Alphonse Daudet Tartarin in den Alpen     Autorisierte Uebersetzung von Stephan Born     Leipzig Verlag von H. Le Soudier 1886 Inhalt I Sein Erscheinen auf dem Rigi-Kulm. – Wer? – Wie man an einem Tische von sechshundert Gedecken sich unterhält. – Reis und Pflaumen. – Ein improvisirter Ball. – Der Unbekannte schreibt sich in's Fremdenbuch ein. – P. C. A. II Tarascon, fünf Minuten Aufenthalt. – Der Alpinenklub. – Erklärung von P. C. A. – Wilde Kaninchen und zahme Kaninchen. – Das ist mein Testament. – Der Cadaver-Syrup. – Erste Bergbesteigung. – Tartarin braucht sein Fernglas. III Lärm auf dem Rigi. – Kaltes Blut! kaltes Blut! – Das Alpenhorn. – Was Tartarin beim Erwachen im Spiegel sieht. – Bestürzung. – Man bestellt telephonisch einen Führer. IV Auf dem Schiff. – Es regnet. – Der Held von Tarascon grüsst die Manen der schweizerischen Helden. – Die Wahrheit über Wilhelm Tell. – Enttäuschung. – «Té, Bompard!» V Vertrauliche Mittheilungen unter einem Tunnel. VI Der Brünigpass. – Tartarin fällt den Nihilisten in die Hände. – Das Verschwinden eines italienischen Tenors und eines zu Avignon verfertigten Seiles. – Neue Heldenthaten des Mützenjägers. – Piff! Paff! VII Die Nächte in Tarascon. – Wo ist er? – Grosse Besorgniss. – Die Grillen auf den Promenadebäumen sehnen sich nach Tartarin. – Märtyrerthum eines grossen tarasconnesischen Heiligen. – Der Alpinenklub. – Was in der Apotheke auf dem kleinen Platze vorging. – Bozuquet, hilf! VIII Denkwürdiges Zwiegespräch zwischen der Jungfrau und Tartarin. – Ein nihilistischer Salon. – Das Duell auf Jägermesser. – Fürchterliche Angst. – «Mich suchen Sie, meine Herren?» – Sonderbarer Empfang der Delegation von Tarascon durch den Gasthofsbesitzer Meyer. IX Zur treuen Gemse. X Die Besteigung der Jungfrau. – Vé, die Ochsen! – Die Whymper'schen Steigeisen sind nichts werth, die Kaffeemaschine taugt auch nichts. – Das Erscheinen maskirter Männer in der Klubhütte. – Der Präsident im Gletscherspalt. – Er büsst seine Brille ein. – Auf dem Gipfel! – Tartarin, ein Gott. XI Auf nach Tarascon! – Der Genfer See. – Tartarin schlägt eine Fahrt nach dem Kerker Bonnivard's vor. – Kurzer Dialog unter den Rosen. – Die ganze Bande hinter Schloss und Riegel. – Der unglückliche Bonnivard. – Wo ein gewisses, in Avignon fabrizirtes Seil sich wiederfindet. XII Das Hotel Baltet in Chamonix. – Das riecht nach Knoblauch. – Von der Anwendung des Seiles bei Alpenbesteigungen. – Shake hand! – Ein Schüler Schopenhauer's. – Halt bei den Grands-Mulets. – «Tartaréïn, ich muss Sie sprechen....» XIII Die Katastrophe XIV Epilog. I Sein Erscheinen auf dem Rigi-Kulm. – Wer? – Wie man an einem Tische von sechshundert Gedecken sich unterhält. – Reis und Pflaumen. – Ein improvisirter Ball. – Der Unbekannte schreibt sich in's Fremdenbuch ein. – P. C. A. Es war am 10. August 1880, zur fabelhaften Stunde jenes in den Reisehandbüchern von Joanne und Baedeker so vielgerühmten Sonnenunterganges in den Alpen, als ein graugelber, hie und da von spiralförmig aufsteigenden Schneewellen gepeitschter dicker Nebel den Gipfel des Rigi (Regina Montium) mit seinem Riesenhotel einhüllte, das auf der kahlen Höhe droben sich so sonderbar ausnimmt, reich befenstert wie eine Sternwarte, massiv wie eine Citadelle, und wo auf einen Tag und eine Nacht die reisenden Sonnenanbeter sich zusammenfinden, wichtig thun, und sich gegenseitig langweilen. Die Bewohner dieser ungeheuren und prunkvollen Karavanserei zählten peinvoll die Minuten oben in ihren Zimmern oder streckten sich gähnend auf den Divans der mitten im Sommer geheizten, feuchtwarmen Lesesäle. Anstatt auf das verheissene Schauspiel am Abendhimmel, blickten sie auf die draussen umherwirbelnden weissen Schneestäubchen und auf die soeben auf dem Perron angezündeten monumentalen Kandelaber, deren dicke Scheiben unter den heftigen Windstössen erzitterten. So hoch hinaufzuklettern, aus den vier Himmelsrichtungen herbeizuströmen, um dies zu sehen.... O Baedeker!.... Plötzlich tauchte etwas aus dem Nebel auf und näherte sich unter klirrendem Getön dem Hotel. Die eigenthümlichen Bewegungen rührten wohl von der sonderbaren Bepackung des herankeuchenden Wesens her. Die müssigen Touristen, die Nasen gegen die Scheiben gedrückt, die misses, neugierig die kleinen Titusköpfe vorstreckend, hielten die auf etwa zwanzig Schritt entfernte, im Schnee sich vorwärts bewegende Erscheinung für eine verirrte Kuh, dann für einen mit seinem Handwerkzeug beladenen Kesselflicker. Auf zehn Schritt wechselte die Gestalt wieder. Sie zeigte eine Armbrust auf der Schulter, das herabgelassene Visir am Helm eines mittelalterlichen Schützen, auf diesen Bergen etwas noch Unwahrscheinlicheres als eine Kuh oder ein umherziehender Kesselflicker. Auf der Freitreppe war der Armbrustschütze nur noch ein dicker, untersetzter stämmiger Mann, der jetzt innehielt, um sich zu verschnaufen, den Schnee von seinen gelbtuchenen Gamaschen, eben solcher Mütze und der gestrickten, Ohren, Hinterkopf und Hals deckenden Haube schüttelte, aus welchem Kleidungsstück von dem Gesicht nur ein Paar Büschel ergrauenden Barthaars und ungeheure, wie Stereoskope gewölbte grüne Brillengläser hervorguckten. Die Hacke, der Alpenstock, ein Bergsack auf dem Rücken, ein Bündel gerollter, kreuzweis über einander gelegter Seile, eiserne Klammern und Haken am Gürtel einer englischen Joppe mit breiten Taschenklappen vervollständigten die Ausrüstung eines vollendeten Alpensteigers. Auf dem öden Gipfel des Montblanc oder des Finsteraarhorns wäre diese Erscheinung etwas sehr Natürliches gewesen; aber auf dem Rigi-Kulm, zwei Schritt von der Eisenbahn! Der Alpensteiger kam freilich nicht von der Seite der Station her und das Aussehen seiner hohen Gamaschen wies auf einen langen Marsch durch Schnee und Koth. Einen Augenblick betrachtete er das Hotel und dessen Nebengebäude, höchlich verwundert darüber, nahezu zweitausend Meter über dem Meeresspiegel ein so gewaltiges Bauwerk, durch Glasscheiben geschlossene Galerien, offene Säulengänge, sieben vielfenstrige Stockwerke und einen breiten Perron anzutreffen, der sich zwischen zwei Reihen auf eleganten Ständern ruhenden Pechpfannen hinzog, welche dieser Bergeshöhe fast das Aussehen des Opernplatzes in winterlicher Abenddämmerung verliehen. So verwundert er aber auch sein mochte, die Hotelbedienung war es noch mehr als er; und als er in den ungeheuren Flur vordrang, entstand ein sonderbares Gedränge vor allen Thüren, die zu den Sälen führten: Herren mit Billardstöcken in der Hand, andere mit geöffneten Zeitungen, Damen mit einem Buch oder einer Handarbeit, und tief im Hintergrunde, da wo die Treppe aufsteigt, beugte es sich Kopf an Kopf über das Geländer zwischen die Ketten des Elevators. Der Mann sagte ganz laut, mit starker, tiefer Bassstimme, wie man sie nur im mittäglichen Frankreich kennt, und die wie ein Paar Klappschüsseln tönte: «Nichtswürdiges Pech! Ist das ein Wetter!...» Und im gleichen Moment blieb er stehen und nahm seine Mütze und die Brille ab. Er erstickte fast. Das blendende Licht, die vom Gas und den Oefen ausströmende Wärme im Gegensatz zu der Kälte draussen, dann der ganze prunkvolle Apparat, die hohen Räume, die aufgeputzten Portiers mit den Worten REGINA MONTIUM in goldenen Buchstaben auf ihren Admiralsmützen, die weissen Halsbinden der Kellner und das Bataillon Schweizerinnen in Nationaltracht, das auf ein Glockenzeichen herbeieilte, alles das betäubte ihn eine Sekunde lang, aber nicht länger als eine. Er fühlte, dass alle Blicke auf ihm ruhten und auf der Stelle fand er seine Fassung wieder, wie ein Schauspieler vor vollen Logen. «Der Herr befehlen?...» Es war der Oberkellner, der ihn mit kaum geöffneten Lippen anredete; ein sehr feiner Oberkellner, modernstes Jaquett, seidenhaariger Backenbart, der Kopf eines Damenschneiders. Der Alpensteiger verlangte ohne Zaudern ein Zimmer, «ein flottes, hübsches Zimmerchen wenigstens;» er stellte sich zu dem majestätischen Oberkellner wie zu einem ehemaligen Schulkameraden. Aber fast hätte er sich geärgert, als die Bernerin, steif wie ihr mit silbernen Kettchen behangener Brustlatz, und die schneeweissen Aermel nicht minder steif gestärkt, ihm mit brennender Kerze entgegentrat und die Frage an ihn richtete, ob er vielleicht des Elevators sich bedienen möchte. Der Vorschlag, ein Verbrechen zu begehen, hätte in seinem Herzen keine tiefere Entrüstung erregen können. ...Ein Hebestuhl, ein Aufzug, ihm!... ihm! Bei diesem Ausruf, bei seiner Armbewegung fing die ganze eiserne Ausrüstung des Mannes zu klirren an. Aber plötzlich wieder sanfter gestimmt, sagte er in liebenswürdigstem Tone zu der Schweizerin: « pedibus cum beinis, mein süsses Kätzchen...» und er stieg hinter ihr her die Treppe hinauf, mit seinem breiten Rücken die Leute auf seinem Wege bei Seite schiebend, während durch das ganze grosse Hotel die einzige lange Frage von Mund zu Mund in allen Sprachen der Welt sich wiederholte: «Was ist nur das für ein Wesen?» Da ertönte der zweite Glockenschlag, der zum Diner rief, und Niemand kümmerte sich mehr um die ungewöhnliche Persönlichkeit.   Der Speisesaal auf Rigi-Kulm ist ein wahres Schauspiel. Sechshundert Gedecke auf einem ungeheuren Tisch in Hufeisenform, auf welchem Schalen mit Reis und gekochten Pflaumen in langer Reihe mit Blattpflanzen abwechselten, während in den hellen oder braunen Saucen die Flämmchen der Kronleuchter und die Vergoldungen der getäfelten Saaldecke sich wiederspiegelten. Wie bei mancher schweizerischen Table d'hôte spalteten Reis und Pflaumen die Gäste in zwei feindliche Parteien und schon an den grimmigen oder lüsternen Blicken, die bei Beginn des Diners auf die Dessertschalen geworfen wurden, errieth man leicht, welcher Partei die Gäste angehörten. Die Reisesser erkannte man auch an ihrer krankhaften Blässe, die Pflaumenesser an ihrem vollblütigen Aussehen. Den weisen schweizerischen Hotelwirthen war die pathologische Thatsache nicht entgangen, dass, wie die essende Menschheit überhaupt, die reisende Menschheit im Besonderen in zwei grosse Klassen einzutheilen ist: in diejenige, welche zu ihrem leiblichen Wohlsein des Reises, in die andere, welche der befreienden Pflaume bedarf. Man kann seinen Gästen nicht liebenswürdiger entgegenkommen. Und sie verstanden Alle diesen zarten sanitarischen Wink. An jenem Abend bildeten die zu Congestionen geneigten, also die Spitalpflaumen, die Mehrzahl; sie zählten sehr wichtige Persönlichkeiten, europäische Berühmtheiten, in ihren Reihen, wie z. B. den grossen Geschichtschreiber Astier-Réhu, Mitglied der französischen Akademie, den Baron von Stolz, einen alten österreichischen Diplomaten, Lord Chipendale (?), ein Mitglied des Jockey-Club mit seiner Nichte (hm! hm!), den berühmten Professor Dr. Schwanthaler von der Universität Bonn, einen peruanischen General und seine acht Töchter. Dem konnten die Reisliebhaber in vorderster Reihe nur einen belgischen Senator mit Familie, Frau Schwanthaler, die Gattin des Professors, und einen von seiner russischen Kunstreise zurückkehrenden italienischen Tenoristen entgegenstellen, der seine wie Untertassen grosse Manschettenknöpfe auf dem Tischtuch ausbreitete. Diese doppelte Strömung der Geister war ohne Zweifel an dem Zwang und an der Steifheit schuld, die an der Tafel herrschten. Wie anders soll man das Schweigen jener sechshundert zugeknöpft, verdriesslich, misstrauisch da sitzenden Personen, jene souveraine Verachtung sich erklären, die sie für einander herauszukehren schienen. Ein oberflächlicher Beobachter hätte diese Haltung dem stupiden angelsächsischen Hochmuth zuschreiben mögen, der jetzt in allen Ländern für die Reisewelt den Ton angiebt. Aber nein! Wesen mit menschlichem Antlitz kommen nicht so leicht dazu, sich auf den ersten Anblick zu hassen, mit Nasenrümpfen, mit einem Zucken um die Mundwinkel und einem Augenzwinkern wegen nicht vollzogener persönlicher Vorstellung sich zu missachten. Es muss etwas Anderes dahinter stecken. Reis und Pflaumen, sage ich. Und damit haben wir die Erklärung für jenes finstere Schweigen, das gleich einem Alp auf dem Diner von Rigi-Kulm lastete. Dieses Diner hätte doch wohl angesichts der grossen Anzahl und der internationalen Mannichfaltigkeit der Gäste so lebhaft, ja so lärmend sein müssen, wie wir uns etwa die Mahlzeiten am Fusse des babylonischen Thurmes vorstellen. Der Alpensteiger trat etwas befangen vor das Refectorium büssender Karthäuser und unter die blendenden Kronleuchter. Er hustete geräuschvoll, ohne dass Jemand auf ihn achtete, setzte sich als letzt Angekommener auf den letzten Stuhl unten im Saal. Nun, da er seines Gepäcks sich entledigt hatte, war er ein Tourist wie ein Anderer auch, nur liebenswürdiger in seinem Wesen, glatzköpfig, zur Dickleibigkeit hinneigend, mit spitzem, dichtem Bart, majestätischer Nase, dicken wilden Brauen über den gutmüthigsten Augen. Reis oder Pflaumen? Man wusste es noch nicht. Kaum hatte er sich gesetzt, so bewegte er sich unruhig hin und her; dann verliess er mit einem Satz seinen Stuhl: «Verflixt, ein Luftzug!»rief er ganz laut und stürzte sich auf einen leeren angelehnten Stuhl mitten am Tisch. Er wurde von einer aufwartenden Schweizerin angehalten, einer Urnerin: buntes Mieder, silberne Ketten. «Der Platz ist besetzt, mein Herr...» Da sagte in fremdem Accent ein junges Mädchen, von dem er nur das über einem schneeweissen Nacken aufgesteckte Haar sehen konnte, denn sie wandte den Kopf nicht zur Seite: «Dieser Platz ist frei... mein Bruder ist krank, er kommt nicht herunter.» – Krank? fragte der Neuangekommene rasch und in fast herzlichem Tone. Krank? Doch nicht gefährlich, will ich hoffen. Seine Aussprache hatte einen auffallend meridionalen Klang, und dabei bediente er sich neben gewissen stereotypen Worten einer Anzahl eigener Interjectionen, wie hé, qué, té, zou, vé, und sonderbarer Redensarten, die er dann noch recht stark betonte. Der Accent schien der jungen Blondine nicht zu gefallen, denn sie antwortete ihm nur mit einem eisigen, dunkelblauen, abgrundblauen Blick. Der Nachbar rechts hatte auch nichts Ermuthigendes in seinem Wesen. Es war der italienische Tenor, eine kräftige Gestalt, niedere Stirn, ölige Augen, ein gewaltiger Schnurrbart, an dem er in heftiger Erregung zerrte, seitdem man ihn von seiner hübschen Nachbarin getrennt hatte. Der gute Alpensteiger hatte aber die Gewohnheit, während des Essens zu reden; das musste er um seiner Gesundheit willen. « Vé! die hübschen Knöpfe... sagte er ganz laut zu sich selber, während er nach den Manschetten des Italieners hinschielte... Musiknoten in Jaspis inkrustirt, das macht einen herrlichen Effekt...» Seine Trompetenstimme schmetterte durch den stillen Saal, ohne auch nur das leiseste Echo zu finden. «Der Herr ist gewiss ein Sänger, qué? » – « Non capisco ...» brummte der Italiener in seinen Bart. Einen Moment lang ergab der Mann sich darein, schweigend zu essen, aber es war ihm, als müsste er dabei ersticken. Endlich, da sein Gegenüber, der österreichische Diplomat, sich bemühte, mit den Fingerspitzen seiner alten kleinen zitternden Hände den Senftopf zu erlangen, reichte er ihm denselben höflich hinüber. «Zu dienen, Herr Baron...» so hatte er ihn eben nennen hören. Unglücklicherweise hatte der arme Herr von Stolz, trotz des schlauen und geistreichen Zuges, den er sich im diplomatischen Kleinleben angeeignet, schon seit langer Zeit Sprache und Ideen verloren, und er reiste gerade in den Alpen, um sie wieder einzufangen. Er richtete seine leeren Augen auf das unbekannte Gesicht und schloss sie wieder, ohne ein Wort zu sagen. Es hätte eines ganzen Dutzends gewiegter Diplomaten von seiner Geistesstärke bedurft, um mit ihm gemeinsam die nöthige Dankesformel zu Stande zu bringen. Auf diesen neuen Misserfolg schnitt der Alpensteiger ein fürchterliches Gesicht, und nach der heftigen Bewegung, mit welcher er nach der Flasche griff, hätte man meinen können, dass er dem alten Diplomaten den Kopf mit ihr spalten wollte. Warum nicht gar? Er wollte nur seiner Nachbarin einschenken. Verloren in eine halblaut geführte Plauderei mit zwei dicht neben ihr sitzenden jungen Leuten, ein süsses und dabei lebhaftes, fremdartiges Gezwitscher, hörte sie ihn nicht. Sie neigte sich zu ihnen hin, wurde erregt. Kleine, krause Löckchen sah man im Lichte hinter einem zierlichen, durchsichtigen, rosigen Ohr erglänzen. Eine Polin, Russin, Norwegerin?... Aus dem Norden sicherlich. Es drängte sich ihm jetzt ein hübsches heimisches Lied auf die Lippen, und der Südländer summte es vor sich hin: O coumtesso génto, Estelo dou Nord Qué la neù argento, Qu'Amour friso en or Von einer reizenden Gräfin sang es, der Leuchte des Nordens, die der Schnee in Silber, die Liebe in pures Gold gekleidet. . Der ganze Saal wandte sich um; man glaubte, er sei närrisch geworden. Er erröthete, schaute still auf seinen Teller und blickte nur noch auf, um eine der heiligen Schalen zurückzuweisen, die man ihm reichte: «Pflaumen, noch einmal!... Davor behüte mich Gott!» Das war zu viel. Sämmtliche Stühle wurden plötzlich gerückt. Der Akademiker, Lord Chipendale (?), der Bonner Professor und einige andere Notabilitäten der Partei erhoben sich und verliessen den Saal, um dagegen zu protestiren. Aber auch die Reisfreunde erhoben sich gleich darauf, als sie sahen, dass er die zweite Schale ebenso lebhaft ablehnte wie die erste. Weder Reis noch Pflaumen!... Was dann?... Es zogen sich Alle zurück, und nun entwickelte sich der lange stille Zug von gesenkten Nasen, höhnisch herabgezogenen Mundwinkeln vor dem Unglücklichen, welcher in dem ungeheuren, lichtstrahlenden Speisesaal ganz allein zurückblieb, im Begriff, ein Glas Wein nach seiner Landessitte mit einem Biscuit auszutunken... es überlief ihn eiskalt, er sass da wie niedergeschmettert von der Wucht der allgemeinen Geringschätzung. Meine Freunde, seien wir gegen Niemand geringschätzig. Der Hochmuth ist die Waffe der Glückspilze, der Prahler, der hässlichen Frauenzimmer und der Dummköpfe, die Maske, hinter welcher die Nullität, bisweilen die Gemeinheit sich verbirgt, und bei der man weder Geist noch Verstand, noch Güte zu besitzen braucht. Alle Buckligen sind hochmüthig, alle krummen Nasen verziehen sich in tausend geringschätzige Fältchen, wenn sie einer graden Nase begegnen. Der gute Alpensteiger wusste das recht gut. Da er seit einigen Jahren die Vierzig, «diese Grenze des vierten Stockwerks,» überschritten hatte, wo der Mensch den Zauberschlüssel findet und aufhebt, der des Lebens lange, monotone und trügerische Bahn bis ans Ende eröffnet; da er aber auch sich selber und seinen Muth, die Bedeutung seiner Lebensaufgabe und den grossen Namen kannte, den er führte, war ihm das Urtheil jener Leute höchst gleichgültig. Er hätte sich übrigens nur zu nennen, nur laut zu rufen brauchen: «Ich bin es!» um alle diese verächtlich hängenden Unterlippen sich in die platteste Anbetung verwandeln zu sehen. Das Incognito aber ergötzte ihn. Was ihm fehlte? Nichts anderes als dass er nicht sprechen, nicht laut werden, sich nicht mittheilen, ausschwatzen, die Hände nicht drücken, sich nicht familiär an eine Schulter lehnen, die Leute nicht bei ihrem Vornamen nennen durfte. Das war es, was ihm den Rigi-Kulm ungemüthlich machte. Ach, besonders das Nichtredendürfen! «Ich werde noch gewiss den Pipps davon bekommen, ja gewiss»... so sprach der arme Teufel bei sich selber, und er irrte wie verloren im Hotel umher, er wusste nicht, was er mit sich beginnen sollte. Er trat in das Café, es war leer und öde wie eine Kirche an einem Wochentage. Er titulirte den Kellner seinen guten Freund, bestellte einen Mokka ohne Zucker, « qué »? Da aber der Kellner durchaus nicht fragte, warum ohne Zucker, so fügte er lebhaft hinzu: «Es ist eine Gewohnheit, die ich in Algier angenommen habe, auf meinen grossen Jagden...» Er wollte sie schon erzählen, aber der Andere war bereits auf seinen gespenstischen Schuhen entflohen, um zu Lord Chipendale zu eilen, der auf einem Divan lang hingestreckt lag und mit einer Grabesstimme: «Tschimppenj, Tschimppenj!» rief. Der Pfropfen knallte matt und dumm wie auf einem bestellten Hochzeitsessen, dann hörte man wieder nichts mehr als die hohlen Windstösse in dem monumentalen Kamin und das Peitschen des Schnees gegen die grossen Spiegelscheiben. Auch im Lesesaal war es recht unheimlich. Sämmtliche Journale in Händen von Lesern, hundert Köpfe unter den Lampen um den langen grünen Tisch herum. Von Zeit zu Zeit ein Gähnen, ein Husten, das Geknitter eines entfalteten Blattes, und diese feierliche Stille gewissermassen beherrschend, selber feierlich und Beide nach dumpfem Bibliothekenstaub riechend, mit dem Rücken an den Ofen gelehnt, so standen sie da, die beiden Hohenpriester der officiellen Geschichtschreibung, Schwanthaler und Astier-Réhu, die ein sonderbares Geschick auf dem Rigi zusammengeführt, sie, die seit dreissig Jahren sich beschimpften, in ihren erläuternden Anmerkungen sich «Schwanthaler, der dreifache Esel, vir ineptissimus Astier-Réhu» titulirten. Man kann sich denken, wie wohlwollend der Alpensteiger aufgenommen wurde, als er einen Stuhl heranrückte, um an einer Ecke des Kamins eine lehrreiche Unterhaltung anzuknüpfen. Oben von den beiden Karyatiden herab traf ihn auf einmal einer jener kalten Luftzüge, die er so sehr scheute; er stand auf, schritt durch den Saal, eben sowohl um sich etwas Haltung zu geben als um sich zu erwärmen, und öffnete darauf die Thür zum Nebensaal. Einige englische Romane lagen umher, da und dort auch eine schwere Bibel und einzelne Bände vom Jahrbuch des schweizerischen Alpenklubs; er nahm einen derselben an sich, in der Absicht, ihn im Bette zu lesen, musste ihn aber an der Thüre zurücklassen, da die Hausordnung es nicht gestattete, Bücher aus der Bibliothek auf die Zimmer zu tragen. Planlos weiter schlendernd, öffnete er die Thür zum Billardzimmer, in welchem der italienische Tenor für sich ganz allein spielte. Offenbar suchte er auf ihre beiderseitige hübsche Tischnachbarin, die auf einem Sopha zwischen zwei jungen Leuten sass und ihnen einen Brief vorlas, durch anmuthige Wendungen des Oberkörpers und gewisse Manschetteneffekte Eindruck zu machen. Bei dem Eintritt des Alpenklubisten unterbrach sie ihre Lektüre, und der eine der beiden jungen Männer, der grössere, eine Art Moujik, mit einer ausgesprochenen Hundephysiognomie, behaarten Tatzen und langem, glänzendem, glatt anliegendem Haupthaar, das bis an den ungepflegten Bart herabreichte, erhob sich. Er ging dem neu Ankommenden zwei Schritte entgegen und betrachtete ihn, wie wenn man einen Gegner provociren will, mit so wilden Blicken, dass der gute Alpensteiger, ohne eine weitere Erklärung zu fordern, klug und würdevoll eine halbe Wendung nach rechts vollzog. «Weiss der Himmel, sie sind nicht gesellig im Norden...», sagte er ganz laut und er schlug lärmend die Thüre zu, um jenem Barbaren recht zu beweisen, dass man sich vor ihm nicht fürchte. Der Salon blieb ihm noch als letzter Zufluchtsort; er trat ein.... Verwünschtes Loos!... Die Leichenhalle, ihr guten Leute, die Leichenhalle auf dem St. Bernhard, wo die Mönche die unglücklichen Reisenden, die sie aus dem Schnee ausgegraben, in den verschiedenen Lagen ablegen, in welchen der Tod beim Erfrieren sie überrascht hatte. Das in der That war der Salon auf Rigi-Kulm. Alle Damen, versteinert, stumm, gruppenweise auf halbrunde Divans hingestreut, da und dort auch Engelgestalten. Alle misses unbeweglich unter den Lampen der kleinen Tische, in den Händen noch das Album, die Wochenschrift, die Stickerei, so wie sie dieselbe gehalten, als der Frost sie erstarrte. Unter ihnen die Töchter des Generals, die acht kleinen Peruanerinnen mit ihrem Safranteint, ihren verstörten Zügen, die farbigen Bänder ihrer Toiletten grell abstechend von den matten Eidechsentönen der englischen Moden, arme kleine «Warmländer», die man sich so gern Grimassen schneidend und unter Affensprüngen auf den Kokosbäumen vorstellt, und die Einen, sprachlos und erfroren, wie sie da sassen, noch mehr erbarmten als die anderen Opfer. Ganz im Hintergrunde, vor dem Piano, zeigte sich die geisterhafte Silhouette des alten Diplomaten; seine kleinen, in gestrickten, fingerlosen Damenhandschuhen stehenden Hände steif und todt auf dem Klavier, dessen gelbliche Reflexe auf sein Gesicht übergegangen waren.... Von seinen Kräften und seinem Gedächtniss verrathen, über einer Polka eigener Composition brütend, die er stets bei demselben Motiv wieder anfing, weil er die Coda nicht finden konnte, war der unglückliche Baron, und mit ihm waren sämmtliche Damen des Rigi eingenickt und wiegten in ihrem Schlummer die romantischsten Haartrachten oder kleine Spitzenhäubchen in Form des Deckels einer Vol-au-Vent-Pastete, ein bei den englischen Damen sehr beliebtes Toilettenstück. Der Eintritt des Fremden weckte sie nicht. Er selbst liess sich, ganz und gar entmuthigt durch diese eisige Atmosphäre auf einen Divan hinsinken, als plötzlich eine kräftige, fröhliche Musik im Hausflur ertönte, wo drei Künstler, Harfe, Flöte und Violine, armselige wandernde Musikanten, wie sie sehr häufig in schweizerischen Hotels angetroffen werden, sich in ihren langen Röcken und mit kläglicher Miene hingepflanzt hatten. Beim Klang der ersten Noten sprang unser Mann wie galvanisirt in die Höhe. « Zou! bravo!... Jetzt giebt es Musik!» Er rennt hinaus, lässt alle Thüren hinter sich offen, ist die Vorsehung der Musikanten, traktirt sie mit Champagner und berauscht sich selber, ohne zu trinken, an der Musik, die ihn wieder zum Leben erweckt. Er spielt die Trompete, die Harfe in der leeren Luft, schnalzt mit den Fingern über dem Kopfe, lässt seine Augen rollen, skizzirt einige Tanzschritte zum grossen Entsetzen der Touristen, die bei dem Lärm von allen Seiten herbeieilen. Dann plötzlich, auf die ersten Takte eines Strauss'schen Walzers, den die angeheiterten Musiker mit der Gluth echten Zigeunerthums anstimmen, fasst der Alpensteiger, der an der Salonthür die Frau des Professors Schwanthaler erblickt hatte, eine fesche, rundliche Wienerin mit jungen Schelmenaugen unter dem grauen gepuderten Haupthaar, sie stracks um die Hüften, zieht sie mit sich und ruft den Andern zu: «So tanzen Sie doch!... Tanzen Sie, meine Herrschaften.» Der Anstoss ist gegeben, das ganze Hotel thaut auf und wirbelt umher. Man tanzt im Hausflur, im Salon, um den langen grünen Tisch des Lesezimmers herum. Und es ist jener verteufelte Mensch, der ihnen Allen Feuer in die Beine gebracht. Er aber tanzt nicht mehr, er ist schon nach wenigen Takten ausser Athem, doch er wacht über seinen Ball, ermuntert die Musiker, führt Paar um Paar in den Strudel, stürzt den Bonner Professor in die Arme einer alten Engländerin und koppelt den gestrengen Herrn Astier-Réhu mit einer strahlenden Peruanerin zusammen. Aller Widerstand ist vergebens. Von dem fürchterlichen «Alpenkönig», wie die flotte Wienerin ihn jetzt zu nennen beliebt, geht ein unerklärliches Fluidum aus, das die Körper hebt, sie leichter macht. Und zou! und zou! Keine Geringschätzung, kein Hass, keine Parteien mehr, nichts als Tänzer, Tänzer und Tänzerinnen. Sehr bald theilt der holde Wahnsinn sich den oberen Stockwerken mit, und auf den geräumigen Treppenabsätzen bis in die höchste Etage hinauf sieht man die schweren und farbigen Unterröcke des dienenden Volkes wie die Figuren an einem Leierkasten automatisch sich drehen. Der Wind mag draussen jetzt blasen, an den Kandelabern rütteln, an den Telegraphendrähten zerren, dass sie wimmern und kreischen, er mag den Schnee auf der öden Höhe in die Lüfte fegen. Hier drinnen ist es warm, ist den Leuten wohl, und für die ganze Nacht. «Ich aber will jetzt zu Bette gehen...» So sagte sich der gute Alpenkönig, ein vorsichtiger Mann und der in einem Lande daheim war, wo man früh sich hinlegt und noch früher aufsteht. Still vor sich hinlachend, schwenkt er heimlich ab, um der Mama Schwanthaler zu entrinnen, die seit dem ersten Walzer ihn sucht, sich an ihn klammert und immer noch «baller» und «dantzer» möchte. Er langt nach seinem Schlüssel, seiner Kerze, dann hält er auf der ersten Etage eine Minute inne, um seines Werkes sich zu freuen und die ganze Schaar ausgestopfter Wesen zu betrachten, die er genöthigt hat, munter zu werden und sich ein Vergnügen zu erlauben. Eine Schweizerin nähert sich, noch athemlos von dem unterbrochenen Walzer; sie reicht ihm eine Feder und das Fremdenbuch. «Dürfte ich Mossié bitten, seinen Namen einzuschreiben?...» Er zaudert einen Augenblick. Soll ich oder soll ich nicht das Incognito behaupten? Und warum auch? Angenommen, die Nachricht von seinem Aufenthalt auf dem Rigi gelange bis in seine Heimath; es wird dort Niemand wissen, zu welchem Zweck er in die Schweiz gegangen ist. Und dann, morgen früh, das drollige Erstarren all dieser «Englishmen», wenn sie erfahren.... Denn diese Kellnerin wird ja nicht schweigen können.... Welche Ueberraschung für das ganze Hotel, welches Staunen!... «Wie? Er war es?... wahrhaftig, er?...» Diese Gedanken fuhren ihm durch den Kopf, rasch, vibrirend wie die Töne der Violine drunten. Er ergriff die Feder und unter Astier-Réhu, Schwanthaler und andere berühmte Namen schrieb er den Namen ein, der sie alle verdunkelte; dann stieg er hinauf in sein Zimmer, ohne sich nur nach der Wirkung dieses Namens umzusehen, so sicher war er derselben. Hinter ihm sah die Schweizerin ins Buch. TARTARIN DE TARASCON und darunter: P. C. A. Sie las das, die Bernerin, und war gar nicht geblendet. Sie wusste nicht, was das P. C. A. zu bedeuten hatte. Sie hatte noch niemals von Herrn von Dardarin reden hören. II Tarascon, fünf Minuten Aufenthalt. – Der Alpinenklub – Erklärung von P. C. A. – Wilde Kaninchen und zahme Kaninchen. – Das ist mein Testament. – Der Cadaver-Syrup. – Erste Bergbesteigung. – Tartarin braucht sein Fernglas. Wenn die Station «Tarascon» auf der Linie Paris-Lyon-Mittelmeer unter dem durchsichtigen und satten Blau des provençalischen Himmels angekündigt wird, zeigen sich sogleich neugierige Köpfe an allen Fenstern des Expresszuges, und von Waggon zu Waggon rufen die Reisenden sich zu: «Ah, Tarascon... da müssen wir doch hinsehen.» Was man da sieht, ist durchaus nichts Ungewöhnliches: eine kleine, friedliche, reinliche Stadt, Thürme, Dächer, eine Brücke über die Rhone. Aber die tarasconnesische Sonne und ihre wunderbaren, an Ueberraschungen, Erfindungen, wahnwitzigen Spässen so überreichen Lichteffekte; das heitere Völkchen, nicht grösser als die Kichererbse, das die Instinkte des gesammten mittäglichen Frankreichs in sich vereinigt: lebhaft, unruhig, schwatzhaft, alles übertreibend, komisch, jedem Eindruck zugänglich, das ist es, was die Leute im Expresszug anzieht, was sie sehen wollen, und was die Popularität des Ortes begründet. Auf denkwürdigen Seiten, an welche eingehender zu erinnern der Historiograph von Tarascon durch seine Bescheidenheit gehindert wird, hat derselbe ehemals es versucht, die glücklichen Tage jener kleinen Stadt zu schildern, ihr Vereinsleben, ihre Liederkränze, jedes Haus mit seiner eigenen Romanze, und da es an Wild fehlte, die originelle Mützenjagd Von jener lokalen Jagd wird in den «Wunderbaren Abenteuern Tartarin's von Tarascon» Folgendes erzählt: «Nach einem guten Frühstück auf offnem Felde greift jeder Jäger nach seiner Mütze, wirft sie mit Aufbietung seiner ganzen Kraft in die Luft und schiesst im Fluge nach derselben mit N. 5, 6 oder 2 seiner Schrotladung, je nach dem Uebereinkommen. Wer seine Mütze am häufigsten trifft, wird zum König des Tages ausgerufen und zieht Abends als Triumphator in Tarascon ein, die durchlöcherte Mütze an der Mündung des Gewehrs befestigt, von Hundegebell und schmetternden Trompeten begleitet.» ! Dann, als der Krieg uns heimsuchte mit seinen schweren Zeiten, hat er Tarascon und dessen heldenmüthige Vertheidigung geschildert S. Montagsgeschichten, übersetzt von Stephan Born, Basel 1880. , die Torpedos rings um die Esplanade, der Cercle und das Café de la Comédie werden zu uneinnehmbaren Citadellen umgestaltet, alle Einwohner in Freicorps eingetheilt, die Todtenköpfe mit den gekreuzten Knochen, die langen Bärte, die Aexte, Yatagans, amerikanischen Revolver, die ganze fürchterliche Ausstaffirung, so dass zu guter Letzt die tapfern Tarasconnesen einander Schrecken einjagten, und Keiner mehr wagte, aus dem Hause zu treten. Viele Jahre sind seit dem Kriege verflossen, viele Kalender sind seitdem ins Feuer geworfen worden; Tarascon aber hat nichts vergessen. Auf die leeren Zerstreuungen früherer Zeiten verzichtend, war sein Sinnen und Trachten nur darauf gerichtet, sein Blut, seine Muskeln zum Vortheil künftiger Revanchen zu stärken. Schützen- und Turnvereine, kostümirt, equipirt, jeder mit seiner eigenen Musik und seinem Banner; Fechtböden, Boxen, Schwingen, Ringen, Wettläufe, Kämpfe jeglicher Art zwischen Personen von der besten Gesellschaft sind an Stelle der Mützenjagden, der platonischen Waidwerksplaudereien beim Waffenschmied Costecalde getreten. Und der Cercle, der alte Cercle selber hat dem Kartenspiel, der Bouillotte und Bézigue entsagt, hat sich in einen Alpenklub nach dem Muster des berühmten Londoner «Alpine Club» verwandelt, der den Ruf seiner Mitglieder bis nach Indien getragen. Der Unterschied ist freilich nicht zu übersehen, dass die Tarasconnesen, anstatt ihren Ehrgeiz auf zu ersteigende ausländische Bergesriesen zu richten, sich mit dem begnügten, was sie vor den Thoren der Stadt gerade zur Hand oder vielmehr zu ihren Füssen hatten. Die Alpen bei Tarascon? Nein, aber die Alpinen, jener nach Thymian und Lavendel duftende Höhenzug, nicht sehr schwierig und nicht sehr hoch (150 bis 200 Meter über dem Meeresspiegel), der den provençalischen Strassen einen blauen Horizont giebt und den die Lokalphantasie mit den fabelhaftesten und ausdrucksvollsten Namen belegt: «der Schreckensberg», «das Ende der Welt», «das Riesenhorn» u. s. w. Es ist eine Wonne, die Tarasconnesen am Sonntagmorgen in voller Ausrüstung, auf dem Rücken die Hacke, den Quersack, das Zelt, den Trompeter voran, aus der Stadt ziehen zu sehen zur Bergbesteigung, deren Schilderung im Wochenblättchen, dem Forum, mit einem malerischen Luxus, «gähnende Abgründe, fürchterliche Schlünde, finstere Schluchten» ausgestattet werden, als handelte es sich um das Erklimmen des Himalaya. Aber man bedenke wohl, dass die Landesbewohner durch diese Leibesübungen neue Kräfte und jene Doppelmuskeln sich gewinnen, die ehemals Tartarin allein, dem guten, braven, heldenmüthigen Tartarin, vorbehalten waren. Wenn Tarascon den ganzen Süden in sich allein darstellt, so ist Tartarin das ganze Tarascon. Er ist nicht blos der erste Bürger der Stadt, er ist ihre Seele, ihr Genius; er ist der Vertreter aller ihrer göttlichen Narretheien. Man kennt seine früheren Grossthaten, seine Triumphe als Sänger (o! das Duo aus «Robert der Teufel» in der Hinterstube der Apotheke Bézuquet) und die erstaunliche Odyssee seiner Löwenjagden, von denen er ein prächtiges Kameel mit heimbrachte, das letzte Kameel von ganz Algerien. Es ist seither der Last der Jahre und der Ehren erlegen. Sein Skelett wird im Museum der Stadt, unter den tarasconnesischen Sehenswürdigkeiten aufbewahrt. Er, Tartarin, ist nicht alt geworden; immer die guten Zähne, ein scharfes Auge trotz der nahen Fünfzig, immer noch jene ausserordentliche Phantasie, welche die Gegenstände mit telescopischer Mächtigkeit näher bringt und vergrössert. O er ist noch da, der Mann, von welchem der tapfere Kommandant Bravida einst sagte: «Der ist ein Kerl!...» Zwei Kerle vielmehr. Denn in Tartarin wie in jedem Tarasconnesen giebt es eigentlich zwei Wesen, wie es zwei Rassen Kaninchen giebt, wilde und zahme. Das wilde Kaninchen ist ein Renner, ein wagehalsiger Abenteurer; das zahme Kaninchen oder der Stallhase hockt immer daheim, trinkt Kamillenthee, hat eine fürchterliche Scheu vor jeder Anstrengung, jedem Luftzug, jedem Unternehmen, bei dem man sich den Tod holen kann. Man weiss ja wohl, dass diese Vorsicht ihn durchaus nicht hinderte, tapfer und heldenmüthig zu sein. Indessen ist die Frage wohl gestattet, was er auf dem Rigi (Regina Montium) zu thun hatte, in seinem Alter, wo er so begründeten Anspruch auf Ruhe und Behaglichkeit hatte. Hierauf hätte allein der schändliche Costecalde die Antwort geben können. Costecalde, ein Waffenschmied seines Zeichens, vertritt einen in Tarascon ziemlich seltenen Typus. Der Neid, der blasse, gemeine Neid, der an einer bösen Falte auf seinen dünnen Lippen und einer Art gelben Blutwelle sichtbar ist, die ihm stossweise aus der Leber in das breite, glattrasirte, wie mit einem Hammer platt geschlagene, an eine abgegriffene Medaille des Tiberius oder Caracalla erinnernde Gesicht aufsteigt; der Neid ist bei ihm eine Krankheit, die er nicht einmal zu verheimlichen sucht. Und bei dem schönen tarasconnesischen Temperament, das nie an sich halten kann, begegnet es ihm auch, dass er selber, wenn er von seinem Uebel spricht, nicht selten hinzusetzt: «Sie wissen gar nicht, wie wehe es thut....» Natürlich ist Tartarin der Alp auf Costecalde's Brust. So viel Ruhm auf einem einzigen Haupt! Er überall, stets er! Und langsam, heimlich, einer weissen Ameise gleich, die sich in das vergoldete Holz eines Götzenbildes einbohrt, untergräbt er seit zwanzig Jahren diese triumphirende Berühmtheit und nagt und bohrt er an ihr. Wenn Tartarin Abends im Cercle seine Löwenjagden, seine Züge durch die Sahara erzählte, dann hatte Costecalde regelmässig ein stummes Hohnlächeln auf den Lippen, dann zuckte er ungläubig die Achseln. «Aber die Häute, das müssen Sie doch zugeben, Costecalde, die Löwenhäute, die er uns geschenkt hat, und die hier im Salon des Cercle liegen?... – Té! pardi .... Und die Pelzhändler? Glaubt ihr, dass es in Algier keine giebt? – Aber die kugelrunden Löcher von den Schüssen, in den Köpfen? – Und warum nicht? Hat man nicht etwa, als wir hier noch die Mützenjagd trieben, bei unseren Hutmachern, von Schrotkörnern durchlöcherte und zerrissene Mützen für ungeschickte Schützen kaufen können? Gewiss, der alte Ruhm des Löwenjägers Tartarin war über alle diese Angriffe erhaben; trotz alledem übte sich jede Kritik an ihm, und Costecalde legte sich um so weniger Fesseln an, als er wüthend darüber war, dass man zum Präsidenten des Alpinenclubs einen Mann gewählt hatte, den das Alter sichtlich unbeholfen machte und den die in Algerien angenommene Gewohnheit, Pantoffeln und lose Kleider zu tragen, noch mehr zur Bequemlichkeit geneigt machte. In der That betheiligte sich Tartarin selten am Bergsteigen. Er begnügte sich damit, die Alpenclubisten mit seinen besten Wünschen zu begleiten und in feierlicher Sitzung mit rollenden Augen und einer Stimme, welche die Damen erzittern machte, die tragischen Schilderungen der ausgeführten Excursionen vorzulesen. Costecalde, im Gegentheil, hager, nervig, das «Hühnerbein», wie man boshafterweise ihn nannte, kletterte stets voran; er hatte sämmtliche Berge der Alpinen durchwandert, auf unerreichbaren Gipfeln die Fahne des Clubs aufgepflanzt, die «Tarasque» mit silbernen Sternen. Und trotz alledem war er blos Vicepräsident, V. P. C. A. Aber er bereitete so eifrig den Sturm auf die Citadelle vor, dass Tartarin augenscheinlich bei den nächsten Wahlen über die Klinge springen musste. Durch seine Getreuen, den Apotheker Bézuquet, Excourbaniès, den tapferen Commandanten Bravida gewarnt, wurde der Held anfangs über diese verrätherische Auflehnung, über den Undank und die