Charles Dickens. David Copperfield. Zweiter Teil. Inhalt Zweiunddreißigstes Kapitel. Der Anfang einer langen Reise. Dreiunddreißigstes Kapitel. Wonnevoll. Vierunddreißigstes Kapitel. Meine Tante überrascht mich. Fünfunddreißigstes Kapitel. Sorgen. Sechsunddreißigstes Kapitel. Enthusiasmus. Siebenunddreißigstes Kapitel. Ein wenig kalt Wasser. Achtunddreißigstes Kapitel. Eine Trennung. Neununddreißigstes Kapitel. Wickfield und Heep. Vierzigstes Kapitel. Der Wanderer. Einundvierzigstes Kapitel. Doras Tanten. Zweiundvierzigstes Kapitel. Unheil. Dreiundvierzigstes Kapitel. Noch ein Rückblick. Vierundvierzigstes Kapitel. Unser Haushalt. Fünfundvierzigstes Kapitel. Mr. Dick erfüllt die Prophezeiungen meiner Tante. Sechsundvierzigstes Kapitel. Nachrichten. Siebenundvierzigstes Kapitel. Martha. Achtundvierzigstes Kapitel. Unsere Häuslichkeit. Neunundvierzigstes Kapitel. Mich umstrickt ein Geheimnis. Fünfzigstes Kapitel. Mr. Peggottys Traum wird Wahrheit. Einundfünfzigstes Kapitel. Der Beginn einer längeren Reise. Zweiundfünfzigstes Kapitel. Eine Explosion. Dreiundfünfzigstes Kapitel. Noch ein Rückblick. Vierundfünfzigstes Kapitel. Mr. Micawbers Geldgeschäfte. Fünfundfünfzigstes Kapitel. Sturm. Sechsundfünfzigstes Kapitel. Neue und alte Wunden. Siebenundfünfzigstes Kapitel. Die Auswanderer. Achtundfünfzigstes Kapitel. Abwesenheit. Neunundfünfzigstes Kapitel. Die Rückkehr. Sechzigstes Kapitel. Agnes. Einundsechzigstes Kapitel. Zwei interessante Büßer. Zweiundsechzigstes Kapitel. Ein Licht fällt auf meinen Weg. Dreiundsechzigstes Kapitel. Ein Besuch. Vierundsechzigstes Kapitel. Ein letzter Rückblick. Zweiunddreißigstes Kapitel. Der Anfang einer langen Reise. Was mir natürlich ist, ist es wohl für viele andere auch, und deshalb scheue ich mich gar nicht zu bekennen, daß ich Steerforth niemals stärker geliebt habe als zu der Zeit, wo alle Bande, die mich an ihn knüpften, zwischen uns zerrissen waren. In dem bittern Schmerz, den mir die Entdeckung seiner Unwürdigkeit verursachte, dachte ich mehr an seine glänzenden Eigenschaften, fühlte ich mehr alles, was Gutes in ihm war, ließ ich den Seiten, die ihn zu einem tüchtigen, großen Manne hätten machen können, mehr Gerechtigkeit widerfahren als damals, wo ich ihm am innigsten zugetan war. Wie tief ich auch meinen eigenen unschuldigen Anteil an seiner Befleckung eines ehrbaren Hauses fühlte, so glaube ich doch, daß ich ihm Aug' in Auge nicht den geringsten Vorwurf hätte machen können. Ich würde ihn immer noch so sehr geliebt haben – obwohl der Zauber, den er auf mich ausgeübt hatte, dahin war – ich würde die Erinnerung an meine Zuneigung so zärtlich gehegt haben, daß ich wohl denke, ich würde schwach gewesen sein, wie das verwundete Herzchen eines Kindes, nur darin nicht, daß jeder Gedanke an eine Wiedervereinigung ausgeschlossen war. Dieser Gedanke ist mir nie wieder gekommen. Ich fühlte, wie er es offenbar fühlte, daß zwischen uns alles aus war. Wie seine Erinnerungen an mich beschaffen waren, habe ich nie erfahren, möglicherweise hat er sie leicht und schnell genug von sich abgeschüttelt – die meinigen an ihn waren aber die an einen geliebten, verstorbenen Freund. Ja, Steerforth! du dem Schauplatze dieser schlichten Geschichte längst Entrückter! Mein Kummer mag unwillkürlich Zeugnis ablegen gegen dich vor dem Throne des Höchsten, aber ein zorniger, vorwurfsvoller Gedanke nimmermehr! Die Kunde von dem Geschehenen verbreitete sich bald durch die Stadt, so daß ich, als ich am nächsten Morgen durch die Straßen ging, die Leute vor ihren Türen davon sprechen hörte. Viele sprachen sehr bitter über sie, wenige über ihn, aber gegen ihren Pflegevater und ihren Bräutigam machte sich nur ein Gefühl bemerklich: – überall zeigte sich eine Achtung vor ihrem Schmerz, die voll Zartgefühl und Rücksicht war. Die Fischer blieben achtungsvoll fern, wenn die beiden am frühen Morgen langsam am Strande auf und ab gingen, stellten sich in Gruppen zusammen und unterhielten sich voll Mitleid miteinander. Ich fand sie am Strande, dicht am Meere. Man konnte leicht erraten, daß sie die ganze Nacht über nicht geschlafen hatten, selbst wenn mir Peggotty nicht gesagt hätte, daß sie noch am hellen Tage gerade so regungslos dagesessen hätten, wie zur Zeit, da ich sie verließ. Sie sahen sehr ermattet und übernächtigt aus, und mir erschien Mr. Peggotty in einer Nacht mehr gebeugt worden zu sein, als in den vielen Jahren, seitdem ich ihn kannte. Aber sie waren beide so ernst und ruhig in sich wie das Meer, das unter dunkelm Himmel, ohne zu wogen, in schwerer Bewegung war, als ob es im Schlummer atme – am Horizonte mit einem Streifen Silberlicht besäumt, den eine unsichtbare Sonne herabwarf. »Wir haben uns viel besprochen Sir, über das, was zunächst zu tun und lassen ist,« sagte Mr. Peggotty zu mir, nachdem wir eine Welle lang stillschweigend nebeneinander her geschritten waren, »aber wir sehen jetzt unsern Weg klar vor uns.« Ich warf zufällig einen Blick auf Ham, der jetzt in den fernen Sonnenschimmer auf dem Meere hinausblickte, und ein entsetzlicher Gedanke beschlich mich – nicht daß sein Gesicht voll Ingrimm gewesen wäre, ich konnte nur den Ausdruck finsterer Entschlossenheit darin erkennen – aber daß, wenn er jemals Steerforth begegnen sollte, er ihn töten würde. »Meine Pflicht ist hier getan«, sagte Mr. Peggotty. »Ich will –« er mußte vor Bewegung innehalten, aber er fuhr mit festerer Stimme sogleich wieder fort: »Ich will sie suchen. Das ist meine Pflicht von nun an in alle Ewigkeit.« Er schüttelte mit dem Kopfe, als ich ihn fragte, wo er sie suchen wollte, dann fragte er mich, ob ich morgen nach London zu gehen beabsichtige. Ich erwiderte, ich sei heute nicht abgereist, um ihm vielleicht noch Dienste leisten zu können, aber ich sei bereit zu reisen, wenn er es wünschte. »Ich werde Sie begleiten,« erwiderte er, »und wenn es Ihnen recht ist, morgen.« Wir gingen wieder stillschweigend nebeneinander her. »Ham«, fuhr er fort, »wird seine jetzige Arbeit fortsetzen und mit meiner Schwester zusammen wohnen. Das alte Boot dort –« »Wollen Sie das alte Boot verlassen, Mr. Peggotty?« unterbrach ich ihn sanft. »Dort ist meines Bleibens nicht mehr, Master Davy,« erwiderte er, »und wenn jemals ein Boot scheiterte, seitdem die Nacht über der Tiefe schwebte, so ist dieses zugrundegegangen. Aber nein, Sir, nein, ich will nicht sagen, daß es verlassen werden soll. Ganz und gar nicht.« Wir gingen wieder stumm ein Stück zusammen weiter, bis er sagte: »Ich wünsche, daß es Tag und Nacht, Sommer und Winter so aussehen soll, wie es immer ausgesehen hat, seitdem sie es zuerst kennen lernte. Wenn sie jemals zurückkehren sollte, soll das alte Haus nicht aussehen, als ob es sie ungastlich zurückweise, sondern soll sie verlocken, immer näher und näher zu kommen. Vielleicht irrt sie wie ein unsteter Geist draußen in Wind und Regen umher und will von draußen aus dem Regen durch das alte Fenster mit einem Gruß nach dem alten Sitze neben dem Feuer blicken. Und wenn sie dann vielleicht niemand anders dann sieht als Mrs. Gummidge, so faßt sie sich vielleicht ein Herz und tritt zitternd ein und legt sich vielleicht hin auf ihr altes Bett und läßt ihr müdes Haupt ausruhen, da – wo sie einmal so fröhlich war.« Ich konnte ihm nicht antworten, obgleich ich es versuchte. »Jede Nacht«, sagte Mr. Peggotty, »muß das Licht in dem alten Fenster stehen, damit es ihr sagt, wenn sie es jemals wieder erblickt: »Komm zurück, mein Kind, komm zurück!' Wenn es jemals an der Tür deiner Tante klopft, Ham, und (besonders wenn es leise klopft), nach Dunkelwerden, so geh du nicht hinaus. Sie soll es sein – nicht du – die mein gefallenes Kind zuerst wiedersieht«. Er ging uns ein wenig voraus; ich warf unterdessen einen Blick auf Ham und bemerkte noch denselben Ausdruck auf seinem Gesicht, sah, wie sich seine Augen immer noch auf das ferne Licht hefteten. Ich faßte ihn am Arm. Zweimal rief ich ihn beim Namen, so laut wie man einen Schlafenden zu wecken sucht, ehe er auf mich achtete. Als ich ihn endlich fragte, womit sich seine Gedanken so eifrig beschäftigten, gab er zur Antwort: »Mit dem, was vor mir ist, Master Davy, und dort drüben.« »Mit dem Leben, das vor Euch ist, meint Ihr?« Er hatte mit der Hand verwirrt nach dem Meere gedeutet. »Ja, Master Davy. Ich weiß nicht recht, wie es ist, aber von dort drüben scheint es mir zu kommen – das Ende von dem allen meine ich , und er sah mich an, als ob er erwache, aber mit demselben entschlossenen Gesicht. »Welches Ende?« fragte ich noch ganz beherrscht von der Befürchtung, die ich früher ausgesprochen. »Ich weiß es nicht,« sagte er nachdenklich; »ich dachte eben nach, daß der Anfang von allem hier war – und nun ist das Ende da. – Aber 's ist vorüber, Master Davy,« setzte er hinzu, wohl auf die besorgten Blicke, mit denen ich ihn maß, Bezug nehmend, »Sie brauchen sich nicht vor mir zu fürchten – aber mir ist es so wirr im Kopfe, ich weiß nicht, was ich denken soll.« Da Mr. Peggotty jetzt stillstand, damit wir ihn einholten, so schwiegen wir. Aber die Erinnerung an diese Szene und meine Besorgnisse dabei traten mir von Zeit zu Zeit wieder vor die Seele, bis das unerbittliche Ende seinerzeit kam. Ohne es zu merken, näherten wir uns dem alten Boot und traten hinein. Mrs. Gummidge, die nicht mehr in ihrem Schmollwinkel grämelte, war emsig mit dem Frühstück beschäftigt. Sie nahm Mr. Peggotty den Hut ab, stellte ihm seinen Stuhl hin und sprach so sanft und zutraulich zu ihm, daß ich sie kaum wieder erkannte. »Guter Daniel,« sagte sie, »du mußt essen und trinken und dich aufrechterhalten, denn sonst kannst du nichts unternehmen. Hier, versuch's, lieber Daniel! Und wenn ich dich mit meinem Geklatsch störe, so sag's nur, lieber Daniel, und ich sage kein Wort mehr.« Als sie das Frühstück aufgetragen hatte, setzte sie sich ans Fenster, wo sie sich emsig mit dem Ausbessern einiger Hemden und anderer Kleider für Mr. Peggotty beschäftigte, die sie hernach sorgfältig zusammenlegte und in einen alten Reisesack von Wachstuch packte, wie ihn die Matrosen tragen. Unterdessen fuhr sie in derselben ruhigen Weise fort zu sprechen. »Immer und zu jeder Zeit, Daniel,« sagte Mrs. Gummidge, »werde ich hier sein, und alles soll so eingerichtet werden, wie du es wünschest. Es wird mir sauer werden, aber ich werde viele, viele Male an dich schreiben und meine Briefe an Master Davy schicken. Vielleicht schreibst du auch und erzählst mir, wie du dich auf deiner einsamen Reise befindest.« »Es wird dir recht einsam vorkommen«, sagte Mr. Peggotty. »Nein, nein, Daniel,« gab sie zur Antwort, »gewiß nicht. Kümmere dich nicht um mich. Ich werde genug zu tun haben, um für dich das Haus in Ordnung zu halten, bis du zurückkehrst oder bis jemand anders wiederkommt, Daniel. Bei schönem Wetter werde ich mich draußen vor die Tür setzen wie früher. Und wenn jemand in die Nähe kommen sollte, so soll er schon von weitem sehen, wie die alte Witfrau immer noch hier aushält.« Wie hatte sich Mrs. Gummidge in der kurzen Zeit verändert! Sie war zu einer ganz andern Frau geworden. Sie war so willig, sie hatte ein so feines Gefühl für das, was sie sagen sollte, und für das, was sie nicht sagen durfte, sie vergaß so sehr sich selbst und war so rücksichtsvoll gegen den Schmerz der andern, daß ich sie fast verehren mußte. Und was sie an diesem Tage alles zustande brachte! Gar vielerlei Sachen waren vom Strande herauf und in den Schuppen zu schaffen – wie Ruder, Netze, Segel, Tauwerk, Spieren, Hummerfässer, Ballast und ähnliches, und obgleich helfende Hände genug da waren, denn keiner hatte sich geweigert, für Mr. Peggotty zu arbeiten, und alle hätten sich mit der bloßen Bitte für bezahlt gehalten – so wurde sie doch den ganzen Tag nicht müde, die größten Lasten heraufzuschleppen und mit der größten Anstrengung zu tun, was von ihr nicht verlangt wurde. Sie schien ganz vergessen zu haben, wie früher über ihr Mißgeschick zu klagen. Sie bewahrte bei allem Mitgefühl eine gleichmäßige Heiterkeit, was an der Veränderung, die über sie gekommen war, nicht das am wenigsten Erstaunliche war. Von Gejammer und mürrischem Wesen war gar keine Rede mehr. Den ganzen Tag über bis zur Dämmerung bemerkte ich nicht einmal ein Zittern in ihrer Stimme, noch eine verstohlene Träne. Als sie, ich und Mr. Peggotty allein zusammen waren, und er in völliger Erschöpfung eingeschlafen war, brach sie in halbunterdrücktes Schluchzen und Weinen aus, führte mich zur Tür und sagte: »Gott segne Sie, Master Davy, in alle Ewigkeit, und seien Sie ihm ein Freund, dem armen, lieben Manne!« Dann lief sie wieder schnell aus dem Hause, sich das Gesicht zu waschen, damit sie, wenn er aufwachte, wieder ruhig neben ihm saß, ihre Arbeit verrichtend. Kurz, als ich abends fortging, ließ ich sie als Stütze und Stab in Mr. Peggottys Herzeleid da, und ich konnte nicht genug nachdenken über die Lehre, die mir Mrs. Gummidge so erteilte, und die neue Erfahrung, um die ich mich bereichert hatte. Es war zwischen neun und zehn Uhr, als ich, in trübem Nachdenken durch die Stadt spazierend, vor Mr. Omers Tür ankam. Mr. Omer hat es sich so sehr zu Herzen genommen, wie mir seine Tochter erzählte, daß er den ganzen Tag sehr gedrückt gewesen war und sich ohne seine Pfeife zu Bett gelegt hatte. »Ein falsches, schlechtes Mädchen«, sagte Mrs. Joram. »Sie hat nie etwas Gutes an sich gehabt!« »Sagen Sie das nicht«, erwiderte ich. »Sie meinen es nicht so.« »Ja, ich meine es so!« rief Mrs. Joram ärgerlich. »Nein, nein«, sagte ich. Mrs. Joram warf den Kopf zurück und wollte sehr scharf und ärgerlich sein, aber sie konnte es nicht über ihr sanfteres Ich gewinnen und fing an zu weinen. Ich war damals freilich noch jung, aber ihre Weichheit tat mir wohl, und es kam mir vor, als ob sie ihr, der tugendhaften Gattin und Mutter, sehr gut stünde. »Was wird sie nur anfangen!« schluchzte Minnie. »Wo wird sie hingehen! Was wird aus ihr werden! O wie konnte sie so schlecht handeln gegen sich selbst und gegen ihn!« Ich gedachte der Zeit, wo Minnie ein junges und hübsches Mädchen gewesen, und es freute mich, daß sie sich ebenfalls so gefühlvoll daran erinnerte. »Meine kleine Minnie«, sagte Mrs. Joram, »ist soeben erst eingeschlafen. Selbst im Schlafe schluchzt sie nach Emmi. Den ganzen Tag hat die Kleine nach ihr geweint und mich gefragt, ob Emmi böse wäre. Was kann ich ihr sagen, wenn Emmi ein Band von ihrem Halse abband und es der Kleinen am letzten Abend, den sie hier war, um den Hals schlang und den Kopf mit auf des Kindes Kissen legte, bis es, eingeschlafen war! Das ist vielleicht ungehörig, aber was kann ich tun? Emmi ist freilich recht schlecht, aber sie hatten sich so lieb! Und das Kind versteht's ja nicht!« Mrs. Joram fühlte sich so unglücklich und weinte so laut, daß ihr Mann herauskam, um sie unter seine Obhut zu nehmen. Ich verließ sie, um zu Peggotty zu gehen, und fühlte mich womöglich noch trüber gestimmt, als ich es bis jetzt gewesen war. Die gute Peggotty war trotz der Bekümmernis und der schlaflosen Nächte in der letzten Zeit bei ihrem Bruder geblieben, wo sie die Nacht zubringen wollte. Eine alte Frau, die in den letzten Wochen, wo Peggotty die Wirtschaft nicht hatte besorgen können, angenommen worden war, befand sich außer mir noch allein im Hause. Da ich ihrer nicht bedurfte, schickte ich sie zu ihrer Zufriedenheit zu Bett und setzte mich eine Weile lang vor das Küchenfeuer, um über das Geschehene nachzudenken. In meine Vorstellung mischte sich das Sterbebett des seligen Barkis ein, und ich schwamm mit der Ebbe hinaus in die Ferne, in die heute morgen Ham so seltsam hinausgeblickt hatte, als mich ein Klopfen an der Tür aus meinem Nachsinnen weckte. Es war ein Klopfer an der Tür, aber mit diesem wurde nicht geklopft. Der Schall ging von einer Hand aus, und tief unten an der Tür, als ob er von einem Kinde herrührte. Es überraschte mich, als ob es das Klopfen eines Bedienten einer vornehmen Herrschaft gewesen wäre. Ich machte die Tür auf und sah zu meinem Erstaunen anfangs unter mir weiter nichts, als einen großen Regenschirm, der allein zu laufen schien. Aber gleich darauf entdeckte ich Miß Mowcher darunter. Ich hätte das kleine Geschöpf wahrscheinlich nicht sehr freundlich empfangen, wenn sie, als sie ihren Regenschirm weglegte, den sie mit der größten Mühe nicht zumachen konnte, das fidele Gesicht gezeigt und wieder die Rolle der »komischen Person« gespielt hätte, die bei unserm Zusammentreffen einen so tiefen Eindruck auf mich gemacht hatte. Aber als sie zu mir heraufsah, war ihr Gesicht so ernst, und als ich sie von dem Regenschirm erlöst hatte, der für einen irischen Riesen unbequem gewesen wäre, rang sie die kleinen Hände so betrübt, daß ich weicher gegen sie wurde. »Miß Mowcher!« sagte ich, nachdem ich auf die leere Straße hinausgesehen hatte, ohne recht deutlich zu wissen, was ich noch zu erblicken erwartete, »wie kommen Sie hierher? Was gibt's?« Sie winkte mir mit ihrem kleinen rechten Arme, ihr den Regenschirm zuzumachen, und ging rasch an mir vorbei in die Küche. Als ich die Tür zugemacht hatte und ihr, den Regenschirm in der Hand, gefolgt war, saß sie schon auf der Ecke des Kaminvorsetzers – er war niedrig und hatte obenauf zwei flache Querstäbe, um Teller darauf zu stellen – im Schatten des Teekessels und schaukelte sich hin und her und rieb sich ihre Hände auf den Knien, als ob sie Schmerzen litte. In meiner Einsamkeit ganz beunruhigt über diesen ungewöhnlichen Besuch, rief ich abermals aus: »Aber ich bitte Sie, Miß Mowcher, was gibt's denn? Sind Sie krank?« »Liebes, gutes Kind«, erwiderte Miß Mowcher, und drückte beide Hände auf ihr Herz. »Ich bin hier krank, sehr krank. Schon der Gedanke, daß es dahin kommen mußte, während ich es doch hätte wissen und verhüten können, wenn ich nicht eine leichtsinnige Närrin gewesen wäre!« Wieder schaukelte sich ihr großer Hut (der mit ihrer Gestalt in gar keinem Verhältnis stand) mit ihrem kleinen Körper vorwärts und rückwärts, während ein riesenhafter Hut im Schattenriß an der Wand mit ihr gleichen Takt hielt. »Es überrascht mich, Sie in so bekümmerter und ernster Stimmung zu sehen«, fing ich an, als sie mich unterbrach. »Ja, so ist's immer!« sagte sie. »Sie wundern sich alle, diese leichtsinnigen jungen Leute, die hübsch großgewachsen sind, daß ein kleines Ding, wie ich bin, noch Gefühl hat! Sie brauchen mich wie ein Spielzeug, gebrauchen mich zu ihrer Erheiterung, weisen mich weg, wenn sie meiner müde sind, und wundern sich, daß ich mehr Gefühle habe als ein Schaukelpferd oder ein hölzerner Soldat! Ja, ja, das ist ihre Art, so ist sie immer gewesen.« »Das ist vielleicht bei andern so,« entgegnete ich, »aber ich versichere Sie, bei mir nicht. Vielleicht sollte es mich gar nicht wundern, daß ich Sie in dieser Aufregung sehe: ich kenne Sie zu wenig.« Ich sprach ohne weiteres, wie es mir ums Herz war. »Was kann ich tun?« entgegnete die Kleine, indem sie aufstand und mir ihre Arme zeigte. »Sehen Sie! Was ich bin, war mein Vater und sind meine Schwester und mein Bruder noch. Seit vielen Jahren, Mr. Copperfield, habe ich den ganzen Tag lang auf das angestrengteste für die Schwester und den Bruder gearbeitet. Ich muß leben. Ich tue niemand etwas zuleide. Wenn es so leichtsinnige oder böse Menschen gibt, die Scherz mit mir treiben, was bleibt mir dann anders übrig, als auch mit mir und mit ihnen und mit allen übrigen Scherz zu treiben? Wessen Fehler ist das, wenn ich dies manchmal tue? Mein Fehler?« Nein. Miß Mowchers Fehler gewiß nicht, das sah ich wohl ein. »Wenn ich mich gegen Ihren falschen Freund als empfindliche Zwergin gezeigt hätte,« fuhr die Kleine fort und schüttelte mit vorwurfsvollem Ernst den Kopf, »glauben Sie mir, daß er mich jemals empfohlen oder mir geholfen hätte? Wenn sich die kleine Mowcher an ihn oder seinesgleichen in ihrem Unglück gewendet hätte, glauben Sie, daß er auf ihr Stimmchen gehört hätte? Die kleine Mowcher müßte ebenso gut leben, wenn sie die dümmste und malitiöseste aller Zwerginnen wäre. Aber sie könnte es nicht. Nein. Sie könnte nach Brot und nach Butter pfeifen, bis sie von der Luft stürbe!« Miß Mowcher setzte sich nieder auf das Kamingitter, zog ihr Taschentuch heraus und wischte sich die Augen. »Seien Sie statt meiner dankbar, wenn Sie, wie ich glaube, ein gutes Herz haben,« sagte sie, »daß ich noch heiter sein und dies alles ertragen kann, obwohl ich nur zu wohl weiß, was ich bin. Ich selbst wenigstens bin dankbar dafür, daß ich mich auf meine bescheidene Weise durch die Welt schlage, ohne irgendjemand verpflichtet zu sein, und daß ich, was mir auch Torheit oder Eitelkeit anhängen mögen, den Leuten gleichfalls Schwindel vormachen kann. Wenn ich nicht über alles, was mir fehlt, nachgrüble, so ist das um so besser für mich und gereicht niemand zum Schaden. Bin ich für euch Riesen ein Spielzeug, so geht sanft mit mir um.« Miß Mowcher steckte das Taschentuch wieder ein, sah mich sehr aufmerksam an und fuhr dann fort: »Ich sah Sie soeben auf der Straße. Sie können sich denken, daß ich Sie mit meinen kurzen Beinen und meinem kurzem Atem nicht einholen konnte, aber ich erriet, woher Sie kamen, und ging Ihnen nach. Ich war heute schon einmal hier, aber die gute Alte war nicht zu Hause.« »Kennen Sie sie?« fragte ich. »Ich kenne sie nicht persönlich, habe aber von Omer und Joram oft von ihr gehört«, gab sie zur Antwort. »Ich war heute früh um sieben dort. Wissen Sie noch, was Steerforth damals, wo ich Sie zuerst im Gasthof sah, von diesem unglücklichen Mädchen sagte?« Der große Hut auf Miß Mowchers Kopf und der noch größere Hut an der Wand schaukelten sich wieder hin und her, als sie diese Frage stellte. Ich erinnerte mich sehr wohl dessen, worauf sie anspielte, denn es war mir seitdem oft in den Sinn gekommen, und ich sagte es ihr. »Möge ihn der Urheber alles Bösen verwirren«, sagte die kleine Frau und hob ihren Zeigefinger vor ihren funkelnden Augen in die Höhe, »und zehnmal mehr noch diesen schlechten Kerl von Bedienten; aber ich glaubte, Sie hätten sich in sie verliebt!« »Ich?« wiederholte ich. »Kind, Kind! Ihr Mächte des blinden Unglücks«, rief Miß Mowcher und rang ungeduldig die Hände. »Warum flossen Sie so über von ihrem Lobe und wurden so rot und so verlegen!« Ich konnte mir nicht verhehlen, daß ich dies getan hatte, obgleich aus ganz anderm Grunde, als sie glaubte. »Was wußte ich?« sagte Miß Mowcher und zog ihr Taschentuch heraus und stampfte immer mit dem Fuße auf den Boden, wenn sie es mit beiden Händen an die Augen brachte. »Ich sah, daß er etwas gegen Sie im Schilde führte. Er schmeichelte Ihnen und redete Ihnen gut zu, wie ich wohl merkte, und Sie waren wie weiches Wachs in seinen Händen. Ich hatte kaum eine Minute das Zimmer verlassen, als mir sein Bedienter sagte, daß sich die ›junge Unschuld‹ – so nannte er Sie, und Sie können ihn in Zukunft die ›alte Sünde‹ nennen – in das Kind verliebt hätte, und daß sie leichtsinnig sei und ihn gern habe, aber sein Herr sei entschlossen, daß nichts Schlimmes daraus entstehen solle – mehr um Ihret- als um des Mädchens willen – und daß er mit seinem Diener deshalb in Yarmouth wäre. Mußte ich ihnen nicht glauben? Ich sah, wie Steerforth gleichsam zu ihrer Beruhigung das Mädchen lobte! Sie nannten zuerst ihren Namen, Sie gaben zu, daß Sie früher einer ihrer Bewunderer gewesen wären. Sie wurden abwechselnd rot und blaß, wenn ich von ihr sprach! Konnte ich etwas anderes denken, als daß Sie ein junger Schwerenöter wären, dem nur die Erfahrung fehlte, und in Hände gefallen wären, die Erfahrung genug hatten und Sie nötigenfalls zu Ihrem eigenen Besten leiten konnten? O! o! Sie befürchteten, ich möchte der Wahrheit auf den Grund kommen«, rief Miß Mowcher aus und sprang auf und streckte ihr Ärmchen kummervoll in die Höhe – »weil ich ein kleines, schlaues Ding bin – ich muß wohl schlau sein, wenn ich überhaupt durch die Welt kommen will! – und Sie führten mich ganz und gar hinters Licht und gaben mir an das arme Mädchen einen Brief mit, der sicherlich nur für Littimer war, um seine Bekanntschaft mit ihr anzubahnen, und der nachher für diesen Zweck hier zurückgelassen wurde.« Ich mußte vor der Enthüllung solcher Verräterei verstummen und konnte daher nur Miß Mowcher ansehen, wie sie in der Küche auf und ab ging, bis sie außer Atem kam. Dann setzte sie sich wieder auf den Kaminvorsetzer, wischte sich wieder die Augen und das Gesicht und schüttelte lange, lange Zeit mit dem Kopfe, ohne sich zu rühren und ohne ein Wort zu äußern. »Meine Rundreisen«, fuhr sie endlich fort, »brachten mich vorgestern abend nach Norwich. Was ich dort zufälligerweise von ihren heimlichen Zusammenkünften erfuhr, ohne daß Sie dabei waren – was mir seltsam vorkam – ließ mich nichts Gutes argwöhnen. Ich setzte mich vorige Nacht in den Londoner Eilwagen und bin heute morgen hier eingetroffen. O! o! o! Zu spät!« Der armen kleinen Mowcher war von dem Weinen und Klagen so kalt geworden, daß sie sich auf dem Kaminvorsetzer wieder umdrehte, die kleinen nassen Füße in die Asche steckte, um sie zu wärmen, und still vor dem Feuer saß wie eine große Puppe. Ich saß auf einem Stuhl auf der andern Seite des Kamins, in trübe Gedanken verloren, und sah manchmal das Feuer und manchmal sie an. »Ich muß jetzt gehen«, sagte sie und stand auf. »Es ist schon spät. Sie trauen mir doch?« Wie ich ihrem durchdringenden Blicke begegnete, konnte ich es nicht über das Herz bringen, ganz offen »ja« zu sagen. »Nun, Sie würden mir aber trauen, wenn ich von natürlicher Größe wäre«, sagte sie, indem sie sich von mir über das Gitter helfen ließ und mir betrübt ins Gesicht sah. Ich fühlte, daß darin sehr viel Wahres lag, und schämte mich fast vor mir selbst. »Sie sind noch jung«, meinte sie mit einem Kopfnicken. »Nehmen Sie einen Rat selbst von einem Dreikäsehoch an. Verbinden Sie mit dem Gedanken an körperliche Mängel nie die Voraussetzung von geistigen, wenn Sie nicht ganz guten Grund dazu haben.« Ich hatte ihr jetzt über das Gitter geholfen und sogleich meinen Argwohn überwunden. Ich versicherte sie, daß ich ihr vollständig glaube und daß wir beide blinde Werkzeuge in arglistigen Händen gewesen wären. Sie dankte mir dafür und sagte, ich sei ein guter Mensch. »Jetzt geben Sie acht!« rief sie aus, indem sie sich auf dem Wege nach der Tür umdrehte und mich mit emporgehaltenem Zeigefinger schlau ansah. »Ich habe einigen Grund, zu glauben – ich habe hier und da etwas gehört, und meine Ohren sind fein – daß sie über den Kanal gegangen sind. Wenn sie jemals einzeln oder zusammen wo verkehren, solange ich am Leben bin, so kann ich ihnen eher als andere bei meiner wandernden Lebensweise begegnen. Wenn ich was erfahre, so sollen Sie es auch wissen. Wenn ich einmal etwas für das arme, verführte Mädchen tun kann, so will ich es, so Gott will, getreulich tun. Und für Littimer wäre es besser, wenn ihn ein Bluthund verfolgte anstatt der kleinen Mowcher.« Ich schenkte, als ich den Blick bemerkte, mit dem sie das eben Gesagte sprach, ihrer letzten Versicherung unbedingten Glauben. »Trauen Sie mir nicht mehr, aber auch nicht weniger zu, als einer Frau von natürlicher Größe«, sagte die Kleine und erfaßte bittend meine Hand. »Wenn Sie mich jemals nicht so wie jetzt, sondern so, wie Sie mich zuerst kennen lernten, wiedersehen, so merken Sie wohl auf, in welcher Gesellschaft ich mich befinde. Vergessen Sie nicht, daß ich ein hilf- und schutzloses Geschöpf bin. Stellen Sie sich mich vor, mit einem Bruder und einer Schwester, die mir ähnlich sind, und mit denen ich abends nach geschehener Arbeit beisammen bin. Vielleicht werden Sie sich dann nicht so sehr wundern, daß ich auch ernst und bekümmert sein kann. Gute Nacht!« Ich gab Miß Mowcher die Hand mit einer ganz andern Meinung von ihr, als ich früher hatte, und machte ihr die Tür auf, um sie hinaus zu lassen. Es war keine Kleinigkeit, den großen Regenschirm in die Höhe und in ihrer Hand in das gehörige Gleichgewicht zu bringen, aber es gelang mir endlich, und ich sah ihn durch den Regen die Straße hinabschwanken, ohne daß man im mindesten merkte, daß jemand darunter war, außer wenn ein ungewöhnlich starker Guß aus einer Dachrinne ihn aus dem Gleichgewicht brachte und Miß Mowcher im angestrengten Bemühen, ihn wieder aufzurichten, erblicken ließ. Nachdem ich ihr zu ihrer Unterstützung zwei- oder dreimal beigesprungen war, was aber durch das Weiterschwanken des Regenschirms unnütz wurde, denn der Schirm hüpfte wie ein Riesenvogel vor mir her, ehe ich ihn erreichen konnte, begab ich mich wieder in das Haus, ging zu Bett und schlief bis zum Morgen. Früh kamen Mr. Peggotty und meine alte Wärterin zu mir, und wir gingen zusammen nach dem Landkutschenbureau, wo Mrs. Gummidge und Ham auf uns warteten, um das Lebewohl zu sagen. »Master Davy,« flüsterte Ham, nachdem er mich beiseitegezogen, während Mr. Peggotty sein Gepäck im Wagen unterbrachte, »es ist ganz aus mit ihm. Er weiß nicht, wo er hingeht, er weiß nicht, was er zu erwarten hat, er tritt eine Reise an, die sein lebelang dauern wird, da gebe ich Ihnen mein Wort darauf, bis er findet, was er sucht. Ich weiß, Sie werden sein Freund bleiben, Master Davy.« »Gewiß, verlassen Sie sich darauf«, sagte ich ernst und schüttelte Ham herzlich die Hand. »Ich danke Ihnen, Ich danke Ihnen, lieber Herr. Noch eins. Ich habe gute Arbeit, das wissen Sie ja, Master Davy, und weiß nicht, was ich mit meinem Verdienst anfangen soll. Jetzt ist mir das Geld von keinem Nutzen mehr, außer was ich gerade zum Leben brauche. Wenn Sie es für ihn anlegen können, wird mir die Arbeit leichter werden, obgleich Sie deshalb nicht denken dürfen –« und er sprach dies sehr ruhig, aber überzeugungstreu aus – »daß ich nicht immer wie ein Mann arbeiten und tun werde, was in meinen Kräften steht.« Ich sagte ihm, ich sei davon überzeugt, und ich deutete sogar auf die Möglichkeit hin, daß er einstmals das einsame Leben aufgeben werde, an das er jetzt natürlicherweise nur allein dächte. »Nein,« sagte er und schüttelte den Kopf, »damit ist's vorüber bei mir! Niemand kann den Platz ausfüllen, der leer ist. Aber Sie werden es mit dem Gelde nicht vergessen, denn immer wird bei mir etwas für ihn da sein.« Ich machte ihm bemerklich, daß Mr. Peggotty ein sicheres, wenn auch bescheidenes Einkommen von der Hinterlassenschaft seines verstorbenen Schwagers beziehe, versprach ihm aber zugleich, seinen Wunsch zu erfüllen. Dann nahmen wir voneinander Abschied. Selbst jetzt kann ich nicht ohne Wehmut an seine bescheidene feste Haltung und seinen tiefen Kummer zurückdenken. Wollte ich versuchen zu beschreiben, wie Mrs. Gummidge neben dem Wagen die Straße hinabrannte, wie sie durch ihre hervorbrechenden Tränen nur Mr. Peggotty auf dem Kutschdache sah, und Leute, die ihr entgegenkamen, anrannte, so würde ich mich auf eine etwas schwierige Aufgabe einlassen. Darum lasse ich sie besser auf der Türstufe eines Bäckers sitzen, außer Atem wie sie war; ihr Hut hatte alle Fasson verloren, und einer ihrer Schuhe lag eine ziemliche Strecke weit auf dem Pflaster. Als wir unser Reiseziel erreicht hatten, war unser erster Weg nach einer kleinen Wohnung für meine Peggotty, wo auch ihr Bruder schlafen konnte. Wir waren so glücklich, bald eine passende zu finden, nicht allzuweit von meiner Wohnung. Als wir dort gemietet hatten, kaufte ich etwas kaltes Fleisch in einem Speisehause und nahm meine Reisegefährten mit nach Hause zum Tee; ein Schritt, der, wie ich zu meinem Bedauern sagen muß, durchaus nicht Mrs. Crupps Billigung fand. Ich muß jedoch zur Erklärung ihres Gemütszustandes erwähnen, daß sie sich sehr gekränkt fühlte, als Peggotty, bevor sie zehn Minuten bei mir gewesen war, ihr Witwenkleid aufschürzte und mein Schlafzimmer auszukehren anfing. Das betrachtete Mrs. Crupp als eine Freiheit, die sich meine Begleiterin nahm, und eine Freiheit, sagte sie, werde sie nie gestatten. Mr. Peggotty hatte mir während der Reise nach London etwas gesagt, was mir nicht ganz unerwartet kam. Er wollte nämlich vor allen Dingen Mrs. Steerforth aufsuchen. Da ich mich verpflichtet fühlte, ihm darin beizustehen und zwischen den beiden zu vermitteln, um die Gefühle der Mutter so viel wie möglich zu schonen, schrieb ich noch am Abend unserer Ankunft an sie. In so schonenden Ausdrücken wie nur möglich teilte ich ihr mit, was er getan und inwieweit ich selbst Mitschuldiger zu nennen war. Ich sagte ihr, der Betroffene sei ein Mann von sehr niederm Stande, aber von redlichem und bravem Charakter, und daß ich zu hoffen wage, sie werde ihm bei seinem schweren Herzeleid die Zusammenkunft nicht versagen. Ich nannte zwei Uhr nachmittags als die Stunde unseres Kommens und schickte den Brief durch die erste Frühpost weg. Zur bestimmten Stunde standen wir an der Tür – an der Tür des Hauses, wo ich vor wenigen Tagen noch so glücklich gewesen war: wo sich das Vertrauen und die Wärme meines jugendlichen Herzens so offen hingegeben hatten: vor dem Hause, das mir von nun an verschlossen sein sollte, und das mir fortan nur eine Wüste und eine Ruine war. Kein Littimer zeigte sich. Das angenehme Gesicht, das ich anstatt seiner schon bei meinem letzten Besuch erblickt hatte, erschien auch diesmal auf unser Klingeln und führte uns in den Salon. Dort saß Mrs. Steerforth. Rosa Dartle glitt, als wir eintraten, aus einem andern Teile des Zimmers zu ihr, und stellte sich hinter ihren Stuhl. Ich sah sogleich an dem Gesicht der Mutter, daß er ihr selbst alles mitgeteilt hatte. Es war sehr blaß und trug die Spuren einer tiefern Bewegung, als mein Brief erzeugen konnte, der in seinem Eindruck geschwächt war von den Zweifeln, die ihr ihre Liebe eingeben mußte. Sie saß aufrecht in ihrem Lehnstuhl, stattlich, unbeweglich, leidenschaftslos, als ob sie durch nichts aus dem Gleichgewichte gebracht werden könnte. Sie sah Mr. Peggotty, als er vor ihr stand, sehr fest an, und er sah sie ebenso fest an. Rosa Dartles scharfer Blick beherrschte uns alle. Einige Augenblicke wurde kein Wort gesprochen. Sie lud Mr. Peggotty mit einem Wink ein, sich zu setzen. Er sagte mit gedämpfter Stimme: »Ich würde es ganz unmöglich finden, Madame, mich hier in diesem Hause niederzusetzen. Ich will lieber stehen.« Und darauf folgte wieder eine Pause, die sie mit den Worten unterbrach: »Ich weiß zu meinem tiefen Bedauern, was Sie hierher führt. Was verlangen Sie von mir, was soll ich für Sie tun?« Er nahm den Hut unter den Arm, zog Emiliens Brief aus der Tasche, machte ihn auf und überreichte ihn ihr. »Bitte, lesen Sie das, Madame. Es ist von meiner Nichte.« Sie las ihn in derselben hochmütigen gelassenen Weise – wie es schien, ungerührt von dem Inhalt – und gab ihn zurück. »Wenn er mich als seine Gattin zurückbringt« , sagte Mr. Peggotty und wies mit dem Finger auf die Stelle. »Ich will wissen, Madame, ob er sein Wort hält.« »Nein«, sagte sie. »Warum nicht?« fragte Mr. Peggotty. »Es ist unmöglich. Es würde ihm zur Unehre gereichen. Sie müssen doch einsehen, daß sie weit unter seinem Stande ist.« »So erheben Sie sie«, sagte Mr. Peggotty. »Sie hat weder Erziehung noch Bildung.« »Vielleicht, vielleicht auch nicht«, sagte Mr. Peggotty. »Ich glaube es nicht, Madame, aber ich habe kein Urteil in solchen Sachen. Erziehen Sie sie!« »Da Sie mich nötigen, offener zu sprechen, was ich sehr ungern tue, so muß ich sagen, daß ihre Familienverbindungen an sich so etwas schon unmöglich machen.« »Hören Sie mich, Madame«, erwiderte er langsam und ruhig. »Sie wissen, was es heißt, sein Kind lieben. Ich weiß es auch. Sie wissen nicht, was es heißt, sein Kind verlieren. Ich weiß es. Wenn alle Reichtümer der Welt mein wären, so wären sie mir nicht zuviel, sie zurückzukaufen! Aber retten Sie sie vor der Schande, und wir werden ihr nie mehr zur Unehre gereichen. Keiner von allen jenen, unter denen sie aufgewachsen ist und denen sie so viele Jahre alles in allem war, wird ihr liebes Gesicht wieder sehen. Wir werden uns beruhigen, wenn wir an sie denken können, als ob sie weit, weit weg von uns unter einem andern Himmel und einer andern Sonne wäre; wir werden sie ihrem Gatten und vielleicht der Sorge für ihre Kleinen überlassen und die Zeit erwarten, wo wir alle gleich sind vor Gott!« Seine ungeschminkte Beredsamkeit blieb nicht ohne Wirkung. Sie behielt ihr stolzes Wesen noch bei, aber ihre Stimme tönte milder, als sie antwortete: »Ich entschuldige nichts. Ich mache keine Gegenbeschuldigungen. Aber es tut mir leid, wiederholen zu müssen: es ist unmöglich. Eine solche Heirat würde die Zukunft meines Sohnes unwiederbringlich kompromittieren. Nichts ist sicherer, als daß sie nie stattfinden kann und nie stattfinden wird. Wenn ich es auf eine andere Weise wieder gutmachen kann –« »Ich sehe das Ebenbild des Gesichts vor mir,« unterbrach sie Mr. Peggotty mit ruhigem, aber flammendem Blick, »das mich angesehen hat in meinem Hause, an meinem Kamin, in meinem Boote und wo nicht noch alles – und immer mit freundlichem Lächeln, während es doch auf Verrat sann, und ich möchte bei dem bloßen Gedanken daran wahnsinnig werden. Wenn das Ebenbild dieses Gesichtes nicht zu brennendem Feuer wird bei dem Gedanken, mir für die Schande und das Verderben meines Kindes Geld anzubieten, so ist das schlecht genug. Ich weiß nicht, da ich eine Dame vor mir habe, ob es nicht noch schlechter ist.« Sie wurde jetzt in einem Augenblick anders. Eine jähe Röte überzog ihr Gesicht, und sie sagte heftig, indem sie die Lehne des Stuhls mit ihren Händen packte: »Welche Entschädigung können Sie mir geben, daß Sie eine solche Kluft geöffnet haben zwischen mir und meinem Sohne? Was ist Ihre Liebe gegen die meine? Was ist Ihre Trennung gegen die unsere?« Miß Dartle legte leise die Hand auf ihre Schulter und flüsterte ihr etwas zu, aber sie wollte sie nicht hören. »Nein, Rosa, kein Wort! Er mag hören, was ich ihm zu sagen habe! Mein Sohn, der die Zukunft meines Lebens war, dem jeder meiner Gedanken galt, dem ich von Kindheit auf in jedem seiner Wünsche nachgegeben habe, von dem ich nicht getrennt war seit seiner Jugend, läuft jetzt einem elenden Mädchen nach und meidet mich! Er belohnt mein Vertrauen mit systematischer Täuschung ihretwegen und verläßt mich ihretwegen! Für diese niedrige Leidenschaft die Ansprüche seiner Mutter, seine Pflicht, seine Liebe und Achtung, seine Dankbarkeit zu opfern – Ansprüche, die jeder Tag und jede Stunde seines Lebens zu unzerreißbaren Banden hätten befestigen sollen! Ist das kein Unrecht?!« Abermals bemühte sich Rosa Dartle, sie zu besänftigen; abermals umsonst. »Nicht ein Wort, Rosa, sage ich! Wenn er sein Alles auf den geringfügigsten Gegenstand setzen kann, so kann ich mein Alles auf eine größere Sache setzen. Er mag mit den Mitteln, die ihm meine Liebe gegeben hat, gehen, wohin er will! Meint er, er werde durch lange Abwesenheit meinen Sinn mürbe machen? Dann muß er seine Mutter sehr wenig kennen! Wenn er jetzt seinen törichten Einfall fallen läßt, so soll er mir willkommen sein. Tut er es jetzt nicht, so soll er lebend oder sterbend nie in meine Nähe kommen, solange ich meine Hände abwehrend bewegen kann, wenn er sich nicht von ihr losgesagt hat und mich demütig um Verzeihung bittet. Das ist mein Recht. Das verlange ich von ihm. Das trennt uns jetzt voneinander! Und ist dies kein mir angetanes Unrecht?!« setzte sie hinzu und sah Mr. Peggotty mit demselben stolzen, harten Blick wie vorhin an. Als ich die Mutter diese Worte sprechen hörte und dabei aufsah, da war es mir, als ob ich den Sohn selbst hörte und sähe. Seinen ganzen trotzigen, selbstwilligen Charakter sah ich in ihr. Soweit ich seine irregeleitete Energie verstanden hatte, verstand ich auch jetzt ihren Charakter und sah, daß er in seinen mächtigsten Triebfedern derselbe war. Dann bemerkte sie, zu mir gewendet, so gezwungen wie vorhin, daß es nutzlos sei, mehr zu hören oder mehr zu sagen, und daß sie den Besuch beendigt zu sehen wünschte. Sie stand würdevoll auf, um das Zimmer zu verlassen, als Mr. Peggotty ihr bedeutete, dies sei nicht nötig. »Fürchten Sie nicht, daß ich Ihnen noch länger beschwerlich fallen werde, denn ich habe weiter nichts zu sagen«, bemerkte er und wendete sich der Tür zu. »Ich kam ohne Hoffnung hierher und nehme keine Hoffnung mit fort. Ich habe getan, was ich für meine Schuldigkeit hielt, aber ich habe keinen Erfolg von meinem Hiersein erwartet. Dieses Haus ist für mich und die Meinigen zu unheilvoll gewesen, als daß ich vernünftigerweise etwas andres erwarten könnte.« So verabschiedeten wir uns, und sie blieb neben ihrem Stuhle stehen, ein Bild von adligem Wesen und schönem Ansehen. Um hinauszukommen, hatten wir über einen gepflasterten Vorhof mit gläsernen Wänden und gläsernem Dach, von Reben umlaubt, zu gehen. Die Triebe und Blätter waren frisch ergrünt, und da der Tag schön war, stand die nach dem Garten führende Glastür offen. Als wir dicht daran vorbeigingen, huschte Rosa Dartle mit geräuschlosem Schritt herein und wandte sich zu mir: »Ein schöner Einfall, wahrhaftig! diesen Menschen herzubringen«, sagte sie. Eines so konzentrierten Ausdrucks von Wut und Verachtung, wie er ihr Gesicht verdunkelte und in ihren schwarzen Augen flammte, hätte ich sie nicht für fähig gehalten. Wie immer, wenn sie aufgeregt war, trat die alte Narbe auffällig hervor. Als ich das früher bemerkte Zucken auch jetzt wieder gewahr wurde, erhob sie die Hand und schlug darauf. »Eine schöne Person, um sich ihrer als Advokat anzunehmen! Sie sind mir ein rechter Mann«, sagte sie. »Miß Dartle«, erwiderte ich. »Sie können nicht so ungerecht sein, mir die Schuld beizumessen!« »Warum säen Sie Zwietracht zwischen diese beiden wahnsinnigen Naturen?« gab sie zur Antwort. »Wissen Sie nicht, daß sie beide durch ihren Eigenwillen und ihren Stolz wahnsinnig sind?« »Ist das meine Schuld?« erwiderte ich. »Es ist Ihre Schuld!« antwortete sie. »Warum bringen Sie diesen Menschen hierher?« »Er ist auf das tiefste verletzt, Miß Dartle«, entgegnete ich. »Sie wissen es vielleicht nicht.« »Ich weiß, daß James Steerforth«, sagte sie und legte die Hand auf den Busen, als wollte sie einen darin tobenden Sturm niederhalten, »ein falsches, verderbtes und verräterisches Herz hat. Aber was geht mich dieser Mensch und dieses gemeine Mädchen an?« »Miß Dartle,« sagte ich jetzt, »Sie verschlimmern das Unrecht noch. Es ist schon groß genug. Ich will nur noch das eine zum Abschied sagen, daß Sie ihm sehr unrecht tun.« »Ich tue ihm kein Unrecht«, sagte sie. »Es ist schlechtes, unwürdiges Pack! Ich wollte, ich könnte sie auspeitschen lassen.« Mr. Peggotty ging, ohne ein Wort zu sagen, an ihr vorüber und zur Tür hinaus. »O pfui, Miß Dartle! pfui!« rief ich entrüstet. »Wie können Sie seinen unverdienten Schmerz so mit Füßen treten!« »Ich möchte sie alle mit Füßen treten«, gab sie zur Antwort. »Ich wollte, ich könnte sein Haus niederreißen lassen. Ich möchte das Mädchen brandmarken lassen auf der Stirn, sie in Lumpen kleiden und auf die Straße hinauswerfen, daß sie verhungert. Wenn ich über sie zu urteilen hätte, so müßte das geschehen. Ich selbst würde es tun! Ich verabscheue sie. Wenn ich ihr jemals ihre Schande vorwerfen könnte, würde ich es tun, wo es auch wäre. Wenn ich sie zu Tode hetzen könnte, würde ich es tun. Und wenn ihr ein Wort des Trostes eine Erquickung in ihrer Sterbestunde wäre, und ich allein könnte es sagen, ich würde es nicht tun, und wenn es mir das Leben kostete.« Die Worte allein geben nur einen schwachen Begriff von der Leidenschaft, die sie erfüllte und die sich in ihrer ganzen Gestalt und in ihrer doch gedämpften Stimme zu erkennen gab. Keine Beschreibung, die ich zu geben vermöchte, kommt der Lebendigkeit meiner Erinnerung gleich oder der Wut, von der sie fortgerissen wurde. Ich habe die Leidenschaft unter vielerlei Gestalten gesehen, aber noch nie in dieser. Als ich Mr. Peggotty wieder einholte, ging er langsam und nachdenklich die Straße entlang. Als ich ihn erreichte, sagte er mir, er gedenke jetzt, da er das getan habe, was er sich in London vorgenommen hatte, heute abend noch seine Reise anzutreten. Ich fragte ihn, wohin er gehen wolle. Er antwortete nur: »Ich will meine Nichte suchen.« Wir gingen in unsere bescheidene Wohnung über den Kramladen zurück, und dort fand ich Gelegenheit, Peggotty zu erzählen, was er zu mir gesagt habe. Sie wußte von seinem Reiseziel nicht mehr als ich, aber sie glaubte, er habe schon einen festen Plan im Kopfe. Ich wollte ihn unter solchen Umständen nicht verlassen; wir aßen alle drei eine Beefsteakpastete, eines der vielen guten Dinge, durch die sich Peggotty auszeichnete, und die, wie ich mich noch recht wohl erinnere, gar merkwürdig durch ein Duftgemenge von Tee, Kaffee, Butter, Speck, Käse, frischem Brot, Holz, Lichtern und ähnlichen Gegenständen aus dem kleinen Kram unten gewürzt war. Nach dem Essen saßen wir ein paar Stunden am Fenster, ohne viel zu reden; und dann stand Mr. Peggotty auf, holte seinen wachsleinwandnen Reisesack und seinen derben Stock herbei und legte sie auf den Tisch. Er nahm aus dem Barvorrat seiner Schwester eine kleine Summe als Abschlag auf seine Erbschaft an; so klein, daß sie meines Erachtens kaum einen Monat reichen konnte. Er versprach mir zu schreiben, wenn ihm etwas zustieße; dann warf er den Reisesack über den Rücken, nahm Hut und Stock und sagte uns beiden Lebewohl. »Gott segne dich, meine gute Alte,« sagte er und umarmte Peggotty; »und Sie auch, Master Davy«, setzte er hinzu, indem er mir die Hand schüttelte. »Ich werde sie suchen nah und fern. Wenn sie zurückkehren sollte, während ich abwesend bin – aber ach, das wird wohl nicht der Fall sein! – oder wenn ich sie zurückbringen sollte, dann werde ich mit ihr leben und sterben, wo ihr niemand Vorwürfe machen kann. Wenn mir etwas zustoßen sollte, so vergeßt nicht, daß meine letzten Worte für sie waren: ›Meine unveränderte Liebe ist immer noch bei meinem teuern Kinde, und ich verzeihe ihr.‹« Er sagte dies feierlich und mit entblößtem Kopfe. Dann setzte er den Hut auf und ging die Treppe hinab und fort. Wir begleiteten ihn bis an die Tür. Es war ein warmer, staubiger Abend, und gerade die Zeit, wo in der Hauptverkehrsader, von der diese Nebenstraße abzweigte, eine zeitweilige Stille von dem ewigen Schall der Tritte auf dem Pflaster eintrat, und die Sonne in grellrotem Lichte schien. An der Ecke unserer schattigen Straße umbiegend, trat er, eine einsame Gestalt, in eine lichte Glut, und wir hatten ihn aus dem Auge verloren. Wohl selten kam diese Abendstunde herbei, selten erwachte ich nachts, selten sah ich zum Monde oder zu den Sternen empor, oder beobachtete den fallenden Regen, oder hörte den Wind pfeifen, ohne daß ich an die einsame Gestalt des armen Wanderers dachte, wie er weiter und weiter wanderte, und mir die Worte zurückrief: »Ich werde sie suchen nah und fern. Wenn mir etwas zustoßen sollte, so vergeßt nicht, daß meine letzten Worte für sie waren: ›Meine unveränderte Liebe ist immer noch bei meinem teuern Kinde, und ich verzeihe ihr.‹« Dreiunddreißigstes Kapitel. Wonnevoll. Die ganze Zeit über hatte ich Dora glühender als je geliebt. Der Gedanke an sie war meine Zuflucht in Schmerz und Mißbehagen und entschädigte mich sogar einigermaßen für den Verlust meines Freundes. Je mehr ich mich selbst oder andere bedauerte, desto mehr suchte ich Trost in dem Bilde Doras. Je mehr Betrug und Ungemach die Welt erfüllte, desto strahlender und reiner glänzte mir der Stern Doras hoch über der Welt. Ich glaube nicht, daß ich mir eine bestimmte Vorstellung darüber machte, woher Dora sei und welchem Range höherer Wesen sie angehöre, aber das weiß ich bestimmt, daß ich den Gedanken, sie sei einfach irdischer Abkunft, wie jede andere junge Dame auch, mit Entrüstung und Verachtung zurückgewiesen hätte. Ich war nicht nur bis über die Ohren in sie verliebt, sondern auch durch und durch von Liebe zu ihr durchtränkt, wenn man so sagen kann. Man hätte genug Liebe aus mir auswringen können, um bildlich zu sprechen, um wer weiß wie viele darin zu ertränken; und doch wäre noch genug in mir geblieben, um mein ganzes Ich zu durchdringen. Das erste, was ich nach meiner Ankunft tat, war, einen Abendspaziergang nach Norwood zu machen und dort »fortwährend das Haus zu umkreisen, ohne es zu berühren«, wie es in einem Rätsel aus meiner Kinderzeit heißt, und immer dabei an Dora zu denken. Ich glaube, Gegenstand dieses unbegreiflichen Rätsels war der Mond. Einerlei – ich, der mondsüchtige Sklave Doras, umwanderte immer wieder Haus und Garten zwei Stunden lang, um durch die Spalten in der Gartenplanke zu gucken, mit großer Anstrengung mein Kinn über die verrosteten Nägel auf der obersten Planke zu bringen, den Lichtern in den Fenstern Kußhände zuzuwerfen und romantisch die Nacht anzurufen, meine Dora zu schützen – ich weiß nicht recht mehr wovor, wahrscheinlich vor Feuer. Aber vielleicht auch vor Mäusen, vor denen sie eine große Furcht hatte. Meine Liebe erfüllte mir so sehr die Seele, und es war mir so natürlich, mich Peggotty anzuvertrauen, als sie eines Abends, mit dem alten Nähapparat ausgerüstet, eifrig der Ausbesserung meiner Garderobe oblag und neben mir saß, daß ich ihr das große Geheimnis mitteilte, natürlich nicht allzu zusammenhängend. Peggotty schenkte mir ihre vollste Teilnahme und hörte mir mit dem lebhaftesten Interesse zu, aber zu meiner Ansicht von der Sache konnte ich sie nicht bekehren. Sie war außerordentlich zu meinen Gunsten eingenommen und konnte durchaus nicht begreifen, wie ich Zweifel hegen oder niedergeschlagen sein konnte. »Die junge Dame kann sich zu einem solchen Schatz gratulieren«, bemerkte sie. »Und was ihren Vater betrifft,« sagte sie, »was verlangt denn der eigentlich?« Ich bemerkte jedoch, daß Mr. Spenlows Proktorenwürde, der schwarze Talar und die steife Halsbinde, Peggotty ein wenig einschüchterten und ihr etwas mehr Ehrfurcht vor dem Manne einflößten, der in meinen Augen jeden Tag ätherischer wurde, und den, wenn er im Gericht unter seinen Papieren aufrecht saß, ein Strahlenglanz zu umgeben schien, daß er aussah, wie ein kleiner Leuchtturm in einem Meere von Pergament und Papier. Und beiläufig gesagt, kam es mir ungewöhnlich seltsam vor, wenn ich bedachte, während ich im Gericht war, wie diese duseligen alten Richter und Doktoren sich nicht um Dora kümmern würden, wenn sie sie gekannt hätten: wie sie nicht vor Entzücken von Sinnen gekommen wären, wenn ihnen eine Heirat mit Dora angetragen worden wäre: wie Dora ihnen hätte vorsingen und auf jener herrlichen Gitarre vorspielen können, bis ich um den Verstand gekommen wäre, ohne einen dieser Bedächtigen auch nur einen Zoll breit aus seinem Geleise zu bringen! Ich verachtete sie alle ohne Ausnahme. Als ausgefrorene alte Gärtner in den Blumenbeeten des Herzens erschienen sie mir wie persönliche Feinde. Die Richterbank erschien mir als eine gefühllose Schlafmütze. Und die Barre war aller Zärtlichkeit und Poesie gerade so bar, wie jeder sonstige gewöhnliche Balken oder Barren, so hölzern wie der Name Holz an sich schon klingt. Ich übernahm nicht ohne Stolz die Leitung von Peggottys Erbschaftsangelegenheiten, prüfte das Testament auf seine Gültigkeit, machte alles auf der Erbschaftssteuer ab, nahm sie mit nach der Bank und hatte bald alles in besten Zug gebracht. Wir brachten in diese juristischen Maßnahmen einige Abwechselung, indem wir uns in Fleetstreet ein Wachsfigurenkabinett besahen – das schwitzen konnte und in den zwanzig Jahren, sollte ich meinen, wohl längst geschmolzen ist –, dann Miß Linwoods Ausstellung besuchten, deren ich mich als eines Mausoleums von Handarbeiten erinnere, Selbsteinkehr und Reue zu erwecken geeignet, dann ferner den Tower besichtigten und die Spitze der St. Pauls Kathedrale erkletterten. Alle diese Wunderwerke gewählten Peggotty soviel Vergnügen, als sie unter den obwaltenden Verhältnissen zu genießen fähig war, die St. Paulskirche ausgenommen, die wegen Peggottys langer Anhänglichkeit an ihren Arbeitskastendeckel zum Nebenbuhler des Bildes auf dessen Deckel wurde, und ihrer Meinung nach von diesem Kunstwerk in einigen Punkten übertroffen wurde. Nachdem Peggottys Angelegenheit in den Commons erledigt war – wir nannten derlei »einfache Formgeschäfte«, aber sehr leicht und einträglich waren, diese einfachen Formgeschäfte – führte ich sie in das Bureau hinunter, um ihre Sporteln zu bezahlen. Mr. Spenlow war fortgegangen, wie mir der alte Tiffey sagte, um einen Herrn wegen eines Heiratsscheins zu vereidigen; da er aber bald wiederkommen mußte, indem der Gerichtshof für letztwillige Verfügungen sowie das geistliche Obergericht dicht nebenan war, bat ich Peggotty zu warten. Wir in den Commons hatten eine gewisse Ähnlichkeit mit den Leichenbesorgern, denn in Testamentsangelegenheiten hatten wir es uns zur Regel gemacht, einigermaßen betrübt auszusehen, wenn wir mit Klienten in Trauer zu tun hatten. Aus einem ähnlichen Zartgefühl machten wir immer heitere und frohe Gesichter Heiratskandidaten gegenüber. Darum deutete ich Peggotty an, sie würde Mr. Spenlow bereits sehr erholt von dem Schlage finden, der Mr. Barkis' Tod gewesen war: und in der Tat kam er mit der Miene eines Bräutigams. Aber weder Peggotty noch ich hatten Augen für ihn, als ich in seinem Begleiter Mr. Murdstone erkannte. Er hatte sich sehr wenig verändert. Sein Haar war noch so voll und so schwarz wie je; seinem Auge war so wenig zu trauen wie ehedem. »Ach Copperfield«, sagte Mr. Spenlow. »Sie kennen diesen Herrn, glaube ich.« Ich machte, dem Herrn eine kalte Verbeugung, Peggotty tat, als ob sie ihn kaum kannte. Anfangs war er bei unserm Anblick etwas außer Fassung gekommen, aber er sammelte sich sogleich wieder und kam auf mich zu. »Ich hoffe, Sie befinden sich wohl«, sagte er. »Das kann Sie schwerlich interessieren«, erwiderte ich. »Wenn Sie es aber wissen wollen, so sage ich ja.« Wir sahen einander an, dann wendete er sich an Peggotty. »Und Sie?« sagte er. »Ich habe zu meinem Leidwesen erfahren, daß Sie Ihren Mann verloren haben.« »Es ist nicht der erste Verlust in meinem Leben, Mr. Murdstone«, gab ihm Peggotty, die von Kopf bis zu Fuß zitterte, zur Antwort. »Es freut mich hoffen zu dürfen, daß niemand schuld ist an diesem Verlust – daß ihn niemand zu verantworten hat.« »Ach,« sagte er, »das ist ein großer Trost. Sie haben also ihre Pflicht getan.« »Ich habe keines Menschen Leben auf dem Gewissen,« sagte Peggotty, »dafür preise ich Gott! Nein, Mr. Murdstone, ich habe kein gutes Geschöpf gepeinigt und gequält, bis es in ein frühes Grab sank!« Er sah sie düster – und wie mir vorkam, fast voll Reue – an und sagte dann, zu mir gewendet, aber ohne mir ins Gesicht zu sehen: »Wir werden uns wahrscheinlich nicht so bald wiedertreffen; – was uns beiden gewiß ganz recht sein wird, denn derartige Begegnungen können nie angenehm sein. Ich erwarte nicht, daß Sie, der sich immer gegen meine begründete Autorität auflehnte, die zu Ihrem Guten und zu Ihrer Besserung ausgeübt wurde, mich jetzt mit freundlichen Blicken ansehen werden. Eine Antipathie herrscht zwischen uns –« »Eine alte, glaube ich«, unterbrach ich ihn. Er lächelte und sah mich mit einem so bösen Blick an, wie er nur aus seinem dunkeln Auge kommen konnte. »Sie keimte in Ihnen schon, als Sie noch Kind waren«, sagte er. »Sie verbitterte das Leben Ihrer armen Mutter. Sie haben recht. Ich hoffe, Sie werden sich noch bessern.« Damit endete das Zwiegespräch, das leise in einer Ecke des vordersten Zimmers auf dem Wege nach Mr. Spenlows Zimmer geführt worden war, und er sagte jetzt mit seiner sanftesten Stimme laut: »Geschäftsmänner von Mr. Spenlows Beruf sind mit Familienzwistigkeiten nicht unbekannt und wissen, wie verwickelt und schwer zu schlichten sie sind!« Damit bezahlte er die Gebühren für seinen Trauschein und verließ das Bureau, nachdem er ihn, zierlich zusammengebrochen, mit einem höflichen Glückwunsch für sich und seine zukünftige Gattin von Mr. Spenlow empfangen hatte. Es wäre mir vielleicht schwer geworden, mich ihm gegenüber zum Schweigen zu zwingen, wenn ich weniger Mühe gehabt hätte, Peggotty zu überzeugen (die Gute war doch nur meinetwegen erbittert), daß hier nicht der geeignete Ort zu Erklärungen sei, und daß sie still sein müsse. Sie war so ungewöhnlich aufgeregt, daß ich froh war, mit einer zärtlichen Umarmung, zu der sie die Erinnerung an unsere alten Leiden veranlaßte, davon zu kommen, und sie, so gut es ging, vor Mr. Spenlow und den Schreibern hinnahm. Mr. Spenlow schien von meinem Verhältnis zu Mr. Murdstone nichts zu wissen, was mir wohl tat, denn ich konnte es nicht über mich bringen, wenn ich an meine arme Mutter zurückdachte, ihn selbst vor mir als meinen Verwandten anzuerkennen. Mr. Spenlow schien der Meinung zu sein, wenn er überhaupt eine Meinung über diese Sache hatte, daß meine Tante die Führerin der Regierungspartei in unserer Familie sei, und daß jemand an der Spitze einer aufrührerischen Partei stehe – so schloß ich wenigstens aus seinen Äußerungen, während Mr. Tiffey Peggottys Rechnung auszog. »Miß Trotwood«, bemerkte er, »ist von sehr entschiedenem Charakter und gibt opponierenden Elementen nicht leicht nach. Ich bewundere Ihren Charakter Copperfield, und ich kann Ihnen nur gratulieren, Copperfield, daß Sie auf der richtigen Seite der Parteien stehen. Zwistigkeiten zwischen Verwandten sind sehr zu beklagen – aber sie sind außerordentlich häufig – und die Hauptsache ist, auf der richtigen Seite zu stehen«, womit er nach meinem Dafürhalten die reiche Seite meinte. »Ich glaube, er macht eine gute Partie«, meinte Mr. Spenlow. Ich sagte ihm, daß ich gar nichts von der Sache wisse. »Wirklich!« erwiderte er. »Nach den wenigen Worten, die Mr. Murdstone fallen ließ, und nach dem, was Miß Murdstone sagte, muß ich es für eine ganz gute Partie halten.« »Ist sie reich?« fragte ich. »Ja,« sagte Mr. Spenlow, »sie ist reich. Und auch schön, wie ich höre.« »Wirklich? und ist die Braut noch jung?« »Eben mündig geworden«, sagte Mr. Spenlow. »Vor so kurzer Zeit, daß ich fast meine, sie müsse darauf gewartet haben.« »Gott wolle sie bald in Gnaden zu sich nehmen!« sagte Peggotty so nachdrücklich und unerwartet, daß wir alle drei aus der Fassung kamen, bis Tiffey die Rechnung brachte. Er übergab sie Mr. Spenlow zur Durchsicht. Das Kinn in die Halsbinde gesteckt und es sanft reibend, ging er mit einer entschuldigenden Miene die einzelnen Posten durch – als ob Jorkins ganz allein daran schuld wäre, und gab das Papier Tiffey mit einem Seufzer zurück. »Ja«, sagte er. »Es ist richtig. Ganz richtig. Ich würde mich sehr glücklich geschätzt haben, Copperfield, wenn ich die Rechnung auf die baren Auslagen hätte beschränken können. Aber es ist eine unangenehme Seite meines Geschäftslebens, daß ich meinen Wünschen nicht freien Lauf lassen kann. Ich habe einen Associé – Mr. Jorkins.« Da er dies mit einer sanften Melancholie aussprach – und mehr konnte man nicht von ihm verlangen, wenn man nicht die Kosten ganz gestrichen wissen wollte – so dankte ich ihm in Peggottys Namen und bezahlte Tiffey in Banknoten. Peggotty kehrte nun wieder in ihre Wohnung zurück und Mr. Spenlow und ich gingen aufs Gericht, wo wir eine Scheidungsklage hatten, infolge einer kleinen sinnreichen Gesetzesbestimmung, die jetzt wohl aufgehoben ist, kraft deren ich jedoch so manche Ehe annulliert gesehen habe. Der Ehemann, der Thomas Benjamin hieß, hatte sich für den Trauschein nur Thomas genannt, Benjamin weglassend, falls er es in der Ehe nicht so behaglich finden sollte, wie er erwartete. Da er es richtig nicht so behaglich fand, ließ er, nachdem er ein oder zwei Jahre verheiratet war, oder auch weil der arme Teufel seiner Frau etwas überdrüssig geworden war, durch einen Freund erklären, daß sein Name Thomas Benjamin und er daher gar nicht verheiratet sei. Und so entschied der Gerichtshof, zu des Mannes höchster Genugtuung. Ich muß gestehen, daß ich hinsichtlich der strengen Gerechtigkeit dieses Verfahrens meine Zweifel hatte und mich nicht einmal durch den Scheffel Weizen, der doch alle Widersinnigkeiten aufhebt, ins Bockshorn jagen ließ. Aber Mr. Spenlow erörterte die Sache mit mir recht eindringlich. Er sagte: »Sehen Sie sich die Welt an. Es gibt Gutes und Schlechtes drin; sehen Sie sich das Kirchengesetz an – da gibt es auch Gutes und Schlechtes drin. Es sind alles Teile eines in Ordnung zusammenhängenden Ganzen. Gut! Da haben wir's ja!« Ich hatte nicht die Kühnheit, Doras Vater vorzuschlagen, daß wir möglicherweise die Welt etwas verbessern könnten, wenn wir frühzeitig morgens aufständen und uns in Hemdärmeln an die Arbeit machten; aber ich gestand, daß ich dafür hielt, wir könnten die Commons verbessern. Mr. Spenlow gab zur Antwort, daß er mir ganz besonders raten möchte, gerade diesen Gedanken aufzugeben, weil er meines gentlemanartigen Charakters unwürdig sei, es würde ihm aber angenehm sein zu hören, welcher Verbesserungen ich die Commons für fähig hielte. Ich hielt mich an jenen Teil der Commons, der uns zunächst lag – denn unser Mann war zur Zeit schon geschieden, und wir schlenderten beim Prärogativengericht aus dem Gerichtsgebäude hinaus – und trug meine Ansicht vor, daß ich dieses Amt für etwas wunderlich hielte. »In welcher Hinsicht«, fragte Mr. Spenlow. Ich erwiderte mit aller schuldigen Ehrfurcht vor seiner Erfahrung, doch mit mehr Ehrfurcht, fürchte ich, vor dem Umstande, daß er Doras Vater war, daß es doch vielleicht ein bißchen unsinnig wäre, wenn die Registratur dieses Gerichtshofs, der die letzten Willen aller Leute enthielt, die seit 300 Jahren in der großen Provinz Canterbury etwas zu hinterlassen hatten, ein ganz gewöhnliches Gebäude sei, niemals für seine Bestimmung gebaut gewesen, und von den Registratoren in ihrem eigenen Nutzen, vermietet sei, nicht diebessicher, nicht einmal feuerfest, mit wichtigen Dokumenten vollgepfropft, vom Dache bis zu den Grundmauern eine einzige feile Spekulation der Registraturbeamten, die riesige Gebühren vom Publikum bezögen, nur damit sie die Testamente der Leute irgendwohin wegpackten und sie auf bequemste Art loswürden. Vielleicht sei es auch ein klein wenig unvernünftig, daß diese Registratoren bei Einnahmen von 8-9000 Pfund jährlich nicht dazu gebracht werden können, ein Weniges davon auf Beschaffung eines sichern Ortes für die wichtigen Urkunden zu verwenden, die ihnen alle Stände, ob gern oder ungern, überlassen müssen. Daß es vielleicht etwas ungerecht sei, daß alle höheren Stellen in diesem großen Amte prächtige Sinekuren seien, während die unglücklichen Schreiber oben in dem kalten dunkeln Zimmer, die die wichtigen Arbeiten verrichteten, am schlechtesten bezahlt und am wenigsten angesehen wären. Vielleicht sei es auch ein wenig unanständig, daß der erste Registrator, dessen Pflicht es wäre, dem an diesem Orte fortwährend sich einfindenden Publikum alle benötigten Bequemlichkeiten zu verschaffen, ein großartiger privilegierter Nichtstuer, der obendrein Geistlicher, mehrfacher Pfründenbesitzer, Kirchenstuhlinhaber und wer weiß was sonst noch sein könne, während das Publikum Unannehmlichkeiten ausgesetzt wäre, auf die wir jeden Nachmittag, wo es lebhaft hergeht, die Probe machen könnten, und die geradezu ungeheuerlich wären. Kurz – daß vielleicht dies Prärogativenamt der Diözese von Canterbury eine solche Pestbeule, ein so verderblicher Unsinn sei, daß, wofern man es nicht mit eisernem Besen auskehren und in einem ganz versteckten Winkel des St. Paulkirchhofs verscharren könne, es längst wie ein Handschuh umgestülpt und das oberste zu unterst hätte gekehrt werden müssen. Mr. Spenlow lächelte, als ich mich bescheiden für mein Thema erwärmte, und erörterte dann diesen Punkt mit mir wie den frühern. Was wäre es denn nun nach allem? Es sei Gefühlssache. Wenn das Publikum seine Testamente sicher aufgehoben glaubte und als ausgemacht annähme, die Räumlichkeiten seien nicht in einen bessern Stand zu setzen – wer wäre dabei schlechter daran? Niemand. Wer aber hätte den Vorteil? Alle die privilegierten Nichtstuer. Gut, gut! Das Gute wiege also vor. Das System möge ja nicht vollkommen sein – nichts auf der Welt ist ja vollkommen – aber wogegen er sich erklären müsse, das sei das Eintreiben eines Keils. Unter dem Prärogativenamt habe das Land ruhmvoll geblüht. Treib einen Keil ins Prärogativenamt, und das Land hört auf zu blühen. Er hielt es für die Maxime eines Edelmanns, die Dinge zu nehmen, wie er sie fände, und er bezweifelte nicht, daß das Prärogativenamt unsere Zeit überdauern werde. Ich fügte mich seiner Ansicht, obwohl ich meine starken Zweifel hatte. Er hatte gleichwohl recht, denn es besteht nicht nur bis heute, sondern hat sogar einer großen parlamentarischen vor achtzehn Jahren – nicht eben sehr willig – abgelegten Berichterstattung gegenüber standgehalten, worin alle meine Einwendungen einzeln durchgenommen wurden, auch war der Nachweis geliefert worden, daß der noch verfügbare Raum nur mehr für eine weitere Aufstapelung von zwei und einem halben Jahr reiche. Was man seitdem mit den Testamenten angefangen, ob man sie haufenweise verloren, oder ob man sie von Zeit zu Zeit an die Käsegeschäfte verkauft, weiß ich nicht. Ich bin nur froh, daß meines nicht dort ist, und hoffe, daß es noch eine ganze Weile nicht hinkommt. Ich habe das alles in diesem wonnigen Kapitel niedergeschrieben, weil es hier an seinem natürlichen Platze steht. Mr. Spenlow und ich vertieften uns in ein Gespräch, während wir auf und ab gingen, bis wir über allgemeinere Gegenstände zu sprechen anfingen. Und so kam es, daß mir Mr. Spenlow zuletzt mitteilte, über acht Tage sei Doras Geburtstag, und daß er sich freuen würde, mich an diesem Tage zu einem kleinen Picknick bei sich zu sehen. Ich kam sofort von Sinnen und wurde am nächsten Tag zum vollständigen Narren, als ich ein feines Billettchen mit durchbrochenem Rande und der Aufschrift empfing: »Durch Papas Güte und bitte nicht zu vergessen!« und brachte die nächsten sieben Tage in halbem Delirium zu. Ich glaube, ich machte mich bei der Vorbereitung auf das herrliche Fest jeder möglichen Torheit schuldig. Ich werde noch heute rot, wenn ich an das Halstuch denke, das ich mir kaufte. Meine Stiefel würden in jede Sammlung von Marterwerkzeugen passen. Ich kaufte einen allerliebsten kleinen Speisekorb, der an sich schon fast eine Liebeserklärung war. Es waren Knallbonbons darin mit den zärtlichsten Mottos, die überhaupt aufzutreiben waren. Um sechs Uhr früh war ich schon auf dem Coventgarden-Markt und kaufte einen Strauß für Dora. Um zehn Uhr saß ich im Sattel – ich hatte mir einen feurigen Grauschimmel gemietet – den Strauß im Hute, um ihn frisch zu erhalten, und trabte nach Norwood. Als ich Dora im Garten sah und tat, als ob ich sie nicht sähe, und vor dem Hause vorbeiritt, als wenn ich es recht sehr suchte, mag ich wohl zwei kleine Torheiten begangen haben, die andere Jünglinge in gleicher Stimmung auch begangen hätten – wenigstens kamen sie mir sehr natürlich vor. Aber ach! als ich das Haus nun fand, an der Gartentür abstieg und die hartherzigen Stiefel über den Rasenplatz zu Dora hinschleppte, die auf einer Gartenbank unter einem Hollunderbaum saß, wie herrlich sah sie da aus an jenem schönen Morgen, unter Schmetterlingen, in weißem Strohhut und himmelblauem Kleide. In ihrer Gesellschaft war eine junge Dame – verhältnismäßig ältlich aussehend – vielleicht zwanzig Jahr. Sie hieß Miß Mills; Dora nannte sie Julie. Sie war Doras Busenfreundin. Glückliche Miß Mills! Jip war ebenfalls da, und Jip mußte mich wieder anbellen. Als ich ihr meinen Strauß überreichte, knirschte er aus Eifersucht mit den Zähnen. Wohl hatte er Ursache dazu, wenn er auch nur im geringsten ahnte, wie sehr ich seine Herrin anbetete. »O, ich danke Ihnen, Mr. Copperfield! Was für schöne Blumen!« sagte Dora. Ich hatte antworten wollen, und hatte mir die schönste Phrase auf den letzten drei Meilen einstudiert, daß auch ich sie für schön gehalten hätte, bevor ich sie neben ihr gesehen; aber ich konnte es nicht herausbringen. Sie verwirrte mich zu sehr. Wer es sah, wie sie die Blumen an ihr liebliches Kinn mit dem kleinen Grübchen legte, der verlor alle Geistesgegenwart und das Vermögen der Sprache in halb ohnmächtiger Bewunderung. Es wundert mich nur, daß ich nicht sagte: »Töten Sie mich, wenn Sie ein Herz haben, Miß Mills. Lassen Sie mich hier sterben.« Dann gab Dora meine Blumen Jip zum Riechen. Aber Jip knurrte und wollte nicht daran riechen. Dora lachte und hielt sie ihm noch näher zur Nase. Und Jip faßte mit seinen Zähnen eine Geraniumblüte und zauste sie hin und her wie eine Katze. Dora schlug ihn und schmollte und sagte: »Meine armen schönen Blumen!« so mitleidig, wie mir vorkam, als ob er mich zerzaust hätte. Ich wollte, er hätte es getan! »Sie werden es gewiß gern hören, Mr. Copperfield,« sagte Dora, »daß diese abscheuliche Miß Murdstone nicht hier ist. Sie ist zu ihres Bruders Hochzeit und wird wenigstens drei Wochen wegbleiben. Ist das nicht ein Glück?« Ich sagte ihr, es müsse wohl ein Glück für sie sein, und versicherte ihr, daß alles, was ein Glück für sie sei, auch ein Glück für mich wäre. Miß Mills lächelte dazu mit wohlwollender überlegener Weisheit. »Sie ist das unangenehmste Geschöpf, das ich kenne«, sagte Dora. »Du kannst dir gar nicht denken, wie grämlich und abscheulich sie ist, Julie.« »Ich kann es wohl, meine Gute!« sagte Julie. »Ach ja, vielleicht kannst du es, gute, liebe Julie«, entgegnete Dora und legte die Hand auf die ihrer Gefährtin. »Vergib mir, daß ich dich nicht gleich ausnahm.« Ich ersah daraus, daß Miß Mills in dem Laufe eines wechselnden Lebens ihre Prüfungen gehabt habe, und daß davon vielleicht das gemessene Wohlwollen ihres Benehmens herrühre. Ich fand im Laufe des Tages, daß dies der Fall war. Miß Mills hatte unglücklich geliebt und hatte sich, gesättigt von ihren schrecklichen Erfahrungen, von der Welt zurückgezogen, bekundete aber noch eine stille Teilnahme an den Hoffnungen und liebenden Gefühlen der Jugend, auf die noch kein giftiger Meltau gefallen war. Aber jetzt kam Mr. Spenlow heraus, und Dora ging auf ihn zu und sagte: »Sieh, Vater, was für schöne Blumen«; und Miß Mills lächelte gedankenvoll, als ob sie sagen wollte: »Ihr Frühlingsschmetterlinge, genießt euer kurzes Dasein am hellen Morgen des Lebens«, und wir gingen nach dem Wagen, der zum Abfahren bereit stand. Ich werde nie wieder eine solche Fahrt machen. Ich habe seitdem nie eine solche Fahrt gemacht. Nur die drei Personen, ihr Korb, mein Korb, und die Gitarre im Futteral befanden sich im Phaeton, der natürlich offen war; ich ritt hinterher, und Dora saß auf dem Rücksitz, das Gesicht mir zugewendet. Sie legte den Blumenstrauß dicht neben sich auf das Kissen und wollte Jip nicht erlauben, sich auf diese Seite zu legen, damit er ihn nicht zerdrücke. Sie nahm ihn oft in die Hand und erquickte sich an seinem Duft. Unsere Blicke begegneten sich viele Male; und ich wundre mich nur darüber, daß ich nicht über den Kopf meines wackern Grauschimmels in den Wagen schoß. Ich glaube, der Weg war staubig. Ich glaube, es war sehr staubig. Ich habe eine dunkle Vorstellung, daß Mr. Spenlow mir Vorstellungen machte, wie ich darin reiten könnte. Mir kam nichts zum Bewußtsein wie ein Nebel von Liebe und Schönheit, der Dora umgab. Mr. Spenlow stand zuweilen auf und fragte mich, was ich von der Aussicht halte. Ich fand sie entzückend, und sie war es wohl auch, aber für mich war alles Dora. Die Sonne schien Dora, und die Vögel sangen Dora. Der Südwind wehte Dora, und die Feldblumen in den Hecken und alle ihre Knospen waren lauter Doras. Mein Trost war – Miß Mills verstand mich. Miß Mills allein konnte meine Gefühle ganz begreifen. Ich weiß nicht, wie lange die Fahrt dauerte, und bis heute weiß ich ebensowenig, wohin wir fuhren. Vielleicht war es in der Nähe von Guildford. Vielleicht ließ ein indischer Zauberer für uns diesen Tag emporsteigen und ihn wieder versinken, als wir fort waren. Es war ein grüner Fleck auf einem Hügel, mit weichem Rasen bedeckt. Über und um uns schattige Bäume und Heide, und soweit das Auge reichen konnte, eine schöne Landschaft. Es war eine ärgerliche Sache, daß hier Leute auf uns warteten; und meine Eifersucht selbst gegen die Damen kannte keine Grenzen. Aber alle Männer – vorzüglich ein Kerl, drei oder vier Jahre älter als ich, und mit einem roten Backenbart, auf den er eine unerträgliche Anmaßung stützte, waren meine Todfeinde. Wir packten unsere Körbe aus und fingen an, das Essen zu bereiten. Der rote Backenbart behauptete, er könne Salat machen – was ich nicht glaube – und drängte sich der allgemeinen Beachtung auf. Einige von den jungen Damen wuschen den Salat und zerschnitten ihn nach seiner Anleitung. Dora war unter ihnen. Ich sah, daß mich das Verhängnis diesem Manne feindlich gegenübergestellt hatte, und daß einer von uns untergehen mußte. Der Rotbart bereitete seinen Salat – ich wundre mich nur, wie sie ihn essen konnten – mich hätte nichts verführt, ihn anzurühren! – und riß die Verwaltung des Weinkellers an sich, den er in einem hohlen Baumstamme anlegte. Dann sah ich ihn auf seinem Teller den größten Teil eines Hummers zu den Füßen Doras essen! Ich habe nur einen dunkeln Begriff von dem, was zunächst geschah. Ich war sehr heiter, das weiß ich noch; aber die Heiterkeit war Heuchelei. Ich gesellte mich zu einem Mädchen in rosarotem Kleide, mit kleinen Augen, und machte ihr in ganz erschrecklicher Weise den Hof. Sie nahm meine Aufmerksamkeiten günstig auf; aber ob nur meinetwegen oder weil sie Absichten auf den Rotbart hatte, weiß ich nicht. Doras Gesundheit wurde ausgebracht. Als ich anstieß, tat ich, als ob ich mein Gespräch nur deshalb unterbräche und es gleich darauf wieder aufnähme. Ich begegnete dem Blicke Doras, als ich mich vor ihr verbeugte; er kam mir flehend vor! Aber sie sah mich an über den Kopf des roten Backenbartes, und mein Herz blieb starr. Das junge Mädchen in Rosa hatte eine Mutter in Grün, und ich glaube, letztere trennte uns aus Gründen der Politik. Endlich stand die Gesellschaft auf, während die Reste des Essens weggeräumt wurden, und ich verlor mich einsam, von Wut und Zerknirschung erfüllt, unter die Bäume. Ich ging eben mit mir zu Rate, ob ich Unwohlsein vorschützen und auf meinem wackern Grauschimmel entfliehen sollte, als ich Dora und Miß Mills begegnete. »Mr. Copperfield,« sagte Miß Mills, »Sie sind verstimmt.« Ich bat sie um Verzeihung und versicherte, daß dies durchaus nicht der Fall sei. »Und auch du, Dora, bist verstimmt«, sagte Miß Mills. »Ach Gott, nein! Nicht im mindesten.« »Mr. Copperfield und Dora«, sagte Miß Mills mit fast ehrwürdiger Miene. »Genug damit. Laßt nicht durch ein kleinliches Mißverständnis die Blumen des Lenzes verwelken, die nicht wiederkehren, wenn sie einmal dahin sind. Ich spreche,« fuhr Miß Mills fort, »belehrt durch die Erfahrung der Vergangenheit – der fernen, unwiederbringlichen Vergangenheit. Die reichen Quellen, die in der Sonne funkeln, dürfen nicht aus bloßer Grille verstopft werden! Die Oase in der Wüste Sahara darf nicht mutwillig vernichtet werden.« Ich weiß nicht, was ich tat; ich war über und über brennend rot, aber ich nahm Doras kleine Hand und küßte sie – und sie wehrte mir nicht! Ich küßte auch Miß Mills die Hand; und wir alle schienen nach meinem Gefühl auf dem geraden Wege nach dem siebenten Himmel zu sein. Wir kamen auch nicht wieder sogleich auf die Erde zurück. Wir blieben den ganzen Abend dort oben. Anfangs schlenderten wir unter den Bäumen auf und ab, Doras Arm lag schüchtern in dem meinigen, und, der Himmel weiß es, so groß die Torheit war, ich hätte mir kein glücklicheres Los gewünscht, als mit diesen Gefühlen unsterblich zu werden und für immerdar unter diesen Bäumen zu wandeln. Aber viel zu bald hörten wir die andern lachen und sprechen und rufen: »Wo ist Dora!« Wir kehrten also um, und sie verlangten, Dora sollte singen. Rotbart wollte die Gitarre aus dem Wagen holen, aber Dora sagte, nur ich wisse, wo sie liege. Damit war Rotbart in einem Augenblick beseitigt; und ich holte das Futteral, und ich schloß es auf, und ich nahm die Gitarre heraus, und ich saß neben ihr, und ich hielt ihr Taschentuch und ihre Handschuhe, und ich sog jede Note ihrer lieben Stimme ein, und sie sang für mich, der sie liebte, und alle die andern konnten soviel Beifall schenken, wie sie wollten, doch ging es sie nichts an! Ich war trunken vor Freude. Ich fürchtete, das Glück sei zu groß, um wirklich zu sein, und ich würde sogleich wieder aufwachen in der Buckinghamstraße und hören, wie Mrs. Crupp mit den Frühstückstassen klimperte. Aber Dora sang, und andere sangen, und Miß Mills sang – von den in den Höhlen der Erinnerung schlummernden Echos, gerade als wäre sie hundert Jahre alt – und so kam der Abend heran, und es gab Tee aus einem Kessel, der nach Zigeunerart angebracht war, und ich war wieder so glücklich wie zuvor. Ja, ich wurde noch glücklicher als je, als die Gesellschaft aufbrach und die andern, unter ihnen der geschlagene rote Backenbart, ihre Wege gingen, und wir auch den unsern wandelten durch den stillen Abend und den sterbenden Tag, während süße Düfte rings um uns emporstiegen. Da Mr. Spenlow nach dem Champagner etwas schläfrig geworden war – Ehre dem Boden, auf dem die Traube wuchs der Traube, die den Wein gab, der Sonne, die diese Trauben gereift, und dem Kaufmann, der den Wein verfälscht hat! – und fest in einer Ecke des Wagens schlief, ritt ich dicht heran und sprach mit Dora. Sie bewunderte mein Pferd und klopfte ihm den Nacken – o wie reizend sah ihr Händchen auf dem Pferde aus! – und ihr Schal wollte nicht richtig sitzen, und dann zog ich ihn wieder um ihren Leib; und ich glaube, selbst Jip begann einzusehen, wie die Sachen standen, und daß er sich entschließen müsse, mit mir gut Freund zu sein. Und die scharfblickende Miß Mills, diese liebenswürdige, obgleich weltmüde Nonne, dieser kleine Patriarch von noch nicht ganz zwanzig Jahren, die mit der Welt fertig war und um keinen Preis die in den Höhlen der Erinnerung schlummernden Echos wecken durfte – was für einen Gefallen sie mir tat! »Mr. Copperfield,« sagte Miß Mills, »kommen Sie einen Augenblick auf diese Seite des Wagens – wenn Sie einen Augenblick übrig haben. Ich muß mit Ihnen sprechen.« Seht mich, wie ich auf meinem wackern Grauschimmel mich zu Miß Mills herabbeuge, die Hand auf die Wagentür gestützt. »Dora kommt zum Besuch zu mir, um ein paar Tage bei mir zu bleiben. Sie kommt übermorgen. Wenn Sie uns besuchen wollen, so wird sich der Vater gewiß glücklich schätzen, Sie zu sehen.« Konnte ich etwas anderes tun, als einen stummen Segen auf Miß Mills Haupt herabrufen und Miß Mills Adresse in dem sichersten Winkel meines Gedächtnisses aufbewahren! Konnte ich etwas anderes tun, als Miß Mills mit dankbarem Blick und feurigen Worten sagen, wie sehr ich ihre Gefälligkeit würdige und welch unschätzbaren Wert ihre Freundschaft für mich habe! Dann entließ mich Miß Mills wohlwollend mit den Worten: »Reiten Sie wieder zu Dora«, und ich ritt; Dora beugte sich aus dem Wagen heraus, um mit mir zu sprechen, und wir unterhielten uns während der ganzen übrigen Fahrt. Ich brachte meinen wackern Grauschimmel so dicht an das Rad, daß ihm am Vorderfuße die Haut abgeschunden wurde, wofür ich dem Besitzer drei Pfund sieben Schilling zahlen mußte, – eine Summe, die mir für so hohen Genuß außerordentlich gering vorkam. Die ganze Zeit über sah Miß Mills den Mond an, murmelte halblaut Verse und erinnerte sich wahrscheinlich an die alten Zeiten, wo sie und die Erde noch etwas miteinander gemein hatten. Norwood war viele Meilen zu nahe, und wir langten viele Stunden zu früh dort an; aber kurz vor unserer Ankunft wachte Mr. Spenlow auf und sagte: »Sie müssen mit hereinkommen, Copperfield, und ein wenig ausruhen«; ich folgte der Einladung, und wir genossen noch eine kleine Erfrischung. In dem hellen Zimmer sah die errötende Dora so bezaubernd aus, daß ich mich nicht losreißen konnte, sondern sie halb träumend ansah, bis mich Mr. Spenlows Schnarchen soweit zum Bewußtsein brachte, daß ich mich beurlaubte. So schieden wir. Während des ganzen Rückritts nach London fühlte ich noch die leichte Berührung von Doras Hand und rief mir jeden Umstand und jedes Wort wohl zehntausendmal ins Gedächtnis, und als ich endlich im Bette lag, war ich vor Liebe so entzückt, wie nur je ein junger Tropf seinen gesunden Menschenverstand verloren hatte. Als ich am nächsten Morgen aufwachte, faßte ich den Entschluß, Dora meine Liebe zu erklären und mein Schicksal kennen zu lernen. Seligkeit oder Hölle, war jetzt die Frage! Für mich gab es keine andere Frage in der Welt, und nur Dora konnte sie beantworten. Drei Tage verbrachte ich in grenzenloser Qual, die ich selbst noch dadurch vermehrte, daß ich allem, was zwischen Dora und mir vorgefallen war, die allerentmutigendste Auslegung gab. Endlich ging ich zu Miß Mills, mit großen Kosten zu dem Zwecke herausstaffiert und begeistert von meiner Erklärung. Wieviele Male ich die Straße auf und ab ging und um den Platz herum – es fiel mir dabei ein, daß ich persönlich eine viel bessere Lösung des alten Rätsels sei als die eigentliche – bevor ich es über mich bringen konnte, an die Tür zu klopfen, ist hier nicht von Wichtigkeit. Sogar als ich endlich geklopft hatte und an der Tür wartete, kam mir in der Aufregung der Gedanke, zu fragen, ob hier Mr. Blackboy wohne (eine Nachahmung des armen Barkis), um Verzeihung zu bitten und mich zu entfernen. Aber ich hielt standhaft aus. Mr. Mills war nicht zu Hause. Ich erwartete es gar nicht. Nach ihm verlangte niemand. Miß Mills war zu Hause. Miß Mills genügte. Man wies mich in ein Zimmer eine Treppe hoch, wo ich Miß Mills und Dora fand. Jip war auch dort. Miß Mills schrieb Noten ab – ich erinnere mich, es war ein neues Lied mit dem Titel: »Der Liebe Leichenlied« – und Dora malte Blumen. Was ich fühlte, als ich meine eigenen Blumen erkannte – den wirklichen und echten Strauß von Coventgardenmarkt! Ich kann nicht sagen, daß sie sehr ähnlich waren, oder daß sie irgendwelchen Blumen besonders glichen, die ich jemals gesehen hatte, aber ich erkannte sie an der sie umgebenden Papiermanschette, die ganz genau kopiert war. Miß Mills freute sich sehr, mich zu sehen, und es tat ihr sehr leid, daß der Papa nicht zu Hause war, obgleich wir es alle mit großer Fassung zu ertragen schienen. Miß Mills führte das Gespräch ein paar Minuten fort, legte dann ihre Feder auf das »Leichenlied der Liebe«, stand auf und verließ das Zimmer. Ich beschäftigte mich schon mit dem Gedanken, es bis morgen aufzuschieben. »Ich hoffe, Ihr Pferd war nicht müde, als es gestern nacht nach Hause kam«, sagte Dora und sah mich mit ihren schönen Augen an. »Es hat einen weiten Weg gemacht.« Ich fing an zu denken, ich wollte es heute tun. »Es war ein weiter Weg für mein Pferd,« entgegnete ich, »denn es hatte auf der Reise nichts, was es munter erhalten konnte.« »Hat es kein Futter bekommen, das arme Pferd?« fragte Dora. Ich dachte wieder, ich wollte es lieber bis morgen aufschieben. »O ja,« sagte ich, »es hat an nichts gefehlt. Ich meine nur, es fühlte nicht das unaussprechliche Glück, das ich in Ihrer Nähe genoß.« Dora beugte sich auf ihre Zeichnung herab und sagte nach einer kleinen Pause – ich hatte inzwischen wie im hitzigen Fieber mit starren Gliedern dagesessen – »Zu einer Zeit des Tages schienen Sie selbst dieses Glück nicht besonders zu fühlen.« Ich erkannte jetzt, daß keine Umkehr mehr möglich war und daß es auf der Stelle geschehen mußte. »Sie schienen dieses Glück nicht im mindesten zu fühlen«, sagte Dora, zog die Augenbrauen in die Höhe und schüttelte den Kopf, »als Sie neben Miß Kitt saßen.« Kitt hieß nämlich das Mädchen in Rosa. »Und ich wüßte auch gar nicht, warum Sie es tun sollten,« sagte Dora, »oder warum Sie es überhaupt ein Glück nennen. Aber natürlich meinen Sie es nicht im Ernst. Und gewiß zweifelt niemand daran, daß Sie tun können, was Sie wollen. Jip, komm, böser Jip, komm her.« Ich weiß nicht wie ich es anfing. Aber es war sogleich geschehen. Ich kam Jip zuvor. Dora lag in meinen Armen. Ich war voller Beredsamkeit. Ich war nie um ein Wort verlegen. Ich sagte ihr, wie sehr ich sie liebte. Ich sagte ihr, ich würde ohne sie sterben, sagte ihr, ich betete sie an, Jip bellte die ganze Zeit über wie toll. Als Dora das Köpfchen sinken ließ und weinte und zitterte, da stieg meine Beredsamkeit noch. Wenn sie von mir verlangte, ich sollte für sie sterben, so hätte sie es nur zu sagen, und ich war bereit. Das Leben ohne Doras Liebe war unter keiner Bedingung zu ertragen. Ich konnte es nicht ertragen und wollte es nicht. Ich hätte sie, seit ich sie zuerst gesehen, geliebt jede Minute, Tag und Nacht. Ich liebte sie im Augenblicke zum Wahnsinnigwerden und würde sie jeden Augenblick zum Wahnsinnigwerden lieben. Es sei vorher auf Erden geliebt worden und es werde nachher geliebt werden; aber kein Liebender hätte je so geliebt, dürfte, konnte oder würde je wieder so lieben, wie ich Dora liebte. Je inniger ich wurde, desto mehr bellte Jip. Jeder von uns wurde in seiner Weise mit jeder Minute toller. Endlich saßen Dora und ich leidlich beruhigt nebeneinander auf dem Sofa; Jip lag auf ihrem Schoße und blinzelte mich friedlich an. Die Last war von meinem Herzen. Ich war ganz der Erde entrückt. Dora und ich waren verlobt. Ich glaube, wir hatten einige Ahnung, daß zuletzt eine Heirat daraus werden sollte. Es muß wohl so gewesen sein, denn Dora machte es zur Bedingung, daß wir uns ohne die Einwilligung des Vaters nie heiraten wollten. Wir wollten die Sachen vor Mr. Spenlow geheimhalten, aber ich glaube nicht, daß ich einen Augenblick daran dachte, das sei unehrenhaft. Miß Mills war ungewöhnlich nachdenklich, als sie Dora, die sie gesucht hatte, zurückbrachte; – ich fürchte, weil das Geschehene Neigung hatte, die in den Höhlen der Erinnerung schlummernden Echos zu wecken. Aber sie gab uns ihren Segen und die Versicherung ihrer dauernden Freundschaft, und sprach zu uns im allgemeinen, wie es sich für eine Stimme aus dem Kloster schickte. Was für eine traumhafte, himmlische, glückliche, törichte Zeit das war! Als ich an Doras Finger das Maß für einen Ring nahm, der aus lauter Vergißmeinnichten bestehen sollte und wie der Juwelier, dem ich es überbrachte, mich durchschaute und über seinem Bestellbuche lachte und mir wer weiß wie viel für das kleine niedliche Dingelchen mit den blauen Steinen anrechnete – in meiner Erinnerung so unauslöschlich mit Doras Hand verknüpft, daß mein Herz einen augenblicklichen Schmerz empfand, als ich gestern am Finger meiner Tochter einen ähnlichen erblickte. Als ich umherging, die Brust von meinem Geheimnis geschwellt, und das Würdevolle meiner Liebe zu Dora und ihrer Liebe als etwas so Erhabenes empfand, daß ich mich nicht mehr über den andern Menschen stehend hätte empfinden können, die, ungleich mir, auf der Erde herumkrochen, wenn ich wirklich in den Lüften gewandelt wäre – Als wir jene beseligenden Zusammenkünfte in den Gartenanlagen des Squares hatten und in dem staubigen Gartenhause so glücklich beisammen saßen, daß ich die Londoner Spatzen nur deswegen bis zur Stunde gern habe, und in ihrem rauchgrauen Gefieder die Federnpracht der Tropen zu erblicken glaube – Als wir unsern ersten großen Zank hatten – eine Woche nach unserer Verlobung – und Dora mir den Ring in einem verzweifelten zerknitterten Briefe zurückschickte, worin der schreckliche Ausdruck vorkam: »Unsere Liebe fing mit Torheit an und endet in Wahnsinn«, was mich dazu brachte, mir das Haar zu raufen und zu jammern, daß alles vorbei sei – Als ich unter dem Deckmantel der Nacht zu Miß Mills floh, die ich verstohlen in einer Hintertreppenküche sah, worin eine Rolle stand, und sie anflehte, zwischen uns zu vermitteln und mich vor dem Irrsinn zu bewahren! Als Miß Mills dieses Amt übernahm und mit Dora zurückkam, und von der Kanzel ihrer eigenen bittern Jugend herab ermahnend zu gegenseitiger Nachgiebigkeit riet und bat die Wüste Sahara zu vermeiden – Als wir weinten, uns wieder versöhnten und wieder so selig waren, daß die Hinterküche samt der Rolle und allem sonstigen in einen Liebestempel verwandelt wurde, wo wir einen Plan verabredeten, durch Miß Mills zu korrespondieren, demzufolge von jeder Seite täglich mindestens ein Brief geschrieben werden sollte – Was für eine traumhafte, unirdische, glückliche, törichte Zeit! Von allen Zeiten, die ich durchlebt habe, ist keine, an die ich so lächelnd und zärtlich zurückdenken kann. Vierunddreißigstes Kapitel. Meine Tante überrascht mich. Ich schrieb an Agnes, sowie ich mich mit Dora verlobt hatte. Ich schrieb an sie einen langen Brief, in dem ich ihr begreiflich zu machen suchte, wie glücklich ich sei und welch kostbares Kleinod Dora mir war. Ich bat Agnes, dies nicht als eine leichtsinnige Leidenschaft zu betrachten, die ich jemals über einer andern vergessen könnte, oder die nur im mindesten den knabenhaften Grillen gliche, wegen deren wir uns oft neckten. Ich versicherte ihr, daß ihre Tiefe ganz unergründlich sei, und sprach die Überzeugung aus, daß so etwas noch nie dagewesen wäre. Als ich so eines schönen Abends am offenen Fenster an Agnes schrieb und mich die Erinnerung an ihre klaren ruhigen Augen und an ihr liebes Gesicht leise überkam, goß sie eine so friedvolle Wirkung über die Hast und Unruhe aus, worin ich in der letzten Zeit gelebt hatte, und die selbst meinem Glück nicht fern geblieben waren, daß ich zu Tränen gerührt wurde. Ich erinnere mich, daß ich, den Kopf auf die Hand gestützt, dasaß, als der Brief zur Hälfte geschrieben war, und eine wohlige allgemeine Vorstellung hegte, daß Agnes zu den Elementen meiner angebornen Heimat gehöre. Als ob Dora und ich in der Zurückgezogenheit des für mich durch ihre Gegenwart beinahe geheiligten Hauses glücklicher als irgendwo sonst sein müßten. Als ob sich mein Herz in Liebe, Freude, Kummer, Hoffnung oder Enttäuschung, in allen Gemütsbewegungen naturgemäß dorthin wenden und seine Zuflucht und seinen besten Freund dort finden müsse. Von Steerforth schrieb ich nichts. Ich sagte nur, daß Emiliens Flucht in Yarmouth großes Leidwesen angerichtet, und daß es wegen der diesen Vorfall begleitenden Umstände mich doppelt verletzt hätte. Ich wußte, daß sie rasch die Wahrheit erraten und nie seinen Namen zuerst wieder nennen würde. Auf diesen Brief erhielt ich mit umgehender Post Antwort. Wie ich ihn las, war es mir, als ob ich Agnes selbst hörte. Er klang wie ihre herzgewinnende Stimme in meinen Ohren. Was kann ich mehr sagen! Ein paarmal während meiner häufigen Abwesenheit hatte mich Traddles aufgesucht. Da er Pegotty vorfand und von Peggotty vernahm – sie sagte es jedem, der es anhören wollte – daß sie meine alte Kinderwärterin sei, war er rasch mit ihr bekannt geworden und war da geblieben, um mit ihr ein wenig von mir zu plaudern. So erzählte wenigstens Peggotty; aber ich fürchte sehr, daß das Gespräch ganz auf ihrer Seite und von übermäßiger Länge war, denn sie war sehr schwer zum Schweigen zu bringen, wenn ich der Gegenstand ihrer Rede war. Das erinnert mich nicht nur daran, daß ich Traddles an einem gewissen Nachmittag, den er selbst bestimmt hatte, erwartete, sondern auch, daß Mrs. Crupp ihr Amt – aber natürlich nicht den Gehalt – aufgegeben hatte, bis Peggotty nicht mehr erscheinen würde. Nachdem Mrs. Crupp mit sehr lauter Stimme auf der Treppe – wahrscheinlich mit einem unsichtbaren Hauskobold, denn körperlich war sie stets allein – verschiedene Gespräche über Peggotty gehalten hatte, richtete sie ein Schreiben an mich. Sie begann mit jener Behauptung voll allgemeiner Anwendbarkeit, die auf jede Begebenheit ihres Lebens paßte, daß sie selbst eine Mutter sei, und benachrichtigte mich alsdann, daß sie früher ganz andere Tage gesehen habe, aber daß sie zu allen Zeiten ihres Lebens eine angeborene Abneigung gegen Spione, Eindringlinge und Denunzianten gehabt habe. Sie nenne keine Namen, sagte sie, wen es juckt, der kratzte sich, aber Spione, Eindringlinge und Denunzianten, vorzüglich in Witwenkleidern – das war unterstrichen – habe sie stets verachtet. Wenn ein Herr ein Opfer von Spionen, Eindringlingen und Denunzianten sei – sie wolle keine Namen nennen – so sei das seine Sache. Er könne etwas ganz nach seinem Gefallen tun, und niemand habe etwas dawider. Nur das eine machte Mrs. Crupp für sich aus, daß sie mit solchen Personen nicht »in Kontrakt« gebracht würde. Deshalb wolle sie von der fernern Bedienung in den obern Zimmern entschuldigt sein, bis die Dinge wieder waren wie früher und wie sie die Dinge wünschte; außerdem erwähnte sie noch, daß ihre kleine Rechnung jeden Sonnabend auf dem Frühstückstisch liegen würde, und daß sie um sofortige Bezahlung bitte, um alle Mühe und Unannehmlichkeiten zu ersparen. Nach diesem Briefe beschränkte sich Mrs. Crupp darauf, auf den Treppen vorzüglich mit Wasserkannen Fallen zu stellen und Peggotty zu einem Beinbruch zu verlocken. Es war mir ziemlich unbequem, in diesem Belagerungszustand zu leben, aber ich fürchtete mich zu sehr vor Mrs. Crupp, um an eine Abhilfe zu denken. »Lieber Copperfield, wie geht es?« fragte Traddles, der trotz allen diesen Hindernissen pünktlich und gesund in meiner Tür erschien. »Lieber Traddles,« antwortete ich, »es freut mich, dich endlich zu sehen, und es tut mir sehr leid, daß du mich nicht früher zu Hause gefunden hast. Aber ich habe soviel Abhaltung gehabt.« »Natürlich,« sagte Traddles, »ich weiß schon. Sie ist in London, glaube ich.« »Was meinst du?« »Sie – verzeihe – Miß D. meine ich,« sagte Traddles und wurde vor lauter Zartgefühl rot – »wohnt in London, glaube ich.« »Jawohl, in der Nähe von London.« »Meine Braut«, sagte Traddles mit ernstem Blick, »ist in Devonshire – eine von zehn Schwestern. Daher habe ich nicht so viel Abhaltung wie du – in dieser Hinsicht.« »Es wundert mich, daß du es ertragen kannst, sie so selten zu sehen«, gab ich zur Antwort. »Hm!« sagte Traddles nachdenklich. »Es ist wirklich fast wie ein Wunder. Wahrscheinlich ertrage ich es, weil es nicht anders geht, Copperfield.« »Wohl möglich«, sagte ich mit einem Lächeln und nicht ohne etwas zu erröten. »Und weil du so beständig und geduldig bist, Traddles.« »Mein Gott!« meinte Traddles nachdenklich. »Kommt das dir so vor, Copperfield? Ich hätte mir das wirklich nicht zugetraut. Aber sie selbst ist ein so ausgezeichnetes Mädchen, daß sie mich vielleicht mit diesen Tugenden angesteckt hat. Es sollte mich wahrhaftig gar nicht wundern. Ich sage dir, sie vergißt sich immer selbst und trägt Sorge für die andern neun.« »Ist sie die älteste?« fragte ich. »O je, nein«, entgegnete Traddles. »Die älteste ist eine Schönheit.« Vermutlich sah er, daß ich nicht anders konnte, als über die Einfalt seiner Antwort zu lächeln, denn, mit einem Lächeln auf seinem treuherzigen Gesicht, fügte er hinzu: »Nicht etwa, daß meine Sophie – welch hübscher Name, Copperfield, denke ich immer!« »Sehr hübsch«, sagte ich. »Nicht etwa, daß meine Sophie in meinen Augen nicht auch hübsch ist, und sicher würde sie in jedes Menschen Augen eins der besten Mädchen sein, das es jemals gab, möchte ich glauben. Aber wenn ich sage, die älteste ist eine Schönheit, so meine ich, sie ist wirklich eine« – es war, als ob er mit beiden Händen Wolken um sich herum beschriebe: »glänzend, weißt du«, sagte Traddles energisch. »In der Tat?« erwiderte ich. »O, ich versichere dich,« fuhr Traddles fort, »wirklich etwas ganz Ungewöhnliches! Und weißt du, da sie für Geselligkeit und Bewunderung geschaffen, aber infolge ihrer beschränkten Mittel nicht in der Lage ist, dergleichen zu genießen, so ist sie ganz selbstverständlich manchmal etwas reizbar und anspruchsvoll. Sophie versetzt sie wieder in gute Stimmung!« »Ist Sophie die jüngste?« wagte ich zu fragen. »O, nicht doch!« sagte Traddles und strich sich das Kinn. »Die beiden jüngsten sind erst neun und zehn. Sophie erzieht sie.« »Vielleicht die zweite Tochter?« wagte ich weiter zu fragen. »Nein«, sagte Traddles. »Sarah ist die zweite. Sarah, das arme Mädchen, hat etwas an ihrem Rückgrat. Die Krankheit wird mit der Zeit vorübergehen, meinen die Ärzte, aber unterdessen muß sie ein ganzes Jahr liegen. Sophie pflegt sie, Sophie ist die vierte.« »Lebt die Mutter?« fragte ich. »O ja,« sagte Traddles, »sie lebt. Sie ist wirklich eine ganz ausgezeichnete Frau, aber der feuchte Landaufenthalt taugt nicht für ihre Konstitution, und – nun ja, sie hat den Gebrauch ihrer Glieder verloren.« »O weh!« sagte ich. »Recht traurig, nicht wahr?« meinte Traddles. »Aber rein vom Standpunkte des Haushalts ist es nicht so schlimm, denn Sophie vertritt ihre Stelle. Sie vertritt gerade so gut Mutterstelle an ihrer Mutter wie an den andern neun.« Ich empfand die größte Bewunderung für die Tugenden dieser jungen Dame, und fragte jetzt in der ehrlichen Absicht, mein möglichstes zu tun, daß nicht die Gutmütigkeit von Traddles zum Schaden ihrer gemeinsamen Zukunft mißbraucht würde, wie sich Mr. Micawber befände. »Er befände sich ganz wohl«, sagte Traddles. »Ich wohne jetzt nicht bei ihm.« »Nicht?« »Nein. Die Sache ist nämlich die,« sagte Traddles geheimnisvoll, »er hat infolge einer vorübergehenden Verlegenheit den Namen Mortimer angenommen und geht nur nach Dunkelwerden aus, und zwar mit einer Brille. Es war Exekution bei uns im Hause wegen des Zinses. Mrs. Micawber geriet in einen so schrecklichen Zustand, daß ich wirklich nicht umhin konnte, meinen Namen zu dem zweiten Wechsel herzugeben. Du kannst dir denken, wie angenehm es mir sein mußte, als die Sache damit abgemacht war und Mrs. Micawber wieder zu sich kam.« »Hm!« sagte ich. »Freilich war das Glück nicht von langer Dauer,« fuhr Traddles fort, »denn leider kam die Woche darauf eine zweite Exekution. Das brachte die Sache zu einer Krisis. Ich habe seitdem eine Stube für mich gemietet, und die Mortimers leben sehr eingezogen. Du wirst mich wohl nicht für selbstsüchtig halten, Copperfield, wenn ich dir sage, daß der Exekutor auch meinen kleinen runden Tisch mit der Marmorplatte und Sophies Blumentopf mitgenommen hat.« »Das ist recht hart!« rief ich entrüstet. »Es war – etwas hart«, sagte Traddles mit seinem gewöhnlichen Mundzucken bei diesem Worte. »Ich erwähne es jedoch nicht, um jemand einen Vorwurf zu machen, sondern aus einem besondern Grunde. Die Sache ist die, Copperfield, daß ich die Sachen damals nicht zurückkaufen konnte, erstlich weil der Trödler, der wohl merkte, daß mir viel daran lag, den Preis entsetzlich in die Höhe trieb, und zweitens, weil ich – weil ich kein Geld hatte. Aber ich habe den Laden des Trödlers nicht aus dem Auge verloren,« sagte Traddles im Hochgenuß seines Geheimnisses – »er ist am obern Ende von Tottenham Court Road – und heute endlich sind die Sachen zum Verkauf ausgestellt. Ich habe sie nur von der andern Seite der Straße gesehen, denn wenn der Trödler mich erblickte, so würde er jeden Preis dafür verlangen! Da ich nun das Geld habe, ist mir der Gedanke gekommen, ob du etwas dawider hast, wenn ich deine gute Kinderfrau frage, ob sie mit mir nach dem Laden gehen – ich kann ihn ihr von der Ecke der nächsten Straße zeigen – und sie so billig wie möglich für mich zurückkaufen will, als ob sie für sie selbst wären.« Das Entzücken, womit mir Traddles dies vorschlug, sowie das Bewußtsein von seiner ungewöhnlichen Schlauheit, das er hatte, gehören zu den Dingen, die am frischesten in meiner Erinnerung haften. Ich sagte ihm, daß meine alte Freundin ihn recht gern unterstützen würde, und daß wir alle drei gehen wollten, aber unter einer Bedingung. Diese Bedingung war das feierliche Versprechen, Mr. Micawber nie mehr seinen Namen oder sonst etwas anderes zu leihen. »Lieber Copperfield, ich habe mir das Versprechen schon gegeben, weil ich jetzt zu fühlen anfange, daß ich nicht nur leichtsinnig, sondern auch höchst ungerecht gegen Sophie gewesen bin. Da ich mir selbst das Wort gegeben habe, so brauchst du hierin nichts mehr zu befürchten, aber ich wiederhole dir das Versprechen mit der größten Bereitwilligkeit. Den ersten unglücklichen Wechsel habe ich bezahlt. Ich bezweifle gar nicht, daß ihn Mr. Micawber bezahlt haben würde, wenn er gekonnt hätte, aber er konnte nicht. Etwas muß ich erwähnen, was mir an Micawber sehr gefällt, Copperfield. Es bezieht sich auf den zweiten Wechsel, der noch nicht fällig ist. Er sagt mir nicht, daß er ›gedeckt‹ sei, aber er sagt, er würde ›gedeckt‹ werden, und das scheint mir wirklich recht offen und ehrlich zu sein!« Ich wollte meines guten Freundes Zuversicht nicht irre machen, und stimmte ihm daher bei. Darauf gingen wir nach Peggottys Wohnung, um diese abzuholen, denn Traddles wollte den Abend bei mir zubringen, sowohl weil er in der lebhaftesten Angst schwebte, seine Sachen könnte jemand anders kaufen, ehe er sie selbst wieder in seinen Besitz brächte, als auch, weil er abends, wie er sagte, immer an das beste Mädchen auf der Welt schrieb. Ich werde nie vergessen, wie er um die Straßenecke herumguckte, während Peggotty um die ihm so kostbaren Sachen handelte, und wie aufgeregt er war, als Peggotty nach vergeblichem Handeln langsam auf uns zukam und von dem Trödler zurückgerufen wurde und umkehrte. Das Ende des Handels war, daß sie die Sachen verhältnismäßig billig zurückkaufte und Traddles vor Freude ganz entzückt war. »Ich danke Ihnen recht sehr«, sagte Traddles, als er vernahm, daß ihm die Sachen diesen Abend noch in die Wohnung geschickt werden sollten. »Wenn ich noch um etwas bitten dürfte, aber du darfst mich nicht für närrisch halten, Copperfield –« Ich versicherte ihm im voraus das Gegenteil. »Wenn Sie so gut sein wollten,« sagte Traddles zu Peggotty, »den Blumentopf gleich jetzt zu holen, so möchte ich ihn gern – er gehört ja Sophie, Copperfield – selbst nach Hause tragen.« Peggotty erfüllte gern seine Bitte, und er überschüttete sie mit Danksagungen und ging, den Blumentopf zärtlich in den Armen tragend, mit einem der angenehmsten Gesichter von der Welt die Straße hinab. Wir kehrten dann nach meiner Wohnung zurück. Da die Läden Reize für Peggotty hatten, wie für niemand anders, so gingen wir langsam unseres Weges, während sie mit großen Augen zu allen Fenstern hineinsah und ich auf sie wartete, solange sie wollte. So brauchten wir ziemlich lange Zeit, bis wir Adelphi erreichten. Als wir die Treppe hinaufgingen, lenkte ich ihre Aufmerksamkeit auf das plötzliche Verschwinden der Fallen von Mrs. Crupp und auf frische Fußspuren. Als wir hinaufkamen, fanden wir zu unserer Verwunderung meine Stubentür offen stehen und hörten drinnen Stimmen. Wir sahen einander an, ohne zu wissen, was das bedeuten sollte, und traten in die Stube. Wie groß war meine Überraschung, als wir meine Tante und Mr. Dick vorfanden! Meine Tante saß auf einem Haufen Gepäck, vor sich ihre zwei Vögel und auf dem Schoß ihre Katze, ein weiblicher Robinson Crusoe, und trank Tee. Mr. Dick lehnte gedankenvoll auf einem großen Drachen, wie wir ihn manchmal hatten steigen lassen, und auch er war von Koffern umgeben. »Liebe Tante!« rief ich, »welch unerwartete Freude!« Wir umarmten uns innig; Mr. Dick und ich gaben uns herzlich die Hand, und Mrs. Crupp, die Tee machte und nicht aufmerksam genug sein konnte und geschmeidig wie ein Ohrwurm war, sagte ebenfalls herzlich, daß sie wohl gewußt habe, Mr. Copperfield werde das Herz auf der Zunge haben, wenn er seine lieben Verwandten sähe. »Holla!« sagte meine liebe Tante zu Peggotty, die vor ihrer imponierenden Gestalt schüchtern zurücktrat. »Wie geht es Ihnen?« »Du erinnerst dich noch an meine Tante, Peggotty?« sagte ich. »Um des Himmels willen, Kind,« rief meine Tante aus, »nenne die Frau nicht bei diesem hottentottischen Namen! Wenn sie verheiratet und ihn los ist, das beste, was sie tun konnte, warum soll sie davon keinen Vorteil ziehen? Wie heißen Sie jetzt – P.?« sagte meine Tante, um den verhaßten Namen zu vermeiden. »Barkis, Madame«, erwiderte Peggotty mit einem Knicks. »Nun, das ist doch ein menschlicher Name. Er klingt nicht so sehr danach, als ob Sie einen Missionar brauchten. Wie geht es ihnen, Barkis? Ich hoffe, Sie befinden sich wohl.« Ermutigt durch diese gnädigen Worte und durch die ihr dargebotene Hand meiner Tante, trat Barkis vor, nahm die Hand und knickste dankend. »Wir sind älter geworden, sehe ich«, sagte meine Tante. »Wir haben uns nur ein einziges Mal früher gesehen. Und eine schöne Geschichte haben wir damals angerichtet! Lieber Trot, noch eine Tasse Tee!« Ich erfüllte den Wunsch meiner Tante, die wie gewöhnlich aufrecht und unbeugsam dasaß, und wagte eine Vorstellung gegen ihren unbequemen Sitz auf dem Koffer zu machen. »Ich will das Sofa herrücken, oder den Lehnstuhl, Tante«, sagte ich. »Warum willst du so unbequem sitzen?« »Ich danke dir, Trot«, entgegnete meine Tante. »Ich will lieber auf meinem Eigentum sitzen.« Hier sah meine Tante Mrs. Crupp scharf an und bemerkte: »Wir brauchen Sie nicht länger zu bemühen, Madame.« »Soll ich vorher noch ein wenig Tee in die Kanne tun?« fragte Mrs. Crupp. »Nein, ich danke Ihnen, Madame«, gab ihr meine Tante zur Antwort. »Soll ich noch ein Stückchen Butter heraufholen, Madame?« fragte Mrs. Crupp. »Oder wollen Sie vielleicht ein frisch gelegtes Ei versuchen, oder soll ich einen Schnitt Schinken rösten? Kann ich gar nichts für Ihre gute Tante tun, Mr. Copperfull?« »Gar nichts Madame«, entgegnete meine Tante. »Ich bin mit allem versorgt, ich danke Ihnen.« Mrs. Crupp, die unaufhörlich gelächelt hatte, zum Zeichen ihres sanften Gemüts, die beständig ihren Kopf auf eine Seite geneigt hatte, zum Zeichen ihrer schwachen Konstitution, die sich beständig die Hände gerieben hatte, zum Zeichen ihres Wunsches, dem Verdienste zu Diensten zu sein, lächelte, und rieb sich allmählich schiefköpfig zum Zimmer hinaus. »Dick!« sagte meine Tante, »Sie wissen, was ich Ihnen von Liebedienern und Mammonsverehrern sagte.« Mr. Dick gab mit etwas erschrockenem Blick, als ob er es vergessen hätte, hastig eine bejahende Antwort. »Mrs. Crupp gehört zu diesen Leuten«, sagte meine Tante. »Barkis, Sie sind wohl so gut und besorgen den Tee und schenken mir noch eine Tasse ein, denn das Einschenken dieser Frau gefällt mir nicht.« Ich kannte meine Tante genügend, um zu wissen, daß ihr etwas Wichtiges auf der Seele lag, und daß hinter ihrer unerwarteten Ankunft viel mehr verborgen war, als ein Fremder hätte voraussetzen sollen. Ich sah, wie ihr Auge auf mir ruhte, wenn sie sich unbemerkt glaubte, und wie sie innerlich zu kämpfen schien, während sie äußerlich ihre ganze Steife und Fassung beibehielt. Ich fing an zu überlegen, ob ich sie irgendwie beleidigt habe, und mein Gewissen flüsterte mir zu, daß ich ihr noch nichts von Dora gesagt hatte. Ob es vielleicht das sein konnte? Da ich wußte, daß sie ganz nach eigenem Belieben anfangen würde, setzte ich mich neben sie und sprach mit den Vögeln und tändelte mit der Katze und war so unbefangen, als ich sein konnte. Aber in Wahrheit war ich gar nicht so unbefangen, und hätte es auch nicht sein können, selbst wenn Mr. Dick, der hinter meiner Tante auf dem großen Drachen lehnte, nicht jede Gelegenheit ergriffen hätte, um geheimnisvoll den Kopf zu schütteln und auf sie mit dem Finger zu deuten. »Trot,« sagte endlich meine Tante, als sie ihren Tee getrunken, sich sorgfältig das Kleid glatt gestrichen und den Mund abgewischt hatte – »Sie brauchen nicht hinauszugehen, Barkis! – Trot, bist du ein fester und selbständiger Charakter geworden?« »Ich hoffe es, Tante!« »Glaubst du es?« fragte Miß Betsey. »Ich glaube es, Tante!« »Nun, so sage mir,« sagte meine Tante, und sah mich mit ernstem Blick an, »warum, meinst du wohl, sitze ich heute abend lieber auf diesem Eigentum?« Ich schüttelte den Kopf, unfähig, es zu erraten. »Weil es alles ist, was ich habe,« sagte meine Tante, »weil ich ruiniert bin, lieber Sohn!« Wenn das Haus und wir alle zusammen in den Fluß hinab gefallen wären, so hätte ich kaum mehr überrascht sein können. »Dick weiß es«, sagte meine Tante, und legte ihre Hand ruhig auf meine Schulter. »Ich bin ruiniert, lieber Trot! Alles was ich in der Welt besitze, befindet sich in diesem Zimmer, mit Ausnahme des Häuschens, und das soll Janet vermieten, Barkis, ich brauche ein Bett für diesen Herrn heute. Der Ersparnis wegen können Sie vielleicht etwas für mich hier zurecht machen. Es brauchen keine Umstände gemacht zu werden. Es ist nur für heute nacht. Wir wollen morgen weiter davon sprechen.« Mein Erstaunen und mein Mitleid mit ihr – nur mit ihr – wurde dadurch gestört, daß sie mir einen Augenblick lang um den Hals fiel und mir weinend sagte, daß es ihr nur meinetwegen leid tue. In einem zweiten Augenblick hatte sie diese Bewegung unterdrückt, und sagte mit mehr triumphierender als niedergeschlagener Miene: »Wir müssen solche Schicksalsschläge beherzt hinnehmen und uns nicht von ihnen einschüchtern lassen, lieber Trot. Wir müssen lernen das Spiel auszuspielen. Wir müssen das Unglück müde machen, Trot!« Fünfunddreißigstes Kapitel. Sorgen. Sobald ich meine Geistesgegenwart, die mich bei dem ersten überwältigenden Eindruck der eben gehörten Nachricht ganz und gar verlassen hatte, wieder gewonnen, schlug ich Mr. Dick vor, mit mir zu dem Kleinkrämer zu gehen, und das durch Mr. Peggottys Abreise frei gewordene Bett in Besitz zu nehmen. Der Kramladen war am Hungerford Market, und Hungerford Market hatte damals ein ganz anderes Aussehen; vor der Tür war eine niedrige, hölzerne Kolonnade – nicht unähnlich der vor dem Häuschen im Wetterglas, mit dem kleinen Manne und der kleinen Frau darin – die Mr. Dick ungemein gefiel. Das Glück, über diesem Bauwerk zu wohnen, würde ihn, glaube ich, für viele Unbequemlichkeiten entschädigt haben; aber da es nur wenige zu ertragen gab, ausgenommen den schon erwähnten gemischten Duft und vielleicht ein wenig Enge, so war er von seiner Wohnung geradezu entzückt. Mrs. Crupp versicherte ihm entrüstet, dort wäre nicht Raum, eine Katze aufzuhängen; aber, wie Mr. Dick sehr richtig bemerkte, sich ans Bettende setzend und sein Bein streichelnd, »du weißt ja, Trotwood, ich will gar keine Katze aufhängen. Ich hänge nie eine Katze auf. Deshalb, was geht das mich an?« Ich versuchte zu erfahren, ob Mr. Dick etwas von der plötzlichen großen Veränderung in den Umständen meiner Tante wußte. Wie ich hätte voraussehen können, wußte er nicht das mindeste. Er konnte mir weiter nichts sagen, als daß meine Tante vorgestern zu ihm gesagt hatte: »Jetzt wollen wir einmal sehen, Dick, ob Sie wirklich und wahrhaftig der Philosoph sind, für den ich Sie halte.« Darauf hatte er erwidert, ja, er hoffe es. Dann hatte meine Tante gesagt: »Dick, ich bin zugrunde gerichtet.« Dann hatte er gesagt: »Wirklich!« Dann hatte meine Tante ihn sehr gelobt, worüber er sich ungemein freute. Und dann waren sie zu mir gereist und hatten unterwegs ein paar Flaschen Porter und Butterschnitte mit Fleisch genossen. Mr. Dick war so heiter und ruhig, wie er mir dies erzählte, am Bettende sitzend und sein Bein streichelnd, mit weit offenen Augen und einem verwunderten Lächeln, daß ich mich leider verleiten ließ, ihm zu erklären, daß »zugrunde gerichtet« Not und Mangel bedeute; aber ich sah mich bald bestraft für diese Rücksichtslosigkeit, denn er wurde ganz blaß, und Tränen strömten über seine Wangen, während er mir einen Blick so unsäglichen Kummers zuwarf, daß davon ein härteres Herz als das meinige hätte erweicht werden können. Ihn wieder aufzuheitern kostete mich viel mehr Mühe, als ich vorhin gehabt hatte, um ihn zu bekümmern, und ich ersah bald, was ich gleich hätte wissen können, daß er nur zuversichtlich gewesen war, weil er in die weiseste und wunderbarste aller Frauen und in die Hilfsquellen meines Geistes das unbedingteste Vertrauen setzte. Von letztern glaubte er, daß sie es mit allem außer dem Tode aufnehmen könnten. »Was ist da zu tun, Trotwood?« sagte Mr. Dick. »Wir haben die Denkschrift –« »Jawohl«, sagte ich. »Aber vorderhand können wir weiter nichts tun, als uns unsern Kummer nicht merken zu lassen und ein freundliches Gesicht zu machen.« Er stimmte dem auf das angelegentlichste bei, und beschwor mich, ihn, falls er auch nur einen Zoll breit vom richtigen Wege abwiche, durch eins meiner ausgezeichneten Mittel wieder darauf zurückzurufen. Aber ich muß leider sagen, daß der Schreck, den ich ihm verursacht hatte, doch stärker war als seine Fähigkeit, dessen Wirkungen zu verheimlichen. Den ganzen Abend schweiften seine entsetzenerfüllten Blicke zu meiner Tante hinüber, als ob er sie plötzlich abmagern sähe. Er fühlte das wohl und beherrschte sich; aber seinen Kopf unbeweglich halten und die Augen wie die eines Automaten rollen zu lassen, machte die Sache nicht besser. Ich bemerkte, wie er während des Abendessens das Brot betrachtete, das zufällig recht klein ausgefallen war, als ob es unser letztes Rettungsmittel vor dem Verhungern wäre, und als die Tante ihn zum Essen nötigte, ertappte ich ihn, wie er heimlich Stücke von seinem Brot und Käse in die Taschen steckte: wahrscheinlich, um uns mit dem Aufgehobenen wieder lebendig zu machen, sobald wir dem Hungertode nahe wären. Dagegen war meine Tante sehr gefaßt und darin uns allen ein Muster – mir wenigstens. Sie war sehr gnädig gegen Peggotty, außer wenn ich sie unversehens bei diesem Namen rief, und schien ganz zu Hause zu sein, obgleich ich recht wohl wußte, daß sie sich in London nicht recht heimisch fühlte. Sie sollte in meinem Bett schlafen, und ich wollte mich in das Wohnzimmer legen, um sie zu bewachen. Sie legte großes Gewicht darauf, daß sie dem Flusse nahe war im Fall eines Feuers; und ich glaube wirklich, sie fühlte sich dadurch einigermaßen beruhigt. »Nein, lieber Trot,« sagte meine Tante, als ich Vorbereitungen machte, um ihren gewöhnlichen Schlaftrunk zu mischen, »nein.« »Nichts, Tante?« »Keinen Wein, lieber Junge, Ale.« »Aber ich habe Wein hier, Tante. Und du hast es dir immer aus Wein machen lassen.« »Hebe den für Krankheitsfälle auf,« erwiderte meine Tante – »wir dürfen nicht verschwenderisch damit umgehen, Trot. Für mich ist Ale gut. Ein Viertel.« Ich dachte, Mr. Dick wollte zur Erde sinken. Aber meine Tante blieb auf ihrem Willen bestehen, und ich holte das Ale selbst. Da es schon spät wurde, benutzten Peggotty und Mr. Dick diese Gelegenheit, um zusammen nach Hause zu gehen. Ich schied an der Ecke der nächsten Straße von dem Armen, der seinen großen Drachen auf dem Rücken trug, ein wahres Denkmal menschlicher Trübsal. Als ich zurückkehrte, ging meine Tante im Zimmer auf und ab und zupfte die Spitzen ihrer Nachtmütze mit den Fingern zurecht. Ich wärmte das Ale und bereitete den Toast nach den gewöhnlichen unumstößlichen Grundsätzen. Als der Schlaftrunk für sie fertig war, war sie fertig für ihn, hatte die Nachtmütze aufgesetzt und das untere Teil ihres Überkleides zurück auf die Knie gelegt. »Lieber Trot,« sagte meine Tante, nachdem sie einen Löffel voll genossen hatte, »das ist viel besser als Wein. Es ist lange nicht so schwer verdaulich.« Ich muß ein zweifelndes Gesicht gemacht haben, denn sie fügte hinzu: »Sei nur ruhig, Kind. Wenn uns nichts Schlimmeres passiert als Ale, so befinden wir uns gewiß wohl.« »Das möchte ich auch denken, Tante«, antwortete ich. »Nun, warum denkst du da nicht so?« sagte meine Tante. »Weil wir ganz verschieden voneinander sind«, erwiderte ich. »Dummes Zeug und Unsinn, Trot!« entgegnete meine Tante. Meine Tante empfand stilles Vergnügen und verstellte sich dabei sehr wenig, wenn überhaupt; sie trank das warme Ale mit einem Teelöffel und tunkte die Schnitte Toast hinein. »Trot,« sagte sie, »im ganzen mache ich mir aus fremden Gesichtern nichts, aber ich möchte deine Barkis fast leiden können!« »Das zu hören ist mir lieber als hundert Pfund!« sagte ich. »Es ist doch eine seltsame Welt,« bemerkte meine Tante und rieb sich die Nase; »wie dieses Weib jemals mit diesem Namen in die Welt gekommen ist, ist mir unerklärlich. Es wäre doch viel leichter, als eine Jackson oder etwas ähnliches geboren zu werden, sollte man meinen.« »Vielleicht meint sie das auch; es ist nicht ihr Fehler«, sagte ich. »Freilich wohl,« entgegnete meine Tante, »aber es ist doch schlimm. Wenigstens heißt sie jetzt Barkis. Das ist ein kleiner Trost. Barkis hat dich recht sehr lieb, Trot.« »Sie würde alles tun, um es zu beweisen«, sagte ich. »Alles, glaube ich«, entgegnete meine Tante. »Da hat das arme Närrchen mich gebeten und angefleht, etwas von ihrem Gelde anzunehmen – weil sie zuviel hat! Die Närrin!« Dabei rannen meiner Tante die Freudentränen in das warme Ale. »Sie ist das lächerlichste Wesen, das jemals geboren wurde«, sagte meine Tante. »Vom ersten Augenblick an, wo ich sie bei meinem armen guten Kinde, deiner Mutter, sah, wußte ich, daß sie die allerlächerlichste Person auf der Welt war. Aber die Barkis hat ihre guten Seiten!« Sie stellte sich, als ob sie lachte, und benutzte die Gelegenheit, um mit der Hand nach den Augen zu fahren. Alsdann begann sie wieder mit ihrem Toast und ihrer Rede zugleich. »Ach du meine Güte!« seufzte meine Tante. »Ich weiß alles, Trot! Während du mit Dick fort warst, habe ich mit Barkis ein langes Gespräch gehabt. Ich weiß alles. Ich weiß nicht, wo diese unglücklichen Mädchen eigentlich hinaus wollen. Es wundert mich nur, daß sie sich nicht den Kopf einrennen an – an Kaminsimsen«, sagte meine Tante – ein Gedanke, der ihr wahrscheinlich einfiel, weil sie den bei mir betrachtete. »Arme Emilie!« sagte ich. »O sprich mir nicht von arm«, entgegnete meine Tante. »Sie hätte daran denken sollen, ehe sie so viel Unheil anrichtete! Gib mir einen Kuß, Trot. Ich bedaure dich, daß du so frühzeitig so traurige Erfahrungen machen mußtest.« Als ich mich zu ihr hinbeugte, setzte sie ihr Glas auf mein Knie, um mich bei sich zu behalten, und sagte: »O Trot, Trot! Du bildest dir also ein, du wärst verliebt! Also wirklich!« »Einbilden, Tante!« rief ich aus mit feuerrotem Gesichte. »Ich bete sie mit ganzer Seele an!« »Dora, hm, hm!« entgegnete meine Tante. »Und du willst behaupten, das kleine Ding sei ganz reizend.« »Liebe Tante,« entgegnete ich, »niemand kann sich den geringsten Begriff von dem machen, was sie wirklich ist.« »Ach! Und kein Gänschen?« fragte meine Tante. »Gänschen, Tante!« Ich glaube ernstlich, es war mir nie eingefallen, mich zu fragen, ob sie das sei oder nicht. Der Gedanke verletzte mich natürlich; aber dennoch machte er durch seine Neuheit einigen Eindruck auf mich. »Nicht oberflächlich?« sagte meine Tante. »Oberflächlich, Tante!« Ich konnte diese kühne Behauptung nur mit demselben Gefühl wiederholen, mit dem ich die vorhergegangene Frage wiederholt hatte. »Gut, gut«, sagte meine Tante. »Ich frage ja nur. Ich will sie nicht herabsetzen. Ihr armen Leutchen! Und ihr glaubt also, ihr wäret füreinander geschaffen, und wollt ein Leben miteinander führen, wie zwei hübsche kleine Zuckerpüppchen, nicht wahr, Trot?« Sie war bei dieser Äußerung so freundlich und fragte mit einer so sanften, halb scherzenden, halb bekümmerten Miene, daß ich mich ordentlich gerührt fühlte. »Ich weiß wohl, liebe Tante, wir sind jung und unerfahren,« gab ich ihr zur Antwort, »und ich glaube wohl, wir sagen und denken vieles, was kindisch genug ist. Aber wir lieben uns wahrhaft, das weiß ich auch. Wenn ich denken könnte, daß Dora je einen andern lieben oder aufhören könnte mich zu lieben; oder daß ich eine andere liebte oder sie zu lieben aufhörte, so weiß ich nicht, was ich tun würde – ich glaube, ich würde wahnsinnig.« »Ach Trot!« sagte meine Tante und schüttelte mit schwermütigem Lächeln den Kopf; »blind, blind, blind!« »Jemand, den ich kenne, Trot,« fuhr meine Tante nach einer Pause fort, »besitzt bei einem fügsamen Charakter eine Tiefe des Gemüts, die mich an das arme Kind erinnert. Nach Gemütstiefe muß sich dieser jemand umsehen, damit sie ihn aufrechterhalte und bessere. Wirkliche, echte Gemütstiefe.« »Wenn du nur Doras Gemüt kenntest, Tante«, sagte ich. »O Trot!« wiederholte sie; »blind, blind!« und ohne zu wissen, warum, fühlte ich ein dunkles Gefühl des Mangels an etwas, das mich wie eine Wolke überschattete. »Doch, ich will nicht etwa zwei junge Geschöpfe auseinanderbringen oder unglücklich machen,« sagte meine Tante; »und obgleich es eine Knaben- und Mädchenliebe ist, und aus Knaben- oder Mädchenliebschaften sehr oft – ich sage nicht, immer – nichts wird, so wollen wir doch ernsthaft davon sprechen und hoffen, daß sie seinerzeit einen glücklichen Ausgang nehmen wird. Wir haben Zeit genug vor uns zum Warten!« Das war für einen leidenschaftlich Liebenden nicht allzu tröstlich; aber es freute mich, daß ich meine Tante ins Vertrauen gezogen hatte, und ich bedachte, daß sie müde war. So bedankte ich mich denn bei ihr innig für diesen Beweis ihrer Liebe und für alles andere Gute, was sie an mir getan, und nach einem zärtlichen ›Gute Nacht!‹ nahm sie ihre Nachthaube und ging in mein Schlafzimmer. Wie unglücklich ich mich fühlte, als ich mich hinlegte! Wie ich immer und immer wieder daran dachte, daß mich Mr. Spenlow als armen Menschen betrachten würde: daß ich nicht mehr derselbe war wie damals, wo ich mich mit Dora verlobte: daß ich als Ehrenmann verpflichtet war, Dora zu sagen, wie es sich mit mir verändert hatte, und ihr Wort ihr zurückzugeben. Dazu kamen noch Gedanken, wie ich während meiner Lehrzeit, wo ich nichts verdiente, leben sollte: wie ich etwas für meine Tante tun mußte, und doch nichts entdecken konnte: wie ich zuletzt soweit herunterkommen würde, daß ich kein Geld mehr in der Tasche hätte und einen schäbigen Rock tragen müßte, und Dora keine kleinen Geschenke mehr bringen und auf keinem wackern Grauschimmel mehr reiten konnte! Obwohl ich wußte, daß es schmutzig und selbstsüchtig war, mich so ganz nur mit meiner Person und meinem Kummer zu beschäftigen, und der Gedanke mich quälte, daß ich das recht gut wußte, so konnte ich es doch nicht ändern – ich liebte Dora zu sehr. Ich wußte, daß es niedrig von mir war, mehr an mich als an meine Tante zu denken, aber Dora machte mich insofern unvermeidlich selbstsüchtig, als ich Dora ganz unmöglich gegen irgend ein anderes irdisches Wesen zurückstellen konnte. O wie elend fühlte ich mich doch in dieser Nacht! Im Schlafe träumte ich von Armut in allen möglichen Gestalten; aber es war fast, als ob ich träumte, ohne vorerst in Schlaf zu versinken. Jetzt befand ich mich in Lumpen und wollte an Dora Streichhölzchen verkaufen, sechs Päckchen für einen halben Penny. Dann befand ich mich auf dem Amte im Nachtkleid und in hohen Stiefeln, und Mr. Spenlow machte mir Vorstellungen darüber, daß ich vor den Klienten in so luftigem Gewande erschien; jetzt hob ich gierig die Krümchen auf, die von des alten Tiffey täglichem Zwieback zur Erde fielen, den er regelmäßig aß, wenn es von St. Paul eins schlug, dann machte ich hoffnungslose Versuche, einen Heiratskonsens mit Dora zu erhalten, und hatte als Gegenleistung nichts als einen von Uriah Heeps Handschuhen anzubieten, der von den ganzen Commons mit Hohn zurückgewiesen wurde: und mir selbst halb und halb bewußt, in meinem eignen Zimmer zu sein, wälzte ich mich umher, wie ein Schiff in Not, auf einem Meer von Bettlaken. Auch meine Tante war unruhig, denn ich hörte sie mehrere Male im Zimmer auf und ab gehen. Zwei- oder dreimal kam sie, in einen langen Flanellrock gekleidet, in dem sie sieben Fuß hoch aussah, wie eine Spukgestalt in mein Zimmer und trat an mein Sofa. Das erstemal sprang ich erschrocken auf und erfuhr von ihr, daß sie aus einem eigentümlichen hellen Scheine am Himmel schloß, die Westminsterabtei stehe in Flammen, und wissen wollte, ob bei verändertem Winde das Feuer wohl die Buckinghamstraße ergreifen könnte. Die beiden andern Male blieb ich still liegen, aber da setzte sie sich auf einen Stuhl in meiner Nähe und sagte leise vor sich hin: »Das arme Kind!« und dann fühlte ich mich zwanzigmal unglücklicher durch das Bewußtsein, wie uneigennützig sie und wie eigensüchtig ich an mich dachte. Es war mir schwer zu glauben, daß eine Nacht, die für mich so lang war, für irgend jemand kurz sein könne, und diese Betrachtung veranlaßte mich wieder und wieder, mir eine Gesellschaft vorzustellen, in der die Menschen die Stunden mit Tanzen verbrachten, bis auch daraus ein Traum wurde, und ich die Musik unaufhörlich dieselbe Melodie spielen hörte und Dora ununterbrochen denselben Tanz tanzen sah, ohne daß sie von mir die geringste Notiz nahm. Der Mann, der die ganze Nacht die Harfe gespielt hatte, versuchte vergeblich, sie mit einer Nachtmütze von gewöhnlicher Größe zu bedecken; dann erwachte ich, oder eigentlich, ich gab den Versuch einzuschlafen auf und sah die Sonne endlich durch mein Fenster in das Zimmer scheinen. Zu jenen Zeiten war noch am Ende in einer der Nebenstraßen, die in den Strand ausmünden, ein kaltes Bad (und vielleicht besteht es noch), wohinein ich manchen kühlen Sprung getan habe. Ich zog mich so still wie möglich an, überließ Peggotty die Sorge für meine Tante, machte einen Kopfsprung in das Bad, um alsdann einen Spaziergang nach Hampstead zu machen. Ich hoffte, daß mir diese frische Kur den Kopf etwas aufhellen würde; und ich glaube auch, daß dies die Folge war, denn ich kam bald zu dem Entschluß, daß mein erster Schritt ein Versuch sein müßte, zu sehen, ob mein Lehrkontrakt aufgehoben und das Lehrgeld wieder zurückgezahlt werden könnte. Ich ließ mir in einer Wirtschaft auf der Heide Frühstück geben und ging auf den taubenetzten Wegen und umgeben von einem angenehmen Duft von Sommerblumen, die in den Gärten wuchsen oder in die Stadt getragen wurden, nach dem Bureau zurück, um hier den ersten Versuch zu machen, uns nach unsern veränderten Umständen einzurichten. Ich kam so früh, daß ich noch eine halbe Stunde vor dem Bureau auf und ab gehen konnte, ehe der alte Tifey, der immer der erste war, mit dem Schlüssel kam. Dann setzte ich mich in meinen schattigen Winkel, betrachtete das Sonnenlicht an den Essen gegenüber und dachte an Dora, bis Mr. Spenlow frisch und schmuck wie immer hereintrat. »Wie geht's, Copperfield?« fragte er. »Ein schöner Morgen!« »Ein schöner Morgen, Sir«, entgegnete ich. »Könnte ich ein paar Worte mit Ihnen sprechen, ehe Sie zu Gericht gehen?« »Warum nicht?« sagte er. »Kommen Sie in mein Zimmer.« Ich folgte ihm in sein Zimmer, wo er seinen Talar anzog und sich vor einem kleinen Spiegel auf der innern Seite einer Schranktür zurechtstutzte. »Es tut mir sehr leid, Ihnen mitteilen zu müssen,« sagte ich, »daß ich einigermaßen unangenehme Nachrichten von meiner Tante erhalten habe.« »O!« sagte er. »Doch kein Schlaganfall, hoffe ich?« »Sie haben auf ihre Gesundheit keinen Bezug, Sir«, erwiderte ich. »Sie hat große Verluste erlitten. Die Wahrheit ist, daß ihr sehr wenig übrig bleibt.« »Sie setzen mich in Erstaunen, Copperfield«, rief Mr. Spenlow. Ich schüttelte traurig den Kopf. »Ihre Verhältnisse«, sagte ich, »sind so gänzlich verändert, daß ich Sie fragen möchte, ob es möglich wäre, – natürlich mit Aufopferung eines Teiles des Lehrgeldes« – das setzte ich aus freien Stücken hinzu, veranlaßt durch den Anblick seines langen Gesichts – »meinen Lehrkontrakt rückgängig zu machen.« Niemand kann sich denken, was mich dieser Vorschlag kostete. Es war so gut wie eine Bitte, aus Gnade zur Verbannung von Dora verurteilt zu werden. »Ihren Lehrkontrakt rückgängig zu machen, Copperfield? Rückgängig machen?« wiederholte er. Ich setzte ihm mit ziemlicher Festigkeit auseinander, daß ich in der Tat nicht wüßte, wo ich meine Subsistenzmittel hernehmen sollte, wenn ich sie nicht selbst verdiente. Ich hegte keine Besorgnis wegen der Zukunft, sagte ich – und ich legte darauf großen Nachdruck, als ob ich andeuten wollte, daß ich seinerzeit immer noch zu einem Schwiegersohn passen würde – aber für jetzt sei ich auf meine eigenen Mittel angewiesen. »Es tut mir außerordentlich leid, das zu hören, Copperfield«, sagte Mr. Spenlow. »Es tut mir außerordentlich leid. Es ist nicht Sitte, aus einem solchen Grunde Lehrkontrakte rückgängig zu machen. Es ist kein Geschäftsbrauch. Es würde auch ein unerwünschter Präzedenzfall sein. Durchaus! Aber doch –« »Sie sind sehr gütig, Sir«, murmelte ich, in Voraussicht eines Zugeständnisses. »O ich bitte Sie«, sagte Mr. Spenlow. »Aber doch, wollte ich sagen, wenn es mir vergönnt wäre, freie Hände zu haben – wenn ich nicht einen Associé hätte – Mr. Jorkins –« Meine Hoffnungen waren in einem Augenblick vernichtet, aber ich machte dennoch einen Versuch. »Meinen Sie wohl, Sir,« sagte ich, »wenn ich mit Mr. Jorkins spräche –« Mr. Spenlow schüttelte entmutigend den Kopf. »Gott verhüte, Copperfield,« antwortete er, »daß ich jemand unrecht tun sollte, am allerwenigsten Mr. Jorkins. Aber ich kenne meinen Associé, Copperfield. Mr. Jorkins ist nicht der Mann, der auf einen Vorschlag dieser eigentümlichen Art eingehen würde. Mr. Jorkins ist sehr schwer von dem gewohnten Wege abzubringen. Sie wissen ja, wie er ist.« Ich wußte gar nichts von ihm, außer daß er ursprünglich allein im Geschäft gewesen war und jetzt in einem sehr alt aussehenden Hause nicht weit von Montague-Square wohnte; daß er sehr spät ins Geschäft kam und sehr frühzeitig wegging; daß ihn niemals jemand zu Rate zu ziehen schien, und daß er eine Treppe höher eine kleine finstere Stube für sich hatte, wo nie Geschäfte verrichtet wurden, und wo auf dem Pulte eine alte Papiermappe lag, unbefleckt von Tinte und einem Gerüchte nach zwanzig Jahre alt. »Würden Sie etwas dagegen haben, wenn ich mit ihm davon spräche, Sir?« fragte ich. »Durchaus nicht«, sagte Mr. Spenlow. »Aber ich kenne Mr. Jorkins einigermaßen, Copperfield. Ich wollte, es wäre anders, denn ich würde mich glücklich schätzen, Ihren Wünschen entsprechen zu können. Ich habe nicht das mindeste dagegen, daß Sie mit Mr. Jorkins darüber sprechen, Copperfield, wenn Sie es der Mühe für wert halten.« Entschlossen, diese Erlaubnis zu benutzen, die er mir mit einem warmen Händedruck gab, setzte ich mich wieder hin und dachte an Dora und sah dem Sonnenschein zu, wie er von den Essen herab auf die Mauer des gegenüberliegenden Hauses glitt, bis Mr. Jorkins kam. Dann verfügte ich mich in sein Zimmer und überraschte offenbar Mr. Jorkins durch mein Erscheinen. »Nur herein, Mr. Copperfield«, sagte Mr. Jorkins. »Nur herein.