Wilhelm Busch Schein und Sein Gedichte Inhalt: Abschied Ärgerlich Armer Haushalt Auch er Befriedigt Beneidenswert Beruhigt Bis auf weiters Bös und gut Buch des Lebens Das Blut Der fremde Hund Der Renommist Der Stern Der Türmer Die alte Sorge Die Nachbarskinder Doppelte Freude Eitelkeit Entrüstet Er ist mal so     Erbauliche Bescheidenheit Fehlgeschossen Frühlingslied Gedankenvoll Gedrungen Gestört Glückspilz Greulich Gründer Gründliche Heilung Ich bin Papa Im Sommer Immerfort Immerhin In trauter Verborgenheit Künftig Laß ihn Leider! Modern Niemals Nörgeln     Rechthaber Schein und Sein So nicht So wars Tröstlich Unbeliebtes Wunder Unbillig Unfrei Verfrüht Vergeblich Versäumt Vertraut Verzeihlich Vielleicht Von selbst Wassermuhmen Wiedergeburt Woher, wohin? Zu Neujahr Zwei Jungfern Schein und Sein     Mein Kind, es sind allhier die Dinge,     Gleichwohl, ob große, ob geringe, Im wesentlichen so verpackt,     Daß man sie nicht wie Nüsse knackt. Wie wolltest du dich unterwinden,     Kurzweg die Menschen zu ergründen. Du kennst sie nur von außenwärts.     Du siehst die Weste, nicht das Herz. Woher, wohin?     Wo sich Ewigkeiten dehnen,     Hören die Gedanken auf, Nur der Herzen frommes Sehnen     Ahnt, was ohne Zeitenlauf. Wo wir waren, wo wir bleiben,     Sagt kein kluges Menschenwort; Doch die Grübelgeister schreiben:     Bist du weg, so bleibe fort. Laß dich nicht aufs neu gelüsten.     Was geschah, es wird geschehn. Ewig an des Lebens Küsten     Wirst du scheiternd untergehn. Der Stern         Hätt einer auch fast mehr Verstand Als wie die drei Weisen aus Morgenland Und ließe sich dünken, er wär wohl nie Dem Sternlein nachgereist wie sie; Dennoch, wenn nun das Weihnachtsfest Seine Lichtlein wonniglich scheinen läßt, Fällt auch auf sein verständig Gesicht, Er mag es merken oder nicht, Ein freundlicher Strahl Des Wundersternes von dazumal. Leider!     So ists in alter Zeit gewesen,     So ist es, fürcht' ich, auch noch heut. Wer nicht besonders auserlesen,     Dem macht die Tugend Schwierigkeit. Aufsteigend mußt du dich bemühen,     Doch ohne Mühe sinkest du. Der liebe Gott muß immer ziehen,     Dem Teufel fällts von selber zu. Unbeliebtes Wunder             In Tours, zu Martin Bischofs Zeit, Gabs Krüppel viel und Bettelleut. Darunter auch ein Ehepaar, Was glücklich und zufrieden war. Er, sonst gesund, war blind und stumm; Sie sehend, aber lahm und krumm An jedem Glied, bis auf die Zunge Und eine unverletzte Lunge.     Das paßte schön. Sie reitet ihn Und, selbstverständlich, leitet ihn Als ein geduldig Satteltier, Sie obenauf, er unter ihr, Ganz einfach mit geringer Müh, Bloß durch die Worte hott und hü, Bald so, bald so, vor allen Dingen Dahin, wo grad die Leute gingen.     Fast jeder, ders noch nicht gesehn, Bleibt unwillkürlich stille stehn, Ruft: »Lieber Gott, was ist denn das?« Greift in den Sack, gibt ihnen was Und denkt noch lange gern und heiter An dieses Roß und diesen Reiter.     So hätten denn gewiß die zwei Durch fortgesetzte Bettelei, Vereint in solcherlei Gestalt, Auch ferner ihren Unterhalt, Ja, ein Vermögen sich erworben, Wär Bischof Martin nicht gestorben.     Als dieser nun gestorben war, Legt man ihn auf die Totenbahr Und tät ihn unter Weheklagen Fein langsam nach dem Dome tragen Zu seiner wohlverdienten Ruh.     Und sieh, ein Wunder trug sich zu. Da, wo der Zug vorüber kam, Wer irgend blind, wer irgend lahm, Der fühlte sich sogleich genesen, Als ob er niemals krank gewesen.     Oh, wie erschrak die lahme Frau! Von weitem schon sah sie's genau, Weil sie hoch oben, wie gewohnt, Auf des Gemahles Rücken thront. »Lauf, rief sie, laufe schnell von hinnen, Damit wir noch beizeit entrinnen.« Er läuft, er stößt an einen Stein, Er fällt und bricht beinah ein Bein.     