G. K. Chesterton Ein Pfeil vom Himmel. Kriminalerzählungen [Pater-Brown-Geschichten] Das Hundeorakel »Ja,« sagte Pater Brown, »ich habe Hunde sehr gern – aber nur außerhalb des Gotteshauses.« Gewandte Sprecher sind nicht immer gewandte Zuhörer. Gerade die geistreichen Leute erweisen sich bisweilen als begriffsstutzig. Pater Browns Freund und Besucher war ein junger Mann namens Fiennes, ein Enthusiast mit temperamentvollen blauen Augen; sein blondes Haar machte den Eindruck, als sei es nicht mit der Haarbürste, sondern vom Gegenwind des Lebens, das er durchraste, zurückgestrichen. Er unterbrach seinen Redestrom von Ideen und Geschichten und schwieg einen Augenblick verdutzt, bis er die sehr einfachen Worte des Priesters verstand. »Sie meinen, solange man sie nicht anbetet?« sagte er. »Ja, aber ich weiß nicht – es sind doch wunderbare Geschöpfe. Manchmal habe ich die Empfindung, daß sie bedeutend mehr wissen als unsereiner.« Pater Brown erwiderte nichts. Er streichelte weiter halb unbewußt dem großen Schäferhund den Kopf, was dem Tier offenbar wohltat. »Zufällig«, setzte Fiennes mit steigender Wärme seinen Monolog fort, »spielt auch in der Sache, in der ich mir heute bei Ihnen Rat holen möchte, ein Hund eine gewisse Rolle. Ich meine den Fall des »Unsichtbaren Mörders«, wie man ihn nennt. Die Geschichte ist gewiß sonderbar, am allersonderbarsten aber kommt mir der Hund vor. Natürlich bleibt auch das Verbrechen an sich höchst merkwürdig; wie konnte der alte Druce von einem andern Menschen ermordet werden, während er doch ganz allein in der Laube saß?« Die Hand, die den Hund streichelte, unterbrach auf einen Augenblick die rhythmische Bewegung, und Pater Brown fragte ruhig: »Ach, es war also eine Laube?« »Haben Sie denn den Fall nicht in den Zeitungen verfolgt?« erwiderte Fiennes. »Warten Sie mal – ich glaube, ich habe da einen Ausschnitt bei mir, aus dem Sie alle Einzelheiten ersehen können.« Er zog ein Stückchen Zeitung aus der Tasche und gab es dem Priester, der es dicht an die blinzelnden Augen hielt und anfing zu lesen; mit der anderen Hand liebkoste er mechanisch den Hund weiter – das verkörperte Gleichnis vom Manne, dessen rechte Hand nicht weiß, was die linke tut. »Viele Detektivgeschichten von Menschen, die hinter verschlossenen Türen und Fenstern ermordet wurden und deren Mörder entkamen, ohne eine Tür zu benutzen, sind im Laufe der außergewöhnlichen Vorfälle in Cranston an der Küste von Yorkshire zur Wirklichkeit geworden. Dort wurde Oberst Druce erstochen aufgefunden; er war von rückwärts mit einem Dolche durchbohrt worden. Das Mordwerkzeug ist vom Tatort, ja überhaupt aus der nächsten Umgebung verschwunden. Die Laube, in der der Ermordete starb, war allerdings von einer Seite aus zugänglich – nämlich durch die gewöhnliche Tür, die zum Mittelweg des Gartens und zum Hause offen stand. Durch eine merkwürdige Verkettung von Zufällen standen jedoch sowohl Weg als Eingang während der kritischen Zeit unter genauer Beobachtung, und es ist eine Reihe von Zeugen da, deren Aussagen sich gegenseitig stützen. Die Laube steht am äußersten Ende des Gartens, der an dieser Stelle keinerlei Ein- oder Ausgang besitzt. Der Mittelweg des Gartens läuft zwischen zwei Reihen hohem Rittersporn, der so eng gepflanzt ist, daß jeder Schritt vom Wege ab eine Spur hinterlassen müßte. Weg und Blumen führen bis dicht an die Laube; es würde auffallen, wenn jemand vom geraden Pfad abweichen wollte. Ein anderer Zugang ist aber nicht vorhanden. Patrick Floyd, der Sekretär des Ermordeten, bezeugt, daß er sich in einer Lage befand, von der aus er den ganzen Garten übersehen konnte, und zwar von dem Augenblick an, wo der Oberst zuletzt lebend in der Türe stand, bis zu der Zeit, wo er tot aufgefunden wurde; Floyd war nämlich oben auf einer Leiter und stutzte die Gartenhecke. Diese Aussage wird von Janet Druce, der Tochter des Verstorbenen, bestätigt. Sie saß während der ganzen Zeit auf der Terrasse vor dem Hause und sah Floyd arbeiten. Auch dies wird, wenigstens für einen Teil der Zeit, von Donald Druce, dem Bruder der jungen Dame, beglaubigt, der vom Fenster seines Schlafzimmers aus, wo er im Schlafrock stand – denn er war erst sehr spät aufgewacht – den Garten übersehen konnte. Endlich passen die Angaben zu der Aussage eines Nachbars, des Dr. Valentine, der zu Besuch kam und sich einige Zeit mit Fräulein Druce auf der Terrasse unterhielt, und zu der des Familienanwalts Aubrey Traill, der vermutlich als letzter den Ermordeten am Leben gesehen hat – offenbar mit Ausnahme des Mörders. Alle stimmen darin überein, daß die Vorgänge sich folgendermaßen abspielten: um halb vier Uhr nachmittags ging Fräulein Druce den Gartenweg hinunter und fragte ihren Vater, für wieviel Uhr sie den Tee bestellen sollte. Er lehnte jedoch ab; er wollte auf seinen Rechtsanwalt Traill warten, den man ihm in die Laube schicken sollte, sobald er käme. Die junge Dame ging zur Terrasse zurück und traf unterwegs Traill, den sie in die Laube wies, wo er auch hinging. Nach einer halben Stunde kam er wieder heraus, der Oberst begleitete ihn bis zur Tür der Laube und war augenscheinlich in bester Verfassung und sogar glänzender Laune. Etwas früher hatte er sich über die Nachtschwärmereien seines Sohnes geärgert, aber seine gute Laune jedenfalls in ganz normaler Weise wiedergefunden; denn er hatte mehrere andere Besucher auffallend herzlich empfangen, darunter seine beiden Neffen, die auf einen Tag herausgekommen waren. Da die beiden Letztgenannten jedoch während der ganzen Zeit der Missetat auf einem Spaziergang abwesend waren, konnten sie nicht aussagen. Wie man sagt, stand zwar der Oberst nicht zum besten mit Dr. Valentine, aber der Arzt hatte nur eine kurze Unterredung mit der Tochter des Hauses, auf die er, wie man annimmt, ernste Absichten hat. Der Rechtsanwalt, Traill, sagt aus, daß der Oberst allein in der Laube zurückblieb, und dies wird durch Floyd bestätigt, der den Garten aus der Vogelschau überblickte, da er niemand durch den einzigen Eingang eintreten sah. Zehn Minuten später ging Fräulein Druce wieder durch den Garten; bevor sie am Ende des Weges angekommen war, sah sie ihren Vater auf der Erde liegen; er fiel ihr durch seinen weißen Hausrock schon von weitem auf. Sie stieß einen Schrei aus, der die andern herbeilockte; als man die Laube betrat, fand man den Obersten tot neben seinem Korbsessel liegen, der ebenfalls umgefallen war. Wie Dr. Valentine, der sich noch in der Nähe befand, feststellte, rührte die Wunde von einer Art Stilett her, das unterhalb des Schulterblattes eingedrungen war und das Herz durchbohrt hatte. Die Polizei hat den Tatort und die Umgebung nach einer solchen Waffe durchsucht, ohne eine Spur davon zu finden.« »Also einen weißen Rock hatte der Oberst an, wie?« sagte Pater Brown und legte die Zeitung hin. »Das war so seine Gewohnheit von den Tropen her«, antwortete Fiennes erstaunt. »Wie er selbst erzählte, muß er dort die merkwürdigsten Dinge erlebt haben, und wahrscheinlich war ihm Dr. Valentine so unsympathisch, weil er auch von den Tropen her kam. Aber die ganze Sache ist ein verdammtes Rätsel. Was da in der Zeitung steht, stimmt ziemlich genau – erlebt habe ich die Tragödie nicht, denn ich war nicht dabei, wie sie ihn fanden, weil ich gerade mit den beiden jungen Neffen und dem Hund spazieren war – eben dem Hund, von dem ich erzählen wollte. Aber ich habe den Schauplatz der Tat gesehen, wie er hier beschrieben steht – den geraden Pfad zwischen den blauen Blumen bis hinauf zu dem dunklen Eingang, den Rechtsanwalt mit seinem schwarzen Anzug und Zylinder, wie er ihn entlang ging, und den roten Kopf des Sekretärs gerade über der grünen Hecke, an der er mit seiner Gartenschere herumarbeitete. Dieser rote Kopf war auf keine Entfernung hin zu verkennen; und wenn die Zeugen sagen, daß sie ihn die ganze Zeit über gesehen haben, stimmt das sicher. Der rothaarige Sekretär Floyd ist überhaupt ein Original – ein unruhiger Geist, der immer anderen Leuten die Arbeit abnimmt, wie damals dem Gärtner. Ich glaube, er ist Amerikaner – jedenfalls hat er den amerikanischen Gesichtspunkt, wie sie drüben sagen.« »Und der Rechtsanwalt?« fragte Pater Brown. Nach kurzem Schweigen sagte Fiennes ungewöhnlich langsam: »Von Traill hatte ich einen merkwürdigen Eindruck. In seinem vornehmen schwarzen Anzug sah er fast wie ein Stutzer aus, aber doch nicht modisch oder elegant. Denn er trug einen langen, vollen schwarzen Backenbart, wie man ihn seit dreißig Jahren kaum mehr zu sehen bekommt. Er hatte ein vornehmes, ernstes Gesicht und ein vornehmes, ernstes Wesen, aber manchmal schien ihm einzufallen, daß er lächeln müßte – und wenn er dann seine weißen Zähne zeigte, schien er etwas an Würde einzubüßen, ja er bekam sogar etwas Kriecherisches. Vielleicht war es auch nur Verlegenheit, denn er spielte auch gern mit seinem Schlips und seiner Krawattennadel, die ebenso schön und ungewöhnlich waren wie er selbst. Wenn es irgend jemand gewesen sein könnte – aber was soll das alles – es ist doch ausgeschlossen. Kein Mensch weiß, wer es getan hat – niemand weiß, wie es überhaupt geschehen konnte. Das heißt, mit einer Ausnahme, die ich denn doch machen möchte – und deshalb erzähle ich es gerade. Der Hund weiß es.« * Pater Brown seufzte und sagte zerstreut: »Sie waren zum jungen Donald zu Besuch gekommen, nicht wahr? Er hat Sie doch auf dem Spaziergang nicht begleitet?« »Nein«, lächelte Fiennes. »Der Schlingel war am Morgen zu Bett gegangen und am Nachmittag aufgestanden. Ich habe seine Vettern begleitet, zwei junge Offiziere aus Indien, und wir haben uns über höchst alltägliche Dinge unterhalten. Der Ältere, der, wenn ich nicht irre, Herbert Druce heißt, gilt für einen hervorragenden Pferdezüchter, er redete in einem fort von einer Stute, die er gekauft hatte, und dem Lumpen von einem Verkäufer; sein Bruder Harry war schlechter Laune, weil er in Monte Carlo viel Geld verspielt hatte. Ich erwähne das nur wegen der Dinge, die sich auf unserm Spaziergang ereigneten, um Ihnen zu beweisen, daß uns Telepathie ganz fernlag – von uns vieren war der Hund der einzige Hellseher.« »Was für Rasse?« fragte der Priester. »So einer wie der da«, erwiderte Fiennes. »Dadurch bin ich auf die Geschichte gekommen – weil Sie, wie Sie sagen, nicht glauben, daß man an einen Hund glauben soll. Der Hund war ein großer deutscher Schäferhund und hörte auf den Namen ›Nox‹ – ein sehr passender Name übrigens, denn mir scheint das, was er anstellte, viel dunkler und geheimnisvoller als der Mord. Nox ist lateinisch und bedeutet »Nacht«. Sie müssen wissen, daß das Haus und der Garten des Obersten am Meer liegen; wir gingen etwa anderthalb Kilometer weit fort und längs des Strandes zurück. Wir kamen an einem merkwürdigen Felsen vorüber, dem »Schicksalsfelsen«; er ist in der Gegend sehr berühmt, weil, wie das manchmal so vorkommt, zwei Steine so aufeinander ausbalanciert sind, daß ein Stoß genügen würde, um den oberen herunterzuwerfen. Wirklich hoch ist er nicht, aber durch seine sonderbare Form wirkt er ziemlich wild und schaurig; mir wenigstens kam er so vor, denn die beiden jungen Kerle zeigten wenig Sinn für das Romantische. Vielleicht hatte ich auch schon Ahnungen – eben wurde die Frage aufgeworfen, ob es Zeit sei, zur Vesper zurückzugehen, und ich hatte so ein Gefühl, als ob es sehr auf die Zeit ankäme. Herbert und ich hatten beide keine Uhr mit. Wir riefen also seinen Bruder an, der ein wenig zurückgeblieben war, um sich an einer windgeschützten Stelle bei der Hecke seine Pfeife anzuzünden. Daher kam es, daß er die Zeit – nämlich zwanzig nach vier – mit seiner dröhnenden Stimme laut durch die Dämmerung gröhlte – es klang so laut, daß es wie die Verkündigung einer ungeheuer wichtigen Epoche wirkte. Besonders, weil er so ahnungslos war. Mit Vorzeichen ist das immer so – und gewisse Augenblicke waren ja an dem Nachmittag bedeutungsvoll. Nach Dr. Valentines Aussage starb der arme Druce wirklich kurz vor halb fünf Uhr. Na, die Jungens sagten, wir hätten noch zehn Minuten Zeit. Wir gingen also am Strand weiter, ohne was Besonderes zu tun – wir warfen Steine für den Hund und schleuderten Stöcke ins Meer, die er apportieren sollte. Mir schien aber die Dämmerung immer drückender zu werden; selbst der Schatten des Schicksalsfelsens lag wie eine Last auf mir. Und da geschah das Merkwürdige. Nox hatte gerade Herberts Spazierstock aus dem Wasser apportiert, und sein Bruder warf nun auch seinen hinein. Der Hund schwamm ins Meer hinaus – aber auf einmal – es muß genau um Schlag halb vier Uhr gewesen sein – hörte er auf zu schwimmen. Er kehrte an den Strand zurück und blieb vor uns stehen. Dann warf er plötzlich den Kopf zurück und stieß ein Geheul aus – ein klagendes Wehgeheul, wie ich es nur je im Leben gehört habe. ›Was zum Teufel hat der Hund?‹ fragte Herbert; aber keiner von uns wußte eine Antwort. Das Heulen und Winseln der Bestie erstarb auf dem verlassenen Ufer der See; dann herrschte ein langes Schweigen, das plötzlich unterbrochen wurde. Unterbrochen, so wahr ich lebe, durch den schwachen Schrei einer Frau, der von weither, aus dem Innern jenseits der Hecke, zu kommen schien. Damals wußten wir noch nicht, was es zu bedeuten hatte; aber später erfuhren wir es. Es war der Schrei, den das Mädchen ausstieß, als sie den Leichnam ihres Vaters fand.« »Nun kehrten Sie wohl um, nicht wahr?« fragte Pater Brown geduldig. »Und was geschah weiter?« »Ich will Ihnen sagen, was weiter geschah«, sagte Fiennes mit finsterem Nachdruck. »Als wir in den Garten kamen, war das erste, was wir erblickten, der Rechtsanwalt Traill – ich sehe ihn noch jetzt vor mir mit seinem schwarzen Hut und schwarzem Backenbart, die sich gegen den Hintergrund von blauen Blumen, die Laube, den Sonnenuntergang und den Schicksalsfelsen in der Ferne abhoben. Sein Gesicht und seine Gestalt waren im Schatten; aber ich könnte einen Eid leisten, daß man seine Zähne sah, und daß er lächelte. Kaum hatte Nox den Menschen erblickt, so raste er nach vorn, blieb mitten auf dem Wege stehen und bellte ihn wie besessen an. Er heulte mörderisch; aus seiner Hundekehle brachen Flüche, die mit ihrem deutlichen Ausdruck von Haß fast menschlich wirkten. Der Mann kroch in sich zusammen und flüchtete zwischen den Blumen den Weg hinauf.« Pater Brown sprang mit erstaunlicher Ungeduld von seinem Sitz auf. »Der Hund hat ihn also angeklagt, nicht wahr?« rief er aus. »Das Hundeorakel hat ihn verurteilt. Haben Sie sich auch um den Vogelflug gekümmert, und ob die Vögel rechts oder links vorbeizogen? Haben Sie die Auguren um die Opfer befragt? Hoffentlich haben Sie nicht unterlassen den Hund aufzuschneiden, und die Eingeweide zu beschauen. Auf diese Art von wissenschaftlicher Probe scheint ihr aufgeklärten Heiden euch zu verlassen, wenn es sich darum handelt, einem Manne Leben und Ehre abzuschneiden.« Fiennes saß einen Augenblick mit offenem Munde da, bevor er die Worte herausbrachte: »Ja, was haben Sie denn? Was hab' ich denn getan?« In die Augen des Priesters stahl sich ein Ausdruck von Besorgnis – die Besorgnis des Mannes, der im Dunkel an einen Pfosten angerannt ist und sich einen Augenblick lang fragt, ob er kein Unheil angerichtet hat. »Ich bedaure unendlich«, sagte er voll aufrichtiger Betrübnis. »Ich bitte um Entschuldigung wegen meiner Unhöflichkeit – verzeihen Sie.« Mennes sah ihn neugierig an. »Manchmal kommen Sie mir geheimnisvoller vor als alle Geheimnisse«, sagte er. »Aber – wenn Sie an das Geheimnis vom Hund nicht glauben wollen, über das Geheimnis vom Menschen kommen Sie nicht hinweg. Sie können doch nicht leugnen, daß im gleichen Augenblick, wo das Tier aus dem Wasser kam und brüllte, die Seele seines Herrn aus ihrem Leib getrieben wurde durch den Stoß einer unsichtbaren Kraft, die kein Sterblicher auffinden oder sich auch nur vorstellen kann. Und was den Rechtsanwalt betrifft; ich halte mich nicht nur an den Hund: da gibt es noch andere sonderbare Einzelheiten. Mir machte er den Eindruck eines glatten, lächelnden, doppelzüngigen Menschen, und eine seiner Angewohnheiten kam mir förmlich wie ein Anhaltspunkt vor. Wie Sie wissen, waren Arzt und Polizei sehr bald zur Stelle – Valentine wurde eingeholt, als er von Hause wegging, und er telephonierte sofort. Dieser Umstand, und dazu die Abgeschlossenheit des Hauses, die kleine Anzahl von Personen und der begrenzte Raum haben es sozusagen möglich gemacht, jeden genau zu durchsuchen, der in der Nähe war – und es wurde auch jeder durchsucht – nach einer Waffe. Das ganze Haus, der Garten und der Strand wurden aufs Genaueste nach einer Waffe abgesucht. Daß der Dolch so einfach verschwinden konnte, ist fast ebenso widersinnig, wie daß der Mörder verschwand.« »Daß der Dolch verschwand –« Pater Brown nickte. Er schien plötzlich aufmerksam zu werden. »Nun passen Sie auf,« fuhr Fiennes fort, »ich habe Ihnen schon gesagt, daß dieser Traill die Gewohnheit hatte, fortwährend an seinem Schlips und an der Krawattennadel herumzubasteln – besonders an der Nadel. Seine Nadel war gleichzeitig auffallend prächtig und altmodisch – genau wie er selbst. Sie bestand aus einem Stein mit konzentrischen farbigen Kreisen, die wie ein Auge aussahen – und je mehr er sich damit befaßte, desto mehr fiel sie mir auf die Nerven, gerade als wäre er ein Zyklop mit einem einzigen Auge mitten im Körper. Aber die Nadel war nicht nur groß, sondern auch lang und mir fiel ein, daß er sich vielleicht so große Mühe gab, sie richtig zu stecken, weil sie noch länger war als sie aussah – so lang wie ein Stilett, mit einem Wort.« Pater Brown nickte nachdenklich. »Wurde noch von einer anderen Waffe gesprochen?« fragte er. »Ja,« erwiderte Fiennes, »einer der beiden jungen Druces – ich meine die Vettern – hatte noch eine Idee. Weder Herbert noch Harry machten zuerst den Eindruck, als ob sie für Detektivarbeit in Frage kämen – aber während Herbert genau dem althergebrachten Typus des schweren Dragoners entspricht und in der Garde eine gute Figur macht, gehörte sein jüngerer Bruder seinerzeit der indischen Polizei an und wußte in diesen Dingen Bescheid. Auf seine Art war er sogar nicht einmal dumm – mir kommt es fast vor, daß er zu gescheit war und abgesägt wurde, weil er sich nicht um den Amtsschimmel kümmerte und auf seine eigene Verantwortung handelte. Jedenfalls war er sozusagen ein Detektiv ohne Stellung und warf sich mit mehr als Dilettanteneifer auf den Fall. Mit ihm hatte ich auch die Debatte über die Waffe – und die Debatte brachte uns auf eine neue Idee. Es fing damit an, daß er meine Beschreibung von der Art und Weise, wie der Hund auf Traill losgegangen war, in Abrede stellte – er sagte, daß ein Hund, wenn er ganz gefährlich sei, nie belle, sondern knurre.« »Damit hatte er völlig recht«, bemerkte der Priester. »Ferner sagte er, wenn es darauf ankäme, hätte er Nox schon andere Leute anknurren gehört – zum Beispiel den Sekretär Floyd. Ich gab zur Antwort, daß sein Einwurf sich selbst erledige – zwei oder drei Leute konnten das Verbrechen nicht begangen haben, am wenigsten Floyd, der so unschuldig war wie ein wilder Schuljunge und allen sichtbar über der Hecke saß und mit seinem roten Schopf so auffallend aussah, wie ein scharlachroter Kakadu. ›Ja, leicht ist die Sache nicht,‹ gab mein Kollege mir zur Antwort, ›aber kommen Sie doch bitte mal mit mir in den Garten. Ich möchte Ihnen etwas zeigen, was wohl noch keiner gesehen hat.‹ Das war am Tage, an dem der Mord entdeckt wurde, und im Garten lag noch alles unverändert da: die Leiter stand bei der Hecke; und unter die Hecke bückte sich mein Begleiter und zog aus dem tiefen Gras etwas heraus. Es war die Schere, mit der die Hecke gestutzt worden war; an einer Spitze klebte Blut.« Nach einem kurzen Schweigen fragte Pater Brown plötzlich: »Was machte der Rechtsanwalt dort?« »Er sagte uns, daß ihn der Oberst bestellt hatte, weil er sein Testament ändern wollte«, erwiderte Mennes. »Der Oberst war sehr reich, und sein Testament war wichtig. Damals wollte Traill uns noch nichts Genaueres über die Änderung sagen, aber ich habe seither erfahren – erst heute früh nämlich – daß der Hauptteil des Vermögens dem Sohne entzogen und der Tochter vermacht wurde. Ich habe Ihnen schon gesagt, daß Druce auf seinen Sohn wütend war, weil er ein so flottes Leben führte.« »Die Frage nach dem Warum ist bis jetzt durch die Frage nach dem Wie in den Hintergrund gedrängt worden«, bemerkte Pater Brown nachdenklich. »In diesem Augenblick hat Fräulein Druce, wie es scheint, durch den Tod unmittelbar gewonnen.« »Um Himmelswillen! Sind Sie aber ein Gemütsmensch«, rief Fiennes aus und starrte ihn an. »Sie wollen doch damit nicht etwa sagen, daß sie –« »Wird sie den Doktor Valentine heiraten?« fragte der andere. »Was ist das für ein Mensch?« »Valentine? Er trägt einen Bart – sehr blaß, sehr schön – sieht wie ein Ausländer aus. Auch der Name klingt nicht gerade englisch. Aber im Ort hat man ihn gern und hält viel von ihm; er ist ein geschickter und gewissenhafter Chirurg.« »Ein so gewissenhafter Chirurg,« sagte Pater Brown, »daß er sein Besteck mit hatte, als er die junge Dame zur Vesperzeit besuchte. Er muß doch eine Lanzette oder etwas Ähnliches benutzt haben – und er war in der Zwischenzeit nicht zu Hause.« Fiennes sprang auf und sah ihn hitzig vor Neugierde an. »Meinen Sie, daß er dieselbe Lanzette benutzt hat –« Pater Brown schüttelte den Kopf. Alle diese Einfälle sind vorläufig noch ganz phantastisch«, sagte er. »Die Frage lautet nicht, wer es getan hat und womit, sondern wie es getan wurde. Wir könnten viele Männer finden und viele Werkzeuge – Nadeln und Scheren und Lanzetten. Aber wie konnte ein Mensch in das Zimmer gelangen – oder auch nur eine Nadel?« Während er sprach, blickte er nachdenklich auf die Decke – aber bei den letzten Worten wurde sein Auge plötzlich munter, als hätte er da oben eine merkwürdige Fliege erblickt. »Nun, wie würden Sie jetzt vorgehen?« fragte der Jüngere. »Sie haben so viel Erfahrung – wozu würden Sie mir raten?« »Ich fürchte, daß ich nicht viel tun kann«, sagte der Priester mit einem Seufzer. »Ich kann wenig sagen, da ich den Ort und die Leute sogar nicht kenne. Für den Augenblick können Sie nur die lokalen Nachforschungen fortsetzen. Ich habe Sie doch richtig verstanden, daß Ihr Freund, der indische Polizeibeamte, mehr oder weniger die Untersuchung leitet. Ich würde an Ihrer Stelle hinfahren und sehen, was er macht, was bei seiner dilettantischen Detektivarbeit herausgekommen ist. Vielleicht gibt es schon etwas Neues.« Während seine Gäste – der Zweifüßler und der Vierfüßler – sich entfernten, griff Pater Brown zur Feder und widmete sich wieder seiner unterbrochenen Arbeit; er war dabei, eine Vortragsreihe über die Enzyklika Rerum Novarum zu entwerfen. Das Thema war umfassend, daher war er nach zwei Tagen ähnlich beschäftigt, als der große schwarze Hund wieder ins Zimmer gesprungen kam und sich voll Begeisterung und Aufregung über ihn warf. Der Herr, der nach dem Hund eintrat, teilte die Aufregung, wenn auch nicht die Begeisterung. Er war in weniger angenehmer Weise aufgeregt worden – die blauen Augen traten aus den Höhlen, und das ausdrucksvolle Gesicht war ein wenig bleich. »Sie haben mir gesagt,« fing er unvermittelt und ohne Einleitung an, »ich sollte nachsehen, was Harry Druce macht. Wissen Sie, was er gemacht hat?« Der Priester antwortete nicht, und der junge Mann stieß heraus: »Ich will's Ihnen sagen. Er hat sich umgebracht.« Die Lippen des Paters bewegten sich ganz leise; was er sagte, hat mit dieser Geschichte – und dieser Welt nichts zu schaffen. »Manchmal graut mir vor Ihnen«, sagte Fiennes. »Haben Sie – haben Sie das erwartet?« »Ich hielt es für möglich,« sagte Pater Brown, »deshalb riet ich Ihnen, hinzufahren und sich nach ihm umzusehen. Ich hoffte, es würde nicht zu spät sein.« »Ich war derjenige, der ihn fand«, sagte Fiennes mit belegter Stimme. »Es ist die häßlichste und unheimlichste Erfahrung meines Lebens. Ich ging wieder durch den alten Garten und merkte, daß etwas außer dem Mord darin neu und ungewöhnlich war. Die Blumen drängten sich noch immer in blauer Fülle um den dunklen Eingang in die alte graue Laube – aber sie sahen aus wie blaue Dämonen, die in der Unterwelt vor einer dunklen Höhle tanzen. Ich blickte mich um – alles schien an seinem gewohnten Ort. Aber mir drängte sich das sonderbare Gefühl auf, daß selbst der Himmel nicht so aussah wie sonst. Und dann verstand ich – sonst erhob sich der Schicksalsfelsen im Hintergrund jenseits der Hecke und vor dem Meer. Und der Schicksalsfelsen war verschwunden.« Pater Brown hatte den Kopf gehoben und hörte mit gespannter Aufmerksamkeit zu. »Es traf mich so, als hätte sich ein Berg aus der Landschaft fortbewegt, oder als sei der Mond vom Himmel gefallen; obwohl ich ja natürlich wußte, daß das Ding jederzeit bei einer bloßen Berührung umkippen konnte. Wie besessen stürzte ich in Windeseile den Gartenweg hinunter und drang durch die Hecke, als wäre es ein Spinngewebe. Es war auch nur eine dünne Hecke, obwohl sie, unberührt und gut gestutzt, denselben Zweck erfüllt hatte wie eine Mauer. Am Strande sah ich, daß der Felsen von seinem Untersatz gefallen war; der arme Harry Druce lag zerschmettert darunter. Einen Arm hatte er um den Stein geschlungen, als er ihn auf sich heruntergezogen; die andere Hand krampfte sich um einen Zettel, auf den er die Worte geschmiert hatte: ›Der Schicksalsfelsen begräbt den Narren.‹« »Daran war das Testament des Obersten schuld«, bemerkte Brown. »Der junge Mensch hatte alles auf eine Karte gesetzt; er wollte dadurch profitieren, daß Donald in Ungnade gefallen war, besonders als der Onkel ihn am selben Tage kommen ließ wie den Anwalt, und ihn mit solcher Wärme empfing. Andernfalls war er unten durch; seine Anstellung bei der Polizei hatte er verloren; in Monte Carlo war er zum Bettler geworden. Und er nahm sich das Leben, sobald er erfuhr, daß er seinen Verwandten zwecklos getötet hatte. Da haben Sie die ganze Geschichte.« Fiennes sah ihn verblüfft an. »Ja, hören Sie mal,« rief er aus, »woher wissen Sie denn das alles schon? Und woher wissen Sie, daß es stimmt? Sie sind die ganze Zeit hundert Meilen vom Tatort entfernt gewesen und haben an einer Predigt geschrieben – wollen Sie wirklich behaupten, daß Sie schon wissen, was passiert ist? Wenn Sie das Ende schon kennen – wo in aller Welt haben Sie angefangen? Wo haben Sie den ersten Anhaltspunkt hergenommen?« Pater Brown sprang in ungewohnter Aufregung vom Sitze. Sein erster Ausruf klang wie eine Explosion. »Und der Hund?« rief er, »der Hund? Sie hatten die Erklärung zu der ganzen Sache in Händen – das Benehmen des Hundes am Strande nämlich – Sie hätten nur richtig auf den Hund aufpassen müssen.« Fiennes Erstaunen wuchs. »Aber Sie haben mir doch gesagt, daß meine Meinung über den Hund heller Blödsinn ist, und daß er nichts mit der Sache zu tun hat.« »Der Hund hatte sehr viel damit zu tun,« erwiderte Pater Brown, »und das hätten Sie auch bald herausgehabt, wenn Sie ihn nur wie einen Hund behandelt hätten und nicht wie Gott, der über die Seelen der Menschen zu Gericht sitzt.« Er schwieg einen Augenblick verlegen und sagte dann in rührend entschuldigendem Ton: »Ich habe nämlich, aufrichtig gesagt, Hunde furchtbar gern. Und ich hatte den Eindruck, daß bei der ganzen geisterhaften Gloriole, mit der man abergläubischerweise die Hunde umgibt, kein Mensch wirklich an den armen Hund dachte. Um mit einer Kleinigkeit anzufangen: er bellte den Anwalt an und knurrte, wenn er den Sekretär sah. Sie fragen, wieso ich auf hundert Meilen Entfernung alles erraten konnte; ehrlich gesprochen, ist dies Ihr Verdienst, denn Sie haben die Leute so meisterhaft beschrieben, daß ich die Typen sofort erkannte. Ein Mensch wie Traill, der gewöhnlich die Stirn runzelt und plötzlich lächelt, ein Mensch, der viel und gern mit Gegenständen spielt und sich immer an seinem Hals zu schaffen macht, ist ein nervöser Mensch, der leicht in Verlegenheit kommt. Wahrscheinlich ist Floyd, der tüchtige Sekretär, auch nervös und schreckhaft; gerade die übereifrigen Amerikaner sind es oft. Sonst hätte er sich nicht die Finger an der Schere geschnitten und sie fallen lassen, als er Janet Druce schreien hörte. Hunde können aber nervöse und ängstliche Leute gar nicht leiden. Vielleicht, weil solche Leute den Hund auch nervös machen; oder weil er doch grausam ist – schließlich ist es bloß ein Tier –, oder weil er in seiner hündischen Eitelkeit – die ungeheuer ist – sich einfach beleidigt fühlt, daß man ihn nicht gern hat. Jedenfalls war weiter nichts dahinter, daß der arme Nox nichts von den Leuten wissen wollte, als daß er sie nicht mochte, weil sie sich vor ihm fürchteten. Nun kommen wir aber zu den Vorgängen am Strande, und da fängt die Sache erst an, richtig interessant zu werden. In Ihrer Darstellung klang alles viel rätselhafter. Ich konnte nicht begreifen, weshalb der Hund zuerst ins Wasser ging und dann wieder herauskam; so was sieht einem Hunde nicht ein bißchen ähnlich. Wenn Nox sich über etwas anderes sehr aufgeregt hätte, wäre er vielleicht gar nicht dazu zu bringen gewesen, den Stock zu apportieren. Vermutlich hätte er dann dort herumgeschnüffelt, wo er Unheil witterte. Aber wenn ein Hund einmal wirklich hinter einer Sache her ist – ob's nun ein Stock oder ein Stein oder ein Hase ist, wird er meiner Erfahrung nach nicht davon ablassen, wenn es ihm nicht aufs Entschiedenste befohlen wird – und auch dann nicht immer. Daß er aus einer Laune umgekehrt sei, scheint mir undenkbar.« »Er ist aber doch umgekehrt,« beharrte Fiennes, »und ohne den Stock wiedergekommen.« »Ohne den Stock wiedergekommen ist er aus dem stichhaltigsten Grund von der Welt«, erwiderte der Priester. »Er ist wiedergekommen, weil er ihn nicht finden konnte. Er hat geheult, weil er ihn nicht finden konnte. Über so etwas heult ein Hund nämlich wirklich. Ein Hund hält sich streng an die Regel. Er legt ebensoviel Gewicht auf den genauen Verlauf eines Spieles, wie ein Kind auf die genaue Wiederholung eines Märchens. In diesem Falle war etwas an dem Spiel nicht in Ordnung. Er kam wieder, um sich ernstlich über das Benehmen des Stockes zu beschweren. So etwas war noch nie dagewesen – noch nie war ein bedeutender und prominenter Hund so von einem scheußlichen Spazierstock behandelt worden.« »Ja, was hatte denn der Spazierstock angestellt?« fragte der junge Mann. »Er war untergegangen«, sagte Pater Brown. Fiennes sagte nichts, sondern sah weiter verblüfft den Priester an, der fortfuhr: »Er war untergegangen, weil es kein wirklicher Stock war, sondern eine Stahlklinge mit äußerst dünnem Bambusüberzug und scharfer Spitze. Mit anderen Worten: ein Stockdegen. Es ist wohl noch niemals ein Mörder auf so sonderbare und doch natürliche Weise eine blutige Waffe losgeworden, wie dieser, der sie einem Schäferhund zum Apportieren ins Wasser warf.« »Ich fange an, zu verstehen,« gab Fiennes zu, »aber selbst wenn ein Stockdegen benutzt wurde, habe ich doch keine Ahnung, wie.« »Ich hatte eine Ahnung,« sagte Pater Brown, »gleich anfangs, als Sie von einer Laube sprachen. Und dann wieder, als Sie erwähnten, daß Druce einen weißen Rock trug. Solange alle auf der Suche nach einem kurzen Dolch waren, fiel es niemand ein – aber sowie wir an eine lange Klinge wie bei einem Fechtdegen denken, ist es nicht mehr so unmöglich.