« Ich trat ein und setzte mich und brachte mein Anliegen Mr. Jorkins ziemlich in denselben Worten wie Mr. Spenlow vor. Mr. Jorkins war gar nicht der schreckliche Mensch, den man hätte erwarten sollen, sondern ein großer, starker Mann von sechzig Jahren mit einem sanften Gesicht, der so viel Schnupftabak nahm, daß in den Commons eine Sage ging, er lebe hauptsächlich von diesem Reizmittel, da er für einen andern Nahrungsstoff in seinem Körper wenig Platz habe. »Sie haben darüber wahrscheinlich schon mit Mr. Spenlow gesprochen«, fragte Mr. Jorkins, als er mich sehr unruhig zu Ende gehört hatte. Ich gab eine bejahende Antwort und sagte ihm, daß Mr. Spenlow seinen Namen genannt hätte. »Er sagte, ich würde Einwendungen erheben?« fragte Mr. Jorkins. Ich mußte zugeben, daß Mr. Spenlow dies für wahrscheinlich gehalten hatte. »Es tut mir leid, Ihnen sagen zu müssen, Mr. Copperfield, daß ich Ihren Wunsch nicht erfüllen kann«, sagte Mr. Jorkins verlegen. »Ich muß Ihnen nur sagen – aber ich habe eine Bestellung auf der Bank, und Sie werden gewiß die Güte haben, mich zu entschuldigen.« Damit stand er in großer Eile auf und wollte das Zimmer verlassen, als ich noch einmal äußerte, daß sich also leider wohl die Sache nicht arrangieren lasse. »Nein«, sagte Mr. Jorkins und blieb in der Tür stehen, um den Kopf zu schütteln. »Nein! Ich erhebe Einwand dagegen«, sagte er rasch und ging hinaus. »Sie müssen bedenken, Mr. Copperfield,« setzte er wieder hinzu und sah wieder zur Tür herein, »wenn Mr. Spenlow Einwendungen erhebt –« »Persönlich machte er keine Einwendungen«, sagte ich. »O! persönlich!« wiederholte Mr. Jorkins ungeduldig. »Ich versichere Ihnen, es sind Einwendungen da, Mr. Copperfield. Die Sache ist hoffnungslos. Was Sie wünschen, kann nicht geschehen. Ich – ich habe wirklich eine Bestellung auf der Bank.« Damit riß er geradezu aus und zeigte sich, soviel ich weiß, vor drei Tagen nicht wieder in den Commons. Da ich nichts unversucht lassen wollte, wartete ich, bis Mr. Spenlow wieder zurückkehrte, und erzählte ihm, was geschehen war, wobei ich ihm zu verstehen gab, daß ich nicht ohne einige Hoffnung sei, er werde das steinerne Herz Jorkins' erweichen können, wenn er es nur auf sich nehmen wollte. »Copperfield,« erwiderte Mr. Spenlow mit einem schlauen Lächeln, »Sie kennen meinen Associé Jorkins noch nicht so lange wie ich. Nichts kommt mir weniger in den Sinn, als Mr. Jorkins irgendwelche Unaufrichtigkeit zuzutrauen. Aber Mr. Jorkins hat eine eigentümliche Art, seine Einwendungen auszusprechen, durch die sich oft die Leute täuschen. Nein, Copperfield!« sagte er und schüttelte den Kopf. »Mr. Jorkins läßt sich nicht bewegen, darauf können Sie sich verlassen.« Ich wußte wahrhaftig nicht, wen ich von beiden, Mr. Spenlow oder Mr. Jorkins, für den Einwände erhebenden Associé halten sollte; aber ich sah klar genug, daß irgendwo in der Firma ein unbeugsamer Wille sitze und daß das Wiedererlangen der tausend Pfund meiner Tante außer Frage sei. In tiefer Niedergeschlagenheit, an die ich durchaus nicht mit Befriedigung denke, denn sie bezog sich noch gar zu sehr auf mich (wenn auch in Verbindung mit Dora), verließ ich das Bureau und ging heimwärts. Ich versuchte mich im Gedanken an das Schlimmste zu gewöhnen und mir die Einrichtungen, die wir in Zukunft zu machen hätten, in den schwärzesten Farben auszumalen, als ein hinter mir herfahrender Mietwagen dicht bei mir hielt und mich veranlaßte, aufzublicken. Eine zierliche Hand wurde mir durch das Fenster gereicht, und das Gesicht, das ich nie ohne eine Empfindung von Beruhigung und Glück gesehen, lächelte mich an. »Agnes!« rief ich freudig aus. »Liebe Agnes, welch Vergnügen macht es mir, von allen Leuten in der Welt gerade dich zu sehen!« »Wirklich?« fragte sie mit ihrer herzlichen Stimme. »Ich möchte so gern mit dir sprechen!« sagte ich. »Es wird mir das Herz so leicht, wenn ich dich nur ansehe! Wenn ich ein Wünschelrütchen gehabt hätte, gewiß hätte ich mir niemand anders herbeigewünscht als dich.« »Wie?« entgegnete Agnes. »Nun vielleicht zuerst Dora«, gab ich errötend zu. »Gewiß, das hoffe ich, zuerst Dora«, sagte Agnes lachend. »Aber dich zunächst«, sagte ich. »Wo willst du hin?« Sie wollte in meine Wohnung, um meine Tante zu besuchen. Da das Wetter sehr schön war, verließ sie gern den Wagen, der – ich hatte die ganze Zeit den Kopf drinnen – wie ein Stall unter einem Gurkenbeet roch. Ich schickte den Kutscher fort, sie nahm meinen Arm, und wir gingen zusammen weiter. Sie kam mir vor wie die verkörperte Hoffnung. Wie ganz anders fühlte ich nach einer kurzen Minute, da jetzt Agnes neben mir ging! Meine Tante hatte ihr in ihrer wunderlichen Art nur eins der kurzen Billette geschrieben – nicht viel länger als eine Banknote – auf die sich ihre Korrespondenzen gewöhnlich beschränkten. Sie hatte darin gesagt, daß sie ein Mißgeschick befallen habe und daß sie Dover verlasse, sich aber darein ergeben habe und sich wohl genug befinde, daß sich ihre Freunde keine Sorge um sie zu machen brauchten. Agnes war nach London gekommen, um meine Tante zu besuchen, mit der sie schon seit mehreren Jahren sehr gut stand – meine Tante hatte sie bereits damals lieb gewonnen, als ich zuerst zu Mr. Wickfield zog. Sie sei nicht allein gekommen, sagte sie. Ihr Vater hatte sie begleitet – und Uriah Heep. »Und jetzt sind sie Associés«, sagte ich. »Der verwünschte Kerl!« »Ja«, sagte Agnes. »Sie haben Geschäfte hier zu verrichten, und ich benutzte die Gelegenheit, um ebenfalls zu kommen. Du mußt nicht glauben, daß mein Besuch ganz uneigennützig ist, Trotwood, denn ich muß es dir nur gestehen, ich lasse den Vater nicht gern mit ihm allein reisen.« »Hat er immer noch denselben Einfluß auf Mr. Wickfield, Agnes?« Agnes schüttelte den Kopf. »Zu Hause hat sich alles so verändert,« sagte sie, »daß du kaum das alte liebe Haus wieder erkennen würdest. Sie wohnen jetzt bei uns.« »Sie?« fragte ich. »Mr. Heep und seine Mutter. Dein ehemaliges Zimmer ist sein Schlafgemach«, sagte Agnes und sah mich an. »Ich wollte, ich könnte seine Träume bestellen«, sagte ich. »Er würde dort nicht lange mehr schlafen.« »Ich habe noch mein kleines Zimmerchen,« fuhr Agnes fort, »wo ich früher meine Lektionen lernte. Wie die Zeit vergeht! Erinnerst du dich noch, das kleine getäfelte Zimmerchen neben dem Salon?« »Ob ich mich dessen noch erinnere, Agnes? Wo ich dich zum ersten Male sah, wie du mit dem hübschen kleinen Schlüsselkörbchen an der Seite zur Tür heraustratest.« »Es ist wahr«, sagte Agnes lächelnd. »Es freut mich, daß du noch daran denkst. Wir waren damals sehr glücklich.« »Ja, das waren wir«, sagte ich. »Es ist immer noch mein Zimmer, aber ich kann Mrs. Heep nicht immer allein lassen, und daher muß ich ihr manchmal Gesellschaft leisten,« sagte Agnes ruhig, »wenn ich lieber allein sein möchte. Aber sonst habe ich keine Ursache, mich über sie zu beklagen. Wenn sie mich manchmal durch ihre ewigen Lobsprüche auf ihren Sohn langweilt, so ist das nur natürlich bei einer Mutter. Er handelt als guter Sohn an ihr.« Ich sah Agnes an, als sie dies sprach, und merkte ihr nicht im geringsten an, daß sie etwas von Uriahs Plänen erriet. Ihre sanften, aber ernsten Augen sahen mich mit ihrer gewöhnlichen schönen Offenheit an, und auf ihrem Antlitz war keine Veränderung zu bemerken. »Die unangenehmste Seite ihrer Anwesenheit ist,« sagte Agnes, »daß ich nicht mehr so beständig in des Vaters Nähe sein und ihn bewachen kann, wenn ich mich damit nicht zu kühn ausdrücke. Beständig ist Uriah Heep im Wege. Aber wenn sie einen verräterischen Plan gegen ihn spinnen, so hoffe ich doch, daß einfache Liebe und Wahrheit am Ende stärker sein werden, ja, ich hoffe es, stärker als jedes Übel und Unglück auf der ganzen Welt.« Das gewisse heitere Lächeln, das ich nie auf einem andern Gesicht erblickt habe, verschwand, während ich noch dachte, wie schön es sei und wie oft ich es gesehen, und sie fragte mich mit rasch verändertem Ausdruck – wir kamen in die Nähe meiner Wohnung – ob ich wüßte, wie es mit dem Vermögensverlust meiner Tante zugegangen sei? Auf meine verneinende Antwort wurde Agnes nachdenklich, und es kam mir vor, als ob ihr Arm auf meinem zitterte. Meine Tante war allein und in einiger Aufregung. Eine Meinungsverschiedenheit hatte sich zwischen ihr und Mrs. Crupp über die abstrakte Frage erhoben, ob eine Junggesellenwohnung auch von Personen weiblichen Geschlechtes bewohnt werden dürfe, und meine Tante, gegen die Magenkrämpfe der Mrs. Crupp gänzlich unempfindlich, hatte den Streit dadurch kurz abgeschnitten, daß sie dieser Dame rund heraussagte, sie rieche nach Branntwein und sie möge so gut sein, lieber hinauszugehen. Beide Äußerungen betrachtete Mrs. Crupp als strafbare Injurien, und sie hatte den festen Vorsatz ausgesprochen, sie vor die »britische Judith« zu bringen – womit sie wahrscheinlich das Bollwerk unserer nationalen Freiheiten meinte. Meine Tante hatte jedoch Zeit gehabt, sich zu beruhigen, denn Peggotty war mit Mr. Dick ausgegangen, um ihm die Wache von dem Generalkommando zu zeigen, und freute sich sehr, Agnes zu sehen. Sie bildete sich auch auf ihren Streit mit Mrs. Crupp fast etwas ein, und so empfing sie uns in bester Laune. Als Agnes ihren Hut ablegte und sich neben sie setzte, konnte ich nicht umhin, zu denken, wie hier so recht ihr natürlicher Platz war, wie trotz ihrer Jugend und Unerfahrenheit meine Tante ihr so fest vertraute, und wie stark sie war in ihrer echten Liebe und Wahrhaftigkeit. Wir sprachen von den Verlusten meiner Tante, und ich erzählte ihnen, was ich heute morgen versucht hatte. »Das war unüberlegt, Trot,« sagte meine Tante, »aber gut gemeint. Du bist ein guter Junge – junger Mann muß ich jetzt wohl sagen – und ich bin stolz auf dich! So weit wäre es gut. Aber jetzt, Trot und Agnes, wollen wir dem Fall ›Betsey Trotwood‹ ins Angesicht sehen und untersuchen, wie es damit steht.« Ich bemerkte, daß Agnes blaß wurde, als sie meine Tante aufmerksam ansah, und die Tante streichelte die Katze und blickte Agnes aufmerksam an. »Betsey Trotwood,« sagte meine Tante, »die immer ihre Geldangelegenheiten für sich betrieben hat, – ich meine nicht deine Schwester, lieber Trot, sondern mich selbst – hatte einiges Vermögen. Es kommt nicht darauf an, wieviel; es war genug, um zu leben. Mehr noch, denn sie hatte etwas gespart und dazu gelegt. Betsey legte ihr Vermögen für einige Zeit in Fonds und dann auf den Rat ihres Sachwalters auf Hypotheken an. Das machte sich sehr gut und gab recht anständige Zinsen, bis Betsey das Kapital ausbezahlt wurde. Jetzt hatte sich Betsey (ich rede von ihr, wie von einer ganz Fremden) nach einer neuen Gelegenheit umzusehen, ihr Geld unterzubringen. Sie glaubte, sie sei klüger als ihr Sachwalter, der jetzt kein so guter Geschäftsmann mehr war wie früher – ich meine deinen Vater, Agnes – und sie setzte es sich in den Kopf, das Geld selbst anzulegen. So trieb sie ihre Lämmer auf einen auswärtigen Markt, und das war ein sehr schlechter Markt. Zuerst verlor sie bei dem Bergbau, und dann verlor sie bei einer Tauchergesellschaft, die nach Schätzen aus dem Meere fischte, oder was es sonst für Unsinn war,« setzte meine Tante hinzu und rieb sich die Nase, »und dann verlor sie wieder beim Bergbau und zuletzt, um es ganz fertig zu machen, verlor sie bei der Bank. Ich weiß nicht, wieviel die Bankaktien eine kurze Zeit lang wert waren; eine kurze Zeit standen sie mindestens hundert Prozent über pari, aber die Bank stand am andern Ende der Welt und muß wohl da über den Rand gefallen sein, jedenfalls verkrachte sie und wird und kann niemals sechs Dreier bezahlen, und Betseys sechs Dreier waren alle dort, und damit ist die Geschichte aus. Je weniger Worte darüber verloren werden, desto besser!« Meine Tante schloß diesen philosophischen knappgehaltenen Bericht mit einer Art triumphierenden Blickes auf Agnes, deren Farbe allmählich wieder zurückkehrte. »Ist das die ganze Geschichte, liebe Miß Trotwood?« fragte Agnes. »Ich denke, es ist genug, Kind«, sagte meine Tante. »Wenn noch mehr Geld zuzusetzen gewesen wäre, würde sie gewiß noch nicht alle sein. Es wäre Betsey schon gelungen, auch noch den Rest dem übrigen nachzuwerfen und ein zweites Kapitel zu füllen. Aber das Geld war alle, und die Geschichte ist auch alle.« Agnes hatte zuerst mit angehaltenem Atem zugehört. Sie wurde noch immer abwechselnd blaß und rot, aber sie atmete freier auf. Ich glaube, ich wußte, warum. Ich glaube, sie fürchtete, ihr armer Vater wäre in irgendeiner Weise an dem geschehenen Unglück schuld. Meine Tante ergriff ihre Hand und lachte. »Ist das alles?« wiederholte meine Tante. »Nun ja, das ist alles, außer etwa noch: ›und sie lebte von da an glücklich lange Zeit.‹ Vielleicht kann ich dir das seinerzeit auch von Betsey sagen. Du, Agnes, bist ein gescheites Kind, und auch du, Trot, in manchen Sachen, obgleich man es nicht immer von dir sagen kann«; bei diesen Worten schüttelte meine Tante mit einer ihr eigentümlichen Energie den Kopf. »Was ist zu tun? Zuerst haben wir das Häuschen, das, eins ins andere gerechnet, etwa siebzig Pfund einbringt. Ich glaube, so können wir es taxieren. Nun, das ist alles, was ich habe«, sagte meine Tante, die auch die Eigenheit hatte, daß sie, wie manche Pferde, plötzlich Halt machte, wenn sie im besten Zuge zu sein schien. »Dann«, sagte meine Tante nach einer Pause, »haben wir Dick. Er zahlt hundert Pfund jährlich, aber natürlich muß das Geld für ihn selber ausgegeben werden. Ich würde ihn lieber fortschicken, obgleich ich weiß, daß ich der einzige Mensch auf der Welt bin, der ihn gehörig würdigt, als daß ich ihn behielte und nicht sein Geld für ihn verwendete. Wie können Trot und ich am besten mit unsern Mitteln auskommen? Was meinen Sie, Agnes?« »Ich meine, Tante,« unterbrach ich sie, »daß ich etwas tun muß!« »Unter die Soldaten gehen, meinst du wohl,« entgegnete meine Tante ganz erschrocken, »oder Matrose werden; davon mag ich nichts hören. Du sollst ein Proktor werden. In dieser Familie soll niemand etwas auf den Kopf bekommen, wenn du erlaubst.« Ich wollte auseinandersetzen, daß ich daran gar nicht gedacht hätte, als Agnes fragte, ob meine Zimmer für lange Zeit gemietet seien? »Sie kommen zur Sache, meine Liebe«, sagte meine Tante. »Für die nächsten sechs Monate wenigstens sind sie nicht los zu werden, wir müßten sie denn weiter vermieten können, und das glaube ich nicht. Der letzte Abmieter starb hier. Fünf Menschen von sechsen müßten natürlich an dieser Frau in Nankingkleidern mit flanellenem Unterrock sterben. Ich besitze eine kleine Summe bar, und ich glaube, es ist das beste, die noch übrigen sechs Monate hier zu bleiben und für Dick ein Zimmer zum Schlafen in der Nähe zu suchen.« Ich hielt es für meine Pflicht, die Tante auf die Unannehmlichkeit eines beständigen Guerillakriegs mit Mrs. Crupp aufmerksam zu machen; aber sie beseitigte diesen Einwand summarisch durch die Erklärung, daß sie bei dem ersten Ausbruch von Feindseligkeiten Mrs. Crupp für den ganzen Rest ihres irdischen Lebens in Erstaunen setzen wolle. »Ich habe mir gedacht, Trotwood,« sagte Agnes schüchtern, »daß, wenn du Zeit hättest –« »Ich habe viel Zeit, Agnes. Ich bin stets nach vier oder fünf Uhr frei und habe auch Zeit in den frühen Morgenstunden. Auf die eine und auf die andere Weise habe ich vollauf Zeit übrig«, sagte ich und fühlte, daß ich etwas errötete bei dem Gedanken, wie viele, viele Stunden ich in den Straßen der Stadt und auf der Landstraße nach Norwood vertrödelt hatte. »Ich glaube, dir würden die Obliegenheiten eines Sekretärs nicht schwer fallen«, sagte Agnes, indem sie an mich heran trat und mit leiser, von Vertrauen erfüllter Stimme zu mir sprach. »Schwer fallen, liebe Agnes?« »Weil Doktor Strong«, fuhr sie fort, »jetzt wirklich seine Stelle niedergelegt hat und nach London gezogen ist; er hat meinen Vater nach einem Sekretär gefragt. Meinst du nicht, er würde seinen ehemaligen Lieblingsschüler lieber als jeden andern um sich haben?« »Liebe Agnes!« sagte ich, »was wäre ich ohne dich! Du bist immer mein rettender Engel. Ich sagte es dir immer. Ich kann dich mir in keiner andern Gestalt vorstellen.« Agnes gab mit ihrem angenehmen Lachen zur Antwort, daß ein guter Engel genüge – sie meinte Dora – und erinnerte mich daran, daß der Doktor gewöhnlich die frühen Morgenstunden und die Abende am Arbeitstisch verbringe, und daß ihm meine freie Zeit wahrscheinlich vortrefflich passen würde. Die Aussicht mein Brot selbst zu verdienen, war mir kaum angenehmer als die Hoffnung, es bei meinem alten Lehrer zu verdienen; so setzte ich mich denn hin und schrieb, dem Rate von Agnes sogleich folgend, einen Brief an den Doktor, worin ich meinen Wunsch ausdrückte und ihn am nächsten Morgen um zehn Uhr zu besuchen versprach. Ich adressierte den Brief nach Highgate – denn in dieser für mich denkwürdigen Gegend wohnte er – und trug ihn selbst auf die Post, ohne einen Augenblick zu verlieren. Wo Agnes hinkam, schien eine liebliche Spur ihrer geräuschlosen Gegenwart unzertrennlich von dem Orte zu sein. Als ich zurückkehrte, hatten die Vogelbauer meiner Tante einen Platz gefunden, genau so, wie sie so lange in dem Fenster der Wohnstube des Landhäuschens gehangen hatten, und mein Lehnstuhl, der allerdings nicht so bequem wie der meiner Tante war, stand an der entsprechenden Stelle am offenen Fenster, und selbst der runde grüne Schirm, den meine Tante mitgebracht hatte, war auf das Fensterbrett festgeschraubt. Ich wußte, wer das alles gemacht hatte, weil es ruhig von selbst geschehen zu sein schien, und ich hätte in einem Augenblick erraten, wer meine lang vernachlässigten Bücher in der aus meiner Schulzeit gewohnten Ordnung aufgestellt hatte, selbst wenn ich geglaubt hätte, Agnes sei meilenweit entfernt, anstatt daß ich zusah, wie sie diese ordnete und über die Unordnung lächelte, in die sie gekommen waren. Meine Tante war sehr gnädig hinsichtlich der Themse – die im Sonnenschein wirklich nicht übel aussah, wenn sie sich auch nicht mit dem Meere vor dem Landhäuschen vergleichen ließ – aber sie ließ sich nicht hinsichtlich des Londoner Rauches erweichen, der, wie sie erklärte, »alles schwarz verpfeffere«. Wegen des Pfeffers wurde eine vollständige Revolution, in der Peggotty eine hervorragende Rolle spielte, in jedem Winkel meiner Zimmer bewerkstelligt, und ich sah zu und dachte mir, wie wenig selbst Peggotty mit sehr viel Geräusch zu tun schien, und wieviel Agnes ohne alles Geräusch verrichtete, als man an die Tür klopfte. »Ich glaube, das ist der Vater«, sagte Agnes und wurde blaß. »Er versprach mir, herzukommen.« Ich machte die Tür auf und ließ nicht nur Mr. Wickfield, sondern auch Uriah Heep herein. Ich hatte Mr. Wickfield seit längerer Zeit nicht gesehen. Nach dem, was Agnes sagte, hatte ich mich darauf gefaßt gemacht, ihn sehr verändert zu finden, aber sein Aussehen erschütterte mich. Nicht das war's, daß er viele Jahre älter aussah, obgleich er noch dieselbe skrupulöse Sauberkeit zur Schau trug, oder daß sich eine ungesunde Röte auf seinem Gesicht zeigte, oder daß sein Auge trübe oder rot unterlaufen war, oder daß seine Hand unruhig zitterte – ich wußte warum, und hatte es schon seit einigen Jahren kommen sehen. Nicht daß er sein angenehmes Äußere oder seine vornehme Haltung verloren hatte – denn das war nicht der Fall, nein – was mir am meisten auffiel, war, daß er sich bei allen noch vorhandenen Zeichen seiner angeborenen Überlegenheit dieser kriechenden Verkörperung von Gemeinheit, Uriah Heep, unterordnete. Der Wechsel, welcher sich in der Stellung dieser beiden Naturen vollzogen hatte, daß Uriah die Macht besaß und Mr. Wickfield in Abhängigkeit geraten war, erfüllte mich mit tieferem Schmerz, als ich sagen kann. Wenn ich einen Schimpansen hätte einem Menschen befehlen sehen, würde es mir nicht so entwürdigend vorgekommen sein. Er schien sich dessen nur zu sehr bewußt zu sein. Als er hereintrat, blieb er stehen und ließ den Kopf sinken, als ob er es fühlte. Das war nur einen Augenblick, denn Agnes sagte mit sanfter Stimme zu ihm: »Vater, hier ist Miß Trotwood – und Trotwood, den du so lange nicht gesehen hast!« Und dann trat er näher und gab meiner Tante mit gezwungener Miene die Hand und schüttelte die meinige mit größerer Herzlichkeit. In der kurzen Pause sah ich, wie sich Uriahs Gesicht zu einem abscheulichen Lächeln verzerrte. Ich glaube, auch Agnes sah es, denn sie zog sich scheu vor ihm zurück. Was meine Tante sah oder nicht sah, hätte ohne ihren Willen der scharfsinnigste Physiognom nicht herausgebracht. Ich glaube, es gab niemand, der ein so vollkommen gleichgültiges Gesicht machen konnte, wenn sie wollte. In diesem Falle hätte ihr Gesicht eine kahle Mauer sein können, so wenig Licht warf es auf ihre Gedanken, bis sie mit ihrer gewöhnlichen schroffen Plötzlichkeit das Schweigen brach. »Na, Wickfield«, sagte meine Tante, und er sah sie jetzt zum erstenmal an. »Ich habe Ihrer Tochter erzählt, wie gut ich mein Geld ganz allein angelegt habe, weil ich es Ihnen nicht anvertrauen wollte, da Sie in Geschäftssachen schläfrig wurden. Wir sind zusammen zu Rate gegangen, und ich glaube, wir haben im ganzen unsere Sache gut gemacht. Agnes ist meiner Meinung nach die ganze Firma wert.« »Wenn ich mir die Freiheit nehmen darf, die Bemerkung zu machen,« sagte Uriah Heep und krümmte sich wie ein Wurm, »so erlaube ich mir, mit Miß Betsey Trotwood ganz übereinzustimmen und würde mich glücklich schätzen, Miß Agnes zur Partnerin zu haben.« »Sie sind ja schon Partner,« entgegnete meine Tante kurz, »und das ist gerade genug für Sie, sollte ich meinen. Wie befinden Sie sich sonst, Sir?« Auf diese Frage, die mit ungewöhnlicher Kürze an ihn gerichtet wurde, erwiderte Mr. Heep, indem er unruhig den blauen Aktenbeutel festhielt, daß er sich ziemlich wohl befinde, meiner Tante danke, und er hoffe von ihr das gleiche. »Und Sie, Master – ich sollte sagen, Master Copperfield?« fuhr Uriah fort, »ich hoffe, Sie sind auch wohl! Es freut mich außerordentlich, Sie zu sehen, Mr. Copperfield, selbst unter gegenwärtigen Umständen.« – Ich glaubte das, denn er schien sich sehr daran zu letzen. – »Ihre gegenwärtigen Umstände sind nicht so, wie ihre Freunde wünschen möchten, Mr. Copperfield, aber das Geld macht nicht den Mann. Es ist – meine bescheidenen Kräfte reichen wahrhaftig nicht aus, es auszudrücken,« sagte Uriah mit einer kriechenden Bewegung seines Körpers, »aber Geld ist es nicht!« Dabei schüttelte er mir die Hand, nicht auf die gewöhnliche Weise, sondern indem er in ziemlicher Entfernung von mir stehen blieb und meine Hand wie einen Pumpenschwengel auf und nieder bewegte, als ob er sich davor fürchtete. »Und wie, meinen Sie, sehen wir aus, Master Copperfield – ich wollte sagen, Mister?« – schmeichelte Uriah weiter. »Finden Sie nicht, daß Mr. Wickfield sehr blühend aussieht? In unserm Geschäft machen Jahre nicht viel aus, Master Copperfield, außer daß sie die Niedrigen, nämlich meine Mutter und mich, erheben – und«, setzte er nach einigem Besinnen hinzu, »das Schöne, nämlich Miß Agnes, entwickeln.« Er zuckte und schnellte bei diesem Kompliment auf eine so unausstehliche Weise in die Höhe, daß meine Tante, die ihn starr angesehen, alle Geduld verlor. »Der Kuckuck hole den Menschen«, sagte meine Tante streng. »Was haben Sie denn? Zappeln Sie doch nicht unaufhörlich!« »Ich bitte um Verzeihung, Miß Trotwood,« entgegnete Uriah; »ich weiß wohl, Sie haben schwache Nerven.« »Damit hören Sie auf!« sagte meine Tante, durchaus nicht besänftigt. »Wie können Sie sich so eine Äußerung erlauben! Ich habe durchaus keine schwachen Nerven. Wenn Sie ein Aal sind, Sir, so benehmen Sie sich meinethalben wie ein Aal. Wenn Sie aber ein Mensch sind, so behalten Sie Ihre Glieder in der Gewalt, Sir! – Guter Gott!« sagte meine Tante mit großer Entrüstung, »ich will mich nicht aus meinem Verstande herausschlängeln und korkziehern lassen.« Wie man sich leicht denken kann, war Mr. Heep von diesem Ausfall etwas beschämt, der dadurch nachträglich noch kräftigern Eindruck machte, daß meine Tante sich entrüstet und unzufrieden in ihrem Stuhl bewegte und ihm mit dem Kopfe drohte, als wollte sie über ihn herfallen. Aber er nahm mich beiseite und sagte zu mir schüchtern: »Ich weiß recht wohl, Master Copperfield, daß Miß Trotwood bei aller ihrer Vortrefflichkeit ein reizbares Temperament hat – ja, ich habe schon das Vergnügen ihrer Bekanntschaft vor Ihnen gehabt, Master Copperfield, als ich noch ein bescheidener Schreiber war – und es ist nur natürlich, daß sie unter den gegenwärtigen Umständen noch gereizter erscheint. Es ist nur ein Wunder, daß es nicht noch schlimmer ist! Ich komme nur her, um zu erklären, daß wir sehr erfreut sein würden, wenn wir, meine Mutter oder ich, oder Wickfield und Heep unter den gegenwärtigen Umständen etwas tun könnten. Darf ich mir soviel herausnehmen?« sagte Uriah, und lächelte seinen Associé verlegen an. »Uriah Heep«, sagte Mr. Wickfield in eintöniger, gezwungener Weise, »ist sehr tätig im Geschäft, Trotwood. Dem, was er sagt, stimme ich ganz bei. Sie wissen, ich interessiere mich aus alter Zeit für Sie. Abgesehen davon, stimme ich ganz dem bei, was Uriah sagt.« »O, welcher Lohn,« sagte Uriah und zog ein Bein in die Höhe, auf die Gefahr hin, wieder eine Strafpredigt von meiner Tante auf sein Haupt zu ziehen, »soviel Vertrauen zu finden! Aber ich hoffe, imstande zu sein, ihm in mancherlei von den Anstrengungen des Geschäfts Erholung zu verschaffen, Master Copperfield!« »Uriah Heep ist mir eine große Stütze,« sagte Mr. Wickfield in derselben tonlosen Weise; »eine Last ist von meiner Seele, Trotwood, seitdem ich ihn zum Associé habe.« Der rote Fuchs hatte ihn zu allen diesen Äußerungen gebracht, um ihn mir in dem Lichte zu zeigen, wie er ihn in jener Nacht, wo er meinen Schlummer vergiftet, dargestellt hatte. »Du gehst doch noch nicht, Vater?« fragte Agnes besorgt. »Willst du nicht warten, bis Trotwood und ich dich heim begleiten?« Ich glaube, er hätte, ehe er antwortete, Uriah angesehen, wenn dieser Würdige ihm nicht zuvorgekommen wäre. »Ich habe Geschäfte,« sagte Uriah, »sonst würde ich mich glücklich schätzen, hier bleiben zu können. Aber ich lasse meinen Associé als Stellvertreter der Firma da. Miß Agnes, immer der Ihrige! Ich wünsche Ihnen guten Tag, Master Copperfield, und empfehle mich Ihnen mit aller Ergebenheit, Miß Betsey Trotwood.« Mit diesen Worten entfernte er sich, indem er uns mit seiner großen Hand einen Kußfinger zuwarf und uns alle anschielte wie eine Maske. Wir saßen nun Wohl ein paar Stunden zusammen und sprachen von den schönen alten Zeiten in Canterbury. Neben Agnes gewann Mr. Wickfield viel von seinem alten Wesen wieder; obgleich eine gewisse Niedergedrücktheit von ihm unzertrennlich schien. Trotz alledem erheiterte er sich und hatte sichtlich Freude daran, wenn wir die kleinen Ereignisse unseres frühern Lebens besprachen, von denen ihm manche ganz gut erinnerlich waren. Er sagte, mit Agnes und mir wieder allein zu sein, führe fast jene alten Zeiten wieder herauf, und er wünschte zu Gott, es wäre nie anders geworden. Ich bin überzeugt, in dem ruhigen Gesicht von Agnes, in der Berührung ihrer Hand lag ein Einfluß, der Wunder auf ihn übte. Meine Tante, die sich wahrend der ganzen Zeit in dem andern Zimmer mit Peggotty beschäftigte, wollte uns nicht nach ihrer Wohnung begleiten, drang aber darauf, daß ich gehen sollte, und ich fügte mich ihrem Wunsche. Wir aßen zusammen. Nach dem Essen setzte sich Agnes neben den Vater wie früher und schenkte ihm seinen Wein ein. Er nahm, was sie ihm gab und nicht mehr – wie ein Kind – und wir setzten uns, als der Abend kam, alle drei zusammen an das Fenster. Als es fast dunkel geworden war, legte er sich auf ein Sofa, Agnes rückte ihm das Kissen zurecht und beugte sich eine Weile über ihn; und als sie wieder nach dem Fenster zurückkehrte, war es noch nicht so dunkel, daß ich nicht hätte sehen können, wie Tränen in ihrem Auge standen. Ich bitte Gott, daß ich das geliebte Mädchen in ihrer Liebe und Treue aus jener Zeit meines Lebens nie vergessen möge; denn könnte ich das, dann wäre das Ende meiner Tage nah, und gerade dann wünschte ich am meisten, mich ihrer zu erinnern! Sie erfüllte mein Herz mit so guten Entschlüssen, stärkte meine Schwäche so sehr durch ihr Beispiel und – wie, weiß ich nicht, denn sie war zu bescheiden und sanft, um mir mit vielen Worten zu raten – lenkte meinen umhertastenden Eifer und die unbestimmten Vorsätze in mir so, daß ich, wie ich ernsthaft glaube, ihr verdanke, was ich an Gutem getan, und was ich an Bösem unterlassen habe. Und wie sprach sie mit mir über Dora, während sie im Dunkeln am Fenster saß, wie hörte sie meine Lobsprüche an; wie sie wieder lobte und die kleine Elfengestalt mit einigen Strahlen ihres eigenen reinen Lichts umgab, das sie mir nur noch kostbarer und unschuldvoller erscheinen ließ! Ach Agnes! Schwester meiner Jugendzeit, wenn ich damals gewußt hätte, was ich erst viel später erfahren habe! .... Als ich auf die Straße trat, begegnete ich einem Bettler; und als ich nach dem Fenster zurücksah und an ihre ruhigen Engelsaugen dachte, erschreckte er mich dadurch, daß er, als wäre er ein Echo des Morgens, murmelte: »Blind! blind! blind!« Sechsunddreißigstes Kapitel. Enthusiasmus. Ich begann den nächsten Tag abermals mit einem Kopfsprunge in das kalte Bad und machte mich dann nach Highgate auf den Weg. Ich war nicht mehr entmutigt. Ich scheute mich nicht vor einem schäbigen Rock und fühlte keine Sehnsucht nach stolzen Grauschimmeln. Ich betrachtete heute den Unfall, der uns betroffen hatte, in ganz anderer Weise als gestern. Ich hatte nichts weiter zu tun, als meiner Tante zu zeigen, daß ihre frühere Güte nicht an ein gefühlloses, undankbares Subjekt weggeworfen worden war. Ich hatte nichts weiter zu tun, als die mühselige Schule meiner jungen Jahre zu benutzen und mit entschlossenem und standhaftem Herzen ans Werk zu gehen. Ich hatte nichts weiter zu tun, als die Axt in die Hand zu nehmen und mir durch den Wald der Hindernisse einen Weg zu bahnen bis zu Dora. Und ich ging raschen Schrittes darauf los, als könnte ich es schon durch das bloße Gehen erzwingen. Als ich mich auf der vertrauten Straße nach Highgate befand, nicht wie sonst in der Erwartung von irgendeinem Vergnügen, die ich stets daran geknüpft hatte, schien in mein Leben ein vollständiger Umschwung gekommen zu sein. Aber das entmutigte mich nicht. Mit dem neuen Leben kamen auch neue Anstrengungen, ein neuer Inhalt. Groß war die Arbeit, kostbar der Lohn! Dora war der Lohn, und Dora mußte gewonnen werden. Ich geriet so sehr in Begeisterung, daß es mir ordentlich leid tat, daß mein Rock nicht schon ein klein wenig schäbig geworden war. Ich sehnte mich unter Umständen, die einen Beweis von meiner Kraft ablegten, auf die Bäume in dem Walde der Schwierigkeiten loszuhauen. Ich hatte große Lust, einen Alten mit einer Drahtbrille vor dem Gesicht, der Steine am Wege klopfte, einen Augenblick um seinen Hammer zu bitten, damit ich mir durch den Granit für Dora einen Pfad bahnen könnte. Meine Aufregung versetzte mich jedenfalls in eine solche Hitze und brachte mich so sehr außer Atem, daß es mir vorkam, als ob ich schon wer weiß wieviel verdient hätte. In diesem Zustande trat ich in ein Häuschen, das zu vermieten war, und besichtigte es ganz genau, denn ich fühlte mich gedrungen praktisch zu sein. Es paßte für mich und Dora ausgezeichnet: vorn ein kleiner Garten, in dem Jip herumlaufen und durch das Gitter die Leute anbellen konnte, und oben eine schöne Stube für meine Tante. Ich verließ das Haus noch erhitzter und rannte nach Highgate mit einer Schnelligkeit, daß ich eine volle Stunde zu früh ankam; und selbst wenn dies nicht der Fall gewesen wäre, hätte ich erst herumgehen müssen, um mich abzukühlen, ehe ich vor anständigen Leuten erscheinen konnte. Nachdem ich dies getan hatte, war meine erste Sorge, des Doktors Haus zu suchen. Es befand sich nicht in dem Teile von Highgate, wo Mrs. Steerforth wohnte, sondern gerade auf der entgegengesetzten Seite der kleinen Stadt. Als ich diese Entdeckung gemacht hatte, ging ich, einem unwiderstehlichen Zuge folgend, auf einem schmalen Wege zurück, neben Mrs. Steerforths Haus und blickte um die Ecke der Gartenmauer. Sein Zimmer war dicht verhängt, die Türen des Treibhauses standen offen, und auf einem Kieswege an der einen Seite des Rasens ging Rosa Dartle barhäuptig mit schnellen, hastigen Schritten ruhelos auf und ab. Sie kam mir vor wie ein wildes Geschöpf, das die Last seiner Kette auf abgemessenem Wege hin und her schleppt und sich innerlich verzehrt. Ich verließ leise meinen Beobachtungsplatz, und während ich jenen Teil der Nachbarschaft vermied und wünschte, ich wäre nie in seine Nähe gekommen, schlenderte ich umher, bis es zehn Uhr war. Die Kirche mit dem schlanken Turm, die jetzt auf der Spitze des Hügels steht, war damals noch nicht da, um mir zu sagen, wie spät es sei. An ihrer Stelle stand ein großes, altes Haus von roten Ziegeln, das als Schule benutzt wurde: ein prächtiges altes Haus muß es gewesen sein, um darin in die Schule zu gehen, wie ich mich noch recht gut erinnere. Als ich das Haus des Doktors erreichte – ein hübsches altes Haus, das er nicht ohne einige Unkosten umgebaut haben mochte, nach einigen noch ganz neu aussehenden Verzierungen und Ausbesserungen zu urteilen – sah ich ihn in dem Garten an der Seite des Hauses herumgehen, mit Gamaschen und Brille, ganz wie ehedem, als ob er seit meiner Schulzeit nie aufgehört hätte spazieren zu gehen. Auch seine alten Gesellschafter hatte er um sich; denn in der Nachbarschaft waren viele hohe Bäume, und zwei oder drei Krähen saßen auf dem Rasen und sahen ihm nach, als hätten ihnen die Domkrähen aus Canterbury über ihn geschrieben, und beobachteten ihn infolgedessen scharf. Da ich wußte, wie es ganz nutzlos war, aus dieser Entfernung seine Aufmerksamkeit auf mich lenken zu wollen, so erlaubte ich mir die Tür zu öffnen und ihm nachzugehen, damit ich ihm begegnete, wenn er sich umdrehte. Als er dies tat und auf mich zukam, sah er mich ein paar Augenblicke lang gedankenvoll an, offenbar, ohne im geringsten an mich zu denken; dann erhellte sein wohlwollendes Gesicht außerordentliche Freude, und er ergriff meine beiden Hände. »Ah, lieber Copperfield,« sagte der Doktor; »Sie sind ja zum Manne geworden! Wie geht's Ihnen? Es freut mich, Sir, Sie zu sehen. Mein lieber Copperfield, Sie sehen ausgezeichnet aus! Sie sind ganz – ja – o Gott!« Ich sprach die Hoffnung aus, ihn wohl zu finden, sowie Mrs. Strong. »O ja, ja!« sagte der Doktor; »Annie befindet sich ganz wohl und wird sich freuen, Sie zu sehen – Sie waren immer ihr Liebling. Sie äußerte es gestern abend, als ich ihr Ihren Brief zeigte, und – ja natürlich – Sie erinnern sich noch an Mr. Jack Maldon, Copperfield?« »Vollkommen noch, Sir.« »Natürlich«, sagte der Doktor. »Natürlich. Er befindet sich auch recht wohl.« »Ist er wieder zurückgekehrt, Sir?« fragte ich. »Aus Ostindien?« sagte der Doktor. »Ja. Mr. Jack Maldon konnte das Klima nicht vertragen. Mrs. Markleham – Sie haben Mrs. Markleham doch nicht vergessen?« Den »alten Soldaten« vergessen! Und in so kurzer Zeit! »Die arme Mrs. Markleham«, sagte der Doktor, »sorgte sich sehr um den Armen; und so haben wir ihn wieder nach Hause geholt und haben ihm eine kleine Stelle im Patentamt gekauft, die ihm viel besser zusagt.« Ich kannte Mr. Jack Maldon genug, um aus diesem Bericht zu schließen, daß dies eine Stelle war, in der es wenig zu tun gab, und die ziemlich gut bezahlt wurde. Der Doktor, der die Hand auf meine Schulter gestützt, das freundliche Gesicht mir ermutigend zugewendet hatte und auf und ab ging, fuhr fort: »Aber um von Ihrem Vorschlag zu sprechen, lieber Copperfield! Er ist mir gewiß höchst angenehm; aber können Sie Ihre Zeit nicht besser anwenden? Sie haben sich seinerzeit bei uns ausgezeichnet. Sie haben Anlagen zu vielen guten Dingen. Sie haben einen Grund gelegt, auf dem sich jedes Gebäude erheben kann; und ist es nicht schade, daß Sie die schönste Zeit Ihres Lebens einer so armseligen Beschäftigung widmen sollen, wie Sie bei mir finden?« Ich wurde wieder sehr enthusiastisch und unterstützte meine Bitte mit einer etwas poetischen Deklamation, erinnerte aber den Doktor dabei, daß ich bereits einen Beruf habe. »Das ist freilich richtig«, entgegnete der Doktor. »Jedenfalls macht es einen Unterschied, daß Sie schon ein bestimmtes Studium haben. Aber, mein lieber junger Freund, was sind siebzig Pfund jährlich?« »Es verdoppelt unser Einkommen, Doktor Strong«, sagte ich. »Gott! Gott!« entgegnete der Doktor. »Wer sollte das denken! Nicht daß ich meine, mich streng auf siebzig Pfund jährlich zu beschränken, weil ich stets beabsichtigt habe, dem jungen Freunde, den ich auf diese Weise beschäftige, ein Geschenk zu machen. Sicher habe ich immer ein jährliches Geschenk mit in Rechnung gebracht«, sagte der Doktor, der immer noch, die Hand auf meine Schulter gestützt, auf und ab ging. »Verehrter Lehrer,« sagte ich – und diesmal wirklich ohne alle Deklamation – »dem ich mehr Verpflichtungen schuldig bin, als mein Dank jemals aussprechen kann –« »Nein, nein«, unterbrach mich der Doktor. »Verzeihen Sie!« »Wenn Sie meine freie Zeit benutzen wollen, und dies sind meine Morgen- und Abendstunden, und glauben, daß sie siebzig Pfund jährlich wert ist, so erweisen Sie mir einen so großen Dienst, daß ich meinen Dank gar nicht aussprechen kann.« »O Gott! Gott!« sagte der Doktor naiv. »Daß man mit so wenig so viel ausrichten kann! Gott! Gott! Aber wenn Sie sich verbessern können, werden Sie es annehmen! Geben Sie mir Ihr Wort darauf«, sagte der Doktor – womit er sich immer sehr ernstlich an die Ehre von uns Schulknaben gewendet hatte. »Auf mein Wort, Sir!« gab ich zurück, indem ich in unserer alten Schulweise antwortete. »So sei es denn!« sagte der Doktor, klopfte mich auf die Schulter und ging, die Hand dort lassend, weiter neben mir her. »Und ich werde zwanzigmal glücklicher sein,« sagte ich mit ein wenig, ich hoffe, unschuldiger Schmeichelei, »wenn Sie mich bei dem Wörterbuch beschäftigen wollten.« Der Doktor blieb stehen, klopfte mir lächelnd auf die Schulter und rief mit einem höchst ergötzlich aussehenden Triumph aus, als ob ich die tiefsten Tiefen menschlichen Scharfsinnes erschöpft hätte: »Mein lieber junger Freund, Sie haben es erraten. Es ist das Wörterbuch.« Was konnte es auch wohl andres sein! Seine Taschen waren damit so angefüllt wie sein Kopf. Es guckte bei ihm an allen Ecken und Enden etwas davon heraus. Er sagte mir, daß er wieder wunderbare Fortschritte damit gemacht habe, seitdem er sich von der Schule zurückgezogen hätte und daß ihm nichts besser passen könnte als mein Vorschlag, früh und abends ein paar Stunden daran zu arbeiten, da er am Tage die Gewohnheit habe, auf und ab zu gehen und sich dabei die Dinge im Kopf zurechtzulegen. Seine Papiere seien etwas in Verwirrung geraten, weil sich Mr. Jack Maldon neuerlich manchmal als Sekretär angeboten habe und an diese Art Beschäftigung nicht gewöhnt sei; aber wir würden es bald in Ordnung bringen und flott vorwärtskommen. Später fand ich, daß mir Mr. Jack Maldons Bemühungen die Sache viel schwieriger gemacht hatten als ich erwartete, denn er hatte sich nicht darauf beschränkt, unzählige Mißverständnisse zu machen, sondern hatte auch auf die Manuskripte des Doktors so viele Soldaten und Damenköpfe gezeichnet, daß ich oft gar nicht klug daraus werden konnte. Der Doktor war ganz erfreut über die Aussicht, bald mit mir ans Werk gehen zu können, und wir verabredeten, am nächsten Morgen um sieben Uhr anzufangen. Wir wollten jeden Morgen zwei Stunden und jeden Abend zwei oder drei Stunden arbeiten, mit Ausnahme von Sonnabend, wo ich ruhen sollte. Dasselbe war natürlich Sonntags der Fall, und ich mußte dies für sehr leichte Bedingungen halten. Nachdem unsere Pläne so zur gegenseitigen Befriedigung geordnet waren, führte mich der Doktor ins Haus, um mich Mrs. Strong vorzustellen. Wir fanden sie in dem neuen Studierzimmer des Doktors, wo sie seine Bücher abstäubte – eine Freiheit, die nur sie sich mit diesen geheiligten Lieblingen erlauben durfte. Sie hatten meinetwegen das Frühstück verschoben, und wir setzten uns zusammen an den Tisch. Wir hatten noch nicht lange Platz genommen, als ich in Mrs. Strongs Gesicht, noch ehe ich etwas hörte, das Zeichen einer nahen Ankunft erblickte. Ein Herr kam an das Tor geritten, führte das Pferd in den kleinen Hof, als ob er hier zu Hause wäre, band es an einen Ring in der Mauer an der leeren Wagenremise und trat, die Peitsche in der Hand, in das Frühstückszimmer. Es war Mr. Jack Maldon; und Mr. Jack Maldon schien mir in Ostindien durchaus nichts gewonnen zu haben. Ich befand mich indessen jungen Leuten gegenüber, die die Bäume im Walde der Schwierigkeiten nicht niederschlugen, augenblicklich in einem Zustande bärbeißiger Tugend, und mein Eindruck muß mir mit der nötigen Rücksicht hierauf angerechnet werden. »Mr. Jack!« sagte der Doktor. »Copperfield.« Mr. Jack Maldon schüttelte mir die Hand, aber, wie mir vorkam, nicht sehr herzlich und mit einer gleichgültigen, fast hochnäsigen Gönnermiene, die mich im geheimen sehr ärgerte. Seine Blasiertheit war überhaupt höchst merkwürdig, und sie verschwand nur, wenn er mit seiner Cousine Annie redete. »Haben Sie schon gefrühstückt, Mr. Jack?« fragte der Doktor. »Ich frühstücke eigentlich nie«, erwiderte er und lehnte den Kopf in den Großvaterstuhl zurück. »Es langweilt mich.« »Steht heute etwas Neues in der Zeitung?« fragte der Doktor. »Durchaus nicht, Sir«, erwiderte Mr. Maldon. »Man spricht davon, die Leute oben im Norden wären hungrig und unzufrieden. Aber sie sind immer irgendwo hungrig und unzufrieden.« Der Doktor machte ein ernstes Gesicht und sagte, als ob er von etwas anderm zu sprechen wünschte: »So gibt's also gar nichts Neues; und nichts Neues, heißt es ja, ist soviel wie etwas gutes Neues.« »In den Zeitungen steht eine lange Geschichte von irgendeinem Morde«, bemerkte Mr. Maldon. »Aber es wird immer irgendwo gemordet, und ich habe sie nicht gelesen.« Eine absichtlich zur Schau getragene Gleichgültigkeit gegen alle Handlungen und Leidenschaften der Menschheit galt damals noch nicht, wie jetzt, für ein Erfordernis des guten Tones, wie es leider seitdem Mode geworden ist. Ich habe sie aber seitdem in der Tat als guten Ton kennen gelernt und mit solchem Erfolg zur Schau tragen sehen, daß einige feine Damen und Herren, die mir begegnet sind, ebensogut Raupen hätten sein können. Vielleicht machte es damals mehr Eindruck auf mich, weil es etwas Neues für mich war, aber jedenfalls trug es nicht dazu bei, meine Meinung von Mr. Jack zu erhöhen, oder mein Vertrauen zu ihm zu befestigen. »Ich bin gekommen zu fragen, ob Ännie heute abend in die Oper gehen wollte«, sagte Mr. Maldon, zu ihr gewendet. »Es ist die letzte gute Vorstellung in dieser Saison, und es tritt eine Sängerin auf, die sie wirklich hören sollte. Sie ist ganz ausgezeichnet. Außerdem ist sie dabei so fabelhaft häßlich«, schloß er, wieder in Gleichgültigkeit versinkend. Der Doktor, der regelmäßig auf alles einging, was Aussicht hatte, seiner jungen Frau zu gefallen, sagte zu ihr: »Du mußt gehen, Ännie, du mußt gehen.« »Ich möchte lieber zu Hause bleiben«, sagte sie zum Doktor. »Ich möchte viel lieber zu Hause bleiben.« Ohne ihren Vetter anzusehen, wendete sie sich dann an mich und fragte nach Agnes, und ob sie vielleicht heute herkommen würde. Sie legte so deutlich ihre Unruhe an den Tag, daß ich mich wunderte, daß es der Doktor nicht sah, der auf seinen Toast Butter strich, so offenbar war es. Aber er sah nichts. Er sagte ihr scherzend, sie sei jung und müsse sich unterhalten und zerstreuen, und müsse sich von einem alten langweiligen Kerl nicht langweilen lassen. Überdies wünsche er, daß sie ihm alle die Lieder der neuen Sängerin vorsinge, und schon darum müsse sie gehen. So verabredete es der Doktor an ihrer Statt, und Mr. Jack Maldon sollte mittags wiederkommen. Als dies abgemacht war, ging er wahrscheinlich nach seinem Patentamte; auf alle Fälle ritt er fort und sah aus, als hätte er gar nichts zu tun! Ich war gespannt, am nächsten Morgen zu erfahren, ob sie in der Oper gewesen war. Sie war nicht dort gewesen, sondern hatte nach London geschickt, um ihrem Vetter absagen zu lassen, und einen Nachmittagsbesuch bei Agnes gemacht, und hatte den Doktor beredet, sie zu begleiten; dann waren sie über das freie Feld nach Hause zurückgekehrt, da das Wetter so schön gewesen war, wie mir der Doktor erzählte. Ich dachte dann, ob sie wohl in die Oper gegangen sein würde, wenn Agnes nicht in der Stadt gewesen wäre, und ob Agnes auch auf sie ihren heilsamen Einfluß ausübte! Ännie sah etwas bedrückt aus, wie mir vorkam; es war entweder ein gutes Gesicht oder ein sehr heuchlerisches. Ich sah sie oft an, denn sie saß die ganze Zeit, wo wir arbeiteten, am Fenster und bereitete unser Frühstück, das wir während der Arbeit verzehrten. Als ich um neun Uhr fortging, kniete sie vor dem Doktor und zog ihm Schuhe und Gamaschen an. Ein sanftgetönter Schatten von einigen grünen Blättern, die zum Fenster hereinhingen, lag auf ihrem Gesicht, und ich dachte auf dem ganzen Heimwege an den Abend, wo ich gesehen hatte, wie sie ihn so eigentümlich anblickte, als er las. Ich hatte jetzt ziemlich viel zu tun, stand früh um fünf auf und kam erst um neun oder zehn Uhr abends nach Hause. Aber es machte mir außerordentliche Freude, so stark beschäftigt zu sein. Ich ging niemals langsam und sagte mir voll Begeisterung, je mehr ich mich bemühe, desto mehr tue ich, um mir Dora zu verdienen. Ich hatte Dora noch nichts von meinen veränderten Umständen gesagt, weil sie Miß Mills in wenigen Tagen besuchen sollte, und ich hatte alle Mitteilungen bis dahin aufgeschoben. In meinen Briefen, die Miß Mills im geheimen besorgte, hatte ich ihr nur gesagt, daß ich ihr viel zu erzählen hätte. Unterdessen setzte ich mich auf halbe Rationen von Bärenfettpomade, gab wohlriechende Seife und Lavendelwasser ganz auf und verkaufte mit großem Schaden drei Westen, weil alles dies zu luxuriös für mein ernstes Lebensziel war. Damit noch nicht zufrieden und von Ungeduld erfüllt, noch mehr zu tun, suchte ich Traddles auf, der jetzt hinter dem Dachgiebel eines Hauses in Castlestreet, Holborn wohnte. Ich nahm Mr. Dick mit, der schon zweimal mit mir in Highgate gewesen war und seinen Verkehr mit dem Doktor wieder aufgenommen hatte, weil er, das Mißgeschick meiner Tante lebhaft fühlend und von dem aufrichtigen Glauben erfüllt, daß kein Galeerensklave oder Sträfling angestrengter arbeite als ich, anfing, Laune und Appetit zu verlieren, aus Kummer, daß er nichts Nützliches zu tun hatte. In dieser Stimmung war er unfähiger als je, die Denkschrift zu Ende zu bringen, und je angestrengter er daran arbeitete, desto öfter kam das unglückliche Haupt König Karls des Ersten hinein. Von der ernsten Besorgnis erfüllt, daß seine Krankheit zunehmen könnte, wenn wir ihn nicht durch eine unschuldige Täuschung glauben machten, daß er uns von Nutzen sei, oder wenn wir ihn nicht auf irgend eine Weise nützlich verwendeten, was natürlich noch besser war, hatte ich mich entschlossen, zu sehen, ob Traddles uns helfen könnte. Ehe ich zu ihm ging, setzte ich ihm schriftlich das Geschehene ausführlich auseinander, und Traddles schrieb mir in Erwiderung eine prächtige Antwort, in der er seiner Teilnahme und seiner Freundschaft Ausdruck gab. Wir fanden ihn eifrig beschäftigt am Schreibtische, vor Tintenfaß und Aktenbündeln, erquickt durch den Anblick des Blumenuntersetzers und des kleinen runden Tisches in einer Ecke des Zimmers. Er empfing uns sehr herzlich, und seine Freundschaft mit Mr. Dick war im Augenblick geschlossen. Mr. Dick gab die feste Überzeugung zu erkennen, ihn schon einmal gesehen zu haben, und wir beide sagten dazu: Sehr wahrscheinlich. Der erste Gegenstand, über den ich Traddles zu Rate zu ziehen hatte, war folgender. Ich hatte gehört, daß viele Personen, die sich später in verschiedenen Fächern ausgezeichnet hatten, ihre Laufbahn mit Berichterstatten über die Parlamentssitzungen begonnen hatten. Da Traddles auch die Zeitungskarriere als eine seiner Hoffnungen gegen mich erwähnt hatte, so hatte ich gleichfalls daran gedacht und Traddles geschrieben, daß ich zu wissen wünschte, wie ich mich zum Berichterstatten fähig machen könnte. Traddles sagte mir jetzt, daß die reinmechanische Kunst, die einem guten Berichterstatter unentbehrlich sei, seltene Fälle ausgenommen, nämlich eine vollständige und gänzliche Herrschaft über das Geheimnis der Stenographie, fast ebenso schwer sei, wie das Erlernen von sechs Sprachen, und daß sich diese Kunst mit großer Ausdauer vielleicht in einigen Jahren lernen lasse. Traddles meinte natürlich, daß dies genüge, um mich von meinem Entschluß abzubringen, aber ich, der ich nur erkannte, daß hier wirklich ein paar recht große Bäume niederzuhauen wären, beschloß sofort, mir meinen Weg zu Dora durch diesen Urwald zu bahnen. »Ich bin dir recht sehr verpflichtet, lieber Traddles!« sagte ich. »Ich werde morgen anfangen.« Traddles' Erstaunen sprach sich in seinem Gesicht aus, denn er wußte noch nichts von meiner begeisterten Stimmung. »Ich werde mir ein gutes Lehrbuch der Stenographie kaufen,« sagte ich, »werde mich damit in den Commons beschäftigen, wo ich nicht halb genug zu tun habe; werde zur Übung die Reden in unserm Gericht nachschreiben, lieber Traddles, kurz, ich werde es lernen!« »Mein Gott,« sagte Traddles, und machte die Augen weit auf, »ich hätte nicht gedacht, daß du ein so entschlossener Charakter wärest, Copperfield.« Ich weiß nicht, wie er es gewußt haben sollte, denn mein gegenwärtiger Charakter kam mir selbst neu genug vor. Ich ging jedoch darüber hinweg und brachte Mr. Dick aufs Tapet. »Sehen Sie,« sagte Mr. Dick und sah ihn gespannt an, »wenn ich etwas tun könnte, Mr. Traddles – wenn ich die Trommel schlagen könnte – oder etwas Flöte spielen?« Der Arme! Ich zweifle nicht, daß er eine solche Beschäftigung jeder andern vorgezogen hätte. Traddles, der um alles in der Welt das Gesicht nicht verzogen hätte, erwiderte mit ruhiger Fassung: »Sie schreiben sehr gut, Sir. Sagtest du es mir nicht, Copperfield?« »Vortrefflich!« sagte ich. Und das war wirklich der Fall, er schrieb ungewöhnlich sauber und hübsch. »Könnten Sie wohl Akten abschreiben, wenn ich Ihnen diese verschaffe?« fragte Traddles. Mr. Dick sah mich ungewiß an. »Meinen Sie, Trotwood?« Ich schüttelte den Kopf. Mr. Dick schüttelte auch den Kopf und seufzte. »Sagen Sie es ihm von der Denkschrift«, sagte Mr. Dick. Ich setzte Traddles auseinander, daß es schwer sei, König Karl den Ersten aus Mr. Dicks Manuskripten herauszubringen, und Mr. Dick hörte zu, während er Traddles sehr ehrerbietig und ernst ansah und an seinem Daumen saugte. »Aber die Akten, die ich meine, sind schon ganz fertig und brauchen ja nur abgeschrieben zu werden«, sagte Traddles nach einigem Besinnen. »Würde das nicht einigen Unterschied machen, Copperfield? Jedenfalls könnte man es ja versuchen.« Das flößte uns neue Hoffnung ein. Traddles und ich besprachen uns heimlich; während uns Mr. Dick besorgt von seinem Stuhle aus beobachtete, und so sannen wir einen Plan aus, infolgedessen wir ihn am nächsten Tage mit vortrefflichem Erfolge in Tätigkeit setzten. Auf einen Tisch am Fenster in der Buckinghamstraße legten wir die ihm von Traddles verschaffte Arbeit – die darin bestand, eine Anzahl Kopien eines gerichtlichen Dokuments über ein Wegerecht zu besorgen – und auf einem andern Tische lag das letzte unbeendigte Original der großen Denkschrift. Wir instruierten Mr. Dick dahin, genau abzuschreiben, was vor ihm lag, ohne im mindesten vom Original abzuweichen; dagegen wenn er sich gedrungen fühle, König Karl den Ersten nur im mindesten zu erwähnen, sich schleunigst zur Denkschrift auf dem andern Tische zu verfügen. Wir ermahnten ihn, darin unerbittlich zu sein, und ließen meine Tante bei ihm sitzen, damit sie ihn beobachtete. Meine Tante erzählte uns später, daß er zuerst wie ein Paukenschläger gewesen sei, und seine Aufmerksamkeit beständig zwischen den beiden Tischen geteilt habe, daß er aber bald, da er davon seht verwirrt und müde wurde und seine Abschrift gehörig vor Augen hatte, sich in ordentlicher geschäftsmäßiger Weise daran machte und die Denkschrift auf eine passendere Zeit verschob. Mit einem Worte, obgleich wir Sorge trugen, daß er nicht zuviel arbeitete und obgleich er nicht mit dem Beginn der Woche angefangen hatte, so hatte er doch nächsten Sonnabend abend zehn Schillinge und neun Pence verdient, und mein Leben lang werde ich nicht vergessen, wie er in allen Läden in der Nachbarschaft herumlief, um seinen Schatz in Sechspencestücke umzuwechseln, und diese meiner Tante auf einem Teller in der Form eines Herzens zusammengelegt, mit Tränen der Freude und des Stolzes in den Augen brachte. Er glich von dem Augenblicke an, wo er sich nützlich beschäftigt wußte, einem Manne, der von dem wohltuenden Einfluß eines Zaubers beherrscht ist, und wenn es an jenem Sonnabend Abend einen glücklichen Mann auf der Welt gab, so war es dieser dankbare Mensch, der meine Tante für die wunderbarste Frau in der Welt und mich für den wunderbarsten jungen Mann hielt. »Jetzt ist nicht mehr vom Verhungern die Rede, Trotwood«, sagte Mr. Dick, als er mir in einer Ecke die Hände schüttelte. »Ich werde für Sie sorgen!« Und er fuhr mit seinen zehn Fingern in der Luft herum, als ob sie zehn Banken wären. Ich weiß kaum, wer sich mehr freute, Traddles oder ich. »Ich habe darüber wahrhaftig Mr. Micawber ganz vergessen«, sagte Traddles plötzlich, indem er einen Brief aus der Tasche zog und ihn mir gab. Der Brief – Mr. Micawber ließ nie die geringste Gelegenheit einen Brief zu schreiben, vorübergehen – war an mich adressiert: »Durch gütige Besorgung von T. Traddles Esquire vom Inner Temple.« Er lautete: »Mein lieber Copperfield! Sie sind vielleicht nicht ganz unvorbereitet auf die Nachricht, daß sich etwas für mich gefunden hat. Ich habe es vielleicht bei einer früheren Gelegenheit erwähnt, daß ich ein solches Ereignis erwartete. Ich stehe im Begriff, mich in einer Provinzialstadt unserer glücklichen Insel, wo die Bevölkerung eine glückliche Mischung des Agrikultur- und des Klerikal-Elements genannt werden kann, in unmittelbarer Verbindung mit einem der gelehrten Berufsfächer zu etablieren. Mrs. Micawber und unsere Sprößlinge werden uns begleiten. In einer spätern Zeit wird unsere Asche wahrscheinlich vermischt werden mit der heiligen Erde des Friedhofs um einen ehrwürdigen Dom, durch den die von mir erwähnte Stadt einen Ruf erlangt hat, der, wie ich wohl sagen kann, von China bis Peru reicht. Indem ich von dem modernen Babylon scheide, wo wir so manchen Schicksalswechsel, und ich hoffe nicht ohne Ehre, ertragen haben, können Mrs. Micawber und ich uns nicht verhehlen, daß wir für Jahre und vielleicht für immer von einem Individuum scheiden, das durch starke Bande an den Altar unseres häuslichen Lebens gefesselt ist. Wenn Sie am Vorabend eines solchen Abschiedes unsern gemeinschaftlichen Freund Mr. Thomas Traddles in unsere gegenwärtige Wohnung begleiten und dort die einer solchen Gelegenheit angemessenen Wünsche austauschen wollen, so werden Sie unendlich verpflichten einen, der sich immer nennen wird der Ihrige, Wilkins Micawber.« Ich war froh, daß Mr. Micawber nichts mehr mit Staub und Asche zu tun hatte und daß sich endlich wirklich »etwas gefunden« hatte. Da ich von Traddles erfuhr, daß die Einladung für den heutigen angebrochenen Abend galt, so sprach ich meine Bereitwilligkeit aus, ihr nachzukommen, und wir gingen zusammen nach der Wohnung, die Mr. Micawber unter dem Namen Mr. Mortimer inne hatte, und die an dem einen Ende von Grays-Inn-Road lag. Der Raum der Wohnung war so klein, daß die Zwillinge, die jetzt acht oder neun Jahre alt waren, in einer Klappbettstelle im Familienzimmer schliefen, wo Mr. Micawber in einem Wasserkrug aus dem Waschständer ein »Gebräu« – so nannte er's – des angenehmen Getränks bereitet hatte, wegen dessen er berühmt war. Ich hatte bei dieser Gelegenheit das Vergnügen, die Bekanntschaft mit Master Micawber zu erneuern; ich fand diesen vielversprechenden Jüngling von zwölf oder dreizehn Jahren mit jener Ruhelosigkeit der Gliedmaßen behaftet, die keine seltene Erscheinung bei Jünglingen dieses Alters ist. Auch wurde ich noch einmal seiner Schwester Miß Micawber vorgestellt, in der, wie uns Mr. Micawber sagte, »ihrer Mutter Jugend sich erneuerte, wie Phönix«. »Lieber Copperfield,« sagte Mr. Micawber, »Sie und Mr. Traddles finden uns auf dem Punkte, unsere Pilgerfahrt anzutreten, und werden daher alle kleinen Unordnungen in unserer Behausung entschuldigen, die von einem solchen Stadium unzertrennlich sind.« Ich sah mich um, während ich ihm antwortete, und bemerkte, daß die Familiensachen bereits gepackt und durchaus nicht allzu umfänglich waren. Ich wünschte Mr. Micawber zur bevorstehenden Veränderung Glück. »Lieber Mr. Copperfield,« sagte Mrs. Micawber, »von Ihrer freundlichen Teilnahme an allen unsern Schicksalen bin ich fest überzeugt. Meine Familie mag es als eine Verbannung betrachten, wenn es ihr beliebt, aber ich bin Gattin und Mutter und werde Mr. Micawber nie verlassen.« Traddles, an den sich Mrs. Micawbers Auge bittend wandte, stimmte mit großem Gefühl bei. »So wenigstens«, sagte Mrs. Micawber, »ist meine Ansicht von der Verpflichtung, die ich übernahm, als ich die unwiderruflichen Worte wiederholte: › Ich, Emma, nehme dich, Wilkins .‹ Ich las die Trauungsformel gestern abend bei einem Talglicht wieder einmal durch, und ich bin zu dem Schluß gekommen, daß ich Mr. Micawber nie verlassen kann. Und«, setzte sie hinzu, »wenn ich mich vielleicht auch in meiner Auffassung der Eheschließung irren mag, so will ich meinen Mann dennoch nie verlassen!« »Liebe Frau,« sagte Mr. Micawber etwas ungeduldig, »ich wüßte nicht, daß man von dir verlangte, du solltest etwas derartiges tun.« »Ich weiß, lieber Mr. Copperfield,« fuhr Mrs. Micawber fort, »daß mich jetzt das Schicksal in eine fremde Umgebung wirft, und ich weiß auch, daß die verschiedenen Mitglieder meiner Familie, denen Mr. Micawber in der höflichsten Weise von der Welt die Sache angezeigt hat, nicht die mindeste Rücksicht auf Mr. Micawbers Mitteilung genommen haben. Es mag Aberglaube sein,« sagte Mrs. Micawber, »aber es scheint mir Mr. Micawbers Los zu sein, niemals Antworten auf den größten Teil der Mitteilungen, die er schreibt, zu erhalten. Aus dem Stillschweigen meiner Familie bin ich berechtigt zu mutmaßen, daß sie gegen meinen Entschluß Einwendungen machen, aber ich würde mich von dem Pfade der Pflicht selbst nicht durch Vater und Mutter abwendig machen lassen, wenn sie noch lebten.« Ich sprach mich dahin aus, daß ich das für den rechten Weg halte. »Es ist vielleicht ein Opfer, sich in einen Bischofssitz einzuschließen, der nichts weiter bietet als eine Kathedrale,« meinte Mrs. Micawber, »aber sicherlich, Mr. Copperfield, wenn es für mich ein Opfer ist, so ist es ein noch viel größeres Opfer für einen Mann von Mr. Micawbers Fähigkeiten.« »O! Sie ziehen nach einem Bischofssitz?« fragte ich. Mr. Micawber, der uns allen unterdes aus dem Wasserkruge eingeschenkt hatte, erwiderte: »Nach Canterbury. Die Sache ist die, lieber Copperfield: ich habe einen Kontrakt abgeschlossen, kraft dessen ich mich verpflichtet habe, unserm Freunde Heep als Geheimschreiber zu dienen und beizustehen.« Ich starrte Mr. Micawber, dem meine Überraschung große Freude machte, erstaunt an. »Ich fühle mich verpflichtet, Ihnen mitzuteilen,« fuhr er mit wichtiger Miene fort, »daß die Geschäftsgewohnheit und die einsichtsvollen Ratschläge der Mrs. Micawber einen großen Anteil an diesem Ausgange tragen. Nachdem der Handschuh, den Mrs. Micawber bei einer frühern Gelegenheit erwähnte, in Form einer Annonce der Welt ins Angesicht geschleudert worden war, hob ihn mein Freund Heep auf, und das führte zu einer Zusammenkunft. Von meinem Freunde Heep, der ein Mann von merkwürdigem Scharfblick ist,« sagte Mr. Micawber, »wünsche ich mit der allergrößten Achtung zu sprechen. Mein Freund Heep hat die vorher bestimmte Entschädigung allerdings nicht zu hoch angesetzt, hat aber einen großen Teil seiner Beihilfe, mich von dem Druck peinlicher Verlegenheit zu erlösen, von dem Werte meiner Dienste abhängig gemacht, und auf den Wert dieser Dienste setze ich meine Hoffnung. Was ich überhaupt von Gewandtheit und Einsicht besitze,« sagte Mr. Micawber mit prahlerischer Bescheidenheit, »werde ich dem Dienste meines Freundes Heep widmen. Ich habe bereits einige Einsicht in die Jurisprudenz erlangt – als Beklagter im Zivilprozeß – und ich werde ohne Verzug die Kommentarien eines der ausgezeichnetsten und merkwürdigsten unserer englischen Juristen studieren. Ich glaube nicht erst hinzusetzen zu müssen, daß ich Mr. Justice Blackstone meine.« Diese Bemerkungen und überhaupt der größere Teil der Gespräche, die an diesem Abend gefallen waren, wurden durch die von Mrs. Micawber gemachte Entdeckung unterbrochen, daß Master Micawber auf seinen Stiefeln saß oder seinen Kopf mit beiden Armen stützte, als wäre er lose, oder Traddles zufällig unter dem Tisch mit den Füßen stieß, oder diese aneinander rieb, oder sie so weit von sich streckte, daß es allem Natürlichen scheinbar Hohn sprach, oder sich auf die Seite legte, so daß sein Haar zwischen die Weingläser geriet, oder die Ruhelosigkeit seiner Gliedmaßen auf irgendeine andre, mit den allgemeinen Interessen der Gesellschaft unvereinbare Weise betätigte, und daß Master Micawber diese Rügen und Entdeckungen grollend aufnahm. Ich saß unterdessen wie betäubt von Mr. Micawbers Enthüllung und zerbrach mir den Kopf, was dahinter stecke, bis Mrs. Micawber den Faden des Gesprächs wieder aufnahm und meine Aufmerksamkeit beanspruchte. »Auf das eine, mein lieber Mr. Copperfield, möchte ich vorzüglich Mr. Micawbers Aufmerksamkeit lenken,« sagte Mrs. Micawber, »daß er sich nicht während seiner Beschäftigung mit diesem untergeordnetem Zweige der Jurisprudenz die Fähigkeit raubt, später den Gipfel des Baumes zu erreichen. Ich hin fest überzeugt, daß er sich auszeichnen muß, wenn sich Mr. Micawber mit ganzer Seele einem Berufe widmet, der seiner Fruchtbarkeit an Hilfsquellen und seiner fließenden Rednergabe so angemessen ist.« »Liebe Frau,« bemerkte Mr. Micawber, sah aber auch Traddles dabei fragend an, »zur Beantwortung solcher Fragen haben wir noch Zeit genug.« »Nein, Micawber,« entgegnete sie, »dein Irrtum ist stets gewesen, daß du nicht weit genug in die Zukunft blickst. Nu bist es deiner Familie, wenn nicht dir selbst, schuldig, daß du mit einem umfassenden Blick den entlegensten Punkt des Horizonts, bis zu dem dich deine Fähigkeiten führen können, ins Auge fassest.« Mr. Micawber hustete und trank seinen Punsch mit einer Miene außerordentlicher Befriedigung aus – blickte dabei aber immer noch auf Traddles, als wenn er dessen Meinung zu wissen wünschte. »Die Sache ist einfach die, Mrs. Micawber,« sagte Traddles, um ihr möglichst schonend die nötige Aufklärung zu geben, »ich meine, die wirkliche prosaische Tatsache –« »Ganz recht, lieber Mr. Traddles,« sagte Mrs. Micawber, »ich wünsche über einen so hochwichtigen Gegenstand so prosaisch und buchstäblich wie möglich zu sein.« »– ist,« fuhr Traddles fort, »daß dieser Zweig der juristischen Laufbahn, selbst wenn Mr. Micawber ein wirklicher Anwalt wäre –« »Ganz recht«, entgegnete Mrs. Micawber. – »Wilkins, du schielst und wirst deine Augen gar nicht wieder gerade kriegen.« – »– damit gar nichts zu tun hat«, fuhr Traddles fort. »Nur ein Barrister ist zu diesen Ämtern wählbar. Und Mr. Micawber kann nicht eher Barrister werden, bevor er nicht bei einem Gerichtshofe auf fünf Jahre als Student eingeschrieben ist.« »Verstehe ich Sie recht?« fragte Mrs. Micawber mit ihrer leutseligsten Geschäftsmiene. »Verstehe ich Sie recht, lieber Mr. Traddles, wenn ich meine, daß nach dem Ablauf dieser Zeit Mr. Micawber als Richter oder Kanzler wählbar wäre?« » Wählbar wäre er«, entgegnete Traddles und legte einen großen Nachdruck auf das erste Wort. »Ich danke Ihnen«, erwiderte Mrs. Micawber. »Das genügt vollkommen. Wenn das der Fall ist und Mr. Micawber durch den Antritt seines neuen Amtes kein Recht aufgibt, so ist meine Besorgnis zu Ende. Ich spreche natürlich als Frau,« sagte Mrs. Micawber, »aber ich bin immer der Meinung gewesen, daß Mr. Micawber das besitzt, was mein Vater, als ich noch zu Hause war, das richterliche Talent nannte; und ich hoffe, Mr. Micawber betritt jetzt eine Laufbahn, bei der sich dieses Talent entwickeln und ihm zu einer einflußreichen Stellung verhelfen wird.« Ich glaube, wahrhaftig, Mr. Micawber sah sich schon im Geiste auf dem Wollsack sitzen. Er strich sich mit der Hand wohlgefällig über den kahlen Schädel und sagte mit selbstgefälliger Resignation: »Liebe Frau, wir wollen den Beschlüssen des Schicksals nicht vorgreifen. Wenn ich bestimmt bin, eine Perücke zu tragen, so bin ich wenigstens äußerlich auf diese Auszeichnung vorbereitet« – auf seinen kahlen Kopf anspielend. – »Ich beklage mein Haar nicht und bin vielleicht zu einem besondern Zweck dessen beraubt worden. Es ist meine Absicht, lieber Copperfield, meinen Sohn der Kirche zu widmen. Ich will nicht leugnen, daß es mich seinetwegen glücklich machen würde, wenn er es zu etwas Bedeutendem brächte.« »Der Kirche?« fragte ich, während ich immer noch an Uriah Heep dachte. »Ja«, sagte Mr. Micawber. »Er hat eine merkwürdige, ganz ausgezeichnete Kopfstimme und wird seine Laufbahn als Chorknabe beginnen. Unser Aufenthalt in Canterbury und unsre lokalen Verbindungen werden ihn ohne Zweifel in den Stand setzen, aus einer eintretenden Vakanz in dem Chor der Kathedrale Nutzen zu ziehen.« Als ich Master Micawber wieder ansah, bemerkte ich, daß er ein Gesicht schnitt, als ob seine Stimme hinter seinen Augenbrauen stecke, worauf er uns »Es klopft der Specht« vorsang (nachdem er vor die Wahl zwischen Singen und Zubettgehen gestellt war). Nach vielen Komplimenten über seine Kunstfertigkeit wendete sich das Gespräch auf allgemeine Gegenstände, und da mich meine verzweifelten Entschlüsse zu sehr erfüllten, als daß ich meine veränderten Verhältnisse für mich hätte behalten können, so teilte ich sie Mr. und Mrs. Micawber mit. Ich kann gar nicht ausdrücken, wie außerordentlich erfreut sie über den Gedanken waren, daß meine Tante in Verlegenheit sei, und wie sehr es zur Vermehrung ihrer behaglichen und freundschaftlichen Stimmung beitrug. Als wir mit dem Punsch ziemlich bis auf die Neige waren, erinnerte ich Traddles, daß wir uns nicht trennen dürften, ohne unsern Freunden Gesundheit, Glück und Erfolg auf ihrer neuen Laufbahn zu wünschen. Ich bat Mr. Micawber, unsere Gläser zu füllen, und brachte den Toast in der angemessenen Form aus, worauf ich ihm über den Tisch die Hände schüttelte und zur Feier des großen Ereignisses Mrs. Micawber küßte. In dem ersten Punkte ahmte Traddles mir nach, hinsichtlich des zweiten hielt er seine Freundschaft noch nicht für alt genug, um eine Nachahmung zu wagen. »Mein lieber Copperfield,« sagte Mr. Micawber, indem er aufstand und jeden seiner Daumen in eine Westentasche steckte, »der Gefährte meiner Jugend, wenn ich mir diesen Ausdruck erlauben darf – und mein geschätzter Freund Traddles, wenn er mir gestatten will, ihn so zu nennen – Sie werden mir erlauben, Ihnen im Namen der Mrs. Micawber, meiner selbst und unserer geliebten Kinder in den wärmsten und umfassendsten Worten für Ihre guten Wünsche zu danken. Man könnte mit Recht erwarten, daß ich am Vorabend einer Reise, die uns zu einem ganz neuen Dasein führen wird« – Mr. Micawber redete, als ob er fünfhunderttausend Meilen reisen sollte – »einige Scheideworte an zwei solche Freunde, wie ich sie vor mir sehe, richten würde. Aber alles, was ich in diesem Sinne zu sagen hatte, habe ich bereits gesagt. Welche Stellung in der Gesellschaft ich auch einnehmen möge, infolge meines Eintritts in den gelehrten Stand, dessen unwürdiges Mitglied ich jetzt zu werden im Begriff stehe, hoffe ich ihm keine Schande zu machen, und Mrs. Micawber wird ihm sicher zur Zierde gereichen. Unter dem vorübergehenden Druck pekuniärer Verbindlichkeiten, eingegangen mit der Absicht ihrer sofortigen Bezahlung, aber leider ungetilgt durch eine Verkettung von Umständen, habe ich mich genötigt gesehen, eine Tracht anzulegen, die meinen natürlichen Gefühlen widersteht, – ich meine die Brille – und einen Namen anzunehmen, auf den ich keinen gerechtfertigten Anspruch habe. Über diese Sache habe ich nur zu sagen, daß die Wolke nicht mehr die Trauerszene beschattet und daß der Gott des Tages wieder hoch über den Bergesgipfeln schwebt. Nächsten Montag mit der Ankunft der Nachmittagspost in Canterbury berührt mein Fuß die heimatliche Heide – und mein Name ist wieder Micawber!« Mr. Micawber nahm nach Schluß dieser Bemerkungen seinen Platz wieder ein und trank mit gewichtigem Ernst zwei Gläser Punsch hintereinander. Dann sprach er feierlich: »Noch etwas habe ich zu tun, ehe diese Trennung vor sich geht, und zwar eine Tat der Gerechtigkeit. Mein Freund Mr. Thomas Traddles hat bei zwei verschiedenen Gelegenheiten mir zur Aushilfe seinen Namen zu Wechseln geliehen. Bei der ersten Gelegenheit ließ ich Mr. Thomas Traddles – Sie werden mir erlauben, mich kurz auszudrücken – in der Tinte sitzen. Die Verfallzeit des zweiten ist noch nicht da. Der Betrag des ersten Wechsels« – hier sah Mr. Micawber prüfend in seine Brieftasche – »war, wenn ich nicht irre, dreiundzwanzig – vier – neun und ein halb; der des zweiten nach meiner Notiz über dieses Geschäft achtzehn – sechs – zwei. Diese Summen machen zusammengerechnet, wenn ich nicht ganz irre, einundvierzig – zehn – elf und ein halb. Mein Freund Copperfield wird vielleicht die Güte haben, es nachzurechnen.« Ich tat es und fand es richtig. »Diese große Stadt und meinen Freund Thomas Traddles zu verlassen,« sagte Mr. Micawber, »ohne mich von dem pekuniären Teile dieser Verpflichtungen zu entledigen, würde in unerträglicher Weise auf meinem Gemüt lasten. Ich habe daher für meinen Freund Thomas Traddles ein Dokument, das den gewünschten Zweck erfüllt, entworfen und habe es hier in der Hand. Ich erlaube mir, meinem Freunde Mr. Thomas Traddles meinen Schuldschein für einundvierzig – zehn – elf und ein halb zu überreichen, und ich schätze mich glücklich, meine sittliche Würde wieder zu gewinnen und zu wissen, daß ich jetzt wieder mit aufgerichtetem Haupte vor meinen Mitmenschen vorübergehen kann.« Mit dieser Einleitung – die ihn sehr rührte – legte Mr. Micawber seinen Schuldschein in Traddles Hände und sagte, daß er ihm in allen Verhältnissen seines Lebens so viel Glück wie möglich wünsche. Ich bin überzeugt, daß nicht nur das eben Geschehene in Mr. Micawbers Augen ebensogut war, als ob er das Geld bezahlt hätte, sondern auch daß Traddles selbst kaum den Unterschied erkannte, bevor er dazukam, näher darüber nachzudenken. Mr. Micawber ging kraft seiner tugendhaften Handlung mit so stolz aufgerichtetem Haupte an seinen Mitmenschen vorüber, daß seine Brust noch einmal so breit aussah, wie er uns die Treppe hinunterleuchtete. Wir schieden mit großer Herzlichkeit voneinander, und als ich Traddles bis an seine Tür begleitet hatte und allein heimwärts ging, dachte ich mir unter vielen andern verschiedenen und widersprechenden Sachen, daß, so leichtsinnig Mr. Micawber mit dem Gelde anderer Leute war, ich es wahrscheinlich einer mitleidigen Rückerinnerung an die Zeit verdankte, wo ich bei ihm als Knabe wohnte, daß er mich nie um Geld angesprochen hatte. Ich hätte gewiß nicht den Mut gehabt, es ihm abzuschlagen, und ich bezweifle nicht – zu seiner Ehre sei dies gesagt –, daß er das so gut wußte wie ich. Siebenunddreißigstes Kapitel. Ein wenig kalt Wasser. Mein neues Leben hatte schon länger als eine Woche gedauert, und ich war entschiedener als je in den gewaltsamen, praktischen Entschlüssen, wie sie die Krisis nötig machte. Ich fuhr fort, noch immer im Sturmschritt zu gehen und von einer allgemeinen Idee beherrscht zu sein, daß ich Fortschritte im Leben machte. Auch nahm ich den Grundsatz an, in allem, was ich tat, so viel zu arbeiten, als meine Kräfte nur erlaubten. Ich kam sogar auf den Gedanken, mich ganz auf Pflanzenkost herabzusehen, und hatte dabei die dunkle Ahnung, daß ich Dora ein Opfer brächte, indem ich ein grasfressendes Tier würde. Vorderhand ahnte meine kleine Dora von meiner verzweifelten Entschlossenheit noch nichts, außer dem wenigen, was meine Briefe dunkel andeuteten. Aber es kam wieder ein Sonnabend, und an diesem Sonnabend abend sollte sie bei Miß Mills sein, und sobald Mr. Mills in seinen Whistklub gegangen war, was mir durch einen Käfig im Mittelfenster des Besuchszimmers telegraphiert wurde, sollte ich zum Tee hinaufkommen. Um diese Zeit hatten wir uns in Buckinghamstreet ganz eingewohnt, und Mr. Dick fuhr fort, in einem Zustande unbedingter Glückseligkeit abzuschreiben. Meine Tante hatte einen entschiedenen Sieg über Mrs. Crupp erfochten, indem sie sie gehörig abkanzelte, den ersten Wassereimer, den diese auf die Treppe setzte, zum Fenster hinauswarf und in eigener Person eine Aufwärterin, die sie angenommen hatte, die Treppe auf und ab geleitete. Diese energischen Maßregeln setzten Mrs. Crupp so in Schrecken, daß sie sich in ihre Küche zurückzog, in der Meinung, meine Tante sei verrückt. Da meiner Tante Mrs. Crupps Meinung so gut wie die anderer Leute vollkommen gleichgültig war und sie die Täuschung unserer Wirtin eher begünstigte, so wurde die früher so kühne Mrs. Crupp in wenigen Tagen so schüchtern, daß sie es vorzog, ihre stattliche Gestalt hinter Türen zu verstecken – wobei jedoch immer ein breiter Rand des flanellenen Unterrocks vorguckte – oder sich in dunkle Ecken zu drücken, wenn meine Tante in der Nähe erschien. Dies machte meiner Tante so unaussprechlichen Spaß, daß ich glaube, sie fand ein rechtes Vergnügen darin, zuzeiten, wo sie hoffte Mrs. Crupp zu Gesicht zu bekommen, ihren Hut möglichst verrückt auf den Kopf zu stülpen und so herumzuschlendern. Meine Tante, die außerordentlich praktisch und erfinderisch war, nahm in meiner Haushaltung so viele kleine Verbesserungen vor, daß ich mir eher reicher, als ärmer vorkam. Unter anderm verwandelte sie die Speisekammer in ein Ankleidezimmer für mich, und kaufte mir eine Bettstelle, die zur Tageszeit einem Bücherschranke so ähnlich sah, wie es einer Bettstelle nur möglich war. Ich war der Gegenstand ihrer beständigen Fürsorge, und meine arme Mutter selbst hätte mich nicht zärtlicher lieben oder eifriger darauf sinnen können, mich glücklich zu machen. Peggotty fühlte sich sehr geehrt, daß sie an diesen Arbeiten teilnehmen durfte, und obgleich ihr immer noch etwas von der alten, scheuen Furcht vor meiner Tante zurückgeblieben war, so hatte ihr diese doch so viele ermutigende Beweise von Vertrauen gegeben, daß sie ganz gute Freunde geworden waren. Aber die Zeit war jetzt gekommen – ich spreche von dem Sonnabend, wo ich zum Tee bei Miß Mills eingeladen war – wo sie nach Hause zurückkehren mußte, um dort die Pflichten der Hausfrau hinsichtlich Hams zu übernehmen. »So leben Sie denn wohl, Barkis,« sagte meine Tante, »und sorgen Sie nun auch für sich! – Ich hätte wahrhaftig nie gedacht, daß es mir so leid tun würde, Sie gehen zu sehen.« Ich begleitete Peggotty nach dem Landkutschenbureau und sah sie fortfahren. Sie weinte beim Abschiede und empfahl meiner Freundschaft ihren Bruder, wie es Ham getan hatte. Wir hatten von ihm nichts wieder gehört, seitdem er an jenem sonnigen Nachmittag fortgegangen war. »Und jetzt will ich dir noch etwas sagen, mein Herzensdavy,« sagte Peggotty – »wenn du Geld brauchst, während du in der Lehre bist, oder wenn du nicht genug Zeit hast, liebes Kind, und dir jemand halten möchtest – und du mußt entweder das eine oder das andere tun, mein Engel – so hat gewiß niemand ein so gutes Recht, es dir leihen zu dürfen, als meiner lieben guten Tochter altes dummes Mädchen.« Ich konnte nicht umhin, zu antworten, daß ich mich an sie wenden würde, wenn ich jemals Geld borgte. Und mit nichts anderm hätte ich meiner Peggotty eine größere Freude machen können, außer wenn ich auf der Stelle eine große Summe Geldes angenommen hätte. »Und noch eins, liebes Kind,« flüsterte mir Peggotty zu, »sage dem hübschen kleinen Engel, daß ich sie gar zu gern gesehen hätte, wenn auch nur für einen einzigen Augenblick! Und sage ihr, daß ich, bevor sie mein Liebling heiratet, dein Haus so schön einrichten will, wenn ihr mir's erlaubt!« Ich erklärte, daß niemand anders Hand daran legen sollte als sie allein, und darüber freute sich Peggotty so sehr, daß sie in der besten Laune von dannen fuhr. Ich mühte mich den ganzen Tag über in den Commons durch Ersinnen der verschiedensten Pläne so viel wie möglich ab und begab mich zu der bestimmten Zeit abends nach der Straße, wo Mr. Mills wohnte. Mr. Mills, der nach Tische lange zu schlafen pflegte, war noch nicht fort, denn im Mittelfenster hing noch kein Vogelbauer. Er ließ mich so lange warten, daß ich heiße Gebete zum Himmel schickte, der Klub möchte ihn wegen Zuspätkommens in die denkbar härteste Strafe nehmen. Endlich trat er aus der Tür, und dann sah ich, wie Dora selbst das Vogelbauer aufhing und einen Blick von dem Balkon warf, um nach mir zu sehen, und wieder hineinlief, als sie mich erblickte, während Jip draußen blieb und höchst beleidigend einen riesenhaften Fleischerhund auf der Straße anbellte, der ihn wie eine Pille hätte verschlucken können. Dora kam mir an der Zimmertür entgegen; Jip kam herausgesprungen und überkugelte sich in seines Eifers Hitze, in der Meinung, ich sei ein Bandit, und wir alle drei gingen in Glück und Liebe in die Stube. Aber ich zerstörte bald den schönen Garten unserer Freuden – nicht absichtlich, aber ich war so voll von dem Gegenstande – indem ich Dora ohne die mindeste Vorbereitung fragte, ob sie einen Bettler lieben könnte. Die hübsche, kleine, erschrockene Dora! Ihr einziger Gedanke bei dem Worte war ein verhungertes Gesicht und eine Zipfelmütze, oder ein Paar Krücken, oder ein hölzernes Bein, oder ein Hund mit einer blechernen Schale im Maule, um Almosen zu sammeln, oder etwas derartiges, und sie starrte mich mit einem ganz allerliebsten verwunderten Gesicht an. »Wie kannst du nur so närrisch fragen?« schmollte Dora. »Ich sollte einen Bettler lieben!« »Aber meine teuerste Dora!« sagte ich. »Ich bin ein Bettler!« »Aber wie kannst du so albern sein,« erwiderte Dora und schlug mich auf die Hand, »und hier sitzen und mir solche Geschichten erzählen! Warte, Jip soll dich beißen!« Ihr kindisches Wesen war mir das köstlichste Ding in der Welt, aber ich mußte mich ihr deutlicher machen und wiederholte feierlich: »Dora, mein Leben, ich bin dein zugrundegerichteter David!« »Warte nur, Jip soll dich beißen,« sagte Dora und schüttelte ihre Locken, »wenn du so alberne Geschichten erzählst.« Aber ich machte ein so ernstes Gesicht, daß Dora aufhörte, ihre Locken zu schütteln, ihre zitternde kleine Hand auf meine Schulter legte und zuerst erschrocken und besorgt aussah und dann anfing zu weinen. Das war mir schrecklich. Ich fiel vor dem Sofa auf die Knie nieder, liebkoste sie und bat sie, mir nicht das Herz zu zerreißen. Aber für eine Zeit lang konnte die arme kleine Dora nur ausrufen: »O Gott! o Gott!« und: »Ach, wie erschrocken bin ich!« und: »Wo ist Julia Mills?« und: »Ach, führe mich zu Julien!« und: »Geh, ich bitte dich!« bis ich fast von Sinnen war. Endlich nach qualvollem Bemühen gelang es mir, Dora zu bewegen, mich mit ganz entsetztem Gesicht anzusehen. Aber der Ausdruck des Entsetzens milderte sich allmählich, bis sie mich nur noch liebend ansah und ihre weiche Wange an meiner ruhte. Dann sagte ich ihr, während ich sie mit meinen Armen umschlungen hielt, wie sehr und innig ich sie liebte; wie ich es für meine Schuldigkeit hielt, sie von ihrem Versprechen zu entbinden, weil ich jetzt arm sei; wie ich es kaum ertragen würde, wenn ich sie verlöre; wie ich mich nicht vor der Armut fürchtete, wenn sie es nicht täte, denn mein Arm und mein Herz würden durch den Gedanken an sie gestählt; wie ich schon jetzt mit einem Mut arbeitete, den nur Liebende kennen; wie ich praktisch geworden sei und für die Zukunft sorge; wie ein wohlverdienter Bissen Brot süßer sei als ein geerbtes Festgelag, und noch vieles Ähnliche, was ich mit einer leidenschaftlichen Beredsamkeit von mir gab, die mich ganz überraschte, obgleich ich Tag und Nacht, seitdem mich meine Tante in Erstaunen gesetzt, weiter nichts gedacht hatte. »Ist dein Herz immer noch mein, geliebte Dora?« fragte ich begeistert, denn ihr zärtliches Anschmiegen verriet es mir. »O ja!« rief Dora. »O ja, es ist ganz dein. Aber sei nur nicht so schrecklich!« »Ich schrecklich? Meiner Dora schrecklich?!« »Sprich nur nicht von Armsein und anstrengenden Arbeiten«, sagte Dora und schmiegte sich noch dichter an mich. »O, ich bitte dich! Nein, nein!« »Teuerstes Herz,« sagte ich, »der wohlverdiente Bissen Brot –« »O ja, aber ich mag nichts mehr vom Bissen Brot hören,« sagte Dora, »und Jip muß jeden Mittag um zwölf Uhr ein Hammelkotelett haben, oder er stirbt.« Mich entzückte ihre kindische, tändelnde Art. Ich setzte Dora liebkosend auseinander, daß Jip sein Hammelkotelett mit der gehörigen Regelmäßigkeit bekommen sollte. Ich entwarf ein Gemälde unserer bescheidenen Häuslichkeit, ich unabhängig durch meine Arbeit – ich benutzte zu dieser Schilderung das kleine Haus, das ich in Highgate gesehen – und meine Tante in ihrem Zimmer oben. »Jetzt bin ich nicht mehr schrecklich, nicht wahr, Dora?« fragte ich zärtlich. »O nein, nein!« weinte Dora. »Aber ich hoffe, deine Tante wird immer hübsch oben in ihrem Zimmer bleiben! Und ich hoffe nur, sie ist keine keifende alte Jungfer?« Wenn es mir möglich gewesen wäre, Dora mehr als je zu lieben, so wäre es jetzt der Fall gewesen. Aber ich fühlte doch, daß sie etwas zuwenig praktisch und schwer zu überzeugen war. Es kühlte meine kaum geborene Begeisterung etwas ab, daß ich Dora selbst nicht ebenso leicht begeistern konnte. Ich versuchte es noch einmal. Als sie wieder ganz zur Fassung gekommen war und die Ohren des auf ihrem Schoße liegenden Jip um ihre Finger drehte, wurde ich ernst und sagte: »Liebe Dora! darf ich noch etwas sagen?« »O ja, aber bitte nichts praktisches!« sagte Dora liebkosend, »denn es jagt mir solche Furcht ein!« »Liebes Herz!« erwiderte ich, »du brauchst über nichts zu erschrecken. Ich wünschte, du dächtest ganz anders darüber. Es soll dich ermutigen und begeistern, Dora!« »Aber es ist so schrecklich!« rief Dora. »Mitnichten, liebe Dora. Ausdauer und Charakterstärke befähigen uns, noch viel Schlimmeres zu tragen.« »Aber ich habe gar keine Stärke«, sagte Dora und schüttelte ihre Locken. »Nicht wahr, Jip? O bitte, gib Jip einen Kuß und sei ein guter Mensch.« Ich konnte mich nicht enthalten, Jip zu küssen, als sie ihn mir entgegenhielt und dabei ihren eigenen hübschen rosigen Mund spitzte, als sie die Zeremonie leitete, und ich küßte ihn, wie sie es wünschte, auf die Mitte der Nase. Später holte ich mir den Lohn für meinen Gehorsam, und ihre tändelnden Liebkosungen ließen mich meinen Ernst für lange Zeit vergessen. »Aber, geliebte Dora!« sagte ich endlich wieder, ernsthafter werdend, »ich wollte dir ja etwas sagen.« Selbst der Richter des Prärogativgerichts hätte sich in sie verlieben müssen, wie sie ihre Händchen faltete und sie emporhielt und mich bat, ja nicht wieder schrecklich zu sein. »Ich werde es gewiß nicht sein, mein Liebling!« beruhigte ich sie. »Aber, liebe Dora, wenn du manchmal bedenken wolltest – nicht mit Widerwillen, durchaus nicht – aber wenn du manchmal bedenken wolltest – nur um dir Mut einzuflößen – daß du mit einem armen Menschen verlobt bist –« »O, nicht doch, nicht doch, ich bitte dich!« sagte Dora, »es ist ja so schrecklich!« »Durchaus nicht, liebes Herz«, sagte ich ermunternd. »Wenn du das manchmal bedenken und dich zuweilen in deines Vaters Haushaltung umsehen wolltest und dich ein wenig gewöhntest – vielleicht Rechnung zu führen –« Das liebe Mädchen nahm diesen Ratschlag mit einem Laut auf, der halb ein Seufzer, halb ein Schrei war. »– so würde das später sehr nützlich sein«, fuhr ich fort. »Und wenn du mir versprechen wolltest, manchmal ein kleines Kochbuch zu lesen, das ich dir schicken will, so wäre es recht gut; denn unser Lebenspfad, Dora,« sagte ich und wurde wärmer, »ist rauh und steinig, und wir selbst müssen ihn ebnen. Wir müssen uns durchkämpfen. Wir müssen standhaft sein. Es sind Hindernisse zu überwinden, aber wir müssen ihnen entgegentreten und sie besiegen!« Ich sprach in größter Begeisterung, mit geballter Faust und höchst enthusiastischem Gesicht; aber es war ganz unnütz fortzufahren. Ich hatte genug gesagt. Ich hatte es wieder verdorben! O, sie war so außer sich! O, wo war Julia Mills! »O, bringe mich zu Julia Mills und geh fort, ich bitte!« Kurz, ich kam ganz von Sinnen und raste im Salon wild umher. Ich glaubte damals wirklich, ich hätte sie getötet. Ich spritzte ihr Wasser ins Gesicht. Ich fiel vor ihr auf die Knie nieder. Ich zerraufte mein Haar. Ich nannte mich einen hartherzigen Barbaren und ein wildes Tier. Ich bat sie um Verzeihung. Ich bat sie, mich nur anzusehen. Ich wühlte in Miß Mills Arbeitskästchen nach einem Riechfläschchen herum und nahm in meiner Verzweiflung anstatt dessen eine elfenbeinerne Nadelbüchse, hielt sie ihr an das Näschen und schüttete alle Nadeln über Dora aus. Ich drohte Jip, der ebenso tobte wie ich, mit der Faust. Ich ließ nichts Tolles ungetan und war ganz und gar von Sinnen, als Miß Mills hereintrat. »Wer hat das getan!« rief Miß Mills aus, ihrer Freundin zu Hilfe eilend. Ich erwiderte: »Ich, Miß Mills! Ich habe es getan! Sehen Sie den Barbaren!« – oder etwas Ähnliches – und verbarg mein Gesicht in dem Sofakissen vor dem Lichte. Anfangs glaubte Miß Mills, wir hätten uns gezankt und näherten uns wieder der Wüste Sahara; aber sie erfuhr bald die Wahrheit, denn meine liebe kleine Dora fiel ihr um den Hals und rief weinend aus, ich sei ein armer Arbeiter; und rief dann mich herbei und fiel mir um den Hals und fragte mich, ob sie mir all ihr Geld zum Aufheben geben sollte, und dann sank sie wieder an Miß Mills Brust und schluchzte, als ob ihr liebendes Herz gebrochen wäre. Miß Mills war ein wahrhafter Segen für uns. Mit wenigen Worten erfuhr sie von mir, um was es sich handle, dann tröstete sie Dora und brachte sie allmählich zu der Überzeugung, daß ich kein Arbeiter sei – aus meiner Erzählung schien Dora geschlossen zu haben, daß ich eine Art Schiffsarbeiter sei und den ganzen Tag über auf einer Planke mit einem Schubkarren auf und ab fahre, um Kähne zu entladen oder dergleichen – und so stiftete sie zwischen uns Frieden. Als wir wieder ganz ruhig waren und Dora gegangen war, um ihre Augen mit Rosenwasser zu kühlen, klingelte Miß Mills nach dem Tee. In der Zwischenzeit sagte ich Miß Mills, daß sie ewig meine Freundin sein würde und daß mein Herz aufhören müßte zu schlagen, bevor ich ihre Teilnahme vergessen könnte. Dann setzte ich Miß Mills auseinander, was ich mich mit so schlechtem Erfolge bemüht hatte, Dora auseinanderzusetzen. Miß Mills erwiderte, daß die Zufriedenheit in der Hütte besser sei, als die kalte Pracht des Palastes und daß, wo Liebe sei, nichts andres vermißt werde. Ich gab Miß Mills vollkommen recht und sagte ihr, daß das niemand besser wissen könnte als ich, der Dora liebte, wie noch kein Sterblicher geliebt hätte. Aber da Miß Mills darauf melancholisch erwiderte, es würde gut um manche Herzen stehen, wenn dem so wäre, erlaubte ich mir diese Bemerkung auf die Sterblichen männlichen Geschlechts zu beschränken. Ich fragte dann Miß Mills, ob meine Vorschläge wegen des Rechnens, der Wirtschaft und des Kochbuchs praktisch seien oder nicht. Nach einiger Überlegung gab Miß Mills folgende Antwort: »Mr. Copperfield, ich will ganz aufrichtig gegen Sie sein. Seelenleiden und Prüfungen ersetzen bei manchen Charakteren die Zahl der Jahre, und ich will so aufrichtig gegen Sie sein, als wäre ich eine Äbtissin. Nein. Der Rat paßt nicht für Dora. Unsere liebe Dora ist ein Schoßkind der Verhältnisse. Sie ist ein Wesen des Lichts, des Äthers, der Freude. Ich gestehe recht gern, daß es recht gut wäre, wenn es geschehen könnte, aber –« und Miß Mills schüttelte den Kopf. – Durch dies letzte Zugeständnis Miß Mills wurde ich ermutigt zu fragen, ob sie, um Doras willen, bei Gelegenheit ihre Aufmerksamkeit für solche Vorbereitungen auf ein ernstes Leben zu gewinnen versuchen wolle. Miß Mills bejahte so bereitwillig, daß ich sie weiter fragte, ob sie das Kochbuch in ihre Obhut nehmen wolle, und daß, wenn sie es fertig brächte, Dora zu dessen Annahme zu überreden, ohne sie zu erschrecken, sie damit die mir erwiesenen Dienste krönen würde. Miß Mills übernahm auch diesen Auftrag, aber nicht mit allzu großer Hoffnung auf Erfolg. Und Dora kam zurück, ein so liebliches kleines Geschöpf, daß ich wirklich zweifelte, ob man eine solche Elfe mit so gewöhnlichen Dingen behelligen dürfe. Und sie liebte mich so sehr und war so bezaubernd – besonders wenn sie Jip auf den Hinterbeinen stehen und um Toast bitten ließ und sie sich den Anschein gab, als ob sie zur Strafe seine Nase an die heiße Teekanne hielte, weil er nicht wollte – daß ich mir selbst wie eine Art Ungeheuer vorkam, das in einen Feenpalast geraten war, wenn ich daran dachte, daß ich sie erschreckt und zu Tränen gebracht hatte. Nach dem Tee kam die Gitarre an die Reihe, und Dora sang jene lieben, alten, französischen Lieder von der Unmöglichkeit, jemals unter irgendwelcher Bedingung das Tanzen zu lassen, »Larala, Larala«, bis ich mir als ein noch größeres Ungeheuer vorkam als vorher. Nur ein Schatten fiel auf unser Glück, und zwar kurz vor meinem Fortgehen, als ich unvorsichtigerweise zufällig erwähnte, daß ich wegen meiner Arbeiten jetzt um fünf Uhr aufstünde. Ob Dora vielleicht glaubte, ich sei ein Privatnachtwächter oder dergl., weiß ich nicht; aber es machte großen Eindruck auf sie, und sie spielte und sang von da an nicht mehr. Der Gedanke daran beschäftigte sie immer noch, als ich Abschied von ihr nahm; sie sagte zu mir in ihrer allerliebsten tändelnden Weise – als ob ich eine Puppe wäre, dachte ich damals immer: »Also steh nicht um fünf Uhr auf, du böser Mensch. Das ist ja Unsinn!« »Meine Liebe,« sagte ich, »ich muß ja arbeiten.« »Nun, so arbeite nicht!« entgegnete Dora. »Warum auch?« Dem hübschen verwunderten Gesichtchen konnte man nur scherzend sagen, daß wir arbeiten müßten, um zu leben. »O wie lächerlich!« rief Dora. »Wie aber sollen wir leben ohne Arbeit, Dora!« sagte ich. »Wie? Irgendwie!« sagte Dora. Sie schien zu glauben, daß sie damit die Sache ganz abgetan hätte, und gab mir einen so allerliebsten und herzlichen siegesgewissen Kuß, daß ich es um eine Million nicht fertig bekommen hätte, ihr die Freude über diese Antwort zu trüben. Ja! ich liebte sie, liebte sie unentwegt, ausschließlich, ganz in ihr aufgehend. Zugleich aber fuhr ich fort angestrengt zu arbeiten und alle Eisen, die ich im Feuer hatte, glühend zu erhalten; und so saß ich manchmal abends meiner Tante gegenüber und dachte daran, wie ich Dora damals erschreckt hatte und wie ich mir wohl meinen Weg durch den Wald der Schwierigkeiten mit einem Gitarrenkasten bahnen könnte – und so sann ich und sann, bis ich mein Haar ganz grau werden zu sehen glaubte vor lauter Grübeln. Achtunddreißigstes Kapitel. Eine Trennung. Ich ließ meinen Entschluß betreffs der Parlamentsdebatten nicht erkalten. Dies war eins der Eisen, das ich sofort glühend machte und glühend erhielt, und ich hämmerte mit einer Ausdauer darauf los, die ich aufrichtig bewundern darf. Ich kaufte mir ein bewährtes Lehrbuch der edeln Kunst der Stenographie, das mich zehn Schilling zehn Pence kostete, und versenkte mich in ein Meer von Verworrenheit, das mich in wenig Wochen an den Rand der Verzweiflung brachte. Die vielen Sachen, die mit Punkten angefangen wurden, die an dieser Stelle das, an andern etwas ganz andres bedeuteten; die seltsamen Striche, die Kreise spielten; die unberechenbaren Folgen, die einige Zeichen in Gestalt von Fliegenbeinen nach sich zogen; die schrecklichen Wirkungen eines Hakens an der unrechten Stelle beunruhigten nicht nur meine wachen Stunden, sondern erschienen mir auch im Schlafe. Als ich mir endlich mühsam durch diese Schwierigkeiten Bahn gebrochen hatte und des Alphabets Herr geworden war, das schon an und für sich ein ägyptisches Mysterium war, kam eine lange Reihe von neuen Schrecken, die willkürliche Charaktere oder Siegel hießen: die despotischesten Charaktere, die mir jemals vorgekommen sind, die z. B. behaupteten, daß ein Ding, das wie der Anfang eines Spinngewebes aussah, »Erwartung« hieße, und daß eine Rakete von Tinte »unvorteilhaft« bedeute. Als ich mir diese unglücklichen Zeichen eingeprägt hatte, fand ich, daß sie mir alles Übrige aus dem Kopfe getrieben hatten; dann fing ich wieder von vorn an und vergaß die Spinngewebe und Tintenraketen, während ich diese wieder nachholte, kamen die andern Fragmente der Kunst abhanden: mit einem Worte, es war zum Tollwerden, zum Herzzerbrechen. Es wäre mir auch das Herz gebrochen ohne Dora, die der Notanker meines vom Sturme getriebenen Bootes war. Jedes Gekritzel im Lehrbuche war eine knorrige Eiche im Walde der Schwierigkeiten, und ich fuhr fort, sie mit solcher Kraft, eine nach der andern, niederzuschlagen, daß ich in drei bis vier Monaten imstande war, mich an einen unserer Hauptredner in den Commons versuchsweise zu wagen. Ich werde so leicht nicht vergessen, wie der zungenfertige Hauptredner vor mir hereilte, noch ehe ich anfing, und mein unbeholfener Bleistift auf dem Papier umhertorkelte, als ob er die Krämpfe hätte! So ging es nicht, das war ganz klar. Ich nahm einen zu hohen Flug und würde auf die Art nie vorwärts kommen. Nun fragte ich Traddles wieder um Rat, der mir vorschlug, er wolle mir Reden langsam und mit angemessenen Pausen diktieren. Sehr dankbar für diese freundschaftliche Unterstützung nahm ich den Vorschlag an; und lange Zeit hatten wir fast jeden Abend, wenn ich vom Doktor kam, eine Art Privatparlament in der Buckinghamstraße. So ein Parlament hätte ich wo anders sehen mögen! Meine Tante und Mr. Dick stellten die Regierung oder die Opposition – je nach dem Falle – vor, und Traddles donnerte, mit Hilfe von Enfields »Redner« oder einem Bande Parlamentsreden, erstaunliche Schmähreden gegen sie los. Neben dem Tische mit einem Finger der linken Hand auf einer Seite des aufgeschlagenen Buches, um die betreffende Stelle nicht zu verlieren, und mit dem rechten Arm über seinem Kopf gestikulierend, stand Traddles als Mr. Pitt, Mr. Fox, Mr. Sheridan, Mr. Burke, Lord Castlereagh, Viscount Sidmouth oder Mr. Canning, arbeitete sich in die größte Hitze hinein und entledigte sich der vernichtendsten Anklagen über die Verworfenheit und Verderbtheit von meiner Tante und Mr. Dick, während ich gewöhnlich in einer kleinen Entfernung saß, mein Notizbuch auf den Knien hielt, und ihm mit aller Anstrengung zu folgen suchte. Einem wirklichen Politiker wäre es nicht möglich gewesen, Traddles in Unbeständigkeit und Rücksichtslosigkeit zu übertreffen. Im Laufe einer Woche hatte er es mit allen Arten von Politik gehalten und Flaggen aller Farben an jeden was immer für Namen tragenden Mast genagelt. Meine Tante, die einem unerschütterlichen Kanzler des Schatzamts sehr ähnlich sah, warf manchmal, wenn sich die Gelegenheit bot, eine oder die andre Unterbrechung, wie: »Hört, hört!« oder »Nein!« oder »Oho!« ein, wenn es der Text zu verlangen schien, und das war jedesmal für Mr. Dick, der einem Landedelmann aufs Haar ähnlich sah, das Signal, kräftig in diesen Ruf mit einzustimmen. Aber in der Folge seiner parlamentarischen Laufbahn wurden Mr. Dick solche Dinge zur Last gelegt, wurde er für so schreckliche Folgen verantwortlich gemacht, daß ihm manchmal unbehaglich zumute wurde. Ich glaube, er fing an, sich tatsächlich zu ängstigen, daß er wirklich etwas getan habe, was zur Vernichtung der britischen Verfassung und zum Ruin des Landes führte. Immer und immer wieder setzten wir diese Debatten fort, bis die Uhr Mitternacht zeigte und die Lichter herabgebrannt waren. Die Frucht dieser fleißigen Übungen war, daß ich allmählich mit Traddles leidlich Schritt halten konnte und wirklich froh gewesen wäre, wenn ich nur hätte herausbekommen können, was meine stenographischen Noten bedeuteten, wenn ich sie hätte nachher entziffern können! Aber ebensogut hätte ich die chinesischen Inschriften auf einer unendlichen Anzahl von Teekisten oder die goldenen Zeichen auf den großen roten und grünen Flaschen in den Apothekerläden lesen können. Es konnte also wieder nichts helfen, ich mußte noch einmal von vorn anfangen. Das war sehr schlimm, aber ich versuchte es, obgleich mit schwerem Herzen, auf demselben ermüdenden Boden mühsam und systematisch im Schneckentempo hinzukriechen, bei jedem Punkt anzuhalten und ihn von allen Seiten zu betrachten und die verzweifeltsten Anstrengungen zu machen, diese trügerischen Zeichen voneinander zu unterscheiden. Dabei war ich pünktlich im Amte und pünktlich beim Doktor – kurz ich arbeitete, wie man so zu sagen pflegt, wie ein Karrengaul. Eines Tages, als ich wie gewöhnlich nach den Commons ging, sah ich Mr. Spenlow mit sehr ernstem Gesicht und mit sich selbst sprechend unter dem Haustor stehen. Da er manchmal über Kopfschmerzen klagte – er hatte von Natur einen kurzen Hals, und ich glaubte wahrhaftig, er trug zuviel gesundheitswidrig gestärkte Wäsche – so kam mir zuerst der Gedanke, es sei in dieser Hinsicht etwas nicht recht; aber er benahm mir bald meine Unruhe. Anstatt meinen »Guten Morgen« mit der gewöhnlichen Leutseligkeit zu erwidern, sah er mich in kalter, zeremoniöser Weise an und forderte mich auf, ihm nach einem gewissen Kaffeehause zu folgen, das zu jener Zeit einen Eingang in dem kleinen Torweg des St. Paulskirchhofs hatte. In sehr unbehaglicher Stimmung folgte ich ihm und mit einem Gefühl, als überriesele es plötzlich heiß meinen ganzen Körper, gleichsam als ob meine Befürchtungen in Knospen ausbrächen. Als ich ihn ein wenig vorangehen ließ, weil der Weg sehr schmal war, sah ich, wie er seinen Kopf in einer sehr wenig versprechenden Weise recht hoch trug, und eine böse Ahnung sagte mir, daß er meinem Verhältnis mit Dora auf die Spur gekommen sei. Wenn ich es unterwegs nicht erraten hätte, so mußte mir klar werden, wie die Dinge standen, als ich ihm in ein Zimmer eine Treppe hoch, folgte und dort Miß Murdstone fand, gelehnt an einen Seitentisch darauf verschiedene umgekehrte Gläser mit Zitronen und zwei von jenen alten Kästen standen, die nur aus Kanten und Riefen bestehen und zum Aufbewahren von Messern und Gabeln dienten, die jetzt aber glücklicherweise nicht mehr Mode sind. Miß Murdstone reichte mir ihre kalten Fingerspitzen und saß steif aufrecht da. Mr. Spenlow machte die Tür zu, winkte mir, einen Stuhl zu nehmen, und stellte sich auf den Teppich vor dem Kamin. »Wollten Sie so gut sein, Miß Murdstone,« sagte Mr. Spenlow, »Mr. Copperfield zu zeigen, was Sie in Ihrem Strickbeutel haben?« Ich glaube, es war noch der alte Strickbeutel mit dem Stahlschloß, das wie ein Raubtiergebiß auf und zu schnappte. Mit – aus Sympathie für das Schloß – zusammengepreßten Lippen machte es Miß Murdstone auf und zog meinen letzten Brief an Dora heraus, voll von zärtlichen Äußerungen. »Ich glaube, das ist Ihre Handschrift, Mr. Copperfield«, sagte Mr. Spenlow. Mir war sehr heiß, und die Stimme, die ich vernahm, klang der meinigen ganz unähnlich, als ich sagte: »Ja, Sir.« »Wenn ich nicht irre,« sagte Mr. Spenlow, als Miß Murdstone ein ganzes Paket Briefe, zugebunden mit einem allerliebsten blauen Bande, aus dem Strickbeutel hervorholte, »sind auch diese von Ihrer Hand, Mr. Copperfield.« Mit den allerjämmerlichsten Gefühlen nahm ich sie in die Hand, und als ich Äußerungen wie: »Meine geliebteste Herzens-Dora«, »mein geliebter Engel«, »du meine Wonne« usw. zu Anfang der Briefe erblickte, errötete ich tief und nickte bejahend. »Nein, ich danke Ihnen!« sagte Mr. Spenlow kalt, als ich sie ihm halb mechanisch wieder zurückgeben wollte. »Ich will Sie der Briefe nicht berauben. Miß Murdstone, haben Sie die Güte fortzufahren!« Nachdem der Blick dieses liebenswürdigen Wesens kurze Zeit gedankenvoll auf dem Teppich geruht hatte, begann sie mit viel trockener Salbung wie folgt: »Ich muß gestehen, ich habe schon längere Zeit Miß Spenlow wegen David Copperfield in Verdacht gehabt. Ich beobachtete Miß Spenlow und David Copperfield, als sie sich zuerst sahen, und der Eindruck, den sie damals auf mich machten, war durchaus nicht günstig. Die Verderbtheit des menschlichen Herzens ist so groß –« »Sie würden mich verbinden, Madame,« unterbrach sie Mr. Spenlow, »wenn Sie sich auf Tatsachen beschränkten.« Miß Murdstone schlug die Augen nieder, schüttelte den Kopf, als ob sie gegen diese unpassende Unterbrechung protestiere, und fuhr mit grämlicher Würde fort: »Da ich mich auf Tatsachen beschränken soll, will ich sie so ungeschminkt vortragen wie nur möglich. Vielleicht wird das dann mehr Beifall finden! Ich habe bereits gesagt, Sir, daß ich schon einige Zeit Miß Spenlow wegen David Copperfield in Verdacht hatte. Ich war öfters bemüht, eine entscheidende Bestätigung meines Verdachtes zu finden, aber ohne Erfolg. Ich habe mich daher enthalten, Miß Spenlows Vater etwas zu sagen« – sie sah ihn dabei streng an – »da ich weiß, wie wenig man in solchen Fällen gewöhnlich geneigt ist, eine gewissenhafte Pflichterfüllung anzuerkennen.« Mr. Spenlow war ganz eingeschüchtert von Miß Murdstones männlichem Auftreten und suchte sie mit einer kleinen Handbewegung zu besänftigen. »Als ich nach der Hochzeit meines Bruders zurückkehrte nach Norwood,« fuhr Miß Murdstone mit verachtungsvoller Stimme fort, »und als Miß Spenlow ihren Besuch bei ihrer Freundin Miß Mills beendigt hatte, schien mir das Benehmen Miß Spenlows noch mehr Veranlassung zum Verdacht als früher zu geben. Deshalb beobachtete ich meine junge Schutzbefohlene auf das schärfste.« Arme, süße, kleine Dora, so ahnungslos dem Auge dieses Drachen ausgesetzt! »Aber dennoch«, fuhr Miß Murdstone fort, »konnte ich, erst gestern abend Beweise entdecken. Miß Spenlow schien mir zu viele Briefe von ihrer Freundin Miß Mills zu erhalten; da aber die Freundschaft von Miß Mills ihres Vaters vollständige Beistimmung erhielt –« wieder ein scharfer Hieb gegen Mr. Spenlow – »so hatte ich mich nicht weiter hineinzumischen. Wenn ich mir nicht erlauben darf, von der natürlichen Verderbtheit des menschlichen Herzens zu sprechen, so wird, ja so muß es mir erlaubt sein, mich hier des Wortes ›schlecht angewendetes Vertrauen‹ zu bedienen.« Mit einer um Verzeihung bittenden Gebärde murmelte Mr. Spenlow seine Beistimmung. »Gestern abend nach dem Tee«, berichtete Miß Murdstone weiter, »sah ich, wie das Hündchen aufsprang und knurrend im Zimmer herumlief und dabei etwas zerzauste. Ich sagte zu Miß Spenlow: ›Dora, was hat der Hund im Maule? Es ist Papier‹. – Miß Spenlow fühlte nach ihrer Tasche, schrie auf und lief zu dem Hunde. Ich trat dazwischen und sagte: ›Liebe Dora, Sie werden mir erlauben.‹« O Jip, elendes Wachtelhündchen, das Unglück war also dein Werk! »Miß Spenlow bemühte sich,« sagte Miß Murdstone, »mich mit Küssen, Arbeitskästchen und kleinen Schmucksachen zu bestechen – darüber will ich natürlich nichts weiter sagen. Das Hündchen flüchtete sich unter das Sofa, als ich mich ihm näherte, und ließ sich nur sehr schwer mit dem Schüreisen wieder hervorholen. Selbst als das gelungen war, hatte es immer noch den Brief zwischen den Zähnen; und als ich mich unter der größten Gefahr, gebissen zu werden, bemühte, ihm den Brief zu entreißen, hielt er ihn so fest, daß er sich daran emporheben ließ. Endlich hatte ich ihn. Nachdem ich ihn gelesen, sagte ich: ›Miß Spenlow, Sie besitzen viele derartige Briefe‹, und erlangte zuletzt von ihr das Paket, das sich jetzt in David Copperfields Händen befindet.« Hier schloß sie, und indem sie ihren Strickbeutel wieder zuschnappte und dabei auch den Mund zumachte, sah sie aus, als ob sie sich wohl brechen, aber nie biegen ließe. »Sie haben Miß Murdstone gehört«, sagte Mr. Spenlow zu mir gewendet. »Ich erlaube mir, Sie zu fragen, Mr. Copperfield, ob Sie etwas darauf zu erwidern haben.« Das vor meinen Augen schwebende Bild des geliebten Mädchens, wie es die ganze Nacht schluchzte und weinte, wie es ganz allein in seiner Angst und seinem Kummer war – wie es so erbärmlich das hartherzige Weib gebeten, ihm zu verzeihen – wie es ihr vergebens Küsse und Arbeitskästchen und Schmucksachen angeboten – wie es von so großem Schmerz erfüllt war, und nur für mich – das alles tat dem bißchen Würde, das ich hatte auftreiben können, nicht wenig Abbruch. Ich glaube, ich zitterte einige Augenblicke lang, obgleich ich mein möglichstes tat, um es zu verbergen. »Ich habe nichts darauf zu erwidern, Sir,« gab ich zur Antwort, »außer daß ich allein die Schuld trage. Dora –« »Miß Spenlow, wenn Sie erlauben«, sagte der Vater majestätisch. »– wurde durch meine Überredung bewogen,« fuhr ich fort, ohne auf diese kältere Benennung Rücksicht zu nehmen, »die Sache verborgen zu halten, und ich beklage es jetzt bitter.« »Sie sind sehr zu tadeln, Sir«, sagte Mr. Spenlow, der auf dem Teppich vor dem Herde auf und ab schritt und jedem Worte wegen der Steifheit seiner Halsbinde und seines Rückens, mit seinem ganzen Körper, anstatt mit seinem Kopfe, Nachdruck gab. »Sie haben sich einer verstohlenen und unschicklichen Handlung schuldig gemacht, Mr. Copperfield. Wenn ich einen Gentleman bei mir zu Hause einführe, mag er neunzehn, neunundzwanzig oder neunzig Jahre alt sein, so setze ich in ihn vollkommenes Vertrauen. Wenn er mein Vertrauen täuscht, so macht er sich einer unehrenhaften Handlung schuldig, Mr. Copperfield.« »Ich fühle das, glauben Sie mir«, gab ich zurück. »Aber ich habe vorher nie daran gedacht. Aufrichtig und ehrlich kann ich Ihnen sagen, Mr. Spenlow, ich habe nie daran gedacht. Ich liebe Miß Spenlow dermaßen –« »Pah! Unsinn!« sagte Mr. Spenlow und wurde rot. »Ich bitte, mir es nicht ins Angesicht zu sagen, daß Sie meine Tochter lieben, Mr. Copperfield.« »Könnte ich mein Benehmen sonst verteidigen, wenn dies nicht der Fall wäre«, entgegnete ich mit aller Demut. »Können Sie Ihr Benehmen verteidigen, wenn es der Fall ist, Sir?« sagte Mr. Spenlow, auf dem Teppich stehen bleibend. »Haben Sie an Ihr Alter und an das Alter meiner Tochter gedacht, Mr. Copperfield; haben Sie bedacht, was es heißt, das Vertrauen zu untergraben, das zwischen mir und meiner Tochter herrschen sollte; haben Sie an die Lebensstellung meiner Tochter, an die Pläne, die ich zu ihrer Förderung im Sinne habe, an meine testamentarischen Verfügungen gedacht? Haben Sie überhaupt etwas gedacht, Mr. Copperfield?« »Ich fürchte, sehr wenig,« erwiderte ich so ehrerbietig, als es mir um das Herz war; »aber Sie können mir glauben, ich habe meine eigene Lebensstellung nicht außer acht gelassen. Als ich Ihnen seinerzeit darüber Aufklärung gab, waren wir bereits versprochen –« »Ich muß Sie bitten,« sagte Mr. Spenlow energisch, die eine Hand auf die andere schlagend, und ich konnte dabei trotz meiner Verzweiflung nicht umhin, die Entdeckung zu machen, wie ähnlich er dem Punch war – »ich ersuche Sie nicht von Verlobung zu reden, Mr. Copperfield.« Die im übrigen unbewegliche Miß Murdstone ließ hier ein kurzes verächtliches Lachen vernehmen. »Als ich Ihnen meine veränderten Umstände auseinandersetzte, Sir,« fing ich wieder an und wählte diesmal einen neuen Ausdruck für den, der ihn so verletzt hatte, »hatte das heimliche Verhältnis bereits begonnen, zu dem ich Miß Spenlow unglücklicherweise verleitet habe. Seitdem ich in diesen veränderten Verhältnissen bin, habe ich die äußersten Anstrengungen gemacht, um sie zu verbessern. Ich bin überzeugt, ich werde sie mit der Zeit verbessern. Wollen Sie mir Zeit geben – eine Reihe von Jahren, wir sind noch beide so jung, Sir –« »Sie haben recht,« unterbrach mich Mr. Spenlow, viele Male mit dem Kopfe nickend und die Stirn runzelnd, »Sie sind beide noch sehr jung. Es ist nichts als Unsinn. Vergessen Sie den Unsinn. – Nehmen Sie die Briefe mit und werfen Sie sie ins Feuer. Geben Sie mir Miß Spenlows Briefe, damit ich sie ins Feuer werfen kann; und obgleich in Zukunft unser Verkehr sich natürlich nur auf die Commons beschränken kann, wollen wir übereinkommen, das Geschehene nicht weiter zu erwähnen. Mr. Copperfield, Sie sind sonst ein verständiger Jüngling, und das ist im ganzen das Verständigste, was Sie tun können.« Nein, ich konnte darauf nicht eingehen! Es tat mir sehr leid, aber hier war mehr zu berücksichtigen als der Verstand. Liebe war mehr als alle irdischen Rücksichten, und ich liebte Dora bis zum Anbeten, und Dora liebte mich. Ich sagte dies nicht gerade mit diesen Worten, ich milderte es, soviel wie ich nur konnte; aber ich ließ es durchblicken und blieb fest. Ich glaube nicht, daß ich mich lächerlich machte, aber ich blieb fest! »Gut, Mr. Copperfield,« sagte Mr. Spenlow, »dann muß ich sehen, was ich bei meiner Tochter ausrichten kann.« Miß Murdstone gab durch einen ausdrucksvollen Ton, nämlich durch einen langen Atemzug, der halb ein Seufzer und halb ein Klagelied war, zu verstehen, daß er das hätte zuerst tun sollen. »Ich muß sehen, was ich bei meiner Tochter ausrichte«, sagte Mr. Spenlow, durch diese Unterstützung ermutigt. »Sie weigern sich also diese Briefe anzunehmen, Mr. Copperfield?« denn ich hatte sie auf den Tisch gelegt. Ja, ich sagte ihm, ich hoffe, er werde es nicht übel auslegen, aber ich könne sie unmöglich von Miß Murdstone annehmen. »Auch von mir nicht?« fragte Mr. Spenlow. »Nein,« erwiderte ich mit der tiefsten Verehrung, »auch von Ihnen nicht.« »Sehr gut!« sagte Spenlow. Es trat jetzt eine Pause ein, und ich wußte nicht, ob ich gehen oder bleiben sollte. Endlich ging ich ruhig nach der Tür mit der Absicht, zu sagen, daß es ihm vielleicht am liebsten sei, wenn ich mich entfernte. Da sprach er, die Hände in die Rocktaschen gesteckt, was fertig zu kriegen bei seiner bretternen gestärkten Wäsche etwas heißen wollte, mit einer Miene, die ich im ganzen eine entschieden andächtige nennen würde: »Sie wissen wahrscheinlich, Mr. Copperfield, daß ich nicht ganz ohne Vermögen bin und daß meine Tochter meine nächste Erbin ist.« Ich antwortete ihm rasch, daß ich hoffe, der Irrtum, zu dem mich die Heftigkeit meiner Liebe hingerissen habe, verleite ihn nicht zu dem Glauben, mich für eigennützig zu halten. »Ich spreche nicht davon«, sagte Mr. Spenlow. »Es wäre eben besser für Sie und für uns alle, wenn sie eigennützig und berechnend gewesen wären, Mr. Copperfield – ich meine, wenn Sie verständiger wären und sich weniger von diesem kindlichen Unsinn leiten ließen. Nein. Ich frage in ganz anderer Absicht, ob Sie wissen, daß ich meiner Tochter einiges Vermögen zu vermachen habe?« Ich sagte, ich vermute das allerdings. »Und bei den Erfahrungen, die Sie täglich in den Commons von den verschiedenen, ganz unverantwortlichen Nachlässigkeiten der Menschen hinsichtlich ihrer testamentarischen Verfügungen gemacht haben, – es ist vielleicht einer der Gegenstände, wo sich die menschliche Inkonsequenz am seltsamsten zeigt, – können Sie doch kaum glauben, daß ich meine Verfügungen noch nicht getroffen habe?« Ich neigte bejahend das Haupt. »Ich werde natürlich nicht«, sagte Mr. Spenlow mit noch sichtbarerem, andächtigem Gefühle und langsamem Kopfschütteln, wie er sich abwechselnd auf den Zehen und Absätzen wiegte, »die auf meine Tochter bezüglichen Anordnungen unter einer solchen Jugendtorheit, wie die gegenwärtige ist, leiden lassen. Es ist nichts als eine Jugendtorheit. Reiner Unsinn. In sehr kurzer Zeit wird es weniger Gewicht haben als eine Feder. Aber ich könnte – ich könnte – wenn diese törichte Geschichte nicht ganz aufgegeben würde, mich in einem besorgten Augenblicke verleiten lassen, sie durch gewisse Bestimmungen vor den Folgen einer törichten Heirat zu schützen. Ich hoffe aber von Ihnen, Mr. Copperfield, daß Sie mich nicht zwingen werden, nur eine Viertelstunde lang diese versiegelte Seite in dem Buche des Lebens wieder zu öffnen und nur eine Viertelstunde lang ernste, längst geordnete Angelegenheiten neu zu stören.« Er sprach dies mit einer Ruhe, die sich nur einer heitern Sommerabendstimmung vergleichen läßt, daß ich ganz gerührt war. Er war so ruhig und resigniert – hatte alle seine Angelegenheiten so vollständig geordnet – daß er ganz der Mann war, der bei ihrer Betrachtung Rührung fühlen konnte. Ich glaube wahrhaftig, ich sah Tränen in seinen Augen, so tief fühlte er das. Aber was konnte ich tun? Ich konnte nicht Dora und mein eigenes Herz verleugnen. Als er mir eine Woche Bedenkzeit gab, konnte ich sie nicht ausschlagen, aber ich mußte auch fühlen, daß keine Zahl von Wochen Eindruck auf eine solche Liebe machen konnte, wie die meinige war. »Unterdessen gehen Sie mit Miß Trotwood zu Rate, oder mit jemand anderm, der Lebenserfahrung hat«, sagte Mr. Spenlow, indem er seine Halsbinde mit beiden Händen zurechtrückte. »Ich gebe Ihnen eine Woche Bedenkzeit, Mr. Copperfield.« Ich ergab mich darein und verließ das Zimmer mit einem Antlitz, in das ich so viel Ausdruck niedergeschlagener und verzweifelnder Beständigkeit legte, wie mir möglich war. Miß Murdstones dräuende Augenbrauen folgten mir nach der Tür – ich sage, ihre Augenbrauen und nicht ihre Augen, weil diese viel eindrucksvoller in ihrem Gesicht waren – und sie sah genau so aus, wie damals des Morgens in unserer Stube in Blunderstone, daß ich hätte glauben können, ich hatte wieder meine Lektion verlernt, und die Last auf meiner Seele sei jenes entsetzliche alte ABC-Buch mit runden Holzschnitten, die mir in meiner kindlichen Phantasie wie Brillengläser vorkamen. Als ich in das Bureau kam und mich in meinem Winkel an mein Pult setzte, Tiffey und die andern mit den Händen fortwinkend, und an dieses so unerwartete Erdbeben dachte und in meinem bittern Schmerz Jip verfluchte, machte ich mir so quälende Sorgen um Dora, daß es mich heute noch wunder nimmt, daß ich nicht den Hut genommen und wie ein Wahnsinniger nach Norwood gelaufen bin. Der Gedanke, daß ihr Vater ihr Schrecken einjagen und sie weinen machen könnte, und daß ich nicht da war, um sie zu trösten, war mir so peinigend, daß ich mich veranlaßt sah, einen verzweifelten Brief an Mr. Spenlow zu schreiben und ihn zu bitten, die Folgen meines schrecklichen Geschicks nicht an seiner Tochter heimzusuchen. Ich bat ihn, ihre weiche Natur zu schonen – eine zarte Blume nicht zu zertreten – und sprach zu ihm im allgemeinen, soviel ich mich erinnere, als ob er, anstatt ihr Vater, ein Werwolf oder ein giftiger Drache gewesen wäre. Diesen Brief siegelte ich zu und legte ihn auf sein Pult, ehe er zurückkam, und als er kam, sah ich durch die halb offene Tür seines Zimmers, wie er ihn nahm und las. Er sagte den ganzen Morgen nichts davon, aber bevor er nachmittags wegging, rief er mich herein und sagte mir, ich brauchte mir durchaus keine Sorge zu machen wegen des Glücks seiner Tochter. Er hätte ihr versichert, daß alles eine bloße Kinderei sei, und weiter habe er ihr nichts darüber zu sagen. Er glaube, ein nachsichtiger Vater zu sein – und das war er auch – daher könne ich mir jede Sorge in dieser Hinsicht ersparen. »Sie könnten mich vielleicht zwingen, Mr. Copperfield, wenn Sie töricht oder hartnäckig sind,« bemerkte er, »meine Tochter noch ein halbes Jahr nach Paris zu schicken, aber ich habe eine bessere Meinung von Ihnen. Ich hoffe, Sie werden in wenigen Tagen mehr Einsicht haben. Was Miß Murdstone betrifft, – denn ich hatte sie im Briefe erwähnt, – so habe ich alle Achtung vor der Wachsamkeit dieser Dame und bin ihr sehr verbunden, aber sie hat den strengsten Befehl, von der Sache nicht weiter zu sprechen. Ich wünschte weiter nichts, Mr. Copperfield, als daß sie alles vergessen werde. Sie haben weiter nichts zu tun, als auch alles zu vergessen.« Alles! In meinem Briefe an Miß Mills führte ich diese Äußerung mit bitterm Gefühle an. Nichts blieb mir übrig, sagte ich mit bitterm Sarkasmus, als Dora zu vergessen. Das sei alles, und was sei das? Ich bat Miß Mills sie heute abend besuchen zu dürfen. Wenn es nicht mit ihres Vaters Wissen und Zustimmung geschehen könnte, so bat ich um ein heimliches Zusammentreffen in der Küche hinten hinaus, wo die Rolle stand. Ich versicherte ihr, daß mein Verstand auf seinem Throne wanke, und daß nur sie, Miß Mills, seinen Sturz verhindern könne. Ich unterzeichnete mich: Ihr Verzweifelter; und ich mußte mir gestehen, als ich den Brief vor seiner Absendung durch einen Dienstmann noch einmal durchlas, daß sein Stil etwas an Mr. Micawber erinnerte. Ich schickte ihn aber doch ab. Abends begab ich mich nach der Straße, wo Miß Mills wohnte, und ging dort auf und ab, bis mich Miß Mills' Zofe heimlich hereinholte und die Hintertreppe hinauf nach der Waschküche führte. Ich habe seitdem Grund zu glauben, daß nichts hindernd im Wege stand, wenn ich zur vordern Tür hineingegangen und in den Salon getreten wäre, außer Miß Mills Liebe zum Romantischen und Geheimnisvollen. In der Küche raste ich nun nach Herzenslust, wie es sich für mich schickte. Ich glaube, ich ging hin, um mich wie ein Narr zu benehmen, und es gelang mir vollkommen. Miß Mills hatte ein hastig geschriebenes Billett von Dora erhalten mit der Anzeige, daß alles entdeckt sei, und der Bitte: »O komm, Julia, komm, komm!« aber Miß Mills fürchtete, ihre Anwesenheit würde den höheren Mächten nicht angenehm sein, und war noch nicht bei ihr gewesen. Deshalb saßen wir alle trostlos in der Wüste Sahara. Miß Mills besaß einen wunderbaren Redefluß und liebte es, ihn sich ungehemmt ergießen zu lassen. Ich konnte nicht umhin zu fühlen, daß sie, obgleich sie ihre Tränen mit den meinigen vermischte, einen großen Genuß an unserm Kummer hatte. Sie hätschelte ihn, möchte ich sagen, und beutete ihn soviel wie möglich aus. Ein tiefer Abgrund, sagte sie, sei entstanden zwischen Dora und mir, und nur die Liebe könne ihn mit ihrem Regenbogen überbrücken. Die Liebe müsse leiden in dieser prosaischen Welt, es sei immer so gewesen und es werde immer so sein. Doch was tut's? bemerkte Miß Mills. Herzen von Spinnweben umsponnen, brächen endlich, und dann sei die Liebe gerächt. Das war ein kläglicher Trost, aber Miß Mills wollte nicht zu trügerischen Hoffnungen aufmuntern. Sie machte mich noch viel unglücklicher als ich bereits war, und ich fühlte, und ich sagte es ihr mit der größten Dankbarkeit – daß sie eine wahre Freundin sei. Wir beschlossen, daß sie den nächsten Morgen ganz früh zu Dora gehen und auf Mittel sinnen sollte, ihr durch Blick oder Wort Nachricht von meiner unveränderten Liebe und meinem Kummer zu geben. Wir schieden, überwältigt von Schmerz, und ich glaube, Miß Mills hatte großen Genuß dabei. Ich vertraute alles meiner Tante, als ich nach Hause kam, und ging trotz allen ihren Trostreden voller Verzweiflung zu Bett. Ich stand voller Verzweiflung auf und ging voller Verzweiflung aus. Es war Sonnabend früh, und ich ging geradeswegs nach den Commons. Ich wunderte mich, als ich unsere Bureaus von fern erblickte, die Austräger in einer Gruppe zusammenstehen zu sehen, während ein halbes Dutzend Vorübergehende die verschlossenen Fenster anguckten. Ich beschleunigte meine Schritte, ging an ihnen vorbei, wobei mir ihr Aussehen auffiel, und trat hastig in das Bureau. Die Schreiber waren da, aber niemand tat etwas. Der alte Tiffey saß, ich glaube zum ersten Male in seinem Leben, auf eines andern Stuhl und hatte seinen Hut nicht aufgehängt. »Ein schreckliches Unglück, Mr. Copperfield«, sagte er, als ich eintrat. »Was ist?« rief ich aus. »Was ist vorgefallen?« »Wissen Sie's nicht?« rief Tiffey und alle übrigen, die mich jetzt umdrängten. »Nein!« sagte ich und sah einen nach dem andern an. »Mr. Spenlow«, sagte Tiffey. »Was ist mit ihm?« »Er ist tot!« Ich glaubte, das ganze Bureau wanke, und nicht ich, als mich einer der Schreiber mit dem Arm auffing. Sie setzten mich auf einen Stuhl, banden mir das Halstuch ab und brachten mir ein Glas Wasser. Ich weiß nicht, ob damit einige Zeit verging. »Tot?« fragte ich. »Er speiste gestern in der Stadt und fuhr allein in seinem Phaeton hinaus,« sagte Tiffey, »denn er hatte den Kutscher vorausgeschickt, wie er es manchmal zu tun pflegte –« »Nun?« »Der Wagen kam ohne ihn an. Die Pferde blieben vor der Stalltür stehen, der Knecht ging mit einer Laterne hinaus. Es war niemand im Wagen.« »Waren sie durchgegangen?« »Sie schwitzten nicht,« sagte Tiffey und setzte die Brille auf, »sie schwitzten nicht mehr, als wenn sie in gewöhnlichem Schritt gefahren wären. Die Zügel waren freilich entzweigerissen, denn sie hatten auf dem Boden entlanggeschleift. Es wurde sogleich alles aufgeweckt, und drei von den Leuten gingen auf die Straße hinaus. Sie fanden ihn ein Meile vom Hause.« »Mehr als eine Meile, Mr. Tiffey«, unterbrach ihn ein anderer. »So? Ich glaube, Sie haben recht«, sagte Tiffey – »mehr als eine Meile vom Hause – nicht weit von der Kirche. Er lag halb auf dem Fahrwege, halb auf dem Fußpfade, auf dem Gesicht. Ob er vom Schlage getroffen herausfiel, oder ob er ausgestiegen war, weil ihm übel wurde – oder ob er überhaupt schon tot war, als sie ihn fanden, scheint niemand zu wissen. Wenn er geatmet hat, so hat er jedenfalls nie wieder gesprochen. Ein Arzt wurde so schnell wie möglich herbeigeholt, aber es war ganz umsonst.« Ich kann nicht beschreiben, in welchen Gemütszustand mich diese Nachricht versetzte. Die Erschütterung eines so plötzlich eintretenden Ereignisses, das einen Mann betraf, mit dem ich in jeder Hinsicht uneins war – die erschreckende Leere in dem Zimmer, wo er sich noch vor so kurzem befunden hatte, wo sein Stuhl und sein Tisch auf ihn zu warten schienen, und wo seine Handschrift von gestern wie ein Gespenst war – die Unmöglichkeit, ihn von dem Orte zu trennen, und nicht zu fühlen, daß er, wenn die Tür aufging, hereintreten könnte – die träge Ruhe, die im Bureau herrschte und der unersättliche Genuß, mit dem unsere Leute davon sprachen, und andere Leute den ganzen Tag über kamen und gingen und sich vollfüllten mit dem Gegenstande – alles das wird sich jeder erklären können. Aber beschreiben kann ich nicht, wie sich in der tiefsten Tiefe meines Herzens eine stille Eifersucht auf den Tod heimisch gemacht hatte. Wie es mir vorkam, als ob mich seine Macht aus Doras Gedanken verdrängen könnte. Wie ich mit einem Ärger, für den ich keine Worte habe, auf ihren Schmerz neidisch war. Wie es mich unruhig machte, wenn ich dachte, daß sie vor andern weinte und von andern getröstet würde. Wie mich ein selbstsüchtiger Wunsch erfüllte, in dieser schwersten aller Zeiten jeden von ihr fern zu halten außer mir, und ihr alles in allem zu sein. In dieser verworrenen Seelenstimmung, die auch andern nicht ganz fremd sein wird, ging ich abends nach Norwood, und da ich von einem der Dienerschaft erfuhr, daß Miß Mills dort war, so veranlaßte ich meine Tante, einen Brief an sie zu adressieren, den ich schrieb. Ich beklagte aufrichtig den unerwarteten Tod Mr. Spenlows und vergoß Tränen dabei. Ich bat sie, Dora zu sagen, wenn Dora in einem Gemütszustande sei, um es anzuhören, daß er mit mir mit der größten Güte und Rücksicht gesprochen und bei Erwähnung ihres Namens nur Worte der Liebe und keinen einzigen Vorwurf gebraucht hätte. Ich weiß, ich tat dies aus Eigennutz, damit mein Name vor ihre Augen komme, aber ich bemühte mich zu glauben, daß ich damit nur seinem Andenken Gerechtigkeit widerfahren lasse. Vielleicht glaubte ich es auch. Meine Tante empfing am nächsten Morgen ein paar Zeilen als Antwort auf den Brief; sie waren außen an sie adressiert, inwendig unter besonderem Kuvert an mich gerichtet. Dora war von Schmerz überwältigt, als ihre Freundin sie gefragt hatte, ob sie mich grüßen sollte, hatte sie nur immer wieder unter vielen Tränen gerufen: »Ach der liebe Papa! Ach der arme Papa!« Aber sie hatte doch nicht Nein gesagt, und daran klammerte ich mich an! Mr. Jorkins, der seit dem Vorfalle in Norwood gewesen war, kam ein paar Tage später auf das Bureau. Er und Tiffey schlossen sich ein paar Augenblicke lang ein, und dann sah Tiffey zur Tür herein und winkte mir, einzutreten. »O!« sagte Mr. Jorkins, »Mr. Tiffey und ich, Mr. Copperfield, stehen im Begriff, das Pult, die Schränke und ähnliche Repositorien des Verstorbenen zu untersuchen, um seine Privatpapiere zu versiegeln und das Testament zu suchen. Wir haben bisher nirgends eine Spur davon gefunden. Sie sind wohl so gut, uns ein wenig zu helfen?« Es hatte mir sehr viele Sorge gemacht und mich in qualvoller Spannung erhalten, zu erfahren, wie sich Doras Verhältnisse ändern würden – z. B. unter wessen Vormundschaft sie kommen würde usw. – und nun konnte ich hier etwas erfahren! Wir fingen unser Nachsuchen sogleich an; Mr. Jorkins schloß die Pulte und Kästen auf, und wir nahmen alle Papiere heraus. Die Akten legten wir auf die eine Seite, die Privatpapiere, die nicht sehr zahlreich waren, auf die andere. Wir waren sehr ernst, und wenn wir ein Siegel oder einen Schreibgriffel oder einen Ring oder irgend eine andere Kleinigkeit fanden, die besonders an ihn erinnerte, so sprachen wir sehr leise. Wir hatten schon mehrere Pakete zugesiegelt, als Mr. Jorkins zu uns mit denselben Worten, die sein verstorbener Kompagnon auf ihn angewendet hatte, sagte: »Mr. Spenlow war sehr schwer von dem gewohnten Wege abzubringen. Sie wissen, wie er war! Ich bin geneigt, zu glauben, er hat kein Testament gemacht.« »O nein, ich weiß, daß er eins gemacht hat«, sagte ich. Sie hielten beide inne und sahen mich an. »Gerade an dem Tage, wo ich ihn zuletzt sprach, sagte er mir, daß er ein Testament gemacht habe, und daß seine Angelegenheiten längst geordnet seien.« Mr. Jorkins und der alte Tiffey schüttelten beide zugleich den Kopf. »Das sieht schlimm aus«, sagte Tiffey. »Sehr schlimm«, sagte Mr. Jorkins. »Sie glauben doch nicht etwa« – fing ich an – »Mein guter Mr. Copperfield!« sagte Tiffey, legte die Hand auf meinen Arm und kniff beide Augen zu, während er den Kopf schüttelte, »wenn Sie in den Commons so lange gewesen wären, wie ich, so würden Sie wissen, daß es keinen Gegenstand gibt, hinsichtlich dessen die Menschen so inkonsequent und so wenig verläßlich sind, als im Testamentmachen.« »Aber mein Gott, ganz dieselbe Bemerkung machte er doch mir gegenüber!« gab ich standhaft zur Antwort. »Für mich ist dennoch die Sache so gut wie entschieden«, bemerkte Tiffey. »Meine Meinung ist – kein Testament vorhanden!« Das erschien mir wunderbar, aber es zeigte sich zuletzt, daß wirklich kein Testament vorhanden war. Er hatte niemals daran gedacht, eines aufzusetzen, soweit das aus seinen Papieren hervorgehen konnte, denn es fand sich keine Notiz, kein Entwurf, der auf ein Testament hindeutete. Was mich nicht weniger in Verwunderung setzte, war, daß seine Angelegenheiten in der größten Unordnung waren. Wie ich hörte, hielt es außerordentlich schwer, herauszubekommen, was er schuldete oder was er bezahlt hatte, oder wie groß bei seinem Tode sein Vermögen war. Wie es schien, hatte er es selbst seit Jahren nicht gewußt. Allmählich zeigte sich's auch, daß er in seinem Wetteifer, es seinen Kollegen in den Commons bei der Aufrechterhaltung des äußeren Scheines gleichzutun, mehr als das Einkommen seines Amtes, das nicht sehr groß war, verbraucht und sein Privatvermögen, das wohl nie sehr groß gewesen war, sehr stark vermindert hatte. Norwood wurde verkauft, und Tiffey sagte mir, ohne zu wissen, wie sehr mich seine Mitteilung interessierte, daß er nach Bezahlung aller Schulden und nach Abzug der schlechten und zweifelhaften Außenstände nicht tausend Pfund für den Rest geben würde. Das erfuhr ich nach Ablauf von ungefähr sechs Wochen. Ich hatte die ganze Zeit über Höllenqualen erlitten und glaubte wirklich, ich müßte Hand an mich legen, als Miß Mills mir immer noch mitteilte, daß meine arme kleine Dora bei Nennung meines Namens nichts sagte als: »Ach, der arme Papa! ach, der gute Papa!« Ich erfuhr auch, daß sie keine andern Verwandten hatte als zwei Tanten, unverheiratete Schwestern Mr. Spenlows, die in Putney wohnten und seit vielen Jahren nur selten mit ihrem Bruder verkehrt hatten. Sie hatten sich nicht gezankt, meinte Miß Mills, aber da man sie bei Doras Taufe nur zum Tee eingeladen hatte, während sie ein Recht auf eine Einladung zum Mittagessen zu haben glaubten, so hatten sie sich schriftlich dahin ausgesprochen, »daß es besser für das Wohl aller Beteiligten sei, wenn sie wegblieben.« Seitdem waren sie ihre Straße gegangen, und ihr Bruder die seine. Jetzt traten diese beiden Damen aus ihrer Zurückgezogenheit hervor und schlugen Dora vor, nach Putney zu ziehen. Dora warf sich in ihre Arme und rief weinend aus: »O ja, gute Tanten, bitte, nehmt mich mit, aber nehmt auch Julia Mills und Jip mit nach Putney.« So verließen sie denn Norwood kurz nach dem Begräbnis. Wie ich Zeit fand, mich in der Gegend von Putney herumzutreiben, weiß ich wahrhaftig nicht; aber ich wußte es durch ein oder das andere Mittel zu bewerkstelligen, daß ich sehr häufig dort war. Um ihre Freundschaftspflichten besser zu erfüllen, hielt Miß Mills ein Tagebuch; und sie suchte mich manchmal in der Heide auf und las mir vor, oder lieh es mir, wenn sie dazu keine Zeit hatte. Wie einen Schatz behütete ich diese Aufzeichnungen, von denen ich hier ein Beispiel folgen lasse: Montag . Meine süße D. noch sehr niedergedrückt. – Kopfweh. – Ich machte auf J.s prächtiges, glattes Fell aufmerksam. – D. liebkoste J. – Dadurch erweckte Ideenverbindungen öffneten Schleusen des Kummers. – Schmerzensausbruch gewaltsam. – (Sind Tränen Tautropfen des Herzens? J.M.) – Dienstag . D. schwach und nervös. – Wunderschön in Blässe. – (Bemerken wir das nicht ebenso am Monde? J. M.). – D., J. M. und J. fuhren aus, um Luft zu schöpfen. – J. sah aus dem Fenster, bellte heftig Straßenkehrer an, veranlaßte, daß flüchtiges Lächeln D.s Gesichtszüge überflog. – (Aus so leichten Gliedern besteht Kette des Lebens. J.M). – Mittwoch . D. verhältnismäßig heiter. – Sang ihr vor; als der Stimmung angemessen scheinendes Lied wählte ich: Abendglocken. – Wirkung nicht beruhigend, sondern das Gegenteil. – D. unaussprechlich gerührt. Fand sie später schluchzend in ihrem Zimmer. – Zitierte Verse auf sie und die »junge Gazelle«. – Erfolglos. – Verwies auch auf »Geduld auf Denkmal«. – (Frage: Warum eigentlich auf Denkmal? J. M.) – Donnerstag . D. erholt sich sichtlich. – Nacht besser. – Leichter Ton von Rosenrot erscheint wieder aus Wangen. – Entschlossen, den Namen von D. C. zu erwähnen. – Führe selben wieder vor, vorsichtig, bei Ausfahrt, – D. sofort überwältigt. – »Ach, liebe, liebe Julia! Ach, ich bin ein schlechtes, pflichtvergessenes Kind gewesen!