteht. Auch brauche ich nicht zu bemerken, daß er in einer alten Burg lebte; denn welcher deutsche Baron hat je in einer neuen gewohnt? Es standen viele sonderbare Umstände mit diesem ehrwürdigen Gebäude in Verbindung, und unter diesen war auch der nicht am wenigsten befremdende und geheimnisvolle, daß es, wenn der Wind blies, in den Schornsteinen orgelte oder durch die Bäume des naheliegenden Forstes heulte, und daß die Strahlen des Mondes durch gewisse kleine Öffnungen in der Mauer ihren Weg fanden und in der Tat einige Teile der weiten Hallen und Galerien hell erleuchteten, während andere in tiefem Schatten blieben. Ich glaube, daß einer von des Freiherrn Vorfahren, als es ihm an Geld gebrach, einen Herrn, der in einer Nacht hier ansprach, um nach dem Weg zu fragen, erdolchte, und man vermutete, daß diese wunderbaren Ereignisse eine Folge dieser Untat wären. Freilich kann ich mir die Möglichkeit davon kaum denken, denn der Ahnherr des Freiherrn war ein sehr achtbarer Mann, und seine übereilte Handlung ging ihm nachher sehr zu Herzen, weshalb er sich auch mit Gewalt einer Partie von Steinen und Bauholz bemächtigte, die einem schwächeren Baron gehörte, zur Sühne seines Vergehens eine Kapelle daraus baute und sich auf diese Weise eine Gesamtquittung für alle Forderungen, die der Himmel an ihn machen konnte, erwarb. Da gerade von einem Vorfahren des Freiherrn die Rede ist, so darf ich nicht vergessen zu erwähnen, welche hohe Ansprüche auf Achtung der Erbe seinem Stammbaum verdankte. Es tut mir zwar leid, daß ich die Zahl seiner Ahnen nicht anzugeben vermag; jedenfalls aber weiß ich, daß er mehr hatte als irgendein anderer Mann seiner Zeit, und ich wünschte nur, daß er in unsern Tagen gelebt hätte, um sich einer noch größeren Anzahl rühmen zu können. Es ist überhaupt ein großes Unglück für die großen Männer vergangener Jahrhunderte, daß sie so früh geboren werden mußten, weil sich von einem Mann, der vor drei- oder vierhundert Jahren in die Welt trat, vernünftigerweise nicht erwarten läßt, daß er so viele Vorfahren aufzuweisen habe als einer, der in unsern Tagen lebt. Der letzte Mensch, wer er auch immer sein mag – und wäre er nur ein Schuhflicker oder sonst irgendein armseliger Tropf – wird einen längeren Stammbaum haben als ein Mann vom ältesten Adel in unsern Tagen; und das ist doch gewiß etwas, was von Rechts wegen nicht sein sollte. Gut also: der Freiherr von Weinzapf auf Zapfenburg war ein hübscher, dunkelgebräunter Herr mit schwarzen Haaren und einem großen Schnurrbart, der in hellgrünen Kleidern, mit Juchtenstiefeln an den Füßen und einem Horn über seiner Schulter, ähnlich dem der englischen Postkutschenschaffner, auf die Jagd zu reiten pflegte. Wenn er in dieses Horn stieß, brachen sogleich vierundzwanzig andere Edelleute von untergeordnetem Range in etwas gröberer, grüner Tracht und etwas dicker besohlten Juchtenstiefeln auf und galoppierten in einem Trupp mit Spießen in den Händen, die lackierten Gitterstäben glichen, dahin, um Eber zu hetzen oder vielleicht einen Bären aufzutreiben, in welch letzterem Fall ihm der Freiherr zuerst den Genickfang gab und dann mit dem Fett desselben seinen Schnurrbart wichste. Das war ein lustiges Leben für den Freiherrn von Weinzapf und ein noch lustigeres für seine Vasallen, die jede Nacht Rheinwein tranken, bis sie unter den Tisch fielen, wo sie dann noch auf dem Boden fortzechten und nach Pfeifen riefen. Nie gab es so muntere, lärmende, Scherz liebende Gesellen als Weinzapfs lustige Bande. Aber die Freuden der Tafel oder die Freuden unter der Tafel fordern eine kleine Abwechslung, besonders wenn dieselben fünfundzwanzig Leute Tag für Tag unter demselben Tische liegen, über dieselben Gegenstände sprechen und dieselben Geschichten erzählen. Der Freiherr wurde es endlich satt und sah sich nach etwas Anregenderem um. Er fing daher mit seinen Kameraden Händel an und machte sich das schöne Vergnügen, zwei oder drei davon jedesmal nach dem Mittagessen mit den Füßen zu treten. So angenehm aber auch dieser Wechsel im Anfang war, so wurde er doch dem Freiherrn nach ungefähr einer Woche zu einförmig. Seine gute Laune wich, und so sah er sich denn in der Verzweiflung nach neuen Belustigungen um. Eines Abends nach einer Jagd, in der er sogar Nimrod ausgestochen und abermals einen schönen Bären erlegt hatte, den er im Triumph nach Hause brachte, saß der Baron von Weinzapf übelgelaunt oben an seinem Tisch und betrachtete die rauchige Decke der Halle mit mißvergnügten Blicken. Er schüttete ungeheure Humpen Weines durch seine Kehle, aber je mehr er trank, desto finsterer wurde seine Stirn. Die Herren, die mit der gefährlichen Auszeichnung beehrt wurden, ihm zur Rechten und Linken zu sitzen, taten es ihm zum Wunder im Trinken gleich und warfen sich gleichfalls finstere Blicke zu. »Ich will's!« rief der Freiherr plötzlich, indem er mit der rechten Hand auf den Tisch schlug und mit der linken seinen Schnurrbart drehte. »Füllt die Humpen zu Ehren der Freifrau von Weinzapf!« Die vierundzwanzig Grünröcke erblaßten, mit Ausnahme ihrer Nasen, die unverändert blieben. »Ich brachte die Gesundheit der Freifrau von Weinzapf aus!« wiederholte der Freiherr, indem er die Blicke an dem Tische hingleiten ließ. »Die Freifrau von Weinzapf!« brüllten die Grünen, und vierundzwanzig gewaltige Humpen von so herrlichem alten Gewächs flossen durch ihre vierundzwanzig Kehlen hinunter, so daß sie mit ihren achtundvierzig Lippen schnalzten und von neuem nach dem Fasse blinzten. »Die schöne Tochter des Freiherrn von Schwillenhausen!« erklärte von Weinzapf herablassend. »Wir wollen sie von ihrem Vater zur Ehe begehren, ehe noch die Sonne morgen in ihr Bett steigt. Wenn er unsere Bewerbung zurückweist, so werden wir ihm die Nase abschneiden.« Die Gesellschaft ließ ein wildes Hurra vernehmen, und jeder griff mit schrecklicher Bedeutsamkeit zuerst nach dem Hefte seines Schwertes und dann nach der Spitze seiner Nase. Es ist doch etwas Schönes um den kindlichen Gehorsam! Hätte die Tochter des Freiherrn von Schwillenhausen von einem bereits verschenkten Herzen gesprochen oder sich ihrem Vater zu Füßen geworfen und diese mit Tränen gebadet, oder wäre sie nur in Ohnmacht gefallen und dem alten Herrn mit schrecklichen Gefühlsausbrüchen zu Leibe gegangen, so hätte man hundert gegen eins wetten können, daß Burg Schwillenhausen zum Fenster hinausgeworfen worden wäre, oder besser, daß der Freiherr aus dem Fenster geflogen und in der Burg alles darunter und darüber gegangen wäre. Das Freifräulein verhielt sich jedoch, als am nächsten Morgen ein Bote das Gesuch des Freiherrn von Weinzapf vorbrachte, ganz ruhig und zog sich bescheiden nach ihrem Kämmerlein zurück, von wo sie der Ankunft ihres Freiers und seines Gefolges entgegensah. Sie hatte sich kaum überzeugt, daß der Reiter mit dem großen Schnurrbart der Freier wäre, als sie sogleich zu ihrem Vater eilte und ihm ihre Bereitwilligkeit ausdrückte, sich für seinen Frieden zum Opfer zu bringen. Der ehrwürdige Baron umarmte sein Kind und vergoß eine Freudenträne. Auf der Burg war an diesem Tage ein großes Bankett. Weinzapfs vierundzwanzig Grüne tauschten das Gelübde ewiger Freundschaft mit zwölf Grünen des von Schwillenhausen aus und versprachen dem alten Freiherrn, daß sie von seinem Weine trinken wollten, »bis alles blau wäre« – was wahrscheinlich soviel sagen sollte, bis ihre Gesichter dieselbe Farbe erhalten hätten wie ihre Nasen. Als die Zeit des Aufbruchs kam, klopften sich alle gegenseitig auf die Schulter, und der Freiherr von Weinzapf ritt mit seinem Gefolge frohen Muts nach Hause. Sechs sterbenslange Wochen hatten die Bären und Eber Feiertage. Die Häuser von Weinzapf und Schwillenhausen waren vereinigt; die Spieße rosteten, und das Horn des Freiherrn wurde heiser, weil es nicht mehr geblasen wurde. Das waren glückliche Tage für die vierundzwanzig; aber ach, diese glorreiche Zeit hatte bereits Stiefeln angezogen und war im Begriff, sich auf und davon zu machen. »Mein Bester«, sagte die Freifrau. »Meine Liebe«, sagte der Freiherr. »Diese rohen, lärmenden Menschen –« »Welche?« fragte der Freiherr auffahrend. Die Freifrau deutete aus dem Fenster, an dem sie mit ihrem Gemahl stand, nach dem Hof hinunter, wo die nichtsahnenden Grünen im Steigbügel noch einen guten Schluck zu sich nahmen, um sich für die Eberhetze zu stärken. »Mein Jagdgefolge?« fragte der Baron. »Entlasse sie, mein Bester«, flüsterte die Freifrau. »Sie entlassen?« rief der Freiherr erstaunt. »Mir zu Gefallen, mein Lieber«, versetzte die Baronesse. »Dem Teufel zu Gefallen!« antwortete der Baron. Die Freifrau stieß hierauf einen lauten Schrei aus und sank ohnmächtig zu den Füßen des Freiherrn nieder. Was konnte der Freiherr tun? Er rief nach der Kammerfrau, eilte in den Hof hinunter, trat zwei der Grünen, die am meisten daran gewöhnt waren, mit den Füßen, verwünschte die übrigen der Reihe nach und hieß alle zum – – doch es ist gleichgültig, wohin er sie gehen hieß. Ich halte es nicht für meinen Beruf, anzudeuten, welcher Mittel und Wege sich manche Frauen bedienen, die Männer ihrem Regiment in einer Weise zu unterwerfen, wie sie es tun, obgleich ich meine eigene Meinung über diesen Gegenstand haben mag und vollkommen der Ansicht bin, daß kein Parlamentsmitglied verheiratet sein sollte, da unter vier Verheirateten immer drei nach dem Gewissen ihrer Weiber (wenn sie anders eines haben) und nicht nach ihrem eigenen votieren, weil sie so votieren müssen. Ich brauche hier nichts weiter zu sagen, als daß die Freifrau von Weinzapf so oder so eine große Gewalt über den Freiherrn auf Zapfenburg gewann, und daß der Baron allmählich mehr und mehr bei irgendeiner strittigen Frage den kürzeren zog oder schlau aus dem Sattel irgendeines alten Steckenpferdes geworfen wurde. Nach und nach war er ein wohlgenährter und rüstiger Achtundvierziger und hatte weder Gelage noch Jagden – kurz nichts mehr, was ihm sonst Freude machte, oder was er zu haben gewöhnt war. Er war zwar immer noch unbändig wie ein Löwe und starr wie Erz. Demungeachtet aber hatte ihn entschieden seine Frau auf seinem eigenen Schlosse gemeistert und zu Paaren getrieben. Das war jedoch nicht der ganze Umfang von dem Mißgeschick des Freiherrn. Ungefähr ein Jahr nach seiner Vermählung kam ein lustiger junger Freiherr in die Welt, dem zu Ehren ein großes Feuerwerk abgebrannt und eine Unmasse von Wein getrunken wurde. Aber im nächsten Jahr kam ein kleines Freifräulein, das Jahr darauf wieder ein junger Freiherr, und so abwechselnd jedes Jahr ein Freiherr oder ein Freifräulein, in einem Jahr sogar beides zumal, bis der Baron Vater einer kleinen Familie von zwölf Kindern war. Bei jedem dieser jährlichen Ereignisse war die verehrliche Freifrau von Schwillenhausen in tausend Nöten wegen des Wohls ihres Kindes, der Freifrau von Weinzapf, und obwohl man nicht finden konnte, daß die gute Dame etwas Wesentliches zu der Genesung ihres Kindes beitrug, so machte sie sich's doch zu einer Ehrensache, auf der Burg Zapfenburg so bekümmert wie möglich zu tun und ihre Zeit zwischen moralischen Bemerkungen über des Barons Haushalt und Klagen über das harte Schicksal ihrer unglücklichen Tochter zu teilen. Wenn dann der Freiherr von Weinzapf sich dadurch ein wenig gekränkt fühlte und sich ein Herz zu der Gegenbemerkung faßte, daß seine Gattin wenigstens nicht übler daran sei als die Frauen anderer Barone, so rief die Baronesse von Schwillenhausen alle Welt zum Zeugen auf, daß niemand als sie ein Mitgefühl für die Leiden ihrer lieben Tochter hätte, worauf natürlich alle ihre Verwandten und Freunde bemerkten, daß sie jedenfalls weit mehr Tränen vergösse als ihr Schwiegersohn, und daß es keinen hartherzigeren Unmenschen gäbe als den Freiherrn von Weinzapf. Der arme Freiherr ertrug dies alles, solange er konnte, und als er es nicht länger vermochte, verlor er Appetit und Heiterkeit und setzte sich düster und niedergeschlagen in eine Ecke. Aber es stand ihm noch Schlimmeres bevor, und als dieses kam, vermehrte sich seine Schwermut. Die Zeiten änderten sich, und er geriet in Schulden. In Weinzapfs Kassen ging es auf die Neige, obgleich die Familie Schwillenhausen sie für unerschöpflich gehalten hatte, und als die Freifrau im Begriff war, den Stammbaum des Hauses mit einem dreizehnten Sproß zu vermehren, machte der Freiherr die betrübende Entdeckung, daß er keine Mittel besäße, die Kassen wieder zu füllen. »Ich sehe nicht, was ich weiter tun kann«, sagte der Freiherr. »Es wird wohl das beste sein, wenn ich mich umbringe.« Das war ein großartiger Gedanke. Der Freiherr nahm ein altes Jagdmesser aus einem Wandschrank, wetzte es an seiner Stiefelsohle und fuhr damit nach seiner Kehle. »Hm!« sagte der Baron innehaltend; »vielleicht ist es nicht scharf genug.« Der Freiherr wetzte es abermals und machte einen zweiten Versuch, aber er wurde wieder durch ein lautes Schreien der jungen Freiherren und Freifräulein gestört, deren Stube sich eine Treppe höher in einem Turme befand, dessen Fenster von außen mit Eisenstäben verwahrt waren, damit die hoffnungsvolle Jugend nicht in den Graben hinunterpurzle. »Wäre ich ein Junggeselle«, sagte der Freiherr seufzend, »so hätte ich's wohl fünfzigmal tun können, ohne eine Störung erleiden zu müssen. – Heda! bringt mir eine Flasche Wein und die größte Pfeife in das kleine Zimmer hinter der Halle.« Einer der Dienstboten führte den Befehl des Freiherrn gar dienstfertig im Verlauf einer halben Stunde oder drüber aus, und der Freiherr ging, als er davon Nachricht erhielt, nach dem gewölbten Zimmer, dessen schwarzgetäfelte und polierte Wände von dem Feuer des im Kamin lodernden Holzstoßes widerstrahlten, Flasche und Pfeife waren bereit, und der Ort sah im ganzen recht behaglich aus. »Laß die Lampe da«, sagte der Freiherr. »Steht sonst noch etwas zu Befehl, gnädiger Herr?« fragte der Diener. »Nichts, als daß du das Zimmer räumst«, erwiderte der Freiherr. Der Diener gehorchte, und der Baron verschloß die Tür. »Ich will noch meine letzte Pfeife rauchen«, sagte der Freiherr, »und dann der Welt Lebewohl sagen.« Mit diesen Worten legte der Herr von Weinzapf das Messer auf den Tisch, bis er es brauchen würde, goß ein ziemliches Quantum Wein hinunter, warf sich in seinem Stuhl zurück, streckte seine Füße vor dem Feuer aus und blies tüchtige Rauchwolken von sich. Er machte sich allerlei Gedanken über seine gegenwärtige Trübsal, über die entschwundenen Tage seines Junggesellenlebens und über die vierundzwanzig Grünröcke, die sich seitdem nach allen vier Himmelsgegenden zerstreut hatten, ohne wieder etwas von sich hören zu lassen, zwei ausgenommen, denen unglücklicherweise der Kopf abgeschlagen worden war, und vier, die durch ihr Trinken sich selbst unter den Boden gebracht hatten. Sein Geist war mit Bären und Ebern beschäftigt, und er hatte eben sein Glas angesetzt, um es bis auf den Boden zu leeren, als er auf einmal mit grenzenlosem Erstaunen bemerkte, daß er nicht allein sei. Er war auch wirklich nicht allein; denn an der entgegengesetzten Seite des Feuers saß mit verschlungenen Armen eine runzlige, greuliche Gestalt mit tief eingesunkenen, blutunterlaufenen Augen und einem ungemein langen, leichenhaften Gesicht, das durch verfilztes und struppiges schwarzes Haar beschattet wurde. Sie trug ein einfaches Kleid von einer dunklen, ins Blaue spielenden Farbe, das, wie der Freiherr bei aufmerksamer Betrachtung bemerkte, vorn von oben bis unten mit Sarggriffen verziert und zusammengeheftet war. Auch ihre Beine waren, statt in die Schienen einer Rüstung, in Sargschilder eingeschlossen, und über der linken Schulter trug sie einen kurzen, dunklen Mantel, der aus dem Überrest eines Sargtuches gemacht zu sein schien. Sie achtete des Freiherrn nicht, sondern blickte unablässig ins Feuer. »Heda!« sagte der Freiherr, mit dem Fuß stampfend, um sich bemerklich zu machen. »Nun, was gibt's?« versetzte der Fremde, indem er wohl seine Augen, nicht aber sein Gesicht oder seine Person dem Freiherrn zuwandte. »Was es gibt?« fuhr der Freiherr fort, dem die hohle Stimme und die glanzlosen Augen keine Furcht einzujagen vermochten. »Diese Frage steht eigentlich mir zu; wie bist du hierher gekommen?« »Durch die Tür«, entgegnete die Gestalt. »Wer bist du?« fragte der Freiherr. »Ein Mensch«, antwortete die Gestalt. »Das glaube ich nicht«, erwiderte der Freiherr. »So laß es bleiben«, sagte die Gestalt. »Das will ich«, versetzte der Freiherr. Die Gestalt blickte den kühnen Baron von Weinzapf eine Weile an und sagte dann vertraulich: »Ich sehe wohl, daß du dich nicht täuschen läßt. Ich bin kein Mensch.« »Was bist du denn?« fragte der Freiherr. »Ein Engel«, antwortete die Gestalt. »Du siehst nicht gerade wie ein solcher aus«, meinte der Freiherr verächtlich. »Ich bin der Engel der Verzweiflung und des Selbstmordes«, sagte die Erscheinung. »Nun kennst du mich.« Mit diesen Worten wandte sich das Gespenst gegen den Freiherrn, als wollte es erst jetzt recht mit ihm sprechen. Es war übrigens höchst bemerkenswert, daß es seinen Mantel beiseite warf und einen Pfahl sehen ließ, der ihm mitten durch den Leib geschlagen war In vielen Gegenden war es ehedem üblich, Selbstmördern, ehe man sie begrub, einen Pfahl durch den Leib zu schlagen. : diesen zog es mit einem Ruck heraus und legte ihn so kaltblütig auf den Tisch, als ob er ein Spazierstock gewesen wäre. »Nun«, sagte das Gespenst, nach dem Jagdmesser schielend, »bist du für mich bereit?« »Noch nicht ganz«, antwortete der Freiherr. »Ich muß zuvor diese Pfeife ausrauchen.« »So mache schnell«, sagte die Gestalt. »Du scheinst es sehr eilig zu haben«, entgegnete der Freiherr. »Das ist allerdings der Fall«, versetzte die Gestalt. »In Frankreich und England bin ich zurzeit überaus beschäftigt, so daß meine Zeit sehr in Anspruch genommen ist.« »Trinkst du?« fragte der Freiherr, die Flasche mit dem Pfeifenkopf berührend. »In neun Fallen unter zehn, und dann tüchtig«, erwiderte das Gespenst trocken. »Niemals mit Maß?« fragte der Baron. »Niemals«, antwortete die Gestalt mit einem Schauder; »das würde Heiterkeit erzeugen.« Der Freiherr betrachtete seinen neuen Freund abermals und meinte, daß er ein gar seltsamer Kauz wäre. Endlich fragte er ihn, ob er in so kleinen Angelegenheiten, wie er (der Baron) gerade eine im Schild führe, auch einen tätigen Anteil nehme. »Nein«, antwortete das Gespenst ausweichend; »aber ich bin immer zugegen.« »Um zu sehen, daß alles in Ordnung zugeht, denke ich?« fragte der Freiherr. »Ja«, versetzte der Geist, indem er mit seinem Pfahl spielte und den Eisenbeschlag desselben untersuchte. »Aber mache jetzt so schnell, wie du kannst, denn ich wittere, daß ein junges Herrlein, das mit zuviel Geld und Muße geplagt ist, gegenwärtig meiner bedarf.« »Wie? er will sich umbringen, weil er zuviel Geld hat?« rief der Baron, nicht wenig gekitzelt; »ha! ha! das ist ein seltsamer Gedanke!« – Es war wieder das erste Lachen, das man seit manchem langen Tag an dem Baron bemerken konnte. »Ich muß dir bedeuten«, erklärte ihm der Geist mit einer sehr gekränkten Miene, »daß du mir dies in Zukunft unterläßt.« »Warum?« fragte der Freiherr. »Weil es mir bis ins Mark schneidet«, antwortete die Gestalt. »Seufze, so viel du willst; das tut mir wohl.« Der Freiherr seufzte unwillkürlich bei der Erwähnung dieses Wortes; das Gespenst wurde wieder heiter und händigte ihm mit der gewinnendsten Höflichkeit das Jagdmesser ein. »In der Tat, es ist kein übler Gedanke, sich den Hals abzuschneiden, weil man zu viel Geld hat«, sagte der Baron, indem er die Schneide seines Messers prüfte. »Bah!« meinte die Erscheinung, »nicht schlimmer, als wenn sich jemand umbringt, weil er wenig oder keines hat.« Sprach der Geist aus Unachtsamkeit so, oder hielt er den Entschluß des Freiherrn für so fest begründet, daß er sich nichts mehr um solche hingeworfene Worte kümmerte? – ich habe es nicht ausfindig machen können. Nur so viel weiß ich, daß der Freiherr seine Hand plötzlich anhielt, die Augen weit öffnete und ganz so aussah, als sei ihm zum erstenmal ein neues Licht aufgegangen. »Ei, in der Tat«, sagte von Weinzapf; »nichts ist so schlimm, daß es sich nicht wieder gutmachen ließe.« »Leere Kassen ausgenommen«, sagte das Gespenst. »Je nun, sie lassen sich wieder füllen«, meinte der Freiherr. »Keifende Weiber«, schnarrte ihn der Geist an. »Oh, auch diese lassen sich zähmen«, entgegnete der Freiherr. »Dreizehn Kinder«, brüllte der Geist. »Können gewiß nicht alle mißraten«, erwiderte der Freiherr. Der Geist wurde augenscheinlich ganz wütend über den Freiherrn, daß er auf einmal seine Ansichten so ganz und gar geändert hatte, aber er versuchte es, seinen Grimm wegzulachen, und sagte, »er würde sich dem Baron sehr verpflichtet fühlen, wenn er mit seinen Scherzreden aufhören wollte.« »Es ist mir nie weniger eingefallen zu scherzen als gegenwärtig«, versetzte der Freiherr. »Nun, es freut mich, das zu hören«, sagte das Gespenst mit einer äußerst grämlichen Miene, »denn der Scherz ist im eigentlichsten Sinne mein Tod. Wohlan denn, so gib sie rasch auf, diese traurige Welt.« »Ich weiß nicht«, sagte der Freiherr, mit dem Messer spielend; »sie ist allerdings sehr traurig, aber ich glaube nicht, daß die deine viel besser ist; denn dein Aussehen wenigstens ist nicht besonders tröstlich, und da meine ich – welche Sicherheit habe ich denn dafür, daß ich besser daran sein werde, wenn ich aus dieser Welt gehe?« rief er aufspringend; »ich habe die Sache nie in diesem Lichte betrachtet.« »Beeile dich!« rief das Gespenst, mit den Zähnen knirschend. »Weiche von hinnen«, sagte der Freiherr. »Ich will nicht länger über meinem Unglück brüten, sondern eine gute Miene dazu machen und es wieder mit der frischen Luft und den Bären versuchen. Hilft das nicht, so will ich ein vernünftiges Wörtlein mit der gnädigen Frau sprechen und die Schwillenhausen totschlagen.« Mit diesen Worten sank der Freiherr in seinen Stuhl zurück und lachte so laut, daß das Zimmer dröhnte. Das Gespenst wich um einige Schritte zurück, indem es zugleich den Freiherrn mit einem Blick des größten Entsetzens betrachtete. Dann griff es wieder nach dem Pfahl, stieß ihn sich mit aller Macht durch den Leib, heulte fürchterlich und verschwand. Von Weinzapf sah den Geist nie wieder. Da er einmal entschlossen war zu handeln, so brachte er die Freifrau und die von Schwillenhausen bald zur Vernunft und starb viele Jahre nachher, wenigstens als ein glücklicher, wenn auch nicht als ein reicher Mann, obschon ich in letzterer Hinsicht keine bestimmte Auskunft zu geben vermag. Er hinterließ eine zahlreiche Familie, die unter seiner persönlichen Aufsicht zur Bären- und Eberjagd herangebildet worden war. Die Nutzanwendung meiner Geschichte besteht darin, daß alle Männer, die aus ähnlichen Ursachen melancholisch geworden sind – was wohl bei gar vielen der Fall sein mag –, beide Seiten der Frage betrachten und an die bessere ein Vergrößerungsglas halten sollten. Fühlen sie sich dann noch versucht, sich ohne Abschied aus der Welt zu machen, so mögen sie vorher noch eine große Pfeife rauchen, eine Flasche Wein austrinken und aus dem lobenswerten Beispiel des Freiherrn v. Weinzapf Nutzen ziehen. »Der neue Wagen ist bereit! Wenn´s gefällig ist, meine Herren und Damen –« rief ein neuer Postillion in das Zimmer. Diese Kunde bewirkte, daß die Punschgläser in großer Eile geleert wurden, und verhinderte eine Besprechung der letzten Geschichte. Man bemerkte jedoch, daß Herr Squeers, ehe man aufbrach, den grauhaarigen Herrn angelegentlich beiseite zog, um ihm eine Frage vorzulegen. Sie bezog sich auf die fünf Schwestern von York und war in der Tat nichts weiter als eine Erkundigung, ob der Herr ihm nicht sagen könne, wieviel Pensionsgeld die Klöster von Yorkshire sich in jener Zeit von ihren Kostgängern hätten zahlen lassen. Die Reise wurde wieder fortgesetzt. Nicolaus schlief gegen Morgen ein, und als er wieder erwachte, fand er zu seinem großen Leidwesen, daß während seines Schlummers beide, der Baron von Weinzapf und der grauhaarige Herr, ausgestiegen und davongegangen waren. Der Tag schleppte sich langweilig genug hin, und ungefähr abends gegen sechs Uhr wurden Herr Squeers, der Hilfslehrer, die Knaben und das gesamte Gepäck vor dem neuen Gasthof zum Georg in Greta Bridge abgesetzt. Siebentes Kapitel. Herr und Madame Squeers in ihrem häuslichen Kreise. Als Herr Squeers wohlbehalten die Kutsche verlassen hatte, ließ er Nicolaus und die Knaben mit dem Gepäck auf der Straße stehen, damit sie sich an dem Wechseln der Pferde unterhalten könnten, und eilte in das Wirtshaus, um an dem Schenktisch die Beine zu strecken. Nach einigen Minuten kam er mit sehr gestreckten Beinen zurück, wenn anders die Farbe seiner Nase und ein kurzes Schlucksen als ein geeignetes Merkmal dafür betrachtet werden konnten. Zu gleicher Zeit wurde ein schmutziger Einspänner und ein Karren, an den zwei Arbeiter gespannt waren, aus dem Hofe gezogen. »Setzt die Knaben und die Koffer in den Karren«, sagte Squeers, die Hände reibend, »während wir, dieser junge Mann und ich, den Einspänner benutzen wollen. Steigen Sie ein, Nickleby.« Nicolaus gehorchte, und nachdem Herr Squeers die Mähre nicht ohne einige Mühe veranlaßt hatte, gleichfalls zu gehorchen, fuhren sie ab und ließen den mit Kinderelend beladenen Karren in Muße folgen. »Friert es Sie, Nickleby?« fragte Squeers, nachdem sie schweigend eine Strecke gefahren waren. »Ziemlich, Sir, ich kann´s nicht leugnen.« »Nun, ich finde es sehr begreiflich«, meinte Squeers; »es ist eine lange Reise bei solchem Wetter.« »Ist es noch weit nach Dotheboys Hall, Sir?« fragte Nicolaus. »Noch etwa drei Meilen«, versetzte Squeers. »Aber Sie können hier unten das Hall weglassen.« Nicolaus hustete, als wollte er damit andeuten, daß es ihm angenehm wäre, den Grund hiervon zu erfahren. »Es gibt nämlich kein Hall hier«, bemerkte Squeers trocken. »Ah, so!« entgegnete Nicolaus, nicht wenig durch diese Mitteilung befremdet. »In London nennen wir es Hall«, fuhr Herr Squeers fort, »weil es vornehmer klingt; aber hier herum ist dieser Name unbekannt. Es kann einer sein Haus eine Insel heißen, wenn es ihm beliebt, denn soviel ich weiß, ist dies durch keine Parlamentsakte verboten.« »Ich glaube nicht, Sir«, erwiderte Nicolaus. Squeers warf bei dem Schluß dieses kleinen Zwiegesprächs einen schlauen Blick auf seinen Begleiter, und da er fand, daß sich dieser in Gedanken vertiefte und keineswegs geneigt war, weiter auf sein Gespräch einzugehen, so begnügte er sich, auf den Gaul loszuschlagen, bis sie an dem Ziel ihrer Reise anlangten. »So, Herr Nickleby, steigen Sie hier aus«, sagte Squeers. »Heda! heraus! Das Pferd ausgespannt! Wird's bald?« Während der Schulmeister diese und ähnliche ungeduldige Rufe erschallen ließ, hatte Nicolaus Zeit, Beobachtungen anzustellen. Herrn Squeers Anstalt war ein langes, kalt aussehendes, einstöckiges Haus, hinter dem sich einige Nebengebäude, eine Scheune und ein Stall befanden. Nach einigen Minuten hörte man den Riegel des Hoftors zurückschieben, und unmittelbar darauf trat ein langer, ausgemergelter Junge mit einer Laterne in der Hand heraus. »Bist du's, Smike?« rief Squeers. »Ja, Sir«, erwiderte der Junge. »Warum, zum Teufel, hast du uns so lange warten lassen?« »Ich bitte um Verzeihung, Sir; ich bin bei dem Feuer eingeschlafen«, antwortete Smike demütig. »Feuer? Was für ein Feuer? Wo ist Feuer?« fragte der Schulmeister scharf. »Nur in der Küche, Sir«, entgegnete der Junge; »die Madame sagte, ich könne hineingehen und mich wärmen, da ich aufbleiben müsse.« »Ich glaube, die Madame ist toll geworden«, erwiderte Squeers; »ich wette, du wärst in der Kälte um ein gut Teil wacher geblieben.« Herr Squeers war mittlerweile ausgestiegen und befahl nun dem Jungen, nach dem Pferd zu sehen und dafür Sorge zu tragen, daß es an diesem Abend keinen Hafer mehr bekomme. Dann hieß er Nicolaus an der Vordertür warten, da er um das Haus herumgehen und die Tür von innen öffnen wolle. Ein Heer schlimmer Ahnungen, die unserem Nicolaus bereits auf der ganzen Reise zugesetzt hatten, drängte sich jetzt, als er allein war, mit doppelter Gewalt seiner Seele auf. Die große Entfernung von der Heimat und die Unmöglichkeit, sie anders als zu Fuß zu erreichen, wenn er genötigt sein sollte, dahin zurückzukehren, malte sich ihm in den beunruhigendsten Farben; und als er sich das trübselige Haus mit den dunklen Fenstern und die wilde, rund umher mit Schnee bedeckte Gegend betrachtete, fühlte er ein Herzweh, wie er es früher nie empfunden hatte. »Nun«, rief Squeers, den Kopf aus der vorderen Tür steckend, »wo sind Sie, Nickleby?« »Hier, Sir«, versetzte Nicolaus. »So kommen Sie herein«, sagte Squeers. »Der Wind saust hier durch die Tür, daß er einen umwerfen könnte.« Nicolaus gehorchte seufzend. Herr Squeers legte, um die Tür gegen den Wind zu sichern, einen Balken vor und führte dann seinen Hilfslehrer in ein kleines, sparsam mit Stühlen versehenes Zimmer. An der Wand hing eine vergilbte Landkarte, und von zwei Tischen trug der eine einige Vorbereitungen zum Nachtessen, während auf dem andern »der wohlberatene Hofmeister«, Murrays Grammatik, ein halbes Dutzend Pensions-Offerten und ein alter, an Wackford Squeers Wohlgeboren adressierter Brief in malerischer Verwirrung umherlagen. Sie waren kaum ein paar Minuten in diesem Gemach, als eine Weibsperson hereinstürzte, Herrn Squeers bei der Kehle faßte und ihm zwei schallende Küsse versetzte, die sich so rasch, wie das Pochen eines Briefträgers folgten. Die Dame, eine hagere, grobknochige Gestalt, war fast um einen halben Kopf größer als Herr Squeers und trug einen barchentnen Bettkittel, Papierwickeln in den Haaren und eine schmutzige Nachthaube, gegen die ein gelbes, baumwollenes Schnupftuch, das sie unter dem Kinn zusammengeknüpft hatte, gar liebenswürdig abstach. »Was macht mein Squeerschen?« sagte die Dame in scherzendem Ton und mit rauher, heiserer Stimme. »Ich bin wohl, ganz wohl, meine Liebe«, versetzte Squeers. »Wie steht's mit den Kühen?« »Alles in Ordnung, Stück für Stück«, antwortete die Dame. »Und die Schweine?« fuhr Squeers fort. »Sind so munter, wie sie bei deinem Abgang waren.« »Gott sei Dank«, sagte Squeers, seinen Überrock ausziehend. »Die Jungen sind wahrscheinlich auch, wie sie sein sollen?« »O ja, wohl genug«, versetzte Frau Squeers verdrießlich. »Der kleine Pitcher hat das Fieber.« »Hol der Henker den Jungen«, rief Squeers; »der ist doch auch immer krank.« »Ich glaube, die ganze Welt hat keinen solch nichtsnutzigen Burschen mehr aufzuweisen«, erwiderte Frau Squeers; »und wenn etwas an ihn kommt, so ist es noch obendrein immer ansteckend. Aber glaube mir, es ist nichts als eitle Widerspenstigkeit, und kein Mensch soll mich von dem Gegenteil überzeugen. Verlaß dich drauf, Schläge würden ihn kurieren, wie ich dir schon vor sechs Monaten gesagt habe.« »Ja, ich erinnere mich, meine Liebe«, erwiderte Squeers. »Wir wollen aber sehen, was sich machen läßt.« Während dieses kleinen Zärtlichkeitsaustausches stand Nicolaus verlegen in der Mitte des Zimmers, ohne mit sich eins werden zu können, ob man wohl von ihm erwarte, daß er sich nach der Hausflur zurückziehe, oder daß er an Ort und Stelle bleibe. Aber nun erlöste ihn Herr Squeers aus dieser peinlichen Ungewißheit. »Dies ist der neue junge Mann, mein Schatz«, sagte der Herr. »Ah!« erwiderte Madame Squeers, indem sie Nicolaus mit dem Kopf zunickte und ihn kalt vom Wirbel bis zur Zehe musterte. »Er wird mit uns zu Nacht speisen«, sagte Squeers, »und morgen sein Geschäft bei den Jungen beginnen. Du kannst ihm doch eine Streu zurechtmachen, nicht wahr?« »Will sehen, wie's geht«, entgegnete die Dame. »Sie machen sich wohl nichts daraus, wie Sie schlafen, Sir?« »O nein«, erwiderte Nicolaus, »ich bin in dieser Hinsicht nicht verwöhnt.« »Das ist ein Glück«, sagte Frau Squeers. Der Witz dieser Dame bestand hauptsächlich in ihren beißenden Antworten. Herr Squeers lachte herzlich bei dem letzten Scherz seiner werten Hälfte und schien von Nicolaus dasselbe zu erwarten. Es folgte nun zwischen dem Schulmeister und der Schulmeisterin eine weitere Verhandlung über den Erfolg von Herrn Squeers Abstecher, der sich hauptsächlich um geleistete Zahlungen und böse Schuldner drehte, bis endlich ein junges Dienstmädchen eine Yorkshirer Pastete nebst einem Stück kalten Rindfleisches hereintrug und beides auf den Tisch setzte. Als das geschehen war, erschien der Knabe Smike mit einem Krug Bier. Herr Squeers leerte die Taschen seines Überrocks von den Briefen an verschiedene Knaben und von andern kleinen Dokumenten, die er in diesen mit herbefördert hatte. Der Knabe blickte mit einem scheuen und ängstlichen Ausdruck auf die Papiere, als hege er die schwache Hoffnung, daß auch etwas für ihn darunter sei. Der Blick war ein sehr schmerzlicher und drang Nicolaus tief ins Herz; denn er erzählte eine lange und traurige Geschichte. Nicolaus wurde dadurch veranlaßt, den Jungen aufmerksamer zu betrachten, und fand sich nicht wenig überrascht, als er die seltsame Mischung von Kleidern, die dessen Anzug bildeten, gewahrte. Obgleich er nicht weniger als achtzehn oder neunzehn Jahre zählen konnte und für dieses Alter ziemlich groß war, war doch seine Kleidung ungefähr eine solche, wie man sie kleinen Knaben zu geben pflegt, zwar an Armen und Beinen abgeschmackt kurz, demungeachtet aber weit genug für das ausgehungerte Gerippe. Um die untere Partie seiner Beine mit dieser seltsamen Garderobe in Einklang zu bringen, trug er ein Paar ungeheure Stiefel, die ursprünglich mit Stulpen versehen gewesen und für einen stämmigen Bauern gemacht worden sein mochten, jetzt aber sogar für einen Bettler zu sehr geflickt und zerrissen waren. Gott weiß, wie lange er sich schon bei Squeers befand; aber er trug noch immer dasselbe Weißzeug, das er mit sich hergebracht hatte; denn um seinen Hals hing eine zerrissene Kinderkrause, die zur Hälfte von einem groben Mannshalstuch bedeckt war. Er hinkte, und während er sich anstellte, als sei er emsig mit der Zurüstung des Tisches beschäftigt, warf er einen so scharfen und doch so entmutigenden und hoffnungslosen Blick auf die Briefe, daß Nicolaus es kaum mit ansehen konnte. »Was schnupperst du da herum, Smike?« rief Madame Squeers. »Willst du die Sachen liegenlassen, he?« »Ah, bist du da?« fragte Squeers aufsehend. »Ja, Sir«, versetzte der Junge, die Hände zusammendrückend, als ob er mit Gewalt die zuckenden Finger abhalten müsse, nach den Papieren zu greifen; »ist da –« »Nun?« entgegnete Squeers. »Haben Sie – ist jemand – hat man nichts gehört – über mich?« »Zum Henker, nein«, erwiderte Squeers verdrießlich. Der Junge blickte weg und bewegte sich, die Hand vor das Gesicht haltend, gegen die Tür. »Nicht ein Wort«, nahm Squeers wieder auf, »und ich werde wohl auch nie etwas zu hören bekommen. Ist es nicht eine feine Geschichte, daß du schon so viele Jahre hier bist, und daß nach den ersten sechsen kein Heller mehr für dich bezahlt wurde? Ja, man hat nicht einmal nach dir gefragt, so daß man etwa hätte ausfindig machen können, wohin du gehörst. Eine feine Geschichte das – einen so großen Schlingel wie du auffüttern zu müssen, ohne die Hoffnung zu haben, je einen Pfennig dafür zu bekommen. Wie?« Der Junge drückte die Hand an seine Stirn, als versuche er, sich irgendeine Erinnerung zurückzurufen, blickte dann ausdruckslos auf den Frager, verzog allmählich sein Gesicht zu einem Lächeln und hinkte hinaus. »Ich muß dir etwas sagen, Squeers«, bemerkte die Frau Schulmeisterin, als sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte; »ich glaube, der junge Bursche wird noch blödsinnig.« »Ich hoffe nicht«, versetzte Herr Squeers, »denn er ist außer dem Hause ein anstelliger Bursche, der sein Essen und Trinken wohl verdient. Wäre es aber auch der Fall, so hätte er, denke ich, immerhin noch genug Verstand für uns. Doch komm, wir wollen zu Nacht essen. Ich bin hungrig und müde und will deshalb machen, daß ich zu Bett komme.« Auf diese Erinnerung wurde noch extra ein Beefsteak für Herrn Squeers herbeigebracht, der nicht versäumte, demselben volle Gerechtigkeit angedeihen zu lassen. Nicolaus zog seinen Stuhl an den Tisch, aber der Appetit war ihm gänzlich vergangen. »Wie findest du das Beefsteak, Squeers?« fragte die Schulmeisterin. »Zart wie Lammfleisch«, erwiderte Squeers. »Willst du's versuchen?« »Ich könnte keinen Bissen mehr hinunterbringen«, entgegnete die Frau. »Was soll der junge Mann haben, mein Lieber?« »Was ihm von dem Vorhandenen beliebt«, erwiderte Squeers in einer höchst ungewöhnlichen Anwandlung von Großmut. »Nun, was wünschen Sie, Herr Knittelbrei?« fragte Frau Squeers. »Ich möchte mir ein kleines Stückchen von der Pastete ausbitten – nur ein ganz kleines; denn ich bin nicht hungrig«, antwortete Nicolaus. »Ist es aber nicht schade, die Pastete anzuschneiden, wenn Sie nicht hungrig sind?« meinte Frau Squeers. »Wollen Sie nicht ein Stückchen von dem Rindfleisch versuchen?« »Wie Ihnen beliebt«, versetzte Nicolaus zerstreut; »es ist mir ganz gleichgültig.« Frau Squeers machte auf diese Antwort eine sehr gnädige Miene, nickte Squeers zu, als ob sie ihre Zufriedenheit darüber ausdrücken wolle, daß sich der junge Mann so gut in seine Stellung zu finden wisse, und legte Nicolaus mit eigenen schönen Händen eine Fleischschnitte vor. »Bier, Squeerchen?« fragte die Dame, indem sie ihrem Mann durch Blinzen und Stirnrunzeln zu verstehen gab, daß die Frage nicht so gemeint sei, ob er Bier trinken wolle, sondern ob Nicolaus welches haben solle. »Allerdings«, versetzte Squeers unter ähnlichen Gebärden. »Ein Glas voll.« Nicolaus erhielt also ein Glas voll, und da er eben mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt war, so trank er es in glücklicher Nichtbeachtung dessen, was an seiner Seite verhandelt wurde, aus. »Das Beefsteak ist ungemein saftig«, sagte Squeers, indem er Messer und Gabel, mit denen er eine Zeitlang schweigend gespielt hatte, niederlegte. »Es ist Mastochsenfleisch«, entgegnete die Dame. »Ich kaufte ein schönes, großes Stück in der Absicht –« »In was für einer Absicht?« rief Squeers hastig. »Doch nicht für die – –« »Nein, nein, nicht für sie«, erwiderte Frau Squeers, »sondern für dich, wenn du wieder nach Hause kämest. Du mein Himmel, wie kann dir nur einfallen, daß mir ein solcher Mißgriff begegnen könnte?« »Auf Ehre, meine Liebe, ich konnte mir nicht denken, was du sagen wolltest«, entschuldigte sich Squeers, der ganz blaß geworden war. »Brauchst dir keine unnötigen Sorgen zu machen«, bemerkte die Frau, herzlich lachend. «Auch nur zu denken, ich könnte eine solche Gans sein! Ei, Ei!« Dieser Teil der Unterhaltung war etwas unverständlich, wenn man keine Kunde von dem in der Gegend im Umlaufe befindlichen Gerüchte hatte, Herr Squeers hasse alle Grausamkeit gegen Tiere so sehr, daß er für die Küche seiner Zöglinge Fleisch von Rindvieh aufkaufe, das eines natürlichen Todes gestorben sei; und vielleicht fürchtete er, bei dem vorerwähnten Anlasse, ohne es zu wissen, ein auserlesenes Stückchen, das für die jungen Herrchen bestimmt war, verzehrt zu haben. Als das Nachtessen vorüber war, wurde es von einem kleinen Dienstmädchen mit hungrigen Augen wieder abgetragen, und Madame Squeers entfernte sich, um die Überbleibsel einzuschließen. Desgleichen trug sie Sorge, die Anzüge der fünf eben angekommenen Knaben aufzubewahren, die sich jetzt auf dem Wege zu ihrem Nachtlager, nämlich auf einer steilen Wendeltreppe, befanden, die man nicht mit Unrecht die Todesleiter nennen konnte, da es selten ohne eine Erkältung auf derselben ablief. Man hatte sie vorher mit einem leichten Süppchen beköstigt und packte sie nun, Seite an Seite, in eine kleine Bettstelle, wo sie sich gegenseitig wärmen und von einem besseren Mahle nebst einem geheizten Stübchen träumen konnten, wenn, wie nicht unwahrscheinlich, ihre Einbildungskraft diese Richtung einschlug. Herr Squeers labte sich selbst mit einem tüchtigen Glase Grog, wobei er dem beliebten Grundsatze »ebensoviel Branntwein wie heißes Zuckerwasser« folgte, und sein liebenswürdiges Ehegemahl mischte für Nicolaus ein kleines Glas voll desselben Getränkes, nur in weit wässerigerer Zusammensetzung. Als dies geschehen war, rückten Herr und Frau Squeers dicht an das Feuer, setzten ihre Füße auf das Kamingitter und flüsterten vertraulich zusammen, während Nicolaus »den wohlberatenen Hofmeister« aufnahm und die ansprechenden Artikel desselben, nebst den darin enthaltenen Bildern, mit ebensoviel Bewußtsein dessen, was er tat, durchblätterte, als wäre er in magnetischem Schlaf gewesen. Endlich gähnte Herr Squeers entsetzlich und meinte, es wäre hohe Zeit zu Bett zu gehen, worauf Frau Squeers und das Dienstmädchen eine kleine Strohmatratze und ein paar Decken in das Zimmer schleppten und sie zu einem Lager für Nicolaus zurüsteten. »Wir wollen Ihnen morgen Ihr regelmäßiges Schlafgemach anweisen, Nickleby«, sagte Squeers. »Wer schläft in Brooks' Bett, meine Liebe?« »In Brooks' Bett? versetzte Frau Squeers nachsinnend. »Jennings, der kleine Bolder, Graymarsh und – wie heißt doch der vierte –« »Ach, so«, entgegnete Squeers; »richtig, Brooks' Bett ist voll.« »Voll?« dachte Nicolaus. »Ich sollte es wohl selbst auch glauben.« »Es muß aber irgendwo noch Platz geben«, fuhr Squeers fort, »ich kann mich nur im Augenblick nicht recht darauf besinnen. Doch lassen wir das bis morgen. Gute Nacht, Nickleby! Vergessen Sie nicht – morgen früh um sieben Uhr!« »Ich werde bereit sein, Sir«, erwiderte Nicolaus. »Gute Nacht.« »Ich will selbst kommen und Ihnen den Brunnen zeigen«, sagte Squeers. »Sie werden immer ein Stückchen Seife auf dem Küchenfenster finden; das gehört Ihnen.« Nicolaus machte große Augen, ohne jedoch etwas zu entgegnen; und Squeers schickte sich aufs neue zum Fortgehen an, kehrte jedoch abermals zurück. »Ich weiß in der Tat nicht«, sagte er, »wessen Handtuch ich Ihnen anweisen soll. Doch Sie können sich ja morgen früh mit etwas anderem behelfen, meine Frau wird dann im Laufe des Tages dafür Sorge tragen. Vergiß mir's nicht, meine Liebe.« »Ich will darauf Bedacht nehmen«, entgegnete Frau Squeers; »und Sie, junger Mann, sehen Sie darauf, daß Sie zuerst an den Brunnentrog kommen. Es ist nicht mehr als billig, daß der Lehrer sich desselben zuerst bediene; wenn Sie aber nicht eilen, so werden die Jungen Ihnen zuvorkommen.« Ehe sich das edle Paar entfernte, gab Herr Squeers seiner Frau noch einen Wink, die Branntweinflasche fortzuschaffen, damit nicht Nicolaus in der Nacht Gebrauch davon mache, was denn auch von der Dame mit großer Eile besorgt wurde. Als Nicolaus allein war, ging er ein halb dutzendmal in großer Aufregung durch das Zimmer. Allmählich wurde er jedoch ruhiger, setzte sich auf einen Stuhl und faßte den Entschluß, alles Ungemach, was da kommen möchte, eine Zeitlang geduldig über sich ergehen zu lassen, um seinem Onkel keinen Vorwand zu geben, die Hand von seiner hilflosen Mutter und Schwester abzuziehen. Eine edle Absicht verfehlt selten, gute Früchte in der Seele, in der sie entspringt, zu treiben. Sein Kleinmut legte sich, und – so lebhaft sind die Traume der Jugend – er hoffte sogar, daß sich die Angelegenheiten in Dotheboys Hall noch besser machen dürften, als es das Aussehen hatte. Er wollte sich eben, wieder etwas erheitert, auf sein Lager werfen, als ein versiegelter Brief aus seiner Rocktasche fiel. Er hatte in der Eile, womit er London verließ, diesen ganz vergessen und sich seiner nicht mehr erinnert; setzt fiel ihm auf einmal wieder Newman Noggs und sein geheimnisvolles Benehmen ein. »Himmel, was für eine wunderliche Hand!« sagte Nicolaus. Der Brief war an ihn selbst adressiert, auf ein ungemein schmutziges Papier geschrieben und die Buchstaben so undeutlich gekritzelt, daß man sie kaum lesen konnte. Nach vieler Mühe gelang es ihm endlich, das Folgende herauszubringen: »Mein lieber junger Herr! Ich kenne die Welt. Ihr Vater kannte sie nicht, sonst würde er mir keine Wohltaten erwiesen haben, da er auf keinen Wiederersatz rechnen durfte. Auch Sie kennen sie nicht, sonst hätten Sie sich zu keiner solchen Reise verpflichtet. Wenn Sie je eines Obdachs in London bedürfen sollten, (zürnen Sie nicht wegen dieses Ausdrucks, denn ich hielt es ehedem gleichfalls für unmöglich), so können Sie meine Wohnung bei dem Wirt zur Krone, Golden Square in der Silberstraße, erfahren. Es ist das Eckhaus der Silber- und Jacobsstraße und hat nach beiden Straßen hinaus eine Tür. Sie können abends kommen. Einst schämte sich niemand – doch das ist jetzt gleichgültig – es ist alles vorüber. Entschuldigen Sie die schlechte Schrift. Ich würde sogar nicht einmal wissen, wie man einen ganzen Rock trägt. Ich habe alles Frühere vergessen und damit wohl auch meine Orthographie. Newman Noggs. P.S. Wenn Sie nach Barnet Castle kommen, so treffen Sie im Königskopf gutes Bier. Sagen Sie, daß Sie mich kennen, und man wird Ihnen keine Rechnung machen. Sie können dort von Herrn Noggs sprechen, denn ich war damals ein Mann von Stande – ja, in der Tat.« Es ist vielleicht nicht der Erwähnung wert; aber als Nicolaus Nickleby das Schreiben zusammenlegte und in seiner Brieftasche verwahrte, trübte eine Feuchtigkeit seine Augen, die man hätte für Tränen halten können. Achtes Kapitel. Von dem inneren Haushalt in Dotheboys Hall. Eine Fahrt von zweihundert und etlichen Meilen bei schlechtem Wetter kann auch das härteste Bett weich machen. Vielleicht ist sie auch imstande, die Träume zu versüßen; denn Träume, die Nicolaus' rauhes Lager umgaukelten und ihr luftiges Nichts in sein Ohr flüsterten, waren von der angenehmsten und glücklichsten Art. Er war eben im Begriff, das Glück auf Windesflügeln einzuholen, als der schwache Schimmer eines ersterbenden Lichtes auf seine Augen fiel und eine Stimme, die er ohne Schwierigkeit für die des Herrn Squeers erkennen konnte, ihn erinnerte, daß es Zeit sei aufzustehen. »Sieben Uhr vorbei«, sagte Herr Squeers. »Ist es schon Morgen?« fragte Nicolaus, im Bette aufsitzend. Ah, freilich ist es«, antwortete Squeers, »und dazu ein recht eisiger. Nun, Nickleby, beeilen Sie sich.« Nicolaus bedurfte keiner weitern Ermahnung, sondern beeilte sich und kleidete sich bei dem Kerzenlicht, das Herr Squeers in der Hand hatte, an. »Das ist ein schöner Auftritt«, sagte der Schulmann; »der Brunnen ist eingefroren.« »So«, entgegnete Nicolaus, den diese Nachricht nicht besonders interessierte. »Ja«, erwiderte Squeers. »Sie können sich diesen Morgen nicht waschen.« »Mich nicht waschen?« rief Nicolaus. »Nein, es ist nicht daran zu denken«, erwiderte Squeers spitzig. »Sie müssen sich begnügen, sich eine trockene Politur zu geben, bis wir das Eis im Brunnen einstoßen und einen Eimer voll für die Jungen herausholen können. Was starren Sie mich so an? Geschwind! Geschwind!« Nicolaus erwiderte nichts, sondern schlüpfte hastig in seine Kleider, während Squeers die Läden öffnete und das Licht ausblies. Bald darauf ließ sich die Stimme der liebenswürdigen Frau Schulmeisterin vernehmen, die Einlaß begehrte. »Komm herein, mein Schatz«, sagte Squeers. Frau Squeers kam herein, noch in denselben Bettkittel gekleidet, in dem sie sich schon in der vorigen Nacht so vorteilhaft ausgenommen hatte, nur daß sie als weitere Zierde einen altertümlichen Biberhut mit vieler Anmut und Leichtigkeit über der früher erwähnten Nachthaube trug. »Hol's» der Henker«, begann die Dame, den Wandschrank öffnend; »ich kann den Schullöffel nirgends finden.« »Laß dich das nicht anfechten, meine Liebe«, bemerkte Squeers begütigend: »wir haben ihn ja vorderhand nicht nötig.« »Nicht nötig? Wie kannst du nur so reden«, versetzte Frau Squeers beißend. »Ist heute nicht der Schwefelmorgen?« «Ja, ja, du hast recht, ich habe das ganz vergessen«, entgegnete Herr Squeers. »Wir reinigen den Knaben hin und wieder das Blut, Nickleby.« »Pah! Albernheiten!« sagte die Dame. »Glauben Sie ja nicht, junger Mann, daß wir uns für Schwefelblumen und Sirup in Unkosten versetzen, bloß um ihr Blut zu reinigen. Wenn Sie glaubten, wir trieben das Geschäft in dieser Weise, so wären Sie sehr im Irrtum. Ich will daher gleich offen Farbe bekennen.« »Mein Schatz«, wandte Squeers mit einem Stirnrunzeln ein. »Hm!« »Pah, Dummheiten!« erwiderte Frau Squeers. »Wenn der Herr hier Lehrer sein will, so muß er von vornherein wissen, daß es da keiner Alfanzereien bei den Knaben bedarf. Sie erhalten den Schwefel und Sirup – einmal, weil sie, wenn man anders mit ihnen dokterte, immer etwas zu klagen hätten, so daß man gar nicht fertig mit ihnen würde, und dann, weil es ihnen den Appetit verdirbt und auch wohlfeiler zu stehen kommt, als ein Frühstück und ein Mittagessen. So tut es zu gleicher Zeit ihnen und uns gut, und was will man weiter?« Nach dieser Erklärung steckte Frau Squeers den Kopf in den Schrank und stellte genauere Nachforschung nach dem Löffel an, wobei ihr Herr Squeers half. Während des Suchens flüsterten sie miteinander; aber der Schrank dämpfte den Ton der Stimme, so daß Nicolaus nichts weiter unterscheiden konnte, als daß Herr Squeers meinte, seine Frau hätte etwas Unverständiges gesagt, eine Ansicht, die indessen Frau Squeers für dummes Geschwätz erklärte. Als sich alles Suchen und Herumstöbern als fruchtlos erwies, wurde Smike herbeigerufen, der nun von Frau Squeers so lange mit Püffen und von Herrn Squeers mit Ohrfeigen bearbeitet wurde, bis sich im Laufe dieser Doppelbehandlung sein Geist so weit aufhellte, daß er die Vermutung auszusprechen imstande war, Madame Squeers habe ihn vielleicht in der Tasche, was sich denn auch als richtig herausstellte. Da jedoch Frau Squeers vorher beteuert hatte, sie wisse ganz bestimmt, daß er nicht dort wäre, so erhielt Smike eine weitere Ohrfeige, weil er sich unterfangen hatte, seiner Gebieterin zu widersprechen, und zugleich die Verheißung einer gesunden Tracht Schläge, wenn er sich in Zukunft nicht respektvoller benehme; so daß ihm also sein Scharfsinn keinen besonderen Gewinn brachte. »Ein unbezahlbares Weib, Nickleby«, sagte Squeers, als seine Gattin hinauseilte und den armen Haussklaven vor sich hin stieß. »Es scheint so«, bemerkte Nicolaus. »Ich kenne nicht ihresgleichen«, fuhr Squeers fort. »Sie ist immer dieselbe, Nickleby – immer das gleiche, geschäftige, rührige, tätige, sparsame Geschöpf, wie Sie es zur Stunde sehen.« Nicolaus seufzte unwillkürlich bei dem Gedanken an die liebenswürdigen Aussichten, die sich ihm in diesem Hause auftaten; aber Squeers war zufällig zu sehr von seinen eigenen Gedanken erfüllt, um es zu bemerken. »Wenn ich in London oben bin«, fuhr Squeers fort, »so brauche ich gewöhnlich die Redensart, daß sie den Knaben eine Mutter sei. Aber sie ist ihnen zehnmal mehr als eine Mutter. Sie tut Dinge für die Jungen, Nickleby, daß ich wohl behaupten kann, die Hälfte der Mütter vermöchten es nicht, etwas der Art für ihre eigenen Söhne zu tun.« »Ich glaube das selber auch, Sir«, entgegnete Nicolaus. Das Wahre an der Sache war übrigens, daß beide, Herr und Frau Squeers, die Knaben als ihre eigentlichen und natürlichen Feinde betrachteten, oder mit andern Worten, sie waren der Ansicht, es sei ihr Beruf und Gewerbe, von jedem Knaben soviel wie nur immer möglich herauszupressen. Über diesen Punkt waren beide einig und richteten demgemäß ihr Benehmen ein. Es gab nur den einen Unterschied zwischen ihnen, daß Frau Squeers den Krieg gegen den Feind offen und furchtlos führte, während Squeers auch zu Hause seine Schuftigkeit mit einem Anstrich seiner gewohnten Verstellung verhüllte, als meine er wirklich, eines Tages sich selbst täuschen und überreden zu können, daß er eigentlich doch eine seelensgute Haut wäre. »Aber kommen Sie«, sagte Squeers, einen ähnlichen Gedankengang in dem Geiste seines Gehilfen unterbrechend: »wir wollen nach dem Schulzimmer gehen. Helfen Sie mir meinen Schulrock anziehen.« Nicolaus half seinem Dienstherrn ein altes barchentnes Jagdwams anzuziehen, das dieser von einem Kleiderständer in der Hausflur herunternahm. Squeers bewaffnete sich mit seinem spanischen Rohr und führte den Unterlehrer über einen Hof zu einer Tür des Hinterhauses. »So!« sagte der Schulmeister, als sie miteinander eintraten: »das ist unsere Arbeitsstätte.« Man traf hier auf ein so buntes Schauspiel und auf so viele Dinge, die die Aufmerksamkeit auf sich zogen, daß Nicolaus im Anfang nur aufschauen konnte, ohne eigentlich etwas zu unterscheiden. Nach und nach löste sich jedoch der Ort in ein kahles und schmutziges Zimmer mit ein paar Fenstern auf, an denen übrigens das Glas kaum den zehnten Teil ausmachen mochte, da der Rest mit Papier aus alten Schreibbüchern geflickt war. Außerdem fand man noch ein paar lange, alte, gebrechliche Tische, die mit Messern zerschnitten, mit Tinte beschmiert und auf jede nur mögliche Weise beschädigt waren, einige Bänke, ein besonderes Pult für Herrn Squeers und ein anderes für seinen Gehilfen. Die Decke war, wie die einer Scheune, durch Querbalken und Sparren unterstützt und die Wände so besudelt und geschwärzt, daß es unmöglich war zu ermitteln, ob ihr ursprünglicher Anstrich, wenn ein solcher vorhanden war, von dem Tüncher oder dem Maler herrührte. Und erst die Zöglinge – die jungen Edelleute! Die letzten schwachen Hoffnungsstrahlen, der entfernteste Lichtblick einer Möglichkeit, daß seine Bemühungen in dieser Schauerhöhle je etwas Gutes erzielen könnten, schwanden aus Micolaus' Seele, als er mit Schrecken der Wirklichkeit ansichtig wurde. Bleiche, hagere Gesichter, abgezehrte Gerippe, Kinder mit den Zügen von Greisen, Mißgestalten mit eisernen Schienen an den Gliedern, Knaben von verkümmertem Wuchs, und andere, deren lange, dürre Beine die gebeugten Körper kaum zu tragen vermochten –, alles dieses drängte sich vor seinem Blick. Da waren Triefaugen, Hasenscharten, Klumpfüße, kurz jede Häßlichkeit und Entstellung, die auf eine unnatürliche Abneigung der Eltern gegen ihre Sprößlinge oder auf ein Leben hindeutete, das von frühester Kindheit an nur Grausamkeit und Vernachlässigung gekannt hatte. Man sah einige kleine Gesichter, die schön gewesen sein würden, wären sie nicht durch den finstern Blick eines durch Leiden verstockten Inneren verdüstert gewesen; eine Kindheit, der der Glanz des Auges erloschen, deren Schönheit entschwunden und wo nur die Hilflosigkeit zurückgeblieben war; boshafte Gesichter, die bleiernen Auges, wie Übeltäter in einem Gefängnis, vor sich hinbrüteten; und arme Geschöpfe, die, die Sünden ihre schwachen Eltern büßend, selbst nach den gedungenen Wärterinnen weinten – dem einzigen, was sie gekannt hatten, und wo sie doch nicht ganz verlassen in ihrer Einsamkeit waren. Welche heranschießende Höllensaat wurde hier erzogen, wo Mitgefühl und Liebe schon in der Geburt erstickt wurden, wo man jedes frische und jugendliche Gefühl durch Schläge und Hunger erdrückte und wo jede der Rachsucht entquellende Leidenschaft sich leise ihre Eitergänge bis in das Innerste des übervollen Herzens fraß! Und doch hatte dieser Anblick, so schmerzlich er auch war, seine komischen Züge, die bei einem minderbeteiligten Zuschauer, als Nicolaus es war, wohl ein Lächeln hervorrufen konnten. Frau Squeers stand hinter einem der Lehrerpulte und hatte eine ungeheure Schüssel mit Schwefel und Sirup vor sich. Von dieser köstlichen Mischung gab sie einem jeden Knaben eine starke Dosis, wobei sie sich eines gemeinschaftlichen, ursprünglich wohl für einen Riesen angefertigten hölzernen Löffels bediente, der den Mund eines jeden der jungen Herrchen beträchtlich erweiterte, da sie unter schweren Strafandrohungen den ganzen Löffel voll auf einmal hinunterschlucken mußten. In einer Ecke der Stube hatten sich, der Kameradschaft halber, die in der Nacht angekommenen kleinen Knaben zusammengedrückt, drei von ihnen in ungemein weiten Lederhosen und zwei in alten langen Hosen, die sogar noch bedeutend enger anlagen, als man gewöhnlich Unterbeinkleider zu tragen pflegt. In einer kleinen Entfernung von ihnen saß Herrn Squeers' jugendlicher Sohn und Erbe, ein sprechendes Ebenbild seines Vaters. Er wehrte sich aus Leibeskräften mit Händen und Füßen gegen Smike, der ihm ein Paar neue Stiefel von verdächtiger Ähnlichkeit mit denen, die der kleinste der neuen Ankömmlinge auf der Herreise getragen hatte, anziehen wollte; und auch der kleine Knabe schien sein Eigentum zu erkennen, denn er betrachtete dasselbe mit einem Blick der kläglichsten Verwunderung. Außerdem stand eine lange Reihe von Knaben harrend da, freilich mit Gesichtern, die nicht das angenehmste Vorgefühl hinsichtlich des Gesiruptwerdens aussprachen; und ein anderes Häuflein, das eben diese Tortur überstanden hatte, deutete durch allerhand Mundverzerrungen an, daß dieses Löffeltraktament eben nicht zu den angenehmsten gehöre. Die Knaben waren insgesamt so buntscheckig, übel zusammenpassend und ungewöhnlich gekleidet, daß man sich des Lachens nicht hätte erwehren können, wäre nicht der ekelerregende Anblick von Schmutz, Unordnung und Kränklichkeit damit verbunden gewesen. »Nun«, sagte Squeers, indem er mit seinem Rohr so heftig auf den Tisch schlug, daß die Hälfte der Knaben beinahe aus ihren Stiefeln gesprungen wäre; »ist das Doktern endlich vorbei?« »Im Augenblick«, versetzte Frau Squeers, die dem letzten Knaben, den sie in ihrer Eile beinahe erstickt hätte, mit dem hölzernen Löffel auf den Scheitel klopfte, um ihn wieder zu sich zu bringen. »Smike, nimm die Schüssel fort – geschwind!« Smike hinkte mit der Schüssel hinaus, und Frau Squeers folgte ihm, nachdem sie zuvor ihre schmutzigen Finger in dem Lockenkopfe eines Knaben abgewischt hatte, hastig nach einer Art Waschhaus, wo ein kleines Feuer unter einem großen Kessel brannte und eine Anzahl kleiner hölzerner Näpfe auf einem Tische standen. In diese Näpfe goß Frau Squeers, unter dem Beistände ihres ausgehungerten Dienstmädchens, ein braunes Gemisch, das wie Lohbrühe aussah und Suppe genannt wurde. In jeden Napf kam ein winziges Scheibchen Schwarzbrot, und als die Knaben ihre Suppe mit dem Brote ausgelöffelt und hintendrein auch diesen Löffel verzehrt hatten, womit das Früstück beendigt war, sprach Herr Squeers mit feierlicher Stimme: »Herr, laß uns aufrichtig dankbar sein für alles Gute, was wir von dir empfangen«, und begab sich dann zu seiner eigenen Morgenerquickung. Nicolaus erweiterte seinen Magen mit einem Napf Suppe, wohl aus demselben Grunde, der einige Milde veranlaßt, Erde zu verschlucken – damit nämlich hernach ihr Eingeweide sie nicht quäle, wenn sie nichts zu essen hätten. Als er hierauf noch eine Brotschnitte mit Butter verzehrt hatte, die ihm vermöge seiner Eigenschaft als Lehrer zuteil wurde, so setzte er sich nieder und harrte, bis der Unterricht begänne. Es konnte ihm nicht entgehen, daß statt des Lebensmutes nur stumme Trauer unter den Knaben herrschte. Dort war keine Spur von dem Tumult und Lärmen eines Schulzimmers, nichts von seinen geräuschvollen Spielen und seiner herzlichen Fröhlichkeit. Die Kinder kauerten sich zitternd zusammen und schienen nicht den Mut zu haben, sich zu bewegen. Der einzige Zögling, der einige Neigung zu Scherz und Bewegung kundgab, war der junge Herr Squeers. Da aber seine Hauptbelustigung darin bestand, daß er mit seinen Stiefeln den andern Knaben auf die Zehen trat, so konnte man an seiner Munterkeit gerade keinen besonderen Gefallen finden. Nach einer halben Stunde trat Herr Squeers wieder ein. Die Knaben gingen an ihre Plätze und griffen nach ihren Büchern, von denen durchschnittlich etwa eins auf acht Schüler kam. Herr Squeers nahm einige Minuten eine sehr gelehrte Miene an, als könne er alles in den Büchern auswendig und wisse jedes Wort aus dem Kopfe herzusagen, wenn er sich nur die Mühe nehmen wollte, und rief dann die erste Klasse auf. Dem Geheiße gehorsam, stellten sich ein halb Dutzend Vogelscheuchen mit Löchern an den Knien und Ellenbogen vor dem Pulte des Schulmeisters auf, und eine davon legte ein zerrissenes und schmutziges Buch unter sein gelehrtes Auge. »Dies ist die erste Klasse; sie erhält Unterricht im Englischlesen und in der Philosophie, Nickleby«, sagte Squeers, indem er Nicolaus näher zu treten winkte. »Wir wollen auch eine lateinische Klasse gründen und sie Ihnen übertragen. Wohlan denn, wo ist der Primus?« »Er putzt in der hintern Stube die Fenster«, sagte der damalige Zugführer der philosophischen Klasse. »Ah, richtig«, erwiderte Squeer«. »Wir halten uns an die praktische Lehrmethode, Nickleby – das einzige richtige Erziehungssystem. P-u-tz, Putz, e-n, en, Putzen, Zeitwort, reinmachen, reinigen. F-e-n, Fen, s-t-e-r, ster, Fenster, eine mit einer durchsichtigen Substanz verwahrte Öffnung, durch die Licht in die Häuser fällt. Wenn ein Knabe etwas der Art aus dem Buche gelernt hat, so geht er hin und tut es. Wir folgen hier ganz demselben Grundsatz, den man beim Gebrauch der Globen geltend macht. Wo ist der Zweite?« »Er jätet im Garten Unkraut aus«, entgegnete eine zarte Stimme. »Ja ja«, fuhr Squeers fort, ohne sich aus der Fassung bringen zu lassen;, »so ist's. B-o, Bo, t-a, ta, Bota, n-i-k, nik, Botanik, Hauptwort, Kenntnis der Pflanzen. Wenn er gelernt hat, daß Botanik Kenntnis der Pflanzen bedeutet, so geht er hin und lernt sie kennen. Dies ist unser System, Nickleby. Was halten Sie davon?« »Jedenfalls ist es ein sehr nutzenbringendes«, antwortete Nicolaus bedeutsam. »Das will ich meinen«, entgegnete Squeers, dem die ironische Betonung seines Hilfslehrers nicht aufgefallen war. »Nun, du Dritter, was ist ein Pferd?« »Ein Tier, Sir«, versetzte der Knabe. »Richtig«, sagte Squeers: »nicht wahr, Nickleby?« »Ich glaube, daß hier kein Zweifel obwalten kann, Sir«, erwiderte Nicolaus. »Natürlich nicht«, sagte Squeers. »Ein Pferd ist ein Quadruped , und Quadruped ist das lateinische Wort für Tier, wie jeder, der die Grammatik durchgemacht hat, weiß; denn wo läge sonst der Nutzen der Grammatik?« »In der Tat, wo läge er?« sprach Nicolaus zerstreut. »Da du deine Sache so gut gemacht hast«, nahm Squeers wieder auf, »so geh und sieh nach meinem Pferd; striegle es ordentlich, sonst will ich dich striegeln. Die übrigen der Klasse gehen hinaus und schöpfen Wasser, bis man sie aufhören heißt; denn die Kessel müssen für die morgige Wäsche gefüllt werden.« Mit diesen Worten entließ er die erste Klasse zu ihren Übungen in der praktischen Philosophie und sah Nicolaus mit einem halb verschmitzten, halb zweifelhaften Blick an, als wolle er sich überzeugen, welchen Eindruck dieses Verfahren auf seinen Hilfslehrer gemacht hatte. »So wird die Sache bei uns betrieben, Nickleby«, sagte er nach einer langen Pause. Nicolaus zuckte auf eine kaum bemerkliche Weise die Achseln und sagte, daß ihn dies der Augenschein lehre. »Es ist übrigens eine sehr gute Methode«, fuhr Squeers fort. »Doch lassen Sie jetzt diese vierzehn kleinen Knaben lesen; denn Sie müssen anfangen, sich nützlich zu machen. Faulenzerei geht hier nicht an.« Herr Squeers sagte dies mit einem Ton, als sei ihm plötzlich eingefallen, daß er seinem Hilfslehrer nicht zuviel sagen dürfe, oder daß dieser ihm nicht genug zum Lobe der Anstalt gesagt hätte. Die Kinder mußten sich nun in einen Halbkreis um den neuen Lehrer stellen, und bald horchte dieser auf ihr träges, schleppendes und stockendes Hersagen jener wichtigen Geschichten, die in den älteren Fibelbüchern zu finden sind. Unter dieser angenehmen Beschäftigung schlich der Morgen schwerfällig hin. Um ein Uhr kamen die Knaben, nachdem man ihnen vorher den Appetit durch Haferbrei und Kartoffeln benommen hatte, zu einem Stückchen tüchtig eingepökelten Ochsenfleisches in die Küche, und Nicolaus erhielt gnädigst die Erlaubnis, seinen Anteil nach seinem einsamen Pult zu tragen, um es dort ungestört verzehren zu können. Dann kauerten sich die Knaben abermals eine Stunde fröstelnd in dem kalten Schulzimmer zusammen, worauf der Unterricht wieder seinen Anfang nahm. Herr Squeers pflegte nach jedem seiner halbjährlichen Besuche in der Hauptstadt die Knaben zusammenzurufen und ihnen eine Art Mitteilung zu machen über Verwandte, die er gesehen, Neuigkeiten, die er gehört, Briefe, die er mitgebracht, Rechnungen, die man bezahlt, oder Auslagen, die man schuldig geblieben war usw. Diese festliche Musterung fand jedesmal an dem Nachmittag des ersten Tages nach seiner Zurückkunft statt; vielleicht, um durch die Spannung des Morgens die Selbstüberwindung der Knaben zu kräftigen, vielleicht auch, weil Herr Squeers durch gewisse warme Getränke, die er gewöhnlich nach dem Mittagessen zu sich zu nehmen pflegte, größeren Ernst und größere Unbeugsamkeit gewann. – Doch, sei dem, wie ihm wolle – die Knaben wurden von den Fenstern, dem Garten, dem Stall und dem Hof zurückgerufen, und das Schulzimmer barg die volle Versammlung, als Herr Squeers, mit einem kleinen Paketchen Briefschaften in der Hand und von Frau Squeers begleitet, die ein paar Haselnußstöcke trug, in das Zimmer trat und Stillschweigen gebot. »Wenn einer, ohne daß er gefragt wird, das Maul auftut«, sagte Herr Squeers in mildem Tone, »so kriegt er Hiebe, bis ihm die Haut vom Leibe fällt.« Diese Ankündigung hatte den beabsichtigten Erfolg; denn im Augenblick trat eine totengleiche Stille ein, und Herr Squeers fuhr fort: »Jungen, ich bin in London gewesen und so gesund und wohl wie je wieder zu meiner Familie und zu euch zurückgekehrt.« Die Jungen begrüßten diese erfreuliche Nachricht, dem halbjährlichen Brauche zufolge, mit drei schwachen Freuderufen. Aber was für Freuderufe? – kaum wie ein starker Seufzer aus der Brust eines Menschen, dem der Todesschweiß auf der Stirn steht. »Ich habe die Eltern von einigen unter euch gesehen«, fuhr Squeers, seine Papiere durchblätternd, fort; »und sie sind so erfreut über die Fortschritte ihrer Söhne, daß an ein Zurücknehmen derselben gar nicht zu denken ist, was natürlich allen Parteien in gleicher Weise zustatten kommt.« Bei diesen Worten fuhren zwei oder drei Hände zu zwei oder drei Augen, aber der größere Teil der jungen Leutchen wußte nicht viel von seinen Eltern zu sagen und war daher bei der Sache in keiner Weise beteiligt. »Ich hatte mit Widerwärtigkeiten zu kämpfen«, sagte Squeers, indem er eine zürnende Miene annahm; »Bolders Vater blieb zwei Pfund, zehn Schillinge schuldig. Wo ist Bolder?« »Hier, Sir«, erwiderten zwanzig diensteifrige Stimmen. Knaben sind in solchen Fällen gerade wie die Männer. »Komm her, Bolder«, rief Squeers. Ein kränklich aussehender Knabe mit von Warzen bedeckten Händen trat leichenblaß und klopfenden Herzens an das Pult des Lehrers und erhob seine Augen flehend zu Squeers' Gesicht. »Bolder«, begann Squeers in einem langsamen Ton; denn er überlegte im Sprechen, wie er ihm am besten beikommen könne. »Bolder, wenn dein Vater glaubt, daß – doch was soll das, Bürschlein?« Mit diesen Worten faßte Squeers die Hand des Knaben bei dem Ärmelaufschlag und betrachtete sie mit einem erbaulichen Ausdruck von Entsetzen und Ekel. »Wie nennst du dies, Musje?« fragte der Schulmeister, indem er dem Knaben gleich vornweg einen Streich mit der Haselnußgerte gab, um die Antwort zu beschleunigen. »Ach, ich kann ja nicht dafür, Sir«, erwiderte der Knabe weinend. »Sie kommen von selbst; ich glaube, es ist die schmutzige Arbeit, Sir – wenigstens weiß ich nicht, woher es kommt, Sir; aber meine Schuld ist es gewiß nicht.« »Bolder«, sagte Squeers, indem er seine Hemdärmel zurückschlug und die Fläche der rechten Hand anfeuchtete, um den Stock besser fassen zu können; »du bist ein unverbesserlicher junger Schlingel, und da die letzte Tracht Prügel nicht angeschlagen hat, so wollen wir sehen, ob eine andere nicht bessere Wirkung tut.« Squeers fiel sofort, ohne des kläglichen Geschreis um Schonung zu achten, über den Knaben her und bearbeitete denselben so lange mit seinem Rohr, bis er kaum mehr den Arm zu rühren vermochte. »So!« sagte Squeers, als er fertig war; »reibe dir den Rücken, so viel du willst. Das wenigstens wirst du nicht sofort herunterreiben. – Wie, du willst nicht zu heulen aufhören? Führe ihn hinaus, Smike.« Der Haussklave wußte aus Erfahrung zu gut, daß durch Zögerung nichts gewonnen werde, und schaffte daher das arme Opfer durch eine Seitentür, während Herr Squeers sich wieder auf seinen Stuhl pflanzte und Frau Squeers einen andern an seiner Seite einnahm. »Nun laßt uns weiter sehen«, sagte Squeer«. »Ein Brief für Cobbey. Steh auf, Cobbey!« Ein anderer Knabe erhob sich und betrachtete mit ängstlichen Blicken den Brief, während Squeers den Inhalt in einem kurzen Auszug vortrug. »Ah!« sagte Squeers, »Cobbeys Großmutter ist tot und sein Onkel Johann hat sich dem Trinken ergeben. Das sind alle Neuigkeiten, die seine Schwester sendet, achtzehn Penc ausgenommen, die gerade hinreichen werden, die zerbrochene Fensterscheibe zu bezahlen. Liebe Frau, willst du das Geld zu dir nehmen?« Die würdige Dame steckte die achtzehn Pence mit der gleichgültigsten Geschäftsmiene ein, und Squeers ging so kaltblütig wie möglich zu dem nächsten Knaben über. »Die Reihe kommt jetzt an Graymarsh«, sagte Squeers. »Steh auf, Graymarsh!« Der Knabe gehorchte, und der Schulmeister überflog wie vorher den Brief. »Graymarsh' Tante mütterlicherseits –« fuhr Squeers fort, nachdem er sich den Inhalt zu eigen gemacht hatte – »ist sehr erfreut über die Nachricht, daß er so gesund und zufrieden ist: sie läßt Madame Squeers ihre achtungsvollsten Komplimente vermelden und glaubt, daß sie ein Engel sein müsse. In gleicher Weise meint sie, Herr Squeers sei zu gut für diese Welt, hofft jedoch, daß er ihr noch lange erhalten bleibe, um sein Geschäft fortzusetzen. Sie würde die verlangten zwei Paar Strümpfe geschickt haben, wenn in ihrer Kasse nicht Ebbe wäre; statt dessen sendet sie ein Traktätlein und hofft, daß Graymarsh sein Vertrauen auf Gott setzen werde. Vor allem aber wünscht sie, daß er sich Mühe gebe, Herrn und Frau Squeers in jeder Hinsicht zu Gefallen zu leben und sie als seine einzigen Freunde zu betrachten. Er solle den jungen Herrn Squeers lieben und sich nicht auf eine unchristliche Weise darüber beschweren, daß er zu fünf in einem Bett schlafen müsse. »Ah!« sagte Squeers, das Schreiben zusammenschlagend, »ein köstlicher Brief, sehr liebreich – in der Tat!« Er war in einem gewissen Sinne allerdings sehr liebreich, denn Graymarsh' mütterlicherseits Tante war, wie sich ihre vertrauten Freundinnen ins Ohr flüsterten, niemand anders, als Graymarsh' wirkliche Mutter. Squeers fuhr jedoch, ohne auf diesen Teil der Geschichte anzuspielen, da es vor dem Knaben unmoralisch geklungen haben würde, in seinem Geschäft fort, indem er den Namen »Mobbs« rief, worauf sich ein anderer Knabe erhob und Graymarsh wieder Platz nahm. »Mobbs Stiefmutter –« sagte Squeers – »mußte sich zu Bett legen, als sie hörte, daß er kein Fett essen wolle, und ist seitdem immer krank gewesen. Sie wünscht mit einer der nächsten Posten zu erfahren, wo er hingebracht zu werden erwartet, da er sich über die Kost beklagt, und will wissen, mit welchen Gefühlen er seine Nase über die Kuhleberbrühe rümpfen kann, nachdem sein guter Lehrer den Segen darüber gesprochen hat. Daß das letztere geschieht, hat sie aus den Londoner Zeitungen und nicht von Herrn Squeers erfahren, der zu menschenfreundlich und wohlwollend ist, um Leute gegeneinander aufzuhetzen; sie fühlt sich übrigens in einer Weise gekränkt, daß sich Mobbs gar keinen Begriff davon machen kann. Es tut ihr leid, eine sündhafte und abscheuliche Unzufriedenheit an ihm zu bemerken, weshalb sie hofft, Herr Squeers werde ihn schon in einen ruhigeren Gemütszustand hineinprügeln. Wegen seines schlechten Betragens behält sie auch den wöchentlichen halben Penny Taschengeld zurück und hat ein Messer mit doppelter Klinge und einem Korkzieher, das für ihn gekauft worden war, den Missionaren geschenkt. Ein widerspenstiger Gemütszustand führt zu nichts«, fuhr Herr Squeers fort, indem er abermals die Fläche seiner rechten Hand anfeuchtete; »Heiterkeit und Zufriedenheit müssen stets aufrechterhalten werden. Mobbs, tritt hervor!« Mobbs bewegte sich langsam nach dem Pult hin und rieb in der Vorahnung, bald genug Anlaß dazu zu erhalten, seine Augen; er erhielt auch denselben in so hohem Grade, wie sich's ein Knabe nur immer wünschen kann, und wurde gleichfalls durch die Seitentür entfernt. Herr Squeers fuhr dann fort, die verschiedenen übrigen Briefe zu öffnen. Einige von ihnen enthielten Geld, das Frau Squeers »zum Aufheben« gegeben wurde, und andere bezogen sich auf verschiedene kleine Anzugsartikel, wie Mützen usw., die aber alle nach der Ansicht der genannten Dame bald zu groß, bald zu klein waren und für niemand als den jungen Squeers passen wollten, der in der Tat die allergefügigsten Gliedmaßen zu haben schien, da alles, was in die Anstalt kam, ihm wie angegossen war; besonders mußte sein Kopf eine wunderbare Elastizität besitzen, da ihm Hüte und Mützen von jeder Weite gleich gut saßen. Nach Abmachung dieses Geschäfts hudelte man noch einige Schulstunden ab, worauf sich Herr Squeers in seinen Familienkreis zurückzog und dem Lehrgehilfcn die Obhut der Knaben in der äußerst kalten Schulstube überließ, wo man, sobald es dunkel wurde, eine Abendmahlzeit von Brot und Käse austeilte. In einer Ecke der Schulstube, zunächst dem Pult des Schulmeisters, befand sich ein kleiner Ofen, bei dem sich Nicolaus niedersetzte und in dem Gefühl seiner herabgewürdigten Stellung den Tod als einen beglückenden Erlöser aus seiner traurigen Lage herbeiwünschte. Die Grausamkeit, deren unfreiwilliger Zeuge er gewesen, Squeers' rohes und schuftiges Benehmen, selbst wenn er in der besten Laune war – überhaupt alles, was er an diesem schmutzigen Ort sah oder hörte, vereinigte sich, diese trübe Stimmung hervorzurufen. Wenn er aber gar dachte, daß er dabei mitwirken und – gleichgültig, welche Verkettung der Umstände ihn dazu gezwungen hatte – als Helfer und Mitschuldiger eines Systems erscheinen mußte, das nur Ekel und Unwillen in seiner Seele hervorrief, so verabscheute er sich selbst, und es kam ihm in diesem Augenblick vor, als ob es ihm schon die bloße Rückerinnerung an seine gegenwärtige Erniedrigung für alle Zeiten unmöglich mache, sein Antlitz wieder vor den Leuten zu erheben. Vorderhand war jedoch sein Entschluß gefaßt, und die Vorsätze der vorangehenden Nacht blieben ungetrübt. Er hatte seiner Mutter und Schwester geschrieben, ihnen die glückliche Beendigung seiner Reise mitgeteilt und von Dotheboys Hall nur sehr wenig, aber auch dieses Wenige in der möglichst heitern Weise erzählt. Er hoffte, wenn er bliebe, selbst hier einiges Gute wirken zu können, und jedenfalls hingen andere zu sehr von der Gunst seines Onkels ab, als daß er sich jetzt schon seinen Groll hätte zuziehen dürfen. Ein Gedanke beunruhigte ihn jedoch weit mehr, als alle aus seiner Lage entsprießenden Rücksichten für die eigene Persönlichkeit – nämlich das wahrscheinliche Los seiner Schwester. Sein Onkel hatte ihn hintergangen, und stand da nicht zu befürchten, daß er sie auf irgendeinen elenden Ort beschränke, wo ihre Schönheit und Jugend ihr zu einem weit größeren Fluch gereichen konnten als Häßlichkeit und Alter? Dies war ein schrecklicher Gedanke für einen an Händen und Füßen gebundenen Mann; – doch nein, seine Mutter war ja bei ihr und auch die Malerin, freilich ein sehr einfaches Wesen, die aber doch in und von der Welt lebte. Er war geneigt zu glauben, daß Ralph einen persönlichen Widerwillen gegen ihn nährte. Da nun hinlänglicher Grund vorhanden war, einen gleichen in seinem eigenen Innern zu hegen, so wurde ihm diese Vermutung zur Gewißheit, obgleich er sich zu überreden suchte, daß der gegenseitige Groll auf niemand anders als auf sie beide Bezug habe. In solche Betrachtungen vertieft, fiel sein Blick zufällig auf Smike, der auf seinen Knien vor dem Ofen lag, ein paar abgesprungene Aschenfunken von dem Herde auflas und sie wieder in das Feuer legte. Der arme Junge hatte eben innegehalten, um einen verstohlenen Blick auf Nicolaus zu werfen. Als er jedoch sah, daß er bemerkt wurde, schrak er zurück, als fürchte er, dafür gezüchtigt zu werden. »Du brauchst dich nicht vor mir zu fürchten«, sagte Nicolaus freundlich. »Friert es dich?« »N–e–i–n.« »Deine Zähne klappern?« »Es friert mich nicht«, versetzte Smike rasch. »Ich bin daran gewöhnt.« In seinem Benehmen zeigte sich so augenscheinlich die Furcht, Anstoß zu geben, auch war er überhaupt so scheu und niedergedrückt, daß Nicolaus sich des Ausruf«: »Armer Junge!« nicht erwehren konnte. Wenn er den armen Leidensträger geschlagen hätte, so würde sich dieser, ohne ein Wort zu sprechen, davongeschlichen haben; so aber brach er in Tränen aus. »Ach du mein Gott!« rief er, indem er mit den aufgesprungenen und schwieligen Händen sein Gesicht bedeckte; »das Herz bricht mir, – ach, das Herz bricht mir.« »Ruhig«, sagte Nicolaus, die Hand auf seine Achsel legend. »Sei ein Mann – du bist´s ja fast an Jahren; Gott helfe dir.« »An Jahren?« rief Smike. »O mein Himmel, wie viele sind ihrer! Wie viele Jahre sind dahingegangen, seit ich als ein kleines Kind hierherkam, jünger, als irgendeines von denen, die jetzt da sind! Wo sind sie alle!« »Wovon sprichst du?« fragte Nicolaus, der das arme, halb blödsinnige Geschöpf zur Vernunft zurückbringen wollte. »Rede.« »Meine Verwandte«, erwiderte er, »ich – mein – ach! welche Leiden habe ich erduldet!« »Die Hoffnung stirbt nicht«, versetzte Nicolaus, ohne zu wissen, was er sagen sollte. »Nein, entgegnete der andere, »nein, für mich gibts keine. Erinnern Sie sich des Knaben, der hier starb?« »Du weißt, ich war damals noch nicht hier«, sagte Nicolaus sanft, »aber was ist mit ihm?« »Ei«, antwortete Smike, indem er dem Frager näher rückte, »ich wachte bei ihm, und als alles still um uns her war, rief er nicht mehr nach seinen Verwandten, von denen er wünschte, daß sie sich bei ihm niedersetzen möchten, sondern er fing an, Gesichter um sich her zu sehen, die von Hause kamen. Er sagte, sie lächelten ihm zu und sprächen mit ihm, und endlich starb er, als er eben den Kopf aufrichtete, um sie zu küssen. Hören Sie?« »Ja, ja«, entgegnete Nicolaus. »Welche Gesichter werden mir zulächeln, wenn ich sterbe?« fuhr Smike schaudernd fort. »Wer wird zu mir sprechen in jenen langen Nächten? Sie können nicht von Hause kommen; sie würden mich erschrecken, wenn sie es täten; denn ich weiß nichts von einer Heimat und würde sie nicht kennen. Für mich gibt's nur Furcht und Leiden – Furcht und Leiden im Leben und im Tode; aber keine Hoffnung – keine Hoffnung.« Die Glocke läutete zum Schlafengehen, und Smike, der bei diesem Ton wieder in seinen gewohnten, gleichgültigen Stumpfsinn versank, schlich fort, als scheue er sich bemerkt zu werden. Bald hernach folgte ihm Nicolaus, da er kein eigenes Gemach hatte, nach dem schmutzigen und überfüllten Schlafsaal. Neuntes Kapitel. Von Fräulein Squeers, Madame Squeers, dem jungen Squeers und Herrn Squeers. Auch von verschiedenen Dingen und Personen, die ebensosehr mit der Squeersschen Familie als mit Nicolaus Nickleby in Beziehung stehen. Als Herr Sqneers abends die Schulstube verließ, begab er sich, wie schon oben bemerkt wurde, nach seinem Wohnzimmer – nicht in das, wo Nicolaus bei seiner Ankunft zu Nacht gespeist hatte, sondern in ein kleineres im Hintergebäude, wo seine huldreiche Ehewirtin, sein hoffnungsvoller Sohn und seine liebenswürdige Tochter sich des Glückes ihrer gegenseitigen Gesellschaft erfreuten. Frau Squeers war in der hausmütterlichen Beschäftigung des Strümpfestopfens begriffen, während das junge Fräulein und Herrlein irgendeine jugendliche Meinungsverschiedenheit mittels eines Faustkampfes über dem Tisch erörterten, der sich bei der Annäherung des ehrenwerten Herrn Papas in einen geräuschlosen Austausch von Fußtritten unter dem Tisch verwandelte. Es mag hier wohl am Platz sein, den Leser davon in Kenntnis zu setzen, daß Fräulein Fanny Squeers in ihrem dreiundzwanzigsten Jahre stand. Wenn irgendeine besondere Anmut und Liebenswürdigkeit von dieser Lebensperiode unzertrennlich ist, so müssen wir annehmen, daß auch Fräulein Squeers im Besitze derselben war, da kein Grund zu der Annahme vorhanden ist, warum sie allein eine Ausnahme von der allgemeinen Regel hätte machen sollen. Sie war nicht so groß wie ihre Mutter, sondern ähnelte in dieser Beziehung eher ihrem Vater, hatte aber von der Mutter die rauhe Stimme, während vom Vater der merkwürdige Ausdruck des rechten Auges auf sie übergegangen war, das ganz das Aussehen hatte, als ob es blind wäre. Fräulein Squeers war eben erst von einem mehrtägigen Besuch bei einer benachbarten Freundin unter das väterliche Dach zurückgekehrt. Dieser Tatsache mag es zuzuschreiben sein, daß sie noch nichts von dem neuen Hilfslehrer gehört hatte und erst dessen Anwesenheit erfuhr, als Herr Squeers selber auf ihn zu sprechen kam. »Nun, mein Schatz«, sagte Squeers, seinen Stuhl an den Tisch rückend, »wie hat er dir bis jetzt gefallen?« »Wer?« fragte Madame Squeers, die im Augenblick nicht auf den Gedankengang ihres Gemahls einzugehen wußte. »Nun, der junge Mensch – der neue Lehrer – wen anders könnte ich meinen?« »Ah, der Knittelbrei?« sagte Frau Squeers ungeduldig; »ich kann ihn nicht leiden.« »Und warum denn nicht, meine Liebe?« fragte Squeers. »Was kümmert's dich?« versetzte Madame Squeers. »Ist's nicht genug, wenn ich dir sage, daß ich ihn hasse?« »Gerade genug für ihn, meine Liebe; und ich darf wohl sagen, vielleicht um ein gut Teil zuviel, wenn er es wüßte«, entgegnete Herr Squeers in einem begütigenden Tone. »Ich fragte indessen nur aus Kuriosität, mein Schatz.« »Nun denn, wenn du es durchaus wissen willst, so kann ich's dir wohl sagen«, erwiderte Frau Squeers – »weil er ein stolzer, hochmütiger, eingebildeter, hochnasiger Pfau ist.« Wenn Frau Squeers aufgeregt war, pflegte sie sich einer sehr kräftigen Sprache zu bedienen und überdies eine Menge von Beiwörtern einzuflechten, von denen einige der Bildersprache angehörten, wie das Wort »Pfau« und die Anspielung auf Nicolaus' Nase, die nicht im buchstäblichen Sinne genommen werden konnte, sondern vielmehr, je nach dem Belieben des Zuhörers, eine gar weite Deutung zuließ. Auch nahm sie es nicht sonderlich genau damit, ob die Prädikate zusammenstimmten, wie man aus dem gegenwärtigen Fall ersehen kann, denn ein hochnasiger Pfau ist gewiß etwas Neues in der Naturgeschichte der Vögel und eine Rarität, die man nicht alle Tage zu sehen kriegt. »Hm – er ist billig, mein Schatz«, wendete Squeers auf diesen Ausbruch milde ein; »der junge Mann ist sehr billig.« »Warum auch nicht«, versetzte Madame Squeers. »Fünf Pfund jährlich«, bedeutete der Schulmann. »Ist das nicht teuer genug, wenn man ihn nicht braucht?« entgegnete sein Weib. »Aber wir brauchen ihn«, erwiderte Squeers. »Ich sehe nicht ein, warum du ihn mehr brauchen solltest, als den verstorbenen«, sagte Frau Squeers. »Schweige mir nur. Kannst du nicht auf die Karten und in die Ankündigungen setzen lassen, ›Erziehungs-Anstalt unter der Leitung des Herrn Wackford Squeers nebst tüchtigen Hilfslehrern‹, ohne daß man einen solchen unnützen Fresser einzustellen braucht? Kommt das nicht alle Tage bei andern Instituten vor? Nein, es ist nicht mehr mit dir auszuhalten.« »So, – meinst du?« versetzte Squeers in strengem Ton. »Ich will dir was sagen, Frau! – Was das Lehrerhalten anbelangt, so werde ich mit deiner gütigen Erlaubnis meine eigenen Wege gehen. Einem Sklavenvogt in Amerika ist ein untergeordneter Gehilfe zugestanden, der darauf sehen muß, daß die Schwarzen nicht weglaufen oder eine Rebellion anfangen; und so will ich denn auch einen Menschen unter mir haben, der das gleiche bei unsern Schwarzen tut, bis einmal der kleine Wackford imstande ist, die Aufsicht in der Schule zu führen.« »Darf ich, wenn ich herangewachsen bin, die Aufsicht in der Schule führen, Vater?« fragte Wackford der Jüngere, im Übermaß seines Entzückens einen boshaften Fußtritt unterlassend, den er seiner Schwester eben versetzen wollte. »Ja, das sollst du, mein Sohn«, entgegnete Herr Squeers in einem sentimalen Ton. »Ei der Tausend, da will ich's den Jungen geben«, rief der vielversprechende Sprößling, nach seines Vaters Stock greifend. »Die sollen mir quieken, Vater.« Welch ein stolzer Augenblick in Herrn Squeers Leben, Zeuge sein zu können von diesem Ausbruch eines edlen Enthusiasmus in der Seele seines Kindes, aus dem schon jetzt seine künftige Größe hervorleuchtete! Er drückte ihm einen Penny in die Hand und machte, vereint mit seiner musterhaften Gattin, seinen Gefühlen durch ein lautes, beifälliges Gelächter Luft. Die Harmonie der Gesinnungen brachte wieder Heiterkeit und Einigkeit in die Gesellschaft. »Er ist ein garstiger, aufgeblasener Affe – ich kann ihn für nichts anderes betrachten«, sagte Frau Squeers, wieder auf Nicolaus zurückkommend. »Nun, wenn er auch aufgeblasen ist«, versetzte Squeers, »kann er es in unserer Schulstube nicht so gut als irgendwo anders sein – zumalen es ihm in dieser nicht besonders zu behagen scheint?« »Gut«, bemerkte Madame Squeers, »das läßt sich hören. Ich hoffe, es stimmt seinen Stolz herunter. Ich wenigstens will`s nicht daran fehlen lassen.« Nun war ein stolzer Hilfslehrer in einer Yorkshirer Schule eine so außerordentliche Erscheinung – denn da überhaupt schon ein Hilfslehrer eine Seltenheit war, so mußte ein stolzer Hilfslehrer als ein Wesen erscheinen, von dessen Möglichkeit sich sogar die ausschweifendste Phantasie nichts hätte träumen lassen – daß Fräulein Squeers, die sich selten mit Schulangelegenheiten befaßte, mit großer Neugier fragte, wer denn dieser Knittelbrei wäre, der sich so hochmütig aufführe. »Nickleby«, verbesserte Herr Squeers, indem er ihr den Namen vorbuchstabierte; »deine Mutter nennt immer die Dinge und Leute mit unrechten Namen.« »Ach, das macht nichts!«, versetzte Frau Squeers: »ich sehe sie mit rechten Augen, und das ist alles, was ich brauche. Ich gab auf ihn acht, als du heute nachmittag dem kleinen Bolder seinen Teil gabst. Er sah die ganze Zeit über so düster aus wie eine Wetterwolke und fuhr sogar einmal auf, als ob er gute Lust hätte, über dich herzufallen. Ja, ich habs wohl gesehen, obgleich er es nicht bemerkte.« »Lassen wir das jetzt, Vater«, sagte Fräulein Squeers, als das Haupt der Familie eben im Begriff war, eine Erwiderung zu geben. »Wer ist der Mensch?« »Ei, dein Vater hat sich den Schnickschnack in den Kopf gesetzt, daß er der Sohn eines verarmten Mannes von Stande sei«, antwortete Frau Squeers. »Der Sohn eines Mannes von Stande?« »Ja, aber ich glaube kein Wort davon. Wenn er der Sohn eines Herrn ist, so ist er gewiß ein Findling, das ist meine Meinung.« »Unsinn, nichts der Art«, entgegnete Squeers, »denn sein Vater war manches Jahr vor seiner Geburt mit seiner Mutter verheiratet, und diese ist noch am Leben. Wenn es aber auch der Fall wäre, so brauchte uns das wenig zu kümmern, denn wir machen uns dadurch, daß wir ihn aufgenommen haben, einen sehr guten Freund, und wenn es dem Musje gefällt, außer der Aufsicht, die ihm anheimfällt, die Knaben noch etwas zu lehren, so habe ich nichts dagegen einzuwenden.« »Ich sage abermals, daß ich ihn ärger hasse als Gift«, fuhr Frau Squeers heftig auf. »Wenn er dir nicht gefällt, mein Schatz«, erwiderte Squeers, »so kenne ich niemanden, der es ihn besser könnte fühlen lassen als du, und natürlich ist hier kein Grund vorhanden, warum du dir die Mühe geben solltest, deinen Haß zu verbergen.« »Ich habe es auch nicht im Sinn , verlaß dich drauf«, erklärte Frau Squeers. »Recht so«, versetzte Squeers; »und wenn etwas Stolz in ihm steckt, was mir selber auch so vorkommt, so gibt's wohl in ganz England kaum eine Frau, die einen so schnell geschmeidig machen kann wie du, meine Liebe.« Frau Squeers lachte herzlich über dieses schmeichelhafte Kompliment und sagte, sie meine, zu ihrer Zeit wohl schon den einen oder den andern hochfahrenden Geist heruntergestimmt zu haben. Wir lassen übrigens ihrem Charakter nur Gerechtigkeit widerfahren, wenn wir sagen, daß sie in Vereinigung mit ihrem achtbaren Gemahl schon viele zermürbt hatte. Fräulein Fanny Squeers hatte auf dieses und noch einiges andere, was über den Gegenstand gesprochen wurde, genau achtgegeben und stellte, als sie sich nach ihrem Schlafgemach zurückzog, bei der ausgehungerten Magd umständliche Nachforschungen über das Äußere und das Benehmen des Hilfslehrers an. Die Antworten des Mädchens lauteten so enthusiastisch und waren mit so vielen anpreisenden Bemerkungen begleitet, z.B. hinsichtlich seiner schönen, schwarzen Augen, seines süßen Lächelns und seiner geraden Beine (auf die sie einen besonderen Wert legte, da der Wuchs dieser Glieder in Dothebony Hall durchgängig krumm war), daß Fräulein Squeers bald zu der Folgerung kam, der neue Hilfslehrer müsse eine sehr merkwürdige Person oder, wie sie sich sehr bezeichnend ausdrückte, »nichts Gemeines« sein; und so faßte denn besagtes Fräulein den Entschluß, gleich am nächsten Tage Nicolaus persönlich zu beaugenscheinigen. Um ihre Absicht durchzuführen, benutzte die junge Dame einen Zeitpunkt, wo ihre Mutter beschäftigt und ihr Vater abwesend war, und ging wie aus Zufall in die Schulstube, um sich eine Feder schneiden zu lassen, wo sie jedoch, da sie niemanden als Nicolaus die Knaben beaufsichtigen sah, hoch errötete und eine große Verwirrung zur Schau stellte. »Ich bitte um Verzeihung«, stotterte Fräulein Squeers; »ich glaubte, mein Vater wäre – oder könnte – ach du lieber Himmel, wie ungeschickt!« »Herr Squeers ist ausgegangen«, sagte Nicolaus, durch diesen Besuch keineswegs in Verlegenheit gesetzt, so unerwartet er auch war. »Wird er wohl lange nicht wiederkommen, Sir?« fragte Fräulein Squeers mit einem verschämten Zögern. »Er sprach von einer Stunde«, antwortete Nicolaus – natürlich höflich, aber ohne eine Spur davon, daß Fräulein Squeers' Reize sein Herz getroffen hätten. »Noch nie ist mir etwas so Queres begegnet«, rief die junge Dame. »Ich danke Ihnen; es tut mir ungemein leid, eine Störung veranlaßt zu haben. Wenn ich nicht gedacht hätte, mein Vater wäre hier, so würde ich um keinen Preis – es ist recht ärgerlich – ich muß Ihnen recht sonderbar vorkommen«, flüsterte Fräulein Squeers, abermals errötend, indem sie ihre Blicke bald nach Nicolaus hinter seinem Pult, bald nach der Feder in ihrer Hand gleiten ließ. »Wenn Sie nichts, als dieses wünschen«, sagte Nicolaus, indem er auf die Feder deutete, und unwillkürlich über die gezierte Verlegenheit der Schulmeisterstochter lächelte, »so kann ich vielleicht seine Stelle ersetzen.« Fräulein Squeers blickte, wie im Zweifel, ob es auch schicklich sei, noch näher an einen landfremden Menschen heranzutreten, nach der Tür und dann in der Schulstube umher. Dann aber trat sie, durch die Gegenwart der vierzig Knaben einigermaßen ermutigt, auf Nicolaus zu und händigte ihm mit dem gewinnendsten Gemisch von Schüchternheit und Herablassung die Feder ein. »Wünschen Sie sie hart, oder weich?« fragte Nicolaus und lächelte wieder, um nicht in ein lautes Lachen auszubrechen. »Wie lieblich er lächelt«, dachte Fräulein Squeers. »Wie sagten Sie?« fragte Nicolaus. »Ach du mein Himmel, ich versichere Ihnen, ich dachte im Augenblick an etwas ganz anderes«, entgegnete Fräulein Squeers – »ach, so weich als möglich, wenn ich bitten darf.« Fräulein Squeers seufzte bei diesen Worten, was vielleicht andeuten sollte, daß ihr Herz weich wäre und daß sie daher die Feder ebenso wünsche. Nicolaus schnitt die Feder nach dieser Weisung. Als er sie jedoch Fräulein Squeers zurückgab, ließ Fräulein Squeers diese fallen, und als er sich bückte, um sie aufzuheben, bückte sich Fräulein Squeers gleichfalls, und beide stießen mit den Köpfen zusammen, worüber fünfundzwanzig kleine Knaben laut lachten, – entschieden das erste und einzige Mal in diesem halben Jahre. »Wie ungeschickt von mir«, sagte Nicolaus, indem er der jungen Dame die Tür öffnete. »Nicht doch, Sir«, versetzte Fräulein Squeers: »es war mein Fehler – nur mein törichtes – a – a –guten Morgen.« »Ich empfehle mich«, entgegnete Nicolaus. »Wenn ich Ihnen wieder eine Feder schneide, so wird's, hoffe ich, nicht so ungeschickt zugehen. Nehmen Sie sich in acht, Sie beißen ihr den Schnabel ab.« »Wirklich!« erwiderte Fräulein Squeers. »Ich bin so verlegen, daß ich kaum weiß, was ich – tut mir recht leid, Ihnen so viele Mühe gemacht zu haben.« »Durchaus keine Mühe«, versicherte Nicolaus, die Tür der Schulstube schließend. »Ich habe in meinem ganzen Leben keine solchen Beine gesehen«, sagte Fräulein Squeers im Fortgehen. Fräulein Squeers war in der Tat in Nickleby verliebt. Um sich die Schnelligkeit, mit der diese junge Dame eine Leidenschaft für Nicolaus faßte, erklären zu können, müssen wir anführen, daß die Freundin, bei der sie kürzlich auf Besuch gewesen, eine Müllerstochter von ungefähr achtzehn Jahren war, die sich mit dem Sohn eines kleinen Kornhändlers auf dem nächsten Marktorte verlobt hatte. Fräulein Squeers und die Müllerstochter waren vertraute Freundinnen und waren der unter jungen Frauenzimmern üblichen Gewohnheit zufolge einige Jahre früher darin übereingekommen, daß jede, wenn sie im Sinn hätte, sich zu verloben, das wichtige Geheimnis geradeswegs, ehe sie es noch irgendeiner andern lebenden Seele anvertraut hätte, in dem Busen der Freundin niederlegen und diese ohne Zeitverlust als Brautjungfer anwerben solle. Diesem Versprechen getreu war die Müllerstochter gleich nach dem Abschluß ihrer Verlobung herausgekommen und nachts um elf Uhr – denn der Sohn des Kornhändlers hatte ihr erst vierzig Minuten vor elf Uhr (nach der Schwarzwälder Uhr in der Küche) Hand und Herz angeboten – in Fräulein Squeers Schlafzimmer geeilt, um ihr diese erfreuliche Kunde mitzuteilen. Da nun aber Fräulein Squeers um fünf Jahre älter und über die Zehner hinaus war – ein nicht unwichtiger Umstand –, so hatte sie seitdem sehnlicher als je gewünscht, dieses Vertrauen erwidern und ihre Freundin in ein ähnliches Geheimnis einweihen zu können. Aber sei es, daß es schwer hielt, ihr zu gefallen, oder vielleicht noch schwerer, daß sie jemandem gefiel, – es wollte sich ihr keine Gelegenheit geben, Geheimnisse mitzuteilen. Sobald jedoch die eben beschriebene kleine Zusammenkunft mit Nicolaus stattgefunden hatte, setzte Fräulein Squeers ihren Hut auf, lief in größter Eile zu ihrer Freundin und enthüllte ihr nach einer feierlichen Wiederholung der früheren Verschwiegenheitsgelübde, daß sie – zwar noch nicht wirklich verlobt, aber doch im Begriff sei, sich mit dem Sohne eines Mannes von Stande zu versprechen – nicht mit einem von diesen Kleinhändlern, sondern mit dem Sohne eines Mannes von guter Herkunft, der unter höchst geheimnisvollen und merkwürdigen Umständen als Lehrer nach Dotheboys Hall heruntergekommen sei. Er sei in der Tat nur (wie Fräulein Squeers mehr als einmal aus guten Gründen glauben zu dürfen versicherte) durch den Ruf ihrer Reize angelockt worden, um ihre Bekanntschaft zu machen und um sie zu freien. »Ist das nicht etwas ganz Außerordentliches ?« schloß Fräulein Squeers ihren Bericht, indem sie das letztere Wort besonders nachdrücklich betonte. »Allerdings, sehr außerordentlich«, versetzte die Freundin; »aber was hat er denn zu dir gesagt?« »Frage mich nicht, was er zu mir gesagt hat, meine Liebe«, entgegnete Fräulein Squeers. »Wenn du nur seine Blicke und sein Lächeln gesehen hättest! Ich war in meinem Leben nie so verblüfft.« »Sah er dich etwa so an?« fragte die Müllerstochter, so gut wie möglich einen Liebesblick ihres Kornhändlers nachahmend. »So etwa, nur viel vornehmer«, erwiderte Fräulein Squeers. »Ah«, erklärte die Freundin, »dann will er etwas damit sagen, verlaß dich drauf.« Fräulein Squeers, die noch einiged Bedenken bei der Sache hatte, ließ sich nicht ungern durch eine kompetente Autorität belehren; und als sich im Verlauf der Unterhaltung, in der die charakteristischen Liebesmerkmale zur Sprache kamen, in vielen Punkten Ähnlichkeit zwischen dem Benehmen des Hilfslehrers und des Kornhändlers herausstellte, so wurde sie außerordentlich zutraulich. Sie erzählte ihrer Feundin daher eine Menge Dinge, die Nicolaus nicht gesagt hatte, und die so ungemein schmeichelhaft waren, daß sie auch nicht dem mindesten Zweifel mehr Raum gaben. Sie sprach dann von ihrem harten Geschick, Eltern zu haben, die ihrem künftigen Gatten entschieden abgeneigt wären, über welchen traurigen Umstand sie sich um so mehr der Länge und Breite nach ausließ, als die Eltern ihrer Freundin mit der Verlobung ihrer Tochter vollkommen zufrieden gewesen waren und daher die ganze Freierei einen so flachen und gewöhnlichen Verlauf genommen hatte, wie man sich nur einen denken konnte. »Ich möchte ihn doch auch sehen«, rief die Freundin. »Das sollst du, Thilda«, entgegnete Fräulein Squeers. »Ich müßte mich für das undankbarste Geschöpf auf Erden halten, wenn ich dir's abschlüge. Ich glaube, meine Mutter verreist nächstens auf ein paar Tage, um einige Knaben zu holen. Wenn das geschieht, so werde ich dich und deinen Johann zum Tee bitten. Bei dieser Gelegenheit könnt ihr ihn kennenlernen.« Dies war ein herrlicher Gedanke, und nachdem man ihn gehörig besprochen hatte, trennten sich die Freundinnen. Es traf sich, daß die Reise, die Madame Squeers antreten sollte, um drei neue Zöglinge zu holen und die Verwandten zweier alten zur Begleichung einer kleinen Rechnung zu pressen, noch an demselben Nachmittag auf übermorgen festgesetzt wurde. Frau Squeers bestieg zu der bestimmten Zeit einen Außensitz der Postkutsche, als diese zu Greta Bridge des Pferdewechsels wegen halt machte. Sie nahm ein kleines Bündel mit, das eine Flasche Likör nebst einigen Brot- und Fleischschnitten enthielt, versah sich mit einem großen, weiten Mantel, um sich des Nachts darein zu hüllen, und trat mit diesem Gepäck ihre Reise an. Bei derartigen Gelegenheiten pflegte Herr Squeers unter dem Vorwand eines dringenden Geschäftes jeden Abend nach dem Marktorte zu fahren, wo er dann jedesmal bis zehn oder elf Uhr in einem von ihm sehr geschätzten Wirtshaus verweilte. Da ihm daher das Teekränzchen nicht im Wege war, sondern eher dazu diente, mit Fräulein Squeers ein Abfinden zu treffen, so gab er ohne Anstand seine Einwilligung und hatte auch nichts dagegen, in eigener Person Nicolaus die Mitteilung zu machen, daß er abends um fünf Uhr im Wohnzimmer zum Tee erwartet würde. Man kann sich denken, daß Fräulein Squeers, als die Zeit herannahte, in keiner kleinen Verwirrung war, jedenfalls aber Vorsorge getroffen hatte, sich aufs vorteilhafteste herauszuputzen. Ihr Haar, das bedeutend ins Rote stach und wie ein Tituskopf geschoren war, fiel von dem Scheitel in fünf korkzieherartigen Lockenreihen herunter und verhüllte gar kunstreich die Mängel des zweifelhaften Auges. Nichts zu sagen von dem blauen Leibgürtel, dessen Enden über den Rücken hinunterhingen, oder der gestrickten Schürze, den langen Handschuhen, der grünen, über die Schulter geworfenen und unter dem andern Arme geknüpften Schleierschärpe oder den übrigen zahlreichen Toilettenkniffen, die man als ebenso viele für Nicolaus' Herz bestimmte Pfeile betrachten konnte. Diese Vorkehrungen waren kaum zu ihrer vollen Zufriedenheit beendigt, als ihre Freundin mit einem weiß und braun gewürfelten Päckchen anlangte, das einige kleine Putzartikel enthielt, die man erst hier anziehen wollte, was denn auch die Müllerstochter unter unablässigem Geplauder tat. Als Fräulein Squeers ihrer Freundin das Haar »gemacht« hatte, machte die Freundin Fräulein Squeers das Haar, wobei sie zugleich einige augenfällige Verschönerungen anbrachte, z.B. eine Lockenpartie über den Nacken hinunterfallen ließ usw. Als nun beide zu ihrer vollkommenen Zufriedenheit herausgeputzt waren, zogen sie ihre langen Handschuhe an und gingen in vollem Staat die Treppe hinunter nach dem Zimmer, wo alles für den Empfang der Gesellschaft bereit war. »Wo ist dein Johann, Thilda?« fragte Fräulein Squeers. »Nur nach Hause gegangen, um sich umzukleiden«, versetzte die Freundin; »er wird aber hier sein, noch ehe der Tee fertig ist.« »Wie mir das Herz pocht«, sagte Fräulein Squeers. »Ach, ich kenne das«, entgegnete die Freundin. »Du weißt, Thilda, ich bin so etwas nicht gewöhnt«, sagte Fräulein Squeers, die Hand an die linke Seite ihres Leibgürtels legend. »Ei, das gibt sich bald, meine Liebe«, tröstete die Freundin. Während sie sich in dieser Weise unterhielten, brachte das ausgehungerte Dienstmädchen das Teegeschirr herein, und bald nachher klopfte jemand an der Türe. »Er ist's!« rief Fräulein Squeers. »O Thilda!« »Pst!« sagte Thilda. »Hm! sage doch herein!« »Herein!« rief Fräulein Squeers mit schwacher Stimme. »Guten Abend«, sagte der junge Mann, ohne von seiner Eroberung auch nur eine Ahnung zu haben. »Ich hörte von Herrn Squeers, daß – –« »O ja, es ist ganz recht«, fiel Fräulein Squeers ein. »Der Vater trinkt den Tee nicht mit uns, aber ich denke. Sie werden ihn nicht sehr vermissen –« sie sagte das mit einem schalkhaften Blick. Nicolaus machte große Augen, ließ aber, da er sich gerade um nichts besonders kümmerte, die Sache beruhen und benahm sich, als er der Müllerstochter vorgestellt wurde, mit so viel Anmut, daß diese junge Dame von Bewunderung ganz hingerissen wurde. »Wir warten nur noch auf einen weiteren Herrn«, sagte Fräulein Squeers, indem sie den Deckel des Teekessels abnahm und hineinsah, um zu prüfen, ob der Tee koche. Es war Nicolaus ziemlich gleichgültig, ob man auf einen Herrn oder auf zwanzig warte, und so nahm er denn diese Kunde vollkommen unbekümmert hin. Sein Geist war gedrückt, und da er keinen besondern Grund einsah, warum er sich angenehm machen sollte, so blickte er durch das Fenster und seufzte unwillkürlich. Der Zufall fügte es, daß Fräulein Squeers' Freundin, die ein neckisches Mädchen war, Nicolaus seufzen hörte, und so setzte sie sich's in den Kopf, das Liebespärchen mit seiner Niedergeschlagenheit zu necken. »Wenn nur meine Anwesenheit daran schuld ist«, sagte die junge Dame, »so dürft ihr euch nicht daran kehren, denn ich bin in demselben Spital krank. Ihr könnt ganz tun, als ob ihr allein wäret.« »Thilda«, sagte Fräulein Squeers, bis zu ihrer obersten Lockenreihe errötend – »ich muß mich deiner schämen.« Die beiden Freundinnen brachen nun in ein wiederholtes Kichern aus und schossen hin und wieder über ihren Taschentüchern weg Blicke nach Nicolaus, der aus der Befangenheit des höchsten Staunens allmählich in ein unwiderstehliches Gelächter überging, das teils schon durch den Gedanken, daß er in Fräulein Squeers verliebt sein sollte, teils aber auch durch das alberne Aussehen und Benehmen der zwei Mädchen veranlaßt wurde. Diese beiden Umstände zusammengenommen deuchten ihm so drastisch komisch, daß er ungeachtet seiner armseligen Lage lachte, bis er nicht mehr konnte. »Je nun«, dachte Nicolaus, »da ich einmal hier bin und man aus einem oder dem andern Grunde von mir zu erwarten scheint, daß ich zu der Erheiterung der Gesellschaft beitrage, so wäre es sehr unpassend, wie ein Pinsel dazustehen. Ich will mich daher der Gesellschaft anpassen.« Wir müssen mit Erröten gestehen, daß sein Jugendmut und seine Lebhaftigkeit für eine Weile den Sieg über seine trübseligen Gedanken davontrugen. Sobald er zu einem Entschluß gekommen war, trat er mit großer Galanterie auf Fräulein Squeers und ihre Freundin zu, rückte einen Stuhl an den Teetisch und begann sich mit einem Freimut zu bewegen, wie wohl kaum je ein Hilfslehrer in dem Hause seines Prinzipals getan hat, seit das Institut der Hilfslehrer erfunden ist. Die Damen waren höchlich entzückt über Herrn Nicklebys verändertes Benehmen, als endlich der erwartete junge Mann anlangte. Seine Haare waren noch naß, da er sich eben erst gewaschen hatte. Ein reines Hemd, dessen Kragen irgendeinem riesigen Altvordern angehört zu haben schien, bildete, nebst einer weißen Weste von ähnlichem Umfang, die Hauptzierde seiner Person. »Nun, Johann?« sagte Fräulein Mathilda Price, denn dies war der volle Name der Müllerstochter. »Nun?« erwiderte Johann mit einem Grinsen, das selbst der Kragen nicht verbergen konnte. »Ich bitte um Verzeihung«, fiel Fräulein Squeers ein, indem sie sich beeilte, die beiden sich gegenseitig vorzustellen: »Herr Nickleby – Herr Johann Browdie.« »Angenehm, Sir«, sagte Johann, der über sechs Fuß hoch war und ein Gesicht nebst einem Rumpf besaß, deren Verhältnisse eher für zu groß als für zu klein betrachtet werden konnten. »Freue mich Ihrer Bekanntschaft, Sir«, sagte Nicolaus, indem er unter den Butterschnitten fürchterliche Verheerungen anrichtete. Herr Browdie war kein Mann von besonders geselligen Talenten; er grinste daher noch zweimal, und da er nun jeder Person der Gesellschaft seinen gewohnten Aufmerksamkeitsbeweis abgestattet hatte, grinste er zum drittenmal, ohne einen besondern Grund, und langte gleichfalls zu. »Ist die Alte fort?« fragte Herr Browdie mit vollen Backen. Fräulein Squeers nickte bejahend. Herr Browdie verzog den Mund zu einem noch liebenswürdigeren Grinsen, als sei er der Ansicht, daß wirklicher Grund zum Lachen vorhanden wäre, und fing dann wieder an, die Butterbrote mit erneuter Kraft zu bearbeiten. Es war wirklich sehenswert, wie er und Nicolaus aufräumten. »Ich denke, Sie bekommen auch nicht alle Abend Butterschnitten«, sagte Herr Browdie, nachdem er Nicolaus eine Weile über den leeren Teller weg angestiert hatte. Nicolaus biß sich errötend in die Lippen und tat, als ob er diese Bemerkung nicht gehört hätte. »Zum Kuckuck«, sagte Herr Browdie mit einem lauten Lachen, »sie pflegen einem hier nicht allzuviel aufzutischen. Sie werden bald nichts mehr als Haut und Knochen an sich haben, wenn Sie lange genug hier bleiben, hihi!« »Sie sind sehr spaßhaft, Sir«, erwiderte Nicolaus verächtlich. »Na, das wüßt´ ich nicht«, versetzte Herr Browdie, »aber der andere Lehrer – zum Kuckuck! – der war so dünn wie ein Zwirnfaden!« Die Erinnerung an die Schmächtigkeit des letzten Lehrers schien Herrn Browdie in das größte Entzücken zu versetzen; denn er lachte, bis er es für nötig fand, sich mit den Rockärmeln die Augen auszuwischen. »Ich weiß nicht, ob Ihr Begriffsvermögen so weit geht, um Sie einsehen zu lassen, daß Ihre Bemerkungen sehr beleidigend sind, Herr Browdie«, sagte Nicolaus in steigendem Zorne. »Wenn das aber der Fall ist, so haben Sie die Güte, mir zu – – « »Wenn du noch ein Wort sagst, Johann«, schrie Fräulein Price, indem sie ihrem Verehrer den Mund zuhielt, »nur noch ein halbes Wort, so werde ich es dir nie vergeben und nie wieder mit dir sprechen.« »Ei mein Schatz, was kümmere ich mich um ihn?« sagte der Kornhändler, Fräulein Mathilda einen herzhaften Kuß versetzend; »meinetwegen mag er schwatzen, so viel er will.« Fräulein Squeers hatte jetzt Nicolaus zur Ruhe zu bringen, was sie denn auch unter vielen Anzeichen von Angst und Schrecken tat. Die Wirkung dieser doppelten Vermittlung war, daß der Hilfslehrer und Johann Browdie sich mit vieler Würde über dem Tische die Hände schüttelten – eine ergreifende Szene, bei der Fräulein Squeers vor Rührung Tränen vergoß. »Was hast du denn, Fanny?« fragte Fräulein Price. »Nichts, Thilda«, entgegnete Fräulein Squeers schluchzend. »Sie hatten ja nie im Sinne, sich etwas zuleide zu tun«, meinte Fräulein Price, »nicht wahr, Herr Nickleby?« »Nicht im geringsten«, versetzte Nicolaus. »Das wäre recht abgeschmackt gewesen.« »So ist´s recht«, flüsterte Fräulein Price. »Sagen Sie ihr etwas Freundliches, so werden Sie sie bald wieder herumbringen. Sollen Johann und ich ein wenig in die Küche gehen und nach einer Weile wieder kommen?« »Um alles in der Welt nicht«, entgegnete Nicolas«, nicht wenig durch diesen Vorschlag in Schrecken gesetzt. »Ich kann mir keinen Grund denken, warum ich es wünschen sollte.« »Nun«, sagte Fräulein Price, ihn auf die Seite winkend, indem sie in einem etwas verächtlichen Tone fortfuhr, »Sie sind mir ein sauberer Anbeter.« »Was wollen Sie damit sagen?« erwiderte Nicolaus. »Es fällt mir nicht ein, hier einen Anbeter spielen zu wollen. Ich weiß nicht, was ich aus all diesem machen soll?« »Nicht? Nun, so weiß ich´s auch nicht«, versetzte Fräulein Price: »aber die Männer sind immer wankelmütig, sind es von jeher gewesen und werden es stets sein; das wenigstens läßt sich sehr leicht aus dem Ganzen ersehen.« »Wankelmütig?« rief Nicolaus. »Wie kommen Sie zu dieser Anschuldigung? Sie wollen mir doch nicht andeuten, daß Sie der Meinung sind– –« »O, nein, ich habe hier gar keine Meinung«, entgegnete Fräulein Price schnippisch. »Sehen Sie sie an, wie hübsch sie gekleidet ist, und wie gut sie aussieht – in der Tat, fast schön. Ich würde mich an Ihrer Stelle schämen.« »Aber mein liebes Kind, was habe ich mit ihrem hübschen Anzug und mit ihrem guten Aussehen zu schaffen?« fragte Nicolaus. »Sie brauchen mich nicht ›mein liebes Kind‹ zu nennen«, sagte Fräulein Price, konnte aber dabei ein leichtes Lächeln nicht unterdrücken, denn sie war hübsch und nach ihrer Weise ein wenig gefallsüchtig, Nicolaus ein schöner Mann und nach ihrer Ansicht das Eigentum einer andern – lauter Gründe, die ihr den Gedanken schmeichelhaft erscheinen lassen konnten, selbst einen Eindruck auf ihn gemacht zu haben; – »denn Fanny könnte glauben, daß ich am Ganzen schuld wäre. Kommen Sie, wir wollen ein bißchen miteinander Karten spielen.« Mit den letzteren Worten, die sie laut sprach, trippelte sie hinweg und schloß sich dem stämmigen Yorkshirer an. Dieses Benehmen war Nicolaus ein vollkommenes Rätsel, denn alles, was er im gegenwärtigen Augenblick dachte, beschränkte sich darauf, daß Fräulein Squeers ein ganz gewöhnlich aussehendes, und ihre Freundin, Fräulein Price, ein recht hübsches Mädchen wäre. Aber er hatte keine Zeit, über die Sache weiter nachzudenken; denn der Tisch war inzwischen abgewischt und das Licht geschneuzt worden, und so setzten sie sich zu einer Partie Karten nieder. »Wir sind nur zu vier, Thilda«, sagte Fräulein Squeers mit einem schlauen Blick auf Nicolaus; »wir werden daher guttun, wenn wir zwei gegen zwei spielen und uns Kompagnons wählen.« »Was meinen Sie, Herr Nickleby?« fragte Fräulein Price. »Mit dem größten Vergnügen«, antwortete Nicolaus. Mit diesen Worten warf er, ohne zu ahnen, was er für einen entsetzlichen Verstoß beging, seine Spielmarken, die aus Dotheboys Hall-Ankündigungskarten bestanden, mit denen, die Fräulein Price zugeteilt waren, zusammen. »Herr Browdie«, sagte Fräulein Squeers mit einem krampfhaften Lachen, »wollen wir Bank gegen sie machen?« Der Yorkshirer, augenscheinlich aufs äußerste verblüfft über die Unverschämtheit des neuen Hilfslehrers, willigte ein, und Fräulein Squeers schoß mit konvulsivischem Lächeln einen Giftblick nach ihrer Freundin. Das Ausgeben kam an Nicolaus, dem gleich anfangs günstige Karten zufielen. »Wir wollen alles gewinnen«, sagte er. »Thilda hat schon etwas gewonnen, was sie vermutlich nicht erwartete – gelt Schätzchen?« versetzte Fräulein Squeers boshaft. »Nur zwanzig Punkte, meine Liebe«, versetzte Fräulein Price, sich anstellend, als hätte sie die Frage im buchstäblichen Sinne verstanden. »Wie stumpf es auch heute abend in deinem Kopfe aussieht!« höhnte Fräulein Squeers. »O, im Gegenteil«, entgegnete Fräulein Price; »ich bin sehr aufgeweckt, aber mir scheint, du seist nicht bei Laune.« »Ich?« rief Fräulein Squeers, sich in die Lippen beißend und vor Eifersucht zitternd: »nicht doch!« »Das ist schön«, bemerkte Fräulein Price. »Aber dein Haar kommt aus den Locken, meine Teure.« »Kümmere dich nicht um mich«, kicherte Fräulein Squeers; »du tätest besser, auf deinen Kompagnon zu achten.« »Ich bin Ihnen für diese Erinnerung verbunden, denn ich bin ganz Ihrer Ansicht, Fräulein Squeers«, sagte Nicolaus. Der Yorkshirer glättete sich ein paarmal mit der geballten Faust die Nase, als wolle er seine Hand in Übung erhalten, bis er Gelegenheit hätte, sie gegen das Gesicht eines andern in Tätigkeit zu setzen; und Fräulein Squeers warf ihren Kopf mit einer solchen Entrüstung in die Höhe, daß der durch die Bewegung der unzähligen Locken erzeugte Windstoß beinahe das Licht ausgelöscht hätte. »Ich habe in der Tat nie so viel Glück gehabt«, rief die gefallsüchtige Müllerstochter nach einigen weiteren Spielen. »Gewiß, das muß ich Ihnen zuschreiben, Herr Nickleby. Ich möchte Sie nur immer zum Kompagnon haben.