« Er lehnte sich zurück, richtete den Blick zur Decke und fing an, seine ersten Gedanken und Voraussetzungen zu rekonstruieren. »Das ganze Gerede über Detektivgeschichten wie das Gelbe Zimmer, wo ein Toter in versiegelten Stuben aufgefunden wird, in die niemand eindringen konnte, läßt sich auf den vorliegenden Fall gar nicht anwenden; denn es handelt sich um eine Laube. Wenn wir von einem Gelben Zimmer oder irgendeinem Zimmer sprechen, setzen wir Wände voraus, die wirklich homogen und undurchdringlich sind. Aber eine Laube sieht gar nicht so aus. Oft, und auch in diesem Falle, besteht sie aus dicht geflochtenen aber doch getrennten Zweigen und Holzstäben, die hier und da Löcher aufweisen. Ein solches Loch befand sich gerade hinter dem Rücken des Obersten, als er in seinem Sessel an der Rückwand der Laube saß. Und wie das Zimmer eine Laube, so war auch der Sessel ein Korbsessel – ein Geflecht mit lauter kleinen Löchern. Und endlich stand die Laube an der Hecke – eben haben Sie mir erzählt, daß es in Wirklichkeit eine dünne Hecke war. Jemand, der draußen stand, konnte durch das Netz von Ästen, Zweigen und Rohr einen weißen Fleck vom Rock des Obersten so deutlich sehen wie eine Schießscheibe. »Ihre geographischen Angaben waren nicht sehr genau, aber ich war doch im Bilde. Wie Sie sagten, war der Schicksalsfelsen nicht sehr hoch; aber Sie sagten auch, daß er den Garten wie ein Berggipfel beherrschte. Mit andern Worten: er war gar nicht so weit vom Ende des Gartens entfernt, obwohl Ihr Spaziergang Sie auf einem großen Umweg hingeführt hatte. Wahrscheinlich hat auch die junge Dame nicht so gebrüllt, daß man es eine halbe Meile weit hören konnte. Sie hat einen gewöhnlichen, unwillkürlichen Schrei ausgestoßen, und doch haben Sie ihn am Strand gehört. Und was die andern interessanten Dinge betrifft, die Sie mir erzählten, so darf ich Sie vielleicht an Ihre Bemerkung erinnern, daß Harry Druce zurückgeblieben war, um sich im Schutze der Hecke die Pfeife anzuzünden.« * Fiennes schauderte. »Sie meinen, daß er dort den Degen gezogen und nach dem weißen Fleck durch die Hecke gestochen hat? Aber das war doch sicher eine sonderbare Gelegenheit und ein sehr plötzlicher Entschluß. Außerdem konnte er doch nicht sicher wissen, daß der Alte ihm sein Geld vermacht hatte, und faktisch war es ja auch gar nicht der Fall.« Pater Browns Gesicht belebte sich. »Sie verstehen seinen Charakter falsch«, sagte er, ganz als ob er den Menschen sein Lebtag gekannt hätte. »Ein merkwürdiger, aber nicht unbekannter Typ. Wenn er sicher gewußt hätte, daß er das Geld erben würde, hätte er es nicht getan – davon bin ich überzeugt. Es wäre ihm dann als die Schurkerei erschienen, die es ist.« »Ist das nicht etwas paradox?« fragte der andere. »Der Mensch war eine Spielernatur,« sagte der Priester, »er war mit Schimpf und Schande davongejagt worden, weil er zuviel gewagt hatte und den Weisungen zuvorgekommen war. Wahrscheinlich handelte es sich um eine recht skrupellose Angelegenheit, denn jede imperialistische Polizei hat mehr Ähnlichkeit mit der russischen Geheimpolizei, als wir gern glauben möchten. Er war aber zu weit gegangen und hatte verspielt. Diese Art Mensch fühlt immer die Versuchung, eine verrückte Handlung zu begehen, weil die Gefahr nachher so großartig aussieht. Er sehnt sich danach, sagen zu können: Außer mir hätte kein Mensch die Gelegenheit ergriffen und gewußt: jetzt oder nie. Was war das doch für ein wildes und wunderbares Rätselraten – wie klug habe ich mir auf die verschiedenen Umstände meinen Reim gemacht! Donald in Ungnade der Alte schickt nach dem Anwalt – gleichzeitig läßt man mich und Herbert holen. Und dann nichts weiter, als daß mich der Alte anfeixt und mir fest die Hand drückt. Jeder würde sagen, daß ich verrückt war, es zu riskieren – aber so werden Vermögen gewonnen, immer von dem einen, der verrückt genug ist, ein klein wenig Weitblick zu haben. Kurz und gut: es handelt sich um die Eitelkeit des Rätselraters, um den Größenwahn des Spielers. Je unwahrscheinlicher das Zusammentreffen, je drängender die Entscheidung, desto mehr beeilt er sich, zuzugreifen. Der Zufall, ja die Alltäglichkeit des weißen Flecks und des Lochs in der Hecke berauschten ihn, als hätte man ihm alle Schätze der Welt gezeigt. Wer konnte so klug sein, die Verbindung von Zufällen zu bemerken, und so feige, sie nicht zu nutzen! Auf diese Weise lockt der Teufel den Spieler. Aber selbst der Teufel hätte den Unglücklichen nicht dazu vermocht, nach einer langweiligen Überlegung hinzufahren und einen alten Erbonkel umzubringen. Das wäre ihm zu bürgerlich gewesen.« Fiennes war in Gedanken verloren. Er schien sich an den weniger handgreiflichen Teil des Falles zu erinnern. »Es bleibt doch sonderbar,« sagte er, »daß der Hund nun doch etwas mit der Geschichte zu tun hatte.« »Der Hund hätte Ihnen beinahe die ganze Geschichte erzählen können, wenn er nur sprechen könnte«, sagte der Priester. »Ich beklage mich nur darüber, daß Sie weil er nicht sprechen kann – eine Geschichte für ihn erfanden und ihn mit Menschen- und Engelszungen reden ließen. Ich habe das schon oft in unserer Zeit beobachtet. Man findet es in allen möglichen Zeitungsgerüchten und Schlagworten der Unterhaltung – man erkennt es an, obwohl es Willkür ist. Die Leute lassen sich das und jenes vormachen, ohne es zu prüfen. Es schwemmt den alten Rationalismus und Skeptizismus fort, es flutet herein wie die See – und sein Name ist Aberglaube.« Er stand plötzlich auf und runzelte die Stirne; dann fuhr er fort zu sprechen, als wäre er allein. »Als erste Folge davon, daß ihr nicht an Gott glaubt, verliert ihr euren gesunden Menschenverstand und seht die Dinge nicht mehr wie sie sind. Man mag reden, wovon man will – wenn man nur sagt, daß da sehr viel dahintersteckt, streckt es sich immer weiter, wie eine Fernsicht in einem Fiebertraum. Dann ist der Hund ein Omen und die Katze ein Rätsel und der Käfer ein Skarabäus, und man ruft die ganze Menagerie des Polytheismus aus Ägypten und dem alten Indien zu Hilfe – Anubis mit dem Hundekopf und Pasht mit den grünen Augen und die heiligen brüllenden Stiere von Bashan, taumelt zu den Tiergöttern der ersten Anfänge und rettet sich zu Elefanten und Schlangen und Krokodilen – und das alles, weil ihr euch vor drei Worten fürchtet: Homo factus est .« Der junge Mann stand etwas verlegen auf, als hätte er ein Selbstgespräch belauscht. Er rief seinen Hund und verließ das Zimmer mit undeutlichen aber herzlichen Abschiedsworten. Er mußte jedoch zweimal rufen; denn der Hund stand einen Augenblick unbeweglich da und sah unverwandt zu Pater Brown empor, wie der Wolf zu Sankt Franziskus. Der geflügelte Dolch Pater Brown wurde es zu einer bestimmten Zeit seines Lebens recht schwer, seinen Hut an einem Garderobenständer aufzuhängen, ohne einen leichten Schauer zu unterdrücken. Diese Idiosynkrasie entsprang freilich nur einer nebensächlichen Episode in einem Komplex von Ereignissen, aber vielleicht der einzigen, die den Vielbeschäftigten später noch an den Fall erinnerte. Sie hing mit denselben Tatsachen zusammen, die den Polizeiarzt Boyne dazu veranlaßten, an einem frostkalten Dezembermorgen nach dem Priester zu schicken. Dr. Boyne, ein großer, brünetter Ire, gehörte zu den rätselhaften Söhnen Erins, die man überall auf der Welt findet: sie reden ein Langes und Breites über wissenschaftlichen Skeptizismus, Materialismus und Zynismus; wo aber ein religiöser Ritus ins Spiel kommt, fällt es ihnen nicht im Traume ein, etwas anderes zu Rate zu ziehen als die traditionelle Religion ihres Vaterlandes. Es läßt sich schwer feststellen, ob ihr Glaubensbekenntnis aus einem oberflächlichen Firnis oder einer soliden Grundlage besteht; vermutlich aus beidem und einer Zwischenschicht von Materialismus. Wie dem auch sei, jedenfalls ließ der Arzt den Priester immer dann rufen, wenn es sich um einen ähnlichen Fall zu handeln schien, ohne jedoch viel Wert auf diese besondere Seite der Angelegenheit zu legen. »Eigentlich weiß ich gar nicht, ob ich Sie brauche«, begrüßte er den Priester. »Ich weiß überhaupt noch herzlich wenig. Hol' mich der Teufel, mir ist doch noch nicht mal klar, ob dieser Fall einen Arzt, einen Polizisten oder einen Priester angeht.« »Nun,« sagte Pater Brown lächelnd, »da Sie doch sowohl Arzt als Polizist sind, bilde ich jedenfalls eine Minorität.« »Aber eine unterrichtete Minorität, wie es in der Politik heißt«, erwiderte der Arzt. »Damit meine ich, daß Sie schon in unserem Ressort gearbeitet haben. Aber es ist eben verflucht schwer zu entscheiden, ob der bewußte Fall in Ihr Fach schlägt oder in unseres oder gar ganz einfach in das Ressort eines Irrenarztes gehört. Ein Mann, der hier in der Nähe wohnt – in dem weißen Haus, das Sie da oben auf dem Hügel sehen – hat uns eben einen Boten geschickt: er bittet um Hilfe, weil er in mörderischer Absicht verfolgt wird. Wir haben bereits so gut als möglich recherchiert. Am besten erzähle ich Ihnen von Anfang an, wie nach unserer Annahme der Fall sich bis jetzt entwickelt hat. Wie es scheint, hat ein gewisser Aylmer, ein reicher Gutsbesitzer aus dem Westen Englands, sich spät verheiratet und drei Söhne gehabt: Philipp, Stefan und Arnold. Als er aber noch Junggeselle war und nicht auf einen Erben hoffte, hatte er einen sehr begabten und vielversprechenden Jungen namens John Strake adoptiert. Die Abstammung des Jungen ist dunkel; er gilt für ein Findelkind, andere behaupten sogar, er sei Zigeuner. Wahrscheinlich hängt diese zweite Vermutung mit dem Umstand zusammen, daß der alte Aylmer sich als Greis mit allen möglichen trüben okkultistischen Dingen befaßt hat, wie Chiromantie und Astrologie; seine drei Söhne behaupteten, daß Strake ihn darin bestärkte. Aber sie haben auch sonst noch eine Menge gesagt. Daß Strake ein erstaunlicher Schurke und besonders ein erstaunlicher Lügner war; daß er es auf geniale Weise verstand, aus dem Stegreif Lügen zu erfinden und sie so überzeugend vorzutragen, daß sogar die Polizei ihm darauf hereinfiel. Aber möglicherweise ist das ein natürliches Vorurteil, wenn man bedenkt, was nachher geschah. Der Alte hinterließ nämlich so gut wie alles dem adoptierten Sohn, und nach seinem Tode fochten die drei Söhne das Testament an. Sie führten an, daß ihr Vater solange in Angst versetzt worden sei, bis er nachgab, oder, um es geradeheraus zu sagen, bis er das letzte bißchen Verstand verlor. Sie behaupteten, daß Strake es auf die sonderbarste und gerissenste Weise fertigbrachte, zu ihm vorzudringen, obwohl die Pflegerinnen und die Familie auf der Lauer lagen, und ihn noch auf dem Sterbebett terrorisierte. Jedenfalls ist es ihnen gelungen, etwas über den Geisteszustand des Alten zu beweisen, denn die Gerichte erklärten das Testament für ungültig, und die Söhne erbten das Vermögen. Strake soll einen furchtbaren Wutanfall gehabt und geschworen haben, sie alle drei nacheinander zu ermorden; kein Versteck sollte sie vor seiner Rache schützen. Jetzt hat sich der dritte und letzte der Brüder, Arnold Aylmer, an die Polizei um Schutz gewendet.« Der dritte und letzte«, sagte der Priester und sah ihn ernst an. »Jawohl«, erwiderte Boyue. »Die beiden anderen sind tot.« Einen Augenblick lang herrschte Schweigen, dann fuhr er fort: »Hier beginnt die Sache unklar zu werden. Beweise, daß sie ermordet wurden, liegen nicht vor – aber es ist nicht ausgeschlossen. Der Älteste, der sich als Grundbesitzer aufs Land zurückzog, soll in seinem Garten Selbstmord begangen haben. Der zweite, der sich als Fabrikant etablierte, wurde in seiner Fabrik von einer Maschine tödlich verletzt; es ist möglich, daß er gestolpert und gefallen ist. Wenn Strake sie aber wirklich beide umgebracht hat, ist die Art und Weise, wie er es anstellt und sich dann aus dem Staube macht, wirklich außerordentlich geschickt. Andererseits ist es mehr als wahrscheinlich, daß die ganze Sache auf eine Verschwörungsmanie hinausläuft, die nur auf einen Zufall zurückgeht. Passen Sie mal auf, was ich möchte. Ich möchte, daß ein vernünftiger Mensch, aber kein Beamter, hingeht, mit dem Arnold Aylmer redet und sich den Mann anguckt. Sie wissen ja, wie ein Mensch aussieht, der eine fixe Idee hat, und wie sich einer benimmt, der die Wahrheit spricht. Bilden Sie die Vorhut, bevor wir die Sache in die Hand nehmen.« »Schön«, sagte Pater Brown einfach. »Wenn Sie wollen, besuche ich ihn gleich jetzt.« Das hügelige Land rings um die kleine Stadt war vom Frost in Fesseln geschlagen, der Himmel so blau und kalt wie Stahl. Nur im Nordosten begannen Wolken mit schwefligem Rand am Himmel hochzusteigen. Gegen diesen Hintergrund von dunklen und drohenden Farben erglänzte das Haus auf dem Hügel mit einer Reihe von blassen Pfeilern, die nach klassischem Muster einen kurzen Säulengang bildeten. Eine Straße führte in Windungen über die Schwellung des Hügels und verschwand in einem dunklen Gebüsch. Kurz bevor er die Büsche erreichte, wurde die Luft kälter und kälter, als nähere der Priester sich einem Eiskeller oder dem Nordpol. Da er aber ein höchst praktisch veranlagter Mensch war, der Phantasien nur als solchen Raum gönnte, schielt er nur einen Augenblick lang nach der großen fahlen Wolke, die über dem Hause heraufkroch, und bemerkte in heiterem Tone: »Es wird bald schneien.« Das Haus bestand nur aus einem einzigen Gebäude und war nicht größer als eine Villa, aber von mehreren Seiten zugänglich, wie man das bei alten Landhäusern in England oft sieht. Er konnte sich nicht schlüssig werden, wo der eigentliche Eingang zu finden sei, und trat durch eine geöffnete Glastür in ein Zimmer, das zentral gelegen und auf altmodische Weise mit Polstermöbeln ausgestattet war. Auf einer Seite führte eine Treppe nach oben, auf der andern lag eine zweite Tür, und gerade gegenüber eine dritte, in die eine rote Butzenscheibe von fragwürdigem Geschmack eingelassen war. Auf einem runden Tischchen zur Rechten sah er eine Art Aquarium – ein großes Glasgefäß mit grünlichem Wasser, in dem Fische und ähnliche Geschöpfe sich wie in einer Zisterne bewegten; gerade gegenüber stand eine Pflanze von der Gattung Palme mit sehr großen grünen Blättern. All dies sah staubig und sehr nach der Mitte des vorigen Jahrhunderts aus, und das Telephon, das hinter der Draperie des Alkovens sichtbar wurde, wirkte beinahe überraschend. »Wer ist das?« rief eine scharfe und mißtrauische Stimme hinter der Glastüre. »Kann ich Herrn Aylmer sprechen?« erwiderte der Priester in begütigendem Ton. Die Tür ging auf, und ein Herr in einem pfauenblauen Schlafrock trat mit fragendem Ausdruck herein. Sein Haar war struppig und etwas unordentlich, als sei er eben erst aufgestanden oder gewohnt, sich sehr langsam anzuziehen, aber seine Augen blickten nicht nur wach, sondern gespannt, vielleicht sogar erschreckt. Pater Brown konnte sich vorstellen, daß dieser Widerspruch nichts Unnatürliches hatte bei einem Menschen, der unter der Wolke einer Einbildung oder einer Gefahr seelisch gelitten hatte. Der Mann hatte ein schönes Adlerprofil, aber von vorn gesehen, herrschte der unordentliche, ja wilde Eindruck vor, den sein ungepflegter brauner Bart hervorrief. »Ich bin Aylmer,« sagte er, »aber ich bin nicht mehr daran gewöhnt, Gäste zu erwarten.« Irgendein Ausdruck in den unruhigen Augen des Herrn Aylmer bewog den Priester, sofort zur Sache zu kommen. Wenn der Mann wirklich nur an Verfolgungswahn litt, würde er es wohl um so weniger übelnehmen. »Ist das auch sicher richtig,« sagte er leise, »daß Sie keine Gäste erwarten?« »Sie haben recht,« erwiderte der andere, »ich erwarte stets einen Gast. Und es kann sein, daß er der letzte ist.« »Das will ich nicht hoffen«, sagte Pater Brown. »Jedenfalls aber beruhigt mich die Annahme, daß ich ihm nicht sehr ähnlich sehe.« Herr Aylmer schüttelte sich mit einem etwas grimmigen Lachen. »Ganz gewiß nicht«, sagte er. »Herr Aylmer,« sagte der Priester offen, »verzeihen Sie die Freiheit, die ich mir herausnehme. Einige Freunde haben mir gesagt, welche Sorgen Sie bedrücken, und mich gebeten, Ihnen, wenn möglich, zu helfen. Um die Wahrheit zu sagen: ich bin in diesen und ähnlichen Dingen nicht ganz unerfahren.« »Es gibt keine ähnlichen Dinge«, sagte Aylmer. »Sie meinen,« bemerkte Brown, »daß die Tragödien in ihrer bedauernswerten Familie keine normalen Todesfälle waren.« »Ich meine, daß es nicht einmal normale Mordtaten waren«, erwiderte der andre. »Der Mann, der uns alle in den Tod hetzt, ist ein Höllenhund, und seine Macht ist vom Teufel.« »Das Böse hat immer nur einen Ursprung«, erwiderte der Priester ernst. »Aber woher wissen Sie, daß es keine normalen Mordtaten waren?« Aylmer antwortete mit einer Handbewegung auf einen Sessel hin; dann setzte er sich langsam in einen zweiten und zog die Stirne in Falten, indem er seine Hände aus die Knie stützte. Als er wieder aufsah, war sein Ausdruck milder und nachdenklicher, seine Stimme herzlich und ganz ruhig. »Glauben Sie nicht,« sagte er, »daß ich ein Mensch bin, dem es an klarem Verstand fehlt. Ich habe diese Schlüsse verstandesmäßig gezogen, denn leider führt der Verstand wirklich dorthin. Ich habe sehr viel darüber gelesen, denn ich habe als einziger die Begabung meines Vaters für etwas dunkle Materien geerbt, so wie ich später seine Bibliothek erbte. Trotzdem beruht das, was ich Ihnen erzählen will, nicht auf dem, was ich gelesen, sondern auf dem, was ich gesehen habe.« Pater Brown nickte, und der andre fuhr fort, als suche er seine Worte zusammen: »Im Falle meines älteren Bruders war ich zuerst nicht ganz sicher. Es gab dort, wo er erschossen aufgefunden wurde, keine Zeichen oder Fußtapfen, und die Pistole lag neben ihm. Aber er hatte eben einen Drohbrief erhalten; jedenfalls von unserem Feinde, denn er war mit einem geflügelten Dolch gezeichnet, wieder eins seiner verdammten kabbalistischen Mätzchen. Auch hat eines der Dienstmädchen etwas gesehen, das sich in der Dämmerung auf der Gartenmauer fortbewegte und viel zu groß für eine Katze war. Ich will nichts weiter sagen, jedenfalls steht fest, daß der Mörder, wenn er da war, keine Spuren hinterließ. Als aber mein Bruder Stephan starb, lag die Sache anders; und seit damals weiß ich. Eine Maschine war auf einem offenen Gerüst unter dem Fabrikschlot in Arbeit; ich erreichte die Plattform einen Augenblick, nachdem der eiserne Hammer ihn zu Tode getroffen hatte. Ich sah nicht, daß etwas anderes ihn getroffen hätte, aber ich sah das Folgende: Zwischen mir und dem Schlot trieb eine Wolke von Fabriksrauch, aber durch einen Riß sah ich oben darauf eine dunkle menschliche Gestalt, in etwas gewickelt, das wie ein schwarzer Mantel aussah. Dann kam der schwefelhaltige Dampf wieder dazwischen, und als er vorübergezogen war, sah ich wieder zu dem entfernten Kamin empor. Da war niemand. Ich bin ein Mensch mit gesundem Menschenverstand, und möchte gerne alle Leute mit gesundem Menschenverstand fragen, wie er auf den schwindlig hohen, unzugänglichen Turm gelangt und wieder heruntergekommen ist.« Er starrte den Priester mit rätselhaft herausforderndem Blick an und sagte nach einer Pause unvermittelt: »Meinem Bruder war der Kopf zerschmettert worden, aber sein Körper hatte nicht sehr gelitten. In einer Tasche fanden wir wieder eine warnende Botschaft, die vom Tag vorher datiert und mit dem fliegenden Dolch gestempelt war.« »Haben Sie vielleicht bemerkt, auf was für Papier sie stand?« fragte Pater Brown. »War es gewöhnliches Papier?« Das sphinxähnliche Gesicht ließ plötzlich ein heiseres Lachen ertönen. »Sie können sich die Dinger mal selber ansehen,« sagte Aylmer grimmig, »denn ich habe heute morgen auch eines bekommen.« Er lag in den Sessel zurückgelehnt, seine langen Beine staken aus dem blauen Schlafrock, der ihm etwas zu kurz war, sein bärtiges Kinn ruhte auf der Brust. Ohne weitere Bewegung steckte er die Hand tief in die Tasche des Schlafrocks und hielt mit starr ausgestrecktem Arm dem Priester einen Fetzen Papier hin. Seine ganze Haltung drückte, ähnlich wie bei Paralyse, Starrheit und Zusammenbruch zugleich aus. Doch schon die nächste Bemerkung Pater Browns übte eine merkwürdige belebende Wirkung auf ihn aus. Pater Brown blinzelte auf seine kurzsichtige Art nach dem Zettel, den der andre ihm zeigte. Es war ein merkwürdiges Papier, rauh, aber nicht billig, wie aus dem Skizzenbuch eines Künstlers; darauf war in kühnen Umrissen mit roter Tinte ein Dolch mit Hermesflügeln gezeichnet, darunter die Worte: »Am nächsten Tage kommt der Tod zu Dir wie zu Deinen Brüdern.« Pater Brown warf das Papier zu Boden und setzte sich kerzengerade auf. »Lassen Sie sich durch dieses Zeug nicht bange machen«, sagte er streng. »Diese Teufel versuchen immer, uns hilflos zu machen, indem sie uns die Hoffnung rauben.« Zu seinem Erstaunen regte sich die liegende Gestalt in einer plötzlichen Bewegung. Aylmer sprang vom Sessel auf, als sei er aus einem Traum erwacht. »Sie haben recht, ja, Sie haben recht,« rief er mit unheimlicher Lebhaftigkeit, »und die Teufel werden sehen, daß ich gar nicht so hilflos und hoffnungslos bin. Vielleicht habe ich mehr Hoffnung und bessere Hilfe als Sie glauben.« Er stand da, die Hände in den Taschen, und starrte mit gerunzelten Brauen den Priester an, der einen Augenblick lang während dieses gespannten Schweigens der Ansicht war, die andauernde Gefahr sei nicht ohne Wirkung auf den Verstand des andern geblieben. Aber als jener sprach, geschah es auf ernste ruhige Weise. »Ich glaube, daß meine unglücklichen Brüder keinen Erfolg hatten, weil sie nicht die richtigen Waffen benutzten. Philipp trug einen Revolver bei sich, deshalb nahm man bei ihm Selbstmord an. Stefan stand unter polizeilichem Schutz, aber er hatte einen feinen Sinn für das Lächerliche und konnte sich nicht von einem Polizisten auf ein Gerüst begleiten lassen, wo er sich nur einen Augenblick aufhielt. Sie waren beide Spötter und verfielen nach dem sonderbaren Mystizismus, der während seiner letzten Tage um meinen Vater herrschte, in eine skeptische Reaktion. Ich aber wußte immer, daß sie vieles an meinem Vater gar nicht begreifen konnten. Es ist wahr, daß er durch das Studium der Zauberei zuletzt unter den Bann der schwarzen Magie geriet, unter die schwarze Magie dieses Schurken Strake. Aber meine Brüder irrten sich, was das Gegengift angeht. Das Gegengift zu schwarzer Magie ist nicht krasser Materialismus oder weltliche Klugheit. Das Gegengift zu schwarzer Magie ist weiße Magie.« »Dabei kommt es doch wohl darauf an, was Sie unter weißer Magie verstehen«, sagte Pater Brown. »Ich meine silberne Magie«, antwortete der andre mit leiser Stimme, als spräche er von einer geheimen Offenbarung. Nach einer Pause fügte er hinzu: »Wissen Sie, was ich unter silberner Magie verstehe? Kommen Sie einen Augenblick mit.« Er wandte sich um, öffnete die mittlere Tür mit dem roten Glasfenster und ging hinaus. Das Gebäude war weniger tief, als Brown angenommen hatte. Die Tür führte nicht zu Zimmern im Innern des Hauses, sondern auf einen Korridor, an dessen anderm Ende eine Tür sich in den Garten öffnete. An einer Seite des Ganges lag noch eine Tür, zweifellos zum Schlafzimmer des Besitzers, aus dem er in seinem Schlafrock hervorgestürzt war. Auf dieser Seite befand sich nichts weiter als ein gewöhnlicher Kleiderständer mit dem gewöhnlichen Durcheinander von staubigen Überziehern und Hüten; aber auf der anderen gab es Interessanteres zu sehen, nämlich ein sehr dunkles, altes Eichenbüfett, auf dem altes Silber stand, und über dem ein Ornament oder eine Trophäe von alten Waffen aufgehängt war. Dort blieb Arnold Aylmer stehen und blickte zu einer langen, altmodischen Pistole mit glockenförmiger Öffnung empor. Die Tür am anderen Ende des Korridors war nur angelehnt; durch die Ritze schien ein Streifen weißes Tageslicht. Der Priester hatte in bezug auf Naturerscheinungen einen schnellen Instinkt. Die unnatürliche Weiße dieser schmalen Linie führte ihn darauf, was draußen geschehen war; eben das, was er prophezeit hatte, als er sich dem Hause näherte. Er lief an dem erschreckten Aylmer vorbei und öffnete die Türe; was er sah, war ein glänzendes Nichts. Durch die Türspalte hatte nicht nur das weiße Tageslicht geschienen, sondern die deutlichere Weiße des Schnees. Ringsum war das hügelige Gelände mit der schimmernden Blässe bedeckt, die zugleich ehrwürdig und unschuldig aussieht. »Da haben wir sie ja, die weiße Magie«, sagte Pater Brown mit seiner heiteren Stimme. Er ging in die Halle zurück und setzte leise hinzu: »Und silberne auch, wie es scheint.« Der weiße Schimmer übergoß das alte Silber auf dem Büfett mit Glanz und ließ den Stahl auf den dunklen Waffen hin und wieder aufleuchten. Der zottige Kopf des grübelnden Aylmer schien von einem feurig-silbrigen Strahlenkranz umgeben, wie er sich so im Dunkeln umwandte – sein Gesicht war im Schatten, in der Hand hielt er die fremdartige Pistole. »Wissen Sie, warum ich mir gerade diese alte Donnerbüchse ausgesucht habe?« fragte er. »Weil ich sie mit diesen Kugeln laden kann.« Er nahm einen alten silbernen Löffel vom Büfett und brach die Verzierung mit schierer Gewalt ab. »Wir wollen wieder ins andere Zimmer gehen«, sagte er. »Haben Sie je vom Tode Dundees gehört?« fragte er, als sie wieder saßen. Er hatte sich nach seinem momentanen Ärger über die Unruhe des Priesters wieder besänftigt. »Ich meine den berühmten Graham von Claverhouse, der die Presbyterianer in Schottland verfolgte und ein schwarzes Pferd besaß, das geradeswegs an einem Abgrund hinaufreiten konnte. Er hatte seine Seele dem Teufel verschrieben und konnte nur mit einer silbernen Kugel erschossen werden. Mit Ihnen kann man doch wenigstens reden; Sie wissen genug, um an den Teufel zu glauben.« »O ja,« erwiderte Pater Brown, »ich glaube an den Teufel. Ich glaube aber nicht an Dundee, das heißt an den Dundee der alten Legenden, mit seinem märchenhaften Pferd. John Graham war nur ein Berufssoldat des siebzehnten Jahrhunderts, vielleicht etwas besser als der Durchschnitt. Die Sorte Prahlhänse verschreibt sich nicht dem Teufel. Die Teufelanbeter, die ich kenne, sehen anders aus. Ich möchte keinen heutigen Namen nennen, um nicht Anstoß zu erregen – nehmen wir einen Zeitgenossen Dundees. Haben Sie je von Dalrymple von Stair gehört?« »Nein«, erwiderte der andre unfreundlich. »Aber Sie wissen sicher, was er getan hat«, sagte der Pater; »und das war schlimmer als jedes Verbrechen, das der Dundee begangen haben kann. Trotzdem ist er der Schande entgangen, weil man ihn vergaß. Er war der Mann, der Schuld trug am Massaker von Glencoe. Ein gelehrter Herr und tüchtiger Jurist, ein Staatsmann mit ernsten und weitblickenden Begriffen von Politik, ein ruhiger Mensch mit einem feinen, intelligenten Gesicht. So sehen die Leute aus, die sich dem Teufel verschreiben.« Aylmer sprang mit allen Anzeichen feuriger Zustimmung halb vom Sessel auf. »Weiß Gott,« rief er, »Sie haben recht! Ein feines, intelligentes Gesicht – so sieht John Strake aus!« * Er erhob sich und sagte mit einem merkwürdig konzentrierten Blick auf den Priester: »Warten Sie einen Augenblick. Ich möchte Ihnen etwas zeigen.« Er verließ das Zimmer durch die mittlere Tür, die er hinter sich schloß; er wollte zum Büfett, wie der Priester annahm, oder in sein Schlafzimmer. Pater Brown blieb sitzen und starrte zerstreut auf den Teppich, auf den durch das Glasfenster in der Tür ein schwacher rötlicher Schimmer fiel. Einmal erhellte sich der rote Schein wie Rubin, dann wurde er wieder dunkel, als sei die Sonne dieses stürmischen Tages von einer Wolke zur andern gewandert. Nichts rührte sich als die Wassertiere, die in dem grünen Glase hin und her schwammen. Pater Brown dachte angestrengt nach. Nach ein oder zwei Minuten stand er auf und ging geräuschlos zum Telephon im Alkoven, wo er seinen Freund, den Polizeiarzt, im Hauptbureau der Polizei anrief. »Es handelt sich um Aylmer und seine Angelegenheiten«, sagte er ruhig. »Es ist eine sonderbare Geschichte, aber etwas steckt doch dahinter. An Ihrer Stelle würde ich sofort ein paar Leute heraufschicken, vier oder fünf am besten, und das Haus umstellen lassen. Wenn wirklich etwas passiert, wird der Mörder eine sensationelle Flucht versuchen.« Dann ging er an seinen Platz zurück und starrte wieder auf den roten Teppich, der nochmals im Lichte der Glasfenster blutrot aufleuchtete. In dem Licht, das da durchs Fenster sickerte, war etwas, das seine Gedanken zu gewissen Grenzen des Denkens trieb, dem weißen Dämmern, bevor die Farben des Tages erstrahlen und den Mysterien, die in den Symbolen der Fenster und Türen abwechselnd erhellt und verdunkelt werden. Ein unmenschliches Geheul aus einer menschlichen Kehle ertönte hinter der geschlossenen Türe, fast gleichzeitig mit einem Schuß. Bevor der Widerhall erstorben war, wurde die Türe heftig aufgerissen. Aylmer wankte ins Zimmer; sein Schlafrock war halb zerfetzt, die lange Pistole in seiner Hand rauchte noch. Er zitterte am ganzen Körper, aber nicht zum wenigsten vor unnatürlichem Gelächter. »Gepriesen sei die weiße Magie!« rief er, »gepriesen die silberne Kugel! Der Höllenhund hat einmal zu oft gejagt, meine Brüder sind endlich gerächt.« Er sank in den Sessel, die Pistole fiel aus seiner Hand auf den Boden. Pater Brown lief an ihm vorüber durch die Glastür und ging den Gang hinunter. Dabei legte er seine Hand an die Tür, die ins Schlafzimmer führte, als wollte er eintreten, bückte sich einen Augenblick lang, um etwas zu untersuchen und lief dann zur äußeren Tür, die er öffnete. Aus der schneeigen Fläche, die vor kurzem noch so leer war, lag ein einziger schwarzer Gegenstand. Beim ersten Blick sah er aus wie eine ungeheure Fledermaus. Beim zweiten jedoch sah man, daß es eine menschliche Gestalt war, die auf dem Gesicht lag, der ganze Kopf mit einem großen schwarzen Filzhut bedeckt, wie ihn die Südamerikaner tragen; der Eindruck von schwarzen Flügeln wurde durch zwei Falten oder lose Ärmel eines riesigen schwarzen Mantels hervorgerufen, die vielleicht durch Zufall auf beiden Seiten in ihrer ganzen Länge ausgebreitet lagen. Beide Hände waren versteckt. Aber Pater Brown glaubte zu sehen, wo die eine lag; daneben glänzte unter dem Saum des Mantels das Metall einer Waffe. Das Ganze sah aus wie ein heraldisches Wappen – ein schwarzer Adler auf weißem Felde. Der Priester ging um die Gestalt herum und erblickte das Gesicht, das wirklich der Beschreibung des andern entsprach; es war fein und intelligent, sogar skeptisch und streng; das Gesicht John Strakes. * »Da hört sich doch alles auf«, murmelte Pater Brown. »Es sieht aus wie ein ungeheurer Vampir, der wie ein Raubvogel heruntergestoßen ist.« »Wie hätte er auch sonst herkommen sollen?« fragte hinter ihm – Pater Brown drehte sich um und sah Aylmer, der in der Türe stand. »Hätte er nicht zu Fuß kommen können?« erwiderte Brown ausweichend. Aylmer streckte den Arm aus und beschrieb einen Kreis um die weiße Landschaft. »Betrachten Sie den Schnee«, sagte er mit tiefer Stimme, die sonderbar vibrierte. »Ist der Schnee nicht unbefleckt – so rein wie die weiße Magie, mit der Sie ihn verglichen haben? Sehen Sie irgendwo einen Flecken außer dem einen scheußlichen schwarzen Klecks, der dort liegt? Keine Fußspuren, außer Ihren und meinen – auch zum Hause führen keine.« Er sah den kleinen Priester einen Augenblick lang mit einem sonderbar konzentrierten Ausdruck an und sagte: »Ich werde Ihnen noch etwas sagen. Der Mantel, mit dem er fliegt, ist zum Gehen zu lang. Er war nicht sehr groß – der Mantel hätte hinter ihm hergeschleift wie die Schleppe eines Königs. Wenn Sie wollen, breiten Sie ihn über seinen Körper aus, dann werden Sie es schon sehen.