Die Prozession ist auch schon da. Sie zieht vorbei. Der Blinde sah, Die Lahme, ebenfalls kuriert, Kann gehn, als wie mit Öl geschmiert, Und beide sind wie neugeboren Und kratzen sich verdutzt die Ohren.     Jetzt fragt es sich: Was aber nun? Wer leben will, der muß was tun. Denn wer kein Geld sein eigen nennt Und hat zum Betteln kein Talent Und hält zum Stehlen sich zu fein Und mag auch nicht im Kloster sein, Der ist fürwahr nicht zu beneiden. Das überlegten sich die beiden.     Sie, sehr begabt, wird eine fesche Gesuchte Plätterin der Wäsche. Er, mehr beschränkt, nahm eine Axt Und spaltet Klötze, daß es knackst, Von Morgens früh bin in die Nacht.     Das hat Sankt Martin gut gemacht. Abschied     Die Bäume hören auf zu blühn,     Mein Schatz will in die Fremde ziehn; Mein Schatz, der sprach ein bittres Wort:     Du bleibst nun hier, aber ich muß fort. Leb wohl, mein Schatz, ich bleib dir treu,     Wo du auch bist, wo ich auch sei. Bei Regen und bei Sonnenschein,     Solang ich lebe, gedenk ich dein. Solang ich lebe, lieb ich dich,     Und wenn ich sterbe, bet für mich, Und wenn du kommst zu meinem Grab,     So denk, daß ich dich geliebet hab. Einst in München geschrieben als Ergänzung zu der letzten Strophe, die Freund Krempelsetzer, der das Ganze komponierte, aus dem Volksmunde behalten hatte. Der Renommist       In einem Winkel, genannt die Butze, Wo allerlei Kram, Der nichts mehr nutze, Zusammenkam; Bei alten Hüten, alten Vasen, Bei Töpfen ohne Henkel und Nasen, Befand sich ein Reiterstiefel auch, Jetzt nur noch ein faltiger Lederschlauch. Großmächtig hat er das Wort geführt Und ganz gewaltiglich renommiert:     »Ha, damals! Ich und mein Kamerad! Immer fein gewichst von hinten und vorn, Blitzblank der Sporn, Durch die Straßen geklirrt, Alle Herzen verwirrt, Es war ein Staat! Hurra, der Krieg, Maustot oder Sieg! Unser Herr Leutenant, Schneidig, Schwert in der Hand; Doch hätt ich nicht gespornt sein Pferd, Verloren wär die Schlacht von Wörth.«     In dem Moment, zu aller Schrecke, Trat plötzlich hervor aus seiner Ecke Ein strammer Reiserbesen. »Hinaus! rief er, du alter Renommist: Was schert es uns, was du gewesen; Wir sehen, was du bist!« –     Ein Schubbs. Ein Schwung. Der Stiefel liegt draußen auf dem Dung. Doppelte Freude     Ein Herr warf einem Bettelmann     Fünf Groschen in den Felber. Das tat dem andern wohl, und dann     Tat es auch wohl ihm selber. Der eine, weil er gar so gut,     Kann sich von Herzen loben; Der andre trinkt sich frischen Mut     Und fühlt sich auch gehoben. Greulich         Er hatte, was sich nicht gehört,     Drei Bräute an der Zahl Und nahm, nachdem er sie betört,     'ne vierte zum Gemahl. Allein, es war ein kurzes Glück.     Kaum waren sie getraut, So hat der Hund auch diesen Strick     Schon wieder abgekaut. Modern     Hinweg mit diesen alten Herrn,     Sie sind zu nichts mehr nütz! So rufen sie und nähmen gern     Das Erbe in Besitz. Wie andre Erben, die in Not,     Vergeblich warten sie. Der alte reiche Hoffetot,     Der stirbt bekanntlich nie. Der fremde Hund       Was fällt da im Boskettgesträuch     Dem fremden Hunde ein? Geht man vorbei, so bellt er gleich     Und scheint wie toll zu sein. Der Gärtner holt die Flinte her.     