Ungerechtigkeit, die eine schöne Seele empören müssen, von tiefem Ekel erfüllt. Er hatte Lust, Alles stehen und liegen zu lassen, fortzuziehen, über die Brücke zu gehen, um in Beaucaire bei den Volskern zu leben. Dann aber beruhigte er sich. Sein kleines Haus, seinen Garten, alle seine süssen Gewohnheiten aufgeben, auf seinen Präsidentenstuhl in dem von ihm gegründeten Alpenklub verzichten, jenem majestätischen P. C. A., das seine Visitenkarten, sein Briefpapier, ja sein Hutfutter schmückte! Unmöglich, vé! Plötzlich fuhr ihm ein wunderbarer Gedanke durch den Kopf. Im Grunde beschränkten sich die Heldenthaten Costecalde's auf Ausflüge in die Alpinen. Warum sollte Tartarin in den drei Monaten, die ihn von den Wahlen noch trennten, nicht etwa ein grandioses Abenteuer versuchen, die Fahne des Klubs z. B. auf einem der höchsten Gipfel Europa's, dem der Jungfrau oder des Montblanc aufpflanzen? Welch ein Triumph bei der Heimkehr, welch ein Schlag für Costecalde, wenn das Forum dann die Geschichte der Besteigung veröffentlichte. Er machte sich sofort an's Werk, liess sich heimlich aus Paris eine Menge Specialwerke kommen: die Alpenbesteigungen von Whymper, die Gletscher von Tyndall, Stephen d'Arve's Montblanc, die Jahrbücher der englischen, schweizerischen Alpenklubs; er meublirte seinen Kopf mit einer Menge von Fachwörtern: Kamine, Felsenkehlen, Karrenfelder, Gletscherschliffe, Moränen, ohne genau zu wissen, was sie zu bedeuten hatten. Nachts schreckten ihn die Träume von endlosen Rutschpartien, fürchterlichen Stürzen in grundlose Spalten. Er wurde von den Gletschern gerollt, von Eisnadeln aufgespiesst; und noch lange nachdem er des Morgens erwacht war und seine Frühschokolade alter Gewohnheit gemäss im Bette genossen, konnte er sich von dem Alp und der ausgestandenen Angst nicht erholen. Dies hinderte ihn aber nicht, sobald er aus dem Bette war, seinen Vormittag den härtesten Leibesübungen zu widmen. Rings um die Stadt Tarascon giebt es einen mit Bäumen besetzten breiten Weg, der im Orts-Wörterbuch «der Gang um die Stadt» genannt wird. Jeden Sonntag Nachmittag machen die Tarasconnesen, trotz ihres reichen Phantasielebens doch Gewohnheitsmenschen, ihren Gang um die Stadt und stets in der gleichen Richtung. Tartarin übte sich darin, den Gang achtmal, zehnmal im Vormittag zu machen, häufig sogar rückwärts. Die Hände auf dem Rücken ging er im langsamen, sichern Gebirgsschritt vorwärts, und die Philister, über solchen Bruch mit den Ortsgewohnheiten erstaunt, verloren sich hierüber in allerlei Muthmassungen. Daheim, in seinem Gärtchen, übte er sich im Springen über eventuelle Gletscherspalten, indem er über das Becken des Springbrunnens setzte, in welchem einige Goldfische zwischen Wasserbinsen schwammen; zweimal fiel er hinein und musste er sich umziehen. Diese Unfälle reizten ihn nur noch zu weiteren Versuchen; er stiefelte dann auf der schmalen Einfassung des Brunnens einher, worüber seine alte Magd, die sich diese Turnübungen nicht zu erklären wusste, in tiefster Seele erschrak. Zu gleicher Zeit bestellte er bei einem guten Schlosser in Avignon Eissporen, System Whymper, für seine Bergschuhe, und eine Hacke, System Kennedy; er verschaffte sich auch eine Kaffeemaschine, zwei wasserdichte Decken und zweihundert Fuss von einem Seil eigner Erfindung. Die Ankunft dieser verschiedenen Gegenstände, der geheimnissvolle Verkehr im Hause, den ihre Anfertigung nöthig machte, verursachte den Tarasconnesen viel Kopfzerbrechens. In der Stadt hiess es: «Der Präsident bereitet Etwas vor.» Aber was? Etwas grandioses, sicherlich, denn wie das schöne Wort des tapfern und sinnreichen Kommandanten Bravida lautet, der nur in Sentenzen sich ausdrückt: «Der Adler fängt keine Fliegen.» Selbst seinen Vertrauten gegenüber blieb Tartarin undurchdringlich. Nur in den Klubsitzungen war das Zittern in seiner Stimme und der Glanz in seinen Augen auffällig, wenn er das Wort an Costecalde, die indirecte Ursache dieser neuen Unternehmung richtete, deren Gefahren und Mühseligkeiten, je näher die Entscheidung heranrückte, ihm immer deutlicher entgegentraten. Der Unglückliche gab sich darüber keinen Täuschungen hin, er sah im Gegentheil die Sache so ernst an, dass er es für unerlässlich hielt, seine Angelegenheiten in Ordnung zu bringen und seinen letzten Willen aufzusetzen. Ein schwerer Entschluss, denn die Tarasconnesen hängen sehr am Leben und sterben fast Alle, ohne ein Testament gemacht zu haben. Ja, an einem strahlenden Junimorgen, bei wolkenlosem, glänzendem Himmel, die Thüre seines Zimmers war auf das nette, schmucke Gärtchen geöffnet, wo die exotischen Pflanzen ihren stillen Schatten auf die reinlichen Sandwege warfen, wo der Springbrunnen helltönend plätscherte und draussen die kleinen Savoyarden lärmend ihr Mühlespiel trieben, sass Tartarin in Pantoffeln, in weitem Flanellgewand, bequem, glücklich, eine gute Pfeife vor sich, in seinem breiten Sessel, und las laut im Schreiben: «Das ist mein Testament.» Je nun, man mag das Herz noch so sehr am rechten Platze haben, das sind doch grausame Minuten. Indessen weder seine Hand, noch seine Stimme zitterte, während er seinen Mitbürgern alle ethnographischen Reichthümer vermachte, die, sorgfältig abgestäubt, und in bewundernswerther Ordnung in seinem Häuschen aufgestellt waren: «Dem Alpinenklub den Baobab (arbor gigantea) für das Kaminsims im Sitzungssaal; Dem Kommandanten Bravida die Karabiner, Revolver. Jagdmesser, malaischen Kris, Tomahawks und andere Mordwaffen; Meinem Freunde Excourbaniès sämmtliche Pfeifen, indianische Friedenspfeifen, Nargiles, Kif- und Opiumpfeifen; Dem Waffenschmied Costecalde – ja, sogar Costecalde hatte sein Erbtheil – die berühmten vergifteten Pfeile (Nicht berühren).» Vielleicht verband sich mit diesem Geschenk noch die heimliche Hoffnung, dass der Verräther sich verwunde und daran sterbe. Aus dem Testament liess sich jedoch solches nicht schliessen, das mit folgenden göttlich-leutseligen Worten endete: «Ich bitte meine theuren Alpinisten, ihren Prasidenten nicht zu vergessen ... ich will, dass sie meinem Feinde verzeihen, wie ich ihm verzeihe, und dennoch ist er die Ursache meines Todes....» Hier wurde Tartarin von einem grossen Thränenstrom überwältigt; er war genöthigt, inne zu halten. Eine Minute lang sah er sich zerschmettert am Fusse eines hohen Berges, auf einen Schiebkarren geladen, und die verstümmelten Ueberreste seines Leibes nach Tarascon gebracht! O, was die provençalische Phantasie nicht Alles sieht! Er wohnte seinem eigenen Begräbniss bei, hörte die düstern Leichengesänge, die Reden an seinem Grabe: «Armer Tartarin, péchéré! ...» Und mitten unter allen seinen Freunden stand er da, sich selbst beweinend. Der Anblick seines sonnigen Zimmers mit den langen Reihen glänzender Waffen und merkwürdiger Pfeifen, das Plaudern des kleinen Wasserstrahls mitten im Garten versetzte ihn aber sehr bald wieder in die Wirklichkeit der Dinge. Genau genommen, warum sterben, warum nur verreisen? Wer nöthigte ihn dazu? Ueber die dumme Eitelkeit, sein Leben für einen Präsidentenstuhl und für drei Buchstaben des Alphabets aufs Spiel zu setzen!... Das war aber nur eine Schwäche, die nicht länger dauerte als die andere. Nach Verlauf von fünf Minuten war das Testament fertig, unterzeichnet, mit einem mächtigen schwarzen Siegel versehen, und der grosse Mann traf seine letzten Vorbereitungen zur Abreise Noch einmal hatte der wilde Tartarin über den zahmen Tartarin gesiegt. Und man durfte von dem Helden von Tarascon sagen, was von Turenne gesagt worden ist: «Sein Leib war nicht bereit, in die Schlacht zu gehen, sein Wille aber führte ihn trotzdem in die Schlacht.» Am Abend desselben Tages, als eben der automatische Ritter am Zifferblatt der Stadtuhr zehn Uhr geschlagen hatte, die Strassen waren verödet und schienen länger geworden, kaum da und dort ein verspäteter Wirthshausbesucher, hohle ängstliche Stimmen riefen in der Finsterniss noch ein zitterndes «Gute Nacht», da wurde eine Thür zugeschleudert und ein Wanderer schlich die dunkeln Häuser entlang bis zur Apotheke Bézuquet, deren Besitzer mit dem Ellenbogen auf den Schreibtisch gelehnt und über seinem Receptbuch eingeschlummert war. Eine kleine Abschlagszahlung, die er jeden Abend zwischen neun und zehn Uhr annahm, um, sagte er, in der Nacht, wenn Jemand seiner bedurfte, munterer zu sein. Ehrlich gestanden, das war auch wieder eine Tarasconnade, denn man weckte ihn niemals; er hatte selbst, um in Ruhe zu schlafen, den Draht am Klingelzug abgeschnitten. Plötzlich trat Tartarin ein. Er war mit Decken beladen, trug einen Reisesack in der Hand und war so bleich, so verstört, dass der Apotheker, bei seiner lokalen fessellosen Phantasie, vor der selbst sein abspannendes Geschäft ihn nicht hatte retten können, sofort an ein entsetzliches Abenteuer dachte und erschreckt ausrief: «Unglücklicher... was ist's?... Sie sind vergiftet?... Rasch, rasch, die Ipéca....» Er wollte forteilen und warf schon seine Flaschen übereinander. Tartarin musste ihn um den Leib fassen, um ihn festzuhalten. «Aber, so hören Sie doch, den Teufel auch!» Aus seiner Stimme knirschte der Aerger des Schauspielers, dem man seinen Auftritt verdorben hat. Als nun endlich der Apotheker seiner Eisenhand nicht mehr entweichen konnte, sagte Tartarin ganz leise zu ihm: «Sind wir allein, Bézuquet? – Nun ja... antwortete dieser und warf angstvoll seine Blicke um sich her.... Pascalon ist zu Bett (Pascalon war sein Lehrling), die Mama auch. Aber warum? – Schliessen Sie die Fensterladen, befahl Tartarin, ohne zu antworten... man könnte von draussen uns sehen.» Bézuquet gehorchte zitternd. Ein alter Junggeselle, der mit seiner Mutter lebte, die er niemals verlassen hatte, war er von einer mädchenhaften Sanftmuth und Schüchternheit, die in sonderbarem Kontrast zu seiner dunkeln Hautfarbe, seinen dicken Lippen, seiner grossen, über einen struppigen Schnurrbart sich beugenden Habichtsnase stand. Er hatte den Kopf eines algerischen Seeräubers alter Zeit. Diese Gegensätze sind nicht selten in Tarascon, wo es nur zu viel Charakterköpfe giebt, römische, sarazenische Köpfe, ausdrucksvolle Köpfe für Zeichenvorlagen, die bei den bürgerlichen Gewerben und den ultra-friedlichen Sitten einer kleinen Stadt befremden müssen. Excourbaniès z.B., der das Gesicht eines Conquistadors, eines Genossen Pizarro's hat, ist Besitzer eines Kramladens und rollt seine flammenden Augen, um für zwei Sous Faden zu verkaufen, und Bézuquet, der mit Lakritzen und Syrupus gummi handelt, gleicht einem alten Seebär der Barbaresken-Küste. Als die Fensterladen geschlossen und innen mit Eisenstäben befestigt waren, sagte Tartarin: «Höre, Ferdinand» ... ernannte die Leute gern bei ihrem Vornamen. Und nun legte er los und öffnete das über den Undank seiner Landsleute empörte Herz, erzählte alle gemeinen Ränke des «Hühnerbeins», den Streich, den man bei den nächsten Wahlen ihm spielen wollte, und wie er den Stoss schon pariren werde. Vor allen Dingen müsse man die Sache sehr geheim halten, sie ja nicht vor dem Moment offenbaren, da sie vielleicht über den Erfolg entscheiden werde, es sei denn, dass ein unberechenbares Unglück, eine jener fürchterlichen Katastrophen.... «Ei, Bézuquet, pfeifen Sie doch nicht so, während ich spreche.» Das war ein besonderer Tik des Apothekers. Von Natur wenig schwatzhaft, was in Tarascon kaum vorkommt und ihn zum Vertrauten des Präsidenten machte, verloren seine stets zu einem O sich rundenden Lippen selbst bei der ernstesten Unterhaltung die Gewohnheit nicht, fortwährend zu pfeifen, was den Anschein hatte, als wollte er sich über die Leute lustig machen. Und während der Held auf seinen möglichen Tod anspielte, legte er einen grossen versiegelten Brief auf den Ladentisch: «Das ist mein letzter Wille, sagte er. Bézuquet, Sie habe ich zu meinem Testamentsvollstrecker gemacht....» – Hü... hü... hü... pfiff es wieder von den Lippen des Apothekers, der im Grunde der Seele sehr ergriffen war, die Grösse der ihm zugedachten Rolle wohl verstand, seiner Manie aber nicht Herr zu werden vermochte. Als nun die Stunde des Aufbruchs kam, wollte er auf das Gelingen des Unternehmens «etwas Gutes trinken, qué? ... ein Glas von unserm Elixir de Garus.» Mehrere Schränke wurden geöffnet und durchsucht. Mama hatte die Schlüssel zum Garus mit sich genommen. Man hätte sie wecken müssen. Statt des Elixirs nahm man ein Glas «Sirop de Calabre». – «Sirop de Cadavre» hatte ihn der höllische Costecalde getauft, der alles Himmlische anschwärzen musste. Das schreckliche Wortspiel hatte übrigens den Verkauf jenes kühlenden Getränkes sehr gefördert; die Tarasconnesen schwärmen für den Cadaver-Syrup. Nach vollbrachter Libation und einigen letzten Abschiedsworten, umarmten sie sich. Bézuquet pfiff in seinen Schnurrbart, über welchen die dicken Thränen hinabrollten. «Adieu!» rief Tartarin plötzlich, denn er fühlte, dass er seiner Thränen nicht Herr wurde; und da der obere Theil der Thüre schon geschlossen war, so musste er unten durch auf allen Vieren hinaus. Das waren schon die Prüfungen der Reise, die nun ernster beginnen sollten.   Drei Tage darauf war er in Vitznau, am Fusse des Rigi. Als erster Versuch und Vorübung zu Bedeutenderem war ihm der Rigi recht (1800 Meter über der Meeresfläche, ungefähr zehnmal so hoch wie der Schreckensberg, der höchste der Alpinen)! auch wegen des glänzenden Panoramas, das man von seinem Gipfel aus geniesst, die ganze Alpenkette, weiss und rosig, um zauberische Seen ein blühender Kranz. Von hier aus konnte er sich für den Riesen entscheiden, den er zu erklimmen gedachte. Vollkommen überzeugt, dass man ihn unterwegs erkennen und ihm nachgehen werde, denn es war seine Schwäche, zu glauben, dass er in ganz Frankreich eben so berühmt sei wie in Tarascon, hatte er einen grossen Umweg gemacht, um in die Schweiz zu gelangen; aber erst nach Ueberschreitung der Grenze legte er seine Rüstung an. Zu seinem Glück, denn in einem französischen Waggon hätte er in seiner Ausstaffirung niemals Raum genug gefunden. So bequem aber selbst die schweizerischen Waggons sind, unser mit allen Hülfsmitteln von Kunst und Wissenschaft beladener Bergbesteiger, der all dieser Dinge noch ungewohnt war, durchbohrte die Zehen seiner Nachbarn mit der Spitze seines Alpenstocks, harpunirte die Vorübergehenden mit seinen eisernen Klammern, und überall, wo er sich zeigte, in den Bahnhöfen, den Hotels, auf den Dampfschiffen erzeugte er eben so viel Verwunderung wie er Verwünschungen und Zornesblicke weckte, die er sich durchaus nicht zu erklären vermochte und die seine liebende, mittheilsame Natur schwer bekümmerten. Dazu, um ihn ganz zu verstimmen, ein stets grauer, bewölkter Himmel und ein ewiger Regen. Es regnete in Basel auf die schmalen, weissen Häuser, die fort und fort von der Hand der Mägde und den Fluthen des Himmels gewaschen wurden; es regnete in Luzern am Landungsplatz der Dampfschiffe, wo die Koffer, die Reisekörbe, wie aus einem Schiffbruch gerettet schienen; und als er weiter oben am Vierwaldstätter-See in Vitznau ankam, immer noch dieselbe Wasserfluth von den Hängen des Rigi hernieder, schwarzer Wolkenritt in der Höhe, und in den Felseneinschnitten sich überstürzende, sausende Bäche, weit über die Wege stäubende Wasserfälle. Es tropfte und rieselte von allen Steinen, allen Tannenbäumen. Noch niemals in seinem Leben hatte der Tarasconnese so viel Wasser gesehen. Er trat in ein Wirthshaus und liess sich einen Kaffee mit Milch, Honig und Butter vorsetzen, das einzig wirklich Gute, was er bisher auf der Reise genossen hatte. Nachdem er so sich gestärkt und sich mit der Serviettenspitze den Honig vom Bart gewischt, machte er sich fertig zu seiner ersten Bergfahrt. «Und übrigens, fragte er beim Umschnallen seiner Ausrüstung, wie lange geht man auf den Rigi? – Eine Stunde, fünf Viertelstunden, Herr; aber eilen Sie sich, der Zug fährt in fünf Minuten ab. – Ein Zug auf den Rigi?... Sie scherzen!» Durch die mit Blei eingefassten kleinen Scheiben des Wirthshauses zeigte man ihm den Zug, der sich in Bewegung setzte. Zwei bedeckte, an den Seiten offne Waggons wurden von einer Locomotive mit niedrem Kamin und bauchigem Kessel, einem ungeheuerlichen, aus dem Berge geschlüpften Insekt gezogen, das keuchend die schwindligen Hänge hinanklomm. Die beiden Tartarin, der wilde und der zahme, empörten sich gleicherweise gegen den Gedanken, in diese abscheuliche Maschine zu steigen. Der eine fand es lächerlich, solcherweise in einem Elevator die Alpen zu erklimmen, dem andern aber flössten die steilen Rampen, die luftigen Brücken, über welche die Schienen gingen, mit der Perspective, bei der geringsten Entgleisung tausend Fuss tief hinabzustürzen, allerlei zähneklappernde Betrachtungen ein, welche durch die Nahe des kleinen Kirchhofs von Vitznau wohl berechtigt waren, wo die weissen Gräber, gerade unter der steilen Felsenwand, sich wie das weisse Linnen einer Bleiche dicht an einander drängten. Jener Gottesacker ist augenscheinlich nicht umsonst an dieser Stelle. Wenn es ein Unglück gäbe, hätte man die todten Reisenden nicht weit zu tragen. «Gehen wir zu Fuss, sagte sich der wackere Tarasconnese; das ist eine gute Uebung... zou! Und er ist wirklich aufgebrochen, aber angesichts der Wirthshausleute war er viel zu sehr mit seinem Alpenstock beschäftigt, als dass er Zeit gehabt hätte, auf deren Anweisungen für den einzuschlagenden Weg zu hören. Er steigt zuerst einen steilen, mit groben, spitzen Kieseln gepflasterten Weg hinan; rechts und links tannene Rinnen zum Abfluss des Regenwassers, grosse Obstgärten und saftige Wiesen, die von denselben Bewässerungskanälen durchzogen werden. Der ganze Berg schwamm von oben bis unten in Wasser, und jedes Mal wenn Tartarin mit seiner quer überliegenden Hacke die niedern Aeste einer Eiche oder eines Nussbaumes streifte, prasselte es auf seine Mütze wie aus der Brause einer Giesskanne. «Gott, so viel Wasser!» seufzte der Südländer. Aber es wurde noch schlimmer, als der gepflasterte Weg plötzlich aufhörte, und er durch den Koth waten, von einem Stein zum andern springen musste, um seine Gamaschen einigermassen zu schonen. Dann kam der Regen dazu, ein satter, alles durchdringender Regen, und je höher, um so kälter wurde die Luft. Wenn er im Steigen innehielt, um frischen Athem zu schöpfen, dann hörte er immer und immer nur das laute Wassergeriesel; er kam sich wie ertrunken vor, und wenn er die Blicke rückwärts wendete, dann sah er die Wolken in dünnen gläsernen Streifen dem See zueilen, und mitten durch schimmerten die Häuser von Vitznau gleich frisch gefirnisstem Spielzeug. Männer, Kinder, kamen gesenkten Hauptes an ihm vorüber, auf dem Rücken stets dieselbe tannene Butte mit Nahrungsmitteln für eine Villa oder Pension, deren durchbrochene Lauben auf halber Höhe herüberschauten. «Rigi-Kulm?» fragte Tartarin, um sich zu versichern, dass er auf dem rechten Wege sich befinde. Aber seine sonderbare Ausstaffirung, besonders seine gestrickte, den Kopf fest umschliessende Haube, wie man sie in der Schweiz nur im hohen Jura kennt, ein Ding, das sein Gesicht vollständig verbarg, verbreitete Schrecken auf seinem Wege. Jedermann blickte ihn mit starrem Auge an und ging eiligst weiter, ohne ihm zu antworten. Bald aber wurden diese Begegnungen selten. Das letzte menschliche Wesen, dessen er ansichtig wurde, war eine Alte, die unter einem in die Erde gepflanzten grossen rothen Regenschirm in einem hohlen Baumstamm ihre Hemden wusch. «Rigi-Kulm?» fragte Tartarin. Die Alte richtete ihr braunes Idiotengesicht empor und zeigte dabei einen Kopf, der ihr, wie einer Schweizerkuh die Glocke, am Halse tanzte. Nachdem sie ihn lange angeschaut, wurde sie von einem unauslöschlichen Lachen gepackt, so dass ihr Mund bis an die Ohren sich öffnete und ihre Augen in den tausend kleinen Fältchen verschwanden. Aber jedes Mal, wenn sie die Augen wieder öffnete, rief der Anblick Tartarins mit der Hacke auf der Schulter einen neuen Lachkrampf bei ihr hervor. «Verwünschte Hexe!» fluchte der Tarasconnese, «sie mag froh sein, dass sie nur ein Weib ist ...» und vor Zorn schnaubend, setzte er seinen Marsch fort und gerieth in einen Tannenwald, wo er mit den Füssen auf dem nassen Moos in einem fort ausglitt. Weiter hin änderte sich die Landschaft. Weder Pfad, noch Baum, noch Wiese. Düstre, nackte Felsen, grosse Schuttkegel, über die er, aus Angst zu stürzen, auf den Knieen vorwärts rutschte, tiefe Pfützen voll gelben Schlamms, über die er, vorsichtig mit dem Alpenstock tastend, das Bein wie ein Scherenschleifer hebend, langsam sich hinweghalf. Jeden Augenblick schaute er auf den kleinen Kompass an seinem breiten Uhrband; aber, was nun auch Schuld daran sein mochte, die Nadel schien wie verrückt zu sein. Und kein Mittel, sich in dem dicken gelben Nebel zurecht zu finden, bei dem man nicht zehn Schritte weit sehen konnte, und der mit einem Male eisig kalt wurde, so dass das weitere Steigen immer schwerer und schwerer wurde. Plötzlich blieb er stehen; der Boden wurde jetzt so weiss.... Acht auf die Augen!.... Jetzt kommen wir in die Schneeregion.... Sofort zog er die Brille aus ihrem Futteral und setzte sie fest auf die Nase. Das war ein feierlicher Augenblick. Etwas bewegt, immerhin stolz, schien es doch Tartarin, als wäre er plötzlich den hohen Bergesgipfeln und den grossen Gefahren um 1000 Meter näher gerückt. Er ging mit aller Vorsicht weiter, denn er dachte nur noch an Gletscherspalten, Eispyramiden, von denen seine Bücher ihm erzählten, und aus tiefster Seele verwünschte er die Leute aus dem Wirthshaus, die ihm gerathen hatten, immer grade aus zu gehen und ohne Führer. Vielleicht hatte er sich gar im Berg geirrt! Ueber sechs Stunden marschirte er schon und der Rigi erforderte nur drei Stunden. Es blies ein heftiger, ein kalter Wind, dass der Schnee in dem dämmerigen Nebel hoch aufwirbelte. Wenn ihn hier die Nacht überraschte! Wo eine Hütte, nur einen schützenden Felsenvorsprung finden? Plötzlich erblickte er vor sich auf dem wilden, nackten Gestein eine Art Sennhütte und vorn oben einen Zettel mit riesengrossen Buchstaben, die er mühsam entzifferte: «PHO...TO...GRA...PHIE DU RI...GI...KULM....» In diesem Augenblick überraschte ihn etwas weiter hin das ungeheure Hotel mit seinen dreihundert Fenstern zwischen den festlichen Kandelabern, die so eben im Nebel angezündet wurden. III Lärm auf dem Rigi. – Kaltes Blut! kaltes Blut! – Das Alpenhorn. – Was Tartarin beim Erwachen im Spiegel sieht. – Bestürzung. – Man bestellt telephonisch einen Führer. «Was ist los?... Wer da?» rief Tartarin pochenden Herzens und die Augen in die Finsterniss gerichtet. Im ganzen Hotel eilige Schritte, ein Thürenzuschlagen, ein Hasten und Rufen: «Eilen Sie sich!...» während draussen furchtbar schaurige Töne erschallen und plötzliche Flammen die Scheiben und Vorhänge erleuchten.... Feuer! Mit einem Satz war er aus dem Bette, angekleidet, gestiefelt, die vielen Treppen hinunter, wo das Gas noch brannte, und ein ganzer Schwarm von eiligst coiffirten, schwatzenden misses in grünen Umschlagetüchern, rothwollenen Halstüchern, mit Allem angethan, was ihnen eben in die Hand gerathen war, stand vor ihm. Tartarin, um sich selber Muth zu machen und die Damen zu beruhigen, schrie ihnen zu, und dabei rannte er die Leute fast um: «Kaltes Blut, kaltes Blut!» Er schrie mit einer wahren Bärenstimme, – aus welcher dazu der bleiche Schrecken tönte, einer Stimme, wie man sie im Traume hat, dass den Tapfersten, wenn er sie vernimmt, eine Gänsehaut überläuft. Und nun begreife Einer die kleinen Engländerinnen, die bei seinem Anblick kicherten; er musste ihnen sehr drollig vorkommen. In dem Alter hat man eben kein Bewusstsein von einer Gefahr! Glücklicherweise erschien hinter ihnen der alte Diplomat. Er war nur sehr oberflächlich bekleidet. Unter seinem Ueberzieher schauten die weissen Unterhosen und hängende Bindeschnüre hervor. Endlich ein Mann!... Tartarin lief ihm mit fuchtelnden Armen entgegen: «Ach, Herr Baron, welches Unglück!... Wissen Sie etwas Näheres?... Wo ist es?... Wie ist es entstanden? – Wer? Was?...» stammelte der Baron voller Entsetzen. Er hatte ihn nicht verstanden. «Nun, das Feuer... – Welches Feuer?» Der arme Mann sah so fürchterlich erschrocken und dumm aus, dass Tartarin ihn stehen liess und eiligst fortrannte, um Hülfe zu organisiren.... «Hülfe!» stotterte der Baron und stotterten fünf oder sechs verschlafene Saalkellner, die einander wie vollständig irrsinnig anglotzten... «Hülfe!...» Beim ersten Schritt in's Freie überzeugte sich Tartarin von seinem Irrthum. Keine Spur von einem Feuer. Eine Hundekälte, finstere Nacht, die kaum durch ein paar Fackeln etwas erhellt wurde, welche man da und dort schwang und die auf dem Schnee ihre schwarzen Spuren zurückliessen. Unten an der Freitreppe brüllte ein Alpenhorn seine Klagetöne, einen Kuhreihen in vier Noten, mit dem man auf Rigi-Kulm die Sonnenanbeter zu wecken und ihnen das bevorstehende Erscheinen des Himmelsgestirns zu verkünden pflegt. Es wird behauptet, dasselbe zeige sich bisweilen bei seinem ersten Auftauchen an der höchsten Spitze des Berges hinter dem Hotel. Zu seiner Orientirung brauchte Tartarin blos dem ununterbrochenen Gelächter der misses zu folgen, die an ihm vorüberzogen. Er aber ging langsamer, denn er hatte den Schlaf in den Augen und die Beine waren ihm von dem sechsstündigen Aufstieg noch ganz steif. «Sie sind es, Manilow?... sagte plötzlich im Dunkel eine helle Stimme... eine weibliche Stimme... Helfen Sie mir doch... Ich habe meinen Schuh verloren.» Er erkannte das ausländische Gezwitscher seiner kleinen Tischnachbarin, deren zarte Silhouette er in dem weissen vom Schnee aufsteigenden Lichtreflex suchte. «Es ist nicht Manilow, mein Fräulein; aber wenn ich Ihnen nützlich sein kann....» Sie stiess vor Ueberraschung und Furcht einen leichten Schrei aus und machte eine Bewegung zur Flucht, die Tartarin nicht bemerkte, denn er war schon am Boden und suchte im kurzen gefrorenen Grase. «Ja, sehen Sie, da haben wir ihn...» rief er freudestrahlend. Er schüttelte den Schnee von dem leichten Schuh, liess sich höchst galant mit einem Knie auf den kalten, feuchten Boden nieder und erbat sich zum Lohne, Aschenbrödel den Schuh anziehen zu dürfen. Diese, viel schüchterner als im Märchen, antwortete mit einem trocknen «Nein», und bemühte sich, hopsend ihren seidebestrumpften Fuss in den goldbraunen Schuh zu schieben. Ohne die Hülfe des Helden, der ganz aufgeregt darüber war, eine Minute lang die zierlichste Hand auf seiner Schulter zu fühlen, wäre ihr das nie gelungen. «Sie haben gute Augen, sagte sie jetzt wie zum Dank, während er neben ihr her vorsichtig weiter ging. – Die Uebung des Jägers, mein Fräulein. – Ah, Sie sind ein Jäger?» Sie sagte das in etwas spöttischem, ungläubigem Tone. Tartarin hätte sich ja nur zu nennen brauchen, um sie zu überzeugen; aber, wie alle Träger berühmter Namen, bewahrte er ein kokettes Incognito. Um jedoch die Ueberraschung allmälig zu steigern, fügte er hinzu: «Ich bin ein Jäger in der That...» «Und welches Wild jagen Sie vorzugsweise? – Die grossen Carnivoren, die reissenden Thiere, sagte Tartarin, und er glaubte, damit einen tiefen Eindruck zu machen. – Finden Sie viel von dem Wild auf dem Rigi?» Stets galant, wollte der Tarasconnese eben antworten, dass er auf dem Rigi bisher nur Gazellen angetroffen, als seine Replik durch zwei nahende Schatten unterbrochen wurde, welche «Sonia... Sonia!» riefen. – Ich komme...» sagte sie, und Tartarin sich zuwendend, dessen an die Dunkelheit gewöhnte Augen ihr bleiches, hübsches Gesicht unter einem Manola-Ueberwurf erkannten, setzte sie, aber jetzt in ernstem Tone hinzu: «Sie gehen auf eine gefährliche Jagd, mein Bester; nehmen Sie sich in Acht, dass Sie mit heiler Haut davonkommen...» Und verschwunden war sie mit ihren Begleitern in der Finsterniss. Später sollte der drohende Accent, den sie auf diese Worte legte, die Phantasie unseres Südländers mehr erregen. Hier aber ärgerte er sich über das geringschätzige «mein Bester.» Es klang ihm wie eine zarte Anspielung auf seinen ergrauenden Bart und seine biedermännische Beleibtheit. Und dann ärgerte er sich über ihr plötzliches Verschwinden, just im Augenblick, wo er ihr seinen Namen nennen, an ihrem Erstaunen sich weiden wollte. Er that einige Schritte in der Richtung, in welcher die Gruppe sich entfernte, und vernahm ein wirres Geräusch, ein Husten und Niesen der Touristen, welche zusammen standen, um den Sonnenaufgang zu erwarten. Einige der Entschlossensten waren auf einen kleinen Luginsland gestiegen, dessen schneebedeckte Stufen in der schwindenden Nacht sich mehr und mehr kenntlich machten. Ein leichter Schimmer stieg jetzt im Osten auf. Er wurde mit einem neuen Stoss in's Alpenhorn und dem erleichternden «Ah!» begrüsst, das die Kinder im Theater beim Aufziehen des Vorhangs hören lassen. Schmal, wie ein funkelnder Messerrücken, und breiter und breiter dehnte es sich am Horizont aus: aber gleichzeitig stieg aus der Tiefe ein dicker, gelber Nebel auf, der immer dichter und durchdringender wurde, je mehr die Finsterniss schwand. Es war wie ein Schleier zwischen der Bühne und dem Publikum. Man musste auf das in den Reisehandbüchern angekündigte, grossartige Schauspiel verzichten. Zum Ersatz hatte man den ungewöhnlichen Anblick der dem tiefsten Schlaf entrissenen Tänzer vom letzten Abend, deren Gestalten Einem gleich närrischen, lächerlichen Schattenbildern erschienen. Allerlei Shawls, Bettdecken, ja Bettvorhänge haben sie sich umgehängt. Unter dem mannigfaltigsten Hauptschmuck, seidenen oder baumwollenen Mützen und Mützchen, mit und ohne Ohrenwärmer, verstörte, muffige Gesichter, Köpfe von Schiffbrüchigen, die sich auf eine verlorene Insel im offenen Meere gerettet und mit weit geöffneten Augen nach einem Segel ausschauen. Und nichts, immer noch nichts! Einige indessen boten Alles auf, um, von ihrer Phantasie getragen, diesen oder jenen Bergesgipfel zu erkennen. Und ganz oben, auf dem Lugaus, hörte man das Glucksen der peruanischen Familie, die um einen himmellangen Menschen sich drängte, der vom Scheitel bis zu den Füssen in einen dicken, grosscarrirten Ulster gehüllt war und unerschütterlich das unsichtbare Alpenpanorama ausschlachtete, mit lauter Stimme die im Nebel verschwimmenden Linien bezeichnend. «Dort links sehen Sie das Finsteraarhorn, vier tausend zweihundert Meter..., das Schreckhorn, das Wetterhorn, den Mönch, die Jungfrau, auf deren elegante Formen ich die jungen Damen aufmerksam mache... – Nun ja, da ist Einer, dem es an edler Dreistigkeit nicht fehlt», murmelte der Tarasconnese vor sich hin; aber dann kam eine plötzliche Erleuchtung über ihn: «Ich kenne die Stimme. Wer ist das doch?» Er erkannte besonders den Accent, jenen Assent des mittäglichen Frankreichs, den man gleich dem Knoblauchgeruch von Weitem erkennt. Aber ganz von dem Wunsche beherrscht, seine junge Unbekannte wiederzufinden, hielt er sich dabei nicht auf und fuhr in seiner Inspection der Gruppen fort, doch ohne Erfolg. Sie war gewiss in's Hotel zurückgegangen, wie alle Uebrigen, denen es leid wurde, draussen zu stehen und zu frieren. Runde Rücken, schottische Tücher, deren Fransen im Schnee nachschleppten, entfernten sich, verschwanden in dem immer dichter werdenden Nebel. Bald war auf dem kalten, öden Plateau nur noch Tartarin und der Senne, der wie ein Hund, welcher den Mond anbellt, trübselig in sein Horn blies. Es war ein kleiner Alter mit langem Bart. Er trug einen spitzen Tyrolerhut mit grünen Eicheln, die ihm auf den Rücken hinabfielen, und wie alle übrigen Kopfbedeckungen der Hoteldiener das REGINA MONTIUM in goldenen Lettern vorn über dem Hutrande. Tartarin trat zu ihm heran, um ihm ein Trinkgeld zu geben, wie er es von den andern Touristen gesehen. «Gehen wir schlafen, Alter», sagte er, und ihm mit seiner Tarasconnesischen Vertraulichkeit auf die Schulter klopfend, fügte er etwas hinzu, was auf Berlinisch etwa lauten würde: «Ein fauler Zauber, eure Rigi-Sonne; nicht wahr?» Der Alte liess sich im Blasen nicht stören. Er beendigte sein ewiges Lied in vier Noten mit einem stummen Lächeln. Seine Augenwinkel legten sich dabei in tausend kleine Fältchen und die grünen Eicheln an seinem Hute tanzten vergnügt dazu. Bei alledem beklagte Tartarin sich über die unterbrochne Nachtruhe nicht. Das Zusammentreffen mit der hübschen Blondine entschädigte ihn für den eingebüssten Schlaf; denn, obgleich den Fünfzig sich nähernd, besass er noch ein warmes Herz, eine blühende Phantasie, eine jugendliche Lebenskraft. Als er wieder in seinem Bette war, und die Augen zum Schlafe sich senkten, glaubte er noch den niedlichen, leichten Schuh in seiner Hand zu fühlen und die helle, rhytmische Stimme des jungen Mädchens zu hören: «Sind Sie es, Manilow?...» Sonia... ein hübscher Name!... Sie ist eine Russin, gewiss; und die jungen Leute, die mit ihr reisen, sind sicherlich Freunde ihres Bruders.... Dann verwirrte sich Alles. Das hübsche, goldumlockte Gesichtchen vermischte sich mit anderen schwankenden und sich verflüchtigenden Bildern, den Felsenhängen des Rigi, den schäumenden Wassern, und bald erfüllte der Heldenathem des grossen Mannes, kräftig und in regelmässigen Intervallen, das kleine Zimmer und einen guten Theil des Ganges draussen.   Als Tartarin auf den ersten Ruf der Glocke zum Frühstück hinabsteigen wollte, sah er noch einmal nach, ob auch sein Bart wohl gebürstet sei und er in seinem Alpenkostüm sich nicht gar zu schlecht ausnehme. Plötzlich erzitterte er. Vor ihm, auf dem Spiegel, war ein Blatt mit zwei Oblaten angeheftet und auf dem Blatt war folgende anonyme Drohung zu lesen: « Verdammter Franzose, deine Verkleidung verbirgt dich schlecht. Dieses Mal soll dir noch Gnade werden. Doch, wenn du dich noch einmal auf unserem Wege sehen lässt, dann hüte dich! » Er war wie geblendet und las den Zettel zwei, drei Mal. Vor wem, wovor sich hüten? Wie war das Papier dahin gelangt? Augenscheinlich während seines Schlafes, denn er hatte es bei der Rückkehr von seiner Frühpromenade nicht bemerkt. Er läutete nach dem Zimmermädchen, einem dicken, bleichsüchtigen, platten Gesicht voller Pockennarben; ein wahrer Greierzer Käse. Er konnte aus dem Wesen nichts Verständliches herausbringen, es sei denn, dass sie aus anständiger, aus einer « pon famille » sei und niemals in die Zimmer komme, so lange die Herren darin seien. «Was ist das für eine drollige Geschichte?» sagte Tartarin, indem er, sehr aufgeregt, den Zettel von allen Seiten betrachtete. Einen Augenblick fuhr ihm der Name Costecalde's durch den Kopf. War Costecalde etwa von seinen Plänen unterrichtet, versuchte er es vielleicht, durch solche Ränke und Drohungen ihn von seinen hohen Plänen abwendig zu machen? Aber das schien ihm unwahrscheinlich, der Zettel war gewiss eine Posse, die ihm die kleinen Engländerinnen gespielt hatten.... sie lachten so unverschämt, als er an ihnen vorbeikam.... O, die jungen Engländerinnen und Amerikanerinnen sind so frei in ihrem Benehmen! Er läutete zum zweiten Mal. Er steckte den anonymen Zettel in die Tasche: «Das wird sich schliesslich Alles zeigen....» dachte er. Und die grandiose Geste, mit welcher er diese Reflexion begleitete, war ein neues Zeugniss seines Heldenmuths. Noch eine Ueberraschung, als er sich zu Tisch setzte. Anstalt der hübschen Nachbarin, welche «die Liebe in pures Gold gekleidet», erblickte er den Gänsehals einer alten Engländerin, deren lange Schmachtlocken bis auf das Tischtuch reichten. Ganz in seiner Nähe sagte man, das junge Fräulein und ihre Begleiter seien mit einem der ersten Morgenzüge verreist. « Cré nom! Ich bin angeführt...» rief der italienische Tenorist in bestem Französisch, er, der am Abend vorher Tartarin so kurzweg mit der Bemerkung abgewiesen halte, er verstehe nicht französisch. Er hatte es also über Nacht gelernt! Der Sänger erhob sich rasch, warf seine Serviette hin und entfloh. Tartarin sass da wie vernichtet. Von den gestrigen Gästen war er allein nur noch da. Auf Rigi-Kulm bleibt man eben nur vierundzwanzig Stunden. Tartarin eilte auf sein Zimmer, schnallte sein Gepäck zusammen und verlangte seine Rechnung. Er hatte genug von der Regina montium und ihrer Table d'hôte von Taubstummen. So wie er erst sein Rüstzeug, die Klammern, die Seile, das Beil auf dem Rücken hatte, wurde er wieder von seiner Manie für die Alpen erfasst; er brannte darauf, einen wirklichen Berg zu besteigen, auf dessen Gipfel es keine befrackten Kellner und keine Photographen in freier Luft gab. Er schwankte noch zwischen dem höheren Finsteraarhorn und der berühmteren Jungfrau, deren hübscher Name von virginaler Reinheit ihm mehr als einmal die kleine Russin vor die Seele zaubern sollte. Während er mit diesem Gedanken sich beschäftigte, und der Oberkellner seine Rechnung schrieb, betrachtete er in der ungeheuren düstren und stillen Halle die grossen colorirten Photographieen an den Wänden: Darstellungen von Gletschern, Schneefeldern, berühmten und gefährlichen Bergübergängen. Hier, an einem Seile, ein ganzer Trupp, Ameisen ähnlich, die an einer langen Kiefernadel ziehen, einer hinter dem andern auf einem scharfen bläulichen Gletschergrat. Weiter hin ein ungeheurer Gletscherspalt mit durchsichtigen Wänden, über die man querüber eine Leiter gelegt, auf welcher eine Dame auf den Knieen und hinter ihr ein Abbé in aufgeknöpftem langem Rock vorwärts rutschen. Der Alpenklubist von Tarascon, die beiden Hände auf seine Hacke gestützt, betrachtete dies; er hatte niemals an solche Schwierigkeiten gedacht. Da hinüber muss man!... Plötzlich erschrak er fürchterlich. Da hing in einem schwarzen Rahmen ein Stich nach der berühmten Zeichnung Gustave Dorés, die Catastrophe auf dem Matterhorn. Vier menschliche Wesen, welche von einer steilen Gletscherwand fast senkrecht hinunterstürzen, die Arme weit um sich werfend, die Hände nach irgend einem Halt, nach dem gebrochnen Seil tastend, das die noch lebenden Leiber aneinander bindet und nur dazu dient, sie um so sichrer dem Tode, dem Abgrund zuzuführen, in den jetzt Alles, Menschen, Seile, Hacken, grüne Schleier, die ganze wohl ersonnene, plötzlich zu einem tragischen Werkzeug gewordene Ausrüstung der Alpenbesteiger, eine zermalmte Masse, über einander stürzt. «Diavolo!» ruft der entsetzte Tarasconnese, und er fühlt, wie das Herz ihm an die Rippen schlägt. Ein sehr höflicher Kellner hört seinen Ausruf und hält es für seine Pflicht, ihn zu beruhigen. Dergleichen Unglücksfälle werden immer seltener. Man dürfe freilich nicht unvorsichtig sein und müsse sich namentlich einen guten Führer verschaffen. Tartarin fragte, ob man ihm Jemand empfehlen könne, einen zuverlässigen Mann.... Nicht etwa, dass er sich fürchte, Gott bewahre; aber es ist immer besser, einen vertrauenswürdigen Mann um sich zu haben. Der Kellner dachte nach. Er nahm eine sehr wichtige Miene an und drehte an seinem Schnurrbart. «Einen vertrauenswürdigen Mann? Ach, wenn der Herr mir das nur etwas früher gesagt hätte. Wir hatten diesen Morgen einen Menschen, der ganz für Sie gepasst hätte... Er war Courrier bei einer peruanischen Familie. – Er kennt die Alpen? fragte Tartarin. – O, alle Berge der Schweiz, die von Savoyen, Tirol. Indien, der ganzen Welt; er hat sie alle bestiegen, er kennt sie auswendig und beschreibt sie Ihnen. Der würde für Sie passen!... Ich glaube, man würde ihn leicht dazu bewegen.... Mit einem solchen Führer könnte ein Kind überall gefahrlos hingehen. – Wo ist er? wo könnte ich ihn finden? – In Kaltbad, mein