« – Beruhigte und liebkoste. – Zeichnete ideales Bild von D. C. am Rande von Grab. – D. wieder überwältigt. – »Ach, was soll ich tun, was soll ich tun? – Ach, bringe mich irgendwohin!« – Sehr erschrocken. – D. ohnmächtig und Glas Wasser vom Wirtshaus. – (Poetische Verwandtschaft: Buntscheckiges Zeichen am Türpfosten; buntscheckiges Menschenleben. Ach, leider! J.M.) Freitag . Ereignisvoller Tag. – Mann mit blauem Beutel erscheint in Küche, »ob Damenstiefel zu besohlen seien« – Köchin antwortet: »Nichts gebraucht!« – Mann bleibt dabei. – Köchin zieht sich zurück, um zu fragen. – Mann bleibt allein mit Jip. – Als Köchin zurückkommt, bleibt Mann immer noch dabei, aber geht zuletzt. – J. fehlt. – D. in Verzweiflung. – Polizei benachrichtigt. – Mann zu erkennen an breiter Nase und Beinen wie Brückengeländer. – In jeder Richtung gesucht. – Kein J. – D. weint bitterlich. – Untröstlich. – Erneuter Hinweis auf »junge Gazelle« – Passend, aber nutzlos. – Gegen Abend erscheint fremder Junge. – Wird in Wohnstube gebracht.– Breite Nase, aber keine Brückengeländer. – Sagt, er will ein Pfund haben und weiß, wo Hund ist. – Verweigert nähere Auskunft, obwohl sehr gedrängt. – Nimmt, als D. Pfund zum Vorschein gebracht, Köchin nach kleinem Hause mit, wo J. allein an Tischbein angebunden. – Freude von D., die um J. herumtanzt, während er sein Abendessen verzehrt. – Kühn gemacht durch das glückliche Geschehnis, erwähnte D. C. – D. weint von neuem, ruft erbarmungswürdig, –»O bitte, nein, nein, nein! Es wäre so schlecht, an etwas anderes zu denken als an den armen Papa!« – umarmt J. und schluchzt sich in Schlaf. – (Muß sich nicht D. C. den mächtigen Schwingen der Zeit überlassen? J. M.) Miß Mills und ihr Tagebuch waren zu jener Zeit mein einziger Trost. Sie, die Dora vor ein paar Augenblicken gesehen, zu sehen, Doras Anfangsbuchstaben durch ihre sympathischen Blätter zu verfolgen – mich von ihr immer unglücklicher machen zu lassen – das war mein einziger Trost. Mir war zumute, als hätte ich in einem Kartenhause gelebt, das eingestürzt war, und nur Miß Mills und mich unter seinen Trümmern übrig gelassen hatte; als ob ein böser Zauberer einen Zauberkreis um die unschuldsvolle Göttin meines Herzens gezogen habe, in den einzudringen mich in der Tat nichts befähigen konnte, als jene mächtigen Schwingen, die schon soviele Menschen über sovieles hinweggetragen haben. Neununddreißigstes Kapitel. Wickfield und Heep. Meine Tante, die über meine fortdauernde Niedergeschlagenheit wahrscheinlich besorgt war, stellte sich, als ob ihr sehr viel daran läge, wenn ich nach Dover ginge, um zu sehen, wie es mit dem Häuschen, das vermietet werden sollte, stände, und um mit dem gegenwärtigen Inwohner eine Verlängerung des Kontrakts abzuschließen. Janet war in Mrs. Strongs Dienst übergegangen, wo ich sie jeden Tag sah. Als sie Dover verließ, war sie unentschieden gewesen, ob sie jener Entsagung der Männerwelt, in der sie erzogen war, die Krone dadurch aufsetzen sollte, daß sie einen Lotsen heiratete; aber sie entschied sich gegen dieses Wagnis. Nicht so sehr wohl aus Grundsatz, als weil sie ihn zufällig nicht mochte. Obgleich es mich einiges kostete, Miß Mills zu verlassen, so ging ich doch ziemlich gern auf den Plan meiner Tante ein, da er mich instand setzte, ein paar ruhige Stunden mit Agnes zu verleben. Ich fragte bei dem guten Doktor an wegen eines Urlaubs von drei Tagen; und da sich der Doktor dazu bereit erklärte – ja mich sogar noch viel länger beurlauben wollte, womit sich aber meine Energie nicht einverstanden erklären wollte – so entschloß ich mich, die kleine Reise anzutreten. Wegen meiner Pflicht in den Commons hatte ich mir keine großen Skrupel zu machen. Die Wahrheit zu gestehen, waren wir allmählich in keinen sehr guten Geruch bei den angesehenern Proktoren gekommen und sanken rasch zu einer sehr zweifelhaften Stellung herab. Das Geschäft war unter Mr. Jorkins, ehe Mr. Spenlow eingetreten war, nicht sehr bedeutend gewesen, und obgleich es sich durch den Eintritt des letztern und durch den Glanz, den er zur Schau trug, gebessert hatte, so hatte es doch keine genügend soliden Grundlagen, um ohne Schaden einen solchen Schlag wie den plötzlichen Verlust seines eigentlichen Leiters zu ertragen. Es sank sehr schnell. Mr. Jorkins war trotz seinem guten Rufe im Geschäft ein nachlässiger unfähiger Mann, dessen Ruf in der Stadt nicht geeignet war, das Geschäft zu heben. Ich kam jetzt unter seine Leitung, und als ich sah, wie er zur Tabaksdose griff und das Geschäft ruhig gehen ließ, bedauerte ich die tausend Pfund meiner Tante mehr als je. Aber das war nicht das Schlimmste. In den Commons gab es eine Anzahl Personen, die doch, ohne selbst Proktoren zu sein, Rechtsgeschäfte übernahmen und sich zu deren Besorgung gegen eine Entschädigung die Namen von wirklichen Proktoren liehen, und es gab eine ziemliche Anzahl solcher Personen. Da unsere Firma jetzt Beschäftigung um jeden Preis bedurfte, so verbanden wir uns mit dieser nobeln Schar und suchten durch allerlei Verlockungen diese Mittelspersonen zu bewegen, uns Arbeit zu verschaffen. Trauscheine und die Bestätigung von weniger wichtigen Testamenten waren uns das Liebste und lohnten am besten, und die Bewerbung darum ging sehr lebhaft. In allen Eingängen der Commons lauerten Aufpasser mit der strengsten Instruktion, alle Personen in Trauer und alle Herren, die etwas verschämt aussahen, anzufallen und sie nach den Bureaus zu bringen, für die ihre Auftraggeber Geschäfte betrieben. So genau wurden diese Instruktionen befolgt, daß ich selbst, ehe man mich kannte, zweimal in die Expedition unseres Hauptgegners geschleppt wurde. Die widerstreitenden Interessen dieser Kundschaft suchenden Herren waren naturgemäß geeignet, ihre Gefühle zu erregen, und brachten persönliche Zusammenstöße zuwege; ja die Commons wurden sogar dadurch entehrt, daß unser Hauptlockwerber – der früher in einem Weingeschäft und später vereidigter Makler gewesen war – einige Tage mit einem blauen Auge einherging. Jeder dieser Späher hielt es für erlaubt, wenn er einer alten Dame in Trauer höflich aus dem Wagen half, jeden Proktor, nach dem sie fragte, gestorben sein zu lassen, seinen Chef als rechtmäßigen Nachfolger und Vertreter dieses Proktors hinzustellen und die alte Dame – die manchmal ganz ergriffen war – auf das Bureau seines Herrn zu führen. In bezug auf Heiratskonsense erreichte der Wettbewerb eine solche Höhe, daß einem schüchternen Herrn, der einen brauchte, nichts anderes übrig blieb, als sich dem ersten Lockwerber zu überlassen, oder um sich kämpfen zu lassen und die Beute des Stärksten zu werden. Einer unserer Schreiber, kein Rechtsgebildeter, pflegte, wenn ein solcher Kampf den Höhepunkt erreicht hatte, mit dem Hute auf dem Kopfe dazusitzen, um sofort hinauszustürzen, wenn ein Opfer hereingeschleppt wurde, um es vor einem Stellvertreter des geistlichen Richters vereidigen zu lassen. Dieses System der Abfängerei besteht, glaube ich, bis auf den heutigen Tag. Als ich zum letzten Male in den Commons war, stürzte ein höflicher kräftiger Mann mit einer weißen Schürze aus einem Torwege auf mich los, flüsterte mir das Wort »Heiratskonsens« ins Ohr und konnte nur mit Mühe verhindert werden, mich in seine Arme zu nehmen und zu einem Proktor zu tragen. Von dieser Abschweifung wollen wir uns nach Dover begeben. Ich fand in dem Häuschen alles in bestem Zustande und sah mich instand gesetzt, meine Tante mit der Nachricht zu erfreuen, daß der Mietsmann ihre Fehde fortsetze und unaufhörlich Krieg mit den Eseln führte. Nachdem ich mein kleines Geschäft abgetan hatte und eine Nacht dort geblieben war, machte ich mich zeitig nach Canterbury auf den Weg. Es war jetzt wieder Winter, und der frische, kalte, windige Tag sowie der Anblick des weiten Flachlandes stählte meine Hoffnung ein wenig. In Canterbury angekommen, schlenderte ich mit einem stillen Vergnügen, das mein Gemüt beruhigte und mein Herz erleichterte, durch die alten Straßen. Ich fand die alten Schilder wieder, die alten Namen über den Läden und die alten Leute darin. Es schien mir seit meiner Schulzeit so viel Zeit verflossen zu sein, daß ich mich wunderte, wie sich der Ort so wenig verändert hatte, bis ich bedachte, wie wenig ich mich selbst verändert hatte. Seltsam! Den beschwichtigenden Zauber, den ich nicht von Agnes trennen konnte, schien selbst die Stadt zu teilen, wo sie wohnte. Die ehrwürdigen Türme der Kathedrale mit den alten Dohlen und Krähen, deren krächzende Stimmen sie noch einsamer erscheinen ließen, als es eine völlige Stille vermocht hätte, die zertrümmerten Torwege, einst mit Standbildern von Heiligen besetzt, die längst heruntergestürzt und zu Staub zerfallen waren, wie die Pilger, die einst anbetend zu ihnen emporschauten, die stillen Winkel, wo hundertjähriger Efeu über spitze Giebel und baufälliges Gemäuer kroch, die alten Häuser, die schlichte Landschaft von Feldern, Obstpflanzungen und Gärten, überall – in allem und jedem – empfand ich denselben klaren Glanz, denselben ruhigen, sinnigen, milden Geist. Als ich in Mr. Wickfields Haus trat, fand ich in der kleinen Stube im Erdgeschoß, wo früher Uriah Heep zu sitzen pflegte, Mr. Micawber eifrig mit Schreiben beschäftigt. Er war seinem jetzigen Stande gemäß schwarz gekleidet und thronte groß und breit in dem kleinen Stübchen. Mr. Micawber freute sich außerordentlich, mich zu sehen, war aber auch etwas verlegen. Er wollte mich sogleich zu Uriah führen, aber ich schlug es aus. »Ich kenne das Haus von früher, Sie wissen ja«, sagte ich »und werde schon hinauf finden. Wie gefällt Ihnen das Jus, Mr. Micawber?« »Lieber Copperfield,« entgegnete er, »für einen Mann, der ausgestattet ist mit den hohem Gaben der Phantasie, ist die Überladung mit Einzelheiten, die den juristischen Studien eigentümlich sind, einigermaßen unangenehm. Selbst in unserer Geschäftskorrespondenz«, sagte Mr. Micawber mit einem Blick auf ein paar Briefe, die er eben schrieb, »ist es dem Geiste nicht erlaubt, sich zu einer höhern Form des Ausdrucks aufzuschwingen. Aber dennoch ist es ein großartiger Beruf. Ein erhabener, großartiger Beruf!« Er teilte mir dann mit, daß er Uriah Heeps ehemalige Wohnung gemietet habe, und daß sich Mrs. Micawber freuen werde, mich wieder einmal in ihrem eigenen Hause zu empfangen. »Es ist eine bescheidene Wohnung,« sagte Mr. Micawber, »um einen Lieblingsausdruck meines Freundes Heep zu brauchen; aber sie kann der erste Anfang zu einer anspruchsvollern häuslichen Einrichtung werden.« Ich fragte ihn, ob er bis jetzt Ursache habe, mit seines Freundes Heep Behandlung zufrieden zu sein. Er stand auf, um zu sehen, ob die Tür gehörig verschlossen sei, ehe er mit gedämpfter Stimme antwortete: »Lieber Copperfield, ein Mann, der unter dem Druck pekuniärer Verlegenheit schmachtet, ist gegen die Mehrzahl der Menschen im Nachteil. Dieser Nachteil wird nicht vermindert, wenn dieser Druck die Annahme von pekuniären Entschädigungen nötig macht, ehe diese Entschädigungen eigentlich fällig sind. Ich kann nur sagen, daß mein Freund Heep auf Ansuchen, die ich nicht weiter zu berühren brauche, in einer Weise geantwortet hat, die ebensosehr seinem Kopfe wie seinem Herzen zur Ehre gereichen muß.« »Ich hätte nicht geglaubt, daß er mit seinem Gelde so freigebig ist«, bemerkte ich. »Verzeihen Sie!« sagte Mr. Micawber mit gezwungener Miene, »ich spreche von meinem Freunde Heep, wie ich ihn kennen gelernt habe.« »Es freut mich, daß Sie ihn von so guter Seite kennen gelernt haben«, gab ich zurück. »Sie sind sehr gütig, lieber Copperfield«, sagte Mr. Micawber und summte ein Lied vor sich hin. »Sehen Sie Mr. Wickfield häufig?« fragte ich, um von etwas anderm zu sprechen. »Nicht oft«, antwortete Mr. Micawber leichthin. »Mr. Wickfield ist, darf ich wohl sagen, ein Mann von vortrefflichen Absichten; aber er ist mit – einem Wort, er ist antiquiert.« »Ich fürchte, sein Kompagnon will ihn dazu machen«, entgegnete ich. »Lieber Copperfield!« sagte Mr. Micawber, nachdem er ein paarmal unruhig auf dem Stuhle hin und her gerutscht, »erlauben Sie mir eine Bemerkung! Ich bin hier in einer Vertrauensstellung. Ich bin hier in einer verantwortlichen Stellung. Die Besprechung mancher Gegenstände selbst mit Mrs. Micawber – die bisher die Teilnehmerin an den verschiedenen Wechselfällen meines Lebens war und eine Frau von bemerkenswerter Klarheit des Geistes ist – ist meiner Überzeugung nach unverträglich mit den Funktionen, die mir jetzt obliegen. Ich wollte mir daher auch die Freiheit nehmen, Ihnen vorzuschlagen, daß wir in unserm freundschaftlichen Verkehr – der, so hoffe ich, nie gestört werden wird! – eine Grenzlinie ziehen. Auf der einen Seite dieser Linie«, Mr. Micawber stellte sie auf dem Pulte durch das Bureaulineal dar, »liegt alles, was der Menschengeist umfaßt, mit einer geringfügigen Ausnahme; auf der andern Seite ist diese Ausnahme: nämlich das Geschäft von Mrs. Wickfield und Heep mit allem, was drum und dran hängt. Ich hoffe, daß ich den Gefährten meiner Jugend nicht kränke, wenn ich diesen Vorschlag seiner ruhigeren Überlegung unterbreite?« Obgleich ich an Mr. Micawber eine gewisse unbehagliche Gezwungenheit bemerkte, die ihm etwas Gepreßtes gab, als ob ihm seine neuen Pflichten nicht paßten, fühlte ich doch, daß ich kein Recht hatte, mich für beleidigt zu halten. Es schien ihn zu erleichtern, als ich ihm dies sagte, und er schüttelte mir herzlich die Hand. »Ich bin ganz entzückt von Miß Wickfield, verlassen Sie sich darauf, Copperfield«, sagte Mr. Micawber. »Sie ist eine ganz ausgezeichnete junge Dame, von merkwürdigen Reizen und Tugenden. Auf Ehre«, sagte Mr. Micawber, indem er sich die Hand küßte und sich mit der höflichsten Miene von der Welt verbeugte. »Ich bete Miß Wickfield an! Hm!« »Das wenigstens freut mich«, erwiderte ich. »Lieber Copperfield, wenn Sie uns nicht an jenem angenehmen Nachmittag, den wir bei Ihnen zuzubringen das Vergnügen hatten, versichert hätten, daß D. Ihr Lieblingsbuchstabe sei,« sagte Mr. Micawber, »so würde ich jedenfalls glauben, A. hätte es sein müssen.« Wir alle kennen ein Gefühl (ich habe es schon einmal erwähnt), das uns manchmal überkommt, als ob das, was wir sagen und tun, schon früher vor langer Zeit gesagt und getan worden wäre, als ob wir vor uralter Zeit dieselben Gesichter, Gegenstände und Verhältnisse um uns gesehen hätten – als ob wir vollkommen voraus wüßten, was jetzt gesagt werden wird, als ob wir uns dessen plötzlich erinnerten! Diese geheimnisvolle Empfindung war nie stärker in mir als jetzt, wo Mr. Micawber diese Worte sprach. Ich verabschiedete mich vorläufig von ihm und trug ihm die besten Grüße an alle zu Hause auf. Als ich ihn verließ, und er seinen Stuhl wieder ein- und die Feder wieder aufnahm und den Hals in der steifen Binde in eine zum Schreiben bequeme Lage brachte, merkte ich deutlich, daß zwischen mich und ihn, seitdem er sich in seiner neuen Stellung befand, etwas getreten war, was den alten Austausch unter uns verhinderte und unserm Verkehr einen ganz veränderten Charakter gab. Es war niemand in dem altertümlichen Besuchszimmer, obgleich es Spuren von Mr. Heeps Vorhandensein zeigte. Ich blickte in das Zimmer, in dem noch immer Agnes wohnte, und fand sie neben dem Feuer an einem hübschen altmodischen Pulte schreibend sitzen. Mein Schatten veranlaßte sie aufzublicken. Welch ein Genuß, die Ursache der freudigen Veränderung auf ihrem aufmerksamen Gesicht und der Gegenstand dieses süßen Blickes und Willkommens zu sein! »Ach, Agnes!« sagte ich, als wir nebeneinander saßen, »ich habe dich neuerlich so sehr entbehrt.« »Wirklich?« gab sie zur Antwort. »Wieder! Und so bald?« Ich schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht, wie es kommt, Agnes; mir ist, als ob mir eine geistige Eigenschaft fehlte, die ich eigentlich besitzen sollte. Du warst in der schönen alten Zeit hier so gewohnt, für mich zu denken, und es kam mir so natürlich vor, in dir meine Beraterin und meine Stütze zu sehen, daß ich wahrhaftig glaube, ich habe sie nicht erworben.« »Und was für eine Eigenschaft ist das?« fragte Agnes heiter. »Ich weiß nicht, wie ich es nennen soll«, antwortete ich. »Denn ich glaube, ich habe Ernst und Ausdauer.« »Davon bin ich überzeugt«, sagte sie. »Und Geduld auch?« fragte ich etwas zögernd. »Die auch!« antwortete sie lachend. »Und doch«, sagte ich, »werde ich so unglücklich und unruhig, so schwankend und unschlüssig, wenn ich mir eine Gewißheit verschaffen will, daß mir etwas fehlen muß – wie soll ich es nennen – vielleicht Zuversicht?« »Nennen wir es denn Zuversicht«, sagte sie, »Siehst du,« fuhr ich fort, »du brauchtest nur nach London zu kommen, da vertraute ich auf dich und hatte gleich eine Richtschnur und einen vorgezeichneten Weg. Die Verhältnisse aber haben mich aus dieser Bahn gedrängt: ich komme hierher, und in einem Augenblicke bin ich anders geworden. Die Umstände, die mir Schmerz machten, haben sich nicht verändert, seitdem ich im Zimmer bin; aber in dieser kurzen Zeit hat sich ein Einfluß meiner bemächtigt, der mich wer weiß wieviel zum Bessern verändert! Was ist das? Worin besteht dein Geheimnis, Agnes, deine unerklärliche Kraft?« Sie senkte den Kopf und sah ins Feuer. »Es ist die alte Geschichte«, sagte ich. »Lache mich nicht aus, wenn ich sage, es war immer im kleinen so, wie es jetzt im größern ist. Meine alten Sorgen waren Unsinn und jetzt sind sie Ernst; aber so oft ich meine Adoptivschwester verlasse –« Agnes sah mich an – mit einem so himmlischen Gesicht! – und gab mir ihre Hand, die ich küßte. »Wo du mir gefehlt hast, Agnes, um mir gleich zu Anfang zu raten und billigend zur Seite zu stehen, da ging ich stets in der Irre und geriet in allerlei Schwierigkeiten. Wenn ich endlich zu dir kam, wie immer, da fand ich Frieden und Glück. Ich komme jetzt heim wie ein müder Reisender, und ein so seliges Gefühl der Ruhe erfüllt mich!« Ich fühlte so tief, was ich sagte, und es rührte mich so aufrichtig, daß mir die Stimme versagte und ich das Gesicht mit den Händen bedeckte und in Tränen ausbrach. Ich schreibe die Wahrheit. Welche Widersprüche und Inkonsequenzen auch in mir, wie in so vielen von uns, lebten, was immer so anders und so viel besser hätte sein können, was immer ich tat, wobei ich mich eigensinnig von der Stimme meines eigenen Herzens abwendete, ich wußte nichts mehr davon. Ich wußte nur, daß es mir heiliger Ernst war, wenn ich die Ruhe und den Frieden von Agnes' Nähe empfand. Mit ihrer stillen schwesterlichen Weise, ihrem sanft leuchtenden Auge, ihrer mild tönenden Stimme und der lieblichen Fassung, die schon von meiner Jugendzeit ihre Wohnung zu einem Heiligtum für mich gemacht hatte, ließ sie mich bald meine Schwäche vergessen und veranlaßte mich, ihr alles zu erzählen, was seit unserm letzten Zusammentreffen geschehen war. »Jetzt, Agnes, habe ich dir alles bis auf das letzte berichtet,« sagte ich, als meine Beichte zu Ende war, »und nun vertraue ich auf dich.« »Aber du darfst nicht allein auf mich vertrauen, Trotwood«, entgegnete Agnes mit einem angenehmen Lächeln. »Du hast auch noch jemand anders.« »Dora?« fragte ich. »Gewiß.« »Ja, ich habe dir noch nicht gesagt, Agnes,« sagte ich mit einiger Verlegenheit, »daß man auf Dora eigentlich schwer – um alles in der Welt will ich nicht sagen – vertrauen kann, denn sie ist ein Engel an Reinheit und Wahrheit – aber sie ist schwer – ich weiß gar nicht, wie ich es ausdrücken soll, Agnes. Sie ist so ein schüchternes kleines Wesen und leicht außer Fassung zu bringen. Vor einiger Zeit, kurz vor ihres Vaters Tode, als ich es angemessen fand, ihr zu sagen – aber ich will es dir ausführlich erzählen, wenn du Geduld dazu hast.« Ich erzählte Agnes von meinen Eröffnungen über meine Armut, von dem Kochbuch, von dem Rechnungsführen und allem übrigen. »O Trotwood!« sagte sie mit einem Lächeln. »Das ist ganz deine alte ungestüme Weise! Du kannst ganz ernstlich in der Welt vorwärts streben, ohne so ungestüm bei einem schüchternen liebenden, unerfahrenen Mädchen zu sein. Arme Dora!« Ich hatte noch nie so liebliche und freundliche Milde in einer Stimme klingen hören, wie in diesen Worten. Es war, als ob ich sähe, wie sie bewundernd und zärtlich Dora umarmte und mich stillschweigend durch ihren schwesterlichen Schutz wegen meines Ungestüms, mit dem ich das kleine Herzchen erschreckt, tadelte. Mir war, als sähe ich Dora in all ihrer bezaubernden Natürlichkeit Agnes liebkosen und ihr danken, mit Schmeichelworten ihren Schutz gegen mich anrufen und mich dabei in aller kindlichen Unschuld lieben. Ich war gegen Agnes so dankbar und bewunderte sie so sehr! Ich sah in einer schönen Zukunft die beiden nebeneinander als Freundinnen, jede der andern zur Zierde gereichend. »Was soll ich nun tun, Agnes?« fragte ich, nachdem ich eine Zeitlang ins Feuer geblickt hatte. »Was wäre wohl das rechte?« »Meiner Meinung nach wäre der ehrenhafteste Weg, an die beiden Damen zu schreiben«, erwiderte Agnes. »Meinst du nicht auch, daß jedes Geheimnis ein unwürdiges Verfahren wäre?« »Ja. Wenn du es meinst«, sagte ich. »Ich kann solche Sachen nur schlecht beurteilen,« entgegnete Agnes mit bescheidenem Zögern; »aber meinem Gefühl nach ist Heimlichkeit deiner nicht würdig.« »Meiner nicht würdig in der zu hohen Meinung, die du von mir hast, Agnes, fürchte ich«, sagte ich. »Deiner nicht würdig bei der Offenheit deines Charakters,« entgegnete sie, »und deshalb würde ich an diese beiden Damen schreiben. Ich würde so einfach und offen wie möglich alles Vorgefallene erzählen, und würde sie um Erlaubnis bitten, sie manchmal in ihrem Hause besuchen zu dürfen. Da du jung bist und dir eine Stellung im Leben erringen willst, so glaube ich, es wäre gut, wenn du sagtest, du würdest dich in alle Bedingungen fügen, die sie dir auferlegten. Ich würde sie bitten, dein Ersuchen nicht abzuschlagen, ohne erst mit Dora zu sprechen und mit ihr zu reden, wenn sie die Zeit für passend halten. Ich würde nicht zu leidenschaftlich sein«, sagte Agnes sanft, »oder zuviel versprechen. Ich würde mich auf meine Treue und Ausdauer verlassen – und auf Dora.« »Aber wenn sie Dora durch ihre Reden wieder ängstigen, Agnes,« erwiderte ich, »und wenn Dora anfängt zu weinen und nichts von mir sagt?« »Ist das wahrscheinlich?« fragte Agnes mit dem gleichen milden Ausdruck. »Gott behüte sie, sie ist so leicht einzuschüchtern wie ein Vögelchen«, sagte ich. »Es wäre doch möglich! Oder wenn die beiden Miß Spenlows – ältliche Damen dieser Art sind manchmal wunderliche Leute – nicht Personen sind, an die man sich in dieser Weise richten könnte.« »Ich glaube nicht, Trotwood, daß ich das weiter in Betracht ziehen würde«, entgegnete Agnes und blickte mich mit ihren sanften Augen an. »Vielleicht wäre es besser, nur zu bedenken, ob man recht handelt; und wenn dies der Fall ist, es zu tun.« Ich hatte keine Zweifel mehr. Mit erleichtertem Herzen, obgleich mit einem tiefen Bewußtsein der hohen Wichtigkeit meiner Arbeit widmete ich den ganzen Nachmittag dem Entwurf des Briefes, und Agnes überließ mir zu diesem großen Zweck ihr Pult. Aber zuerst ging ich hinab, um Mr. Wickfield und Uriah Heep aufzusuchen. Uriah fand ich in einem neuen, nach frischer Tünche riechenden Bureauzimmer, das in den Garten hinausgebaut war. Er sah in einem Haufen von Büchern und Papieren unaussprechlich gemein aus. Er empfing mich mit seiner gewöhnlichen kriechenden Weise und stellte sich, als ob ihm Mr. Micawber von meiner Ankunft nichts gesagt hätte, eine Vorspiegelung, die ich mir die Freiheit nahm, nicht zu glauben. Er begleitete mich in Mr. Wickfields Zimmer, das auch nur noch der Schatten seines früheren Selbst war, denn es war, um das Zimmer des neuen Kompagnons auszustatten, vieler seiner Bequemlichkeiten beraubt worden. Hier stellte sich Uriah vor das Feuer, wärmte sich den Rücken und schabte mit der knochigen Hand am Kinn, während ich Mr. Wickfield begrüßte. »Sie wohnen bei uns, Trotwood, solange Sie in Canterbury sind«, sagte Mr. Wickfield, nicht ohne durch einen Blick Uriah um Beistimmung zu fragen. »Ist denn Platz für mich vorhanden?« fragte ich. »O gewiß, Master Copperfield – ich sollte Mr. sagen, aber das andere kommt mir so natürlich auf die Zunge,« sagte Uriah, »ich würde gern Ihr altes Zimmer räumen, wenn Sie es haben wollten.« »Nein, nein«, sagte Mr. Wickfield. »Warum sollten Sie sich Unannehmlichkeiten machen? Es ist noch ein andres Zimmer da, ein andres Zimmer.« »Aber Sie wissen ja, ich würde es recht gern tun«, entgegnete Uriah mit einem Grinsen. Um der Sache ein Ende zu machen, erklärte ich, nur das andre oder gar kein Zimmer annehmen zu wollen. Dabei blieb es, und ich nahm Abschied bis zum Mittag und ging wieder hinauf. Ich hatte gehofft, niemand anders zu finden als Agnes. Aber Mrs. Heep hatte um Erlaubnis gebeten, sich und ihr Strickzeug neben das Feuer in diesem Zimmer bringen zu dürfen. Sie behauptete, es liege bei dem jetzigen Winde besser für ihren Rheumatismus, als das Gesellschafts- oder das Speisezimmer. Obgleich ich sie fast ohne Reue der Barmherzigkeit des Windes auf der obersten Spitze des Domes hätte überlassen können, so machte ich doch eine Tugend aus der Notwendigkeit und begrüßte sie freundschaftlich. »Ich danke Ihnen allerergebenst«, sagte Mrs. Heep in Antwort auf meine Frage nach ihrem Befinden. »Ich befinde mich ziemlich wohl. Ich habe nicht viel Aufhebens zu machen. Wenn ich meinen Uriah gut etabliert sähe, könnte ich wohl nicht viel mehr erwarten. Wie meinen Sie wohl, daß mein Ury aussieht, Sir?« In meinen Gedanken sagte ich mir, er sehe so scheußlich wie immer aus, und antwortete ihr, daß ich keine Veränderung an ihm bemerkte. »O, meinen Sie nicht, daß er sich verändert hat?« fragte Mrs. Heep. »Da muß ich mir die Freiheit herausnehmen, andrer Meinung zu sein. Meinen Sie nicht, daß er abgemagert ist?« »Nicht mehr als gewöhnlich«, entgegnete ich. »Wirklich nicht?« sagte Mrs. Heep. »Aber Sie sehen ihn nicht mit dem Auge einer Mutter an.« Ihr Mutterauge war ein böses Auge für die übrige Welt, dachte ich, als ich ihm begegnete, so liebreich sie ihn auch ansehen mochte; und ich glaubte, sie und ihr Sohn liebten sich wirklich. Ihr Blick streifte mich und ruhte auf Agnes. »Bemerken Sie nicht, wie er sich abzehrt, Miß Wickfield?« fragte Mrs. Heep. »Nein«, sagte Agnes und fuhr ruhig fort zu arbeiten. »Sie machen sich zuviel Sorge um ihn. Er sieht sehr wohl aus.« Mit einem schauerlichen Schnäuzen nahm Mrs. Heep ihren Strickstrumpf wieder vor. Sie hörte nie auf zu stricken und ließ uns keinen Augenblick allein. Ich war ziemlich zeitig vormittags gekommen, und wir hatten noch immer drei bis vier Stunden bis zum Essen vor uns; aber sie blieb sitzen und bewegte ihre Stricknadeln so eintönig, wie ein Stundenglas seinen Sand hätte laufen lassen können. Sie saß auf der einen Seite des Kamins, ich saß an dem Schreibpulte davor, und auf der andern Seite saß Agnes. So oft ich über meinen Brief nachdenkend meine Augen erhob und das nachdenkliche Gesicht von Agnes mit seinem engelhaften Ausdruck von Ermutigung auf mich herabstrahlen sah, fühlte ich sofort, wie Frau Heeps böses Auge an mir vorüberschweifte, zu ihr hinüber, und wieder zu mir zurückkehrte und dann verstohlen wieder auf das Strickzeug sank. Was sie strickte, weiß ich nicht, da ich in dieser Kunst nicht bewandert bin, aber es schien mir ein Netz, und als sie so mit diesen chinesischen Stäbchen hantierte, sah sie bei dem Feuerschein wie eine häßliche Hexe aus, die der lichten Fee gegenüber ihre Schlechtigkeiten noch nicht ausführen kann, aber ihr Netz schon in Bereitschaft hält! Bei Tische blieb sie mit derselben Unermüdlichkeit in ihrer beobachtenden Haltung. Nach dem Essen kam ihr Sohn an die Reihe, der mich, als Mr. Wickfield, er und ich allein zusammen saßen, anschielte und sich krümmte, bis ich es kaum mehr aushalten konnte. Im Gesellschaftszimmer strickte und beobachtete die Mutter wieder. Die ganze Zeit über, wo Agnes sang und spielte, saß die Mutter am Piano. Einmal verlangte sie eine besondere Ballade, in die ihr Ury, der in einem Lehnstuhl gähnte, ganz vernarrt wäre, und zuweilen sah sie sich nach ihm um und berichtete Agnes, daß er von der Musik ganz entzückt sei. Sie sprach fast niemals, ohne ihn in irgend einer Weise zu erwähnen. Es war mir klar, daß dies die ihr zugewiesene Pflicht war. Das dauerte bis zum Schlafengehen. Der Anblick der Mutter und des Sohnes, die wie zwei große Fledermäuse das ganze Haus mit ihrer häßlichen Gestalt überschatteten, machte mir die Nacht so unbehaglich, daß ich trotz dem Stricken und allem übrigen lieber unten geblieben wäre. Schlafen konnte ich fast gar nicht. Am nächsten Tage begann das Stricken und Beobachten von neuem und dauerte den ganzen Tag. Ich fand kaum Gelegenheit, zehn Minuten mit Agnes zu sprechen. Ich fand kaum Zeit, ihr meinen Brief zu zeigen. Ich schlug ihr einen Spaziergang vor; aber da Mrs. Heep wiederholt über größeres Übelbefinden klagte, blieb Agnes aus Mitleid zu Hause, um ihr Gesellschaft zu leisten. Gegen Abend ging ich selbst aus, um über das nachzudenken, was ich zunächst tun sollte, und zu überlegen, ob ich Agnes länger verhehlen dürfe, was mir Uriah Heep in London gesagt hatte; denn das beunruhigte mich sehr. Ich hatte die letzten Häuser der Stadt auf der Straße nach Ramsgate noch nicht ganz hinter mir, als mir durch die Dämmerung jemand nachrief. Der schleppende Gang und der schäbige Überrock waren nicht zu verkennen. Ich stand still, und Uriah Heep holte mich ein. »Wie schnell Sie gehen!« sagte er. »Meine Beine sind ziemlich lang; aber Sie haben ihnen zu schaffen gemacht.« »Wohin gehen Sie?« fragte ich. »Ich wollte Sie begleiten, Master Copperfield, wenn Sie mir das Vergnügen eines Spazierganges mit einem alten Bekannten gestatten wollen.« Mit diesen Worten und mit einer stoßenden Bewegung seines Körpers, die ebensogut einschmeichelnd wie verhöhnend sein könnte, ging er neben mir weiter. »Uriah!« sagte ich nach einigem Schweigen so höflich wie ich konnte. »Master Copperfield!« sagte Uriah. »Die Wahrheit zu gestehen, – Sie werden es nicht übel nehmen – ich wollte einmal ein bißchen allein spazieren gehen, weil ich zuviel Gesellschaft gehabt habe.« Er sah mich von der Seite an und sagte mit seinem widrigsten Grinsen: »Sie meinen die Mutter?« »Allerdings«, sagte ich. »Ach! Aber Sie wissen, wir sind so niedrige Leute«, gab er zur Antwort. »Und da wir uns unserer Niedrigkeit bewußt sind, müssen wir wirklich Sorge tragen, daß wir nicht gegen andere, die nicht so niedrig sind, zu kurz kommen. In der Liebe gelten alle Listen, Sir.« Er erhob die Hände, bis sie das Kinn berührten, rieb sie sanft, kicherte leise in sich hinein, und sah dabei einem bösartigen Pavian so ähnlich, wie das bei einem Menschen nur möglich ist. »Sehen Sie,« fuhr er fort, indem er sich immer noch in derselben Weise gleichsam liebkoste und mit dem Kopfe gegen mich schüttelte, »Sie sind ein gefährlicher Nebenbuhler, Master Copperfield. Sie waren das immer, das wissen Sie.« »Lassen Sie Miß Wickfield bewachen und vernichten Sie das Behagen ihrer Häuslichkeit meinetwegen?« fragte ich. »Ach, Master Copperfield, das sind harte Worte.« »Drücken Sie meine Meinung aus, wie Sie wollen«, sagte ich. »Sie wissen so gut wie ich, was ich sagen will, Uriah.« »O nein! Sie müssen es selbst in Worte kleiden«, sagte er. »Wahrhaftig! ich könnte es nicht.« »Glauben Sie etwa,« erwiderte ich und gab mir alle Mühe, Agnes' wegen sehr gemäßigt gegen ihn aufzutreten, »daß ich Miß Wickfield anders betrachte denn als eine sehr teure Schwester? »Sehen Sie, Master Copperfield,« entgegnete er, »ich bin nicht verpflichtet, diese Frage zu beantworten. Es ist das vielleicht der Fall – aber es ist vielleicht auch nicht der Fall!« Ich habe nie etwas gesehen, was der niedrigen Tücke in seinem Gesicht und seinen schattenlosen Augen ohne Gedanken von einer Wimper gleichgekommen wäre. »So hören Sie«, sagte ich. »Um Miß Wickfields willen –« »Meine Agnes!« rief er mit einer krankhaften eckigen Verdrehung seines Leibes aus. »Wollen Sie so gut sein, sie Agnes zu nennen, Master Copperfield?« »Um Agnes Wickfields willen – der Himmel segne sie!« »Dank für diesen frommen Segen, Mr. Copperfield«, unterbrach er mich. »Ich will Ihnen sagen, was ich unter allen andern Umständen ebensogut, ich weiß nicht wem, gesagt hätte – meinetwegen Meister Hämmerling.« »Wem, Sir?« fragte Uriah mit vorgerecktem Halse und die Hände ans Ohr haltend. »Dem Henker«, sagte ich. Die unwahrscheinlichste Person, an die ich denken konnte – obgleich sein Gesicht mir den Gedanken auf ganz logische Weise nahe gebracht hatte. »Ich bin mit einer andern jungen Dame verlobt. Ich hoffe, das genügt Ihnen.« »Auf Ihre Seligkeit?« fragte Uriah. Ich wollte meiner Erklärung schon entrüstet die verlangte Bekräftigung geben, als er meine Hand packte und heftig drückte. »Ach, Master Copperfield!« sagte er. »Wenn Sie die Herablassung gehabt hätten, mein Vertrauen zu erwidern, als ich an jenem Abende, wo ich Ihnen durch mein Schlafen vor dem Feuer so viel Unbequemlichkeit machte, die Fülle meines Herzens vor Ihnen ausschüttete, so hätte ich nie Zweifel in Sie gesetzt. Da es so ist, will ich die Mutter gleich wegnehmen und nur zu glücklich sein. Ich weiß, Sie entschuldigen die Vorsichtsmaßregeln der Liebe, nicht wahr? Wie schade, Master Copperfield, daß Sie sich nicht herabließen, mein Vertrauen zu erwidern! Ich habe Ihnen gewiß jede Gelegenheit gegeben. Aber Sie haben sich nie zu mir herabgelassen, so sehr ich es gewünscht hätte. Ich weiß, Sie haben mich nie so gern gehabt wie ich Sie.« Solange diese ganze Rede dauerte, drückte er mir mit seinen feuchten fischigen Fingern die Hand, während ich mir alle mögliche Mühe gab, sie dieser reptilhaften Umschlingung zu entziehen. Aber es gelang mir nicht im mindesten. Er zog sie unter den Ärmel seines maulbeerfarbigen Überrocks, und ich ging fast gezwungen Arm in Arm mit ihm. »Wollen wir umkehren?« fragte Uriah und drehte mich nach der Stadt um, die jetzt der aufgehende Mond beschien, der die fernen Fenster versilberte. »Ehe wir von diesem Gegenstande abbrechen, muß ich Ihnen noch sagen,« fing ich nach einem ziemlich langen Schweigen wieder an, »daß ich der Meinung bin, Agnes Wickfield ist so hoch über Ihnen und so erhaben über alle Ihre Ansprüche, wie dieser Mond dort.« »O, wie friedensreich sie ist! Nicht wahr?« sagte Uriah. »Sehr! Jetzt gestehen Sie, Master Copperfield, daß Sie mich nicht haben so leiden können, wie ich Sie. Die ganze Zeit über haben Sie mich für zu niedrig gehalten, und das wundert mich nicht.« »Ich liebe Beteuerungen der Demut allerdings nicht, überhaupt keine Beteuerungen«, erwiderte ich. »Da haben wir es!« sagte Uriah, der im Mondschein ganz schwammig und bleifarben aussah. »Wußte ich's nicht! Aber wie wenig denken Sie an die berechtigte Demut einer Person in meiner Stellung, Master Copperfield! Vater und ich wurden beide in einer Stiftsschule für Knaben erzogen; und meine Mutter ging in eine Freischule. Sie lehrten uns allerlei Demut – nicht viel anderes sonst, von morgens bis abends. Wir sollten uns demütigen vor dieser Person und demütigen vor jener, und unsere Mützen hier abziehen und unsere Verbeugungen machen dort, und immer unsere Stellung kennen und vor denen, die über uns stehen, hübsch bescheiden sein. Und deren waren soviele. Der Vater bekam als Klassenaufseher die Medaille für seine Bescheidenheit. Auch ich. Der Vater wurde Küster, weil er demütig war. Er hatte unter den vornehmen Leuten den Ruf eines so passenden Benehmens, daß sie ihn anstellten. ›Sei demütig, Uriah‹, sprach der Vater stets zu mir, ›und du wirst es zu was bringen‹. Das wurde dir und mir in der Schule vorgepredigt: und es findet am meisten Anklang. ›Sei demütig‹, sagte der Vater, ›und du wirst es zu was bringen‹. Und wirklich, ich bin dabei nicht schlecht gefahren!« Zum ersten Male kam mir der Gedanke, daß dies verächtliche Herauskehren falscher Demut außerhalb der Familie Heep entsprungen sein könnte. Ich sah hier nur die Ernte, hatte aber nie an die Saat gedacht. »Als ich ein ganz kleiner Knabe war,« fuhr Uriah fort, »erfuhr ich, was Demut leistete, und ich nahm mir das an. Ich kroch zu Kreuze mit Vergnügen. Ich machte auf der niedrigen Stufe meines Wissens Halt und sagte: ›Bleib da stehen!‹ Als Sie mir anboten, mich Latein zu lehren, wußte ich besser, was ich zu tun hatte. ›Die Leute lieben es, über andern zu stehen‹, sagte Vater, ›halte dich unten.‹ Ich bin bis zu diesem Augenblick sehr demütig, Master Copperfield, aber ich besitze doch ein bißchen Macht!« Und als ich sein Gesicht im Mondschein sah, wußte ich, daß er dies alles nur sagte, um mir klar zu machen, er sei gesonnen, sich durch den Gebrauch dieser Macht zu entschädigen. An seiner Niederträchtigkeit, seiner tückischen List und seiner Bosheit hatte ich nie gezweifelt; aber ich begriff jetzt zum ersten Male, welch ein niedriger, unnachgiebiger und rachsüchtiger Geist in ihm durch die frühzeitige und langjährige Unterdrückung genährt worden war. Seine Selbstbekenntnisse und die Auseinandersetzung seiner Jugendverhältnisse hatte wenigstens die angenehme Folge, daß er die Hand von meinem Arm nahm, um sich abermals das Kinn zu streicheln. Sowie ich ihn einmal soweit los war, beschloß ich, keine neue Annäherung zu dulden, und wir kehrten nebeneinander nach der Stadt zurück, ohne unterwegs viel Worte zu verlieren. Ob ihn das von mir Gehörte oder der Rückblick in seine Jugend aufgeheitert hatte, weiß ich nicht, aber er war in etwas gehobener Stimmung. Er sprach bei Tische mehr als gewöhnlich; fragte seine Mutter, – die von dem Augenblicke seines Wiedererscheinens im Hause nicht mehr auf Wachtposten war – ob er nicht zu alt werde für einen Junggesellen; und warf einmal auf Agnes einen solchen Blick, daß ich mein alles für die Erlaubnis gegeben hätte, ihn zu Boden schlagen zu dürfen. Als wir drei Männer nach dem Essen allein waren, hob sich seine Laune noch mehr. Er hatte wenig oder keinen Wein getrunken; aber ich vermute, es war die Keckheit des Sieges, vielleicht gesteigert durch die Versuchung, meine Anwesenheit zur Entfaltung seiner Macht zu benutzen, was ihn so aufregte. Ich hatte gestern bemerkt, daß er Mr. Wickfield zum Trinken zu verführen suchte; und gehorsam einem Blick, den Agnes mir zugeworfen, hatte ich mich selbst auf ein Glas beschränkt und dann vorgeschlagen, zu den Damen zu gehen. Ich wollte heute dasselbe tun; aber Uriah kam mir zuvor. »Wir sehen nur selten unsern gegenwärtigen Gast, Sir,« sagte er zu Mr. Wickfield gewendet, der im schärfsten Abstich mit ihm am andern Ende des Tisches saß, »und ich würde vorschlagen, seine Anwesenheit mit noch einem oder zwei Glas Wein zu feiern, wenn Sie nichts dawider haben. Mr. Copperfield, auf Ihr Wohl und Ihre Gesundheit!« Ich mußte anstandshalber die Hand annehmen, die er mir über den Tisch entgegenstreckte; und dann ergriff ich mit ganz andern Gefühlen die Hand meines geknickten alten Freundes, seines Kompagnons. »Nun, Kompagnon,« sagte Uriah, »wenn ich mir die Freiheit nehmen darf, – wollen Sie nicht auch noch einen passenden Toast ausbringen?« Ich will nicht näher beschreiben, wie Mr. Wickfield zuerst meine Tante, dann Mr. Dick, dann die Doktor Commons, dann Uriah leben ließ, und jeden Toast doppelt trank, wie er seine eigene Schwäche recht wohl fühlte, aber sich vergeblich bemühte, ihrer Herr zu werden, wie eine Scham über Uriahs Benehmen und der Wunsch, ihn nicht zu reizen, in ihm kämpfte; wie Uriah mit offenbarem Frohlocken sich wand und krümmte und ihn vor mir zur Schau stellte. Der Anblick schnitt mir tief bis in das innerste Herz hinein, und es niederzuschreiben, widersteht meiner Hand. »Nun Kompagnon,« sagte Uriah endlich, »jetzt will ich noch einen andern Toast ausbringen, und ich erlaube mir, um recht große Kelchgläser zu bitten, denn er soll der Göttlichsten ihres Geschlechts gelten.« Der Vater hielt sein leeres Glas in der Hand. Ich sah, wie er es niedersetzte, wie er das Bild ansah, das ihr so ähnlich war, die Hand auf die Stirn legte und in den Lehnstuhl zurücksank. »Es ist viel gewagt von einem so geringen Menschen, wie ich bin, ihre Gesundheit auszubringen,« fuhr Uriah fort, »aber ich bewundere sie, ich bete sie an.« Kein physischer Schmerz, der ihres Vaters graues Haupt hätte treffen können, konnte mir schrecklicher sein als die geistige Qual, die er vergeblich zu verbergen suchte. »Agnes,« sagte Uriah, der entweder nicht auf ihn sah oder seine Gebärde nicht begriff, »Agnes Wickfield ist, darf ich wohl sagen, die Göttlichste ihres Geschlechts. Darf ich unter Freunden offenherzig sein – ihr Vater zu sein, ist eine stolze Auszeichnung, aber ihr Gatte – –« Möge ich nie wieder einen solchen Schrei hören, wie den, mit dem ihr Vater vom Tische aufsprang. »Was gibt's!« sagte Uriah und wurde totenblaß. »Sie sind doch nicht am Ende verrückt geworden, Mr. Wickfield, hoffe ich? Wenn ich sage, ich besitze so viel Ehrgeiz, um Ihre Agnes zu meiner Agnes zu machen, so habe ich dazu so gut ein Recht wie jeder andere. Ja, ich habe ein besseres Recht als jeder andere dazu.« Ich hielt Mr. Wickfield mit meinen Armen umschlungen, beschwor ihn bei allem, woran ich denken konnte, und am dringendsten bei seiner Liebe zu Agnes, sich ein wenig zu beruhigen. Er war wie wahnsinnig, zerraufte sich das Haar, schlug sich vor die Stirn, versuchte sich von mir loszureißen, erwiderte kein Wort, blickte niemand an und sah niemand. Blind gegen etwas, er wußte selbst nicht was, mit den Händen ankämpfend, griff er um sich, das Gesicht ganz verzerrt und mit starrenden Augen – ein schreckliches Schauspiel. Ich beschwor ihn mit abgerissenen Worten, aber in der inbrünstigsten Weise, sich nicht dieser Leidenschaftlichkeit hinzugeben, sondern mich anzuhören. Ich bat ihn, an Agnes zu denken, zu berücksichtigen, wie ich hier mit Agnes stünde, sich zu erinnern, wie Agnes und ich zusammen aufgewachsen, wie ich sie ehrte und liebte, und sie seine Freude und sein Stolz sei. Ich versuchte, ihm ihr Bild in jeder Gestalt vorzuführen; ich warf ihm sogar vor, nicht Festigkeit genug zu besitzen, um ihr den Anblick eines solchen Auftrittes zu ersparen. Vielleicht gelang es mir, ihn zu beruhigen, oder seine Leidenschaftlichkeit erschöpfte sich in sich selbst: aber allmählich sträubte er sich weniger und sah mich an – anfangs ohne mich zu kennen, dann mit dankbarem Ausdruck in den Augen. Endlich sagte er: »Ich weiß, Trotwood! mein Lieblingskind und Sie – ich weiß! Aber sehen Sie den an!« Er wies auf Uriah, der blaß und finster in einer Ecke stand, offenbar sehr enttäuscht über seine Verrechnung. »Sehen Sie dort meinen Quälgeist«, fuhr er fort. »Durch ihn habe ich Schritt für Schritt guten Namen und Ruf, Friede, Ruhe, Haus und Familie verloren.« »Ich habe für Sie Namen und Ruf und Friede und Ruhe und Haus und Familie erhalten«, sagte Uriah mit der verdrießlichen Miene eines Geschlagenen, aber auch mit dem Bemühen, seine Unvorsichtigkeit wieder gutzumachen. »Seien Sie nicht närrisch, Mr. Wickfield. Wenn ich ein bißchen weiter gegangen bin, als Sie geahnt haben, so kann ich doch wohl wieder umkehren. Es ist ja kein Schade geschehen.« »Ich forschte bei allen Menschen nach einfachen Beweggründen,« sagte Mr. Wickfield, »und ich begnügte mich mit dem Bewußtsein, ihn durch Vorteil an mich gefesselt zu haben. Aber sehen Sie ihn nun an – o sehen Sie ihn an in seiner wahren Gestalt.« »Sie täten besser, ihn zum Schweigen zu bringen, Copperfield«, rief Uriah und wies mit seinem langen Zeigefinger auf seinen Kompagnon. »Er wird gleich etwas sagen, – merken Sie es wohl! – was ihm später leid tun wird, es gesagt und Ihnen, es gehört zu haben.« »Ich will alles sagen«, rief Mr. Wickfield mit der Miene der Verzweiflung. »Warum sollte ich nicht in der Macht aller Welt sein, wenn ich einmal in Ihrer Macht bin?« »Achten Sie auf mich, sage ich Ihnen«, warnte Uriah und wendete sich wieder warnend an mich. »Wenn Sie ihn nicht bewegen zu schweigen, so sind Sie sein Freund nicht! Warum dürfen Sie nicht in der Macht aller Welt sein, Mr. Wickfield? Weil Sie eine Tochter haben. Sie und ich wissen, was wir wissen, nicht wahr? Lassen Sie solche Dinge ruhen – wer will sie zur Sprache bringen? Ich gewiß nicht. Sehen Sie nicht, daß ich jetzt wieder so bescheiden bin, wie es nur möglich ist? Ich sage Ihnen ja, wenn ich zu weit gegangen bin, so tut es mir leid. Was wollen Sie noch mehr, Sir?« »Ach, Trotwood, Trotwood!« rief Mr. Wickfield, die Hände ringend, aus. »Wie tief ich gesunken bin, seitdem ich Sie zuerst in diesem Hause sah! Ich war damals auf dem Wege nach abwärts, aber welch wüste Strecke habe ich seitdem zurückgelegt! Schwaches Gewährenlassen hat mich zugrunde gerichtet. Ein Schwelgen in der Erinnerung und ein Schwelgen im Vergessen. Mein natürlicher Schmerz um die Mutter meines Kindes wurde zu einer Krankheit. Meine natürliche Liebe für mein Kind wurde krankhaft. Ich habe Unheil über alles gebracht, was ich berührt habe. Ich habe Kummer über die gebracht, die ich zärtlich liebe, daß weiß ich – und Sie wissen es auch. Ich hielt es für möglich, daß ich auf der Welt nur ein Geschöpf wahrhaft lieben könnte, und die übrigen nicht; ich hielt es möglich, aufrichtig um eine Dahingeschiedene zu trauern, und nicht teilzunehmen an dem Schmerz aller trauernden Seelen! So habe ich alles verkehrt, was das Leben mich lehren wollte! Ich habe an meinem eigenen kranken Herzen gezehrt, und es hat mir das Leben vergiftet. Selbstsüchtig in meinem Schmerz, selbstsüchtig in meiner Liebe, selbstsüchtig in der Erbärmlichkeit, mit der ich den düsteren Seiten beider zu entfliehen suchte, bin ich nun die Ruine geworden, als die Sie mich sehen, hasse ich mich und möchte mich selbst meiden.« Er sank in den Stuhl und schluchzte leise. Seine Aufregung schwand immer mehr. Uriah kam jetzt aus der Ecke hervor. »Ich weiß nicht, was ich alles in meiner Verblendung getan habe«, sagte Mr. Wickfield und streckte die Hände aus, als wollte er mein Verdammungsurteil bittend abwehren. »Er weiß es am besten« – er meinte Uriah Heep – »denn er hat immer als Einflüsterer hinter mir gestanden. Sie sehen, welcher Mühlstein er um meinen Hals ist. Sie finden ihn in meinem Hause. Sie finden ihn in meinem Geschäft. Sie hörten ihn erst vor wenigen Minuten. Was habe ich mehr zu sagen?« »Sie hätten ja gar nicht nötig gehabt, soviel oder nur halbsoviel oder nur überhaupt etwas zu sagen«, bemerkte Uriah halb trotzig und halb kriechend. »Sie hätten gar nicht soviel Aufhebens davon gemacht, wenn nicht der Wein gewesen wäre. Sie werden morgen besser darüber denken. Wenn ich zuviel gesagt habe, oder mehr als ich wollte, was tut das? Ich habe es ja wieder zurückgenommen!« Die Tür ging auf, und Agnes glitt herein ohne eine Spur von Farbe auf ihrem Gesicht, legte ihren Arm um seinen Hals und sagte mit gefaßter Stimme: »Vater, du bist nicht wohl. Komm mit mir!« Er legte seinen Kopf auf ihre Schulter, als ob ihn tiefe Beschämung bedrückte, und verließ mit ihr das Zimmer. Ihr Auge begegnete einen Augenblick lang dem meinen, aber ich erkannte, wieviel sie von dem Geschehenen wußte. »Ich hätte nicht gedacht, daß er gleich so lospoltern würde, Master Copperfield«, sagte Uriah. »Aber es ist nichts. Morgen werden wir wieder gute Freunde sein. Es ist zu seinem Besten. Ich sorge in aller Bescheidenheit für sein Bestes.« Ich gab ihm keine Antwort und ging hinauf in das Zimmer, wo Agnes so oft neben mir gesessen hatte, wenn ich studierte. Es kam niemand, bis es spät Nacht wurde. Ich nahm ein Buch und versuchte zu lesen. Ich hörte die Uhren zwölf schlagen und las immer noch, ohne zu wissen was, als mich Agnes mit der Hand berührte. »Du reisest morgen frühzeitig ab, Trotwood. Laß uns jetzt Abschied nehmen!« Sie hatte geweint, aber ihr Antlitz war jetzt so ruhig und schön. »Der Himmel segne dich!« sagte sie und gab mir die Hand. »Teuerste Agnes!« entgegnete ich, »ich sehe, du wünschest nicht von heute abend zu sprechen – aber läßt sich gar nichts tun?« »Wir müssen unser Vertrauen in Gott setzen!« gab sie zur Antwort. »Kann ich nichts tun – ich, der immer mit seinen kleinen Schmerzen zu dir kommt?« »Und die meinigen um soviel leichter macht«, erwiderte sie. »Nein, lieber Trotwood.« »Liebe Agnes,« sagte ich, »es ist eine Anmaßung von mir, der so arm an alledem ist, woran du so reich bist – an Güte, an Entschlossenheit, an allen Eigenschaften – an dir zu zweifeln, oder dir Ratschläge zu erteilen; aber du weißt, wie sehr ich dich liebe und wieviel ich dir verdanke. Du wirst dich niemals einem mißverstandenen Pflichtgefühl aufopfern, Agnes?« Einen Augenblick lang viel aufgeregter, als ich sie je gesehen, entzog sie mir ihre Hand und trat einen Schritt zurück. »Sprich es aus, daß du an so etwas nicht denkst, geliebte Agnes! die du mir viel mehr bist als Schwester. Denke an die unschätzbare Gabe eines solchen Herzens, wie das deine ist, einer solchen Liebe wie die deine.« O, noch viele, viele Jahre später habe ich dieses Gesicht gesehen mit dem eigentümlichen Ausdruck jenes Augenblicks, der kein Staunen, keine Anklage, keinen Vorwurf enthielt. O, noch lange, lange Zeit später sah ich diesen Blick zu dem lieblichen Lächeln werden, mit dem sie mir sagte, sie habe ihretwegen keine Furcht, und ich brauche auch um sie keine zu haben, von mir Abschied nahm, mich Bruder nannte und verschwunden war! Es war noch dämmerig, als ich am andern Morgen vor dem Gasthofe auf das Verdeck der Landkutsche stieg. Der Tag graute eben, als wir abfahren wollten, und da, als ich an sie dachte, tauchte durch die Dämmerung Uriahs Kopf hervor. »Copperfield!« sagte er mit einem heisern Krächzen, als er sich an dem eisernen Geländer des Daches festhielt, »ich glaubte, Sie würden es gern hören vor ihrer Abreise, daß wir beiden Kompagnons wieder einig sind. Ich war heute früh in seinem Zimmer und habe alles in Ordnung gebracht. Obgleich ich nur ein niedriger Mann bin, bin ich ihm doch nützlich gewesen; und er versteht sich auf sein Interesse, wenn er nicht berauscht ist! Was für ein angenehmer Mann er aber doch im Grunde ist, Master Copperfield!« Ich erwiderte ihm nur, daß ich mich freue, daß er ihn um Verzeihung gebeten habe. »Ja natürlich!« sagte Uriah. »Bei einer niedrigen Person – was ist da eine Bitte um Verzeihung? So leicht!« – Dann zuckte er wieder wie ein Schlangenmensch und setzte hinzu: »Noch eins! Sagen Sie mir, haben Sie wohl schon mal eine Birne abgepflückt, ehe sie reif war, Master Copperfield?« »Ich glaube wohl«, gab ich zur Antwort. »Das tat ich gestern abend, –« sagte Uriah; »aber sie wird schon noch reif werden! Nur abwarten muß man es! Und ich kann warten.« Nach lebhaften Abschiedsgrüßen stieg er wieder herunter, als sich der Kutscher auf den Bock setzte. Ich weiß nicht, ob er etwas kaute, um der rauhen Morgenluft entgegenzuwirken und seinen trockenen Hals geschmeidig zu machen; aber er machte mit seinem Munde Bewegungen, als ob die Birne schon reif sei und er sich die Lippen danach lecke. Vierzigstes Kapitel. Der Wanderer. Wir hatten über die im letzten Kapitel erzählten häuslichen Vorfälle an diesem Abend ein sehr ernstes Gespräch in der Buckinghamstraße. Meine Tante fühlte sich auf das lebhafteste davon mitgenommen, und ging hernach mehr als zwei Stunden lang mit verschränkten Armen im Zimmer auf und ab. Das tat sie stets, wenn ihre Stimmung besonders aus dem Gleichgewicht gekommen war; und der Umfang ihrer Aufregung war immer nach der Dauer ihres Gehens zu bemessen. Bei dieser Gelegenheit war sie so beunruhigt, daß sie die Schlafzimmertür öffnen und sich eine Wandelbahn durch sämtliche Zimmer von einer Wand bis zur andern machen mußte; und während Mr. Dick und ich ruhig beim Feuer saßen, ging sie auf dieser abgesteckten Bahn mit unverändertem Schritt und mit der Regelmäßigkeit eines Uhrpendels auf und ab, kam herein und ging hinaus. Als Mr. Dick schlafen gegangen war und meine Tante und mich allein gelassen hatte, setzte ich mich hin, um den Brief an die beiden alten Damen zu schreiben. Sie war jetzt müde geworden und saß am Kamin, den Rock wie gewöhnlich aufgesteckt. Aber anstatt wie sonst dazusitzen, das Glas auf dem Knie haltend, ließ sie es unbeachtet auf dem Kaminsims stehen und sah mich gedankenvoll an, den linken Ellbogen auf den rechten Arm gestützt und das Kinn in der linken Hand. So oft ich sie ansah, begegnete ich ihrem Auge. »Ich bin in der allerbesten Stimmung, lieber Sohn,« sagte sie dann mit einem Nicken, »aber ich bin unruhig und bekümmert.« In meiner Geschäftigkeit bemerkte ich erst, als sie schon zu Bett war, daß sie ihren Schlaftrunk, wie sie es gewöhnlich nannte, unberührt auf dem Kaminsims hatte stehen lassen. Als ich an ihre Tür klopfte, um es ihr mitzuteilen, sagte sie: »Nein Trot, ich habe heute keinen Appetit darauf«, schüttelte den Kopf und zog sich wieder zurück. Am andern Morgen las sie meinen Brief an die beiden alten Damen und billigte ihn. Ich gab ihn auf die Post und hatte jetzt weiter nichts zu tun, als so geduldig wie möglich auf eine Antwort zu warten. Ich wartete immer noch und wartete schon fast eine Woche lang, als ich eines Abends in einem Schneewetter den Doktor verließ und nach Hause ging. Es war ein bitterkalter Tag gewesen, und ein schneidender Nordostwind hatte eine Zeitlang geweht. Mit dem Abend hatte sich der Wind gelegt, es schneite jetzt in schweren, großen, dichten Flocken, und die Straßen waren schon mit einer dichten Decke überzogen. Das Geknarr der Räder und der Tritt der Menschen waren so unhörbar, als ob die Straßen in derselben Höhe mit Federn bestreut gewesen wären. Mein kürzester Nachhauseweg, den ich natürlich bei solchem Wetter wählte, ging durch Saint-Martins-Lane. Die Kirche, die der Straße ihren Namen gibt, stand damals weniger frei als jetzt, und das Gäßchen wand sich hinunter zum Strand. Als ich an den Stufen des Eingangs vorüberging, begegnete ich an der Ecke einer Frauensperson. Sie sah mich an, ging über die schmale Straße und verschwand. Ich kannte das Gesicht. Ich hatte es irgendwo gesehen. Aber ich konnte mich nicht erinnern, wo. Es waren an das Gesicht Erinnerungen geknüpft, die sofort wach wurden, aber ich dachte an ganz andere Sachen, als es mir plötzlich aufstieß, und es verwirrte mich. Auf den Stufen der Kirche kauerte ein Mann, der ein Bündel auf den Schnee gelegt hatte, um es besser auf die Schulter zu nehmen; ich sah gleichzeitig ihn und das Gesicht. Ich glaube nicht, daß ich vor Überraschung still stand, aber wie ich weiter ging, stand er auf, drehte sich um und kam auf mich zu. Ich stand Mr. Peggotty gegenüber. Jetzt besann ich mich auch auf das Gesicht der Frau von vorhin. Es war Martha, der Emilie an jenem Abend in der Küche das Geld gegeben hatte. Martha Endell – neben der er seine teure Nichte, wie mir Ham gesagt hatte, für alle im Meer versunkenen Schätze nicht hätte sehen mögen. Wir schüttelten uns herzlich die Hände; anfangs konnte keiner von uns ein Wort hervorbringen. »Master Davy,« sagte er und drückte mir fest die Hand, »es tut meinem Herzen wohl, Sie zu sehen. Willkommen! Willkommen!« »Willkommen, mein guter alter Freund!« entgegnete ich. »Ich wollte Sie heute abend aufsuchen,« sagte er, »aber da ich weiß, daß Sie mit Ihrer Tante zusammenwohnen – denn ich bin unten gewesen in Yarmouth – fürchtete ich, es sei zu spät. Ich wäre morgen früh ganz zeitig gekommen, ehe ich wieder abreiste.« »Wieder?« sagte ich. »Ja, Sir,« gab er zur Antwort und schüttelte geduldig den Kopf, »ich will morgen wieder fort.« »Wo wollen Sie jetzt hin?« fragte ich. »Ich wollte mir ein Nachtquartier suchen«, erwiderte er und schüttelte den Schnee aus dem langen Haar. Zu jener Zeit führte ein Nebeneingang in den Hof des Goldenen Kreuzes, des Gasthofs, der mir in Verbindung mit seinem Unglück so denkwürdig war, in dessen unmittelbarer Nähe wir uns befanden. Ich wies auf den Torweg, schob meinen Arm unter seinen, und wir gingen hinüber. Zwei oder drei Gastzimmer gingen auf den Hof hinaus, und da das eine leer war und ein gutes Feuer darin brannte, nahm ich ihn mit hinein. Als ich ihn bei Licht sah, bemerkte ich, daß nicht nur sein Haar lang und struppig, sondern auch sein Gesicht von der Sonne braun gebrannt war. Das Haar war auch grauer geworden, die Furchen auf dem Gesicht und der Stirn waren tiefer, und man sah ihm an, daß er allem Wind und Wetter Trotz geboten hatte; aber er sah sehr kräftig aus und wie ein Mann, den ein fester Zweck aufrecht erhält und den nichts ermüden kann. Er schüttelte den Schnee von Hut und Kleidern und wischte ihn von seinem Gesicht ab, während ich im stillen diese Beobachtungen machte. Als er sich mir gegenüber an einen Tisch setzte, der Tür, durch die wir hereingekommen waren, den Rücken zugekehrt, streckte er seine rauhe Hand noch einmal aus, um die meinige warm zu drücken. »Ich will Ihnen erzählen, wo ich überall gewesen bin, Master Davy,« sagte er, »und was ich erfahren habe. Ich bin weit gewesen und habe wenig erfahren, aber ich will es Ihnen sagen.« Ich schellte, ihm etwas Warmes zum Trinken zu bestellen, aber er wollte nichts anderes als Ale haben, und während es geholt und am Feuer gewärmt wurde, saß ich in Gedanken da. Es lag ein schöner tiefer Ernst auf seinem Gesicht, den ich nicht zu stören wagte. »Als sie noch ein Kind war,« begann er, bald nachdem wir uns allein fanden, »da redete sie mir oft von dem Meere vor und von den Ufern, wo das Meer dunkelblau wird und glänzend und funkelnd in der Sonne daliegt. Manchmal dachte ich, sie denke soviel daran, weil ihr Vater im Meere ertrunken war. Ich weiß es nicht, ob sie vielleicht glaubte oder hoffte, er wäre hingeschwemmt worden nach jenen Ländern, wo die Blumen immer blühen und der Himmel so schön ist.« »Wohl möglich hat sie eine solche kindliche Vorstellung gehabt«, erwiderte ich. »Als sie – mir verloren ging,« sagte Mr. Peggotty, »da wußte ich gleich, daß er sie nach jenen Gegenden bringen würde. Ich dachte mir, er hätte ihr gewiß oft Wunderdinge davon erzählt, und wie sie dort auch eine vornehme Dame sein sollte, und wie er sich durch solche Geschichten zuerst Gehör bei ihr verschaffte. Als ich seine Mutter sah, da merkte ich gleich, daß ich recht hatte. Ich ging über den Kanal nach Frankreich und landete dort, als ob ich vom Himmel gefallen wäre.« Ich sah sich die Tür bewegen und Schnee hereinwehen. Ich sah sie sich noch ein wenig mehr öffnen und eine Hand vorsichtig dazwischen greifen, um sie offen zu halten. »Ich suchte einen Engländer auf, der ein Amt hatte,« fuhr Mr. Peggotty fort, »und sagte ihm, ich wollte meine Nichte aufsuchen. Er verschaffte mir die Papiere, die ich brauchte, um vorwärts zu kommen – ich weiß nicht recht, wie sie heißen – und er wollte mir auch Geld geben, aber Gott sei Dank, ich brauchte es nicht. Aber ich bin ihm dankbar für alles, was er getan hat! ›Ich habe schon nach verschiedenen Orten, durch die Sie kommen, geschrieben‹, sagte er zu mir, ›und ich werde mit vielen sprechen, die diesen Weg gehen, und viele werden Sie kennen weit weg von hier, wenn Sie allein reisen.‹ Ich sprach ihm, so gut ich konnte, meine Dankbarkeit aus und reiste durch Frankreich weiter.« »Allein und zu Fuß?« fragte ich. »Meistens zu Fuß«, gab er zur Antwort, »manchmal im Marktwagen mit den Bauern, manchmal in leeren Retourwagen. Manche Meile des Tages zu Fuß und oft mit wandernden Handwerksburschen oder armen Soldaten, die zu ihren Verwandten nach Hause reisten. Ich konnte freilich nicht mit ihnen sprechen, und sie nicht mit mir, aber wir waren uns doch Gesellschaft auf der staubigen langen Straße.« Das konnte ich mir schon nach seinem herzlichen Ton denken. »Wenn ich in eine Stadt kam,« fuhr er fort, »suchte ich den Gasthof auf und wartete auf dem Hofe, bis sich jemand fand, der Englisch verstand, was meistens der Fall war. Dann sagte ich ihm, daß ich meine Nichte suche, und sie sagten mir, was für Herrschaften im Hause wären, und wenn Frauen dabei waren, die Emilie ähnlich sahen, so wartete ich ab, bis sie herauskamen. War es nicht Emilie, so ging ich weiter. Allmählich, wenn ich in ein neues Dorf zu den armen Leuten kam, kannten sie mich schon. Sie räumten mir einen Platz vor der Tür ihrer Hütte ein und gaben mir das beste, was sie hatten, zu essen und zu trinken, und eine Schlafstelle; und manche Frau, Master Davy, die eine Tochter von Emilies Alter hatte, hat draußen vor dem Dorfe an unsres Erlösers Kreuz auf mich gewartet, um mir solche Freundschaft zu erweisen. Manche hatten Töchter, die gestorben waren. Und nur Gott weiß, wie gut diese Mütter gegen mich waren!« Martha stand an der Tür. Ich sah ihr abgehärmtes lauschendes Gesicht deutlich. Ich fürchte nur, er werde sich, umdrehen und sie sehen. »Oft setzten sie mir ihre Kinder – vornehmlich die Mädchen,« sagte Mr. Peggotty, »auf die Knie, und manchmal hätten Sie mich abends an ihren Türen sitzen sehen können, fast als ob es meine Goldkindes Kinder gewesen wären. O mein Goldkind!« Überwältigt von plötzlichem Schmerz, schluchzte er laut. Ich legte meine zitternde Hand auf die Hand, womit er sein Gesicht bedeckte. »Ich danke Ihnen, Sir,« sagte er, »beachten Sie es weiter nicht.« Bald entfernte er seine Hand wieder, steckte sie vorn in den Rock und fuhr fort in seiner Erzählung. »Oft begleiteten sie mich des Morgens wohl eine halbe Stunde auf dem Wege, und als wir schieden und ich sagte: Ich danke Euch! Gott segne Euch! schienen sie es immer zu verstehen und antworteten freundlich. – Endlich erreichte ich das Meer. – Für einen Seemann, wie ich bin, war es nicht schwer, sich die Überfahrt nach Italien zu verdienen, das können Sie sich leicht denken. Als ich dorthin kam, wanderte ich weiter, wie früher. Das Volk war ebensogut gegen mich, und ich wäre von Stadt zu Stadt gewandert, vielleicht durch das ganze Land, wenn ich nicht Nachricht erhalten hätte, daß man sie in den Schweizerbergen gesehen hatte. Jemand, der seinen Bedienten kannte, hatte sie dort alle drei gesehen, und sagte mir, wie sie reisten und wo sie waren. Tag und Nacht wanderte ich den Bergen entgegen, Master Davy, Tag und Nacht. Aber je weiter ich kam, desto weiter schienen die Berge vor mir zurückzuweichen. Aber endlich erreichte ich sie doch und stieg über sie. Als ich in die Nähe des Ortes kam, wo sie sein sollten, da fing ich an bei mir zu denken: ›Was soll ich tun, wenn ich sie vor mir sehe?‹« Das lauschende Gesicht, unempfindlich gegen die rauhe Nacht, war immer noch an der Tür, und die Hände flehten mich an, sie nicht fortzujagen. »Ich habe nie an ihr gezweifelt«, sagte Mr. Peggotty. »Nein! Nicht im geringsten! Sie soll nur mein Gesicht sehen – meine Stimme hören – mich nur ansehen, damit sie sich wieder erinnert an die Häuslichkeit, die sie verlassen hat, und an das Kind, das sie gewesen ist – und wenn sie eine Königin geworden wäre, würde sie niedergesunken sein vor meinen Füßen! Ich wußte es wohl! Wie oft in meinen Träumen hatte ich sie rufen hören: ›Onkel!‹ und hatte sie wie tot vor mir niederfallen sehen. Wie oft in meinen Träumen hatte ich sie aufgehoben und zu ihr gesagt: ›Liebe Emily, ich komme, um dir Verzeihung zu bringen und dich mit nach Hause zu nehmen!‹« Er hielt inne, schüttelte den Kopf und fuhr mit einem Seufzer fort zu erzählen: »Er war mir nichts, Emily war mir alles. Ich kaufte einen Bauernmädchenanzug für sie, wie ihn dort das Landvolk trägt, und ich wußte, wenn ich sie einmal fand, würde sie neben mir hergehen auf diesen rauhen Wegen, wohin ich immer gehen würde, und mich nie, nie mehr verlassen. Ihr dieses Kleid anzuziehen und das, was sie trug, hinzuwerfen – sie wieder auf meinen Arm zu nehmen und der Heimat entgegen zu wandern – manchmal auf dem Wege auszuruhen, und ihre wunden Füße und ihr noch wunderes Herz zu heilen – an weiter dachte ich nichts. Ich glaube kaum, daß ich ihn angesehen hätte! Aber, Master Davy, es sollte nicht sein – noch nicht! Es war zu spät, und sie waren schon fort. Wohin, konnte ich nicht erfahren. Einige sagten hierhin, andere sagten dorthin, aber ich fand Emily nirgends, und ich reiste nach Hause.« »Wie lange ist das her?« fragte ich. »Vielleicht vier Tage«, sagte Mr. Peggotty, »Ich bekam das alte Boot nach Dunkelwerden zu Gesicht, und das Licht schimmerte im Fenster. Als ich hereinkam und durch die Scheiben blickte, sah ich die alte treue Mrs. Gummidge allein am Fenster sitzen, wie wir es verabredet hatten. Ich rief: ›Erschrick nicht! Es ist Daniel!‹ und ging hinein. Ich hätte nie gedacht, daß mir das alte Boot so unheimlich hätte vorkommen können.« Er zog jetzt sehr vorsichtig aus seiner Brusttasche ein kleines Paket von zwei oder drei Briefen, die er auf den Tisch legte, »Der erste hier«, sagte er und nahm einen, »kam, ehe ich eine Woche fort war. Eine Fünfzigpfundnote in einen Bogen Papier gewickelt, an mich adressiert und nachts unter die Tür gesteckt. Sie versuchte ihre Hand zu verstellen, aber vor mir kann sie sie nicht verstellen!« Er kniffte den Brief sehr sorgfältig nach den Falten und genau in seiner frühern Form wieder zusammen und legte ihn auf die eine Seite. »Dieser kam an Mrs. Gummidge«, sagte er und öffnete den zweiten, »vor zwei oder drei Monaten.« Nachdem er ihn ein paar Augenblicke angesehen, reichte er ihn mir hin und setzte mit leiser Stimme hinzu: »Seien Sie so gut und lesen Sie ihn, Sir.« Ich las folgendes: »O, was wirst Du fühlen, wenn Du diese Handschrift siehst und weißt, daß sie von meiner bösen Hand kommt! Aber versuch's, versuch's, – nicht um meinetwillen, sondern um des guten Herzens meines Onkels willen, nur auf eine kleine, kleine Zeit mit weicherm Herzen meiner zu gedenken! Ich bitte Dich, versuch's, barmherziger zu sein gegen ein unglückliches Mädchen und auf ein Zettelchen zu schreiben, ob er sich wohl befindet und was er von mir sagte, bevor Ihr aufhörtet, meinen Namen unter Euch zu nennen – und ob er abends, wenn meine alte Zeit des Nachhausekommens naht, aussieht, als ob er an eine dächte, die er früher so zärtlich liebte. Ach, mein Herz bricht, wenn ich daran denke! Ich falle vor Euch nieder auf die Knie und bitte und flehe Euch an, nicht so streng gegen mich zu sein, wie ich es verdiene, sondern gut und mild, und mir etwas von ihm zu schreiben und es mir zu schicken. Nennt mich nicht Eure Kleine, nennt mich nicht bei dem Namen, den ich geschändet habe, aber nehmt Rücksicht auf meine Seelenangst und habt wenigstens soweit Mitleid mit mir, daß Ihr mir ein Wort von meinem Onkel schreibt, den meine Augen nie, nie wieder sehen sollen. Wenn Dein Herz hart gegen mich ist – mit Recht hart, das weiß ich wohl – o so bitte ich, frage den, dem ich am wehesten getan habe – den, dessen Gattin ich werden sollte, ehe Du mir meine demütige Bitte ganz abschlägst! Wenn er so barmherzig sein sollte, zu sagen, daß Du etwas an mich schreiben sollst, – ich glaube, er tut es, ja ich glaube, er tut es, wenn Du ihn nur darum fragst, denn sein Herz war immer voll Güte und Verzeihung – dann saget ihm – aber nicht eher –, daß es mir vorkommt, wenn ich den Wind des Nachts wehen höre, als käme er zürnend herangebraust von ihm und dem Onkel und stiege zu Gott empor, um mich anzuklagen. Sag ihm, daß, wenn ich morgen stürbe – und ach, wenn ich vor Gott treten könnte, wie gern würde ich sterben! – so würde ich ihn und den Onkel mit meinen letzten Worten segnen und mit dem letzten Atemzuge für seine glückliche Häuslichkeit beten!« Auch in diesem Briefe lag Geld. Fünf Pfund. Es war ebensowenig berührt wie der andere Schein, und er packte ihn ebenso wieder ein. Ausführliche Instruktionen über die der Antwort zu gebende Adresse waren beigefügt, und wenn das auch nicht mit Sicherheit auf ihren gegenwärtigen Aufenthaltsort schließen ließ, so war es doch nicht unwahrscheinlich, daß er an dem Orte geschrieben war, wo sie gewesen sein sollte. »Was wurde ihr geantwortet?« fragte ich Mr. Peggotty. »Da Mrs. Gummidge nicht gut Briefe schreiben kann, so verfaßte ihn Ham, und sie schrieb ihn ab. Sie sagten ihr, ich sei fort, um sie aufzusuchen, und was ich zum Abschied gesprochen hatte.« »Sie haben da noch einen Brief«, sagte ich. »Es ist Geld, Sir«, sagte Mr. Peggotty und öffnete ihn ein wenig. »Zehn Pfund, sehen Sie. Darinnen steht ›von einem wahren Freunde‹, wie in dem ersten. Aber der erste wurde unter die Tür gesteckt, und dies kam mit der Post vorgestern. Ich will sie an dem Orte aufsuchen, den der Poststempel angibt.« Er zeigte mir den Brief. Er war aus einer Stadt am Oberrhein abgestempelt. Er hatte in Yarmouth ein paar auswärtige Kaufleute aufgefunden, die jene Gegend kannten, und sie hatten ihm eine flüchtige Skizze einer Art Karte entworfen, die er recht gut verstand. Er legte sie vor uns auf den Tisch und verfolgte seinen Weg darauf mit dem Finger, das Kinn auf die Hand gestützt. Ich fragte ihn, wie sich Ham befinde. Er schüttelte mit dem Kopfe. »Er arbeitet so forsch, wie es einem Menschen nur möglich ist«, erwiderte er. »Sein Name ist in der ganzen Gegend so gut angeschrieben, wie der keines andern Menschen. Jedermann ist bereit, ihm zu helfen, und auch er hilft jedem gern. Klagen hört man ihn nie. Aber meine Schwester meint, – unter uns – daß es ihn tief getroffen hat.« »Der arme, gute Mensch, ich kann es wohl glauben!« »Sein Leben hält er für gar nichts mehr, Master Davy«, sagte Mr. Peggotty mit einem feierlichen Flüstern. »Wenn man im schlimmen Wetter jemand für ein gefährliches Unternehmen braucht, so ist er da. Wenn etwas Anstrengendes und Gefährliches zu verrichten ist, so tritt er zuerst hervor, und dennoch ist er so sanft wie ein Kind. Jedes Kind in Yarmouth kennt ihn.« Er nahm die Briefe nachdenklich zusammen, glättete sie mit der Hand, packte sie wieder ein und steckte sie sorgfältig in die Tasche. Das Gesicht war von der Tür verschwunden. Der Schnee wehte immer noch herein, aber sonst war nichts da. »Nun, da ich Sie noch heute abend gesehen habe, Master Davy – und es tut mir gut! –« sagte er mit einem Blick auf sein Gepäck, »so werde ich mich morgen früh beizeiten wieder auf den Weg machen. Sie sehen, was ich hier habe«, fuhr er fort und legte die Hand auf die Tasche, wo er die Briefe hatte. »Ich habe nur die eine Sorge, daß mir etwas zustoßen könnte, ehe ich das Geld zurückgeben kann. Wenn ich sterben sollte und es verloren ginge oder gestohlen würde, und der andere wüßte nicht anders, als daß ich es angenommen hätte, so glaube ich nicht, daß ich es in der andern Welt aushalten würde! Ich glaube, ich müßte zurück.« Er stand auf, und ich folgte seinem Beispiele; wir drückten uns noch einmal herzlich die Hand, ehe wir hinausgingen. »Ich würde zehntausend Meilen gehen,« sagte er, »bis ich tot niederfiele, um ihm das Geld vor die Füße zu werfen. Wenn ich das getan und meine Emily gefunden habe, so bin ich zufrieden. Wenn ich sie nicht finde, so hört sie vielleicht einmal, daß ihr Onkel nur mit seinem Leben aufhörte, sie zu suchen, und kenne ich sie recht, so wird sie selbst dieser Gedanke zuletzt nach Hause führen!« Als wir hinaus in die kalte scharfwehende Nacht traten, sah ich die einsame Gestalt in der Ferne vor uns herschweben. Unter irgend einem Vorwand bewog ich ihn, sich umzukehren, und hielt ihn im Gespräch fest, bis sie ganz fort war. Er sprach von einem Wirtshaus auf der Straße nach Dover, wo er eine saubere, einfache Stube für die Nacht finden würde. Ich ging mit ihm über die Westminster-Brücke und trennte mich am Surrey-Ufer von ihm. Als er seine einsame Wanderung durch den Schnee wieder aufnahm, schien mir alles umher aus Ehrfurcht vor ihm in Schweigen gehüllt zu sein. Ich kehrte nach dem Hofe des Gasthauses zurück, und unter dem Eindruck meiner Erinnerung an das Gesicht sah ich mich mit Grauen danach um. Es war nicht mehr da. Der Schnee hatte unsere frischen Fußspuren überdeckt, mein neuer Pfad war der einzig sichtbare; und selbst der begann zu verschwinden – so stark schneite es – während ich über die Schulter zurückblickte. Einundvierzigstes Kapitel. Doras Tanten. Endlich kam eine Antwort von den beiden alten Damen. Sie empfahlen sich bestens Mr. Copperfield und benachrichtigten ihn, daß sie seinen Brief in reifliche Erwägung gezogen hatten und zwar »mit Rücksicht auf das Glück beider Teile«. Dies war nur ein Ausdruck, der mir etwas beunruhigend vorkam, nicht nur weil sie ihn schon bei Erwähnung des früher berührten Familienzwistes gebraucht hatten, sondern auch weil ich die Erfahrung gemacht habe – und zwar mein Leben lang – daß herkömmliche Phrasen eine Art Feuerwerk sind, das leicht losgeht und dabei eine Verschiedenartigkeit von Formen und Farben annimmt, die sein ursprüngliches Aussehen gar nicht rechtfertigt. Die beiden Misses Spenlow fügten hinzu, daß sie sich enthalten müßten, »durch briefliche Vermittlung« ein Urteil über den Gegenstand von Mr. Copperfields Mitteilungen auszusprechen; aber daß sie sich glücklich schätzen würden, mit Mr. Copperfield über diesen Gegenstand zu sprechen, wenn er ihnen an einem bestimmten Tage die Ehre erweisen wolle, sie vielleicht in Begleitung eines vertrauten Freundes zu besuchen. Auf diesen Brief antwortete Mr. Copperfield sofort mit der Ergebenheit, daß er die Ehre haben werde, an dem und dem bestimmten Tage den beiden Damen seine Aufwartung zu machen, und zwar, ihre gütige Erlaubnis benutzend, in Begleitung seines Freundes Mr. Thomas Traddles vom Inner Temple. Nach Absendung dieser Botschaft geriet Mr. Copperfield in die größte Gemütsaufregung und verblieb darin, bis der Tag da war. Meine Bedrängnis wurde nicht wenig dadurch vermehrt, daß ich in dieser verhängnisvollen Krisis der unschätzbaren Dienste der Miß Mills beraubt war. Aber Mr. Mills, der mir immer etwas zum Verdruß tat, – oder es kam mir wenigstens so vor, und das war dasselbe – hatte seinem Benehmen die Krone aufgesetzt und den Beschluß gefaßt, nach Ostindien zu gehen. Was wollte er in Ostindien, warum anders sollte er nach Ostindien reisen, außer mir zum Verdruß? Freilich hatte er mit keinem andern Teile der Welt etwas zu tun und sehr viel mit diesem, denn er war ganz mit dem ostindischen Handel beschäftigt, (und was das auch immer sein mochte – ich selbst hatte in betreff des ostindischen Handels eine phantastische Vorstellung von goldenen Schals und Elefantenzähnen –) war in seiner Jugend in Kalkutta gewesen und wollte sich jetzt wieder als Chef des dortigen Hauses daselbst niederlassen. Aber das galt mir nichts. Jedoch für ihn war es so wichtig, daß er nach Ostindien zu reisen beschloß und Julia sollte mit; Julia reiste aufs Land, um von ihren Verwandten Abschied zu nehmen, und das Haus wurde mit einem vollkommenen Anzuge von Anzeigen beklebt, die da meldeten, daß es vermietet oder verkauft und daß der Hausrat – die Wäscherolle mit eingeschlossen – versteigert werden solle. So war hier wieder ein neues Erdbeben, dessen Opfer ich wurde, ehe ich mich von der Erschütterung des vorhergegangenen erholt hatte. Ich war nicht mit mir einig, wie ich mich für den wichtigen Tag kleiden sollte, denn ich schwankte zwischen dem Wunsche, vorteilhaft zu erscheinen, und den Befürchtungen, irgend etwas anzulegen, was meinem streng praktischen Charakter in den Augen der Misses Spenlow Abbruch tun konnte. Ich versuchte, eine glückliche Mitte zwischen diesen beiden Gegensätzen zu treffen; meine Tante billigte das Ergebnis, und Mr. Dick warf einen seiner Schuhe hinter Traddles und mir her, als wir die Treppe hinuntergingen, damit wir Glück hätten. Als einen so vortrefflichen Menschen ich Traddles auch immer kannte, und so herzlich ich ihm zugeneigt war, konnte ich doch nicht umhin, bei dieser zarten Gelegenheit zu wünschen, daß er sich nie gewöhnt hätte, sein Haar so entsetzlich in die Höhe zu bürsten. Es gab ihm ein so wunderliches Aussehen – ich möchte fast sagen, etwas Besenhaftes – was uns zum Unglück ausschlagen könnte, wie ich fürchtete. Ich nahm mir die Freiheit, auf dem Wege nach Putney Traddles darauf aufmerksam zu machen und ihm zu sagen, »wenn er es nur ein wenig glatt streichen wollte –« »Lieber Copperfield,« meinte Traddles, indem er den Hut abnahm und sein Haar in allen Richtungen rieb, »nichts würde mir größeres Vergnügen machen. Aber es geht nicht.« »Es will sich nicht glätten lassen?« fragte ich. »Nein«, sagte Traddles. »Es läßt sich durch nichts dazu bringen. Und wenn ich den ganzen Weg nach Putney einen halben Zentner darauf trüge, so würde es sich in dem Augenblicke wieder aufrichten, wo das Gewicht weggenommen würde. Du kannst dir gar keinen Begriff davon machen, wie hartnäckig mein Wirbelhaar ist, Copperfield. Ich bin ein wahres Stachelschwein.« Ich muß gestehen, das machte mich etwas verdrießlich, obgleich mich seine Gutmütigkeit freute. Ich sagte ihm, wie sehr ich diese schätzte, und meinte, sein Haar müßte allen Trotz aus seinem Charakter genommen haben, denn er besitze keinen. »O,« entgegnete Traddles lachend, »das ist schon eine alte Geschichte, mein armes Haar, sage ich dir. Es war mir auch sehr hinderlich, als ich mich zuerst in Sophie verliebte. O, sehr!« »Hatte sie etwas dagegen?« »Sie nicht,« erwiderte Traddles, »aber ihre älteste Schwester – die Schönheit – machte sich immer darüber lustig. Alle Schwestern lachten darüber.« »Angenehm«, sagte ich. »Ja,« entgegnete Traddles in vollkommenster Unschuld, »es ist immer für uns alle ein wahrer Spaß. Sie behaupten, Sophie besitze eine Locke davon in ihrem Schreibtisch, und habe sie in ein Buch mit einem Schloß davor legen müssen, damit sie darin bleibe. Wir spaßen immer darüber.« »Apropos, lieber Traddles,« sagte ich, »deine Erfahrung kann mir einen Dienst leisten; als du dich mit der jungen Dame, die du eben erwähntest, verlobtest, machtest du da in der Familie einen ordentlichen Heiratsantrag, kam so etwas vor – wie wir z. B. heute vorhaben?« setzte ich unruhig hinzu. »Die Wahrheit zu gestehen,« entgegnete Traddles, über dessen aufmerksames Gesicht sich jetzt ein nachdenklicher Schatten verbreitete, »es war bei mir eine ziemlich unangenehme Geschichte, Copperfield. Da nämlich Sophie der Familie so viel nützt, so konnte keine von ihnen den Gedanken ertragen, daß sie jemals heiraten sollte. Sie hatten es geradezu unter sich abgemacht, daß sie niemals heiraten sollte, und nannten sie nur die alte Jungfer. Als ich es daher mit der größten Vorsicht gegen Mrs. Crewler erwähnte –« »Die Mutter wahrscheinlich?« fragte ich. »Ja, die Mutter,« fuhr Traddles fort – »der Vater ist Se. Ehrwürden Horace Crewler. – Als ich es also mit der größten Vorsicht gegen Mrs. Crewler erwähnte, war die nächste Folge, daß sie laut aufschrie und in Ohnmacht fiel. Monate lang durfte ich nicht wieder von der Sache reden.« »Aber endlich brachtest du sie wieder in Anregung?« fragte ich. »Das tat der Vater«, sagte Traddles. »Er ist ein ganz vortrefflicher Mann, musterhaft in jeder Hinsicht, und er zeigte ihr, daß sie sich schon als Christin mit dem Opfer aussöhnen müsse, das ja überdies noch in so weiter Ferne läge. Aber was mich betrifft, Copperfield, ich gebe dir mein Wort, ich kam mir in meinem Verhältnis zu der Familie wie ein Raubvogel vor.« »Die Schwestern nahmen doch deine Partei, Traddles?« »Nun, das kann ich gerade nicht sagen«, gab er zurück. »Als wir Mrs. Crewler halb und halb damit ausgesöhnt hatten, mußten wir es Sarah beibringen. Du erinnerst dich, daß ich Sarah erwähnt habe als jene Schwester, die etwas an ihrem Rückgrat hat?« »Ganz recht.« »Sie ballte die Fäuste«, sagte Traddles, »und sah mich beklommen an, schloß die Augen, wurde aschfarben im Gesicht und steif am ganzen Körper, und zwei Tage lang nahm sie nur geröstete Brotschnitten und Wasser zu sich, das ihr mit einem Teelöffel eingeflößt werden mußte.« »Was für ein unangenehmes Mädchen, Traddles!« bemerkte ich. »O, bitte um Verzeihung, Copperfield!« sagte Traddles. »Sie ist ein ganz reizendes Mädchen, aber sie ist so sehr gefühlvoll; in der Tat, das sind sie alle. Sophie erzählte mir später, daß keine Worte die Selbstvorwürfe beschreiben könnten, die sie sich machte, als sie Sarah pflegte. Doch ich kann mir sie ausmalen nach meinen eigenen Empfindungen, die denen eines Verbrechers ähnlich waren. Nach Sarahs Wiederherstellung hatten wir es noch den acht übrigen beizubringen, und das hatte die verschiedenartigsten Wirkungen erschütterndster Art auf sie. Die beiden Kleinen, die Sophie erzieht, haben erst seit kurzer Zeit aufgehört, mich zu verabscheuen.« »Jedenfalls haben sich jetzt alle damit ausgesöhnt«, entgegnete ich. »Nun ja,« sagte Traddles zögernd, »im ganzen werden sie sich wohl jetzt darein ergeben haben. Die Sache ist die, wir sprechen gar nicht davon, und meine ungewissen Aussichten sind für sie alle ein großer Trost. Wenn wir einmal heiraten, gibt es eine klägliche Szene. Sie wird einem Leichenbegängnis ähnlicher sehen als einer Hochzeit. Und hassen werden sie mich alle, wenn ich sie mit fortnehme.« Sein ehrliches Gesicht, als er mich mit tragikomischem Kopfschütteln ansah, macht mir in der Erinnerung mehr Eindruck als damals in Wirklichkeit, denn ich befand mich in einem Zustand so außerordentlicher Angst und Kopflosigkeit, daß ich ganz unfähig war, meine Aufmerksamkeit auf irgend etwas zu richten. Als wir in die Nähe der Wohnung der beiden Misses Spenlow kamen, stand es mit meinem Aussehen und mit meiner Geistesgegenwart so schlimm, daß Traddles als sanftes Reizmittel ein Glas Ale in Vorschlag brachte. Nachdem wir dieses in einem benachbarten Wirtshaus genossen hatten, führte er mich wankenden Schrittes bis an der Misses Spenlows Tür. Ich hatte ein unbestimmtes Gefühl, öffentlich zur Schau gestellt zu werden, als das Mädchen die Tür öffnete und ich durch eine Vorhalle mit einem Wetterglase in ein stilles kleines Parterrezimmer mit der Aussicht auf einen hübschen Garten wankte. Ich setzte mich auf ein Sofa und sah Traddles Haar, wie er jetzt seinen Hut abnahm, sich emporbäumen, gleich einer jener zudringlichen kleinen Figuren aus Sprungfedern, die aus angeblichen Schnupftabaksdosen emporspringen, wenn sie geöffnet werden. Auf dem Kaminsimse tickte eine altmodische Uhr, und ich versuchte den Pendelschlag in Übereinstimmung mit dem Klopfen meines Herzens zu bringen. Auch sah ich mich im Zimmer nach irgend einem Zeichen von Nora um, fand aber keines. Ferner glaubte ich zu hören, daß Jip einmal in der Ferne belle und sofort von jemand beschwichtigt würde. Zuletzt kam ich erst wieder zur Besinnung, als ich Traddles beinah in den Kamin drängte und mich in großer Verwirrung vor zwei vertrockneten kleinen Damen verbeugte, die schwarz gekleidet waren und in ihrem Aussehen lebhaft an ein Präparat aus Bast oder Leder in Gestalt eines Ablegers von dem verstorbenen Mr. Spenlow erinnerten. »Ich bitte, nehmen Sie Platz«, sagte eine der beiden kleinen Damen. Als ich aufgehört hatte, über Traddles zu stolpern und mich auf etwas gesetzt hatte, was keine Katze war – wie mein erster Sitz – hellten sich meine Augen wenigstens so weit auf, daß ich sehen konnte, daß Mr. Spenlow offenbar der jüngste der Familie gewesen war, daß zwischen beiden Schwestern ein Unterschied von sechs oder acht Jahren im Alter war, daß die jüngere mit der Leitung der Konferenz beauftragt zu sein schien, denn sie hatte meinen Brief in der Hand und besah ihn manchmal durch ein Augenglas. Sie waren beide gleich angezogen, aber diese Schwester trug sich etwas jugendlicher als die andere und hatte vielleicht etwas mehr Krause, Busenstreif, oder eine Brosche, ein Armband oder sonst eine Kleinigkeit, die sie etwas lebhafter erscheinen ließ. Beide waren in Haltung und Benehmen sehr straff, zeremoniös, gefaßt und ruhig. Die ältere Schwester hatte die Arme über die Brust gekreuzt und saß da wie ein Götzenbild. »Mr. Copperfield, vermute ich«, sagte die Schwester mit dem Brief zu Traddles. Das war ein schrecklicher Anfang. Traddles hatte auseinanderzusetzen, daß ich Mr. Copperfield sei, und ich hatte mich vorzustellen, und sie hatten sich von einer vorgefaßten Meinung freizumachen, daß Traddles Mr. Copperfield sei, – wir waren in der allervortrefflichsten Konfusion. Um die Sache voll zu machen, hörten wir ganz deutlich Jip bellen und wieder beschwichtigt werden. »Mr. Copperfield!« sagte die Schwester mit dem Brief. Ich tat etwas – vermutlich verbeugte ich mich und war ganz Ohr, als die andere Schwester sie unterbrach. »Meine Schwester Lavinia,« sagte sie, »die sich auf Sachen dieser Art versteht, wird darlegen, was wir für das beste zur Beförderung des Glücks beider Beteiligten halten.« Ich entdeckte später, daß Miß Lavinia eine Autorität in Herzenssachen war, weil es früher einmal einen gewissen Mr. Pidger gegeben, der kurzes Whist gespielt und in sie verliebt gewesen sein soll. Meiner Meinung nach war dies eine ganz willkürliche Voraussetzung, und Pidger war von derartigen Gefühlen ganz freizusprechen – wenigstens konnte ich nie erfahren, daß er sich jemals dazu bekannt hätte. Aber Miß Lavinia und Miß Clarissa hatten einen Aberglauben, daß er seine Liebe erklärt haben würde, wenn er nicht in der Blüte seiner Jahre – er war ungefähr sechzig – durch zu starkes Trinken und einen Versuch, sich durch eine gewaltsame Kur in Bath wieder zu heilen, der Welt entrissen worden wäre. Sie hatten sogar einen geheimen Verdacht, er sei an stiller Liebe gestorben, aber es gab ein Bildnis von ihm in dem Hause, mit einer roten Weinnase, die er jedenfalls offener als seine Liebe zur Schau getragen hatte. »Wir wollen nicht von der frühern Geschichte dieses Verhältnisses sprechen«, sagte Miß Lavinia. »Unsres armen Bruders Francis Tod überhebt uns dessen.« »Wir waren nicht gewohnt, mit unserm Bruder Francis häufig zu verkehren,« sagte Miß Clarissa, »aber entschiedene Uneinigkeit herrschte nicht zwischen uns. Francis schlug seinen Weg ein, und wir den unsrigen. Wir erachteten es für besser für das Glück aller Beteiligten, es so zu machen. Und es war so.« Jede der beiden Schwestern bog sich ein wenig vor beim Sprechen, schüttelte den Kopf nach dem Sprechen und saß wieder steif aufrecht, so wie sie schwieg. Miß Clarissa bewegte ihre Arme nie. Manchmal trommelte sie darauf mit ihren Fingern – Menuette und Märsche, glaube ich – aber sie bewegte sie niemals. »Die Stellung unserer Nichte, oder ihre vermeintliche Stellung hat sich durch unsres Bruders Francis Tod sehr verändert,« sagte Miß Lavinia, »und deshalb erachten wir die Ansprüche des Bruders über ihre Stellung nicht mehr für zutreffend. Wir haben keinen Grund, zu zweifeln, Mr. Copperfield, daß Sie ein junger Mann von guten Eigenschaften und ehrenwertem Charakter sind, oder daß Sie eine Zuneigung haben – oder daß Sie vielmehr vollkommen überzeugt sind, daß Sie Zuneigung zu unserer Nichte haben.« Ich erwiderte, wie immer, wo ich Gelegenheit dazu hatte, daß niemand jemand so geliebt habe, wie ich Dora liebte. Traddles kam mir mit einem bekräftigenden Gemurmel zu Hilfe. Miß Lavinia wollte eine Antwort geben, als Miß Clarissa wieder einfiel, die mir unausgesetzt von dem Wunsche besessen schien, ihren Bruder Francis zu erwähnen: »Wenn Doras Mama, als sie unsern Bruder Francis heiratete, gleich gesagt hätte, daß für die Familie ihres Mannes an der Mittagstafel kein Platz wäre, so würde es besser für das Glück aller Beteiligten gewesen sein.« »Schwester Clarissa,« bemerkte Miß Lavinia, »vielleicht brauchen wir daran jetzt nicht zu denken.« »Schwester Lavinia,« sagte Miß Clarissa, »es gehört zu dem Gegenstand unseres Gesprächs. Ich würde mich niemals in den Teil des Gesprächsthemas mischen, über den zu urteilen du allein befähigt bist. In diesem Teil des Gesprächsthemas aber habe ich eine Stimme und eine Meinung. Es wäre besser für das Glück aller Beteiligten gewesen, wenn Doras Mama, als sie unsern Bruder Francis heiratete, deutlich gezeigt hätte, was ihre Absichten waren. Wir würden dann gewußt haben, was wir zu erwarten hatten. Wir würden gesagt haben: ›Bitte, ladet uns überhaupt nicht ein‹, und jede Möglichkeit eines Mißverständnisses wäre vermieden worden.« Als Miß Clarissa ihren Kopf geschüttelt hatte, fing Miß Lavinia wieder an und berichtete aus meinem Briefe mit Hilfe der Lorgnette. Beiläufig bemerkt, hatten beide kleine, glänzende, runde, funkelnde Augen, die wie Vogelaugen aussahen. Überhaupt waren sie im allgemeinen Vögeln nicht unähnlich, denn sie hatten ein aufmerksames, rasches, plötzliches Wesen und eine niedliche, kurze Art, sich aufzuplustern und sauber zurechtzustutzen wie Kanarienvögel. Miß Lavinia, wie schon gesagt, fing wieder an: »Sie bitten meine Schwester und mich um Erlaubnis, Mr. Copperfield, als der anerkannte Bräutigam unserer Nichte hier Besuche abzustatten.« »Wenn sich unser Bruder Francis«, brach Miß Clarissa los, wenn man etwas so Ruhiges »losbrechen« nennen darf, »mit einer Atmosphäre von Doktor Commons und nur von Doktor Commons zu umgeben wünschte, wie konnten wir etwas dagegen einwenden? Gewiß nicht; wir hatten kein Recht dazu. Wir sind immer weit entfernt davon gewesen, uns jemand aufdrängen zu wollen. Aber warum sagte er es nicht offen heraus? Unser Bruder Francis und seine Frau mögen sich ihre Gesellschaft selbst aussuchen. Meine Schwester Lavinia und ich haben auch unsere Gesellschaft, wir können sie ohne ihn finden, hoffe ich!« Da sie sich mit diesen Worten an Traddles und mich zu wenden schien, so gaben wir, sowohl Traddles wie ich, eine Art Antwort. Traddles' Worte waren unhörbar. Ich glaube, ich bemerkte, daß es für alle Beteiligten höchst ehrenvoll sei. Was ich damit meinte, weiß ich nicht im mindesten. »Schwester Lavinia,« sagte Miß Clarissa, die jetzt ihr Herz erleichtert hatte, »du kannst fortfahren, meine Liebe.« Miß Lavinia fuhr fort: »Mr. Copperfield, meine Schwester Clarissa und ich haben diesen Brief in reiflichste Erwägung gezogen, und haben es nicht getan, ohne ihn zuletzt unserer Nichte zu zeigen und mit ihr den Inhalt zu besprechen. Ich bezweifle nicht, daß Sie glaubten, Sie liebten sie sehr.« »Glauben Sie mir, Madame!« begann ich ganz begeistert. »O! –« Aber da mir Miß Clarissa einen Blick zuwarf, gerade wie ein Kanarienvogel, als wolle sie den Wunsch andeuten, ich solle das Orakel nicht unterbrechen, so bat ich um Verzeihung. »Liebe,« sagte Miß Lavinia und ersuchte ihre Schwester mit einem Blick um ihre Beistimmung, welche diese mit einem Kopfnicken nach jedem Satze gab, »gereifte Liebe, Hingebung, Verehrung finden nicht leicht einen Ausdruck. Ihre Stimme ist leise. Sie ist bescheiden und zurückgezogen, sie liegt im Hinterhalt und wartet und wartet. So ist die reife Frucht. Manchmal gleitet ein Leben hinweg, und immer noch reift sie im Schatten.« Natürlich verstand ich damals noch nicht die Anspielung auf ihre angebliche Erfahrung mit dem unglücklichen Pidger; aber ich erkannte aus dem Ernst, mit dem Miß Clarissa mit dem Kopfe nickte, daß man großes Gewicht auf diese Worte legte. »Die leichten – denn ich nenne sie im Vergleich mit solchen Empfindungen leicht – die leichten Neigungen der jungen Leute«, fuhr Miß Lavinia fort, »sind Staub, verglichen mit Felsen. Weil es so schwer ist zu erfahren, ob sie von Dauer sind oder einen wahren Grund haben, war meine Schwester Clarissa und ich lange ungewiß, Mr. Copperfield und Mr. –« »Traddles«, erwiderte mein Freund, da er einem auf sich gerichteten Blicke begegnete. »Ich bitte um Verzeihung. Von Inner Temple, glaube ich«, sagte Miß Clarissa und sah wieder in den Brief. Traddles antwortete: »Allerdings«, und wurde ziemlich rot im Gesicht. Obgleich ich noch keine ausdrückliche Aufmunterung erhalten hatte, so glaube ich doch in den beiden kleinen Schwestern und vornehmlich in Miß Lavinia eine große Neigung zu erkennen, diesen neuen fruchtbaren Gegenstand häuslichen Interesses zu genießen und soviel wie möglich daraus zu machen, was mir ziemlich viel Hoffnung gab. Mir schien es, als ob Miß Lavinia außerordentliche Lust daran finden müßte, zwei junge Liebende wie Dora und mich, zu leiten, und daß Miß Clarissa nicht weniger Genuß haben müßte, wenn sie dieses Leiten mit ansah und sich mit ihrem besondern Zweige des Themas einmischte, so oft sie der Geist dazu trieb. Diese Betrachtung flößte mir nun den Mut ein, auf das Lebhafteste zu beteuern, daß ich Dora mehr liebe, als ich sagen oder jemand glauben könne; daß alle meine Freunde wüßten, wie sehr ich sie liebte; daß meine Tante, Agnes, Traddles, jeder, der mich kannte, wüßten, wie ich sie liebte und wie ernst mich diese Liebe gemacht hatte. Zur Bestätigung dieser Beteuerungen wendete ich mich an Traddles. Und Traddles wurde so lebhaft, als ob er mitten in einer parlamentarischen Debatte wäre, und zog sich glänzend aus der Affäre, indem er in treffenden, fließenden Ausdrücken und in einer einfachen, praktisch vernünftigen Weise bestätigte, was ich aussagte, was ersichtlich einen günstigen Eindruck machte. »Ich spreche, wenn ich mir es erlauben darf, zu sagen, wie jemand, der einige Erfahrung hat von solchen Dingen,« sagte Traddles, »denn ich bin selbst mit einer jungen Dame verlobt – einer von zehn Schwestern unten in Devonshire – und sehe bis jetzt noch keine Möglichkeit, wann unsere Verlobung ihr Ende erreichen soll.« »Sie werden gewiß bestätigen können, Mr. Traddles, was ich vorhin von der Liebe sagte, die bescheiden und zurückhaltend ist und die da treulich wartet und wartet«, bemerkte Miß Lavinia, die ihn offenbar mit neuer Teilnahme ansah. »Vollkommen, Madame,« entgegnete Traddles, »vollkommen!« Miß Clarissa sah Miß Lavinia an und schüttelte ernst den Kopf. Miß Lavinia sah mit Selbstbewußtsein Miß Clarissa an und seufzte leise. »Schwester Lavinia,« sagte Miß Clarissa, »nimm mein Riechfläschchen.« Miß Lavinia brachte sich mit ein paar Zügen an dem Fläschchen wieder zum Leben – währenddem Traddles und ich mit großer Teilnahme zusahen – und fuhr dann mit etwas schwacher Stimme fort: »Meine Schwester und ich sind lange ungewiß gewesen, Mr. Traddles, was wir bei der Neigung, vielleicht nur eingebildeten Neigung von zwei so sehr jungen Leuten tun sollen, wie Ihr Freund Mr. Copperfield und unsere Nichte sind.« »Unsres Bruders Francis Kind«, bemerkte Miß Clarissa. »Wenn unsres Bruders Francis Gattin es während ihres Lebens passend gefunden hätte – obgleich sie ein ganz unbezweifeltes Recht hatte, ganz nach Belieben zu handeln – die Familie an ihre Mittagstafel einzuladen, so würden wir unsers Bruders Francis Kind gegenwärtig besser kennen. Schwester Lavinia, fahre fort.« Miß Lavinia wendete meinen Brief um, so daß sie die Adresse vor Augen hatte, und blickte durch ihr Augenglas nach ein paar Notizen, die sie aufgezeichnet hatte. »Ich glaube, wir tun gut, Mr. Traddles,« sagte sie, »diese Empfindungen der Probe unserer eigenen Beobachtung zu unterwerfen. Vorderhand kennen wir diese nicht und sind nicht in der Lage, zu beurteilen, inwieweit sie echt sind. Deshalb sind wir geneigt, soweit auf Mr. Copperfields Vorschlag einzugehen, daß wir seine Besuche gestatten.« »Niemals werde ich Ihre Güte vergessen, verehrte Damen«, rief ich aus, um eine unendliche Last der Besorgnis erleichtert. »Aber,« fuhr Miß Lavinia fort, »aber wir wünschten diese Besuche vorderhand so aufgefaßt zu sehen, Mr. Traddles, als ob sie uns gälten. Wir müssen uns hüten, eine förmliche Verlobung zwischen Mr. Copperfield und unserer Nichte anzuerkennen, bis wir eine Gelegenheit gehabt haben –« »Bis du eine Gelegenheit gehabt hast, Schwester Lavinia«, erwiderte Miß Clarissa. »Nun, wie du willst,« stimmte Miß Lavinia mit einem Seufzer bei – »bis ich Gelegenheit gehabt habe, Sie zu beobachten.« »Copperfield,« sagte Traddles zu mir gewendet, »du siehst gewiß ein, daß nichts verständiger oder billiger sein kann.« »Nichts!« rief ich aus. »Ich bin auf das tiefste dankbar dafür.« »Bei dieser Lage der Sache,« sagte Miß Lavinia und sah wieder auf ihre Notizen, »und indem wir seine Besuche nur unter dieser Bedingung gestatten, müssen wir von Mr. Copperfield eine bestimmte Versicherung bei seinem Ehrenwort verlangen, daß er sich mit unserer Nichte ohne unser Wissen auf keine andere Weise ins Vernehmen setzt. Daß kein Plan in bezug auf unsere Nichte entworfen wird, ohne daß er uns erst vorgelegt wird.« »Dir, Schwester Lavinia«, unterbrach sie Miß Clarissa. »Wie du willst,« sagte Miß Lavinia mit Resignation – »mir – und unsere Billigung erhält. Wir müssen dies zu einer ausdrücklichen und ernstlichen Bedingung machen, die um keinen Preis verletzt werden darf. Wir wünschten Mr. Copperfield heute mit einem vertrauten Freunde bei uns zu sehen,« – mit einer Verbeugung gegen Traddles, der sie erwiderte – »damit über diese Sache kein Zweifel oder Mißverständnis entsteht. Wenn Mr. Copperfield oder Sie, Mr. Traddles, den mindesten Anstand nehmen, dieses Versprechen zu geben, so bitte ich Sie, sich die Sache zu überlegen.« In der höchsten Begeisterung rief ich aus, daß kein Augenblick Bedenkzeit nötig sei. Ich gab das verlangte Versprechen in der leidenschaftlichsten Weise, rief Traddles zum Zeugen an, und nannte mich den verabscheuungswürdigsten Menschen, wenn ich es jemals nur im mindesten verletzte. »Halt!« sagte Miß Lavinia, und hielt die Hand empor, »ehe wir das Vergnügen hatten, die beiden Herren bei uns zu sehen, beschlossen wir, Sie zur Erwägung dieses Punktes eine Viertelstunde allein zu lassen. Sie werden uns erlauben, uns zurückzuziehen.« Vergebens beteuerte ich, daß keine Überlegung notwendig sei. Sie bestanden darauf, sich auf eine Viertelstunde zu entfernen. So hüpften denn die beiden kleinen Vögel mit großer Würde hinaus und überließen mich den Glückwünschen Traddles'; ich fühlte mich in die Regionen reinster Glückseligkeit versetzt. Genau nach Verlauf einer Viertelstunde erschienen sie mit derselben Würde wieder. Sie waren fortgerauscht, als ob ihre Kleider von Herbstblättern gemacht wären, und kamen in derselben Weise wieder hereingerauscht. Ich verpflichtete mich jetzt noch einmal, an den vorgeschriebenen Bedingungen festzuhalten. »Schwester Clarissa,« sagte Miß Lavinia, »alles übrige ist deine Sache.« Miß Clarissa, die jetzt ihre Arme zum ersten Male auseinander nahm, ergriff den Brief und sah auf die Notizen. »Wir werden uns glücklich schätzen,« sprach Miß Clarissa, »Mr. Copperfield jeden Sonntag zum Essen bei uns zu sehen, wenn es ihm passend ist. Wir speisen um drei Uhr.« Ich verbeugte mich. »Im Laufe der Woche«, sagte Miß Clarissa, »werden wir uns glücklich schätzen, Mr. Copperfield zum Tee zu sehen. Unsere Stunde ist halb sieben.« Ich verbeugte mich abermals. »Zweimal in der Woche,« fuhr Miß Clarissa fort, »aber in der Regel nicht öfter.« Ich verbeugte mich wieder. »Miß Trotwood,« sagte Miß Clarissa, »von der in Mr. Copperfields Briefe Erwähnung geschieht, wird uns vielleicht besuchen. Wenn Besuche besser sind für das Wohl aller Beteiligten, so nehmen wir gern Besuche an und erwidern sie. Wenn es besser ist für das Wohl aller Beteiligten, daß keine Besuche stattfinden, – wie es bei unserm Bruder Francis und seiner Familie der Fall war – so ist das etwas ganz andres.« Ich gab zu verstehen, daß sich meine Tante stolz und glücklich schätzen würde, ihre Bekanntschaft zu machen, obgleich ich gestehen muß, daß ich nicht ganz sicher war, ob sie gut zusammenpassen würden. Da die Bedingungen jetzt festgestellt waren, sprach ich meinen Dank in der wärmsten Weise aus und ergriff zuerst Miß Clarissas und dann Miß Lavinias Hand und drückte sie beide an die Lippen. Miß Lavinia stand dann auf, bat Mr. Traddles, uns für einen Augenblick zu entschuldigen, und forderte mich auf, ihr zu folgen. Ich gehorchte zitternd vor Aufregung und trat mit ihr in ein anderes Zimmer. Dort fand ich meine herrliche Kleine, hinter der Tür sich die Ohren zuhaltend und das liebliche Gesichtchen der Wand zugekehrt; und Jip im Tellerwärmer, den Kopf in ein Handtuch gebunden. O! wie schön war sie in ihrem schwarzen Hauskleide, und wie sie anfangs schluchzte und weinte und nicht hinter der Tür hervor wollte! Wie wir uns liebten, als sie endlich hervorkam; und wie selig ich war, als wir Jip aus dem Tellerwärmer hervorholten und ihn sehr stark niesend dem Licht wieder schenkten, und wir alle drei wieder beisammen waren! »Liebste Dora! jetzt bist du für immer mein!« »O ich bitte dich!« entgegnete Dora. »Ich bitte dich!« »Bist du nicht für immer mein, Dora?« »O ja, natürlich!« rief Dora, »aber ich bin so erschrocken!« »Erschrocken, Liebste?« »O ja! Ich kann ihn nicht ausstehen«, sagte Dora. »Warum geht er nicht fort?« »Wer denn, mein Leben?« »Dein Freund«, sagte Dora. »Es geht ihn ja gar nichts an. Wie einfältig er sein muß!« »Liebe Dora!« – Nichts konnte so liebenswürdig sein als ihre kindisch tändelnde Weise. – »Er ist der beste Kerl auf der Welt.« »Ach, wir brauchen keine besten Kerle«, schmollte Dora. »Liebe Dora,« sagte ich, »du wirst ihn bald besser kennen lernen, und er wird dir sehr gefallen. Auch meine Tante wird bald kommen, und auch an ihr wirst du sehr viel Gefallen finden, sobald du sie kennen lernst.« »O nein, bitte, bring sie nicht her!« sagte Dora, gab mir ein erschrockenes Küßchen und faltete die Hände. »O bitte, nein. Ich weiß, sie ist eine böse, Unheil stiftende alte Frau! Bringe sie nicht mit, Doady!« – was eine Abkürzung von David sein sollte. Ich sah wohl, Vorstellungen halfen jetzt nichts; deshalb lachte ich und bewunderte sie und war sehr verliebt und sehr glücklich. Sie zeigte mir Jips neues Kunststück, wie er in einer Ecke auf den Hinterbeinen stehen konnte – er tat es etwa so lange, wie ein Blitz leuchtet, und fiel dann wieder zusammen – und ich weiß nicht, wie lange ich dageblieben wäre, ohne an Traddles zu denken, wenn mich Miß Lavinia nicht geholt hätte. Miß Lavinia liebte Dora sehr, – sie sagte mir, Dora sehe ganz so aus, wie sie selbst in diesem Alter – sie mußte sich sehr verändert haben – und behandelte Dora, gerade als ob sie eine Puppe wäre. Ich wollte Dora bereden, sich Traddles vorstellen zu lassen, aber als ich es zur Sprache brachte, lief sie fort in ihr Zimmer und schloß sich ein; so begab ich mich wieder zu Traddles ohne sie, und ging mit ihm fort, als wandelte ich auf Wolken. »Es konnte nicht befriedigender ausfallen,« sagte Traddles, »und es sind gewiß ein paar ganz angenehme alte Damen. Es sollte mich gar nicht wundern, wenn du Jahre vor mir heiratest, Copperfield.« »Spielt deine Sophie irgend ein Instrument, Traddles?« fragte ich in der stolzen Freude meines Herzens. »Sie versteht so viel vom Klavierspiel, daß sie ihre kleinen Schwestern unterrichten kann«, entgegnete Traddles. »Singt sie?« fragte ich. »O ja, sie singt manchmal Balladen, um die andern ein wenig aufzuheitern, wenn sie schlechter Laune sind«, erwiderte er. »Singt sie zur Gitarre?« fragte ich. »O nein«, sagte Traddles. »Malt sie denn?« »Gar nicht«, sagte Traddles. Ich versprach Traddles, er solle Dora singen hören und einiges von ihren Blumenmalereien sehen. Er erklärte, das würde ihm eine große Freude sein; und wir gingen Arm in Arm in glückseliger Stimmung und entzückt nach Hause. Unterwegs bewog ich ihn, über Sophie zu sprechen, und das tat er mit einem so liebenden Vertrauen in sie, das ich sehr bewunderte. Ich verglich sie in meinem Geiste mit Dora, und zwar mit bedeutender innerer Befriedigung; aber ich gab auch aufrichtig vor mir selbst zu, daß sie für Traddles ein ausgezeichnetes Mädchen zu sein schiene. Natürlich machte ich meine Tante sofort mit dem erfolgreichen Ausgang der Konferenz bekannt und mit allem, was in ihrem Verlauf gesprochen und getan worden war. Sie fühlte sich glücklich, mich glücklich zu sehen, und versprach, unverzüglich bei Doras Tanten einen Besuch zu machen. Aber sie machte an diesem Abend einen so langen Spaziergang durch unser Zimmer, während ich an Agnes schrieb, daß ich zu fürchten anfing, sie wolle bis zum Morgen spazieren gehen. Mein Brief an Agnes war innig und dankbar, und erzählte alle guten Wirkungen, die für mich die Befolgung ihres Rates gehabt hatte. Sie antwortete mir mit umgehender Post. Ihr Brief war hoffnungsvoll, innig und heiter. Sie war von dieser Zeit an immer heiter. Ich hatte jetzt mehr denn je alle Hände voll zu tun. Bei meinen täglichen Wanderungen nach Highgate war Putney ziemlich weit entfernt; und ich wünschte natürlich, so oft wie möglich dort zu sein. Da die vorgeschlagenen Teebesuche ganz unausführbar waren, so erlangte ich von Miß Lavinia die Erlaubnis, jeden Sonnabend nachmittag einen Besuch zu machen, ohne daß mir deswegen meine Sonntage gekürzt wurden. So wurde mir der Schluß jeder Woche zu einer köstlichen Zeit; und die sehnsüchtige Erwartung dieser Tage half mir über die übrige Woche hinweg. Kein geringer Trost war es mir, daß meine Tante und Doras Tanten im ganzen viel besser miteinander auskamen, als ich erwartet hatte. Meine Tante stattete ihren versprochenen Besuch wenige Tage nach der Konferenz ab; und wenige Tage später besuchten Doras Tanten sie in gehöriger Form. Ähnliche, aber weniger zeremoniöse Besuche fanden später gewöhnlich in Zwischenräumen von drei oder vier Wochen statt. Freilich entsetzte meine Tante Doras Tanten dadurch sehr, daß sie alle Fiaker verachtete und zu ungewöhnlichen Zeiten, kurz nach dem Frühstück oder unmittelbar vor dem Tee, nach Putney hinausging; oder daß sie ihren Hut so trug, wie es ihrem Kopfe gerade bequem war, ohne sich im geringsten um die Vorurteile der Zivilisation über diesen Gegenstand zu kümmern. Aber Doras Tanten waren bald darin einig, daß sie in meiner Tante eine exzentrische und etwas männliche Dame mit einem kräftigen Verstand sahen, und wenn sie durch ketzerische Ansichten über verschiedene Fragen in bezug auf gesellschaftliche Formen manchmal die Federn der beiden kleinen Kanarienvögel zum Sträuben brachte, so liebte mich meine Tante doch zu sehr, um nicht einige ihrer kleinen Wunderlichkeiten dem allgemeinen guten Einverständnis zu opfern. Das einzige Glied unsers kleinen Kreises, das sich entschieden weigerte, sich den Umständen anzupassen, war Jip. Er erblickte meine Tante nie, ohne sofort jeden Zahn im Maule zu zeigen, sich unter einen Stuhl zurückzuziehen und unaufhörlich zu knurren; dazwischen stieß er dann und wann ein schmerzliches Geheul aus, als mute ihre ganze Erscheinung seinen Gefühlen wirklich zuviel zu. Alle Arten der Behandlung wurden mit ihm versucht: Schmeicheln, Schelten, Klapse geben, selbst nach Buckingham Street wurde er gebracht, wo er sich sofort auf die beiden Katzen stürzte zum Schrecken aller Zuschauer; aber er gewann es nie über sich, meiner Tante Gesellschaft zu ertragen. Manchmal dachte er, er hätte seine Abneigung überwunden, und war auf wenige Augenblicke liebenswürdig, dann aber reckte er sein Stumpfnäschen in die Höhe und heulte so laut, daß nichts andres übrig blieb, als ihm die Augen zu verbinden, und ihn in den Tellerwärmer zu stecken. Zuletzt wickelte ihn Dora regelmäßig in ein Handtuch und schloß ihn so ab, sobald meine Tante an der Tür gemeldet wurde. Etwas machte mir große Sorge, als wir so in stillem Glück lebten. Nämlich, daß Dora einmütig wie eine hübsche Puppe oder ein Spielzeug behandelt wurde. Meine Tante, an die sie sich allmählich gewöhnte, nannte sie immer »mein kleines Maßliebchen«, und Miß Lavinia fand ihr einziges Vergnügen darin, sie zu bedienen, ihr das Haar zu kräuseln, Putz für sie zu machen und sie wie ein Schoßkind zu behandeln. Die Schwester folgte natürlich dem Beispiel Miß Lavinias. Es kam mir sehr seltsam vor; aber alle schienen Dora ziemlich so zu behandeln, wie Dora Jip behandelte. Ich nahm mir vor, mit Dora darüber zu sprechen; und als wir einmal zusammen spazieren gingen, – denn nach einiger Zeit hatte uns Miß Lavinia erlaubt, allein auszugehen – sagte ich zu ihr, daß ich wünschte, sie könnte sie bewegen, sie anders zu behandeln; »denn du weißt ja, Liebling,« stellte ich ihr vor, »du bist kein Kind mehr.« »O,« erwiderte Dora, »jetzt wirst du wieder brummig.« »Brummig, mein Liebling?« »Sie sind gewiß recht gut gegen mich,« sagte Nora, »und ich bin sehr glücklich.« »Nun ja! Aber teuerstes Leben,« erwiderte ich, »du könntest sehr glücklich sein und doch vernünftig behandelt werden.« Nora warf mir einen vorwurfsvollen Blick zu – ach! es war ein allerliebster Blick! – und fing dann an zu schluchzen und sagte, wenn sie mir nicht gefiele, warum ich mich dann mit ihr verlobt hätte? Und warum ich nicht fortginge, wenn ich sie nicht ausstehen könnte? Was konnte ich nun anders tun, als ihr die Tränen wegküssen und ihr beteuern, wie sehr ich sie liebte? »Ich bin gewiß sehr liebevoll,« sagte Dora; »du solltest nicht hart gegen mich sein, Doady.« »Hart, geliebtes Kleinod! Als ob ich um die Welt hart gegen dich sein wollte oder könnte!« »Dann darfst du mich nicht ausschelten,« sagte Dora und spitzte ihren Mund zu einem Rosenknöspchen, »und ich will gut sein.« Es freute mich, daß sie mich gleich darauf aus freien Stücken bat, ihr das früher erwähnte Kochbuch zu bringen und ihr zu zeigen, wie man Rechnung führt, wie ich es früher versprochen hatte. Ich brachte bei meinem nächsten Besuch das Buch mit, – ich hatte es erst hübsch binden lassen, damit es weniger trocken und einladender aussähe – und als wir auf der Gemeindewiese vorm Tore spazieren gingen, zeigte ich ihr ein altes Haushaltungsbuch von meiner Tante, und gab ihr eine Brieftasche, eine niedliche Bleistifthülse und ein Kästchen mit Bleistiften, damit sie das Haushalten lerne. Aber das Kochbuch machte Dora Kopfweh, und die Zahlen preßten ihr Tränen aus. Sie ließen sich nicht addieren, sagte sie. So löschte sie sie weg und zeichnete lauter kleine Sträußchen und Porträts von mir und Jip in die Tafeln. Dann versuchte ich scherzend mündlichen Unterricht in Haushaltungssachen, als wir eines Sonnabends nachmittags spazieren gingen. Wenn wir an einem Fleischerladen vorbeigingen, fragte ich z.B.: »Nun, denke einmal, meine Liebe, wir wären verheiratet, und du wolltest zum Mittagessen einen Hammelbraten kaufen. Würdest du wohl wissen, wie man ihn kauft?« Meiner hübschen, kleinen Dora Gesicht wurde bedenklich, und sie machte wieder ein Rosenknöspchen aus ihrem Munde, als ob sie viel lieber meinen Mund mit einem Kuß geschlossen hätte. »Würdest du wohl wissen, wie man ihn kauft?« wiederholte ich dann wohl die Frage, wenn ich gerade recht unbeugsam war. Dora dachte ein wenig nach und antwortete dann mit großem Triumph: »Nun, der Fleischer weiß ja, wie er ihn zu verkaufen hat, und was brauche ich da es zu wissen? Ach du närrischer Mensch!« Als ich einmal Dora, mit einem Seitenblick auf das Kochbuch, fragte, was sie tun würde, wenn wir verheiratet wären und ich ein Irish Stew haben wollte, meinte sie, sie würde es von der Köchin machen lassen; umschlang meinen Arm und klatschte so in die Hände, und lachte so himmlisch, daß sie entzückender war als je. Der Hauptnutzen des Kochbuchs blieb daher der, daß es in eine Ecke gelegt wurde, damit Jip darauf schön machen konnte; aber Dora freute sich so sehr, als sie ihn abgerichtet hatte, endlich ordentlich schön zu machen und zugleich die Bleistifthülse im Munde zu halten, daß ich doch recht froh war, das Kochbuch gekauft zu haben. Und so griffen wir wieder zurück zu dem Gitarrenkasten, zum Blumenmalen und zu den Liedern, in denen immer getanzt wurde, tralala, tralala! und waren so glücklich, wie die Woche lang war. Gelegentlich empfand ich den Wunsch, Miß Lavinia eine Andeutung zu machen, daß sie den Liebling meines Herzens ein wenig zu sehr wie ein Spielzeug behandelte, und manchmal erwachte ich, um verwundert zu entdecken, daß ich selbst in den allgemeinen Fehler verfallen war und sie wie ein Spielzeug behandelte – aber nicht oft. Zweiundvierzigstes Kapitel. Unheil. Ich habe das Gefühl, daß ich es nicht erwähnen sollte, obwohl dies Manuskript nur für meine Augen bestimmt ist, wie angestrengt ich an der schrecklichen Stenographie arbeitete, im Bewußtsein meiner Verantwortlichkeit gegen Dora und ihre Tanten. Ich will dem, was ich von meiner Ausdauer in diesen Lebensjahren schon früher gesagt habe, von der geduldigen nie ablassenden Energie, die damals in mir zu reifen anfing und die stärkste Seite meines Charakters ist – wenn ich überhaupt eine habe – ich will dem nur hinzufügen, daß ich in ihr, beim Rückblick über mein Leben, die Quelle des späteren Erfolges erblickte. Ich habe in irdischen Angelegenheiten sehr viel Glück gehabt; viele Männer haben viel angestrengter gearbeitet und nicht halb so viel Erfolg gehabt; aber ich hatte nie leisten können, was ich geleistet habe, ohne mir Pünktlichkeit, Ordnung und Fleiß zur Gewohnheit gemacht zu haben, ohne den Entschluß, den ich damals faßte, mich immer nur in einen Gegenstand zu vertiefen, so schnell auch ein anderer darauf folgen mochte. Der Himmel weiß, daß ich das nicht im Sinne des Selbstlobes schreibe. Aber ein Mann, der, wie ich, sein Leben prüft, es Seite für Seite hier durchgehend, müßte wirklich ein sehr guter Mensch sein, wenn ihm das quälende Bewußtsein von vernachlässigten Talenten, versäumten Gelegenheiten, von irrigen und verkehrten Gefühlen, die sich unaufhörlich in seiner Brust bekriegen und ihm Niederlagen bereiten, erspart bliebe. Ich kann wohl sagen, daß ich keine natürliche Anlage besitze, die ich nicht mißbraucht hätte. Ich will einfach sagen, daß, was ich auch immer im Leben zu vollbringen bestrebt war, ich mit ganzer Seele zu tun suchte, daß ich mich, welcher Aufgabe ich mich auch widmete, ihr vollkommen widmete, daß es mir bei allen Zielen, großen und kleinen, durchaus Ernst war. Ich habe nie für möglich gehalten, daß irgend eine angeborne oder angeeignete Fähigkeit beanspruchen könne, ohne Mitwirkung fester, schlichter, keine Mühe scheuender Charaktereigenschaften hoffen dürfe, ihr Endziel zu erreichen. Ein solches Vollbringen gibt es nicht auf Erden. Glückliches Talent und günstige Gelegenheit mögen vielleicht die beiden Seiten der Leiter bilden, auf der einige Menschen emporsteigen, aber die Sprossen jener Leiter müssen aus hartem, wetterfestem Holze sein, und es gibt keinen Ersatz für energischen, eifrigen und aufrichtigen Ernst. Niemals nur eine Hand an etwas zu legen, was ich mit ganzer Seele erfassen konnte, und niemals meine Arbeit, welcher Art sie auch war, gering zu achten, das waren, wie ich jetzt sehe, meine goldenen Regeln. Wieviel ich von der Praxis, die ich soeben als Vorschrift aufgestellt, Agnes verdanke, will ich hier nicht wiederholen. Meine Erzählung wendet sich jetzt mit dankbarer Liebe zu ihr. Sie kam vierzehn Tage auf Besuch zum Doktor. Mr. Wickfield war ein alter Freund des Doktors, und der Doktor wünschte mit ihm zu sprechen und ihm zugleich eine Freundlichkeit zu erweisen. Agnes und ich hatten schon darüber gesprochen, als sie das letztemal in der Stadt war, und dieser Besuch war die Folge jener Verabredung. Sie und ihr Vater kamen diesmal zusammen; aber es überraschte mich nicht, von ihr zu hören, daß sie beauftragt wäre, in der Nähe eine Wohnung für Mrs. Heep zu suchen, deren Rheumatismus eine Luftveränderung erfordere. Ebensowenig wunderte es mich, als schon am nächsten Tage Uriah als pflichtgetreuer Sohn seine würdige Mutter nach der Stadt brachte, um von der Wohnung Besitz zu ergreifen. »Ja, sehen Sie, Master Copperfield,« sagte er, als er sich mir zur Gesellschaft aufdrängte, während ich im Garten des Doktors spazieren ging, »wenn man liebt, so ist man ein wenig eifersüchtig – wenigstens hat man gern ein Auge auf die Geliebte. »Auf wen sind Sie denn jetzt eifersüchtig?« fragte ich. »Danke Ihnen, Master Copperfield,« erwiderte er, »für jetzt auf niemand insbesondere – wenigstens auf keine männliche Person.« »Meinen Sie etwa, daß Sie auf eine weibliche Person eifersüchtig sind?« Er warf mir aus seinen bösen roten Augen einen Seitenblick zu und lachte. »Wahrhaftig, Master Copperfield,« sagte er – »ich sollte sagen: Mister, aber ich weiß, Sie entschuldigen schon die alte Angewohnheit – Sie sind so freundlich, daß Sie mich ausholen können wie ein Korkzieher! Nun, ich will es Ihnen nur sagen,« fuhr er fort, indem er seine fischkalte Hand auf die meine legte, »ich bin im allgemeinen bei Damen nicht beliebt, Sir, und bin es bei Mrs. Strong nie gewesen.« Seine Augen sahen jetzt grün aus, wie sie mich jetzt mit spitzbübischer Tücke beobachteten. »Was meinen Sie?« fragte ich. »Nun, obgleich ich ein Jurist bin, Master Copperfield,« gab er mit einem trockenen Grinsen zur Antwort, »so meine ich jetzt doch, was ich sage.« »Und was wollen Sie mit Ihrem Blick sagen?« fragte ich ruhig weiter. »Mit meinem Blick? Aber Sie inquirieren mich scharf, Copperfield! Was ich mit meinem Blick meine?« »Ja«, sagte ich. »Mit Ihrem Blick.« Er schien darüber sehr vergnügt zu sein und lachte so herzlich, wie es ihm überhaupt nur möglich war. Nachdem er sich das Kinn mit der Hand geschabt, fuhr er mit zu Boden gesenkten Augen fort und schabte dabei langsam am Kinn weiter: »Als ich noch ein gewöhnlicher Schreiber war, sah sie immer auf mich herab. Meine Agnes mußte immer in ihrem Hause sein, und gegen Sie war sie immer freundlich, Master Copperfield; aber ich stand zu tief unter ihr, um beachtet zu werden.« »Nun,« sagte ich, »nehmen wir das für wahr an!« »– und unter ihm auch«, fuhr Uriah sehr deutlich und in nachdenklichem Tone fort, während er immer noch das Kinn rieb. »Kennen Sie den Doktor nicht besser,« sagte ich, »daß Sie glauben können, er wisse etwas von Ihrem Dasein, wenn Sie nicht grade vor ihm stehen?« Er sah mich wieder mit seinem alten lauernden Seitenblick an und zog sein Gesicht in die Länge, um besser das Kinn reiben zu können, als er fortfuhr: »Ach Gott, ich spreche nicht vom Doktor! O nein, von dem armen Teufel nicht. Ich meine Mr. Maldon.« Das Herz sank mir im Busen. Alle meine Zweifel und Befürchtungen über diese Sache, des Doktors Glück und Frieden, alle die verschiedenen Möglichkeiten von Schuld und Unschuld, die ich nicht enträtseln konnte, sah ich jetzt den unbarmherzigen Klauen dieses Menschen preisgegeben. »Er kam nie auf das Bureau, ohne mich dahin oder dorthin zu kommandieren«, sagte Uriah. »Er tat gar hochnäsig und vornehm, der Herr. Ich war sehr bescheiden und bin's noch. Aber das gefiel mir nicht – und das gefällt mir jetzt auch nicht. Und ich werde es nicht mehr leiden!« Er hörte auf, sich am Kinn zu kratzen, und saugte die Wangen zwischen die Zähne, bis sie sich inwendig zu berühren schienen, und dabei haftete sein Seitenblick immer noch auf mir. »Sie ist eine von den schönen Frauen,« fuhr er fort, als er seinem Gesicht langsam seine natürliche Form wiedergegeben hatte, »die Leuten, wie ich bin, nicht freundlich gesinnt sind. Sie ist gerade so eine Person, die Agnes größere Rosinen in den Kopf setzen könnte. Ich bin kein Mann für Damen, Master Copperfield; aber ich habe Augen im Kopfe, und schon seit langer Zeit. Wir gemeinen Leute haben meistens Augen – und wir sehen damit.« Ich bemühte mich, unbefangen zu scheinen oder doch wenigstens nicht beunruhigt auszusehen, aber, wie ich an seinem Gesicht sah, mit schlechtem Erfolg. »Aber ich lasse mich nicht unterkriegen, Copperfield«, fuhr er fort und zog den Teil seines Gesichtes, wo seine roten Augenbrauen gewesen wären, wenn er sie gehabt hätte, mit tückischem Frohlocken in die Höhe, »und ich werde mein möglichstes tun, um dieser Freundschaft ein Ende zu machen. Ich billige sie nicht. Ich will gar nicht verhehlen, daß ich etwas eifersüchtiger Natur bin und alle Eindringlinge fernhalten will. Wenn ich's hindern kann, setze ich mich nicht der Gefahr aus, gegen mich intrigieren zu lassen.« »Sie intrigieren selber immer und versetzen sich in den Glauben, andere Leute täten dasselbe«, sagte ich. »Vielleicht, Master Copperfield«, entgegnete er. »Aber ich habe einen Beweggrund, wie mein Kompagnon immer sagte; und ich handle mit allem Ernst danach. Und Nägel und Zähne habe ich auch. Wenn ich auch nur ein gemeiner Mann bin, so lasse ich mir doch nicht zuviel zumuten. Es darf mir niemand in den Weg treten. Die Leute müssen mir wirklich Platz machen, Master Copperfield.« »Ich verstehe Sie nicht«, erwiderte ich. »Wirklich nicht?« sagte er mit einer seiner gewöhnlichen zuckenden Bewegungen. »Das dauert mich, Master Copperfield, da Sie doch sonst so gescheit sind. Das nächste Mal werde ich versuchen, mich deutlicher auszudrücken. – Ist das Mr. Maldon dort auf dem Pferde, der an der Tür klingelt, Sir?« »Er sieht beinahe so aus«, entgegnete ich so unbefangen, wie mir möglich war. Uriah blieb stehen, steckte die Hände zwischen seine knorrigen Knie und krümmte sich vor Lachen. Vor ganz stillem Lachen. Kein Ton entschlüpfte seinem Munde. Mir war dieses Benehmen, und vorzüglich das letzte, so zuwider, daß ich mich, ohne weitere Umstände zu machen, von ihm wegwandte und ihn in der Mitte des Gartens halb sitzend zurückließ wie eine umfallende Vogelscheuche, die gestützt werden muß. An diesem Abend war es nicht, aber, wie ich mich wohl erinnere, an dem zweitnächsten, an dem Sonnabend, daß ich Agnes mit zu Dora nahm. Ich hatte den Besuch vorher mit Miß Lavinia verabredet, und Agnes wurde zum Tee erwartet. Ich war ganz aufgeregt vor Stolz und Besorgnis; stolz auf meine liebe kleine Braut, und besorgt, ob Agnes an ihr Gefallen finden würde. Den ganzen Weg über nach Putney, während Agnes drinnen im Wagen saß und ich draußen, stellte ich mir Dora mit jedem ihrer mir so wohlbekannten hübschen Blicke vor; wünschte mir bald, sie möchte so aussehen, wie sie bei dieser Gelegenheit aussah, dann wieder wie ein andermal bei jener Gelegenheit und arbeitete mich damit fast in ein Fieber hinein. Mich beunruhigte kein Zweifel, daß sie nicht auf alle Fälle sehr hübsch aussehen würde; aber der Zufall fügte es, daß sie gerade so hübsch aussah, wie ich sie selbst noch nicht gesehen hatte. Sie war nicht im Zimmer, als ich Agnes ihren Tanten vorstellte, sondern hatte sich schüchtern versteckt. Ich wußte jetzt, wo ich sie zu suchen hatte, und fand sie richtig wieder hinter jener alten Tür, wo sie sich die Ohren zuhielt. Anfangs wollte sie gar nicht kommen, und dann bat sie um fünf Minuten Frist. Als sie mir endlich ihren Arm gab, um sich in das Zimmer führen zu lassen, war ihr liebliches Gesichtchen ganz rot; es hatte nie so hübsch ausgesehen. Aber als wir in das Zimmer traten und sie blaß wurde, war sie noch zehntausendmal schöner. Dora fürchtete sich vor Agnes. Sie hatte mir gesagt, Agnes sei »zu gebildet«. Aber als sie das heitere und doch so ernste, das so gedankenvolle und doch so gute Gesicht sah, da ließ sie einen leisen Schrei fröhlicher Überraschung vernehmen und legte ihre Arme zärtlich um den Hals von Agnes und ihre unschuldige Wange an ihr Gesicht. Ich habe mich nie so glücklich gefühlt. Ich habe mich nie so gefreut, wie damals, wo ich die beiden so nebeneinander sitzen sah; wie ich meine Geliebte so natürlich in diese herzlichen Augen hinaufblicken sah; wie ich den zärtlichen und schönen Blick sah, den Agnes auf sie warf. Miß Lavinia und Miß Clarissa teilten in ihrer Weise meine Freude. Es war der angenehmste Teeabend von der Welt. Miß Clarissa präsidierte. Ich schnitt den Sträußelkuchen und reichte ihn herum, die beiden kleinen Schwestern pickten an Zucker und Süßigkeiten wie Vögel. Miß Lavinia sah mit wohlwollender Gönnermiene drein, als wäre unser Liebesglück allein ihr Werk, und wir waren alle miteinander herzlich zufrieden. Die sanfte Freudigkeit von Agnes gewann aller Herzen. Unser Kreis schien jetzt erst ganz vollständig durch sie, durch ihr liebevolles Eingehen auf alles, was Dora interessierte, durch die Art, wie sie mit Jip Freundschaft schloß, der sofort darauf einging; durch ihr liebreiches Zureden, als Dora sich schämte, herüber zu mir auf ihren gewöhnlichen Platz zu kommen, durch die ruhige Anmut und Unbefangenheit ihres Wesens, das Dora zu vielen verschämten Beweisen von Zutraulichkeit veranlaßte. »Es freut mich so sehr, daß ich Ihnen gefalle«, sagte Dora nach dem Tee. »Ich glaubte es nicht; und ich brauche jetzt, da Julie Mills fort ist, mehr als je eine Freundin.« Ich habe vergessen zu erwähnen, daß Miß Mills abgereist war und Nora und ich noch an Bord des großen Ostindienfahrers nach Gravesend gefahren waren, um Abschied von ihr zu nehmen. Wir hatten eingemachten Ingwer, Guavagelee und ähnliche Leckerbissen beim Lunch bekommen und verließen Miß Mills in Tränen auf einem Klappstuhl auf dem Verdeck mit einem großen Tagebuch unter dem Arm, in das die durch den Anblick des Ozeans erweckten originellen Gefühle eingetragen und unter Schloß und Riegel aufgehoben werden sollten. Agnes sagte, ich müßte sie wohl zu schwarz gemalt haben; aber Dora berichtigte dies sogleich. »Ach nein!« sagte sie mit einen Blick auf mich, indem sie ihre Locken schüttelte; »ich habe nichts als Lob gehört. Er hält so viel auf Ihre Meinung, daß ich mich ordentlich davor gefürchtet habe.« »Meine gute Meinung kann seine Zuneigung zu einigen Leuten seiner Bekanntschaft nicht verstärken,« sagte Agnes mit einem Lächeln; »sie ist des Gewinnens nicht wert.« »Aber ich möchte sie gewinnen,« sagte Dora in ihrer liebkosenden Weise, »wenn Sie nichts dagegen haben.« Wir scherzten über Doras Wunsch, geliebt zu werden, und Dora sagte, ich sei ein Unhold, sie könnte mich nicht leiden, und der kurze Abend war mit wunderbarer Schnelle verschwunden, wie auf Schmetterlingsflügeln. Die Zeit war nahe, wo uns die Kutsche abholen sollte. Ich stand allein vor dem Feuer, als Dora leise hereinkam, um mir das gewöhnliche allerliebste Küßchen vor dem Abschiede zu geben. »Meinst du nicht, Doady, wenn ich sie seit langer Zeit zur Freundin gehabt hatte,« sagte Dora, die hellen Augen heller glänzend und die kleine rechte Hand mit einem Knopfe meines Rockes spielend, »daß ich dann hätte gescheiter sein können?« »Lieber Schatz, was für ein Unsinn«, sagte ich. »Meinst du, es sei Unsinn?« entgegnete Dora, ohne mich anzusehen. »Weißt du das gewiß?« »Natürlich!« »Ich weiß nicht mehr, wie Agnes mit dir verwandt ist, du böser Mensch«, fuhr Dora fort, immer noch mit dem Knopfe an meinem Rocke beschäftigt. »Es ist keine Verwandte von mir,« entgegnete ich, »aber wir wurden zusammen erzogen wie Bruder und Schwester.« »Dann möchte ich nur wissen, warum du dich eigentlich in mich verliebt hast«, sagte Dora, und fing an einem andern Knopfe meines Rockes an. »Vielleicht weil ich dich nicht sehen konnte, ohne dich zu lieben, Dora.« »Aber wenn du mich nun gar nicht gesehen hättest«, sagte Dora und nahm einen andern Knopf. »Oder wenn wir nie geboren worden wären!« erwiderte ich scherzend. Ich fragte mich, worüber sie wohl nachdenken möge, als ich in bewunderndem Schweigen die kleine weiche Hand betrachtete, die an den Knöpfen meines Rockes spielte, das lockige Haar, das an meiner Brust ruhte, und die Wimpern ihrer niedergeschlagenen Augen, die langsam den spielenden Fingern folgten. Endlich sah sie mich an und stellte sich auf die Zehen, um mir nachdenklicher als gewöhnlich das herrliche Küßchen zu geben – einmal, zweimal, dreimal, – und verließ dann das Zimmer. Fünf Minuten später traten alle zusammen wieder herein, und Doras ungewöhnliche Nachdenklichkeit war ganz verschwunden. Sie bestand lachend darauf, ehe die Kutsche kam, Jip alle seine Kunststücke machen zu lassen. Das verlangte einige Zeit, – nicht wegen ihrer großen Anzahl, sondern wegen Jips Sträubens – und als wir die Kutsche kommen hörten, waren wir noch nicht fertig. Zärtlich nahmen Agnes und sie voneinander Abschied; Dora sollte Agnes schreiben, – die es aber nicht übel nehmen durfte, wenn ihre Briefe kindisch wären, sagte sie – und Agnes sollte an Dora schreiben; und sie nahmen zum zweitenmal Abschied am Kutschenschlag, und zum drittenmal, als Dora trotz den Vorstellungen Miß Lavinias noch einmal herausgelaufen kam, um Agnes am Kutschenfenster an das Schreiben zu erinnern und gegen mich auf dem Dache neckend die Locken zu schütteln. Die Landkutsche sollte uns in der Nähe von Coventgarden absetzen, wo wir eine andere Fahrgelegenheit nach Highgate nehmen wollten. Ich sehnte mich wahrhaft nach dem kurzen Spaziergang in der Zwischenzeit, damit Agnes Dora gegen mich loben könne. O, was war das für ein Lob! Wie liebreich und innig empfahl sie das anmutige Wesen, das ich gewonnen hatte, meiner zärtlichsten Sorge! Wie gedankenvoll prägte sie mir in aller Anspruchslosigkeit ein, mit welcher Verantwortlichkeit ich für das verwaiste Kind zu sorgen habe! Niemals habe ich Nora so tief und wahr geliebt, wie an jenem Abend, und als wir wieder aus dem andern Wagen ausstiegen und in der sternhellen Nacht nach dem Hause des Doktors gingen, sagte ich Agnes, daß dies ihr Werk sei. »Als du neben mir saßest,« sagte ich, »schienst du nicht weniger ihr Schutzengel als meiner zu sein; und so ist es mir noch, Agnes.« »Ein schwacher Engel, aber treu«, gab sie zurück. Der klare Ton ihrer Stimme, der mir gerade zu Herzen ging, veranlaßte mich, zu fragen: »Die heitere Ruhe, die dir eigen ist, Agnes, hat sich, soweit wiedergefunden, wie ich sehe, daß ich hoffe, du bist glücklicher zu Hause.« »Ich fühle mich glücklicher,« sagte sie, »ich bin heiter und frohen Muts.« Ich warf einen Blick auf das ruhig-heitere Gesicht, das emporblickte, und mir kam es vor, als ob es das Sternenlicht so edel machte. »Es ist keine Veränderung zu Hause eingetreten«, sagte Agnes nach einer Pause. »Keine neue Anspielung,« sagte ich, »auf – ich möchte dich nicht verletzen, aber ich kann nicht anders als fragen – auf das, wovon wir bei unserm letzten Abschied sprachen?« »Nein, keine«, gab sie zur Antwort. »Ich habe sehr viel darüber nachgedacht.« »Du mußt nicht soviel daran denken. Vergiß nicht, daß ich mein Vertrauen auf einfache Liebe und Wahrheit setze. Fürchte nichts für mich, Trotwood,« setzte sie nach einer Pause hinzu, »den Schritt, den du befürchtest, werde ich nie tun.