« »Ihre Wünsche begegnen hier den meinigen.« »Aber Sie werden ein böses Weib bekommen, wenn Sie immer im Kartenspiel gewinnen«, sagte Fräulein Price. »Nicht, wenn Ihr Wunsch in Erfüllung geht«, erwiderte Nicolaus; »denn ich bin überzeugt, daß ich dann ein recht gutes haben würde.« Es wäre wohl Goldes wert gewesen, mit anzusehen, wie Fräulein Squeers während dieser Unterhaltung den Kopf in die Höhe warf und der Kornhändler seine Nase zerdrückte, während es Fräulein Price augenscheinlich Spaß machte, beide eifersüchtig zu machen, und Nicolaus Nickleby in glücklicher Unwissenheit nicht entfernt daran dachte, daß er soviel Mißbehagen errege. »Die Unterhaltung bleibt, wie es scheint, uns ganz überlassen«, sagte Nicolaus, sich in heiterer Laune an dem Tische umsehend, indem er zugleich die Karten ergriff, um aufs neue zu geben. »Sie führen sie auch so gut«, kicherte Fräulein Squeers, »daß es schade wäre, sie zu unterbrechen, – nicht wahr, Herr Browdie? He! he! he!« »Je nun«, entgegnete Nicolaus, »es geschieht, weil niemand anders das Wort nehmen will.« »Ihr wißt wohl, daß wir gerne mit euch sprechen, wenn ihr nur etwas sagen wollt«, fügte Miß Price bei. »Ich danke dir, meine liebe Thilda«, erwiderte Fräulein Squeers, sich in die Brust werfend. »Oder ihr könnt euch miteinander unterhalten, wenn ihr nicht mit uns sprechen wollt«, sagte Fräulein Price, ihren Verlobten neckend. »Johann, warum bist du denn so stumm?« »Stumm?« wiederholte der Yorkshirer. »Ja, ja, stumm und dämlich. Sprich doch nur auch etwas!« »Wohlan denn«, rief der Kornhändler, indem er aus Leibeskräften mit der Faust auf den Tisch schlug: »was ich sprechen will, ist dies – der Teufel soll mich lotweise holen, wenn ich das länger mit ansehen kann. Du gehst mit mir nach Hause, und dieser luftige Hasenfuß da mag sich auf einen zerbrochenen Schädel gefaßt machen, sobald er mir unter die Hände kommt.« »Um Gotteswillen, was soll das?« rief Fräulein Price mit verstelltem Erstaunen. »Komm mit heim, sag' ich dir – komm mit heim«, entgegnete der Yorkshirer mit Nachdruck. Fräulein Squeers brach inzwischen in einen Strom von Tränen aus, der zum Teil seinen Grund in der tödlichen Kränkung, zum Teil auch in dem ohnmächtigen Wunsch hatte, irgend jemandem das Gesicht mit ihren liebenswürdigen Fingernägeln zu zerkratzen. Dieser Stand der Dinge war durch verschiedene Anlässe und Triebfedern herbeigeführt worden. Fräulein Squeers hatte dazu beigetragen, weil sie sich der hohen Ehre einer Anwartschaft auf den Brautstand rühmte, ohne hinreichende Gründe dafür zu haben; Fräulein Price war durch drei Trümpfe, die sie ausspielte, beteiligt: einmal wollte sie ihre Freundin für die Anmaßung, mit ihr hinsichtlich eines Titels, auf den sie kein Recht hatte, zu rivalisieren, bestrafen. Zweitens wollte sie dem Kornhändler einen augenfälligen Beweis liefern, welche große Gefahr für ihn aus einer längern Verzögerung der Trauungszeremonien erwachsen könnte; während das Scherflein des armen Nicolaus in der gedankenlosen Heiterkeit einer halben Stunde und in dem aufrichtigen Wunsch bestand, jede Vermutung eines zwischen ihm und Fräulein Squeers bestehenden Liebesverhältnisses zurückzuweisen. Unter solchen Umständen ließ sich natürlich kein anderer Ausgang erwarten; denn junge Frauenzimmer sehnen sich nach der Haube, suchen sich in dem Wettrennen nach dem Traualtar gegenseitig den Rang abzulaufen, benutzen alle Gelegenheiten, ihre Reize auf die vorteilhafteste Weise zu entfalten – und werden es tun bis ans Ende der Welt, wie sie es von Anbeginn an getan haben. »Ei, und da schwimmt Fanny jetzt in Tränen!« rief Fräulein Price, als setze sie dieses in ein neues Staunen. »Was soll denn das heißen?« »O, Sie wissen es nicht, Jungfer – natürlich. Sie können es nicht wissen. Ich bitte, bemühen Sie sich nicht mit Fragen«, versetzte Fräulein Squeers mit einem Gesicht, das man bei Kindern ›eine Fratze schneiden‹ nennt. »Nun, so etwas ist mir doch noch nie –« rief Fräulein Price. »Wer kümmert sich darum, ob Ihnen etwas vorgekommen ist, oder nicht, Mamsell«, entgegnete Fräulein Squeers mit einer neuen Gesichtsverzerrung. »Sie sind zu höflich, Mamsell«, erwiderte Fräulein Price. »Ich werde nicht zu Ihnen kommen, um mir von Ihnen Unterricht in der Höflichkeit erteilen zu lassen, Mamsell«, belferte Fräulein Squeers. »O, Sie brauchen sich keine solche Mühe zu nehmen, da doch nur Hopfen und Malz verloren wäre«, entgegnete Fräulein Price. Fräulein Squeers errötete bis über die Ohrcn und dankte Gott, daß sie keine so freche Stirn wie gewisse Leute habe; und Fräulein Price in Erwiderung wünschte sich Glück, daß sie nicht wie gewisse Personen von dem Teufel des Neides und der Mißgunst besessen sei. Fräulein Squeers machte noch eine allgemeine Bemerkung hinsichtlich der Gefahr, die man laufe, wenn man sich mit gewöhnlichen Leuten einlasse, worauf Fräulein Price vollkommen beipflichtete, indem sie bemerkte, dies wäre vollkommen wahr und sie hätte sich selbst schon längst ähnliche Gedanken gemacht. »Thilda«, rief Fräulein Squeers mit Würde, »ich hasse dich!« »Ach, und ich versicherer dich, daß ich meine Liebe auch nicht an dich zu verschwenden gedenke«, erwiderte Fräulein Price, ihre Hutbänder mit einem zornigen Ruck zuzerrend. »Aber ich weiß bestimmt, du wirst dir die Augen ausweinen, wenn ich weg bin.« »Ich verachte deine Worte, du Hexe.« »Ihr Mund ist nicht imstande, zu beschimpfen«, antwortete die Müllerstochter mit einem tiefen Bückling. »Gute Nacht, Fräulein – süße Träume.« Mit diesem Abschiedswunsche rauschte Fräulein Mathilda Price aus dem Zimmer, während ihr der stämmige Yorkshirer folgte, nachdem er noch vorher, ehe er das Haus verließ, mit Nicolaus jenen eigentümlichen, ausdrucksvollen Zornblick gewechselt hatte, womit die eisenfresserischen Helden im Trauerspiel sich gegenseitig anzudeuten pflegen, daß sie sich wiederzutreffen gedächten. Sie waren kaum fort, als Fräulein Squeers die Voraussagung ihrer ehemaligen Freundin bewahrheitete, indem sie einem ganzen Strom von Tränen Luft machte und in unzusammenhängenden Worten ihre trostlosen Klagen laut werden ließ. Nicolaus sah ihr einige Augenblicke zu, unschlüssig, welchen Weg er einschlagen sollte. Da er aber halb voraussah, der Anfall würde damit endigen, daß er sich einer Umarmung oder einer Gesichtszerkratzung unterziehen müsse – Bußen, die er beide für gleich angenehm erachtete –, so ging er in größter Ruhe von hinnen, während Fräulein Squeers fort und fort in ihr Taschentuch schluchzte. »Das ist nun die Folge meiner verwünschten Bereitwilligkeit, mich jeder Gesellschaft, in die mich der Zufall führt, anzupassen«, dachte Nicolaus, als er sich nach dem finstern Schlafsaal hingetappt hatte. »Wäre, ich stumm und regungslos sitzen geblieben, wie ich wohl hätte tun können, so würde das nicht vorgefallen sein.« Er horchte einige Augenblicke, aber alles blieb ruhig. »Ich freute mich«, sagte er vor sich hin, »dem Anblick dieser Jammerhöhle und ihres verworfenen Herrn einen Augenblick entkommen zu sein. Jetzt habe ich diese Leute hintereinander gehetzt und mir zwei neue Feinde gemacht, wo ich doch, weiß der Himmel, keines weitern bedurfte. Nun, es ist eine gerechte Strafe dafür, daß ich, wenn auch nur auf eine Stunde, vergaß, wo ich bin.« Mit diesen Worten suchte er sich tastend seinen Weg durch die gedrängten Haufen der armen kleinen Schläfer und schlüpfte in sein elendes Bett. Zehntes Kapitel. Wie Herr Ralph Nickleby für seine Nichte und Schwägerin sorgt. Am zweiten Morgen nach Nicolaus' Abreise saß Käthchen Nickleby in einem ziemlich verblichenen Lehnsessel, der auf einer sehr staubigen Erhöhung stand, in Fräulein La Creevys Zimmer, um von derselben ihr angefangenes Porträt vollenden zu lassen. Damit übrigens zu dessen höchster Vervollkommnung nichts fehle, hatte Fräulein La Creevy den Haustürrahmen heraufbringen lassen, um aus demselben für Fräulein Nicklebys Antlitz eine helle salmenfleischrote Farbe zu entnehmen, auf die sie ursprünglich bei der Porträtierung eines jungen Offiziers verfallen war, und die von Fräulein La Creevys Hauptgönnern und Freunden als etwas ganz Neues in der Kunst betrachtet wurde, was auch wirklich der Fall war. »Ich denke, ich habe es jetzt«, sagte Fräulein La Creevy. »Ganz derselbe Schatten. Gewiß, es wird das lieblichste Bild werden, das ich je gemalt habe.« »Dann ist es jedenfalls nur Ihre Kunst, die es dazu macht«, versetzte Käthchen lächelnd. »Nein, nein, das gebe ich nicht zu, meine Liebe«, entgegnete Fräulein La Creevy. »Gewiß – der Gegenstand schon ist allerliebst –, obgleich natürlich einiges auf die Behandlungsweise ankommt.« »Und zwar nicht wenig«, bemerkte Käthchen. »Da haben Sie allerdings recht, meine Liebe«, erwiderte Fräulein La Creevy – »in der Hauptsache recht, obgleich ich nicht einräumen kann, daß dies in dem gegenwärtigen Falle besonders in Betracht kommt. Ach, die Kunst hat ihre großen Schwierigkeiten, meine Teure.« »Ich zweifle nicht daran, und es muß wohl so sein«, sagte Käthchen, auf das Steckenpferd ihrer gutmütigen kleinen Freundin eingehend. »Ach, sie übersteigen alle Begriffe«, erwiderte Fräulein La Creevy. »Sie haben keine Ahnung davon, was es für Mühe kostet, dem Auge den gehörigen Ausdruck zu geben und die Nase in das geeignete Verhältnis mit dem Kopfe zu bringen, von Zähnen gar nicht zu reden.« »So etwas läßt sich kaum mit Geld bezahlen«, meinte Käthchen. »Da haben Sie vollkommen recht«, entgegnete Fräulein La Creevy; »und dann sind die Leute auch so unvernünftig und schwer zu befriedigen, daß man unter zehn Porträts kaum eins mit Vergnügen malen kann. Das eine Mal sagen sie: »Ach, was für ein ernstes Gesicht haben Sie mir gemacht, Fräulein La Creevy«; ein andermal heißt es: »Aber Fräulein La Creevy, was ist das für ein schmunzelnder Mund?« während doch ein gutes Porträt entweder ernst oder heiter sein muß, sonst ist es überhaupt kein Porträt.« »Wirklich?« fragte Käthchen lachend. »Gewiß, meine Liebe, denn die Sitzenden sind immer entweder das eine oder das andere«, versetzte Fräulein La Creevy. »Betrachten Sie die Porträts in der königlichen Akademie – alle die schönen Bilder von Herren in schwarzen Samtwesten mit den auf runden Tischen oder Marmorplatten ruhenden Händen sind bekanntermaßen ernsthaft; und Damen, die mit Sonnenschirmchen, Schoßhündchen oder kleinen Kindern spielen, müssen nach denselben Kunstregcln lächelnd gehalten werden. In der Tat gibt es«, fuhr Fräulein La Creevy in einem vertraulichen Flüstern fort – »nur einen zweifachen Porträtstil – den ernsten und den heitern; des ersteren bedienen wir uns immer bei Geschäftsmännern, des letztern bei Damen oder bei Herren, die sich nicht viel darum kümmern, ob sie gescheit aussehen oder nicht.« Käthchen schien durch diese Belehrung sehr erheitert zu werden, während Fräulein La Creevy weiter malte und in einem fort mit unveränderter Selbstgefälligkeit plauderte. »Es scheint, daß Sie viele Offiziere malen müssen«, sagte Käthchen, indem sie eine kleine Pause in der Unterhaltung benutzte, um sich im Zimmer umzusehen. »Viele, mein Kind?« fragte Fräulein La Creevy, von ihrer Arbeit aufsehend. »Ah, Sie meinen die Charakterporträts – es sind keine wirkliche Militärpersonen.« »Nicht?« »Du mein Himmel, nein. Es sind nur Schreiber, Ladendiener und dergleichen, die sich eine Uniform mieten und sie in einem Tuch eingeschlagen herschicken, um sie beim Sitzen anziehen zu können. Einige Künstler halten sich einen Scharlachrock und berechnen für seine Benutzung nebst dem Karmin acht Schilling extra. Ich gebe mich jedoch nicht mit derartigen Spekulationen ab, da ich sie nicht für recht halte.« Fräulein La Creevy warf sich bei diesen Worten in die Brust, als ob sie sich viel darauf zugut täte, daß sie derartige, Kunden anködernde Kunstgriffe verschmähe, und malte dann wieder emsig fort, indem sie nur hier und da den Kopf aufrichtete, um irgendeine Schattierung, die sie eben angebracht hatte, mit einem unaussprechlichen Wohlbehagen zu betrachten, oder hin und wieder Fräulein Nickleby zu verstehen gab, mit welchem besonderen Teil ihres Gesichts sie eben beschäftigt wäre, »nicht damit Sie ihn in eine malerische Haltung bringen sollen, meine Liebe«, bemerkte sie ausdrücklich, »sondern es ist nur unsere Gewohnheit, den Sitzenden zu sagen, bei welcher Partie wir sind, damit sie, wenn sie einen besondern Ausdruck in derselben angebracht wissen wollen, diesen noch beizeiten hineinlegen können.« »Und wann«, sagte Fräulein La Creevy nach einem langen Schweigen, was in dem gegenwärtigen Fall ungefähr einen Zeitraum von anderthalb Minuten bezeichnet, »wann hoffen Sie Ihren Onkel wiederzusehen?« »Das weiß ich nicht zu sagen«, versetzte Käthchen, »denn wir harren bereits seit einigen Tagen vergebens auf seinen Besuch. Ich hoffe jedoch, daß er sich bald zeigen wird, denn die Ungewißheit ist schlimmer als alles andere.« »Ich glaube, er hat Geld, nicht wahr?« fragte Fräulein La Creevy. »Dem Vernehmen nach ist er sehr reich«, antwortete Käthchen. »Ich weiß dies freilich nicht mit Bestimmtheit, aber ich glaube es selber auch.« »Ah, Sie können sich darauf verlassen, daß er es ist, sonst würde er nicht so grob sein«, bemerkte Fräulein La Creevy, die eine seltsame kleine Mischung von Schlauheit und Einfalt war. »Wenn einer ein Bär ist, so kann man im allgemeinen annehmen, daß er ziemlich unabhängig lebt.« »Ei hat allerdings eine etwas rauhe Außenseite«, sagte Käthchen. »Etwas rauh?« rief Fräulein La Creevy; »ein Igel ist ein Federbett gegen ihn. Ich habe in meinem ganzen Leben keinen solchen widerhaarigen alten Brummbart gesehen.« »Ich vermute, daß dies nur so seine Art ist«, bemerkte Käthchen schüchtern. »Ich habe, glaube ich, gehört, daß er in früheren Jahren manche bittere Erfahrung gemacht hat, wodurch er sauertöpfisch wurde. Ich möchte nicht gern Schlimmes von ihm denken, solange ich nicht weiß, daß er es verdient.« »Nun, das ist lobenswert«, versetzte die Porträtmalerin, »und behüte Gott, daß ich Sie zu einem Unrecht veranlasse. Aber könnte er jetzt nicht, ohne daß es ihm selbst wehe täte, Ihnen und Ihrer Mutter ein kleines Jahrgehalt auswerfen, das Sie beide nährte, bis sich eine passende Partie für Sie fände, und auch dann noch Ihrer Mutter eine sorgenfreie Lage bereitete? Was würden ihm z.B. hundert Pfund jährlich ausmachen?« »Das weiß ich nicht«, sagte Käthchen mit großem Nachdruck, »aber mir würde es so viel ausmachen, daß ich lieber sterben, als sie annehmen wollte.« »Ei, ei, was Sie da sagen«, versetzte Fräulein La Creevy. »Es würde mir mein ganzes Leben verbittern, wenn ich von ihm abhängig sein müßte«, fuhr Käthchen fort. »Sogar das Betteln kommt mir weniger erniedrigend vor.« »Wohl«, rief Fräulein La Creevy; »doch ich gestehe, meine Liebe, daß dies sonderbar genug klingt in Bezug auf einen Verwandten, über den eine unbeteiligte Person vor Ihren Ohren kein böses Wörtchen sagen soll.« »Sie haben recht, es klingt allerdings sonderbar«, erwiderte Käthchen in einem weniger aufgeregten Tone. »Ich – ich – meinte übrigens damit nur, ich könnte es, da mir die Gefühle und Erinnerungen besserer Tage noch so lebhaft vor der Seele stehen, nicht ertragen, von der Gnade eines anderen zu leben – nicht vorzugsweise von der seinigen, sondern überhaupt.« Fräulein La Creevy warf einen forschenden Blick auf ihre Gefährtin, als könne sie nicht recht glauben, daß nicht Ralph selbst der Gegenstand ihrer Abneigung wäre. Da sie aber einen schmerzlichen Ausdruck in den Zügen ihrer jungen Freundin bemerkte, so unterließ sie die Erwiderung. »Ich wünsche nichts von ihm«, fuhr Käthchen fort, während Tränen über die Wangen flossen, »als daß er sich für mich soweit einsetzt, um mich durch seine Empfehlung – nur durch seine Empfehlung – in den Stand zu setzen, daß ich im buchstäblichen Sinne des Worts mein Brot verdienen und bei meiner Mutter bleiben kann. Ob wir je wieder glücklich sein werden, hängt von dem Schicksal meines lieben Bruders ab. Sorgt aber mein Onkel in der angedeuteten Weise für mich, und schreibt uns Nicolaus nur, daß er gesund und heiter ist, so will ich ja gern zufrieden sein.« Sie hatte kaum zu sprechen aufgehört, als sich ein Rasseln hinter der spanischen Wand vernehmen ließ, die zwischen ihr und der Tür stand, und unmittelbar darauf pochte jemand an das Getäfel. »Herein, wer es immer sein mag«, rief Fräulein La Creevy. Der Klopfende leistete der Aufforderung Folge und ließ, als er ins Zimmer trat, nichts Geringeres als die Gestalt und Züge des Herrn Ralph Nickleby erkennen. »Ihr Diener, meine Damen«, sagte Ralph, sie abwechselnd anblickend. »Sie sprachen so laut, daß ich nicht imstande war, mich bemerklich zu machen.« Wenn Ralph Nickleby einen ungewöhnlich boshaften Gedanken in seinem Herzen barg, so war es seine Gewohnheit, seine Augen einen Augenblick fast ganz unter den dicken, buschigen Brauen zu verbergen und sie dann in ihrer vollen Schärfe hervorbrechen zu lassen. Da er es auch in dem gegenwärtigen Moment so machte und das Lächeln zu unterdrücken suchte, das seine dünnen, zusammengekniffenen Lippen mit boshaften Falten umzog, so fühlten beide, daß er wenigstens einen Teil, wo nicht das Ganze der Unterhaltung behorcht hatte. »Ich war im Begriff, die Stiegen hinaufzugehen, wollte aber zuerst unten vorsprechen, weil ich halb und halb vermutete, dich hier zu treffen«, sagte Ralph zu Käthchen, indem er einen verächtlichen Blick auf das Porträt warf. »Ist dies das Porträt meiner Nichte, Madame?« »Ja, Herr Nickleby«, entgegnete Fräulein La Creevy sehr lebhaft »und unter uns gesagt, Sir, es wird ein recht hübsches Porträt werden, obgleich es die Künstlerin selbst sagt.« »Nehmen Sie sich nicht die Mühe, es mir zu zeigen, Madame«, versetzte Ralph zurücktretend; »ich habe kein Auge für Ähnlichkeiten. Ist es wohl bald fertig?« »Bald«, erwiderte Fräulein La Creevy, indem sie, den Pinselstiel in den Mund nehmend, ein wenig nachsann. »Noch zwei Sitzungen werden –« »Machen Sie's gleich in einer ab, Madame«, sagte Ralph; »sie wird übermorgen keine Zeit mehr haben, um sie an dergleichen Torheiten zu verschwenden. Arbeit, Madame – Arbeit ist die Seele des Lebens; wir alle müssen arbeiten. Haben Sie Ihre Zimmer schon wieder vermietet, Madame?« »Ich habe ihr noch nicht gekündigt, Sir«. »So tun Sie es schnell, Madame. Meine Schwägerin braucht sie in der nächsten Woche nicht mehr, oder wenn es auch der Fall wäre, so wird es an der Bezahlung fehlen. – Nun, meine Liebe, wenn du bereit bist, so wollen wir keine Zeit mehr verlieren.« Mit einer geheuchelten Freundlichkeit, die ihm sogar noch übler stand als sein gewohntes Benehmen, winkte Herr Ralph Nickleby der jungen Dame, vorauszugehen, verbeugte sich ernst gegen Fräulein La Creevy, schloß die Tür und folgte Käthchen die Treppe hinauf, wo ihn Frau Nickleby mit vielen Hochachtungsbezeugungen empfing. Ralph unterbrach sie jedoch in ihrem Redefluß mit einer ungeduldigen Handbewegung und ging auf den Zweck seines Besuches über. »Ich habe einen Platz für Ihre Tochter gefunden«, sagte Ralph. »Herrlich«, versetzte Frau Nickleby; »doch ich habe nichts anderes von Ihnen erwartet. Ich sagte erst gestern morgen beim Frühstück zu Käthchen: verlaß dich drauf, daß dein Onkel, nachdem er für Nicolaus so gut gesorgt hat, uns nicht verlassen wird, bis ihm mit dir ein gleiches gelungen ist. Ja, dies waren, soviel ich mich erinnern kann, meine Worte. Liebes Käthchen, warum dankst du nicht deinem –« »Ich bitte, lassen Sie mich fortfahren, Madame«, unterbrach Ralph den Gießbach ihrer Beredsamkeit. »Liebes Käthchen, laß deinen Onkel fortfahren«, sagte Frau Nickleby. »Ich harre in der gespanntesten Erwartung, Mama«, erwiderte Käthchen. »Nun, meine Liebe, wenn du so gespannt darauf bist, so wirst du besser tun, deinen Onkel sagen zu lassen, was er zu sagen hat, ohne ihn zu unterbrechen«, sagte Frau Nickleby mit manchem kleinen Nicken und Kopfschütteln. »Die Zeit deines Onkels ist kostbar, meine Liebe, und wie sehr es auch dein Wunsch sein mag – und es muß natürlich, teuren Verwandten gegenüber, die man noch so wenig kennt, wie wir deinen Onkel, unser Wunsch sein –, das Vergnügen, ihn bei uns zu haben, zu verlängern, so dürfen wir doch nicht selbstsüchtig sein, sondern müssen in Erwägung ziehen, was er für wichtige Geschäfte in der City hat.« »Ich bin Ihnen sehr verbunden, Madame«, sagte Ralph mit einem kaum bemerklichen Hohnlächeln. »Der Umstand, daß man in dieser Familie nicht an Geschäfte gewöhnt ist, führt, wie ich sehe, zu einer großen Verschwendung von Worten, so daß man, wenn einmal von einem wirklichen Geschäft die Rede ist, gar nicht zu demselben kommen kann.« »Ich fürchte, es ist nur zu wahr«, versetzte Frau Nickleby mit einem Seufzer. »Ihr armer Bruder –« »Mein armer Bruder, Madame«, fiel Ralph mit Härte ein, »hatte gar keinen Begriff von einem Geschäft und kannte, wie ich zuverlässig glaube, nicht einmal die Bedeutung des Worts.« »Ich fürchte, Sie haben recht«, sagte Frau Nickleby, ihr Schnupftuch an die Augen drückend. »Wenn er nicht mich gehabt hätte, so weiß ich nicht, was aus ihm geworden wäre.« Welches seltsame Geschöpf ist nicht der Mensch? Der leichte Köder, den Ralph bei der ersten Begegnung so geschickt hingeworfen hatte, hing noch immer an der Angel. Bei jeder kleinen Entbehrung und Unbequemlichkeit, die Frau Nickleby im Laufe der vierundzwanzig Stunden des Tages an ihre beschränkten und veränderten Verhältnisse erinnerte, knüpfte sich ein mürrischer Rückblick auf ihre tausend Pfund, bis sie sich endlich ganz in die Überzeugung hineingearbeitet hatte, daß sie von allen Gläubigern ihres seligen Mannes am übelsten behandelt worden und daher am meisten zu beklagen sei. Und doch war sie nicht selbstsüchtiger als andere und hatte ihren Mann viele Jahre lang innig geliebt. So reizbar wird man durch plötzliche Verarmung! Ein anständiges Auskommen würde mit einemmal ihren Gedanken wieder die alte Richtung gegeben haben. »Das Jammern hilft nichts, Madame«, sagte Ralph. »Von allem nutzlosen Treiben ist es das nutzloseste, einem Tag, der entschwunden ist, Tränen nachzuschicken.« »Es ist so«, schluchzte Frau Nickleby, »es ist so.« »Da Sie die Folgen der Hintansetzung eines rührigen Lebens an Ihrer eigenen Börse und Person so schwer empfinden, Madame«, fuhr Ralph fort, »so hoffe ich, Sie werden Ihren Kindern die Notwendigkeit unermüdlichen Arbeitens ans Herz legen.« »Natürlich, natürlich«, entgegnete Frau Nickleby. »Traurige Erfahrungen, wie Sie wissen, Schwager – liebes Käthchen, führe das in deinem nächsten Briefe an Nicolaus an, oder erinnere mich daran, wenn ich ihm schreibe.« Ralph hielt eine Weile inne, und nachdem er sich überzeugt hatte, daß die Mutter vollkommen auf seiner Seite wäre, wenn auch die Tochter gegen seinen Vorschlag etwas einzuwenden haben sollte, fuhr er fort: »Die Stelle, die ich ihr zu verschaffen Sorge trug, Madame, ist bei – bei einer Putz- und Kleidermacherin, mit einem Worte.« »Bei einer Putzmacherin?« rief Frau Nickleby. »Einer Putz- und Kleidermacherin, Madame«, wiederholte Ralph. »Ich brauche einer Frau, die so viel Lebenserfahrung hat, nicht erst zu sagen, daß sich Kleidermacherinnen in London ein schönes Geld verdienen, Equipagen halten und zu großem Reichtum gelangen.« Das Wort »Putz- und Kleidermacherin« hatte Frau Nicklebys Gedanken mit gewissen geflochtenen, mit Wachstuch ausgelegten Weidenkörben in Verbindung gebracht, die sie, wie sie sich erinnerte, in den Straßen hatte hin- und hertragen sehen. Aber als Ralph fortfuhr, verschwand dieser Eindruck und machte den Träumen von großen Häusern in dem Westend Londons, zierlichen Equipagen und Kapitalbriefen Platz – Bilder, die sich mit solcher Raschheit folgten, daß sie, noch ehe er ausgesprochen hatte, mit dem Kopf nickte und, augenscheinlich sehr zufrieden, ihre Zustimmung zu erkennen gab. »Was dein Onkel sagt, ist vollkommen richtig, Käthchen«, sagte Frau Nickleby. »Ich kam, als wir kaum verheiratet waren, mit deinem armen Vater nach der Stadt, und ich erinnere mich noch recht gut, daß mir eine junge Dame einen Spadrihut mit weißem und grünem Besatz und grünem, seidenem Futter in ihrem eigenen Wagen, der in vollem Galopp anfuhr, ins Haus brachte; – ich weiß zwar nicht ganz bestimmt, ob es ihr eigener Wagen oder eine Mietkutsche war, aber ich erinnere mich noch recht gut, daß das Pferd beim Umwenden tot niederfiel, und daß dein armer Vater meinte, es hätte vierzehn Tage keinen Hafer zu fressen bekommen.« Diese Anekdote, so schlagend sie auch die Wohlhabenheit der Putzmacherinnen darlegte, schien übrigens keinen besonderen Anklang zu finden, denn Käthchen ließ den Kopf sinken, und Ralph zeigte unzweideutige Spuren der äußersten Ungeduld. »Die in Frage stehende Dame –« fiel Ralph hastig ein – »heißt Mantalini – Madame Mantalini. Ich kenne sie; sie wohnt in der Nähe von Cavandish-Square. Wenn Ihre Tochter geneigt ist, sich um die Stelle zu bewerben, so will ich sie gleich mit hinnehmen.« »Hast du deinem Onkel nichts zu sagen, meine Liebe?« fragte Frau Nickleby. »O, sehr viel«, versetzte Käthchen, »aber nicht jetzt. Ich möchte lieber unter vier Augen mit ihm sprechen. Es wird ihm Zeit ersparen, wenn ich ihm meinen Dank und das, was ich ihm zu eröffnen habe, auf dem Wege sage.« Käthchen eilte mit diesen Worten hinaus, um die in ihren Augen quellenden Tränen zu verbergen und sich zum Ausgehen anzukleiden, während Frau Nickleby unter vielen Zähren ihren Schwager mit der umständlichen Beschreibung eines Klaviers aus Rosenholz und einer Garnitur Sessel mit gedrechselten Beinen und grünen Sitzpolstern unterhielt, die sie in den Tagen ihrer Wohlhabenheit besessen hätte, wobei sie anmerkte, daß von den letzteren jedes Stück zwei Pfund fünfzehn Schillinge gekostet hätte, daß aber bei der Versteigerung diese Raritäten fast um nichts losgeschlagen worden wären. Diese Erinnerungen wurden endlich durch Käthchens Rückkehr abgeschnitten, und Ralph, der während der ganzen Zeit ihrer Abwesenheit ärgerlich dagesessen hatte, verlor nun keine Zeit mehr, sondern verließ ohne viele Zeremonien das Haus. »Jetzt lauf, so schnell du kannst«, sagte er, indem er den Arm seiner Nichte nahm. »Du wirst dann in den Schritt kommen, dessen du dich jeden Morgen, wenn du ans Geschäft gehst, bedienen mußt.« Mit diesen Worten führte er Käthchen mit tüchtig ausholenden Schritten nach Cavendish-Square. »Ich bin Ihnen für Ihre Güte sehr verbunden«, sagte das Mädchen, nachdem sie eine Weile schweigend fortgeeilt waren. »Das hör' ich gern«, sagte Ralph. »Ich hoffe, du wirst deine Schuldigkeit tun.« »Ich will suchen, mich beliebt zu machen, Onkel«, versetzte Käthchen; »in der Tat, ich –« »Fange mir nicht zu weinen an«, brummte Ralph, »ich kann dieses Geplärre nicht leiden.« »Ich weiß wohl, daß es töricht ist, lieber Onkel –«, begann das arme Käthchen. »Ja, das ist es«, erwiderte Ralph, ihr ins Wort fallend, »und sehr affektiert außerdem. Bleib mir mit derartigen Komödien vom Leibe.« Das war vielleicht nicht die beste Art und Weise, die Tränen eines jungen und gefühlvollen Mädchens zu trocknen, die im Begriffe stand, eine ganz neue Laufbahn unter kalten und teilnahmlosen Fremden anzutreten; aber der Zweck wurde trotzdem erreicht. Käthchens Gesicht übergoß sich mit Glut, und ihre Brust wogte einige Augenblicke ungestüm; dann aber schritt sie mit festerem und entschlossenerem Schritte weiter. Es lag ein seltener Gegensatz in dem Benehmen der beiden; das furchtsame Landmädchen schlüpfte schüchtern durch das Gedränge, das in den Straßen auf und nieder wogte, und hielt sich fest an ihren Begleiter, als fürchte sie, ihn in den Volksmassen zu verlieren, während der ernste, eherne Geschäftsmann mürrisch seines Weges ging, sich mit den Ellbogen Bahn brach und hin und wieder mit einem Vorübergehenden, der sich vielleicht überrascht nach seiner schönen Begleiterin umsah und sich über diese so übel zusammenstimmende Paarung wunderte, einen verdrossenen Gruß wechselte. Der Gegensatz wäre aber noch weit schneidender gewesen, wenn man in den Herzen, die so nahe beieinander schlugen, hätte lesen und die reine Unschuld des einen mit der heillosen Schurkerei des andern hätte vergleichen können. Wie gerne wäre man bei den arglosen Gedanken des holden Mädchens geweilt, und wie hätte man erstaunen müssen, wenn man unter den schlauen Anschlägen und Berechnungen des alten Mannes keine Spur von einem Gedanken an Tod oder Grab gefunden hätte. Aber es war so; und was noch auffallender ist, obgleich es alle Tage vorkommt – das junge, warme Herz pochte unter tausend Ängsten und Sorgen, während das des alten, weltlich gesinnten Mannes rostend in seiner Zelle lag und nur wie der Pendel einer Uhr ging, ohne je ein Pochen der Hoffnung, der Furcht, der Liebe oder der Teilnahme für irgendein lebendiges Wesen zu fühlen. »Onkel«, sagte Käthchen, als sie dachte, daß sie dem Orte ihrer Bestimmung nahe wären, »ich muß eine Frage an Sie stellen. Werde ich zu Hause wohnen?« »Zu Hause?« versetzte Ralph. »Wo ist das?« »Ich meine bei meiner Mutter, der Witwe «, entgegnete Käthchen mit Nachdruck. »Dein Aufenthalt wird im eigentlichen Sinne in Madame Mantalinis Haus sein«, erwiderte Ralph; »denn du wirst bei ihr essen und vom Morgen bis in die Nacht, vielleicht auch hin und wieder bis zum andern Morgen dort bleiben.« »Aber ich meine des Nachts«, sagte Käthchen; »ich kann sie nicht verlassen, Onkel. Ich muß ein Plätzchen haben, das ich Heimat nennen kann, und das ist da, wo sie ist, wie armselig es auch sein mag.« »Sein mag?« wiederholte Ralph in der Ungeduld, die durch diese Bemerkung veranlaßt wurde, seine Schritte noch mehr beschleunigend. »Sein muß, willst du sagen. Von einem Mögen zu sprechen! Ist das Mädchen toll?« »Das Wort entfuhr meinen Lippen, ohne daß ich den Sinn hineinlegen wollte, den Sie darin finden«, versetzte Käthchen. »Ich will's hoffen«, entgegnete Ralph. »Aber meine Frage, Onkel – Sie haben mir meine Frage noch nicht beantwortet.« »Nun, ich sah etwas der Art voraus«, antwortete Ralph, »und habe deshalb, obgleich es ganz und gar nicht nach meinem Sinne ist, Vorkehrungen getroffen. Ich sprach von dir als einer Arbeiterin außer dem Haus, und so kannst du denn zu dieser Heimat, die eine armselige sein mag, jede Nacht deine Zuflucht nehmen.« Hierin lag doch einiger Trost. Käthchen ergoß sich in hundert Dankesbezeugungen für ihres Onkels Besorgtheit, die auch von Ralph hingenommen wurden, als ob er sie vollkommen verdient hätte, bis sie endlich, ohne auf eine weitere Unterhaltung einzugehen, an dem Hause der Kleidermacherin anlangten. Eine schöne steinerne Treppe führte zu der Tür, über der eine große Tafel Madame Mantalinis Namen und Geschäft angab. In dem Haus befand sich ein Laden, der an einen Rosenölhändler vermietet war. Madame Mantalinis Magazin befand sich im ersten Stock, ein Umstand, der dem putzliebenden Publikum durch die gelegentliche Zurschaustellung einiger der elegantesten Damenhüte nach der neuesten Mode und einiger kostbarer Gewänder im schönsten Geschmack, die sich hinter mit prachtvollen Vorhängen behängten Fenstern befanden, angezeigt wurde. Ein in Livree gekleideter Diener öffnete die Tür und führte sie auf Ralphs Frage, ob Madame Mantalini zu Hause wäre, durch eine schöne Hausflur über eine breite Treppe nach dem aus zwei geräumigen Zimmern bestehenden Magazin, das eine unermeßliche Fülle von modernen Kleidern und Kleiderstoffen zur Schau bot, die zum Teil an Gestellen oder über den Spiegeln hingen, zum Teil nachlässig auf den Sofas und auf dem Teppich des Bodens umherlagen oder sich auf irgendeine andere Weise mit dem verschiedenartigsten kostbaren Mobiliar mischten, das hier verschwenderisch zur Schau ausgestellt war. Sie mußten weit länger warten, als es Herrn Ralph Nickleby angenehm war. Dieser betrachtete den bunten Tand um sich her mit großer Gleichgültigkeit und war endlich im Begriff, die Klingel zu ziehen, als plötzlich ein Herr den Kopf durch die Tür steckte, ihn aber ebenso schnell wieder zurückzog, als er bemerkte, daß jemand zugegen war. »He, wer ist da?« rief Ralph. Auf den Ton von Ralphs Stimme erschien der Kopf wieder, und ein Mund, der eine lange Reihe schneeweißer Zähne zeigte, sprach in einer gezierten Weise die Worte: »Der Teufel! Wie, Nickleby? O der Teufel!« Unter diesen Rufen trat der Herr näher und schüttelte Nicklebys Hand mit großer Wärme. Er war in einen prächtigen Morgenrock mit einer Weste und türkischen Beinkleidern von dem gleichen Zeuge gekleidet, trug ein rosenrotes seidenes Halstuch und hellgrüne Pantoffel und hatte eine schwere goldene Uhrkette über die Brust hängen. Er trug außerdem einen Backen- und Schnurrbart, beide schwarz gefärbt und zierlich gekräuselt. »Zum Teufel, Sie werden doch nichts von mir wollen – Gott verdamm mich?« sagte der Herr, Ralph auf die Schulter klopfend. »Noch nicht«, versetzte Ralph sarkastisch. »Ha! ha! zum Teufel!« rief der Herr und drehte sich auf seiner Ferse, um mit noch größerer Eleganz lachen zu können, als er plötzlich Käthchen Nicklebys ansichtig wurde, die in der Nähe stand. »Meine Nichte«, sagte Ralph. »Ich erinnere mich –« versetzte der Herr, indem er sich gleichsam zur Strafe für seine Vergeßlichkeit mit dem Zeigefinger an die Nase schlug – »der Teufel, ich erinnere mich jetzt des Zwecks Ihres Besuches. Kommen Sie nur mit mir, Nickleby. Wollen Sie mir folgen, meine Beste? Ha! ha! sie folgen mir alle, Nickleby, und, zum Teufel, sie taten es immer.« Der Herr plapperte in dieser geckenhaften Weise fort und führte die beiden nach einem Besuchszimmer im zweiten Stock, das kaum weniger elegant ausgestattet war als der Saal im ersten; und eine silberne Kaffeekanne, eine Eierschale und eine gebrauchte Porzellantasse dabei schienen anzudeuten, daß der Bewohner eben gefrühstückt hatte. »Setzen Sie sich, meine Beste«, sagte der Herr, indem er Fräulein Nickleby so lange musterte, bis sie ganz aus der Fassung kam, und dann, entzückt über diese gelungene Heldentat, grinsend sein Gesicht verzog. »Diese verwünschten hochgelegenen Zimmer benehmen einem den Atem; der Henker hole solche Himmelswohnungen! Ich fürchte, ich muß ausziehen.« »Ich würde das unter allen Umständen tun«, versetzte Ralph, bitter umherblickend. »Ah, Sie sind ein verdammt altmodischer Kerl, Nickleby«, sagte der Herr, »der verwünschteste, übellaunigste, alte Spitzkopf, der je in Gold und Silber gewühlt hat, hol mich der Teufel«. Nach diesen Komplimenten zog der Herr die Klingel, glotzte, bis dem Rufe Folge geleistet wurde, Fräulein Nickleby an und befahl dann dem Diener, seiner Gebieterin zu sagen, daß sie sogleich herkommen möchte, worauf er abermals Käthchen zu beäugeln begann und nicht eher davon abließ, bis Madame Mantalini erschien. Die Kleidermacherin war eine rüstige, schön gekleidete und gut aussehende Frau, aber viel älter als der Herr in den türkischen Beinkleidern, den sie vor sechs Monaten geheiratet hatte. Er hieß ursprünglich Muntle, hatte aber seinen Namen durch eine leichte Veränderung in Mantalini umgewandelt, da die Dame mit Recht annahm, ein englischer Name würde das Geschäft wesentlich beeinträchtigen. Er hatte eigentlich auf seinen Backenbart geheiratet, von dem er mehrere Jahre einen anständigen Unterhalt gezogen hatte, und eine Vermehrung dieses Kapitals durch den Zuwachs eines Schnurrbartes, mit dem er nach langer und geduldiger Pflege sein Gesicht verschönert, versprach, ihm eine ganz behagliche Unabhängigkeit zu sichern. Sein Anteil an den Beschwerlichkeiten des Geschäfts beschränkte sich zurzeit auf das Durchbringen des Geldes und, wenn dieses auf die Neige ging, hin und wieder auf eine Fahrt zu Herrn Ralph Nickleby, um sich von ihm nach Abzug der geeigneten Prozente Vorschüsse auf die Kundenrechnungen geben zu lassen. »Mein Leben«, sagte Herr Mantalini, »was für eine teufelmäßig lange Zeit haben wir auf dich warten müssen?« »Ich konnte nicht wissen, daß Herr Nickleby hier ist, mein Schatz«, versetzte Madame Mantalini. »Dann muß der Diener ein doppelt verteufelter, höllischer Spitzbube sein, meine Seele«, entgegnete Herr Mantalini. »Das ist deine eigene Schuld, mein Teurer«, sagte Madame Mantalini. »Meine Schuld, du Freude meines Herzens?« »Gewiß«, erwiderte die Dame. »Was kannst du erwarten, mein Teuerster, wenn du den Menschen nicht zurechtweisen willst.« »Den Menschen zurechtweisen, du Wonne meiner Seele?« »Ja, es tut wahrlich recht not, daß man ein ernstes Wort mit ihm spricht«, schmollte Madame Mantalini. »Sei nur nicht ungehalten«, sagte Herr Mantalini, »beim Teufel, er soll gepeitscht werden, bis er nach Gott schreit.« Mit diesem Versprechen küßte Herr Mantalini Madame Mantalini und kniff nach diesem Zärtlichkeitsergusse Madame Mantalini scherzhaft ins Ohr, worauf man sich denn herabließ, zu Geschäftssachen überzugehen. »Nun, Madame«, sagte Ralph, der diesen Vorgängen mit einer Verachtung zugesehen hatte, wie sie nur wenige Menschen in ihren Blicken auszudrücken vermögen, »dies ist meine Nichte.« »Ah, richtig, Herr Nickleby«, versetzte Madame Mantalini, indem sie Käthchen von dem Kopfe bis zu den Füßen und wieder zurück besichtigte, »können Sie französisch sprechen, mein Kind?« »Ja, Madame«, entgegnete Käthchcn, ohne es zu wagen, ihre Blicke aufzuschlagen; denn sie fühlte, daß die Augen des widerlichen Mannes im Schlafrock auf sie gerichtet waren. »Auch so geläufig, wie eine verteufelte Französin?« fragte der Herr Gemahl. Fräulein Nickleby gab hierauf keine Antwort, sondern wandte dem Frager den Rücken zu, als ob sie willens sei, nur auf das zu antworten, was Madame Mantalini sie fragen würde. »Wir haben dauernd zwanzig junge Mädchen in unserem Geschäft«, sagte Madame. »Wirklich, Madame?« versetzte Käthchen schüchtern. »Ja, und auch einige verdammt schöne darunter«, sagte der Herr. »Mantalini!« rief seine Gattin in verweisendem Tone. »Abgott meines Lebens!« entgegnete Mantalini. »Willst du mir das Herz brechen?« »Nicht um zwanzigtausend Hemisphären, bevölkert mit – mit – mit kleinen Ballettänzerinnen«, erwiderte Herr Mantalini in poetischem Schwung. »Du wirst's aber tun, wenn du fortfährst, in dieser Weise zu sprechen«, sagte seine Gattin. »Was wird Herr Nickleby denken, wenn er so etwas mit anhören muß.« »O, nichts, Madame«, fiel Ralph ein. »Ich kenne seine liebenswürdige Weise und auch die Ihrige. Weiter nichts, als kleine Bemerkungen, die Ihrer täglichen Unterhaltung einen pikanten Beigeschmack geben – Liebeshändel, die die häuslichen Freuden versüßen, wenn diese langweilig werden wollen – das ist alles, das ist alles.« Wenn eine eiserne Tür mit ihren Angeln in Streit geraten und den Entschluß fassen könnte, sich grimmig langsam zu öffnen und die Feinde, um die sie sich dreht, in Staub zu zermalmen, so könnten die Töne kaum unangenehmer sein als die Worte, die Ralph in rauher und bitterer Stimme aussprach. Selbst Mantalini fühlte ihren Einfluß und drehte sich erschrocken mit dem Ausruf um: »Welch ein verteufelt abscheuliches Krächzen!« »Achten Sie nicht auf das, was Herr Mantalini sagt«, bemerkte Madame gegen Fräulein Nickleby. »Das geschieht, Madame«, sagte Käthchen mit ruhiger Verachtung. »Herr Mantalini kommt mit den jungen Frauenzimmern im Hause durchaus in keine Berührung«, fuhr Madame Mantalini, mit einem Blicke nach ihrem Gatten, gegen Käthchen fort. »Hat er eine von ihnen gesehen, so muß es auf der Straße gewesen sein, wenn sie von oder zu ihrer Arbeit gingen, in keinem Falle aber im Haus; denn ich gestatte nicht, daß er je in das Arbeitszimmer kommt. An was für Arbeitsstunden sind Sie gewöhnt?« – »Ich bin überhaupt vorderhand noch gar nicht an die Arbeit gewöhnt, Madame«, antwortete Käthchen schüchtern. »Und eben deshalb wird sie jetzt um so fleißiger arbeiten«, fiel Ralph ein, damit dieses Geständnis die Verhandlung nicht beeinträchtige. »Ich hoffe das«, entgegnete Madame Mantalini. »Unsere Stunden sind von neun bis neun, auch noch länger, wenn wir mit Arbeit überhäuft sind, was aber dann besonders bezahlt wird.« Käthchen nickte mit dem Kopf, um anzudeuten, daß sie mit dem Gehörten zufrieden wäre. »Die Kost«, fuhr Madame Mantalini fort, »das heißt, Mittagessen und Tee erhalten Sie hier. Ihr Lohn wird sich durchschnittlich auf etwa fünf bis sieben Schillinge für die Woche belaufen. Ich kann mich jedoch hierüber noch nicht mit Bestimmtheit aussprechen, bis ich gesehen habe, was Sie zu leisten imstande sind.« Käthchen nickte abermals. »Wenn Sie kommen wollen«, fügte Madame Mantalini bei, »so ist's am besten, wenn Sie Montag morgens punkt neun Uhr anfangen. Ich will Mamsell Knag, der ersten Arbeiterin, den Auftrag geben, daß sie Ihnen für den Anfang leichtere Geschäfte anweist. Haben Sie noch etwas zu wünschen, Herr Nickleby?« »Nichts mehr, Madame«, versetzte Ralph aufstehend. »Dann glaube ich, daß wir alles verhandelt haben.« Nach diesen Worten sah Madame Mantalini nach der Tür, als wünsche sie sich zu entfernen. Aber sie zögerte noch, und es schien, als sei sie nicht willens, ihrem Gemahl die Ehre, den Besuchenden das Geleit zu geben, allein zu überlassen. Ralph half ihr jedoch aus der Not, indem er sich unverzüglich verabschiedete. Madame Mantalini erkundigte sich vorher noch gnädigst, warum man so selten die Ehre seines Besuches hätte, und Herr Mantalini verteufelte im Hinuntergehen mit großer Zungengeläufigkeit die Stiegen, in der Hoffnung, Käthchcn zu veranlassen, sich noch einmal umzusehen – eine Hoffnung, die jedoch das Resultat hatte, unerfüllt zu bleiben. »So«, sagte Ralph, als sie auf die Straße traten; »jetzt wäre für dich gesorgt.« Käthchen wollte ihm abermals danken, aber er fiel ihr ins Wort. »Ich hatte den Gedanken«, sagte er, »deine Mutter in einer hübschen Gegend auf dem Lande unterzubringen –« er hatte nämlich das Recht, für etliche Stellen in den Armenhäusern an der Grenze von Kornwall Bedürftige vorzuschlagen, was ihm bei dieser Gelegenheit mehr als einmal in den Sinn gekommen war – »da ihr aber beisammenbleiben wollt, so muß ich sehen, wie sich's anders machen läßt. Sie hat noch ein wenig Geld?« »Sehr wenig«, versetzte Käthchen. »Auch wenig wird weit reichen, wenn man sparsam damit umgeht«, entgegnete Ralph. »Sie muß es eben so gut wie möglich strecken; die Hausmiete soll sie nichts kosten. Ihr zieht am nächsten Samstag aus?« »Sie sagten uns, daß wir es tun sollten, Onkel.« »Ja; ich habe gegenwärtig ein leeres Haus, wo ich euch unterbringen kann, bis es vermietet ist, und dann steht mir vielleicht noch ein anderes zu Gebot, wenn sich nicht etwa die Umstände ändern. Ihr müßt vorderhand dort euren Aufenthalt nehmen.« »Ist es weit von hier, Sir?« fragte Käthchen. »Ziemlich weit«, antwortete Ralph: »in einem andern Teil der Stadt – an dem östlichen Ende. Aber ich will euch Samstag abend, um fünf Uhr meinen Schreiber schicken, der euch hinführen kann. Adieu. Du weißt doch den Weg? Geradeaus!« Ralph verließ seine Nichte an dem Eingang der Regentstraße mit einem kalten Händedruck und bog unter fortwährenden Entwürfen des Gelderwerbs in eine Nebengasse ein, während Käthchen traurig nach ihrer Wohnung zurückging. Elftes Kapitel. Herr Newman Noggs führt Frau und Fräulein Nickleby nach ihrer neuen Behausung in der City. Käthchens Betrachtungen auf ihrem Heimweg waren von jener zaghaften Beschaffenheit, wie sie die Begebnisse des Morgens recht wohl hervorzurufen imstande waren. Das Benehmen ihres Onkels war nicht geeignet, die Zweifel und Bedenklichkeiten, die sich ihr bereits von Anfang an aufgedrungen hatten, zu zerstreuen, ebensowenig als sie der Blick, den sie in Madame Mantalinis Etablissement geworfen hatte, ermutigen konnte. Sie sah daher mit manchen düsteren Ahnungen und einem schweren Herzen dem Beginn ihrer neuen Laufbahn entgegen. Wären Worte des Trostes imstande gewesen, ihr Gemüt in eine angenehmere und beneidenswertere Stimmung zu versetzen, so hätte dieses notwendig der Fall sein müssen, da es ihre Mutter an solchen durchaus nicht fehlen ließ. Diese gute Dame hatte sich während der Abwesenheit ihrer Tochter auf zwei authentische Fälle von Putzmacherinnen besonnen, die ein beträchtliches Vermögen besaßen, obgleich sie nicht mit Bestimmtheit anzugeben wußte, ob sie dieses ganz durch ihr Geschäft erworben und nicht vielleicht mit einem leidlichen Kapital angefangen hatten, oder ob sie so glücklich gewesen waren, eine vorteilhafte Partie zu treffen. Doch mochte dem sein, wie ihm wollte, jedenfalls konnte doch – wie sie sehr logisch bemerkte – irgendeine junge Person in diesem Geschäft, ohne etwas zum Anfang zu besitzen, ihr Glück gemacht haben, und wenn man diese Annahme gelten ließ, warum sollte das nicht auch bei Käthchen der Fall sein können? Fräulein La Creevy, die zu dem Familienrat hinzugezogen wurde, wagte es zwar, einiges Bedenken zu äußern, ob es wohl wahrscheinlich sei, daß Fräulein Nickleby in den Grenzen einer gewöhnlichen Lebensdauer dieses glückliche Ziel zu erreichen vermöge. Aber die gute Witwe schlug diese Frage dadurch zurück, daß sie erklärte, sie hätte in dieser Beziehung eine Ahnung – eine Art zweiten Gesichts, womit sie vordem jeden Beweisgrund des hingeschiedenen Herrn Nickleby zu Paaren zu treiben pflegte und diesen in zehn Fällen neun- und dreiviertelmal zu einem verkehrten Schritte verleitete. »Ich fürchte nur, daß diese Beschäftigung nachteilig auf die Gesundheit einwirkt«, meinte Fräulein La Creevy. »Ich erinnere mich, daß mir, als ich zu malen anfing, drei junge Putzmacherinnen saßen, und daß alle sehr blaß und kränklich aussahen.« »O das kann nicht als allgemeine Regel gelten«, bemerkte Frau Nickleby, »denn ich erinnere mich noch so gut, als wäre es gestern geschehen, daß ich mir zur Zeit, als die Scharlachmäntel Mode waren, einen solchen machen ließ, und daß mir bei dieser Gelegenheit eine Putzmacherin empfohlen wurde, die ein sehr rotes Gesicht – ja, ein sehr rotes Gesicht hatte.« »Vielleicht trank sie«, meinte Fräulein La Creevy. »Ich weiß nicht, wie sie es damit hielt«, versetzte Frau Nickleby; »aber ich weiß, daß sie ein sehr rotes Gesicht hatte, und somit ist Ihre Behauptung aus dem Felde geschlagen.« In dieser Weise und mit ähnlichen schlagenden Beweisen wies die würdige Dame jeden kleinen Einwurf zurück, der sich dem Plan des Morgens entgegenstellte. Glückliche Frau Nickleby! Ein Projekt brauchte nur neu zu sein, um ihrem Geiste in den glänzendsten Farben zu erscheinen. Als diese Frage bereinigt war, teilte Käthchen ihrer Mutter das Verlangen des Onkels, ihre gegenwärtige Wohnung zu verlassen, mit; und Frau Nicklcby ging mit der gleichen Bereitwilligkeit darauf ein, indem sie die charakteristische Bemerkung beifügte, daß es ihr an schönen Abenden eine angenehme Erholung gewähren würde, ihre Tochter aus dem Westend abzuholen. Sie vergaß aber dabei auf eine gleich charakteristische Weise, daß es fast in jeder Woche des Jahres auch regnerische Abende und schlechtes Wetter gebe. »Es tut mir leid – in der Tat recht leid, Sie verlassen zu müssen, meine gnädige Freundin«, sagte Käthchen, auf die das wohlwollende Gemüt der Miniaturmalerin einen tiefen Eindruck gemacht hatte. »Sie sollen mich trotzdem nicht verlieren«, versetzte Fräulein La Creevy mit aller Lebhaftigkeit, die ihr zu Gebote stand. »Ich werde Sie sehr oft besuchen, um zu hören, wie es Ihnen geht; und wenn es in ganz London und noch obendrein in der ganzen weiten Welt kein Herz geben sollte, das an Ihrem Wohle aufrichtigen Anteil nimmt, so sollen Sie doch eines in dem Busen eines kleinen alleinstehenden weiblichen Wesens finden, das jeden Tag und jede Nacht seine Gebete für Sie gen Himmel schickt.« Bei diesen Worten schnitt die gute Seele, die ein Herz, groß genug für Gog, den Schutzgeist von London, und für Magog Zwei kolossale Kriegerstatuen in der Guildhall zu London, die der Sage nach den Sieg eines sächsischen Riesen über einen Riesen von Cornwall versinnlichen sollen, werden als Gog und Magog bezeichnet. obendrein, besaß, eine Menge wundersamer Gesichter, die ihr, wenn sie diese festgehalten haben würde, ein großes Vermögen gesichert hätten, und setzte sich dann in eine Ecke, um ihren Gefühlen in Tränen Luft zu machen. Aber weder Tränen noch Worte noch Hoffen noch Furcht konnten den gefürchteten Samstag abend und mit ihm Newman Noggs abhalten. Der letztere hinkte gerade in dem Augenblick, als die Kirchturmuhren der Nachbarschaft, die in der Zeit miteinander übereinstimmten, fünf schlugen, gegen die Haustür heran und hauchte seinen von Branntwein geschwängerten Atem durch das Schlüsselloch. Mit dem letzten Glockenschlag klopfte er. »Von Herrn Ralph Nickleby«, kündigte sich Newman, als er die Stiege heraufgekommen, mit möglichster Kürze an. »Wir werden im Augenblick bereit sein«, sagte Käthchen. »Wir haben zwar nicht viel mitzunehmen, aber ich fürchte doch, daß wir eine Kutsche brauchen werden.« »Ich will eine holen«, versetzte Newman. »O, nicht doch. Sie sollen sich nicht bemühen«, entgegnete Frau Nickleby. »Aber ich will«, sagte Newman. Es ist nicht daran zu denken, daß wir Sie in dieser Weise behelligen«, erwiderte Frau Nickleby. »Sie können's nicht hindern«, sagte Newman. »Nicht hindern?« »Nein. Ich dachte schon auf dem Herwege daran, aber ich nahm keine mit, weil ich glaubte, Sie möchten noch nicht fertig sein. Ich denke an gar viele Dinge. Niemand kann das wehren.« »Ah, ich verstehe Sie jetzt, Herr Noggs«, sagte Frau Nickleby; »Gedanken sind natürlich frei, und es ist klar, daß jeder denken kann, was er will.« »Sie würden es nicht sein, wenn gewisse Leute es ändern könnten«, murmelte Newman. »Sie haben recht, Herr Noggs«, versetzte Frau Nickleby; »es gibt gewisse Leute, die sogar die Gedanken zwingen möchten. Was macht Ihr Prinzipal?« Newman ließ einen vielsagenden Blick nach Käthchen gleiten und erwiderte mit einer starken Betonung des Nachsatzes seiner Antwort, daß Herr Ralph Nickleby wohlauf wäre und herzlich grüßen ließe. »Wir sind ihm in der Tat sehr zu Dank verpflichtet«, bemerkte Frau Nickleby. »Allerdings«, versetzte Newman; »ich will's ihm ausrichten.« Es war in der Tat nicht leicht, Newman Noggs zu vergessen, wenn man ihn einmal gesehen hatte, und als ihn Käthchen, veranlaßt durch das Seltsame seines Benehmens, das übrigens bei der gegenwärtigen Veranlassung ungeachtet seiner abgebrochenen Redeweise etwas Ehrerbietiges und sogar Zartes hatte, genauer betrachtete, so erinnerte sie sich, diese sonderbare Gestalt schon früher flüchtig wahrgenommen zu haben. »Entschuldigen Sie meine Neugierde«, sagte sie, »aber habe ich Sie nicht schon an dem Morgen, als mein Bruder nach Yorkshire abreiste, in dem Posthofe gesehen?« Newman warf einen ausdrucksvollen Blick auf Frau Nickleby und erwiderte mit kecker Stirne: »Nein.« »Nicht?« rief Käthchen: »und doch hätte ich mir getraut, es allenthalben zu behaupten.« »Sie würden dann eine Unwahrheit behauptet haben«, erwiderte Newman. »Ich gehe heute seit drei Wochen das erstemal wieder aus; denn ich lag an der Gicht danieder.« Newman hatte nichts weniger als das Aussehen eines mit der Gicht Behafteten, und auch Käthchen konnte sich dieses Gedankens nicht erwehren. Die weitere Erörterung wurde aber durch Frau Nickleby abgeschnitten, die darauf bestand, daß die Tür geschlossen würde, um Herrn Noggs keiner Erkältung auszusetzen, worauf sie ein Dienstmädchen nach einer Kutsche fortzuschicken beschloß, um besagtem Herrn einen möglichen Rückfall seiner Krankheit zu ersparen. Newman mußte nachgeben. Der Wagen ließ nicht lange auf sich warten, und nach vielen tränenreichen Lebewohls und vielem geschäftigen Hin- und Herrennen von seiten des Fräulein La Creevy, in dessen Verlaufe der gelbe Turban in manche gewaltsame Berührung mit den Vorübergehenden kam, fuhr er – nicht der Turban, sondern der Wagen – mit den beiden Damen und ihrem Gepäck wieder ab. Newman hatte seinen Sitz auf dem Bock bei dem Kutscher genommen, ohne sich durch die Versicherungen der Frau Nickleby, daß es sein Tod sein könnte, beirren zu lassen. Der Stromseite folgend gelangten sie in die City und machten nach einer langen und sehr langsamen Fahrt – denn in die Straßen drängten sich zu dieser Zeit Fuhrwerke aller Art – vor einem großen, alten, von Rauch geschwärzten Hause in der Themsestraße halt. Die Türen und Fenster desselben waren indessen so mit Kot bespritzt, daß es den Anschein hatte, als sei es seit Jahren nicht bewohnt worden. Newman öffnete die Tür dieser verlassenen Wohnung mit einem Schlüssel, den er aus seinem Hute nahm – wir bemerken beiläufig, daß er in diesem wegen des schadhaften Zustandes seiner Taschen alles aufbewahrte und höchstwahrscheinlich auch sein Geld hier untergebracht haben würde, wenn er welches gehabt hätte – und ging, nachdem der Kutscher abgefertigt war, in das Innere der Behausung voran. Es war ein altes, schwarzes, düsteres Nest, und ebenso waren auch die Zimmer, in denen sich ehedem so viel rühriges und geschäftiges Leben abgespielt hatte. An der Hinterseite befand sich ein Landungsplatz der Themse. Eine leere Hundehütte, einige Knochen, Reste von eisernen Reifen und alte Faßdauben lagen zerstreut umher: aber nirgends zeigten sich Spuren von Leben – alles ein kaltes, trauriges Bild des Verfalls. »Es ist hier so drückend und beklemmend«, sagte Käthchen, »als ob das Haus unter irgendeinem schlimmen Einfluß stünde. Wenn ich abergläubisch wäre, so möchte ich fast glauben, daß in diesen alten Mauern irgendein schreckliches Verbrechen verübt wurde, und daß der Ort seitdem nicht mehr gedeihen konnte. Wie finster und düster hier alles aussieht!« »Um Gotteswillen, meine Liebe«, versetzte Frau Nickleby, »rede nicht so, wenn ich mich nicht zu Tode fürchten soll.« »Ach, Mama, es ist nur eine törichte Einbildung von mir«, sagte Käthchen, ein Lächeln erzwingend. »Nun, so wünsche ich, meine Liebe, du behieltest solche törichte Einbildungen für dich und wecktest nicht auch meine törichten Einbildungen, um den deinen Gesellschaft zu leisten«, entgegnete Frau Nickleby. »Warum dachtest du denn nicht an all das früher? Du sorgst auch für gar nichts. Wir hätten Fräulein La Creevy um ihre Gesellschaft bitten oder einen Hund borgen oder tausend andere Dinge tun können. Aber so bist du – gerade wie dein armer seliger Vater. Wenn nicht ich an alles dächte – –« So pflegte Frau Nickleby gewöhnlich ein allgemeines Klagelied zu beginnen, das sich durch ein Dutzend oder mehr verwickelter Sätze durchwand, die eigentlich an niemanden gerichtet waren, und in denen sie sich auch jetzt erging, bis ihr der Atem versagte. Newman schien diese Bemerkungen nicht zu hören, sondern führte Mutter und Tochter nach ein paar Gemächern in dem ersten Stock, die man etwas wohnlich zu machen versucht hatte. In dem einen waren ein paar Stühle, ein Tisch, ein alter Teppich vor dem Herd und ein Feuer auf dem Kaminroste, in dem andern stand ein altes Feldbett und einige Schlafzimmergerätschaften. »Nun, meine Liebe«, sagte Frau Nickleby, die sich Mühe gab, heiter zu sein, »erkennst du hier nicht die Umsicht und Sorgfalt deines Onkels? Ohne sie würden wir nichts getan haben als das Bett, das wir gestern kauften.« »In der Tat, sehr gütig«, versetzte Käthchen umherblickend. Newman Noggs sagte nicht, daß er die alten Möbel, die sie sahen, aus allen Ecken und Enden zusammengesucht, die auf dem Gesims stehende Milch zum Tee aus seinem eigenen Beutel bezahlt, den rostigen Kessel über dem Feuer gefüllt, die Holzspäne auf dem Hof hinter dem Hause gesammelt und die Kohlen erbettelt hatte. Aber der Gedanke, daß alles dieses in Ralph Nicklebys Auftrage geschehen sei, wollte ihm so gar wenig zusagen, daß er es sich nicht versagen konnte, nacheinander mit allen zehn Fingern zu knacken, was Frau Nickleby freilich anfangs etwas verblüffte. Da sie aber vermutete, es möchte in irgendeiner entfernten Beziehung zu seinem Gichtleiden stehen, so erlaubte sie sich keine Bemerkung. »Wir dürfen Sie, glaube ich, nicht länger aufhalten«, sagte Käthchen. »Haben Sie nichts mehr für mich zu tun?« fragte Newman. »Nichts: ich danke Ihnen«, versetzte Fräulein Nickleby. »Vielleicht, meine Liebe, hat Herr Noggs die Gefälligkeit, ein Glas auf unsere Gesundheit zu trinken«, fiel Frau Nickleby ein, indem sie in ihrem Strickbeutel nach einem kleinen Geldstück suchte. »Ich fürchte, Mama«, entgegnete Käthchen stockend, als sie Newmans abgekehrtes Gesicht bemerkte, »Sie werden seine Gefühle verletzen, wenn Sie ihm etwas anbieten.« Newman Noggs verbeugte sich gegen die junge Dame – mehr in der Weise eines Gentlemans als in der, wie sie für den armen Elenden, den sein Äußeres bekundete, zu passen schien. Er legte die Hände auf seine Brust, blieb eine Weile mit der Miene eines Mannes, der gerne sprechen möchte und nicht weiß, wie er's angehen soll, stehen, wandte sich dann um und verließ das Zimmer. Das schrille Echo der in ihr Schloß einklappenden schweren Haustür tönte so traurig durch das Gebäude, daß sich Käthchcn halb und halb versucht fühlte, den Schreiber ihres Onkels wieder zurückzurufen und ihn zu bitten, noch ein wenig zu verweilen. Aber sie schämte sich ihrer Besorgnisse, und so wanderte Newman Noggs seiner Heimat zu. Zwölftes Kapitel. Teilt dem Leser mit, welchen Verlauf Fräulein Fanny Squeers' Liebe nahm Es war ein glücklicher Umstand für Fräulein Fanny Squeers, daß ihr würdiger Papa, als er an dem Tag der kleinen Teepartie spät nach Haus kam, »zu sehr angezündet hatte«, um die zahlreichen Merkmale des höchsten Verdrusses zu gewahren, die sich unverhüllt in ihren Zügen aussprachen. Da er jedoch, wenn er zuviel im Oberstübchen sitzen hatte, ziemlich ungestüm und streitsüchtig war, so hätte es leicht der Fall sein können, daß er sich über den nächsten besten aus der Luft gegriffenen Gegenstand mit der Tochter überworfen hätte, wenn diese junge Dame nicht mit einer höchst empfehlenswerten, klugen Vorsicht darauf bedacht gewesen wäre, zur Ableitung des ersten Unwetters einen Knaben parat zu halten. Als sich dieses in der Form von Fußtritten und Fauststößen entladen hatte, beruhigte sich der Ehrenmann allmählich soweit, daß er sich überreden ließ, zu Bett zu gehen, was er denn auch gestiefelt und mit seinem Regenschirm unter dem Arm tat. Das ausgehungerte Dienstmädchen begleitete Fräulein Squeers wie gewöhnlich nach dem Schlafgemach, um ihr daselbst das Haar zu wickeln, sonstige kleine Toilettendienste zu verrichten und ihr so viele Schmeicheleien zu sagen, wie sie aufzubringen vermochte; denn Fräulein Squeers war träge und überhaupt eitel und leichtfertig genug, um eine vornehme Dame abzugeben, wie sie sich denn auch in nichts als in den bloß durch eine ungerechte Willkür bestimmten Auszeichnungen des Ranges und der Stellung von einer solchen unterschied. »Wie schön sich Ihr Haar diesen Abend kräuselt, Fräulein«, sagte das Kammerkätzchen. »Es ist in der Tat jammerschade, es auszukämmen!« »Halts Maul!« versetzte Fräulein Squeers zornig. Dem Mädchen war etwas der Art schon viel zu oft vorgekommen, um durch diesen Ausbruch übler Laune von seiten ihrer Gebieterin überrascht zu werden; und da sie halb und halb eine Vermutung von den Ereignissen des Abends hatte, so änderte sie ihren Operationsplan, mit dem sie sich angenehm zu machen gedachte, indem sie einen indirekten Weg einschlug. »Ach, Fräulein«, sagte das Mädchen, »ich kann mir nicht helfen, aber es muß heraus, und wenn Sie mich umbringen sollten. In meinem ganzen Leben ist mir nie jemand von so ordinärem Aussehen vorgekommen, wie diesen Abend Fräulein Price.« Fräulein Squeers seufzte und nahm eine horchende Stellung an. »Ich weiß, es ist sehr unrecht von mir, daß ich so spreche, Fräulein«, fuhr da« Mädchen fort, hocherfreut, als sie bemerkte, daß ihre Worte Eindruck machten, »denn Fräulein Price ist Ihre Freundin und Ihr alles; aber sie putzt sich so heraus und bemüht sich, auf eine so anstößige Weise in die Augen zu fallen, daß – aber meinetwegen – wenn sich die Leute nur auch selbst sehen könnten.« »Was meinst du damit, Phib?« fragte Fräulein Squeers, in ihren eigenen Handspiegel sehend, wo sie, wie die meisten von uns, nicht sich selbst, sondern den Reflex eines anmutigen Bildes ihrer Einbildungskraft erblickte. »Was läßt dich so sprechen?« »Was mich so sprechen läßt, Fräulein? Ach, es ist genug vorhanden, daß darob sogar ein alter Kater französisch sprechen könnte,« versetzte die Zofe. »Man darf sie nur ansehen, wie sie den Kopf hin und her wirft.« »Sie wirft allerdings den Kopf hin und her«, bemerkte Fraulein Squeers mit zerstreuter Miene. »So eitel, und doch so gar nichts an ihr!« sagte das Mädchen. »Arme Thilda!« seufzte Fräulein Squeers mitleidig. »Und wie tief ausgeschnitten sie ihr Kleid trägt, nur um sich bewundern zu lassen«, fuhr die Dienerin fort. »Mein Gott, sie treibt die Schamlosigkeit aufs äußerste!« »Ich darf solche Äußerungen nicht gestatten, Phib«, sagte Fräulein Squeers. »Thildas Verwandte sind geringe Leute, und wenn sie es nicht besser weiß, so ist es die Schuld ihrer Familie und nicht die ihre.« »Wohl«, sagte Phöbe, welchen Namen Fräulein Squeers, wenn sie guter Laune war, in Phib verwandelte; »aber könnte sie sich da nicht eine Freundin zum Muster nehmen? Ach, welch ein nettes Mädchen könnte mit der Zeit aus ihr werden, wenn sie sich nach Ihnen richten wollte und einmal einsehen lernte, was für üble Wege sie einschlägt.« »Phib«, versetzte Fräulein Squeers mit würdevoller Miene, »es ziemt sich nicht, daß ich solche Vergleichungen anhöre; sie machen Thilda zu einer gewöhnlichen und unanständigen Person, und es könnte unfreundlich von mir scheinen, wenn ich ihnen mein Ohr leihen wollte. Sprechen wir daher von etwas anderem, Phib, denn obgleich ich sagen muß, daß Thilda Price, wenn sie sich irgend jemand zum Muster nehmen wollte – ich meine nicht gerade mich – –« »O ja, gerade Sie, Fräulein«, fiel Phib ein. »Nun, meinetwegen mich, wenn du's so haben willst«, fuhr Fräulein Squeers fort. »Ich muß sagen, daß sie, wenn sie das tun wollte, bei weitem besser fahren würde.« »Ja, und ich müßte mich sehr irren, wenn nicht noch jemand anders der gleichen Meinung wäre«, versetzte das Mädchen geheimnisvoll. »Was willst du damit sagen?« fragte Fräulein Squeers. »Nichts Besonderes, Fräulein«, antwortete das Mädchen; »aber genug – ich weiß, was ich weiß.« »Phib«, entgegnete Fräulein Squeers mit theatralischem Anstand, »ich bestehe darauf, daß du dich näher erklärst. Was sollen diese geheimnisvollen Worte? Sprich!« »Nun, wenn Sie es durchaus so haben wollen, Fräulein, so muß ich schon Farbe bekennen«, erwiderte die Zofe. »Herr Johann Browdie ist der gleichen Ansicht mit Ihnen, und wenn er nicht schon zu weit gegangen wäre, um mit Ehren zurücktreten zu können, so würde er die Mamsell Price mit Freuden laufen lassen und bei Fräulein Squeers anzukommen suchen.« »Gerechter Gott!« rief Fräulein Squeers, mit großer Würde die Hände zusammenschlagend. »Was ist das?« »Die Wahrheit, Fräulein, nichts als die lautere Wahrheit«, erklärte die schlaue Phöbe. »Welch eine Lage«, rief Fräulein Squeers. »So bin ich also, ohne es selbst zu wissen, drauf und dran, das Glück und den Frieden meiner lieben Thilda zu zerstören. Was ist doch der Grund, daß die Männer, ich mag wollen oder nicht, sich in mich verlieben und um meinetwillen ihren erkorenen Bräuten abtrünnig werden?« »Der Grund liegt nahe, Fräulein – sie können nicht anders«, versetzte das Mädchen. Wenn Fräulein Squeers der Grund war, so lag er allerding sehr nahe. »Rede mir nie wieder so«, entgegnete Fräulein Squeers, »nie wieder – hörst du? Thilda Price hat Fehler – viele Fehler –, aber ich will ihr Wohl und wünsche vor allem, daß sie unter die Haube kommt, denn es ist ihr zu gönnen – besonders wegen der Beschaffenheit ihrer Mängel zu gönnen, daß sie je eher, je lieber einen Mann kriegt. Nein, Phib, sie soll nur ihren Browdie nehmen. Der arme Bursche dauert mich zwar, aber ich betrachte Thilda noch immer für meine Freundin, und ich hoffe nur, daß sie sich als Ehefrau besser macht, als es wahrscheinlich der Fall sein wird.« Nach diesem Ergüsse ihrer Gefühle schlüpfte Fräulein Squeers in die Federn. Groll ist ein kleines Wörtchen, aber es enthält ein so seltsames Gemisch von Gefühlen und Mißtönen als vielleicht das silbenreichste Wort unserer Sprache. Fräulein Squeers wußte in ihrem Innersten ebensogut wie ihre Dienerin, daß alles, was dieses armselige Geschöpf gesagt hatte, nichts als grobe, lügenhafte Schmeichelei war. Aber schon die Gelegenheit, einem bißchen Bosheit gegen ihre Beleidigerin Luft zu machen und gegen die Mängel und Schwächen derselben Mitleid zu heucheln – wäre es auch nur in Gegenwart eines elenden Dienstmädchens – gewährte ihrer üblen Laune eine fast ebenso große Erleichterung, als wenn alles, was zur Sprache kam, reinste Wahrheit gewesen wäre. Die Macht der Selbsttäuschung geht noch außerdem in Stunden der Aufregung so weit, daß Fräulein Squeers sich in ihrem edlen Verzicht auf Johann Browdies Hand ordentlich als groß und erhaben erschien und auf ihre Nebenbuhlerin mit einer Art heiliger Ruhe heruntersehen konnte, die nicht wenig zur Besänftigung ihrer wirren Gefühle beitrug. Diese glückliche Gemütsstimmung übte einigen Einfluß, um den Weg zur Versöhnung zu bahnen, denn als am andern Morgen an die Tür gepocht und die Müllerstochter angekündigt wurde, begab sich Fräulein Squeers mit einer so christlichen Fassung in das Besuchszimmer, daß man es nicht ohne hohe Erbauung mit ansehen konnte. »Du siehst, Fanny«, sagte die Müllerstochter, »daß ich wieder zu dir komme, obgleich wir gestern abend einigen Wortwechsel miteinander hatten.« »Ich beklage deine Leidenschaftlichkeit, Thilda«, versetzte Fräulein Squeers, »aber ich bin darüber erhaben, einen Groll im Herzen nachzutragen.« »Sei nicht böse, Fanny«, sagte Fräulein Price. »Ich komme, um dir eine Mitteilung zu machen, über die du dich, wie ich hoffe, freuen wirst.« »Was mag das sein, Thilda?« fragte Fräulein Squeers, indem sie die Lippen aufwarf und eine Miene annahm, als ob nichts in Feuer, Wasser, Luft und Erde imstande wäre, ihr auch nur eine Spur des angedeuteten Gefühls zu entlocken. »Als wir gestern abend dein Haus verließen«, fuhr Fräulein Price fort, »hatte ich mit Johann einen schrecklichen Streit.« »Das kann mir keine Freude machen«, entgegnete Fräulein Squeers, obgleich sie ein wohlgefälliges Lächeln nicht zu unterdrücken vermochte. »Lieber Gott, wie könnte ich auch so schlecht von dir denken?« erwiderte ihre Gefährtin; »das ist es nicht.« »So?« sagte Fräulein Squeers, ihr Gesicht wieder in düsterere Falten legend. »Was weiter?« »Nachdem wir uns lange herumgezankt und erklärt hatten, daß wir uns nie wieder sehen wollten«, fuhr Fräulein Price fort, »vertrugen wir uns wieder, und Johann ging diesen Morgen hin, um für den nächsten Sonntag das erste Aufgebot zu bestellen. Wir feiern daher in drei Wochen unsere Hochzeit, und ich teile es dir mit, damit du für das Brautjungfernkleid sorgen kannst.« Dies war Galle und Honig in einem Becher – Galle, weil sie ihre Freundin so bald verheiratet sehen sollte, und Honig, weil ihr dadurch die Gewißheit wurde, daß die Müllerstochter keine ernsthaften Absichten auf Nicolaus unterhielt. Im ganzen wurde jedoch das Bittere durch das Angenehme so weit überwogen, daß Fräulein Squeers sich bereit erklärte, das Brautjungfernkleid machen zu lassen, und zugleich die Hoffnung ausdrückte, Thilda möchte glücklich sein. Man könne freilich nicht voraussehen, ob dies der Fall sein würde, und sie möchte ihr raten, nicht allzusehr darauf zu bauen; denn die Männer wären gar wunderliche Geschöpfe, und viele Frauen befänden sich in einer so traurigen Lage, daß sie sich von ganzem Herzen die schöne Zeit ihrer Mädchenjahre zurückwünschten. Diesen leidigen Trostsprüchen fügte Fräulein Squeers noch einige andere bei, die auf eine nicht minder edle Weise berechnet waren, ihrer Freundin Mut zu machen und ihre Freudigkeit zu erhöhen. »Um auf etwas anderes zu kommen, Fanny«, sagte Fräulein Price, »ich möchte ein paar Worte wegen des jungen Nickleby mit dir sprechen.« »Er ist mir gleichgültig«, fiel Fräulein Squeers schnippisch ein; »ich verachte ihn zu sehr.« »O, das kann unmöglich dein Ernst sein«, versetzte ihre Freundin. »Sei aufrichtig, Fanny – du liebst ihn noch immer?« Ohne eine direkte Erwiderung zu geben, brach Fräulein Squeers in einen Strom boshafter Tränen aus und rief, daß sie ein elendes, vernachlässigtes, unglückliches, mit Füßen getretenes Wesen sei. »Ich hasse alle Welt«, schloß Fräulein Squeers ihren leidenschaftlichen Erguß, »und wollte, daß alle Menschen tot wären – ja, das wollte ich.« »Barmherziger Himmel!« rief Fräulein Price, nicht wenig erschrocken über dieses Zugeständnis menschenfreundlicher Gesinnungen; »doch nein, du kannst unmöglich so im Ernst sprechen!« »Es ist mein voller Ernst«, versetzte Fräulein Squeers, indem sie mit knirschenden Zähnen feste Knoten in ihr Taschentuch knüpfte; »und ich wollte, daß auch ich tot wäre.« »Ach, du wirst in fünf Minuten ganz anders denken«, sagte Mathilda. »Wieviel besser würde es sein; ihn wieder in Gnaden aufzunehmen, als dich in dieser Weise selbst zu quälen; und wäre es nicht viel hübscher, ihn unter guten Bedingungen dir wieder ganz zu eigen zu machen, mit ihm zu scherzen, zu kosen und auf die angenehmste Weise mit ihm zu leben?« »Ich weiß nicht, wie das alles sein würde«, schluchzte Fräulein Squeers. »O Thilda, wie hast du so ehrlos und niederträchtig handeln können? Ich würde es nimmermehr geglaubt haben, wenn ich es nicht selbst gesehen hätte.« »Aber, aber!« rief Fräulein Price kichernd, »sollte man nicht glauben, ich hätte zum mindesten jemand umgebracht?« »Es war fast eben so schlecht«, versetzte Fräulein Squeers leidenschaftlich. »Und alles das, weil ich zufällig gut genug aussehe, um die Leute höflich gegen mich zu machen?« entgegnete Fräulein Price. »Niemand gibt sich sein Gesicht selber, und es ist ebensowenig meine Schuld, wenn ich das meine sehen lassen darf, als es die Schuld anderer Leute ist, wenn man ihnen das nicht nachrühmen kann.« »Halt dein Maul«, schrie Fräulein Squeers in ihrem schrillsten Tone, »oder du zwingst mich, dich daraufhin zu schlagen, Thilda, was mir hinterdrein doch wieder leid tun würde.« Wir brauchen nicht zu sagen, daß der Ton der Unterhaltung einigen Einfluß auf die Stimmung der jungen Dame übte, und daß, als Folge davon, der Wortwechsel eine Beimischung von Tätlichkeiten erhielt. In der Tat steigerte sich die Heftigkeit des Streites zusehends und wurde endlich so ungestüm, daß beide Teile in Tränen ausbrachen und gleichzeitig ausriefen, daß sie sich's nimmermehr gedacht hätten, je einmal einer solchen Behandlung sich aussetzen zu müssen. Dieses führte zu Erörterungen und Gegenvorstellungen, was allgemach einen Ausgleich herbeiführte, und der Schluß war, daß sie sich in die Arme fielen und aufs neue ewige Freundschaft schworen. Wir bemerken hierbei, daß diese rührende Zeremonie nicht die erste, sondern bereits die zweiundfünfzigste im Laufe desselbigen Jahres war. Da nun das gute Einvernehmen wieder völlig hergestellt war, so kam man auf die Anzahl und die Beschaffenheit der Kleider zu sprechen, die Fräulein Price für ihren Eintritt in den heiligen Stand der Ehe notwendig haben mußte , und Fräulein Squeers wies augenfällig nach, daß in dieser Hinsicht bedeutend mehr getan werden müsse, als der Müller tun konnte oder wollte, wenn man nicht allen Anstand außer Augen zu lassen beabsichtige. Die junge Dame leitete dann mittels eines leichten Übergangs das Gespräch auf ihre eigene Garderobe und führte, nachdem sie ihre Hauptraritäten der Länge nach aufgezählt hatte, ihre Freundin die Stiegen hinauf, damit sie sich persönlich überzeugen könne. Hier wurden nun die Schätze von zwei Kommoden und einem Wandschranke zur Schau gestellt und die kleineren Putzartikel anprobiert, bis es für Fräulein Price Zeit wurde, wieder nach Hause zurückzukehren. Da indes die letztere über die gesehene Pracht ganz entzückt und von Bewunderung einer Rosaschärpe ganz hingerissen war, erklärte Fräulein Squeers in der besten Laune von der Welt, daß sie ihre Freundin noch eine Strecke begleiten wolle, um noch länger das Vergnügen ihrer Gesellschaft zu genießen. Sie verließen daher miteinander das Haus, und während des Spazierganges sprach Fräulein Squeers ein langes und breites über die hohen Eigenschaften ihres Vaters, wobei sie zugleich, um ihrer Freundin einen schwachen Begriff von der ungemeinen Wichtigkeit und Überlegenheit ihrer Familie zu geben, dessen Einkommen verzehnfachte. Es war gerade die der Erholung gewidmete Zeit zwischen dem Mittagessen und dem Beginne des Unterrichts, die Nicolaus gewöhnlich zu einem Spaziergang benutzte, auf dem er in melancholischem Brüten über seine unglückliche Lage verdrießlich durch das Dorf zu schlendern pflegte. Fräulein Squeers wußte das recht gut, mußte es aber wahrscheinlich vergessen haben; denn als sie den jungen Mann auf sich zukommen sah, ließ sie allerlei Anzeichen von Überraschung und Bestürzung blicken und beteuerte ihrer Freundin, es sei ihr, als ob sie in die Erde sinken müßte. »Sollen wir umkehren, oder uns geschwind in ein Bauernhaus flüchten?« fragte Fräulein Price. »Er hat uns noch nicht gesehen.« »Nein, Thilda«, versetzte Fräulein Squeers; »es ist meine Pflicht, mich zu überwinden, und ich will es.« Fräulein Squeers sagte dies mit einem Tone, als ob sie einen hohen, edlen Entschluß gefaßt hätte, und da sie außerdem den schweren Kampf ihrer Gefühle durch einiges Seufzen und Luftschnappen kundgab, so erlaubte sich ihre Freundin keine weitere Bemerkung. Sie gingen gerade auf Nicolaus zu, der mit zur Erde gesenktem Blicke einherschritt und der beiden Mädchen nicht eher gewahr wurde, als bis sie ihm ganz nahe waren, da er sonst vielleicht selbst irgendwo ein Versteck gesucht haben würde. »Guten Morgen«, sagte Nicolaus mit einer Verbeugung und ging vorüber. »Er geht«, flüsterte Fräulein Squeers. »Ach, ich ersticke, Thilda!« »Ach, Herr Nickleby!« rief Fräulein Price, indem sie tat, als beunruhige sie die Drohung ihrer Freundin, obgleich ihrem Benehmen nur der boshafte Wunsch, mit anzuhören, was Nicolaus sagen würde, zugrunde lag; »ach, Herr Nickleby, kommen Sie doch zurück.« Herr Nickleby kam zurück und fragte in ziemlicher Verwirrung, womit er den Damen zu Diensten sein könne. »Halten Sie sich nicht mit Reden auf«, drängte Fräulein Price, »sondern unterstützen Sie sie auf der andern Seite. Wie ist es dir jetzt, meine Liebe?« »Besser«, seufzte Fräulein Squeer«, indem sie den rötlichbraunen, mit einem grünen Schleier versehenen Biberhut auf Nicolaus Schulter legte. »Ach, diese törichte Schwäche!« »Nenne sie nicht töricht, meine Liebe«, sagte Mathilda Price, deren leuchtende Augen sich nicht wenig über die Verwirrung des Hilfslehrers lustig machten; «du hast keinen Grund, dich ihrer zu schämen. Diejenigen sollten sich schämen, die zu stolz sind, um sich durch etwas anderes, als solche Auftritte, wieder gutmachen zu lassen.« »Sie sind, wie ich sehe, willens, mich fortwährend zu necken«, sagte Nicolaus lächelnd, »obgleich ich Ihnen bereits gestern abend sagte, daß ich mir keiner Schuld bewußt bin.« »Hörst du? – er sagt, er sei sich keiner Schuld bewußt, meine Liebe«, bemerkte Fräulein Price boshaft. »Vielleicht warst du zu eifersüchtig oder zu vorschnell gegen ihn? Er sagt, er sei unschuldig, und ich denke, das ist Entschädigung genug.« »Sie wollen mich nicht verstehen«, versetzte Nicolaus; »jedenfalls aber bitte ich, mich bei Ihrem Scherz aus dem Spiele zu lassen; denn ich habe keine Zeit und bin in der Tat auch nicht in der Stimmung, in dem gegenwärtigen Augenblick die Zielscheibe oder den Genossen Ihrer Heiterkeit abzugeben.« »Was wollen Sie damit sagen?« fragte Fräulein Price mit geheucheltem Erstaunen. »Frage ihn nicht, Thilda«, rief Fräulein Squeers; »ich vergebe ihm.« »Gütiger Gott!« sagte Nicolaus, als der braune Hut abermals auf seine Schulter sank; »die Sache wird ernsthafter, als ich vermutete. Erlauben Sie – wollen Sie die Güte haben, mich anzuhören?« Mit diesen Worten hob er den braunen Kastorhut in die Höhe; als er jedoch mit unverhohlenem Erstaunen einem Blicke zärtlichen Vorwurfs von Fräulein Squeers' Seite begegnete, trat er einige Schritte zurück, um aus dem Bereiche seiner schönen Bürde zu kommen, und fuhr folgerdermaßen fort: »Es tut mir sehr leid – gewiß aufrichtig leid, daß ich gestern abend zu einer Mißhelligkeit unter Ihnen Anlaß gab. Ich habe mir selbst schon die bittersten Vorwürfe darüber gemacht, daß ich so unglücklich war, jenes Zerwürfnis zu veranlassen, obgleich ich versichern kann, daß es ohne mein Wissen und ohne meinen Willen geschah.« »Schon gut, aber das ist gewiß nicht alles, was Sie zu sagen haben«, rief Fräulein Price, als Nicolaus innehielt. »Ich fürchte es selber auch«, stammelte Nicolaus mit einem halben Lächeln und einem Blick auf Fräulein Squeers. »Es ist allerdings etwas höchst Albernes, aber – nein, schon die bloße Andeutung einer solchen Vermutung läßt einen wie einen Pinsel aussehen, – doch – darf ich fragen, ob diese Dame annimmt, daß ich irgendeine – mit einem Worte, glaubt sie, daß ich in sie verliebt bin?« »Er ist jetzt köstlich in der Klemme«, dachte Fräulein Squeers; »endlich habe ich ihn soweit. – Antworte für mich, meine Liebe«, flüsterte sie ihrer Freundin zu. »Ob sie das glaubt?« erwiderte Fräulein Price. »Natürlich glaubt sie es.« »Sie glaubt es?« rief Nicolaus mit einem Ungestüm, daß man es wohl einen Augenblick für Entzücken nehmen konnte. »Gewiß«, versicherte Fräulein Price. »Wenn es Herr Nickleby bezweifelt hat, Thilda«, sagte die errötende Fanny in sanftem Ton, »so mag er sich beruhigen. Seine Gefühle werden erwid–« »Halten Sie inne«, unterbrach sie Nicolaus hastig; »ich bitte, hören Sie mich. Hier waltet die seltsamste Täuschung, der gröbste Irrtum ob, der je einem Menschen vorgekommen ist. Ich habe das Fräulein kaum ein halb Dutzend Male gesehen, aber wäre dies auch sechzigmal der Fall gewesen, oder wenn ich bestimmt wäre, sie sechzigtausendmal zu sehen, so würde das für mich gewiß ganz das gleiche sein. Es ist mir nie ein Gedanke, ein Wunsch oder eine Hoffnung, die in Verbindung mit ihr stünde, aufgestiegen, es müßte denn – ich sage das übrigens nicht, um ihre Gefühle zu verletzen, sondern um ihr die wahre Beschaffenheit der meinen klarzulegen – es müßte denn etwas der Art in dem Sehnen zu finden sein, das meinem Herzen so nahe wie mein Leben selber liegt, diesem verfluchten Orte eines Tages den Rücken kehren zu können und nie wieder einen Fuß in denselben setzen, oder daran denken – ja nicht einmal anders daran denken zu dürfen als mit Abscheu und Ekel.« Nach dieser in der Tat ungemein offenen und geraden Erklärung, den er sich mit allem Ungestüm eines entrüsteten und aufgeregten Herzens entledigte, verbeugte sich Nicolaus leicht und entfernte sich, ohne Erwiderung abzuwarten. Aber das arme Fräulein Squeers! Ihr Ärger, ihr Zorn, ihre Wut und die rasche Aufeinanderfolge bitterer, leidenschaftlicher Gefühle, die durch ihre Seele stürmten – nein, das läßt sich nicht beschreiben. Zurückgewiesen! Zurückgewiesen von einem Hilfslehrer, den man durch eine Zeitungsannonce und durch einen Jahrgehalt von fünf Pfunden, zahlbar in unbestimmten Raten, aufgelesen und hinsichtlich der Kost und Wohnung ganz wie die Knaben selbst gehalten hatte! Und das noch obendrein in Gegenwart eines kleinen Äffchens von Müllerstochter, die ihre achtzehn Jahre zählte und sich in drei Wochen mit einem Manne verheiraten sollte, der sie auf den Knien um ihr Jawort angefleht hatte! Sie hätte bei dem Gedanken an diese Demütigung in der Tat allen Ernstes ersticken mögen. Aber ungeachtet des Sturmes in ihrem Innern blieb ihr doch eines klar, und dies war, daß sie Nicolaus mit der ganzen Engherzigkeit und Erbärmlichkeit, die eines Abkömmlings aus dem Hause der Squeers würdig war, haßte und verabscheute. Auch blieb ihr noch ein Trost übrig, daß sie nämlich jede Stunde des Tages seinen Stolz verwunden und ihn durch kleine Gehässigkeiten, Kränkungen oder Verkürzungen verletzen konnte, um so mehr, da diese, wenn sie schon auf den Gleichgültigen einen unangenehmen Eindruck üben, von einem so reizbaren Manne, wie Nicolaus, doppelt bitter empfunden werden mußten. Durch diese beiden Betrachtungen gestärkt, suchte Fräulein Squeers die Sache zu ihrem Vorteil zu drehen, indem sie gegen ihre Freundin bemerkte, Herr Nickleby ist ein so wunderlicher Mensch und von so ungestümer Gemütsart, daß sie glaube, sie werde ihn wohl aufgeben müssen; und so trennten sich die beiden Damen. Wir müssen hier bemerken, daß Fräulein Squeers, als sie ihre Liebe (oder was immer bei ihr dieses Gefühl repräsentierte) auf Nicolaus warf, keinen Augenblick an die Möglichkeit dachte, daß er in dieser Sache mit ihr verschiedener Ansicht sein könnte. Sie glaubte sogar, der junge Mann müsse sich durch den Vorzug, den sie ihm angedeihen ließ, über die Maßen geehrt fühlen; denn sie war ja schön und ansprechend, ihr Vater war der Chef und Nicolaus der Gehilfe, ihr Vater hatte Geld und Nicolaus keins – lauter Gründe, die sich wohl hören ließen. Dabei hatte sie auch recht wohl erwogen, wie angenehm sie ihm seine Lage als Freundin und um wieviel unangenehmer als Feindin machen konnte; und ohne Zweifel würden manche weniger gewissenhafte Leute, als Nicolaus, schon aus diesem sehr augenfälligen Grunde ihre Verirrung ermutigt haben. Nicolaus hielt es jedoch für geraten, anders zu handeln, und Fräulein Squeers war darüber wütend. »Er mag zusehen«, sagte die aufgebrachte junge Dame, als sie wieder auf ihr Zimmer kam und ihr Inneres durch einen Ausfall auf Phib erleichtert hatte. »Wenn die Mutter zurückkommt, so will ich sie noch mehr gegen ihn aufhetzen.« Das war kaum nötig, aber Fräulein Squeers machte ihrem Worte keine Unehre. Der arme Nicolaus wurde neben der schlechten Kost, der schmutzigen Wohnung und dem unflätigen Elend, dessen Zeuge er ohne Unterlaß sein mußte, mit jeder Art Herabwürdigung, die Bosheit und der niedrigste Geiz zu ersinnen vermochten, behandelt. Aber das war noch nicht alles. Es gab noch ein anderes, tieferschneidendes Peinigungssystem, dessen Ungerechtigkeit und Grausamkeit ihn fast zur Verzweiflung brachten. Der arme Smike folgte, seit Nicolaus einmal des Nachts im Schulzimmer freundlich mit ihm gesprochen hatte, in rastloser Dienstfertigkeit dem Hilfslehrer fast immer auf der Ferse, suchte dessen kleinen Bedürfnissen, soviel es in seinen Kräften lag, zuvorzukommen und fühlte sich glücklich, wenn er nur in seiner Nähe war. Er konnte stundenlang neben ihm sitzen und ihm ruhig ins Gesicht sehen, während ein Wort aus Nicolaus' Munde seine kummervollen Züge erheiterte und sogar einen vorübergehenden Strahl von Glück in diesem hervorrief. Er war ein ganz anderes Wesen, denn sein Leben hatte jetzt einen Zweck, nämlich den, der einzigen Person, die ihn – wenn nicht gerade mit Liebe, so doch wie einen Menschen behandelt hatte, seine Anhänglichkeit zu zeigen, obgleich diese Person ihm sonst fremd war. Über dieses arme Wesen ergoß man nun ohne Unterlaß alle Bosheit und alle üble Launen, die man an Nicolaus nicht auslassen konnte. Die härtesten Knechtesdienste hätte er nicht in Anschlag gebracht, da er an diese von lange her gewöhnt war. Ohrfeigen ohne alle Ursache waren gleichfalls eine Angelegenheit, die sich von selber verstand, denn viele schwere und mühevolle Jahre hatte er nichts anderes gekannt. Kaum hatte man aber bemerkt, daß er eine Anhänglichkeit an Nicolaus zeige, so wurden ihm vom Morgen bis zum Abend nichts anderes als Peitschenhiebe und Faustschläge oder Faustschläge und Peitschenhiebe zuteil. Squeers war eifersüchtig auf den Einfluß, den sein Gehilfe so bald erworben hatte; die Squeerssche Familie haßte ihn, und Smike mußte beides entgelten. Nicolaus sah dieses und knirschte mit den Zähnen bei jeder Wiederholung eines solchen feigen und unmenschlichen Angriffs. Er hatte einige regelmäßige Lehrstunden für die Knaben angeordnet, und eines Abends, als er in der unheimlichen Schulstube auf und ab ging und ihm das übervolle Herz bei dem Gedanken, daß sein Schutz und sein Wohlwollen das Elend eines höchst beklagenswerten Wesens nur noch vermehrt hätte, fast brechen wollte, blieb er auf einmal unwillkürlich in einer dunklen Ecke, wo der Gegenstand seiner Gedanken saß, stehen. Der arme Junge saß mit rotgeweinten Augen emsig über einem zerrissenen Buche und mühte sich vergeblich ab, mit einer Aufgabe zustande zu kommen, die ein mit gewöhnlichen Fähigkeiten versehenes Kind von neun Jahren mit Leichtigkeit hätte lösen können, die aber für das verwirrte Gehirn des zertretenen neunzehnjährigen Burschen ein versiegeltes und hoffnungsloses Geheimnis war. Trotzdem saß er da, geduldig das Blatt wieder und wieder durchbuchstabierend, obgleich er nicht durch einen knabenhaften Ehrgeiz (denn er war die gemeinsame Zielscheibe des Spottes für seine ganze ungeschlachte Umgebung), sondern nur durch den eifrigen Wunsch, seinem einzigen Freunde zu gefallen, beseelt wurde. Nicolaus legte die Hand auf seine Schulter. »Ich komme nicht damit zustande«, sagte Smike niedergeschlagen, indem er mit einem Schmerzensblicke aufsah. »Nein, es geht nicht.« »Du mußt dich nicht allzusehr anstrengen«, versetzte Nicolaus. Smike schüttelte den Kopf, schloß das Buch mit einem Seufzer, stierte ausdruckslos um sich her und legte das Gesicht auf seinen Arm. Er weinte. »Um Gottes willen, höre auf«, sagte Nicolaus mit erregter Stimme: »ich kann es nicht mit ansehen.« »Sie sind schlimmer gegen mich als je«, schluchzte der Knabe. »Leider, leider«, entgegnete Nicolaus. »Aber für Sie«, fuhr der arme Kerl fort, »könnte ich in den Tod gehen. Ich weiß gewiß, sie haben es darauf abgesehen, mich unter die Erde zu bringen.« »Du wirst es besser haben, armer Junge«, erwiderte Nicolaus, indem er traurig den Kopf schüttelte, »wenn ich fort bin.« »Fort?« rief der andere mit einem starren Blicke nach Nicolaus' Gesicht. »Still!« versetzte Nicolaus. »Ja.« »Sie wollen also gehen?« flüsterte der Knabe angelegentlich. »Ich kann's noch nicht sagen«, entgegnete Nicolaus; »ich sprach mehr vor mich selber hin als zu dir.« »Sagen Sie mir«, flehte der Knabe, »o sagen Sie mir, wollen Sie wirklich gehen – wollen Sie?« »Sie werden mich endlich dazu zwingen«, antwortete Nicolaus. »Doch die Welt liegt ja offen vor mir.« »Sagen Sie mir«, drängte Smike, »ist die Welt auch so schlimm und abscheulich wie dieser Ort?« »Behüte Gott!« sprach Nicolcius, den Lauf seiner eigenen Gedanken verfolgend. »Ihre schwerste und sauerste Arbeit wäre ein Glück gegen das Leben hier.« »Würde ich Sie dort treffen?« fragte der Knabe ungewöhnlich schnell und leidenschaftlich. »Ja«, versetzte Nicolaus, in der Absicht, ihn zu beschwichtigen. »Nein, nein«, sagte der andere, Nicolaus' Hand ergreifend, »würde ich – würde ich, – sagen Sie mir's noch einmal. Geben Sie mir die Versicherung, daß ich Sie gewiß finden würde.« »Du würdest es«, erwiderte Nicolaus in derselben wohlwollenden Absicht, »und ich würde dir Beistand leisten und nicht neue Leiden über dich bringen, wie ich hier getan habe.« Smike drückte leidenschaftlich die Hände des jungen Mannes an seine Brust und ließ einige abgebrochene, unverständliche Worte laut werden. In demselben Augenblicke trat Squeers in die Stube und schlich nach seiner gewohnten Ecke. Dreizehntes Kapitel. Nicolaus bringt durch ein äußerst tatkräftiges und merkwürdiges Verfahren einige Veränderungen in die Einförmigkeit von Dotheboys Hall, was zu nicht unwichtigen Folgen führt. Die kalte, matte Dämmerung eines Januarmorgens stahl sich durch die Fenster des gemeinschaftlichen Schlafsaals, als Nicolaus, auf den Ellenbogen gestützt, unter den hingestreckten Gestalten, die ihn auf allen Seiten umgaben, umherblickte, als suche er irgendeinen besonderen Gegenstand. Es bedurfte eines raschen Auges, um unter der wirren Masse von Schläfern die Umrisse eines bestimmten Individuums zu entdecken, denn da sie dicht nebeneinandergepackt mit ihren geflickten und zerrissenen Kleidern bedeckt dalagen, so konnte man wenig mehr als die scharfen Umrisse blasser Gesichter unterscheiden, über die das düstere Licht dieselben unangenehmen Farben goß, mit denen es hin und wieder einen hageren Arm färbte, der sich, von keiner Bedeckung verhüllt, dem Auge in seiner ganzen eingeschrumpften Häßlichkeit zeigte. Einige davon, die mit aufwärtsgerichteten Gesichtern und zusammengeklammerten Händen auf dem Rücken lagen und in der trüben Beleuchtung nur eben sichtbar waren, sahen mehr Leichen als lebenden Geschöpfen gleich, während andere sich in so seltsame und phantastische Lagen zusammengekrümmt hatten, daß man diese eher für die unruhigen Bemühungen des Schmerzes, der sich vorübergehend Linderung verschaffen will, als für Grillen des Schlummers halten konnte. Nur wenige, und diese gehörten unter die jüngsten der Kinder, schliefen friedlich mit einem Lächeln auf ihren Zügen und träumten vielleicht von ihrer Heimat. Aber von Zeit zu Zeit verkündete ein tiefer und schwerer Seufzer, der die Stille des Gemaches unterbrach, daß abermals ein Schläfer zu dem Elend eines neuen Tages erwacht sei; und wie der Morgen die Nacht verdrängte, so schwand das Lächeln allmählich mit der freundlichen Dunkelheit, die es erzeugt hatte, dahin. Träume sind liebliche Kinder der Phantasie, die in bunten, märchenhaften Bildern nächtlicherweile auf der Erde spielen und in den ersten Strahlen der Sonne hinwegschmelzen, die mit ihrer Leuchte die finstere Sorge und die traurige Wirklichkeit in die Welt einführt. Nicolaus blickte auf die Schläfer – anfangs mit der Miene eines Menschen, der auf ein zwar bekanntes, demungeachtet aber nicht minder schmerzerregendes Schauspiel sieht, dann aber mehr in der achtsamen und spähenden Weise eines Mannes, dessen Auge irgendeinen gewohnten Gegenstand vermißt. Er war noch in seinem Suchen begriffen, zu welchem Ende er sich halb in seinem Bette aufgerichtet hatte, als sich Squeers' Stimme von dem Fuße der Treppe her vernehmen ließ. »Was soll das?« rief der Ehrenmann. »Wollt ihr den ganzen Tag schlafen? Aufgestanden –« »Ihr faulen Hunde«, beendigte Madame Squeers den Satz, indem sie zu gleicher Zeit einen Ton hervorbrachte, ähnlich dem, der durch das Zuschnüren eines Korsetts veranlaßt wird. »Wir werden im Augenblick hinunterkommen, Sir«, antwortete Nicolaus. »Im Augenblick hinunterkommen?« sagte Squeers. »Ja, Sie werden gut tun, bald herunterzukommen, ich möchte sonst noch bälder einen und den andern von euch unter mich kriegen. Wo ist Smike?« Nicolaus blickte rasch umher, ohne jedoch zu antworten. »Smike!« brüllte Squeer«. »Willst du, daß dir der Schädel an einer neuen Stelle eingeschlagen wird, Smike?« fragte die liebenswürdige Frau Schulmeisterin in demselben Tone. Noch immer keine Antwort. Nicolaus sah sich allenthalben um und ebenso auch der größere Teil der Knaben, die inzwischen erwacht waren. »Heillose Unverschämtheit!« wütete Squeers, indem er ungeduldig mit seinem Rohr auf das Stiegengeländer schlug. »Nickleby!« »Was steht zu Diensten, Sir?« »Schicken Sie den störrischen Schlingel herunter; hören Sie mich denn nicht rufen?« »Er ist nicht hier, Sir«, versetzte Nicolaus. »Lügen Sie mich nicht an«, entgegnete der Schulmeister: »er ist bestimmt da.« »Nein, er ist's nicht«, erwiderte Nicolaus gekränkt: »das Lügen ist auf Ihrer Seite.« »Wir wollen bald sehen«, sagte Herr Squeers, die Treppe hinaufstürmend. »Was gilt's, ich finde ihn!« Unter dieser Versicherung stürzte Herr Squeers mit zum Schlage geschwungenem Stock in den Schlafsaal und eilte nach dem Winkel, wo der ausgemergelte Körper des Haussklaven gewöhnlich des Nachts lag. Das Rohr flog, ohne Schaden zu tun, nieder, denn das Bett war leer. »Was soll das heißen?« sagte Squeers, sich mit leichenblassem Gesicht umwendend. »Wo haben Sie ihn versteckt?« »Ich habe ihn seit gestern abend nicht mehr gesehen«, versetzte Nicolaus. »Lassen Sie diese Possen«, sagte Squeers, augenscheinlich geängstigt, obgleich er es zu verbergen suchte; »Sie werden ihm auf diese Weise nicht durchhelfen. Wo ist er?« »Den Vorgängen nach wahrscheinlich auf dem Grunde des nächsten Teiches«, entgegnete Nicolaus leise mit einem scharfen Blicke nach dem Gesicht seines Chefs. »Zum Teufel, was wollen Sie damit sagen?« erwiderte Squeers in großer Verwirrung. Und ohne auf eine Antwort zu warten, fragte er die Knaben, ob keiner von ihnen etwas von ihrem abhanden gekommenen Schulkameraden wüßte. Alle murmelten ein ängstliches Nein, und nur eine schrille Stimme ließ laut werden, was in der Tat alle anderen dachten – »Ich glaube, Sir, Smike ist weggelaufen.« »Ha!« rief Squeers, sich schnell umwendend; »wer hat das gesagt?« »Tomkins, Toms, Sir«, entgegnete ein Chor von Stimmen. Herr Squeers stürzte sich in den Haufen und erwischte im Augenblick einen winzigen Knaben, der noch im Hemdchen dastand, und dessen verwirrter Gesichtsausdruck, als er hervorgeholt wurde, anzudeuten schien, daß er noch ungewiß sei, ob er wohl für seine Vermutung belohnt oder bestraft werden würde. Er blieb jedoch nicht lange im Zweifel. »Du meinst also, er sei weggelaufen, Bürschchen – he?« fragte Squeers. »Ja, Sir«, antwortete der kleine Knabe. »Und welchen Grund, Bürschlein –« sagte Squeers, indem er den kleinen Knaben plötzlich bei den Armen packte und dessen leichte Bekleidung gar gewandt in die Höhe streifte – »welchen Grund hast du für die Annahme, daß ein Knabe aus dieser Anstalt fortlaufen sollte? Nun, Bürschlein, rede!« Das Kind erhob, statt der Antwort, ein Zetergeschrei, und Herr Squeers, der die günstigste Stellung für die gehörige Anwendung seiner Kräfte annahm, schlug so lange drauf los, bis ihm der arme Knabe in seinen Krümmungen förmlich aus der Hand kugelte, worauf ihm denn der Schulmeister allergnädigst gestattete, so weit wegzurollen, wie er konnte. »So!« sagte Squeers. »Ist vielleicht noch einer unter euch der Meinung, Smike sei weggelaufen? Es wäre mir recht angenehm, ein Wörtchen mit ihm zu sprechen.« Natürlich meldete sich niemand, und während des nun folgenden Schweigens legte Nicolaus seine Abscheu so offen, als er es durch Blicke tun konnte, an den Tag. »Nun, Nickleby«, sagte Squeers mit einem boshaften Blicke nach dem Angeredeten; »vielleicht sind Sie der Meinung, daß er weggelaufen ist?« »Es scheint mir äußerst wahrscheinlich«, versetzte Nicolaus in dem ruhigsten Tone. »Ah, Sie halten's also für höchst wahrscheinlich?« höhnte Squeers. »Vielleicht wissen Sie es sogar gewiß?« »Ich weiß von nichts der Art.« »Vermutlich sagte er Ihnen nicht, daß er gehen wollte – oder?« höhnte Squrers. »Er sagte mir nichts«, entgegnete Nicolaus; »und ich freue mich dessen, da ich es sonst für meine Pflicht gehalten hätte, Sie beizeiten zu warnen.« »Was Ihnen ohne Zweifel teufelmäßig schwer angekommen wäre«, spöttelte Squeers. »Allerdings«, erwiderte Nicolaus; »Sie wissen meine Gefühle sehr gut zu deuten.« Frau Squeers hatte diese Unterhaltung von dem untern Ende der Stiege aus mit angehört; aber nun ging ihr die Geduld aus, und hastig ihren Bettkittel umwerfend, eilte sie nach dem Schauplatze der Handlung. »Was soll all das heißen?« begann die Dame, als die Knaben nach rechts und links auswichen, um ihr die Mühe zu ersparen, sich mit ihren sehnigen Armen einen Weg zu bahnen. »Um des Himmels willen, was hast du mit diesem da abzumachen, Squeerschen?« »Ei, mein Schatz«, sagte Squeers, »der Umstand ist, daß man den Smike nirgends auffinden kann.« »Wohl, ich weiß das«, versetzte die Dame, »aber wie kann man sich darüber wundern? Was ließ sich anders voraussehen, wenn man einen Haufen übermütiger Lehrgehilfen ins Haus nimmt, die die Hunde rebellisch machen? Junger Herr, Sie werden auf der Stelle die Güte haben, sich mit den Knaben in die Schulstube hinunterzupacken und sich dort nicht von der Stelle zu rühren, bis Sie Erlaubnis haben, oder ich und Sie könnten in einer Weise aneinander kommen, in der Ihre Schönheit etwas Not leiden dürfte, so viel Sie sich auch darauf einbilden mögen; das sage ich Ihnen.« »Wirklich?« sagte Nicolaus lächelnd. »Ja – wirklich, und noch einmal wirklich, Musje Maulaffe«, polterte die aufgeregte Dame fort; »und wenn es von mir abhinge, so würde ich einen solchen Wicht wie Sie keine Stunde mehr im Hause behalten.« »Das sollten Sie auch nicht, wenn es von mir abhinge«, entgegnete Nicolaus. »Kommt, Kinder!« »Ja, kommt, Kinder«, belferte Frau Squeers weiter, indem sie, so gut sie konnte, die Stimme und das Benehmen des Unterlehrers nachäffte. »Folgt eurem Führer und nehmt euch Smike zum Beispiel, wenn ihr das Herz habt. Aber seht zu, was er vor sich bringen wird, wenn er wieder hier ist, und denkt an das, was ich sage: es soll euch ebenso schlimm und zweimal so schlimm ergehen, wenn ihr nur das Maul über ihn auftut.« »Wenn ich ihn erwische, so will ich nicht eher von ihm ablassen, als bis ich ihn lebendig geschunden habe – merkt's euch, ihr Buben!« »Wenn du ihn erwischst?« entgegnete Madame Squeers verächtlich. »Ist hieran auch nur zu zweifeln, wenn du den rechten Weg einschlägst? – Marsch, fort mit euch!« Mit diesen Worten entließ Frau Squeers die Knaben, und nach einigen Püffen auf die letzten, die vorwärts drückten, um aus dem Bereich der Fäuste dieser liebenswürdigen Dame zu kommen, aber einige Augenblicke durch das Gedränge vorn aufgehalten wurden, gelang es ihr, das Zimmer zu reinigen, um nun mit ihrem Gatten allein das Nötige zu beraten. »Er ist wirklich fort«, sagte Frau Squeers. »In den Ställen kann er nicht sein, da sie verschlossen sind, und ebensowenig ist er unten im Haus, denn das Mädchen hat alles durchsucht. Er muß York zugegangen sein, und zwar auf einer der Landstraßen.« »Warum denn das?« »Dummkopf!« entgegnete Frau Squeers verdrießlich. »Er hatte doch kein Geld bei sich?« »Er hat meines Wissens in seinem ganzen Leben keinen Heller besessen«, entgegnete Squeers. »Nun ja«, versetzte Frau Squeers; »und etwas zum Essen hat er auch nicht mitgenommen, dafür kann ich stehen. Ha! ha! ha!« »Ha! ha! ha!« stimmte Herr Squeers ein. »Er muß sich also natürlich durch Betteln fortbringen«, setzte Frau Squeers weiter auseinander, »und das kann er nirgends als an der Landstraße.« »Das ist wahr«, rief Squeers, die Hände zusammenschlagend. »Allerdings wahr, aber dir wäre es in deinem ganzen Leben nicht eingefallen, wenn ich's nicht gesagt hätte«, bedeutete ihm seine Gattin. »Du nimmst jetzt deinen Einspänner und fährst den einen Weg, während ich Swallows Wagen borge und den andern einschlage. Wenn wir dann nur unsere Augen offen behalten und bei den Leuten Nachfrage anstellen, so muß er notwendig dir oder mir wieder in die Hände fallen.« Der Plan der würdigen Dame fand Beifall und wurde ohne die mindeste Zögerung in Vollzug gesetzt. Sie nahmen in aller Eile ein Frühstück zu sich, stellten im Dorfe einige Nachfragen an, deren Ergebnis anzudeuten schien, daß sie auf der rechten Spur wären, und nun brach Herr Squeers rachgierig mit seinem Einspänner auf. Bald nachher schlug Frau Squeers, mit ihrem weißen Kapuzenmantel aufgeputzt und in eine Menge von Halstüchern eingehüllt, in einem andern Wagen eine andere Richtung ein, indem sie zugleich einen tüchtigen Knüttel, einige feste Stricke und einen stämmigen Arbeiter mit sich nahm. Alle diese Vorkehrungen hatten den einzigen Zweck, bei der Habhaftwerdung des unglücklichen Smike Dienste zu leisten und denselben, sobald man ihn hätte, in sichere Verwahrung zu bringen. Nicolaus blieb in einem Sturm von Gefühlen zurück; denn er wußte wohl, daß aus der Flucht des Knaben nur schmerzliche und bedauerliche Folgen hervorgehen konnten, mochte sie nun gelingen oder nicht. Tod aus Mangel an Nahrung und Obdach war noch das Beste, was einem so armen und hilflosen Geschöpf, das allein und freundlos durch eine ihm vollkommen unbekannte Gegend wanderte, auf einem längeren Marsche erwachsen mußte. Es war vielleicht eine schlechte Wahl zwischen diesem Schicksal und einer Rückkehr zu den Wohltaten der Yorkshirer Schule. Aber das unglückliche Wesen hatte sich so sehr sein Mitleid und seine Teilnahme gewonnen, daß Nicolaus das Herz blutete, wenn er der Leiden gedachte, die das Schicksal über den armen Smike verhängen mochte. Er malte sich in unablässiger Beängstigung tausend Möglichkeiten aus, bis am Abend des nächsten Tages Herr Squeers allein, und ohne seinen Zweck erreicht zu haben, zurückkehrte. »Nichts Neues von dem Ausreißer?« fragte der Schulmeister, der augenscheinlich, seinem alten Grundsatz zufolge, während der Fahrt nicht selten seine Beine gestreckt hatte. »Nun, ich will mich dafür an irgend jemand trösten, Nickleby, wenn meine Frau ihn aufjagt; verlassen Sie sich darauf.« »Es ist nicht in meiner Macht, Sie zu trösten, Sir«, versetzte Nicolaus. »Die Sache geht mich nichts an.« »So?« entgegnete Herr Squeers in drohendem Tone. »Wir wollen sehen.« »Sei's drum«, erwiderte Nicolaus. »Das Pferd hat sich aufgerieben, so daß ich mit einem Mietgaule heimkehren mußte – kostet fünfzehn Schillinge, außer den andern Ausgaben«, sagte Squeers. »Wer wird mich dafür entschädigen – he? Nicolaus zuckte die Achseln und schwieg. »Ich sage Ihnen, einer soll's mir tun«, fuhr Squeers fort, indem er seine gewöhnliche rauhe und verschmitzte Weise mit dem Tone einer offenen Herausforderung vertauschte. »Nichts da mit Ihren greinenden Grillen, Musje Hasenfuß, sondern fort mit Ihnen nach Ihrem Loche, wo Sie schon lange sein sollten. Marsch, hinaus!« Nicolaus biß sich in die Lippen und ballte unwillkürlich seine Fäuste, denn es prickelte ihn bis in die Fingerspitzen, diese Beleidigung zu rächen; aber er erinnerte sich, daß der Mann betrunken war und daß die Sache zu nichts als zu einem ärgerlichen Auftritt führen konnte, und so begnügte er sich, einen Blick der Verachtung auf den armseligen Tyrannen zu werfen, und ging stolzen Trittes die Stiegen hinauf, obgleich er nicht ohne Ärger bemerken mußte, daß Fräulein Squeers, der junge Squeers und das Dienstmädchen sich aus einer Ecke heraus über den Auftritt lustig machten. Die beiden erstern ergingen sich in manchen erbaulichen Bemerkungen über den Dünkel armer Emporkömmlinge und begleiteten diese mit einem schallenden Gelächter, worin sogar das armseligste aller armseligen Dienstmädchen mit einstimmte, wahrend Nicolaus, bis aufs Innerste verletzt, das bischen Bettzeug, das er hatte, über den Kopf zog und den festen Entschluß faßte, die zwischen ihm und Herrn Squeers aufgelaufene Rechnung um ein ziemliches früher auszugleichen, als der letztere wohl ahnen mochte. Nicolaus war am nächsten Morgen kaum erwacht, als er einen Wagen auf das Haus zurasseln hörte. Sie machte halt. Man vernahm die Stimme der Frau Squeers, die mit einem Frohlocken, das allein schon hinreichend andeutete, daß irgend etwas Außerordentliches vorgefallen war, ein Glas Branntwein für irgend jemand verlangte. Nicolaus getraute sich kaum, zu dem Fenster hinauszusehen; aber er tat es endlich doch, und der erste Gegenstand, der seinen Augen begegnete, war der unglückliche Smike, aber so durchnäßt und beschmutzt, so abgemagert und verwildert, daß man wohl seine Identität hätte bezweifeln können, wenn sie nicht durch seine Kleider, die von einer Art waren, wie man sie nicht einmal an einer Vogelscheuche sieht, zur Genüge wäre dargetan worden. »Heraus mit ihm!« rief Squeers, nachdem er seine Augen schwelgend auf dem Schuldigen hatte haften lassen. »Bringt ihn herein, bringt ihn herein!« »Sich dich vor«, sagte Frau Squeers, als ihr Gatte seinen Beistand anbot; »wir haben seine Beine in dem Korbe festgebunden, damit er uns nicht wieder entkomme.« Mit vor Entzücken zitternden Händen löste Squeers den Knoten des Strickes, und Smike, der mehr tot als lebendig war, wurde, nachdem man ihn ins Haus gebracht hatte, zur sichern Verwahrung in einen Keller gesteckt, um seinerzeit wieder hervorgezogen zu werden, wenn es Herrn Squeers geeignet scheinen sollte, die Operation in Gegenwart der ganzen Schule an ihm vorzunehmen. Bei einer flüchtigen Erwägung der Umstände dürfte es vielleicht überraschen, daß Herr und Frau Squeers sich so viele Mühe gaben, um wieder in den Besitz einer Last zu kommen, über die sie sich so laut zu beklagen gewöhnt waren. Man wird sich jedoch nicht mehr wundern, wenn man weiß, daß die mannigfachen Dienste des Haussklaven, wenn sie von jemand anders verrichtet werden mußten, der Anstalt doch auch zehn oder zwölf Schillinge Wochenlohn kosteten; und zudem forderte es die Politik von Dotheboys Hall, daß an allen Ausreißern stets ein strenges Exempel statuiert wurde, sintemalen die Reize der Anstalt zu wenig Anziehungskraft besaßen, um einen Zögling, der mit der gewöhnlichen Anzahl von Beinen und mit der Macht, sie zu gebrauchen, versehen war, anders als durch den mächtigen Hebel der Furcht zurückzuhalten. Die Neuigkeit, daß Smike wieder aufgegriffen und im Triumph zurückgebracht worden wäre, verbreitete sich wie ein Lauffeuer unter den ausgehungerten Zöglingen der Anstalt, und alles war den ganzen Morgen über in der gespanntesten Erwartung. Diese sollte jedoch erst am Nachmittag befriedigt werden; denn Squeers erschien, nachdem er sich durch sein Mittagessen erfrischt und noch überdies durch einen Extratrunk gehörig gekräftigt hatte, von seiner liebenswürdigen Ehehälfte begleitet, mit gar bedeutsamem Gesicht und einem schrecklichen Geißlungsinstrumente, stark, biegsam, unten gewichst und nagelneu – mit einem Wort, erst am Morgen für den gegenwärtigen Fall angekauft. »Sind alle Knaben hier?« fragte Squeers mit einer Donnerstimme. Es waren alle hier, aber keiner hatte den Mut zu sprechen. Squeers ließ daher seinen Blick an den Reihen hinuntergleiten, und wo dieser hinfiel, senkten sich die Augen oder duckten sich die Köpfe. »Jeder bleibe an seinem Platz«, sagte Squeers, mit dem Stock auf das Pult schlagend, indem er zugleich mit düsterem Wohlbehagen das allgemeine Auffahren betrachtete, das gewöhnlich dieser seiner Lieblingsostentation folgte. »Nickleby, an Ihr Pult!« Mehr als einer der kleinen Zuschauer hatte bemerkt, daß ein sehr seltsamer und ungewöhnlicher Ausdruck auf dem Gesicht des Unterlehrers lag, obgleich er, ohne die Lippen zu einer Antwort zu öffnen, seinen Sitz einnahm. Squeers warf einen Blick des Triumphs auf seinen Gehilfen und einen des unumschränktesten Despotismus auf die Knaben, verließ das Zimmer und kam bald darauf mit Smike wieder zurück, den er am Rockkragen oder vielmehr an jenem Jackenüberreste hereinzerrte, der der Stelle am nächsten war, wo der Kragen hätte sitzen müssen, wenn sich die Brustbekleidung des Knaben einer solchen Zierde hätte rühmen können. An jedem andern Orte würde die Erscheinung des elenden, abgehetzten und mutlosen Delinquenten ein Gemurmel des Mitleids und der Einsprache veranlaßt haben. In der Tat übte sie auch selbst hier einige Wirkung; denn die Zuschauer bewegten sich unruhig auf ihren Sitzen, und einige der kühnsten wagten es sogar, sich gegenseitig verstohlene Blicke der Entrüstung und des Mitleids zuzuwerfen. So etwas war jedoch bei Squeers verloren, der sein Auge fest auf den unglücklichen Smike heftete und diesen nach der in solchen Fällen hergebrachten Gewohnheit fragte, ob er etwas zu seinen Gunsten vorzubringen hätte. »Du wirst wohl nichts wissen?« schloß Squeers mit einem teuflischen Grinsen. Smike blickte umher, und sein Auge ruhte einen Moment auf Nicolaus, als erwarte er von ihm eine Einmischung; aber dieser hatte seinen Blick fest auf das Pult geheftet. »Hast du noch etwas zu sagen?« fragte Squeers abermals und schwang dabei seinen rechten Arm zwei- oder dreimal durch die Luft, als wolle er dessen Gewandtheit und Kraft prüfen. »Tritt ein wenig beiseite, liebe Frau, denn ich werde Raum genug brauchen.« »Ach, haben Sie Barmherzigkeit mit mir, Sir«, rief Smike. »Ah, ist das alles?« sagte Squeers. »Ja, ich will Barmherzigkeit mit dir haben und dich peitschen, bis dir das Herz stille steht und ich den Arm nicht mehr rühren kann.« »Ha! ha! ha!« lachte Frau Squeers. »Das ist gut – das ist gut.« »Man hat mich mit Gewalt so weit gebracht«, entgegnete Smike mit schwacher Stimme, indem er abermals einen flehenden Blick um sich warf. »So, du wurdest mit Gewalt dazu getrieben?« erwiderte Squecrs. »Ah, es war also nicht deine Schuld, sondern vermutlich die meinige?« »Du unstetiger, undankbarer, schweinsköpfiger, viehischer, störrischer, kriechender Hund«, rief Madame Squeers, indem sie Smikes Kopf unter ihren Arm nahm und ihm bei jedem Beiworte einen Rippenstoß versetzte; »was willst du damit sagen?« »Tritt ein wenig auf die Seite, meine Liebe«, sagte Squeers. »Wir wollen sehen, ob wir's herauskriegen.« Frau Squeers, die durch ihre Anstrengungen bereits atemlos geworden war, willfahrte. Herr Squeers packte den Jungen fest. Ein Hieb aus Leibeskräften fiel auf den Körper des armen Jungen nieder, der sich unter dem Streiche krümmte und vor Schmerz winselte. Es wurde noch einmal ausgeholt, und abermals sollte ein Schlag fallen, als Nicolaus Nickleby plötzlich aufsprang und mit einer Stimme, daß die Decke dröhnte, ›halt!‹ schrie. »Wer rief ›halt‹?« tobte Squeers mit einem wilden Blick rückwärts. »Ich«, sagte Nicolaus, vorwärtstretend. »So darf nicht fortgefahren werden!« »Darf nicht fortgefahren werden?« kreischte Squeers. »Nein!« donnerte Nicolaus. Erstarrt ob der Verwegenheit dieser Einrede, ließ Squeers Smike fahren, trat ein paar Schritte zurück und sah Nicolaus mit in der Tat fürchterlichen Blicken an. »Ich sage, es darf nicht!« wiederholte Nicolaus, ohne sich einschüchtern zu lassen, – »und soll nicht! Ich dulde es nicht.« Squeers fuhr fort, ihn mit Augen, die fast aus ihren Höhlen sprangen, anzustieren, denn das Erstaunen hatte ihn wirklich für den Augenblick der Sprache beraubt. »Sie haben mein ruhiges Fürwort für den Jungen nicht beachtet«, sagte Nicolaus, »und auch den Brief keiner Antwort gewürdigt, in dem ich für ihn um Verzeihung bat und meine Bürgschaft anbot, daß er ruhig hierbleiben würde. Sie können mir daher dieses öffentliche Einschreiten nicht zum Vorwurf machen, da Sie es nur sich selbst, nicht mir zuzuschreiben haben.« »Geh an deinen Platz, armseliger Bettelbube«, schrie Squeers, fast außer sich vor Wut, indem er abermals nach Smike griff. »Elender«, entgegnete Nicolaus heftig; »wenn Sie ihn anrühren, so geschieht es auf Ihre eigene Gefahr. Ich werde nicht untätig zusehen. Mein Blut kocht, und ich habe die Kraft von zehn solchen Menschen, wie Sie. Nehmen Sie sich in acht, denn bei Gott, ich werde Sie nicht schonen, wenn Sie mich aufs äußerste treiben.« »Zurück!« schrie Squeers, mit seiner Waffe ausholend. »Ich habe eine lange Reihe von Beleidigungen zu rächen«, erwiderte Nicolaus zornrot, »und meine Erbitterung wird noch erhöht durch die feige Grausamkeit, die man in dieser scheußlichen Höhle an hilflosen Kindern verübt. Sehen Sie sich vor; denn wenn Sie den Teufel in mir wecken, so werden die Folgen davon schwer auf Ihr eigenes Haupt fallen.