Herr, wo er für seine Reisenden die Zimmer bestellt... Wir wollen telephoniren.» Ein Telephon auf dem Rigi! Das überstieg aber Alles. Tartarin wunderte sich jetzt über nichts mehr. Fünf Minuten später kam der Kellner mit der Antwort. Der Courrier der Peruaner war nach Tellsplatte gereist, wo er sicherlich die Nacht bleiben wird. Auf Tellsplatte steht eine dem Andenken Wilhelm Tell's geweihte Kapelle. Es gingen viele Leute hin, um die Wandgemälde zu sehen, die ein berühmter Maler aus Basel eben vollendete.... Mit dem Schiff brauchte es kaum mehr als eine Stunde, anderthalb Stunden. Tartarin zögerte nicht. Das kostete ihn wohl einen Tag, aber er war Wilhelm Tell, für den er eine besondere Zuneigung hatte, diese Huldigung schuldig. Und dann, welches Glück, wenn er jenen wunderbaren Führer anträfe und er ihn dazu bestimmen könnte, mit ihm die Jungfrau zu besteigen. Vorwärts, zou! ... Er bezahlte schnell seine Rechnung, in welcher der Sonnenuntergang und der Sonnenaufgang besonders notirt waren, grade so wie das Licht und die Bedienung. Und unter fürchterlichem Eisengerassel, das überall Staunen und Schrecken auf seinem Wege verbreitete, schritt Tartarin dem Bahnhof zu, denn den Rigi zu Fuss hinunterzugehen, wie er ihn hinaufgegangen war, das wäre Zeitverlust und in der That viel zu viel Ehre für diesen künstlichen Berg gewesen. IV Auf dem Schiff. – Es regnet. – Der Held von Tarascon grüsst die Manen der schweizerischen Helden. – Die Wahrheit über Wilhelm Tell. – Enttäuschung. – Tartarin von Tarascon hat niemals existirt. – «Té, Bompard!» Auf Rigi-Kulm hatte er den Schnee verlassen. Unten, am See, traf er wieder den feinen, dichten, unerschöpflichen Landregen an, durch dessen Schleier die Berge wie in verwischter Kreidezeichnung gleich fernen Wolken sich ausnahmen. Der Fœhn wehte. Auf dem See stürmten die weissen Schaumwellen dahin, auf denen die niedrig fliegenden Möwen sich zu wiegen schienen. Man hätte sich auf offnem Meere glauben mögen. Und Tartarin erinnerte sich des Tages, als er vor fünfzehn Jahren, zur Löwenjagd gehend, aus dem Hafen von Marseille hinausfuhr, dachte des wolkenlosen, von goldnem Lichte strahlenden Himmels, des blauen, aber wahrhaft indigo-blauen Meeres, das vom Mistral mit Millionen weissblitzender Krausen und Schleifen herausgeputzt war, und dazu die Trompeten der Forts, das Läuten sämmtlicher Glocken, der Rausch, die Freude, die Sonne, die Zauber der ersten Reise! Welcher Unterschied mit dem von der Feuchtigkeit geschwärzten, fast verlassenen Verdeck, auf welchem er in dem dichten Nebel, wie durch Oelpapier, einige in Ulsters und abscheuliche Kautschuks gekleidete Passagiere und den Steuermann unterschied, der hinten unbeweglich, mit ernstem, sybillinischem Gesicht in seinem Matrosenmantel dastand. Und über ihm in drei Sprachen eine Tafel mit den Worten: «Es ist verboten, mit dem Steuermann zu reden.» Das Verbot war sehr unnütz, denn Niemand an Bord des Winkelried sprach ein Wort, eben so wenig auf dem Verdeck, wie in den Salons der ersten und zweiten Klasse, beide gepfropft voll mit Reisenden, die sehr saure Gesichter machten, zwischen ihrem auf den Bänken zerstreuten Gepäck schliefen, lasen, gähnten. So denkt man sich ein Schiff mit Deportirten am Tage nach einem Staatsstreich. Von Zeit zu Zeit kündigte die heisere Dampfpfeife die Nähe einer Station an. Schwere Schritte auf dem Verdeck, das Geräusch vom Hin und Her des Gepäcks. Das Ufer wird allmälig kenntlich, es nähert sich ein dunkelgrünes Gestade. Vor Kälte schlotternde Villen in überschwemmten Gärten, lange Pappelreihen am Rande aufgeweichter Strassen, prunkende Hotels mit goldnen Buchstaben an der Front, Hotel Meyer, Hotel Müller, Hotel du Lac, und gelangweilte Gesichter hinter den triefenden Fensterscheiben. Man berührte die Landungsbrücke, Leute stiegen aus und ein, Alle gleich schmutzig, durchnässt und schweigsam. An dem kleinen Hafen ein Gehen und Kommen von Regenschirmen und rasch verschwindenden Omnibus. Dann versetzen die grossen Schaufelräder das Wasser wieder in schäumenden Aufruhr, das Ufer entfernt sich und versinkt mit den Pensionen Meyer, Müller, du Lac, deren einen Augenblick geöffnete Fenster in allen Etagen wehende Taschentücher, flehend ausgestreckte Arme zeigen, welche eindringlich zu sagen scheinen: «Gnade, Erbarmen, nehmen Sie uns mit... o, wenn Sie wüssten...!» Bisweilen kreuzte der Winkelried auf seiner Fahrt einen andern Dampfer mit dem Namen in goldnen Buchstaben auf dem weissen Tambour: Germania.... Wilhelm Tell... Stets dasselbe düstre Verdeck, dieselben glänzenden wasserdichten Mäntel, derselbe klägliche Anblick, ob nun das Gespensterschiff in dieser oder jener Richtung sich bewegte, dieselben trostlosen Blicke von einem Bord zum andern. Und alle diese Leute reisten zu ihrem Vergnügen und waren um ihres Vergnügens willen eben solche Gefangene wie die Pensionäre der Hotels du Lac, Meyer und Müller! Was hier wie auf Rigi-Kulm am meisten Tartarin verdross, was ihm wehe that und ihn noch ärger schüttelte als der kalte Regen und der lichtlose Himmel, das war die Unmöglichkeit zu reden. Unten hatte er wohl bekannte Gesichter angetroffen, das Mitglied des Jockeyklubs mit seiner Nichte (hm, hm!), den Akademiker Astier-Réhu und den Professor Schwanthaler, die beiden unversöhnlichen Feinde, welche verurtheilt waren, einen Monat lang neben einander zu leben, denn sie hatten dasselbe Rundreise-Billet. Auch Andere waren noch da, aber keiner dieser berühmten Pflaumen-Liebhaber wollte den Tarasconnesen wiedererkennen, den ja doch seine ganze Ausrüstung hinreichend kenntlich machte und mit einem ganz besondern Stempel versah. Alle schienen des Balls vom vorigen Abend, der unerklärlichen Verführung sich zu schämen, der sie durch das flammende Temperament jenes dicken Mannes zum Opfer gefallen waren. Frau Schwanthaler allein, die rundliche Fee, war mit ihrer rosigen und lachenden Miene zu ihrem Tänzer herangetreten. Sie hatte dabei den Rock ihres Kleides mit zwei Fingern rechts und links gefasst, als wollte sie ein Menuet beginnen: «Baller, dantser... sehr scholi...» sagte die gute Dame. War es eine Erinnerung an den letzten Abend, die sie wieder heraufrief, oder die Versuchung, sich wieder im Takte zu drehen? Denn sie liess ihn nicht los, und Tartarin, um ihr zu entgehen, kehrte auf's Verdeck zurück, da er es vorzog, bis auf die Haut nass zu werden, als – sich lächerlich zu machen Warum nicht gar? Und es regnete, und der Himmel war trüb! Um ihn vollends zu verfinstern, hatte sich ein ganzer Trupp Gardistinnen der Heilsarmee. die man in Beckenried aufgenommen, ein Dutzend plumper Mädchen mit blödem Gesicht, in marineblauen Kleidern und Kate-Greenaway-Hüten, unter drei riesigen Regenschirmen auf dem Verdecke niedergelassen und sang dort geistliche Lieder. Ein langer, dürrer Mann mit irren Augen begleitete sie auf dem Accordeon. Ihr schrillendes, schleppendes, unharmonisches, an das Geschrei der Möwen erinnerndes Gesinge drang überall durch, durch die Regenfluth, durch den schwarzen Rauch der Maschine, den der Wind nach unten drängte. Noch niemals in seinem Leben hatte Tartarin etwas so Jammervolles gehört. In Brunnen stieg die Truppe aus, nachdem sie die Taschen der Reisenden mit frommen Traktätlein gefüllt hatte; und fast in demselben Augenblick, als das Accordeon und der Gesang dieser armen Larven aufhörte, öffneten sich die Wolken und liessen ein Stück klaren Himmels sehen. Jetzt lenkte man in den Urner See zwischen hohen steilen Bergen ein; auf der Rechten, am Fusse des Seelisberg, zeigten sich die Touristen das Rütli, wo Stauffacher, Walther Fürst, Melchthal und andere Verschworne den Eid für die Befreiung des Vaterlandes schworen. Tartarin, sehr ergriffen, entblösste feierlich sein Haupt, ohne auf die verwunderten Leute um ihn her zu achten; er schwenkte sogar drei Mal seine Mütze in der Luft, um den Manen der Helden seine Ehrfurcht zu bezeigen. Einige Reisende täuschten sich über seine Absicht und erwiderten höflich seinen Gruss. Endlich gab die Maschine ein heiseres Signal, das vom Echo in dem engen Raum wiederholt wurde, und die Tafel an der Landungsbrücke kündete Tellsplatte an. Man war am Ziel. Die Kapelle liegt fünf Minuten von der Landungsstelle, am Ufer des Sees, etwas oberhalb der Felsplatte, auf welche Tell sich schwang, als er Gessler mit dem Schiff in den stürmischen See hinausstiess. Für Tartarin, als er längs des Sees den Touristen mit den Rundreise-Billets folgte, war es ein hoher Genuss, diesen historischen Boden zu betreten, sich der Hauptepisoden des grossen Dramas zu erinnern, das er gleich seiner eigenen Geschichte kannte. So weit er zurückdenken mochte, war Wilhelm Tell sein Heros gewesen. Wenn man in der Apotheke Bézuquet mit dem bekannten Spiel sich die Zeit vertrieb, wo Jeder auf ein Blättchen den Dichter, den Baum, den Geruch, den Helden, die Frau aufschrieb, die er vorzog, so stand auf einem Blättchen unwandelbar: «Der Lieblingsbaum? – Der Baobab. «Der Geruch? – Pulver. «Der Dichter? – Fenimore Cooper. «Wer ich hätte sein mögen? – Wilhelm Tell...» Und in der Apotheke hiess es dann einstimmig: «Das ist Tartarin!» Nun denke man sich seine Wonne und wie das Herz ihm pochte, als er vor die von der Dankbarkeit eines ganzen Volkes errichtete Erinnerungskapelle trat. Ihm war es, als müsste Wilhelm Tell in eigner Person, seine Kleider noch feucht vom Wasser des Sees, Armbrust und Pfeile in der Hand, ihm die Thür öffnen. «Man kann heute nicht eintreten.... Ich arbeite.... Es ist heute nicht der Tag», rief eine kräftige Stimme von innen, «Monsieur Astier-Réhu, de l'Academie francaise!... – Professor Schwanthaler aus Bonn!... – Tartarin de Tarascon!...» In dem kleinen Spitzbogen über dem Portal erschien die Büste des Künstlers in einer Arbeitsblouse, die Palette in der Hand. «Mein famulus wird herunterkommen und Ihnen öffnen, sagte er ehrerbietig. – Das wusste ich wohl, dachte Tartarin... Ich brauchte mich nur zu nennen.» Er hielt sich indessen bei Seite und trat bescheidentlich nach den Andern ein. Der Maler, eine herrliche Gestalt, ein strahlender Künstlerkopf aus der Renaissance Zeit, empfing die Besucher auf der hölzernen Treppe, welche auf das provisorische Gerüst für die Ausführung der Malereien an den oberen Wänden der Kapelle führte. Die Fresken, welche die Hauptereignisse aus dem Leben Wilhelm Tell's darstellten, waren bis auf eine, die Apfelschuss-Scene auf dem Platze zu Altdorf, beendigt. Er arbeitete in diesem Augenblick daran, und sein junger Famulus, mit dem lockigen Haar eines Erzengels, nackten Beinen und Füssen, stand ihm Modell für den Knaben. Alle diese Personen in mittelalterlichem Kostüm, roth, grün, gelb, blau, in mehr als natürlicher Grösse, um auf eine gewisse Entfernung, von unten, gesehen zu werden, verfehlten ihren Eindruck auf die Beschauer nicht. «Ich finde, das ist ein Bild von bedeutendem Charakter», sagte der feierliche Astier-Réhu. Und Schwanthaler, der seinem Rivalen nicht nachstehen wollte, citirte, einen Feldstuhl unter dem Arm, zwei Schillerische Verse, von denen die Hälfte sich in seinem langen, dünnen Barte verlor. Dann drückten die Damen ihr Entzücken aus und einen Augenblick lang hörte man nur das: «Schön!... o, schön!... – Yes.... lovely.... – Exquis... delicieux...» Plötzlich schmetterte es wie eine Trompete durch das Gewölbe und unterbrach das andächtige Schweigen: «Schlecht angelegt, das sage ich Ihnen! Die Armbrust ist nicht am rechten Platz....» Man kann sich das starre Erstaunen des Malers angesichts des ausserordentlichen Alpensteigers denken, der ihm nun, das Seil in der Hand, die Hacke auf der Schulter, mit welcher er bei jeder seiner häufigen Wendungen Jemand zu erschlagen drohte, mit a + b zu beweisen suchte, dass die Haltung seines Wilhelm Tell nicht richtig war. «Und ich wenigstens verstehe mich darauf, das bitte ich Sie zu glauben... – Sie sind? – Wie? wer ich bin?» antwortete der Tarasconnese sehr aufgebracht. Also nicht vor ihm hatte die Thür sich geöffnet. «Fragen Sie nach meinem Namen bei den Panthern von Saccar, bei den Löwen des Atlas; sie werden Ihnen vielleicht Antwort geben.» Er richtete sich bei diesen Worten stolz empor. Allgemeines Erstarren. «Aber schliesslich, fragte der Maler, in wie fern ist meine Zeichnung nicht richtig? – Schauen Sie auf mich, té .» Und plötzlich, zwei Schritte vorwärts in die Kniee fallend, dass die Bretter hoch aufstäubten, legte Tartarin seine Hacke gleich einer Armbrust kunstgerecht an. «Herrlich! Er hat recht... Rühren Sie sich nicht...» Und zum Famulus gewendet: «Rasch, einen Karton und Kohle!» Thatsache ist, dass der Tarasconnese, stämmig, den Rücken übergebogen, den Kopf gesenkt und dazu mit dem kleinen flammenden Auge auf den erschrockenen Famulus zielend, zum Malen war. O Phantasie, du Zauberin. Er glaubte, er stände auf dem Platze zu Altdorf, seinem Kinde gegenüber, er, der nie ein Kind gehabt; einen Pfeil auf der Kehle seiner Armbrust, einen andern in seinem Koller, um damit das Herz des Tyrannen zu durchbohren. Und seine Ueberzeugung war so mächtig, dass sie sich allen Andern mittheilte. «Es ist Wilhelm Tell!...» sagte der Maler, auf seinen Schemel gekauert, und mit fieberhafter Hand hastig zeichnend: «Ach, mein werther Herr, hätte ich Sie doch eher gekannt! Sie hätten mir als Modell gedient... – Wirklich! Sie finden einige Aehnlichkeit...» fragte Tartarin geschmeichelt, ohne seine Stellung zu ändern. So in der That hatte der Künstler sich seinen Helden vorgestellt. Den Kopf auch?» – O, den Kopf, was liegt daran?» Der Maler trat etwas zurück und betrachtete seine Zeichnung. «Ein männlicher, energischer Kopf, das ist Alles, was nöthig ist; da man von Wilhelm Tell nichts weiss und er wahrscheinlich niemals existirt hat.» Tartarin liess vor Schreck seine Armbrust fallen. « Outre Outre und Boufre sind tarasconnesische Flüche von mysteriöser Etymologie. Selbst die Damen brauchen diese Worte bisweilen, fügen aber eine Milderung hinzu: «Outre!... hätten Sie mich fast ausrufen lassen!» ... Niemals existirt!... Was sagen Sie da? – Fragen Sie diese Herren...» Astier-Réhu, sein dreifaches Kinn über seine weisse Kravatte legend, sagte feierlich: «Es ist eine dänische Legende. – Isländische», betonte Schwanthaler nicht minder majestätisch. – Saxo Grammaticus erzählt, dass ein tapferer Bogenschütze Namens Toko oder Palnatoke.... – Es steht in der Wilkinasage geschrieben.... Beide zusammen: von dem König von Dänemark, Harald mit den blauen Zähnen, verurtheilt war...» dass der isländische König Nekding....» Mit starrem Auge, den Arm weit von sich gestreckt, ohne sich anzuschauen, noch sich zu verstehen, sprachen sie Beide auf einmal, wie vom Katheder herab, in dem doctoralen, gebieterischen Tone des Professors, dem niemals widersprochen wird. Sie erhitzten sich, schleuderten sich Namen und Daten zu: Justinger von Bern! Johann von Winterthur!... Nach und nach wurde die Discussion sehr bewegt, sie steigerte sich bis zur Raserei. Man schwang die Feldstühle, die Regenschirme, Alpenstöcke, und der unglückliche Künstler suchte die Leute zu beruhigen, denn er fürchtete den Einbruch seines Gerüstes. Als der Sturm sich gelegt hatte, wollte er seine Zeichnung vollenden und den geheimnisvollen Alpen-Klubisten aufsuchen, den Mann, dessen Namen allein von den Panthern des Saccar und den Löwen des Atlas hätte genannt werden können; der Unbekannte war verschwunden. Er kletterte jetzt mit grossen wüthenden Schritten einen schmalen Pfad zwischen Birken und Buchen zum Hotel Tellsplatte hinauf, wo der Courrier der Peruaner übernachten sollte, und unter dem Eindruck der eben erfahrenen Enttäuschung sprach er laut mit sich selber, und stiess wüthend mitdem Alpenstock in den wieder trocken gewordenen Boden. Wilhelm Tell niemals existirt! Wilhelm Tell eine Sage! Und der Maler, der den Auftrag hat, die Kapelle zu schmücken, hat das ganz ruhig gesagt. Er zürnte ihm deshalb wie wegen einer begangenen Gotteslästerung, er zürnte den Gelehrten, dem Alles läugnenden, Alles unterwühlenden, gottlosen Jahrhundert, das auch gar nichts mehr achtet, weder Ruhm, noch Grösse. –Abscheulich! Also, nach zwei, drei Jahrhunderten, wenn man von Tartarin sprechen wird, dann wird sich so ein Astier-Réhu, ein Schwanthaler mit der Behauptung einfinden, dass Tartarin niemals existirt habe, er sei nur ein provençalischer oder barbareskischer Mythus. Die Entrüstung und der steile Aufstieg hatten ihm den Athem genommen; er setzte sich «auf eine Bank von Stein». Von hier oben sah man durch die Zweige den See und die weissen Mauern der Kapelle. Die Dampfpfeife, das Anschlagen der Wellen an den Felsen kündete die Ankunft neuer Besucher an. Sie stellten sich am Ufer auf, das Reisehandbuch in der Hand, gingen mit andächtigen Mienen, in ernster Haltung vor, ganz unter dem Eindruck der Legende. Mit einem Male, durch einen plötzlichen Umschlag in seinem Ideengange, sah er die komische Seite der Sache. Er stellte sich im Geiste die ganze historische Schweiz vor, die von diesem imaginären Helden lebte, ihm Kapellen auf den Plätzen der kleinen Orte und in den Museen der grossen Städte Bildsäulen errichtete, patriotische Feste für ihn veranstaltete, zu denen man mit flatternden Fahnen aus allen Kantonen herbeiströmte. Bankette, Trinksprüche, Reden, Gesänge, ergreifende Seelenstimmungen, Alles das für den grossen Patrioten, von dem ein Jeder wusste, dass er niemals gelebt hatte. Ihr sprecht von Tarascon. Da haben wir eine Tarasconnade, wie es bei uns draussen noch keine gegeben hat, noch nichts Aehnliches erfunden worden ist. Seine gute Laune war nun wieder hergestellt, und Tartarin erreichte mit einigen kräftigen Sätzen die grosse Strasse nach Flüelen, wo das Hotel zur Tellsplatte seine breite Front mit grünen Fensterladen zeigte. Die Pensionäre ergingen sich in Erwartung der Glocke, die sie zum Mittagessen rufen sollte, vor einer kleinen, wasserbelebten Grotte und auf der vom Regen durchwühlten Strasse, wo auf eine lange Reihe leichter Wagen und Tragstühle die Reflexe der kupferrothen Abendsonne aus schmutzigen Tümpeln fielen. Tartarin erkundigte sich nach seinem Manne. Er sei bei Tische, erklärte man ihm. «Führen Sie mich zu ihm, zou! » Er sagte dies in so gebieterischem Tone, dass man, trotz der begründeten Scheu, die man empfand, eine so wichtige Persönlichkeit beim Mahle zu stören, ihn durch das ganze Hotel, wo sein Erscheinen allgemeines Staunen erregte, zu dem vornehmen Courrier geleitete, der in einem kleinen, auf den Hof hinausgehenden Saal, ganz allein speiste. «Mein Herr, sagte Tartarin, als er, seine Spitzhacke auf der Schulter, eintrat; entschuldigen Sie mich, wenn...» Er verstummte plötzlich, während der Courrier, ein ellenlanger, dürrer Mann, die Serviette am Kinn, im herrlichen Dufte einer warmen Suppe schwelgend, den Löffel aus der Hand fallen liess. « Vé, Herr Tartarin.... – Té, Bompard!» Es war Bompard, der ehemalige Verwalter des Cercle, eine gute Haut, nur litt er an einer fabelhaften Einbildungskraft, die es ihm unmöglich machte, ein wahres Wort zu sagen und ihm in Tarascon den Beinamen «der Lügner» eingetragen hatte. In Tarascon ein Lügner genannt zu werden, das hat sehr viel zu bedeuten! Und dieser Mann sollte der unvergleichliche Bergführer, der Besteiger der Alpen, des Himalaya, des Mondgebirges sein! «Ah, jetzt, ich begreife, sagte Tartarin....» Er sah sich ein wenig in seiner Erwartung getäuscht, war aber immerhin froh, ein bekanntes Gesicht anzutreffen und wieder den lieben, süssen, heimathlichen Accent zu hören. «Versteht sich, Herr Tartarin, Sie speisen mit mir, qué? » Tartarin beeilte sich, anzunehmen und die Wonne zu geniessen, an einem kleinen freundlichen Tisch zu sitzen, zwei Gedecke, eines dem andern gegenüber, trinken zu können, essen zu können, und zwar lauter ausgezeichnete, natürliche und richtig zubereitete Speisen essen zu können, denn die Herren Courriere werden von den Wirthen wunderbar behandelt, besonders bedient, und das mit den besten Weinen und Extra-Gerichten. «Also, mein Lieber, Sie waren es, den ich gestern droben auf Rigi-Kulm gehört habe?... – Ei, versteht sich.... Die jungen Damen bewunderten nach meiner Anleitung.... Er ist schön, nicht wahr, der Sonnenaufgang auf den Alpen? – Prachtvoll!» antwortete Tartarin, anfangs ohne Ueberzeugung, aber nur, um ihm nicht zu widersprechen; in einer Minute jedoch war er schon gewonnen, und es gab einen Höllenlärm, als nun die beiden Tarasconnesen mit glühender Begeisterung die wunderbaren Schönheiten rühmten, die man vom Rigi aus entdeckt. Joanne stritt um die Palme mit Bädeker. Im Verlauf des Mittagmahls wurde die Unterhaltung dann herzlicher, vertraulicher, voller Seelenergüsse und Freundschaftsbetheuerungen, welche in die glänzenden provençalischen Augen manche Thräne drängten, was nicht hinderte, dass in ihrer oberflächlichen Erregung stets noch eine Dosis Scherz und leichten Spottes sich geltend machte. Darin allein hatten die beiden Freunde eine gewisse Aehnlichkeit. Der Eine war eben so dürr, verschrumpft, gegerbt, und mit den, gewerbsmässigen Aufschneidern so eigenen Runzeln durchfurcht, wie der Andre klein, gedrungen, glatthäutig und prall sich darstellte. Der arme Bompard hatte seit seinem Fortgang aus dem Cercle so viel erlebt. Seine unerschöpfliche Phantasie, die ihn hinderte, lange an demselben Orte zu bleiben, hatte ihn unter so vielerlei Himmelsstriche gebracht, so mannigfaltigen Schicksalsprüfungen ausgesetzt! Und er erzählte seine Abenteuer, zählte alle die schönen Gelegenheiten auf, Reichthümer zu erwerben, und wie sie ihm immer aus Händen glitten in dem Augenblick, wo er seiner Sache ganz sicher war, wie z. B. seine letzte Erfindung, am Militärbudget, an den Ausgaben für die Fussbekleidung zu sparen.... Wissen Sie, wie?... O du mein Gott, das ist sehr einfach, man lässt die Sohlen der Soldaten beschlagen. – Outre! rief Tartarin, entsetzt. Bompard, stets sehr ruhig, fuhr in dem ihm eigenen trockenen Tone fort: «Eine grosse Idee, nicht wahr? Eh, bé, im Ministerium haben sie mir nicht einmal geantwortet.... Ach, mein armer Herr Tartarin, es ist mir oft sehr schlecht gegangen, ich habe manchmal Noth gelitten, bis ich in den Dienst der Compagnie getreten bin.... – Der Compagnie?» Bompard senkte seine Stimme vorsichtig: «Still! später, nicht hier...» Dann begann er wieder lauter: «Und ihr daheim, in Tarascon, wie geht es euch? Sie haben mir noch immer nicht gesagt, was Sie hierher führt in unsere Berge....» Jetzt war es an Tartarin, sein Herz auszuschütten. Ohne Zorn, doch mit jener Melancholie der verlornen Jugend, jenem stillen Weh, von dem alle alternden Künstler und auch die sehr schön gewesenen Frauen, alle Eroberer von Ländern und Herzen ergriffen werden, sprach er von der Untreue seiner Landsleute, von dem gegen ihn angestellten Complott, ihm die Präsidentenwürde zu entreissen, und von seinem endlichen Entschluss, eine heroische That zu vollbringen, auf einer Bergbesteigung das Banner von Tarascon höher aufzupflanzen als man es jemals gesehen, und den Alpinisten von Tarascon redlich zu beweisen, dass er stets würdig... stets würdig... Die Rührung schnürte ihm den Hals zu, er musste aufhören. Dann fuhr er fort: «Sie kennen mich, Gonzague...» Unmöglich, nur annähernd wiederzugeben, was er an Zärtlichkeit, Herzlichkeit und Innigkeit in diesen Troubadour-Vornamen Bompard's legte. Es war, als ob er ihm dabei die Hände drückte, als ob er ihn an sein Herz zöge.... «Sie kennen mich, qué! Sie wissen, ob ich etwa zögerte, wenn es galt, dem Löwen entgegen zu gehen; und während des Krieges, als wir zusammen die Vertheidigung des Cercle organisirten....» Bompard schüttelte grimmig sein Haupt; ihm war Alles wieder gegenwärtig. «Sehen Sie, mein Lieber, was die Löwen, die Krupp'schen Kanonen nicht fertig gebracht haben, den Alpen ist es gelungen.... Ich habe Angst. – Sagen Sie das nicht, Tartarin! – Warum? fragte der Held in mildem Tone... Ich sage es so, weil es so ist....» Und ruhig, ohne jede Komödie, gestand er den Eindruck, den die Dorésche Zeichnung, jene Katastrophe auf dem Matterhorn, auf ihn gemacht hatte. Solche Gefahren fürchtete er. Und so war er, weil er von einem ausgezeichneten Führer gehört hatte, der allen diesen Gefahren überlegen sei, jetzt zu ihm gekommen, um ihm sich anzuvertrauen. In dem natürlichsten Tone fügte er hinzu: «Aber Sie sind nie ein Führer gewesen, nicht wahr, Gonzague? – O doch, erwiderte Bompard mit einem Lächeln... Freilich habe ich nicht Alles vollbracht, was ich erzählt habe. – Wohlverstanden!» sagte Tartarin. Und der Andere murmelte zwischen den Zähnen: «Gehen wir einen Augenblick auf die Strasse, wir werden dort ruhiger plaudern können.» Die Nacht brach herein. Ein lauer, trockner Wind jagte schwarze Wolken über den Himmel. Sie gingen auf halber Berg-Höhe in der Richtung nach Flüelen, die stummen Schatten hungriger Touristen kreuzend, die in's Hotel zurückkehrten. Sie selber glichen Schatten, sie sprachen kein Wort, bis sie an den langen Tunnel kamen, der nach der Seeseite zu mit Lichtöffnungen versehen ist. «Halten wir hier still...» rief Bompard mit hohler Stimme, die unter dem Tunnelgewölbe wie ein Kanonenschuss dröhnte. Sie liessen sich an der Brustwehr der Strasse nieder und genossen die wunderbare Aussicht auf den See, vor sich den steil abfallenden dunkeln Tannen- und Buchenwald, hinter sich höhere Berge mit unbestimmt umrissenen Gipfeln, dahinten noch höhere, in wirrem, wolkenähnlichem Blaugrau; in der Mitte der weisse, kaum sichtbare Streifen des aus einer tiefen Senkung hervorblickenden Gletschers, der plötzlich in blauem, gelbem, rothem, grünem Lichte schimmerte. Der Berg wurde mit bengalischem Feuer erleuchtet. Von Flüelen stiegen Raketen auf und streuten vielfarbige Sterne aus. Venetianische Lichter bewegten sich auf dem See, wahrend die Schiffe unsichtbar blieben, welche mit Musik die festlichen Gäste auf- und abfuhren. Eine märchenhafte Theaterdecoration in dem Rahmen der schwarzen, graden und kalten Tunnelmauern. «Welch sonderbares Land, diese Schweiz...» rief Tartarin. Bompard lachte still vor sich hin: «O ja, die Schweiz... Für's Erste giebt es gar keine Schweiz!» V Vertrauliche Mittheilungen unter einem Tunnel. «Die Schweiz, Herr Tartarin, ist gegenwärtig nur noch ein grosser vom Juni bis zum October geöffneter Kursaal, ein Casino-Panorama, wohin man aus allen vier Himmelsrichtungen zu seiner Zerstreuung sich begiebt, und das von einer ungeheuer reichen Compagnie mit hundert Millionen Milliarden ausgebeutet wird, die ihren Sitz in Genf und London hat. Ein wahres Heidengeld hat es natürlich gebraucht, um dieses ganze Gebiet, Seen, Wälder, Berge und Wasserfälle zu pachten, sauber auszuputzen und zu schmücken, um ein ganzes Volk von Angestellten und Statisten zu besolden, und auf schwindelnder Höhe glänzende Hotels mit Gas, Telegraph, Telephon zu erbauen.... – Das ist wirklich wahr, dachte Tartarin ganz laut; er erinnerte sich des Rigi. – Na, ob!... Aber, Sie haben noch gar nichts gesehen.... Gehen Sie etwas weiter in's Land hinein, Sie finden da nicht einen Winkel, der nicht wie die Versenkungsräume des Opernhauses seine Kniffe und Maschinen-Geheimnisse hätte: Wasserfälle a giorno beleuchtet, Drehkreuze am Eingang zu den Gletschern, und bis auf die höchsten Gipfel eine Menge hydraulischer oder Zahnradbahnen. Immerhin, aus Rücksicht für die englische und amerikanische Kundschaft, bewahrt die Compagnie einigen berühmten Alpenhäuptern, wie Jungfrau, Mönch, Finsteraarhorn, ihr gefahrvolles, wildes Aussehen, obgleich da nicht mehr zu riskiren ist als anderwärts. – Nicht möglich! Und die Spalten, mein Lieber, die schrecklichen Gletscherspalten!.... Wenn Sie da hineinfallen? – Sie fallen auf den Schnee, Herr Tartarin, und Sie thun sich nicht sehr wehe. Unten, in der Tiefe, steht immer ein Portier, ein Jäger, irgend Jemand da, der Sie aufhebt, Sie abbürstet, schüttelt und höflichst sich erkundigt: «Haben der Herr auch Gepäck?...» – Na, na, na.... Was schwatzen Sie da, Gonzague? Aber Bompard machte ein immer ernsteres Gesicht. «Der Unterhalt dieser Gletscherspalten ist eine der grössten Ausgaben der Compagnie.» Einen Augenblick wurde es still unter dem Tunnel, in dessen Umgebung schon alles Geräusch aufgehört hat. Keine bengalischen Flammen, keine Raketen, keine Schiffe mehr auf dem See. Aber der Mond ist aufgegangen und malt eine andere konventionelle Landschaft hin, alles bläulich, flüssig, mit Streifen undurchdringlicher Schatten.... Tartarin sträubt sich doch, seinem Begleiter auf's Wort zu glauben. Indessen, er denkt an alles Unerhörte, was er in den vier Tagen erlebt hat, die Rigisonne, die Tellskomödie, und die Erfindungen Bompards gewinnen für ihn um so mehr Wahrscheinlichkeit, als bei jedem Bürger von Tarascon hinter dem prahlenden Narren ein leichtgläubiger Narr steckt. «Mag sein, mein lieber Freund, aber wie erklären Sie sich die entsetzlichen Katastrophen?... die vom Matterhorn zum Beispiel?... – Das ist schon sechszehn Jahre her, die Compagnie existirte damals noch nicht, Herr Tartarin. – Aber noch letztes Jahr der Unfall auf dem Wetterhorn, die beiden Führer mit den Reisenden verschüttet!.. – Das gehört leider auch dazu, um die Alpenliebhaber anzuziehen... Einen Berg, auf dem noch Niemand den Hals gebrochen, sehen die Engländer nicht für voll an... Das Wetterhorn verlor seit einiger Zeit an Ansehen. Nach dem kleinen Unfall, von dem alle Blätter berichteten, stiegen auch da wieder die Einnahmen. – Und die beiden Führer?... – Befinden sich wohl und munter wie die Reisenden. Man hat sie nur verduften lassen, auf ein halbes Jahr in'sAusland geschickt... eine kostspielige Reklame, aber die Compagnie ist reich genug, um sich das leisten zu können. – Hören Sie, Gonzague....» Tartarin erhebt sich und legt eine Hand auf die Schulter des ehemaligen Cercle-Verwalters: «Sie wollen gewiss nicht, dass mir ein Unglück begegnet, sagte er.... Gut, reden Sie offen mit mir; Sie wissen, was ich als Bergsteiger zu vollbringen vermag; nichts Grosses. – Nichts Grosses, ja freilich. – Glauben Sie indessen, dass ich ohne allzu grosse Gefahr die Besteigung der Jungfrau unternehmen könnte? – Dafür stehe ich ein, und ich lege meine Hand dafür in's Feuer. Herr Tartarin; vé! – Und wenn ich schwindlig werde? – So machen Sie die Augen zu. – Wenn ich ausgleite? – Gleiten Sie zu.... Es geht wie auf der Bühne... Es ist Alles darauf eingerichtet.... Man riskirt nichts... – Ach, wenn ich Sie bei mir hätte, um es mir an Ort und Stelle zu sagen und zu wiederholen.... Auf! mein Theuerster, eine gute That, kommen Sie mit mir!» Bompard hätte nichts Besseres gewünscht, aber was war zu thun? er hatte seine Peruaner bis zum Schluss der Saison auf dem Halse. Und da sein Freund seine Verwunderung darüber ausspricht, ihn in einer so untergeordneten Stellung zu sehen, antwortet er ihm resignirt: «Was wollen Sie, Herr Tartarin?... Es steht in meinem Vertrag.... Die Compagnie hat das Recht, unsere Dienste zu verwenden, wie es ihr beliebt.» Und nun zählt er ihm alle seine seit drei Jahren erduldeten Schicksale an den Fingern her.... Führer im Oberland, Alphornbläser, alter Gemsjäger, ehemaliger Gardist unter Carl X., protestantischer Prediger auf den Sommerfrischen.... «Ist es möglich?» fragt ihn Tartarin, höchst überrascht. Und der Andre antwortet in ruhigstem Tone: «Ja, gewiss. Wenn Sie in der deutschen Schweiz reisen, so erblicken Sie bisweilen auf schwindelnder Höhe einen Pastor, der unter Gottes freiem Himmel predigt. Er steht auf einem Felsblock, oder auf einem zu einer Kanzel hergerichteten Baumstamm. Einige Hirten und Sennen, ihr Lederkäppchen in der Hand, Frauen in der Landestracht, stehen in malerischen Gruppen umher; und die Landschaft ist schön: grüne und frisch gemähte Wiesen, Wasserfälle rechts und links, und auf allen Weideplätzen Kuhherden mit schweren Glocken. Alles das, vé! ist pure Decoration, auf den Effekt berechnet. Aber nur die Angestellten der Compagnie, die Führer, Pastoren, Courriere, Gastwirthe sind in dem Geheimniss. Ihr Interesse ist es, die Sache nicht auszuschwatzen und die Kundschaft nicht zu vertreiben.» Tartarin ist ganz betäubt von dem Angehörten. Er verstummt, das ist bei ihm der höchste Grad der Verblüfftheit. Und wenn er auch nicht jeden Zweifel an der Wahrhaftigkeit Bompard's zu unterdrücken vermag, so fühlt er sich doch bezüglich der Alpenbesteigungen beruhigter, zuversichtlicher. Bald ist er wieder in der Stimmung. Die beiden Freunde schwatzen von Tarascon, von den Spässen in früheren Tagen, als man noch jung war. «Ja, was die Possen betrifft, sagte Tartarin plötzlich, da haben sie mir eine recht gute auf Rigi-Kulm gespielt.... Denken Sie sich, dass ich heute Morgen...» und er erzählt ihm von dem Zettel an seinem Spiegel, und er deklamirt pathetisch den Inhalt: Verdammter Franzose! ... Es ist ein Spass, nicht wahr?... – Wer weiss?... vielleicht...» sagt Bompard, der die Sache ernster zu nehmen scheint, als er. Er erkundigt sich, ob Tartarin während seines Aufenthaltes auf dem Rigi mit Niemand etwas Unangenehmes gehabt, nicht ein Wort zu viel gesagt hat. «Ein Wort zu viel! Oeffnet man auch nur den Mund neben allen den Engländern, Deutschen, die unter dem Vorwand der Anstandsregeln stumm da sitzen wie die Karpfen.» Nach kurzer Ueberlegung erinnert er sich indessen, so einem Stück Kosaken, einem gewissen Mi... Milanow gründlich heimgeleuchtet zu haben. «Manilow, verbessert ihn Bompard. – Té! Sie kennen ihn?... Ganz unter uns gesagt, ich glaube, dass jener Manilow mir wegen einer kleinen Russin aufsässig war.... – Ja, Sonia... murmelte Bompard mit besorgtem Gesicht. – Sie kennen sie ebenfalls? Ach, mein Freund, eine Perle, ein wahrer Schatz von einem Kind. – Sonia Wassiliew.... Sie war es, die den General Felianin, den Präsidenten des Kriegsgerichts, der ihren Bruder zur lebenslänglichen Verbannung nach Sibirien verurtheilt hatte, auf offner Strasse mit einem Revolverschuss niedergestreckt hat.» Sonia eine Mörderin! dieses Kind, diese zarte Blondine!... Tartarin will das nicht glauben. Aber Bompard erzählt mehr, er giebt genauere Einzelnheiten von der übrigens altbekannten Geschichte. Seit zwei Jahren wohnt Sonia in Zürich, wohin ihr Bruder Boris, der aus Sibirien entkommen, zu ihr gestossen ist. Er ist brustkrank, und während des ganzen Sommers geht sie mit ihm an einen Luftkurort in's Gebirge. Bompard ist ihr oft begegnet, sie ist regelmässig von Freunden umgeben, wie sie Flüchtlinge, Verschwörer. Die Wassiliew, beide sehr intelligent, sehr energisch, besitzen noch etwas Vermögen und stehen mit Bolibin, dem Mörder des Polizeipräfekten, und jenem Manilow, der letztes Jahr die Explosion im Winterpalast in's Werk gesetzt hat, an der Spitze der Nihilisten. « Boufre! sagte Tartarin, man hat sonderbare Tischnachbarn auf Rigi-Kulm.» Nun aber kommt noch etwas ganz Unerwartetes. Lässt der Bompard es sich doch nicht nehmen, dass der famose Zettel von jenen jungen Leuten herrührt! Darin erkennt er das Verfahren der Nihilisten. Alle Morgen findet der Zar solche Warnungen in seinem Kabinet, unter seiner Serviette.... «Aber wissen möchte ich, sagte Tartarin erbleichend, weshalb mir diese Drohungen? Was habe ich ihnen gethan?» Bompard's Ueberzeugung ist es, dass man ihn für einen Spion gehalten hat. «Für einen Spion? mich? – So ist es! In allen nihilistischen Oertern, in Zürich, Lausanne, Genf, unterhält Russland mit schwerem Gelde eine ausgedehnte Ueberwachung. Seit einiger Zeit hat Russland den ehemaligen Leiter der ehemaligen französischen Polizei mit einem Dutzend Corsen in seinen Dienst genommen, welche sämmtlichen russischen Verbannten auf Tritt und Schritt nachgehen und sie beobachten. Sie thun das unter tausend Verkleidungen. Das Aussehen Tartarin's, seine Brille, sein Accent; das reichte hin, um ihn als einen Agenten verdächtig zu machen. «Verwünschtes Pech! Jetzt fällt es mir ein... sie hatten während der ganzen Zeit einen italienischen Tenoristen an ihre Fersen geheftet.... Das ist sicherlich ein Spion... Aber, lieber Himmel, was soll ich nun thun? – Vor Allem, mit den Leuten nicht mehr zusammentreffen, da Ihnen ja angekündigt wird, dass es Ihnen sonst schlimm ergehen wird. – Ach, was, schlimm ergehen!... Dem Ersten, der mir nahe kommt, spalte ich den Kopf mit meiner Eishacke.» Und seine Augen leuchteten bei diesen Worten in der Dunkelheit des Tunnels. Bompard aber ist nicht so ganz beruhigt, er weiss, was der Hass der Nihilisten zu bedeuten hat, wie er heimlich seine Opfer unterminirt. Es kann Einer, wie unser Präsident, recht gut ein Heros sein, aber man lege sich nur in jedes Wirthshausbett mit Misstrauen, man traue keinem Stuhl, auf den man sich setzen, dem Schiffs-Geländer nicht, an welches man sich lehnen will und das vielleicht nachgiebt und uns einen tödtlichen Sturz in die Tiefe bereitet. Und was man isst und schluckt! und das Glas, das mit einem unsichtbaren Gift präparirt ist! «Nehmen Sie sich vor dem Kirsch in Ihrer Flasche in Acht, vor der schäumenden Milch, die der beholzschuhte Senn Ihnen reicht. Die Leute schrecken vor nichts zurück, das sage ich Ihnen. – Ja, dann aber, dann bin ich ja verloren!» stöhnte Tartarin. Er fasste seinen Gefährten bei der Hand: «Gieb mir einen Rath, Gonzague,» sagte er. Gonzague dachte eine Minute nach und zeichnete ihm darauf sein Programm vor. Morgen in der Frühe abreisen, über den See und den Brünigpass gehen, Abends in Interlaken übernachten. Am folgenden Tage Grindelwald und die kleine Scheideck. Am dritten Tage die Jungfrau! Dann, ohne eine Minute zu verlieren, und ohne nur sich umzuwenden, heim nach Tarascon. «Ich reise morgen früh, Gonzague...» erwiderte Tartarin mit männlicher Stimme und einem Schreckensblick auf den geheimnissvollen, nachtbedeckten Horizont, auf den See, der in seinem bleichen Scheine und seiner stummen Tiefe jeden, auch den schwärzesten Verrath zu bergen schien. VI Der Brünigpass. – Tartarin fällt den Nihilisten in die Hände. – Das Verschwinden eines italienischen Tenors und eines zu Avignon verfertigten Seiles. – Neue Heldenthaten des Mützenjägers. – Piff! Paff! « Mondez... mondez tonc! – Wo, zum Henker, soll ich denn einsteigen? Alles ist voll... Niemand will mir Platz machen....» Es war an der äussersten Spitze des Vierwaldstätter Sees, am Alpnacher, gleich einem Delta durchfeuchteten Ufer, auf dem die Postwagen sich in Reih und Glied aufstellen, um die Reisenden aus dem Dampfboot aufzunehmen und sie über den Brünig zu führen. Seit dem Morgen schon fiel ein feiner, wie Nadelstiche scharfer Regen, und der gute Tartarin, in seiner vollen Ausrüstung steckend, von Postkutschern und Polizeibeamten hin und her gestossen, lief von einem Wagen zum andern, eisenrasselnd, den Weg versperrend wie jener Orchestermann auf unseren Messen, der bei jeder Bewegung einen Triangel, eine Pauke, ein türkisches Glockenspiel und Cymbeln in tönende Schwingungen versetzt. An jedem Wagenschlag empfing ihn derselbe Schreckensruf, dasselbe, in allen möglichen Sprachen mürrisch gebrummte: «Vollzählig!» dasselbe sich Breitmachen, um einen möglichst grossen Platz einzunehmen und einen so gefährlichen, dröhnenden Gefährten am Einsteigen zu hindern. Der Unglückliche schwitzte, schnaufte, beantwortete mit einem wiederholten: «Verwünschtes Pech!» die ungeduldigen Ausrufungen der Wagen-Insassen: «En route! – All right! – Andiamo! – Vorwärts!» Die Pferde bäumten sich, die Postillone fluchten. Endlich mischte der Landjäger, ein grosser, rothhaariger Mensch in Uniform