« Obgleich ich nicht glaube, daß ich es bei kalter Überlegung jemals befürchtet hätte, so war es doch ein unaussprechlicher Trost für mich, die Versicherung von ihren eigenen treuen Lippen zu hören. Ich sagte ihr das mit warmen Worten. »Und wenn dieser Besuch vorbei ist,« sagte ich, »denn wir sind jetzt vielleicht zum letztenmal allein beisammen, wann wirst du dann wieder nach London kommen, liebe Agnes?« »Wahrscheinlich auf lange Zeit nicht«, gab sie zur Antwort, »Ich halte es für das beste, um des Vaters willen, zu Hause zu bleiben. Für die nächste Zeit werden wir uns wahrscheinlich nicht oft sehen; aber ich werde fleißig an Dora schreiben, und wir werden auf diesem Wege oft voneinander hören.« Wir standen jetzt in dem kleinen Hof vor dem Häuschen des Doktors. Es war schon spät. Im Fenster von Mrs. Strongs Zimmer war Licht, Agnes deutete darauf hin und wünschte mir gute Nacht. »Mache dir keine Sorgen«, sagte sie und gab mir ihre Hand, »über unser Unglück und unsere Trübsal. Ich kann in nichts glücklicher sein als in deinem Glück. Wenn du mir helfen kannst, so verlaß dich darauf, daß ich dich darum bitten werde. Möge dich Gott immer segnen!« In ihrem strahlenden Lächeln und in diesen letzten Tönen ihrer frohen Stimme schien ich wieder meine kleine Dora neben ihr zu sehen und zu hören. Ich blieb noch eine Weile unter dem Vorbau stehen, sah mit einem Herzen voll Liebe und Dankbarkeit zu den Sternen hinauf und ging dann langsam fort. Ich hatte mir für die Sonnabendnächte ein Bett in einem anständigen Wirtshause in der Nähe gemietet und ging zur Gartenpforte hinaus, als ich, mich zufällig umdrehend, Licht in des Doktors Studierzimmer erblickte. Der halb vorwurfsvolle Gedanke kam mir, daß er ohne meine Unterstützung an dem Wörterbuch gearbeitet habe. Um zu sehen, ob dies wirklich so war, und jedenfalls, um ihm gute Nacht zu sagen, wenn er noch an seinen Büchern sitzen sollte, kehrte ich um, ging durch die Vorhalle, öffnete langsam die Tür und sah hinein. Die erste Person, die ich zu meinem Staunen bei dem gedämpften Licht der Studierlampe erblickte, war Uriah. Er stand dicht neben der Lampe, die eine magere Hand auf den Mund, die andere auf den Tisch gestützt. Der Doktor saß in seinem Lehnstuhl und hatte das Gesicht mit den Händen bedeckt. Mr. Wickfield in großer schmerzlicher Aufregung beugte sich über den Doktor und berührte unentschlossen seinen Arm. Im ersten Augenblick glaubte ich, der Doktor sei unwohl. Von diesem Gedanken beherrscht, trat ich hastig einen Schritt vor, als ich Uriahs Auge begegnete und erkannte, was vorgegangen sei. Ich wollte mich entfernen, aber der Doktor winkte mir, zu bleiben, und ich blieb. »Jedenfalls können wir die Tür zumachen«, bemerkte Uriah mit einer krümmenden Bewegung seines unbeholfenen Körpers. »Wir brauchen es nicht die ganze Stadt wissen zu lassen.« Damit ging er auf den Zehenspitzen nach der Tür, die ich offen gelassen hatte, und machte sie sorgfältig zu. Dann kehrte er zurück und nahm seine frühere Stellung wieder ein. Es war ein aufdringliches Zurschautragen von mitleidigem Eifer in seiner Stimme und seinem Wesen, das wenigstens mir unleidlicher war als jedes andere Benehmen. »Ich habe es für meine Pflicht gehalten, Master Copperfield,« sagte Uriah, »Doktor Strong auf das aufmerksam zu machen, was wir schon zusammen besprochen haben. Sie schienen mich aber nicht recht zu verstehen.« Ich warf ihm einen verächtlichen Blick zu, gab aber keine andere Antwort; ging dann zu meinem guten alten Lehrer und sprach ein paar Worte zu ihm, die ihm zum Trost und zur Ermunterung dienen sollten. Er legte seine Hand auf meine Schulter, wie er es gewohnt gewesen, als ich noch ein Kind war, aber er erhob nicht sein graues Haupt. »Da Sie mich nicht verstanden, Mr. Copperfield,« fuhr Uriah in derselben zudringlichen Weise fort, »so darf ich mir wohl die Freiheit nehmen, bescheiden zu bemerken, da wir unter Freunden sind, daß ich Doktor Strong auf Mrs. Strongs Benehmen aufmerksam gemacht habe. Es widerstand mir eigentlich recht sehr, Copperfield, mich in eine so unangenehme Sache zu mengen; aber wie die Sachen jetzt stehen, sind wir gewissermaßen alle mitschuldig an Verhältnissen, die nicht bestehen sollten. Das wollte ich sagen, Sir, als Sie mich nicht verstanden.« Wenn ich jetzt an seinen höhnischen schielenden Blick zurückdenke, wundere ich mich, daß ich den Satan nicht an der Gurgel packte und ihm den Atem aus dem Leibe zu schütteln versuchte. »Ich glaube wohl, ich drückte mich nicht ganz deutlich aus«, sagte er, »und Sie auch nicht. Natürlich waren wir beide geneigt, einen solchen Gegenstand möglichst zu vermeiden. Aber endlich habe ich mich doch entschlossen, offen heraus zu sprechen; und ich habe Doktor Strong gesagt, daß–sagten Sie etwas, Sir? Das sagte er zu dem Doktor, der geseufzt hatte. Der Ton hätte jedes Herz gerührt, aber auf Uriah brachte er keine Wirkung hervor. »–Ich sagte zu Doktor Strong,« fuhr er fort, »daß jeder sehen müßte, wie Mr. Maldon und die liebenswürdige und vortreffliche Dame, Doktor Strongs Gattin, zuviel beieinander sind. Die Zeit ist jetzt wirklich da, – denn wir alle machten uns an einem nicht schicklichen Verhältnis mitschuldig – wo es Doktor Strong gesagt werden muß, daß dies jedermann klar wie die Sonne war, ehe noch Mr. Maldon nach Ostindien ging; daß Mr. Maldon nur deshalb Gründe fand, um wiederzukommen, und daß er nur deshalb immer hier ist. Als Sie hier eintraten, Sir, schlug ich meinem Kompagnon eben vor – er wendete sich an Mr. Wickfield, – Doktor Strong auf sein Wort und seine Ehre zu sagen, ob er dieser Meinung nicht schon längst gewesen wäre. Nun, Mr. Wickfield? Wollen Sie so gut sein, das zu sagen? Ja oder nein, Sir, Nur heraus damit, Kompagnon.« »Um Gottes willen, mein lieber Doktor,« sagte Mr. Wickfield und legte die Hand wieder unentschlossen auf den Arm des Doktors, »legen Sie nicht zuviel Gewicht auf den Verdacht, den ich vielleicht gehegt habe.« »Da sehen wir's,« rief Uriah und schüttelte den Kopf. »Welch' traurige Bestätigung, nicht wahr? Hm! Ein so alter Freund! Bei meiner Seele, als ich nur ein Schreiber bei ihm war, Copperfield, habe ich es mindestens zwanzigmal gesehen, wie er ganz außer sich darüber war – ganz außer sich, – und das war ganz natürlich bei ihm, denn er ist selbst Vater; ich werde ihn gewiß darüber nicht tadeln – daß Miß Agnes überhaupt mit einer solchen unangenehmen Sache in Berührung kam.« »Lieber Strong,« sagte Mr. Wickfield mit zitternder Stimme, »guter Freund, ich brauche Ihnen nicht erst zu sagen, daß es mein Fehler war, bei jedem nach einem alles beherrschenden Beweggrund zu suchen und an alle Handlungen einen beschränkten Maßstab zu legen. Dieser Irrtum kann mir Veranlassung zu meinem Argwohn gegeben haben.« »Sie haben geargwöhnt, Wickfield,« sagte der Doktor, ohne das Haupt zu erheben, »Sie haben geargwöhnt.« »Nur heraus mit der Sprache, Kompagnon«, drang Uriah in ihn. »Ja, zu einer Zeit habe ich geargwöhnt«, antwortete Mr. Wickfield. »Ich – Gott verzeihe es mir, – glaubte, auch Sie argwöhnten.« »Nein, nein, nein«, erwiderte der Doktor im Tone des rührendsten Schmerzes. »Ich glaubte einmal,« sagte Mr. Wickfield, »daß Sie Maldon nach Ostindien zu schicken wünschten, um eine wünschenswerte Trennung herbeizuführen.« »Nein, nein, nein!« gab der Doktor zur Antwort. »Ich wollte Ännie eine Freude machen, indem ich für einen Jugendgespielen sorgte. Weiter nichts.« »Das fand ich später«, sagte Mr. Wickfield. »Ich konnte damals nicht daran zweifeln, als Sie mir's sagten. Aber ich glaubte, – ich bitte Sie, zu bedenken, welch enger Gesichtskreis mein Hauptfehler gewesen ist – daß sich in einem Falle, wo eine so große Verschiedenheit im Alter vorhanden war –« »Das ist die rechte Art, es auseinanderzusetzen, Master Copperfield!« bemerkte Uriah mit kriechendem und beleidigendem Mitleid. »– daß sich eine Dame von so großer Jugend und so großer Schönheit bei aller aufrichtigen Achtung vor Ihnen bei ihrer Heirat weniger von ihrem Herzen, als von ihrem Verstande hätte leiten lassen können. Unzählige Gefühle und Umstände, die alle zum Guten ausschlagen konnten, zog ich nicht in Betracht. Um des Himmels willen bedenken Sie das.« »Wie schonend er es auslegt!« sagte Uriah mit Kopfschütteln. »Denn ich beobachtete sie immer aus dem einen Gesichtspunkte,« sagte Mr. Wickfield; »aber bei allem, was Ihnen teuer ist, alter Freund, bitte ich Sie, zu erwägen, welcher Gesichtspunkt es war; ich muß jetzt bekennen, da ich nicht anders kann –« »Nein! Sie können nicht anders, Mr. Wickfield,« bemerkte Uriah, »wenn es einmal so weit ist.« »– daß ich ihr allerdings mißtraute«, fuhr Mr. Wickfield fort und sah seinen Kompagnon hilflos und verzweifelt an, »und daß ich glaubte, sie tue nicht ganz ihre Pflicht gegen Sie; und daß es mir manchmal, wenn ich alles sagen muß, unangenehm war, daß Agnes so vertraut mit ihr war, daß sie sehen mußte, was ich sah, oder mir in meiner misanthropischen Theorie einbildete zu sehen. Ich habe nie mit jemand davon gesprochen. Ich beabsichtigte nie, es jemand zu sagen. Und obgleich es schrecklich ist für Sie, es zu hören,« sagte Mr. Wickfield ganz gebrochen, »wenn Sie erst wüßten, wie schrecklich es für mich ist, es zu sagen, so würden Sie Mitleid mit mir haben.« In der unerschöpflichen Güte seines Herzens streckte der Doktor seine Hand aus, und Mr. Wickfield hielt sie kurze Zeit mit niedergebeugtem Haupte fest. »Gewiß ist das ein für jedermann sehr unangenehmer Gegenstand«, sagte Uriah, der sich während des Schweigens wie ein Reptil hin- und herwand. »Aber da wir einmal so weit sind, muß ich mir die Freiheit nehmen, zu erwähnen, daß es auch Copperfield beobachtet hat.« Ich wendete mich zu ihm und fragte ihn, wie er wagen könnte, sich auf mich zu beziehen. »O, es ist sehr hübsch von Ihnen, Copperfield,« gab Uriah zurück, »und wir wissen alle, was für ein liebenswürdiger Mensch Sie sind. Aber Sie wissen, daß Sie in dem Augenblicke, wo ich neulich abends mit Ihnen davon sprach, wußten, was ich meinte, Copperfield. Sie erinnern sich doch, daß Sie gleich wußten, was ich meinte! Leugnen Sie es nicht! Sie leugnen es mit der besten Absicht; aber tun Sie es nicht, Copperfield.« Das sanfte, milde Auge des guten alten Doktors wendete sich einen Augenblick auf mich, und ich fühlte, daß das Bekenntnis meiner alten bösen Ahnungen und Erinnerungen zu klar auf meinem Gesicht stand. Sträuben half nichts. Es half auch nichts, daß ich innerlich schäumte vor Wut. Das konnte ich nicht ändern. Mochte ich sagen, was ich wollte, das konnte ich nicht ableugnen. Wir verstummten wieder und blieben so, bis der Doktor aufstand und ein paarmaal im Zimmer auf und ab ging. Dann kehrte er wieder zu seinem Stuhl zurück, lehnte sich an die Rücklehne und sprach, während er manchmal das Taschentuch an die Augen brachte, mit einer schlichten Ehrlichkeit, die ihm in meinen Augen mehr Ehre machte, als wenn er seinen Schmerz verborgen hätte: »Ich bin sehr zu tadeln. Ich glaube, ich bin sehr zu tadeln. Ich habe eine, die ich teuer in meinem Herzen halte, Versuchungen und Verleumdungen ausgesetzt – denn ich nenne es Verleumdungen, und selbst wenn sie in jemandes Innerstem geblieben sind – deren Gegenstand sie ohne mich nie hätte werden können.« Uriah Heep ließ einen näselnden Ton hören, wahrscheinlich, um seine Teilnahme auszudrücken. »Deren Gegenstand meine Ännie ohne mich«, fuhr der Doktor fort, »nie hätte sein können. Meine Herren, ich bin jetzt alt, das wissen Sie; ich wüßte heute abend nicht, was mir das Leben noch sehr teuer machen sollte. Aber mein Leben – mein Leben verpfände ich für die Treue und Ehre der Dame, die der Gegenstand dieses Gesprächs gewesen ist!« Ich glaube nicht, daß die beste Verkörperung des Rittertums, die Verwirklichung der schönsten und romantischsten Gestalt, die sich jemals ein Maler gedacht hat, dies mit eindrucksvollerer und rührenderer Würde hätte sagen können, als es der einfache alte Doktor sagte. »Aber ich sehe mich nicht imstande zu leugnen,« fuhr er fort, » – vielleicht sogar wäre ich einigermaßen gefaßt gewesen, es einzugestehen, ohne es zu wissen – daß ich vielleicht unwissentlich diese Dame zu einer unglücklichen Ehe verleitet habe. Ich bin des Beobachtens ganz ungewohnt; und ich kann nicht umhin, zu glauben, daß die Beobachtung mehrerer Leute von verschiedenem Alter und verschiedener Lebensstellung, die alle auf ein Ziel hinauslaufen, genauer gewesen ist, als die meine.« Wie ich schon früher gesagt habe, hatte ich oft seine wohlwollende Weise gegen seine junge Frau bewundert; aber die achtungsvolle Zärtlichkeit, mit der er hier stets von ihr sprach, und die fast ehrerbietige Weise, mit der er den leisesten Zweifel an ihrer Schuldlosigkeit abwies, erhoben ihn in meinen Augen über alle Beschreibung. »Ich heiratete diese Dame, als sie noch sehr jung war«, sagte der Doktor. »Ich nahm sie zur Frau, als sich ihr Charakter kaum gebildet hatte. Soweit er entwickelt war, hatte ich das Glück gehabt, ihn zu bilden. Ich kannte ihren Vater gut. Ich kannte sie gut. Ich hatte sie alles gelehrt, was ich konnte, um ihrer schönen und tugendhaften Eigenschaften willen. Wenn ich ihr unrecht getan habe, – was, wie ich fürchte, der Fall gewesen ist, indem ich ihre Dankbarkeit und ihre Zuneigung benutzte, ohne es zu beabsichtigen – so bitte ich in meinem Herzen diese teure Frau um Verzeihung.« Er ging durch das Zimmer, kehrte wieder auf den alten Fleck zurück und hielt den Stuhl fest mit einer Hand, die, wie seine gedämpfte Stimme, vor ernster Bewegung zitterte. »Ich betrachtete mich als eine Zuflucht für sie vor den Gefahren und Wechselfällen des Lebens. Ich überredete mich zu der Hoffnung, daß sie bei aller Ungleichheit unserer Jahre ruhig und zufrieden mit mir leben würde. Ich ließ nicht unerwogen die Zeit, wo sie wieder frei und immer noch jung und schön, aber mit gereifterem Urteil sein würde – ja meine Herren – bei meiner Ehre! – das habe ich getan!« Sein anspruchsloses Gesicht schien fast zu strahlen von seiner Treue und seinem Edelmut; jedes Wort, das er sprach, hatte eine Kraft, die ihm sonst keine begnadete Eigenschaft hätte verleihen können. »Ich habe sehr glücklich mit dieser Dame gelebt. Bis heute abend habe ich ununterbrochen Veranlassung gehabt, den Tag zu segnen, an dem ich ihr großes Unrecht zufügte.« Seine Stimme, die während der letzten Worte immer mehr gezittert hatte, schwieg für einige Augenblicke; dann fuhr er fort: »Einmal aus meinem Traume erwacht – ich bin mein ganzes Leben lang ein armer Träumer gewesen in der einen oder andern Weise – sehe ich ein, wie natürlich es ist, daß sie nicht ohne Schmerz an ihren alten Gespielen und Altersgenossen zurückdenken kann. Daß sie mit einem unschuldigen Bedauern, mit untadelhaften Gedanken das betrachtet, was sie ohne mich hätte werden können, ist, fürchte ich, wahr. Aber darüber hinaus, meine Herren, darf der teuern Frau Name mit keinem Wort, keinem Hauch, keinem Zweifel gepaart werden.« Eine kurze Zeit flammte sein Auge und seine Stimme war fest; eine kurze Zeit schwieg er wieder. Dann fuhr er fort: »Es liegt mir jetzt ob, die Kenntnis des Unglücks, das ich verursacht habe, so demütig wie ich kann, zu tragen. Sie sollte mir Vorwürfe machen, nicht ich ihr. Sie vor Mißdeutung zu sichern, die selbst meine Freunde nicht haben vermeiden können, wird meine Pflicht sein. Und wenn die Zeit kommt – (möge sie durch Gottes Gnade bald kommen!) – in der mein Tod sie jedes Zwanges überhebt, werde ich die Augen schließen vor ihrem verehrten Antlitz mit unbegrenzter Liebe und Vertrauen, und sie dann mit der Zuversicht verlassen, daß sie nun glücklicheren und schöneren Tagen entgegengeht.« Ich konnte ihn nicht sehen vor den Tränen, die sein tiefer Ernst und seine Güte, verschönert noch durch die ungeschminkte Einfachheit seines ganzen Wesens, mir in die Augen brachten. Er war auf dem Wege nach der Tür, als er hinzusetzte: »Meine Herren, ich habe Ihnen mein Herz aufgetan. Ich bin überzeugt, Sie werden meinen Schmerz achten. Was heute abend gesprochen worden ist, darf nie wieder gesprochen werden. Wickfield, geben Sie einem alten Freunde den Arm und führen Sie mich hinauf.« Mr. Wickfield eilte zu ihm. Ohne ein Wort zu wechseln, verließen sie beide das Zimmer, und Uriah sah ihnen nach. »Ach, Master Copperfield«, sagte Uriah und wendete sich etwas eingeschüchtert an mich. »Die Sache hat nicht ganz die Wendung genommen, die hätte erwartet werden können, denn der alte Doktor – welch ein vortrefflicher Mann! – ist blinder als ein Maulwurf. Aber diese Familie steht mir nicht mehr im Wege, sollte ich meinen!« Der Ton seiner Stimme genügte, mich so in Wut zu versetzen, wie ich noch nie gewesen war und seitdem nie wieder gewesen bin. »Sie Schurke,« sagte ich, »was beabsichtigten Sie, indem Sie mich in Ihre Intrigen hineinziehen; wie können Sie es wagen, sich auf mich zu berufen, Sie Lügner, als wenn wir die Sache zusammen besprochen hätten?« Wie wir uns so Stirn gegen Stirn gegenüberstanden, sah ich so deutlich in der geheimen Freude seines Gesichts, was ich schon bestimmt wußte, daß er mir sein Vertrauen aufdrängte in der Absicht, mir wehe zu tun, und daß er mir in dieser Sache eine Falle stellte! Seine lange hagere Backe war so einladend, und ich schlug ihn mit solcher Kraft darauf, daß mir die Finger schmerzten, als ob ich sie verbrannt hätte. Er faßte meine Hand, und wir standen so da und sahen einander an. So blieben wir lange Zeit; lange genug, daß ich sehen konnte, wie die weißen Zeichen meiner Finger aus dem tiefen Rot seiner Wange verschwanden und ein noch tieferes Rot hinterließen. »Copperfield,« sagte er endlich mit gepreßter Stimme, »sind Sie verrückt geworden?« »Lassen Sie mich, ich bin jetzt fertig mit Ihnen!« sagte ich und entrang ihm meine Hand, »Ich will nichts mehr von Ihnen wissen, Sie Hund.« »Wirklich nicht?« sagte er, von seiner schmerzenden Wange gezwungen, die Hand daran zu legen. »Vielleicht können Sie doch nicht anders. Ist das nicht sehr undankbar von Ihnen?« »Ich habe Ihnen oft genug gezeigt, daß ich Sie verabscheue«, erwiderte ich. »Ich habe es Ihnen jetzt noch deutlicher gezeigt. Warum sollte ich Sie fürchten, da Sie allen, die Ihnen nahe kommen, das Schlimmste tun? Was tun Sie sonst überhaupt anderes?« Er verstand vollkommen diese Anspielung auf die Rücksicht, die mich bis jetzt in meinem Verkehr mit ihm in Schranken gehalten hatte. Ich glaube sogar, daß ich mich weder zu dem Schlage, noch zu der Anspielung hatte hinreißen lassen, wenn mir Agnes nicht diesen Abend die früher erwähnte Versicherung gegeben hätte. Doch das tut nichts zur Sache. Eine zweite lange Pause folgte. Seine Augen schienen, wie sie mich ansahen, jedes Farbenspiel anzunehmen, die überhaupt Augen häßlich machen können. »Copperfield,« sagte er und nahm die Hand von der Wange, »Sie sind mir immer entgegen gewesen. Ich weiß, bei Mr. Wickfield haben Sie mir immer entgegengearbeitet!« »Sie können denken, was Sie wollen«, sagte ich, immer noch in größter Wut. »Besser für Sie, wenn ich mich in Ihnen getäuscht hätte!« »Und doch habe ich Sie immer gern gehabt, Copperfield«, entgegnete er. Ich würdigte ihn keiner Antwort, sondern nahm meinen Hut und wollte fortgehen, als er mir den Weg nach der Tür vertrat. »Copperfield,« sagte er, »es gehören zwei Leute zu einem Zanke. Ich will nicht mit dabei sein.« »Sie können zum Teufel gehen!« sagte ich. »Sagen Sie das nicht!« erwiderte er. »Ich weiß, es wird Ihnen später leid tun. Wie können Sie sich so unter mich erniedrigen, daß Sie sich so hinreißen lassen? Aber ich verzeihe Ihnen.« »Sie mir verzeihen!« erwiderte ich in voller Verachtung. »Ich tue es aber, und Sie können nichts dawider haben«, gab Uriah zu Antwort. »Man denke nur, über mich herzufallen, der ich immer Ihr Freund gewesen bin! Aber zu einem Zanke gehören wie gesagt zwei Leute, und ich will nicht dabei sein. Ich will Ihr Freund bleiben, Ihnen zum Trotz. Jetzt wissen Sie, was Sie zu erwarten haben.« Die Notwendigkeit, das Gespräch, – sein Teil davon wurde sehr langsam, der meinige sehr rasch gesprochen – leise zu führen, damit das Haus zu dieser ungewöhnlichen Stunde nicht geweckt werde, trug nichts zur Verbesserung meiner Stimmung bei, obgleich sich meine Leidenschaft abkühlte. Ich sagte ihm nur, daß ich von ihm erwarte, was ich immer von ihm erwartet habe und was auch stets eingetroffen sei, machte die Tür auf, als wäre er eine große Nuß, die drin geknackt werden sollte, und verließ das Haus. Aber er schlief ebenfalls außer dem Hause, und ehe ich hundert Schritte weit weg war, holte er mich ein. »Sie fühlen, Copperfield,« sagte er mir ins Ohr, denn ich wendete den Kopf nicht um –, »daß Sie in einer ganz falschen Stellung sind« – eine Bemerkung, deren Wahrheit ich vollkommen fühlte und was mich noch mehr in Zorn brachte; – »Sie können die Sache zu keiner Heldentat machen, und Sie können mir nicht verwehren, daß ich Ihnen verzeihe! Ich werde es weder gegen die Mutter, noch gegen jemand anders erwähnen. Ich habe den festen Entschluß gefaßt, Ihnen zu verzeihen. Aber es muß mich wundern, daß Sie Ihre Hand gegen eine so niedrige Person aufgehoben haben!« Ich kam mir fast ebenso gemein vor wie er. Er kannte mich besser, als ich mich. Wenn er die Erwiderung nicht schuldig geblieben wäre, oder mich offen gereizt hätte, so wäre das eine Erquickung und eine Rechtfertigung gewesen, aber er hatte mich auf ein langsames Feuer gelegt, auf dem ich mich die halbe Nacht herum quälte. Als ich am nächsten Morgen herauskam, läutete die Frühglocke. Er ging mit seiner Mutter auf und ab. Er redete mich an, als ob nichts vorgefallen wäre, und ich konnte nicht umhin zu antworten. Ich hatte ihn so derb geschlagen, daß er Zahnweh hatte, glaube ich. Er hatte sich das Gesicht mit einem schwarzen Tuch zugebunden, das ihn, mit dem Hut oben darauf, durchaus nicht verschönerte. Ich hörte später, daß er am Montag morgen nach London zum Zahnarzt gefahren war, um sich einen Zahn herausnehmen zu lassen. Ich will nur hoffen, daß er eine doppelte Wurzel hatte. Der Doktor ließ sagen, daß er nicht ganz wohl sei, und blieb während der übrigen Zeit des Besuchs den größten Teil des Tages allein. Agnes und ihr Vater waren schon eine Woche fort, als wir unsere gewöhnlichen Arbeiten wieder anfingen. Am Tage vorher übergab mir der Doktor eigenhändig einen zugemachten, aber nicht versiegelten Brief. Er war an mich gerichtet, und forderte mich in wenigen eindringlichen und liebreichen Worten auf, niemals von dem Vorfall jenes Abends zu sprechen. Ich hatte meiner Tante davon gesagt, aber niemand anderm. Es war kein Gegenstand, den ich mit Agnes besprechen konnte, aber Agnes ahnte sicherlich nicht das mindeste von dem Vorgefallenen. Auch Mrs. Ännie Strong damals nicht, wie ich überzeugt bin. Mehrere Wochen vergingen, bevor ich die mindeste Veränderung an ihr bemerkte. Sie kam langsam wie eine Wolke, wenn kein Wind ist. Anfangs schien sie sich über das zärtliche Mitleid zu wundern, mit dem der Doktor mit ihr sprach, und über seinen Wunsch, daß sie, um einige Abwechslung in ihr eintöniges Leben zu bringen, ihre Mutter zu sich nehmen möge. Oft, während wir arbeiteten und sie bei uns saß, sah ich, wie sie ihre Arbeit hinlegte und ihn mit jenem merkwürdigen Gesicht ansah. Später bemerkte ich manchmal, wie sie aufstand, die Augen voll Tränen, und das Zimmer verließ. Allmählich verbreitete sich ein Trauerschatten über ihre Schönheit und sie wurde jeden Tag düsterer. Mrs. Markleham war jetzt eine ständige Bewohnerin des Landhauses; aber »der alte Soldat« schwatzte und schwatzte und merkte nichts. Als diese Veränderung über Ännie kam, die früher in dem Hause des Doktors wie Sonnenschein gewesen war, wurde der Doktor in seinem Äußern älter und ernster; aber die ruhige Herzlichkeit seines Wesens und die wohlwollende, schonende Art, mit der er sie behandelte, nahm noch zu, wenn sie überhaupt noch zunehmen konnte. Einmal, ganz früh am Morgen ihres Geburtstages, als sie sich in das Fenster setzte, während wir arbeiteten – was sie stets getan hatte, was sie aber jetzt mit einer schüchternen und unsicheren Weise tat, die mir sehr rührend vorkam, – faßte er ihren Kopf mit beiden Händen, küßte ihr die Stirn und verließ eilig das Zimmer, zu gerührt, um zu bleiben. Als er fort war, stand sie da wie eine Bildsäule, und dann senkte sie das Haupt, schlug die Hände zusammen und weinte vor unsäglichem Schmerz. Nach diesem Vorfall kam sie mir manchmal vor, als ob sie mich, wenn wir allein waren, anreden wollte. Aber sie ließ nie ein Wort fallen. Der Doktor hatte immer irgend einen neuen Plan für ihre Beteiligung an Vergnügungen mit ihrer Mutter außerhalb des Hauses; und Mrs. Markleham, die sehr für Vergnügungen schwärmte, sonst aber sehr leicht unzufrieden wurde, ging darauf bereitwillig ein und erschöpfte sich in lauten Lobpreisungen. Aber Ännie ging nur, wohin man sie führte, wie leblos und unglücklich, und schien für nichts Interesse zu haben. Ich wußte nicht, was ich davon denken sollte. Ebensowenig meine Tante, die zu verschiedenen Zeiten wohl hundert Meilen in ihrer Ungewißheit auf und ab geschritten sein muß. Das Seltsamste aber war, daß der einzige wirkliche Trost, der in das Betrübende dieses häuslichen Unglücks kam, von Mr. Dick ausging. Was er über die Sache gedacht, oder was er davon gesehen hatte, kann ich nicht auseinandersetzen, und er würde mir nicht darin beistehen können. Aber wie ich in der Geschichte meiner Schultage erzählt habe, war seine Verehrung für den Doktor grenzenlos, und die wahre Zuneigung, selbst wenn sie eins der niedern Tiere gegen den Menschen fühlt, besitzt eine Feinheit der Beobachtung, dahinter der schärfste Verstand zurückbleibt. In diesem Instinkte des Herzens, wenn ich ihn so nennen darf, fielen bei Mr. Dick einige helle Strahlen der Wahrheit. Mit Stolz war er wieder in sein altes Vorrecht eingetreten, in seinen freien Stunden mit dem Doktor im Garten auf und ab zu gehen, wie er es in Canterbury getan hatte. Aber kaum war die Krisis eingetreten, so widmete er alle seine freie Zeit – und er stand früher auf, um mehr Zeit zu haben – diesen Spaziergängen. Wenn er früher nie glücklicher gewesen war, als wenn ihm der Doktor aus dem wunderbaren Werke, dem Wörterbuche, vorlas, so war er jetzt ganz unglücklich, wenn der Doktor es nicht aus der Tasche zog und anfing. Wenn der Doktor und ich beschäftigt waren, gewöhnte er sich jetzt an, mit Mrs. Strong auf und ab zu gehen und sie bei der Pflege ihrer Lieblingsblumen oder im Reinigen der Beete zu unterstützen. Er sprach wohl kaum ein Dutzend Worte in der Stunde; aber seine stille Teilnahme und sein aufmerksames Gesicht weckten sofort Widerhall in den Herzen beider; jeder Teil wußte, daß ihn der andere gern hatte, und daß er beide liebte, und so wurde er, was sonst niemand werden konnte, ein Bindeglied zwischen ihnen. Wenn ich an ihn denke, wie er mit einem undurchdringlich weisen Gesicht mit dem Doktor auf und ab ging, entzückt, mit den schwierigsten Wörtern des Wörterbuches bombardiert zu werden; wenn ich an ihn denke, wie er ungeheure Gießkannen hinter Ännie hertrug, wie er niederkniete und mit wahren Riesentatzen von Gartenhandschuhen geduldig eine mikroskopische Arbeit unter den kleinen Blättern verrichtete, und in allem, was er tat, wie kein Philosoph vermocht hätte, den zarten Wunsch ausdrückte, ihr Freund zu sein; wie er aus jedem Loche der Gießkanne Teilnahme, Zuversicht und Zuneigung ausströmen ließ; wenn ich denke, daß er in dem bestem Reste seines geistigen Selbst, an den das Unglück appellierte, niemals einen Schritt vom Wege tat, niemals den unglücklichen König Karl in den Garten mitbrachte, niemals in seinen dankerfüllten Diensten wankte, sich niemals ablenken ließ von dem Gedanken, daß hier etwas nicht in Richtigkeit sei, oder von dem Wunsche, es wieder in Ordnung zu bringen – so fühlte ich mich fast beschämt, zu wissen, daß er nicht ganz bei Verstande war, wenn ich das Höchste, was ich mit dem meinigen geleistet hatte, dagegen in Betracht zog. »Niemand wie ich kennt diesen Mann, Trot!« sagte meine Tante voll Stolz, wenn wir von ihm sprachen – »Dick wird sich noch auszeichnen.« Doch muß ich noch, ehe ich dieses Kapitel schließe, von einem andern Vorfall sprechen. Während der Besuch immer noch bei dem Doktor war, bemerkte ich, daß der Briefträger jeden Morgen für Uriah Heep, der die ganze Zeit über in Highgate blieb (weil nicht viel zu Haus zu tun wäre), zwei oder drei Briefe brachte, und daß diese immer in einer geschäftsmäßigen Weise von Mr. Micawber adressiert waren, der sich jetzt eine große runde ausgeschriebene Juristenhand angewöhnt hatte. Es freute mich, aus diesen schwachen Zeichen zu bemerken, daß sich Mr. Micawber in seiner Stellung wohl befinde, und ich war daher nicht wenig erstaunt, als ich um diese Zeit folgenden Brief von seiner liebenswürdigen Frau empfing: »Canterbury, Montag abend. Sie werden sich wahrscheinlich wundern, lieber Mr. Copperfield, von mir diesen Brief zu empfangen, noch mehr über seinen Inhalt. Noch mehr über die Bedingung unbedingten Schweigens, die ich nicht umhin kann zu machen. Aber meine Empfindungen als Gattin und Mutter bedürfen der Erleichterung, und da ich nicht meine Familie – die den Gefühlen Mr. Micawbers schon lange unangenehm ist – zu Rate ziehen kann, so kenne ich niemand, den ich besser um Rat fragen könnte, wie meinen Freund und frühern Mietsmann. Sie werden wissen, lieber Mr. Copperfield, daß zwischen mir und Mr. Micawber, den ich nie verlassen werde, immer gegenseitiges Vertrauen geherrscht hat. Mr. Micawber hat vielleicht manchmal einen Wechsel ausgestellt, ohne mich zu Rate zu ziehen, oder hat mich getäuscht über die Zeit, wo diese Wechsel fällig werden. Das ist wirklich geschehen. Aber im allgemeinen hat Mr. Micawber keine Geheimnisse gehabt vor dem Busen der Liebe – ich meine seine Gattin – und hat regelmäßig bei dem Zubettegehen die Ereignisse des Tages in Erinnerung gebracht. Sie können sich nun denken, lieber Mr. Copperfield, wie groß der Schmerz meiner Empfindungen sein muß, wenn ich Sie benachrichtige, daß sich Mr. Micawber ganz und gar verändert hat. Er ist zurückhaltend. Er ist geheimnisvoll. Sein Leben ist ein Rätsel für die Teilnehmerin an seinen Freuden und an seinem Kummer – ich meine wieder seine Gattin – und wenn ich Ihnen sagen wollte, daß ich außer der Tatsache, daß er sich vom Morgen bis zum späten Abend im Bureau befindet, so wenig von ihm weiß, wie von dem Manne im Monde, so würde ich einen Volksaberglauben benutzen, um eine wirkliche Tatsache auszudrücken. Aber das ist noch nicht alles! Mr. Micawber ist mürrisch! Mr. Micawber ist streng! Mr. Micawber ist entfremdet seinem ältesten Sohne und seiner Tochter, er betrachtet seine Zwillinge nicht mehr mit Stolz, er sieht selbst den unschuldigen Fremdling, der als letztes Mitglied in unsern Kreis getreten ist, mit gleichgültigem Auge an! Die pekuniären Mittel zur Bestreitung unserer Ausgaben, auf das äußerste beschränkt, sind von ihm nur mit der größten Schwierigkeit zu erlangen, und selbst nur unter der fürchterlichen Drohung, daß er ›Schlußabrechnung‹ halten wolle, – das ist genau das Wort – und er verweigert unerbittlich jede Aufklärung über diese zur Verzweiflung bringende Politik. Das ist schwer zu ertragen! Das ist herzbrechend! Wenn Sie mir mit Berücksichtigung meiner schwachen Kräfte einen Rat geben wollen, was am besten in einem so ungewöhnlichen Dilemma zu tun ist, so würden Sie eine neue zu den vielen mir schon auferlegten freundlichen Verpflichtungen fügen. Mit einem freundlichen Gruß von dem zum Glück noch nichts ahnenden jungen Fremdling verbleibe ich, lieber Mr. Copperfield, Ihre tiefbetrübte Emma Micawber .« Ich fühlte mich nicht berechtigt, einer Frau von Mrs. Micawbers Erfahrung einen andern Rat zu geben, als daß sie versuchen sollte, Mr. Micawber durch Geduld und Freundlichkeit wieder auf den rechten Pfad zurückzuführen, was sie, wie ich wohl wußte, jedenfalls tun würde, aber der Brief veranlaßte mich, sehr viel darüber nachzudenken. Dreiundvierzigstes Kapitel. Noch ein Rückblick. Noch einmal laßt mich still halten bei einem denkwürdigen Abschnitt meines Lebens. Noch einmal laßt mich stillstehen, damit ich die Phantome jener Tage, begleitet von meinem eigenen Schatten, im schemenhaften Zuge an mir vorüberziehen sehe. Wochen, Monate, Jahre ziehen an mir vorüber. Sie kommen mir jetzt wenig länger vor als ein Sommertag und ein Winterabend. Jetzt steht der Gemeindeanger, wo ich mit Dora spazieren gehe, in voller Blüte, ein goldiges Gefilde, jetzt liegt das unsichtbare Heidekraut in Hügeln und Büschen unter einer Decke von Schnee. In einem Nu schimmert der Fluß, der über unsern sonntäglichen Weg fließt, in der Sommersonne oder er wird durch den Wintersturm aufgewühlt und ist mit treibenden Eisschollen bedeckt. Viel rascher als je ein Fluß dem Meere zuströmte, blitzt er auf, wird wieder verdunkelt und entschwindet. Nicht das mindeste ändert sich in dem Hause der beiden kleinen vogelähnlichen Damen. Die Uhr tickt über dem Kamin, das Wetterglas hängt in der Vorhalle. Weder Uhr noch Wetterglas gehen jemals richtig, aber wir glauben aufrichtig an beide. Ich bin vor dem Gesetz mündig geworden. Ich habe die Würde der einundzwanzig Jahre erlangt. Aber das ist eine Würde, zu der jeder gelangen kann. Sehen wir, was ich vollbracht habe. Ich habe das schreckliche stenographische Geheimnis bemeistert. Ich verschaffe mir damit ein anständiges Einkommen. Ich stehe bei allen Kunstgenossen in hohem Ansehen wegen meiner Fertigkeit und einschlägigen Kenntnisse und bin mit elf andern Berichterstattern Parlaments-Berichterstatter für eine Morgenzeitung. Nacht für Nacht schreibe ich Vorhersagungen nieder, die nie eintreffen, Glaubensbekenntnisse, nach denen nie gehandelt wird, Erläuterungen, die nur in die Irre führen sollen. Ich schwelge in Worten. Britannia, dieses unglückliche Frauenzimmer, liegt immer vor mir wie ein zugerichtetes Huhn: über und über gespickt statt mit Speck mit offiziösen Federn und festgebunden mit rotem Aktenzwirn, Ich sehe weit genug hinter die Kulissen, um den Wert des politischen Lebens zu kennen. Ich bin in dieser Hinsicht ein wahrer Heide und werde mich nie bekehren lassen. Mein guter, alter Traddles hat die Sache auch versucht, aber sie paßt nicht für ihn. Er ist gar nicht mißvergnügt über den mißlungenen Versuch und gibt mir zu bedenken, daß er sich immer für einen Menschen von langsamen Begriffen gehalten hat. Gelegentlich ist er bei derselben Zeitung damit beschäftigt, die trockenen Tatsachen über langweilige Fragen zusammenzustellen, damit sie fruchtbarere Geister weiter ausführen können. Er wird Advokat und hat mit bewundernswertem Fleiß und Selbstverleugnung abermals hundert Pfund zusammengescharrt, um dem Notar die Gebühr zu bezahlen, in dessen Bureau er arbeitet; wir tranken sehr viel und sehr starken Portwein bei seinem Antritt, und wenn ich die Rechnung bedenke, so sollte ich meinen, der Inner Temple hätte dabei ein gutes Geschäft gemacht. Ich habe es auch auf andere Weise versucht. Mit Furcht und Zittern bin ich ans Schriftstellern gegangen. Ich schrieb ganz im geheimen eine Kleinigkeit und schickte sie an ein Magazin, und sie erschien in dem Magazin. Seit der Zeit habe ich den Mut gehabt, ziemlich viele derartige Kleinigkeiten zu schreiben. Jetzt werde ich dafür regelmäßig bezahlt. Im ganzen befinde ich mich recht gut; wenn ich mein Einkommen an den Fingern meiner linken Hand abzähle, so komme ich über den dritten Finger hinaus und nehme den vierten beim mittelsten Gliede. Wir sind aus der Buckinghamstraße weggezogen und wohnen jetzt in einem kleinen Häuschen gar nicht weit von dem, wo mich die Begeisterung zuerst ergriff. Aber meine Tante, die das Haus in Dover mit gutem Gewinn verkauft hat, bleibt nicht da, sondern gedenkt in ein noch niedlicheres Häuschen dicht dabei zu ziehen. Was hat das zu bedeuten? Meine Verheiratung? Ja! Ja! Ich stehe im Begriff, mich mit Dora zu verheiraten! Miß Lavinia und Miß Clarissa haben ihre Einwilligung gegeben; und wenn jemals Kanarienvögel aufgeregt waren, so sind sie es. Miß Lavinia, die sich die Oberaufsicht über die Garderobe meiner Braut aus eigner Machtvollkommenheit angeeignet hat, schneidet beständig Brustharnische aus braunem Papier aus und streitet sich beständig mit einem sehr achtbaren jungen Manne mit einem langen Bündel und einer Elle unter dem Arme. Eine Näherin, deren Brust stets ein Kissen für eingefädelte Nadeln zu sein scheint, ißt und wohnt im Hause, und scheint mir weder beim Essen, noch beim Trinken, noch beim Schlafen den Fingerhut abzulegen. Sie behandeln meine Braut wie eine wahre Gliederpuppe. Sie lassen sie immer holen, damit sie etwas anprobieren soll. Wir können nicht fünf Minuten lang abends glücklich nebeneinander sitzen, ohne daß ein zudringliches Frauenzimmer an die Tür klopft und ruft: »Ach, bitte, Miß Dora, wollen Sie nicht einmal heraufkommen.« Miß Clarissa und meine Tante durchstreifen ganz London, um für mich und Dora Möbel zum Besehen auszusuchen. Es wäre viel besser, wenn sie die Sachen gleich kauften, ohne daß wir sie erst besichtigen; denn als wir uns einmal einen Herdvorsetzer und einen Bratröhrenreflektor besahen, erblickte Dora ein chinesisches Hundehüttchen für Jip mit kleinen Glöckchen auf dem Dache und zieht dieses vor. Wir kaufen es, aber es dauert lange Zeit, ehe sich Jip an seine neue Wohnung gewöhnt; so oft er aus oder ein geht, bringt er alle kleinen Glocken in Bewegung und gerät in schreckliche Angst. Peggotty kommt auch, um sich nützlich zu machen, und stürzt sich sofort auf die Arbeit. Ihre Aufgabe scheint zu sein, alles wieder und wieder zu reinigen. Sie reibt alles ab, was sich abreiben läßt, bis es glänzt wie ihr ehrliches Gesicht. Und jetzt sehe ich wieder ihren einsamen Bruder nachts durch die dunkeln Straßen wandeln und die vorüberstreifenden Gesichter ansehen. Ich rede ihn nie in solcher Stunde an. Ich weiß zu gut, wenn sein ernstes Gesicht vorübergeht, was er sucht und was er fürchtet. Warum nimmt Traddles eine so wichtige Miene an, als er mich diesen Nachmittag in den Commons abholt – wo ich immer noch der Form wegen hinkomme, wenn ich Zeit habe? Die Verwirklichung der Träume meiner Jugendzeit steht nahe bevor. Ich will mir den Heiratskonsens holen. Für seine Wichtigkeit ist es ein kleiner Zettel, und Traddles betrachtet ihn, wie er auf meinem Pult liegt, halb voll Bewunderung und halb voll Ehrfurcht. Da stehen die Namen in der schönen alten geträumten Verbindung, David Copperfield und Dora Spenlow, und in der Ecke blickt jene väterliche Institution, das Stempelamt, das an den verschiedensten Vorkommnissen des Menschenlebens so wohlwollend teil nimmt, auch auf unsern Bund herab, und der Erzbischof von Canterbury gibt uns seinen gedruckten Segen dazu und zwar für so billiges Geld, wie man es irgend erwarten kann. Trotzdem ist mir zumute wie im Traum, in einem glücklichen, wirren, unruhigen Traum. Ich kann noch nicht glauben, daß es wirklich so sein soll, und doch kann ich auch nicht umhin, zu glauben, daß jeder Vorübergehende auf irgend eine Art gewahr werden muß, daß ich übermorgen Hochzeit halten soll. Der Beamte kennt mich, als ich schwören muß; er macht die Sache so leichthin ab, als ob zwischen uns ein freimaurerisches Einverständnis herrschte. Traddles' bedarf man eigentlich gar nicht, aber er ist zu meiner Unterstützung im allgemeinen da. »Ich hoffe, das nächstemal, wo du wieder hier bist, lieber Freund,« sagte ich zu Traddles, »kommst du in derselben Angelegenheit wie ich. Und ich hoffe, das wird recht bald sein.« »Ich danke dir für deine freundlichen Wünsche, lieber Copperfield«, erwiderte er. »Ich hoffe es auch. Es ist beruhigend, zu wissen, daß sie unbedingt auf mich wartet und daß sie wirklich das liebenswürdigste Mädchen ist.« »Wann sollst du sie an der Post abholen?« fragte ich. »Um sieben«, erwiderte Traddles und sah nach seiner alten silbernen Uhr – dieselbe Uhr, aus der er in der Schule einmal ein Rad herausnahm, um eine Wassermühle zu bauen. »Das ist fast dieselbe Zeit, wo Miß Wickfield kommt, nicht wahr?« »Nein, Agnes kommt etwas später. Sie kommt erst halb neun.« »Ich kann dich versichern, bester Freund«, sagte Traddles, »ich freue mich fast ebensosehr, daß die Sache zu einem so glücklichen Ende kommt, als ob ich selbst Hochzeit hätte. Und in der Tat verlangt die große Freundschaft und Rücksicht, Sophie zu dieser freudigen Gelegenheit als Brautführerin mit Miß Wickfield einzuladen, meinen wärmsten Dank. Ich empfinde es aufs tiefste.« Sophie kommt zur gehörigen Zeit in der Wohnung von Doras Tanten an. Sie hat das angenehmste Gesicht von der Welt – nicht gerade schön, aber außerordentlich angenehm – und ist das gemütlichste, unaffektierteste, offenste, liebenswürdigste Wesen, das mir je vorgekommen ist. Traddles stellt sie uns mit großem Stolz vor, und reibt sich genau zehn Minuten die Hände, während jedes einzelne Haar auf seinem Kopfe kerzengerade in die Höhe steht, als ich ihn wegen seiner Wahl in einer Ecke beglückwünschte. Ich habe Agnes von der Canterburypost abgeholt, und ihr heiteres und schönes Gesicht erscheint unter uns zum zweitenmal. Agnes hat eine große Neigung für Traddles gefaßt, und es ist tröstlich anzusehen, wie sie sich begrüßen und mit welcher stolzen Freude Traddles ihr das liebenswürdigste Mädchen von der Welt vorstellt. Aber noch immer kann ich es nicht glauben. Der Abend ist köstlich, und wir sind unendlich glücklich; aber ich kann es noch nicht glauben. Ich kann mich nicht sammeln. Ich kann mir keine Rechenschaft von meinem Glück ablegen, während ich es erlebe. Ich bin wie in einem halben Rausch, als ob ich vor acht oder vierzehn Tagen, sehr zeitig aufgestanden und nicht wieder schlafen gegangen wäre. Ich kann nicht herausbringen, wann gestern war. Es ist mir, als ob ich den Konsens schon viele Monate in der Tasche herumgetragen hätte. Und auch als wir am folgenden Tage alle zusammen nach dem Hause gehen, um es zu besehen, – nach unserm Hause – nach dem Hause, das Dora und mir gehörte – ist es mir ganz unmöglich, mich als seinen Herrn zu betrachten. Es ist mir, als ob ich dort nur mit Erlaubnis eines andern wäre. Ich erwarte fast, der wirkliche Eigentümer würde sogleich nach Hause kommen und sagen, er freue sich, mich zu sehen. Das Häuschen ist wunderschön. Alles sieht so glänzend und neu aus; die Blumen auf den Teppichen sind wie frisch gepflückt, und die grünen Blätter auf den Tapeten wie eben hervorgesproßt; und die fleckenlosen Musselinvorhänge, und die errötenden rosenfarbigen Möbel, und Doras Gartenhut mit blauem Bande – o wie wohl ich mich erinnere, daß ich sofort in sie verliebt war, als ich sie zuerst in einem solchen erblickte! – hängt schon an seinem kleinen Haken, und der Gitarrenkasten steht ganz wie zu Hause in einer Ecke; und jedermann stolpert über Jips Pagode, die für die ganzen Wohnungsverhältnisse viel zu groß ist. Noch ein zweiter glücklicher Abend, der mir ebenso wie der erste wie ein halber Traum vorüberrauscht, und ich trete verstohlen in das gewöhnliche Zimmer, ehe ich weggehe. Dora ist nicht da. Ich vermute, sie sind noch nicht mit Anprobieren fertig. Miß Lavinia guckt herein und sagt mir geheimnisvoll, daß sie nicht lange ausbleiben werde. Aber doch bleibt sie recht lange aus; endlich höre ich ein Rauschen vor der Tür und es klopft jemand. Ich sage: Herein! aber das Klopfen erneuert sich. Ich gehe nach der Tür, neugierig, zu sehen, wer es sei; dort begegne ich ein paar glänzenden Augen und einem errötenden Gesicht: es ist Dora, und Miß Lavinia hat ihr zur Probe das Brautkleid angezogen, damit ich sie sehe. Ich drücke mein kleines zukünftiges Weibchen ans Herz; Miß Lavinia schreit vor Schreck, weil ich den Hut verderbe, und Nora lacht und weint zu gleicher Zeit, weil ich mich so freue, und ich glaube es weniger als je. »Sieht es hübsch aus, Doady?« fragte Dora. »Hübsch! Solche Frage!« »Und bist du wirklich sicher, daß du mich recht sehr liebst?« fragte Dora. Die Frage ist abermals so gefahrdrohend für den Hut, daß Miß Lavinia wieder aufschreit und mir zu verstehen gibt, daß Dora nur zum Ansehen, aber durchaus nicht zum Anrühren da ist. So steht denn Dora in allerliebster Verlegenheit eine Minute oder zwei da, um sich bewundern zu lassen, und dann nimmt sie ihren Hut ab – sie sieht so natürlich ohne ihn aus – und läuft fort, ihn in der Hand tragend, und kommt in ihrem gewöhnlichen Anzug wieder heruntergetanzt und fragt Jip, ob ich ein hübsches kleines Weibchen bekomme und ob er ihr verzeihen wolle, daß sie heiratet, und kniet nieder, damit er zum letztenmal in ihrem Jungfrauenleben auf dem Kochbuche schönmache. Ich verfüge mich ungläubiger denn je nach meiner Wohnung in der Nähe und stehe nächsten Morgen sehr zeitig auf, um nach Highgate zu fahren und meine Tante abzuholen. Noch nie habe ich meine Tante in solchem Staat gesehen. Sie hat ein lavendelfarbiges seidenes Kleid an, einen weißen Hut auf und ist zum Erstaunen. Janet hat sie angekleidet und ist noch da, um mich zu sehen. Peggotty hat sich fertig gemacht, um in die Kirche zu gehen, denn sie will die Feierlichkeit von der Galerie aus ansehen. Mr. Dick, der den Brautvater meines Herzblättchens abgeben soll, hat sich das Haar kräuseln lassen. Traddles, den ich unterwegs verabredetermaßen am Zollhaus in den Wagen genommen habe, stellt ein blendendes Bild von Weiß und Hellblau dar; und sowohl er als Mr. Dick sehen im allgemeinen aus, als ob sie ganz Handschuhe wären. Allerdings sehe ich das, weil ich weiß, daß es so ist; aber ich bin ganz zerstreut, und es ist mir, als sehe ich nichts. Auch ist mir noch alles ganz unglaublich! Aber doch, wie wir in einem offenen Wagen durch die Straßen fahren, ist der Traum wirklich genug, um mich mit einer Art von verwundertem Mitleid über die unglücklichen Leute zu erfüllen, die nichts bei der Hochzeit zu tun haben, sondern die Läden auskehren und ihren täglichen Geschäften nachgehen. Während der ganzen Fahrt hält die Tante meine Hand in der ihrigen. Als wir eine kurze Strecke vor der Kirche anhalten, um Peggotty abzusetzen, die auf dem Bock mitgefahren ist, drückt sie mir die Hand und gibt mir einen Kuß. »Gott segne dich, Trot! Mein eigner Sohn könnte mir nicht lieber sein. Ich habe diesen Morgen viel an dein armes liebes Mütterchen gedacht.« »Und ich auch. Und an alles das, was ich dir verdanke, liebe Tante.« »Still, Kind!« sagt meine Tante, und gibt ihre Hand in überströmender Gemütlichkeit Traddles, der dann seine Mr. Dick reicht, der wieder mir die seine gibt, während ich meine Traddles reiche; und so gelangen wir an die Kirchtür. Die Kirche ist ruhig genug, aber auf mich hat sie so wenig beschwichtigenden Eindruck, als ob sie ein Dampfwebestuhl in voller Tätigkeit wäre. Ich bin schon zu sehr aufgeregt. Das übrige ist ein mehr oder weniger zusammenhängender Traum. Ein Traum, in dem sie mit Dora hereinkommen, in dem die Schließerin der Kirchenstühle uns wie ein Unteroffizier vor dem Altargitter in einer Reihe aufstellt, in dem ich mich verwundert frage, warum die Schließerinnen der Kirchenstühle immer die denkbar unangenehmsten Frauenzimmer sein müssen, und ob vielleicht eine religiöse Furcht besteht vor einer verderblichen Ansteckung durch heitere Laune, oder freundliches Gesicht, die es durchaus nötig macht, solche Essiggefäße auf dem Wege zum Himmel aufzustellen. Ein Traum war es mir, wie der Geistliche und der Küster erscheinen, einige Fischer und andere Leute hereinschlendern, ein alter Seemann, der hinter mir steht, die ganze Kirche mit starkem Rumduft erfüllt, die religiöse Handlung dann in tiefen Tönen beginnt, und wir alle sehr aufmerksam sind. Ich sehe, wie Miß Lavinia, als eine halbe Hilfsbrautjungfer fungierend, zuerst zu weinen anfängt und damit – wie ich's auffasse – unter Seufzern dem Gedächtnis Pidgers huldigt, wie Miß Clarissa ihr Riechfläschchen anwendet, wie sich Agnes um Dora bemüht, meine Tante sich als Muster von Festigkeit aufzuspielen versucht, wobei ihr die Tränen die Wangen herunterrollen, und meine kleine Dora so sehr zittert und ihre Antworten im leisesten Flüstertöne gibt. Im Traume sehe ich, wie wir nebeneinander niederknien, wie Dora weniger und weniger zittert, aber immer noch Agnes fest bei der Hand hält, wie die Feierlichkeit still und ernst vorübergeht, wie wir uns alle in einer Aprillaune von Lächeln und Tränen ansehen, als alles vorbei ist, wie meine junge Frau halb ohnmächtig in der Sakristei liegt und nach ihrem armen, ihrem guten Papa ruft. Ein Traum, wie sie bald wieder heiter wird und wir uns der Reihe nach alle in das Kirchenbuch einschreiben; wie ich auf die Galerie gehe, um Peggotty zu holen, damit sie unterzeichnet; wie Peggotty mich in einer Ecke umarmt und mir erzählt, daß sie meine eigne liebe Mutter hätte heiraten sehen, wie alles vorüber ist, und wie wir fortgehen. Ein Traum ist mir's, wie ich so stolz und voll Liebe den Chorgang hinuntergehe, meine süße Frau am Arme, durch einen Nebel von halbgesehenen Leuten, Kanzeln, Denkmälern, Kirchenstühlen, Taufsteinen, Orgeln und Kirchenfenstern, und wie dazwischen aus alten Zeiten traumhafte Ideenverbindungen mit meiner heimatlichen Kirche hineinflattern. Ein Traum, wie sie flüstern, als wir vorübergehen, was wir für ein junges Paar sind, und was sie für eine hübsche, kleine Frau ist. Wie vergnügt und redselig wir alle im Wagen auf der Rückfahrt sind. Wie Sophie uns erzählt, daß sie fast ohnmächtig geworden wäre, als sie gesehen, daß man meinen Heiratskonsens von Traddles, den ich ihm zur Aufbewahrung übergeben hatte, forderte, denn sie wäre überzeugt gewesen, er hätte es fertig gebracht, ihn zu verlieren oder sich aus der Tasche stehlen zu lassen. Wie Agnes fröhlich lacht, und wie Dora Agnes so sehr liebt, daß sie sich nicht von ihr trennen kann, sondern noch immer ihre Hand hält. Ein Traum ist mir's, wie nun ein Frühstück stattfindet, mit einer Fülle von gefällig aussehenden und gediegenen Speisen, wovon ich auch esse, wie in jedem andern Traum, ohne im geringsten etwas zu schmecken, denn ich kann wohl sagen, ich aß und trank nur Liebe und Hochzeit und glaube an die Speisen ebensowenig wie an irgend etwas andres. Wie ich in derselben traumhaften Weise eine Rede halte, ohne eine Ahnung zu haben, was ich sagen will, außer daß ich die volle Überzeugung habe, es nicht gesagt zu haben. Wie wir nachher, gesellig vereint, harmlos glücklich waren, – aber immer im Traume – und wie Jip Hochzeitskuchen erhält, der ihm nachher nicht gut bekommt. Wie die gemieteten Postpferde bereitstehen, und wie Dora geht, um ihr Kleid zu wechseln. Wie meine Tante und Miß Clarissa bei uns bleiben und wir in den Garten gehen, und wie meine Tante wirklich beim Frühstück eine Rede auf Doras Tanten gehalten hat, was ihr selbst höchlich Spaß macht, obwohl sie auch ein wenig stolz darauf ist. Wie Dora fertig ist und Miß Lavinia, die ungern das hübsche Spielzeug verliert, das ihr soviel angenehme Beschäftigung gewährte, um sie herumschwebt. Wie Dora eine lange Reihe überraschender Entdeckungen macht, daß sie alle möglichen Dinge vergessen hat, und wie jedermann überall hinläuft, um sie zu holen. Ein Traum erscheint es mir auch, in dem sich alle um Dora drängen, als sie endlich Abschied nehmen will, und alle in ihren hellen Farben und Bändern wie ein Blumenbeet aussehen, in dem mein Weibchen fast unter den Blumen erdrückt wird, und endlich zugleich lachend und weinend in meine eifersüchtigen Arme kommt. Ein Traum, in dem ich Jip tragen will, der mit uns reisen soll, und Dora nein sagt, denn sie müsse ihn tragen, oder sonst werde er denken, sie habe ihn nicht mehr gern, seit sie verheiratet sei, und das werde ihm das Herz brechen. Wie wir Arm in Arm gehen, und Dora stehen bleibt und sich umsieht, und sagt: »Wenn ich gegen wen immer unfreundlich oder undankbar gewesen bin, so vergeßt und vergebt!« und in Tränen ausbricht. Wie sie mit der kleinen Hand winkte und wir weiter gingen. Wie sie noch einmal stehen blieb, sich umsah, auf Agnes zueilte und sie noch zuletzt küßte und ihr Lebewohl sagte. Wir fahren miteinander fort, und nun erwache ich aus dem Traume. Ich glaube es endlich. Ich habe wirklich mein süßes Weibchen neben mir, das ich so sehr liebe! »Bist du jetzt glücklich, du törichter Junge?« fragte Dora, »und wirst du es auch nicht bereuen?« ... Ich bin stehen geblieben, um die Phantome jener Tage vorüberziehen zu lassen. Sie sind vorüber, und ich trete die Reise meiner Geschichte von neuem an. Vierundvierzigstes Kapitel. Unser Haushalt. Es war ein ganz seltsamer Zustand, als die Flitterwochen vorbei und die Brautführerinnen heimgereist waren und ich in meinem eigenen Häuschen allein mit Nora saß, ganz abgeschnitten, wie ich wohl sagen darf, von der alten herrlichen Beschäftigung des bräutigamlichen Liebeswerbens. Es kam mir so außerordentlich vor, daß Dora immer da war. Ich konnte es mir gar nicht erklären, daß ich nicht mehr genötigt war, auszugehen, um sie zu sehen, daß ich nicht mehr Gelegenheit hatte, mich ihrethalben zu peinigen oder ihr zu schreiben, oder mir den Kopf zu zerbrechen, um Gelegenheit zu finden, mit ihr allein zu sein. Manchmal abends, wenn ich von meiner Arbeit aufblickte und sie mir gegenüber sitzen sah, lehnte ich mich in meinen Stuhl zurück und dachte, wie sonderbar es sei, daß wir da beide allein zusammen wären, als etwas ganz Selbstverständliches – niemand hatte sich mehr darum zu kümmern – die ganze Romantik unsrer Brautzeit ad acta gelegt, um zu verschimmeln – niemand mehr, dem wir zu gefallen brauchten, als uns selbst – all unser lebelang. Wenn Parlamentssitzung war und ich erst spät nach Hause ging, kam mir auf dem Heimweg der Gedanke so seltsam vor, daß Dora zu Hause warte. Es war mir erst so seltsam, wenn sie leise die Treppe herunterkam und sich zu mir setzte, während ich mein Abendbrot aß. Es war so merkwürdig, genau zu wissen, daß sie ihre Locken auf Papier wickelte und ein wahres Ereignis, als ich es zum ersten Male sah. Ich weiß nicht, ob zwei junge Vögel weniger vom Haushalten wissen konnten, als ich und meine hübsche Dora. Wir hatten natürlich eine Dienstmagd. Sie hielt für uns Haus. Ich kann mich immer noch nicht von dem Glauben trennen, daß sie eine verkleidete Tochter von Mrs. Crupp gewesen sein muß, so Schreckliches hatten wir von Marianne zu leiden. Sie hieß Paragon und ihr Name war, ihren Zeugnissen nach, als wir sie in Dienst nahmen, ein schwaches Abbild ihres Charakters. Sie hatte ein Zeugnis, so lang wie eine Proklamation, und konnte nach diesem Dokument in häuslichen Dingen alles tun, wovon ich jemals gehört hatte, und noch viele Sachen, von denen ich nie etwas gehört hatte. Sie war ein Frauenzimmer in der Blüte ihrer Jahre, von strengem Gesicht, und auf den Armen mit einer Art beständiger Masern oder Rotlauf behaftet. Sie hatte einen Vetter in der Leibgarde mit so langen Beinen, daß er wie der Nachmittagsschatten eines andern Menschen aussah. Seine krebsrote Dienstjacke war um soviel zu kurz für ihn, wie er zu groß für das Haus war. Er machte es kleiner, als nötig war, weil er so sehr außer allem Verhältnis damit stand. Außerdem waren die Wände nicht dick, und wenn er den Abend in unserm Hause zubrachte, so merkten wir es stets durch ein beständiges Knurren in der Küche. Unsere Küchenperle war ihrem Zeugnis nach nüchtern und ehrlich. Ich will daher gern glauben, daß sie Magenkrämpfe hatte, wenn wir sie einmal unter dem Herde fanden, und daß für die fehlenden Teelöffel dem Kehrichtmann schuld zu geben war. Aber sie machte uns schreckliche Sorge. Wir fühlten unsere Unerfahrenheit und waren außerstande, uns selbst zu helfen. Wir waren ganz in ihrer Gewalt, und sie war schuld an unserm kleinen ersten Zwist. »Mein liebstes Kind,« sagte ich einmal zu Dora, »glaubst du, daß Marianne einen Begriff von Zeit hat?« »Warum, Doady?« fragte Dora, indem sie von ihrem Zeichenbrett aufblickte. »Weil es fünf Uhr ist, Liebe, und wir um vier Uhr essen wollten.« Dora sah betroffen nach der Uhr und meinte, sie ginge vor. »Im Gegenteil, Liebe,« sagte ich und zog die Taschenuhr heraus, »sie geht ein paar Minuten nach.« Mein kleines Weibchen setzte sich auf meine Knie, um mich durch ihre Schmeicheleien zu beruhigen, und zog mit dem Bleistift eine Linie auf der Mitte meiner Nase, aber davon wurde ich nicht satt, so angenehm es auch sonst war. »Meinst du nicht, Liebe,« sagte ich, »es wäre besser, wenn du es Marianne sagtest?« »Ach nein! das könnte ich nicht, Doady!« erwiderte Dora. »Warum nicht, Liebe?« fragte ich sanft. »Ach, weil ich so ein Gänschen bin,« sagte Dora, »und weil sie weiß, daß ich es bin.« Mir erschien diese Denkungsart so unverträglich mit der Führung irgendwelcher Aufsicht über Marianne, daß ich die Stirn etwas kraus zog. »Ach, was für häßliche Falten sind da auf der Stirn des bösen Jungen«, sagte Dora, und zeichnete sie mit dem Bleistift nach, den sie mit den rosigen Lippen feucht machte, damit er schwärzer werde, und meine Stirn mit einer allerliebsten tändelnden Fleißigtuerei bearbeitete, die mich wider Willen entzückte. »So, jetzt bist du ein hübsch artiges Kind,« sagte Dora, »das Gesicht sieht viel hübscher aus, wenn es lacht.« »Aber, meine Liebe«, sagte ich. »Nein, nein! ich bitte dich!« rief Dora mich küssend. »Sei kein böser Blaubart! Sei nicht ernsthaft!« »Mein Herzensweib,« sagte ich, »wir müssen manchmal ernsthaft sein. Komm, setz' dich hier neben mich auf den Stuhl! Gib den Bleistift her! So! Nun wollen wir einmal vernünftig miteinander reden. Du weißt, liebes Kind« – was für eine kleine, hübsche Hand es war und was für ein allerliebster Trauring! – »Du weißt ja, liebe Frau, es ist nicht sehr angenehm, ohne zu Mittag gegessen zu haben, ausgehen zu müssen. Nicht wahr?« »N–N–Nein!« erwiderte Dora mit beklommener Stimme. »Liebes Kind, wie du zitterst!« »Weil ich weiß, daß du mich ausschelten willst«, rief sie mit kläglicher Stimme aus. »Liebes Kind, ich will ja nur vernünftig mit dir sprechen.« »Ach, aber vernünftig sprechen ist schlimmer als ausschelten!« rief Dora voll Verzweiflung. »Ich heiratete nicht, um mir Vorstellungen machen zu lassen. Wenn du so einem armen kleinen Geschöpf, wie ich bin, Vorstellungen machen wolltest, so hättest du es mir sagen sollen, du böser Mann.« Ich versuchte, Dora zu beruhigen, aber sie wandte ihr Gesicht weg und schüttelte ihre Locken und sagte: »Du böser, böser Mann!« so oft, daß ich wirklich nicht wußte, was ich tun sollte, darum ging ich denn in meiner Ungewißheit ein paarmal im Zimmer auf und ab und trat wieder vor sie hin. »Dora, mein Liebling!« »Nein, ich bin nicht dein Liebling. Denn es muß dir leid tun, mich geheiratet zu haben, sonst würdest du mich nicht ausschelten!« entgegnete Dora. Ich fühlte mich so verletzt von dieser inkonsequenten Beschuldigung, daß ich Mut faßte, ernsthaft zu sein. »Aber, liebe Dora,« sagte ich, »du bist recht kindisch und sprichst lauter dummes Zeug. Du wirst dich gewiß erinnern, daß ich gestern schon fort mußte, ehe ich mit dem Mittagessen halb fertig war, und daß es mir am Tage vorher ganz übel wurde, weil ich halbgebratenes Kalbfleisch mit aller Hast essen mußte, heute kann ich gar nicht essen – und ich will noch gar nicht sagen, wie lange wir auf das Frühstück warteten – und da kochte das Wasser nicht einmal. Ich mache dir keine Vorwürfe darüber, meine Liebe, aber angenehm ist es nicht.« »O du böser, böser Mann, zu sagen, ich wäre ein garstiges Weib!« sagte Dora. »Aber, meine Dora, das habe ich ja niemals gesagt.« »Du sagtest, ich wäre nicht angenehm«, erwiderte Dora. »Ich sagte, eine solche Art hauszuhalten sei nicht angenehm.« »Das ist ganz dasselbe«, rief Dora aus, und sie war offenbar dieser Meinung, denn sie weinte ganz bitterlich. Ich ging noch einmal im Zimmer auf und ab, erfüllt von Liebe für mein hübsches Frauchen und gequält von selbstanklagender Neigung, mit dem Kopfe gegen die Tür zu rennen. Ich setzte mich wieder hin und sagte: »Ich mache dir keine Vorwürfe, Dora. Wir haben beide noch viel zu lernen. Ich versuche nur, dir zu zeigen, liebe Frau, daß du dich gewöhnen mußt, wirklich mußt« – darin wollte ich nicht nachgeben – »über Marianne Aufsicht zu führen, Und auch etwas selbst zu tun.« »Ich muß mich wirklich wundern, daß du so undankbare Reden führst,« schluchzte Dora, »und du weißt doch, daß ich da neulich, als du sagtest, du möchtest gern Fisch essen, selber weit, weit danach ging, um dich zu überraschen.« »Und das war sehr hübsch von dir, liebe Frau«, sagte ich. »Ich war so sehr davon überzeugt, daß ich um keinen Preis erwähnt hätte, daß du einen ganzen und sehr großen Lachs kauftest – und das war zuviel für uns beide. Und daß er ein Pfund und sechs Schilling kostete – was mehr ist, als wir bezahlen können.« »Und du freutest dich so sehr darüber«, schluchzte Dora, »und sagtest, ich sei ein Mäuschen.« »Und das werde ich noch tausendmal wieder sagen, Liebste«, gab ich zur Antwort. Aber ich hatte Doras weiches Herzchen verletzt, und sie ließ sich nicht trösten. Sie war so rührend mit ihrem Schluchzen und Klagen, daß es mir war, als ob ich wer weiß was getan hätte, um sie zu verletzen. Ich mußte rasch fort; ich kam erst spät nach Hause und war den ganzen Abend von solchen Gewissensbissen gequält, daß ich mich ganz elend fühlte. Mir war es zumute wie einem Mörder, und ein unbestimmtes Bewußtsein unendlicher Verderbtheit wollte mich nicht verlassen. Ich kam erst zwei oder drei Stunden nach Mitternacht nach Hause. Meine Tante wartete auf mich. »Ist etwas vorgefallen, Tante?« fragte ich voller Unruhe. »Nein, Trot«, gab sie zur Antwort. »Setze dich, setze dich. Maßliebchen ist etwas trübe gewesen, und ich habe ihr Gesellschaft geleistet. Weiter ist's nichts.« Ich stützte den Kopf in die Hand und fühlte mich bedrückter und niedergeschlagener, wie ich in das Feuer blickte, als ich es so kurz nach der Erfüllung meiner schönsten Hoffnungen für möglich gehalten hätte. Wie ich nachdenklich dasaß, begegnete ich zufällig den Augen meiner Tante, die auf meinem Gesicht ruhten. Sie hatten einen besorgten Ausdruck, der aber sogleich wieder verschwand. »Ich versichere dich, Tante,« sagte ich, »der Gedanke, daß Dora so ist, hat mich heute abend ganz unglücklich gemacht. Aber ich beabsichtige weiter nichts, als mit ihr in aller Liebe über unsere häuslichen Angelegenheiten zu sprechen.« Meine Tante nickte mir ermutigend zu. »Du mußt Geduld haben, Trot«, sagte sie. »Natürlich. Der Himmel weiß, daß ich nicht unverständig zu sein beabsichtigte, Tante!« »Nein, nein«, sagte meine Tante. »Aber Maßliebchen ist ein sehr zartes Blümchen, und der Wind muß sanft mit ihr umgehen.« Ich dankte meiner guten Tante im Herzen für ihre Zärtlichkeit gegen meine Gattin, und ich bin überzeugt, daß sie wußte, was ich tat. »Meinst du nicht, Tante,« sagte ich, nachdem ich eine Weile ins Feuer geblickt hatte, »daß du dann und wann zu unserm gemeinsamen Vorteil Dora ein wenig Rat erteilen könntest?« »Trot,« entgegnete meine Tante mit einiger Bewegung, »nein! Verlange das nicht von mir.« Sie sprach mit so ernstem Tone, daß ich sie überrascht ansah. »Ich sehe zurück auf mein Leben, Kind,« sagte meine Tante, »und ich denke an manche, die in ihrem Grabe liegen, mit denen ich auf freundlicherm Fuße hätte stehen können. Wenn ich die Irrtümer anderer Leute bei ihren Heiraten hart beurteile, so kam dies vielleicht daher, daß ich selbst leider Grund genug hatte, meine eigenen hart zu beurteilen. Schweigen wir davon. Ich bin eine launische, mürrische Frau seit vielen Jahren. Ich bin es noch und werde es immer sein. Aber du und ich haben einander einiges Gute getan, Trot, – jedenfalls hast du mir manches Gute getan, lieber Sohn, und es darf keine Uneinigkeit zwischen uns entstehen.« »Uneinigkeit zwischen uns!« rief ich aus. »Kind, Kind!« sagte meine Tante, und strich ihr Kleid glatt, »wie bald sie entstehen könnte, oder wie unglücklich ich das kleine Maßliebchen machen könnte, wenn ich mich in Eure Angelegenheiten mischte, kann kein Prophet sagen. Ich will, daß unser Liebling mich gern hat und so sorglos ist, wie ein Schmetterling. Denke an dein eigenes Vaterhaus nach jener zweiten Heirat, und tue niemals mir und ihr das Unrecht an, das du angedeutet hast!« Ich begriff sogleich, daß meine Tante recht hatte, sowie den ganzen Umfang ihres Edelmuts gegen meine liebe Gattin. »Ihr seid noch nicht lange verheiratet, Trot,« fuhr sie fort, »und Rom wurde nicht an einem Tage gebaut und auch nicht in einem Jahre. Du hast frei gewählt,« – mir kam es vor, als ob für einen Augenblick ein Schatten über ihr Gesicht schwebte – »und du hast ein sehr hübsches und dich zärtlich liebendes Mädchen gewählt. Es ist deine Pflicht und es wird auch deine Freude sein – das weiß ich natürlich, ich will dir keine Vorlesung halten – sie nach den Eigenschaften, die sie hat, zu schätzen, und nicht nach den Eigenschaften, die sie nicht hat. Die letztern mußt du in ihr entwickeln, wenn du kannst. Und wenn du es nicht kannst, Kind« – hier rieb sich meine Tante die Nase – »so mußt du dich eben gewöhnen, ohne sie auszukommen. Aber vergiß nicht, Lieber, daß ihr selbst eure Zukunft zu schaffen habt. Niemand kann euch beistehen, ihr selbst könnt allein dafür tätig sein. Das ist die Ehe, Trot, und der Himmel segne euch beide in ihr, ihr beiden armen Kinderchen im wilden Walde!« Meine Tante sagte dies in einem halbheitern Tone und gab mir einen Kuß, um ihren Segen zu bekräftigen. »Jetzt brenne meine kleine Laterne an«, sagte sie, »und bringe mich durch den Garten in mein Hüttchen. Grüße Maßliebchen von Betsey Trotwood, wenn du zurückkommst; und was du immer tun magst, Trot, niemals denke daran, Betsey als Vogelscheuche hinzustellen, denn wenn ich sie jemals im Spiegel gesehen habe, so ist sie schon privatim abschreckend genug!« Damit wickelte sie ihren Kopf in ein Taschentuch, mit dem sie ihn bei solchen Gelegenheiten zu einem Bündel machte, und ich geleitete sie nach Hause. Als sie in ihrem Garten stand und ihr Laternchen in die Höhe hielt, um mir zurückzuleuchten, glaubte ich wieder jenen besorgten Blick in ihrem Auge zu erkennen. Aber ich war zu sehr mit Nachdenken über das, was sie gesagt hatte, beschäftigt, und die Überzeugung stand zum erstenmal zu lebendig vor mir, daß Dora und ich uns selbst unsere Zukunft zu schaffen hätten, und daß uns niemand beistehen könnte, als daß ich den Blick viel beachtet hätte. Dora kam in ihren Pantöffelchen heruntergeschlichen, um mich zu begrüßen, und sank weinend an meine Schulter und sagte, ich sei ein böser Mensch und sie sei ein böses Mädchen, und ich glaube, ich sagte ziemlich dasselbe, und wir söhnten uns aus und kamen überein, daß unser erster kleiner Zwist auch unser letzter sein sollte, und daß wir nie einen zweiten haben wollten, und wenn wir hundert Jahre lebten. Unsere nächste häusliche Prüfung war die Dienstbotennot! Mariannes Vetter desertierte in unsere Kohlenkammer und wurde zu unserm großen Erstaunen von einem Pikett bewaffneter Kameraden herausgeholt, die ihn mit Handschellen gefesselt zum Hause in einem Aufzuge hinausführten, der unsern Hausgarten mit Schmach bedeckte. Das gab mir den Mut, mich von Marianne loszumachen, die nach Empfang ihres Lohnes so sanft wegging, daß ich mich wunderte, bis ich die Geschichte mit den Teelöffeln entdeckte, und daß sie kleine Summen in meinem Namen bei den Kaufleuten in der Nachbarschaft geborgt hatte. Nach einem Interregnum der Mrs. Kidgerbury – der ältesten Einwohnerin von Kentishtown, die sich als Wartefrau vermietete, aber zu schwach war, um die Kunst auszuüben – fanden wir ein anderes Kleinod, eine der liebenswürdigsten Frauen, die sich aber fast immer zum Gesetz machte, mit dem Servierbrett die Küchentreppe herauf- oder hinabzufallen, und sich stets mit dem Teezeug in das Zimmer wie in ein Bad stürzte. Nachdem die Verwüstungen, die diese Unglückliche anrichtete, ihre Entlassung notwendig gemacht hatten, folgten ihr eine lange Reihe von Unfähigen, deren letzte ein junges Mädchen von feinem Aussehen war, die mit Doras Hut auf den Jahrmarkt von Greenwich ging. Nach diesem Vorfall habe ich keine Erinnerung mehr an die verschiedenen Persönlichkeiten und weiß nur von einer durchschnittlichen Gleichförmigkeit der Mißerfolge zu erzählen. Jedermann, der mit uns etwas zu tun hatte, schien uns zu betrügen. Unser Eintritt in einem Laden war wie ein Signal, auf das die beschädigten Waren sogleich herbeigebracht wurden. Wenn wir einen Hummer kauften, so war er voller Wasser. Unser Fleisch war stets zäh, und unser Brot nie ausgebacken. Um das Prinzip zu finden, nach dem eine Keule gebraten werden mußte, um genug und nicht zuviel gebraten zu sein, sah ich selbst im Kochbuch nach und fand dort eine Viertelstunde für jedes Pfund und noch eine Viertelstunde dazu aufgeführt. Aber das Prinzip gelang durch ein seltsames Mißgeschick niemals in seiner Anwendung, und wir konnten nie einen Mittelweg zwischen rohem und verkohltem Fleisch finden. Ich glaube, daß wir bei allen diesen fehlgeschlagenen Versuchen viel teurer lebten, als wenn wir eine Reihe von Triumphen gefeiert hätten. Wenn ich die Rechnungen ansah, kam es mir vor, als ob wir den ganzen untern Stock mit Butter hätten pflastern können, so entsetzlich viel brauchten wir von diesem Artikel. Ich weiß nicht, ob die Zolleinnahmen damals eine Vermehrung im Gebrauche von Pfeffer nachgewiesen haben mögen, aber wenn unsere Leistungen keinen Einfluß auf den Markt hatten, so müssen mehrere Familien den Gebrauch von Pfeffer aufgegeben haben. Und das Allerwunderbarste dabei war, daß wir nie Pfeffer im Hause hatten. Daß die Waschfrau unsere Kleider versetzte und in reuiger Betrunkenheit kam, um uns um Verzeihung zu bitten, könnte ja auch bei andern Leuten vorkommen; ebenso ein Essenbrand, der das Vorfahren der Feuerspritze nötig machte. Aber ich fürchte, es war persönliches Mißgeschick, daß wir eine Dienstmagd mit einer Vorliebe für Liköre mieteten, die unsere Bierrechnung im nahen Wirtshause durch solche unerklärliche Posten vermehrte, wie z. B. eine halbe Flasche Rumshrub für Mrs. C., eine Flasche Branntwein und Nelken für Mrs. C. – dieses C. bezog sich immer auf Dora, die, wie wir später erfuhren, alle diese Erfrischungen verzehrt haben sollte. Eins unsrer niedlichen Wirtschaftskunststücke war ein kleines Mittagsessen für Traddles. Ich traf ihn in der Stadt und lud ihn ein, mit mir nachmittags spazieren zu gehn. Da er beistimmte, schrieb ich an Dora, daß ich ihn mit nach Hause bringen würde. Es war schönes Wetter, und unterwegs war mein häusliches Glück der Gegenstand unserer Gespräche. Traddles war ganz voll davon und sagte, daß er sich kein größeres Glück denken könnte, wenn er sich selbst eine solche Häuslichkeit vormals mit Sophie, die auf ihn wartete. Ich konnte mir kein hübscheres Weibchen am andern Ende des Tisches wünschen, aber ich hätte mir gewiß ein wenig mehr Platz wünschen mögen, als wir uns hinsetzten. Ich weiß nicht, wie es kam, aber obgleich wir nur unsrer zwei waren, fehlte es uns doch immer an Platz, und doch hatten wir immer Platz genug, um alles zu verlieren. Ich vermute, die Ursache davon war, daß nichts seinen ordentlichen Platz hatte, außer Jips Pagode, die stets den Eingang versperrte. Diesmal war Traddles so eingeklemmt zwischen der Pagode und dem Gitarrenfutteral und Doras Staffelei und meinem Schreibtisch, daß ich ernsthaft zweifelte, ob er Messer und Gabel würde handhaben können; aber er gestand es nicht zu mit dem ihm eignen guten Humor: »Ein Weltmeer von Platz, Copperfield! Ich versichere dich, ein Weltmeer.« Noch etwas andres hätte ich wünschen mögen, nämlich, daß Jip nicht während des Essens auf dem Tische hätte herumlaufen dürfen. Es kam mir beinahe vor, als ob sich das eigentlich nicht schicke, selbst wenn er nicht die Gewohnheit gehabt hätte, mit dem Fuße in das Salz oder in die zerlassene Butter zu treten. Diesmal schien er zu denken, er sei ausdrücklich dazu bestimmt, Traddles in Respekt zu halten; er bellte meinen Freund an und machte mit solcher Hartnäckigkeit Anläufe gegen seinen Teller, daß er die Unterhaltung fast ganz allein in Anspruch nahm. Da ich aber wußte, wie empfindlich meine liebe Dora war, und wie sehr sie jede Beeinträchtigung ihres Lieblings fühlte, wagte ich keinen Einwand. Aus demselben Grunde machte ich keine Anspielung auf die auf dem Fußboden zerstreut herumstehenden Teller; oder auf das unordentliche Aussehen der Essig- und Ölfläschchen, die wie betrunken im Gestell hingen, oder auf die Blockade, die Traddles von Gemüseschüsseln und Krügen mehr und mehr erdulden mußte. Ich konnte nicht umhin, mich verwundert zu fragen, als ich die Schöpskeule, bevor ich sie tranchierte, betrachtete, wie es nur kommen mochte, daß unsere Fleischstücke immer von so wunderlicher Gestalt seien – und ob etwa unser Fleischer alle Mißgeburten von Schafen, die auf die Welt kamen, ausgerechnet für uns kaufte; aber ich behielt meine Gedanken für mich. »Meine Liebe,« sagte ich zu Dora, »was hast du in dieser Schüssel?« Ich wußte nicht, warum Dora mir immer Gesichter geschnitten hatte, als ob sie mich küssen wollte. »Austern, lieber Mann«, sagte Dora schüchtern. »Bist du auf den Einfall gekommen?« fragte ich ganz erfreut. »Ja, Doady«, sagte Dora. »Es konnte keinen glücklichern geben!« rief ich aus und legte das Tranchiermesser hin. »Das ist Traddles Leibessen.« »Ja, Doady,« sagte Dora, »ich habe ein kleines Fäßchen gekauft, und der Mann sagte, sie wären sehr gut. Aber ich – ich fürchte, es ist etwas damit. Sie scheinen nicht ganz in der Ordnung zu sein.« Hier schüttelte Dora mit dem Kopfe, und Diamanten glänzten in ihren Augen. »Sie müssen aufgemacht werden«, sagte ich. »Nimm die oberste Schale weg, Liebe.« »Aber sie geht nicht auf«, erwiderte Dora, die mit großer Anstrengung einen Versuch machte und sehr betrübt aussah. »Weißt du was, Copperfield,« sagte Traddles, »ich glaube, die Ursache ist die – es sind vortreffliche Austern, aber ich glaube, das ist die Ursache, – sie sind noch nicht geöffnet worden.« Sie waren nicht aufgemacht, und wir hatten kein Austermesser, und hätten es auch nicht zu gebrauchen verstanden, wenn wir eins gehabt hätten; so sahen wir denn die Austern an und aßen das Schöpsenfleisch. Wenigstens aßen wir soviel davon, als gar war, und vervollständigten das Mahl mit Kapern. Wenn ich es gestattet hätte, hätte Traddles aus sich einen wahren Wilden gemacht und einen Teller voll rohes Fleisch gegessen, um zu zeigen, wie es ihm schmecke, aber eine solche Aufopferung auf dem Altar der Freundschaft wollte ich nicht dulden, und wir aßen dafür ein Gericht Schinken; denn durch einen glücklichen Zufall war gerade Schinken in der Speisekammer. Mein armes Weibchen war so betrübt, als sie glaubte, ich ärgere mich, und so erfreut, als sie sah, daß das nicht der Fall war, daß die Mißstimmung bald verschwand und wir einen sehr glücklichen Abend verlebten. Dora saß hinter mir und legte den Arm auf meinen Stuhl, während Traddles und ich ein Glas Wein tranken, und ergriff jede Gelegenheit, um mir zuzuflüstern, daß es recht hübsch von mir sei, nicht ein böser, zankender alter Mann zu sein. Später bereitete sie uns Tee; und dabei sah sie so hübsch aus, als ob sie mit dem Teezeug einer Puppe zu tun habe, daß ich mich um die Beschaffenheit des Getränks nicht sehr bekümmerte. Dann spielte ich mit Traddles ein oder zwei Partien Kribbage; Dora sang dabei zur Gitarre, und es war mir, als ob unser Brautstand und unsere Heirat ein schöner Traum gewesen, und der Abend, wo ich zuerst ihrer Stimme gelauscht hatte, noch nicht vorüber sei. Als Traddles fort war, und ich, nachdem ich ihn hinausbegleitet hatte, wieder in das Zimmer zurückkehrte, setzte meine Frau ihren Stuhl dicht neben meinen und nahm neben mir Platz. »Es tut mir recht leid«, sagte sie. »Willst du versuchen, mich etwas zu lehren, Doady?« »Ich muß selbst erst lernen, Dora«, antwortete ich. »Ich verstehe nicht mehr als du, liebe Frau.« »Ach! aber du kannst so etwas lernen,« gab sie zur Antwort; »du bist ein sehr, sehr gescheiter Mann.« »Unsinn, mein Mäuschen!« sagte ich. »Ich wollte,« begann meine Frau nach einem langen Schweigen wieder, »ich hätte einige Jahre in die Provinz gehen und mit Agnes zusammenwohnen können!« Ihre Hände lagen zusammengefaltet auf meiner Achsel, ihr Kinn ruhte darauf, und ihre blauen Augen sahen still in die meinen. »Warum?« fragte ich. »Ich glaube, es hätte mir viel nützen können, und ich hätte von ihr lernen können«, sagte Dora. »Alles mit der Zeit, mein Herzchen! Du darfst nur nicht vergessen,« sagte ich, »daß Agnes viele Jahre für ihren Vater gewirtschaftet hat. Selbst als sie noch ein Kind war, war sie schon die Agnes, die wir kennen.« »Willst du mir einen Namen geben, den ich gern haben möchte?« fragte sie, ohne sich zu bewegen. »Was für einen Namen?« fragte ich mit einem Lächeln. »Es ist ein dummer Name,« sagte sie und schüttelte einen Augenblick die Locken – »Kindisches Weibchen.« Ich fragte lachend mein »Kindisches Weibchen«, was sie sich bei diesem Wunsche denke? Sie antwortete, ohne sich zu bewegen, außer daß etwa mein Arm, mit dem ich sie umschlungen hielt, mir ihre blauen Augen näher gebracht haben mochte: »Ich meine nicht etwa, du närrischer Mensch, daß du mich so rufen solltest, anstatt Dora. Ich will nur, daß du unter diesem Namen an mich denken sollst. Wenn du mir bös bist, so sage zu dir: ›Es ist nur mein kindisches Weibchen!‹ Wenn ich dich ärgere, so sage: ›Ich wußte schon lange, daß sie als Frau nur ein kindisches Weibchen sein konnte!‹ Wenn du an mir vermissest, was ich gern sein möchte und vielleicht nie werden kann, so sage nur: ›Mein kleines kindisches Weibchen liebt mich doch!‹ Denn das tue ich wirklich.« Ich hatte nicht ernsthaft mit ihr gesprochen, denn ich ahnte bis dahin nicht, daß sie selbst im vollen Ernste war. Aber ihr weiches Gemüt war so glücklich über das, was ich ihr jetzt aus vollem Herzen sagte, daß auf ihrem Gesicht die Sonne schien, ehe ihre Augen trocken waren. Sie war bald wieder mein kindisches Weibchen und setzte sich auf den Fußboden neben das chinesische Haus, läutete nacheinander alle die kleinen Glocken, um Jip für sein schlechtes Benehmen, für seine Unfolgsamkeit zu bestrafen, während Jip blinzelnd mit dem Kopf auf dem Boden in der Tür lag, zu träge, um sich necken zu lassen. Der Vorfall machte einen großen Eindruck auf mich. Ich blicke auf die Zeit zurück, von der ich schreibe; ich beschwöre die unschuldige Gestalt, die ich so zärtlich liebte, herauf aus dem Nebel und Schatten der Vergangenheit, damit sich das sanfte Antlitz noch einmal mir zuwende, und ich kann mir immer noch erklären, daß mir diese kleine Äußerung beständig im Gedächtnis schwebt. Ich habe sie vielleicht nicht nach voller Gebühr berücksichtigt; ich war jung und unerfahren, aber mein Ohr war nie taub gegen eine unschuldige Bitte. Kurz darauf sagte mir Dora, daß sie eine ausgezeichnete Hausfrau werden wollte. In der Tat polierte sie die Schreibtafeln blank, spitzte den Bleistift, kaufte ein großes Kontobuch, nähte mit großer Sorgfalt alle Blätter des Kochbuchs, die Jip zerrissen hatte, wieder zusammen und machte einen wahrhaft verzweifelten Versuch, »brav zu sein«, wie sie es nannte. Aber die Ziffern hatten die alte hartnäckige Eigenheit – sie wollten sich nicht addieren lassen. Als sie mit großer Mühe zwei oder drei Posten in das Kontobuch geschrieben hatte, schritt Jip mit wedelndem Schwanze über die Seite und wischte alles wieder aus. Der kleine Mittelfinger ihrer rechten Hand war bis zur Wurzel schwarz von Tinte; und ich glaube, das war der einzige wirkliche Erfolg, den sie hatte. Manchmal abends, wenn ich zu Hause war und arbeitete – denn ich schrieb jetzt viel und bekam schon einigen Ruf als Schriftsteller – legte ich die Feder hin und sah zu, wie mein Weibchen versuchte »brav zu sein«. Zuerst holte sie das große Kontobuch hervor und legte es mit einem tiefen Seufzer auf den Tisch. Dann schlug sie die Stellen auf, die Jip den vorigen Abend unleserlich gemacht hatte, und rief Jip herbei, um seine Missetat selbst anzusehen. Das veranlaßte eine Abschweifung zu Jips Gunsten und brachte ihm vielleicht einen Tintenstrich auf die Nase ein zur Strafe. Dann befahl sie Jip, sich sofort auf den Tisch zu legen, wie ein Löwe – das war nur eins seiner Kunststücke, obgleich mir die Ähnlichkeit nicht sehr groß vorkam – und wenn er in der Laune des Gehorchens war, so gehorchte er. Dann nahm sie eine Feder und fing an zu schreiben, und fand ein Haar darin. Dann nahm sie eine andere Feder und fing wieder an zu schreiben, und fand, daß sie spritzte. Dann nahm sie eine dritte Feder und fing an zu schreiben und sagte leise: »Die hört man, und das stört Doady!« und dann gab sie es auf als ein schlechtes Geschäft und legte das Kontobuch weg, nachdem sie vorher noch getan hatte, als wollte sie den Löwen damit totdrücken. Oder, wenn sie sehr ernst und gesetzt gestimmt war, setzte sie sich mit der Schreibtafel und einem kleinen Korb voll Rechnungen und anderen Papieren hin, die mehr wie Lockenpapiere als etwas anderes aussahen, und bestrebte sich, ein Fazit herauszubekommen. Nachdem sie die Zettel aufmerksam miteinander verglichen, Notizen auf die Schreibtafel geschrieben, sie wieder weggewischt und alle Finger ihrer linken Hand vorwärts und rückwärts gezählt hatte, machte sie ein so verdrießliches Gesicht, daß es mich ordentlich schmerzte, und ich stand leise auf, ging zu ihr und sagte: »Was ist denn, Dora?« Dora blickte dann mit hoffnungslosem Gesicht auf und antwortete: »Es will nicht richtig werden. Der Kopf tut mir so weh davon. Und es kommt immer anders heraus, als ich will.« Dann sagte ich wohl: »Wir wollen es zusammen versuchen. Ich will dir's zeigen, Dora.« Dann fing ich einen praktischen Kursus an, dem Dora vielleicht fünf Minuten lang mit der tiefsten Aufmerksamkeit zuhörte; aber dann wurde es ihr langweilig und sie brachte damit Abwechselung in den trockenen Gegenstand, daß sie mir Locken drehte oder versuchte, wie mein Gesicht mit umgeschlagenem Hemdkragen aussähe. Wenn ich ihr stillschweigend dieses Spielen wehrte und im Rechnen fortfuhr, machte sie ein so erschrockenes und unglückliches Gesicht, wurde ihr der Kopf immer wirrer und wirrer, daß die Erinnerung an ihre natürliche Heiterkeit, als ich sie zuerst kennen lernte, sowie, daß sie mein kindisches Weibchen sei, wie ein Vorwurf über mich kam; ich legte den Bleistift hin und bat um ein Lied auf der Gitarre. Ich hatte sehr angestrengt zu arbeiten und mit vielen Sorgen zu kämpfen, aber aus denselben Rücksichten behielt ich diese für mich. Jetzt bin ich durchaus nicht mehr davon überzeugt, daß ich damit recht tat, aber es geschah um der Ruhe meines »kindischen Weibchens« willen. Ich erforsche mein Gemüt und vertraue seine Geheimnisse, soweit ich sie selbst erkenne, diesen Papieren ohne Rückhalt an. Die alte schmerzliche Empfindung etwas verloren zu haben oder etwas zu entbehren, hatte Raum in meinem Herzen gewonnen; dessen bin ich mir bewußt, aber nicht so, daß sie mir das Leben gerade verbitterte. Wenn ich allein bei schönem Wetter ausging und mich erinnerte, wie in früheren Sommertagen die ganze Luft von meinem jugendlichen Entzücken erfüllt gewesen war, vermißte ich allerdings etwas in der Verwirklichung meiner Träume; aber ich hielt es doch nur für den verklärenden Schimmer, der stets über der Vergangenheit liegt und den die Gegenwart niemals besitzen könne. In manchen Augenblicken wünschte ich, meine Frau könnte vielleicht etwas mehr meine Ratgeberin sein, könnte mehr Charakter und Willenskraft besitzen, an der ich mich stützen und aufzurichten vermöchte, und könnte die Macht haben, um die Leere auszufüllen, die ich irgendwo empfand. Aber dann schien mir dies wieder eine so überirdische Steigerung meines Glücks zu sein, wie sie sich hier auf Erden niemals verwirklichen ließe. Ich war den Jahren nach ein recht junger Gatte und hatte nicht den mildernden Einfluß von andern Sorgen oder Erfahrungen kennen gelernt, als den ich auf diesen Blättern niedergeschrieben habe. Wenn ich etwas Unrechtes getan habe, was vielleicht oft geschehen ist, so geschah es aus mißverstandener Liebe und aus Mangel an Einsicht. Ich schreibe die strenge Wahrheit. Es würde nichts nützen, wenn ich es jetzt beschönigen wollte. So nahm ich denn die Mühen und Sorgen unseres Lebens auf mich und hatte keine Gefährtin, die sie mir etwas tragen half. Hinsichtlich unsres ungeordneten Haushaltes lebten wir ziemlich wie früher, aber ich hatte mich daran gewöhnt, und Dora war zufrieden, weil ich mich jetzt seltener darüber ärgerte. Sie war in der alten kindlichen Weise lustig und heiter, liebte mich zärtlich und fühlte sich glücklich mit ihren alten Spielereien. Wenn die Debatten von Bedeutung waren – ich meine der Länge nach, nicht wegen des geistigen Gehaltes, der oft das Gegenteil war – und ich spät nach Hause kam, so schlief Dora nicht, wenn sie meine Tritte hörte, sondern kam stets die Treppe herab mir entgegen. Wenn meine Abende frei waren von der Beschäftigung, für die ich mich mit so vieler Mühe befähigt hatte, und ich zu Hause arbeitete, saß sie ruhig neben mir, so spät es immer sein mochte, und war so stille, daß ich oft glaubte, sie sei eingeschlafen. Aber meistens, wenn ich aufblickte, sah ich, wie mich ihre blauen Augen mit der ruhigen Aufmerksamkeit betrachteten, die ich schon erwähnt habe. »O wie müde du sein mußt, lieber Junge«, sagte Dora eines Abends, als ich ihren Augen begegnete, indem ich mein Schreibpult zumachte. »Ach wie müde das liebe Kind sein muß!« erwiderte ich. »Das paßt besser. Ein andermal mußt du zu Bett gehen, Liebchen. Es ist viel zu spät für dich.« »Nein, schicke mich nicht zu Bett!« bat Dora und trat an meine Seite. »Bitte, tue das nicht!« »Dora!« Zu meinem Erstaunen schluchzte sie an meiner Schulter. »Nicht wohl, liebe Frau? nicht glücklich?« »Ja! Ganz wohl und sehr glücklich!« entgegnete Dora. »Aber sage nur, ich darf dableiben und dir zusehen beim Schreiben.« »Aber was für ein Schauspiel ist das für so helle Augen um Mitternacht!« erwiderte ich. »Sind sie wirklich hell?« entgegnete Dora lachend. »Das freut mich, daß sie hell sind.« »Kleine Eitelkeit!« sagte ich. Aber es war keine Eitelkeit! Es war nur harmlose Freude an meiner Bewunderung. Ich wußte das wohl, ehe sie es mir sagte. »Wenn du meinst, sie sind hübsch, so laß mich nur dableiben und dich schreiben sehen!« sagte Dora. »Meinst du wirklich, sie sind hübsch?« »Sehr hübsch.« »Dann laß mich immer aufbleiben und dir zusehen, wie du schreibst.« »Ich fürchte, das wird ihren Glanz nicht erhöhen, Dora.« »O doch ja! denn du wirst mich dann nicht vergessen, du gescheites Männchen, wenn du den Kopf mit stummen Phantasien voll hast.« – »Wirst du es übel nehmen, wenn ich etwas recht Törichtes sage – törichter als gewöhnlich?« fragte Dora und blickte über die Schulter in mein Gesicht. »Was mag das sein?« fragte ich. »Bitte, laß mich die Federn halten«, sagte Dora. »Ich möchte einen Anteil an deiner Arbeit haben während der vielen Stunden, wo du so fleißig bist. Darf ich die Federn halten?« Die Erinnerung an ihre allerliebste Freude, bis ich Ja sagte, bringt mir Tränen in die Augen. Das nächste Mal, wo ich mich zum Schreiben hinsetzte, und von da an jeden Abend, saß sie auf ihrem alten Platze mit einem Bündel Federn neben sich. Ihr Frohlocken über diese Verbindung mit meiner Arbeit und ihre Freude, wenn ich eine neue Feder brauchte – was ich mich oft zu tun stellte –, gab mir eine neue Art, ihr zu gefallen, ein. Manchmal tat ich, als ob ich eine Abschrift von ein paar Seiten Manuskript gebrauchte. Dann zeigte sich Dora in ihrem ganzen Glanze, die Vorbereitungen, die sie zu dieser großen Arbeit machte, die Schürzen, die sie vornahm, die Lätzchen, die sie aus der Küche borgte, um sich nicht mit Tinte zu beflecken, die Zeit, die sie brauchte, die unzähligen Pausen, die sie eintreten ließ, um Jip anzulachen, als ob er alles verstände, ihre Überzeugung, daß ihre Arbeit nicht fertig sei, wenn nicht ihr voller Name darunter stände, und die Art, mit der sie mir die Schrift überreichte, als wäre es eine Schularbeit, und dann, wenn ich sie lobte, mir um den Hals fiel, sind mir rührende Erinnerungen, so gewöhnlich sie andern Menschen erscheinen mögen. Nicht lange darauf nahm sie die Schlüssel in Besitz und klimperte mit dem ganzen Bund in einem kleinen Körbchen an ihrer schlanken Taille im ganzen Hause herum. Nur selten fand ich die Schränke, zu denen sie gehörten, verschlossen, und nur selten waren sie zu etwas anderm gut, als zu einem Spielzeug für Jip – aber Dora hatte ihre Freude daran, und das machte mir Freude. Sie war fest überzeugt, daß durch dieses Spielen viel für die Wirtschaft ausgerichtet werde; und war so lustig, als ob wir zum Spaß haushielten, wie die Kinder zu Weihnachten. So lebten wir weiter. Dora war kaum weniger liebevoll gegen meine Tante als gegen mich und erzählte ihr oft von der Zeit, als sie noch fürchtete, sie wäre eine keifende Alte. Ich habe meine Tante niemals systematischer nachgiebig gegen jemand gesehen. Sie machte Jip den Hof, trotzdem er gar nicht darauf reagierte, hörte Tag für Tag der Gitarre zu, wenn sie auch, wie ich fürchte, gar keinen Sinn für Musik hatte; niemals griff sie die Unfähigen an, obgleich die Versuchung stark gewesen sein muß; sie machte ungeheure Wege zu Fuß, um als Überraschung allerlei Kleinigkeiten zu kaufen, die Dora brauchte, und wenn sie durch den Garten hereinkam und Dora in der Stube vermißte, rief sie am Fuße der Treppe mit einer Stimme, die heiter durch das ganze Haus klang: »Wo ist Maßliebchen?« Fünfundvierzigstes Kapitel. Mr. Dick erfüllt die Prophezeiungen meiner Tante. Ich hatte die Arbeit bei dem Doktor schon seit einiger Zeit aufgegeben. Da ich in seiner Nähe wohnte, sah ich ihn häufig; und wir alle besuchten ihn zwei- oder dreimal zum Mittagessen oder zum Tee. Dr. Strongs Schwiegermutter, Mrs. Markleham, genannt der »alte Soldat«, hatte bei dem Doktor ihren ständigen Wohnsitz genommen. Sie war noch ganz die Alte, und die alten unsterblichen Schmetterlinge schwebten noch über ihrem Hute. Wie manche andere Mutter, die ich im Laufe meines Lebens kennen gelernt habe, war Mrs. Markleham viel vergnügungssüchtiger als ihre Tochter. Sie konnte eine große Portion von Zerstreuung vertragen, und gab vor, wie ein schlauer alter Feldherr, sich ihrem Kinde zu opfern, wenn sie nur ihren eigenen Neigungen frönte. Des Doktors Wunsch, Ännie zu zerstreuen, war deshalb dieser vortrefflichen Mutter besonders angenehm. Ich habe in der Tat keinen Zweifel, daß sie des Doktors Wunde berührte, ohne es zu wissen. Aus keiner andern Ursache als aus einer stark entwickelten Leichtfertigkeit und Selbstsucht, denen das sehr reife Alter nicht immer fern steht, glaube ich, bestärkte sie ihn in der Furcht, daß er seiner jungen Frau einen Zwang auferlege und daß zwischen ihnen keine Gleichheit der Gefühle bestehe, indem sie so sehr seine Absicht rühmte, die Bürde ihres Lebens zu erleichtern. »Lieber Doktor,« sagte sie zu ihm einmal in meiner Anwesenheit, »Sie wissen ja, es wäre etwas langweilig für Ännie, wenn sie immer hier eingesperrt wäre.« Der Doktor nickte wohlwollend mit dem Kopfe. »Wenn sie so alt ist wie ihre Mutter,« sagte Mrs. Markleham und schwang ihren Fächer, »so ist es etwas anderes. Mich können Sie ins Gefängnis sperren mit angenehmer Gesellschaft und einem Rubber Whist, und ich würde mich ums Herauskommen nicht kümmern. Aber ich bin nicht Ännie, sehen Sie; und Ännie ist nicht ihre Mutter.« »Ganz gewiß, ganz gewiß«, sagte der Doktor, »Sie sind der beste Mensch von der Welt – nein, ich bitte um Verzeihung!« denn der Doktor machte eine abwehrende Bewegung, »ich muß es Ihnen ins Gesicht sagen, wie ich es immer hinter Ihrem Rücken sage, daß Sie der beste Mensch von der Welt sind; aber natürlich können Sie nicht auf die Geschmacksrichtungen und Anschauungen Ännies eingehen.« »Nein«, meinte der Doktor mit bekümmertem Tone. »Natürlich nicht«, entgegnete der alte Soldat. »Nehmen Sie z. B. Ihr Lexikon. Wie nützlich ist so ein Lexikon! Wie notwendig! Die Bedeutung der Worte! Ohne Doktor Johnson oder einen andern der Art würden wir vielleicht heute noch ein Plätteisen eine Bettstelle nennen. Aber wir können nicht erwarten, daß ein Lexikon – vorzüglich wenn es noch nicht fertig ist – Ännie interessieren kann, nicht wahr?« Der Doktor schüttelte den Kopf. »Und deshalb billige ich so sehr Ihre Rücksichtnahme«, sagte Mrs. Markleham und schlug ihm mit dem zugemachten Fächer auf die Schulter. »Es zeigt, daß Sie nicht wie soviele ältliche Leute alte Köpfe auf jungen Schultern zu sehen hoffen. Sie haben Ännies Charakter studiert und verstehen ihn. Das finde ich so schön.« Selbst das ruhige und geduldige Gesicht Doktor Strongs zeigte sich, wie mir vorkam, unangenehm berührt von solchen Komplimenten. »Deshalb, lieber Doktor,« sagte der »alte Soldat« und schlug ihn noch mehrmals liebreich mit dem Fächer, »können Sie über mich zu allen Zeiten und bei allen Gelegenheiten verfügen. Bedenken Sie also wohl, ich stehe Ihnen vollständig zu Diensten. Ich, bin bereit, mit Ännie in die Oper, ins Konzert, in Ausstellungen, allerwärts hinzugehen; und Sie sollen nie sehen, daß ich müde bin. Die Pflicht, lieber Doktor, geht allem in der Welt vor!« Sie hielt Wort. Sie gehörte zu den Leuten, die sehr viel Vergnügungen vertragen können, und ihre Ausdauer in dieser Sache hatte kein Ende. Sie bekam selten eine Zeitung in die Hand – die sie stets jeden Tag zwei Stunden lang mit einem Augenglas in dem weichsten Stuhle im ganzen Hause las – ohne etwas zu finden, was Ännie gewiß gern sehen würde. Vergebens wendete Ännie ein, daß sie solche Sachen satt habe. Ihre Mutter kam immer wieder mit der Vorstellung: »Aber, liebe Ännie, ich weiß, daß es nicht so ist; und ich muß dir sagen, meine Liebe, daß du gar nicht die gehörige Dankbarkeit für die Güte Doktor Strongs an den Tag legst.« Das sagte sie gewöhnlich in der Anwesenheit des Doktors, und damit schien sie Ännie am ehesten zu bewegen, von ihren Einwendungen abzustehen. Nur selten begleitete sie jetzt Mr. Maldon. Manchmal wurde meine Tante und Dora dazu eingeladen, und sie nahmen die Einladung an. Manchmal Dora allein. In früherer Zeit wäre mir das nicht ganz recht gewesen; aber näheres Nachdenken über das, was an jenem Abende in des Doktors Studierzimmer vorgegangen war, hatte meinem Mißtrauen eine andere Richtung gegeben. Ich glaubte, daß der Doktor recht habe, und hatte keinen schlimmern Argwohn. Meine Tante rieb sich manchmal die Nase, wenn wir allein waren, und sagte, sie könne nicht klug daraus werden. Sie wünschte, sie wären glücklicher; sie glaubte nicht, daß unser militärischer Freund – so nannte sie immer den alten Soldaten – die Sache irgendwie besser mache. Ferner behauptete die Tante, wenn besagte Dame nur die Schmetterlinge abschneiden und den Pfingstochsen damit aufputzen wollte, so würde man doch sehen, daß sie allmählich zur Vernunft käme. Aber ihr Vertrauen war und blieb auf Mr. Dick gesetzt. Dieser Mann, sagte sie, habe offenbar eine Idee im Kopfe, und wenn er sie nur erst in einer Ecke festfahren könne, was die Hauptschwierigkeit bei ihm sei, so werde er sich in ganz außerordentlicher Weise auszeichnen. Ohne etwas von dieser Prophezeiung zu wissen, blieb Mr. Dick genau in dem alten Verhältnis zu dem Doktor und zu Mrs. Strong. Aber eines Abends, als ich einige Monate verheiratet war, steckte Mr. Dick den Kopf zur Tür des Zimmers herein, wo ich allein schrieb – Dora war mit meiner Tante ausgegangen – und sagte mit einem bedeutsamen Husten: »Könnte ich nicht mit Ihnen sprechen, ohne Sie zu stören, Trotwood?« »Gewiß, Mr. Dick,« erwiderte ich; »nur herein.« »Trotwood«, sagte Mr. Dick und legte den Finger an einen Flügel seiner Nase, nachdem er mir die Hand geschüttelt. »Ehe ich mich setze, wünsche ich eine Bemerkung zu machen. Sie kennen Ihre Tante.« »Ein wenig«, entgegnete ich. »Sie ist die wunderbarste Frau auf der Welt, Sir!« Nach dieser Mitteilung, die er herausschoß, als ob er damit geladen wäre, setzte sich Mr. Dick mit größerm Ernst als gewöhnlich hin und sah mich an. »Jetzt, mein Sohn,« sagte Mr. Dick, »will ich Ihnen eine Frage vorlegen.« »Soviel wie Sie wollen«, erwiderte ich. »Für was halten Sie mich, Sir?« fragte Mr. Dick und schlug die Arme übereinander. »Für einen lieben, alten Freund«, sagte ich, »Danke Ihnen, Trotwood«, gab Mr. Dick lachend zur Antwort und reichte mir ganz lustig die Hand hin. »Aber ich meine,« sagte er wieder mit seinem vorigen Ernst, »was halten Sie von mir in dieser Hinsicht«, dabei legte er die Finger an die Stirn. Ich war verlegen, was ich antworten sollte, aber er half mir mit einem Wort. »Schwach?« fragte Mr. Dick. »Nun ja«, entgegnete ich zögernd. »Ein klein wenig.« »Ganz richtig!« rief Mr. Dick, den meine Antwort ordentlich zu entzücken schien. »Nämlich, Trotwood, als sie einige von den Sorgen aus, Sie wissen schon, wessen Kopf nahmen und sie hintaten, Sie wissen schon, wohin, da entstand eine –« Mr. Dick drehte beide Hände viele Male sehr rasch umeinander, klappte sie dann zusammen und ließ sie wieder übereinander rollen, um Verwirrung auszudrücken. »Da geschah mir das auf irgend eine Weise, nicht wahr?« Ich nickte ihm zu und er nickte mir wieder zu. »Kurz, mein Sohn,« sagte Mr. Dick und ließ seine Stimme zu einem Geflüster herabsinken, »ich bin einfältig.« Ich wollte dagegen einige Einwendungen machen, aber er hinderte mich daran. »Ja, das bin ich! Sie behauptet, ich wär's nicht. Sie will nichts davon hören; aber ich bin's. Ich weiß, daß ich's bin. Wenn mir ihre Freundschaft nicht beigestanden hätte, Sir, so hätten sie mich eingesperrt und ich hätte diese langen Jahre ein schreckliches Leben führen müssen. Aber ich will für sie sorgen. Ich greife nie das Geld für das Abschreiben an. Ich tue es in eine Sparbüchse. Ich habe ein Testament gemacht. Ich will ihr alles vermachen. Sie soll reich werden – adelig!« Mr. Dick zog sein Taschentuch heraus und wischte sich die Augen. Dann legte er es mit großer Sorgfalt zusammen, drückte es zwischen beiden Händen glatt, steckte es in die Tasche und schien damit meine Tante wegzustecken. »Sie sind ein studierter Mann, Trotwood«, sagte Mr. Dick. »Sie sind ein hochstudierter Mann. Sie wissen was für ein gelehrter und großer Mann der Doktor ist. Sie wissen, wieviel Ehre er mir immer erwiesen hat. Nicht stolz auf seine Gelehrsamkeit. Bescheiden, bescheiden – herablassend selbst gegen den armen Dick, der einfältig ist und nichts weiß. Und seine schöne Frau ist ein Stern. Ein glänzender Stern. Ich habe sie glänzen sehen, Sir. Aber –« er rückte mit dem Stuhle näher und legte die eine Hand auf mein Knie – »Wolken, Sir – Wolken.« Ich beantwortete die Teilnahme, die sich auf seinem Gesicht aussprach, damit, daß ich dieselbe Miene annahm und mit dem Kopfe schüttelte. »Was sind das für Wolken?« fragte Mr. Dick. Er sah mir besorgt fragend ins Gesicht und legte so viel Angelegentlichkeit an den Tag, mich zu verstehen, daß ich mir die größte Mühe gab, ihm langsam und deutlich zu antworten, wie man etwa mit einem Kinde spricht. »Es ist ein unglücklicher Zwiespalt zwischen ihnen«, entgegnete ich. »Ein Etwas, was sie fern voneinander hält. Ein Geheimnis. Es ist vielleicht unzertrennlich von der Verschiedenheit ihres Alters. Es ist vielleicht aus einem Nichts entstanden.« Mr. Dick, der bei jedem Satze gedankenvoll nickte, schwieg, als ich fertig war, und dachte nach, die Augen auf mein Gesicht geheftet und die Hände auf mein Knie gelegt. »Doktor ist ihr nicht bös, Trotwood?« fragte er nach einiger Zeit. »Nein. Er liebt sie aufs innigste.« »Dann habe ich es, mein Sohn!« sagte Mr. Dick. Die plötzliche Freude, mit der er mich auf das Knie schlug und sich in den Stuhl zurücklehnte, während er seine Augenbrauen so hoch emporzog, wie nur irgend möglich war, ließen mich glauben, daß er verrückter sei als je. Ebenso schnell wurde er wieder ernst und beugte sich wieder vor und sagte, nachdem er erst ehrerbietigst das Taschentuch hervorgeholt hatte, als ob es wirklich meine Tante vorstellte: »Die wunderbarste Frau von der Welt, Trotwood. Warum hat sie nichts getan, um die Sache in Ordnung zu bringen?« »Es ist ein zu zarter und schwieriger Gegenstand, um sich hineinzumischen«, entgegnete ich. »Hochstudierter Mann!« sagte Mr. Dick und berührte mich mit dem Finger. »Warum hat er nichts getan?« »Aus demselben Grunde«, gab ich zur Antwort. »Dann hab' ich's«, sagte Mr. Dick. Und er stellte sich vor mich hin, noch erfreuter als vorhin, nickte mit dem Kopfe und schlug sich wiederholt auf die Brust, bis man hätte glauben können, er habe allen Atem weggenickt und herausgeschlagen. »Ein halbverrückter, armer Schlucker, Sir,« sagte Mr. Dick, »ein einfältiger Mensch, einer, der den Verstand verloren hat – Sie sehen mich ja! –« und er schlug sich wieder, »kann tun, was wunderbare Leute nicht tun können. Ich will sie zusammenbringen, mein Sohn. Ich will's versuchen. Mich werden sie nicht tadeln. Gegen mich werden sie nichts einwenden. Sie werden nichts auf das geben, was ich tue, wenn es nicht recht ist. Ich bin nur Mr. Dick. Und wer kümmert sich um Dick? Dick ist niemand! Hui!« Er spitzte den Mund mit verächtlicher Miene, als ob er sich selbst wegblasen wollte. Es war gut, daß er mit seiner Enthüllung so weit gekommen war, denn der Wagen, der meine Tante und Dora nach Hause brachte, hielt am Gartenpförtchen. »Kein Wort,« fuhr er flüsternd fort; »überlassen Sie alles Dick – dem einfältigen Dick – dem verrückten Dick. Ich habe seit einiger Zeit geglaubt, daß ich's finden würde, und jetzt habe ich's gefunden. Nach dem, was Sie mir gesagt haben, bin ich gewiß, daß ich's gefunden habe. Alles in Ordnung!« Mr. Dick sprach kein Wort über diese Sache, war aber während der nächsten halben Stunde ein lebendiger Telegraph – zur großen Beunruhigung meiner Tante – um mir das unbedingteste Geheimhalten einzuprägen. Zu meiner Verwunderung hörte ich die nächsten zwei bis drei Wochen nichts wieder davon, obgleich mich das Ergebnis seiner Bemühungen höchlichst interessierte. Denn ich entdeckte einen seltsamen Lichtblick gesunder Einsicht – ich spreche nicht von gesundem Gefühl, denn das hatte er immer – in dem, was er gesagt hatte. Endlich fing ich an zu glauben, daß er in seiner Verwirrung und bei seinem wetterwendischen Geiste entweder seine Absicht aufgegeben oder vergessen hätte. An einem schönen Abende, als Dora keine Lust hatte spazieren zu gehen, machten meine Tante und ich einen Besuch bei dem Doktor. Es war Herbst, und keine Parlamentsdebatten verdarben die schönen Abende, und das welke Laub roch ebenso wie die Blätter, über die wir in unserm Garten in Blunderstone gegangen waren, und der seufzende Wind schien mich mit dem alten unbefriedigten Gefühl anzuwehen. Es war schon schummerig, als wir das Häuschen erreichten. Mrs. Strong kam gerade aus dem Garten, wo Mr. Dick noch mit dem Messer beschäftigt war und dem Gärtner half, einige Stabe zuzuspitzen. Der Doktor war mit jemand in seinem Studierzimmer beschäftigt; aber der Besuch würde gleich gehen, sagte Mrs. Strong, und sie bat uns zu bleiben. Wir traten mit ihr in das Besuchszimmer und setzten uns ans Fenster. Bei Besuchen so alter Freunde und Nachbarn, wie wir waren, gab es keine Umstände. Wir hatten nur wenige Minuten dagesessen, als Mrs. Markleham, die es für gewöhnlich so anzustellen wußte, daß sie wegen irgend etwas in Aufregung war, mit der Zeitung in der Hand hastig hereintrat und ganz außer Atem sagte: »Gütiger Himmel, Ännie, warum sagst du mir nicht, daß jemand im Studierzimmer sei?« »Liebe Mutter,« erwiderte sie ruhig, »wie konnte ich erraten, daß du es zu wissen wünschtest?« »Zu wissen wünschtest«, sagte Mr. Markleham und sank auf das Sofa. »Ich bin in meinem ganzen Leben nie so erschrocken.« »Du bist also in der Studierstube gewesen, Mutter?« fragte Ännie. »In der Studierstube gewesen!« erwiderte sie mit Nachdruck, »In der Tat! Ich überraschte den vortrefflichen Mann – denken Sie sich meine Empfindungen, Miß Trotwood und David – bei dem Aufsetzen seines Testaments.« Ihre Tochter sah sich rasch vom Fenster um. »Bei dem Aufsetzen seines letzten Willens und Testaments, liebe Ännie«, wiederholte Mrs. Markleham, indem sie die Zeitung auf ihrem Schoß wie eine Serviette ausbreitete und mit ihren Händen darauf klopfte. »Die Voraussicht und Liebe des Trefflichen! Ich muß Ihnen erzählen, wie es war. Ich muß Ihnen wahrhaftig erzählen, wie es war, um dem herrlichen Mann – denn das ist er – gerecht zu sein. Vielleicht wissen Sie, Miß Trotwood, daß in diesem Hause niemals ein Licht angebrannt wird, als bis einem die Augen buchstäblich aus dem Kopfe fallen von der Anstrengung des Zeitungslesens im Zwielicht, und daß kein Stuhl im Hause ist, in dem eine Zeitung bequem gelesen werden kann, was ich bequem lesen nenne, außer einem im Studierzimmer. Das führte mich ins Studierzimmer, wo ich Licht sah. Ich machte die Tür auf. Bei dem lieben Doktor sah ich zwei Herren, die offenbar Advokaten waren, sie standen alle drei am Tisch – der gute Doktor mit der Feder in der Hand. ›Damit drücke ich also einfach aus‹, sagte der Doktor – liebe Ännie, merke auf die Worte – ›damit drücke ich also einfach aus, meine Herren, welch großes Vertrauen ich in Mrs. Strong setze, und ich vermache ihr hiermit alles ohne Bedingung.‹ Einer der andern Herren erwiderte: ›und vermachen ihr alles ohne Bedingung.‹ Darauf sagte ich mit den natürlichen Gefühlen einer Mutter: ›Guter Gott, ich bitte um Verzeihung!‹ stolperte über die Türschwelle und kam hierher durch den kleinen Gang bei der Speisekammer.« Mrs. Strong machte die Glastür auf und ging in die Veranda hinaus, wo sie sich an eine Säule lehnte. »Nun sagen Sie mir aber, Miß Trotwood und David, ist es nicht herzerquickend«, fuhr Mrs. Markleham fort, während ihre Augen mechanisch ihrer Tochter folgten, »bei einem Mann von Doktor Strongs Alter soviel Seelengröße zu finden, um so handeln zu können? Es beweist nur, wie recht ich hatte. Ich sagte zu Ännie, als mir Doktor Strong einen sehr schmeichelhaften Besuch abstattete und sie zum Gegenstande einer Erklärung und eines Antrags machte, da sagte ich: ›Mein Kind, nach meiner Meinung besteht hinsichtlich einer angemessenen Versorgung für dich kein Zweifel, daß Doktor Strong mehr tun wird, als er verspricht!‹« Da klingelte es, und wir hörten die Fußtritte der Fremden, als sie fortgingen. »Jetzt ist jedenfalls alles vorüber,« sagte der »alte Soldat«, nachdem er ein wenig gehorcht hatte; »der gute Mann hat unterzeichnet, besiegelt und ausgehändigt, und sein Gemüt ist jetzt beruhigt. Dazu ist auch alle Ursache da. Welch ein Gemüt! Liebe Ännie, ich gehe mit der Zeitung in das Studierzimmer, denn ohne Neuigkeiten bin ich ein bedauernswertes Geschöpf. Miß Trotwood und David, bitte kommen Sie zum Doktor.« Ich sah, daß Mr. Dick in dem dunkeln Teile des Zimmers stand und sein Messer zumachte, als wir ihr nach dem Studierzimmer folgten, auch daß meine Tante unterwegs ihre Nase heftig rieb, um ihrem Ärger über unsern militärischen Freund Luft zu machen, aber wer zuerst in das Studierzimmer trat, oder wie Mrs. Markleham in einem Nu es sich in dem Lehnstuhl bequem gemacht hatte, oder wie es kam, daß meine Tante und ich beide an der Tür stehen blieben, – vielleicht waren ihre Augen rascher, als die meinigen, und sie hielt mich zurück – das habe ich vergessen, wenn ich es überhaupt jemals gewußt habe. Aber das weiß ich, daß wir den Doktor, ehe er uns sah, an seinem Tisch, unter den Folianten sitzen sahen, die ihm so viel Freude machten, und daß er den Kopf auf die Hand gestützt hatte. Und daß wir in demselben Augenblick Mrs. Strong bleich und zitternd hereintreten sahen. Daß Mr. Dick sie mit seinem Arm stützte. Daß er mit der andern Hand den Arm des Doktors berührte, so daß dieser mit zerstreuter Miene aufblickte. Daß in demselben Augenblick seine Gattin vor ihm auf ein Knie niedersank, und mit flehend emporgehobenen Händen auf sein Gesicht den denkwürdigen Blick heftete, den ich nie vergessen habe. Daß bei diesem Anblick Mrs. Markleham die Zeitung fallen ließ, und mit ihren weit offenen Augen mehr aussah wie die Galionfigur eines Schiffes »das Erstaunen«, als wie etwas andres, das ich mir denken kann. Das milde Wesen und die Überraschung des Doktors, die Würde, die doch zugleich in der flehenden Stellung seiner Frau lag, die liebenswürdige Teilnahme von Mr. Dick und der Ernst, mit dem meine Tante zu sich selbst sagte: »Der Mann soll verrückt sein!« – triumphierend in dem Bewußtsein, von welchem Elend sie ihn errettet hatte – das alles sehe und höre ich mehr, als ich mich dessen erinnere, während ich davon schreibe. »Doktor!« sagte Mr. Dick, »Was ist nicht in Ordnung? Sehen Sie her.« »Ännie!« rief der Doktor, »nicht vor mir auf den Knien, Geliebteste.« »Ja!« sagte sie, »ich bitte und flehe, daß niemand hier das Zimmer verläßt! Ach, mein Gatte und Vater, brich dieses lange Schweigen. Laß uns beide aussprechen, was zwischen uns getreten ist.« Mrs. Markleham, die jetzt ihre Redefähigkeit wieder erlangt hatte und von Familienstolz und mütterlicher Entrüstung zu schwellen schien, rief jetzt aus: »Ännie, steh sogleich auf und entwürdige nicht alle deine Angehörigen damit, daß du dich demütigst, wenn du nicht willst, daß ich sogleich den Verstand verlieren soll.« »Mama!« entgegnete Ännie, »verschwende keine Worte an mich, denn ich habe hier mit meinem Gatten zu tun, und selbst du hast hier keine Rücksichten zu fordern.« »Keine Rücksichten!« rief Mrs. Markleham aus. »Keine Rücksichten! Das Kind ist verrückt geworden. Ich bitte um ein Glas Wasser!« Meine Aufmerksamkeit war zu sehr von dem Doktor und seiner Gattin in Anspruch genommen, als daß ich ihrem Wunsche hätte Beachtung schenken können. Auf die andern machte es ebenfalls keinen Eindruck, und so blieb Mrs. Markleham nichts übrig, als zu pusten, große Augen zu machen und sich mit dem Fächer zu kühlen. »Ännie!« sagte der Doktor und ergriff zärtlich ihre Hände, »liebe Ännie! wenn eine unvermeidliche Veränderung im Verlauf der Zeit in unserm Eheleben eingetreten ist, so bist du nicht schuld daran. Es ist mein Fehler, und nur meiner! In meiner Liebe und meiner Bewunderung und in meiner Achtung hat sich nichts geändert. Ich wünsche dich glücklich zu machen. Ich liebe und ehre dich von ganzem Herzen. Steh auf, Ännie, ich bitte dich.« Aber sie stand nicht auf. Nachdem sie ihn kurze Zeit angeblickt hatte, legte sie ihren Arm auf seine Knie, ließ ihren Kopf darauf sinken und sagte: »Wenn ich einen Freund hier habe, der in dieser Sache ein Wort für mich oder für meinen Gatten sprechen kann, wenn ich einen Freund hier habe, der irgendwelchem Verdachte, den mir mein Herz zugeflüstert hat, Worte geben kann, wenn ich einen Freund hier habe, der meinen Gatten ehrt oder jemals etwas auf mich gegeben hat, und der etwas weiß, was es immer sein möge, das zur Vermittelung zwischen uns helfen kann, so flehe ich diesen Freund an, zu sprechen.« Ein tiefes Stillschweigen folgte dieser Anrede. Nach einigen Augenblicken peinlicher Zögerung brach ich dieses Schweigen. »Mrs. Strong,« sagte ich, »mir ist etwas zu Ohren gekommen, was Doktor Strong ängstlich zu verheimlichen versucht hat, und was ich bis jetzt verschwiegen habe. Aber ich glaube, die Zeit ist da, wo es mißverstandenes Zartgefühl wäre, es länger zu verheimlichen, und wo Ihr Wunsch mich von seinem Gebot entbindet.« Sie wendete mir einen Augenblick das Gesicht zu, und ich erkannte, daß ich recht getan hatte. »Unser zukünftiger Friede«, sagte sie, »ist vielleicht in Ihren Händen. Ich vertraue Ihnen diesen Frieden vollkommen an, und Sie werden nichts verschweigen. Ich weiß im voraus, daß weder Sie noch jemand anders etwas sagen kann, was meines Gatten edles Herz in einem andern Lichte zeigt. Kümmern Sie sich nicht darum, ob es mich verletzen mag. Ich will vor ihm und vor Gott nachher selbst für mich sprechen.« So ernstlich beschworen, wandte ich mich nicht erst an den Doktor um Erlaubnis, sondern erzählte einfach, ohne andere Veränderung als einige Milderung der Roheiten Uriah Heeps, was an jenem Abend in diesem Zimmer geschehen war. Die großen Augen, die Mrs. Markleham während der ganzen Erzählung machte, und die schrillen kurzen Ausrufe, mit denen sie meine Worte gelegentlich unterbrach, lassen sich nicht beschreiben. Als ich fertig war, blieb Ännie einige Augenblicke lang stumm und kniete immer noch mit gesenktem Auge vor ihm. Dann nahm sie des Doktors Hand – er saß immer noch ganz so im Lehnstuhl, wie wir ihn bei unserm Eintritt in das Zimmer gefunden hatten – und drückte sie an die Brust und küßte sie. Mr. Dick hob sie mit sanfter Hand auf, und als sie anfing zu sprechen, stand sie neben ihm, auf ihn gestützt und auf ihren Gatten herabblickend, von dem sie ihre Augen niemals abwendete. »Alles, was ich jemals gedacht und im Herzen gefühlt habe, seitdem wir verheiratet waren,« sagte sie mit leiser, unterwürfiger, zärtlicher Stimme, »will ich dir ohne Rückhalt offenbaren. Ich könnte nicht leben und einen geheimen Gedanken haben, seitdem ich weiß, was ich jetzt erfahren habe.« »Nein, Ännie,« sagte der Doktor mild, »ich habe nie an dir gezweifelt, Kind. Es ist nicht nötig; es ist wahrhaftig nicht nötig, meine liebe Ännie.« »Es ist sehr nötig,« entgegnete sie in derselben Weise, »daß ich mein ganzes Herz auftue vor dem edlen und treuen Manne, den ich Jahr für Jahr und Tag für Tag mehr und mehr geliebt und verehrt habe, der Himmel weiß es.« »Wahrhaftig,« unterbrach sie Mrs. Markleham, »wenn ich überhaupt Vernunft habe –« »Und die haben Sie nicht, Sie Störenfried«, bemerkte meine Tante mit einem entrüsteten Flüstern. »– So muß ich mir erlauben zu bemerken, daß es gar nicht notwendig ist, in diese Einzelheiten einzugehen.« »Das kann nur mein Gatte beurteilen, Mutter,« sagte Ännie, ohne ihre Augen von seinem Gesicht abzuwenden, »und er wird mich hören. Wenn ich etwas sage, das dir Schmerz macht, Mutter, so verzeihe mir. Ich habe den Schmerz zuerst, oft und lange ertragen.« »Auf mein Wort!« fuhr Mrs. Markleham auf. »Als ich noch sehr jung war,« sagte Ännie, »ein kleines Kind noch, waren meine ersten Anfänge jeder Erkenntnis unzertrennlich von einem geduldigen Freund und Lehrer – dem Freunde meines Vaters, der mir immer teuer war. Ich kann an nichts denken, was ich weiß, ohne an ihn zu denken. Er erfüllte meinen Geist mit seinem ersten Inhalt und prägte seinen Stempel auf alles, was er ihm gab. Und diese Geistesschätze hätten nie so wohltuend für mich sein können, wenn sie mir von einer andern Hand zugeführt worden wären.« »Sie macht ihre Mutter zu einem Nichts!« rief Mrs. Markleham aus. »Nein, Mutter,« sagte Ännie; »aber ich mache ihn zu dem, was er war. Ich muß das tun. Als ich emporwuchs, nahm er noch dieselbe Stelle ein. Ich war stolz auf sein Interesse. Ich hing zärtlich und dankbar an ihm. Du weißt, Mutter, wie jung und unerfahren ich war, als du ihn mir ganz unerwartet als Bräutigam vorstelltest.« »Das habe ich jedem hier schon mindestens fünfzigmal erzählt!« sagte Mrs. Markleham. »Dann halten Sie jetzt um des Himmels willen den Mund und erwähnen Sie es nicht weiter!« brummte meine Tante. »Es war eine so große Veränderung; ich empfand es zuerst als einen so großen Verlust,« sagte Ännie, noch immer mit demselben Ton und Blick, »daß ich aufgeregt und bekümmert war. Ich war fast noch ein Kind, und als sich sein Verhältnis zu mir, in dem ich so lange zu ihm aufgesehen hatte, so wesentlich veränderte, tat mir das zuerst leid, glaube ich, da ich gewohnt war, zu ihm nur emporzublicken. Aber nichts hätte ihn wieder zu dem machen können, was er für mich bisher gewesen war; und ich war stolz, daß er mich dessen für wert hielt, und wir heirateten uns.« »In St. Alphage in Canterbury«, bemerkte Mrs. Markleham. »Zum Kuckuck mit der Frau!« sagte meine Tante, »sie kann den Mund nicht halten.« »Ich habe nie«, fuhr Ännie fort, und ihr Antlitz färbte sich röter, »an den irdischen Vorteil gedacht, den mir meine Ehe bringen könnte. Mein junges Herz hatte in seiner Liebe keinen Platz für einen so armseligen Gedanken. Mutter, verzeih mir, wenn ich sage, daß du mir zuerst diesen Gedanken eingabst, daß jemand mich und ihn durch einen so bösen Verdacht verletzen könnte!« »Ich!« rief Mrs. Markleham. »Jawohl, Siel« bemerkte meine Tante, »und Sie können das nicht wegfächeln, mein militärischer Freund!« »Dies war der erste Schatten, der auf mein neues Leben herabsank. Es war die erste Veranlassung, daß ich mich je im Leben unglücklich fühlte. Solche Momente sind in letzter Zeit unzählige gewesen. Aber nicht aus dem Grunde, den du, mein großmütiger Gatte, vermutest. Denn in meinem Herzen ist nicht ein Gedanke, nicht eine Erinnerung oder Hoffnung, die sich nicht so fest an dich kettet, daß keine Macht sie davon losreißen kann.« Sie blickte empor und faltete die Hände, und sah so schön und rein aus wie ein Engel. Der Doktor sah sie von jetzt ab so fest an, wie sie ihn. »Die Mama ist nicht anzuklagen,« fuhr sie fort, »daß sie jemals für sich etwas erbeten hat, und sie ist gewiß nicht anzuklagen, irgend etwas mit Absicht getan zu haben – aber als ich sah, wieviele zudringliche Ansprüche, die keine Ansprüche waren, in meinem Namen gemacht wurden, wie du benutzt wurdest in meinem Namen, wie großmütig und aufopfernd du warst, und wie Mr. Wickfield, dem dein Interesse sehr am Herzen lag, darüber zürnte, da überkam mich das erste Gefühl, daß es dem niedrigen Verdachte, meine Liebe könnte gekauft sein – und zwar dir verkauft – ausgesetzt sei, wie eine unverdiente Schmach, an der teilzunehmen ich dich zwang. Ich kann dir nicht sagen, was es war – Mama kann sich es nicht vorstellen, was es hieß, diese Angst und Sorge immer auf der Seele zu tragen und dabei im eignen Herzen zu wissen, daß ich an meinem Hochzeitstag die Liebe und Verehrung meines Lebens krönte.« »Solchen Dank hat man,« rief Mrs. Markleham weinend aus, »wenn man für seine Familie Sorge trägt! Ich wollte, ich wäre ein Türke.« »Ich wollte von ganzem Herzen, Sie wären es – und zwar wirklich in der Türkei!« sagte meine Tante. »Es war zu jener Zeit, wo sich meine Mutter so sehr um meinen Vetter Maldon kümmerte. Ich hatte viel Gefallen an ihm gefunden – als Kinder hatten wir Liebesleute gespielt. Wenn es nicht anders gekommen wäre, hätte ich mich vielleicht überreden können, daß ich ihn wirklich liebe, und hätte ihn geheiratet und wäre höchst unglücklich geworden. Es kann kein schlimmeres Mißverhältnis in einer Ehe geben, als Mangel an Gemeinsamkeit in Bestrebungen und Charakter.« Ich dachte über diese Worte nach, selbst während ich aufmerksam zuhörte, als ob sie ein besonderes Interesse oder eine Anwendbarkeit hätten, die ich nicht erraten konnte. »Es kann kein schlimmeres Mißverhältnis in einer Ehe geben, als Mangel an Gemeinsamkeit in Bestrebungen und Charakter« – wiederholte ich immer wieder. »Wir haben nichts gemein miteinander, ich und mein Vetter«, sagte Ännie. »Das habe ich längst gefunden. Wenn ich meinem Gatten für nichts weiter zu danken hätte, anstatt für so viel, so würde ich ihm dafür dankbar sein, daß er mich von der ersten mißverstandenen Regung meines unerfahrenen Herzens gerettet hat .« Sie stand ganz reglos vor dem Doktor und sprach, mit einer Innigkeit, die mir tief in die Seele drang. Aber ihre Stimme klang immer noch so ruhig wie vorher. »Als er darauf spekulierte, der Gegenstand deiner Wohltaten zu werden, die du ihm so großmütig spendetest, und da ich mich so unglücklich fühlte unter dem selbstsüchtigen Scheine, der mir aufgedrungen wurde, glaubte ich, es schicke sich besser für ihn, wenn er sich durch eigne Kraft durch das Leben arbeitete. Bis zum Abend seiner Abreise nach Ostindien dachte ich nichts Schlimmeres von ihm. An diesem Abende jedoch erfuhr ich, daß er ein falsches und undankbares Herz hatte. Ich erriet damals eine doppelte Bedeutung in Mr. Wickfields Auge, als es fragend auf mir ruhte. Ich gewahrte zum erstenmal, daß ein dunkler Verdacht mein Leben drohend überschattete.« »Verdacht, Ännie!« sagte der Doktor. »Nein, nein, nein!« »Du hegtest keinen, mein Gatte, das weiß ich! Und als ich an jenem Abend zu dir kam, um meine ganze Last von Scham und Schmerz dir zu Füßen zu legen, und wußte, daß ich dir zu sagen hatte, wie unter deinem Dach einer von meinen eigenen Verwandten, dem du mir zuliebe ein Wohltäter gewesen warest, Worte zu mir gesprochen hatte, die nie hätten gesprochen werden sollen, selbst wenn ich das schwache und feile Geschöpf gewesen wäre, für das er mich hielt – da schauderte mein Geist vor der Schmach zurück, die mir schon das bloße Erzählen verursachte. Es erstarb auf meinen Lippen, und von dieser Stunde an bis jetzt ist es nie darüber gekommen.« Mit einem kurzen Stöhnen lehnte sich Mrs. Markleham in ihren Lehnstuhl zurück und flüchtete sich hinter ihren Fächer, als wollte sie nie wieder hervorkommen. »Von jener Zeit an habe ich außer in deiner Anwesenheit nie ein Wort mit ihm gesprochen, und auch nur dann, wenn es notwendig war, um diese Erklärung zu vermeiden. Jahre sind vergangen, seitdem er von mir zu erfahren bekommen hat, wie seine Stellung hier ist. Die Dienste, die du insgeheim zu seiner Beförderung geleistet und mir dann erzählt hast, um mir Überraschung und Freude zu bereiten, waren nur eine Erschwerung der unglücklichen Last meines Geheimnisses, das kannst du mir glauben.« Sie sank leise zu den Füßen des Doktors nieder, obgleich er alles tat, um das zu verhindern, und sagte, indem sie ihn mit tränenvollen Augen anblickte: »Unterbrich mich noch nicht! Laß mich noch ein wenig mehr sagen! Ob ich recht oder unrecht getan, ich glaube, ich würde ebenso handeln, wenn ich noch einmal in dieselbe Lage käme. Du kannst es dir nicht vorstellen, was es bedeutete, dich mit all den alten Erinnerungen noch genau so zu lieben und zu wissen, daß irgend jemand so grausam sein konnte, zu glauben, daß ich die Treue meines Herzens verhandelt hätte, und von einem Scheine, der jenen Glauben bestärkte, umgeben zu sein. Ich war sehr jung und hatte keinen Berater. Zwischen der Mutter und mir war in allem, was dich betraf, eine weite Kluft. Wenn ich mich in mich selbst zurückzog und die Mißachtung verbarg, die mir widerfahren war, so geschah es nur, weil ich dich so sehr ehrte, und so sehr wünschte, daß du mich ehrtest!« »Ännie, mein reines, teures Herz!« sagte der Doktor, »meine geliebte Frau!« »Noch ein paar Worte! nur noch ein paar Worte! Ich dachte oft, es hätte so viele gegeben, die du hättest heiraten können, die dir nicht so viel Unruhe und Sorgen gemacht und die deine Häuslichkeit noch mehr geehrt hätten. Ich dachte mir manchmal, es wäre vielleicht besser gewesen, wenn ich deine Schülerin und gleichsam deine Tochter geblieben wäre. Ich fürchtete manchmal, ich passe nicht zu deiner Gelehrsamkeit und Weisheit. Wenn alles verursachte, daß ich mich in mich selbst zurückzog, als ich dir so viel zu sagen hatte, so geschah es nur, weil ich dich so sehr ehrte und hoffte, daß du mich auch eines Tages ehren würdest.« »Dieser Tag ist seit langer, langer Zeit schon da, Ännie,« sagte der Doktor, »und er kann nur mit meinem Leben endigen.« »Noch ein Wort! Später beabsichtigte ich und hatte mir fest vorgenommen, die ganze Last allein zu tragen, die mir die Erkenntnis von der Unwürdigkeit eines Menschen aufgebürdet hatte, gegen den du so gut gewesen bist. Und nun ein letztes Wort, teuerster und bester Freund! Die Ursache der Veränderung, die ich neuerlich an dir mit so viel Schmerz und Kummer bemerkte, schrieb ich manchmal meiner alten Befürchtung zu, und manchmal meinte ich, du seist der Wahrheit auf der Spur. Und heute abend ist sie nun aufgeklärt worden, und durch einen Zufall habe ich auch heute die ganze Größe des edeln Vertrauens kennen gelernt, das du selbst bei diesem Mißverständnis auf mich setztest. Ich hoffe nicht, daß mich irgend ein Maß von Liebe und Pflicht deines unschätzbaren Vertrauens würdig machen kann; aber mit dieser neuen Erfahrung und unter dem Eindrucke all dieser Geschehnisse kann ich mein Auge zu diesem geliebten Antlitz emporheben, das ich verehre als das Antlitz eines Vaters, liebe als das Antlitz eines Gatten, und das mir heilig war in meiner Kindheit als das Antlitz eines Freundes, und feierlich erklären, daß ich dich auch in meinen leisesten Gedanken niemals verletzt, daß ich niemals in der Liebe und Treue, die ich dir schulde, gewankt habe!« Sie hielt mit ihren Armen den Doktor umschlungen, und er beugte sein Haupt über sie herab, so daß sich sein graues Haar mit ihren dunkelbraunen Flechten vermischte. »O drücke mich an dein Herz, mein Gatte! Stoße mich niemals von dir! Denke oder sprich nicht von der Ungleichheit zwischen uns, denn es ist ja keine da außer in meinen vielen Unvollkommenheiten. Mit jedem neuen Jahre habe ich dies besser kennen gelernt, wie ich dich mehr und mehr geachtet habe. O drücke mich an dein Herz, mein Gatte, meine Liebe war aus einen Felsen gegründet, und sie dauert aus!« Während des Schweigens, das hierauf folgte, ging meine Tante ernsthaft auf Mr. Dick zu, ohne sich, im mindesten zu beeilen, umarmte ihn und gab ihm einen schallenden Kuß. Und es war für ihn ein Glück, daß sie das tat, denn ich weiß ganz bestimmt, daß er in diesem Augenblick gerade im Begriffe war, zum echten und gerechten Ausdrucke seines Entzückens, auf einem Beine zu tanzen. »Sie sind ein sehr merkwürdiger Mensch, Dick!« sagte meine Tante, und eine unbedingte Billigung sprach sich in ihrem Gesicht aus, »und tun Sie nie, als ob Sie etwas andres wären, denn ich weiß es besser!« Damit zupfte ihn meine Tante am Ärmel und nickte mir zu, dann schlichen wir drei aus dem Zimmer und entfernten uns. »Das ist jedenfalls eine tüchtige Schlappe für unsern militärischen Freund«, sagte meine Tante lachend auf dem Nachhausewege. »Selbst wenn man sich über weiter nichts zu freuen braucht, würde ich deshalb besser schlafen.« »Ich fürchte, sie war ganz zerschmettert«, meinte Mr. Dick mit großem Mitleid. »Was! haben Sie jemals ein Krokodil gerührt gesehen?« fragte meine Tante. »Ich glaube nicht, daß ich jemals ein Krokodil gesehen habe«, entgegnete Mr. Dick mit Milde. »Es hätte überhaupt nie Unfrieden gegeben, wenn nicht diese alte Bestie gewesen wäre«, sagte meine Tante mit großer Bestimmtheit. »Es wäre überhaupt zu wünschen, daß manche Mütter ihre Töchter nach der Verheiratung in Frieden ließen und nicht so unbändig zärtlich wären. Sie scheinen zu meinen, daß die einzige Erwiderung dafür, daß sie das unglückliche junge Frauenzimmer in die Welt gesetzt hätten – (als ob die erst danach gefragt und überhaupt auch nur Lust dazu gehabt hätte), die unbeschränkte Freiheit wäre, sie wieder herauszuärgern. Woran denkst du, Trot?« Ich dachte an alles, was gesagt worden war, und einige der ausgesprochenen Worte beschäftigten mich besonders. »Es kann in einer Ehe kein größeres Mißverhältnis geben als Mangel an Gemeinsamkeit in Bestrebungen und Charakter.« »Meine Liebe war auf einen Felsen gegründet.« Aber wir waren zu Hause, und die zertretenen Blätter lagen unter unsern Füßen und der Herbstwind wehte darüber. Sechsundvierzigstes Kapitel. Nachrichten. Wir müssen etwa ein Jahr und darüber verheiratet gewesen sein, wenn ich meinem schlechten Gedächtnis trauen darf, als ich an einem Abend, wie ich von einem Spaziergang zurückkehrte und über das Buch nachdachte, das ich damals schrieb – denn mein Glück hatte mit meinem fortdauernden Fleiße andauernd zugenommen, und ich war damals mit meinem ersten Roman beschäftigt – an Mrs. Steerforths Haus vorüberkam. Während ich in der Nachbarschaft wohnte, war ich oft diesen Weg gegangen, obgleich niemals, wenn ich es vermeiden konnte. Manchmal war jedoch nicht leicht ein anderer zu finden, ohne einen langen Umweg zu machen, und so bin ich ziemlich oft vorbeigekommen. Ich hatte aber nie mehr als einen flüchtigen Blick auf dieses Haus geworfen, während ich mit raschen Schritten vorbeiging. Es war immer ziemlich düster und still. Keines der besseren Zimmer ging auf die Straße heraus, und die kleinen altmodischen Fenster mit ihren starken Rahmen, die unter keinen Umständen einen freundlichen Eindruck machten, sahen fest zugemacht und bei herabgelassenen Jalousien förmlich unheimlich aus. Ich wüßte nicht, daß ich jemals ein Licht im Hause gesehen hätte. Wenn ich ein zufällig Vorübergehender gewesen wäre, hätte ich wahrscheinlich vermutet, daß irgend ein kinderloser Verstorbener darin läge. Hätte ich glücklicherweise den Ort gar nicht gekannt und hätte ihn lange in so unverändertem Zustand gesehen, so würde ich wohl meine Phantasie den scharfsinnigsten Betrachtungen überlassen haben. Im gegebenen Falle freilich dachte ich so wenig wie möglich daran. Aber meine Seele konnte nicht wie mein Körper vorübergehen und den Ort so schnell verlassen; dieser erweckte mir vielmehr gewöhnlich eine lange Reihe von Gedanken. Als das Haus nun an jenem bestimmten Abend, von dem ich rede, vor mir stand, vermischten sich in mir kindliche Erinnerungen und spätere Vorstellungen, Gespenster halbgeborner Hoffnungen, zertrümmerte Schattenbilder undeutlich verschwimmender Enttäuschungen, die Verbindung von Wirklichkeit und Phantasie, die mit meinem dichterischen Berufe verknüpft war, und das Haus erschien mir mehr als gewöhnlich bedeutungsvoll. Wie ich es nun an diesem Abend erblickte und mit ihm die Erinnerungen aus der Kinderzeit und den spätern Jahren vor meine Seele traten, da beschäftigte es mich mehr als gewöhnlich. Ich verfiel in tiefes Träumen, als ich weiter ging, aber eine Stimme neben mir schreckte mich auf. Es war noch dazu eine Frauenstimme. Ich erkannte bald Mrs. Steerforths kleines Dienstmädchen wieder, das früher blaue Schleifen auf ihrer Mütze getragen. Es hatte sie jetzt abgelegt, wahrscheinlich um sich dem veränderten Charakter des Hauses anzupassen, und trug nur eine oder zwei melancholische Schleifen von ernstem Braun. »Bitte, wollen Sie so gut sein, Sir, hereinzukommen und mit Miß Dartle sprechen?« »Hat Sie Miß Dartle zu mir geschickt?« fragte ich. »Heute abend nicht, aber es ist ganz gleich. Miß Dartle sah Sie gestern und vorgestern vorbeigehen; ich sollte mich mit meiner Arbeit auf die Treppe setzen, und wenn ich Sie vorübergehen sähe, Sie hereinrufen.