Es knallt im Augenblick. Der arme Hund, getroffen schwer,     Wankt ins Gebüsch zurück. Vier kleine Hündchen liegen hier     Nackt, blind und unbewußt. Sie saugen emsig alle vier     An einer toten Brust. So wars     Der Teetopf war so wunderschön,     Sie liebt' ihn wie ihr Leben. Sie hat ihm leider aus Versehn     Den Todesstoß gegeben. Was sie für Kummer da empfand,     Nie wird sie es vergessen. Sie hielt die Scherben aneinand     Und sprach: So hats gesessen! Die Nachbarskinder     Wer andern gar zu wenig traut,     Hat Angst an allen Ecken; Wer gar zu viel auf andre baut,     Erwacht mit Schrecken. Es trennt sie nur ein leichter Zaun,     Die beiden Sorgengründer; Zu wenig und zu viel Vertraun     Sind Nachbarskinder. Von selbst         Spare deine guten Lehren     Für den eigenen Genuß. Kaum auch wirst du wen bekehren,     Zeigst du, wie mans machen muß. Laß ihn im Galoppe tollen,     Reite ruhig deinen Trab. Ein zu ungestümes Wollen     Wirft von selbst den Reiter ab. Beneidenswert         Sahst du noch nie die ungemeine     Und hohe Kunstgelenkigkeit, Sowohl der Flügel wie der Beine,     Im Tierbereich mit stillem Neid? Sieh nur, wie aus dem Felsgeklüfte     Auf seinen Schwingen wunderbar Bis zu den Wolken durch die Lüfte     In stolzen Kreisen schwebt der Aar. Sieh nur das Tierchen, das geringe,     Das zu benennen sich nicht ziemt, Es ist durch seine Meistersprünge,     Wenn nicht beliebt, so doch berühmt. Leicht zu erlegen diese beiden,     Das schlag dir lieber aus dem Sinn. Wer es versucht, der wird bescheiden,     Sei's Jäger oder Jägerin. Auch er     Rührend schöne Herzgeschichten,     Die ihm vor der Seele schweben, Weiß der Dichter zu berichten.     Wovon aber soll er leben? Was er fein zusammen harkte,     Sauber eingebundne Werklein, Führt er eben auch zu Markte,     Wie der Bauer seine Ferklein. Die alte Sorge       Er kriegte Geld. Die Sorge wich,     Die ihn bisher beklommen. Er hat die Jungfer Fröhlich sich     Zu seinem Schatz genommen. Sie tranken Wein, sie aßen fein,     Sie sangen zum Klaviere; Doch wie sie sich so recht erfreun,     Da klopft es an die Türe. Die alte Sorge wars, o weh,     Die magerste der Sorgen. Sie setzte sich ins Kanapee     Und wünschte guten Morgen. Eitelkeit     Ein Töpfchen stand im Dunkeln     An stillverborgener Stelle. Ha, rief es, wie wollt ich funkeln,     Käm ich nur mal ins Helle. Ihm geht es wie vielen Narren.     Säß einer auch hinten im Winkel, So hat er doch seinen Sparren     Und seinen aparten Dünkel. Vielleicht                   Sage nie: Dann solls geschehen!     Öffne dir ein Hinterpförtchen     Durch »Vielleicht«, das nette Wörtchen, Oder sag: Ich will mal sehen! Denk an des Geschickes Walten.     Wie die Schiffer auf den Plänen     Ihrer Fahrten stets erwähnen: Wind und Wetter vorbehalten! Gedankenvoll               Ich weiß ein stilles Fensterlein, Liegt heimlich und versteckt, Das hat mit Laub der grüne Wein Und Ranken überdeckt. Im Laube spielt der Sommerwind, Die Rebe schwankt und nickt, Dahinter sitzt ein hübsches Kind Gedankenvoll und stickt. Im jugendklaren Angesicht Blüht wundersüß der Mund Als wie ein Rosenknösplein licht Früh in der Morgenstund. Im Netzgeflecht das blonde Haar Umfaßt ein braunes Band, Das liebe blaue Augenpaar Blickt sinnend auf die Hand. Und 's Köpfchen scheint so still zu sein. Ist doch ein Taubenschlag. Gedanken fliegen aus und ein Den lieben langen Tag. Sie fliegen über Wald und Flur Ins weite Land hinaus. Ach, käm ein einzig Täubchen nur Und flöge in mein Haus. Niemals         Wonach du sehnlich ausgeschaut,   Es wurde dir beschieden. Du triumphierst und jubelst laut:   Jetzt hab ich endlich Frieden! Ach, Freundchen, rede nicht so wild,   Bezähme deine Zunge! Ein jeder Wunsch, wenn er erfüllt,   Kriegt augenblicklich Junge. Beruhigt             Zwei mal zwei gleich vier ist Wahrheit.   Schade, daß sie leicht und leer ist, Denn ich wollte lieber Klarheit   Über das, was voll und schwer ist. Emsig sucht ich aufzufinden,   Was im tiefsten Grunde wurzelt, Lief umher nach allen Winden   Und bin oft dabei gepurzelt. Endlich baut ich eine Hütte.   Still nun zwischen ihren Wänden Sitz ich in der Welten Mitte,   Unbekümmert um die Enden. Fehlgeschossen                 Fritz war ein kecker Junge Und sehr geläufig mit der Zunge.     