und eine flache Mütze auf dem Haupte, selbst sich ein, und gewaltsam den Wagenschlag eines halbgedeckten Landauers aufreissend, stiess er Tartarin vor sich her, hob ihn wie ein Bündel hinein und blieb majestätisch, die Hand nach einem Trinkgeld ausstreckend, vor dem Trittbrett stehen, denn in jener Gegend sind die Landjäger nicht stolz. Gedemüthigt, wüthend über die Insassen der Kutsche, die ihn nur manu militari aufnahmen, gönnte Tartarin ihnen keinen Blick, schob sein Portemonnaie in die Tasche, stemmte seine Hacke neben sich auf den Boden, und das Alles mit so unmuthigen Gesten, so absichtlicher Grobheit, dass man hätte meinen können, es mit einem Passagier des Packetbootes zwischen Dovres und Calais zu thun zu haben. «Guten Tag, mein Herr...»sagte eine schon bekannte, sanfte Stimme. Er erhob die Augen und sah betroffen, erschrocken in das hübsche, runde und rosige Gesicht Sonia's, die ihm gegenüber sass, unter dem Verdeck des Landauers, das auch einen langen, in Tücher und Decken gehüllten jungen Menschen schützte, von dem man nur zwischen einzelnen spärlichen, wie die Einfassung seiner Brillengläser goldig schimmernden Löckchen hervor, die leichenblasse Stirn gewahrte; unzweifelhaft der Bruder. Eine dritte Person, und diese kannte Tartarin nur zu gut, begleitete sie, Manilow, der Anstifter der Explosion im kaiserlichen Palaste. Sonia, Manilow; in welche Mausefalle war er gerathen! Nun werden sie gewiss ihre Drohung ausführen, hier auf dem steilen, von Abgründen eingeschlossenen Brünigpass. Und in einem jener schreckensvollen Momente, die uns oft blitzähnlich die höchste Gefahr zeigen, sah unser Held sich in einem tiefen Abgrund auf Steingeröll hingestreckt, oder an dem höchsten Aste eines Eichbaums hängen. Fliehen? Wohin? wie? Schon setzten die Wagen sich in Bewegung, der Reihe nach, bei den Klängen des Posthorns, während eine Schaar Bettelbuben sich mit kleinen Sträusschen Edelweiss an die Wagenfenster drängte. Tartarin, in seiner Todesangst, wollte nicht lange warten und gleich dreinhauen, ja mit seinem Alpenstock den neben ihm sitzenden Kosaken zu Boden schlagen; er besann sich aber und hielt es für klüger, sich ruhig zu verhalten. Begreiflicherweise konnten sie ihren Streich erst weiterhin, in unbewohnter Gegend ausführen, und vielleicht hatte er dann noch Zeit genug, um auszusteigen. Ihre Absichten schienen ihm überdies nicht mehr so bösartig zu sein. Sonia lächelte ihn mit ihren hübschen türkisenblauen Augen an, der lange blasse junge Mensch betrachtete ihn neugierig, und Manilow, in merklich besänftigter Stimmung, rückte gefällig zur Seite; er machte zwischen ihnen Platz für seinen Bergsack. Hatten sie ihren Irrthum erkannt, als sie im Fremdenbuch auf Rigi-Kulm den berühmten Namen Tartarin gelesen hatten?... Er wollte sich dessen versichern, und vertraulich, unbefangen begann er: – Entzückt über die Begegnung, mein schönes Kind.... Nur erlauben Sie mir, mich vorzustellen... Sie wissen nicht, mit wem Sie es zu thun haben, vé , während ich recht gut weiss, wer Sie sind. – St! hob die kleine Sonia, noch immer lächelnd, den Finger ihrer mit einem dänischen Handschuh bekleideten Hand empor, und sie zeigte ihm auf dem Kutschenbock neben dem Postillon den Tenor mit den Manschetten, und den andern jungen Russen, beide unter einem Regenschirm, lachend und in italienischer Sprache plaudernd. Tartarin schwankte keinen Augenblick zwischen dem Polizisten und den Nihilisten. – Kennen Sie jenen Menschen, zum wenigsten?» sagte er ganz leise, seinen Kopf dem frischen Gesicht Sonia's nähernd und sich in ihren klaren Augen spiegelnd, die plötzlich wild und hart blickten, während nur ein Zucken ihrer Wimper «ja» antwortete. Unsern Helden überlief ein Schauder, oder vielmehr, wie im Theater, jenes köstliche Ueberrieseln der Haut, das uns ergreift, wenn die Handlung sich verwickelt und wir uns tiefer in den Stuhl zurücklehnen, um besser zu sehen oder zu hören. Persönlich unbetheiligt, von den entsetzlichen Aengsten befreit, die ihn die ganze Nacht verfolgt, ihn gehindert hatten, seinen Schweizer Kaffee, Honig und Butter, mit Behagen zu geniessen, und die auf dem Dampfschiff ihn fern von dem hohen Verdeck gehalten, athmete er aus voller Brust auf, fand das Leben schön und die kleine Russin unwiderstehlich reizend in ihrem Reisehütchen und der Jersey, welche die Arme und die noch schmächtige, aber überaus elegante Büste eng umspannte. Und dabei so kindlich! Kindlich durch das unschuldige Lachen, die weichen, zarten Wangen, die liebliche Anmuth, mit der sie den Plaid über die Kniee des Bruders breitete... «Sitzest du bequem?... Du frierst nicht?» Wie konnte man glauben, dass dies kleine, so zierliche Händchen in dem dänischen Handschuh den moralischen Muth und die physische Kraft hätte, einen Menschen zu tödten! Auch die Andern schienen nicht blutdürstig zu sein; bei Allen dasselbe unbefangene Lachen, nur ein wenig gezwungen und schmerzlich auf den dünnen Lippen des Kranken, ein wenig lauter bei Manilow, der, unter seinem struppigen Bart, sich noch ganz jugendlich den Ausbrüchen überquellender Heiterkeit überliess, wie ein Schüler auf der Ferienreise. Auch der dritte Gefährte, den sie Bolibin nannten, und der auf dem Bock mit dem Italiener plauderte, unterhielt sich prächtig, drehte sich oft um, seinen Freunden die Geschichten zu verdolmetschen, die ihm der falsche Sänger erzählte: seine Erfolge an der Petersburger Oper, seine galanten Abenteuer, die Manschettenknöpfe, welche die abonnirten Damen ihm bei seiner Abreise zum Geschenk gemacht, aussergewöhnliche Knöpfe mit drei inkrustirten Noten, la, do, ré (l'adoré); und dies in dem Landauer wiederholte Wortspiel rief so grosse Fröhlichkeit hervor, und der Tenor selbst, sich in die Brust werfend, zwiebelte so eifrig seinen Schnurrbart, mit zugleich einfältiger und siegesbewusster Miene Sonia beäugelnd, dass Tartarin sich fragte, ob er es nicht doch mit blossen Touristen, mit einem wirklichen Tenor zu thun habe. Die Postwagen, immer im stärksten Trabe, rollten über Brücken, an kleinen Seen, blühenden Feldern, schönen Obstgärten vorbei, die nass und verödet da lagen, denn es war Sonntag, und die Bauern, die des Weges daher kamen, waren alle festlich gekleidet, die Frauen trugen lange Zöpfe und silberne Ketten. Die Strasse begann anzusteigen, sich zwischen Eichen- und Buchenwäldern hinschlängelnd; allmählig entfaltete sich zur Linken das prächtigste Panorama; bei jeder terrassenförmigen Biegung Flüsse, Thäler, aus denen Kirchthürme emporstrebten, und ganz im Hintergrunde der schneegekrönte Gipfel des Finsteraarhorns, unter der verschleierten Sonne weiss herüberschimmernd. Der Weg gewann bald ein düsteres, wilderes Aussehen. Auf der einen Seite tiefe Schluchten, eine Wald-Wildniss auf dem schroffen Abhang, vom Sturm gekrümmte, verkrüppelte Bäume, und tief unten ein schäumender, brüllender Sturzbach; zur Rechten ein ungeheurer überhängender Felsblock, aus dessen Spalten junges Gestrüpp hervordrang. Das Lachen in dem Landauer war verstummt, sie waren Alle von dem wunderbaren Schauspiel ergriffen und suchten, die Köpfe erhebend, die Höhe der granitnen Schlucht zu erspähen. – Gleich den Wäldern auf dem Atlas!... Man könnte sich dorthin versetzt glauben...» sagte Tartarin ernst; und da seine Bemerkung unbeachtet blieb, fügte er hinzu: «ohne das Gebrüll der Löwen freilich – – Sie haben es gehört, mein Herr?» fragte Sonia. Den Löwen gehört, er!... er! Und mit einem nachsichtigen Lächeln sagte er: «Ich bin Tartarin von Tarascon, mein Fräulein....» Mau denke sich nur diese Barbaren! Wenn er gesagt hätte: «Ich heisse Dupont,» es wäre für sie ganz dasselbe gewesen. Der Name Tartarin war ihnen unbekannt. Er ärgerte sich aber nicht darüber und antwortete dem jungen Mädchen, welches wissen wollte, ob das Gebrüll des Löwen ihm Furcht eingejagt habe: «Nein, mein Fräulein.... Mein Kameel zitterte wohl wie im Fieber unter meinen Beinen, ich aber untersuchte mein Zündhütchen so ruhig, als hätte ich einer Herde Kühe gegenübergestanden.... Auf eine gewisse Entfernung ist es ein Ton, ungefähr so ...» Und um Sonia einen genauen Begriff davon zu geben, stiess er mit seinem kräftigsten Bass ein gewaltiges «Möh»... aus, das, anschwellend, weithin tönend, von dem Echo des Felsens zurückgeworfen wurde. Die Pferde bäumten sich; in allen Wagen fuhren die Reisenden voller Entsetzen in die Höhe und fragten sich, welcher Unfall die Ursache eines derartigen Geschreis sein könne; den Alpensteiger erkennend, dessen helmartige Kopfumhüllung und überall Raum suchende Ausrüstung das halb zurückgeschlagene Verdeck des Landauers frei liess, fragten sie sich wiederum: «Wer ist denn jener wahnsinnige Mensch?» Er aber fuhr ganz ruhig fort, eine umständliche Schilderung von der Löwenjagd zu geben, die beste Art, das Thier anzugreifen, es niederzuschlagen, es in Stücke zu zerlegen; er beschrieb die diamantene Mücke, die er als Visirpunkt vorn auf die Büchse setzte, um in der Nacht sicherer zu treffen. Das junge Mädchen hörte ihm zu, vornüber gebeugt, die Nasenflügel in lebhafter Erregung. «Wie es heisst, geht Bombonnel noch auf die Jagd, sagte der Bruder; haben Sie ihn gekannt? – Ja, sagte Tartarin, doch ohne Wärme.... Er ist kein ungeschickter Bursch.... Aber wir haben Bessere als ihn.» Das war deutlich gesprochen! Darauf setzte er in wehmüthigem Ton hinzu: «Wenigstens, es ist doch eine gewaltige Aufregung, eine solche Jagd auf grosse Raubthiere. Wenn man sie eingestellt hat, scheint das Leben Einem leer; man weiss nicht, womit man es dann ausfüllen soll.» Manilow, welcher französisch verstand, ohne es zu sprechen, und dem Tarasconnesen sehr aufmerksam zuzuhören schien, während eine tiefe Falte sich über seine Stirn hinzog, die den Mann aus dem Volke kennzeichnete, sagte lachend einige Worte zu seinen Freunden. «Manilow behauptet, dass wir zu der gleichen Brüderschaft gehören, dolmetschte Sonia, zu Tartarin gewendet.... Wie Sie, machen auch wir Jagd auf die grossen Raubthiere. – Té! ja, freilich... auf Wölfe, Eisbären.... – Ja, auf Wölfe, Eisbären und auf noch andere schädliche Thiere....» Und wieder das laute, unauslöschliche Lachen, diesmal aber mit einem scharfen, grausamen Beiklang, ein Lachen, das alle Zähne zeigte und Tartarin daran erinnerte, in welch trauriger, absonderlicher Gesellschaft er sich befand. Auf einmal hielten die Wagen an. Die Strasse wurde steiler und machte an dieser Stelle einen weiten Bogen, um auf die Höhe des Brünig zu gelangen, die man auf einem schroff ansteigenden Fussweg mit einer Abkürzung von zwanzig Minuten erklimmen konnte. Trotz des am Morgen gefallenen Regens, des durchweichten schlüpfrigen Bodens, stiegen die Reisenden, eine augenblickliche Aufheiterung benutzend, beinahe alle aus und verloren sich, einer nach dem andern, auf dem schmalen Bergpfad. Aus dem Landauer Tartarin's, der zuletzt kam, sprangen die Männer zur Erde; Sonia aber, welche die Wege zu schmutzig fand, setzte sich im Gegentheil bequem zurecht, und als der Alpensteiger, etwas aufgehalten durch sein rasselndes Gepäck, den Andern folgen wollte, sagte sie halblaut zu ihm: «Bleiben Sie doch, leisten Sie mir Gesellschaft...» und dies in so einschmeichelndem Ton!... Der arme Mann war dadurch ganz ausser Fassung gebracht, und sann sich schon einen eben so köstlichen wie unwahrscheinlichen Roman aus, der das alte Herz in ungestüme Wallungen versetzte. Er war schnell enttäuscht, als das junge Mädchen sich ängstlich hinausbeugte und Bolibin mit dem Italiener beobachtete, die lebhaft beim Eingang in eine Schlitte mit einander sprachen; Manilow und Boris waren ihnen vorausgegangen. Der falsche Tenor zögerte. Ein geheimer Instinkt schien ihn zu warnen, sich nicht allein in Gesellschaft dieser drei Männer vorzuwagen. Endlich entschloss er sich, und Sonia sah ihn aufwärtssteigen, während sie die runde Wange mit einem Büschel violetter Cyclamen streichelte, jener Alpenveilchen, deren untere Blattseite mit den frischen Farben der Blüthe geziert ist. Der Landauer fuhr im Schritt, der Kutscher war vom Bock abgestiegen und ging mit einigen seiner Kameraden voraus; Tartarin, sehr bewegt, eine dunkle That ahnend, getraute sich nicht, seine Nachbarin anzublicken, so sehr fürchtete er, ein Wort, einen Blick, der ihn zum Theilnehmer oder wenigstens zum Mitschuldigen in dem Drama machen könnte, dessen Nähe er fühlte. Sonia aber beachtete ihn nicht; ihr Auge war starr, und mit den Blumen mechanisch die sammetweiche Haut fächelnd, sagte sie nach einer langen Weile: «Also Sie wissen, wer wir sind, ich und meine Freunde.... Nun, was denken Sie von uns? Was denken von uns die Franzosen?» Der Held erblasste, erröthete. Er hatte keine Lust, durch einige unkluge Worte so rachsüchtige Menschen gegen sich aufzubringen; und wie sollte er andererseits mit Mördern unterhandeln? Er zog sich durch eine Metapher aus der Klemme. «Je nun.... Mein Fräulein, Sie sagten mir so eben, dass wir derselben Brüderschaft angehören... Jäger von Schlangen und Ungeheuern, von Despoten und fleischfressenden Thieren.... So will ich Ihnen also als ein Bruder in Sanct Huberto antworten.... Mein Gefühl ist, dass man selbst gegen Raubthiere sich loyaler Waffen bedienen soll.... Unser Jules Gérard, der berühmte Löwentödter, wandte explodirende Kugeln an.... Ich habe das niemals für zulässig gehalten und es niemals gethan.... Wenn ich dem Löwen oder dem Panther zu Leibe ging, pflanzte ich mich vor das Thier hin, ihm gerade gegenüber, mit einer guten zweiläufigen Büchse, und piff! paff! eine Kugel in jedes Auge. – In jedes Auge!... wiederholte Sonia. – Niemals habe ich mein Ziel verfehlt.» Er bekräftigte das Gesagte, glaubte noch an Ort und Stelle zu sein. Das junge Mädchen betrachtete ihn mit naiver Bewunderung, ihren Gedanken laut aussprechend: – Das war jedenfalls das Sicherste.» Ein plötzliches Knacken in den Zweigen, in den Büschen, und das Gestrüpp über ihnen zertheilte sich, so schnell, so katzenartig, dass Tartarin, den Kopf voll Jagdabenteuer, sich noch im Hinterhalt in Saccar hätte glauben können. Manilow sprang von der Böschung, unhörbar, dicht neben dem Wagen hernieder. Seine kleinen Schlitzäuglein glänzten in dem von Disteln zerschrammten Gesicht, der Bart und die wie Hundsohren herunterhängenden Haare trieften von dem Wasser des Gezweiges. Ausser Athem, die plumpen, kurzen, behaarten Hände auf den Wagenschlag gestützt, rief er auf russisch Sonia etwas zu, die sich zu Tartarin wandte und in kurzem Ton sagte: «Ihr Seil... schnell.... – Mein... mein Seil?... stotterte der Held. – Schnell, schnell. Sie sollen es gleich wieder haben.» Und ohne ihm eine andere Erklärung zu geben, half sie ihm mit ihren kleinen behandschuhten Fingern, sich von dem berühmten, zu Avignon verfertigten Seil zu befreien. Manilow nahm es, vor Freude grunzend, in Empfang und kletterte mit der Gewandtheit einer wilden Katze in das Gestrüpp zurück. «Was geht da vor? Was wollen sie thun?... Er schaut grimmig drein....» So murmelte Tartarin, aber er wagte es nicht, seinen vollen Gedanken zu äussern. Manilow grimmig? Ach, man sah wohl, wie schlecht er ihn kannte. Kein besseres, sanfteres, mitleidigeres Geschöpf, und als Beweis für diese Ausnahmsnatur erzählte Sonia, mit hellem, blauem Blick, wie ihr Freund einmal, nachdem er einen gefährlichen Auftrag des revolutionären Comités ausgeführt hatte und in den zu seiner Flucht bereitstehenden Schlitten sprang, dem Kutscher drohte, er werde um jeden Preis aussteigen, wenn er nicht aufhöre, denken Sie, sein Thier, dessen Geschwindigkeit ihn doch rettete, zu peitschen und abzuhetzen. Tartarin fand den Zug des klassischen Alterthums würdig; darauf an all die Menschenleben denkend, welche von diesem selben Manilow hingeopfert worden waren, der eben so unbewusst handelte wie ein Erdbeben oder der Ausbruch eines Vulkans, aber nicht wollte, dass in seiner Gegenwart einem Thier Böses geschah, fragte er das junge Mädchen mit harmloser Miene; «Sind viele Menschenleben bei der Explosion im Winterpalast umgekommen? – Viel zu viel, antwortete Sonia traurig. Und der Einzige, der sterben sollte, ist seinem Schicksal entgangen.» Sie blieb stumm, wie verdrossen, und dabei so hübsch bei gesenktem Kopf, und die langen goldblonden Wimpern beschatteten die zartrosige Wange. Tartarin schalt sich, dass er sie betrübt habe, von Neuem gewonnen durch den Reiz der Jugend und Frische, der von dem seltsamen, kleinen Wesen ausging. «Der Krieg also, den wir führen, scheint Ihnen ungerecht, unmenschlich?» Sie sagte ihm das ganz nahe an seinem Gesicht, mit ihrem Blick ihn bezaubernd; und der Held fühlte, dass er schwach wurde.... «Sie glauben nicht, dass jede Waffe gut und gesetzlich sei, um ein Volk, das im Todesröcheln liegt, das am Ersticken ist. zu erretten?... – Ohne Zweifel, ohne Zweifel....» Das junge Mädchen wurde immer dringender, je schwächer Tartarin sich zeigte. Sie fuhr fort: «Sie sprachen so eben davon, wie schwer es ist, ein leeres Dasein auszufüllen. Scheint es Ihnen nicht, es wäre edler, begehrenswerther, sein Leben für eine grosse Sache auf's Spiel zu setzen, als es zu gefährden, indem man Löwen tödtet oder Gletscher besteigt? – Sicher ist...» sagte Tartarin, wie trunken, halb von Sinnen, beängstigt durch das wahnsinnige unwiderstehliche Verlangen, die kleine glühende Hand zu fassen und zu küssen, die so kindlich auf seinem Arm ruhte wie dort oben, in der Nacht auf Rigi-Kulm, als er ihr den Schuh wieder anlegte. Endlich, seiner selbst nicht mehr mächtig, und die zarten behandschuhten Finger zwischen die seinen nehmend: «Hören Sie, Sonia,» sagte er mit seiner gutmüthigen, polternden, väterlich vertraulichen Stimme: «Hören Sie, Sonia....» Ein plötzliches Anhalten des Landauers unterbrach ihn. Man war auf die Höhe des Brünig gelangt; die Reisenden und die Kutscher kehrten zu ihren Wagen zurück, um die verlorene Zeit einzuholen und im Galopp das nächste Dorf zu erreichen, wo man zu Mittag essen und die Pferde wechseln sollte. Die drei Russen nahmen ihre Plätze wieder ein, der des Italieners aber blieb unbesetzt, «Jener Herr ist in einen der ersten Wagen gestiegen,» sagte Boris auf die Frage des Kutschers, und sich an Tartarin wendend, der seine Unruhe nicht zu verbergen vermochte, fügte er hinzu: «Sie müssen ihm Ihr Seil wieder abfordern, er hat es bei sich behalten wollen.» Darauf erneutes Gelächter in dem Landauer, und für den wackern Tartarin das Zurückfallen in die qualvollste Rathlosigkeit. Er wusste nicht, was er angesichts dieser fröhlichen Laune und der unschuldigen Miene der muthmasslichen Mörder denken, was er glauben sollte. Während Sonia ihren Kranken in Mäntel und Plaids hüllte, denn die Luft auf der Höhe wurde noch schärfer durch die Geschwindigkeit des Fahrens, erzählte sie in russischer Sprache ihre Unterhaltung mit Tartarin, mit reizendster Betonung, einzelne Piff! Paff! dazwischen werfend, die ihre Gefährten nach ihr wiederholten, die Einen, indem sie den Helden bewunderten; Manilow, indem er ungläubig den Kopf dazu schüttelte. Die Poststation! Sie liegt mitten in einem grossen Dorf; es ist ein altes Wirthshaus, mit einer wurmstichigen Holzgalerie, das Schild hängt an einer verrosteten Eisenstange. Die lange Wagenreihe hält hier an, und während ausgespannt wird, stürzen die ausgehungerten Passagiere in einen grün angestrichenen, modrig riechenden Saal im ersten Stockwerk, wo die Table d'hôte für höchstens zwanzig Personen gedeckt ist. Es sind aber ihrer sechzig, und fünf Minuten lang hört man nichts als ein entsetzliches Stossen, Schreien, heftigen Wortwechsel zwischen Reis- und Pflaumen-Essern, die sich um die Compotschalen streiten, zur grössten Bestürzung des Gastwirthes, der den Kopf verliert, als ob die Post nicht täglich zu derselben Stunde einträfe, und der die Kellnerinnen zur Eile treibt, die gleichfalls von chronischer Ueberstürzung ergriffen werden, ein vortrefflicher Vorwand, um nur die Hälfte der auf der Speisekarte stehenden Gerichte aufzutragen. «Wenn wir im Wagen frühstückten!...» sagt Sonia, von dem Durcheinander-Rennen und Drängen beängstigt; und da Niemand Zeit hat, sich um sie zu kümmern, übernehmen die jungen Leute die Bedienung. Manilow schwenkt triumphirend eine kalte Hammelskeule, Bolibin ein langes Brod und eine Wurst; aber der beste Fourrier ist doch Tartarin. Gewiss, es bot sich ihm die schönste Gelegenheit, in dem Wirrwarr der Poststation, sich von seinen Gefährten zu trennen, sich wenigstens zu versichern, ob der Italiener wieder erschienen war; aber er hat gar nicht daran gedacht, einzig und allein mit der Sorge um das Mittagessen der «Kleinen»beschäftigt, und dem Ehrgeiz, Manilow und den Andern zu zeigen, was ein Ritter von Tarascon Alles zu leisten vermag. Da er nun ernst und starren Blickes die Treppe des Hotels herabsteigt, in den kräftigen Händen ein grosses Theebrett tragend, mit Tellern, Servietten, allerlei Gerichten, Schweizer Champagner in Flaschen mit vergoldeter Kapsel, da klatscht Sonia in die Hände und beglückwünscht ihn: «Wie haben Sie das nur angefangen? – Ich weiss nicht, man hilft sich wie man kann, té! ... so sind wir Alle in Tarascon.» O, die glücklichen Minuten! Dies köstliche Mittagessen, es wird im Leben des Helden noch lange zählen! Sonia gegenüber, auf ihrem Schooss beinahe, und wie zwischen einer Operetten-Decoration; dazu der ländliche Platz mit den bunten Blumenbeeten, zwischen denen die silbernen Ketten und das schneeweisse Brustlatz der Bernerinnen leuchten, die gleich Puppen, je zwei und zwei umherspazieren. Wie herrlich schmeckt ihm das Brod, wie saftig sind die Würste! Der Himmel selbst nimmt Theil an seinem Glück; er zeigt sich gnädig, leicht verschleiert; es regnet freilich, aber so sanft, einzelne Tropfen nur, gerade genug, um den Champagner zu taufen, der für ein südliches Temperament so gefährlich ist. Unter der Veranda des Hotels mengt ein Tirolerquartett, zwei Riesen und zwei Zwerginnen, in grellen, unschönen Lappen, als wären sie einem bankerotten Messtheater entlaufen, seine hohen Kopftöne mit dem Geklapper von Tellern und Gläsern. Sie sind hässlich, dumm, schwerfällig. Tartarin findet sie prächtig; er wirft ihnen mit vollen Händen kleine Silbermünzen zu, zum grossen Erstaunen der Dorfbewohner, welche den Landauer umringen. « Fife le Vranse! » meckert eine Stimme in der Menge, aus der ein grosser Alter hervortritt, in einem absonderlichen blauen Rock mit silbernen Knöpfen, dessen Schösse den Boden streifen; auf dem Kopf trägt er einen riesenhaften Tschako in Form eines Sauerkrautfasses, und der Tschako mit dem mächtigen Federbusch ist so schwer, dass der Alte genöthigt ist, beim Gehen wie ein Seiltänzer mit den Armen zu balanciren. « Fieux soldat... carte royal... Charles tix.» Der Tarasconnese, dem die Erzählungen Bompard's noch in Erinnerung sind, lacht. Und leise, verständnissinnig mit den Augen zwinkernd, spricht er vor sich hin: «Kenne das, mein Alter...»Aber er giebt ihm trotzdem eine Silbermünze und giesst ihm ein Glas voll, das der Alte lachend annimmt, eben so, wie er, mit den Augen zwinkernd, ohne zu wissen, warum. Darauf die ungeheure Porzellanpfeife aus einem Mundwinkel ziehend, erhebt er sein Glas und trinkt: «Auf Ihr Wohl, Alle miteinander!» was Tartarin in der Meinung bestärkt, dass er es mit einem Kollegen von Bompard zu thun habe. Was thut's? ein Toast ist so gut wie ein anderer. Und aufrecht im Wagen stehend, mit erhobenem Glas, mit starker Stimme, die Thränen traten ihm vor Rührung in die Augen, trank Tartarin zuerst, «auf Frankreich, das geliebte Vaterland!» dann auf die gastfreundliche Schweiz, der er glücklich ist, hier seinen ehrerbietigen Dank für die herzliche Aufnahme ausdrücken zu können, die sie allen Besiegten, allen Verbannten zu Theil werden lässt. Endlich, das Glas seinen Reisegefährten hinhaltend, wünschte er ihnen mit gesenkter Stimme, dass sie bald in ihre Heimath zurückkehren dürften, dort liebende Verwandte, zuverlässige Freunde anträfen, eine ehrenwerthe Thätigkeit und das Ende all ihrer Zwietracht fänden. Denn man kann ja sein ganzes Leben nicht damit zubringen, sich gegenseitig zu zerfleischen. Nicht wahr? Während des Toastes lächelte der Bruder Sonia's kühl und spöttisch hinter seiner goldenen Brille. Manilow, mit vorgestrecktem Kopfe, die dichten Brauen zusammengezogen, so dass seine Stirnrunzeln sich immer tiefer eingruben, fragte sich, ob der dicke Narr nicht bald mit seinem Geschwätz aufhören werde, während Bolibin von seinem Sitze herab mit seinem gelben, drollig verkniffenen Tartarengesicht Grimassen schnitt und einem kleinen Affen ähnelte, der auf den Schultern Tartarin's sass. Das junge Mädchen allein hörte sehr ernsthaft zu, sie versuchte es wohl, diesen sonderbaren Menschentypus zu verstehen. Denkt er Alles, was er sagt? Hat er Alles gethan, was er erzählt? Ist er verrückt. ist er ein Schauspieler oder bloss ein Schwätzer, wie Manilow behauptet, der als ein Mann der That diesem Wort noch eine ganz besondere verächtliche Bedeutung giebt. Die Gelegenheit zur weiteren Prüfung bot sich sofort. Tartarin hatte seinen Toast beendigt und setzte sich nieder, als plötzlich ein Schuss gehört wurde, ein zweiter, und noch einer, die nicht weit vom Wirthshaus fielen und ihn in die Höhe schnellten. Er spitzte das Ohr, er hatte Pulver gerochen. «Wer hat geschossen?... Wo ist er?... Was geht vor?» Vor seinem erfinderischen Kopf geht schon ein ganzes Drama vorüber, ein bewaffneter Ueberfall, die Gelegenheit, die Ehre und das Leben dieses reizenden Mädchens zu vertheidigen. Aber nein, das Knallen kommt einfach vom Stand her, wo die Dorfjugend, wie alle Sonntag, nach der Scheibe schiesst. Und da die Pferde noch nicht angespannt sind, macht Tartarin den Vorschlag, sich die Sache anzuschauen. Er hat dabei seinen Hintergedanken, Sonia den ihrigen; sie nimmt an. Von dem alten Gardisten geführt, gehen sie über den Platz und öffnen sich einen Weg durch die Menge, die ihnen neugierig folgt. Unter einem von frisch behauenen Tannenstämmen gestützten Strohdach standen die Schützen. Sie hatten ihre eignen Stutzen mitgebracht, es waren meist Standstutzen alten Systems, Vorderlader, mit denen die meisten vortrefflich schossen. Tartarin, mit gekreuzten Armen, schaute stumm zu, beurtheilte, kritisirte die einzelnen Schüsse sehr laut, gab seine Rathschläge, schoss aber nicht. Die Russen beobachteten ihn und gaben sich Zeichen. «Piff... paff!...» rief höhnisch Bolibin im Accent von Tarascon und mit den leeren Armen anlegend. Tartarin wendet sich um, feuerroth vor Zorn: «Ganz vortrefflich, junger Mann.... Piff... paff!... und so oft Sie wollen....» Rasch hatte er einen alten Stutzen im Arm, der wohl schon ganzen Generationen von Gemsjägern gedient hatte.... Piff... paff! Es ist gethan. Die Kugel sitzt mitten in der Scheibe. «Er hat den Zweck herausgeschossen», wie man in der Schweiz sagt. Ein ungeheurer Beifallsruf begrüsst ihn von allen Seiten. Sonia triumphirt, Bolibin lacht nicht mehr. «Aber das ist nichts, sagt Tartarin... Sie sollen sehen....» Die Scheibe genügt ihm nicht mehr, er sucht ein Ziel, irgend etwas zu treffen, die Menge weicht vor diesem sonderbaren Menschen erschreckt aus, der jetzt mit rollenden Augen, den Stutzen in der Faust, dem alten Gardisten den Vorschlag macht, ihm auf fünfzig Schritt die Pfeife aus dem Munde zu schiessen. Der Alte stösst ein fürchterliches Gebrüll aus und verschwindet in der Menge, nur noch sichtbar durch seinen hohen Federbusch, der über die Köpfe der dicht gedrängten Menge fortschwankt. Aber es hilft nichts, die Kugel muss irgendwo untergebracht werden. « Té, pardi, wie in Tarascon....» Und der alte Mützenjäger wirft seine Kopfbedeckung aus Leibeskräften hoch in die Luft, schiesst, während sie fällt und durchbohrt sie. «Bravo!» sagt Sonia und steckt in die kleine Oeffnung, welche die Kugel im Tuch der Mütze gemacht, den Strauss Gebirgsveilchen, der eben noch ihre Wange berührt hatte. Mit diesem hübschen Siegeszeichen besteigt Tartarin wieder seinen Wagen. Das Posthorn bläst, der Zug setzt sich in Bewegung, die Pferde rennen im schärfsten Trab die steilen Windungen der wundervollen, dem Fels abgewonnenen Strasse nach Brienz hinab, die durch Prellsteine auf je zwei Meter Entfernung von einem über tausend Fuss tiefen Abgrund getrennt ist. Tartarin aber sieht die Gefahr nicht, er sieht auch die Landschaft nicht mehr, das in durchsichtigem Wasserdampf gebadete Meiringer Thal mit der in ein geradliniges Bett gefesselten Aar, er sieht nicht den See, nicht die Dörfer, die in der Ferne sich über einander aufbauen, nicht den weiten Berghorizont, die Gletscher, die sich mit den Wolken vermengen oder bei der nächsten Windung der Strasse ihren Platz verändert haben, sich verschieben und zusammenrücken wie die Theile einer Theaterdecoration. Von zärtlichen Gedanken weich gestimmt, bewundert der Held das hübsche Kind ihm gegenüber, bedenkt, dass der Ruhm nur ein halbes Glück ist, dass es traurig ist, wie Moses, an zu viel Grösse einsam zu altern, und dass jene zarte Blume des Nordens, wenn sie in den kleinen Garten von Tarascon verpflanzt würde, die Monotonie desselben wohl brechen, dass sie sich darin noch lieblicher ausnehmen und duften würde als der ewige Baobab (arbor gigantea) in seinem engen Topf. Sonia, mit ihrer breiten denkenden und willenskräftigen Stirn, mit ihren Kinderaugen, betrachtet ihn auch und träumt. Aber weiss man je, wovon die jungen Mädchen träumen? VII Die Nächte in Tarascon. – Wo ist er? – Grosse Besorgniss. – Die Grillen auf den Promenadebäumen sehnen sich nach Tartarin. – Märtyrerthum eines grossen tarasconnesischen Heiligen. – Der Alpinenklub. – Was in der Apotheke auf dem kleinen Platze vorging. – Bézuquet, hilf! «Ein Brief, Herr Bézuquet!... Er kommt aus der Schweiz!» rief der Briefträger fröhlich von der anderen Seite des Platzes herüber. Er schwenkte etwas in der Luft, und eilte. Der Apotheker, der in Hemdärmeln vor seiner Thür Kühlung suchte, sprang auf, griff nach dem Brief mit zitternden Händen und brachte ihn in seine nach allerlei Elixiren und Kräutern duftende Höhle. Aber er öffnete ihn nicht, ehe nicht der Briefträger mit einem Glas von jenem köstlichen Cadaver-Syrup erfrischt und fortgegangen war. Schon vierzehn Tage hatte Bézuquet auf diesen Brief aus der Schweiz gewartet, vierzehn angstvolle Tage hatte er darauf gepasst. Jetzt hatte er ihn. Und schon bei dem Anblick der kleinen, dicken und entschiedenen Handschrift auf der Adresse, des Poststempels «Interlaken» und des breiten violetten Stempels des «Hotel Jungfrau, Meyer–Müller, Eigenthümer» traten ihm die Thränen in die Augen und der schwere Schnurrbart des barbareskischen Korsaren erzitterte vor Rührung und innerer Ergriffenheit. «Vertraulich. Nach dem Lesen zu zerreissen.» Diese am Kopf der ersten Seite gross geschriebenen Worte hatten etwas von dem Telegrammstyl der Pharmacopöe «Zum äusseren Gebrauch. Vor der Anwendung zu schütteln.» Sie versetzten ihn in solche Verwirrung, dass er ganz laut las, so wie man in einem bösen Traum spricht: «Was mir begegnet, ist schrecklich....» Von dem Zimmer nebenan, wo sie ihr Schläfchen hielt, konnte Frau Bézuquet, die Mutter, ihn hören, aber auch der Lehrling, der hinten im Laboratorium mit regelmässigen Schlägen den Stössel in den marmornen Mörser stiess. Bézuquet las seinen Brief mit leiser Stimme weiter, fing ihn zwei- oder dreimal wieder von vorn an, wurde immer blässer und die Haare standen ihm buchstäblich zu Berge. Dann ein schneller Blick ringsherum und ritsch, ratsch, lag der Brief in tausend Stückchen im Papierkorb. Aber man könnte ihn hier finden, die kleinen Fetzen zusammenkleben, und während er sich bückt, um sie wieder herauszuholen, ruft eine meckernde Stimme: « Vé, Ferdinand, du bist da? – Ja, Mama...» antwortet der weichherzige, vor Angst schlotternde Korsar. Er liegt auf allen Vieren unter dem Schreibtisch. «Was machst du da, Schatz? – Ich mache... hé, ich mache die Mixtur für Fräulein Tournatoire.» Die Mama schläft wieder ein, der Stössel des Lehrlings, der einen Augenblick geruht hat, beginnt wieder seinen Pendelschlag, der das Haus und den ganzen Platz davor unter der Mattigkeit des nun abgelaufenen heissen Sommertages in einen dumpfen Schlummer wiegt. Bézuquet geht jetzt mit grossen Schritten vor seinem Hause auf und ab, bald rosa, bald grün, je nachdem er vor der einen oder der andern seiner zwei grossen Flaschen vorüberkommt: «Unglücklich... verloren... verhängnissvolle Liebe... wie soll ich ihm helfen?» und trotz seiner Aufregung begleitet er den Zapfenstreich, der unter den Platanen der Promenade ausklingt, mit seinem gewohnten lustigen Pfeifen. « Hé, grüss' Gott, Bézuquet!...» sagte ein eiliger Schatten in der aschgrauen Dämmerung. «Wo gehen Sie denn hin, Pégoulade? – In den Klub, pardi! ... Nachtsitzung.... Es wird über Tartarin und das Präsidium verhandelt.... Sie müssen kommen. – O gewiss, ich werde kommen...» antwortet sogleich der Apotheker, dem ein providentieller Gedanken durch den Kopf fährt. Er geht wieder in's Haus, zieht seinen Rock an, tastet in den Taschen, um sich zu vergewissern, dass er den Hausschlüssel und den amerikanischen Todtschläger bei sich hat, ohne welchen kein Tarasconnese nach dem Zapfenstreich aus dem Hause geht. Dann ruft er: «Pascalon... Pascalon! .» aber ja nicht zu laut, um seine alte Mutter nicht zu wecken. Fast noch ein Kind und doch schon kahlköpfig, als ob seine sämmtlichen Haare in seinen krausen, blonden Bart übergegangen wären, hatte der Lehrling Pascalon die Seele eines Fanatikers, eine Stirn wie die Kuppel eines Doms, die Augen einer toll gewordenen Ziege und auf seinen Puppenwangen die zarten, goldigen, knusprigen Töne eines Pfefferkuchens von Beaucaire. An den grossen Alpinen-Festtagen vertraute ihm der Klub sein heiliges Banner an und der Jüngling widmete ihm eine wahnsinnige Verehrung; diese glich der brennenden Wachskerze, die bei der Osterfeier am Fusse des Altars in stiller Gluth sich verzehrt. «Pascalon, sagte der Apotheker ganz leise und er bohrte ihm fast seinen Schnurrbart in's Ohr; ich habe Nachrichten von Tartarin.... Sie sind herzzerreissend....» Er sah den Lehrling erbleichen. «Muth, mein Junge, Alles kann wieder gut werden... Ich vertraue dir die Apotheke an.... Wenn man Arsenik von dir verlangt, gieb keines; Opium giebst du auch nicht, auch keinen Rhabarber... gieb nichts. Wenn ich um zehn Uhr nicht zu Haus bin, legst du dich zu Bett. Du schiebst die Bolzen in die Riegelstangen. Gute Nacht.» Kühnen Schritts versenkte er sich in die dunkle Allee auf dem Stadtwall, ohne sich nur ein einziges Mal umzusehen, was Pascalon den Muth gab, sich auf den Papierkorb zu stürzen, ihn mit gierigen Händen zu durchwühlen, ihn endlich auf dem Ladentisch auszuleeren, um zu sehen, ob nicht etwa einige Stücke von dem mysteriösen Brief noch aufzufinden wären. Wer die Ueberstiegenheit der Tarasconnesen kennt, kann sich eine Vorstellung von der Aufregung machen, die seit Tartarin's Abreise in der kleinen Stadt herrschte. Die ganze Einwohnerschaft war toll darüber geworden, was um so erklärlicher ist, als das Ereigniss in die Mitte August fiel und es unter der brennenden Sonne des Südens in den Köpfen kochte, als müssten die Hirndeckel in die Luft springen. Vom Morgen bis zum Abend wurde in der Stadt von nichts Anderem gesprochen, hörte man nur den einen Namen «Tartarin» auf den gekniffenen Lippen der Damen, die einen « Capot » auf dem Haupte trugen, wie auf dem rosigen Munde der Mädchen, die ihr Haar mit einem Sammetband zierten: «Tartarin... Tartarin...» und selbst auf den Platanen des Stadtwalls, auf welchen die Grillen bei dem ersten Sonnenstrahl sich hören liessen, vernahm man nur noch die zirpenden Laute: «Tar... tar...tar... tar... tar....» Da Niemand etwas wusste, so war natürlich alle Welt gut unterrichtet und hatte für die Reise des Präsidenten eine Erklärung. Man hörte die absonderlichsten Dinge. Er war unter die Trappisten gegangen, er hatte eine schöne Schauspielerin entführt, er hatte eine überseeische Reise angetreten, um im Stillen Ocean eine Colonie mit dem Namen Port Tarascon zu gründen, oder auch, er befinde sich in Central-Afrika, um Livingstone aufzufinden. «Warum nicht gar Livingstone!... Er ist ja schon zwei Jahre todt!...» Ja, die tarasconnesische Phantasie kennt keine Grenzen von Zeit und Raum. Das Merkwürdige dabei ist, dass jene Geschichte von La Trappe, von einer anzulegenden Colonie, von weiten Reisen aus dem Kopfe Tartarin's, jenes wachen Träumers herrührten. Er hatte sie ehemals seinen Vertrauten mitgetheilt, die jetzt nicht wussten, was sie glauben sollten, im Grunde über ihr Nichtwissen sich herzlich ärgerten und sich nun gegenüber dem grossen Haufen den Schein der höchsten Verschwiegenheit gaben, sich einander auch verständnissvoll etwas in's Ohr zischelten. Excourbaniès hatte Bravida in Verdacht, eingeweiht zu sein; und Bravida sagte wieder: «Bézuquet muss Alles wissen. Er schielt nach rechts und links, wie ein Hund, der einen Knochen im Maule hat.» In der That erlitt der Apotheker tausend Todesqualen an dem Geheimniss, das ihm wie ein Büsserhemd auf der Brust lag, ihn kitzelte, juckte, in derselben Minute zum Erbleichen und Erröthen und zu fortwährendem Schielen zwang. Man vergesse nicht, dass der Unglückliche in Tarascon daheim war, und frage sich dann, ob in der ganzen Märtyrergeschichte von einer so schrecklichen Qual die Rede ist, wie diejenige von Sanct Bézuquet, der etwas wusste, aber nichts sagen durfte. Darum lag für ihn auch an jenem Abend trotz der erschütternden Nachrichten etwas unnennbar Erleichterndes, Freies in seinem Schritt, als er sich in den Klub begab. Endlich!... er durfte reden, sein Herz von der Last erleichtern, die es so lange bedrückte, und in der Hast, den Alp von sich zu wälzen, warf er im Vorbeigehen den Spaziergängern auf dem Stadtwall halbe Worte zu. Den Tag über war es so heiss gewesen, dass trotz der späten Stunde und der tiefen Finsterniss – acht Uhr «weniger ein Viertel» auf dem Zifferblatt am Gemeindehause – ein grosses Menschengewühl draussen war. Ganze Bürgerfamilien sassen auf den schmalen Bänken und schöpften frische Luft, während ihre Häuser in der Stadt Thüren und Fenster aufsperrten; auf dem breiten Mittelweg gingen Schaaren von Seidenzettlerinnen, fünf oder sechs Arm in Arm in einer Linie, die von ihrem Geschwätz und Gelächter in ewiger Wellenbewegung sich erhielt. In allen diesen Gruppen sprach man von Tartarin: «Und nun, Herr Bézuquet, immer noch keinen Brief? – Doch, doch, meine Kinder, doch.... Lesen Sie nur das Forum morgen früh...» Er beflügelte seine Schritte, allein man folgte ihm, man hing sich an ihn und längs des ganzen Stadtwalls gab es einen Lärm und ein Getrappel wie von einer Schafheerde. Unter den weit geöffneten Fenstern des hell erleuchteten Klubs brach sich endlich das Geräusch. Die Sitzungen fanden in dem alten Saal der Bouillotte statt, darin der mit grünem Tuch bedeckte Tisch jetzt als Schreibtisch diente. In der Mitte der Präsidentensessel mit dem gestickten P. C. A. auf der Rückenlehne; zur Seite, und wie dazu gehörig, der Stuhl des Schreibers. Hinter dem Präsidentensessel das entfaltete Banner über dem Panorama der Alpinen in Relief, mit den Namen und den Höhenangaben der Berge. Mit Elfenbein eingelegte Ehrenalpenstöcke, wie Billardstöcke in einer Pyramide zusammengestellt, zierten die Ecken des Saales; ein Glasschrank enthielt die Funde, die auf den Bergen gemacht worden waren: Kristalle, Feuersteine, Versteinerungen, zwei