« Ich kehrte um und fragte meine Begleiterin unterwegs, wie sich Mrs. Steerforth befinde. Sie sagte, ihre Herrschaft befinde sich nicht besonders und hüte meistens ihr Zimmer. Als wir das Haus erreichten, erfuhr ich, daß Miß Dartle im Garten war, und mußte sie selbst aufsuchen. Sie saß auf einer Bank am Ende einer Art Terrasse, die auf die große Stadt hinabsah. Es war ein düsterer Abend, und ein falbes Licht hatte sich über den Himmel verbreitet; und wie ich den gewitterschwangern Horizont sah, wo hier und da ein größeres Gebäude in das düstere Licht hinausragte, da kam es mir vor, als sei es keine unpassende Umgebung für dieses leidenschaftliche Weib. Sie sah mich, als ich auf sie zukam, und stand einen Augenblick auf, um mich zu empfangen. Sie kam mir noch bleicher und hagerer vor als damals, wo ich sie zuletzt gesehen hatte, aber die funkelnden Augen waren noch feuriger, und die Narbe war noch deutlicher. Unsere Begrüßung war nicht herzlich. Wir waren das letztemal im Zorn voneinander geschieden, und auf ihrem Gesicht lag eine Miene der Verachtung, die sie sich keine Mühe gab, zu verhehlen. »Ich höre, Sie wünschen mit mir zu sprechen, Miß Dartle«, sagte ich, neben ihr, die Hände auf eine Stuhllehne gestützt, stehend und eine Einladung, mich zu setzen, ablehnend. »Allerdings«, sagte sie. »Sagen Sie mir, ist das Mädchen gefunden worden?« »Nein.« »Und doch ist sie fort von ihm!« Ich sah, wie sich ihre schmalen Lippen zuckend bewegten, während sie mich ansah, als ob sie begierig wären, sie mit Vorwürfen zu überhäufen. »Fort von ihm?« wiederholte ich. »Ja! fort von ihm«, sagte sie mit einem höhnischen Auflachen. »Wenn man sie nicht findet, wird sie vielleicht nie gefunden. Sie ist vielleicht tot.« Die herausfordernde Grausamkeit, mit der sie meinen Augen begegnete, habe ich nie auf einem andern Gesicht als auf ihrem gesehen. »Ihr den Tod zu wünschen«, sagte ich, »ist vielleicht der freundlichste Wunsch, den eine von Ihrem eigenen Geschlechte aussprechen kann. Es freut mich, daß die Zeit Sie so mild gemacht hat, Miß Dartle.« Sie ließ sich zu keiner Antwort herab, sondern wendete sich mit einem zweiten höhnischen Lachen an mich und sagte: »Die Freunde dieser vortrefflichen und schwer verletzten jungen Dame sind Ihre Freunde. Sie verteidigen sie und nehmen sich ihrer an. Wollen Sie erfahren, was man von ihr weiß?« »Ja«, sagte ich. Sie stand mit einem bösartigen Lächeln auf, ging auf eine Stechpalmenhecke zu, die den Garten von dem Gemüsegarten trennte und rief: »Hierher!« – als ob sie ein unreines Tier riefe. »Sie werden sich natürlich jeder tätlichen Beleidigung oder Rache an diesem Orte enthalten, Mr. Copperfield?« sagte sie, indem sie mich mit demselben höhnischen Ausdruck fragend ansah. Ich verbeugte mich, ohne zu wissen, was sie meinte, und sie rief nochmals: »Hierher!« und kehrte auf ihren Platz zurück. Hinter ihr kam der vortreffliche Littimer, der mir mit unveränderter Respektabilität eine Verbeugung machte und sich hinter sie stellte. Der dämonische Anblick ihres ganzen Wesens, das siegbewußte Frohlocken, in dem seltsamerweise noch etwas Weibliches und Anziehendes war, mit dem sie auf dem Sitz zwischen uns Platz nahm und mich ansah, waren, so seltsam es klingen mag, einer bösen Prinzessin aus einem Märchen würdig. »Jetzt«, sagte sie gebieterisch, ohne mich anzusehen, und indem sie den Finger auf die alte Narbe legte, vielleicht diesmal eher mit Vergnügen als mit Schmerz, »erzählen Sie, Mr. Copperfield, von der Flucht.« »Mr. James und ich, Madame –« »Sprechen Sie nicht mit mir«, unterbrach sie ihn mit gerunzelter Stirn. »Mr. James und ich, Sir –« »Und auch nicht zu mir«, sagte ich. Ohne im geringsten außer Fassung zu kommen, gab uns Mr. Littimer mit einer leichten Verbeugung zu erkennen, daß alles, was uns angenehm sei, ihm ebenfalls angenehm wäre, und fing von neuem an. »Mr. James und ich waren mit dem Mädchen auf Reisen, seit sie unter Mr. James' Schutz Yarmouth verließ. Wir waren an vielen Orten und haben vielerlei Länder gesehen. Wir waren in Frankreich, in der Schweiz, in Italien, kurz fast überall.« Er sah die Stuhllehne an, als ob er zu ihr spräche, und spielte darauf leise mit den Fingern, als ob er ein stummes Piano vor sich hätte. »Mr. James hing ganz merkwürdig an dem Mädchen und war eine gute Zeit viel solider, als ich ihn gekannt habe, seitdem ich in seinen Diensten bin. Das Mädchen war auch sehr bildungsfähig, sprach mehrere Sprachen, und niemand wird in ihr das einfache Fischermädchen erkannt haben. Ich bemerkte, daß sie überall, wo wir hinkamen, sehr bewundert wurde.« Miß Dartle legte ihre Hand an die Seite, wo das Herz saß. Ich sah ihn einen Seitenblick auf sie werfen und in sich hineinlächeln. »Ja, das Mädchen wurde überall sehr bewundert. Teils durch ihren Anzug, teils durch den Einfluß von Luft und Sonne, teils weil man sie so sehr pries, teils sonst noch erregten ihre Vorzüge allgemeine Aufmerksamkeit.« Er machte eine kurze Pause. Miß Dartles Augen wanderten ruhelos über den fernen Horizont, und sie biß sich auf die Unterlippe, als ob sie dadurch das Zucken ihres Mundes unterdrücken könnte. Mr. Littimer nahm die Hände von der Stuhllehne, legte eine in die andere, indem er sich auf ein Bein, stützte, und fuhr fort, während er die Augen niederschlug und seinen ehrsamen Kopf ein wenig vorwärts und auf die Seite neigte: »In dieser Weise lebte das Mädchen einige Zeit fort, wobei sie dann und wann niedergeschlagen war, bis sie Mr. James durch ihre Niedergeschlagenheit und ihre Launen zu langweilen anfing, und die Sache stand bald nicht mehr so gut zwischen ihnen. Mr. James fand wieder keine Ruhe und Rast. Je unruhiger er wurde, desto schlimmer wurde es mit ihr, und was mich betrifft, so muß ich sagen, daß ich wirklich bei den beiden ein recht schweres Leben hatte. Aber das Verhältnis wurde doch immer wieder bald an der, bald an jener Stelle zusammengeflickt, einmal über das andre Mal, und es dauerte überhaupt länger, als irgend jemand von Anfang an hätte erwarten können.« Miß Dartles Augen kehrten wieder aus der Ferne zurück und ruhten mit demselben Ausdruck wie vorhin auf mir. Littimer räusperte sich hinter der Hand mit einem respektablen kurzen Husten, wechselte das Bein und fuhr fort: »Endlich, als im ganzen ziemlich oft harte Worte und Vorwürfe zwischen ihnen gewechselt worden waren, reiste Mr. James eines Morgens fort. Es war in der Nähe von Neapel. Wir hatten dort eine Villa, denn das junge Mädchen hing sehr an der See. Er gab vor, er käme in ein paar Tagen zurück; aber er hatte mich beauftragt, ihr allmählich beizubringen – daß er für das Glück aller Beteiligten –« hier mußte Littimer wieder husten – »für immer fort wäre. Aber Mr. James, das muß ich sagen, hatte sich dabei sehr ehrenhaft benommen. Denn er schlug vor, das junge Mädchen solle einen sehr achtbaren Mann heiraten, der sich erboten hatte, über die Vergangenheit ein Auge zuzudrücken, und der jedenfalls eine ebenso gute Partie war, wie die junge Person hätte machen können, wenn sie zu Hause geblieben wäre, denn ihre Herkunft war doch sehr niedrig.« Er stützte sich wieder auf das andere Bein und machte die Lippen naß. Ich war überzeugt, daß der Schurke von sich sprach, und ich sah meine Überzeugung auch auf Miß Dartles Gesicht ausgeprägt. »Auch dieses ihr mitzuteilen, war mir aufgetragen. Ich war bereit, alles zu tun, um Mr. James aus einer unangenehmen Verlegenheit zu befreien und die Eintracht zwischen ihm und einer zärtlichen Mutter wiederherzustellen, die seinetwegen so viel ausgestanden hatte. Deshalb übernahm ich den Auftrag. Die Leidenschaftlichkeit des Mädchens, als ich ihr seine Abreise mitgeteilt, überstieg alle Erwartungen. Sie war vollkommen wahnsinnig und mußte mit Gewalt festgehalten werden, denn weil sie nicht ein Messer hatte bekommen oder das Meer nicht erreichen können, hätte sie sich den Kopf an dem Marmorfußboden zerstoßen, wenn man sie nicht gehindert hätte.« In ihrem Sessel zurückgelehnt schien Miß Dartle mit einem Schimmer des Triumphes auf ihrem Antlitz fast die einzelnen Worte zu liebkosen, wie sie aus dem Munde dieses Menschen kamen. »Aber als ich zu dem zweiten Teile meines Auftrages kam,« sagte Mr. Littimer und rieb sich verlegen die Hände, »von dem doch jeder hätte voraussetzen sollen, daß es jedenfalls gut gemeint war, da zeigte sich das Mädchen in ihrem wahren Lichte. Eine heftigere Person ist mir niemals vorgekommen. Ihr Benehmen war über die Maßen schlecht. Sie zeigte nicht mehr Dankbarkeit, nicht mehr Gefühl, nicht mehr Geduld, nicht mehr Verstand, als ein Stock oder ein Stein. Wenn ich nicht auf der Hut gewesen wäre, glaube ich wahrhaftig, es hätte mir das Leben gekostet.« »Dadurch denke ich nun um so besser von ihr«, sagte ich entrüstet. Mr. Littimer senkte den Kopf, als wollte er fragen: »Meinen Sie wirklich? Aber Sie sind freilich noch so sehr jung!« und fuhr in seinem Bericht fort: »Kurz, wir mußten eine Zeitlang alles aus ihrer Nähe entfernen, womit sie sich oder anderen Leuten Schaden zufügen konnte, und sie einsperren. Dennoch befreite sie sich in der Nacht, brach einen Fensterladen auf, den ich selbst zugenagelt hatte, kletterte an einem Weingeländer hinab, und seitdem hat man, soviel ich weiß, nichts wieder von ihr gehört.« »Sie ist vielleicht tot«, entgegnete Miß Dartle mit einem Lächeln, als ob sie die Leiche des verführten Mädchens hätte mit dem Fuße von sich stoßen können. »Sie hat sich vielleicht ertränkt, Miß«, sagte Mr. Littimer, der schnell die Gelegenheit benutzte, um jemand anzureden. »Das ist sehr leicht möglich. Oder vielleicht haben ihr die Fischer und die Frauen und Kinder der Fischer beigestanden. Sie hatte gemeine Leute gern und unterhielt sich sehr oft mit ihnen am Strande, Miß Dartle, und saß bei ihren Booten. Ich weiß, daß sie das manchmal, wenn Mr. James nicht da war, ganze Tage hindurch getan hat. Mr. James war sehr böse, als er einmal erfuhr, sie hätte den Kindern erzählt, sie sei eines Fischers Tochter und sie wäre vor langer, langer Zeit in ihrem Vaterlande, wie sie, am Strande umhergewandert.« Ach, Emilie! Unglückliches, schönes Kind! Ihr Bild stieg vor mir empor, wie sie am fernen vaterländischen Strande unter den Kindern saß, die ihr glichen, als sie unschuldig war; wie sie auf die kleinen Stimmen hörte, die sie hätten Mutter nennen können, wenn sie eines armen Mannes Weib geworden wäre, und auf die große Stimme des Meeres mit seinem ewigen »Nimmermehr!« »Als es unzweifelhaft war, daß nichts mehr geschehen konnte, Miß Dartle –« »Sagte ich Ihnen nicht, Sie sollten mich nicht anreden?« erwiderte sie mit wegwerfender Verachtung. »Sie sprachen zu mir, Miß«, entgegnete er. »Ich bitte um Verzeihung. Aber es ist meine Pflicht, zu gehorchen.« »So tun Sie Ihre Pflicht«, gab sie zurück. »Erzählen Sie Ihre Geschichte aus und gehen Sie!« »Als es unzweifelhaft war,« sagte er mit unsäglicher Respektabilität und einer gehorsamen Verbeugung, »daß sie nicht aufzufinden war, begab ich mich zu Mr. James an den Ort, wo ich ihm hätte hinschreiben sollen, und unterrichtete ihn von dem Geschehenen. Infolgedessen fielen Äußerungen zwischen uns, und ich hielt es für eine Pflicht gegen meinen Ruf, ihn zu verlassen. Ich konnte und habe viel ertragen von Mr. James, aber er beleidigte mich zu sehr. Er verletzte mich. Da ich von dem unglücklichen Zwiespalt zwischen ihm und seiner Mutter wußte und wie groß ihre Sorge sein mußte, nahm ich mir die Freiheit, nach England zurückzukehren und zu erzählen –« »Für Geld, das ich ihm bezahlte«, sagte Miß Dartle zu mir. »Ganz recht, Madame – und zu erzählen, was ich wußte. Ich wüßte nicht,« sagte Mr. Littimer nach kurzem Nachdenken, »daß noch etwas zu berichten wäre. Ich bin jetzt, ohne Beschäftigung und würde mich glücklich schätzen, eine respektable Stelle zu finden.« Miß Dartle blickte mich an, als wollte sie fragen, ob ich noch etwas zu wissen wünschte. Da mir noch etwas auf dem Herzen lag, sagte ich: »Ich möchte von diesem – Kerl« (ich konnte kein milderes Wort über die Zunge bringen) »wissen, ob man einen Brief, der von Hause an sie geschrieben worden, unterschlagen hat, oder ob er glaubt, daß sie ihn empfangen habe.« Er blieb ruhig und stumm stehen, die Augen auf den Boden geheftet, und paßte sorgfältig die Spitze jedes Fingers der rechten Hand auf die Spitze jedes Fingers der linken. Miß Dartle drehte sich verächtlich nach ihm um. »Ich bitte Sie um Vergebung, Miß,« sagte er, aus seinem Nachdenken erwachend, »aber so gern ich Ihnen auch gehorche, so habe ich doch eine Stellung, obgleich ich nur eine dienende Person bin. Mr. Copperfield und Sie, Miß, sind verschiedene Leute. Wenn Mr. Copperfield etwas von mir zu wissen wünscht, nehme ich mir die Freiheit, Mr. Copperfield daran zu erinnern, daß er mir eine Frage vorlegen kann. Ich habe mein Ansehen aufrecht zu erhalten.« Nach einem kurzen Kampf mit mir selbst sah ich ihn an und sagte: »Sie haben meine Frage gehört. Nehmen Sie an, daß ich diese an Sie gerichtet hätte, wenn Sie wollen. Welche Antwort haben Sie darauf zu geben?« »Sir,« entgegnete er und entfernte zuweilen die aneinander gelegten Fingerspitzen voneinander, »meine Antwort kann nur eine bedingte sein, denn es ist zweierlei, Mr. James an seine Mutter und an Sie zu verraten. Ich halte es nicht für wahrscheinlich, daß Mr. James den Empfang von Briefen, die leicht Niedergeschlagenheit und schlechte Stimmung befördern können, begünstigen würde; aber mehr als das möchte ich nicht gern sagen.« »Ist das alles?« fragte mich Miß Dartle. Ich gab ihr zu verstehen, daß ich nichts weiter zu sagen hatte. Nur noch das eine setzte ich hinzu, als ich bemerkte, daß er fortgehen wollte, daß ich recht wohl einsähe, welche Rolle dieser Mensch bei dieser Schurkerei gespielt habe, und daß ich ihm empfehlen möchte, sich nicht so öffentlich blicken zu lassen, da ich dem Ehrenmanne, der ihr Vater von Kindheit an war, alles sagen werde. Er war stillgestanden, als ich anfing, und hatte mit seiner gewöhnlichen Kaltblütigkeit zugehört. »Ich danke Ihnen, Sir. Aber Sie werden entschuldigen, wenn ich Ihnen bemerke, Sir, daß es hierzulande weder Sklaven noch Sklavenaufseher gibt, und daß es den Leuten nicht erlaubt ist, die Vollstreckung der Gesetze in seine eigene Hand zu nehmen. Wenn sie es tun, so geschieht's mehr auf ihre, als auf anderer Leute Kosten, glaube ich. Ich kann daher wohl sagen, daß ich mich durchaus nicht fürchte, überall da hinzugehen, wohin es mir beliebt.« Mit diesen Worten machte er mir eine höfliche Verbeugung, und mit einer zweiten gegen Miß Dartle verschwand er durch die Öffnung in der immergrünen Hecke, durch die er eingetreten war. Miß Dartle und ich sahen einander eine kleine Weile schweigend an; sie immer noch mit demselben Gesicht, mit dem sie den Menschen gerufen hatte. »Er erzählte noch,« bemerkte sie mit kaum merkbar emporgezogener Lippe, »daß sein Herr mit seiner Jacht an der spanischen Küste herumsegelt, und wenn er mit Spanien fertig ist, sein Schifferleben anderwärts weiter verfolgen will, bis er es satt hat. Aber das kann Ihnen ja gleich sein. Zwischen diesen beiden stolzen Personen, Mutter und Sohn, besteht jetzt eine tiefere Kluft als je vorher, und es ist wenig Aussicht vorhanden, daß sie je versöhnt werden, denn ihr Charakter ist im Grunde ein und derselbe, und der Verlauf der Zeit macht beide hartnäckiger und schroffer. Aber auch das kann Ihnen gleich sein, und es dient nur als Einleitung zu dem, was ich noch zu sagen habe. Dieser Teufel, aus dem Sie einen Engel machen, ich meine die Dirne, die er aus dem Schlamm des Strandes aufgelesen hat« – sie sah mich mit ihren schwarzen, funkelnden Augen fest an und hielt den Finger leidenschaftlich empor – »ist vielleicht noch am Leben – denn ich glaube, solche niedrige Geschöpfe sterben schwer. Wenn sie noch am Leben ist, werden Sie wohl wünschen, eine so unschätzbare Perle zu finden und unter Obhut zu nehmen. Auch wir wünschen das, damit er ihr nicht wieder durch einen Zufall zur Beute wird. Soweit vereinigt uns unser Interesse, und deshalb habe ich, die ich ihr jedes Leid antun möchte, das ein so gemeines Geschöpf fühlen kann, nach Ihnen geschickt, um Ihnen zu erzählen, was Sie soeben gehört haben.« Ich bemerkte in der Veränderung ihres Aussehens, daß jemand hinter mir eintrat. Es war Mrs. Steerforth, die mir ihre Hand mit größerer Kälte als früher reichte und mit noch mehr Förmlichkeit; aber immer noch, wie ich bemerkte – und es rührte mich – mit einer unauslöschlichen Erinnerung an meine alte Liebe zu ihrem Sohn. Sie hatte sich sehr verändert. Ihre stattliche Gestalt war nicht mehr so aufrecht, auf ihrem schönen Gesicht waren tiefe Furchen und ihr Haar war fast weiß. Aber als sie Platz genommen hatte, war sie immer noch eine schöne Dame. »Weiß Mr. Copperfield alles, Rosa?« »Ja.« »Und er hat Littimer selbst gehört?« »Ja; ich habe ihm auch gesagt, warum Sie es wünschten.« »Sie sind ein gutes Mädchen. – Ich habe einige Briefe mit Ihrem früheren Freunde gewechselt, Sir,« sagte sie jetzt zu mir, »aber er ist dadurch nicht zum Gefühl seiner Pflicht und zur Erfüllung seiner natürlichen Schuldigkeit zurückgeführt worden. Deshalb habe ich kein anderes Ziel in dieser Sache, als was Rosa Ihnen gesagt hat. Wenn durch den Ausweg, der vielleicht das Herz des Mannes erleichtert, den Sie hierher brachten – und ich bedaure ihn sehr, mehr kann ich nicht sagen – mein Sohn vor der Gefahr bewahrt werden kann, wieder in die Schlingen einer schlauen Gegnerin zu fallen, so ist es gut!« Sie richtete sich empor und sah gerade vor sich hin in die Ferne. »Madame,« sagte ich achtungsvoll, »ich verstehe Sie. Ich versichere Sie, daß ich nicht in Gefahr komme, Ihren Beweggründen eine gezwungene Auslegung zu geben. Aber ich, der diese tief verletzte Familie von Kindheit an gekannt hat, muß hier doch sagen, wenn Sie glauben, das so tief beleidigte Mädchen sei nicht auf das schmählichste hintergangen worden und würde nicht lieber hundertmal sterben, als jetzt ein Glas Wasser von der Hand Ihres Sohnes annehmen, so täuschen Sie sich entsetzlich.« »Laß sein, Rosa, laß sein!« sagte Mrs. Steerforth; als sich die andere hineinmischen wollte, »es hat nichts zu sagen. Laß sein. Ich höre, Sie sind verheiratet, Sir.« Ich erwiderte, daß ich seit einiger Zeit verheiratet sei. »Und Sie befinden sich wohl? Ich höre in meinem einsamen Leben wenig, aber ich habe vernommen, daß Sie anfangen, berühmt zu werden.« »Ich bin sehr glücklich gewesen,« sagte ich, »und mein Name hat freundliche Beachtung gefunden.« »Sie haben keine Mutter?« fragte sie mit milderer Stimme. »Nein.« »Das ist schade«, entgegnete sie. »Sie würde stolz auf Sie sein. Gute Nacht!« Ich ergriff ihre Hand, die sie mir mit würdevoller, kalter Miene darbot, und sie zitterte so wenig, als ob in ihrem Busen der stillste Frieden geherrscht hätte. Ihr Stolz konnte selbst ihre Pulsschläge regeln und ihren Zügen jenen Ausdruck unerschütterlicher Ruhe verleihen, mit dem sie gerade vor sich in das Dunkel blickte. Als ich von ihnen schied, und über die Terrasse schritt, konnte ich nicht umhin, zu bemerken, wie starr sie beide hinaus auf die Aussicht blickten, und wie der Horizont immer trüber und dunkler wurde. Hier und da sah man in der Stadt einige früh angezündete Lampen aufblitzen, und am östlichen Himmel weilte noch der fahle Lichtschein. Aber von dem größern Teil des breiten Tales dazwischen stieg der Nebel wie ein Meer empor, und in der Dunkelheit sah es aus, als ob die aufsteigenden Wasser alles überschwemmen wollten. Ich habe Grund, mich hieran zu erinnern und mit Schrecken daran zu denken, denn ehe ich jene beiden wiedersah, hatte sich ein stürmisches Meer zu ihren Füßen aufgetan. Ich fühlte bald bei näherm Nachdenken, daß ich das mir Erzählte Mr. Peggotty mitteilen müsse. Am nächsten Abend ging ich nach London, um ihn aufzusuchen. Er wanderte immer von Ort zu Ort mit keinem andern Zweck, als seine Nichte wiederzufinden; aber er war öfter in London als anderswo. Gar oft hatte ich ihn jetzt in tiefer Nacht durch die Straßen gehen sehen, um unter denen, die noch in dieser späten Stunde im Freien waren, eine zu suchen, die er zu finden fürchtete. Er hatte eine Wohnung über dem kleinen Krämerladen auf dem Hungerford-Markt gemietet, die ich schon mehr als einmal erwähnt habe, und von wo aus er das erstemal seine barmherzige Wallfahrt antrat. Dorthin ging ich. Als ich nach ihm fragte, hörte ich von den Leuten im Hause, daß er noch nicht ausgegangen sei und daß ich ihn oben in seinem Zimmer finden werde. Er saß mit Lesen beschäftigt an einem Fenster, in dem einige Blumen standen. Das Zimmer war sehr sauber und ordentlich gehalten. Ich sah in einem Augenblick, daß es immer zu ihrer Aufnahme bereit war, und daß er nie ohne den Gedanken ausging, daß er sie möglicherweise mit nach Hause bringen könne. Er hatte mein Klopfen nicht gehört und blickte erst auf, als ich die Hand auf seine Schulter legte. »Master Davy! Danke Ihnen, Sir! Danke Ihnen herzlich für diesen Besuch! Setzen Sie sich! Sie sind willkommen!« »Mr. Peggotty,« sagte ich und nahm den Stuhl, den er mir darbot, »erwarten Sie nicht viel! Ich habe Nachrichten.« »Von Emilie!« Er legte die Hand fast krampfhaft auf den Mund und wurde blaß, als er mich anblickte. »Man gibt uns keinen Anhalt über ihren Aufenthaltsort; aber sie ist nicht bei ihm.« Er setzte sich nieder, sah mich starr an und hörte im tiefsten Schweigen meiner Erzählung zu. Ich erinnere mich gar wohl, welchen tiefen Eindruck sein würdevoll, ja selbst schön aussehendes Gesicht in seinem geduldigen Ernste auf mich machte, als er, allmählich von mir wegblickend, den Blick zu Boden senkte und die Stirn auf die Hand stützte. Er unterbrach mich nicht ein einziges Mal, sondern verharrte in völligem Stillschweigen. Er schien ihre Gestalt durch die ganze Erzählung zu verfolgen, und alle andern waren ihm wesenlose Schemen. Als ich fertig war, hielt er die Hände vor das Gesicht und blieb stumm. Ich sah eine kurze Zeit durch das Fenster hinaus und beschäftigte mich mit den Blumen. »Was denken Sie wohl davon, Master Davy?« fragte er endlich. »Ich glaube, sie lebt«, gab ich zur Antwort. »Das weiß ich nicht. Vielleicht war der erste Schlag zu hart, und in der Verzweiflung ihres Herzens –! Das blaue Meer, von dem sie so oft sprach, – – hat sie vielleicht so viele Jahre daran gedacht, weil es ihr Grab werden sollte?!« Er sagte dies nachdenklich mit leiser, erschrockener Stimme und ging in dem kleinen Zimmer auf und ab. »Und doch, Master Davy,« setzte er hinzu, »habe ich so sicher gefühlt, daß sie noch lebt, habe im Wachen und im Schlafe so bestimmt gewußt, daß ich sie finden müsse – und der Gedanke hat mich so aufrechterhalten und gestärkt – daß ich nicht glauben kann, ich habe mich geirrt. Nein! Emilie lebt!« Er legte die Hand fest auf den Tisch, und sein sonnengebräuntes Gesicht nahm einen entschlossenen Ausdruck an. »Meine Nichte Emilie lebt, Sir!« sagte er bestimmt. »Ich weiß nicht, woher es kommt oder wie es ist, aber jemand sagt mir, sie lebt!« Er sah wie ein Begeisterter aus, als er das sagte. Ich wartete einige Augenblicke, bis er mir ungeteilte Aufmerksamkeit schenken konnte, und dann setzte ich ihm auseinander, welche Vorsichtsmaßregeln wir ergreifen müßten, wenn wir sie aufsuchten. »Jetzt, lieber Freund –« fing ich an. »Ich danke Ihnen, ich danke Ihnen, lieber Herr«, sagte er und erfaßte meine Hand mit seinen beiden Händen. »Wenn sie nach London kommen sollte, was sehr wahrscheinlich ist – denn wo könnte sie sich besser verbergen, als in dieser ungeheuern Stadt; und was anders sollte sie tun, als sich verbergen, wenn sie nicht nach Hause geht?« »Und sie wird nicht nach Hause gehen«, unterbrach er mich und schüttelte betrübt den Kopf. »Wenn sie aus eigenem freien Willen von ihm fortgegangen wäre, ja, vielleicht; aber so nicht.« »Wenn sie hierher kommt,« sagte ich, »so glaube ich, daß eine Person sie leichter auffinden kann, als jede andere Person in der Welt. Erinnern Sie sich – hören Sie mich mit Fassung an – denken Sie an Ihr großes Ziel! – erinnern Sie sich an Martha?« »Aus unsrer Stadt?« Ich bedurfte keiner andern Antwort als die seines Gesichts. »Wissen Sie, daß sie in London ist?« »Ich habe sie auf der Straße gesehen«, antwortete er mit einem Schauer. »Aber Sie wissen nicht,« sagte ich, »daß Emilie mit Hams Hilfe sie mildtätig unterstützte, lange bevor sie entfloh. Auch nicht, daß sie an der Tür lauschte, als wir uns eines Abends trafen und im Gasthaus dort miteinander sprachen.« »Master Davy?« entgegnete er erstaunt. »An jenem Abende, wo es so sehr schneite?« »An jenem Abende. Ich habe sie seitdem nicht wiedergesehen. Als sie weggegangen waren, wollte ich sie aufsuchen, um mit ihr zu sprechen, aber sie war fort. Ich wollte es damals nicht gern gegen Sie erwähnen und tue es auch jetzt nicht gern, aber sie meine ich, und mit ihr sollen wir uns in Verkehr setzen. Verstehen Sie mich?« »Nur zu gut, Sir«, entgegnete er. Wir hatten unsre Stimmen gedämpft, daß wir fast nur flüsterten, und sprachen in diesem Tone fort. »Sie sagen, Sie hätten sie gesehen. Glauben Sie wohl, Sie können sie auffinden? Bei mir wäre es ein reiner Zufall.« »Ich glaube, ich weiß, wo sie zu suchen ist, Master Davy.« »Es ist dunkel geworden. Da wir einmal beisammen sind, wollen wir miteinander fortgehen und versuchen, ob wir sie finden?« Er stimmte bei und machte sich fertig, mich zu begleiten. Ohne merken zu lassen, daß ich ihn beobachtete, sah ich, wie sorgfältig er das Zimmer in Ordnung brachte, ein Licht auf den Tisch und Feuerzeug daneben setzte, das Bett glatt strich und zuletzt aus einem Kasten eines ihrer Kleider herausnahm – ich kann mich noch besinnen, sie darin gesehen zu haben – sowie einige andere Kleidungsstücke und einen Hut, und alles auf einen Stuhl legte. Er sprach nicht weiter von diesen Kleidern und auch ich nicht. Gewiß hatten sie schon manchen Abend dort auf sie gewartet. »Es war einmal eine Zeit, Master Davy,« sagte er, als wir die Treppe hinunterstiegen, »wo mir dieses Mädchen Martha wie der Schmutz unter meiner Emilie Füßen vorkam. Gott verzeihe mir's; wie anders ist das jetzt!« Als wir die Straße entlang gingen, fragte ich nach Ham, teils um ihn in Gespräch zu erhalten, teils aus Wißbegierde. Er sagte fast mit denselben Worten wie früher, daß Ham noch ganz derselbe sei, und sein Leben fortführe, ohne sich viel aus dem Leben zu machen, aber niemals klage und jedermann zum Freunde habe. Ich fragte ihn nach Hams Gemütszustand in bezug auf die Urheber seines Unglücks, ob er glaube, daß er darüber gefährliche Gedanken hege; was seiner Meinung nach zum Beispiel Ham tun würde, wenn er jemals mit Steerforth zusammentreffen sollte. »Das weiß ich nicht, Sir«, entgegnete er. »Ich habe manchmal darüber nachgeforscht, aber ich kann nichts herausbringen.« Ich erinnerte ihn an jenen Morgen nach ihrer Flucht, als wir alle drei am Strande standen. »Besinnen Sie sich noch,« sagte ich, »wie verstört und aufgeregt er auf das Meer hinausblickte und von dem Ende sprach?« »Gewiß, gewiß!« sagte er. »Was meinen Sie wohl, wollte er damit sagen?« »Master Davy,« entgegnete er, »ich habe mich das schon viele, viele Male gefragt und keine Antwort darauf gefunden. Und etwas Merkwürdiges ist dabei – daß ich ihn, so freundlich er ist, nicht wagen könnte, daran zu erinnern. Er hat mir nie ein anderes Wort gesagt, als wie es sich für einen gehorsamen Sohn gebührt. Und er wird auch gewiß jetzt nicht anders zu mir sprechen, aber wo diese Gedanken in seinem Gemüt liegen, da ist stilles Wasser. Da ist's tief, Sir, und ich kann nicht auf den Grund sehen.« »Sie haben recht,« sagte ich, »und das hat mich manchmal besorgt gemacht.« »Und auch mich, Master Davy«, entgegnete er. »Noch mehr als die sonstige Veränderung in seinem Wesen. Ich weiß nicht, ob er ihm jemals etwas antun würde, aber ich hoffe doch, die beiden kommen nicht zusammen.« Wir waren durch das Temple Bar in die City getreten. Wir waren nicht weit von der Blackfriarsbrücke entfernt, als er sich gegen mich wendete und auf eine einsame weibliche Gestalt deutete, die an der Seite der Straße entlang ging. Ich erkannte sie sofort als die Gestalt, die wir suchten. Wir gingen über die Straße und auf sie zu, als mir einfiel, daß es vielleicht besser wäre, wenn wir sie an einem stillern Orte anredeten, wo wir weniger beobachtet würden. Ich riet daher meinem Gefährten, jetzt nicht zu ihr zu sprechen, sondern ihr nachzugehen, und folgte bei diesem Rate zugleich einem unklaren Wunsche, zu erfahren, wohin sie ginge. Er stimmte bei, und wir folgten ihr in einiger Entfernung, indem wir Sorge trugen, sie nie aus den Augen zu lassen, obgleich wir ihr nicht zu nahe kommen durften, denn sie sah sich häufig um. Einmal blieb sie stehen, um einer Musikbande zuzuhören, und wir machten ebenfalls Halt. Sie ging durch viele, viele Straßen, aber unermüdlich folgten wir ihr. Endlich lenkte sie in eine dunkle stille Straße ein, wo weder Lärm noch Gedränge mehr war; und indem ich sagte: »Hier können wir sie anreden«, folgten wir ihr, unsre Schritte beschleunigend. Siebenundvierzigstes Kapitel. Martha. Wir waren jetzt in Westminster angelangt. Wir waren umgekehrt, als wir ihr zuerst begegneten, denn sie war uns entgegengekommen, und bei der Westminsterabtei hatte sie das Geräusch der helleren Hauptstraßen verlassen. Sie ging so rasch, als sie aus den beiden Menschenströmen heraus war, die von der Brücke kamen und nach der Brücke gingen, daß wir sie erst in der engen Straße am Flusse bei Millbank erreichten. In demselben Augenblick ging sie über die Straße, als ob sie vor den Tritten fliehen wollte, die sie so dicht hinter sich hörte, und beschleunigte noch ihre Schritte, ohne sich umzusehen. Durch einen finstern Torweg, wo einige Frachtwagen standen, hatte ich einen Blick auf den Fluß, und es war mir, als ob er meinem Fuße Halt geböte. Ich legte die Hand auf den Arm meines Gefährten, ohne zu sprechen; wir blieben auf der andern Seite der Straße und hielten uns so viel wie möglich in ihrer nächsten Nähe, aber im Schatten der Häuser. Zu jener Zeit stand am Ende dieser tief am Flusse liegenden Straße ein halbverfallenes, kleines hölzernes Haus, wahrscheinlich ein altes Fährhaus. Es stand gerade dort, wo die Straße aufhört und der Weg nur noch auf einer Seite von einer Reihe Häuser, auf der andern vom Flusse begrenzt wird. Sowie sie diesen Punkt erreicht hatte und den Fluß erblickte, blieb sie stehen, als sei sie am Ziele angekommen, ging langsam am Ufer hin und blickte in die Wellen. Bis jetzt hatte ich immer geglaubt, sie gehe nach einer Wohnung; ich hatte in der Tat die dunkle Hoffnung gehegt, daß das Haus, das sie aufsuchte, mit der Person, die wir suchten, in irgend einer Beziehung stehen könnte. Aber der eine erste Blick auf den dunkeln Fluß durch den Torweg hatte mich unwillkürlich darauf vorbereitet, daß sie nicht weitergehen werde. Die Umgebung war zu jener Zeit höchst traurig; so unheimlich öde und einsam bei Nacht, wie irgendeine um London. Es gab weder Werfte noch Häuser auf dem melancholisch öden Wege neben dem großen, kahlen Frauengefängnis. Ein schlammiger Graben setzte seinen Schmutz an seinen Mauern ab. Riedgras und gemeines Unkraut wucherte auf dem ganzen sumpfigen Boden der Nachbarschaft. Hier verfielen Ruinen von Häusern, die unter übeln Auspizien begonnen hatten und nie vollendet worden waren. Dort war der Boden bedeckt mit rostigen, eisernen Ungeheuern von Dampfkesseln, Rädern, Kurbelstangen, Röhren, Schmelzöfen, Rudern, Ankern, Taucherglocken, Windmühlenflügeln und sonstigen merkwürdigen Gegenständen, die hier von irgend einem Spekulanten angehäuft waren und nun im Staube lagen, unter dem sie sich – bei nassem Wetter waren sie durch ihre eigene Last in den Schmutz gesunken – dem Anschein nach vergeblich zu verstecken suchten. Gerassel und greller Flammenschein aus mehreren Eisenwerken auf der Flußseite erhob sich nachts, um alles zu stören, nur den dicken und undurchdringlichen Rauch nicht, der aus den Schornsteinen drang. Schlammige Löcher und dammartige Pfade führten durch Schlamm und Schutt schlüpfrig hinunter zum Wasser; sie wanden sich zwischen alten Holzpfählen hindurch, an denen sich eine ekelhafte Masse wie grünes Haar festgesetzt hatte, während Fetzen von vorjährigen Plakaten, die Belohnungen für das Auffinden Ertrunkener verhießen, über dem Hochwasserstandszeichen flatterten. Es ging eine Sage, daß eine der Gruben, die in der Zeit der großen Pest für die Toten gegraben wurden, hier herumgelegen hatte, und ein verpestender Einfluß schien sich von hier aus über den ganzen Platz zu verbreiten. Oder es sah aus, als ob er sich nach und nach aus den Überschwemmungen des schmutzigen Stromes in ein so unheimliches Nachtbild verwandelt hätte. Als wäre sie ein Teil des Unrats, den der Strom ausgeworfen und am Ufer zum Verfaulen liegen gelassen, ging Martha hinunter an den Strom und stand inmitten dieses Nachtbildes einsam und stumm und schaute auf das Wasser. Einige Boote und Kähne waren ans Land gezogen, und dies setzte uns instand, ihr bis auf wenige Schritte nahe zu kommen, ohne gesehen zu werden. Ich machte jetzt Mr. Peggotty ein Zeichen, stehen zu bleiben, und trat hervor, um sie anzureden. Ich näherte mich der einsamen Gestalt nicht ohne Zittern; denn dieses düstere Ziel ihres entschlossenen Ganges und die Art, wie sie dastand, fast eingehüllt von dem Schatten der eisernen Brücke, und auf die in der starken Flut zitternden Lichter sah, flößte mir Scheu ein. Ich glaube, sie sprach mit sich selbst. Das Tuch war ihr von den Schultern gefallen; sie hatte es um ihre Hände gewickelt, die sie rieb oder vielmehr rang, eher wie eine Nachtwandlerin, als wie eine Wachende. Ich weiß es noch und kann es nie vergessen, daß etwas in ihrem verstörten Wesen war, was mir die Furcht einflößte, sie könnte vor mir versinken, ehe ich sie mit meiner Hand anzufassen vermochte. In demselben Augenblick sagte ich: »Martha!« Sie stieß einen Schrei des Entsetzens aus und rang mit mir mit solcher Kraft, daß ich kaum glaube, ich hätte sie allein festgehalten. Aber eine stärkere Hand als die meine hatte sie gefaßt; und als sie ihre erschrockenen Augen aufschlug und sah, wer es war, machte sie nur noch einen Versuch sich loszuwinden und sank dann zwischen uns zusammen. Wir trugen sie weg vom Wasser nach einigen trocknen Steinen und legten sie dorthin; sie weinte und stöhnte. Nach einer kleinen Weile setzte sie sich aufrecht auf den Steinen und verhüllte ihr Gesicht mit beiden Händen. »Ach, der Strom!« rief sie leidenschaftlich, »ach, der Strom!« »Still, still!« sagte ich. »Beruhigen Sie sich!« Aber sie wiederholte dieselben Worte und rief in einem fort: »Ach, der Strom!« »Ich weiß wohl, er gleicht mir!.« rief sie aus. »Ich weiß, daß ich ihm angehöre. Ich weiß, daß er ein natürlicher Gefährte von solchen Geschöpfen ist, wie ich bin! Er kommt aus dem frischen grünen Lande, wo nichts Schlechtes in ihm war, und jetzt schleicht er durch die dunkeln Straßen, besudelt und erbärmlich – und er verschwindet wie mein Leben in einem großen Meer, das immer unruhig ist – und ich fühle, daß ich mit ihm gehen muß!« Ich habe nie erfahren, was Verzweiflung war, bis ich den Ton dieser Worte hörte. »Ich kann mich nicht fern von ihm halten. Ich kann ihn nicht vergessen, er weicht bei Tag und bei Nacht nicht von mir. Er ist das einzige auf der Welt, für das ich passe, oder das für mich paßt. Ach, der schreckliche Strom!« jammerte sie. Der Gedanke kam mir in den Sinn, daß ich auf dem Gesicht meines Begleiters, während er stumm und regungslos auf sie herabsah, die Geschichte seiner Nichte hätte lesen können, wenn ich auch nichts davon gewußt. Weder auf einem Bilde noch in der Wirklichkeit habe ich je Entsetzen und Mitleid so ergreifend vereint gesehen. Ich blickte Mr. Peggotty an. Er zitterte, als wollte er zusammensinken, und seine Hand – ich faßte sie, denn sein Aussehen beunruhigte mich – war totenkalt. »Sie ist außer sich«, flüsterte ich ihm zu. »In einer kurzen Weile wird sie anders sprechen.« Ich weiß nicht, was er mir antworten wollte. Sein Mund bewegte sich, und er schien zu denken, er habe gesprochen; aber er hatte nur mit seiner ausgestreckten Hand auf sie gedeutet. Sie fing wieder an heftig zu weinen und verbarg wieder das Gesicht unter den Steinen, und lag vor uns, ein niedergesunkenes Bild der Demütigung und der Schmach. Da ich wohl einsah, daß wir nicht mit irgend einer Aussicht auf Erfolg mit ihr sprechen konnten, solange dieser Zustand dauerte, so hielt ich ihn zurück, als er sie aufheben wollte, und wir standen schweigend neben ihr, bis sie ruhiger würde. »Martha,« sagte ich alsdann und half ihr aufstehen – sie schien aufstehen zu wollen, um fortzugehen, aber sie war zu schwach und mußte sich an ein Boot lehnen. »Wissen Sie, wer mein Begleiter ist?« Sie sagte mit matter Stimme: »Ja.« »Wissen Sie, daß wir Ihnen heute abend schon seit langem gefolgt sind?« Sie schüttelte den Kopf; sie sah weder ihn noch mich an, sondern stand demütig vor uns, Hut und Schal in der einen Hand haltend, ohne zu wissen, daß sie diese in der Hand hatte, und die andere geballt an die Stirn drückend. »Sind Sie gefaßt genug,« sagte ich, »über den Gegenstand zu sprechen, der Sie – ich hoffe, der Himmel wird dessen gedenken! – an jenem Winterabend so interessierte?« Sie fing von neuem an zu schluchzen und gab mit einigen unartikulierten Tönen ihren Dank zu erkennen, daß ich sie damals nicht von der Tür gewiesen hatte. »Ich will nicht für mich sprechen«, sagte sie nach einer kurzen Pause. »Ich bin schlecht, ich bin verloren. Ich habe keine Hoffnung. Aber sagen Sie ihm, Sir –« sie war vor ihm zurückgetreten – »wenn Sie mich nicht zu sehr verachten, daß ich in keiner Weise die Ursache seines Unglücks gewesen bin.« »Es ist Ihnen nie zugeschrieben worden«, entgegnete ich mit demselben Ernste, mit dem sie sprach. »Sie waren es, wenn ich mich nicht irre,« fuhr sie mit gebrochener Stimme fort, »der an jenem Abend in die Küche kam, wo sie sich meiner so sehr erbarmte, wo sie so freundlich gegen mich war, und nicht vor mir zurückschreckte, wie die übrigen, und auch mich so freundlich unterstützte; waren Sie das, Sir?« »Ja«, sagte ich. »Ich hätte mich längst in den Fluß gestürzt,« fuhr sie fort und sah mit einem schrecklichen Blick auf die Wellen, »wenn ich ein Vergehen gegen sie auf der Seele hätte.« »Die Ursache ihrer Flucht ist nur zu gut bekannt«, sagte ich. »Sie tragen nicht die geringste Schuld, das glauben wir – das wissen wir.« »Ach, ich hätte durch den Umgang mit ihr viel besser werden können, wenn ich ein besseres Herz gehabt hätte,« rief das Mädchen mit verzweiflungsvoller Reue aus; »denn sie war immer gut gegen mich! Sie sprach nie ein Wort zu mir, das nicht gut und recht war. Wäre es denn wahrscheinlich, daß ich versucht haben sollte, sie zu dem zu machen, was ich selbst bin, da ich nur zu gut weiß, was ich bin! Als ich alles verlor, was das Leben kostbar macht, so war der schlimmste aller meiner Gedanken der, daß ich auf ewig von ihr geschieden sei.« Mr. Peagotty, der eine Hand auf den Rand des Bootes gestützt und die Augen niedergeschlagen dastand, bedeckte mit seiner freien Hand das Gesicht. »Und als ich von einigen Leuten aus unserer Stadt gehört hatte, was vor jenem schneeigen Winterabend geschehen war,« rief Martha, »da war mein allerbitterster Gedanke der, daß die Leute sich erinnern würden, wie sie mit mir Verkehr gehabt hätte, und sagen würden, ich hätte sie verdorben! während ich doch, der Himmel weiß es, gern gestorben wäre, um ihr ihren guten Namen wiederzugeben.« Längst der Selbstbeherrschung entwöhnt, war der Ausbruch ihrer Reue und ihres Schmerzes wahrhaft schrecklich. »Zu sterben,« rief sie, »das wäre nicht viel gewesen! Nein, zu leben! Alt hätte ich in den entsetzlichen Straßen werden mögen, gemieden im Dunkel umherirren, die Sonne über den langen Häuserreihen aufgehen sehen und dabei denken, wie einstmals der helle Tag in mein Stübchen schien und mich weckte – das hätte ich getan, um sie zu retten!« Sie sank auf den Steinhaufen nieder, packte einige mit den Händen und drückte sie, als ob sie sie hätte zermalmen wollen. Dabei veränderte sie immer wieder ihre Stellung, wie in einem Krampf. Bald hielt sie die Arme steif, bald schlug sie sie vor das Gesicht, als wolle sie den schwachen Lichtschimmer ausschließen und senkte den Kopf, als wäre er zu schwer von unerträglichen Erinnerungen. »Was soll ich anfangen!« sagte sie, mit ihrer Verzweiflung kämpfend. »Wie kann ich fortleben, wie ich bin, ein Fluch für mich, eine elende Schmach für jeden, dem ich zu nahe komme!« Plötzlich wendete sie sich an meinen Begleiter: »Zertreten Sie mich, töten Sie mich! – Als sie Ihr Stolz war, hätten Sie es für ein Unglück gehalten, wenn ich sie auf der Straße mit meinem Kleide berührt hätte. Sie können nicht – warum sollten Sie auch? – eine Silbe glauben, die von meinen Lippen kommt. Selbst jetzt wäre es eine brennende Schmach in Ihren Augen, wenn sie und ich ein Wort wechselten! Ich klage nicht! Ich sage nicht, daß sie und ich gleich sind – ich weiß, es ist ein großer, großer Unterschied zwischen uns. Ich sage nur mit dem ganzen Bewußtsein meiner Schuld auf dem Herzen, daß ich ihr dankbar bin von ganzer Seele, daß ich sie liebe! O glauben Sie nicht, daß die Kraft, etwas zu lieben, ganz ausgestorben in mir ist. Stoßen Sie mich von sich, wie es die ganze übrige Welt tut. Bringen Sie mich um, weil ich so schlecht bin, und weil ich sie jemals gekannt habe; aber denken Sie das nicht von mir.« Während sie so flehentlich bat, sah er sie mit wildem, verstörten Blick an; und als sie schwieg, hob er sie sanft auf. »Martha,« sagte Mr. Peggotty, »Gott verhüte, daß ich mich zu Ihrem Richter aufwerfen sollte. Er verhüte, daß ich vor allen andern es tun sollte! Sie kennen die Veränderung, die im Verlaufe der Zeit über mich gekommen ist, nicht zur Hälfte, wenn Sie das für möglich halten. – Ja!« sagte er nach einer Pause und fuhr dann fort: »Sie können sich nicht erklären, warum dieser Herr und ich mit Ihnen zu sprechen wünschten. Sie können sich nicht erklären, was wir damit bezwecken. Hören Sie mich an.« Er beherrschte sie ganz. Sie stand demütig vor ihm, als fürchte sie sich, ihm in die Augen zu sehen; aber ihr leidenschaftlicher Schmerz war beruhigt und stumm geworden. »Wenn Sie an jenem Abend, wo es so sehr schneite,« sagte Mr. Peggotty, »etwas von dem hörten, was ich Mr. Davy erzählte, so wissen Sie, daß ich weit, weit gewesen bin, um meine liebe Nichte zu suchen. Meine liebe Nichte«, wiederholte er mit fester Stimme. »Denn ich liebe sie jetzt mehr, Martha, als jemals zuvor.« Sie verhüllte das Gesicht mit den Händen, aber blieb im übrigen ruhig. »Ich weiß, sie hat mir erzählt,« sagte Mr. Peggotty, »daß Sie als vater- und mutterlose Waise und ohne Angehörige früh unter dem wilden Matrosenvolk allein geblieben sind. Vielleicht, wenn Sie einen guten Pflegevater gehabt hätten, hätten Sie ihn mit der Zeit lieb gewonnen, und da können Sie sich dann vorstellen, daß meine Nichte mir wie eine Tochter war!« Wie sie stumm und zitternd vor ihm stand, hüllte er sie sorglich in ihren Schal ein, den er zu diesem Zwecke aufgehoben hatte. »Und daraus weiß ich,« fuhr er fort, »daß sie bis an der Welt Ende mit mir gehen würde, wenn sie mich wieder einmal sehen könnte, und daß sie bis an das fernste Ende der Welt fliehen würde, um meinen Anblick zu vermeiden. Denn obgleich sie gewiß nicht an mir verzweifelt – nein, das tut sie nicht,« wiederholte er mit einem ruhigen Vertrauen in die Wahrheit dessen, was er sagte, »so mischt sich doch die Scham hinein und hält uns auseinander.« Aus jedem Worte seiner einfachen, eindrucksvollen Rede erkannte ich, daß er diesen Gegenstand nach allen Seiten überlegt hatte. »Nach unserm Dafürhalten,« fuhr er fort – »Master Davy meine ich und mich – muß sie einmal ihr Weg nach London führen. Wir wissen, Master Davy und ich und alle, daß Sie so unschuldig an ihrem Unglück sind wie ein neugebornes Kind. Sie sagten vorhin, daß sie gut und freundlich und herzlich gegen Sie war. Gott segne sie; so war sie! So war sie immer gegen jedermann. Sie sind ihr dankbar und lieben sie; helfen Sie uns, sie zu finden, und der Himmel wird sie belohnen!« Sie sah ihn hastig und das erstemal an, als ob sie an der Richtigkeit dessen, was sie hörte, zweifle. »Sie wollen mir vertrauen?« fragte sie mit leiser, erstaunter Stimme. »Ganz und gar«, erwiderte Mr. Peggotty. »Ich darf sie anreden, wenn ich sie finden sollte; sie zu mir nehmen, wenn ich selbst ein Obdach habe; und darf dann, ohne daß sie es weiß, zu Ihnen kommen und Sie zu ihr führen?« fragte sie hastig. Wir beide gaben zur Antwort: »Ja!« Sie erhob die Augen und erklärte feierlich, daß sie sich mit allem Eifer und getreulichst diesem Werke widmen wolle. Daß sie nie wankend werden und es nie aufgeben wolle, solange noch die kleinste Hoffnung sei. Wir hielten es für passend, ihr alles zu sagen, was wir wußten, und ich erzählte es ihr ausführlich. Sie hörte mit großer Aufmerksamkeit zu und mit stetig wechselndem Gesichtsausdrucke. Ihre Augen füllten sich manchmal mit Tränen, aber sie hielt sie zurück. Es war, als ob sich ihr Gemüt ganz und gar verändert hätte und sie nicht ruhig genug sein könnte. Als wir alles erzählt hatten, fragte sie, wo sie uns Mitteilungen machen könnte, wenn sich Veranlassung dazu finden sollte. Unter einer trüben Laterne am Wege schrieb ich unsere beiden Adressen auf ein Blatt meines Taschenbuches, riß es heraus und gab es ihr, und sie steckte es hinter ihr ärmliches Busentuch. Ich fragte sie, wo sie wohne. Nach einer kurzen Pause sagte sie, an keinem Orte lange. Es sei besser, es nicht zu wissen. Da Mr. Peggotty mir flüsternd etwas sagte, was mir selbst schon eingefallen war, zog ich die Börse heraus; aber ich konnte sie nicht bewegen, Geld anzunehmen, und konnte ihr auch kein Versprechen abringen, daß sie es ein andermal tun wollte. Ich stellte ihr vor, daß Mr. Peggotty für einen Mann seines Standes nicht arm genannt werden könnte, und daß der Gedanke, ihr diesen Auftrag zu geben, während sie ganz auf ihre eignen Kräfte hinsichtlich des Erwerbs angewiesen sei, uns verletze. Sie blieb standhaft. In dieser Sache war sein Einfluß auf sie nicht größer als meiner. Sie dankte ihm herzlich, aber blieb unerbittlich. »Vielleicht bekomme ich Arbeit«, sagte sie. »Ich will es versuchen.« »So nehmen Sie wenigstens eine Unterstützung an, bis Sie es versucht haben«, entgegnete ich. »Ich könnte das, was ich versprochen habe, nicht für Geld tun«, gab sie zur Antwort. »Ich könnte es nicht annehmen, wenn ich verhungerte. Mir Geld geben, hieße, mir Ihr Vertrauen entziehen, das Ziel wegnehmen, das Sie mir vorgesteckt haben, die einzige gewisse Sache wegnehmen, die mich vor dem Flusse rettet.« »Im Namen des höchsten Richters,« sagte ich, »vor den Sie und jeder von uns zu seiner Zeit treten müssen, geben Sie diesen schrecklichen Gedanken auf. Wir können alle Gutes tun, wenn wir wollen.« Sie zitterte, ihre Lippe bebte und ihr Gesicht war blässer, als sie antwortete: »Es ist Ihnen vielleicht ins Herz gelegt worden, mich unglückliches Geschöpf zu retten, um mir Zeit zur Reue zu geben. Ich fürchte mich fast vor dem Gedanken; er ist zu kühn. Wenn ich noch etwas Gutes tun könnte, so könnte ich anfangen zu hoffen; denn aus meinen Taten ist bis jetzt noch nichts andres als Böses entsprungen. Das erstemal seit langer, langer Zeit wird mir mein elendes Leben anvertraut, um eine Aufgabe zu erfüllen. Ich sage weiter nichts und kann weiter nichts sagen.« Abermals unterdrückte sie die Tränen, die zu fließen angefangen hatten; sie streckte ihre zitternde Hand aus und berührte Mr. Peggotty, als ob eine heilende Kraft in ihm wäre, und ging ihre einsame Straße. Wahrscheinlich war sie lange krank gewesen. Wie ich sie näher ansah, bemerkte ich, daß sie elend und abgemagert aussah und daß ihre tief eingesunkenen Augen von Entbehrung und Mangel Zeugnis ablegten. Wir folgten ihr eine kleine Strecke, denn unser Weg führte uns in derselben Richtung, bis wir in die helleren und belebteren Straßen kamen. Ich setzte so unbedingtes Vertrauen auf ihre Erklärung, daß ich jetzt Mr. Peggotty fragte, ob es nicht aussehen würde, als ob wir ihr mißtrauten, wenn wir ihr länger folgten. Da er derselben Meinung war und ihr ebenso fest traute, ließen wir sie ihre Straße gehen und schlugen den Weg nach Highgate ein. Er begleitete mich eine gute Strecke; und als wir mit einem Gebet für den Erfolg dieses neuen Versuchs schieden, lag ein Ausdruck neuer und gedankenvoller Teilnahme auf seinem Gesicht, den ich mir leicht erklären konnte. Es war Mitternacht als ich zu Hause ankam. Ich stand an meiner Gartentür und hörte dem tiefen Tone der Glocke der St. Paulskirche zu, der mir aus der Menge anderer Glocken hervorzuklingen schien, als ich zu meiner Überraschung die Gartentür meiner Tante offenstehen und ein schwaches Licht aus der Tür über den Weg scheinen sah. Ich glaubte, meine Tante hätte vielleicht einen Rückfall ihrer alten Schrecken bekommen, und beobachtete darum die Fortschritte einer eingebildeten Feuersbrunst in der Ferne, und deshalb wollte ich mit ihr reden, um sie zu beruhigen. Zu meinem großen Staunen sah ich aber einen Mann in dem kleinen Garten stehen. Er hatte ein Glas und eine Flasche in der Hand und trank. Ich blieb hinter der dichten Hecke draußen stehen, denn der Mond war jetzt aufgegangen, obgleich von Wolken verdunkelt; ich erkannte den Mann, den ich früher für ein Phantasiegebild Mr. Dicks gehalten, und dem ich einmal mit meiner Tante in den Straßen der City begegnet war. Er aß und trank und schien mit hungrigem Appetit zu essen. Auch das Häuschen schien seine Neugier rege zu machen, als ob er es zum ersten Male sähe. Wie er die Flasche auf die Erde gesetzt hatte, blickte er zu dem Fenster hinauf und sah sich um; obgleich mit einer scheuen und ungeduldigen Miene, als ob er gern fortwollte. Der lichte Schein in dem Gange war für einen Augenblick verdunkelt, und meine Tante trat heraus. Sie war sehr aufgeregt und zählte Geld in seine Hand. Ich hörte es klimpern. »Was soll ich damit?« fragte er. »Ich kann nicht mehr entbehren«, entgegnete meine Tante. »Dann geh ich nicht fort«, sagte er. »Da! Nimm es zurück!« »Du böser Mensch, du schlechter Mensch!« entgegnete meine Tante mit großer Bewegung, »wie kannst du mich so schändlich behandeln? Aber warum frage ich? Weil du weißt, wie schwach ich bin! Brauche ich etwas andres zu tun, um mich auf immer von deinen Besuchen zu befreien, als dich deinem verdienten Schicksal zu überlassen?« »Und warum überlässest du mich nicht meinem verdienten Schicksal?« »Du fragst mich, warum?« entgegnete meine Tante. »Was für ein schlechtes Herz du haben mußt!« Er klimperte unschlüssig und mürrisch mit dem Gelde und schüttelte den Kopf, bis er endlich sagte: »Du willst mir also weiter nichts geben?« »Es ist alles, was ich dir geben kann«, sagte meine Tante. »Du weißt, daß mich Verluste betroffen haben, und daß ich ärmer bin, als ich früher war. Ich habe es dir gesagt. Da du nun Geld hast, warum verursachst du mir den Schmerz, dich noch einen Augenblick lang anblicken zu müssen und zu sehen, was aus dir geworden ist?« »Ich sehe freilich ruppig genug aus, wenn du das meinst«, sagte er. »Ich verkrieche mich wie eine Eule.« »Du hast mir den größten Teil meines Vermögens genommen!« sagte meine Tante. »Du hast für lange Jahre mein Herz gegen die ganze Welt verschlossen. Du hast mich treulos, undankbar und grausam behandelt. Geh und bereue es. Füge nicht neues Unrecht zu der langen, langen Reihe von Unrecht, das du mir schon angetan hast!« »Ja!« sagte er. »Das ist alles recht schön! – Nun, ich muß mich vorderhand einrichten, so gut es geht.« Wider seinen Willen schienen ihn die entrüsteten Tränen meiner Tante zu beschämen, und er kam aus dem Garten geschlürft. Mit zwei oder drei raschen Schritten, als ob ich eben käme, begegnete ich ihm in der Pforte. Wir sahen uns beim Vorbeigehen scharf an, und mit keinem freundlichen Blick. »Tante,« sagte ich hastig ,»dieser Mann verfolgt dich schon wieder! Laß mich mit ihm sprechen. Wer ist es?« »Kind,« entgegnete meine Tante und ergriff mich beim Arm, »tritt herein und rede zehn Minuten lang nicht mit mir.« Wir setzten uns in dem kleinen Wohnzimmer nieder. Meine Tante zog sich hinter den runden grünen Schirm aus früheren Tagen zurück, der auf die Lehne eines Stuhles geschraubt war, und wischte sich während einer Viertelstunde dann und wann die Augen. Dann trat sie wieder vor und setzte sich neben mich. »Trot,« sagte meine Tante ruhig, »das ist mein Mann.« »Dein Mann, Tante? Ich glaubte, er wäre tot!« »Für mich ist er tot,« entgegnete meine Tante, »aber er lebt.« Ich sah sie in stummer Bestürzung an. »Betsey Trotwood sieht nicht aus wie ein passender Gegenstand für eine zärtliche Leidenschaft,« sagte meine Tante ruhig, »aber es war eine Zeit, Trot, wo sie an diesen Mann von ganzem Herzen glaubte. Wo sie ihn wahrhaft liebte, Trot. Dafür dankte er ihr damit, daß er ihr Vermögen zugrunde richtete und fast ihr Herz brach.« »Meine liebe gute Tante!« »Ich schied großmütig von ihm«, fuhr meine Tante fort und legte ihre Hand wie gewöhnlich auf meine. »Nach dieser langen Zeit, Trot, darf ich wohl sagen, großmütig. Er hatte so schlecht an mir gehandelt, daß ich mich unter guten Bedingungen für meine Person hätte von ihm scheiden lassen können, aber ich tat es nicht. Er hatte bald, was ich ihm gab, vergeudet, sank immer tiefer und tiefer, heiratete noch einmal, glaube ich, wurde ein Abenteurer, ein Spieler und ein Schwindler. Was er jetzt ist, hast du gesehen. Aber als ich ihn heiratete, war er ein schöner Mann«, sagte meine Tante mit einem Widerhall des Stolzes und der Bewunderung früherer Zeit in ihrer Stimme, »und ich hielt ihn – ich war eine Närrin! – für den bravsten Ehrenmann!« Sie drückte mir die Hand und schüttelte den Kopf. »Er gilt mir jetzt nichts mehr, Trot – weniger als nichts aber ich gab ihm lieber mehr Geld, als ich entbehren konnte, wenn er zuzeiten zu mir kommt, als daß ich ihn wegen seiner Vergehen bestraft sehen möchte – und das würde geschehen, wenn er sich im Lande herumtreibt. Ich war eine Närrin, als ich ihn heiratete, und ich bin noch so sehr eine ungeheure Närrin in dieser Sache, daß ich um dessen willen, wofür ich ihn einst hielt, selbst diesen Schatten meines nichtigen Jugendtraumes vor Schande schützen möchte. Denn mein Herz meinte es ehrlich, Trot, wenn es jemals eine Frau ehrlich mit ihrer Liebe meinte.« Meine Tante schwieg mit einem schweren Seufzer und strich sich das Kleid glatt. »So, lieber Trot!« sagte sie. »Jetzt weißt du den Anfang, die Mitte und das Ende und alles, was darum hängt. Wir wollen nicht weiter von der Sache sprechen. Natürlich wirst du auch nicht zu andern Leuten davon reden. Das ist meine krause, trübselige Geschichte, und wir wollen sie für uns behalten, Trot.« Achtundvierzigstes Kapitel. Unsere Häuslichkeit. Ich arbeitete angestrengt an meinem Buche, ohne mich dadurch in der pünktlichen Verrichtung meiner Zeitungspflichten stören zu lassen; es erschien und machte viel Glück. Das Lob, das in meine Ohren tönte, betäubte mich nicht, obgleich ich es lebendig fühlte und gewiß besser von meinem Werke dachte als irgend ein anderer Mensch. Meine Beobachtung der Menschen hat mir stets gezeigt, daß jemand, der mit gutem Grunde an sich glaubt, sich niemals vor andern rühmt, damit sie an ihn glauben. Aus diesem Grunde behielt ich meine Bescheidenheit aus Achtung vor mir selbst bei, und je mehr Lob ich erntete, desto mehr suchte ich es zu verdienen. Ich beabsichtige hier nicht, obgleich ich in allem wesentlichen meine Lebensgeschichte schreibe, die Geschichte meiner Werke zu verfolgen. Sie sprechen für sich selbst, und ich überlasse sie sich selbst. Wenn ich ihrer beiläufig erwähne, so tue ich es nur, weil es Glieder meines Fortschrittes im Leben sind. Da ich jetzt einigen Grund zu glauben hatte, daß mich die Natur und der Zufall zu einem Schriftsteller gemacht hatten, so setzte ich meinen Beruf mit Vertrauen fort. Ohne diesen Glauben hatte ich ihn gewiß aufgegeben und meine Kräfte einem andern Unternehmen gewidmet. Ich würde mich bemüht haben, herauszufinden, für welche Tätigkeit mich eigentlich Natur und Verhältnisse bestimmt hätten und wäre das dann eben geworden und nichts andres. Ich hatte für Zeitungen und andere literarische Blätter so fleißig geschrieben, daß ich mich für berechtigt hielt, als mein neues Werk fertig war, das langweilige Berichterstatten aufzugeben. Daher notierte ich eines schönen Abends die Musik des parlamentarischen Dudelsacks zum letzten Male auf und habe sie seitdem nie wieder gehört, obwohl ich noch immer in den Zeitungen die altbekannten Klänge wiedererkenne, ohne irgend welche wesentliche Variation (außer, daß das Gedröhn länger dauert) die ganze liebe Session hindurch. Ich erzähle jetzt von der Zeit, als ich etwa anderthalb Jahre verheiratet war. Nach mehreren Versuchen verschiedener Art hatten wir das Haushalten als eine schlechte Sache aufgegeben. Das Haus ging wie es wollte, und wir hielten einen kleinen Pagen. Das Hauptamt dieses jungen Mannes war, sich mit der Köchin zu zanken, worin er ein vollkommener Whittington war, aber ohne Katze und ohne die entfernteste Aussicht Lord-Mayor zu werden. In meiner Erinnerung lebte er unter einem beständigen Hagel von Topfdeckeln. Sein ganzes Dasein war ein Kampf. Er schrie bei den allerunpassendsten Gelegenheiten nach Hilfe – z. B. wenn wir eine kleine Tischgesellschaft oder ein paar Freunde zum Abendessen hatten – und kam aus der Küche hereingestürzt, während eiserne Wurfgeschosse hinter ihm drein prasselten. Wir wären ihn gern losgewesen, aber er hing sehr an uns und ging nicht. Er weinte leicht und brach in so schreckliche Klagen aus, als wir ihm aufkündigen wollten, daß wir ihn behalten mußten. Er hatte keine Mutter – überhaupt keine Verwandten, als eine Schwester, die nach Amerika entfloh, sobald sie ihn an uns losgeworden war; und so blieb er uns auf dem Halse wie ein abscheulicher Wechselbalg. Er hatte ein lebhaftes Gefühl für seinen eigenen unglücklichen Zustand, rieb sich immer die Augen mit dem Ärmel seiner Jacke, oder bückte sich, um sich in den äußersten Zipfel eines kleinen Taschentuchs zu schneuzen, das er niemals ganz aus der Tasche zog, mit dem er vielmehr sehr sparsam und geheimnisvoll verfuhr. Dieser unglückliche Page, der in einer bösen Stunde für sechs Pfund zehn Schillinge jährlich gemietet wurde, war für mich eine Quelle beständiger Unruhe. Ich beobachtete ihn, wie er aufwuchs – und er wuchs in die Höhe wie Stangenbohnen – mit banger Furcht vor der Zeit, wo er anfangen würde sich zu rasieren; und selbst vor den Tagen, wo er kahlköpfig oder grau werden würde. Ich hatte keine Hoffnung, ihn los zu werden, und wenn ich mir die Zukunft ausmalte, so dachte ich schon mit Grauen daran, wie lästig er mir erst als Greis sein würde. Auf nichts weniger war ich vorbereitet, als auf die traurige Art und Weise, in der ich ihn los wurde. Er stahl Doras Uhr, die, wie alles, was uns gehörte, keinen bestimmten Platz hatte; machte sie zu Geld und verbrauchte den Ertrag – er war immer etwas einfältig – damit, daß er beständig mit der Landkutsche zwischen London und Uxbridge hin und her fuhr. Bei Vollendung seiner fünfzehnten Fahrt verhafteten sie ihn und brachten ihn nach Bowstreet, wo man vier Schilling und sechs Pence und eine alte Querpfeife, die er nicht spielen konnte, bei ihm fand. Die Entdeckung und ihre Folgen wären viel weniger unangenehm für mich gewesen, wenn er nicht so reuig gewesen wäre. Aber er war sehr reuig und auf ganz eigentümliche Weise – nicht auf einmal, sondern mittels Abschlagszahlung. Z. B.: Am Tage nach dem ersten Verhör auf dem Gericht machte er Enthüllungen über eine Kiste in der Küche, die wir voll Weinflaschen glaubten, in der aber nichts als Flaschen und Korke waren. Wir glaubten, er hätte jetzt sein Gemüt erleichtert und das schlimmste, was er von der Köchin wußte, gesagt; aber einen oder zwei Tage später fühlte er neue Gewissensbisse und entdeckte uns, daß sie ein kleines Mädchen hatte, die sich jeden Morgen ganz früh in dem Hause Brot holte; und wie er selbst bestochen worden war, um den Milchmann mit Kohlen zu versorgen. Wieder ein paar Tage darauf erfuhr ich durch die Behörden, daß große Stücken Rindfleisch mit dem Kehricht und Bettlaken in dem Lumpensack auf die Seite gebracht würden. Nach einiger Zeit nahmen seine Geständnisse wieder eine ganz andre Richtung an, und er bekannte, daß er gewußt hätte, der Bierausträger habe die Absicht gehabt, bei uns einzubrechen, und dieser wurde sofort verhaftet. Ich schämte mich allmählich so sehr, in dieser Weise als Opfertier dazustehen, daß ich ihm so viel Geld gegeben hätte, wie er wollte, wenn er nur den Mund gehalten, oder daß ich sogar die Polizei gern bestochen haben würde, um ihn auskneifen zu lassen. Es verschlimmerte noch die Sache dadurch, daß er keine Ahnung davon hatte, sondern glaubte, mir durch jede neue Enthüllung gewissermaßen Schadenersatz zu leisten, ja er meinte sogar, mich dadurch zu innigem Dank gegen ihn zu verpflichten. Endlich versteckte ich mich oder lief fort, sowie ich einen Abgesandten der Polizei mit einer neuen Nachricht nahen sah, und führte so ein teils verborgenes, teils flüchtiges Leben, bis ihm der Prozeß gemacht und er zur Deportation verurteilt worden war. Selbst da konnte er nicht ruhig sein, sondern schrieb uns immer Briefe; und bat so dringend, Dora vor seiner Abführung zu sehen, daß Dora ihn besuchte und in Ohnmacht fiel, als sie sich hinter den eisernen Gittern sah. Kurz, ich hatte keine ruhige Stunde, bis er über dem Meere und – wie ich später hörte – ein Schäfer »oben im Gebirge« geworden war; wo das aber eigentlich war, konnte ich der geographischen Lage nach nie herausbekommen. Das alles veranlaßte mich zu ernsthaftem Nachdenken und zeigte mir unsere Fehlgriffe in einem neuen Lichte, und ich konnte nicht umhin, es eines Abends Dora mitzuteilen, trotz meiner Liebe zu ihr. »Teuerste Frau,« sagte ich, »es ist wirklich sehr schlimm, daß der Mangel an System und guter Wirtschaft bei uns nicht nur uns schadet – daran haben wir uns gewöhnt – sondern auch andern.« »Du bist lange still gewesen und jetzt willst du wieder anfangen zu schelten!« sagte Dora. »Gewiß nicht, liebe Frau! Laß dir nur deutlich machen, was ich meine.« »Ich glaube nicht, daß ich's zu wissen brauche«, sagte Dora. »Aber du sollst es wissen, mein Schatz. Laß Jip herunter.« Dora legte seine Nasenspitze an meine und sagte: Puh! um mich lachen zu machen; da es ihr aber nicht gelang, befahl sie ihm, sich in seine Pagode zu setzen, und sah mich mit ineinander gefalteten Händen und einem allerliebsten resignierten Ausdruck im Gesicht an. »Die Sache ist die, mein Liebling,« sagte ich zu ihr, »wir haben etwas Ansteckendes an uns. Wir stecken jeden an, der in unsere Nähe kommt.« Ich wäre wohl in dieser bildlichen Weise fortgefahren, wenn mir Doras Gesicht nicht gesagt hätte, daß sie sich ganz verwundert fragte, ob ich für diesen unsern ungesunden Zustand eine neue Art Impfung oder eine Arznei vorschlagen wollte. Deshalb unterbrach ich mich und versuchte mich deutlicher auszudrücken. »Mein Herzchen,« fing ich von neuem an, »wir verlieren nicht nur Geld, häusliches Wohlbehagen und sogar manchmal unsere gute Laune, indem wir nicht lernen sorglicher zu sein, sondern wir geraten auch in die ernstliche Verantwortlichkeit, jedermann zu verderben, der in unsere Dienste tritt oder mit uns Geschäfte hat. Ich fange an zu fürchten, daß der Fehler nicht ganz auf einer Seite ist, sondern daß diese Leute alle schlecht werden, weil wir selbst nicht besonders gut sind.« »Was für eine Beschuldigung!« rief Dora aus und machte die Augen weit auf; »zu sagen, daß ich jemals goldene Uhren gestohlen hätte! O!« »Liebste Frau«, unterbrach ich sie, »sprich nicht so entsetzlichen Unsinn! Wer hat nur im mindesten von goldenen Uhren gesprochen?« »Du«, entgegnete Dora. »Du weißt es. Du sagtest, ich wäre nicht gut, und du vergleichst mich mit ihm.« »Mit wem?« fragte ich. »Mit dem Pagen«, schluchzte Dora. »O, du grausamer Mensch, deine gute Frau mit einem deportierten Pagen zu vergleichen. Warum sagtest du nicht, welche Meinung du von mir hattest, bevor wir uns heirateten? Warum sagtest du nicht, du hartherziger Mensch, daß du glaubtest, ich sei schlimmer als ein verurteilter Spitzbube? O, so eine abscheuliche Meinung von mir zu haben; o Gott!« »Aber, liebe Dora,« entgegnete ich und versuchte sanft das Taschentuch wegzunehmen, das sie vor ihre Augen hielt, »das ist nicht nur lächerlich von dir, sondern auch sehr unrecht. Erstlich ist es nicht wahr.« »Du sagtest immer, er lüge beständig«, schluchzte Dora. »Und jetzt sagst du dasselbe von mir! Ach, was soll ich tun! Was soll ich tun!« »Liebes Kind,« gab ich zur Antwort, »ich muß dich wirklich bitten, vernünftig zu sein und auf das zu hören, was ich dir sagte und jetzt sage. Liebste Dora, wenn wir nicht lernen, unsere Pflicht gegen die zu tun, die wir beschäftigen, werden sie nie lernen, ihre Pflicht gegen uns zu tun. Ich fürchte, wir geben den Leuten Gelegenheit, unrecht zu tun, die wir nie geben sollten. Selbst wenn wir in allen unsern Anordnungen aus Absicht so nachlässig wären, wie wir sind – und das ist nicht der Fall – und selbst wenn uns diese unordentliche Wirtschaft gefiele – und das ist wieder nicht der Fall – so bin ich überzeugt, wir hätten nicht das Recht, in dieser Weise fortzufahren. Wir verderben geradezu die Leute. Wir sind verpflichtet, das zu bedenken. Ich kann nicht umhin, daran zu denken, Dora. Es ist ein Gedanke, der nicht von mir weichen will und mir manchmal sehr viel Sorge macht. Sieh, Liebe! das ist alles. Aber nun komm und sei keine Törin!« Lange Zeit wollte mir Dora nicht erlauben, das Taschentuch von den Augen zu nehmen. Schluchzend und hinter demselben murmelnd saß sie da und fragte, warum ich sie geheiratet hätte, wenn ich mir Sorge machte, warum ich es nicht noch den Tag vor der Hochzeit gesagt hätte, daß ich wußte, ich würde mir Sorge machen und ich wollte es lieber nicht tun; wenn ich sie nicht ausstehen könnte, warum schickte ich sie da nicht zu ihren Tanten nach Putney oder zu Julia Mills nach Ostindien; Julia würde erfreut sein, sie zu sehen, und sie nicht einen deportierten Pagen nennen; Julia hätte ihr nie einen solchen Namen gegeben. Kurz, Dora war so über die Maßen betrübt, und ich selbst betrübte mich so sehr über ihren Schmerz, daß ich die Nutzlosigkeit jeder Wiederholung eines solchen Versuchs vollkommen fühlte und zu der Überzeugung gelangte, daß ich einen andern Weg einschlagen mußte. Welch anderer Weg blieb mir noch übrig! Ihren Geist zu bilden? Das war eine gewöhnliche Phrase, die hübsch und vielversprechend klang, und ich beschloß, Doras Geist zu bilden. Ich begann sofort. Wenn Dora sehr kindisch war und ich viel lieber ihren Launen nachgegeben hätte, versuchte ich ernst zu sein – und verstimmte sie und mich dazu. Ich unterhielt mich mit ihr über Gegenstände, die meine Gedanken beschäftigten; ich las ihr Shakespeare vor – und langweilte sie im höchsten Grade. Ich machte es mir zur Gewohnheit, ihr, wie zufällig, bruchstücksweise in diesem oder jenem Unterricht zu erteilen – und sie schrak vor jedem praktischen Rat zurück, als ob es ein Feuerwerkskörper gewesen wäre. So geschickt oder so natürlich ich es immer anfangen mochte, den Charakter meines kleinen Frauchens zu bilden, immer hatte sie ein instinktmäßiges Gefühl von dem, was ich beginnen wollte, und wurde der peinlichsten Furcht zum Raube. Ganz besonders merkte ich es deutlich, daß sie Shakespeare für einen ganz entsetzlichen Menschen hielt. Kurzum, mit der Bildung ging es sehr langsam. Ich warb Traddles ohne sein Wissen zu meiner Unterstützung an; wenn er uns besuchte, ließ ich meine Mienen gegen ihn springen, um Dora aus zweiter Hand zu erbauen. Die Masse von Lebensweisheit, die ich an Traddles in dieser Weise absetzte, war ungeheuer, und sie war von der besten Art. Aber auf Dora hatte sie weiter keine andere Wirkung, als daß sie dadurch verstimmt und stets in der Besorgnis erhalten wurde, die Reihe würde jetzt an sie kommen. Ich fand mich plötzlich in einen Schulmeister, eine Schlinge, eine Fallgrube verwandelt; es kam mir vor, als ob ich mit Fliege Dora immer Spinne spiele und beständig aus einem Versteck zu ihrem größten Entsetzen hervorstürze. Aber ich hielt doch Monate lang aus, für die Unannehmlichkeiten dieser Übergangszeit gestärkt durch die Aussicht auf die Zeit, wo zwischen Dora und mir vollständige Übereinstimmung herrschen und wo ich sie zu meiner vollkommenen Zufriedenheit gebildet haben würde. Aber ich entdeckte zuletzt, daß ich doch nichts ausgerichtet hatte, obgleich ich die ganze Zeit über ein wahres Stachelschwein gewesen war, über und über von Entschlossenheit starrend, und es fing mir an einzuleuchten, daß vielleicht Doras Wesen schon gebildet sei. Bei reiferem Nachdenken kam mir das so wahrscheinlich vor, daß ich meinen Plan aufgab, der im Entwurf viel verlockender aussah, als in der Ausführung, und mich für die Zukunft entschloß, mit meinem »kindischen Weibchen« zufrieden zu sein, und nicht zu versuchen, sie zu etwas anderm zu machen, als sie eben geschaffen war. Ich war es müde, selber so entsetzlich klug und weise zu sein und meine Frau sich solchen Zwang antun zu sehen; deshalb kaufte ich ihr denn ein Paar hübsche Ohrringe und Jip ein Halsband, und begab mich eines Tages nach Hause, um mich angenehm zu machen. Dora freute sich außerordentlich über die kleinen Geschenke und küßte mich dankbar; aber es war noch ein Schatten zwischen uns, wenn er auch nicht groß war, und ich war fest entschlossen, daß er verschwinden sollte. Wenn einmal ein solcher Schatten da sein mußte, so sollte er in Zukunft in meiner eignen Brust bleiben. Ich setzte mich zu meiner Frau aufs Sofa, hängte ihr die Ohrringe ein, und sagte ihr dann, ich fürchte, wir wären in der letzten Zeit nicht ganz so lustige Kameraden wie sonst gewesen, und daß es meine Schuld sei. Und das war meine aufrichtige Empfindung, und so war es auch. »Die Wahrheit ist, Dora, mein Leben,« sagte ich, »ich habe versucht, weise zu sein.« »Und mich auch weise zu machen«, fuhr Dora schüchtern fort. »Nicht wahr, Doady?« Ich nickte Zustimmung zu der allerliebsten Frage, die sie mit emporgezogenen Brauen tat und küßte die halboffenen Lippen. »Das hat gar, gar keinen Zweck«, sagte Dora und schüttelte ihren Kopf, bis die Ohrringe klingelten. »Du weißt, was für ein kleines Ding ich bin, und wie du mich von Anfang an nennen solltest. Wenn du das nicht kannst, so fürchte ich, du wirst mich nie lieb haben. Denkst du in Wahrheit nicht manchmal, es wäre besser gewesen, du hättest –« »Was denn, Herzchen?« fragte ich. Denn sie machte keinen Versuch, fortzufahren. »Nichts!« sagte Dora. »Nichts?« wiederholte ich. Sie schlang ihre Arme um meinen Hals, lachte, nannte sich bei ihrem Lieblingsnamen »Gänschen« und versteckte ihr Gesicht an meiner Schulter unter einer solchen Fülle von Locken, daß es eine wahre Aufgabe war, diese wegzuschieben, um jenes zu sehen. »Wäre es nicht besser gewesen, nichts zu tun, als den Versuch zu machen, den Geist meiner kleinen Frau zu bilden?« sagte ich, über mich selbst lachend. »Lautet die Frage so? Ja, wirklich, das denke ich.« »Ist es das, was du versucht hast?« rief Dora. »Ach, was für ein schrecklicher Junge!« »Aber ich werde es nie mehr versuchen«, erwiderte ich, »Denn ich liebe sie zärtlich so, wie sie ist.« »Ist das wahr – wirklich?« fragte Dora und schmiegte sich näher an mich. »Warum sollte ich versuchen, zu ändern,« sagte ich, »was solange so köstlich für mich gewesen ist! Du kannst dich nie vorteilhafter zeigen als in deinem eignen natürlichen Selbst, meine süße Dora, und wir wollen keine aberwitzigen Experimente mehr machen, sondern zu unsrer alten Weise zurückkehren und glücklich sein.« »Und glücklich sein!« erwiderte Dora. »Ja! Den ganzen Tag! Und du wirst dir nichts daraus machen, wenn die Sachen manchmal ein ganz klein wenig schief gehen?« »Nein, nein«, entgegnete ich. »Wir müssen unser Bestes versuchen.« »Und du wirst mir nicht mehr sagen, daß wir andre Leute schlecht machen,« schmeichelte Dora, »wirst du? Denn, weißt du, das ist so schrecklich ungemütlich.« »Nein, nein«, sagte ich. »Es ist besser für mich, wenn ich dumm bin und mich dabei nicht unbehaglich fühle, nicht wahr?« fragte Dora. »Besser, die natürliche Dora zu sein, als irgend etwas andres in der Welt.« »In der Welt! Ach, Doady, die Welt ist groß!« Sie schüttelte das Köpfchen, erhob ihre glücklichen Augen zu den meinen, küßte mich, brach in fröhliches Lachen aus und hüpfte davon, um Jip das neue Halsband anzulegen. So endete mein letzter Versuch, Dora anders zu machen. Ich hatte mich dabei unglücklich gefühlt: ich konnte meine eigene einsame Weisheit nicht vertragen: ich konnte sie nicht mit ihrer früheren Bitte, als mein »kindisches Weibchen« zu gelten, aussöhnen. Ich beschloß im stillen, mein möglichstes zu tun, um es besser im Haushalt zu machen; aber ich sah daraus, daß mein möglichstes sehr wenig sein würde, wenn ich nicht wieder zur Spinne werden und immer auf der Lauer liegen wollte. Und der Schatten, von dem ich gesprochen hatte, der nicht mehr zwischen uns sein, sondern ganz auf meinem Herzen ruhen sollte, wo war der? Das alte Gefühl, daß mir etwas fehlte, durchdrang mein Leben. Es war lebhafter geworden, wenn es sich überhaupt verändert hatte; aber es war unbestimmt wie eine Trauermelodie, die in der Nacht schwach aus der Ferne herüberklingt. Ich liebte mein Weib aufs innigste, und ich war glücklich, aber das Glück, das ich mir einst vorgemalt, war nicht das Glück das ich jetzt genoß, und immer fehlte mir etwas. Gemäß dem Vertrage, den ich mit mir selbst abgeschlossen habe, mein ganzes Seelenleben in diesen Blättern wiederzuspiegeln, prüfe ich es ganz genau und bringe seine Geheimnisse ans Licht. Was ich vermißte, betrachtete ich immer noch als etwas, das ein Traum meiner kindlichen Phantasie gewesen war; wie etwas, das überhaupt niemals zu verwirklichen war und dessen Unmöglichkeit der Verwirklichung ich jetzt mit einem natürlichen Schmerz entdeckte, wie ihn alle Menschen fühlen. Aber daß es besser für mich gewesen wäre, wenn mir meine Gattin mehr hätte helfen und die vielen Gedanken hätte teilen können, für die ich keinen Genossen fand, und daß dies hätte möglich sein können, das wußte ich . Zwischen diesen beiden unversöhnlichen Folgerungen: erstens daß das, was ich fühlte, allgemein und unvermeidlich sei, zweitens: daß es mir eigentümlich sei und anders hätte sein können, schwankte ich merkwürdig hin und her, ohne recht deutlich ihren Gegensatz zu fühlen. Wenn ich der lustigen, nie der Verwirklichung fähigen Jugendträume gedachte, gedachte ich auch jener schöneren Zeit vor dem Mannesalter, über die ich hinaus war. Dann stiegen die zufriedenen Tage mit Agnes in jenem lieben alten Hause vor mir auf, wie Schatten von Verblichenen, die vielleicht in einer andern Welt, aber niemals, niemals wieder hier auf Erden Gestalt und Leben annehmen konnten. Manchmal kam ich auf den Gedanken, was hätte geschehen können, oder was geschehen sein würde, wenn Dora und ich uns nie kennen gelernt hätten? Aber sie war so in mein Dasein verwebt, daß das der nichtigste aller Träume war und bald aus meinem Bereich entschwebte, wie Sommerfäden, die durch die Luft streichen. Ich liebte sie nach wie vor. Die Gefühle, die ich soeben beschrieb, schlummerten und wachten halb auf und schlummerten wieder in den innersten Tiefen meines Herzens. Ich trug die ganze Last unserer kleinen Sorgen für mich und verschloß meine schriftstellerischen Pläne in mich; Dora hielt die Federn, und wir fühlten beide, daß die Lasten gerecht verteilt waren. Sie liebte mich innigst und war stolz auf mich; als Agnes mit ein paar herzlichen Worten in ihren Briefen an Dora von dem Stolz und der Teilnahme schrieb, mit denen meine alten Freunde von meinem wachsenden Ruhme hörten und mein Buch läsen, als ob sie mich seinen Inhalt sprechen hörten, las sie mir Dora mit Freudentränen in ihren schönen Augen vor und sagte, ich sei ihr liebes, altes, gescheites, berühmtes Männchen. »Die erste mißverstandene Regung eines unerfahrenen Herzens.« Diese Worte der Mrs. Strong fielen mir zu jener Zeit beständig ein. Oft erwachte ich mit ihnen mitten in der Nacht, und ich erinnere mich, sie in den Träumen an den Mauern gelesen zu haben. Denn ich wußte jetzt, daß mein eigenes Herz noch unerfahren war, als ich Dora lieben lernte; und daß es, wenn es erfahren gewesen wäre, nie nach unserer Verheiratung hätte fühlen können, was es jetzt in seiner geheimgehaltenen Erfahrung fühlte. »Es kann kein größeres Mißverhältnis in einer Ehe geben als Mangel an Gemeinsamkeit in Bestrebungen und Charakter.« Auch an diese Worte erinnerte ich mich. Ich hatte mich bestrebt, Dora mir anzupassen, fand es jedoch unausführbar. Jetzt hatte ich mich Dora anzupassen, hatte mit ihr zu teilen, was ich konnte, und glücklich zu sein, hatte auf meinen Schultern zu tragen, was ich tragen mußte, und immer noch glücklich zu sein. Das war die Schule, der ich mein Herz zu unterwerfen versuchte, als ich nachzudenken anfing. Mein zweites Jahr wurde dadurch viel glücklicher als mein erstes, und was noch besser war, es machte das Leben meiner Dora zu lauter Sonnenschein. Aber wie das Jahr ablief, nahmen Doras Kräfte ab, und sie fing an zu kränkeln. Ich hatte gehofft, daß mir zartere Hände als die meinigen helfen würden, ihren Charakter zu bilden, und daß ein Kinderlächeln an ihrem Busen mein kindisches Weibchen zu einem richtigen Weibe machen würde. Es sollte nicht so sein. Die Seele schwebte zögernd einen Augenblick über der Schwelle ihres kleinen Kerkers und schwang sich, nichts ahnend von der Gefangenschaft, von dannen. »Wenn ich wieder herumspringen kann wie früher, Tante,« sagte Dora, »so werde ich Jip laufen lehren. Er ist recht faul geworden.« »Ich fürchte sehr, liebe Dora,« sagte meine Tante, die ruhig an ihrer Seite arbeitete, »er krankt an etwas Schlimmerem als an dem. An den Jahren, Dora.« »Meinst du, er würde alt?« sagte Dora ganz erstaunt. »Ach wie seltsam ist der Gedanke, daß Jip alt sein sollte!« »Es ist eine Krankheit, der wir alle ausgesetzt sind, Kleine, solange wir leben,« sagte meine Tante heiter; »ich fühle mich auch nicht gerade freier davon als früher, das versichere ich dich.« »Aber Jip,« meinte Dora und sah ihn mitleidig an, »selbst der kleine Jip! Ach, das arme Tier!« »Nun, er wird wohl noch eine gute Zeit aushalten, Maßliebchen«, sagte meine Tante und klopfte Dora auf die Wange, während sich diese über das Sofa herablehnte, um Jip anzusehen, der sich auf die Hinterbeine stellte und verschiedene asthmatische Versuche machte, hinaufzuklettern. »Wir müssen ihm diesen Winter eine wollene Decke in sein Häuschen legen, und dann kommt er gewiß im Frühling mit den Blumen ganz frisch wieder heraus. Das gute Hundchen!« rief meine Tante aus, »und wenn er ein so zähes Leben hatte wie eine Katze, und es sollte ihm endlich daran gehen, so glaube ich doch, er würde mich noch mit seinem letzten Atemzuge anbellen!« Dora hatte Jip auf das Sofa heraufgeholfen, wo er meine Tante so wütend anbellte, daß er sich gar nicht gerade halten konnte, sondern sich schief heulte. Je mehr ihn meine Tante ansah, desto lauter wurde er gegen sie; denn sie hatte sich seit einiger Zeit eine Brille zugelegt, und aus einem unerforschlichen Grunde betrachtete er das als eine persönliche Beleidigung. Mit vieler Überredung gelang es Dora, ihn zu bewegen, sich neben sie zu legen, und als er ruhig war, streichelte sie eins seiner langen Ohren mit der Hand und sagte gedankenvoll: »Selbst der kleine Jip! Ach, das arme Tier!« »Seine Lungen sind noch gut genug«, erwiderte meine Tante heiter, »und seine Leidenschaften sind noch nicht schwach geworden. Er hat gewiß noch viele, viele Jahre vor sich. Aber wenn du einen Hund zum Herumspringen haben willst, Herzchen, so hat er dazu zu gut gelebt, und ich werde dir einen andern schenken.«. »Ich danke dir, Tante«, entgegnete Dora mit schwacher Stimme. »Ich bitte dich, tu es nicht.« »Nicht?« fragte meine Tante, und nahm die Brille ab. »Ich könnte keinen andern Hund haben als Jip«, sagte Dora. »Das wäre so unrecht gegen Jip! Außerdem könnte ich auch keinem Hunde so gut sein, wie Jip, denn er hätte mich nicht vor meiner Heirat gekannt und hätte Doady nicht angebellt, als er zuerst zu uns kam. Ich könnte keinem andern Hund gut sein als Jip, fürchte ich, Tante.« »Gewiß, gewiß«, sagte meine Tante und klopfte ihr die Wange. »Du bist nicht bös«, erwiderte Dora. »Nicht wahr?« »O, das liebe empfindliche Kindchen!« rief meine Tante, und beugte sich liebreich über sie. »Wie sollte ich bös sein?« »Nein, nein, es ist mein Ernst nicht,« entgegnete Dora, »aber ich bin ein wenig müde, und es machte mich einen Augenblick zu einer kleinen Närrin, von Jip zu sprechen – du weißt ja, ich bin immer ein kleines Närrchen, aber darin noch mehr. Er ist immer dabei gewesen, bei allem, was mir geschehen ist, nicht wahr, Jip? und ich könnte es nicht ertragen, ihn zurückzusetzen, weil er ein klein wenig anders geworden ist – nicht wahr, Jip?« Jip drängte sich dichter an seine Herrin und leckte ihr schläfrig die Hände. »Du bist noch nicht so alt, daß du deine Herrin verlassen mußt,« sagte Dora, »Wir können uns noch ein klein wenig Gesellschaft leisten.« Meine allerliebste Dora! Als sie nächsten Sonntag zu Tische herunter gebracht wurde und sich so sehr freute, unsern alten Freund Traddles zu sehen, der Sonntags immer bei uns aß, glaubten wir, sie würde in wenig Tagen »herumspringen wie früher«. Aber da hieß es: Wir müssen noch ein paar Tage warten, und dann: Wir müssen noch ein paar Tage warten, und immer noch sprang sie nicht und ging nicht herum. Sie sah ganz allerliebst aus und war sehr heiter, aber die kleinen Füßchen, die so rasch waren, als sie um Jip herumtanzten, waren jetzt träge und matt. Ich mußte sie jetzt bald jeden Morgen die Treppe hinab und jeden Abend wieder hinauftragen. Sie faßte mich um den Hals und lachte dabei, als täte ich es zum Spaß. Jip bellte und sprang um uns herum und lief voraus und wartete auf einem Treppenabsatz mit keuchendem Atem auf uns, um zu sehen, ob wir nachkämen. Meine Tante, die beste aller Krankenpflegerinnen, kam hinter uns her, ein lebendiger Berg von Schals und Kissen. Mr. Dick hätte keinem lebendigen Menschen sein Amt als Leuchterträger abgetreten. Traddles stand oft unten an der Treppe und sah zu und übernahm neckende Botschaften von Dora an das beste Mädchen auf der Welt, Es war für uns wie ein heiteres Spiel, und mein kindisches Weibchen war die Heiterste von allen. Aber manchmal, wenn ich sie aufnahm und fühlte, daß sie leichter wurde, da kam ein dunkles, stumpfes Gefühl über mich, als ob ich mich einer mir noch unbekannten Eisregion näherte, die mein Leben erstarrte. Ich vermied es, für dieses Gefühl einen Namen zu suchen oder jemand davon zu sagen, bis ich eines Abends, als es stärker als je über mich kam und meine Tante sie mit dem Abschiedsgruß: Gute Nacht, kleines Maßliebchen! verlassen hatte, mich allein vor meinem Pulte niedersetzte und bei dem Gedanken weilte, welch verhängnisvoller Name das sei und wie solch Blümchen in seiner schönsten Blüte dahinwelke! Neunundvierzigstes Kapitel. Mich umstrickt ein Geheimnis. Ich erhielt eines Morgens durch die Post folgenden Brief, datiert von Canterbury und an mich in Doktor Commons adressiert. Ich las ihn nicht ohne Verwunderung. Er lautete: »Sehr geehrter Herr. Verhältnisse, die außerhalb des Bereichs meiner persönlichen Machtsphäre liegen, haben seit einer geraumen Zeit eine Lockerung jenes vertrauten Verkehrs bewirkt, der bei den durch Geschäftsverhältnisse sehr beschränkten Mußestunden, die Ereignisse und Vorfälle der Vergangenheit, beleuchtet von dem prismatischen Farbenspiel der Erinnerung, zu betrachten, mir immer freudige Gefühle von nicht gewöhnlicher Art gewährt hat und immer gewähren muß. Dieser Umstand, geehrter Herr, zusammengehalten mit der hohen Stufe des Ruhmes, auf die Sie Ihre Talente erhoben haben, hält mich ab, mir die Freiheit zu nehmen, den Gefährten meiner Jugend mit der altgewohnten Benennung Copperfield anzureden! Es genügt zu wissen, daß der Name durch dessen Nennung, ich mir selbst eine Ehre antue, stets als ein teurer Schatz unter den Urkunden unserer Familie – ich meine die mit unsern frühern Wohnungen verbundenen Mietsquittungen, die Mrs. Micawber aufbewahrt hat – aufbewahrt und mit Gefühlen persönlicher Hochachtung, die der Liebe nahe kommen, genannt werden wird. Einem, der wie ich durch seinen ursprünglichen Irrtum und ein verhängnisvolles Zusammentreffen von unglücklichen Zufällen der gescheiterten Arche gleicht – wenn er sich erlauben darf, einen so maritimen Ausdruck zu gebrauchen – und der jetzt die Feder ergreift, um an Sie zu schreiben – einem, wiederhole ich, der in solchen Verhältnissen ist, geziemt es nicht, die Sprache der Komplimente oder Beglückwünschung zu reden. Das überläßt er geschickteren und reineren Händen –. Wenn Ihre wichtigeren Beschäftigungen Ihnen erlauben, diese mangelhaften Schriftzüge bis hierher zu lesen – was vielleicht der Fall ist, oder vielleicht auch nicht, wie es nun kommt, – so werden Sie natürlich fragen, was mich veranlaßt, das gegenwärtige Schreiben anzufertigen. Erlauben Sie mir, zu sagen, daß ich die Berechtigung dieser Frage vollkommen zugebe, und gestatten Sie mir, mich weiter auszulassen, wobei ich jedoch vorausschicke, daß der Zweck des Briefes keine Geldangelegenheit ist. Ohne bestimmter von einer mir vielleicht innewohnenden schlummernden Fähigkeit, den Donnerkeil zu schleudern oder die verzehrende und rächende Flamme irgendwohin zu senden, zu sprechen, darf ich mir vielleicht die Bemerkung gestatten, daß meine glänzendsten Träume für immer zerronnen sind, daß mein Friede gestört und meine Fähigkeit, mich zu freuen, vernichtet ist – daß mein Herz nicht mehr auf dem rechten Flecke sitzt – und daß ich nicht mehr aufrecht gehe vor meinen Nebenmenschen. Der Wurm nagt in der Blume. Der Kelch ist bitter bis an den Rand. Der Drache ist tätig und wird bald sein Opfer haben. Je eher, desto besser. Aber ich will nicht abschweifen. Von einer geistigen Stimmung besonders schmerzlicher Natur befangen, die selbst außer dem besänftigenden Versuch von Mrs. Micawber steht, obgleich sie ihren Einfluß in der dreifachen Würde ausübt als Weib, Gattin und Mutter; beabsichtige ich, auf eine kurze Zeit vor mir selbst zu fliehen und eine Frist von achtundvierzig Stunden zu benutzen, um in der Weltstadt einige Szenen entschwundenen Glücks wieder aufzusuchen. Außer nach andern Häfen häuslicher Ruhe und des Seelenfriedens werden sich meine Füße natürlich nach Kingsbenchgefängnis wenden. Indem ich ihnen melde, daß ich mich – so Gott will – an der äußern Seite der südlichen Mauer dieses Ortes für die Haft im bürgerlichen Prozeß übermorgen abend um sieben einfinden werde, ist der Zweck dieser brieflichen Mitteilung erreicht. Ich fühle mich nicht berechtigt, meinen frühern Freund Mr. Copperfield oder meinen frühern Freund Mr. Thomas Traddles vom Inner Temple, wenn dieser Herr noch am Leben ist, zu bitten, mir die große Gefälligkeit zu tun, mich zu treffen, und, soweit es die Umstände erlauben, unsere frühern Beziehungen zueinander zu erneuern. Ich beschränke mich darauf, die Bemerkung fallen zu lassen, daß zu der angegebenen Stunde und an dem angegebenen Orte gefunden werden kann, was noch übrig ist von den Trümmern eines gefallenen Turmes Wilkins Micawber. P. S. Es dürfte ratsam sein, dem Obigen noch hinzuzufügen, daß ich Mrs. Micawber hinsichtlich meiner Absichten nicht ins Vertrauen gezogen habe.« Ich las den Brief mehrere Male durch. Wenn ich auch Mr. Micawbers Vorliebe für phrasenreichen Stil und den großen Genuß, mit dem er lange Briefe über alle möglichen und unmöglichen Angelegenheiten schrieb, in Abzug brachte, so mußte ich doch immer noch glauben, daß diesem seltsamen Brief etwas Ernsthaftes zugrunde liegen müsse. Ich legte ihn hin, um weiter darüber nachzudenken, und nahm ihn wieder vor, um ihn noch einmal zu lesen, und las ihn immer noch und wußte gerade gar nicht, wie ich daran war, als Traddles eintrat. »Bester Freund,« sagte ich, »es hat mich nie mehr gefreut, dich zu sehen. Du hast just die beste Gelegenheit, mich mit deinem klaren Urteil zu unterstützen. Ich habe einen sehr merkwürdigen Brief von Mr. Micawber erhalten, Traddles.« »Was?« rief Traddles. »Wirklich? und ich habe einen von Mrs. Micawber!« Mit diesen Worten zog Traddles, der ganz rot vom Gehen war, und dessen Haar von der vereinigten Wirkung der Anstrengung und der Aufregung zu Berge stand, als ob er ein luftiges Gespenst sähe, seinen Brief aus der Tasche und tauschte ihn gegen den meinigen ans. Ich beobachtete ihn, bis er die Mitte des Briefes erreicht hatte, und erwiderte das Emporziehen seiner Augenbrauen, als er sagte: ›den Donnerkeil zu schleudern oder die verzehrende und rächende Flamme irgendwohin zu senden!‹ »Das ist stark, Copperfield!« und las dann Mrs. Micawbers Brief. Er lautete: »Mr. Thomas Traddles meine besten Empfehlungen, und sollte er sich noch an eine Person erinnern, die früher das Glück hatte, gut mit ihm bekannt zu sein, so bitte ich ihn um Erlaubnis, einige Augenblicke seiner Mußezeit in Anspruch nehmen zu dürfen. Ich versichere Mr. T. T., daß ich seiner Güte nicht beschwerlich fallen würde, wenn ich nicht an den letzten Grenzen der Verzweiflung stände. Obgleich es fürchterlich zu sagen ist, so muß es doch heraus. Die Entfernung Mr. Micawbers, der früher ein so häuslicher Ehemann war, von seiner Gattin und seiner Familie ist die Ursache, daß ich diesen Schmerzensschrei an Mr. Traddles richte und seine größte Nachsicht in Anspruch nehme. Mr. T. kann sich keinen annähernden Begriff von der Veränderung in Mr. Micawbers Benehmen machen, von seiner Zerstreutheit und von seiner Heftigkeit. Sie hat allmählich zugenommen, bis sie den Anschein einer Seelenstörung annimmt. Ich versichere Mr. Traddles, es vergeht kaum ein Tag, wo nicht ein Paroxysmusanfall stattfindet. Mr. T. wird nicht von mir verlangen, daß ich meine Gefühle schildere, wenn ich ihm sage, daß ich gewöhnt worden bin, Mr. Micawber behaupten zu hören, er habe sich an den T. ... verkauft. Geheimnistuerei und Verstecktheit ist seit langer Zeit sein vornehmster Charakterzug und hat seit langer Zeit das unbegrenzte Vertrauen ersetzt. Der geringste Anlaß, selbst wenn er gefragt wird, ob er vielleicht etwas Besondres zu Mittag wünsche, veranlaßt ihn, den Wunsch nach Scheidung auszusprechen. Gestern abend, als ihn eine zarte Kinderstimme um zwei Pence für Zitronenbiskuit bat – eine Delikatesse hier am Orte – da drohte er den Zwillingen mit einem Austermesser. Ich bitte Mr. Traddles, zu verzeihen, daß ich in diese Einzelheiten eingehe. Ohne diese würde es Mr. T. sicherlich schwer werden, sich die geringste Vorstellung von meiner herzzerreißenden Lage zu machen. Darf ich jetzt wagen, Mr. T. den Zweck meines Briefes anzuvertrauen, wird er jetzt erlauben, mich ganz auf seine freundschaftliche Nachsicht zu verlassen? O ja, denn ich kenne sein Herz! Das rasche Auge der Liebe ist nicht leicht zu blenden, besonders nicht, wenn es dem weiblichen Geschlecht angehört. Mr. Micawber reist nach London. Obgleich er auf das sorgfältigste heute morgen vor dem Frühstück, als er die Adresse auf den kleinen braunen Mantelsack seiner glücklichern Tage schrieb, seine Hand vorhielt, so gewahrte doch der Adlerblick ehelicher Besorgnis auf das deutlichste d, o, n. Die Haltestelle der Landkutsche im Westend ist das »goldene Kreuz«. Darf ich wagen, Mr. T. auf das inständigste zu bitten, meinen übelberatenen Gatten dort zu treffen und mit ihm zu sprechen? Darf ich Mr. T. auffordern, die Vermittlerrolle zwischen Mr. Micawber und seiner tiefbetrübten Familie zu übernehmen? Ach nein, denn das wäre zuviel! Sollte sich Mr. Copperfield noch jemandes, dem der Ruhm fremd ist, erinnern, will es Mr. T. dann übernehmen, ihn meiner unwandelbaren Hochachtung zu versichern und ihm ähnliche Bitten vorzutragen? Jedenfalls wird er die Güte haben, diese Mitteilung als ganz im Vertrauen geschehen zu betrachten, und zu bedenken, daß sie in keiner Weise, wenn auch noch so indirekt, vor Mr. Micawber zu erwähnen ist. Wenn Mr. T. jemals darauf antworten sollte – was ich allerdings für höchst unwahrscheinlich halten muß – so würde ein Brief unter der Adresse M. E. poste restante Canterbury von weniger schmerzlichen Folgen begleitet sein, als wenn er direkt adressiert wäre an eine, die sich im tiefsten Schmerze unterzeichnet als Mr. Thomas Traddles' Achtungsvolle Freundin und Supplikantin Emma Micawber.« »Was sagst du zu diesem Brief?« fragte Traddles und sah mich an, nachdem ich ihn zweimal durchgelesen hatte. »Was meinst du zu dem andern?« fragte ich, denn er las ihn immer noch mit nachdenklicher Stirn. »Ich glaube, beide zusammen, Copperfield,« entgegnete Traddles, »sagen mehr, als Mr. und Mrs. Micawber meistens in ihren Briefen sagen – aber ich weiß nicht was. Sie sind beide in allem Ernst geschrieben, daran zweifle ich nicht, und meine, daß keiner von dem andern etwas weiß. Die arme Frau!« – Er sprach jetzt von Mrs. Micawbers Brief; wir standen nebeneinander und verglichen beide. »Es ist ein Werk christlicher Liebe, an sie zu schreiben, daß ich nicht unterlassen werde, Mr. Micawber aufzusuchen.« Ich stimmte dem um so bereitwilliger bei, als ich mir Vorwürfe machte, daß ich auf ihren frühern Brief zuwenig Gewicht gelegt hatte. Er machte mir seinerzeit viel Kopfzerbrechens, wie ich auch damals erwähnt habe, aber stark in Anspruch genommen von meinen eigenen Angelegenheiten, und der mir wohlbekannten Eigentümlichkeiten der Familie gedenkend, hatte ich allmählich die Sache vergessen, zumal da kein zweiter Brief eintraf. Ich hatte oft an Micawbers gedacht, aber hauptsächlich mich nur gewundert, welche pekuniären Verpflichtungen sie in Canterbury eingehen würden, oder mir zurückgerufen, wie zurückhaltend Mr. Micawber gegen mich war, als er Schreiber bei Uriah Heep wurde. Jetzt aber schrieb ich in unser beider Namen einen tröstenden Brief an Mrs. Micawber, und wir beide unterzeichneten ihn. Als wir in die Stadt gingen, um ihn auf die Post zu geben, hätte ich mit Traddles eine lange Konferenz; wir ließen uns in eine Anzahl von Vermutungen ein, die ich hier nicht wiederholen will. Nachmittags zogen wir auch unsere Tante zu Rate, aber der einzige Entschluß, zu dem wir kamen, war, daß wir Mr. Micawbers Stelldichein höchst pünktlich einhalten wollten. Obgleich wir eine Viertelstunde vor der Zeit auf dem bestimmten Platze ankamen, fanden wir doch Mr. Micawber schon dort. Er stand mit verschränkten Armen der Gefängnismauer gegenüber und betrachtete die eisernen Spitzen darauf mit einem sentimentalen Ausdruck, als ob es die vielverschlungenen Zweige der Bäume wären, die ihm in seiner Jugend Schatten gespendet hätten. Als wir ihn anredeten, war sein Benehmen etwas verlegener und etwas weniger kavaliermäßig als früher. Den schwarzen Juristenrock hatte er für die Reise abgelegt und trug dafür den alten Überrock und die engen Hosen, aber nicht ganz mit dem alten Air. Im Fortgange des Gesprächs wurde er mehr und mehr der Alte, aber selbst seine Lorgnette schien weniger nonchalant herabzuhängen, und sein Vatermörder, obgleich noch von der alten Größe, war nicht mehr ganz so steif. »Meine verehrten Herren,« sagte Mr. Micawber nach den ersten Begrüßungen, »Sie sind Freunde in der Not und wahre Freunde! Erlauben Sie mir, mich nach dem körperlichen Wohlbefinden der gegenwärtigen Mrs. Copperfield und der zukünftigen Mrs. Traddles zu erkundigen – vorausgesetzt, daß mein Freund Mr. Traddles noch nicht mit dem Gegenstande seiner Liebe für gute und für schlimme Zeiten verbunden ist.« Wir dankten ihm und beantworteten gebührend seine höfliche Nachfrage, worauf er unsere Aufmerksamkeit auf die Mauer lenkte und anfing: »Ich versichere Sie, meine verehrten Herren –«, als ich mir erlaubte, Einwand gegen die zeremoniöse Form der Anrede zu machen und ihn zu bitten, er möchte ganz in der alten Weise sprechen. »Bester Copperfield,« entgegnete er und drückte mir die Hand, »Ihre Herzlichkeit überwältigt mich. Dieser Empfang eines zertrümmerten Bruchstücks des Tempels, den man voreinst Mensch nannte – wenn ich mir diesen Ausdruck erlauben darf – zeugt von einem Herzen, das dem ganzen Menschengeschlecht Ehre macht. Ich wollte eben bemerken, daß ich abermals den heitern Fleck sehe, wo einige der glücklichsten Stunden meines Daseins vorüberschwanden.« »Die so schön wurden durch Mrs. Micawber, wie ich überzeugt bin«, sagte ich. »Ich hoffe, sie befindet sich wohl.« »Ich danke Ihnen,« entgegnete Mr. Micawber, dessen Antlitz sich bei dieser Frage trübte, »sie befindet sich nur so so – und das also«, fuhr er fort und nickte kummervoll mit dem Haupt, »ist das Schuldgefängnis! wo sich das erstemal in so vielen dahingeschwundenen Jahren der überwältigende Druck pekuniärer Verlegenheiten nicht Tag für Tag durch zudringliche Stimmen laut machte, die den Hausflur nicht räumen wollten, wo kein Klopfer an der Tür vorhanden war für den anpochenden Gläubiger, wo keine persönliche Übergabe der Zitation notwendig war, sondern wo die Insinuationen nur bei dem Portier abgegeben wurden! Meine Herren,« fuhr Mr. Micawber fort, »wenn sich der Schatten der eisernen Spitzen auf jener Ziegelmauer auf dem Sand des Paradeplatzes abzeichnete, habe ich gesehen, wie meine Kinder die Linien des labyrinthischen Musters verfolgten und die dunkeln Stellen mieden. Ich kenne jeden Stein an diesem Orte. Wenn ich Schwäche zeige, so werden Sie wissen, wie Sie mich zu entschuldigen haben.« »Wir sind alle seitdem vorwärts gekommen, Mr. Micawber«, erwiderte ich. »Mr. Copperfield,« entgegnete Mr. Micawber mit Bitterkeit, »als ich ein Bewohner dieses Ortes war, konnte ich meinem Mitmenschen dreist ins Antlitz sehen und ihm einen Schlag ins Gesicht geben, wenn er mich beleidigte. Mein Mitmensch und ich stehen nicht länger auf diesem glorreichen Fuße!« Mr. Micawber wendete sich mit niedergeschlagenem Antlitz weg von dem Gebäude, nahm meinen dargebotenen Arm auf der einen, Traddles' dargebotenen Arm auf der andern Seite und entfernte sich, von uns geführt. »Es gibt einige Stationen auf dem Wege zum Grabe,« bemerkte Mr. Micawber, und sah sich gerührt um, »die der Mensch, wenn der Wunsch nicht zu gottlos wäre, nie wünschen würde, hinter sich zu haben. Eine solche Station in meinem wechselvollen Leben ist das Schuldgefängnis.« »O! Sie sind trübe gestimmt, Mr. Micawber«, sagte Traddles. »Allerdings«, erwiderte Mr. Micawber. »Ich hoffe nicht,« sagte Traddles, »daß Sie keinen Gefallen mehr an der Jurisprudenz finden – denn Sie wissen ja, ich bin selbst ein Jurist.« Mr. Micawber erwiderte kein Wort. »Was macht unser Freund Heep, Mr. Micawber?« fragte ich nach einer Pause. »Mr. Copperfield,« entgegnete Mr. Micawber, und wurde plötzlich aufgeregt und ganz blaß, »wenn Sie meinen Prinzipal Ihren Freund nennen, so tut es mir leid; wenn Sie ihn meinen nennen, so muß ich sardonisch darüber lächeln. In welcher Eigenschaft Sie immer nach meinem Prinzipal fragen mögen, muß ich Sie bitten, meine Antwort, ohne Sie beleidigen zu wollen, darauf beschränken zu dürfen – daß ohne Rücksicht auf den Zustand seiner Gesundheit sein Aussehen fuchsig – ich will nicht sagen, teuflisch ist. Als Privatmann werden Sie mir erlauben, nicht länger von einem Gegenstand zu sprechen, der mich in meiner Eigenschaft als Jurist bis an den äußersten Rand der Verzweiflung gebracht hat.« Ich sprach mein Bedauern darüber aus, daß ich unbewußt einen Gegenstand berührt hatte, der ihn so sehr aufregte. »Darf ich wohl ohne Gefahr, meinen Irrtum zu wiederholen, fragen, wie sich meine alten Freunde Mr. und Miß Wickfield befinden?« sagte ich. »Miß Wickfield«, sagte Micawber, und wurde jetzt dunkelrot, »ist, was sie immer ist, ein Muster und ein glänzendes Beispiel. Bester Copperfield, sie ist der einzige Stern in einer elenden Lebensnacht. Die Achtung, die ich vor dieser jungen Dame hege, die Bewunderung, die mir ihr Charakter abnötigt, die Ergebenheit, mit der mich ihre Liebe und Treue und Vortrefflichkeit erfüllt! – führen Sie mich in eine Seitengasse,« sagte Mr. Micawber, »denn auf Ehre, in meinem gegenwärtigen Gemütszustand ist mir das zuviel!« Wir schwenkten mit ihm in eine enge Nebengasse ab, wo er sein Taschentuch herauszog und sich mit dem Rücken an eine Wand lehnte. Wenn ich ihn ebenso ernst ansah wie Traddles, so kann ihn unsere Gesellschaft keinesfalls aufgeheitert haben. »Es ist leider mein Verhängnis,« sagte Mr. Micawber, und schluchzte jetzt ganz unverhohlen, aber immer noch mit einem Schatten seines alten gentilen Wesens, »es ist leider mein Verhängnis, meine Herren, daß die schöneren Gefühle unsres Herzens für mich zu Vorwürfen werden. Die Verehrung, die ich für Miß Wickfield fühle, durchbohrt meinen Busen wie ein ganzes Tausend Pfeile. Besser wäre es, wenn Sie mich gehen ließen, damit ich die Welt als Vagabund durchstreifte. Der Wurm wird doppelt rasch mit mir fertig werden.« Ohne uns dieser Aufforderung zu fügen, blieben wir neben ihm stehen, bis er das Taschentuch einsteckte, den Vatermörder in die Höhe zog und um alle, die ihn vielleicht hätten beobachten können, zu täuschen, ein Liedchen vor sich hin summte, während er den Hut keck auf eine Seite setzte. Ich sagte ihm dann – denn ich wußte ja nicht, was wir für Nachrichten verlieren könnten, wenn wir ihn überhaupt aus den Augen ließen – daß es mir lieb sein würde, wenn er mir erlauben wollte, ihn meiner Tante vorzustellen, und daß wir zusammen nach Highgate fahren wollten, wo ihm ein Bett zu Diensten stehe. »Sie sollen uns ein Glas von Ihrem Punsch bereiten, Mr. Micawber,« fuhr ich fort, »und Ihre Sorgen in angenehmern Rückerinnerungen vergessen.« »Oder, wenn Sie es mehr erleichtert, sich Ihren Freunden zu erschließen, sagen Sie uns, was Sie quält, Mr. Micawber«, setzte Traddles klug hinzu. »Meine Herren,« entgegnete Mr. Micawber, »tun Sie mit mir, was Sie wollen! Ich bin ein Strohhalm auf dem Ozean und werde nach allen Richtungen hin und her geworfen durch die Wut von Elefanten – ich bitte um Verzeihung; ich wollte sagen, von Elementen.« Wir setzten unsern Weg wieder Arm in Arm fort, erreichten die Kutsche, als sie eben abfahren wollte, und kamen in Highgate ohne weiteres Abenteuer an. Wir gingen nicht zu mir, sondern zu meiner Tante, weil Dora nicht wohl war. Meine Tante erschien, nachdem wir nach ihr geschickt hatten, und bewillkommnete Mr. Micawber mit großer Herzlichkeit. Mr. Micawber küßte ihr die Hand, zog sich ins Fenster zurück, nahm sein Taschentuch heraus und hatte offenbar einen schweren innern Kampf. Mr. Dick war zu Hause. Er fühlte schon von Natur soviel Teilnahme für jeden Unglücklichen und entdeckte so schnell, wo es fehlte, daß er Mr. Micawber mindestens ein halb dutzendmal in fünf Minuten die Hand schüttelte. »Die Freundlichkeit dieses Herrn«, sagte Mr. Micawber zu meiner Tante, »hat für mich, wenn Sie mir den Ausdruck erlauben wollen, Madame, etwas Niederdonnerndes. Für einen Mann, der unter einer so komplizierten Last von Sorgen und Verlegenheiten seufzt, ist ein solcher Empfang eine wahre Prüfung; das versichere ich Sie.« »Mein Freund Mr. Dick«, entgegnete meine Tante mit Stolz, »ist kein gewöhnlicher Mensch.« »Davon bin ich überzeugt«, erwiderte Mr. Micawber. »Verehrter Herr!« denn Mr. Dick schüttelte ihm wieder die Hand, »ich fühle auf das tiefste Ihren herzlichen Empfang!« »Wie befinden Sie sich?« fragte Mr. Dick mit besorgtem Blick. »Soso, verehrter Herr«, entgegnete Mr. Micawber seufzend. »Sie müssen hübsch munter bleiben«, sagte Mr. Dick, »und es sich so behaglich wie möglich machen.« Mr. Micawber war ganz überwältigt von diesen herzlichen Worten und von Mr. Dicks abermaligem Händedruck. »Es ist mein Schicksal gewesen,« bemerkte er, »in dem vielgestaltigen Panorama des menschlichen Daseins zuweilen eine Oase zu finden, aber nie ist mir eine so grün und so frisch vorgekommen wie die jetzige!« Zu andern Zeiten hätte mir das alles Spaß gemacht, aber ich fühlte, daß wir uns alle Zwang antaten und unruhig waren; ich beobachtete Mr. Micawber in seinem Schwanken zwischen einer offenbaren Lust, etwas zu enthüllen, und einer entgegenwirkenden Lust, nichts zu enthüllen, so ängstlich, daß ich mich in einem wahren Fieber befand. Traddles saß auf dem Rand seines Stuhles, die Augen weit offen und das Haar mehr zu Berge stehend als je, sah dabei bald den Fußboden und bald Mr. Micawber an, und ließ auch kein Wort hören. Meine Tante war mehr im Besitze ihrer vollen Geistesgegenwart, als wir alle, obgleich ich recht wohl bemerkte, wie sie unsern neuen Gast auf das aufmerksamste beobachtete. Sie erhielt ihn im Gespräch und nötigte ihn, zu sprechen, er mochte wollen oder nicht. »Sie sind ein sehr alter Freund meines Neffen, Mr. Micawber«, sagte meine Tante. »Ich wollte, ich hätte das Vergnügen gehabt, Sie eher kennen zu lernen.« »Madame,« entgegnete Mr. Micawber, »auch ich wollte, ich hätte die Ehre gehabt, Sie zu einer frühern Zeit kennen zu lernen. Ich war nicht immer das Wrack, das Sie jetzt vor sich sehen.« »Ich hoffe, Mrs. Micawber und Ihre Familie befinden sich wohl«, sagte meine Tante. Mr. Micawber nickte zustimmend. »Sie befinden sich so wohl, Madame,« bemerkte er voller Verzweiflung nach einer Pause, »wie sich Verbannte und Ausgestoßene nur befinden können.« »Gott steh Ihnen bei, Sir!« rief meine Tante in ihrer kurzen Art aus. »Was meinen Sie damit?« »Der Lebensunterhalt meiner Familie, Madame,« entgegnete Mr. Micawber, »zittert in der Wage. Mein Prinzipal« – Hier unterbrach sich Mr. Micawber plötzlich und fing an, die Zitrone zu schälen, die ich nebst allen andern Erfordernissen zum Punsch ihm hatte vorsetzen lassen. »Ihr Prinzipal –« sagte Mr. Dick und stieß ihn zur Erinnerung mit dem Arm. »Bester Herr«, entgegnete Mr. Micawber. »Sie erinnern mich an etwas. Ich bin Ihnen sehr verbunden.« Sie schüttelten sich wieder die Hände. »Mein Prinzipal, Madame – Mr. Heep – war einmal so freundlich, mir zu bemerken, daß ich wahrscheinlich ein Taschenspieler sein würde, der im Lande herumwanderte und Degenklingen verschluckte, oder das verzehrende Element hinunterschlänge, wenn ich nicht das mir von ihm für meine Dienste zugewiesene Honorar von ihm empfinge. Wenn die dunkle Zukunft mir keine bessere Aussicht zeigt, so ist es immer noch wahrscheinlich, daß meine Kinder ihr Brot dereinst durch Verrenkung ihrer Glieder suchen müssen, während Mrs. Micawber ihre halsbrecherischen Kunststücke mit der Drehorgel unterstützt.« Mit einer ausdrucksvollen Bewegung des Messers deutete Mr. Micawber an, daß ein derartiger Fall seine Familie nach seinem Tode treffen könnte, und machte sich dann wieder mit verzweiflungsvoller Miene an das Schälen der Zitrone. Meine Tante stützte sich mit dem Ellbogen auf das runde Tischchen, das gewöhnlich neben ihr stand, und beobachtete ihn aufmerksam. Trotz der Abneigung, die mir der Gedanke einflößte, ihn zu einer Enthüllung zu verlocken, die er nicht freiwillig machen wollte, hätte ich ihn hier weiter zu führen versucht, wenn er sich nicht gar so wunderlich benommen hätte. So warf er z. B. die Zitronenschale in den Kessel, Zucker in den Lichtputzteller, goß den Rum in den leeren Krug und wollte im vollen Vertrauen warmes Wasser aus einem Leuchter gießen. Ich merkte, daß die Krisis nahe war, und sie kam. Er schob auf einmal alle Punschrequisiten zusammen, stand vom Stuhl auf, zog das Taschentuch heraus und fing an zu weinen. »Mr. Copperfield,« sagte Mr. Micawber hinter dem Taschentuch hervor, »es ist das ein Geschäft, das vor allen andern große Seelenruhe und Selbstachtung verlangt. Ich kann es nicht verrichten. Es ist außer aller Frage.« »Mr. Micawber,« sagte ich, »was gibt es? Bitte sprechen Sie. Sie sind unter Freunden.« »Unter Freunden, Sir!« wiederholte Mr. Micawber, und alles, was er solange in sich zurückgehalten, brach jetzt los. »Gütiger Himmel, eben weil ich unter Freunden bin, befinde ich mich in diesem Gemütszustande. Was es gibt, meine Herren – fragen Sie lieber: Was gibt es nicht? Schurkerei gibt es, Schlechtigkeit gibt es, Heuchelei, Betrug, niederträchtige Verschwörung gibt es; und der Name der ganzen Schlechtigkeit ist – Heep!« Meine Tante schlug die Hände zusammen, und wir sprangen alle überrascht auf. »Der Kampf ist vorbei«, sagte Micawber, der heftig mit dem Taschentuch gestikulierte und von Zeit zu Zeit die beiden Arme lang ausstreckte, als ob er durch übermenschliche Schwierigkeiten schwämme. »Ich mag dieses Leben nicht länger führen, ich bin ein elender Mensch, abgeschieden von allem, was dieses Leben erträglich macht. Ich stand unter einem Banne in dem Dienste dieses teuflischen Schurken. Gebt mir meine Frau zurück, gebt mir meine Familie zurück, gebt mich mir selbst zurück an die Stelle des elenden Kerls, der gegenwärtig in den an meinen Füßen befindlichen Stiefeln herumgeht, und fordern Sie mich auf, morgen eine Degenklinge zu verschlucken, und ich will es tun. Mit Genuß!« Eine solche Aufregung war mir nie vorgekommen. Ich versuchte ihn zu beruhigen, damit wir ein verständiges Wort miteinander reden könnten, aber er wurde immer aufgeregter und wollte kein Wort hören. »Ich gebe keinem Menschen meine Hand«, sagte Mr. Micawber schnappend und pustend und schluchzend, als ob er im kalten Wasser sich herumwälzte, »bis ich – in Granatstückchen – zersprengt habe – die – ha! abscheuliche – Schlange – Heep! Ich will niemandes Gastfreundschaft annehmen, bis ich – den Vesuv – bewegt habe – seine Feuer – zu schütten – auf – ah! den verdammten Schurken – Heep! Erfrischung anzunehmen – in diesem Hause – vornehmlich Punsch – würde mich ersticken – wenn ich nicht vorher – diesem unbegrenzten Heuchler und Lügner, diesem Heep – gewürgt und die Augen aus dem Kopf gedrückt hätte! Ich will niemand kennen – und – kein Wort sagen – und nirgendwo – mein Haupt hinlegen, – bis ich in unsichtbare Atome – zerrieben habe – den nicht zu übertreffenden und unsterblichen Heuchler und meineidigen Schuft – diesen Heep!« Ich fürchtete in allem Ernst, Mr. Micawber möchte auf der Stelle tot niederfallen. Die Art, mit der er sich durch diese unartikulierten Sätze hindurcharbeitete, und sowie er in die Nähe des Namens Heep kam, eine letzte Anstrengung machte und ihn mit wahrhaft wunderbarer Heftigkeit herausstieß, war erschrecklich! Aber jetzt, wo er schweißtriefend in einen Stuhl sank und uns ansah, während auf seinem Gesicht jede mögliche Farbe, die nicht hingehörte, stand und er schnappte und keuchte und gurgelte und die Augen rollte, da sah es wirklich aus, als ob er in den letzten Zügen liege. Ich wollte ihm beispringen, aber er winkte mir ab und wollte von nichts hören. »Nein, Copperfield! – keine Mitteilung – ah – Miß Wickfield – ah – Genugtuung – für den Schaden – den ihr dieser vollendete Schuft – Heep – angetan hat – (ich glaubte wahrhaftig, er hätte nicht drei Worte herausbringen können, wenn ihm dieser Name nicht allemal eine erstaunenswürdige Energie eingeflößt hätte) unverletzliches Geheimnis – ah – vor der ganzen Welt – ah – keine Ausnahme – heute über acht Tage – ah, – zur Frühstücksstunde – ah – vor ihnen allen – auch die Tante – ah – und den außerordentlich freundlichen Herrn – im Gasthof in Canterbury – ah – wo – Mrs. Micawber und ich – die alten schönen Zeiten im Chor – und – dort werde ich ihnen enthüllen den unausstehlichen Schuft – Heep! Nichts mehr zu sagen – ah – oder auf Vorstellungen zu hören – gehe gleich fort – unfähig – ah – Gesellschaft zu ertragen – wenn ich auf der Spur dieses seinem Verhängnis verfallenen Verräters bin – dieses Heep .« Mit dieser letzten Wiederholung des Zauberwortes, das die Maschine im Gang erhalten hatte, und wobei er alle seine frühern Anstrengungen übertraf, stürzte Mr. Micawber aus dem Hause und ließ uns in einem Zustande von Aufregung, Hoffnung und Verwunderung zurück, die uns in eine Lage versetzte, die nicht viel besser als seine eigene war. Aber selbst jetzt ließ ihn seine Leidenschaft für Briefschreiben nicht ruhen; denn während wir noch im höchsten Grade von Aufregung, Hoffnung und Verwunderung erfüllt waren, kam folgender idyllischer Brief aus einem nahen Wirtshause, wo er sich hingesetzt hatte, um ihn zu schreiben. »Höchst geheim und vertraulich. Verehrter Herr! Ich nehme mir die Freiheit, Sie zu bitten, für mich Ihre vortreffliche Tante wegen meiner Aufregung von vorhin um Verzeihung zu bitten. Der Ausbruch eines lange unterdrückten glimmenden Vulkans war die Folge eines innern Kampfes, der sich leichter denken als beschreiben läßt. Ich hoffe, ich habe die Bitte um eine Zusammenkunft auf heute über acht Tage morgens in dem Gasthause in Canterbury, wo Mrs. Micawber und ich voreinst die Ehre hatten, in dem wohlbekannten Rundgesang des unsterblichen Akziseinnehmers auf der nördlichen Seite des Tweed unsere Stimmen mit der Ihrigen zu vereinigen, leidlich verständlich gemacht. Wenn meine Pflicht getan und die Sühnetat vollendet ist, die mich allein instand setzen kann, meinen Mitmenschen ins Antlitz zu schauen, wird man mich nicht mehr sehen. Ich werde nur verlangen, an jenem Ort, wo wir alle eine Stelle finden, zur Ruhe gebracht zu werden, an jenem Orte, wo in engen Zellen in dem ew'gen Schlummer des Dorfes Ahnen Reih' an Reihe ruhn –« Mit der schlichten Inschrift: Wilkins Micawber .« Fünfzigstes Kapitel. Mr. Peggottys Traum wird Wahrheit. Um diese Zeit waren seit unserer Zusammenkunft mit Martha am Ufer des Flusses einige Monate verflossen. Ich hatte sie seitdem nicht wiedergesehen, aber sie hatte sich verschiedene Male mit Mr. Peggotty in Verbindung gesetzt. Bis jetzt hatte ihre eifrige Dienstfertigkeit nichts erreicht. Und aus dem, was er mir erzählte, konnte ich auch nicht schließen, daß bis jetzt die geringste Auskunft über Emilies Schicksal erlangt worden war. Ich gestehe, daß ich anfing an ihrem Wiederauffinden zu verzweifeln, und mich allmählich immer mehr an den Gedanken gewöhnte, daß sie tot sei. Sein Glaube blieb unerschüttert. Soviel ich ihn durchschaute – und ich glaube, sein ehrliches Herz hatte keinen für mich verborgenen Gedanken – wankte er niemals wieder in seiner feierlichen Gewißheit, sie aufzufinden. Seine Geduld wurde nie müde, und obgleich ich bei dem Gedanken an die Qual zitterte, mit der eines Tages seine feste Überzeugung mit einem Schlage zerschmettert werden könnte, lag doch etwas so Religiöses darin, etwas, was so rührend war, daß der Anker dieser Überzeugung in den reinsten Tiefen seines schönen Gemüts lag, daß ich ihn jeden Tag mehr achten und ehren mußte. Sein Vertrauen war keine feige Vertrauensseligkeit, das nur hoffte und nichts tat. Er war sein ganzes Leben lang ein Mann kräftiger Tat gewesen, und er wußte, daß er in allen Sachen, wo er Hilfe brauchte, sein eignes Teil getreulich verrichten und sich selbst helfen mußte. Ich weiß, daß er einmal mitten in der Nacht aufgebrochen ist, um nach Garmouth zu gehen, bewegt von einer dunkeln Ahnung, das Licht könnte durch einen Zufall nicht im Fenster des alten Bootes stehen. Ich weiß, daß er etwas in den Zeitungen gelesen hatte, das sich auf sie beziehen konnte, und daraufhin seinen Stock nahm und eine Reise von wohl sechzig bis achtzig Meilen antrat. Er fuhr zu Schiff nach Neapel und zurück, nachdem ich ihm erzählt hatte, was Miß Dartle mir berichtete. Alle seine Reisen verrichtete er ohne Bequemlichkeiten, denn er sparte immer für Emilie, im Fall er sie finden sollte. Und während dieser ganzen langen Zeit mühsamen Suchens habe ich ihn nie klagen hören, nie von ihm gehört, daß er müde oder hoffnungslos sei. Dora hatte ihn seit unserer Verheiratung oft gesehen, und hatte ihn ordentlich liebgewonnen. Ich glaube in diesem Augenblicke seine Gestalt vor mir zu sehen, wie er neben ihr beim Sofa steht, die rauhe Mütze in der Hand, und mein kindisches Weibchen die blauen Augen mit halbscheuer Verwunderung zu ihm erhebt. Manchmal abends in der Dämmerstunde, wenn er mich besuchte, bewog ich ihn, im Garten, während wir auf und ab gingen, seine Pfeife zu rauchen, und alsdann trat das Bild seines verlassenen Herdes, und des traulichen Anstrichs, den er in meinen Kinderaugen abends hatte, wenn das Feuer brannte, und der Wind um die Hütte stöhnte, lebhaft vor meine Seele. Eines Abends um diese Stunde sagte er mir, Martha habe gestern abend, als er nach Hause gekommen war, vor seiner Wohnung gewartet und ihn gebeten, um keinen Preis London zu verlassen, bevor er sie nicht wieder gesehen hätte. »Sagte sie Ihnen, warum?« fragte ich. »Ich fragte sie, Master Davy,« entgegnete er, »aber sie sprach stets nur wenige Worte, und sie ließ sich nur mein Versprechen geben und ging wieder.« »Sagte sie etwas, wann Sie sie wieder sehen würden?« »Nein, Master Davy«, entgegnete er und strich mit der Hand gedankenvoll über das Gesicht. »Ich fragte sie auch das; aber sie gab zur Antwort, daß sie mir das nicht sagen könnte.« Da ich seit langer Zeit aufgehört hatte, Hoffnungen zu ermutigen, die an einem seidenen Fädchen hingen, bemerkte ich weiter nichts, als daß ich hoffe, sie werde bald zu ihm kommen; die Hoffnungen, die in mir dabei auftauchten, behielt ich für mich, denn sie waren schwach genug. Etwa vierzehn Tage später ging ich eines Abends allein in meinem Garten auf und ab. Ich erinnere mich noch deutlich jenes Abends. Es war der zweite Tag in der Woche, die wir auf Mr. Micawbers Bitte abwarten sollten. Es hatte den ganzen Tag geregnet, und die Luft war feucht. Das Laub war voll entwickelt und schwer von Regentropfen, aber es hatte jetzt zu regnen aufgehört, obwohl der Himmel noch bewölkt war und die hoffnungsvollen Vögel munter sangen. Als ich im Garten auf und ab ging und die Dämmerung hereinbrach, verstummten ihre lieblichen Gesänge, und es herrschte jene Ruhe, die diesen Abenden auf dem Lande eigentümlich ist, wenn die beweglichsten Bäume still sind, und es nur manchmal leise von den Zweigen tropft. Neben unserm Landhäuschen lief ein kleiner Laubengang von Efeu hin, durch den ich aus dem Garten auf die Straße vor dem Hause blicken konnte. Mit mancherlei Gedanken beschäftigt, wendeten sich zufällig meine Blicke dorthin, und ich sah da eine Gestalt in einem einfachen Mantel stehen. Sie beugte sich zu mir herüber und winkte. »Martha!« sagte ich und ging zu ihr. »Können Sie mit mir kommen?« fragte sie mit einem aufgeregten Flüstern. »Ich war bei ihm, aber er ist nicht zu Hause. Ich habe das Haus, wo er hinkommen soll, aufgeschrieben und die Adresse selbst auf seinen Tisch gelegt. Sie sagten, er würde nicht lange ausbleiben. Ich hatte Nachrichten für ihn. Können Sie gleich mitkommen?« Ich antwortete ihr damit, daß ich sofort durch die Tür hinaustrat. Sie winkte mir hastig mit der Hand, als wollte sie mich um Geduld und Schweigen ersuchen, und wendete sich London zu, wo sie eiligst zu Fuß angelangt war, wie ihr Anzug verriet. Ich fragte, ob das unser Ziel sei? Da sie mit derselben hastigen Gebärde, wie vorhin, bejahend winkte, ließ ich einen leeren Fiaker, der vorbeifuhr, anhalten, und wir stiegen ein. Als ich sie fragte, wohin uns der Kutscher fahren sollte, gab sie zur Antwort, in die Nähe von Goldensquare! und rasch! – Dann lehnte sie sich in eine Ecke, mit der einen zitternden Hand das Gesicht verhüllend und mit der andern wie vorhin Schweigen winkend, als ob sie keine Menschenstimme hören könnte. In größerer Spannung, voll abwechselnder Hoffnung und Furcht, erwartete ich von ihr Aufklärung. Aber da ich sah, wieviel ihr daran lag, zu schweigen, und recht wohl fühlte, daß das bei einer solchen Gelegenheit mit meiner eigenen Neigung übereinstimmte, versuchte ich nicht, das Schweigen zu brechen. Wir fuhren weiter, ohne ein Wort zu sprechen. Sie sah nur manchmal zum Fenster hinaus, als ob sie glaubte, es ginge zu langsam vorwärts, obwohl wir sogar sehr schnell fuhren, blieb aber im übrigen stumm. Wir stiegen an einem der Eingänge des von ihr bezeichneten Platzes aus, und ich ließ dort den Wagen warten, da ich nicht wußte, ob wir ihn vielleicht später brauchen könnten. Sie hatte die Hand auf meinen Arm gelegt und riß mich rasch fort nach einer der dunkeln Straßen, wie es dort mehrere gibt, wo die Häuser früher von einzelnen Familien bewohnt waren, aber seit langer Zeit zu Armenwohnungen herabgesunken sind, die in einzelnen Zimmern vermietet werden. Als sie zu der offenen Tür eines dieser Häuser eingetreten war, ließ sie meinen Arm los, winkte mir, ihr zu folgen und ging die Treppe hinauf, die von allen Hausbewohnern gemeinsam benutzt wurde. Das Haus war überfüllt von Mietern. Als wir hinaufstiegen, wurden Stubentüren geöffnet, Leute steckten die Köpfe heraus, und wir begegneten andern, die herunterkamen. Als ich draußen, ehe wir hineingingen, in die Höhe gesehen hatte, bemerkte ich Frauen und Kinder, die sich aus den Fenstern über Blumentöpfe weg hinauslehnten; wir schienen ihre Neugierde erregt zu haben, denn das waren hauptsächlich dieselben Beobachter, die aus ihren Türen sahen. Es war eine breite, getäfelte Treppe mit massivem Geländer aus dunkelm Holz, über den Türen Karniese, mit geschnitzten Früchten und Blumen verziert, in den Fenstern breite Sitzplätze. Aber alle diese Zeichen verschwundener Herrlichkeit waren erbärmlich verkommen und schmutzig. Moder, Nässe und Alter hatten den Fußboden zerstört, der an vielen Stellen wurmstichig, sogar unsicher war. Ich bemerkte, daß einige Versuche gemacht worden waren, diesem dahinschwindenden Körper neues Blut zuzuführen, denn man hatte das kostbare alte Holzwerk hier und da mit gewöhnlichem Tannenholz ausgebessert; aber es war wie die Ehe eines heruntergekommenen alten Edelmanns mit einer armen Plebejerin, jeder Teil der unpassenden Verbindung schauderte von dem andern zurück. Manche von den Hinterfenstern auf der Treppe waren verhangen oder gänzlich verrammelt. In den übrigen war kaum noch etwas Glas, und durch die zerfallenen Fensterrahmen, durch die immer die schlechte Luft hereinzukommen und nie hinauszugehen schien, sah ich aus scheibenlosen Fenstern in andere Häuser, die in demselben Zustand waren, und blickte schwindelnd in einen elenden Hof, der als allgemeiner Kehrichthaufen des Gebäudes diente. Wir gingen bis ins oberste Geschoß. Zwei- oder dreimal glaubte ich unterwegs in dem ungewissen Lichte die Schleppe eines Frauenkleides vor uns hinaufsteigen zu sehen. Als wir die letzte Treppe zwischen uns und dem Dach hinaufgehen wollten, erblickten wir die Gestalt, wie sie einen Augenblick vor einer Tür stehen blieb. Dann trat sie hinein. »Wer ist das?« flüsterte Martha mir zu. »Sie ist in mein Zimmer gegangen. Ich kenne sie nicht!« Ich kannte sie. Ich hatte in der Gestalt zu meinem Erstaunen Miß Dartle erkannt! Ich erklärte meiner Führerin in wenig Worten, daß es eine Dame sei, die ich schon kenne, und hatte kaum ausgesprochen, als wir ihre Stimme im Zimmer hörten, obgleich wir nicht verstehen konnten, was sie sagte. Mit verwundertem Gesicht winkte mir Martha, zu schweigen, führte mich leise die Treppe hinauf und durch eine kleine Seitentür, die kein Schloß zu haben schien, und die sie mit der Hand aufstieß, in eine kleine leere Dachkammer. Aus diesem Gemach führte in ihr Zimmer eine kleine Tür, die halb offen stand. Hier blieben wir stehen noch außer Atem vom Treppensteigen, und sie legte ihre Hand leise auf meine Lippen. Von dem andern Zimmer konnte ich nur sehen, daß es ziemlich groß war, daß sich ein Bett darin befand und daß an den Wänden einige sehr gewöhnliche Abbildungen von Schiffen hingen. Ich konnte weder Miß Dartle noch die Person sehen, die sie angeredet hatte, und meine Gefährtin ebensowenig, denn sie hatte einen noch ungünstigeren Platz. Tiefes Schweigen herrschte einige Augenblicke lang. Martha hatte immer noch die eine Hand auf meine Lippen gelegt und hob die andere und horchte. »Es ist mir gleichgültig, ob sie zu Hause ist,« sagte Rosa Dartle stolz, »ich kenne sie nicht. Ich komme zu Ihnen.« »Zu mir?« entgegnete eine sanfte Stimme. Bei ihrem Klange durchzuckte es meinen ganzen Körper. Es war Emilies Stimme. »Ja,« gab ihr Miß Dartle zur Antwort, »ich komme, um Sie zu sehen. Was, Sie schämen sich nicht des Gesichts, das so viel Unheil angestiftet hat?« Der entschlossene und unbarmherzige Haß in diesem Tone, seine kalte, ernste Härte, und seine mit Gewalt niedergehaltene Wut stellten sie mir so deutlich dar, als ob ich sie vor mir sähe. Ich sah die blitzenden schwarzen Augen und die von Leidenschaft verzehrte Gestalt, ich sah die Narbe mit dem weißen Streif quer über die Lippen zucken und beben, wie sie sprach. »Ich wollte James Steerforths Liebste sehen,« sagte sie, »die Dirne, die mit ihm davonlief und das Stadtgespräch der gemeinsten Leute ihres Geburtsortes ist; die freche, abgefeimte Gefährtin von Personen wie James Steerforth. Ich wollte sehen, wie so ein Geschöpf aussieht.« Ich hörte ein Geräusch, als ob das unglückliche Mädchen, das sie mit diesem bittern Hohn überhäufte, nach der Tür eilte und Miß Dartle rasch dazwischentrat. Darauf folgte eine kurze Pause. Als Miß Dartle wieder anfing zu reden, sprach sie durch die Zähne und stampfte auf den Fußboden. »Bleiben Sie hier!« sagte sie, »oder ich will dem ganzen Haus und der ganzen Straße sagen, wer Sie sind! Wenn Sie versuchen, mir zu entfliehen, so werde ich Sie halten, und sollte es bei den Haaren sein, und selbst die Steine gegen Sie aufrufen.« Ein eingeschüchtertes Murmeln war die einzige Antwort, die ich vernehmen konnte. Wieder folgte ein Schweigen. Ich wußte nicht, was ich tun sollte. So sehr ich wünschte, dem Gespräch ein Ende zu machen, so fühlte ich doch, daß ich kein Recht hatte, mich hineinzumischen; daß nur Mr. Peggotty dies tun dürfte. »Kommt er immer noch nicht?« dachte ich voller Ungeduld. »So!« sagte Rosa Dartle mit einem verächtlichen Lachen, »Endlich sehe ich Sie! Ah! welch kläglicher Charakter er ist, sich von solcher zarten Scheinehrbarkeit und Kopfhängerei fangen zu lassen!« »Um Gottes willen seien Sie barmherzig!« rief Emilie. »Wer Sie immer sein mögen, Sie kennen meine traurige Geschichte, und um Gott bitte ich Sie, seien Sie barmherzig gegen mich, wenn Gott gegen Sie barmherzig sein soll.« »Wenn Gott gegen mich barmherzig sein soll?« entgegnete die andere heftig, »was hätten wir wohl miteinander gemein?« »Nichts als unser Geschlecht«, erwiderte Emilie und brach in Tränen aus. »Und das ist ein so starker Anspruch aus einem so ehrlosen Munde,« sagte Rosa Dartle, »daß ich ihm Schweigen gebieten würde, wenn ich ein andres Gefühl in meinem Herzen hätte als Verachtung und Abscheu für Sie. Unser Geschlecht! Sie machen unserm Geschlecht Ehre!« »Ich habe das verdient,« rief Emilie, »aber es ist entsetzlich! O bedenken Sie, was ich gelitten habe und wie tief ich gefallen bin! O Martha, komm zurück! o komm, komm!« Miß Dartle setzte sich auf einen Stuhl der Tür gegenüber und blickte zu Boden, als ob Emilie vor ihr läge. Da sie jetzt zwischen mir und dem Lichte saß, konnte ich ihre von Hohn verzogene Lippe und ihre grausamen Augen sehen, die sich auf eine Stelle hefteten, von der Wollust der Rache erfüllt. »Hören Sie jetzt auf das, was ich Ihnen sage«, sprach sie »und behalten Sie Ihre heuchlerischen Künste für jene, die sich von Ihnen zum besten halten lassen. Glauben Sie mich mit Ihren Tränen zu rühren? So wenig Sie mich durch Ihr Lächeln gewinnen können, Sie feile Dirne.« »O haben Sie Erbarmen!« rief Emilie. »Haben Sie Erbarmen, oder ich werde wahnsinnig.« »Es wäre keine harte Strafe für Ihr Verbrechen«, sagte Rosa Dartle. »Wissen Sie, was Sie getan haben? Denken Sie jemals an die Familie, die Sie unglücklich gemacht haben?« »O es gibt keinen Tag und keine Nacht, wo ich nicht stündlich daran denke!« rief Emilie, und jetzt konnte ich sie sehen, wie sie auf den Knien lag, den Kopf zurückgeworfen, das bleiche Antlitz in die Höhe gerichtet, die Hände verzweiflungsvoll zusammengeschlagen und emporgestreckt, das Haar in Unordnung auf ihre Schultern wallend. »Ist jemals im Wachen oder Schlafen eine einzige Minute vergangen, wo ich das alte Haus nicht vor mir sah, gerade wie an jenem unglücklichen Tage, wo ich ihm auf ewig den Rücken kehrte! O das Vaterhaus! O lieber, lieber Onkel, wenn du jemals hättest wissen können, welche Qual mir deine Liebe verursachte, als ich auf schlechten Wegen ging, so hättest du sie nie an den Tag gelegt, so sehr du sie fühltest; oder hättest du mir wenigstens einmal in deinem Leben gezürnt, damit ich einigen Trost hätte! Ich habe keinen, keinen, keinen Trost auf Erden, denn sie liebten mich alle!« Sie sank mit dem Kopf nieder auf den Boden vor der gebieterischen Gestalt auf dem Stuhl und machte einen Versuch, flehend ihr Kleid zu fassen. Rosa Dartle blieb starr sitzen und sah auf sie herab, so unbeweglich wie eine Erzgestalt. Sie preßte ihre Lippen fest zusammen, als wüßte sie, daß sie sich Zwang antun müßte – ich glaube das wirklich – um nicht die schöne Gestalt mit dem Fuße von sich zu stoßen. Ich sah sie deutlich, und die ganze Kraft ihres Gesichts und ihres Charakters schien sich in diesem Ausdruck zusammenzudrängen. – Kommt Mr. Peggotty immer noch nicht? »Die jämmerliche Eitelkeit dieses Ungeziefers!« sagte sie, als sie die zornigen Regungen ihrer Brust soweit bezwungen hatte, daß sie sich zu sprechen getrauen durfte. »Ihre Familie! Bilden Sie sich ein, daß ich nur daran denke, oder glauben Sie, Sie könnten jenem niederen Haus einen Schaden tun, den Geld nicht reichlich bezahlen konnte? Ihre Familie! Sie gehörten zum Geschäft Ihrer Familie, und wurden gekauft und verkauft wie jede andere Ware, mit der Ihre Leute handelten.« »O sagen Sie das nicht!» rief Emilie. »Sagen Sie von mir, was Sie wollen, aber lassen Sie meine Schmach und Schande nicht Leuten entgelten, die so ehrenwert sind wie Sie! Haben Sie einige Achtung vor ihnen, wenn Sie eine Dame sind, wenn Sie kein Erbarmen mit mir haben wollen.