« »Wie ging die Sache vor sich?« unterbrach Pater Brown. »So schnell, daß es sich nicht schildern läßt«, antwortete Aylmer. »Ich hatte einen Blick zur Türe hinausgeworfen und wandte mich wieder ins Haus zurück, als plötzlich ein starker Wind um mich zu kreisen begann – als würde ich hoch in der Luft durch ein Rad herumgetrieben. Irgendwie gelang es mir, mich umzudrehen und aufs Geratewohl einen Schuß abzugeben; nachher sah ich nichts, als was Sie jetzt sehen. Aber ich bin überzeugt davon, daß Sie es nicht gesehen hätten, wäre nicht eine Silberladung in meiner Pistole gewesen. Dort im Schnee hätte ein anderer Körper gelegen.« »Ja,« bemerkte Pater Brown, »wollen wir ihn denn übrigens dort im Schnee liegen lassen? Oder soll man ihn in Ihr Zimmer bringen. – Das ist doch Ihr Schlafzimmer dort im Gang?« »Nein, nein,« erwiderte Aylmer hastig, »wir müssen ihn dort liegen lassen, bis die Polizei ihn gesehen hat. Außerdem kann ich wirklich im Moment nichts mehr vertragen. Komme was da wolle, ich muß einen Schluck Kognak trinken. Nachher kann man mich meinetwegen aufknüpfen.« Im Zimmer fiel Aylmer zwischen Palme und Aquarium in einen Sessel. Als er ins Zimmer torkelte, hätte er beinahe das Glas mit den Fischen umgestoßen. Den Kognak fand er endlich, nachdem er mit der Hand vergeblich in mehrere Fächer und Winkel gefahren war. Sehr pedantisch hatte er schon früher nicht ausgesehen; aber in diesem Augenblick mußte er wohl furchtbar zerstreut sein. Er trank einen langen Schluck und fing an, fieberhaft zu reden, als wollte er eine Pause ausfüllen. »Ich merke, daß Sie noch immer zweifeln,« sagte er, »obwohl Sie es mit Ihren eigenen Augen gesehen haben. Glauben Sie mir, hinter dem Kampf, der zwischen dem Geiste Strakes und dem Geiste der Familie Aylmer ausgefochten wurde, steckte noch mehr. Aber Sie dürften doch nicht ungläubig sein! Sie müßten für all das eintreten, was dumme Leute Aberglauben nennen. Sagen Sie, glauben Sie nicht, daß in diesen Altweibergeschichten von Glück und Amuletten und so weiter, Silberkugeln eingeschlossen, viel Wahrheit verborgen ist? Was sagen Sie dazu, als Katholik?« »Ich sage, daß ich ungläubig bin«, erwiderte der Pater lächelnd. »Unsinn«, sagte Aylmer ungeduldig. »Es gehört doch zu Ihrem Beruf, an solche Sachen zu glauben.« »Na ja,« gab Pater Brown zu, »ich glaube natürlich an manches, und deshalb glaube ich wieder an anderes nicht.« Aylmer beugte sich nach vorn; er sah den Priester mit einer seltsamen Intensität an, die fast an einen Hypnotiseur erinnerte. »Sie glauben doch daran«, sagte er. »Sie glauben an alles. Wir alle glauben alles, auch wenn wir alles leugnen. Die Leugner glauben an alles. Wir alle glauben alles, Sie nicht zutiefst, daß all diese Widersprüche sich nicht widersprechen? Daß es einen Kosmos gibt, in dem sie alle Platz finden? Die Erde dreht sich auf einem Sternenrade. Alles kehrt wieder, vielleicht haben Strake und ich schon in vielen Verkörperungen gekämpft, Tier gegen Tier, Vogel gegen Vogel, und werden so weiter kämpfen in alle Ewigkeit. Doch da wir einander suchen und brauchen, ist selbst dieser ewige Haß nur die ewige Liebe. Das Gute und das Böse; drehen sich in einem Rade, das nur Eins ist und nicht Vieles. Erkennen Sie nicht in Ihrem Innern, glauben Sie nicht hinter all Ihrem Glauben, daß es nur eine Wirklichkeit gibt, von der wir bloß Schatten sind? Daß alle Dinge nur verschiedene Ansichten von einem einzigen sind: einem Zentrum, daß Gott mit den Menschen verschmilzt und die Menschen mit Gott?« »Nein«, sagte Pater Brown. Draußen fing es an zu dämmern; es war um die Zeit, wo an einem schneebeladenen Abend die Erde heller aussieht als der Himmel. Unter dem Dach des Haupteingangs, durch ein halbverhangenes Fenster, sah Pater Brown eine vierschrötige Gestalt. Er blickte unauffällig durch die Glastüre, bei der er zuerst hereingekommen war, und sah, daß auch sie durch zwei genau so bewegungslose Gestalten verdunkelt wurde. Die innere Tür mit den Butzenscheiben war nur angelehnt, und im Gang dahinter konnte er zwei lange Schatten bemerken, die vom gleichmäßigen Abendlicht vergrößert und verzerrt waren, aber doch wie zwei graue Karikaturen von Männern aussahen. Dr. Boyne hatte dem Telephonanruf bereits Folge gegeben. Das Haus war umstellt. »Weshalb sagen Sie nein?« fuhr der andre fort. Er starrte den Priester weiter hypnotisch an. »Einen Teil des ewigen Dramas haben Sie mit eignen Augen gesehen. Sie haben die Drohung John Strakes gehört, Arnold Aylmer durch schwarze Magie zu töten. Sie haben gesehen, wie Arnold Aylmer durch Weiße Magie John Strake tötete. Sie sehen, daß Arnold Aylmer lebt und zu Ihnen redet. Und Sie glauben noch immer nicht?« »Nein, ich glaube nicht daran«, sagte Pater Brown und stand auf wie jemand, der einen Besuch beendet. »Warum nicht?« fragte der andre. Der Priester hob nur wenig die Stimme, aber sie klang bis in die letzte Ecke des Zimmers wie eine Glocke. »Weil Sie nicht Arnold Aylmer sind«, sagte er. »Ich weiß, wer Sie sind. Sie heißen John Strake, und Sie haben den letzten der Brüder ermordet, der jetzt draußen im Schnee liegt. Um die Iris im Auge des andern erschien ein weißer Streifen. Er schien mit hervortretenden Augäpfeln einen letzten Versuch zu machen, den Priester zu hypnotisieren und zu besiegen. Dann machte er eine schnelle Bewegung zur Seite; aber im gleichen Augenblick öffnete sich die Tür hinter ihm, und ein großgewachsener Polizist in Zivil legte ihm ruhig die Hand auf die Schulter. Die andre Hand hing herab, aber sie umschloß eine Pistole. Der Mann sah sich wild um; Polizisten in Zivil füllten alle Ecken des stillen Zimmers. Am gleichen Abend hatte Pater Brown mit Dr. Boyne eine zweite und längere Unterredung über die Tragödie im Hause Aylmer. Zu der Zeit standen die wichtigen Tatsachen des Falls bereits außer Zweifel, denn John Strake hatte sich zu seinem Namen bekannt, ja sogar zu seinen Verbrechen: eigentlich wäre es richtiger zu sagen, daß er sich seiner Siege rühmte. Verglichen mit der Tatsache, daß er sein Lebenswerk abgeschlossen hatte und Arnold Aylmer eine Leiche war, war alles andre, sogar das Leben selbst, ihm scheinbar gleichgültig. »Der Mann leidet an einer Monomanie«, sagte Pater Brown. »Ihn interessiert nichts anderes, nicht einmal ein andrer Mord. Dafür bin ich ihm eigentlich verpflichtet; denn mit diesem Gedanken habe ich mich heute nachmittag des öfteren trösten müssen. Wie Sie sich jedenfalls selbst gesagt haben, hätte er, anstatt die wilde aber geistreiche Erzählung über geflügelte Vampire und Silberkugeln auszuspinnen, mir einfach mit einer gewöhnlichen Bleikugel den Garaus machen und gemütlich das Haus verlassen können. Ich versichere Sie, daß mir der Gedanke öfters gekommen ist.« »Ich verstehe noch nicht, warum er es nicht getan hat«, bemerkte Boyne. »Aber ich verstehe überhaupt noch nichts. Wie in aller Welt haben Sie es entdeckt, und was haben Sie entdeckt?« »Ach, Sie hatten mir sehr wertvolle Auskünfte gegeben«, erwiderte Brown bescheiden, »besonders die eine Auskunft, die wirklich wichtig war. Ich meine damit die Bemerkung, daß Strake ein sehr erfindungsreicher und phantasievoller Lügner war, der seine Lügen mit großer Geistesgegenwart vorzubringen pflegte. Heute nachmittag hatte er diese Gabe bitter nötig; aber er hat auch nicht versagt. Sein einziger Fehler war vielleicht, daß er sich zu einer übernatürlichen Geschichte entschloß – er dachte, ich würde alles glauben, weil ich ein, Geistlicher bin. Viele Leute bilden sich solche Dinge ein.« »Aber ich kenne mich absolut nicht aus«, sagte der Arzt. »Fangen Sie doch, bitte, mit dem Anfang an.« »Der Anfang war ein Schlafrock«, erwiderte Pater Brown einfach. »Die einzige gute Verkleidung, die mir je untergekommen ist. Wenn man in einem Hause einen Mann im Schlafrock antrifft, nimmt man ganz automatisch an, daß er sich in seinem eignen Hause befindet. Auch ich dachte das; aber in Kürze passierten einige merkwürdige Dinge. Als er die Pistole herunternahm, drückte er mit ausgestrecktem Arm den Hahn, wie man das zu machen pflegt, um sich zu vergewissern, daß eine fremde Waffe nicht geladen ist; aber natürlich hätte er wissen müssen, ob die Pistolen in seinem eignen Korridor geladen waren oder nicht. Dann gefiel mir auch nicht, wie er nach dem Kognak suchte, und wie er beinahe das Aquarium umstieß. Wenn jemand einen so zerbrechlichen Gegenstand im Zimmer hat, gewöhnt er sich ganz mechanisch daran, nicht anzustoßen. Aber das konnten alles nur Einbildungen sein; der erste wichtige Punkt war folgender: Er kam aus dem kleinen Korridor zwischen den zwei Türen, wo sich nur eine einzige Tür in ein andres Zimmer befindet. Deshalb nahm ich an, daß es sein Schlafzimmer war, das er eben verlassen hatte. Ich probierte die Klinke; die Tür war verschlossen. Das schien mir sehr sonderbar, und ich blickte durchs Schlüsselloch. Es war ein völlig leeres Zimmer, das offenbar nicht gebraucht wurde; kein Bett drin oder sonst was. Er war also nicht aus dem Zimmer gekommen, sondern von draußen. Und sobald ich das sah, da stieg, glaube ich, das ganze Bild vor mir auf. Der arme Arnold Aymler schlief und lebte jedenfalls oben. Er kam im Schlafrock herunter und ging durch die rote Glastür. Am Ende des Korridors, schwarz gegen das Licht des Wintertages, sah er den Feind des Hauses stehen. Er sah einen großen Mann mit einem Bart, in einem breitkrämpigen Hut und einem weiten, wehenden schwarzen Mantel. Viel mehr hat er auf dieser Erde nicht gesehen. Strake stürzte sich auf ihn, um ihn zu erdrosseln oder zu erstechen; das werden wir bei der Leichenschau erfahren. Dann hörte Strake, während er in dem engen Gange zwischen dem Kleiderständer und dem alten Büfett stand und triumphierend auf seinen letzten Feind herabsah, ein Geräusch, auf das er nicht vorbereitet war. Er hörte Schritte im Zimmer hinter der Glastür. Das war ich, der eben durch die andre Glastür vom Garten her das Zimmer betrat. Seine Verkleidung war ein Meisterstück an Geschwindigkeit. Er mußte sich nicht nur umziehen, sondern eine Mär erfinden und aus dem Stegreif dazu! Er legte seinen schwarzen Mantel und Hut ab und zog den Schlafrock des Toten an. Dann machte er etwas ziemlich Grausiges – jedenfalls berührt es meine Einbildungskraft noch grausiger als alles andre. Er hing die Leiche wie einen Überzieher an einen Kleiderhaken. Darüber drapierte er seinen eignen langen Mantel, der noch ein Stück über die Füße reichte; den Kopf bedeckte er völlig mit seinem großen schwarzen Hut. Es war die einzige Möglichkeit, die Leiche in dem kleinen Korridor mit der verschlossenen Türe zu verbergen; aber es war außerordentlich geschickt. Ich bin selbst einmal an dem Kleiderständer vorbeigegangen, ohne zu ahnen, daß er noch etwas andres war, als ein Kleiderständer. Ich glaube, daß diese Ahnungslosigkeit mir auf ewig einen Schauder über den Rücken jagen wird. Dabei hätte er es belassen können; aber es war jeden Augenblick möglich, daß ich die Leiche entdeckte; und an dem Orte, wo sie hing, machte sie sozusagen eine Erklärung nötig. Er ergriff den kühneren Ausweg, sie selbst zu entdecken und selbst zu erklären. Er vollendete den Wechsel und Austausch der Rollen, indem er die Leiche als Leiche Strakes auf den Schnee hinauswarf. Er tat sein Möglichstes, um Strake als eine Art Harpye zu schildern, die irgendwo in der Luft mit geschwinden Flügeln und tödlichen Krallen lauert; er mußte ja das Fehlen der Fußspuren und noch einiges andre erklären. Einen frechen Zug bewundre ich ganz außerordentlich. Er brachte es doch fertig, einen der Widersprüche in seiner Sache zu einem Beweis zu verkehren! Den Umstand, daß der Mantel zu lang war, erklärte er für einen Beweis, daß der Mann nie wie ein gewöhnlicher Sterblicher auf Erden gehen könne. Aber während er das sagte, sah er mich durchdringend an, und irgendeine innre Stimme warnte mich, daß er einen kolossalen Bluff versuchte.« Dr. Boyne grübelte. »Hatten Sie damals schon die Wahrheit entdeckt?« fragte er. »Es ist merkwürdig, wie aufregend plötzliche Einfälle wirken, die sich auf die Identität eines Menschen beziehen. Ich weiß nicht, ob es unheimlicher ist, eine solche Eingebung schnell oder langsam zu haben. Ich möchte wissen, wann Sie ihn noch im Verdacht hatten, und wann Sie ihrer Sache sicher waren.« »Im Verdacht hatte ich ihn, glaube ich, als ich Ihnen telefonierte«, erwiderte der Freund. »Und das kam von nichts anderm, als von dem Licht, das durch die Glastür auf den Teppich fiel und bald heller, bald dunkler wurde. Es sah aus wie eine Blutlache, die deutlich wurde, während sie nach Rache schrie. Warum veränderte das Licht sich auf diese Weise? Die Sonne war nicht herausgekommen, das wußte ich; es konnte nur daher stammen, daß die zweite Tür dahinter, die in den Garten führte, geöffnet und geschlossen wurde. Wäre er aber schon damals hinausgegangen, und hätte seinen Feind erblickt, so hätte er sofort Lärm geschlagen; doch das geschah erst viel später. Ich bekam den Eindruck, daß er hinausgegangen war, um etwas zu tun – oder vorzubereiten. – Sicher dagegen war ich meiner Sache da noch nicht. Ich weiß, daß er bis zuletzt versuchte, mich zu hypnotisieren, meinen Willen durch die schwarze Kunst der unheimlichen Augen und singenden Stimme zu lähmen. So hat er es jedenfalls mit dem alten Aylmer angefangen. Aber es war nicht seine Art, zu sprechen – was er sagte, war einleuchtender – ich meine die Philosophie und Religion, die es enthielt.« »Leider bin ich nur ein alter Praktikus,« sagte der Arzt mit derbem Humor, »um Religion und Philosophie kümmere ich mich nicht viel.« »Das müssen Sie aber, wenn Sie ein alter Praktikus sein wollen«, sagte Pater Brown. »Sagen Sie mal, Doktor – Sie kennen mich doch recht gut; ich glaube, Sie wissen, daß ich nicht bigott bin. Sie wissen, daß ich davon überzeugt bin, wie verschiedene Menschen es in allen Religionen gibt – gute Menschen mit schlechten und schlechte mit guten. Aber es gibt eine kleine Tatsache, die ich im praktischen Leben gelernt habe, einen ganz alltäglichen Umstand, den ich mir durch die Erfahrung angeeignet habe, wie die Kenntnis der guten Weinmarken. Ich habe noch nie einen Verbrecher getroffen, der – wenn er überhaupt philosophierte – nicht in dieser Richtung sprach: von orientalischen Kulten wie Wiederkehr und Wiederverkörperung, dem Rad des Schicksals und der Schlange, die sich in den Schwanz beißt. Durch die Erfahrung habe ich gelernt, daß auf diesen Dienern der Schlange wirklich ein Fluch ruht; auf ihrem Bauche sollen sie kriechen und Staub fressen; es hat noch nie einen Schuft oder Verbrecher gegeben, der nicht mit dieser Art Geistigkeit aufwarten konnte. Vielleicht ist der wirkliche religiöse Ursprung anders, aber hier, wo die Menschen arbeiten, ist es die Religion der Schurken; und ich wußte im gleichen Augenblick, daß ich einen Schurken vor mir hatte.« Der Priester nahm seinen flachen Hut und trabte durch den Schnee nach Hause. Dabei murmelte er: »Und doch hat er Recht – es gibt eine weiße Magie – er wußte nur nicht, wo er sie zu suchen hatte.« Das Verhängnis der Darnaways Zwei Landschaftsmaler betrachteten eine Landschaft, die auch ein Seestück war. Beide empfingen davon einen sonderbaren, wenn auch nicht den gleichen Eindruck. Der eine, der als Maler in London wachsenden Ruf genoß, empfand sie neu und fremdartig. Dem andern, einem ansässigen Künstler mit mehr als örtlichem Ruhm, war sie besser bekannt, aber vielleicht um so fremder durch alles, was er von ihr wußte. In Ausdrücken von Tinten und Form betrachtet, wie die beiden Männer es sahen, lag da ein Strich Sand gegen einen Strich Sonnenuntergang, das Ganze in Streifen düsterer Farbe hingemalt, einem toten Grün und Bronze und Braun und einem Dunkelgelb, das nicht nur matt war, sondern in der Dämmerung geheimnisvoller wirkte als Gold. Unterbrochen wurden diese geraden Linien nur durch ein langgestrecktes Gebäude, das von den Feldern in den Sand des Meeres verlief, so daß sein Saum aus trübseligem Unkraut und Rohr fast an das Seegras stieß. Seine größte Eigenart war jedoch, daß der obere Teil dem Umriß einer Ruine glich, die von so vielen breiten Fenstern und großen Rissen durchbrochen war, daß sie wie ein bloßes dunkles Gerippe gegen das ersterbende Licht aussah, während die untere Masse des Gebäudes überhaupt keine Fenster hatte, denn die meisten waren blind und vermauert und ihre Umrisse im Zwielicht nur schwach erkennbar. Ein Fenster aber war wenigstens noch Fenster geblieben, und am sonderbarsten schien, daß es erleuchtet war. »Wer in aller Welt lebt wohl in dem alten Gehäuse?« rief der Londoner, ein großer, wie ein Bohemien aussehender Mann, der noch jung war, aber durch seinen buschigen roten Bart älter aussah. In Chelsea war er unter dem Namen Harry Payne bekannt. »Gespenster, könnte man meinen«, erwiderte sein Freund Martin Wood. »Nun, die Leute, die da drin wohnen, sind eigentlich fast wie Gespenster.« Vielleicht war es ein Paradox, daß der Künstler aus London in seiner lärmenden Frische und Neugierde fast bäurisch wirkte, während der Landmaler weiser und erfahrener schien und ihm mit reifer und gutmütiger Belustigung zuhörte. Er schien überhaupt ruhiger und konventioneller in seinen dunklen Kleidern und mit seinem viereckigen, glattrasierten und schwerfälligen Gesicht. »Es ist natürlich nur ein Zeichen der Zeit«, fuhr er fort, »oder des Zerfalls der alten Zeit und der alten Familien. In diesem Hause wohnen die letzten Abkömmlinge der großen Darnaways; nicht viele der neuen Armen sind so arm wie sie. Sie können es sich nicht einmal leisten, ihr eigenes Obergeschoß in wohnlichen Zustand bringen zu lassen, sondern müssen in den unteren Zimmern einer Ruine wohnen, wie Fledermäuse und Eulen. Trotzdem haben Sie Familienbilder, die bis auf den Krieg der Rosen und die älteste Porträtmalerei in England zurückgehen, und davon sind einige sehr schön; ich weiß es zufällig, weil sie bei der Durchsicht meinen fachmännischen Rat eingeholt haben. Eins davon, eines der ältesten, ist besonders gut, so gut, daß man eine Gänsehaut bekommt, wenn man es ansieht.« »Die kann man wohl in dem Haus überhaupt leicht bekommen, nach dem Äußeren zu schließen«, erwiderte Payne. »Ja,« sagte sein Freund, »so ist es wirklich, wenn ich ganz aufrichtig sein soll.« In dem Schweigen, das folgte, hörten sie ein schwaches Rauschen in den Binsen am Schilf; und unerklärlicherweise zuckten sie zusammen, als eine dunkle Gestalt schnell, fast wie ein aufgeschreckter Vogel, am Ufer dahinstrich. Es war aber nur ein Mensch, der mit einer schwarzen Reisetasche in der Hand hurtig ausschritt, ein Mann mit langem, bleichem Gesicht und stechenden Augen, die den Fremden aus London mit etwas argwöhnischem und mißtrauischem Blick verfolgten. »Es ist nur Dr. Barnek«, sagte Wood mit erleichterter Stimme. »Guten Abend, Doktor. Gehen Sie da ins Haus? Ich hoffe, daß niemand krank ist.« »In einem solchen Haus ist immer jemand krank,« brummte der Arzt, »manchmal sind sie nur zu krank, um es zu wissen. Schon die Luft da drin ist Gift und Pestilenz. Ich beneide den jungen Mann aus Australien nicht.« »Und wer,« sagte Payne unvermittelt und zerstreut, »wer ist das, der junge Mann aus Australien?« »So,« schnob der Doktor, »hat Ihnen Ihr Freund nicht von ihm erzählt? Ich glaube sogar, daß er heute ankommt. Eine romantische Angelegenheit, ganz im alten Stil des Melodrama. Der Erbe kehrt aus den Kolonien in sein zerfallenes Schloß zurück. Nichts fehlt, nicht einmal das alte Familienbündnis, wonach er die Dame heiraten muß, die im efeubesponnenen Turm den Ausguck hält. Alter Quatsch, nicht wahr? Aber manchmal trifft das wirklich ein. Er hat sogar ein bißchen Geld, der einzige Lichtstrahl in dieser Sache.« »Und wie denkt Fräulein Darnaway in dem efeubesponnenen Turm selbst darüber?« fragte Martin Wood trocken. »Was sie nunmehr über alles auf der Welt denkt«, erwiderte der Arzt. »In dieser bemoosten Höhle, die voll Aberglauben steckt, denkt man überhaupt nicht viel nach, man träumt und läßt sich treiben. Ich glaube, daß sie den Familienvertrag und den Gatten aus den Kolonien als Teil vom Verhängnis der Darnaways ansieht, wissen Sie? Ich glaube, wenn er ein buckliger Neger mit einem Auge und mörderischen Neigungen wäre, so würde sie auch nur finden, daß dieser letzte Zug sehr gut in die Dämmerlandschaft paßt.« »Sie geben meinem Londoner Kollegen kein sehr heiteres Bild von meinen Freunden auf dem Lande«, sagte Wood lachend. »Ich wollte dort mit ihm einen Besuch machen; ein Künstler sollte es nicht versäumen, sich die Darnawayschen Bilder anzusehen, wenn sich die Gelegenheit bietet. Aber vielleicht sollte ich das lieber aufschieben, wenn sie gerade die Invasion aus Australien erleben.« »Nein, um Gottes Willen, gehen Sie nur hinein, und machen Sie ihren Besuch«, sagte Dr. Barnet mit Wärme. »Alles, was ihr vernichtetes Leben aufheitert, erleichtert mir meine Aufgabe. Es wird sehr viele Vettern aus den Kolonien brauchen, um Leben in die Bude zu bringen, meine ich, je mehr, desto besser. Kommen Sie, ich führe Sie selbst hinein.« Als sie sich dem Hause näherten, sahen sie, daß es wie eine Insel in einem Graben mit faulendem Wasser stand, den sie auf einer Brücke überschritten. Auf der anderen Seite dehnte sich eine ziemlich breite Steinterrasse aus mit großen Sprüngen, aus denen hier und da kleine Büschel Unkraut emporwuchsen. Diese Felsenplattform sah im grauen Zwielicht groß und kahl aus, und Payne hätte nicht für möglich gehalten, daß ein so kleiner Raum so viel von der Seele der Wüste enthalten könne. Die Plattform verlief nur nach einer Seite, wie eine Riesenstufe, und dahinter war die Türe; ein niedriger, mittelalterlicher Türbogen, der offen stand aber dunkel war wie eine Höhle. Als der muntre Arzt sie ohne Förmlichkeit hineinführte, empfing Payne wiederum einen deprimierenden Eindruck. Er war darauf gefaßt gewesen, einen stark zerstörten Turm auf einer sehr engen Wendeltreppe ersteigen zu müssen; in diesem Fall aber führten die ersten Schritte in diesem Hause nach abwärts. Sie gingen mehrere kurze und zerbrochene Treppen hinunter, in große, dämmernde Zimmer, die ohne ihre dunklen Bilder und verstaubten Bücherregale ausgesehen hätten wie die traditionellen Gefängnisse unter dem Schloßgraben. Hier und dort erleuchtete eine Kerze in einem alten Leuchter das verstaubte, zufällige Denkmal einer toten Pracht, aber der Gast empfing einen stärkeren, wenn auch traurigeren Eindruck von dem einen blassen Schein des natürlichen Lichtes. Während er den Saal durchschritt, sah er das einzige Fenster, das die Wand aufwies, ein merkwürdiges, niedriges Oval im Stil des späten siebzehnten Jahrhunderts. Das Sonderbare aber war, daß es nicht nach dem Himmel ging, sondern nur dessen Spiegelbild zeigte: einen schmalen Streifen Tageslicht, der vom Graben zurückgeworfen wurde und vom Ufer beschattet war. Payne erinnerte sich an die Dame von Shallott, die stets die Welt nur im Spiegel sah. Die Dame dieses Shallott sah die Welt nicht nur im Spiegel, sondern sogar verkehrt. »Es sieht aus, als stürzte das Haus der Darnaways nicht nur im bildlichen, sondern im wörtlichen Sinne«, sagte Wood leise. »Als ob wir langsam in einem Sumpf oder im Treibsand versänken, bis die See es wie ein grünes Dach bedeckt.« Selbst der wenig empfindliche Arzt zuckte ein wenig zusammen, denn es näherte sich schweigend eine Gestalt. Der Raum war so still, daß sie alle überrascht wurden von der Erkenntnis, er sei nicht leer. Drei Personen waren in dem Raum als sie eintraten; alle drei in Schwarz und wie dunkle Schatten anzusehen. Wie sich die erste Gestalt dem grauen Licht des Fensters näherte, zeigte sie ein Gesicht, das fast so grau war wie der Rahmen des Haares. Es war Vine, der alte Verwalter, der seit dem Tode des überspannten Lord Darnaway Vaterstelle vertrat. Ohne Zähne wäre er ein schöner Greis gewesen. So aber hatte er einen, der dann und wann sichtbar wurde und ihm ein unheilvolles Aussehen verlieh. Er empfing den Arzt und seinen Freund mit großer Höflichkeit und geleitete sie zu den andern beiden Gestalten, die saßen. Einer trug nach Paynes Meinung zu der altertümlichen und düsteren Atmosphäre des Schlosses durch den Umstand bei, daß er ein katholischer Priester war und in alten dunklen Zeiten aus einer Priesterzelle hätte hervortreten können. Payne konnte sich vorstellen, wie er Gebete murmelte oder Glocken läutete oder eine Anzahl andre unbestimmte und traurige Dinge in dem traurigen Hause vornahm. Im Augenblicke hatte er vielleicht der Dame kirchlichen Trost erteilt; aber es war schwer, sich vorzustellen, daß die Tröstungen der Kirche sehr trostreich oder sehr aufheiternd ausgefallen waren. Im übrigen sah er ganz unbedeutend aus, mit unschönen, ausdruckslosen Gesichtszügen. Nicht so die Dame. Ihr Gesicht, weit davon entfernt, unschön oder unbedeutend zu wirken, hob sich vom dunklen Hintergrund ihres Kleides und ihrer Haare mit einer Blässe ab, die fast furchtbar wirkte, aber auch mit einer Schönheit, die aufs furchtbarste lebendig schien. Payne sah sie so lange an, als er wagte, und es war ihm bestimmt, sie noch viel länger anzusehen, bevor er starb. Wood tauschte mit seinen Bekannten nur solche freundliche und höfliche Phrasen als nötig war, um seinen Wunsch nach Besichtigung der Bilder vorzubringen. Er bat um Entschuldigung, daß er an einem Tage käme, an dem ein Familienempfang gefeiert werden sollte; bald aber mußte er sich davon überzeugen, daß die Familie eigentlich erleichtert war, weil Fremde anwesend sein würden, um sie zu zerstreuen oder den Eindruck zu verwischen. Er zögerte also nicht länger, sondern führte Payne durch den mittleren Empfangssaal in die Bibliothek, wo das Bildnis hing. Denn eines der Bilder zu zeigen, war er besonders bedacht, nicht nur als Bild, sondern vielleicht eher noch als Rätsel. Der kleine Priester trabte mit. Er schien von alten Bildern wie von alten Gebeten einiges zu verstehen. »Ich bin stolz darauf, das hier entdeckt zu haben«, sagte Wood. »Ich halte es für einen Holbein. Wenn es keiner ist, so muß zu Holbeins Zeit jemand gelebt haben, der größer war als Holbein selbst.« Es war ein Porträt in der harten aber aufrichtigen und lebendigen Mode der damaligen Zeit; es stellte einen Mann im schwarzen Gewande dar, das mit Gold und Pelz verbrämt war; das Gesicht war schwer, voll, etwas bleich, mit spähenden Augen. »Wie schade, daß die Kunst nicht immer auf diesem Übergangspunkt stehenbleiben konnte,« rief Wood aus, »um nie mehr einem Übergang zu erliegen! Sehen Sie nicht, daß es gerade realistisch genug ist, um wirklich zu sein? Sehen Sie nicht, daß jenes Gesicht um so sprechender wirkt, weil es sich in einem steiferen Rahmen von weniger wichtigen Details abhebt? Und die Augen wirken noch wirklicher als das Gesicht. Mein Gott, die Augen sind fast zu wirklich für das Gesicht! Als ob die schlauen, schnellen Augäpfel aus einer bleichen Maske hervorträten.« »Mir scheint, daß die Gestalt auch etwas Steifes hat«, sagte Payne. »Als das Mittelalter endete, hatte man wohl noch nicht genügend Kenntnisse in der Anatomie, wenigstens im Norden nicht. Das linke Bein ist doch wohl recht verzeichnet.« »Das weiß ich nicht«, antwortete Wood ruhig. »Die Leute, die anfingen, als man Realismus trieb und bevor man ihn übertrieb, waren oft realistischer als wir wissen. Sie legten in Dinge, die wir für konventionell halten, malerische Details hinein. Sie werden vielleicht sagen, daß die Augenbrauen oder Augenhöhlen dieses Menschen schief sind; aber wenn Sie ihn gekannt hätten, wüßten Sie sicher, daß die eine Augenbraue wirklich höher hinaufreichte als die andre. Es sollte mich gar nicht wundern, wenn er tatsächlich lahm oder so was Ähnliches war, und der Maler das Bein wirklich krumm zeichnen wollte .« »Wie ein alter Teufel sieht er aus!« brach Payne plötzlich los. »Ich bitte Euer Ehrwürden, meine Sprache zu entschuldigen.« »Danke, aber ich glaube an den Teufel«, erwiderte der Priester mit undurchdringlichem Gesicht. »Sonderbarerweise gibt es eine Legende, wonach der Teufel lahm sein soll.« »Nun erlauben Sie mal,« widersprach Payne, »Sie wollen doch nicht sagen, daß das hier der Teufel war? Aber wer zum Teufel war er denn?« »Er war der Lord Darnaway unter Heinrich dem Siebenten und Heinrich dem Achten«, erwiderte sein Begleiter. »Aber auch über ihn gibt es merkwürdige Legenden. Auf eine nimmt die Inschrift auf dem Rahmen da oben Bezug, und auch in einem Buche habe ich sie hier erwähnt gefunden. Beides liest sich sehr sonderbar.« Payne beugte sich vor, um die Inschrift zu lesen, die rings um den Rahmen lief. Abgesehen von den altmodischen Buchstaben und der Rechtschreibung schien es eine Art Reim zu sein, der etwa so lautete: »Im siebenten Erben er wiederkehrt, In der siebenten Stunde macht er sich fort, Dann folgt ihm niemand von diesem Ort, Und wehe ihr, der sein Herz gehört.« »Es klingt grausig,« sagte Payne, »aber vielleicht kommt das daher, daß ich kein Wort davon verstehe.« »Auch wenn man es versteht, ist es recht grausig«, sagte Wood mit leiser Stimme. »In dem alten Buch, das ich hier fand, steht verzeichnet, daß der reizende Kerl hier sich mit Überlegung so umgebracht hat, daß seine Frau als Mörderin hingerichtet wurde. Ein zweiter Hinweis erwähnt eine jüngere Tragödie, sieben Erbfolgen später, unter der Regierung König Georgs. Damals hat ein andrer Darnaway Selbstmord begangen, aber vorher nicht vergessen, im Becher seiner Frau etwas Gift zurückzulassen. Vermutlich würde man daraus schließen, daß er wirklich mit jedem siebenten Erben zurückkehrt und, wie der Reim andeutet, jeder Dame, die töricht genug ist, ihn zu heiraten, etwas Angenehmes antut.« »Wenn das gelten soll,« erwiderte Payne, »wird es der nächste Siebente nicht sehr leicht haben.« Woods Stimme klang noch leiser, als er antwortete: »Der neue Erbe wird der siebente sein.« Harry Payne warf plötzlich die Schultern und die breite Brust zurück, wie ein Mann, der sich einer Last entledigt. »Was reden wir alle für verrücktes Zeug zusammen?« rief er. »Ich hoffe, daß wir alle gebildete Menschen in einem Zeitalter der Aufklärung sind. Bevor ich in diese verdammt trübe Luft kam, hätte ich es nie für möglich gehalten, daß man über solche Dinge reden könnte, außer um sich darüber lustig zu machen.« »Sie haben recht«, sagte Wood. »Wenn Sie lange genug in diesem unterirdischen Schloß gelebt hätten, würden Sie alles anders ansehen. Ich selbst fange an, sehr merkwürdige Dinge von diesem Bild zu denken, da ich es so oft in der Hand gehabt und selbst aufgehängt habe. Manchmal scheint es mir, als sei das gemalte Gesicht lebendiger als die toten Gesichter der Menschen, die hier leben; als sei es eine Art Talisman oder Magnet; als beherrsche es die Elemente und bestimme das Schicksal von Menschen und Dingen. Wahrscheinlich werden Sie sagen, daß ich phantastisch bin.« »Was ist das für ein Geräusch?