« Er hatte kaum ausgesprochen, als Squeers in einem heftigen Wutausbruch und mit einem Schrei, ähnlich dem Geheul einer wilden Bestie, den Hilfslehrer anspie und ihm mit seinem Peinigungsinstrumente einen Schlag über das Gesicht versetzte, der, wo er hinfiel, eine rote Wulst zurückließ. In diesem Augenblick drängten sich alle Gefühle von Wut und Verachtung in Nicolaus' Seele zusammen; er sprang auf, entriß die Waffe Squeers' Händen, packte den Schurken an der Kehle und zerbläute ihn, bis er um Gnade brüllte. Die Knaben – mit Ausnahme des jungen Squeers, der seinem Vater zu Hilfe kam und den Feind im Nacken angriff – rührten weder Hand noch Fuß. Aber Madame Squeers hängte sich unter fortwährendem Schreien nach Hilfe an den Rockschoß ihres Gemahls und mühte sich, ihn den Händen seines wütenden Gegners zu entreißen, während Fräulein Squeers, die in der Erwartung einer ganz anderen Szene durch das Schlüsselloch gelauscht hatte, gerade im Augenblick des beginnenden Angriffs hereinstürzte und, nachdem sie dem Unterlehrer eine Menge Tintenfässer an den Kopf geworfen hatte, nach Herzenslust von hinten auf ihn losschlug, indem sie sich zu jedem Streiche durch die Erinnerung an die Verschmähung ihrer Liebe ermutigte, und so einem Arme, der (da sie in dieser Beziehung ihrer Mutter nachartete) ohnehin nicht der schwächste war, noch mehr Kraft verlieh. Nicolaus empfand jedoch in dem vollen Strome seiner Leidenschaft die Schläge nicht stärker, als ob sie mit Federn ausgeteilt würden. Endlich aber wurde er des Lärmens und des Aufruhr müde, und da noch außerdem sein Arm erlahmte, so vereinigte er alle ihm noch zu Gebote stehenden Kräfte zu einem halben Dutzend Schlußhieben und schleuderte Squeers mit aller Gewalt von sich. Die Macht des Stoßes riß auch Madame Squeers mit sich fort und stürzte sie gegen eine im Weg liegende Bank, gegen die Herr Squeers im Fallen so kräftig anstieß, daß er der ganzen Länge nach betäubt und regungslos auf dem Boden lag. Als Nicolaus das Werk in dieser Weise glücklich zu Ende gebracht und sich zu seiner völligen Beruhigung überzeugt hatte, daß Squeers nicht tot – über welchen Punkt er im Anfang einige unbehagliche Zweifel empfand –, sondern nur betäubt war, überließ er dessen Wiederherstellung seiner Familie und entfernte sich, um zu überlegen, welcher Weg jetzt wohl der geeignetste für ihn sein dürfte. Er sah sich, als er das Zimmer verließ, ängstlich nach Smike um, aber er konnte ihn nirgends entdecken. Nach einer kurzen Überlegung packte er seine wenigen Kleider in ein kleines ledernes Felleisen, ging, da sich niemand seinem Abzuge in den Weg stellte, kühn durch die vordere Tür und bog bald nachher in den Weg ein, der nach Greta Bridge führte. Als er hinreichend abgekühlt war, um über seine dermaligen Verhältnisse ein wenig nachzudenken, erschienen sie ihm freilich nicht in einem sehr ermutigenden Lichte, denn er hatte nur vier Schillinge und einige Pence in der Tasche und war etwas mehr als zweihundertundfünfzig Meilen von London entfernt, wohin er zuvorderst seine Schritte zu lenken willens war, um sich unter anderem auch zu erkundigen, wie Herr Squeers wohl die Vorgänge dieses Tages seinem liebevollen Onkel vortragen würde. Diese Betrachtungen führten leider zu dem traurigen Schlusse, daß es bei der dermaligen unglücklichen Sachlage keine Hilfsquelle für ihn gebe; und als er da zufällig seine Augen aufrichtete, sah er auf einmal einen Mann auf sich zureiten, in dem er beim Näherkommen zu seinem großen Verdruß niemand anderen als Herrn Johann Browdie erkannte, der in lederbesetzten Beinkleidern auf seinem Tier saß und dasselbe mittelst eines starken Stockes, den er kurz zuvor von irgendeiner jungen stämmigen Esche abgeschnitten zu haben schien, vorwärtstrieb. »Es gelüstet mich nicht nach weiterem Lärmen und Zank«, dachte Nicolaus, »und doch wird mir, ich mag es machen, wie ich will, wahrscheinlich noch ein Wortwechsel mit diesem ehrlichen Dummkopf, vielleicht auch der eine oder der andere Streich von jenem Stock blühen.« Wirklich schien auch einiger Grund vorhanden zu sein, von dieser Begegnung einen solchen Ausgang zu erwarten; denn Johann Browdie hatte kaum Nicolaus des Weges herziehen sehen, als er sein Pferd auf den Fußweg trieb und so lange harrte, bis jener herankam, wobei er unablässig zwischen den Ohren seines Pferdes hindurch nach Nicolaus sah, der gemächlich einherschritt. »Gehorsamer Diener, junger Herr«, sagte Johann. »Gleichfalls«, entgegnete Nicolaus. »Nun, wir haben uns endlich getroffen«, bemerkte Johann, indem er mit seinem Eschenstock an den Steigbügel schlug, daß dieser erklirrte. »Ja«, versetzte Nicolaus stockend. »Doch –« fuhr er nach einer augenblicklichen Pause freimütig fort – »wir sind, als wir uns das letzte Mal sahen, nicht unter den freundlichsten Verhältnissen voneinander geschieden. Es war, glaube ich, meine Schuld, aber ich hatte nicht die Absicht, Sie zu beleidigen, und ließ mir's auch nicht träumen, daß Sie sich beleidigt fühlen könnten. Es hat mir nachher sehr leid getan. Wollen wir gegenseitig die Sache vergleichen und uns die Hand zur Versöhnung reichen?« »Die Hand zur Versöhnung reichen?« rief der gutmütige Yorkshirer; »nun denn, da bin ich auch dabei.« Er beugte sich sofort vom Sattel nieder und drückte Nicolaus' Hand kräftig. »Aber was hast du in deinem Gesicht, Mensch? Es sieht ja aus wie zerbläut!« »Es ist ein Schlag«, entgegnete Nicolaus hocherrötend; »aber ein Schlag, den ich dem Geber mit reichlichen Zinsen wieder zurückerstattete.« »Ach was, das haben Sie getan?« rief Johann Browdie. »Recht so. Sie gefallen mir darum.« »Ich wurde nämlich mißhandelt«, entgegnete Nicolaus, der nicht recht wußte, wie er sein Zugeständnis einleiten sollte. »O je!« fiel Johann Browdie in einem Ton des Mitleids ein, denn er war ein Riese an Kraft und Gestalt, und Nicolaus mochte in seinen Augen wohl nur wie ein Zwerg erscheinen; »sagen Sie mir das nicht.« »Es ist leider so«, erwiderte Nicolaus, »und zwar von jenem schuftigen Squeers; ich habe ihn aber gesund abgedroschen und darauf sein Haus verlassen.« »Was!« schrie Johann Browdie in einer solchen Wonne, daß sein Pferd darüber scheute; »den Schulmeister abgedroschen! Wer hat je etwas der Art gehört? Gib mir noch einmal deine Hand, Kamerad! Den Schulmeister abgedroschen! Zum heiligen Donnerwetter, ich möchte dich darum küssen.« Unter diesen Ausbrüchen des Entzückens lachte Johann Browdie wiederholt so laut, daß das Echo weit und breit nur die jovialen Töne der Heiterkeit zurückgab, wobei der Kornhändler die Hand des Hilfslehrers mit der größten Herzlichkeit drückte. Als sich seine Lachlust gelegt hatte, fragte er Nicolaus, was er jetzt zu tun gedächte, schüttelte jedoch auf die Mitteilung, daß er schnurstrack nach London wolle, bedenklich den Kopf und meinte, er werde wohl nicht wissen, wie viel die Eilwagen für eine so weite Fahrt verlangten. »Ich weiß es allerdings nicht«, versetzte Nicolaus; »es kommt aber auch nicht sonderlich in Betracht, da ich im Sinn habe, meine Reise zu Fuß zu machen.« »Eine Reise nach London zu Fuß?« rief der Kornhändler verwundert. »Jeden Schritt des Wegs«, entgegnete Nicolau«. »Ich hätte aber, statt hier zu stehen, schon eine schöne Strecke hinter mich bringen können; und somit Gott befohlen!« »Nicht doch«, erwiderte der ehrliche Landmann, sein ungeduldiges Pferd zügelnd; »halt noch ein wenig, sag' ich. Wieviel Geld hast du in deiner Tasche?« »Nicht viel«, antwortete Nicolaus errötend! »aber ich muß es eben zu strecken suchen. Kräftiger Wille kann viel ausrichten.« Johann Browdie machte nicht viel Worte, sondern steckte die Hand in seine Tasche, zog einen alten, abgenutzten, ledernen Geldbeutel hervor und bestand darauf, daß Nicolaus so viel von ihm borgen müsse, als er zu seinem gegenwärtigen Bedürfnis für nötig erachte. »Brauchst dich nicht zu schämen, Mann«, sagte er. »Nimm so viel, als du zum Heimkommen nötig hast. Ich habe keine Sorge; du wirst's mir schon einmal wieder bezahlen.« Nicolaus ließ sich jedoch durchaus nicht bewegen, mehr als eine Guinee anzunehmen, mit welchem Anlehen Herr Browdie sich nach vielem Drängen, daß er besser zugreifen solle, begnügen mußte, obgleich er seinem Freunde, nicht ohne einen Anflug von Yorkshirer Bedachtsamkeit, vorgestellt hatte, daß er das, was er nicht ausgebe, ja aufbewahren könne, bis sich eine Gelegenheit finde, es ohne Porto zurückzusenden. »Nimm auch diesen Stecken mit, daß er dir auf deinem Wege forthelfe, Kamerad«, fügte er hinzu, indem er seinen Eschenstock Nicolaus hinreichte und ihm noch einmal die Hand drückte. »Bewahre dir einen guten Mut, und Gott sei dein Geleitsmann. Den Schulmeister geprügelt! Bei Gott, das ist das Beste, was ich in zwanzig Jahren gehört habe.« Nach diesen Worten brach Johann Browdie mit mehr Zartgefühl, als man von ihm erwartet hätte, aufs neue in ein lautes Gelächter aus, um nicht auf Nicolaus' Dankergießungen achten zu müssen; dann gab er seinem Pferde die Sporen und ritt in scharfem Trab davon, indem er sich noch hin und wieder nach Nicolaus umsah und ihm freudig mit der Hand zuwinkte, als wolle er ihm zu seiner Reise Mut zusprechen, während dieser stehen blieb und seinem Wohltäter nachblickte, bis Roß und Reiter hinter dem Kamm eines fernen Hügels verschwunden waren; dann setzte er seinen Weg fort. Er kam an diesem Abend nicht mehr weit; denn es war inzwischen dunkel geworden, und da es stark geschneit hatte, so war der Weg nicht nur sehr mühsam, sondern auch in der Nacht für jemanden, der die Gegend nicht genau kannte, unsicher und schwer aufzufinden. Er blieb in einer Hütte über Nacht, wo für Wanderer der geringeren Klassen Betten zu wohlfeilem Preise zu haben waren, stand am andern Morgen zeitig auf und kam noch vor Einbruch der Nacht nach Boroughbridge. Als er durch diese Stadt ging, um irgendein wohlfeiles Nachtlager aufzufinden, traf er ein paar hundert Ellen von der Straße seitwärts eine leere Scheune, in der er sich eine warme Decke aussuchte, seine müden Glieder ausstreckte und bald in einen gesunden Schlaf verfiel. Als er des andern Morgens erwachte und seine Träume, die alle mit seinem kürzlichen Aufenthalt zu Dotheboys Hall in Verbindung standen, ins Gedächtnis zurückzurufen versuchte, setzte er sich auf, rieb die Augen und starrte – wahrscheinlich nicht in der größten Fassung – auf irgendeinen unbeweglichen Gegenstand, der einige Ellen vor ihm zu stehen schien. »Sonderbar!« rief Nicolaus. »Sollte das noch unter die Traumgebilde gehören, die mich eben verlassen haben? Es kann nicht wirklich sein – und doch – ich bin wach – Smike?« Die Gestalt bewegte sich, stand auf, trat näher und ließ sich bei seinen Außen auf die Knie nieder. Es war wirklich Smike. »Warum kniest du vor mir?« sagte Nicolaus, ihn hastig aufhebend. »Damit Sie mir erlauben, mit Ihnen zu gehen, – überall hin – bis an der Welt Ende – bis ins Grab«, versetzte Smike, seine Hand umfassend. »O gestatten Sie mir's! Sie sind meine Heimat – mein einziger Freund – nehmen Sie mich mit sich, ich bitte.« »Aber dieser Freund kann wenig für dich tun«, sagte Nicolaus sanft. »Wie kommst du hierher?« Der arme Bursche hatte, wie es schien, Nicolaus' Spur verfolgt, ihn auf dem ganzen Wege nie aus dem Gesicht verloren, und stets auf ihn acht gegeben, wenn er schlief oder eine Erfrischung einnahm, aber immer sich gescheut, vor ihm zu erscheinen, damit er nicht wieder zurückgeschickt werden möchte. Es war auch nicht seine Absicht, schon jetzt hervorzutreten, aber Nicolaus war früher erwacht, als er vermutet hatte, und so hatte er keine Zeit mehr gehabt, sich zu verbergen. »Armer Junge«, sagte Nicolaus; »dein hartes Geschick versagt dir Freunde, bis auf einen einzigen, und dieser ist beinahe so arm und hilflos wie du selbst.« »Darf ich – darf ich mit Ihnen gehen«, sagte Smike schüchtern. »Ich will keine Mühe scheuen und Ihr treuer Diener sein. Ich brauche keine Kleider«, fügte das arme Geschöpf bei, indem es seine Lumpen zusammenzog, »da ich mit diesen gut ausreiche. Es fehlt mir daher nichts, als in Ihrer Nähe zu sein.« »Und das sollst du!« rief Nicolaus. »Wir wollen unser Geschick teilen, bis einer von uns diese Welt mit einer bessern vertauscht. So komm denn!« Mit diesen Worten warf er sein Ränzel auf den Rücken, nahm seinen Stock in die eine Hand, reichte die andere dem entzückten Smike, und so verließen beide miteinander die Scheune. Vierzehntes Kapitel. Hat das Unglück, nur von gewöhnlichen Leuten zu handeln, und ist daher notwendigerweise gleichfalls von niedrigem und gewöhnlichem Charakter. In dem Teil von London, wo Golden Square liegt, gibt es eine alte verfallene Straße mit zwei unregelmäßigen Reihen hoher, schmaler Häuser, die sich gegenseitig so lange angestarrt zu haben scheinen, daß sie schon seit Jahren ganz außer Fassung sind. Selbst die Schornsteine sind düster und melancholisch geworden, da sie nichts Besseres anzusehen haben als die Schornsteine über der Straße. Sie sind brüchig, zerrissen und von Rauch geschwärzt, und hin und wieder scheint ein über die anderen hervorragender Kamin, der sich schwerfällig auf die eine Seite neigt und schon halb über das Dach herabgestürzt ist, für die Vernachlässigung eines halben Jahrhunderts durch Zerschmetterung der in tiefer liegenden Dachstübchen wohnenden Leute Rache nehmen zu wollen. Das Geflügel, das in den Gossen herumpickt und in der trübseligen Londoner Manier, die ein Hahn oder eine Henne vom Dorfe nur verblüfft mit ansehen könnte, umherhüpft, steht in vollkommenem Einklang mit den baufälligen Wohnungen seiner Eigentümer. Schmutzig, halb entfiedert und schläfrig wird es, wie viele Kinder in der Nachbarschaft, auf die Straßen hinausgeschickt, um selbst seinen Lebensunterhalt zu suchen; und so hüpfen denn die armen Tiere von Stein zu Stein, um irgend etwas Freßbares aus dem Kot herauszusuchen, was sie jedoch so ärmlich nährt, daß die Hähne nicht einmal zu krähen vermögen. Der einzige, der noch etwas hat, was einer Stimme ähnelt, ist ein alter Hahn in dem Hause eines Bäckers, und selbst der ist infolge der schlechten Kost bei seinem früheren Herrn heiser geworden. Dem Umfang der Häuser nach zu schließen, müssen sie ehedem reichere Besitzer als ihre gegenwärtigen gehabt haben. Jetzt aber werden die Stockwerke oder einzelnen Zimmer wochenweise vermietet, und jede Haustür hat fast so viele Namentäfelchen oder Klingelgriffe, wie sich Gemächer im Innern befinden. Die Fenster bieten aus demselben Grunde einen hinreichend wechselnden Anblick dar, da sie mit jeder denkbaren Art von Fensterschirmen und Vorhängen geziert sind, während jede Hausflur verbarrikadiert und gleichsam unwegsam gemacht wird durch bunte Haufen von Kindern und von Porterkrügen von jeder Größe; denn man trifft hier den Säugling auf dem Arm und das Halblotkännchen, bis zu dem erwachsenen Mädchen und dem halben Gallonenkrug. An der Tür eines dieser Häuser, das vielleicht schmutziger als irgendeines seiner Nachbarn war, auch mehr Klingelgriffe, Kinder und Porterkrüge zeigte, und den Qualm eines dicken Rauches, der Tag und Nacht aus einer großen, nebenanliegenden Brauerei aufstieg, von der ersten Hand hatte, klebte ein Zettel mit der Anzeige, daß in seinen Mauern noch ein Zimmer zu vergeben sei, obgleich es die Macht des besten Rechnungsschülers überstiegen haben würde, den Stock, in dem sich das zu vermietende Zimmer befand, auszumitteln, wenn er die äußeren Merkmale der vielen Bewohner ins Auge faßte, die die ganze Front des Hauses, von der Wäschemangel an dem Küchenfenster an bis zu den Blumentöpfen der Dachstube hinauf in Rechnung stellte. Vor der gemeinschaftlichen Treppe dieses Hause lag keine Strohmatte. Wenn aber ein Neugieriger bis zum Giebel hinaufklomm, so konnte er bemerken, daß es, je höher er hinaufkam, nicht an Merkmalen der zunehmenden Armut fehlte, obgleich die Zimmer der Bewohner verschlossen waren. So hatten die im ersten Stock, die mit Möbeln reichlich versehen waren, einen alten Mahagonitisch – von wirklichem Mahagoni – im Pesel stehen, der nur in das Zimmer durfte, wenn es die Gelegenheit erforderte. Im zweiten Stock sank das überflüssige Hausgerät auf ein paar alte tannene Stühle herab, von denen der eine zu einem Hintergemach gehörte, eines Beines und der Lehne beraubt war. Der dritte Stock konnte sich keines weiteren entbehrlichen Möbels rühmen als eines wurmstichigen Waschzubers; und die Flur des Gelasses unter dem Dache zeigte keine kostbareren Gegenstände als zwei beschädigte Wasserkrüge und einige zerbrochene Wichseschachteln. In diesem Dachgemach bückte sich ein ältlicher, schäbig gekleideter Mann mit harten Zügen und breitem Gesicht, um die Tür des nach vorn hinausgehenden Stübchens zu öffnen, in das er mit der Miene des gesetzlichen Eigentümers eintrat, nachdem er mit dem Geschäft, einen verrosteten Schlüssel in dem noch mehr verrosteten Schlosse umzudrehen, zustande gekommen war. Der Mann trug eine Perücke mit kurzen, groben, roten Haaren, die er mit seinem Hut zugleich abnahm und an einen Nagel hängte. Nachdem er diese Kopfbedeckung durch eine schmutzige baumwollene Nachtmütze ersetzt und im Dunkeln nach einem Lichtstümpfchen umhergetappt hatte, klopfte er an die Wand, die die beiden Dachstuben trennte, und fragte mit lauter Stimme, ob Herr Noggs Licht hätte. Die zurückkommenden Töne waren zwar durch die mit Mörtel beworfene hölzerne Wand gedämpft, es schien übrigens noch außerdem, als ob sie aus dem Innern eines Kruges oder eines andern Trinkgefäßes kamen. Jedenfalls war es aber Newmans Stimme und die Antwort eine bejahende. »Eine garstige Nacht, Herr Noggs«, sagte der Mann in der Nachtmütze, als er in das Gemach des anderen trat, um sein Licht anzuzünden. »Regnet es?« fragte Newman. »Ob es regnet?« versetzte der erstere verdrossen. »Ich bin bis auf die Haut durchnäßt.« »Es braucht nicht viel, uns beide bis auf die Haut zu durchnässen, Herr Crowl«, sagt Newman, indem er seine Hand auf den Ärmel seines fadenscheinigen Rocks legte. »Um so ärgerlicher«, sagte Herr Crowl in demselben verdrossenen Tone. Der Mann, dessen rauhe Züge die eingefleischteste Selbstsucht ausdrückten, brummte noch eine Weile, sich beschwerend, fort, bedeckte das spärliche Feuer so mit Brennmaterial, daß es fast erstickte, trank das Glas, das ihm Noggs hingeschoben hatte, aus und fragte, wo Newman seine Kohlen hätte. Newman Noggs zeigte nach dem untersten Fach eines Schrankes, worauf Herr Crowl die Schaufel ergriff und die Hälfte des Vorrats in den Kamin warf, den Noggs jedoch, ohne ein Wort zu sagen, gar bedächtig wieder zurückholte. »Ich hoffe nicht, daß Sie heute anfangen wollen zu sparen?« sagte Crowl. Newman zeigte auf das leere Glas, als ob dies hinreiche, eine solche Beschuldigung zurückzuweisen, und sagte kurz, daß er zum Nachtessen hinuntergehe. »Zu den Kenwigsen?« fragte Crowl. Newman nickte bejahend. »Sieh doch einer an!« fuhr Crowl fort. »Wenn ich nicht gedacht hätte. Sie gingen gewiß nicht hin, weil Sie sich so ausgesprochen haben, so hätte ich zu Kenwigs nicht gesagt, ich könne nicht kommen, wie ich mir dann auch nicht vorgenommen hätte, diesen Abend bei Ihnen zuzubringen.« »Man bestand ausdrücklich darauf, daß ich kommen solle, und so mußte ich zusagen«, entgegnete Newman. »Gut, aber was soll aus mir werden?« wendete der Ehrenmann ein, der nie an etwas anderes als an sich selbst dachte. »Sie sind völlig schuld daran. Doch ich will Ihnen was sagen – ich bleibe bei Ihrem Feuer sitzen, bis Sie wiederkommen.« Newman warf einen verzweifelten Blick auf seinen kleinen Vorrat von Brennmaterial; da er aber nicht den Mut hatte, nein zu sagen – ein Wort, das er sein ganzes Leben über weder gegen sich selbst noch gegen jemanden anders zur rechten Zeit gebrauchen konnte – so ließ er sich den Vorschlag gefallen, und Herr Crowl schickte sich sogleich an, sich von Newman Noggs' Mitteln so gütlich zu tun, wie es die Umstände gestatteten. Die Hausbewohner, die Crowl mit dem Ausdruck »die Kenwigsen« bezeichnet hatte, waren die Gattin und die hoffnungsvollen Sprößlinge eines Elfenbeindrechslers, namens Kenwigs, der in dem Hause als ein Mann von einiger Bedeutung betrachtet wurde, da er die ganze erste Etage, die aus zwei Zimmern bestand, innehatte. Außerdem spielte Madame Kenwigs ganz die Dame, da sie aus einer achtbaren Familie stammte und einen Wassersteuereinnehmer zum Onkel hatte. Die zwei ältesten ihrer Mädchen erhielten zweimal wöchentlich in der Nachbarschaft Tanzunterricht, hatten ihr Flachshaar mit blauen Bändern in üppige Zöpfe geflochten, die über ihren Rücken hinunterfielen, und trugen kleine weiße Beinkleider mit Krausen um die Knöchel – lauter Dinge, die nebst zahllosen anderen, gleich wichtigen, einen hinreichenden Grund abgaben, Madame Kenwigs zu einer sehr wünschenswerten Bekanntschaft und zum beharrlichen Thema der Klatschbasen in der Straße – und vielleicht auch noch ein wenig um die Ecke hinum – zu machen. Es war die Jahresfeier des glücklichen Tages, an dem die englische Kirche zwischen Herrn und Frau Kenwigs das Band der heiligen Ehe knüpfte, und Frau Kenwigs hatte in dankbarer Erinnerung an diese denkwürdige Periode ihres Lebens einige auserlesene Freunde auf eine Kartenpartie und ein Nachtessen in den ersten Stock eingeladen. Sie trug zum Zweck des Empfangs ein neues flammenfarbiges Kleid mit sehr jugendlichem Zuschnitt, was eine so günstige Wirkung hervorbrachte, daß Herr Kenwigs erklärte, die acht Jahre seiner Ehe und die fünf Kinder wären ihm nur wie ein Traum und Frau Kenwigs käme ihm jünger und blühender vor, als an dem Sonntag, da er sie zum erstenmal gesehen hätte. Frau Kenwigs sah in ihrem Putz wirklich so schön und stattlich aus, daß man hätte vermuten können, es stünde ihr wenigstens eine Köchin und eine Dienstmagd zu Gebot, und sie hätte nichts weiter zu tun, als diesen zu befehlen. Demungeachtet aber hatte sie mit ihren Vorbereitungen unsägliche Mühe gehabt – mehr sogar, als sie um ihrer zarten Konstitution willen durchzumachen imstande gewesen wäre, wenn sie nicht der Stolz, sich in dem Glanze ihrer Wirtlichkeit zu zeigen, aufrecht gehalten hätte. Endlich war jedoch alles, was herbeigeschafft werden sollte, beisammen, das, was stören konnte, aus dem Wege und alles in gehöriger Ordnung. Auch hatte der Wassersteuereinnehmer versprochen, an dem Festmahl teilzunehmen, und so ließ sich für das Glück des Abends nichts mehr wünschen. Die Gesellschaft war zum Bewundern gewählt. Zuerst Herr Kenwigs und Frau Kenwigs nebst vier Kenwigsschen Sprößlingen, die zum Abendessen aufbleiben durften, einmal, weil es nicht mehr als billig war, daß sie sich an einem solchen Tag auch etwas zugute täten, und zweitens, weil ihr Zubettgehen in Gegenwart der Gesellschaft unpassend, um nicht zu sagen unschicklich gewesen wäre. Sodann die junge Dame, die die Toilette der Festgeberin besorgt und, da sie – auf die schicklichste Weise von der Welt – zwei Treppen höher hintenhinaus wohnte, ihr Bett für das jüngste Kenwigslein, ein Knäblein in der Wiege, hergegeben und ein kleines Mädchen für die Bewachung desselben besorgt hatte. Drittens, als passende Gesellschaft für die junge Dame, ein unverheirateter junger Mann, den Herr Kenwigs in früheren Jahren kennengelernt hatte und der von den Damen sehr geschätzt wurde, weil er in dem Rufe eines Bruders Liederlich stand. Hierzu kam noch ein neuvermähltes Paar, das bei Herrn und Frau Kenwigs Brautvisite gemacht hatte, und eine Schwester von Madame Kenwigs, die als eine vollkommene Schönheit galt; außerdem noch ein anderer junger Mann, von dem man glaubte, daß er ehrbare Absichten auf die ebenerwähnte Dame hätte, und Herr Noggs, der deshalb eingeladen wurde, weil er ehedem ein Mann von Stand war. Dann kam eine ältliche Dame, die in einem Hinterzimmer des Erdgeschosses wohnte, und eine jüngere Dame, die nächst dem Löwen Wassersteuereinnehmer vielleicht die größte Löwin der Gesellschaft war, da sie einen Theaterspritzenmann zum Vater hatte, bisweilen als Statistin auftrat und das ausgezeichnetste mimische Talent, von dem man je gehört, besaß; denn sie konnte so schön singen und deklamieren, daß Frau Kenwigs dadurch stets bis zu Tränen gerührt wurde. Die Lust, solche Freunde um sich zu sehen, wurde nur durch einen unangenehmen Umstand verbittert, und dieser bestand darin, daß die Dame vom Hinterzimmer im Erdgeschoß, die sehr beleibt und über die Sechzig hinaus war, in einem gewöhnlichen Musselinkleide und kurzen Lederhandschuhen ihre Aufwartung machte, was Madame Kenwigs so verdroß, daß letztgenannte Dame ihrer Schwester im Vertrauen mitteilte, sie würde diese unverschämte Person gewiß auf der Stelle wieder gehen heißen, wenn nicht im gegenwärtigen Augenblick das Abendessen auf dem Kochherde des Parterrehinterstübchens stünde. »Meine Liebe«, sagte Herr Kenwigs, »wäre es nicht am besten, wenn wir ein Gesellschaftsspiel anfingen?« »Lieber Kenwigs«, versetzte seine Gattin, »wie kommst du mir vor? Wolltest du ohne meinen Onkel anfangen?« »Ah, ich habe den Steuereinnehmer vergessen«, entgegnete Kenwigs, »nein, das geht nicht an.« »Er ist so eigen«, sagte Frau Kenwig« zu der andern verheirateten Dame, »daß er uns für immer aus seinem Testament streichen würde, wenn wir ohne ihn anfangen.« »Wäre es möglich?« rief die verheiratete Dame. »Sie haben keine Idee davon, was er für Besonderheiten hat«, versetzte Frau Kenwigs, »obgleich er sonst der gutmütigste Mann von der Welt ist.« »Die liebevollste Seele, die je existierte«, bekräftigte Kenwigs. »Es schneidet ihm, glaube ich, ins Herz, den Leuten das Wasser entziehen zu müssen, wenn sie nicht bezahlen können«, bemerkte der Bruder Liederlich, der einen Witz machen wollte. »Georg, nichts der Art, wenn ich bitten darf«, sagte Herr Kenwigs feierlich. »Es war nur ein Scherz«, sagte der junge Mann kleinlaut. »Georg«, erwiderte Herr Kenwigs, »ein Scherz ist wohl etwas Hübsches – etwas recht Hübsches – wenn aber dieser Scherz die Gefühle meiner Frau verletzt, so muß ich mich dagegen verwahren. Ein Mann, der einen öffentlichen Charakter hat, muß sich freilich Spottreden gefallen lassen – die Schuld liegt aber an seiner hohen Stellung, nicht an ihm selbst. Der Verwandte meiner Frau ist ein Beamter, Georg. Er weiß das und kann auch das damit verbundene Unangenehme tragen. Aber abgesehen von meiner Frau, wenn man anders Madame Kenwigs bei einem Anlasse, wie der gegenwärtige, aus dem Spiele lassen kann – so habe ich die Ehre, mit dem Steuereinehmer durch Heirat verwandt zu sein, und ich kann daher solche Bemerkungen in meinem –« Herr Kenwigs war im Begriff »Haus« zu sagen, er rundete aber den Satz ab durch die Verbesserung – »in meinen Zimmern nicht dulden.« Bei dem Schluß dieser Zurechtweisung, die Frau Kenwigs Tränen entlockte und ihre Wirkung, die Bedeutsamkeit des Wassersteuereinnehmers der Gesellschaft recht nahe ans Herz zu legen, nicht verfehlte, ließ sich der Ton der Klingel vernehmen. »Das ist er«, flüsterte Herr Kenwigs sehr aufgeregt. »Morlina, liebes Kind, eile hinunter und lasse den Onkel herein; vergiß es aber nicht, sobald du die Tür offen hast, ihm einen Kuß zu geben. Hm! Lassen Sie uns ein Gespräch anfangen!« Herrn Kenwigs Aufforderung entsprechend begann die Gesellschaft sogleich eine sehr laute Unterhaltung, um unbefangen zu erscheinen. Sie hatten indessen kaum angefangen, als ein kleiner, alter Herr in gelben Beinkleidern und Gamaschen und mit einem Gesicht, das wie aus Holz geschnitzt aussah, von Fräulein Morlina Kenwigs unter Scherzen hereingeführt wurde. Wir müssen hier bemerken, daß Madame Kenwigs diesen höchst ungewöhnlichen Taufnamen vor ihrem ersten Wochenbett zu dem Zwecke erfunden hatte, ihn als besondere Auszeichnung ihrem ältesten Kinde, wenn sich dieses als ein Mädchen erweisen sollte, beizulegen. »Ach, lieber Onkel, wie freut es mich, Sie zu sehen«, sagte Madame Kenwigs, indem sie den Steuereinnehmer zärtlich auf beide Wangen küßte; »ich bin so froh.« »Möge der Tag oft und glücklich wiederkehren, meine Liebe«, versetzte der Steuereinnehmer, das Kompliment erwidernd. Es war in der Tat ein interessanter Augenblick. Hier war ein Einnehmer der Wassersteuer ohne sein Buch, ohne Feder und Tinte, ohne seinen schreckenerregenden Doppelschlag – ein Steuereinnehmer, der eine hübsche Frau küßte – in der Tat küßte – und Steuern, Vorladungen, Mahnzettel usw. ganz beiseite ließ. Es war eine wahre Lust, mit anzusehen, wie die Gesellschaft, ganz hingerissen von dem Anblick, den Mann von allen Seiten beäugelte und sich gegenseitig durch Nicken und Winken das innere Vergnügen zu erkennen gab, das man über dem Umstand empfand, daß bei einem Steuereinnehmer so viel Leutseligkeit zu finden wäre. »Wo wollen Sie Platz nehmen, Onkel?« sagte Frau Kenwigs in der vollen Entfaltung ihres Familienstolzes, der durch die Anwesenheit ihres so hochstehenden Verwandten veranlaßt wurde. »Wo du mich hinsetzest, meine Liebe«, antwortete der Steuereinnehmer; »ich bin hierin nicht eigen.« Nicht eigen! Welch ein bescheidener Steuereinnehmer! Wenn er ein Schriftsteller gewesen wäre, der seinen Platz kennt, er hätte nicht demütiger sprechen können. »Herr Lillyvick«, sagte Herr Kenwigs zu dem Steuereinnehmer; »es sind hier einige Freunde, die sich schon lange nach der Ehre Ihrer Bekanntschaft sehnen. Herr und Frau Cutler, Sir.« »Ich bin stolz darauf, Sie kennenzulernen, Sir«, versicherte Herr Cutler, »da ich so oft schon von Ihnen sprechen hörte.« Dies waren keine bloßen Worte der Höflichkeit; denn da Herr Cutler in Herrn Lillyvicks Stadtteil gewohnt, so hatte er in der Tat sehr oft von ihm gehört. Der Einnehmer war außerordentlich pünktlich in seinen Besuchen. »Georg, ich glaube, Sie kennen den Herrn Lillyvick bereits«, sagte Kenwig«; – »die Dame aus dem Erdgeschoß – Herr Lillyvick. Herr Snewkes – Herr Lillyvick. Fräulein Green – Herr Lillyvick. Herr Lillyvick – Fräulein Petowker vom Königlichen Drury-Lane-Theater. Ich bin sehr erfreut, zwei beamtete Persönlichkeiten miteinander bekannt machen zu können. – Liebe Frau, willst du die Spielmarken herausgeben?« Frau Kenwigs gehorchte dieser Aufforderung unter dem Beistand von Newman Noggs, von dem man nur im allgemeinen als von einem in seinen Vermögensumständen heruntergekommenen Mann von Stand flüsterte. Man hatte nämlich seinem Wunsch, keine Notiz von ihm zu nehmen, entsprochen, weil er jederzeit mit Gefälligkeiten gegen die Kinder zur Hand war. Der größere Teil der Gäste setzte sich nun zum Kartenspielen nieder, während Newman, Frau Kenwigs und Fräulein Petowker von dem Königlichen Drury- Lane-Theater mit der Zurüstung der Abendtafel zu tun hatten. Solange die Damen in dieser Weise beschäftigt waren, richtete Herr Lillyvick seine ausschließliche Aufmerksamkeit auf das Spiel, und weil alles Fisch sein mußte, was in eines Wassersteuereinnehmers Netz kommt, so war der gute, alte Herr keineswegs blöde, sich das Eigentum seiner Partner anzueignen, da er es im Gegenteil, sooft sich eine Gelegenheit dazu bot, an sich zu bringen wußte. Dabei lächelte er fortwährend gar leutselig und sprach den Verlierenden so herablassend zu, daß diese ganz entzückt über seine Liebenswürdigkeit wurden und in ihren Herzen dachten, daß er mindestens Kanzler der Schatzkammer zu sein verdiente. Nach vieler Mühe und nach Verabfolgung manchen Klapses auf die Köpfe der kleinen Kenwigschen, von denen sogar zwei der aufrührerischsten summarisch verbannt werden mußten, breitete man das Tischtuch mit vieler Eleganz aus und trug ein paar gekochte Hühner, einen Schinken, eine Apfelpastete, Kartoffeln und Gemüse auf, bei deren Anblick der würdige Herr Lillyvick viele witzige Einfälle auftischte und zum unaussprechlichen Entzücken der Gesamtheit seiner Verehrer mit einer bewunderungswürdigen Fertigkeit aufräumte. Das Abendessen ging sehr gut und sehr schnell vorüber, wie man denn überhaupt dabei auf keine ernsteren Schwierigkeiten als auf diejenigen stieß, die aus den unablässigen Fragen nach reinen Messern und Gabeln entsprangen. Das ließ die arme Frau Kenwigs mehr als einmal wünschen, daß bei Privatgesellschaften der Grundsatz der Asyle eingeführt werden möchte, wo jeder Gast Löffel, Messer und Gabel mitbringen muß. Allerdings müßte dies in vielen Fällen sehr bequem sein, und für niemanden mehr als für den Herrn und die Frau des Hauses, besonders wenn der Schulgrundsatz in seiner vollen Ausdehnung in Anwendung käme, demzufolge erwartet wird, daß niemand so unzart sei, sein Besteck wieder mit fortzunehmen. Da jeder von allem aß, so leerte sich der Tisch mit einer nicht wenig beunruhigenden Eile und einem ziemlichen Lärm. Dann kam die Reihe an die geistigen Getränke, die nebst heißem und kaltem Wasser in schönster Ordnung aufgestellt waren und denen Newman Noggs' Augen schon längst entgegengeglänzt hatten. Die Gesellschaft schickte sich nun an, der Freuden des Gelages recht zu genießen, und Herr Lillyvick erhielt einen Ehrenplatz in einem großen Lehnsessel am Herd, wahrend die vier kleinen Kenwigschen, mit ihrem Gesicht dem Feuer und ihren Flachszöpfen der Gesellschaft zugekehrt, ganz vorn auf einer niedrigen Bank aufgepflanzt wurden. Diese Anordnung war kaum vollendet, als Madame Kenwigs, im Übermaß ihrer Muttergefühle, an die linke Schulter ihres teuren Ehegemahls flog und in Tränen zerfloß. »Sie sind so schön«, sagte Frau Kenwigs schluchzend. »Ach, du lieber Himmel!« stimmten alle Damen ein; »Sie haben vollkommen recht, und es ist sehr begreiflich, daß Sie stolz darauf sind; aber geben Sie diesen Gefühlen nicht zuviel Raum.« »Ich kann – ich kann mir nicht helfen, und Tränen der Wonne bringen keinen Schaden«, schluchzte Frau Kenwigs; »aber ach, sie sind zu schön, viel zu schön, um hoffen zu dürfen, daß sie mir erhalten bleiben.« Als die vier kleinen Mädchen die beunruhigende Vorahnung, als ob sie bestimmt wären, in der Blüte ihrer Jugend einen frühen Tod zu erleiden, vernahmen, erhoben sie ein jämmerliches Gewinsel, begruben zu gleicher Zeit ihre Köpfe in dem Schoß ihrer Mutter und schluchzten in so herzerschütternden Stößen, daß ihre acht Flachszöpfe ohne Unterlaß auf und nieder baumelten. Madame Kenwigs nahm bei dieser Gelegenheit, indem sie eines nach dem andern an ihr beklommenes Mutterherz drückte, so ausdrucksvolle Stellungen des inneren Schmerzes an, daß selbst Fräulein Petowker sich daran hätte ein Muster nehmen können. Endlich ließ sich die bekümmerte Mutter wieder beruhigen, und die kleinen Kenwigschen faßten sich gleichfalls, worauf letztere unter die Gesellschaft verteilt wurden, um es unmöglich zu machen, daß Frau Kenwigs durch den Glanz ihrer vereinten Schönheit abermals überwältigt würde. Als dies geschehen war, vereinigten sich Herren und Damen in der Prophezeiung, daß sie noch viele, viele Jahre leben würden, und daß für Frau Kenwigs durchaus kein Grund vorhanden sei, sich zu betrüben, was denn in der Tat auch recht wohl sein mochte, da die Liebenswürdigkeit der Kinder keineswegs die Besorgnis der empfindsamen Mutter rechtfertigte. »Heute vor acht Jahren«, sagte Herr Kenwigs nach einer Pause. »Lieber Gott – ach!« Dieser Anhang wurde von allen Anwesenden nachgebetet, nur mit dem Unterschiede, daß sie das »Ach!« zuerst und das »Lieber Gott!« hintendrein laut werden ließen. »Ich war damals jünger«, kicherte Frau Kenwigs. »Nicht doch!« sagte der Steuereinnehmer. »Gewiß nicht«, fügte jedermann bei. »Ich kann mir meine Nichte noch vorstellen«, sagte Herr Lillyvick, indem er den Blick mit ernster Würde über seine Zuhörer hingleiten ließ, »ich kann sie mir noch vorstellen, wie sie eines Nachmittags ihrer Mutter zum ersten Male ihre Neigung für Kenwigs gestand. »Mutter«, sagte sie, »ich liebe ihn.« »Bete ihn an, sagte ich, Onkel«, fiel Frau Kenwigs ein. »Liebe ihn, hieß es, soviel ich mich erinnere, meine Teuerste«, sagte der Steuereinnehmer mit Festigkeit. »Sie mögen wohl recht haben«, versetzte Frau Kenwigs unterwürfig; »ich meine aber, mich des Ausdrucks ›anbeten‹ bedient zu haben.« »Lieben, meine Beste«, entgegnete Herr Lillyvick. »›Mutter‹, sagte sie, ›ich liebe ihn‹. \>Was höre ich?‹ ruft ihre Mutter und verfällt augenblicklich in starke Krämpfe.« Allgemeiner Ausruf des Staunens von seiten der Gesellschaft. »In starke Krämpfe«, wiederholte Herr Lillyvick, indem er sich mit stolzen Blicken umsah. »Kenwigs wird mich entschuldigen, wenn ich in der Gegenwart seiner Freunde des Umstandes erwähne, daß man gar viel gegen seine Bewerbung einzuwenden hatte, weil er dem Range nach unter der Familie stand und ihr daher Unehre machen konnte. Sie entsinnen sich dessen, Kenwigs?« »Gewiß«, versetzte dieser Herr, den diese Erinnerung keineswegs unangenehm berührte, da es dadurch außer allem Zweifel stand, welcher hohen Familie Madame Kenwigs entstammte. »Ich teilte damals diese Ansicht«, fuhr Herr Lillyvick fort, »die vielleicht natürlich war, vielleicht aber auch nicht.« Ein leises Murmeln schien anzudeuten, daß bei einem Mann von Lillyvicks Stellung ein solcher Einwurf nicht nur natürlich, sondern sogar höchst lobenswert sein mußte. »Er gewann mich jedoch bald für sich«, sagte Herr Lillyvick. »Als sie verheiratet waren und sich in der Sache nichts mehr ändern ließ, gehörte ich unter die ersten, die sagten, daß man Kenwigs beachten müsse. Die Familie tat dies infolge meiner Vorstellung, und ich fühle mich verpflichtet, zu sagen – ja, ich bin stolz darauf, es sagen zu können – daß ich ihn immer als einen sehr ehrenwerten, anständigen, rechtschaffenen, achtbaren Mann gefunden habe. Kenwigs, geben Sie mir Ihre Hand!« »Ich bin stolz darauf, es zu tun«, sagte Herr Kenwigs. »Ich gleichfalls, Kenwigs«, sagte Herr Lillyvick. »Ich habe sehr glücklich mit Ihrer Nichte gelebt«, sagte Kenwigs. »Es müßte Ihre eigene Schuld sein, wenn das nicht der Fall wäre«, entgegnete Herr Lillyvick. »Morlina«, rief die durch diese Auseinandersetzung tief gerührte Mutter, »küsse deinen lieben Großonkel.« Das Mädchen tat, wie verlangt wurde, und dann wurden auch die drei andern Kinder zu dem Gesicht des Wassersteuereinnehmers emporgehoben, um das gleiche Verfahren vorzunehmen, was dann nachher bei der Mehrzahl der Anwesenden wiederholt wurde. »Liebe Madame Kenwigs«, sagte Fräulein Petowker, »lassen Sie doch Morlina Herrn Lillyvick den Tanz mit den neuen Figuren vortanzen, während Herr Noggs den Punsch macht, mit dem wir die Wiederkehr dieses Festes unter Trinksprüchen feiern wollen.« »Nein, nein, meine Liebe«, versetzte Frau Kenwigs, »es würde meinen Onkel nur langweilen.« »Unmöglich«, entgegnete Fräulein Petowker; »es wird ihn im Gegenteil recht gut unterhalten – nicht wahr, Sir?« »Gewiß«, erwiderte der Steuereinnehmer mit einem Blick nach dem Punschkünstler. »Wohlan, so will ich einen Vorschlag machen«, sagte Frau Kenwigs. »Morlina soll uns vortanzen, wenn der Onkel Fräulein Petowker überreden kann, uns nachher ›der Bluttrinkerin Begräbnis‹ zu deklamieren.« Der Vorschlag wurde von allen Seiten mit großem Beifall, den man mit Händen und Füßen zu erkennen gab, aufgenommen, und die Dame, der er galt, neigte zum Zeichen der Anerkennung mehrere Male das Haupt. »Sie wissen«, sagte Fräulein Petowker vorwurfsvoll, »wie ungern ich in Privatgesellschaften mit Leistungen, die zu meinem Beruf gehören, auftrete.« »O, hier ist´s etwas anderes«, entgegnete Frau Kenwigs. »Wir sind hier ganz unter Freunden und so guter Dinge, daß Sie ebensowenig Anstand zu nehmen brauchen, wie in Ihrem eigenen Zimmer; zudem, der gegenwärtige Anlaß – –« »Wer könnte da widerstehen«, fiel Fräulein Petowker ein. »Unter solchen Umständen wird es mir ein Vergnügen machen, alles, was in meinen Kräften steht, zur Verherrlichung des Festes beizutragen.« Frau Kenwigs und Fräulein Petowker hatten unter sich ein kleines Programm entworfen, das die ebengenannte Reihenfolge der Abendunterhaltungen vorschrieb. Es war aber dabei ausgemacht worden, daß man sich auf beiden Seiten ein wenig bitten lassen wolle, weil es dann natürlich aussähe. Die Gesellschaft war des Schauspiels gewärtig, und Fräulein Petowker summte eine Arie, während der Morlina ihren Tanz ausführte, nachdem man ihr die Schuhsohlen zuvor so sorgfältig mit Kreide bestrichen hatte, als ob sie hätte auf dem straffen Seile gehen müssen. Der Tanz war sehr schön anzusehen, besonders da die Arme fast noch mehr dabei zu tun hatten als die Beine. So wurde er auch mit unbändigem Beifall aufgenommen. »Wenn ich so glücklich wäre, ein – ein Kind zu haben –« sagte Fräulein Petowker errötend, »das so viel Talent wie das Ihrige zeigte, so würde ich es im Augenblick bei der Oper unterbringen.« Frau Kenwigs seufzte und blickte nach Herrn Kenwigs, der den Kopf schüttelte und meinte, daß man da doch ein Bedenken haben müsse. »Kenwigs fürchtet –« sagte Frau Kenwigs. »Was?« fragte Fräulein Petowker – »doch nicht, daß es ihr mißlänge?« »Nicht doch«, versetzte Frau Kenwigs, »aber wenn sie in dieser Weise fortfährt und heranwächst – denken Sie nur an die jungen Herzöge und Grafen.« »Ganz richtig«, bemerkte der Steuereinnehmer. »Ach«, entgegnete Fräulein Petowker, »wenn sie ihren eigenen Wert fühlt, so wissen Sie wohl –« »Es liegt allerdings viel Wahres in dieser Bemerkung«, erwiderte Frau Kenwigs mit einem Blick nach ihrem Gatten. »Jedenfalls kann ich sagen –« stotterte Fräulein Petowker – »freilich ist es wohl nicht die allgemeine Regel – mir ist aber nie eine derartige Angelegenheit und Unannehmlichkeit begegnet.« Herr Kenwigs erklärte mit geziemender Galanterie, daß das jedenfalls ein entscheidender Punkt sei, weshalb er sich auch die Sache in ernstere Erwägung ziehen wolle. Nachdem dies abgemacht worden war, wurde Fräulein Petowker gebeten, das ›Begräbnis der Bluttrinkerin‹ zum besten zu geben. Die junge Dame löste zu diesem Ende ihre Haare auf und nahm ihre Stellung oben in dem Zimmer, indem sie zugleich den unverheirateten Freund in eine Ecke stellte, damit er bei dem Stichworte »der letzte Hauch entweicht« herbeieile und sie in seinen Armen auffange, wenn sie im Wahnsinn stürbe. Die Darstellung geschah mit außerordentlichem Feuer, was aber die kleinen Kenwigschen so sehr in Schrecken setzte, daß sie fast in Krämpfe fielen. Die dieser Kunstleistung folgende Begeisterung war noch in vollem Zug, und Newman, der sich seit langer Zeit bei so später Stunde nie so nüchtern befunden, hatte noch immer nicht dazu kommen können, sein Wörtchen, daß der Punsch fertig sei, anzubringen, als sich plötzlich ein hastiges Pochen an der Zimmertür vernehmen ließ, das Madame Kenwigs, die im Augenblick ahnte, daß das kleinste Kenwigschen aus dem Bett gefallen sei, einen Schrei des Entsetzens entlockte. »Wer ist da?« fragte Herr Kenwigs unmutig. »Lassen Sie sich nicht stören – nur ich bin's« sagte Crowl, der in seiner Nachtmütze zur Tür hereinsah. »Der Kleine ist vollkommen wohl, denn ich blickte beim Heruntergehen in das Zimmer hinein. Er ist fest eingeschlafen und das Mädchen desgleichen. Auch glaube ich nicht, daß das Licht die Bettvorhänge in Brand stecken wird, wenn nicht ein Windzug in das Zimmer kommt. Man wünscht Herrn Noggs zu sprechen.« »Mich?« rief Newman höchlich verwundert. »Es ist allerdings eine etwas unpassende Stunde – nicht wahr?« versetzte Crowl, der bei der Aussicht, sein Feuer zu verlieren, nicht in der besten Stimmung war; »und auch die Leute sind wunderlich genug, denn sie sind über und über durchnäßt und beschmutzt. Soll ich sie wieder gehen heißen?« »Nein«, entgegnete Newman aufstehend. »Leute? Wie viele?« »Zwei«, erwiderte Crowl. »Wünschen mich zu sprechen? Haben sie meinen Namen genannt?« fragte Newman. »Ja«, antwortete Crowl. »Herr Newman Noggs so deutlich, wie man es nur wünschen kann.« Newman überlegte ein paar Augenblicke und eilte dann mit der Versicherung hinaus, daß er sogleich wieder zurückkommen würde. Er hielt auch Wort; denn nach etlichen Sekunden stürzte er wieder ins Zimmer, nahm, ohne ein Wort der Entschuldigung oder Erklärung, eine angezündete Kerze und ein Glas heißen Punsches von dem Tische und schoß wie ein Verrückter wieder zur Tür hinaus. »Was zum Henker geht mit ihm vor?« rief Crowl, die Tür aufreißend. »Hört! Ist kein Lärm oben?« Die Gäste standen in großer Verwirrung auf, sahen sich gegenseitig bestürzt und verlegen an, streckten ihre Hälse und horchten aufmerksam. Fünfzehntes Kapitel. Macht den Leser mit der Veranlassung der im vorigen Kapitel beschriebenen Unterbrechung und einigen andern Dingen, die zu wissen nötig sind, bekannt. Newman Noggs kletterte in ungestümer Hast die Stiegen hinan, den dampfenden Punsch in der Hand, den er mit so wenig Umständen von Herrn Kenwigs Tische, und in der Tat auch dem Herrn Wassersteuereinnehmer, der über den Inhalt des Glases mit sehnsüchtigem Behagen hinschnupperte, recht eigentlich vor der Nase weggenommen hatte. Er trug seine Beute geradeswegs nach seinem Dachstübchen, wo mit wunden Füßen und beinahe schuhlos, naß, schmutzig, abgemattet und durch alle Spuren einer ermüdenden Reise entstellt, Nicolaus neben Smike, dem Urheber und Teilhaber dieser mühevollen Wanderschaft, saß. Newmans erstes Geschäft war, Nicolaus mit sanfter Gewalt zu nötigen, die Hälfte des fast kochenden Punsches auf einmal hinunterzuschlucken, und sein zweites, den Rest in Smikes Kehle zu gießen, der, da er in seinem Leben nie etwas Kräftigeres als eine abführende Arznei gekostet hatte, durch manche seltsame Gebärde seine Überraschung und Freude an den Tag legte, daß der Trank so behaglich hinunterglitt, und dann seine Augen auf eine höchst merkwürdige Weise verdrehte. »Sie sind durch und durch naß«, sagte Newman, indem er den Rock, den Nicolaus abgelegt hatte, mit der Hand befühlte, und ich – ich kann Ihnen keine andere Bedeckung anbieten«, fügte er mit einem trübseligen Blick auf die abgeschabten Kleider, die er selbst trug, bei. »Ich habe trockene Kleider in meinem Ränzel«, versetzte Nicolaus. »Wenn Sie aber eine so betrübte Miene zu meinem Besuch machen, so werden Sie den Schmerz, den ich bereits fühle, für eine Nacht bei Ihren spärlichen Mitteln Beistand und Obdach suchen zu müssen, nur noch erhöhen.« Newmans betrübte Miene gewann jedoch durch Nicolaus' Worte keineswegs einen heiteren Ausdruck. Als ihn aber sein junger Freund herzlich bei der Hand faßte und die Versicherung abgab, daß nichts als das unbedingte Vertrauen zu der Aufrichtigkeit seines Versprechens und der in diesem an den Tag gelegten wohlwollenden Gesinnungen ihn hätte veranlassen können, Herrn Newman seine Ankunft in London auch nur wissen zu lassen, so erheiterten sich die Mienen des letzteren, und er schickte sich mit dem größten Eifer an, alle Vorkehrungen für die Bequemlichkeit seiner Gäste, wie sie ihm eben zu Gebote standen, zu treffen. Diese waren freilich einfach genug; denn die Mittel des armen Newmans konnten mit seinen Wünschen bei weitem nicht gleichen Schritt halten. Aber trotz ihrer Geringfügigkeit ging es dabei doch nicht ohne viel Geräusch und Hin- und Herrennen ab. Da Nicolaus mit seinem spärlichen Geldvorrat so gut hausgehalten hatte, daß ihm sogar noch etwas übrig war, so stand der Tisch bald mit einem Nachtessen von Brot und Käse nebst einem Stücke kalten Rindfleisches aus einer benachbarten Garküche besetzt; und der Umstand, daß diesen Lebensmitteln eine Flasche Branntwein und ein Krug Bier zur Seite stand, entfernte wenigstens allen Grund zu Besorgnissen hinsichtlich des Hungers und des Durstes. Dies waren die Vorbereitungen, die Newman zu Gebot standen; denn die Zurüstung der Nachtlager war in der Tat bald erledigt. Dann bestand Herr Noggs ausdrücklich darauf, daß Nicolaus seine Kleider wechseln und Smike sich in seinen (Newmans) einzigen Rock hüllen solle. Denn er ließ sich durch keine Bitte abhalten, denselben zu diesem Zwecke auszuziehen. Nun nahmen die Wanderer ihr spärliches Mahl mit mehr Zufriedenheit ein, als wenigstens der eine von ihnen bei mancher besseren Tafel gefühlt hatte. Nachdem sie sich gelabt hatten, setzten sie sich an das Feuer, das Newman Noggs so gut anschürte, wie es sich nach Crowls Angriffen auf das Brennmaterial tun ließ; und Nicolaus, der bisher durch die außerordentlich besorgten Aufforderungen seines Freundes, daß er sich nach den Anstrengungen seiner Reise kräftigen möchte, fast nicht hatte zum Wort kommen können, bedrängte diesen nun mit ernsten Fragen nach seiner Mutter und Schwester. »Wohl«, antwortete Newman mit seiner gewohnten Kürze; »beide wohl.« »Wohnen sie noch in der City?« fragte Nicolaus. »Ja«, versetzte Newman. »Und meine Schwester –« fügte Nicolaus bei, »ist sie noch immer bei dem Geschäft, von dem sie mir schrieb, sie glaube, daß es ihr gut gefallen würde?« Newman riß seine Augen etwas weiter auf als gewöhnlich und antwortete nur durch ein Jappen, das je nach der dieses Jappen begleitenden Kopfbewegung von seinen Freunden als ja oder nein gedeutet werden konnte. In dem gegenwärtigen Falle bestand die Pantomine in einem Nicken und nicht in einem Schütteln, weshalb Nicolaus die Antwort für eine günstige nahm. »Hören Sie mir jetzt zu«, sagte Nicolaus, indem er seine Hand auf Newmans Schulter legte. »Ich hielt es, ehe ich den Versuch machen wollte, meine Angehörigen zu besuchen, für geeignet, zu Ihnen zu kommen, damit ich ihnen durch eine Nachsicht gegen meine eigenen selbstsüchtigen Wünsche keinen Schaden zufüge, der sich vielleicht nicht wieder ausgleichen ließe. Was hat mein Onkel von Yorkshire gehört?« Newman öffnete und schloß seinen Mund mehrere Male, als versuche er, mit aller Anstrengung zu sprechen, ohne jedoch etwas hervorbringen zu können, und heftete endlich seine Augen in gespensterhaftem Starren auf Nicolaus. »Was hat er gehört?« drängte Nicolaus erglühend. »Sie sehen, daß ich vorbereitet bin, das Schlimmste zu hören, was die Bosheit aushecken konnte. Wozu eine Schonung gegen mich, da ich es früher oder später doch erfahren muß? Und was können Sie mit der Zögerung einiger Minuten gewinnen, da Sie mich in der Hälfte dieser Zeit von allen Vorgängen in Kenntnis setzen können? Ich bitte, endigen Sie meine Ungewißheit.« »Morgen früh«, sagte Newman; »morgen früh sollen Sie alles erfahren.« »Aber warum erst morgen – warum nicht gleich jetzt?« drängte Nicolaus. »Sie werden besser schlafen«, versetzte Newman. »Nein, ich werde um so schlechter schlafen«, entgegnete Nicolaus ungeduldig. »Schlafen! So erschöpft wie ich bin und so sehr ich einer gründlichen Ruhe bedarf, so kann ich doch nicht hoffen, die ganze Nacht über auch nur ein Auge zu schließen, wenn Sie mir nicht alles sagen.« »Und wenn ich Ihnen alles sage?« erwiderte Newman stockend. »Je nun«, sagte Nicolaus, »ich komme dann vielleicht etwas in Wallung oder mein Stolz wird verletzt – in keinem Falle aber wird meine Ruhe für länger getrübt; denn stünde mir eine solche Szene abermals bevor, so würde ich doch um kein Haar anders handeln, was auch für Folgen daraus entspringen möchten. Auch werde ich nie bereuen, was ich tat – nie; und wenn ich deshalb auch betteln oder Hungers sterben müßte. Was ist Armut und Leiden gegen die Schmach der niederträchtigsten und unmenschlichsten Feigheit! Ich sage Ihnen, wenn ich gelassen und untätig hätte dabeistehen können, so hätte ich mich selbst hassen müssen und die Verachtung eines jeden ehrlichen Mannes verdient. Der niederträchtige Schurke!« Mit dieser zarten Anspielung auf den abwesenden Herrn Squeers drückte Nicolaus seinen steigenden Zorn nieder, und nachdem er Newman die Vorgänge in Dotheboys Hall umständlich mitgeteilt hatte, bat er diesen zu sprechen, ohne sich weiter nötigen zu lassen. So beschworen, nahm Herr Noggs aus einer alten Truhe ein Blatt Papier, das in großer Eile überkritzelt zu sein schien, und machte sich dann nach einigen ungewöhnlichen Andeutungen seines Widerstrebens in folgenden Worten Luft: »Mein lieber junger Herr, man darf sich nicht so gehen lassen; bekanntlich tun derartige Sachen nie gut, und man kommt nicht fort in der Welt, wenn man sich eines jeden Mißhandelten annehmen will – aber – nein, zum Henker, ich freue mich, das von Ihnen zu hören, und ich würde selbst nicht anders gehandelt haben.« Newman begleitete diesen höchst ungewöhnlichen Ausbruch mit einem gewaltigen Schlag auf den Tisch, als ob er in der Hitze des Augenblicks diesen für den Rücken oder für die Rippen des Herrn Wackford Squeers gehalten hätte; und da er sich durch diese offene Entfaltung seiner eigenen Gefühle jede Einwirkung durch weltkluge Belehrungen, die er anfangs anzubringen gedachte, abgeschnitten hatte, so zögerte er nicht weiter. »Vorgestern«, sagte Newman, »erhielt Ihr Onkel diesen Brief. Ich habe in der Geschwindigkeit, als er nicht zu Hause war, eine Abschrift davon genommen. Soll ich ihn vorlesen?« »Wenn's Ihnen gefällig ist«, versetzte Nicolaus«. Newman Noggs las demgemäß folgendes: »Dotheboys Hall, Donnerstag morgens. Sir! Mein Bapa trägt mir auf, Ihnen zu schreiben. Die Ärzte halten es für zweifelhaft, ob er je wieder zum Gebrauch seiner Beine kommen wird, was ihn verhendert, die Feeder zu halden. Wir send in einem Selenzustande, der außer aller Beschreibung ist und mein Bapa ist im gansen Leibe nur eine Beile, bald blau bald grön; auch sind zwei Benke mit seinem Blute beflegt. Wir sahen uns genetigt, ihn in die Kiche hinunter zu bringen, woer jetzt ligt. Sie werden hieraus selber urteilen, daß er sehr heruntergekommen ist. Nachdem Ihr Newö, den Sie als einen Leerer recommandirten, meinem Bapa dieß angedan und mit baren Füsen auf seinem Leib herumgesprungen hate und auch schempfte mit was ich die Beschreibung meiner Feder nicht beschmutzen mag, so grif er Mama auf eine firchderliche Weise an, schleuderte sie zu Boden und schlug ihr den Kam einige Zol tief in den Kopf, ein klein wenig weider und es were in den Schedel gegangen. Wir haben ein medizinisches Zerdifikat, das, wenn dieß geschehen wäre, der Schildkrot das Hirn verletzt haben würde. Dann wurde ich und mein Bruder die Opfer seiner Wut und wir haben seitdem ser viele schmerzen ausgestanden, was uns zu der peinlichen Vermutung leitet, daß wir irgendwo innerlich Schaden genommen haben, besonders da euserlich keine Spuren der Gewaldsamkeit sichtbar sind. Ich muß die ganse Zeit über, das ich schreibe, immer laud aufschreien, und so auch mein Bruder, was meine Aufmergsamkeit zerstreut und ich hoffe, meine schlechte Schrift entschultigen wirt. Als das Ungeheuer seinen Blutdurst gesettigt hatte, ging er durch und nam einen Menschen von gans geferlichen Karakter, den er zu einem Röböller verleidet hatte, wie auch einen der Mama gehörenten Granatring mit und da ihn die Konstabel nicht einfangen konnten, so glauben wir daß er auf einem Eilwagen fortgefahren ist. Bapa bittet, man möchte den Ring, wen er zu inen kommt, wieder zurügschicken und daß sie den Dieb und Maichelmörder laufen lassen, da er, wenn man ihn vor Gericht stellte, nur debortiert würde und er, wenn man ihn laufen läßt, über kurz oder lang, gehengt wird, was uns die Mihe erspart und zu viel greserer Freude gereichen muß. In der Hofnung, etwas zu heren, wen es ihnen anstet, verbleibe ich ihre etzetera Fanny Squers. P.S. ich bemitleite seine Unwissentheit und verachde ihn.« Während des dem Vortrage dieser auserlesenen Epistel folgenden Schweigens blickte Newman Noggs, als er seine Abschrift wieder zusammengefaltet hatte, mit einer Art komischen Mitleids auf den Menschen von gefährlichem Charakter, von dem der Brief sprach, während dieser, ohne einen deutlicheren Begriff von der Sache zu haben, als daß er der unglückliche Anlaß der Menge von Verdrießlichkeiten und Lügen wäre, die Nicolaus umgarnten, stumm und niedergeschlagen mit dem Ausdrucke des peinlichsten Kummers dasaß. »Herr Noggs«, sagte Nicolaus nach einem kurzen Besinnnen, »ich muß geschwind fort.« »Fort?« rief Newman. »Ja«, versetzte Nicolaus, »nach Golden Square. Niemand, wer mich kennt, wird diese Geschichte von dem Ringe glauben. Aber es kann dem Zweck des Herrn Ralph Nickleby entsprechen oder vielleicht seinem Hasse dienen, wenn er tut, als schenke er ihr Glauben. Ich bin es – nicht ihm – sondern mir selbst schuldig, daß die Wahrheit ans Licht kommt, und außerdem habe ich noch ein paar Worte mit ihm zu sprechen, die nicht verschoben werden dürfen.« »Sie müssen verschoben werden«, entgegnete Newman. »In keinem Falle«, erwiderte Nicolaus mit Festigkeit und schickte sich an, das Haus zu verlassen. »So hören Sie mich doch«, sagte Newman, indem er seinem ungestümen jungen Freunde den Weg vertrat. »Er ist nicht zu Hause. Er ist über Land und wird vor drei Tagen nicht zurückkommen. Auch weiß ich gewiß, daß das Schreiben erst beantwortet wird, wenn er wieder hier ist.« »Sind Sie dessen auch ganz gewiß?« fragte Nicolaus, indem er glühend vor Entrüstung mit raschen Schritten in dem engen Gemach auf und ab ging. »Ganz gewiß«, antwortete Newman. »Er hatte den Wisch kaum gelesen, als er abgerufen wurde. Sein Inhalt ist niemandem als ihm und uns bekannt.« »Kann ich mich darauf verlassen?« fragte Nicolaus hastig; »nicht einmal meiner Mutter oder Schwester? Wenn ich denken könnte, daß sie – ich will hingehen – ich muß sie sehen. Welchen Weg habe ich einzuschlagen? Wo wohnen sie?« »Aber so nehmen Sie doch Rat an«, sagte Newman, der in diesem ernsten Augenblick wie ein anderer Mensch sprach: »unterlassen Sie Ihren Besuch, bis er nach Hause kommt. Ich kenne den Mann. Es darf nicht den Anschein haben, als ob Sie jemanden für sich zu gewinnen gesucht hätten. Wenn er wieder hier ist, so treten Sie vor ihn hin und sprechen Sie so kühn, wie es Ihnen beliebt. Verlassen Sie sich darauf, er durchschaut die Wahrheit so gut wie Sie oder ich.« »Sie meinen es gut mit mir und müssen ihn natürlich besser kennen als ich«, versetzte Nicolaus nach einer Pause des Nachsinnens. »Nun, meinetwegen!« Newman, der sich während dieser Verhandlung mit dem Rücken gegen die Tür gepflanzt hatte, um nötigenfalls seinen Gast mit Gewalt abzuhalten, das Zimmer zu verlassen, nahm nun sehr zufrieden seinen Platz wieder ein; und da das Wasser im Kessel inzwischen zum Kochen gekommen war, mischte er ein Glas Grog für Nicolaus und einen Krug voll für sich selbst und Smike, von dem diese beiden in großer Eintracht Gebrauch machten, während Nicolaus, den Kopf auf die Hand gestützt, in trübem Sinnen versunken blieb. Die Gesellschaft in der ersten Etage hatte sich, als man nach einem aufmerksamen Horchen kein Geräusch vernahm, was eine Einmischung im Interesse der Befriedigung ihrer Neugierde hätte rechtfertigen können, wieder in das Zimmer der Kenwigse zurückgezogen und beschäftigte sich nun mit einer Menge von Vermutungen hinsichtlich der Ursache von Herrn Noggs' plötzlichem Verschwinden und Ausbleiben. »Lieber Himmel, wenn etwa gar ein Eilbote mit der Kunde angekommen wäre, daß er wieder Herr seines früheren Vermögens sei?« meinte Frau Kenwigs. »Bei Gott, es wäre nicht unmöglich«, sagte Herr Kenwigs. »Wir würden für diesen Fall vielleicht gut tun, wenn wir hinaufschickten und fragen ließen, ob ihm nicht noch etwas Punsch beliebe.« »Kenwigs«, sagte Herr Lillyvick mit lauter Stimme, »Sie setzen mich in Erstaunen.« »Wieso, Sir?« fragte Herr Kenwigs mit der gebührenden Ergebenheit gegen den Einnehmer der Wassersteuer. »Weil Sie eine solche Bemerkung machen«, versetzte Herr Lillyvick unmutig, »Er hat bereits Punsch gehabt – oder etwa nicht, Sir? Ich betrachte die Art, wie er den Punsch – um mich eines geeigneten Ausdrucks zu bedienen – geraubt hat, als höchst unehrerbietig gegen diese Gesellschaft und als skandalös, – ja als vollkommen skandalös. Es mag vielleicht Sitte in diesem Hause sein, sich derartige Dinge gefallen zu lassen, aber ich bin nicht gewöhnt, daß man sich in meiner Gegenwart so benimmt, und ich nehme daher keinen Anstand, es Ihnen zu sagen, Kenwigs. Ein Mann von Erziehung hat ein Glas Punsch vor sich, das er eben an die Lippen setzen will; da kommt ein anderer daher, nimmt das Glas Punsch ohne ein ›Mit Erlaubnis‹ oder ein ›Verzeihen Sie‹ weg und geht mit dem Glas Punsch davon. Das mögen allerdings schöne Manieren sein, und ich will es auch nicht im mindesten bezweifeln; aber ich für meine Person verstehe sie nicht, und was noch mehr ist, ich will sie auch nicht verstehen lernen. Es ist meine Art und Weise zu sprechen, wie mir's ums Herz ist, Kenwigs, und wenn Ihnen meine Meinung nicht behagt, so ist meine gewohnte Schlafengehenszeit schon vorüber, und ich kann mich nach Hause finden, ohne daß ich's noch später werden lasse.« Jetzt war Not im Hause. Der Steuereinnehmer, der im Gefühl seiner beleidigten Würde einige Minuten in stummem Zürnen dagesessen hatte, war nun losgebrochen. Der große Mann – der reiche Verwandte – der unverheiratete Onkel, der es in seiner Macht hatte, Morlina zu einer reichen Erbin zu machen und sogar das Wiegenkenwigslein mit einem schönen Legate zu bedenken – dieser Mann war beleidigt. Ihr himmlischen Mächte, wie konnte dies enden! »Es tut mir sehr leid, Sir«, sagte Herr Kenwigs demütig. »Reden Sie mir nicht von Ihrem Leidwesen«, versetzte Herr Lillyvick unmutig; »Sie hätten es verhindern sollen.« Die Gesellschaft war durch diesen häuslichen Blitzstrahl förmlich gelähmt. Die Dame aus dem Parterrehinterstübchen saß mit weit offnem Munde da und schaute mit stummem Entsetzen den Steuereinnehmer an, während die übrigen Gäste durch den Zorn des großen Mannes kaum weniger verblüfft waren. Herr Kenwigs, der in derartigen Angelegenheiten keinen besonders feinen Takt besaß, fachte die Flamme noch mehr an, indem er sie auszulöschen suchte. »Gewiß, Sir, ich habe nicht daran gedacht«, sagte Herr Kenwigs. »Ich konnte mir überhaupt auch gar nicht denken, daß eine solche Kleinigkeit, wie ein Glas Punsch, Sie mißlaunig machen könnte.« »Mißlaunig? Was zum Teufel bezwecken Sie mit dieser neuen Unfreundlichkeit, Herr Kenwigs?« entgegnete der Steuereinnehmer. »Morlina, Kind, – gib mir meinen Hut!« »Ach, Sie werden uns Loch nicht schon verlassen, Herr Lillyvick?« vermittelte Fräulein Petowker mit ihrem bezauberndsten Lächeln. Aber Herr Lillyvick rief, ohne sich durch die Sirene beschwatzen zu lassen, fortwährend »Morlina, meinen Hut«, bis endlich bei der vierten Wiederholung dieser Aufforderung Frau Kenwigs mit einem Schrei, der sogar ein Wasserfaß, geschweige denn einen Wassersteuereinnchmer hätte erweichen können, in ihren Stuhl zurücksank, während die vier kleinen Mädchen, die im geheimen darauf abgerichtet worden waren, die Beinkleider ihres Großonkels mit ihren Armen umschlangen und ihn in ihrem gebrochenen Plappern zu bleiben baten. »Warum soll ich hier bleiben, meine Lieben?« fragte Herr Lillyvick. »Man braucht mich hier nicht.« »Ach, sprechen Sie nicht so grausam, Onkel«, schluchzte Frau Kenwigs, »wenn Sie mich nicht töten wollen.« »Es sollte mich nicht wundernehmen, wenn mir gewisse Leute etwas der Art nachsagten«, versetzte Herr Lillyvick mit einem aufgebrachten Blicke nach Kenwigs. »Man höre doch, – mißlaunig!« »Ach, ich kann es nicht ertragen, daß Sie solche Blicke nach meinem Manne schleudern«, rief Frau Kenwig«. »Es ist etwas Schreckliches, wenn derartige Auftritte in Familien vorkommen. Ach!« »Herr Lillyvick«, sagte Kenwigs, »ich hoffe, um Ihrer Nichte willen, daß Sie nicht unversöhnlich sein werden.« Die Züge des Steuereinnehmers wurden milder, als die ganze Gesellschaft ihre Bitten mit denen des Mannes seiner Nichte vereinigte. Er legte den Hut ab und streckte die Hand aus. »Da, Kenwigs«, sagte Herr Lillyvick, »und damit Sie sehen, wie mißlaunig ich war, will ich Ihnen nur sagen, daß ich, wenn ich auch ohne ein weiteres Wort weggegangen wäre, hinsichtlich meiner Verfügung über die paar Pfunde, die ich nach meinem Tode Ihren Kindern hinterlassen werde, keine Änderung hätte eintreten lassen.« »Morlina!« rief Madame Kenwigs in der höchsten Rührung, »falle vor dem lieben Onkel auf die Knie nieder und bitte ihn, daß er dich sein ganzes Leben über liebhaben möge; denn er ist mehr ein Engel als ein Mensch, wie ich immer gesagt habe.« Morlina trat näher, um den ihr anbefohlenen Huldigungsakt zu vollziehen, wurde aber ohne Umstände von Herrn Lillyvick auf den Arm genommen und geküßt, worauf Frau Kenwigs herbeistürzte und den Steuereinnehmer küßte, während ein ununterdrückbares Beifallsgemurmel seitens der übrigen Gesellschaft, die Zeuge dieser Großmutsszene war, laut wurde. Der Ehrenmann wurde abermals das Leben und die Seele der Gesellschaft und nahm seine alte Stelle als Löwe wieder ein, von der er durch die vorübergehende allgemeine Gedankenverwirrung für einen Augenblick heruntergesunken war. Vierfüßige Löwen sind, wie es heißt, nur wild, wenn sie hungrig sind, was auch bei den zweibeinigen zutrifft, da sie selten länger schmollen, wenn einmal ihr Appetit nach Auszeichnung beschwichtigt ist. Herr Lillyvick stand höher als je; denn er hatte seine Macht gezeigt, einen Wink hinsichtlich seines Vermögens und seiner testamentarischen Verfügungen fallen lassen, große Achtung wegen seiner Uneigennützigkeit und Tugend gewonnen und nebst all diesem zuletzt noch ein weit größeres Glas Punsch erhalten, als das gewesen war, mit dem Newman Noggs auf eine so unverantwortliche Weise davongegangen war. »Ich muß noch einmal um Verzeihung für meine Zudringlichkeit bitten«, sagte Crowl, als er nach dieser glücklichen Wendung abermals durch die Tür hereinsah »aber das ist eine seltsame Geschichte – nicht wahr? Noggs wohnt nun schon fünf Jahre in diesem Hause, und die ältesten Mietsleute können sich nicht erinnern, je Besuch bei ihm gesehen zu haben.« »Gewiß ist es etwas höchst Seltsames, wenn man so in der Nacht abgerufen wird«, entgegnete der Wassersteuereinnehmer; »und das Benehmen des Herrn Noggs ist, im mildesten Lichte betrachtet, wenigstens sehr geheimnisvoll.« »Sie haben recht«, versetzte Crowl, »und ich will Ihnen noch mehr sagen, ich glaube, diese zwei Kraftgenies, wer sie auch sein mögen, sind irgendwo entlaufen.« »Was bringt Sie auf diesen Gedanken?« fragte der Steuereinnehmer, der durch eine stillschweigende Übereinkunft zum Wortführer der Gesellschaft erwählt zu sein schien. »Ich hoffe, Sie haben keinen Grund für die Annahme, daß sie irgendwo entlaufen sind, ohne ihre Steuern und Taxen zu bezahlen?« Herr Crowl rümpfte die Nase und war eben im Begriff, gegen die Bezahlung von Steuern und Taxen im allgemeinen und unter allen Umständen zu protestieren, als er noch zeitig genug von seiten Herrn Kenwigs durch ein Flüstern und von seiten der Madame Kenwigs durch verschiedene Winke und Gesichtsverzerrungen vor einem so gewagten Schritte gewarnt wurde. »Je nun«, sagte Crowl, der an Newmans Tür mit der größten Aufmerksamkeit gehorcht hatte; »sie sprachen so laut miteinander, daß sie mich fast aus meinem Zimmer vertrieben, und so mußte ich wohl hier und da ein Wort auffangen; aber alles, was ich daraus entnehmen kann, scheint darauf hinzudeuten, daß sie an dem einen oder dem andern Orte entlaufen sind. Ich möchte Frau Kenwigs nicht beunruhigen und hoffe daher, daß sie nicht aus irgendeinem Gefängnisse oder Hospitale kommen und vielleicht ein Fieber oder eine andere derartige Unannehmlichkeit mit sich bringen, wodurch die Kinder angesteckt werden könnten.« Frau Kenwigs wurde durch diese Vermutung so überwältigt, daß es der ganzen zärtlichen Aufmerksamkeit der Fräulein Petowker vom Königl. Drury-Lane-Theater bedurfte, um sie nur einigermaßen wieder zu beruhigen; der Emsigkeit des Herrn Kenwigs gar nicht zu gedenken, der ein ziemlich umfangreiches Riechfläschchen so lange an die Nase seiner Gattin hielt, bis es zweifelhaft wurde, ob die Tränen, die ihr über die Wangen rollten, Wirkungen ihrer Gefühle oder das Resultat des Salmiakgeistes waren. Die Damen, die anfangs ihr Mitgefühl einzeln ausgesprochen hatten, brachen nunmehr in einen kleinen Chor von beschwichtigenden Phrasen aus, unter denen die Redensarten: »die gute arme Frau!« – »an ihrer Stelle würde ich das nämliche fühlen« – »gewiß, eine schwere Prüfung« – und »niemand als eine Mutter weiß, was ein Mutterherz fühlt«, –die hervorstechendsten waren und am häufigsten wiederholt wurden. Kurz, die Gesellschaft sprach ihre Ansicht so unverhohlen aus, daß Herr Kenwigs im Begriffe war, sich nach Herrn Noggs' Zimmer zu begeben und eine Erklärung zu fordern. Er hatte auch in der Tat zu besserer Kräftigung und Befestigung seines Vorsatzes bereits ein muteinflößendes Glas Punsch zu sich genommen, als die Aufmerksamkeit aller Anwesenden durch eine neue schreckliche Überraschung in Anspruch genommen wurde. Diese bestand in nichts Geringerem als in einem schrillen und durchbohrenden Geschrei, das von einem obern Stocke und allem Anschein nach von dem Dachhinterstübchen herkam, wo der junge Herr Kenwigs in seiner Wiege lag. Der Lärm hatte kaum angefangen, als Frau Kenwigs sogleich auf die Ahnung verfiel, eine fremde Katze habe sich hineingeschlichen und dem Kleinen, während das Dienstmädchen schlief, das Blut ausgesogen, weshalb sie auch nach der Tür stürzte, die Hände rang und zur großen Bestürzung und Verwirrung der Gesellschaft in die entsetzlichsten Angstrufe ausbrach. »Kenwigs, sehen Sie nach, was es ist – eilen Sie!« rief die Schwester der Festgeberin, indem sie Madame Kenwigs mit Gewalt zurückhielt. »Ach, meine Liebe, zapple doch nicht so schrecklich, sonst kann ich dich nicht mehr halten.« »Mein Kind! mein liebes – liebes – liebes – liebes Kind«, kreischte Frau Kenwigs, indem sie jedes folgende »liebes« lauter als das vorhergehende betonte. »Mein Ein und mein Alles, mein liebes, unschuldiges Lillyvickchen! O laßt mich zu ihm, laßt mich ge-he-he-hen!« Unter diesem tollen Gekreisch und dem Weinen und Wehklagen der vier kleinen Mädchen eilte Herr Kenwigs die Stiegen hinauf nach dem Zimmer, von wo aus die Töne, die den Anlaß zu dieser Verwirrung gegeben hatten, herkamen. An der Tür begegnete er aber Nicolaus, der, das Kind auf seinen Armen, mit einem solchen Ungestüm herausstürztc, daß der ängstliche Vater sechs Stufen hinuntergeworfen wurde und gegen das nächste Geländer flog, ehe er noch Zeit gehabt hatte, den Mund zu der Frage, was es gäbe, zu öffnen. »Seien Sie unbesorgt«, rief Nicolaus hinuntereilend! »hier ist es! Es ist alles vorbei – es ist alles vorüber! Ich bitte, fassen Sie sich; es ist kein Unglück geschehen.« Mit diesen und tausend anderen Versicherungen überlieferte er das Kind, das er in der Eile mit nach unten gekehrtem Kopf fortgeschleppt hatte, der Frau Kenwigs und stürmte wieder hinaus, um Herrn Kenwigs beizustehen, der sich von seinem Fall noch nicht ganz erholt hatte und mit verwirrten Blicken sich den Kopf zerrieb. Durch diese frohe Botschaft beruhigt, erholten sich die Anwesenden nach und nach wieder von ihrer Furcht, die sich bei einigen Gliedern der Gesellschaft zu einem gänzlichen Mangel der Geistesgegenwart gesteigert hatte. So hielt z. B. der unverheiratete Freund statt der Madame Kenwigs lange Zeit Madame Kenwigs' Schwester in seinen Armen; und den würdigen Herr Lillyvick sah man in der Verwirrung seiner Lebensgeister hinter der Zimmertür mehrere Male Fräulein Petowker so ruhig küssen, als ob ganz und gar nichts Ungewöhnliches vorginge. »Die Sache ist durchaus von keiner Bedeutung«, sagte Nicolaus, als er zu Frau Kenwigs zurückkehrte. »Das kleine Mädchen, das das Kind hütete, ist – vermutlich aus Ermüdung – eingeschlafen und hat sich das Haar angezündet.« »O du boshafte kleine Kreatur!« schrie Frau Kenwigs, indem sie ausdrucksvoll ihren Zeigefinger gegen die arme Unglückliche schüttelte, die etwa dreizehn Jahre alt sein mochte und mit versengten Haaren und an allen Gliedern zitternd dastand. »Ich habe sie schreien hören«, fuhr Nicolaus fort, »und kam noch zeitig genug dazu, um zu verhindern, daß das Feuer nicht weiter um sich griff. Sie können sich darauf verlassen, daß das Kind unversehrt ist, denn ich nahm es selbst aus dem Bett und brachte es her, um Sie zu überzeugen.« Nach dieser kurzen Auseinandersetzung wurde der Kleine, der, da er nach dem Steuereinnehmer getauft war, sich der Namen Lillyvick Kenwigs erfreute, von den Liebkosungen der Anwesenden fast erstickt und von der Mutter so lange an die Brust gedrückt, bis er abermals zu schreien begann. Die Aufmerksamkeit der Gesellschaft wurde nun vermöge eines ganz natürlichen Übergangs auf das kleine Mädchen gerichtet, das die Kühnheit gehabt hatte, sich das Haar zu verbrennen, und das nach verschiedenen kleinen Püffen von den aufgeregteren Damen in Gnaden nach Hause geschickt wurde; die neun Pence, die ihr als Lohn verheißen waren, fielen begreiflicherweise der Familie Kenwigs anheim. »Aber wir wissen ja gar nicht, was wir zu Ihnen sagen sollen, Sir«, rief Frau Kenwigs, die sich endlich an den Überbringer des jungen Lillyvick wandte. »Sie brauchen gar nichts zu mir zu sagen«, versetzte Nicolaus, »denn gewiß, ich habe nichts getan, wodurch ich einen besonderen Aufwand Ihrer Beredsamkeit verdient hätte.« »Der Kleine hätte verbrennen können, wenn Sie nicht gewesen wären«, bemerkte Fräulein Petowker geziert. »Ich halte dies nicht für sehr wahrscheinlich«, entgegnete Nicolaus, »denn es hätte von hier unten aus nicht an Beistand fehlen können, der das Kind erreicht haben würde, ehe es wirklich in Gefahr gekommen wäre.« »Sie erlauben uns aber doch, auf Ihre Gesundheit zu trinken, Sir«, fragte Herr Kenwigs, sich dem Tische nähernd. »In meiner Abwesenheit allerdings«, versetzte Nicolaus lächelnd. »Ich habe eine sehr ermüdende Reise gemacht und würde schlecht in eine Gesellschaft passen, da ich selbst im Falle, daß ich wach bliebe, was ich übrigens für sehr zweifelhaft halte, eher Ihre Heiterkeit stören als fördern würde. Sie werden mir daher erlauben, zu meinem Freunde, Herrn Noggs, zurückzukehren, der sich, als er sah, daß nichts Ernstliches vorgefallen, wieder nach seinem Zimmer verfügte. Gute Nacht!« So der Teilnahme an den Festlichkeiten ausweichend, verabschiedete sich Nicolaus von Frau Kenwigs und den übrigen Damen in einer sehr gewinnenden Weise und entfernte sich, einen nicht unbedeutenden Eindruck bei der Gesellschaft zurücklassend. »Welch ein herrlicher junger Mann!« rief Frau Kenwigs. »Er hat ganz das Äußere eines Mannes von Stande«, sagte Herr Kenwigs. »Meinen Sie nicht auch so, Herr Lillyvick?« »Ja«, meinte der Steuereinnehmer mit einem bedenklichen Achselzucken; »das Äußere – das Äußere.« »Ich hoffe. Sie finden nichts an ihm auszusetzen, Onkel?« fragte Frau Kenwigs. »Nicht doch, meine Liebe«, entgegnete der Steuereinnehmer, »nicht doch. Ich hoffe, er wird seinem Äußeren Ehre machen. – Nun – hat nichts zu sagen. Dir, Nichte, meine Liebe, und langes Leben dem Kinde!« »Das Ihren Namen trägt«, fügte Flau Kenwigs mit einem süßen Lächeln bei. »Und, wie ich hoffe, ihn mit Ehren tragen wird«, bemerkte Herr Kenwigs in der Absicht, den Steuereinnehmer wieder ganz zu versöhnen. »Ich bin überzeugt, der Kleine wird seinem Paten nie eine Schande machen und in späteren Jahren als ein Stück der Lillyvicks betrachtet werden, deren Namen er trägt. Ich darf wohl sagen – und meine Frau ist der gleichen Meinung, da sie es ebenso lebhaft wie ich empfindet –, daß ich es für eine der größten Segnungen und Ehren meines Lebens ansehe, ihn mit dem Namen Lillyvick nennen zu können.« »Für die größte Segnung, Kenwigs«, flüsterte Madame. »Ja, für die größte Segnung«, verbesserte sich Herr Kenwigs – »eine Segnung, die ich, wie ich hoffe, dermaleinst zu verdienen imstande sein werde.« Das war ein Meisterstreich der Kenwigsschen Politik, da er Herrn Lillyvick zur Hauptquelle der Bedeutsamkeit des Kleinen machte. Der gute Herr fühlte die Zartheit und Feinheit dieser Anspielungen und brachte auf einmal die Gesundheit des unbekannten Herrn in Vorschlag, der in dieser Nacht so viele Raschheit und Besonnenheit gezeigt hatte. »Der, wie ich mich zu sagen nicht geniere –« fuhr Herr Lillyvick, der damit gewiß nicht wenig einräumte, fort – »ein recht anständig aussehender junger Mann ist und sich so gut zu benehmen weiß, daß ich hoffe, sein Charakter werde damit im Einklang stehen.« »In der Tat, ein recht hübsches Gesicht und ganz seine Manieren«, sagte Frau Kenwigs. »Niemand kann ihm das streitig machen«, fügte Fräulein Petowker bei: »er hat etwas in seinem Äußeren, etwas ganz – ach du mein Himmel, wie heißt nur das Wort?« »Was für ein Wort?« fragte Herr Lillyvick. »Ach Gott, wie ich doch so dumm bin«, entgegnete Fräulein Petowker zögernd. »Wie nennt man es doch, wenn die Herren von Adel Klingeln abreißen, anderer Leute Geld verspielen, und was dergleichen mehr ist?« »Aristokratisch?« meinte der Steuereinnehmer. »Richtig, aristokratisch«, erwiderte Fräulein Petowker. »Er hat etwas ungemein Aristokratisches an sich. Ist's nicht so?« Die Herren blieben ruhig und lächelten sich gegenseitig zu, als wollten sie sagen, das wäre Geschmackssache: die Damen aber erklärten einstimmig, daß Nicolaus ein ganz aristokratisches Äußere hätte, und da sich's niemand angelegen sein ließ, den Satz zu bestreiten, so wurde er auch als unbestreitbar angenommen. Der Punsch war mittlerweile auf die Neige gegangen, und die kleinen Kenwigse, die schon seit einiger Zeit ihre kleinen Augen mit ihren kleinen Zeigefingern hatten offen halten müssen, wurden widerspenstig und verlangten dringend nach dem Bett. Der Steuereinnehmer gab das Zeichen zum Aufbruch, indem er seine Uhr herauszog und der Gesellschaft ankündete, daß es bald zwei Uhr sei, wodurch einige Gäste überrascht und andere erschreckt wurden. Man suchte die Herren- und Damenhüte unter den Tischen hervor, und als diese nach und nach aufgefunden waren, entfernten sich ihre Eigentümer nach vielen Händedrücken und oft wiederholten Beteuerungen, daß sie noch nie einen so köstlichen Abend erlebt hätten, daß sie sich wundern müßten, daß es schon so spät wäre, da sie gemeint hätten, es könne höchstens halb elf Uhr sein, daß sie wünschten, Herr und Frau Kenwigs möchten jede Woche einen solchen Tag feiern, daß sie nicht begreifen könnten, wie es Frau Kenwigs nur ermöglicht hätte, alles so hübsch anzuordnen – und was dergleichen Phrasen mehr sind. Herr und Madame Kenwigs beantworteten alle diese schmeichelhaften Komplimente damit, daß sie jeder Dame und jedem Herrn der Reihe nach für das Vergnügen ihrer Gesellschaft dankten und den Wunsch aussprachen, sie möchten sich nur halb so gut unterhalten haben, wie dieses bei ihnen selbst der Fall gewesen wäre. Was unsern Nicolaus anbelangt, so war er – des Eindrucks, den er hervorgebracht hatte, ganz unbewußt – schon längst in Schlaf verfallen, indem er es Herrn Newman Noggs und Smike überließ, gemeinschaftlich die Branntweinflasche zu leeren. Sie verrichteten auch dieses Geschäft so außerordentlich bereitwillig, daß Newman endlich ebensowenig zu unterscheiden wußte, ob er selbst vollkommen nüchtern wäre, oder, ob er je einen Menschcn so schwer und vollkommen betrunken gesehen hätte, wie seinen neuen Bekannten. Sechzehntes Kapitel. Nicolaus sucht eine Anstellung und nimmt, da ihm dieses fehlschlägt, eine Privatlehrerstelle an. Am andern Morgen war es Nicolaus' erste Sorge, sich nach einem Zimmer umzusehen, wo er bis auf bessere Zeiten wohnen konnte, ohne Newman Noggs zur Last zu fallen, der mit Freude auf der Stiege geschlafen haben würde, wenn es nur sein junger Freund dadurch etwas bequemer bekam. Das leerstehende Zimmer, auf das sich die Anzeige an der Haustür bezog, erwies sich bei näherer Nachforschung als ein kleines Hinterstübchen im zweiten Stock, von wo aus man eine gar liebenswürdige Aussicht auf mit Ruß bedeckte Dachziegel und Schornsteine hatte. Der Hausbesitzer hatte dem Mieter des Erdgeschosses die Vollmacht übertragen, diesen Teil des Hauses unter anständigen Bedingungen von Woche zu Woche zu vermieten, wie denn auch überhaupt der letztere den Auftrag hatte, die Zimmer, sobald sie leer würden, wieder zu vergeben und ein scharfes Auge auf die Hausbewohner zu haben, damit sie nicht davonliefen. Um den Mann zu einer pünktlichen Vollziehung dieser letzteren Obliegenheit zu vermögen, erhielt er freie Wohnung, damit er nicht in Versuchung käme, einmal selber davonzulaufen. Der Erlös aus einigen entbehrlichen Kleidungsstücken setzte Nicolaus in den Stand, diese Kammer zu erstehen und auch die Miete für etliche notwendige Möbel, die er sich von einem benachbarten Trödler verschaffte, auf eine Woche voraus zu bezahlen. Hier saß er nun in seinen vier Wänden, um über seine Aussichten für die Zukunft nachzudenken, die aber freilich – wie die seines Fensters – gar beschränkt und trübe waren. Sie wurden aber durch das Nachsinnen nicht besser, und da allzu genaue Bekanntschaft leicht Verachtung erzeugt, so faßte er den Entschluß, seine Gedanken durch einen tüchtigen Spaziergang zu verscheuchen. Er nahm daher seinen Hut und überließ das Gemach dem armen Smike, der es stets aufs neue, und zwar mit einem Entzücken ordnete, als wenn es der herrlichste Palast gewesen wäre, während er sich selbst in das Gewühl der Straßen mengte. Wenn man sich als eine bloße Einheit in einem geschäftigen Gedränge sieht, wo man von niemandem beachtet wird, so kann man allerdings das Gefühl der eigenen Wichtigkeit verlieren; aber es folgt daraus keineswegs, daß man sich ebenso leicht des drückenden Bewußtseins von der Wichtigkeit und Größe seiner Sorgen entledigen kann. Nicolaus' Gehirn war ausschließlich mit dem trostlosen Zustand seiner eigenen Angelegenheiten beschäftigt – Gedanken, die ungeachtet des schärfsten Laufes nicht weichen wollten –; und wenn er es auch versuchte, sie durch Betrachtungen über die Lage und Aussichten der ihn umgebenden Menge zu verscheuchen, so nahm ihn vielleicht der Vergleich der Gegensätze auf einige Augenblicke in Anspruch, führte ihn aber, ehe er sich's versah, wieder auf seinen alten Gedankengang zurück. Als er, von solchen Betrachtungen hingenommen, in einer von Londons Hauptstraßen hinschlenderte, trafen seine Blicke auf einmal eine blaue Tafel, worauf mit goldenen Buchstaben zu lesen stand: »General-Agentur; Plätze und Stellen aller Art sind im Hause zu erfragen.« Es war ein Laden mit einer Gasblende und einer inneren Tür, hinter deren Glasscheiben eine lange und lockende Reihe von Ankündigungen hing, die offene Stellen jeden Grades vom Sekretär bis zum Laufjungen hinunter anboten. Nirolaus machte unwillkürlich vor diesem Tempel der Verheißung halt und überflog mit dem Auge die in großen Lettern beschriebenen Stellungen, die hier so verschwenderisch angeboten wurden. Als er mit diesem Studium zu Ende gekommen war, ging er eine Strecke weiter, kehrte aber wieder um und ging eine Weile unschlüssig vor der Tür des Bureaus der Generalagentur auf und ab, bis er sich endlich ein Herz faßte und eintrat. Er befand sich nun in einem kleinen mit Bodenteppichen versehenen Zimmer, in dem ein hohes, mit einem Geländer versehenes Pult stand. Hinter diesem Pult saß ein magerer junger Mann mit schlauen Augen und einem hervorragenden Kinn, dessen Leistungen in Frakturschrift die Scheiben der Ladentür verdunkelten. Er hatte ein großes Hauptbuch aufgeschlagen vor sich liegen und die Finger seiner rechten Hand zwischen den Blättern desselben stecken, während seine Augen auf eine sehr beleibte alte Dame in einer Morgenhaube – augenscheinlich die Eigentümerin des Geschäfts – geheftet waren, die sich am Feuer wärmte. Er schien ihre Aufträge zu erwarten, um über einige Punkte, die sich in dem Bereiche der rostigen Klappen seines Buches befanden, Bericht zu erstatten. Nicolaus hatte außen eine Tafel gesehen, die dem Publikum anzeigte, daß hier von zehn bis vier Uhr Dienstboten aller Art gemietet werden könnten, und konnte sich daher den Zweck der Anwesenheit von einem halben Dutzend kräftiger junger Frauenspersonen, die in Überschuhen und mit Sonnenschirmen auf einer Eckbank saßen, um so leichter erklären, da die armen Dinger gar ängstlich und verdrießlich aussahen. Nicht ganz so sicher war er hinsichtlich des Berufs und der Stellung zweier schmucker junger Frauenzimmer, die sich mit der dicken Dame am Feuer unterhielten, bis diese – er hatte sich inzwischen mit der Erklärung, daß er warten wolle, bis die übrigen Kunden bedient wären, in eine Ecke gesetzt – das Gespräch, das durch sein Eintreten unterbrochen wurde, wieder aufnahm. »Köchin – Tom«, sagte die dicke Frau, die sich, wie vorhin bemerkt, an dem Feuer wärmte. »Köchin«, versetzte Tom, einige Blätter seines Hauptbuches umschlagend; »gut.« »Lesen Sie eine oder zwei leichte Stellen«, entgegnete die dicke Dame. »Wenn ich bitten darf, ein paar recht leichte, junger Herr«, fügte ein modisch gekleidetes Frauenzimmer in buntkarrierten Zeugstiefeln, die die Klientin zu sein schien, bei. »Frau Marker«, las Tom, »Russelplatz, Russelquare; bietet achtzehn Guineen, auch Tee und Zucker. Eine Familie von zwei Personen, die äußerst wenig Gesellschaft sieht. Hält fünf Dienstboten, aber keinen männlichen. Duldet auch keine Liebhaber.« »Ach, lieber Himmel, das ist nichts«, kicherte die Klientin; »lesen Sie eine andere, junger Herr.« »Frau Wrymug«, sagte Tom. »Angenehme Stelle in Finsbury, Lohn zwölf Guineen. Kein Tee, kein Zucker. Fromme Familie –« »Ach lassen Sie das nur«, fiel die Klientin ein. »Drei fromme Diener«, fuhr Tom mit Nachdruck fort. »Drei, sagten Sie?« rief die Klientin in einem veränderten Tone. »Drei fromme Diener«, wiederholte Tom – »Köchin, Haus- und Stubenmädchen: jeder weibliche Dienstbote muß Sonntags dreimal in die Kirche – mit einem frommen Diener. Wenn die Köchin frommer ist als der Diener, so erwartet man von ihr, daß sie den Diener bessere; ist der Diener frommer als die Köchin, so hofft man von ihm, daß er einen gleichen Einfluß auf die Köchin übe.« »Ich bitte um die Adresse dieses Ortes«, sagte die Klientin; »ich weiß nicht, aber ich meine, diese Stelle könnte mir zusagen.« »Hier ist noch eine andere«, bemerkte Tom, einige Blätter umschlagend; »Familie des Herrn Gallanbile, Parlamentsmitglied. Fünfzehn Guineen, Tee und Zucker; die weiblichen Dienstboten dürfen männliche Verwandte sehen, wenn diese recht fromme Personen sind. NB. Am Sabbat kaltes Mittagessen in der Küche, da Herr Gallanbile für strenge Beobachtung des Sabbats gestimmt hat. Am Tage des Herrn wird durchaus nichts gekocht, als das Mittagessen für Herrn und Frau Gallanbile, was natürlich als ein Werk der Frömmigkeit und Notwendigkeit eine Ausnahme erleidet. Herr Gallanbile speist an dem Tage der Ruhe spät, um der Köchin die Sünde des Ankleidens zu ersparen.« »Ich glaube nicht, daß mir diese Stelle so gut wie die vorige ansteht«, sagte die Klientin nach einem kurzen Flüstern mit ihrer Freundin. »Seien Sie so freundlich, mir die Markersche Adresse zu geben, junger Herr. Ich kann ja wiederkommen, wenn sich's nicht schicken will.« Tom schrieb verlangtermaßen die Adresse heraus, und die modisch gekleidete Klientin entfernte sich mit ihrer Freundin, nachdem sie einstweilen die dicke Dame mit einer kleinen Gabe befriedigt hatte. Nicolaus wollte eben seinen Mund öffnen, um den jungen Mann zu ersuchen, unter dem Buchstaben S die verfügbaren Sekretärstellen aufzusuchen, als eine Dame in das Bureau trat, deren Äußeres ihn ebensosehr überraschte, wie ansprach, weshalb er auch zu ihren Gunsten zurücktrat. Die Dame, die kaum achtzehn Jahre zählen konnte und außerordentlich schön und zart gebaut war, trat schüchtern an den Schreibtisch und fragte mit leiser Stimme nach einer Stelle als Erzieherin oder als Gesellschafterin einer Dame. Sie schlug, während sie ihre Angabe vorbrachte, ihren Schleier einen Augenblick zurück und ließ ein Gesicht von vollendeter Schönheit blicken, obgleich es durch eine Wolke der Trauer beschattet wurde, die bei einem so jungen Wesen doppelt auffallend war. Man schrieb ihr aus dem Buche eine Adreßkarte, und nachdem sie die gewöhnliche Gebühr entrichtet hatte, glitt sie hinaus. Sie war nett, aber ungemein bescheiden gekleidet, so daß ihr Anzug an einem Mädchen von weniger persönlicher Anmut sogar als ärmlich erschienen wäre. Ihre Begleiterin – denn sie hatte eine solche – war ein schmutziges Mädchen mit rotem Gesicht und großen Augen, das nach einer gewissen Rauheit an den bloßen Armen, die unter dem schlampig umgeworfenen Halstuche hervorsahen, und nach den halbgewaschenen Spuren von Schmutz und Ruß, die ihr Gesicht tätowierten, zu schließen, augenscheinlich zu der Klasse der Dienstmägde auf der Bank gehörte, mit denen sie auch einige Blicke und Gebärden wechselte, die auf eine gewisse Geheimbündelei des Gewerbes hinwiesen. Das Mädchen folgte ihrer Gebieterin; und noch ehe sich Nicolaus von den ersten Wirkungen der Überraschung erholt hatte, war die junge Dame verschwunden. Es ist nicht so ganz unwahrscheinlich, wie sich vielleicht einige nüchterne Leute denken mögen, daß er ihnen nachgefolgt wäre, wenn er nicht durch das, was zwischen der dicken Dame und ihrem Buchhalter verhandelt wurde, zurückgehalten worden wäre. »Wann kommt sie wieder, Tom?« fragte die dicke Dame. »Morgen früh«, antwortete Tom, seine Feder spitzend. »Wo haben Sie sie hingesandt?« fragte die dicke Dame. »Zu Madame Clarks«, entgegnete Tom. »Sie wirds gut kriegen, wenn sie dort unterkommt«, bemerkte die dicke Dame, indem sie eine Prise aus einer zinnernen Schnupftabaksdose nahm. Tom erwiderte nicht«, sondern deutete mit der Feder auf Nicolaus – eine Erinnerung, die der dicken Dame die Frage entlockte: »Nun, Sir, was können wir für Sie tun?« Nicolaus antwortete mit kurzen Worten, daß er wissen möchte, ob nicht irgendeine Stelle als Sekretär oder Hilfskraft bei einem Herrn zu haben sei. »O, ein halbes Dutzend statt einer«, versetzte die Kommissionärin. »Nicht wahr, Tom?« »Ich sollt's meinen«, antwortete der junge Herr. Er winkte bei diesen Worten Nicolaus mit einem Grad von Vertraulichkeit zu, der ohne Zweifel als ein sehr schmeichelhaftes Kompliment gelten sollte, was jedoch von dem Bewerber um die Sekretärstelle höchst undankbarerweise nur mit Widerwillen aufgenommen wurde. Als man das Buch zu Rate zog, stellte sich heraus, daß die Dutzend Stellen zu einer einzigen eingeschrumpft waren. Herr Gregsbury, das große Parlamentsmitglied von Manchester Buildings in Westminster, suchte einen jungen Mann, der seine Papiere und Korrespondenz in Ordnung halten sollte, und Nicolaus war gerade von dem Schlag, dessen Herr Gregsbury bedurfte. »Die Bedingungen sind uns unbekannt, da der Auftraggeber sie mit dem Stellungsuchenden selbst abzumachen gedenkt«, bemerkte die dicke Dame; »aber sie können nur sehr vorteilhaft sein, da er Parlamentsmitglied ist.« So unerfahren auch Nicolaus war, so war er doch von der Richtigkeit dieses Schlusses nicht ganz überzeugt. Ohne jedoch auf weitere Nachfragen einzugehen, ließ er sich die Adresse aufschreiben und nahm sich vor, Herrn Gregsbury unverzüglich seine Aufwartung zu machen. »Ich kann Ihnen die Hausnummer nicht angeben«, sagte Tom; »aber Manchester Buildings ist nicht groß, und im schlimmsten Falle finden sie ihn, wenn Sie an allen Türen auf beiden Seiten der Straße anklopfen, wozu Sie nicht allzulange brauchen werden. Aber nicht wahr – das war ein hübsches Mädchen?« »Was für ein Mädchen, Sir?« fragte Nicolaus finster. »O ja, ich weiß schon – was für ein Mädchen, he?« flüsterte Tom, indem er blinzelnd sein Kinn vorschob. »Sie haben sie natürlich nicht gesehen – was meinen Sie, möchten Sie morgen nicht an meiner Stelle sein, wenn sie wiederkommt?« Nicolaus sah den häßlichen Schreiber mit einem Blicke an, als hätte er gute Lust, ihm als Lohn für seine Bewunderung der jungen Dame das Hauptbuch um die Ohren zu schlagen. Er hielt jedoch an sich und verließ stolz das Bureau, indem er in seiner Entrüstung den alten Gesetzen der Ritterlichkeit Trotz bot, die es nicht nur allen braven Rittern zur Pflicht machten, das Lob der Damen ihres Herzens anzuhören, sondern sogar von ihnen fordern, in der Welt herumzustreifen und allen jenen hölzernen und prosaischen Kerlen den Schädel einzuschlagen, die sich weigern, Damen in den Himmel zu erheben, von denen sie zufälligerweise nie etwas gesehen oder gehört hatten – als ob dieser letzte Umstand wirklich als eine Entschuldigung gelten könnte. Nicolaus vergaß über den Betrachtungen, worin wohl das Unglück dieses schönen Mädchens bestehen möchte, seine eigene traurige Lage, und unter solchen Gedanken lenkte er seine Schritte nach Manchester Buildings, obgleich er nicht selten fehlging, da er auf seine vielen Fragen fast ebenso viele falsche Anweisungen erhielt. In den Grenzen der früheren Stadt Westminster, ein paar hundert Schritte von ihrem alten Heiligtum, ist ein enger und schmutziger Bezirk, das Sanktuarium der unbedeutenderen Parlamentsmitglieder unserer Tage. Es beschränkt sich auf eine einzige Straße voll düsterer Häuser, von dessen Fenstern zur Zeit der Parlamentsferien lange, traurige Reihen von Anschlagzetteln herunterhängen, die ebenso offen wie die Gesichter der früheren Hausbewohner, die sich auf den Bänken der Regierung und der Opposition herumtreiben, der Welt sagen: »zu vermieten«, – »zu vermieten.« Ist das Parlament versammelt, so verschwinden diese Zettel, und die Häuser wimmeln von Gesetzgebern – Gesetzgeber im Erdgeschosse, in der ersten Etage, im zweiten und dritten Stock bis zu den Dachstuben hinauf; die kleinen Gemächer dampfen von dem Atem der Deputationen und Delegierten. Bei feuchtem Wetter sieht man nichts von dem Ort, da er in den Dünsten, die von den durchwässerten Parlamentsakten und den muffigen Petitionen aufsteigen, ganz umnebelt wird. Die Briefträger verfallen in Schwächezustände, wenn sie die Grenzen dieses angesteckten Bezirks betreten, und schäbige Gestalten, die die Postfreiheit der Parlamentsmitglieder ausbeuten möchten, schießen rastlos wie die aufgestörten Geister dahingeschiedener Briefsteller hin und her. Das ist Manchester Buildings, und hier kann man alle Stunden der Nacht das Rasseln der Schlüssel in ihren Schlössern und hin und wieder – wenn ein über das Wasser, das den Fuß der Gebäude bespült, hinfegender Windstoß den Ton nach dem Eingänge führt – die schwache, schrille Stimme irgendeines Parlamentsmitglieds, das eine Rede auf den andern Morgen einübt, vernehmen. Hier hört man den ganzen Tag das Quieken der Drehorgeln und das Leiern von Spieluhren und Spieldosen; denn Manchester Buildings ist ein Sack, der keinen andern Ausgang hat als die unzierliche Mündung – ein Flaschenfutter ohne Durchgang mit einem kurzen und engen Hals –, und in dieser Hinsicht kann man es wohl das Vorbild des Schicksals von so manchem seiner Bewohner nennen, der, nachdem er sich mit vielem Mühen und Ducken ins Parlament geschlichen hat, am Ende findet, daß kein Ausweg für ihn vorhanden ist, und alles nur, wie Manchester Buildings, zu nichts als zu sich selbst führte, so daß er am Ende gern wieder herausgeht, wie er hineinkam, weder reicher noch weiser oder auch nur um einen Pfifferling berühmter. Nach diesem Ort wanderte Nicolaus mit der Adresse des großen Herrn Gregsbury in der Hand und fand gleich am Eingang eine große Menschenmasse, die in ein armseliges Haus strömte. Er wartete, bis sich die Straße geleert hatte, suchte dann einen Diener dieses Hauses auf und fragte, ob er nicht wisse, wo Herr Gregsbury wohne. Der Diener war ein blasser, schäbiger, junger Mensch, der aussah, als ob er von seiner Kindheit an in Kellern geschlafen hätte, was vielleicht auch der Fall war. »Herr Gregsbury?« sagte er; »Herr Gregsbury wohnt hier. Sie sind ganz recht. Kommen Sie herein.« Da Nicolaus keinen Grund einsah, warum er nicht hineingehen sollte, so tat er es; und kaum war dies geschehen, so schloß der junge Mensch die Tür und machte sich davon. Das war seltsam genug, aber noch mehr verwirrte ihn der Umstand, daß sich auf der engen Hausflur und den engen Stiegen eine wirre Masse von Menschen befand, die sich mit gar bedeutungsvollen und wichtigen Gesichtern an die Fenster stellten und den dunklen Eingang noch dunkler machten. Sie harrten augenscheinlich in schweigender Erwartung auf ein bevorstehendes Ereignis; denn von Zeit zu Zeit flüsterte einer seinem Nachbar etwas zu, oder flüsterte eine kleine Gruppe zusammen, und dann nickten oder schüttelten die Flüsternden bedeutungsvoll ihre Köpfe, als ob sie etwas Verzweifeltes im Schilde führten und fest entschlossen wären, sich unter keinen Umständen abschütteln zu lassen. Einige Minuten vergingen, ohne daß etwas vorfiel, was diesen Auftritt erklärt hätte, und Nicolaus, der sich nicht sonderlich behaglich in seiner Lage fühlte, schickte sich eben an, bei einem Nachbar einige Erkundigungen einzuziehen, als plötzlich eine lebhafte Bewegung auf den Stiegen bemerkbar wurde und eine Stimme sich vernehmen ließ: »Nun, meine Herren, haben Sie die Güte, heraufzukommen.« Die Herren auf den Stiegen begannen übrigens, statt hinaufzugehen, rasch hinunterzusteigen, und baten dann die Herren in der Nähe der Tür mit außerordentlicher Höflichkeit, voranzugehen. Diese erwiderten mit gleicher Höflichkeit, daß sie um keinen Preis an so etwas denken würden: aber sie taten es, ohne daran zu denken, denn die anderen Herren drängten ein halbes Dutzend, unter denen sich auch Nicolaus befand, vorwärts und stießen diese, indem sie sich hinten anschlossen, nicht nur die Stiegen hinauf, sondern auch bis in das Audienzzimmer des Herrn Gregsbury hinein, in das sie mit der ungebührlichsten Hast einzutreten genötigt waren, ohne imstande zu sein, sich wieder zurückzuziehen, da die nachdrängende Menge das Gemach füllte. »Meine Herren«, sagte Herr Gregsbury, »Sie sind willkommen. Ich bin erfreut, Sie zu sehen.« Für einen Mann, der erfreut war, einen ganzen Haufen Gäste bei sich zu sehen, sah Herr Gregsbury so unbehaglich wie nur möglich aus. Aber das hatte vielleicht seinen Grund in der Würde des Gesetzgebers und dem Zwang, den Staatsmänner ihren Gefühlen aufzuerlegen pflegen. Er war ein sehr wohlbeleibter, dickköpfiger Herr mit lauter Stimme und pomphaftem Wesen, dem eine erträgliche Menge nichtssagender Phrasen zu Gebot stand, und der – mit einem Worte – alle Erfordernisse eines guten Parlamentsmitgliedes besaß. »Nun, meine Herren«, sagte Herr Gregsbury, indem er einen großen Stoß Papiere in einen zu seinen Füßen stehenden geflochtenen Korb warf und sich selbst mit übereinandergeschlagenen Armen in seinem Stuhle zurücklehnte: »Sie sind, wie ich aus den Zeitungen entnehme, unzufrieden mit meiner Art der Führung meines Amtes?« »Ja, Herr Gregsbury, das sind wir«, versetzte ein plumper, alter Herr, der mit vielem Ungestüm aus dem Gedränge hervorbrach und sich vorn aufpflanzte. »Wie?« entgegnete Herr Gregsbury, den Sprecher betrachtend; »täuschen mich meine Augen, oder ist dies wirklich mein alter Freund Pugstyles?« »Der bin ich und kein anderer, Sir«, erwiderte der plumpe, alte Herr. »Geben Sie mir Ihre Hand, mein würdiger Freund«, sagte Herr Gregsbury. »Pugstyles, mein teurer Freund, ich bedaure ungemein, Sie hier zu sehen.« »Und ich bedaure ungemein, daß ich hier sein muß«, versetzte Herr Pugstyles; »aber Ihr Benehmen, Herr Gregsbury, hat diese Abordnung seitens Ihrer Wähler gebieterisch notwendig gemacht.« »Mein Benehmen, Pugstyles«, entgegnete Herr Gregsbury, indem er die Deputierten der Reihe nach mit huldreicher Herablassung betrachtete – »mein Benehmen wurde stets und wird stets durch die aufrichtige Berücksichtigung der wahren und wirklichen Interessen dieses großen und glücklichen Landes geleitet werden. Ob ich auf meine Heimat oder auf andere Landesteile blicke, ob ich die friedlichen, gewerbtätigen Gemeinden unserer heimischen Insel betrachte, ihre mit Dampfbooten bedeckten Flüsse, ihre Straßen mit Fuhrwerken und Dampfwagen, ihren Himmel mit Luftschiffen von einer Macht und Größe, die in der Geschichte der Luftschiffahrt (sowohl dieses als eines anderen Volkes) nicht ihresgleichen haben – ich sage, ob ich bloß auf meine Heimat blicke oder meine Augen weiter gleiten lasse und die endlose Aussicht auf Eroberung und Besitz betrachte, die sich vor mir eröffnet, und die durch britische Ausdauer und britischen Mut errungen wurde – so schlage ich meine Hände zusammen, richte meine Blicke zu dem weiten Gewölbe über meinem Haupt und rufe: Dank dir Himmel, daß ich ein Brite bin!« Es war einmal eine Zeit, wo dieser Ausbruch von Begeisterung allenthalben freudigen Anklang gefunden haben würde; aber in dem gegenwärtigen Augenblicke nahm ihn die Abordnung mit der tödlichsten Kälte auf. Der Gesamteindruck schien zu sein, daß diese Phrase, wenn sie als eine Erklärung von Herrn Gregburys politischem Benehmen gelten sollte, nicht genug ins Einzelne einginge, und ein Herr im Hintergrunde nahm keinen Anstand, laut zu bemerken, daß das Ganze ziemlich nach Wind röche. »Ich weiß nicht, was Sie hier mit dem Ausdrucke ›Wind‹ sagen wollen«, entgegnete Herr Gregsbury: »wenn aber damit angedeutet werden soll, daß ich ein wenig zu glühend, vielleicht sogar hyperbolisch in Erhebung der Vorzüge meines Geburtslandes wurde, so erkenne ich die volle Gerechtigkeit dieser Bemerkung an. Ich bin stolz auf dieses freie und glückliche Land. Ich fühle mich größer; meine Augen glänzen, meine Brust hebt sich, mein Herz schwillt, mein Busen brennt, wenn ich mir seinen Ruhm und seine Größe ins Gedächtnis rufe.« »Wir wünschen Ihnen einige Fragen vorzulegen«, bemerkte Herr Pugstyles ruhig. »Ich stehe zu Diensten, meine Herren. Meine Zeit gehört Ihnen – und meinem Vaterlande – ja, und meinem Vaterlande –« erwiderte Herr Gregsbury. Sobald diese Erlaubnis erteilt war, setzte Herr Pugstyles seine Brille auf und durchlief ein beschriebenes Papier, das er aus seiner Tasche zog, worauf fast alle übrigen Deputationsmitglieder gleichfalls Schriften aus ihren Taschen zogen, um Herrn Pugstyles, während er die Fragen ablas, nachzuprüfen. Als dies geschehen war, ging Herr Pugstyles zu seinem Zweck über. »Frage Numero eins. Gaben Sie vor Ihrer Erwählung nicht das freiwillige Versprechen, daß Sie, im Fall Sie reussierten, der üblen Gewohnheit des Hustens und Grunzens im Unterhaus ein Ende machen wollten, und haben Sie sich nicht schon in der ersten Debatte der Sitzung niederhusten und niedergrunzen lassen, ohne auch nur den Versuch zu machen, eine Abstellung dieses Unfugs zu beantragen? Haben Sie ferner nicht das Versprechen abgelegt, die Minister niederzudonnern und sie zu Kreuze kriechen zu machen – und haben Sie sie niedergedonnert und zu Kreuze kriechen gemacht?« »Gehen Sie auf den nächsten Punkt über, mein lieber Pugstyles«, sagte Herr Gregsbury. »Haben Sie hinsichtlich dieser Frage eine Erklärung abzugeben, Sir?« fragte Herr Pugstyles. »Gewiß nicht«, antwortete Herr Gregsbury. Die Mitglieder der Abordnung warfen sich zuerst untereinander und dann dem Mitgliede wilde Blicke zu, und »der liebe Pugstyles« nahm, nachdem er Herrn Gregsbury geraume Zeit über seine Brille weg scharf fixiert hatte, seine Fragenliste wieder auf. »Frage Numero zwei. Haben Sie nicht in gleicher Weise freiwillig gelobt, daß Sie Ihren Kollegen bei jeder Gelegenheit unterstützen würden, und haben Sie ihn nicht vorgestern nachmittag verlassen und mit der Gegenpartei gestimmt, weil die Frau eines Haupthahns von der Gegenpartei Madame Gregsbury zu einer Abendgesellschaft eingeladen hatte?« »Weiter«, sagte Herr Gregsbury. »Haben Sie auch hierauf nichts zu sagen, Sir?« fragte der Sprecher. »Nicht das mindeste«, versetzte Herr Gregsbury. Die Abordnung, die ihn nur zur Zeit der Stimmenwerbung und der Wahl gesehen hatte, wurde durch die Kaltblütigkeit nicht wenig verblüfft. Er schien nicht mehr derselbe Mann zu sein; denn damals war er ganz Milch und Honig, während er sich jetzt als Galle und Essig zeigte. Aber die Menschen ändern sich wie die Zeiten. »Endlich und schließlich Frage Numero drei –« fuhr Herr Pugstyles mit Nachdruck fort. »Haben Sie nicht während der Wahl Ihren festen und unabänderlichen Entschluß zu erkennen gegeben, sich jedem Vorschlage zu widersetzen, bei jeder Frage Abstimmung zu verlangen, über jeden Gegenstand aktenmäßige Nachweisung zu fordern, jeden Tag einen Antrag zu stellen und – um mich kürzlich Ihrer eigenen denkwürdigen Worte zu bedienen – aller Welt den Teufel im Glas zu zeigen?« Mit dieser inhaltsschweren Frage faltete Herr Pugstyles sein Papier zusammen, und seine Hintermänner taten dasselbe. Herr Gregsbury überlegte, schneuzte sich, lehnte sich in seinem Stuhl zurück, beugte sich dann wieder vorwärts, stützte seine Ellenbogen auf den Tisch, machte mit seinen zwei Daumen und seinen zwei Zeigefingern ein Dreieck, schlug sich mit der Spitze desselben auf die Nase und entgegnete lächelnd: »Ich stelle alles in Abrede.« Bei dieser unverhofften Antwort erhob sich unter der Abordnung ein unwilliges Murren, und derselbe Herr, der schon früher seine Ansicht über die windartige Beschaffenheit der Begrüßungsanrede zum besten gegeben hatte, ließ abermals eine einsilbige Demonstration laut werden, indem er das Wort »Verzichtleistung« brummte, das durch die Art und Weise, wie seine Gefährten darin einstimmten, in der Tat zu einer ernsten und allgemeinen Unwillensäußerung anschwoll. »Ich bin beauftragt, Sir«, sagte Herr Pugstyles mit einer nachlässigen Verbeugung, »Ihnen zu erklären, daß eine große Mehrzahl Ihrer Wähler wünscht, Sie möchten die Güte haben, auf Ihren Sitz zugunsten eines Bewerbers zu verzichten, dem man besser vertrauen zu dürfen glaubt.« Herr Gregsbury las nun die folgende Antwort ab, die er in dem Vorgefühl einer solchen Aufforderung in der Form eines Briefes abgefaßt hatte, um Abschriften davon an die Redaktionen der Tagesblätter senden zu können: »Mein lieber Pugstyles! Nächst der Wohlfahrt unserer geliebten Insel – dieses großen, freien und glücklichen Landes, dessen Kräfte und Hilfsquellen nach meiner innigsten Überzeugung grenzenlos sind – schlage ich die edle Unabhängkeit, deren sich ein Engländer mit hohem Stolze rühmen kann, und die ich meinen Kindern unbefleckt und unbesudelt hinterlassen möchte, am höchsten an. Durch keine persönlichen Triebfedern geleitet, sondern einzig und allein veranlaßt durch hohe und wichtige konstitutionelle Rücksichten, die ich nicht auseinanderzusetzen versuchen will, da sie in der Tat die Fassungskraft von Personen übersteigen, die sich nicht wie ich die Politik durch ein verwickeltes und mühsames Studium zu eigen gemacht haben – halte ich es für geeignet, meinen Sitz zu behaupten, und habe auch die Absicht, dieses wirklich zu tun. Haben Sie die Güte, der Wahlkorporation meine Empfehlung mitzuteilen und ihr diese meine Entschließung kundzutun. Mit großer Hochachtung Mein lieber Pugstyles usw.« »Sie wollen also unter keinen Umständen zurücktreten?« fragte der Sprecher. Herr Gregsbury lächelte und schüttelte den Kopf. »Dann guten Morgen, Sir«, sagte Pugstyles zornig. »Gott geleite Sie«, entgegnete Herr Gregsbury. Und die Abordnung stürmte unter Brummen und Schelten so schnell hinaus, wie es das enge Stiegenhaus nur gestatten mochte. Als sich der letzte Mann entfernt hatte, rieb Herr Gregsbury seine Hände und kicherte, wie lustige Burschen es tun, wenn sie glauben, daß sie etwas ungewöhnlich Gutes gesagt oder ausgeführt hätten. Er war überhaupt so sehr von seiner Selbstzufriedenheit hingenommen, daß er unsern Nicolaus, der hinter einer Fenstergardine zurückgeblieben war, nicht gewahrte, bis dieser in der Besorgnis, irgendein Selbstgespräch, das für keine fremden Ohren bestimmt war, mit anhören zu müssen, zwei- oder dreimal hustete, um die Aufmerksamkeit des Parlamentsmitglieds auf sich zu ziehen. »Was ist das?« rief Herr Gregsbury mit scharfem Ton. Nicolaus trat hervor und verbeugte sich. »Was haben Sie hier zu schaffen, Sir?« fragte Herr Gregsbury. »Ein Spion in meinem Privatzimmer! ein versteckter Wähler! Sie haben meine Antwort vernommen, Sir; ich muß daher bitten, daß Sie der Abordnung folgen.« »Wenn ich zu ihr gehörte, so würde es bereits geschehen sein«, entgegnete Nicolaus: »das ist jedoch nicht der Fall.« »Aber was wollen Sie denn hier, Sir?« war natürlich die nächste Frage des Herrn Gregsbury, Parlamentsmitglied. »Und wo zum Teufel kommen Sie her, Sir?« lautete die zweite. »Ich erhielt diese Karte von der Generalagentur, Sir«, antwortete Nicolaus, »und möchte mich Ihnen als Sekretär anbieten, da Sie dem Vernehmen nach eines solchen bedürfen.« »Das wäre alles, weshalb Sie hergekommen sind?« fragte Herr Gregsbury, den Bittsteller mit bedenklichen Blicken messend. Nicolaus bejahte diese Frage. »Sie stehen in keiner Verbindung mit irgendeinem dieser schuftigen Zeitungsblätter?« fuhr Herr Gregsbury fort. »Sie haben sich nicht in das Zimmer geschlichen, um zu behorchen, was vorgeht, und es nachher drucken zu lassen – he?« »Es tut mir leid, sagen zu müssen, daß ich vorderhand mit gar nichts in Verbindung stehe«, entgegnete Nicolaus zwar höflich, aber unbefangen. »Ach, so«, erwiderte Herr Gregsbury. »Wie fanden Sie aber Ihren Weg hier herauf?« Nicolaus erzählte, wie er durch die Abordnung herauf gedrängt worden. »So ging es also zu?« versetzte Herr Gregsbury. »Nehmen Sie Platz.« Nicolaus nahm einen Stuhl, und Herr Gregsbury betrachtete ihn eine Weile mit festen Blicken, als ob er sich vorher überzeugen wolle, daß in seinem Äußeren nichts Verdächtiges liege, ehe er weitere Fragen stellte. »Sie möchten also mein Sekretär werden?« begann er endlich. »Ja«, antwortete Nicolaus. »Schön«, versetzte Herr Gregsbury, »aber was können Sie leisten?« »Ich denke«, entgegnete Nicolaus lächelnd, »daß ich das, was gewöhnlich Sekretären anheimfällt, zu versehen imstande bin.« »Und das wäre?« fragte Herr Gregsbury. »Wie?« erwiderte Nicolaus. »Ja, ja, worin besteht dies?« sagte das Parlamentsmitglied, indem es den Bittsteller, das Haupt auf eine Seite geneigt, mit schlauen Blicken ansah. »Die Obliegenheiten eines Sekretärs sind vielleicht etwas schwer abzugrenzen«, sagte Nicolaus nach einigem Besinnen. »Sie umfassen, wie ich mir denke, die Korrespondenz.« »Gut«, fiel Herr Gregsbury ein. »Das Ordnen von Papieren und Dokumenten.« »Sehr gut.« »Hin und wieder vielleicht ein Niederschreiben dessen, was Sie diktieren, und wahrscheinlich –« sagte Nicolaus mit einem halben Lächeln – »das Abschreiben einer Rede für irgendein öffentliches Journal, wenn Sie eine solche von mehr als gewöhnlicher Wichtigkeit gehalten haben.« »Gewiß«, versetzte Herr Gregsbury. »Was sonst noch?« »In der Tat«, entgegnete Nicolaus nach einem kurzen Nachdenken, »ich bin im Augenblick nicht imstande, noch eine weitere Aufgabe eines Sekretärs namhaft zu machen, es müßte denn die allgemeine sein, sich seinem Prinzipal so viel wie möglich angenehm und nützlich zu machen, ohne dabei der eigenen Ehre etwas zu vergeben und ohne die Grenze der Verpflichtungen zu überschreiten, die nach allgemeinen Begriffen schon durch den Titel seines Amtes angedeutet sind.« Herr Gregsbury faßte Nicolaus eine Weile fest ins Auge, ließ dann den Blick schlau durch das Zimmer schießen und sagte mit unterdrückter Stimme: »Das ist alles ganz recht, Herr – wie ist Ihr Name?« »Nickleby.« »Das ist alles ganz recht, Herr Nickleby, und vollkommen in der Ordnung, soweit wie es geht – ja, soweit wie es geht: aber es geht nicht weit genug. Es gibt auch noch andere Verpflichtungen, Herr Nickleby, die der Sekretär eines Mannes, der im Parlament sitzt, nicht aus den Augen verlieren darf. Ich müßte die Forderung an ihn stellen, von ihm gedeckt zu werden, Sir.« »Entschuldigen Sie –« fiel Nicolaus ein, zweifelhaft, ob er recht gehört habe oder nicht. »Gedeckt zu werden, Sir«, wiederholte das Parlamentsmitglied. »Ich muß nochmals um Entschuldigung bitten – darf ich fragen, was Sie unter diesem Ausdruck verstehen?« fragte Nicolaus. »Der Sinn desselben ist deutlich genug, Sir«, versetzte Herr Gregsbury mit einer feierlichen Miene. »Mein Sekretär müßte sich vollständig mit der auswärtigen Politik, soweit sie sich in den Zeitungen abspiegelt, vertraut machen; er müßte alle Berichte über öffentliche Versammlungen wie auch die Hauptartikel, die in denselben zur Sprache kommen, überlesen und müßte sich alles aufzeichnen, was ihm geeignet dünkt, als ein Schlageffekt in irgendeiner kleinen Rede bei Behandlung einer oder der anderen Frage der Tagesordnung angebracht werden zu können. Verstehen Sie mich?« »Ich denke, Sir«, versetzte Nicolaus. »Dann«, fuhr Herr Gregsbury fort, »würde es für ihn nötig sein, mit den Tagesbegebenheiten, die in den Zeitungen besprochen werden, stets auf dem laufenden zu bleiben und Artikel, wie: ›Geheimnisvolles Verschwinden und mutmaßlicher Selbstmord eines Bierausträgers‹ und dergleichen, woran sich eine Frage an den Staatssekretär des Ministeriums für das Innere knüpfen ließe, nicht zu übersehen. Er hätte dann die Anfrage und das, was mir von der Antwort noch im Gedächtnis wäre, nebst Beifügung eines kleinen Kompliments über meine Unabhängigkeit und Einsicht aufzuschreiben und das Manuskript an irgendein Lokalblatt zu senden, könnte es allenfalls auch mit einem halben Dutzend Zeilen bevorworten und darin andeuten, daß ich im Parlament stets auf meinem Platz befunden würde, mich nie der Ausübung meiner schweren und wichtigen Pflichten entzöge usw. – Begreifen Sie?