« »Ich spreche,« entgegnete sie, ohne für gut zu finden, auf das Flehen der vor ihr Liegenden Rücksicht zu nehmen, und ihr Kleid der befleckenden Berührung Emilies entziehend, »ich spreche von seiner Familie – in der ich lebe. Hier«, sagte sie und streckte mit einem verachtungsvollen Lachen die Hand aus, und sah auf die Kniende herab, »hier sehe ich eine würdige Veranlassung zur Zwietracht zwischen einer vornehmen Dame und ihrem Sohne. Hier sehe ich den Anlaß zum Schmerz in einem Hause, wo man solche Person nicht einmal als Küchenmagd zugelassen hätte, hier sehe ich den Anlaß zu Zwiespalt und Zorn und zur Reue und zu Vorwürfen. Dieses Stück Schmutz hat er aufgelesen am Meeresrande, um es eine Stunde lang hochzuhalten und dann wieder auf seinen angemessenen Platz hinzuwerfen!« »Nein, nein!« rief Emilie, und schlug verzweiflungsvoll die Hände zusammen. »Als ich ihn zuerst sah – o wäre der Tag nie gekommen, und wäre er mir zuerst begegnet, wie sie mich ins Grab trugen! – war ich so tugendhaft aufgewachsen, wie Sie oder jede andere Dame, und sollte das Weib eines so guten Mannes werden, wie Sie ihn oder irgend eine andere Dame auf der Welt nur heiraten kann. Wenn Sie in seiner Familie leben und ihn kennen, so kennen Sie vielleicht seine Gewalt über ein eitles, schwaches Mädchen. Ich will mich nicht verteidigen, aber ich weiß es wohl und er weiß es recht gut, oder wird es wissen, wenn seine Sterbestunde kommt, denn sein Gewissen läßt ihm keine Ruhe, daß er alle seine Gewalt über mich benutzte, um mich zu täuschen und daß ich ihm glaubte, ihm vertraute und ihn liebte.« Rosa Dartle sprang von ihrem Stuhl auf; fuhr zurück und schlug dabei nach ihr mit einem Gesicht voll solcher Bosheit, und so verfinstert und entstellt von Leidenschaft, daß ich mich fast zwischen sie geworfen hätte. Der Schlag, der kein Ziel hatte, traf nur die Luft. Wie sie jetzt keuchend dastand und sie mit dem äußersten Abscheu ansah, und vom Kopf bis zu den Füßen vor Wut und Hohn zitterte, da glaubte ich nie so etwas gesehen zu haben, und nie wieder so etwas sehen zu können. » Sie ihn lieben, Sie «, rief sie mit geballter zitternder Faust, als ob ihr nur die Waffe fehle, um die Arme niederzustoßen. Emilie war zurückgewichen, so daß ich sie nicht mehr sehen konnte. Eine Antwort hörte ich nicht. »Und mir das zu sagen, mit diesen schmachbefleckten Lippen!« setzte sie hinzu. »Warum peitscht man solche Geschöpfe nicht aus! Wenn ich's befehlen könnte, würde ich diese Dirne zu Tode peitschen lassen!« Und sie hätte es getan, das bezweifle ich nicht. Ich hätte sie nicht zur Aufseherin über die Folterbank machen mögen, solange sie diesen wütenden Blick behielt. Langsam, sehr langsam brach sie in ein Gelächter aus und deutete auf Emilie mit ihrer Hand, als wäre sie ein schmachvoller Anblick für Gott und Menschen. » Sie ihn lieben!« sagte sie. »Dieses Luder! und er sollte jemals etwas auf sie gegeben haben, behauptet sie? Ha ha! wie diese feilen Dirnen lügen!« Ihr Hohn war schlimmer als ihr unverhüllter Zorn. Jedenfalls hätte ich lieber der Gegenstand des letztern sein mögen. Aber wenn sie ihm freien Lauf ließ, so geschah es nur für einen Augenblick. Sie hatte ihn wieder festgekettet, und so sehr er sie innerlich zerreißen mochte, so gestattete sie ihm doch keinen neuen Ausbruch. »Ich kam hierher, Sie reine Liebesquelle,« sagte sie, »um zu sehen, wie ein solches Geschöpf wie Sie aussehe. Ich war neugierig, ich bin befriedigt. Ich wollte Ihnen auch sagen, daß Sie am besten tun, Ihre süße Familie sobald wie möglich wieder aufzusuchen, und Ihr Haupt unter den vortrefflichen Leuten zu verbergen, die Sie erwarten und die Ihr Geld trösten wird. Wenn es Verruchtheit ist, können Sie ja wieder glauben und vertrauen und lieben! Ich hatte erwartet, ein zerbrochenes, ausgedientes Spielzeug in Ihnen zu finden, einen wertlosen Flitter, der vergilbt und weggeworfen ist. Aber da Sie treues Gold sind, eine echte Dame und eine mißhandelte Unschuld mit einem frischen Herzen voll Liebe und Vertrauen – Sie sehen ganz danach aus, und es läßt sich aus Ihrer Geschichte recht gut erklären! – so habe ich Ihnen noch etwas zu sagen. Merken Sie wohl auf; denn was ich Ihnen sage, werde ich auch tun. Hören Sie mich an, Sie zartes Elfenkind, denn was ich sage, will ich auch tun!« Ihre Wut gewann wieder einen Augenblick die Oberhand; aber sie ging über ihr Antlitz wie ein Krampf und ließ ein Lächeln zurück. »Verkriechen Sie sich irgendwo;« fuhr sie fort, »wenn nicht bei Ihrer Familie, dann irgendwo anders, wo man Sie nicht erreichen kann; im dunkeln Leben – oder noch besser im dunkeln Grabe. Es wundert mich, daß Sie, wenn Ihr liebendes Herz nicht brechen will, keinen Weg gefunden haben, ihm Stille zu gebieten! Ich habe manchmal von solchen Mitteln gehört. Ich glaube, sie sind leicht zu finden.« Ein leises Weinen Emilies unterbrach sie hier. Miß Dartle schwieg und horchte darauf, als ob es ihr Musik wäre. »Ich bin vielleicht ein sonderbares Geschöpf,« fuhr Rosa Dartle fort; »aber ich kann nicht frei atmen in der Luft, die Sie mir verderben. Sie macht mich krank. Deshalb will ich sie rein haben, sie soll nicht länger von Ihnen befleckt werden. Wenn Sie morgen noch hier sind, so soll das ganze Haus Ihre Geschichte kennen, und wissen, wer Sie sind. Ich höre, es wohnen anständige Frauen hier im Hause; und es wäre schade, daß, ein solches Geschöpf wie Sie heimlich unter ihnen wohnte. Wenn Sie hier weggehen und sich in dieser Stadt unter einem andern Charakter verbergen wollen, als Ihrem wahren – den Sie ohne Belästigung von meiner Seite annehmen können, denn solchen Ehrentitel gönne ich Ihnen – so werde ich auch dort Ihre gemeine Vergangenheit bekanntmachen, wenn ich Ihren Zufluchtsort erfahre. Da ich von einem Herrn unterstützt bin, der vor nicht langer Zeit nach der Ehre Ihrer Hand geizte, so werde ich ihn schon entdecken.« Kommt Mr. Peggotty noch nicht? Wie lange sollte ich das ertragen, wie lange konnte ich es ertragen?! »O Gott, o Gott!« rief die Unglückliche in einem Tone aus, der das härteste Herz hätte erweichen müssen; aber in Rosa Dartles Lächeln zeigte sich keine Veränderung. »Was soll ich tun, was soll ich tun!« stöhnte jene. »Tun?« entgegnete die andere, »Von Ihren angenehmen Erinnerungen zehren und glücklich sein! Ihr Dasein der Erinnerung an James Steerforths Liebe widmen – er wollte Sie seinem Bedienten zur Frau geben, nicht wahr? – oder – dem Gefühl der Dankbarkeit gegen den ehrlichen und vortrefflichen Biedermann, der Sie aus seiner Hand angenommen hätte! Oder wenn diese stolzen Erinnerungen und das Bewußtsein Ihrer eigenen Tugend und der ehrenvollen Stellung, die sie Ihnen in den Augen von allen Menschen verliehen hat, nicht genügen, so heiraten Sie diesen guten Mann, und seien Sie glücklich in seiner Herablassung. Und wenn Sie keins von beiden tun wollen, so sterben Sie! Für die letzten Augenblicke von solchen Geschöpfen und für eine solche Verzweiflung gibt es Torwege und Kehrichthaufen genug – suchen Sie einen, und schweben Sie hinauf zum Himmel.« Ich hörte den Schall ferner Tritte auf der Treppe. Ich erkannte sie sogleich. Er war es, Gott sei Dank! Sie trat langsam von der Tür weg, als sie das sagte, und ich sah sie nicht mehr. »Aber vergessen Sie nicht! vergessen Sie nicht,« setzte sie langsam und hart hinzu, indem sie die andre Tür öffnete, um hinauszugehen, »ich bin entschlossen, bewogen von gewissen Gründen und einem Haß in meiner Brust, Sie bis aufs äußerste zu verfolgen, wenn Sie nicht ganz außerhalb meines Bereichs entfliehen. Das hatte ich Ihnen zu sagen; und was ich sage, werde ich auch ausführen!« Die Schritte auf der Treppe kamen näher und näher – kamen an Rosa vorüber, als sie hinunterging – und schallten im Zimmer. »Onkel!« Ein schrecklicher Schrei folgte dem Worte. Ich wartete einen Augenblick, blickte dann hinein, und sah dann, wie er die Ohnmächtige in seinen Armen hielt. Er blickte ihr ein paar Augenblicke in das Gesicht; dann küßte er sie – o wie zärtlich! und deckte ein Tuch darüber. »Master Davy,« sagte er darauf mit leiser, zitternder Stimme, »ich danke meinem himmlischen Vater, daß mein Traum wahr geworden ist! Ich danke ihm aus vollem Herzen, daß er mich auf seinen Wegen geführt hat zu meinem Liebling!« Mit diesen Worten hob er sie mit seinen Armen in die Höhe, lehnte das verschleierte Gesicht an seine Brust und trug die regungslose und bewußtlose Gestalt die Treppe hinunter. Einundfünfzigstes Kapitel. Der Beginn einer längeren Reise. Es war noch früh am Morgen des folgenden Tages; ich ging gerade mit meiner Tante im Garten spazieren, – wir machten uns kaum eine andere Bewegung, da wir wegen meiner geliebten Nora viel zu Hause waren – als man meldete, daß Mr. Peggotty mit mir zu sprechen wünsche. Er trat in den Garten, als ich nach der Tür ging, und nahm den Hut ab, wie stets, wenn er meine Tante sah, die er in hoher Achtung hielt. Ich hatte ihr alles erzählt, was gestern geschehen war. Ohne ein Wort zu sprechen, trat sie mit herzlichem Gesicht auf ihn zu, schüttelte ihm die Hand und klopfte ihm auf den Arm. Das geschah in so ausdrucksvoller Weise, daß sie kein Wort zu sagen brauchte. Mr. Peggotty verstand sie so gut, als ob sie tausend Worte gesprochen hätte. »Ich will jetzt hineingehen, Trot«, sagte meine Tante, »und nach Maßliebchen sehen, denn es wird gleich aufstehen.« »Sie gehen doch nicht etwa meinetwegen, Madame«, sagte Mr. Peggotty. »Wenn ich nicht ganz konfus geworden bin, so wollen Sie meinetwegen gehen?« »Sie haben meinem Neffen etwas zu erzählen, guter Freund,« entgegnete meine Tante, »und es wird ohne mich besser gehen.« »Wenn Sie erlauben, Madame,« entgegnete Mr. Peggotty, »so würde ich lieber haben, daß Sie hier bleiben, Sie müssen es aber schon mit in Kauf nehmen, wenn meine Rederei etwas weitschweifig ist.« »Wirklich?« sagte meine Tante gutmütig. »Dann will ich recht gern dableiben.« Damit gab sie Mr. Peggotty den Arm und ging mit ihm nach einer kleinen Laube im Hintergrunde des Gartens, wo sie sich auf eine Bank setzte und ich neben ihr Platz nahm. Auch für Mr. Peggotty war ein Sitz da, aber er wollte lieber stehen und stützte die Hand auf das hölzerne Tischchen. Wie er so dastand und erst eine Weile seine Mütze ansah, bevor er zu sprechen anfing, konnte ich nicht umhin, die gewaltige Kraft zu bemerken, die sich in seinem sehnigen Arm zu erkennen gab, und wie gut sie zu seiner ehrlichen Stirn und zu seinem graumelierten Haar paßte. »Ich nahm mein geliebtes Kind gestern abend mit in meine Wohnung,« fing Mr. Peggotty an, wie er seine Blicke wieder zu uns erhoben hatte, »wo ich sie seit langer Zeit erwartet und alles für sie eingerichtet hatte. Stunden vergingen, ehe sie mich ordentlich kannte; und als das der Fall war, kniete sie nieder vor mir und sagte mir in einem Tone, als ob sie betete, wie alles gekommen sei. Sie können mir glauben, als ich ihre Stimme hörte, wie ich sie zu Hause so kindlich gehört hatte, und als ich sah, wie sie sich beugte, wie in dem Staube, in den unser Heiland mit seiner gesegneten Hand schrieb, da fühlte ich, wie eine Wunde durch mein Herz ging inmitten seiner seligen Dankbarkeit.« Er fuhr mit dem Rockärmel über das Gesicht, ohne zu versuchen, seine Bewegung zu verbergen, und räusperte sich dann. »Aber das dauerte bei mir nicht lange, denn ich hatte sie ja gefunden! Ich brauchte ja nur dran zu denken, daß ich sie gefunden hätte, da war das andre fort. Ich weiß auch gar nicht mal, warum ich es jetzt noch erwähne. Ich hatte noch vor einer Minute nicht die Absicht, davon zu reden, aber es kam so von selbst, daß ich es gar nicht merkte.« »Sie sind ein Herz voll Selbstverleugnung«, sagte meine Tante, »und werden Ihren Lohn bekommen.« Mr. Peggotty, über dessen Antlitz die Schatten der Blätter spielten, verbeugte sich überrascht gegen meine Tante in Anerkennung ihrer Lobsprüche, und fuhr dann in seiner Erzählung fort. »Als meine Em'ly aus dem Hause floh, wo sie von dem schlechten Kerl wie 'ne Gefangene gehalten wurde,« sagte er, und ein finsterer Zorn übermannte ihn für einen Augenblick, »war es finstere Nacht. Mas'r. Davy, was die giftige Schlange Ihnen von dem Einsperren gesagt hatte war richtig und Gott wolle ihn strafen. Es war eine dunkle Nacht, und viele Sterne schienen. Sie war wie wahnsinnig. Sie lief am Ufer hin und glaubte, das alte Boot sei dort, und rief uns zu, unsere Augen wegzuwenden, denn sie komme vorüber. Sie hörte sich selbst rufen, als ob sie eine andere Person sei, und verwundete sich an den scharfen Steinen und Klippen, und fühlte es nicht mehr, als ob sie selbst Stein wäre. Und sie lief weit, weit, immer weiter und weiter, und Feuer stand ihr vor den Augen, und es brauste ihr in den Ohren. Auf einmal – oder sie dachte so, wissen Sie – brach der Tag regnerisch und windig an; sie lag neben einem Stein am Strande, und eine Frau redete sie an und fragte in der Sprache jenes Landes, was ihr fehle.« Mr. Peggotty sah alles, was er erzählte. Wie er sprach, schwebte es so lebendig an ihm vorüber, daß er in seiner Lebhaftigkeit alles, was er beschrieb, mit größerer Deutlichkeit darstellte, als ich erzählen kann. Jetzt, wo ich es nach so langer Zeit niederschreibe, ist es mir immer noch, als ob ich dabei gewesen wäre; mit so lebendiger Treue stehen diese Szenen vor mir. »Als Emilie – deren Augen schwer und halb blind geworden waren vom Weinen – diese Frau besser ansah,« fuhr Mr. Peggotty fort, »da erkannte sie in ihr eine, mit der sie oft am Strande gesprochen hatte. Denn obgleich sie die Nacht hindurch eine große Strecke geflohen war, so war sie doch oft früher schon lange Strecken gegangen und gefahren, und kannte die ganze Umgegend auf mehrere Meilen. Die Frau hatte selbst keine Kinder und war noch sehr jung; aber sie erwartete eins. Und möchte Gott meine Bitte erhören, daß es ihr ganzes Leben lang ein Glück und ein Trost und eine Ehre für sie wird! Möge es die Mutter in ihrem Alter lieben und pflichtgetreu sein; ihr immer eine Hilfe bleiben, und hier und droben ein Engel sein.« »Amen!« sagte meine Tante. »Sie war anfangs etwas schüchtern gewesen«, fuhr Mr. Peggotty fort, »und hatte abseits bei ihrem Spinnrocken oder andrer Arbeit gesessen, wenn Emilie mit den Kindern sprach. Aber Emilie hatte sie wohl beachtet, war zu ihr gegangen und hatte sie angeredet, und da die Frau selbst die Kinder lieb hatte, so wurden sie bald gute Freunde, so sehr, daß sie Emilie einen Strauß schenkte, wenn sie sich begegneten. Das war die Frau, die jetzt fragte, was ihr begegnet sei. Emilie erzählte ihr alles, und sie nahm sie mit nach Hause. Das tat sie. Sie nahm sie mit nach Hause«, sagte Mr. Peggotty und hielt sich die Hände vor das Gesicht. Er war von dieser menschenfreundlichen Handlung mehr gerührt, als ich ihn seit dem Abend, wo sie entflohen war, bewegt gesehen hatte. Meine Tante und ich versuchten nicht, ihn zu stören. »Es war nur ein kleines Hüttchen, können Sie sich denken,« fuhr er gleich darauf fort, »aber sie fand für Emilie einen Platz darin – denn ihr Mann war auf der See – und sie hielt sie versteckt, und bewog auch ihre Nachbarn, – sie hatte nicht viele – sie nicht zu verraten. Emilie bekam ein schlimmes Fieber, und was mir sehr wunderbar vorkommt – vielleicht ist es aber den gelehrten Leuten nicht wunderbar – sie vergaß die Sprache jenes Landes und konnte nur die Muttersprache reden, die niemand verstand. Sie erinnert sich's wie im Traum, daß sie dagelegen hat und immer in ihrer Muttersprache redete und immer glaubte, das alte Boot stehe hinter der nächsten Spitze in der Bucht und bat und flehte, hinzuschicken und zu melden, sie liege im Sterben, und Verzeihung zurückzubringen, wenn es auch nur ein Wort sei. Fast die ganze Zeit über glaubte sie, daß er, den ich eben genannt hatte, unter ihrem Fenster horche, oder daß er, der sie soweit gebracht habe, im Zimmer sei – und bat die gute Frau flehentlich, sie nicht auszuliefern, und wußte doch auch zu gleicher Zeit, daß diese sie nicht verstehen konnte, und fürchtete, sie müßte fortgebracht werden. Und Feuer war vor ihren Augen, noch immer und noch immer brauste es ihr in den Ohren, und es gab für sie kein Heute und kein Gestern und kein Morgen, sondern alles in ihrem Leben, was jemals vorgefallen war oder jemals vorfallen konnte, und alles, was nie dagewesen war und nie kommen konnte, stürmte auf einmal auf sie ein, und nichts war ihr klar und wohltuend, und doch sang und lachte sie darüber! Wie lange dies dauerte, weiß ich nicht; aber dann verfiel sie in einen Schlaf, und in diesem Schlafe war sie viel stärker, als ihrer natürlichen Kraft nach möglich war, aber hinterher wurde sie so schwach wie das kleinste Kind.« Hier hielt er inne, als wollte er sich von den Schreckbildern seiner eigenen Beschreibung erholen. Nachdem er einige Augenblicke geschwiegen hatte, fuhr er in seiner Erzählung fort: »Es war ein wunderschöner Nachmittag, als sie erwachte, und so still, daß man nichts hörte als das leise Rauschen des blauen Meeres. Anfangs glaubte sie, sie sei zu Hause, und es sei Sonntag morgen; aber die Weinreben vor dem Fenster und die Berge dahinter waren nicht ihre Heimat und belehrten sie eines andern. Dann kam ihre gute Freundin herein, um neben ihrem Bette zu wachen; und da wußte sie, daß das alte Boot nicht mehr hinter der nächsten Spitze der Bucht stehe, sondern weit entfernt sei, und wußte wo sie war und warum; und fing an zu weinen an dem Busen der guten Frau, wo, wie ich hoffe, jetzt ihr Säugling liegt und sie mit seinen hübschen Äugelchen anlächelt!« Er konnte diese Freundin Emilies nicht ohne eine Flut von Tränen erwähnen. Er versuchte es vergebens. Er fing wieder an zu schluchzen, indem er über sie einen Segenswunsch aussprechen wollte. »Das tat meiner Emilie gut,« fing er an nach einer Bewegung, die ich nicht sehen konnte, ohne sie zu teilen; und auch meine Tante weinte aus vollem Herzen; »das tat Emilie gut, und es wurde besser mit ihr. Aber sie hatte die Sprache jenes Landes ganz vergessen und sah sich genötigt, durch Zeichen zu reden. So ging es fort, und sie wurde besser jeden Tag, langsam, aber sicher, und sie versuchte, die Namen der gewöhnlichen Gegenstände zu lernen – es kam ihr vor, als ob sie diese nie in ihrem Leben gehört hätte – bis ein Abend kam, wo sie am Fenster saß und einem kleinen Mädchen zusah, das am Strande spielte. Und plötzlich hielt ihr das Kind etwas entgegen und sagte, was es auf Englisch heißen würde: ›Fischerstochter, hier ist eine Muschel‹ – denn Sie müssen wissen, daß sie sie erst schöne Dame nannten, wie das dort so Sitte ist, und daß sie sie gelehrt hatte, sie dafür Fischerstochter zu nennen. Das Kind sagte plötzlich: ›Fischerstochter, hier ist eine Muschel!‹ Und da verstand sie Emilie, und sie antwortete und brach in Tränen aus, und es fiel ihr alles wieder ein.« »Als Emilie wieder genesen war,« sagte Mr. Peggotty abermals nach einer kurzen Pause, »so sann sie auf Mittel, die gute junge Frau zu verlassen und nach ihrem Vaterlande zu gelangen. Der Mann war jetzt wieder nach Hause zurückgekehrt, und beide brachten sie auf einen kleinen Kauffahrer, der nach Livorno fuhr und von dort nach Frankreich. Sie hatte noch etwas Geld bei sich, aber sie wollten nur eine ganze Kleinigkeit nehmen für alles, was sie an ihr getan haben. Das freut mich, wenn sie auch sehr arm waren, denn was sie getan haben, ist dort aufbewahrt, wo weder Motten noch Rost schaden und wo Diebe nicht einbrechen oder stehlen. Master Davy, es währet länger als alle Schätze der Welt! – Emilie erreichte Frankreich und trat in Dienst, um in einem Wirtshause am Hafen reisenden Damen aufzuwarten. Da kam eines Tages dorthin jene Schlange. – Möge er mir niemals vor Augen kommen. Ich weiß nicht, was ich ihm Böses antun würde! – Sobald sie ihn erblickte, ohne daß er sie sah, kehrte ihre ganze Furcht und ihr Schrecken zurück, und sie entfloh schon vor der Luft, die er einatmete. Sie begab sich nach England und stieg zu Dover an Land. Ich weiß nicht, wo ihr der Mut zu sinken anfing; aber auf der ganzen Reise nach England hatte sie beabsichtigt, ihr liebes Vaterhaus aufzusuchen. Sowie sie England erreichte, machte sie sich dahin auf. Aber die Furcht, keine Verzeihung zu finden, die Furcht, daß mit Fingern auf sie gedeutet würde, die Furcht, daß von uns einige ihretwegen gestorben sein könnten, die Furcht vor vielen Sachen machte sie unterwegs fast mit Gewalt andern Sinnes. ›Onkel, Onkel‹ sagte sie zu mir, ›die Furcht, nicht würdig zu sein, das zu tun, wonach sich meine zerrissene und blutende Brust so sehr sehnte, war meine ärgste Furcht! Ich kehrte um, als mein Herz voll war von Gebeten, daß ich nachts nach der alten Schwelle kriechen, sie küssen, mein sündiges Gesicht auf sie legen oder dort morgen tot gefunden werden könnte.‹ – So kam sie denn nach London«, sagte Peggotty, und dämpfte seine Stimme zu einem bangen Flüstern herab. »Sie, die es nie in ihrem Leben gesehen hatte – allein – ohne einen Penny – jung – so hübsch – kam nach London! Fast in dem Augenblick, wo sie so ganz verlassen dort ankam, fand sie, wie sie glaubte, eine Freundin, eine anständige Frau, die ihr von Näharbeit vorredete, die sie ihr verschaffen wollte; von einer Unterkunft für die Nacht, und von geheimen Nachforschungen über mich und uns alle, die sie morgen anstellen wollte. Als mein Kind«, sagte er laut und mit einem Ausdruck der Dankbarkeit, der seinen ganzen Körper durchzitterte, »vor einem tiefern Abgrund stand, als ich sagen oder denken kann, da rettete sie Martha, getreu ihrem Versprechen!« Ich konnte einen Ausruf der Freude nicht unterdrücken. »Master Davy!« sagte er und packte meine Hand mit seiner starken Hand, »Sie haben sie zuerst gegen mich erwähnt. Ich danke Ihnen dafür, Sir; sie meinte es ernstlich! Sie hatte aus eigner bitterer Erfahrung gelernt, wo sie zu wachen und was sie zu tun hatte. Sie hat es getan. Und der Herr wacht über alle! Blaß und hastig kam sie zu Emilie, als diese schlief. Sie sagte zu ihr: ›Flieh vor etwas schlimmerem als der Tod ist, und komm mit mir!‹ Die in dem Haus wollten es ihr verwehren, aber sie hätten ebensogut das Meer aufhalten können. ›Tretet zurück‹, sagte sie, ›ich bin ein Geist, der sie von ihrem offenen Grabe zurückruft!‹ Dann erzählte sie Emilien, sie habe mich gesehen und wisse, daß ich sie liebe und ihr verziehen habe. Sie hüllte sie hastig in ihre Kleider ein. Sie nahm sie halb ohnmächtig und zitternd auf ihren Arm. Sie achtete nicht mehr auf das, was sie sagten, als ob sie keine Ohren hätte. Sie wandelte unter ihnen mit meinem Kinde, achtete nur auf dieses und brachte sie in tiefer Nacht aus dieser schwarzen Höhle des Verderbens! Dann pflegte sie meine Emilie,« sagte Mr. Peggotty, der meine Hand losgelassen und seine auf die wogende Brust legte; »sie pflegte meine Emilie, die abgemattet und einmal phantasierend bis zum nächsten Tage dalag. Dann suchte sie mich auf, und dann Sie, Master Davy. Sie sagte Emilien nicht, weshalb sie ausgegangen sei, damit sie nicht wieder den Mut sinken lassen sollte und sich verstecken möchte. Wie die grausame Dame erfuhr, daß sie dort war, weiß ich nicht. Ob vielleicht der, von dem ich so viel gesprochen habe, sie zufällig dorthin gehen sah, oder ob er es – was meiner Ansicht nach wahrscheinlicher ist – von der Frau gehört hatte, das kümmert mich wenig. Ich habe meine Nichte gefunden. Die ganze Nacht sind wir beide, Emilie und ich, beisammen gewesen. Sie hatte in der langen Zeit wenig mit Worten gesagt, aber viel durch bittere Tränen. Noch weniger habe ich von ihrem lieben Gesichtchen gesehen, das unter meinem Dache so schön geworden war. Aber die ganze Nacht lang hielt sie ihre Arme um meinen Hals geschlungen, und ihr Kopf lag hier, und wir wissen recht gut, daß wir uns ewig aufeinander verlassen können.« Er hörte auf zu sprechen; seine Hand lag auf dem Tisch in voller Ruhe, mit einer Entschlossenheit darin, die einen Löwen hätte bezwingen können. »Trot,« sagte meine Tante und trocknete ihre Augen, »es war mir damals wie ein Lichtblick, als ich den Entschluß faßte, Pate von deiner Schwester Betsey Trotwood zu werden, die mich hinterher so enttäuscht hat; aber nächstdem hätte mir nichts ein größeres Vergnügen gemacht, als bei dem Kindchen der guten jungen Frau Pate zu stehen!« Mr. Pegotty nickte, daß er die Gefühle meiner Tante verstände, aber er getraute sich nicht, von dem Gegenstande ihrer Anerkennung zu reden, aus Furcht, wieder von seiner Rührung übermannt zu werden. Wir schwiegen alle, beschäftigt mit unsern Gedanken – meine Tante wischte sich die Augen und schluchzte bald krampfhaft, und lachte dann wieder und nannte sich eine Närrin, bis ich wieder zu sprechen anfing. – »Sie sind in bezug aus die Zukunft ganz einig mit sich?« sagte ich zu Mr. Peggotty; »ich brauche sie kaum zu fragen.« »Ganz einig, Master Davy,« entgegnete er; »ich habe Emilie gesagt, es sind große Länder, weit weg von hier. Unsere Zukunft ist über dem Meere drüben.« »Sie wollen zusammen auswandern, Tante«, fügte ich hinzu. »Ja«, erwiderte Mr. Peggotty mit einem hoffnungsvollen Lächeln. »Keiner kann meinem Liebling in Australien etwas vorwerfen. Wir wollen dort ein neues Leben anfangen!« Ich fragte ihn, ob er schon etwas über die Zeit seiner Abreise bestimmt habe. »Ich war heut morgen ganz früh in den Docks, Sir,« entgegnete er, »um mich nach den Schiffen zu erkundigen. In sechs oder acht Wochen segelt eins – ich bin an Bord gewesen und habe es mir heute früh besehen, – und wir werden mit ihm fahren!« »Nur Sie beide?« fragte ich. »Ja, Master Davy!« entgegnete er. »Sehen Sie, meine Schwester, die so sehr an Ihnen hängt und gewohnt ist, nur an ihr Vaterland zu denken, kann ich nicht gut mitgehen lassen. Außerdem, Master Davy, hat sie einen zu pflegen, der nicht vergessen werden darf.« »Der arme Ham!« sagte ich. »Meine gute Schwester besorgt seine Wirtschaft, Madame, und der hat sich an sie gewöhnt«, erklärte Mr. Peggotty meiner Tante. »Er sitzt bei ihr und spricht mit ihr ganz ruhig, während er nicht leicht einem andern sein Herz auftun würde. – Der arme Junge!« sagte Mr. Peggotty und schüttelte den Kopf. »Es ist ihm sowieso nicht viel übrig geblieben vom Leben, da soll man ihm von dem bißchen nichts fortnehmen, das er noch hat.« »Und Mrs. Gummidge?« fragte ich. »Ja, die hat mir zuerst viel Sorge gemacht, muß ich Ihnen sagen«, entgegnete Mr. Peggotty mit einem verlegenen Blick, der sich aber allmählich etwas aufhellte. »Sehen Sie, wenn Mrs. Gummidge an den Alten zu denken anfängt, ist sie gerade keine gute Gesellschaft. Unter uns, Master Davy – und Ihnen Madame – wenn Mrs. Gummidge zu flennen anfängt, so kann sie für die unangenehm werden, die den Alten nicht gekannt haben. Aber ich habe den kreuzbraven Alten gekannt, kannte seine Verdienste und verstehe sie daher, aber das ist nicht ganz so mit andern Leuten – es kann natürlich nicht so sein.« Meine Tante und ich stimmten bei. »Meiner Schwester – ich will nicht sagen, daß es so sein müßte, aber es könnte doch so sein – könnte Ms. Gummidge manchmal ein wenig beschwerlich fallen. Deshalb will ich Mrs. Gummidge nicht bei ihnen verankern, sondern für sie ein Unterkommen suchen, wo sie für sich allein schäftern kann. Darum«, sagte Mr. Peggotty, »will ich ihr vor meiner Abreise etwas Bestimmtes aussetzen, damit sie ihr gutes Auskommen hat. Sie ist das treueste Geschöpf von der Welt. Aber in ihrem Alter und da sie ganz allein und verlassen ist, kann man nicht erwarten, daß die gute alte Mutter das beschwerliche Leben auf dem Meere und in den Wäldern und Wüsteneien eines neuen und fernen Landes mitmacht.« Er vergaß niemand. Er dachte an jedermanns Ansprüche und Bedürfnisse außer an seine eigenen. »Emilie bleibt bei mir«, fuhr er fort, »bis wir unsere Reise antreten; das arme Kind, sie hat des Friedens und der Ruhe sehr nötig! Sie verfertigt die nötigen Kleidungsstücke, und ich hoffe, ihr Mißgeschick wird ihr länger vergangen erscheinen, als es wirklich der Fall ist, wenn sie sich wieder bei ihrem rauhen Onkel befindet, der ihr aber von Herzen gut ist.« Meine Tante nickte zustimmend, was Mr. Peggotty sehr zur Befriedigung gereichte. »Noch etwas habe ich zu besorgen, Master Davy« – er steckte die Hand in die Brusttasche und nahm mit ernstem Gesicht das kleine Paket heraus, das ich früher schon gesehen hatte, und machte es auf. »Hier sind die Banknoten – fünfzig Pfund und zehn. Dazu soll noch das Geld kommen, das sie mit sich fortnahm. Ich habe mich bei ihr danach erkundigt – ohne ihr zu sagen, warum – und habe es zusammengerechnet. Ich bin darin nicht so bewandert. Wollen Sie so gut sein und nachsehen, ob es richtig ist?« Er übergab mir einen Zettel und beobachtete mich, während ich ihn ansah. Alles war richtig. »Ich danke Ihnen, Sir«, sagte er, als ich es ihm wiedergab. »Das Geld, wenn Sie nichts dawider haben, Master Davy, werde ich vor meiner Abreise in einen Umschlag tun, seinen Namen darauf setzen und es dann in einem Brief an seine Mutter adressieren. Ich werde ihr dann in so wenig Worten als möglich, sagen, was das Geld bedeutet, und daß ich fort bin, und es unmöglich wäre, es mir wieder zurückzuschicken.« Ich sagte ihm, daß ich dies für ratsam halte – daß ich vollkommen überzeugt sei, es wäre recht, da er es dafür halte. »Ich sagte, es wäre nur noch eins zu besorgen,« fuhr er mit einem ernsten Lächeln fort, als er das Paketchen wieder zugemacht und in die Tasche gesteckt hatte, »aber es war doch zweierlei. Als ich diesen Morgen ausging, war ich noch nicht mit mir einig, ob ich das, was sich so glücklich ereignet hat, persönlich Ham sagen sollte. So schrieb ich denn nachher einen Brief und erzählte ihm alles, was geschehen war; daß ich morgen bei ihm sein würde, um mein Herz auszuschütten, und daß ich morgen nach Yarmouth kommen würde, um zu besorgen, was ich dort noch zu besorgen habe, und höchstwahrscheinlich mein letztes Lebewohl von der Stadt mit wegzunehmen.« »Und Sie möchten gern, daß ich Sie begleitete?« fragte ich, da ich bemerkte, daß er noch etwas verschwieg. »Wenn Sie mir diese große Freundlichkeit erweisen wollten, Mr. Davy,« entgegnete er, »so weiß ich wohl, daß Ihr Anblick sie alle etwas erheitern würde.« Da meine kleine Dora bei guter Laune war und sehr wünschte, daß ich gehen möchte, – wie sie mir selbst sagte – so versprach ich gern, ihn zu begleiten. Daher saßen wir schon am nächsten Morgen auf der Postkutsche nach Yarmouth und reisten wieder den alten Weg. Als wir abends durch die längstbekannte Straße gingen – Mr. Peggotty trug allen meinen Vorstellungen zum Trotz meinen Reisesack – blickte ich in Omer und Jorans Laden, und sah dort meinen alten Freund Mr. Omer, der seine Pfeife rauchte. Ich wollte nicht gern dabei sein, wenn Mr. Peggotty zuerst seine Schwester und Ham sah, und benutzte Mr. Omer, um zurückzubleiben. »Wie geht es, Mr. Omer nach so langer Zeit?« fragte ich, hereintretend. Er fächelte den Rauch seiner Pfeife beiseite, damit er mich besser sehen konnte, und erkannte mich bald zu seiner großen Freude. »Ich würde aus Anerkennung für die Ehre dieses Besuches aufstehen,« sagte er, »aber meine Glieder sind nicht so ganz in Ordnung, und ich werde umhergefahren. Mit Ausnahme meiner Glieder und meines Atems befinde ich mich indessen so wohl, wie sich nur ein Mensch befinden kann, und bin dankbar, das sagen zu können.« Ich wünschte ihm Glück zu seinem zufriedenen Aussehen und seiner guten Laune und bemerkte nun, daß sein Lehnstuhl auf Rädern ging. »Es ist ein sinnreiches Ding, nicht wahr?« fragte er, während er der Richtung meines Blickes folgte und die Armlehne mit seinem Arme polierte. »Er bewegt sich leicht wie eine Feder und kann so geschickt umbiegen wie ein Postwagen. Denken Sie, meine kleine Minnie, – mein Enkelkind, wissen Sie, Minnies Kind – drückt mit ihrer zarten Kraft gegen die Rückseite, gibt ihm einen Stoß, und fort geht's, so sicher und lustig wie nur irgend etwas! Und ich will Ihnen noch etwas sagen – um eine Pfeife darin zu rauchen, ist der Stuhl ganz ungewöhnlich gut.« Ich habe nie einen so lieben alten Burschen gesehen, der es so verstand, jeder Sache das Gute abzugewinnen und seine Freude daran zu haben, wie Mr. Omer. Er strahlte nur so, als ob sein Stuhl, seine Engbrüstigkeit und das Versagen seiner Gliedmaßen verschiedene Teile einer großen Erfindung wären, um den Luxus einer Pfeife zu erhöhen. »In diesem Stuhle sehe ich mehr von der Welt, versichere ich Sie,« bemerkte Mr. Omer, »als ich jemals früher sah. Sie würden erstaunen über die Anzahl von Leuten, die über Tag hereinkommen, um ihren Schwatz zu machen. Sie würden es wirklich! In der Zeitung steht zweimal soviel wie sonst, seit ich in diesem Stuhle sitze. Und was das Leben überhaupt betrifft, du meine Güte, durch was alles arbeite ich mich hindurch! Das ist's, was ich so lebhaft fühle, wissen Sie! Wenn es meine Augen gewesen wären, was hätte ich angefangen? Hätte es mit den Ohren gehapert, wie schlecht hätte ich's dann gehabt! Da es meine Beine sind, was schadet's? Mein Atem wurde nur kürzer, wenn ich meine Beine brauchte. Und jetzt, wenn ich auf die Straße oder hinunter auf den Strand gehen will, brauche ich nur Dick, Jorams jüngsten Lehrling zu rufen, und dahin fahre ich in meinem eigenen Wagen wie der Lord-Mayor von London.« Er erstickte fast vor Lachen darüber. »Gott behüte!« sagte Mr. Omer, während er seine Pfeife wieder vornahm, »man muß die Feste feiern, wie sie fallen, das ist's, wozu man sich in diesem Leben entschließen muß. Joram macht gute Geschäfte. Ausgezeichnete Geschäfte!« »Das freut mich sehr zu hören«, antwortete ich. »Das wußte ich«, sagte Mr. Omer. »Und Joram und Minnie sind wie Liebesleute. Was kann ein Mensch mehr erwarten? Was sind seine Beine dagegen?« Die erhabene Verachtung für seine eigenen Gliedmaßen, wie er so dasaß und rauchte, war eine der erheiterndsten Wunderlichkeiten, die mir je vorgekommen sind. »Und seitdem ich mich an das Lesen im allgemeinen gemacht habe, haben Sie sich an das Schriftstellern im allgemeinen gemacht, nicht, Sir?« fragte Mr. Omer und betrachtete mich bewundernd. »Was für ein reizendes Buch haben Sie geschrieben! Wie gefühlvoll! Ich las es Wort für Wort, Wort für Wort ohne was zu überspringen! Und daß ich etwa dabei eingeschlafen wäre! Kein Gedanke daran!« Ich gab lachend meiner Genugtuung Ausdruck, aber ich muß gestehen, daß ich die Zusammenstellung dieser Begriffe bezeichnend fand. »Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, Sir,« sagte Mr. Omer, »wenn ich jenes Buch auf den Tisch lege und sehe es von außen an, vollständig in drei einzelnen, besondern Teilen – eins – zwei – drei – so bin ich stolz wie Punch, wenn ich denke, daß ich einst die Ehre hatte, mit Ihrer Familie in Verbindung zu treten. Und, du lieber Himmel, es ist jetzt eine lange Zeit her, nicht wahr? Drüben in Blunderstone. Das hübsche kleine Wesen lag neben der andern Person. Und Sie selbst damals noch eine kleine Person. Ja, ja!« Ich wechselte den Gesprächsstoff, indem ich Emmie erwähnte. Nachdem ich ihm versichert hatte, nicht vergessen zu haben, wie er sich immer für sie interessiert hätte, und wie gütig er sie immer behandelt habe, berichtete ich im allgemeinen, wie sie mit Marthas Hilfe ihrem Onkel wiedergegeben sei, denn ich wußte, das würde den alten Mann erfreuen. Er hörte mit größter Aufmerksamkeit zu, und als ich geendet hatte, sagte er voll Gefühl: »Ich freue mich darüber, Sir! Das sind die besten Nachrichten, die ich seit vielen Tagen gehört habe, Ja, ja, ja! Und was wird nun mit der unglücklichen jungen Person, der Martha, geschehen?« »Sie berühren da einen Punkt, Mr. Omer, mit dem sich meine Gedanken seit gestern beschäftigt haben,« sagte ich, »über den ich Ihnen aber noch nichts sagen kann. Mr. Peggotty hatte ihn noch nicht erwähnt, und ich wage nicht, danach zu fragen. Ich bin überzeugt, er hat es nicht vergessen. Er vergißt nichts, was gut und selbstlos ist.« »Denn Sie müssen wissen,« sagte Mr. Omer, den Faden wieder aufnehmend, wo er ihn fallen gelassen hatte, »was auch getan wird, ich möchte mich daran beteiligen. Schreiben Sie mich auf mit soundsoviel, wie Sie es für richtig halten, und lassen Sie es mich dann wissen. Ich konnte das Mädchen nie für ganz schlecht halten, und ich freue mich, daß es so ist. Meine Tochter wird sich auch freuen. Junge Frauensleute sind in manchen Dingen voller Widerspruch – ihre Mutter war gerade so wie sie – aber ihre Herzen sind sanft und gut. Was nun Martha anbetrifft, so tut Minnie nur so böse. Warum sie das für nötig hält, darauf will ich mich nicht einlassen. Es sind alles nur Flausen, du lieber Himmel! Sie würde ihr im geheimen jede Wohltat erweisen. Darum schreiben Sie mir nur soviel auf Konto, wie Sie für richtig halten, wollen Sie so gut sein? Und lassen Sie mich mit ein paar Zeilen wissen, wohin ich's schicken kann. Du meine Güte!« sagte Mr. Omer, »wenn ein Mensch in das Alter kommt, wo die beiden Lebensenden sich begegnen, und er so weit gekommen ist, daß er, wie gesund er auch noch ist, zum zweitenmal in einer Art von Kinderwagen herumgefahren wird, so sollte er überselig sein, wenn er noch eine Wohltat erweisen kann. Er selbst braucht gar viele. Und ich spreche nicht von mir im besondern,« sagte Mr. Omer, »denn, Sir, ich sehe die Sache so an, daß wir alle hügelabwärts gehen, welches Alter wir auch haben, denn die Zeit steht nicht einen einzigen Augenblick still. So wollen wir immer etwas Gutes tun und überglücklich sein. Das ist meine Meinung!« Er klopfte die Asche aus seiner Pfeife und legte sie auf ein Brettchen an der Lehne seines Stuhles, das besonders dafür angebracht worden war. »Da ist nun Emmies Vetter, er, den sie hat heiraten sollen,« sagte Mr. Omer und rieb sich leise die Hände, »ein so braver Bursche, wie es nur einen in Yarmouth gibt! Der kommt manchmal abends auf eine Stunde, um mich zu unterhalten oder mir vorzulesen. Das ist eine Wohltat, muß ich wahrhaftig sagen. Sein ganzes Leben ist Wohltun!« »Ich bin jetzt im Begriff, ihn aufzusuchen«, erwiderte ich. »Ja?« fragte Mr. Omer. »Dann sagen Sie ihm, ich wäre ganz munter und ließe ihn grüßen. Minnie und Joram sind auf einem Balle; wenn sie zu Hause wären, würden sie ebenso stolz sein, wie ich, Sie zu sehen. Minnie will überhaupt kaum noch ausgehen, wissen Sie, ›wegen Vater‹, wie sie sagt. So habe ich heute abend geschworen, daß ich um sechs Uhr schlafen ginge, wenn sie nicht ginge. Infolgedessen«, sagte Mr. Omer und sein Stuhl bebte, so lachte er über den Erfolg seiner List, »ist sie und Joram auf den Ball gegangen.« Ich schüttelte ihm die Hand und wünschte ihm Gute Nacht. »Noch eine halbe Minute, Sir«, sagte Mr. Omer. »Wenn Sie gingen, ohne meinen kleinen Elefanten gesehen zu haben, verlören Sie einen entzückenden Anblick. Sie haben einen solchen Anblick niemals gehabt! Minnie!« Ein musikalisches Stimmchen antwortete irgendwoher von oben: »Ich komme, Großvater!« Und ein hübsches, kleines Mädchen mit langem, lockigem Flachshaar kam bald darauf in den Laden gelaufen. »Dies ist mein kleiner Elefant, Sir«, sagte Mr. Omer und streichelte das Kind! »Siamesische Rasse, Sir. Nun, kleiner Elefant!« Der kleine Elefant öffnete die Türe zur Wohnstube, wobei ich sehen konnte, daß sie in letzter Zeit in eine Schlafstube für Mr. Omer verwandelt worden war, der nicht leicht hinaufgeschafft werden konnte; dann drückte die Kleine ihre hübsche Stirn gegen die Lehne von Mr. Omers Lehnstuhl, wobei sie ihr Haar in Verwirrung brachte. »Der Elefant stößt mit dem Kopfe, Sir, wissen Sie, wenn er auf einen Gegenstand losgeht«, sagte Mr. Omer und zwinkerte mir bedeutsam zu. »Nun, Elefant, zeige deine Dressur: eins, zwei, drei!« Bei diesem Zeichen drehte der kleine Elefant mit einer Geschicklichkeit, die beinahe wunderbar bei einem so kleinen Geschöpfchen war, den Stuhl mit Mr. Omer darin herum, und rasselte mit ihm hurre, hurre, hurre, in die Wohnstube, ohne den Türpfosten zu berühren, während Mr. Omer von dieser Vorstellung unbeschreiblich entzückt war und sich nach mir umsah, als wäre sie der triumphierende Abschluß seiner Lebensbemühungen. Nach einem Spaziergange in der Stadt ging ich zu Ham. Peggotty war jetzt zu ihm gezogen, und hatte ihr Haus dem Nachfolger des Mr. Barkis im Fuhrmannsgeschäft vermietet, der ihr die Kundschaft, den Wagen und das Pferd sehr gut bezahlt hatte. Ich glaube, dasselbe langsame Pferd, das Mr. Barkis fuhr, war immer noch im Dienst. Ich fand sie in der reinlichen Küche und bei ihnen Mrs. Gummidge, die Mr. Peggotty selbst aus dem alten Boot abgeholt hatte. Ich glaube kaum, daß sie jemand anders hätte bewegen können, ihren Posten zu verlassen. Er hatte ihnen augenscheinlich schon alles berichtet, denn meine Peggotty und Mrs. Gummidge trockneten sich mit den Schürzen die Augen, und Ham war eben hinausgegangen, »um sich ein bißchen auf dem Strande umzusehen,« Er kehrte gleich darauf wieder zurück und freute sich sehr, mich zu sehen, und ich hoffe, meine Anwesenheit tat ihnen allen Wohl. In einem Tone, den man hätte etwas gezwungen heiter nennen können, sprachen wir davon, wie Mr. Peggotty in dem neuen Lande reich werden und was für Wunder er in seinen Briefen beschreiben würde. Emilies Namen nannten wir nicht, aber spielten mehr als einmal auf sie an. Ham war der ruhigste von der ganzen Gesellschaft. Aber als mir Peggotty nach der kleinen Kammer hinauffolgte, wo das Krokodilenbuch noch immer auf dem Tische lag, sagte sie mir, daß er immer so sei. Sie glaube (äußerte sie weinend), daß sein Herz gebrochen sei, obgleich er soviel Mut und Milde zeige und angestrengt und besser arbeite, als irgendein anderer Schiffszimmermann im Orte. Manchmal des Abends spreche er mit ihr von ihrem alten Leben in dem Boothause, und dann erwähnte er Emilie als Kind. Aber als erwachsenes Mädchen erwähnte er sie nicht. Ich glaubte auf seinem Gesichte gelesen zu haben, daß er mich gern allein sprechen möchte. Ich beschloß daher, es nächsten Abend, wenn er von der Arbeit nach Hause käme, so einzurichten, daß er mir begegnete. Sobald ich darüber mit mir einig war, schlief ich ein. Zum ersten Male seit so vielen Abenden wurde diesmal das Licht aus dem Fenster genommen. Mr. Peggotty schlief in seiner alten Hängematte in dem alten Boote, und der Wind seufzte mit dem alten Tone um sein Haupt. Den ganzen folgenden Tag war er damit beschäftigt, sein Fischerboot und sein Fischerzeug zu verkaufen, alles, was er von seinem Hausgerät mitnehmen wollte, einzupacken und mit dem Wagen nach London zu schicken und das übrige zu verkaufen, oder Mrs. Gummidge zu schenken. Sie verließ ihn den ganzen Tag nicht. Da mich ein schmerzlicher Wunsch erfüllte, das alte Haus zu sehen, bevor es zugeschlossen wurde, so versprach ich ihm, noch einmal abends hinzukommen. Aber ich richtete es so ein, daß ich Ham zuerst sprechen konnte. Ich traf ihn auf einer einsamen Stelle der Dünen, über die er kommen mußte, und kehrte mit ihm um, damit er mit mir in aller Ruhe sprechen konnte, wenn er es wirklich wünschte. Ich hatte den Ausdruck seines Gesichtes nicht mißverstanden. Wir waren nicht lange miteinander gegangen, als er anfing, ohne mich anzusehen: »Master Davy, haben Sie sie gesehen?« »Nur auf einen Augenblick, als sie in Ohnmacht lag«, antwortete ich halblaut. Wir gingen eine Strecke weiter, und er sagte: »Master Davy, glauben Sie wohl, daß Sie sie noch sehen werden?« »Es wäre ihr vielleicht zu schmerzlich«, sagte ich. »Ich habe auch daran gedacht«, gab er zur Antwort. »Es würde ihr gewiß zu schmerzlich sein.« »Aber Ham,« sagte ich zu ihm, »wenn Sie etwas haben, das ich ihr schreiben könnte, im Fall ich nicht Gelegenheit hätte, es ihr zu sagen, wenn Sie durch mich sie etwas wissen lassen wollen, so würde ich es als einen geheiligten Auftrag betrachten.« »Des bin ich gewiß. Ich danke Ihnen recht sehr dafür, Sir! Ich glaube, ich möchte ihr etwas zu wissen tun.« »Was ist es?« Wir gingen noch eine Strecke stillschweigend nebeneinander her, und dann fing er wieder an: »Nicht, daß ich ihr verziehen habe. Das will nicht viel sagen. Eher sollte ich sie um Verzeihung bitten, daß ich ihr meine Liebe aufgedrungen habe. Manchmal habe ich gedacht, wenn ich es mir nicht von ihr hätte versprechen lassen, mich zu heiraten, so hätte sie mir gewiß gesagt – denn sie vertraute auf mich wie auf einen Freund – was ihr auf dem Herzen lag und hätte mich um Rat gefragt, und ich hätte sie vielleicht gerettet,« Ich drückte ihm die Hand. »Ist das alles?« »Noch etwas,« entgegnete er, »wenn ich es nur herausbringen kann, Mr. Davy.« Wir gingen weiter, weiter als wir bis jetzt gegangen waren, ehe er wieder zu sprechen anfing. Er weinte nicht, wenn er die Pausen machte, die ich durch Striche ausdrücken werde. Er sammelte sich nur, um sich recht deutlich auszusprechen. »Ich liebte sie – und ich liebe die Erinnerung an sie – zu tief – als daß ich imstande sein sollte, ihr glauben zu machen, ich sei glücklich. Ich könnte nur glücklich sein – wenn ich sie vergesse – und fürchte, ich könnte es nicht ertragen, wenn es ihr gesagt würde. Aber wenn Sie, Mr. Davy, der Sie ein so gelehrter Mann sind, einmal etwas erfinden könnten, was sie glauben machen könnte, ich sei nicht so sehr unglücklich, ich liebe sie immer noch und betraure sie – etwas, was sie glauben machen könnte, ich sei des Lebens nicht müde, und hoffe sie dereinst fleckenlos zu sehen, wo die Bösen nicht mehr schaden und die Müden gehn zur Ruh – etwas, was ihr das schwere Herz erleichtern könnte und sie doch nicht glauben machte, daß ich jemals heiraten könnte, oder daß es möglich sei, daß eine andere mir jemals sein könnte, was sie mir war – das möchte ich Sie bitten, ihr zu sagen – und daß ich für sie bete – die mir so lieb war.« Ich drückte ihm wieder die Manneshand und sagte ihm, ich wollte es ausrichten, so gut ich könnte. »Ich danke Ihnen, Sir«, gab er zur Antwort. »Es war freundlich von Ihnen, daß Sie mich aufsuchten, es war auch freundlich von Ihnen, daß Sie ihn herbegleitet haben. Mas'r Davy, sehen Sie, meine Tante fährt noch mal nach London herüber, ehe sie absegeln, und sie sehen sich dann alle noch einmal, aber ich werde ihn wohl nicht wiedersehen. Mir ist ganz so zumut. Wir reden nicht davon, aber so wird's kommen, und 's ist auch besser so. Wenn sie ihn zuletzt sehen, wollen Sie ihm im letzten Augenblicke sagen, daß ihm der verwaiste Neffe, dem er immer mehr als Vater war, noch einmal seinen tiefsten Dank und seine Sohnespflicht zusichert.« Auch das versprach ich treulich auszurichten. »Ich danke noch einmal, Sir«, sagte er, und schüttelte mir herzlich die Hand. »Ich weiß, wo Sie hingehen. Leben Sie wohl!« Mit einer leichten Handbewegung, als wollte er mir andeuten, daß er das alte Haus nicht betreten könnte, wandte er sich rückwärts; ich sah ihm nach, wie er über die öde Düne im Mondenschein dahin schritt, und sah, wie er sein Gesicht auf einen Streifen silbernen Lichts auf dem Meere wendete und das Auge darauf haften ließ, bis er als Schatten in der Ferne verschwand. Die Tür des Bootshauses stand offen, als ich es erreichte, und als ich eintrat, sah ich, daß alles Hausgerät fort war, mit Ausnahme einer alten Schiffskiste, auf der Mrs. Gummidge mit einem Korbe auf dem Knie saß und Mr. Peggotty ansah. Er lehnte den Ellbogen auf den Kaminsims und blickte in die verlöschende Asche im Roste, aber er erhob hoffnungsvoll das Haupt, als ich eintrat, und sprach im heitern Tone: »Na, Sie halten Wort und kommen, um Abschied von dem alten Hause zu nehmen, Master Davy«, und hielt das Licht in die Höhe. »Es ist jetzt ziemlich kahl, nicht wahr?« »Sie haben wirklich die Zeit gut benutzt«, sagte ich. »Nun ja, wir sind nicht faul gewesen, Sir! Mrs. Gummidge hat gearbeitet wie – ich weiß nicht wie Mrs. Gummidge gearbeitet hat«, und Mr. Peggotty sah sie an, da er ein genügend lobendes Beispiel nicht finden konnte. Ms. Gummidge, auf ihren Korb gestützt, sagte nichts. »Das ist noch dieselbe Kiste, auf der sie immer mit Emilie saßen!« sagte Mr. Peggotty langsam. »Ich will sie als letztes Stück mit mir fortnehmen. Und da ist ihr ehemaliges kleines Schlafzimmer, Master Davy! Jetzt fast ebenso kahl und öde, als es sich ein trauriges Herz nur wünschen kann.« Wirklich hatte der Wind, obgleich nur schwach, etwas Feierliches und wehte um das verlassene Haus mit leiser trauervoller Klage. Alles war fort, bis herunter zu dem kleinen Spiegel mit dem Rahmen von Austerschalen. Ich dachte an mich selbst, wie ich an jenem ersten Abende hier geruht hatte. Ich dachte an das Kind mit den blauen Augen, das mich bezaubert hatte. Ich dachte an Steerforth, und eine törichte, schreckliche Einbildung kam über mich, daß er nicht weit von uns sei, und daß wir ihm jeden Augenblick begegnen könnten. »Es wird lange dauern, ehe das Boot neue Mietsleute findet«, sagte Mr. Peggotty mit leiser Stimme. »Die Leute halten es jetzt für ein unglückliches Haus!« »Gehört es jemand in der Nachbarschaft?« fragte ich. »Einem Mastenmacher in der Stadt drin«, erwiderte Mr. Peggotty. »Ich will ihm heute die Schlüssel übergeben.« Hier warf er einen flüchtigen Blick in das andere Zimmer und kehrte zu Mrs. Gummidge zurück, die noch immer auf der Schiffskiste saß. Mr. Peggotty setzte das Licht auf den Kaminsims und bat sie, aufzustehen, damit er die Kiste, bevor er das Licht auslöschte, hinaustragen konnte. »Daniel,« sagte Mrs. Gummidge, die ihren Korb rasch hinsetzte, und sich an seine Arme hing, »lieber Daniel, die Abschiedsworte, die ich in diesem Hause spreche, sind: ›Ihr dürft mich nicht hier lassen.‹ Denkt nicht daran, mich hier zu lassen, Daniel! O tut es nicht!« Ganz überrascht sah Mr. Peggotty erst Mrs. Gummidge und dann mich an, als ob er aus einem Traum erwache. »Tut es nicht, liebster Daniel, tut es nicht!« bat Mrs. Gummidge voll Innigkeit, »nehmt mich mit, Daniel, nehmt mich mit Euch fort und mit Emilie, ich will Eure fleißige und treue Magd sein. Wenn es in dem Lande, wo ihr hingeht, Sklaven gibt, so will ich Euer Sklave sein, und glücklich, aber laßt mich nicht hier, Daniel, lieber, guter Daniel.« »Gute Seele,« sagte Mr. Peggotty, schüttelte aber den Kopf, »Ihr wißt nicht, was eine lange Seereise und ein angestrengtes Farmerleben ist!« »O ja, Daniel, ich kann es mir vorstellen«, rief jetzt Mrs. Gummidge, »Aber meine letzten Worte unter diesem Dache sind: Ich gehe in das Haus zurück und sterbe, wenn Ihr mich nicht mitnehmt. Ich kann graben, Daniel! Ich kann arbeiten. Ich kann unter Entbehrungen leben. Ich kann jetzt gut und geduldig sein – mehr vielleicht als Ihr denkt, Daniel, wenn Ihr es nur versucht. Das Geld, das Ihr mir hier laßt, werde ich nicht anrühren, und sollte ich vor Hunger sterben, Daniel Peggotty, aber mit Euch und Emilie ging ich bis an der Welt Ende, wenn Ihr es zulassen wollt! Ich weiß, wie es ist; ich weiß, Ihr glaubt, ich sei eine einsame und verlassene Kreatur; aber lieber, guter Daniel, das ist nicht mehr so! Ich habe nicht so lange hier gesessen und Euern Prüfungen zugesehen und darüber nachgedacht, ohne daß es Gutes in mir gewirkt hätte. Master Davy, legt Euer Wort für mich ein! Ich kenne Emiliens Art, und kenne ihre Sorgen und ihre Schmerzen und kann sie manchmal trösten, und für sie arbeiten! Daniel, lieber, guter Daniel nehmt mich mit!« Und Mrs. Gummidge nahm seine Hand – küßte sie mit einem Pathos der Einfachheit und mit einem schlichten Entzücken der Hingebung und Dankbarkeit, die er wohl verdiente. Wir trugen die Kiste hinaus, löschten das Licht aus, verschlossen die Tür und ließen das alte Boot hinter uns, einen dunkeln Fleck in trüber Nacht. Am nächsten Morgen, als wir draußen auf der Landkutsche nach London zurückkehrten, befand sich Mrs. Gummidge mit ihrem Korb auf dem Rücksitze – und Mrs. Gummidge war ganz glücklich. Zweiundfünfzigstes Kapitel. Eine Explosion. Als an der von Mr. Micawber so geheimnisvoll bestimmten Zeit noch vierundzwanzig Stunden fehlten, berieten meine Tante und ich, was wir nun zunächst zu tun hätten, denn meine Tante wollte ungern Dora verlassen. Ach wie leicht ich jetzt Dora die Treppe hinauf- und hinabtrug! Obgleich Mr. Micawber die Anwesenheit meiner Tante zur Bedingung gemacht hatte, waren wir doch geneigt, es so einzurichten, daß sie zu Hause bleiben sollte, und daß Mr. Dick und ich ihre Stelle vertraten. Wir hatten uns auch schon dazu entschlossen, als Dora alle Verabredung mit der Erklärung über den Haufen warf, daß sie es sich nie verzeihen würde und ebensowenig ihrem bösen Manne, wenn die Tante unter irgend einem Vorwande zu Hause bliebe. »Ich spreche dann nicht mit dir«, sagte Dora und schüttelte komisch zürnend ihre Locken gegen meine Tante. »Ich will unangenehm sein! Ich lasse Jip dich anbellen. Und ich glaube wirklich, du bist eine mürrische, alte Frau, wenn du nicht gehst!« »Aber Maßliebchen,« lachte meine Tante, »du weißt ja, du kannst mich nicht entbehren.« »O doch«, erwiderte Dora. »Du bist mir zu gar nichts nütze. Du läufst nicht den ganzen Tag für mich herum, treppauf, treppab. Du sitzt niemals an meinem Bett und erzählst mir Geschichten von Doady, als seine Schuhe durchgelaufen und er mit Staub bedeckt war – ach, was für ein armer Kerl! – Du tust mir nie etwas zu Gefallen, nicht wahr, Tante?« Dora beeilte sich, meine Tante zu küssen, »o doch, du tust es ja alles, und ich scherze nur, damit du nicht glauben sollst, es sei mein Ernst.« »Aber Tante,« fuhr Dora schmeichelnd fort, »höre mir zu. Du mußt gehen. Ich will dich quälen, bis ich meinen Willen habe. Ich will meinem bösen Mann das Leben so schwer machen, wenn er dich nicht bewegt, zu gehen. Ich will so unangenehm werden, – und auch Jip! Lange, lange Zeit wirst du wünschen du wärest gegangen, wenn du nicht gehst. Übrigens,« schloß Dora, strich sich das Haar zurück und sah meine Tante und mich verwundert an, »warum wollt ihr nicht beide gehen? Ich bin wahrhaftig nicht sehr krank. Wäre es denn wahr?« »Mein Gott, was für eine Frage!« rief meine Tante. »Welche Einbildung!« sagte ich. »Ja, ich weiß wohl, ich bin ein törichtes, kindisches Frauchen!« sagte Dora und ließ ihre Augen von dem einen zu dem andern streifen und spitzte dann ihre Lippen, um uns zu küssen, während sie auf dem Bette liegen blieb. »Also müßt ihr beide gehen oder ich glaube euch nicht, und dann muß ich weinen!« Ich merkte dem Gesicht meiner Tante an, daß sie anfing, nachzugeben, und Dora wurde wieder heiter, da sie es ebenfalls sah. »Ihr werdet mir bei eurer Rückkehr so viel zu erzählen haben, daß ihr wenigstens eine Woche zu tun haben werdet, um es mir begreiflich zu machen!« sagte Dora. »Denn ich weiß, es wird lange dauern, ehe ich es verstehe, wenn es Geschäftssachen sind. Und es sind gewiß Geschäftssachen! Wenn es etwas zu addieren ist, weiß ich nicht, wann ich damit fertig werden soll; und mein böser Mann wird die ganze Zeit über ein so unglückliches Gesicht dazu machen. Na! jetzt geht ihr, nicht wahr? Ihr bleibt ja nur eine Nacht weg, und Jip nimmt mich unterdessen in seinen Schutz. Ehe ihr geht, trägt mich Doady hinauf, und ich komme erst nach eurer Rückkehr wieder herunter, und du nimmst Agnes einen Brief mit, in dem ich sie fürchterlich ausschelte, weil sie uns gar nicht besucht hat!« Ohne uns weiter zu beraten, kamen wir überein, daß wir beide gehen wollten und meinten lächelnd, daß Dora eine kleine Heuchlerin sei, die sich krank stellte, weil sie sich gern hätscheln ließ; sie freute sich sehr darüber und war sehr lustig, und wir vier, nämlich meine Tante, Mr. Dick, Traddles und ich, fuhren diesen Abend mit der Post nach Canterbury. In dem Gasthause, wo uns Mr. Micawber hinbestellt hatte, und in das wir in der Mitte der Nacht Einlaß erhielten, fand ich einen Brief des Inhalts, daß er sich früh pünktlich zehn Uhr hier einstellen würde. Hierauf begaben wir uns in dieser unbehaglichen Stunde fröstelnd nach unsern Betten, durch verschiedene Gänge, die so rochen, als ob sie seit Jahrhunderten in eine Auflösung von Stalldüften getaucht worden wären. Zur frühen Stunde am nächsten Morgen schlenderte ich durch die geliebten alten, ruhigen Straßen und trat wieder in die Schatten der würdigen Torwege und Kirchen. Die Krähen flogen um die Domtürme, und die Türme selbst, die so viele Meilen von dem unverändert schönen Lande und seinen freundlichen Flüssen überblickten, ragten in die helle Morgenluft, als gäbe es auf Erden keinen Wechsel. Aber die Glocken, die dann geläutet wurden, klagten mit trauriger Stimme, daß alles dem Wechsel unterworfen sei; sie redeten von ihrem eigenen Alter und wie jung meine hübsche Dora sei und von vielen Menschen, die nicht alt geworden waren, die gelebt und geliebt hatten und gestorben waren, während der Nachhall dieser Glocken seit Jahrhunderten durch die verrostete Rüstung des schwarzen Prinzen, die unten in der Kirche hängt, gezittert hatte; und die Menschen waren Staubatome auf dem dunklen Hintergrunde der Zeit, spurlos zerstoben wie die Kreise im Wasser. Von der Straßenecke aus blickte ich nach dem alten Hause, aber ich ging nicht näher, damit man mich nicht sehen sollte. Ich hätte dadurch unabsichtlich den Plan schädigen können, den ich zu unterstützen gekommen war. Die Frühsonne streifte die Kanten der Vorsprünge und Gitterfenster und färbte sie goldig, und einige Strahlen von dem alten Frieden dieses Hauses fielen wieder in mein Herz. Ich machte einen Spaziergang ins Land hinaus und kehrte nach etwa einer Stunde durch die Hauptstraße zurück, die unterdessen den Schlaf der vergangenen Nacht von sich geschüttelt hatte; unter denen, die in den Läden tätig waren, sah ich meinen alten Feind, den Fleischer, der es jetzt zu Stulpenstiefeln, einem Kinde und einem eigenen Geschäft gebracht hatte. Er schaukelte das Kind auf den Knien und schien ein wohlwollendes Mitglied der Gesellschaft zu sein. Wir waren alle sehr unruhig und ungeduldig, als wir uns zum Frühstück setzten. Wie halb zehn Uhr immer näher kam, vermehrte sich unsere Unruhe. Endlich taten wir gar nicht mehr, als ob wir frühstückten, denn unser Frühstück war, mit Mr. Dicks Ausnahme eine bloße Form gewesen. Meine Tante ging im Zimmer auf und ab, Traddles setzte sich auf das Sofa und tat, die Augen auf die Decke geheftet, als ob er die Zeitung lese, und sah oft zum Fenster hinaus, um uns Mr. Micawbers Ankunft zu melden. Ich hatte auch nicht lange zu warten, denn mit dem ersten Schlage der halben Stunde erschien er in der Straße. »Da ist er,« rief ich, »und nicht im schwarzen Juristenrock!« Meine Tante band sich die Hutbänder zu – sie war im Hute zum Frühstück heruntergekommen – und nahm ihren Schal um, als ob sie zu allem bereit sei, was entschlossen und unnachgiebig heißt, Traddles knöpfte sich gleichfalls den Rock mit entschiedener Miene zu. Beunruhigt durch diese unheilverkündenden Anzeichen, aber erfüllt von dem Gefühle, daß er sie nachahmen müsse, zog Mr. Dick mit beiden Händen den Hut so fest über die Ohren, wie es nur möglich war, nahm ihn aber sofort wieder ab, um Mr. Micawber zu bewillkommnen. »Meine Herren und Damen,« sagte Mr. Micawber, »guten Morgen! Mein verehrter Herr,« zu Mr. Dick sich wendend, der ihm heftig die Hand schüttelte, »Sie sind außerordentlich gütig!« »Haben Sie gefrühstückt?« fragte Mr. Dick. »Essen Sie ein Kotelett?« »Um alles in der Welt nicht, mein bester Herr!« rief Mr. Micawber und hielt ihn auf, denn er wollte schon nach der Klingel gehen. »Appetit und ich, Mr. Dixon, sind einander seit langem fremd.« »Mr. Dixon« fand so viel Gefallen an seinem neuen Namen, und schien die Erfindung Mr. Micawber so hoch anzurechnen, daß er ihm wieder die Hand schüttelte und ziemlich kindisch lachte. »Dick,« sagte meine Tante, »Achtung!« Mr. Dick sammelte sich wieder mit einem flüchtigen Erröten. »Jetzt, Sir,« sagte meine Tante zu Micawber, während sie ihre Handschuhe anzog, »sind wir für den Berg Vesuv oder sonst etwas bereit, sobald Sie belieben.« »Madame,« entgegnete Mr. Micawber, »ich hoffe, Sie werden bald Zeugen eines Ausbruchs sein. Mr. Traddles, ich habe doch jetzt die Erlaubnis, zu erwähnen, daß wir miteinander verhandelt haben?« »Das ist unzweifelhaft wahr«, sagte Mr. Traddles, den ich überrascht anblickte. »Mr. Micawber hat mich über das, was er beabsichtigt, zu Rate gezogen, und ich habe nach meinem besten Wissen Ratschläge erteilt.« »Wenn ich mich nicht täusche, Mr. Traddles,« fuhr Mr. Micawber fort, »so ist das, was ich beabsichtige, eine Enthüllung wichtigster Art zu nennen.« »Gewiß, eine höchst wichtige«, bemerkte Mr. Traddles. »Unter diesen Umständen, Madame und meine Herren,« sagte Mr. Micawber, »werden Sie mir vielleicht die Gunst erweisen, sich für einen Augenblick der Leitung eines Individuums zu unterwerfen, das, obgleich es nicht würdig ist, anders als ein herrenloses Wrack auf dem Strande der Menschheit betrachtet zu werden, dennoch Ihr Mitmensch ist, obgleich ihm individuelle Irrtümer und die kumulierende Kraft einer Kombination von Ereignissen seine ursprüngliche Gestalt genommen haben.« »Wir setzen volles Vertrauen in Sie, Mr. Micawber,« sagte ich, »und wollen uns ganz nach Ihnen richten.« »Mr. Copperfield,« entgegnete Mr. Micawber, »Sie schenken Ihr Vertrauen unter diesen Umständen keinem Unwürdigen! Ich wollte Sie bitten, mir zu erlauben, mit fünf Minuten Vorsprung vor Ihnen wegzugehen; und dann die ganze gegenwärtige Gesellschaft mit Einschluß von Miß Wickfield im Bureau von Wickfield und Heep, dessen Söldling ich bin, zu empfangen.« Meine Tante und ich sahen Traddles an, der mit einem Nicken seine Zustimmung gab. »Vorderhand habe ich weiter nichts zu sagen!« bemerkte Mr. Micawber. Damit machte er zu meinem unendlichen Erstaunen uns allen eine gemeinschaftliche Verbeugung und verschwand; sein Benehmen war dabei sehr gemessen und sein Gesicht ganz blaß. Traddles lachte und schüttelte den Kopf – auf dem das Haar ganz zu Berge stand – als ich ihn fragend ansah; so nahm ich denn die Uhr heraus und zählte als letztes Mittel die fünf Minuten ab. Meine Tante tat dasselbe, ihre Uhr in der Hand. Als die Zeit verstrichen war, gab ihr Traddles den Arm, und wir begaben uns alle miteinander nach dem alten Hause, ohne unterwegs zu sprechen. Wir fanden Mr. Micawber an seinem Pult, in der Parterrestube angestrengt arbeiten, oder wenigstens stellte er sich so. Das große Lineal steckte in der Weste, und es guckte ein Stück hervor wie eine neue Art Busenstreif. Da es mir vorkam, als wünschte er, daß ich zu reden anfangen sollte, sagte ich laut: »Wie geht es, Mr. Micawber?« »Mr. Copperfield,« sagte Mr. Micawber mit großem Ernste, »ich hoffe, Sie befinden sich wohl!« »Ist Mr. Wickfield zu Hause?« fragte ich. »Mr. Wickfield leidet an einem rheumatischen Fieber und liegt im Bett; aber Miß Wickfield wird sich jedenfalls glücklich schätzen, alte Freunde bei sich zu sehen. Wollen Sie eintreten, Sir?« Er führte uns in das Speisezimmer – das erste Zimmer, das ich in diesem Hause betreten hatte – öffnete die Tür von Mr. Wickfields früherem Bureauzimmer und sagte mit sonorer Stimme: »Miß Trotwood, Mr. David Copperfield, Mr. Thomas Traddles, Mr. Dixon!« Ich hatte Uriah Heep seit jenem Schlage nicht gesehen. Unser Besuch überraschte ihn offenbar, und gewiß nicht weniger, weil er uns selbst überraschte. Er zog die Augenbrauen nicht zusammen, denn er hatte keine, die der Rede wert waren. Aber er runzelte die Stirn so sehr, daß die kleinen Augen fast verschwanden, während das schnelle Emporfahren der magern Hand an das Kinn Bangen oder Überraschung verriet. Das geschah eben als wir ins Zimmer traten und ich über die Schultern meiner Tante einen flüchtigen Blick auf ihn werfen konnte. Eine Minute später war er so kriechend und demütig wie früher. »Wahrhaftig,« sagte er, »das ist ein unerwartetes Vergnügen! Alle seine Freunde aus London auf einmal um sich zu sehen, ist wirklich ein ungeahnter Genuß! – Mr. Copperfield, ich hoffe, Sie befinden sich wohl und – wenn ich meine bescheidene Hoffnung ausdrücken darf – freundlich gesinnt gegen die, die immer Ihre Freunde sind, mögen Sie wollen oder nicht. Mrs. Copperfield ist hoffentlich in der Besserung? Was wir neuerdings von ihrem Befinden hörten, hat uns sehr besorgt gemacht, das kann ich Sie versichern,« Ich schämte mich, daß ich ihm meine Hand nehmen lassen mußte, aber ich wußte nicht, was ich sonst tun sollte. »Die Sachen haben sich hier sehr verändert seit der Zeit, Miß Trotwood, wo ich nichts als ein niedriger Schreiber war und Ihnen das Pferd hielt, nicht wahr?« sagte Uriah mit seinem falschesten Lächeln. »Aber ich habe mich nicht verändert, Miß Trotwood!« »Na, um Ihnen nur die Wahrheit zu sagen,« gab ihm meine Tante zur Antwort, »so glaube ich, daß Sie den Versprechungen Ihrer Jugend ziemlich treu geblieben sind, wenn Ihnen das Freude macht.« »Ich danke Ihnen, Miß Trotwood,« erwiderte Uriah und krümmte sich demütig, »ich danke Ihnen für Ihre gute Meinung, Miß Trotwood! Micawber, lassen Sie es Miß Agnes sagen – und der Mutter; Mutter wird ganz stolz, wenn sie die gegenwärtige Gesellschaft sieht!« sagte Uriah und setzte die Stühle zurecht. »Sie sind nicht beschäftigt, Mr. Heep«, fragte Traddles, dessen Auge den listigen roten Augen, wie sie uns heimlich forschend ansahen, wie zufällig begegnete. »Nein, Mr. Traddles«, gab Uriah zur Antwort, indem er sich wieder auf seinen Stuhl setzte und die knochigen Hände zusammengelegt zwischen den knochigen Knien quetschte. »Nicht so viel wie ich wünschen könnte. Aber Sie wissen ja, Advokaten, Haifische und Blutegel sind nicht so leicht zu befriedigen! Nicht etwa, daß ich und Mr. Micawber im allgemeinen nicht alle Hände voll zu tun hätten, weil Mr. Wickfield kaum noch zu etwas fähig ist. Aber es ist ein Vergnügen und eine Pflicht, für ihn zu arbeiten. Sie haben Mr. Wickfield nicht genauer gekannt, Mr. Traddles, glaube ich. Wenn ich nicht irre, habe ich nur einmal die Ehre gehabt, Sie hier zu sehen?« »Nein, ich bin nicht näher mit Mr. Wickfield bekannt,« entgegnete Mr. Traddles, »sonst hätte ich Sie wohl schon langst einmal aufgesucht,« Es klang etwas aus dem Tone dieser Antwort, was Uriah veranlaßte, mit finsterm und argwöhnischem Ausdruck den Redenden noch einmal anzusehen. Aber da er Traddles mit seinem gutmütigen Gesicht, dem einfachen Benehmen und dem zu Berge stehenden Haare erblickte, fühlte er sich nicht veranlaßt, darauf Rücksicht zu nehmen, sondern sagte: »Das tut mir leid, Mr. Traddles, Sie hätten ihn so sehr bewundert wie wir alle. Seine kleinen Fehler hätten Ihnen den Mann noch teurer gemacht. Aber wenn Sie beredt über meinen Kompagnon sprechen hören wollen, so müssen Sie sich an Mr. Copperfield wenden. Die Familie Wickfield ist ein Gegenstand, in dem er stark ist, wenn Sie ihn noch nicht davon haben sprechen hören.« Das Eintreten von Agnes, der Mr. Micawber jetzt die Tür öffnete, verhinderte mich, das Kompliment zurückzuweisen, wenn ich mich dazu überhaupt hätte veranlaßt sehen sollen. Mir kam sie nicht ganz so ruhig wie gewöhnlich vor, und offenbar hatte sie viel Sorgen und ermüdende Anstrengungen ausgestanden. Aber ihre ernste Herzlichkeit und ihre stille Schönheit traten nur mit um so sanfterem Glanze hervor. Ich sah, wie Uriah sie beobachtete, während sie uns begrüßte, und er erinnerte mich an einen häßlichen und rebellischen Dämon, der einen guten Geist des Lichtes überwacht. Mittlerweile wechselten Mr. Micawber und Traddles ein kaum bemerkbares Zeichen, und Traddles ging, unbeachtet von allen, außer von mir, hinaus. »Sie brauchen nicht zu warten, Micawber«, sagte Uriah. Mr. Micawber, die Hände an das große Lineal in der Brust gelegt, stand aufgerichtet vor der Tür und betrachtete ganz unleugbar einen seiner Mitmenschen, und zwar seinen Prinzipal. »Worauf warten Sie, Micawber?« fragte Uriah, »hörten Sie nicht, daß Sie nicht warten sollten?« »Ja!« entgegnete der nicht außer Fassung zu bringende Micawber. »Nun, warum warten Sie denn?« fragte Uriah. »Weil – weil – nun, weil ich will –« platzte Mr. Micawber heraus. Uriahs Wangen verloren die Farbe, und eine ungesunde Blässe, aus der das sonst vorherrschende Rot immer noch schwach vorschimmerte, verbreitete sich über sein Gesicht. Er sah Mr. Micawber aufmerksam an, und sein Gesicht zeigte in jedem Zuge die schärfste Spannung. »Sie sind ein liederlicher Mensch, das weiß alle Welt,« sagte er mit einem gezwungenen Lächeln, »und ich fürchte, ich werde Sie wegjagen müssen. Gehen Sie! Ich werde Sie mir gleich nachher vorknöpfen!« »Wenn es einen Schurken auf der Erde gibt,« sagte Mr. Micawber plötzlich mit der größten Heftigkeit, »mit dem ich schon zuviel gesprochen habe, so heißt dieser Schurke – Heep!« Uriah prallte zurück, als ob ihn ein Schlag oder ein Stich getroffen hätte. Dann sah er uns alle langsam mit dem finstersten und tückischsten Ausdruck an, den sein Gesicht annehmen konnte, und sagte mit gedämpfter Stimme: »Hoho, eine Verschwörung! Sie haben sich hier abgekartetermaßen herbestellt! Sie stecken mit meinem Schreiber unter einer Decke, Copperfield? Nehmen Sie sich in acht! Sie werden dadurch nichts erlangen. Wir beide verstehen einander. Wir sind keine Freunde. Sie waren von Anfang an ein stolzer Geck, und Sie beneiden mich wegen meines Emporkommens, nicht wahr? Aus Ihren Komplotten gegen mich wird nichts; ich werde Ihnen entgegenarbeiten! Micawber packen Sie sich, ich will hinterher mit Ihnen sprechen.« »Mr. Micawber,« sagte ich, »es zeigt sich eine Veränderung in diesem Menschen, und zwar nicht nur darin, daß er wunderbarerweise einmal die Wahrheit spricht, die mir die Versicherung gibt, daß wir ihn gefaßt haben! Behandeln sie ihn ganz, wie er es verdient.« »Schöne Leute,« sagte Uriah mit derselben gedämpften Stimme, während ein kalter Schweiß auf seiner Sinn ausbrach, den er mit der langen, dürren Hand abwischte, »schöne Leute, meinen Schreiber, den wahren Abschaum der Gesellschaft – wie Sie selber waren, Copperfield, ehe sich Ihrer jemand erbarmte – zu bestechen, damit er mich mit Lügen verleumde. Miß Trotwood, es wäre besser, Sie machten der Sache ein Ende, oder ich will es mit Ihrem Manne zu einem kürzern Ende bringen, als Ihnen angenehm ist. Ich will Ihre Geschichte nicht umsonst aus unsern Akten kennen gelernt haben! Miß Wickfield, wenn Sie Ihren Vater lieben, so täten Sie besser, sich nicht mit diesen Leuten einzulassen. Wenn Sie es tun, so richte ich ihn zu Grunde. – Vergeßt nicht, ich habe mehrere von Euch in der Hand! Besinnen Sie sich zweimal, ehe Sie mit mir anfangen! Besinnen Sie sich zweimal, Micawber, wenn es nicht Ihr Unglück sein soll. Ich empfehle Ihnen hinauszugehen und mit sich reden zu lassen, Sie Tor, solange noch Zeit zur Umkehr ist. Wo ist die Mutter?« fragte er, und schien jetzt plötzlich mit Unruhe die Abwesenheit Traddles zu bemerken; gleich darauf zog er heftig an der Klingel. »Schöne Freiheiten nimmt man sich in meinem eigenen Hause heraus!« »Mrs. Heep ist hier, Sir«, sagte Traddles, der jetzt mit der würdigen Mutter eines würdigen Sohnes zurückkehrte. »Ich habe mir die Freiheit genommen, mich ihr vorzustellen.« »Was haben Sie hier zu tun?« herrschte ihm Uriah entgegen, »und was wollen Sie hier?« »Ich bin der Agent und Freund von Mr. Wickfield, Sir«, sagte Traddles in ruhigem und geschäftsmäßigem Tone. »Und ich habe eine von ihm ausgestellte Vollmacht in der Tasche, an seiner Statt in allen Angelegenheiten zu verhandeln.« »Der alte Esel hat sich ganz blödsinnig gesoffen«, sagte Uriah mit noch tückischerm Gesicht als vorhin, »und hat sich die Vollmacht abschwindeln lassen!« »Er hat sich etwas abschwindeln lassen, das weiß ich,« entgegnete Traddles ruhig, »und Sie wissen's auch, Mr. Heep. Wir wollen uns wegen dieser Angelegenheit an Mr. Micawber wenden, wenn es Ihnen gefällig ist.« »Ury –!« begann Mrs. Heep mit flehender Gebärde – »Willst du still sein, Mutter,« schrie er; »je weniger Worte, desto geringerer Schade.« »Aber mein Ury –« »Willst du gleich den Mund halten, Mutter, und es mir allein überlassen?« Obgleich ich lange gewußt hatte, daß sein demütiges unterwürfiges Wesen und all sein Tun und Lassen falsch und heuchlerisch war, so hatte ich doch noch keinen Begriff von dem Umfange seiner Heuchelei, bis er jetzt die Maske abwarf. Die Plötzlichkeit, mit der er sie jetzt ablegte, als er einsah, daß sie ihm nichts mehr nützen konnte, die Bosheit und Unverschämtheit und der Haß, den er an den Tag legte, der Hohn, mit dem er sich noch jetzt des Bösen freute, das er getan, – wahrend er doch zugleich in Verzweiflung war, und sich vergebens nach Mitteln umsah, unsern Sieg zu vereiteln – waren zwar ganz so, wie ich sie von ihm erwarten konnte, aber überraschten mich selbst anfangs, obgleich ich ihn so lange kannte, und ihn so herzlich haßte. Ich sage nichts von dem Blicke, den er auf mich warf, als er uns der Reihe nach ansah; denn ich wußte von jeher, daß er mich haßte, und dachte an die Zeichen, die meine Hand auf seiner Backe zurückgelassen hatte. Aber als sein Blick auf Agnes fiel, und ich die Wut sah, mit der er fühlte, daß ihm seine Macht über sie entschlüpfte, als sich jetzt die häßlichsten Leidenschaften in ihrer Enttäuschung verrieten, die ihn vermocht hatten, nach dem Besitze einer Person zu streben, deren Tugenden er weder würdigen, noch achten konnte, empörte mich schon der bloße Gedanke, daß sie nur eine Stunde lang im Augenbereich eines solchen Menschen gelebt hatte. Nachdem er sich ein paarmal das Kinn gerieben, und uns mit seinen tückischen Augen über seine Totenfinger hinweg angesehen, wendete er sich noch einmal halb kriechend, halb schimpfend an mich. »Sie schämen sich nicht, Copperfield, der Sie doch so sehr auf Ihre Ehre und alles das stolz sind, in meinem Haus zu spionieren, meinen Schreiber auszuhorchen? Wenn ich's gewesen wäre, würde es mich nicht wundern; denn ich nenne mich keinen Gentleman – obgleich ich nie ein Straßenvagabund gewesen bin, wie Sie –, nach dem, was Micawber erzählte, aber Sie! – Und Sie tun es auch ohne Furcht vor der Zukunft, Sie bedenken nicht, was ich Ihnen dafür antun werde, oder daß Sie Ungelegenheiten bekommen, wegen Verschwörungen und so weiter? Schon gut! Wir werden sehen! Mr. Dingsda, Sie wollen sich wegen einer Angelegenheit an Micawber wenden. Da steht er, warum lassen Sie ihn nicht reden? Er hat, wie ich sehe, seine Lektion auswendig gelernt.« Da Uriah sah, daß seine Worte auf keinen von uns Eindruck machten, so setzte er sich auf den Rand des Tisches, die Hände in die Taschen gesteckt, und einen seiner breiten Füße um das andere Bein schlingend, und wartete verstockt auf das, was da kommen sollte. Mr. Micawber, dessen Ungestüm ich bis dahin mit der größten Mühe im Zaume gehalten hatte, und der wiederholt die erste Silbe des Wortes Schur-ke herausgestoßen hatte, ohne zu der zweiten kommen zu können, brach jetzt los, zog das Lineal aus der Brusttasche – wie es schien, um es als Verteidigungsmittel zu benutzen –, und aus der Tasche ein Dokument auf Aktenpapier, das wie ein großer Brief zusammengebrochen war. Er machte den Brief mit der alten Wichtigkeit und schwungvollen Handbewegung auf und betrachtete ihn mit Künstlerstolz über seinen Stil, und fing an zu lesen wie folgt: »Seht geehrte Miß Trotwood und meine sehr geehrten Herren –« »Gott schütze den Mann!« sagte meine Tante leise zu mir. »Er schriebe riesweise Briefe, und wenn Todesstrafe darauf stände.« Mr. Micawber, ohne sie zu hören, fuhr fort: »Indem ich vor Ihnen erscheine, um den abgefeimtesten Schurken, den es wahrscheinlich auf Erden gibt,« – ohne von dem Brief aufzusehen, mit dem Lineal wie mit einem Feldherrnstab auf Uriah Heep deutend – »zu denunzieren, verlange ich keinen Lohn für mich. Von der Wiege an ein Opfer pekuniärer Verpflichtungen, denen ich niemals habe nachkommen können, war ich stets der Spielball erniedrigender Verhältnisse. Schmach, Not, Verzweiflung und Wahnsinn sind zusammen oder einzeln die Begleiter meiner Laufbahn gewesen.« Der Genuß, mit dem sich Mr. Micawber als ein Opfer so schrecklichen Unglücks beschrieb, kam nur der Emphase gleich, mit der er den Brief las, und der Befriedigung, mit der er den Kopf wiegte, wenn er einen ganz besonders verwickelten Satz herausgebracht hatte. »In einer Kumulation von Schmach, Not, Verzweiflung und Wahnsinn trat ich in die Expedition, oder wie es unser lebhafter Nachbar, der Gallier, nennen würde, das Bureau – der Firma, die nominell unter der Bezeichnung Wickfield und – Heep bekannt ist, die aber in Wirklichkeit geleitet ist von Heep allein. Heep und nur Heep ist die Haupttriebfeder dieser Maschine. Heep und nur Heep ist der Fälscher und der Betrüger!« Mehr blau als weiß bei diesen Worten, fuhr Uriah mit der Hand nach dem Brief, als wollte er ihn zerreißen. Mit einem wahren Wunder von Gewandtheit oder Glück traf Mr. Micawber die vorfahrende Hand mit dem Lineal so auf die Knöchel, daß sie wie gelähmt herabsank. Der Schlag klang, als ob er auf Holz gefallen wäre. »Der Teufel soll Sie holen!« rief Uriah, und krümmte sich auf eine ganz neue Art vor Schmerz, »Ich will es Ihnen schon heimzahlen.« »Kommen Sie mir noch einmal zu nahe, Sie – Sie – Sie Heep und Häufung der Schande,« keuchte Mr. Micawber, »und wenn Ihr Schädel ein menschlicher Knochen ist, so will ich ihn blutig schlagen. Kommen Sie heran!« Ich glaube, ich habe nie etwas Lächerlicheres gesehen – ich fühlte es selbst damals – als Mr. Micawber, wie er sich mit dem Lineal wie mit einem Schläger auslegte, und ausrief: »Nur heran!« während Traddles und ich ihn in die Ecke zurückdrängten und er immer wieder hervorwollte, sobald es uns gelungen war, ihn hineinzubringen. Brummend und fluchend rieb sein Gegner die verletzte Hand, band langsam das Halstuch ab, und verband sie damit; dann legte er sie in die andere Hand, setzte sich auf den Tisch und stierte mit tückischer Miene zu Boden. Als sich Mr. Micawber genügend beruhigt hatte, fuhr er in seinem Brief fort: »Das Honorar, gegen das ich in die Dienste – Heeps trat« – er machte stets eine Pause vor diesem Worte, und sprach es dann mit einem unbeschreiblichen Nachdruck aus – »war gar nicht festgesetzt, mit Ausnahme einer Kleinigkeit von 22 Schilling 6 Pence die Woche. Das übrige hing von dem Werte meiner geschäftlichen Bemühungen ab; mit andern und deutlichem Worten, von der Niedrigkeit meines Charakters, der Habsucht meiner Beweggründe, der Armut meiner Familie, der allgemeinen sittlichen oder vielmehr unsittlichen – Ähnlichkeit zwischen mir und – Heep . Brauche ich erst zu erzählen, daß ich mich genötigt sah, von – Heep – pekuniäre Vorschüsse zur Unterstützung Mrs. Micawbers und unsrer unglücklichen, aber heranwachsenden Familie zu verlangen! Brauche ich erst zu sagen, daß diese Notwendigkeit von – Heep – vorausgesehen worden war, daß diese Vorschüsse durch Schuldverschreibungen und ähnliche Dokumente, die die gesetzlichen Institutionen des Landes kennen, gesichert waren, und daß ich mich so in das Netz verstrickte, das er für meinen Fang bereitet hatte?« Mr. Micawbers Freude über seine große briefstellerische Befähigung schien bei dieser Stelle jeden Schmerz oder jede Besorgnis aufzuwiegen, die ihm die Wirklichkeit hätte verursachen können. Er las weiter. »Jetzt fing – Heep – an, mich mit soviel von seinem Vertrauen zu begünstigen, wie zur Verrichtung seines teuflischen Geschäfts notwendig war. Jetzt fing ich an, wenn ich mich so shakespeareisch ausdrücken darf, ›zu schwinden, krank zu werden und zu siechen‹. Ich fand, daß meine Unterstützung beständig zu Verfälschungen und zur Hintergehung eines Individuums, das ich Mr. W. nennen will, in Anspruch genommen wurde. Daß Mr. W. in jeder Weise betrogen, in Unwissenheit gelassen und verleitet wurde, daß aber während dieser ganzen Zeit der Schurke – Heep – unbegrenzte Dankbarkeit und grenzenlose Freundschaft gegen diesen vielgetäuschten Herrn heuchelte. Das war schlimm genug; aber wie der philosophische Dänenprinz mit der allgemeinen Anwendbarkeit, die die berühmte Zier des Elisabethschen Zeitalters auszeichnet, bemerkt: ›Es kommt noch schlimmer!‹« Dieser schöne Abschluß des Satzes mit einem Zitat gefiel Mr. Micawber außerordentlich, so daß er sich und uns den Genuß nicht versagen konnte, unter dem Vorwand, aus dem Zusammenhang gekommen zu sein, den ganzen Satz noch einmal vorzulesen. »Es ist nicht meine Absicht,« fuhr er fort, »hier in diesem Brief – obgleich es anderweitig notiert ist – in das einzelne der verschiedenen Spitzbübereien geringerer Art einzugehen, durch die das von mir benannte Individuum Mr. W. benachteiligt worden ist und denen ich mit Stillschweigen beigestimmt habe. Als der Kampf in mir selbst, zwischen Gehalt und keinem Gehalt, zwischen Bäcker und keinem Bäcker, zwischen Existenz und Nichtexistenz aufhörte, beabsichtigte ich, die mir gewährten Gelegenheiten zu benutzen, um die größern Schlechtigkeiten, die – Heep – zu dieses Herrn großem Schaden und Nachteil beging, zu entdecken und an den Tag zu bringen. Angestachelt von dem stummen Mahner im Innern, und von einer nicht weniger rührenden und eindringlichen Mahnerin außer mir – die ich kurz als Miß W. erwähnen will, begann ich eine nicht wenig mühevolle Arbeit heimlicher Untersuchung, die sich, soviel ich kenne, weiß und glaube, jetzt bereits über zwölf Kalendermonate hinaus erstreckt.« Er las diese Stelle, als ob sie aus einer Parlamentsakte wäre, und schien sich an dem Klange der Worte großartig zu erquicken. »Meine Anklagen gegen – Heep –« las er weiter, indem er ihn ansah, und das Lineal etwas unter dem linken Arm hervorzog, um es nötigenfalls gleich bei der Hand zu haben, »sind folgende: –« Ich glaube, wir hielten alle den Atem an. Jedenfalls tat es Uriah. »Erstlich,« sagte Mr. Micawber, »als Mr. Ws. Fähigkeiten und Gedächtnis für Geschäftssachen durch Ursachen, deren Berührung hier weder notwendig noch schicklich ist, schwächer wurden, da verwirrte – Heep absichtlich alle Geschäftsverhandlungen. Zu allen Zeiten, wo Mr. W. am wenigsten geeignet war, sich mit Geschäften abzugeben, da war – Heep – immer bei der Hand, um ihn zu zwingen, Geschäfte vorzunehmen. Er verlangte Mr. Ws. Unterschrift unter solchen Umständen zu wichtigen Dokumenten, indem er sie als Dokumente ohne Wichtigkeit vorlegte. Er verleitete Mr. W. auf diese Weise ein bestimmtes Depositum von 12,614 Pfund 2 Schilling 9 Pence anzugreifen, und es zur Bezahlung angeblicher Geschäftskosten und Ausfälle zu verwenden, die entweder schon bezahlt oder tatsächlich niemals vorhanden waren. Er gab diesem Verfahren durchaus den Anschein, als habe es von Mr. W. aus eigner unehrlicher Absicht seinen Ursprungs und als sei es Mr. Ws. eigene unehrliche Handlung, und hat sie stets seit jener Zeit unausgesetzt benutzt, um ihn zu peinigen und in seiner Gewalt zu behalten.« »Das sollen Sie mir beweisen. Sie Copperfield, Sie!« sagte Uriah und schüttelte drohend den Kopf. »Alles zu seiner Zeit!« »Mr. Traddles, bitte fragen Sie – Heep –, wer in seinem Hause nach ihm gewohnt hat,« sagte Mr. Micawber, von dem Brief aufblickend; »wollen Sie so gut sein?« »Der Narr selber – und wohnt jetzt noch dort«, sagte Uriah verächtlich. »Fragen Sie – Heep – ob er sich in dieser Wohnung ein Taschen-Notizbuch gehalten hat,« fuhr Mr. Micawber fort; »wollen Sie so gut sein?« Ich sah wie Uriahs Hand unwillkürlich aufhörte, das Kinn zu reiben. »Oder fragen Sie ihn«, sagte Mr. Micawber, »ob er es einst dort verbrannt hat? Wenn er ja sagt, und er fragt, wo die Asche ist, so soll er sich an Wilkins Micawber wenden, und etwas hören, das durchaus nicht zu seinem Vorteil gereicht!« Die triumphierende Weise, mit der Mr. Micawber diese Worte sprach, versetzten die Mutter in große Unruhe, und sie rief sehr aufgeregt: »Ury, Ury! demütige dich, und lenke ein, lieber Sohn!« »Mutter!« fuhr er sie an, »willst du ruhig sein? Du hast dich einschüchtern lassen und weißt nicht, was du sagst oder meinst. Demütigen!« wiederholte er und sah mich mit giftigem Blick an, »ich habe ein paar von Ihnen seit langer Zeit gedemütigt, so demütig ich selbst war.« Nachdem er mit vornehmer Unbefangenheit das Kinn wieder in die Halsbinde gepaßt hatte, fuhr Mr. Micawber jetzt wieder mit seinem Brief fort: »Zweitens – Heep hat bei verschiedenen Gelegenheiten, soviel ich weiß, erfahren habe und glaube, –« »Aber damit kommen Sie nicht aus«, brummte Uriah erleichtert vor sich. »Mutter, halt'n Mund!« »Wir wollen uns bemühen, für etwas zu sorgen, womit wir auskommen und mit Ihnen sehr bald fertig werden, Sir«, entgegnete Mr. Micawber. »Zweitens – Heep hat bei verschiedenen Gelegenheiten, soviel ich weiß, erfahren habe und glaube, zu verschiedenen Posten, Büchern und Dokumenten systematisch die Unterschrift Mr. Ws. gefälscht, und hat dies ganz bestimmt bei einer Gelegenheit getan, die ich beweisen kann. Nämlich in folgender Weise, das heißt: – –« Wieder fand Mr. Micawber einen Genuß darin, gleichbedeutende Worte übereinander zu Haufen, was, so lächerlich, es sich gerade hier ausnahm, doch durchaus nicht ihm allein eigentümlich war. Ich habe sie im Verlaufe meines Lebens bei sehr vielen Menschen bemerkt. Bei Ablegung eines gerichtlichen Eides z.B. scheinen die Schwörenden sich gewaltig zu freuen, wenn sie, um einen einzigen Gedanken auszudrücken, zu einer Reihe schöner Worte kommen, wie, daß sie durchaus hassen, verabscheuen und abschwören oder ähnliches mehr, und die alten Bannsprüche wurden den Leuten nach demselben Grundsatz mundgerecht gemacht. Wir sprechen von der Tyrannei des Wortes, aber wir lieben es, das Wort zu tyrannisieren, wir freuen uns, wenn wir einen großen Vorrat von Worten haben, der uns bei feierlichen Gelegenheiten zu Gebote steht, wir glauben, daß es wichtig aussieht und gut klingt. Ebensowenig wie wir es an Galatagen genau nehmen mit dem, was in unsern Livreen steckt, wenn sie nur elegant und zahlreich genug sind, so kommt auch die Bedeutung unserer Worte erst in zweiter Linie, wenn wir nur recht damit prunken können. Und wie Leute in Verlegenheit geraten, die einen zu großen Aufwand mit Livreen treiben, oder wie sich Sklaven, wenn sie zu zahlreich sind, gegen ihre Herren erheben, so, glaube ich, könnte ich eine Nation nennen, die in viele Ungelegenheiten geraten ist und in noch größere geraten wird, weil sie sich ein zu großes Gefolge von Worten hält. Mr. Micawber las weiter und schnalzte dabei fast mit der Zunge. »Nämlich in folgender Weise, d.h.: da Mr. W. kränklich war und es innerhalb des Bereichs der Wahrscheinlichkeit lag, daß sein Tod zu einigen Entdeckungen und zum Sturze der Macht – Heeps – über die Familie W. führen konnte – was ich, Wilkins Micawber, der Unterzeichnete vermute – wenn man die kindliche Liebe seiner Tochter bewegen konnte, keine Prüfung der mit Associé-Angelegenheiten in Verbindung stehenden Papiere vornehmen zu lassen – so fand – Heep – für gut, sich eine scheinbar von Mr. W. ausgestellte Verschreibung der oben erwähnten Summe von 12,614 Pfund 2 Schilling und 9 Pence mit den Zinsen zu verschaffen, eine Summe, die angeblich – Heep – Mr. W. vorgeschossen, um Mr. W. vor Schande zu retten, obgleich er in Wahrheit die Summe nie vorgeschossen hatte und sie längst ersetzt war. Die Unterschriften zu diesem Dokument, angeblich geschrieben von Mr. W. und bezeugt von Wilkins Micawber, sind Fälschungen – Heeps . – In meinem Besitze befinden sich von seiner Hand und in seinem Notizbuche verschiedene ähnliche Nachahmungen von Mr. Ws. Unterschrift, die zwar hier und da vom Feuer versengt sind, aber doch noch für jedermann lesbar. Ich habe nie ein solches Dokument als Zeuge unterschrieben. Und das fragliche Dokument selbst ist in meinem Besitz.« Uriah Heep sprang auf, nahm ein Bund Schlüssel aus der Tasche und zog einen Kasten auf; aber er besann sich plötzlich eines andern und wendete sich wieder gegen uns, ohne hineinzusehen. »Und das fragliche Dokument selbst ist in meinem Besitze,« las Mr. Micawber wieder äußerst feierlich, und sah sich um, als ob es der Text einer Predigt wäre, – »das heißt, es war es noch heute morgen früh, als ich dieses Schreiben in meinen Händen hatte, aber ich habe es seitdem Mr. Traddles übergeben.« »Es ist ganz richtig«, stimmte ihm Traddles zu. »Ury, Ury!« rief die Mutter, »demütige dich, und verhandle. Ich weiß, mein Sohn wird sich demütigen, wenn Sie ihm Zeit zum Nachdenken lassen. Mr. Copperfield, Sie können ja nicht vergessen haben, daß er immer sehr demütig war!« Es war ein merkwürdiges Schauspiel, wie die Mutter immer noch an dem Kunstgriff der alten Heuchelei festhielt, während der Sohn sie längst als unnütz aufgegeben hatte. »Mutter,« sagte er, und biß ungeduldig in das Tuch, mit dem er seine Hand verbunden hatte, »eher kannst du eine geladene Flinte nehmen und sie auf mich abfeuern.« »Aber ich liebe dich, Ury«, rief Mrs. Heep. Und ich zweifle gar nicht daran, daß sie ihn liebte, so seltsam diese Erscheinung war, obgleich sie jedenfalls ein wohlverwandtes Paar waren, »Und ich kann es nicht anhören, wenn du die Herren reizest und deine Sache noch schlimmer machst. Ich sagte dem Herrn, als er mir oben mitteilte, es sei alles heraus, gleich, daß ich dafür stehen wollte, du würdest dich demütigen und alles wieder gut machen. Ach sehen sie nur, meine Herren, wie demütig ich bin, und achten Sie nicht auf ihn.« »Sieh, Mutter, dort Copperfield,« gab er ärgerlich zur Antwort, und wies mit den knochigen Fingern auf mich, auf den sich, als den hauptsächlichsten Betreiber der Entdeckung, sein ganzer Haß häufte; »sieh Copperfield dort, er hätte dir hundert Pfund gegeben für die Hälfte von dem, was du ausgeplaudert hast!« »Ich kann nichts dafür, Ury«, rief die Mutter. »Ich kann es nicht mit ansehen, daß du dich durch deinen Stolz in Gefahr begibst. Sei lieber demütig, wie du es immer warst.« Er schwieg eine Weile, biß in das Taschentuch, und sagte dann zu mir mit einem bösen Blicke: »Was haben Sie noch gegen mich vorzubringen? Nur heraus damit! Weshalb gucken Sie mich an?« Mr. Micawber, nur zu froh, wieder zu seinem Kunstwerke zu greifen, mit dem er so außerordentlich zufrieden war, fuhr mit seinem Brief fort: »Drittens und letztens. Ich bin jetzt in der Lage zu zeigen, zu beweisen, und zwar durch – Heeps – gefälschte Bücher und – Heeps – richtige Notizen, die mit dem zum Teil verbrannten Notizbuche anfingen – das ich zur Zeit seiner zufälligen Entdeckung durch Mrs. Micawber nicht verstehen konnte, als wir bei unserm Einzug in unsere gegenwärtige Wohnung das Notizbuch in dem zur Aufnahme der auf unserm häuslichen Herde verbrannten Asche bestimmten Kasten fanden, ich kann an der Hand dieses mehrmals erwähnten wichtigen Buchfragments beweisen, – daß die Schwächen, die Fehler und selbst die Tugenden, die väterliche Liebe und das Gefühl des unglücklichen Mr. W. jahrelang zu den niedrigsten Zwecken – Heeps – benutzt worden sind. Daß Mr. W. jahrelang in jeder nur möglichen Weise zum pekuniären Nutzen des heuchlerischen und habsüchtigen – Heep – hintergangen und geplündert worden ist. Daß es das letzte und Hauptziel – Heeps – war, Mr. und Miß W. – von seinen Absichten in bezug auf diese Dame sage ich nichts – ganz in seine Gewalt zu bekommen. Daß seine letzte erst vor wenigen Monaten geschehene Tat war, Mr. W. zur Ausstellung einer Verzichtleistung auf seinen Anteil in dem Geschäft, und sogar eines Verkaufskontrakts des Mobiliars des ganzen Hauses gegen ein gewisses Jahrgeld zu bewegen, das – Heep – an den gewöhnlichen Quartaltagen richtig und getreu auszuzahlen versprach. Daß dieses Netz, das mit beunruhigenden und verfälschten Nachrichten über den Zustand des Grundstücks anfing, dessen Sequestor Mr. W. ist, zu einer Zeit, wo Mr. W. sich in unvorsichtige und unkluge Spekulationen eingelassen, und vielleicht das Geld, für das er moralisch und juristisch verantwortlich war, nicht mehr in der Kasse hatte; dann fortgesetzt wurde, mit dem angeblichen Aufborgen von Geld gegen ungeheure Zinsen, alles Summen, die aber in Wirklichkeit von – Heep – kamen, und die – Heep – betrügerischerweise von Mr. W. selbst unter dem Vorwande solcher Spekulationen entnahm, aber ihm vorenthielt. Immer dichter wurde das Netz durch eine Reihe der rücksichtslosesten Schikanen, und schließlich kam es dahin, daß der unglückliche Mr. W. nicht ein noch aus wußte. Und da er glaubte, er sei ebenso bankerott an Geld und Hoffnung, wie an Ehre, so setzte er sein einziges Vertrauen auf dieses Ungetüm in Menschengestalt,« Mr. Micawber betonte diese neue Wendung so recht wohlgefällig, »dieses Ungeheuer, daß sich ihm notwendig gemacht hatte, um ihn in das Verderben zu stürzen. Alles dies beabsichtige ich zu beweisen. Vermutlich noch viel mehr!« Ich flüsterte Agnes, die jetzt mit halb freudigen, halb schmerzlichen Tränen im Auge neben mir stand, ein paar Worte zu, und die ganze Gesellschaft geriet in Bewegung, als ob Mr. Micawber fertig sei. Er aber sagte mit feierlichem Ernste: »Verzeihen Sie«, und fuhr mit einem Gemisch der größten Niedergeschlagenheit und des lebendigsten Genusses in seinem Briefe fort: »Ich komme jetzt zum Schluß. Es bleibt mir noch übrig, diese Beschuldigungen zu beweisen, und dann mit meiner vom Verhängnis verfolgten Familie aus der Landschaft zu verschwinden. Das ist bald geschehen. Es dürfte keine unrechte Erwartung sein, daß unser Säugling zuerst dem Hungertode in die Arme sinken wird, da er das schwächste Mitglied der Gesellschaft ist, und daß unser Zwilling ihm zunächst folgen werde. Sei es denn! Für mich hat diese Pilgerfahrt nach Canterbury schon viel Schädigungen im Gefolge gehabt: Kerkerhaft wegen Schuldklagen und Mangel werden mir bald den Rest geben. Indes hoffe ich, daß die Mühe und Gefahr einer Forscherarbeit, deren geringfügigste Resultate nur durch langsame, unablässige Mühe zu erreichen waren, und die unter dem Druck eines zeitraubenden Berufs geschah, unter marterndem, pekuniärem Druck, in grauen Morgen- und tauigen Abendstunden, in finstrer Nacht unter dem Späherauge eines Menschen, den man richtiger einen Dämon nennen sollte, verbunden mit der Sorge, diese Arbeit nach ihrer mühsamen Vollendung richtig zu verwerten: dieses alles möchte ich dem Besprengen meines Scheiterhaufens mit einigen Tropfen wohlriechenden Wassers vergleichen. Ich verlange nicht mehr. Möge man von mir nur gerechterweise sagen, wie von dem tapfern und ausgezeichneten Seehelden, mit dem zu vergleichen ich mir nicht anmaßen darf, daß ich das, was ich getan habe, allen selbstischen und geldsüchtigen Zwecken zum Trotz, nur tat, ›für England, Vaterland und Schönheit!‹ Ich verbleibe hiermit für immer mit ausgezeichneter Hochachtung usw. usw. Ihr Wilkins Micawber.« Tief gerührt, aber immer noch voll von dem gehabten Genusse legte Mr. Micawber seinen Brief säuberlich zusammen und übergab ihn mit einer Verbeugung meiner Tante, als etwas, was wohl behaltenswert wäre. Wie ich schon bei meinem ersten Besuche vor einiger Zeit bemerkt habe, stand ein eiserner Geldschrank im Zimmer. Der Schlüssel steckte im Schlosse. Ein Verdacht durchflog Uriah, und mit einem raschen Blick auf Micawber ging er darauf los und warf die Tür heftig auf, daß sie klirrte. Er war leer. »Wo sind die Bücher?« rief er mit einem entsetzlichen Gesicht. »Die Bücher sind gestohlen!« Mr. Micawber berührte seine Brust mit der Spitze des Lineals. »Ich habe es getan, als ich von Ihnen wie gewöhnlich die Schlüssel holte – nur ein wenig früher – und den Schrank heute morgen aufmachte.« »Beunruhigen Sie sich nicht!« sagte Traddles. »Ich habe sie in Besitz. Ich werde sie kraft der erwähnten Vollmacht aufbewahren.« »Sie sind also ein Hehler gestohlenen Gutes!« rief Uriah. »Unter diesen Umständen, ja«, gab ihm Traddles zur Antwort. Wie groß war aber mein Erstaunen, als jetzt auf einmal meine Tante, die bisher ganz ruhig und aufmerksam gewesen war, plötzlich auf Uriah Heep losstürzte und ihn mit beiden Händen am Kragen packte. »Sie wissen, was ich will!« rief meine Tante. »Eine Zwangsjacke«, sagte er. »Nein, mein Vermögen!« entgegnete meine Tante. »Liebe Agnes, solange ich glaubte, Ihr Vater wäre wirklich an dessen Verlust schuld, wollte ich auch nicht eine Silbe davon verlauten, daß ich es hier deponiert hatte – und ich habe nicht einmal Trot davon gesagt. Aber jetzt weiß ich, daß dieser Kerl dafür stehen muß, und ich will es wieder haben; Trot, komm und nimm es ihm ab.« Ob meine Tante in diesem Augenblick glaubte, daß Uriah ihr Vermögen in seinem Halstuche versteckt habe, weiß ich nicht; aber sie zerrte jedenfalls so derb daran, als ob sie es glaube. Ich bemühte mich sofort sie zu trennen, und sie zu versichern, daß wir alle Sorge tragen würden, daß ihr alles unrechtmäßig Erworbene wieder erstattet werde. Diese Versicherung und ein Nachdenken von ein paar Minuten beruhigten sie; aber sie war nicht im geringsten außer Fassung gebracht von dem, was sie getan hatte – obgleich man das nicht von ihrem Hute sagen konnte –, und nahm ganz ruhig ihren Platz wieder ein. Während der letzten paar Minuten hatte Mrs. Heep beständig ihren Sohn in den Ohren gelegen, er möchte zu Kreuze kriechen, und war vor uns allen nach der Reihe auf die Knie gefallen, und hatte die ausschweifendsten Versprechungen gemacht. Ihr Sohn drückte sie in ihren Stuhl zurück, stand mürrisch neben ihr und hielt ihr den Arm fest, aber ohne Härte, und fragte mich mit einem ingrimmigen Blick: »Was soll jetzt geschehen?« »Ich will Ihnen sagen, was geschehen muß«, erwiderte Traddles. »Hat dieser Copperfield keine Zunge«, murrte Uriah. »Ich würde viel für Sie tun, wenn Sie mir ohne Lüge sagen könnten, daß jemand sie ihm ausgeschnitten hätte.« »Mein Ury wird schon klein beigeben«, rief seine Mutter. »Achten Sie nicht auf seine Worte, gute Herren!« »Geschehen muß folgendes«, sagte Traddles. »Erstens muß uns die Verzichtleistungsurkunde, von der vorhin gesprochen wurde, und zwar jetzt gleich, übergeben werden.« »Nehmen wir an, daß ich keine habe«, unterbrach er ihn. »Aber Sie haben sie,« sagte Traddles, »daher denke ich, wir wollen das nicht annehmen.« Und ich kann nicht umhin, einzugestehen, daß ich hier zum ersten Male dem klaren Kopf und dem gesunden, geduldigen, praktischen Verstande meines alten Schulkameraden wirklich Gerechtigkeit widerfahren ließ. »Dann«, fuhr Traddles ganz ruhig fort, »müssen Sie alles herausgeben, was Ihre Habsucht an sich genommen hat, und zwar bis zum letzten Heller. Alle Bücher und Papiere des Associégeschäfts behalten wir, alle Ihre Bücher und Papiere, alle Geldrechnungen und Wertpapiere und die Hypothekendokumente auch, kurz, alles, was hier ist.« »Muß ich? Das wollen wir erst mal sehen«, sagte Uriah. »Ich muß erst Zeit haben, mir das zu überlegen,« »Gewiß,« erwiderte ihm Traddles, »aber unterdessen und bis alles uns zur Genüge geschehen ist, bleiben wir im Besitz dieser Sachen und zwingen Sie – in Ihrem Zimmer zu bleiben und mit keinem Menschen zu verkehren.« »Das will ich nicht!« sagte Uriah mit einem Fluch. »Das Gefängnis von Maidstone ist jedenfalls, was die Sicherheit anbetrifft, ein noch besserer Aufenthaltsort als Ihr Zimmer, und wenn es auf dem Prozeßwege auch länger dauern wird, uns Recht zu schaffen, und uns zu unsern Recht vielleicht nicht so vollständig geholfen werden kann, als durch Sie selbst, so ist es jedenfalls fraglos, daß Sie bestraft werden. Ja, sehen Sie, das wissen Sie ebensogut wie ich! Bitte, Copperfield, geh' hinüber nach dem Rathaus und hole ein paar Polizeidiener!« Hier machte sich Mrs. Heep wieder los von ihrem Uriah, und bat Agnes auf ihren Knien heulend, sich für sie zu verwenden, beteuerte, daß er ganz demütig und daß alles wahr sei, und wenn er nicht täte, was wir wollten, so wollte sie es tun, und noch viel mehr in diesem Sinne, denn sie war halb wahnsinnig aus Besorgnis für ihren Liebling. Die Frage, was er getan haben könnte, wenn er Mut gehabt hätte, war hier nicht am Platze. So gut hätte man fragen können, was wohl ein schlechter Köter getan hätte, wenn er die Seele eines Tigers hätte. Er war Feigling vom Kopf bis zum Fuße, und verriet seine feige Natur durch sein mürrisches Wesen und seinen Ingrimm wie zu jeder andern Zeit seines Lebens. »Bleiben Sie!« herrschte er mir zu und wischte sich den Angstschweiß vom Gesicht. »Mutter, halt's Maul! – Sie sollen das Dokument haben. Hole es herunter!« »Gehen Sie mit, Mr. Dick, wenn Sie so gut sein wollen«, sagte Traddles. Stolz auf diesen Auftrag, den er vollkommen verstand, begleitete Mr. Dick sie wie ein Schäferhund ein Schaf. Aber Mrs. Heep machte ihm wenig Beschwerde, denn sie kehrte nicht nur mit dem Dokument zurück, sondern auch mit dem ganzen Kasten, in dem es sich befand, und in dem noch ein Bankbuch und einige Papiere entdeckt wurden, die uns später gute Dienste leisteten. »Gut«, sagte Traddles, als diese Sachen in unserm Besitz waren. »Jetzt, Mr. Heep, können Sie sich zurückziehen, um sich die Dinge zu überlegen, aber dabei ist besonders zu bemerken, daß ich im Namen aller hier Anwesenden ausdrücklich erkläre, daß es nur einen Weg für Sie gibt, den Weg, den ich Ihnen gezeigt habe, und daß er ohne Verzug eingeschlagen werden muß.« Ohne die Augen zu erheben, schlürfte Uriah, die Hände am Kinn, quer durch die Stube nach der Tür und blieb dort stehen und sagte: »Copperfield, ich habe Sie immer gehaßt. Sie waren immer ein hochmütiger Eindringling, und waren immer gegen mich.« »Ich glaube, ich habe Ihnen schon früher gesagt,« gab ich ihm zur Antwort, »daß Sie durch Ihre Habsucht und niedere Schlauheit gegen alle Welt gewesen sind. Vielleicht ist es gut für Sie, wenn Sie in Zukunft bedenken, daß Habsucht und Schlauheit in der Welt noch nichts getan haben, als nur über das Ziel hinaus zu schießen und sich selbst zu betrügen. Das ist so sicher wie der Tod.« »Oder so sicher, wie man uns in der Schule einzubleuen pflegte – in derselben Schule, wo ich soviel Demut gelernt habe – von neun bis elf – daß Arbeit ein Fluch wäre – und von elf bis ein Uhr, daß sie ein Segen, eine Freude, eine Würde und wer weiß was sonst noch alles sei – he?« sagte er höhnisch grinsend. »Sie predigen ungefähr gerade so konsequent wie jene. Tut's Demut etwa nicht? Ohne Demut hätte ich nicht meinen feingebildeten Herrn Kompagnon herumgekriegt, sollte ich meinen. – Micawber, Sie alter Schwadroneur, Ihnen will ich's heimzahlen!« Mr. Micawber sah mit größter Verachtung auf ihn und seinen drohend erhobenen Finger, und warf sich gewaltig in die Brust, während jener zur Tür hinausschlich, und wendete sich dann an mich. Er wollte mir das Vergnügen gewähren, Zeuge der Wiederherstellung des gegenseitigen Vertrauens zwischen sich und Mrs. Micawber zu sein. Darauf lud er auch die übrige Gesellschaft im allgemeinen zur Betrachtung dieses rührenden Schauspiels ein. »Den Schleier, der lange zwischen Mrs. Micawber und mir geschwebt, habe ich jetzt zerrissen,« sagte Mr. Micawber, »und meine Kinder und der Urheber ihres Daseins können wieder auf gleichem Fuß miteinander in Verkehr treten.« Da wir ihm alle sehr dankbar waren und ihm dies zu beweisen wünschten, so sehr unsere Aufregung dies nur zuließ, würden wir gewiß alle gegangen sein, wenn nicht Agnes hätte zu ihrem Vater zurückkehren müssen, der jetzt noch unfähig war, mehr als einen Schimmer der Hoffnung zu ertragen, und wenn es nicht notwendig gewesen wäre, daß jemand Uriah unter seiner Aufsicht behielt. Zu letzterem Zwecke blieb Traddles da und sollte später von Mr. Dick abgelöst werden; Mr. Dick, meine Tante und ich begleiteten Mr. Micawber nach Hause. Als ich einen eiligen Abschied von dem Mädchen nahm, dem ich so viel verdankte, und an den Abgrund dachte, aus dem sie vielleicht diesen Morgen gerettet worden war – trotz ihren bessern Grundsätzen – so mußte ich Gott preisen für die Not meiner Jugendtage, die mich mit Mr. Micawber bekanntgemacht hatte. Seine Wohnung war nicht weit entfernt, und da die Haupttür unmittelbar in das Wohnzimmer führte, und er mit der ihm eigentümlichen Hast hineinstürzte, befanden wir uns sofort im Schoße der Familie. Mr. Micawber stürzte mit dem Ausrufe: »Emma, meine Liebe!« Mrs. Micawber in die Arme. Mrs. Micawber schrie laut auf. Miß Micawber, die den bewußtlosen Fremdling aus Mrs. Micawbers letzten Briefe auf den Armen gewiegt hatte, war sichtbar gerührt. Der Fremdling regte sich lebhaft. Die Zwillinge zeigten ihre Freude durch verschiedene unpassende, aber unschuldige Demonstrationen. Master Micawber, den frühzeitige Täuschungen zum Menschenhasser gemacht zu haben schienen und der sehr mürrisch aussah, gab seinen bessern Gefühlen nach und weinte. »Emma!« sagte Mr. Micawber. »Die Wolke ist von meiner Seele verschwunden. Das gegenseitige Vertrauen, das wir uns so lange geschenkt hatten, ist wiederhergestellt und soll nie wieder aufhören. Jetzt willkommen, Armut!« rief Mr. Micawber mit heißen Tränen. »Willkommen Not! Willkommen Hunger! Willkommen Obdachlosigkeit! Willkommen Lumpen! Sturm! und Betteln! Gegenseitiges Vertrauen wird uns bis zu Ende aufrechterhalten!« Mit diesen Worten geleitete Mr. Micawber seine Frau nach einem Stuhl und umarmte die ganze Familie der Reihe nach, wobei er eine Anzahl trauriger Zukunftsaussichten begrüßte, die ihnen, soweit ich urteilen konnte, durchaus nicht angenehm waren, und sie aufforderte, auf die Straße von Canterbury zu gehen, und gemeinsam einen Chor anzustimmen, da ihnen nichts andres zu ihrem Lebensunterhalt übrigbliebe. Aber da Mrs. Micawber von ihren Gefühlen überwältigt in Ohnmacht gefallen war, so mußte sie vor allen Dingen, sogar bevor der Chor als vollzählig betrachtet werden konnte, wieder zum Bewußtsein gebracht werden. Das tat meine Tante und Mr. Micawber, und dann ließ sich meine Tante vorstellen, und Mrs. Micawber erkannte mich. »Entschuldigen Sie, lieber Mr. Copperfield,« sagte die arme Frau, und reichte mir die Hand, »aber ich bin nicht stark, und das Aufhören des Mißverständnisses zwischen Mr. Micawber und mir war anfangs zuviel für mich.« »Ist das Ihre ganze Familie, Madame?« fragte meine Tante. »Vorderhand habe ich nicht mehr«, entgegnete Mrs. Micawber. »Gütiger Himmel, das meinte ich nicht«, sagte meine Tante. »Ich wollte fragen, ob das alles Ihre Kinder sind?« »Madame,« entgegnete Mr. Micawber, »ja, ich bekenne mich ihrer schuldig.« »Und der älteste junge Herr da,« sagte meine Tante nachdenklich, »was will er werden?« »Ich hegte bei meiner Hierherkunft die Hoffnung,« gab Mr. Micawber zur Antwort, »Wilkins eine Laufbahn in der Kirche zu eröffnen – oder vielleicht drücke ich mich etwas genauer aus, wenn ich sage im Chor. Aber es war keine Stelle für einen Tenor in dem ehrwürdigen Dom erledigt, wegen dessen diese Stadt mit vollem Rechte so berühmt ist, und er hat – kurz er hat sich angewöhnt, lieber in Wirtshäusern als in heiligen Gebäuden zu singen.« »Aber er meint es damit so gut!« sagte Mrs. Micawber zärtlich. »Gewiß meint er es ganz besonders gut,« entgegnete Mr. Micawber, »aber ich habe noch nicht gefunden, daß er seinen guten Willen nach irgend einer andern bestimmten Richtung hin betätigt.« Master Micawbers Gesicht verzog sich wieder mürrisch, und er fragte mit einiger Ärgerlichkeit, was er denn tun sollte. Ob er etwa mehr zum Zimmermann oder zum Lackierer als zum Singvogel geboren wäre, ob er etwa in die nächste Straße gehen und einen Apothekerladen eröffnen sollte? Ob er in die nächsten Assisen stürzen und sich als Advokat vorstellen sollte, ob er mit Gewalt bei der Oper ankommen und mit Gewalt Erfolg haben könne, wenn man ihn nicht etwas lehren lasse? Meine Tante dachte ein wenig nach, und sagte: »Mr. Micawber, es wundert mich, daß Sie nie ans Auswandern gedacht haben.« »Madame,« gab Mr. Micawber zur Antwort, »es war der Traum meiner Jugend und das verfehlte Streben meiner reifern Jahre.« Beiläufig gesagt, ich bin fest überzeugt, daß er in seinem ganzen Leben nicht daran gedacht hat. »Was meinst du?« sagte meine Tante und warf mir einen Blick zu. »Wie gut wäre es für Sie und ihre Familie, Mrs. und Mr. Micawber, wenn Sie auswanderten?« »Kapital, Kapital!« wendete Micawber bedenklich ein. »Das ist die hauptsächlichste, ich könnte wohl sagen, einzige Schwierigkeit, mein lieber Copperfield«, stimmte ihm seine Gattin bei. »Kapital!« rief meine Tante. »Aber Sie leisten uns einen großen Dienst – haben uns einen großen Dienst geleistet, darf ich wohl sagen, denn gewiß werden wir vieles retten – und was können wir Besseres für Sie tun, als Ihnen das Kapital zu verschaffen?« »Ich würde es nicht als Geschenk annehmen,« sagte Mr. Micawber, ganz Feuer und Leben, »aber wenn ich eine genügende Summe, ich will sagen zu fünf Prozent jährlich, vorgeschossen erhielte – auf meine persönliche Verantwortlichkeit, etwa gegen Solawechsel auf zwölf, achtzehn oder vierundzwanzig Monate, damit ich Zeit habe, zu warten, bis sich etwas findet –« »Vorgeschossen werden könnte? Es kann und soll auf Ihre eignen Bedingungen gegeben werden,« entgegnete meine Tante, »und Sie brauchen es nur zu verlangen! Überlegen Sie sich jetzt beide die Sache. Ein paar Leute, die David kennt, schiffen sich in wenig Tagen nach Australien ein. Wenn Sie sich zum Auswandern entschließen, können Sie ja mit demselben Schiff fahren. Sie können einander unterstützen. Überlegen Sie es sich jetzt, Mrs. und Mr. Micawber. Nehmen Sie sich Zeit, und erwägen Sie es reiflich.« »Nur eine einzige Frage, geehrte Madame, möchte ich Ihnen stellen«, sagte Mr. Micawber. »Das Klima ist hoffentlich gesund?« »Das schönste Klima auf der Welt!« erwiderte meine Tante. »Ganz recht,« entgegnete Mrs. Micawber, »jetzt kommt meine Frage. Sind die Zustände des Landes wirklich derart, daß ein Mann von Micawbers Fähigkeiten Aussicht hätte, auf der Leiter der Gesellschaft eine höhere Stelle einzunehmen, ich will nicht sagen, daß er nach der Gouverneurstelle oder nach etwas Ähnlichem streben könnte, aber würden seine Talente Gelegenheit haben, sich zu entwickeln – denn die Gelegenheit würde reichlich genügen – ohne daß ihm etwas Hemmendes in den Weg tritt?« »Nirgend gibt es bessere Gelegenheit für einen Mann, der sich gut aufführt und fleißig ist«, sagte meine Tante. »Für einen Mann, der sich gut aufführt und fleißig ist«, wiederholte Mrs. Micawber mit ihrer entschiedensten Geschäftsmiene. »Sehr richtig! Es ist mir klar, daß Australien der geeignete Kreis für die Tätigkeit Mr. Micawbers ist.« »Ich bin der Überzeugung, geehrte Madame,« sagte Micawber, »daß es unter bestehenden Verhältnissen das Land, das einzige Land für mich und meine Familie ist, und daß sich an jenen fernen Küsten was ganz Außerordentliches finden wird. Die Entfernung ist nicht groß – vergleichsweise zu sprechen, und obgleich Ihrem gütigen Vorschlag die gehörige Erwägung gebührt, so versichere ich Sie doch, daß sie eine bloße Formsache ist.« Nie werde ich vergessen, wie der sanguinische Mann in einem Augenblick der hoffnungsreichste aller Menschen und voller Selbstvertrauen auf sein Glück war, und wie Mrs. Micawber sofort von den Gewohnheiten des Känguruh zu erzählen anfing! Kann ich mich je an die Straße in Canterbury an einem Markttag erinnern, ohne an ihn zu denken, wie er sich benahm, als er uns zurückbegleitete. Seine kecken Urwaldsmanieren deuteten sofort an, daß er sich bisher nur selten in zivilisierten Gegenden bewegt hatte, und er musterte schon die vorüberkommenden Ochsen mit dem Blick des australischen Farmers. Dreiundfünfzigstes Kapitel. Noch ein Rückblick. Ich muß wieder eine Pause machen. O mein kindisches Weibchen! In dem Gedränge vor meiner Erinnerung sehe ich eine Gestalt, deren unschuldige Liebe und kindergleiche Schönheit zu mir sagt: Bleib stehen und denk an mich – sieh herab auf die kleine Blume, wie sie zitternd und welkend zur Erde sinkt. Ich gehorche. Alles wird wieder nebelhaft und verschwindet. Ich bin wieder mit Dora in unserm Häuschen. Ich weiß nicht, wie lange sie krank gewesen ist. Ich bin so daran gewöhnt, daß ich die Tage nicht mehr zählen kann. Es ist nach Wochen eigentlich nicht lange her, aber in meinem Leben eine lange trübe Zeit. Sie sagen mir nicht mehr, ich sollte mich nur einige Tage gedulden. Ich trage mich schon mit der bestimmten Furcht, daß der Tag nie kommen wird, wo mein kindisches Weibchen im Sonnenschein mit ihrem alten Freund Jip herumspringt. Er ist wie auf einmal sehr alt geworden. Vielleicht fehlt ihm in seiner Herrin etwas, was ihn lebendig und jünger machte, aber er ist träge und sieht schlecht und ist schwach, und meiner Tante tut es leid, daß er sie nicht mehr anbellt, sondern an sie herankriecht, wenn er auf Noras Bett liegt, und sie neben dem Bett sitzt, und liebkosend ihre Hände leckt. Dora liegt da und lächelt uns an, und ist schön und läßt kein heftiges oder klagendes Wort hören. Sie sagt, wir wären alle so gut gegen sie, ihr alter Doady plage sich ihretwegen halb zu Tode, meine Tante schlafe gar nicht, sondern wache immer und sei tätig und freundlich. Manchmal kommen die beiden vogelähnlichen Damen zu Besuch, und wir unterhalten uns von unserm Hochzeitstage und der ganzen glücklichen Zeit von damals. Was für eine seltsame schweigende Pause scheint in meinem Leben einzutreten – und in allem Leben hier drinnen und draußen – wenn ich in dem stillen verdunkelten Zimmer sitze, während die blauen Augen meines kindischen Weibchens auf mir ruhen und ihre niedlichen Finger meine Hände erfassen! Manche Stunde sitze ich so, aber von allen diesen Zeiten sind mir drei Abschnitte am frischesten im Gedächtnis. Es ist morgens früh, und Dora, die meine Tante so schmuck gemacht hat, zeigt mir, wie sich ihr schönes Haar immer noch auf dem Kissen locken will, und wie lang und glänzend es ist, und wie gerne sie es lose zusammengeschlungen in dem Netz trägt. »Nicht etwa, daß ich eitel bin, du spöttischer Mensch,« sagte sie, als sie mich lächeln sieht, »sondern weil du immer sagtest, es käme dir so schön vor, und weil ich, als ich zuerst an dich zu denken anfing, manchmal ein bißchen in den Spiegel guckte und mich fragte, ob wohl du gern eine Locke davon haben möchtest. O, was für ein närrischer Mensch du warst, Doady, als ich dir eine gab.« »Das war an dem Tage, wo du die Blumen maltest, die ich dir geschenkt hatte und dir sagte, wie sehr ich dich liebte.« »Ach! aber ich wollte dir damals nicht sagen,« sagte Dora, »wie sehr ich über ihnen geweint hatte, weil ich glaubte, du hättest mich wirklich gern! Wenn ich wieder herumspringen kann, wie früher, Doady, so wollen wir die Orte besuchen, wo wir so närrische Liebesleutchen waren, nicht wahr? Und einige von den alten Spaziergängen wieder aufsuchen und den armen, lieben Papa nicht vergessen?« »Ja, das wollen wir tun und noch glückliche Tage leben. Werde also nur rasch gesund, liebes Herz!« »O, das wird schon werden! Du weißt gar nicht, wieviel besser ich mich befinde!« Es ist Abend, und ich sitze auf demselben Stuhle vor demselben Bette, und dasselbe Gesicht blickt mich an. Wir haben längere Zeit geschwiegen, und ein Lächeln liegt auf ihrem Antlitz. Ich trage nicht mehr die leichte Last die Treppe auf und ab. Sie liegt den ganzen Tag hier. »Doady!« »Liebste Dora!« »Du wirst doch nicht etwa das, was ich sagen will, für unverständig halten, nachdem was du mir vor kurzem von Mr. Wickfields Krankheit gesagt hast? Ich möchte Agnes sprechen. Ich möchte sie sehr gern sprechen.« »Ich will ihr schreiben, liebes Herz.« »Willst du?« »Sogleich.« »Was für ein guter, guter Mann! Doady, nimm mich in deinen Arm. Es ist wirklich keine bloße Grille von mir. Es ist kein törichter Einfall. Es liegt mir wirklich sehr, sehr viel daran, sie zu sprechen.« »Davon bin ich überzeugt. Ich brauche ihr nur zu schreiben, und sie kommt gewiß.« »Du fühlst dich sehr einsam, wenn du unten bist, nicht wahr?« flüsterte mir Dora zu, den Arm um meinen Hals geschlungen. »Wie kann es anders sein, liebes Herz, wenn ich deinen leeren Stuhl sehe!« »Meinen leeren Stuhl!« Sie ruht eine kleine Weile stumm an meiner Brust. »Und du vermissest mich wirklich, Doady?« fängt sie wieder an, und lächelt mich freundlich an. »Selbst mich armes dummes, hilfloses Mädchen!« »Liebes Herz, könnte ich auf der Welt etwas mehr vermissen als dich?« »Ach, lieber Mann, ich bin so froh und doch so bekümmert!« und sie drängt sich näher an mich heran und umschlingt mich mit beiden Armen. Sie lacht und schluchzt und ist dann ruhig und ganz glücklich. »Ganz glücklich!« sagte sie. »Sende nur Agnes meinen freundlichsten, zärtlichsten Gruß und schreibe ihr, daß mir sehr viel daran liegt, sie zu sprechen, und dann habe ich nichts mehr zu wünschen.« »Außer wieder gesund zu werden, Dora!« »Ach, Doady! manchmal glaube ich – du weißt, ich bin immer ein dummes Närrchen gewesen – daß das nie geschehen wird.« »Sage das nicht, Dora! liebstes Herz, denke nicht daran!« »Gewiß nicht, wenn ich kann, Doady. Aber ich fühle mich sehr glücklich, obgleich du dich so einsam fühlest vor dem leeren Stuhl deines kindischen Weibchens!« Es ist Nacht, und ich bin noch bei ihr. Agnes ist gekommen und ist einen ganzen Tag und einen ganzen Abend bei uns gewesen. Sie, meine Tante und ich haben Dora seit dem Morgen zusammen Gesellschaft geleistet. Wir haben nicht viel geredet, aber Dora war immer zufrieden und heiter. Wir sind jetzt allein. Ich weiß jetzt, daß mein kindisches Weibchen mich verlassen wird, sie haben es mir gesagt, sie haben mir gesagt, was meinen Gedanken nicht neu war; aber ich bin durchaus nicht gewiß, daß mein Herz von der Wahrheit überzeugt ist. Ich kann es nicht fassen! Ich bin vielmals des Tages still weggegangen und habe allein geweint. Ich habe versucht, mich in die Schickung zu fügen und mich zu trösten, und das, hoffe ich, ist mir gelungen, wenn auch unvollkommen, aber immer noch will die Überzeugung nicht festen Fuß in mir fassen, daß das Ende unfehlbar da ist. Ich halte ihre Hand in meiner, ich habe ihr Herz an meinem, ich sehe ihre Liebe zu mir in aller ihrer Kraft lebendig, ich kann mich nicht befreien von einem letzten schwachen Schatten des Glaubens, sie wäre noch zu retten. »Ich will dir etwas sagen, Doady. Ich will dir etwas sagen, woran ich in der letzten Zeit gedacht habe. Du wirst es nicht übelnehmen«, sagte sie mit einem bittenden Blick. »Übelnehmen, mein Herz?« »Weil ich nicht weiß, was du davon denken wirst oder was du manchmal gedacht haben wirst. Vielleicht hast du oft dasselbe gedacht. Lieber Doady, ich fürchte, ich war noch zu jung.« Ich lege mein Gesicht auf das Kissen neben sie, sie blickt mir in die Augen und spricht sehr leise. Allmählich, wie sie weiter redete, fühlte ich mit blutendem Herzen, daß sie von sich wie von einer Verstorbenen spricht. »Ja, ich fürchte, Lieber, ich war zu jung. Ich meine nicht nur an Jahren, sondern auch an Erfahrung und an allem. Ich war ein kleines kindisches Geschöpf. Ich fürchte, es wäre besser gewesen, wenn wir nur eine Kinderliebschaft gehabt und sie wieder vergessen hätten. Ich kann mich von dem Gedanken nicht trennen, daß ich noch zu jung war, um eine Gattin zu werden.« Ich versuchte meine Tränen zurückzuhalten und zu antworten. »Ach, liebe Dora, ebensogut wie ich zu einem Ehemann paßte!« »Das weiß ich nicht«, entgegnete sie mit dem alten Schütteln ihrer Locken. »Vielleicht! aber hätte ich besser gepaßt zum Heiraten, so hätte ich dich auch passender machen können. Außerdem bist du sehr gescheit, und das bin ich nicht.« »Wir waren sehr glücklich miteinander, geliebteste Dora!« »Ich bin sehr, sehr glücklich gewesen. Aber mit den Jahren wäre mein lieber Doady seines kindischen Weibchens müde geworden. Sie hätte weniger und weniger zur Lebensgefährtin für ihn gepaßt. Er hätte immer mehr und mehr gefühlt, was ihm zu Hause fehlte. Sie hätte sich nicht geändert. Es ist besser so, wie es ist.« »Ach liebste, liebste Dora, sprich nicht so. Jedes Wort klingt wie ein Vorwurf!« »Nein, keine Silbe!« gibt sie zur Antwort und küßt mich, »Ach, liebstes Herz, du verdientest ihn nie, und ich liebte dich zu sehr, um dir im Ernste ein Wort des Vorwurfs zu sagen – das war mein einziges Verdienst, außer daß ich hübsch war – oder du hieltest mich wenigstens für hübsch. Ist es einsam unten? »Sehr! sehr!« »Weine nicht! Ist mein Stuhl noch da?« »Auf seiner alten Stelle.« »O, wie mein armer, lieber Junge weint! Still, still! Jetzt versprich mir noch eins. Ich möchte mit Agnes sprechen. Wenn du hinuntergehst, so sage es Agnes und schicke sie herauf zu mir; und während ich mit ihr spreche, laß niemand herein – nicht einmal die Tante. Ich will mit Agnes selbst sprechen. Ich muß mit Agnes ganz allein sprechen.« Ich verspreche ihr, es sofort zu tun; aber mein Schmerz erlaubt mir nicht, sie zu verlassen, »Ich sagte, es wäre besser, wie es ist!« flüsterte sie, wie sie mich in ihren Armen hielt. »Ach, Doady, nach Jahren hättest du dein kindisches Weibchen nicht besser lieben können als jetzt, und nach mehreren Jahren hätte sie deine Geduld und deine Liehe so hart auf die Probe gestellt, daß du sie nicht mehr halb so sehr hättest lieben können. Ich weiß wohl, ich war zu jung und leichtsinnig. Es ist viel besser so, wie es ist!« Agnes ist unten, als ich in die Wohnstube trete; und ich richte ihr den Auftrag Doras aus. Sie verschwindet und läßt mich allein mit Jip. Sein chinesisches Haus steht beim Feuer; er liegt darin auf seinem Flanellbett und versucht grämlich einzuschlafen. Der glänzende Mond steht hoch und klar am Himmel. Als ich in die Nacht hinaussehe, fließen meine Tränen reichlich, und mein unerzogenes Herz erfährt ein schweres, schweres Strafgericht, Ich setze mich ans Fenster und denke mit Reue an alle geheimen Gefühle, die ich seit meiner Verheiratung gehegt habe. Ich denke an jede Kleinigkeit zwischen mir und Dora, und fühle, daß Kleinigkeiten die Summe des Lebens ausmachen. Und immer steigt aus dem Meere meiner Erinnerungen das liebe Bild des Kindes, wie ich es zuerst sah: verschönert durch meine und durch ihre jugendliche Liebe mit jedem Reiz, an dem so eine Liebe reich ist. Wäre es wirklich besser gewesen, wir hätten nur eine Kinderliebschaft miteinander gehabt und sie vergessen? O vielgeprüftes Herz, antworte! Wieviel Zeit verstrichen war, weiß ich nicht, bis mich meines kindischen Weibchens alter Gefährte aus meinen Gedanken aufschreckt. Unruhiger als vorhin kriecht er aus seinem Hüttchen heraus und sieht mich an, und schleppt sich nach der Tür, und winselt, um hinaufzukommen. »Heute nacht nicht, Jip. Heute nicht!« Er schleicht langsam zu mir zurück, leckt mir die Hände und sieht mich mit seinen glanzlosen Augen an. »O, Jip! vielleicht nie, nie wieder!« Er legt sich mir vor die Füße, streckt sich aus, als wollte er schlafen, und ist mit einem Winseln – tot. »Ach, Agnes! Sieh hier!« – Dieses Gesicht, so erfüllt von Mitleid und von Schmerz, dieser Tränenregen, diese feierliche stumme Bitte an mich, diese feierlich gen Himmel gerichtete Hand! – – – Es ist vorbei. Es wird Nacht vor meinen Augen; und eine Zeitlang ist alles aus meinem Gedächtnis verschwunden. Vierundfünfzigstes Kapitel. Mr. Micawbers Geldgeschäfte. Jetzt ist nicht die Zeit, um mich über meinen Gemütszustand unter seiner Kummerlast zu verbreiten. Es kam mir zuletzt vor, daß die Zukunft vor mir verschlossen, daß die Energie und die Tätigkeit meines Lebens zu Ende sei und daß mir kein andrer Zufluchtsort übrigbleibe wie das Grab. So dachte ich freilich nicht in den ersten erschütternden Augenblicken meines Schmerzes. Nein! Diese Gedanken wuchsen erst allmählich heran! Wenn sich die Ereignisse, die ich jetzt erzählen will, nicht in der Weise überstürzt hätten, daß sie zuerst meinen Schmerz verwirrten und ihn dann vermehrten, so hätte ich möglicherweise – obgleich ich es nicht für wahrscheinlich halte – sofort in diesen Zustand verfallen können. Aber so trat eine Zwischenzeit ein, bevor ich meinen Schmerz vollständig erkannte, eine Zwischenzeit, in der ich sogar glaubte, das schlimmste Weh sei vorüber, und wo es für mich ein Trost war, in all dem Unschuldigen und Schönen in dem blühenden Leben zu verweilen, das jetzt zu Ende war. Wann zuerst der Vorschlag auftauchte, daß ich eine große Reise machen, oder wie wir übereinkamen, daß ich die Wiederherstellung meines Seelenfriedens in Ortsveränderung und Abwechselung suchen sollte, weiß ich jetzt selbst nicht genau. Agnes' Geist drang so sehr durch alles, was wir dachten, sagten und taten in jener Schmerzenszeit, daß ich wohl recht haben werde, wenn ich den Plan ihrem Einflüsse zuschreibe. Aber sie übte ihren Einfluß stets so unmerkbar aus, daß ich nichts mehr zu sagen weiß. Und nun begann ich zu denken, daß mein früherer Vergleich mit jenem bunten Kirchenfenster eine prophetische Eingebung dessen gewesen war, was sie mir in dem Wehe sein sollte, das mich zu treffen bestimmt war, und daß dieses Ahnen schon damals Zutritt zu meinem Gemüte gefunden habe. In all dem Kummer war sie von dem unvergeßlichen Augenblick an, als sie mit emporgehobener Hand vor mir stand, wie eine heilige Gestalt in meinem einsamen Hause. Als der Todesengel dieses mit seinen Schwingen überschattete, schlief mein kindisches Weibchen – so erzählten sie mir's, als ich's ertragen konnte, es zu hören – an ihrer Brust mit einem Lächeln ein. Von meiner Ohnmacht erwacht, kam ich zuerst zum Bewußtsein ihrer mitleidsvollen Tränen, ihrer Worte der Hoffnung und des Friedens, ihres sanften Gesichts, wie es sich aus einer reinern, dem Himmel nähern Region zu meinem ungeschulten Herzen herabneigte und seinen Schmerz linderte. Doch ich fahre fort im Bericht der Geschehnisse. Ich sollte ins Ausland reisen. Das schien unter uns allen ausgemacht zu sein. Als die Erde alles Vergängliche meiner hingegangenen Gattin bedeckte, wartete ich nur noch auf das, was Mr. Micawber die endliche Vernichtung Heeps nannte, und auf die Abfahrt der Auswanderer. Auf Traddles Aufforderung, der sich mir in dieser Zeit als der beste und aufopferndste Freund zeigte, kehrten wir nach Canterbury zurück, nämlich meine Tante, Agnes und ich. Nach einer vorher getroffenen Anordnung begaben wir uns unmittelbar nach Mr. Micawbers Wohnung, wo mein Freund, ebenso wie bei Mr. Wickfield, seit der großen Explosion ununterbrochen gearbeitet hatte. Als mich Mrs. Micawber in Trauerkleidern eintreten sah, war sie sichtbar gerührt. Es war viel Gutes in Mrs. Micawbers Herz, was in diesen langen Jahren nicht durch das ewige Drängen ungeduldiger Gläubiger hinausgetrieben worden war. »Nun, Mr. und Mrs. Micawber,« fing meine Tante sogleich an, nachdem wir Platz genommen hatten, »haben Sie an meinen Vorschlag wegen des Auswanderns gedacht?« »Verehrte Madame,« entgegnete Mr. Micawber, »vielleicht kann ich den Beschluß, zu dem Mrs. Micawber und Ihr ergebenster Diener, und ich darf wohl hinzufügen, unsre Kinder, alle für einen und einer für alle gekommen sind, nicht besser ausdrücken, als mit den Worten eines berühmten Dichters, welcher sagte: ›Unser Boot ist am Strand, unser Schiff auf der See.‹« »Das ist recht«, sagte meine Tante. »Ich hoffe alles mögliche Gute von Ihrem vernünftigen Entschluß.« »Madame, Sie erweisen uns außerordentlich viel Ehre«, entgegnete er. Er nahm dann ein Blatt Papier zur Hand. »Was den pekuniären Beistand betrifft, der uns instand setzen soll, unsern gebrechlichen Nachen auf den Ozean der Unternehmung auslaufen zu lassen, so habe ich diesen wichtigen Geschäftspunkt in reifliche Erwägung gezogen, und würde vorschlagen, Solawechsel auf ein – es ist unnütz, zu bemerken, mit dem Stempel, den die verschiedenen, auf derartige Dokumente bezüglichen Parlamentsakten vorschreiben – auf achtzehn, vierundzwanzig und dreißig Monate Ziel. Mein ursprünglicher Vorschlag war, zwölf, achtzehn oder vierundzwanzig Monate Ziel; aber ich bin nicht ohne Besorgnis, daß ein solches Arrangement nicht genug Zeit gibt, daß sich der erforderliche Betrag findet. Es wäre wohl möglich,« sagte Mr. Micawber und sah sich im Zimmer um, als ob er ein Paar Acker vortrefflich angebautes Land um sich hätte, »daß zur Verfallzeit des ersten Papiers unsere Ernte nicht gut ausgefallen wäre, oder daß wir sie noch nicht eingebracht hätten. Wenn ich nicht irre, sind Arbeiter in dem Teile unsrer Kolonialbesitzungen, wo das Geschick uns vorschreibt, mit dem üppigen Boden zu kämpfen, manchmal schwer zu erlangen.« »Richten Sie das ein, wie es Ihnen am besten paßt, Sir«, erwiderte meine Tante. »Madame«, gab er zur Antwort, »Mrs. Micawber und ich empfinden aufs tiefste die außerordentliche Güte unserer Freunde und Gönner. Ich wünsche vor allen Dingen, vollkommen Geschäftsmensch und vollkommen pünktlich zu sein Da wir jetzt ein ganz neues Blatt umzuwenden im Begriff stehen und einen Anlauf nehmen, um einen Sprung von nicht gewöhnlicher Größe zu machen, so ist es ein Bedürfnis für mein Gefühl der Selbstachtung und ist außerdem noch ein Beispiel für meinen Sohn, daß dieses Arrangement geschlossen werde, wie es sich zwischen Männern geziemt.« Ich weiß nicht, ob Mr. Micawber dieser letzten Phrase eine Bedeutung beilegte; aber sie schien ihm außerordentlich zu gefallen und er wiederholte sie mit einem bedeutungsvollen Räuspern. »Ich schlage also Wechsel vor – eine Einrichtung für die merkantilische Welt,« fuhr Mr. Micawber fort, »die wir, wenn ich nicht irre, ursprünglich den Juden verdanken, die seitdem verteufelt viel mit diesen Dingen zu tun gehabt zu haben scheinen – weil sie leicht umsetzbar sind. Aber wenn eine Obligation jeder andern Sicherheit vorgezogen werden sollte, so würde ich mich glücklich schätzen, ein solches Dokument auszustellen, wie es sich zwischen Männern geziemt.« Meine Tante bemerkte, daß in dem Fall, wo beide Parteien zu allem bereit wären, dieser Punkt keine Schwierigkeit machen könnte. »Was unsere häuslichen Vorbereitungen für das Geschick betrifft, dem wir uns jetzt geweiht haben,« sagte Mr. Micawber mit einigem Stolz, »so bitte ich, diese auseinandersetzen zu dürfen. Meine älteste Tochter besucht um fünf Uhr jeden Morgen ein benachbartes Etablissement, um die Kunst – wenn man es eine Kunst nennen kann – des Melkens zu erlernen. Meine jüngern Kinder haben sich so genau, als es ihnen die Umstände nur gestatten, mit den Lebensgewohnheiten der in den ärmern Teilen der Stadt gehaltenen Schweine und Hühner vertraut zu machen: ein Beruf, von dem sie zu zwei verschiedenen Malen nach Hause gelangt sind, mit knapper Not dem Überfahrenwerden entronnen. Meine Aufmerksamkeit habe ich seit voriger Woche auf die Kunst der Bäckerei gelenkt, und mein Sohn Wilkins ist mit einem Knüttel ausgegangen und hat Vieh getrieben, wenn seine freiwilligen Dienste von den wettergebräunten Mietlingen, unter deren Aufsicht dieses Vieh stand, angenommen wurden – was nicht oft geschah, wie ich, leider nicht zum Lobe der menschlichen Natur, sagen muß; denn sie sagten ihm gewöhnlich mit Flüchen, er solle sich packen.« »Das ist alles vortrefflich«, sagte meine Tante ermutigend. »Und Mrs. Micawber ist gewiß auch tätig gewesen?