Meerigel, einen Salamander. In Tartarin's Abwesenheit nahm Costecalde, strahlend in seiner Glorie, den Präsidentensessel ein. Der Stuhl war für Excourbaniès, für das Amt des Schreibers; aber der kraushaarige, dichtbebartete Teufel von einem Menschen konnte ohne Lärm und Bewegung nicht sein, was ihm seine «sitzende» Beschäftigung sehr erschwerte. Bei der nichtssagendsten Veranlassung erhob er die Arme, die Beine, stiess er ein fürchterliches Gebrüll oder ein wildes, sich überpurzelndes Gelächter aus, das stets mit dem grausigen Kriegsgeschrei in tarasconnesischem Dialekt schloss: « Fen dé brut! ... machen wir Lärm....» Seiner metallenen Stimme wegen, bei deren brausendem Getön Einem um sein Trommelfell bang wurde, nannte man ihn das «Gong». Da und dort sassen auf dem Rosshaar-Divan, der um den Saal herum lief, die Mitglieder des Comités. In erster Linie der ehemalige Montur-Hauptmann Bravida, den Jedermann in Tarascon den Kommandanten nannte: ein ganz kleiner Mann, reinlich wie ein frisch geprägter Sou, der seine Knabengestalt dadurch zu verbessern suchte, dass er seinem mächtig beschnurrbarteten Kopf das wilde Aussehen des Vercingetorix gab. Dann ein langes, eingefallenes, krankhaftes Gesicht. Es ist Pégoulade, der Steuereinnehmer, der letzte Schiffbrüchige der «Meduse». Seit Menschengedenken hat es in Tarascon stets einen letzten Schiffbrüchigen der «Meduse» gegeben. Zu einer gewissen Zeit gab es deren sogar drei, die sich gegenseitig als Betrüger verschrieen und nie dazu gebracht werden konnten, einmal zusammenzukommen. Von den Dreien war der allein echte Pégoulade. Er war mit seinen Eltern auf der «Meduse» eingeschifft; er hatte, sechs Monate alt, die Katastrophe mitgemacht, was ihn nicht hinderte, sie «als Augenzeuge» mit den kleinsten Nebenumständen, der Hungersnoth, den Kähnen, dem Floss zu schildern, und wie er den Kommandanten, der sich rettete, bei der Gurgel gefasst: «Auf deine Schiffswache, Elender!...» Und erst sechs Monate alt – outre!... Im Uebrigen tödtlich wirkend mit der ewigen Geschichte, die Jedermann seit den fünfzig Jahren, die er sie erzählte, auswendig wusste, und die er zum Vorwande nahm, um sich recht betrübt und lebensmüde zu stellen. «Nach dem, was ich erlebt habe!» pflegte er zu sagen, und er hatte sich gar nicht zu beklagen, denn dieser Geschichte verdankte er seinen Posten als Steuereinnehmer, und zwar unter jeder der wechselnden Regierungen. Neben ihm die Brüder Rognonas, sechzigjährige Zwillinge, die sich nie verliessen, aber stets zankten und ungeheuerliche Dinge von einander sagten. Ihre Aehnlichkeit war so gross, dass ihre beiden regelmässigen, verwischten Greisenköpfe, die aus Antipathie stets sich abgewendet hatten, in einem Münzkabinet mit der Unterschrift IANVS BIFRONS hätte figuriren können. Im Saale zerstreut, der Präsident Bédaride, der Rechtsagent Barjavel, der Notar Gambalalette und der fürchterliche Doctor Tournatoire, von welchem Bravida sagte, dass er sogar aus einer Rübe noch Blut geschröpft hätte. Wegen der drückenden Hitze, die durch die Gasflammen noch verstärkt wurde, sassen die Herren in Hemdsärmeln da, was der Versammlung etwas von ihrer sonstigen Feierlichkeit raubte. Man war freilich nur in kleinem Comité und der schändliche Costecalde wollte die Gelegenheit benutzen, um den Tag der Wahlen, ohne die Rückkehr Tartarin's abzuwarten, möglichst nahe anzusetzen. Dieser Streich war vorbereitet, und er freute sich schon im Voraus seines Triumphes; als er nach Vorlesung der Tagesordnung sich erhob, um seine Intrigue in's Werk zu setzen, lag ein höllisches Lächeln auf seinen dünnen Lippen. «Misstraue dem, welcher lacht, bevor er spricht», murmelte der weise Commandant vor sich hin. Costecalde aber, ohne die geringste Scheu und seinem getreuen Tournatoire mit dem Auge zublinzelnd, begann mit galliger Stimme: «Meine Herren, das unqualificirbare Benehmen unseres Präsidenten, die Unsicherheit, in der er uns gelassen.... – Das ist nicht wahr.... Der Präsident hat geschrieben....» Bézuquet stand zornentflammt vor dem Bureau. Er begriff jedoch sofort das Unreglementarische in seiner Haltung, er schlug einen andern Ton an, und die Hand erhebend, wie es der Brauch forderte, bat er zu einer dringlichen Mittheilung um's Wort: «Reden Sie, reden Sie!» Costecalde wurde gelb vor Aerger. Der Hals war ihm wie zugeschnürt. Er gab ihm, mit dem Kopfe nickend, das Wort. Jetzt aber erst begann Bézuquet: «Tartarin befindet sich am Fusse der Jungfrau.... Er ist im Begriff, sie zu besteigen.... Er verlangt das Banner!...» Tiefe Stille. Man hörte nur noch den schweren Athem der erstaunten Clubisten und das Surren des Gases, dann mit einem Male ein brausendes Hurrah, ein Händeklatschen und Bravorufen, und über den Sturm hinweg noch das dröhnende Gong von Excourbaniès mit dem bekannten Kriegsgeschrei: «Ah! ah! ah! fen dé brut! » das in der draussen harrenden Menge ein vielfaches Echo fand. Costecalde wurde immer gelber, voller Verzweiflung raste er mit der Präsidentenglocke. Endlich fuhr Bezuquet fort. Er prustete noch, als ob er fünf Stockwerke hinaufgestiegen wäre und wischte sich den Schweiss von der Stirn. Und dies Banner, das ihr Präsident sich ausbat, um es auf dem Gipfel der Jungfrau aufzupflanzen, sollte man es nun zusammenrollen, einpacken, eine Schnur darum binden und es wie den ersten besten profanen Gegenstand zur Post geben! «Niemals! ah! ah! ah!» brüllte Excourbaniès. Wäre es nicht passender, eine Delegation zu ernennen, drei Mitglieder des Vorstandes durch das Loos zu ziehen?... Man liess ihn kaum ausreden. Im Nu war der Antrag Bézuquet's durch lauten Zuruf angenommen und die Namen der drei Ehrenbegleiter des Banners wurden in folgender Ordnung ausgeloost: 1. Bravida, 2. Pégoulade, 3. der Apotheker. Die Nummer 2 lehnte ab. Die grosse Reise bei der Schwäche und der schwankenden Gesundheit; denn seit dem Schiffbruch der «Meduse».... «Ich werde für Sie reisen, Pégoulade...» krächzte Excourbaniès und alle seine Glieder waren dabei in Bewegung. Aber Bézuquet? Wie konnte er die Apotheke verlassen? Es ging ja um das Heil der ganzen Einwohnerschaft. Ein Versehen des Lehrlings und Tarascon ist vergiftet, decimirt. « Outre! » rief der gesammte Vorstand und er erhob sich wie ein Mann. Bézuquet konnte nicht reisen, das war klar, aber er sendet Pascalon an seiner Statt. Pascalon übernimmt die Sorge für das Banner. Und darauf hin ein neues Beifallsgetöse, eine neue Explosion des Gong, und von dem Stadtwall her ein so donnernder Zuruf des Volkes, dass Excourbaniès an's Fenster treten musste. Aber den ungeheuren Sturm beherrschte seine unvergleichliche Stimme; «Meine Freunde, Tartarin ist wiedergefunden. Er steht auf dem Punkte, sich mit unsterblichem Ruhm zu bedecken!» Ohne zu dieser schönen Rede etwas Anderes hinzuzufügen als den Ruf: «Es lebe Tartarin!» und aus vollem Halse sein Kriegsgeschrei in die Lüfte schmetternd, schwoll ihm jetzt das Herz vor Freude, als die begeisterte Menge unter den Bäumen des Stadtwalls mit dem Ausbruch eines nicht enden wollenden Jubelgetöns ihm antwortete, in ihrer fluthenden Bewegung ein ganzes Staubmeer aufrührte, und auf den Zweigen die todeserschrocknen Grillen wie am hellen Morgen ihre zirpenden Stimmen ertönen liessen. Als Costecalde, der sich mit allen Andern einem Fenster genähert hatte, hievon Zeuge war, kehrte er schwankend zu seinem Sessel zurück. «Seht dort den Costecalde, sagte Einer.... Was mag er nur haben?... Wie gelb er geworden ist!» Man eilte auf ihn zu. Schon zog der fürchterliche Tournatoire sein Besteck, aber der Waffenschmied, dem sehr übel wurde, schnitt ihm ein fürchterliches Gesicht und murmelte ganz offenherzig vor sich hin: «Nichts... nichts.... Lassen Sie mich in Ruh; ich weiss, was es ist..... der Neid ist es.» Pécaïré! armer Costecalde. Er schien fürchterlich zu leiden. Während dieses sich hier begab, war am andern Ende der Stadt, in der Apotheke auf dem kleinen Platze, der Lehrling Bézuquet's am Schreibtisch seines Principals damit beschäftigt, geduldig die von dem Apotheker im Papierkorb vergessenen Theile des Briefes an einander zu kleben. Viele Stücke entzogen sich jedoch diesem Wiederaufbau des Documents, denn er brachte nur folgendes sonderbare Räthsel zu Stande, das vor ihm ausgebreitet lag gleich einer Karte von Centralafrika. Hier eine weisse Stelle, dort eine andere als terra incognita, die von der glühenden Phantasie des naiven Bannerträgers jetzt bereist und erforscht werden sollte. wahnsinnig verliebt                               affeemasch                 Büchsenfleisch von Chicago                         kann nicht losko                                 Nihilist                 zu Tode                 furchtbare Bedin                        als Gew         ihrer                         Sie kennen mich, Ferdi                 aber von da bis zum Zarenmor                                         ckliche Folgen                         Sibirien gehängt         Anbetung                 Ach!                         dlichen Händedruck                                 Tar         Tar VIII Denkwürdiges Zwiegespräch zwischen der Jungfrau und Tartarin. – Ein nihilistischer Salon. – Das Duell auf Jägermesser. – Fürchterliche Angst. – «Mich suchen Sie, meine Herren?» – Sonderbarer Empfang der Delegation von Tarascon durch den Gasthofsbesitzer Meyer. Wie alle Prachthotels von Interlaken liegt das von Herrn Meyer gehaltene Hotel Jungfrau auf dem Höheweg, der breiten Promenade mit zwei Reihen mächtiger Nussbäume, die Tartarin von fern an seinen geliebten Stadtwall von Tarascon erinnerte, nur dass die Sonne, der Staub und die Grillen hier fehlten; denn seit einer Woche, die er sich hier befand, hatte es nicht aufgehört zu regnen. Er bewohnte ein sehr schönes Zimmer mit Balcon im ersten Stock. Und wenn er morgens vor einem kleinen Handspiegel am Fenster seine Toilette beendete, eine alte Reisegewohnheit, so war der erste Gegenstand, dem seine Augen jenseits der Wiesen, der Kleefelder und der steil ansteigenden Tannengehölze begegneten, die Jungfrau, die ihren schneeweissen Gipfel aus den Wolken erhob, und stets von einem flüchtigen Blick der verborgenen Sonne geherzt wurde. Dann entspann sich zwischen der rosig und weiss schimmernden Alpenfee und dem Alpenfreund von Tarascon ein kurzes Zwiegespräch, dem es an grossen Zügen nicht gebrach. «Tartarin, sind wir bereit?» fragte die Jungfrau strenge. « Voilà, voilà ...» antwortete der Heros, und er beeilte sich, mit seinem Bart fertig zu werden. Rasch hatte er sein Kostüm für die Bergbesteigung angelegt, das er seit einigen Tagen in die Ecke geworfen hatte. Er machte sich selbst Vorwürfe über diese Vernachlässigung: «Verwünschte Geschichte, sagte er zu sich selber. Nun ja, es ist toll von mir....» Aber eine kleine, bescheidene, helle Stimme drang zwischen den Myrthenstöcken auf dem Fenstersims zu ebner Erde herauf: «Guten Tag...» sagte Sonia, als sie ihn auf dem Balcon erscheinen sah. «Der Wagen erwartet uns.... eilen Sie sich, Faulpelz.... – Ich komme, ich komme....» In zwei Bewegungen hatte er das grobwollene Hemd durch ein feines, gestärktes Leinenhemd, seine Bergjoppe durch ein giftgrünes Jaquett ersetzt, das am Sonntag, bei der Musik, allen Damen von Tarascon den Kopf verdrehte. Der Wagen stand vor dem Hotel. Sonia sass schon darin neben ihrem Bruder, der trotz des wohlthätigen Klimas von Interlaken von Tag zu Tage bleicher und magerer geworden war. Im Augenblick, wo er einstieg, bemerkte Tartarin regelmässig von einer Bank auf dem Höheweg zwei Gestalten sich erheben und in dem schaukelnden Schritt von Gebirgsbären an ihn herantreten: die beiden berühmten Führer von Grindelwald, Rudolf Kaufmann und Christian Inebnit, mit denen er für die Besteigung der Jungfrau abgeschlossen hatte und die jeden Morgen ankamen, um sich zu erkundigen, ob ihr Herr bereit sei. Die Erscheinung der beiden Männer in starken genagelten Schuhen und groben Tuchjacken, die auf dem Rücken und den Schultern von den Lasten und Seilen, die sie getragen, hart mitgenommen waren, ihre treuherzigen und ernsten Gesichter, die paar Worte französisch, die sie mühsam radebrechten, während sie verlegen an den Bändern ihrer grossen Filzhüte kneteten, für Tartarin war dies eine wirkliche Pein. Er mochte ihnen wohl sagen: «Bemühen Sie sich nicht... ich werde Sie rufen lassen....» Was half es? Tag für Tag fanden sie sich an derselben Stelle ein und entledigte er sich ihrer durch ein grosses Stück Geld, das im Verhältniss zu der Schwere seiner Gewissensbisse stand. Die Führer waren gar nicht unzufrieden, solcher Weise die Jungfrau zu besteigen, sie steckten mit ernstester Miene das Trinkgeld ein und gingen, in ihr Schicksal ergeben, in ihr heimathliches Dorf zurück, während Tartarin, über seine Schwäche arg beschämt, zurückblieb. Dann wirkte wieder die frische Luft, die blumige Aue, die sich in den feuchten Augen Sonia's wiederspiegelte, der zufällige Zusammenstoss eines feinen Schuhs mit seinem schweren Stiefel auf dem Boden des Wagens... und zum Teufel war die Jungfrau! Der Held dachte nur noch an seine Liebe, oder vielmehr an die Aufgabe, die er sich gestellt, diese arme kleine Sonia, eine unbewusste Verbrecherin, die aus geschwisterlicher Anhänglichkeit ausserhalb des Gesetzes und der Natur gedrängt worden war, wieder auf den rechten Weg zurückzuführen. Dieses Motiv allein hielt ihn in Interlaken zurück, und zwar in demselben Hotel wie die Wassiliew. In seinem Alter, mit seinem papalichen Aussehen durfte er nicht daran denken, die Liebe jenes Kindes zu gewinnen; aber er sah sie so sanft, so brav; sie war so freigebig gegen alle Bedürftigen, die zu ihrer Partei gehörten, so aufopfernd für den Bruder, den die sibirischen Bergwerke ihr von Grünspan vergiftet, mit einem von Geschwüren zerfressenen Körper zurück gegeben hatten, und der durch die Schwindsucht sicherer dem Tode verfallen war, als durch jedes Urtheil eines Kriegsgerichtes. Er hatte wohl hinreichenden Grund, sie mit Rührung zu betrachten, gewiss! Und Tartarin machte ihnen den Vorschlag, sie mit sich nach Tarascon zu nehmen, ihnen ein sonnenhelles Landhäuschen dicht vor den Thoren der Stadt einzurichten, der guten kleinen Stadt, in der es niemals regnet, in der man sein Leben mit Gesang und Festlichkeiten zubringt. Er gerieth in Eifer, trommelte eine Melodie auf seinem Hut und stimmte nach dem Takt der Farandole die muntere Nationalweise an: Lagadigadéu, etc. Doch während die schmalen Lippen des Kranken sich zu einem ironischen Lächeln verzogen, schüttelte Sonia den Kopf. Für sie gab es keine Sonne, keine Festlichkeiten, so lange das russische Volk unter dem Tyrannen sich zu Tode röchelte. Sobald ihr Bruder genesen wäre, – in ihren feucht schimmernden Augen las man diese Hoffnung nicht, – werde nichts sie hindern dorthin zurückzukehren und für die heilige Sache zu leiden und zu sterben. «Aber, verwünschtes Loos, rief der Tarasconnese aus, wenn sie diesen Tyrannen in die Luft gesprengt haben, kommt nach ihm ein anderer.... Dann heisst es von vorn wieder anfangen.... Und die Jahre schwinden, vé! die Zeit, wo das Glück und junge Liebe uns winkt....» Seine Art, das Wort «Liebe» zu betonen, während ihm die Augen zum Kopf heraustraten, belustigte das junge Mädchen; doch sogleich wieder ernst werdend, erklärte sie, nur den Mann lieben zu können, der ihr Vaterland befreien werde. O, diesem, und wäre er auch so hässlich wie Bolibin, so bäurisch und unmanierlich wie Manilow, ihm würde sie sich bereitwillig hingeben, in «freier Liebe» mit ihm zusammenleben, so lange ihre Jugend daure und jener Mann sie wolle. «In freier Liebe», der Ausdruck, dessen die Nihilisten sich bedienen, um jene illegalen, nur durch gegenseitige Einwilligung zwischen ihnen eingegangenen Verbindungen zu bezeichnen. Und von einer solchen primitiven Ehe sprach Sonia ruhig mit ihrer jungfräulichen, schuldlosen Miene in Gegenwart des Tarasconnesen, der, obwohl ein braver Philister, ein friedliebender Staatsbürger, ganz und gar geneigt war, seine Tage an der Seite des lieblichen Mädchens, in dem eben erwähnten Verhältniss der freien Liebe zuzubringen, wenn sie nur nicht so mörderische, verabscheuungswürdige Bedingungen gestellt hätte. Während sie diese äusserst bedenklichen Fragen berührten, entfalteten sich Felder, Seen, Wälder und Berge vor ihren Blicken, und überall, an jeder Krümmung der Strasse, hinter dem durchsichtigen feuchten Schleier unerschöpflichen Regens, der den Helden auf seinen Ausflügen begleitete, erhob die Jungfrau ihren schimmernden Gipfel, als wolle sie in das Vergnügen der köstlichen Spazierfahrt eine herbe Mahnung mengen. Man kehrte zum Mittagessen zurück und setzte sich an die ungeheure Table-d'hôte. Tartarin hatte seinen Platz neben Sonia; er war nur darauf bedacht, dass Boris kein offenes Fenster im Rücken hatte; zuvorkommend, väterlich, kehrte er alle Liebenswürdigkeit des Weltmannes, alle geselligen und häuslichen Tugenden eines vortrefflichen zahmen Kaninchens hervor. Darauf nahm man den Thee bei den Russen ein in dem kleinen offenen Salon, der im Erdgeschoss auf ein Gartenplätzchen am Rande der Promenade hinausging. Dies war für Tartarin eine köstliche Stunde vertraulicher, mit leiser Stimme geführter Unterhaltung, während Boris auf einem Sopha schlummerte. Im Samowar brodelte das heisse Wasser; der Duft regengetränkter Blüthen drang durch die halbgeöffnete Thür mit dem blauen Schimmer der Glycinen, welche diese umrankten. Ein wenig mehr Sonne, ein wenig mehr Wärme, und der Traum des Tarasconnesen fand sich verwirklicht: seine kleine Russin lebte bei ihm, dort unten in seiner Heimath, und pflegte das Gärtchen mit dem Baobab. Auf einmal fuhr Sonia in die Höhe: «Zwei Uhr!... Und die Post? – Ich gehe,» sagte der gute Tartarin; und schon aus dem Ton der Stimme, der entschlossenen, theatralischen Handbewegung, mit der er sein Jaquett zuknöpfte und nach seinem Stock griff, hätte man entnehmen können, wie wichtig dieser so einfache Gang auf die Post war, um die poste restante eingelaufenen Briefe für die Wassiliew zu holen. Seit ihrem Aufenthalt in Interlaken hatte Tartarin, da Boris sich kaum mehr schleppen konnte, auf seine Gefahr hin diesen täglichen unangenehmen Gang übernommen, um Sonia das widerwärtige lange Warten am Schalter unter all den neugierigen Blicken zu ersparen. Die Briefpost liegt nur zehn Minuten vom Hôtel entfernt, in einer breiten belebten Strasse, welche die Fortsetzung der Promenade bildet; zu beiden Seiten Cafés, Brauereien, Läden für die Fremden, Verkaufsstände mit Alpenstöcken, Kamaschen, Riemen, Ferngläsern, mit Rauch geschwärzten Brillen, Feldflaschen, lauter Dingen, die absichtlich hier zu sein schienen, um den abtrünnigen Alpensteiger zu beschämen. In ganzen Karawanen zogen die Touristen vorüber: Pferde, Führer, Maulthiere, blaue und grüne Schleier, dabei das Geklirr der Kochgeräthe bei jedem Schritt der beladenen Thiere und das taktmässige Aufstossen der eisenbeschlagenen Spitzen auf das Pflaster. Doch dieser stets sich erneuernde Aufzug liess ihn gleichgültig. Er fühlte nicht einmal den kalten Schneewind, der stossweise von den Alpen herunterwehte, seine ganze Aufmerksamkeit war darauf gerichtet, die Spione zu erspähen, die ihm vermuthlich auf der Spur waren. Der erste Soldat im Vorposten, der Tirailleur, der in der feindlichen Stadt sich längs der Mauern hinschleicht, kann sich nicht misstrauischer vorwärts bewegen, als der Tarasconnese während des kurzen Ganges vom Hotel bis zur Post. Bei dem leisesten Geräusch eines Stiefelabsatzes hinter sich, blieb er betrachtend vor den ausgestellten Photographien stehen, durchblätterte er ein englisches oder deutsches Buch, um den Polizisten zu zwingen, an ihm vorüberzugehen. Er drehte sich auch wohl urplötzlich um und guckte mit grimmigen Augen einer dicken, Einkäufe machenden Wirthstochter oder irgend einem unschuldigen Touristen unter die Nase, einem alten Pflaumenesser, der erschrocken das Trottoir verliess und ihn für einen Verrückten hielt. Vor dem Postgebäude, dessen Schalter seltsamer Weise sich nach der Strasse hin öffnen, schritt Tartarin auf und nieder, die Physiognomien betrachtend, ehe er näher zu treten wagte; dann that er einen Satz, zwängte den Kopf, die Schultern in die Oeffnung, flüsterte undeutlich einige Worte, die er stets wiederholen musste, was ihn zur Verzweiflung brachte; und endlich, im Besitz des geheimnissvollen Packets, kehrte er auf einem grossen Umweg, an der Seite wo die Küchen liegen, in's Hotel zurück, die Hand in der tiefen Tasche, ein Pack Briefe und Zeitungen umklammernd und bereit, bei dem geringsten verdächtigen Umstand Alles zu zerreissen oder zu verschlingen. Manilow und Bolibin warteten fast immer bei ihren Freunden auf die eingetroffenen Nachrichten. Wegen grösserer Sparsamkeit und vorsichtshalber wohnten sie nicht im Hotel. Bolibin hatte in einer Buchdruckerei Beschäftigung gefunden, und Manilow, ein sehr geschickter Kunstschreiner, arbeitete für mehrere Werkstätten. Der Tarasconnese fühlte keine Zuneigung zu ihnen, der Eine war ihm unangenehm durch sein Gesichterschneiden, seine spöttischen Mienen; der Andere erschreckte ihn durch seine drohenden Blicke. Auch nahmen sie einen zu grossen Platz in Sonia's Herzen ein. «Er ist ein Held!» sagte sie von Bolibin, und erzählte, wie er drei Jahre lang, ganz allein, mitten in Petersburg ein revolutionäres Blatt gedruckt habe. Drei Jahre lang, ohne ein einziges Mal auf die Strasse zu gehen, ohne sich an einem Fenster zu zeigen, in einem grossen Wandschrank schlafend, in den seine Hauswirthin ihn jeden Abend sammt seinen unerlaubten Drucksachen einschloss. Und das Leben Manilow's während sechs Monaten, im Souterrain des Winterpalastes, wo er auf den günstigen Augenblick lauerte, in der Nacht auf seinem Dynamitvorrath schlief, was ihm schliesslich unerträgliche Kopfschmerzen und nervöse Anfälle verursachte, die noch verschlimmert wurden durch die fortwährende Angst, durch das oftmalige unerwartete Erscheinen der Polizei. welche die unbestimmte Warnung erhalten hatte; dass etwas im Werke sei, und nun plötzlich die im Palast beschäftigten Arbeiter überraschte. Bei seinen seltenen Ausgängen begegnete Manilow auf dem Admiralsplatz einem Abgesandten des revolutionären Comités, der im Vorübergehen leise fragte: «Ist es geschehen? – Nein, noch nichts...» sagte der Andere, ohne die Lippen zu bewegen. An einem Februarabend endlich antwortete er auf dieselbe in den gleichen Worten gestellte Frage mit grösster Ruhe: «Es ist geschehen....» Und gleichzeitig bestätigte ein entsetzlicher Knall seine Worte, alle Lichter im Palast verlöschten plötzlich, der Platz war in vollständige Finsterniss gehüllt, aus welcher herzzerreissende Schmerzens- und Schreckensschreie hervortönten, die sich in das Blasen der Signalhörner, in das Rennen der mit Tragbahren herbeieilenden Soldaten und Feuerwehrmänner mischten. Und Sonia unterbrach ihre Erzählung: «Wie schrecklich, so viele Menschenleben zu opfern, so viel Mühe, Muth, Scharfsinn, und alles vergeblich?... Der, auf den es abgesehen ist, entkommt immer.... Das richtigste, menschlichste Verfahren wäre, dem Zar zu Leibe zu gehen, wie Sie dem Löwen; fest entschlossen, wohl bewaffnet sich an ein Fenster, einen Wagenschlag stellen... und wenn er vorüberkommt.... – Bé , ja... gewi...iss...» sagte Tartarin verlegen; er stellte sich, als ob er die Anspielung nicht verstehe, und sogleich vertiefte er sich in eine philosophische, humanitäre Discussion mit einem der zahlreichen Anwesenden, denn Bolibin und Manilow waren nicht die einzigen Besucher der Wassiliew. Täglich erschienen neue Gesichter, junge Leute, Männer und Frauen, ihrem Aussehen nach arme Studenten, überspannte Erzieherinnen, blond und rosig, welche dabei die energische Stirn und die wilde Kindernatur Sonia's besassen. Es waren Verbannte, ausserhalb des Gesetzes stehende, einige sogar zum Tode Verurtheilte, was ihnen nichts von ihrer lebensfrischen Jugend nahm. Sie lachten und schwatzten laut, und da die meisten französisch sprachen, fühlte sich Tartarin schnell behaglich unter ihnen. Sie nannten ihn «Onkel», und erkannten in seinem Wesen etwas Kindliches, Naives, das ihnen gefiel. Vielleicht ging er etwas zu weit bei der Erzählung seiner Jagdabenteuer, indem er den Aermel bis zum Ellenbogen hinaufstreifte, um auf dem behaarten Arm die Narbe zu zeigen, welche die Tatze eines Panthers da zurückgelassen, oder auch unter seinem Bart die Löcher fühlen liess, die von den Zähnen eines Löwen vom Atlasgebirge herrührten. Vielleicht war er auch gleich gar zu vertraulich mit den jungen Leuten, nahm sie um die Taille, stützte sich auf ihre Schulter, nannte sie, nachdem er fünf Minuten mit ihnen zusammen gewesen, bei ihrem Vornamen: «Hören Sie, Dimitri.... Sie kennen mich, Fedor Iwanowitsch...» Nicht gerade seit langer Zeit, jedenfalls; doch trotzdem gewann er sie durch seine Offenheit, durch sein liebenswürdiges, vertrauensvolles Wesen, durch das sichtliche Bemühen, zu gefallen. Sie lasen Briefe in seiner Gegenwart, ersannen Pläne und Losungswörter, um die Polizei irre zu führen, einen ganzen Verschwörungsapparat, der die Phantasie des Tarasconnesen ungemein beschäftigte; und obwohl seine Natur jeder Gewaltthat widerstrebte, konnte er sich bisweilen nicht enthalten, ihre mörderischen Pläne mit ihnen zu besprechen. Er billigte, tadelte, gab Rathschläge, wie sie die Erfahrung eines grossen Anführers lehrte, der auf dem Kriegspfad gewandelt und gewöhnt ist an die Handhabung jeglicher Waffe, der Aug' in Auge mit den gewaltigsten Raubthieren gekämpft hat. Einmal sogar, als sie in seiner Gegenwart von der Ermordung eines Polizisten sprachen, den ein Nihilist im Theater erdolcht hatte, bewies er ihnen, dass der Stoss schlecht geführt worden war und unterrichtete sie im Gebrauch des Messers: «Sehen Sie, so, vé! von oben nach unten Man läuft nicht Gefahr sich zu verwunden....» Und sich durch seine eigene Mimik ereifernd, fuhr er fort: «Gesetzt den Fall, té! dass ich einen Despoten unter vier Augen, auf einer Bärenjagd anträfe. Er steht dort, wo Sie sind, Fedor; ich stehe hier, neben dem Guéridon, und Jeder hat sein Jagdmesser.... Jetzt gilt's, Euer Gnaden, ziehen Sie los.... Mitten in den Salon hingepflanzt, auf die kurzen Beine gestemmt, um zum Sprunge bereit zu sein, wie ein Holzhacker oder ein Bäckergeselle röchelnd, stellte er durch Geberden einen wirklichen Kampf dar, den ein Schrei des Triumphes beendete, nachdem er die Waffe bis an das Heft, und zwar von unten nach oben, vermaledeites Loos! seinem Gegner in den Leib gestossen hatte. «So geht es dabei zu, meine Kleinen!» Doch nachher – welche Gewissensbisse, welche Angst, wenn er dem magnetischen Zauber Sonia's und ihrer blauen Augen, so wie dem berauschenden Einfluss entzogen war, den all' diese überspannten Köpfe ausübten, wenn er in der Nachtmütze mit seinen Gedanken und dem allabendlichen Glas Zuckerwasser sich allein befand. Worein mischte er sich? Der Zar war doch wirklich nicht sein Zar, und all' jene Geschichten gingen ihn nichts an.... Sah er sich nicht schon an einem der nächsten Tage in's Gefängniss geschleppt, ausgeliefert, der moskowitischen Justiz überwiesen?... Boufre! und sie spassen nicht, diese Kosaken.... Und mit der schrecklichen Erfindungsgabe, welche die horizontale Lage noch erhöhte, entrollten sich in der Dunkelheit seines Hotelzimmers, wie auf einem jener auseinander zu legenden Bilderbogen, die man ihm in seiner Kindheit am Neujahrstage schenkte, die verschiedenen furchtbaren Folterqualen vor seinen Augen, denen er unterworfen wurde. Tartarin, gleich Boris, in den Kupferbergwerken arbeitend, bis zum Bauch im Wasser, den Körper zerfressen, vergiftet. Er entrinnt und versteckt sich in den schneebedeckten Wäldern, verfolgt von den Tartaren und den auf die Menschenjagd abgerichteten Hunden. Von Kälte und Hunger erschöpft, wird er von Neuem ergriffen und schliesslich zwischen zwei Galeerensträflingen gehenkt, nachdem ihn ein nach Branntwein und Thran stinkender Pope mit schmierig glänzenden Haaren umarmt und geküsst hat; während da hinten in Tarascon, im helleu Sonnenschein, bei dem Fanfarengeschmetter eines herrlichen Sonntags, das Volk, das undankbare, vergessliche Volk, den freudestrahlenden Costecalde auf den Präsidentensessel als P. C. A. setzt. In der Beängstigung eines jener bösen Träume hatte er den Nothschrei ausgestossen: «Zu mir, Bézuquet!...» und dem Apotheker den vertraulichen, von Angstschweiss noch feuchten Brief geschickt. Doch der sanfte Morgengruss Sonia's an seinem Fenster genügte, um ihn zu bezaubern, ihn von Neuem in die Schwäche und Unentschlossenheit zurückzurufen. Als er eines Abends nach zweistündigem Anhören einer sinnberückenden Musik mit den beiden Wassiliew und Bolibin aus dem Kursaal in's Hotel zurückkehrte, vergass der Unglückliche alle Vorsicht, und das so lange unterdrückte: «Sonia, ich liebe Sie!» er sprach es aus, ihr zärtlich den Arm drückend, der in dem seinigen ruhte. Sie verlor nicht die Fassung, doch ganz blass, betrachtete sie ihn, unter dem Gas des Perrons, auf dem sie stillstanden. «Nun, so suchen Sie mich zu verdienen,» sagte sie mit einem reizenden, räthselhaften Lächeln, einem Lächeln, das sich über die kleinen weissen Zähne zog. Tartarin war im Begriff zu antworten, sich durch einen Schwur zu irgend einer verbrecherischen Thorheit zu verpflichten, da trat der Hoteldiener an ihn heran: «Es sind oben Leute für Sie.. mehrere Herren.... sie suchen Sie. – Sie suchen mich.... Outre! weshalb?» Und Nummer Eins des Bilderbogens erschien ihm: Tartarin eingesperrt, ausgeliefert.... Gewiss, er hatte Angst, aber seine Haltung war heldenmüthig. Sich schnell von Sonia losmachend, sagte er mit erstickter Stimme: «Fliehen Sie, retten Sie sich....» Darauf stieg er die Treppe hinauf, mit hoch erhobenem Kopf, stolzem Blick, als ginge er auf's Schaffott, doch so erschüttert, dass er genöthigt war, sich an das Geländer zu klammern. In den Gang tretend, gewahrte er im Hintergrunde, vor seiner Thür, eine Anzahl Menschen, die durch das Schlüsselloch guckten, sich stiessen, riefen: « Hé, Tartarin!...» Er that zwei Schritte vorwärts und mit trockner Kehle fragte er: «Mich suchen Sie, meine Herren? – Té! Freilich, Herr Präsident!...» Ein kleiner, behender, dürrer Alter, ganz in Grau gekleidet, der auf seiner Jacke, seinem Hut, seinen Kamaschen, seinem langen, hängenden Schnurrbart allen Staub der langen Reise zu tragen schien, warf sich dem Helden um den Hals und rieb die ausgedörrte Lederhaut des ehemaligen Monturoffiziers gegen seine platten, weichen Backen. «Bravida!... nicht möglich!... Excourbaniès auch!... Und dort hinten, wer ist das?...» Ein Meckern antwortete: «Theurer He...e...e...err!» Es war der Lehrling, der mit einem, wie eine lange Bohnenstange aussehenden Stecken hervortrat, welcher oben mit grauem Papier und Wachsleinwand umbunden war; er stiess damit an alle Wände. « Hé! vé, das ist ja Pascalon.... Lass dich umarmen, mein Kleiner.... Aber was trägt er da?... Stell' das doch bei Seite!... – Das Papier! nimm das Papier fort!...» flüsterte ihm der Kommandant zu. Der Junge entfernte mit schneller Hand die Umhüllung, und vor den Augen des niedergeschmetterten Tartarin entfaltete sich die Fahne von Tarascon. Die Abgesandten entblössten das Haupt. «Herr Präsident – die Stimme Bravida's bebte in feierlicher Erregung – Sie haben die Fahne verlangt, wir bringen sie Ihnen, té ....» Die Augen des Präsidenten wurden so gross und rund wie Aepfel: «Ich, ich habe verlangt?... – Wie! haben Sie denn nicht... – Ach! ja, parfaitemain...» sagte Tartarin, durch den Namen Bézuquet plötzlich aufgeklärt. Er begriff Alles, errieth das Uebrige, und gerührt durch die erfinderische Lüge des Apothekers, die ihn zur Pflicht und Ehre zurückrief, war er dem Ersticken nahe und stotterte in den kurzen Bart hinein: «Ach, meine Kinder, wie gut Ihr seid! wie wohl thut Ihr mir.... – Es lebe der Présidain!...» rief gellend Pascalon, die Oriflamme schwingend. Der mächtige Bass Excourbaniès' ertönte, und sein Kriegsruf «Ha! ha! ha! fen de brut ...» drang erschütternd bis in die Keller des Hotels. Thüren wurden geöffnet, in allen Etagen zeigten sich neugierige Gesichter und sie verschwanden entsetzt beim Anblick des Banners, der schwarzen, haarigen Männer, welche mit den Händen in der Luft herumfuchtelnd, fremdartige Worte brüllten. Niemals hatte das friedliche Hotel Jungfrau einen solchen Lärm erlebt. «Lasst uns in mein Zimmer gehen,» sagte Tartarin, ein wenig beschämt. Sie tasteten in dem dunklen Zimmer umher, die Streichhölzchen suchend, als auf ein gebieterisches Klopfen an die Thür diese von selbst aufging, und das barsche, gelbe, aufgedunsene Gesicht des Hotelbesitzers Meyer sich zeigte. Er war im Begriff einzutreten, wich aber zurück vor dem Dunkel, aus welchem schreckliche Augen hervorleuchteten, und von der Schwelle aus stotterte er zwischen den zusammengebissenen Zähnen in seinem harten Berner Accent: «Verhalten Sie sich ruhig... oder ich lasse Sie Alle von der Polizei auflesen....» Das Gebrüll eines Stiers drang bei dem rohen Wort «auflesen» aus dem Dunkel des Zimmers hervor. Der Wirth that einen Schritt rückwärts, warf aber noch die Drohung hin: «Man weiss, wer Sie sind, und ich will solches Volk nicht mehr in meinem Hause haben!... – Herr Meyer, sagte Tartarin in ruhigem, höflichem, aber sehr bestimmtem Ton.... Stellen Sie mir meine Rechnung aus.... Jene Herren und ich werden morgen früh die Jungfrau besteigen.» O heimathliche Erde, o kleines Vaterland im Grossen! Er brauchte nur den tarasconnesischen Accent zu hören, nur die heimathliche Luft zu spüren, die aus den azurblauen Falten des Banners ihm entgegenwehte, und Tartarin fühlte sich befreit von der Liebe und ihren Fallstricken, er fühlte sich seinen Freunden, seiner hohen Aufgabe und dem Ruhm zurückgegeben. Jetzt, zou! ... IX Zur treuen Gemse. Der Weg, den sie am folgenden Morgen zu Fuss nach Grindelwald machten, wo man die Führer nach der kleinen Scheideck mitnehmen sollte, war reizend, reizend der Triumphmarsch des P. C. A., der wieder in seinem Bergkostüm und seinen hohen Kamaschen steckte und sich rechts auf die magere Schulter des Kommandanten Bravida, links auf den kräftigen Arm des Freundes Excourbaniès lehnte, die Beide stolz darauf waren, ihrem theuren Präsidenten behülflich zu sein, seine Eishacke, sein Gepäck, seinen Alpenstock zu tragen, während der fanatische Pascalon, wie ein junger Hund, mit dem Banner, das, um tumultuarische Scenen in der Stadt zu vermeiden, zusammengerollt und wohl verpackt war, bald voraus, bald hintennach trabte. Die Heiterkeit seiner Gefährten, das Bewusstsein erfüllter Pflicht, am Himmel droben die weiss strahlende Jungfrau, was brauchte es mehr, um den Helden Alles vergessen zu lassen, was er – vielleicht auf Nimmerwiedersehen –zurück liess. Bei den letzten Häusern von Interlaken rötheten sich seine Augenlider, und während des Marsches ergoss er seine wärmsten Empfindungen bald in den Busen des theuren Excourbaniès: «Hören Sie, Spiridion», bald in denjenigen Bravida's: «Sie kennen mich, Placide....» Denn infolge einer Ironie des Schicksals hiess dieser unbändige Krieger Placidus, und jener rauhhäutige Stier voll materieller Instinkte Spiridion. Leider nimmt sich die mehr galante als sentimentale tarasconnesische Rasse die Dinge niemals zu Herzen: «Wenn Einer eine Frau und fünfzehn Sous verliert, so thut es ihm sehr leid um's Geld...» antwortete der sentenzenreiche Placide, und Spiridion dachte genau wie er. Was aber den unschuldigen Pascalon betrifft, so hatte er eine unüberwindliche Angst vor allem Weiblichen und er erröthete bis über die Ohren, wenn man von der kleinen Scheideck sprach, da er nicht anders glaubte, als es sei eine sehr leichtsinnige junge Dame. Der arme Verliebte aber sah sich gezwungen, seine Herzensempfindungen für sich zu behalten; er tröstete sich ganz allein, was immer das Sicherste ist. Welcher Kummer hätte übrigens auf einem Marsch durch dieses enge, tiefe, dunkle Thal Stand halten können, in das sie jetzt längs eines vielfach gewundenen schäumenden Wildbachs traten, der mit donnerndem Getöse zwischen die ihn einschliessenden, auf beiden Seiten steil anstrebenden Tannenwälder dahinbrauste? Die tarasconnesischen Delegirten schritten mit religiöser Bewunderung und einer Art Grausen dahin. Ihnen waren bisher nur ihre kahlen und steinigen Hügel bekannt, und sie hätten niemals geglaubt, dass es so viel Bäume auf einmal auf so hohen Bergen geben könnte. «Und das ist Alles noch nichts.... Sie werden erst noch die Jungfrau sehen», sagte der Präsident, der sich über ihr Staunen freute und sich in ihren Augen wachsen sah. Um die Scenerie zu beleben und das überwältigende Schauspiel ihrem menschlichen Empfinden näher zu bringen, kamen ihnen jetzt Reiter entgegen, grosse, rasch abwärts rollende Kutschen. Wallende Schleier, neugierige Gesichter neigten sich herüber, um die fremdartigen Gestalten zu betrachten. Von Zeit zu Zeit allerlei Kram in geschnitztem Holz, kleine Mädchen am Rande des Weges, kerzengrad unter ihren breiten Strohhüten mit grossen Bändern, lange Schürzen über die schweren Röcke; sie sangen dreistimmige Chöre, und boten Himbeeren oder Edelweiss an. Bisweilen sandte das Alpenhorn seine melancholische Weise in die Berge, wo die anschwellenden und wie eine in Dunst sich auflösende Wolke langsam wieder abnehmenden Töne in den Schluchten wiederhallten. «Es ist schön, es klingt wie die Orgel...» murmelte Pascalon feuchten Auges und verzückt wie ein Heiliger im Kirchenfenster. Excourbaniès brüllte, ohne müde zu werden, und das Echo wiederholte von Fels zu Fels den tarasconnesischen Lieblingsruf: «Ha!... ha!... ha!... fen de brut! » Aber nach zweistündigem Marsch in derselben Scenerie wird man müde, und selbst wenn sie grün auf blau, Gletscher im Hintergrunde, und sonor wie ein Glockenspiel sich darstellt. Das Getöse der Wildbäche, die dreistimmigen Chöre, die Holzschnitzereien, die kleinen Blumenhändlerinnen wurden unseren Leuten lästig, besonders die Feuchtigkeit, der Dunst in dem tiefen Trichter, der breiige Boden, auf welchem Wasserpflanzen blühten und wo nie ein Sonnenstrahl noch hingedrungen war. «Man kann sich hier Aergeres als einen Schnupfen holen», sagte Bravida, und er schlug den Kragen seines Jaquettes in die Höhe. Dann kam die Müdigkeit dazu, der Hunger, die schlechte Laune. Nirgends ein Wirthshaus, und Excourbaniès und Bravida, die sich mit Himbeeren vollgestopft hatten, wurde es mit einem Male höchst ungemüthlich. Pascalon selbst, dieser Engel, der nicht blos das Banner trug, sondern dem die Andern auch die Eishacke, das ganze Gepäck und den Alpenstock aufgeladen hatten, Pascalon hatte seine Munterkeit eingebüsst und seine lebhaften Sprünge vergessen. Bei einer Wendung des Weges, da sie eben die Lütschine auf einer gedeckten Brücke überschritten hatten, wie man sie in den Ländern, wo es viel Schnee giebt, häufig findet, wurden sie mit den gewaltigen Tönen des Alpenhorns empfangen. «Ach, genug, genug!» brüllte die auf's Aeusserste schöpfte Delegation. Der Mann, ein Riese, der am Rande des Weges in einem Hinterhalt versteckt lag, stellte sein ungeheures tannenes prähistorisches Blasinstrument fort. «Fragen Sie ihn doch, ob er kein Wirthshaus weiss?» sagte der Präsident zu Excourbaniès, der mit einer ungeheuren Zuversicht und einem ganz kleinen Wörterbuch der Delegation als Dolmetscher zu dienen sich rühmte, seitdem sie in der deutschen