« rief Payne plötzlich aus. Sie lauschten alle, und außer dem dumpfen Donner der fernen See schienen sie kein Geräusch zu hören; dann empfanden sie, daß sich etwas andres hineinmischte, wie eine Stimme, die durch die Brandung tönte; zuerst dadurch gedämpft, kam sie näher und näher. Im nächsten Augenblick waren sie gewiß: jemand rief da draußen in der Dämmerung. Payne wandte sich zu dem niedrigen Fenster hinter ihm und bückte sich, um hinauszusehen. Es war das Fenster, von dem man nichts erblicken konnte als den Graben mit seinem Spiegelbild von Ufer und Himmel. Aber diese auf den Kopf gestellte Aussicht war nicht dieselbe, die er früher gesehen hatte. Von dem hängenden Schatten des Ufers im Wasser gingen zwei andre dunkle Schatten hinunter, die von den Füßen und Beinen einer Gestalt auf dem Ufer zurückgeworfen wurden. Durch den begrenzten Spalt konnten sie nichts sehen als die beiden Beine, die sich gegen das Spiegelbild eines bleichen und fahlen Sonnenunterganges schwarz abhoben. Aber die bloße Tatsache, daß der Kopf unsichtbar blieb, wie in den Wolken, ließ dem Ton, der nun folgte, etwas Entsetzliches: der Stimme eines Mannes, der laut etwas rief, was sie nicht richtig hören oder verstehen konnten. Payne besonders blickte mit verändertem Gesicht aus dem kleinen Fenster und sprach mit veränderter Stimme. »Wie sonderbar er dasteht!« »Nein, nein«, beruhigte Wood ihn flüsternd. »Im Wasser gespiegelt, sieht das oft so aus. Sie glauben das nur, weil das Wasser sich bewegt.« »Er glaubt was?« fragte der Priester kurz. »Daß sein linkes Bein krumm ist«, erwiderte Wood. Payne hatte das ovale Fenster wie eine Art geheimnisvollen Spiegel betrachtet. Seiner Ansicht nach enthielt es noch andre rätselhafte Symbole des Verhängnisses. Er sah noch etwas neben der Gestalt, was er nicht verstand: drei dünnere Beine, die sich in dunklen Linien gegen das Licht abhoben, als stünde eine ungeheure dreibeinige Spinne oder ein Vogel neben dem Fremden. Dann hatte er den weniger überspannten Einfall eines Dreifußes, wie ihn die heidnischen Orakel benutzten – und im nächsten Augenblick war das Ding verschwunden, und die Beine der menschlichen Gestalt bewegten sich aus dem Bilde. Als er sich umwandte, begegnete er dem bleichen Gesicht des alten Verwalters Vine, dessen Mund offen stand, begierig zu sprechen, so daß der einzige Zahn sichtbar war. »Er ist da«, sagte er. »Das Schiff ist heute früh aus Australien angekommen.« Schon als sie von der Bibliothek aus den mittleren Saal betraten, hörten sie die Schritte des Fremden, der die Eingangsstufen herunterklapperte. Hinter ihm folgten verschiedene Stücke Handgepäck. Als Payne eines davon erblickte, lachte er vor Erleichterung. Sein Dreifuß war nichts als die teleskopischen Beine einer tragbaren Kamera, die leicht ein- und auszupacken war, und der Mann, der sie trug, schien soweit ganz ebenso zuverlässige und normale Eigenschaften anzunehmen. Er war dunkel gekleidet, etwas salopp und ferienmäßig, sein Hemd war aus grauem Flanell, und seine Stiefel widerhallten recht unnachgiebig in den stillen Zimmern; als er nach vorn schritt, um den neuen Kreis zu begrüßen, merkte man kaum mehr als die Andeutung eines Hinkens. Payne und seine Gefährten aber sahen sein Gesicht an und brachten es kaum fertig, die Augen davon abzuwenden. Jedenfalls führte er etwas Sonderbares und Heimliches bei seinem Empfang; aber darauf hätte man einen Eid geleistet, daß er die Ursache davon nicht kannte. Die Dame, die in gewissem Sinne für seine Verlobte galt, schien jedenfalls schön genug, um ihn anzuziehen; aber es war klar zu sehen, daß sie ihn auch erschreckte. Der alte Verwalter brachte ihm eine gewisse feudale Huldigung entgegen, behandelte ihn aber trotzdem, als sei er das Familiengespenst. Der Priester sah ihn noch immer mit undurchdringlichem Gesicht an, was um so aufregender wirkte. In Paynes Geist regte sich eine neue Ironie, die mit der Ironie der Griechen Ähnlichkeit hatte. Er hatte sich den Fremden wie einen Teufel vorgestellt, aber es schien noch schlimmer, daß er offenbar ein unbewußtes Verhängnis darstellte. Er schien sich dem Verbrechen mit der ungeheuerlichen Unschuld eines Ödipus zu nähern. Ins Haus seiner Väter war er mit so blinder Heiterkeit getreten, daß er sogar seinen Apparat aufgestellt hatte, um den ersten Anblick im Bilde festzuhalten; und selbst der Apparat hatte sich in das Symbol des Dreifußes einer tragischen Pythia verwandelt. Als Payne sich etwas später verabschiedete, war er erstaunt, aus einer Äußerung des Australiers zu entnehmen, daß ihm seine Umgebung schon etwas mehr zu Bewußtsein gekommen war. Er sagte nämlich leise: »Gehen Sie nicht ... oder kommen Sie bald wieder. Sie sehen wie ein Mensch aus. In diesem Haus bekommt man eine Gänsehaut.« Auf diese Weise kamen Payne und sein Freund während der acht bis vierzehn Tage, die vor der abschließenden und geheimnisvollen Katastrophe verflossen, sehr oft in das dunkle Haus. Payne fühlte sich etwas schuldbewußt, weil er so oft hinging; er war sich bereits des Magneten bewußt, der ihn anzog, und fühlte sich angesichts des vorgeblichen Heiratsvertrages nicht ganz sicher. Sonderbarerweise fragte der neue Erbe gerade darin um Auskunft. Er berief eine Art Familienrat, wobei er seine Karten offen auf den Tisch legte. Fast könnte man sagen, sie auf den Tisch warf. Denn er tat es mit verzweifelter Miene, als sei er seit Tagen und Nächten von dem steigenden Druck eines Problems gepeinigt worden. In der kurzen Zeit hatten die Schatten des Hauses mit den niedrigen Fenstern und dem sich senkenden Pflaster ihn in sonderbarer Weise verändert und eine gewisse Ähnlichkeit vertieft, die alle noch in Erinnerung hatten. Die fünf Männer, Payne unter ihnen, saßen an einem Tisch; Payne dachte eben müßig darüber nach, daß sein heller Sportanzug und sein rotes Haar die einzigen farbigen Flecke im Zimmer waren, denn der Verwalter und der Priester waren schwarz gekleidet, während Wood und Darnaway gewöhnlich dunkelgraue Anzüge trugen, die fast schwarz aussahen. Vielleicht hatte der junge Mann diesen Unterschied gemeint, als er ihn einen Menschen nannte. In diesem Augenblick setzte er sich plötzlich im Sessel zurecht und fing an zu sprechen. Und eine Sekunde später wußte der erschreckende Künstler, daß er über die ungeheuerlichste Sache auf der Welt sprach. »Hat das Hand und Fuß«, sagte er gerade. »Das habe ich mich jetzt wieder und wieder gefragt, bis ich fast den Verstand verloren habe. Ich hätte nie für möglich gehalten, daß ich an solche Dinge glauben würde; aber dann denke ich an das Bild und an den Reim und an die zufälligen Übereinstimmungen, oder wie man es nennen soll, und mir wird eiskalt. Hat die Sache Hand und Fuß? Gibt es ein Verhängnis der Familie Darnaway oder nur einen verdammt sonderbaren Zufall? Habe ich das Recht zu heiraten, oder werde ich damit ein finsteres Unheil, von dem ich heute noch nichts weiß, auf mich oder andre herunterbeschwören?« Sein rollendes Auge schweifte über den Tisch und ruhte auf dem ruhigen Gesicht des Priesters, zu dem er jetzt zu sprechen schien. Paynes praktischer Verstand erwachte wieder und wandte sich dagegen, die Frage des Aberglaubens vor ein so äußerst abergläubisches Tribunal zu bringen. Er saß neben Darnaway und fiel ein, bevor der Priester antworten konnte. »Ich gebe zu, daß der Zufall merkwürdig ist«, sagte er mit erzwungener Heiterkeit. »Aber wir werden doch nicht –« er unterbrach sich wie vom Blitz getroffen. Denn Darnaway hatte bei der Unterbrechung plötzlich den Kopf über die Achsel gewendet, und während dieser Bewegung schob sich die linke Augenbraue mit einem Ruck höher hinauf als die andre, so daß einen Atemzug lang das Gesicht des Porträts ihn mit einer grausigen Übertreibung anstarrte. Auch die anderen sahen es; und alle sahen aus, als hätte sie ein plötzliches Licht geblendet. Der alte Verwalter stöhnte hohl auf. »Es nützt nichts,« sagte er heiser, »wir haben es mit einer zu furchtbaren Macht zu tun.« »Ja,« stimmte der Priester mit leiser Stimme bei, »mit einer furchtbaren Macht, mit der furchtbarsten, die ich kenne – und ihr Name ist Blödsinn.« »Was sagen Sie?« fragte Darnaway, der ihn noch immer ansah. »Ich sagte Blödsinn«, wiederholte der Priester. »Bis jetzt habe ich nichts Besonderes gesagt, denn es ging mich nichts an, ich habe nur vorübergehend Dienst in der Nachbarschaft getan, und Fräulein Darnaway wollte mich sprechen. Aber da Sie mich persönlich und geradeheraus fragen, nun, da ist es leicht genug, zu antworten. Natürlich gibt es kein Verhängnis der Familie Darnaway, das Sie hindern könnte, irgend jemanden zu heiraten, wenn Sie dafür einen anständigen Grund haben. Es gibt kein Schicksal, das einem Menschen vorschreibt, auch nur in die läßlichste Sünde zu verfallen, geschweige in Verbrechen wie Selbstmord und Mord. Man kann Sie nicht zwingen, gegen ihren Willen böse Taten zu begehen, weil Sie Darnaway heißen, ebensowenig wie mich, weil ich Brown heiße. Das Verhängnis der Browns,« fügte er mit Gusto hinzu, »– der Fluch der Browns, das würde noch besser klingen.« »Und Sie, gerade Sie«, wiederholte der Australier mit weit aufgerissenen Augen, »sagen mir, daß ich so darüber denken soll?« »Ich sage Ihnen, daß Sie an etwas anderes denken sollen«, erwiderte der Priester heiter. »Was ist aus der hoffnungsvollen Kunst der Photographie geworden? Wie geht es dem Apparat? Unten ist es sehr dunkel, das weiß ich, aber die Spitzbogen im ersten Stock könnte man mit Leichtigkeit in ein erstklassiges photographisches Atelier umbauen. Für ein paar Arbeiter wird es eine Kleinigkeit sein, ein Glasdach aufzusetzen.« »Aber«, wandte Wood ein, »ich glaube, Sie sollten doch zu allerletzt an diese herrlichen gotischen Bogen Hand anlegen, die beste Arbeit, die Ihre Religion je hervorgebracht hat. Ich hätte geglaubt, daß Sie für solche Kunstwerke irgendwelche Pietät übrig haben müßten; ich verstehe nicht recht, warum es Ihnen so sehr um Photographie zu tun ist.« »Mir ist es sehr um Tageslicht zu tun,« erwiderte Pater Brown, »besonders in dieser muffigen Angelegenheit – und die Photographie besitzt die Tugend, daß sie Tageslicht braucht. Und wenn Sie nicht wissen, daß ich bereit wäre, sämtliche gotische Bogen der Welt zu Staub zu zerreiben, um die gesunde Vernunft eines einzigen Menschen zu retten, dann wissen Sie nicht so viel über meine Religion wie Sie glauben.« Der junge Australier war aufgesprungen wie verjüngt. »Bei Gott, so ist's richtig,« sagte er, »obwohl ich nicht erwartet hätte, das von Ihnen zu hören. Ich will Ihnen mal das sagen, Ehrwürden, ich werde etwas tun, um zu beweisen, daß ich meinen Mut noch nicht verloren habe.« Der alte Verwalter sah ihn mit zitternden, spähenden Blicken an, als sei etwas Unheimliches am Widerstand des jungen Mannes. »Oh,« rief er aus, »was haben Sie vor?« »Ich werde das Porträt photographieren«, erwiderte Darnaway. Dennoch war es knapp eine Woche später, als der Sturm der Katastrophe vom Himmel herabzusteigen schien, um die Sonne der gesunden Vernunft zu verdunkeln, an die der Priester sich umsonst gewandt hatte, und das Haus von neuem in das Düster des Familienschicksals zu tauchen. Es war leicht genug gewesen, das neue Atelier einzurichten; von innen gesehen, machte es sich genau wie jedes andre Atelier, es war leer und nur vom hellen Licht erfüllt. Wer aus den düsteren Räumen darunter kam, hatte noch mehr als gewöhnlich das Gefühl, in eine zeitgemäße Helle zu treten, die so leer war wie die Zukunft. Auf Anraten Woods, der das Schloß gut kannte und seine erste ästhetische Unzufriedenheit überwunden hatte, wurde ein kleiner Raum im obersten Teil des zerstörten Gebäudes, der unversehrt geblieben war, leicht in eine Dunkelkammer verwandelt, in die Darnaway aus dem weißen Tageslicht eintrat, um bei den karminfarbenen Strahlen einer roten Lampe herumzuhantieren. Wood sagte lachend, die rote Lampe habe ihn mit der vandalischen Handlung versöhnt, denn die blutgetränkte Finsternis sei so romantisch wie die Höhle eines Alchimisten. Darnaway war an dem Tage, an dem er das geheimnisvolle Porträt photographieren wollte, bei Tagesanbruch aufgestanden. Er hatte es über die Wendeltreppe, die einzige, die beide Stockwerke verband, von der Bibliothek ins Atelier schaffen lassen. Dort hatte er es in dem vollen weißen Tageslicht auf eine Staffelei gestellt und den photographischen Dreifuß davor aufgebaut. Wie er sagte, lag ihm sehr viel daran, eine Reproduktion an einen berühmten Antiquar zu senden, der schon über die Altertümer des Hauses geschrieben hatte; doch wußten die anderen, daß dies nur eine Ausrede war, die Tieferes deckte. Es handelte sich, wenn nicht um ein geistiges Duell zwischen Darnaway und dem dämonischen Bilde, so doch um ein Duell zwischen Darnaway und seinem eigenen Zweifel. Er wollte das Tageslicht der Photographie Angesicht zu Angesicht vor das dunkle Meisterwerk der Malerei bringen, um zu sehen, ob der Sonnenschein der neuen Kunst nicht vermöchte, die Schatten der alten zu verdrängen. Vielleicht war das der Grund, warum er es vorzog, es selbst zu tun, obwohl einige der Nebenarbeiten mehr Zeit in Anspruch nahmen und ihn außergewöhnlich lange aufhielten. Jedenfalls wies er die wenigen Personen ab, die sein Atelier am Tage des Experiments besuchten und ihn einsam und unzugänglich vorfanden, wie er ausmaß und herumhantierte. Da er sich weigerte, hinunterzukommen, hatte der Verwalter ihm ein Mittagbrot hinaufgeschickt; nach einigen Stunden kam der alte Herr nochmals hinauf und sah, daß es fast ganz verschwunden war; als er es gebracht hatte, war ein Brummen sein einziger Dank gewesen. Einmal ging auch Payne hinauf, um zu sehen, wie weit er war, aber da der Photograph sich nicht zum Gespräch aufgelegt zeigte, kam er wieder herunter. Auch Pater Brown war auf seine bescheidene Weise hingeschlendert, um Darnaway einen Brief des Sachverständigen zu überbringen, an den die Photographie geschickt werden sollte. Aber er ließ den Brief auf einem Tablett liegen, und was er auch über das große Glashaus gedacht haben mag, das erfüllt war von Tageslicht und der Liebe zu einem Steckenpferd, über eine Welt, die er in gewissem Sinne selbst erschaffen hatte, er behielt es für sich und kam wieder herunter. Er hatte allen Grund, sich bald daran zu erinnern, daß er der letzte war, der die einzige Treppe zwischen den Stockwerken herunterstieg, und daß er einen Einsamen in einem leeren Zimmer zurückließ. Die andern standen in dem Saal, der zur Bibliothek führte; gerade unter der großen schwarzen Ebenholzuhr, die wie ein Riesensarg aussah. »Und wie weit hielt Darnaway, als Sie oben waren?« fragte Payne etwas später. Der Priester fuhr sich mit der Hand über die Stirn. »Sagen Sie mir bloß nicht, daß ich telepathisch werde«, sagte er mit traurigem Lächeln. »Ich glaube, das Sonnenlicht im Zimmer hat mich geblendet, so daß ich nichts richtig erkennen konnte. Offen gestanden, meinte ich einen Augenblick, an Darnaways Gestalt, wie er so vor dem Bilde stand, etwas Unheimliches zu sehen.« »Ach ja, das lahme Bein«, erwiderte Barnet sofort. »Das wissen wir schon alles.« »Hören Sie mal,« sagte Payne plötzlich mit leiserer Stimme, »ich glaube nicht, daß wir das schon alles wissen oder überhaupt etwas. Was ist mit seinem Bein los? Was war mit dem Bein seines Vorfahren los?« »Richtig, darüber steht etwas in dem Buch aus dem Familienarchiv, von dem ich Ihnen erzählt habe«, sagte Wood und trat in die Bibliothek, die sich daneben befand. »Ich glaube,« sagte Pater Brown ruhig, »daß Herr Payne einen besonderen Grund haben muß, diese Frage zu stellen.« »Ich kann ebensogut gleich damit herausrücken«, sagte Payne ganz leise. »Schließlich gibt es doch eine vernünftige Erklärung. Irgendein Hergelaufner kann sich so hergerichtet haben, daß er wie der Verstorbene aussah. Was wissen wir eigentlich von Darnaway? Er benimmt sich sehr sonderbar.« – Die anderen sahen ihn erschreckt an, nur der Priester schien es ruhig aufzunehmen. »Ich glaube nicht, daß das alte Bild je photographiert wurde«, sagte er. »Deshalb will er es tun. Daran scheint mir nichts Besonderes zu sein.« »Nein, die natürlichste Sache von der Welt«, erwiderte Wood mit einem Lächeln; er war eben mit dem Buch in der Hand zurückgekommen. Während er noch sprach, regte sich etwas im Uhrwerk der großen dunklen Uhr hinter ihnen, und durch das Zimmer zitterten nacheinander die Schläge, sieben an der Zahl. Mit dem letzten Schlag kam von oben ein Krach, der das Haus wie ein Donnerschlag erschütterte; Pater Brown war schon auf der zweiten Stufe der Wendeltreppe, als der Ton erstarb. »Mein Gott,« rief Payne unwillkürlich aus, »er ist allein dort oben!« »Ja«, erwiderte Pater Brown, ohne sich umzudrehen, während er auf der Treppe verschwand. »Wir werden ihn oben allein vorfinden.« * Als die anderen sich von der ersten Gelähmtheit erholten und holterdipolter die Steinstufen hinauf und in das neue Atelier hineinliefen, fanden sie ihn in gewissem Sinne wirklich allein vor. Sie fanden ihn in den Trümmern seines Apparates liegend, dessen lange zersplitterte Beine auf groteske Weise nach drei Richtungen in die Luft starrten; Darnaway war darauf gefallen, und ein krummes schwarzes Bein lag in einem vierten Winkel am Boden. Einen Augenblick sah der schwarze Haufen aus, als sei er mit einer riesigen, scheußlichen Spinne verwickelt. Ein Blick und eine Berührung genügten, um ihnen zu sagen, daß er tot war. Nur das Bild stand unberührt auf der Staffelei, und man hätte glauben können, daß die lächelnden Augen glänzten. Eine Stunde später traf Pater Brown, der sich bemühte, die Verwirrung der Betroffenen zu lindern, den alten Verwalter, der fast so mechanisch vor sich hin brummte, wie die Uhr getickt und die schreckliche Stunde geschlagen hatte. Ohne die Worte zu verstehen, wußte er, wie sie lauten mußten. »Im siebenten Erben es wiederkehrt, In der siebenten Stunde macht er sich fort.« Als er gerade etwas Tröstliches sagen wollte, schien der Greis zu erwachen und vor Zorn zu erstarren; sein Geflüster wurde zu einem wütenden Schrei. »Sie!« sagte er. »Sie mit Ihrem Tageslicht! Selbst Sie werden jetzt nicht mehr sagen, daß es kein Verhängnis für die Darnaways gibt!« »Ich habe meine Meinung darüber nicht geändert«, sagte Pater Brown sanft. Nach einer Pause fügte er hinzu: »Ich hoffe, Sie werden den letzten Wunsch des armen Darnaway achten und dafür sorgen, daß die Photographie abgeschickt wird.« »Die Photographie?« rief der Arzt scharf. »Wozu? Übrigens ist es sehr merkwürdig, aber es existiert gar keine. Scheinbar hat er gar keine gemacht, nachdem er den ganzen Tag damit herumgewirtschaftet hat.« Pater Brown drehte sich plötzlich um. »Dann machen Sie selbst eine Aufnahme«, sagte er. »Der arme Darnaway hatte vollkommen recht. Es ist von größter Wichtigkeit, daß eine Aufnahme gemacht wird.« Über einen Monat später kehrte Payne in sein Londoner Haus zurück, um eine Verabredung mit Pater Brown einzuhalten. Die verlangte Photographie brachte er mit. Sein eigener Liebesroman war so wohl gediehen, als es sich im Schatten einer solchen Tragödie schicken wollte, und daher lag der Schatten selbst etwas leichter auf ihm; aber es war schwer, ihn anders anzusehen als den Schatten eines Familiengeschicks. Er war auf mancherlei Weise sehr stark beschäftigt gewesen, und erst als die Familie ihre strenge Tageseinteilung wieder aufgenommen hatte und das Bild längst wieder auf seinem Platz in der Bibliothek stand, war es ihm gelungen, es mit Blitzlicht zu photographieren. Bevor er es, wie zuerst besprochen, dem Antiquar sandte, brachte er es dem Priester, der es so dringend verlangt hatte. »Ich verstehe Ihre Haltung in dieser Angelegenheit nicht, Pater Brown«, sagte er. »Sie benehmen sich, als hätten Sie das Rätsel schon auf Ihre besondere Weise gelöst.« Der Priester schüttelte traurig den Kopf. »Keineswegs«, erwiderte er. »Ich bin gewiß sehr dumm, denn ich sitze fest – sitze fest an der wichtigsten Stelle. Eine sonderbare Sache; bis zu einem Punkt so einfach, und dann – wollen Sie mir die Photographie einmal zeigen, bitte?« Er hielt sie einen Augenblick an seine zusammengekniffenen, kurzsichtigen Augen und sagte: »Haben Sie ein Vergrößerungsglas?« Payne holte eins hervor, der Priester blickte eine Weile angestrengt durch und sagte dann: »Sehen Sie sich einmal den Titel dieses Buches an, das am Rand des Bücherbrettes neben dem Rahmen steht, er heißt ›Die Geschichte der Päpstin Johanna‹. Ob da nicht – ja, wahrhaftig; darüber steht ein Buch über Island. Gott! Wie sonderbar, aus diese Weise darauf zu kommen! Was für ein Dummkopf und Esel bin ich doch gewesen, daß ich es nicht bemerkte, als ich dort war!« »Ja, worauf sind Sie denn aber gekommen?« fragte Payne ungeduldig. »Auf das letzte Glied in der Kette«, erwiderte Pater Brown. »Ich sitze jetzt nicht mehr fest. Ja, ich weiß jetzt, wie die unglückselige Geschichte von Anfang bis zu Ende vor sich ging.« »Aber wieso?« wiederholte der andre. »Darum,« sagte der Priester mit einem Lächeln, »weil die Bibliothek der Darnaways Bücher über die Päpstin Johanna und Island enthielt, zu schweigen von einem andern, das ich eben bemerke, und dessen Titel beginnt mit den Worten ›Die Religion Friedrichs ...‹, was nicht so schwer zu ergänzen ist.« Als er aber sah, daß der andre sich ärgerte, erlosch sein Lächeln, und er sagte mit größerem Ernst: »In der Tat ist dieser letzte Punkt, obwohl das letzte Glied der Kette, nicht die Hauptsache. Der Fall enthält viel sonderbarere Einzelheiten. So zum Beispiel das sonderbare Beweismaterial. Ich will damit anfangen, Ihnen etwas zu sagen, was Sie wohl in Erstaunen setzen wird. Darnaway starb nicht um sieben Uhr abends. Um die Zeit war er schon einen ganzen Tag tot.« »Erstaunen ist ein schwacher Ausdruck«, erwiderte Payne bitter. »Wir sahen ihn doch beide, Sie und ich, nachher noch herumgehen.« »Nein, eben nicht«, sagte Brown ruhig. »Wir haben ihn, glaube ich, beide gesehen oder gedacht, daß wir ihn sahen, wie er mit vieler Mühe die Linse einstellte. War sein Kopf nicht unter dem schwarzen Mantel verborgen, als Sie durchs Zimmer gingen? Jedenfalls war er nicht zu sehen, als ich durchkam. Darum fühlte ich auch, daß etwas an dem Zimmer und an der Gestalt nicht in Ordnung war. Nicht weil das Bein krumm war – vielmehr weil es nicht krumm war. Es steckte in demselben dunklen Anzug, aber wenn Sie einen Menschen, den Sie für eine bestimmte Person halten, anders dastehen sehen, als Sie es von dieser Person gewöhnt sind, werden Sie seine Haltung krampfhaft und fremdartig finden.« »Wollen Sie damit sagen,« rief Payne mit Schaudern aus, »daß es irgendein Fremder war?« »Es war der Mörder«, sagte Pater Brown. »Er hatte Darnaway bei Tagesanbruch getötet und die Leiche sowie sich selbst in der Dunkelkammer versteckt – ein ausgezeichnetes Versteck, da gewöhnlich niemand hineingeht oder viel sehen kann, wenn er es doch tut. Aber natürlich ließ er die Leiche um sieben Uhr auf den Boden fallen, um die ganze Sache durch den Fluch zu erklären.« »Aber ich verstehe nicht«, bemerkte Payne. »Warum hat er ihn dann nicht erst um sieben Uhr getötet, anstatt sich vierzehn Stunden lang mit einer Leiche zu beladen?« »Ich werde eine Gegenfrage stellen«, sagte der Priester. »Warum wurde keine Aufnahme gemacht? Weil es dem Mörder darauf ankam, ihn sofort als er aufstand, zu töten, bevor er die Aufnahme machen konnte. Dem Mörder war es von größter Wichtigkeit, zu verhindern, daß die Photographie in die Hände des Sachverständigen gelangte, der die Altertümer des Hauses kannte.« Ein plötzliches Schweigen trat ein, und nach einer Weile fuhr der Priester mit leiserer Stimme fort: »Sehen Sie nicht, wie einfach das ist? Sie haben ja selbst eine Möglichkeit erkannt; aber es ist noch einfacher als Sie dachten. Sie sagten, ein Mann könne sich Herrichten, um einem alten Bilde ähnlich zu werden. Es ist doch sicherlich einfacher, ein Bild so herzurichten, daß es einem Manne ähnlich ist. Geradeheraus gesagt: es trifft auf eine besondere Weise zu, daß es kein Verhängnis des Hauses Darnaway gibt. Es gab kein altes Bild; es gab keinen alten Reim; es gab keine Legende von einem Manne, der den Tod seiner Frau verschuldete. Aber es gab einen sehr bösen und sehr klugen Mann, der bereit war, den Tod eines anderen zu verschulden, um ihm seine angelobte Gattin wegzunehmen.« Der Priester lächelte Payne zu, wie um ihm Mut zu machen. »Nun haben Sie eben geglaubt, daß ich von Ihnen rede,« sagte er, »aber Sie waren nicht der einzige Mann, der aus Liebe immer wieder in das Haus kam. Sie kennen den Mann, vielmehr Sie glauben, ihn zu kennen. Es gibt aber geheime Abgründe in dem Manne, der sich Martin Wood, Maler und Sachverständiger nannte, wie keiner seiner Freunde aus Künstlerkreisen sie auch nur erraten konnte. Vergessen Sie nicht, daß er berufen wurde, um über die Bilder sein Urteil abzugeben und sie zu katalogisieren, was in einer solchen Rumpelkammer von Kunstschätzen einfach bedeutet, daß er den Darnaways sagen sollte, was sie eigentlich besaßen. Wenn plötzlich etwas zum Vorschein kam, was sie nie gesehen hatten, konnte es sie nicht Wunder nehmen. Es mußte gut gemacht werden, und es wurde gut gemacht. Vielleicht hatte er recht mit seiner Bemerkung, daß es jemand vom Genie Holbeins gemalt hat, wenn es nicht Holbein selber war.« »Ich bin wie vor den Kopf geschlagen,« sagte Payne, »und ich verstehe das Hundertste noch nicht. Woher wußte er, wie Darnaway aussah? Wie hat er ihn faktisch getötet? Die Ärzte sind sich noch gar nicht klar darüber.« »Ich habe eine Photographie gesehen, die der Australier nach Hause geschickt hat, bevor er selbst kam«, sagte der Priester. »Hatte man den neuen Erben erst einmal anerkannt, so konnte er auf die verschiedenste Weise weitere Einzelheiten erfahren. Wir kennen diese Einzelheiten nicht – aber sie bieten keine Schwierigkeit. Wie Sie sich erinnern, half er gewöhnlich in der Dunkelkammer mit; ist der Ort nicht geradezu geschaffen, um einen Menschen etwa mit einer vergifteten Nadel zu erstechen? Noch dazu, wo er die Gifte so bequem zur Hand hatte? Nein, darin lag keine Schwierigkeit. Was mich beirrte, war die Unmöglichkeit, daß Wood an zwei Stellen zugleich sein konnte. Wie konnte er die Leiche aus der Dunkelkammer holen und sie so aufstellen, daß sie nach wenigen Sekunden hinfallen mußte, ohne die Stiege herunterzukommen? Und er war doch in der Bibliothek und suchte ein Buch? Und ich war ein solcher Esel, daß ich mir die Bücher in der Bibliothek nicht näher ansah; erst auf dieser Photographie sah ich die einfache Tatsache mit mehr Glück als Verstand, daß dort ein Buch über die Päpstin Johanna stand.« »Ihr bestes Rätsel haben Sie für zuletzt aufgespart«, sagte Payne ernst. »Was in aller Welt hat die Päpstin Johanna damit zu tun?« »Wergessen Sie nicht das Buch über irgendwas in Island«, riet ihm der Priester, »und über die Religion eines Mannes, der Friedrich hieß. Man muß sich nur noch fragen, was für ein Mensch der verstorbene Lord Darnaway gewesen ist.« »So, muß man das?« fragte Payne schwerfällig. »Ich glaube, daß er ein gebildeter, witziger, etwas überspannter Kopf war«, fuhr Pater Brown fort. »Da er gebildet war, wußte er auch, daß es nie eine Päpstin Johanna gegeben hat. Da er witzig war, hat er sich wahrscheinlich den Titel ›Die Schlangen von Island‹ für etwas ausgedacht, was nicht existierte. Ich nehme mir heraus, den dritten Buchtitel zu ›Die Religion Friedrichs des Großen‹ zu ergänzen – die es auch nicht gab. Fällt Ihnen nicht auf, daß es gerade die Titel sind, die man Büchern geben mußte, die nicht existierten? Mit andern Worten, einem Bücherregal, das gar keines war?« »Aha,« rief Payne, »jetzt verstehe ich. Es gab eine geheime Treppe –« »Zu dem Zimmer, das Wood selbst als Dunkelkammer auswählte«, nickte der Priester. »Es tut mir sehr leid. Es klingt entsetzlich banal und dumm, so dumm, wie ich mich in dieser banalen Sache erwiesen habe. Aber wir waren nun einmal in eine wirklich muffige alte Geschichte von verarmten Adeligen und einem zerstörten Schloß verwickelt – und wir durften nicht darauf hoffen, daß uns der geheime Gang erspart bleiben würde. Er war für einen Priester bestimmt – und ich habe verdient, hineingesteckt zu werden. Ein Pfeil vom Himmel Hunderte von amerikanischen Detektivgeschichten fangen damit an, daß ein amerikanischer Millionär ermordet wird; aus dunklen Gründen betrachtet man ein solches Ereignis als Unglück. Auch die vorliegende Geschichte beginnt erfreulicherweise mit einem ermordeten Millionär. Ja, in gewissem Sinn sogar mit dreien, was manche ohne Zweifel als ein Zuviel des Guten empfinden werden. Aber gerade durch diese Häufung von verbrecherischen Anschlägen zeichnete sich dieser Fall vor anderen Kriminalfällen aus, wurde er zu einem so absonderlichen Rätsel. Allgemein hieß, sie seien einer Vendetta oder einem Fluche zum Opfer gefallen, der sich an den Besitz einer geschichtlich wie geldlich gleich wertvollen Reliquie heftete – eine Art Kelch, der mit kostbaren Steinen eingelegt und in Kennerkreisen als »Koptenpokal« bekannt war. Sein Ursprung war zweifelhaft, der Zweck vermutlich kirchlich. Manche führten das Schicksal, das seine Besitzer zu ereilen pflegte, auf den Fanatismus irgendeines orientalischen Christen zurück, der sich darüber entsetzte, daß der heilige Gegenstand durch so weltliche Hände ging. Der geheimnisvolle Mörder hatte bereits, ob Fanatiker oder nicht, in der Welt der Presse und des Klatsches eine brennende und sensationelle Neugier erweckt. Der Namenlose war mit einem Namen – besser gesagt einem Spitznamen, versehen. Wir aber beschäftigen uns nur mit der Geschichte des dritten Opfers. Denn nur in diesem Falle hatte ein gewisser Pater Brown, der Held dieser Skizzen, Gelegenheit, seine Anwesenheit zur Geltung zu bringen. Sobald Pater Brown den Ozeandampfer verließ und den Fuß auf amerikanischen Boden setzte, mußte er die Entdeckung machen – wie schon andere Engländer vor ihm – daß er eine über Erwarten wichtige Persönlichkeit sei. Seine untersetzte Gestalt, sein Gesicht mit den kurzsichtigen und einfachen Zügen, seine etwas abgenutzte schwarze geistliche Kleidung wären bei ihm zu Hause niemals aufgefallen – höchstens als besonders unauffällig. Amerika aber hat eine geniale Art, den Ruhm zu züchten. Sein Mitwirken bei ein oder zwei merkwürdigen kriminellen Fällen und seine lange Bekanntschaft mit dem früheren Verbrecher und jetzigem Detektiv Flambeau hatten in Amerika aus einem bloßen Gerücht, wie es in England verbreitet war, ihm einen Ruf geschaffen. Sein rundes Gesicht war starr vor Staunen, als ihm eine Gruppe Journalisten am Kai auflauerte wie eine Räuberbande und ihm eine Reihe von Fragen stellte, für die er sich am allerwenigsten maßgebend vorkam – wie zum Beispiel die Frauenmode oder die Verbrecherstatistik des Landes, das er in diesem Augenblick zum erstenmal erblickte. Vielleicht fiel ihm gerade im Gegensatz zu der Einmütigkeit dieser schwarzen Gruppe eine andere Gestalt ins Auge, die sich ebenfalls gegen das zu dieser Zeit und an diesem Orte blendend weiße Tageslicht schwarz abhob, aber ganz einsam dastand: ein langer, gelblicher Mann mit großer Brille, der ihn, als die Journalisten fertig waren, mit einer Bewegung aufhielt und fragte: »Verzeihen Sie, aber vielleicht suchen Sie Hauptmann Wain?« Zu Pater Browns Entschuldigung – denn er selbst hätte sich gewiß aufrichtig entschuldigt – muß man anführen, daß er Amerika zum erstenmal sah – besonders aber diese besondere Sorte Hornbrille, die damals noch nicht in England Mode war wie heute. Er hatte im ersten Augenblick die Empfindung, ein Meerungeheuer mit riesigen, hervorstehenden Augen zu erblicken, das eine entfernte Ähnlichkeit mit einem Taucher hatte. Der Herr war im übrigen höchst geschmackvoll gekleidet, und dem naiven Pater schien die Hornbrille den eleganten Menschen förmlich zu entstellen, als hätte sich ein Geck als letzten Schick ein Holzbein zugelegt. Auch die Frage setzte ihn in Verlegenheit. Ein amerikanischer Flieger namens Wain, ein Freund seiner französischen Freunde, stand allerdings auf der langen Liste von Personen, die er während seines Besuches in Amerika besuchen wollte, aber er hatte nie erwartet, ihn so bald zu treffen. »Verzeihen Sie,« fragte er zögernd, »sind Sie Hauptmann Wain? Oder – oder kennen Sie ihn?