« »Geehrte Madame,« entgegnete Mrs. Micawber mit ihrer Geschäftsmiene, »ich erlaube mir zu gestehen, daß ich mich nicht mit Fächern beschäftigt habe, die unmittelbar mit dem Ackerbau oder mit der Viehzucht in Verbindung stehen, obgleich ich recht wohl weiß, daß sie meine Kräfte an einem fernen Gestade in Anspruch nehmen werden. Alle Zeit, die ich von meinen häuslichen Pflichten erübrigen konnte, habe ich benutzt, um mich mit meiner Familie in ausgedehnten Briefverkehr zu setzen. Denn ich muß gestehen, es scheint mir, lieber Mr. Copperfield,« sagte Mrs. Micawber, die sich wahrscheinlich aus alter Gewohnheit zuletzt stets an mich wendete, mit wem sie immer angefangen haben mochte, »daß die Zeit gekommen ist, wo man das Geschehene in Vergessenheit begraben muß; wo meine Familie Mr. Micawbers und Mr. Micawber meiner Familie Hand ergreifen sollte; wo der Löwe sich niederlegt neben dem Lamm, und meine Familie sich mit Mr. Micawber aussöhnt.« Ich sagte, ich dächte ebenso. »In diesem Lichte wenigstens, lieber Copperfield,« fuhr Mrs. Micawber fort, »betrachte ich die Sache. Als ich noch zu Hause bei Papa und Mama war, hatte mein Papa die Gewohnheit, wenn über irgend einen Punkt in unserm kleinen Kreise gesprochen wurde, zu fragen: ›In welchem Lichte betrachtet meine Emma diesen Gegenstand?‹ Daß mein Papa zu sehr von mir eingenommen war, weiß ich; aber über einen Punkt, wie die Eiseskälte, die immer zwischen Mr. Micawber und meiner Familie bestanden hat, habe ich mir notwendigerweise eine Meinung gebildet, wie irrig sie auch sein mag.« »Ohne Zweifel. Natürlich haben Sie das, Ma'am«, sagte meine Tante. »Ganz richtig«, stimmte Mrs. Micawber bei. »Nun mag ich mich in meinen Schlüssen irren; es ist sehr wahrscheinlich, daß ich das tue, aber mein persönlicher Eindruck ist, daß die Kluft zwischen meiner Familie und Mr. Micawber auf eine Befürchtung zurückgeführt werden kann, die meine Familie hegt, daß Mr. Micawber ihre pekuniäre Beihilfe in Anspruch nehmen könnte. Ich kann den Gedanken nicht unterdrücken,« fuhr Mrs. Micawber mit dem Ausdruck tiefer Weisheit fort, »daß es Mitglieder meiner Familie gegeben hat, die befürchtet haben, Mr. Micawber würde sie um ihren Namen angehen. Ich meine natürlich nicht, um durch das Institut der Taufe auf unsere Kinder übertragen zu werden, sondern für Wechsel, die auf dem Geldmarkte verkauft werden.« Der selbstzufriedene Blick, mit dem Mrs. Micawber diese Entdeckung von sich gab, als ob nie jemand zuvor auf diesen Gedanken gekommen wäre, schien meine Tante einigermaßen zu verblüffen, so daß sie plötzlich herausplatzte: »Nun, Ma'am, im ganzen betrachtet, mögen Sie so unrecht nicht haben.« »Da Mr. Micawber nun am Vorabend des großen Ereignisses der Befreiung von den pekuniären Verbindlichkeiten steht, die ihn so lange gefesselt haben, und im Begriff ist, eine neue Laufbahn in einem Lande zu gewinnen, wo er freien Raum für die Ausübung seiner Fähigkeiten hat – was meiner Ansicht nach von besonderer Wichtigkeit ist, denn Mr. Micawbers Fähigkeiten zeichnen sich dadurch aus, daß sie besonders viel Platz verlangen – so scheint es mir, daß meine Familie die Gelegenheit benutzen sollte, um den ersten Schritt zu tun. Mein Wunsch wäre die Bewerkstelligung einer Zusammenkunft zwischen Mr. Micawber und meiner Familie bei einem Festmahl auf Kosten meiner Familie, wo, nachdem ein angesehenes Mitglied meiner Familie einen Toast auf Mr. Micawbers Gesundheit und Wohlfahrt ausgebracht hat, Mr. Micawber Gelegenheit haben könnte, seine Ansichten zu entwickeln.« »Liebe Frau,« sagte Mr. Micawber mit einiger Heftigkeit, »es dürfte besser sein, wenn ich mich sofort deutlich dahin erkläre, daß meine Ansichten, wenn ich sie der versammelten Sippe verkünden sollte, wahrscheinlich beleidigender Natur sein würden, denn meiner Ansicht nach besteht deine Familie im allgemeinen aus impertinenten, bettelstolzen Narren und im einzelnen aus unleugbaren Lumpen.« »Micawber!« sagte Mrs. Micawber mit einem Kopfschütteln. »Nein, du hast sie und sie haben dich nie verstanden!« Mr. Micawber hustete. »Sie haben dich nie verstanden, Micawber. Sie mögen dessen nicht fähig sein. Dann ist es ein Unglück für sie. Ich kann ihr Unglück nur beklagen.« »Ich bedaure recht sehr, meine liebe Emma,« sagte Mr. Micawber reuig, »daß ich mich habe zu Ausdrücken hinreißen lassen, die selbst nur von weitem den Anschein einer Verunglimpfung haben können. Ich wollte weiter nichts sagen, als daß ich England verlassen kann, ohne daß mich deine Familie mit ihrer Gunst beglückt – mit einem Worte, mir ihre teilnamlose Hand zum Abschied reicht, und daß ich im ganzen vorziehe, England auf eigene Kraft und ohne ihre Unterstützung zu verlassen. Sollten sie sich aber herablassen, auf unsere Zuschriften zu antworten – was unsere gemeinschaftliche Erfahrung sehr unwahrscheinlich macht – so sei es fern von mir, deinen Wünschen irgendwie in den Weg zu treten.« Da diese Angelegenheit damit freundschaftlich beigelegt war, reichte Mr. Micawber seiner Gattin den Arm und äußerte mit einem Blick auf einen Haufen Papiere, die vor Traddles auf dem Tische lagen, daß sie uns jetzt verlassen wollten, was sie mit der größten Feierlichkeit taten. »Lieber Copperfield,« sagte Traddles, als sie fort waren, lehnte sich in seinen Stuhl zurück, und sah mich mit einer Liebe an, die seine Augen röter und sein Haar nach allen Richtungen zu Berge stehen machte, »ich entschuldige mich nicht bei dir, daß ich dich mit Geschäftssachen belästige, denn ich weiß, wie sehr diese Angelegenheit deine Teilnahme erregt, und es kann dir auch diese Sache zur Zerstreuung dienen. Lieber Freund, ich hoffe, du bist nicht zu abgespannt?« »Ich bin bei vollen Kräften«, antwortete ich nach einer Pause. »Wir haben mehr Ursache, an meine Tante zu denken als an jeden andern. Du weißt, wieviel sie getan hat.« »Gewiß, gewiß«, gab Traddles zur Antwort. »Wer kann es vergessen!« »Aber selbst das ist noch nicht alles«, sagte ich. »Während der letzten vierzehn Tage ist sie von einem neuen Kummer heimgesucht gewesen, und sie war täglich in der Stadt. Mehrmals ging sie sehr früh aus und kam erst den Abend wieder. Gestern abend, Traddles, kam sie trotz der bevorstehenden Reise erst kurz vor Mitternacht nach Hause. Du weißt, wieviel Rücksichten sie auch gegen andere hat. Sie will mir die Ursache ihres Kummers nicht sagen.« Meine Tante saß unbeweglich neben mir, aber sehr blaß und mit tiefen Gramesfurchen auf dem Gesicht, bis ich fertig war. Da rollten vereinzelte Tränen über ihre Wangen herab, und sie legte ihre Hand auf meine. »Es ist nichts, Trot; es ist nichts, es ist vorbei. Ich werde dir bald alles erzählen. Jetzt, liebe Agnes, wollen wir an die Geschäfte gehen.« »Ich muß Mr. Micawber die Gerechtigkeit widerfahren lassen,« fing Traddles an, »daß er, so wenig er es für eigene Rechnung zu etwas gebracht zu haben scheint, der unermüdlichste Arbeiter ist, wenn er für andere tätig ist. Ein solcher Mensch ist mir noch nie vorgekommen. Wenn er es immer so forttreibt, so müßte er eigentlich, nach dem Maße der Arbeit gerechnet, gegen zweihundert Jahre alt sein. Die Aufregung, in die er sich immer versetzt hat, die alles andere vergessende und leidenschaftliche Weise, mit der er Tag und Nacht unter Papieren und Büchern herumstöberte, die unzähligen Briefe, die er mir aus Mr. Wickfields Expedition hergeschickt und mir über den Tisch gereicht hat, während wir uns gegenüber saßen, und wir viel leichter hätten besprechen können, sind wahrhaft wunderbar.« »Briefe!« rief meine Tante. »Ich glaube, er träumt in Briefen!« »Und auch Mr. Dick hat Wunderbares geleistet!« sagte Traddles. »So wie er nicht mehr Uriah Heep zu bewachen hatte, den er unter einer so scharfen Aufsicht hielt, wie ich es noch nie gesehen habe, widmete er sich ganz Mr. Wickfield; und sein angelegentliches Streben, uns in unsern Nachforschungen von Nutzen zu sein, die großen Dienste, die er uns mit Auszügemachen, Abschreiben, Herbeiholen und Forttragen von Dokumenten geleistet hat, waren für uns ein wahrer Sporn.« »Dick ist ein sehr merkwürdiger Mensch,« rief meine Tante aus, »und ich habe das immer gesagt. Trot, das weißt du!« »Es freut mich, Ihnen sagen zu können, Miß Wickfield,« fuhr Traddles mit großem Zartgefühl und mit großem Ernste fort, »daß in ihrer Abwesenheit Mr. Wickfield sich bedeutend gebessert hat. Befreit von dem drückenden Alb, der so lange auf ihm gelastet hat, und von den schrecklichen Besorgnissen, die ihn nicht verlassen wollten, ist er kaum derselbe mehr. Zuweilen stellt sich sogar die sehr geschwächte Kraft seines Gedächtnisses wieder ein und die Fähigkeit, seine Aufmerksamkeit auf einzelne Punkte von Geschäftssachen zu konzentrieren, und er sah sich in den Stand gesetzt, bei der Aufklärung einer Sache mitzuwirken, die wir ohne seinen Beistand schwerlich hätten ins Klare bringen können. Doch ich habe Ihnen das Erreichte vorzulegen, was kurz genug zusammenzufassen ist, und nicht von allen den hoffnungsvollen Aussichten zu sprechen, die sich uns eröffnet haben, sonst werde ich nie fertig.« Seine natürliche Manier und angenehme Einfachheit ließen leicht erkennen, daß er dies sagte, um uns guten Muts zu machen, und es Agnes zu ermöglichen, ihren Vater mit größerem Vertrauen erwähnen zu hören; aber es war deshalb nicht weniger wohltuend. »So wollen wir denn jetzt einmal sehen«, sagte Traddles und kramte unter den Papieren auf dem Tische. »Nachdem wir unsere Kapitalien überrechnet und eine Unmasse unabsichtlicher Verwirrungen in der ersten und absichtliche Verwirrungen und Verfälschungen in der zweiten Reihe in Ordnung gebracht haben, können wir für ausgemacht annehmen, daß Mr. Wickfield sein Geschäft und seine Agentur liquidieren und ohne Defizit abschließen könnte.« »Gott sei gepriesen!« rief Agnes voll Innigkeit aus. »Aber«, fuhr Traddles fort, »der zu seinem Lebensunterhalt unentbehrliche Überschuß – und ich setze dabei schon den Verkauf des Hauses voraus – wäre so unbedeutend, wahrscheinlich kaum ein paar hundert Pfund, daß es vielleicht besser wäre, zu bedenken, ob er nicht lieber die Verwaltung der Grundstücke, deren Sequester er so lange gewesen ist, behalten soll, Miß Wickfield. Seine Freunde könnten ihm als Ratgeber dienen, er ist jetzt frei. Sie selbst, Miß Wickfield – Copperfield – ich –« »Ich habe es mir überlegt«, sagte Agnes und sah mich an, »und ich fühle, daß es nicht sein kann und nicht sein darf, selbst nicht auf die Empfehlung eines Freundes, dem ich so dankbar bin und dem ich soviel verdanke.« »Ich will nicht sagen, daß ich es empfehle«, bemerkte Traddles. »Ich hielt es für recht, es zu erwähnen. Weiter nichts.« »Es freut mich, Sie so sprechen zu hören,« entgegnete Agnes ruhig, »denn es gibt mir die Hoffnung, ja fast die Gewißheit, daß wir ganz gleich über die Sache denken. Lieber Mr. Traddles und lieber Trotwood, da der Vater jetzt mit Ehren frei ist, was könnte ich mehr wünschen! Meine Sehnsucht war, ihm, so wie er nur erst aus den Netzen, in die er verstrickt war, befreit wurde, einen kleinen Teil der Liebe und Sorgfalt, die ich ihm schulde, zurückgeben zu können und ihm mein Leben zu weihen. Viele Jahre lang war das meine schönste Hoffnung. Unsere Zukunft ganz auf mich zu nehmen, wäre das nächste Glück – das nächste nach seiner Befreiung von jedem verantwortlichen Amte.« »Hast du schon darüber nachgedacht, wie du das anfangen willst, Agnes?« »Oft! Ich bin ohne Besorgnis, lieber Trotwood. Ich bin des Erfolges sicher. Es kennen mich hier so viele Leute und sind mir freundlich gesinnt, daß ich nicht zage. Setzt kein Mißtrauen in meine Kräfte. Unsere Bedürfnisse sind nicht groß. Wenn ich das liebe alte Haus miete und eine Schule halte, werde ich nützlich und glücklich sein.« Die ruhige Innigkeit ihrer klaren Stimme erinnerte mich so lebhaft an das alte liebe Haus und dann an meine einsame Wohnung, daß mein Herz zu voll war zum Reden. Traddles tat, als ob er eine Weile unter den Papieren herumkramte. »Jetzt kommt Ihr Vermögen an die Reihe, Miß Trotwood«, sagte Traddles. »Ja so«, seufzte meine Tante. »Ich habe weiter nichts darüber zu sagen, als daß ich es ertragen kann, wenn es verloren ist, und daß es mich freuen würde, es wieder zu erhalten, wenn es noch nicht verloren ist.« »Es waren ursprünglich achttausend Pfund, glaube ich«, sagte Traddles. »Richtig!« entgegnete meine Tante. »Ich kann nicht mehr als fünf nachweisen«, sagte Traddles mit nachdenklicher Miene. »– Tausend meinen Sie«, fragte sie mit ungewöhnlicher Fassung. »Fünftausend Pfund«, sagte Traddles. »Mehr waren auch nicht dort,« entgegnete meine Tante, »dreitausend Pfund in Konsols verkaufte ich selber. Das eine um deinen Lehrbrief zu bezahlen, lieber Trot, und die andern beiden habe ich noch. Als ich das übrige verlor, hielt ich es für klug, von dieser Summe nichts zu sagen, sondern sie im geheimen für böse Tage zu behalten. Ich wollte sehen, wie du die Prüfung bestehen würdest, Trot, und du hast sie glänzend bestanden – du hast dich voll Ausdauer und Selbstverleugnung gezeigt! Auch Dick. Aber sprecht nicht mit mir davon, denn meine Nerven sind etwas angegriffen!« Niemand hätte ihr das geglaubt, wer sie in so aufrechter Haltung und mit übereinander geschlagenen Armen sitzen sah; aber sie besaß eine wunderbare Selbstbeherrschung. »Dann schätze ich mich glücklich, Ihnen sagen zu können,« rief Traddles mit strahlendem Gesicht, »daß wir das ganze Geld wieder haben!« »Wünscht mir nicht Glück dazu, niemand!« rief meine Tante aus. »Aber wie so, Sir?« »Sie glaubten, Mr. Wickfield habe es unrechtmäßigerweise für sich verwendet«, sagte Traddles. »Natürlich,« erwiderte meine Tante, »und war daher bald zum Schweigen gebracht. Agnes, kein Wort!« »Und in der Tat wurden die Papiere kraft Ihrer Vollmacht verkauft,« sagte Traddles, »aber ich brauche nicht zu sagen, wer sie verkaufte und wer dazu wirklich die Unterschrift hergab. Dieser Schurke spiegelte ihm später vor – und bewies es ihm auch durch Zahlen – daß er das Geld an sich genommen habe – wie er sagte – kraft allgemeiner Instruktionen, um anderweitige Ausfälle zu decken. Da Mr. Wickfield in seinen Händen so schwach und hilflos war, daß er Ihnen später verschiedene Zinsensummen von einem angeblichen Kapital, das wie er recht gut wußte, nicht mehr vorhanden, bezahlte, so machte er sich leider zum Mitschuldigen an dem Betruge.« »Und nahm zuletzt alle Schuld auf sich allein!« setzte meine Tante hinzu, »und schrieb mir einen verrückten Brief, in dem er sich des Diebstahls und unerhörten Unrechts zieh. Durch diesen Brief veranlaßt, machte ich ihm eines Morgens ganz früh einen Besuch, ließ ein Licht kommen, verbrannte den Brief und sagte ihm, wenn er mir und sich selbst jemals gerecht werden könne, so solle er es tun, wenn nicht, so solle er es hübsch geheimhalten um seiner Tochter willen. – Wenn jemand ein Wort zu mir spricht, gehe ich fort!« Wir alle schwiegen, und Agnes bedeckte sich das Gesicht mit den Händen. »Also, lieber Traddles,« sagte meine Tante nach einer Pause, »haben Sie wirklich das Geld aus ihm herausgequetscht?« »Die Sache ist die,« entgegnete Traddles, »Mr. Micawber hatte ihn so vollständig in der Gewalt und war immer mit so vielen neuen Beweisstücken bereit, wenn ein schon vorhandenes nicht ausreichte, daß er uns nicht entrinnen konnte. Einen merkwürdigen Umstand muß ich noch erwähnen. Ich glaube nämlich, er bemächtigte sich der Summe ebensosehr aus Geiz, der bei ihm in ungemessenem Grade vorhanden ist, wie aus Haß gegen Copperfield. Er hat es mir geradezu herausgesagt. Er äußerte, er hätte ebensoviel durchgebracht, wenn er damit hätte Copperfield schaden können.« »Ha!« sagte meine Tante gedankenvoll, die Brauen zusammenziehend und Agnes anblickend. »Und was ist aus ihm geworden?« »Ich weiß es nicht«, antwortete Traddles. »Er hat mit der Mutter, die während der ganzen Zeit gejammert, gefleht und ausgeplaudert hatte, die Stadt verlassen. Sie sind mit der Londoner Abendpost gefahren, und weiter weiß ich nichts von ihnen, nur daß seine Bosheit gegen mich beim Abschied alles Maß überstieg. Er schien der Meinung zu sein, daß er mir kaum weniger schulde als Mr. Micawber; was ich für ein wahres Kompliment halte, wie ich es ihm auch sagte.« »Glaubst du, daß er noch Geld hat, Traddles?« fragte ich. »O ja, ich sollte wohl meinen«, entgegnete er und wiegte mit ernster Miene den Kopf. »Auf eine oder die andere Weise muß er sich viel in die Tasche gebracht haben. Aber ich glaube, du würdest finden, Copperfield, wenn du Gelegenheit hättest, seine Laufbahn zu beobachten, daß diesen Menschen Geld nicht vor dem Bösen schützt. Er ist ein so eingefleischter Heuchler, daß er alles, was er verfolgt, auf krummen Wegen verfolgen muß. Das ist sein einziger Lohn für den Zwang, den er sich auferlegt. Da er immer auf dem Boden nach einem oder dem andern kleinen Ziele kriecht, so wird ihm alles unterwegs vergrößert erscheinen, und er wird daher jeden hassen und ihm mißtrauen, der in der unschuldigsten Weise zwischen ihn und sein Ziel tritt. So werden in jedem beliebigen Augenblick aus dem geringfügigsten oder aus gar keinem Grunde die krummen Wege immer krummer werden.« »Er ist ein Ungeheuer von Niederträchtigkeit!« bemerkte meine Tante. »Das weiß ich gerade noch nicht,« sagte Traddles gedankenvoll, »viel Leute können sehr niederträchtig sein, wenn sie nur rechten Ernst machen.« »Und nun Micawber«, sagte meine Tante. »Ich muß wirklich Mr. Micawber mit hohem Lobe bedenken«, bemerkte Traddles heiter. »Ohne seine lange Geduld und Ausdauer hätten wir nicht hoffen können, etwas Nennenswertes zu erreichen. Und ich glaube, wir dürfen nicht außer acht lassen, daß Mr. Micawber Gutes um des Guten willen tat, wenn wir bedenken, wie teuer er sich sein Schweigen von Uriah Heep hätte abkaufen lassen können.« »Das glaube ich auch«, erwiderte ich. »Was wollen wir ihm also geben?« fragte meine Tante. »O! Ehe wir daran kommen,« sagte Traddles ein wenig betreten, »muß ich gestehen, daß ich es leider für klug halten müßte, bei der Schlichtung dieser schwierigen Angelegenheit zwei Punkte aus den Augen zu lassen, da ich nicht alles auf einmal erreichen konnte. Denn ungesetzlich ist die ganze Sache von A bis Z. Ich konnte mit Heep nichts abmachen über die schwierige Angelegenheit der Schuldverschreibungen und dergleichen Bescheinigungen, die Mr. Micawber ihm für die erhaltenen Vorschüsse ausgestellt hat –« »Die müssen natürlich bezahlt werden«, sagte meine Tante. »Ja, ich weiß aber nicht, wann sie präsentiert werden sollen, oder wer sie in der Hand hat«, entgegnete Traddles mit emporgezogenen Augenbrauen, »und ich fürchte, daß Mr. Micawber bis zu seiner Abreise in einem fort wird in Wechselhaft genommen werden.« »So müssen wir ihn in einem fort wieder aus der Wechselhaft frei machen«, sagte meine Tante. »Was macht der ganze Betrag?« »Mr. Micawber hat die Geschäfte – er nennt es Geldgeschäfte – in bester Form in einem Buche eingetragen«, gab Traddles mit einem Lächeln zur Antwort, »und er bringt den Betrag von 103 Pfund 5 Schillingen heraus.« »Nun, was wollen wir ihm mit Einschluß dieser Summe geben?« fragte meine Tante. »Liebe Agnes, wir können später besprechen, wie wir das Geld unter uns teilen wollen. Wieviel meinen Sie? 500 Pfund?« Aber Traddles und ich legten sich hier sogleich ins Mittel! Wir empfahlen beide eine Summe bar und die Bezahlung der Wechsel in Uriahs Händen, so wie sie präsentiert werden, aber ohne Verpflichtung gegen Mr. Micawber. Die Familie sollte Überfahrt und Ausrüstung frei und außerdem noch 106 Pfund erhalten, und Mr. Micawbers Vorschläge zur Bezahlung der Vorschüsse sollten ganz ernsthaft angenommen werden, da es vielleicht gut für ihn war, wenn er an das Vorhandensein dieser Verpflichtung glaubte. Dazu schlug ich noch vor, einige Erläuterungen über seinen Charakter und seine Geschichte Mr. Peggotty zu geben, auf den man sich verlassen konnte, und daß Mr. Peggotty in aller Stille Vollmacht erhalten sollte, ein zweites Hundert vorzuschießen. Ferner schlug ich vor, bei Mr. Micawber ein Interesse für Mr. Peggotty dadurch zu erwecken, daß ich ihm soviel von Mr. Peggotty erzählte, als ich für passend hielt, und mich bemühte, daß beide sich füreinander zum gemeinsamen Nutzen interessierten. Wir gingen alle lebhaft auf diese Ansichten ein, und ich will nur gleich hier erwähnen, daß die Hauptinteressenten kurze Zeit darauf mit vollkommenstem guten Willen und größter Eintracht dasselbe taten. Da Traddles jetzt wieder einen besorgten Blick auf meine Tante warf, erinnerte ich an den zweiten und letzten der von ihm erwähnten aber noch nicht erörterten Punkte. »Du und deine Tante werden mich entschuldigen, Copperfield, wenn ich nun einen schmerzlichen Gegenstand berühre, was, wie ich sehr fürchte, jetzt wohl der Fall sein wird,« bemerkte Traddles mit einigem Zögern; »aber ich halte es für notwendig, daran zu erinnern. An dem Tage, wo Mr. Micawber seine merkwürdigen Enthüllungen machte, hörten wir aus Uriahs Munde eine drohende Anspielung auf den Gatten deiner Tante.« Meine Tante, die ihre steife Haltung und ihre äußere Fassung beibehielt, nickte beistimmend. »Vielleicht war es eine bedeutungslose Unverschämtheit.« »Nein«, entgegnete meine Tante. »Sie verzeihen – es ist also wirklich eine solche Person vorhanden, und sie ist in seiner Macht?« fragte Traddles. »Ja, guter Freund«, sagte meine Tante. Traddles setzte uns mit betrübtem Gesicht auseinander, daß er sich außer stande gesehen, diese Angelegenheit ins Auge zu fassen, daß sie das Schicksal von Mr. Micawbers Verbindlichkeiten teile und nicht mit in den Friedensbedingungen begriffen worden wäre, daß wir keine Gewalt mehr über Uriah Heep hätten und daß, wenn er einem von uns irgend schaden könnte, er es gewiß tun würde. Meine Tante schwieg, bis einige vereinzelte Tränen von ihren Wangen herabrannen. »Sie haben ganz recht«, sagte sie. »Es war notwendig von Ihnen, daß Sie es erwähnten.« »Kann ich – oder Copperfield etwas tun?« »Nichts«, sagte meine Tante. »Ich danke Ihnen vielmals. Lieber Trot, es ist eine leere Drohung! Lassen Sie Mrs. und Mr. Micawber wieder herein. Und niemand darf jetzt zu mir sprechen!« Damit strich sie ihr Kleid glatt und saß in aufrechter Haltung in ihrem Stuhl, die Augen auf die Tür geheftet. »Nun, Mr. und Mrs. Micawber,« sagte meine Tante, als sie eintraten, »wir haben Ihre Auswanderung besprochen und müssen Sie vielmals um Verzeihung bitten, daß wir Sie so lange haben warten lassen; aber jetzt wollen wir Ihnen sagen, welche Anordnungen wir Ihnen vorschlagen.« Sie setzte sie ihnen, zur unbegrenzten Befriedigung der Familie, die vollzählig anwesend war, auseinander, und trug damit so viel zur Erweckung der Pünktlichkeit Mr. Micawbers im Anfangsstadium aller Wechselgeschäfte bei, daß er sich nicht abhalten ließ, sofort in der fröhlichsten Aufregung hinauszustürzen, um für seine Solawechsel Stempel zu kaufen. Aber seine Freude erfuhr eine rasche Niederlage, denn ehe fünf Minuten vergangen waren, kehrte er in Gewahrsam eines Exekutors zurück und benachrichtigte uns mit einer Flut von Tränen, daß alles verloren sei. Da wir auf dieses Ereignis, das wir natürlich Uriah Heep verdankten, vollständig gefaßt waren, so bezahlten wir das Geld, und ehe weitere fünf Minuten abgelaufen, saß Mr. Micawber am Tische und füllte die Stempelbogen mit einem Ausdruck vollendeter Freude aus, die nur diese angenehme Beschäftigung oder das Punschbrauen seinem glänzenden Antlitz in so hohem Grade mitteilen konnte. Es war ein wahrer Genuß, ihn mit dem Entzücken eines Künstlers an den Stempelbogen beschäftigt zu sehen, wie er sie wie Gemälde behandelte, sie von der Seite betrachtete, wichtige Notizen von Daten und Beträgen in sein Notizbuch eintrug und sie nachher in hohem Bewußtsein ihres kostbaren Wertes betrachtete. »Wenn Sie mir erlauben, Ihnen einen Rat zu geben,« sagte meine Tante, nachdem sie ihm stillschweigend zugesehen hatte, »so wäre das beste, was Sie tun können, dieser Beschäftigung für ewig abzuschwören.« »Madame«, entgegnete Mr. Micamber, »ich beabsichtige, ein solches Gelübde auf der noch unentweihten Anfangsseite des Buches meiner Zukunft einzutragen. Mrs. Micamber wird es bescheinigen. Ich gebe mich der Zuversicht hin,« sagte Mr. Micamber feierlich, »mein Sohn Wilkins wird nie vergessen, daß er unendlich viel besser täte, seine Hand ins Feuer zu strecken, als sich mit den Schlangen zu befassen, die das Lebensblut seines unglücklichen Vaters vergiftet haben!« Tief gerührt und in einem Augenblick in ein Bild der Verzweiflung verwandelt, sah Mr. Micamber auf die Schlangen mit einem Blick düstern Abscheus – in dem seine vorherige Bewunderung noch durchblickte – legte sie zusammen und steckte sie in die Tasche. Damit schloß der Abend. Trauer und Anstrengungen hatten uns müde gemacht, und meine Tante und ich wollten am andern Morgen nach London zurückkehren. Wir verabredeten, daß Micambers uns, nachdem sie ihre Sachen verkauft hätten, folgen sollten; daß Mr. Wickfields Geschäft so schnell wie nur möglich unter Traddles' Leitung abgewickelt und daß Agnes bis zum Ausgange der Liquidation mit uns nach London kommen sollte. Wir brachten die Nacht in dem alten Hause zu, das, von der Anwesenheit der Heeps befreit, wie von einer Pest gereinigt erschien, und ich lag in meinem alten Zimmer gleich einem schiffbrüchigen Wanderer, der nach Hause zurückgekehrt ist. Den Tag darauf begaben wir uns nach dem Hause meiner Tante, nicht nach meinem; und als sie und ich vor dem Schlafengehen, wie früher, allein beisammen saßen, sagte sie: »Trot, willst du wirklich wissen, was mir in der letzten Zeit auf der Seele gelegen hat?« »Gewiß, Tante. Wenn es jemals eine Zeit gab, wo ich nicht wollte, daß du einen Kummer oder eine Sorge hattest, die ich nicht teilen konnte, so ist es jetzt der Fall.« »Du hast Kummer genug gehabt,« bemerkte meine Tante liebreich, »und du brauchtest meine kleinen Schmerzen nicht dazu. Keine andern Beweggründe konnte ich haben, Trot, es dir geheim zu halten.« »Das weiß ich wohl«, entgegnete ich. »Aber sage mir es jetzt.« »Willst du morgen früh ein kleines Stück mit mir fahren?« »Natürlich.« »Um neun Uhr«, sagte sie. »Dann sollst du alles erfahren.« – Um neun Uhr stiegen wir in einen kleinen Wagen und fuhren nach London. Wir fuhren lange Zeit durch die Straßen, bis wir eins der größeren Hospitäler erreichten. Vor der Tür stand ein einfacher Leichenwagen. Der Kutscher erkannte meine Tante und setzte sich in Schritt, ihrem Winke aus dem Kutschfenster gehorsam; wir folgten. »Du errätst es jetzt, Trot«, sagte meine Tante. »Er ist tot!« »Starb er in einem Hospital?« »Ja.« Sie saß unbeweglich neben mir. Aber wieder sah ich vereinzelte Tränen von ihren Wangen herabrollen. »Er war schon einmal darin«, sagte meine Tante gleich darauf. »Er kränkelte seit langer Zeit – er war schon seit vielen Jahren gebrochen und hinfällig. Als er erfuhr, daß keine Hoffnung mehr für ihn sei, verlangte er nach mir. Er bereute sein früheres Leben. Er bereute es sehr.« »Du gingst, Tante, ich weiß es.« »Ich ging. Ich war seit der Zeit viel bei ihm.« »Er starb am Abende vor unserer Reise nach Canterbury«, sagte ich. Meine Tante nickte. »Niemand kann ihm jetzt schaden«, sagte sie. »Es war eine leere Drohung.« Wir ließen die Stadt hinter uns und fuhren nach dem Kirchhofe von Hornsey. »Besser hier, als mitten in den Straßen«, sagte meine Tante. »Er ist hier geboren.« Wir stiegen aus und folgten dem einfachen Sarge nach einer Ecke, deren ich mich noch recht gut erinnern kann, wo wir ihn in die Gruft senkten, nachdem ihm der letzte kirchliche Segen erteilt worden war. »Heute vor sechsunddreißig Jahren, lieber Trot,« sagte meine Tante auf dem Rückwege nach dem Wagen, »wurde ich getraut. Gott vergebe uns allen unsere Schuld.« Wir nahmen schweigend unsere Sitze wieder ein; so saßen wir lange Zeit nebeneinander, und sie hielt meine Hand in der ihrigen. Endlich brach sie plötzlich in Tränen aus und sagte: »Er war ein schöner Mann, Trot, als ich ihn heiratete – und nun sah er so entsetzlich verändert aus!« Es dauerte nicht lange. Nach der Erleichterung durch die Tränen wurde sie bald wieder ruhiger und sogar heiter. Ihre Nerven wären ein wenig erschüttert, sagte sie, sonst hatte sie sich nicht so gehen lassen. Gott vergebe uns allen unsere Schuld. So kehrten wir zurück nach meinem Häuschen in Highgate, wo wir folgenden kurzen Brief vorfanden, der mit der Morgenpost von Mr. Micamber eingetroffen war: »Canterbury, Freitag. Meine geehrte Madame und Copperfield! Das schöne Land der Verheißung, das sich noch vor kurzem am Horizonte zeigte, ist wieder in undurchdringliche Nebel eingehüllt und für immer den Augen eines schiffbrüchigen Unglücklichen entzogen, dessen Schicksal besiegelt ist! Ein neuer Haftbefehl ist in Sr. Majestät hohem Gerichtshof, der Kingsbench in Westminster, in einer zweiten Sache Heeps contra Micamber erlassen worden, und der Angeklagte dieser Sache ist die Beute des in diesem Amtsbezirk gesetzlich Gerichtsbarkeit übenden Exekutors. Nun ist der Tag und nun ist die Stunde, Seht die Feinde ziehen herbei, Edwards stolze Streiter drohen, Ketten drohen und Sklaverei! Anheimgefallen dieser Haft und einem raschen Ende – denn Seelenqual ist nur bis zu einem gewissen Grade erträglich, und diesen habe ich erreicht, wie ich fühle – ist meine Uhr abgelaufen. Der Herr segne Sie vielmal! Wenn in spätem Jahren ein Wanderer aus Neugier und nicht ungemischt, wollen wir hoffen, mit Teilnahme das den Schuldnern in dieser Stadt zugewiesene Gefängnis besucht, so kann er, und ich hoffe, er wird seine Augen nachdenkend ruhen lassen auf den mit einem verrosteten Nagel auf der Wand eingeschriebenen bescheidenen Anfangsbuchstaben W. M. P.S. Ich mache den Brief wieder auf, um Ihnen mitzuteilen, daß unser gemeinschaftlicher Freund, Mr. Thomas Traddles – der uns noch nicht verlassen hat und sich dem Aussehen nach außerordentlich wohl befindet – die Schuld mit den Kosten im Namen der edeln Miß Trotwood bezahlt hat und daß ich und meine Familie uns auf dem Gipfel irdischen Glücks befinden.« Fünfundfünfzigstes Kapitel. Sturm. Ich komme jetzt zu einem Ereignis in meinem Leben, das so unauslöschlich, so erschütternd und durch unendlich verschiedene Bande so eng verknüpft mit allem bisher Berichteten ist, daß ich es vom Anfang meiner Erzählung gleich einem großen Turm auf einer Ebene, wie ich weiter vorwärts kam, größer und größer werden und seinen Schatten schon im voraus auf die Ereignisse meiner Kinderzeit werfen sah. Noch nach Jahren habe ich oft davon geträumt. Ich bin aufgefahren, so lebhaft war der Eindruck, als ob seine Wut in meiner ruhigen Stube, in der stillen Nacht zu toben schiene. Ich träume, wenn auch in langem und unbestimmten Zwischenräumen, noch bis auf den heutigen Tag davon. Es besteht für mich eine Gedankenverbindung zwischen diesem Ereignis und einem stürmischen Winde oder der unbedeutendsten Erwähnung einer Meeresküste, so lebhaft, wie nur irgendeine, deren sich mein Geist bewußt ist. So deutlich, wie ich vor mir sehe, was sich ereignete, will ich versuchen, es niederzuschreiben. Ich rufe es mir nicht ins Gedächtnis zurück, sondern ich sehe es geschehen, denn es wiederholt sich vor meinen Augen. Da die Zeit zum Absegeln des Auswandererschiffes sehr nahe war, kam meine gute alte Peggotty – bei unserm ersten Zusammentreffen fast ganz aufgelöst vor Schmerz – meinetwegen nach London. Ich war beständig mit ihr, ihrem Bruder und den Micambers beisammen, die sich sehr zueinander hielten, aber Emilie bekam ich niemals zu Gesicht. Eines Abends, kurz vor der Abreise, war ich allein mit Peggotty und ihrem Bruder. Unser Gespräch wendete sich auf Ham. Sie beschrieb, wie zärtlich er von ihr Abschied genommen und wie ruhig und männlich er alles ertragen und vor allem in der neuesten Zeit, wo er nach ihrer Meinung am härtesten geprüft war. Es war dies ein Gegenstand, von dem die gute Seele nie müde wurde zu erzählen, und unser Genuß, zuzuhören, war nicht weniger groß als der ihrige beim Erzählen. Meine Tante und ich räumten damals die beiden kleinen Häuser in Highgate, denn ich wollte ins Ausland reisen und sie ihr Haus in Dover wieder beziehen. Vorläufig mieteten wir eine Wohnung am Coventgarden. Als ich nach dem Gespräche dieses Abends nach Hause ging und über die Worte nachdachte, die ich mit Ham bei meiner letzten Anwesenheit in Yarmouth gewechselt hatte, wurde ich irre an meinem ursprünglichen Vorsatze, einen Brief für Emilie zurückzulassen, wenn ich auf dem Schiffe Abschied von ihrem Onkel nahm, und entschloß mich, lieber gleich an sie zu schreiben. Vielleicht, dachte ich, wünscht sie nach Empfang meines Briefes ihrem unglücklichen Liebhaber ein Wort des Abschieds durch mich zuzuschicken. Diese Gelegenheit wollte ich ihr lassen. Ich setzte mich daher vor dem Zubettgehen hin und schrieb an sie. Ich sagte ihr, daß ich ihn gesehen und daß er mich beauftragt hatte, ihr das zu sagen, was der Leser bereits kennt. Ich wiederholte es getreulich. Ich brauchte es nicht weiter auszuführen, auch wenn ich das Recht dazu gehabt hätte; die tiefinnigste Treue und Güte dieser Worte konnte weder ich, noch ein anderer Mensch verschönern. Ich legte den Brief auf den Tisch, damit er am nächsten Morgen abgeschickt werde, fügte ein Paar Zeilen an Mr. Peggotty hinzu, ihn ihr zu geben, und ging mit Tagesanbruch zu Bette. Ich war schwächer als ich mir selbst bewußt war, und da ich erst einschlief, als die Sonne schon aufgegangen war, so wachte ich nach unerquicklichem Schlummer erst spät am Vormittag auf. Die schweigende Anwesenheit meiner Tante am Bette weckte mich. Ich fühlte sie im Schlafe. »Lieber Trot,« sagte sie, als ich die Augen aufschlug, »ich konnte es nicht über mich bringen, dich zu stören. Mr. Peggotty ist da, soll er heraufkommen?« Ich sagte ja, und er trat bald darauf ein. »Master Davy,« sagte er, als wir uns die Hände geschüttelt, »ich habe Emilie Ihren Brief gegeben; sie hat das hier geschrieben und mich gebeten, Ihnen zu sagen, Sie sollen es lesen, und wenn nichts Schmerzliches darin steht, so gut sein und es überbringen.« »Haben Sie es gelesen?« fragte ich. Er nickte mit bekümmerter Miene. Ich machte den Brief auf und las folgendes: »Ich habe Deine Botschaft erhalten. Ach, was kann ich schreiben, um Dir für Deine große herrliche Güte gegen mich zu danken! Deine Worte ruhen dicht an meinem Herzen. Ich werde sie behalten bis zu meinem Tode. Es sind scharfe Dornen, aber sie bringen mir auch Seelentrost. Ich habe meine Hände über sie gefaltet und gebetet, ach so heiß! Wenn ich bedenke, was Du bist und was der Onkel ist, so kann ich mir denken, was Gott sein muß, und kann vor ihm weinen. Lebe wohl auf immer. Jetzt, mein geliebter Freund, lebe wohl für immer in dieser Welt. In einer andern Welt, wenn mir vergeben wird, wache ich vielleicht auf als Kind und komme zu Dir. Dank, tausendmal Dank und Segen. Lebe wohl auf ewig!« Diese Worte, halb von Tränen ausgelöscht, enthielt der Brief. – »Kann ich ihr sagen, daß Sie nichts Verletzendes darin finden, und daß Sie so gut sein wollen, die Besorgung zu übernehmen, Master Davy?« fragte Mr. Peggotty, als ich ihn gelesen hatte. »Ganz gewiß,« erwiderte ich, – »aber ich denke eben –« »Was, Master Davy?« »Ich denke eben,« sagte ich, »daß ich mich selbst nach Yarmouth begeben werde. Es ist noch Zeit genug übrig, bis das Schiff absegelt. Ich fahre heute noch hin.« Obgleich er sich eifrig bemühte, mir den neuen Plan aus dem Sinne zu reden, sah ich doch, daß er mir recht gab, und wenn mich noch etwas hätte in meiner Absicht bestärken können, so hätte diese Wahrnehmung genügt. Er ging auf meine Bitte nach dem Postbureau und bestellte für mich den Platz vorn neben dem Schaffner. Abends fuhr ich in der Postkutsche den Weg entlang, den ich unter sovielen Schicksalswechseln schon gereist war. »Kommt Ihnen nicht der Himmel recht sonderbar vor?« fragte ich den Kutscher auf der ersten Station hinter London. »Ich könnte mich nicht entsinnen, einen ähnlichen gesehen zu haben.« »Ich auch nicht«, entgegnete er. »Ich habe ähnliches, glaube ich, noch nie gesehen. Das bedeutet Sturm, Sir. Es wird Unglück auf der See geben, ehe viel Zeit vergeht.« Am Himmel hatte sich ein dunkles Gewoge von fliegenden Wolken zusammengeballt, die an einzelnen Stellen wie Qualm von nassem Holz aussahen, hoch übereinander getürmte Massen bildeten, die höher hinaufzuragen schienen, als Raum unter ihnen war, selbst bis in die tiefsten Senkungen der Erde hinein. Durch diese Wildnis schien der Mond verstört zu irren, als hätte er im Aufruhr der Elemente den Weg verloren und suche ihn von Angst getrieben. Es hatte den ganzen Tag über heftig gewindet, aber jetzt erhob sich der Wind noch stärker und mit merkwürdig heulendem Ton. Eine Stunde später nahm er noch an Stärke zu; der Himmel wurde immer bedeckter und der Wind zum Sturm. Aber je weiter die Nacht vorrückte, und die Wolken allmählich ganz dick den ganzen schwarzen Himmel verhüllten, da wurde der Sturm immer heftiger. Er nahm immer noch zu, bis sich unsere Pferde kaum gegen ihn behaupten konnten. Viele Male während des dunkelsten Teils der Nacht – es war gegen Ende September, und die Nächte nicht mehr kurz – machten die Vorderpferde kehrt oder standen plötzlich still, und wir waren oft ernsthaft besorgt, der Wagen würde umgeblasen werden. Der Sturm peitschte häufig eiskalte Regengüsse vor sich her, die uns so schneidend trafen wie ein Regen von Stahl. Zuzeiten, wenn irgend ein Schutz von Bäumen oder einer unter Wind gelegenen Mauer zu erreichen war, mußten wir, halb gezwungen, anhalten, weil es einfach unmöglich war, den Kampf fortzusetzen. Als der Tag anbrach, nahm der Sturm immer noch zu. Ich war in Yarmouth gewesen, als die Schiffer sagten, es blase »aus allen Backen«, aber ich hatte nie etwas ähnliches erlebt. Wie wir dem Meere näher kamen, von dem aus dieser gewaltige Sturm gerade auf die Küste wehte, wurde seine Gewalt immer schrecklicher, Wir kamen nach Ipswich – sehr spät, denn wir mußten uns jeden Zollbreit Weges erkämpfen, – nachdem wir etwa 2\½ Meilen von London entfernt waren, und fanden einen Haufen Menschen auf dem Marktplatz, die in der Nacht aufgestanden waren, weil sie sich vor einstürzenden Schornsteinen fürchteten. Einige von ihnen sammelten sich auf dem Hofe des Wirtshauses, während wir die Pferde wechselten, und erzählten uns, daß große Stücke Blei von dem hohen Kirchturm abgerissen und in eine Nebenstraße geschleudert worden wären, die sie nun ganz versperrten. Andere wußten von Landleuten zu erzählen, die aus benachbarten Dörfern hereingekommen waren und große Bäume entwurzelt liegen und ganze Heuschober über Wege und Felder verstreut gesehen hatten. Und noch immer ließ der Sturm nicht nach, sondern blies noch heftiger. Lange bevor wir das Meer erblickten, schmeckten wir seinen Schaum auf unsern Lippen, und er besprenkelte uns mit einem gesalzenen Regen. Das Wasser war viele Meilen weit auf den Ebenen Yarmouths ausgetreten, und jeder Teich und jede Pfütze wogte gegen die Ufer und trieb uns die kleinen brandenden Wellen entgegen. Als wir das Meer zu Gesicht bekamen, erschienen uns die Wellen am Horizonte, von dem wir zuweilen über den wogenden Abgrund einen flüchtigen Blick erhaschen konnten, wie eine jenseitige Küste mit Türmen und Gebäuden. Als wir endlich in die Stadt einfuhren, traten die Leute an ihre Türen, und standen schief mit wehendem Haar da und wunderten sich, daß die Post in einer solchen Unwetternacht gekommen sei. Ich stieg in dem alten Gasthaus ab und wollte nach dem Meer eilen; nur wankend gelangte ich durch die mit Sand und Seegewächsen und fliegenden Flocken von Meeresschaum bestreute Straße, immer in Besorgnis vor niederstürzenden Ziegeln und Schieferplatten, und war genötigt, mich bei besonders stürmischen Ecken an Leuten, die ich zufällig traf, festzuhalten. Wie ich mich dem Strande näherte, sah ich, daß nicht nur die Schiffer, sondern die Hälfte der Bewohner der Stadt hinter Gebäuden lauerten, manche trotz der zunehmenden Wut des Sturmes, um sich das Meer anzusehen, und bemerkte, wie sie, in dem Bemühen im Zickzack zurückzugelangen, direkt aus ihrem Wege geblasen wurden. Unter diesen Gruppen fand ich jammernde Frauen, deren Männer in Herings- und Austerbooten auf dem Meere waren, und die nur zu leicht untergegangen sein konnten, ehe sie einen sichern Port gefunden hatten. Ergraute alte Schiffer standen unter ihnen und schüttelten den Kopf, wie sie von dem Wasser nach den Wolken blickten, und sprachen leise miteinander; aufgeregte und besorgte Schiffseigner, Kinder, die zusammenkrochen und angstvoll erwartend in ältere Gesichter blickten, selbst handfeste Seeleute waren unruhig und voller Sorge und legten aus ihren Verstecken hervor ihre Fernrohre an, als ob sie einen Feind beobachteten. Das furchtbare Meer selbst betäubte und verwirrte mich, als ich Zeit fand, es zu betrachten bei dem Tosen des alles Sehen verwehrenden Sturmes, der umherfliegenden Steine und Sandmassen und des entsetzlichen Gebrülls. Als die hohen Wassermauern herangerollt kamen und, nachdem sie den Höhepunkt erreicht hatten, brandend zerschellten, sahen sie aus, als ob die geringste von ihnen die Stadt verschlingen würde. Wenn eine zurückweichende Welle mit heiserm Gebrüll abzog, schien sie tiefe Gruben am Strande auszuhöhlen, als ob sie die Absicht hätte, die Erde zu unterwühlen. Wenn schaumgekrönte Wellen herandonnerten und, ehe sie das Land erreichten, zerschellten, schien noch jeder Bruchteil dieses vorherigen Ganzen im Besitz der vollen Gewalt seiner Wut zu sein und heranzueilen, um sich zur Bildung eines neuen Ungetüms zusammenzuballen. Wogende Berge wandelten sich in Täler, wogende Täler, zwischen denen hindurch manchmal ein einsamer Sturmvogel schwebte, erhoben sich zu Hügeln; ungeheure Wassermassen zerschellten und erschütterten die Küste mit mächtigem Dröhnen; Wellen von jeder Gestalt rollten ungestüm heran, um, kaum gebildet, Form und Art zu wechseln und andre zu verdrängen; das scheinbare Ufer am Horizont mit seinen Türmen und Gebäuden stieg und fiel, die Wolken jagten schwer und schnell vorüber, und mir war, als sähe ich die ganze Natur sich aufbäumen und aus den Fugen bersten. Da ich Ham nicht unter den Leuten fand, die dieser denkwürdige Sturm – denn er lebt noch immer in der Erinnerung der Leute, als der stärkste bekannte an diesem Teile der Küste – versammelt hatte, ging ich nach seinem Hause. Es war verschlossen, und da niemand auf mein Klopfen antwortete, ging ich durch Seitenstraßen nach der Werft, wo er arbeitete. Ich erfuhr dort, daß er nach Lowestoft gegangen war, um dort eine plötzlich notwendig gewordene Arbeit zu verrichten, aber daß er morgen beizeiten wieder da sein würde. Ich verfügte mich wieder in das Gasthaus, und als ich mich gewaschen und angezogen und zu schlafen versucht hatte, aber vergebens, war es fünf Uhr nachmittags. Ich hatte noch nicht fünf Minuten im Kaffeezimmer am Kamin gesessen, als der Kellner hereintrat und mir, während er zur Entschuldigung das Feuer schürte, erzählte, zwei Kohlenschiffe wären mit der ganzen Mannschaft in geringer Entfernung untergegangen, und einige andere Schiffe wären schon auf der Reede und bemühten sich vergebens, vom Lande abzuhalten. »Gott gnade ihnen und allen armen Seeleuten,« sagte er, »wenn wir noch eine zweite Nacht erleben, wie die letzte.« Ich fühlte mich sehr vereinsamt und war wegen Hams Abwesenheit von einer größeren Sorge gequält, als die Verhältnisse eigentlich rechtfertigten. Die letzten Ereignisse hatten mich ernstlich angegriffen, ohne daß ich es merkte, und der lange Kampf mit dem heftigen Sturm hatte mich verwirrt. Meine Gedanken und Erinnerungen gerieten so in Verwirrung, daß ich die richtige Schätzung für Zeit und Raum verlor und mich nicht gewundert haben würde, wenn ich in die Stadt gegangen wäre und jemand begegnet hätte, der, wie ich wußte, in London sein müsse. Es war in dieser Hinsicht eine merkwürdige Zerstreutheit über meinen Geist gekommen. Trotzdem war er nicht untätig und beschäftigte sich mit den Erinnerungen, die dieser Ort natürlicherweise in mir erregte, ja sie waren ganz besonders deutlich und scharf. In diesem Gemütszustande verknüpften sich die schlimmen Nachrichten von den Schiffen ganz unwillkürlich zugleich mit meinen Besorgnissen um Ham. Ich überredete mich, daß ich befürchte, er werde zu Wasser von Lowestoft zurückkehren und dabei ertrinken. So lebhaft war der Eindruck dieser Einbildung in mir, daß ich beschloß, noch vor dem Essen nach der Werft zu gehen, und den Schiffsbauer zu fragen, ob er seine Rückkehr zu Wasser für wahrscheinlich halte? Wenn er mir den mindesten Grund dafür gab, wollte ich nach Lowestoft gehen, und ihn mit mir zurückbringen. Ich bestellte hastig das Essen und ging wieder nach der Werft. Es war nicht zu früh, denn der Schiffsbauer, eine Laterne in der Hand, schloß eben die Tür zu. Er lachte fast, als ich ihm die Frage vorlegte, und meinte, das hätten wir nicht zu fürchten; kein Mann bei Sinnen werde bei solchem Sturm in See gehen, am wenigsten aber Peggotty, der zum Seemann geboren war. Die Richtigkeit dieser Bemerkungen, die ich schon vorher so vollkommen gefühlt, einsehend, schämte ich mich ordentlich, zu tun, was ich nicht lassen konnte, und ging nach dem Gasthause zurück. Wenn ein solcher Sturm noch stärker werden konnte, so wurde er jetzt stärker. Das Heulen und Brausen, das Rasseln der Türen und Fenster, das Poltern in den Schornsteinen, ja das scheinbare Schwanken des ganzen Hauses, das mich beherbergte, und der unerhörte Aufruhr des Meeres, waren noch schrecklicher als am Morgen. Außerdem herrschte noch große Dunkelheit ringsum, und das gab dem Sturme noch neue wirkliche und eingebildete Schrecken. Ich konnte nicht essen, konnte nicht stillsitzen, konnte mich nicht dauernd mit etwas beschäftigen. In meinem Innern entsprach etwas, wenn auch schwach, dem Sturme draußen, wühlte die Tiefen meiner Erinnerung auf und verursachte einen Aufruhr in ihnen. Aber in der wilden Jagd meiner Gedanken, die wild mit dem donnernden Meer durcheinander wogten – standen der Sturm und meine Sorge in bezug auf Ham immer im Vordergrund, Ich ließ das Essen fast unberührt wieder fortnehmen, und versuchte mich mit ein paar Gläsern Wein zu stärken. Vergebens. Ich verfiel vor dem Feuer in einen Halbschlummer, wobei ich weder das Bewußtsein des Aufruhrs draußen, noch des Ortes, an dem ich mich befand, verlor. Beide wurden von einem neuen und unbeschreibbaren Schrecken überschattet, und als ich aufwachte, – oder vielmehr, als ich den Starrkrampf abschüttelte, der mich auf meinem Stuhle festhielt, da zitterte mein ganzer Körper vor gegenstandsloser und unverständlicher Furcht. Ich ging auf und ab, versuchte eine alte Zeitung zu lesen, lauschte dem schrecklichen Toben draußen, besah mir Gesichter, Landschaften und Gestalten im Feuer. Endlich quälte mich das regelmäßige Ticken der von nichts zu störenden Uhr an der Wand dermaßen, daß ich beschloß, zu Bett zu gehen. Es hatte etwas Tröstliches in einer solchen Nacht, zu hören, daß einige Dienstboten des Hauses zusammen bis zum Morgen aufbleiben wollten. Ich legte mich außerordentlich ermüdet und schläfrig zu Bett, aber sowie ich mich niedergelegt hatte, verschwanden alle solche Empfindungen wie durch Zauber, und ich war vollkommen munter und jeder Sinn in mir geschärft. Stundenlang lag ich im Bette und hörte dem Tosen des Sturmes und des Meeres zu. Jetzt bildete ich mir ein, ich hörte draußen auf dem Meere Jammergeschrei, dann wieder, ich vernähme deutlich das Donnern von Signalschüssen, und dann wieder das Zusammenstürzen von Häusern in der Stadt. Ich stand mehrmals auf und sah hinaus, aber ich gewahrte nichts, als in den Fensterscheiben das Spiegelbild des matten Lichtes, das ich brennen gelassen, und meines eigenen erschrockenen Gesichts, das mich aus der schwarzen Leere heraus ansah. Endlich wuchs meine Unruhe dermaßen, daß ich mich hastig in die Kleider warf und hinunterging. In der großen Küche, wo ich oben an der gebräunten Decke Speckseiten und Zwiebelreihen von den Balken herabhängen sah, hatten sich die Wachgebliebenen um einen Tisch gedrängt, den man absichtlich in die Nähe der Tür gerückt hatte. Ein hübsches Mädchen, das sich mit der Schürze die Ohren zugestopft, und die Augen auf die Tür geheftet hatte, schrie laut auf, als ich eintrat, weil es mich für einen Geist hielt, aber die andern hatten mehr Geistesgegenwart, und waren froh, daß ihre Gesellschaft Zuwachs erhielt. Einer fragte mich in bezug auf das Gespräch, das sie eben gehabt hatten, ob ich glaube, daß die Seelen der Matrosen der untergegangenen Kohlenschiffe im Sturm umgingen. Ich blieb wohl zwei Stunden da. Einmal machte ich die Hoftür auf, und sah in die leere Straße hinaus. Sand, Seegras und Schaumflocken flogen vorbei, und ich mußte Beistand herbeirufen, ehe ich das Tor vor dem Winde schließen konnte. Ein finsteres Düster herrschte in meinem einsamen Zimmer, als ich endlich dorthin zurückkehrte, aber ich war jetzt wirklich müde, und fiel, wie ich wieder im Bett war – von einem Turm herab und in einen Abgrund hinunter – in den tiefsten Schlaf. Ich habe immer den Eindruck, daß es eine lange Zeit in meinen Träumen stürmte, obgleich ich im Traume anderswo und in den verschiedensten Verhältnissen war. Endlich verlor sich dieser schwache Halt an der Wirklichkeit, und mir träumte, ich sei in Gemeinschaft mit zwei lieben Freunden, ich wußte aber nicht, wer sie waren, beschäftigt, irgend eine Stadt zu belagern und mitten im Gebrüll einer Kanonade. Der Donner der Kanonen war so laut und unablässig, daß ich etwas, was ich sehnlichst zu hören wünschte, nicht hören konnte, bis ich eine große Anstrengung machte und aufwachte. Es war heller, lichter Tag, als ich aufwachte – acht oder neun Uhr; der Sturm brüllte statt der Batterien, und es klopfte jemand und rief an meiner Tür. »Was gibt es?« rief ich. »Ein Schiff scheitert! ganz in der Nähe!« Ich sprang aus dem Bett und fragte: »Was für ein Schiff?« »Ein Schoner mit Früchten und Wein aus Spanien und Portugal. Schnell, Sir, wenn Sie es noch sehen wollen! Unten am Strande glauben sie, es werde jeden Augenblick in Stücke gehen.« Die aufgeregte Stimme eilte rufend die Treppe entlang; ich warf mich so rasch wie möglich in die Kleider und lief auf die Straße. Eine Unzahl von Leuten war schon vor mir da; sie rannten alle in einer Richtung nach dem Strande. Ich folgte ihnen, überholte viele und stand bald am tobenden Meer. Der Wind hatte sich jetzt vielleicht etwas gelegt, doch kaum merklicher, als wenn in der Kanonade, von der ich geträumt hatte, ein halb Dutzend von hundert Geschützen zum Schweigen gebracht worden wären, aber das Meer, das von dem Sturm der ganzen vorigen Nacht noch aufgeregt war, war viel schrecklicher, als ich es zuletzt gesehen hatte. Es war, als ob es angeschwollen wäre, und die Turmhöhe der Wellen der Brandung, wie sie in endlosen Scharen einander jagten, sich überstürzten und auf den Strand losstürmten, war grauenerregend. Die Schwierigkeit, etwas andres als das Tosen des Sturmes und der Wellen zu vernehmen, das Menschengewühl und die unsägliche Verwirrung, und mein erster atemloser Versuch, meinen Stand gegen den Sturm zu behaupten, machten mich so verwirrt, daß ich mich zwar nach dem gescheiterten Schiffe auf dem Meere umsah, aber nichts erblickte als die schaumgekrönten Gipfel der großen Wogen. Ein nur halb angekleideter Schiffer neben mir wies mit seinem nackten Arm – es war ein Pfeil darauf tätowiert, der in derselben Richtung wies, – links. Da sah ich es – Gütiger Himmel! – dicht neben uns. Ein Mast war sechs oder acht Fuß über dem Deck glatt abgebrochen, und hing über die Seite, umstrickt von einem Labyrinth von Segeln und Tauwerk, und diese ganze Trümmermasse schlug, wie sich das Schiff in den Wogen wälzte – was es ohne die geringste Unterbrechung, und mit einer unbegreiflichen Heftigkeit tat – gegen die Seite, als ob sie es zerschmettern wollte. Man war an Bord noch bemüht, diesen Teil des Wracks von dem Schiff zu trennen, denn als sich das Schiff, das mit der breiten Seite nach dem Lande lag, nach uns zuwälzte, erkannte ich deutlich, wie die Mannschaft mit Äxten arbeitete, vor allen aber erkannte ich eine tätige Gestalt mit langen Lockenhaaren, die sich vor den andern auszeichnete. In diesem Augenblicke ertönte ein lauter Schrei, der sich durch Sturm und Wellen hörbar machte, von dem Strande; eine gewaltige Sturzsee schoß über das Schiff weg und riß Matrosen, Spieren, Fässer, Planken, wie Spreu in die schäumenden Wogen. Der zweite Mast stand noch mit den Fetzen eines zerrissenen Segels und einem vom Sturm hin und her geworfenen Gewirr von zerrissenem Tauwerk. Das Schiff war einmal auf den Grund gestoßen, wie mir der vorhin erwähnte Schiffer heiser ins Ohr rief, dann hatten es die Wellen wieder gehoben, und es war noch einmal aufgestoßen. Soviel ich ihn verstand, sagte er noch, es gehe in der Mitte entzwei, und ich konnte mir das leicht denken, denn es stampfte und schlug so fürchterlich, daß kein Menschenwerk es lange aushalten konnte. Wie er sprach, ertönte wieder ein lauter Jammerschrei vom Strande, vier Männer tauchten mit der Wrackpartie aus der Tiefe herauf. Sie hatten sich ans Tauwerk des noch übrigen Mastes geklammert, und zu oberst erblickten wir die kraftvoll arbeitende Gestalt mit dem Lockenhaar. Es war eine Glocke an Bord, und wie das Schiff sich auf den Wogen wälzte, wie ein von der Verzweiflung des Wahnsinns getriebenes Geschöpf, jetzt uns das Deck in seiner ganzen Länge zeigte, wie es sich nach der Küste zu, ganz auf die Seite legte, jetzt nur seinen Kiel erblicken ließ, wie es sich bald überstürzte und nach dem Meere zu wendete, da läutete die Glocke, und ihren Schall, das Totengeläute dieser Unglücklichen, trug der Wind zu uns herüber. Wieder verloren wir das Schiff aus dem Gesicht, und wieder hob es sich aus den Wellen. Zwei Leute waren verschwunden. Die Aufregung am Strande nahm zu. Männer stöhnten laut und rangen die Hände; Frauen schrien vor Jammer und wendeten ihr Gesicht ab. Einige rannten verzweifelnd am Strande auf und ab und riefen um Hilfe, wo keine Hilfe sein konnte. Ich war unter diesen Leuten und flehte halb wahnsinnig eine Gruppe mir bekannter Matrosen an, diese zwei Unglücklichen nicht vor unsern Augen untergehen zu lassen. Sie gaben mir in einer aufgeregten Weise zu verstehen – ich weiß nicht wie, denn ich war kaum ruhig genug, das wenige, was ich hören konnte, zu verstehen – daß das Rettungsboot schon vor einer Stunde mit seiner Bemannung ausgesetzt worden sei, aber nichts hätte tun können, und da kein Mensch wahnsinnig genug sein könne, um den Versuch zu machen, mit einem Tau auf das Schiff zu gelangen, und damit eine Verbindung mit der Küste zu bewerkstelligen, so blieb nichts mehr zu tun übrig. Da bemerkte ich, daß ein neuer Eindruck die Leute am Strande in Bewegung setzte, sah sie auseinandertreten, und Ham hervorstürzen. Ich eilte auf ihn zu – soviel ich weiß, um meine Bitte um Hilfe zu wiederholen. Aber trotz meiner Verstörtheit über den mir so neuen und schrecklichen Anblick, erweckte mich die finstere Entschlossenheit seines Gesichts, und sein Blick nach dem Meere hinaus – genau derselbe wie damals am Morgen nach Emilies Entführung – zur Erkenntnis seiner Gefahr. Ich hielt ihn mit beiden Armen zurück, und bat die Leute, mit denen ich vorhin gesprochen, flehentlich, nicht auf ihn zu hören, keinen Mord zu begehen, ihn nicht vom Strande fortzulassen! Wieder erscholl ein Jammerschrei am Ufer, und als wir nach dem Wrack blickten, sahen wir, wie das Segel, Schlag auf Schlag, den Tieferstehenden der beiden noch übrigen hinabstürzte, und dann frohlockend die Gestalt umflog, die noch allein am Maste festhielt. Gegen einen solchen Anblick und gegen eine Entschlossenheit, wie die des ruhigen verzweifelten Mannes, der schon gewohnt war, die Hälfte der Anwesenden anzuführen, hätte ich mit ebensoviel Hoffnung kämpfen können wie gegen den Sturm. »Master Davy,« sagte er und ergriff lebhaft meine beiden Hände, »wenn meine Zeit gekommen ist, so ist sie gekommen! Wenn sie nicht gekommen ist, so habe ich nichts dawider. Der Herr droben segne Sie und segne Euch alle! Kameraden, macht mich fertig! Ich schwimme hinaus!« Ich wurde, aber nicht unfreundlich, fortgedrängt; die Leute hielten mich dort fest und stellten mir vor, soweit ich in meiner Verwirrung bemerken konnte, daß er entschlossen sei, mit oder ohne Unterstützung das Schiff zu erreichen, und daß ich die zu seiner Sicherheit notwendigen Vorsichtsmaßregeln gefährden könnte, wenn ich die um ihn Stehenden störte. Ich weiß nicht, was ich antwortete, und was sie wieder darauf sagten; aber ich sah, wie sich die Leute am Strande eilig bewegten, und wie Leute mit starken Tauen, von einer dort befindlichen Ankerwinde, herbeieilten, und in einen Kreis von Gestalten eintraten, der ihn vor mir verbarg. Dann sah ich ihn allein stehen, in Matrosenjacke und Hosen, ein Tau in der Hand, oder um den Arm geschlungen, ein zweites um den Leib befestigt, und verschiedene der besten Leute in geringer Entfernung das letztere festhaltend, das er selbst auf dem Strande schlaff zu seinen Füßen hinlegte. Selbst mein unerfahrenes Auge erkannte, daß das Wrack in Trümmer barst. Ich sah, daß es in der Mitte auseinander ging, und daß das Leben des einsamen Mannes am Maste an einem Faden hing. Immer noch hielt er sich fest. Er hatte eine merkwürdige rote Mütze auf dem Kopf – nicht wie eine Matrosenmütze, sondern von schönerer Farbe, und wie die wenigen Planken, die noch zwischen ihm und dem Tode aushielten, vor der Gewalt der Wogen zitterten und sein Totengeläute im voraus erscholl, da sahen wir alle, wie er uns mit der Mütze zuwinkte. Ich sah es, wie er es jetzt tat, und glaubte, ich sollte wahnsinnig werden, als mir diese Bewegung die Erinnerung an einen einst geliebten Freund in die Seele zurückrief. Ham stand allein vorn am Strand, hinter ihm das Schweigen der Menge, die den Atem an sich hielt, und vor sich den Sturm, und beobachtete das Meer, bis sich eine große Woge vom Strande zurückwälzte. Da warf er einen Blick zurück auf die, die das um seinen Leib befestigte Tau festhielten, und stürzte der Welle nach, und einen Augenblick darauf sah man ihn mit den empörten Wogen kämpfen; er stieg mit den Hügeln empor, und sank mit den Tälern hinab; dann war er im Schaum verloren und dann wurde er wieder ans Land getrieben. Sie zogen das Tau hastig an und ihn selbst auf den Strand. Er hatte sich verletzt. Ich sah von da aus, wo ich stand, Blut auf seinem Gesicht, aber er beachtete es nicht. Es schien, als ob er ihnen hastig sagte, wie sie ihm mehr Spielraum lassen müßten – wenigstens vermutete ich es, nach der Bewegung seines Armes – und er stürzte sich wieder ins Meer. Und jetzt schwamm er nach dem Wrack, hob sich mit den Hügeln, sank hinunter mit den Tälern, verlor sich im kräuselnden Schaum, wurde jetzt nach dem Strande zurückgeworfen, und jetzt nach dem Schiffe vorwärts und kämpfte angestrengt und tapfer. Die Entfernung war unbedeutend, aber die Gewalt der Wogen und des Sturmes machten es zu einem Todeskampfe. Endlich war er dem Wrack ganz nahe gekommen, so nahe, daß er es mit einem kräftigen Ausstreichen seiner Arme erreichen konnte – da wälzte sich eine hohe, grüne, bergartige Mauer von Wasser über das Schiff weg, nach der Küste zu, er schien hineinzuspringen mit einer gewaltigen Anstrengung, und das Schiff war verschwunden! Ein paar einzelne Trümmer sah ich im Meere wirbeln, als ob nur ein Faß zerschellt wäre, wie ich nach der Stelle eilte, wo sie das Tau einholten. Bestürzung lag auf jeglichem Gesicht. Sie zogen ihn vor meinen Füßen aus dem Meer – bewußtlos – tot. Sie trugen ihn nach dem nächsten Hause, und da mich jetzt niemand mehr fern von ihm hielt, blieb ich bei ihm, bis jedes Mittel, ihn wieder ins Leben zu rufen, versucht war, aber die große Welle hatte ihn erschlagen, und sein edles Herz stand für immer still. Als ich, nachdem alle Hoffnung verschwunden und alles versucht worden war, noch neben seinem Bett saß, da rief ein Fischer, der mich schon gekannt hatte, als Emilie und ich noch Kinder waren, an der Tür flüsternd meinen Namen. »Sir,« sagte er, während Tränen über sein wettergebräuntes Gesicht liefen, das wie seine zitternden Lippen totenbleich war, »wollen Sie einmal herauskommen?« Die alte Erinnerung, die mir vorhin eingefallen war, lag in seinem Blick. Entsetzt fragte ich ihn, wie ich mich auf den Arm, den er mir hinhielt, stützte: »Ist eine Leiche ans Ufer gekommen?« Er sagte ja. »Kenne ich ihn?« fragte ich dann. Er gab keine Antwort. Aber er führte mich nach dem Strande. Und auf der Stelle, wo sie und ich als Kinder Muscheln gesucht hatten – auf der Stelle, wo ein paar kleinere Trümmer des in voriger Nacht vom Sturm umgestürzten alten Boots vom Winde verstreut lagen – unter den Trümmern des Herdes, den er geschändet – sah ich ihn mit dem Kopf auf dem Arm ruhend liegen, wie ich ihn oft hatte in unserer Schulzeit schlummern sehen. Sechsundfünfzigstes Kapitel. Neue und alte Wunden. O Steerforth, du hättest nicht bei unserem letzten Zusammensein, von dem ich so wenig ahnte, daß es unser letztes sein würde, zu sagen brauchen: »Denke an mich in meinen besten Augenblicken!« Ich hatte das immer getan, und konnte es jetzt mit diesem Anblick vor mir anders werden? Sie brachten eine Bahre herbei, legten die Leiche darauf, deckten ihn mit einer Flagge zu, und trugen ihn nach den Häusern. Sie hatten ihn alle gekannt, waren mit ihm auf dem Meere gefahren, und hatten ihn in heitrer, kühner Lebenskraft gesehen. Sie trugen ihn durch das wilde Getöse, ein totenstiller Fleck inmitten des Tumultes, und brachten ihn nach der Hütte, wo der Tod schon weilte. Aber als sie die Bahre auf der Schwelle absetzten, sahen sie erst einander und dann mich an, und flüsterten unter sich. Ich wußte warum. Es war ihnen, als wäre es nicht recht, ihn in demselben stillen Zimmerchen ruhen zu lassen. Wir gingen in die Stadt und trugen die Leiche nach dem Gasthaus. Sobald ich nur meine Gedanken einigermaßen sammeln konnte, schickte ich nach Joram und bat ihn, einen Wagen zu bestellen, in dem ich die Leiche noch in der Nacht nach London schaffen lassen konnte. Ich wußte, daß die Sorge dafür und die schwere Pflicht, seine Mutter auf ihren Empfang vorzubereiten, nur mir bleiben konnte, und es lag mir viel daran, diese Pflicht so getreulich wie möglich zu erfüllen. Ich wählte zu meiner Reise die Nacht, damit ich weniger Aufsehen in der Stadt erregte. Aber obgleich es fast mitten in der Nacht war, als ich in einem leichten Wagen, den Leichenwagen hinter mir, den Hof des Gasthauses verließ, warteten doch viele Leute. An einzelnen Stellen der Stadt, und selbst eine kleine Strecke noch auf der Landstraße hinaus, warteten noch mehr; aber zuletzt waren um mich nur die öde Nacht und das Blachfeld und das, was von meiner Jugendfreundschaft übrig war. – – An einem milden Herbsttage gegen Mittag kam ich in Highgate an, als die Erde von gefallenen Blättern duftete, und viele andre noch in schönen gelben, roten und braunen Farben auf den Bäumen prangten, von einer blassen Sonne durchleuchtet. Ich ging die letzte Viertelstunde zu Fuß, mit dem beschäftigt, was ich vor hatte, und ließ den Wagen mit der Leiche Halt machen, bis auf weitere Befehle. Als ich das Haus erreichte, sah es aus wie immer. Kein Vorhang war ungeschlossen, kein Lebenszeichen war auf dem stillen gepflasterten Hof bemerkbar. Der Wind hatte sich ganz gelegt und nichts regte sich. Ich hatte anfangs nicht den Mut, am Haustor zu läuten; als ich es endlich wagte, war es mir, als ob schon der Ton der Glocke meine Botschaft verriet. Das kleine Dienstmädchen kam mit dem Schlüssel in der Hand heraus, sah mich aufmerksam an, wie sie die Tür aufschloß, und sagte: »Ich bitte um Verzeihung, Sir. Sind Sie unwohl?« »Ich bin in großer Aufregung gewesen, und sehr müde!« »Ist etwas vorgefallen, Sir? Mr. James –« »Still!« sagte ich. »Ja, es ist etwas vorgefallen, das ich Mrs. Steerforth behutsam mitzuteilen habe. Ist sie zu Hause?« Das Mädchen gab erschrocken zur Antwort, daß ihre Herrin jetzt sehr selten das Haus verlasse, selbst nicht im Wagen, daß sie in ihrem Zimmer bleibe, daß sie keine Gesellschaft empfange, aber meinen Besuch annehmen werde. Ihre Herrin sei aufgestanden und Miß Dartle bei ihr. Was sie oben ausrichten solle? Nachdem ich ihr aufs strengste eingeschärft hatte, vorsichtig in ihrem Benehmen zu sein, und nur meine Karte abzugeben und zu sagen, ich wartete unten, setzte ich mich im Empfangszimmer – in das wir jetzt getreten waren – auf einen Stuhl, bis sie zurückgekommen war. Der frühere angenehme Anstrich des Bewohntseins war aus dem Zimmer geschwunden, und die Läden waren zugemacht. Die Harfe war seit vielen, vielen Tagen nicht berührt worden. Sein Bild als Knabe hing noch da. Der Schrank, in dem seine Mutter seine Briefe aufbewahrte, stand noch da. Ich fragte mich, ob sie sie jetzt wohl lese, ob sie sie jemals wieder lesen würde. So still war es im Haus, daß ich des Mädchens leichten Tritt auf der Treppe hörte. Sie kehrte zurück mit einer Botschaft des Inhalts, daß Mrs. Steerforth unwohl sei und nicht herabkommen könne; wenn ich mich jedoch in ihr Zimmer bemühen wolle, so würde sie sich freuen, mich zu sehen. In wenig Augenblicken stand ich vor ihr. Sie war in seinem Zimmer, nicht in ihrem. Ich ahnte, daß sie es als Erinnerung an ihn jetzt bewohnte, und daß die vielen Zeichen seiner früheren Beschäftigungen und Geschicklichkeiten, die sie umgaben, hier unverändert gelassen worden waren, ganz aus demselben Grunde. Noch, als sie mich begrüßte, sagte sie etwas, daß sie ihr eignes Zimmer nicht bewohne, weil seine Lage für ihr Leiden nicht zuträglich sei, und ihre strenge Miene sollte jedem Erraten des wahren Grundes vorbeugen. Neben ihrem Stuhle stand wie gewöhnlich Rosa Dartle. Von der ersten Sekunde, wo ihre dunkeln Augen auf mir ruhten, erkannte ich, daß sie erriet, ich sei der Überbringer schlimmer Nachrichten. Die Narbe wurde sogleich sichtbar. Sie trat einen Schritt hinter den Stuhl zurück, um Mrs. Steerforth ihr Gesicht nicht sehen zu lassen und musterte mich mit einem durchbohrenden Blick. »Ich bedauere sehr, Sie in Trauer zu sehen«, sagte Mrs. Steerforth. »Ich bin leider Witwer!« erwiderte ich. »Sie sind sehr jung für einen so großen Verlust«, gab sie zurück. »Es tut mir herzlich leid, es zu hören, herzlich leid. Ich hoffe, die Zeit wird ihre Wunden heilen.« »Ich hoffe, die Zeit«, sagte ich und sah sie an, »wird unser aller Wunden heilen! Liebe Mrs. Steerforth, wir müssen bei unsern schwersten Mißgeschicken alle darauf vertrauen.« Der Ernst meines Wesens und die Tränen in meinen Augen versetzten sie offenbar in Unruhe. Der Lauf ihrer Gedanken schien innezuhalten und eine andere Richtung zu nehmen. Ich versuchte meine Stimme zu beherrschen, indem ich leise seinen Namen aussprach, aber sie zitterte. Sie wiederholte ihn zwei- oder dreimal ganz leise. Dann wendete sie sich mit gezwungener Ruhe an mich und sprach: »Mein Sohn ist krank?« »Sehr krank.« »Sie haben ihn gesehen?« »Haben Sie sich mit ihm ausgesöhnt?« Ich konnte nicht ja sagen, und auch nicht nein. Sie wendete den Kopf ein wenig nach der Stelle, wo Rosa Dartle noch eben gestanden, und in diesem Augenblick sagte ich durch die Bewegung meiner Lippen zu Rosa: »Tot!« Damit Mrs. Steerforth sich nicht umsehe, und deutlich geschrieben das lese, was zu wissen sie noch nicht vorbereitet war, begegnete ich rasch ihren Augen. Aber ich hatte gesehen, wie Rosa Dartle die Hand in der Leidenschaft der Verzweiflung und des Entsetzens empor gen Himmel streckte, und dann das Gesicht damit verhüllte. Die schöne Dame – ach, ihm so ähnlich! – sah mich mit starrem Blick an und legte die Hand an die Stirn. Ich bat sie, sich zu fassen und Kraft zu sammeln, um das, was ich ihr zu sagen hätte, hören zu können; aber ich hätte sie lieber bitten sollen, zu weinen, denn sie saß da, wie ein Bild von Stein. »Als ich zuletzt hier war,« sagte ich mit bebender Stimme, »sagte mir Miß Dartle, er segle auf dem Meere herum. Vorgestern Nacht war ein schreckliches Unwetter. Wenn er in dieser Nacht auf dem Meere war, und in der Nähe einer gefährlichen Küste, wie es der Fall gewesen sein soll, und wenn das Schiff, das man gesehen hat, wirklich das Schiff sein sollte, das – »Rosa!« sagte Mrs. Steerforth, »komm zu mir!« Sie kam, aber ohne Teilnahme und Zärtlichkeit. Ihre Augen glühten wie Feuer, als sie vor die Mutter trat, und in ein gräßliches Lachen ausbrach. «Ist jetzt Ihr Stolz befriedigt, Sie Wahnsinnige?« sagte sie, » jetzt hat er es Ihnen gebüßt – mit seinem Leben! Hören Sie es? – mit seinem Leben!« Mrs. Steerforth fiel regungslos in ihren Stuhl zurück, nur ein leises Stöhnen klang aus ihrem Munde, und sie starrte ihre Gesellschafterin mit weit offenen Augen an. »Ja,« rief Rosa, und schlug sich leidenschaftlich auf die Brust, »sehen Sie mich an! Ächzen Sie und stöhnen Sie und sehen Sie mich an! Sehen Sie her!« Sie berührte die Narbe, »sehen Sie Ihres toten Kindes Kunststück.« Das Stöhnen der Mutter ging mir zu Herzen. Immer dasselbe. Immer unartikuliert und wie erstickt. Immer begleitet von einer ohnmächtigen Bewegung des Kopfes, aber ohne Veränderung des Gesichts. Immer aus starrem Munde kommend, zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, als ob sie die Mundsperre hätte und ihre Gesichtsmuskeln in Schmerz erstarrt wären. »Wissen Sie noch, wann er das tat?« fuhr sie fort. »Wissen Sie noch, wie er, auch in seinem Charakter Ihr Sohn, und verzogen durch Ihr Hätscheln seines Stolzes und seiner Leidenschaften das tat, und mich für mein ganzes Leben entstellte? Sehen Sie mich an, bis zu meinem Tode gezeichnet von seiner hohen Ungnade, und ächzen und stöhnen Sie, daß Sie ihn dazu gemacht haben!« »Miß Dartle«, bat ich sie. »Um des Himmelswillen –« »Ich will sprechen!« sagte sie, und sah mich mit ihren flammenden Augen an. »Schweigen Sie! Sehen Sie mich an, sage ich, stolze Mutter eines stolzen eidbrüchigen Sohnes! Stöhnen Sie, daß Sie ihn verloren haben, stöhnen Sie, daß ich ihn verloren habe!« Sie ballte die Faust, und ihre hagere abgezehrte Gestalt zitterte, als ob die Leidenschaft sie zollweise tötete. »Sie wollten seinen Eigensinn strafen!« rief sie aus. »Sie wollten sich von seinem Stolz verletzt fühlen! Sie, die, als Ihr Haar grau wurde, beiden Eigenschaften entgegenstellten, die jene Fehler schufen, als er geboren wurde! Sie, welche ihn von der Wiege zu dem auferzog, was er war, und das verkrüppelte, was er hätte werden können! Sind Sie jetzt belohnt für Ihre vielen Jahre voll Sorge?« »O, Miß Dartle, schämen Sie sich! welche Grausamkeit!« »Ich sage Ihnen,« gab sie zurück, »ich will zu ihr sprechen! Keine Macht auf Erden soll mich abhalten, solange ich hier stehe! Habe ich nicht so viele Jahre geschwiegen, und soll jetzt nicht sprechen? Ich habe ihn mehr geliebt, als Sie dessen je fähig waren!« fuhr sie fort, und wendete sich leidenschaftlich gegen die Mutter. »Ich hätte ihn lieben können, ohne Gegenliebe zu verlangen. Wenn ich seine Frau gewesen wäre, hätte ich die Sklavin seiner Launen, für ein Wort der Liebe, das ganze Jahr sein können. Ja, ich wäre es gewesen. Wer weiß das besser, als ich. Sie waren tyrannisch, stolz, pedantisch, selbstsüchtig. Meine Liebe wäre aufopfernd gewesen – hätte die weinerliche Misere Ihrer Liebe mit Füßen getreten!« Mit flammenden Augen stampfte sie auf den Fußboden, als ob sie es jetzt täte. »Sehen Sie her!« sagte sie, und schlug mit unbarmherziger Hand wieder auf die Narbe. »Als er besser einsehen lernte, was er getan hatte, da bereute er es! Ich durfte ihm etwas vorsingen und ihn unterhalten, und die Teilnahme, die ich für alle seine Handlungen fühlte, an den Tag legen, und mir mit aller Anstrengung die Kenntnisse, die ihn am meisten interessierten, erwerben, und ich zog ihn an. Als er am frischesten und wahrsten war, liebte er mich. Ja, er liebte mich! Vielmal, wo er Sie mit einem unbedeutenden Wort abspeiste, hat er mich an sein Herz geschlossen!« Sie sprach das inmitten ihres Wahnsinns – denn viel weniger war es nicht – mit einem herausfordernden Stolze, aber mit einem leidenschaftlichen Zurückdenken, in dem sich noch die glimmenden Gluten eines zärtlichen Gefühls für einen Augenblick entzündeten. »Ich sank zuletzt – wie ich wohl hätte wissen können, wenn er mich nicht mit seiner noch halb kindischen Liebe berückt hätte – zu einer Puppe herab, zu einem Spielzeug zur Ausfüllung einer leeren Stunde, das er fallen ließ und wieder hernahm, wie ihm die unbeständige Laune eingab. Wie er es müde wurde, wurde ich es müde. Wie seine launische Liebe gestorben war, hätte ich so wenig versucht, die Macht, die ich über ihn besaß, zu stärken, als ich ihn geheiratet hätte, wenn man ihn gezwungen hätte, mich zu nehmen. Wir trennten uns, ohne ein Wort zu verlieren. Vielleicht sahen Sie es, und es tat Ihnen nicht leid. Seit der Zeit bin ich nur für Sie beide ein beschädigtes Stück Hausgerät gewesen, das keine Augen, keine Ohren, keine Empfindungen, keine Erinnerungen hatte – Sie seufzen? Seufzen Sie, weil Sie ihn zu dem gemacht haben, nicht um Ihre Liebe. Ich sage Ihnen, es gab eine Zeit, wo ich ihn mehr liebte, als Sie ihn jemals lieben konnten!« »Miß Dartle,« sagte ich, »wenn Sie so hartherzig sein können, daß Sie nicht für diese trauernde Mutter fühlen –« »Wer fühlt für mich!« entgegnete sie heftig. »Sie hat es gesäet. Möge sie klagen und jammern wegen der Ernte, die sie heute einsammelt!« »Und wenn seine Fehler«, fing ich an. »Fehler!« rief sie aus und brach in leidenschaftliche Tränen aus. »Wer wagt ihn zu verleumden? Er hatte einen Charakter, der Millionen der Freunde wert war, zu denen er sich herabließ!« »Niemand kann ihn besser geliebt haben, niemand ihn teurer in der Erinnerung bewahren, als ich«, entgegnete ich. »Ich wollte sagen, wenn Sie kein Mitleid mit der Mutter haben, oder wenn seine Fehler – Sie haben sich bitter über sie ausgesprochen –« »Das ist nicht wahr,« schrie sie, und raufte sich das schwarze Haar; »ich liebte ihn!« »– sich in einer solchen Stunde«, fuhr ich fort, »nicht aus Ihrem Gedächtnis verwischen lassen; so sehen Sie diese Gestalt an, nur so, als ob Sie sie nie gesehen hätten, und leisten Sie ihr einige Hilfe!« Die ganze Zeit über war die Gestalt unverändert geblieben und sah unveränderlich aus. Regungslos, starr, mit weit offenem verstörten Blick, wie vorhin, dann und wann mit einer hilflosen Bewegung des Kopfes einen unartikulierten Laut ausstoßend, aber kein anderes Lebenszeichen von sich gebend. Miß Dartle kniete plötzlich vor ihr nieder und fing an, ihr das Kleid zu lockern, »Fluch Ihnen!« sagte sie, und sah sich mit einem aus Wut und Schmerz gemischten Ausdrucke nach mir um. »Sie sind in einer bösen Stunde hierhergekommen! Fluch Ihnen! Gehen Sie.« Nachdem ich das Zimmer verlassen hatte, eilte ich zurück, um zu klingeln, und die Dienerschaft so rasch wie möglich herbeizurufen. Sie hatte die regungslose Gestalt in ihre Arme geschlossen, weinte über ihr immer noch auf den Knien liegend, küßte sie, rief sie, wiegte sie an ihrem Busen wie ein Kind, und versuchte jedes zärtliche Mittel, um die schlummernden Sinne zu wecken. Da ich sie jetzt ohne Furcht bei ihr lassen konnte, kehrte ich leisen Trittes wieder um und rief beim Hinausgehen die Dienerschaft herbei! Zu einer spätern Stunde des Tages kehrte ich zurück, und wir legten die Leiche in das Zimmer der Mutter. Ihr Zustand war noch ganz derselbe, sagten sie mir; Miß Dartle verließ sie keinen Augenblick; Ärzte waren herbeigerufen, und viele Mittel waren versucht worden; aber sie lag da wie ein Steinbild, nur daß sie dann und wann einen leisen Klagelaut hören ließ. Ich ging durch das öde Haus und zog die Vorhänge vor den Fenstern zu. Ich hob die starre Hand empor und drückte sie an mein Herz, und die ganze Welt erschien tot und still; zu hören war nur das Stöhnen der Mutter. Siebenundfünfzigstes Kapitel. Die Auswanderer. Noch eins hatte ich zu verrichten, bevor ich mich der Erschütterung über diese Ereignisse hingeben konnte. Ich mußte nämlich das Geschehene vor den Abreisenden verheimlichen und sie in glücklicher Unwissenheit scheiden lassen. Um das zu tun, hatte ich keine Zeit zu verlieren. Ich nahm Mr. Micawber noch denselben Abend beiseite und betraute ihn mit dem Auftrag, von Mr. Peggotty jede Nachricht von dem neuen Unglück seiner Familie fernzuhalten. Er übernahm das Amt mit großem Eifer und versprach jede Zeitung fernzuhalten, die Mr. Peggotty ohne diese Vorsichtsmaßregeln in die Hand bekommen konnte. »Wenn er eine in die Hand bekommt, Sir,« sagte Mr. Micawber, und schlug sich auf die Brust, »so muß sie erst durch diesen Leib gehen.« Ich muß bemerken, daß Mr. Micawber, im Bestreben, sich seiner neuen gesellschaftlichen Stellung anzupassen, etwas trotzig Seeräuberliches angenommen hatte, nicht gerade gesetzloser Art, aber kampfbereit und entschlossen. Man hätte ihn für einen Sohn der Wildnis halten können, der lange gewöhnt gewesen war, außerhalb der Grenzen der Zivilisation zu leben, und im Begriff stand, in seine heimatlichen Einöden zurückzukehren. Unter anderm hatte er sich mit einem vollständigen Anzug aus Wachstuch und einem sehr niedrigen Strohhut versehen, der von außen einen Kalk- oder Teerüberzug hatte. In dieser urwüchsigen Kleidung, ein gewöhnliches Matrosenfernrohr unter dem Arm und sein Auge schlau nach dem Himmel richtend, als ob er nach schlechtem Wetter auslugte, sah er auf seine Art viel seemännischer aus als Mr. Peggotty. Seine ganze Familie, wenn ich mich so ausdrücken darf, war »klar zum Gefecht«. Ich fand Mrs. Micawber in einem Hute, so eng anschließend und unkleidsam wie möglich, und unter dem Kinn zugebunden, und in einem Tuch, in das sie fest eingewickelt war wie ein Bündel, – wie ich eingewickelt wurde, als mich meine Tante das erstemal bei sich aufnahm – das hinten in der Taille zu einem festen Knoten geknüpft war. Miß Micawber war auf dieselbe bequeme Weise gegen stürmisches Wetter geschützt, und es war nichts Überflüssiges an ihr. Master Micawber war in seinem Wollhemde kaum zu erkennen; trug das bunteste Paar Hosen, das mir je vorgekommen, und die Kinder waren eingepackt wie Fleischkonserven in wasserdichten Büchsen. Mr. Micawber und sein ältester Sohn trugen weite Ärmel, an den Handgelenken aufgekrempelt, wie bereit, überall mit Hand anzulegen, und sich jeden Augenblick nach oben zu tummeln, oder hoiho – hißt! hoiho – hißt! aufzusingen. So fanden wir, Traddles und ich, sie bei sinkender Nacht auf den hölzernen Stufen, damals als »Hungerfordtreppe« bekannt, versammelt, wie sie das Abstoßen eines Bootes, das etwas von ihrem Eigentum an Bord hatte, beobachteten. Ich hatte Traddles von dem fürchterlichen Ereignis erzählt, das ihn sehr erschütterte, aber es konnte kein Zweifel obwalten, daß es freundlicher sei, das ganze geheim zu halten; er war gekommen, um mir diesen letzten Dienst leisten zu helfen. Hier war es, wo ich Mr. Micawber beiseite nahm und sein Versprechen erhielt. Die Familie Micawber wohnte in einem kleinen, schmuddligen, baufälligen Wirtshause, das damals dicht an der Treppe stand und dessen hölzerne Stockwerke schief über den Fluß hingen. Da die Familie als Auswanderer einiges Interesse in und um Hungerford erregte, hatte sie so viel Zuschauer herbeigelockt, daß wir gern in ihrem Zimmer einen Zufluchtsort suchten. Es war ein Zimmer eine Treppe hoch, unter dem die Flut dahinströmte. Meine Tante und Agnes waren schon da, emsig beschäftigt, für die Kinder noch einige Extrabequemlichkeiten in Kleidungssachen zu verfertigen. Peggotty half ruhig mit und saß neben ihnen mit dem alten unveränderten Arbeitskästchen, dem Yardmaß und dem Stückchen Wachslicht, die nun schon so viel andres überlebt hatten. Es war nicht leicht, ihre Fragen zu beantworten, noch weniger Mr. Peggotty, als ihn Mr. Micawber hereingeholt hatte, zuzuflüstern, daß ich den Brief abgegeben habe und daß alles in Ordnung sei. Aber ich tat beides und machte sie glücklich. Wenn ich trotz allem etwas von dem verriet, was in mir vorging, so war mein eigner Gram eine genügende Erklärung für meine Traurigkeit. »Wann segelt das Schiff ab, Mr. Micawber?« fragte meine Tante. Mr. Micawber glaubte, entweder meine Tante oder seine Frau nach und nach vorbereiten zu müssen und sagte, eher als er gestern geglaubt hätte. »Das Boot hat Ihnen wohl Nachricht gebracht?« fragte meine Tante, »Ja, Madame«, gab er zurück. »Nun,« fragte meine Tante, »wann segelt es ab?« »Madame,« entgegnete er, »ich habe Nachricht erhalten, daß wir ganz bestimmt morgen früh vor sieben an Bord sein müssen.« »Der tausend!« sagte meine Tante, »das ist früh. Ist es wirklich so, Mr. Peggotty?« »Freilich, Madame, es geht mit dieser Flut den Fluß hinunter. Wenn Master Davy und meine Schwester morgen nachmittag in Gravesend an Bord kommen, sehen Sie uns zum allerletztenmal.« »Und wir kommen«, sagte ich, »gewiß.« »Bis dahin, und bis wir auf offenem Meere sind,« bemerkte Mr. Micawber, und warf mir einen Blick des Einverständnisses zu, »werden Mr. Peggotty und ich beständig die schärfste Aufsicht über unsere Sachen führen. Meine liebe Emma,« sagte Mr. Micawber, und räusperte sich in seiner großartigen Weise, »mein Freund Mr. Thomas Traddles ist so gütig, mir ins Ohr die Bitte zu flüstern, daß er sich erlauben darf, die zur Anfertigung einer mäßigen Portion des Getränkes, dessen Name sich in unserm Geist ganz besonders mit dem Roastbeef von Alt-England verknüpft, notwendigen Ingredienzien zu bestellen. Ich meine – kurz, ich meine Punsch. Unter gewöhnlichen Umständen würde ich nicht wagen, die Nachsicht von Miß Trotwood und Miß Wickfield in Anspruch zu nehmen, aber –« »Was mich betrifft,« sagte meine Tante, »so werde ich mit dem größten Vergnügen auf Ihr Wohl und Ihr zukünftiges Glück trinken.« »Und ich auch«, sagte Agnes mit einem Lächeln. Mr. Micawber eilte sofort in die Schenkstube hinunter, wo er ganz zu Hause zu sein schien, und kehrte bald mit einem dampfenden Krug zurück. Ich konnte nicht umhin, zu bemerken, daß er die Zitronen mit seinem eignen Einschlagmesser geschält hatte, das, wie es sich für das Messer eines praktischen Hinterwäldlers schickte, ungefähr einen Fuß lang war, und das er, nicht ohne ein wenig Prahlerei, an seinem Rockärmel abwischte. Mrs. Micawber und die beiden ältesten Kinder fand ich mit ähnlichen, ungeheuern Werkzeugen versehen, während jedes der kleinern Kinder seinen eignen hölzernen Löffel hatte, der ihm mit einer starken Schnur um den Leib befestigt war. In einer ähnlichen Vorahnung des Nomadenlebens im Busch goß Mr. Micawber den Punsch für seine Frau und seine beiden ältesten Kinder anstatt in Weingläser, was er bequem hätte tun können, denn es stand ein ganzes Brett voll im Zimmer, in eine Reihe abscheulicher kleiner Zinnbecher, und ich habe nie gesehen, daß er sich über etwas so sehr freute, als über seinen eignen, besondern Zinnbecher, und daß er ihn am Schluß des Abends in seine Tasche steckte. »Wir entsagen den Luxusartikeln der alten Welt«, meinte Mr. Micawber und zeigte sich bei dieser Verzichtleistung ungemein befriedigt. »Die Bewohner des Waldes können natürlich nicht erwarten, an den Verfeinerungen des Landes der Freiheit teilzunehmen.« In diesem Augenblicke trat ein Bursche einher und meldete, daß jemand Mr. Micawber sprechen wollte. »Ich hatte eine Ahnung,« sagte Mrs. Micawber, indem sie ihren Zinnbecher hinsetzte, »daß es ein Mitglied meiner Familie ist.« »Wenn das der Fall ist, liebe Frau,« bemerkte Mr. Micawber mit seinem gewöhnlichen Aufbrausen, wenn er auf diesen Gegenstand kam, »so kann das Mitglied deiner Familie – wer er, sie oder es immer sein mag – da es uns ziemlich lange hat warten lassen, vielleicht auch jetzt warten, bis es mir gefällt.« »Micawber,« sagte seine Frau in leisem Tone, »in einem Augenblick wie dieser –« »›Nicht ist es billig‹«, sagte Mr. Micawber, und stand auf, »› daß jede kleine Schuld gleich Tadel fände !‹ Emma, du hast recht.« »Der Verlust«, bemerkte sie, »ist auf der Seite meiner Familie gewesen, nicht auf der deinen, Micawber. Wenn meine Familie endlich inne geworden ist, wessen sie sich durch ihr Verhalten beraubt hat und nun die Hand zum brüderlichen Bunde bietet, sollten wir sie nicht zurückstoßen.« »Liebe Frau,« sagte er, »es sei!« »Wenn nicht um ihretwillen, um meinetwillen, Micawber«, sagte die Gattin. »Emma,« sagte er, »diese Auffassung und in solch einem Augenblicke ist unwiderstehlich. Ich will mich auch jetzt noch nicht ausdrücklich verpflichten, mich deiner Familie an den Hals zu werfen, aber das mich erwartende Mitglied dieser Sippe darf eines warmen Empfanges sicher sein.« Mr. Micawber entfernte sich und blieb eine kurze Zeit aus, während der Mrs. Micawber nicht ganz frei von der Befürchtung war, es möchte zwischen ihm und dem Mitglied Streit entstanden sein. Endlich erschien derselbe Bursche wieder, und gab mir einen mit Bleistift geschriebenen Zettel, auf dem in Advokatenmanier Heep contra Micawber stand. Aus diesem Dokumente erfuhr ich, daß sich Mr. Micawber, abermals in Haft, in einem letzten Paroxysmus der Verzweiflung befände, und daß er mich bat, ihm durch den Überbringer sein Messer und seine zinnerne Kanne zu schicken, da sie vielleicht in dem ihm noch übrigen kurzen Rest seiner Tage im Gefängnisse nützen könnten. Er bat mich auch, als einen letzten Freundschaftsbeweis, seine Familie nach dem Armenhause des Kirchspiels zu begleiten, und zu vergessen, daß ein solches Geschöpf wie er, jemals gelebt habe. Natürlich beantwortete ich diesen Zettel damit, daß ich mit dem Burschen hinunterging und das Geld bezahlte. Ich fand hier Mr. Micawber in einer Ecke sitzen, und den Exekutor, der ihn in Haft genommen hatte, mit grimmigen Blicken betrachten. Nach seiner Freilassung umarmte er mich mit der größten Herzlichkeit, und trug die Summe in sein Taschenbuch ein – wobei er, wie ich mich noch erinnere, sehr viel Gewicht auf einen halben Penny legte, den ich ihm unversehens nicht angegeben hatte. Dieses wichtige Notizbuch erinnerte ihn zur rechten Zeit an ein andres Geschäft. Als wir in das obere Zimmer zurückkehrten – wo er seine Abwesenheit damit erklärte, daß sie durch Umstände, über die er keine Macht besäße, veranlaßt worden sei –, entnahm er dem Buche einen großen Bogen Papier, der ganz klein zusammengefaltet und mit langen, sorgfältig geordneten Zahlenreihen bedeckt war. Nach einem flüchtigen Blick, den ich darauf warf, möchte ich behaupten, daß ich niemals, außer in einem Schulrechenheft, solche Exempel gesehen hatte. Es waren Berechnungen der Zinseszinsen über etwas, das er »den Hauptbetrag von einundvierzig, zehn, elf und ein halb« auf verschiedene Zeiten vorgestreckt, nannte. Nach einer sorgfältigen Prüfung und einem genauen Überschlag seiner Hilfsquellen war er zu dem Entschluß gekommen, diese Summe auszuwählen, die den Betrag mit Zinseszins für zwei Jahre, fünfzehn Kalendermonate und vierzehn Tage, vom heutigen Datum ab, bildete. Hierfür hatte er einen sehr sauber geschriebenen Handwechsel ausgestellt, den er Traddles mit vielem Dank auf der Stelle überreichte als vollständige Tilgung seiner Schuld, wie es sich unter Männern ziemte. »Ich habe immer noch eine Ahnung,« sagte Mrs. Micawber, als wir zurückgekehrt waren, »daß meine Familie vor unserer Abreise erscheinen wird.« Offenbar hatte auch Mr. Micawber seine Ahnungen über diese Sache, aber er tat sie in seine Zinnkanne und verschluckte sie. »Wenn Sie unterwegs Gelegenheit finden, Briefe nach Hause zu schicken, Mrs. Micawber,« sagte meine Tante, »so müssen Sie uns natürlich Nachricht von sich geben.« »Liebe Miß Trotwood,« gab sie zur Antwort, »ich werde mich nur zu glücklich schätzen bei dem Gedanken, daß jemand von uns Nachricht erwartet. Ich werde nicht unterlassen, Briefe zu schreiben. Ich hoffe, Mr. Copperfield wird als ein alter und vertrauter Freund nichts dagegen haben, wenn er zuweilen Nachricht von jemand empfängt, der ihn kannte, als die Zwillinge noch ohne Bewußtsein waren.« Ich sagte, daß ich von ihr zu hören hoffe, sobald sich Gelegenheit fände. »Wenn es dem Himmel gefällt, wird oft solche Gelegenheit da sein«, sagte Mr. Micawber. »In dieser Jahreszeit ist das Meer nur eine Flotte von Schiffen, und wir müssen bei der Überfahrt viele treffen. Es ist eine kurze Reise«, sagte Mr. Micawber, und spielte mit seinem Augenglas. »Die Entfernung ist eine reine Einbildung.« Sonderbar war es ja, wie mir jetzt einfällt, aber ganz und gar war es auch wieder der alte Mr. Micawber, daß er, als er von London nach Canterbury ging, davon sprach, als ob er die fernsten Grenzen des Erdballs aufsuchte, während er jetzt, bei einer Reise von Europa nach Australien, tat, als handle es sich nur um einen Ausflug über den Kanal. Mit obigen Worten trank er den Rest Punsch aus seiner Zinnkanne aus, als ob er die Reise vollendet und ein Examen mit Auszeichnung vor den höchsten nautischen Behörden abgelegt hätte. »Während der Reise werde ich darauf bedacht sein,« sagte Mr. Micawber, »den Leuten gelegentlich Geschichten zu erzählen; und der Gesang meines Sohnes Wilkins wird hoffentlich willkommen sein. Wenn Mrs. Micawber erst zuverlässige Seebeine hat – ein Ausdruck, in dem hoffentlich keine konventionelle Unschicklichkeit liegt – wird sie ihnen, denke ich, ›Klein Tafflin‹ zum besten geben. Tummler und Delphine, glaube ich, wird man häufig am Bug unsres Schiffes vorübergleiten sehen, und am Steuerbord oder am Backbord werden unaufhörlich interessante Dinge entdeckt werden. Kurzum,« sagte Mr. Micawber mit der alten, kavaliermäßigen Miene, »aller Wahrscheinlichkeit nach werden wir alles, unter und über uns, so interessant finden, daß, wenn die Wache im Mastkorb ›Land!‹ ruft, wir höchst erstaunt sein werden!« »Was ich besonders hoffe, mein lieber Mr. Copperfield,« sagte Mrs. Micawber, »ist, daß wir in einigen Zweigen unsrer Familie auch wieder in der alten Heimat leben werden. Runzle nicht die Stirn, Micawber. Ich beziehe mich jetzt nicht auf meine eigne Familie, sondern auf die Kinder unsrer Kinder. Wie kräftig auch der Schößling ist,« fuhr Mrs. Micawber fort, das Haupt schüttelnd, »so kann ich doch den Stammbaum nicht vergessen, und wenn unser Geschlecht drüben hohen Rang und Vermögen erlangt, so gestehe ich, daß ich wünschen werde, dies Geld möchte in die Schatzkammer Großbritanniens zurückfließen.« »Liebe Frau,« erwiderte Mr. Micawber, »Großbritannien muß es darauf ankommen lassen. Ich fühle mich gezwungen, zu sagen, daß es niemals viel für mich getan hat, und daß ich in dieser Angelegenheit keinen besondern Wunsch hege.« »Micawber,« erwiderte Ms. Micawber, »da bist du im Unrecht. Du gehst hinaus in dies ferne Land, Micawber, nicht um die Beziehungen zwischen dir und Albion abzuschwächen, sondern damit sie erstarken.« »Die in Frage stehenden Beziehungen, meine Liebe,« gab Mr. Micawber zurück, »haben mir nicht, ich wiederhole es, ein solches Gewicht persönlicher Verpflichtung auferlegt, daß ich mir kein Gewissen daraus mache, neue Verbindungen anzuknüpfen.« »Micawber«, erwiderte Mrs. Micawber. »Hier nun bist du wieder im Unrecht, sage ich. Du kennst deine Kräfte nicht, Micawber. Sie sind es gerade, die selbst bei dem Schritte, den du im Begriff stehst zu tun, deine Verbindung mit Albion befestigen werden.« Mr. Micawber saß in seinem Lehnstuhl mit emporgezogenen Augenbrauen; halb die Ansichten seiner Frau zurückweisend, halb auf sie eingehend, aber sehr erkenntlich für die Voraussicht, die sich in ihnen ausdrückte. »Mein lieber Mr. Copperfield,« sagte Mrs. Micawber, »ich wünsche, daß Mr. Micawber ein Verständnis für seine Stellung bekommt. Mir erscheint es höchst wichtig, daß Mr. Micawber von Stunde an, da er sich einschifft, seine Stellung richtig auffaßt. Zufolge Ihrer alten Bekanntschaft mit mir, mein lieber Mr. Copperfield, werden Sie sich gesagt haben, daß ich nicht die sanguinische Veranlagung von Mr. Micawber habe. Die meinige ist, wenn ich so reden darf, ungewöhnlich, praktisch. Ich weiß, daß dies eine lange Reise ist: ich weiß, daß sie viele Entbehrungen und Unbequemlichkeiten in sich schließt: ich kann meine Augen diesen Tatsachen gegenüber nicht verschließen. Aber ich weiß auch, was Mr. Micawber ist. Ich kenne die verborgene Stärke von Mr. Micawber. Und deshalb halte ich es für sehr wichtig, daß Mr. Micawber seine Stellung von vornherein richtig erkennt.« »Liebe Frau,« warf er ein, »vielleicht erlaubst du mir, zu bemerken, daß die einfache Möglichkeit vorliegt, daß ich wirklich meine Stellung im gegenwärtigen Augenblick erkenne.« »Ich denke nicht, Micawber«, gab sie zurück. »Nicht ganz. Mein lieber Mr. Copperfield, Mr. Micawbers Fall ist kein gewöhnlicher. Mr. Micawber geht in ein fernes Land, ausdrücklich zu dem Zwecke, damit er zum erstenmal ganz verstanden und gewürdigt werden kann. Ich wünsche, daß sich Mr. Micawber auf das Vorderteil jenes Schiffes stellt und mit lauter Stimme spricht: Ich kam, um dieses Land zu erobern. Habt ihr Würden? Habt ihr Schätze? Habt ihr Stellungen mit einträglichen Besoldungen? Bringt sie heran. Mein sind sie alle!« Mr. Micawber sah uns alle an und schien zu denken, daß viel Gutes in diesem Gedanken wäre. »Ich wünsche, daß Mr. Micawber, um mich ganz verständlich zu machen,« fuhr Mrs. Micawber in lehrhaftem Tone fort, »der Cäsar seines eignen Glückes sei. Dies, mein lieber Mr. Copperfield, scheint mir seine wahre Stellung zu sein. Vom ersten Augenblick dieser Reise an wünsche ich, Mr. Micawber auf dem Vorderteil des Schiffes stehen zu sehen und sagen zu hören: ›Genug des Zögerns, genug der Enttäuschungen, genug der beschränkten Mittel. Das war in der alten Heimat, dies ist die neue. Zeige mir deine Entschädigung. Heraus damit!‹« Mr. Micawber kreuzte die Arme mit entschlossener Miene, als stünde er schon auf dem Schiffsschnabel hoch über der Galion. »Und wenn er das tut,« sagte Mrs. Micawber – »wenn er seine Stellung erkennt – habe ich nicht recht, wenn ich sage, daß Mr. Micawber seine Beziehungen mit Großbritannien nicht lockern, sondern befestigen wird? Wenn sich ein bedeutender, öffentlicher Charakter auf jener Halbkugel erhebt, will man mir dann sagen, daß sein Einfluß im Heimatlande nicht gefühlt werden wird? Soll ich so schwach sein, mir einzubilden, daß Mr. Micawber, wenn er den Zauberstab des Talents und der Macht in Australien schwingt, in England nichts sein wird? Ich bin nur ein Weib, aber ich würde meiner selbst und meines Papas nicht würdig sein, wenn ich mich einer solchen abgeschmackten Schwäche schuldig machte.« Mrs. Micawbers Überzeugung, daß ihre Argumente unbestreitbar wären, gab ihrem Ton eine moralische Erhabenheit, wie ich sie früher, glaube ich, nie darin vernommen hatte. »Und deshalb«, fuhr Mrs. Micawber fort, »wünsche ich dringend, daß wir in einer spätern Zeit wieder auf vaterländischem Boden leben möchten. Mr. Micawber mag – ich kann mir nicht verhehlen, daß es wahrscheinlich ist, Mr. Micawber wird – eine geschichtliche Persönlichkeit sein, und dann sollte er dem Lande gezeigt werden, das ihm das Leben, aber kein Amt gab!« »Meine Liebe,« bemerkte Mr. Micawber, »es ist mir unmöglich, von deiner Liebe nicht gerührt zu werden. Ich bin immer bereit, mich deiner gesunden Einsicht unterzuordnen. Was geschehen soll, wird geschehen. Der Himmel verhüte, daß ich meinem Vaterland irgend einen Teil der Reichtümer mißgönne, die unsre Nachkommen anhäufen werden!« »Das ist brav,« sagte meine Tante und nickte Mr. Peggotty zu, »und ich trinke Ihnen allen in herzlicher Liebe zu, und aller Segen und Erfolg geleite Sie alle!« Mr. Peggotty setzte die beiden Kinder, die er auf den Knien geschaukelt hatte, nieder, um mit Mr. und Mrs. Micawber auf unser aller Wohl zu trinken, und als er und die Micawber sich herzlich als Schicksalsgefährten die Hände schüttelten, und sich sein gebräuntes Gesicht mit einem Lächeln erhellte, da erkannte ich, daß er überall, wo er hingehen mochte, durchkommen, sich einen guten Namen machen und geliebt werden würde. Selbst die Kinder mußten einen hölzernen Löffel in Mr. Micawbers Kanne tauchen, um uns damit zuzutrinken. Als dies geschehen war, standen meine Tante und Agnes auf und schieden von den Auswanderern. Es war ein schmerzlicher Abschied. Alle weinten! Die Kleinen hingen sich bis zuletzt an Agnes, und wir verließen die arme Mrs. Micawber in einem sehr betrübten Zustande, schluchzend und weinend, bei einem trüben Lichte, das dem Zimmer vom Flusse aus das Aussehen eines elenden Leuchtturms verliehen haben muß. Ich ging am nächsten Morgen wieder nach dem Gasthaus, um zu sehen, ob sie dort seien. Sie waren schon früh um fünf Uhr in einem Boot abgefahren. Es war mir ein merkwürdiger Beweis, was für eine Lücke solch ein Abschied macht, denn obwohl meine Gedanken sie erst seit gestern mit dem baufälligen alten Wirtshaus und der hölzernen Treppe in Verbindung brachte, erschien mir dies beides leer und verödet, nun sie fort waren. Am folgenden Nachmittag fuhren meine alte Kindermuhme und ich nach Gravesend; das Schiff lag im Flusse, umgeben von einer Schar von Booten; ein günstiger Wind herrschte, und das Signal zum Absegeln wehte von der Mastspitze. Ich nahm sogleich ein Boot, und wir fuhren nach dem Schiffe, drängten uns durch einen kleinen Kreis der Verwirrung, deren Mittelpunkt es war, und kamen an Bord. Mr. Peggotty wartete auf uns auf dem Verdeck. Er sagte mir, Mr. Micawber sei so eben wieder verhaftet worden – aber zum letztenmal –, und zwar wieder auf Heeps Ansuchen, und er habe nach meinem Wunsche das Geld bezahlt, daß ich ihm sogleich wiedergab. Er nahm uns dann mit hinunter in das Zwischendeck, und hier wurde die letzte Furcht, daß er etwas von dem Geschehenen gehört haben könnte, von Mr. Micawber selbst zerstreut, der aus dem Zwielichte hervortrat, seinen Arm mit einer Miene der Freundschaft und Gönnerschaft ergriff, und mir sagte, daß sie seit vorgestern abend kaum einen Augenblick voneinander getrennt gewesen wären. Es war mir ein so fremdartiger Anblick, alles so eng und dunkel, daß ich zuerst fast nichts erkennen konnte, aber nach und nach wurde es heller, als meine Augen sich mehr an die Finsternis gewöhnt hatten, und mir war, als stände ich in einem Bilde von Ostade. Zwischen den großen Balken, Hölzern und Ringbolzen des Schiffes und den Schlafstellen der Auswanderer, den Kisten, Bündeln, Fässern und Haufen verschiedenen Gepäcks – hier und da von Hängelampen beleuchtet, dort auch wieder von dem gelben Tageslicht, das durch ein Kühlsegel oder eine Lukenöffnung hereindrang – standen zusammengedrängte Gruppen von Menschen, die neue Freundschaften schlossen, Abschied voneinander nahmen, schwatzten, lachten, weinten, aßen und tranken; einige hatten sich schon in dem ihnen angewiesenen, wenige Fuß großen Raume häuslich niedergelassen, ihren geringen Hausrat eingerichtet und kleine Kinder auf Fußbänke oder in Kinderlehnsesselchen gesetzt; andere verzweifelten daran, einen Ruheplatz zu finden, und zogen trostlos umher. Von Säuglingen, die erst ein oder zwei Wochen Leben hinter sich hatten, bis zu gebückten Greisen und Greisinnen, die nur noch ein oder zwei Wochen Leben vor sich haben mochten, und vom Feldarbeiter, der an seinen Stiefeln tatsächlich englische Erde davontrug, bis zum Schmied, der Proben vom englischen Ruß und Rauch auf seiner Haut mit fortnahm, schien jedes Lebensalter und jeder Beruf in dem engen Raume des Zwischendecks zusammengedrängt zu sein. Wie sich mein Auge in dem Raum umsah, glaubte ich an einer offenen Stückpforte eines von den kleinen Micawbers neben einer Gestalt, wie Emilie, sitzen zu sehen; sie zog zuerst meine Aufmerksamkeit durch eine andere dunkelgekleidete Gestalt auf sich, die mit einem Kuß von ihr schied, und wie sie ruhig durch das Gewühl schwebte, erinnerte sie mich an – Agnes! Aber in der raschen Bewegung und in der Unordnung meiner eigenen Gedanken verlor ich sie wieder, und ich wußte nur, daß die Zeit gekommen war, wo alle Besucher das Schiff verlassen mußten, daß meine alte Peggotty auf einer Kiste neben mir weinte, und daß Mrs. Gummidge, mit Hilfe eines jüngern Frauenzimmers in schwarzen Kleidern, sich viel mit Mr. Peggottys Gepäck zu schaffen machte. »Noch ein letztes Wort, Master Davy«, sagte er. »Ist noch etwas vergessen, ehe wir scheiden?« »Eins!« erwiderte ich. »Martha!« Er legte die Hand auf die Achsel des vorher von mir gesehenen jüngern schwarzgekleideten Mädchens, und Martha stand vor mir. »Gott segne Sie, guter Mann!« rief ich. »Sie nehmen sie mit.« Sie antwortete für ihn mit einer Tränenflut. Ich konnte nicht reden, aber drückte ihm kräftig die Hand, und wenn ich jemals einen Menschen geliebt und geehrt habe, so liebte und ehrte ich diesen von Herzen. Die Besucher mußten jetzt fort. Die größte Prüfung blieb mir noch übrig. Ich sagte ihm, was mir der Edle, der gestorben war, zum Abschied aufgetragen hatte. Es rührte ihn tief. Aber als er mir zur Rückantwort viele Worte der Liebe und der Teilnahme für diese tauben Ohren auftrug, da rührte er mich noch mehr. Die Zeit des Abschieds war da. Ich umarmte ihn, nahm meine weinende Wärterin in die Arme und eilte fort. Auf dem Deck nahm ich Abschied von Mrs. Micawber. Sie erwartete selbst jetzt noch halb verzweifelt ihre Familie, und ihre letzten Worte waren, daß sie Mr. Micawber niemals verlassen werde. Wir stiegen hinunter in unser Boot und warteten eine kleine Strecke vom Schiff, um es abfahren zu sehen. Es war ein schöner, stiller Sonnenuntergang. Das Schiff lag zwischen uns und dem roten Sonnenlichte, und jedes dünne Tau und jede Spiere zeichneten sich scharf ab von der purpurnen Glut. Einen so schönen, so trauer- und hoffnungsvollen Anblick zugleich, wie dieses herrliche Schiff, das ruhig auf dem wogenden Wasser lag, während sich alle Lebendigen an Bord auf die Schanzen drängten, und dort einen Augenblick barhäuptig und schweigend standen, sah ich nie. Doch nur für einen Augenblick schweigend. Wie der Wind die Segel füllte und das Schiff sich zu bewegen anfing, da erschollen aus allen Booten drei donnernde Hurras, die jene auf dem Schiffe beantworteten, und die wieder beantwortet und wieder beantwortet wurden. Mein Schmerz machte sich Luft, als ich diesen Ton hörte und die Hüte und Taschentücher schwenken sah – dann erblickte ich sie! Ja, ich erblickte sie, neben ihrem Onkel, zitternd auf seine Schultern gestützt. Er wies eifrig auf uns, und sie sah uns und winkte uns ihren letzten Abschied zu. Ja, Emilie, schöne und welke Blume, halte dich an ihn mit der äußersten Kraft deines gebrochenen Herzens, denn er hat an dir gehangen mit der ganzen Kraft seiner großen Liebe! Beide, von dem rosigen Lichte beschienen und hoch auf dem Verdeck stehend, sie an ihn sich lehnend, und er sie festhaltend, so schwanden sie mir feierlich aus den Augen. – Die Nacht breitete sich über die kentischen Hügel aus, als wir uns an das Ufer rudern ließen – und Dunkel lag über mir. Achtundfünfzigstes Kapitel. Abwesenheit. Eine lange und finstere Nacht hüllte mich ein, bewohnt von den Geistern vieler Hoffnungen, vieler teuern Erinnerungen, vieler Irrtümer, mancher vergeblichen Sorgen und mancher Reue. Ich verließ England, aber selbst da wußte ich noch nicht, wie groß der Verlust war, den ich zu tragen hatte. Ich ließ alles, was ich liebte, zurück und reiste ab; ich glaubte, ich hätte es jetzt ertragen und alles sei vorüber. Wie ein Krieger auf dem Schlachtfelde eine tödliche Wunde erhält, und kaum weiß, daß er getroffen ist, so hatte auch ich, als ich mich allein befand, mit meinem ungeschulten Herzen keinen Begriff von der Wunde, deren Schmerz ich zu bekämpfen hatte. Ich fühlte es nicht rasch, sondern ganz langsam, ganz allmählich. Das Gefühl der Vereinsamung, mit dem ich meine Reise antrat, wurde mit jeder Stunde tiefer und stärker. Anfangs war es nichts, als eine drückende Empfindung des Verlustes und des Schmerzes, worin ich kaum etwas andres unterscheiden konnte. Ganz allmählich wurde es zu einem hoffnungslosen Bewußtsein alles dessen, was ich verloren hatte – Liebe, Freundschaft, Lust am Leben, alles dessen, was vernichtet war – mein erstes Vertrauen, meine erste Liebe, das ganze Luftschloß meines Lebens; alles dessen, was mir blieb – ein ödes, leeres Leben, das sich rund um mich hin erstreckte, wie ein Wüste am dunkeln Horizont. Wenn mein Gram egoistisch war, so wußte ich es wenigstens nicht. Ich betrauerte mein kindisches Weibchen, das so jung aus ihres Lenzes blühendem Leben scheiden mußte. Ich betrauerte ihn; der sich die Liebe und Bewunderung von Tausenden hätte erwerben können, wie er meine längst gewonnen hatte. Ich betrauerte das gebrochene Herz, das im stürmischen Meere Ruhe gefunden hatte, und die wandernden Reste der einfachen Familie, in deren Mitte ich als Kind den Nachtwind hatte klagen hören. Aus dieser Menge so schmerzhafter Gedanken mich wieder jemals herauszureißen, hatte ich endlich keine Hoffnung mehr. Ich wanderte von Ort zu Ort und trug meinen Schmerz überall mit mir. Ich fühlte jetzt seine ganze Last, und ich sank unter ihm, und sagte mir innerlich, daß er nie leichter werden könne. Als diese Niedergeschlagenheit ihren höchsten Grad erreicht hatte, glaubte ich, ich würde sterben. Manchmal war es mir, als möchte ich lieber zu Hause sterben, und dann kehrte ich um auf meiner Straße, um bald das Vaterland zu erreichen. Zu andern Zeiten wanderte ich weiter und weiter von Stadt zu Stadt, und suchte, ich wußte nicht was, und bemühte mich, ich weiß nicht welches Etwas zurückzulassen. Ich bin nicht imstande, die traurigen Veränderungen meiner Seelenleiden der Reihe nach zu schildern. Es gibt Träume, die nur unvollkommen und unbestimmt beschrieben werden können, und wenn ich mich zwinge, auf jene Zeit meines Lebens zurückzublicken, so scheint es mir, als riefe ich einen solchen Traum zurück. Ich sehe mich selbst wie einen Träumenden hindurcheilen mitten unter den Sehenswürdigkeiten fremder Städte, Paläste, Kathedralen, Tempel, Gemälde, Schlösser, Grabmäler, phantastischer Straßen – den alten Heimstätten der Geschichte und Dichtung – und meine Schmerzenslast überall mit hintragen, mir selbst kaum bewußt aller dieser Gegenstände, wie sie vor mir dahinschwinden. Gleichgültigkeit gegen alles, außer gegen den nagenden Gram, hieß die Nacht, die über mein ungeschultes Herz hereinbrach. Laßt mich daraus aufblicken – wie ich es, dem Himmel sei Dank, endlich tat! – aus diesem langen, traurigen, unseligen Traum empor zum anbrechenden Tage. Viele Monate reiste ich mit dieser immer düsterer werdenden Wolke über meinem Gemüt. Einige Gründe, nicht nach Hause zurückzukehren, die ich mir aber vergeblich recht deutlich zu machen suchte, ließen mich meine Reise fortsetzen. Manchmal war ich ruhelos von Ort zu Ort geschweift und hatte nirgends gerastet; manchmal verweilte ich lange an einer Stelle. Nirgends hatte ich ein Ziel oder einen Gedanken, der mich aufrechterhielt. Ich war in der Schweiz. Ich war aus Italien über einen der großen Alpenpässe gekommen und seitdem mit einem Führer in den Seitentälern des Gebirges herumgewandert. Wenn diese grauenhaften Einöden zu meinem Herzen gesprochen hatten, so wußte ich es nicht. Die schauerlichen Höhen und Abgründe, die tosenden Wasserfälle und die Eis- und Schneewüsten hatten mich mit erhabenem Schauer und Bewunderung erfüllt, aber bis jetzt hatten sie mich nichts andres gelehrt. Eines Abends vor Sonnenuntergang kam ich in ein Tal, wo ich die Nacht bleiben wollte. Während ich auf dem vielgewundenen Pfade herunterstieg über einem Bergesabhang, von dem ich das Tal schon tief unter mir erblickte, da überkam mich ein langentwöhntes Gefühl für Schönheit und Ruhe, und ein durch den Frieden der Umgebung erweckter, sänftigender Einfluß regte sich leise in meinem Herzen. Ich weiß noch, wie ich einmal stehen blieb, erfüllt von einer Art Schmerz, der gar nicht erdrückend, nicht ganz verzweifelt war. Ich weiß noch, daß ich fast hoffte, es könnte sich noch mit mir zum Bessern wenden. Ich erreichte das Tal, als die Abendsonne schon die höchsten Schneehäupter bestrahlte, die es gleich ewigen Wolken umschlossen hielten. Der Fuß der Berge, an den sich das Dörfchen in einer schluchtartigen Talsenkung anschmiegte, war üppig grün, und hoch über dieser zarten Vegetation wuchsen schwarze Fichtenwaldungen, die bestimmt waren, sich wie ein Bollwerk dem Winterschneesturm entgegenzustellen und der Lawine in den Weg zu treten. Darüber erhoben sich reihenweise steile Wände, grauer Fels, glänzendes Eis und einzelne samtene Matten, die sich nach und nach in dem alles überragenden Schnee verloren. Über die Berglehnen verstreut lagen einzelne winzigkleine Holzhäuser, die gegen die mächtigen Höhen kaum wie Spielzeug erschienen. So klein sahen auch die dicht aneinandergedrängten Häuser des Dorfes aus, und die hölzerne Brücke über dem Bach, der bald über zertrümmerte Felsen schäumte, bald donnernd zwischen Bäumen dahinschoß. Durch die stille Luft klang ein fernes Singen – es waren die Stimmen der Sennhirten; aber auf der Hälfte des Bergabhanges schwamm eine glänzende Abendwolke, und ich hätte fast glauben können, das Singen käme von dort, und sei keine irdische Musik. Da auf einmal in diesem Abendfrieden sprach die große Natur zu mir, und sprach mir zu, mein müdes Haupt auf den Rasen zu legen und zu weinen, wie ich seit Doras Tod noch nicht geweint hatte! Ich hatte im Gasthaus erst vor wenigen Minuten ein Paket Briefe für mich vorgefunden, und ging außerhalb des Dorfes spazieren, um sie zu lesen, während man mein Abendessen bereitete. Andere Briefsendungen hatten mich verfehlt, und ich hatte lange keine erhalten. Mit Ausnahme von wenigen Zeilen mit Nachricht, daß ich mich wohl befände, und an diesem oder jenem Orte eingetroffen sei, hatte ich, aus Mangel an Kraft oder Beständigkeit, keine Briefe seit meiner Abreise aus der Heimat geschrieben. Ich hatte das Paket in der Hand. Ich öffnete es und erblickte die Handschrift von Agnes. Sie war glücklich und machte sich nützlich, und es ging ihr so gut, wie sie gehofft hatte. Weiter sagte sie mir nichts von sich. Das übrige bezog sich auf mich. Sie gab mir keinen Rat, sie stellte mir keine Verpflichtungen vor Augen, sie sagte mir nur in der ihr eigenen eindringlichen und innigen Weise, was sie von mir vertrauend erwarte. Sie wüßte, sagte sie, daß ein Charakter wie der meinige auch den Schmerz zum Guten wenden werde. Sie sei gewiß, daß durch das Leid, das ich erfahren, all mein Streben eine festere und höhere Richtung gewonnen hätte. Sie, die so stolz auf meinen Ruhm sei und fest erwarte, daß er immer noch steigen werde, bis ich beglückt, verehrt und geliebt wegen meiner Werke sein würde, sie wisse, daß ich weiter arbeiten werde. Sie wisse, daß in meinem, wie in allen großen und guten Herzen der Schmerz zu einer Kraft und nicht zur Schwäche werde. Da die harte Schule in meiner Kindheit ihr Teil an dem gehabt hätte, was ich geworden sei, so würden mich diese größeren Unglücksschläge nur stählen, und mich immer nur besser machen, so daß ich wieder andre lehren könne, nachdem ich durch sie gelernt hätte. Sie empfahl mich Gott, der meinen unschuldigen Liebling in seine Ruhe aufgenommen hätte, und sie versicherte mich ihrer schwesterlichen Zuneigung, die mich begleiten werde, wohin ich auch ginge, die stolz sei auf das, was ich vollbracht hätte, aber noch unendlich viel stolzer auf das, was mir noch vorbehalten wäre zu tun. Ich barg den Brief an meiner Brust und dachte, wie verzagt ich doch noch eine Stunde vorher gewesen wäre! Als ich hörte, wie die Stimmen in der Ferne erstarben, und sah, wie die friedliche Abendwolke dunkel wurde, alle Farben im Tale dahinschwanden, und der goldige Schnee der Bergspitzen wie zu einem fernen Teil des bleichen Nachthimmels wurde, und doch fühlte, daß die Nacht von meiner Seele wich und alle ihre Schatten sich erhellten, da war die Liebe, die ich für sie hegte, namenlos groß geworden, für sie, die mir von nun an teurer war, als sie je gewesen. Ich las ihren Brief vielmals. Ich schrieb an sie vor dem Schlafengehen. Ich sagte ihr, daß ich ihres Beistandes gar sehr benötigt gewesen; daß ich ohne sie nie geworden wäre, wofür sie mich hielt; aber daß sie mich aufmunterte zu dem Bestreben, so zu werden, und daß ich es versuchen würde. Ich versuchte es. Nach Ablauf von noch drei Monaten wäre ein ganzes Jahr vergangen seit dem Anfang meines großen Schmerzes. Ich beschloß, vor Ablauf dieser drei Monate keinen festen Entschluß zu fassen, aber den Versuch zu machen. Ich blieb die ganze Zeit über in diesem Tale und seiner Nachbarschaft. Nach Ablauf der drei Monate beschloß ich, noch einige Zeit länger von Hause wegzubleiben, mich vorderhand in der Schweiz, die mir durch die Erinnerungen an diesen Abend so lieb geworden war, niederzulassen, wieder die Feder zur Hand zu nehmen und zu arbeiten. Bescheiden wandte ich mich dahin, wohin mich Agnes empfahl: ich suchte Trost bei der Natur, die niemals vergeblich aufgesucht wird, und ich erlaubte der Teilnahme an menschlichen Interessen den Zutritt zu meiner Brust, den ich ihr bis jetzt verweigert hatte. Es dauerte nicht lange und ich hatte schon fast so viele Freunde im Tal wie in Yarmouth; und als ich es vor Anbruch des Winters verließ, um nach Genf zu gehen, und im Frühling zurückkehrte, heimelten mich ihre herzlichen Begrüßungen an, obgleich sie keine vaterländischen Töne hatten. Ich arbeitete früh und spät angestrengt und mit Ausdauer. Ich schrieb einen Roman, dessen Sujet in näherer Beziehung zu meinen Erlebnissen stand, und schickte ihn an Traddles, der seine Veröffentlichung unter sehr vorteilhaften Bedingungen für mich besorgte; Nachrichten meines wachsenden Rufs erreichten mich allmählich durch Reisende, die ich zufällig traf. Nach einiger Rast und Zerstreuung fing ich wieder in meiner alten eifrigen Weise an einem Werke zu schreiben an, das mich auf das lebhafteste beschäftigte. Dieses Interesse wuchs, je weiter ich damit vorrückte, und ich strengte die Kräfte meines Geistes aufs äußerste an. Das war mein dritter Roman. Er war noch nicht halb fertig, als ich in einer Ruhepause an das Nachhausereisen dachte. Seit längerer Zeit hatte ich mich, trotz eifrigem Studieren und Arbeiten, an körperliche Übungen gewöhnt. Meine bei der Abreise aus England sehr geschwächte Gesundheit war ganz wiederhergestellt. Ich hatte viel gesehen. Ich war in vielen Ländern gewesen, und hatte, glaube ich, meine Kenntnisse bereichert. Ich habe von dieser Reisezeit alles, was ich für notwendig hielt, offenbart – mit einem Vorbehalt. Ich habe ihn bisher nicht zu dem Zwecke gemacht, einen meiner Gedanken zu verheimlichen; denn wie ich bereits sagte, diese Erzählung ist mein geschriebenes Gedächtnis. Ich wünschte die geheimste Seite meines Gemüts bis zuletzt zu verbergen. Ich werde sie jetzt darlegen. Ich kann das Geheimnis meines Herzens nicht so vollständig durchdringen, daß ich wüßte, wann ich anfing zu denken, ich hätte seine frühesten und schönsten Hoffnungen auf Agnes stützen können. Ich weiß nicht, in welcher Periode meines Schmerzes mir zuerst der Gedanke kam, daß ich in gedankenloser Jugend das Kleinod ihrer Liebe verschmäht hätte. Ich glaube, eine Ahnung dieses Gedankens kam mir zuerst in dem alten schmerzlichen Vermissen eines nie zu verwirklichenden Etwas, das ich schon früher beschrieben hatte. Aber der Gedanke war mir ein neuer Vorwurf und eine neue Reue, als ich so bekümmert und einsam in der Welt dastand. Wenn ich zu jener Zeit viel mit Agnes verkehrt hätte, so hätte ich es ihr in der Schwäche meiner Bekümmernis gewiß verraten. Eine entfernte Ahnung davon veranlaßte mich zuerst, nicht sobald nach England zurückzukehren. Ich konnte nicht den Verlust des kleinsten Teiles ihrer schwesterlichen Liebe ertragen; und doch, wenn ich es verriet, hätte ich ein uns bis dahin unbekanntes und gezwungenes Verhältnis veranlaßt. Ich konnte nicht vergessen, daß das Gefühl, mit dem sie mich jetzt betrachtete, aus meiner eignen freien Wahl und meiner Handlungsweise erwachsen war. Wenn sie mich je anders geliebt hatte – und ich dachte manchmal, es hätte eine Zeit gegeben, wo das möglich gewesen wäre – so hatte ich sie verschmäht. Jetzt konnte es mir nichts helfen, daß ich mich gewöhnt hatte, an sie, als wir beide noch Kinder waren, als an ein Wesen zu denken, das hoch erhaben über meinen kindischen Träumen stand. Ich hatte meine leidenschaftliche Zärtlichkeit einer andern gewidmet, und was ich hätte tun können, hatte ich nicht getan, und was Agnes mir jetzt war, dazu hatte ich selbst und ihr eignes edles Herz sie gemacht. Zu Anfang der Veränderung, die allmählich mit mir vor sich ging, als ich versuchte, mich richtiger zu verstehen und ein besserer Mensch zu werden, dachte ich mir nach einer unbestimmten Prüfungsfrist eine Zeit, wo ich vielleicht meine mißverstandene Vergangenheit vergessen machen und so glücklich sein könnte, sie zu heiraten. Aber mit dem Verlauf der Zeit verblich diese unbestimmte Aussicht, und verließ mich zuletzt ganz. Damals sagte ich mir, wenn sie mich jemals geliebt hätte, so mußte ich sie um so heiliger halten, wenn ich bedachte, welches Vertrauen ich ihr geschenkt, welche Kenntnis sie von meinem irrenden Herzen hatte, welche Opfer sie mir gebracht haben mußte, um meine Freundin und Schwester zu sein, und welchen Sieg sie über sich errungen hätte. Wenn sie mich aber nicht geliebt hatte, konnte ich dann glauben, sie werde mich jetzt lieben? Ich hatte immer im Vergleich mit ihrer Beständigkeit und Stärke meine Schwäche gefühlt, und jetzt fühlte ich sie immer mehr. Was ich ihr oder sie mir auch vor langer Zeit hätte sein können, jetzt war das vorbei. Ich hatte die Zeit verstreichen lassen und verdient, sie zu verlieren. Wahr ist, daß ich viel an diesen innern Kämpfen litt, daß sie mich unglücklich machten und mit Reue erfüllten, und daß mich dabei doch das Gefühl aufrechterhielt, daß Recht und Ehre von mir verlangten, mit Beschämung den Gedanken von mir fernzuhalten, mich nach dem Welken meiner Hoffnungen an das geliebte Mädchen zu wenden, von dem ich mich in der Blütezeit meiner Hoffnungen leichtsinnig abgewendet hatte – und diese Rücksicht lag jedem Gedanken zugrunde, den ich ihr weihte. Ich mache mir jetzt kein Hehl mehr daraus, daß ich sie auf das innigste liebte; aber ich prägte mir auch die Überzeugung ein, daß es jetzt zu spät sei, und daß ich unser so lange bestehendes geschwisterliches Verhältnis nicht verschieben dürfe. Ich hatte oft und viel daran gedacht, was, wie Dora es angedeutet hatte, wohl in den Jahren geschehen sein würde, die uns als Prüfungszeit vergönnt waren. Ich hatte darüber nachgedacht, wie Dinge, die nie geschehen, in ihren Folgen ebensooft Wirklichkeiten für uns sind wie andere, die sich erfüllen. Gerade die Jahre, von denen sie gesprochen hatte, waren jetzt Wirklichkeit und dienten zu meiner Besserung und würden sich eines Tages, vielleicht ein bißchen später, verwirklicht haben, selbst wenn wir uns in unsrer frühesten Torheit getrennt hätten. Ich versuchte das, was zwischen mir und Agnes hätte sein können, in ein Mittel zu verwandeln, mich selbstverleugnender, entschlossener, meiner selbst und meiner Fehler und Irrtümer bewußter zu machen. Und so kam ich durch den Gedanken, daß es einst hätte sein können, zu der Überzeugung, daß es niemals mehr sein würde. Diese Gedanken und die aus ihnen entstehende Verwirrung und Inkonsequenz jagten sich wie bestandloser Flugsand in meinem Geiste von der Zeit meiner Abreise aus der Heimat bis zu meiner Rückkehr dahin, drei Jahre später. Drei Jahre waren seit der Abfahrt des Auswandrerschiffes vergangen, als ich zu derselben Abendstunde und an derselben Stelle auf dem Verdeck des heimkehrenden Paketschiffes stand, und in das von der Abendsonne rosig angehauchte Wasser blickte, wo ich das Bild jenes Schiffes sich hatte abspiegeln sehen. Drei Jahre! Eine lange Zeit, wenn man sie zusammen betrachtet, obgleich sie kurz war in ihrem Verlauf. Und die Heimat war mir teuer und auch Agnes – aber sie war nicht mein – sie sollte nie mein werden. Sie hätte es werden können, aber das war vorbei. Neunundfünfzigstes Kapitel. Die Rückkehr. Ich stieg in London an einem winterähnlichen Herbstabend ans Land. Es regnete und war finster, und ich sah in einer Minute mehr Nebel und Schmutz, als ich in einem Jahre gesehen hatte. Ich mußte vom Zollhause bis zum Monument gehen, ehe ich einen Mietwagen fand; und obgleich mich die Häuser, die auf die überlaufenden Straßenrinnen herabblickten, wie alte Freunde ansahen, mußte ich doch zugeben, daß es sehr schmutzig aussehende Freunde waren. Ich habe oft bemerkt – und ich vermute, es ergeht jedem so – daß, sobald wir einen uns wohlvertrauten Ort verlassen, dies das Signal zu seiner Veränderung zu sein scheint. Als ich aus dem Wagenfenster sah und bemerkte, daß ein altes Haus auf Fishstreet Hill, das seit einem Jahrhundert weder Maler noch Zimmermann und Maurer berührt hatte, in meiner Abwesenheit niedergerissen war, und daß eine benachbarte Straße, die von alters her ein Anrecht auf Unsauberkeit und Mangel an Bequemlichkeit zu haben schien, entwässert und erweitert wurde, erwartete ich halb und halb, auch die Kathedrale von St. Paul verändert zu finden. Auch auf einige Veränderungen in den Verhältnissen meiner Freunde war ich gefaßt. Meine Tante hatte sich längst wieder in Dover eingelebt, und Traddles hatte schon in der ersten Sessionszeit nach meiner Abreise einige Praxis als Advokat erlangt. Er hatte jetzt sein Bureau in Graysinn, und hatte mir in seinen letzten Briefen geschrieben, daß er nicht ohne Hoffnung sei, bald mit dem geliebtesten Mädchen von der Welt verbunden zu werden. Sie erwarteten mich noch vor Weihnachten, aber ahnten nicht, daß ich sobald zurückkehren würde. Ich hatte ihnen absichtlich nichts davon geschrieben, weil ich mir das Vergnügen machen wollte, sie zu überraschen. Und dennoch war ich töricht genug, mich getäuscht und verstimmt zu fühlen, daß ich keinen Willkommen fand, und allein und schweigend durch die nebligen Straßen fahren mußte. Aber die alten bekannten Läden mit ihrem heitern Lichterglanz frischten mich wieder etwas auf; und als ich vor dem Kaffeehaus in Graysinn ausstieg, war ich nicht mehr verstimmt. Das Haus erinnerte mich zuerst an die so ganz verschiedene Zeit, wo ich im Goldenen Kreuz abgestiegen war, und an die Veränderungen, die sich seit der Zeit ereignet hatten; aber das war natürlich. »Wissen Sie, wo Mr. Traddles wohnt?« fragte ich den Kellner, als ich mich an dem Kamin des Speisezimmers wärmte. »Holborn Court, Nummer zwei«, antwortete der Kellner. »Mr. Traddles Ruf ist unter den Advokaten im Wachsen, glaube ich«, sagte ich. »Das ist wohl möglich, Sir,« entgegnete der Kellner, »ich selber weiß nichts davon.« Dieser Kellner, ein hagerer Mann in mittleren Jahren sah sich nach der Unterredung fragend nach einem Kellner von mehr Autorität um – einem dicken, stattlichen Manne mit einem Doppelkinn, mit schwarzen Strümpfen und Kniehosen, der aus einem Verschlage am Ende des Speisesaals kam, der einem Kirchenstuhl glich. Hier hauste er mit einem Geldkasten, einem Adreßkalender, einem Advokatenverzeichnis und andern Büchern und Papieren. »Mr. Traddles,« sagte der hagere Kellner, »Nummer zwei, im Hofe.« Der Kellner von wichtigem Aussehen winkte ihm ab, und wandte sich voll Würde an mich. »Ich fragte«, sagte ich, »ob Mr. Traddles in Nummer zwei im Hofe ein Mann ist, dessen Ansehen bei den Advokaten im Wachsen ist.« »Habe nie seinen Namen gehört«, meinte der Kellner mit einer vollen, etwas heisern Stimme. Ich fühlte mich in Traddles Namen ordentlich gedemütigt. »Er ist wohl noch ein junger Mann«, fragte der Kellner, und musterte mich mit strengen Augen. »Wie lange hat er die Advokatur?« »Noch nicht über drei Jahre«, erwiderte ich. Der Kellner, der wohl seine vierzig Jahre in seinem Kirchenstuhlverschlage gesessen haben mochte, konnte einen so unbedeutenden Gegenstand nicht weiter verfolgen. Er fragte mich, was ich zu Mittag essen wolle? Ich fühlte, daß ich wieder in England war, und war wegen Traddles wirklich ganz niedergedrückt. Er schien auch gar keine Aussicht zu haben. Bescheiden bestellte ich Fisch und dann Beefsteak, und stand vor dem Feuer, in Gedanken mit meines Freundes bescheidener Stellung beschäftigt. Als ich dem Oberkellner mit den Augen folgte, konnte ich den Gedanken nicht unterdrücken, daß der Garten, in dem er allmählich zu dieser Blume herangewachsen war, ein schwieriger Boden sein müsse: so verjährt, steifnackig, altgewohnt, feierlich und ältlich sah er aus. Ich blickte mich im Zimmer um, dessen Fußboden unzweifelhaft genau in derselben Weise mit Sand bestreut wurde wie damals, als der Oberkellner noch ein Junge war – wenn er je ein Junge gewesen war, was aber unwahrscheinlich schien – und sah auf die glänzend polierten Tische, in deren durch kein Untätchen entstellten Mahagoniplatten ich mich spiegelte, und blickte auf die tadellos gereinigten und geputzten Lampen, und auf die behaglichen grünen Vorhänge, die an saubern Messingstäben die besonderen Kabinette traulich verhüllten, und ich betrachtete die beiden großen, hellflackernden Kohlenfeuer und die Reihen von Humpen, die sich aufblähten in dem Bewußtsein, unter sich Fässer mit kostbarem alten Portwein zu haben, und ich hatte die Empfindung, als sei sowohl England wie die ganze Juristerei schwer im Sturm zu nehmen. Ich ging sodann hinauf in mein Schlafzimmer, um meine nassen Kleider zu wechseln, und die große Ausdehnung des alten, getäfelten Gemachs – das, wie ich mich erinnere, über dem großen gewölbten Torweg des Gasthofs lag – und die ehrfurchterweckende Riesengröße des Himmelbettes, der unerschütterliche Ernst der Kommode, alles dies schien sich zu vereinigen, um stirnrunzelnd das Geschick von Traddles oder irgend eines wagehalsigen Jünglings zu bedrohen. Ich ging wieder hinab, um mein Mittagsbrot zu verzehren, und selbst der langweilige Komfort des Mahles und das gesittete Schweigen des Lokals – das ganz leer von Gästen war, da die großen Ferien noch nicht zu Ende waren – sprachen beredt gegen Traddles' Dreistigkeit und seine bescheidenen Hoffnungen auf eine Einnahme in den nächsten zwanzig Jahren. Ich hatte nichts dem ähnliches gesehen, seitdem ich abgereist war, und dies schlug meine Hoffnungen für den Freund gänzlich nieder. Der Oberkellner hatte auch genug von mir. Er kam mir nicht mehr zu nahe, sondern widmete sich ganz einem alten Herrn in langen Gamaschen, für den eine ganz besondere Flasche Port freiwillig aus dem Keller heraufgekommen zu sein schien, denn er hatte sie nicht bestellt. Der zweite Kellner erzählte mir flüsternd, daß dieser alte Herr ein in der Nähe wohnender Notar sei, der sich zur Ruhe gesetzt habe. Er sei steinreich, und werde wahrscheinlich sein Vermögen der Tochter seiner Waschfrau hinterlassen; auch gehe das Gerücht, daß er sein ganzes silbernes Service, ganz blind geworden vom langen Liegen, in einem Schranke habe, obgleich sterbliche Augen nie mehr als einen silbernen Löffel und eine silberne Gabel in seiner Wohnung gesehen hätten. Jetzt gab ich Traddles ganz verloren, und war innerlich überzeugt, daß für ihn keine Hoffnung mehr übrig war. Da ich jedoch meinen lieben alten Freund gar zu gern sehen wollte, fertigte ich mein Mittagessen in einer Weise ab, die nicht geeignet war, mich in der Achtung des Oberkellners zu heben, und eilte zu einer Hintertür hinaus. Nummer zwei im Hofe war bald erreicht; und da mich ein Schild an der Tür benachrichtigte, daß die Bureaustube von Mr. Traddles im obersten Stock sei, stieg ich die Treppe hinauf. Es war eine alte gebrechliche Treppe, auf jedem Absatz schwach erleuchtet von einem kleinen dickköpfigen Docht, der in einem kleinen Kerker von schmutzigem Glas hinstarb. Während meines Hinaufstolperns glaubte ich ein angenehmes Lachen zu hören; es war nicht das Lachen eines Notars, oder eines Advokaten, oder eines Advokatenschreibers, sondern das Lachen von zwei oder drei lustigen Mädchen. Da ich jedoch, als ich stillstand, um zu lauschen, zufällig mit dem Fuße in ein Loch kam, wo die ehrenwerte Gesellschaft von Graysinn ein schadhaftes Brett nicht ausgebessert hatte, fiel ich mit einigem Lärm hin, und als ich aufstand, war alles still. Nun tappte ich vorsichtig weiter, und mein Herz klopfte laut, als die Wohnungstür, mit einem Schilde mit Mr. Traddles' Namen, offen stand. Ich klopfte. Man hörte drinnen das Geräusch von eiligen Schritten und Tritten, aber weiter nichts. Ich klopfte daher noch einmal. Ein kleiner Bursche mit pfiffigem Gesicht trat heraus, halb Laufbursche und halb Schreiber, der außer Atem war, mich aber ansah, als fordere er mich auf, ihm erst jede etwaige Bemerkung rechtskräftig zu beweisen. »Ist Mr. Traddles zu sprechen?« fragte ich. »Ja, Sir, aber er ist beschäftigt.« »Ich möchte ihn aber sprechen!« Nachdem er mich eine Weile gemustert hatte, entschloß sich der Bursche mit dem pfiffigen Gesicht, mich einzulassen, machte die Tür zu diesem Zweck weiter auf, und ließ mich erst in ein kleines Kämmerchen von einem Vorsaal, und dann in ein kleines Wohnzimmer treten, wo ich meinen alten Freund – ebenfalls außer Atem – an einem Tische, über Papiere gebeugt, sitzen sah. »Guter Gott!« rief Traddles, als er aufblickte. »Copperfield!« und stürzte mir in die Arme, in denen ich ihn fest umschlungen hielt. »Befindet sich alles wohl, lieber Traddles?« »Alles wohl, mein lieber, lieber Copperfield. Und nichts als gute Nachrichten!« Wir weinten beide vor Freude. »Lieber Freund,« sagte Traddles, und fuhr sich in seiner Aufregung in den Haaren herum, was eigentlich höchst unnötig war, »liebster Copperfield, mein lang entbehrter und höchst willkommener Freund, wie froh bin ich, dich zu sehen! Und wie gebräunt du aussiehst, und, und – auf Ehre! so habe ich mich noch nie im Leben gefreut – noch nie!« Ich war ebenfalls nicht imstande, meinem Gefühl Ausdruck zu geben. Anfangs konnte ich gar nicht sprechen. »Bester Freund!« sagte Traddles. »Und so berühmt geworden! Mein herrlicher Copperfield! Guter Gott, wann bist du gekommen, woher bist du gekommen, was hast du getrieben?« Ohne auf eine Antwort zu warten, schürte Traddles, der mich in einen Lehnstuhl neben den Kamin gedrückt hatte, die Zeit über mit einer Hand das Feuer, und zog mit der andern an meinem Halstuch, beherrscht von einer abenteuerlichen Täuschung, daß es ein Überrock sei. Ohne das Schüreisen hinzulegen, umarmte er mich wieder, und ich umarmte ihn; und lachend und uns die Augen trocknend, setzten wir uns beide wieder hin, und schüttelten uns noch immer die Hände. »Wie schade,« sagte Traddles, »daß du sobald nach Hause kommen solltest, lieber alter Freund, und nun nicht einmal bei der Feierlichkeit warst.