« Nicolaus verbeugte sich. »Außerdem würde ich von ihm erwarten, daß er hin und wieder auch einen Blick in die gedruckten statistischen Tabellen werfe und einige Resultate herauslese, die mir z.B. bei der Holzzollfrage und ähnlichen finanziellen Verhandlungen einen Namen machen könnten. Auch wäre es mir angenehm, wenn er einige kleine Belege für die unheilvollen Wirkungen einer Wiedereinführung der Zahlungen in gemünztem Geld und des Metallumlaufs, nebst gelegentlichen Andeutungen über die Ausfuhr von Gold- und Silberbarren, den Kaiser von Rußland, Banknoten und derartige Dinge sammelte, womit man's jedoch nicht besonders gründlich zu nehmen braucht, da es doch niemand versteht. Ist Ihnen das klar?« »Ich glaube. Sie zu verstehen«, sagte Nicolaus. »Bei Fragen von nicht politischem Charakter«, verfolgte Herr Gregsbury, immer wärmer werdend, seine Rede, »und bei solchen, um die man sich nicht besonders zu kümmern nötig hat, es sei denn, daß man gebührende Sorge dafür tragen müßte, es denen, die unter uns stehen, nicht allzuwohl werden zu lassen (denn wo wären sonst unsere Privilegien?) – bei solchen Fragen würde ich es gerne sehen, wenn mein Sekretär einige kleine, begeisterte, patriotische Reden ausarbeitete. Wenn zum Beispiel irgendeine widersinnige Bill vorgebracht würde, um armen Teufeln von Schriftstellern ein Recht an ihr literarisches Eigentum zu sichern, so würde ich etwa sagen, daß ich für meine Person nie meine Zustimmung geben könne, wenn es gälte, der Verbreitung des Wissens unter dem Volke ein unübersteigliches Hindernis in den Weg zu legen (verstehen Sie mich?); daß das, was durch Geld geschaffen wird, soferne Geld für jedermann erreichbar ist, recht wohl einem Menschen oder einer Familie angehören könne; daß aber die Schöpfungen des Geistes, der ein Geschenk von oben ist, begreiflicherweise das Eigentum des Volkes im allgemeinen sein müßten. Wenn ich heiter gestimmt wäre, so würde ich einen Scherz über die Nachwelt beifügen und sagen, daß die, die für die Nachwelt schrieben, sich damit begnügen sollten, durch den Beifall der Nachwelt belohnt zu werden. So etwas würde das Haus belustigen und könnte mir nie schaden, da ich von der Nachwelt nicht erwarten kann, daß sie von mir oder meinem Spaß Notiz nimmt. Leuchtet Ihnen das ein?« »Vollkommen«, versetzte Nicolaus. »Sie müssen in derartigen Fällen, wobei wir nicht persönlich beteiligt sind, vorzugsweise Ihr Augenmerk darauf richten, das Volk aufs kräftigste in den Vordergrund zu stellen, weil es uns zur Zeit der Wahl gar gut zustatten kommt«, sagte Herr Gregsbury, »während Sie sich über die Schriftsteller so lustig machen können, wie Ihnen beliebt; denn ich glaube, der größte Teil derselben wohnt zur Miete und hat kein Stimmrecht. Das wäre ein flüchtiger Umriß Ihrer Hauptobliegenheiten, zu denen noch kommt, daß Sie jeden Abend in dem Vorsaale zu warten hätten, für den Fall, daß ich etwas vergessen hätte und einer frischen Deckung bedürfte. Hin und wieder bei wichtigen Debatten setzen Sie sich in die vordere Reihe der Galerie und sagen zu Ihren Nachbarn: ›Sehen Sie jenen Herrn mit der Hand an der Stirn und dem Arm um den Pfeiler – das ist Herr Gregsbury, der berühmte Herr Gregsbury‹ – nebst irgendeinem andern kleinen Lobspruch, wie ihn eben der Augenblick eingibt. Was das Gehalt anbelangt«, fuhr Herr Gregsbury rasch zum Schlusse eilend fort, da er ganz außer Atem gekommen war – »was endlich das Gehalt anbelangt, so will ich, um Sie völlig zufriedenzustellen, eine runde Summe nicht ansehen und Ihnen, wenn Sie mir zusagen – obgleich es mehr ist, als ich gewöhnlich zu geben pflege – fünfzehn Schillinge wöchentlich auswerfen, wobei Sie sich jedoch selbst zu verköstigen haben.« Bei diesem schönen Anerbieten lehnte sich Herr Gregsbury mehr als einmal in seinem Stuhle zurück und gab sich ganz die Miene eines Mannes, der zwar verschwenderisch freigebig gewesen, aber trotzdem fest entschlossen ist, seine Großmut nicht zu bereuen. »Fünfzehn Schillinge wöchentlich sind nicht viel«, sagte Nicolaus schüchtern. »Nicht viel! Fünfzehn Schillinge wöchentlich nicht viel, junger Mann?« rief Herr Gregsbury. »Fünfzehn Schillinge wöch –« »Ich bitte, glauben Sie nicht, daß ich mich über die Summe beschwere«, fiel Nicolaus ein, »denn ich schäme mich nicht, zu bekennen, daß sie, wie gering sie auch sein mag, für mich immer noch bedeutend ist. Aber die Pflichten und Verantwortlichkeiten machen die Belohnung zu einer geringen, und diese sind in der Tat so schwer, daß ich mich scheue, sie zu übernehmen.« »Sie wollen also die Stelle nicht annehmen, Sir?« fragte Herr Gregsbury, mit der Hand an der Klingelschnur. »Ich fürchte, ich bin ihr nicht gewachsen, wie gut auch der Wille sein mag«, entgegnete Nicolaus. »Das will also so viel besagen, daß Sie den Posten nicht übernehmen und daß Sie fünfzehn Schillinge wöchentlich für zu wenig halten«, sagte Herr Gregsbury klingelnd. »Sie lehnen ihn also wirklich ab, Sir?« »Ich habe keine andere Wahl«, versetzte Nicolaus. »Die Tür, Matthäus!« rief Herr Gregsbury, als der Bediente erschien. »Es tut mir leid, Sie unnötig belästigt zu haben, Sir«, sagte Nicolaus. »Mir gleichfalls«, entgegnete Herr Gregsbury, Nicolaus den Rücken kehrend. »Die Tür, Matthäus!« »Guten Morgen«, sagte Nicolaus. »Die Tür, Matthäus!« rief Herr Gregsbury. Der Diener winkte Nicolaus, taumelte träge die Stiege hinunter voraus, öffnete die Tür und führte ihn auf die Straße. Mit trauriger, nachdenklicher Miene trat er seinen Heimweg an. Smike hatte von den Überresten des gestrigen Abendessens eine Mahlzeit zusammengescharrt und harrte ängstlich seiner Rückkehr. Die Ereignisse des Morgens waren nicht geeignet, Nicolaus' Appetit zu vermehren, und so blieb denn das Mittagsmahl von seiner Seite unangetastet. Er saß in nachdenklicher Stellung da und hatte den Teller, den der arme Junge emsig mit den auserlesensten Bissen gefüllt hatte, unberührt vor sich stehen, als Newman Noggs in das Zimmer sah. »Wieder zurück?« fragte Newman. »Ja«, antwortete Nicolaus, »aber todmüde, und was noch das schlimmste ist, ich hätte hinsichtlich des Erfolges meines Ausgangs ebensogut zu Hause bleiben können.« »Sie konnten nicht erwarten, an einem Morgen viel auszurichten«, sagte Newman. »Kann sein, aber ich bin etwas temperamentvoll und hoffte«, sagte Nicolaus. »Ich bin jedoch jetzt in demselben Maße enttäuscht.« Er erzählte nun Newman den Verlauf seiner Bemühungen. »Wenn ich etwas tun könnte«, fuhr Nicolaus fort, »nur etwas Weniges tun könnte, ehe Ralph Nickleby zurückkehrt, so würde ich ihm leichteren Herzens und in glücklicherer Stimmung entgegentreten. Der Himmel weiß, daß ich es nicht für eine Schande halte zu arbeiten, und es könnte mich wahnsinnig machen, daß ich untätig hier liegen soll wie ein halbgezähmtcs wildes Tier.« »Ich weiß nicht«, sagte Newman; »etwas Geringes wäre zur Hand – es würde wenigstens die Hausmiete bezahlen und noch etwas mehr; aber es wird Ihnen nicht anstehen – nein, es läßt sich kaum erwarten, daß Sie darauf eingehen – nein, nein.« »Auf was sollte ich nicht eingehen?« fragte Nicolaus, die Augen erhebend. »Zeigen Sie mir in dieser weiten Öde von London ein ehrliches Mittel, durch das ich nur die wöchentliche Miete dieses armseligen Zimmers aufbringen könnte, und geben Sie acht, ob ich davor zurückschrecke. Eingehen? Ich habe schon zu viel eingegangen, mein Freund, um jetzt besonders eigen zu sein oder dem Stolz Raum zu geben. Ich rede natürlich nur von Dingen«, fügte Nicolaus nach einem kurzen Schweigen hastig bei, »die auf ehrlichen Wegen ausgeführt werden können und sich mit der Selbstachtung vertragen; denn es ist keine große Wahl zwischen dem Gehilfen eines viehischen Schulmeisters und der Kreatur eines gemeinen und unwissenden Pilzes, mag er nun Parlamentsmitglied sein oder nicht.« »Ich getraue mich kaum, Ihnen mitzuteilen, was ich diesen Morgen gehört habe«, versetzte Newman. »Steht es in Verbindung mit dem, was Sie vorhin andeuteten?« fragte Nicolaus. »Ja.« »Nun so rücken Sie ins Himmels Namen damit heraus, mein Freund«, entgegnete Nicolaus. »Bedenken Sie um Gottes willen meine klägliche Lage und lassen Sie mich wenigstens Ihre Meinung hören; ich will Ihnen ja gerne versprechen, keinen Schritt zu tun, ohne mich mit Ihnen beraten zu haben.« Newman ließ sich durch diese dringende Bitte erweichen und stotterte eine Masse der unverständlichsten und verwirrtesten Sätze hervor, deren Gesamtinhalt darin bestand, daß Madame Kenwigs ihn ein langes und breites über den Ursprung seiner Bekanntschaft mit Nicolaus und über dessen Leben, Schicksale und Familie ausgefragt hätte; er (Newman) sei zwar diesen Fragen solange als möglich ausgewichen, zuletzt aber so in die Enge getrieben worden, daß er endlich zugestanden hätte, Nicolaus wäre ein Lehrer von trefflichen Talenten, gegenwärtig freilich in einige mißliche Verhältnisse verwickelt, deren Natur er nicht weiter auseinandersetzen dürfe, und hieße Johnson. Madame Kenwigs hätte hierauf, von Dankbarkeit, Ehrgeiz, mütterlichem Stolz oder mütterlicher Liebe, vielleicht auch von allen diesen vier mächtigen Beweggründen geleitet – mit Herrn Kenwigs geheime Rücksprache genommen und wäre endlich mit dem Vorschlage zurückgekehrt, daß Herr Johnson die vier kleinen Kenwigschen in der französischen Sprache, wie sie von den geborenen Franzosen gesprochen würde, gegen ein wöchentliches Honorar von fünf Schilling landläufiger Münze unterrichten möchte, wobei sie wöchentlich einen Schilling für jede ihrer Töchter und auch noch außerdem einen Schilling für den Knaben in der Wiege bis zu der Zeit berechnet hätte, wann dieser an den Unterrichtsstunden teilzunehmen imstande wäre. Dies könne jedoch, wie Madame Kenwigs meinte, unmöglich lange anstehen, da es ihrer Ansicht nach auf der ganzen Welt keine klügeren Kinder als die ihrigen gäbe. »Sie haben hier den ganzen Antrag«, schloß Newman. »Er ist zwar, wie ich wohl weiß, unter Ihrer Würde, aber ich dachte, er könnte vielleicht –« »Vielleicht?« rief Nicolaus mit großer Lebhaftigkeit aus; »nein, nein, er kommt mir vollkommen gelegen. Sie können, lieber Freund, der würdigen Mutter ohne Verzug erklären, daß ich bereit bin, anzufangen, sobald es ihr beliebt.« Newman eilte vergnügt hinunter, um Madame Kenwigs die Zustimmung seines Freundes mitzuteilen, und kehrte bald mit der Nachricht zurück, daß man sich glücklich schätzen werde, wenn er, sobald es ihm gelegen sei, einen Besuch in der ersten Etage machen wolle. Madame Kenwigs habe augenblicklich nach einer alten französischen Grammatik und nach französischen Gesprächen fortgeschickt, die schon lange Zeit auf einem Bücherkarren (Stück für Stück zu sechs Pence) herumgefahren wären; und die Familie, hochentzückt über die Aussicht, dem vornehmen Ton ihres Hauswesens einen neuen vornehmen Geleitton beizufügen, hege den lebhaften Wunsch, daß die erste Unterrichtsstunde sogleich gegeben würde. Der Leser wird hieraus entnehmen, daß Nicolaus kein hochmütiger junger Mann im gewöhnlichen Sinne dieses Wortes war. Er mochte zwar eine Beleidigung, die ihm selbst widerfuhr, ahnden, oder ein Unrecht, das einen anderen bedrohte, so kühn und freimütig wie nur irgendein Ritter, der je eine Lanze brach, zu verhindern suchen. Aber es fehlte ihm an jenem hohen Maß von Besonnenheit und edler Selbstsucht, das unabänderlich zu dem Charakter der hochsinnigen Herren gehört. Wir für unsere Person sind freilich geneigt, solche Herren in Familien, die sich emporschwingen wollen, eher für eine Last zu betrachten, da wir zufälligerweise manche kennengelernt haben, die durch ihren hohen Sinn verhindert wurden, sich zu irgendeiner niedrigen Beschäftigung herabzulassen, und es vorzogen, denselben nur in der Kultivierung ihrer Schnurrbärte und in wilden Blicken zu zeigen. Obschon nun Schnurrbärte und ein wildes Aussehen in ihrer Art gar hübsche und ungemein empfehlenswerte Dinge sind, so müssen wir eben doch gestehen, daß wir diese lieber auf Kosten ihres Eigentümers als auf Unkosten der bescheiden gesinnten Leute gehegt zu sehen wünschen. Da nun Nicolaus – nach der gewöhnlichen Ausdrucksweise – kein hochgesinnter junger Mann war und er es für eine größere Schmach hielt, zur Bestreitung seiner notwendigsten Bedürfnisse von Newman Noggs zu borgen, als die kleinen Kenwigschen für fünf Schillinge wöchentlich Französisch zu lehren, so nahm er das Anerbieten mit der bereits angedeuteten Bereitwilligkeit an und verfügte sich mit aller gebührenden Eile nach dem ersten Stock. Hier wurde er von Madame Kenwigs mit einer vornehmen Miene, die den Lehrer des wohlwollenden Schutzes und Beistandes der Dame versichern sollte, empfangen. Auch fand er daselbst Herrn Lillyvick und Fräulein Petowker, die vier Fräulein Kenwigs auf ihrer Bank, des Unterrichts gewärtig, und den kleinen Herrn Kenwigs in einem mit einem tannenen Tischbrettchen versehenen Kindertragstuhl, wo er sich mit einem hölzernen Pferd ohne Kopf unterhielt. Das besagte Pferd bestand aus einem hölzernen Zylinder auf vier krummen Stäbchen, das auf eine sehr sinnreiche Weise mit Zinnober und Schuhwichse angestrichen war. »Wie befinden Sie sich, Herr Johnson?« fragte Madame Kenwigs. »Onkel – Herr Johnson.« »Wie geht es Ihnen, Sir?« fragte Herr Lillyvick in etwas barschem Tone, denn er hatte in der vorigen Nacht Nicolaus' Stand nicht gekannt, und allzugroße Höflichkeit gegen einen Hauslehrer wäre einem Steuereinnehmer nicht zu verzeihen gewesen. »Wir haben Herrn Johnson als Hauslehrer für die Kinder angenommen, Onkel«, sagte Madame Kenwigs. »Ich habe das eben von dir vernommen, meine Liebe«, versetzte Herr Lillyvick. »Aber ich hoffe«, fuhr Frau Kenwigs, sich in die Brust werfend, fort, »daß sie dadurch nicht stolz werden, sondern ihrem guten Glück danken, das ihnen schon durch ihre Geburt eine bessere Stellung anweist als den Kindern gewöhnlicher Leute. Hörst du, Morlina?« »Ja, Mama«, entgegnete Fräulein Kenwigs. »Und wenn ihr auf die Straßen oder sonst wohin kommt, so verlange ich, daß ihr nicht gegen andere Kinder damit großtut«, sagte Frau Kenwigs. »Wenn ihr etwas darüber sprechen müßt, so sollt ihr nur sagen, wir haben einen Privatlehrer angenommen, der uns zu Hause Unterricht erteilt, aber wir sind nicht stolz darauf, denn Mama sagt, es wäre eine Sünde. Hörst du Morlina?« »Ja, Mama«, antwortete Fräulein Kenwigs wieder. »So vergiß es nicht und tu', wie ich dir sage«, sprach Frau Kenwigs. »Soll Herr Johnson anfangen, Onkel?« »Ich bin bereit zuzuhören, wenn Herr Johnson anzufangen bereit ist, meine Liebe«, sagte der Steuereinnehmer mit einer Kennermiene. »Für was für eine Art von Sprache halten Sie das Französische, Sir?« »Wie meinen Sie das?« fragte Nicolaus. »Halten Sie es für eine gute Sprache, Sir?« fuhr der Steuereinnehmer fort – »für eine schöne Sprache, eine vernünftige Sprache?« »Für eine schöne Sprache, gewiß«, versetzte Nicolaus; »und da sie für alles eine Bezeichnung hat und auch eine gewandte und zierliche Konversation zuläßt, so möchte ich sie auch eine verständige nennen.« »Ich weiß nicht«, meinte Herr Lillyvick kopfschüttelnd. »Halten Sie das Französische auch für eine muntere Sprache?« »Ganz gewiß«, entgegnete Nicolaus. »Dann muß es sich seit meiner Zeit sehr geändert haben – ja, ja, recht sehr«, sagte der Steuereinnehmer. »War es denn zu Ihrer Zeit eine traurige?« fragte Nicolaus, kaum imstande, ein Lächeln zu unterdrücken. »Allerdings«, antwortete Herr Lillyvick mit einiger Heftigkeit. »Ich spreche von der Kriegszeit – von dem letzten Kriege. Es mag meinetwegen eine muntere Sprache sein, denn ich möchte niemandem gerne widersprechen, das aber kann ich behaupten – ich hörte die französischen Gefangenen, die sich doch als Eingeborene darauf verstehen müssen, in einer so traurigen Weise sprechen, daß es mir von dem Zuhören schon ganz elend wurde. Ja, ja, das ist mir fünfzigmal – wenigstens fünfzigmal vorgekommen, Sir.« Herr Lillyvick war in seiner Ereiferung so unwillig geworden, daß es Madame Kenwigs für zweckmäßig erachtete, Nicolaus einen Wink zu geben, daß er nichts darauf erwidern möchte. Auch bedurfte es mancher Schmeichelworte von seiten Fräulein Petowkers, bis der vortreffliche alte Herr wieder ruhiger wurde und sich herabließ, das Schweigen durch die Frage zu unterbrechen: »Wie heißt ›das Wasser‹ auf Französisch?« »L'eau«, antwortete Nicolaus. »Ah«, sagte Herr Lillyvick, den Kopf schüttelnd, »ich dachte mir so etwas. Lo – nicht wahr? Nein, ich halte nichts – nicht das mindeste auf diese Sprache.« »Wollen wir die Kinder nicht anfangen lassen, Onkel?« fragte Madame Kenwigs. »O ja, sie können anfangen, meine Liebe«, erwiderte der Steuereinnehmer unzufrieden. »Ich habe nicht die Absicht, ihnen etwas in den Weg zu legen.« Auf diese Zustimmung setzten sich die vier Kenwigschen in eine Reihe, alle mit ihren Zöpfen nach einer Seite und Morlinchen obenan, während Nicolaus das Buch zur Hand nahm und die einleitenden Erklärungen begann. Fräulein Petowker und Madame Kenwigs sahen in bewunderndem Schweigen zu, das nur hin und wieder durch ein Flüstern der letztern unterbrochen wurde, die versicherte, Morlina werde in der kürzesten Zeit alles begriffen haben; und Herr Lillyvick betrachtete die Gruppe mit finsteren und achtsamen Blicken, der Gelegenheit harrend, die ihm zu einer neuen Erörterung über diese Sprache Anlaß geben könnte. Siebzehntes Kapitel. Käthchen Nicklebys weitere Schicksale. Mit schwerem Herzen und vielen trüben Vorahnungen, die sie trotz aller Mühe nicht zu verbannen vermochte, verließ Käthchen Nickleby um dreiviertel auf acht Uhr des Morgens, der zu ihrem Eintritt in Madame Mantalinis Geschäft bestimmt war, die City und suchte allein mitten durch das Geräusch und die Geschäftigkeit der Straßen ihren Weg nach dem Westen Londons. In dieser frühen Stunde sieht man viele dahinsiechende Mädchen durch die Straßen ihrem Geschäft nacheilen, das, wie das jenes armen Wurmes, darin besteht, mit unermüdlicher Emsigkeit den Schmuck zu schaffen, der die Üppigen und Gedankenlosen bedeckt. Auf diesem hastigen Gange nach dem Schauplatze ihrer täglichen Mühe fangen sie fast verstohlen den einzigen Atemzug gesunder Luft und den einzigen Sonnenblick auf, die ihr einförmiges Dasein während der langen Kette von Stunden, die einen Arbeitstag ausmachen, erheitern. Als sich Käthchen dem fashionableren Teil der Stadt näherte, bemerkte sie im Vorbeigehen manche Geschöpfe dieser Klasse, die, wie sie selbst, einer mühevollen Beschäftigung entgegeneilten, und erkannte aus ihrem ungesunden Aussehen und ihrem matten Gang nur zu deutlich, daß ihre Besorgnisse nicht ganz grundlos wären. Sie langte bei Madame Mantalinis Hause einige Minuten vor der bestimmten Stunde an und ging einige Male, in der Hoffnung, ein anderes Frauenzimmer möchte kommen und ihr dadurch die Verlegenheit ersparen, ihr Anliegen dem Diener vortragen zu müssen, vor demselben auf und ab. Endlich aber wagte sie es, furchtsam an die Tür zu klopfen; sie wurde nach einigem Zögern durch den Diener geöffnet, der eben erst auf der Stiege sein gestreiftes Wams angezogen hatte und jetzt im Begriff war, eine Schürze vorzubinden. »Ist Madame Mantalini zu Hause?« stotterte Käthchen. »Sie geht zu dieser Stunde selten aus, mein Fräulein«, versetzte der Diener mit einem Ton, der das ›mein Fräulein‹ sogar noch beleidigender machte, als wenn er ›mein Schatz‹ gesagt hätte. »Kann ich sie sprechen?« fragte Käthchen. »Wie?« entgegnete der Mann, die Tür in der Hand haltend, indem er die Fragerin mit einem unverschämten Grinsen anstierte; »Es ist nicht daran zu denken.« »Ich komme aber auf ihr eigenes Geheiß«, sagte Käthchen: »ich bin – ich soll – hier Beschäftigung finden.« »Ah, da hätten Sie die Klingel für die Arbeiterinnen ziehen sollen«, versetzte der Diener, indem er den Griff derselben neben der Tür berührte. »Doch, wir wollen sehen – wenn ich nicht irre, Fräulein Nickleby?« »Ja«, erwiderte Käthchen. »Wollen Sie dann nur gefälligst die Stiege hinaufgehen«, sagte der Diener. »Madame Mantalini wünscht Sie zu sehen – hier hinauf – nehmen Sie die Sachen auf dem Boden in acht.« Mit diesen Worten der Warnung, nicht über ein buntes Gewirre von Pastetenbrettern, Lampen, Flaschengestellen und umgeworfenen Stühlen, das alles in der Halle umherlag und auf ein Gelage der letzten Nacht hindeutete, zu stolpern, ging der Diener nach dem zweiten Stock voran und führte Käthchen in ein Hinterzimmer, das durch Flügeltüren mit dem Gemach, in dem sie die Modehändlerin zum erstenmal gesehen hatte, in Verbindung stand. »Wenn Sie sich hier einen Augenblick gedulden wollen, so werde ich ihr sogleich Ihre Anwesenheit melden«, sagte der Diener. Nach diesem mit der freundlichsten Miene gegebenen Versprechen entfernte er sich und ließ Käthchen allein. Das Gemach enthielt nicht viel, woran man sich hätte unterhalten können. Das Hervorragendste war ein in Öl gemaltes Brustbild des Herrn Mantalini, den der Künstler dargestellt hatte, wie er sich ungezwungen am Kopf kratzte, um einen Diamantring, ein Geschenk der Madame Mantalini vor der Hochzeit, auf die vorteilhafteste Weise ins Auge fallen zu lassen. Im nächsten Zimmer hörte man jedoch einige Stimmen; und da die Unterhaltung ziemlich laut und die Wand dünn war, so entdeckte Käthchen im Augenblick, daß sie Herrn und Frau Mantalini gehörten. »Wenn du so gehässig und abscheulich eifersüchtig sein willst, meine Seele, so wirst du dich selber sehr elend – schrecklich elend – verteufelt elend machen.« Nach diesem ließ sich ein Ton vernehmen, als ob Herr Mantalini Kaffee schlürfe. »Ach, ich bin schon elend«, erwiderte Madame Mantalini, augenscheinlich sehr übel gelaunt. »Dann bist du eine undankbare, abscheuliche, verteufelt böse, kleine Zauberin«, entgegnete Herr Mantalini. »Das bin ich nicht«, entgegnete Madame Mantalini schluchzend. »Bringe dich nicht selbst in üble Laune«, sagte Herr Mantalini, ein Ei aufschlagend. »Du hast ein so schönes, bezauberndes, verteufeltes Gesichtchen, aber du solltest keinem Unmut darauf Raum geben, denn er beraubt es seiner Liebenswürdigkeit und macht es finster und widerwärtig, wie das eines schrecklichen, abscheulichen, verteufelten Kobolds.« »Auf diese Weise wirst du mich nimmermehr beschwatzen«, versetzte Madame Mantalini schmollend. »Je nun, so geht's vielleicht auf eine lindere, oder meinetwegen auch auf gar keine«, entgegnete Herr Mantalini, mit dem Eilöffel nach seinem Munde fahrend. »Diese leichten Reden –« sagte Frau Mantalini. »Nicht so leicht, wenn man ein so verteufeltes Ei ißt«, erwiderte Herr Mantalini; »denn das Dotter läuft einem die Weste hinunter, und Eidotter paßt nicht gut mit einer Weste zusammen, es müßte denn eine verteufelte gelbe sein.« »Du hast bei ihr die ganze Nacht den Schmetterling gemacht«, sprach Madame Mantalini, die augenscheinlich die Unterhaltung nach dem Punkte zurückzuführen wünschte, von dem sie abgeschweift war. »Nein, nein, mein Leben.« »Ja, sage ich«, versetzte Madame; »ich habe dich die ganze Zeit über im Auge gehabt.« »Ach, dieses himmlische, allerliebste Auge – es war also die ganze Zeit auf mich gerichtet?« rief Mantalini in einer Art schläfrigen Entzückens: »ei der Teufel!« »Und ich sage dir noch einmal«, nahm Madame wieder auf, »daß du mit niemandem als mit deiner Frau walzen sollst. Ich lasse mir's nicht gefallen, Mantalini, und würde lieber Gift nehmen.« »Ach was, sie wird kein Gift nehmen und schreckliche Schmerzen ausstehen«, sagte Mantalini, der, dem veränderten Ton seiner Stimme nach zu schließen, seinen Stuhl dem seiner Gattin genähert hatte, »sie wird kein Gift nehmen, weil sie einen verteufelt schönen Mann hat, der zwei Gräfinnen hätte heiraten können und eine Witwe –« »Zwei Gräfinnen?« fiel Madame Mantalini ein: »du sagtest mir früher nur von einer.« »Zwei«, beteuerte Mantalini, »zwei verteufelt schöne Damen, wirkliche Gräfinnen und unermeßlich reich, hol mich der Teufel.« »Und warum tatest du's nicht?« fragte Madame neckend. »Warum ich's nicht tat?« entgegnete ihr Gatte. »Hatte ich nicht in einem Morgenkonzert die verteufeltste kleine Zauberin aus der ganzen Welt gesehen? Und da diese kleine Zauberin gegenwärtig meine Frau ist, können da nicht alle Gräfinnen und Witwen in England zum –« Herr Mantalini beendigte seinen Satz nicht, sondern gab Madame Mantalini einen sehr lauten Kuß, der von Madame Mantalini erwidert wurde; dann schienen noch mehrere Küsse von Zeit zu Zeit das Geschäft des Frühstücks zu unterbrechen. »Und wie sieht es in der Kasse aus, du Juwel meines Daseins?« fragte Mantalini, als er mit diesen Liebkosungen zu Ende gekommen war. »Über wieviel können wir verfügen?« »Nur über sehr wenig«, versetzte Madame. »So müssen wir mehr beschaffen«, entgegnete Mantalini. »Der alte Nickleby muß uns wieder einen Vorschuß zahlen, daß wir uns durchschlagen können.« »Du kannst aber doch im gegenwärtigen Augenblick nicht das Geld nötig haben?« fragte Madame einschmeichelnd. »Mein Leben und meine Seele«, erwiderte ihr Gatte, »bei Scrubbs steht ein Pferd zum Verkauf, und es wäre Sünde und Schande, wenn man dieses hinausließe – man hat's umsonst, Wonne meiner Augen.« »Umsonst?« rief Madame. »Das freut mich.« »Ein wahres Nichts«, versetzte Mantalini. »Für hundert Guineen kann man's haben; Mähne, Hals, Schwanz, alles von der verteufeltsten Schönheit. Ich will darauf im Park gerade vor dem Wagen der verschmähten Gräfinnen herreiten. Die verteufelte alte Witwe wird vor Schmerz und Wut in Ohnmacht fallen, und die beiden anderen werden sagen: »Er ist verheiratet, er ist unsern Liebesnetzen entwischt – ein verteufeltes Ding, jetzt ist alles aus.« Sie werden sich gegenseitig teufelmäßig hassen und dich tot und begraben wünschen. Ha! ha! zum Teufel!« Madame Mantalinis Klugheit, wenn sie überhaupt welche besaß, war nicht gegen diese Bilder ihres Triumphs gewaffnet. Sie klimperte ein wenig mit den Schlüsseln und erklärte, daß sie nachsehen wolle, was sich in ihrem Pult befände. Zu diesem Zweck öffnete sie die Flügeltür und trat in das Zimmer, wo Käthchen saß. »Du lieber Himmel«, rief Madame Mantalini, überrascht zurückprallend: »wie kamen Sie hierher, mein Kind?« »Kind?« rief Mantalini hereineilend. »Wie kam es – eh! oh – zum Teufel, wie geht es Ihnen?« »Ich warte hier schon einige Zeit, Madame«, erklärte Käthchen gegen Madame Mantalini. »Vermutlich hat der Diener vergessen, Ihnen zu sagen, daß ich hier bin.« »Du mußt wirklich diesem Burschen einmal etwas am Zeuge flicken«, sagte Madame zu ihrem Gatten. »Ich will ihm seine verteufelte Nase aus dem Gesicht reißen, weil er so ein schönes Wesen hier ganz allein läßt«, sagte der Gatte. »Mantalini«, rief Madame, »du vergissest dich.« »Ich vergesse dich nicht, meine Seele, und kann und werde dich nie vergessen«, versetzte Mantalini, die Hand seiner Gattin küssend, indem er zugleich heimlich Fräulein Nickleby, die sich jedoch verächtlich abwandte, ein Gesicht zuschnitt. Durch diese Schmeichelei beschwichtigt, nahm Madame Mantalini einige Papiere aus ihrem Schreibpult und händigte sie ihrem Gatten ein, der sie mit großem Vergnügen hinnahm. Sie forderte dann Käthchen auf, ihr zu folgen, und nach einigen vergeblichen Versuchen von seiten des Herrn Mantalini, die Aufmerksamkeit der jungen Dame auf sich zu ziehen, entfernten sie sich und ließen den würdigen Mann allein, der der vollen Länge nach auf dem Sofa ausgestreckt und die Füße nach oben gekehrt ein Zeitungsblatt in der Hand hielt. Madame Mantalini führte Käthchen eine Stiegenflucht hinunter und über einen Gang nach einem großen Hinterzimmer, wo eine Anzahl junger Frauenzimmer mit Nähen, Zuschneiden, Ausputzen, Verändern und noch verschiedenen anderen Verrichtungen beschäftigt waren, die übrigens nur denen bekannt sind, die sich auf die Kunst des Putz- und Kleidermachens verstehen. Es war ein enges Zimmer, in das das Licht durch eine Öffnung in der Decke hereinfiel, und so düster und abgeschlossen, wie ein Zimmer nur sein kann. Madame Mantalini rief laut nach Mamsell Knag, worauf sich sogleich ein kleines, geschäftiges, wichtigtuendes, überladen gekleidetes Frauenzimmer vorstellte, während alle anwesenden Mädchen einen Augenblick in ihren Beschäftigungen innehielten, sich gegenseitig kritische Bemerkungen über den Schnitt und Stoff von Käthchens Anzug zuflüsterten und auch ihr ganzes Äußere mit demselben guten Ton musterten, wie es die allerbeste Gesellschaft in einem gedrängt vollen Ballsaale tun würde. »Mamsell Knag, das ist die junge Person, von der ich mit Ihnen gesprochen habe«, begann Madame Mantalini. Mamsell Knag erwiderte diese Vorstellung durch ein achtungsvolles Lächeln, was sie gegen Käthchen gar geschickt in ein herablassendes umzuwandeln wußte, und erklärte dann, daß man zwar mit jungen Leuten, die an das Geschäft nicht gewöhnt wären, viele Mühe hätte; sie sei indes überzeugt, daß die junge Person ihr Bestes tun würde, wie sie denn in dieser Überzeugung bereits schon jetzt Interesse für Käthchen empfände. »Ich denke, es wird vorderhand am besten sein, wenn Mamsell Nickleby mit Ihnen in das Ankleidezimmer geht und den Damen die Sachen anpassen hilft«, sagte Madame Mantalini. »Sie wird sich jetzt noch in keiner andern Weise nützlich machen können, und ihr Äußeres –« »Paßt ganz zu dem meinigen, Madame Mantalini«, fiel Mamsell Knag ein. »Es ließ sich freilich erwarten, daß Ihnen dieser Punkt ins Auge fiel; denn Sie haben in allen derartigen Dingen so viel Geschmack, daß ich in der Tat den jungen Damen oft sage, ich könne gar nicht begreifen, wie, wann und wo es Ihnen nur möglich geworden sei, all das zu lernen, was Sie wissen. Hm – Mamsell Nickleby und ich sind ein ganz geeignetes Paar; Madame Mantalini, nur ist mein Teint ein wenig dunkler als der ihre, und – hm – ich glaube, mein Fuß wird ein wenig kleiner sein. Gewiß, Mamsell Nickleby wird mir nicht übelnehmen, daß ich so spreche, wenn sie hört, daß unsere Familie immer um ihrer kleinen Füße willen berühmt war, – seit – hm – seit, glaube ich, unsere Familie überhaupt Füße besaß. Ich hatte einmal einen Onkel, Madame Mantalini, der in Cheltenham wohnte und eine sehr ausgedehnte Tabaksfabrik besaß; – hm – dieser hatte so kleine Füße, nicht größer als die, die man gewöhnlich an hölzernen Beinen anbringt – Füße mit so schönem Ebenmaß, Madame Mantalini, wie Sie sich's nur denken können.« »Sie mögen wohl einige Ähnlichkeit mit den Klumpfüßen gehabt haben, Mamsell Knag«, sagte Madame. »Ach, herrlich, herrlich, das sieht Ihnen ganz gleich«, entgegnete Mamsell Knag, »ha! ha! ha! Klumpfüße – in der Tat sehr gut! Wie oft äußerte ich gegen die jungen Damen, das muß ich gestehen, und ich kümmere mich nicht darum, wer es hört, ›von allem treffenden Witze‹ –hm – ›von dem ich je gehört habe‹, und ich habe viel gehört; denn als mein Bruder noch lebte (ich führte seine Wirtschaft, Mamsell Nickleby), hatten wir jede Woche zwei oder drei junge Männer beim Abendessen, die wegen ihres Witzes in hohem Ruf standen, Madame Mantalini – ›von allem treffenden Witz‹, sage ich den jungen Damen, ›von dem ich je gehört habe, ist der von Madame Mantalini der pikanteste‹ – hm! Er ist so edel, so sarkastisch und doch so gutmütig, daß es mir, wie ich erst diesen Morgen noch gegen Mamsell Simmonds behauptete, ein wahres Rätsel ist, wie, wann oder durch was für Mittel Sie dazu gekommen sind.« Hier hielt Mamsell Knag inne, um Atem zu schöpfen, und während dieser Pause wollen wir bemerken, nicht daß sie wunderbar geschwätzig und wunderbar unterwürfig gegen Madame Mantalini war, – denn dies sind Tatsachen, die keines weiteren Kommentars bedürfen, – sondern daß es ihre Gewohnheit war, hin und wieder in den Strom ihrer Rede ein lautes, schrilles und helles ›Hm!‹ einzuflechten, dessen Sinn von ihren Bekannten auf eine verschiedene Weise gedeutet wurde. Einige hielten dafür, daß Mamsell Knag sich gern in Übertreibungen ergehe und diese kleine Silbe mit einlaufen lasse, wenn sie im Begriff sei, einen neuen in diese Klasse gehörenden Einfall in ihrem Gehirn auszuprägen, während andere der Ansicht waren, daß sie diese hinwerfe, um, wenn es ihr an einem Worte gebreche, Zeit zu gewinnen und doch dabei zu verhindern, daß ihr jemand in die Rede falle. Wir müssen ferner darauf aufmerksam machen, daß Mamsell Knag noch immer für jung gelten wollte, obgleich sie schon ziemlich hoch in Jahren stand, und daß man sie um ihrer Schwäche und Eitelkeit willen zu den Personen zählen konnte, die am besten durch den Ausdruck geschildert werden, man könne ihnen trauen, so weit man sie sehe, aber nicht weiter. »Sie werden Sorge dafür tragen, daß Mamsell Nickleby ihre Stunden und das Weitere kennenlernt«, sagte Madame Mantalini, »ich überlasse sie daher jetzt Ihrer Obhut. Sie werden meine Anweisungen nicht vergessen, Mamsell Knag?« Mamsell Knag entgegnete natürlich, daß es eine moralische Unmöglichkeit wäre, etwas zu vergessen, was Madame Mantalini befohlen hatte, worauf denn diese Dame nach einem allgemeinen guten Morgen gegen die Arbeiterinnen von dannen segelte. »Eine bezaubernde Dame, – nicht wahr, Mamsell Nickleby?« fragte Mamsell Knag, sich die Hände reibend. «Ich habe noch sehr wenig von ihr gesehen«, antwortete Käthchen, »und kann mir daher kaum ein Urteil erlauben.« »Haben Sie schon Herrn Mantalini gesehen?« fragte Mamsell Knag. »Ja, ich bin ihm schon zweimal begegnet.« »Ist er nicht ein ganz charmanter Mann?« »Er ist mir durchaus nicht so vorgekommen«, versetzte Käthchen. »Nicht?« rief Mamsell Knag, ihre Hände zusammenschlagend. »Ei, barmherziger Himmel, wie sieht es mit Ihrem Geschmack aus! So ein schöner, schlanker, glänzender, vornehm aussehender Herr mit solchen Haaren, solchem Backenbart und – hm – nein, Sie setzen mich in Erstaunen!« »Ich will wohl glauben, daß ich recht töricht bin, aber da meine Ansicht weder für ihn , noch für jemand anders einen besondern Wert hat, so bedaure ich nicht, sie gewonnen zu haben, wie ich auch nicht glaube, daß ich sie so schnell ändern werde.« »Aber halten Sie ihn nicht für einen sehr hübschen Mann?« fragte eine der jungen Damen. »Das mag wohl sein; jedenfalls maße ich mir nicht an, das Gegenteil zu behaupten«, antwortete Käthchen. »Und hält sehr schöne Pferde – ist's nicht so?« fragte eine andre. »Ich will das nicht in Abrede ziehen, da ich sie nie gesehen habe«, antwortete Käthchen. »Sie nie gesehen?« fiel Mamsell Knag ein. »O dann finde ich's wohl begreiflich, denn wie könnten Sie ein richtiges Urteil über einen Herrn fällen – hm – wenn Sie ihn nicht gesehen haben, wie sich seine ganze Figur macht.« Es lag so viel von der Welt – sogar von der kleinen Welt des Landmädchens – in diesem Einfall der alten Putzmacherin, daß Käthchen, die der Unterhaltung gerne eine andere Richtung gegeben hätte, sich keine weitere Bemerkung erlaubte und Mamsell Knag im vollen Besitze des Sieges ließ. Nach einem kurzen Schweigen, währenddessen die Mädchen Käthchens Äußeres einer genaueren Beaugenscheinigung würdigten und ihre Ansichten darüber sich gegenseitig mitteilten, erbot sich eine davon, ihr das Halstuch abzunehmen, und fragte, als das Anerbieten angenommen wurde, ob sie sich in ihrer schwarzen Tracht nicht sehr unbehaglich fühle. »Ach freilich«, versetzte Käthchen mit einem bittern Seufzer. »So staubig und heiß«, bemerkte dieselbe Sprecherin, indem sie ihr das Kleid zurechtrückte. Käthchen hätte sagen können, daß Schwarz die kälteste Tracht sei, die der Mensch anlegen kann, daß es nicht allein die Brust, die sie bedeckt, durcheist, sondern auch ihren Einfluß auf die Sommerfreunde ausdehnt, indem sie die Quellen ihres Wohlwollens und ihrer Teilnahme erstarren und die Knospen der Versprechungen, die sonst so reichlich wucherten, ersterben macht und nichts zurückläßt als nackte, kranke Herzen. Es gibt wenige, die, wenn sie einen Freund oder Verwandten verloren haben, an dem ihre einzige Lebenshoffnung hing, nicht den erkältenden Einfluß ihres schwarzen Gewandes bitter empfunden hätten. Auch auf Käthchen hatte er schwer gelastet, und da sie ihn auch in dem gegenwärtigen Augenblick fühlte, so konnte sie ihre Tränen nicht zurückhalten. »Ach, es tut mir außerordentlich leid, Sie durch meine Unbedachtsamkeit verletzt zu haben«, sagte die Putzmachermamsell. »Sie trauern um irgendeinen nahen Verwandten?« »Um meinen Vater«, antwortete Kätchen weinend. »Um wen, Mamsell Simmonds?« fragte Mamsell Knags mit vernehmlicher Stimme. »Um ihren Vater«, entgegnete die andere leise. »Ihren Vater – wie?« fuhr Mamsell Knag in demselben Tone fort. »Ah, wahrscheinlich eine lange Krankheit, Mamsell Simmonds.« »Pst – bitte«, erwiderte das Mädchen; »ich weiß es nicht.« »Unser Unglück überfiel uns sehr unverhofft«, sagte Käthchen sich abwendend, »sonst wäre ich vielleicht zu einer Zeit, wie diese, imstande, es besser zu ertragen.« Das Arbeiterinnenpersonal war, der unabänderlichen Gewohnheit zufolge, wenn irgendeine neue ›junge Person‹ ins Geschäft trat, nicht wenig neugierig gewesen, das Wer, Was und Warum von Käthchen zu erfahren. Aber obgleich das Äußere und die Gemütserregung des jungen Mädchens diesen Wunsch nur vermehren konnte, so reichte doch die Überzeugung, daß es sie schmerzen würde, wenn man sie darnach fragte, zu, diesen zu unterdrücken, weshalb denn auch Mamsell Knag den Versuch, weitere Kundschaft einzuziehen, vorderhand als hoffnungslos aufgab und – obgleich ungern – ihre Gehilfinnen an die Arbeit gehen ließ. Die Mädchen arbeiteten in stummer Emsigkeit bis halb zwei Uhr fort, um welche Zeit eine gebratene Hammelkeule mit Kartoffeln in der Küche aufgetragen wurde. Als die Mahlzeit vorüber war und sich die jungen Damen der weiteren Erholung des Händewaschens erfreut hatten, ging es wieder ans Geschäft, das schweigend fortgesetzt wurde, bis der Lärm von Wagen, die durch die Straßen rasselten, und laute Doppelschläge an den Türen das Zeichen gaben, daß das Tagewerk der beglückteren Mitglieder der menschlichen Gesellschaft seinen Anfang nehme. Einer dieser Doppelschläge an Madame Mantalinis Tür verkündigte die Equipage irgendeiner großen Dame – oder besser, einer reichen, denn hin und wieder ist ein gar mächtiger Abstand zwischen Reichtum und Größe – die mit ihrer Tochter gekommen war, um einige Gesellschaftskostüme, die schon seit langer Zeit in Arbeit waren, anzuprobieren. Käthchen wurde beauftragt, nebst Mamsell Knag – natürlich unter dem Vortritt der Madame Mantalini – die Dame zu empfangen. Käthchens Rolle bei diesem Prunkaufzug war bescheiden genug, da sich ihre ganze Obliegenheit darauf beschränkte, einige Modekostümstücke zu halten, bis Mamsell Knag bereit war, sie anzuprobieren, und hin und wieder eine Schleife zu knüpfen oder eine Hafte einzuhaken. Man hätte daher glauben sollen, daß diese untergeordnete Stellung sie der Anmaßung oder den Ausbrüchen übler Laune hätte entheben können. Zufälligerweise war aber die reiche Dame und ihre reiche Tochter an diesem Tage gar nicht guter Stimmung, und so fiel auch für das arme Mädchen ihr Anteil an Scheltworten ab. Sie war tölpisch – ihre Hände kalt – schmutzig – rauh; – kurz, sie konnte nichts recht machen. Man wunderte sich, wie Madame Mantalini solche Leute um sich dulden könne, verlangte, wenn man das nächste Mal wieder herkäme, ein anderes junges Frauenzimmer zu sehen usw. Ein so alltägliches Ereignis würde kaum der Erwähnung wert sein, wenn wir seiner nicht um der Folgen willen, die es auf das arme Mädchen hervorbrachte, erwähnen müßten. Als die Damen fort waren, vergoß Käthchcn bittere Tränen und fühlte zum ersten Male das Demütigende ihrer Stellung. Ihr Mut war zwar allerdings schon bei der Aussicht auf Dienstbarkeit und schwere Arbeit sehr zusammengesunken. Aber sie hatte nichts Herabwürdigendes in dem Gedanken, um Brot zu arbeiten, gefühlt, bis sie sich dem Übermut und dem rohesten Stolz ausgesetzt sah. Eine philosophische Weltanschauung würde sie zwar gelehrt haben, daß das Erniedrigende eines solchen Benehmens auf seiten derer sei, die so tief gesunken waren, um ohne alle Ursache ihrer Leidenschaftlichkeit die Zügel schießen zu lassen. Sie war jedoch zu jung, um hierin einen Trost zu finden, und ihr Ehrgefühl fühlte sich gekränkt. Hat nicht vielleicht die Klage, daß gewöhnliche Leute gern über ihren Stand hinauswollen, oft ihren Grund nur in dem Umstand, daß nicht gewöhnliche Leute unter den ihrigen heruntersinken? Unter solchen Auftritten und Beschäftigungen rückte die Feierabendstunde heran, und Käthchen enteilte, ermattet und entmutigt von den Vorgängen des Tages, dem engen Raum des Arbeitszimmers, um ihrer Mutter an der Straßenecke zu begegnen und nach Haus zu gehen – ein schmerzlicher Abendgang, denn sie mußte ihre wahren Empfindungen verbergen und sich stellen, als teile sie alle die glutvollen Träume ihrer Begleiterin. »Ach du meine Güte, Käthchen«, sagte Frau Nickleby, »ich habe den ganzen Tag darüber nachgedacht, was es für eine köstliche Sache sein würde, wenn Madame Mantalini mit dir in Kompanie träte – und wie leicht wäre dies nicht möglich? Die Schwägerin eines Vetters deines armen lieben Vaters – ein Fräulein Browndock – trat in Kompanie mit einer Dame, die ein Erziehungsinstitut in Hammersmith hatte, und machte in ganz kurzer Zeit ihr Glück. Ich weiß nicht mehr so genau, ob diese Miß Browndock dieselbe war, die zehntausend Pfund in der Lotterie gewann; aber ich glaube beinahe so; nein, ich kann mich jetzt wieder ganz genau entsinnen – ich weiß ganz bestimmt, daß sie es war. ›Mantalini und Nickleby‹, wie gut das klingen würde! Und wenn Nicolaus nur ein wenig Glück hat, so kann er noch als Doktor Nickleby, Vorstand der Westminsterschule, mit dir in derselben Straße wohnen.« »Der liebe Nicolaus!« rief Käthchen, indem sie den Brief ihres Bruders, den er zuletzt von Dotheboys Hall geschrieben hatte, aus dem Strickbeutel nahm. »Wie glücklich können wir sogar in all unserem Mißgeschick sein, Mama, da wir hören, daß es ihm gut geht, und aus seinem Brief entnehmen, daß er heiter ist. Ach, wie tröstet es mich bei allem, was über uns verhängt sein mag, wenn ich denke, daß er vergnügt und glücklich ist.« Armes Käthchen, sie dachte wenig daran, wie schwach dieser Trost war und wie bald sie enttäuscht werden sollte. Achtzehntes Kapitel. Mamsell Knag, nachdem sie drei ganze Tage in Käthchen Nickleby ganz vernarrt gewesen, nimmt sich vor, sie für immer zu hassen. Die Gründe, die Mamsell Knag zu diesem Entschluß veranlassen. Es gibt so manches Leben, das eine Kette von Kummer, Not und Leiden ist und für niemanden als für den, der es hinschleppen muß, ein aufregendes Interesse hat, da selbst gefühlvolle Personen ihre Teilnahme gar gerne verzärteln und nur da Rücksichten nehmen, wo ihr Mitleid durch kräftige Reizmittel geweckt wird. Die Jünger der Menschenliebe zählen nicht wenige, die, um zu handeln, einer nicht geringeren künstlichen Aufregung bedürfen als die, die den Lüsten fröhnen, für ihr Treiben nötig haben. Daher kommt es auch, daß ein krankhaftes Mitleid und Mitgefühl jeden Tag auf außer dem Wege liegende Gegenstände verschwendet wird, während doch sogar in der Gesichts- und Gehörweite der gedankenlosesten Person jeden Augenblick nur zu viele Anforderungen an die zweckmäßige Übung dieser Tugenden, sobald man sie richtig verstehen will, ergehen. Kurz, die Menschenliebe bedarf ihrer Romantik, wie sie der Roman- oder Schauspieldichter haben muß. Ein Dieb im Zwillichkittel ist ein gemeiner Charakter, an den Leute von Bildung gar nicht denken mögen; aber kleidet ihn in grünen Samt, gebt ihm einen hohen Hut und verlegt den Schauplatz seiner Tätigkeit aus einer dichtbevölkerten Stadt auf einen Gebirgspfad, und ihr werdet in ihm den poetischsten Abenteurer finden, der sich nur denken läßt. Ebenso geht es mit dieser einen großen Kardinaltugend, die, zweckmäßig gehegt und gepflegt, zu allen übrigen führt, die sie nicht vorweg notwendig in sich begreift. Sie muß ihr romantisches Interesse haben, und je weniger sich diesem von dem wirklichen mühevollen Werktagsleben beimischt, desto besser. Das Leben, zu dem das arme Käthchen Nickleby durch eine unvorgesehene Verkettung von Umständen, die bereits in dieser Erzählung dargelegt sind, gezwungen war, gehörte in der Tat zu den drückenden. Aber damit ihm die Eintönigkeit, der ungesunde Aufenthalt in einem kerkerähnlichen Gemach und die körperliche Anstrengung, die die Hauptsache bildete, die Teilnahme der großen Masse von mitleidigen und gefühlvollen Seelen nicht ganz und gar entziehen, wollen wir lieber Fräulein Nickleby selbst im Auge behalten, um nicht gleich im Anfang jene wohlwollenden Herzen durch eine ausführliche und gedehnte Schilderung von Madame Mantalinis Etablissement zu erkälten. »In der Tat, Madame Mantalini«, sagte Mamsell Knags, als Käthchen am ersten Abend ihres Antritts ihren mühsamen Weg nach Hause angetreten hatte, »diese Mamsell Nickleby ist eine vorzügliche junge Person – in der Tat, eine ganz vorzügliche junge Person – hm – auf mein Wort, Madame Mantalini. Es gereicht Ihrem Urteil zu einer außerordentlichen Ehre, daß Sie ein so ausgezeichnetes, anständiges und – hm – so wenig anmaßendes junges Frauenzimmer aufgefunden haben, um beim Anprobieren zu helfen. Ich habe manches junge Frauenzimmer gesehen, das, wenn es Gelegenheit bekam, sich vor Vornehmeren zu zeigen, sich auf eine Weise benahm – ach du mein Himmel! – aber Sie treffen's doch auch immer, Madame Mantalini – ja, jedesmal: und ich sage den jungen Frauenzimmern stets, daß ich es nicht begreifen kann, wie Sie es anfangen, um in allem das Richtige zu treffen, da doch andere Leute so oft einen falschen Weg einschlagen.« »Ich habe aber nicht bemerkt, daß Mamsell Nickleby heute etwas Besonderes getan hätte; es müßte denn sein, daß sie einen meiner besten Kunden in üble Laune versetzt hat«, entgegnete Madame Mantalini. »Du mein Gott«, sagte Mamsell Knag, »Sie wissen ja, daß man der Unerfahrenheit viel zugut halten muß.« »Und der Jugend?« fragte Madame. »O davon will ich gerade nicht reden, Madame Mantalini«, versetzte Mamsell Knag errötend. »Wenn Jugend ein Entschuldigungsgrund wäre, so würden Sie keine –« »So gute Aufseherin haben, wie das wirklich der Fall ist, denke ich«, ergänzte Madame. »Ach, ich habe nie jemanden wie Sie gekannt, Madame Mantalini«, erwiderte Mamsell Knag äußerst selbstgefällig. »Ja, das muß wahr sein; denn Sie wissen, was jemand sagen will, ehe man noch Zeit hat, es über die Lippen zu bringen. Ach, vortrefflich, ha! ha! ha!« »Was mich betrifft«, bemerkte Madame Mantalini, indem sie mit erkünstelter Unbefangenheit ihre Gehilfin ansah, aber sich im Innern dabei halb totlachen wollte, »so betrachtete ich Mamsell Nickleby für das ungeschickteste Mädchen, das ich je in meinem Leben sah.« »Das arme, gute Ding«, sagte Mamsell Knag: »sie ist nicht schuld daran, wenn dies der Fall wäre, so könnten wir hoffen, den Schaden zu heilen: aber da es ihr Unglück ist, Madame Mantlalini – ei, Sie wissen ja, was der Mann von dem blinden Pferde sagte – so müssen wir eben Nachsicht haben.« »Ihr Onkel sagte mir, sie hätte für hübsch gegolten«, bemerkte Madame Mantalini: »mir scheint sie aber eines der gewöhnlichsten Mädchen, das mir je vorgekommen ist.« »Gewöhnlich!« rief Mamsell Knag mit vor Wonne strahlendem Gesicht; »und ungeschickt! Nun, alles, was ich sagen kann, Madame Mantalini, ist dies, daß ich das arme Mädchen ungemein liebe. Und sähe sie auch zweimal so gewöhnlich aus, und wäre sie noch einmal ungeschickter, als sie ist, so würde ich nur um so mehr ihre Freundin sein – ja, ja, gewiß und wahrhaftig.« Mamsell Knag hatte in der Tat schon eine kleine Zuneigung zu Käthchen Nickleby gefaßt, als sie Zeuge ihres mißlungenen ersten Auftretens am Morgen gewesen war, und die eben erwähnte kurze Unterhaltung mit ihrer Vorgesetzten gab ihrer guten Meinung von dem Mädchen die überraschendste Ausdehnung, was um so merkwürdiger war, da ihr bei der ersten Musterung von Käthchens Gesicht und Figur manche Ahnungen aufgestiegen waren, daß sie nicht am besten miteinander auskommen würden. »Aber jetzt«, sagte Mamsell Knag, indem sie ihr Ebenbild in einem nahen Spiegel betrachtete, »jetzt liebe ich sie – ich liebe sie von ganzer Seele – und mache durchaus kein Hehl daraus.« Diese edle Freundschaft war so uneigennützig und so erhaben über die kleinen Schwächen der Schmeichelei oder Mißgunst, daß die gutherzige Mamsell Knag des andern Tages Käthchen Nickleby unverhohlen erklärte: sie sehe wohl, Käthchen würde nie für das Geschäft passen; sie brauche sich aber deshalb nicht im mindesten zu grämen; denn sie (Mamsell Knag) wolle durch vermehrte Anstrengungen so viel wie möglich die Aufmerksamkeit von Mamsell Nickleby ablenken, wobei sie weiter nichts zu tun hätte, als sich ganz ruhig zu verhalten, wenn Leute da wären, indem dann ihre Ungeschicklichkeit weniger augenfällig würde. Diese letztere Ermutigung stand so sehr im Einklange mit den Gefühlen und Wünschen des schüchternen Mädchens, daß sie ohne Bedenken versprach, dem Rat der vortrefflichen alten Jungfer aufs genaueste nachzukommen, ohne auch nur einen Augenblick den Gründen, denen er entspringen mochte, nachsinnen zu wollen. »Auf mein Wort, ich hege die wärmste Teilnahme für Sie, meine Liebe«, sagte Mamsell Knag, »gewiß – eine schwesterliche Teilnahme, so daß ich's mir selber nicht zu erklären vermag.« Es war allerdings etwas unerklärlich, daß, wenn Mamsell Knag in der Tat eine warme Teilnahme für Käthchen Nickleby fühlte, diese nicht vielmehr die einer Tante oder Großmutter war, da eine solche für die gegenseitigen Altersverhältnisse weit eher gepaßt hätte. Aber Mamsell Knag kleidete sich sehr jugendlich, und da mochten wohl auch ihre Gefühle von derselben Art sein. »Mein Gott«, sagte Mamsell Knag, indem sie am Schlusse des zweiten Tages Käthchen einen Kuß gab: »wie entsetzlich ungeschickt sind Sie heute den ganzen Tag über gewesen!« »Ich fürchte, Ihre wohlwollende und offene Mitteilung, die mich meiner Mängel nur noch schmerzlicher bewußt machte, hat nichts dazu beigetragen, sie zu verbessern«, seufzte Käthchen. »Das hat sie freilich nicht getan«, versetzte Mamsell Knag in ganz ungewöhnlich guter Laune. »Aber wie viel besser ist's, daß man es Ihnen gleich im Anfang sagte; denn Sie können jetzt mit mehr Ruhe Ihrem Ziele entgegeneilen. Welchen Weg nehmen Sie, meine Liebe?« »Nach der City«, antwortete Käthchen. »Nach der City?« rief Mamsell Knag, während sie sich mit großer Selbstgefälligkeit den Hut vor dem Spiegel zuknüpfte. »Du lieber Himmel, Sie wohnen wirklich in der City?« »Ist es denn etwas so gar Ungewöhnliches, dort zu wohnen?« sagte Käthchen mit einem halben Lächeln. »Ich hätte es nicht für möglich gehalten, daß ein junges Frauenzimmer, wie auch die Umstände sein mögen, nur drei Tage dort leben könnte«, erwiderte Mamsell Knag. »Zurückgekommene – ich wollte sagen, arme Leute«, versetzte Käthchen, rasch sich selbst verbessernd, da sie nicht als stolz erscheinen mochte, »müssen leben, wo sie können.« »Ach, sehr wahr, das müssen sie; es ist nichts Befremdliches darin«, entgegnete Mamsell Knag mit jener Art von halbem Seufzer, der in Verbindung von einigen nickenden Bewegungen des Kopfes gewöhnlich das Kleingeld des Mitleids vorstellt. »Ich sage das auch immer meinem Bruder, wenn unsere Dienstmädchen eins nach dem andern krank wieder entlassen werden müssen und er die Schuld auf die Hinterküche schiebt, weil sie zu feucht sei, um darin zu schlafen. Diese Art Leute, sage ich ihm, sind froh, wenn sie irgendwo schlafen können. Der Himmel bildet die Schultern nach der Bürde. Und ist's nicht recht gut, daß es so ist?« »O freilich«, erwiderte Käthchen, sich abwendend. »Ich will Sie eine Strecke weit begleiten, meine Liebe«, sagte Mamsell Knag, »denn Sie kommen ziemlich nahe an unserem Hause vorbei, und da es schon ganz dunkel ist und unser letztes Mädchen vor einer Woche wegen einer Gesichtsrose ins Spital mußte, so freut es mich recht sehr, Sie zur Begleiterin zu haben.« Käthchen hätte sich dieser schmeichelhaften Gesellschaft gerne entschlagen, aber Mamsell Knag nahm, nachdem sie sich den Hut zu ihrer völligen Zufriedenheit zurechtgesetzt hatte, ihren Arm mit einer Miene, die deutlich zeigte, wie hoch sie die Ehre, die sie erwies, anschlage, und so befanden sich beide auf der Straße, ehe Käthchen ein Wort sagen konnte. »Ich fürchte«, stotterte Käthchen, »daß Mama – meine Mutter meine ich – auf mich wartet.« »Sie brauchen sich dessen nicht im geringsten zu entschuldigen, meine Liebe«, sagte Mamsell Knag mit einem süßen Lächeln. »Ich bin überzeugt, daß sie eine achtbare alte Frau ist, und es wird mich sehr – hm – sehr freuen, sie kennenzulernen.« Da die arme Frau Nickleby, am ganzen Leibe fröstelnd, an der Straßenecke stand, so hatte Käthchen keine andere Wahl, als sie der Mamsell Knag vorzustellen, die, die letzte in eigener Equipage vorgefahrene Kundin nachahmend, sich mit sehr herablassender Höflichkeit benahm. Alle drei gingen dann Arm in Arm weiter, Mamsell Knag, die ungemein herzlich und liebenswürdig war, in der Mitte. »Sie können sich keinen Begriff davon machen, wie lieb ich Ihre Tochter habe«, sagte Mamsell Knag, als sie eine Weile in würdevollem Schweigen gegangen war. »Es freut mich ungemein, das zu hören«, versetzte Frau Nickleby, »obgleich es gerade nichts Neues für mich ist, daß selbst landfremde Personen Käthchen liebgewinnen.« »Hm!« räusperte sich Mamsell Knag. »Sie werden sie übrigens noch mehr lieben, wenn Sie ihr gutes Herz kennengelernt haben«, fuhr Frau Nickleby fort. »Es wird mir zu einem großen Segen in meinem Unglück, daß ich ein Kind habe, das weder Stolz noch Eitelkeit kennt, obgleich es eine Erziehung genossen hat, die wohl ein bißchen von dem einen oder anderen entschuldigen könnte. Ach, Sie wissen nicht, was es heißt, einen Mann zu verlieren, Fräulein Knag.« Da Mamsell Knag noch nicht einmal wußte, wie man einen Mann bekommt, so folgte daraus ganz natürlich, daß sie nicht wissen konnte, was es heißt, einen zu verlieren. Sie versetzte daher mit einiger Hast: »Nein, das weiß ich in der Tat nicht«, und sagte das mit einer Miene – die vielleicht andeuten sollte, daß sie bereit gewesen wäre, sich das Joch der heiligen Ehe auflegen zu lassen, meint vielleicht der Leser? – nein sie kannte etwas Besseres. »Ich zweifle nicht, daß Käthchen sich schon in dieser kurzen Zeit ordentlich gemacht hat«, fuhr Madame Nickleby mit einem stolzen Blick auf ihre Tochter fort. »Ah, natürlich«, versetzte Mamsell Knag. »Und wird sich immer noch weiter vervollkommnen«, fügte Madame Nickleby bei. »Ganz gewiß«, entgegnete Mamsell Knag, indem sie Käthchens Arm fester an den ihrigen drückte, um sie auf den köstlichen Spaß aufmerksam zu machen. »Sie war immer, schon von Kindesbeinen an, sehr gelehrig«, sagte die arme Frau Nickleby mit leuchtenden Augen. »Ich erinnere mich noch, daß, als sie erst anderthalb Jahre alt war, ein Herr, der sehr viel in unser Haus kam – Herr Watkins – du kennst ihn noch, derselbe, für den dein armer Vater Bürgschaft leistete, und der dann heimlich nach den Vereinigten Staaten entwich und uns ein paar Schneeschuhe nebst einem so rührenden Brief schickte, daß dein armer seliger Vater eine ganze Woche lang darüber weinen mußte. – Du wirst dich des Briefes wohl noch entsinnen? Er sagte darin, daß es ihm sehr leid tue, die fünfzig Pfund vorderhand nicht zurückzahlen zu können, weil seine Kapitalien auf Zinsen angelegt wären. Er sei gegenwärtig ungemein tätig, um sein Glück zu machen, er hätte aber nicht vergessen, daß du sein Patchen wärest, und er würde es sehr übelnehmen, wenn wir dir nicht ein silbergefaßtes Korallenhalsband kauften und es auf seine alte Rechnung schrieben – wie, du erinnerst dich nicht mehr? Ach, wie dumm du doch bist! Und wie lobte er nicht den alten Portwein, von dem er jedesmal, sooft er kam, anderthalb Flaschen bei uns zu trinken pflegte! Ach, es muß dir einfallen, Käthchen?« »Ja, ja, Mama, was ist es mit ihm?« »Ei, dieser Herr Watkins, meine Liebe«, fuhr Madame Nickleby langsam fort, als fordere es nicht wenig Anstrengung, sich auf einen so besonders wichtigen Umstand zu besinnen: »dieser Herr Watkins – Sie müssen wissen, Fräulein Knag, daß er kein Verwandter des Watkins war, dem das Wirtshaus zum alten Eber im Dorf gehört; – doch ich weiß nicht mehr ganz genau, ob es der alte Eber oder Georg der Vierte ist – jedenfalls ist es eins von diesen beiden, und so kommt also nicht viel darauf an – dieser Herr Watkins sagte, als du erst anderthalb Jahre alt warst, du wärest ein solches Wunderkind, wie er nie eines in seinem Leben gesehen hätte. Ja, so sagte er, Fräulein Knag, obschon er sonst nichts weniger als ein Kinderfreund war und auch nicht den mindesten Grund haben konnte, so zu sprechen, wenn es nicht wahr gewesen wäre. Ich weiß ganz bestimmt, daß es Herr Watkins war, der dieses sagte; denn ich erinnere mich noch so gut, als ob es erst gestern gewesen wäre, daß er unmittelbar darauf zwanzig Pfund von meinem armen Manne borgte.« Nachdem Madame Nickleby dieses außerordentliche und höchst uneigennützige Zeugnis für die Vorzüge ihrer Tochter angeführt hatte, hielt sie inne, um Atem zu schöpfen. Als aber nun Mamsell Knag bemerkte, daß die Unterhaltung auf Familiengröße ablenkte, so verlor sie keine Zeit, mit einer kleinen Erinnerung für ihre eigene Rechnung einzufallen. »Sprechen Sie mir nicht vom Geldausborgen, Madame Nickleby«, sagte Mamsell Knag, »oder Sie treiben mich zur Verzweiflung – ja, vollkommen zur Verzweiflung. Meine Mama – hm – war das liebenswürdigste und schönste Wesen mit der auffallendsten und vollkommensten – hm – der allervollkommensten Nase, die man, glaube ich, je in einem menschlichen Gesicht gesehen hat, Madame Nickleby« – (Mamsell rieb sich hierbei sympathetisch ihre eigene Nase) – »die angenehmste und vollendetste Frau, die je lebte; aber sie hatte den einzigen Fehler, Geld auszuborgen, und ergab sich diesem in einer solchen Ausdehnung, daß sie – hm – o, tausende von Pfunden, all unser kleines Vermögen, und was noch mehr ist, Madame Nickleby, in einer Weise ausborgte, daß wir, wie ich glaube, nie etwas zurückerhalten werden, und wenn wir das Leben hätten, bis – bis – hm – bis zum jüngsten Tage.« Als Mamsell Knag mit diesem Aufschwung ihrer Erfindungsgabe ohne Unterbrechung zu Ende gekommen war, erging sie sich in noch vielen andern ebenso ansprechenden wie wahren Rückblicken, deren Strom Madame Nickleby vergebens zu hemmen suchte, weshalb sich diese begnügen mußte, ihre eigenen Erinnerungen auf einer Nebenströmung mitsegeln zu lassen. So gingen denn die beiden Damen plaudernd und in vollkommener Zufriedenheit nebeneinander her. Der einzige Unterschied zwischen ihnen bestand darin, daß, wählend Mamsell Knag sich gewöhnlich an Käthchen wandte und ungemein laut sprach, Madame Nickleby in einem ununterbrochenen monotonen Fluß fortfuhr und vollkommen vergnügt war, daß sie nur sprechen konnte, ohne sich sonderlich darum zu kümmern, ob jemand zuhörte oder nicht. So gingen sie aufs freundschaftlichste nebeneinander her, bis sie das Haus von Mamsell Knags Bruder erreichten, der mit buntem Papier handelte, in einem Nebengäßchen der St.-Giles-Straße eine Leihbibliothek hielt und auf Tage, Wochen, Monate oder das ganze Jahr die neuesten alten Romane auslieh, deren Titel auf einem großen Pappendeckel, der an dem Türpfosten hin und her baumelte, aufgezeichnet waren. Mamsell Knag befand sich in diesem Augenblick zufällig mitten in der Erzählung von dem zweiundzwanzigsten Heiratsantrag, den ihr ein sehr reicher Herr gemacht hatte, weshalb sie darauf bestand, daß ihre Begleiterinnen mit ihr zu Abend essen sollten, und so gingen sie miteinander ins Haus. »Du brauchst nicht fortzulaufen, Mortimer«, sagte Mamsell Knag, als sie miteinander eintraten; »es ist nur eine von unsern jungen Mädchen und ihre Mutter, Madame und Mamsell Nickleby.« »Ah – so«, entgegnete Herr Mortimer Knag. Als Herr Knag diese Laute mit einer gar tiefsinnigen und gedankenvollen Miene ausgestoßen hatte, schneuzte er langsam die zwei Küchenlampen auf dem Ladentisch, dann zwei weitere an dem Fenster und endlich sich selbst, worauf er eine Dose aus seiner Westentasche hervorholte und eine Prise nahm. Es lag etwas ungemein Ergreifendes in der gespenstigen Weise, in der das alles getan wurde; und da Herr Knag ein hoher, hagerer Herr mit ernsten Zügen war, eine Brille trug und weit weniger Haar hatte, als ein Mann um die Vierziger zu haben pflegt, so flüsterte Madame Nickleby ihrer Tochter zu, sie dächte, daß er ein Gelehrter sein müßte. »Zehn vorbei«, sagte Herr Knag, seine Uhr zu Rat ziehend. »Thomas, schließe das Magazin.« Thomas war ein Knabe, beinahe halb so groß wie ein Fensterladen, und das Magazin war ein Gelaß, ungefähr dreimal so groß als eine Mietkutsche. »Ach«, sagte Herr Knag abermals mit einem tiefen Seufzer, indem er das Buch, in dem er gelesen hatte, wieder an seinen ursprünglicken Ort stellte. »Nun – ja – ich glaube, das Abendessen ist fertig, Schwester.« Herr Knag nahm nun mit einem neuen Seufzer die Küchenlampen von dem Ladentisch und führte die Damen mit Trauerschritten nach einem Hinterzimmer, wo eine Taglöhnerin, die gegen einen Abzug von dem Lohn der kranken Magd im Betrage von täglich achtzehn Pence den Dienst derselben versah, das Abendessen auf den Tisch stellte. »Frau Blockson«, sagte Mamsell Knag vorwurfsvoll, »wie oft habe ich Ihr gesagt, Sie solle nicht mit der Haube auf dem Kopf ins Zimmer kommen.« »Ich kann Ihnen nicht helfen, Mamsell Knag«, entgegnete die Taglöhnerin schnippisch. »Man kann ohnehin in diesem Hause nicht fertig werden; und wenn Ihnen meine Haube nicht zusagt, so sehen Sie sich nur nach jemand anders um; ich bin für meine Mühe ohnehin nur halb bezahlt – ja, und ich müßte so reden, und wenn ich auch in der nächsten Minute gehenkt werden sollte.« »Ich brauche Ihre Bemerkungen nicht«, sagte Mamsell Knag mit einem starken Nachdruck auf das ›Ihre‹. »Ist Feuer unten, um schnell heißes Wasser haben zu können?« »Nein, es ist keins drunten, Mamsell«, entgegnete die provisorische Dienstmagd, »damit Sie nur gleich die Wahrheit wissen.« »Warum nicht?« fragte Mamsell Knag. »Weil man keine Kohlen herausgegeben hat. Wenn ich Kohlen machen könnte, so würde ich es tun. Da ich es aber nicht kann, so lasse ich's bleiben und bin so keck, es dem Mamsellchen zu sagen.« »Will Sie wohl das Maul halten, Weibsbild«, unterbrach Herr Mortimer Knag diesen Dialog etwas ungestüm. »Mit Erlaubnis, Herr Knag«, erwiderte die Taglöhnerin, sich rasch umwendend, »ich bin froh, wenn ich in diesem Hause nicht sprechen muß, ausgenommen hier und da, wenn ich angeredet werde, Sir: und mit Respekt zu melden, wenn ich ein Weibsbild bin, Sir, so möchte ich doch wissen, was Sie eigentlich sind?« »Ein elender Mensch!« rief Herr Knag, sich vor die Stirne schlagend – »ein elender Mensch!« »Freut mich sehr, zu finden, daß Sie sich bei Ihrem rechten Namen nennen, Sir«, fuhr Frau Blockson fort, »und da ich erst vorgestern vor sieben Wochen Zwillinge gehabt habe und mein kleines Karlchcn am letzten Montag gefallen ist und sich den Ellenbogen verstaucht hat, so tun Sie mir den Gefallen und schicken Sie mir die neun Schillinge Wochenlohn ins Haus, ehe die Glocke morgen zehn schlägt.« So sich verabschiedend, verließ die gute Frau mit sehr unbefangenem Wesen das Zimmer und ließ die Tür weit offen stehen, während Herr Knag in demselben Augenblick nach dem ›Magazin‹ stürzte und laut aufstöhnte. »Ich bitte, was ist denn diesem Herrn?« fragte Madame Nickleby, nicht wenig durch diese Töne beunruhigt. »Ist er krank?« fragte Käthchen erschrocken. »Pst«, versetzte Mamsell Knag. »Es ist eine traurige Geschichte. Er war einmal ein glühender Anbeter von – hm – von Madame Mantalini.« »Mein Gott!« rief Madame Nickleby. »Ja«, fuhr Mamsell Knag fort: »sie begünstigte auch seine Bewerbung, und er hoffte zuversichtlich, sie zu heiraten. Er hat ein äußerst gefühlvolles Herz, Madame Nickleby, wie überhaupt – hm – wie überhaupt alle in unserer Familie, und das Fehlschlagen seiner Hoffnung war ein schrecklicher Schlag für ihn. Er ist ein Mann von höchst vortrefflichen – wunderbar vortrefflichen Eigenschaften – liest – hm – liest jeden neuen Roman, der herauskommt; ich meine jeden Roman, der – hm – der modern ist, natürlich. Die Sache ist so: er fand in den Büchern, die er las, so viel, was sich auf sein eigenes Unglück anwenden läßt, und fand in jeder Hinsicht eine so große Ähnlichkeit zwischen sich und den Helden derselben – begreiflich, weil er sich seiner eigenen Überlegenheit bewußt ist, wie dies natürlich bei uns allen sein muß –, daß er die Welt zu verachten anfing und ein Genie wurde. Ja, ich bin sogar überzeugt, daß er im gegenwärtigen Augenblick selbst ein Buch schreibt.« »Ein Buch?« wiederholte Käthchen, als Mamsell Knag hier einen Augenblick innehielt, wodurch es möglich wurde, daß auch jemand anders ein Wörtchen anbringen konnte. »Ja«, sagte Mamsell Knag mit triumphierendem Kopfnicken, »ein Buch in drei großen Oktavbänden. Natürlich ist es ein großer Vorteil für ihn, daß ihm bei allen seinen kleinen Schilderungen aus dem modernen Leben die Wohltat meiner – hm – meiner Erfahrung zustatten kommt, weil natürlich wenige Schriftsteller, die von derartigen Dingen schreiben, so gute Gelegenheit haben, es kennenzulernen als ich. Er hat sich so sehr in das vornehme und romantische Treiben vertieft, daß er bei der geringsten Andeutung auf Geschäfte oder Dinge aus der Wirklichkeit – wie es vorhin bei diesem Weibe der Fall war – ganz außer sich gerät. Ich glaube aber und habe es ihm oft gesagt, daß die Täuschung, die er erlitt, ein Ereignis von der höchsten Wichtigkeit für ihn ist: denn wäre sie nicht eingetreten, so hätte er nicht von geknickten Hoffnungen und dergleichen schreiben können. Auch bin ich überzeugt, daß sein Genie nicht zum Ausbruch gekommen wäre, wenn nicht alles gegangen wäre, wie es ging.« Was die mitteilsame Mamsell Knag unter günstigeren Umständen eröffnet haben würde, läßt sich nicht erraten; da sich aber der Melancholikus in Hörweite befand und das Feuer angemacht werden mußte, so hatten ihre Enthüllungen hiermit ein Ende. Da es ziemlich schwierig war, warmes Wasser zu erhalten, so mußte man fast auf die Vermutung kommen, daß die kranke Magd nicht sonderlich an ein anderes Feuer, als an das des St. Antonius gewöhnt war. Endlich brachte man aber doch etwas Branntwein und Wasser auf, und die Gäste nahmen, nachdem sie sich an kaltem Hammelbraten, Brot und Käse gelabt hatten, zeitigen Abschied. Käthchen unterhielt sich auf dem ganzen Heimweg mit der Erinnerung an ihren letzten Blick auf Herrn Mortimer Knag, der in tiefen Gedanken versunken in dem Laden saß; und Madame Nickleby überlegte in ihrem Innern, ob die Putzmacherfirma zuletzt wohl »Mantalini, Knag und Nickleby« oder »Mantalini, Nickleby und Knag« heißen würde. Mamsell Knags Freundschaft hielt sich drei ganze Tage auf dieser Höhe, zur großen Verwunderung von Madame Mantalinis jungen Damen, die bei ihrer Direktrice nie vorher eine solche Beständigkeit gesehen hatten. Aber am vierten erhielt sie einen ebenso heftigen als plötzlichen Stoß, was folgendermaßen zuging: Ein alter Lord von bedeutender Familie, der im Begriff war, eine junge Dame, die eigentlich aus gar keiner Familie stammte, zu ehelichen, kam mit dieser jungen Dame und der Schwester derselben in den Putzladen, um der Zeremonie des Anprobierens von zwei Hochzeitshüten, die tags zuvor bestellt worden waren, beizuwohnen. Madame Mantalini ließ die Kunde von diesem Besuch mittels eines schrillen Diskanttons durch das mit dem Arbeitszimmer in Verbindung stehende Sprachrohr an Mamsell Knag gelangen, die alsbald, mit einem Hut in jeder Hand, die Stiege hinaufstürzte und das Ankleidezimmer in einem bezaubernden Zustand von Atemlosigkeit betrat, der ihre eilige Hingabe an die Sache recht ins gehörige Licht stellen sollte. Die Hüte waren kaum aufgesetzt, als Mamsell Knag und Madame Mantalini in eine wahre Ekstase von Bewunderung verfielen. »Es macht sich höchst elegant«, sagte Madame Mantalini. »Ich habe in meinem Leben nie etwas so ausgesucht Geschmackvolles gesehen«, fügte Mamsell Knag bei. Der alte Lord, der ein sehr alter Lord war, sagte nichts dazu, sondern murmelte und kicherte höchst vergnügt über die Brauthüte, über deren Trägerinnen und endlich über seine eigene Gewandtheit, die ihm eine so schöne Braut gewonnen hatte, vor sich hin. Die junge Dame aber, die eine sehr lebhafte Dame war, trieb den alten Herrn, als sie sein Entzücken bemerkte, hinter einen Toilettenspiegel und gab ihm hin und wieder einen Kuß, während Madame Mantalini und die andere junge Dame rücksichtsvoll in eine andere Richtung blickten. Während dieses Zärtlichkeitsergusses trat jedoch Mamsell Knag, die einen guten Teil Neugierde besaß, ganz zufällig hinter den Spiegel und begegnete dem Auge der jungen Dame gerade in demselben Augenblick, als sie den alten Lord küßte, worauf die junge Dame übellaunig etwas von ›einer alten Jungfer‹ und ›großer Unverschämtheit‹ fallen ließ und mit verächtlichem Lächeln einen Blick des Unwillens nach Mamsell Knag schoß. »Madame Mantalini«, sagte die junge Dame. »Sie befehlen?« versetzte Madame Mantalini. »Ich bitte, lassen Sie doch das artige junge Mädchen heraufkommen, das wir gestern sahen.« »O ja, rufen Sie diese«, fügte die Schwester bei. »Von allen Dingen auf der Welt, Madame Mantalini«, fügte die zukünftige gnädige Frau bei, indem sie sich nachlässig auf ein Sofa warf, »ist mir nichts mehr verhaßt, als von Vogelscheuchen oder alten Personen bedient zu werden. Ich bitte, lassen Sie mich, sooft ich komme, stets jenes junge Geschöpf sehen.« »Allerdings«, fügte der alte Lord ein, »wir wollen von dem niedlichen Mädchen bedient sein.« »Alle Welt spricht von ihr«, fuhr die junge Dame in derselben unbekümmerten Weise fort, »und mein Bräutigam, der ein großer Bewunderer von Schönheit ist, muß sie durchaus sehen.« »Sie wird allgemein bewundert«, versetzte Madame Mantalini. »Mamsell Knag, senden Sie Mamsell Nickleby herauf: Sie brauchen nicht wiederzukommen.« »Entschuldigen Sie, Madame Mantalini, was haben Sie zuletzt gesagt?« fragte Mamsell Knag zitternd. »Sie brauchen nicht wiederzukommen«, wiederholte die Prinzipalin in scharfem Ton. Mamsell Knag verschwand, ohne ein weiteres Wort zu sprechen, und wurde bald darauf durch Käthchen ersetzt, die den Damen die neuen Hüte abnahm und die alten wieder aufsetzte. Sie errötete indessen hoch und wurde ganz verwirrt, als sie bemerkte, daß der alte Herr und die beiden jungen Damen sie ohne Unterlaß fest ins Auge faßten. »Ei, wie Sie rot werden, Kind«, sagte des Lords erkorene Braut. »Sie ist noch nicht ganz so in ihr Geschäft eingeschossen, wie sie es wohl in einigen Wochen sein wird«, entschuldigte Madame Mantalini mit einem huldvollen Lächeln. »Ich fürchte, Sie haben ihr einige Ihrer gottlosen Blicke zugeworfen, Mylord«, sagte die Verlobte. »Nein, nein, nein«, versetzte der alte Lord, »nein, nein – ich bin im Begriff, mich zu verehelichen und ein neues Leben anzufangen – ha! ha! ha! ein neues Leben, ein neues Leben, ha! ha! ha!« Es war tröstlich, mit anzuhören, daß der alte Herr im Begriff war, ein neues Leben anzufangen: denn es war augenscheinlich, daß das alte nicht mehr lange dauern konnte. Schon die bloße Anstrengung eines in die Länge gezogenen Kicherns bewirkte einen schrecklichen Anfall von Husten und Keuchen, und es brauchte einige Minuten, ehe er Atem zu der Bemerkung fand, daß das Mädchen zu hübsch für eine Putzmacherin sei. »Ich hoffe nicht, daß Sie der Ansicht sind, ein gutes Aussehen beeinträchtige die Befähigung zu einem Geschäfte, Mylord«, sagte Madame Mantalini geziert. »Nicht gerade«, versetzte der alte Lord, »sonst würden Sie es schon lange aufgegeben haben.« »Sie Bösewicht«, rief die lebhafte junge Dame, indem sie das Mitglied des Oberhauses mit ihrem Sonnenschirme kitzelte: »wie können Sie es wagen, in meiner Gegenwart so zu sprechen?« Sie begleitete diese scherzende Frage mit wiederholten neckenden Schlägen, bis endlich der alte Lord den Sonnenschirm auffing und ihn ihr nicht wieder hergeben wollte. Dies veranlaßte die andere Dame, ihrer Schwester zu Hilfe zu kommen, woraus sich denn ein ganz niedlicher Flirt entspann. »Sorgen Sie dafür, daß diese kleinen Änderungen noch angebracht werden, Madame«, sagte die junge Dame. »Nein, Mylord, Sie müssen durchaus vorangehen; ich möchte Sie nicht eine halbe Sekunde mit diesem hübschen Mädchen in meinem Rücken lassen. Ich kenne Sie zu gut. Liebes Hannchen, lass ihn vorangehen, dass wir seiner sicher sind.« Der alte Herr, der sich augenscheinlich durch diesen Argwohn sehr geschmeichelt fühlte, beschenkte Käthchen im Vorbeigehen mit einem komischen Seitenblick - eine Bosheit, wofür er einen zweiten Klaps erhielt - und humpelte die Stiege hinunter nach der Tür, wo sein beweglicher Leichnam von zwei stämmigen Lakaien in den Wagen gehoben wurde. »Pfui«, sagte Madame Mantalini; »es ist mir unbegreiflich, wie der in einen Wagen steigen kann, ohne an eine Totenbahre zu denken. - Da, nehmen Sie den Plunder weg, meine Liebe; nehmen Sie ihn hinunter.« Käthchen, die die ganze Szene über mit bescheiden zur Erde gehefteten Augen dagestanden hatte, fühlte sich bei der Erlaubnis, sich zurückziehen zu dürfen, höchst glücklich, und eilte freudig die Stiegen hinunter nach dem Herrschergebiete der Mamsell Knag. In diesem kleinen Königreiche hatten sich jedoch während der kurzen Periode von Käthchens Abwesenheit die Umstände wesentlich verändert. Statt daß Mamsell Knag mit all der Würde und Erhabenheit einer Repräsentantin von Madame Mantalini auf ihrem gewohnten Platze saß, ruhte diese edle Seele in Tränen gebadet auf einer großen Kiste, während drei oder vier der jungen Frauenzimmer mit Salmiakgeist, Weinessig und andern Belebungsmitteln um sie her standen - ein hinreichender Beweis, daß sie in Ohnmacht lag, wenn auch nicht die Verwirrung ihres Kopfputzes und ihrer Locken darauf hingedeutet hätte. »Ach Gott!« rief Käthchen, hastig vortretend: »was gibt es denn?« Diese Frage bewirkte bei Mamsell Knag heftige Symptome eines Rückfalls, worauf mehrere junge Damen, Zornblicke nach Käthchen schießend, noch mehr Weinessig und Salmiakgeist anwendeten und sagten, daß es »eine Schande« wäre. »Was ist eine Schande?« fragte Käthchen. »Worum handelt sich's? Was ist vorgefallen? Reden Sie doch!« »Vorgefallen?« rief Mamsell Knag, indem sie sich auf einmal zur großen Bestürzung der versammelten Mädchen pfeilgerade aufrichtete; »vorgefallen? Pfui über Sie, Sie garstiges Geschöpf!« »Barmherziger Himmel!« rief Käthchen ganz erstarrt ob der 230 Heftigkeit, womit Mamsell Knag dieses Prädikat durch die zusammengebissenen Zähne hervorstieß: »habe ich Sie denn beleidigt?« »Sie mich beleidigt!« erwiderte Mamsell Knag, »Sie! Ein Kind, ein Frätzchen, ein Pilz von gestern! O freilich! ha! ha!« Da Mamsell Knag jetzt lachte, so war es augenscheinlich, daß ihr etwas ungemein spaßhaft vorkam, und da die jungen Damen sich stets nach Mamsell Knag als ihrer Vorgesetzten richteten, so brachen alle zumal ohne Zögern in ein Gelächter aus, nickten mit den Köpfen und lächelten sich gegenseitig sarkastisch zu, als wollten sie sich sagen, wie sehr gut das wäre. »Da ist sie«, fuhr Mamsell Knag fort, indem sie sich von der Kiste erhob und Käthchen mit großer Förmlichkeit und vielen tiefen Knixen dem kichernden Mädchenkreise vorstellte; »hier ist sie – alle Welt spricht von ihr – dem hübschen Mädchen, meine Damen, – der Schönheit, der – o Sie unverschämtes Ding.« In dieser Krisis war Mamsell Knag nicht imstande, einen tugendhaften Schauer zu unterdrücken, der sich augenblicklich allen übrigen jungen Damen mitteilte. Dann lachte Mamsell Knag aufs neue und fing endlich zu weinen an. »Fünfzehn Jahre lang«, rief Mamsell Knag unter dem beweglichsten Schluchzen aus, »fünfzehn Jahre lang bin ich die Ehre und Zierde des Arbeits- und Ankleidezimmer« gewesen. Gott sei Dank!« fuhr sie fort, indem sie merkwürdig energisch zuerst mit dem rechten und dann mit dem linken Fuße stampfte, »ich bin diese ganze Zeit über nie den Kunstgriffen, den nichtswürdigen Kunstgriffen eines Geschöpfes ausgesetzt gewesen, das uns alle durch sein Benehmen entehrt und anständige Leute zum Erröten zwingt. Aber jetzt muß mir eine Kränkung widerfahren, die ich trotz des Abscheus, den ich gegen diese Person hege, schmerzlich empfinde.« Mamsell Knag wurde hier wieder mit einem Rückfalle bedroht; die jungen Damen erneuerten ihre Aufmerksamkeit, meinten, sie solle sich über solche Dinge hinwegsetzen, und erklärten, daß sie für ihre Personen solche Künste verschmähten und gar nicht der Beachtung wert hielten. Zum Belege dieser Beteuerung riefen sie noch nachdrücklicher als vorher, »es wäre eine Schande, und sie fühlten sich so empört darüber, daß sie nicht wüßten, was sie mit sich selbst anfangen sollten.« »Habe ich so lange leben müssen, um mich eine Vogelscheuche nennen zu lassen«, rief Mamsell Knag, indem sie in Krämpfe verfiel und mit ihren Fingern krampfhaft ihre Haare zerzauste. »O nein, nein«, fiel der Chor ein: »bitte, sprechen Sie nicht so; nein, sprechen Sie nicht so.« »Habe ich's verdient, eine alte Person genannt zu werden?« schrie Mamsell Knag, gegen ihre dienstbeflissenen Untergebenen ankämpfend. »Denken Sie nicht an solche Dinge, meine Liebe«, antwortete der Chor. »Ich hasse sie«, rief Mamsell Knag. »Ich hasse und verabscheue sie. Sie soll es nicht wagen, mich je wieder anzureden, und niemand, der es gut mit mir meint, soll je wieder ein Wort mit ihr sprechen. Die Schlampe! Das Weibsstück! Die unverschämte Dirne!« Nachdem Mamsell Knag den Gegenstand ihrer Wut mit diesen Worten näher bezeichnet hatte, schrie sie noch einmal laut auf, schluchzte dreimal und gurgelte in der Kehle: dann schloß sie die Augen, schauerte, erwachte, kam wieder zu sich, ordnete ihren Kopfputz und erklärte endlich, daß sie wieder ganz wohl sei. Das arme Käthchen hatte diese Vorgänge anfangs in vollkommener Geistesabwesenheit mit angesehen: dann wurde sie abwechselnd rot und bleich und versuchte einigemal zu sprechen. Als ihr jedoch die Beweggründe allmählich klar wurden, trat sie einige Schritte zurück und sah ruhig zu, ohne sich durch eine Erwiderung zu entehren. Aber obgleich sie stolz nach ihrem Sitz ging und dem Haufen kleiner Trabanten, der sich in der entferntesten Ecke des Zimmers um seinen leitenden Planeten sammelte, den Rücken wandte, so entströmten ihr doch im stillen so bittere Tränen, daß Mamsell Knag im Innersten ihrer Seele erfreut gewesen wäre, wenn sie diese hätte fallen sehen. Neunzehntes Kapitel. Beschreibung eines Diners bei Herrn Ralph Nickleby, und der Art, wie sich die Gesellschaft vor, bei und nach diesem Diner unterhielt. Die Galle und die Erbitterung der würdigen Mamsell Knag erlitten während des Restes der Woche keine Milderung, sondern mehrten sich vielmehr von Stunde zu Stunde. Auch der ehrenwerte Zorn der jungen Damen steigerte sich oder schien sich doch im gleichen Verhältnisse mit der Entrüstung der alten Jungfrau zu steigern, und beides erreichte jedesmal eine besondere Höhe, wenn Mamsell Nickleby die Treppe hinaufgerufen wurde, woraus sich entnehmen läßt, daß das Los des armen Mädchens keineswegs das glücklichste oder beneidenswerteste war. Sie begrüßte die Ankunft des Sonnabends wie ein Gefangener die wenigen köstlichen Stunden, wann er der langsam ertötenden Qual seines Kerkers entronnen ist, und fühlte, daß der armselige Lohn für die Arbeit der ersten Woche schwer und teuer verdient war, und wenn er auch das Dreifache betragen hätte. Als Käthchen ihre Mutter wie gewöhnlich an der Straßenecke aufsuchte, war sie nicht wenig überrascht, diese im Gespräch mit Herrn Ralph Nickleby anzutreffen. Aber ihr Erstaunen sollte noch ebensosehr durch den Gegenstand ihrer Unterhaltung, wie durch das geschmeidigere und achtungsvollere Benehmen des Herrn Nickleby verdoppelt werden. »Ah, meine Liebe, wir sprechen eben von dir«, rief ihr Ralph entgegen. »Wirklich?« versetzte Käthchen, unwillkürlich vor dem kalten, stechenden Blicke ihres Onkels zurückbebend. »Ja, ja«, entgegnete Ralph, »ich wollte bei dir vorkommen, ehe du noch Madame Mantalinis Haus verließest; aber ich sprach mit deiner Mutter über Familienangelegenheiten, und da glitt die Zeit so rasch dahin –« »Ach, war dies wirklich der Fall?« fiel Madame Nickleby ein, ohne den Sarkasmus zu fühlen, womit Ralph diese letzlere Bemerkung betont hatte. »Auf mein Wort, ich hätte es nicht für möglich gehalten, daß eine solche – – liebes Käthchen, du sollst morgen um halb sieben Uhr bei deinem Onkel speisen.« Überglücklich, diese außerordentliche Neuigkeit zuerst verkündigt zu haben, nickte und lächelte Madame Nickleby zu wiederholten Malen, um die ganze Bedeutsamkeit derselben dem verwunderten Käthchen recht nahe ans Herz zu legen, und schweifte dann unter einem spitzen Winkel auf die für diese Einladung erforderlichen Vorbereitungen ab. »Laß einmal sehen«, sagte die gute Dame. »Dein schwarzseidenes Gewand wird dich gut genug kleiden, meine Liebe; dann die hübsche kleine Schärpe, ein einfaches Band im Haar und ein Paar schwarzseidene Strümpfe – – ach du mein Himmel«, rief Madame Nickleby, wieder unter einem andern Winkel abspringend, »wenn ich nur meine unglückseligen Amethysten noch hätte! Du erinnerst dich ihrer noch, liebes Käthchen – wie sie funkelten, weißt du? – Aber dein Vater, dein armer, lieber Vater – ach, nie ist etwas so grausam hingeopfert worden als diese Edelsteine – nein, gewiß nie!« Von diesem schmerzlichen Gedanken überwältigt, schüttelte Madame Nickleby traurig den Kopf und fuhr mit dem Taschentuch nach den Augen. »Gewiß, Mama, ich bedarf ihrer nicht«, versetzte Käthchen. »Vergessen Sie, daß wir jemals welche hatten.« »Ach Gott, liebes Käthchen«, entgegnete Frau Nickleby unzufrieden, »du sprichst wie ein Kind. – Vierundzwanzig silberne Teelöffel, Schwager, zwei Saucieren, vier Salzfäßchen, alle Amethysten – Halsband, Busennadel und Ohrringe – alles zu gleicher Zeit fort; und ich sagte fast auf meinen Knien zu der armen, guten Seele: Warum tust du denn nichts, Nicolaus? Warum unternimmst du nichts dagegen? Gewiß, wer damals um mich war, wird mir die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß ich das nicht nur ein einziges Mal, sondern fünfzigmal des Tags zu ihm sagte. Ist's nicht so, liebes Käthchen? Habe ich je eine Gelegenheit unbenutzt gelassen, es deinem armen Vater ans Herz zu legen?« »Nein, nein, Mama, gewiß keine«, erwiderte Käthchen. Auch wir müssen dies Madame Nickleby bezeugen und lassen nebenbei allen verheirateten Damen insgesamt die Gerechtigkeit widerfahren, daß sie nur selten eine Gelegenheit nicht benützen, wo es sich um ähnliche goldene Regeln handelt. Es ist dabei nur schade, daß sie gewöhnlich etwas undeutlich und unbestimmt an den Mann gebracht werden. »Ach«, sagte Madame Nickleby in großer Aufregung, »wenn er nur gleich anfangs meinen Rat befolgt hätte! Doch ich habe wenigstens stets meine Pflicht wahrgenommen, und das gereicht mir einigermaßen zum Trost.« Bei dieser Selbstberuhigung angelangt, seufzte Madame Nickleby, rieb die Hände, blickte gen Himmel und nahm schließlich eine demütig gefaßte Miene an, um damit anzudeuten, sie sei eine verfolgte Heilige, wolle aber ihre Zuhörer nicht mit der Erwähnung dieses Umstandes belästigen, da er ja jedermann in die Augen fallen mußte. »Nun«, sagte Ralph mit einem Lächeln, das, wie alle anderen Ausdrücke seiner Empfindungen, mehr hinter seinem Gesichte zu lauern, als frei sich auf diesem zu entfalten schien – »um auf den Punkt, von dem wir abschweiften, zurückzukommen, so habe ich auf morgen eine kleine Gesellschaft von – von – Herren, mit denen ich gegenwärtig in Geschäftsverbindung stehe, zu Gast gebeten, und deine Mutter versprach mir, daß du das Amt der Hausdame übernehmen würdest. Ich bin an solche Partien nicht besonders gewöhnt, aber die morgige ist eine Geschäftssache, und derartige Torheiten sind bisweilen von Wichtigkeit. Du willigst doch ein, mir eine Gefälligkeit zu erweisen?« »Einwilligen?« rief Madame Nickleby. »Mein liebes Käthchen, warum –« »Bitte«, fiel Ralph ein, indem er ihr zu schweigen winkte: »ich spreche mit meiner Nichte.« »Ich tue es natürlich mit Vergnügen, Onkel«, versetzte Käthchen, »aber ich fürchte, Sie werden mich sehr ungeschickt und verlegen finden.« »Nicht doch«, entgegnete Ralph. »Du kannst, wenn du willst, in einer Mietkutsche kommen – ich zahle sie. Gute Nacht – und – und – Gott befohlen!« Der Segenswunsch schien in Herrn Ralph Nicklebys Kehle steckenbleiben zu wollen, als sei er dieser Passage nicht gewohnt und könne den Weg nicht ausfinden. Demungeachtet fand er sich endlich, obgleich ungeschickt genug, zurecht, und nachdem sich der Ehrenmann dieses entledigt hatte, schüttelte er seinen zwei Verwandten die Hände und eilte von hinnen. »Was für ein ausgeprägtes Gesicht dein Onkel hat«, sagte Frau Nickleby, etwas verdutzt über Ralphs Blicke beim Abschied. »Ich kann bei ihm auch nicht die mindeste Ähnlichkeit mit seinem armen Bruder entdecken.« »Mama«, erwiderte Käthchen verweisend, »wie mögen Sie nur an so etwas denken?« »Nein«, entgegnete Madame Nickleby nachsinnend, »ähnlich sieht er ihm nicht, aber es ist doch ein sehr ehrliches Gesicht.« Die würdige Dame entlud sich dieser Bemerkung mit einer so wichtigen Betonung, als ob solche sie nicht wenig Scharfsinn und Spähergeist gekostet hätte; und in der Tat, die Entdeckung hätte es auch wohl verdient, den außerordentlichsten unseres Jahrhunderts beigezählt zu werden. Käthchen sah hastig auf, ließ aber ebenso rasch ihre Augen wieder sinken. »Um Gottes willen, was ist denn über dich gekommen, meine Liebe?« sagte Madame Nickleby, als sie schweigend eine Strecke weitergegangen waren. »Ich habe bloß über etwas nachgedacht«, entgegnete Käthchen. »Nachgedacht?« wiederholte Frau Nickleby. »Nun ja, wir haben in der Tat Ursache genug nachzudenken. Dein Onkel hat eine große Zuneigung zu dir gefaßt, das ist offenbar: und ich kann nur sagen, daß es mich wundernehmen wird, wenn dir daraus nicht irgendein außerordentliches Glück erwächst.« Madame Nickleby erging sich hierauf in allerhand Anekdötchen von jungen Damen, denen wunderliche Onkel Tausendpfund-Noten in ihre Strickbeutel gesteckt, und von jungen Damen, die zufällig liebenswürdige Herren von ungeheurem Reichtum in den Häusern ihrer Onkels getroffen und diese nach kurzen, aber glühenden Werbungen geheiratet hatten. Käthchen aber, die im Anfang gleichgültig und nachher mit Vergnügen zuhörte, fühlte allmählich auf ihrem Spaziergange einiges von dem phantastischen Wesen ihrer Mutter in dem eigenen Herzen erwachen, so daß sie anfing, einer glänzenderen Zukunft und schöneren Tagen, die für sie noch aufdämmern könnten, entgegenzusehen. So ist die Hoffnung – eine wahre Himmelsgabe für den leidenden Sterblichen, gleich dem luftigen Äther alles durchdringend. Gutes und Böses – allgemein wie der Tod und ansteckender als die Pest. Die matte Wintersonne – und Wintersonnen sind wahrlich in der City sehr matt –- hätte wohl heller erglänzen mögen, als sie durch die trüben Fenster des großen alten Hauses schien und Zeuge des ungewöhnlichen Anblicks war, den eines der halbmöblierten Zimmer darbot. In einem düsteren Winkel, wo vordem viele Jahre lang ein stiller, staubiger Warenhaufen lag, der, einer Kolonie von Mäusen Schutz verleihend, düster und leblos den Raum des getäfelten Zimmers beengte und nur, wenn schwere Wagen durch die Straßen rollten, durcheinander schütterte und bebte, so daß die hellen Augen seiner kleinen Bewohner vor Furcht noch heller leuchteten und die erschreckten Tierchen mit aufmerksamem Ohr und klopfendem Herzen regungslos blieben, bis der Lärm vorüber war – in diesem düsteren Winkel lag Käthchens kleiner Schmuck für den Tag aufs sorgfältigste ausgebreitet. Jeder einzelne Putzartikel hatte etwas von jener eigentümlichen und unbeschreiblichen Anmut, die Kleidungsstücke – sei es durch Ideenverbindung, oder weil man sich die Besitzerin darin denkt – in den Augen derer haben, die in ihnen eine schmucke Gestalt kennen oder doch durch ihre Phantasie die leeren Gewänder mit einer solchen ausfüllen. An der Stelle eines vermoderten Warenballens lag das schwarze seidene Kleid, das an sich schon einen allerliebsten Anblick bot. Die kleinen Schuhe mit den zarten Abdrücken der Zehen standen auf derselben Stelle, wo einige alte Eisengewichte Eindrücke in den Dielen zurückgelassen hatten. Ein Haufen groben, mißfarbigen Leders hatte unfreiwillig denselben kleinen schwarzseidenen Strümpfen Platz gemacht, die der Gegenstand von Madame Nicklebys besonderer Sorgfalt gewesen waren. Ratten und Mäuse, nebst ähnlicher kleiner Brut, waren schon längst verhungert oder nach besseren Quartieren ausgewandert, und an ihrer Statt erblickte man Handschuhe, Bänder, Schärpen, Haarnadeln und noch viele andere kleine Erfindungen, die in ihrer Weise ebenso scharfsinnig im Quälen der Menschen sind wie Ratten und Mäuse. Zwischen alledem bewegte sich Käthchen hin und her, die ungewohnteste, aber keineswegs die am mindesten schöne Zierde des düstern alten Gebäudes. In guter – oder in schlimmer Zeit, wie es dem Leser beliebt, denn Madame Nicklebys Ungeduld überflügelte die Glocken der Turmuhren bei weitem, und Käthchen hatte bereits anderthalb volle Stunden, ehe es nötig war, nur an den Beginn der Toilette zu denken, ihre letzte Haarnadel festgesteckt – in guter oder in schlimmer Zeit also war die Dame vollständig aufgeputzt. Als nun endlich die zum Aufbrechen bestimmte Stunde erschien, wurde der Milchmann beauftragt, von dem nächsten Standorte eine Mietdroschke zu holen. Käthchen stieg, nachdem sie ihrer Mutter zu wiederholten Malen Lebewohl gesagt und ihr viele freundliche Grüße an Fräulein La Creevy, die zum Tee erwartet wurde, aufgetragen hatte, in die Kutsche und fuhr ganz stattlich von hinnen, wenn man anders in einem Mietwagen stattlich fahren kann. Und die Kutsche und der Kutscher und die Pferde rasselten und quenkelten und peitschten und fluchten und stolperten, bis sie Golden Square erreichten. Der Kutscher pochte mit einem wuchtigen Doppelschlag an die Tür, die sich, noch ehe er ganz damit zustande gekommen war, so rasch öffnete, als ob jemand mit der Hand auf der Klinke dahinter gestanden hätte. Käthchen, die keine ungewöhnlichere Erscheinung als Newman Noggs mit einem reinen Hemde erwartet hatte, war nicht wenig erstaunt, in dem Manne, der die Tür öffnete, einen Bedienten in schöner Livree zu finden, wie sie denn auch noch zwei oder drei andere in der Hausflur stehen sah. Im Hause konnte man sich indessen nicht geirrt haben, denn Ralphs Name stand an der Tür; und so nahm sie den mit Borten geschmückten Rockärmel, der ihr geboten wurde, an, trat in das Haus und folgte ihrem Führer die Treppe hinauf nach einem hintenhinausgehenden Gesellschaftszimmer, wo sie allein gelassen wurde. Hatte sie schon die Erscheinung des Dieners überrascht, so konnte sie jetzt über den Reichtum und den Glanz der Einrichtung gar nicht zu sich selber kommen. Die weichsten und elegantesten Teppiche, die ausgesuchtesten Gemälde, die köstlichsten Spiegel und die reichsten Schmuckstücke, deren verschwenderische Pracht die Augen blendete und verwirrte, traten allenthalben ihren Blicken entgegen. Selbst das Stiegenhaus fast bis zur Hausflurtür hinunter war mit schonen und prachtvollen Gegenständen überfüllt, als ob das Haus bis an den Rand voll von Reichtum wäre und bei dem geringsten Zuwachs nach der Straße zu überfließen müßte. Bald darauf hörte sie eine Reihe von lauten Doppelschlägen an der Haustüre und nach jedem Pochen eine neue Stimme in dem nächsten Zimmer. Die des Herrn Ralph Nickleby war im Anfang leicht zu erkennen; allmählich erstickte sie aber in dem allgemeinen Gesumme der Unterhaltung, und Käthchen konnte nun weiter nichts unterscheiden, als daß einige Herren mit nicht sehr musikalischen Stimmen da waren, die sehr laut sprachen, alle Augenblicke hellauf lachten und mehr schworen, als ihr wahrscheinlich nötig dünkte. Doch das war Geschmackssache. Endlich ging die Tür auf, und Ralph selbst, nicht wie gewöhnlich in Stiefeln, sondern gar anständig in schwarzseidenen Strümpfen und Schuhen, zeigte sein listiges Gesicht. »Ich konnte dich nicht früher begrüßen, meine Liebe«, sagte er leise, indem er zugleich auf das nächste Zimmer deutete, »denn ich mußte die da drinnen empfangen. Nun – kann ich dich jetzt vorstellen?« »Aber lieber Onkel«, sagte Käthchen etwas betreten, wie es wohl auch Leuten gehen mag, die mehr an Gesellschaften gewöhnt sind, wenn sie in ein mit lauter Fremden angefülltes Zimmer treten sollen und vorher Zeit gehabt haben, darüber nachzudenken; »sind auch Damen da?« »Nein«, versetzte Ralph abgebrochen; »ich kenne keine Damen.« »Muß ich jetzt gleich hineingehen?« fragte Käthchen, sich ein wenig zurückziehend. »Wie dir beliebt«, antwortete Ralph mit einem Achselzucken. »Die Gäste sind beisammen, und das Essen wird gleich angehen.« Käthchen hätte wohl gerne um ein paar Minuten Verzug gebeten; sie bedachte aber, daß ihr Onkel vielleicht die Bezahlung der Kutschenmiete für eine Art Verpflichtung betrachte und dafür von ihrer Seite Pünktlichkeit fordere, und so nahm sie seinen Arm an und ließ sich fortführen. Als sie eintraten, standen sieben oder acht Herren um das Feuer. Da diese jedoch sehr laut miteinander sprachen, so gewahrten sie die Eingetretenen nicht früher, als bis Herr Ralph Nickleby den einen am Rockärmel berührte und mit rauher und nachdrücklicher Stimme, als wolle er die allgemeine Aufmerksamkeit erregen, begann: »Lord Friedrich Verisopht – meine Nichte, Fräulein Nickleby.« Die Gruppe trat überrascht auseinander, und der angeredete Herr, der sich rasch umwandte, zeigte einen Anzug von dem allermodernsten Zuschnitt, einen dito Backen- und Schnurrbart, einen Kopf voll Haare und ein junges Gesicht. »Ha!« sagte der Herr. »Wa-as – der – Teufel!« Unter diesen abgebrochenen Ausrufungen heftete er seine Lorgnette vor das Auge und starrte Fräulein Nickleby in großer Überraschung an. »Meine Nichte, Mylord«, sagte Ralph. »Wirklich? – täuschen mich meine Ohren nicht, und ist es kein W–a–chsbild?« entgegnete Seine Herrlichkeit. »Wie geht es Ihnen? Ich schätze mich außerordentlich glücklich.« Und dann drehte sich Seine Herrlichkeit gegen einen andern höchst modernen Herrn, der etwas älter, etwas stämmiger, etwas röter im Gesicht und etwas ausgekochter war, und sagte ihm laut ins Ohr, das Mädchen wäre ›verteufelt hübsch‹. »Stellen Sie mich vor, Nickleby«, sagte dieser Herr, der mit dem Rücken gegen den Kamin lehnte und beide Ellenbogen auf das Gesimse stützte. »Sir Mulberry Hawk«, sagte Ralph. »Der bekannteste Gentleman in der ganzen Sta–adt, Fräulein Nickleby«, fügte Lord Verisopht bei. »Vergessen Sie mich nicht, Nickleby«, rief ein Herr mit einem scharfen Gesichtszug, der auf einem niedrigen Stuhl mit hoher Lehne saß und eine Zeitung las. »Herr Pyke«, sagte Ralph. »Mich auch nicht, Nickleby«, rief ein anderer geschniegelter Herr mit einem roten Gesicht, der an Sir Mulberry Hawks Seite stand. »Herr Pluck«, sagte Ralph. Dann wandte er sich gegen einen Herrn mit einem Storchhals und den Beinen eben keines besonderen Tieres und stellte ihn als den ehrenwerten Herrn Snobb, – wie auch einen an dem Tisch sitzenden Mann in weißen Haaren als den Obersten Chowser vor. Der Oberst war im Gespräch mit irgend jemand, der nur eine Zugabe zu sein schien und daher nicht vorgestellt wurde. Schon jetzt fielen unserem Käthchen zwei Umstände ungemein auf, und das Blut schoß ihr dabei glühend nach dem Gesicht: einmal die unbekümmerte Verachtung, womit die Gäste augenscheinlich ihren Onkel behandelten, und dann die leichtfertige Unverschämtheit ihres Benehmens gegen sie selbst. Auch ließ sich leicht voraussehen, daß die erstere höchstwahrscheinlich noch zu einer Verschlimmerung des zweiten führte. Und hier hatte Herr Ralph Nickleby die Rechnung ohne den Wirt gemacht! denn mag ein Mädchen von nur einiger Erziehung auch frisch vom Lande weggekommen und mit dem konventionellen Benehmen durchaus unbekannt sein, so ist doch die größte Wahrscheinlichkeit vorhanden, daß ihr angeborenes Schicklichkeitsgefühl sie über das, was sich im Leben ziemt, ebensogut belehrt, als ob sie ein ganzes Dutzend Saisons in London mitgemacht hätte – ja vielleicht noch besser: denn man hat Beispiele, daß ein derartiges Gefühl durch die angedeutete Verbesserungslaufbahn ziemlich abgestumpft wurde. Als Ralph die Zeremonie der Einführung beendigt hatte, führte er seine errötende Nichte zu einem Platz, indem er zugleich einen schlauen Blick um sich warf, als wolle er sich überzeugen, welchen Eindruck ihre unerwartete Erscheinung gemacht hatte. »Ein unverhoffter Zeitvertreib, Nickleby«, sagte Lord Verisopht und nahm die Lorgnette von seinem rechten Auge, wo sie bis jetzt Käthchen gegenüber ihre Pflicht getan, um sie an das linke bringen und Ralph betrachten zu können. »Er hatte die Absicht, Sie zu überraschen, Lord Friedrich«, entgegnete Herr Pluck. »Keine üble Idee«, meinte Seine Herrlichkeit, »die sogar eine Beifügung von noch weiteren dritthalb Prozenten rechtfertigen würde.« »Nickleby«, sagte Sir Mulberry Hawk mit dicker, heiserer Stimme, »benutzen Sie den Wink, schlagen Sie dieses Geständnis des edlen Lords zu den andern fünfundzwanzig, oder wieviel es ausmachen mag, und geben Sie mir die Hälfte für meinen Rat.« Sir Mulberry verzierte seine Worte mit einem heiseren Lachen und schloß diese mit einem scherzhaften Fluch über Herrn Nicklebys Gliedmaßen, worüber die Herren Pyke und Pluck sich fast totlachen wollten. Diese Herren hatten sich von ihrer Heiterkeit noch nicht ganz erholt, als gemeldet wurde, daß aufgetragen sei, worauf sie durch eine ähnliche Scherzrede aufs neue in einen Lachkrumpf gerieten. Dann schoß Sir Mulberry Hawk im Übermaß seiner guten Laune gewandt an Lord Friedrich Verisopht, der eben Käthchen die Treppe hinunterführen wollte, vorbei und legte ihren Arm in den seinigen. »Nein, zum Teufel, Verisopht«, sagte Sir Mulberry, »ich lobe mir ein ehrliches Spiel. Fräulein Nickleby und ich haben die Sache schon vor zehn Minuten mit den Augen abgemacht.« »Ha! ha! ha!« lachte der ehrenwerte Herr Snobb, »sehr gut, sehr gut.« Sir Mulberry Hawk, der durch diesen Beifall noch witziger wurde, schielte schalkhaft nach seinen Freunden und führte Käthchen mit einem so vertraulichen Wesen die Stiege hinunter, daß in dem edlen Herzen des Mädchens ein Abscheu und eine Entrüstung aufflammten, die sie fast nicht zu unterdrücken vermochte. Die Gewalt dieser Gefühle wurde auch nicht im mindesten gedämpft, als man ihr einen Platz oben an der Tafel zwischen Sir Mulberry Hawk und Lord Verisopht anwies. »Ah, Sie haben auch den Weg in unsere Nachbarschaft gefunden«, sagte Sir Mulberry, als sich Seine Herrlichkeit niederließ. »Natürlich«, versetzte Lord Friedrich, seine Augen auf Fräulein Nickleby heftend, »wie mögen Sie nur fra–a–gen?« »Nun so beschäftigen Sie sich recht hübsch mit Ihrem Teller«, entgegnete Sir Mulberry, »und kümmern Sie sich nicht um Fräulein Nickleby und mich: denn ich versichere Sie, wir werden zur Unterhaltung der Gesellschaft sehr wenig beitragen.« »Da müssen Sie sich ins Mittel legen, Nickleby«, rief Lord Verisopht. »Worum handelt sich's, Mylord?« fragte Ralph, der am untern Ende der Tafel zwischen den Herren Pyke und Pluck saß. »Dieser Kerl, der Hawk, will ein Monopol auf Ihre Nichte geltend machen«, versetzte Lord Verisopht. »Er nimmt einen erträglichen Anteil von allem, worauf Sie selbst Anspruch machen, Mylord«, entgegnete Ralph mit einem höhnischen Zucken der Lippen. »Beim Henker, das tut er«, rief der junge Herr; »der Teufel soll mich holen, wenn ich weiß, welcher von uns beiden Herr in meinem Hause ist.« »Ich weiß es wohl«, brummte Ralph vor sich hin. »Nun, ich denke, ich schüttle ihn seinerzeit ab, und vermache ihm einen Schilling«, sagte der junge Edelmann scherzend. »Nein, nein, mein Goldmännchen«, sagte Sir Mulberry. »Wenn Sie zu dem Schilling kommen – dem letzten, meine ich – will ich Sie geschwind genug abschütteln; aber bis dahin werde ich nicht von Ihnen lassen – nehmen Sie mein Wort darauf.« Diese Scherzrede, die jedoch nur Sir Mulberrys wahre Gesinnung aussprach, wurde mit allgemeinem Brüllen aufgenommen, aus dem man aber das Gelächter der Herren Pyke und Pluck, die augenscheinlich Sir Mulberrys besondere Verehrer waren, deutlich unterscheiden konnte. In der Tat war auch leicht zu bemerken, daß die Mehrzahl der Gesellschaft den unglücklichen jungen Lord, der zwar schwach und einfältig, aber offenbar der am wenigsten Lasterhafte unter dieser Horde war, so viel wie möglich auszubeuten suchte. Sir Mulberry Hawk war berühmt wegen seiner bewunderungswürdigen Geschicklichkeit, unter Beihilfe seiner Kreaturen reiche junge Herren zugrunde zu richten – ein sehr anständiges und ehrenwertes Gewerbe, in dem er unbezweifelt den ersten Rang einnahm. Mit der ganzen Kühnheit und Originalität eines Genies hatte er eine den früheren Methoden ganz entgegengesetzte, vollkommen neue Verfahrungsweise ausgesonnen; denn er pflegte diejenigen, über die er das Übergewicht gewonnen, eher zu zügeln als sie ihren eigenen Wegen zu überlassen, wie er es denn auch liebte, seinen Witz offen und ohne Rückhalt an ihnen auszuüben. Er hatte sie daher in doppeltem Sinne zu Narren; denn während er sie mit ungemeiner Fertigkeit rupfte, nötigte er sie auch, zur Belustigung der Gesellschaft zu dienen. Das Mahl war hinsichtlich des Glanzes und der Rundung seiner Anordnung so ausgezeichnet wie die Gemächer, und die Gesellschaft ermangelte nicht, ihm volle Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, wobei namentlich die Herren Pyke und Pluck etwas Ausgezeichnetes leisteten. Diese beiden Ehrenmänner nämlich aßen von jeder Schüssel und tranken aus jeder Flasche mit einer Fähigkeit und Ausdauer, die wirklich Erstaunen erregte. Sie blieben aber trotz ihrer großen Anstrengung merkwürdig frisch: denn sogar in dem Dessert richteten sie Verheerungen an, als ob sie seit dem Frühstück nichts Namhaftes zu sich genommen hätten. »Nun«, sagte Lord Friedrich, als er noch an seinem ersten Glas schlürfte, »wenn das ein Diskontodiner ist, so weiß ich weiter nichts zu sagen, als daß mich der Teufel holen soll, wenn ich es nicht für etwas Herrliches halte, jeden Ta–a–g zu diskontieren.« »Sie werden seinerzeit vollauf davon bekommen«, entgegnete Sir Mulberry Hawk; »Nickleby wird's Ihnen schon anschreiben.« »Was sagen Sie dazu?« fragte der junge Herr. »Werde ich ein guter Kunde sein?« »Das hängt ganz von den Umständen ab, Mylord«, erwiderte Ralph. »Nämlich von Eurer Herrlichkeit Umständen«, bemerkte Oberst Chowser von der Miliz – »und von den Wettrennplätzen.« Der brave Oberst warf einen Blick auf die Herren Pyke und Pluck, als erwarte er von ihnen, daß sie seinen Witz belachen sollten. Da aber diese würdigen Männer nur die Verpflichtung hatten, für Sir Mulberry Hawk zu lachen, so blieben sie, zu des Obersten großem Mißvergnügen, so ernst wie ein paar Leichenbitter. Um seine Niederlage noch zu vergrößern, betrachtete Sir Mulberry, der solche Versuche für einen Eingriff in die ihm ausschließlich zustehenden Rechte hielt, den Übertreter fest durch seine Lorgnette, als sei er höchlich erstaunt über diese Anmaßung, und ließ seinen Unwillen durch eine Äußerung über ›höllische Freiheit‹ laut werden. Dies faßte Lord Friedrich für einen Wink auf, sich gleichfalls seiner Lorgnette zu bedienen und den Gegenstand des Tadels zu beäugeln, als sei er irgendein außerordentliches, wildes Tier, das man zum erstenmal zur Schau stellte. Natürlich folgten Herr Pyke und Herr Pluck Sir Mulberry Hawks Beispiel, und so sah sich der arme Oberst, um seine Verwirrung zu verbergen, in die Notwendigkeit versetzt, sein Glas Portwein vor das rechte Auge zu halten und zu tun, als prüfe er dessen Farbe mit dem angelegentlichsten Interesse. Diese ganze Zeit über saß Käthchen so stumm wie möglich da und wagte es kaum, ihre Augen zu erheben, damit sie nicht dem bewundernden Blicke des Lord Friedrich Verisopht oder – was sie noch mehr in Verlegenheit setzte, dem kühnen seines Freundes Sir Mulberry begegneten. Der letztere Herr war verbindlich genug, die allgemeine Aufmerksamkeit auf sie zu lenken. »Hier ist Fräulein Nickleby«, bemerkte Sir Mulberry, »und wundert sich, warum, zum Henker, ihr niemand den Hof macht.« »O gewiß nicht«, versetzte Käthchen hastig aufblickend, »ich – –« dann hielt sie plötzlich inne, denn sie fühlte, es wäre besser gewesen, wenn sie gar nicht gesprochen hätte. »Ich wette fünfzig Pfund gegen jeden«, sagte Sir Mulberry, »daß Fräulein Nickleby mir nicht ins Gesicht sehen und behaupten kann, sie hätte nicht diesen Gedanken gehegt.« »Es gilt«, rief der hochadlige Gimpel. »Innerhalb zehn Minuten.« »Gilt!« entgegnete Sir Mulberry. Das Geld wurde von beiden Seiten aufgezählt, und der ehrenwerte Herr Snobb für das doppelte Amt erkoren, die Summe in Verwahrung zu nehmen und die Zeit abzumessen. »Ich bitte«, sagte Käthchcn, die sich während dieser Einleitung in der größten Verwirrung befand, »ich bitte, mich nicht zum Gegenstand einer Wette zu machen. Onkel, ich kann in der Tat nicht – –« »Warum nicht, meine Liebe«, versetzte Ralph, in dessen schnarrender Stimme sich übrigens eine ungewöhnliche Heiserkeit kundgab, als ob er nur ungern so spräche und es lieber gesehen hätte, wenn diese Wette unterblieben wäre. »Es liegt nichts Verfängliches darin und ist in einem Augenblick geschehen. Wenn die Herren darauf bestehen – –« »Ich bestehe nicht darauf«, entgegnete Sir Mulberry mit einem lauten Lachen. »Das heißt, ich bestehe keineswegs darauf, daß es Fräulein Nickleby in Abrede zieht, denn wenn sie es tut, so verliere ich. Aber es würde mir eine Freude machen, ihre schönen Augen zu sehen, zumal sie diese Gunst nur diesem Mahagonitisch zugedacht zu haben scheint.« »Ja, da« tut sie – und es ist zu a–a–arg von Ihnen, Fräulein Nickleby«, sagte der junge Lord. »Ganz grausam«, meinte Herr Pyke. »Schrecklich grausam«, beteuerte Herr Pluck. »Ich mache mir nichts daraus, wenn ich verliere«, erklärte Sir Mulberry, »denn ein einziger richtiger Blick aus Fräulein Nicklebys Augen ist doppelt so viel wert.« »Mehr«, sagte Herr Pyke. »Weit mehr«, bekräftigte Herr Pluck. »Wie steht's mit dem Feind, Snobb?« fragte Herr Mulberry Hawk. »Fünf Minuten vorbei.« »Bravo!« »Möchten Sie nicht zu meinen Gunsten einen Versuch ma–a–achen, Fräulein Nickleby?« fragte Lord Friedrich nach einer kurzen Pause. »Bemühen Sie sich nicht mit solchen vorlauten Fragen, mein Bester«, sagte Sir Mulberry. »Fräulein Nickleby und ich verstehen uns gegenseitig. Sie erklärt sich für mich und zeigt dadurch ihren Geschmack. Sie dürfen sich keine Hoffnung machen, mein Guter. Wie steht's, Snobb?« »Acht Minuten vorbei.« »Halten Sie das Geld bereit«, entgegnete Sir Mulberry, »Sie werden es bald aushändigen müssen.« »Ha! ha! ha!« lachte Herr Pyke. Herr Pluck, der immer den Nachtreter machte und seinen Freund womöglich zu überbieten suchte, brüllte laut auf. Das arme Mädchen, das vor Verwirrung kaum wußte, was sie tat, hatte sich vorgenommen, ganz ruhig zu bleiben. Da sie aber fürchtete, hierdurch den Anschein zu erhalten, als unterstütze sie Sir Mulberrys Prahlerei, die er in so roher und gemeiner Weise ausgesprochen hatte, so erhob sie ihre Augen und sah ihm ins Gesicht. In seinem Blick lag aber etwas so Gehässiges, Unverschämtes und Zurückstoßendes, daß sie – unfähig, auch nur eine Silbe hervorzustammeln – aufstand und aus dem Zimmer eilte. Sie drängte ihre Tränen mit Gewalt zurück, bis sie sich allein in dem obern Zimmer befand, und ließ ihnen dann freien Jauf. »Vortrefflich!« rief Sir Mulberry Hawk, indem er die Einlagen zu sich steckte. »Das Mädel hat Temperament – wir müssen auf ihre Gesundheit trinken!« Es ist unnötig zu sagen, daß Pyke und Kompanie auf diesen Vorschlag mit großer Wärme eingingen, und daß die Gesundheit unter manchen kleinen Anspielungen von seiten der genannten Firma auf die Vollständigkeit von Sir Mulberrys Eroberung getrunken wurde. Ralph, der die Hauptpersonen des vorhergehenden Auftritts, während sie die Aufmerksamkeit aller andern Gäste auf sich zogen, mit den Augen eines Wolfes beobachtet hatte, schien nach der Entfernung seiner Nichte freier zu atmen. Er lehnte sich, während die Gläser rascher kreisten, in seinem Stuhl zurück und sah, je mehr die Gäste durch den Wein erhitzt wurden, von einem Sprecher auf den andern, und zwar mit Blicken, die bis in ihr Innerstes zu dringen und einen leidigen Zeitvertreib darin zu finden schienen, jeden müßigen Gedanken desselben zu zergliedern. Inzwischen hatte sich Käthchen, die ganz sich selbst überlassen war, wieder einigermaßen gefaßt. Sie erfuhr durch ein Dienstmädchen, daß ihr Onkel sie noch zu sehen wünschte, ehe sie das Haus verließe, und vernahm dabei auch die beruhigende Kunde, daß die Herren ihren Tee bei Tisch trinken würden. Die Hoffnung, nicht mehr mit ihnen in Berührung zu kommen, trug viel dazu bei, ihr aufgeregtes Gemüt zu besänftigen, und so sammelte sie sich endlich so weit, um ein Buch nehmen und lesen zu können. Hin und wieder fuhr sie jedoch zusammen, wenn ein plötzliches Öffnen der Tür des Speisesaals das wilde Toben der Zecher hörbar werden ließ, und mehr als einmal sprang sie in Todesängsten auf, wenn ein eingebildeter Fußtritt auf der Treppe die Furcht in ihr rege machte, irgendein betrunkenes Glied der Gesellschaft möchte sich zu ihr verirren. Es fiel jedoch nichts vor, was ihre Besorgnis verwirklicht hätte, und sie bemühte sich, ihre Aufmerksamkeit ganz dem Buche zuzuwenden, an dem sie nachgerade so viel Interesse fand, daß sie, ohne der Zeit oder des Orts zu achten, einige Kapitel durchlas, als sie auf einmal ob dem Laut ihres Namens aufschrak, der dicht neben ihr von einer männlichen Stimme ausgesprochen wurde. Das Buch entfiel ihrer Hand; denn gerade neben ihr dehnte sich Sir Mulberry Hawk auf einer Ottomane, augenscheinlich durch den Wein noch verschlimmert; denn ein schuftiges Herz zeigt nicht einmal in der Stunde einer derartigen Begeisterung eine gute Seite. »Welch ein entzückendes Studium!« sagte der würdige Ritter. »War es Ihnen ernst damit, oder wollen Sie nur Ihre Augenwimpern zeigen?« Käthchen biß sich in die Lippe und blickte, ohne zu antworten, ängstlich nach der Tür. »Ich habe Sie schon fünf Minuten lang bewundert«, fuhr Sir Mulberry fort. »Bei meiner Seele, Sie sind vollendet schön. Warum mußte ich auch sprechen und ein so anmutiges Bildchen zerstören?« »Haben Sie die Güte, mich mit Ihren Worten zu verschonen, Sir«, versetzte Käthchen. »Ach, sprechen Sie nicht so«, entgegnete Sir Mulberry, indem er seinen Chapeau claque zusammenschlug, den Ellenbogen darauf stützte und noch näher an die junge Dame rückte. »Bei meinem Leben, Sie dürfen nicht so sprechen. Es ist teuflisch, daß Sie den Sklaven, der zu Ihren Füßen bittet, so hart behandeln; ja das ist es, bei meiner Seele.« »Ich möchte Ihnen begreiflich machen, Sir«, sagte Käthchen mit unwillkürlichem Beben, obgleich sie in höchster Entrüstung sprach, »daß Ihr Benehmen mich beleidigt und kränkt. Wenn Sie nur noch einen Funken von Ehre in sich fühlen, so werden Sie mich auf der Stelle verlassen.« »Ei, warum wollen Sie denn stets noch diesen Schein übermäßiger Strenge beibehalten, mein Schätzchen?« versetzte Sir Mulberry. »Seien Sie mehr Natur, liebes Fräulein – mehr Natur.« Käthchen sprang hastig auf; aber als sie sich erhob, faßte sie Sir Mulberry beim Kleide und hielt sie zurück. »Lassen Sie mich los, Sir«, rief sie, und ihr Herz schwoll vor Zorn. »Hören Sie? Augenblicklich – auf der Stelle!« »Setzen Sie sich – setzen Sie sich«, entgegnete Sir Mulberry: »ich muß etwas mit Ihnen sprechen.