« »Daß ich nicht Hauptmann Wain bin, steht für mich so ziemlich fest«, antwortete der Bebrillte mit unbeweglichem Gesicht. »Das war mir klar, als ich ihn da drüben im Auto auf Sie warten sah. Aber die zweite Frage ist nicht so einfach zu beantworten. Ich glaube Wain und seinen Onkel und den alten Merton zu kennen – ich kenne den alten Merton, aber der alte Merton kennt mich nicht. Verstehen Sie?« Pater Brown verstand nicht ganz. Er blinzelte die glänzende Seelandschaft und die Türme der Stadt an, und dann auch den Bebrillten. Nicht nur die Maske auf den Augen ließ sein Gesicht undurchdringlich erscheinen. Etwas in seinem gelben Gesicht sah asiatisch, ja sogar chinesisch aus – seine Sprache schien aus verschiedenen Lagen Ironie zu bestehen. Er gehörte zum Typ des rätselhaften Amerikaners, der sich mitten in der offenherzigen und geselligen Bevölkerung manchmal findet. »Ich heiße Drage,« sagte er, »Norman Drage, und bin amerikanischer Bürger, was vieles erklärt. Jedenfalls vermute ich, daß ihr Freund Wain ihnen so manches mitteilen möchte – also gedulden wir uns noch etwas.« Pater Brown wurde in benommenem Zustand zum Auto geschleppt, das in einiger Entfernung wartete. Ein junger Mensch mit Büscheln von zerzaustem blondem Haar und etwas gequältem und abgespanntem Gesichtsausdruck rief ihn von weitem an und stellte sich als Peter Wain vor. Bevor Pater Brown zur Besinnung kam, saß er schon fest im Wagen und fuhr mit beträchtlicher Geschwindigkeit durch die Stadt und darüber hinaus. Er war das heftige amerikanische Zugreifen nicht gewohnt und fühlte sich so verwirrt, als hätte ihn ein mit Drachen bespannter Wagen ins Märchenland entführt. Unter so beunruhigenden Umständen hörte er zum ersten Male in langen Monologen von Wain und in kurzen Sätzen von Drage die Geschichte des Koptenpokals und der beiden Verbrechen, die damit zusammenhingen. Wain hatte, wie es schien, einen Onkel namens Crake und dieser einen Kompagnon namens Merton. Dieser Merton war der dritte Besitzer des Pokals, wie die ersten beiden ein reicher Geschäftsmann. Der erste, der bekannte Kupferkönig Titus P. Trant, hatte von einem Unbekannten, der sich Daniel Boon nannte, Drohbriefe erhalten. Der Name war vermutlich ein Pseudonym, vertrat aber nun bereits eine sehr bekannte, wenn nicht volkstümliche Figur. Denn soviel stand bald fest: der Schreiber der Drohbriefe beschränkte sich nicht auf Drohungen. Jedenfalls wurde der alte Trant eines Morgens tot aufgefunden. Sein Kopf lag in seinem eigenen Zierteich, und vom Täter fehlte jede Spur. Glücklicherweise wurde der Pokal auf der Bank aufbewahrt. Er ging mit dem übrigen Vermögen an Trants Vetter Brian Horder über, der ebenfalls schwer reich war und von dem namenlosen Feinde bedroht wurde. Man fand ihn tot am Fuße eines Felsens in der Nähe seiner Strandvilla, in der ein Einbruch – diesmal großen Stils – stattgefunden hatte. Denn obwohl der Pokal wieder heil davonkam, wurden so viele Aktien und Pfandbriefe gestohlen, daß Horders Angelegenheiten in die größte Verwirrung gerieten. »Brian Horders Witwe mußte alle Wertgegenstände verkaufen, glaube ich,« erklärte Wain, »und wahrscheinlich hat Brander Merton damals den Pokal erworben, denn als ich ihn kennenlernte, war er bereits glücklicher Besitzer. Aber Sie werden sich selbst sagen, daß es nicht gerade bequem ist, ihn zu haben.« »Hat Herr Merton auch Drohbriefe bekommen?« fragte Pater Brown nach einer Pause. »Ich glaube schon«, sagte Herr Drage, und ein Etwas in seiner Stimme ließ den Priester neugierig aufblicken, bis er bemerkte, daß der Bebrillte leise lachte, und zwar auf eine so sonderbare Weise, daß es dem Neuangekommenen kalt über den Rücken lief. »Ich bin ziemlich davon überzeugt«, sagte Wain mit Stirnrunzeln. »Ich habe die Briefe nicht gesehen. Er zeigt seine Briefe überhaupt nur seinem Sekretär, denn er ist in solchen Dingen sehr verschlossen, ganz begreiflich bei einem so großen Geschäftsmann. Aber ich war dabei, wie er sich über Briefe wirklich aufregte und bedrückt fühlte; und gerade diese Briefe zerriß er, bevor sein Sekretär sie zu Gesicht bekam. Jetzt ist sogar der Sekretär schon nervös geworden, er behauptet, daß irgend jemand dem Alten auflauert. Kurz und gut, wir wären Ihnen für ihren Rat sehr dankbar. Man kennt ihren Ruf, Pater Brown, und deshalb hat mich der Sekretär gebeten, Sie gleich in Mertons Haus hinüberzubitten.« »Jetzt verstehe ich«, sagte Pater Brown, dem endlich der Zweck der Entführung aufging. »Aber ich sehe wirklich nicht ein, was ich noch dabei soll. Sie sind doch an Ort und Stelle und müssen über hundertmal mehr Einzelheiten verfügen, aus denen Sie Schlüsse ziehen können, als ein zufälliger Besuch.« »Jawohl,« sagte Drage trocken, »unsere Schlüsse sind viel zu logisch, um wahr zu sein. Wenn Sie mich fragen: was Titus P. Trant getroffen hat, kam geradeswegs von oben, ohne auf eine logische Erklärung zu warten. Es war das, was man einen Blitz aus heiterem Himmel nennt.« »Sie wollen doch nicht behaupten,« rief Wain, »daß es übernatürlich war?« Aber es war zu dieser Zeit gar nicht so einfach zu verstehen, was Herr Drage eigentlich meinte. Wenn er von jemand sagte, er sei sehr klug, so meinte er damit vermutlich, er sei ein Esel. Herr Drage bewahrte eine geradezu orientalische Ruhe, bis nach einer Weile der Wagen hielt. Sie waren jedenfalls am Ziel. Der Ort war merkwürdig genug. Die letzte Strecke hatte sie durch dünn bewaldetes Gebiet geführt, das in eine weite Ebene überging; gerade vor ihnen befand sich ein Gebäude, das aus einer einzigen Mauer bestand, so rund war wie ein Römerlager und ein wenig einer Flughalle glich. Die Umfriedung sah weder wie Holz noch wie Stein aus; bei näherer Betrachtung ergab sich, daß sie aus Eisen bestand. Sie stiegen alle aus. In der Wand öffnete sich mit großer Vorsicht eine kleine Schiebetür, nachdem man daran manipuliert hatte wie an einem Geldschrank. Sehr zu Browns Erstaunen machte der Herr, der sich Drage nannte, nicht Miene einzutreten, sondern verabschiedete sich mit unheilvoller Lustigkeit. »Ich komme lieber nicht mit«, sagte er. »So viel freudige Aufregung darf man dem Alten nicht zumuten. Er liebt mich so heiß, er könnte vor Freude sterben, wenn er mich sieht.« Er marschierte ab, und Pater Brown, dessen Verwunderung wuchs, wurde durch die Stahltür eingelassen, die hinter ihm sofort einschnappte. Drin sah man einen großen, kompliziert angelegten Garten in vielen und heiteren Farben, aber ohne Baum, Gebüsch oder Strauch. Mitten drin erhob sich ein schöner, ja imposanter Bau, der jedoch so hoch und schmal war, daß er aussah wie ein Turm. Auf dem Dache funkelte das Sonnenlicht hier und da auf Glasfenstern, aber im unteren Teile schienen sich überhaupt keine Fenster zu befinden. Überall herrschte die fleckenlose, blitzende Sauberkeit, die so gut zu der klaren amerikanischen Luft paßte. Innerhalb des Portals fanden sie sich von prächtigem Marmor, Metallen und Emaille in strahlenden Farben umgeben – aber die Treppe fehlte. In der Mitte zwischen den kompakten Mauern stieg nur der Schacht für den Aufzug in die Höhe, und der Zugang wurde durch stark gebaute, große Leute bewacht, die aussahen wie Polizisten in Zivil. * »Die Schutzmaßnahmen sind etwas kompliziert, ja«, sagte Wain. »Vielleicht finden Sie es komisch, Pater, daß Merton hier wie in einer Festung leben muß und nicht einmal einen Baum im Garten hat, hinter dem sich jemand verstecken könnte. Aber Sie wissen nicht, womit man es hier zu Lande zu tun hat. Und vielleicht wissen Sie auch nicht, was Brander Mertons Namen bedeutet. Er sieht ganz bescheiden aus, und auf der Straße würde sich kein Mensch nach ihm umsehen. Ganz abgesehen davon, daß er nur dann und wann im geschlossenen Auto ausfährt. Aber wenn ihm etwas zustieße, würde die Erde von Alaska bis zu den Südseeinseln erzittern. Ich glaube, daß vor ihm weder König noch Kaiser eine solche Macht besessen haben. Schließlich hätten Sie wohl aus Neugierde eine Einladung zum Zaren oder zum König von England angenommen. Vielleicht machen Sie sich nichts aus Zaren oder Millionären – aber Macht in irgendeiner Form ist immer interessant. Hoffentlich widerstreitet es nicht ihren Prinzipien, einen modernen Kaiser wie Merton zu besuchen.« »Gewiß nicht«, sagte Pater Brown ruhig. »Es ist meine Pflicht, die Häftlinge und alle Unglücklichen in der Gefangenschaft aufzusuchen.« Ein Schweigen entstand, und der junge Mensch runzelte mit einem sonderbaren, etwas schiefen Blick die Stirn. Dann sagte er unvermittelt: »Na, schließlich dürfen Sie nicht vergessen, daß er es nicht mit gewöhnlichen Verbrechern oder der Schwarzen Hand zu tun hat. Dieser Daniel Boon ist ein Teufel. Trant hat er in seinem eigenen Garten und Horder vor seinem Hause umgebracht, und es ist ihm nichts passiert.« Das oberste Stockwerk des Gebäudes bestand zwischen den ungeheuer dicken Mauern aus zwei Zimmern: einem äußeren, in das sie eintraten, und dem inneren, dem Allerheiligsten des Millionärs. Im äußeren Zimmer trafen sie zwei Gäste, die gerade das innere verließen. Den einen rief Peter Wain an – es war sein Onkel; ein kleiner, aber gedrungener und lebendiger Mann mit rasiertem Schädel, der kahl wirkte, und einem Gesicht, das so braun aussah, als sei es niemals weiß gewesen. Es war der alte Crake. Sein Begleiter stand im größten Gegensatz zu ihm – es war ein eleganter Herr mit dunklem Haar wie schwarzer Lack und einem breiten schwarzen Band am Monokel – Barnard Blake, der Anwalt des alten Merton, der mit den beiden Kompagnons geschäftliche Angelegenheiten der Firma besprochen hatte. Die vier Personen trafen in der Mitte des Zimmers zusammen und hielten sich im Gehen und Kommen einen Augenblick auf, um ein paar Höflichkeiten zu tauschen. Und während dieses Hin und Her saß im Hintergrund des Zimmers, neben der Türe zum zweiten, eine Gestalt, schwer und unbeweglich im Halblicht des Fensters – ein Mann mit einem Negergesicht und ungeheuren Schultern. Er war das, was man in Amerika mit schmerzhafter Selbstkritik den Bösewicht nennt – ein Wächter, wie ihn die Freunde, ein Halsabschneider, wie ihn die Feinde nannten! Der Mensch bewegte und rührte sich nicht, um irgend jemand zu begrüßen. Sein Anblick bewog Peter Wain, seine erste, unruhige Frage zu stellen. »Ist jemand drin?« fragte er. »Nur keine Aufregung, Peter«, kicherte sein Onkel. »Sein Sekretär Wilton ist drin bei ihm – das dürfte genügen. Ich glaube. Wilton gönnt sich überhaupt keinen Schlaf mehr, so sehr bewacht er Merton. Er taugt mehr als zwanzig Wächter. Und er ist so schnell und lautlos wie ein Indianer.« »Na, das mußt du freilich am besten wissen«, lachte der Neffe. »Ich erinnere mich noch an deine Erzählungen aus den Grenzkriegen gegen die Indianer und die Indianerschliche, die du mich gelehrt hast, wie ich noch ein Junge war. Aber in meinen Indianerbüchern haben die Indianer merkwürdigerweise immer schlecht abgeschnitten.« »Aber nicht in Wirklichkeit«, erwiderte der alte Soldat ernst. »Wirklich nicht?« fragte der höfliche Blake. »Ich habe immer gemeint, daß sie gegen unsere Feuerwaffen wenig ausrichten konnten.« »Ich habe einmal einen Indianer gesehen, der unter dem Feuer von hundert Gewehren stand und nichts hatte als ein kleines Skalpmesser. Trotzdem tötete er einen Weißen, der an meiner Seite auf der Spitze eines Forts stand.« »Ja, wie denn«, fragte der andre. »Er warf es,« erwiderte Crake – »warf es wie der Blitz, bevor man einen Schuß abgeben konnte. Ich weiß nicht, woher er den Trick hatte.« »Nun, hoffentlich hast du ihn nicht von ihm gelernt«, sagte der Neffe lachend. »Mir scheint, die Geschichte ist nicht ohne Moral«, sagte Pater Brown nachdenklich. Während sie sprachen, kam der Sekretär Wilton aus dem inneren Zimmer und wartete; es war ein blasser, blondhaariger Mensch mit viereckigem Kinn und ruhigen Augen, die an einen Hund erinnerten; man konnte sich einbilden, dem geraden Blick eines Hofhundes zu begegnen. Er sagte nur: »Herr Merton wird Sie in etwa zehn Minuten empfangen«, aber das genügte, um die plaudernde Gruppe an den Aufbruch zu mahnen. Der alte Crake hatte Eile, und sein Neffe begleitete ihn und den Anwalt, so daß Pater Brown einen Augenblick mit dem Sekretär allein blieb. Denn der Negerriese am anderen Ende des Zimmers wirkte kaum als lebender Mensch, er saß unbeweglich da und kehrte ihnen den Rücken. »Die ganze Einrichtung macht wohl einen komplizierten Eindruck«, bemerkte der Sekretär. »Sie haben vermutlich die Geschichte des Daniel Boon gehört und wissen, warum wir den Chef nie lange allein lassen dürfen.« »Aber ist er jetzt nicht allein?« fragte Pater Brown. Der Sekretär sah ihn mit seinen ernsten grauen Augen an. »Fünfzehn Minuten lang«, sagte er. »Eine Viertelstunde von den vierundzwanzig. Länger bleibt er nicht allein; und darauf besteht er, aus einem merkwürdigen Grunde.« »Und was für ein Grund ist das?« fragte der Gast. »Der Koptenpokal«, sagte der Sekretär. Er hörte nicht auf, dem Pater ins Auge zu sehen, aber sein Mund, der eben noch ernst gewesen war, wurde bitter. »Vielleicht haben Sie den Koptenpokal vergessen – aber er vergißt ihn nie, weder ihn noch sonst etwas. Er vertraut ihn keinem von uns an. Irgendwo und irgendwie ist er in dem Zimmer dort eingeschlossen, so daß nur er ihn finden kann. Er nimmt ihn nur heraus, wenn wir alle draußen sind. Wir müssen also diese Viertelstunde riskieren, während er dasitzt und ihn anbetet; vermutlich die einzige Anbetung, zu der er sich aufschwingt. Aber eigentlich ist die Gefahr nicht groß. Ich habe dieses Haus zu einer Falle gemacht, und selbst dem Teufel würde es schwer fallen, hinein oder jedenfalls herauszukommen. Wenn dieser verdammte Daniel uns einen Besuch abstattet, wird er ziemlich lange hierbleiben, das schwöre ich Ihnen! Ich sitze hier während der fünfzehn Minuten wie auf Nadeln, und sowie ich einen Schuß oder ein anderes verdächtiges Geräusch höre, drücke ich auf diesen Knopf, und ein elektrischer Strom lädt die Gartenmauer, so daß jeder, der hinausgehen oder sie überklettern will, sofort den Tod findet. Übrigens kann es keinen Schuß geben, denn dies ist der einzige Eingang, und das Fenster, an dem er sitzt, ist oben auf einem Turm, der so glatt ist, als wäre er geölt. Und außerdem sind wir hier natürlich alle bewaffnet. Wenn Daniel wirklich in das Zimmer käme, würde er es lebendig nicht verlassen.« Pater Brown blinzelte nachdenklich; er blickte auf den Teppich. Dann sagte er plötzlich mit einem Ruck: »Sie nehmen es mir doch nicht übel? Mir ist eben etwas eingefallen. Es betrifft Sie.« »In der Tat«, erwiderte Wilton. »Was meinen Sie?« »Sie haben nur eine einzige Idee im Kopf,« sagte Pater Brown, »und Sie müssen mir verzeihen, wenn ich sage, daß es mehr die Idee ist, Daniel Boon zu fangen als Brander Merton zu schützen.« Wilton fuhr zusammen und starrte seinen Gast an; langsam formte sich auf seinen Lippen ein sonderbares Lächeln. »Wieso haben Sie – wie kommen Sie darauf?« fragte er. »Sie sagten eben, wenn Sie einen Schuß hörten, könnten Sie den Feind auf der Flucht durch den elektrischen Strom töten. Sie haben sich doch vermutlich klargemacht, daß der Schuß für ihren Chef tödlich werden könnte, bevor der Strom für seinen Feind tödlich würde? Ich meine damit nicht, daß Sie Herrn Merton nicht schützen werden, wenn es in ihrer Macht steht, sondern daß es Ihnen erst in zweiter Linie wichtig ist. Die Vorbereitungen sind etwas kompliziert, wie Sie selbst sagen und gehen wohl auf Sie zurück. Aber Sie scheinen auch eher dazu angetan zu sein, einen Mörder zu fangen, als einen Menschen zu retten.« »Hochwürden,« sagte der Sekretär, dessen Stimme sich beruhigt hatte, »Sie sind verdammt klug – aber sonderbarerweise sind Sie noch etwas mehr. Irgendwie gehören Sie zu den Leuten, denen man die Wahrheit sagen möchte – und außerdem wird man es ihnen ohnedies erzählen, denn man neckt mich ja bereits damit. Man sagt allgemein, daß ich eine fixe Idee habe – nämlich den Verbrecher zur Strecke zu bringen – und vielleicht stimmt das auch. Aber ich werde ihnen jetzt etwas sagen, was sonst niemand weiß: ich heiße in Wirklichkeit John Wilton Horder.« Pater Brown nickte, als sei ihm nun alles klar, doch der andere fuhr fort: »Dieser Mensch, der sich Daniel Boon nennt, hat meinen Vater und meinen Onkel getötet und meine Mutter zugrunde gerichtet. Als Merton einen Sekretär suchte, nahm ich den Posten an. Ich dachte, wo der Koptenpokal sei, würde sich auch der Verbrecher früher oder später einfinden. Aber ich wußte nicht, wer es war, und konnte also nur auf ihn warten. Ich hatte die feste Absicht, Merton treu zu dienen.« »Ich verstehe,« sagte Pater Brown sanft, »aber ist es nicht eigentlich an der Zeit, daß wir hineingehen?« »Ja gewiß«, erwiderte Wilton; er war wieder zusammengefahren, und der Priester schloß daraus, daß er sich einen Augenblick wieder seinen Rachegelüsten überlassen hatte. »Gewiß – gehen Sie nur hinein.« Pater Brown ging geradeswegs in das innere Zimmer. Was folgte, waren keine Begrüßungen, sondern nur ein totes Schweigen. Einen Augenblick später erschien der Priester wieder in der Türe. Im selben Augenblick bewegte sich der stumme Wächter, der an der Tür saß – es sah aus, als sei ein Riesenmöbel lebendig geworden. Etwas in der Haltung des Priesters hatte wie ein Signal gewirkt. Sein Kopf hob sich vom Licht des Fensters ab, aber sein Gesicht blieb im Schatten. »Jetzt werden Sie wohl auf den Knopf drücken müssen«, sagte er mit einem Seufzer. Wilton schien mit einem Ruck aus seinen wilden Grübeleien zu erwachen und sprang auf. Seine Stimme überschlug sich. »Es war kein Schuß!« rief er aus. »Ja,« sagte Pater Brown, »es kommt darauf an, was Sie unter einem Schuß verstehen.« Wilton sprang vor, und zusammen stürzten sie in das innere Zimmer. Es war verhältnismäßig klein und einfach, aber höchst luxuriös ausgestattet. Ihnen gegenüber stand ein großes Fenster weit offen – die Aussicht ging auf den Garten und die bewaldete Ebene. Nahe beim Fenster standen ein Sessel und ein Tischchen, als hätte der Gefangene während des kurzen Glücks seiner Einsamkeit gar nicht genug Licht und Luft bekommen können. Auf dem Tischchen am Fenster stand der Koptenpokal. Der Besitzer hatte ihn jedenfalls beim günstigsten Licht betrachtet. Und es war auch der Mühe wert. Das weiße, blendende Tageslicht verwandelte die kostbaren Steine in vielfarbige Flammen, so daß er wie ein Urbild des Heiligen Gral aussah. Es war der Mühe wert, ihn zu betrachten. Aber Brander Merton betrachtete ihn nicht. Sein Kopf hing über die Lehne des Sessels, seine weiße Mähne berührte fast den Boden, und sein grauer Spitzbart wies zur Decke – in seinem Hals aber steckte ein langer, braunangestrichener Pfeil mit roten Federn. »Ein lautloser Schuß«, sagte Pater Brown leise. »Ich hatte gerade an die neuen Erfindungen gedacht, die geräuschlosen Feuerwaffen. Dies ist freilich eine alte Erfindung – aber genau so geräuschlos.« Einen Augenblick später fragte er: »Er ist tot, fürchte ich. Was werden Sie tun?« Der blasse Sekretär riß sich mit einem plötzlichen Entschluß zusammen. »Ich werde natürlich auf den Knopf drücken,« sagte er, »und wenn das noch nicht genügt, um Daniel kaltzumachen, werde ich ihn in den Wäldern jagen, bis ich ihn finde.« »Geben Sie bloß acht, daß Sie keinen unsrer Freunde kaltmachen. Sie müssen in der Nähe sein, eigentlich sollte man sie rufen.« »Die wissen ja alle Bescheid mit der Mauer«, erwiderte Wilton. »Und sie werden auch nicht versuchen, 'rüberzuklettern – außer, wenn einer von ihnen es sehr eilig hat.« Pater Brown ging zum Fenster, durch das der Pfeil anscheinend hereingeflogen war, und sah hinaus. Tief unten lag der Garten mit seinen ebenen Blumenbeeten wie eine zart getönte Landkarte der Erde. Die ganze Aussicht sah so weit und leer aus, der Turm schien so hoch in den Himmel zu ragen, daß ihm ein seltsamer Ausdruck in den Sinn kam. »Ein Blitz aus heiterem Himmel«, sagte er. »Hat nicht jemand vor kurzem von einem Blitz aus heiterm Himmel gesprochen, vom Tod, der aus den Lüften kommt? Sehen Sie bloß, alles sieht so weit entfernt aus – wie unwahrscheinlich, daß ein Pfeil so weit her kommen sollte! Außer freilich ein Pfeil vom Himmel.« Wilton war zurückgekehrt, antwortete aber nicht. Der Priester fuhr fort: »Man denkt dabei an Luftschiffahrt. Ich muß mal den jungen Wain fragen ... nach Luftschiffahrt.« »Der junge Wain war es sicher nicht!« rief der Sekretär mit fast wütender Gebärde. »Vielleicht ist er auch zu jung, um der Verbrecher zu sein«, bemerkte Pater Brown. »Man wird natürlich auch auf den alten Onkel verfallen – wir müssen ihn über Pfeile ausholen. Dieser hier sieht wie ein Indianerpfeil aus. Ich weiß nicht, wer den Indianerschuß abgegeben hat. Aber erinnern Sie sich an die Geschichte, die der Alte erzählte. Ich bemerkte, daß sie eine Moral hat.« »Wenn sie eine Moral hat,« erwiderte der junge Mann mit Wärme, »so doch höchstens, daß ein Indianer weiter schießen kann als man annimmt. Wenn Sie den Alten verdächtigen, ist das purer Unsinn.« »Ich glaube, Sie verstehen die Moral nicht ganz«, sagte Pater Brown. * Es dauerte einen Monat, bevor Pater Brown das Haus, in dem der dritte Millionär die Vendetta Daniels erlitten hatte, zum zweiten Male besuchte. Die am meisten Beteiligten hielten eine Art Kriegsrat ab. Am obern Ende des Tisches saß der alte Crake, seinem Neffen zur Rechten und dem Anwalt zur Linken; der Riese mit dem Negergesicht, der Harris hieß, war in voller Größe zugegen, wenn auch nur als Zeuge; ein rothaariges, spitznäsiges Individuum namens Dixon schien als Vertreter einer Detektei anwesend, und Pater Brown setzte sich bescheiden auf einen freien Stuhl neben ihm. Alle Zeitungen der Welt waren voll von der Katastrophe, die diesen Finanzkoloß, diesen großen Organisator der weltbeherrschenden Großindustrie betroffen hatte. Aber von den Wenigen, die ihm im Augenblick des Todes am nächsten gewesen waren, konnte man nicht viel erfahren. Onkel, Neffe und Anwalt erklärten, daß sie längst außerhalb der Mauer standen, als Alarm geschlagen wurde. Die Wächter an den beiden Schranken gaben etwas verwirrte, aber doch im Ganzen zufriedenstellende Antworten. Nur eine einzige Komplikation mußte besonders überlegt werden. Ungefähr zur Zeit seines Todes hatte sich ein Fremder auf geheimnisvolle Weise am Eingang zu schaffen gemacht und Herrn Merton sprechen wollen. Die Dienstboten konnten ihn nur mit Mühe verstehen, denn er sprach sehr unklar. Aber gerade das fiel später als belastend auf, denn er hatte gesagt, daß ein Bösewicht durch ein einziges Wort aus dem Himmel vernichtet werden könne. Peter Wain beugte sich vor. Die Augen in dem magern Gesicht glänzten. Er sagte: »Ich möchte darauf wetten – das war Norman Drage.« »Und wer in aller Welt ist Norman Drage?« fragte sein Onkel. »Ja, das möchte ich gerne wissen«, erwiderte der junge Mann. »Ich habe ihn fast direkt gefragt, aber er versteht es wunderbar, jede gerade Frage zu verdrehen. Es ist, als hiebe man nach einem Fechter. Er versuchte, mich mit einem Hinweis auf das Luftschiff der Zukunft zu verwirren. Im Grunde habe ich ihm nie getraut.« »Aber was für ein Mensch ist er denn?« fragte Crake. »Ein Mystagog«, sagte Pater Brown mit der Schlagfertigkeit eines Kindes. »Davon gibt es viele; zum Beispiel all die Leute, die in den Pariser Cafés und Kabaretts herumsitzen und Ihnen einreden wollen, daß sie den Schleier der Isis gelüftet haben. Auch in diesem Falle würden sie sicher eine mystische Erklärung zur Hand haben.« Der glatte dunkle Kopf des Anwalts neigte sich höflich gegen den Sprecher, aber sein Ton klang etwas feindlich. »Ich bin überrascht,« sagte er, »daß Sie ein Vorurteil gegen mystische Erklärungen haben.« »Ganz im Gegenteil«, sagte Pater Brown und blinzelte ihn freundlich an. »Und gerade deshalb kann ich manchmal über sie urteilen. Mich könnte jeder falsche Jurist herumkriegen; Sie aber nicht, weil Sie selbst ein Jurist sind. Wenn sich irgendein Narr als Indianer verkleidet, kann er mir einreden, daß er Old Shatterhand selber ist; aber Herr Crake hier würde ihn sofort durchschauen. Ein Schwindler könnte mir vormachen, daß er mit Aeroplanen ausgezeichnet Bescheid weiß, aber Wain würde ihm nicht darauf hereinfallen. Und genau so steht es mit dem andern, nicht wahr? Gerade weil ich etwas von Mystik verstehe, will ich mit Mystagogen nichts zu tun haben. Wahre Mystiker verbergen keine Geheimnisse, sondern enthüllen sie. Die Mystagogen dagegen verstecken etwas hinter Dunkelheit und Geheimnissen, und wenn man es findet, ist es ein Gemeinplatz. Was aber Drage betrifft, so will ich zugeben, daß er noch einen anderen Grund hatte, und zwar einen viel praktischeren Grund, uns Märchen über Feuer aus den Wolken und Blitze aus heiterem Himmel zu erzählen.« »Nämlich?« fragte Wain. »Der Grund scheint mir sehr wichtig, wie er auch lauten mag.« »Ja,« erwiderte der Priester langsam, »er wollte, daß wir die Mordtaten für Wunder halten, weil er – ja, weil er selbst wußte, daß es keine Wunder sind.« »Aha,« sagte Wain mit einem Zischen, »darauf war ich gefaßt. Geradeheraus gesagt, er ist der Verbrecher.« »Geradeheraus gesagt, er ist der Verbrecher, der das Verbrechen nicht beging«, sagte Pater Brown ruhig. »Nennen Sie das geradeheraus?« fragte Blake höflich. »Jetzt werden Sie gleich behaupten, daß ich selber ein Mystagoge bin«, erwiderte Pater Brown etwas eingeschüchtert, aber mit strahlendem Lächeln. »Doch das war nur ein Zufall. Drage hat das Verbrechen – ich meine dieses Verbrechen – nicht begangen. Er hat nur eins auf dem Gewissen – Erpressung; deswegen trieb er sich hier herum. Aber er wollte keinesfalls, daß die ganze Welt sein Geheimnis erfahre, oder daß der Tod der ganzen Sache ein Ziel setze. Später können wir uns über ihn unterhalten. Jetzt im Augenblick möchte ich nur, daß er uns nicht im Wege ist.« »Im Wege?« fragte der andere. »Im Wege zur Wahrheit«, erwiderte der Priester und sah ihn ruhigen Blickes an. »Wollen Sie damit sagen,« brachte der andere mühsam hervor, »daß Sie die Wahrheit wissen?« »Ich glaube ja«, erwiderte Pater Brown bescheiden. Eine plötzliche Stille herrschte. Dann rief Crake plötzlich und unvermittelt mit rauher Stimme: »Herrgott, wo ist der Sekretär? Wilton? Er sollte hier sein!« »Ich stehe mit Herrn Wilton in Verbindung,« sagte Pater Brown ernst, »ja, ich habe ihn sogar gebeten, mich in ein paar Minuten hier anzurufen. Wir haben sozusagen die Sache zusammen aufgeklärt.« »Wenn Sie zusammen arbeiten, ist ja alles in Ordnung«, brummte Crake. »Er war immer wie ein Bluthund hinter den Spuren dieses unsichtbaren Spitzbuben her, also hat es sicher nichts geschadet, wenn Sie zu zweit gejagt haben. Aber wenn Sie wirklich die Wahrheit wissen, wo zum Teufel haben Sie sie her?« »Von Ihnen«, erwiderte der Priester ruhig und sah dem wütenden Veteranen gleichmütig ins Auge. »Ich meine, daß eine Bemerkung in Ihrer Erzählung von dem Indianer, der ein Messer warf und einen Mann auf einem Fort tötete, mich zuerst auf die richtige Spur gebracht hat.« »Das haben Sie schon ein paarmal gesagt,« bemerkte Wain mit verwunderter Miene, »aber ich weiß nicht, was Sie für Schlüsse daraus ziehen, außer den, daß vielleicht ein Mörder einen Pfeil schleuderte und einen Mann oben auf einem Haus traf, das Ähnlichkeit mit einem Fort hat. Aber der Pfeil wurde doch nicht geschleudert, sondern abgeschossen, und hätte doch auch noch weiter getragen. Obwohl er jedenfalls von weit genug herkam. Jedenfalls sehe ich nicht ein, wieso uns das weiterbringt.« »Ich fürchte, Sie haben die Pointe der Geschichte nicht verstanden«, sagte Pater Brown. »Nicht darauf kommt es an, daß ein Gegenstand weit trägt oder ein andrer weiter, sondern, daß ein Werkzeug auf zwei Arten angewendet wird. Die Soldaten auf Crakes Fort dachten, ein Messer sei nur im Nahkampf zu gebrauchen; sie vergaßen, daß es ein Geschoß sein kann wie ein Wurfspeer. Andere Leute, die ich kenne, dachten, eine andere Waffe sei ein Geschoß; sie vergaßen, daß man sie schließlich im Nahkampf gebrauchen kann wie einen Speer. Kurz und gut, die Moral der Geschichte ist die: kann man einen Dolch in einen Pfeil verwandeln, so auch einen Pfeil in einen Dolch.« Aller Augen waren auf ihn gerichtet, er aber fuhr in demselben leichten und unbeirrten Ton fort: »Selbstverständlich zerbrachen wir uns den Kopf darüber, wer den Pfeil durch das Fenster abschoß, ob er von weit her kam, und so fort. Aber die Wahrheit ist, daß niemand den Pfeil abgeschossen hat. Er kam überhaupt nicht durchs Fenster.« »Wie ist er aber dann sonst hereingekommen?« fragte der brünette Anwalt mit finsterem Gesicht. »Jedenfalls hat ihn jemand mitgebracht«, erwiderte der Priester. »Schwer zu tragen oder zu verbergen war er ja kaum. Jemand hatte ihn in der Hand, während er dort in Mertons eigenem Zimmer mit Merton am Fenster stand. Jemand stach ihn dem alten Merton wie einen Dolch in die Kehle und hatte dann die höchst intelligente Idee, das Ganze in einem solchen Winkel und einer solchen Lage anzuordnen, daß wir blitzschnell annehmen mußten, der Pfeil sei wie ein Vogel durchs Fenster geflogen.« »Jemand«, sagte der alte Crake mit einer Stimme, die so schwer war wie ein Stein. Das Telephon läutete mit grellem und fürchterlich hartnäckigem Nachdruck. Es stand im nächsten Zimmer, und bevor jemand sich rührte, war Pater Brown schon dran. »Zum Teufel, was soll das«, schrie Peter Wain, der ganz zerrüttet und verwirrt schien. »Er sagte, er erwarte den Anruf des Sekretärs Wilton«, erwiderte sein Onkel mit derselben stumpfen Stimme. »Vermutlich ist es Wilton«, fragte der Anwalt wie jemand, der spricht, um eine Pause auszufüllen. Aber niemand erwiderte auf seine Frage, bis Pater Brown plötzlich und lautlos im Zimmer erschien und die Antwort mitbrachte. »Meine Herren,« sagte er, nachdem er sich gesetzt hatte, »Sie haben mich gebeten, die Wahrheit über dieses Rätsel herauszubekommen. Ich habe die Wahrheit gefunden und muß sie sagen, ohne daß ich zum Schein den Versuch mache, den Schlag zu mildern. Wenn jemand erst einmal seine Nase in solche Dinge hineinsteckt, kann er es sich leider nicht leisten, irgendwelche Rücksichten zu nehmen.« »Ich vermute,« brach Crake das Schweigen, »das soll heißen, daß wir alle angeklagt oder verdächtig sind.« »Wir sind alle verdächtig«, erwiderte Pater Brown. »Auch ich, denn ich habe die Leiche gefunden. Aber davon spreche ich jetzt nicht. Passen Sie auf: eben habe ich mit Wilton telephoniert. Er hat mich ermächtigt, Ihnen eine ernste Nachricht mitzuteilen. Ich glaube, Sie wissen jetzt schon alle, wer Wilton war und was er wollte.« »Ich weiß es: er war auf der Fährte Daniel Boons und konnte nicht ruhig schlafen, bevor er ihn hatte«, antwortete Peter Wain. »Ich habe auch gehört, daß er der Sohn des alten Horder sein soll und deshalb die Blutrache auf sich genommen hat. Jedenfalls ist er auf der Fährte dieses Daniel.« »Nun,« sagte Pater Brown, »er hat ihn gefunden.« Peter Wain sprang aufgeregt vom Sessel auf. »Den Mörder?« rief er; »ist der Mörder in Arrest?