Einstmals ist er beim Ährenlesen Draußen im Felde gewesen, Wo die Weizengarben, je zu zehn, Wie Häuslein in der Reihe stehn.     Ein Wetter zog herauf.     Da heißt es: Lauf! Und flink wie ein Mäuslein Schlüpft er ins nächste Halmenhäuslein.     Krach! – Potztausend nochmal! Dicht daneben zündet der Wetterstrahl.     Ätsch, rief der Junge, der nicht bange, Und streckt die Zunge aus, die lange:     Fehlgeschossen, Herr Blitz! Hier saß der Fritz! Unbillig             Nahmst du in diesem großen Haus     Nicht selbst Quartier? Mißfällt es dir, so zieh doch aus.     Wer hält dich hier? Und schimpfe auf die Welt, mein Sohn,     Nicht gar zu laut. Eh du geboren, hast du schon     Mit dran gebaut. Er ist mal so     Zwar mit seinem losen Mund     Neigt er zum Krakeele. Dabei ist er doch im Grund     Eine treue Seele. Die er seine Freunde nennt,     Dulden seine Witze, Denn ein jeder, der ihn kennt,     Kennt auch seine Mütze. Verzeihlich           Er ist ein Dichter, also eitel.     Und, bitte, nehmt es ihm nicht krumm, Zieht er aus seinem Lügenbeutel     So allerlei Brimborium. Juwelen, Gold und stolze Namen,     Ein hohes Schloß im Mondenschein Und schöne höchstverliebte Damen,     Dies alles nennt der Dichter sein. Indessen ist ein enges Stübchen     Sein ungeheizter Aufenthalt. Er hat kein Geld, er hat kein Liebchen,     Und seine Füße werden kalt. Befriedigt         Er 'hört, als eines von den Lichtern,     Die höher stets und höher steigen, Bereits zu unsern besten Dichtern,     Das läßt sich leider nicht verschweigen. Was weiß man von den Sittenrichtern? –     Er lebt von seiner Frau geschieden, Hat Schulden, ist nicht immer nüchtern –     Aha, jetzt sind wir schon zufrieden. Gestört       Ich gedachte still zu sitzen,     Doch sogleich begann das Treiben: Du mußt gehen, laufen, schwitzen,     Um so forsch wie wir zu bleiben. Und sie wollten mir nach ihrer     Mode keine Ruhe gönnen, Gleich wie Boten und Hausierer     Sollt ich hin und wider rennen. Ich besah mir diese Geister,     Diese ungestümen Treiber. Oft sind solche weisen Meister     Grad die ärgsten Klageweiber. Armer Haushalt         Weh, wer ohne rechte Mittel     Sich der Poesie vermählt! Täglich dünner wird der Kittel,     Und die Milch im Hause fehlt. Ängstlich schwitzend muß er sitzen,     Fort ist seine Seelenruh, Und vergeblich an den Zitzen     Zupft er seine magre Kuh. Ärgerlich     Aus der Mühle schaut der Müller,     Der so gerne mahlen will. Stiller wird der Wind und stiller,     Und die Mühle stehet still. So gehts immer, wie ich finde,     Rief der Müller voller Zorn. Hat man Korn, so fehlts am Winde,     Hat man Wind, so fehlt das Korn. Gedrungen Schnell wachsende Keime     Welken geschwinde; Zu lange Bäume     Brechen im Winde. Schätz nach der Länge     Nicht das Entsprungne! Fest im Gedränge     Steht das Gedrungne. Im Sommer         In Sommerbäder Reist jetzt ein jeder     Und lebt famos. Der arme Dokter, Zu Hause hockt er     Patientenlos. Von Winterszenen, Von schrecklich schönen,     Träumt sein Gemüt, Wenn, Dank der Götter, Bei Hundewetter     Sein Weizen blüht. Künftig     O komm herbei, du goldne Zeit,     Wenn alle, die jetzt bummeln, In schöner Unparteilichkeit     Sich bei der Arbeit tummeln. Der Lärm, womit der Musikant     Uns stört, wird dann geringer. Wer Dünger fuhr, wer Garben band,     Dem krümmen sich die Finger. Vergeblich     Schon recht. Du willst als Philosoph     Die Wahrheit dir gewinnen; Du machst mit Worten ihr den Hof,     Um so sie einzuspinnen. Nur sage nicht, daß zwischen dir     Und ihr schon alles richtig. Sie ist und bleibt, das wissen wir,     Jungfräulich, keusch und züchtig. Versäumt     Zur Arbeit ist kein Bub geschaffen,     Das Lernen findet er nicht schön; Er möchte träumen, möchte gaffen     Und Vogelnester suchen gehn. Er liebt es, lang im Bett zu liegen.     