Schweiz sich befanden. Doch bevor er sein Wörterbuch hervorgezogen, antwortete der Alphornbläser in recht gutem Französisch: « Ein Wirthshaus, meine Herren? ganz gewiss... die «Treue Gemse» ist hier ganz in der Nähe. Erlauben Sie mir, Sie hinzubegleiten.» Und während sie mit ihm gingen, erzählte er ihnen, dass er lange Jahre in Paris gewohnt und Commissionär an der Ecke der Rue Vivienne gewesen sei. «Auch einer von der Compagnie, natürlich!» dachte Tartarin, und er überliess das Staunen seinen Freunden. Der Kollege Bompard's war ihnen indessen sehr nützlich, denn trotz ihres französischen Wirthsschilds verstanden die Leute in der «Treuen Gemse» nur ihren Berner Dialekt. Bald hatte die tarasconnesische Delegation, Dank einem ungeheuren Kartoffelfladen, die Gesundheit und die gute Laune wiedergefunden, die zum Südländer so nothwendig gehört wie die Sonne zu ihrer Heimath. Man trank tüchtig, man ass nach Gebühr. Nach häufigem Anstossen auf den Präsidenten und seine Bergfahrt, fragte Tartarin, dem seit seinem Eintritt in's Wirthshaus das Schild viel zu denken gab, den Alphornbläser, der in einer Ecke des Saales an einer Brodrinde knusperte: «Es giebt also Gemsen bei Ihnen?... Ich glaubte, sie seien in der Schweiz schon ganz ausgerottet.» Der Mann blinzelte bäurisch schlau mit den Augen: «Nicht, dass es noch sehr viel Gemsen giebt, aber ich könnte Ihnen doch welche zeigen. – Sie müssen ihn welche schiessen lassen, vé! ... sagte Pascalon voller Begeisterung.... Noch niemals hat der Präsident einen Fehlschuss gethan.» Tartarin bedauerte, seine Büchse nicht mitgebracht zu haben. «Warten Sie nur, ich will mit dem «Meister» reden.» Ganz zufällig fügte es sich, dass der «Meister» ein ehemaliger Gemsjäger war; er bot sein Gewehr, sein Pulver, sein Blei, sogar seine Führerdienste zu einem ihm wohlbekannten Platze an. «Vorwärts, zou! » rief Tartarin. Er musste ja wohl den Wünschen seiner Klubgenossen nachgeben und in der Fremde seine Geschicklichkeit als ihr Oberhaupt glänzen lassen. Eine kleine Verzögerung im Grunde. Die Jungfrau verlor ja nichts beim Warten. Sie gingen zur Hinterthür hinaus, wenige Schritte quer durch den Obstgarten, der nicht grösser war als das Gärtchen eines Bahnwärters, und befanden sich in einer zerrissenen Schlucht voll finstrer Tannen und Brombeerstauden. Der Gemsenwirth war schon weit voraus und die Tarasconnesen sahen ihn hoch oben; er schwenkte seine Arme und warf mit Steinen, wahrscheinlich um das Wild aufzuscheuchen. Es war keine Kleinigkeit, zu ihm hinaufzuklettern über das steile, steinige Gehänge, und besonders für Personen, die eben von Tisch sich erhoben und das Klettern nicht besser gewohnt sind, als die braven Alpenbrüder von Tarascon. Und dabei zog über ihre Häupter, längs der Bergesspitzen, eine schwere schwüle Luft dahin, wie vor einem Gewitter. « Boufre! » ächzte Bravida. Und Excourbaniès brummte: « Outre! – Fast hätte ich gesagt...» setzte der sanfte Pascalon blökend hinzu. Aber der Wirth machte ihnen plötzlich ein Zeichen, zu schweigen: «Man schwatzt nicht unter den Waffen», sagte Tartarin von Tarascon mit einer strengen Miene, von der jeder sein Theil für sich nahm, obgleich der Präsident allein Waffen trug. Sie standen kerzengerade da und hielten den Athem an, als plötzlich Pascalon ausrief: «Schaut die Gemse...» Etwa hundert Meter über ihnen sah man das hübsche Thier, es war wie aus Holz geschnitzt: die steilen Hörner, das lichte Fell, die vier Füsse am Rande des Felsens vereinigt. Es betrachtete sie ohne die geringste Angst. Tartarin legte methodisch an, seiner Gewohnheit gemäss, er wollte eben Feuer geben, da war die Gemse verschwunden. «Es ist Ihre Schuld, sagte der Kommandant zu Pascalon... Sie haben gepfiffen... das hat ihr Angst gemacht. – Ich habe gepfiffen? ich? – Dann war es Spiridion.... – Warum nicht gar? in meinem ganzen Leben nicht.» Man hatte aber doch einen schrillen, langen Pfiff gehört. Der Präsident machte dem Streit ein Ende, indem er erzählte, dass die Gemse beim Nahen des Feindes ein warnendes Signal ausstösst. Der Teufel von Tartarin kannte diese Jagd eben so gründlich wie jede andere. Auf den Ruf ihres Führers brachen sie wieder auf. Aber der Abhang wurde immer steiler, die Felsen mit tiefen Abgründen rechts und links immer gefährlicher. Tartarin ging an der Spitze, drehte sich häufig um, um den Delegirten zu helfen, ihnen die Hand oder seine Büchse entgegenzureichen. «Die Hand, die Hand, wenn es Ihnen gleich ist», rief der gute Bravida, er hatte einen ungeheuren Respekt vor den geladenen Schusswaffen. Ein neues Zeichen des Führers, ein neuer Halt der Delegation, ein neues Nasenlüpfen in die Wolken. «Es fallen Tropfen, ich habe Einen gefühlt!» murmelte der Kommandant, sehr beunruhigt. Man hörte schon den rollenden Donner, aber den Donner noch übertönend, die Stimme unseres Excourbaniès: «Aufgepasst, Tartarin!» Die Gemse sprang dicht an ihnen vorüber, setzte gleich einem goldnen Lichtschein über eine Schlucht, aber zu rasch, als dass Tartarin hätte anlegen können, nicht rasch genug, als dass sie den gellenden Pfiff des Thieres nicht gehört hätten. «Ich muss es haben, verwünschtes Pech!» sagte der Präsident, aber die Delegirten erhoben Widerspruch dagegen. Excourbaniès fragte ihn plötzlich sehr gereizt, ob er etwa geschworen habe, sie auszurotten? «Lieber He...e...e...err, meckerte Pascalon schüchtern, ich habe sagen hören, dass die Gemsen, wenn man sie an den Abgrund drängt, sich gegen den Jäger wenden und ihm sehr gefährlich werden. – Also drängen wir es lieber nicht,» rief Bravida in fürchterlichem Tone, seine Mütze zückend, wie zum Gefecht. Tartarin nannte sie Hasenfüsse. Plötzlich, während sie mit einander stritten, verschwand Einer dem Andern in einer dichten, feuchten, nach Schwefel riechenden Wolke, in welcher sie gegenseitig sich suchten und riefen. « Hé, Tartarin! – Sind Sie da, Placide? – He... e...e...er! – Nur ruhig Blut, ruhig Blut!» Eine wahrhafte Panik. Da zerriss ein Windstoss die Wolke und entführte sie gleich einem an einer Brombeerstaude hängenden Schleier; ein Blitz mit einem furchtbaren Donnerschlag fuhr im Zickzack hernieder. «Meine Mütze!..» schrie Spiridion barhäuptig; die Haare, electrisch knisternd, standen ihm zu Berge. Sie befanden sich im Centrum des Gewitters, in der Schmiede Vulkans. Bravida, als der Erste, machte sich eiligst auf die Flucht. Die übrigen Mitglieder der Delegation hinter ihm drein; aber ein Ruf des P. C. A., der an Alles dachte, hielt sie zurück. «Ihr Unglücklichen... hütet euch vor dem Blitz....» Auch von der sehr wirklichen Gefahr abgesehen, der sie sich aussetzten, war es übrigens kaum möglich, auf den steilen, vom Regen durchwühlten, in Bäche, in Wasserfälle verwandelten Abhängen hinunterzueilen. Die Rückkehr, selbst langsamen Schrittes, war unter der tollen Regenfluth, bei Blitz und Donner, wo der Eine ausglitt, der Andere stürzte, der Dritte nicht mehr weiter konnte, durchaus keine Kleinigkeit. Pascalon machte das Zeichen des Kreuzes, und wie in Tarascon rief er ganz laut: «Heilige Martha, und heilige Helena, heilige Maria Magdalena», während Excourbaniès über «das verwünschte Pech» fluchte, und Bravida in der Nachhut sich voller Unruhe umkehrte: «Was Teufel hört man hinter uns?... das pfeift, das trappt, dann steht es still....» Der Gedanke an die verzweifelnde Gemse, die sich dem Jäger entgegenwirft, kam dem alten Krieger nicht aus dem Sinn. Ganz leise, um die Andern nicht zu erschrecken, theilte er Tartarin seine Befürchtung mit, der tapfer seinen Platz als letzter in der Kolonne einnahm und stolzen Hauptes, bis auf die Haut durchnässt, mit der stummen Entschlossenheit gewappnet war, die eine nahe Gefahr uns eingiebt. Freilich, als er nun in die Gaststube trat, und seine lieben Klubgenossen unter Dach und damit beschäftigt sah, sich zu reinigen, und um einen grossen Kachelofen herum stehend sich zu trocknen, als er den Geruch des bestellten Glühweins verspürte, da fing der Präsident mit einem Male an, sich zu schütteln, und plötzlich erbleichend sagte er: «O, ich glaube gar, ich habe ein Uebel....» «Ein Uebel haben»! Es ist ein heimathlicher unheilsschwerer Ausdruck, der in seiner Unbestimmtheit und Kürze alle Krankheiten in sich fasst: Pest, Cholera,Vomito negro, schwarzes Fieber, gelbes Fieber, Schlagfluss; von allen diesen Krankheiten fühlt der Tarasconnese beim geringsten Unwohlsein sich befallen. Tartarin «hat ein Uebel»! Von einer Weiterreise war nicht mehr die Rede, und die Delegation verlangte nichts sehnlicher als Ruhe. Man liess rasch das Bett wärmen, man eilte mit der Anfertigung des Glühweins, und schon beim zweiten Glase fühlte der Präsident durch seinen ganzen Leib eine wonnige Wärme gleiten, ein Prickeln von guter Vorbedeutung. Zwei Kopfkissen unter den Schultern, ein Federbett auf den Füssen, seine gestrickte Mütze tief über das Gesicht gezogen – er empfand ein köstliches Wohlbehagen beim Anhören des tobenden Sturms draussen. Und das Zimmer war von oben bis unten mit Holz bekleidet und hatte noch den angenehmen Tannengeruch. Die kleinen mit Blei eingefassten Fensterscheiben waren so gemüthlich und es war so herzerquickend, die Freude, Jeden mit einem dampfenden Glase in der Hand an seinem Bette zu sehen, und sie nahmen sich mit ihrem gallischen, sarrazenischen oder römischen Gesichtstypus so drollig aus in den Bettvorhängen, Gardinen, Teppichen, mit denen sie sich behängt hatten, während ihre Kleider am Ofen dämpften. Er wurde ganz weich, und sich selbst ganz vergessend, fragte er sie mit theilnehmender Stimme: «Ist Ihnen wohl, Placide?... Spiridion, Sie sahen eben etwas leidend aus?...» Nein, Spiridion war nicht leidend; das war ihm vergangen, als er den Präsidenten so krank sah. Bravida, der den Sprüchwörtern seines Landes die Moral anpasste, fügte cynisch hinzu: «Des Nachbars Krankheit ist heilsame Medicin!...» Dann unterhielten sie sich von ihrer Jagd, erhitzten sich bei der Erinnerung an gewisse gefahrvolle Episoden, als zum Beispiel das Thier wüthend umkehrte; und ohne lügnerische Absicht, ganz harmlos, arbeiteten sie schon an der Fabel, die sie daheim zu erzählen gedachten. Plötzlich erschien Pascalon, der nach einer neuen Bowle Glühwein hinabgegangen war, in der Thür. Er war ganz ausser sich. Einen nackten Arm streckte er, nach Worten suchend, aus dem unwillkürlich geöffneten geblümten Bettvorhang, den er, gleich Polyeucte, verschämt wieder an sich zog. Er brauchte über eine Secunde, ehe er mit angehaltenem Athem, ganz leise, das Wort hervorbrachte: «Die Gemse!... – Ja was, die Gemse?... – Sie ist unten in der Küche.... Sie wärmt sich!... – Ah! vaï .... – Du faselst!... – Wenn Sie nachsehen wollten, Placide?» Bravida zögerte. Excourbaniès stieg auf den Fussspitzen hinab, kam aber sofort mit ganz verblüfftem Gesicht zurück.... Immer besser!... Die Gemse trank warmen Wein. Das war man ihm gewiss schuldig, dem armen Thier, nach dem tollen Rennen, zu dem es auf dem Berge sich hatte hergeben müssen, bald von seinem Herrn gejagt, bald von ihm zurückgerufen, während er sich sonst damit begnügte, die Gemse in dem Gastzimmer herumspringen zu lassen, um den Reisenden zu zeigen, wie gut er sie dressirt hatte. «Das ist, um närrisch zu werden!» sagte Bravida, der auch gar keinen Versuch mehr machte, sich die Sache zu erklären, während Tartarin seine gestrickte Mütze noch tiefer über die Augen zog, um seinen Freunden die göttliche Heiterkeit zu verbergen, die ihn jetzt erfasste, da er auch hier wieder die ihm von Bompard geschilderte Schweiz mit allen ihren Theaterkniffen und Figuranten wieder erkannte. X Die Besteigung der Jungfrau. – Vé, die Ochsen! – Die Whymper'schen Steigeisen sind nichts werth, die Kaffeemaschine taugt auch nichts. – Das Erscheinen maskirter Männer in der Klubhütte. – Der Präsident im Gletscherspalt. – Er büsst seine Brille ein. – Auf dem Gipfel! – Tartarin, ein Gott. An jenem Morgen war ein grosser Menschenzufluss im Hotel Bellevue auf der kleinen Scheideck. Trotz Regen und Wind hatte man draussen unter dem Dach der Veranda die Tische gedeckt. An allen Ecken und Enden ein Aufbau von Alpenstöcken, Feldflaschen, Fernrohren, Kukuksuhren in geschnitztem Holz; beim Frühstück konnten die Touristen über tausend Meter unter sich links das zauberische Grindelwald-Thal, rechts das Lauterbrunner Thal bewundern; und gegenüber, scheinbar auf Büchsenschussweite die unbefleckten, grandiosen Abhänge der Jungfrau, ihre Firnfelder, ihre Gletscher. Der Wiederschein der weissen Pracht ringsumher machte die Gläser noch durchsichtiger, die Tischtücher noch weisser. Seit einem Augenblick jedoch wurde die allgemeine Aufmerksamkeit von einer lärmenden, bärtigen Karawane in Anspruch genommen, die eben zu Pferde, zu Maulthier, zu Esel, auch in Tragsesseln angekommen war und sich mit einem reichlichen Frühstück auf eine Bergbesteigung vorbereitete. Ihr Leben, ihr Feuer stach auffallend ab von den gelangweilten, feierlichen Mienen der sehr berühmten Pflaumenfreunde und Reisverehrer, die hier auf der Scheideck zusammengetroffen waren: Lord Chipendale, der belgische Senator mit seiner Familie, der österreichische Diplomat, und Andere mehr. Man hätte glauben mögen, alle um den Tisch herum sitzenden bärtigen Personen wollten zusammen die Besteigung unternehmen, denn sie beschäftigten sich Einer nach dem Andern mit den Vorbereitungen zum Aufbruch, standen auf, sprachen mit den Führern, prüften die mitzunehmenden Vorräthe und interpellirten einander mit furchtbarem Geschrei von einem Ende der Terrasse zur andern: « He, Placide, sieh nach, ob auch die Terrine im Sack ist! – Die Kaffeemaschine ja nicht zu vergessen.» Erst beim Aufbruch sah man, dass es sich nur um eine einfache Fahrt handelte, und von der ganzen Karawane nur eine Person den Gipfel der Jungfrau besteigen sollte; aber was für eine! «Kinder, sind wir bereit?» sagte der gute Tartarin mit triumphirender, fröhlicher Stimme, in welcher auch nicht der Schatten einer Unruhe über die etwaigen Gefahren des Unternehmens sich offenbarte. Sein letzter Zweifel an dem, was ihm Bompard über den grossen Rummel erzählt hatte, war an demselben Morgen vor den beiden Grindelwald-Gletschern geschwunden, wo er vor einer Einlassthür und einem Drehkreuz mit der Inschrift stand: «Zugang zum Gletscher, 1 Fr. 50.» Er durfte also ohne Bedenken bei diesem Aufbruch die Wonne geniessen, sich betrachtet, beneidet, bewundert zu sehen, und zwar von denselben unverschämten jungen Engländerinnen in Knabenhüten, die sich auf Rigi-Kulm so lustig über ihn gemacht und die in diesem Augenblick sich für ihn begeisterten, wenn sie den kleinen Mann mit dem ungeheuren Berg verglichen, den er eben besteigen sollte. Die Eine zeichnete sein Porträt in ein Album; die Andere war glücklich, seinen Alpenstock zu berühren. «Tschimppenj,... Tschimppenj....» rief plötzlich ein langer, finsterer Engländer mit ziegelrothem Gesicht, der sich ihm mit der Flasche und einem Glase näherte. Nachdem er den Helden zum Trinken genöthigt, sagte er grinsend: «Lord Chipendale, sir... Und Sie? – Tartarin de Tarascon. – Oh, yes! Tarterine... Er war sehr hübscher Name für Pferd....» sagte der Lord, wahrscheinlich ein sehr starker Sportsman jenseits des Kanals. Der österreichische Diplomat kam ebenfalls heran, um dem Alpenbesteiger zwischen seinen wollenen Halbhandschuhen die Hand zu drücken Er erinnerte sich dunkel, ihn irgendwo schon gesehen zu haben. «Sehr erfreut!.. sehr erfreut!» sagte er mehrere Male, und da er nicht wusste, wie er von den zwei Worten loskommen sollte. so fügte er noch die ihm geläufige Formel hinzu, mit der er aus allen Verlegenheiten sich rettete: «Höfliche Empfehlung an die gnädige Frau....» Die Führer aber wurden ungeduldig. Man musste noch vor Sonnenuntergang die Klubhütte erreichen, wo man die Nacht zubringt, und man hatte keine Minute zu versäumen. Tartarin begriff das. Er grüsste rings umher, lächelte väterlich den boshaften misses zu, und dann sagte er mit Donnerstimme: «Pascalon, das Banner!» Er liess es flattern. Die Südländer entblössten ihr Haupt, denn man liebt alles Theatralische in Tarascon, und auf den zwanzigmal wiederholten Ruf: «Es lebe der Präsident!... es lebe Tartarin!... Ah!... ah!... ah!... fen dé brut ...» setzte die Kolonne sich in Bewegung, die beiden Führer voran, mit allem Gepäck, mit Nahrungsmitteln und Holz beladen, dann Pascalon mit der Oriflamme, endlich der P. C. A. und die Delegirten, die ihn bis zum Guggigletscher begleiten sollten. Der Zug über den feuchten Grund und die nackten oder beschneiten Felsblöcke, mit der flatternden Fahne, erinnerte entfernt an eine Procession am Allerseelentage auf dem Lande. Plötzlich rief der Kommandant, auf's Höchste beunruhigt: « Vé, die Stiere!» Man sah einige Thiere, die friedlich das karge Grün auf dem welligen Boden abgrasten. Der alte Soldat hatte vor dem Hornvieh eine nervöse, unüberwindliche Furcht, und da man ihn nicht allein zurücklassen konnte, so machte die Delegation hier Halt. Pascalon übergab die Standarte einem der Führer; noch ein letzter Händedruck, hastige Ermahnungen und dann: «Adieu, qué! – Aber ja keine Unklugheit....» Sie trennten sich. Niemand dachte auch nur an den Vorschlag, mit dem Präsidenten die Fahrt zu wagen. O, das war zu hoch, boufre! Je näher man kam, um so grösser wurden die Berge, um so tiefer die Abgründe, und die Spitzen starrten in einem unübersteiglich scheinenden Eischaos in Himmelshöhe. Es war viel rathsamer, sich die Sache von der Scheideck aus anzusehen. Noch nie in seinem Leben hatte der Präsident des Alpinenklubs den Fuss auf einen Gletscher gesetzt. Etwas nur annähernd Aehnliches existirt auf den niederen, duftigen, gleich einem Päckchen Mottenwurzeln trocknen Bergen nicht; und dennoch machten ihm die Zugänge zum Guggigletscher den Eindruck eines bereits Gesehenen; sie erweckten eine Erinnerung an die Jagden in der Provence, ganz unten in der Camargue, unweit des Mittelmeers. Es war dasselbe kurze, ausgedörrte, wie am Feuer geröstete Gras. Da und dort Wasserpfützen, dürre Schilfstengel, die auf einen schwammigen Grund hinwiesen, dann ein Steingeschiebe und Gerölle, Spuren organischen Lebens, und endlich der Gletscher, ein blaugrün gefrornes Meer mit weiss erstarrten Schaumköpfen, eine geräuschlose, versteinerte Fluth. Der Wind, der über den Gletscher herüber pfiff, hatte auch das Beissende, das gesund Frische der Meeresbrise. «Nein, ich danke, sagte Tartarin zu dem Führer, der ihm wollene Socken anbot, um sie über seine Stiefel zu ziehen... ich habe meine Steigeisen, Whymper'sche Steigeisen, neuestes System, sehr bequem!...» Er schrie, wie zu einem Stocktauben, um sich Christian Inebnit, der nicht mehr französisch verstand als sein Freund Kaufmann, verständlich zu machen. Er setzte sich auf einen Stein und schnallte sich die dreispitzigen grossen und scharfen Eissporen an. Hundertmal hatte er die Whymper'schen Steigeisen in seinem Baobab-Garten versucht, die Wirkung war trotz alledem eine unerwartete. Unter dem Gewicht Tartarin's drangen die Spitzen so tief in's Eis ein, dass alle Versuche, wieder loszukommen, vergeblich waren. Er ist wie festgenagelt auf dem Eis, er schwitzt und flucht, telegraphirt verzweifelt mit den Armen und dem Alpenstock, und sieht sich endlich genöthigt, seine Führer zurückzurufen, die ihm vorangegangen waren, weil sie fest überzeugt waren, es mit einem erfahrenen Alpensteiger zu thun zu haben. Da es unmöglich war, ihn zu entwurzeln, so schnallte man ihm die Riemen auf, die Eissporen blieben im Eise liegen und wurden durch ein Paar gestrickte Socken ersetzt. So setzte der Präsident seinen Weg fort, nicht ohne Anstrengung und schwere Ermüdung. Ungeübt in der Benutzung seines Stockes, stiess er mit den Beinen daran, die Eisenspitze glitt oft aus und er glitt dann mit, wenn er sich zu stark aufstützte. Er versuchte es nun mit der Hacke, aber sie war noch schwerer zu handhaben, da die Gletscherwellen immer wilder auftraten, und wie auf hoher See ihre erstarrten Fluthen wie in einem rasenden, aber versteinerten Sturm über einander stürzten. Die Unbeweglichkeit ist nur scheinbar, denn ein dumpfes Krachen, ein fürchterliches Knurren in der Tiefe, ungeheure Felsblöcke, die langsam wie die Wanderdekorationen auf der Bühne fortschreiten, zeigen das innere Leben dieses gefrornen Stromes an und seine verrätherischen Elementarkräfte. Unter den Augen des Alpinisten, auf die Wurfweite seines spitzen Stockes, bildeten sich Risse, erstanden unergründliche Spalten, welche die von den Uferfelsen niederstürzenden Blöcke verschlangen. Tartarin fiel oft bis weit über die Hüften in einen jener grünlichen Schlünde, in welchen nur seine breiten Schultern ihn vor dem Sturz in die Tiefe bewahrten Wenn ihn die Führer so ungeschickt und doch wieder so ruhig und vollkommen seiner sicher sahen, lachend, singend, wie eben noch beim Frühstück gestikulirend, so dachten sie nicht anders als dass der Schweizer Champagner seine Wirkung auf ihn ausübte. Wie konnten sie auch etwas Anderes von dem Präsidenten eines Alpenklubs, von einem berühmten Bergsteiger denken, von welchem seine Kameraden nur mit lauter Bewunderung sprachen. Sie nahmen ihn nun ehrerbietig jeder unter einen Arm, wie wohlgeschulte Policemen einen angeheiterten Jüngling aus guter Familie in einen Wagen heben. Sie bemühten sich, mit vielen einsilbigen Wörtern und Gesten, seine Vernunft auf die Gefahren des Weges, auf die Nothwendigkeit, die Hütte noch vor Sonnenaufgang zu erreichen, aufmerksam zu machen; sie drohten ihm mit Gletscherspalten, mit der Kälte, mit Lawinen. Und mit der Spitze ihrer Eishacke zeigten sie ihm die ungeheuren Eismassen, die gleich Mauern vor ihnen ansteigenden Firnfelder in blendender Spiegelung. Dem guten Tartarin aber war dies Alles äusserst lächerlich. «Ach was, die Spalten.... Jawohl, die Lawinen...» und er lachte ihnen etwas vor, zwinkerte schlau mit den Augen und stiess ihnen die Ellenbogen in die Seiten, um seinen Führern wohl verständlich zu machen, dass man ihn nicht täuschen könne, dass er eingeweiht in das Geheimniss der Comödie sei. Die Andern ergötzten sich schliesslich auch an den lustigen tarasconnesischen Liedern, und wenn sie sich einen Augenblick auf einen soliden Block hinsetzten, um dem Herrn Zeit zum Athemholen zu lassen, dann jodelten sie schweizerisch, aber nicht zu laut, aus Furcht vor den Lawinen; auch nicht sehr lange, denn die Stunde rückte vor. An der schärferen Kälte und besonders an der eigenthümlichen Entfärbung des Schnees, der aufgethürmten Eismassen, die selbst bei bedecktem Himmel noch einen Lichtschimmer bewahren, aber, wenn der Tag erlischt, einen fahlen, gespenstischen, mondbleichen Schein annehmen, erkannte man das Nahen der Nacht. Blässe, Kälte, Stille, Tod. Und der gute, so warmblütige, lebhafte Tartarin begann nun doch seine Munterkeit zu verlieren, als plötzlich der Ruf eines Schneehuhns in dieser Einsamkeit eine sonnverbrannte Landschaft und unter der erdbeerrothen Abendsonne eine Bande tarasconnesischer Jäger vor seine aufgeregten Sinne zauberte. Diese Erinnerung hob wieder seine gesunkenen Lebensgeister. Zu gleicher Zeit zeigte ihm Kaufmann Etwas über ihnen, das einem Holzbündel auf dem Schnee ähnlich sah: «Die Hütte.» Es schien, als wäre sie in wenigen Schritten zu erreichen, doch es bedurfte noch einer guten halben Stunde angestrengten Marsches. Einer der Führer ging voraus, um das Feuer anzuzünden. Jetzt brach die Nacht herein, der Nordwind blies scharf über den bleigrauen Boden. Und Tartarin gab sich noch immer keine Rechenschaft von der Wirklichkeit. Er liess sich von des Führers Arm kräftig unterstützen, stolperte bisweilen, sprang wieder empor, und er hatte trotz der niedern Temperatur doch keinen trocknen Faden am Leibe. Plötzlich gewahrte er eine helle Flamme wenige Schritte vor sich und der gute Geruch einer Zwiebelsuppe war ihm ein willkommener Gruss. Man war am Ziel. Man kann sich nichts Einfacheres denken, als die Schirmhütten, welche die schweizerischen Alpenklubs auf den Bergen errichtet haben. Ein einziger Raum, in welchem eine harte Pritsche als Lager den meisten Platz in Anspruch nimmt, und nur wenig für den Ofen und den Tisch übrig lässt, der gleich den Bänken ringsum im Fussboden befestigt ist. Der Tisch war schon gedeckt. Drei Schüsseln, zinnerne Löffel, die Kaffeemachine mit hohem Brenner, zwei Conserven amerikanischen Pökelfleisches. Tartarin schmeckte das Essen vorzüglich, obgleich die Zwiebelsuppe die Luft verpestete und die berühmte neu patentirte Maschine, die einen Liter Kaffee in drei Minuten anfertigen sollte, durchaus nicht funktioniren wollte. Zum Nachtisch sang er. Dies war seine einzige Manier, mit den Führern zu plaudern. Er sang seine heimathlichen Lieder: «die Tarasque», «die Mädchen aus Avignon». Die Führer antworteten mit schweizerdeutschen Liedern: «Mi Vater is 'n Appenzeller....» Brave Leute mit harten, verwitterten Gesichtern, wie aus Stein gehauen, Barthaar in den Falten. Sie hatten moosähnliche, helle, an weite Räume gewöhnte Augen, wie man sie bei den Matrosen sieht. Und jene Empfindung des Meeres, des unendlichen Raumes, die er eben noch in der Nähe des Guggigletschers gehabt, fand Tartarin hier angesichts dieser Matrosen des gefrornen Meeres wieder, in der engen, niedern, rauchigen Hütte, einem wahren Zwischendeck, in dem Abtropfen des Schnees vom Dache, das von der Wärme innen zu schmelzen begann, in den heftigen Windstössen, die an Allem rütteln, unter denen die Bretter krachen, die Flamme der Lampe zittert und die plötzlich wieder in einem ungeheuren, unnatürlichen, an das Weltende mahnenden Schweigen verstummen. Man hatte eben das Essen beendigt, als schwere Schritte und laute Stimmen sich näherten. Heftige Stösse erschütterten die Thür. Tartarin, sehr aufgeregt, blickte auf seine Führer.... Ein nächtlicher Angriff auf solcher Höhe!... Die Stösse wurden immer stärker. «Wer da?» rief unser Held, auf seine Eishacke zueilend. Aber schon standen zwei Riesenyankees, weisse Schleier über den Gesichtern, die Kleider von Schweiss und Schnee durchnässt, in der Hütte, und hinter ihnen Führer, Träger, eine ganze Karawane, die eben von der Jungfrau herunterkam. «Seien Sie willkommen, Milords», sagte der Tarasconnese, und dies mit einem Entgegenkommen und einer einladenden Geste, deren die Lords durchaus nicht bedurften, um es sich bequem zu machen. Im Handumdrehen ist der Tisch in Besitz genommen, das Draufstehende abgeräumt, werden die Schüsseln und Löffel nach der in allen Klubhütten gültigen Regel in warmem Wasser gewaschen, rauchen die Stiefeln der Lords am Ofen, während sie selber, nachdem sie ihre Füsse mit Stroh umwickelt haben, vor einer frischen Zwiebelsuppe sitzen. Die Amerikaner waren Vater und Sohn, zwei rothhaarige Riesen, etwas wie Pfadfinder aus dem fernen Westen, harte, willensstarke Physiognomien. Der Eine von beiden, der Aeltere, hatte in dem aufgetriebenen, straffen, rothfleckigen Gesicht weit aufgerissene, leere Augen. An seinem Tasten nach dem Löffel und der Schüssel, an der Fürsorge, die sein Sohn für ihn zeigte, merkte Tartarin, dass dies der famose blinde Bergsteiger war, von dem er im Hotel Bellevue hatte reden hören und an den er nicht hatte glauben wollen. Ein vorzüglicher Kletterer von Jugend auf, erneuerte der nun Sechzigjährige trotz seiner Blindheit mit seinem Sohne alle Bergfahrten, die er ehemals gemacht. So hatte er das Wetterhorn und die Jungfrau schon bestiegen. Er rechnete noch auf die Ueberwindung des Matterhorns und des Montblanc; die Luft auf den Höhen, der Odem des Schnees verursache ihm ein unbeschreibliches Wonnegefühl, es erinnere ihn an seine jugendliche Rüstigkeit, versicherte er. «Aber sagen Sie, fragte Tartarin einen der Träger, denn die Yankees waren nicht mittheilsam und antworteten nur mit yes und no auf all sein Entgegenkommen... da er nicht sieht, wie macht er es an gefährlichen Stellen? – O, er hat einen sichern Fuss, dann ist sein Sohn dabei; der stellt ihm die Absätze.... Thatsache ist es, dass er sich stets ohne Unfall aus jeder Gefahr gezogen hat. – Umsomehr als die Unfälle nie sehr fürchterlich sind, qué? » Und auf das verblüffte Gesicht, mit welchem der Träger sein schlaues Lächeln beantwortete, war Tartarin nur um so fester überzeugt, dass «Alles dies nur ein fauler Zauber» war. Er streckte sich in seine Decke gehüllt, die Kappe bis über die Augen hinabgezogen, auf das Brett und schlief trotz der Lampe, des Lärms, des Tabakrauchs und des Zwiebelngeruchs fest ein.... «Mossie!... Mossie!...» Einer der Führer schüttelte ihn, um ihn auf die Beine zu bringen, während der andre heissen Kaffee in die Schüsselchen goss. Es fielen einige Flüche; die Schläfer, denen Tartarin auf den Leib trat, um an den Tisch und an die Thür zu gelangen, knurrten. Plötzlich stand er draussen in der Kälte, geblendet von der feenhaften Spiegelung des Mondlichtes auf dem weissen Boden, dem erstarrten Strom, auf welchem die Schatten der Gräte, der Pfeiler, der Nadeln sich tief schwarz abzeichneten. Es war nicht mehr das glitzernde Chaos vom Nachmittag, noch die fahle, bleigraue Färbung des späten Abends, sondern eine von dunklen Gassen, geheimnissvollen Schlupfwinkeln, verdächtigen Spelunken neben marmornen Denkmälern und verwitterten Ruinen durchzogene Stadt, eine todte Stadt mit weiten öden Plätzen. Zwei Uhr! Bei kräftigem Marsch werde man Mittags droben sein.... « Zou! » sagte der P. C. A. Er war ganz heiter, als ging's zum Tanze. Seine Führer aber liessen ihn Halt machen. Für die gefährlichen Stellen war es nun Zeit, die Seile zu brauchen. «Ach was! Sich anbinden?... Na wenn das Ihnen Vergnügen macht....» Christian Inebnit ging an der Spitze, er liess drei Meter Seil zwischen sich und Tartarin, den dieselbe Entfernung von dem zweiten, mit den Nahrungsmitteln und dem Banner versehenen Führer trennte. Der Tarasconnese hielt sich tapferer als am Abend vorher, und er musste in der That seine feste Ueberzeugung sich gemacht haben, da er die Schwierigkeiten des Weges gar nicht ernsthaft nahm; wenn man überhaupt die scharfe Eiskante, auf welcher sie vorsichtig vorwärts rückten, und die nur einige Centimeter breit und so glatt war, dass Christian erst Stufen hauen musste, einen Weg nennen kann. Und der Grat erhob sich zwischen zwei tiefen Abgründen. Wer jedoch glaubt, dass Tartarin sich fürchtete, der ist in einem grossen Irrthum. Kaum ein leichter, oberflächlicher Schauer wie beim Novizen des Freimaurerthums, den man die ersten Prüfungen bestehen lässt. Er setzte seine Füsse ganz genau in die von dem vorangehenden Führer gehauenen Löcher, that Alles, was er jenen thun sah und eben so ruhig wie in seinem Gärtchen, als er da zum grossen Schrecken der Goldfische auf dem Rande des Bassins seine Uebungen machte.... An einer Stelle war der Grat so schmal, dass man sich rittlings auf denselben setzen musste, und während sie langsam vorwärts rückten, sich gegenseitig mit den Händen helfend, ertönte rechts unter ihnen ein furchtbarer Krach. «Eine Lawine!» sagte Inebnit und er regte sich nicht, so lange der Schall von Wand zu Wand erschütternd, himmelstürmend sich wiederholte und in einem langen Donnergetöse dahinrollte, schwächer und schwächer in der Ferne sich verlierend. Dann breitete das Schweigen sich wieder gleich einem Leichentuch über die erschrockene Welt. Nachdem sie den Grat überschritten hatten, gelangten sie auf ein ziemlich sanft ansteigendes Firnfeld von unendlicher Länge. Sie kletterten seit mehr als einer Stunde. als eine leichte rosige Linie die Gipfel zu färben begann, oben, hoch oben über ihren Köpfen. Der Morgen kündete sich an. Als ein ächter Meridionale und geborner Feind der Dunkelheit stimmte Tartarin sein heitres Lied an: Grand souleù de la Provenço Gai compaire dou mistrau Grosse Sonne der Provence, – Lustgefährte des Mistral. ... Ein rascher Ruck des Seils von vorn und hinten gebot ihm, mitten in seinem Sang einzuhalten: «Scht!... scht!...» und Inebnit zeigte ihm mit der Spitze seiner Hacke die drohende Linie riesiger, auf unsicherem Grunde leicht beweglicher Schneemassen, welche die geringste Erschütterung zum Stürzen bringen konnte. Der Tarasconnese aber wusste ja, was er davon zu halten hatte; ihm sollte man mit solchen Flausen nicht kommen, und mit helltönender Stimme begann er wieder zu singen: Tu qu'escoulès la Duranço Commo un flot dé vin de Crau Du, die du die Durance verschluckest – Wie ein Glas Crauer Wein. . Die Führer, die wohl einsahen, dass sie den rasenden Sänger nicht zur Vernunft bringen würden, machten einen grossen Umweg, um sich von dem Bereich der Lawinen zu entfernen. Sie wurden aber bald von einem ungeheuren Gletscherspalt festgehalten, dessen mattgrüne Wände von einem heimlichen ersten Sonnenstrahl beleuchtet wurden. Eine sogenannte Schneebrücke geleitete hinüber, aber sie war so dünn, so gebrechlich, dass sie nach dem ersten Schritt auf dieselbe in einem weissen Staubwirbel zusammenstürzte, und den ersten Führer mit Tartarin hinunterzog, die beide nur noch an dem Seil hingen, welches Rudolf Kaufmann, der Führer hinten, der sich mit der ganzen Stärke eines Alpenbewohners an seine tief in das Eis hineingetriebene Hacke klammerte, ganz allein festhalten musste. Wenn er aber die beiden Männer von dem weiteren Sturz in den Abgrund bewahren konnte, so fehlte ihm doch die Kraft, sie zurückzuziehen, und er blieb mit gestreckten Muskeln und die Zähne aufeinander gebissen auf seinem Platz hingekauert, zu weit entfernt indessen von dem Spalt, um zu sehen, was dort vorging. Anfangs von dem Falle betäubt, vom Schnee erblindet, schlug Tartarin eine Minute unbewusst mit Armen und Beinen gleich einem lahmen Hampelmann um sich; dann fühlte er sich, den Kopf nach oben, am Seil über dem Abgrund hängen, die Nase an der Eiswand, die sein Athem glättete, in der Situation eines Spenglers, der eine Dachrinne zuzulöthen hat. Ueber sich sah er den Himmel erbleichen, die letzten Sterne verschwinden, unter sich den Abgrund in undurchdringlicher Finsterniss, aus welcher ein eisiger Hauch emporstieg. Und doch, nachdem die erste Betäubung vorüber war, fand er seine Zuversicht, seinen guten Humor wieder: « Hé da oben, Papa Kaufmann, lassen Sie uns da unten nicht vermodern, qué? Es zieht hier ganz schauderhaft und dann schneidet Einem das verdammte Seil in die Seiten.» Was sollte Kaufmann darauf antworten? Wenn er die Zähne von einander that, war es um seine Kraft dahin. Inebnit aber rief ihm von unten zu: « Monsié!... Monsié!... Eishacke!....» Er hatte die seinige beim Sturz verloren. Als dann das gewichtige Werkzeug wegen der Entfernung der beiden Hängenden nicht ohne Schwierigkeit aus den Händen Tartarin's in diejenigen des Führers gelangt war, bediente sich dieser derselben, um sich in das Eis Löcher zu hauen, in die er dann seine Hände und Füsse stemmen konnte. Nachdem das an dem Seile hängende Gewicht solcher Weise um die Hälfte geringer geworden war, begann Rudolf Kaufmann mit wohl bemessner Kraft und unendlicher Vorsicht den Präsidenten zu sich zu ziehen, dessen tarasconnesische Kappe endlich am Rande des Gletscherspalts erschien. Auch Inebnit fasste nun Fuss und die beiden Führer standen wieder nebeneinander und wechselten, wie es bei dieser Art Leuten, die nicht viel zu reden gewohnt sind, kaum anders sein konnte, nur einige kurze Worte nach der überstandenen Gefahr. Sie waren innerlich erregt und ihre Glieder zitterten von der Anstrengung. Tartarin musste ihnen seine Flasche Kirsch reichen, um sie neu zu stärken. Er selbst schien wohl und munter zu sein, und während er sich schüttelte und trampelnd den Takt sich dazu schlug, trällerte er sich sein Lied Angesichts der verblüfften Führer. «Braver, braver Franzos,» sagte Kaufmann, ihm auf die Schulter klopfend. Tartarin aber antwortete darauf lächelnd: «Sie Schäker, ich wusste wohl, dass keine Gefahr dabei war....» So lange es Führer auf den Alpen gab, hatte man einen solchen Bergsteiger noch nicht gesehen. Sie brachen wieder auf und kletterten eine riesenhafte Eiswand von sechs- bis achthundert Meter Höhe hinan, stets sich Stufen einhauend, was sie viel Zeit kostete. Unser Tarasconnese fühlte sich unter der glänzenden Sonne, welche das Weiss der Landschaft blendend zurückstrahlte, dem Ende seiner Kräfte nahe, und seine Augen wurden um so mehr davon angegriffen, als er seine Schneebrille im Abgrund verloren hatte. Bald wurde er von einer schrecklichen Schwäche überrascht, jener Bergkrankheit, welche dieselben Wirkungen wie die Seekrankheit hervorruft. Lendenlahm, den Kopf hohl, die Beine machtlos, konnte er nicht mehr vorwärts, und die Führer mussten ihn, jeder von einer Seite, wie am Abend vorher, anfassen, ihn unterstützen und bis oben auf die Eismauer hinaufhissen. Jetzt fehlten nur noch hundert Meter bis zur Spitze der Jungfrau; aber obgleich der Schnee hart und der Weg leicht war, kostete sie diese letzte Strecke eine unendliche Zeit, da die Müdigkeit und die Athembeschwerden des P. C. A. fortwährend zunahmen. Plötzlich liessen die Führer ihn los und ihre Hüte schwenkend, schmetterten sie einen hellen Jodler hinaus. Man war auf dem Gipfel. Der Punkt in dem unbefleckten Raum, der weisse etwas abgerundete Grat war das Ziel und für den guten Tartarin das Ende des somnambulen Zustandes, in welchen er seit einer Stunde versunken war. «Scheideck, Scheideck!» riefen die Führer und sie zeigten ihm tief unten, in grosser Entfernung auf einem grünen Plätzchen, das aus dem Nebel im Thal auftauchte, das Hotel Bellevue, etwa so gross wie ein Würfel. Von da bis zu ihnen herauf breitete sich ein wunderbares Panorama aus, aufsteigende Schneefelder, von der Sonne in Gold und Orangefarbe verklärt, oder in tiefes kaltes Blau getaucht, fantastisch anstrebende Eisthürme, Pfeiler, Nadeln, Gräte, Riesenkuppeln, als wölbten sie sich über das Grab eines vorweltlichen Mastodon oder Megatherium. Alle Farben des Prismas spielten und vereinigten sich hier in dem Bette ungeheurer Gletscher, ihre Eiswasserfälle abwärts zielend und sich mit anderen, kleineren erstarrten Strömen kreuzend, deren Oberfläche unter den brennenden Sonnenstrahlen in leuchtende Flüssigkeit sich verwandelte. Ganz oben auf der Höhe aber milderte sich das Glitzern und Flimmern, ein kaltes gespenstisches Licht schwebte hier, darob Tartarin erschauerte gleichwie über die Stille und die Einsamkeit dieser weissen Einöde mit ihren geheimnissvollen dunklen Schluchten. Ein wenig Rauch, ein dumpfer Knall tönte vom Hotel herauf. Man hatte sie gesehen, man löste ihnen zu Ehren einige Böllerschüsse, und der Gedanke, dass man auf ihn schaute, dass seine Klubkameraden unten waren, und die misses , die gelehrten Berühmtheiten, und dass sie Alle ihre Fernrohre auf ihn gerichtet hatten, erinnerte ihn an die Grösse seiner Mission. Ja, er entriss dich den Händen des Führers, heiliges Banner von Tarascon, er schwenkte dich zwei oder drei Mal. Dann stiess er seine Hacke in den Schnee, setzte sich auf den Rücken des Eisens, das Banner in der Faust, das Gesicht stolz den wimmelnden Punkten in der Tiefe zugekehrt. Und ohne dass er es gewahr wurde, zeichnete sich am Himmel infolge einer auf jenen Höhen nicht seltnen, zwischen der Sonne und den hinter ihr sich erhebenden Nebeln entstehenden Spiegelung ein riesenhafter, verbreiterter, stämmiger Tartarin, mit borstigem Bart, der ihm aus der bis über den Nacken reichenden Kopfbedeckung hervorstarrte, einem nordischen Gotte ähnlich, dessen Thron der Volksglaube in die Wolken versetzt. XI Auf nach Tarascon! – Der