« »Nein«, sagte Pater Brown ernst. »Ich habe Ihnen gesagt, daß die Nachricht ernst ist. Sie ist ernster als Sie meinen. Ich fürchte, der arme Wilton hat eine schwere Verantwortung auf sich geladen. Auch uns wird sie, fürchte ich, treffen. Er brachte den Verbrecher zur Strecke, und als er ihn gestellt hatte – ja, da hat er eben die Strafe selbst vollzogen.« »Meinen Sie, daß Daniel –« »Ich meine, daß Daniel tot ist«, sagte der Priester. »Es gab einen Kampf, und Wilton tötete ihn.« »Geschieht ihm recht«, brummte Herr Crake. »Man kann ihm nicht übelnehmen, daß er einen solchen Spitzbuben um die Ecke gebracht hat,« stimmte ihm Wain bei, »besonders wenn man an die Vendetta denkt.« »Da bin ich anderer Meinung«, sagte Pater Brown. »Wir reden wohl alle manchmal Unsinn zusammen, wenn wir das Lynchen und die gesetzlose Willkür verteidigen. Aber ich glaube fast, daß wir es sehr bedauern würden, unserer Gesetze verlustig zu gehen. Außerdem scheint es mir unlogisch, Wiltons Mord an dem Verbrecher zu verteidigen, ohne auch nur danach zu fragen, warum der Verbrecher seinerseits mordete. Ich weiß nicht, ob Daniel ein gewöhnlicher Verbrecher war – vielleicht war er ein Ausgestoßener und hatte eine fixe Idee, daß er den Pokal besitzen müsse. Vielleicht hat er ihn zuerst im guten verlangt, dann gedroht und erst nach einem Kampf getötet – beide Opfer fanden nahe bei ihrem Hause den Tod. Was gegen Wiltons Vorgehen spricht, ist die Gewißheit, daß wir jetzt nie mehr etwas Näheres über Daniels Standpunkt erfahren werden.« »Ach, für diese ganze sentimentale Verteidigung von schurkischen, schuftigen Mordgesellen habe ich nichts übrig«, rief Wain in Hitze. »Wenn Wilton den Verbrecher kaltgemacht hat, so war das ein ordentliches Stück Arbeit, und damit basta.« »Sehr richtig, sehr richtig.« Sein Onkel nickte lebhaft. Pater Browns Miene wurde noch ernster, als er einen Blick über das Halbrund von Gesichtern schweifen ließ. »Ist das wirklich Ihrer aller Meinung?« fragte er. Und schon während dieser Frage verstand er, daß er ein Engländer, ein Verbannter war. Er begriff, daß er sich unter Ausländern befand, auch wenn sie Freunde waren. Um diesen Ring von Ausländern kreiste ein ruheloses Feuer, das seinem Blute fremd war. Der wildere Geist der westlichen Nation, die es fertigbringt, sich zu empören, zu steinigen und – vor allem – sich zu verbünden. Er wußte, daß sie sich bereits verbündet hatten. »Ja,« sagte Pater Brown mit einem Seufzer, »ich soll das also so verstehen, daß sie endgültig das Verbrechen dieses Unglücklichen oder seine Privatrache – wie immer Sie es nennen wollen – gutheißen? Dann wird es ihm ja nichts schaden, wenn ich Ihnen mehr darüber mitteile.« Er stand plötzlich auf. Sie verstanden die Bewegung nicht, aber auf sonderbare Weise schien sie die Luft des Zimmers zu verändern, ja abzukühlen. »Wilton hat Daniel auf recht merkwürdige Art getötet«, fing er an. »Wie?« fragte Crake plötzlich. »Mit einem Pfeil«, erwiderte Pater Brown. Dämmerung zog sich in dem langgestreckten Zimmer zusammen, das Tageslicht war nur noch ein schwaches Leuchten von dem großen Fenster im inneren Zimmer her, wo der Millionär gestorben war. Fast automatisch wanderten die Augen der Gruppe langsam dorthin, aber noch hörte man keinen Laut. Dann endlich ertönte die Stimme des alten Crake, heiser, kreischend und senil, ein krähendes Geschwätz. »Was soll das – was soll – Brander Merten durch 'nen Pfeil getötet – dieser Verbrecher durch 'nen Pfeil –« »Durch denselben Pfeil,« sagte der Priester, »und im gleichen Augenblick.« Wieder herrschte ein ersticktes, aber doch geschwollenes und zum Bersten gespanntes Schweigen. Dann begann der junge Wain: »Meinen Sie –« »Ich meine, daß Ihr Freund Merton Daniel Boon war«, sagte Pater Brown fest. »Einen anderen Daniel werden Sie nicht finden. Ihr Freund Merton war in den Pokal verliebt – er betete ihn jeden Tag an wie einen Götzen; als wilder Bursch hat er einmal zwei Menschen getötet, um in den Besitz des Kleinods zu gelangen. Freilich glaube ich auch jetzt noch, daß die beiden nur im Verlauf des Einbruchs getötet wurden. Jedenfalls hatte er jetzt den Pokal. Drage kannte die Geschichte und erpreßte Geld von ihm. Aber Wilton war aus einem ganz anderen Grunde hinter ihm her. Vermutlich hat er die Wahrheit erst erfahren, als er schon hier im Hause war. Jedenfalls aber hat seine Jagd in diesem Hause und in dem Zimmer dort geendet, denn dort hat er den Mörder seines Vaters umgebracht.« Lange Zeit antwortete niemand. Dann hörte man, wie der alte Crake mit den Fingern auf dem Tisch trommelte und brummte: »Brander war gewiß wahnsinnig. Ja, er muß wahnsinnig gewesen sein.« »Aber um Himmelswillen!« platzte Peter Wain los, »was sollen wir tun? Was sollen wir sagen? Das ändert ja alles! Was sollen wir mit den Zeitungen und den Geschäftsleuten anfangen? Brander Merton ist ungefähr dasselbe wie der Papst oder der Präsident.« »Ja gewiß, das ändert natürlich alles«, begann der Anwalt Barnard Blake leise. »Der Unterschied bringt mit sich –« Pater Brown schlug mit der Hand auf den Tisch, daß die Gläser klirrten. Man konnte sich fast einbilden, daß ein gespenstisches Echo von dem geheimnisvollen Kelch erklang, der noch immer im Nebenzimmer stand. »Nein!« rief er mit einer Stimme wie ein Pistolenschuß. »Es gibt keinen Unterschied. Ich habe Ihnen die Möglichkeit gelassen, den armen Teufel zu bedauern, solange Sie ihn noch für einen gewöhnlichen Verbrecher hielten. Damals wollten Sie nicht auf mich hören – damals waren Sie nur für persönliche Rache. Sie waren dafür, ihn ohne Gehör und ohne öffentlichen Prozeß hinschlachten zu lassen wie ein wildes Tier. Sie sagten, es sei ihm recht geschehen. Gut. Wenn Daniel Boon recht geschah, dann ist auch Brander Merton recht geschehen. Entscheiden Sie sich – für Volksjustiz oder unsern langweiligen Rechtsweg – aber im Namen des Allmächtigen, lassen Sie gleiche Willkür herrschen oder gleiches Gesetz.« Niemand antwortete außer dem Anwalt, und er antwortete mit einem Knurren. »Was wird die Polizei sagen, wenn wir ihr mitteilen, daß wir das Verbrechen gutheißen wollen?« »Was wird sie sagen, wenn ich ihr mitteile, daß Sie es schon gutgeheißen haben?« antwortete Pater Brown. »Ihre Ehrfurcht vor dem Gesetz kommt etwas spät, Herr Justizrat.« Nach einer Pause fuhr er mit milderer Stimme fort: »Ich persönlich bin bereit, die Wahrheit zu sagen, wenn die zuständige Stelle mich ausfragt. Sie andern können tun, was Ihnen beliebt. Aber es wird tatsächlich kaum etwas ausmachen. Wilton rief nur an, um mir zu sagen, daß ich jetzt die Freiheit hätte, Ihnen seine Beichte zu überbringen. Denn als Sie davon hörten, war er menschlicher Strafe bereits unerreichbar.« Er ging langsam ins Nebenzimmer und trat an den kleinen Tisch, an dem der Millionär gestorben war. Der Koptenpokal stand noch auf dem gleichen Fleck. Einen Augenblick lang blieb er dort und betrachtete den Strauß von Regenbogenfarben, hinter dem der Abgrund des Himmels blaute. Das Wunder in der Mondstraße Die Anlage der Mondstraße war ebenso romantisch gedacht wie ihr Name – und was sich dort ereignete, war in seiner Art romantisch genug. Man hatte in ihr das echte Element von Gemüt zum Ausdruck bringen wollen, das sich neben allem Handelsgeist historisch und fast als Wappenabzeichen in allen älteren Städten an der Ostküste Amerikas behauptet hat. Ursprünglich eine gerundete Häuserreihe mit klassischer Architektur, trug sie die Atmosphäre des 18. Jahrhunderts zur Schau, einer Zeit, in der Männer wie Washington und Jefferson um so bessere Republikaner schienen, weil sie Aristokraten waren. Reisende, die nach ihrer Meinung von der Stadt gefragt wurden, mußten besonders darauf eingehen, wie ihnen die Mondstraße gefiel. Gerade die Gegensätze, die jene ursprüngliche Harmonie störten, waren schuld daran, daß sich die Straße so lange erhalten hatte. Durch die letzten Fenster an einem Ende oder Horn der Straße sah man auf eine parkähnliche Anlage mit Bäumen und Hecken, steif wie ein Garten des Rokoko – gleich um die Ecke jedoch blickten die Fenster derselben Zimmer auf die blinde, abstoßende Feuermauer eines riesigen Lagerhauses, das zu irgendeinem häßlichen Industrieunternehmen gehörte. An diesem Ende waren die Häuser der Mondstraße nach dem eintönigen Muster der amerikanischen Hotels umgebaut worden; obwohl niedriger als das Lagerhaus, hätte man sie in Europa schon als Wolkenkratzer bezeichnet. Aber der Säulengang, der sich vorn an sämtlichen Häusern der Straße entlang zog, trug eine graue und verwitterte Stattlichkeit zur Schau, als gingen die Geister der Väter der Republik noch jetzt darin spazieren. Innen jedoch waren die Räume mit dem modernsten New-Yorker Komfort ausgestattet, besonders in dem letzten Hause, das zwischen der Feuermauer der Fabrik und dem gepflegten Garten lag. Es enthielt eine Reihe abgeschlossener Hotelwohnungen, die aus Wohn- und Schlafzimmer und Baderaum bestanden und einander so ähnlich waren wie die Zellen eines Bienenstocks. In einer dieser Wohnungen saß der berühmte Warren Wynd an seinem Schreibtisch und ordnete Briefschaften, wobei er mit erstaunlicher Schnelligkeit und Exaktheit Befehle erteilte. Er war ein sehr kleiner Mann mit schütterem grauem Haar und einem Spitzbart, dem Anschein nach zart, aber feurig und energisch. Seine Augen waren herrlich – strahlender als Sterne und stärker als Magnete – wer sie je gesehen, konnte sie nicht so leicht vergessen. Und er hatte auch tatsächlich in seinem Beruf als Reformator und Organisator an vielen wohltätigen Anstalten bewiesen, daß er Augen im Kopf hatte. Man erzählte sich alle möglichen Geschichten und Legenden über die wunderbare Schnelligkeit, mit der er sich ein richtiges Urteil bildete, besonders über den Charakter eines Menschen. Wie man behauptete, hatte er sich die Gattin, die ihm so lange Zeit bei seinen Hilfsaktionen beigestanden war, aus einem ganzen Regiment von Frauen in Uniform herausgesucht, das bei einer offiziellen Gelegenheit vorbeidefiliert war – Pfadfinderinnen sagten die einen, weibliche Polizisten die anderen. Und bekannt war auch noch eine andere Geschichte. Eines Tages hatten ihn drei Landstreicher um ein Almosen angesprochen – alle drei gleich zerlumpt, verwahrlost und schmutzig und nicht voneinander zu unterscheiden. Ohne einen Augenblick zu zögern, hatte er den einen einem Krankenhaus zugewiesen, das sich mit der Heilung eines bestimmten nervösen Leidens befaßte, dem zweiten eine Empfehlung für ein Alkoholikerheim mitgegeben und den dritten mit einem schönen Gehalt als seinen eigenen Privatsekretär angestellt, welche Stellung er noch viele Jahre ausfüllte. Unvermeidlich waren natürlich die Anekdoten, wie er sich bei der Unterredung mit berühmten Personen wie Henry Ford und Mrs. Asquith benommen hatte, und eines stand jedenfalls fest: er war nicht der Mann, sich von irgendwelchen Persönlichkeiten einschüchtern zu lassen. Auch jetzt fuhr er ruhig fort, in seinen Wirbelwind von Papieren Ordnung zu bringen, obwohl er einem Mann von nicht geringerer Bedeutung gegenübersaß. Silas T. Vandam, der Milliardär und Ölmagnat, war ein magerer Mensch mit einem langen gelben Gesicht und blauschwarzem Haar, was beides im Augenblick an ihm weniger auffiel und unheimlicher wirkte, weil sein Profil und seine Gestalt sich dunkel von dem Fenster und der weißen Feuermauer draußen abhoben. Er trug einen eleganten Wintermantel mit Pelzverbrämung, der bis oben hinauf zugeknöpft war. Wynds angeregtes Gesicht und seine leuchtenden Augen dagegen wurden von dem zweiten Fenster, das auf den Garten sah, voll beleuchtet – er schien stark interessiert, aber nicht durch den Milliardär. Sein Kammerdiener oder Faktotum, ein großer, kräftiger Mann mit schlichtem blonden Haar stand hinter dem Schreibtisch seines Herrn und hielt einen Stoß Briefe, während sein Privatsekretär, ein adretter, rothaariger junger Mann mit schlauem Gesicht schon die Türklinke in der Hand hatte, als erriete er die Absicht oder gehorchte einem Wink seines Chefs. Das Zimmer war nicht nur ordentlich, sondern kahl, ja fast leer; denn mit seiner bekannten Gründlichkeit hatte Wynd das Apartement darüber ganz gemietet und daraus eine Art Archiv oder Bodenraum gemacht, wo seine sämtlichen Papiere und Besitztümer in Kisten und verschnürten Paketen aufbewahrt wurden. »Geben Sie das dem Buchhalter, Wilson,« sagte er zu dem Diener, der die Papiere hielt, »und dann bringen Sie mir von oben die Broschüre über die Nachtlokale in Minneapolis; sie muß in dem Paket sein, auf dem »G« steht. Ich muß sie in einer halben Stunde haben, vorher bitte ich mich nicht zu stören. Ja, Mr. Vandam, Ihr Vorschlag klingt vielversprechend – aber ich kann mich erst endgültig entscheiden, wenn ich den Bericht gelesen habe. Ich dürfte ihn morgen nachmittag bekommen, dann rufe ich Sie sofort an. Ich bedaure sehr, Ihnen jetzt noch nichts Entscheidendes sagen zu können.« Vandam schien zu fühlen, daß man ihn auf höfliche Art verabschiede – sein bleiches, düsteres Gesicht zeigte, daß diese Tatsache auf ihn ironisch wirkte. »Na, dann werde ich wohl gehen müssen«, sagte er. »Vielen Dank für Ihren Besuch«, erwiderte Wynd höflich. »Sie sind doch nicht böse, wenn ich Sie nicht hinausbegleite? Ich muß hier sofort etwas erledigen, Fenner,« setzte er zum Sekretär gewandt hinzu, »begleiten Sie Mr. Vandam zu seinem Auto und kommen Sie erst nach einer halben Stunde wieder. Ich muß hier allein eine Sache durcharbeiten; nachher werde ich Sie brauchen.« Die drei Männer gingen zusammen in den Korridor hinaus und machten die Tür hinter sich zu. Der große Diener Wilson ging zur Treppe, die hinaufführte, und die andern beiden nach der entgegengesetzten Seite, wo der Aufzug sich befand – denn Wynds Wohnung lag im vierzehnten Stockwerk des Hauses. Sie waren noch in nächster Nähe der geschlossenen Türe, als sie eine imposante, ja majestätische Gestalt gewahr wurden, die sich ihnen näherte. Der Mann war sehr groß und breitschultrig; seine Größe fiel noch mehr dadurch auf, daß er ganz in Weiß war oder in Hellgrau, das wie Weiß wirkte; dazu trug er einen breiten weißen Panama und einen fast ebenso breiten und ebenso weißen Heiligenschein von weißem Haar. In dieser Aureole wirkte sein Gesicht stark und schön wie das eines römischen Imperators, bis auf einen knabenhaften, fast kindischen Zug, der sich besonders in den hellen Augen und einem beseligten Lächeln ausdrückte. »Ist Mr. Warren Wynd zu Hause?« fragte er lebhaft und freundlich. »Mr. Warren Wynd ist beschäftigt«, sagte Fenner. »Er darf auf keinen Fall gestört werden. Ich bin sein Sekretär und werde gern bestellen was Sie wünschen.« »Mr. Warren Wynd ist für den Papst und gekrönte Häupter auch nicht zu sprechen«, sagte der Ölmagnat mit saurem Humor. »Mr. Warren Wynd ist sehr eigen. Ich bin da 'reingegangen, um ihm unter gewissen Bedingungen 20 000 Dollar zukommen zu lassen, und er hat mir gesagt, daß ich später wiederkommen soll, wie ein Botenjunge.« »Ein Junge sein ist was sehr Schönes«, sagte der Fremde, »und eine Botschaft bringen noch schöner; und ich habe eine für ihn, die er einfach hören muß. Es ist eine Botschaft aus dem großen, guten Lande im Westen, wo der echte Amerikaner im Werden begriffen ist, während ihr anderen alle schnarcht. Sagen Sie ihm mal eben, daß Art Alboin aus Oklahoma hergekommen ist, um ihn zu bekehren.« »Ich sage Ihnen doch, daß er nicht zu sprechen ist«, erwiderte der Sekretär mit Schärfe. »Er hat Befehl gegeben, ihn eine halbe Stunde lang nicht zu stören.« »Ihr Leute hier im Osten laßt euch nicht gerne stören«, sagte der lebhafte Alboin. »Ich sage euch aber, daß im Westen ein starker Sturm braust, der euch doch stören wird. Er rechnet sich aus, wieviel Geld die und wieviel jene olle staubige Religion kriegen soll – aber ich sage euch, jede Verteilung, die die große neue geistige Bewegung in Texas und Oklahoma vergißt, vergißt die Religion der Zukunft.« »Mit den Religionen der Zukunft bin ich fertig«, sagte der Milliardär verächtlich. »Sie sind räudig wie Hunde. Spiritisten mit Fäden an allen Tischen und allen Tamburinen – die Unsichtbaren, die mir einreden wollten, daß sie nach Belieben verschwinden können und auch verschwunden sind – und hunderttausend Dollar ans meiner Tasche mit. Nein, von jetzt an glaube ich nur das, was ich mit Augen sehe. Wahrscheinlich nennt man das einen Atheisten.« »Nein, Sie verstehen mich gar nicht«, sagte der Herr aus Oklahoma beinahe eifrig. »Ich bin sicher ein ebenso großer Atheist wie Sie. In unserer Bewegung gibt es keinen übernatürlichen und abergläubischen Quatsch – nur reine Wissenschaft. Die einzige richtige Wissenschaft ist die Lehre von der Gesundheit – und die einzige richtige Gesundheit beruht auf dem Atmen. Füllen Sie Ihre Lungen mit der freien Luft der Steppe, und Sie können alle alten Städte hier im Osten ins Meer pusten. Sie können alle großen Männer wegpusten wie Federdaunen. Und das machen wir eben zu Hause: wir atmen. Wir beten nicht – wir atmen.« »Ja, vermutlich atmen Sie«, sagte der Sekretär mit erloschener Stimme. Sein gewecktes, intelligentes Gesicht konnte kaum seine Müdigkeit verbergen. Er hatte jedoch den beiden Vorträgen mit bewunderungswürdiger Geduld und Höflichkeit zugehört. »Nichts übernatürliches,« fuhr Alboin fort, »nur die einzige natürliche Tatsache, die hinter allem Aberglauben steht. Wozu brauchten die alten Juden einen Gott, als um dem Menschen den Lebensodem einzublasen? Das besorgen wir in Oklahoma selber. Was bedeutet der Ausdruck ›Spiritus‹? Es ist griechisch und heißt Atemübung. Leben, Fortschritt, Prophezeiung, alles beruht auf dem Atmen.« »Na, ich bin jedenfalls froh, daß Sie mit dem alten Götterglauben aufgeräumt haben«, sagte Vandam. Das weiße, angespannte Gesicht des Sekretärs zeigte einen Zug, der von einer sonderbaren Verbitterung zu sprechen schien. »Ich nicht«, sagte er. »Ich weiß bloß, daß es keinen Gott gibt. Wie es scheint, macht Ihnen der Atheismus Spaß – vielleicht glauben Sie also nur, was Sie gern glauben möchten. Ich aber wollte bei Gott, daß es einen Gott gäbe – und es gibt keinen. Mein Pech.« Plötzlich, ohne daß sich ein Geräusch oder eine Bewegung ereignet hätte, wurden sie sich bewußt, daß die Gruppe Menschen, die vor Wynds Türe stand, in aller Stille auf vier Personen angewachsen war. Keiner der so eifrig Disputierenden hätte sagen können, wie lange der Vierte dastand; jedenfalls sah es aus, als warte er voll Respekt, ja Schüchternheit auf die Gelegenheit, etwas Dringendes vorzubringen. Nervös und überreizt wie sie waren, schien es ihnen jedoch, als sei er wie ein Pilz leise und plötzlich aus dem Boden gewachsen. Und so sah er auch aus, wie ein großer schwarzer Pilz, denn er war sehr untersetzt und sein geistlicher schwarzer und breiter Hut beschattete ihn völlig. Vielleicht wäre die Ähnlichkeit noch größer gewesen, hätten die Pilze die Gewohnheit, abgenutzte und unförmliche Regenschirme zu tragen. Der Sekretär Fenner wunderte sich doppelt, einen Priester zu erkennen – aber als der Priester unter dem runden Hut ein rundes Gesicht emporhob und nach Mr. Warren Wynd fragte, gab er den gewöhnlichen abschlägigen Bescheid noch kurz angebundener als zuvor. Der Priester ließ sich jedoch nicht abschrecken. »Ich möchte Mr. Wynd wirklich gerne sehen«, sagte er. »Es klingt so sonderbar – aber ich möchte ihn nur sehen. Ich möchte ihn gar nicht sprechen. Ich möchte sehen, ob er da ist und ob man ihn noch sehen kann.« »Ich sage Ihnen doch, daß er da ist«, erwiderte Fenner gereizt. »Was soll das heißen: Sie wollen sehen, ob man ihn sehen kann? Natürlich ist er da – wir sind erst vor fünf Minuten von ihm fort, und seither sind wir immer vor der Türe gestanden.« »Nun, ich möchte sehen, wie es ihm geht«, sagte der Priester. »Warum?« fragte der Sekretär erbittert. »Weil ich ernste, ich möchte sagen traurige Gründe habe,« erwiderte der Geistliche, »an seinem Wohlergehen zu zweifeln.« »Allmächtiger!« rief Vandam wütend aus, »schon wieder ein neuer Aberglaube!« »Ich sehe, daß ich meine Gründe anführen muß«, bemerkte der kleine Geistliche ernst. »Vermutlich werden Sie mich nicht einmal durch einen Türspalt sehen lassen, bevor ich Ihnen die ganze Geschichte erzähle.« Er schwieg einen Augenblick nachdenklich und fuhr dann fort, ohne die erstaunten Gesichter zu beachten. »Ich ging gerade draußen auf der Straße vorbei, als ich einen sehr zerlumpten Mann sah, der von der Ecke am äußeren Ende der Straße hergelaufen kam. Er raste mir auf dem Pflaster entgegen und wies mir eine große, derbknochige Gestalt und ein Gesicht, das ich kannte. Es war das Gesicht eines verwilderten Iren, dem ich einmal geholfen habe – den Namen werde ich nicht nennen. Als er mich erblickte, wankte er, rief mich beim Namen und sagte: »Himmlischer Vater, es ist der Pater Brown – Sie sind der einzige Mensch, dessen Gesicht mich heute erschrecken kann.« Ich verstand, was er meinte – er hatte irgend etwas angestellt, und ich glaube, daß ihn mein Gesicht nicht einmal so sehr erschreckt haben kann, denn er erzählte mir bald die ganze Geschichte. Eine höchst sonderbare Geschichte allerdings. Er fragte mich, ob ich Warren Wynd persönlich kenne und ich verneinte es, obgleich ich wußte, daß er hier oben eine Wohnung hat. Er sagte darauf: »Das ist ein Mensch, der sich für einen Heiligen Gottes hält. Wenn er aber wüßte, wie ich über ihn denke, würde er sich aufhängen.« Ich fragte, ob er Wynd etwas getan habe, und seine Antwort war recht merkwürdig. Er sagte: »Ich habe einen Revolver genommen und ihn weder mit Schrot noch mit einer Kugel, wohl aber mit einem Fluche geladen.« Soweit ich ihn verstand, hatte er nichts weiter getan, als daß er in die kleine Sackgasse zwischen dem Lagerhaus und diesem Gebäude gegangen war, einen nur mit Pulver geladenen Revolver in der Hand, und ihn gegen die Wand abgefeuert hatte, als ob er damit das Haus habe niederschießen wollen. »Aber während ich das tat,« sagte er, »habe ich ihm mit dem schwersten aller Flüche geflucht. Gottes Gerechtigkeit sollte ihn ereilen und ihn am Kopfe, die Rache der Hölle aber an den Füßen fassen, und wie Judas sollte er auseinandergerissen werden, auf daß die Erde ihn nicht mehr kenne.« Was ich dem armen Wahnsinnigen noch gesagt habe, gehört nicht hierher – er ging beruhigt fort und ich begab mich an die Rückwand des Gebäudes, um nachzusehen. Und da lag wahrhaftig am Fuße dieser Mauer ein altmodischer, rostiger Revolver; ich verstehe genug von diesen Dingen, um zu wissen, daß er nur mit etwas Pulver geladen worden war; auf der Mauer sah man die schwarzen Pulverspuren und sogar die Stelle, wo der Lauf sich abgedrückt hatte, aber keine noch so kleine Vertiefung durch eine Kugel. Er hat keine Spuren der Zerstörung hinterlassen, ja überhaupt keine Spuren außer diesen schwarzen Zeichen und den schwarzen Flüchen, die er gegen den Himmel schleuderte. Und deshalb bin ich hierhergekommen, um Warren Wynd zu sehen und mich zu überzeugen, daß es ihm gut geht.« Fenner lachte. »Da kann ich Sie leicht beruhigen. Ich versichere Sie, daß er durchaus wohl ist; vor ein paar Minuten, als wir ihn verließen, schrieb er an seinem Schreibtisch. Er war allein in der Wohnung; die Entfernung von der Straße beträgt dreißig Meter, und sein Zimmer ist so gelegen, daß ihn kein Schuß erreicht haben würde, selbst angenommen, Ihr Freund hätte nicht nur Pulver verschossen. Außer dieser Türe gibt es keinen Eingang zur Wohnung, und wir stehen die ganze Zeit hier.« »Trotzdem,« sagte der Priester ernst, »möchte ich gerne einen Blick hineintun.« »Es geht aber nicht«, gab der andere zurück. »Sie werden mir doch um Himmelswillen nicht sagen, daß Sie auf den Fluch etwas geben.« »Sie vergessen,« sagte der Milliardär mit leichtem Hohn, »daß Seine Hochwürden sich nur mit Flüchen und Segen abgeben. Sagen Sie, lieber Herr, wenn er zur Hölle verflucht worden ist, warum segnen Sie ihn nicht, bis er wieder zurückkommt? Was nutzen Ihre Segenssprüche, wenn Sie nicht imstande sind, den Fluch eines Irländers zu entkräften?« »Das ist alles Blödsinn«, sagte Fenner. »Ich will nicht beleidigend werden. Der ganze Quatsch paßt vielleicht sehr gut in Klöster und Grabgewölbe und so weiter. Aber durch eine geschlossene Tür in einem amerikanischen Hotel kommen keine Gespenster durch.« »Aber Menschen können diese Tür öffnen,« sagte der Priester geduldig, »sogar in einem amerikanischen Hotel. Und mir scheint es das einfachste, sie zu öffnen.« »So einfach, daß es mich meine Stelle kosten würde«, antwortete der Sekretär. »Warren Wynd liebt das gar nicht, wenn seine Sekretäre auf jedes Märchen hereinfallen, an das Sie vielleicht glauben.« »Ich glaube vermutlich an viele Dinge,« erwiderte der Priester ernst, »an die Sie nicht glauben. Aber es würde zu lange dauern, wenn ich das erklären und Ihnen beweisen wollte, warum ich recht habe. Dagegen dauert es nur zwei Sekunden, die Tür zu öffnen und mir zu beweisen, daß ich im Unrecht bin.« Irgend etwas an diesem Ausdruck schien dem unsteten und ruhelosen Geist des Mannes aus dem Westen zu entsprechen. »Ich möchte Ihnen verteufelt gern beweisen, daß Sie unrecht haben«, sagte Alboin. Er ging schnell an ihnen vorbei, öffnete die Türe und blickte hinein. Auf den ersten Blick sahen sie Wynds leeren Sessel. Ein zweiter Blick zeigte, daß auch das Zimmer leer war. Fenner schien elektrisch belebt. Er stürzte an ihnen vorbei ins Zimmer. »Er ist im Schlafzimmer,« sagte er kurz, »er muß dort sein.« Während er im Innenraum verschwand, standen die anderen da und starrten das leere Zimmer an. Die strenge Einfachheit der Ausstattung, von der wir bereits gesprochen haben, wirkte auf sie wie eine Herausforderung. In diesem Zimmer konnte man nicht einmal eine Maus verstecken, geschweige einen Menschen. Es gab weder Vorhänge noch – was in Amerika selten ist – eingebaute Schränke. Selbst das Pult war nur ein einfacher Tisch mit einer flachen Schublade und aufgeklappter Platte. Die Stühle waren harte und gradlehnige Gerippe. Einen Augenblick später kam der Sekretär wieder durch die andere Tür zum Vorschein. Er hatte die beiden Innenräume durchsucht. In seinen Augen stand eine gespannte Frage zu lesen und sein Mund selbständig zu arbeiten, als er fragte: »Hier ist er wohl nicht herausgekommen?« Die anderen schienen es nicht einmal nötig zu finden, diese verneinende Frage nochmals zu verneinen. Ihr Verstand befand sich vor einem Hindernis, das ebenso undurchdringlich war wie die blinde Feuermauer des Lagerhauses, die durch das gegenüberliegende Fenster hereinsah und langsam ihre Farbe von Weiß zu Grau veränderte, während mit dem sinkenden Nachmittag die Dämmerung hereinbrach. Vandam ging an die Fensterbrüstung, über die er sich vor einer halben Stunde gelehnt hatte, und sah durch das offene Fenster hinaus. Es waren weder Röhren noch Feuerleitern vorhanden, kein Gesims und keine Ausbuchtung, nichts, worauf der Fuß sich halten konnte – das Gebäude fiel senkrecht zur Straße hinab, und auch nach oben hin konnte man auf der Mauer, die sich noch viele Stockwerke hoch erhob, nicht das geringste erblicken. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite war noch weniger zu sehen – da gab es nichts als die ermüdende Fläche der weißgetünchten Mauer. Er spähte nach unten, als erwarte er, den verschwundenen Philantropen als Selbstmörderleiche auf dem Pflaster liegen zu sehen. Er sah aber nichts als einen kleinen dunklen Gegenstand, der, obwohl durch die Entfernung verkleinert, sehr wohl der Revolver sein konnte, den der Priester dort gefunden hatte. Inzwischen war Fenner an das andere Fenster getreten, das in einer ebenso glatten und unzugänglichen Wand lag, aber statt auf eine Seitenstraße auf eine kleine Anlage hinuntersah. Eine Gruppe von Bäumen unterbrach zwar hier die Aussicht auf den Erdboden, aber sie reichten an dem riesigen von Menschenhänden erbauten Felsen nur in geringer Höhe hinauf. Beide wandten sich ins Zimmer zurück und sahen sich an. Die Dämmerung wuchs zusehends, und der letzte Glimmer des Tageslichts auf den glänzenden Flächen der Tische und Pulte wurde immer grauer. Wie vom Zwielicht gereizt, berührte Fenner den Schalter, und die Szene wurde plötzlich von der erschreckenden Deutlichkeit der elektrischen Beleuchtung erhellt. »Wie Sie eben sagten,« meinte Vandam grimmig, »hätte ihn ein Schuß von da unten nicht erreichen können, selbst wenn der Revolver geladen war. Aber selbst wenn ihn die Kugel erreicht hätte, wäre er doch nicht wie eine Blase geplatzt!« Der Sekretär, der noch bleicher war als sonst, blickte verärgert auf das krankhaft gelbe Gesicht des Milliardärs. »Wie kommen Sie auf diese trübsinnigen Gedanken? Weshalb reden Sie von Blasen und Kugeln? Warum soll er denn nicht am Leben sein?« »Ja gewiß«, erwiderte Vandam fließend. »Wenn Sie mir sagen, wo er ist, werde ich Ihnen auch erzählen, wie er hingekommen sein kann.« Nach einer Pause erwiderte der Sekretär trotzig: »Sie haben vermutlich recht. Wir sind hier gerade in die Sache hineingeraten, von der wir vorhin sprachen. Das wäre doch sonderbar, wenn Sie oder ich zugeben müßten, daß Flüche wirklich etwas zu bedeuten haben. Aber wer hätte Wynd hier oben etwas anhaben können?« Mr. Alboin aus Oklahoma stand mit gespreizten Beinen mitten im Zimmer. Sein weißer flaumiger Heiligenschein und seine runden Augen strahlten Erstaunen aus. An diesem Punkt des Gespräches sagte er unvermittelt, mit der herausplatzenden Frechheit eines enfant terrible : »Sie konnten ihn wohl nicht recht riechen, wie, Mr. Vandam?« Vandams langes Gesicht schien noch länger und düsterer zu werden, während er mit einem Lächeln ruhig antwortete: »Da wir von merkwürdigen Zufällen reden, waren Sie es, glaube ich, der vorhin sagte, daß ein Wind vom Westen her unsere großen Männer wegblasen würde wie Federdaunen.« »Ja, gesagt habe ich es wohl,« sagte der Mann aus dem Westen offenherzig; »aber trotzdem begreife ich nicht, wie zum Teufel es möglich war?« Das Schweigen wurde durch Fenner gebrochen, der plötzlich, ja fast heftig ausrief: »Über die ganze Sache läßt sich nur eins sagen: sie ist nicht passiert. Sie kann nicht passiert sein.« »O doch,« bemerkte Pater Brown aus seiner Ecke, »sie ist allerdings passiert.« Alle fuhren zusammen, denn sie hatten wirklich ganz den unscheinbaren kleinen Priester vergessen, der sie zuerst veranlaßt hatte, die Türe zu öffnen. Zugleich mit der Erinnerung überkam sie ein jäher Stimmungswechsel. Plötzlich fiel es ihnen ein, daß sie ihn als abergläubischen Träumer abgelehnt hatten, weil er auf genau das angespielt hatte, was sie seither mit Augen sehen mußten. »Donnerwetter nochmal!« rief der impulsive Mann aus dem Westen, als ginge die Zunge mit ihm durch. »Vielleicht ist doch noch was dran.« »Ich kann nicht leugnen,« sagte Fenner und runzelte die Stirn, »daß die Annahme von Hochwürden scheinbar wohl begründet war. Ich weiß nicht, ob er uns noch etwas zu sagen hat.« »Er könnte uns vielleicht sagen,« meinte Vandam ironisch, »was zum Teufel wir jetzt tun sollen?« Der Priester schien die Verantwortung bescheiden aber selbstverständlich aufzunehmen. »Ich kann nichts sagen,« bemerkte er, »als daß wir zuerst die Leitung verständigen und dann nachsehen müssen, ob der Mann mit dem Revolver nicht noch andere Spuren hinterlassen hat. Er ist am anderen Ende der Straße verschwunden, bei dem kleinen Garten; dort sind Sitzplätze, wo sich Landstreicher gern aufhalten.