Und wie es halt im Leben geht: Grad zu den frühen Morgenzügen     Kommt man am leichtesten zu spät. Wassermuhmen       In dem See die Wassermuhmen     Wollen ihr Vergnügen haben,     Fangen Mädchen sich und Knaben, Machen Frösche draus und Blumen. Wie die Blümlein zierlich knicksen,     Wie die Fröschlein zärtlich quacken,     Wie sie flüstern, wie sie schnacken, So was freut die alten Nixen. Das Blut     Wie ein Kranker, den das Fieber     Heiß gemacht und aufgeregt, Sich herüber und hinüber     Auf die andre Seite legt - So die Welt. Vor Haß und Hader     Hat sie niemals noch geruht. Immerfort durch jede Ader     Tobt das alte Sünderblut. So nicht         Ums Paradies ging eine Mauer     Hübsch hoch vom besten Marmelstein. Der Kain, als ein Bub, ein schlauer,     Denkt sich: Ich komme doch hinein. Er stieg hinauf zu diesem Zwecke     An einer Leiter mäuschenstumm. Da schlich der Teufel um die Ecke     Und stieß ihn samt der Leiter um. Der Vater Adam, ders gesehen,     Sprach, während er ihn liegen ließ: Du Schlingel! Dir ist recht geschehen.     So kommt man nicht ins Paradies. Laß ihn     Er ist verliebt, laß ihn gewähren,     Bekümmre dich um dein Pläsier, Und kommst du gar, ihn zu bekehren,     Wirft er dich sicher vor die Tür. Mit Gründen ist da nichts zu machen.     Was einer mag, ist seine Sach, Denn kurz gesagt: In Herzenssachen     Geht jeder seiner Nase nach. Bis auf weiters         Das Messer blitzt, die Schweine schrein,     Man muß sie halt benutzen, Denn jeder denkt: Wozu das Schwein,     Wenn wir es nicht verputzen? Und jeder schmunzelt, jeder nagt     Nach Art der Kannibalen, Bis man dereinst »Pfui Teufel!« sagt     Zum Schinken aus Westfalen. Gründer       Geschäftig sind die Menschenkinder,     Die große Zunft von kleinen Meistern, Als Mitbegründer, Miterfinder     Sich diese Welt zurecht zu kleistern. Nur leider kann man sich nicht einen,     Wie man das Ding am besten mache. Das Bauen mit belebten Steinen     Ist eine höchst verzwickte Sache. Welch ein Gedränge und Getriebe     Von Lieb und Haß bei Nacht und Tage, Und unaufhörlich setzt es Hiebe,     Und unaufhörlich tönt die Klage. Gottlob! es gibt auch stille Leute,     Die meiden dies Gewühl und hassen's Und bauen auf der andern Seite     Sich eine Welt des Unterlassens. Entrüstet     Zu gräßlich hatt' er mich geneckt.     Wie weh war mir zu Sinn! Und tief gekränkt und aufgeschreckt     Zum Kirchhof lief ich hin. Ich saß auf einem Leichenstein,     Die Augen weint ich rot. Ach, lieber Gott, erbarm dich mein     Und mach mich endlich tot. Sieht er mich dann in meinem Sarg,     So wird er lebenssatt Und stirbt vor Gram, weil er so arg     Mein Herz behandelt hat. Kaum wars gesagt, so legten sich     Zwei Arme um mich her, Und auf der Stelle fühlte ich,     Wer das getan, war er. Wir kehrten Arm in Arm zurück.     Ich sah ihn an bei Licht. Nein, solchen treuen Liebesblick     Hat doch kein Bösewicht. Wiedergeburt     Wer nicht will, wird nie zunichte,     Kehrt beständig wieder heim. Frisch herauf zum alten Lichte     Dringt der neue Lebenskeim. Keiner fürchte zu versinken,     Der ins tiefe Dunkel fährt. Tausend Möglichkeiten winken     Ihm, der gerne wiederkehrt. Dennoch seh ich dich erbeben,     Eh du in die Urne langst. Weil dir bange vor dem Leben,     Hast du vor dem Tode Angst. Glückspilz           Geboren ward er ohne Wehen Bei Leuten, die mit Geld versehen. Er schwänzt die Schule, lernt nicht viel, Hat Glück bei Weibern und im Spiel, Nimmt eine Frau sich, eine schöne, Erzeugt mit ihr zwei kluge Söhne, Hat Appetit, kriegt einen Bauch, Und einen Orden kriegt er auch, Und