« »Ob Sie mich loslassen wollen, Sir! Augenblicklich – augenblicklich!« rief Käthchen. »Nicht um eine Welt«, versetzte Sir Mulberry. Mit diesen Worten beugte er sich über sie, um sie auf ihren Sitz zurückzudrängen, aber die junge Dame machte eine gewaltsame Anstrengung, sich loszureißen, wodurch er das Gleichgewicht verlor und der Länge nach zu Boden stürzte. Käthchen wollte eben aus dem Zimmer eilen, als ihr Herr Ralph Nickleby an der Tür in den Weg trat. »Was gibt's da?« fragte Ralph. »Nichts weiter, Sir«, erwiderte Käthchen in heftiger Aufregung, »als daß ich unter dem Dach, wo ich als hilfloses Mädchen und als das Kind Ihres verstorbenen Bruders hätte Schutz finden sollen, Beleidigungen ausgesetzt gewesen bin, ob denen Sie zurückbeben sollten, wenn Sie meiner nur ansichtig werden. Lassen Sie mich hinaus.« Ralph bebte zurück, als das entrüstete Mädchen das flammende Auge auf ihn heftete, ohne jedoch ihrem Verlangen zu willfahren: denn er führte sie nach einem entfernt stehenden Sitz, näherte sich dann Sir Mulberry Hawk, der inzwischen wieder aufgestanden war, und deutete nach der Tür. »Ihr Weg geht da hinaus, Sir«, sagte Ralph mit einer erstickten Stimme, die sogar einem Teufel Ehre gemacht haben würde. »Was wollen Sie damit sagen?« fragte sein Freund trotzig. Die angeschwollenen Adern traten auf Ralphs gefurchter Stirne wie straffe Sehnen hervor, und die Muskeln seines Mundes zuckten wie in unerträglichem Schmerze; aber er lächelte verächtlich und wies abermals nach der Tür. »Wissen Sie, wer ich bin. Sie Narrenhauskandidat?« sagte Sir Mulberry. »Ja!« sagte Ralph. Der fashionable Taugenichts erbebte einen Augenblick unter dem festen Blick des alten Sünders und ging, vor sich hinbrummend, nach der Tür. »Ah, Sie wollten den Lord – nicht wahr?« sagte er, indem er plötzlich an der Tür haltmachte und sich wieder gegen Ralph wandte, als ob ihm auf einmal ein neues Licht aufgegangen wäre. »Zum Teufel – und ich war im Weg – ist's so?« Ralph lächelte wieder, gab aber keine Antwort. »Wer hat ihn zuerst zu Ihnen gebracht«, fuhr Sir Mulberry fort, »und wie wäre es Ihnen je möglich geworden, ihn ohne mich zu umgarnen?« »Das Garn ist groß und ziemlich voll«, entgegnete Ralph. »Nehmt Euch in acht, daß niemand in den Maschen erwürgt wird.« »Sie wären fähig, Ihr eigen Fleisch und Blut für Geld zu verkaufen und sich selbst noch obendrein, wenn der Kontrakt mit dem Teufel nicht bereits abgeschlossen wäre«, erwiderte der andere. »Sie wollen mir etwa gar weismachen, Ihre hübsche Nichte sei nicht als Köder für den betrunkenen Laffen da drunten hergeschafft worden?« Obgleich dieses hastige Zwiegespräch von beiden Seiten mit gedämpfter Stimme geführt wurde, so sah sich doch Ralph schnell um, um sich zu überzeugen, ob Käthchen ihren Platz nicht so weit gewechselt hätte, daß sie dies hätte hören können. Sein Gegner nahm den Vorteil, der sich ihm hieraus ergab, wahr und verfolgte ihn weiter. »Wollen Sie mir wirklich weismachen, daß dies nicht der Fall ist?« fragte er wieder. »Haben Sie im Sinn zu behaupten, daß Sie, wenn er statt meiner den Weg hierher gefunden hätte, nicht ein bißchen blinder, tauber oder etwas weniger patzig gewesen wären, als es der Fall war? Beantworten Sie mir das, Nickleby?« »Ich sage Ihnen bloß«, versetzte Ralph, »wenn ich sie wegen einer Geschäftssache hierher brachte –« »Ja, ja, das ist der richtige Ausdruck«, fiel Sir Mulberry mit Lachen ein; »nun werden Sie wieder ganz Ralph Nickleby.« »– wegen einer Geschäftssache hierher brachte«, fuhr Ralph langsam und fest, wie ein Mann, der seine Worte abgemessen hat, fort, »weil ich glaubte, sie möchte auf den einfältigen jungen Menschen, den Sie in Ihren Händen haben und zu ruinieren im Begriff sind, einigen Eindruck machen, so wußte ich – denn ich kenne ihn –, daß es lange dauern würde, bis er die Gefühle des Mädchens verletzte, und daß er, wenn er auch durch sein läppisches, hohlköpfiges Wesen Anstoß erregte, bei ein klein wenig Routine von ihrer Seite das Geschlecht und die Sittsamkeit sogar an der Nichte seines Wucherers achten müßte. Aber wenn ich ihn auch durch diesen Kunstgriff auf eine sanftere Weise anlocken wollte, so fiel es mir doch keinen Augenblick ein, das Mädchen der Zügellosigkeit und Roheit eines so alten Wüstlings, wie Sie es sind, auszusetzen. Und nun verstehen wir uns.« »Zumal, weil nichts dabei zu gewinnen war – he?« höhnte Sir Mulberry. »Ganz richtig«, sagte Ralph. Er hatte sich abgewandt und diese letzte Antwort über seine Schulter gesprochen. Bei dieser Gelegenheit begegneten sich jedoch die Augen der beiden Ehrenmänner mit einem Ausdruck, als ob jeder fühlte, daß er seine Schuftigkeit nicht vor dem andern verbergen könne. Sir Mulberry zuckte die Achseln und ging hinaus. Sein Freund schloß die Tür und blickte unruhig nach dem Platz, wo sich seine Nichte noch immer in der Stellung, in der er sie verlassen hatte, befand. Sie hatte den Kopf auf ein Polster des Sofas niedersinken lassen, ihr Gesicht in den Händen verborgen und schien noch immer im Übermaß des Schmerzes und der Scham zu weinen. Ralph wäre wohl in das Haus eines in Armut versunkenen Schuldners gegangen und hätte ihn ohne Bedenken dem Gerichtsdiener überantwortet, selbst wenn dieser an dem Sterbebett seines Kindes geweint hätte; denn so etwas lag ganz in dem gewöhnlichen Gang des Geschäftslebens, und der Mann hätte gegen das einzige Sittengesetz der Geldseelen gesündigt. Aber hier war ein junges Mädchen, das kein anderes Unrecht begangen, als daß es lebendig in die Welt gekommen war, das sich geduldig allen seinen Wünschen gefügt und das sich ihm zu Gefallen harten Prüfungen unterzogen hatte – vor allem aber, das ihm kein Geld schuldig war – und er fühlte sich verlegen und unbehaglich. Ralph nahm einen Stuhl in einiger Entfernung, dann einen näher stehenden, rückte diesen noch näher, und immer näher, bis er sich endlich auf das gleiche Sofa setzte, und legte dann seine Hand auf Käthchens Arm. »Ruhig, meine Liebe«, sagte er, als sie den Arm zurückzog und von neuem zu schluchzen begann, »ruhig, ruhig! Kümmre dich nicht darum; denke nicht mehr daran.« »Ach, um Gottes willen, lassen Sie mich heimgehen«, rief Käthchen, »lassen Sie mich dieses Haus verlassen und heimgehen.« »Ja, ja, das sollst du«, versetzte Ralph; »aber du mußt zuerst deine Augen trocknen und dich sammeln. Komm, laß dir den Kopf aufrichten. So – so!« »Ach Onkel«, rief das arme Mädchen, die Hände zusammenschlagend; »was habe ich getan – was habe ich getan – daß Sie mich diesem aussetzen konnten? Ja, wenn ich Sie in Gedanken, Worten oder Tal gekränkt hätte, so wäre es schon die größte Grausamkeit gegen mich und eine Verhöhnung gegen das Andenken eines Verstorbenen gewesen, den Sie in früheren Zeiten geliebt haben müssen; aber –« »Höre mich nur einen Augenblick an«, unterbrach sie Ralph, der ob dem Ungestüm ihrer Aufregung ernstlich beunruhigt war. »Ich wußte nicht, daß es so kommen würde; ich konnte es unmöglich voraussehen. Aber ich tat alles, was ich konnte. – Komm, wir wollen ein wenig auf und ab gehen; die abgeschlossene Luft und die Hitze dieser Lampen haben dich unwohl gemacht. Es wird dir gleich besser werden, wenn du dir nur ein wenig Bewegung machst.« »Ich will alles tun«, versetzte Käthchen, »wenn Sie mich nur nach Haus lassen.« »Ja, ja, ich will es«, entgegnete Ralph, »aber du mußt vorher wieder wie sonst aussehen, sonst erschreckst du deine Mutter. Überhaupt niemand braucht von dem Vorgefallenen etwas zu wissen als ich und du. Nun, wir wollen jetzt in dieser Richtung gehen. So! du siehst schon wieder besser aus.« Unter solchen Ermutigungen führte Ralph Nickleby seine Nichte am Arm im Zimmer auf und ab. Aber er hätte in die Erde sinken mögen, wenn er ihrem Auge begegnete, und unter ihrer Berührung überlief ein Zittern seine Glieder. Als er es für ratsam hielt, sie gehen zu lassen, half er ihr in derselben Weise die Treppe hinunter, nachdem er ihr vorher – wahrscheinlich zum erstenmal in seinem Leben – das Halstuch umgeworfen und ähnliche kleine Dienste geleistet hatte. Er begleitete sie auch über die Hausflur und Türtreppen und ließ sie nicht eher los, als bis er sie in dem Wagen hatte. Als der Kutschenschlag ungestüm zugeschlagen wurde, fiel ein Kamm aus Käthchens Haaren gerade vor des Onkels Füßen nieder; und wie er ihn aufhob und zurückgab, fiel das Licht einer nahe hängenden Lampe auf ihr Gesicht. Die losgewordene Haarlocke, die in leichten Ringeln um ihre Stirne flog, die Spuren der kaum getrockneten Tränen, die geröteten Wangen, der kummervolle Blick – alles das weckte eine Reihe schlummernder Empfindungen in der Brust des alten Mannes. Das Gesicht seines toten Bruders schien vor ihn hinzutreten, gerade so, wie es aussah, wenn es irgendein kindischer Schmerz trübte, und jeder, auch der kleinste Zug, blitzte mit einer Bestimmtheit, wie von gestern, in seiner Seele auf. Ralph Nickleby, der gegen alle Gesetze des Bluts und der Verwandtschaft gewappnet und gegen die ergreifendsten Szenen von Kummer und Unglück gestählt war – dieser eherne Mann wankte bei diesem Anblick zurück und taumelte in sein Haus wie ein Mensch, der eine Erscheinung aus einer andern Welt jenseits des Grabes gesehen. Zwanzigstes Kapitel. worin Nicolaus endlich mit seinem Onkel zusammenkommt und ihm mit vieler Offenheit die Meinung sagt. Sein Entschluß. Montag morgens früh – dem Tag nach dem im vorigen Kapitel beschriebenen Diner – eilte das kleine Fräulein La Creevy durch verschiedene Straßen im Westend der Stadt, mit der wichtigen Botschaft beauftragt, Madame Mantalini zu melden, daß Käthchen zu unwohl sei, um an diesem Tage ihrem Geschäft nachzukommen, daß sie jedoch hoffe, sich am nächsten Morgen wieder einfinden zu können. Während aber Fräulein La Creevy so dahintrippelte und in ihrem Geiste verschiedene zierliche Formen und Wendungen des Gesichtsausdrucks erwog, um sich die besten auszuwählen und ihren Auftrag darin abzustatten, dachte sie auch ziemlich viel über die wahrscheinlichen Ursachen des Unwohlseins ihrer jungen Freundin nach. »Ich weiß nicht, was ich daraus machen soll«, sagte Fräulein La Creevy. »Ihre Augen waren gestern offenbar sehr rot. Sie sagte, sie hätte Kopfweh, aber Kopfweh macht keine rote Augen. Sie muß geweint haben.« Bei diesem Schlusse angelangt, den sie sich übrigens schon den Abend vorher gebildet hatte, erwog sie weiter – und in der Tat, sie hatte es fast die ganze Nacht hindurch getan –, welches neue Unglück ihre Freundin möglicherweise könnte getroffen haben. »Ich kann mir gar nichts vorstellen«, sagte die kleine Porträtmalerin; »nicht das mindeste, es müßte denn das Benehmen jenes alten Bären sein. Grob gegen sie – denke ich? Der garstige Flegel!« Durch diese Feststellung ihrer Meinung, obgleich sie nur in die Winde ging, erleichtert, eilte Fräulein La Creevy in Madame Mantalinis Haus. Auf die Mitteilung, daß die Inhaberin des Geschäfts noch nicht aufgestanden sei, wünschte sie ihre Stellvertreterin zu sprechen, worauf Mamsell Knag erschien. »Wenn es von mir abhinge«, sagte Mamsell Knag, als die Botschaft unter manchen Redensarten vermittelt war, »so könnte sich Mamsell Nickleby das Wiederkommen für immer ersparen.« »Ha, wirklich, Mamsell?« entgegnete Fräulein La Creevy höchlich beleidigt. »Nun, es ist gut, daß Sie nicht die Inhaberin des Geschäfts sind; und so hat Ihre Ansicht nicht viel zu bedeuten.« »Sehr gut, Madame«, versetzte Mamsell Knag. »Haben Sie sonst noch etwas zu befehlen?« »Nein, Mamsell«, sagte Fräulein La Creevy. »Dann guten Morgen, Madame«, entgegnete Mamsell Knag. »Auch Ihnen guten Morgen und schönen Dank für Ihre außerordentliche Artigkeit und Ihr gebildetes Benehmen«, erwiderte Fräulein La Creevy. Nach dieser Besprechung, während der beide Damen gezittert hatten und bewunderungswürdig höflich gewesen waren – gewisse Zeichen, daß nur sehr wenig fehlte, in einen heftigen Streit auszubrechen – stürmte Fräulein La Creevy aus dem Zimmer auf die Straße. »Ich möchte nur wissen, wer die ist«, sagte die kleine Malerin. »Es verlohnt sich der Mühe, das Persönchen kennenzulernen! Ich wollte nur, ich könnte sie malen, um ihr ihr Recht zukommen zu lassen.« Sehr befriedigt, etwas sehr Bissiges auf Mamsell Knags Kosten gesagt zu haben, brach Fräulein La Creevy in ein lustiges Lachen aus und langte in ungemein guter Laune zu Hause bei ihrem Frühstück an. Hier sprach sich einer der Vorteile aus, den man einem langen Alleinleben verdankt. Das kleine, geschäftige, rührige, heitere Geschöpf hatte sich ganz in sich selbst hineingelebt, sprach mit sich selbst, machte sich selbst zu ihrer Vertrauten, teilte sich selbst die beißendsten Bemerkungen über Leute mit, die sie beleidigt hatten, gefiel sich selbst und tat niemandem etwas zuleide. Wenn sie jemandem Arges nachsagte, so litt doch kein Ruf darunter, und wenn sie ein klein bißchen Rache übte, so spürte keine lebende Seele auch nur das mindeste davon. Sie war eine von den vielen, die ihrer beschränkten Mittel wegen keine Verbindungen nach ihrem Geschmack anknüpfen können und doch auch nicht geneigt sind, sich Gesellschaften, die ihnen zugänglich sind, anzuschließen, wodurch London für sie eine so vollständige Öde wird wie die Ebenen von Syrien. Die bescheidene Künstlerin hatte ihren Weg viele Jahre einsam gemacht, ohne Freunde zu besitzen, bis das eigentümliche Mißgeschick der Familie Nickleby ihre Aufmerksamkeit erregte, obgleich sie von den freundschaftlichsten Gefühlen gegen alle Welt überströmte. Es gibt viele warme Herzen, die gleich dem des armen Fräuleins La Creevy in der Einsamkeit begraben liegen. Doch das nur nebenbei. Sie ging zu ihrem Frühstück nach Haus und hatte sich kaum des Duftes ihrer ersten Tasse erfreut, als das Dienstmädchen einen Herrn ankündigte und Fräulein La Creevy wegen des noch auf dem Tische stehenden Teezeugs in eine unsägliche Verwirrung brachte; denn die Künstlerin dachte nicht anders, als daß der Besuch, ganz entzückt von ihrem Haustürrahmen, gekommen sei, um sich malen zu lassen. »Da – nimm dies hinweg! – lauf damit ins Schlafzimmer oder sonstwohin«, sagte Fräulein La Creevy. »Mein Gott, daß ich gerade diesen Morgen so spät frühstücken muß, während ich doch seit drei Wochen jedesmal schon um halb neun fix und fertig war, ohne daß sich eine Seele zeigte.« »Lassen Sie sich durch mich nicht stören«, sagte eine Stimme, die Fräulein La Creevy kannte. »Ich hieß das Mädchen meinen Namen verschweigen, weil ich Sie zu überraschen wünschte.« »Herr Nicolaus!« rief Fräulein La Creevy, erstaunt aufspringend. »Ich sehe, Sie haben mich nicht vergessen«, versetzte Nicolaus, indem er ihr die Hand bot. »Nun, ich denke, ich würde Sie sogar erkannt haben, wenn ich Ihnen auf der Straße begegnet wäre«, sagte Fräulein La Creevy lächelnd. »Hanna, noch eine Tasse! Aber eines muß ich Ihnen sagen, junger Herr, bemühen Sie sich nicht, die Verwegenheit zu wiederholen, deren Sie sich an dem Morgen vor Ihrer Abreise schuldig gemacht haben.« »Würden Sie denn so gar böse darüber werden?« fragte Nicolaus. »Ob ich es würde?« entgegnete Fräulein La Creevy. »Sie sollten´s nur einmal versuchen.« Nicolaus nahm mit gebührender Galanterie Fräulein La Creevy sogleich beim Worte. Die Dame stieß einen leisen Schrei aus und schlug ihn ins Gesicht, aber aufrichtig gesagt, der Streich war kein sehr harter. »Ich habe nie einen so verwegenen Menschen gesehen«, rief Fräulein Creevy. »Sie sagten mir, ich solle es versuchen«, erwiderte Nicolaus. »Wohl, aber ich meinte das ironisch«, sagte Fräulein La Creevy. »O, das ist was anderes«, entgegnete Nicolaus. »Sie hätten mir das vorher sagen sollen.« »Natürlich – als ob Sie das nicht selbst gewußt hätten!« versetzte Fräulein La Creevy. »Doch wenn ich Sie recht ansehe – Sie kommen mir magerer vor als bei unserem letzten Zusammentreffen. Auch ist Ihr Gesicht blaß und eingefallen. Warum haben Sie Yorkshire verlassen?« Sie hielt hier inne; in ihrem veränderten Ton und Benehmen sprach sich aber so viel Herz aus, daß Nicolaus ganz gerührt wurde. »Ich muß wohl etwas verändert aussehen«, sagte er nach einem kurzen Schweigen; »denn ich habe, seit ich London verließ, manche Leiden sowohl des Körpers als der Seele durchgemacht. Auch bin ich von Armut und Mangel nicht verschont geblieben.« »Gott im Himmel!« rief Fräulein La Creevy, »was Sie da sagen!« »Es braucht Sie übrigens nicht zu beunruhigen«, fuhr Nicolaus heiterer fort, »denn ich komme nicht hierher, um mein Schicksal zu beklagen, sondern aus einem ganz anderen Grunde. Ich möchte nämlich Angesicht gegen Angesicht vor meinen Onkel treten, und das ist das erste, was ich Ihnen mitteilen will.« »Dann kann ich Ihnen nur sagen«, fiel Fräulein La Creevy ein, »daß ich Ihren Geschmack nicht beneide. Es würde mich vierzehn Tage in üble Stimmung versetzen, wenn ich nur mit seinen Stiefeln in demselben Zimmer sein müßte.« »Was das anbelangt, so waltet in der Hauptsache keine besondere Meinungsverschiedenheit ob«, sagte Nicolaus. »Sie müssen aber wissen, daß ich ihm entgegenzutreten wünsche, um mich zu rechtfertigen und ihm seine Doppelzüngigkeit und Bosheit an den Kopf zu werfen.« »Das ist etwas anderes«, versetzte Fräulein La Creevy. »Verzeih mir's Gott, aber ich würde mir nicht die Augen darüber ausweinen, wenn er daran erstickte. Was weiter?« »Ich habe deshalb diesen Morgen bei ihm vorgesprochen«, fuhr Nicolaus fort. »Er kam letzten Sonnabend in die Stadt zurück, was ich übrigens erst gestern nacht spät erfuhr.« »Haben Sie ihn gesehen?« fragte Fräulein La Creevy. »Nein«, antwortete Nicolaus, »er war ausgegangen.« »Ach«, entgegnete Fräulein La Creevy, »wahrscheinlich zu einem Liebeswerk?« »Den Mitteilungen eines Freundes zufolge, der sein Treiben kennt«, fuhr Nicolaus fort, »habe ich Grund zu glauben, daß er heute meine Mutter und Schwester zu besuchen gedenkt, um ihnen das, was mir begegnet ist, in seiner Weise zu erzählen. Dort will ich ihn treffen.« »Schön«, rief Fräulein La Creevy, ihre Hände reibend; »und doch weiß ich nicht« – fügte sie bei – »man möchte es wohl überlegen – wegen der Rücksichten auf andere.« »Ich habe diese Rücksichten erwogen«, entgegnete Nicolaus; »da es sich aber um meine Ehre handelt, so soll mich nichts abschrecken.« »Sie müssen das freilich am besten wissen«, versetzte Fräulein La Creevy. »Ich hoffe, hier den geeigneten Weg einzuschlagen«, erwiderte Nicolaus. »Jedenfalls muß ich Sie aber bitten, meine Mutter und meine Schwester auf meine Ankunft vorzubereiten. Sie wähnen mich in weiter Ferne, und wenn ich so ganz unerwartet eintrete, könnte es sie erschrecken. Wenn Sie soviel Zeit erübrigen können, um ihnen zu sagen, daß Sie mich gesehen hätten, und daß ich in einer Viertelstunde bei ihnen sein würde, so werden Sie mir einen großen Dienst leisten.« »Ich wollte, ich könnte Ihnen oder den Ihren einen größeren Dienst leisten«, sagte Fräulein La Creevy; »aber es trifft sich so selten, daß der, der kann, auch will, und der, der will, auch kann.« Fräulein La Creevy beendete ihr Frühstück unter fortwährendem Geplauder in großer Eile. Dann schaffte sie ihr Teegeschirr auf die Seite, versteckte den Schlüssel, setzte ihren Hut auf, nahm Nicolaus' Arm und trat sofort den Weg nach der City an. Nicolaus verließ sie in der Nähe der Wohnung seiner Mutter und versprach, spätestens in einer Viertelstunde nachzukommen. Newman Noggs war der Meinung gewesen, Ralph Nickleby würde zuerst nach einem andern Teil der Stadt einen Geschäftsgang machen. Zufälligerweise hatte sich jedoch dieser Ehrenmann, da es seinen Absichten entsprach, die Schändlichkeiten, deren sich Nicolaus schuldig gemacht, so schnell als möglich aufzudecken, unmittelbar zu seiner Schwägerin begeben. Fräulein La Creevy traf daher, als sie von einem Mädchen, das das Haus scheuerte, in das Zimmer gewiesen wurde, Frau Nickleby und Käthchen in Tränen, da Ralph eben mit den Mitteilungen über die nichtswürdige Aufführung seines Neffen zum Schlusse kam. Käthchen winkte ihr dazubleiben, und Fräulein La Creevy nahm schweigend einen Stuhl. »Aha, der Ehrenmann ist bereits hier«, dachte die kleine Dame. »Nun, dann mag er sich selbst ankündigen. Wir wollen sehen, was das für eine Wirkung auf sie übt.« »Das ist ein feines Benehmen«, sagte Ralph, indem er Fräulein Squeers' Brief zusammenlegte – »ein sehr feines Benehmen. Ich empfehle ihn – ganz gegen meine Überzeugung; denn ich sah voraus, daß er nicht gut tun würde – an einen Mann, bei dem er, wenn er sich ordentlich aufführte, jahrelang ein behagliches Auskommen gehabt hätte. Was ist das Resultat? Er benimmt sich auf eine Weise, wofür er vielleicht in dem Gerichtshofe zu Old Bailey die Hand emporhalten muß D.h.: sich vor Gericht verantworten. .« »Ich kann das nimmermehr glauben«, sagte Käthchen unwillig, »nun und nimmermehr. Es ist ein nichtswürdiges Komplott, das das Gepräge der Lüge an der Stirne trägt.« »Meine Liebe«, entgegnete Ralph, »du tust dem würdigen Mann Unrecht. Hier ist von keiner Erdichtung die Rede. Der Schulmeister ist überfallen worden, dein Bruder nirgends zu finden, und der fragliche Junge ist mit ihm gegangen – vergleiche dir diese Umstände.« »Es ist unmöglich«, erwiderte Käthchen. »Nicolaus! – und noch obendrein ein Dieb! Mama, wie können Sie nur ruhig hier sitzen und solche Erzählungen anhören?« Die arme Frau Nickleby, die sich nie durch den Besitz einer besonders klaren Fassungskraft ausgezeichnet hatte und durch den kürzlichen Wechsel ihres Geschicks ganz und gar verwirrt war, wußte bei dieser Aufforderung nichts weiter zu entgegnen, als daß sie hinter einem großen Taschentuche hervorrief, sie würde das nie geglaubt haben, indem sie dabei gar scharfsinnig ihre Zuhörer annehmen ließ, daß sie es jetzt wirklich glaubte. »Wenn er mir in den Weg käme, so würde ich es für meine Pflicht, für meine heilige Pflicht halten, ihn den Händen der Gerechtigkeit zu überliefern, da ich als Geschäftsmann und als Mann, der in der Öffentlichkeit steht, nicht anders handeln könnte. Und doch« – fuhr er mit einer schärferen Betonung und einem verstohlenen, aber festen Blick auf Käthchen fort, »und doch möchte ich es wieder nicht tun, um die Gefühle seiner – seiner Schwester zu schonen. Und natürlich auch seiner Mutter«, fügte er bei, als ob ihm das erst nachher eingefallen wäre, wiewohl mit weit geringerem Nachdruck. Käthchen begriff recht wohl, daß ihr dies nur als ein weiterer Wink geboten wurde, über die Ereignisse des letzten Abends das strengste Stillschweigen zu beobachten. Sie blickte daher, als Ralph zu sprechen aufgehört hatte, unwillkürlich nach ihm hin; aber er hatte seine Augen abgewendet und schien für den Augenblick sich ihrer Anwesenheit gar nicht mehr bewußt zu sein. »Alles« – fuhr Ralph nach einer langen Pause fort, die nur durch Madame Nicklebys Schluchzen unterbrochen wurde – »alles vereinigt sich, die Glaubwürdigkeit dieses Briefes zu bekunden, sofern auch nur der mindeste Grund vorhanden wäre, diese zu beanstanden. Läuft ein unschuldiger Mensch vor ehrlichen Leuten davon, um sich wie ein dem Gesetze Verfallener in Schlupfwinkel zu verstecken? Wiegelt ein Unschuldiger namenlose Landstreicher auf, um mit ihnen müßiggängerisch durch das Land zu ziehen? Überfall, Aufwiegelung, Diebstahl – wie nennt man das?« »Eine Lüge!« rief eine zornige Stimme, während die Tür aufflog und Nicolaus mitten ins Zimmer stürmte. In dem ersten Augenblick der Überraschung und vielleicht auch des Schreckens fuhr Ralph von seinem Stuhle auf und prallte ob dieser unerwarteten Erscheinung, seiner gewohnten Besonnenheit ganz vergessend, einige Schritte zurück. Im nächsten Augenblick stand er jedoch fest und unbeweglich mit verschlungenen Armen da und betrachtete seinen Neffen mit einem Blicke voll des tödlichsten Hasses, während Käthchen und Fräulein La Creevy sich zwischen die beiden warfen, um irgendeiner persönlichen Gewalttätigkeit vorzubeugen, die von Nicolaus' wilder Aufregung zu befürchten stand. »Lieber Nicolaus«, rief die Schwester, sich an ihn klammernd, »sei ruhig! Bedenke –« »Bedenken, Käthchen?« entgegnete Nicolaus, indem er in der Aufwallung seines Zorns ihre Hand so fest drückte, daß sie fast vor Schmerz aufschrie. »Wenn ich alles bedenke und mir alles, was vorgegangen ist, ins Gedächtnis zurückrufe, so müßte ich von Stein sein, um ihm gegenüber ruhig bleiben zu können.« »Oder von Erz«, entgegnete Ralph mit Kälte, »Fleisch und Blut hat freilich nicht Frechheit genug, den Blick eines ehrlichen Mannes auszuhalten.« »Ach Gott im Himmel«, rief Frau Nickleby, »daß die Dinge doch so weit kommen mußten!« »Wer spricht hier in einem Tone, als ob ich ein Verbrechen begangen und Schande auf die Meinigen gebracht hätte?« grollte Nicolaus, wild umherblickend. »Deine Mutter, junger Herr!« versetzte Ralph, indem er auf Frau Nickleby deutete. »In deren Ohren Sie Gift gegossen haben«, fuhr Nicolaus fort. »Ja, Sie – Sie, der Sie unter dem Vorwand, ihren Dank zu verdienen, jede Schmähung und Entehrung auf mein Haupt gehäuft haben! Sie, der Sie mich nach einem Höllennest geschickt haben, wo die niedrigste Grausamkeit, wie sie nur Ihrer selbst würdig ist, in der schwelgerischsten Üppigkeit wuchert – wo namenloses Elend schon die Kinder zu Greisen stempelt und jeder Funke des Guten schon im Keime erstickt wird! Ich rufe den Himmel zum Zeugen auf«, fuhr er mit leuchtenden Blicken fort, »daß ich all das mit eigenen Augen angesehen habe, und daß dieser Mensch darum weiß!« »Widerlege diese Verleumdungen«, sagte Käthchen, »aber tue es mit mehr Ruhe, damit deine Feinde keinen Vorteil über dich gewinnen. Sage uns, was du getan hast, und beweise ihre Lügenhaftigkeit.« »Und wessen klagt man mich – oder wessen klagt er mich an?« fragte Nicolaus. »Erstlich hast du deinen Prinzipal überfallen und in einer Weise mißhandelt, daß nur wenig daran fehlte, um dich als Mörder in die Hände des Richters zu liefern«, fiel Ralph ein. »Ich rede geradeheraus, junger Mensch, du magst toben, wie du willst.« »Ich legte mich ins Mittel«, sagte Nicolaus, »um ein elendig, unglückliches Geschöpf gegen die niederträchtigste Grausamkeit zu schützen. Dabei erteilte ich einem Nichtswürdigen eine Züchtigung, die er nicht so leicht vergessen wird, obgleich sie lange nicht so war, wie er sie von mir verdiente. Erneuerte sich dieser Auftritt in meiner Gegenwart, so würde ich um kein Haar anders handeln; es müßte denn sein, daß ich kräftiger zuschlüge und ihn in einer Weise zeichnete, daß er die Brandmale mit ins Grab nähme, und wenn er auch noch so lange lebte.« »Hören Sie?« sagte Ralph zu Frau Nickleby. »Das ist seine Reue!« »Ach du mein Gott!« rief Frau Nickleby; »wahrlich, ich weiß nicht, was ich denken soll.« »Ich bitte, Mama, sprechen Sie jetzt noch nicht«, fiel Käthchen ein. »Lieber Nicolaus, ich sage es dir nur, damit du weißt, wie weit ihre Verworfenheit geht, aber sie beschuldigen dich des – ein Ring wird vermißt, und sie erfrechen sich zu sagen, daß – –« »Das Weibsbild«, entgegnete Nicolaus stolz, »die Frau des Kerls, von dem diese Anklagen herrühren, ließ – wie ich vermute – denselben Morgen, als ich das Haus verließ, einen wertlosen Ring zwischen einige meiner Kleider fallen. Wenigstens weiß ich, daß sie in der Kammer war, wo sie lagen, und daß sie daselbst ein unglückliches Kind mißhandelte. Ich fand den Ring, als ich unterwegs mein Bündel öffnete, und sandte ihn sogleich durch die Post zurück; sie müssen ihn daher bereits lange wiederhaben.« »Ich wußte es ja, ich wußte es ja«, sagte Käthchen mit einem Blicke auf ihren Onkel. »Aber was ist's mit dem Jungen, den du mit fortgenommen haben sollst?« »Der Junge – ein hilfloses Geschöpf, das durch die roheste und unnatürlichste Behandlung blödsinnig geworden ist – befindet sich bei mir«, versetzte Nicolaus. »Sie hören?« bemerkte Ralph abermals gegen die Mutter. »Alles ist sogar durch sein eigenes Geständnis erwiesen. Wirst du den Jungen wieder zurückgeben?« »Gewiß nicht«, entgegnete Nicolaus. »So? – nicht?« höhnte Ralph. »Nein«, erwiderte Nicolaus mit Nachdruck, »wenigstens nicht dem Menschen, bei dem ich ihn fand. Ich wünschte den zu kennen, dem er das Leben verdankt, damit ich ihm wenigstens ein Gefühl der Scham abringen könnte, wenn er auch für jedes Gefühl der Natur erstorben ist.« »Wirklich? Nun wohlan denn, ist es dem jungen Herrn gefällig, ein paar Wörtchen von mir anzuhören?« »Sie können sprechen, wann und wie es Ihnen beliebt«, versetzte Nicolaus, seine Schwester umarmend. »Ich kümmere mich wenig um Ihre Worte oder Drohungen.« »Schön gesagt, mein junger Herr«, erwiderte Ralph; »aber vielleicht kümmern sich andere darum und halten es möglicherweise für der Mühe wert, auf meine Worte zu hören und sie zu erwägen. Ich will mich an deine Mutter wenden, die die Welt kennt.« »Ach, hätte ich sie doch nie kennengelernt«, schluchzte Frau Nickleby. Die gute Dame hatte freilich nicht besonders nötig, sich diesen Umstand sehr zu Herzen zu nehmen, da der Umfang ihrer Weltkenntnis im glimpflichsten Falle ein höchst zweifelhafter war; und so schien auch Ralph zu denken, denn er lächelte bei seinen Worten, sah dann abwechselnd sie und Nicolaus mit festen Blicken an und fuhr folgendermaßen fort: »Ich will dessen, was ich für Sie, Madame, tat oder zu tun gedachte, mit keiner Silbe erwähnen. Ich gab kein Versprechen und überlasse das daher Ihrem eigenen Urteil. Auch habe ich nicht im Sinne zu drohen, sagte aber, daß dieser starrköpfige, eigensinnige und liederliche Bursche keinen Pfennig von meinem Geld, keine Krume von meinem Brot und keinen Finger von meiner Hand erhalten soll, und könnte ich ihn damit von dem höchsten Galgen in ganz Europa retten. Ich will ihn nie wieder sehen – nie wieder seinen Namen hören. Er hat keinen Beistand von mir zu hoffen, und ebensowenig die, die ihm Beistand leisten. Er weiß recht gut, was aus seinem Benehmen für Sie erwachsen muß, aber er kommt in seiner selbstsüchtigen Trägheit zurück, um Ihre Not zu vermehren und den kümmerlichen Verdienst seiner Schwester aufzehren zu helfen. Ich bedaure, meine Hand zurückziehen zu müssen, besonders um Käthchens willen, aber ich will diesem Ausbund von Gemeinheit und Niedrigkeit nicht noch Vorschub leisten, und da ich Ihnen nicht zumuten kann, ihn aufzugeben, so wird das mein letzter Besuch sein.« Hätte Ralph nicht gewußt, wie sehr es in seiner Macht stand, die, die er haßte, zu verwunden, so würden ihn seine Blicke auf Nicolaus von dem vollen Nachdruck seiner Worte überzeugt haben. Der junge Mann war sich durchaus keines Vergehens bewußt; trotzdem aber schnitt ihm jede versteckte Beschuldigung, jeder wohlberechnete Sarkasmus tief in die Seele, so daß Ralph, als er Nicolaus' blasses Gesicht und seine bebenden Lippen bemerkte, sich vor Freude selbst hätte umarmen mögen, weil es ihm gelungen war, durch seine Hohnreden das glühende Herz des Jünglings aufs tiefste zu verletzen. »Ich kann's nicht ändern«, rief Frau Nickleby. »Ich weiß, Sie sind sehr gütig gegen uns gewesen und hatten auch für meine arme Tochter noch viel Gutes im Sinne. Ich bin davon vollkommen überzeugt und weiß Ihre Güte zu schätzen, daß Sie diese voll der wohlwollendsten Absichten in Ihr Haus kommen ließen. Natürlich würde auch die Ausführung Ihres Entwurfs sie und mich ungemein glücklich gemacht haben; aber, Herr Schwager, Sie wissen, ich kann meinen eigenen Sohn nicht verstoßen, selbst wenn er alles das, wovon Sie sprachen, getan hat – es ist unmöglich, ich kann es nicht tun; und so müssen wir eben das Schlimmste über uns ergehen lassen, mein liebes Käthchen – ich werde es wohl ertragen können.« Unter diesen und einer ganzen Kette anderer unzusammenhängender Wehklagen, die gewiß keine andere sterbliche Macht als die der Witwe Nickleby aneinanderzureihen imstande gewesen wäre, rang diese Dame ihre Hände und ließ ihre Tränen reichlicher strömen. »Warum sagen Sie, ›wenn Nicolaus alles das, wovon gesprochen wurde, getan‹, Mama?« fragte Käthchen mit edlem Unwillen. »Sie wissen ja, daß dies nicht der Fall ist.« »Ich weiß nicht, was ich denken soll, meine Liebe, so oder so«, sagte Frau Nickleby. »Nicolaus ist so heftig, und dein Onkel spricht mit so viel Ruhe, daß ich nur auf ihn, nicht aber auf Nicolaus hören kann. Doch es ist gleichgültig – wir wollen nicht mehr davon reden. Wir können ja in das Armenhaus, in das Arbeitshaus oder in das Magdalenenspital gehen; und je bälder wir es tun, desto besser wird es sein.« Nach dieser seltsamen Zusammenstellung von wohltätigen Instituten ließ Frau Nickleby aufs neue ihren Tränen den Lauf. »Bleiben Sie noch«, sagte Nicolaus, als Ralph nach der Tür ging. »Sie brauchen diesen Ort nicht zu verlassen, Sir: denn er soll in einer Minute von mir gesäubert sein, und es wird lange – sehr lange dauern, ehe ich dieses Haus wieder betrete.« »Nicolaus, lieber Bruder!« rief Käthchen, indem sie sich an den Hals ihres Bruders warf und ihn mit ihren Armen umschlang, »sprich nicht so, wenn du mir nicht das Herz brechen willst. Mama, reden Sie doch mit ihm. Laß dir ihre Worte nicht zu Herzen gehen, Nicolaus: sie meint es nicht so – du solltest sie besser kennen. Onkel! – oder wer da ist, um Gottes willen, redet ihm zu.« »Ich hatte nie die Absicht, Käthchen« – sagte Nicolaus – »ich hatte nie die Absicht, bei euch zu bleiben. Ich weiß, du denkst besser von mir, als daß du dies von mir vermuten könntest. Ich kehre vielleicht dieser Stadt ein paar Stunden früher, als ich dachte, den Rücken – aber was will das heißen? Wir werden auch getrennt einander nicht vergessen, und es kommen wohl noch bessere Tage, wo uns nichts mehr scheiden soll. Benimm dich mit Würde, Käthchen«, flüsterte er ihr zu, »und mach' mich nicht zu einem Weib, während er zusieht.« »Nein, ich will das nicht«, entgegnete Käthchen lebhaft: »aber du sollst uns nicht verlassen. Oh, erinnere dich der glücklichen Tage, die wir miteinander verlebten, ehe dieses herbe Mißgeschick über uns kam. Denke an das Glück der Heimat und an die schweren Prüfungsstunden, die jetzt über uns ergehen. Wir haben in den Demütigungen und Kränkungen, denen die Armut ausgesetzt ist, keinen Beschützer, und du kannst nicht fort wollen, damit wir ihnen allein und ganz und gar hilflos preisgegeben seien.« »Ihr werdet Hilfe finden, wenn ich fort bin«, entgegnete Nicolaus hastig. »Ich kann euch keinen Beistand, keinen Schutz gewähren, sondern nur euren Kummer, euren Mangel und eure Leiden vermehren. Die Mutter sieht das ein, und ihre Zärtlichkeit und Besorgtheit für dich zeigt mir den Weg, den ich zu wählen habe. So mögen denn alle guten Engel dich bewahren, Käthchen, bis ich dich in eine Heimat führen kann, wo uns das Glück, das uns jetzt versagt ist, wieder auflebt und die Prüfungsstunden der Gegenwart nur als etwas Gewesenes erscheinen. Halte mich nicht länger zurück, sondern laß mich ohne Zögern fort. So! liebes – liebes Mädchen.« Die Hand, die ihn zurückhielt, erschlaffte, und Käthchen wurde in seinen Armen ohnmächtig. Nicolaus beugte sich einige Augenblicke über sie hin, ließ sie sanft auf einen Stuhl nieder und empfahl sie der Sorge ihrer wackeren Freundin. » Ihr Mitleid brauche ich nicht anzuflehen«, sagte er, ihre Hand drückend, »denn ich kenne Ihr Herz. Sie werden ihr immer eine wohlwollende Freundin sein.« Er trat nun auf Ralph zu, der noch immer regungslos in derselben Stellung dastand, die er die ganze Zeit über beobachtet hatte, und sprach mit so leiser Stimme, daß es nur von ihnen beiden gehört werden konnte, die folgenden Worte: »Was Sie auch für Schritte tun mögen, Sir, ich werde strenge Abrechnung mit Ihnen darüber halten. Ich überlasse Ihnen Ihrem Wunsche gemäß die Meinigen. Aber früher oder später werde ich die Rechnung abschließen, und wehe Ihnen, wenn jenen ein Leid geschehen ist.« Keine Muskelbewegung in Ralphs Gesicht kündigte an, daß er auch nur ein Wort von dieser Abschiedsanrede hörte. Nicolaus hatte übrigens kaum ausgesprochen, als er schon entschwunden war, ehe sich noch Frau Nickleby entschließen konnte, ihren Sohn, im Notfalle mit Gewalt, zurückzuhalten. Als er mit einer Hast, die mit der Schnelligkeit der ihn bedrängenden Gedanken gleichen Schritt zu halten schien, durch die Straßen hin nach seiner armseligen Wohnung eilte, stiegen viele Zweifel und Bedenklichkeiten in seiner Seele auf und veranlaßten ihn beinahe, wieder umzukehren. Doch was konnten sie dadurch gewinnen? Angenommen auch, daß er Ralph Nickleby Trotz bot und vielleicht glücklich genug war, irgendeine kleine Anstellung zu erhalten, so konnte doch sein Aufenthalt bei ihnen ihre gegenwärtige Lage nur verschlimmern und ihre Aussichten für die Zukunft vernichten; denn seine Mutter hatte von einigen neuen Beweisen seines Wohlwollens gegen Käthchen gesprochen, die diese nicht in Abrede gestellt hatte. »Nein«, dachte Nicolaus, »es ist besser so, wie es ist.« Aber ehe er noch fünfhundert Schritte gegangen war, tauchten wieder andere Gefühle in ihm auf. Er zögerte aufs neue, drückte den Hut in seine Augen und gab den trüben Betrachtungen Raum, die ihn mit aller Macht bestürmten. Sich keines Vergehens bewußt zu sein und doch so ganz allein in der Welt zu stehen; getrennt zu sein von den einzigen Personen, die er liebte, und umherirren zu müssen wie ein Verbrecher, da er doch sechs Monate vorher sich in der behaglichsten Lage befunden hatte und von seiner Familie als die schönste Hoffnung betrachtet wurde – es war in der Tat ein hartes – ein unverdient hartes Los. Doch lag ein Trost in diesem letztern; und in der Seele des armen Nicolaus wurde es abwechselnd heller oder trüber, je nachdem der Umschwung seiner Gedanken Licht- oder Schattenseiten berührte. Unter diesem Wechsel zwischen Hoffnung und Furcht, wie ihn wohl jeder, sogar in Stunden gewöhnlicher Prüfung erfahren haben mag, erreichte Nicolaus endlich seine ärmliche Stube, wo er – nicht länger gehoben durch die Aufregung, die bisher seine Lebensgeister angespornt hatte, sondern ganz niedergedrückt durch die Erschlaffung, die sie zurückgelassen, – sich auf sein Lager warf, sein Gesicht der Wand zukehrte und den lang erstickten Gefühlen freien Spielraum gab. Er hatte niemanden eintreten hören und gewahrte auch Smikes Anwesenheit nicht eher, bis er, bei einem zufälligen Aufrichten seines Kopfes, diesen am oberen Ende des Zimmers stehen und mit achtsamem Auge nach ihm hinblicken sah. Smike wandte sich ab, als er bemerkte, daß er beobachtet wurde, und stellte sich an, als sei er emsig mit den sparsamen Vorbereitungen zu ihrem Abendessen beschäftigt. »Nun Smike«, sagte Nicolaus so heiter, wie es ihm möglich war, »laß hören, welche neuen Bekanntschaften du den Tag über gemacht oder welche Wunderdinge du in dem Bereich dieser und der nächsten Straße aufgefunden hast.« »Nein«, versetzte Smike mit einem traurigen Kopfschütteln, »ich muß jetzt von etwas anderem sprechen.« »Wie dir beliebt«, entgegnete Nicolaus gutgelaunt. »Nun denn«, erwiderte Smike; »ich weiß, Sie sind unglücklich und haben sich große Ungelegenheiten zugezogen, weil Sie mich mit sich gehen ließen. Ich hätte das wissen und zurückbleiben sollen – auch würde ich es in der Tat nicht getan haben, wenn ich daran gedacht hätte. Sie – Sie sind nicht reich, haben nicht einmal genug für sich selber, und ich sollte nicht hier sein. Sie werden«, fuhr er fort, indem er schüchtern Nicolaus' Hand faßte, »Sie werden mit jedem Tage magerer, Ihre Wangen erbleichen und Ihre Augen sinken immer tiefer ein. Ich kann Sie in der Tat nicht mehr so ansehen, wenn ich dabei bedenke, welche Last ich für Sie bin. Ich versuchte es, Sie heimlich zu verlassen, aber der Gedanke an Ihr freundliches Gesicht hielt mich zurück; ich konnte nicht fort, ohne mich von Ihnen zu verabschieden.« Der arme Bursche konnte nicht weiter sprechen; seine Augen füllten sich mit Tränen, und die Stimme versagte ihm. »Von einem Abschied und einer Trennung zwischen uns beiden soll nie die Rede sein«, sagte Nicolaus, indem er Smike freundlich am Arme faßte, »denn bei dir finde ich noch meinen einzigen Trost und meine einzige Stütze. Ich möchte dich jetzt um alle Schätze der Welt nicht verlieren. Der Gedanke an dich hat mich heute in allem, was ich erduldete, aufrecht erhalten und wird es wohl noch oft tun. Gib mir deine Hand. Mein Herz ist an das deinige gefesselt. Wir wollen miteinander die Stadt verlassen, noch ehe die Woche zu Ende ist. Was macht es, wenn mich Armut packt; du wirst mir sie erleichtern, und wir tragen sie dann eben gemeinschaftlich.« Einundzwanzigstes Kapitel. Madame Mantalini gerät in eine schwierige Stellung, worüber Fräulein Nickleby die ihre ganz und gar verliert. Der überstandene Gemütssturm machte es Käthchen Nickleby drei Tage lang unmöglich, ihre Geschäfte in dem Hause der Putzmacherin wieder aufzunehmen, und am vierten verfügte sie sich wieder zur gewohnten Stunde mit widerstrebenden Schritten nach dem Tempel der Mode, wo Madame Mantalini eine unumschränkte Herrschaft übte. Mamsell Knags feindselige Gesinnung hatte in der Zwischenzeit nichts von ihrem Gift verloren; denn die jungen Damen vermieden gewissenhaft jede Gemeinschaft mit ihrer so schwer beschuldigten Mitarbeiterin. Als die musterhafte alte Jungfer einige Minuten nachher anlangte, gab sie sich keine Mühe, das Mißvergnügen zu verhehlen, womit sie Käthchens Wiederkehr betrachtete. »In der Tat«, sagte Mamsell Knag, als sich die Trabanten um sie scharten, um ihr den Hut und das Halstuch abzunehmen, »ich hätte gedacht, gewisse Leute hätten Verstand genug, um überhaupt wegzubleiben, wenn sie wissen, wie sehr ihre Gegenwart rechtlich gesinnten Personen zur Last fällt. Aber es ist eine seltsame Welt; oh, es ist eine seltsame Welt!« Nachdem Mamsell Knag diese Bemerkung über die Welt in einem Tone ausgesprochen hatte, wie ihn überhaupt Leute, die sich in übler Laune befinden, in ihren Bemerkungen anzubringen pflegen – das heißt: in einer Weise, als ob sie derselben ganz und gar nicht angehörten, schloß sie mit einem schweren Seufzer, wodurch sie gar demütig ihr Mitleid mit der Verderbtheit des menschlichen Geschlechts kundgeben zu wollen schien. Die Arbeiterinnen säumten nicht, das Echo zu diesem Seufzer zu bilden, und Mamsell Knag schickte sich augenscheinlich an, ihnen noch einige weitere moralische Betrachtungen zum besten zu geben, als Madame Mantalini Käthchen durch das Sprachrohr aufforderte, die Stiegen hinaufzukommen und im Ankleidezimmer behilflich zu sein – eine Auszeichnung, die Mamsell Knag veranlaßte, den Kopf in die Höhe zu werfen und sich so stark in die Lippen zu beißen, daß der Fluß ihrer Rede auf eine Weile vollständig eingefror. »Nun, mein liebes Kind«, begann Madame Mantalini, als Käthchen sich vorstellte, »sind Sie wieder ganz wohl?« »Viel besser, Madame«, antwortete Käthchen; »ich danke Ihnen.« »Ich wünschte, ich könnte von mir das gleiche sagen«, bemerkte Madame Mantalini, indem sie sich anscheinend sehr erschöpft niederließ. »Sind Sie krank?« fragte Käthchen. »Das täte mir ungemein leid.« »Nicht gerade krank, aber bekümmert, mein Kind – sehr bekümmert«, entgegnete Madame. »Da bedaure ich Sie um so mehr«, versetzte Käthchen mit Zartheit; »denn die Leiden des Körpers lassen sich leichter tragen, als die der Seele.« »Ja, und noch leichter ist es, davon zu sprechen, als sich dem einen oder dem andern zu unterziehen«, erwiderte Madame, indem sie sich empfindlich die Nase rieb. »Doch – gehen Sie an Ihre Arbeit und bringen Sie die Sachen hier in Ordnung.« Während Käthchen verwundert nachsann, was wohl diese Symptome einer ungewöhnlichen Stimmung zu bedeuten hätten, steckte Herr Mantalini die Spitzen seines Backenbartes und allmählich seinen Kopf durch die halboffene Tür und rief mit sentimentaler Stimme: »Ist mein Leben und meine Seele hier?« »Nein«, versetzte seine Gattin. »Wie kann sie so sprechen, wenn sie im Vorderzimmer wie eine kleine Rose in einem verteufelten Blumentopf blüht?« entgegnete Mantalini. »Darf ihr Püppchen hereinkommen und sprechen?« »Unter keinen Umständen«, erwiderte Madame. »Du weißt, daß ich dich hier durchaus nicht brauchen kann. Geh nur wieder fort.« Aber das Püppchen, vielleicht durch den milden Ton dieser Erwiderung ermutigt, wagte sich aufzulehnen, stahl sich auf den Zehenspitzen ins Zimmer und warf Madame Mantalini im Nähertreten Kußhändchen zu. »Warum will sie sich ungebärdig stellen und ihr hübsches Gesicht in häßliche Falten verziehen?« sagte Mantalini, indem er seine Linke um die Taille seines Lebens und seiner Seele schlang und sie mit seiner Rechten an sich zog. »Ach, du bist unausstehlich«, versetzte seine Gattin. »Wie – ich? – unausstehlich?« rief Mantalini. »Possen, Possen, das kann nicht sein. Kein lebendes Mädchen könnte mir so etwas ins Gesicht sagen – ja, geradezu ins Gesicht sagen.« Herr Mantalini streichelte bei diesen Worten sein Kinn und betrachtete sich voll Selbstgefälligkeit in einem Wandspiegel. »Eine solche, alles Maß überschreitende Verschwendung«, haderte Madame mit leiser Stimme. »Alles nur in der Freude, ein so liebenswürdiges Wesen, eine solche kleine Venus, eine solche verteufelt bezaubernde, behexende, hinreißende kleine Venus gewonnen zu haben«, sagte Mantalini. »Sieh nur, in welche Lage du mich versetzt hast,« entgegnete Madame. »Meinem Herzchen kann und soll kein Leid widerfahren«, entgegnete Herr Mantalini. »Es ist alles vorüber und das Ganze erledigt. Geld wird bald da sein, und wenn es nicht geschwind genug eingeht, so muß der alte Nickleby wieder dran glauben, oder ich schneide ihm den Hals ab, wenn er es wagt, meine kleine –« »Pst«, fiel Madame ein, »siehst du nicht?« Herr Mantalini, der im Eifer, sich mit seiner Frau zu versöhnen, bisher Fräulein Nickleby übersehen oder sich vielleicht auch nur so gestellt hatte, nahm den Wink auf, legte den Finger an seine Lippen und dämpfte seine Stimme noch mehr. Sie flüsterten lange miteinander, und Madame Mantalini schien mehr als einmal auf gewisse Schulden anzuspielen, die er vor ihrer Heirat eingegangen war, an die unerwarteten Geldauslagen zur Begleichung der erwähnten Schulden zu erinnern, und außerdem auf einige liebenswürdige Schwächen von seiten ihres Herrn Gemahls, als da sind: Spiel, Verschwendung, Müßiggang, Liebhaberei für Pferde und dergleichen hinzudeuten – Anklagen, die Herr Mantalini je nach deren Wichtigkeit durch einen oder mehrere Küsse beschwichtigte; und das Ende von allem war, daß Madame Mantalini von ihrem Gatten ganz entzückt wurde und mit ihm die Stiege hinauf zum Frühstück ging. Käthchen beschäftigte sich mit ihrer Aufgabe und ordnete schweigend die verschiedenen Putzartikel mit allem ihr zu Gebote stehenden Geschmack, als sie plötzlich durch die Stimme eines fremden Mannes in Schrecken gesetzt wurde. Dieser steigerte sich noch, als sie beim Umsehen wahrnahm, daß sich ein weißer Hut, ein rotes Halstuch, ein breites, rundes Gesicht, ein großer Kopf und ein Teil eines grünen Rockes im Zimmer befand. »Erschrecken Sie nicht, Fräulein«, sagte der Eigentümer dieser Sonderbarkeit. »Nicht wahr, hier ist das Modegeschäft?« »Ja«, antwortete Käthchen sehr bestürzt. »Was ist Ihr Wunsch?« Der Fremde antwortete nicht, sondern blickte erst zurück, als ob er irgendeiner noch nicht sichtbaren Person winke, und trat dann sehr bedächtig ins Zimmer, wobei ihm ein kleiner Mann in einem braunen, sehr abgetragenen Rock folgte, der eine ganze Atmosphäre von Landmannsknaster- und frischem Zwiebelduft mit sich brachte. Die Kleider dieses Herrn hingen voll Flaum, und seine Schuhe, Strümpfe und Beinkleider waren bis zu den unteren Knöpfen seines Fracks mit Kot bespritzt, der sich allerwenigstens von vierzehn Tagen her datieren mußte, da bereits so lange schön Wetter war. Käthchens erster Gedanke war, daß diese einladenden Personen in der Absicht gekommen waren, um sich widerrechtlicher Weise in den Besitz ein oder des andern tragbaren Artikels, der ihnen gerade einleuchtete, zu setzen. Sie hielt es auch nicht der Mühe für wert, ihre Sorgen zu verhehlen, und machte eine Bewegung nach der Tür. »Warten Sie noch ein Augenblickchen«, sagte der Mann in dem grünen Rock, indem er sachte die Tür schloß und sich mit dem Rücken gegen diese stellte. »Es ist freilich ein unangenehmes Geschäft – aber wo ist Mosjö?« »Nach was – fragten Sie?« entgegnete Käthchen zitternd: denn sie dachte, dieses Mosjö möchte ein Kunstausdruck der Spitzbuben für Uhr oder Geld sein. »Herr Montilinie«, antwortete der Mann. »Was ist mit ihm? Ist er zu Hause?« »Er ist eine Treppe weiter oben, glaube ich«, versetzte Käthchen, durch diese Frage etwas beruhigt. »Wünschen Sie ihn zu sprechen?« »Das muß es gerade nicht sein«, entgegnete der Fremde, »wenn er uns einen Gefallen damit zu tun meint. Sie können ihm aber diese Karte geben und ihm sagen, wenn er mich zu sprechen wünsche und sich eine Unannehmlichkeit ersparen wolle, so sei ich hier; weiter ist nichts nötig.« Mit diesen Worten überreichte er Käthchen eine dicke viereckige Karte und bemerkte dann gegen seinen Freund in ziemlich plumper Weise, »daß die Zimmer eine schöne Höhe hätten«, worin ihm der Freund beipflichtete und erläuternd hinzusetzte, »daß ein kleiner Junge darin zum Manne aufwachsen könnte, ohne je mit dem Kopf an die Decke zu stoßen.« Käthchen zog die Klingel, um Madame Mantalini herbeizurufen, warf dann einen Blick auf die Karte und sah darauf den Namen ›Scaley‹ nebst einigen andern Andeutungen, die sie noch nicht durchgelesen hatte, als Herr Scaley selbst ihre Aufmerksamkeit auf sich zog, indem er auf einen der Toilettenspiegel losging und mit seinem Stock ganz kaltblütig auf dessen Mitte loshämmerte, als ob er von Gußeisen gewesen wäre. »Das ist gutes Glas, Tix«, sagte Herr Scaley zu seinem Freunde. »Hm«, versetzte Herr Tix, indem er mit seiner schmierigen Pfote ein Stück blauen Seidenzeugs anfühlte und den Abdruck seiner Finger darauf zurückließ, »und dieser Artikel hat auch das seine gekostet.« Von dem Seidenzeug verpflanzte Herr Tix seine Bewunderung auf einige elegante Putzartikel, während Herr Scaley ganz gemächlich sein Halstuch vor dem Spiegel zurechtrückte. Er war noch ganz in dieses Geschäft vertieft, als Madame Mantalini ins Zimmer trat und ihn durch einen Ausruf des Erstaunens aus seiner Anschauung weckte. »Ah, ist das die Frau?« fragte Scaley. »Es ist Madame Mantalini«, sagte Käthchen. »Nun«, sagte Herr Scaley, indem er ein kleines Dokument aus seiner Tasche holte und es mit ungemeiner Bedachtsamkeit entfaltete, »ich habe da einen Pfändungsbefehl, und wenn es nicht genehm ist zu bezahlen, so wollen wir mit Ihrer Erlaubnis das Haus durchgehen und eine Pfand-Inventur aufnehmen.« Die arme Madame Mantalini schlug entsetzt ihre Hände zusammen, klingelte dann ihrem Mann und fiel endlich ohnmächtig in einen Stuhl. Die beiden Amtspersonen ließen sich jedoch durch dieses Ereignis nicht im mindesten anfechten: denn Herr Scaley lehnte sich über ein Gestell, an dem ein schönes Damenkleid hing, über das seine Schultern fast ebensoweit hervorragten, als es bei den Schultern der Dame der Fall gewesen sein würde, für die der Anzug bestimmt war. Dann schob er seinen Hut auf die eine Seite und kratzte sich ganz unbekümmert den Kopf, während sein Freund, Herr Tix, die Gelegenheit wahrnahm, sich, ehe er in das eigentliche Geschäft einging, einen vorläufigen Überblick über das Zimmer zu verschaffen, und deshalb, sein Inventarbuch unter dem Arm und den Hut in der Hand, im Geist jeden Gegenstand, der in seinem Gesichtskreise lag, taxierte. Dies war der Stand der Dinge, als Herr Mantalini hereinstürzte. Da jedoch dieser vortreffliche Herr in den Tagen seines Junggesellenlebens sehr oft in Verkehr mit Herrn Scaleys Genossenschaft gekommen war und außerdem durch das jetzige Auftreten derselben nicht im mindesten überrascht wurde, so zuckte er bloß die Achseln, steckte seine Hände bis auf den Boden seiner Taschen, zog die Augenbrauen in die Höhe, pfiff einen oder zwei Takte, ließ einen oder zwei Flüche vernehmen, streckte sich auf einen Stuhl und machte mit vielem Anstand und großer Fassung die beste Miene zu der Sache. »Was beträgt die verteufelte Totalsumme?« war seine erste Frage. »Fünfzehnhundertsiebenundzwanzig Pfund, vier Schillinge, neun Pence und einen halben Penny«, antwortete Herr Scaley, ohne ein Glied zu rühren. »Hole der Teufel den halben Penny«, sagte Herr Mantalini ungeduldig. »Habe nichts dagegen, wenn Sie so wünschen«, entgegnete Herr Scaley; »meinetwegen auch die neun Pence.« »Uns ist es gleichgültig, wenn auch die fünfzehnhundertsiebenundzwanzig Pfund desselben Weges fahren.« »Kümmert uns keinen Pfifferling«, sagte Scaley. »Nun«, fuhr derselbe Herr nach einer Pause fort, »was soll geschehen – etwas? Ist es nur ein kleiner Ausfall oder ein totaler Durchfall? Wie – gar eine Auflösung der ganzen Konkursmasse? – Sehr gut. Nun denn, Herr Tom Tix, dann müssen Euer Wohlgeboren Ihren Engel von Frau und Ihre ganze liebenswürdige Familie benachrichtigen, daß Sie die nächsten drei Nächte nicht nach Hause kommen können, weil Sie so lange hierbleiben müssen. Wozu regt sich denn die Frau so gewaltig auf?« fuhr Herr Scaley fort, als er Madame Mantalini schluchzen hörte. »Ich wette, über die Hälfte von dem, was hier ist, steht doch noch im Buch, und welcher Trost muß das für ihre Gefühle sein.« Mit diesen Bemerkungen, die ebenso spaßhaft klangen, wie sie ungemein viel Trost für Madame Mantalinis Lage enthielten, schickte sich Herr Scaley an, das Inventar aufzunehmen. Bei diesem peinlichen Geschäft sah er sich durch den ungewöhnlichen Takt und die vieljährige Erfahrung des Herrn Tix unterstützt. »Meine Glückseligkeitsbecherversüßerin«, sagte Herr Mantalini, indem er sich mit reuiger Miene seiner Gattin näherte, »willst du mich zwei Minuten anhören?« »Oh, ich will nichts von dir hören«, versetzte seine Gattin. »Es ist genug, daß du mich zugrunde gerichtet hast.« Herr Mantalini, der ohne Zweifel seine Rolle vorher wohl überlegt hatte, vernahm kaum diese Worte, die im Ton des Schmerzes und der Strenge ausgesprochen wurden, als er um etliche Schritte zurückprallte, den Ausdruck der höchsten Verzweiflung annahm und ungestüm aus dem Zimmer stürzte. Bald nachher hörte man ihn die Tür des Besuchszimmers im zweiten Stock mit großer Heftigkeit zuschlagen. «Mamsell Nickleby!« rief Madame Mantalini, als dieser Ton ihr Ohr traf, »eilen Sie um Gottes willen, er will sich das Leben nehmen. Ich bin unfreundlich gegen ihn gewesen, und das kann er von mir nicht vertragen. Alfred! o mein lieber Alfred!« Mit solchen Ausrufen eilte sie die Treppe hinauf, und Käthchen folgte in einiger Unruhe, obgleich sie die Besorgnisse der zärtlichen Gattin nicht ganz teilte. Die Zimmertür flog rasch auf, und vor ihnen stand Herr Mantalini, der seinen Hemdkragen ganz symmetrisch zurückgeschlagen hatte und ein Tischmesser auf einem Streichriemen schärfte. »Ah«, rief Herr Mantalini, »unterbrochen!« und blitzschnell wanderte das Tischmesser in Herrn Mantalinis Schlafrocktasche, während Herrn Mantalinis Augen rasch umherrollten, und Haare und Backenbart ihm in großer Verwirrung um den Kopf flogen. »Alfred!« rief Madame Mantalini, indem sie ihn mit ihren Armen umschlang; »ich habe es nicht so bös gemeint – ich habe es nicht so bös gemeint!« »Zugrunde gerichtet!« rief Herr Mantalini. »Ich habe Verderben über das beste und reinste Wesen gebracht, das je einen verteufelten Vagabunden beglückte! Zum Teufel – laß mich gehen!« Auf dieser Glanzhöhe seines Rasens griff Herr Mantalini wieder nach seinem Messer, wurde aber von den Händen seiner Gattin zurückgehalten. Darauf versuchte er es, mit dem Kopf gegen die Wand zu rennen – nahm sich aber jedenfalls dabei sehr in acht, wenigstens sechs Fuß von ihr entfernt zu bleiben. »Fasse dich, mein Engel«, sagte Madame. »Wir können dieses Unglück niemandem zur Last legen; wenigsten« bin ich ebensogut schuld daran wie du, aber es wird schon wieder besser kommen. Beruhige dich, Alfred – beruhige dich.« Herr Mantalini hielt es nicht für passend, sich sogleich wieder zu beruhigen, sondern nachdem er mehrere Male nach Gift gerufen und das Ansinnen gestellt hatte, irgendein Herr oder eine Dame möchte ihm das Gehirn aus dem Kopf schlagen, gewannen sanftere Gefühle bei ihm die Oberhand, und er begann auf eine ergreifende Weise zu weinen. In dieser besänftigten Gemütsstimmung hatte er nichts dagegen, daß ihm das Messer genommen wurde – was ihm, die Wahrheit zu gestehen, zu einem ungemeinen Trost gereichte, da ein Tischmesser ein unbequemer und gefährlicher Artikel für eine linnene Schlafrocktasche ist –, und endlich ließ er sich von seiner zärtlichen Gattin fortführen. Nach zwei oder drei Stunden wurde den jungen Damen die Mitteilung gemacht, daß sie ihrer Dienste bis auf weiteres enthoben seien, und zwei Tage später erschien der Name Mantalini auf der Liste derer, die Bankerott machten. Fräulein Nickleby erhielt noch außerdem an demselben Morgen ein Schreiben, daß das Geschäft in Zukunft unter dem Namen der Mamsell Knag fortbetrieben würde, übrigens ihre Dienste nicht weiter vonnöten wären. Frau Nickleby hatte dies kaum erfahren, als die gute Dame sogleich erklärte, sie hätte etwas der Art längst vorausgesehen, wobei sie verschiedene unbekannte Anlässe namhaft machte, bei denen sie gleichfalls ganz richtig prophezeit hatte. »Und ich sage es noch einmal«, ging Frau Nickleby in ihrem Redefluß weiter – wir haben aber kaum nötig, zu bemerken, daß sie etwas der Art nie vorher gesagt hatte – »ich sage es noch einmal, Käthchen, daß das Geschäft einer Putz- und Kleidermacherin das allerletzte ist, zu dem du dich hättest verwenden lassen sollen. Ich will dir keinen Vorwurf machen, meine Liebe, aber ich muß es wiederholen, daß ich, wenn du deine Mutter um Rat gefragt hättest –« »Gut, gut, Mama«, sagte Käthchen sanft; »aber was raten Sie mir setzt?« »Raten?« rief Madame Nickleby. »Ist es nicht augenfällig, meine Liebe, daß von allen Beschäftigungen der Welt die eines Gesellschaftsfräuleins bei einer liebenswürdigen Dame gerade diejenige ist, für die du dich vermöge deiner Erziehung, deiner Manieren, deines Äußeren und alles Sonstigen am allerbesten eignest? Hast du deinen armen seligen Vater nie von der jungen Dame sprechen hören – einer Tochter der alten Dame, die in dem Hause, wo er einst als Junggeselle seinen Mittagstisch hatte, das Essen reichte? – Ach wie heißt sie doch? Ich weiß, ihr Name fängt mit einem B an und endigte mit einem ag – oder hieß sie vielleicht Waters? – Nein, dann kann's doch nicht gewesen sein; aber wie sie auch geheißen haben mochte – weißt du nicht, daß diese junge Dame als Gesellschafterin zu einer verheirateten Dame kam, die bald nachher starb, und daß sie dann den Witwer heiratete und einen der schönsten kleinen Knaben bekam, den je eine Hebamme auf den Armen hatte – und alles dies in dem Zeitraum von nur achtzehn Monaten?« Käthchen begriff leicht, daß dieser Strom von belegenden Rückerinnerungen durch irgendeine wirkliche oder eingebildete Aussicht veranlaßt wurde, die ihre Mutter betreffs einer solchen Laufbahn sich zusammenphantasiert hatte. Sie wartete daher geduldig, bis alle Remiscenzen und Histörchen – zur Sache gehörig oder nicht – erschöpft waren, und wagte dann endlich die Frage, ob der Mutter vielleicht etwas Derartiges zu Ohren gekommen sei. Die Wahrheit stellte sich nun heraus. Madame Nickleby hatte an demselben Morgen das gestrige Blatt einer sehr ehrenwerten Zeitung in die Hände bekommen, in dem durch ein im reinsten und grammatikalisch richtigsten Englisch geschriebenes Inserat angezeigt wurde, daß eine verheiratete Dame eine gebildete junge Person zur Gesellschafterin suche, und daß die Adresse der besagten Dame in einer gewissen Leihbibliothek im Westend der Stadt zu erfragen sei. »Und ich sage dir«, rief Madame Nickleby, indem sie die Zeitung im Triumph niederlegte, »daß es wohl der Mühe wert ist, den Versuch zu machen, wenn dein Onkel nichts dagegen einzuwenden hat.« Käthchen hatte infolge der herben Erfahrungen, die sie bereits gemacht, zu viel Herzeleid und kümmerte sich in der Tat auch vorderhand zu wenig um das, was ihr das Schicksal vorbehalten haben mochte, um sich einen Einwand zu erlauben. Herr Ralph Nickleby hatte gleichfalls nichts dagegen, sondern ließ im Gegenteil dieser Absicht seinen unverhohlenen Beifall zuteil werden. Auch schien ihm, wie sich aus seinem Benehmen zeigte, Madame Mantalinis plötzlicher Bankerott nicht besonders unerwartet gekommen zu sein – was freilich sonderbar hätte zugehen müssen, da hauptsächlich er es gewesen war, der diesen herbeigeführt hatte. Die Adresse wurde daher ohne Zeitverlust erfragt, und Fräulein Nickleby machte sich mit ihrer Mutter noch denselben Vormittag auf den Weg, um Madame Wititterly, Cadoganplatz, Sloanestraße aufzusuchen. Cadoganplatz ist das einzige leichte Band zwischen zwei großen Extremen, das Mittelglied zwischen dem aristokratischen Boden von Bel-Grave-Square und dem plebejischen von Chelsea. Er ist in der Sloanestraße, ohne jedoch derselben anzugehören. Die Bewohner von Cadoganplatz blicken auf die der Sloanestraße herunter und halten Brompton für gewöhnlich. Sie wollen fashionable sein und können nicht begreifen, wie man New Road kennen kann. Sie stehen zwar nicht auf gleicher Höhe mit Bel-Grave-Square und Grosvenor Place, aber es besteht doch ein Verhältnis zu jenen, ungefähr wie das unehelicher Kinder großer Herren, die sich mit ihren Verwandten brüsten, obgleich sie von denselben nicht anerkannt werden. Die Bewohner von Cadogan Place geben sich so gut wie möglich das Ansehen von Leuten des höchsten Ranges, obgleich sie in der Tat nur der mittleren Klasse angehören. Sie bilden gleichsam den Transformator, der den Bewohnern der jenseitigen Bezirke den elektrischen Schlag des Geburts- und Rangstolzes mitteilt, den sie allerdings nicht selber besitzen, aber doch von einer naheliegenden Hauptquelle ableiten – oder mit andern Worten, sie gleichen dem Band, das die siamesischen Zwillinge vereinigt und das etwas von dem Leben und der Wesenheit zweier verschiedenen Körper enthält, ohne dem einen oder dem andern wirklich anzugehören. Auf diesem neutralen Gebiet wohnte Madame Wititterly, und an Madame Wititterlys Tür klopfte Käthchen Nickleby mit zitternder Hand. Die Tür wurde von einem stämmigen Diener geöffnet, dessen Kopf mit Mehl, Kreide oder etwas Ähnlichem, denn es sah nicht wie echter Puder aus – bestreut war. Er nahm Käthchen die Karte ab und gab sie einem kleinen Boy, der in der Tat so klein war, daß sein Rock die Anzahl kleiner Knöpfe, die unerläßlich zu dem Anzug eines kleinen Boy gehören, in der gewöhnlichen Ordnung nicht fassen konnte, weshalb sie auch zu vier nebeneinander gesetzt worden waren. Dieses Herrchen trug die Karte auf einem Präsentierteller die Treppe hinauf, und Käthchen nebst ihrer Mutter wurden bis zu seiner Rückkehr in ein Speisezimmer gewiesen, das so schmutzig, schäbig und unbehaglich aussah, daß es eher für alles andere, als für Essen und Trinken zu passen schien. Dem gewöhnlichen Lauf der Dinge zufolge und nach allem, was man als glaubwürdige Berichte über das Treiben der vornehmen Gesellschaft in Büchern findet, hätte Madame Wititterly im Boudoir sitzen sollen. Mochte indessen vielleicht Herr Wititterly sich gerade dort den Bart abnehmen, oder sonst eine Ursache vorhanden sein – wir wissen nur so viel gewiß, daß Madame Wititterly sich ihrem Besuchszimmer Audienz gab, wo sich alles Vornehme und Notwendige vorfand, mit Einschluß rosenroter Fenstervorhänge und dergleichen Möbelüberzüge, um ein zartes Rot auf Madame Wititterlys Antlitz zu gießen, eines kleinen Hundes, um zu Madame Wititterlys Belustigung Fremden nach den Beinen zu schnappen, und des vorerwähnten Boy, um zu Madame Wititterlys Erfrischung Schokolade zu präsentieren. Die Dame hatte ein süßlich schmachtendes, ansprechend blasses Gesicht; auch war ihr ganzes Äußere wie ihre Einrichtung und alles im Hause – verblichen. Sie lehnte sich in einer so unstudierten Haltung auf ihrem Sofa zurück, daß man sie für eine Tänzerin hätte halten können, die für die erste Szene eines Balletts gekleidet ist und nur noch auf das Aufziehen des Vorhangs wartet. »Stühle!« Der Boy stellte die Stühle bereit. »Verlasse das Zimmer, Alphons!« Der Boy trat ab. Wenn es aber je einen Alphons gab, dem der Grobmichel ins Gesicht geschrieben war, so war es dieser Knabe. »Ich wagte es, bei Ihnen vorzusprechen, Madame«, sagte Käthchen nach einer kurzen, beengenden Pause, »da ich Ihre Anzeige gelesen.« »Ja«, versetzte Madame Wititterly. »Einer meiner Leute setzte es in die Zeitung. Ja.« »Ich dachte«, fuhr Käthchen bescheiden fort, »Sie würden mir, wofern Sie nicht bereits eine Wahl getroffen, verzeihen, wenn ich Sie mit einer Bewerbung um die angezeigte Stelle behellige.« »Ja«, entgegnete Madame Wititterly abermals in gedehnter Weise. »Wenn Sie bereits versehen sind – –« »O mein Gott, nein«, fiel die Dame ein. »Ich bin nicht so leicht zufriedengestellt. Ich weiß in der Tat nicht, was ich sagen soll. Sie sind früher nie Gesellschafterin gewesen – oder?« Madame Nickleby, die begierig die Gelegenheit wahrgenommen hatte, riß gewandt die Rede an sich, ehe noch Käthchen antworten konnte. »Nicht bei Fremden, Madame«, sagte die Dame, »aber sie ist seit Jahren meine Gesellschafterin gewesen. Ich bin ihre Mutter, Madame.« »Ah«, sagte Madame Wititterly, »ich begreife.« »Ich versichere Sie, Madame«, versetzte Frau Nickleby, »ich hätte es früher nicht für möglich gehalten, daß ich meine Tochter in die Welt hinausschicken müßte, denn ihr armer Vater war ein unabhängiger Mann und würde es auch noch im gegenwärtigen Augenblick sein, hätte er nur bei Zeiten auf meine beharrlichen Bitten – –« »Liebe Mama«, bat Käthchen leise. »Liebes Käthchen, wenn du mich aussprechen lassen willst«, entgegnete Madame Nickleby, »so werde ich mir die Freiheit nehmen, dieser Dame auseinanderzusetzen –« »Ich meine, es ist unnötig, Mama.« Und ungeachtet alles Stirnrunzelns und Winkens, womit Madame Nickleby andeutete, sie habe im Sinne, etwas zu sagen, was die Sache mit einem Male abmachen würde, beharrte Käthchen durch einen ausdrucksvollen Blick auf ihrer Ansicht, so daß Madame Nickleby nicht vermochte, die begonnene Tirade fortzusetzen. »Was haben Sie gelernt?« fragte Madame Wititterly, die Augen zudrückend. Käthchen zählte errötend ihre Hauptfähigkeiten auf, und Madame Nickleby rechnete ihr eine nach der andern an den Fingern nach, da sie bereits, ehe sie diesen Gang angetreten, alles gehörig zusammengestellt hatte. Glücklicherweise stimmten beide Berechnungen miteinander überein, und so hatte Madame Nickleby keinen Anlaß, das Wort an sich zu reißen. »Ist Ihr Charakter umgänglich?« fragte Madame Wititterly, indem sie die Augen für einen Augenblick öffnete und dann wieder schloß. »Ich hoffe es«, versetzte Käthchen. »Sind Sie auch mit guten Empfehlungen versehen?« Käthchen bejahte diese Frage und legte die Karte ihres Onkels auf den Tisch. »Haben Sie die Güte, Ihren Stuhl ein wenig näher zu rücken, damit ich Sie ansehen kann«, sagte Madame Wititterly. »Ich bin sehr sehr kurzsichtig und kann daher Ihre Züge nicht ganz unterscheiden.« Käthchen entsprach dieser Aufforderung nicht ohne einige Verlegenheit, und Madame Wititterly musterte mit mattem Blick ihr Gesicht mehrere Minuten lang. »Ihr Äußeres gefällt mir«, sprach die Dame, indem sie eine kleine Klingel zog. »Alphons, ersuche deinen Vorgesetzten, hierherzukommen.« Der Boy entfernte sich mit dieser Botschaft, und nach einer kurzen Pause, in der von beiden Seiten nicht ein Wort gesprochen wurde, trat ein wichtigtuender Herr von ungefähr achtunddreißig Jahren mit ziemlich plebejischen Zügen und lichten Haaren durch die Tür, der sich eine Weile über Madame Wititterly beugte und sich flüsternd mit ihr unterhielt. »Ah – so!« sagte er, indem er sich umwandte, »das ist eine höchst wichtige Angelegenheit. Madame Wititterly ist von sehr reizbarem Wesen, sehr zart, sehr schwächlich, eine Treibhauspflanze, ein exotisches Gewächs.« »Ach, lieber Heinrich!« fiel Madame Wititterly ein. »Du bist's, meine Liebe – du weißt, daß du es bist. Ein Hauch –« sagte Herr Wititterly, indem er sich anstellte, als blase er eine Feder weg – »puh! und du bist nicht mehr.« »Deine Seele ist zu groß für deinen Körper«, fuhr Herr Wititterly fort. »Dein hoher Geist reibt dich auf. Du weißt, es gibt keinen Arzt, der nicht stolz darauf wäre, zu dir gerufen zu werden. Wie lautet ihre einstimmige Erklärung? ›Mein lieber Doktor‹, sagte ich in diesem Zimmer zu Sir Tumley Snuffim bei seinem letzten Besuch, ›mein lieber Doktor, was fehlt meiner Frau? Sagen Sie mir alles, ich kann es wohl ertragen. Sind es die Nerven?‹ ›Mein lieber Freund‹, sagte er, ›Sie dürfen stolz sein auf Ihre Gemahlin. Halten Sie sie hoch in Ehren: sie ist eine Zierde für die fashionable Welt und für Sie. Ihre ganze Krankheit liegt in ihrem hohen Geist. Er schwillt, dehnt sich aus, erweitert sich – das Blut entzündet sich, die Pulse fliegen rascher, die Erregung steigert sich‹ – puh.« Herr Wititterly hatte in dem Feuer seiner Beschreibung mit seiner rechten Hand in der Luft herumgefuchtelt und war dabei Frau Nicklebys Hut um weniger als einen Zoll nahe gekommen; er hielt daher hastig inne und blies dann seine Nase so gewaltig auf, als wirke in seinem Innern eine mächtige Maschinerie. »Du machst mich immer schwächer, als ich bin, Heinrich«, hauchte Madame Wititterly. »Das tu' ich nicht, Julia – nein, gewiß nicht«, entgegnete Herr Wititterly. »Die Gesellschaft, in der du dich bewegst und deiner Stellung, deiner Familie und deiner hohen Gaben willen notwendig bewegen mußt, ist ein unablässiger Strudel und Wirbel der furchtbarsten Aufregung. Ich will nicht leben, wenn ich je die Nacht vergesse, in der du auf dem Wahlballe zu Exeter mit dem Neffen des Baronets tanztest. Es war schrecklich!« »Ich habe für solche Triumphe immer hintendrein zu leiden«, sagte Madame Wititterly. »Und gerade deshalb«, erwiderte ihr Gatte, »mußt du eine Gesellschafterin haben, in der du Sanftmut und Zartheit, die höchste Sympathie und die schönste Seelenruhe findest.« Hier brachen beide, Herr und Madame Wititterly, die dies mehr für die Nicklebys als unter sich gesprochen hatten, ab und blickten auf die beiden Zuhörerinnen mit einem Gesichtsausdruck, der zu fragen schien, wie ihnen das alles imponiere. »Madame Wititterly«, sprach der Gatte zu Frau Nickleby, »wird von den glänzendsten Gesellschaften, den brillantesten Zirkeln begehrt und gefeiert. Sie wird aufgeregt durch die Oper, das Schauspiel, die schönen Künste, die – die – die –« »Den Adel, mein Lieber«, fiel Madame Wititterly ein. »Natürlich, den Adel«, sagte Herr Wititterly, »und das Militär. Sie ist eine ungemein tiefe Denkerin und lebt in einer ungeheuren Mannigfaltigkeit von Ansichten über die allermannigfaltigsten Gegenstände. Wenn gewisse Leute im öffentlichen Leben Madame Wititterlys wahre Meinung über sie kennen würden, so würden sie wahrscheinlich ihre Köpfe nicht so hoch tragen, wie sie es tun.« »Pst, Heinrich«, sagte die Dame, »das ist nicht in der Ordnung.« »Ich erwähne ja keine Namen, Julia«, versetzte Herr Wititterly, »und so kann sich niemand gekränkt fühlen. Ich berühre den Umstand auch nur, um zu zeigen, daß du keine gewöhnliche Frau bist, daß eine beharrliche Reibung ohne Unterlaß zwischen deiner Seele und deinem Körper vorgeht, und daß du deshalb die allerzarteste Behandlung nötig hast. Aber jetzt wünsche ich eine ruhige und leidenschaftslose Schilderung der Eigenschaften, durch die sich dieses junge Mädchen für die Stelle befähigt.« Infolge dieser Aufforderung wurden die Eigenschaften Käthchens abermals durchgegangen, wobei jedoch Herrn Wititterlys Zwischenfragen manche Unterbrechung veranlaßten. Endlich kam man zu dem Beschluß, daß man Erkundigungen einziehen und den Endbescheid Fräulein Nickleby innerhalb zweier Tage unter der Adresse ihres Onkels zugehen lassen wolle. Nach diesen Verhandlungen begleitete sie der Boy bis zu dem Treppenfenstcr, wo durch den dicken Diener eine Ablösung stattfand, so daß Mutter und Tochter in dieser Weise wohlbehalten auf die Straße gelangten. »Das sind augenscheinlich sehr vornehme Personen«, sagte Frau Nickleby, als sie den Arm ihrer Tochter nahm. »Was nicht Madame Wititterly für eine vortreffliche Dame ist.« »Meinen Sie, Mama?« war Käthchens ganze Antwort. »Wie sollte ich nicht, liebes Käthchen«, erwiderte die Mutter. »Sie ist ja so blaß und sieht ganz erschöpft aus. Ich will hoffen, daß sie sich nicht ganz verzehrt, aber ich fürchte sehr für ihr Leben.« Diese Gedanken führten die tiefblickende Dame zu der Berechnung von Madame Wititterlys mutmaßlicher Lebensdauer, wobei sie es nicht unterließ, die hohe Wahrscheinlichkeit abzuwägen, daß der trostlose Witwer ihrer Tochter die Hand bieten würde. Noch ehe die gute Frau zu Haus anlangte, hatte sie Madame Wititterlys Seele von allen Beengungen des Körpers befreit, Käthchen mit großem Glanz nach St. Georgs Hannover Squar verheiratet und nur noch die minder wichtige Frage unentschieden gelassen, ob eine prachtvolle Mahagonibettstelle für sie selbst in dem zwei Treppen hohen Hinterzimmer nach Cadogan Place hinaus oder in einem andern Zimmer des dritten Stockes aufgeschlagen werden sollte. Sie konnte jedoch nicht mit sich ins reine kommen, was von beiden das Vorteilhaftere sein dürfte. Deshalb schloß sie ihr Bedenken damit ab, daß sie die Entscheidung darüber ihrem Schwiegersohn überlassen wollte. Die Nachforschungen wurden angestellt, und die Antwort fiel – gerade nicht zu Käthchens besonderer Freude – günstig aus. Nach dem Ablauf einer Woche übersiedelte Fräulein Nickleby mit aller ihrer beweglichen Habe in Madame Wititterlys Wohnung, wo wir sie vorderhand lassen wollen. Zweiundzwanzigstes Kapitel. Nicolaus begibt sich in Smikes Begleitung auf den Weg, um sein Glück zu suchen, und macht bei dieser Gelegenheit eine interessante Bekanntschaft in der Person des Herrn Vincent Crummles. Nicolaus' ganzes Vermögen bestand, nach Bezahlung der Haus- und Möbelmiete, in wenig mehr als zwanzig Schillingen; und doch begrüßte er den Morgen, an dem er London verlassen wollte, mit leichtem Herzen. Er verließ sein Bett mit jener Schwungkraft des Geistes, die zum Glück nur das Erbteil der Jugend ist, da sonst die Welt nie mit alten Leuten bevölkert sein würde. Es war ein kalter, dunstiger Morgen in den ersten Tagen des Frühlings. Nur wenige leichte Schatten glitten in den Straßen hin und her. Zuweilen zeigten sich in dem dicken Nebel die schwerfälligen Umrisse einer heimkehrenden Mietkutsche, die langsam näherzog, vorbeirasselte, die dünne Reifrinde von ihrer Decke abschüttelte und sich bald wieder in der Wolke verlor. Bisweilen hörte man den Tritt eines mit hinten niedergetretenen Schuhen versehenen Fußes und den frostigen Ruf eines armen Schornsteinfegers, der mit klappernden Zähnen an sein frühes Tagewerk ging; den schweren Stiefel des Nachtwächters, der langsam auf- und abschritt und die trägen Stunden verwünschte, die noch zwischen ihm und seinem Schlafe lagen; das Rollen schwerer Frachtfuhrwerke und das Klappern der leichteren Wagen, die Käufer und Verkäufer nach den verschiedenen Märkten brachten; das vergebliche Klopfen an den Türen fester Schläfer – kurz, alle diese Töne schlugen von Zeit zu Zeit ans Ohr; aber sie schienen durch den Nebel gedämpft zu werden, so daß sie dem Gehör eben so unbestimmt vorkamen, wie die Gegenstände selbst dem Auge. Die dunstige Atmosphäre wurde immer dichter, je weiter der Tag vorrückte; und die, die den Mut hatten, aufzustehen und durch ihr Gardinenfenster in die düstere Straße hinauszublicken, blickten wieder zurück, schlüpften in ihr Bett und kauerten sich zusammen, um weiterzuschlafen. Noch ehe diese Anzeichen des erwachenden Morgens in dem geschäftigen London allgemeiner wurden, hatte Nicolaus ohne Begleitung seinen Weg nach der City eingeschlagen und stand unter den Fenstern der Wohnung seiner Mutter. Sie sah öde und düster aus, aber in ihrem Innern war Licht und Leben für ihn; denn in ihren alten Wänden befand sich wenigstens ein Herz, das bei Kränkung oder Schmach das Blut ebenso rasch durch die Adern jagte, wie es das seinige tat. Er ging über die Straße hinüber und erhob seine Augen zu dem Fenster des Zimmers, wo, wie er wußte, seine Schwester schlief. Es war geschlossen und dunkel. »Armes Mädchen«, dachte Nicolaus, »du ahnst nicht, wer hier außen weilt!« Er sah abermals hin und fühlte sich einen Augenblick fast gekränkt, daß Käthchen nicht auf war, um ihm ein Wort des Abschieds zuzurufen. »Mein Gott«, dachte er dann, sich plötzlich wieder verbessernd, »was für ein Kind ich doch bin!« »Es ist besser so, wie es ist«, sagte sich Nicolaus, nachdem er etlichemal vor dem Haus auf und ab gegangen war. »Als ich mich früher von ihnen trennte und tausendmal hätte Lebewohl sagen können, wenn ich gewollt hätte, suchte ich ihnen den Schmerz des Abschieds zu ersparen – und warum nicht auch jetzt?« Jetzt kam es ihm auf einmal vor, als bewege sich der Vorhang, und er suchte sich einen Augenblick zu überreden, daß Käthchen am Fenster wäre. Infolge eines jener seltsamen Widersprüche der Gefühle, die uns allen eigen sind, trat er unwillkürlich unter einen Torweg zurück, damit sie ihn nicht sehen möchte. Er lächelte über seine Schwäche, empfahl seine Lieben dem Schutz Gottes und entfernte sich mit leichten Schritten. Als er seine alte Wohnung erreichte, traf er den ängstlich harrenden Smike und Newman Noggs, der das Einkommen eines Tages auf eine Kanne Rum und Milch verwendet hatte, um die Wanderer für ihren Weg zu stärken. Smike nahm das Gepäck auf die Schulter, und so gingen sie weiter, von Noggs begleitet, der darauf bestand, so lange mit ihnen zu gehen, bis der Tag angebrochen wäre. »Welchen Weg?« fragte Newman nachdenkend. »Zuerst nach Kingston«, versetzte Nicolaus. »Und wohin dann?« fragte Newman. »Warum sollten Sie mir´s nicht sagen?« »Weil ich es selber kaum weiß, mein Freund«, entgegnete Nicolaus, die Hand auf Newmans Schulter legend; »und wenn ich es auch wüßte, so habe ich doch vorderhand weder Plan noch Aussicht und mag vielleicht meinen Aufenthalt schon hundertmal gewechselt haben, ehe mich eine Nachricht von Ihnen erreichen kann.« »Ich fürchte, Sie haben einen tief überlegten Entwurf in Ihrem Kopfe«, sagte Newman kopfschüttelnd. »In der Tat, so tief«, erwiderte sein junger Freund, »daß ich selber keinen Boden darin finden kann. Ich verspreche Ihnen jedoch zu schreiben, sobald ich zu einem Entschluß gekommen bin.« »Sie wollen es aber nicht vergessen?« fragte Newman. »Wenigstens ist es nicht sehr wahrscheinlich«, versetzte Nicolaus. »Ich habe nicht so viele Freunde, daß mich ihre Zahl verwirren und ich des besten darunter vergessen könnte.« In solchen Gesprächen gingen sie ein paar Stunden miteinander fort, und sie würden es wohl ebenso viele Tage getan haben, wenn sich nicht Nicolaus auf einen Stein am Wege niedergesetzt und aufs bestimmteste erklärt hätte, daß er sich nicht eher von der Stelle bewegen würde, bis Newman Noggs den Heimweg angetreten hätte. Nachdem Newman zuerst nur noch um eine halbe Meile und dann um eine Viertelmeile vergeblich gebettelt hatte, mußte er sich endlich darein fügen, den Rückweg nach Golden Square wieder anzutreten, was er denn auch nach manchem herzlichen und zärtlichen Lebewohl und unter vielem Zurückblicken und Winken mit dem Hute tat, selbst als die beiden Wanderer durch die Entfernung bis auf ein paar Punkte zusammengeschmolzen waren. »Nun höre, Smike«, sagte Nicolaus, während sie rüstig vorwärts trabten; »wir gehen nach Portsmouth.« Smike nickte mit dem Kopf und lächelte, ohne eine weitere Regung auszudrücken, denn es war ihm ganz gleichgültig, ob es nach Portsmouth oder Port-Royal ging, wenn sie nur beisammen blieben. »Ich verstehe mich zwar nicht sonderlich auf solche Dinge«, nahm Nicolaus wieder auf; »aber Portsmouth ist ein Seehafen, und wenn sich nicht irgend etwas anderes finden läßt, so bekommen wir vielleicht ein Unterkommen an dem Bord eines Schiffes. Ich bin jung und tätig und kann mich in jeder Hinsicht nützlich machen. Dasselbe ist bei dir der Fall.« »Ich hoffe so«, versetzte Smike. »Während meines Aufenthaltes in – Sie wissen wohl, wo ich meine?« »Ja, ich weiß es«, entgegnete Nicolaus. »Du brauchst den Ort nicht zu nennen.« »Nun, während meines Aufenthaltes daselbst«, entgegnete Smike, und seine Augen leuchteten bei der Aussicht, von seiner Geschicklichkeit Gebrauch machen zu können, »habe ich die Kuh gemolken und machte den Pferdeknecht so gut wie einer.« »Ach«, sagte Nicolaus ernst, »ich fürchte, man hält gewöhnlich nicht viel Tiere der Art an Bord eines Schiffes, und dann, wenn sich daselbst auch hin und wieder Pferde finden, so nimmt man's nicht so genau mit dem Putzen. Doch du kannst ja etwas anderes lernen. Wo der Mensch will, findet er wohl einen Weg.« »Und am Willen soll's bei mir gewiß nicht fehlen«, erwiderte Smike freudestrahlend. »Das weiß Gott«, versetzte Nicolaus, »und wenn es bei dir nicht gehen sollte, so werde doch ich, und sollte es auch sauer hergehen, für uns beide genug tun können.« »Machen wir heute den ganzen Weg?« fragte Smike nach einer langen Pause. »Das würde doch eine zu große Aufgabe selbst für deine willigen Beine sein«, antwortete Nicolaus mit einem gutmütigen Lächeln. »Godalming ist – soviel ich in einer Karte, die ich borgte, fand – etliche dreißig Meilen von London entfernt, und ich habe im Sinne, dort zu übernachten. Morgen geht's dann wieder weiter, denn wir sind nicht reich genug, um unnötigerweise zu zögern. Komm, gib das Bündel her, ich will dich ablösen.« »Nein – nein«, entgegnete Smike, um einige Schritte zurückweichend. »Verlangen Sie nicht von mir, daß ich es Ihnen geben soll.« »Warum nicht?« fragte Nicolaus. »Lassen Sie mich wenigstens etwas für Sie tun«, erwiderte Smike. »Sie wollen mich nie dienen lassen, wie ich eigentlich sollte: aber Sie wissen eben nicht, wie ich Tag und Nacht darauf sinne, Ihnen zu Gefallen zu leben.« »Ach du närrischer Mensch, ich weiß das freilich und sehe es, denn ich müßte sonst blind und gefühllos sein«, sagte Nicolaus. »Aber das bringt mich eben darauf, dir, weil wir allein sind, eine Frage vorzulegen«, fügte er bei, indem er ihm fest ins Gesicht sah. »Hast du ein gutes Gedächtnis?« »Ich weiß nicht«, versetzte Smike, traurig den Kopf schüttelnd. »Ich glaube, ich hatte einmal eines, jetzt ist es aber fort – ganz fort.« »Warum glaubst du, daß du einmal eines hattest?« fragte Nicolaus, indem er sich rasch gegen Smike umwandte, als wolle er durch diese Frage den Tatbestand erproben. »Als ich noch ein Kind war, konnte ich mich an alles erinnern«, sagte Smike: »aber das ist schon sehr – sehr lange her, oder es scheint mir wenigstens so. Ich war immer verwirrt und schwindlig an dem Ort, den ich mit Ihnen verließ, und konnte mich nie auf etwas besinnen, bisweilen nicht einmal verstehen, was man zu mir sagte. Ich – lassen Sie mich sehen – lassen Sie mich sehen.« »Wie – träumst du?« fragte Nicolaus, den Arm seines Begleiters berührend. »Nein«, versetzte Smike mit einem leeren Stieren. »Ich dachte nur, wie – –« Er schauderte unwillkürlich, als er sprach. »Denke nicht mehr an jenen Ort; es ist jetzt alles vorüber«, entgegnete Nicolaus, indem er sein Auge voll auf das seines Gefährten heftete, der in jenes nichtssagende Stieren verfallen wollte, das ihm sonst gewöhnlich und sogar auch in neuerer Zeit nicht selten war. »Was wolltest du von dem ersten Tage sagen, nachdem du zu Yorkshire angelangt warest?« »Wie?« rief der Junge. »Ich meine von der Zeit, ehe du dein Gedächtnis zu verlieren anfingst«, erwiderte Nicolaus ruhig. »War das Wetter warm oder kalt?« »Naß«, versetzte Smike, »sehr naß. Ich sagte immer, wenn es recht stark regnete, es regne wie an dem Abend meiner Ankunft; und dann umringten sie mich und lachten mich aus, wenn sie sahen, daß ich über den schweren Regen weinen mußte. Sie sagten, es wäre kindisch, aber das ließ mich nur noch mehr dran denken. Bisweilen überlief es mich kalt, denn ich konnte mich sehen, wie ich damals war, als ich durch dieselbe Tür hereinkam.« »Wie du damals warst?« wiederholte Nicolaus mit angenommener Gleichgültigkeit, »und wie warst du denn?« »Ein so kleines Geschöpf«, entgegnete Smike, »daß man nur bei der Erinnerung daran Mitleid und Erbarmen mit mir hätte haben sollen.« »Du kamst doch nicht allein hin?« sagte Nicolaus. »Nein«, erwiderte Smike, »o nein.« »Wer war bei dir?« »Ein Mann – ein finsterer, abgelebter Mann; ich hörte das in der Schule sagen, und ich erinnerte mich sonst auch dessen. Ich war froh, als er mich verließ, denn ich fürchtete mich vor ihm. Aber sie haben mich noch mehr fürchten gemacht und mich noch härter behandelt.« »Sieh mich einmal an«, sagte Nicolaus, der seine ganze Aufmerksamkeit auf eines zusammenzudrängen wünschte. »So; wende dich nicht ab. Erinnerst du dich keiner Frau, keines liebevollen weiblichen Wesens, das ehedem deiner wartete, deine Lippen küßte und dich ihr Kind nannte?« »Nein«, antwortete das arme Geschöpf kopfschüttelnd; »nein, nie.« »Auch nicht eines andern Hauses als dessen in Yorkshire?« »Nein«, erwiderte Smike mit einem Blick voll Trauer; »aber eines Zimmers – ich erinnere mich, daß ich in einem Zimmer schlief, in einem großen, einsamen Zimmer, hoch oben in einem Haus, und in der Decke war eine Falltür. Ich habe oft das Kissen über meinen Kopf gezogen, um sie nicht zu sehen, denn ich war ein kleines Kind und fürchtete mich vor ihr, wenn ich des Nachts allein war; auch hätte ich immer gar zu gerne wissen mögen, was auf der andern Seite wäre. Dann stand eine Uhr – eine alte Wanduhr in einer Ecke; ich kann mich dessen noch gut entsinnen. Das Zimmer ist mir nie aus dem Gedächtnis gekommen; denn wenn ich schreckliche Träume habe, so tritt es genau so, wie es war, wieder vor meine Seele. Ich sehe Dinge und Leute darin, die ich damals nie gesehen hatte, aber das Zimmer ist ganz, wie es damals war; dieses ändert sich nicht.« »Willst du mich jetzt das Bündel nehmen lassen?« fragte Nicolaus, schnell den Gegenstand des Gesprächs abbrechend. »Nein, nein«, antwortete Smike. »Lassen Sie uns weitergehen.« Er beschleunigte bei diesen Worten seine Schritte, wie es schien, in der Meinung, sie hätten das ganze Gespräch über stillgestanden. Nicolaus betrachtete ihn aufmerksam und prägte jedes Wort dieser Unterhaltung mit unauslöschlichen Zügen seinem Gedächtnis ein. Inzwischen war es fast Mittag geworden, und obgleich noch ein dichter Nebel die Stadt, die sie eben verlassen hatten, umhüllte, als ob der Atem ihrer geschäftigen Bewohner über dem Schatten ihres Gewinnes schwebe und hier eine größere Anziehung finde als in den ruhigen, höherliegenden Regionen, so war es draußen auf dem Lande doch schön und hell. Hin und wieder trafen sie in einer Niederung auf Stellen, wo die Sonne den Nebel noch nicht hatte verscheuchen können; doch kamen sie bald über diese weg, und als sie die jenseitigen Berge hinanstiegen, war es gar lieblich, in das Tal zu blicken und zu sehen, wie die trägen Massen sich schwerfällig vor dem belebenden Einfluß des Tages hinschoben. Eine schöne, heitere Sonne bestrahlte die grünen Weideplätze und verlieh dem Wasser ein sommerliches Glitzern, während sie die Wanderer die ganze belebende Frische dieser frühen Jahreszeit genießen ließ. Der Boden unter ihren Füßen schien elastisch zu sein; die Schafglöckchen tönten wie Musik in ihren Ohren; und erheitert durch die Bewegung, wie auch von Hoffnung gehoben, schritten sie mit Löwenkraft weiter. Der Tag rückte weiter vor. All diese glänzenden Farben wurden matter und nahmen ruhigere Töne an, wie junge Hoffnungen durch die Zeit gemildert werden oder jugendliche Gesichter allmählich in die ruhige Heiterkeit des Alters übergehen. Aber sie waren kaum weniger schön in ihrem langsamen Erbleichen als in ihrem frischen Glanze, denn die Natur gibt jeder Tages- und Jahreszeit bestimmte eigentümliche Schönheiten, und von dem Morgen bis zur Nacht, von der Wiege bis zum Grabe findet ohne Unterlaß ein so sanfter und leichter Wechsel statt, daß wir dessen Fortschreiten kaum gewahren können. Sie kamen endlich nach Godalming, wo sie um ein paar schlechte Lagerstätten handelten und herrlich schliefen. Am Morgen machten sie sich zeitig, obgleich nicht gerade mit der Sonne, auf den Weg, allerdings nicht ganz so frisch wie gestern, aber doch voll mutiger Hoffnung und heitern Sinnes. Sie hatten an diesem Tage einen mühevolleren Marsch zu machen als an dem vorigen, denn es gab lange und ermüdende Berge zu ersteigen; und bekanntlich geht es auf Reisen wie im Leben um vieles leichter bergab als bergan. Trotzdem aber schritten sie mit unverdrossener Beharrlichkeit weiter; und noch kein Berg hat den Gipfel himmelan gestreckt, ohne daß er nicht zuletzt noch der Beharrlichkeit überwindbar gewesen wäre. Sie kamen an dem Rande von »des Teufels Punschbowle« vorbei, und Smike horchte begierig auf, als Nicolaus die Inschrift auf dem Stein las, der an jener wilden Stelle aufgerichtet ist und von einem schauderhaften, hinterlistigen Morde erzählt, der nächtlicherweile daselbst begangen wurde. Das Gras, auf dem sie standen, war mit Blut gefärbt gewesen, und das Blut des Ermordeten tropfenweise in die Höhle geronnen, die dem Orte den Namen gibt. »Des Teufels Punschbowle«, dachte Nicolaus, als er in den tiefen Schlund hinunterschaute, »hat nie eine passendere Flüssigkeit aufgenommen als diese.« Sie gingen mutig weiter und kamen endlich in eine weite und geräumige Hochebene, die, mit vielen kleinen Hügeln wechselnd, der Oberfläche einen heitern grünen Anblick gab. Hier stieg fast senkrecht eine Anhöhe gen Himmel, daß sie fast nur den Schafen und Ziegen, die an den Seiten derselben Futter suchten, zugänglich war. Dort stand ein mächtiger, grüner Erdhügel, der sich so leicht emporhob und so sanft mit der Ebene wieder verschmolz, daß sich die Grenzen kaum bestimmen ließen. Hügel, einer höher als der andere, und Wellenlinien, zierlich und unförmlich, glatt und zerrissen, anmutig und wild, nachlässig Seite an Seite liegend, begrenzten die Aussicht nach jeder Richtung. Währenddessen flog nicht selten, ehe man sich's versah, eine Schar schwarzer Krähen mit ihrem unangenehmen Geschrei von dem Boden auf und umkreiste die nächsten Berge; als wüßte sie nicht, wohin sie sich wenden sollte. Dann ließ sie sich mit Windeseile plötzlich in irgendeine Talöffnung herab. Allmählich wurde die Aussicht nach beiden Seiten beengter, und nachdem sie eine Weile der reichen und herrlichen Szenerie beraubt gewesen, kamen sie mit einemmal wieder in offenes Land. Das Bewußtsein, daß sie sich dem Ort ihrer Bestimmung immer mehr näherten, ermutigte sie auf ihrem Wege. Aber der Marsch war beschwerlich gewesen; sie hatten sich unterwegs aufgehalten, und Smike war müde. Es dunkelte bereits, als sie in den Pfad nach einem Wirtshaus, das noch zwölf Meilen vor Portsmouth am Wege liegt, einbogen. »Zwölf Meilen«, sagte Nicolaus, indem er sich mit beiden Händen auf seinen Stock stützte und Smike zweifelnd ansah. »Zwölf starke Meilen«, wiederholte der Wirt. »Ist der Weg gut?« fragte Nicolaus. »Sehr schlecht«, antwortete der Wirt. Als Wirt konnte er natürlich nicht anders sagen. »Ich möchte wohl noch weiter«, sagte Nicolaus zögernd; »aber ich weiß nicht, was ich tun soll.« »Ich will Sie zwar nicht bestimmen«, entgegnete der Wirt, »aber an Ihrer Stelle ginge ich nicht weiter.« »Wirklich?« fragte Nicolaus in derselben Ungewißheit. »Nein, zumal nicht, wenn ich wüßte, daß ich an einem Orte gut aufgehoben wäre.« Mit diesen Worten schob der Wirt seine Schürze beiseite, steckte die Hände in seine Taschen, trat ein paar Schritte vor das Haus hinaus und blickte, anscheinend mit großer Gleichgültigkeit, die dunkle Straße hinunter. Ein Blick auf die Jammermiene des abgematteten Smike bestimmte Nicolaus, und so entschloß er sich ohne weiteres zu bleiben, wo er war. Der Wirt führte sie in die Küche, und da sich dort ein tüchtiges Feuer befand, so bemerkte er, daß es sehr kalt wäre, wie er denn auch ohne Zweifel bei einem schwachen oder gar keinem Feuer sich über zu große Wärme beschwert haben würde. »Was können Sie uns zum Abendessen geben?« war Nicolaus' erste Frage. »Was ist Ihnen gefällig?« lautete des Wirts Erwiderung. Nicolaus verlangte kalten Braten, aber der war nicht da – gebackene Eier, es gab auch keine Eier – Hammelrippchen, die waren auf drei Meilen nicht zu finden, obgleich man in der letzten Woche mehr hatte, als man zu verwenden wußte, und auch übermorgen die schwere Menge davon haben würde. »Je nun, so muß ich's eben ganz Ihnen überlassen«, sagte Nicolaus, »wie ich es gleich anfangs willens war, wenn Sie mich nicht nach meinem Belieben gefragt hätten.« »Ei, dann will ich Ihnen was sagen«, entgegnete der Wirt. »In dem Gastzimmer ist ein Herr, der bis neun Uhr einen warmen Beefsteakpudding und Kartoffeln befohlen hat. Er wird nicht alles allein aufessen können, und ich zweifle nicht, daß er Sie, wenn ich ihm das Ansinnen stelle, an seinem Mahl teilnehmen lassen wird. Ich will die Sache sofort ins reine bringen.« »Nein, nein«, erwiderte Nicolaus, ihn zurückhaltend, »ich wünsche das nicht. Ich – wenigstens – ach, warum sollte ich's nicht aussprechen – Sie sehen, ich reise auf eine sehr bescheidene Weise und habe meinen Weg zu Fuß hierher gemacht. Es ist daher wohl mehr als wahrscheinlich, daß der Herr keinen Geschmack an meiner Gesellschaft findet, und obgleich ich vom Staub bedeckt bin, so bin ich doch zu stolz, um mich der seinigen aufzudrängen.« »Aber lieber Himmel«, sagte der Wirt, »es ist ja nur der Herr Crummles: der nimmt's nicht so genau.« »Wirklich?« fragte Nicolaus, auf dessen Geschmacksorgane – aufrichtig gestanden – die Aussicht auf einen saftigen Pudding einigen Eindruck machte. »Nicht im geringsten«, versetzte der Wirt. »Soweit ich ihn kenne, wird ihm Ihre Gesellschaft angenehm sein. Doch wir werden bald sehen – haben Sie nur eine Minute Geduld.« Der Wirt eilte, ohne weitere Erlaubnis abzuwarten, in das Gastzimmer, und Nicolaus versuchte es nicht, ihn zurückzuhalten, denn er überlegte weislich, daß unter obwaltenden Umstanden ein Abendessen von zu großer Wichtigkeit wäre, um damit zu scherzen. Der Wirt kehrte auch bald in großer Aufregung wieder zurück. »Alles in Richtigkeit«, sagte er leise. »Ich wußte es ja. Aber Sie werden drinnen auch etwas Sehenswertes finden. Donnerhagel, wie die aneinander sind!« Nicolaus konnte nicht mehr fragen, was diese Schlußbemerkung, die in ganz entzücktem Tone ausgesprochen wurde, bedeute, denn der Wirt hatte bereits die Tür des Zimmers aufgerissen, worauf denn die beiden Reisenden – Smike mit dem Bündel auf dem Rücken, den er mit einer Sorgfalt bewahrte, als wäre er ein Beutel mit Gold gewesen – unverzüglich eintraten. Nicolaus hatte sich auf etwas Seltsame« gefaßt gemacht, keineswegs aber auf etwas so gar Seltsames, wie es hier seinen Augen begegnete. An dem oberen Ende des Zimmers befanden sich zwei Knaben, von denen der eine sehr lang und der andere sehr kurz war, beide in Matrosentracht – wenigstens in einer theatralischen, mit Gürteln, Schnallen, Schließern und Pistolen. Diese fochten mit zwei kurzen Korbsäbeln, wie man sie gewöhnlich bei kleinen Theatern antrifft, einen schrecklichen Kampf – wie es die Komödienzettel nennen – miteinander aus. Der kurze Knabe hatte einen großen Vorteil über den langen gewonnen, der sich in einer gefährlichen Klemme befand, und als Zuschauer lehnte ein großer, schwerfälliger Mann an einer Tischecke, der die Streiter nachdrücklich aufforderte, noch mehr Feuer aus ihren Schwertern zu schlagen; es könne ihnen dann bei der nächsten Vorstellung an einem wütenden Beifall nicht fehlen. »Herr Vincent Crummles«, sagte der Wirt mit sehr unterwürfiger Miene, »das ist der junge Herr.« Herr Vincent Crummles begrüßte Nicolaus mit einer Verneigung des Kopfes, die zwischen dem herablassenden Empfang eines römischen Kaisers und dem vertraulichen Nicken eines Zechgenossen die Mitte hielt, und hieß dann den Wirt die Tür schließen und das Zimmer verlassen. »Das ist eine schöne Nummer«, sagte Herr Crummles, indem er Nicolaus winkte, stehenzubleiben, damit der Kampf nicht gestört würde. »Der Kleine hat ihn; wenn der Große sich nicht in drei Sekunden unterwirft, so ist er ein toter Mann. Macht das noch einmal, Jungen.« Die beiden Kämpen fingen von vorne an und klopften aufeinander los, daß die Funken stoben – zur großen Zufriedenheit des Herrn Crummles, der dies augenscheinlich als Hauptsache betrachtete. Der Kampf begann mit ungefähr zweihundert Hieben, die der kurze Matrose mit dem langen wechselte, ohne daß dadurch ein besonderes Resultat erzielt wurde, bis der kurze Matrose auf ein Knie niederstürzte. Dieser machte sich jedoch nichts daraus, sondern arbeitete sich mit Beihilfe seiner linken Hand auf dem Knie weiter und focht ganz verzweifelt fort, bis ihm der lange Matrose das Schwert aus der Hand schlug. Man hätte vermuten sollen, daß jetzt der kurze Matrose, so in die letzte Enge getrieben, um Gnade gebeten hätte. Aber statt dessen zog er schnell eine große Pistole aus seinem Gürtel und zielte mit ihr nach dem Gesicht des langen Matrosen, so daß dieser ob einem so unerwarteten Manöver zurückschrak und dem Kurzen Zeit ließ, sein Schwert wieder aufzunehmen und von neuem anzufangen. Dann ging es wieder an ein Klopfen, bei dem von beiden Seiten ganz absonderliche Hiebe geführt wurden, indem die Kämpfer die Schwerter bald in die linke Hand nahmen; bald unter den Beinen oder über den Achseln weg ihre Schläge austeilten, und als der kurze Matrose einen gewaltigen Streich nach den Beinen des langen führte, der im Falle des Nichtausweichens beide rund abgehauen haben würde, hüpfte der Lange über das Schwert des Kurzen weg, worauf denn der Lange, um die Sache ins Gleichgewicht zu bringen, einen ähnlichen Hieb führte und den Kurzen über die Klinge springen ließ. Darauf machten sie noch verschiedene Finten, wobei sie gelegentlich bei den fehlenden Hosenträgern ihre abgeglittenen Hosen in die Höhe zogen, bis endlich der Kurze, der augenscheinlich der Heldendarsteller war, weil er sich immer im Vorteil befand, einen gewaltigen Ausfall machte, sich über den Langen herwarf und ihn nach einigem fruchtlosen Widerstande zu Boden brachte, worauf dann der Lange unter großen Qualen den Geist aufgab, nachdem ihm der Kurze den Fuß auf die Brust gesetzt und ihn mit dem Schwert durchbohrt hatte. »Da wird das Publikum nach Wiederholung brüllen, Jungens, wenn ihr euch rechte Mühe gebt«, sagte Herr Crummles. »Doch laßt jetzt eure Blasbälge verschnaufen und wechselt eure Kleider.« Nach dieser den Fechtern erteilten Weisung begrüßte er Nicolaus, der jetzt erst bemerkte, daß Herrn Crummles' Gesicht ganz in gleichem Verhältnis mit seinem Körper war. Der Mann hatte eine sehr dicke Unterlippe, eine heisere Stimme, wie es bei Leuten der Fall ist, die viel zu schreien pflegen, und schwarzes, fast kahl abgeschorenes Haar, um sich – wie sich nachher herausstellte – um so leichter Charakterperücken jeder Form und Art anpassen zu können. »Wie gefällt Ihnen das, Sir?« fragte Herr Crummles. »Es war in der Tat sehr gut – vortrefflich«, antwortete Nicolaus. »Ich denke, Jungens wie diese werden Sie nicht oft zu sehen bekommen«, sagte Herr Crummles. Nicolaus stimmte bei, bemerkte aber, »daß, wenn sie nur mehr gleich wären –« »Gleich?« rief Herr Crummles. »Ich meine hinsichtlich der Größe«, fügte Nicolaus erklärend bei. »Größe?« wiederholte Herr Crummles. »Ei, das ist ja gerade die Hauptsache des Kampfes, daß sie um einen oder zwei Fuß verschieden sind. Wie kann man auf den Beifall des Publikums zählen, wenn nicht ein Kleiner gegen einen Großen kämpft? Man müßte andernfalls wenigstens fünf gegen einen stellen, und dazu haben wir nicht Leute genug in unserer Gesellschaft. »Das wird mir klar, und ich bitte daher um Verzeihung«, versetzte Nicolaus. »Ich muß gestehen, daß ich hieran nicht dachte.« »Es ist die Hauptsache«, entgegnete Herr Crummles. »Ich gebe übermorgen in Portsmouth eine Vorstellung. Wenn Sie dahin reisen, so besuchen Sie das Theater und Sie werden sehen, wie es anspricht. Nicolaus versprach, es zu tun, wenn er könnte, rückte dann seinen Stuhl an das Feuer und begann mit dem Direktor ein Gespräch. Dieser war äußerst redselig und mitteilsam, vielleicht ebensosehr infolge seines Temperaments als infolge des Grogs, dem er kräftig zusprach, oder des Schnupftabaks, den er in starken Portionen aus einem Papiertütchen, das er in der Westentasche aufbewahrte, seiner Nase zuführte. Er besprach seine Angelegenheiten ohne Rückhalt und erging sich ein langes und breites über die Vorzüge seiner Gesellschaft und die Talente seiner Familie, von der die beiden Kämpfer einen achtbaren Teil ausmachten. Allem Anschein nach sollten sich die Herren und Damen des Trupps morgen in Portsmouth zusammenfinden, wohin sich auch der Vater mit seinen Söhnen auf dem Wege befand. Die Gesellschaft hatte keinen dauernden Aufenthalt, sondern gehörte in die Klasse der fahrenden Kunstgenossenschaft und kam eben von Guildford, wo sie durch ihr Debut einen rasenden Beifall geerntet hatte. »Sie gehen desselben Wegs?« fragte der Direktor. »J–a«, versetzte Nicolaus verlegen. »Sind Sie in der Stadt bekannt?« fragte der Bühnenkünstler weiter, der auf dasselbe Vertrauen Anspruch zu machen schien, das er selbst an den Tag gelegt hatte. »Nein«, entgegnete Nicolaus. »Nie dort gewesen?« »Nie.« Herr Vincent Crummles ließ ein trockenes Hüsteln vernehmen, als wolle er damit sagen, »wenn du verschlossen sein willst, so sei's«, und holte so viele Prisen aus seinem Tütchen, eine nach der andern, daß sich Nicolaus eigentlich wundern mußte, wo all der Schnupftabak hinkam. Während dieser Beschäftigung sah Herr Crummles von Zeit zu Zeit mit großem Interesse auf Smike, der ihm gleich vornweg ungemein aufgefallen zu sein schien. Dieser war eingeschlafen und nickte in seinem Stuhl. »Entschuldigen Sie meine Bemerkung«, sagte der Direktor leise, indem er sich gegen Nicolaus beugte, »aber betrachten Sie nur, was Ihr Freund da für ein Kapitalgesicht hat.« »Der arme Junge!« entgegnete Nicolaus mit einem halben Lächeln; »ich wollte, es wäre etwas voller, und nicht so abgemagert.« »Voller?« rief der Direktor fast mit einem Ausdruck des Entsetzens. »Es wäre dann für immer verdorben.« – »Meinen Sie?« »Freilich, Sir«, sagte der Direktor, indem er mit Nachdruck auf sein Knie schlug. »So, wie er jetzt ist, unwattiert und kaum mit einer Spur von Schminke auf dem Gesicht, wäre er ein Darsteller für die Hungerleiderrollen, wie man nie einen auf der Bühne gesehen hat. Wenn er mit einem leichten Anflug von Not auf der Spitze seiner Nase als Apotheker in ›Romeo und Julie‹ nur den Kopf aus der Ladentür steckte, so dürfte er versichert sein, dreimal gerufen zu werden.« »Ach, Sie betrachten ihn von dem Standpunkt des Schauspielers,« sagte Nicolaus lachend. »Und zwar mit allem Recht«, erwiderte der Direktor. »Ich habe, seit ich Künstler bin, nie einen jungen Burschen gesehen, der so ganz für diese Rolle geschaffen wäre, und ich habe doch die schweren Kinderrollen gespielt, als ich kaum achtzehn Monate alt war.« Die Erscheinung des Beefsteakpuddings, mit dem zugleich auch die Jungen Crummels eintraten, gab der Unterhaltung eine andere Wendung und unterbrach sie für eine Weile ganz und gar. Die beiden jungen Herren handhabten ihre Messer und Gabeln mit kaum geringerer Geschicklichkeit als ihre Schwerter, und da die ganze Gesellschaft ziemlich gleich hungrig war, so nahm man sich keine Zeit zum Sprechen, bis das Abendessen aufgeräumt war. Die Herren Crummles Söhne hatten nicht sobald den letzten verfügbaren Bissen hinuntergeschluckt, als sie durch ein wiederholtes, halbunterdrücktes Gähnen und Recken ihrer Glieder ihren Wunsch zu erkennen gaben, sich zur Ruhe zu begeben, den Smike sogar früher schon auf eine noch augenfälligere Weise an den Tag gelegt hatte, da er einige Male sogar mit dem Bissen im Mund eingenickt war. Nicolaus machte daher den Vorschlag, sogleich aufzubrechen. Aber der Schauspieldirektor wollte hiervon durchaus nichts hören und beteuerte, er lasse sich das Vergnügen, seinen neuen Bekannten zu einer Bowle Punsch einzuladen, gar nicht nehmen und würde eine Ablehnung als ein sehr unfreundliches Betragen betrachten. »Lassen wir die Jungen gehen«, sagte Herr Vincent Crummles, »und bleiben wir noch ein wenig behaglich beim Feuer sitzen.« Nicolaus war viel zu aufgeregt, um besondere Neigung zum Schlafen zu empfinden, und nahm daher die Einladung nach einigem Zögern an. Als er den jungen Crummles' die Hand gedrückt und der Schauspieldirektor Smike ungemein wohlwollend gute Nacht gesagt hatte, setzten sich beide am Feuer einander gegenüber, um gemeinschaftlich die Bowle zu leeren, die bald nachher erschien, so hübsch dampfend, daß es eine Freude war, es nur mit anzusehen, indem sie zugleich die lieblichsten und einladendsten Düfte entsandte. Aber ungeachtet des Punsches und des Schauspieldirektors, der eine Menge Geschichtchen erzählte und erstaunlich viel Tabak sowohl durch seine Pfeife als auch durch seine Nase konsumierte, war Nicolaus zerstreut und niedergeschlagen. Seine Gedanken weilten in seiner Heimat, und wenn sie auf seine gegenwärtige Lage zurückkamen, so umhüllte ihn die Unsicherheit seiner Zukunft mit einem Düster, das er trotz aller seiner Anstrengungen nicht zu verscheuchen vermochte. Sein Geist stieß sich an allem; und obgleich er die Stimme des Schauspieldirektors hörte, so war er doch taub für den Inhalt seiner Worte, so daß Nicolaus, als Herr Vincent Crummles die Geschichte irgendeines langen Abenteuers mit einem lauten Lachen und der Frage geschlossen hatte, was sein Begleiter unter denselben Umständen getan haben würde, sich gezwungen sah zu bekennen, daß er von dem Gesprochenen auch nicht das mindeste vernommen hätte und daher für seine Zerstreutheit um Entschuldigung bitten müsse. »Ei, ich habe es wohl bemerkt«, sagte Herr Crummles. »Ihr Geist ist unruhig. Wo fehlt es Ihnen?« Nicolaus konnte nicht anders, als über das Unverhohlene dieser Frage zu lächeln, hielt es aber nicht der Mühe wert, ihr auszuweichen, und gestand daher seine Sorgen ein, es möchte ihm mit der Erreichung des Zieles, das ihn nach diesem Landesteil gebracht hatte, nicht gelingen. »Und was ist Ihr Ziel?« fragte der Theaterdirektor. »Eine Beschäftigung, die mir und meinem armen Reisegefährten die gewöhnlichen Bedürfnisse des Lebens schafft«, antwortete Nicolaus. »So ist der Stand meiner Verhältnisse, den Sie vermutlich schon lange erraten haben, weshalb ich mich auch nicht zu scheuen brauche, Ihnen diesen unverhohlen mitzuteilen.« »Welche Beschäftigung könnten Sie in Portsmouth besser als an einem andern Ort finden?« fragte Herr Vincent Crummles, indem er das Siegelwachs an dem Saftsack seiner Pfeife gegen das Licht hielt und es mit seinem kleinen Finger auseinanderdrückte. »Ich denke, es laufen viele Schiffe im Hafen ein und aus«, entgegnete Nicolaus. »Ich will auf dem einen oder dem andern ein Unterkommen suchen. Jedenfalls hat man doch da sein Essen und Trinken.« »O ja, Pökelfleisch und jungen Rum, Erbsenpudding und Zwieback«, versetzte der Direktor, indem er ruhig einen Fidibus ans Licht hielt. »Man kann's noch schlechter haben als so«, meinte Nicolaus, »und ich glaube, ich werde es so gut aushalten können, wie so viele andere in meinem Alter, die es gleichfalls nicht gewöhnt waren.« »Wenn Sie auf einem Schiff unterkommen wollen, so müssen Sie auch brauchbar sein«, sagte der Bühnenkünstler; »aber dies ist kaum bei Ihnen der Fall.« »Warum nicht?« »Weil es keinen Schiffer oder Bootsmann gibt, der Sie nur des Salzes zur Suppe wert halten wird, wenn ihm geübte Hände zu Gebot stehen, und deren gibt es in Portsmouth so viele wie Austerschalen in den Straßen.« »Wie soll ich das nehmen?« fragte Nicolaus, durch diese Voraussagung und besonders durch den zuversichtlichen Ton, womit sie gesprochen wurde, erschreckt. »Der Mensch kommt nicht als Matrose auf die Welt, und ich denke, er muß sich dazu heranbilden?« Herr Vincent Crummles nickte mit dem Kopf und fügte hinzu: »Allerdings, aber das tut man nicht mehr in Ihrem Alter, und so ein junger Herr weiß sich schon von vornherein nicht dareinzufinden.« Es trat eine Pause ein. Nicolaus' Gesicht verlängerte sich, und er blickte betrübt ins Feuer. »Fällt Ihnen kein anderer Stand, kein anderes Gewerbe ein, das ein junger Mann von Ihrer Gestalt und Gewandtheit sich leicht zu eigen machen und bei dem er noch obendrein sich ein bißchen in der Welt umsehen könnte?« fragte der Direktor. »Nein«, antwortete Nicolaus kopfschüttelnd. »Nicht? – Dann will ich Ihnen eine Laufbahn nennen«, sagte Herr Crummles, indem er seine Pfeife ins Feuer warf und seine Stimme erhob – »die Bretter.« »Die Bretter?« rief Nicolaus fast ebenso laut. »Die Schauspielkunst«, fiel Herr Vincent Crummles fort. »Ich bin Schauspieler, meine Frau ist Schauspielerin, meine Kinder sind Schauspieler. Ich hatte einen Hund, der von der Zitze weg die Kunst trieb und auf der Bühne starb. Auch mein Pferd, das unsere Theaterrequisiten führt, läßt sich auf den Brettern brauchen und tritt in ›Timur dem Tataren‹ auf. Ich will Sie und Ihren Freund unterbringen. Sagen Sie ja. Ich brauche gerade etwas Neues.« »Aber ich verstehe mich nicht darauf«, versetzte Nicolaus, dem dieser plötzliche Vorschlag fast den Atem benommen hatte. »Ich bin nie, außer vielleicht auf der Schule, in einer Rolle aufgetreten.« »Ihr Gang und Ihre Haltung qualifizieren Sie für das edlere Lustspiel. In Ihrem Auge liegt der jugendliche Held des Trauerspiels, und Ihr Lachen eignet sich ganz für die Posse«, entgegnete Herr Vincent Crummles. »Es wird bei Ihnen so gut gehen, als ob Sie von Geburt her an nichts anderes als an die Lampen gedacht hätten.« Nicolaus dachte an das kleine Sümmchen kleiner Münze, das in seiner Tasche bleiben mochte, wenn er die Wirtsrechnung bezahlt hatte, war aber immer noch unschlüssig. »Sie können uns auf hunderterlei Weise nützlich werden«, sagte Herr Crummles. »Bedenken Sie nur, welche Kapitaltheaterzettel für die Straßenecken ein Mann von Ihrer Erziehung schreiben könnte.« »Nun, diesem Zweige wäre ich allenfalls gewachsen«, meinte Nicolaus. »Ohne Zweifel«, versetzte Herr Crummles; »›weitere Einzelheiten siehe die kleinen Handzettel‹ – wir können in jeden von ihnen einen halben Band bringen. Auch Stücke – ei, Sie könnten uns für den Notfall ein Stück schreiben, in dem sich die ganze Kraft der Gesellschaft entfalten könnte.« »Dessen bin ich doch nicht so ganz sicher«, entgegnete Nicolaus, »obschon ich glaube, hin und wieder etwas zusammenbringen zu können, das für Sie paßte.« »Wir wollen ehestens ein neues Revuestück auf die Bühne bringen«, erwiderte der Theaterdirektor. »Lassen Sie sehen – ganz besondere Einrichtungen –- neue prachtvolle Dekoration – Sie müssen es einrichten, daß ein wirklicher Brunnen und zwei Waschzuber darin vorkommen.« »In dem Stück?« fragte Nicolaus. »Freilich«, antwortete der Künstler. »Ich kaufte sie vor ein paar Tagen wohlfeil in einer Versteigerung, und sie werden einen bewunderungswürdigen Effekt machen. So machen sie's in London. Man kauft sich Kostüme, Dekorationen und läßt sich ein Stück dazu schreiben. Die meisten Theater halten sich zu diesem Zweck einen Schriftsteller.« »Wirklich?« rief Nicolaus. »Natürlich«, sagte Herr Crummles; »so was kommt alle Tage vor. Und wie gut muß sich's nicht auf den Zetteln machen, wenn man in abgesonderten Zeilen und mit fußlangen Buchstaben liest – › laufender Brunnen – wirkliche Waschzuber ‹ – das muß ziehen. Sind Sie nicht vielleicht auch ein Stück von einem Künstler, Zeichner, Maler oder so etwas?« »Kann mich dessen nicht rühmen«, antwortete Nicolaus. »Schade!« erwiderte der Direktor. »In diesem Falle hätten wir einen großen Holzschnitt an den Straßenecken ankleben können, der die ganze letzte Szene samt dem Hintergrund, Brunnen und Waschzuber in der Mitte dargestellt hätte. Je nun – so müssen wir eben darauf verzichten.