« »Bei welcher Feierlichkeit, lieber Traddles?« »Du lieber Gott!« rief Traddles, und sperrte in seiner alten Weise die Augen auf. »Hast du meinen letzten Brief nicht erhalten?« »Gewiß nicht, wenn darin von einer Feierlichkeit die Rede war.« »Liebster Copperfield,« sagte Traddles und strich sich das Haar mit beiden Händen gerade in die Höhe, und legte dann seine Hand auf meine Knie, »ich bin verheiratet!« »Verheiratet!« rief ich erfreut. »Jawohl, gottlob!« sagte Traddles – »getraut durch Sr. Ehrwürden Horace mit Sophien – dort unten in Devonshire. Ja, bester Freund, und sie steht ja dort hinter dem Fenstervorhang, sieh nur hin!« Zu meinem Erstaunen trat das beste Mädchen in diesem Augenblick lachend und errötend aus ihrem Versteck hervor. Und ein froheres, liebenswürdigeres, ehrlicheres, glücklicheres Brautgesicht, glaube ich, hat die Welt nie gesehen, und ich mußte es ihr auch auf der Stelle aussprechen. Ich küßte sie, kraft meines Rechts als alter Bekannter, und wünschte ihr von ganzem Herzen Glück. »Mein Gott,« sagte Traddles, »welch ein freudiges Wiedersehen! Du bist so schrecklich braun geworden, lieber Copperfield! Mein Gott, wie glücklich bin ich!« »Und ich auch!« sagte ich. »Und ich gewiß auch!« sagte die errötende und lachende Sophie. »Wir sind alle so glücklich wie nur möglich!« sagte Traddles. »Auch die Mädchen sind glücklich. Ach, Himmel, die habe ich ja ganz vergessen!« »Wen vergessen?« fragte ich. »Die Mädchen«, sagte Traddles. »Sophies Schwestern. Sie sind bei uns auf Besuch. Sie wollen sich ein bißchen London besehen. Und um die Wahrheit zu gestehen – als du zur Treppe heraufgestolpert kamst, denn das warst du doch, Copperfield?« »Jawohl«, bekannte ich lachend. »Nun also, als du die Treppe heraufstolpertest,« sagte Traddles, »spielte ich grade mit den Mädchen; und noch dazu ›der Plumpsack geht rum!‹ Aber da sich das in Westminster-Hall nicht schickt, und es auch nicht sonderlich für einen Advokaten paßt, wenn ein Klient kommt, so sind sie ausgerissen. Und sie horchen jetzt ganz gewiß«, sagte Traddles, und sah nach der Tür eines andern Zimmers. »Tut mir leid, daß ich eine solche Störung verursacht habe«, bemerkte ich, und lachte wieder. »Auf mein Wort,« entgegnete Traddles hocherfreut, »wenn du gesehen hättest, wie sie ausrissen und wieder zurückkamen, als du geklopft hattest, um die Kämme zu holen, die sie aus den Haaren verloren hatten, und ganz verschüchtert waren, so würdest du das nicht sagen. Liebe Sophie, willst du die Mädchen holen?« Sophie trippelte hinaus, und wir hörten gleich darauf, wie sie im Nebenzimmer mit frohem Gelächter begrüßt wurde. »Wahre Musik, lieber Copperfield, nicht wahr?« sagte Traddles. »Sehr angenehm zu hören. Es heitert ordentlich diese alten Gemächer auf. Für einen alten Junggesellen, der sein ganzes Leben lang an die Einsamkeit gewöhnt war, ist es eine köstliche Erquickung. Es ist reizend. Die armen Mädchen, sie haben viel verloren an Sophie – die, ich versichere es dich, Copperfield, das beste Mädchen ist und immer war! – und es tut mir über alle Maßen wohl, daß sie in so heiterer Stimmung ist. Solch ein Kranz junger Mädchen ist eine sehr angenehme Sache, Copperfield. Es schickt sich eigentlich nicht in einem Advokaten-Bureau, aber es ist sehr angenehm.« Da ich bemerkte, daß seine Stimme etwas unsicher wurde, und ich wohl begriff, daß sein vortreffliches Herz fürchtete, er hätte mir durch die letzten Worte einigen Schmerz verursachen können, so drückte ich meine Zustimmung mit einer Lebhaftigkeit aus, die ihn offenbar tröstete und freute. »Aber unsere ganze häusliche Einrichtung«, sagte Traddles, »ist, die Wahrheit zu gestehen, ganz und gar unschicklich für ein Advokaten-Bureau, lieber Copperfield. Selbst daß Sophie hier ist, schickt sich nicht für ein Advokaten-Bureau. Und wir haben keine andere Wohnung. Wir haben uns in einer Nußschale auf das Meer gewagt, aber sind auf alles gefaßt. Und Sophie ist eine so gewandte Hausfrau; du würdest dich wundern, zu sehen, wie sie die Mädchen untergebracht hat – ich weiß wahrhaftig selber kaum, wie sie es zustande gebracht hat.« »Sind viele von den jungen Damen bei dir zu Besuch?« fragte ich. »Die älteste ist hier, die Schönheit,« sagte Traddles im leisen vertraulichen Tone, »Karoline. Und Sara ist hier, die, von der ich dir sagte, daß sie etwas mit dem Rückgrat hat. Viel, viel besser geworden! und die zwei jüngsten, die Sophie erzogen hat, sind hier. Und Luise ist da.« »Wirklich!« rief ich. »Ja«, sagte Traddles. »Und dennoch, siehst du, besteht die ganze Wohnung nur aus drei Zimmern; aber Sophie hat alles auf das Wunderbarste eingerichtet, und die Mädchen sind für die Nacht ganz vortrefflich untergebracht. Drei schlafen in diesem Zimmer«, sagte Traddles, und wies mit dem Finger auf die Tür, »und zwei in jenem.« Ich konnte nicht anders, und mußte mich nach dem Platze umsehen, der für Mrs. und Mr. Traddles übrig blieb. Traddles verstand mich. »Nun ja, Freundchen, wir sind auf alles gefaßt, wie ich vorhin schon sagte,« lächelte Traddles; »und wir versuchten es vorige Woche mit einem Bett auf dem Fußboden hier. Aber oben unter dem Dach ist ein Zimmerchen – ein ganz hübsches Zimmerchen, wenn man erst oben ist – das Sophie, um mich zu überraschen, selbst tapeziert hat; und das ist jetzt unser Schlafzimmer. Es ist ein ganz herrliches Zigeunerplätzchen. Man hat sogar eine Aussicht aus dem Fenster.« »Und du bist nun glücklich verheiratet, lieber Traddles«, sagte ich. »Wie mich das freut!« »Ich danke dir, lieber Copperfield«, erwiderte Traddles, als wir uns von neuem die Hände schüttelten. »Ja, ich bin so glücklich, wie es nur möglich ist. Da ist dein alter Freund,« sagte Traddles, und wies mit dem Kopf frohlockend auf den Blumentopf mit dem Untergestell; »und da ist der Tisch mit der Marmorplatte! Die übrigen Möbel sind einfach und bequem, wie du siehst. Und von Silber, du mein Himmel, haben wir auch nicht einen einzigen Teelöffel.« »Alles das muß erst verdient werden!« sagte ich heiter. »Sehr wahr,« entgegnete Traddles, »alles muß erst verdient werden. Natürlich haben wir so etwas wie Teelöffel, weil wir unsern Tee umrühren. Aber sie sind von Neusilber.« »Das Silber wird euch um so mehr Freude machen, wenn es mit der Zeit kommt«, meinte ich. »Genau das sagen wir auch!« rief Traddles. »Und,« fuhr er fort, indem er wieder in den leisen, vertraulichen Ton fiel, »und siehst du, mein lieber Copperfield, nachdem ich meine Beweisschrift über ›Jipes versus Wigzell‹ eingereicht hatte, was mir große Dienste in meinem Berufe tat, ging ich hinunter nach Devonshire und hatte eine ernste Unterredung unter vier Augen mit Seiner Ehrwürden. Ich betonte die Tatsache, daß Sophie, die, ich versichere dich, Copperfield, das beste Mädchen ist –« »Sicherlich ist sie das!« sagte ich. »Das ist sie wirklich!« erwiderte Traddles. »Aber ich fürchte, ich schweife ab. Erwähnte ich nicht Seine Ehrwürden?« »Du sagtest, daß du die Tatsache betont –« »Richtig! Die Tatsache, daß Sophie und ich eine lange Zeit verlobt gewesen sind und zwar mit der Erlaubnis ihrer Eltern, und daß Sophie mehr als zufrieden wäre, mich – kurz,« sagte Traddles mit seinem alten freimütigen Lächeln, »mit unsrer augenblicklichen Neusilbergarnitur zu nehmen. Nun gut. Ich machte Seiner Ehrwürden dann den Vorschlag, – er ist nämlich ein ganz ausgezeichneter Geistlicher, Copperfield, und sollte eigentlich Bischof sein oder wenigstens so viel haben, daß er davon leben könnte, ohne darben zu müssen – daß, wenn ich erst über den Berg wäre und, sagen wir, 250 Pfund jährliche Einnahme hätte und fürs nächste Jahr dasselbe oder auch noch etwas mehr, und dabei eine kleine Wohnung, wie diese, einfach möblieren könnte, dann Sophie und ich in diesem Falle heiraten wollten. Ich nahm mir die Freiheit, vorzustellen, daß wir eine hübsche Anzahl von Jahren geduldig gewartet hätten, und daß Sophies außerordentliche Nützlichkeit zu Hause ihre zärtlichen Eltern nicht bestimmen dürfe, sie an ihrer Lebensversorgung zu hindern – meinst du nicht auch?« »Gewiß sollte das nicht der Fall sein«, sagte ich. »Ich freue mich, daß du auch so denkst, Copperfield,« erwiderte Traddles, »denn ohne dem ehrwürdigen Herrn zu nahe zu treten, glaube ich doch, daß Eltern, Brüder und so weiter in solchen Fällen manchmal sehr selbstsüchtig sind. Nun, ich wies auch darauf hin, daß ich den lebhaftesten Wunsch hegte, mich der Familie nützlich zu machen, und daß, wenn ich in der Welt vorwärts käme, und ihm – ich meine Seiner Ehrwürden – etwas zustieße –« »Ich verstehe«, sagte ich. »Oder Mrs. Crewler – so würde es mir zur höchsten Genugtuung gereichen, den Mädchen ein Vater zu werden. Er antwortete in vortrefflicher Weise, außerordentlich schmeichelhaft für meine Gefühle und unternahm es, die Einwilligung von Mrs. Crewler zu diesem Plane zu erlangen. Sie hatten dann eine schlimme Zeit mit ihr. Es stieg ihr von den Beinen in die Brust und dann in den Kopf –« »Was stieg?« fragte ich. »Ihr Kummer«, antwortete Traddles ganz ernsthaft. »Überhaupt die ganze Aufregung. Wie ich schon bei einer frühern Gelegenheit erwähnte, ist sie eine sehr bedeutende Frau, hat aber den Gebrauch ihrer Gliedmaßen verloren. Wenn irgend etwas geschieht, das sie beunruhigt, so wirft es sich auf ihre Beine, aber bei dieser Gelegenheit stieg es ihr in die Brust und dann in den Kopf, kurz, es durchdrang ihren ganzen Körper in einer höchst erschreckenden Weise. Indessen, mit unablässiger und zärtlicher Pflege wurde sie durchgebracht, und gestern vor sechs Wochen heirateten wir. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie sehr ich mich als Ungeheuer fühlte, Copperfield, als ich sah, wie die ganze Familie weinte und nach allen Richtungen in Ohnmacht fiel! Mrs. Crewler war es unmöglich, mich vor unserer Abreise zu sehen – sie konnte mir damals noch nicht verzeihen, daß ich sie ihres Kindes beraubte – aber sie ist ein gutes Wesen und hat mir seitdem verziehen. Ich habe erst heute früh einen reizenden Brief von ihr erhalten.« »Und mit einem Worte, lieber Freund,« sagte ich, »du bist so glücklich, wie du nur verdienst es zu sein!« »O! das ist dein Vorurteil für mich!« lachte Traddles. »Aber ich gestehe es ein, ich bin ein ganz beneidenswerter Mensch, ich arbeite angestrengt und studiere unermüdlich. Ich stehe um fünf Uhr jeden Morgen auf, und es fällt mir nicht beschwerlich. Den Tag über verstecke ich die Mädchen und sie müssen sich still verhalten, und abends spielen wir kreuzvergnügt miteinander. Und ich versichere dich, es tut mir ordentlich leid, daß sie Dienstag, wo der Michaelistermin beginnt, wieder abreisen; aber da sind die Mädchen« – und jetzt seine vertrauliche Mitteilung abbrechend, sprach er laut, »Mr. Copperfield, Miß Crewler – Miß Sara – Luise – Margarete und Lucy!« Sie sahen so frisch und gesund aus wie ein Rosenstrauß. Sie waren alle hübsch, und Miß Karoline war wirklich sehr schön; aber in Sophies freundlichem Gesicht lag etwas so Gemütliches, Zärtliches, Häusliches, was noch viel besser war, und mir die Versicherung gab, daß mein Freund gut gewählt habe. Wir nahmen alle um den Kamin Platz, während der Bursche mit dem pfiffigen Gesicht, der, wie ich nun erriet, außer Atem gekommen war, weil er schnell die Aktenstücke auf dem Tische ausgelegt hatte, sie wieder wegräumte und das Teezeug brachte. Dann entfernte er sich für den Abend, indem er die Außentür laut genug zuschlug. Mrs. Traddles, aus deren lieben Augen nur Freude und stille Ruhe strahlten, bereitete den Tee, und röstete dann ganz ruhig in ihrer Ecke am Feuer den Toast. Sie hätte Agnes besucht, erzählte sie mir unterdessen. Tom hatte mit ihr nach der Hochzeit einen kleinen Ausflug nach Kent gemacht, und dort hatte sie auch meine Tante gesehen, und meine Tante und Agnes befanden sich wohl, und hatten von nichts gesprochen als von mir. »Tom« hätte mich während meiner Abwesenheit beständig im Kopfe gehabt, glaube sie. »Tom« war die Autorität für alles. »Tom« war offenbar der Abgott ihres Lebens, der sich durch nichts auf seinem Thron erschüttern ließ, und dem sie mit dem ganzen Glauben ihres Herzens, komme was da wolle, anhing und huldigte. Die Ehrerbietung, die sowohl sie, wie Traddles gegen die »Schönheit« an den Tag legte, machte mir viel Vergnügen. Wohl nicht, weil ich das für sehr verständig hielt; aber es kam mir erfreulich vor, und schien mir wesentlich zu ihrem Charakter zu gehören. Wenn Traddles einen Augenblick die noch zu erwerbenden Teelöffel vermißte, so konnte es nur sein, als er der »Schönheit« die Teetasse reichte. Wenn seine sanftmütige Frau gegen jemand so etwas wie Selbstbewußtsein hätte herauskehren können, so konnte das sicherlich nur deswegen der Fall sein, weil ihre Schwester eine »Schönheit« war. Einige leise Andeutungen launischen Wesens, die ich an der »Schönheit« bemerkte, betrachteten Traddles und seine Gattin offenbar als ihr angebornes Recht, und als eine Gabe der Natur. Wenn jene als Königin der Bienen und sie als Arbeitsbienen geboren worden wären, so hätten sie nicht zufriedener sein können. Aber dieses Vergessen ihres eigenen Selbst entzückte mich. Ihr Stolz auf die Schwestern, und ihr Nachgeben bei allen ihren Launen, war das hübscheste Zeugnis ihres eigenen Wertes, das ich mir wünschen konnte zu sehen. Wenigstens zwölfmal jede Stunde wurde der »gute, liebste« Traddles von einer oder der andern seiner Schwägerinnen gebeten, das herzubringen oder jenes fortzutragen, oder etwas aufzuheben, oder etwas hinzulegen, oder etwas zu holen, oder etwas zu suchen. Ebensowenig konnte etwas ohne Sophie geschehen. Der einen ging das Haar auf, und nur Sophie konnte es wieder aufstecken. Die eine konnte sich nicht auf eine bestimmte Melodie besinnen, und nur Sophie kannte diese Melodie. Eine konnte sich nicht auf den Namen eines Ortes in Devonshire besinnen, und nur Sophie wußte ihn. Es war etwas nach Hause zu schreiben, und nur Sophie konnte es übernehmen, am nächsten Morgen vor dem Frühstück zu schreiben. Eine ließ ein paar Maschen fallen, und nur Sophie konnte den Fehler wieder gut machen. Sie waren vollständig Herrinnen im Hause, und Sophie und Traddles warteten ihnen auf. Das beste von allem war, daß alle Schwestern trotz diesen vielfältigen Anforderungen Sophie und Traddles sehr liebten und ihnen große Achtung bezeugten. Als ich Abschied nahm, und Traddles mit fortging, um mich bis an das Kaffeehaus zu begleiten, dachte ich bei mir, nie einen struppigern Haarschopf und einen andern Haarschopf in einem solchen Regen von Küssen gesehen zu haben. Alles in allem war es ein Anblick, an den ich noch lange mit Vergnügen denken mußte, nachdem ich zurückgekehrt war und Traddles gute Nacht gesagt hatte; und wenn ich tausend blühende Rosen in einer Obergeschoßwohnung des verwitterten Graysinn gesehen hätte, sie würden den Raum nicht halb so freundlich gemacht haben. Der Gedanke an diese Mädchen aus Devonshire mitten unter den trockenen Schreibern und den Bureaus der Advokaten, an den Tee und Toast und an die Kinderlieder in der schrecklichen Atmosphäre von Streusand und Pergament, Aktenbänden, staubigen Oblaten, Tintenfässern, allen Sorten Papier, juristischen Berichten, Klageschriften, Zeugenaussagen und Kostenrechnungen erschien fast wie ein ebenso liebliches Märchen, als wenn ich geträumt hätte, daß jenes Sultans berühmte Familie in das Verzeichnis der Advokaten aufgenommen worden wäre und den sprechenden Vogel, den singenden Baum und das goldene Wasser nach Graysinn gebracht hätte. Wie es kam, weiß ich nicht, aber es war so: nachdem ich Traddles gute Nacht gesagt hatte und wieder ins Kaffeehaus getreten war, hatte sich mein Mißtrauen in seine Zukunft außerordentlich verändert. Ich fing an zu denken, er werde schon vorwärtskommen, trotz den Prophezeiungen aller Oberkellner in England. Ich zog mir einen Stuhl vor den Kamin im Speisezimmer, um ruhig über ihn nachzudenken, aber allmählich lenkte sich meine Aufmerksamkeit von der Betrachtung seines Glückes ab; ich sah brütend in die Kohlen, und fing allmählich an, wie sie zusammenbrachen und ihre Gestalt veränderten, die hauptsächlichsten Schicksalsfälle und Bekümmernisse meines Lebens zu überblicken. Ich hatte seit meiner Abreise aus England, vor drei Jahren, kein Steinkohlenfeuer gesehen, obgleich ich manches Holzfeuer beobachtet hatte, wie es in graue Asche zerfiel, die mir in meiner Niedergeschlagenheit nicht unpassend meine erstorbenen Hoffnungen darzustellen schien. Ich konnte jetzt ernst, aber nicht mit Bitterkeit an die Vergangenheit denken und der Zukunft mutig entgegensehen. Ein Familienleben im eigentlichen Sinne hatte ich nicht mehr. Die, der ich eine innigere Liebe hätte einflößen können, hatte ich gelehrt, sich als meine Schwester zu betrachten; sie würde seinerzeit heiraten, und dann ihre Liebe andern schenken, und würde dann nie wissen, welche Liebe zu ihr in meinem Herzen aufgekeimt gewesen war. Es schien mir ganz in der Ordnung zu sein, daß ich die Strafe für meine leichtsinnige Leidenschaft trug. Was ich erntete, hatte ich gesäet. Ich brütete noch darüber, ob ich auch wirklich mein Herz dazu geschult hätte, und ob ich es entschlossen ertragen und in ihrem Hause ruhig die Stelle einnehmen könnte, die sie in meinem Hause eingenommen hatte – als ich entdeckte, daß meine Augen auf einem Angesicht ruhten, das sich aus dem Feuer hätte erheben können, in so naher Verbindung stand es mit meinen Jugenderinnerungen. Der kleine Mr. Chillip, der Arzt, dessen geschickter Hand ich in dem allerersten Kapitel dieser Geschichte Dank schuldig war, saß bei einer Zeitung in dem Schatten einer Ecke mir gegenüber. Er war während dieser Zeit ziemlich alt geworden; da er aber ein sanftes, ruhiges, stilles Männchen war, so hatte der Doktor im Verhältnis zu den langen Jahren scheinbar wenig gealtert, und es kam mir vor, daß er jetzt gerade so aussähe, wie er ausgesehen haben mochte, als er auf meine Geburt wartend, in unserm Wohnzimmer saß. Mr. Chillip war vor sechs oder sieben Jahren von Blunderstone weggezogen, und ich hatte ihn seitdem nicht wieder gesehen. Er las sehr ruhig seine Zeitung, den Kopf auf eine Seite geneigt und neben sich ein Glas Glühwein. Er war so bescheiden in seinem ganzen Wesen, daß er selbst die Zeitung um Verzeihung zu bitten schien, daß er sich die Freiheit nahm, sie zu lesen. Ich stand auf, trat vor ihn hin und sagte: »Wie geht es Ihnen, Mr. Chillip?« Er war sehr erschrocken, so unerwartet von einem Unbekannten angeredet zu werden, und antwortete in seiner langsamen Weise: »Ich danke Ihnen, Sir, Sie sind sehr gütig. Ich danke Ihnen, Sir. Ich hoffe, Sie befinden sich wohl.« »Können Sie sich auf mich besinnen?« fragte ich. »Allerdings,« entgegnete Mr. Chillip, und schüttelte mit einem sehr bescheidenen Lächeln den Kopf, »allerdings kommt es mir fast vor, als ob mir Ihr Gesicht etwas Bekanntes hätte; aber auf Ihren Namen könnte ich mich wahrhaftig nicht besinnen.« »Und doch kannten Sie ihn viel früher, als ich ihn kannte«, gab ich zur Antwort. »Wirklich, Sir!« sagte Mr. Chillip. »Wäre es möglich, daß ich die Ehre hatte, Dienste zu leisten, als –?« »Ja«, sagte ich. »Mein Gott!« rief Mr. Chillip. »Aber jedenfalls haben Sie sich während der Zeit sehr verändert?« »Wahrscheinlich«, sagte ich. »Nun, so werden Sie hoffentlich entschuldigen,« bemerkte Mr. Chillip, »wenn ich Sie um Ihren Namen bitten muß.« Als ich ihm meinen Namen nannte, war er wirklich gerührt. Er schüttelte mir die Hand – was bei ihm ein leidenschaftliches Verfahren war, denn gewöhnlich ließ er nur eine kalte kleine Hand ein oder zwei Zoll vor seiner Hüfte sehen, und kam ganz außer Fassung, wenn sie jemand hart anfaßte. Selbst jetzt fuhr er mit der Hand in die Rocktasche, so wie sie wieder frei war, und schien ordentlich froh zu sein, daß er sie in Sicherheit gebracht hatte. »Was Sie sagen, Sir!« sagte Mr. Chillip, und betrachtete mich, den Kopf auf eine Seite geneigt. »Also Mr. Copperfield, wirklich? und ich glaube jetzt wahrhaftig, ich hätte Sie erkannt, wenn ich mir die Freiheit genommen hätte, Sie genau anzusehen. Sie sehen Ihrem seligen Vater außerordentlich ähnlich, Sir.« »Ich hatte nie das Glück, meinen Vater zu kennen«, bemerkte ich. »Sehr wahr, Sir«, erwiderte Mr. Chillip in besänftigendem Tone. »Und es war in jeder Hinsicht sehr zu bedauern! Dort unten in der Provinz«, sagte Mr. Chillip, und wiegte wieder langsam das Köpfchen, »ist uns Ihr Ruhm nicht unbekannt geblieben. Große Anstrengungen müssen Sie sich hiermit machen, Sir«, meinte Mr. Chillip und tupfte mit dem Zeigefinger an die Stirn. »Eine anstrengende Beschäftigung, nicht wahr, Sir?« »Wo wohnen Sie jetzt?« fragte ich und setzte mich neben ihn. »Ich habe mich ein paar Meilen von Bury St. Edmunds niedergelassen«, sagte Mr. Chillip. »Mrs. Chillip erbte durch ihres Vaters Tod ein kleines Besitztum dort, und ich kaufte mir dazu eine kleine Praxis, in der es mir recht gut geht. Meine Tochter wird jetzt ein großes Mädchen«, bemerkte Mr. Chillip, und wiegte abermals das Köpfchen. »Ihre Mutter hat erst vorige Woche zwei Aufnäher an ihren Kleidern auslassen müssen. Ja, ja, so vergeht die Zeit, Sir!« Da der kleine Doktor bei dieser Bemerkung sein jetzt leeres Glas an den Mund setzte, schlug ich ihm vor, es noch einmal füllen zu lassen, und mir zu erlauben, ihm mit einem Glase Gesellschaft zu leisten. »Es ist eigentlich mehr als ich gewohnt bin,« sagte er in seiner langsamen Weise, »aber ich kann mir das Vergnügen nicht versagen, mich mit Ihnen zu unterhalten. Es ist, als ob es erst gestern gewesen wäre, als ich die Ehre hatte, Sie während der Masern zu behandeln. Sie machten sie prächtig durch, Sir!« Ich sprach meine Anerkennung für das Kompliment aus, und bestellte den Glühwein, der bald kam. »Eine ganz ungewöhnliche Ausschweifung!« sagte Mr. Chillip, und rührte ihn um. »Aber ich kann einer so außerordentlichen Gelegenheit nicht widerstehen. Sie haben keine Familie, Sir?« Ich schüttelte den Kopf. »Ich wußte schon vor einiger Zeit, daß Sie einen Verlust erlitten haben«, sagte Mr. Chillip. »Ich erfuhr es von Ihres Stiefvaters Schwester. Ein sehr entschiedener Charakter das, Sir!« »Nun ja,« erwiderte ich, »entschieden genug. Wo sind Sie mit ihr zusammen getroffen, Mr. Chillip?« »Wissen Sie nicht, daß Ihr Stiefvater wieder mein Nachbar geworden ist?« fragte Mr. Chillip mit seinem gefälligsten Lächeln. »Nein«, erwiderte ich. »Er ist mein Nachbar, Sir!« sagte Mr. Chillip. »Er heiratete eine junge Dame aus jener Gegend mit einem recht hübschen Vermögen – das arme Ding. – Und diese Kopfarbeit, Sir? ermüdet Sie das nicht?« fragte Mr. Chillip, und sah mich bewundernd an wie ein neugieriges Rotkehlchen. Ich wich dieser Frage aus und fing wieder von den Murdstones an. »Ich wußte, daß er sich mit ihr verheiratet hat«, sagte ich. »Behandeln Sie die Familie?« »Nur gelegentlich«, gab er zur Antwort. »Starke phrenologische Entwicklung des Organs der Entschiedenheit bei Mr. Murdstone und seiner Schwester, Sir.« Ich antwortete ihm mit einem so ausdrucksvollen Blick, daß Mr. Chillip dadurch, und durch den Glühwein ermutigt wurde, den Kopf mehrmals zu wiegen, und gedankenvoll auszurufen: »Ja, ja, du lieber Gott, man erinnert sich alter Zeiten, Mr. Copperfield!« »Und der Bruder und die Schwester verfolgen noch ihren alten Weg, nicht wahr?« fragte ich. »Sehen Sie,« entgegnete Mr. Chillip, »ein Arzt, der so viel in Familie kommt, sollte eigentlich für andre Sachen als für seine Kunst weder Augen noch Ohren haben. Aber doch muß ich sagen, sie sind sehr streng, sowohl was dieses, als was jenes Leben betrifft.« »Jenes Leben wird ohne viel Rücksicht auf sie regiert werden, darf man wohl sagen,« entgegnete ich; »was machen sie aber in diesem Leben?« Mr. Chillip wiegte den Kopf, rührte den Wein um, und trank langsam. »Sie war ein reizendes Mädchen«, bemerkte er mit klagender Stimme. »Die jetzige Mrs. Murdstone?« »Ein reizendes Mädchen,« sagte Mr. Chillip; »so liebenswürdig, wie es nur möglich ist! Mrs. Chillip meint, ihr Selbstgefühl sei seit ihrer Heirat vollständig gebrochen worden, und sie sei so gut wie trübsinnig. Und Frauen«, bemerkte Mr. Chillip schüchtern, »sind scharfäugige Beobachter, Sir.« »Ich vermute, sie sollte nach ihrer abscheulichen Manier umgeformt werden, die Arme!« sagte ich. »Und das haben sie nun wohl erreicht?« »Ja, im Anfang gab es heftigen Streit, das können Sie nur glauben,« sagte Mr. Chillip, »aber jetzt ist sie ein bloßer Schatten. Ich weiß nicht, ob ich mir es herausnehmen darf, Ihnen im Vertrauen zu sagen, daß Bruder und Schwester die arme Frau fast blödsinnig gemacht haben, seit die Schwester zu Hilfe kam.« Ich sagte ihm, ich könnte das gut und gern glauben. »Ich stehe nicht an, unter uns zu sagen,« bemerkte Mr. Chillip, und stärkte sich mit einem neuen Schluck Glühwein, »daß Ihre Mutter daran gestorben ist – oder daß tyrannische Behandlung, finstres Wesen und Quälereien Mrs. Murdstone fast schwachsinnig gemacht haben. Vor der Heirat war sie ein lebhaftes, munteres Mädchen, aber jene finstre Strenge hat sie zugrunde gerichtet. Sie gehen jetzt mit ihr mehr wie Wärter, als wie Gatte und Schwägerin, um. Das äußerte Mrs. Chillip erst vorige Woche gegen mich. Und ich versichere Sie, Sir, Frauen sind scharfäugige Beobachter. Mrs. Chillip besonders beobachtet sehr scharf.« »Spielt er bei seinem finstern Wesen immer noch den Frommen – ich schäme mich fast, das Wort in der Verbindung zu gebrauchen«, sagte ich. »Sie erraten das rechte«, erwiderte Mr. Chillip, dessen Augen von dem ungewohnten Getränk ganz rot wurden – »Sie nehmen damit eine der bemerkenswertesten Bemerkungen von Mrs. Chillip vorweg. Mrs. Chillip elektrisierte mich ordentlich«, fuhr er in der ruhigsten und langsamsten Weise fort, »als sie mir zeigte, daß Mr. Murdstone sich selbst als Götzen hinstellte, und diesen göttliches Wesen nennt. Sie hätten mich mit einer Flaumfeder zu Boden strecken können, sage ich Ihnen, als Mrs. Chillip dies äußerte. Die Damen sind scharfäugige Beobachter, Sir!« »Von Natur«, bemerkte ich zu seiner größten Freude. »Ich schätze mich glücklich, bei Ihnen die Bestätigung meiner Meinung zu finden«, sagte er. »Ich gebe Ihnen die Versicherung, ich erlaube mir nur selten ein nichtärztliches Urteil auszusprechen. Mr. Murdstone hält manchmal Vorträge, und man sagt – Mrs. Chillip nämlich sagt es – daß seine Lehren um so fanatischer werden, je tyrannischer er in der letzten Zeit gewesen ist.« »Ich glaube, die vortreffliche Mrs. Chillip hat darin vollkommen recht«, bemerkte ich. »Mrs. Chillip geht sogar so weit zu behaupten,« fuhr der sanfteste aller kleinen Männer ermutigt fort, »daß das, was solche Leute fälschlich ihre Religion nennen, nur ein Ausfluß ihrer bösen Launen und ihrer Anmaßung ist. Und wissen Sie, daß ich gestehen muß, Sir,« fuhr er fort, und legte sanft den Kopf auf eine Seite, »daß ich im neuen Testamente keinerlei Gründe für Mr. und Miß Murdstones Lehren finde?« »Ich auch nicht«, erklärte ich. »Übrigens«, sagte Mr. Chillip, »kann sie kein Mensch leiden, und da sie sehr schnell bei der Hand sind, jedermann, der sie nicht leiden kann, der ewigen Verdammnis zu empfehlen, so haben wir wahrhaftig recht viel ewige Verdammnis in unserer Nachbarschaft! Jedoch, wie Mrs. Chillip sagt, sie erleiden eine beständige Strafe, denn sie müssen sich in sich kehren und von ihrem eigenen Herzen zehren, und ihre Herzen sind schlechte Nahrung. Aber um wieder von Ihrer Gehirntätigkeit zu sprechen, Sir, wenn Sie mir erlauben wollen, wieder darauf zurückzukommen. Setzen Sie es nicht sehr anstrengender Aufregung aus, Sir?« Es wurde mir bei der Aufregung in Mr. Chillips Gehirn infolge des Glühweins nicht schwer, seine Aufmerksamkeit von diesem Gegenstande wieder auf seine eigenen Angelegenheiten abzulenken, und er wurde darüber in der nächsten halben Stunde fast geschwätzig. Unter anderm erzählte er mir, daß er sich jetzt hier befände, um als Arzt Zeugnis vor einer Untersuchungskommission wegen des Gemütszustandes eines Patienten abzulegen, den übermäßiger Trunk um den Verstand gebracht hatte. »Und ich versichere Sie, Sir,« sagte er, »ich bin bei solchen Gelegenheiten sehr ängstlich. Ich kann mich nicht anfahren lassen. Das nimmt mir alle Fassung. Können Sie glauben, daß viel Zeit dazu gehörte, ehe ich mich von dem Benehmen jener beunruhigenden Dame an dem Abend Ihrer Geburt erholte, Mr. Copperfield?« Ich sagte ihm, daß ich jetzt gerade zu meiner Tante, dem Drachen jener Nacht, reise, und daß sie eine der vortrefflichsten und liebevollsten Frauen sei, wie er erfahren würde, wenn er sie besser kennen lernte. Die bloße Andeutung der Möglichkeit, sie jemals wiederzusehen, schien ihn in Schrecken zu setzen. Er erwiderte mit einem halb gezwungenen Lächeln: »Wirklich, Sir, in der Tat?« und bestellte fast unmittelbar darauf ein Licht, und ging zu Bett, als ob er anderswo nicht ganz sicher sei. Er wankte nicht gerade von dem Glühwein, aber ich glaube, sein ruhiger, schwacher Puls muß zwei- oder dreimal mehr die Minute pulsiert haben, als er gewohnt gewesen seit der großen Nacht, wo meine Tante sich getäuscht sah, und nach ihm mit ihrem Hute schlug. Todmüde ging auch ich um Mitternacht zu Bett, brachte den nächsten Tag in der Postkutsche von Dover zu; trat frisch und gesund in die alte Wohnstube meiner Tante, als sie beim Tee saß – sie trug jetzt eine Brille – und wurde von ihr und Mr. Dick und der guten alten Peggotty, die ihr die Wirtschaft führte, mit offenen Armen und Freudentränen empfangen. Als wir uns erst wieder ruhig unterhalten konnten, machte meiner Tante die Erzählung von meinem Zusammentreffen mit Mr. Chillip, und wie er immer noch soviel Angst vor ihr hätte, viel Spaß, und sowohl sie als Peggotty hatten gar vielerlei von dem zweiten Mann meiner armen Mutter und von diesem »mörderischen Frauenzimmer von Schwester« zu erzählen, der einen Tauf- oder Zunamen oder irgend eine andere Benennung zu geben keine Marter oder Strafe meine Tante hätte vermögen können. Sechzigstes Kapitel. Agnes. Als ich und meine Tante allein waren, unterhielten wir uns bis spät in die Nacht hinein. Wie die Auswanderer nie anders, als hoffnungsvoll und guter Dinge nach Hause schrieben, wie Mr. Micawber wirklich zu verschiedenen Malen kleine Summen Geld geschickt hätte zur Tilgung der pekuniären Verpflichtungen, die er so geschäftsmäßig übernommen hatte, wie es sich »zwischen Männern geziemt«, wie Janet, die bei ihrer Rückkehr nach Dover wieder zu meiner Tante in Dienst getreten war, endlich ihrer Lossagung vom Menschengeschlecht damit die Krone aufgesetzt, daß sie einen wohlhabenden Wirt geheiratet, und wie auch meine Tante diesem großen Prinzip die Krone aufgesetzt, indem sie die Braut in ihrem Vorhaben bestärkt und die Trauung mit ihrer Anwesenheit beehrt hätte. Dies und vieles andere, was mir zum Teil schon durch die von Hause erhaltenen Briefe mehr oder weniger bekannt war, besprachen wir jetzt ausführlich. Mr. Dick wurde natürlich nicht vergessen. Meine Tante erzählte mir, daß er alles, was ihm in die Hände komme, abschreibe, und durch diese scheinbare Beschäftigung den unsterblichen König Karl den Ersten in achtungsvoller Entfernung halte, daß es eine der Hauptbelohnungen ihres Lebens sei, weil er anstatt in gezwungener Einsamkeit zu vertrauern, in Freiheit und glücklich sei, und setzte als neue allgemeine Schlußfolgerung hinzu, daß nur sie allein vollständig wissen könne, was an dem Manne sei. »Und wann wirst du nach Canterbury gehen, Trot?« fragte meine Tante, und klopfte mich auf die Hand, wie wir in unserer alten Weise vor dem Feuer saßen. »Ich werde ein Pferd nehmen und morgen früh hinüberreiten, wenn du nicht etwa mitfahren willst.« »Nein!« sagte meine Tante in ihrer kurz angebundenen Weise. »Ich will bleiben, wo ich bin.« »Dann werde ich reiten«, sagte ich. »Wenn ich zu jemand anders gereist wäre, hätte ich heute nicht durch Canterbury fahren können, ohne anzuhalten.« Das freute sie, aber sie antwortete: »Nicht doch, Trot, meine alten Knochen hätten auch bis morgen zusammengehalten!« und klopfte mich wieder sanft auf die Hand, während ich gedankenvoll ins Feuer sah. Gedankenvoll, denn ich konnte nicht wieder hier sein, und so ganz in der Nähe von Agnes, ohne daß die schmerzlichen Gedanken in mir auflebten, die mich so lange beschäftigt hatten. »Ach Trot, blind, blind, blind!« schien meine Tante wieder zu sagen, und ich verstand sie jetzt besser – Wir schwiegen beide mehrere Minuten lang. Als ich meine Augen wieder erhob, sah ich, daß sie mich aufmerksam beobachtete. Vielleicht folgte sie meinen Gedanken, denn sie waren jetzt leicht zu verfolgen, so launenhaft sie früher gewesen waren. »Ihren Vater wirst du als weißköpfigen Greis wiederfinden,« sagte meine Tante, »obgleich er in allen Hinsichten besser ist – ein wiedergewonnener Mensch. Du wirst auch nicht mehr hören, daß er alle menschlichen Interessen und Freuden und Schmerzen nach seinem kleinen Zollstabe mißt. Glaube mir, Kind, solche Sachen müssen sehr zusammenschrumpfen, ehe sie sich in dieser Weise messen lassen.« »Das glaube ich wohl«, sagte ich. »Und sie«, fuhr meine Tante fort, »wirst du so gut, so schön, so voll Innigkeit und Uneigennützigkeit wiederfinden, wie sie immer war. Wenn ich ein größeres Lob kennte, Trot, ich würde ihrer damit gedenken.« Es gab kein größeres Lob für sie; keinen größern Vorwurf für mich. Ach, warum hatte ich mich so weit verirrt! »Wenn sie die Mädchen, die sie unter sich hat, nach ihrem Vorbilde erzieht,« fuhr meine Tante fort, und Tränen traten ihr in die Augen, »so hat sie ihr Leben gut angewendet, nützlich und glücklich, wie sie damals sagte. Wie könnte sie auch anders, als nützlich und glücklich sein.« »Hat Agnes einen« – dachte ich eigentlich mehr laut, als daß ich sprach. »Nun, was?« fragte meine Tante kurz. »Einen Bewerber«, sagte ich. »Dutzende«, rief meine Tante mit einer Art von entrüstetem Stolz aus. »Sie hätte zwanzigmal heiraten können, seit du fort bist!« »Das glaube ich«, entgegnete ich. »Das glaube ich. Aber hat sie einen Bewerber, der ihrer würdig ist? Agnes würde sich um keinen andern kümmern.« Meine Tante saß eine Zeitlang nachdenklich da, das Kinn auf die Hand gestützt. Dann erhob sie langsam die Augen, sah mich an und sagte: »Ich vermute, daß sie eine Neigung hat, lieber Trot.« »Eine glückliche?« fragte ich. »Trot,« entgegnete meine Tante mit großem Ernst, »das kann ich dir nicht sagen. Selbst nur soviel zu sagen, habe ich kein Recht. Sie hat mir das nie anvertraut, aber ich vermute es.« Sie sah mich so aufmerksam und teilnehmend an – ich bemerkte sogar, daß sie zitterte, – daß ich jetzt mehr als je fühlte, daß sie vorhin meine Gedanken verfolgte. Ich nahm alle Entschlüsse, die ich in diesen vielen Tagen und Nächten und in vielen Kämpfen meines Herzens gefaßt hatte, zusammen. »Wenn es sich so verhält,« fing ich an, »und ich hoffe, es ist der Fall –« »Ich weiß nicht, daß es der Fall ist«, sagte meine Tante kurz, »Du darfst dich nicht nach meinen Vermutungen richten. Du mußt sie geheimhalten. Sie sind vielleicht unbegründet. Ich habe kein Recht, darüber zu sprechen.« »Wenn es der Fall ist,« wiederholte ich, »so wird es mir Agnes seinerzeit sagen. Eine Schwester, der ich soviel anvertraut habe, Tante, wird nicht karg mit ihrem Vertrauen gegen mich sein.« Meine Tante wendete ihre Augen so langsam von mir, als sie sie auf mich gewendet hatte, und deckte sie mit der Hand gedankenvoll zu. Etwas später legte sie ihre Hand auf meine Schulter, und so saßen wir beide da und schauten in die Vergangenheit zurück, ohne ein Wort miteinander zu sprechen, bis wir uns gute Nacht sagten. Frühzeitig am andern Morgen ritt ich nach dem Schauplatz meiner Schulzeit. Ich kann nicht sagen, daß ich so ganz glücklich war in der Hoffnung, einen Sieg über mich selbst zu zu erringen, selbst bei der Aussicht, ihr Antlitz so bald wiederzusehen. Die wohlbekannte Umgebung lag bald hinter mir, und ich kam in die stillen Straßen, wo mir jeder Stein ein Kinderbuch war. Ich ging zu Fuß nach dem alten Hause und kehrte wieder um, weil mein Herz zu voll war, um einzutreten. Ich kam wieder, und als ich im Vorbeigehen durch die niedrigen Fenster des runden Zimmers blickte, wo zuerst Uriah Heep und später Mr. Micawber gesessen hatten, sah ich, daß es jetzt ein kleines Wohnzimmer war, und kein Bureau mehr. Sonst war das ehrwürdige alte Haus in seiner Reinlichkeit und Ordnung noch ganz so, wie ich es zum erstenmal gesehen hatte. Ich trug dem neuen Mädchen, das mich einließ, auf, Miß Wickfield zu sagen, daß ein Herr da sei, im Auftrage eines Freundes im Auslande, und sie führte mich die dunkle alte Treppe hinauf – sie warnte mich vor den mir wohlbekannten Stufen – in das noch unveränderte Empfangzimmer. Die Bücher, die Agnes und ich zusammen gelesen hatten, standen noch auf ihren Brettern, und das Pult, an dem ich manchen Abend meine Schularbeiten gemacht hatte, stand noch auf derselben Ecke des Tisches. Alle die kleinen Veränderungen, die sich, während Heeps hier gewohnt, eingeschlichen hatten, waren wieder beseitigt. Alles war, wie es in der guten alten Zeit gewesen. Ich stand in einer Fensternische, blickte über die alte Straße nach den gegenüberliegenden Häusern und erinnerte mich daran, wie ich sie, als ich zuerst hierher kam, an regnerischen Nachmittagen beobachtet hatte, und wie ich über die Leute, die an einem Fenster erschienen, nachdachte und ihnen mit meinen Augen treppauf treppab folgte, während die Frauen mit Holzschuhen über das Pflaster klapperten und der eintönige Regen in schrägen Linien herabfiel, aus der Dachrinne stürzte und auf die Straße floß. Das Gefühl, mit dem ich die Wanderburschen oder Herumstreicher beobachtet hatte, wenn sie an regnerischen Abenden beim Dunkelwerden in die Stadt kamen und vorbeihumpelten, mit ihren triefenden Bündeln, die sie am Stockende auf den Schultern trugen, überkam mich wieder lebhaft, und darein mischte sich wieder der Geruch der feuchten Erde, der nassen Blätter und Gesträuche, und selbst die Luft meinte ich zu verspüren, die mich während meiner eigenen mühevollen Wanderschaft angeweht hatte. Das Aufgehen der kleinen Tür in der getäfelten Wand schreckte mich aus meinem Brüten auf, und veranlaßte mich, mich umzuwenden. Ihre schönen und klaren Augen begegneten den meinen. Sie blieb stehen und legte die Hand aufs Herz, und ich schloß sie in meine Arme. »Agnes! liebe Agnes! ich habe dich so unvorbereitet erschreckt!« »Nein, nein! ich bin ja so froh, dich zu sehen, Trotwood!« »Liebe Agnes, welches Glück es für mich ist, dich wiederzusehen!« Ich drückte sie an meine Brust, und eine kleine Weile lang schwiegen wir beide. Dann setzten wir uns nebeneinander hin, und ihr Engelsgesicht blickte mich an mit dem Willkommen, von dem ich ganze Jahre lang wachend und schlafend geträumt hatte. Sie war so wahr, sie war so schön, sie war so gut und treu – ich schuldete ihr soviel Dankbarkeit, sie war mir so teuer, daß ich keine Worte für meine Empfindungen finden konnte. Ich versuchte, ihr zu danken, versuchte, ihr zu sagen – wie ich es oft schon in Briefen getan hatte, – welchen Einfluß sie auf mich gehabt: aber alle meine Bemühungen waren vergeblich. Meine Liebe und meine Wonne waren stumm. Doch mit der ihr eigenen lieblichen Ruhe beschwichtigte sie meine Aufregung, führte mich zurück zu der Zeit unsres Abschiedes, erzählte mir von Emilie, die sie im geheimen vielmals besucht hatte, und sprach mit zartem Mitleid von Doras Grabe. Mit dem nie fehlgreifenden Takte ihres edlen Herzens berührte sie die Saiten meines Gedächtnisses so sanft und harmonisch, daß auch nicht eine verstimmt klang: ich konnte der trauervollen fernen Musik zuhören, ohne daß sie mir Schmerz machte. Wie konnte es auch sein, wenn in alles ihr teures Selbst, der bessere Engel meines Lebens, innig verwebt war? »Und du, Agnes,« sagte ich endlich, »erzähle mir von dir. Du hast mir noch kein Wort gesagt, wie du die ganze Zeit über gelebt hast.« »Was soll ich dir erzählen«, gab sie mir mit ihrem glücklichen Lächeln zur Antwort. »Der Vater befindet sich wohl. Du findest uns hier friedlich und still in unserm alten Hause, unsre Sorgen sind zu Ende, unsre alte Umgebung ist uns wieder geschaffen, und wenn du das weißt, lieber Trotwood, weißt du alles.« »Alles, Agnes?« fragte ich. Sie sah mich an, wie mir vorkam nicht ganz ohne Erregung. »Weiter nichts, Schwester?« fragte ich. Das Blut in ihren Wangen, das eben geschwunden war, kam wieder und schwand wieder. Sie lächelte, wie mir schien, mit einer stillen Wehmut und schüttelte den Kopf. Ich hatte versucht, sie auf den von meiner Tante angedeuteten Gegenstand zu bringen, denn so tief schmerzlich es auch für mich sein mußte, dieses Geheimnis zu vernehmen, mußte ich doch mein Herz verhärten und meine Pflicht gegen sie tun. Ich sah jedoch, daß sie peinlich davon berührt wurde, und gab es auf. »Du hast viel zu tun, liebe Agnes?« »Mit meiner Schule?« fragte sie, und blickte mich wieder mit der alten heitern Fassung an. »Ja. Es ist anstrengende Arbeit, nicht wahr?« »Aber diese Arbeit ist mir so angenehm,« gab sie zurück, »daß es kaum dankbar ist, wenn ich sie so nenne.« »Nichts Gutes ist schwer für dich«, bemerkte ich. Wieder wechselte sie die Farbe, und wieder sah ich dasselbe trübe Lächeln, wie sie den Kopf senkte. »Du wartest doch, bis mein Vater wiederkommt?« sagte Agnes heiter, »und schenkst uns den ganzen Tag? Vielleicht schläfst du gern in deinem eigenen Zimmer? Wir nennen es immer noch dein Zimmer.« Das ging nicht an, denn ich hatte meiner Tante versprochen, heute nacht noch zurückzukehren, aber mit Freuden wollte ich den Tag bei ihr bleiben. »Ich bin noch für kurze Zeit beschäftigt,« sagte Agnes, »aber hier sind die alten Bücher, Trotwood, und die alten Musikalien.« »Selbst die alten Blumen sind noch da,« bemerkte ich, und sah mich um, »wenn auch nicht dieselben Stöcke.« »Ich habe während deiner Abwesenheit ein Vergnügen darin gesucht,« gab Agnes lächelnd zur Antwort, »alles so zu erhalten, wie es während unserer Kinderzeit war. Denn wir waren damals sehr glücklich, glaube ich.« »Das kann der Himmel bezeugen!« meinte ich. »Und jede Kleinigkeit, die mich an meinen Bruder erinnerte,« fuhr Agnes fort, und ihre heiteren Augen ruhten treuherzig auf mir, »war mir ein willkommener Gefährte. Selbst dieses«, sagte sie, und zeigte mir das Körbchen mit Schlüsseln, das immer noch an ihrer Seite hing, »scheint mir eine alte Melodie zu klingeln!« Sie lächelte wieder und verließ durch die Tür, durch die sie eingetreten war, das Zimmer. Mir lag es ob, diese schwesterliche Liebe mit frommer Sorgfalt zu hüten. Es war alles, was ich mir durch meine eigenen Handlungen übriggelassen hatte, und es war ein großer Schatz. Wenn ich einmal an den Grundlagen dieses heiligen Vertrauens rüttelte und an der Gewohnheit, kraft deren es mir zuteil geworden, so war es verloren und konnte nie wieder erworben werden. Ich hielt mir das beständig vor. Je mehr ich sie liebte, je mehr ziemte es mir, das nie zu vergessen. Ich ging durch die Straßen spazieren, und da ich auch meinen alten Gegner, den Fleischer sah, jetzt Konstabler, denn der Amtsstab hing im Laden – so ging ich auch nach dem Platze, wo wir geboxt hatten, und dachte dort an Miß Shepherd und die älteste Miß Larkins und an alle die leeren Liebschaften und flüchtigen Feindschaften jener Zeit. Nichts schien diese Zeit überlebt zu haben, als eins, und Agnes, immer ein Stern über mir, strahlte heller und höher. Als ich zurückkehrte, war Mr. Wickfield nach Hause gekommen. Er war, wie fast täglich, in einem Garten beschäftigt gewesen, den er außerhalb der Stadt hatte. Ich fand ihn ganz so, wie ihn meine Tante beschrieben hatte. Wir setzten uns mit einem halben Dutzend kleiner Mädchen zum Essen, aber er schien nur noch der Schatten seines schönen Bildes an der Wand zu sein. Der stille Frieden, der von alters her mit diesen Räumen in meinen Erinnerungen verbunden war, durchdrang sie wieder. Da nach dem Essen Mr. Wickfield keinen Wein trank, und ich keinen wünschte, so gingen wir gleich hinauf, wo Agnes und ihre kleinen Schülerinnen sangen, spielten und arbeiteten. Nach dem Tee verließen uns die Kinder, und wir drei setzten uns zusammen und sprachen von alten Zeiten. »Mein Anteil daran«, sagte Mr. Wickfield und schüttelte sein weißes Haupt, »ist für mich eine Ursache der tiefsten Reue und größten Zerknirschung, Trotwood, wie Sie wissen. Aber ich möchte es nicht ungeschehen machen, wenn es in meiner Macht stände.« Ich mochte das gern glauben, wenn ich in das Antlitz ihm zur Seite sah. »Ich müßte damit«, fuhr er fort, »solche Ergebung, solche Treue, solche Kindesliebe ungeschehen machen, wie ich sie nicht vergessen darf, o nein! Selbst wenn ich mich vergessen könnte.« »Ich verstehe Sie, Sir,« sagte ich leise. »Ich empfinde für diese Engelstugenden – und habe das immer getan – die größte Verehrung.« »Aber niemand weiß es, selbst Sie nicht,« erwiderte er, »wieviel sie getan hat, wieviel sie ertragen, wie hart sie gekämpft hat. Meine liebe Agnes!« Sie hatte ihre Hand flehend auf seinen Arm gelegt, um ihm Einhalt zu tun, und sah sehr, sehr blaß aus. »Ja, ja!« sagte er mit einem Seufzer, und damit, wie ich es damals ansah, von irgend einer schmerzlichen Prüfung ablenkend, die sie ertragen oder noch zu tragen hatte, und die ich in Verbindung mit dem brachte, was meine Tante mir mitgeteilt hatte. »Nun! Ich habe Ihnen nie von ihrer Mutter erzählt, Trotwood. Hat es sonst wer getan?« »Nein, Sir.« »Es ist nicht viel – obgleich es viel Leid war. Sie heiratete mich gegen den Wunsch ihres Vaters, und er verstieß sie. Sie bat ihn, ihr zu vergeben, ehe meine Agnes auf die Welt kam. Er war ein sehr harter Mann, und ihre Mutter war lange tot. Er wies sie zurück. Es brach ihr das Herz.« Agnes lehnte an seiner Schulter und schlang leise ihren Arm um seinen Hals. »Sie hatte ein liebevolles und weiches Herz,« sagte er, »und es brach unter diesem Schlage. Ich kannte ihre zärtliche Natur sehr gut. Niemand kannte sie, wenn nicht ich. Sie liebte mich innig, aber sie war nie glücklich. Sie quälte und marterte sich im geheimen mit diesem Kummer ab, und da sie leidend und niedergeschlagen zur Zeit dieser letzten Abweisung war – denn es war nicht die erste, die sie erhalten hatte – siechte sie dahin und starb. Sie hinterließ mir Agnes, zwei Wochen alt – und das graue Haar, dessen Sie sich noch erinnern werden, als Sie zum erstenmal zu uns kamen.« Er küßte Agnes auf die Wange. »Meine Liebe zu meinem teuren Kinde war eine krankhafte. Aber mein gesamter Seelenzustand war damals ein ungesunder. Nichts mehr davon. Ich spreche nicht von mir selbst, Trotwood, sondern von ihr und ihrer Mutter. Wenn ich Ihnen einen Aufschluß dafür gebe, was ich bin oder was ich gewesen bin, so werden Sie sich leicht alles enträtseln können, das weiß ich! Was Agnes ist, brauche ich Ihnen nicht zu sagen. Ich habe in ihrem Charakter immer etwas von dem Schicksal ihrer armen Mutter gelesen, und ich erzähle es Ihnen heute abend, wo wir drei nach so großen Veränderungen wieder allein beisammen sind. Ich habe jetzt alles gesagt.« Sein gebeugtes Haupt, ihr Engelantlitz, ihre kindliche Liebe erschienen heute viel rührender als je zuvor. Dies würde mir, wenn es dessen bedurft hätte, diesen Abend unserer Wiedervereinigung für immer ins Gedächtnis eingeprägt haben. Nach einer kurzen Weile stand Agnes auf, ging leise nach dem Piano und spielte ein paar von den alten Melodien, denen wir so oft in diesem Zimmer zugehört hatten. »Beabsichtigst du, England wieder zu verlassen?« fragte mich Agnes, als ich neben ihr stand. »Was meint meine Schwester dazu?« »Ich hoffe nicht!« »Dann beabsichtige ich es nicht, Agnes.« »Ich glaube, du solltest es nicht tun, Trotwood, da du mich einmal fragst«, sagte sie sanft. »Dein wachsender Ruf erweitert dein Vermögen, Gutes zu tun, und wenn ich meinen Bruder entbehren könnte, könnte es vielleicht die Zeit nicht«, sagte sie mit einem Blick auf mich. »Du hast mich zu dem gemacht, was ich bin, Agnes. Das solltest du am besten wissen.« »Ich dich dazu gemacht, Trotwood?« »Ja, Agnes, liebes Mädchen!« antwortete ich und beugte mich über sie. »Als wir heute beisammen saßen, versuchte ich, dir etwas zu sagen, was mir nicht aus den Gedanken gekommen ist, seit Doras Tode. Du weißt noch, als du zu mir in unser kleines Zimmer tratest – und aufwärts wiesest, Agnes?« »Ach, Trotwood!« entgegnete sie, die Augen mit Tränen gefüllt. »So liebevoll, so vertrauensvoll und so jung! Kann ich das jemals vergessen?« »So wie du damals vor mir standest, habe ich seitdem oft gedacht, bist du immer für mich gewesen, Schwester. Du wiesest immer nach oben, Agnes; du führtest mich immer zu etwas Besserem, du zeigtest mir immer Höheres.« Sie schüttelte nur den Kopf; durch ihre Tränen sah ich das alte wehmütige Lächeln. »Und ich bin dir dafür so dankbar, Agnes, so verpflichtet, daß ich keinen Namen für die Hingebung meines Herzens habe. Ich will, daß du es weißt, obgleich ich nicht weiß, wie ich dir das sagen soll, daß ich mein ganzes Leben lang zu dir hinaufblicken und von dir geleitet sein will, wie du mich durch die Nacht geleitet hast, die vorüber ist. Was auch geschehen möge, welche neue Bande du knüpfen mögest, welche Veränderungen zwischen uns treten mögen, immer werde ich nach dir schauen, immer werde ich dich lieben, wie jetzt und wie von jeher. Stets wirst du mir ein Trost und eine Hilfe sein, wie du es immer warest. Bis ich sterbe, teuerste Schwester, werde ich dich immer vor mir sehen, nach oben deutend!« Sie reichte mir ihre Hand und sagte mir, sie sei stolz auf mich und auf das, was ich eben gesagt hätte; obgleich ich sie weit über ihr Verdienst lobe. Dann spielte sie leise weiter, aber ohne ihre Augen von mir zu wenden. »Weißt du, Agnes, was ich heute abend gehört habe,« sagte ich, »scheint wunderbarerweise ein Teil von dem Gefühl zu sein, mit dem ich dich betrachtete, als ich dich zuerst sah, mit dem ich neben dir in meiner ersten Schulzeit saß.« »Du wußtest, daß ich keine Mutter hatte,« antwortete sie mit einem Lächeln, »und warst deshalb teilnahmsvoll gegen mich gesinnt.« »Mehr als das, Agnes. Ich wußte, fast als hätte ich diese Geschichte gekannt, daß dich etwas unaussprechlich Liebevolles und Sanftes umgab, etwas, das bei einem andern hätte traurig erscheinen können – wie ich es jetzt kennen gelernt habe, – aber bei dir war es nicht so.« Sie spielte leise weiter und sah mich immer noch an. »Wirst du mich auslachen, daß ich mich solchen Träumen hingebe, Agnes?« »Nein!« »Oder wenn ich sage, daß ich wirklich damals zu fühlen glaubte, daß du, aller Entmutigung zum Trotz, in treuer Zuneigung ausharren würdest, und deine Liebe nur mit deinem Leben aufhören könnte? Wirst du einen solchen Traum belächeln?« »O nein! O nein!« Einen Augenblick lang schwebte ein schmerzlicher Schatten über ihr Gesicht, aber er war schon verschwunden, als ich sie überrascht ansah; und sie spielte weiter und sah mich wieder an mit ihrem ruhigen Lächeln. Wie ich in der einsamen Nacht nach Hause ritt, und der Wind an mir vorüberzog wie eine ruhelose Erinnerung, da dachte ich daran, und konnte mich nicht von der Befürchtung befreien, daß sie nicht glücklich sei. Auch ich war nicht glücklich; aber soweit hatte ich getreulich mit der Vergangenheit abgeschlossen, und dachte mir sie, wie sie nach jenem Himmel über mir wies, wo ich sie in der uns unenträtselbaren Zukunft vielleicht mit einer auf Erden unbekannten Liebe lieben und ihr sagen könnte, welchen Kampf ich in mir durchgekämpft hatte, als ich sie hienieden liebte. Einundsechzigstes Kapitel. Zwei interessante Büßer. Eine Zeitlang – jedenfalls bis ich mit meinem Buche fertig war, was noch mehrere Monate in Anspruch nahm – wohnte ich bei meiner Tante in Dover und schrieb dort ruhig und eifrig weiter an dem Fenster, aus dem ich so oft nach dem Mond auf dem Meere geblickt hatte, als dieses Dach mir zuerst eine Zuflucht gewährte. Nach meiner Absicht, meine Schriftstellereien nur zu erwähnen, wenn sie wirklich mit dem Verlauf meiner Geschichte in Zusammenhang kommen, will ich hier nicht von den Bestrebungen, den Wonnen, den Ängsten und den Triumphen meiner Kunst sprechen. Daß ich mich ihr mit aufrichtigem Ernst und ganzer Kraft widmete, habe ich schon gesagt. Wenn meine Bücher irgend einen Wert haben, so können sie das übrige sagen. Sonst hätte ich ziemlich nutzlos geschrieben, und das übrige wird niemand interessieren. Zuweilen besuchte ich London, um mich in dem dortigen Lebensgewühl zu verlieren oder mit Traddles über eine Geschäftssache zu sprechen. Er hatte meine Angelegenheiten während meiner Abwesenheit mit der größten Einsicht verwaltet, und meine Vermögensverhältnisse waren sehr gut. Da mir mein Ruf als Schriftsteller einen ausgedehnten Briefwechsel mit mir unbekannten Leuten zuzog – ihre Briefe handelten meistens von nichts, und waren sehr schwer zu beantworten – kam ich mit Traddles überein, an seine Tür meinen Namen anschlagen zu lassen. Hier gaben die unglücklichen Briefträger diesen ganzen Scheffel von Briefen an mich ab; hier saß ich zuzeiten und arbeitete mich durch die Papiermassen, gleich einem Staatssekretär des Innern, nur ohne seinen Gehalt. Unter diesen Briefen fand sich dann und wann ein verbindliches Anerbieten von einem der zahllosen Winkelkonsulenten, die sich immer in den Commons herumtreiben, und die sich freundlich erboten unter dem Schutze meines Namens – wenn ich Proktor geworden wäre – zu praktizieren und mir einen Gewinnanteil zu bezahlen. Ich schlug aber diese Anerbietungen aus; denn ich wußte, daß schon viele derartige Praktikanten vorhanden waren, und meinte, die wären schlecht genug, ohne daß ich noch etwas hinzutäte. Die Schwägerinnen waren wieder nach Hause gereist, als mein Name an Traddles' Tür erschien, und der Bursche mit dem pfiffigen Gesicht sah den ganzen Tag aus, als ob er nicht das mindeste von Sophie wüßte, die in einem Hofzimmer saß, und von ihrer Arbeit auf ein rauchgeschwärztes Streifchen Garten, mit einem Brunnen darin, herabsah. Aber dort fand ich sie immer unverändert, die muntere Hausfrau. Und oft summte sie ihre Devonshirer Balladen, wenn kein fremder Fuß die Treppe heraufkam. Der schlaue Bursche in der Expedition wurde dadurch ganz zahm gemacht. Ich wunderte mich anfangs, warum ich so oft Sophie mit Schreiben beschäftigt fand, und warum sie immer, wenn ich kam, das Buch zumachte und es hurtig in den Tischkasten legte. Aber das Geheimnis löste sich bald. Eines Tages nahm Traddles – der eben durch einen feinen kalten Regen aus dem Gericht gekommen war – ein Papier aus seinem Pulte und fragte mich, was ich von dieser Handschrift halte? »Ich bitte dich, Tom!« rief Sophie, die seine Hausschuhe vor dem Feuer wärmte. »Aber warum denn nicht, liebe Sophie,« entgegnete Tom ganz erfreut, »was meinst du zu dieser Hand, Copperfield?« »Es ist eine sehr gut ausgeschriebene Advokatenhand«, sagte ich. »Ich glaube kaum, daß ich jemals eine so feste Hand gesehen habe.« »Nicht wie eine Damenhand?« fragte Traddles. »Eine Damenhand!« wiederholte ich. »Mauersteine und Kalk sind einer Damenhand ähnlicher.« Traddles brach in ein frohes Gelächter aus und sagte mir, daß es Sophies Handschrift sei; daß Sophie erklärt habe, er werde bald einen Kopisten brauchen, und dieser Kopist werde sie sein, daß sie diese Handschrift nach Vorschriften gelernt, und daß sie, ich weiß nicht mehr wieviel Folioseiten die Stunde schreiben könnte. Sophie wurde sehr verlegen, als er mir das erzählte, und sagte, wenn »Tom« erst Richter wäre, werde er es nicht so bereitwillig ausplaudern. Das leugnete »Tom«, und er behauptete, er werde unter allen Umständen stolz darauf sein. »Wie durch und durch gut und liebenswürdig deine Frau ist, lieber Traddles«, sagte ich lachend, als sie fort war. »Lieber Copperfield,« gab Traddles zurück, »sie ist ohne Ausnahme das beste Mädchen von der Welt; wie sie hier wirtschaftet, ihre Pünktlichkeit, ihre häuslichen Kenntnisse, ihre Sparsamkeit und ihre Ordnung, ihr heiterer Sinn, Copperfield!« »Du hast alle Ursache sie zu loben!« entgegnete ich ihm, »du bist ein glücklicher Mensch. Ich glaube, Ihr macht einander zu den beiden glücklichsten Menschen auf der Welt.« »Ich bin überzeugt, wir beide gehören unter die glücklichsten Leute«, sagte Traddles. »Ich gebe das unter allen Umständen zu! Du mein Gott, wenn ich sie früh, wenn es noch dunkel ist, bei Lichte aufstehen, und sich mit den Anordnungen für den Tag beschäftigen sehe, wie sie dann auf den Markt geht, ehe die Schreiber kommen, sich um kein Wetter kümmert, die allerdelikatesten kleinen Mittagessen aus den einfachsten Sachen bereitet, Puddings und Pasteten macht, alles an seiner rechten Stelle läßt, und dabei immer selbst so schmuck und hübsch aussieht, auf mich abends wartet, und wenn es noch so spät ist, und immer bei guter Laune, frohen Muts, und alles meinetwegen, so gestehe ich offen, kann ich es manchmal nicht glauben, Copperfield.« Er tat sogar zärtlich mit den Hausschuhen, die sie gewärmt hatte, wie er sie anzog und im Genuß ihrer Wärme die Füße auf das Kamingitter stützte. »Ich gestehe offen, ich kann es manchmal nicht glauben«, sagte Traddles. »Und dann unsere Vergnügungen! Gott, sie sind so wenig kostspielig, aber sie sind köstlich! Wenn wir abends zu Hause sitzen und die Stubentür zumachen, und die Vorhänge zuziehen – die sie selbst gemacht hat – wo kann es da gemütlicher sein? Wenn schönes Wetter ist, und wir gehen abends spazieren, so bieten sich uns in den Straßen tausenderlei Genüsse. Wir stehen vor den blitzenden Fenstern der Juwelierläden, und ich zeige Sophie die Schlangen mit den Diamantenaugen, um einen kleinen Hügel von weißem Atlas geschlungen, die ich ihr schenken würde, wenn ich das Geld dazu hätte: Sophie zeigt mir die goldene Uhr mit vier Steinen und wer weiß was noch alles, die sie mir kaufen würde, wenn sie das Geld dazu hätte. Und wir suchen uns die Löffel und Gabeln, die Fischkellen, Buttermesser und Zuckerzangen aus, die wir am liebsten kauften, wenn wir das Geld dazu hätten, und wir gehen wirklich mit dem Gefühl fort, daß wir sie schon hätten! Dann, wenn wir auf die freien Plätze und in die großen Straßen kommen und sehen, daß ein Haus zu vermieten ist, so betrachten wir es uns manchmal und sprechen zueinander: ›Wie würde sich das machen, wenn ich Richter würde?‹ Und wir teilen es ein – dies Zimmer für uns, diese Zimmer für die Mädchen usw., bis wir zu unserer Befriedigung sehen, daß es Passen oder nicht passen würde, wie es nun gerade ist. Manchmal gehen wir um den halben Preis ins Theater, ins Parterre – dessen Geruch schon meiner Meinung nach für das Geld billig ist – und da genießen wir wahrhaftig das Stück, von dem Sophie jedes Wort glaubt, und ich auch. Auf dem Nachhauseweg kaufen wir vielleicht eine kleine Delikatesse bei dem Garkoch, oder einen kleinen Hummer beim Fischhändler und nehmen's mit nach Hause, und bereiten uns ein glänzendes Abendessen, wobei wir über das, was wir gesehen haben, plaudern. Nun wirst du zugeben, Copperfield, wenn ich Lordkanzler wäre, könnte ich das nicht tun!« »Du würdest in jeder Stellung etwas Angenehmes und Liebenswürdiges tun, mein lieber Traddles«, dachte ich. – »Apropos,« sagte ich dann laut, »ich vermute, du zeichnest jetzt keine Gerippe mehr?« »O doch,« entgegnete Traddles mit Lachen und Erröten, »ich kann es nicht leugnen, lieber Copperfield, Denn wie ich neulich in einer der Hinteren Reihen in Kingsbench mit der Feder in der Hand saß, kam ich auf den Einfall, zu versuchen, ob ich in der Kunst noch etwas könnte. Und ich fürchte, es ist ein Gerippe, mit einer Perücke dort auf dem Rande des Pultes zu sehen.« Nachdem wir uns beide herzlich ausgelacht hatten, fertigte Traddles die Sache damit ab, daß er mit einem Lächeln ins Feuer sah, und mit seiner milden verzeihenden Weise sagte: »Der alte Creakle!« »Ich habe hier einen Brief von diesem alten – Schurken«, sagte ich. Denn ich konnte ihm niemals weniger die Art, wie er Traddles seinerzeit geprügelt hatte, vergeben, als wenn ich Traddles so bereitwillig sah, ihm zu vergeben. »Von Creakle, unserm Lehrer?« rief Traddles. »Nein!« »Unter den Personen, die mein wachsender Ruf an mich heranzieht,« sagte ich, und blätterte meine Briefe durch, »und die jetzt entdecken, daß sie mich immer sehr geliebt haben, ist dieser selbige Creakle. Er ist jetzt nicht mehr Schuldirektor, Traddles. Er hat sich zurückgezogen. Er ist Friedensrichter in Middlessex.« Ich glaubte, Traddles würde über diese Nachricht verwundert sein, aber er war es durchaus nicht. »Wie, meinst du wohl, mag er es zum Friedensrichter gebracht haben?« fragte ich. »Ach Gott!« gab Traddles zur Antwort, »diese Frage wäre wohl schwer zu beantworten. Vielleicht hat er für jemand gestimmt, oder jemand Geld geborgt, oder jemand etwas abgekauft, oder auf andere Weise jemand verpflichtet, eine schmutzige Sache für jemand übernommen, der jemand kannte, der den Lordleutnant der Grafschaft veranlaßte, ihn mit auf die Liste zu setzen.« »Auf der Liste steht er jedenfalls, sagte ich. »Und er schreibt mir hier, daß er mir mit Vergnügen das einzig wahre System der Gefangenenbehandlung in der Praxis zeigen werde; den einzigen untadelhaften Weg, Verbrecher auf richtige und dauernde Weise zur bessern Erkenntnis und zur Reue zu bringen – wie du wohl weißt, durch Einzelhaft. Was meinst du dazu?« »Zu dem System?« fragte Traddles, und machte ein ernstes Gesicht. »Nein. Ob ich die Einladung annehmen soll, und ob du mitkommen willst?« »Ich habe nichts dagegen«, sagte Traddles. »Dann will ich es ihm schreiben. Du erinnerst dich – von unsrer Behandlung ganz zu schweigen, – glaube ich, daß dieser selbe Creakle seinen Sohn verstieß, und wie er seiner Frau und seiner Tochter das Leben verbitterte?« »Ganz genau«, sagte Traddles. »Und doch, wenn du seinen Brief liest, wirst du finden, daß er der zärtlichste Mensch Gefangenen gegenüber ist, die der schwersten Verbrechen überführt sind, während ich nicht wüßte, daß er seine Zärtlichkeit je auf irgend eine andre Klasse von Geschöpfen erstreckt hat.« Traddles zuckte die Achseln und war ganz und gar nicht überrascht. Ich hatte das von ihm auch nicht erwartet und war selbst nicht überrascht, oder meine Beobachtung ähnlicher im praktischen Leben sich ereignenden Widersprüche hätte nur eine geringe gewesen sein müssen. Wir besprachen die Zeit unseres Besuches, und ich schrieb demzufolge abends an Mr. Creakle. An dem bestimmten Tage begaben Traddles und ich uns nach dem Gefängnisse, wo Mr. Creakle allmächtig war. Es war ein weitläufiges und festes Gebäude, das unendlich viel Geld gekostet hatte. Ich mußte, als wir uns dem Tore näherten, unwillkürlich daran denken, welches Geschrei sich im Lande erhoben hätte, wenn es sich ein betörter Mann hätte einfallen lassen, vorzuschlagen, die Hälfte dieses Geldes auf die Errichtung einer Gewerbeschule für die Jugend oder ein Asyl für alte verdienstvolle Leute zu verwenden. In seinem Amtszimmer, das im Erdgeschoß des babylonischen Turmes hätte sein können, so fest war es aufgetürmt, wurden wir unserm alten Schuldirektor vorgestellt. Er stand in einer Gruppe von zwei oder drei der geschäftseifrigen Friedensrichter und einigen Gästen, die sie mitgebracht hatten. Er empfing mich wie ein Mann, der meinen Geist in längst vergangenen Tagen gebildet und mich immer zärtlich geliebt hatte. Als ich Traddles vorstellte, sprach es Mr. Creakle in ähnlicher Art, aber in geringerem Grade aus, daß er immer Traddles' Führer, Ratgeber und Freund gewesen sei. Unser ehrwürdiger Lehrer war viel älter geworden, sah aber nicht besser aus. Sein Gesicht war noch so feuerrot wie früher; die Augen waren noch ebenso klein und lagen etwas tiefer. Das dünne, feucht aussehende graue Haar, dessen ich mich noch von früher her erinnerte, war fast verschwunden, und die dicken Adern auf seinem kahlen Kopfe sahen dadurch nicht angenehmer aus. Nachdem sich diese Herren eine Weile untereinander besprochen hatten, und aus der Unterhaltung hätte ich glauben sollen, daß es auf der Welt nichts Beachtenswerteres gebe, als eine gute Pflege der Gefangenen ohne Rücksicht auf noch so hohe Kosten, und daß auf der ganzen weiten Erde außerhalb der Gefängnisse nichts zu tun sei, begannen wir unsere Besichtigung. Da es jetzt gerade Mittagszeit war, gingen wir zuerst in die große Küche, wo eben das Essen eines jeden Gefangenen besonders angerichtet wurde, um ihm in seine Zelle gebracht zu werden, und zwar mit der Regelmäßigkeit und Genauigkeit eines Uhrwerks. Ich sagte leise zu Traddles, ob es Wohl irgend jemand auffallen möchte, welch ein schlagender Gegensatz bestände zwischen diesen reichlichen und sorgfältig zubereiteten Mahlzeiten und dem Essen, nicht etwa der Armen, aber der Soldaten, Seeleute, Arbeiter, der großen Masse der ehrlichen, arbeitenden Gemeinde, von denen nicht einer von fünfhundert Männern je halb so gut speiste. Aber ich wurde belehrt, daß das »System« gute Kost verlangte, und kurz und gut, um mit dem »System« ein für allemal fertig zu werden, fand ich, daß hierbei und bei allem andern das »System« allen Zweifeln ein Ende machte und mit allen Mißständen aufräumte. Niemand schien im geringsten eine Ahnung zu haben, daß noch irgend ein anderes System als »das« System in Betracht kommen könnte. Als wir durch die prächtig gewölbten Gänge schritten, fragte ich Mr. Creakle und seine Freunde, was die Hauptvorzüge dieses alles übertreffenden Systems seien. Die Vorzüge waren die vollständige Isolierung der Gefangenen, so daß keiner der hier Befindlichen das geringste von dem andern wußte, und die allmähliche Erziehung der Gefangenen zu einem gesunden Gemütszustande, der zu aufrichtiger Zerknirschung und Reue führte. Als wir aber einzeln ihre Zellen besichtigten und durch die Gänge schritten, an denen diese Zellen lagen, und uns erklären ließen, wie sie dem Gottesdienst beiwohnten, da kam es mir sehr wahrscheinlich vor, daß die Gefangenen ziemlich viel voneinander wüßten und ziemlich vollständig miteinander im Verkehr standen. Das ist seitdem, glaube ich, nachgewiesen worden; da aber die bloße Erwähnung eines solchen Zweifels entschiedene Ketzerei gewesen wäre, sah ich mich so fleißig wie nur möglich nach der Buße um. Und auch hier konnte ich mich nicht von Mißtrauen freimachen. Ich fand in der Form der Buße eine Mode so vorherrschend, wie draußen an den Röcken und Westen in den Schneiderläden. Ich fand sehr viel Zurschautragen von Reue, das sich überall fast ganz gleich blieb und selbst in den Worten nur sehr wenig voneinander abwich, was mir außerordentlich verdächtig vorkam. Ich fand sehr viel Füchse, die ganze Weinberge von unerreichbaren Trauben verschmähten; aber ich fand sehr wenig Füchse, denen ich im Bereich einer einzigen Traube getraut hätte. Vor allem fand ich, daß jene, die ihre Reue am meisten zur Schau trugen, die allergrößte Teilnahme erweckten, und daß ihre Eitelkeit, der Mangel an Unterhaltung, und ihre Liebe zur Heuchelei – die viele von ihnen in fast unglaublichem Maße besaßen, wie ihre Verbrechergeschichte zeigte – sie zu diesem Zurschautragen antrieben, und daß sie darin Befriedigung fanden. Doch ich hörte im Verlauf unserer Besichtigung so oft eine gewisse Nummer 27 erwähnen, die ein Liebling war und ein Mustergefangener zu sein schien, daß ich mein Urteil verschob, bis ich Nummer 27 gesehen. Nummer 28 war, wie ich hörte, ebenfalls ein ganz besonders glänzender Stern; aber er hatte das Unglück, daß seine Pracht neben dem außerordentlichen Glänze von Nummer 27 etwas erblich. Ich hörte so viel von Nummer 27, von seinen frommen Ermahnungen an alle, die in seine Nähe kamen, und von den schönen Briefen, die er beständig an seine Mutter schrieb – die er für eine große Sünderin zu halten schien, – daß ich seinen Anblick wirklich mit Ungeduld erwartete. Ich mußte jedoch meiner Ungeduld noch einige Zeit Zügel anlegen, weil Nummer 27 als Schlußeffekt vorbehalten war. Aber endlich standen wir vor der Tür seiner Zelle, und Mr. Creakle, der durch ein kleines Loch hineingeblickt hatte, berichtete uns mit der größten Bewunderung, daß er in einem Gesangbuch lese. So viele Köpfe stürzten sofort vor, um Nummer 27 im Gesangbuch lesen zu sehen, daß das kleine Loch von mindestens sechs Köpfen auf einmal besetzt war. Um diesem Übelstande abzuhelfen, und uns eine Gelegenheit zu geben, mit Nummer 27 in ihrer ganzen Reinheit zu sprechen, ließ Mr. Creakle die Tür der Zelle aufschließen und Nummer 27 auf den Gang herauskommen. Das geschah, und wen anders sollten Traddles und ich zu unserm größten Erstaunen in dieser bekehrten Nummer 27 erblicken, als Uriah Heep ! Er erkannte uns sogleich, und sagte, wie er heraustrat, mit der alten kriechenden Bewegung: »Wie geht es Ihnen, Mr. Copperfield? Wie geht es Ihnen, Mr. Traddles?« Diese Bekanntschaft erregte die Bewunderung aller Anwesenden. Mir schien es fast, als wunderten sie sich, daß er nicht stolz war und uns beachtete. »Nun,« fragte Mr. Creakle, und bewunderte ihn mit melancholischer Teilnahme, »wie befinden Sie sich heute?« »Ich bin sehr demütig, Sir!« entgegnete Uriah Heep. »Das sind Sie immer, Nummer 27«, sagte Mr. Creakle. Hier fragte ein anderer Herr außerordentlich angelegentlich: »Sind Sie auch wirklich mit allem zufrieden?« »Ja, ich danke Ihnen, Sir!« sagte Uriah Heep, und blickte dahin, wo der Herr stand. »Ich befinde mich hier viel besser als jemals draußen. Ich erkenne jetzt meine Torheiten, Sir. Und deshalb befinde ich mich wohl.« Mehrere der Herren waren sehr gerührt, und ein dritter Herr drängte sich vor, und fragte mit außerordentlichem Gefühl: »Und wie finden Sie denn das Rindfleisch?« »Ich danke Ihnen, Sir,« entgegnete Uriah, und blickte jetzt nach dieser Seite, »es war gestern zäher als mir lieb war; aber es war meine Pflicht, still zu dulden. Ich habe Torheiten begangen, meine Herren,« sagte Uriah, und sah sich mit demütigem Lächeln um, »und muß nun die Folgen ohne Murren tragen.« Es erhob sich ein Gemurmel, halb zusammengesetzt aus Befriedigung über Siebenundzwanzigs himmlischen Gemütszustand, und halb aus Entrüstung über den Lieferanten, der ihm Ursache zur Klage gegeben hatte – was Mr. Creakle sofort notierte – stand Nummer 27 in unserer Mitte, als ob er sich als das schönste Stück in einem sehr schönen Museum fühlte. Damit uns Neulinge auf einmal ein Übermaß von Licht blenden sollte, wurde auch Nummer 28 herausbefohlen. Ich war schon so sehr erstaunt, daß ich es nur bis zu einer Art resignierter Verwunderung bringen konnte, als Mr. Littimer heraustrat, in der Hand ein gutes Buch! »Achtundzwanzig«, sagte ein Herr mit einer Brille, der noch nicht gesprochen hatte, »Sie beklagten sich vorige Woche über den Kakao. Wie ist er seitdem gewesen?« »Ich danke Ihnen, Sir«, entgegnete Mr. Littimer, »er war besser. Wenn ich mir die Freiheit nehmen darf, es zu erwähnen, Sir, so glaube ich nicht, daß die Milch, mit der er gekocht wird, ganz rein ist; aber ich weiß recht gut, Sir, daß man in London die Milch sehr verfälscht, und daß reine Milch nur sehr schwer zu erlangen ist.« Es schien mir, daß der Herr mit der Brille seine Achtundzwanzig gegen Mr. Creakles' Siebenundzwanzig ausspielte, denn jeder von den beiden ritt seinen Mann vor. »Wie ist Ihr Seelenzustand, Achtundzwanzig?« fragte der Herr mit der Brille. »Ich danke Ihnen, Sir,« entgegnete Mr. Littimer, »ich erkenne jetzt meine Torheiten, Sir, es macht mir sehr viel Kummer, wenn ich an die Sündhaftigkeit meiner frühern Genossen denke; aber ich hoffe, sie werden Vergebung finden.« »Und Sie selbst sind ganz glücklich?« fragte der Herr, und nickte ihm ermutigend zu. »Ich danke Ihnen recht sehr, Sir,« entgegnete Mr. Littimer, »vollkommen glücklich.« »Haben Sie ein Anliegen auf dem Herzen,« sagte jetzt der Herr, »dann sprechen Sie es aus, Achtundzwanzig?« »Sir,« sagte Mr. Littimer, ohne aufzublicken, »wenn mich meine Augen nicht getäuscht haben, so ist ein Herr hier, der mich in meinem frühern Leben gekannt hat. Es kann diesem Herrn von Nutzen sein, wenn er weiß, Sir, daß ich meine frühern Torheiten ganz dem Umstände zuschreibe, daß ich ein leichtsinniges Leben im Dienste junger Herren verbracht, und mich von ihnen zu Schwächen habe hinreißen lassen, denen zu widerstehen ich nicht stark genug war. Ich hoffe, der Herr wird das als Warnung annehmen, und mir es nicht als Anmaßung auslegen. Es geschieht zu seinem besten. Ich bin mir meiner frühem Torheiten bewußt. Er wird alle Sünde und Unrecht bereuen, an dem er teilgenommen hat.« Ich bemerkte, daß mehrere Herren sich eine Hand vor die Augen hielten, als ob sie eben in eine Kirche getreten wären. »Das macht Ihnen Ehre, Achtundzwanzig«, entgegnete der Herr mit der Brille. »Ich hatte es von Ihnen erwartet. Haben Sie sonst noch etwas?« »Sir,« gab Mr. Littimer zur Antwort, und zog ein wenig die Augenbrauen in die Höhe, ohne aber die Augen aufzuschlagen, »ich kannte ein Mädchen, das in einen schlechten Lebenswandel verfiel, und das ich zu retten versuchte, was mir aber nicht gelang. Ich bitte diesen Herrn, wenn es in seiner Macht steht, diesem Mädchen von mir zu sagen, daß ich ihr schlechtes Benehmen gegen mich verzeihe, und daß ich sie zur Reue ermahne – wenn er so gut sein will.« »Ich bezweifle nicht, Achtundzwanzig,« sagte jetzt der Herr, »daß der Herr, von dem Sie sprechen, so tief wie wir alle fühlen, was Sie so angemessen ausgedrückt haben. Wir wollen Sie nicht länger stören.« »Ich danke Ihnen, Sir«, sagte Mr. Littimer. »Meine Herren, ich wünsche Ihnen guten Tag, und hoffe, daß Sie und Ihre Familien ebenfalls Ihre Sünden einsehen und sich bessern!« Damit entfernte sich Nummer 28, nachdem er noch einen Blick mit Uriah gewechselt hatte, als ob sie nicht so ganz und gar unbekannt miteinander wären, und ein Gemurmel ging durch die Versammelten, als die Tür hinter ihm geschlossen wurde, daß er ein sehr achtbarer Mann und ein wahres Prachtexemplar sei. »Nun, Siebenundzwanzig,« fragte Mr. Creakle, der jetzt mit seinem Mann auf die freie Bahn kam, »kann jemand etwas für Sie tun? Dann sagen Sie es nur.« »Ich wollte in aller Demut um Erlaubnis bitten, wieder einmal meiner Mutter schreiben zu dürfen«, entgegnete Uriah, und verzerrte sein tückisches Gesicht. »Das soll Ihnen gewiß gestattet werden«, erwiderte Mr. Creakle. »Ich danke Ihnen, Sir! Ich bin in großer Sorge wegen der Mutter. Ich fürchte, sie ist nicht sicher.« Jemand fragte unvorsichtigerweise: »Sicher, wovor?« Aber als Antwort darauf ertönte ein entrüstetes »scht! scht!« »Sicher im ewigen Leben, Sir«, gab Uriah zur Antwort, und krümmte sich nach der Richtung der Stimme hin, »Ich wollte, die Mutter wäre in meinem Zustande. Ich hätte nie meinen gegenwärtigen Zustand erreicht, wenn ich nicht hierher gekommen wäre. Ich wollte, die Mutter käme hierher. Es wäre für alle besser, wenn sie eingesteckt und hierher gebracht würden.« Diese Äußerung erregte unbegrenzte Befriedigung – wie mir schien, größere Befriedigung als jede andere an diesem Tage vernommene. »Ehe ich hierher kam,« sagte Uriah, und warf uns einen Seitenblick zu, als ob er die äußere Welt, zu der wir gehörten, vergiften wollte, wenn er könnte, »beging ich Torheiten; aber jetzt erkenne ich meine Torheiten. Es ist viel Sünde draußen. Es ist viel Sünde in meiner Mutter. Es ist nichts als Sünde überall – außer hier.« »Also, Sie haben sich sehr verändert!« sagte Mr. Creakle. »O Gott, ja, Sir!« rief der hoffnungsvolle Büßende. »Würden Sie nicht rückfällig werden, wenn Sie wieder herauskämen?« fragte jemand. »O mein Gott, nein, Sir!« »Es freut uns sehr, das zu hören«, sagte Mr. Creakle. »Sie haben vorhin Mr. Copperfield begrüßt, Siebenundzwanzig. Wünschen Sie ihm noch etwas zu sagen?« »Sie kannten mich lange Zeit, bevor ich hierher kam und ganz anders wurde, Mr. Copperfield«, sagte Uriah und sah mich mit einem so tückisch lauerndem Blick an, wie ich ihn selbst an ihm noch nicht gesehen hatte. »Sie kannten mich, als ich trotz meiner Torheiten demütig war unter den Stolzen und sanft unter den Gewalttätigen. Sie waren selbst gewalttätig gegen mich, Mr. Copperfield. Einmal schlugen Sie mich ins Gesicht, Sie wissen es noch.« Allgemeines Mitleid. Verschiedene zornige Blicke wurden auf mich geworfen. »Aber ich verzeihe Ihnen, Mr. Copperfield«, sagte Uriah, und benutzte, um seine zur Verzeihung geneigte Natur ins rechte Licht zu stellen, einen gotteslästerlichen Vergleich, den ich hier nicht niederschreiben will. »Ich vergebe allen. Es würde mir selbst schlecht anstehen, Groll im Herzen zu hegen. Ich vergebe Ihnen vollständig und freiwillig und hoffe, Sie werden in Zukunft Ihre Leidenschaften bezähmen. Ich hoffe, Mr. W. wird bereuen, und Miß W. und die ganze sündhafte Rotte dort. Sie sind mit großem Leid heimgesucht worden, und ich hoffe, daß es Ihnen gut tun möge; aber besser wäre es, Sie kämen hierher. Mr. W. sollte lieber hierher kommen und auch Miß W. Das beste, was ich Ihnen wünschen kann, Mr. Copperfield, und allen diesen Herren, ist, daß man sie einstecke und hierher brächte. Wenn ich an meine früheren Torheiten denke und an meinen gegenwärtigen Zustand, fühle ich, daß dies das beste für Sie wäre. Ich bedaure alle, die nicht hierher kommen!« Er schlürfte wieder in seine Zelle zurück, begleitet von einem Chor unterdrückten Beifalls, und sowohl Traddles als ich fühlten uns sehr erleichtert, als die Tür hinter ihm wieder geschlossen war. Es war ein charakteristisches Zeichen dieser Besserungsanstalt, daß ich erst nach der Ursache des Hierseins dieser beiden Verbrecher fragen mußte. Wie es schien, war das das letzte, von dem die Rede sein konnte. Ich wendete mich daher an einen der beiden Gefangenenwärter, die, wie ich nach einigen leisen Andeutungen in ihren Gesichtern argwöhnte, recht wohl wußten, wie sie mit den beiden Prachtexemplaren daran waren. »Wissen Sie vielleicht,« sagte ich, als wir durch den Gang schritten, »aus welchem Verbrechen Nummer 27 letzte ›Torheit‹ bestand?« Die Antwort war, es sei eine Banksache gewesen. »Eine Betrügerei gegen die Bank von England?« fragte ich. »Ja, Sir. Betrug, Fälschung, Komplott. Er und noch ein paar andere. Er leitete die andern an. Es war ein tief angelegter Plan und galt einer bedeutenden Summe. Das Urteil lautete auf lebenslängliche Deportation. Siebenundzwanzig war der Schlaueste von der Bande und hätte sich beinahe herausgelogen; aber nicht ganz. Die Bank war gerade noch imstande, ihm Salz auf den Schwanz zu streuen – aber auch nur mit knapper Not.« »Wissen Sie, was Achtundzwanzig verbrochen hat?« »Achtundzwanzig«, sagte mir der Mann in leisem Tone und mit einem vorsichtigen Blick über die Achsel, um nicht bei so statutenwidrigen Äußerungen über die Unbefleckten von Creakle und den übrigen belauscht zu werden; »Achtundzwanzig – ebenfalls Deportation – erhielt einen Dienst und stahl einem jungen Herrn so an 250 Pfund in Geld und Wertsachen am Tage vor einer Reise ins Ausland. Ich erinnere mich deshalb des Falles noch sehr deutlich, weil der Verbrecher von einer Zwergin gefaßt wurde.« »Von wem?« »Von einer Zwergin. Ich habe den Namen vergessen.« »Doch nicht Mowcher?« »Ja, ja, so hieß sie. Er war allen seinen Verfolgern entgangen und war im Begriff, sich mit einer falschen Perücke und falschem Bart, und unerkennbar verkleidet, nach Amerika einzuschiffen, als ihn die kleine Frau, die gerade in Southampton war, zufällig auf der Straße traf – und ihn mit ihrem scharfen Blick unverzüglich erkannte – ihm zwischen die Beine lief, um ihn umzuwerfen – und ihn festgepackt hielt, wie der Tod.« »Bravo, wackre kleine Miß Mowcher!« rief ich. »Das hätten Sie auch gesagt, wenn Sie die kleine Frau während der Verhandlungen in der Zeugenloge auf einem Stuhl hätten stehen sehen«, sagte mein Freund. »Er schlug ihr das Gesicht blutig und hämmerte ihr auf die gräßlichste Weise auf dem Kopf herum, als sie ihn gepackt hielt; aber sie ließ nicht eher los, als bis er eingesperrt war. Sie hielt ihn so fest, daß die Polizeibeamten beide festnehmen mußten. Sie gab ihre Zeugenaussagen in der bestimmtesten und unerschütterlichsten Weise ab, erhielt große Lobsprüche von den Richtern und wurde mit beifälligem Hurra nach Hause geleitet. Sie sagte vor Gericht, sie hätte ihn ganz allein angegriffen – wegen der Schändlichkeiten, die sie von ihm wußte, – und wenn er so stark wie Simson gewesen wäre. Und das glaube ich ihr wahrhaftig.« Ich glaubte es auch, und hielt Miß Mowcher deshalb in hoher Achtung. Wir hatten jetzt alles gesehen, was zu sehen war. Es wäre vergebliche Mühe gewesen, einem Mann, wie dem ehrenwerten Mr. Creakle, vorzustellen, daß Siebenundzwanzig und Achtundzwanzig noch ganz dasselbe wären, was sie früher gewesen: daß die heuchlerischen Schurken gerade die Leute seien, die an einem solchen Ort eine solche Maske vornehmen würden, daß sie ihren Marktpreis durch die sofortigen Dienste, die sie ihnen nach ihrer Deportation leisten würde, mindestens so gut kennten, wie wir, mit einem Worte, daß es eine faule, hohle, höchst widerwärtige Gedanken erregende Sache sei. Wir überließen sie ihrem System und sich selber, und gingen, höchlich verwundert, nach Hause. »Vielleicht ist es gut, Traddles,« sagte ich, »wenn anfangs schlechte Steckenpferde scharf geritten werden; um so eher werden sie zu Tode geritten.« »Das hoffe ich«, entgegnete Traddles. Zweiundsechzigstes Kapitel. Ein Licht fällt auf meinen Weg. Die Weihnachtszeit nahte, und ich war nun seit zwei Monaten im Vaterlande. Ich hatte Agnes oft gesehen. So laut mich auch die öffentliche Anerkennung ermutigte, und zu so eifrigen Anstrengungen sie mich auch anstachelte, ihr leisestes Wort des Lobes ging mir doch über alles. Wenigstens einmal die Woche, und manchmal öfter, ritt ich nach Canterbury und brachte den Abend bei ihr zu. Meistens ritt ich nachts zurück; denn das alte unglückliche Gefühl lastete immer noch auf mir – am schmerzlichsten, wenn ich sie verlassen hatte – und ich war froh, wenn ich in Bewegung sein konnte, anstatt im unerquicklichen Wachen oder in quälenden Träumen durch die Vergangenheit zu schweifen. Ich verbrachte lieber den längsten Teil mancher dieser regnerischen trüben Nächte auf dem Ritte, und die Gedanken, die mich während meiner langen Abwesenheit beschäftigt hatten, lebten dabei immer in mir auf. Oder ich sollte lieber sagen, ich lauschte dem Widerhall dieser Gedanken. Sie sprachen zu mir aus weiter Ferne. Ich hatte sie weit von mir gewiesen und meine Stellung als unvermeidlich ruhig hingenommen. Wenn ich Agnes vorlas, was ich geschrieben hatte, wenn ich ihr horchendes Gesicht sah, sie zum Lächeln oder zu Tränen bewegte und ihre herzliche Stimme so innig über die schattenhaften Ereignisse der phantastischen Welt, in der ich lebte, sprechen hörte, da dachte ich manchmal, welch ein Los das meinige sein könnte – aber ich dachte daran nur so, wie ich nach der Heirat mit Dora gedacht hatte, welche Eigenschaften ich meiner Frau gewünscht hatte. Meine Pflicht gegen Agnes, die mich mit einer Liebe liebte, die ich, wenn ich sie gestört hätte, höchst selbstsüchtig und kleinlich verletzt haben würde und niemals wiedergewinnen konnte, die jetzt reif gewordene Überzeugung, daß ich, der Schmied des eigenen Schicksals, und früher im Besitz dessen, wonach ich mit der ganzen Leidenschaft meines Herzens gestrebt hatte, kein Recht hatte zu murren, und ruhig tragen müsse, waren der Inbegriff dessen, was ich fühlte und was ich gelernt hatte. Aber ich liebte sie. Und jetzt diente es mir einigermaßen zum Trost, wenn ich mir dunkel einen fernen Tag vorstellte, wo ich es ihr ungehindert gestehen durfte, wo alles dieses vorüber war, wo ich sagen konnte: »Agnes, so war es als ich zurückkehrte, und jetzt bin ich alt und habe seitdem nie wieder geliebt!« An ihr selbst ließ sich keine Veränderung erkennen. Was sie mir immer gewesen, war sie noch. Zwischen meiner Tante und mir war seit dem Abend meiner Rückkehr in bezug auf diese Sache etwas entstanden, was ich nicht ein gezwungenes Verhältnis nennen will oder ein Vermeiden dieses Gegenstandes, sondern eher ein stillschweigendes Übereinkommen, daß wir beide darüber nachdachten, aber unsern Gedanken keine Worte gaben. Wenn wir nach alter Sitte abends vor dem Feuer saßen, beschäftigten uns diese Gedanken oft so natürlich und so erkennbar für den andern, als ob wir es uns offen gesagt hatten. Aber wir beobachteten ein heiliges Schweigen. Ich glaube, daß sie an jenem Abend meine Gedanken wenigstens zum Teil gelesen, und daß sie vollständig begriff, warum ich sie nicht deutlicher ausgesprochen hatte. Die Weihnachtszeit war da, und weil mir Agnes nichts über sich vertraut hatte, begann ein schon mehrmals in mir entstandener Zweifel mich schwer zu bedrücken – ob sie eine Ahnung von dem wahren Zustande meines Herzens hätte, der sie abhielt, mir Vertrauen zu schenken, aus Furcht, mir Schmerz zu verursachen. – Wenn das der Fall war, so war mein Opfer vergebens, meine einfachste Pflicht war dann unerfüllt, und gerade die Schwäche, die ich hatte vermeiden wollen, hätte ich stündlich begangen. Ich beschloß, dies unzweifelhaft klar zu machen, und wenn eine solche Schranke noch zwischen uns bestehen sollte, sie mit entschlossener Hand niederzureißen. Es war an einem kalten, rauhen Wintertag – wievielen Grund habe ich seiner zu gedenken! Es hatte einige Stunden vorher geschneit, und der Schnee bedeckte jetzt nicht tief, aber hart gefroren den Boden. Draußen auf dem Meere vor meinem Fenster wehte der Wind rauh aus Norden. Ich hatte ihn mir vorgestellt, wie er über die jetzt dem menschlichen Fuß unzugänglichen Schneewüsten der Schweizer Berge rasen mußte, und hatte darüber nachgedacht, was wohl einsamer sein möchte, diese öden Regionen oder das einsame Weltmeer. »Du reitest heute aus, Trot«, sagte meine Tante, die den Kopf zur Tür hereinsteckte. »Ja,« entgegnete ich, »ich will nach Canterbury. Es ist ein guter Tag zum Reiten.« »Ich hoffe, dein Pferd wird das auch finden,« sagte meine Tante, »aber vorderhand senkt es den Kopf und die Ohren, dort vor der Tür draußen, als ob es den Stall vorziehen möchte.« Ich muß beiläufig bemerken, daß meine Tante mein Pferd auf dem verbotenen Rasen ließ, aber gegen die Esel nicht gnädiger geworden war. »Es Wird schon munter werden«, sagte ich. »Der Ritt wird jedenfalls dem Herrn gut tun«, bemerkte meine Tante mit einem Blick auf die Papiere auf dem Tische. »Ach, Kind, du bringst viele, viele Stunden hier zu! Ich habe niemals beim Bücherlesen gedacht, wieviele Mühe das kostete, sie zu schreiben.« »Es kostet manchmal Mühe genug, sie zu lesen«, gab ich zurück. »Und was das Schreiben betrifft, Tante, so hat das seine eignen Reize.« »Ja, ich verstehe«, sagte meine Tante. »Ehrgeiz, Lust an Beifall und auch Teilnahme und noch viel mehr, vermute ich. Nun mache, daß du fortkommst!« »Weißt du jetzt mehr über jene Neigung von Agnes?« sagte ich und stand ruhig vor ihr – sie hatte mich auf die Schulter geklopft und sich in meinen Stuhl gesetzt. Sie sah mich eine Weile an, ehe sie antwortete. »Ich glaube wohl, Trot.« »Bist du in deiner Meinung bestärkt worden?« fragte ich weiter. »Ich glaube wohl, Trot.« Sie sah mich so beharrlich an, mit einer Art Zweifel oder Bedauern, oder ängstlicher Teilnahme in dem Blicke, daß ich nur um so fester entschlossen war, ihr ein heiteres Gesicht zu zeigen. »Und was noch mehr ist, Trot –« fuhr meine Tante fort. »Ja!« »Ich glaube, Agnes wird bald heiraten.« »Gott gebe ihr Glück!« bemerkte ich heiter. »Ja, Gott gebe ihr Glück!« sagte meine Tante, »und auch ihrem Gatten.« Ich wiederholte es, schied von meiner Tante und ging rasch die Treppe hinab, bestieg mein Pferd und ritt fort. Ich hatte jetzt um so mehr Grund, meinen Entschluß auszuführen. Wie deutlich ich mich des Rittes durch die Winterlandschaft erinnere! Der Wind blies die kleinen Eiskörnchen von den Grashalmen und trieb sie mir in das Gesicht; die Hufe meines Pferdes klangen hart wie eine einförmige Melodie auf dem festgefrornen Erdboden; die aufgepflügten Ackerschollen waren steif gefroren, die Schneewehen in der Kalkgrube wurden leise von dem wirbelnden Winde zusammengetrieben; oben auf der Anhöhe hielten die dampfenden Pferde vor einem mit Heu beladenen Wagen und beim Schütteln klingelten ihre Schellen melodisch durch die Luft; die beschneiten Bodenerhebungen und weiten Flächen der Downs hoben sich gegen den dämmrigen Himmel ab, als wären sie auf eine riesige Schiefertafel gezeichnet! Ich fand Agnes allein. Die kleinen Mädchen waren nach Hause gereist, und sie saß vor dem Feuer und las. Sie legte das Buch hin, als sie mich eintreten sah, und nachdem sie mich, wie gewöhnlich, bewillkommnet hatte, nahm sie ihr Arbeitskörbchen und setzte sich in eins der altmodischen Fenster. Ich saß neben ihr auf dem Fenstersitz, und wir sprachen von meinen Arbeiten, und wann ich fertig sein würde, und welche Fortschritte ich seit meinem letzten Hiersein gemacht habe. Agnes war sehr heiter und prophezeite mir lachend, ich werde bald viel zu berühmt werden, als daß man mit mir über solche Gegenstände werde sprechen dürfen. »So benutze ich denn die Gegenwart aufs beste, wie du siehst,« sagte Agnes, »und rede mit dir davon, solange ich's noch darf.« Als ich ihr schönes Gesicht, das auf die Arbeit blickte, ansah, erhob sie die sanften, klaren Augen und sah, daß ich sie anblickte. »Du bist heute sehr nachdenklich, Trotwood.« »Agnes, soll ich dir sagen, warum? Ich kam her, um dir es zu sagen.« Sie legte die Arbeit weg, wie gewöhnlich, wenn wir etwas ernstlich besprachen, und schenkte mir ihre Aufmerksamkeit. »Liebe Agnes, bezweifelst du, daß ich dir treu bin?« »Nein!« erwiderte sie mit einem Blick des Erstaunens. »Bezweifelst du, daß ich noch derselbe bin, der ich früher war?« »Nein!« gab sie wie vorhin zur Antwort. »Erinnerst du dich noch, daß ich dir nach meiner Rückkehr zu sagen versuchte, welche Schuld der Dankbarkeit ich an dich habe, geliebte Agnes, und wie tief ich das fühlte?« »Ich erinnere mich dessen noch recht gut«, sagte sie sanft. »Du hast ein Geheimnis,« sagte ich, »laß mich daran Anteil nehmen.« Sie schlug die Augen nieder und zitterte. »Es konnte mir kaum verborgen bleiben,« sagte ich, »selbst wenn ich es nicht gehört hätte – aber, was seltsam erscheint, von andern Lippen, als von den deinen – daß du jemand das Kleinod deiner Liebe geschenkt hast. Verbirg mir nicht das, was dein Glück so nahe angeht! Wenn du mir so vertrauen kannst, wie du es sagst, und wie ich es weiß, so laß mich dein Freund, dein Bruder in dieser Sache vor allen andern sein!« Mit einem flehenden, fast vorwurfsvollen Blick stand sie vom Fenster auf und eilte nach dem Hintergrund des Zimmers, als wisse sie nicht wohin, bedeckte das Gesicht mit den Händen und brach in Tränen aus, die mir das Herz zerrissen. Und dennoch erweckten sie leise Hoffnungen in mir. Ohne zu wissen warum, verbanden sich diese Tränen mit dem stillen, Lächeln der Wehmut, das ich so gar nicht vergessen konnte, und machten mich mehr von Hoffnungen, als von Besorgnis oder Schmerz zittern. »Agnes! Schwester! liebste Schwester! was habe ich getan!« »Laß mich fort, Trotwood. Mir ist nicht wohl. Ich bin nicht bei mir selber. Ich will später mit dir davon sprechen – ein andermal. Ich werde schreiben. Sprich jetzt nicht weiter zu mir. Bitte, bitte, tue es nicht!« Ich suchte mich auf ihre Worte zu besinnen, als ich mit ihr an jenem Abend von ihrer Liebe gesprochen hatte, die keiner Erwiderung bedürfe. Es war, als ob ich eine ganze Welt in einem Augenblick durchforschen müßte. »Agnes, ich kann diesen Anblick nicht ertragen, wenn ich denke, daß ich die Ursache bin. Teuerstes Mädchen, mir teurer, als alles andre auf der Welt, wenn du unglücklich bist, so laß mich dein Unglück teilen. Wenn du Hilfe oder Rat suchst, so will ich versuchen, ihn dir zu geben. Wenn du wirklich eine Last auf dem Herzen hast, so laß mich versuchen, sie zu erleichtern. Für wen lebe ich denn jetzt, Agnes, wenn ich nicht für dich lebe!« »O schone mich! Ich bin nicht bei mir selber! Ein andermal! –« weiter konnte ich nichts verstehen. Führte mich ein selbstsüchtiger Irrtum in die Irre? Oder tat sich mir mit diesem kleinen Schimmer der Hoffnung etwas auf, woran ich zu denken nicht gewagt hatte? »Ich muß noch mehr sagen. So darfst du mich nicht verlassen!« rief ich. »Um des Himmels willen, Agnes, laß kein Mißverständnis nach allen diesen Jahren, und nach allem, was mit ihnen gekommen und gegangen ist, zwischen uns entstehen! Ich muß deutlich sprechen. Wenn du noch einen leisesten Gedanken hegst, daß ich jemand das Glück, das du spendest, neiden, daß ich dich nicht einem geliebten Beschützer deiner eignen Wahl hingeben, daß ich nicht von einem entferntern Platze aus ein zufriedener Zeuge deines Glückes sein könnte, so vergiß diesen Gedanken, denn ich verdiene ihn nicht! Ich habe nicht ganz vergebens gelitten. Du hast mich nicht ganz vergebens erzogen. Es ist keine Beimischung von Selbstsucht in dem, was ich für dich fühle.« Sie war jetzt wieder ruhiger geworden. Nach einer kleinen Weile wendete sie mir ihr blasses Gesicht zu und sagte mit leiser, dann und wann stockender, aber sehr deutlicher Stimme: »Ich bin es deiner reinen Freundschaft für mich schuldig, Trotwood, und ich setze keinen Zweifel in sie – dir zu sagen, daß du dich irrst. Ich kann weiter nichts tun. Wenn ich manchmal im Verlauf der Jahre Hilfe und Rat gebraucht habe, so sind sie gekommen. Wenn ich manchmal unglücklich gewesen bin, so ist der Schmerz vergangen. Wenn ich jemals eine Last auf dem Herzen hatte, so ist sie leichter geworden. Wenn ich ein Geheimnis habe, so ist es – kein neues, und ist nicht – das, was du denkst! Ich kann es nicht enthüllen oder teilen. Es ist so lange Mein gewesen und muß mein bleiben.« ^ »Agnes! warte einen Augenblick!« Sie wollte fortgehen, aber ich hielt sie zurück. Ich umschlang sie mit meinen Armen. »Im Verlaufe der Jahre!« »Es ist kein neues!« Neue Gedanken und Hoffnung stürmten mir durch die Seele, und alle Farben meines Lebens veränderten sich. »Teuerste Agnes! die ich so verehre und hochachte – die ich so innig liebe! Als ich heute hierher kam, glaubte ich, daß mir nichts dieses Bekenntnis entreißen könnte. Ich glaubte, ich würde es in meiner Brust verschlossen halten können, bis wir alt wären. Aber Agnes, wenn ich wirklich zu der neugebornen Hoffnung berechtigt bin, daß ich dich jemals anders nennen kann als Schwester, daß du mir mehr, viel mehr werden kannst als Schwester –« Ihre Tränen flossen reichlich; aber sie waren nicht wie die vorhin geweinten, und meine Hoffnungen erstarkten in ihnen. »Agnes! die du immer meine Führerin und beste Stütze warst! Wenn du mehr an dich, und weniger an mich gedacht hättest, als wir hier zusammen aufwuchsen, so glaube ich wohl, mein achtlos leichtsinniges Herz hätte sich nie von dir weg verirrt. Aber du warst so viel besser, als ich war, mir so notwendig in jeder knabenhaften Hoffnung und Enttäuschung, daß es mir zur zweiten Natur wurde, dich zur Vertrauten und Stütze in allem zu haben, und daß dadurch die erste und größere, dich zu lieben, wie ich es tue, in den Hintergrund gedrängt wurde.« Sie weinte immer noch, aber nicht vor Schmerz – sondern vor Freude! Ich hielt sie an meiner Brust, wie ich sie noch nie gehalten hatte, wie ich nie gedacht hatte, sie jemals umarmt zu halten! »Als ich Dora liebte – herzlich und aufrichtig liebte, Agnes, wie du weißt, Agnes –« »Ja«, sagte sie voll Ernst, »Und ich freue mich, es zu wissen.« »Als ich sie liebte – selbst da wäre meine Liebe unvollständig gewesen ohne deine Teilnahme. Ich besaß sie, und sie war vollkommen. Und als ich sie verlor, Agnes, was wäre ich da ohne dich gewesen?« Ich drückte sie fester in meine Arme, und sie näherte sich meinem Herzen, die Hand zitternd auf meine Schulter gestützt, die lieben Äugen durch Tränen den meinen entgegenglänzend! »Ich verließ die Heimat, geliebte Agnes, und liebte dich. Ich war in der Fremde und liebte dich. Ich kehrte zurück und liebe dich!« Und jetzt versuchte ich ihr den Kampf, den ich ausgestanden, und den Entschluß, den ich endlich gefaßt hatte, begreiflich zu machen. Ich versuchte, ihr meine Seele offen vorzulegen und ohne Vorbehalt. Ich versuchte ihr zu zeigen, wie ich gehofft hätte, zu einer besseren Erkenntnis meiner und selbst ihrer gekommen zu sein, wie ich mich in das ergeben hätte, was diese bessere Einsicht mir gebracht, und wie ich auch heute in der Treue gegen dies Gelübde zu ihr gekommen sei. Wenn sie mich so liebe, sagte ich, daß sie mich zu ihrem Manne nehmen könne, so täte sie das nicht, weil ich irgend ein Verdienst hätte, außer meiner aufrichtigen Liebe für sie, und wegen des Kummers, in dem diese Liebe herangereift zu dem, was sie jetzt war. Agnes, und aus deinen treuen Augen sah in diesem Augenblick der Geist meiner Dora auf mich herab und sagte, so sei es gut, und weckte in mir durch dich die lieblichsten Erinnerungen an das Maßliebchen, das in seiner schönsten Blütezeit verwelkt war! – »Ich bin so selig, Trotwood – mein Herz ist so voll – aber eines muß ich dir noch sagen.« »Geliebteste, was?« Sie legte ihre Hand sanft auf meine Schulter, und sah mir ruhig ins Gesicht. »Weißt du jetzt, was es ist?« »Ich scheue mich, darüber nachzugrübeln. Sage es mir lieber.« »Ich habe dich geliebt mein ganzes Leben lang!« Ach, wir waren glücklich! so glücklich! Unsere Tränen galten nicht den Prüfungen – die ihrigen waren bei weitem die größern – durch die wir soweit gekommen waren, sondern der Wonne, dahin gekommen zu sein und nie wieder getrennt zu werden. Wir gingen an diesem Winterabend draußen durch die Felder spazieren, und die selige Ruhe in uns schien sich der kalten Luft mitzuteilen. Die ersten Sterne fingen an zu scheinen, während wir noch draußen waren, und als wir zu ihnen hinaufblickten, dankten wir Gott, daß er uns zu dieser Ruhe geführt habe. Wir standen spät abends zusammen in demselben altmodischen Fenster, als der Mond schien: Agnes blickte mit ihren milden Augen hinauf, und ich folgte ihrem Blick. Lange Meilen Wegs taten sich da auf vor meinem Geist, und ich sah einen zerlumpten, verlassenen und vernachlässigten Knaben mit erlahmenden Kräften die Straße wandern, der einstmals das Herz, das jetzt an meinem schlug, sein eigen nennen sollte. Es war fast Essenszeit am nächsten Tage, als wir vor meiner Tante erschienen. Sie sei in meinem Studierzimmer, sagte Peggotty – es war nämlich ihr Stolz, es für mich stets in Ordnung zu halten. Sie saß dort mit der Brille am Feuer. »Du meine Güte!« sagte meine Tante und versuchte durch die Dämmerung zu blicken, »wen bringst du denn da mit nach Hause?« »Agnes«, sagte ich. Da wir uns verabredet hatten, anfangs nichts zu sagen, war es meiner Tante nicht wenig unbehaglich. Sie warf mir einen hoffnungsvollen Blick zu, als ich sagte »Agnes«; aber da ich ganz so aussah, wie gewöhnlich, nahm sie in ihrer Verzweiflung die Brille ab und rieb sich damit die Nase. Sie empfing dennoch Agnes auf das herzlichste, und wir befanden uns bald in dem hellen Parterrezimmer beim Essen. Meine Tante setzte zwei- oder dreimal die Brille auf, um mich jedesmal anzusehen, nahm sie ebenso oft getäuscht wieder ab und rieb sich die Nase damit. Dies geschah sehr zu Mr. Dicks Unbehagen, der darin ein schlechtes Symptom fand. »Apropos, Tante,« sagte ich nach dem Essen, »ich habe mit Agnes wegen der Sache, von der du mir sagtest, gesprochen.« »Dann, Trot,« sagte meine Tante und wurde purpurrot, »hast du unrecht getan und dein Versprechen gebrochen.« »Du bist doch nicht böse, Tante, du kannst es nicht sein, wenn du erfährst, daß Agnes kein unglückliches Liebesverhältnis hat.« »Dummes Zeug«, erwiderte meine Tante. Da sie unangenehm berührt zu sein schien, hielt ich es für das beste, der Sache ein Ende zu machen. Ich führte Agnes hinter ihren Stuhl, und wir beide beugten uns über sie herab. Die Hände zusammenschlagend, und nach einem Blick durch die Brille bekam meine Tante sogleich einen Weinkrampf, das erste und einzige Mal in ihrem Leben, soviel ich weiß. Das Schluchzen rief Peggotty herbei. Sowie meine Tante wieder zu sich gekommen war, stürzte sie auf Peggotty los, nannte sie ein törichtes, altes Geschöpf, und umarmte sie aus allen Kräften. Danach umarmte sie Mr. Dick – der sich hochgeehrt fühlte, aber sehr überrascht war – danach sagte sie ihm, warum. Dann waren wir alle sehr glücklich. Ich konnte nicht entdecken, ob sich meine Tante in ihrer letzten, kurzen Unterredung mit mir einen frommen Betrug erlaubt oder meinen Gemütszustand wirklich mißverstanden hatte. Es wäre gerade genug, sagte sie, daß sie mir gesagt habe, Agnes würde sich verheiraten, und ich wisse jetzt besser als jeder andere, wie wahr es sei. In vierzehn Tagen war Hochzeit. Traddles und Sophie und Doktor und Mrs. Strong waren die einzigen Gäste bei unsrer stillen Trauung. Wir verließen sie voller Freude und fuhren zusammen nach London. In meinen Armen hielt ich jetzt die Quelle von jedem würdigen Streben, daß mich erfüllt hatte: den Mittelpunkt meines Selbst, den Umkreis meines Lebens, meine teure, teure Gattin, und meine Liebe zu ihr war auf einen Felsen gegründet! »Bester Mann!« sagte Agnes. »Jetzt, wo ich dir diesen Namen geben darf, habe ich dir noch etwas zu sagen.« »Was ist es, Geliebte?« »Es hängt mit dem Abend zusammen, wo Dora starb. Sie ließ mich durch dich rufen.« »Ja.« »Sie sagte mir, daß sie mir ein Vermächtnis hinterließe. Hast du erraten, was es war?« Ich, glaubte, ich könnte es. Ich zog das Weib, das mich so lange geliebt, dichter an mich. »Sie sagte, sie habe eine letzte Bitte an mich, und hinterlasse mir einen letzten Auftrag –« »Und der war? –« »Daß nur ich an diese leere Stelle treten möchte.« Und Agnes legte ihr Haupt an meine Brust und weinte, und ich weinte mit ihr, obgleich wir so glücklich waren. Dreiundsechzigstes Kapitel. Ein Besuch. Was ich niederschreiben wollte, ist jetzt bald zu Ende; aber ein Vorfall ist mir noch lebhaft im Gedächtnis, das oft mit Wohlgefallen dabei verweilt, und ohne das ein Faden in dem Gewebe meiner Geschichte ein verworrenes Ende hätte. Ich war an Ruhm und Wohlstand gewachsen, meine häusliche Freude war vollständig, und ich war zehn glückliche Jahre verheiratet gewesen. Agnes und ich saßen an einem Frühlingsabend in unserm Hause in London am Feuer, und drei unserer Kinder spielten im Zimmer, als mir ein Fremder gemeldet wurde, der mich zu sehen wünschte. Man hatte ihn gefragt, ob, er in Geschäften komme, aber er hatte mit Nein geantwortet. Er wollte nur das Vergnügen haben, mich zu sehen, und käme weit her. Er sei ein alter Mann, sagte mein Diener, und er sähe aus wie ein Farmer. Da dieses den Kindern geheimnisvoll klang, und noch dazu im Anfang meiner Lieblingsgeschichte ähnlich war, die ihnen Agnes oft erzählte, in der die Ankunft einer bösen alten Fee in einem Mantel vorkam, die jedermann haßte, so brachte es einige Aufregung hervor. Einer unserer Knaben versteckte den Kopf in den Schoß der Mutter, um außer Gefahr zu sein, und die kleine Agnes – unser ältestes Kind – setzte an ihre Stelle die Puppe in den Stuhl und guckte mit dem goldgelockten Köpfchen zwischen den Vorhängen hervor, um zu sehen, was da kommen werde. »Laß ihn hereintreten!« sagte ich. Bald darauf erschien ein sonnengebräunter, krausköpfiger Mann in der dunkeln Tür und blieb dort stehen. Angezogen von seinem Äußern war die kleine Agnes auf ihn zugelaufen, um ihn hereinzuführen, und ich hatte sein Gesicht noch nicht deutlich gesehen, als meine Frau aufsprang und mir erfreut und aufgeregt zurief: »Es ist Mr. Peggotty.« Es war Mr. Peggotty. Ein alter Mann jetzt, aber im frischen kräftigen Greisenalter. Als unsere erste Überraschung vorüber war, und er vor dem Feuer saß, ein Kind auf jedem Knie, und die Glut sein Gesicht erhellte, da erschien er mir als ein so kräftiger, rüstiger und auch so schöner Greis, wie ich kaum jemals einen gesehen hatte. »Master Davy«, sagte er. Und der alte Name in dem alten Ton klang mir so natürlich! »Master Davy, das ist eine freudige Stunde für mich, Sie noch einmal neben Ihrer guten Frau zu sehen!« »Gewiß eine freudige Stunde, alter lieber Freund!« rief ich aus. »Und die hübschen Kinderchen«, sagte Mr. Peggotty. »Die frischen Gesichter zu sehen! Ach, Master Davy, Sie waren nicht größer, als das kleinste von diesen, als ich Sie zuerst sah, und Emilie war auch nicht größer, und unser armer Ham war auch erst ein Junge!« »Die Zeit hat mich seitdem mehr verändert als Sie«, erwiderte ich. »Aber lassen wir diese kleinen Schelme erst zu Bett gehen, und da Sie kein andres Haus in England aufnehmen darf als dieses, so sagen Sie, wo Ihr Gepäck abzuholen ist – ich möchte wissen, ob das alte schwarze Felleisen darunter ist, das so weite Wanderungen gemacht hat, – und dann wollen wir uns bei einem Glas Yarmouthgrog von den letzten zehn Jahren erzählen.« »Sind Sie allein?« fragte Agnes. »Ja, Madame,« erwiderte er und küßte ihr die Hand, »ganz allein!« Wir ließen ihn zwischen uns sitzen, und wußten nicht, wie wir ihn gut genug bewillkommen konnten; und wie ich zuerst die alte, vertraute Stimme hörte, hätte ich mir einbilden können, er sei immer noch auf der langen Reise zur Aufsuchung seiner geliebten Nichte begriffen. »Es ist eine große Strecke Wasser zu einer Reise,« sagte Mr. Peggotty, »zumal, wenn man nur ein paar Wochen bleiben will. Aber Wasser, vorzüglich wenn es salzig ist, ist mir eine vertraute Sache, und Freunde sind viel wert und ich bin heimgekehrt. – Aber das sind ja Reime,« sagte Mr. Pegotty, ganz erstaunt über diese Entdeckung, »und ich hab gar keine machen wollen.« »Wollen Sie sobald schon wieder diese vielen tausend Meilen zurückreisen?« fragte Agnes. »Ja, Madame«, gab er zur Antwort. »Ich habe es Emilie versprochen, ehe ich abreiste. Sehen Sie, ich werde nicht jünger mit den Jahren, und wenn ich nicht jetzt die Reise gemacht hätte, so wäre wahrscheinlich nie etwas daraus geworden. Und es hat mir immer auf der Seele gelegen, daß ich Master Davy und Ihr eigenes liebes Gesicht als glückliche Eheleute sehen müßte, ehe ich zu alt würde.« Er betrachtete uns, als könnten seine Augen nicht satt weiden an uns. Lachend strich ihm Agnes ein paar seiner grauen Locken von der Stirn, damit er uns besser sehen könnte. »Und jetzt erzählen Sie uns, wie es Ihnen ergangen ist«, sagte ich. »Unsere Geschichte ist bald erzählt, Master Davy«, erwiderte er. »Es ist uns nicht gerade prächtig ergangen, aber wir sind immer durchgekommen. Wir haben gearbeitet, wie es unsere Pflicht war, und im Anfang haben wir uns vielleicht ein bißchen anstrengen müssen, aber wir sind immer durchgekommen. Bald mit Schafzucht und bald mit Feldbau, und bald mit dem und bald mit jenem haben wir uns durchgeholfen, und wir befinden uns so wohl, wie wir es nur wünschen können. Gottes Segen hat uns nicht gefehlt,« fuhr Mr. Peggotty fort, und verbeugte sich ehrerbietig, »und es ist uns zuletzt gut ergangen. Das heißt, so im ganzen. Wenn nicht gestern, dann doch heute, wenn nicht heute, dann morgen.« »Und Emilie?« fragten Agnes und ich aus einem Munde. »Ja, Em'ly«, sagte er. »Ich hab sie nie ihr Abendgebet sprechen hören hinter der Zeltwand, als wir uns zuerst im Busch niedergelassen hatten, ohne daß sie Ihren Namen, Mrs. Copperfield, genannt hätte! Als Sie von ihr fortgegangen waren, Madam, und wir beide auch Mas'r Davy nicht mehr bei dem hellen Sonnenuntergänge sehen konnten, da war sie zuerst so niedergeschlagen, daß sie gewiß dahingesiecht wäre, wenn sie das gewußt hätte, was Mas'r Davy uns so freundlich und fürsorglich verschwiegen hatte. Das ist meine feste Überzeugung. Aber es waren arme Leute an Bord, unter denen es viel Krankheit gab, und da hat sie sie gepflegt und dann sorgte sie auch für die Kinder, die da waren, und so fand sie Beschäftigung und konnte etwas Gutes tun, und das half ihr.« »Wann erfuhr sie es zuerst?« fragte ich. »Ich hielt es ihr wohl noch ein Jahr lang geheim, nachdem ich es gehört hatte«, sagte Mr. Peggotty. »Wir wohnten damals an einem einsamen Orte, aber unter den schönsten Bäumen, und die Rosen bedeckten unsere Hütte bis zum Dach. Da kam eines Tages, als ich draußen auf dem Felde arbeitete, ein Reisender aus Norfolk oder Suffolk in England – ich weiß nicht recht mehr, aus welchem von beiden – und natürlich nahmen wir ihn auf, und gaben ihm zu essen und zu trinken, und behandelten ihn als unsern Gast. So geschieht es immer dort in der Kolonie. Er hatte eine alte Zeitung mitgebracht, und noch eine andere gedruckte Nachricht über den Sturm. So erfuhr sie es. Als ich abends nach Haufe kam, fand ich, daß sie es wußte.« Seine Stimme war gedämpfter als er diese Worte sprach, und der Ernst, den ich an ihm kannte, verbreitete sich über sein Gesicht. . »Bewirkte die Nachricht eine große Veränderung bei ihr?« fragten wir. »Jawohl, für eine sehr lange Zeit,« erwiderte er, und schüttelte den Kopf; »wenn nicht bis zu dieser Stunde. Aber ich glaube, die Einsamkeit hat ihr gut getan. Nun hatte sie viel zu tun mit dem Federvieh und der Wirtschaft, und so kam sie durch. Ich möchte wohl wissen,« sagte er nachdenklich, »ob Sie meine Emilie jetzt noch kennen würden, Master Davy!« »Hat sie sich so verändert?« fragte ich. »Ich weiß es nicht. Ich sehe sie jeden Tag und weiß es nicht. Aber vielmals habe ich es gedacht. Eine zarte Gestalt,« sagte Mr. Peggotty, und sah ins Feuer, »etwas abgezehrt; sanfte, traurige, blaue Augen, ein blasses Gesicht; ein hübscher Kopf, ein wenig geneigt; ein stilles Wesen und eine sanfte Stimme – fast schüchtern. Das ist Emilie!« Wir beobachteten ihn stillschweigend, wie er dasaß, und immer noch ins Feuer blickte. »Niemand kennt ihre wahre Geschichte. Manche Leute meinen,« fuhr er fort, »sie hätte einen Mann geliebt, der ihrer nicht wert gewesen wäre; manche, ihr wäre der Bräutigam kurz vor der Hochzeit gestorben. Sie hätte sich viele, viele Male gut verheiraten können, ›aber Onkel‹, sagte sie zu mir, ›damit ist es für immer vorbei‹. Heiter, wenn ich bei ihr bin, zurückhaltend, wenn andere da sind, immer bereit, noch so weit zu gehen, wo es gilt, ein Kind zu unterrichten, oder einen Kranken zu pflegen, oder bei der Hochzeit eines jungen Mädchens gefällig zu sein – und das hat sie oft getan, obgleich sie nie eine mitgemacht hat, – voll zärtlicher Liebe für ihren Onkel, geduldig, beliebt bei jung und alt, gesucht von allen, die einen Kummer auf dem Herzen haben. Das ist Emilie!« Er fuhr sich mit der Hand über die Augen, unterdrückte einen Seufzer und wendete den Blick von dem Feuer. »Ist Martha noch bei Ihnen?« fragte ich. »Martha heiratete im zweiten Jahre, Master Davy«, gab er zur Antwort. »Ein junger Bursche, ein Ackerknecht, der mit den Waren seines Herrn bei uns vorüber zum Markte fuhr – eine Reise von über hundert Meilen hin und zurück – bot ihr an, sie zum Weibe zu nehmen – Weiber sind dort sehr selten – und dann wollten sie sich selbst Land kaufen. Sie bat mich, ihm ihre wahre Geschichte zu erzählen; ich tat es, Sie heirateten sich, und sie wohnen ein paar hundert Meilen entfernt von jeder Stimme, als ihrer eignen und dem Gesange der Vögel.« »Und Mrs. Gummidge?« Damit berührte ich eine angenehme Saite, denn Mr. Peggotty brach plötzlich in lautes Gelächter aus und rieb sich die Schenkel mit den Händen, wie er es zu tun pflegte, wenn er sich in dem längst untergegangenen Boot einmal so recht freute. »Werden Sie es glauben!« sagte er. »Sogar der hat jemand einen Heiratsantrag gemacht! Wenn ein Schiffskoch, der sich niederlassen wollte, Master Davy, Mrs. Gummidge keinen Heiratsantrag machte, so will ich verdebelholmert – sein und mehr kann ich nicht sagen!« Ich habe Agnes nie so lachen sehen. Dieser plötzliche Freudenausbruch Mr. Peggottys machte ihr so viel Vergnügen, daß sie gar nicht aufhören konnte zu lachen, und je mehr sie lachte, desto mehr machte sie mich lachen, und desto lauter wurde Mr. Peggottys Freude, und desto mehr rieb er sich die Schenkel. »Und was sagte Mrs. Gummidge dazu?« fragte ich, als ich wieder ernsthaft genug war. »Werden Sie mir's glauben?« entgegnete Mr. Peggotty. »Statt zu sagen ›ich danke Ihnen, bin Ihnen sehr verbunden, aber ich will mich in diesen Jahren nicht mehr verändern‹, nimmt Mrs. Gummidge einen Wassereimer, der neben ihr stand, und bearbeitet damit den Kopf des Schiffskochs, bis er nach Hilfe rief, und ich hinzukam, und ihn befreite.« Mr. Peggotty brach in ein schallendes Gelächter aus, und Agnes und ich leisteten ihm Gesellschaft. »Aber ich muß der guten Alten nachsagen,« fing er wieder an, und wischte sich das Gesicht, als er vom Lachen ganz erschöpft war, »sie ist uns alles gewesen, was sie versprochen hatte, und mehr noch. Sie war die willigste, treueste, ehrlichste Gehilfin, Master Davy, die jemals gelebt hat. Ich habe sie keinen einzigen Augenblick klagen hören, daß sie ›ein armes und verlassenes Geschöpf‹ sei, selbst als die Kolonie noch ganz neu für uns war. Und an den Alten hat sie auch nicht ein einziges Mal gedacht, versichere ich Sie, seitdem sie England verlassen.« »Und nun der Letzte, aber nicht der Schlimmste, Mr. Micawber«, sagte ich. »Er hat hier alle seine Schulden bezahlt – selbst Wechsel, wie du weißt, liebe Agnes – und deshalb können wir als gewiß annehmen, daß er sich wohl befindet. Aber wie sind die letzten Nachrichten von ihm?« Mr. Peggotty steckte mit einem Lächeln die Hand in die Brusttasche und zog ein zusammengefaltetes Papierpaket heraus, aus dem er mit großer Sorgfalt eine kleine, wunderlich aussehende Zeitung herausbrachte. »Sie müssen wissen, Mr. Davy,« sagte er, »daß wir jetzt nicht mehr im Hinterwald sind, weil wir was vor uns gebracht haben, und daß wir jetzt in Port-Middlebay-Harbor wohnen, was eine Stadt ist – wir nennen sie wenigstens so.« »Mr. Micawber wohnte im Busch neben Ihnen?« fragte ich. »Jawohl,« entgegnete Mr. Peggotty, »und ist tüchtig dran gegangen. Ich mag nie einen Bessern zum Tüchtigdrangehen treffen. Ich habe seinen kahlen Kopf in der Sonne schwitzen sehen, Master Davy, bis ich fast dachte, er würde Wegschmelzen, und jetzt ist er Friedensrichter.« »Was? ein Friedensrichter!« sagte ich. Mr. Peggotty zeigte auf eine Stelle in der Zeitung, wo ich folgendes laut aus den »Port-Middlebay Times« vorlas: → »Das Festmahl zu Ehren unseres ausgezeichneten Mitkolonisten und Mitbürgers Wilkins Micawber Esquire, Distriktfriedensrichter von Port-Middleba , fand gestern im großen Saale des Hotels statt, der zum Ersticken voll war. Man nimmt an, daß nicht weniger als siebenundvierzig Personen auf einmal am Essen teilnahmen, ungerechnet die Gesellschaft auf den Gängen und auf den Treppen. Die ganze schöne und vornehme Welt von Port-Middleba drängte sich herbei, um einen so verdienstlich geachteten, so hochbegabten und vielgenannten Mann zu ehren. Doktor Mell – von dem Kolonial-Salemhouse Gymnasium Port-Middlebay – hatte den Vorsitz, und auf seiner rechten Seite saß der ausgezeichnete Held des Abends. Nach Entfernung des Tischtuchs und Absingung des Lieds Non nobis – das vortrefflich ausgeführt wurde, und aus dem wir leicht die glockenreinen Töne des begabten Dilettanten Wilkins Micawber Esquire junior heraushören konnten – wurden die gewöhnlichen patriotischen Toaste ausgebracht und mit Enthusiasmus aufgenommen. In einer sehr gefühlvollen Rede brachte dann Doktor Mell einen Toast aus auf unsern ausgezeichneten Gast, die Zier unsrer Stadt: ›Möge er uns nur verlassen, um sich zu verbessern, und möge sein Erfolg unter uns derart sein, daß er sich gar nicht verbessern könnte!‹ Das Hurra, mit dem dieser Toast begrüßt wurde, geht über alle Beschreibung, und immer wieder rauschte es empor, wie die Wellen des Ozeans. Endlich war alles still, und Wilkins Micawber Esquire stand auf, um zu danken. Fern sei es von uns in dem gegenwärtigen verhältnismäßig unvollkommenen Zustande der Mittel unserer Anstalt, uns bemühen zu wollen, unserm ausgezeichneten Mitbürger durch die glattfließenden Perioden seiner klassisch gerundeten und reichgeschmückten hochpoetischen Rede zu folgen. Möge die Bemerkung genügen, daß es ein Meisterwerk der Beredsamkeit war, und daß die Stelle, in der er die Erfolge seines Lebens genauer bis an ihre Quelle verfolgte, und den jüngern Teil der Anwesenden vor der Gefahr warnte, pekuniäre Verpflichtungen einzugehen, deren Bezahlung eine Unmöglichkeit ist, Tränen in die Augen der männlichen Anwesenden brachte. Die übrigen Toaste bezogen sich auf Doktor Mell , auf Mrs. Micawber – die sich mit anmutsvollem Dank in der Tür eines Seitenzimmers verbeugte, wo ein Sternenkranz von Schönheiten auf Stühlen saß, um zugleich Zeugen und Zierden des wohltuenden Schauspiels zu sein; – auf Mrs. Ridger Begs (geborne Micawber), auf Mrs. Mell , auf Wilkins Micawber junior Esquire – der mit großem Humor das heitere Gelächter der Versammlung durch die Bemerkung erregte, daß er sich außerstande sehe, seinen Dank in einer Rede auszusprechen, daß er aber mit Erlaubnis der Versammlung, ihr mit einem Liede danken wolle; auf Mrs. Micawbers Familie – die, wie wohl nicht erst zu bemerken ist, wohlbekannt im Vaterlande ist – usw. Nach dem Essen waren die Tische wie durch Zauber weggeräumt, um zum Tanzen Platz zu machen. Unter den Verehrern der Terpsichore, die sich ergötzten, bis Helios zum Aufbruch mahnte, zeichneten sich vor allen aus Wilkins Micawber junior Esquire , und die liebenswürdige und hochgebildete Miß Helena , vierte Tochter Doktor Mells .« Ich beschäftigte mich mit Doktor Mell, voller Freude in diesen glücklichern Umständen Mr. Mell, den armen tyrannisierten Unterlehrer des Friedensrichters von Middlessex entdeckt zu haben, als Mr. Peggotty auf eine andere Stelle der Zeitung wies, wo meine Augen auf meinen Namen fielen, und ich folgendes las: »An den ausgezeichneten berühmten Schriftsteller David Copperfield Esquire. Verehrter Herr! Jahre sind dahingeschwunden, seitdem ich Gelegenheit hatte, mit eigenen Augen die Züge zu sehen, die jetzt der Phantasie eines beträchtlichen Teiles der zivilisierten Welt vertraut sind. Aber, verehrter Herr, obgleich mich die Gewalt von Umständen, über die ich keine Macht hatte, der persönlichen Gesellschaft des Freundes und Gefährten meiner Jugend entfremdet hat, so bin ich doch von seinem stolzen Hochflug recht wohl unterrichtet. Auch habe ich nicht unterlassen: ›ob Meere wild auch zwischen uns sich türmten,‹ (Burns) die köstlichen geistigen Genüsse zu teilen, die Sie vor uns ausgebreitet haben. Ich kann daher nicht die Abreise eines Individuums, das wir beide ehren und achten, stattfinden lassen, ohne, verehrter Herr, diese öffentliche Gelegenheit zu ergreifen, um in meinem Namen, und, wie ich wohl hinzusetzen darf, im Namen sämtlicher Bewohner von Port-Middlebay Ihnen für den Genuß zu danken, den uns die Begabung Ihres Geistes verschaffte. Fahren Sie fort, verehrter Herr! Sie sind hier nicht unbekannt, Sie sind hier nicht ungewürdigt; obgleich im fernen Lande, sind wir doch nicht unbefreundet, noch philisterhaft, noch, darf ich wohl hinzusetzen, sitzen wir in Finsternis! Fahren Sie fort, verehrter Herr, in Ihrem Adlerflug! Die Bewohner von Port-Middlebay können sich wenigstens bestreben, zu Ihnen mit Entzücken, mit Unterhaltung, mit Belehrung emporzusehen. Doch unter den von diesem Teile des Erdballes zu Ihnen erhobenen Augen wird sich, solange es Licht und Leben hat, immer finden Das Auge Ihres Jugendfreundes Wilkins Micawber , Friedensrichter.« Als ich den Rest der Zeitung durchlas, fand ich, daß Mr. Micawber ein fleißiger und geachteter Korrespondent des Blattes war. In derselben Nummer war noch ein Brief von ihm, über ein Brücke, dann eine Anzeige einer Sammlung ähnlicher Briefe von ihm, die in einem hübschen Bande mit beträchtlichen Zusätzen binnen kurzem erscheinen sollte. Wir sprachen an den vielen Abenden, wo Mr. Peggotty bei uns war, noch oft von Mr. Micawber. Peggotty wohnte bei uns wahrend seines ganzen Aufenthaltes – ich glaube, er dauerte nicht ganz einen Monat – und seine Schwester und meine Tante kamen nach London, um ihn zu besuchen. Agnes und ich schieden erst von ihm an Bord des Schiffes, als er absegelte, und wir werden auch nie mehr auf Erden voneinander scheiden. Aber ehe er ging, reiste er mit mir nach Yarmouth, um einen kleinen Grabstein zu sehen, den ich Ham zum Gedächtnis gesetzt hatte. Während ich die einfache Inschrift auf seine Bitte für ihn abschrieb, bückte er sich nieder und nahm ein paar Halme Gras und ein wenig Erde von dem Grabe. »Für Emilie«, sagte er, als er es in die Brust steckte. »Ich versprach es Master Davy.« Vierundsechzigstes Kapitel. Ein letzter Rückblick. Und jetzt ist meine Geschichte zu Ende. Ich blicke noch einmal zurück – das letztemal – bevor ich diese Blätter schließe. Ich sehe mich mit Agnes neben mir auf der Straße des Lebens wandern. Ich sehe unsre Kinder und unsre Freunde um uns, und ich höre das Rauschen vieler Stimmen, die mir nicht gleichgültig sind auf meiner Reise. Welche Gesichter sind mir am deutlichsten in dem verschwimmenden Gewühl? So seht – diese sind es! Und alle wenden sich mir zu, während ich meine Gedanken so frage. Hier ist meine Tante mit einer stärkern Brille – eine Matrone von achtzig oder mehr Jahren, aber noch von aufrechter Haltung, und eine tüchtige Fußgängerin, die ihre sechs englischen Meilen hintereinander weg im Winter macht. Unzertrennlich von ihr ist Peggotty, meine gute, alte Kindswärterin, auch mit einer Brille, jetzt gewöhnt, abends sehr nahe an der Lampe zu nähen, aber immer noch in Gesellschaft eines Stümpfchens Wachslicht, eines Ellenmaßes in einem kleinen Gehäuse und eines Arbeitskästchens mit dem Bild der St. Paulskirche auf dem Deckel. Die Arme und Wangen Peggottys, so hart und rot in meinen kindlichen Tagen, wo ich mich wunderte, daß die Vögel sie nicht lieber anstatt der Apfel anpickten, sind jetzt eingeschrumpft, und ihre Augen, die ihr ganzes Gesicht weithin dunkel machen, sind jetzt matter – obgleich sie immer noch glänzen; – aber ihr rauher Zeigefinger, der mir früher wie ein Taschenreibeisen vorkam, ist immer noch der alte, und wie ich mein Kleinstes danach haschen sehe, als es zwischen mir und meiner Tante hin und her wackelt, da denke ich an unser kleines Wohnzimmer zu Hause, als ich kaum gehen konnte. Meine Tante ist jetzt endlich befriedigt. Sie ist Pate einer wirklichen und lebendigen Betsey Trotwood, und Dora – die nächste, – behauptet, sie werde von ihr verzogen. Peggottys Tasche ist hoch aufgebauscht. Es ist nichts Geringeres darin als das Krokodilenbuch in etwas traurigem Zustande, einzelne Blätter jetzt sogar zerrissen und wieder zusammengenäht – aber Peggotty zeigt es immer noch den Kindern als eine köstliche Reliquie. Es kommt mir seltsam vor, wenn mein eigenes Kindergesicht von den Krokodilgeschichten zu mir hinausblickt, und wenn es mich an meinen alten Bekannten Brooks von Sheffield erinnert. Mitten unter meinen Knaben sehe ich während der Sommerferien einen alten Mann, der Riesenpapierdrachen macht, und sie mit unsäglicher Freude in der Luft schweben sieht. Er begrüßt mich, ganz entzückt und flüstert mir mit dem alten Kopfnicken zu: »Trotwood, es wird Sie freuen zu hören, daß ich meine Denkschrift fertig mache, wenn ich weiter nichts zu tun habe, und daß ihre Tante die wunderbarste Frau von der Welt ist.« – – Wer ist diese tiefgebeugte Dame, die sich auf einen Stock stützt, und mir ein Gesicht zeigt, in dem sich einige Spuren des alten Stolzes und der alten Schönheit finden, schwach ankämpfend gegen ein verdrießliches, blödsinniges, launisches Irrsein? Sie ist in einem Garten, und neben ihr steht ein hageres, dunkles verwelktes Weib, mit einer weißen Narbe auf der Lippe. Ich will hören, was sie sagen. »Rosa, ich habe den Namen des Herrn vergessen.« Rosa beugt sich über sie und sagt: »Mr. Copperfield.« »Es freut mich, Sie zu sehen, Sir. Ich bemerke zu meinem Bedauern, daß Sie Trauer tragen. Ich hoffe, die Zeit wird Sie trösten!« Ihre ungeduldige Gesellschafterin schilt sie aus, und sagt ihr, ich trauere nicht, heißt sie mich wieder ansehen, und versucht, sie wieder zum Bewußtsein zu erwecken. »Sie haben meinen Sohn gesehen, Sir«, sagte die ältere Dame. »Sind Sie ausgesöhnt?« Sie sieht mich starr an, legt die Hand an die Stirn und stöhnt. Plötzlich schreit sie mit schrecklicher Stimme auf: »Rosa, komm her, er ist tot!« Rosa kniet vor ihr nieder, liebkost sie und schilt sie aus, dann sagt sie zu ihr leidenschaftlich: »Ich liebte ihn mehr als Sie!« – und dann beschwichtigt sie die Alte an ihrem Busen wie ein krankes Kind. So verlasse ich sie, so finde ich sie immer, so verleben sie ihre Zeit, von Jahr zu Jahr. – – »Was für ein Schiff kommt da von Ostindien gesegelt, und welche englische Dame ist das, die Gattin eines mürrischen, alte, schottischen Krösus mit großen Ohren? Kann das Julia Mills sein?« Es ist Julia Mills, verdrießlich und vornehm, mit einem Schwarzen, der ihr Briefe und Karten auf einem goldenen Teller zu überbringen hat, und einer kupferfarbigen Zofe mit einem bunten Tuche um den Kopf, die ihr das Gabelfrühstück im Ankleidezimmer serviert. Aber Julia hält kein Tagebuch mehr, singt nicht mehr der »Liebe Leichenlied«, zankt sich beständig mit dem alten, schottischen Krösus, der eine Art gelber Bär mit gegerbter Haut ist. Julia steckt bis an den Hals in Gold, spricht von weiter nichts und denkt an weiter nichts. Sie gefiel mir besser in der Wüste Sahara. Oder vielleicht ist das die Wüste Sahara? Denn, obgleich Julia ein schönes Haus hat, vornehme Gesellschaft sieht und täglich prächtige Diners gibt, sehe ich nichts Grünes in ihrer Nähe wachsen; nichts, das zur Frucht oder Blüte kommen kann. Was Julia Gesellschaft nennt, sehe ich; darunter Mr. Jack Maldon mit seiner Sinekure, der die Hand verspottet, die sie ihm verschafft hat, und gegen mich den Doktor einen allerliebsten, altmodischen Kauz nennt. Aber wenn »Gesellschaft« der Name für solche hohle Herren und Damen ist, Julia, und wenn Bildung offene Gleichgültigkeit gegen alles ist, was die Menschheit vorwärts oder rückwärts bringen könnte, so glaube ich, müssen wir uns in dieser Wüste Sahara verirrt haben, und täten am besten, wir suchten herauszukommen, – – Und seht, dort ist der Doktor, immer unser guter Freund, und immer noch beschäftigt mit dem Wörterbuch – er ist im Buchstaben D – und glücklich in seinem Familienleben und seiner Gattin. Auch der »Alte Soldat« auf sehr reduziertem Fuß, und durchaus nicht so einflußreich wie ehedem! Zu einer spätern Zeit finde ich meinen lieben, alten Traddles in seinem Bureau im Temple mit geschäftiger Miene arbeitend, und das Haar – wo der Kopf nicht kahl ist – noch rebellischer geworden durch die beständige Reibung seiner Advokatenperücke. Auf seinem Tische liegen hohe Stöße von Akten, und ich äußere, während ich mich umsehe: »Wenn Sophie jetzt dein Schreiber wäre, Traddles, würde sie genug zu tun haben!« »Das ist wohl wahr, lieber Copperfield! Aber es waren auch herrliche Tage in Holborn Court! Nicht wahr?« »Wo sie zu dir sagte, du würdest Richter werden? Aber damals war es nicht Stadtgespräch.« »Jedenfalls, lieber Copperfield,« sagte Traddles, »wenn ich erst einmal Richter bin, werde ich die Geschichte erzählen, wie ich damals gleich sagte.« Wir gehen Arm in Arm fort. Ich bin zu einem Familienmittagsmahl bei Traddles eingeladen. Es ist Sophies Geburtstag, unterwegs unterhält mich Traddles von dem guten Glück, das er überall gehabt. »Ich bin wirklich imstande gewesen, lieber Copperfield, alles zu tun, was mir am meisten am Herzen lag. Se. Ehrwürden, Sophies Vater, hat jetzt die Pfründe von 450 Pfund jährlich. Unsere beiden Knaben erhalten nun die allerbeste Erziehung und zeichnen sich als fleißige Schüler und gute Knaben aus; drei von den Mädchen sind recht gut verheiratet; drei wohnen bei uns; drei andere führen seit Mrs. Creakles Tode dem Vater die Wirtschaft, und alle sind glücklich.« »Mit Ausnahme –« bemerkte ich. »Mit Ausnahme der Schönheit«, sagte Traddles. »Ja. Es war ein großes Unglück, daß sie diesen Vagabunden heiratete. Aber er hatte etwas Blendendes, was sie verführt hat. Da wir sie nun aber sicher wieder im Hause haben, und ihn los sind, müssen wir sie zu trösten suchen.« Traddles Haus ist eins von denselben Häusern – oder könnte es doch leicht sein – die er und Sophie auf ihren Abendspaziergängen schon im voraus für sich einrichteten. Es ist ein großes Haus, aber Traddles hat seine Akten in seinem Ankleidezimmer und seine Stiefel bei seinen Akten; er und Sophie quetschen sich in die obersten Zimmer und lassen die besten Schlafzimmer der Schönheit und den Mädchen. Es ist kein Platz im Hause übrig; denn durch einen oder den andern Zufall sind mehr von den Mädchen hier, und sind immer hier, als ich zählen kann. Hier, wie wir eintraten, kommt eine ganze Schar an die Tür gerannt, und reicht Traddles zum Küssen herum, bis er außer Atem ist. Hier wohnt für immer die unglückliche Schönheit, eine Witwe mit einem kleinen Mädchen; hier sehe ich bei dem Mittagessen zu Sophies Geburtstag die drei verheirateten Schwestern mit ihren drei Männern, einem der Schwäger, einem Vetter eines andern Mannes und einer Schwägerin, die mit dem Vetter verlobt zu sein scheint. Traddles, noch ganz derselbe einfache, unaffektierte gute Gesell wie vor alters, sitzt am untern Ende der langen Tafel wie ein Patriarch, und Sophie sitzt an dem andern Ende und blickt über einen heitern Raum, der sicherlich nicht von Neusilber glänzt. Und wie ich, trotz meinem Wunsche noch zu verweilen, mein Werk schließe, verschwimmen diese Gesichter. Aber ein Gesicht, das auf mich niederscheint wie ein himmlisches Licht, durch das ich alles andre sehe, ist hoch über ihnen. Und das bleibt. Ich wende mich um und sehe es in seiner schönen, heitern Seelenruhe neben mir. Meine Lampe brennt dunkel und ich habe tief in die Nacht hineingeschrieben, aber das teuerste Wesen, ohne das ich nichts wäre, leistet mir Gesellschaft. O Agnes, o meine Seele, möge dein Gesicht auch neben mir sein, wenn ich einst wirklich mein Leben beschließe; möge ich dich, wenn die Wirklichkeiten der Erde vor mir verschwinden, wie die Schattengestalten, von denen ich jetzt scheide, möge ich dich dann noch immer neben mir finden, mit der lieben Hand gen Himmel weisend.