stirbt, nachdem er aufgespeichert Ein paar Milliönchen, hochbetagt; Obgleich ein jeder weiß und sagt: Er war mit Dummerjan geräuchert! Immerfort     Das Sonnenstäubchen fern im Raume,     Das Tröpfchen, das im Grase blinkt, Das dürre Blättchen, das vom Baume     Im Hauch des Windes niedersinkt - Ein jedes wirkt an seinem Örtchen     Still weiter, wie es muß und mag, Ja, selbst ein leises Flüsterwörtchen     Klingt fort bis an den Jüngsten Tag. Verfrüht             Papa, nicht wahr, Im nächsten Jahr, Wenn ich erst groß Und lesen kann und schreiben kann, Dann krieg ich einen hübschen Mann Mit einer Ticktackuhr An einer goldnen Schnur. Der nimmt mich auf den Schoß Und sagt zu mir: Mein Engel, Und gibt mir Zuckerkrengel Und Kuchen und Pasteten. Nicht wahr, Papa?     Der Vater brummt: Na, na, Was ist das für Gefabel! Die Vögel, die dann flöten, Die haben noch keinen Schnabel. Nörgeln     Nörgeln ist das Allerschlimmste,     Keiner ist davon erbaut; Keiner fährt, und wärs der Dümmste,     Gern aus seiner werten Haut. Vertraut     Wie liegt die Welt so frisch und tauig     Vor mir im Morgensonnenschein. Entzückt vom hohen Hügel schau ich     Ins frühlingsgrüne Tal hinein. Mit allen Kreaturen bin ich     In schönster Seelenharmonie. Wir sind verwandt, ich fühl es innig,     Und eben darum lieb ich sie. Und wird auch mal der Himmel grauer;     Wer voll Vertraun die Welt besieht, Den freut es, wenn ein Regenschauer     Mit Sturm und Blitz vorüberzieht. Tröstlich     Die Lehre von der Wiederkehr     Ist zweifelhaften Sinns. Es fragt sich sehr, ob man nachher     Noch sagen kann: Ich bins. Allein was tuts, wenn mit der Zeit     Sich ändert die Gestalt? Die Fähigkeit zu Lust und Leid     Vergeht wohl nicht so bald. Unfrei       Ganz richtig, diese Welt ist nichtig.     Auch du, der in Person erscheint, Bist ebenfalls nicht gar so wichtig,     Wie deine Eitelkeit vermeint. Was hilft es dir, damit zu prahlen,     Daß du ein freies Menschenkind? Muß du nicht pünktlich Steuern zahlen,     Obwohl sie dir zuwider sind? Wärst du vielleicht auch, sozusagen,     Erhaben über gut und schlecht, Trotzdem behandelt dich dein Magen     Als ganz gemeinen Futterknecht. Lang bleibst du überhaupt nicht munter.     Das Alter kommt und zieht dich krumm Und stößt dich rücksichtslos hinunter     Ins dunkle Sammelsurium. Daselbst umfängt dich das Gewimmel     Der Unsichtbaren, wie zuerst, Eh du erschienst, und nur der Himmel     Weiß, ob und wann du wiederkehrst. Zwei Jungfern     Zwei Jungfern gibt es in Dorf und Stadt,     Sie leben beständig im Kriege, Die Wahrheit, die niemand gerne hat,     Und die scharmante Lüge. Vor jener, weil sie stolz und prüd     Und voll moralischer Nücken, Sucht jeder, der sie nur kommen sieht,     Sich schleunigst wegzudrücken. Die andre, obwohl ihr nicht zu traun,     Wird täglich beliebter und kecker, Und wenn wir sie von hinten beschaun,     So hat sie einen Höcker. Rechthaber           Seine Meinung ist die rechte,     Wenn er spricht, müßt ihr verstummen, Sonst erklärt er euch für Schlechte     Oder nennt euch gar die Dummen. Leider sind dergleichen Strolche     Keine seltene Erscheinung. Wer nicht taub, der meidet solche     Ritter von der eignen Meinung. Bös und gut     Wie kam ich nur aus jenem Frieden               Ins Weltgetös? Was einst vereint, hat sich geschieden,               Und das ist bös. Nun bin ich nicht geneigt zum Geben,               Nun heißt es: Nimm! Ja, ich muß töten, um zu leben,               Und das ist schlimm. Doch eine Sehnsucht blieb zurücke,               Die niemals ruht. Sie zieht mich heim zum alten Glücke,               Und das ist gut. Immerhin           Mein Herz, sei nicht beklommen,     Noch wird die Welt nicht alt. Der Frühling ist wiederkommen,     