« »Und was erhalte ich für all das?« fragte Nicolaus nach einem kurzen Nachsinnen. »Kann ich davon leben?« »Davon leben?« rief der Mime – »wie ein Fürst! Mit Ihrer Gage, der Ihres Freundes und dem Honorar für Ihre schriftstellerischen Bemühungen können Sie's – hm! – auf ein Pfund wöchentlich bringen.« »Sie scherzen.« »Gewiß nicht; und wenn wir starken Zulauf haben, so trägt's Ihnen vielleicht fast das Doppelte ein.« Nicolaus zuckte die Achseln, aber seine einzige Aussicht war die drückendste Not, und wenn er auch für seine Person sich mutig jedem Mangel zu unterziehen vermochte, so mußte er doch Rücksicht auf Smike nehmen; denn wozu hatte er dieses hilflose Geschöpf den Händen seiner Quälgeister entrissen, wenn er ihm kein besseres Los zu bereiten vermochte, als sein früheres war? Solange er sich mit dem Mann, der ihn so übel behandelt und die tiefste Erbitterung in ihm geweckt hatte, in derselben Stadt befand, konnten ihm siebzig Meilen allerdings als etwas Unbedeutendes vorkommen, aber jetzt glaubte er weit genug entfernt zu sein. Konnten denn nicht in der Zeit, die er außer Landes zubrachte, seine Mutter oder Käthchen sterben? Ohne sich länger zu besinnen, erklärte er sich gegen Herrn Vincent Crummles bereit und bekräftigte den Vertrag durch einen Handschlag. Dreiundzwanzigstes Kapitel. Handelt von der Gesellschaft des Herrn Vincent Crummles, wie auch von dessen häuslichen und Theaterangelegenheiten. Da Herr Crummles ein seltsames vierbeiniges Tier im Wirtshausstall stehen hatte, das er einen Pony nannte, und ein Fuhrwerk von unbekannter Bauart besaß, dem er den Namen eines vierräderigen Phaethons Ein eleganter Herrenwagen, der vom Herrn selbst kutschiert wird, bestehend aus Kutschbock mit aufklappbarem Verdeck und einem rückwärts angebrachten Sitz für den Diener. gab, so setzte Nicolaus seine Reise am nächsten Morgen mit größerer Bequemlichkeit fort, als er erwartet hatte. Er und der Schauspieldirektor nahmen den Vordersitz ein, während die jungen Herren Crummles und Smike hinten auf einem geflochtenen Weidenkorb Platz fanden, der, durch starkes Wachstuch geschützt, die Schwerter, Pistolen, Perücken, Matrosenkleider und andere Theaterrequisiten barg. Der Pony ließ sich auf dem Wege Zeit und zeigte hin und wieder – vielleicht infolge seiner Bildung für das Theater – eine sehr lebhafte Neigung, sich niederzulegen. Herr Crummles hielt ihn jedoch durch Zerren an den Zügeln und wiederholte Anwendung der Peitsche so ziemlich aufrecht, und wenn diese Mittel fehlschlugen und das Tier nicht mehr weiter wollte, so half man dadurch nach, daß der ältere von Herr Crummles' Söhnen ausstieg und seinen Kunstgenossen mit Fußstößen ermunterte. Durch derartige Mittel ließ er sich denn bewegen, von Zeit zu Zeit weiterzurücken, und die Gesellschaft kam in dieser Weise – wie Herr Crummles meinte – zur Zufriedenheit aller Beteiligten sehr behaglich vorwärts. »Der Pony ist im Grunde ein gutes Tier«, sagte Herr Crummles zu Nicolaus. Was es damit auch für eine Bewandtnis haben mochte – aus dem Äußern des Tieres ließ sich wenigstens keine solche Folgerung ziehen, denn sein Fell war so zottig und unansehnlich, wie man nur eins zu Gesicht bekommen kann. Nicolaus bemerkte daher nur, daß er dies wohl für möglich halte. »Seine Kreuz- und Querzüge sind gar nicht zu zählen«, fuhr Herr Crummles fort, indem er ihm um alter Bekanntschaft willen einen Peitschenhieb nach dem Auge versetzte, »und er gehört ganz und gar zur Gesellschaft. Schon seine Mutter war beim Theater.« »Was Sie sagen?« versetzte Nicolaus. »Sie speiste vierzehn Jahre lang im Zirkus Apfelpasteten«, fuhr der Direktor fort, »feuerte Pistolen ab und ging mit einer Schlafmütze zu Bett. Mit einem Wort, sie hatte das Fach der niedern Komik. Sein Vater war ein Tänzer.« »Leistete er viel in dieser Kunst?« »Nicht sonderlich«, entgegnete der Mime. »Er war ein ziemlich gewöhnlicher Pony, was daher rührte, daß er ursprünglich ein Mietgaul war und nie seine früheren Gewohnheiten ganz ablegen konnte. Im Melodrama ließ er sich jedoch brav an, obgleich er sich dabei etwas gar zu breit machte. Als die Mutter starb, übernahm er das Portweinfach.« »Das Portweinfach?« rief Nicolaus. »Er trank nämlich Portwein mit dem Hanswurst«, erklärte der Theaterdirektor, »aber er war zu gierig, so daß er eines Abends das Glas zerbiß und an den Scherben, die er verschluckte, erstickte. Er hatte also bloß seiner Gemeinheit den Tod zu danken.« Der Abkömmling dieses unglücklichen Tieres nahm, je weiter er kam, Herrn Crummles' Aufmerksamkeit immer mehr in Anspruch, so daß diesem Herrn wenig Zeit zur Unterhaltung blieb. Nicolaus konnte daher in Muße seinen Gedanken nachhängen, bis sie an der Zugbrücke von Portsmouth anlangten, wo Herr Crummles haltmachte. »Wir wollen hier aussteigen«, sagte der Theaterdirektor. »Die Jungen können den Pony nach dem Stall und das Gepäck auf mein Zimmer bringen. Sie werden gut tun, das Ihrige vorderhand auch dahin schaffen zu lassen.« Nicolaus dankte Herrn Vincent Crummles für dieses gefällige Anerbieten, sprang aus dem Phaethon, half Smike herunter und begleitete den Schauspieldirektor durch die hohe Straße nach dem Theater, obgleich es ihm bei der Aussicht, so schnell in einen ihm ganz neuen Wirkungskreis eingeführt zu werden, nicht wenig bangte. Sie kamen an vielen Zetteln vorbei, die an den Straßenecken und Fensterläden angeklebt waren und die Namen von Herrn Vincent Crummles, Madame Vincent Crummles, Herrn Crummles, Herrn P. Crummles und Demoiselle Crummles in ungemein großen Buchstaben zur Schau stellten, während die andern Namen nur sehr klein gedruckt waren. Endlich kamen sie zu einem Hause und tasteten sich durch eine Flur, wo es stark nach Orangenschalen, Lampenöl und Sägespänen roch, nach einer Treppe, die sie hinanstiegen, bis sie endlich, nachdem sie sich durch ein kleines Labyrinth von Kulissen und Farbtöpfen gewunden hatten, auf der Bühne des Schauspielhauses zu Portsmouth wieder zum Vorschein kamen. »Da wären wir endlich«, sagte Herr Crummles. Es war nicht sehr hell; indes sah Nicolaus, daß er sich dicht neben dem Souffleursitz zwischen nackten Wänden, staubigen Kulissen, verschimmelten Wolken, grobgepinselten Hintergründen und auf schmutzigen Brettern befand. Er blickte umher. Decke, Parterre, Logen, Galerie, Orchester, Zurüstungen und Dekorationen jeder Art – alles sah roh, kalt, düster und erbärmlich aus. »Ist das ein Theater?« flüsterte Smike verwundert. »Ich glaubte, da sei alles Pracht und Herrlichkeit.« »So ist es allerdings«, versetzte Nicolaus, kaum weniger überrascht, »aber nicht bei Tage, Smike – nicht bei Tage.« Der Theaterdirektor hinderte ihn an einer genaueren Musterung des Gebäudes, indem er ihn an die andere Seite des Proszeniums rief, wo an einem kleinen länglichen Mahagonitisch mit schadhaften Beinen eine beleibte, stattliche Frau von ungefähr fünfundvierzig in einem beschmutzten seidenen Mantel saß. Sie hielt den Hut an den Bändern in der Hand und hatte das Haar, das sie in reicher Fülle besaß, in zwei breiten Flechten über die Schläfen gelegt. »Herr Johnson«, sagte der Direktor (denn Nicolaus hatte den Namen, den ihm Newman Noggs bei Madame Kenwigs gegeben, beibehalten); »ich habe die Ehre, Ihnen Madame Vincent Crummles vorzustellen.« »Ich bin sehr erfreut, Sie kennenzulernen, Sir«, sagte Madame Vincent Crummles mit einer Grabesstimme, »um so mehr, als ich so glücklich bin, in Ihnen ein so vielversprechendes Mitglied unserer Gesellschaft zu begrüßen.« Die Dame drückte bei diesen Worten dem neuen Schauspieler die Hand. Er sah zwar, daß sie ziemlich groß war, hätte aber trotzdem keinen so gar ehernen Druck erwartet, als es der war, womit sie ihn beehrte. »Und dies«, fuhr die Dame fort, indem sie mit tragischem Anstand und der vollen Würde einer Schauspieldirektorin auf Smike zuging – »und dies ist der andere? Sie sind gleichfalls willkommen, Sir.« »Ich denke, der wird sich machen, meine Liebe?« sagte der Direktor, indem er seine Nase mit Schnupftabak vollstopfte. »Vortrefflich«, erwiderte die Dame. »In der Tat, eine sehr wertvolle Erwerbung.« Als Madame Vincent Crummles nach dem Tisch zurückschritt, hüpfte aus einem verborgenen Eingang ein kleines Mädchen in einem schmutzigen, weißen Kleidchen mit bis an die Knie reichendem Besatz, kurzen Höschen, Sandalenschuhen, weißem Umhang, rosa Gazehut, grünem Schleier und Lockenwickeln auf die Bühne. Es machte eine Pirouette Pirouette, ›Drehrädchen‹, bedeutet in der Tanzkunst das schnelle Umdrehen auf einem Fuß. , sprang zweimal in die Höhe, machte wieder eine Pirouette, blickte dann nach der entgegengesetzten Kulisse, stürzte laut aufschreiend bis auf etwa sechs Zoll nach den Lampen des Proszeniums und nahm eine wunderschöne Stellung des Entsetzens ein, als plötzlich ein schäbiger Herr in einem Paar alter, gelber Pantoffeln hereinschlürfte, mit den Zähnen knirschte und wild mit einem Spazierstock in der Luft herumfuchtelte. »Sie proben den Indianer und die Jungfrau«, erklärte Madame Crummles. »Richtig, das kleine Zwischenballett«, sagte der Direktor: »Sehr gut – nur fortgemacht. Ein wenig aus dem Weg, wenn's gefällig ist, Herr Johnson. Das wird ziehen. Weiter!« Der Direktor schlug zum Zeichen, daß fortgefahren werden solle, in die Hände, und der Indianer, der mit jedem Augenblick wilder wurde, eilte dem Mädchen nach. Die Jungfrau aber entschlüpfte ihm mit sechs Wirbeln, die damit schlossen, daß sie nach dem letzten ganz auf den Zehenspitzen stehenblieb. Das schien einigen Eindruck auf den Indianer zu machen; denn nachdem er noch etwas mehr Wildheit gezeigt und die Jungfrau noch etliche Male von einer Ecke in die andere getrieben hatte, fing er an sich zu besänftigen und stieß sich öfters mit den Fingern seiner rechten Hand ins Gesicht, um damit anzudeuten, daß er von der Schönheit der Jungfrau ganz entzückt sei. Dieser Leidenschaft sich hingebend, begann er, sich mehrere Stöße auf die Brust zu versetzen und durch noch andere Zeichen bemerklich zu machen, daß er sterblich in sie verliebt sei – allerdings eine etwas prosaische Liebeserklärung, die wahrscheinlich der Grund war, daß die Jungfrau einschlief. Wie dem aber auch sein mochte, jedenfalls verfiel sie augenblicklich auf einer schrägen Bank in einen tiefen Schlaf, und der Wilde, der es bemerkte, hielt die linke Hand an sein linkes Ohr, indem er zugleich seitwärts mit dem Kopf nickte, um allen, die sich dafür interessierten, anzudeuten, daß sie wirklich schlafe und sich nicht bloß so stelle. So sich selbst überlassen, begann der Wilde ganz allein einen Tanz, und in dem Augenblick, als dieser endete, erwachte die Jungfrau, rieb sich die Augen aus, stand von der Bank auf und tanzte gleichfalls ein Solo – aber ein Solo, dem der Wilde die ganze Zeit über in einer förmlichen Verzückung zusah. Als sie endete, pflückte er von einem nahen Baum irgendeine botanische Kuriosität, die einem kleinen eingesalzten Kohlkopf ähnlich sah, und bot sie der Jungfrau dar, die das Geschenk anfangs nicht nehmen wollte, sich aber endlich doch erweichen ließ, als der Wilde Tränen vergoß. Dann sprang der Wilde vor Freude in die Höhe, worauf die Jungfrau gleichfalls ob dem süßen Duft des eingesalzten Kohlkopfs einen entzückenden Luftsprung machte. Dann führten der Wilde und die Jungfrau einen rasenden Tanz miteinander auf, bis sich endlich der Wilde auf ein Knie niederließ und die Jungfrau sich mit einem Bein auf dessen anderes Knie stellte, womit das Ballet schloß und die Zuschauer in einem Zustand angenehmer Ungewißheit ließ, ob die Jungfrau endlich den Wilden heiraten oder zu den Ihrigen zurückkehren würde. »In der Tat, recht gut«, sagte Herr Crummles; »Bravo!« »Bravo!« rief Nicolaus, der entschlossen war, alles im besten Lichte zu betrachten. »Herrlich!« »Dies, Sir«, sagte Herr Vincent Crummles, indem er das Mädchen vorstellte, »dies ist das Wunderkind – Demoiselle Ninetta Crummles.« »Ihre Tochter?« fragte Nicolaus. »Meine Tochter – ja, meine Tochter«, versetzte Herr Vincent Crummles; »der Abgott jedes Ortes, wo wir spielen. Wir haben Glückwünschungsschreiben über dieses Mädchen von dem Adel und der Honoratiorenschaft fast aller Städte in England.« »Das nimmt mich nicht Wunder«, sagte Nicolaus. »Sie muß ein geborenes Genie sein.« »O ein –!« Herr Crummles hielt inne; denn welche Sprache wäre auch reich genug, um die Vorzüge des Wunderkindes nach Würden zu schildern. »Ich will Ihnen was sagen, Sir«, fuhr der Direktor fort. »Man kann sich von dem Talent dieses Kindes keine Vorstellung machen. Es muß gesehen werden, Sir – gesehen – wenn man es nur einigermaßen würdigen will. So! du kannst jetzt zu deiner Mutter gehen, meine Liebe.« »Darf ich fragen, wie alt sie ist?« entgegnete Nicolaus. »Warum nicht, Sir«, versetzte Herr Crummles mit einem festen Blicke nach dem Gesicht des Fragers, wie wohl manche Leute zu tun pflegen, wenn sie zweifeln, ob man ihren Worten auch unbedingten Glauben schenken wird. »Sie ist zehn Jahre alt, Sir.« »Nicht älter?« »Keinen Tag.« »Mein Himmel«, sagte Nicolaus, »das ist wirklich außerordentlich.« Das war es auch in der Tat, denn obgleich das Wunderkind klein war, so hatte es doch verhältnismäßig ein altes Gesicht und mußte, wenn auch nicht seit Menschengedenken, doch seit guten fünf Jahren sich dieses Alters erfreut haben. Man hatte sie aber nie früh ins Bett gehen, hatte sie vielmehr von Kindheit an nach Belieben Branntwein trinken lassen, um ihr Wachstum zu verhindern, und wahrscheinlich hatte das Wunderkind einem solchen Erziehungssystem dieses neue Wunder zu verdanken. Unter dieser kurzen Zwiesprache trat der Herr, der den Indianer gespielt und nunmehr seine Stiefel wieder angezogen hatte, während er die Pantoffeln in den Händen hielt, auf einige Schritte heran, als wünsche er an der Unterhaltung teilzunehmen, und da er die Gelegenheit für passend hielt, so brachte er sein Sprüchlein an. »Das ist Talent, Sir«, sagte der Wilde, indem er der Demoiselle Crummles zunickte. Nicolaus stimmte bei. »Ach«, sagte der Schauspieler, indem er die Zähne aufeinandersetzte und den Atem in einem zischenden Ton durchziehen ließ, »wenn sie nur nicht in der Provinz wäre?« »Was wollen Sie damit sagen?« fragte der Direktor. »Sie ist zu gut für die Provinzbühnen«, versetzte der andere mit Wärme, »und sollte nirgends als in einem der großen Theater in London auftreten. Ja, ich kann Ihnen unverhohlen sagen, daß sie längst dort wäre, wenn nicht von einer gewissen Seite her – Sie wissen schon, was ich meine, Herr Crummles – Neid und Eifersucht ihre Federn spielen ließen. Wollen Sie mich vielleicht dem Herrn hier vorstellen, Herr Crummles?« »Herr Folair«, sagte der Direktor, den Genannten also vorführend. »Schätze mich glücklich, Sie kennenzulernen, Sir.« Herr Folair berührte daher den Rand seines Hutes mit dem Zeigefinger, worauf sich beide die Hände schüttelten. »Ein neuangeworbener Künstler, wie ich höre, Sir.« »Ich mache keinen Anspruch auf diesen Ehrentitel«, versetzte Nicolaus. »Haben Sie je einen solchen Zieraffen gesehen«, flüsterte der Schauspieler, Nicolaus beiseite ziehend, als sich Crummles entfernte, um mit seiner Frau zu sprechen. »Was für einen?« Herr Folair schnitt eine Grimasse, die er seinem Pantomimen- Wörterbuch entnommen haben mochte, und deutete über seine Schulter. »Sie meinen doch nicht das Wunderkind?« »Och, dies Fratzenkind«, entgegnete Herr Folair. »Jedes Mädchen aus einer Armenschule mit ganz gewöhnlichen Anlagen würde es besser machen. Sie kann ihrem Glückstern danken, daß sie die Tochter eines Direktors ist.« »Das scheint Ihnen nahezugehen«, bemerkte Nicolaus mit einem Lächeln. »Ja, beim Kuckuck, und ich habe auch Ursache dazu«, erwiderte Folair, indem er Nicolaus' Arm nahm und mit ihm auf der Bühne hin und her ging. »Muß es einem nicht die Galle aufregen, wenn man sieht, daß man dieser kleinen Krabbe jeden Abend die besten Rollen zuteilt und durch diese Aufdringlichkeit die Zuschauer verscheucht, während man auf brauchbare Leute keine Rücksicht nimmt? Ist es nicht entsetzlich, mit ansehen zu müssen, wie die verwünschte Affenliebe des Direktors ihn sogar gegen seinen eigenen Vorteil blind macht? Ich weiß, daß im letzten Monat zu Southampton eines Abends fünfzehn Schillinge und sechs Pence in die Kasse flossen, bloß um mich den Hochländertanz tanzen zu sehen – und was geschah? Ich durfte seitdem nie mehr damit auftreten – nicht ein einziges Mal – während das Wunderkind alle Abende unter ihrem künstlichen Blumenschmuck weg fünf Personen und ein Kind in dem Parterre und zwei Jungen auf der Galerie angrinst.« »Wenn ich aus dem, was ich von Ihnen gesehen habe, schließen darf«, sagte Nicolaus, »so müssen Sie ein sehr wertvolles Glied der Gesellschaft sein.« »Ach«, versetzte Folair, indem er seine Pantoffeln zusammenschlug, um den Staub herauszuklopfen, »ich kann meine Stelle ziemlich gut ausfüllen – vielleicht besser als irgendeiner in meinem Fach – aber bei Rollen, wie man sie hier erhält, hat man Blei statt Kreide an den Füßen und tanzt in Fesseln, ohne daß man den Ruhm davon hat. – Nun, wie geht's, alter Knabe?« Der Herr, an den diese letzeren Worte gerichtet wurden, war ein gelbbräunlicher Mann mit langem, dickem, schwarzem Haar, deutlichen Spuren eines steifen Bartes (obgleich er rasiert war) und einem Backenbart von derselben tiefen Farbe. Er schien nicht über dreißig alt zu sein, obgleich ihn viele auf den ersten Anblick für älter gehalten haben würden, und war infolge der Anwendung der Schminke äußerst blaß. Er trug ein gewürfeltes Hemd, einen alten grünen Rock mit neuen vergoldeten Knöpfen, ein Halstuch mit breiten rot und grünen Streifen und weite Beinkleider. Außerdem führte er einen gewöhnlichen Spazierstock, augenscheinlich mehr des Prunkes als des Nutzens wegen, da er ihn mit dem gekrümmten Ende nach unten hin und her schwang, wenn er ihn nicht etwa für einige Augenblicke erhob, eine Fechterstellung annahm und einige Stöße nach den Kulissen – oder sonst einem – belebten oder unbelebten – Gegenstand führte, der ihm für den Augenblick als ein geeignetes Ziel erschien. »Nun, Thomas«, sagte dieser Herr, einen Stoß nach seinem Freunde führend, der ihn jedoch geschickt mit seinen Pantoffeln auffing, »was gibt's Neues?« »Einen neuen Kollegen, das ist alles«, versetzte Herr Folair mit einem Blicke auf Nicolaus. »Aber so stell' uns doch vor, bitte«, sagte der andere Herr, indem er Herrn Folair vorwurfsvoll auf die Krone des Hutes klopfte. »Dies ist Herr Lenville, unser erster tragischer Held, Herr Johnson«, sagte der Tänzer. »Ausgenommen, wenn es der alten Kanone einfällt, ihn selbst zu spielen, hättest du beifügen können, Thomas«, bemerkte Herr Lenville. »Sie wissen wohl, wer die alte Kanone ist, Sir?« »In der Tat, nein«, entgegnete Nicolaus. »Wir nennen Crummles so, weil sein Spiel ziemlich ins Schwerfällige und Donnernde fällt«, erwiderte Herr Lenoille. »Doch ich darf mich hier nicht mit Scherzen aufhalten; denn ich habe da eine Rolle von zwölf Blättern erhalten, die bis morgen abend einstudiert sein muß, und ich habe bis jetzt noch nicht Zeit gehabt, sie nur anzusehen. Es ist mein Trost, daß ich verteufelt schnell lerne.« Herr Lenville zog mit diesen Worten ein schmieriges, zerknülltes Manuskript aus der Rocktasche, gab seinem Freund noch einen Stoß, ging dann memorierend auf und ab und begleitete sein Studium mit Gestikulationen, wie sie ihm gut deuchten und es der Text zu fordern schien. Die Gesellschaft hatte sich inzwischen vollständig zusammengefunden; denn außer Herrn Lenville und seinem Freunde Thomas war noch ein schmächtiger junger Herr mit schwachen Augen zugegen, der die blöden Liebhaber spielte und Tenor sang. Er war Arm in Arm mit dem komischen Bauern erschienen – einem Mann mit aufgestülpter Nase, großem Munde, breitem Gesicht und glotzenden Augen. Ein berauschter ältlicher Herr von äußerster Schäbigkeit, der die ruhigen und tugendhaften Alten spielte, suchte sich bei dem Wunderkinde angenehm zu machen. Ein anderer ältlicher Herr, um eine Spur achtbarer als der vorige, der die Rolle der reizbaren Alten hatte – jener schnurrigen Käuze, die Neffen in der Armee haben, unaufhörlich mit dicken Stöcken umherlaufen und sie zu Heiraten mit reichen Erbinnen zwingen wollen – machte vorzugsweise der Madame Crummles den Hof. Außerdem war noch eine vagabundenmäßig aussehende Person in einem großen Mantel zugegen, die vorn auf der Bühne auf und ab schritt, mit einem spanischen Röhrchen in der Luft herumfuchtelte und in halblautem Ton zur Unterhaltung eines dabei gedachten Publikums mit großer Lebhaftigkeit seine Rolle herunterorgelte. Er war nicht mehr ganz so jung, wie er gewesen war, als er seine Laufbahn begonnen haben mochte, denn er stand bereits dem Herbste seines Lebens nah; aber doch lag in seinem Benehmen etwas gezwungen Vornehmes, was auf das Fach der eisenfressenden Helden hindeutete. Dann war auch noch eine kleine Gruppe von drei oder vier jungen Männern mit eingefallenen Wangen und buschigen Augenbrauen zugegen, die sich in einer Ecke miteinander unterhielten; sie schienen jedoch von untergeordneter Bedeutung zu sein und lachten und schwatzten miteinander, ohne irgendeine besondere Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Die Damen hatten sich in einem kleinen Kreis um den bereits erwähnten schadhaften Tisch versammelt. Demoiselle Snevellicci, die in allem tonangebend war – von der Chortänzerin an bis zur Lady Macbeth – und zu ihrem Benefiz stets dieselbe Rolle in blauseidenen Kniehosen spielte, ließ ihre Blicke aus dem Hintergrund ihres kohlenkübelartigen Strohhutes nach Nicolaus schießen, während sie tat, als achte sie aufmerksam auf die Erzählung einer sehr ergötzlichen Geschichte ihrer Freundin, der Demoiselle Ledrook, die ihre Arbeit mitgebracht hatte und auf die möglichst natürliche Weise eine Halskrause vollendete. Dann sah man Demoiselle Belvawny, die selten etwas anderes als stumme Rollen spielte und gewöhnlich als Page in weißseidenen Höschen auftrat, um mit einem übergeschlagenen Beine dazustehen und das Publikum zu betrachten, oder in der erhabenen Tragödie Herrn Crummles' Gefolgsmann zu machen. Sie wickelte eben die Locken der schönen Demoiselle Bravassa, die einmal von einem Kupferstecherlehrling in einem Charakterkostüm porträtiert worden war – ein Umstand, dem man es zuschreiben mußte, daß sie jedesmal an dem Tag ihres jährlichen Benefizes die Abdrücke ihres Ebenbilds in Pastetenbäckerbuden, Spezereiläden, Leihbibliotheken und an der Theaterkasse zum Verkauf aushängen konnte. Auch war Madame Lenville zugegen, die einen sehr zerknüllten Hut und Schleier trug und augenscheinlich in einem Zustande war, in den sie sich wünschen mußte, wenn sie Herrn Lenville wahrhaft liebte. Neben ihr stand Demoiselle Gazingi, die eine imitierte Hermelinboa lose um den Hals geschlungen hatte und sich den Spaß machte, mit den Enden derselben Herrn Crummles junior auf den Kopf zu schlagen. Endlich bemerkte man noch Madame Grudden in einem braunen, mit Pelz verbrämten Tuchkleid und einem Biberhut. Sie pflegte Madame Crummles in allen ihren häuslichen Geschäften Hilfe zu leisten. Sie war es, die an der Kasse saß, die Damen ankleidete, das Haus kehrte, soufflierte, wenn in der letzten Szene alles auf der Bühne war, die im Falle der Not alle Rollen spielte, ohne je eine zu lernen, und auf den Theaterzetteln unter jedem Namen aufgeführt wurde, von dem Herr Crummles glaubte, daß er sich gedruckt gut ausnehmen würde. Herr Folair war so freundlich gewesen, Nicolaus diese Einzelheiten mitzuteilen, und verließ ihn dann, um sich unter seine Kameraden zu mischen. Das Geschäft der gegenseitigen Vorstellung wurde durch Herrn Crummles beendet, der den neuen Schauspieler als ein wahres Wunder von Gelehrsamkeit und Genie charakterisierte. »Ich bitte um Verzeihung«, sagte Fräulein Snevellicci, während sie sich an Nicolaus heranpirschte; »aber spielten Sie nicht schon in Canterbury?« »Nie«, versetzte Nicolaus. »Ich erinnere mich, in Canterbury einen Herrn getroffen zu haben«, entgegnete Fräulein Snevellicci, »freilich nur für einige Augenblicke; denn ich verließ die Gesellschaft, als er eintrat – der Ihnen so ähnlich sah, daß ich fast darauf hätte schwören wollen, Sie wären derselbe.« »Ich sehe Sie heute zum erstenmal«, erwiderte Nicolaus mit gebührender Höflichkeit; »denn wenn ich Ihnen schon früher begegnet wäre, so hätte ich Sie unmöglich vergessen können.« »Aber, aber – Sie sind ein Schmeichler«, versetzte Fräulein Snevellicci mit einer huldreichen Verbeugung. »Freilich, bei näherer Betrachtung finde ich jetzt, daß der Herr in Canterbury andere Augen hatte als Sie. Sie halten mich vielleicht für recht albern, daß ich von solchen Dingen Notiz nehme – nicht wahr?« »Nicht im geringsten«, sagte Nicolaus, »es kann für mich nur schmeichelhaft sein, wenn Sie in irgendeiner Weise von mir Notiz nehmen wollen.« »Ach, was sind die Männer doch für eitle Geschöpfe!« rief Fräulein Snevellicci. Sie wurde hierauf ganz bezaubernd verlegen, holte ihr Taschentuch aus ihrer Handtasche von verschossenem rotem Seidenzeug mit einem Messingschloß und sagte zu Demoiselle Ledrook: »Meine liebe Led!« »Nun, was gibt's?« sagte Demoiselle Ledrook. »Er ist nicht der nämliche.« »Welcher nämliche?« »Der von Canterbury – Sie wissen schon, wen ich meine. Kommen Sie her, ich muß Ihnen etwas sagen.« Da aber Fräulein Ledrook nicht zu Fräulein Snevellicci kommen wollte, so sah sich Fräulein Snevellicci genötigt, zu Fräulein Ledrook zu gehen, was sie dann in einem ganz bezaubernden Trippeln tat. Es war augenscheinlich, daß Fräulein Ledrook Fräulein Snevellicci wegen Nicolaus neckte; denn nach einigem scherzhaften Flüstern schlug Fräulein Snevellicci Fräulein Ledrook heftig auf die Hand und trat in einem Zustand der liebenswürdigsten Verwirrung zurück. »Meine Damen und Herren«, sagte Herr Vincent Crummles, der inzwischen mit Schreiben beschäftigt gewesen war: »morgen um zehn Uhr ist die Probe des ›Tödlichen Kampfes‹, bei der alles zugegen sein muß. Der Gang des Stückes ist einstudiert, und wir werden nur noch dieser einzigen Probe bedürfen. Also um zehn Uhr, wenn's gefällig ist.« »Punkt zehn Uhr«, wiederholte Madame Grudden, umherblickend. »Am Montag morgen ist Leseprobe von einem neuen Stück«, fuhr Herr Crummles fort. »Der Titel desselben ist noch nicht bekannt, doch wird jeder darin eine dankbare Rolle erhalten. Herr Johnson wird dafür besorgt sein.« »Wie?« sagte Nicolaus auffahrend. »Ich – –« »Am Montag morgen«, wiederholte Herr Crummles mit größerem Nachdruck, um die Gegenrede des unglücklichen Herrn Johnson zu ersticken. »Ich habe die Ehre, meine Damen und Herren –« Die Damen und Herren bedurften keiner zweiten Aufforderung, sich zu entfernen, und in ein paar Minuten war die Bühne bis auf die Familie Crummles, Nicolaus und Smike geräumt. »Ich versichere Sie«, sagte Nicolaus, den Direktor beiseite nehmend, »ich glaube nicht, daß ich bis Montag fertig sein kann.« »Aber sicher!« versetzte Herr Crummles. »Es ist in der Tat eine reine Unmöglichkeit«, fuhr Nicolaus fort. »Mein Erfindungstalent ist an solche Aufgaben noch nicht gewöhnt, und ich würde jedenfalls nur etwas – –« »Erfindungstalent? Was zum Teufel hat das mit der Sache zu schaffen?« rief der Direktor hastig. »Alles, mein lieber Herr.« »Nichts, mein lieber Herr«, erwiderte der Theaterdirektor mit augenscheinlicher Ungeduld. »Verstehen Sie Französisch?« »Ja.« »Schön«, sagte der Direktor, indem er eine Tischschublade herauszog und eine Papierrolle hervorlangte, die er Nicolaus einhändigte. »Da, übertragen Sie dies ins Englische und setzen Sie Ihren Namen unter den Titel. Hol mich der Teufel«, fuhr Herr Crummles gereizt fort, »wenn ich nicht schon oft den Wunsch äußerte, es möchten alle in meiner Gesellschaft Französisch können. Ich ließe dann das Original auswendig lernen und englisch spielen; dann blieben Mühe und Geld erspart.« Nicolaus lächelte und steckte das Heft in die Tasche. »Wie gedenken Sie's mit Ihrer Wohnung zu halten?« fragte Herr Crummles. Nicolaus konnte den Gedanken nicht unterdrücken, daß es ihm für die erste Woche ungemein gelegen kommen würde, seine Bettstelle in dem Parterre aufzuschlagen; er bemerkte aber nur, daß er hieran noch gar nicht gedacht hätte. »So kommen Sie mit in mein Quartier«, entgegnete Herr Crummles. »Meine Knaben sollen nach Tisch mit Ihnen gehen und Ihnen ein passendes Quartier zeigen.« Das Anerbieten ließ sich nicht zurückweisen. Nicolaus und Herr Crummles gaben jeder der Madame Crummles einen Arm und verfügten sich in stattlichem Aufzuge auf die Straße. Smike, die Knaben und das Wunderkind gingen auf einem näheren Weg nach Hause, und Madame Grudden blieb zurück, um in der Billettloge ein kaltes Frühstück auf irische Art und eine Flasche Porter zu sich zu nehmen. Madame Crummles schritt über das Pflaster, als ginge sie mit dem beruhigenden Bewußtsein der Unschuld und dem Heldenmut, den nur die Tugend einzuhauchen vermag, geradewegs nach dem Schaffot. Herr Crummles seinerseits hatte den Blick und die Haltung eines unbarmherzigen Despoten angenommen. Nur wenn sie hin und wieder die Aufmerksamkeit eines Spaziergängers auf sich zogen, vielleicht von Zeit zu Zeit die Namen »Herr und Madame Crummles« flüstern hörten oder einen Jungen umkehren und ihnen ins Gesicht stieren sahen – milderte sich der strenge Ausdruck ihrer Züge; denn dann fühlten sie es ganz, was es heiße, populär zu sein. Herr Crummles wohnte in der St.-Thomas-Straße in dem Hause eines Lotsen, namens Bulph, der aus Kurzweil seine Türen und Fensterrahmen bootgrün angestrichen hatte und auf dem Kamingesims seines Wohnzimmers den Finger eines ertrunkenen Mannes nebst anderen See- und Naturmerkwürdigkeiten aufbewahrte. Er hielt auch viel auf eine messingne Türklingel, eine Messingplatte und einen Klingelgriff aus demselben Metall, was alles stets in blankem Zustande sein mußte; und im Hofe hinter dem Hause hatte er einen Mastbaum mit einem Fähnchen an der Spitze aufgepflanzt. »Sie sind willkommen«, sagte Herr Crummles zu Nicolaus, als der Zug in dem mit Bogenfenstern versehenen Vorderzimmer des ersten Stockes angekommen war. Nicolaus verbeugte sich verbindlich und war augenscheinlich sehr erfreut, den Tisch gedeckt zu sehen. »Wir haben nur eine Hammelkeule mit Zwiebelsoße«, sagte Madame Crummles mit derselben Leichenhausstimme. »Wenn Sie damit vorliebnehmen wollen, so sind Sie eingeladen.« »Sie sind sehr gütig«, versetzte Nicolaus; »ich werde Ihrer Gastfreundschaft alle Ehre antun.« »Vincent«, fragte Madame Crummles, »wieviel Uhr ist's?« »Fünf Minuten über Essenszeit«, entgegnete Herr Crummles. Madame Crummles zog die Klingel. »Die Keule und die Zwiebelsoße sollen aufgetragen werden!« Die Magd, die Herrn Bulphs Mietern aufwartete, verschwand und kam bald wieder mit dem Festmahle zurück. Nicolaus saß an dem runden Tisch, dem Wunderkinde gegenüber, und Smike speiste mit den jungen Crummles abseits. »Gibt es hier viele Theaterfreunde?« fragte Nicolaus. »Nein«, versetzte Herr Crummles, den Kopf schüttelnd: »im Gegenteil.« »Ich bemitleide die Porthsmouther«, bemerkte Madame Crummles. »Ich gleichfalls«, sagte Nicolaus, »wenn sie keinen Sinn für ein gut geleitetes Theater haben.« »Den haben sie freilich nicht, Sir«, entgegnete Crummles. »Im vorigen Jahr gab meine Tochter bei Gelegenheit ihres Benefizes ihre drei beliebtesten Rollen und trat auch in dem ›Feestachelschwein‹ auf, das durch sie zuerst aufgeführt wurde, aber das ganze Haus warf nicht mehr als vier Pfund zwölf Schillinge ab.« »Ist's möglich?« rief Nicolaus. »Und davon mußte man noch für zwei Pfund kreditieren, Papa«, sagte das Wunderkind. »Ja, zwei Pfund davon gingen auf Kredit«, wiederholte Crummles. »Sogar meine Frau hat schon vor einer bloßen Handvoll Leute spielen müssen.« »Aber es waren dann Zuschauer, die ein Interesse an der Kunst hatten, Vincent«, sagte die Frau des Direktors. »Das ist bei den meisten Zuschauern der Fall, wenn gut – wirklich gut gespielt wird; und das ist das Wesentliche«, erwiderte Herr Crummles mit Nachdruck. »Geben Sie Unterricht in der Deklamation, Madame?« fragte Nicolaus. »Allerdings«, antwortete Madame Crummles. »Hier wird in dieser Hinsicht nicht viel zu machen sein?« »Hin und wieder doch«, sagte Madame Crummles. »Ich habe der Tochter eines Schiffsmaklers Unterricht erteilt. Es stellte sich aber später heraus, daß sie wahnsinnig war, als sie das erstemal zu mir kam. Es war gewiß etwas höchst Außerordentliches, daß sie unter solchen Umständen überhaupt Lust hatte, sich unterrichten zu lassen.« Nicolaus fühlte das Außerordentliche nicht ganz und hielt es daher für das beste, zu schweigen. »Lassen Sie mal sehen«, sagte der Theaterdirektor, der nach dem Essen eine Weile nachgedacht hatte; »wie wär's, wenn Sie eine artige kleine Rolle mit dem Wunderkind einübten?« »Sie sind sehr gütig«, versetzte Nicolau« hastig; »aber ich meine, es dürfte besser sein, wenn ich zum erstenmal mit jemandem von meiner Größe aufträte, im Falle ich mich ungeschickt benehmen sollte. Ich würde mich vielleicht sicherer fühlen.« »Sie haben recht«, entgegnete der Direktor. »Sie werden sich jedoch schon mit der Zeit so weit entwickeln, daß Sie mit dem Wunderkinde auftreten können.« »Ich hoffe es«, erwiderte Nicolaus. Seine Hoffnung bestand aber eher darin, recht lange nicht mit dieser Auszeichnung beehrt zu werden. »So will ich Ihnen sagen, was wir tun wollen«, fuhr Herr Crummles fort; »wenn Sie das Stück geschrieben haben, so studieren Sie den Romeo ein. – Übrigens, vergessen Sie mir den Brunnen und die Waschzuber nicht. – Demoiselle Snevellicci spielt die Julia und die alte Grudden die Amme – ja, so wird's gehen. Auch der Räuber; – wenn Sie an dem Räuber sind, können Sie auch den Cassio und Jeremias Dittler lernen. Sie werden leicht damit fertig; denn eine Rolle unterstützt die andere. Ich habe die Rollen hier, Stichwörter und alles.« Mit diesen hingeworfenen allgemeinen Andeutungen übergab Herr Crummles Nicolaus' widerstrebenden Händen einen Haufen kleiner Bücher; dann beauftragte er seinen ältesten Sohn, den Gast zu begleiten und ihm zu zeigen, wo Wohnungen zu haben wären, worauf sie sich gegenseitig die Hand schüttelten und gute Nacht sagten. Portsmouth hat keinen Mangel an bequem möblierten Zimmern; auch ist es nicht schwer, solche aufzufinden, die sich auch mit sehr mageren Einkünften bestreiten lassen; aber die ersteren waren zu gut und die letzteren zu schlecht, und so zogen sie aus vielen Häusern unverrichteter Dinge wieder ab, bis endlich Nicolaus ernstlich sich zu sorgen anfing, er werde sich doch noch ein Nachtquartier in dem Theater erbitten müssen. Endlich trafen sie doch ein paar Zimmerchen, drei Treppen, oder vielmehr zwei Treppen und eine Leiter hoch, bei einem Tabakshändler auf dem Common Hard, einer schmutzigen Straße, die nach dem Schiffsholm führte. Nicolaus mietete sich ein und fühlte sich ungemein glücklich, daß man ihm keine wöchentliche Vorausbezahlung abverlangte. »So, du kannst jetzt unsere Sachen niederlegen, Smike«, sagte Nicolaus, nachdem er den jungen Crummles die Stiege hinunterbegleitet hatte. »Wir sind in wunderliche Verhältnisse geraten, und Gott allein weiß, zu welchem Ende sie führen werden; aber ich bin müde von den Ereignissen der letzten drei Tage und will das Nachdenken darüber auf morgen versparen – wenn ich kann.« Vierundzwanzigstes Kapitel. Von Demoiselle Snevelliccis großem Benefiz und Nicolaus' erstem Auftreten auf der Bühne. Nicolaus war am Morgen zeitig aufgestanden. Er hatte aber kaum begonnen, sich anzukleiden, als er Tritte auf der Treppe vernahm und bald darauf auch durch die Stimmen des Pantomimisten, Herrn Folair, und des tragischen Helden, Herrn Lenville, begrüßt wurde. »Zu Hause? zu Hause?« rief Herr Folair. »Hollaho! Ist er drinnen?« tönte Herrn Lenvilles Baßstimme. »Hol' der Henker die Kerle!« dachte Nicolaus. »Die wollen wahrscheinlich ein Frühstück. – Haben Sie nur einen Augenblick Geduld, ich werde sogleich die Tür öffnen.« Die Herren baten ihn, sich nicht zu übereilen; und um sich inzwischen die Zeit zu vertreiben, hielten sie auf dem sehr engen Flur zum nicht geringen Verdruß der um einen Stock weiter unten wohnenden Mieter mit ihren Spazierstöcken eine Fechtübung. »Wollen Sie jetzt hereinkommen«, sagte Nicolaus, als er seine Toilette beendigt hatte. »Um Himmels willen – aber machen Sie außen keinen solchen Lärm.« »Ein ungemein behagliches Nestchen«, sagte Herr Lenville, ins Zimmer tretend, nachdem er vorher seinen Hut abgenommen hatte, um durchkommen zu können, »verdammt nett.« »Für einen Mann, der in derartigen Dingen etwas eigen ist, dürfte es nur ein bißchen gar zu behaglich sein«, entgegnete Nicolaus; »denn obgleich es unbezweifelt sehr bequem ist, etwas, das man braucht, von der Decke, dem Boden oder den Wänden ablangen zu können, ohne den Stuhl zu rücken, so sind doch diese Vorteile nur in einem Zimmer von dem allerbeschränktesten Umfange möglich.« »Es ist nichts weniger als zu klein für einen einzelnen Mann«, erwiderte Herr Lenville. »Das erinnert mich indessen an meine Frau, Herr Johnson; ich hoffe, sie wird eine hübsche Rolle in Ihrem Stück bekommen?« »Ich überflog gestern nacht das Französische«, sagte Nicolaus; »ich denke, es wird sich gut machen.« »Was gedenken Sie für mich zu tun, Kamerad?« fragte Herr Lenville, indem er mit seinem Spazierstock in dem spärlichen Feuer umherstocherte und denselben nachher an seinen Rockschößen abwischte. »Gibt es etwas Wildes und Tobendes darin?« »Sie werfen Weib und Kinder zum Hause hinaus«, antwortete Nicolaus, »und erstechen in einem Anfall von Wut und Eifersucht Ihren ältesten Sohn.« »Habe ich wirklich etwas der Art?« rief Herr Lenville. »Nun, das lasse ich mir gefallen.« »Dann«, fuhr Nicolaus fort, »kriegen Sie Gewissensbisse bis zum letzten Akt und kommen zu dem Entschluß, sich das Leben zu nehmen. Wenn Sie aber die Pistole vor die Stirne halten, schlägt eine Glocke – zehn.« »Ich merke«, rief Herr Lenville. »Sehr gut.« »Sie halten inne«, sprach Nicolaus weiter. »Sie erinnern sich, in Ihrer Kindheit einmal eine Glocke zehn schlagen gehört zu haben. Die Pistole entsinkt Ihrer Hand – Sie sind überwältigt – Sie brechen in Tränen aus und werden ein tugend- und musterhafter Charakter für Ihr ganzes übriges Leben.« »Fabelhaft!« rief Herr Lenville. »Das ist ein sicherer Trumpf – ein sicherer Trumpf. Wenn der Vorhang bei einer so natürlichen Rührung sinkt, so kann der Erfolg nur ein Triumph sein.« »Gibt's auch was Gutes für mich?« fragte Herr Folair besorgt. »Lassen Sie sehen«, sagte Nicolaus. »Sie spielen den treuergebenen Diener und werden mit Weib und Kind zum Fenster hinausgeworfen.« »Immer gepaart mit diesem höllischen Wunderkinde«, seufzte Herr Folair. »Wahrscheinlich beziehen wir dann ein armseliges Quartier, wo ich keinen Lohn nehme und mit sentimentalen Phrasen um mich werfe?« »Richtig«, versetzte Nicolaus, »das ist der Gang des Stücks.« »Ich muß einen Tanz dabei haben«, entgegnete Herr Folair. »Jedenfalls werden Sie einen für das Wunderkind einlegen müssen. Es geht dann in einem hin, wenn Sie ihn zu einem Tanz zu zweien machen.« »Nichts ist leichter als das«, meinte Herr Lenville, als er die verlegene Miene des angehenden dramatischen Dichters bemerkte. »Auf Ehre, ich sehe nicht, wie sich's tun läßt«, erwiderte Nicolaus. »Aber das springt ja in die Augen«, erklärte Herr Lenville. »Tausend Element, wenn Sie das nicht einsehen, so sind Sie blind. Sie bringen die unglückselige Dame, das kleine Kind und den treuen Diener in ihre armselige Wohnung, nicht wahr? – Nun schauen Sie einmal. Die unglückliche Dame sinkt in einen Stuhl und begräbt ihr Gesicht in ihr Schnupftuch. – ›Warum weinst du, Mama?‹ sagt das Kind. ›Weine nicht, Mama, oder du machst mich auch weinen.‹ – ›Und mich‹, sagt der treue Diener, der dabei seine Augen mit dem Rockärmel reibt. – ›Was können wir tun, um dich zu ermuntern, Mama?‹ sagt das kleine Kind. – ›Ach ja, was können wir tun?‹ sagt der treue Diener. – ›O Pierre‹, sagt die Dame, ›!ch wollte, ich könnte diese schmerzlichen Gedanken abschütteln.‹ – ›Versuchen Sie es, versuchen Sie es‹, sagt der treue Diener; ›geben Sie sich Mühe und erheitern Sie sich, Madame.‹ – ›Ich will lernen, meine Leiden mit Standhaftigkeit zu ertragen‹, sagt die Dame. ›Erinnerst du dich noch des Tanzes, mein ehrlicher Freund, den du in glücklicheren Tagen mit diesem süßen Engel aufführtest? Er hat damals nie verfehlt, mein Gemüt zu beruhigen. O laß mich ihn noch einmal sehen, ehe ich sterbe.‹ – Da haben wir's – Stichwort für das Orchester, ›ehe ich sterbe‹ – und dann geht´s drauf und los! So ist's ganz wunderschön – nicht wahr, Thomas?« »Ja, ja«, erwiderte Herr Folair; »die unglückliche Dame, von alten Erinnerungen überwältigt, fällt am Ende des Tanzes in Ohnmacht, und Sie schließen die Szene mit einer schönen Gruppierung.« Nicolaus nahm sich diese und andere Lehren, die das Ergebnis einer langjährigen Erfahrung der beiden Schauspieler waren, zu Herzen, gab ihnen ein so gutes Frühstück, wie es in seinen Kräften stand, und machte sich, sobald er sie endlich losgeworden war, an seine Arbeit, die er zu seinem größten Vergnügen weit leichter fand, als er anfangs gedacht hatte. Er war den ganzen Tag über ungemein fleißig und verließ sein Zimmer erst gegen Abend, um nach dem Schauspielhaus zu gehen, wo sich Smike bereits früher eingefunden hatte und eben im Begriff war, mit einem anderen Herrn die Vorbereitungen zu einem allgemeinen Auftritt einzuleiten. Die Personen waren hier durchgängig so verändert, daß er sie kaum mehr kannte. Falsches Haar, falsche Waden, falsche Farben, falsche Muskeln – sie waren ganz neue Wesen geworden. Herr Lenville erschien als ein jugendlicher Krieger von ausgezeichneter Schönheit, Herr Crummles, der sein breites Gesicht durch eine verfilzte Masse schwarzer Haare beschattete, als ein hochländischer Geächteter voll majestätischer Haltung, der eine der alten Herren als ein Gefängniswärter und der andere als ein ehrwürdiger Patriarch. Der komische Bauer war ein tapferer Degen mit einer Beimischung von Humor, die beiden jungen Crummles in Purpur geborene Prinzen und der blöde Liebhaber ein verzagender Gefangener. Für den dritten Akt war ein grandioses Bankett vorbereitet, das aus zwei Pappendeckelschüsseln, einem Zwiebackteller, einer Schuhputzflasche und einem Essigkrug bestand – kurz, alle Zurüstungen trugen das Gepräge des höchsten Prunkes. Nicolaus stand mit dem Rücken gegen den Vorhang gekehrt und betrachtete die Dekorationen der ersten Szene, in denen sich hauptsächlich ein gotischer Bogengang auszeichnete, der ungefähr zwei Fuß niedriger als Herr Crummles war und den ebengenannten Herrn bei seinem ersten Auftreten durchlassen sollte, oder horchte auf ein paar Leute, die eben auf der Galerie Nüsse knackten. Er machte sich eben seine Gedanken, ob diese wohl das ganze Auditorium bildeten, als der Direktor auf ihn zukam und ihn vertraulich anredete. »Sind Sie schon unten gewesen?« fragte Herr Crummles. »Nein, noch nicht«, antwortete Nicolaus. »Ich habe es erst im Sinne, wenn das Spiel beginnt.« »Wir haben schon eine recht hübsche Einnahme gehabt«, sagte Herr Crummles. »Vier Vordersitze im Parkett und die ganze Seitenloge.« »Wirklich?« versetzte Nicolaus. »Vermutlich eine Familie.« »Ja«, entgegnete Crummles. »Es ist rührend mit anzusehen – sechs Kinder, die nur kommen, wenn das Wunderkind spielt.« Es möchte wohl schwer gewesen sein, das Theater an einem Abend zu besuchen, wo das Wunderkind nicht spielte, da es bei jeder Vorstellung wenigstens in einer, nicht selten aber auch in zwei oder drei Rollen auftrat. Aber Nicolaus, der die Gefühle eines Vaters zu würdigen wußte, enthielt sich, auf diesen nichts besagenden Umstand hinzudeuten, und ließ daher Herrn Crummles fortsprechen. »Also sechs; Papa und Mama acht, Tante neun, Gouvernante zehn, Großvater und Großmutter zwölf. Dann ist noch der Diener da, der mit einem Korb Orangen und einem Krug Brotwasser außen steht und durch eine kleine Glasscheibe in der Logentür umsonst zusieht – alles das für den Spottpreis einer Guinee. Sie gewinnen dadurch, daß sie eine Loge nehmen.« »Es nimmt mich wunder, daß Sie für dieses Geld so viele zulassen«, bemerkte Nicolaus. »Ist nicht zu ändern«, versetzte Herr Crummles. »Auf dem Lande sind sie das so gewöhnt. Wenn sechs Kinder da sind, so kommen auch sechs Erwachsene mit, um sie auf den Schoß zu nehmen. Eine Familienloge enthält immer die doppelte Personenzahl. – Klingeln Sie dem Orchester, Grudden.« Diese zu allem brauchbare Dame tat, wie ihr geheißen war, und gleich darauf hörte man drei Geigen stimmen. Das hielt so lange an, wie mutmaßlich die Geduld des Publikums dauerte, worauf dann wieder zum Zeichen, daß die Musik ernstlich anfangen solle, geklingelt wurde, und das Orchester begann nun einige Volksweisen mit unfreiwilligen Variationen zu spielen. War Nicolaus schon über den Wechsel, der mit den männlichen Schauspielern vorgegangen, verwundert, so schien ihm die Umwandlung der Damen noch viel außerordentlicher. Aus einem behaglichen Winkel der Direktorloge sah er Demoiselle Snevellicci in der ganzen Glorie eines weißen, mit einem Goldsaum versehenen Musselinkleids, Madame Crummles in der vollen Majestät der Gattin eines Geächteten, Demoiselle Bravassa mit aller Süßigkeit einer Busenfreundin der Demoiselle Snevellicci und Demoiselle Belvawney in den weiten seidenen Höschen eines Pagen, der überall seine Pflicht tut und schwört, in dem Dienste von jedermann zu leben und zu sterben. Er konnte bei dem Anblick aller dieser Herrlichkeiten seine Bewunderung nicht zurückhalten, sondern bezeugte diese durch lebhaftes Beifallsklatschen und eine möglichst gespannte Aufmerksamkeit auf alles, was auf der Bühne vorging. Das Stück war höchst interessant. Es gehörte keiner besondern Zeit, keinem besondern Volke, keinem besondern Lande an und war vielleicht deshalb nur um so ergötzlicher, da niemand auch nur die entfernteste Ahnung davon haben konnte, wie es enden würde. – Ein Geächteter hatte irgendwo etwas glücklich durchgeführt und kam unter Jubel und Geigenschall triumphierend in seine Heimat zurück, um seine Gattin, eine Dame von männlicher Seele, zu begrüßen, die viel von den Gebeinen ihres Vaters sprach, die noch unbeerdigt zu sein schienen, obgleich sich nicht ausfindig machen ließ, ob dieser wichtige Umstand auf einem seltsamen Geschmack des alten Herrn selbst oder auf einer unverzeihlichen Nachlässigkeit von seiten seiner Verwandten beruhte. Das Weib des Geächteten kam auf irgendeine Weise mit einem Patriarchen in Verbindung, der in einem fernen Schlosse lebte, und dieser Patriarch war der Vater mehrerer in dem Stücke vorkommenden Personen, obgleich er nicht genau wußte, welcher. Er geriet in Ungewißheit darüber, ob er die rechten oder die unrechten im Schlosse aufgezogen hätte, und da er deshalb sehr unruhig wurde und sich eher zu der letzteren Ansicht hinneigte, so suchte er den Sturm seiner Seele durch ein Bankett zu beschwichtigen, bei welcher Feierlichkeit jemand in einem Mantel rief: »Nimm dich in acht!« Kein Mensch – das Publikum ausgenommen – wußte, daß dieser jemand der Geächtete selbst war, der sich aus unerklärlichen Gründen, vielleicht mit einer Absicht auf die silbernen Löffel, gleichfalls eingefunden hatte. Eine angenehme kleine Überraschung gaben gewisse Liebeshändel zwischen dem verzagenden Gefangenen und Fräulein Snevellicci, dem humoristischen Degen und Fräulein Bravassa. Herr Lenville spielte mehrere höchst tragische Szenen im Dunkeln, bei Gelegenheit von gurgelschneiderischen Unternehmungen, die aber alle durch die Gewandtheit und den Mut des humoristischen Degens, der das ganze Stück über den Horcher gespielt hatte, und durch die Unerschrockenheit der Demoiselle Snevellicci, die sich in Hosen mit einem Körbchen voll Erfrischungen und einer Blendlaterne nach dem Gefängnisse ihres Geliebten begab, vereitelt wurden. Endlich kam es heraus, daß der Patriarch der Mann war, der die Gebeine von dem Schwiegervater des Geächteten so geringschätzig behandelt hatte. Darum erschien die Gattin des Geächteten auf dem Schlosse des Patriarchen, um ihn zu töten. Sie gelangte daselbst in ein finsteres Gemach, wo nach langem Herumtappen im Finstern jedermann jemandem faßte und noch außerdem für jemanden hielt, wodurch eine große Verwirrung mit einigem Pistolenschießen, Umbringen und schließlichem Fackeltanz herbeigeführt wurde. Dann kam der Patriarch zum Vorschein und erklärte mit einem gar klugen Gesichte, daß er jetzt alles hinsichtlich seiner Kinder wisse und ihnen alles sagen wolle, wenn sie mit ihm hineingingen. Er bemerkte dabei zugleich, daß es keine geschicktere Gelegenheit geben könne, die jungen Leute zu vermählen, als die gegenwärtige. Deshalb legte er ihre Hände ineinander unter voller Beistimmung des unermüdlichen Pagen, der die einzige weitere am Leben gebliebene Person war und nun mit seiner Mütze nach den Wolken, mit der Rechten aber nach der Erde deutete, um den Segen des Himmels dadurch herabzuflehen und dem Vorhang den Wink zu geben, daß er sich niedersenken möchte, was denn auch dieser unter allgemeinem Beifall tat. »Was sagen Sie dazu?« fragte Herr Crummles, als Nicolaus wieder auf die Bühne kam. Herr Crummles war sehr rot und erhitzt, denn ein Geächteter muß ganz verzweifelt schreien. »In der Tat ein außerordentliches Stück«, versetzte Nicolaus. »Namentlich war Fräulein Snevellicci ungemein gut.« »Das Mädchen ist ein Genie«, sagte Herr Crummles, »ein wahres Genie. Übrigens, ich habe im Sinne, Ihr Stück zu ihrem Benefiz auf die Bühne zu bringen. Bei einem solchen Anlaß muß es notwendig ziehen; und selbst für den Fall, daß es nicht ganz so ausfällt, wie wir erwarten, so begreifen Sie leicht, daß das Risiko auf ihrer Seite und nicht auf der unsrigen ist.« »Auf der Ihrigen, wollen Sie sagen«, entgegnete Nicolaus. »Sagte ich nicht auf der meinigen?« erwiderte Herr Crummles. »Nächsten Montag über acht Tage. Was sagen Sie dazu? Sie sind dann damit fertig und haben gewiß auch lange vorher die Liebhaberrolle einstudiert.« »Von einem ›lange vorher‹ wird wohl keine Rede sein«, sagte Nicolaus; »aber um diese Zeit denke ich gesattelt zu sein.« »Gut also«, versetzte Herr Crummles, »wir können die Sache als abgemacht betrachten. Aber nun muß ich Sie noch etwas anderes fragen. Bei solchen Gelegenheiten muß ein bißchen – wie soll ich es nur nennen – ein bißchen Werben stattfinden.« »Bei den Gönnern, denke ich?« sagte Nicolaus. »Freilich, bei den Gönnern. Die Sache ist nämlich die: die Snevellicci hat hier schon so viele Benefize gehabt, daß es eines besonderen Lockmittels bedarf. Sie hatte ein Benefiz, als ihre Stiefmutter starb, und ein zweites nach dem Tode ihres Onkels. Ich und meine Frau haben Benefize gehabt an dem Jahrestag der Geburt des Wunderkindes, an dem unserer Verehelichung und bei andern derartigen Anlässen, so daß es in der Tat etwas schwer hält, ein gut begründetes Benefiz zusammenzubringen. Wollen Sie nicht dem armen Mädchen Beistand leisten, Herr Johnson?« fügte Herr Crummles bei, indem er sich auf eine Trommel niederließ und, während er seine Nase mit einer Prise Schnupftabak füllte, Nicolaus fest ins Auge faßte. »Wie soll ich das verstehen?« versetzte Nicolaus. »Glauben Sie nicht, morgen früh ein halbes Stündchen erübrigen zu können, um mit ihr einige der angesehensten Personen dieser Stadt zu besuchen?« flüsterte der Theaterdirektor in einem überredenden Tone. »Bewahre«, entgegnete Nicolaus mit der Miene des lebhaftesten Widerwillens; »dazu habe ich keine Lust.« »Das Kind geht auch mit«, sagte Herr Crummles. »Ich gab auf der Stelle die Erlaubnis dazu. Es liegt durchaus nichts Ungebührliches darin; denn Demoiselle Snevellicci ist eine äußerst achtbare Dame. Es würde ihr einen wesentlichen Dienst leisten; – der Herr von London – Verfasser des neuen Stücks, der selbst in demselben spielt – erstes Auftreten auf den Brettern – es müßte das Haus füllen, Herr Johnson.« »Ich möchte nicht gerne jemandem eine Aussicht verkümmern, am allerwenigsten einer Dame«, erwiderte Nicolaus; »aber in der Tat, ich muß es entschieden ablehnen, an dem Werbegang teilzunehmen.« »Was sagt Herr Johnson dazu, Vincent?« fragte eine Stimme dicht neben Nicolaus, und als er sich umsah, bemerkte er Madame Crummles und Fräulein Snevellicci unmittelbar hinter sich stehen. »Er weigert sich, meine Liebe«, antwortete Herr Crummles mit einem Blick auf Nicolaus. »Er weigert sich?« rief Madame Crummles – »nicht möglich!« »Ach, ich hoffe nicht«, sagte Fräulein Snevellicci. »Gewiß, Sie sind nicht so grausam. Du mein Himmel! Nur so etwas denken zu müssen, nachdem man so zuversichtlich darauf gehofft hat.« »Herr Johnson wird nicht darauf bestehen, meine Liebe«, sagte Madame Crummles. »Wir denken besser von ihm und sind überzeugt, daß Ritterlichkeit, Menschenfreundlichkeit und alle besseren Gefühle seines Wesens sich vereinigen werden, um ihn für die Sache zu gewinnen.« »Um so mehr, da sogar der Direktor sein Wort einlegt«, fügte Herr Crummles lächelnd bei. »Und die Gattin eines Direktors«, sagte Madame Crummles in ihrem gewohnten Tragödientone. »Kommen Sie, kommen Sie; ich weiß gewiß, daß Sie sich erweichen lassen.« »Ich bin nicht stark genug«, sagte Nicolaus, der sich durch so viele Aufforderungen rühren ließ, »einer Bitte zu widerstehen, solange nicht etwas entschieden Unrechtes von mir verlangt wird; und außer einem kleinen Gefühl von Stolz wüßte ich nicht, was mich in dem gegenwärtigen Falle hindern könnte. Ich kenne hier niemanden und bin selbst auch unbekannt. So sei's denn. Ich gebe nach.« Fräulein Snevellicci errötete einmal über das andere und konnte ihres Dankes gar kein Ende finden, mit welch letzterer Ware auch Herr und Madame Crummles keineswegs geizten. Es wurde die Übereinkunft getroffen, daß Nicolaus am nächsten Morgen um elf Uhr Demoiselle Snevellicci abholen sollte, und bald darauf trennte sich die Gesellschaft – er, um nach Hause zu gehen und an seinem Drama zu arbeiten, Fräulein Snevellicci, um sich für das Nachspiel anzukleiden, und der uneigennützige Theaterdirektor nebst Gattin, um den wahrscheinlichen Gewinn des besprochenen Benefizes zu berechnen, von dessen Ertrag ihnen kontraktmäßig zwei Drittel zufallen sollten. Des andern Morgens erschien Nicolaus zur bestimmten Stunde bei Fräulein Snevellicci, die in dem Hause eines Schneiders in der Lombardstraße wohnte. Die Hausflur durchdrang ein starker Bügeleisengeruch, und die Tochter des Schneiders, die die Tür öffnete, erschien in jener Unordnung und Aufgeregtheit, die gewöhnlich die periodischen Hauswäschen begleiten. »Wohnt hier Fräulein Snevellicci?« fragte Nicolaus, als die Tür geöffnet war. Die Schneiderstochter bejahte. »Wollen Sie wohl die Güte haben, ihr zu sagen, daß Herr Johnson hier sei?« fuhr Nicolaus fort. »Ah, belieben Sie nur die Stiege heraufzukommen«, versetzte die Schneiderstochter. Nicolaus folgte der jungen Dame und wurde in ein kleines Zimmer des ersten Stocks geführt, das mit einem Nebenstübchen in Verbindung stand, in dem, wie er aus einem gewissen gedämpften Klirren der Tassen entnahm, Fräulein Snevellicci ihr Frühstück im Bett einnahm. »Sie möchten sich gefälligst ein wenig gedulden«, sagte die Schneiderstochter nach einer kurzen Abwesenheit, währenddem das Klirren in dem Nebenstübchen nachgelassen und einem Flüstern Platz gemacht hatte. Mit diesen Worten machte sie die Fensterläden auf, und als sie dadurch Herrn Johnsons Aufmerksamkeit von dem Fenster weg nach der Straße abgeleitet zu haben glaubte, nahm sie einige am Kamin aufgehängte Gegenstände weg, die eine große Ähnlichkeit mit Strümpfen und dergleichen hatten, und schoß damit hinaus. Da sich außerhalb des Fensters nicht viel Anziehendes bot, so blickte Nikolaus mit mehr Neugierde im Zimmer umher, als er diesem vielleicht sonst geschenkt haben würde. Auf dem Sofa lagen eine alte Gitarre, mehrere abgegriffene Musikstücke und eine Partie zerstreuter Haarwickeln, nebst einigen wirr übereinander liegenden Theaterzetteln, und einem Paar beschmutzter weißer Atlasschuhe mit großen blauen Rosetten. Über einer Stuhllehne hing ein halbfertiges Musselinschürzchen mit kleinen, von roten Bändern gesäumten Seitentaschen, wie es allenfalls ein Kammerkätzchen auf dem Theater und eben deshalb keine andere ehrliche Frauenzimmerseele zu tragen pflegt. In einer Ecke stand das winzige Paar Stulpenstiefel, in dem Fräulein Snevellicci den kleinen Jockey spielte, und gleich nebenan befand sich, auf einem Stuhl zusammengeschlagen, ein kleines Päckchen, das eine verdächtige Ähnlichkeit mit den zu den Stiefeln gehörigen Hosen trug. Aber der ansprechendste Gegenstand war wohl ein Album, das zwischen einigen wirr umherliegenden Theaterschriften aufgeschlagen lag, und in dem sich verschiedene kritische Notizen über Demoiselle Snevelliccis Spiel – Auszüge aus verschiedenen Provinzzeitungen – befanden, unter denen man auch einen poetischen Erguß lesen konnte, der folgermaßen begann: »Sing, Liebesgott, und sag, in welcher Not Der Himmel uns die Snevellicci bot, So hochbegabt, um uns mit ihren Tränen Und ihrem heitern Aug das Leben zu verschönern.« Außer diesem hohen dichterischen Schwung las man auch unzählige schmeichelhafte Anspielungen aus Zeitungen, z. B.: ›Wir entnehmen aus einer Ankündigung auf einer andern Seite der heutigen Nummer unseres Blattes, daß die bezaubernde und hochbegabte Demoiselle Snevellicci künftigen Dienstag eine Benefizvorstellung gibt, für welche Gelegenheit sie eine Speisekarte ausgelegt hat, die sogar imstande wäre, Heiterkeit in der Brust des Menschenhassers zu entzünden. In der Überzeugung, daß unsere Mitbürger den Sinn für die gehörige Würdigung hoher Vorzüge und persönlichen Wertes, durch den sie sich seit langen Jahren so vorteilhaft auszeichneten, nicht verloren haben, glauben wir, ihr versprechen zu dürfen, daß diese bezaubernde Schauspielerin von einem vollen Hause begrüßt werden wird.‹ – ›An die Korrespondenten. J. S. ist irrig berichtet, wenn er glaubt, daß die hochbegabte und schöne Demoiselle Snevellicci, die jeden Abend in unserem hübschen und bequemen kleinen Theater aller Herzen gewinnt, nicht dieselbe Dame sei, der der junge Edelmann von unermeßlichem Vermögen, der etwa hundert Meilen von der guten Stadt York wohnt, einen Heiratsantrag gemacht hat. Wir wissen es aus der zuverlässigsten Quelle, daß Fräulein Snevellicci wirklich die in jenes geheimnisvolle und romantische Abenteuer verwickelte Dame ist, deren Benehmen bei diesem Anlasse ihrem Kopf und Herzen nicht weniger Ehre machte, als ihre Bühnentriumphe die sprechendsten Belege für ihr hohes Talent sind. Eine ganze Sammlung derartiger Artikel, nebst langen Zetteln von Benefizvorstellungen, die immer mit der in sehr großen Buchstaben gedruckten Aufforderung ›man komme früh‹ schlossen, bildeten den Hauptinhalt von Demoiselle Snevelliccis Album. Nicolaus hatte einen großen Teil dieser aufgeklebten Papierabschnitte durchgelesen. Er hatte sich eben in einen umständlichen und trauervollen Bericht über ein Ereignis vertieft, wonach Fräulein Snevellicci auf einer Orangenschale, die ein Ungeheuer in Menschengestalt – so sagte die Zeitung – auf die Bühne von Winchester geworfen hatte, ausglitt und den Fuß verrenkte. Da trippelte diese junge Dame selbst mit ihrem Kohlenkübelhut auf dem Kopf und vollständig zum Ausgehen angekleidet in das Zimmer. Sie bat tausendmal um Verzeihung, daß sie ihren verehrten Freund so lange über die bestimmte Zeit hingehalten hätte. »Aber die gute Led«, fuhr Fräulein Snevellicci fort, »mit der ich zusammen wohne, wurde in der letzten Nacht so krank, daß ich glaubte, sie würde in meinen Armen den Geist aufgeben.« »Ich könnte sie um dieses Los fast beneiden«, versetzte Nicolaus, »obschon es mir um der Dame willen leid tut.« »Ah, wie Sie zu schmeicheln wissen«, sagte Fräulein Snevellicci, indem sie in süßer Verwirrung ihren Handschuh zuknöpfte. »Wenn es Schmeichelei ist, Ihre Reize und Ihre sonstigen hohen Vorzüge zu bewundern«, entgegnete Nicolaus, seine Hand auf das Album legend, »so haben Sie hier noch bessere Proben davon.« »Ach, Sie entsetzlicher Mensch – so etwas zu lesen! Ich kann Ihnen in der Tat vor Scham nicht mehr ins Gesicht sehen«, entgegnete Fräulein Snevellicci, indem sie das Album nahm und in einen Schrank schloß. »Die unachtsame Led! Wie konnte sie nur so etwas tun?« »Ich dachte, Sie seien so gütig gewesen, es hier zu lassen, damit ich es lese«, sagte Nicolaus. Und in der Tat, dies schien sehr möglich. »Um keinen Preis hätte ich es Sie sehen lassen!« versetzte Fräulein Snevellicci. »Ich könnte mich zu Tod ärgern; aber sie ist zu unbekümmert – man kann ihr nichts anvertrauen.« Das Gespräch wurde hier durch das Eintreten des Wunderkindes unterbrochen, das bis zu diesem Augenblick gar rücksichtsvoll in dem Nebenzimmer geblieben war und sich nun ungemein graziös mit einem sehr kleinen, grünen, breitgefransten Sonnenschirm ohne Handgriff präsentierte. Nach einigen weiteren Worten traten sie ihren Gang an. Das Wunderkind erwies sich als eine sehr lästige Begleitung; denn zuerst gingen ihr die Bänder ihres rechten und dann ihres linken Schuhes auf, und als diese Unfälle gutgemacht waren, zeigte sich's, daß das eine Bein der weißen Höschen länger als das andere war; dann fiel der grüne Sonnenschirm in einen eisernen Abtropftrog und konnte nur mit vieler Mühe wieder aufgefischt werden. Da sie die Tochter des Direktors war, so durfte man natürlich nicht mit ihr zanken, weshalb Nicolaus alles in bestmöglicher Laune hinnahm und – Fräulen Snevellicci mit dem einen, das lästige Wunderkind mit dem andern Arme führend – weiter ging. Das erste Haus, zu dem sie ihre Schritte lenkten, lag auf einer vornehm aussehenden Terrasse. Auf Fräulein Snevelliccis bescheidenes Anklopfen öffnete ein Laufbube, der auf die Frage der Schauspielerin, ob Madame Curdle zu Hause sei, die Augen weit aufriß, den Mund bis an die Ohren verzog und die Antwort gab, daß er es nicht wisse, aber nachsehen wolle. Er führte sie dann in ein Zimmer, wo er sie warten ließ, bis zwei weibliche Dienstboten unter irgendeinem scheinbaren Vorwande die Schauspieler beaugenscheinigt hatten. Erst nachdem in der Hausflur eine Weile geflüstert und gekichert worden war, ging der Junge die Treppe hinauf, um Demoiselle Snevellicci anzumelden. Madame Curdle galt unter denen, die sich auf derartige Sachen verstanden, als eine Dame, die in Literatur- und Theaterangelegenheiten ganz den Londoner Geschmack besaß. Herr Curdle hatte eine Abhandlung von vierundsechzig Seiten Großoktav über den Charakter des seligen Mannes der Amme in ›Romeo und Julia‹ geschrieben, in der er die Frage erörterte, ob er zu seinen Lebzeiten wirklich ein ›lustiger Mann‹ gewesen, oder ob ihm seine Witwe nur aus zärtlicher Parteilichkeit dieses Prädikat beigelegt hätte. Ebenso war auch von ihm der Beweis geliefert worden, daß jedes von Shakespeares Stücken durch eine veränderte Interpunktion zu einem ganz andern gemacht werden würde und einen durchaus verschiedenen Sinn erhielte. Es ist daher unnötig, zu sagen, daß er ein großer Kritiker und ein sehr tiefer, höchst origineller Denker war. »Ach, Fräulein Snevellicci«, sagte Madame Curdle, als sie ins Empfangszimmer trat; »wie geht es Ihnen?« Fräulein Snevellicci machte einen anmutigen Knix und hoffte, daß sich Madame Curdle wohlbefände; desgleichen Herr Curdle, der in diesem Augenblick in das Zimmer trat. Madame Curdle war in einen Frisiermantel gekleidet und hatte ein kleines Häubchen ganz oben auf ihrem Kopf sitzen. Herr Curdle trug einen weiten Schlafrock und hielt seinen rechten Zeigefinger an die Stirn, etwa wie man's auf Sternes Porträt Lawrence Sterne (1713–1768) berühmter englischer Humorist und Schriftsteller. sehen kann, mit dem er, wie ihm einer oder der andere einmal gesagt hatte, eine sprechende Ähnlichkeit hatte. »Ich wagte es, bei Ihnen vorzusprechen, um mir Ihren Namen für mein Benefiz zu erbitten, Madame«, sagte Fräulein Snevellicci, Papiere zum Vorschein bringend. »Ah, ich weiß in der Tat nicht, was ich sagen soll«, versetzte Madame Curdle. »Die Glanzperiode des Theaters ist dahin – nehmen Sie doch Platz, Fräulein Snevellicci; mit dem Drama ist's vorbei, vollkommen vorbei!« »Als eine schöne Verkörperung der Phantasiegebilde des Dichters, als eine Verwirklichung des menschlichen Geistes, die unsere träumerischen Augenblicke mit strahlendem Lichte vergoldet und dem geistigen Auge eine neue zauberhafte Welt auftut – von diesem Standpunkte aus betrachtet, ist es mit dem Drama vorbei – vollkommen vorbei«, sagte Herr Curdle. »Wer unter den jetzigen Lebenden ist imstande, uns alle jene wechselnden und vielfachen Farben vorzuführen, in denen uns Hamlets Charakter erscheint?« rief Madame Curdle. »Ja wer – auf der Bühne nämlich –«, sagte Herr Curdle, der in dem letzteren Beisatz einen Vorbehalt zu seinen eigenen Gunsten aussprach. »Hamlet? – Ach, lächerlich! Mit Hamlet ist's vorbei – vollkommen vorbei.« Ganz ergriffen durch diese schmerzlichen Betrachtungen, seufzten Herr und Madame Curdle und saßen eine Weile da, ohne zu sprechen. Endlich wandte sich die Dame an Fräulein Snevellicci und fragte, auf welches Stück ihre Wahl gefallen wäre. »Auf ein ganz neues«, antwortete Fräulein Snevellicci. »Herr Johnson hier ist der Verfasser desselben und erweist mir die Ehre selbst mitzuspielen. Es ist sein erstes Auftreten.« »Ich hoffe. Sie haben die Einheiten bewahrt Die alte französische Dramatik erforderte bekanntlich Einheit des Ortes, der Handlung und der Zeit im Spiel, ein Vorurteil, das bei uns schon Lessing bekämpfte. , Sir?« fragte Herr Curdle. »Das Original ist französisch«, erwiderte Nicolaus. »Es ist reich an Handlung, der Dialog lebendig, die Charaktere scharf gezeichnet –« »Nützt alle« nichts ohne strenge Berücksichtigung der Einheiten, Sir«, versetzte Herr Curdle. »Die Einheiten des Dramas sind die Hauptsache.« »Darf ich fragen«, entgegnete Nicolaus, der zwischen der Achtung, die er beobachten zu müssen glaubte, und zwischen dem Hange, eine Lächerlichkeit zu verfolgen, schwankte – »darf ich fragen, was Sie unter den Einheiten verstehen?« Herr Curdle hustete und überlegte. »Die Einheiten, Sir«, sagte er endlich, »sind eine Vollständigkeit, eine Art allgemeinen Zusammenklangs hinsichtlich des Ortes und der Zeit – ein gewisses generelles Vereinigtsein, wenn ich mich eines so kräftigen Ausdrucks bedienen darf. Dies betrachte ich als die dramatischen Einheiten, soweit ich ihnen meine Aufmerksamkeit zuwenden konnte, und gewiß – ich habe viel über den Gegenstand gelesen und nachgedacht. Wenn ich die Darstellungen dieses Kindes durchgehe«, fuhr Herr Curdle gegen das Wunderkind fort, »so finde ich eine Einheit des Gefühls, einen Umfang, einen Wechsel des Kolorits, eine Wärme der Farben, einen Ton, eine Harmonie, eine Glut, eine künstlerische Entwicklung origineller Auffassungen, nach denen ich mich vergebens unter älteren Schauspielern umsehe. Ich weiß nicht, ob ich mich Ihnen begreiflich gemacht habe?« »Vollkommen«, versetzte Nicolaus. »Nun gut«, sagte Herr Curdle, sein Halstuch zurechtzupfend; »das ist meine Definition der dramatischen Einheiten.« Madame Curdle hatte dieser lichtvollen Entwicklung mit großem Wohlgefallen zugehört und fragte dann, was Herr Curdle von der Subskription dächte. »Ich weiß nicht, meine Liebe – auf Ehre, ich weiß nicht«, sagte Herr Curdle. »Wenn wir es tun, so geschieht es natürlich unter dem Vorbehalt, daß man unser Erscheinen nicht als eine Bürgschaft für die gute Darstellung nimmt. Die Welt muß erfahren, daß wir besagter Darstellung durch unsere Namen keine garantierende Empfehlung erteilen wollen, sondern daß diese Auszeichnung nur auf Rechnung der Person der Demoiselle Snevellicci kommt. Unter dieser Voraussetzung betrachte ich es sozusagen als eine Pflicht, daß wir einer gesunkenen Bühne unseren Schutz zuteil werden lassen, wäre es auch nur um der Ideenverbindungen willen, die sich daran ketten. Können Sie zwei Schillinge und sechs Pence auf eine halbe Krone herausgeben, Fräulein Snevellicci?« fragte Herr Curdle, indem er vier Stücke von dieser Geldsorte durch die Finger laufen ließ. Fräulein Snevellicci suchte in allen Ecken ihres rosa Strickbeutels nach, aber da war nichts zu finden. Nicolaus murmelte einen Scherz über die leeren Taschen der Schriftsteller und hielt es für das beste, die Förmlichkeit des Umhertastens in den seinigen ganz zu unterlassen. »Warten Sie«, sagte Herr Curdle; »zweimal vier ist acht; vier Schillinge für ein Logenbillett, Fräulein Snevellicci, ist ungemein teuer für den gegenwärtigen Zustand des Dramas. Drei halbe Kronen sind sieben Schillinge und sechs Pence. Ich denke, wir werden uns wegen sechs Pence nicht veruneinigen – was meinen Sie, Fräulein Snevellicci?« Das arme Fräulein Snevellicci nahm die drei halben Kronen mit vielem Lächeln und Knixen, und Madame Curdle gab noch einige nachträgliche Anweisungen hinsichtlich des Aufbewahrens ihrer Plätze, des Ausstäubens der Sitze und zweier sauberer Theaterzettel, die sie gleich aus der Druckerei haben wollte, worauf sie zum Zeichen, daß die Audienz geschlossen sei, die Klingel zog. »Abgeschmacktes Volk!« sagte Jucolaus, als sie die Straße erreicht hatten. »Glauben Sie mir«, versetzte Fräulein Snevellicci, seinen Arm nehmend, »ich darf mich sehr glücklich schätzen, daß Sie nicht alles schuldig geblieben sind und nur sechs Pence abgezogen haben. Geben Sie acht, wenn Ihr Stück Beifall erhält, so muß alle Welt hören, daß man Sie immer begünstigt habe: Fallen Sie aber durch, so hat man das schon von Anfang an vorausgesehen.« In dem nächsten Haus, das sie besuchten, blühte ihnen ein glorreicher Empfang; denn hier wohnten die sechs Kinder, die von den öffentlichen Leistungen des Wunderkindes so ganz und gar hingerissen waren, und die jetzt, als man sie um der besagten jungen Dame willen aus der Kinderstube heruntergerufen hatte, ihr mit den Fingern nach den Augen griffen, sie auf die Zehen traten und ihr noch viele andere kleine Aufmerksamkeiten bewiesen, die diesem Lebensalter eigentümlich sind. »Ich werde zuverlässig Herrn Borum bereden, eine ganze Loge zu nehmen«, sagte die Dame des Hauses nach einem ungemein huldreichen Empfange. »Ich will aber nur zwei von den Kindern mitnehmen, die übrigen Plätze aber mit Herren besetzen – Bewunderern von Ihnen, Fräulein Snevellicci. August, du Galgenstrick, laß doch das kleine Mädchen gehen!« Die Schlußworte galten einem jungen Herrchen, das das Wunderkind von hinten kniff, augenscheinlich in der Absicht, sich zu überzeugen, ob es ein wirkliches Mädchen oder eine Puppe wäre. »Sie sind wahrscheinlich sehr ermüdet«, sagte die Mama zu Fräulein Snevellicci; »Ich kann Sie daher unmöglich gehen lassen, ohne daß Sie vorher ein Glas Wein annehmen. Pfui, Charlotte, schäme dich doch! Mamsell Lane, ich muß bitten, daß Sie auf die Kinder besser achthaben.« Mamsell Lane war die Gouvernante, und die an sie gerichtete Aufforderung war durch das zwanglose Benehmen des jüngsten Fräuleins Borum nötig geworden, das dem Wunderkinde den kleinen grünen Sonnenschirm weggemaust hatte und ihn eben fortschleppte, während die bestürzte Eigentümerin trostlos nachsah. »Ach, wo haben Sie auch nur Ihr Spiel gelernt?« fuhr die gutmütige Frau Borum gegen Fräulein Snevellicci fort. »Ich kann gar nicht begreifen – Emma, laß doch diese Grimmassen –, wie man in dem einen Augenblick lachen und dem andern weinen kann; und das alles so natürlich! –« »Ich fühle mich ungemein glücklich, aus Ihrem Munde ein so günstiges Urteil zu vernehmen«, sagte Fräulein Snevellicci. »Ich bin ganz entzückt, mich Ihres Beifalls zu erfreuen.« »Ja, ja, wem sollten Sie nicht gefallen?« rief Madame Borum. »Ich würde zweimal wöchentlich ins Theater gehen, wenn ich könnte, denn ich bin ganz darin vernarrt. Sie werden nur bisweilen gar zu rührend. Sie versetzen mich in einen Zustand, daß ich laut aufschluchzen muß! Barmherziger Himmel, Mamsell Lane, wie können Sie nur zusehen, wenn die Rangen das arme Kind so quälen.« Das Wunderkind war wirklich auf gutem Wege, in Stücke zerrissen zu werden; denn zwei kräftige kleine Jungen hatten sich ihrer Hände bemächtigt und zogen sie, um ihre Stärke zu versuchen, nach verschiedenen Richtungen. Mamsell Lane waren übrigens die erwachsenen Schauspieler viel zu wichtig, als daß sie auf solche Kleinigkeiten hätte achten können, weshalb sie erst infolge dieser Aufforderung dem kleinen Mädchen zu Hilfe kam. Man erquickte es nun mit einem Glas Wein, und bald nachher entfernte es sich mit seinen Begleitern, ohne einen ernsteren Schaden genommen zu haben, als daß sein rosa Gazehut plattgedrückt und das weiße Kleid nebst den Höschen ziemlich zerknüllt worden war. Es war in der Tat ein Morgen der Prüfung; denn noch viele andere Häuser mußten besucht werden, und jedermann wollte etwas anderes. Einige wünschten Trauerspiele, andere Lustspiele, die einen machten Einwürfe gegen den Tanz, die andern wollten fast nichts als Tänze. Einige meinten, der komische Sänger wäre entschieden schlecht, andere hofften, er würde mehr zu tun bekommen, als gewöhnlich der Fall wäre. Einige wollten nicht versprechen zu kommen, weil andere nicht hatten versprechen wollen zu kommen, und wieder andere Leute wollten nicht kommen, weil andere kamen. Fräulein Snevellicci mußte in dem einen Haus versichern, daß sie etwas weggelassen, in dem andern, daß sie etwas beifügen wolle, und verpflichtete sich zu einem Theaterzettel, der, wenn er auch sonst kein anderes Verdienst hätte, wenigstens umfassend genug wäre (er enthielt nämlich unter andern Kleinigkeiten vier Stücke: einige Arien, ein paar Zweikämpfe und mehrere Tänze), und dann kehrten sie völlig erschöpft von der Anstrengung des Tages nach Hause zurück. Nicolaus beendigte sein Stück, von dem sogleich eine Leseprobe gehalten wurde, und machte sich dann an seine eigene Rolle, die er mit großem Fleiße einstudierte und nach dem Urteil der ganzen Gesellschaft ganz vortrefflich spielte. Endlich erschien der große Tag. Die Ausrufer wurden am Morgen herumgeschickt, um die Unterhaltung des Abends in allen Straßen bei dem Klang der Schelle zu verkündigen. Besondere Zettel von drei Fuß Länge und neun Zoll Breite wurden in allen Richtungen ausgeteilt, in die Hausflure geworfen, unter die Türklopfer gesteckt, in allen Läden aufgelegt und auch an den Wänden der Häuser angeklebt, obgleich hier der Erfolg nicht vollkommen entsprach; denn wegen Krankheit des regelmäßigen Zettelanklebers hatte eine nicht wissenschaftlich gebildete Person dieses Amt übernommen und einen Teil in die Quere und den Rest verkehrt aufgepappt. Um halb sechs Uhr strömten vier Leute nach der Galerietür: um dreiviertel auf sechs waren es wenigstens ein Dutzend; um sechs Uhr waren die Fußstöße gegen die Tür fürchterlich: und als der ältere Herr Crummles endlich öffnete, sah er sich genötigt, hinter die Tür zu treten, um sein Leben zu retten. In den ersten zehn Minuten waren schon fünfzehn Schillinge in die Kasse geflossen. Hinter den Kulissen herrschte dieselbe ungewohnte Aufregung. Fräulein Snevellicci war so in Schweiß gebadet, daß die Schminke kaum auf ihrem Gesicht halten wollte. Madame Crummles fühlte sich so angegriffen, daß sie sich kaum auf ihre Rolle besinnen konnte. Fräulein Bravassas Haare gingen vor Hitze und Angst aus den Locken, der Direktor selbst aber sah fleißig durch das Loch im Vorhang und eilte hin und wieder zurück, um anzukünden, daß wieder ein Neuer in dem Parterre angekommen wäre. Endlich schwieg das Orchester, und der Vorhang ging in die Höhe. Die erste Szene, in der nichts Besonderes vorfiel, lief ruhig genug ab, aber als in der zweiten Demoiselle Snevellicci von dem Wunderkinde begleitet auftrat – welch ein donnernder Beifallslärm! Die Leute in der Borumloge standen wie ein Mann auf, winkten mit ihren Hüten und Taschentüchern und brüllten ihre Bravos. Madame Borum und die Gouvernante warfen Kränze auf die Bühne, von denen einige die Lampen umwarfen und einer die Schläfen eines dicken Herrn im Parterre kränzte, der vor lauter Aufmerksamkeit, die er dem Stücke schenkte, dieser Ehre gar nicht einmal gewahr wurde. Der Schneider und seine Familie trampelten gegen das Getäfel der oberen Logen, daß es beinahe in Trümmer ging: der Ingwerbierjunge blieb ganz bezaubert in der Mitte des Hauses stehen, und ein junger Offizier, der als ein Anbeter der Demoiselle Snevellicci galt, drückte sein Monokel ins Auge, vielleicht um eine Träne zu verbergen. Fräulein Snevellicci knixte immer tiefer, und immer lauter und stürmischer wurde der Applaus. Er erreichte endlich seine höchste Höhe, als das Wunderkind einen der rauchenden Kränze aufhob und ihn von der Seite über Fräulein Snevelliccis Auge hielt, worauf das Stück seinen Fortgang nahm. Aber als Nicolaus mit Madame Crummles seine Glanzszene aufführte – welch ein Klatschen ging da nicht los! Als ihn Madame Crummles (die seine unwürdige Mutter war) mit Hohnlachen einen anmaßenden Knaben nannte, und er ihr kühn Trotz bot – welch ein wütender Applaus! Als er mit dem andern Herrn wegen der jungen Dame Händel bekam und, ein Kästchen mit Pistolen hervorholend, erklärte, daß er sich, wenn er ein Mann von Ehre wäre, mit ihm in diesem Zimmer schießen müßte, bis das Mobilar mit dem Blut des einen, wenn nicht beider, bespritzt sei – zu welch einstimmigem Jubelruf vereinigten sich da nicht die Logen, Parterre und Galerie! Als er seiner Mutter allerlei Ehrentitel gab, weil sie das Vermögen der jungen Dame nicht herausgeben wollte, worauf sie endlich nachgab und dadurch auch ihn weicher stimmte, so daß er auf ein Knie niedersank und um ihren Segen flehte, wie weinten und schluchzten nicht da die Damen des Auditoriums alle zusammen! Als er hinter dem Vorhang versteckt war und der verruchte Verwandte mit einem scharfen Schwerte nach allen Richtungen, nur nicht nach der, wo man deutlich seine Beine sehen konnte, hinstieß, – welch ein Angstruf tönte dabei nicht durch das ganze Haus! Seine Miene, seine Haltung, sein Gang, sein Blick und alles, was er sagte oder tat, wurde gepriesen. Sooft er sprach, erscholl Beifallsrauschen durch den Raum. Und als endlich in der Brunnen- und Waschzuberszene Madame Grudden das bengalische Feuer anzündete und alle bei der Szene nicht beteiligten Mitglieder der Gesellschaft hereinkamen, um in verschiedenen Richtungen niederzustürzen – nicht weil solcherlei etwas mit der Entwickelung zu tun hatte, sondern bloß um mit einem Tableau zu enden –- so machte sich das Auditorium, das inzwischen beträchtlich angewachsen war, durch einen so tobenden, wiehernden und stampfenden Jubel Luft, wie er in Jahr und Tag in diesen Mauern nicht gehört worden war. Mit einem Wort: das Glück sowohl des neuen Stückes wie des neuen Schauspielers war gemacht, und als Fräulein Snevellicci am Schlusse der Vorstellung herausgerufen wurde, präsentierte sie sich an Nicolaus' Arm, der an ihrem Beifall teilnahm. Fünfundzwanzigstes Kapitel. Handelt von einer jungen Dame aus London, die sich der Gesellschaft anschließt, und einem ältlichen Bewunderer derselben, der ihrem Schlepptau folgt; nebst einer rührenden Zeremonie, die nach ihrer Ankunft stattfindet. Da das neue Stück entschieden Furore gemacht hatte, so sollte es bis auf weitere Ankündigung jeden Vorstellungsabend gegeben werden. Auch wurden die Abende, an denen das Theater geschlossen blieb, von drei auf zwei in der Woche herabgesetzt. Dies waren jedoch nicht die einzigen Beweise des außerordentlichen Glücks, das das Stück gemacht hatte, denn an dem nächsten Sonnabend war die unermüdliche Madame Grudden so gefällig, Nicolaus nicht weniger als dreißig Schillinge einzuhändigen; und außer dieser materiellen Belohnung erfreute er sich auch sonst noch hoher Ehren und Auszeichnungen, indem ihm z. B. Herr Curdle einen Abdruck seiner Abhandlung über den »seligen Mann« nebst einer eigenhändigen Widmung auf dem Deckblatt – an sich schon ein unbezahlbarer Schatz – nebst einem Schreiben zuschickte, das große Lobeserhebungen und die unverlangte Versicherung enthielt, Herr Curdle würde sich glücklich schätzen, ihm während seines Aufenthalts in der Stadt jeden Morgen vor dem Frühstück drei Stunden lang den Shakespeare vorzulesen. »Ich habe wieder was Neues, Johnson«, sagte Herr Crummles eines Morgens mit vor Freude leuchtenden Augen. »Und das wäre?« versetzte Nicolaus. »Vielleicht den Pony?« »Nein, nein, wir kommen erst an den Pony, wenn alles andere fehlschlägt«, sagte Crummles. »Überhaupt glaube ich nicht, daß wir in dieser Saison den Pony brauchen werden. Nein, nein, der Pony ist's nicht.« »Haben Sie vielleicht ein Wunderkind in Knabengestalt aufgefunden?« riet Nicolaus. »Es gibt nur ein Wunderkind, Sir, und das ist ein Mädchen«, entgegnete der Direktor mit Nachdruck. »Sehr wahr«, erwiderte Nicolaus; »ich bitte um Verzeihung. Ich gestehe übrigens, daß es jetzt mit meinem Raten zu Ende ist.« »Was sagen Sie zu einer jungen Dame aus London?« fragte Herr Crummles; »einer Demoiselle so und so von dem königlichen Drurylane-Theater?« »Das würde sich allerdings auf den Theaterzetteln recht gut ausnehmen«, antwortete Nicolaus. »Sie haben recht«, sagte Herr Crummles, »und wenn Sie gesagt hätten, sie würde sich auch auf der Bühne gut ausnehmen, so wäre es auch nicht weit fehlgeschossen. Sehen Sie einmal her! Was halten Sie davon?« Mit dieser Frage rollte Herr Crummles einen blauen und einen gelben Anschlagzettel auf, deren jeder oben in ungeheuren Buchstaben die Aufschrift trug: »Erste Gastrolle der unvergleichlichen Demoiselle Petowker von dem königlichen Drurylane-Theater!« »Mein Gott!« rief Nicolaus, »diese Dame kenne ich.« »Dann kennen Sie so viel Talent, wie je in dem Leibe eines jungen Frauenzimmers eingeschlossen war«, entgegnete Herr Crummles, indem er die Zettel wieder zusammenpackte; »das heißt: Talent von einer gewissen Art – von einer gewissen Art.« »›Die Bluttrinkerin‹«, fügte Herr Crummles mit einem prophetischen Seufzer bei, »›die Bluttrinkerin‹ wird mit diesem Mädchen sterben. Auch ist sie von allen, die mir zu Gesichte kamen, die einzige Fee, die wie eine echte Fee auf einem Beine stehen und auf dem andern Knie das Tamburin schlagen kann.« »Wir erwarten sie heute«, versetzte Herr Crummles. »Sie ist elne alte Freundin von meiner Frau. Madame Crummles erkannte ihr Talent und sah voraus, was kommen mußte. Was sie kann, hat sie fast alles von meiner Frau gelernt. Madame Crummles war die ursprüngliche Bluttrinkerin.« »Was Sie sagen!« »Ja, aber sie mußte es aufgeben.« »Behagte es ihr nicht mehr?« fragte Nicolaus lächelnd. »Nicht so sehr ihr, aber dem Publikum«, antwortete Herr Crummles. »Niemand konnte es dabei aushalten; es war zu schrecklich. Sie wissen noch nicht ganz, was Madame Crummles zu leisten imstande ist.« Nicolaus wagte zu bemerken, er meine doch, es zu wissen. »Nein, nein, das ist rein unmöglich«, sagte Herr Crummles. »Ich selbst kenne sie noch nicht ganz genau, wie auch die Welt sie erst zu schätzen wissen wird, wenn sie tot ist. Mit jedem Jahre ihres Lebens gibt diese außerordentliche Frau neue Proben ihres Talents. Sehen Sie sie an – Mutter von sechs Kindern – drei von ihnen noch am Leben und alle auf den Brettern.« »Außerordentlich!« rief Nicolaus. »Ja, in der Tat außerordentlich«, versetzte Herr Crummles mit einem ernsten Kopfschütteln, indem er selbstgefällig eine Prise nahm. »Ich gebe Ihnen mein Künstlerwort, daß ich bis zu ihrem letzten Benefiz nicht einmal wußte, daß sie tanzen konnte. Sie spielte damals die Julia und die Helene Mac Gregor und tanzte zwischen beiden Stücken den Schwungseilhornpipe. Als ich die wundervolle Frau zum ersten Male sah, Johnson«, fuhr Herr Crummles etwas nähertretend fort, indem er den Ton zutraulicher Freundschaft annahm, – »als ich sie zum ersten Male sah, stand sie, umgeben von blendendem Feuerwerk, mit dem Kopfe auf einem Speerschaft.« »Sie machen mich staunen«, sagte Nicolaus. » Sie machte mich staunen!« entgegnete Herr Crummles mit einem sehr ernsten Gesicht. »Eine solche Anmut mit so viel Würde gepaart. Ich betete sie an – von diesem Augenblick.« Die Ankunft der hochbegabten Dame, der diese Bemerkungen galten, machte den Lobeserhebungen des Schauspieldirektors ein jähes Ende. Fast unmittelbar darauf trat Herr Percy Crummles mit einem an seine gnädige Frau Mama adressierten Briefe ein, der durch die Post angekommen war. Bei dem ersten Blick auf die Überschrift rief Madame Crummles: »Ha, von Henriette Petowker!« und war augenblicklich in den Inhalt des Schreibens vertieft. »Ist es – –« fragte der Schauspieldirektor zögernd. »Ja, ja, es ist alles in Ordnung«, versetzte Madame Crummles, der Frage vorgreifend. »Wie trefflich für sie – in der Tat!« »Ich denke, es ist das Beste, was mir je vorgekommen ist«, erwiderte Herr Crummles. Und dann brachen Herr Crummles, Madame Crummles und Herr Percy in ein gewaltiges Gelächter aus. Nicolaus überließ es ihnen, unter sich lustig zu sein, und ging nach seiner Wohnung, nicht wenig verwundert, welches mit dem Namen Petowker verknüpfte Geheimnis wohl diese Heiterkeit hervorgerufen haben mochte. Zugleich dachte er auch an die große Überraschung, die diese Dame an den Tag legen würde, wenn sie ihn selbst in den Reihen einer Kunst finden würde, der sie zu einer so schönen und leuchtenden Zierde gereichte. In der letzteren Hinsicht hatte er sich jedoch geirrt; denn – sei es, daß Herr Vincent Crummles den Weg gebahnt, oder daß Fräulein Petowker besondere Gründe hatte, ihn sogar mit mehr als gewöhnlicher Zuvorkommenheit zu behandeln – ihre Begegnung auf dem Theater des andern Tages glich mehr der zweier Freunde, die sich von Jugend auf liebten, als einem Wiedersehen zwischen einer Dame und einem Herrn, die sich nur ein halbdutzendmal und dann auch nur zufällig gesehen hatten. Ja, Fräulein Petowker flüsterte ihm sogar zu, daß sie in ihren Gesprächen mit der Familie des Direktors kein Wörtchen von den Kenwigsen habe fallen lassen. Sie hätte im Gegenteil versichert, daß sie Herrn Johnson in den ersten und vornehmsten Gesellschaftskreisen begegnet wäre. Als aber Nicolaus bei dieser Eröffnung sein Staunen nicht verbergen konnte, fügte sie mit einem holden Blicke bei, daß sie jetzt Anspruch auf seine Freundschaft hätte und diese vielleicht in kurzem auf die Probe stellen würde. Nicolaus hatte noch an demselben Abend die Ehre, mit Fräulein Petowker in einem kleinen Stücke aufzutreten, und es konnte ihm nicht entgehen, daß der Beifall, der ihr zuteil wurde, hauptsächlich einem ungemein beharrlichen Regenschirm in den oberen Logen zuzuschreiben war. Er bemerkte auch, daß die bezaubernde Darstellerin manchen holden Blick nach der Richtung, woher diese Töne kamen, schießen ließ, und daß dann jedesmal der Regenschirm aufs neue losbrach. Einmal kam es ihm vor, als ob ein eigentümlich geformter Hut in jener Ecke ihm nicht ganz unbekannt wäre. Da er jedoch von seiner Rolle zu sehr in Anspruch genommen war, schenkte er diesem Umstand keine große Aufmerksamkeit, wie er denn auch das Ganze, als er zu Hause anlangte, wieder völlig vergessen hatte. Er saß eben mit Smike beim Nachtessen, als jemand von den Hausleuten an der Tür pochte und einen Herrn anmeldete, der unten wäre und Herrn Johnson zu sprechen wünschte. »Je nun, da kann ich weiter nichts sagen, als daß er heraufkommen soll«, versetzte Nicolaus. »Wahrscheinlich ein hungriger Kollege, Smike.« Smike betrachtete den kalten Braten, berechnete schweigend, wieviel wohl für das Mittagessen des nächsten Tages übrigbleiben dürfte, und legte ein Stückchen, das er für sich selbst abgeschnitten hatte, wieder zurück, damit die Eingriffe des Gastes in ihren Wirkungen weniger verheerend sein möchten. »Es ist niemand, der früher hier war«, sagte Nicolaus, »denn er stolpert auf jeder Treppe. Herein, herein! – Im Namen aller Wunder – Herr Lillyvick!« Es war in der Tat der Einnehmer der Wassersteuer, der Nicolaus mit festem Blicke und unbeweglichen Zügen ansah, ihm mit feierlicher Wichtigkeit die Hand reichte und sich in dem Kaminwinkel niederließ. »Wann sind Sie angekommen?« fragte Nicolaus. »Diesen Morgen, Sir«, versetzte Herr Lillyvick. »Ah, ich sehe; dann waren Sie diesen Abend im Theater und es war Ihr Regen – –« »Dieser Regenschirm«, sagte Herr Lillyvick, indem er einen plumpen, grünbaumwollenen Schirm mit umgedrückter Zwinge hervorzog. »Wie gefiel Ihnen Fräulein Petowkers Spiel?« »Soweit ich es von der Bühne aus betrachten konnte, recht nett«, versetzte Nicolaus. »Nett?« rief der Steuereinnehmer. »Ich sage Ihnen, Sir, es war entzückend.« Herr Lillyvick beugte sich vor, um das »Entzückend« mit um so größerem Nachdruck auszusprechen, richtete sich dann wieder empor und gab einiges Stirnrunzeln und Kopfnicken zum besten. »Ich sage entzückend«, wiederholte Herr Lillyvick, »hinreißend, zauberhaft, gewaltig.« Und abermals bog sich Herr Lillyvick zurück, aufs neue nickend und die Stirne runzelnd. »Ah«, entgegnete Nicolaus, ein wenig überrascht bei diesen Symptomen einer ekstatischen Bewunderung. »Ja – sie ist eine begabte Dame.« »Eine Göttin«, erwiderte Herr Lillyvick, indem er seinen Steuereinnehmer-Doppelschlag mit dem vorerwähnten Regenschirm auf dem Boden ausführte. »Ich habe seinerzeit göttliche Schauspielerinnen gekannt, Sir – ich hatte die Wassersteuer einzusammeln – wenigstens mußte ich sie einfordern – und zwar sehr oft einfordern – in dem Hause einer göttlichen Schauspielerin, die vier Jahre lang in meinem Viertel wohnte; aber nie – nein, nie, Sir – habe ich unter allen göttlichen Wesen, Schauspielerin oder nicht, ein göttlicheres gesehen, als Henriette Petowker.« Nicolaus hatte Mühe, ein Lächeln zu unterdrücken, weshalb er es auch nicht einmal wagte, zu sprechen, sondern nur im Einklang mit Herrn Lillyvicks Nicken gleichfalls nickte und stumm blieb. »Ich möchte wohl ein Wörtchen unter vier Augen mit Ihnen sprechen«, sagte Herr Lillyvick. Nicolaus warf willfahrend Smike einen Blick zu, der den Wink verstand und sich entfernte. »Es ist etwas Erbärmliches um einen Hagestolz, Sir«, sagte Herr Lillyvick. »Meinen Sie?« versetzte Nicolaus. »Ja«, entgegnete der Steuereinnehmer. »Ich habe an sechzig Jahre in der Welt gelebt und sollte mich daher wohl auf die Sache verstehen.« »Das solltest du freilich«, dachte Nicolaus, »aber ob du's tust, ist eine andere Frage.« »Wenn sich ein Hagestolz zufällig ein bißchen Geld erspart hat«, fuhr Herr Lillyvick fort, »so sehen Schwestern und Brüder, Neffen und Nichten auf das Geld und nicht auf ihn. Ja, sie wünschen ihm, selbst wenn er ein öffentlicher Charakter und somit das Haupt der Familie, oder gewissermaßen der Stamm ist, an den alle anderen kleineren Zweige sich anschmiegen, ohne Unterlaß den Tod und werden niedergeschlagen, sooft sie ihn bei guter Gesundheit sehen, weil es ihnen um nichts zu tun ist, als um in den Besitz seines kleinen Eigentums zu kommen. Verstanden?« »O ja«, versetzte Nicolaus, »Sie haben ohne Zweifel vollkommen recht.« »Der Hauptbeweggrund, warum man unverehelicht bleibt«, nahm Herr Lillyvick wieder auf, »ist der Kostenpunkt. Das ist's, was mich immer abgehalten hat; sonst – ach du mein Himmel!« sagte Herr Lillyvick, mit den Fingern schnippend, – »sonst hätte ich wohl fünfzig Frauen haben können.« »Schöne Frauen?« fragte Nicolaus. »Schöne Frauen«, antwortete der Steuereinnehmer. »Freilich nicht so schön, wie Henriette Petowker; denn sie hat nicht ihresgleichen, aber ich versichere Ihnen – immerhin Frauen, wie sie einem nicht alle Tage in den Weg kommen. Setzen wir nun den Fall, der Mann kann in seiner Frau, statt mit seiner Frau Vermögen bekommen – wie?« »Ei, dann ist er ein glücklicher Mann«, versetzte Nicolaus. »Das ist's, was ich sage«, entgegnete der Steuereinnehmer, indem er Nicolaus wohlwollend mit seinem Regenschirm auf die Schulter klopfte, »genau, was ich sage. Henriette Petowker, die hochbegabte Henriette Petowker hat einen Schatz in sich selbst, und ich bin im Begriff – –« »Sie zu Madame Lillyvick zu machen?« ergänzte Nicolaus. »Nein, Sir, sie soll nicht Madame Lillyvick werden«, erwiderte der Steuereinnehmer. »Schauspielerinnen, Sir, behalten stets ihre Familiennamen bei; das ist so gewöhnlich. – Aber ich bin im Begriff sie zu heiraten; ja, und zwar schon übermorgen.« »Ich gratuliere Ihnen, Sir«, sagte Nicolaus. »Ich danke, Sir«, versetzte der Steuereinnehmer, seine Weste zuknöpfend. »Ich ziehe dann natürlich ihre Gage ein und hoffe, daß es am Ende sich fast ebenso preiswert fügt, zwei Personen zu erhalten als eine – das ist auch wieder ein Trost.« »Sie werden doch in einem solchen Augenblicke keines Trostes bedürfen?« bemerkte Nicolaus. »Nein«, entgegnete Lillyvick mit einem ängstlichen Kopfschütteln: »natürlich nicht.« »Aber warum kommen Sie beide hierher, wenn es Ihre Absicht ist, sich zu heiraten, Herr Lillyvick?« fragte Nicolaus. »Das ist's eben, weshalb ich zu Ihnen komme«, antwortete der Einnehmer der Wassersteuer. »Die Sache verhält sich nämlich so: wir haben es für das beste gehalten, unsere Verbindung vor der Familie geheimzuhalten.« »Familie?« rief Nicolaus. »Vor was für einer Familie?« »Je nun – vor den Kenwigsen«, versetzte Herr Lillyvick. »Wenn meine Nichte und die Kinder nur ein Wörtchen davon vor meiner Abreise erfahren hätten, so hätten sie zu meinen Füßen Krämpfe gekriegt und nicht mehr von mir abgelassen, bis ich ihnen eidlich versichert hätte, nie zu heiraten – oder sie hätten mich für mondsüchtig erklären lassen oder sonst etwas Schreckliches vorgenommen«, sagte der Steuereinnehmer, indem er in der Glut seines Temperamentes am ganzen Leibe bebte. »Ich zweifle allerdings nicht, daß sie eifersüchtig gewesen sein würden«, sagte Nicolaus. »Um dem vorzubeugen«, erwiderte Herr Lillyvick, »haben wir die Verabredung getroffen, daß Henriette Petowker unter dem Vorwande eines Engagements zu ihren Freunden, den Crummles', sich begeben sollte. Ich selber reiste tags zuvor nach Guilford, um sie daselbst zu erwarten, und so kamen wir gestern miteinander hier an. Nun fürchten wir aber, Sie möchten Herrn Noggs schreiben und ihm etwas von unseren Angelegenheiten mitteilen, und so hielten wir es für das beste. Sie in unser Geheimnis einzuweihen. Wir gehen von Crummles' Wohnung aus zur Kirche und werden uns freuen, wenn Sie uns entweder vor der Trauung oder zum Frühstück die Ehre Ihres Besuches schenken wollen. Es wird nicht hoch hergehen«, fügte der Steuereinnehmer, der ängstlich jedes Mißverständnis über diesen Punkt vermeiden wollte, bei – »eben Semmeln und Kaffee, vielleicht mit einer Seegarneele oder etwas der Art, um sich einen guten Geschmack zu verschaffen.« »Ja, ja, ich verstehe«, sagte Nicolaus. »Ich leiste Ihrer Einladung mit dem größten Vergnügen Folge. Wo wohnt Fräulein Petowker – bei Madame Crummles?« »Nein«, versetzte der Steuereinnehmer, »es paßte dort gerade nicht, sie unterzubringen, und so wohnt sie jetzt bei einer Bekannten und noch einer andern jungen Dame, die beide zum Theater gehören.« »Fräulein Snevellicci, denke ich«, sagte Nicolaus. »Ja, so klingt der Name.« »Vermutlich werden das die Brautjungfern sein?« entgegnete Nicolaus. »Ach«, erwiderte der Steuereinnehmer mit einer Jammermiene, »sie wollen vier Brautjungfern haben. Ich fürchte, sie werden es gar zu theatralisch machen.« »O nicht doch, nicht im geringsten«, versetzte Nicolaus mit einem verunglückten Versuch, ein Lachen in ein Husten umzuwandeln. »Wer mögen wohl die vier sein? Natürlich Fräulein Snevellicci – Fräulein Ledrook.« »Das – das Wunderkind«, stöhnte der Steuereinnehmer. »Ha! ha! ha!« brach Nicolaus los, fügte aber schnell bei: »ich bitte um Verzeihung, ich weiß selbst nicht, weshalb ich lachte. – Ja, das wird ganz hübsch werden. Das Wunderkind – wer sonst noch?« »Irgendein anderes junges Frauenzimmer«, versetzte der Steuereinnehmer aufstehend, »eine Freundin von Henriette Petowker. Sie werden doch aber das, was ich Ihnen mitteile, für sich behalten – nicht wahr?« »Sie können sich getrost auf mich verlassen«, entgegnete Nicolaus. »Darf ich Ihnen nichts anbieten?« »Nein«, erwiderte der Steuereinnehmer, »ich habe keinen Appetit. Ich sollte meinen, daß es etwas sehr Angenehmes um das Leben im Ehestand ist – wie?« »Ich bezweifle es nicht im geringsten«, antwortete Nicolaus. »Ja«, sagte der Steuereinnehmer, »gewiß. O ja, kein Zweifel. Gute Nacht.« Mit diesen Worten wandte sich Herr Lillyvick, der diese ganze Zeit über das seltsamste Gemisch von Hast und Bedenklichkeit, Vertrauen und Zweifel, Verliebtheit und Argwohn, Gemeinheit und Hochmut an den Tag gelegt hatte, nach der Tür und überließ es nun Nicolaus, sich seiner Lachlust hinzugeben, solange es ihm behagte. Wir wollen uns nicht mit Untersuchungen aufhalten, ob der nächste Tag Nicolaus aus der gewöhnlichen Anzahl von Stunden zu bestehen schien, sondern bemerken nur, daß unser Freund den mehr unmittelbar bei der bevorstehenden Zeremonie beteiligten Personen in großer Eile entwich: wie denn auch Fräulein Petowker, als sie den darauffolgenden Morgen in Fräulein Snevelliccis Kammer erwachte, die Erklärung abgab, nichts könne sie bereden, daß dies wirklich der Tag wäre, der Zeuge einer so wichtigen Veränderung in ihren häuslichen Verhältnissen sein sollte. »Ich kann's nicht glauben«, sagte Fräulein Petowker: »in der Tat, ich kann's unmöglich glauben. Was nützt all dieses Reden; ich kann mich nimmermehr entschließen, mich einer solchen Prüfung zu unterziehen.« Fräulein Snevellicci und Fräulein Ledrook wußten recht genau, daß der Entschluß ihrer guten Freundin schon seit drei oder vier Jahren feststand, diese verzweifelte Prüfung getrosten Mutes einzugehen, wenn sie nur einen annehmbaren Herrn, der den gleichen Versuch machen wollte, auffinden konnte. Sie begannen daher, ihr Trost und Festigkeit zu predigen und ihr begreiflich zu machen, wie stolz sie sich fühlen dürfe, daß es in ihrer Macht liege, einem verdienstvollen Manne zum dauernden Segen zu werden, und wie notwendig es für das Wohl der Menschheit im allgemeinen sei, daß das zarte Geschlecht bei solchen Anlässen Seelenstärke und Ergebung beweise. Zwar sei nach ihrer Überzeugung das wahre Glück nur in dem ehelosen Leben zu finden, das sie nie gern und in keinem Fall aus irgendeiner weltlichen Rücksicht aufgeben würden. – Trotzdem aber hofften sie, wenn sie je in solche Lage kämen, ihre Pflicht, Gott sei Dank, zu gut zu kennen, um sich allzusehr zu grämen. Sie lebten der Überzeugung, daß sie sich mit Demut und unterwürfigem Sinn dem Schicksal unterwerfen könnten, das ihnen die Vorsehung offenbar nur in der Absicht zuweisen würde, das Glück und das Wohl eines Mitmenschen zu begründen. »Ich könnte es wohl auch nicht anders als schmerzlich empfinden«, sagte Fräulein Snevellicci, »alte Verbindungen abzubrechen, aber ich würde mich fügen, meine Liebe – in der Tat, ich würde mich fügen.« »Ich gleichfalls«, erklärte Fräulein Ledrook, »ja, ich würde das Joch eher suchen als meiden. Ich habe vordem schon manches Herz gebrochen, aber ich beklage es jetzt schmerzlich: denn schuld an einem solchen Tod zu sein, ist ein ewiger Wurm für das Gewissen.« »Ja, so ist es«, bekräftigte Fräulein Snevellicci. »Aber jetzt, liebe Led, müssen wir sie zustutzen, sonst kommen wir in der Tat zu spät.« Diese tröstlichen Gründe, und vielleicht auch die Furcht, zu spät zu kommen, hielten die Braut während der Förmlichkeit des Ankleidens aufrecht; dann aber mußten starker Tee und Rum abwechselnd angewandt werden, um ihre schwachen Glieder so weit zu kräftigen, daß sie stetigen Schrittes einhergehen konnte. »Wie fühlst du dich jetzt, meine Liebe?« fragte Fräulein Snevellicci. »Ach Lillyvick«, rief die Braut, »wenn du wüßtest, was ich um deinetwillen leide!« »Er weiß es natürlich und wird es nie vergessen«, versetzte Fräulein Ledrook. »Glauben Sie?« rief Fräulein Petowker mit einem Pathos, das allein schon ihr Talent für die Bühne bekundet haben würde. »O glauben Sie wirklich, daß Lillyvick es nie – nie vergessen wird?« Wir können nicht vermuten, womit dieser Gefühlsausdruck geendet haben würde, wenn nicht Fräulein Snevellicci in diesem Augenblick die Ankunft der Kutsche verkündigt hätte, was die Braut so verblüffte, daß sie verschiedene beunruhigende Symptome, die stark im Anzuge waren, abschüttelte, an den Spiegel eilte, um ihren Anzug zu mustern, und ganz ruhig erklärte, daß sie zu dem Opfer bereit sei. Sie wurde demgemäß in die Kutsche gehoben, wo sie durch fortwährendes Riechen an Salmiakriechfläschchen und wiederholte Schlucke von Likör und anderen kräftigen Mitteln vor Ohnmächten geschützt wurde, bis man das Haus des Theaterdirektors erreichte. Die zwei jungen Crummles' standen schon mit weißen Kokarden und in den gewähltesten und farbenfunkelndsten Westen aus der Theatergarderobe an der Tür, um sie zu empfangen. Durch die vereinzelten Bemühungen dieser Herren, der Brautjungfern und des Kutschers wurde Fräulein Petowker endlich in einem Zustand völliger Erschöpfung nach dem ersten Stock gebracht, wo sie, sobald sie des jugendlichen Bräutigams ansichtig wurde, mit vielem Anstand in Ohnmacht sank. »Henriette Petowker«, rief der Steuereinnehmer, »ermuntern Sie sich, meine Liebe.« Fräulein Petowker ergriff des Steuereinnehmers Hand, aber die innere Bewegung erstickte ihre Worte. »Ist denn mein Anblick so schrecklich?« rief der Steuereinnehmer. »Ach nein, nein, nein!« rief die Braut; »aber alle Freunde – die teuren Freunde – meiner Jugendjahre – alle verlassen zu müssen – es ist ein herber Augenblick!« Nach diesem Schmerzergusse begann Fräulein Petowker die teuren Freunde ihrer Jugend aufzuzählen, wobei sie die unter ihnen, die zugegen waren, aufforderte, näher zu treten und sie zu umarmen. Als das geschehen war, fiel ihr ein, Madame Crummles sei ihr mehr als eine Mutter, Herr Crummles mehr als ein Vater und die jungen Crummles' nebst Fräulein Ninetta Crummles mehr als Brüder und Schwestern gewesen. Diese verschiedenen Erinnerungen, die jedesmal eine Reihe von Umarmungen zur Folge hatten, nahmen eine schöne Zeit hinweg, so daß man sich genötigt sah, dem Kutscher die allergrößte Eile anzuempfehlen, damit man nicht zu spät in die Kirche käme. Der Zug bestand aus zwei Wagen. In dem ersten saßen Fräulein Bravassa, die vierte Brautjungfer, Madame Crummles, der Steuereinnehmer und Herr Folair, der bei dieser Gelegenheit zum Führer des Bräutigams erwählt worden war. In dem andern befanden sich die Braut, Herr Crummles, Fräulein Snevellicci, Fräulein Ledrook und das Wunderkind. Die Kostüme konnten prachtvoll genannt werden. Die Brautjungfern waren über und über mit künstlichen Blumen bedeckt, und das Wunderkind verschwand beinahe ganz in einer tragbaren Laube, in die man es gesteckt hatte. Die romantische Ledrook trug an ihrer Brust das Miniaturbild eines unbekannten Offiziers, das sie nicht lange vorher – eine wertvolle Erwerbung – auf einer Versteigerung erstanden hatte. Die anderen Damen entfalteten prachtvolle Garnituren imitierter Juwelen, die sich von echten kaum unterscheiden ließen, Madame Crummles aber trug eine ernste und düstere Majestät zur Schau, die die Bewunderung aller Zuschauer auf sich zog. Am auffallendsten und eindrucksvollsten machte sich jedoch die Erscheinung des Herrn Crummles, der den Brautvater vorstellte und infolge eines originellen und glücklichen Gedankens sich für diese Rolle durch eine Theaterperücke, wie man sie auf alten Münzen sieht, einen schnupftabakfarbigen Anzug nach dem Schnitt des vorigen Jahrhunderts, grauseidene Strümpfe und Schnallenschuhe zustutzte. Um seinem angenommenen Charakter noch mehr Ehre zu machen, hatte er sich entschlossen, den Tiefgerührten zu spielen, weshalb denn auch, als er in die Kirche trat, das Schluchzen des zärtlichen Vaters so herzzerreißend wurde, daß ihm der Küster den Rat gab, er möchte sich in die Sakristei zurückziehen und vor dem Beginn der Feierlichkeit durch ein Glas Wasser stärken. Der Gang durch die Kirche war wunderschön. Die Braut und vier Brautjungfern bildeten eine zum voraus einstudierte Gruppe. Der Steuereinnehmer ging vor seinem Führer her, der zur unbeschreiblichen Belustigung einiger Theaterfreunde, die von der Empore aus zusahen, den Gang und die Gebärden des Bräutigams nachäffte. Diesem folgte in wankender und unsicherer Haltung Herr Crummles, und Madame Crummles beobachtete ihren gewohnten Theatergang, in dem stets ein Schritt mit einer Pause abwechselte. Mit einem Wort, die Prozession war das Vollkommenste, was je ein Menschenauge gesehen hatte. Die Trauung ging ungemein rasch vonstatten; und nachdem sich alle Anwesenden in das Kirchenregister eingeschrieben hatten (zu welchem Zwecke Herr Crummles, als die Reihe an ihn kam, sorgfältig eine ungeheure Brille abwischte und auf die Nase setzte), kehrten sie in ungemein heiterer Stimmung zum Frühstück zurück. Hier fanden sie auch Nicolaus, der ihrer Ankunft harrte. »Wohlan jetzt«, sagte Crummles, der Madame Grudden in den Vorbereitungen, die übrigens in einem großartigeren Maßstabe, als dem Steuereinnehmer gutdünken mochte, ausgeführt worden waren, Beistand geleistet hatte, »zum Frühstück! zum Frühstück!« Es bedurfte keiner zweiten Einladung. Die Gesellschaft drückte sich an dem Tisch, so gut es gehen wollte, zusammen und griff ohne weitere Umstände zu. Fräulein Petowker wurde jedesmal bis über die Ohren rot, wenn sie jemand ansah, und aß sehr viel, wenn sie niemand ansah. Herr Lillyvick aber ging mit dem besonnenen Entschluß ans Werk, da alle diese guten Happen doch aus seinem Beutel bezahlt werden müßten, den Crummles' so wenig wie möglich übrig zu lassen. »Das war sehr bald abgetan, Sir – haben Sie's nicht auch so gefunden?« fragte Herr Folair den Steuereinnehmer, sich nach dem genannten Herrn über den Tisch beugend. »Was war abgetan, Sir?« entgegnete Herr Lillyvick. »Das Zusammenknüpfen – das Angebundenwerden an eine Frau«, versetzte Herr Folair. »Es hat nicht lange gedauert – oder?« »Nein, Sir«, erwiderte Herr Lillyvick errötend, »es dauerte nicht lange. Und was weiter, Sir?« »Ach nichts«, sagte der Schauspieler. »Man braucht nicht lange, um sich zu hängen – so oder so. Hab ich nicht recht? Ha, ha, ha!« Herr Lillyvick legte Messer und Gabel nieder und sah sich mit entrüsteter Verwunderung an dem Tische um. »Sich zu hängen?« wiederholte Herr Lillyvick. Ein tiefes Schweigen herrschte in der ganzen Gesellschaft; denn Herrn Lillyvicks würdevolle Miene ging über alle Beschreibung. »Sich zu hängen?« rief Herr Lillyvick abermals. »Will man in dieser Gesellschaft einen Vergleich zwischen Heiraten und Hängen ziehen?« »In beiden handelt sich's bekanntlich um den Knoten«, bemerkte Herr Folair etwas verblüfft. »Um einen Knoten, Sir?« entgegnete Herr Lillyvick. »Wagt es jemand, in meiner Gegenwart von einem Knoten und Henriette Pe – –« »Lillyvick«, verbesserte Herr Crummles. »– und Henriette Lillyvick in einem Atem zu sprechen?« fuhr der Steuereinnehmer fort. »Müssen wir in diesem Hause in Gegenwart von Herrn und Madame Crummles, die eine talentvolle und tugendhafte Familie zu Segnungen des Himmels, zu Wunderkindern und zu Gott weiß was erzogen haben, von Knoten sprechen hören?« »Folair«, sagte Herr Crummles, der infolge dieser Anspielung auf ihn und sein Ehegemahl die Angelegenheit als einen Ehrenpunkt nehmen zu müssen glaubte, »Sie setzen mich in Erstaunen.« »Wüßte nicht, inwiefern«, versetzte der unglückliche Witzmacher. »Was hab' ich denn verbrochen?« »Verbrochen, Sir?« rief Herr Lillyvick. »Sie haben einen Streich geführt auf das ganze Gebäude der menschlichen Gesellschaft.« »Und auf die edelsten und zartesten Gefühle«, fügte Crummles bei, die Rolle des Brautvaters wieder aufnehmend. »Und die höchsten und achtbarsten geselligen Bande«, erklärte der Steuereinnehmer. »Knoten! Als ob man gefangen und an den Füßen gebunden in den Stand der heiligen Ehe träte und nicht aus freiem Willen und hohem Selbstbewußtsein die feierliche Handlung beginge!« »Eine derartige Deutung kam mir nicht entfernt in den Sinn«, entgegnete der Schauspieler; »doch da Sie die Sache empfindlich nehmen, so erkläre ich, daß mir meine Bemerkung leid tut. Mehr kann ich nicht sagen.« »Sie muß Ihnen auch leid tun«, erwiderte Herr Lillyvick, »und es freut mich, zu hören, daß Sie wenigstens noch so viel Ehrgefühl im Leibe haben.« Da der Streit durch diese Erklärung abgetan zu sein schien, hielt es Madame Lillyvick, weil jetzt die Aufmerksamkeit der Gesellschaft nicht länger zerstreut war, für passend, in Tränen auszubrechen und den Beistand aller vier Brautjungfern in Anspruch zu nehmen, der auch, jedoch nicht ohne einige Verwirrung, geleistet wurde; denn das Zimmer war klein und das Tafeltuch lang, und so wurde bei der ersten Bewegung ein Eßservice über den Tisch hinuntergefegt. Ungeachtet dieses Unfalls wies jedoch Madame Lillyvick jeden Trost zurück, bis endlich die kriegführenden Parteien ihr versprochen hatten, den Streit nicht weiterzuführen, wozu sie sich denn nach reichlich bekundetem Widerstreben bewegen ließen. Aber von dieser Zeit an saß Herr Folair in verdrießlichem Schweigen da, indem er sich damit begnügte, wenn etwas danach gesprochen wurde, Nicolaus ins Bein zu kneifen, um dadurch seine Verachtung gegen den Sprecher sowohl, als gegen die ausgesprochenen Gefühle kundzutun. Es wurde nun eine Reihe von Reden gehalten, eine von Nicolaus, eine von Crummles und eine von dem Steuereinnehmer; zwei von den jungen Herrn Crummles', um für sich selbst ihren Dank abzustatten, und eine von dem Wunderkind im Namen der Brautjungfern, wobei Madame Crummles Tränen vergoß. Dann ging es an ein Singen, Fräulein Ledrook und Fräulein Bravassa ließen sich hören, und wahrscheinlich wäre die Reihe auch noch an andere gekommen, wenn nicht der Mietkutscher, der das glückliche Paar nach Ryde bringen sollte, wo es das Dampfboot besteigen wollte, die Erklärung abgegeben hätte, daß er, wenn seine Passagiere nicht auf der Stelle kämen, achtzehn Pence über das Bedungene fordern würde. Diese verzweifelte Drohung sprengte die Gesellschaft auseinander. Nach einem überaus pathetischen Abschied reiste Herr Lillyvick mit seiner höchst liebenswürdigen Braut nach Ryde ab, wo sie die nächsten zwei Tage in tiefster Zurückgezogenheit zubringen wollten. Das Wunderkind begleitete sie; denn Herr Lillyvick hatte sie deshalb ausdrücklich zur Reisebrautjungfer erkoren, weil die Inhaber des Dampfbootes durch ihre Kleinheit getäuscht werden sollten und dann nur den halben Passagierpreis berechnen konnten. Da an diesem Abend kein Theater war, so erklärte Herr Crummles, daß man bis zum letzten Tropfen beisammenbleiben sollte. Aber Nicolaus, der des andern Abends zum erstenmal den Romeo spielen sollte, benutzte eine gelegentliche kleine Aufregung, die durch unerwartet deutliche Symptome von Trunkenheit in dem Benehmen der Madame Grudden veranlaßt wurde, und schlich sich fort. Nicolaus wurde zu diesem Ausrücken nicht bloß durch seine eigene Neigung, sondern auch durch seine Besorgnisse wegen Smike veranlaßt, der in der Rolle des Apothekers auftreten sollte und von derselben bis jetzt noch nichts als den allgemeinen Begriff hatte in den Kopf bringen können, daß er sehr hungrig wäre. Das hatte er – vielleicht infolge alter Erinnerungen – sehr bald kapiert. »Ich weiß nicht, was da zu tun ist, Smike«, sagte Nicolaus, das Buch niederlegend. »Ich fürchte, du kannst deine Rolle nicht lernen, armer Kerl.« »Das würde mir keine Mühe machen«, sagte Smike kopfschüttelnd. »Ich denke, wenn Sie – aber das würde Ihnen zu viele Mühe verursachen.« »Was meinst du?« fragte Nicolaus. »Um mich darfst du unbesorgt sein.« »Ich denke«, entgegnete Smike, »wenn Sie mir's einigemal in kurzen Sätzen vorsagen wollten, so würde ich wohl imstande sein, es zu behalten.« »Meinst du?« erwiderte Nicolaus. »Wohlan, wir wollen sehen, wer zuerst müde wird. Ich gewiß nicht, Smike. Beginnen wir also. ›Wer ruft so laut?