« Eine ziemliche Zeit verstrich mit direkten Besprechungen, die mit der Hotelleitung, und indirekten, die mit der Polizei geführt wurden, und so war es fast Nacht, als sie die runde klassische Kurve der Straße betraten. Sie sah so kahl und hohl aus wie der Mond, nach dem sie benannt war, und der Mond selbst stieg leuchtend aber gespenstisch hinter den schwarzen Baumkronen hervor, als sie an der Anlage um die Ecke bogen. Die Nacht verschleierte manches, was sonst nur städtisch und künstlich aussah, und als sie im Schatten der Bäume untertauchten, hatten sie das sonderbare Gefühl, plötzlich viele hundert Meilen von ihrer Heimat fortgereist zu sein. Sie gingen ein Weilchen schweigend dahin, bis Alboin, der wirklich etwas Elementares an sich hatte, plötzlich ausbrach. »Ich geb's auf«, rief er; »ich bin geschlagen. Ich hätte nie geglaubt, daß ich mich mit solchen Dingen befassen würde – aber was soll man tun, wenn die Dinge sich an einen herandrängeln? Verzeihen Sie, Pater Brown – ich gebe klein bei, was Sie und Ihre Ammenmärchen betrifft. Von jetzt an stehe ich auf Seite der Ammenmärchen. Und Sie, Mr. Vandam, Sie haben selbst gesagt, daß Sie ein Atheist sind und nur glauben, was Sie sehen. Nun, was haben Sie gesehen? Oder vielmehr, was haben Sie nicht gesehen?« »Ich weiß«, nickte Vandam trübselig. »Ach, zum Teil ist es nur der Mond und die Bäume, die uns auf die Nerven fallen«, meinte Fenner hartnäckig. »Bäume sehen im Mondlicht immer sonderbar aus, wenn ihre Zweige an ihnen herumkriechen. Da, sehen Sie mal –« »Ja«, sagte Pater Brown. Er war stillgestanden und betrachtete den Mond durch ein Geflecht von Bäumen. »Das da oben ist ein sehr sonderbarer Ast.« Als er wieder sprach, sagte er bloß: »Ich dachte, es sei ein gebrochener Ast.« Aber in seiner Stimme klang ein Zittern mit, das seine Begleiter grundlos erschauern machte. Da oben hing wirklich etwas, das wie ein toter Ast aussah, schlaff an dem Baum herab, der sich schwarz vom Monde abhob; aber es war kein toter Ast. Als sie nahe genug herankamen, um es zu erkennen, sprang Fenner mit einem lauten Fluch zur Seite. Dann lief er näher heran und löste einen Strick von dem Hals eines kleinen dunklen Körpers mit hängenden Strähnen von grauem Haar, der vom Ast baumelte. Trotzdem wußte er, daß der Körper ein Leichnam war, bevor es ihm gelang, ihn vom Baume abzunehmen. Ein langer Strick war mehrmals um die Zweige gewunden, und nur ein kurzes Stück davon verband die Gabel des Astes mit dem Körper. Ein großer Gartenbottich war einige Meter weit unter den Füßen fortgerollt, wie der Schemel, den Selbstmörder im letzten Augenblick mit den Füßen fortstoßen. »O Gott«, sagte Alboin, und es klang halb wie ein Gebet und halb wie ein Fluch. »Was sagte der Mann? ›Wenn er wüßte, würde er sich aufhängen.‹ Nicht wahr, das hat er doch gesagt, Pater Brown?« »Ja«, sagte der Priester. »Na,« flüsterte Vandam mit hohler Stimme, »ich hab's mir nie träumen lassen, daß ich nochmal so etwas denken würde. Aber was soll man dazu sagen, als daß der Fluch gewirkt hat?« Fenner stand da, die Hände vor dem Gesicht, und der Priester legte ihm die Hand auf den Arm und fragte sanft: »Hatten Sie ihn gern?« Der Sekretär ließ die Hände sinken. Sein weißes Gesicht sah unter dem Mond totenbleich aus. »Ich habe ihn gehaßt wie die Hölle,« sagte er, »und wenn er an einem Fluch gestorben ist, kann es ebensogut meiner sein.« Die Hand des Priesters drückte seinen Arm stärker, und Pater Brown sagte mit einer Eindringlichkeit, die er bisher nicht gezeigt hatte: »Bitte trösten Sie sich, er ist keineswegs auf diese Art gestorben.« Wenige Tage später erhielt Pater Brown einen sehr höflichen Brief, der Silas T. Vandam unterschrieben war und ihn aufforderte, zu einer gegebenen Zeit sich in den Räumen einzufinden, aus denen der Tote verschwunden war, um die nötigen Schritte zur Feststellung dieses wunderbaren Ereignisses vorzunehmen. Das Ereignis selbst war bereits in den Zeitungen aufgetaucht und wurde überall von den feurigen Anhängern des Okkultismus mit Begeisterung aufgegriffen. Pater Brown sah grelle Plakate mit den Worten: »Selbstmörder verschwindet« und »Philanthrop erhängt sich wegen Fluch«, als er die Mondstraße betrat und die Stiege zum Aufzug hinaufging. Er fand die kleine Gruppe so vor, wie er sie verlassen hatte, nämlich Vandam, Alboin und den Sekretär – aber in ihrem Ton ihm gegenüber lag neue Achtung und selbst Ehrfurcht. Sie standen an Wynds Schreibtisch, auf dem ein großer Papierbogen und Schreibmaterialien lagen, und wandten sich um, ihn zu begrüßen. »Pater Brown,« sagte der Sprecher – es war der weißhaarige Mann aus dem Westen, den die Verantwortung etwas gesetzter gemacht hatte, »wir haben Sie hergebeten, um Ihnen erstens einmal unsere Entschuldigungen und unseren Dank auszusprechen. Wir sehen ein, daß Sie es waren, der zuerst die geistige Manifestation als solche erkannte. Wir waren alle hartgesottene Skeptiker; aber jetzt begreifen wir, daß man diese harte Schale durchbrechen muß, um die großen Dinge jener anderen Welt zu erfassen. Diesen Standpunkt vertreten Sie; Sie vertreten die übernatürliche Erklärung der Dinge, und wir müssen uns Ihnen unterordnen. Und zweitens fühlen wir, daß dieses Dokument hier ohne Ihre Unterschrift unvollständig wäre. Wir teilen darin die genauen Tatsachen der Gesellschaft zur Erforschung der psychischen Phänomene mit, weil die Zeitungsmeldungen sozusagen nicht genau stimmen. Wir führen an, wie der Fluch auf der Straße ausgesprochen wurde; wie derselbe Mensch, der in diesem Zimmer eingeschlossen war wie in einer versiegelten Kiste, durch den Fluch sofort zu Luft aufgelöst, auf unausdenkbare Weise wieder verkörpert und als Selbstmörder an einen Galgen gehängt wurde. Und da Sie der erste waren, der an das Wunder geglaubt hat, sind wir alle der Meinung, daß Sie auch als erster unterschreiben müssen.« »Nein, danke«, sagte Pater Brown verlegen. »Das möchte ich nicht gern.« »Sie meinen, Sie möchten nicht als erster zeichnen?« »Ich meine, daß ich überhaupt nicht gerne zeichnen möchte«, sagte Pater Brown bescheiden. »Wissen Sie, ein Mann in meiner Stellung darf wirklich nicht über Wunder Witze machen.« »Aber Sie haben doch selber gesagt, daß es ein Wunder ist?« fragte Alboin mit weit aufgerissenen Augen. »Das tut mir aber sehr leid«, sagte Pater Brown. »Mir scheint, hier liegt ein kleiner Irrtum vor. Ich glaube nicht gesagt zu haben, daß es ein Wunder ist. Ich habe nur gesagt, daß etwas passieren könnte. Und darauf bemerkten Sie dann, es könnte ohne ein Wunder nicht passieren. Dann passierte es doch. Und deshalb sagten Sie, es sei ein Wunder. Aber ich habe von Anfang bis zu Ende nicht ein Wort von Wundern oder Magie oder Ähnlichem gesprochen.« »Aber ich habe doch gemeint, daß Sie an Wunder glauben?« unterbrach der Sekretär. »Ja«, sagte Pater Brown. »Ich glaube an Wunder. Ich glaube auch daran, daß es menschenfressende Tiger gibt, aber ich bilde mir nicht ein, sie überall zu sehen. Wenn ich Wunder brauche, weiß ich, wo sie zu finden sind.« »Ich begreife nicht, wie Sie diese Haltung einnehmen können, Pater Brown«, sagte Vandam eifrig. »Das klingt so engherzig – und Sie machen doch keinen engherzigen Eindruck, wenn Sie auch ein Pfaffe sind. Sehen Sie nicht, daß ein Wunder wie dieses da endgültig allem Materialismus den Garaus machen muß? Es wird der ganzen Welt in Riesendruck verkünden, was geistige Kräfte ausrichten können und schon ausgerichtet haben. Sie werden dem Glauben einen Dienst leisten, wie er ihm von keinem Priester je geleistet wurde.« Der kleine Priester hatte sich aufgerichtet und schien trotz seiner untersetzten Figur auf seltsame Weise in unbewußte und unpersönliche Würde gekleidet. »Nun,« sagte er, »Sie werden mir gewiß nicht zumuten wollen, daß ich dem Glauben durch etwas diene, was ich als Lüge erkannt habe. Ich weiß nicht genau, was Sie mit dieser Phrase meinen – und Sie vermutlich auch nicht, wenn ich ganz ehrlich sein soll. Vielleicht kann man dem Glauben dienen, indem man lügt – Gott aber sicherlich nicht. Und da Sie so hartnäckig immer wieder darauf zurückkommen, was ich glaube, wäre es da so gefehlt, wenn Sie endlich eine Ahnung davon bekämen, was das eigentlich ist?« »Ich glaube, ich verstehe Sie nicht ganz«, bemerkte der Millionär neugierig. »Das glaube ich auch«, erwiderte Pater Brown einfach. »Sie sagen, übersinnliche Kräfte hätten es begangen. Welche übersinnlichen Kräfte? Sie glauben doch nicht, daß die heiligen Engel ihn genommen und an einem Baum im Garten aufgehängt haben, nicht wahr, nein? Und was die gefallenen Engel betrifft – nein, nein und nochmals nein. Die Menschen, die das verbrochen haben, taten etwas sehr Böses, aber sie begnügten sich mit ihrer eigenen Bosheit – sie waren nicht so böse, sich mit übersinnlichen Kräften einzulassen. Der Satanismus ist mir nicht unbekannt, leider – ich war gezwungen, mich mit ihm abzugeben und weiß, wie er ist, wie er fast immer ist. Er ist stolz und verschlagen. Er liebt es, sich als überlegen aufzuspielen, die Unschuldigen mit halbverstandenen Dingen zu erschrecken, kleine Kinder zu ängstigen. Darum hat er solch eine Vorliebe für Mysterien und Einweihungen und geheime Gesellschaften und so weiter. Seine Augen sind nach innen gerichtet, und so erhaben und ernst er auch aussehen mag, so verbirgt er doch immer ein kleines, wahnsinniges Lächeln.« Er erzitterte, wie von einem eisigen Luftzug getroffen. »Lassen wir sie beiseite – hiermit haben sie nichts zu tun, das können Sie mir glauben. Meinen Sie, daß dieser arme, verwilderte Ire, der rasend durch die Straße lief, die Hälfte ausschwatzte, als er mein Gesicht erblickte, und dann ausriß aus Angst, noch mehr zu verraten – glauben Sie, daß Satan ihm Geheimnisse anvertraut? Ich will zugeben, daß er an einem Komplott beteiligt war, vermutlich mit zwei anderen, die schlechter waren als er – aber trotzdem befand er sich nur in einem furchtbaren Zornausbruch, als er den Revolver und den Fluch losließ.« »Was in aller Welt soll denn das bedeuten?« fragte Vandam. »Das Abschießen einer Kinderpistole und eines lächerlichen Fluches hätte die Tat, die geschah, nicht veranlassen können, wenn nicht ein Wunder im Spiel war – es konnte Wynd nicht wie eine Fee zum Verschwinden bringen und ihn eine Meile weiter mit einem Strick um den Hals wieder auftauchen lassen.« »Nein, das nicht,« sagte Brown scharf, »aber was sonst?« »Ich kann noch immer nicht folgen«, erwiderte der Millionär ernst. »Ich frage Sie, was konnte es tun«, wiederholte der Priester, zum erstenmal mit einer Bewegung, die an Gereiztheit grenzte. »Sie wiederholen immer wieder, daß ein blinder Schuß weder das noch jenes zur Folge haben konnte, daß er allein nicht genüge, um den Mord zu verursachen oder ein Wunder hervorzubringen. Aber es fällt Ihnen nicht ein, sich zu fragen, was wirklich die Folge sein könnte. Was würde Ihnen geschehen, wenn ein Irrer sich's einfallen ließe, eine Waffe ohne Sinn und Verstand gerade unter ihrem Fenster loszubrennen? Was würde zu allererst passieren?« Vandam sah nachdenklich aus. »Ich glaube, ich würde zuerst aus dem Fenster schauen«, sagte er. »Ja,« erwiderte der Priester, »Sie würden aus dem Fenster schauen. Das ist die ganze Geschichte. Es ist eine traurige Geschichte, aber sie ist vorbei – und schließlich gab es mildernde Umstände.« »Wieso konnte er aber zu Schaden kommen, bloß weil er aus dem Fenster sah?« fragte Alboin. »Er ist nicht hinausgefallen, sonst hätte man ihn in der Gasse gefunden.« »Nein«, erwiderte Pater Brown mit leiser Stimme. »Er fiel nicht – er stieg empor.« In seiner Stimme klang es wie vom Läuten eines Gongs, schwer und schicksalshaft. Aber er fuhr ruhig fort: »Er stieg empor – aber nicht auf Flügeln; nicht auf den Fittichen der heiligen oder der gefallenen Engel. Er stieg am Ende eines Strickes empor, so wie Sie ihn im Garten sahen – eine Schlinge wurde ihm über den Kopf geworfen, sowie er ihn zum Fenster hinausstreckte. Erinnern Sie sich nicht an Wilson, seinen großen Diener, einen Menschen von Riesenkräften, während Wynd so klein und leicht war wie ein Spatz? Ging Wilson nicht hinauf, um eine Broschüre zu holen, in ein Zimmer voll Akten und Gepäck, das mit Metern und Metern Strick verschnürt war? Hat man Wilson seit jenem Tage gesehen? Ich glaube kaum.« »Wollen Sie sagen,« fragte der Sekretär, »daß Wilson ihn einfach aus seinem eigenen Fenster herauszog, wie eine Forelle an der Angelschnur?« »Ja – und ihn dann aus dem zweiten Fenster in den Park hinunterließ, wo der dritte Komplize ihn an einen Baum band. Vergessen Sie nicht, daß die Gasse immer leer war – daß die Mauer gegenüber keine Fenster hat – daß alles fünf Minuten, nachdem der Ire mit seiner Pistole das Zeichen gegeben hatte, vollkommen vorüber war. Natürlich waren drei Leute beteiligt – können Sie wohl erraten, wer sie waren?« Sie starrten alle auf das schmucklose viereckige Fenster und die Mauer dahinter, und keiner antwortete. »Übrigens«, fuhr Pater Brown fort, »mache ich Ihnen keinen Vorwurf daraus, daß Sie so schnell auf übernatürliche Kräfte schlossen. Der Grund dafür ist ganz einfach. Sie verschworen sich alle, hartgesottene Materialisten zu sein – und in Wirklichkeit balancierten Sie alle gerade an der Kante des Glaubens – irgendeines Glaubens. Viele Tausende balancieren heute so – aber es ist kein Vergnügen, auf dieser scharfen, unbequemen Kante zu sitzen. Man kommt nicht zur Ruhe, bevor man an etwas glaubt – deshalb hat Mr. Vandam sich alle neuen Religionen so genau angesehen, deshalb zitiert Mr. Alboin die Heilige Schrift als Beleg für seine Religion der neuen Atemübungen und murrt Mr. Fenner über denselben Gott, den er leugnet. Es ist etwas ganz Natürliches, nur an das Übersinnliche zu glauben. Natürliche Ursachen anzunehmen, kommt den Menschen nie natürlich vor. Aber obwohl es nur des leisesten Anstoßes bedurfte, um Sie über die Kante in den Glauben an das übernatürliche zu kippen, waren diese Dinge in Wahrheit die einzig natürlichen. Sie waren nicht nur natürlich, sie waren sogar unnatürlich einfach. Ich glaube, daß es noch nie eine so einfache Geschichte gegeben hat.« Fenner lachte und runzelte dann die Brauen. »Eins verstehe ich aber nicht«, sagte er. »Wenn Wilson es getan hat – wieso hat Wynd einen solchen Menschen als vertrauten Diener aufgenommen? Wieso wurde er von einem Menschen umgebracht, den er jahrelang täglich gesehen hatte? Er war berühmt wegen seines Scharfblicks und seines klaren Urteils über Menschen.« Pater Brown schlug mit seinem Regenschirm auf den Boden auf, mit einer Heftigkeit, die man selten an ihm sah. »Jawohl«, erwiderte er fast zornig. »Deshalb wurde er ja gerade getötet. Gerade deswegen. Er wurde getötet, weil er über Menschen urteilte und sie richtete.« Sie starrten ihn alle an, aber er fuhr fort, als wäre niemand zugegen: »Was ist der Mensch, irgendein Mensch, daß er ein Richter sein darf über Menschen?« fragte er. »Die drei Leute waren die Landstreicher, die einst vor ihm standen und geschwinde nach rechts und links verschickt wurden – als hätten sie keinen Anspruch auf den Mantel der Höflichkeit, auf langsames Wachsen der Vertrautheit, auf freien Willen in der Wahl ihrer Freunde. Zwanzig Jahre waren nicht imstande, die Erbitterung über die abgrundtiefe Beleidigung zu erschöpfen, die er ihnen antat, als er sich vermaß, sie in einem Augenblick zu durchschauen.« »Ja,« sagte der Sekretär, »ich verstehe jetzt – und ich weiß jetzt auch, wieso Sie – so vieles verstehen –« »Hol' mich der Teufel, ob ich das verstehe«, rief der stürmische Herr aus dem Westen lärmend aus. »Dieser Wilson und der Ire sind in meinen Augen nur zwei Halsabschneider, die ihren Wohltäter ermordet haben. In meiner Moral – mag sie nun eine Religion sein oder nicht – habe ich keinen Platz für solche schwarzen und blutigen Mörder.« »Sicher war er ein blutiger und schwarzer Mörder«, sagte Fenner ruhig. »Ich will ihn auch nicht verteidigen. Aber ich denke, daß Pater Brown für alle Menschen beten muß, sogar für einen Menschen wie –« »Ja«, stimmte Pater Brown ihm zu. »Ich muß für alle Menschen beten, sogar für einen Menschen wie Warren Wynd.« Das goldene Kreuz Um einen kleinen Tisch saßen sechs Personen, eine so bunte, zusammengewürfelte Gesellschaft, als hätte jeder einzelne auf derselben einsamen kleinen Insel Schiffbruch erlitten. Jedenfalls waren sie auch vom Meere umgeben – denn in gewissem Sinne war ihre Insel von einer zweiten umschlossen, einem großen, fliegenden Eiland gleich Laputa. Der kleine Tisch war einer von vielen im Speisesaal des Riesenschiffes »Moravia«, das durch die Nacht und die ewige Leere des Atlantischen Ozeans dahineilte. Die Gesellschaft hatte nichts miteinander gemein, als daß alle von Amerika nach England reisten. Zwei zumindest konnten für Berühmtheiten gelten; die anderen waren unbekannte, in einem und dem anderen Fall sogar zweifelhafte Persönlichkeiten. Der erste war der berühmte Professor Smaill, eine Autorität auf dem Gebiete der spätbyzantinischen Archäologie. Seine Vorlesungen, die er an einer amerikanischen Universität hielt, galten selbst in den maßgebenden europäischen Sitzen der Gelehrsamkeit noch als das letzte Wort in seinem Fache. Seine literarischen Arbeiten waren so sehr von reifem und phantasievollem Verständnis für die Vergangenheit Europas durchdrungen, daß Fremde oft erstaunten, wenn sie ihn mit amerikanischem Akzent reden hörten. Und doch war sein Äußeres typisch amerikanisch; er trug sein blondes Haar lang und von der hohen, viereckigen Stirn zurückgestrichen, und die laugen, geraden Gesichtszüge spiegelten in sonderbarer Mischung Zerstreutheit und verhaltene Schnelligkeit, wie ein Löwe, der in Gedanken schon seinen nächsten Sprung erwägt. Unter den Sechsen befand sich nur eine einzige Dame; freilich stellte sie, wie die Presse oft von ihr sagte, in ihrer Person eine ganze Heerschar vor. Sie wäre mit Freuden darauf eingegangen, an diesem oder einem anderen Tische die Gastgeberin, um nicht zu sagen, die Kaiserin, zu spielen. Es war Lady Diana Wales, die berühmte Reisende in tropischen und anderen Ländern; aber bei Tische wies ihre Erscheinung keine eckigen oder männlichen Züge auf. Sie war eine fast tropische Schönheit, mit einer Fülle von brennendem, schwerem rotem Haar – sie war auffallend gekleidet, wie es in den Modeberichten heißt, aber ihr Gesicht war intelligent und ihre Augen hell und ein wenig vorstehend, wie die Augen der Damen, die bei politischen Versammlungen Fragen stellen. Die anderen vier Gestalten sahen zuerst in dieser glänzenden Umgebung wie Schatten aus; bei näherem Hinsehen ergaben sich Unterschiede. Einer war ein junger Mann, der als Paul T. Tarrant in der Schiffsliste eingetragen war. Er war ein amerikanischer Typus, besser gesagt, Gegentypus. Jedes Volk hat vermutlich seinen Gegentypus, eine extreme Ausnahme, die nur die nationale Regel bestätigt. Die Amerikaner achten in Wirklichkeit die Arbeit, wie die Europäer den Krieg achten. Sie ist von einem Heiligenschein von Heldentum umgeben, und wer sich von ihr zurückzieht, ist weniger als ein Mann. Der Gegentypus liegt auf der Hand, obwohl er selten vorkommt. Er ist der Geck, das Gigerl – der reiche Müßiggänger, der in so vielen amerikanischen Romanen den Bösewicht abgibt. Paul Tarrant schien nichts zu tun zu haben, als seine Anzüge zu wechseln, was er täglich sechsmal tat; bald erschien er in helleren, bald in dunkleren Schattierungen von entzückendem Lichtgrau, wie die zarten wechselnden Silbertöne der Dämmerung. Im Gegensatz zu den meisten Amerikanern hatte er sich einen sorgfältig gepflegten, kurzen lockigen Bart zugelegt; und im Gegensatz zu den meisten Gecken seines eigenen Typs schien er eher trotzig als protzig. Eigentlich erinnerte sein düsteres Schweigen in etwas an Lord Byron. * Die beiden nächsten Reisenden gehörten von Natur zusammen, einfach weil sie beide Engländer waren, die von einer Vortragsreise aus Amerika zurückkehrten. Einer führte den Namen Leonard Smyth und war eine Kreuzung zwischen Dichterling und Journalist; mit schmalem Kopf, hellem Haar und sehr sicherem Auftreten. Der andere mutete an wie sein komischer Gegenspieler, da er kurz und breit war, einen Schnurrbart hatte wie ein Seehund und ebenso stumm war wie der andere gesprächig. Da er einmal wegen Raubes angeklagt war und sich außerdem einen Namen gemacht hatte, weil er eine rumänische Prinzessin in einer Menagerie aus den Pranken eines Jaguars gerettet hatte, war man selbstredend der Ansicht, daß seine Meinung über Gott, Fortschritt, seine eigene Kindheit und die Zukunft der englisch-amerikanischen Beziehungen für die Einwohner von Minneapolis und Omaha von größtem Interesse und Wert sein müßte. Die sechste und unscheinbarste Gestalt war die eines kleinen englischen Priesters, der sich Brown nannte. Er lauschte den Gesprächen mit Achtung und Aufmerksamkeit und hatte eben den Eindruck gewonnen, daß sie in einer Beziehung etwas sonderbar waren. »Vermutlich sind Ihre Studien über Byzanz dazu angetan, etwas Licht in die Angelegenheit der Grabstätte zu bringen, die man an der südlichen Küste entdeckt hat?« fragte Leonard Smyth. »Ich glaube, es war bei Brighton – das ist natürlich recht weit von Byzanz. Aber ich glaube, gelesen zu haben, daß die Art der Bestattung oder Einbalsamierung oder sonst etwas byzantinisch war.« »Studien über Byzanz müssen wirklich für vieles herhalten«, antwortete der Professor trocken. »Da spricht man von Spezialisten – aber ich glaube, nichts auf Erden ist schwerer, als sich zu spezialisieren. Nehmen Sie gleich diesen Fall: wie kann man etwas über Byzanz wissen, bevor man sich mit dem alten Rom vor der byzantinischen Zeit und dem Islam nach derselben völlig vertraut gemacht hat? Die meisten arabischen Künste stammen aus Byzanz. Wenn Sie sich zum Beispiel mit Algebra beschäftigen –« »Ich denke nicht daran«, rief die Dame entschieden. »Ich habe es nie getan und tue es auch jetzt nicht. Aber für Einbalsamieren interessiere ich mich außerordentlich. Ich war dabei, wissen Sie, wie Gatton die babylonischen Gräber öffnete. Seit der Zeit schwärme ich für Mumien und erhaltene Leichen und so weiter. Bitte, erzählen Sie uns doch mehr von diesem Grab.« »Gatton war ein interessanter Mensch«, sagte der Professor. »Die ganze Familie war interessant. Der Bruder, der ins Parlament gewählt wurde, war auch bedeutend mehr als ein Durchschnittspolitiker. Ich begriff erst, was die Faszisten eigentlich wollen, nachdem er seine Rede über Italien gehalten hatte.« »Ja, aber diesmal führt uns doch unsere Reise nicht nach Italien,« fuhr Lady Diana hartnäckig fort, »und ich glaube, daß Sie nach dem kleinen Ort reisen, wo das Grab aufgefunden wurde. Ist es nicht in Sussex?« »Sussex ist sehr groß«, erwiderte der Professor. »Man kann ziemlich lange darin herumwandern; und es ist auch dafür wie geschaffen. Es ist unglaublich, wie hoch die niedrigen Berge aussehen, wenn man sich mitten drin befindet.« Eine plötzliche Stille trat ein; dann sagte die Dame: »Ich will mal ein bißchen auf Deck«, und stand auf. Die Männer taten dasselbe. Nur der Professor verweilte ein wenig, und als letzter verließ der kleine Priester den Tisch, nachdem er seine Serviette sauber zusammengefaltet hatte. Da sie so allein zurückblieben, wandte sich der Professor plötzlich an den andern: »Worauf, glauben Sie, sollte das Gespräch hinzielen?« Pater Brown lächelte. »Wenn Sie mich fragen: ich habe mich über eines ein wenig amüsiert. Vielleicht irre ich mich – aber mir schien, daß die Gesellschaft es dreimal versuchte, Sie in ein Gespräch über den einbalsamierten Leichnam in Sussex zu verwickeln. Sie ihrerseits waren mit der größten Höflichkeit bereit, sich zu unterhalten – über Algebra, über die Faszisten und über die Landschaft an der Südküste Englands.« »Das heißt,« sagte der Professor, »ich war gerne bereit, mich über jeden beliebigen Gesprächsstoff zu unterhalten mit Ausnahme des einen. Sie haben ganz recht.« Er schwieg einen Augenblick und betrachtete das Tischtuch. Dann blickte er auf und sagte mit der schnellen; impulsiven Art, die an den Sprung des Löwen erinnerte: »Passen Sie auf, Hochwürden. Ich halte Sie so ungefähr für den anständigsten und klügsten Menschen, den ich kenne.« Pater Brown war ein typischer Engländer. Wie alle seine Landsleute, konnte ihn ein auf amerikanische Art ohne Umschweife vorgebrachtes Kompliment völlig aus der Fassung bringen. Als Antwort ertönte nur ein unverständliches Murmeln; der Professor fuhr mit denselben ernsten, abgehackten Tönen fort: »Sehen Sie, bis zu einem bestimmten Punkt ist alles sehr einfach. Ein christliches Grab aus dunklen Zeiten, jedenfalls ein Bischofsgrab, wird unter einer kleinen Kirche in Dulham an der Küste von Sussex aufgefunden. Zufälligerweise verstand der Pfarrer des Ortes etwas von Altertumskunde und brachte mehr heraus, als ich bis heute selbst weiß. Es war das Gerücht verbreitet, daß die Leiche auf eine den Griechen und Ägyptern eigentümliche, aber im Westen – und besonders zu dieser Zeit – unbekannten Weise einbalsamiert war. Aus diesem Grunde dachte der Pfarrer Walters an byzantinische Einflüsse. Er erwähnte aber noch etwas, das mich persönlich weit mehr interessiert.« Sein langes, ernstes Gesicht schien noch länger und ernster zu werden. Er sah auf das Tischtuch und runzelte die Stirn. Sein langer Zeigefinger schien Muster von Plänen versunkener Städte, ihrer Tempel und Gräber zu zeichnen. »Deshalb will ich Ihnen – und sonst keinem – jetzt sagen, warum ich über den Gegenstand in größerer Gesellschaft nicht sprechen darf – und warum ich um so vorsichtiger sein muß, je mehr man es darauf anlegt, darüber zu reden. Es ist auch angegeben worden, daß sich im Sarge eine Kette mit einem Kreuz befindet, das ganz gewöhnlich aussieht, aber auf der Hinterseite ein Zeichen trägt, wie es nur noch auf einem einzigen anderen Kreuz vorkommt. Es stammt aus den geheimen Zeichen der allerersten Christen und soll der Zeit angehören, in der Sankt Peter zu Antiochia Bischof war, bevor er nach Rom kam. Sei dem wie immer: ich glaube, daß nur noch ein einziges dieser Art existiert, und das befindet sich in meinem Besitz. Es gibt da auch ein Gerücht von einem Fluch, der daran haftet, doch darum kümmere ich mich nicht. Aber ob es nun einen Fluch gibt oder nicht – jedenfalls gibt es in gewissem Sinne eine Verschwörung, obwohl sie sicherlich nur aus einer einzigen Person besteht.« »Aus einer einzigen Person?« wiederholte Pater Brown fast mechanisch. »Aus einem Irrsinnigen, soviel ich weiß«, sagte der Professor. »Die Geschichte ist lang und ziemlich albern. Ich will nur soviel sagen, daß mir einmal jemand eine gleiche Antiquität zur Begutachtung übersandt hat. Er hielt sie für echt und ich für eine Fälschung, und seither ist mir auf hundertfache Weise klar geworden, daß jemand gegen mich intrigiert und sich mir aus Bosheit in den Weg stellt; er bietet bei Auktionen gegen mich, verbreitet Verleumdungen über mich und droht mir manchmal in anonymen Briefen. Ich schließe ans diesen Drohungen, daß er mich wahrscheinlich auch auf dieser Reise verfolgt und versuchen wird, mir die Antiquität zu stehlen oder mir etwas Böses anzutun, weil ich sie besitze. Aber ich habe den Menschen nie gesehen, und es kann also jeder sein, dem ich begegne. Wenn man streng logisch vorgeht, kann es ebensogut einer der Kellner sein, die uns bei Tische bedienen. Oder einer der Reisenden, die mit mir bei Tische sitzen.« »Ich zum Beispiel«, bemerkte Pater Brown. »Jeder außer Ihnen«, antwortete der Professor ernst. »Das habe ich eben gemeint: Sie sind der einzige, von dem ich sicher weiß, daß er nicht der Feind ist.« Pater Brown war wieder verlegen; dann lächelte er und sagte: »Sonderbarerweise bin ich es wirklich nicht. Wir müssen jetzt überlegen, ob wir die Möglichkeit haben, ihn zu entlarven, bevor er – sich unangenehm bemerkbar macht.« »Wir haben eine Möglichkeit, das herauszubekommen«, sagte der Professor grimmig. »Wenn wir nach Southampton kommen, nehme ich sofort ein Auto, das mich längs der Küste hinbringen soll. Ich wäre Ihnen für Ihre Begleitung sehr dankbar. Natürlich löst sich im übrigen unsere Gesellschaft auf. Wenn einer von ihnen plötzlich in dem kleinen Friedhof an der Küste von Sussex wieder auftaucht, werden wir wissen, wer es ist.« Der Professor führte sein Programm aus, wenigstens was den Wagen und seinen Fahrgast in Person des Pater Brown betraf. Sie flogen das Ufer entlang, die See auf der einen, die Hügel von Hampshire und Sussex auf der andern Seite; soviel man sehen konnte, verfolgte sie niemand. Als sie sich dem Dorfe Dulham näherten, kam ihnen ein einziger Mensch in den Weg, der allerdings mit der bewußten Sache zu tun hatte; es war ein Journalist, der eben die Kirche besucht hatte und vom Pfarrer höflich durch die neu ausgegrabene Kapelle geführt worden war. Was er sagte und notierte, schien jedoch nicht über eine gewöhnliche Pressenotiz hinauszugehen. Aber vielleicht war Professor Smaill stark phantasiebegabt; jedenfalls konnte er das Gefühl nicht los werden, daß etwas in der Haltung und dem Aussehen des Mannes sonderbar und deprimierend wirkte. Er war hochgewachsen und ärmlich gekleidet, mit großer Hakennase und tiefen Schatten unter den Augen; sein Schnurrbart hing melancholisch herunter. Die Besichtigung der archäologischen Merkwürdigkeiten hatte ihn, wie es schien, nicht erheitert; es machte beinahe den Eindruck, als trachte er, sich so schnell als möglich von dem Anblick zu entfernen. Sie hielten ihn an und stellten ihm eine Frage. »Man hört von nichts weiter als von dem Fluch,« sagte er; »auf dem Ort soll ein Fluch ruhen; das behauptet der Fremdenführer oder der Pfarrer oder der älteste Bewohner oder sonst eine Autorität; und es kommt mir wahrhaftig so vor. Fluch oder nicht, ich bin froh, daß ich draußen bin.« »Glauben Sie an Flüche?« fragte Smaill neugierig. »Ich glaube an gar nichts; ich bin von der Presse,« antwortete die traurige Gestalt; »mein Name ist Boon, von der ›Tagespost‹. Aber irgendwas ist an der Krypta nicht ganz geheuer – und ich kann nicht leugnen, daß es mir kalt über den Rücken gelaufen ist.« Er eilte mit beschleunigten Schritten zum Bahnhof weiter. »Der Mensch sieht aus wie ein Rabe oder wie eine Krähe«, bemerkte Smaill, während sie sich zum Kirchhof wandten. »Wie geht nur das Sprichwort von dem unheilbringenden Vogel?« Langsam betraten sie den Kirchhof. Das Auge des amerikanischen Altertumsforschers verweilte mit Freuden an dem eisernen Dach der Pforte und dem undurchdringlichen Riesenwuchs einer Eibe; sie sah aus wie die Nacht selbst, die dem Tage Trotz bietet. Zwischen wogenden Rasenflächen, wo die Grabsteine nach allen Richtungen Winkel bildeten wie Steinflösse, die auf dem grünen Meer schwanken, stieg der Weg an, bis er an den Kamm gelangte, hinter dem die große graue See wie ein Eisenstab lag; bleiche Lichter erglänzten darin wie Stahl. Beinahe zu ihren Füßen verwandelte sich das zähe, verwilderte Gras in ein Büschel Stechpalme und endete in grauem und gelbem Sand; ein bis zwei Fuß von der Stechpalme entfernt, dunkel umrissen gegen die stahlgraue See, stand eine unbewegliche Gestalt. Ohne die dunkelgraue Kleidung hätte man sie fast für die Statue auf einem Grabsockel halten können. Pater Brown kam jedoch sofort etwas an den elegant gekrümmten Schultern und der trotzigen Haltung des kurzen Bartes bekannt vor. »Nanu,« entfuhr es dem Professor der Altertumskunde, »da haben Sie den Mann – Tarrant, wenn Sie ihn einen Mann nennen wollen. Das haben Sie wohl nicht geglaubt, als ich Ihnen die Sache auf dem Schiff auseinandersetzte, daß wir so schnell eine Antwort auf meine Frage erhalten würden?