Frisch grünt der deutsche Wald. Seit Ururvätertagen     Stehen die Eichen am See, Die Nachtigallen schlagen,     Zur Tränke kommt das Reh. Die Sonne geht auf und unter     Schon lange vieltausendmal, Noch immer eilen so munter     Die Bächlein ins blühende Tal. Hier lieg ich im weichen Moose     Unter dem rauschenden Baum, Die Zeit, die wesenlose,     Verschwindet als wie ein Traum. Von kühlen Schatten umdämmert,     Versink ich in selige Ruh; Ein Specht, der lustig hämmert,     Nickt mir vertraulich zu. Mir ist, als ob er riefe:     Heija, mein guter Gesell, Für ewig aus dunkler Tiefe     Sprudelt der Lebensquell. Erbauliche Bescheidenheit             Sehr schlecht befand sich Mutter Klöhn. Sie kann nicht gehn, Ist krumm und lahm Und liegt zu Bett und rührt sich nicht. Seit zwanzig Jahren hat sie schon die Gicht.     Herr Küster Bötel, welcher häufig kam, Um gute Beßrung ihr zu wünschen, Erzählt ihr auch des weitern, Um sie ein wenig zu erheitern, Die Mordgeschichte, die man jüngst verbrochen.     Ja, denken Sie nur mal, Der Präsident von Frankreich ist erstochen Von einem Strolch Mit einem Dolch. Ist das nicht ein Skandal?     Oh, Lüh und Kinners, rief sie voller Graun, Wat gift et doch vär Minschen. Sau wat könnt eck doch nich e daun!!     Herr Bötel sprach und sah sie freundlich an: Dies Wort von Ihnen mag ich leiden. Ein guter Mensch ist niemals unbescheiden Und tut nicht mehr, als was er kann. Adieu, Frau Klöhn! Auf fröhlich Wiedersehn! Ich bin Papa                     Mitunter schwitzen muß der Schreiner, Er stößt auf manchen harten Ast. So geht es auch, wenn unsereiner Sich mit der Grübelei befaßt.     Zum Glück hat meine gute Frau, Die liebevoll an alles denkt, Mir einen kleinen Fritz geschenkt, Denn oft erfreut mich dieser Knabe Durch seinen kindlichen Radau, Wenn ich so meine Schrullen habe.     Heut mittag gab es wieder mal Mein Leibgericht, gespickten Aal, Und wie ich dann zur Körperpflege, Die Weste auf, die Augen zu, Die Hände friedlich auf dem Magen Im Polsterstuhl mich niederlege, O weh, ein Schwarm von dummen Fragen Verscheucht die heißersehnte Ruh.     Ach, wird es mir denn niemals klar, Wo ich gewesen, eh ich war? Schwamm ich, verkrümelt in Atome, Gedankenlos im Wirbelstrome, Bis ich am Ende mich verdichtet Zu einer denkenden Person? Und jetzt, was hab ich ausgerichtet? Was war der Mühe karger Lohn? Das Geld ist rar, die Kurse sinken, Dagegen steigt der Preis der Schinken. Fast jeden Morgen klagt die Mutter: Ach, Herr, wie teuer ist die Butter! Ja, selbst der Vater wird gerührt, Wenn er sein kleines Brötchen schmiert. Und doch, trotz dieser Seelenleiden, Will keiner gern von hinnen scheiden. Wer weiß?     Ei sieh, wer kommt denn da? Hallo, der Fritz! Nun wird es heiter, Nun machen wir den Eselreiter. Flugs stell ich mich auf alle viere, Indem ich auf und ab marschiere, Und rufe kräftig mein I – ah! Vor Wähligkeit und Übermut.     I – ah! Die Welt ich nicht so übel. Wozu das närrische Gegrübel? Ich bin Papa, und damit gut. Gründliche Heilung                 Es saß der fromme Meister     Mit Weib und Kind bei Tisch. Ach, seine Lebensgeister     Sind nicht wie sonst so frisch. Er sitzt mit krummem Nacken     Vor seinem Leibgericht, Er hält sich beide Backen,     Worin es heftig sticht. Das brennt wie heiße Kohlen.     Au, schreit er, au, verdammt! Der Teufel soll sie holen,     Die Zähne allesamt! Doch gleich, wie es in Nöten     Wohl öfter schon geschah, Begann er laut zu beten:     Hilf, Apollonia! Kaum daß aus voller Seele     Er diesen Spruch getan, Fällt aus des Mundes Höhle     Ihm plötzlich jeder Zahn. Und schmerzlos, Dank dem Himmel,     Schmaust er, wie sonst der Brauch, Nur war es mehr Gemümmel,     Und lispeln tät er auch. Pohsit! Wie klingt so niedlich     Des Meisters Säuselton. Er trank, entschlummert friedlich,     Und horch, da schnarcht er schon. Frühlingslied             In der Laube von Syringen,     Oh, wie ist der Abend fein! Brüder, laßt die Gläser klingen,     Angefüllt mit Maienwein.     