‹« »›Wer ruft so laut?‹« sagte Smike. »›Wer ruft so laut?‹« wiederholte Nicolaus. »›Wer ruft so laut?‹« schrie Smike. So fuhren sie fort, sich gegenseitig zu fragen, wer so laut rufe; und als sich Smike dieses gemerkt hatte, ging Nicolaus zu einem weiteren Satz und dann zu zweien und endlich zu dreien auf einmal über, bis gegen Mitternacht der arme Smike zu seiner unaussprechlichen Freude fand, daß er wirklich etwas von seiner Rolle gelernt hätte. Am andern Morgen früh ging das Examen aufs neue an, und Smike, der durch die bereits gemachten Fortschritte zuversichtlicher wurde, lernte schneller und besser. Sobald er die Worte ordentlich eingelernt hatte, zeigte ihm Nicolaus, wie er seine beiden Hände auf den Magen halten und denselben hin und wieder reiben müsse. Damit sollte er der bei dem Theatervolk üblichen pantomimischen Andeutung, daß man essen möchte, nachkommen. Nach der Morgenprobe gingen sie wieder ans Werk und fuhren fort, bis es Zeit war, abends im Theater zu erscheinen, indem sie ihre Studien nur durch ein eilig eingenommenes Mittagessen unterbrachen. Nie hatte ein Lehrer einen aufmerksameren, bescheideneren und lernbegierigeren Schüler, aber auch nie ein Schüler einen geduldigeren, unermüdlicheren, umsichtigeren und wohlwollenderen Lehrer. Sogar als sie schon angekleidet waren, und sooft Romeo nicht in der Szene zu erscheinen hatte, setzte Nicolaus seinen Unterricht fort. Er führte zu einem günstigen Erfolge. Romeo wurde mit dem lebhaftesten Beifall aufgenommen und Smike einstimmig, sowohl von dem Publikum wie von den Schauspielern, für den König aller Apotheker erklärt. Sechsundzwanzigstes Kapitel. In dem Käthchen Nicklebys Seelenfrieden in Gefahr gerät. Wir führen den Leser nach einer Reihe schöner Zimmer in der Regentenstraße. Die Zeit ist drei Uhr nachmittags für den geplagten Arbeiter und die erste Morgenstunde für den lustigen Lebemann. Dort finden wir den Lord Friedrich Verisopht und seinen Freund Sir Mulberry Hawk. Das edle Paar lümmelte verdrossen auf zwei Sofas. Zwischen ihnen stand ein Tisch, auf dem die Materialien eines unberührten Frühstücks in bunter Verwirrung umherlagen. Durch das Zimmer waren Zeitungsblätter zerstreut; aber auch diese blieben, wie das Mahl, unbeachtet. Freilich nicht, weil eine lebhafte Unterhaltung die Aufmerksamkeit von den Journalen ablenkte; denn man vernahm keine Silbe aus dem Munde der beiden und auch keinen anderen Ton, als wenn etwa einer von ihnen sich umherwälzte, um eine bequemere Unterlage für seinen schmerzenden Kopf zu suchen, oder wenn er ungeduldig knurrte, was dann den Gefährten in seiner Ruhe störte. Schon diese Merkmale hätten einen hinreichenden Schlüssel zu der Ausdehnung der in der vergangenen Nacht stattgehabten Schwelgerei geben können, wenn auch keine anderen Spuren vorhanden gewesen wären, aus denen die Art ihrer Vergnügungen sich hätte erkennen lassen. Ein paar beschmutzte Billardbälle, zwei zerknüllte Hüte, eine Champagnerflasche, um deren Hals ein unsauberer Handschuh gewunden war, um sie bequemer als eine Angriffswaffe benutzen zu können, ein zerbrochener Stock, umhergestreute Karten, ein leerer Geldbeutel, eine zersprengte Uhrkette, eine Handvoll Silbermünzen mit den Resten halbausgerauchter Zigarren vermischt – diese und andere Abzeichen von Unordnung und Ausschweifung bekundeten unverkennbar die Art, wie sich die beiden gnädigen Herren in der letzten Nacht belustigt hatten. Lord Friedrich Verisopht war der erste, der zu sprechen begann. Er ließ einen bepantoffelten Fuß auf den Boden gleiten, gähnte gewaltig, mühte sich aufzusitzen, heftete die abgelebten Augen auf seinen Freund und rief ihm mit schläfriger Stimme zu. »Was gibt's?« versetzte Sir Mulberry, sich umwendend. »Wollen wir den ganzen Ta-ag hier liegen?« sagte der Lord. »Ich weiß nicht, ob wir zu etwas anderem zu brauchen sind«, entgegnete Sir Mulberry. »Vorderhand können wir wenigstens nichts Besseres tun. Ich habe diesen Morgen kein Quentchen Leben in mir.« »Leben?« rief Lord Verisopht; »mir wäre nichts angenehmer und beha-aglicher, als wenn ich auf der Stelle sterben könnte.« »Nun, warum sterben Sie denn nicht?« erwiderte Sir Mulberry. Mit diesen Worten kehrte er sein Gesicht auf die andere Seite und versuchte aufs neue einzuschlafen. Sein hoffnungsvoller Freund und Zögling zog einen Stuhl an den Frühstückstisch und versuchte zu essen. Als er aber fand, daß dies nicht möglich sei, schleppte er sich nach dem Fenster, schlenderte dann, die Hand an den glühenden Kopf gelegt, im Zimmer auf und ab, warf sich endlich wieder auf das Sofa und weckte seinen Freund aufs neue. »Was zum Teufel wollen Sie denn von mir?« stöhnte Sir Mulberry, indem er sich auf seinem Diwan aufrichtete. Obgleich Sir Mulberry das in ziemlich übler Laune sagte, schien er doch nicht zu glauben, daß er sich ganz ruhig verhalten dürfe; denn nachdem er sich ziemlich oft gerekelt und unter einigem Frösteln erklärt hatte, daß es teufelmäßig kalt wäre, machte er gleichfalls einen Versuch mit dem Frühstück und blieb, da ihm dieser besser gelang als seinem weniger aufgelegten Freunde, an dem Tisch sitzen. »Angenommen«, sagte Sir Mulberry, ein Stückchen Fleisch auf seiner Gabelspitze betrachtend, »wir kämen wieder auf den Nicklebyschen Gegenstand zurück, – wie?« »Welchen Nicklebyschen? Meinen Sie den Geldjuden oder das Mädchen?« fragte Lord Verisopht. »Ich sehe. Sie verstehen mich«, versetzte Sir Mulberry. »Natürlich das Mädchen.« »Sie versprachen mir, sie ausfindig zu machen«, sagte Lord Verisopht. »Wahr«, erwiderte sein Freund, »aber ich habe seitdem reiflicher über die Sache nachgedacht. Sie trauen mir in der Sache nicht, und ich überlasse es daher Ihnen selbst, sie aufzufinden.« »O nicht doch«, antwortete Lord Verisopht. »Und ich sage ja«, versetzte Sir Mulberry. »Forschen Sie nach ihr nur selber nach. Aber ich setze meinen Kopf daran, wenn Sie auch nur eine Spur von ihr ohne mich zu Gesicht bekommen. Doch ich will Sie nicht zappeln lassen. Ich sage. Sie sollen sie auffinden – werden sie auffinden, und ich will Ihnen den Weg andeuten.« »Nun, mich soll der Teufel holen, wenn Sie nicht ein wahrer, verteufelter, aufrichtiger, durch und durch wackerer Freund sind«, entgegnete der junge Lord, auf den diese Worte die belebendste Wirkung geübt hatten. »Ich will Ihnen sagen, wie sich's machen läßt«, versetzte Sir Mulberry. »Sie war bei jenem Diner als ein Köder für Sie zugegen.« »Ha!« rief der junge Lord, »das wäre der Teu–« »Als ein Köder für Sie«, wiederholte sein Freund; »der alte Nickleby hat es mir selbst gesagt.« »Das ist ja ein Mordkerl«, rief Lord Verisopht, »ein nobler Spitzbube.« »Ja«, entgegnete Sir Mulberry, »er wußte, daß sie ein niedliches Geschöpfchen –« »Niedlich?« fiel der junge Lord ein. »So wahr ich lebe, Hawk, sie ist eine vollendete Schönheit, ein – ein Bild, ein Kunstwerk, ein – ein – meiner Seele, das ist sie.« »Meinetwegen«, erwiderte Sir Mulberry, indem er die Achseln zuckte und wenigstens gleichgültig schien, mochte er es nun sein oder nicht. »Das ist Geschmacksache; es ist nur um so besser, wenn der meine nicht mit dem Ihrigen harmoniert.« »Hol Sie der Teufel«, sagte der Lord; »Sie waren an jenem Tage scharf genug auf sie. Ich konnte kaum zu Worte kommen.« »Sie war gut genug für einmal – gut genug für einmal«, versetzte Sir Mulberry, »aber keineswegs so, daß ich es der Mühe wert hielt, ein zweites Mal den Kavalier bei ihr zu spielen. Wenn Sie allen Ernstes die Nichte aufspüren wollen, so sagen Sie dem Onkel, Sie müßten wissen, wo, wie und mit wem sie lebt, oder Sie würden allen Geschäftsverkehr mit ihm abbrechen. Passen Sie auf, er wird's Ihnen schnell genug sagen.« »Warum sagten Sie das nicht schon früher«, fragte Lord Verisopht, »und lassen mich da brennen, vergehen und ein miserables Dasein durch ein ganzes Menschenalter hinschleppen?« »Erstlich wußte ich es nicht«, antwortete Sir Mulberry unbekümmert, »und zweitens glaubte ich nicht, daß es Ihnen so Ernst mit der Sache wäre.« Nun verhielt sich aber die Sache so, daß Sir Mulberry Hawk seit Ralph Nicklebys Diner im geheimen alle ihm zu Gebot stehenden Mittel angewandt hatte, um zu entdecken, woher Käthchen so plötzlich erschienen und wohin sie so plötzlich verschwunden war. Da ihm aber Ralphs Beistand fehlte, den er seit dem damaligen nicht sehr freundlichen Abschied nicht mehr gesehen hatte, so waren alle seine Anstrengungen vergeblich. Dadurch wurde er denn auch bewogen, dem jungen Lord das Wesentliche des Zugeständnisses, das er Ralph, dem Ehrenmanne, entlockt hatte, mitzuteilen. Hierzu bewogen ihn verschiedene Rücksichten, unter denen die Gewißheit, daß der schwache junge Mann alle Nachrichten, die er einzuholen vermochte, ihm mitteilen würde, nicht die geringste war. Der Wunsch nämlich, die Nichte des Wucherers wiederzusehen, durch Anwendung aller seiner Künste ihren Stolz zu beugen und sich für die Verachtung, die sie ihm erwiesen, zu rächen, hatte in seiner Seele ganz die Oberhand gewonnen. Sein Verfahren war dabei allerdings so schlau berechnet, daß sich alles, wie es auch gehen mochte, zu seinem Vorteile wenden mußte. Denn die Tatsache, daß er Ralph Nickleby seine wahre Absicht, warum er Käthchen in eine solche Gesellschaft eingeführt, entlockt hatte, wie auch die hohe Uneigennützigkeit, womit er diese so unverhohlen seinem Freunde mitteilte, mußte nicht nur seinen Plänen in der gedachten Hinsicht förderlich sein, sondern auch die ohnehin schon häufigen Geldwanderungen aus den Taschen des Lord Friedrich Verisopht in die des Sir Mulberry Hawk ungemein erleichtern. So folgerte Sir Mulberry und begab sich daher bald darauf mit seinem Freund zu Ralph Nickleby, um dort einen von ihm entworfenen Feldzugsplan in Gang zu setzen, der angeblich die Absichten seines Freundes unterstützen, in der Tat aber nur seinen eigenen Vorschub leisten sollte. Sie fanden Ralph zu Hause und allein. Als er sie in das Besuchszimmer führte, schien ihm die Erinnerung an den Auftritt, der hier stattgehabt hatte, wieder aufzutauchen; denn er warf einen forschenden Blick auf Sir Mulberry, der diesen nur mit einem unbekümmerten Lächeln erwiderte. Sie sprachen eine kleine Weile über Geldangelegenheiten, und als diese abgemacht waren, erklärte (infolge von Sir Mulberrys Anweisungen) der hochgeborne Pinsel mit einiger Verlegenheit, daß er Ralph allein sprechen wollte. »Wie – allein?« rief Sir Mulberry mit geheuchelter Überraschung. »Ah, sehr gut, ich will in das nächste Zimmer gehen. Halten Sie mich aber nicht lange auf.« Mit diesen Worten nahm Sir Mulberry seinen Hut, summte einige Takte aus einer Arie, entfernte sich durch die Verbindungstüre der beiden Zimmer und schloß sie hinter sich ab. »Nun, Mylord«, sagte Ralph, »womit kann ich Ihnen dienen?« »Nickleby«, sagte der Lord, indem er sich der Länge nach auf dem Sofa, wo er vorhin gesessen, ausstreckte, um seine Lippen dem Ohr des alten Mannes näher zu bringen, »was Sie nicht für ein niedliches Geschöpfchcn als Nichte haben!« »Meinen Sie, Mylord?« versetzte Ralph. »Mag sein – mag sein – ich bemühe meinen Kopf nicht mit derartigen Dingen.« »Sie wissen, daß sie ein verdammt hübsches Mädchen ist«, entgegnete der Lord; »Sie müssen das wissen, Nickleby. Versuchen Sie's nur nicht, zu leugnen.« »Nun, ich glaube, man hält sie dafür«, erwiderte Ralph, »und in der Tat, ich weiß auch, daß sie es ist. Wenn das aber auch nicht der Fall ist, so gelten Sie mir als eine gewichtige Autorität für derartige Dinge, denn Ihr Geschmack, Mylord, ist in jeder Hinsicht als der beste anerkannt.« Keinem als dem jungen Manne, an den diese Worte gerichtet waren, hätte der Ton des Hohns in ihnen oder der Blick der Verachtung, womit sie begleitet wurden, entgehen können. Aber Lord Friedrich Verisopht gewahrte nichts davon, sondern er sah in dem Ganzen nur die gerechte Anerkennung seiner Verdienste. »Nun«, sagte er, »vielleicht haben Sie ein wenig recht – vielleicht auch ein wenig unrecht – möglicherweise auch ein wenig von beiden, Nickleby. Ich möchte eigentlich wissen, wo diese Schönheit wohnt, um ihr noch einmal einen Blick nachwerfen zu können, Nickleby.« »Wirklich –« begann Ralph in seinem gewöhnlichen Tone. »Sprechen Sie nicht so laut«, rief der andere, der diesen Hauptpunkt der ihm erteilten Anweisungen zum Wundern gut aufgefaßt hatte; »Hawk braucht nichts davon zu hören.« »Sie wissen, daß er Ihr Nebenbuhler ist?« fragte Ralph, den Lord scharf ansehend. »Das ist der verda-ammte Spitzbube immer«, versetzte der Lord, »und ich möchte ihm einmal ganz sacht den Rang ablaufen. Hahaha! Es wird ihn schon genug empören, Nickleby, daß wir hier ohne ihn miteinander reden. Wo wohnt sie, Nickleby? Ich brauche nichts weiter zu wissen. Sagen Sie mir nur, wo sie wohnt, Nickleby.« »Er beißt an«, dachte Nickleby, »er beißt an.« »Nun, so reden Sie doch«, fuhr der Besucher fort. »Wo wohnt sie?« »In der Tat«, sagte Ralph, indem er langsam die Hände übereinanderrieb, »ich muß erst überlegen, ehe ich es Ihnen sagen kann.« »Ei, lassen Sie das bleiben, Nickleby«, versetzte Verisopht. »Sie sollten überhaupt nie überlegen. Wo ist sie?« »Es kommt vielleicht nichts Gutes dabei heraus, wenn Sie es wissen«, entgegnete Ralph. »Sie ist tugendhaft und wohlerzogen; auch schön, aber arm und schutzlos – ein armes, armes Mädchen.« – Ralph überflog diesen kurzen Inbegriff von Käthchens Stellung, als ginge er ihm nur so durch den Kopf, ohne daß er die Absicht hätte, laut zu sprechen; aber der verschmitzte Blick, den er auf den jungen Herrn richtete, strafte diese armselige Verstellung Lügen. »Ich versichere Ihnen, daß ich sie nur sehen will«, rief der Lord. »Man darf doch einem hübschen Mädchen nachschauen, ohne daß es ihr Scha-aden tut – oder nicht? Nun, wo wohnt sie? Sie wissen, daß Sie mit mir gute Geschäfte machen, Nickleby, und meiner Seele, niemand soll mich vermögen, zu jemand anderem zu gehen, wenn Sie mir diese Kleinigkeit mitteilen.« »Da Sie mir dies versprechen, Mylord«, sagte Nalph mit verstelltem Widerstreben, »und ich Ihnen recht gerne einen Gefallen erweisen möchte – und da außerdem kein Schaden daraus erwachsen kann – ja, kein Schaden –, so will ich's Ihnen sagen. Aber Sie werden gut tun, wenn Sie es für sich behalten, Mylord – ausschließlich für sich.« Ralph deutete bei diesen Worten nach der Tür des anstoßenden Zimmers und nickte ausdrucksvoll mit dem Kopfe. Der junge Lord tat, als fühle er gleichfalls die Notwendigkeit dieser Vorsichtsmaßregel, und Ralph teilte ihm nun mit, wo und unter welchen Verhältnissen seine Nichte zurzeit lebte, indem er zugleich den Charakter der Familie, in deren Hause sich Käthchen befand, näher bezeichnete und die Ansicht äußerte, daß ein Lord ohne Zweifel leicht Zutritt finden könnte, wenn er Lust hätte, da man dort viel auf vornehme Bekanntschaften zu halten schiene. »Und da Sie meine Nichte nur zu sehen wünschen«, schloß Ralph, »so können Sie auf diesem Wege zu jeder Zeit Ihren Zweck erreichen.« Lord Verisopht dankte für diesen Wink mit manchem Druck auf Ralphs harte und hornige Hand und flüsterte dann, daß sie jetzt gut tun würden, die Unterhaltung abzubrechen, worauf er Sir Mulberry Hawk wieder hereinrief. »Es kam mir fast vor, als wäret ihr eingeschlafen«, sagte Sir Mulberry, als er sehr übelgelaunt wieder in das Zimmer trat. »Tut mir leid, daß Sie warten mußten«, versetzte der Gimpel; »aber Nickleby ist so erstaunlich spa-aßhaft gewesen, daß ich mich nicht von ihm losreißen konnte.« »Nicht doch«, entgegnete Ralph; »die Schuld liegt ganz an Seiner Herrlichkeit. Sie wissen, welch ein witziger, humoristischer, geistreicher junger Herr Lord Friedrich ist. Bitte, spazieren Sie voran, Mylord – Sir Mulberry?« Mit solchen Höflichkeitsphrasen, vielen tiefen Bücklingen und dem gleichen, kalten, höhnischen Zug im Gesicht, den er die ganze Zeit über bewahrt hatte, begleitete Ralph die beiden adligen Herren die Treppe hinunter, ohne den verwunderten Blick Sir Mulberrys, der ihm ein Kompliment über seine vollendete Spitzbüberei zu machen schien, mit etwas anderem als einem leichten Zucken der Mundwinkel zu erwidern. Einige Augenblicke vorher hatte die Klingel getönt, und Newman Noggs öffnete eben die Tür, als sie in der Hausflur anlangten. Der gewöhnlichen Hausordnung zufolge würde Newman den neuen Besuch schweigend eingelassen oder ihn ersucht haben, ein wenig beiseite zu treten, bis die Herren hinaus wären; er hatte jedoch kaum die Person erkannt, als er sich auf eigene Faust hin eine Abweichung von der Regel erlaubte und mit einem Rückblick auf das achtbare Trio laut ausrief: »Madame Nickleby.« »Madame Nickleby?« rief Sir Mulberry Hawk, als sich Ralph umwandte und ihm ins Gesicht sah. Es war in der Tat diese dienstfertige Dame, die, da ein Anerbieten für das leere Haus in der City gemacht worden war, sich ohne Zögern mit der Eile eines Briefträgers auf den Weg gemacht hatte, um das Schreiben Herrn Nickleby selber zu überbringen. »Es ist niemand, den Sie kennen«, sagte Ralph. »Treten Sie in das Kontor, meine – meine – Liebe. Ich werde sogleich bei Ihnen sein.« »Niemand, den ich kenne?« rief Sir Mulberry Hawk, auf die bestürzte Dame zugehend. »Ist dies Madame Nickleby – die Mutter von Fräulein Nickleby – dem bezaubernden Wesen, das ich so glücklich war, bei dem letzten Diner in diesem Hause zu sehen? –- Aber nein«, sprach Sir Mulberry, plötzlich abbrechend, »nein, es kann nicht sein. Es ist zwar der nämliche Schnitt des Gesichts, derselbe unbeschreibliche Ausdruck des – aber nein, nein. Diese Dame ist zu jung dazu.« »Ich denke, Sie können dem Herrn sagen, wenn es ein Interesse für ihn hat«, sagte Madame Nickleby, indem sie das Kompliment mit einer huldvollen Verbeugung anerkannte, »daß Käthchen Nickleby meine Tochter ist.« »Ihre Tochter, Mylord?« rief Sir Mulberry, sich zu seinem Freunde wendend. »Die Tochter dieser Dame, Mylord!« »Mylord?« dachte Madame Nickleby. »Nun, ich hätte mir doch nimmer –!« »Das, Mylord, ist also die Dame«, fuhr Sir Mulberry fort, »deren holdem Ehebund wir so viel Glück verdanken. Diese Dame ist die Mutter des liebenswürdigen Käthchens. Bemerken Sie nicht die außerordentliche Ähnlichkeit, Mylord? Nickleby – stellen Sie uns vor.« Ralph tat es in einer Art von Verzweiflung. »Aber nein, das ist ja köstlich«, rief Lord Friedrich, sich vordrängend. »Freut mich, Sie kennenzulernen.« Madame Nickleby war infolge dieser ungewöhnlich freundlichen Begrüßungen, wie auch eines innerlichen Ärgers, nicht ihren andern Hut aufgesetzt zu haben, zu verwirrt, als daß sie eine Antwort hätte geben können, weshalb sie sich begnügte, fortwährend zu knixen, zu lächeln und große Aufregung zu verraten. »Und wa-as macht Fräulein Nickleby?« sagte Lord Friedrich. »Sie ist hoffentlich wohl?« »Ganz wohl, danke der Nachfrage, Mylord«, antwortete Madame Nickleby sich sammelnd. »Sie war einige Tage nach dem Diner hier im Hause unwohl, und ich kann mir nicht anders denken, als daß sie sich beim Heimfahren in der Mietkutsche erkältete. Mietkutschen, Mylord, sind solche garstige Dinger, daß man fast besser tut, wenn man zu Fuß geht. Obgleich ich nämlich glaube, daß ein Mietkutscher Deportation auf Lebenszeit verdient, wenn er zerbrochene Fenster hat, so sind doch alle so unbekümmert, daß es wohl kaum einen einzigen gibt, der nicht zerbrochene Fenster hätte. Ich habe mir einmal beim Fahren in einer Mietkutsche einen Gesichtsrheumatismus geholt, Mylord, wegen dem ich sechs Wochen im Bett bleiben mußte – ich glaube, es war eine Mietkutsche«, fuhr Madame Nickleby nach einigem Besinnen fort, »wenn ich gleich nicht ganz gewiß bin, ob es nicht eine Chaise war. Jedenfalls erinnere ich mich, daß sie grün angestrichen war und eine sehr lange Nummer hatte, die mit einer Null anfing und mit einer Neun endigte – nein, mit einer Neun anfing und mit einer Null endigte. Ja, so war's – und natürlich würde die Polizei, wenn sie Nachforschungen anstellte, leicht ausfindig machen können, ob es eine Kutsche oder eine Chaise gewesen. Sei dem jedoch wie ihm wolle, sie hatte ein zerbrochenes Fenster, und ich bekam auf sechs Wochen einen Gesichtsrheumatismu«. Ich denke, es war dieselbe Mietkutsche, in der wir nachher wieder fuhren und die die ganze Zeit über ein zurückgeschlagenes Verdeck hatte – wir würden dieses Umstandes nicht einmal wahrgenommen haben, wenn man uns deshalb nicht einen Schilling extra für die Stunde abgefordert hätte, was Gesetz zu sein scheint oder vielleicht damals Gesetz war; aber jedenfalls ist es ein schändliches Gesetz. Ich verstehe mich zwar nicht auf die Sache, aber ich darf sagen, die Korngesetze sind nichts gegen eine solche Parlamentsakte.« Nachdem Madame Nickleby in dieser Weise ihrer Zunge den Lauf gelassen hatte, hielt sie so plötzlich, als sie angefangen hatte, inne und wiederholte, daß Käthchen ganz wohl wäre. »In der Tat«, fügte sie bei, »ich glaube nicht, daß sie sich je wohler befand, seit sie den Keuchhusten, das Scharlachfieber und die Masern – und zwar alle drei zu gleicher Zeit – hatte. Ja, das muß wahr sein.« »Ist das Schreiben an mich?« brummte Ralph, auf das Päckchen deutend, das Madame Nickleby in ihrer Hand hielt. »Ja, an Sie, Schwager«, versetzte Madame Nickleby, »und ich bin deshalb den ganzen Weg hierher, so schnell ich konnte, gelaufen, um es Ihnen zu geben.« »Den ganzen Weg hierher gelaufen?« rief Sir Mulberry, der diese Gelegenheit erfaßte, um zu erfahren, woher Madame Nickleby käme. »Das muß wohl eine verdammte Entfernung sein? Wie weit ist es wohl?« »Wie weit?« entgegnete Madame Nickleby. »Warten Sie mal – es ist genau eine Meile von unserer Haustür bis nach Oldbailey.« »Nein – nein – nein, so weit kann's nicht sein«, meinte Sir Mulberry. »Aber, ganz gewiß«, erwiderte Madame Nickleby. »Ich berufe mich auf Seine Herrlichkeit.« »Ich kann Ihnen bestimmt versichern, daß es eine Meile ist«, bemerkte Lord Friedrich mit der ernsthaftesten Miene. »Es muß so sein – gewiß, keine Elle weniger«, fuhr Madame Nickleby fort. »Die ganze Newgatestraße und ganz Cheapside herunter, die ganze Lombardstraße hinauf, die Gnadenkirchstraße hinunter und auf der Themsestraße fort bis zum Spigwiffins-Kai. O, es ist eine Meile.« »Wenn ich mir's näher betrachte, so haben Sie recht«, sagte Sir Mulberry. »Aber Sie haben doch gewiß nicht im Sinn, den ganzen Weg wieder zu Fuß zurückzulegen?« »O nein«, erwiderte Madame Nickleby, »ich will einen Omnibus benutzen. Ach, ich bin freilich nicht in Omnibussen gefahren, als mein armer Nicolaus noch lebte, Schwager! Aber Sie wissen, wie's geht.« »Ja, ja«, entgegnete Ralph ungeduldig, »und Sie täten besser, sich auf den Weg zu machen, ehe es dunkel wird.« »Sie haben recht, Schwager – ich danke Ihnen«, erwiderte Madame Nickleby. »Es wird daher wohl am besten sein, wenn ich mich gleich verabschiede.« »Wollen Sie nicht noch ein wenig bleiben und – ausruhen?« sagte Ralph, der selten eine Erfrischung anbot, wenn nichts dabei zu gewinnen war. »Ach, lieber Gott, nein«, versetzte Madame Nickleby mit einem Blick nach der Uhr. »Lord Friedrich«, sagte Sir Mulberry, »wir haben mit Madame Nickleby einen Weg. Wir müssen doch sehen, daß sie sicher in einem Omnibus unterkommt.« »J-a freilich.« »Ach, eine solche Ehre wäre allzu groß«, meinte Madame Nickleby. Aber Sir Mulberry Hawk und Lord Verisopht bestanden darauf, ihr diese Ehre zu erweisen, und verließen, Madame Nickleby in der Mitte, das Haus, ohne auf Ralph Rücksicht zu nehmen, der – und zwar nicht mit Unrecht – anzunehmen schien, daß er als bloßer Zuschauer eine weniger lächerliche Rolle spielen würde, als wenn er in den Verhandlungen Partei ergriffe. Die gute Dame fühlte sich überglücklich, sowohl durch die Aufmerksamkeiten, die ihr von zwei adligen Herren erwiesen wurden, als auch durch die feste Überzeugung, daß ihr Käthchen jetzt mindestens zwischen zwei ungeheuer reichen und durchaus tadellosen Freiern die Wahl hätte. Während sie sich so einem Strom von Gedanken, die alle mit der künftigen Größe ihrer Tochter in Verbindung standen, hingab, wechselten Sir Mulberry Hawk und sein Freund über den Hut weg, den die arme Frau nicht zu Hause gelassen zu haben so sehr bedauerte, Blicke der Verständigung und ließen sich in hohem Entzücken, jedoch auch mit vieler Achtung über Fräulein Nicklebys mannigfaltige Vorzüge aus. »Welche Wonne, welcher Trost, welches Glück muß nicht dieses holde Wesen für Sie sein!« sagte Sir Mulberry mit dem Ausdruck des wärmsten Gefühls in seiner Stimme. »Das ist sie in der Tat, Sir«, versetzte Madame Nickleby. »Sie ist das sanfteste und gutherzigste Geschöpf – und so verständig!« »Man steht ihr den Versta-and an«, sagte Lord Verisopht mit der Miene eines Mannes, dem ein Urteil in derartigen Dingen zusteht. »Ich versichere Ihnen, sie ist es, Mylord«, entgegnete Madame Nickleby. »Als sie in der Pension zu Devonshire war, galt sie allgemein und ohne alle Ausnahme für das gescheiteste Mädchen, und es waren doch viele recht verständige unter den Pensionärinnen – das muß man sagen. Fünfundzwanzig junge Damen, von denen jede fünfzig Guineen ohne die Nebenausgaben bezahlte. Die beiden Fräulein Dowdles, die vollkommensten, elegantesten und bezauberndsten Wesen. – Ach du mein Himmel«, fuhr Madame Nickleby fort, »ich werde nie vergessen, wieviel Freude sie mir und ihrem armen Vater bereitete, als sie in jener Pension war – nie! Wenn ich nur an die herrlichen Briefe denke, die sie jedes halbe Jahr schrieb, und in denen sie uns sagte, daß sie die Erste in der ganzen Anstalt sei und bessere Fortschritte gemacht habe als alle andern. Ach, ich darf kaum mehr daran denken! Die Mädchen schrieben die Briefe alle selber«, fügte Madame Nickleby bei, »und der Lehrer verbesserte sie nachher mit einem Vergrößerungsglas und einer silbernen Feder. Wenigstens glaube ich, daß es eigenhändige Briefe waren, obgleich es Käthchen nicht ganz gewiß behaupten konnte, weil sie nachher ihre Handschrift nicht erkannte. Jedenfalls weiß ich aber, daß es ein Musterbrief war, den alle abzuschreiben hatten, und die Eltern mußten dann natürlich eine große Freude darüber haben.« Mit ähnlichen Erinnerungen verscheuchte Madame Nickleby die Langeweile des Weges, bis sie bei dem Omnibus anlangten. Die neuen Freunde wollten sie aus lauter Höflichkeit nicht verlassen, bis sie wirklich abgefahren wäre. Bei dieser Gelegenheit, so versicherte Madame Nickleby nachher ihren Zuhörern oft genug, nahmen die Kavaliere ihre Hüte »ganz« ab und küßten Madames strohfarbenen Glacéhandschuhe, bis sie ihnen aus dem Gesicht entschwunden war. Madame Nickleby drückte sich in die hinterste Ecke des Omnibusses zurück, schloß ihre Augen und überließ sich einer Fülle der angenehmsten Betrachtungen. Käthchen hatte nie ein Wort von diesen Herren gesagt, »und dies«, dachte sie, »beweist, daß sie einen von ihnen begünstigt«. Aber welcher von beiden mochte es wohl sein? Der Lord war der jüngste und sein Rang entschieden der höhere; aber Käthchen war nicht das Mädchen, das sich durch derartige Rücksichten bestimmen ließ. »Ich werde ihren Neigungen nie einen Zwang antun«, sagte Madame Nickleby zu sich selbst. »Aber in der Tat, ich glaube, es kann zwischen Seiner Lordschaft und Sir Mulberry von einer schwierigen Wahl gar keine Rede sein – Sir Mulberry ist ein gar aufmerksamer, galanter Herr, hat so viel Manier, so viel Ton und überhaupt so viel, was für ihn spricht. Ich hoffe, es ist Sir Mulberry – ja gewiß, es muß Sir Mulberry sein!« Und dann kehrten ihre Gedanken auf ihre alten Prophezeiungen zurück, indem sie sich erinnerte, wie viel hundertmal sie gesagt hätte, Käthchen würde ohne Vermögen eine weit bessere Versorgung finden, als anderer Leute Töchter mit Tausenden. Als sie sich aber dabei mit der lebhaften Phantasie einer Mutter die Schönheit und Anmut des armen Mädchens vergegenwärtigte, die sich so ganz ohne Murren den Mühseligkeiten und Beschwerden der letzteren Zeit unterzogen hatte, da schwoll ihr das Herz, und die Tränen rollten ihr über die Wangen. Ralph ging inzwischen in seinem kleinen Bureau auf und ab, nicht wenig durch das, was eben vorgefallen, beunruhigt. Es wäre zwar die gröbste Verleumdung, wenn man sagen wollte, daß Ralph gegen irgendein Geschöpf Gottes Liebe oder Teilnahme – in dem gewöhnlichen Sinn dieser Worte – empfand. Trotzdem aber beschlich ihn hin und wieder ein Gedanke an seine Nichte, der eine leichte Färbung von Mitleid hatte – freilich nur ein matter Schimmer, im günstigsten Falle ein schwacher, kränkelnder Strahl, der durch die düstere Wolke von Unlust oder Gleichgültigkeit, womit er alle Menschen betrachtete, brach – aber dennoch ein Etwas, das ihm das arme Mädchen in einem bessern und reinern Lichte zeigte, als ihm bis jetzt die Menschheit überhaupt erschienen war. »Ich wünschte«, dachte Ralph, »ich hätte es nicht getan. Und doch – es wird diesen jungen Laffen an mich fesseln, solange noch Geld bei ihm herauszuholen ist. – Freilich, ein Mädchen verkaufen! Ihr Versuchung, Beleidigung, Roheiten in den Weg werfen! Aber bereits fast zweitausend Pfund Profit von ihm gezogen? Ach was! Heiratstiftende Mütter tun jeden Tag das nämliche.« Er setzte sich nieder und zählte die Möglichkeiten für und gegen an den Fingern ab. »Wenn ich sie heute nicht auf die rechte Spur geleitet haben würde«, dachte Ralph, »so hätte es dieses einfältige Weib getan. Je nun, wenn ihre Tochter so fest ist, wie sie den Vorgängen nach zu sein scheint, was kann daraus Übles erwachsen? Ein bißchen Quälerei, ein wenig Demütigung, ein paar Tränen – ja«, sagte Ralph laut, indem er seine eiserne Kasse verschloß, »sie mag sich selber durchhelfen. Ihr Geschick liegt in ihrer eigenen Hand.« Siebenundzwanzigstes Kapitel. Madame Nickleby wird mit den Herren Pyke und Pluck bekannt, deren Ergebenheit und Teilnahme über alle Grenzen geht. Wie stolz und wichtig fühlte sich nicht Madame Nickleby, als sie ihre Wohnung erreichte und sich ganz den schönen Träumen hingeben konnte, die sie auf ihrem Wege begleitet hatten. Lady Mulberry Hawk! – Dies war die vorwaltende Idee. Lady Mulberry Hawk! – Am letzten Dienstag wurde in der St. Georgskirche Hannovers Square durch den hochwürdigen Bischof von Clandaff Sir Mulberry Hawk von Mulberry Castle in Nordwales mit Katharina, der einzigen Tochter des verstorbenen Nicolaus Nickleby, Esquire in Devonshire, ehelich verbunden. »Meiner Treu«, rief Herrn Nicolaus Nicklebys Hinterbliebene, »das klingt ja ganz prächtig.« Nachdem die Trauungszeremonie mit den dazu gehörigen Festlichkeiten abgetan war, vergegenwärtigte sich die phantasievolle Mutter eine lange Reihe von Ehren und Auszeichnungen, die notwendig im Gefolge von Käthchens neuer und glänzender Laufbahn sein mußten. Sie wurde natürlich bei Hofe vorgestellt. An ihrem Geburtstage, der auf den neunzehnten fiel (»zehn Minuten nach drei Uhr morgens«, dachte Madame Nickleby in einer Parenthese, »denn ich erinnere mich noch recht gut, daß ich fragte, wieviel Uhr es wäre«), gab Sir Mulberry allen seinen Pächtern ein großes Fest und erließ ihnen dreieinhalb Prozent von dem Ertrage des letzten halbjährigen Pachtes, was dann natürlich zum unbegreiflichen Vergnügen und Staunen aller Leser umständlich in den öffentlichen Blättern beschrieben wurde. Käthchens Porträt erschien wenigstens in einem halben Dutzend von Taschenbüchern, und auf der andern Seite war in den elegantesten Lettern zu lesen: »Verse bei Betrachtung eines Porträts der Lady Mulberry Hawk, von Sir Dingleby Dabber.« Vielleicht enthielt auch ein nach einem umfassenderen Plane bearbeitetes Taschenbuch ein Porträt von Lady Mulberry Hawks Mutter mit Versen von Sir Dingleby Dabbers Vater. Es kommen ja jeden Tag noch viel unwahrscheinlichere Dinge vor. Schon viel unbedeutendere Porträts sind erschienen. Als der guten Dame dieser Gedanke auftauchte, nahm ihr Gesicht unwillkürlich jenen gemischten Ausdruck von Schmachten und Schläfrigkeit an, der allen derartigen Porträts eigen ist, und in dem vielleicht der Grund liegt, daß sie immer so reizend und liebenswürdig aussehen. Mit solchen glorreichen Luftschlössern beschäftigte sich Madame Nickleby den ganzen Abend, an dem sie zufälligerweise Ralphs vornehmen Freunden vorgestellt worden war. Nicht weniger prophetische und verheißungsvolle Träume umgaukelten die Nacht über ihren Schlaf. Sie bereitete des andern Tages eben ihr einfaches Mittagessen – natürlich noch immer in denselben Ideen sich ergehend, die vielleicht durch den Schlaf und das Licht der Sonne etwas gemildert waren –, als das Mädchen, das ihr teils als Gesellschafterin, teils als Beistand in ihrem Haushalt diente, mit ungewohnter Aufregung in das Zimmer stürzte und zwei Herren anmeldete, die in dem Hausflur stünden und um die Erlaubnis bäten, Madame Nickleby ihren Besuch zu machen. »Allmächtiger Himmel!« rief Madame Nickleby, hastig Haube und Locken ordnend; »wenn es am Ende gar die – um Himmels willen! Müssen da die ganze Zeit in der Hausflur stehen. Warum läufst du nicht und fragst sie, ob sie nicht heraufspazieren wollen, du dummes Ding?« Sobald sich das Mädchen mit diesem Auftrage entfernt hatte, fuhr Madame Nickleby mit allen Spuren von Essen und Trinken in den Schrank und setzte sich dann in möglichst gefaßter Haltung nieder, als auf einmal zwei ihr völlig fremde Herren ins Zimmer traten. »Wie befinden Sie sich?« fragte der eine Herr, indem er einen großen Nachdruck auf das zweite Wort seiner Frage legte. » Wie befinden Sie sich?« fragte der andere Herr, das erste Wort stärker betonend, um eine Abwechslung in die Frage zu bringen. Madame Nickleby knixte und lächelte, und knixte wieder und bemerkte händereibend, »daß sie nicht – wirklich – daß sie nicht die Ehre hätte –« »Uns zu kennen?« sagte der erste Herr. »Der Nachteil ist auf unserer Seite, Madame Nickleby. Ist der Nachteil nicht auf unserer Seite, Pyke?« »Ohne Widerrede, Pluck«, antwortete der andere Herr. »Wir haben es, glaube ich, schon sehr oft bedauert«, bemerkte der erste Herr. »Sehr oft«, versetzte der zweite. »Aber jetzt«, sagte der erste Herr, »jetzt erfreuen wir uns des lange ersehnten Glückes. Haben lange nach diesem Glück geschmachtet – oder haben wir nicht, Pyke?« »Sie können unmöglich vergessen haben, Pluck, daß wir es taten«, entgegnete Pyke vorwurfsvoll. »Hören Sie ihn?« fragte Herr Pluck, indem er sich umsah. »Sie hören das unparteiische Zeugnis meines Freundes Pyke. Doch das erinnert mich – Förmlichkeiten, Madame – Förmlichkeiten dürfen nie in einer gebildeten Gesellschaft hintangesetzt werden. Pyke – Madame Nickleby.« Herr Pyke legte die Hand aufs Herz und verbeugte sich tief. »Ob ich mich selbst mit derselben Förmlichkeit einführen soll«, fuhr Herr Pluck fort, »ob ich selbst sagen soll, daß mein Name Pluck ist, oder ob ich meinen Freund Pyke bitten soll (der jetzt als regelmäßig eingeführt dieses Amt versehen kann), mich Ihnen, Madame Nickleby, als Herrn Pluck vorzustellen; ob ich den Anspruch, den ich auf Ihre Bekanntschaft mache, auf das lebhafte Interesse, das ich an Ihrem Wohle nehme, begründe, oder ob ich mich Ihnen als einen Freund des Sir Mulberry Hawk vorstellen soll – das, Madame Nickleby, sind Erwägungen, die ich Ihrer Entscheidung überlassen will.« »Ein Freund des Sir Mulberry Hawk bedarf bei mir keiner weitern Einführung«, bemerkte Madame Nickleby huldvoll. »Es macht mich glücklich, Sie so sprechen zu hören«, versetzte Herr Pluck, indem er einen Stuhl zu Madame Nickleby rückte und sich niedersetzte. »Es tut mir in allen Gliedern wohl, zu erfahren, daß Sie meinen vortrefflichen Freund, Sir Mulberry, so hochschätzen. Ein Wort ins Ohr, Madame Nickleby. Wenn Sir Mulberry es erfährt, so wird er sich überglücklich fühlen – ich sage Ihnen, Madame, überglücklich fühlen; Pyke, setzen Sie sich!« » Meine gute Meinung«, entgegnete Madame Nickleby – und die arme Frau frohlockte bei dem Gedanken, daß sie ihr Sprüchlein wundervoll angebracht hätte, » meine gute Meinung kann für einen Herrn, wie Sir Mulberry, nur von sehr geringer Bedeutung sein.« »Von geringer Bedeutung?« rief Herr Pluck. »Pyke, von welcher Bedeutung ist die gute Meinung der Frau Nickleby für Sir Mulberry?« »Von welcher Bedeutung?« echote Pyke. »Ja«, entgegnete Pluck. »Ist sie für ihn nicht von der größten Bedeutung?« »Von der allergrößten Bedeutung«, erwiderte Pyke. »Es kann Madame Nickleby nicht unbekannt sein«, sagte Herr Pluck, »welchen allmächtigen Eindruck jenes süße Mädchen auf –« »Pluck!« verwies ihm sein Freund; »was tun Sie?« »Pyke hat recht«, murmelte Herr Pluck nach einer kurzen Pause. »Ich hätte mir keine derartige Anspielung erlauben sollen. Pyke hat vollkommen recht. Ich danke Ihnen, Pyke.« »Was Sie sagen!« dachte Frau Nickleby; »eine solche interessante Geschichte ist mir noch nie vorgekommen.« Herr Pluck tat einige Minuten, als hätte ihn seine Unbedachtsamkeit in große Verlegenheit gesetzt, und nahm dann die Unterhaltung wieder auf, indem er Madame Nickleby bat, nicht auf das zu achten, was ihm so unwillkürlich entwischt wäre, und ihn lieber für unklug, voreilig und gedankenlos zu betrachten. Dabei wolle er sich weiter nichts zu seinen Gunsten ausbitten, als daß seine gute Absicht nicht verkannt werden möchte. »Aber wenn ich« – fuhr Herr Pluck fort, – »wenn ich so viel Schönheit und Anmut auf der einen Seite und so viel Glut und aufopferungsfähige Liebe auf der anderen sehe, so – verzeihen Sie, Pyke, ich kam unabsichtlich wieder auf das Thema zurück. Beginnen Sie eine andere Unterhaltung, Pyke.« »Wir versprachen Sir Mulberry und Lord Friedrich«, sagte Pyke, »daß wir Sie diesen Morgen besuchen und nachfragen wollten, ob Sie sich gestern abend nicht erkältet hätten.« »O, gestern abend? – nein, nicht im mindesten, Sir«, versetzte Madame Nickleby. »Ich danke übrigens Seiner Herrlichkeit und Sir Mulberry untertänigst für diese gnädige Nachfrage. – O nein, nicht im mindesten, was mich um so mehr wundernimmt, da ich in der Tat zu Erkältungen sehr geneigt bin – ja gewiß und wahrhaftig, sehr geneigt bin. Ich habe mir einmal bei einer Erkältung einen Schnupfen geholt«, fuhr Madame Nickleby fort. »Ich glaube, es war im Jahr Achtzehnhundertundsiebzehn. Warten Sie einmal – vier und fünf ist neun, und – ja, Achtzehnhundertundsiebzehn – und ich meinte, ich könne ihn gar nimmer loswerden. Gewiß und wahrhaftig, ich meinte, er wolle gar nicht mehr von mir weichen. Ich wurde endlich nur durch ein Mittel kuriert, von dem Sie vielleicht nie etwas gehört haben, Herr Pluck. Sie nehmen einige Liter Wasser, so heiß, als Sie es nur kriegen können, tun ein Pfund Salz und für sechs Pence feinste Kleie hinein und baden sich damit alle Abende vor dem Schlafengehen wenigstens zwanzig Minuten lang den Kopf – ach nein, nicht den Kopf – ich wollte sagen, die Füße. Es ist ein ganz außerordentliches Mittel – gewiß ein höchst außerordentliches Mittel. Ich erinnere mich noch, daß ich es das erstemal den Tag nach dem Christfest anwandte, und in der Mitte des April war der Schnupfen weg. Es scheint ein wahres Wunder zu sein, wenn man bedenkt, daß ich ihn vom Anfang des September an hatte.« »Welch ein bedauerlicher Unfall«, sagte Herr Pyke. »Ganz schrecklich!« rief Herr Pluck. »Aber es ist wohl der Pein wert, es zu hören, wenn man nur hintendrein erfährt, daß Madame Nickleby wieder davon genas – nicht wahr, Pluck?« rief Herr Pyke. »Und eben das ist es, was die Sache so sehr interessant macht«, versetzte Herr Pluck. »Aber wir dürfen in dem Vergnügen dieser Begegnung unsern Auftrag nicht vergessen«, sagte Herr Pyke in einem Ton, als ob er sich desselben plötzlich entsinne. »Wir haben nämlich einen Auftrag, Madame Nickleby.« »Einen Auftrag?« rief die gute Dame, deren Geist sich plötzlich einen Heiratsantrag für Käthchen in den lebhaftesten Farben vergegenwärtigte. »Von Sir Mulberry«, fuhr Pyke fort. »Sie müssen hier ein sehr langweiliges Leben führen?« »Ich gestehe es – ziemlich langweilig«, versetzte Madame Nickleby. »Sir Mulberry Hawk läßt Ihnen beste Grüße bestellen und Sie inständig bitten, daß Sie ein Privatlogenbillett für das heutige Stück von ihm annehmen möchten«, entgegnete Herr Pluck. »Ach du mein Himmel!« erwiderte Madame Nickleby. »Aber ich gehe ja nie aus.« »Das ist gerade der triftigste Grund, Madame Nickleby, heute abend auszugehen«, versicherte Herr Pluck. »Pyke, helfen Sie mir Madame Nickleby erweichen.« »Ach, ich bitte«, sagte Pyke. »Sie müssen durchaus«, drängte Pluck. »Sie sind allzu gütig«, versetzte Madame Nickleby; »aber –« »Wir lassen uns von keinem Aber abspeisen, verehrteste Madame Nickleby«, entgegnete Herr Pluck. »Es gibt im ganzen Wörterbuch kein solches Wort. Ihr Schwager kommt, Lord Friedrich kommt, Sir Mulberry kommt, Pyke kommt – es kann also von einer Ablehnung keine Rede sein. Sir Mulberry sendet Ihnen einen Wagen – genau fünfundzwanzig Minuten vor sieben. Sie werden nicht so grausam sein, der ganzen Gesellschaft die Freude zu verderben, Madame Nickleby?« »Sie drängen mich so, daß ich kaum weiß, was ich sagen soll«, erwiderte die würdige Dame. »Sagen Sie nichts – kein Wort – keine Silbe, meine Verehrteste«, drängte Herr Pluck. »Madame Nickleby«, fuhr der treffliche Herr flüsternd fort, »ich mißbrauche zwar ein Vertrauen, wenn ich Ihnen eine Mitteilung mache, aber ich denke, es läßt sich entschuldigen. Und doch, wenn mein Freund Pyke davon hörte – er hat ein so ungemein zartes Ehrgefühl, Madame Nickleby, daß er mich, glaube ich, noch vor dem Mittagessen herausfordern würde.« Madame Nickleby warf einen besorgten Blick auf den gurgelschneiderischen Pyke, der an das Fenster getreten war, während Herr Pluck ihr die Hand drückte und fortfuhr: »Ihre Tochter hat eine Eroberung gemacht – eine Eroberung, zu der ich Ihnen nur Glück wünschen kann. Sir Mulberry, meine Verehrteste, Sir Mulberry schmachtet in ihren Fesseln – ahem.« »Ha«, rief jetzt Herr Pyke, indem er mit theatralischer Stellung etwas von dem Kamingesims wegnahm, »was ist das? Was sehe ich?« »Was sehen Sie, mein lieber Freund?« fragte Herr Pluck. »Es ist das Gesicht, der Ausdruck, die Züge«, rief Herr Pyke, mit einem Miniaturporträt in der Hand auf einen Sessel sinkend. »Zwar nur in schwachen Umrissen und unvollkommener Auffassung, aber doch das Gesicht, der Ausdruck, die Züge !« »Ich erkenne es schon auf diese Entfernung«, rief Herr Pluck in einem Anfall von Begeisterung. »Ist es nicht, meine Verehrte, ist es nicht das unvollkommene Ebenbild von –« »Es ist das Porträt meiner Tochter«, sagte Madame Nickleby mit großem Stolz. Und so war es. Das kleine Fräulein La Creevy hatte es einige Tage vorher zum Ansehen hergebracht. Herr Pyke hatte sich kaum überzeugt, daß er mit seiner Vermutung auf dem rechten Wege war, als er sich in die ausschweifendsten Lobsprüche des göttlichen Originals ergoß. In der Wärme seiner Begeisterung küßte er das Bildchen tausend Male, während Herr Pluck Madame Nicklebys Hand an sein Herz drückte und ihr mit so viel Feuer und Teilnahme zu dem Besitz einer solchen Tochter Glück wünschte, daß ihm die Tränen in den Augen standen oder doch zu stehen schienen. Die arme Madame Nickleby, die anfangs in einem Zustande beneidenswerter Selbstgefälligkeit zugehört hatte, wurde endlich durch so viele Beweise von Achtung und Zuneigung in ihren Gefühlen ganz überwältigt; und selbst das Dienstmädchen, das durch die Tür hereinsah, blieb vor Erstaunen über die Begeisterung der beiden freundlichen Herren wie angewurzelt auf ihrer Stelle stehen. Die Ausbrüche des Entzückens milderten sich nach und nach, und Madame Nickleby schickte sich an, ihre Gäste mit Wehklagen über ihre gesunkenen Glücksumstände und einer malerischen Beschreibung ihrer alten Wohnung auf dem Lande zu unterhalten. Sie erging sich in einer umständlichen Schilderung der verschiedenen Gemächer, wobei sie ihnen nicht einmal das kleine Speisekämmerchen schenkte, erzählte ihnen, wie viele Stufen in den Garten hinuntergingen, welchen Weg man von den Wohnzimmern eingeschlagen hatte, und wie alles so solide in ihrer Küche ausgesehen. Diese letzte Erinnerung führte sie natürlich in das Waschhaus, wo sie über den Brauapparat stolperte und wahrscheinlich auch eine volle Stunde unter demselben herumgewandclt wäre, wenn nicht schon die bloße Erwähnung derartiger Requisiten vermöge einer naheliegenden Ideenverknüpfung Herrn Pyke gemahnt hätte, daß er »erstaunlich durstig« wäre. »Und ich will Ihnen etwas sagen«, fügte Herr Pyke bei; »wenn Sie nach dem Wirtshaus hinüberschicken und eine Kanne milden Halbundhalb holen lassen wollten, so würde ich sie gewiß unfehlbar trinken.« Und Herr Pyke leerte sie zielbewußt und unentwegt unter Herrn Plucks Beistand, während Madame Nickleby ihre Verwunderung zwischen der Herablassung der beiden Herren und der Fertigkeit, womit sie die Zinnkanne zu handhaben wußten, teilte. Um dieses scheinbare Wunder zu erklären, erlauben wir uns hier die Bemerkung, daß Herren, die wie Pyke und Pluck von ihrem Verstand (oder vielleicht besser – von der Abwesenheit des Verstandes bei andern Leuten) leben, hin und wieder ziemlich in die Klemme kommen und bei solchen Anlässen sich auf eine sehr einfache Weise zu erholen pflegen. »Zwanzig Minuten vor sieben Uhr also« – sagte Herr Pyke aufstehend – »wird die Kutsche hier sein. Doch jetzt nur noch einen Blick – nur noch einen einzigen kleinen Blick auf dieses holde Antlitz! Ach, da ist es – bewegungslos, unverändert!« (Das war allerdings ein höchst merkwürdiger Umstand, da Miniaturporträts so gar vielen Wechseln des Ausdrucks unterworfen sind). »O Pluck! Pluck!« Herrn Plucks Erwiderung bestand bloß darin, daß er mit vielem Sentiment Madame Nicklebys Hand küßte. Als Herr Pyke das gleiche getan hatte, entfernten sich beide Herren mit großer Eile. Madame Nickleby tat sich gern etwas auf ihren Scharfsinn und ihre Menschenkenntnis zugut. Aber nie war sie so ganz und gar mit sich selbst zufrieden gewesen, wie an diesem Tag. Sie hatte das alles schon am gestrigen Abend gewußt. Sie hatte zwar Sir Mulberry und Käthchen nie zusammen gesehen – nicht einmal Sir Mulberrys Namen gehört, und doch – war nicht alles von ihr vorausgesagt worden? Lag nicht alles schon von dem ersten Augenblick an klar vor ihrer Seele? Welch ein Triumph jetzt für sie; denn wer hätte auch noch daran zweifeln können? Wenn man die schmeichelhaften Aufmerksamkeiten gegen sie nicht für einen hinreichenden Beweis wollte gelten lassen, hatte nicht Sir Mulberrys vertrauter Freund das Geheimnis in so manchen Worten verlauten lassen? »In der Tat, ich bin ganz verliebt in diesen entzückenden Herrn Pluck«, sagte Madame Nickleby. Aber mitten in diesem Glück war es ihr doch nicht wohl; denn sie hatte niemanden, dem sie es hätte vertrauen können. Einige Male war sie fast entschlossen, schnurstracks zu Fräulein La Creevy zu eilen und ihr alles zu erzählen. »Aber ich weiß nicht«, dachte die gute Frau; »sie ist zwar eine sehr achtbare Person, jedoch ich fürchte, sie steht zu tief unter Sir Mulberrys Rang, als daß sie eine passende Gesellschaft für uns wäre. Das arme Ding!« Aus diesem wichtigen Grund wies sie den Gedanken ab, die kleine Porträtmalerin in ihr Vertrauen zu ziehen, und begnügte sich, einige unbestimmte und geheimnisvolle Hoffnungen hinsichtlich einer bevorstehenden großen Veränderung gegen das Dienstmädchen laut werden zu lassen, die diese unklaren Hindeutungen auf eine aufdämmernde Größe mit heiliger Verehrung hinnahm. Der versprochene Wagen erschien pünktlich zu der bestimmten Zeit – kein Mietwagen, sondern eine Privatequipage mit einem Lakaien hintenauf, dessen Beine, obgleich sie etwas zu groß für seinen Körper waren, an sich betrachtet Modelle für die königliche Akademie hätten abgeben können. Es war ganz entzückend, das Getöse und den Lärm zu hören, womit er den Kutschenschlag auf- und zuwarf und dann, sobald Madame Nickleby innen saß, wieder hinten hinaufsprang. Da die gute Dame keine Ahnung davon hatte, daß derselbe den goldenen Knopf seines langen Stocks an seine Nase hielt und in dieser Weise gerade über ihrem Haupte weg höchst respektwidrig dem Kutscher telegraphisch Zeichen zugehen ließ, so saß sie auch nicht wenig stolz auf ihre dermalige Stellung mit vieler Steifheit und Würde da. An dem Theatereingang wurde der Kutschenschlag noch entzückender auf- und zugeworfen. Auch waren schon die Herren Pyke und Pluck zugegen, die ihrer harrten, um sie nach der Loge zu führen. Sie waren dabei so ungemein höflich und zuvorkommend, daß Herr Pyke einem sehr alten Mann, der zufällig mit einer Laterne über ihren Weg stolperte, mit vielen Eiden zuschwor, er wolle ihn »kanonisieren« – zum großen Schrecken der Dame Nickleby, die mehr aus der Aufregung des Herrn Pyke als aus einer nähern Vertrautheit mit der Bedeutung des Wortes schloß, daß Kanonisieren und Blutvergießen in der Hauptsache wohl ein und dasselbe sein müsse, und daher ob des Gedankens, daß sich so etwas zutragen könnte, über die Maßen geängstigt war. Glücklicherweise beschränkte sich jedoch Herrn Pykes Kanonisieren nur auf Worte, und sie gelangten zu ihrer Loge, ohne eine ernstere Unterbrechung zu erfahren, als daß derselbe kampflustige Herr den Logenhüter »zu Haarpuder zermalmen« wollte, weil er sich in der Nummer geirrt hatte. Madame Nickleby hatte sich kaum in einem Armsessel hinter dem Logenvorhang niedergelassen, als Sir Mulberry und Lord Verisopht, von dem Scheitel bis zu den Enden ihrer Handschuhe und von den Enden ihrer Handschuhe bis zu den Spitzen ihrer Stiefel aufs eleganteste und kostbarste gekleidet, eintraten. Sir Mulberry war noch ein wenig heiserer als tags zuvor, und Lord Verisopht sah etwas schläfrig und verstört aus, wozu sich noch der weitere Umstand gesellte, daß beide etwas unsicher auf ihren Beinen waren – lauter Anzeichen, aus denen Madame Nickleby den richtigen Schluß zog, daß sie vom Dinieren herkämen. »Wir haben – wir haben – Ihre liebenswürdige Tochter hochleben lassen, Madame Nickleby«, flüsterte ihr Sir Mulberry zu, der hinter ihr Platz nahm. »Ah – so«, dachte die erfahrene Frau; »der Wein geht hinein, die Wahrheit heraus. – Sie sind sehr gütig, Sir Mulberry.« »Nein, nein, meiner Seele!« entgegnete Sir Mulberry Hawk. »S i e sind gütig, meiner Seele! Es war sehr gütig von Ihnen, daß Sie diesen Abend kamen.« »Sie wollen sagen, daß es sehr gütig von Ihnen war, mich einzuladen, Sir Mulberry«, entgegnete Madame Nickleby, indem sie mit einem zum Verwundern schlauen Blick den Kopf in die Höhe warf. »Ich wünsche so sehr, Sie näher kennenzulernen, so sehr, Ihre gute Meinung zu gewinnen, und hoffe so sehnlich, es möchte sich eine Art süßen Familienverhältnisses zwischen uns bilden«, sagte Sir Mulberry, »daß Sie ja nicht glauben dürfen, meinen Handlungen liege nicht auch ein bestimmtes Interesse zugrunde. Ich bin verdammt selbstsüchtig – ja das bin ich, meiner Seele.« »Gewiß, Sie können nicht selbstsüchtig sein, Sir Mulberry«, versetzte Madame Nickleby. »In Ihrem offenen, edlen Antlitz steht wenigstens nichts davon geschrieben.« »Was Sie nicht für eine außerordentliche Beobachtungsgabe haben!« »O nicht doch, mein Blick ist nicht besonders scharf, Sir Mulberry«, versetzte Madame Nickleby mit einem Ton in der Stimme, der dem Baronet andeuten sollte, daß sie in der Tat sehr scharfsichtig sei. »Ich muß mich wahrhaftig vor Ihnen fürchten«, entgegnete der Baronet. »Wahrhaftig«, wiederholte Sir Mulberry, indem er sich nach seinem Gefährten umsah, »ich muß mich vor Madame Nickleby fürchten. Sie ist ein wahrer Schrecken von Verstand.« Die Herren Pyke und Pluck schüttelten geheimnisvoll ihre Köpfe und bemerkten miteinander, daß sie das schon längst gefunden hätten, worauf Madame Nickleby kicherte, Sir Mulberry lachte und Pyke und Pluck brüllten. »Aber wo ist denn mein Schwager, Sir Mulberry?« fragte Madame Nickleby. »Es schickt sich nicht, daß ich ohne ihn hier bin. Ich hoffe, er wird doch noch kommen?« »Pyke«, sagte Sir Mulberry, indem er seinen Zahnstocher herausnahm und sich in seinem Stuhl zurücklehnte, als wäre er zu trüge, eine Antwort auf diese Frage zu ersinnen, »wo ist Ralph Nickleby?« »Pluck«, sagte Pyke, die Miene des Baronets nachahmend und die Lüge auf seinen Freund überwälzend, »wo ist Ralph Nickleby?« Herr Pluck war im Begriff, irgendeine ausweichende Antwort zu geben, als ein Geräusch, veranlaßt durch den Eintritt einiger Personen in die nächste Loge, die Aufmerksamkeit aller vier Herren, die sich vielsagende Blicke zuwarfen, in Anspruch zu nehmen schien. Sobald übrigens die neuen Ankömmlinge unter sich zu sprechen begannen, nahm Sir Mulberry plötzlich die Stellung eines aufmerksamen Horchers an und beschwor seine Freunde, nicht zu atmen – nein, nicht einmal zu atmen. »Warum nicht?« fragte Madame Nickleby. »Was gibt's denn?« »Pst«, versetzte Sir Mulberry, indem er eine Hand auf ihren Arm legte. »Lord Friedrich, erkennen Sie den Ton dieser Stimme?« »Der Teufel soll mich holen, wenn es mir nicht vorkommt, als wäre es die Stimme von Fräulein Nickleby.« »O Himmel, Mylord!« rief Fräulein Nicklebys Mama, indem sie den Kopf um den Vorhang hinumsteckte. »Ei, in der Tat, Käthchen, mein liebes Käthchen! »Sie hier, Mama? – Ist's möglich?« »Möglich – meine Liebe? Warum nicht?« »Und wen – um Gottes willen – wen haben Sie bei sich, Mama?« sagte Käthchen zurückfahrend, als sie eines Mannes ansichtig wurde, der ihr lächelnd Kußhändchen zuwarf. »Was meinst du wohl, meine Liebe?« versetzte Madame Nickleby, indem sie sich ein wenig gegen Madame Wititterly hinbeugte und etwas lauter sprach, damit sich auch diese Dame daran ergötzen könnte. »Es ist Herr Pyke, Herr Pluck, Sir Mulberry Hawk und Lord Friedrich Verisopht.« »Barmherziger Gott!« dachte Käthchen, »wie kommt sie in solche Gesellschaft?« Das rasche Aufblitzen dieses Gedankens, die plötzliche Überraschung und die Erinnerung alles dessen, was bei Ralphs ergötzlichem Diner vorgefallen war – alles dieses bewirkte, daß Käthchcn ungemein blaß wurde und sehr aufgeregt erschien, was Madame Nickleby im Augenblick wahrnahm und vermöge ihres ungemeinen Scharfsinns als die Wirkungen einer leidenschaftlichen Liebe deutete. Aber obgleich sie nicht wenig entzückt bei dieser Entdeckung war, die ihrer schnellen Auffassungsgabe so viel Ehre machte, so minderte sie doch ihre mütterliche Besorgnis um Käthchen nicht. Deshalb verließ sie denn auch mit allen zärtlichen Bekümmernissen einer Mutter ihre eigene Loge, um in die der Madame Wititterly zu eilen. Madame Wititterly, gespornt durch die Aussicht auf den Ruhm, einen Lord und einen Baronet unter ihre Hausfreunde zu zählen, verlor keine Zeit, Herrn Wititterly zuzuwinken, er möchte die Tür öffnen, und in weniger als dreißig Sekunden hatte Madame Nicklebys Gesellschaft einen Einfall in Madame Wititterlys Loge gemacht, die dadurch bis zur Tür angefüllt und in der Tat so vollgepfropft wurde, daß für die Herren Pyke und Pluck der Raum nur so weit reichte, ihre Köpfe und Westen hereinzustecken. »Mein liebes Käthchen«, sagte Madame Nickleby, indem sie ihre Tochter zärtlich küßte, »wie blaß hast du vor einem Augenblick ausgesehen! Ich versichere dir, daß du mich vorhin ganz erschrecktest.« »Es kam Ihnen nur so vor, Mama, – der – der – Widerschein der Lichter vielleicht«, versetzte Käthchen, indem sie sich ängstlich umsah und die Unmöglichkeit erkannte, ihrer Mutter irgendeine Erklärung oder Warnung zuzuflüstern. »Siehst du Sir Mulberry Hawk nicht, meine Liebe?« Käthchen bückte sich leicht, biß sich in die Lippe und wandte den Kopf gegen die Bühne. Aber Sir Mulberry Hawk ließ sich nicht so leicht zurückweisen: denn er trat mit ausgestreckter Hand näher, und da Madame Nickleby dienstfertig Käthchen diesen Umstand mitteilte, so sah sich diese gleichfalls genötigt, die ihrige auszustrecken. Sir Mulberry hielt sie fest, murmelte eine Flut von Schmeicheleien, die Käthchen – nach dem, was zwischen ihnen vorgefallen war – mit Recht als eben so viele Erschwerungen der Beleidigung betrachtete, die er ihr bereits zugefügt hatte. Dann folgte eine Erkennungsszene mit Lord Verisopht, dann eine Begrüßung von Herrn Pyke, dann ein Kompliment von Herrn Pluck, und endlich, um den Verdruß vollkommen zu machen, sah sich Käthchen durch Madame Wititterlys Geheiß genötigt, die Personen, die sie nur mit dem höchsten Unwillen und Abscheu betrachten konnte, förmlich vorzustellen. »Madame Wititterly ist ganz entzückt«, sagte Herr Wititterly, die Hände reibend: – »ich versichere Ihnen, Mylord – ganz entzückt ob dieser Gelegenheit, eine Bekanntschaft anzuknüpfen, die, wie ich hoffe, Mylord, eine dauerndere sein wird. Liebe Julia, ich bitte dich, laß dich nicht zu sehr aufregen – in der Tat, du darfst es nicht. Madame Wititterly ist von äußerst sensiblem Wesen, Sir Mulberry – die Schnuppe einer Kerze – der Docht einer Lampe – der Duft auf einer Pfirsich – der Flügelstaub eines Schmetterlings – Sie könnten sie wegblasen, Mylord: Sie könnten sie wegblasen.« Sir Mulberry schien zu denken, daß es gar bequem sein dürfte, wenn die Dame weggeblasen, nur weggeblasen werden möchte. Er sagte jedoch nur, daß das Entzücken wechselseitig wäre, und Lord Verisopht versicherte das gleiche, wie denn auch die Herren Pyke und Pluck, die man aus der Entfernung murmeln hörte, gleichfalls an dieser Wechselseitigkeit des Entzückens im höchsten Grad teilnehmen wollten. »Ich nehme ein Interesse, Mylord –« sagte Madame Wititterly mit schmachtendem Lächeln – »ach, ein zu großes Interesse an dem Schauspiel.« »I-a, es ist sehr interessant«, versetzte Lord Verisopht. »Ich fühle mich immer nach Shakespeare unwohl«, entgegnete Madame Wititterly. »Ich bin am nächsten Tage kaum mehr vorhanden; ich befinde mich nach einem Trauerspiel in einer zu großartigen Reaktion, Mylord, und Shakespeare ist ein zu köstliches Geschöpf.« »I-a«, erwiderte Lord Verisopht. »Er war ein gescheiter Mann.« »Ich kann Ihnen sagen, Mylord«, fuhr Madame Wititterly nach einer langen Pause fort, »daß ich, nachdem ich in dem zu allerliebsten armseligen Häuschen war, worin er geboren wurde, ein noch viel größeres Interesse an seinem Stücke finde. Sind Sie einmal dort gewesen, Mylord?« »Nein, nie«, versetzte Verisopht. »Dann müssen Sie in der Tat hingehen, Mylord«, entgegnete Madame Wititterly mit einer ungemein schmachtenden und gedehnten Betonung. »Ich weiß nicht, wie es zugeht, aber wenn man den Ort gesehen und seinen Namen in das kleine Buch eingeschrieben hat, so scheint man irgendwie ganz begeistert: es entzündet ein eigentliches Feuer in dem Innern.« »I-a«, erwiderte Lord Verisopht, »ich muß wahrhaftig hingehen.« »Julia, mein Leben«, fiel Herr Wititterly ein, »du täuschest Seine Herrlichkeit – Mylord, sie täuscht Sie, ohne es zu wollen. Dein poetisches Temperament, meine Liebe – deine ätherische Seele – deine glühende Einbildungskraft stürzt dich in eine Glut von Aufregung und Begeisterung. Der Platz will nichts heißen, meine Liebe – nichts – gar nichts.« »Ich sollte doch meinen, daß es etwas damit wäre«, sagte Madame Nickleby, die bisher schweigend zugehört hatte; »denn bald nach meiner Hochzeit fuhr ich mit meinem armen seligen Manne von Birmingham aus in einer Postkutsche – war es auch eine Postkutsche?« unterbrach sich Madame Nickleby überlegend. – »Ja, es muß eine Postkutsche gewesen sein; denn ich erinnere mich noch recht gut, wie es mir auffiel, daß der Postillion einen grünen Schirm über dem linken Auge hatte. – Ich fuhr also in einer Postkutsche von Birmingham nach Stratford, und nachdem wir Shakespeares Grab und das Haus, wo er geboren wurde, gesehen hatten, gingen wir in das Wirtshaus zurück, wo wir über Nacht blieben, und ich erinnere mich, daß mir die ganze Nacht über von nichts als einem schwarzen, gipsernen Herrn in Lebensgröße träumte, dessen umgeschlagener Kragen mit zwei Troddeln zusammengeknüpft war. Er lehnte nachdenkend an einem Pfahl, und als ich am andern Morgen aufwachte und die Gestalt meinem seligen Manne beschrieb, so sagte er, das wäre Shakespeare gewesen, wie er geleibt und gelebt hätte. Das war doch gewiß höchst sonderbar. Stratford – Stratford«, fuhr Madame Nickleby sich besinnend fort. »Ja, ich bin dessen ganz gewiß, denn ich erinnere mich, ich war damals mit meinem Sohn Nicolaus guter Hoffnung, und an demselben Morgen hatte mir ein junger italienischer Gipsfigurenhändler einen großen Schrecken eingejagt. Es war in der Tat Gnade vom Himmel, Madame«, flüsterte Madame Nickleby Madame Wititterly zu, »daß mein Sohn nicht als ein Shakespeare auf die Welt kam, was ja ganz etwas Schreckliches gewesen wäre.« Als Madame Nickleby diese ansprechende Anekdote zu Ende erzählt hatte, machten Pyke und Pluck – stets eifrig in den Angelegenheiten ihres Gönners – den Vorschlag, einen Teil der Gesellschaft in die nächste Loge zu verlegen. Die Einleitungen wurden mit solcher Gewandtheit getroffen, daß Käthchen trotz alles ihres Einspruches keine andere Wahl blieb, als sich von Sir Mulberry Hawk hinüberführen zu lassen. Ihre Mutter und Herr Pluck begleiteten sie. Aber die würdige Dame nahm sich mit einer Diskretion, auf die sie sich wunder was zugute tat, soviel wie möglich in acht, den ganzen Abend nicht auf ihre Tochter zu sehen, und tat, als wäre sie durch Herrn Plucks humoristische Unterhaltung ganz hingerissen. Dieser Ehrenmann aber hatte die Aufgabe, Madame Nickleby zu hüten, weshalb er auch keine Gelegenheit versäumte, ihre Aufmerksamkeit zu fesseln. Lord Friedrich Verisopht blieb in der nächsten Loge, um sich mit Madame Wititterly zu unterhalten, und Herr Pyke war zur Hand, um, wo nötig, ein oder zwei Worte einzuflicken. Was Herrn Wititterly anbelangt, so war dieser im ganzen Hause herum ungemein geschäftig, indem er allen Freunden und Bekannten, die er aufzufinden vermochte, mitteilte, die zwei Herren, die sie in der Loge mit Madame Wititterly hätten sprechen sehen, wären der ausgezeichnete Lord Friedrich Verisopht und dessen vertrautester Freund, der heitere Sir Mulberry Hawk, – eine Eröffnung, die mehrere achtbare Personen, die auf gesellschaftlichen Verkehr hielten, mit der größten Wut und Eifersucht erfüllte und sechzehn unverheiratete Töchter ganz an den Rand der Verzweiflung brachte. Das Stück war endlich vorüber. Aber Käthchen mußte sich noch durch den von ihr verabscheuten Sir Mulberry die Stiege hinunterführen lassen, wobei die Herren Pyke und Puck so geschickt manövrierten, daß sie und der Baronet die letzten des Zuges waren und sogar – ohne daß es den Anschein eines überdachten Planes hatte – ein wenig hinter der übrigen Gesellschaft zurückblieben. »Nur etwas langsam – etwas langsam«, sagte Sir Mulberry, als Käthchen vorwärtsdrängte und ihren Arm loszumachen suchte. Sie erwiderte nichts, sondern vermehrte ihre Bemühungen. »Wohlan denn« – bemerkte Sir Mulberry kaltblütig, indem er sie ohne weitere Umstände zum Stehen zwang. »Sie werden guttun, wenn Sie mich nicht zurückzuhalten suchen, Sir«, sagte Käthchen unwillig. »Und warum – wenn ich fragen darf?« entgegnete Sir Mulberry. »Mein holdes Wesen, warum stellen Sie sich denn immer noch so ungnädig?« » Stellen ?« wiederholte Käthchen mit Entrüstung. »Wie kommen Sie überhaupt zu der Frechheit, mit mir zu sprechen, Sir, – mich anzureden – mir unter die Augen zu treten?« »Ihre Aufwallung macht Sie nur noch hübscher, Fräulein Nickleby«, versetzte Sir Mulberry Hawk, sich niederbeugend, um ihr besser ins Gesicht sehen zu können. »Ich kenne Ihnen gegenüber kein anderes Gefühl als das der tiefsten Verachtung und des höchsten Abscheus, Sir«, sagte Käthchen. »Wenn Sie an Blicken, die solche Empfindungen ausdrücken, Gefallen finden, so – doch zurück! Lassen Sie mich augenblicklich zu meiner Gesellschaft. Wenn mich noch Rücksichten zurückgehalten haben, ich werde alle schwinden lassen und einen Weg einschlagen, der selbst Ihnen empfindlich fallen dürfte, wenn Sie mich nicht auf der Stelle loslassen.« Sir Mulberry lächelte und ging – noch immer in ihr Gesicht blickend und ihren Arm festhaltend – nach der Tür. »Wenn nicht die Achtung für mein Geschlecht oder meine hilflose Lage Sie veranlassen kann, von dieser rohen und unmännlichen Verfolgung abzulassen«, fuhr Käthchen fort, indem sie in dem Sturm ihrer Gefühle kaum wußte, was sie sagte; »so habe ich einen Bruder, der es eines Tages schwer zu rächen wissen wird.« »Wahrhaftig«, rief Sir Mulberry, gleichsam als spräche er nur mit sich selber, indem er zugleich seinen Arm um ihren Leib legte, »ihr Äußeres gewinnt immer mehr, und sie gefällt mir in diesem Zorne viel besser, als wenn sie die Augen niederschlägt und vollkommen ruhig ist!« Käthchen gelangte zu der in der Vorhalle ihrer harrenden Gesellschaft, ohne selbst zu wissen wie, stürzte rücksichtslos an dieser vorbei, stieß ihren Begleiter zurück und sprang in die Kutsche, wo sie sich in den hintersten Winkel warf und in Tränen ausbrach. Die Herren Pyke und Pluck, die ihr Schlagwort wußten, brachten auf einmal die Gesellschaft in eine große Verwirrung, indem sie nach dem Wagen riefen und mit einigen Umherstehenden einen heftigen Streit anfingen. Mitten in diesem Tumult brachten sie die erschrockene Madame Nickleby in ihren Wagen, und nachdem man sich dieser glücklich entledigt hatte, faßten sie Madame Wititterly ins Auge, deren Aufmerksamkeit sie in sehr wirksamer Weise dadurch von Käthchen ablenkten, daß sie die Dame in einen Zustand der höchsten Bestürzung und Verwirrung versetzten. Endlich rollte der Wagen, in dem sie angekommen war, mit seiner Last weiter, und die vier Braven, die allein in der Säulenhalle zurückblieben; brachen nun in ein schallendes Gelächter aus. »So!« sagte Sir Mulberry zu seinem edlen Freund. »Sagte ich Ihnen nicht gestern abend, daß wir diese Leute übertölpeln würden, wenn wir durch Bestechung eines Dieners ihre Loge ausfindig machten und mit der Mutter gerade nebenan Platz nähmen? Da haben wir's jetzt – alles in vierundzwanzig Stunden fertiggebracht!« »J-a«, versetzte der adelige Pinsel, »aber ich habe den ga-anzen Abend bei dem alten Weibe aushalten müssen.« »Hört doch«, sagte Sir Mulberry zu seinen zwei Freunden – »hört nur diesen unzufriedenen Brummer. Sollte man's da nicht satt bekommen, ihm je wieder bei seinen Entwürfen und Ränken Beistand zu leisten? Muß das einen nicht verdammt verdrießen?« Pyke fragte Pluck, ob einen so etwas nicht verdammt verdrießen müsse, und Pluck fragte Pyke das gleiche, ohne daß einer von beiden die Frage beantwortete. »Habe ich nicht recht?« fragte Verisopht. »War es nicht so?« »War es nicht so?« wiederholte Sir Mulberry. »Wie haben Sie's denn haben wollen? Wie hätten wir bei der ersten Begegnung eine allgemeine Einladung erhalten können, zu kommen, wenn's beliebt, zu gehen, wenn's beliebt, zu bleiben, solange es beliebt, zu tun, was beliebt – wenn nicht Sie, der Lord, – sich der einfältigen Frau vom Hause angenehm machten? Kümmere ich mich um das Mädchen aus einem anderen Grund, als um Ihretwillen? Habe ich nicht den ganzen Abend Ihr Loblied in ihr Ohr gesungen und um Ihretwillen ihre empfindlichen und schnippischen Reden hingenommen? Meinen Sie denn, ich sei aus einem besonderen Stoffe gemacht? Würde ich das für jedermann tun? – Und habe ich nicht einen Anspruch auf Ihre Dankbarkeit?« »Sie sind ein teufelmäßig guter Kerl«, sagte der arme Lord, den Arm seines Freundes ergreifend. »Bei meinem Leben, Sie sind ein teufelmäßig guter Kerl, Hawk.« »Und habe ich's nicht recht gemacht – wie?« fragte Sir Mulberry. »Ga-anz recht.« »Und wie ein gutmütiger Tropf gehandelt, der alles den Rücksichten für den Freund opfert – wie?« »J-a – wie ein Freund«, entgegnete der andere. »Nun denn, dann bin ich zufrieden«, erwiderte Sir Mulberry. »Aber jetzt lassen Sie uns gehen und an dem deutschen Baron und dem Franzosen Revanche nehmen, die Ihnen gestern abend die Taschen so rein ausfegten.« Mit diesen Worten nahm der aufopferungsvolle Freund den Lord beim Arm und führte ihn fort, indem er sich dabei halb umdrehte und mit einem verächtlichen Lächeln den Herren Pyke und Pluck zublinzelte, die, um ihre geheime Freude über den ganzen Verlauf der Sache anzudeuten, ihre Taschentücher in den Mund preßten und ihrem Gönner nebst dessen Opfer in einiger Entfernung nachfolgten. Achtundzwanzigstes Kapitel. Käthchen Nickleby, durch Sir Mulberry Hawks Verfolgung und die verschiedenen Schwierigkeiten und Unfälle, die sie umgeben, zur Verzweiflung gebracht, sucht, als letztes Mittel, den Schutz ihres Onkels nach. Der andere Morgen brachte, wie es gewöhnlich zu gehen pflegt, Überlegung. Aber ganz verschieden war der Gang der Gedanken bei den verschiedenen Personen, die den Abend vorher durch die gewandte Tätigkeit der Herren Pyke und Pluck so unerwartet zusammengeführt worden waren. Die Betrachtungen Sir Mulberry Hawks – wenn sich anders die Gedanken eines systematischen, berechnenden Lüstlings so nennen lassen, dessen Freuden und Leiden, Schmerzen und Vergnügungen sämtlich selbstsüchtig sind, und der von seinen geistigen Fähigkeiten kaum etwas anderes behalten zu haben scheint, als das Vermögen, sich zu erniedrigen und die menschliche Natur zu schänden – die Betrachtungen Sir Mulberry Hawks wandten sich Käthchen Nickleby zu und bestanden – kurz zusammengefaßt – darin, daß das Mädchen unbestritten schön sei, daß ihre Sprödigkeit durch einen Mann von seiner Gewandtheit und Erfahrung sich leicht besiegen lassen müsse , und daß der Sieg über ein solches Mädchen nicht verfehlen könne, den Ruf, dessen er sich in der Welt erfreute, durch neuen Glanz zu erhöhen. Damit jedoch diese letztere Erwägung – für Sir Mulberry keineswegs eine geringfügige oder untergeordnete – nicht allzu befremdlich in den Ohren der Leser klinge, möchten wir daran erinnern, daß die meisten Menschen in ihrer eigenen Welt leben, und daß ihr Ehrgeiz nur von diesem beschränkten Zirkel Auszeichnung und Beifall erwartet. Sir Mulberrys Welt war mit Wüstlingen bevölkert, und demgemäß handelte er. Wir sehen Handlungen der Ungerechtigkeit, der Unterdrückung, der Tyrannei und der maßlosesten Scheinheiligkeit um uns vorgehen, und man pflegt nicht zu unterlassen, verwundert und erstaunt in die Welt hineinzuschreien, daß die Täter solcher Handlungen der öffentlichen Meinung so ganz und gar Hohn sprächen. Aber man tut ihnen Unrecht, wenn man ihnen allein die Schuld zur Last legt, denn derartige Dinge könnten nicht stattfinden und die große Welt in starres Erstaunen versetzen, wenn sie nicht dabei den Beifall ihrer eigenen kleinen Welt für sich hätten. Madame Nicklebys Erwägungen waren von der stolzesten und selbstgefälligsten Art, weshalb sie sich auch unter dem Einflusse der lieblichen Trugbilder, die sie umgaben, sogleich niedersetzte und einen langen Brief an Käthchen abfaßte, in dem sie ihre volle Billigung über die vortreffliche Wahl ihrer Tochter ausdrückte und Sir Mulberry bis in den Himmel erhob. Sie fügte diesen Lobsprüchen noch die beruhigende Versicherung bei, daß sie keinen andern Schwiegersohn gewählt haben würde, wenn ihr auch das Aussuchen unter der ganzen Männerwelt freigestanden hätte. Hierauf erteilte die gute Dame – nach der vorläufigen Bemerkung, daß sie gewiß nicht solange in der Welt gelebt haben könne, ohne erfahren zu haben, wie es in derselben zuginge – eine große Menge schlauer Lehren über Käthchens Benehmen gegen ihren Freier, deren Weisheit sie durch eigene Erfahrung erprobt hatte. Vor allem aber empfahl sie eine strenge jungfräuliche Zurückhaltung, da sie nicht nur an sich selbst sehr löblich wäre, sondern auch wesentlich dazu diente, die Glut eines Liebhabers zu kräftigen und zu vermehren. »Und in meinem ganzen Leben war ich nie entzückter, meine Liebe«, fügte Madame Nickleby bei, »als gestern abend, weil ich bemerkte, daß dein eigenes richtiges Gefühl dir bereits ein gleiches gesagt hat.« Zu diesem Gefühlserguß fügte sie noch wiederholt hinzu, wie sehr sie erfreut darüber sei, daß ihre Tochter einen so großen Teil ihrer eigenen Klugheit und ihres richtigen Taktes geerbt hätte und deren volles Maß sie ihr seinerzeit hinterlassen zu können hoffte, wenn Käthchen nach Kräften mitwirkte. Also schloß Madame Nickleby ihren sehr langen und ziemlich unleserlichen Brief. Das arme Käthchen war dem Wahnsinn nahe, als die Mutter ihr auf vier eng übers Kreuz geschriebenen Seiten zu einer Sache Glück wünschte, ob der sie die ganze Nacht kein Auge schließen konnte, sondern voller Tränen in ihrem Kämmerlein gewacht hatte. Noch schmerzlicher und drückender empfand sie die Notwendigkeit, sich Madame Wititterly angenehm zu machen, die nach der Aufregung des letzten Abends äußerst herabgestimmt war und daher von ihrer Gesellschafterin (denn wofür anders gab sie Kost und Lohn?) die heiterste Stimmung verlangte. Was Herrn Wititterly betraf, so ging er den ganzen Tag bebend von Entzücken umher, daß ihm ein Lord die Hand gedrückt und daß er diesen wirklich eingeladen hatte, ihn in seinem eigenen Zirkel zu besuchen. Der Lord selbst, der von keiner allzu reichlichen Denkkraft geplagt war, labte sich an einer Unterhaltung mit den Herren Pyke und Pluck, die ihren Witz durch lebhaften Genuß verschiedener köstlicher Herzstärkungen auf seine Kosten schärften. Es war vier Uhr nachmittags – das heißt des gewöhnlichen Nachmittags der Sonne und der Uhr – und Madame Wititterly ruhte wie gewöhnlich auf dem Sofa ihres Besuchzimmers, während ihr Käthchen einen neuen Roman in drei Bänden, betitelt: »Die Lady Flabella«, vorlas, den Alphons der Zweifelhafte am Morgen aus der Leihbibliothek geholt hatte. Der Roman war wirklich wunderbar geeignet für eine Dame, die an Madame Wititterlys Krankheit litt, da er vom Anfang bis zum Ende nicht eine einzige Zeile enthielt, die auch nur in der entferntesten Beziehung die mindeste Spur einer Aufregung bei irgendeinem lebenden Wesen hätte hervorbringen können. Käthchen las: »›Cherizette‹, sagte Lady Flabella, mit den mäuschengleichen Füßchen in die blauen Seidenschuhchen schlüpfend, jene Schuhchen, die sozusagen den halb ernst-, halb scherzhaften Wortwechsel zwischen ihr und dem jugendlichen Obersten Befillaire letzten Abend im › Salon de dance ‹ des Herzogs von Mincefenille veranlaßt hatten. › Cherizette, donnez moi de l'eau-de-cologne, s'il vous plaît, mon enfant! ‹ › Merci – ich danke‹, sagte Lady Flabella, als die lebhafte, aber warm ergebene Cherizette Lady Flabellas Mouchoir mit der duftenden Essenz benetzt hatte. Das Mouchoir war mit reichen Spitzen besetzt und in den vier Ecken mit der Flabellakrone und dem prächtigen Wappen dieser altadligen Familie in reicher Stickerei geschmückt; › Merci – das wird mir wohl bekommen.‹ In diesem Augenblick, wahrend Lady Flabella noch ihr Mouchoir an die herrliche, gedankenvoll geformte Nase hielt und den köstlichen Wohlgeruch einatmete, öffnete sich die Tür des Boudoirs (künstlich verhüllt durch reiche Damastvorhänge von der Farbe des italienischen Himmels), und mit lautlosen Schritten traten zwei Kammerdiener, in prachtvolle pfirsichblütrote und mit Gold verbrämte Livreen gekleidet, in das Zimmer. Hinter ihnen ein Page in bas de soie – seidenen Strümpfen – der sich, während die beiden in einiger Entfernung die anmutigsten Verbeugungen machten, seiner liebenswürdigen Gebieterin näherte, auf ein Knie niedersank und ihr auf einem prachtvoll getriebenen, goldenen Präsentierteller ein parfümiertes Billett überreichte. Die Dame Flabella riß mit einer Aufregung, die sie nicht zu unterdrücken vermochte, hastig die Enveloppe ab und erbrach das duftende Siegel. Ja, es war von Befillaire – dem jugendlichen, dem schlanken, dem schmachtenden – von ihrem Befillaire.« »Ach, entzückend!« fiel Käthchens Gebieterin ein, die bisweilen die Kritikerin spielte; »in der Tat sehr poetisch. Lesen Sie diese Schilderung noch einmal, Mamsell Nickleby.« Käthchen gehorchte. »In der Tat, recht süß!« sagte Madame Wititterly mit einem Seufzer. »So wollustatmend, so weich – nicht wahr?« »Ja, es kommt mir ungemein weich vor«, versetzte Käthchen schüchtern. »Schließen Sie das Buch, Mamsell Nickleby«, sagte Madame Wititterly. »Ich kann heute nichts mehr hören: denn ich möchte nicht gerne den Eindruck dieser Schilderung verwischen. Schließen Sie das Buch.« Käthchen gehorchte mit Freuden. Madame Wititterly aber brachte mit matter Hand ihre Lorgnette vor das Auge und bemerkte, daß sie blaß aussähe. »Vielleicht von dem Schrecken – der Lärm, die Verwirrung des gestrigen Abends«, versetzte Käthchen. »Wie sonderbar!« rief Madame Wititterly mit einem Blick der Überraschung. Und in der Tat, bei genauerer Überlegung mußte es sehr sonderbar erscheinen, daß irgend etwas einen beunruhigenden Eindruck auf eine Gesellschafterin machen konnte. Das Explodieren einer Dampfmaschine oder die Zerstörung irgendeiner anderen sinnreichen Maschine wäre nichts dagegen gewesen. »Wie machten Sie die Bekanntschaft des Lord Friedrich und der andern angenehmen Herren, Kind?« fragte Madame Wititterly, Käthchen fortwährend durch ihre Lorgnette beäugelnd. »Ich traf sie im Hause meines Onkels«, antwortete Käthchcn verlegen; denn sie fühlte, daß sie tief errötete, wie sie denn überhaupt unfähig war, ihrem Blut zu wehren, nach ihrem Antlitz zu strömen, sooft sie an jenen Mann dachte. »Datiert sich diese Bekanntschaft schon von lange?« »Nein, nicht von lange«, entgegnete Käthchen. »Ich war sehr erfreut, daß uns die achtbare Frau, Ihre Mutter, Gelegenheit gab, sie kennenzulernen«, sagte Madame Wititterly in ziemlich herablassendem Tone. »Übrigens ist es ein merkwürdiges Zusammentreffen, daß einige unserer Freunde auf dem Punkte waren, sie bei uns einzuführen.« Das wurde gesagt, damit Käthchen sich nicht zu viel auf die Ehre zugute täte, vier Personen von Stande – denn Pyke und Pluck wurden den angenehmen Herren beigezählt – gekannt zu haben, die Madame Wititterly nicht kannte. Da aber Käthchen in keiner Weise einen Wert auf die Tatsache legte, so ging die beabsichtigte Wirkung natürlich ganz verloren. »Sie haben um die Erlaubnis gebeten, mich besuchen zu dürfen«, sagte Madame Wititterly, »und es versteht sich von selber, daß ich diese nicht versagte.« »Erwarten Sie heute ihren Besuch?« wagte Käthchen zu fragen. Madame Wititterlys Antwort verlor sich unter dröhnendem Klopfen an die Haustür, und ehe dieses noch verklungen war, fuhr eine schöne Equipage vor, aus der Sir Mulberry Hawk und sein Freund Lord Verisopht heraussprangen. »Da sind sie«, sagte Käthchen aufstehend und forteilend. »Mamsell Nickleby!« lief Madame Wititterly, ganz erstarrt ob dem Unterfangen ihrer Gesellschafterin, das Zimmer verlassen zu wollen, ohne zuerst Erlaubnis nachgesucht und erhalten zu haben; »Sie werden das Zimmer nicht verlassen.« »Sie sind sehr gütig«, versetzte Käthchen, »aber –« »Um des Himmels willen, bringen Sie mich nicht in Wallung, indem Sie mich so viel sprechen lassen«, entgegnete Madame Wititterly scharf. »Mein Gott, Mamsell Nickleby, ich bitte –« Käthchen versicherte vergeblich, daß sie unwohl wäre; denn die Fußtritte der Besuchenden, wer sie auch sein mochten, ließen sich schon auf der obersten Treppe vernehmen. Sie setzte sich wieder, und kaum war das geschehen, als der zweifelhafte Boy in das Zimmer stürzte und Herrn Pyke, Herrn Pluck, Lord Friedrich Verisopht und Sir Mulberry Hawk – alle zumal – ankündigte. »Wie höchst sonderbar es auf der Welt zugeht«, sagte Herr Pluck, nachdem er die beiden Damen mit der größten Herzlichkeit begrüßt hatte; »in der Tat, höchst sonderbar. Als Lord Friedrich und Sir Mulberry anfuhren, pochten Pyke und ich eben an der Tür.« »Wir pochten eben«, pflichtete Pyke bei. »Da Sie einmal hier sind, so ist es gleichgültig, wie Sie kamen«, versetzte Madame Wititterly, die, da sie dreieinhalb Jahr auf demselben Sofa gelegen, ziemlich viele anmutige Körperhaltungen eingelernt hatte und nun die imposanteste von diesen annahm, um die Besuchenden in Staunen zu versetzen. »Gewiß, ich bin ganz entzückt, Sie bei mir zu sehen.« »Und was macht Fräulein Nickleby?« sagte Sir Mulberry Hawk mit leiser Stimme zu Käthchen, jedoch nicht so leise, daß seine Worte nicht Madame Wititterlys Ohren erreicht hätten. »Ach, sie beklagt sich über Unwohlsein infolge des Schreckens der gestrigen Nacht«, antwortete die Dame. »Ich wundere mich übrigens nicht darüber; denn meine Nerven sind ganz zerrissen.« »Und doch sehen Sie«, bemerkte Sir Mulberry, sich umwendend – »und doch sehen Sie –« »Unvergleichlich aus«, fiel Herr Pyke, seinem Gönner zu Hilfe kommend, ein; und Herr Pluck sagte natürlich dasselbe. »Ich fürchte, Sir Mulberry ist ein Schmeichler, Mylord«, sagte Madame Wititterly, sich an Verisopht wendend, der schweigend an seinem Stockknopf sog und Käthchen anstierte. »O, teufelmäßig«, versetzte Verisopht. Und nach dieser geistreichen Erwiderung nahm er seine frühere Beschäftigung wieder auf. »Fräulein Nickleby ist darum nicht weniger interessant geworden«, sagte Sir Mulberry, indem er sie mit dreisten Blicken musterte. »Sie war immer schön, aber bei meiner Seele, Madame, es scheint, Sie haben ihr außerdem noch etwas von Ihrem eigenen guten Aussehen mitgeteilt.« Der Glut nach zu schließen, die bei diesen Worten das Antlitz des armen Mädchens übergoß, hätte Madame Wititterly mit einigem Schein von Grund annehmen mögen, daß sich etwas von der künstlichen Blume ihrer eigenen Wangen in Käthchens Zügen widerstrahle. Madame Wititterly mußte nun – freilich nicht in der gnädigsten Weise – zugestehen, daß Käthchen hübsch aussähe. Auch fing sie an zu glauben, daß Sir Mulberry nicht ganz der angenehme Mann wäre, für den sie ihn anfangs gehalten; denn obgleich der gewandteste Schmeichler der ergötzlichste Gesellschafter ist, wenn man ihn ganz für sich behalten kann, so wird doch sein Geschmack sehr zweifelhaft, wenn er sich unterfängt, anderen Leuten Artigkeiten zu sagen. »Pyke«, begann der achtsame Herr Pluck, als er die Wirkung gewahrte, die Käthchens Lob hervorgebracht hatte. »Wie beliebt, Pluck«, versetzte Pyke. »Gibt es nicht jemanden«, fragte Herr Pluck geheimnisvoll; »eine Dame, die Sie kennen – an die Madame Wititterlys Profil erinnert?« »Erinnert?« erwiderte Pyke. »Ei freilich.« »Was meinen Sie?« sagte Pluck in derselben geheimnisvollen Weise. »Die Herzogin von B...?« »Die Gräfin von B...«, versetzte Pyke mit einem leichten Zucken der Mundwinkel. »Die schöne Schwester ist die Gräfin, nicht die Herzogin.« »Richtig«, entgegnete Pluck, »die Gräfin von B.... Ist die Ähnlichkeit nicht wundervoll?« »Zum Sprechen«, erwiderte Herr Pyke. Wie nun jetzt? Madame Wititterly war durch das Zeugnis zweier wahrheitsliebender und kompetenter Beurteiler für das leibhaftige Ebenbild einer Gräfin erklärt! So geht es, wenn man mit guter Gesellschaft verkehrt. Sie hätte sich zwanzig Jahre unter ordinären Leuten herumtreiben können, ohne je etwas von dieser Tatsache zu erfahren. Wie wäre es auch möglich gewesen – denn was wissen die von Gräfinnen? Nachdem die beiden Herren aus der Gier, womit dieser kleine Köder verschluckt wurde, den Umfang von Madame Wititterlys Hunger nach Schmeichelei erprobt hatten, fuhren sie fort, diese Ware in den allerkräftigsten Dosen auszuteilen, wodurch sie Sir Mulberry Hawk Gelegenheit verschafften, Fräulein Nickleby mit Fragen und Bemerkungen zu quälen, auf die sie notwendig etwas erwidern mußte. Lord Verisopht erfreute sich inzwischen unbelästigt des vollen Wohlgeschmacks seines goldenen Stockknopfes – ein Genuß, der wohl bis zum Schluß dieses Besuchs nicht unterbrochen worden wäre, wenn nicht durch Herrn Wititterlys Nachhausekommen die Unterhaltung auf das Lieblingsthema dieses würdigen Mannes übergeleitet worden wäre. »Mylord«, sagte Herr Wititterly, »ich fühle mich hochgeehrt – bin ganz entzückt – stolz. Bitte, Mylord, nehmen Sie wieder Platz. Ich bin stolz – in der Tat ungemein stolz auf diese Gnade.« Madame Wititterly hatte keinen kleinen Ärger über die Worte ihres Gemahls. Obgleich sie nämlich vor Stolz und Hochmut fast bersten wollte, so wäre es ihr doch lieber gewesen, wenn sie ihre vornehmen Gäste hätte können glauben machen, daß ihr Besuch ein ganz gewöhnliches Ereignis wäre, und daß sie jeden Tag der Woche Lords und Baronets bei sich empfange. Aber Herrn Wititterlys Gefühle gingen einen zu erhabenen Schwung, um sich unterdrücken zu lassen. »Ja gewiß, wir fühlen uns hochgeehrt«, sagte Herr Wititterly. »Julia, mein Herz, du wirst morgen dafür zu leiden haben.« »Zu leiden?« rief Lord Verisopht. »Die Reaktion, Mylord, die Reaktion«, erwiderte Herr Wititterly. »Diese gewaltsame Anspannung des ganzen Nervensystems, Mylord –was kann die Folge sein? Ein Sinken, eine Abspannung, eine Erschlaffung, eine Herunterstimmung, eine Schwäche. Mylord, wenn der Arzt Sir Tumley Snuffim dieses zarte Wesen in dem gegenwärtigen Augenblick sehen könnte, er würde kein – kein – nicht so viel für ihr Leben geben.« Um diese Bemerkung näher zu erläutern, nahm Herr Wititterly eine Prise Schnupftabak aus seiner Dose und warf sie leicht in die Luft, um damit die Vergänglichkeit sinnbildlich anzudeuten. »Nicht so viel «, sagte Herr Wititterly, indem er sich mit einem ernsten Gesicht umsah; »nicht eine Prise Tabak würde Sir Tumley Snuffim für Madame Wititterlys Dasein geben.« Herr Wititterly sagte das mit einer Art von besonnener Begeisterung, als ob es keine kleine Auszeichnung für einen Mann sei, eine Gattin zu besitzen, die sich in einem so verzweifelten Zustande befand. Madame Wititterly aber seufzte und sah aus, als fühle sie die Ehre, die sie ihrem Gemahle damit machte, recht wohl, obschon sie entschlossen sei, sich dieser so wenig als möglich zu überheben. »Madame Wititterly« – sagte der Gatte – »ist Sir Tumley Snuffims Lieblingspatientin. Ich glaube, wohl behaupten zu dürfen, daß Madame Wititterly die erste war, die die neue Arznei einnahm, von der man glaubt, sie hätte eine ganze Familie in den Kensingtonkiesgruben getötet. Ich glaube, sie war's. Wenn ich im Irrtum bin, liebe Julia, so wirst du mich verbessern.« »Ja, ich glaube, daß ich die erste war«, sagte Madame Wititterly mit schwacher Stimme. Da es zweifelhaft erscheinen mochte, ob Sir Mulbcrry sich gut in diese Unterhaltung finden könne, so warf sich der unermüdliche Herr Pyke selbst in die Bresche und fragte, um doch wenigstens etwas dazu zu sagen, ob denn die eben erwähnte Arznei gut zu nehmen wäre. »Nein, Sir – nicht im geringsten. Sie hatte nicht einmal diese Empfehlung«, antwortete Herr Wititterly. »Madame Wititterly ist eine wahre Märtyrerin«, bemerkte Pyke mit einer höflichen Verbeugung. »Ich glaube das selber auch«, versetzte Madame Wititterly lächelnd. »Und ich gleichfalls, meine liebe Julia«, entgegnete der Gatte in einem Ton, der anzudeuten schien, daß er zwar nicht eitel sei, aber doch auf seinen Vorrechten bestehen wolle. »Wenn mir jemand, Mylord«, fügte Herr Wititterly mit einer Wendung gegen Seine Herrlichkeit bei, »wenn mir jemand einen größeren Märtyrer als Madame Wititterly zeigen will, so kann ich weiter nichts sagen, als daß es mich freuen würde, diesen Märtyrer, sei er nun ein männlicher oder ein weiblicher, zu sehen – das ist alles, Mylord.« Pyke und Pluck bemerkten hierauf sogleich, daß man nicht mehr von ihm verlangen könne. Da aber der Besuch bereits schon ziemlich lange gedauert hatte, so gehorchten sie Sir Mulberrys Wink und standen auf, um sich zu entfernen. Das brachte auch Sir Mulberry selbst und Lord Verisopht auf die Beine. Man tauschte viele Freundfchaftsbeteuerungen aus und sprach von dem Vergnügen, das man sich unausbleiblich von einer so angenehmen Bekanntschaft versprach. Endlich entfernte sich der Besuch unter der erneuerten Versicherung, daß sich das Haus der Wititterlys zu jeder Tageszeit sehr geehrt fühlen würde, so unschätzbare Gäste unter seinem Dach zu empfangen. Daß sie zu jeder Tageszeit kamen – daß sie das eine Mal in Herrn Wititterlys Hause dinierten, das andere Mal soupierten, dann wieder dinierten, kurz, beständig ab- und zugingen – daß gemeinschaftliche Vergnügungausflüge und zufällige Begegnungen an öffentlichen Orten stattfanden – daß bei all diesen Anlässen Fräulein Nickleby den beharrlichen Verfolgungen Sir Mulberrys ausgesetzt war, der seine Ehre sogar bei seinen Helfershelfern gefährdet glaubte, wenn es ihm nicht gelänge, den Stolz des Mädchens kirre zu machen – daß sie nur dann Ruhe hatte, wenn sie sich in ihrem einsamen Kämmerlein über die Prüfungen des Tages ausweinen konnte – all das waren Folgen, die notwendig aus Sir Mulberrys wohlüberlegten Plänen und einer geschickten Ausführung derselben durch seine Handlanger, die Herren Pyke und Pluck, entstehen mußten. So ging es vierzehn Tage lang fort. Wir brauchen aber kaum zu bemerken, daß jeder, der nicht an der höchsten Beschränktheit und Geistesarmut litt, bei der ersten Begegnung erkennen mußte, wie wenig Lord Verisopht und Sir Mulberry Hawk, obgleich beide dem höheren Adel angehörten, an gute Gesellschaft gewöhnt waren, und wie wenig ihr Benehmen, ihre Bildung und ihre Unterhaltung in Gesellschaft von Namen zu glänzen vermochten. Aber für Madame Wititterly waren die beiden Titel vollkommen hinreichend. Die Roheit galt als Humor, die Gemeinheit milderte sich zur bezauberndsten Originalität, und die Unverschämtheit wurde als unbefangener Freimut betrachtet, den nur solche sich anzueignen vermögen, die das Glück gehabt haben, sich in höheren Kreisen zu bewegen. Wenn sich die Gebieterin die Aufführung ihrer neuen Freunde in dieser Weise deutete, was durfte dann wohl eine Gesellschafterin gegen diese einwenden? Wenn die seinen jungen Herrchen sogar der Dame des Hauses gegenüber sich alles Zwanges begaben, um wie viel rückhaltsloser mußte dann nicht ihr Benehmen gegen eine bezahlte Dienerin sein! Aber das war noch nicht das Schlimmste. Als Sir Mulberry Hawk seine Maske immer mehr und mehr ablegte und Käthchen seine ausschließliche Aufmerksamkeit zuwendete, fing Madame Wititterly an, auf die überlegenen Reize ihres Dienstboten eifersüchtig zu werden. Wenn dieses Gefühl zu einer Verbannung aus dem Besuchszimmer, sobald derartige Gesellschaft zugegen war, geführt haben würde, so hätte sich Käthchen dazu nur Glück wünschen können. Aber unglücklicherweise besaß sie jene angeborene Anmut, jenen wahren Adel des Benehmens und jene tausend namenlosen Vorzüge, die dem Weibe den schönsten Reiz geben: und da diese allenthalben Anerkennung finden, so mußte dies um so mehr in einem Hause der Fall sein, wo die Gebieterin nur eine belebte Puppe war. Für Käthchen folgte daraus ein zweifaches Leiden, einmal daß sie ein unentbehrliches Gesellschaftsglied war, wenn Sir Mulberry und seine Freunde das Haus mit einem Besuch beehrten, und dann, daß sie aus demselben Grund alle üblen Launen der Dame Wititterly zu tragen hatte, sobald die feine Gesellschaft fort war. Sie fühlte sich daher ganz und gar unglücklich. Madame Wititterly hatte hinsichtlich des Sir Mulberry die Maske nie abgeworfen, sondern jedesmal ein Übermaß ihrer üblen Laune, wie Damen bisweilen zu tun pflegen, einer nervösen Verstimmtheit zugeschrieben. Als aber endlich der schreckliche Gedanke in ihrem Geist zu dämmern und allmählich zur Gewißheit zu werden begann, daß Lord Verisopht gleichfalls in Käthchen verliebt sei, und sie nur eine ganz untergeordnete Rolle spiele, so überkam sie auf einmal ein solches Übermaß von zartem Anstandsgefühl und hoher tugendhafter Entrüstung, daß sie es für ihre Pflicht betrachtete, als eine verheiratete Frau und als ein sittlich reines Glied der Gesellschaft »der jungen Person« die Sache ohne Zögerung vorzuhalten. Demgemäß nahm Madame Wititterly des andern Morgens während einer Pause im Romanlesen die Gelegenheit wahr. »Mamsell Nickleby«, sagte Madame Wititterly, »ich muß ein ganz ernstes Wörtchen mit Ihnen reden. Es tut mir leid, dazu genötigt zu sein – in der Tat sehr leid; aber Sie lasÿsen mir keine andere Wahl, Mamsell Nickleby.« Hier warf Madame Wititterly ihren Kopf in die Höhe – nicht leidenschaftlich, sondern nur tugendhaft – und bemerkte mit einigem Anschein von Aufregung, daß sie eine Rückkehr ihres Herzklopfens befürchte. »Ihr Benehmen, Mamsell Nickleby«, nahm die Dame wieder auf, »ist sehr weit entfernt, sich meines Beifalls zu erfreuen – ja, sehr weit. Ich bin auf Ihre Wolfahrt ängstlich bedacht, aber verlassen Sie sich darauf, Mamsell Nickleby, daß Sie Ihr Glück selbst verscherzen, wenn Sie so fortfahren.« »Madame!« rief Käthchen stolz. »Regen Sie mich nicht auf, indem Sie in diesem Tone mit mir sprechen, Mamsell Nickleby«, sagte Madame Wititterly, »oder Sie werden mich zwingen, die Klingel zu ziehen.« Käthchen blickte ihre Gebieterin an und schwieg. »Glauben Sie ja nicht, Mamsell Nickleby«, fuhr Madame Wititterly fort, »daß Sie mich durch derartige Blicke verhindern werden, das auszusprechen, was ich für eine heilige Pflicht halte. Sie brauchen mich nicht so anzusehen –« fügte sie mit einem plötzlichen Hohnausbruch bei – »ich bin nicht Sir Mulberry, nicht Lord Friedrich Verisopht, Fräulein, und ebensowenig Herr Pyke oder Herr Pluck.« Käthchen sah sie wieder an, aber weniger fest als früher. Dann stützte sie ihren Ellbogen auf den Tisch und bedeckte mit der Hand ihre Augen. »Wenn etwas Derartiges zur Zeit meiner Jugend vorgefallen wäre«, sagte Madame Wititterly – wir bemerken nebenbei, daß darüber eine ziemliche Frist hingeschwunden sein mochte –, »so würde es in der Tat kein Mensch geglaubt haben.« »Ach, es wird auch kein Mensch glauben, zu welchen Leiden ich verdammt zu sein scheine, wenn er es nicht mit mir fühlen kann!« flüsterte Käthchen. »Sprechen Sie mir nicht von ›verdammt zu sein scheinen‹ und ›leiden‹, Mamsell Nickleby, wenn ich bitten darf«, sagte Madame Wititterly mit einer Schrillheit des Tones, die bei einer so gebrechlichen Dame wirklich ungemein überraschen mußte. »Ich will keine Erwiderung, Mamsell Nickleby. Ich bin an Erwiderungen nicht gewöhnt und werde sie auch keinen Augenblick dulden. – Hören Sie?« fügte sie bei, indem sie etwas inkonsequent dennoch eine Erwiderung zu erwarten schien. »Ich höre es allerdings, Madame«, versetzte Käthchen, »und zwar mit einer Überraschung, die ich nicht auszudrücken vermag.« »Ich habe Sie immer als eine für Ihre Stellung besonders wohlanständige junge Person betrachtet«, entgegnete Madame Wititterly; »und da Sie gesund aussehen, ordentlich in Ihrer Kleidung sind und dergleichen, so habe ich ein Interesse an Ihnen genommen und tue es auch noch, da ich dieses für eine Art von Pflicht halte, die ich der achtbaren alten Frau, Ihrer Mutter, schuldig bin. Aber eben deshalb, Mamsell Nickleby, muß ich Ihnen ein für allemal sagen und Sie bitten, daß Sie sich meine Worte zu Herzen nehmen. Ich verlange durchaus, daß Sie Ihr dreistes Benehmen gegen die Herren, die dieses Haus besuchen, ändern. Es ist in der Tat nicht passend« – fuhr Madame Wititterly fort, indem sie während dieser Worte ihre keuschen Augen schloß – »es ist unschicklich, äußerst unschicklich!« »Ach!« rief Käthchen, indem sie ihre Augen gen Himmel richtete und die Hände zusammenschlug, »muß auch diese grausame Prüfung noch über mich kommen? Ist es nicht genug, daß ich Tag und Nacht gelitten und geduldet habe, und daß ich mich fast selber verachten mußte aus Scham, mit solchen Leuten in Berührung gebracht worden zu sein! Muß auch diese ungerechte und ganz grundlose Beschuldigung auf mein Haupt fallen?« »Wollen Sie sich erinnern, Mamsell Nickleby«, sagte Madame Wititterly, »daß Sie mich geradezu einer Unwahrheit beschuldigen, wenn Sie sich Ausdrücke wie ›ungerecht‹ und ›grundlos‹ – erlauben.« »Das ist auch meine Absicht«, versetzte Käthchen mit edlem Unwillen. »Es ist mir gleichgültig, ob Sie aus eigenem Antrieb oder aus Veranlassung anderer mir einen solchen Vorwurf machen – jedenfalls ist er so niederträchtig wie böswillig unwahr. Ist's möglich«, rief Käthchen, »daß eine meines eigenen Geschlechts zusehen und nicht bemerken konnte, welchen Jammer mir diese Menschen bereiteten? Ist es möglich, daß Sie, Madame, anwesend sein konnten, ohne die beleidigende Dreistigkeit, die aus jedem ihrer Blicke sprach, zu gewahren? Konnte es Ihnen entgehen, daß diese Wüstlinge, die alle Achtung gegen Sie, gegen ihre eigene Ehre und gegen alles Schicklichkeitsgefühl beiseite setzten, bei ihrem Eindringen in Ihr Haus nur einen bestimmten Zweck hatten, der darin besteht, ihre Absichten gegen ein freund- und hilfloses Mädchen auszuführen, das, sogar ohne dieses demütigende Geständnis, Beistand und Teilnahme von einer so viel älteren Frau hätte sollen erwarten dürfen? Nein – nein, ich kann es nicht glauben, daß Sie von all dem nichts bemerkten!« Wenn das arme Käthchen nur die mindeste Menschenkenntnis besessen hätte, so würde sie es doch gewiß, trotz der Aufregung, in die sie gesetzt worden war, nicht gewagt haben, so unüberlegte Äußerungen fallen zu lassen. Der Erfolg war auch genau so, wie ihn jeder von mehr Weltkenntnis voraussehen konnte. Madame Wititterly hatte den Angriff auf ihre Wahrheitsliebe mit musterhafter Ruhe hingenommen und Käthchens Schilderung ihrer eigenen Leiden mit dem größten Heldenmut mit angehört. Als aber Käthchen auf die geringe Achtung hindeutete, mit der sie von den Herren behandelt wurde, zeigten sich bereits Symptome heftiger Erregung, und als diesem Schlage gar eine Hinweisung auf ihr höheres Alter folgte, so fiel sie unter jämmerlichem Kreischen auf das Sofa zurück. »Was gibt's?« rief Herr Wititterly, ins Zimmer stürzend. »Himmel – was sehe ich! Julia! Julia! Blicke auf, mein Herz – blicke auf!« Da aber Julia durchaus nicht aufblicken wollte und nur um so lauter schrie, so zog Herr Wititterly die Klingel und tanzte wie wahnsinnig um das Sofa herum, auf dem Madame Wititterly lag, wobei er ohne Unterlaß nach Sir Tumley Snuffim rief und fortwährend nach einer Erklärung des Auftritts fragte. »Lauf zu Sir Tumley!« rief Herr Wititterly dem Boy mit drohend geschwungenen Fäusten zu. »Ich wußte es wohl, Mamsell Nickleby«, fuhr er mit melancholisch-triumphierender Miene fort, daß diese Gesellschaft zu viel für sie sein würde. Da ist alles Geist und Leben, jedes Wort, das gesprochen wird.« Mit dieser Versicherung nahm Herr Wititterly seine hingestreckte Gattin auf und schleppte sie nach ihrem Bett. Käthchen wartete, bis Sir Tumley Snuffim seinen Besuch gemacht und den Bericht erstattet hatte, daß Madame Wititterly durch die Dazwischenkunft einer gnädigen Vorsehung – Sir Tumleys eigene Worte – in Schlaf verfallen sei. Sie kleidete sich dann hastig zum Ausgehen an, versprach in ein paar Stunden zurückzukommen und eilte dem Hause ihres Onkels zu. Ralph Nickleby hatte einen guten – einen ganz glücklichen Tag gehabt. Er ging in seinem kleinen Hinterzimmer mit auf dem Rücken zusammengeschlagenen Armen auf und ab und berechnete im Kopf all die Summen, die er aus dem Geschäfte des Morgens ergaunert hatte oder zu ergaunern hoffte. Sein Mund verzog sich dabei zu einem harten, strengen Lächeln, und das Eherne der Linien desselben wie auch der verschmitzte Blick seines ruhigen, stechenden Auges schienen anzudeuten, daß er es nicht an Pfiffen und Schlichen fehlen zu lassen gedächte, wenn dadurch der Gewinn vergrößert werden könnte. »Sehr gut!« dachte Ralph, ohne Zweifel in Beziehung auf irgendeinen Vorfall des Tages. »Er bietet dem Wucherer Trotz – wirklich? Nun wir werden ja sehen. Ehrlichkeit ist die beste Klugheit' – meinst du? Auch das können wir probieren.« Er hielt eine Weile inne und setzte dann seinen Spaziergang wieder fort. »Er begnügt sich«, setzte Ralph sein Selbstgespräch fort, indem er den Mund zu einem milderen Lächeln verzog, »seinen anerkannt ehrenwerten Charakter gegen die Macht des Geldes ankämpfen zu lassen – der Treber, wie er es nennt. Ha! ha! Was für ein Dummkopf muß der Kerl sein – Treber – gar Treber! – Wer ist da?« »Ich«, versetzte Newman Noggs hereinsehend. »Ihre Nichte.« »Was ist mit ihr?« fragte Ralph scharf. »Sie ist hier.« »Hier?« Newman winkte mit dem Kopf gegen sein kleines Gemach, um dadurch anzudeuten, daß sie dort harre. »Was will sie?« fragte Ralph. »Weiß nicht«, entgegnete Newman. »Soll ich fragen?« fügte er rasch bei. »Nein«, erwiderte Ralph. »Führen Sie sie her – doch halt!« Er stellte hastig eine mit einem Vorlegschloß versehene Geldkasse, die auf dem Tische stand, beiseite, und legte statt ihrer einen leeren Geldbeutel hin. »So«, sagte Ralph; »jetzt kann sie hereinkommen.« Newman schnitt eine grinsende Fratze ob dieses Manövers, winkte der Dame hereinzutreten, stellte ihr einen Sitz hin und hinkte langsam hinaus, indem er Ralph über die Achseln verstohlen einen Nick zuwarf. »Nun«, begann Ralph in ziemlich rauhem Ton, obgleich in seinem Benehmen mehr Freundlichkeit lag, als er gegen sonst jemanden an den Tag gelegt haben würde: »nun, meine – Liebe. Was gibt's?« Käthchen schlug ihre in Tränen schwimmenden Augen auf und gab sich alle Mühe, ihre Erregung niederzukämpfen und zu sprechen – aber umsonst. Sie ließ ihren Kopf sinken und schwieg. Sie hatte ihr Gesicht mit den Händen bedeckt, aber Ralph konnte sehen, daß sie weinte. »Ich kann den Grund erraten«, dachte Ralph, nachdem er sie eine Weile schweigend angeblickt hatte: »ja, ich kann – ich kann den Grund erraten. Je nun« – meinte er dann weiter, denn der Anblick des Kummers seiner schönen Nichte hatte ihn ganz aus der Fassung gebracht –, »was hats viel zu sagen? Ein paar Tränen – und außerdem ist's eine herrliche Lehre für sie – eine herrliche Lehre.« »Was führt dich zu mir?« fragte Ralph, indem er ihr gegenüber einen Stuhl hinstellte und sich niederließ. Er fuhr jedoch etwas zurück ob der plötzlichen Festigkeit, mit der Käthchen aufsah und ihm antwortete. »Was mich zu Ihnen führt, Sir«, sagte sie, »ist von der Art, daß es Ihnen das Blut in die Wangen jagen und Ihr Gesicht glühen machen muß, wenn Sie es hören, wie es auch die gleiche Wirkung auf mich übt, wenn ich es erzähle. Ich bin mißhandelt worden; meine Gefühle wurden verletzt, gekränkt, unheilbar verwundet – und zwar durch Ihre Freunde.« »Freunde?« rief Ralph mit Nachdruck. »Ich habe keine Freunde, Mädchen.« »Nun denn – durch die Männer, die ich hier sah«, entgegnete Käthchen rasch. »Wenn es nicht Ihre Freunde waren und Sie diese kannten – ach, um so mehr Schande für Sie, Onkel, daß Sie mich in ihre Gesellschaft brachten. Wäre ich dem, was mir hier widerfuhr, durch irgendein übel angebrachtes Vertrauen oder eine unvollkommene Kenntnis Ihrer Gäste ausgesetzt worden, so würden Sie sich kaum zu entschuldigen vermögen. Wenn Sie es aber taten, während Sie den Charakter dieser Menschen kannten – wie ich jetzt glauben muß –, so war es eine Unmenschlichkeit und Niederträchtigkeit, die nicht ihresgleichen hat.« Ralph rückte bei dieser unverhohlenen Sprache in höchstem Erstaunen seinen Stuhl etwas zurück und betrachtete Käthchen mit strengem Blick. Sie begegnete aber demselben mit Stolz und Festigkeit, und obgleich ihr Antlitz äußerst blaß war, so erschien es doch in seiner Aufregung edler und schöner als je. »Es ist etwas von dem Blut des Knaben in dir, wie ich bemerke«, sagte Ralph in seinem rauhesten Ton, da ihn etwas in ihrem blitzenden Auge an sein letztes Zusammentreffen mit Nicolaus erinnerte. »Ich hoffe es«, versetzte Käthchen, »und darf stolz darauf sein. Ich bin jung, Onkel, und die Not und der Kummer meiner Lage haben es niedergehalten. Aber heute hat es allen Zwang durchbrochen, und – mag kommen, was da will – ich werde, so wahr ich das Kind Ihres Bruders bin, diese Kränkungen nicht länger ertragen.« »Welche Kränkungen, Mädchen?« fragte Ralph mit Schärfe. »Rufen Sie sich das, was hier an dieser Stelle vorging, ins Gedächtnis und fragen Sie sich selbst«, sagte Käthchen hoch errötend. »Onkel, Sie müssen – und ich bin überzeugt, daß Sie es werden –, Sie müssen mich von dem schändlichen und entehrenden Umgang befreien, dem ich bis jetzt ausgesetzt war. – Es ist nicht meine Absicht«, fuhr Käthchen fort, indem sie auf den Alten zueilte und ihre Hand auf seine Schulter legte, »es ist nicht meine Absicht, leidenschaftlich und heftig zu sein, und ich bitte um Verzeihung, wenn es den Anschein hatte, lieber Onkel. Aber Sie wissen in der Tat nicht, was ich erduldet habe. Sie kennen das Herz eines jungen Mädchens nicht – und ich kann dies auch unmöglich von Ihnen verlangen; aber ich bin überzeugt, daß Sie mir helfen werden, wenn ich Ihnen sage, daß ich elend bin und daß mein Herz bricht. Ja, gewiß – gewiß, Sie werden mir helfen.« Ralph sah sie einen Augenblick an, wandte dann den Kopf seitwärts und stampfte heftig mit dem Fuß auf den Boden. »Ich habe von einem Tag auf den andern gehofft«, sagte Käthchen, indem sie sich über ihn hinbeugte und ihre kleine Hand schüchtern in die seine legte, »diese Verfolgung würde ein Ende nehmen. Ein Tag verstrich um den andern, und ich mußte sogar heiter scheinen, trotz der tiefen Wunde in meinem Herzen. Ich hatte niemanden, bei dem ich mir Rat holen oder Schutz suchen konnte. Die Mutter hält diese Menschen für achtbar, reich und angesehen; und wie kann ich – wie kann ich sie enttäuschen – da sie sich in diesem Wahn so glücklich fühlt – das einzige Glück, das sie hat? Die Dame, in deren Haus Sie mich untergebracht haben, ist keine Frau, der ich eine Angelegenheit von so zarter Natur anvertrauen könnte, und ich komme daher zu Ihnen, dem einzigen Freund, der mir nahe ist – fast dem einzigen Freund, den ich überhaupt besitze –, um Ihre Hilfe, Ihren Beistand zu erflehen.« »Und wie könnte ich dir beistehen, Kind?« versetzte Ralph, indem er von seinem Stuhle aufstand und wieder im Zimmer auf und ab ging. »Ich weiß . Sie haben Einfluß bei einem dieser Männer«, entgegnete Käthchen mit Nachdruck. »Würde nicht ein Wort aus Ihrem Munde sie veranlassen, von ihrem unmännlichen Benehmen abzustehen?« »Nein«, erwiderte Ralph, indem er sich plötzlich umwandte – »wenigstens das – ich kann nicht über die Sache mit ihm sprechen, selbst wenn sich ein Erfolg davon versprechen ließe.« »Sie können nicht?« »Nein«, sagte Ralph, der mit einem Male regungslos stillstand und seine Hände hinter dem Rücken noch dichter zusammenklammerte, »ich kann es nicht.« Käthchen trat ein paar Schritte zurück und sah ihn an, als zweifle sie, ob sie recht gehört hätte. »Wir stehen in Geschäftsverbindung«, sagte Ralph, indem er sich abwechselnd auf den Zehen und den Fersen wiegte und seiner Nichte kaltblütig ins Gesicht sah – »ja in Geschäftsverbindung, und ich darf es nicht wagen, sie zu beleidigen. Was ist's denn auch im Grunde? Wir alle haben unsere Nöte, und das ist eine von den deinigen. Manche Mädchen würden stolz sein, solche Kavaliere zu ihren Füßen liegen zu sehen.« »Stolz?« rief Käthchen. »Ich sage nicht«, versetzte Ralph, indem er seinen Zeigefinger erhob, »daß du nicht recht daran tust, sie zÿu verachten. Nein, du zeigst hierin nur dein richtiges Urteil, und in der Tat, ich wußte es voraus, daß du so handeln würdest. Was willst du nun weiter, da deine Stellung in jeder Hinsicht eine behagliche ist? Wie magst du von Leiden sprechen? Wenn dieser junge Lord dir überall nachläuft und dir seine läppischen Albernheiten ins Ohr flüstert – was macht es? Wenn's auch eine unehrenhafte Leidenschaft ist – nun so sei's drum – er wird es bald satt haben. Es kommt ihm irgend etwas Neues in dn Wurf, und du bist erlöst. Inzwischen –« »Inzwischen« – fiel Käthchen mit einem Stolz und mit einer Entrüstung ein, wie sie für ihre Lage paßten – »soll ich die Verachtung meines eigenen Geschlechtes auf mich häufen und das Spielzeug des andern sein – mit Recht verdammt von allen züchtigen Frauen, verachtet von allen ehrenhaften Männern, gesunken in meiner eigenen Achtung und erniedrigt vor jedem Auge, das auf mich blickt. Nein, ich ertrage es nicht länger, und wenn ich mir die Finger bis auf die Knochen abarbeiten und mich den rauhesten und schwersten Arbeiten unterziehen müßte. Mißverstehen Sie mich nicht! Ich will Ihrer Empfehlung keine Unehre machen und in dem Hause bleiben, in dem Sie mich untergebracht haben, bis ich durch die Bedingungen meines Vertrages berechtigt bin, es zu verlassen. Aber merken Sie sich's, daß ich diese Männer nie wiedersehen werde. Wenn ich das Haus verlasse, so werde ich mich vor jenen Elenden und vor Ihnen verbergen, und ich hoffe dann, indem ich meine Mutter durch harte Händearbeit ernähre, wenigstens im Frieden leben zu können; denn gewiß – Gott wird mich nicht verlassen.« Mit diesen Worten winkte sie mit der Hand, eilte aus dem Zimmer und ließ Ralph Nickleby regungslos wie eine Steinfigur stehen. Die Überraschung, womit Käthchen, als sie die Zimmertür schloß, dicht hinter dieser Newman Noggs wie eine Vogelscheuche im Winterquartier kerzengerade in einer kleinen Mauervertiefung stehen sah, hätte ihr fast einen Schrei erpreßt. Aber Newman legte den Finger auf seine Lippen, und so behielt sie Geistesgegenwart genug, an sich zu halten. »Nicht doch«, sagte Newman, als er aus seinem Winkel hervorschlüpfte und sie über die Hausflur hingeleitete, »Sie müssen nicht weinen – Sie müssen nicht weinen.« Wir müssen nebenbei bemerken, daß zwei große Tränen in Newmans Wimpern hingen, als er so sprach. »Ich sehe, wie die Sachen stehen«, fuhr der arme Noggs fort, indem er etwas aus der Tasche zog, was einem alten Wischlappen glich, und damit Käthchens Auge so sanft, als ob sie ein Kind wäre, abtrocknete. »Sie lassen Ihren Tränen jetzt den Lauf. Nun, nun, das ist schon gut und gefällt mir, aber Sie taten recht, vor ihm sich zusammenzunehmen. Ja, ja! Hahaha! Ach ja. Armes Kind! Ach ja. Armes Kind!« Unter diesen unzusammenhängenden Ausrufen wischte Newman seine eigenen Augen mit dem vorerwähnten Wischlappen und hinkte nach der Haustür, um das Mädchen hinauszulassen. »Weinen Sie nicht mehr«, sagte Ncwman, »ich werde Sie bald besuchen. Hahaha! Und auch ein anderer soll es tun. Ja, ja! Haha!« »Gott behüte Sie«, entgegnete Käthchen hinauseilend: »Gott behüte Sie.« »Sie gleichfalls«, versetzte Noggs, indem er die Tür wieder ein wenig öffnete, um ihr nachrufen zu können: »Hahaha! Hohoho!« Und Newman Noggs öffnete die Tür abermals, um ihr freudig zuzuwinken und zu lachen; dann schloß er sie, um traurig den Kopf zu schütteln und zu weinen. Ralph blieb in derselben Stellung, bis er die Tür ins Schloß fallen hörte, dann zuckte er die Achseln, ging einigemal im Zimmer hin und her – zuerst rasch, aber allmählich langsamer, je ruhiger er wurde, und setzte sich endlich an seinem Pult nieder. Es gehört unter die Rätsel der menschlichen Natur, deren man wohl gewahrt, ohne sie jedoch lösen zu können: – obgleich Ralph in jenem Augenblick wegen seines Betragens gegen das unschuldige, aufrichtige Mädchen keine Gewissensbisse fühlte, und obgleich seine zügellosen Kumpane genau das getan, was er erwartet, gewünscht und seinen Zwecken förderlich erachtet hatte, so haßte er sie doch um ihres Betragens willen aus dem Grunde seiner Seele. »Wartet nur«, sagte Ralph, indem er finster zürnend umherblickte und die geballte Hand schüttelte, als die Gesichter der beiden Wüstlinge vor seinem geistigen Auge auftauchten; »ihr sollt mir dafür bezahlen. Oh, ihr sollt mir dafür bezahlen!