« »Ich habe gefürchtet, Sie könnten zu viele Antworten bekommen«, erwiderte Pater Brown. »Ja, wieso denn?« fragte der Professor, indem er ihm einen Blick über die Schulter zuwarf. »Ich meine,« antwortete der andere sanft, »daß mir vorkommt, als hörte ich Stimmen hinter der Eibe. Ich glaube nicht, daß Herr Tarrant so einsam ist, wie er aussieht. Oder, wie ich mich ausdrücken möchte, so einsam, wie er aussehen möchte.« Während sich Tarrant unwirsch umwandte, kam schon die Bestätigung. Eine zweite Stimme, hoch und etwas hart, aber trotzdem weiblicher Natur, sagte mit kunstgerechter Koketterie: »Woher sollte ich wissen, daß er auch herkommt?« Professor Smaill verstand, daß diese heitere Bemerkung nicht ihm galt; er mußte also zu seinem Erstaunen darauf schließen, daß noch eine dritte Person zugegen war. Während Lady Diana Wales strahlend und entschlossen wie nur je aus dem Schatten der Eibe trat, bemerkte er mit Ingrimm, daß sie über einen eigenen, lebendigen Schatten verfügte. Die schlanke, schmucke Gestalt des sympathischen Mannes der Feder, Leonhard Smyth, erschien gleich hinter ihrer eigenen grellen Figur; er lächelte und hielt seinen Kopf zur Seite geneigt wie ein Hund. »Donnerwetter!« murmelte Smaill. »Sie sind alle hier. Oder jedenfalls alle außer dem kleinen Zirkushelden mit dem Seehundsbart.« Er hörte, wie Pater Brown neben ihm leise lachte. Und wirklich wurde die Lage mit jedem Augenblick lächerlicher. Sie verwandelte sich von Minute zu Minute wie bei einem Kunststück im Theater; während der Professor noch sprach, wurden seine Worte auf ganz komische Weise widerlegt. Der runde Kopf mit dem grotesken schwarzen Halbmond war plötzlich zum Vorschein gekommen; aus einem Loch im Boden, wie es schien. Einen Augenblick später wurde ihnen klar, daß das Loch in Wahrheit eine Grube war und zu einer Leiter führte, die aus dem Innern der Erde zu kommen schien; es war mit einem Wort der Eingang zu dem unterirdischen Schauplatz, den sie sich ansehen wollten. Der kleine Mann hatte als erster den Eingang entdeckt und war schon ein bis zwei Sprossen der Leiter heruntergestiegen, als er nochmals den Kopf heraussteckte, um seine Mitreisenden anzusprechen. Er sah aus wie ein ganz unmöglicher Totengräber in einer »Hamlet«-Parodie. Er sagte nur undeutlich hinter seinem Schnurrbart: »Da unten ist's.« Aber mit Erstaunen begriff die Gesellschaft, daß sie ihn fast noch nie hatten reden hören, obwohl sie eine Woche lang bei den Mahlzeiten an einem Tisch gesessen waren, und daß er, obwohl er für einen englischen Vortragsreisenden galt, mit ziemlich geheimnisvollem ausländischem Akzent sprach. »Wissen Sie, lieber Herr Professor,« rief Lady Diana mit schneidender Freundlichkeit, »Ihre byzantinische Mumie war zu interessant – wir konnten sie uns nicht entgehen lassen. Ich mußte sie mir ansehen; und dem Herrn da ist es sicher ebenso ergangen. Nun müssen Sie uns aber auch alles erklären.« »Ich weiß aber keineswegs alles«, erwiderte der Professor ernst, um nicht zu sagen grimmig. »Teilweise weiß ich gar nicht, um was es sich eigentlich handelt. Jedenfalls ist es eigentümlich, daß wir uns alle so bald wieder hier treffen; ich vermute, daß der neuzeitliche Durst nach Wissen keine Grenzen kennt. Aber wenn wir uns alle den Ort ansehen wollen, müssen wir es auf verantwortliche Weise tun und – Sie verzeihen schon – auch unter verantwortlicher Leitung. Wir müssen die Leitung der Ausgrabungen verständigen und vermutlich zumindest unsere Namen in ein Register eintragen.« Aus diesen Zusammenstoß zwischen der Ungeduld der Dame und dem Mißtrauen des Archäologen folgte etwas wie ein Streit; endlich jedoch siegte der Professor, der auf den Rechten des Pfarrers und der einheimischen Untersuchung bestand. Der kleine Mann mit dem Schnurrbart entstieg unwillig seinem Grabe und erklärte sich schweigend mit einem weniger stürmischen Hinabsteigen einverstanden. Glücklicherweise erschien in diesem Augenblick der Pfarrer selbst – ein grauhaariger, gut aussehender Mann in gebückter Haltung, die durch doppelte Brillen noch unterstrichen wurde; und während er schnell mit dem Professor, als einem halben Kollegen, freundschaftliche Beziehungen anknüpfte, schien er die andern nicht feindlich, sondern nur belustigt zu betrachten. »Hoffentlich ist keiner von Ihnen abergläubisch«, sagte er liebenswürdig. »Ich muß Ihnen gleich sagen, daß angeblich allerhand üble Vorbedeutungen und Flüche in dieser Angelegenheit über unseren gläubigen Häuptern hängen. Eben habe ich eine lateinische Inschrift entziffert, die wir über dem Eingang zur Kapelle gefunden haben; wie es scheint, sind nicht weniger als drei Flüche im Spiel – ein Fluch für denjenigen, der die heilige Kapelle betritt, ein doppelter Fluch, wenn jemand den Sarg öffnet, und ein dreifacher, falls die goldene Reliquie darin berührt wird. Die beiden ersten Verwünschungen habe ich schon auf mich geladen,« fuhr er lächelnd fort, »aber ich fürchte, daß Sie die erste und harmloseste auch auf sich laden müssen, wenn Sie überhaupt etwas sehen wollen. Nach der Geschichte zu schließen, erfüllen sich die Flüche sehr langsam, nach langen Pausen und bei späteren Gelegenheiten. Vielleicht ist Ihnen das ein Trost –« und Seine Hochwürden Herr Walters lächelte wieder auf seine gebückte und wohlwollende Weise. »Geschichte,« wiederholte Professor Smaill; »was für eine Geschichte meinen Sie?« »Es ist eine lange Geschichte mit vielen Variationen wie andere lokale Legenden«, erwiderte der Pfarrer. »Aber jedenfalls stammt sie aus derselben Zeit wie das Grab; ihr Kern geht aus der Inschrift hervor und lautet ungefähr folgendermaßen: Guy de Gisors, ein hiesiger Grundherr aus dem 13. Jahrhundert, hatte sich in ein wunderbares schwarzes Roß verliebt, das einem Abgesandten der Stadt Genua gehörte und diesem, einem weltklugen Kaufmannsfürsten, nur zu einem sehr hohen Preise feil war. Durch Habsucht getrieben, beraubte Guy den Schrein, ja, er tötete sogar den Bischof, der damals hier seinen Sitz hatte. Jedenfalls sprach der Bischof einen Fluch aus. Er sollte sich an jedem erfüllen, der weiter das goldene Kreuz von seiner Ruhestätte im Grabe entfernt hielt oder versuchen würde, es nach seiner Rückkehr wieder zu rauben. Der Adelige hatte sich Gold für das Pferd verschafft, indem er die goldene Reliquie an einen Goldschmied im Orte verkaufte; am ersten Tage jedoch, an dem er das Pferd bestieg, bäumte sich das Tier und warf ihn vor der Kirche ab, so daß er sich den Hals brach. Inzwischen wurde der Goldschmied, der bis dahin reich und glücklich gewesen war, durch eine Reihe von unerklärlichen Zufällen ruiniert und fiel einem jüdischen Geldverleiher in die Hände, der im Orte lebte. Endlich erhängte sich der unglückliche Goldschmied, dem nichts übrigblieb, als zu verhungern, an einem Apfelbaum. Das goldene Kreuz war mit seinem andern Besitztum, mit Haus, Geschäft und Werkzeug schon längst in den Besitz des Wucherers übergegangen. Inzwischen war der Sohn und Erbe des Adligen aus Entsetzen über das Gericht, das über seinen gotteslästerlichen Vater hereingebrochen war, zu einem frommen Diener der Kirche geworden, der ganz im Sinne jener dunklen und strengen Zeiten es für seine Pflicht hielt, Ketzerei und Unglauben unter seinen Vasallen zu bekämpfen. So wurde der Jude, den der zynische Vater geduldet hatte, auf Befehl des Sohnes unbarmherzig verbrannt, so daß er seinerseits für den Besitz der Reliquie büßen mußte; nach diesem dreifachen Gericht wurde sie in das Grab des Bischofs zurückgelegt, und seither hat sie kein Auge gesehen und keine Hand berührt.« Auf Lady Diana Wales schien die Erzählung einen über Erwarten großen Eindruck zu machen. »Es läuft einem wirklich kalt den Rücken hinunter,« sagte sie, »wenn man bedenkt, daß wir die ersten sein werden – außer dem Pfarrer natürlich.« Der Pionier mit dem großen Schnurrbart und dem gebrochenen Englisch stieg schließlich doch nicht auf seiner geliebten Leiter hinunter, die nur von den Arbeitern bei den Ausgrabungen benutzt worden war. Der Geistliche führte sie auf einem Umweg zu einem größeren und bequemeren Eingang, der etwa dreißig Meter entfernt lag, und durch den er eben selbst von seinen unterirdischen Forschungen gekommen war. Hier konnte man über eine sanft geneigte schiefe Ebene hinunter, wo sich außer der wachsenden Dunkelheit keine Schwierigkeiten boten; denn nach kurzer Zeit ging man im Gänsemarsch durch einen Tunnel, der schwarz wie Pech war, und es brauchte mehrere Minuten, bis sich vor ihnen ein Fünkchen Licht zeigte. Einmal während dieser schweigenden Prozession hörte man einen Laut, der wie ein Seufzer klang, man wußte nicht, aus welchem Munde; und einmal ertönte ein Fluchen wie eine gedämpfte Explosion in einer fremden Sprache. Sie betraten ein rundes Zimmer, eine Basilika in einem Kreis von Randbogen; denn die Kapelle war gebaut worden, bevor der erste spitze Bogen der Gotik unsere Zivilisation wie ein Speer durchbohrte. Ein Schimmer von grünlichem Licht zwischen einigen Säulen bezeichnete den Ort, wo sich der zweite Ausgang zur Oberwelt öffnete, und erregte das Gefühl, als befände man sich unter dem Meeresspiegel, was durch einige zufällige und vielleicht phantastische Ähnlichkeiten noch verstärkt wurde. Denn das Hundszahnmuster der Normannen war schwach auf allen Bogen zu erkennen und verlieh ihnen in der kellerartigen Dunkelheit etwas vom Aussehen der Rachen ungeheurer Haifische. Und die dunkle Masse des Grabes selbst, in der Mitte des Raumes, machte mit dem gehobenen Steindeckel beinahe den Eindruck von Kiefern eines Leviathan. Sei es aus einem Sinn für das Gemäße oder aus Mangel moderner Einrichtungen, jedenfalls hatte der geistliche Forscher für die Erleuchtung der Kapelle nur durch vier hohe Kerzen gesorgt, die in großen Holzleuchtern auf der Erde standen. Nur eine davon brannte, als sie eintraten, und warf einen schwachen Schimmer über die mächtigen architektonischen Formen. Als alle zugegen waren, zündete der Geistliche auch die anderen drei an und Aussehen wie Inhalt des Sarkophags boten sich den Blicken deutlich dar. * Aller Augen wandten sich zuerst zu dem Gesicht des Toten, der sich durch so viele Jahrhunderte vermittels einer geheimen östlichen Behandlung den Schein des Lebens bewahrt hatte, eine Behandlung, die, wie es hieß, vom heidnischen Altertum übernommen und in den einfachen Friedhöfen Englands unbekannt war. Der Professor konnte kaum einen Ausruf des Staunens unterdrücken; denn obwohl das Gesicht weiß war wie Wachs, sah es mehr einem Schlafenden ähnlich, der eben erst die Augen geschlossen hatte. Das Gesicht gehörte dem aszetischen, vielleicht sogar dem fanatischen Typus an, mit langgestrecktem Knochenbau; die Gestalt war in einem goldenen Chorrock und in prächtige Gewänder gekleidet; hoch oben auf der Brust, am Halsansatz, glänzte das berühmte Goldkreuz an einer kurzen goldenen Kette, richtiger gesagt, einem Halsband. Der Steinsarg war geöffnet worden, indem man den Deckel am Kopfende gehoben und ihn in dieser Lage durch zwei starke hölzerne Stäbe oder Stangen festgehalten hatte, die oben den Rand der Steintafel stützten und unten in die Ecken des Sarges hinter dem Kopf der Leiche eingezwängt waren. Von den Füßen und dem unteren Teile des Körpers war daher weniger zu sehen; aber das Kerzenlicht fiel voll auf das Gesicht; und im Gegensatz zu seinen toten Elfenbeintönen schien das goldene Kreuz sich wie ein Feuer zu bewegen und zu funkeln. Professor Smaills hohe Stirn zeigte eine tiefe Denker- oder gar Sorgenfalte, seit der Geistliche die Geschichte des Fluches erzählt hatte. Weibliche Intuition, nicht unbeeinflußt von weiblicher Hysterie, verstand die Bedeutung seiner grübelnden Unbeweglichkeit besser als die Männer um ihn herum. In dem Schweigen der vom Kerzenlicht erhellten Höhle rief Lady Diana plötzlich laut: »Rühren Sie es nicht an, sage ich Ihnen!« Aber der Mann hatte schon eine seiner schnellen, löwenartigen Bewegungen ausgeführt und beugte sich über den Körper. Im nächsten Augenblick fuhren alle auf – manche nach vorn, andere nach hinten – aber alle mit einer schrecklichen, duckenden Bewegung, als sei der Himmel im Einstürzen. Während der Professor einen Finger auf das goldene Kreuz legte, schienen die hölzernen Stützen, die sich unter der Last des aufgestellten Steindeckels leicht bogen, zusammenzuzucken und sich mit einem Ruck aufzurichten. Der Rand des Deckels rutschte von seiner hölzernen Unterlage; in Herz und Magen wurde ihnen allen übel im Gefühl der sausenden Vernichtung, als hätte man sie in einen Abgrund geschleudert. Smaill hatte den Kopf schnell, aber nicht rechtzeitig zurückgezogen; er lag bewußtlos neben dem Sarge, in einer roten Lache von Blut, das aus Kopfhaut oder Hirnschale floß. Der alte Steinsarg war wieder geschlossen, wie seit vielen Jahrhunderten; nur daß ein oder zwei Splitter oder Spähne im Spalt staken und in entsetzlicher Weise an Knochen erinnerten, die ein Riese zerkaut. Der Leviathan hatte mit seinen steinernen Kiefern zugebissen. Lady Diana betrachtete die Ruine mit Augen, in denen ein elektrischer Glanz wie von Irrsinn funkelte; in der grünlichen Dämmerung sah ihr rotes Haar gegen das bleiche Gesicht scharlachfarben aus. Smyth sah sie an, und seine Kopfhaltung erinnerte noch immer an einen Hund; doch es war der Ausdruck eines Hundes, der nur teilweise versteht, was für eine Katastrophe seinen Herrn betroffen hat. Tarrant und der Ausländer waren in ihrer gewöhnlichen trotzigen Haltung erstarrt; aber ihre Gesichter waren lehmfarben. Der Pfarrer schien ohnmächtig zu sein. Pater Brown kniete neben der hingesunkenen Gestalt des Professors und versuchte dessen Zustand festzustellen. Unter allgemeinem Erstaunen kam der romantische Müßiggänger Paul Tarrant näher, um ihm zu helfen. »Am besten tragen wir ihn hinauf«, sagte er. »Vermutlich hat er noch eine schwache Chance.« »Tot ist er nicht,« erwiderte der Pater leise, »aber es steht recht schlecht; ein Arzt sind Sie wohl nicht?« »Nein, aber ich habe mir im Laufe der Zeit Verschiedenes angeeignet«, sagte der andere. »Doch lassen wir das. Sie würden sich vermutlich wundern, meinen wahren Beruf zu erfahren.« »Das glaube ich nicht«, erwiderte der Priester mit leichtem Lächeln. »So gegen Mitte der Überfahrt fiel es mir ein. Sie sind ein Detektiv, der jemand überwacht. Nun, jetzt ist das Kreuz jedenfalls vor Dieben sicher.« Während sie sprachen, hatte Tarrant die zarte Gestalt des Verunglückten leicht und geschickt aufgenommen und trug sie nun sorgsam zum Ausgang. Er antwortete über die Schulter: »Ja, das Kreuz schon.« »Sie meinen, daß sonst niemand sicher ist? Denken Sie auch an den Fluch?« Während der nächsten ein oder zwei Stunden trug Pater Brown sich mit einer Last von grübelnder Unklarheit, die schlimmer war als der Schlag des tragischen Unglücksfalles. Er legte mit Hand an, als das Opfer in den kleinen Gasthof gegenüber der Schenke getragen wurde, fragte den Arzt aus, der die Verletzung als ernsthaft und gefährlich aber nicht unbedingt tödlich bezeichnete, und brachte die Nachricht der kleinen Gesellschaft von Reisenden, die sich im Gastzimmer des Hotels um den Tisch versammelt hatten. Wo immer jedoch er sich hinwandte, ruhte die Wolke des Unverständlichen auf ihm und schien dunkler zu werden, je mehr er überlegte. Das Hauptgeheimnis wurde immer geheimnisvoller, je mehr die Nebenumstände in seinem Geiste sich erhellten. Je deutlicher die einzelnen Figuren in der bunt zusammengewürfelten Gesellschaft sich erklärten, desto unerklärlicher wurde das, was geschehen war. Leonard Smyth war nur hergekommen, weil Lady Diana gekommen war; und Lady Diana war nur gekommen, weil es ihr so paßte. Sie hatten einen oberflächlichen Gesellschaftsflirt angefangen, einen von denen, die um so alberner sind, als er sozusagen auf intellektueller Grundlage beruht. Aber die Dame war nicht nur romantisch, sie war auch abergläubisch, und das schreckliche Ende ihres Abenteuers hatte sie fast krank gemacht. Paul Tarrant war ein Privatdetektiv, der wahrscheinlich im Auftrage einer Frau oder eines Gatten den Flirt beobachtete; vielleicht war er auch hinter dem Fremden mit dem Schnurrbart her, der ganz wie ein lästiger Ausländer aussah. Hatte aber er oder irgendein anderer die Absicht gehabt, die Reliquie zu stehlen, so war diese Absicht endgültig gescheitert. Und aller menschlichen Wahrscheinlichkeit nach war sie entweder an einem unglaublichen Zufall gescheitert oder an dem Dazwischentreten des uralten Fluches. Einige Augenblicke später wurden seine persönlichen Besorgnisse auf einen Augenblick durch die Nachricht von einem neuen Unglücksfall zerstreut. Als er das Gastzimmer betrat, in dem sich die übrige Gesellschaft versammelt hatte, ersah er sofort aus ihren bleichen Gesichtern, daß sie durch ein späteres Ereignis als die Katastrophe am Grabe tief erschüttert waren. Als er eintrat, sagte Leonard Smyth gerade: »Wann wird das ein Ende nehmen?« »Es wird nie ein Ende nehmen, sage ich Ihnen«, wiederholte Lady Diana. Sie blickte mit glasigen Augen ins Leere. »Es wird erst enden, wenn wir alle nicht mehr sind. Einen nach dem andern wird uns der Fluch dahinraffen; langsam vielleicht, wie der arme Pfarrer meinte; aber uns alle wird es erreichen, wie es ihn erreicht hat.« »Was in aller Welt ist geschehen?« fragte Pater Brown. Zuerst herrschte Schweigen; dann sagte Tarrant mit einer Stimme, die etwas hohl klang: »Herr Walters, der Pfarrer, hat Selbstmord begangen. Wahrscheinlich hat sein Verstand unter dem Schlag gelitten. Aber leider steht die Sache fest. Ich habe selbst seinen schwarzen Hut und Rock auf einem Felsen gefunden, der von der Küste ins Meer hinausragt. Er scheint ins Meer gesprungen zu sein. Er hat allerdings so ausgesehen, als sei er halb irrsinnig geworden, und vielleicht hätten wir uns um ihn kümmern müssen – aber wir mußten uns um so vieles kümmern!« »Sie hätten gar nichts ausgerichtet«, sagte die Dame; sehen Sie denn nicht, daß das Verhängnis in einer fürchterlichen Reihenfolge bemessen wird? Der Professor berührte das Kreuz, und er mußte zuerst verschwinden; der Pfarrer hatte das Grab geöffnet – er war der Zweite; wir haben nur die Kapelle betreten, und wir –« »Still«, sagte Pater Brown mit einer schneidenden Stimme, die er nur selten annahm. »Das muß aufhören.« Unwillkürlich runzelte er noch immer stark die Brauen, aber seine Augen waren nicht mehr von dem ungelösten Geheimnis bewölkt, sondern leuchteten in einem fast furchtbaren Verstehen. »Was bin ich für ein Esel gewesen!« murmelte er. »Ich hätte es längst sehen müssen. An der Geschichte von dem Fluch hätte ich es erkennen können.« »Wollen Sie behaupten,« fragte Tarrant, »daß wir wirklich jetzt an einer Sache sterben können, die sich im 13. Jahrhundert ereignet hat?« Pater Brown schüttelte den Kopf und sagte mit ruhiger Betonung: »Ich möchte nicht darüber diskutieren, ob wir an etwas sterben können, das im 13. Jahrhundert passiert ist. Aber das eine steht für mich bombenfest, daß wir nicht an etwas sterben können, was keinesfalls im 13. Jahrhundert passiert ist, ja überhaupt nie und nirgends.« »Nun,« sagte Tarrant, »es tut wohl, zu hören, daß ein Priester das übernatürliche so skeptisch betrachtet.« »Keineswegs«, erwiderte der Priester ruhig; »ich zweifle nicht an der übernatürlichen Seite der Sache. Sondern an der natürlichen. Ich befinde mich genau in der Lage des Mannes, der erklärte: Ich kann das Unmögliche glauben, aber nicht das Unwahrscheinliche.« »Das würden Sie ein Paradoxon nennen, nicht wahr?« fragte der andere. »Ich würde es gesunden Menschenverstand nennen, wenn man es richtig begreift«, erwiderte Pater Brown. »Es ist viel natürlicher, einer übernatürlichen Erzählung Glauben zu schenken, die von unverständlichen Dingen handelt, als einer natürlichen Geschichte, die zu wohlbekannten Dingen in Widerspruch steht. Wenn Sie mir erzählen, daß der große Gladstone in seiner Todesstunde den Geist Parnells erblickte, werde ich mich wie ein Agnostiker verhalten. Wenn Sie mir aber sagen, daß Gladstone, als er zum erstenmal der Königin Viktoria vorgestellt wurde, in ihrem Salon den Hut auf dem Kopf behielt, ihr auf die Schulter klopfte und ihr eine Zigarre anbot, so werde ich mich nicht wie ein Agnostiker gebärden. Es ist nicht unmöglich, es ist nur unglaublich. Trotzdem bin ich viel überzeugter, daß es nicht passiert ist, als ich sicher bin, daß Parnells Geist nicht erschien; denn es verletzt die Gesetze einer Welt, die ich kenne. Ebenso ist es mir mit der Erzählung vom Fluch ergangen. Nicht der Legende mißtraue ich, sondern der Geschichte.« Lady Diana hatte sich von ihrer kassandrahaften Erstarrung etwas erholt, und die ewige Neugierde nach Neuem guckte ihr bereits wieder aus den hellen, vorstehenden Augen. »Was sind Sie doch für ein ulkiger Mensch!« sagte sie. »Warum wollen Sie die Geschichte nicht glauben?« »Weil es keine Geschichte ist«, antwortete der Priester. »Jedem, der auch nur das Geringste vom Mittelalter weiß, mußte die Erzählung so unwahrscheinlich klingen, wie daß Gladstone der Königin eine Zigarre angeboten hat. Aber wer weiß denn etwas vom Mittelalter? Wissen Sie, was eine Innung war? Haben Sie je von salvo vanagio suo gehört? Ist Ihnen klar, was für Leute die servi regis waren?« »Nein, natürlich nicht«, erwiderte die Dame ärgerlich. »Was für eine Unmenge lateinische Wörter!« »Nein, natürlich nicht«, sagte Pater Brown. »Hätte es sich um Tutankhamen und eine Anzahl vertrockneter Afrikaner gehandelt, die, Gott weiß warum, am andern Ende der Welt erhalten geblieben sind; wäre von Babylonien oder China die Rede gewesen oder von einer Rasse, die uns so wenig angeht und so geheimnisvoll ist wie der Mann im Mond, dann hätten Sie aus Ihren Zeitungen jede Kleinigkeit darüber erfahren, bis zur Entdeckung einer Zahnbürste und eines Kragenknopfes. Aber die Leute, die Ihre eigenen Pfarrkirchen gebaut haben, die Ihren eigenen Städten und Gewerben, ja sogar den Straßen, auf denen Sie gehen, ihre Namen gegeben haben – nie ist Ihnen der Gedanke gekommen, irgend etwas über sie in Erfahrung zu bringen. Ich behaupte nicht, daß ich sehr viel weiß, aber genug, um zu begreifen, daß die Geschichte von A bis Z Blödsinn ist. Nie hätte ein Geldverleiher den Laden und das Werkzeug eines Mannes pfänden können. Es ist höchst unwahrscheinlich, daß die Innung ihn nicht vom Untergang gerettet hätte, besonders wenn er von einem Juden zugrunde gerichtet wurde. Die damaligen Menschen hatten ihre eigenen Laster und Tragödien; es kam vor, daß sie Menschen folterten und verbrannten. Aber die Idee eines Menschen, der von Gott und jeder Hoffnung verlassen sich in eine Ecke verkriecht, um zu sterben – einfach, weil niemand an seinem Leben etwas liegt – das ist keine mittelalterliche Idee. Das ist eine Folge unserer Wirtschaftspolitik und unseres Fortschritts. Der Jude konnte auch nicht Vasall eines Grundherrn sein. Die Juden nahmen als Diener des Königs immer eine besondere Stellung ein. Jedenfalls konnte er nicht verbrannt werden, weil er ein Jude war.« »Das wird immer widerspruchsvoller«, bemerkte Tarrant; »wollen Sie etwa auch leugnen, daß die Juden im Mittelalter verfolgt wurden?« »Es wird der Wahrheit näherkommen,« sagte Pater Brown, »wenn wir sagen, daß sie die einzigen Leute waren, die im Mittelalter nicht verfolgt wurden. Wenn Sie sich über das Mittelalter lustig machen wollen, können Sie Eindruck machen, indem Sie sagen, daß vielleicht ein armer Christ verbrannt werden konnte, weil er im Homoousion einen Fehler gemacht hatte, während ein reicher Jude öffentlich auf der Straße Christus und die Mutter Gottes verhöhnen durfte. Ja, so sieht die Geschichte aus. Es ist keine mittelalterliche Geschichte, ja nicht einmal eine mittelalterliche Legende. Sie wurde von einem Menschen erfunden, dessen Begriffe aus Romanen und Zeitungen stammen, und höchstwahrscheinlich aus dem Stegreif.« Die andern schienen durch die historische Abschweifung etwas benommen und ein wenig erstaunt, warum der Priester sie so stark unterstrich und zu einem wichtigen Teil des Rätsels erhob. Tarrant jedoch, dessen Beruf es war, die wichtigen Einzelheiten aus vielen verworrenen Abschweifungen herauszuklauben, war plötzlich aufmerksam geworden. Sein bärtiges Kinn schob sich weiter vor als je, aber seine trotzigen Augen waren ganz lebendig. »Aha,« sagte er, »aus dem Stegreif erfunden!« »Das ist vielleicht übertrieben«, erwiderte Pater Brown ruhig. »Ich hätte sagen sollen: sorgloser und improvisierter erfunden als die übrige, ungemein vorsichtig entworfene Intrige. Freilich dachte der Intrigant, daß sich niemand viel um die geschichtlichen Einzelheiten kümmern würde. Und im Ganzen war die Berechnung ja auch ziemlich richtig, so wie seine anderen Berechnungen.« »Wessen Berechnungen? Was war richtig?« fragte die Dame mit plötzlicher, leidenschaftlicher Ungeduld. »Von wem reden Sie eigentlich? Haben wir nicht genug ausgestanden? Müssen Sie uns noch mit Ihrem ›Er‹ und ›Seine‹ zum Gruseln bringen?« »Ich spreche von dem Mörder«, sagte Pater Brown. »Von welchem Mörder?« fragte sie scharf. »Wollen Sie damit sagen, daß der arme Professor ermordet wurde?« »Nun,« sagte Tarrant, dessen Augen weit geöffnet waren, in seinen Bart hinein, »wir können kaum sagen: ›ermordet‹, denn wir wissen ja noch nicht, ob er sterben muß.« »Der Mörder hat einen andern getötet,« sagte der Priester ernst, »der nicht Professor Smaill war.« »Wen hat er denn töten können?« fragte sie. »Er hat Hochwürden den Pfarrer John Walters von Dulham getötet«, erwiderte Pater Brown mit Präzision. »Er wollte auch nur diese beiden töten, denn sie waren beide im Besitz ganz bestimmter Reliquien von großer Seltenheit. In diesem Punkte war der Mörder ein Monomane.« »Das klingt alles sehr sonderbar«, brummte Tarrant. »Wir können ja auch gar nicht mit darauf schwören, daß der Pfarrer wirklich tot ist. Wir haben ja seinen Leichnam nicht gesehen.« »O doch«, sagte Pater Brown. Eine Stille entstand plötzlich wie der Schlag einer Glocke; eine Stille, in der das unterbewußte Rätselraten, das in der Frau so lebendig und so sicher war, sie fast bis zum Aufschrei erschütterte. »Gerade den haben Sie gesehen«, fuhr der Priester fort. »Sie haben seinen Leichnam gesehen. Ihn selbst, den Lebenden, haben Sie nicht gesehen; wohl aber seinen Leichnam. Sie haben ihn beim Lichte von vier Kerzen ganz genau angestarrt; nicht nach einem Selbstmord, vom Meere hin- und hergeworfen, sondern prunkvoll aufgebahrt, wie ein Kirchenfürst, in einem Schrein, der vor den Kreuzzügen errichtet wurde.« »Kurzum,« sagte Tarrant, »Sie fordern uns tatsächlich auf, zu glauben, daß der einbalsamierte Körper die Leiche eines Ermordeten war.« Einen Augenblick schwieg Pater Brown; dann sagte er, als gehöre es nicht zur Sache: »Das erste, das mir auffiel, war das Kreuz – oder vielmehr die Schnur, an der das Kreuz hing. Erklärlicherweise war es für die meisten von ihnen nur eine Schnur Perlen und nichts weiter, aber – ebenso erklärlicherweise – schlug das mehr in mein Fach als in Ihres. Wie Sie sich erinnern, lag sie nahe am Kinn; wenige Perlen waren sichtbar, als sei das ganze Halsband nur sehr kurz. Die sichtbaren Perlen waren jedoch in ganz bestimmter Reihenfolge angeordnet; erst eine, dann drei, und so weiter; kurz, ich erkannte auf den ersten Blick den Rosenkranz, einen gewöhnlichen Rosenkranz mit einem Kreuz am Ende. Nun hat aber ein Rosenkranz mindestens fünf mal zehn Perlen, und noch einige darüber; und selbstredend konnte ich nicht begreifen, wo das übrige hingekommen war. Die Kette hätte mehr als zweimal um den Hals des Greises reichen müssen. Damals verstand ich es nicht; erst später fiel mir ein, wo die ganze Länge geblieben war. Sie war mehrmals um das untere Ende der Holzstütze gewickelt worden, die in der Ecke des Sarges eingezwängt stand und den Deckel offen hielt. Und als der arme Smaill nur eben am Kreuze zupfte, zog er die Stütze fort, und der Deckel fiel auf seinen Schädel wie ein steinerner Knüppel.« »Donnerwetter!« sagte Tarrant, »ich fange an zu glauben, daß Sie recht haben. Eine merkwürdige Sache, wenn es stimmt.« »Als ich das begriffen hatte,« fuhr Pater Brown fort, »konnte ich mir das übrige recht und schlecht zusammenreimen. Bedenken Sie vor allem, daß vorläufig die Altertumsforschung sich nur darauf erstreckte, die Untersuchung zu gestatten. Der arme alte Walters war ein ehrlicher Forscher und hatte das Grab geöffnet um sich zu überzeugen, ob an der Legende über einbalsamierte Körper etwas Wahres war oder nicht. Alles andere waren bloße Gerüchte, wie sie oft solche Funde zu früh ausschreien oder übertreiben. Tatsächlich sah er, daß der Körper nicht einbalsamiert, sondern längst zu Staub zerfallen war. Als er aber beim Schein seiner einsamen Kerze in der versunkenen Kapelle arbeitete, warf das Kerzenlicht plötzlich einen Schatten, der nicht sein eigener war.« »Ach!« rief Lady Diana und hielt den Atem an. »Jetzt weiß ich, was Sie meinen. Sie wollen damit sagen, daß wir den Mörder getroffen, mit ihm gesprochen und gescherzt, eine romantische Geschichte angehört und ihn dann ungestraft haben gehen lassen.« »Wobei er seine geistliche Verkleidung auf dem Felsen zurückließ«, stimmte Pater Brown bei. »Es ist alles schauerlich einfach. Der Mensch kam dem Professor beim Wettlauf zu Kirchhof und Kapelle zuvor – vielleicht gerade während der Professor mit dem melancholischen Journalisten sprach. Er traf den alten Geistlichen am offenen Grabe und tötete ihn. Dann zog er die schwarzen Kleider des Toten an, hüllte den Leichnam in einen alten Chorrock, den man wirklich im Sarge gefunden hatte, und legte ihn in den Sarg, wobei er den Rosenkranz und die Stäbe so herrichtete, wie ich es Ihnen geschildert habe. Nachdem er so die Falle für den zweiten Feind gestellt hatte, ging er wieder ans Tageslicht und begrüßte uns alle mit der liebenswürdigen Herzlichkeit eines Landgeistlichen.« »Er setzte sich dabei der erheblichen Gefahr aus,« wandte Tarrant ein, »daß jemand Walters vom Sehen kannte.« »Ich gebe zu, daß er halb verrückt war,« stimmte Brown bei, »aber Sie werden zugeben, daß es sich für ihn gelohnt hat, sich der Gefahr auszusetzen, denn schließlich ist er doch entwischt.« »Ich gebe zu, daß er großes Glück gehabt hat«, brummte Tarrant. »Wer zum Teufel ist es nun eigentlich gewesen?« »Wie Sie sagen, hat er großes Glück gehabt,« antwortete Pater Brown, »und nicht zum wenigsten gerade darin. Denn dies eine werden wir wohl nie erfahren.« Er blickte mit gerunzelten Brauen auf den Tisch und fuhr fort: »Der Mensch hat jahrelang auf der Lauer gelegen und gedroht, aber dabei sorgfältigst das Geheimnis seiner Identität gewahrt; und er wahrt es noch. Wenn jedoch der arme Smaill wieder aufkommt – und ich hoffe es bestimmt – dann werden Sie wohl sicher nochmals von der Sache hören.« »Wieso? Was wird Professor Smaill tun, glauben Sie?« fragte Lady Diana. »Ich glaube, zuerst wird er die Detektive wie Spürhunde auf den mordlustigen Teufel hetzen«, sagte Tarrant. »Am liebsten würde ich selbst mein Glück versuchen.« »Nun,« sagte Pater Brown und lächelte zum erstenmal, statt die Brauen zu runzeln wie bisher, »ich glaube zu wissen, was er eigentlich zu allererst tun müßte.« »Nämlich?« fragte Lady Diana mit anmutiger Neugier. »Er sollte Sie alle um Verzeihung bitten«, sagte Pater Brown.