Heija, der frische Mai,     Er bringt uns mancherlei. Das Schönste aber hier auf Erden Ist, lieben und geliebt zu werden,     Heija, im frischen Mai. Über uns die lieben Sterne     Blinken hell und frohgemut, Denn sie sehen schon von ferne,     Auch hier unten geht es gut. Wer sich jetzt bei trüben Kerzen     Der Gelehrsamkeit befleißt, Diesem wünschen wir von Herzen,     Daß er bald Professor heißt. Wer als Wein- und Weiberhasser     Jedermann im Wege steht, Der genieße Brot und Wasser,     Bis er endlich in sich geht. Wem vielleicht sein altes Hannchen     Irgendwie abhanden kam, Nur getrost, es gab schon manchen,     Der ein neues Hannchen nahm. Also, eh der Mai zu Ende,     Aufgeschaut und umgeblickt, Keiner, der nicht eine fände,     Die ihn an ihr Herze drückt. Jahre steigen auf und nieder;     Aber, wenn der Lenz erblüht, Dann, ihr Brüder, immer wieder     Töne unser Jubellied.     Heija, der frische Mai,     Er bringt uns mancherlei, Das Schönste aber hier auf Erden Ist, lieben und geliebt zu werden,     Heija, im frischen Mai. Zu Neujahr     Will das Glück nach seinem Sinn     Dir was Gutes schenken, Sage Dank und nimm es hin     Ohne viel Bedenken. Jede Gabe sei begrüßt,     Doch vor allen Dingen: Das, worum du dich bemühst ,     Möge dir gelingen. In trauter Verborgenheit     Ade, ihr Sommertage,     Wie seid ihr so schnell enteilt, Gar mancherlei Lust und Plage     Habt ihr uns zugeteilt. Wohl war es ein Entzücken,     Zu wandeln im Sonnenschein, Nur die verflixten Mücken     Mischten sich immer darein. Und wenn wir auf Waldeswegen     Dem Sange der Vögel gelauscht, Dann kam natürlich ein Regen     Auf uns hernieder gerauscht. Die lustigen Sänger haben     Nach Süden sich aufgemacht, Bei Tage krächzen die Raben,     Die Käuze schreien bei Nacht. Was ist das für ein Gesause!     Es stürmt bereits und schneit. Da bleiben wir zwei zu Hause     In trauter Verborgenheit. Kein Wetter kann uns verdrießen.     Mein Liebchen, ich und du, Wir halten uns warm und schließen     Hübsch feste die Türen zu. Der Türmer                 Der Türmer steht auf hohem Söller Und raucht sein Pfeifchen echten Kneller, Wobei der alte Invalid Von oben her die Welt besieht.     Es kommt der Sommer allgemach. Die Schwalben fliegen um das Dach, Derweil schon manche stillbeglückt Im Neste sitzt und fleißig drückt. Zugleich tritt aus dem Gotteshaus Ein neuvermähltes Paar heraus, Das darf sich nun in allen Ehren Getreulich lieben und vermehren. –     Der Sommer kam, und allenthalben Schwebt ungezählt das Heer der Schwalben, Die, wenn sie flink vorüberflitzen, Des Türmers alten Hut beschmitzen. Vom Platze unten tönt juchhei, Die Klosterschüler haben frei, Sie necken, schrecken, jagen sich, Sie schlagen und vertragen sich Und grüßen keck mit Hohngelächter Des Turmes hochgestellten Wächter. –     Der Sommer ging, die Schwalben setzen Sich auf das Kirchendach und schwätzen. Sie warten, bis der Abend da, Dann flogen sie nach Afrika. Doch unten, wo die Fackeln scheinen, Begraben sie mal wieder einen Und singen ihm nach frommer Weise Ein Lebewohl zur letzten Reise.     Bedenklich schaut der Türmer drein. Still geht er in sein Kämmerlein Zu seinem großen Deckelkrug, Und als die Glocke zehne schlug, Nahm er das Horn mit frischem Mut Und blies ein kräftiges Tuhuht. Buch des Lebens     Haß, als Minus und vergebens, Wird vom Leben abgeschrieben. Positiv im Buch des Lebens Steht verzeichnet nur das Lieben. Ob ein Minus oder Plus Uns verblieben, zeigt der Schluß.