« Während der Wucherer sich bei seinen Büchern und Papieren Trost holen wollte, ging vor der Tür seines Bureaus ein Auftritt vor, der ihn nicht wenig überrascht haben würde, wenn er irgendwie hätte Kunde davon erhalten können. Newman Noggs war die einzige handelnde Person. Er stand in einiger Entfernung von der Tür, der er das Gesicht zukehrte, hatte die Ärmel seines Rockes über die Handgelenke zurückgeschlagen und war eben beschäftigt, die kräftigsten und kunstgerechtesten Hiebe in die leere Luft zu führen. Bei dem ersten Anblicke hätte das bloß als eine kluge Vorsichtsmaßregel eines zu einer sitzenden Lebensweise bestimmten Mannes erscheinen mögen, der die Absicht hatte, die Brust zu erweitern und seine Armmuskeln zu kräftigen. Aber die lebhafte Freude, die sich in Newman Noggs' von Schweiß triefendem Gesicht spiegelte, der wunderbare Nachdruck, womit er seine Schläge fortwährend gegen eine bestimmte Stelle ungefähr fünf Fuß über dem Boden führte, und die unermüdliche Ausdauer, in der er sich abarbeitete, würde einem aufmerksamen Beobachter hinreichend erklärt haben, daß er im Geiste den Körper seines Chefs, des Herrn Ralph Nickleby, windelweich prügelte. Neunundzwanzigstes Kapitel. Von Nicolaus' weiteren Schicksalen und gewissen Spaltungen in der Gesellschaft des Herrn Vincent Crummles. Herr Vincent Crummles ließ sich durch den unerwarteten Erfolg und den Beifall, den sein Unternehmen in Portsmouth gefunden, veranlassen, seinen Aufenthalt in dieser Stadt um vierzehn Tage über die ursprünglich beabsichtigte Zeit zu verlängern. Nicolaus trat bei dieser Gelegenheit in den verschiedensten Rollen mit ungemindertem Beifall auf und lockte so viele Personen an, die man früher nie im Theater gesehen hatte, daß dem Direktor ein Benefiz als eine vielversprechende Spekulation erschien. Nicolaus willigte in die vorgeschlagenen Bedingungen ein, und das Benefiz fand statt, was ihm nicht weniger als die Summe von zwanzig Pfunden einbrachte. Sobald er sich so unerwartet reich fühlte, packte er zuerst den Betrag von Johann Browdies freundlichem Darlehen ein und begleitete die Rücksendung mit vielen Dankes- und Achtungsversicherungen, nebst vielen Wünschen für sein eheliches Glück. Dann übermachte er Newman Noggs die Hälfte seiner Einnahme mit der Bitte, sie gelegentlich Käthchen im geheimen einzuhändigen und sie seiner wärmsten und innigsten brüderlichen Liebe zu versichern. Er erwähnte seine theatralische Laufbahn gar nicht, sondern gab Newman bloß die Weisung, daß ein Brief unter der Adresse seines angenommenen Namens und des Postamts Portsmouth ihn unfehlbar treffen würde, und bat dabei seinen treuen Freund, ihm alle Einzelheiten über die Lage seiner Mutter und Schwester zu schreiben und über alle die großartigen Dinge, die Ralph Nickleby seit seiner Entfernung von London für sie getan hatte, Bericht zu erstatten. »Sie sind niedergeschlagen?« sagte Smike an dem Abend, an dem der Brief abgesandt worden war. »O nicht doch«, entgegnete Nicolaus mit angenommener Heiterkeit, denn eine Bejahung würde den armen Jungen die ganze Nacht über unglücklich gemacht haben; »ich dachte an meine Schwester, Smike.« »Schwester?« »Ja.« »Ist sie Ihnen ähnlich?« fragte Smike. »Die Leute sagen es«, versetzte Nicolaus lachend, »freilich aber um ein gut Teil schöner.« »Dann muß sie sehr schön sein«, entgegnete Smike nach einer Weile Besinnens, währenddem er seine Hände gefaltet und die Augen auf seinen Freund geheftet hatte. »Einer, der dich nicht so gut kennt wie ich, mein lieber Junge, würde sagen, du wärest ein vollendeter Kavalier«, sagte Nicolaus. »Ich weiß nicht, was das ist«, versetzte Smike kopfschüttelnd. »Werde ich je Ihre Schwester sehen?« »Gewiß«, rief Nicolaus. »Wir werden eines Tages alle beisammen sein – wenn wir reich sind, Smike.« »Wie kommt es, daß Sie, der Sie doch so freundlich und gütig gegen mich sind, niemanden haben, der auch gegen Sie wohlwollend wäre?« fragte Smike. »Ich kann mir das nicht erklären.« »Ach, das ist eine lange Geschichte«, versetzte Nicolaus, »die du, wie ich fürchte, nicht einmal leicht fassen würdest. Ich habe einen Feind – du weißt, was das ist?« »O ja, das weiß ich wohl«, entgegnete Smike. »Nun, diesem hab ich´s zu verdanken«, erwiderte Nicolaus. »Er ist reich und kann nicht so leicht gezüchtigt werden wie dein alter Feind, der Schulmeister Squeers. Er ist mein Onkel, aber ein Schurke, der mich aufs tiefste verletzt hat.« »Hat er das?« fragte Smike, sich lebhaft vorbeugend. »Wie heißt er? Sagen Sie mir seinen Namen.« »Ralph – Ralph Nickleby.« »Ralph Nickleby«, wiederholte Smike. »Ralph. Ich will diesen Namen auswendig lernen.« Er hatte ihn etwa zwanzigmal vor sich hingemurmelt, als ihn ein lautes Pochen an der Tür in seiner Beschäftigung unterbrach. Ehe er jedoch öffnen konnte, steckte bereits Herr Folair, der Pantomimist, seinen Kopf herein. Herrn Folairs Kopf war gewöhnlich mit einem runden Hut geziert, der eine ungewöhnlich hohe Krone und schmal aufgeschlagene Krempen hatte. Bei dem gegenwärtigen Anlaß trug er ihn ganz schräg gestellt und den Hinterteil nach vorn gekehrt, weil derselbe am wenigsten abgenützt war. Um den Hals hatte er einen flammroten wollenen Schal gewunden, dessen Zipfel unter dem von oben bis unten zugeknöpften Newmarketrock hervorsahen. In seiner Hand trug er einen sehr schmutzigen Handschuh und einen billigen Kleiderausklopfer mit einem gläsernen Handgriff – kurz, sein ganzes Äußere war ungewöhnlich blank und bekundete eine weit sorgfältigere Aufmerksamkeit auf seine Toilette, als sie sonst bei ihm üblich war. »Guten Abend, Sir«, sagte Herr Folair, indem er seinen Hut abnahm und mit den Fingern durch das Haar fuhr. »Ich bringe eine Mitteilung – hm!« »Von wem und weshalb?« fragte Nicolaus. »Sie sind ja diesen Abend ungemein geheimnisvoll.« »Kalt vielleicht«, entgegnete Herr Folair – »kalt vielleicht. Die Schuld davon trifft meine Stellung, nicht meine Persönlichkeit, Herr Johnson. Meine Stellung fordert dies, da ich ein Freund von beiden Parteien bin, Sir.« Herr Folair hielt jetzt mit einem sehr ausdrucksvollen Blicke inne, griff in den vorerwähnten Hut, holte ein kleines Stück seltsam gefalteten, weißlich-braunen Papiers heraus, in das der Schonung wegen ein Schreiben eingewickelt war, und händigte das letztere Nicolaus mit dem Ersuchen ein, daß er es lesen möchte. Nicolaus nahm verwundert das Schreiben hin, erbrach das Siegel mit einem Blick auf Herrn Folair, der, die Augen beharrlich nach der Decke kehrend, dasaß, die Stirne runzelte und den Mund mit großer Würde aufwarf. Das Billett trug die Adresse: »Herr Johnson, Esquire – Herrn Augustus Folair, Esquire, zur gefälligen Besorgung übertragen«; und Nicolaus' Verwunderung war keineswegs gemindert, als er innen die folgenden lakonischen Worte las: »Herr Lenville vermeldet Herrn Johnson seinen höflichen Gruß und wird es dankbar anerkennen, wenn Herr Johnson ihm wissen lassen will, zu welcher Stunde des kommenden Morgens es ihm bequem sein wird, mit Herrn Lenville im Schauspielhause zusammenzutreffen, um sich von letzterem in Gegenwart der ganzen Gesellschaft die Nase zerschlagen zu lassen. Herr Lenville ersucht Herrn Johnson, der von ihm etwa zu machenden Bestimmung nachzukommen, da Herr Lenville einige Kollegen eingeladen hat, Zeugen der Zeremonie zu sein, deren Erwartungen er in keinem Fall getäuscht sehen möchte. Portsmouth, Dienstag abend –« So entrüstet auch Nicolaus über diese Unverschämtheit war, so erschien ihm doch die ganze Aufforderung so ausgesucht abgeschmackt, daß er sich in die Lippen beißen und den Wisch zwei- oder dreimal überlesen mußte, ehe er genug Würde und Ernst zusammenbringen konnte, um den Kartellträger anzureden, der die ganze Zeit über weder die Augen von der Decke verwandte, noch den Ausdruck seines Gesichts auch nur im mindesten veränderte. »Kennen Sie den Inhalt dieses Schreibens?« fragte endlich Nicolaus. »Ja«, versetzte Herr Folair, indem er sich eine kurze Weile umsah, aber dann schnell wieder seine Augen nach der Decke richtete. »Und wie unterstehen Sie sich, den Überbringer zu machen, Sir«, fuhr Nicolaus fort, indem er das Papier in viele kleine Stücke zerriß und die Schnitzel dem Boten ins Gesicht warf. »Fürchteten Sie sich nicht, die Treppe hinuntergeworfen zu werden, Sir?« Herr Folair wandte seinen Kopf, der nunmehr mit einigen Bruchstücken des Aufforderungsschreibens geziert war, gegen Nicolaus und erwiderte kurz mit derselben unzerstörlichen Würde: »Nein.« »Dann«, sagte Nicolaus, indem er Herrn Folair seinen hohen Hut abnahm und gegen die Tür schleuderte, »dann werden Sie guttun, Ihrem Deckel, noch ehe zwölf Sekunden vergehen, zu folgen. Sie könnten sonst auf eine unangenehme Weise enttäuscht werden.« »Ich sage Ihnen, Johnson«, entgegnete Herr Folair, der plötzlich alle seine Würde aufgab, »ein solches Betragen ist nicht am Orte. Nur keine solche Possen mit eines Gentlemans Garderobe.« »Verlassen Sie mein Zimmer«, herrschte ihm Nicolaus zu. »Wie konnten Sie sich unterstehen, mir eine solche Botschaft zu überbringen, Sie Halunke!« »Pah! pah!« sagte Herr Folair, indem er seinen Schal löste und sich allmählich herauswickelte. »So – das ist genug.« »Genug?« rief Nicolaus, auf ihn zutretend. »Ich frage Sie zum letztenmal, Sir, ob Sie sich packen wollen?« »Nur Ruhe, ich sage Ihnen«, versetzte Herr Folair, indem er die Hand vorhielt, als wolle er jeden weiteren Wutausbruch abwehren; »es war von keinem Ernst die Rede. Ich brachte den Zettel bloß des Spaßes halber.« »So werden Sie guttun, bei derartigen Späßen zuvor Ihre Leute genau anzusehen«, entgegnete Nicolaus, »Ihr Witz könnte sonst Ihnen selber eine zerschlagene Nase eintragen. Sollte der Wisch auch nur ein Spaß sein?« »Nein, nein, das ist gerade das Schöne an der Sache«, antwortete Herr Folair. »Er ist purer, trockener Ernst – auf Ehre.« Nicolaus konnte sich eines Lächeln ob der sonderbaren Gestalt vor ihm nicht erwehren, die zu allen Zeiten eher Heiterkeit als Unwillen zu erregen imstande war, besonders aber in dem gegenwärtigen Augenblick, wo Herr Folair, mit einem Knie auf dem Boden, seinen alten Hut auf der Hand im Kreise herumtanzen ließ und eine ängstliche Besorgnis zur Schau stellte, ob sich nicht etwa einige Filzfasern abgestoßen hätten, eine Zierde, deren sich übrigens – wie wir kaum anzumerken nötig haben werden – seine Kopfbedeckung seit vielen Monaten nicht mehr zu rühmen hatte. »Aber jetzt, Sir, werden Sie die Güte haben, mir eine Erklärung zu geben«, sagte Nicolaus, wider Willen lachend. »Je nun, ich will Ihnen sagen, wie sich die Sache verhält«, entgegnete Herr Folair, indem er sich mit großer Kaltblütigkeit auf einen Stuhl setzte. »Seit Ihrem Eintritt fielen Lenville nur zweite Rollen zu, und statt wie früher jeden Abend eine Rezeption zu haben, benahm sich das Publikum bei seinem Auftreten, als ob er der Niemand wäre.« »Was verstehen Sie unter dem Ausdruck Rezeption?« fragte Nicolaus. »Lieber Himmel!« rief Herr Folair, »was sind Sie nicht für ein unschuldiger Schäfer, Johnson. So nennt man das Klatschen des Publikums bei dem ersten Betreten der Bühne. Er mußte Abend für Abend spielen, ohne daß sich eine Hand rührte, während Sie mindestens ihrer zwei, bisweilen auch drei Beifallsszenen erhielten. Endlich ist er darüber ganz verzweifelt, so daß er erst gestern abend halb und halb im Sinne hatte, den Tybalt mit einem wirklichen Schwert zu spielen und Ihnen eins zu versetzen – nicht gefährlich zwar, aber doch so, daß Sie für einen Monat oder zwei fest hätten liegen müssen.« »Sehr gut ausgedacht«, bemerkte Nicolaus. »Ja, das war es den Umständen nach in der Tat; denn sein Künstlerruhm stand auf dem Spiel«, sagte Herr Folair mit dem ernsthaftesten Gesicht. »Aber es gebrach ihm an Mut, und so sann er auf ein anderes Mittel, Ihnen beizukommen, wodurch er sich zugleich populär zu machen gedachte – denn das ist die Hauptsache. Ruhm, Berühmtheit ist das höchste Ziel des Schauspielers. Du mein Himmel, wenn er Sie mit scharfer Klinge gekitzelt hätte«, fuhr Herr Folair fort, nachdem er eine Weile innegehalten hatte, um eine Berechnung zu machen, »es wäre ihm – ah, es wäre ihm acht oder zehn Schillinge in der Woche wert gewesen. Die ganze Stadt wäre gekommen, um den Schauspieler zu sehen, der infolge eines Mißgriffs beinahe einen Menschen tötete. Es sollte mich nicht wundernehmen, wenn es ihm ein Engagement in London eingetragen hätte. Sei dem übrigens, wie es sei, er mußte einen andern Weg zur Popularität einschlagen, und da fiel ihm der gegenwärtige ein. Der Gedanke ist in der Tat nicht übel. Hätten Sie sich einschüchtern lassen und ihm Ihre Nase offeriert, so wäre die Geschichte in die Zeitungen gekommen, und hätten Sie einen Frieden mit ihm geschworen, so wäre das gleiche geschehen, da man dann ebensoviel von ihm als von Ihnen gesprochen haben würde. Begreifen Sie?« »Allerdings«, versetzte Nicolaus; »aber angenommen, ich kehre den Stiel um und zerbläue ihm die Nase – was dann? Kann daraus auch ein Vorteil für ihn erwachsen?« »Glaube kaum«, entgegnete Herr Folair, sich am Kopfe kratzend, »denn es wäre nichts Romantisches dabei, und er würde dadurch nicht zu seinem Vorteil bekannt. Doch offen gestanden, auf so etwas rechnet er nicht besonders, denn Sie haben sich immer als sanftmütig gezeigt und sind so populär unter den Frauen, daß wir hinter Ihnen nicht viel kriegerischen Sinn vermuteten. Führen Sie aber das im Schilde, so hat er – verlassen Sie sich darauf – ein Mittel, sich leicht aus der Sache zu ziehen.« »Wirklich?« erwiderte Nicolaus. »Wir wollen´s doch morgen früh versuchen. Inzwischen mögen Sie ihm über unsere Unterredung mitteilen, was Ihnen beliebt. Gute Nacht.« Da Herr Folair unter seinen Kollegen als schadenfroh bekannt war, der keineswegs seine Schritte ängstlich erwog, wenn es Unheil zu stiften gab, so zweifelte Nicolaus nicht, daß das Ganze eine Aufhetzung von seiten dieses Ehrenmanns wäre und daß dieser seine Sendung hochtrabend genug ausgeführt haben würde, wenn er nicht durch den höchst unerwarteten Empfang, der ihm zuteil wurde, eingeschüchtert worden wäre. Es verlohnte sich jedoch nicht der Mühe, ernsthaft gegen ihn zu verfahren, und Nicolaus entließ daher den Pantomimisten mit einer höflichen Andeutung, daß ihm die nächste derartige Beleidigung einen zerbrochenen Schädel eintragen könnte. Herr Folair nahm die Warnung in ungemein guter Laune hin und entfernte sich, um mit seinem Auftraggeber Rücksprache zu nehmen und diesem von dem Erfolge seiner Bemühungen einen Bericht zu erstatten, wie er ihn zur Durchführung des Scherzes am geeignetsten hielt. Er hatte ohne Zweifel erzählt, daß Nicolaus in die größte Angst und Furcht geraten sei; denn als dieser des andern Morgens zur gewohnten Stunde ganz ruhig in dem Schauspielhaus erschien, fand er die ganze Gesellschaft augenscheinlich erwartungsvoll versammelt, während Herr Lenville mit dem grimmigsten Thcatergesicht majestätisch auf einem Tisch saß und herausfordernd pfiff. Die Damen waren auf Nicolaus' Seite, während die neidischen Herren für den ausgestochenen Tragöden Partei nahmen; sie bildeten eine kleine Gruppe um den furchtbaren Herrn Lenville, während jene nicht ohne ängstliches Herzklopfen aus einiger Entfernung zusahen. Als Nicolaus haltmachte, um sie zu begrüßen, brach Herr Lenville in ein verächtliches Lachen aus und machte eine allgemeine Bemerkung hinsichtlich der Naturgeschichte der Hasenfüße. »Ach«, sagte Nicolaus, sich ruhig umsehend, »sind Sie da?« »Knecht!« versetzte Herr Lenville, indem er mit seinem rechten Arm ausholte und in einem Theaterschritt auf Nicolaus zuging. Er schien jedoch in diesem Augenblick mit einigem Schrecken wahrzunehmen, Nicolaus sehe doch nicht ganz so furchtsam aus, als er erwartet hatte, weshalb er auch auf einmal so linkisch haltmachte, daß die versammelten Damen in ein schrilles Gelächter ausbrachen. »Gegenstand meines Grolles und Hasses«, sagte Herr Lenville, »ich verachte dich.« Nicolaus setzte dieser Komödiantenphrase ein höchst unerwartetes Lachen entgegen, und die Damen, die ihren Günstling ermutigen wollten, lachten noch lauter als vorher, worauf Herr Lenville den Mund zu seinem bittersten Lächeln verzog und seine Meinung dahin abgab, daß sie »Zierpüppchen« wären. »Aber sie sollen dich nicht schützen«, fuhr der Tragöde fort, indem er Nicolaus Blicke zuwarf, die von seinen Stiefelspitzen begannen und auf dem Scheitel endigten, dann aber bei dem Scheitel wieder anfingen und mit den Stiefelspitzen schlossen – Blicke, die, wie männiglich bekannt, auf der Bühne Herausforderung bedeuten. »Sie sollen dich nicht schützen, Knabe!« Mit diesen Worten schlug Herr Lenville seine Arme zusammen und gab Nicolaus eines jener Gesichter zum besten, mit denen er im Melodrama die tyrannischen Könige anzusehen pflegte, wenn sie sagten: ›Hinweg mit ihm ins tiefste Gefängnis unter dem Schloßgraben!‹ und die, wenn es von ein wenig Kettengeklirr begleitet wurde, seinerzeit jedesmal die trefflichste Wirkung taten. Lag es nun an der Abwesenheit der Fesseln oder nicht – jedenfalls war der Eindruck auf Herrn Lenvilles Gegner kein sehr tiefer; denn die heitere Laune, die sich in seinem Antlitze ausdrückte, schien dadurch nur erhöht zu werden. Aber während die Sachen so standen, wurden einige der Herren, die ausdrücklich hergekommen waren, um das Zerschlagen von Nicolaus' Nase mit anzusehen, ungeduldig und ließen sich murrend darüber vernehmen, daß die Sache, wenn sie überhaupt vor sich gehen solle, rasch abgemacht werden möchte, und daß Herr Lenville, wenn er keine Lust dazu hätte, besser täte, es gleich zu sagen, damit sie nicht durch vergebliches Harren hingehalten würden. So gedrängt, schlug der Tragöde den Aufschlag seines Rockärmels zurück, um die Operation vorzunehmen, und ging mit pompösen Schritten auf Nicolaus zu, der ihn bis auf die erforderliche Entfernung herankommen ließ und ihn dann mit der größten Ruhe mit einem Streiche zu Boden schlug. Ehe noch der gefallene Tragöde seinen Kopf von den Brettern erheben konnte, stürzte Madame Lenville (die sich, wie schon früher angedeutet wurde, in anderen Umständen befand) aus der Hinterreihe der Damen hervor und warf sich mit einem durchbohrenden Geschrei über ihren Gatten hin. »Siehst du dies, Ungeheuer? Siehst du dies ?« rief Herr Lenville, indem er sich aufsetzte und auf seine neben ihm hingestreckte Gattin deutete, die ihre Arme um seinen Leib geschlungen hielt. Nicolaus nickte mit dem Kopfe und sagte: »Leisten Sie Abbitte wegen des unverschämten Schreibens, das Sie mir gestern abend sandten, und vergeuden Sie nicht noch mehr Zeit mit albernen Phrasen.« »Nie!« rief Herr Lenville. »Ja – ja – ja –« kreischte seine Gattin. »Um meinetwillen, um meinetwillen, Lenville – unterziehe dich allen diesen eitlen Förmlichkeiten, wenn du mich nicht als eine Leiche zu deinen Füßen sehen willst.« »Das ist angreifend«, sagte Herr Lenville, indem er mit dem Rücken seiner Hand über die Augen fuhr. »Die Bande der Natur sind stark. Der schwache Gatte und Vater – der zukünftige Vater läßt sich erweichen. Ich leiste Abbitte.« »De- und wehmütig?« fragte Nicolaus. »De- und wehmütig«, entgegnete der Tragöde, finster aufblickend. »Aber nur um ihrer zu schonen; denn es wird eine Zeit kommen – –« »Genug«, sagte Nicolaus. »Ich hoffe, für Madame Lenville wird eine gute kommen, und wenn das der Fall ist und Sie die Freuden eines Vaters fühlen, so können Sie die Erklärung zurücknehmen, wenn Sie den Mut dazu haben. Wir sind jetzt fertig, Sir. Überlegen Sie aber ein andermal besser, wohin Sie Ihre Verärgerung führen kann, und vergessen Sie nicht, ehe Sie zu weit gehen, sich über das Temperament Ihres Gegners Gewißheit zu verschaffen.« Mit diesen Worten nahm Nicolaus Herrn Lenvilles Eschenstock, der ihm aus der Hand geflogen war, auf, brach ihn entzwei, warf ihm die Stücke vor die Füße und entfernte sich mit einer leichten Verbeugung gegen die Zeugen des Auftritts. Denselben Abend zollte man Nicolaus die tiefste Ehrerbietung, und die, die am begierigsten darauf gewesen waren, ihm die Nase zerschlagen zu sehen, benutzten jede Gelegenheit, ihn beiseite zu nehmen und ihm mit der größten Teilnahme zu versichern, wie sehr es sie gefreut hätte, daß er diesen Lenville so nach Verdienst heimgeschickt hätte, da er ein ganz unerträglicher Kerl wäre, dem sie alle – gewiß ein höchst merkwürdiges Zusammentreffen – zu verschiedenen Malen schon die verdiente Züchtigung zugedacht hätten, die nur aus Rücksichten des Mitleids unterblieben wäre. In der Tat mußte man aus dem stereotypen Schluß aller dieser Phrasen die Folgerung ziehen, daß es auf der ganzen Erde keine humaneren und mitleidigeren Menschen gäbe als die männlichen Mitglieder von Herrn Crummles´ Truppe. Nicolaus bewies bei seinem Triumphe, wie überhaupt bei seinen Erfolgen in der kleinen Theaterwelt, die größte Mäßigung und Ruhe. Der aus dem Feld geschlagene Herr Lenville machte zwar noch einen letzten Racheversuch, indem er einen Knaben auf die Galerie schickte, um dort zu pfeifen. Aber dieser fiel als ein Opfer der allgemeinen Entrüstung, denn er wurde ohne weiteres hinausgeworfen und erhielt sein Geld nicht wieder zurück. »Nun, Smike«, sagte Nicolaus, als er nach dem ersten Stück sich fast ganz zum Nachhausegehen angekleidet hatte: »ist noch immer kein Brief da?« »Ja«, versetzte Smike, »hier ist einer, den ich von der Post geholt habe.« »Von Newman Noggs«, sagte Nicolaus, die Schwefelhölzerschrift der Adresse ansehend. »Es ist nicht leicht, diese Züge zu entwirren. Doch – wir wollen sehen, wir wollen sehen.« Nach halbstündigem Studium gelang es ihm, den Inhalt des Briefes herauszubringen, der übrigens keineswegs imstande war, sein Gemüt zu beruhigen. Newman hatte es auf sich genommen, die zehn Pfund zurückzuschicken, denen er die Bemerkung beifügte, er wisse bestimmt, daß weder Madame Nickleby noch Käthchen für den Augenblick das Geld nötig hätten. Es könne aber in vielleicht kurzer Zeit der Fall eintreten, daß es Nicolaus selber besser zustatten käme. Er ersuchte ihn, sich durch das, was er ihm zu melden hätte, nicht beunruhigen zu lassen – es wäre nichts Schlimmes vorgefallen, und alles befände sich in guter Gesundheit. Aber es käme ihm vor, als könnten sich Dinge ereignen, oder wären vielleicht wirklich schon im Gange, die für Käthchen ihres Bruders Schutz unbedingt nötig machten. Wenn dies jedoch einträfe, meinte Newman, so wolle er Nicolaus das Geeignete unverzüglich melden. Nicolaus las diese Stelle wieder und wieder, und je mehr er darüber nachdachte, desto mehr ahnte ihm irgendeine Schurkerei von seiten Ralph Nicklebys. Ein- oder zweimal fühlte er sich versucht, auf jede Gefahr hin sofort nach London zu eilen. Aber ein wenig Nachdenken belehrte ihn, daß Newman, wenn ein solcher Schritt nötig wäre, ohne Rückhalt sich darüber ausgesprochen haben würde. »Jedenfalls sollte ich die Leute hier auf die Möglichkeit meines plötzlichen Austritts vorbereiten«, sagte Nicolaus. »Ich will daher keine Zeit verlieren, es zu tun.« Sobald ihm dieser Gedanke aufgetaucht war, nahm er seinen Hut und eilte in das Garderobenzimmer. »Nun, Herr Johnson«, sagte Madame Crummles, die in dem vollen Kostüm einer Königin dasaß und das Wunderkind mit ihren mütterlichen Armen umschloß, »die nächste Woche geht's nach Ryde, dann nach Winchester, dann nach – –« »Ich habe einigen Grund, zu fürchten«, fiel Nicolaus ein, »daß meine Laufbahn bei Ihnen geschlossen sein wird, noch ehe Sie Portsmouth verlassen.« »Geschlossen?« rief Madame Crummles, ihre Hände erstaunt emporhebend. »Geschlossen?« rief Fräulein Snevellicci, die in ihren Beinkleidern so heftig zitterte, daß sie ihre Hand auf die Schulter der Direktorin legen mußte, um sich zu stützen. »Er will damit doch nicht sagen, daß er uns zu verlassen gedenkt?« fügte Madame Grudden bei, indem sie sich zu Madame Crummles durchdrängte. »Donnerwetter, was wäre das für ein Unsinn!« Das Wunderkind, das von gar zarter Natur und sehr reizbarem Wesen war, erhob ein lautes Geschrei, und Fräulein Belvawney vergoß nebst Fräulein Bravassa wirkliche Tränen. Selbst die männlichen Mitglieder der Gesellschaft unterbrachen ihre Unterhaltung und beteten die Worte ›uns verlassen‹ nach, obgleich einige darunter (namentlich die, die den Tag über in ihren Glückwünschen am lautesten gewesen waren) sich gegenseitig zunickten, als täte es ihnen nicht sehr leid, einen so begünstigten Nebenbuhler zu verlieren – eine Ansicht, die in der Tat auch der ehrliche Herr Folair, der bereits als Wilder angekleidet war, ganz offen gegen einen Teufel aussprach, mit dem er sich eben in einen Krug Porter teilte. Nicolaus erklärte rasch, er fürchte, daß es so kommen könnte, obgleich er sich vorderhand keinesfalls mit Bestimmtheit darüber auszusprechen vermöge. Er entfernte sich dann, sobald er konnte, und ging nach Haus, um Newmans Brief noch einmal durchzubuchstabieren und aufs neue Betrachtungen darüber anzustellen. Wie geringfügig erschien ihm in jener schlaflosen Nacht alles, was seit so vielen Wochen seine Zeit und seine Gedanken in Anspruch genommen hatte, und wie beharrlich und unablässig vergegenwärtigte sich seiner Einbildungskraft der eine Gedanke, daß Käthchen mitten in Gefahr und Unglück – ach und vergeblich – nach ihm aussähe. Dreißigstes Kapitel. Festlichkeiten, die Nicolaus zu Ehren veranstaltet werden. Dieser entzieht sich plötzlich der Vincent Crummlesschen Theatergesellschaft. Herr Vincent Crummles hatte kaum von der öffentlichen Erklärung gehört, die Nicolaus über die Wahrscheinlichkeit seines baldigen Austritts aus der Gesellschaft abgegeben hatte, als er viele Zeichen des Kummers und der Bestürzung an den Tag legte. In dem Übermaß seiner Verzweiflung machte er sogar gewisse unbestimmte Versprechungen wegen einer baldigen Aufbesserung nicht nur der regelmäßigen Gage, sondern auch der schriftstellerischen Nebeneinkünfte. Als er aber fand, daß Nicolaus sich von seinem Vorhaben, die Gesellschaft zu verlassen, nicht abbringen lassen wollte – denn dieser war nun fest entschlossen, auch ohne weitere Nachrichten von Newman auf jede Gefahr hin sich nach London zu begeben und durch persönlichen Augenschein sich über die Lage seiner Schwester Beruhigung zu verschaffen –, so mußte er sich begnügen, auf dessen Zurückkunft zu hoffen, wobei er es jedoch nicht unterließ, schnelle und energische Maßregeln zu treffen, um ihn vor seinem Abgang noch bestmöglich auf die Bühne zu stellen. »Warten Sie einmal«, sagte Herr Crummles, indem er seine Geächtetenperücke abnahm, um die Lage der Dinge um so ruhiger überschauen zu können – »warten Sie einmal: heute haben wir Mittwoch abend. Das erste Geschäft für morgen soll sein, daß Zettel angeklebt werden, die für diesen Tag Ihr letztes Auftreten ankündigen.« »Sie können aber nicht wissen, ob ich morgen zum letzten Male auftrete«, versetzte Nicolaus. »Wenn ich nicht abgerufen werde, so sollen Sie durch mich bis zum Ende dieser Woche in keine Angelegenheit geraten.« »Um so besser«, entgegnete Herr Crummles. Wir können dann aufs allerbestimmteste Ihr letztes Auftreten auf den Donnerstag ankündigen – ein neues Engagement noch für eine einzige Nacht am Freitag – und endlich auf ausdrückliches Verlangen der einflußreichsten Gönner, die bei der letzten Vorstellung keine Sitze mehr erhalten haben, ein allerletztes Auftreten am Samstag. Das muß uns drei ganz anständig gefüllte Häuser bringen.« »So soll ich also dreimal zum letzen Male auftreten?« fragte Nicolaus lächelnd. »Ja«, erwiderte der Theaterdirektor, indem er sich verdrießlich am Kopfe kratzte, »es ist das noch zu wenig und verdirbt mir das ganze Konzept, daß wir nicht noch einige ›zum letzten Male‹ zusammenbringen können. Aber da läßt sich nun einmal nichts machen, und durch Schwatzen darüber wird nichts gewonnen. Etwas Neues käme auch sehr gelegen. Glauben Sie wohl, ein komisches Liedchen, auf dem Pony sitzend, singen zu können?« »Das wird sich in der Tat kaum machen lassen«, versetzte Nicolaus. »Es hat früher schon Geld eingebracht«, entgegnete Herr Crummles mit einem Blick unangenehmer Enttäuschung. »Was halten Sie von einem brillanten Feuerwerk?« »Daß es ziemlich kostspielig werden dürfte«, erwiderte Nicolaus trocken. »Achtzehn Pence würden ausreichen«, sagte Herr Crummles. »Sie stünden auf einer Tribüne mit dem Wunderkind in eleganter Haltung: hinten ein Transparent mit einem ›Lebewohl‹; an den Kulissen neun Leute mit einem bengalischen Licht in jeder Hand – das ganze anderthalb Dutzend müßte auf einmal losgehen – es würde sich von vorn ganz grandios – ergreifend, wahrhaft ergreifend auenehmen.« Da Nicolaus von der Großartigkeit einer solchen Szene nicht sonderlich überzeugt zu sein schien, sondern im Gegenteil den Vorschlag auf eine höchst unehrerbietige Weise recht herzlich verlachte, so gab ihn Herr Crummles sogleich wieder auf und bemerkte düster, daß sie eben dann den Zettel aufs beste mit Kämpfen und Tänzen ausstatten und sich an das regelmäßige Drama halten müßten. Um diesen Plan augenblicklich auszuführen, verfügte sich der Theaterdirektor sogleich in ein anstoßendes kleines Ankleidezinnner, wo Madame Crummles eben beschäftigt war, die Gewänder einer Kaiserin aus einem Melodrama gegen den gewöhnlichen Anzug von Frauen des neunzehnten Jahrhunderts zu vertauschen. Mit dieser Dame und der in allen Sätteln gerechten Madame Grudden, die ein wahres Genie zu Abfassung von Theaterprogrammen besaß (denn sie wußte die auf Bewunderung abzielenden Bemerkungen recht gut einzuschalten und kannte aus langjähriger Erfahrung genau, was in fetter Schrift gedruckt werden müsse), wurde nun die Abfassung der Anschlagzettel aufs ernstlichste beraten. »Ach«, seufzte Nicolaus, sich in dem Stuhl des Souffleurs zurücklehnend, nachdem er Smike die nötigen telegraphischen Zeichen gegeben hatte, der in einem Zwischenspiel als ein magerer Schneider aufgetreten war und als solcher nur einen Rockschoß besaß, in dem sich ein kleines, sehr durchlöchertes Taschentuch befand, eine wollene Nachtmütze auf dem Kopf trug und nebst anderen charakteristischen Merkmalen der Schneider auf den Brettern eine rote Nase hatte. »Ach, ich wünschte, all das wäre vorüber.« »Vorüber, Herr Johnson?« wiederholte hinter ihm eine weibliche Stimme mit einer Art schmerzlichen Staunens. »Es klang allerdings etwas ungalant«, versetzte Nicolaus, der, als er sich umsah, in der Sprecherin Fräulein Snevellicci erkannte, »und ich würde nicht so gesprochen haben, wenn ich gewußt hätte, daß ich mich in dem Bereiche Ihres Ohres befände.« »Was für ein köstlicher Mensch der Herr Dickby ist!« sagte Fräulein Snevellicci, als der Schneider am Ende des Stücks unter großem Beifall auf der andern Seite der Bühne abtrat. (Smikes Theatername war Dickby.) »Ich will ihm sogleich Ihre Worte hinterbringen, die ihn natürlich ungemein erfreuen müssen«, versetzte Nicolaus. »O Sie loser Mensch!« entgegnete Fräulein Snevellicci. Aber es kann mir so ziemlich gleichgültig sein, ob er meine Meinung von ihm erfährt, während es in der Tat bei andern Leuten –« Fräulein Snevellicci hielt hier inne, als erwarte sie eine Frage, die aber nicht erfolgte, weil Nicolaus an weit ernstere Dinge dachte. »Wie freundlich es von Ihnen ist«, nahm Fräulein Snevellicci nach einer kurzen Pause wieder auf, »dazusitzen und Abend für Abend auf ihn zu warten, so ermattet Sie auch sein mögen. Und was Sie sich Mühe mit ihm geben, und alles mit so viel Freude und Bereitwilligkeit tun, als ob es Ihnen Geld einbrächte.« »Er verdient alle Freundlichkeit, die ich ihm erweisen kann, und noch viel mehr«, versetzte Nicolaus. »Er ist das dankbarste, redlichste und liebevollste Geschöpf, das je geatmet hat.« »Und auch das sonderbarste – nicht wahr?« bemerkte Fräulein Snevellicci. »Das weiß Gott, und möge er denen verzeihen, die ihn dazu gebracht haben!« entgegnete Nicolaus, seinen Kopf schüttelnd. »Er ist ein verdammt schweigsamer Kunde«, sagte Herr Folair, der ein wenig näher getreten war und sich nun in die Unterhaltung mischte. »Kein Mensch kann etwas aus ihm herausbringen.« »Und was will man denn aus ihm herausbringen?« fragte Nicolaus jäh und wandte sich nach dem Sprecher um. »Donnerwetter, wie das gleich sprudelt und kocht, Johnson«, erwiderte Herr Folair, indem er die Ferse seines Tanzschuhes in die Höhe zog. »Ich spreche nur von der natürlichen Neugierde der Leute hier, die auch etwas von seinem Leben erfahren möchten.« »Der arme Junge! Ich sollte aber meinen, es liege klar auf der Hand, daß er nicht genug Klarheit besitzt, um für Sie oder für jemand anders von besonderem Interesse zu sein«, sagte Nicolaus. »Freilich«, versetzte der Schauspieler, indem er den Effekt seines Gesichtes in einem Lampenreflektor betrachtete; »aber eben deshalb liegt die ganze Frage um so näher.« »Welche Frage?« entgegnete Nicolaus. »Je nun, das wer und was er ist, und wie Sie beide, trotz der großen Verschiedenheit der Charaktere, so enge Freunde geworden sind«, erwiderte Herr Folair, ganz entzückt über die Gelegenheit, jemandem etwas Unangenehmes sagen zu können. »Alle Welt spricht davon.« »Diese alle Welt besteht übrigens, wie ich mir denke, nur in dem Theatervolk?« sagte Nicolaus verächtlich. »In Theatervolk und andern Leuten«, versetzte der Schauspieler. »Wissen Sie nicht, daß Lenville sagt –« »Ich dachte, ich hätte diesen wohl für einige Zeit zum Schweigen gebracht«, fiel Nicolaus rot werdend ein. »Möglich«, entgegnete der unabweisliche Herr Folair, »und wenn dies der Fall ist, so sagte er es wahrscheinlich vorher. Lenville sagte also, Sie wären ein wahrer Stock von einem Schauspieler, und das ganze Glück, das Sie hier bei dem Publikum gemacht hätten, läge in dem Geheimnis, womit Sie sich umgäben, und das Crummles wegen seines eigenen Vorteils begünstigte. Dabei meint Lenville, es stecke wohl weiter nichts hinter dem Ganzen, als daß Sie irgendwo tief in der Patsche gesessen und wegen irgendeinem Streich davongelaufen wären.« »Ah!« sagte Nicolaus, ein Lächeln erzwingend. »Das ist übrigens nur ein Teil von dem, was er sagt«, fügte Herr Folair bei, »und ich teile es Ihnen als Freund beider Teile und im strengsten Vertrauen mit. Sie wissen, daß ich nicht seiner Ansicht bin. Er sagt, er halte Dickby mehr für einen Spitzbuben als für einen Einfaltspinsel, und unser Packesel, der alte Fluggers, erzählt, in der vorletzten Saison, als er im Conventgarden Ausläufer war, sei immer ein Taschendieb um den Fiakerplatz herumgeschlichen, der genau das Gesicht von Dickby gehabt hätte. Er fügte übrigens hinzu, es sei doch vielleicht nicht Dickby gewesen, sondern nur sein Bruder oder ein anderer naher Verwandter.« »Ah!« rief Nicolaus abermals. »Ja, so sagen sie«, fuhr Folair in ungetrübter Ruhe fort. »Ich nahm mir vor, es Ihnen zu erzählen, weil Sie eigentlich davon wissen sollten. Ah, da kommt endlich das holdselige Wunderkind. Uff! Du kleiner Wechselbalg, ich wollte, ich hätte dich – ich komme gleich, mein Schätzchen. – Der Affe! Klingeln Sie zum Aufziehen, Madame Grudden, und lassen Sie das Schoßhündchen des Publikums seinen Tanz aufführen.« Während Folair das, was von den letzteren Anspielungen für das Wunderkind schmeichelhaft war, laut aussprach und den Rest Nicolaus vertraulich »beiseite« zuflüsterte, folgte er dem aufgehenden Vorhang mit den Augen und war mit höhnischem Bick Zeuge des Beifallsturmes vor Fräulein Crummles. Dann trat er ein paar Schritte zurück, um einen bessern Anlauf zu gewinnen, ließ ein einleitendes Geheul erschallen und schoß, mit den Zähnen klappernd und einen blechernen Tomahawk schwingend, als wilder Indianer auf die Bühne. »Das sind also einige von den Geschichtchen, die über uns erdichtet werden und von Mund zu Mund laufen?« dachte Nicolaus. »Will jemand ein unverzeihliches Verbrechen gegen irgendeine Gesellschaft, mag sie groß oder klein sein, begehen, so braucht er nur Glück zu haben; alles andere wird ihm vergeben, nur nicht dieses.« »Sie nehmen's sich doch nicht zu Herzen, was dieser boshafte Mensch sagte?« bemerkte Fräulein Snevellicci in ihren gewinnendsten Tönen. »Nicht doch«, versetzte Nicolaus. »Wenn ich im Sinn hätte hierzubleiben, so würde ich es vielleicht der Mühe wert halten, die Sache weiter zu verfolgen. Da dies aber nicht der Fall ist, so mögen sie sich meinetwegen heiser schwatzen. Doch da kommt der, den ein Teil Ihres Wohlwollens trifft«, fügte Nicolaus bei, als Smike näher trat; »und so wollen wir Ihnen denn miteinander gute Nacht sagen.« »Nein, nein, Sie dürfen mir nicht so kommen«, entgegnete Fräulein Snevellicci. »Sie müssen mich nach Haus begleiten und meine Mutter besuchen, die erst heute in Portsmouth ankam und vor Begierde stirbt, Sie kennenzulernen. »Liebe Led, helfen Sie mir Herrn Johnson überreden.« »O gewiß«, erwiderte Fräulein Ledrook mit großer Lebhaftigkeit; »wenn Sie ihn nicht überreden können –« Fräulein Ledrook sagte nichts weiter, gab aber durch eine geschickte Pantomime zu verstehen, daß ihn wohl niemand zu überreden vermöchte, wenn es Fräulein Snevellicci nicht gelänge. »Herr und Madame Lillyvick haben sich in unserem Hause einquartiert und teilen für den Augenblick unser Zimmer«, sagte Fräulein Snevellicci. »Wird nicht vielleicht dies Sie bestimmen?« »Was kann es eines weiteren Bestimmungsgrundes nach Ihrer Einladung bedürfen?« versetzte Nicolaus. »O, das find ich auch!« entgegnete Fräulein Snevellicci. Und Fräulein Ledrook meinte: »Hab ich's nicht gesagt?« worauf Fräulein Snevellicci sagte, Fräulein Ledrook wäre ein loses Ding; und Fräulein Ledrook versicherte, Fräulein Snevellicci brauche nicht so rot zu werden; und Fräulein Snevellicci gab Fräulein Ledrook einen Klaps, und Fräulein Ledrook klapste Fräulein Snevellicci wieder. »Kommen Sie, Herr Johnson«, sagte Fräulein Ledrook, »es ist hohe Zeit zum Nachhausegehen, sonst meint die arme Madame Snevellicci, Sie seien mit ihrer Tochter davongelaufen, und da würden wir nur zu trösten haben.« »Liebe Led, wie können Sie nur so sprechen«, verwies ihr Fräulein Snevellicci. Fräulein Ledrook erwiderte nichts, sondern nahm Smikes Arm und überließ es Nicolaus und ihrer Freundin, nach Gefallen zu folgen. Es gefiel ihnen jedoch, oder vielmehr es gefiel Nicolaus, dem es unter obwaltenden Umständen nicht besonders um ein trauliches Beisammensein zu tun war, ihr auf dem Fuße nachzukommen. Es fehlte, als sie die Straße erreichten, nicht an Unterhaltungsstoff; denn es fand sich, daß Fräulein Snevellicci ein kleines Körbchen und Fräulein Ledrook eine kleine Schachtel nach Hause zu tragen hatten, in denen sie jeden Abend den kleineren Toilettenbedarf mit sich zu führen pflegten. Nicolaus wollte es sich nun nicht nehmen lassen, das Körbchen zu tragen, und Fräulein Snevellicci bestand darauf, es selber zu tun, was zu einem Kampf Veranlassung gab, in dem Nicolaus sich des Körbchens und der Schachtel zugleich bemächtigte. Dann sagte Nicolaus, er möchte doch wissen, was in dem Körbchen wäre, und versuchte es, hineinzusehen, worauf Fräulein Snevellicci schrie und die Erklärung abgab, daß sie, wenn sie denken müßte, er hätte etwas gesehen, gewiß in Ohnmacht sinken würde. Er machte nun einen ähnlichen Versuch mit der Schachtel, was dieselben Demonstrationen von Fräulein Ledrook zur Folge hatte. Dann beteuerten beide Damen, daß sie keinen Schritt von der Stelle gehen würden, bis Nicolaus versprochen hätte, nicht mehr hineinzusehen. Endlich gelobte Nicolaus, keine fernere Neugierde zu verraten, und sie gingen weiter, wobei beide Damen sehr viel kicherten und erklärten, sie hätten all ihrer Lebtage keinen so gottlosen Menschen gesehen – nein, in ihrem Leben nie! Indem sie sich den Weg mit derartigen Scherzen kürzten, erreichten sie bald das Haus des Schneiders, wo sich nun eine recht hübsche kleine Gesellschaft zusammengefunden hatte; denn außer Herrn und Frau Lillyvick war nicht nur Fräulein Snevelliccis Mutter, sondern auch ihr Vater zugegen. Und was für ein ungemein schöner Mann war nicht dieser Vater? Er hatte eine Habichtsnase, eine weiße Stirne, krauses schwarzes Haar, hohe Backenknochen und im ganzen ein hübsches Gesicht, das nur – vielleicht vom Trinken – etwas kupfern angelaufen war. Er hatte eine sehr breite Brust und trug einen dicht zugeknöpften, fadenscheinigen blauen Rock mit vergoldeten Knöpfen. Sobald er Nicolaus in das Zimmer treten sah, steckte er die beiden Vorderfinger seiner rechten Hand zwischen die beiden mittleren Knöpfe, indem er zugleich den andern Arm anmutig in die Seite stemmte, als wolle er sagen: »Nun, hier bin ich, junger Mensch; was ist dein Begehr?« Dies war das Äußere und die Haltung von Fräulein Snevelliccis Papa, der, seit er die zehnjährigen Teufelchen in den Weihnachtspantomimen gespielt hatte, der Kunst lebte. Er konnte ein wenig singen, ein wenig tanzen, ein wenig fechten, ein wenig spielen und von allem ein wenig, aber nicht viel. Er war bald beim Ballett, bald als Chorist, und überhaupt bei jedem Theater in London engagiert gewesen und wurde seiner Figur wegen für die Rollen militärischer Besuche und stummer Edelleute ausgewählt. Er war immer schmuck gekleidet und nahm sich besonders gut aus, wenn er Arm in Arm mit einer hübschen Dame in kurzem Röckchen ging, was er mit so viel Würde tat, daß ihm das Publikum im Parterre immer »Bravo« zurief, weil es ihn für etwas Besonderes hielt. Dies war Fräulein Snevelliccis Papa, dem einige neidische Personen nachsagten, er prügle hin und wieder Fräulein Snevelliccis Mama, die noch immer eine Tänzerin von ziemlich niedlicher Figur war und noch einige Reste eines früher schönen Gesichts zeigte. Sie saß jetzt da, wie sie tanzte, nämlich im Hintergrunde, da sie etwas zu alt für den vollen Glanz der Lampen des Proszeniums geworden war. Diesen guten Leutchen wurde Nicolaus mit großer Förmlichkeit vorgestellt. Als die Zeremonie vorüber war, sagte Fräulein Snevelliccis Papa (der bedeutend nach Grog roch), er wäre ganz entzückt, die Bekanntschaft eines so ungemein talentvollen jungen Mannes zu machen, und bemerkte dabei noch weiter, daß ihm noch kein Künstler vorgekommen sei, der so rasch sein Glück gemacht hätte – nein, keiner – seit dem ersten Auftreten seines Freundes, des Herrn Glavormelly auf dem Coburg-Theater. »Sie haben ihn wohl gesehen, Sir?« fragte Fräulein Snevelliccis Papa. »Nein, ich kann mich dessen nicht rühmen«, versetzte Nicolaus. »Wie – meinen Freund Glavormelly nicht gesehen, Sir?« rief Fräulein Snevelliccis Papa. »Dann haben Sie noch nie einen Schauspieler gesehen. Wenn er noch am Leben wäre – –« »Ach, er ist also tot?« fiel Nicolaus ein. »Ja«, antwortete Herr Snevellicci; »aber er ist zur Schande seines Zeitalters nicht in der Westminsterabtei. Er war ein – – Nun, gleichgültig! Er ist hingegangen nach dem Lande, aus dem kein Wanderer wiederkehrt. Ich hoffe, daß dort sein Wert mehr Anerkennung finden wird.« Bei diesen Worten rieb Fräulein Snevelliccis Papa die Spitze seiner Nase mit einem sehr gelben seidenen Taschentuch und gab dadurch der Gesellschaft zu verstehen, daß ihn diese Rückerinnerungen überwältigten. »Nun, Herr Lillyvick«, sagte Nicolaus, »wie geht es Ihnen?« »Ganz gut«, erwiderte der Steuereinnehmer. »Verlassen Sie sich darauf, es geht nichts über den Ehestand.« »Was Sie sagen!« entgegnete Nicolaus lachend. »Nichts, gar nichts, Sir«, bekräftigte Herr Lillyvick. »Was meinen Sie?« flüsterte der Steuereinnehmer Nicolaus ins Ohr, indem er ihn beiseite nahm. »Wie kommt Ihnen diesen Abend ihr Aussehen vor?« »So schön wie immer«, erwiderte Nicolaus mit einem Blick nach dem vormaligen Fräulein Petowker. »Es liegt etwas in ihrem Wesen, Sir«, flüsterte der Steuereinnehmer fort, »das ich nie bei einem andern Frauenzimmer sah. Sehen Sie nur jetzt, wie sie dahinschwebt, um den Kessel auf das Feuer zu setzen. Ist nicht ein wahrer Zauber darin, Sir?« »Sie sind ein glücklicher Mann«, sagte Nicolaus. »Hahaha!« lachte der Steuereinnehmer. »Meinen Sie wirklich? Kann sein, kann sein! Ich sage Ihnen, ich hätte es nicht besser treffen können, wenn ich ein junger Mann gewesen wäre – meinen Sie nicht auch? Sie selbst hätten keinen besseren Treffer machen können. Oder hätten Sie – wie? – hätten Sie?« Unter diesen und vielen ähnlichen Fragen stieß Herr Lillyvick fortwährend seinen Ellbogen in Nicolaus' Seite und kicherte, bis sein Gesicht unter der Bemühung, sein Vergnügen nicht laut werden zu lassen, ganz rot wurde. Mittlerweile war durch die vereinten Bemühungen aller Damen das Tischtuch auf zwei aneinandergerückte Tische gelegt worden, von denen der eine hoch und schmal, der andere niedrig und breit war. Am oberen Ende standen Austern, unten Würste, in der Mitte eine Lichtputze und überall, wo es anging, Teller mit gebratenen Kartoffeln. Man hatte aus dem Schlafzimmer zwei weitere Stühle herbeigebracht. Fräulein Snevellicci saß oben an der Tafel, Herr Lillyvick unten, und Nicolaus hatte nicht nur die Ehre, neben Fräulein Snevellicci zu sitzen, sondern erhielt auch noch Fräulein Snevelliccis Mama auf die rechte Seite und Fräulein Snevelliccis Papa zum Visavis. Mit einem Wort, er war der Held des Festes, und als die Tafel aufgeräumt war und warmes Getränk herumgereicht wurde, stand Herr Snevellicci auf und hielt auf die Gesundheit des abreisenden Künstlers eine so rührende Rede, daß Fräulein Snevellicci weinte und sich nach ihrem Schlafgemach zurückziehen mußte. »Pst! Lassen Sie sich nicht stören!« sagte Fräulein Ledrook, als sie aus dem Schlafzimmer herausblickte. »Sagen Sie ihr, wenn sie wieder zurückkommt, sie möchte sich nicht so sehr angreifen.« Fräulein Ledrook stattete, ehe sie die Tür wieder schloß, ihre Worte mit so viel geheimnisvollem Nicken und Winken aus, daß auf einmal ein tiefes Schweigen eintrat, währenddem Fräulein Snevelliccis Papa sich sehr breit machte, der Reihe nach jedermann, insbesondere aber Nicolaus, mit vollen Blicken von oben her maß und ohne Unterlaß sein Glas leerte und wieder füllte, bis die Damen in einer Gruppe, in deren Mitte sich Fräulein Snevellicci befand, wieder zurückkehrten. »Sie brauchen sich nicht im mindesten zu beunruhigen, Herr Snevellicci«, sagte Madame Lillyvick. »Sie ist nur etwas schwach und angegriffen und war es schon den ganzen Tag über.« »Ach – so; ist's weiter nichts?« entgegnete Herr Snevellicci. »Nein, weiter nichts. Machen Sie nur kein Wesen davon«, riefen die Damen untereinander. Das war nun freilich keine Antwort für Herrn Snevellicci, der seine ganze Bedeutung als Mann und Vater fühlte; und so griff er sich denn die unglückliche Madame Snevellicci heraus und fragte sie, was zum Teufel das heißen wolle, daß sie so mit ihm spreche. »Ach Gott, mein Lieber – –« entgegnete Madame Snevellicci. »Nenne mich nicht deinen Lieben, wenn ich bitten darf«, versetzte Herr Snevellicci. »Bitte, Papa, nicht so«, fiel Fräulein Snevellicci ein. »Was nicht so, mein Kind?« »Reden Sie nicht in dieser Weise.« »Warum nicht?« sagte Herr Snevellicci. »Du nimmst hoffentlich nicht an, daß hier jemand ist, der mir verbieten kann zu reden, wie mir beliebt?« »Das hat ja niemand im Sinn, Papa«, versetzte die Tochter. Und niemand würde es vermögen, wenn man es auch im Sinn hätte«, entgegnete Herr Snevellicci. »Ich brauche mich meiner selbst nicht zu schämen. Ich heiße Snevellicci und bin Bogenstraße im ›Breiten Hof‹ zu finden, wenn ich mich in der Stadt aufhalte. Bin ich nicht zu Hause, so kann man mich im Theater erfragen. Gott verdamme mich, ich denke, man kennt mich dort! Die meisten Leute haben mein Porträt an dem Tabaksladen um die Ecke gesehen. Auch in den Zeitungen hat man von mir gelesen – oder etwa nicht? – Nicht sprechen sollen! Ich will dir was sagen: wenn ich ausfindig machte, daß ein Mann mit den Gefühlen meiner Tochter sein Spiel getrieben hätte, so würde ich nicht sprechen; aber er sollte mir aufsehen, ohne daß ein Wort von meinen Lippen käme – das ist so meine Weise.« So sprechend schlug Herr Snevellicci dreimal mit der geballten Faust in die Fläche seiner linken Hand, knuffte eine »Nase« mit den Knöcheln der Vorderfinger seiner rechten Hand und schluckte ein weiteres Glas voll auf einen Zug hinunter. »Das ist so meine Weise«, wiederholte Herr Snevellicci. Die meisten öffentlichen Persönlichkeiten haben ihre Mängel: und die Wahrheit ist, daß Herr Snevellicci ein wenig dem Trunk ergeben war, oder wenn wir die ganze Wahrheit zugestehen wollen, daß er fast nie nüchtern wurde. Er kannte in seinem Zechersystem drei bestimmte Grade der Betrunkenheit – den würdevollen, den streitsüchtigen und den zärtlichen. Wenn er auftreten mußte, so ging er nie über den würdevollen hinaus. In Privatgesellschaften pflegte er jedoch alle drei, und zwar mit einer solchen Raschheit des Übergangs durchzumachen, daß die, die nicht die Ehre seiner näheren Bekanntschaft hatten, ganz verblüfft darüber wurden. Herr Snevellicci hatte kaum noch ein weiteres Glas hinuntergeschluckt, als er in glücklicher Vergessenheit der eben zur Schau gestellten Kampflust allen Anwesenden zulächelte und in liebenswürdiger Aufregung einen Toast »auf die süßen Herzen der Damen« ausbrachte. »Ich liebe sie«, sagte Herr Snevellicci, indem er sich an dem Tische umsah. »Ich liebe sie samt und sonders.« »Nicht samt und sonders«, entgegnete Herr Lillyvick mild. »Ja, samt und sonders«, wiederholte Herr Snevellicci. »Da wären ja auch die verheirateten Damen mit eingeschlossen?« versetzte Herr Lillyvick. »Ich liebe auch diese, Sir«, erwiderte Herr Snevellicci. Der Steuereinnehmer sah auf die ihn umgebenden Gesichter mit einem Blicke würdevoller Verwunderung, der zu sagen schien, »das ist mir ein sauberes Früchtchen.« Er war auch augenscheinlich ein wenig überrascht, daß Madame Lillyvick keine Zeichen von Entsetzen und Entrüstung an den Tag legte. »Eine Hand wäscht die andere«, fuhr Herr Snevellicci fort. »Ich liebe sie und sie lieben mich.« Und als ob durch diese Äußerung der Sittlichkeit nicht genug Hohn gesprochen wäre – was tat Herr Snevellicci? Er blinzelte – blinzelte offen und ohne Hehl; blinzelte mit seinem rechten Auge – Madame Henriette Lillyvick zu! Der Steuereinnehmer fiel im Übermaß seines Entsetzens auf seinem Stuhle zurück. Wenn ihr jemand als Henriette Petowker zugeblinzelt hätte, so wäre es schon im höchsten Grade unanständig gewesen! Aber als Madame Lillyvick – der Gedanke trieb ihm den kalten Schweiß auf die Stirn, und während er darüber nachsann, ob es wirklich auch möglich sei und er nicht bloß träume, wiederholte Herr Snevellicci sein Blinzeln, trank Madame Lillyvick mit allerlei Gesten zu und sandte – wirklich, er sandte sogar ein Kußhändchcn nach ihr hinüber. Herr Lillyvick verließ seinen Stuhl, ging geradezu nach dem andern Ende der Tafel und fiel augenblicklich – fallen im buchstäblichen Sinn genommen – über ihn her. Herr Lillyvick war keine leichte Last, und wenn er also über Snevellicci herfiel, so mußte Herr Snevellicci unter den Tisch fallen. Herr Lillyvick folgte ihm, und die Damen kreischten laut auf. »Was haben die zwei miteinander? Sind sie toll?« rief Nicolaus, indem er unter den Tisch griff, den Steuereinnehmer mit kräftiger Faust hervorzog und denselben wie einen Strohmann in einen Stuhl warf. »Was soll das bedeuten? Was hatten Sie vor? Was ist über Sie gekommen?« Während sich Nicolaus mit dem Steuereinnehmer zu schaffen machte, leistete Smike Herrn Snevellicci den gleichen Liebesdienst, der jetzt seinen Gegner mit dem leeren Blicke der Trunkenheit anstierte. »Sehen Sie dorthin, Sir«, versetzte Herr Lillyvick, indem er auf seine erstaunte Gattin zeigte. »Da ist Reinheit und Anmut vereinigt; und ihre Gefühle sind beleidigt – tief verwundet worden.« »Um Gottes willen, was schwatzt er für Unsinn!« rief Madame Lillyvick auf Nicolaus' fragenden Blick. »Niemand hat etwas zu mir gesagt.« »Gesagt, Henrietta?« rief der Steuereinnehmer. »Habe ich nicht selbst mit angesehen, wie er dir –« Herr Lillyvick konnte es nicht über sich gewinnen, das Wort auszusprechen, sondern äffte das Blinzeln des andern nach. »Nun«, entgegnete Madame Lillyvick heftig, »glaubst du, niemand dürfe mich ansehen? Wenn das Brauch wäre, so möchte der Henker verheiratet sein!« »Du fühltest dich also nicht gekränkt?« rief der Steuereinnehmer. »Gekränkt?« wiederholte Madame Lillyvick mit einem Ton der Verachtung. »Du solltest die ganze Gesellschaft auf den Knien um Verzeihung bitten.« »Um Verzeihung bitten, meine Liebe?« entgegnete der verblüffte Steuereinnehmer. »Ja, und mich zuerst«, versetzte Madame Lillyvick. »Glaubst du, ich wisse nicht selbst am besten, was sich schickt, und was sich nicht schickt?« »Ganz natürlich«, riefen alle Damen. »Meinen Sie, wir würden nicht die ersten sein, die sprächen, wenn etwas Auffallendes vorkäme?« »Und glauben Sie etwa, daß den Damen kein Urteil zusteht, Sir?« fragte Fräulein Snevelliccis Papa, indem er seinen Kragen in die Höhe zog und etwas von Schädelzertrümmern sprach, wenn ihn nicht die Rücksicht auf das Alter seines Gegners zurückhielte. Herr Snevellicci faßte hierauf Herrn Lillyvick einige Augenblicke fest und strenge ins Auge, stand dann ganz bedächtig vom Stuhle auf und küßte die Damen der Reihe nach, wobei er mit Madame Lillyvick den Anfang machte. Der unglückliche Steuereinnehmer warf seiner Gattin einen kläglichen Blick zu, als wolle er sich überzeugen, ob auch nur noch ein Zug von Fräulein Petowker in Madame Lillyvick übriggeblieben sei. Als er aber – leider nur zu deutlich – das Gegenteil fand, so bat er die ganze Gesellschaft demütig um Verzeihung und setzte sich – niedergeschlagen, entmutigt und entzaubert, so daß er trotz seiner Selbstsucht und Eigenliebe ein würdiger Gegenstand des Erbarmens war. Fräulein Snevelliccis Papa schwebte ob diesem Triumph und dem augenfälligen Belege seines Glückes bei den Damen ganz in höheren Gefilden und ließ seiner Munterkeit so weit den Zügel, daß man es fast Ausgelassenheit hätte nennen können. Er gab dann mehr als ein beträchtlich langes Lied zum besten und ergötzte in den Pausen den geselligen Zirkel mit Reminiszenzen an verschiedene herrliche Frauen, die im Verdacht gestanden hätten, in ihn verliebt zu sein. Auf die Namen einiger von ihnen brachte er Toaste aus und verfehlte dabei nicht anzumerken, daß er, wenn er in früheren Jahren seinen Vorteil besser verstanden hätte, gegenwärtig mit vieren fahren könnte. Diese Erinnerungen schienen jedoch in Madame Snevelliccis Brust keine besonders schmerzlichen Gefühle zu erwecken, denn sie war zu sehr beschäftigt, Nicolaus die mannigfaltigen Vorzüge und Verdienste ihrer Tochter auseinanderzusetzen. Auch die junge Dame selbst verfehlte nicht, allen ihren Zauber spielen zu lassen. Aber so sehr dieser durch Fräulein Ledrooks kleine Künste gehoben war, so vermochte er doch Nicolaus' Aufmerksamkeit nicht zu vermehren, da dieser junge Mann das Bild von Fräulein Squeers noch zu lebhaft im Gedächtnis hatte, um sich neuen Lockungen hinzugeben, weshalb er auch sein Benehmen so sorgfältig bewachte, daß ihn, als er sich entfernt hatte, die Damen einstimmig für ein wahres Ungeheuer von Fühllosigkeit erklärten. Am andern Tage wurden die Theaterzettel pflichtschuldig ausgehängt, und das Publikum erfuhr durch Buchstaben, die in allen Farben des Regenbogens und in jeder nur denkbaren Rückgratsverkrümmung prangten, Herr Johnson werde die Ehre haben, diesen Abend zum letztenmal aufzutreten, weshalb man bitte, die Plätze zeitig zu bestellen, da ein ungeheurer Zudrang zu erwarten stehe. Es ist gewiß ein merkwürdiger Umstand in den Chroniken des Theaterwesens, der aber längst durch Erfahrung über allen Zweifel erhaben ist, daß man sich vergeblich bemühen wird, Leute zum Besuch eines Schauspielhauses zu veranlassen, wenn man ihnen nicht den Glauben beibringen kann, daß sie keinen Platz finden würden. Als Nicolaus am Abend die Bühne betrat, wußte er sich die ungewöhnliche Verstörung und Aufregung, die sich in den Gesichtern aller Gesellschaftsmitglieder spiegelten, nicht recht zu deuten. Er blieb aber nicht lange über die Ursache im Zweifel, denn ehe er noch Zeit hatte, darüber Nachfrage anzustellen, trat Herr Crummles auf ihn zu und teilte ihm ziemlich erhitzt mit, daß ein Londoner Theaterdirektor in einer der Logen säße. »Sicherlich wegen des Wunderkindes, Sir«, sagte Crummles, indem er Nicolaus nach der kleinen Öffnung in dem Vorhang hinzog, damit er sich den Londoner Theaterdirektor betrachte. »Ich zweifle nicht im geringsten, daß ihn der Ruf des Wunderkindes hergelockt hat. Dort ist er – der Mann in dem Überrock und ohne Hemdkragen. Er muß ihr zehn Pfund wöchentlich zahlen, Johnson. Ich lasse sie um keinen Heller weniger auf den Londoner Brettern auftreten. Auch gebe ich sie nicht her, wenn nicht meine Frau zu gleicher Zeit engagiert wird – zwanzig Pfund wöchentlich für beide; oder ich will Ihnen was sagen, ich gebe mich und die zwei Jungen in den Kauf, wenn er für die ganze Familie dreißig zahlt. Ehrlicher kann man gewiß nicht zu Werke gehen. Er muß uns alle nehmen, denn keines geht ohne das andere. Viele Londoner machen's so, und es entspricht immer ihrem Zweck. Dreißig Pfund wöchentlich, Johnson – es ist ein Spottgeld, Johnson, ein Spottgeld.« Nicolaus pflichtete bei, und Herr Vincent Crummles eilte, nachdem er sich durch mehrere tüchtige Prisen gestärkt hatte, hinweg, um Madame Crummles zu sagen, daß er über die einzigen annehmbaren Bedingungen mit sich eins geworden wäre und den festen Entschluß gefaßt hätte, um keinen Heller davon abzuweichen. Als alles angekleidet war und der Vorhang aufgezogen wurde, steigerte sich die durch die Anwesenheit des Londoner Theaterdirektors veranlaßte Aufregung tausendfältig. Jedes Mitglied der Gesellschaft war fest überzeugt, der besagte Herr wäre ausdrücklich hierhergekommen, um sein eigenes Spiel anzusehen, weshalb sich auch alle in der höchsten Spannung befanden. Einige von denen, die in der ersten Szene nichts zu tun hatten, eilten zwischen die Kulissen und reckten ihre Hälse, um den gefeierten Mann zu sehen, und andere stahlen sich in die zwei kleinen Schauspielerlogen über dem Eingang, um von da aus den Londoner Direktor zu mustern. Einmal bemerkte man, daß der Londoner Direktor lächelte – er lächelte über den komischen Landmann, der tat, als ob er Schmeißfliegen fange, während Madame Crummles eben eine Glanzszene hatte. »Sehr gut, Bursche«, sagte Herr Crummles, indem er dem komischen Landmann, als er abtrat, die Faust nachschüttelte, »künftigen Sonntag kannst du dich um ein anderes Engagement umsehen.« In der gleichen Weise sah jeder auf der Bühne kein Auditorium, sondern nur eine Person – den Londoner Theaterdirektor, für den alle ausschließlich spielten. Als Herr Lenville in einem plötzlichen Ausbruch der Wut den Kaiser einen Elenden nannte, dann aber in seinen Handschuh biß und sagte: »Ich muß mich verstellen«, so hielt er, statt, wie sonst in solchen Fällen üblich ist, finster zur Erde zu sehen und auf sein Stichwort zu warten, den Blick unverwandt auf den Londoner Direktor geheftet. Als Fräulein Bravassa in ihrem Liedchen ihren Geliebten ansang, der wie gewöhnlich bereit stand, um ihr zwischen den Versen die Hände zu schütteln, sahen sie sich nicht gegenseitig an, sondern blickten einzig und allein nach dem Londoner Direktor. Herr Crummles starb und richtete noch im Sterben seine Augen nach ihm, und als die Leibwache kam, um den in einem harten Todeskampf Verschiedenen hinauszutragen, bemerkte man, wie er aufs neue die Augen öffnete und nach dem Londoner Direktor schielte. Endlich entdeckte man, daß der Londoner Direktor eingeschlafen war. Als er dann bald nachher wieder aufwachte und das Theater verließ, fiel der ganze Schwarm über den unglücklichen komischen Landmann her und erklärte, daß seine Buffonerie einzig und allein schuld daran wäre. Herr Crummles behauptete, daß er lange Zeit damit Geduld gehabt hätte, nun aber sie nicht mehr länger ertragen könnte; es würde daher ihm, dem Direktor, sehr angenehm sein, wenn er sich nach einem andern Engagement umsehe. All das gewährte Nikolaus viel Belustigung, und er freute sich aufrichtig, daß der große Mann von hinnen ging, noch ehe er selbst aufzutreten hatte. Er spielte seine Rollen in den zwei letzten Stücken so rasch wie möglich, und nachdem er mit unbegrenztem Wohlwollen und unerhörtem Beifall seinen Abschied gefeiert hatte – so sagten wenigstens die Zettel für den andern Tag, die schon ein paar Stunden vor dem Spiel gedruckt worden waren –, nahm er Smikes Arm und ging nach Hause, um sich schlafen zu legen. Mit der Post des nächsten Morgens traf ein sehr verkleckster, sehr kurzer, sehr schmutziger, sehr kleiner und sehr geheimnisvoller Brief von Newman Noggs ein, der Nicolaus zu einer unverzüglichen Rückkehr nach London aufforderte. Er solle keine Zeit verlieren, hieß es darin, und womöglich noch am selben Abend in London anlangen. »Das soll geschehen«, sagte Nicolaus. »Der Himmel weiß, ich bin in der besten Absicht und sehr gegen meinen eigenen Willen hiergeblieben, vielleicht habe ich aber doch zu lange gezögert. Was mag sich wohl zugetragen haben? Smike, guter Junge, da – nimm meinen Geldbeutel. Packe unsere Sachen ein und bezahle unsere kleinen Schulden. Beeile dich, daß wir die Morgenpost noch benutzen können. Ich will nur Crummles meine Abreise anzeigen und werde im Augenblick wieder hier sein.« Er nahm nun seinen Hut und eilte nach Herrn Crummles' Wohnung, wo er die Klingel so kräftig handhabte, daß er diesen Herrn, der noch im Bett lag, aufweckte und Herrn Bulph, den Lotsen, so erschreckte, daß ihm beinahe seine Morgenpfeife aus dem Mund gefallen wäre. Die Tür wurde geöffnet, und Nicolaus eilte ohne besondere Förmlichkeit die Treppe hinauf. Er trat rasch in das Wohnzimmer des ersten Stocks, wo die beiden jüngeren Herren Crummles aus der Sofabettstelle gesprungen waren und nun in aller Eile ihre Kleider anzogen, weil sie wähnten, es sei mitten in der Nacht, und das nächste Haus stehe in Feuer. Ehe ihnen Nicolaus ihren Irrtum aufklären konnte, kam der Theaterdirektor im Flanellschlafrock und in der Nachtmütze herunter; und der junge Mann setzte ihm nun die Umstände, die eine schleunige Reise nach London nötig machten, in Kürze auseinander. »Und somit Gott befohlen«, sagte Nicolaus; »leben Sie wohl! leben Sie wohl!« Er war bereits schon wieder zur Hälfte die Treppe hinunter, ehe sich Herr Crummles von seiner Überraschung so weit erholt hatte, um etwas hinsichtlich der Theaterzettel hervorzustottern. »Ich kann's nicht ändern«, entgegnete Nicolaus. »Setzen Sie das, was ich für diese Woche zu fordern habe, dagegen, oder wenn Sie das nicht entschädigen sollte, so sagen Sie ohne Umschweife, was Sie verlangen. Geschwind! Geschwind!« »Wir wollen da gegenseitig unsere Rechnungen streichen«, versetzte Crummles. »Aber könnten wir nicht wenigstens noch ein einziges zum letzenmal haben?« »Jede Stunde – jede Minute ist mir unersetzlich«, erwiderte Nicolaus ungeduldig. »Wollen Sie nicht auch noch Madame Crummles Lebewohl sagen?« sagte Herr Crummles, indem er ihm nach der Tür hinunter folgte. »Ich dürfte nicht länger verweilen, und wenn ich dadurch mein Leben um zwei Jahrzehnte verlängern könnte«, antwortete Nicolaus. »Da, nehmen Sie meine Hand und zugleich meinen herzlichsten Dank. O, daß ich meine Zeit hier so lange mit Faseleien vergeudete!« Er begleitete diese Worte mit einem ungeduldigen Stampfen auf den Boden. Dann entriß er sich gewaltsam den Armen des Direktors, stürzte in großer Eile auf die Straße hinunter und war in einem Augenblick verschwunden. »Lieber Himmel«, sagte Herr Crummles, indem er spähend nach der Stelle sah, an der Nicolaus eben unsichtbar geworden war, »was müßte es nicht Geld eintragen, wenn er sich so auf der Bühne benähme! Hätte er nur noch diese Szene mit mir gemacht, wo er mir sonst schon von so gutem Nutzen gewesen ist. Aber er weiß nicht, was ihm gut ist. Er ist ein Hans Obenhinaus; aber so sind junge Leute – immer voreilig, schrecklich voreilig.« Da Herr Crummles einmal im Moralisieren war, so würde er wohl leicht noch einige Minuten fortgefahren haben, wenn nicht seine Hand mechanisch nach der Westentasche gegriffen hätte, wo er seinen Schnupftabak gewöhnlich aufzubewahren pflegte. Die gänzliche Abwesenheit einer Tasche an der gewohnten Stelle rief ihm jedoch ins Gedächtnis, daß er keine Weste anhatte, und das führte ihn zu einer weiteren Betrachtung seines äußerst knappen Anzugs. Er schloß daher plötzlich die Tür und verfügte sich in großer Eile wieder die Treppe hinauf. Smike hatte sich in Nicolaus' Abwesenheit nach Kräften beeilt, und durch seine Beihilfe war alles bald zur Abreise bereit. Sie erlaubten sich kaum, ein mageres Frühstück zu sich zu nehmen, und in weniger als einer halben Stunde befanden sie sich ganz atemlos vor Eile in dem Postbureau. Sie hatten nur noch einige Minuten übrig, die Nicolaus, nachdem er die Plätze bezahlt hatte, dazu benutzte, um in einem benachbarten Kleidergeschäft für Smike einen Überrock zu kaufen; er wäre zwar für einen stämmigen Pächter groß genug gewesen, aber der Kleiderhändler versicherte – und das war keine Lüge –, daß er ganz außerordentlich passe, und Nicolaus würde ihn in seiner Ungeduld gekauft haben, wenn er auch noch mal so groß gewesen wäre. Als sie wieder zu der Postkutsche zurückkamen, die nun bereits auf der Straße und zum Aufbruche bereitstand, war Nicolaus nicht wenig überrascht, als er sich plötzlich so dicht und ungestüm umarmt fühlte, daß er mit den Füßen fast in der Luft baumelte. Auch wurde seine Verwunderung nicht im geringsten gemindert, als er Herrn Crummles ausrufen hörte: »Er ist's – mein Freund! mein Freund!« »Um Gottes willen«, rief Nicolaus, indem er sich in den Armen des Theaterdirektors sträubte, »was wandelt Sie an?« Herr Crummles nahm auf diese Frage keine Rücksicht, sondern drückte ihn abermals an seine Brust und rief: »Lebe wohl, mein edler, mein löwenherziger Junge!« Die Sache verhielt sich nämlich so: Herr Crummles, der keine Gelegenheit unbenutzt vorbeigehen ließ, sein mimisches Talent zu entfalten, war ausdrücklich in der Absicht hergekommen, sich von Nicolaus öffentlich zu verabschieden, und um die Szene noch imponierender zu machen, entwickelte er nun zu Nicolaus' größtem Verdruß eine Reihe von Bühnenumarmungen, die bekanntermaßen darin bestehen, daß der oder die Umarmende das Kinn auf die Schulter des Gegenstandes ihrer Neigung legt und über diese wegsieht. Herr Crummles tat das im höchsten melodramatischen Stile und ließ dabei die beweglichsten Abschiedsphrasen entströmen, an die er sich aus seinem Komödienvorrat erinnern konnte. Aber das war noch nicht alles, denn der ältere Sohn des Herrn Crummles machte eine ähnliche Zeremonie mit Smike durch, während Herr Percy Crummles in einem aus einer Trödelbude gekauften Lakaienmantel, den er theatralisch über seine linke Schulter geworfen hatte, danebenstand, ganz in der Haltung eines Dieners der Gerechtigkeit, der bereit ist, die beiden Opfer nach dem Schafott zu führen. Die Zuschauer lachten herzlich, und da es das Geratenste war, zum bösen Spiele eine gute Miene zu machen, so lachte Nicolaus mit, sobald er sich Herrn Crummles' Krallen entrissen hatte. Er kam dann dem erstaunten Smike zu Hilfe, kletterte mit diesem auf das Kutschendach, küßte die Hand zu Ehren der abwesenden Madame Crummles, und also fuhren sie von dannen. Einunddreißigstes Kapitel. Von Ralph Nickleby und Newman Noggs, nebst einigen weisen Vorsichtsmaßregeln, deren günstiges oder ungünstiges Ergebnis die Folge zeigen wird. In glücklicher Unwissenheit darüber, daß sein Neffe sich mit der vollen Eile von vier guten Pferden seinem Wirkungskreise näherte und daß jede entschwindende Minute die gegenseitige Entfernung verminderte, saß Ralph Nickleby an jenem Morgen bei seinen gewohnten Geschäften, ohne es übrigens verhindern zu können, daß seine Gedanken hin und wieder zu der Besprechung zurückkehrten, die tags zuvor zwischen ihm und seiner Nichte stattgefunden hatte. Bei solchen Unterbrechungen, die für Augenblicke sein Gehirn verwirrten, pflegte Ralph irgendeine unmutige Verwünschung vor sich hin zu murmeln und kehrte dann mit erneuter Emsigkeit zu dem vor ihm liegenden Hauptbuche zurück. Aber der gleiche Gedankengang kam wieder und wieder trotz seiner Bemühungen, ihn fernzuhalten, wodurch Verwirrung in seine Berechnung kam und seine Aufmerksamkeit ganz von den Ziffern, über denen er brütete, abgelenkt wurde. Endlich legte er seine Feder nieder und lehnte sich in seinem Stuhle zurück, als sei er entschlossen, dem aufdringlichen Ideenstrome seinen Lauf zu lassen, um dadurch, daß er ihm vollen Spielraum gäbe, sich seiner auf eine wirksame Weise zu entledigen. »Ich bin nicht der Mann, der sich durch ein hübsches Gesicht rühren läßt«, brummte Ralph vor sich hin. »Ein grinsender Schädel liegt dahinter, und Männer wie ich, die nicht bloß an dem Oberflächlichen hängen, sehen das Tieferliegende, ohne sich durch die hinfällige Hülle blenden zu lassen. Und doch kommt es mir fast vor, als liebe ich dies Mädchen, oder ich könnte sie lieben, wenn sie weniger stolz und weniger eigen erzogen wäre. Läge der Bube in irgendeinem Flusse oder hinge an einem Galgen und wäre die Mutter tot, so sollte dies Haus ihre Heimat sein. Ja, ich wünsche von ganzem Herzen, daß es so wäre.« Ungeachtet des tödlichen Hasses, den Ralph gegen Nicolaus hegte, und der bittern Verachtung, womit er die arme Frau Nickleby verhöhnte –, ungeachtet der Schlechtigkeit, mit der er sich sogar gegen Käthchen benommen hatte, noch benahm und sich zu jeder Zeit benommen haben würde, wenn es mit seinem Vorteile im Einklang stand –, ungeachtet alles dessen lag doch, so sonderbar es auch klingen mag, in diesem Augenblick etwas Menschliches und sogar Zartes in seinen Gedanken. Er stellte Betrachtungen darüber an, was sein Haus sein könnte, wenn Käthchen darin waltete, vergegenwärtigte sich diese auf einem der leeren Stühle, blickte nach ihr hin und hörte den Ton ihrer Stimme. Er fühlte abermals auf seinem Arme den sanften Druck ihrer zitternden Hand. Er erfüllte seine kostbaren Gemächer mit den hundert stummen Anzeichen weiblicher Gegenwart und Geschäftigkeit; dann kehrten seine Gedanken zu dem verödeten Herde und zu dem stummen und traurigen Prunk seiner Wohnung zurück. In diesem einzigen Lichtblick seiner bessern Natur, so sehr er auch durch Selbstsucht verkümmert war, fühlte sich der reiche Mann einsam, freund- und kinderlos. Das Gold hatte in diesem Augenblicke keinen Wert für ihn: denn er fühlte eine Ahnung zahlloser Schätze des Herzens, die sich nicht durch klingende Münze erkaufen ließen. Ein höchst geringfügiger Umstand war jedoch hinreichend, derartige Betrachtungen aus der Seele eines solchen Mannes zu verscheuchen. Als Ralph zerstreut über den Hof nach dem Fenster des andern Bureaus hinblickte, gewahrte er plötzlich, daß Newman Noggs mit seiner roten Nase fast das Glas berührte, scheinbar zwar mit dem rostigen Bruchstücke eines Federmessers seine Feder spitzend, in Wirklichkeit aber seinen Brotherrn mit dem aufmerksamsten Späherblicke beobachtend. Ralph änderte seine träumerische Stellung und beugte sich wieder über sein Buch. Newmans Gesicht verschwand, und der eben unterbrochene Gedankenzug war mit einemmal dahin. Nach einigen Minuten zog Ralph seine Klingel. Newman trat ein und Ralph erhob verstohlen seine Augen zu dessen Gesicht, als fürchte er auf diesem ein Wissen um seine kürzlichen Gedanken zu lesen. In Newman Noggs' Gesicht lag jedoch nicht die mindeste Spur einer ausforschenden Absicht. Wenn man sich einen Mann mit zwei weit offenen Augen im Kopf denken kann, die in keine Richtung hinschauen und nichts sehen, so mochte Newman in dem Augenblick, als ihn Ralph Nickleby betrachtete, einen solchen Mann vorstellen. »Nun, was gibt's?« brummte Ralph. »Ach«, sagte Newman, der plötzlich eine Spur von Verstand in seine Augen legte und sie auf seinen Herrn fallen ließ, »ich glaubte, Sie hätten geklingelt.« Ntit dieser lakonischen Bemerkung wandte sich Newman um und hinkte der Tür zu. »Halt!« rief Ralph. Newman blieb ohne die mindeste Verlegenheit stehen. »Ich klingelte.« »Das wußte ich.« »Wenn Sie das wußten, warum wollten Sie gehen?« »Ich dachte, Sie hätten geklingelt, um mir zu sagen, daß Sie nicht geklingelt hätten«, versetzte Newman. »Sie machen's oft so.« »Wie können Sie sich unterstehen, den Spürhund zu machen, nach mir zu sehen und mich anzugaffen. Sie Lumpenkerl«, fragte Ralph. »Sie anzugaffen«, rief Newman. »Haha!« Das war die ganze Erwiderung, die Newman dieser Frage würdigte. »Sehen Sie sich vor, Herr«, sagte Ralph, indem er ihn festen Blickes betrachtete. »Ich will keinen betrunkenen Narren in meinem Hause haben. Sehen Sie dieses Paket?« »Es ist groß genug«, versetzte Newman. »Tragen Sie es in die City – zu Croß in der Breiten Straße und lassen Sie es dort – rasch. Hören Sie?« Newman nickte eine verdrießliche Bejahung, verließ das Zimmer und kehrte nach einigen Sekunden mit seinem Hut zurück. Nachdem er einige erfolglose Versuche gemacht hatte, das ein paar Fuß im Quadrat habende Paket in seiner Kopfbedeckung unterzubringen, nahm er es unter den Arm, zog dann, die ganze Zeit über Herrn Ralph Nickleby fixierend, sehr sorgfältig seine fingerlosen Handschuhe an, setzte mit scheinbarer oder wirklicher Bedächtigkeit seinen Hut auf den Kopf, als wäre er nagelneu und von der ausgesuchtesten Qualität, und verließ endlich das Zimmer, um seine Botschaft zu bestellen. Er vollzog seinen Auftrag mit großer Pünktlichkeit und Eile, indem er nur auf eine halbe Minute in einem einzigen Wirtshaus einsprach, das ihm recht eigentlich auf dem Wege lag; denn er ging durch die eine Tür hinein und kam durch die andere wieder heraus. Als er jedoch wieder umkehrte und auf seinem Heimweg den Strand berührte, begann er mit der unsicheren Miene eines Mannes, der nicht ganz schlüssig ist, ob er halten oder weitergehen soll, zu zögern. Nach einer sehr kurzen Überlegung entschied er sich für das erstere, klopfte mit einem bescheidenen, oder besser gesagt mit einem unsicheren einfachen Doppelschlag an Fräulein La Creevys Tür. Sie wurde durch ein fremdes Dienstmädchen geöffnet, auf das die sonderbare Figur des Besuchers nicht den günstigsten Eindruck zu machen schien; denn sie war seiner kaum ansichtig geworden, als sie die Tür wieder beinahe schloß und sich mit der Frage, was er begehre, hinter die schmale Spalte stellte. Newman ließ aber nur ganz einsilbig das Wort »Noggs« hören, als habe dasselbe beschwörende Bedeutung und müßten vor seinem Klang die Riegel zurück- und die Türen weit auffliegen. Er drängte sich rasch an dem Mädchen vorbei und erreichte die Tür von Fräulein La Creevys Arbeitszimmer, ehe noch der erschrockene Dienstbote etwas einzuwenden vermochte. »Um Gottes willen!« rief Fräulein La Creevy erschreckt, als Newman auf ihr »Herein!« ins Zimmer stürzte. »Was steht zu Diensten, Sir?« »Sie erinnern sich meiner nicht mehr?« sagte Newman mit einer Kopfneigung. »Das nimmt mich nicht wunder. Es ist freilich begreiflich genug, daß mich niemand kennt, der mich in früheren Tagen gekannt hat; aber es gibt wenige, die mich, wenn sie mich jetzt sehen – und wäre es auch nur ein einziges Mal – wieder vergessen.« Er blickte bei diesen Worten auf seine abgetragenen Kleider und sein gelähmtes Bein und schüttelte leicht den Kopf. »Ich konnte mich allerdings nicht gleich Ihrer entsinnen«, versetzte Fräulein La Creevy, indem sie aufstand und Newman entgegentrat; »und ich schäme mich deshalb vor mir selber; denn Sie sind ein guter und wohlwollender Mann, Herr Noggs. Setzen Sie sich und erzählen Sie mir, was Sie von Fräulein Nickleby wissen. Das arme Kind! Ich habe sie seit vielen Wochen nicht gesehen.« »Warum das?« fragte Newman. »Offen gestanden, Herr Noggs«, sagte Fräulein La Creevy, »ich habe auswärts einen Besuch gemacht – die erste Reise seit fünfzehn Jahren.« »Das ist eine lange Zeit«, entgegnete Newman melancholisch. »Es ist allerdings eine sehr lange Zeit, wenn man die Jahre zählt. Aber die einzelnen Tage schwinden, Gott sei Dank, auf die eine oder die andere Weise friedlich und glücklich genug dahin«, versetzte die Miniaturmalerin. »Ich habe einen Bruder, Herr Noggs – der einzige Verwandte, der mir geblieben ist –, und ich habe ihn in dieser ganzen Zeit kein einziges Mal gesehen. Nicht daß wir je im Streit miteinander gelebt hatten, aber er wurde im Lande unten in die Lehre getan, verheiratete sich dort, und in den neuen Banden, die ihn da umschlossen, vergaß er ein so armes kleines Frauenzimmer, wie ich bin, was auch ganz begreiflich ist. Glauben Sie übrigens nicht, daß ich mich darüber beklage; denn ich sagte mir immer: ›Es liegt in der Natur der Sache. Der arme Johann sucht sich in der Welt fortzuhelfen, so gut er kann, hat eine Frau, der er seinen Kummer und seine Sorgen mitteilen kann, und Kinder, die um ihn spielen, und so möge Gott ihn und sie segnen und uns alle seinerzeit an einem Ort zusammenführen, wo wir uns nie wieder trennen werden.‹ – Aber was sagen Sie dazu, Herr Noggs?« fuhr die Porträtmalerin fort, indem sie mit erheitertem Gesicht ihre Hände zusammenschlug. »Derselbe Bruder kommt kürzlich nach London und läßt nicht ab, bis er mich aufgefunden hat. Was meinen Sie – er kam hierher, saß in demselben Stuhl, in dem Sie sitzen, und weinte wie ein Kind aus lauter Freunde, mich wiederzusehen. Was sagen Sie dazu, daß er darauf bestand, mich mit aufs Land in sein Haus zu nehmen – ein ganz prächtiges Haus, Herr Noggs, mit einem großen Garten und ich weiß nicht wieviel Morgen Feld, einem Diener in Livree, der bei Tisch aufwartet, mit Kühen, Pferden, Schweinen und Gott weiß was sonst noch. Er hielt mich einen ganzen Monat zurück und drang in mich, mein ganzes Leben über bei ihm zu bleiben – ja, mein ganzes Leben über. Das gleiche tat sein Weib und dasselbe taten seine Kinder – es sind ihrer vier; und dem ältesten davon, einem Mädchen, haben sie vor gut acht Jahren meinen Namen beigelegt – ja, das haben sie. Ich war nie so glücklich, – in meinem ganzen Leben nie!« Die gute Dame verbarg ihr Gesicht in ihrem Taschentuch und schluchzte laut; denn Newmans Besuch gab ihr zum erstenmal Gelegenheit, ihrem Herzen Luft zu machen. »Aber du mein Himmel«, fuhr Fräulein La Creevy nach einer kurzen Pause fort, indem sie ihre Augen trocknete und ihr Tuch mit großer Geschäftigkeit und Hast in den Strickbeutel steckte, »wie töricht muß es Ihnen vorkommen, Herr Noggs! Ich hätte eigentlich davon schweigen sollen, und ich erzählte es Ihnen nur, um Ihnen zu erklären, warum ich Fräulein Nickleby so lange nicht gesehen habe.« »Sind Sie auch nicht mit der alten Frau zusammengekommen?« fragte Newman. »Sie meinen Madame Nickleby?« versetzte Fräulein La Creevy. »Dann will ich Ihnen was sagen, Herr Noggs – wenn Sie bei ihr gut angeschrieben bleiben wollen, so werden Sie guttun, sie nie mehr die alte Frau zu nennen, denn ich vermute, daß sie diesen Ehrentitel nicht besonders wohlgefällig aufnehmen dürfte. – Ja, ich besuchte sie vorgestern abend, aber sie schwebte ganz auf dem hohen Seile und tat so vornehm und geheimnisvoll, daß ich nicht wußte, was ich aus ihr machen sollte. Offen gestanden, ich spielte dann auch die Vornehme, und so kamen wir auseinander. Ich dachte, sie würde bald ihre Saiten wieder herunterspannen; sie hat mich aber noch nicht wieder besucht.« »Und Fräulein Nickleby?« entgegnete Newman. »Sie war in meiner Abwesenheit zweimal hier«, erwiderte Fräulein La Creevy. »Ich fürchtete, sie möchte es ungern sehen, wenn ich sie unter den vornehmen Leuten, bei denen sie lebt, besuchte, und so wollte ich ein paar Tage abwarten, ob sie nicht wieder herkäme, und ihr dann schreiben.« »Ah!« rief Newman, an seinen Fingern knackend. »Ich möchte übrigens durch Sie Neuigkeiten von ihnen erfahren«, sagte Fräulein La Creevy. »Was macht das alte, grobe und zähe Ungeheuer von Golden Square? Es ist natürlich wohl, denn solches Volk ist es immer. Ich meine also nicht seine Gesundheit, sondern wie er sich gegen seine Verwandten benimmt?« »Gott verdamm' ihn!« rief Newman, seinen gehätschelten Hut auf den Boden schleudernd; »er benimmt sich wie der nichtswürdigste Hund, den die Erde trägt.« »Barmherziger Himmel, Herr Noggs, Sie erschrecken mich«, rief Fräulein La Creevy erbleichend. »Ich würde ihm gestern nachmittag sein Gesicht gezeichnet haben, wenn ich es hätte wagen dürfen«, sagte Newman, indem er in großer Aufregung auf und ab ging und seine Faust gegen Cannings Porträt über dem Kaminsims schüttelte. »Ich war nahe daran und mußte meine Hände mit Gewalt in der Tasche festhalten; aber ich tue es einmal – gewiß, ich tue es einmal in dem kleinen Hinterzimmer. – Ich hätte ihn schon früher einmal in Arbeit genommen, wenn ich nicht gefürchtet hätte, das Übel noch viel schlimmer zu machen. Aber ich will mich einschließen mit ihm und die Sache mit ihm ausfechten, ehe ich sterbe – gewiß und wahrhaftig.« »Ich werde schreien, wenn Sie sich nicht zusammennehmen, Herr Noggs«, entgegnete Fräulein La Creevy. »Ich kann so nicht allein mit Ihnen im Zimmer bleiben.« »Kehren Sie sich nicht daran«, erwiderte Newman, ungestüm auf und ab schießend. »Er kommt heute abend; ich habe ihm geschrieben. Er hat keine Ahnung davon, daß ich um seine Schliche weiß und daß ich mich um diese kümmere. Der verschmitzte Schurke! Er träumt sich nichts davon – nein, nein! Doch gleichgültig. Ich will ihm einen Strich durch die Rechnung machen, ich , Newman Noggs. Ho, ho, der Bösewicht!« Newmans Wut steigerte sich bis zum höchsten Gipfel, und er schoß mit so exzentrischen Bewegungen im Zimmer hin und her, wie man sie wohl nie an einem menschlichen Wesen gesehen, indem er bald gegen die kleinen Miniaturbilder an der Wand gestikulierte, bald, um die Illusion zu erhöhen, mit den Fäusten seinen Kopf zerhämmerte, bis er ganz atemlos und erschöpft wieder auf seinen früheren Sitz sank. »So!« sagte Newman, seinen Hut wieder aufnehmend: »das hat mir gutgetan. Ich fühle mich jetzt besser, und Sie sollen nun alles erfahren.« Es bedurfte einiger Zeit, um Fräulein La Creevy, die durch diese merkwürdige Demonstration aufs höchste erschreckt und ganz außer Fassung gekommen war, wieder zu beruhigen. Dann aber erstattete Newman treuen Bericht über alles, was sich bei Gelegenheit von Käthchens Unterredung mit ihrem Onkel zugetragen hatte, wobei er seine Erzählung mit der Versicherung, daß er schon früher aus diesen und jenen Gründen Argwohn geschöpft, bekräftigte, und mit der Mitteilung schloß, daß er heimlich an Nicolaus geschrieben hätte. Obgleich sich die Entrüstung der kleinen La Creevy nicht in einer so ungewöhnlichen Weise äußerte wie bei Newman, so war sie doch kaum weniger lebhaft. In der Tat – wenn Ralph Nickleby in diesem Augenblick ins Zimmer getreten wäre, so hätte man nicht wissen können, ob er in Fräulein La Creevy oder in Newman Noggs einen gefährlicheren Gegner gefunden haben würde. »Gott verzeih' mir die Sünde«, schloß Fräulein La Creevy ihren Zornerguß, »aber es ist mir, als könnte ich ihm mit Vergnügen das ins Herz stoßen.« Fräulein La Creevys Waffe war freilich keine besonders furchtbare: denn sie bestand in nicht mehr und nicht minder als in einem Bleistift. Als sie jedoch ihren Irrtum wahrnahm, vertauschte ihn die kleine Malerin mit einem Perlenmutterobstmesser, womit sie, zum Beweis ihrer Wut, einen Stoß führte, der kaum ein Krümchen von einem Brotlaib heruntergesäbelt haben würde. »Sie wird morgen nicht mehr in dem Hause sein«, sagte Newman; »das ist ein Trost.« »Ach, ich wollte, sie hätte es schon vor Wochen verlassen«, rief Fräulein La Creevy. »Ja, wenn man's hätte wissen können«, versetzte Newman: »aber das war eben nicht der Fall. Es steht niemandem zu, sich in die Sache zu mischen, als ihrer Mutter oder ihrem Bruder. Die Mutter ist schwach – ein armes, schwaches Ding. Aber der liebe junge Mann wird noch diesen Abend hier sein.« »Um Gottes willen«, rief Fräulein La Creevy, »er wird etwas Verzweifeltes beginnen, wenn Sie ihm gleich alles sagen.« Newman hörte auf, die Hände zu reiben, und nahm eine gedankenvolle Miene an. »Verlassen Sie sich darauf«, sagte Fräulein La Creevy mit Nachdruck, »wenn Sie ihm die Wahrheit nicht sehr behutsam beibringen, so wird er irgendeine Gewalttätigkeit gegen seinen Onkel oder einen dieser Menschen verüben, die ihn in ein schreckliches Unglück stürzen und Gram und Sorge über uns bringen kann.« »Daran dachte ich nicht«, versetzte Newman, dessen Gesicht sich immer mehr verdunkelte. »Ich kam her, um Sie zu fragen, ob Sie die Schwester aufnehmen würden, wenn sie zu Ihnen gebracht würde, aber –« »Aber es ist von weit größerer Wichtigkeit«, unterbrach ihn Fräulein La Creevy, »daß Sie die Sache besser bedacht hätten, ehe Sie kamen; denn der Ausgang dieser Dinge läßt sich nicht voraussehen, wenn Sie nicht mit der größten Behutsamkeit zu Werke gehen.« »Was kann ich tun?« rief Noggs, indem er sich verlegen am Kopf kratzte. »Wenn er sagt, er wolle sie alle totschießen, was bleibt mir da anders zu erwidern, als: ›Nur zu – aber treffen Sie gut.‹« Fräulein La Creevy konnte bei diesen Worten einen Angstruf nicht unterdrücken und ging sogleich ans Werk, Newman das feierliche Versprechen abzudringen, daß er alles aufbieten wolle, den Zorn des jungen Nickleby zu besänftigen, was denn auch nach einigem Zögern zugestanden wurde. Dann hielten sie miteinander Rat, wie man ihm die Umstände, die seine Gegenwart notwendig machten, auf die sicherste und gefahrloseste Weise mitteilen könne. »Man muß es so einrichten, daß er Zeit hat, um ruhiger zu werden, ehe er entsprechende Schritte tun kann«, sagte Fräulein La Creevy. Das ist von der größten Wichtigkeit. Man darf es ihm erst spät in der Nacht sagen.« »Aber er wird schon abends zwischen sechs und sieben Uhr in der Stadt sein«, versetzte Newman. »Ich darf ihm den wahren Stand der Dinge nicht vorenthalten, wenn er mich fragt.« »So müssen Sie ausgehen, Herr Noggs«, entgegnete Fräulein La Creevy. »Sie können ja leicht durch ein Geschäft verhindert worden sein und dürfen nicht vor Mitternacht nach Hause kommen.« »Dann wird er schnurstracks hierherkommen«, erwiderte Newman. »Wahrscheinlich wird er das tun«, erwiderte Fräulein La Creevy; »aber er soll auch mich nicht finden; denn ich gehe, sobald Sie mich verlassen, in die City, versöhne mich mit Madame Nickleby und nehme sie mit ins Theater, so daß er nicht einmal den Aufenthalt seiner Schwester erfährt.« Nach einer weiteren Erörterung stellte sich dieser Ausweg als der sicherste und tunlichste heraus. Es wurde daher ausgemacht, die Maßregeln danach zu nehmen, und Newman, der zum Schlusse noch viele Verwarnungen und Bitten anhören mußte, verabschiedete sich von Fräulein La Creevy und humpelte nach Golden Square zurück, wobei er unterwegs eine Unzahl von Wahrscheinlichkeiten und Unwahrscheinlichkeiten wiederkäute, die infolge der eben geendigten Unterhaltung sein Gehirn bedrängten. Zweiunddreißigstes Kapitel. Berichtet hauptsächlich eine merkwürdige Unterredung und einige daraus fließende merkwürdige Folgen. »Endlich wären wir in London«, rief Nicolaus, indem er seinen Mantelkragen zurückschlug und Smike aus einem langen Schlaf weckte. »Kam es mir doch vor, als ob wir es nie erreichen würden.« »Und doch haben's meine Pferde an nichts fehlen lassen«, bemerkte der Kutscher, indem er mit einer nicht sehr freundlichen Miene über die Schulter nach Nicolaus hinblickte. »Ich weiß das«, lautete die Antwort, »aber es war mir ungemein viel an der Beendigung meiner Reise gelegen, und das macht, daß einem der Weg lang vorkommt.« »Nun«, meinte der Kutscher, »wenn Ihnen der Weg mit einem solchen Tier lang vorkam, so müssen Sie es ungemein eilig haben.« Um seinen Worten mehr Nachdruck zu geben, holte er mit seiner Peitsche aus und berührte mit der Schnur die Waden eines kleinen Knaben. Sie rasselten weiter durch die geräuschvollen, belebten Straßen von London, die jetzt eine lange Doppelreihe hellglänzender Lampen, hin und wieder mit den farbigen Lichtkugeln eines Apothekers untermischt, zeigten und außerdem durch die strahlende Flut beleuchtet waren, die aus den Ladenfenstern strömte, wo sich funkelnde Juwelen, Seiden- und Samtstoffe in den reichsten Farben, die einladendsten Leckereien und die üppigsten Putzartikel in bunter Verwirrung folgten. Volksmassen strömten fast endlos ab und zu, stießen sich an und eilten weiter, ohne der Reichtümer zu beiden Seiten zu achten, während Fuhrwerke von allen Formen in eine bewegte Masse zusammengemengt wie herabstürzendes Wasser den Tumult und Lärm durch ihr endloses Rollen vermehren halfen. Seltsam war die Reihenfolge der Dinge, wie sie im beharrlichen Wechsel vor den Augen der Vorbeifahrenden auftauchten. Läden voll prächtiger Kleider, deren Stoffe aus allen Teilen der Welt herbeigeschafft waren, lockende Vorräte aller Art, um den gesättigten Appetit anzureizen und dem oft wiederholten Schlemmermahle einen neuen Reiz zu geben; Gefäße aus blankem Gold und Silber in den ausgesuchtesten Vasen-, Teller- und Schalenformen; Flinten, Säbel, Pistolen und andere Zerstörungsmaschinen: Schrauben und Eisen für die Verkrümmten, Linnen für die neugeborenen Kinder, Arzneien für die Kranken, Särge für die Gestorbenen und Kirchhöfe für die Begrabenen – all das schwang sich durcheinander und häufte sich Seite an Seite, ähnlich den phantastischen Gruppen in Holbeins Totentanz, der gedanken- und ruhelosen Menge stets dieselbe ernste Lehre vorhaltend. In dem Gedränge selbst fehlte es gleichfalls nicht an Gegenständen, die der wechselnden Szene bestimmte Anhaltspunkte gaben. Die Lumpen des schmutzigen Bänkelsängers flatterten in dem reichen Lichte, das die Schätze eines Goldarbeiters sichtbar werden ließ. Bleiche, verhungerte Gesichter schwebten um die Fenster, wo lockende Speisen ausgestellt waren, gierige Augen wanderten über das bunte Gewirre, das nur durch eine dünne Glasscheibe – für sie aber eine eherne Mauer – geschützt wurde. Halbnackte, frierende Gestalten blieben stehen, um chinesische Halstücher und Goldstoffe aus Indien zu bewundern. Bei dem größten Sargmacher war ein Kindtaufschmaus, und Beerdigungsvorbereitungen hatten einige großartige Bauveränderungen in dem prachtvollsten Palaste zum Stocken gebracht. Leben und Tod gingen Hand in Hand; Reichtum und Armut standen sich zur Seite; Schlemmerei und Hunger legten sich nebeneinander nieder. Aber es war London, und die alte Dame vom Lande, die im Wagen saß und schon zwei Meilen vor Kingston ihren Kopf aus dem Kutschenfenster gesteckt hatte, um dem Kutscher zuzurufen, daß er bestimmt über die Stadt hinausgefahren sei und vergessen habe, sie abzusetzen, war endlich beruhigt. Nicolaus bestellte in dem Wirtshaus, wo die Kutsche hielt, Betten für sich und Smike und begab sich dann, ohne einen Augenblick zu zögern, nach Newman Noggs' Wohnung; denn seine Angst und Ungeduld hatten mit jeder Minute zugenommen und waren fast nicht mehr zu bewältigen. In Newmans Dachstübchen war Feuer angezündet, und ein brennendes Licht stand auf dem Tische; der Boden war gefegt, das Gemach so behaglich, wie es sich machen ließ, hergerichtet und auch für Speise und Trank gesorgt. Alles deutete auf Newman Noggs' teilnehmende Sorge und Aufmerksamkeit; aber Newman selbst war nicht zugegen. »Wissen Sie nicht, wann er nach Hause kommen wird?« fragte Nicolaus, an die Wand von Newmans Nachbar pochend. »Ah, Herr Johnson«, sagte Crowl, in die Stube tretend. »Willkommen, Sir! – Aber wie gut Sie aussehen! Ich hätte nie geglaubt – –« »Entschuldigen Sie«, fiel Nicolaus ein. »Meine Frage – ich bin äußerst begierig, Ihre Antwort zu vernehmen.« »Je nun, er hat ein langweiliges Geschäft abzumachen«, versetzte Crowl, »und wird vor zwölf Uhr nicht nach Hause kommen. Er ging zwar sehr ungern daran, kann ich Ihnen sagen; aber da war nichts zu ändern. Er hinterließ jedoch, Sie möchten sich's bequem machen, bis er zurückkäme, und ersuchte mich, Sie zu unterhalten, wozu ich auch gern bereit bin.« Zum Beweise seiner Bereitwilligkeit, sich für das allgemeine Beste aufzuopfern, schob Herr Crowl, während er so sprach, einen Stuhl an den Tisch, verhalf sich zu einer ziemlichen Portion kalten Braten und lud Nicolaus und Smike ein, seinem Beispiele zu folgen. Unruhe und getäuschte Erwartung ließen Nicolaus keinen Bissen berühren. Er verließ daher, nachdem Smike sich's an dem Tische bequem gemacht hatte – trotz der vielen Gegenvorstellungen, die Herr Crowl mit vollen Backen vorbrachte, das Haus, Smike beauftragend, daß er Newman zurückhalten möchte, wenn dieser zuerst zurückkehren sollte. Nlcolaus schlug, wie Fräulein La Creevy vermutet hatte, seinen Weg schnurstracks nach ihrer Wohnung ein. Als er sie nicht zu Hause traf, ging er eine Weile mit sich selbst zu Rate, ob er nicht zu seiner Mutter gehen sollte, selbst auf die Gefahr hin, sie mit Ralph Nickleby zu verfeinden. In der vollen Überzeugung, daß ihn Newman nicht zur Rückkehr aufgefordert haben würde, wenn nicht gewichtige Gründe seine Anwesenheit nötig machten, entschied er sich endlich für diesen Schritt und eilte mit möglichster Hast ostwärts. Madame Nickleby würde vor zwölf Uhr oder gar noch später nicht zu Hause sein, sagte das Mädchen. Sie glaubte, Fräulein Nickleby wäre wohlauf, aber sie wohne gegenwärtig nicht mehr bei ihrer Mutter und käme auch nur selten zu Besuch. Ihren Aufenthalt kannte sie nicht und wußte nur so viel mit Bestimmtheit, daß sie nicht mehr bei Madame Mantalini wäre. Mit heftig pochendem Herzen und voll der trübsten Ahnungen kehrte Nicolaus zu Smike zurück. Newman war noch nicht nach Hause gekommen und durfte vor zwölf Uhr keinesfalls erwartet werden. War es nicht möglich, ihn auf einen Augenblick holen zu lassen oder ihm ein paar Zeilen zuzuschicken, auf die er eine mündliche Antwort geben konnte? Das ging nicht an, denn er war nicht in Golden Square und hatte wahrscheinlich einen Auftrag auswärts zu besorgen. Nicolaus versuchte es, ruhig in Newmans Wohnung zu bleiben, aber er fühlte sich zu ergriffen und aufgeregt, um still sitzenbleiben zu können. Es deuchte ihm Zeitverlust, wenn er sich nicht bewege – allerdings eine törichte Einbildung, er wußte es wohl, aber er war nicht imstande, sich ihrer zu erwehren. Er nahm daher seinen Hut und ging wieder auf die Straße. Diesmal lenkte er seine Schritte gegen Westen und eilte, von tausend bangen Besorgnissen geängstigt, deren er nicht Herr zu werden vermochte, durch die Straßen. Er kam in den Hyde Park, der jetzt still und verlassen war, und vermehrte noch seine Geschwindigkeit, als hoffe er, dadurch seine Gedanken hinter sich zu lassen. Aber sie bedrängten ihn jetzt nur um so lebhafter, da ihm nichts begegnete, was seine Aufmerksamkeit hätte anlocken können. Besonders wollte sich der eine Gedanke nicht abweisen lassen, es hätte sich ein so schreckliches Unglück zugetragen, daß jedermann sich scheue, es ihm mitzuteilen. Die alte Frage – was kann es wohl sein? tauchte immer wieder in seiner Seele auf. Er lief fort, bis er müde war, ohne auch nur um eine Spur klüger zu werden, und verließ endlich den Park nur noch verwirrter, als er ihn betreten hatte. Er hatte seit dem frühen Morgen fast nichts genossen und fühlte sich nun abgemattet und erschöpft. Als er sich mit langsameren Schritten dem Ort zuwandte, von wo er ausgegangen war, traf er an einer der Durchfahrten, die zwischen Park Lane und der Landstraße liegen, auf ein schönes Hotel, vor dem er mechanisch stehen blieb. »Wahrscheinlich ein teurer Ort«, dachte Nicolaus, »aber ein Glas Wein und ein Stückchen Brot sind nie eine große Verschwendung, wo sie auch verkauft werden mögen. Und doch weiß ich nicht –« Er ging einige Schritte weiter. Als er jedoch nach einem aufmerksamen Blick auf die lange Reihe von Gaslampen, die vor ihm sich breitete, überlegte, wie lange er brauchen würde, bis sie zu Ende wäre – vielleicht auch, weil er in einer Stimmung war, worin der Mensch am meisten geneigt ist, den ersten Eindrücken zu folgen – möglicherweise aber auch, weil er durch Neugier oder durch irgendeine seltsame Mischung von Gefühlen, die er sich nicht recht klarzumachen wußte, zu dem Hotel hingezogen wurde – kurz, Nicolaus kehrte wieder um und trat in da» Kaffeezimmer. Es hatte eine sehr schöne Einrichtung. Die Wände waren mit den ausgesuchtesten französischen Tapeten bekleidet und mit einem sehr eleganten vergoldeten Fries verziert. Auf dem Boden lag ein reicher Teppich. Zwei prachtvolle Spiegel, einer über dem Kamingesims und ein anderer an dem entgegengesetzten Ende des Zimmers, von dem Boden bis zur Decke reichend, vervielfältigten die übrigen Herrlichkeiten und halfen durch ihren eigenen Glanz den Gesamteffekt verstärken. In der Nähe des Kamins befand sich eine ziemlich lärmende Gesellschaft, die aus vier Herren bestand. Außerdem waren nur noch zwei andere Personen anwesend, beide ältere Herren, die abgesondert saßen. Nicolaus sah flüchtig umher, um sich zu orientieren, wie dies wohl alle tun, die einen Ort, der ihnen neu ist, zum erstenmal betreten, und nahm in der lärmenden Gesellschaft, der er den Rücken zukehrte, Platz, verschob es jedoch, sich eine Flasche Claret bringen zu lassen, bis der Kellner und einer der älteren Herren einen Streit über den Preis eines gewissen Artikels auf der Speisekarte ausgeglichen hätten, und beschäftigte sich inzwischen mit dem Lesen einer Zeitung. Er hatte noch keine zwanzig Zeilen gelesen und befand sich in der Tat in einem halben Schlummer, als er durch die Erwähnung des Namen« seiner Schwester wieder aufgeschreckt wurde. »Das kleine Käthchen Nickleby« waren die Worte, die sein Ohr getroffen hatten. Er richtete verwundert seinen Kopf auf und bemerkte dann im Reflex der beiden Spiegel, daß zwei von der Gesellschaft hinter ihm ihre Sitze verlassen hatten und vor dem Feuer standen. »Sie müssen von einem dieser zwei herrühren«, dachte Nicolaus. Er erwartete mit ziemlich entrüstetem Gesicht noch mehr zu hören; denn der Ton, womit die Worte gesprochen wurden, war nichts weniger als achtungsvoll gewesen, und das Äußere des Individuums, von dem sie seiner Meinung nach herrührten, sah ziemlich locker und renommistisch aus. Dieser Mann, dessen Gesicht Nicolaus in dem Spiegel sehen konnte, hatte den Rücken dem Feuer zugekehrt und unterhielt sich mit einem jüngeren Herrn, der der Gesellschaft den Rücken zuwandte, den Hut auf dem Kopf hatte und mit Hilfe des Spiegels seinen Hemdkragen zurechtrückte. Sie sprachen flüsternd und brachen hin und wieder in ein lautes Lachen aus, aber Nicolaus konnte keine Wiederholung jener Worte noch sonst etwas, das Ähnlichkeit mit denselben gehabt hätte, vernehmen. Endlich nahmen die beiden ihre Sitze wieder ein, und da sie noch mehr Wein herbeibringen ließen, so wurde die Gesellschaft nur noch lauter und lustiger. Doch sprachen sie von niemandem, den Nicolaus gekannt hätte, und er kam endlich zu der Überzeugung, seine aufgeregte Phantasie hätte ihm entweder diese Laute vorgezaubert oder andere Worte in den Namen umgewandelt, der eben alle seine Gedanken in Anspruch nahm. »Es ist aber doch merkwürdig«, dachte Nicolaus. »Wäre es ›Käthchen‹ oder ›Käthchen Nickleby‹ gewesen, so hätte es mich nicht wundernehmen sollen, aber das ›kleine Käthchen Nickleby‹!« In diesem Augenblick kam der Wein, der Nicolaus verhinderte, seinen Satz vollends auszudenken. Er trank ein Glas voll und nahm die Zeitung wieder auf. In demselben Augenblick rief eine Stimme hinter ihm: »Das kleine Käthchen Nickleby!« »Ich hatte doch recht«, murmelte Nicolaus, und das Blatt entsank seiner Hand. »Auch ist es derselbe Mann, den ich vorhin im Verdacht hatte.« »Da es nicht wohl tunlich ist, ihre Gesundheit aus leeren Gläsern zu trinken«, sagte die Stimme wieder, »so soll sie die ersten aus der neuen Flasche erhalten. – Das kleine Käthchen Nickleby!« »Das kleine Käthchen Nickleby!« riefen die andern drei, und die Gläser wurden leer wieder niedergesetzt. Diese leichtfertige und unbekümmerte Erwähnung des Namens seiner Schwester an einem öffentlichen Ort schnitt Nicolaus ins Herz und fachte Glut an in seinem Innern. Er gab sich jedoch alle Mühe, an sich zu halten, und wandte nicht einmal den Kopf um. »Das Teufelsmädel!« sagte die Stimme, die vorhin gesprochen hatte. »Sie ist echtes Nicklebyblut – eine würdige Nachahmerin ihres alten Onkels Ralph. Sie zieht sich zurück, um desto mehr gesucht zu werden, und er macht's gleichfalls so. Es ist nichts bei ihm zu holen, nur wenn man ihm keine Ruhe läßt – das Geld kommt dann doppelt willkommen, und die Interessen werden doppelt hoch gespannt, denn unsereiner ist ungeduldig, und er ist's nicht. Ah, verteufelt schlau.« »Verteufelt schlau«, echoten zwei Stimmen. Die zwei älteren Herren auf der anderen Seite standen nun einer nach dem andern auf, um sich zu entfernen, was Nicolaus in eine wahre Todesangst versetzte: denn er fürchtete, in dem Geräusch, das die Abgehenden verursachten, ein Wörtchen von dem, was gesprochen wurde, zu verlieren. Es trat jedoch gerade eine Pause in der Unterhaltung ein, und später ging die letztere nur um so ungezwungener fort. »Ich fürchte«, sagte der jüngere Herr, »die A-alte ist eifersüchtig geworden und hat sie eingesperrt. – Wahrhaftig, es hat ganz das Aussehen.« »Wenn sie Streit miteinander kriegen und die kleine Nickleby zu ihrer Mutter heimgeht – um so besser. Ich kann mit der alten Madame alles anfangen. Sie glaubt alles, was ich ihr sage.« »Jawohl«, entgegnete die zweite Stimme: »hahaha! eine waschechte Gans.« Die beiden anderen Stimmen, die alles gleichzeitig taten, stimmten in das Gelächter ein, das nun auf Madame Nicklebys Kosten allgemein wurde. Nicolaus wandte sich zornglühend um, aber er meisterte sich einen Augenblick und harrte, um noch weiteres zu hören. Was er hier vernahm, brauchen wir nicht zu wiederholen. Je rascher der Becher kreiste, je mehr lernte er die Charaktere und Absichten seiner Nachbarn kennen, wie ihm denn Ralphs Büberei in ihrem vollen Umfange klar wurde und über den wahren Grund, warum seine Anwesenheit in London verlangt wurde, ein helles Licht aufging. Er hörte all dieses und noch mehr. Er war Zeuge davon, wie man die Leiden seiner Schwester verlachte, ihr sittsames Benehmen verhöhnte und auf die roheste Weise mißdeutete, und wie ihr Name von Mund zu Mund ging oder zum Gegenstand roher und unverschämter Wetten und unzüchtiger Scherze gemacht wurde. Der Mann, der zuerst gesprochen hatte, führte die Unterhaltung fast ausschließlich und wurde nur hin und wieder durch eine hingeworfene Bemerkung von dem einen oder andern seiner Zechgenossen gespornt. An diesen also wendete sich Nicolaus, als er sich hinreichend gesammelt hatte, um der Gesellschaft gegenüberzutreten und seine Worte aus der zusammengeschnürten Kehle hervorzuzwängen. »Ich muß ein Wort mit Ihnen sprechen, Sir«, sagte Nicolaus. »Mit mir, Sir?« entgegnete Sir Mulberry Hawk, indem er ihn verwundert mit einem Blick der Geringschätzung maß. »Ja, mit Ihnen«, versetzte Nicolaus mit vor Wut fast erstickter Stimme. »Wahrhaftig, ein geheimnisvoller Unbekannter«, rief Sir Mulberry, indem er sein Glas an die Lippen führte und seine Freunde der Reihe nach ansah. »Wollen Sie ein paar Minuten mit mir zur Seite treten, oder weigern Sie sich, es zu tun?« fragte Nicolaus finster. Sir Mulberry setzte sein Glas auf einen Augenblick ab und forderte ihn auf, entweder sein Begehren vorzubringen oder den Tisch zu verlassen. Nicolaus nahm eine Karte aus der Tasche und warf sie auf die Tafel. »Da, Sir!« rief Nicolaus. »Mein Begehren werden Sie erraten.« Ein vorübergehender Ausdruck von Überraschung und Verwirrung überflog Sir Mulberrys Gesicht, als er den Namen las; er faßte sich jedoch schnell wieder, stieß die Karte dem Lord Verisopht zu, der ihm gegenübersaß, nahm aus einem vor ihm stehenden Glas einen Zahnstocher und machte gar gemächlich Gebrauch davon. »Ihr Name und Ihre Adresse?« sagte Nicolaus, der, je mehr sich seine Leidenschaft steigerte, immer blasser wurde. »Sie werden weder den einen noch die andere erfahren«, versetzte Sir Mulberry. »Wenn ein Mann von Ehre in dieser Gesellschaft ist«, rief Nicolaus, dessen weiße Lippen kaum imstande waren, die Worte zu bilden, »so wird er mir den Namen und die Wohnung dieses Menschen mitteilen.« Es herrschte eine Totenstille. »Ich bin der Bruder der jungen Dame, die der Gegenstand der hier geführten Unterhaltung war«, fuhr Nicolaus fort. »Ich erkläre diesen Menschen für einen Lügner und für eine Memme. Wenn er einen Freund hier hat, so wird dieser ihm die Schmach des erbärmlichen Versuches, seinen Namen geheimzuhalten, ersparen, um so mehr, da es ihm doch nichts nützen wird; denn ich ruhe nicht, bis ich ihn ausfindig gemacht habe.« Sir Mulberry blickte verächtlich gegen ihn hin und sprach dann zu seinen Gefährten: »Laßt den Kerl schwatzen. Ich habe nichts Ernsthaftes mit Milchbärten von seiner Stellung zu verhandeln, und er verdankt es nur seiner hübschen Schwester, daß er meinetwegen bis Mitternacht fortplaudern kann, ohne daß ich ihm den Schädel einschlage.« »Sie sind ein niederträchtiger und feiger Schurke«, rief Nicolaus, »und die ganze Welt soll Sie als einen solchen kennenlernen. Ich erfahre schon, wer Sie sind, und ich werde Ihnen nachfolgen, wenn Sie auch bis zum Morgen in den Straßen herumlaufen.« Sir Mulberrys Hand fuhr unwillkürlich nach einer Weinflasche, und er schien einen Augenblick willens zu sein, sie nach dem Kopf seine« Beleidigers zu schleudern. Er füllte jedoch bloß sein Glas und lachte höhnisch. Nicolaus setzte sich unmittelbar der Gesellschaft gegenüber, rief den Kellner herbei und bezahlte seinen Wein. »Kennen Sie den Namen dieses Menschen?« fragte er den Diener ziemlich laut, indem er auf Sir Mulberry deutete. Sir Mulberry lachte abermals, und die zwei Stimmen, die immer miteinander gesprochen hatten, bestätigten das Lachen, aber nicht sehr lebhaft. »Dieses Herrn, Sir?« versetzte der Kellner, der seine Rolle gut verstand, gerade mit so wenig Achtung und so viel Unverschämtheit, wie er nur irgend zur Schau tragen konnte. »Nein, Sir, ich kenne ihn nicht.« »Und wissen Sie auch«, rief Sir Mulberry dem sich entfernenden Kellner zu, »wie dieser Mensch heißt?« »Wie er heißt, Sir? Nein, Sir.« »Dann können Sie ihn hier lesen«, sagte Sir Mulberry, indem er ihm Nicolaus' Karte zuwarf, »und wenn Sie es getan haben, so werfen Sie den Fetzen ins Feuer – hören Sie?« Der Kellner verzog den Mund zu einem Grinsen, blickte zweifelhaft nach Nicolaus hin und legte die Sache bei, indem er die Karte an den Kaminspiegel steckte. Als er das getan hatte, entfernte er sich. Nicolaus schlug die Arme zusammen, biß sich in die Lippen und blieb in vollkommener Ruhe sitzen; in seiner Miene ließ sich aber der feste Entschluß nicht verkennen, die Drohung, Sir Mulberry nach Hause zu folgen, auszuführen. Aus dem Ton, womit das jüngere Mitglied der Gesellschaft zu seinem Freunde sprach, schien zu erhellen, daß er diesem Gegenvorstellungen wegen seines Betragens machte und daß er ihn drängte, Nicolaus' Verlangen zu erfüllen. Sir Mulberry aber, der nicht mehr ganz nüchtern war, beharrte auf seiner Störrigkeit, brachte die Vorstellungen seines schwachen jungen Freundes bald zum Schweigen und schien noch außerdem – vielleicht um keiner Wiederholung derselben ausgesetzt zu sein – darauf zu bestehen, daß man ihn allein lasse. Wie dem übrigens auch sein mag, der junge Herr und die zwei andern, die immer zugleich gesprochen hatten, standen bald nachher auf, entfernten sich und ließen ihren Freund mit Nicolaus allein. Es läßt sich leicht denken, daß für einen Mann in Nicolaus' Lage die Minuten auf bleiernen Fittichen entschwanden und daß ihr Enteilen durch den monotonen Pendelgang einer französischen Uhr oder den schrillen Ton der kleinen Glocke, die die Viertelstunden anzeigte, nicht beschleunigt zu werden schien. Aber da saß er, während auf der entgegengesetzten Seite des Zimmers Sir Mulberry Hawk auf seinem alten Sitz zurücklehnte, die Füße auf das Polster stützte, sein Taschentuch nachlässig über die Knie geworfen hatte und mit der größten Ruhe und Gleichgültigkeit seine Claretflasche vollends leerte. So blieben sie wohl eine Stunde in vollkommenem Schweigen einander gegenüber. – Nicolaus kam es wohl dreimal so lang vor, aber die kleine Glocke hatte erst viermal geviertelt. Zwei- oder dreimal sah er sich zornig und ungeduldig um. Aber da saß Sir Mulberry noch immer in derselben Stellung, hin und wieder das Glas an seine Lippen setzend und die Wand anstierend, als wäre er sich selbst durchaus nicht der Anwesenheit irgendeines lebenden Wesens bewußt. Endlich streckte er sich, gähnte und stand auf. Dann trat er ganz ruhig vor den Spiegel, betrachtete sich darin und drehte sich endlich nach Nicolaus um. Nicolaus tat das gleiche, worauf Sir Mulberry seine Achseln zuckte, den Mund zu einem leichten Lächeln verzog, klingelte und den Kellner aufforderte, ihm seinen Mantel anziehen zu helfen. Der Kellner gehorchte und hielt ihm die Tür offen. »Sie können gehen«, sagte Sir Mulberry, und beide waren nun wieder allein. Sir Mulberry ging, sorglos vor sich hinpfeifend, einigemal in dem Zimmer auf und ab, hielt dann an, um das letzte Glas Claret, das er einige Minuten vorher eingegossen hatte, zu leeren, nahm seinen Spaziergang wieder auf, drückte sich vor dem Spiegel seinen Hut auf den Kopf, zog seine Handschuhe an und ging langsam hinaus. Nicolaus, den die innere Wut beinahe verzehrte, sprang von seinem Sitz auf und folgte seinem Gegner – so dicht, daß, ehe noch die Tür nach Sir Mulberrys Hinaustreten in ihr Schloß eingeschlagen hatte, beide Seite an Seite auf der Straße standen. Hier harrte eine Equipage. Der Hausknecht warf den ledernen Schlag zurück und eilte dann zu dem Kopf des Pferdes. »Wollen Sie mir Ihren Namen sagen?« sagte Nicolaus mit vor Wut erstickter Stimme. »Nein«, entgegnete der andere aufbrausend und seine Weigerung mit einem Fluch bekräftigend; »nein!« »Wenn Sie der Geschwindigkeit Ihres Pferdes vertrauen, so sind Sie im Irrtum. Ich werde Sie begleiten – ja, beim Himmel, und wenn ich mich hinten anhängen müßte.« »Dann sollen Sie heruntergepeitscht werden«, versetzte Sir Mulberry. »Sie sind ein Schurke«, sagte Nicolcms. »Und Sie wahrscheinlich ein Laufjunge«, entgegnete Sir Mulberrg Hawk. »Ich bin der Sohn eines Gentlemans aus der Provinz«, erwiderte Nicolaus, »Ihnen gleich an Geburt und Erziehung, in jeder andern Hinsicht aber, wie ich wohl behaupten darf, überlegen. Ich sage Ihnen noch einmal, Käthchen Nickleby ist meine Schwester. Wollen Sie mir für Ihr unmännliches und niederträchtiges Betragen Rede stehen?« »Einem geeigneten Kämpen – ja. Ihnen – nein«, versetzte Sir Mulberry, die Zügel zur Hand nehmend. »Aus dem Weg, Lumpenhund! Wilhelm, los.« »Ihr tut besser, es bleiben zu lassen«, rief Nicolaus, indem er, als Sir Mulberry hineinsprang, auf den Kutschentritt trat und die Zügel ergriff. »Er hat das Pferd nicht in seiner Macht. – Nein, Sie sollen nicht von der Stelle – ich schwöre es Ihnen, Sie sollen mir nicht von der Stelle, bis Sie mir gesagt haben, wer Sie sind.« Der Knecht zögerte; denn das Pferd, ein rasches und feuriges Tier, bäumte sich so gewaltsam, daß er es kaum zu halten vermochte. »Los, sag ich dir!« donnerte Sir Mulberry. Der Knecht gehorchte. Das Tier schlug hinten und vorn aus, als ob es den Wagen zu tausend Stücken zerschlagen wollte. Aber Nicolaus, der sich nur seiner Wut bewußt und blind gegen alle Gefahr war, blieb auf seinem Platz, ohne die Zügel fahren zu lassen. »Wollen Sie loslassen?« »Wollen Sie mir sagen, wer Sie sind?« »Nein!« »Nein?« Diese Worte wurden rascher gewechselt, als sie die geläufigste Zunge auszusprechen vermag, worauf Sir Mulberry seine Peitsche kürzer faßte und damit aus Leibeskräften auf Nicolaus' Kopf und Schultern schlug. Sie zerbrach in dem Kampf, und Nicolaus, der sich der schweren Handhabe bemächtigte, versetzte damit seinem Gegner einen Schlag ins Gesicht, daß vom Auge bis zur Lippe eine blutende Wunde zurückblieb. Er sah die Schmarre, wußte, daß das Roß in tollem Galopp dahinraste; hundert Lichter tanzten vor seinen Augen, und er fühlte sich gewaltsam zur Erde geschleudert. Er war unwohl und schwindlig; aber er half sich sogleich wieder auf die Beine, durch das laute Schreien der Leute aufgeweckt, die sich in den Straßen drängten und den Vorderen zuriefen, aus dem Wege zu gehen. Er war sich bewußt, daß ein Strom von Menschen rasch an ihm vorbeirauschte – beim Aufsehen konnte er die Equipage erkennen, wie sie mit fürchterlicher Eile das Pflaster entlang jagte – er hörte dann einen lauten Schrei, das Zerschmettern irgendeines schweren Körpers und das Klirren zerbrochenen Glases – dann bildete in der Ferne die Menschenmenge einen Haufen, und er konnte nichts mehr sehen oder hören. Er war ganz allein; denn die allgemeine Aufmerksamkeit hatte sich ausschließlich der Person im Wagen zugewandt. Er schloß daher ganz richtig, daß es unter solchen Umständen Tollheit wäre, seinem Gegner zu folgen, und bog in ein Nebengäßchen ab, um den nächsten Droschkenstandort aufzusuchen, weil er bald die Entdeckung machte, daß er wie ein Betrunkener wanke und daß ihm ein Strom von Blut über Gesicht und Brust herunterfloß.