Genfer See. – Tartarin schlägt eine Fahrt nach dem Kerker Bonnivard's vor. – Kurzer Dialog unter den Rosen. – Die ganze Bande hinter Schloss und Riegel. – Der unglückliche Bonnivard. – Wo ein gewisses, in Avignon fabrizirtes Seil sich wiederfindet. Infolge der Besteigung der Jungfrau schälte sich Tartarin's Nase, sie blühte und seine Wangen wurden rissig. Er blieb im Hotel Bellevue fünf Tage an's Zimmer gebannt. Fünf Tage lang kalte Umschläge, fade, klebrige Salben. Ueber den widerlichen Geruch derselben und die Langeweile suchte er sich durch eifriges Kartenspiel mit den Delegirten hinwegzuhelfen oder auch, indem er ihnen einen langen, eingehenden Bericht über seine Bergfahrt zum Vorlesen im Klub und zum Abdruck im « Forum» diktirte. Dann, als die Steifheit seiner Glieder gewichen war und auf dem edlen Antlitz des P. C. A. nur noch einige Bläschen, Ritzen und etwas Schorf mit dem schönen Farbenhauch etruskischen Geschirrs übriggeblieben war. begab sich die Delegation mit ihrem Präsidenten auf die Reise nach Tarascon via Genf. Uebergehen wir die Episoden der Reise, die Verwunderung, welche die südfranzösische Gesellschaft in den engen Waggons, auf den Dampfbooten, an den Wirthstischen durch ihr Singen und Schreien, ihre überschäumende Herzlichkeit, durch das Banner und die Alpenstöcke hervorrief; denn seit der Bergfahrt ihres Freundes hatten sie sich alle mit diesen Stöcken bewaffnet, auf welche die Namen der berühmtesten Höhenpunkte der Schweiz in einer Spirallinie eingebrannt waren. Montreux! Hier entschlossen sich die Delegirten, auf den Vorschlag ihres Präsidenten, ein oder zwei Tage Halt zu machen, um die berühmten Ufer des Leman zu besuchen, Chillon besonders und darin den sagenhaften Kerker, in welchem der grosse, durch Byron und Delacroix zur Berühmtheit gelangte Patriot Bonnivard geschmachtet hatte. Im Grunde fühlte Tartarin kein grosses Interesse für die Geschichte Bonnivard's, er warf sie in dieselbe Kategorie wie die Tellsage; doch in Interlaken hatte er erfahren, dass Sonia mit ihrem Bruder, dessen Zustand sich verschlimmerte, nach Montreux gereist sei, und die Erfindung einer historischen Pilgerfahrt diente ihm als Vorwand, das junge Mädchen noch einmal zu sehen, sich ihr im vollen Glanz seines Ruhmes zu zeigen und, wer weiss, vielleicht sie zu bestimmen, ihm... nach Tarascon zu folgen. Seine Gefährten waren selbstverständlich fest überzeugt, dass sie nur hierherkamen, um dem Andenken des grossen Genfer Bürgers, dessen Geschichte der P. C. A. ihnen erzählt hatte, ihre Huldigung darzubringen, ja, bei ihrer Vorliebe für theatralische Schaustellungen hätten sie sogar nichts lieber gethan, als gleich nach ihrer Ankunft in Montreux in Reih und Glied mit entfaltetem Banner und dem tausendfach wiederholten Ruf: «Es lebe Bonnivard!» nach Chillon zu marschiren. Der Präsident musste sie beruhigen: «Zuerst wollen wir frühstücken und nachher sehen...» worauf sie von dem mit vielen anderen an der Landungsbrücke wartenden Omnibus irgend einer Pension Müller Besitz nahmen. « Vé, der Gendarm, wie er uns anstarrt!» sagte Pascalon, der mit seiner, stets nur schwer unterzubringenden Fahne zuletzt einstieg. Und Bravida fügte unruhig hinzu: «Das ist wahr.... Was will er nur von uns, der Gendarm, dass er uns so mustert?... – Er hat mich erkannt, wahrhaftig!» sagte der gute Tartarin bescheiden; und er lächelte von Weitem dem Waadtländer Polizisten zu, der in seinem langen blauen Soldatenmantel beharrlich den sich zwischen den Pappeln entfernenden Omnibus im Auge behielt. Es war an jenem Morgen Markt in Montreux. Lange Reihen kleiner Buden, längs des Sees dem vollen Wind ausgesetzt, Verkaufsstände mit Früchten, Gemüsen, billigen Spitzen und mit jenen durchsichtigen Schmucksachen, Ketten, Nadeln, Spangen, die wie verarbeiteter Schnee oder zu Perlen gedrehtes Eis das Nationalkostüm der Schweizerinnen zieren. Dazu kam das lebendige Treiben in dem kleinen Hafen, eine ganze Flotte sich kreuzender, buntbemalter Boote, das Abladen der Säcke und Tonnen von den grossen Lastkähnen mit ihren wie Fühlhörner sich ausstreckenden Segelstangen, das schrille Pfeifen, das Läuten auf den Dampfern, das rege Leben in den am Quai liegenden Kaffees, den Brauereien, Blumen- und Antiquitäten-Läden. Ueber diesem bewegten Bild die helle Sonne, und man hätte sich in einen Seehafen versezt glauben können, an irgend einen mittelländischen Hafenplatz zwischen Mentone und Bordigliera. Doch die Sonne fehlte, und die Tarasconnesen sahen die reizende Gegend nur durch einen Wasserdunst, der von dem blauen See aufstieg, die Abhänge und die engen gepflasterten Strassen hinankletterte, über den Häusern und höher gelegenen Villen hinweg bis in die schwarzen Wolken hineinreichte, die, voll unerschöpflichen Regens, sich zwischen dem dunklen Gebüsch der Berge zusammenballten. «Vermaledeites Loos! Ich bin kein Freund der Seen, sagte Spiridion Excourbaniès, die Scheibe abtrocknend, um die Umrisse von Gletschern, von weissen Nebelbildern zu erspähen, welche den Horizont begrenzten.... – Ich auch nicht, seufzte Pascalon... der ewige Nebel... das stehende Wasser... ich möchte am liebsten weinen.» Bravida auch beklagte sich und fürchtete für seinen Rheumatismus. Tartarin machte ihnen ernstliche Vorwürfe. Galt es ihnen denn gar nichts, bei ihrer Rückkehr erzählen zu können, sie hätten den Kerker Bonnivard's gesehen, ihren Namen auf die denkwürdigen Mauern neben die Unterschriften von Rousseau, Byron, Victor Hugo, George Sand, Eugène Sue eingegraben! Auf einmal hielt der wackre Präsident mitten in seiner Rede inne und wechselte die Farbe.... Er hatte ein kleines Barett über blonden, in die Höhe gewundenen Haaren vorüber gehen sehen.... Ohne nur den auf der ansteigenden Strasse langsamer fahrenden Omnibus anzuhalten, sprang er hinaus, den verdutzten Alpenklubisten ein hastiges «Fahrt in's Hotel» zurufend. «Sonia... Sonia....» Er fürchtete, sie nicht einholen zu können, so eilig schritt sie dahin. Sie wandte sich um und wartete auf ihn: «Ach, Sie sind es....» Und sobald sie ihm die Hand gedrückt hatte, schritt sie weiter. Er blieb ihr zur Seite, ausser Athem, sich bei ihr entschuldigend, sie so plötzlich verlassen zu haben.... Die Ankunft seiner Freunde.... Die unaufschiebbare Bergfahrt, deren Spuren noch auf seinem Gesicht zu sehen waren.... Sie hörte ihm zu, ohne ein Wort zu sagen, ohne ihn anzublicken, mit starrem Auge und den Schritt beschleunigend. Von der Seite gesehen, erschien sie ihm blässer, die Züge hatten die weiche kindliche Offenheit verloren und jetzt etwas Hartes, Entschlossenes angenommen, das sich bisher nur in ihrer Stimme, ihrem unbeugsamen Willen bemerkbar gemacht; doch dabei noch immer der jugendliche Liebreiz, das goldblonde Kraushaar. «Und Boris, wie geht es ihm? fragte Tartarin, etwas bedrückt durch ihr Schweigen und ihre Kälte, die sich ihm mittheilte. – Boris?...» Sie erbebte: «Ach! ja, es ist wahr, Sie wissen es nicht.... Kommen Sie nur, kommen Sie....» Sie schritten einen Feldweg entlang, zwischen Weinbergen, die sich bis zum See abstuften, zwischen Villen, eleganten, von Kieswegen durchzogenen Gärten mit Terrassen voll wilden Weinlaubes, Blumen, Rosen und in Kübeln gepflanzten Betunia- und Myrthenstöcken. Von Zeit zu Zeit begegnete ihnen ein fremdländisches Gesicht mit hohlen Wangen, erloschenem Blick, schleichendem, krankhaftem Gang, wie man sie in Mentone oder Monaco sieht; dort unten nur ergiesst sich über Alles, überfluthet Alles das helle Sonnenlicht, während hier unter dem bewölkten, niederen Himmel das Leiden deutlicher hervortritt, die Blumen aber frischer blühen. «Treten Sie ein...» sagte Sonia, das Gitter unter dem weissen Giebeldach aufstossend, das eine russische Inschrift in goldenen Lettern trug. Tartarin begriff nicht, wo er sich befand. Ein kleiner Garten mit gepflegten Kieswegen, Kletterrosen zwischen grünen Bäumen, grosse Bosquets weisser und gelber Rosen, welche den engen Raum mit ihrem Duft und ihrer Pracht erfüllten. Unter den Rosenguirlanden, in der wundervollsten Blüthenfülle einige Leichensteine, flach liegend oder aufrecht stehend, mit Daten und Namen. Auf einem der kürzlich erst gesetzten Steine die Inschrift: BORIS WASSILIEW, 22 JAHRE ALT. Er lag dort seit einigen Tagen; fast unmittelbar nach ihrer Ankunft in Montreux war er gestorben; und hier auf dem Kirchhof fand er gewissermassen die Heimath wieder zwischen den unter Blumen ruhenden Russen, Polen, Schweden, den Brustleidenden jener kalten Länder, die man in dieses Nizza des Nordens schickt, weil die südliche Sonne zu glühend und der Uebergang zu plötzlich für sie wäre. Sie standen einen Augenblick regungslos, stumm vor dem Leichenstein, dessen makelloses Weiss sich abhob von der schwarzen, frisch aufgeworfenen Erde; das junge Mädchen athmete mit gesenktem Kopf den Duft der überwuchernden Rosen ein, die gerötheten Augen darin kühlend. «Arme Kleine!...» sagte Tartarin bewegt, die Fingerspitzen Sonia's in seine plumpen, rauhen Hände nehmend: «Und Sie, was wird nun aus Ihnen werden?» Sie blickte ihm grade in's Gesicht mit glänzenden, trocknen Augen, in denen keine Thräne mehr zitterte. «Ich? Ich reise in einer Stunde ab. – Sie reisen ab? – Bolibin ist schon in Petersburg.... Manilow erwartet mich an der Grenze.... Ich kehre in den Glühofen zurück. Man wird von uns reden hören.» Ganz leise, mit halbem Lächeln, fügte sie hinzu, den blauen Blick in die Augen Tartarin's versenkend, die ihr scheu auswichen: «Wer mich liebt, folge mir!» Ach, ihr folgen! Ihr überspanntes Wesen flösste ihm zu grosse Angst ein; auch hatte die Kirchhofsstimmung um ihn her seine Liebe abgekühlt. Für ihn handelte es sich nur noch darum, nicht wie ein armseliger Tropf die Flucht zu ergreifen. Und die Hand auf's Herz legend, mit einer Geberde, die des letzten Abencerragen würdig gewesen wäre, begann der Held: «Sie kennen mich. Sonia....» Sie verlangte nichts weiter zu hören. «Schwätzer!...» sagte sie, die Achseln zuckend. Und sie entfernte sich, hoch aufgerichtet und stolz zwischen den Rosengebüschen, ohne sich ein einziges Mal umzuwenden.... Schwätzer!... nicht ein Wort mehr, aber der Ton war so verächtlich, dass der gute Tartarin bis unter den Bart roth wurde und sich vergewisserte, ob sie auch wirklich allein in dem Garten waren und Niemand sie gehört hatte. Bei unserem Tarasconnesen waren die Eindrücke glücklicherweise nicht von langer Dauer. Fünf Minuten darauf erstieg er behenden Schrittes die Terrassen von Montreux, Umschau haltend nach der Pension Müller, in der seine Alpenklubisten bei einem guten Frühstück vermuthlich schon auf ihn warteten; seiner ganzen Person merkte man eine wirkliche Erleichterung und die Freude an, einem so gefährlichen Liebesverhältniss ein Ende gemacht zu haben. Während des Gehens gab er durch energisches Kopfschütteln den beredten Auseinandersetzungen Nachdruck, welche Sonia nicht hatte anhören wollen und die er jetzt innerlich an sich selber richtete: Bé, ja, gewiss, der Despotismus.... Ich sage nicht nein... aber den Gedanken zur That machen.... boufre! Und dann, ein schönes Gewerbe, auf Despoten zu schiessen! Aber wenn alle unterdrückten Völker sich an mich wenden wollten, wie die Araber an Bombonnel, sobald ein Panther den Douar umschleicht, ich könnte sie nimmer befriedigen, allons! Eine im Galopp daherkommende Miethkutsche unterbrach plötzlich seinen Monolog. Er hatte nur noch Zeit, auf das Trottoir zu springen. «So gieb doch Achtung» Dummkopf!» Aber sein zorniger Ausruf verwandelte sich bald in ein verdutztes « Quès aco!... Boudiou! ... Nicht möglich!...» Und der Tausendste würde nicht errathen, was er in jenem alten Landauer erblickte. Die Delegation, ganz vollzählig, Bravida, Pascalon, Excourbaniès, auf dem Vordersitz zusammengedrängt, blass, entstellt, verstört, die frischen Spuren eines Handgemenges an sich, und ihnen gegenüber zwei Gendarmen, den Karabiner in der Faust. Diese regungslosen, stummen Gestalten in dem engen Rahmen des Kutschenfensters! Es sah einem bösen Traum gleich, und Tartarin, stehen bleibend, angenagelt, wie damals auf dem Gletscher durch seine Whymper'schen Eissporen, sah das fantastische Fuhrwerk im Galopp davonrollen, verfolgt von einer Schaar Buben, die mit dem Ranzen auf dem Rücken aus der Schule kamen, als ihm Jemand in's Ohr schrie: «Und hier der Vierte!...» In demselben Augenblick gepackt, gebunden, wird er seinerseits in einen «Locati» geschoben. Neben ihm nehmen mehrere Gendarmen Platz, unter ihnen ein Offizier mit einem riesenhaften Säbel, den er aufrecht zwischen den Beinen hielt, so dass der Griff fast die Wagendecke berührte. Tartarin wollte reden, Aufklärungen geben. Es lag augenscheinlich ein Irrthum vor.... Er gab seinen Namen, seinen Geburtsort an, berief sich auf seinen Konsul, auf einen schweizerischen Honighändler Namens Ichener, den er auf der Messe in Beaucaire kennen gelernt hatte. Nun glaubte er dem beharrlichen Schweigen seiner Wächter gegenüber an eine neue Finte aus dem Zauberreich Bompard's, und sich an den Offizier wendend, sagte er mit schlauer Miene: «Es ist nur zum Spass, qué! ... ah'. vaï , Sie Schäker, ich weiss ja, dass es nur zum Spass ist. – Kein Wort weiter, oder ich lasse Sie knebeln...! sagte der Offizier mit so wildrollenden Augen, dass man glauben konnte, er wolle den Gefangenen auf die Spitze seines Degens spiessen. Tartarin verhielt sich jetzt ruhig, rührte sich nicht mehr und blickte vom Fenster aus auf das sich vor ihm entrollende Bild: da und dort der Wasserspiegel des Sees, das feuchte Grün der Berge, Hotels mit den verschiedensten Dächern und vergoldeten, auf eine Meile weit sichtbaren Schildern, auf den Abhängen ein sich Hin- und Herbewegen von Butten und Tragkörben, gerade wie auf dem Rigi; und auch wie auf dem Rigi eine lächerliche kleine Eisenbahn, ein gefährliches Spielzeug der Mechanik, das bis Glion steil aufwärtsklomm, und um die Aehnlichkeit mit Regina Montium vollständig zu machen, ein senkrecht herniederströmender Regen, ein wechselseitiger Austausch von Wasser und Nebel zwischen Himmel und See, zwischen See und Himmel, dessen Wolken sich mit den Wellen zu verschmelzen schienen. Der Wagen rollte über eine Zugbrücke zwischen kleinen Buden mit Holzschnitzereien, Federmessern, Korkziehern, Taschenkämmchen, fuhr durch einen niedrigen Thorweg und hielt im Hof eines alten Schlosses, das mit Gras überwuchert und von runden, schilderhausförmigen Thürmen mit schwarzen, von kleinen Balken getragenen Zinnen flankirt war. Wo war er? Tartarin wurde darüber aufgeklärt, als er den Gendarmerieoffizier sich mit dem Schlosspförtner streiten hörte, einem dicken Mann in griechischer Mütze, der mit einem Bund verrosteter Schlüssel rasselte. «Strenge Haft... eine besondere Zelle?... Aber ich habe keinen Platz mehr, die Anderen haben Alles besetzt.... Ich müsste ihn denn in Bonnivard's Kerker bringen. – So bringen Sie ihn in Bonnivard's Kerker, der ist gut genug für ihn....» befahl der Offizier, und so geschah es. Das Schloss Chillon, von dem der P. C. A. seit zwei Tagen unausgesetzt mit seinen lieben Alpenklubisten gesprochen hatte, und in dem er sich, durch eine Ironie des Schicksals, plötzlich, ohne zu wissen warum, eingekerkert sah, ist eines der besuchtesten historischen Denkmäler der Schweiz. Nachdem es zuerst als Sommerresidenz der Grafen von Savoyen, darauf als Staatsgefängniss und Zeughaus gedient hatte, ist es jetzt nur noch ein Zielpunkt für Ausflüge, wie Rigi-Kulm und die Tellsplatte. Man hat jedoch einen Gendarmerieposten dort gelassen und ein «Loch» für Trunkenbolde und Missethäter; sie sind aber so selten in dem gesegneten Kanton Waadt, dass das «Loch» immer leer ist, und der Pförtner seinen Holzvorrath für den Winter dort aufbewahrt. Auch hatte ihn die Ankunft all' dieser Gefangenen in die böseste Laune versetzt, hauptsächlich aber der Gedanke, den berühmten Kerker nicht mehr zeigen zu dürfen, um diese Jahreszeit die einträglichste Geldquelle des Schlosses. Voller Wuth zeigte er Tartarin den Weg, der ihm folgte, ohne den geringsten Muth zum Widerstand zu finden. Einige wacklige Stufen, ein modriger Gang, in dem eine wahre Kellerluft herrschte, eine mauerdicke Thür in ungeheuren Angeln, und sie befanden sich in einem geräumigen, gewölbten, unterirdischen Verliess mit gepflastertem Fussboden, schweren, romanischen Pfeilern, in welche noch die Eisenringe gefügt waren, an die man ehemals die Staatsgefangenen kettete. Ein dämmriges Licht und das Blinken und Glitzern des Wasserspiegels fiel durch die engen Kellerlöcher, die nur ein Stückchen Himmel sehen liessen. «Das ist jetzt Ihre Wohnung, sagte der Gefangenwärter.... Aber vor Allem, gehen Sie nicht nach hinten, dort stürzen Sie in den See!» Tartarin wich erschrocken zurück. «In den See!... Boudiou! ... – Was wollen Sie, mein Guter?... man hat mir befohlen, Sie in Bonnivard's Kerker zu stecken.... ich stecke Sie in Bonnivard's Kerker.... Jetzt, wenn Sie die Mittel dazu haben, kann man Ihnen einige Annehmlichkeiten verschaffen, etwa eine Decke und eine Matratze für die Nacht. – Zunächst zu essen!» sagte Tartarin, dem man zu seinem Glück die Börse nicht genommen hatte. Der Schliesser kam mit einem frischen Brod, mit Bier und einer Cervelatwurst zurück; Alles wurde begierig vertilgt von dem neuen Gefangenen in Chillon, der seit dem vorigen Tage gefastet, und dem die eben erlebten Anstrengungen und Gemüthsbewegungen arg zugesetzt hatten. Während er auf seiner Steinbank unter dem schwach hereinschimmernden Tageslicht des Kellerloches ass, musterte ihn der Gefangenwärter mit gutmüthigen Blicken. «Meiner Seel, sagte er, ich weiss nicht, was Sie verbrochen haben und warum man so streng gegen Sie verfährt. – Eh, verwünschtes Loos; das weiss ich eben so wenig, sagte Tartarin mit vollem Munde. – Es steht fest, dass Sie nicht aussehen wie ein Bösewicht, und gewiss wollen Sie auch einen armen Familienvater nicht hindern, etwas zu verdienen. Nicht wahr?... Nun sehen Sie.... Ich habe da oben eine ganze Gesellschaft, die den Kerker Bonnivard's besuchen will....Wenn Sie mir versprechen wollten, sich ganz still zu verhalten und keinen Versuch zur Flucht zu machen....» Der gute Tartarin legte einen Eid darauf ab, und fünf Minuten später war sein Kerker überfüllt von seinen ehemaligen Bekannten von Rigi-Kulm und der Tellsplatte; der dreifache Esel Schwanthaler, der Ineptissimus Astier-Réhu, das Mitglied des Jockeyklubs und dessen Nichte (hm! hm!), Alle mit den Rundreisebillets Cook versehenen Touristen. Beschämt, voller Angst, erkannt zu werden, versteckte der Unglückliche sich hinter die Pfeiler, glitt immer weiter rückwärts, je näher die Touristen kamen, denen der Pförtner mit seiner in schleppendem Ton vorgebrachten Litanei voranschritt: «Hier lag der unglückliche Bonnivard....» Sie kamen langsam heran, aufgehalten durch die Erörterungen der stets sich zankenden Gelehrten, die immer im Begriff schienen, auf einander loszustürzen; der eine seinen Feldstuhl, der andere seine Reisetasche schwenkend, in grotesken Stellungen, welche das durch die Kellerlöcher hereinfallende Dämmerlicht in langen Schatten auf die Wölbungen zeichnete. So weit hatte Tartarin sich zurückgezogen, dass er ganz nahe an ein schwarzes Loch gelangt war, dessen Oeffnung auf gleicher Höhe mit dem Fussboden lag. Der eisige Modergeruch verschollener Jahrhunderte wehte ihm daraus entgegen. Erschrocken stand er still und kauerte sich in einen Winkel, die Mütze über die Augen gezogen, doch der feuchte Salpeterüberzug der Mauern übte seine Wirkung auf ihn und ein erschütterndes Niesen, bei welchem die Touristen entsetzt zurückfuhren, machte ihnen seine Anwesenheit bemerkbar. «Sieh da, Bonnivard...» rief die kecke kleine Pariserin in dem Hut aus der Zeit des Direktoriums, und welche der Herr vom Jockeyklub für seine Nichte ausgab. Der Tarasconnese liess sich nicht aus der Fassung bringen. «Sie sind wirklich sehr interessant, vé , diese Burgverliesse,» sagte er in dem natürlichsten Ton von der Welt, als ob er auch den Kerker nur zu seinem Vergnügen besuche; und er mischte sich unter die anderen Reisenden, welche lächelnd in ihm den Alpensteiger vom Rigi-Kulm erkannten, den Anstifter des famosen Balles. « Hé! Mossié... baller, dantser!... » Und vor ihm stand die putzige Gestalt der kleinen Fee Schwanthaler, augenblicklich bereit, mit ihm zum Kontretanz anzutreten. Wirklich, er fühlte grosse Lust zu tanzen. Da er aber nicht wusste, wie er die tolle, kleine Frau los werden sollte, bot er ihr den Arm und zeigte ihr mit vieler Artigkeit seinen Kerker, den Ring, an welchen die Kette des Gefangenen genietet war, die ausgetretene Spur seiner Schritte rund um denselben Pfeiler, und der guten Dame, die ihn mit solcher Unbefangenheit plaudern hörte, wäre niemals die Ahnung gekommen, dass ihr Begleiter ebenfalls ein Staatsgefangener war, ein Opfer menschlicher Ungerechtigkeit und Bosheit. Schrecklich aber war es, als sie sich entfernten, als der unglückliche Bonnivard, nachdem er seine Tänzerin bis zur Thür geleitet hatte, sich bei ihr mit einem weltmännischen Lächeln verabschiedete: «Nein, ich danke, vé .... Ich bleibe noch ein Weilchen hier.» Darauf grüsste er, und der Pförtner, der ihn nicht aus den Augen gelassen, schloss und verriegelte hinter ihm die schwere Thür, zum höchsten Erstaunen Aller. Welche Schmach! Er schwitzte vor Angst, der Unglückliche, während er die verwunderten Ausrufungen der sich entfernenden Touristen hörte. Zu seiner Befriedigung wiederholte sich diese Marter nicht mehr; des schlechten Wetters wegen kam kein neuer Besuch. Ein furchtbarer Wind unter den alten Bohlen, klagende Laute, die aus dem finstern Loch herauftönten wie von unbeerdigten Opfern, dazu der prasselnde Regen, das Klatschen der Wellen gegen die Mauern bis zu den Schiessscharten hinauf, dass der Gischt den Gefangenen durchnässte. Von Zeit zu Zeit unterbrach die Glocke eines Dampfers, das Klappern seiner Räder die Betrachtungen des armen Tartarin, während die Nacht sich grau und düster über den scheinbar sich vergrössernden Kerker legte. Wie sollte er sich seine Gefangennahme, seine Einkerkerung in dieses furchtbare Gewölbe erklären? Costecalde vielleicht... ein Wahlmanöver im letzten Augenblick?... Oder auch die russische Polizei, die von seinen unvorsichtigen Worten, von seinem Verhältniss mit Sonia in Kenntniss gesetzt, seine Auslieferung verlangte. Aber warum dann auch die Delegirten einsperren?... Was konnte man den Unglücklichen vorwerfen, deren Bestürzung und Verzweiflung er sich vorstellte, obwohl sie nicht, wie er, in Bonnivard's Kerker lagen, unter den dichtgefügten Steingewölben, die bei Annäherung der Nacht von Schaaren ungeheurer Ratten, Kakerlaken, unheimlichen Spinnen mit schleichenden, missgestalteten Beinen bevölkert waren. Doch was vermag nicht ein gutes Gewissen! Trotz der Ratten, der Kälte, der Spinnen fand der grosse Tartarin in dem schreckenerregenden Staatsgefängniss, in dem noch die Schatten der Gefolterten schwebten, den schweren, dröhnenden Schlaf, den er, mit offnem Munde, geballten Fäusten, zwischen Himmel und Abgrund, in der Alpenklubhütte gefunden hatte. Er glaubte noch zu träumen, als er am Morgen seinen Gefangenwärter hörte: «Stehen Sie auf, der Bezirksamtmann ist da.... Er will Sie verhören....» Der Mann fügte mit einer gewissen Ehrerbietung hinzu: «Wenn der Bezirksamtmann sich herbemüht, dann müssen Sie ein gewaltiger Bösewicht sein.» Ein Bösewicht! nein, aber er könnte dafür gehalten werden nach einer Nacht in einem feuchten, schmutzigen Kerker, ohne Zeit gehabt zu haben, auch nur die nothwendigste Toilette zu machen. Und in dem früheren, in einen Gendarmerieposten verwandelten Stall des Schlosses, an dessen mit Kalk beworfenen Wänden reihenweise die Gewehre lehnten, erschien Tartarin – nach einem beruhigenden Blick auf seine zwischen den Gendarmen sitzenden Alpenklubisten – vor dem Bezirksamtmann. Er ist sich seines vernachlässigten Aeussern bewusst, jener Magistratsperson gegenüber, die in korrektem, schwarzem Anzug, mit gepflegtem Bart, ihn barsch anfährt: «Sie heissen Manilow, nicht wahr?... Russischer Unterthan.... Brandstifter in Petersburg.... Flüchtling und Mörder in der Schweiz. – Aber warum nicht gar!... Das ist ein Irrthum, ein Missverständniss... – Schweigen Sie, oder ich lasse Sie knebeln...» unterbricht ihn der Offizier. Der korrekte Bezirksamtmann fährt fort: «Um übrigens Ihr Leugnen kurz abzuschneiden.... Kennen Sie dieses? Sein Seil, verwünschtes Loos! Sein aus Draht gedrehtes, in Avignon verfertigtes Seil. Zum Erstaunen der betroffenen Delegirten senkt er das Haupt und sagt: «Ich kenne es. – Mit diesem Seil ist im Kanton Unterwalden ein Mann gehenkt worden....» Tartarin beschwört zitternd, dass er daran unschuldig ist. «Das wollen wir bald sehen!» Und der italienische Tenor wird hereingeführt, der Spion, den die Nihilisten auf dem Brünig, an den Ast einer Eiche gehenkt, und den die Holzhacker wunderbarer Weise gerettet hatten. Der Polizei-Spion blickte zuerst auf Tartarin: «Der ist es nicht!» dann auf die Delegirten: «Die auch nicht.... man hat sich geirrt!» Und der Bezirksamtmann wendet sich an Tartarin: «Was machen Sie denn hier? – Das frage ich mich, vé! ...» antwortete der Präsident mit der vollen Sicherheit der Unschuld. Nach einer kurzen Auseinandersetzung verlassen die der Freiheit zurückgegebenen Alpenklubisten von Tarascon das Schloss Chillon, dessen beängstigende, romantische Melancholie Niemand stärker empfunden hat, als sie. Sie halten sich in der Pension Müller nur so lange auf, um ihr Gepäck und die Fahne zu nehmen und das Frühstück zu bezahlen, das sie nicht Zeit gehabt haben zu verzehren. Darauf nehmen sie den Zug nach Genf. Es regnet. Durch die triefenden Scheiben lassen sich die Namen aristokratischer Sommerfrischen erkennen: Glarens, Vevey, Lausanne. Die schmucken Holzhäuschen, die Gärtchen mit seltenen Zierpflanzen fliegen hinter einem feuchten Schleier vorüber, und überall tropft es von den Zweigen, den Glockenthürmchen der Dächer, den Terrassen der Hotels. In eine kleine Ecke des grossen schweizerischen Salonwagens zusammengedrängt, in dem immer zwei Bänke sich gegenüberstehen, sehen die Alpenklubisten verstört und niedergeschlagen aus. Bravida, mit sehr sauertöpfischer Miene, klagt über Schmerzen, und während der ganzen Fahrt fragt er Tartarin mit grausamer Ironie: «Eh bé! Sie haben ihn gesehen, den Kerker Bonnivard's... Sie wollten ihn durchaus sehen.... Ich meine, sie hätten ihn gesehen, qué! » Excourbaniès, zum ersten Mal in seinem Leben sprachlos, starrte kläglich in den sie begleitenden See: «So viel Wasser, Boudiou! ... Ich nehme gewiss in meinem Leben kein Bad mehr....» Pascalon, ganz stumpfsinnig von dem noch nicht überwundenen Schrecken, hielt sich im Hintergrunde, die Fahne zwischen den Beinen, wie ein ängstlicher Hase, bald nach rechts, bald nach links einen scheuen Blick werfend.... Und Tartarin?... O, er ist am wenigsten zu beklagen. Er liest vergnügt die südfranzösischen Zeitungen, ein dickes, an die Pensionen Müller geschicktes Packet, die alle die Schilderung seiner Jungfrau-Besteigung aus dem Forum abgedruckt haben, dieselbe Schilderung, die er diktirt hat, nur umständlicher, mit den übertriebensten Lobeserhebungen gespickt. Auf einmal stösst der Held einen Schrei aus, einen mächtigen, bis in den hintersten Winkel des Waggons dröhnenden Schrei. Alle Reisenden sind von ihren Sitzen gesprungen; man glaubt an einen Zusammenstoss. Nichts weiter als ein kleiner Artikel im Forum, den Tartarin seinen Alpenklubisten vorliest.... «Hört nur: «Es geht das Gerücht, der von seiner Gelbsucht, die ihn mehrere Tage im Bett hielt, kaum wiederhergestellte V. P. C. A. wird die Besteigung des Montblanc unternehmen, noch höher steigen, als Tartarin....» Ah! der Bandit!... Er will den Effekt meiner Besteigung der Jungfrau vernichten... Gut! warte nur, ich will ihn dir vor der Nase wegschnappen, deinen Berg.... Chamonix ist nur wenige Stunden von Genf entfernt, ich besteige vor ihm den Montblanc! Seid ihr dabei, meine Kinder?» Bravida protestirt dagegen. Outre! er hat genug bekommen von solchen Abenteuern. «Genug und mehr als genug....» brüllt Excourbaniès mit seiner klanglosen Stimme in sich hinein. – Und Du, Pascalon?..» fragt Tartarin sanft. Der Lehrling wagt es nicht, den Blick zu erheben und meckert: «He..e..err...» Auch er wird ihm abtrünnig. «Es ist gut, sagt der Held feierlich, zürnend, ich werde allein gehen, die Ehre für mich allein haben.... Zou! gebt mir das Banner zurück ...» XII Das Hotel Baltet in Chamonix. – Das riecht nach Knoblauch. – Von der Anwendung des Seiles bei Alpenbesteigungen. – Shake hand! – Ein Schüler Schopenhauer's. – Halt bei den Grands-Mulets. – «Tartaréïn, ich muss Sie sprechen....» Auf dem Kirchthurm zu Chamonix schlug es neun Uhr. Der Nordwind blies, es war ein kalter, regnerischer Abend. In den Gassen tiefe Finsterniss, kein Licht in den Häusern. Nur an den Façaden der grossen Gasthöfe und in ihren Vorräumen brannte das Gas, die Nachbarschaft dieser Gebäude war darum nur um so dunkler in dem bleichen Reflex des Schnees auf den Bergen ringsumher. Im Hotel Baltet, einem der besuchtesten und besten des Alpendorfes, hatten die zahlreichen Reisenden und Pensionäre, von den Tagesausflügen ermüdet, sich zurückgezogen. Im grossen Salon befand sich nur noch ein englischer Pastor, der mit seiner Gemahlin friedlich Dame spielte, während seine unzähligen Töchter, mit rohseidenen Latzschürzen geschmückt, fleissig Einladungen zum nächsten Gottesdienst schrieben. Vor dem Kamin, in welchem ein lebhaftes Feuer prasselte, sass ein junger Schwede. Er war mager, blass, schaute düstern Blicks in die Flamme und trank eine Mischung von Kirsch und Selters dazu. Von Zeit zu Zeit schritt ein verspäteter Tourist durch den Saal; seine Kamaschen waren nass, es tropfte von seinem Ueberzieher, er ging an ein grosses, an der Wand hängendes Barometer, er klopfte daran, befragte das Quecksilber nach dem Wetter am nächsten Tage und legte sich ungetröstet zu Bett. Kein Wort, kein anderes Lebenszeichen als das Knistern des Feuers, das Anschlagen des mit Eis gemischten Regens an die Scheiben und das rasende Toben der Arve unter der hölzernen Brücke, einige Meter vom Hotel. Plötzlich öffnete sich die Thür zum Salon, ein silberbetresster Portier trat mit Koffern, Decken, und vier schlotternden Gestalten ein. Der plötzliche Uebergang aus der kalten Finsterniss in das warme Licht erschreckte sie fast. « Boudiou! Ist das ein Wetter. – Zu essen, zou! – Wärmen Sie die Betten, qué! » Sie sprachen Alle mit einander, aus ihren mannigfaltigen Gesichtsumhüllungen die Worte hervorstossend. Man wusste nicht, auf wen man hören sollte, als ein Dicker, den sie den Präsidenten nannten, ihnen Schweigen gebot und noch stärker schrie als sie. «Zuerst das Fremdenbuch!» gebot er. Er durchblätterte es mit erstarrten Fingern und las mit lauter Stimme die Namen der Reisenden, die seit acht Tagen durch das Hotel gezogen waren. «Doctor Schwanthaler und Frau... auch wieder?... Astier-Réhu, Mitglied der Akademie....» So buchstabirte er zwei, drei Seiten, und, wenn er auf einen Namen stiess, der dem von ihm gesuchten ähnlich war, erbleichte er; endlich warf der kleine Mann mit triumphirendem Lachen das Buch auf den Tisch und that einen jungenhaften Luftsprung, der bei seiner Beleibtheit sich sonderbar ausnahm: «Er ist nicht darin... er ist nicht gekommen... Hier hätte er ja doch absteigen müssen. Reingefallen, Costecalde... lagadigadeou! ... jetzt rasch zur Suppe, Kinder!...» Und der wackre Tartarin, nachdem er die Damen gegrüsst, ging nach dem Speisesaal, und hinter ihm drein die hungrige, lärmende Delegation. Ja wohl, die Delegation, Alle, sogar Bravida.... War das möglich?... Was hätte man aber daheim gesagt, wenn sie ohne Tartarin zurückgekehrt wären! Das fühlte Jeder. Deshalb war auch das Büffet des Bahnhofes in Genf in der Trennungsminute Zeuge einer hochpathetischen Scene: Thränen, Umarmungen, ein herzbrechender Abschied vom Banner. Und am Ende dieses Abschieds schachtelten sie sich sämmtlich in dem Landauer ein, den der P. C. A. für die Fahrt nach Chamonix gemiethet hatte. Ein herrlicher Weg, den sie mit geschlossenen Augen, in ihre Decken gehüllt und unter sonorem Schnarchen zurücklegten, ohne nur auf die wundervollen Landschaft zu blicken, die selbst beim Regen von Sallanches ab sich entrollte: Schluchten, Wälder, schäumende Wasser, und je nach den Windungen, bald sichtbar, bald entflohen, der Gipfel des Montblanc über den Wolken. Von dieser Art Naturschönheiten schon gesättigt, dachten unsere Bürger von Tarascon nur daran, die schlimme Nacht hinter den Gittern des Schlosses Chillon wieder gut zu machen. Und auch jetzt noch, da man ihnen an einem Ende des langen Speise-Saals im Hotel Baltet eine aufgewärmte Suppe und die Reste von der Table-d'hôte servirte, assen sie mit Heisshunger in sich hinein, ohne ein Wort zu sagen, nur mit dem Gedanken an das warme Bett beschäftigt. Plötzlich erhob Spiridion Excourbaniès, der halb im Traum Alles hinunterschlang, seine Nase von dem Teller und schnüffelte rings umher: « Outre! rief er aus, das riecht nach Knoblauch!... – Gewiss, sagte Bravida, so riecht es.» Und Alle, von diesem Gruss aus der Heimath, diesem Duft der Nationalgerichte, den Tartarin seit Wochen nicht mehr genossen hatte, zu frischem Leben erweckt, rückten, gierig-unruhig, auf ihren Stühlen hin und her. Das kam aus einem kleinen Zimmer hinten neben dem Saal, wo ein Reisender allein speiste, gewiss eine wichtige Person, denn in jedem Augenblick zeigte sich eine weisse Mütze an dem nach der Küche hinführenden Schieber, wo der Koch höchst-eigenhändig der Kellnerin kleine bedeckte Schüsseln hinreichte, die sie nach jener Richtung hin trug. «Gewiss Jemand aus dem Süden», murmelte der sanfte Pascalon. Der Präsident war bei dem Gedanken an Costecalde kreidebleich geworden und kommandirte: «Gehen Sie hin, Spiridion... sehen Sie nach und erzählen Sie, was Sie gesehen haben....» Ein ungeheures Gelächter erschallte aus dem Nebenzimmer, in das der Gong auf Befehl seines Präsidenten getreten war, und aus welchem er jetzt einen baumlangen Menschen mit grosser Nase und schelmischen Augen, die Serviette, wie beim gastronomischen Pferd, um den Hals geknüpft, an seiner Hand hereinführte: « Vé! Bompard.... – Té! der Lügner.... – Hé! adieu, Gonzague.... Wie geht es Dir? – Gehorsamer Diener, meine Herren...» sagte der Courrier. Er schüttelte einem Jeden die Hand und setzte sich an den Tisch der Tarasconnesen, um mit ihnen eine Schüssel mit Knoblauch gewürzter Schwämme zu verzehren, welche die Mutter Baltet zubereitet hatte, die, gleich ihrem Manne, ein Entsetzen vor der Küche der Table-d'hôte hatte. War es das Nationalgericht oder die Freude, einen Landsmann, jenen prächtigen Bompard mit seiner unerschöpflichen Fantasie angetroffen zu haben? Müdigkeit und Schläfrigkeit waren sofort wie weggeblasen, man liess den Champagner knallen und, den hellen Schaum an den Schnurrbärten, lachten sie, schrieen und gestikulirten sie und fassten sie sich, eine Lust und eine Liebe, um die Hüften. «Ich verlasse Euch nicht mehr, vé! sagte Bompard.... Meine Peruaner sind fort, ich bin frei.... – Frei... Ja, dann gehen Sie morgen mit mir auf den Montblanc! – So, Sie gehen morgen auf den Montblanc?» erwiderte Bompard ganz ohne Begeisterung. «Ja, und ich nehme ihn Costecalde vor der Nase weg.... Wenn er kommt.... (Tartarin that hier einen sehr verständlichen Pfiff).... kein Montblanc mehr.... Sie machen mit, qué , Gonzague? – Ich mache mit... mache mit... wenn das Wetter danach ist.... Die Besteigung bei dieser Jahreszeit ist nicht immer sehr bequem. – Ach was, nicht bequem», erwiderte der wackre Tartarin und er faltete seine Augenwinkel zu dem Lachen eines Auguren, das Bompard jedoch nicht zu verstehen schien. «Kommt nur in den Salon und lasst uns Kaffee trinken.... Wir können uns bei Papa Baltet Rath holen. Er versteht sich darauf, er, der frühere Führer, der siebenundzwanzig Mal den Berg bestiegen hat.» Die Delegirten schrieen auf: «Siebenundzwanzig Mal! Boufre! – Bompard übertreibt immer...» sagte der P. C. A. streng, mit einem Anflug von Neid. Im Salon fanden sie die englischen Pfarrerstöchter noch immer über die Einladungsbriefe gebückt, Vater und Mutter waren über dem Damenbrett eingenickt, und der lange Schwede rührte theilnahmlos seinen Grog. Doch der Ueberfall der vom Champagner angeregten tarasconnesischen Alpenklubisten bot den jungen Briefschreiberinnen begreiflicherweise eine kleine Zerstreuung. Noch niemals hatten es die liebenswürdigen Mädchen erlebt, dass ein Kaffee mit so viel Gesten und Augenverdrehen getrunken wurde. «Etwas Zucker, Tartarin? – Nicht doch, Kommandant.... Sie wissen wohl.... Seit ich in Afrika war!... – Das ist wahr, verzeihen Sie.... Té! da ist ja Herr Baltet! – Setzen Sie sich zu uns, qué , Herr Baltet. – Es lebe Herr Baltet!... ah! ah!.... fen dé brut .» Umdrängt von all' diesen Leuten, die er noch nie in seinem Leben gesehen hatte, lächelte Papa Ballet in seiner ruhigen Weise; ein kräftiger, grosser und breitschultriger Savoyarde, mit rundem Rücken, gemessenem Schritt, in dem vollen, rasirten Gesicht zwei noch jugendlich blickende, schlaue Augen, die einen merkwürdigen Gegensatz bildeten zu seinem Kahlkopf, den er sich durch eine Erkältung bei Sonnenaufgang im Schnee geholt hatte. «Die Herren wollen den Montblanc besteigen?» sagte er, die Tarasconnesen mit einem zugleich demüthigen und ironischen Blick messend. Tartarin war im Begriff zu antworten, Bompard kam ihm zuvor. «Nicht wahr, die Jahreszeit dazu ist schon sehr weit vorgerückt? – Nicht doch, antwortete der ehemalige Führer.... Jener schwedische Herr wird ihn morgen besteigen, und Ende der Woche erwarte ich zwei Amerikaner, die ihn gleichfalls besteigen wollen. Einer von ihnen ist sogar blind. – Ich weiss. Ich bin ihnen auf dem Guggi begegnet. – Ach? Sie waren auf dem Guggi? – Vor acht Tagen, als ich die Jungfrau bestieg.» Es entstand eine Bewegung unter den Pfarrerstöchtern; alle Federn ruhten, die Köpfe wandten sich Tartarin zu, der in den Augen der Engländerinnen, jede eine unerschrockene Bergsteigerin und in allen Arten Sport erfahren, zu einer bedeutenden Autorität wurde. Er hatte die Jungfrau bestiegen! «Ein schönes Stück Arbeit!» sagte Papa Baltet, den P. C. A. voller Verwunderung betrachtend, während Pascalon, durch die Damen eingeschüchtert, erröthend und stotternd murmelte: «He...e...e...err! erzählen Sie ihnen doch die... die... Geschichte... den Spalt....» Der Präsident lächelte: «Du Kindskopf!» und doch begann er die Erzählung von seinem Sturz, zuerst ruhig, gleichgültig, darauf mit heftigem Geberdenspiel, wie er über dem Abgrund an dem Seilende zappelte, die Hände ausstreckend um Hilfe rief. Die jungen Mädchen zitterten, sie verschlangen ihn mit ihren kalten, runden, britischen Augen. Die nun folgende Stille wurde von der Stimme Bompard's unterbrochen: «Auf dem Chimborazo haben wir uns niemals festgebunden, um über die Spalten zu kommen.» Die Delegirten warfen sich Blicke zu. Als Tarasconnade übertraf dieses doch Alles. «O! über den Bompard, wenigstens...» murmelte Pascalon mit aufrichtiger Bewunderung. Doch Papa Baltet, der den Chimborazo ernsthaft nahm, protestirte gegen die Thorheit, sich nicht anzubinden; seiner Meinung nach war es nicht möglich, über Eisfelder zu kommen ohne ein starkes Seil aus Manillahanf. Gleitet Einer aus, so halten die Anderen ihn wenigstens zurück. «Vorausgesetzt, dass das Seil nicht reisst, Herr Baltet,» sagte Tartarin, sich an die Katastrophe auf dem Matterhorn erinnernd. Doch der Gastwirth, jedes Wort betonend, erklärte: «Nicht das Seil ist gerissen auf dem Matterhorn.... Der den Zug schliessende Führer hat es mit seiner Axt durchschnitten....» Und da Tartarin seine Entrüstung hierüber ausdrückte, so erläuterte er: «Entschuldigen Sie, Herr, der Führer war in seinem Recht.... Er sah die Unmöglichkeit ein, die Anderen zurückzuhalten, und er hat sich von ihnen frei gemacht, um sein Leben, das seines Sohnes und des Reisenden zu retten, den sie begleiteten... ohne seine Entschlossenheit hätte man sieben anstatt vier Opfer gezählt.» Daraus entspann sich eine Diskussion. Wenn man sich einer hinter dem anderen anbindet, behauptete Tartarin, so ist es eine Ehrensache, zusammen zu leben und zu sterben. Sich erhitzend und angefeuert durch die Gegenwart der Damen, wandte er seine Aussage auf Thatsachen, auf die anwesenden Personen an. «Morgen zum Beispiel, té! wenn ich mich mit Bompard zusammenbinde, so ist dies keine blosse Vorsichtsmassregel, es ist so viel wie ein Eid vor Gott und den Menschen, mit meinem Gefährten eins zu sein, und lieber zu sterben, als ohne ihn heimzukehren. – Ich nehme den Eid für mich wie für Sie an, Tartarin...» rief Bompard von der anderen Seite des Tisches herüber. Ein erschütternder Augenblick! Der Pfarrer erhob sich begeistert, und der Held musste ein Händeschütteln über sich ergehen lassen, ein echt englisches, wie mit einem Pumpenschwengel. Seine Frau that ein Gleiches, und alle ihre Töchter setzten das «Shake hand» mit einer Kraftanstrengung fort, die hingereicht hätte, das Wasser bis in ein fünftes Stockwerk hinaufzupumpen. Die Delegirten, wie ich gestehen muss, bezeigten keinen so grossen Enthusiasmus. «Eh, bé! Ich, sagte Bravida, ich bin derselben Meinung wie Herr Baltet. Bei einer solchen Affaire sorgt Jeder für seine eigene Haut, té , wahrhaftig! und ich begreife sehr gut den Hieb mit der Axt.... – Sie setzen mich in Erstaunen, Placide,» sagte Tartarin streng. Und ganz leise murmelte er: «Beherrschen Sie sich doch, Unseliger, England beobachtet uns....» Der alte Haudegen, der wirklich seit dem Ausflug nach Chillon einen innerlichen Groll bewahrt hatte, machte eine bedeutsame Geberde: «Was geht mich England an....» Und vielleicht hätte er sich von dem über einen solchen Cynismus erzürnten Präsidenten einen tüchtigen Verweis zugezogen, wenn der junge Mann mit dem lebensmüden Ausdruck, der sich von Grog und Trübsinn nährte, sein schlechtes Französisch nicht in die Unterhaltung gemischt hätte. Er auch fand, der Führer habe Recht gehabt, das Seil zu durchschneiden: Vier noch junge Unglückliche, die verurtheilt waren, noch eine gewisse Zeit zu leben, von diesem Dasein zu erlösen, durch eine einzige Bewegung sie der Ruhe, dem Nichts überliefern... welch' eine edle, hochherzige That! Tartarin rief laut: «Wie, junger Mann! in Ihrem Alter mit solchem Ueberdruss, solcher Bitterkeit vom Leben zu reden!... Was hat es Ihnen denn so Schlimmes gethan? – Nichts, es langweilt mich....» Er studirte in Christiania Philosophie, und für die Ideen Schopenhauer's und Hartmann's gewonnen, fand er das Leben düster, abgeschmackt, chaotisch. Nicht weit vom Selbstmord entfernt, hatte er auf die Bitten seiner Eltern seine Bücher geschlossen und sich auf Reisen begeben, doch überall dieselbe Langeweile, dasselbe düstre Elend des Lebens gefunden. Tartarin und seine Freunde schienen ihm die einzigen, mit dem Leben zufriedenen Personen zu sein, denen er begegnet war. Der gute P. C. A. lachte: «Das bringt die Rasse mit sich, junger Mann, so sind wir Alle in Tarascon. Das auserwählte Land des lieben Gottes. Vom Morgen bis zum Abend wird gelacht, gesungen, und während der übrigen Zeit die Farandola getanzt... sehen Sie, so... té! » Und er machte einen Luftsprung, so leicht und behende, wie ein dicker Maikäfer, der seine Flügel ausspannt. Aber die Delegirten besassen nicht die Nerven von Stahl und die unverwüstliche Heiterkeit ihres Präsidenten. Excourbaniès grollte: «Der présidain verschwatzt sich... das dauert am Ende bis Mitternacht.» Bravida stand auf und sagte wüthend: «Wir wollen zu Bette gehen, vé! Ich halte das Gliederreissen nicht mehr aus....» Tartarin stimmte ihm bei, an die Bergfahrt des nächsten Morgens denkend; und die Tarasconnesen stiegen, mit der Kerze in der Hand, die breiten, zu den Zimmern führenden Granitstufen hinauf, während Papa Baltet die Essvorräthe besorgte, die Saumthiere und Führer miethete.   « Té! es schneit....» Mit diesem Ausruf erwachte der gute Tartarin, als er die Scheiben mit Reif bedeckt und das Zimmer von weissem Glanz erfüllt sah; doch als er den kleinen Rasirspiegel an den Fensterknopf hing, sah er seinen Irrthum ein; der Montblanc, der ihm gegenüber in vollem Sonnenglanz schimmerte, verbreitete die Helle. Er öffnete das Fenster dem schneidenden, belebenden Gletscherwind, der ihm das Geläut der hinter den langgezogenen Tönen des Alpenhorns der Hirten einherziehenden Herden zuführte. Ein stärkender, erfrischender Hauch erfüllte die Atmosphäre, wie er ihn in der Schweiz noch nicht eingeathmet hatte. Unten erwartete ihn eine Versammlung von Führern und Trägern, der Schwede thronte schon auf seinem Thier und unter den im Kreise herumstehenden Neugierigen befand sich die Pfarrresfamilie mit ihren sämmtlichen munteren Fräuleins in Morgentoilette, die den Helden, der sie in ihren Träumen verfolgt hatte, nicht ohne «Shake hand» ziehen lassen wollten. «Ein herrliches Wetter... beeilen Sie sich...» rief der Gastwirth, dessen kahler Schädel wie ein polirter Granit in der Sonne leuchtete. Aber Tartarin mochte sich noch so sehr beeilen, es war keine kleine Arbeit, die Delegirten aus dem Schlaf aufzurütteln, und sie wollten ihn doch bis zur Pierre-Pointue begleiten, der letzten Station für die Saumthiere. Weder Bitten noch Vorstellungen vermochten den Kommandanten aus dem Bett zu treiben; die baumwollene Nachtmütze über die Ohren gezogen, die Nase gegen die Wand gekehrt, begnügte er sich damit, die Vorwürfe des Präsidenten mit einem cynischen, tarasconnesischen Sprichwort zu beantworten: «Wer im Rufe steht, früh aufzustehen, darf bis Mittag schlafen....» Und Bompard wiederholte beständig: «Ach, warum nicht gar, der Montblanc, pure Aufschneiderei...» und er war erst auf den ausdrücklichen Befehl des P. C. A. zum Aufstehen zu bewegen. Endlich setzte die Karawane sich in Bewegung und zog in imposanter Ausrüstung durch die engen Gassen von Chamonix: Pascalon voran, auf einem Maulthier, mit dem flatternden Banner; den Zug schliessend, ernst wie ein Mandarin zwischen den zu beiden Seiten eines Saumthieres schreitenden Führern und Trägern, der gute Tartarin, absonderlicher wie je als Alpensteiger ausstaffirt, auf der Nase eine neue Brille mit gewölbten, rauchgeschwärzten Gläsern, und stolz auf das famose, man weiss um welchen Preis wiedereroberte, in Avignon verfertigte Seil. Beinahe eben so sehr angestaunt wie das Banner, jubelte er unter seiner anspruchsvollen Ausstaffirung, ergötzte sich an dem malerischen Aussehen der Gassen des savoyischen Dorfes, das von einem Schweizer Dorf, das so sauber und geleckt ist wie ein neues Spielzeug, wie ein Dorf aus einer Nürnberger Schachtel, sich so sehr unterscheidet. Und welch ein Kontrast zwischen den kaum über den Boden sich erhebenden Hütten, in denen der Stall fast den ganzen Raum einnimmt, und den grossen, prunkvollen, fünfstöckigen Hotels, deren goldglänzende Schilder so schlecht zu dem übrigen passten, wie die galonnirte Mütze eines Portiers, der schwarze Frack und die weisse Halsbinde eines Hotelwirthes zwischen Savoyardenkappen, Barchentröcken, Köhlerhüten mit breitem Rand. Auf dem Platz standen angespannte Landauer, elegante Reisekutschen neben Mistwagen; da war eine Herde Schweine, die sich in der Sonne wärmten, und zwar dicht vor dem Postbureau, aus dem ein Engländer in weissem Leinwandhut heraustrat mit einem Packet Briefe und einer Nummer der Times in der Hand, die er während des Gehens las, ehe er seine Korrespondenz öffnete. An diesen Bildern zog die tarasconnesische Kavalkade vorüber, begleitet von dem Stampfen der Saumthiere, dem Kriegsruf von Freund Excourbaniès, der hier im Sonnenschein seinen kräftigen Bass wiedergefunden hatte, wie von dem melodischen Geläut der Kuhglocken auf den nächstgelegenen Bergabhängen, und dem Tosen des von dem Gletscher herabstürzenden, weiss schäumenden Wasserfalls, welcher glühte und funkelte, als ob er mit dem kalten Schnee die lichten Sonnenstrahlen mit sich führte. Am Ende des Dorfes trieb Bompard sein Maulthier an die Seite des Präsidenten, und die Augen erstaunlich rollend, sagte er: « Tartaréïn, ich muss mit Ihnen reden. – Sogleich...» sagte der P. C. A., der in ein philosophisches Gespräch mit dem jungen Schweden vertieft war, dessen schwarzen Pessimismus er durch das sie umgebende wundervolle Schauspiel zu widerlegen suchte: hier die Weideplätze mit ihren Schatten- und Lichteffekten, dort die dunkelgrünen Wälder, überragt von den weissleuchtenden Firnfeldern. Nach zwei vergeblichen Versuchen, sich Tartarin zu nähern, musste Bompard nothgedrungen darauf verzichten. Nachdem sie über eine kleine Brücke die Arve überschritten hatten, gelangte die Karawane auf einen jener schmalen, zwischen Tannen sich hinziehenden, gewundenen Bergpfad, auf dem die Saumthiere, eines hinter dem andern, mit stahlharten Hufen allen Krümmungen des Abgrundes folgen, und unsere Tarasconnesen hatten ihre volle Aufmerksamkeit nöthig, um sich im Gleichgewicht zu halten, wobei manche « Allons... doucemain... outre... » fielen, mit denen sie ihre Thiere zügelten. Auch in der Sennhütte bei Pierre-Pointue, in welcher Pascalon und Excourbaniès die Rückkehr der Bergsteiger erwarten sollten, hatte Tartarin, beschäftigt wie er mit der Bestellung des Frühstücks, der Aufsicht über die Unterbringung der Führer und Träger war, nur ein taubes Ohr für die Zuflüsterungen Bompard's. Aber– es war seltsam und man wurde sich erst später darüber klar – trotz des schönen Wetters, der vortrefflichen Weinsorten und der hier oben, zweitausend Meter über dem Meeresspiegel so reinen Luft, herrschte bei dem Frühstück eine gedrückte Stimmung. Während sie die Führer nebenan lachen und scherzen hörten, blieb es am Tisch der Tarasconnesen still; nur die Bedienung, das Klirren der Gläser, das Klappern der Teller und Bestecke auf dem weissen Holztisch machte sich hörbar. War es die Anwesenheit des grämlichen Schweden oder die sichtliche Unruhe Gonzague's, oder irgend ein Vorgefühl? Genug, trübselig wie ein Bataillon ohne Musik, machte sich der Zug auf den Weg nach dem Bossons-Gletscher, wo die eigentliche Besteigung erst ihren Anfang nahm. Als er seinen Fuss auf das Eis setzte, musste Tartarin doch lachen, wenn er an den Guggigletscher und an seine vervollkommneten Eissporen dachte. Welch ein Unterschied zwischen dem Neuling, der er damals gewesen und dem Alpensteiger ersten Ranges, der er nun geworden war! Gleich einem kräftigen Baumstamm in seinen schweren Stiefeln wurzelnd, die der Portier des Hotels ihm am Morgen mit vier grossen Nägeln beschlagen hatte, im Gebrauch der Eishacke erfahren, brauchte er kaum noch die Hand eines seiner Führer, und dies auch weniger, um sich unterstützen, als sich den Weg zeigen zu lassen. Die matt geschliffne Brille dämpfte das Blenden des Gletschers, den eine neulich gefallene Lawine mit frischem Schnee überstreut hatte, in welchem eine grünliche, verrätherische Pfütze sich zeigte. Sehr ruhig, durch die Erfahrung gefestigt, dass auch nicht die geringste Gefahr vorhanden sei, ging Tartarin längs der glitzernden, schlüpfrigen, in unendlicher Tiefe sich verlierenden Spalten dahin, an den Seraks vorbei, und nur von dem einzigen Gedanken beherrscht, mit dem schwedischen Studenten, einem unerschrocknen Bergsteiger, Schritt zu halten, dessen hohe Kamaschen mit Silberschnallen schlank und dürr und in demselben Takt sich vorwärts bewegten wie sein Alpenstock, der wie ein drittes Bein sich ausnahm. Und da ihre philosophische Discussion trotz der Schwierigkeiten des Weges nicht einschlief, so hörte man auf dem Wege über den helltönenden gefrornen Strom eine breite, gutmüthige und nach Athem suchende Stimme: «Sie kennen mich, Otto....» Bompard erduldete während dieser Zeit tausend Qualen. Am Morgen noch fest überzeugt, dass Tartarin niemals seine Prahlerei zu Ende führen und den Montblanc eben so wenig besteigen würde, wie er die Jungfrau bestiegen, hatte der Unglückliche sich wie gewöhnlich gekleidet; ohne in seine Stiefelsohlen Nägel schlagen zu lassen, oder auch nur seine famose Erfindung vom Fussbeschlag der Soldaten zur Anwendung zu bringen, ohne Alpenstock, weil die Bewohner des Chimborazo dergleichen nicht brauchen, war er mit ausgezogen. Nur mit seinem Spazierstocke ausgerüstet, der zu seinem Hut mit blauem Bande und seinem langen Oberrock nicht übel passte, erzitterte er in der Nähe des Gletschers, denn trotz aller seiner Geschichten hatte der «Lügner», wie Jedermann sich denken mag, noch nie einen hohen Berg bestiegen. Er fasste indessen Muth, als er von der Moräne aus sah, mit welcher Leichtigkeit Tartarin auf dem Eise sich bewegte, und so entschloss er sich denn, ihm bis zu den Grands-Mulets zu folgen, wo man die Nacht zubringen sollte. Nicht ohne Bedrängniss erreichte er diese Station. Beim ersten Schritt vorwärts lag er der Länge nach auf dem Rücken, beim zweiten Versuch auf den Händen, beim dritten auf den Knieen. «Nein, ich danke, es ist absichtlich, sagte er zu den Führern, die ihm wieder aufzuhelfen suchten.... So machen es die Amerikaner, vé! auf dem Chimborazo!» und da diese Position ihm sehr bequem schien, so beharrte er bei derselben, kroch auf allen Vieren vorwärts, den Hut nach hinten gerückt, mit dem Ulster wie mit einem Bärenfell über das Eis fegend. Dabei blieb er sehr ruhig und erzählte, dass er in den Cordilleren von Ecuador einen Berg von zehntausend Meter also erklettert hatte. Er sagte nicht gerade, in wie viel Zeit. Lange musste es gedauert haben, nach dem Stück bis zu den Grands-Mulets zu schliessen, wo er eine Stunde nach Tartarin, triefend von schmutzigem Schneewasser und mit erfrornen Händen ankam. Im Vergleich mit der Klubhütte auf dem Guggi ist die Hütte, welche die Gemeinde Chamonix auf den Grands-Mulets hat errichten lassen, wirklich bequem zu nennen. Als Bompard in die Küche trat, wo ein grosses Feuer brannte, sah er Tartarin und den Schweden damit beschäftigt, ihre Stiefel zu trocknen, während der Wirth, ein alter Knasterbart mit weissem Haar in langen Zotteln die Schätze seines kleinen Museums vor ihnen ausbreitete. Ein Museum des Unheils, denn es enthält Andenken von allen Schreckensereignissen, die auf dem Montblanc seit den vierzig Jahren, die der Alte hier wirthet, sich zugetragen haben. Und indem er ein Stück nach dem andern aus dem Glaskasten holte, erzählte er ihren traurigen Ursprung.... Mit diesem Stück Tuch, diesen Westenknöpfen verbindet sich das Andenken an einen russischen Gelehrten, der durch einen Sturm auf dem Gletscher der Brenva verunglückte.... Diese Kinnbacken sind die Ueberreste eines der Führer der berühmten Karawane von elf Reisenden und Trägern, die in einem Schneesturm verschwunden sind.... Bei dem Dämmerlichte des sinkenden Tages und dem bleichen Reflex, der von den Firnfeldern auf die Scheiben und die Ausstellung dieser Todes-Reliquien fielen, hatten diese eintönigen Erzählungen etwas Beklemmendes, und dies um so mehr, als der Greis seine zitternde Stimme bei den pathetischen Stellen rührender erklingen liess und fast zu Thränen bewegt wurde, als er ein Stück grünen Schleiers von einer englischen Dame entfaltete, die im Jahre 1827 durch eine Lawine verschüttet worden war. Tartarin mochte sich noch so sehr durch die Daten beruhigen und sich überzeugen, dass die Compagnie zu jener Epoche noch keine gefahrlosen Bergbesteigungen organisirt hatte; es half nichts, der savoyische Unglücksrabe schnürte ihm die Brust zusammen. Er musste hinaus vor die Thür, um Luft zu schöpfen. Die Nacht hatte sich über Schluchten und Klüfte gelegt. Die Bossons standen leichenfahl da, während der Montblanc seinen, noch vom letzten Sonnenstrahl geküssten, rosigen Gipfel erhob. An diesem Lächeln der Natur erheiterte sich auch unser Südländer, als jetzt der Schatten Bompard's hinter ihm auftauchte. «Sie sind es, Gonzague. Sie sehen, dass ich an der frischen Luft mich erhole. Der Alte mit seinen Geschichten ging mir auf die Nerven.... – Tartaréïn, sagte Bompard, und dabei fasste er seinen Arm, als wollte er ihn zermalmen__ Ich hoffe, dass es damit genug ist und dass Sie auf dieser lächerlichen Bergfahrt nicht weiter gehen.» Der grosse Mann betrachtete ihn mit erschrockenen Augen: «Was sagen Sie da?» Nun zeichnete ihm Bompard ein furchtbares Bild von den tausend Toden, von denen sie durch Gletscherspalten, Lawinen, Stürme, Wirbelwinde bedroht würden. Aber Tartarin unterbrach ihn: «Ach, Possen; und die Compagnie?... Der Montblanc ist also nicht eingerichtet wie die andern? – Eingerichtet!... die Compagnie?...» sagte Bompard ganz verdutzt, denn er erinnerte sich seiner Tarasconnade nicht mehr; als ihm nun aber der Andere seine Geschichte Wort für Wort wieder erzählte, die Schweiz ein Aktienunternehmen, die Pacht der Gebirge, die Theaterklüfte u. s. w., da brach der lange Freund in ein unbändiges Gelächter aus: «Wie! Das haben Sie geglaubt!... Aber, es war ja nur eine Windbeutelei.... Unter uns Leuten von Tarascon weiss man doch wohl, was reden sagen will.... – Also, fragte Tartarin in tiefer Erregung, die Jungfrau war nicht eingerichtet?. – Warum nicht gar! – Und wenn nun das Seil zerrissen wäre?... – Ach, mein armer Freund....» Der Held schloss die Augen, er erbleichte bei dem Gedanken an die überwundene Gefahr. Eine Minute lang schwankte er.... Ein Land, das im Kampf grausiger Elemente entstanden war, kalt, dunkel, von Klüften mit Abgründen durchschnitten... und dazu die Klagelieder des invaliden Drachens, die ihm noch schauerlich in den Ohren lagen.... « Outre! hätte ich fast gesagt....» Dann plötzlich dachte er an die Leute von Tarascon, an das Banner, das er dort oben wollte wehen lassen, und, sagte er sich, mit guten Führern, einem allerfahrnen Gefährten wie Bompard.... Er selber hatte die Jungfrau bestiegen.... Warum sollte er es nicht auch mit dem Montblanc versuchen? Und seine breite Hand auf die Schulter des Freundes legend, begann er mit männlicher Stimme: «Hören Sie, Gonzague....» XIII Die Katastrophe. In einer finstern, schwarzen Nacht, ohne Mond, ohne Stern, ohne Himmel, entrollt sich langsam auf dem zitternd weissen Plan eines ungeheuren ansteigenden Firnfeldes ein langes Seil, an welches furchtsame, zwerghafte Schatten hinter einander gebunden sind, und hundert Meter ihnen voraus, fast den Boden berührend, ein röthlicher Fleck, eine Laterne. Die Schläge mit der Hacke in das körnige Eis, das Fallen der abgeschlagenen Schollen unterbrechen allein die Todesstille des Firnfeldes, auf dem die Schritte der Karawane stumpf und tonlos dahingleiten. Dann von Minute zu Minute ein leichter Schrei, ein erstickter Schmerz, der Fall eines Körpers auf das Eis und bald darauf eine kräftige Stimme, die vom Ende des Seils mit einem «Vorsichtig, Gonzague! langsam!» antwortet. Der arme Bompard hat sich nämlich entschlossen, seinem Freunde Tartarin bis auf den Gipfel des Montblanc zu folgen! Seit zwei Uhr Morgens – auf der Repetiruhr des Präsidenten schlägt es jetzt vier Uhr – tastet der unglückliche Courrier sich vorwärts, gleich einem Galeerensklaven an der Kette, gezogen, geschoben, taumelnd und stolpernd und dabei gezwungen, die verschiedenen Schmerzensrufe, die sein Missgeschick ihm entreissen möchte, hinunterzuwürgen, der von allen Seiten lauernden Lawine wegen, die eine geringste Erschütterung, eine etwas kräftige Luftschwingung schon zu Falle bringen konnte. Schweigend leiden, welche Qual für einen Menschen aus Tarascon! Die Karawane hat jetzt Halt gemacht. Tartarin erkundigt sich, man hört eine Discussion mit leiser Stimme, ein lebhaftes Zischeln: «Ihr Gefährte ist es, der nicht vorwärts will,» sagte der Schwede. Die Marsch-Ordnung wird jetzt aufgelöst, der menschliche Rosenkranz dehnt sich aus, zieht wiederum sich zusammen; da stehen sie Alle an einem ungeheuren Spalt. Die früheren hatte man mittelst einer querüber gelegten Leiter auf den Knieen überschritten. Dieser Spalt aber ist viel zu breit und das Ufer gegenüber erhebt sich an die hundert Fuss über dem diesseitigen. Es gilt, auf in's Eis gehauenen Stufen in die sich verengende Oeffnung hinabzusteigen und auf der andern Seite wieder hinaufzuklimmen. Bompard jedoch weigert sich hartnäckig, dies zu thun. Ueber den Abgrund geneigt, dessen Tiefe ihm bei der Finsterniss unergründlich vorkommt, sieht er im Dunst die kleine Laterne der Führer hin und her schwanken, welche den Weg vorbereiten. Tartarin, dem selber nicht wohl dabei ist, macht sich Muth, indem er seinem Freunde zuruft: «Auf, Gonzague, zou! » und ganz leise packt er ihn beim Ehrgeiz, bittet, erinnert an Tarascon, an das Banner, den Klub!... «Ach was, der Klub.... Ich gehöre ihm nicht an,» antwortet der Andre ganz schamlos. Hierauf erklärt ihm Tartarin, dass man ihm die Füsse setzen werde, dass nichts leichter sei. «Für Sie vielleicht, aber nicht für mich.... – Haben Sie nicht gesagt, dass Sie es gewöhnt seien? – Ja wohl, gewiss... gewöhnt... aber woran gewöhnt.... Ich bin an so vielerlei gewöhnt... zu rauchen, zu schlafen.... – Zu lügen besonders, unterbrach ihn der Präsident.... – Zu übertreiben, freilich!» sagte Bompard, ohne sich darob im Geringsten zu erregen. Nach langem Widerstand bringt ihn endlich die Drohung, ihn allein zurückzulassen, zu dem Entschluss, langsam, vorsichtig die furchtbare Leiter hinabzusteigen.... Auf der andern, graden, marmorglatten Wand, die noch höher ist als der Thurm des Königs René zu Tarascon, ist es noch schwerer. Von unten gleicht das blinzelnde Licht des Führers einem sich bewegenden Glühwurm. Was hilft es? Es muss sein. Der Schnee unter den Füssen ist nicht fest, man vernimmt am Boden das Gemurmel eines Bachs in der Tiefe des breiten Spalts. den man am Fusse der Eiswand mehr erräth als erkennt, und der seinen kalten Athem aus dem Abgrunde heraufsendet. «Sachte, Gonzague, nicht fallen!» Diese Phrase, welche Tartarin in gerührtem, fast flehendem Tone wiederholt, giebt der Lage der aufwärts Steigenden einen gewissen feierlichen Charakter. Sie müssen jetzt mit Füssen und Händen, die Einen unter den Anderen, durch das Seil und dieselben Bewegungen mit einander verbunden, so dass der Sturz oder die Ungeschicklichkeit eines Einzigen sie Alle in Gefahr brächte, sich in die Höhe arbeiten. Und welche Gefahr! Es genügte, die Eisstücke losbrechen und hinunterpurzeln zu hören und das Echo ihres Sturzes durch die Spalten und das unbekannte Innere des Gletschers zu verfolgen, um sich eine Vorstellung von dem Höllenrachen zu machen, der drunten lauerte, um Einen beim geringsten Fehltritt zu verschlingen. Aber, was giebt es da wieder? Lässt es sich der dürre Schwede, der grade vor Tartarin marschirt, nicht in den Sinn kommen, stehen zu bleiben, und mit seinen eisenbeschlagenen Absätzen die Mütze des P. C. A. zu berühren! Die Führer rufen unaufhörlich «Vorwärts», und der Präsident: «So gehen Sie doch voran, junger Mann....» Er rührt sich nicht. Seiner ganzen Länge nach in die Höhe ragend, mit nachlässiger Hand sich festhaltend, neigt sich der Schwede etwas zur Seite. Die aufgehende Sonne streift seinen dünnen Bart und beleuchtet den sonderbaren Ausdruck in seinen weit aufgesperrten Augen. «Das wäre ein Sturz! Wie, wenn man losliesse?...» sagte er zu Tartarin. « Outre! das glaub' ich gern.... Sie würden uns Alle mit hinunterziehen.... So steigen Sie doch vorwärts....» Der Andre aber blieb regungslos und fuhr fort: «Eine schöne Gelegenheit, um mit dem Leben ein Ende zumachen, in's Nichts einzugehen durch die Eingeweide der Erde, von Spalt zu Spalt zu rollen, wie das, was ich hier mit meinem Fuss ablöse....» Und er neigte sich grausig über, um dem Eisstück zu folgen, welches dort aufprallt und endlos in der Finsterniss forttönt. «Unglücklicher, nehmen Sie sich in Acht...» rief Tartarin schreckensbleich, und sich verzweifelnd an die schlüpfrige Wand anklammernd, nimmt er mit vollem Eifer seine Argumentation vom Abend vorher zu Gunsten des Daseins wieder auf: «Es hat doch sein Gutes, den Teufel auch!... In Ihrem Alter, ein schöner Junge wie Sie... Sie glauben also nicht an die Liebe, qué? » Nein! Der Schwede glaubt nicht an die Liebe. Die ideale Liebe ist eine Lüge der Poeten; die andre ein Bedürfniss, das er niemals empfunden hat.... «Nun ja, nun ja; es ist ja wahr, dass die Poeten ein wenig aus Tarascon stammen, sie sagen immer mehr als in Wirklichkeit ist; immerhin, das ewig Weibliche, oder das femellan, wie man die Damen bei uns nennt, ist doch schön. Und dann, man hat Kinder, hübsche reizende Würmer, die Einem gleich sehen. – Ach ja, die Kinder, auch eine Quelle von Verdruss. Seitdem sie mich geboren, hat meine Mutter nicht aufgehört zu weinen. – Hören Sie, Otto, Sie kennen mich, mein lieber Freund....» Und mit der ganzen Expansivkraft seiner tapfern Seele bietet Tartarin Alles auf, um dieses Opfer Schopenhauer's und Hartmann's neu zu beleben, auf Distanz zu reiben. O, er hätte die beiden Hanswurste, die an alle dem Schuld waren, an einer Waldesecke haben mögen, Himmel und Hölle! um sie all das Unrecht, das sie an der Jugend verübt haben, recht gründlich büssen zu lassen.... Man stelle sich bei dieser philosophischen Discussion die hohe, kalte, grünlich schlüpfrige, von einem bleichen Sonnenstrahl leicht gestreifte Eiswand vor und einen Bratspiess voll menschlicher Leiber, die in Absätzen daran klebten, tief unter dem gähnenden Abgrund das gurgelnde Getön, die Flüche der Führer, ihr Drohen, sich loszumachen und die Reisenden sich selbst zu überlassen. Endlich, da Tartarin zur Einsicht gelangte, dass keinerlei Gründe diesen Wahnsinnigen überzeugen und seine Todessehnsucht besiegen könnten, gab er ihm den sublimen Gedanken ein, sich von der höchsten Spitze des Montblanc hinabzustürzen.... «So lass' ich's gelten, das lohnt sich der Mühe, von hoch oben! Wahrlich, ein schönes Ende.... Aber hier, in einem eisigen Kellerloch.... Ach, warum nicht gar... wie abgeschmackt!...» Und er versteht es, so viel Nachdruck in seine Worte zu legen, dass der Schwede sich endlich gewinnen lässt. Nicht lange darauf sind sie Einer nach dem Andern auf der Höhe dieses furchtbaren Gletscherrisses angelangt. Man bindet sich los und macht Halt, um einen Schluck zu trinken und an einem Stück Brod zu kauen. Es ist Tag geworden. Ein farbloses Licht ruht bleiern auf einem grandiosen Umkreis von Pfeilern und Spitzen; sie werden alle noch um tausend fünfhundert Meter vom Montblanc überragt. Die Führer gestikuliren und verständigen sich kopfschüttelnd. In ihren braunen Jacken auf dem weissen Boden hingestreckt, den Rücken gewölbt, erinnern sie an Murmelthiere, die im Begriff sind, sich für den Winter einzugraben. Bompard und Tartarin sind ängstlich und klappern vor Kälte. Sie haben den Schweden allein essen lassen und nähern sich dem ersten Führer im Augenblick, wo dieser ernsten Tones sagt: «Er raucht seine Pfeife, das ist ganz klar. – Wer raucht seine Pfeife? fragte Tartarin. – Der Montblanc, Herr, schauen Sie nur hinauf.» Und der Mann zeigte ganz oben auf dem Gipfel etwas wie einen Federbusch, einen weissen Rauch, der nach Italien wehte. «Und nun, guter Freund, wenn der Montblanc seine Pfeife raucht, was hat das zu bedeuten? – Das hat zu bedeuten, Herr, dass oben auf dem Gipfel ein furchtbarer Wind weht, ein Schneesturm, der in kürzester Frist uns erreichen wird.... Und... das ist gefährlich. – Kehren wir um,» sagte Bompard, grün vor Schrecken. Und Tartarin fügte hinzu: «Ja, ja, gewiss, keine dumme Eigenliebe!» Der Schwede aber mischt sich darein. Er hat dafür bezahlt und er will auf den Montblanc geführt werden. Daran soll ihn nichts hindern. Und wenn Niemand ihn begleiten will, gut, dann geht er allein. «Ihr Memmen,» sagte er zu den Führern, und dabei klang seine Stimme wieder so geisterhaft, wie in dem Augenblick, als er sich bis zu Selbstmordgedanken aufgeregt hatte. «Nun denn, Sie sollen sehen, ob wir Memmen sind.... Binden wir uns wieder an und vorwärts!... rief der erste Führer. Bompard aber erhebt einen energischen Protest. Er hat genug davon, er will wieder zurückgeführt werden. Tartarin unterstützt ihn auf das Kräftigste. «Sie sehen ja wohl, dass der junge Mensch verrückt ist...» ruft er, während der Schwede schon mit langen Schritten durch den Schnee schreitet, den der Wind von allen Seiten aufwirbelt. Die Männer aber, die er Memmen genannt, sind jetzt nicht mehr zurückzuhalten; die Murmelthiere sind aufgewacht und benehmen sich wie Helden. Tartarin kann keinen Führer überreden, ihn mit Bompard nach den Grands-Mulets zurückzuführen. Die Richtung sei ja gegeben, sagte man ihm. Drei Stunden, die zwanzig Minuten Umwegs mit eingerechnet, wenn sie den grossen Gletscherbruch umgehen wollten, der sie vielleicht erschreckte. « Outre! Gewiss erschreckt er uns...» sagte Bompard ohne jegliche Scheu, und die beiden Karawanen trennten sich.   Jetzt sind unsere Tarasconnesen allein. Sie rücken, an dasselbe Seil gebunden, vorsichtig über die Schnee-Einöde; Tartarin vorn, ganz und gar von der auf ihm lastenden schweren Verantwortlichkeit erfüllt, tastete sich mit seiner Eishacke weiter. «Muth... ruhig Blut.... Wir werden schon durchkommen, ruft er in jedem Augenblick Bompard zu. So verscheucht der Offizier seine Angst, wenn er den Degen schwingend seinen Leuten zuruft: «Vorwärts, Himmel Donnerwetter, alle Kugeln treffen nicht!»   Jetzt sind sie endlich am Ende jenes fürchterlichen Spalts. Von da bis zu ihrem Ziel haben sie keine schweren Hindernisse mehr zu überwinden; jedoch der Wind weht heftig und das Schneetreiben macht sie fast blind. Sie können, ohne Gefahr sich zu verirren, kaum mehr vorwärts kommen. «Machen wir einen kurzen Halt, qué? » sagte Tartarin. Eine riesenhafte Eispyramide bietet ihnen einigen Schutz in einer Höhlung am Fusse derselben. Sie ducken unter, breiten die wasserdichte Decke des Präsidenten über sich aus und öffnen die Rhumflasche, das Einzige, was die Führer nicht mit sich genommen. Sie erlangen jetzt wieder ein wenig Wärme. Indessen verkünden ihnen die immer schwächer werdenden Schläge der Eishacke die Fortschritte der Expedition. Im Herzen Tartarin's regt sich etwas wie Reue, dass er den Montblanc nicht bis zum Gipfel erstiegen hat. «Wer wird es erfahren? entgegnet ihm Bompard ganz ohne Scham.... Die Träger haben das Banner behalten. Von Chamonix aus wird man annehmen, Sie seien es. – Sie haben Recht, die Ehre von Tarascon ist gewahrt...» sagte Tartarin voller Zuversicht. Die Elemente aber beginnen jetzt zu rasen. Der Wind wird zum Sturm und trägt den Schnee in schweren Massen durch die Luft. Die beiden Freunde, von Unheilsahnungen heimgesucht, schweigen; sie denken an die Gebeine unter dem Glaskasten des alten Wirthes, an die Geschichte von dem amerikanischen Touristen, den man erfroren und verhungert aufgefunden, in seinen krampfhaft zusammengezogenen Fingern das Notizbuch, in welches er seine Todesangst bis zur letzten schmerzhaften Zuckung geschildert, die ihn den Bleistift aus der Hand fallen und ihn die Namensunterschrift nicht vollenden liess: «Haben Sie ein Notizbuch, Gonzague?» Der Andere brauchte keine weitere Erklärung. «Warum nicht gar ein Notizbuch.... Glauben Sie etwa, dass ich hier zu Grunde gehen werde wie jener Amerikaner?... Rasch auf, und fort von hier. – Unmöglich.... Beim ersten Schritt würden wir gleich Strohhalmen fortgeweht und in irgend einen Abgrund geschleudert. – Ja, dann müssen wir rufen. Das Wirthshaus ist nicht weit....» Und auf den Knieen liegend, den Kopf aus der Versenkung hinausgestreckt, in der Stellung eines Thiers auf der Weide, brüllt Bompard: «Zu Hülfe, zu Hülfe, hierher! – Zu den Waffen!...» schreit jetzt Tartarin mit aller Macht seiner gewaltigen Bärenstimme, so dass es weithin gleich einem rollenden Donner dröhnt. Bompard fasste ihn am Arm: «Unglücklicher, die Pyramide!...» In der That zitterte der ganze Eisblock; noch ein solcher Schrei und die ungeheure Eismasse stürzte über ihren Köpfen zusammen. Sie bleiben unbeweglich, wie versteinert, in ein furchtbares Schweigen gehüllt, das jetzt aber durch ein fernes, mehr und mehr sich näherndes Rollen unterbrochen wird, welches wächst, den Horizont erschüttert und endlich tief unten von Abgrund zu Abgrund erlischt. «Die armen Leute!...» murmelt Tartarin beim Gedanken an den Schweden und seine Führer, die gewiss von der eben gehörten Lawine mit fortgerissen worden sind. Und Bompard schüttelt den Kopf. «Wir sind kaum besser daran als sie», sagte er. Die Lage ist in der That schrecklich genug, da sie in ihrer Eisgrotte sich nicht regen und auch in den Schneesturm sich nicht hinauswagen dürfen. Ihre Bangigkeit wurde nur noch grösser, als sie jetzt von tief, tief unten aus dem Thale herauf ein jammervolles Hundegeheul hörten. Es wurde ihnen todesweh. Plötzlich fasst Tartarin, dem die Augen aus ihren Höhlen treten und die Glieder krampfhaft zittern, seinen Gefährten bei der Hand und spricht zu ihm mit Rührung: «Verzeih mir, Gonzague; ja, ja, verzeih mir. Ich habe Dich eben hart angefahren, Dich habe ich einen Lügner genannt.... – Ach, was! Das hat ja nichts auf sich.... – Ich hatte weniger als sonst Jemand das Recht, so zu reden, denn ich habe in meinem Leben viel gelogen, und in dieser feierlichen Stunde fühle ich das Bedürfniss, öffentlich meine Lügen einzugestehen. Höre mich, Freund... erstlich habe ich niemals einen Löwen getödtet. – Das wundert mich nicht...» antwortet Bompard ruhig. «Aber braucht man sich um solcher Kleinigkeit wegen zu plagen?... Das macht unsere Sonne, man wird mit der Lüge geboren.... Und ich!... Habe ich ein wahres Wort gesprochen, seitdem ich auf der Welt bin?.. So wie ich nur den Mund aufthue, werde ich von meinem provençalischen Temperament gepackt. Die Leute, von denen ich spreche, kenne ich nicht; die Länder, ich habe sie nie gesehen, und sofort entsteht ein solches Gewebe von Erfindungen, dass ich mich selber nicht mehr daraus zu retten weiss. – Das macht die Einbildungskraft, gewiss! seufzte Tartarin. Wir sind Lügner aus zu reicher Einbildungskraft. – Und diese Lügen haben nie Jemand etwas zu Leide gethan, während ein schlechter, ein neidischer Mensch wie Costecalde.... – Sprechen wir nie mehr von dem Elenden!» unterbrach ihn der P. C. A., und plötzlich rief er in einem Wuthanfall aus: «Verwünschtes Schicksal! Es ist immerhin zum T....» Auf ein Schreckenszeichen Bompard's hält er inne.... «Ach ja, die Pyramide....» Er dämpft seine Stimme, der arme Tartarin setzt seine Verwünschungen mit weit geöffnetem, komisch verzerrtem Munde zischelnd fort.... «Ja, sagt er, es ist doch zum Verzweifeln, in der Blüthe seiner Jahre durch die Schuld eines Bösewichts zu sterben, der in diesem Augenblick in aller Gemüthsruhe seine Tasse Kaffee auf dem Stadtwall schlürft....»   Während er also donnert, heitert das Wetter sich nach und nach auf. Es schneit nicht mehr, der Wind hat sich gelegt und durch einen Riss in den Wolken zeigt sich der blaue Himmel. Sie brechen rasch auf und binden sich zusammen. Tartarin, der wieder vorangeht, wendet sich um, einen Finger auf dem Munde: «Sie wissen, Gonzague; Alles, was wir eben gesagt haben, bleibt unter uns. – Té, pardi ....»   Sie machen voller Eifer sich wieder auf den Weg und sinken bis an die Kniee in den frisch gefallenen Schnee, der unter seiner jungfräulichen Decke die Spuren der Karawane verborgen hält. Tartarin blickt deshalb alle fünf Minuten auf seinen Kompass. Aber der an die tarasconnesische Hitze gewohnte Kompass ist seit seiner Ankunft in der Schweiz vor Frost toll geworden. Die Nadel schwankt unsicher zwischen allen vier Himmelsrichtungen. Sie gehen immer voran und hoffen, plötzlich die schwarzen Felsen der Grands-Mulets in der gleichförmig weissen, stillen, rings von Nadeln, Hörnern, Kuppeln beherrschten Landschaft auftauchen zu sehen, die sie blendet und auch erschreckt, denn sie kann gefährliche Abgründe unter ihren Füssen bergen. «Nur ruhig Blut, Gonzague, ruhig Blut. – Das ist es ja gerade, was mir abgeht,» erwiderte Bompard kläglich. Und er stöhnt: «O weh, mein Fuss..., o weh, mein Bein..., wir sind verloren, wir kommen nie an's Ziel....»   So gehen sie schon seit zwei Stunden, als Bompard mitten auf einer sehr schwer zu erkletternden Schneehalde entsetzt ausruft: « Tartaréïn, aber das steigt ja wieder! – Ei freilich; ich sehe schon, dass es steigt,» erwiderte der P. C. A., und er ist auf dem Punkte, seine Gemüthsruhe zu verlieren. «Es sollte doch aber abwärts gehen, wär' meine Meinung. – Ei gewiss, aber was kann ich dazu thun? Gehen wir immer bis oben hinauf; vielleicht geht es auf der andern Seite wieder hinunter.»   Es ging in der That und fürchterlich wieder abwärts, über eine Anzahl Firnfelder, steil sich aufbäumender Gletscherwände und ganz am Ende dieser gefährlichen, weiss glitzernden und funkelnden Eisbildungen bemerkte man auf einer Felsspitze in Tiefen, die Einem unerreichbar schienen, eine Hütte. Das war ein Zufluchtsort, den man vor Einbruch der Nacht noch erreichen musste, da man die Richtung nach den Grands-Mulets verloren hatte. Aber wie viel Anstrengungen, wie viel Gefahren gab es hier noch zu überwinden? «Nur Eines bitte ich: Lassen Sie mich nicht los, Gonzague.... – Und Sie mich auch nicht, Tartaréïn. »   Sie tauschen diese inhaltschweren Worte aus, ohne einander zu sehen. Denn sie sind durch einen Grat getrennt, hinter welchem Tartarin verschwunden ist; langsam und angstvoll kriecht der Eine aufwärts, der Andere abwärts. Sie sprechen auch nicht mehr mit einander, alle ihre Sinne sind auf den einen Gedanken concentrirt, keinen Fehltritt zu thun, nicht auszugleiten. Plötzlich hört Bompard, der jetzt nur noch einen Meter vom Grat entfernt ist, seinen Begleiter einen entsetzlichen Schrei ausstossen und zu gleicher Zeit spannt sich das Seil nach einem heftigen, erschütternden Ruck.... Er möchte Widerstand leisten, sich fest anklammern, um den Freund vom Sturz in den Abgrund zurückzuhalten. Doch das Seil ist gewiss schon ganz morsch, denn es reisst unversehens infolge seiner Anstrengung. « Outre! – Boufre! » Die beiden Ausrufe kreuzen sich, sie zerreissen unheilschwer das Schweigen der Einöde; dann folgt eine lange, schreckliche Stille, eine Todesstille, die kein Laut auf den weissen Schneegefilden mehr unterbricht.   Gegen Abend erreichte ein Wesen, das eine entfernte Aehnlichkeit mit Bompard hatte, ein Schreckgespenst, von Schmutz triefend, das Wirthshaus zu den Grands-Mulets. Man rieb den Ankömmling, man erwärmte ihn und brachte ihn zu Bett, bevor er noch etwas Anderes als die durch Schluchzen unterbrochnen Worte, die Arme zum Himmel erhoben, hervorgebracht hatte: «Tartarin... verloren... das Seil zerrissen....» Man konnte endlich begreifen, dass ein grosses Unglück sich zugetragen hatte. Während der alte Wirth seufzte und die Unheils-Chronik des Berges mit einem neuen Kapitel bereicherte, auch wohl für seine Knochensammlung ein neues Andenken an diesen letzten Unglücksfall in Aussicht nahm, begaben sich der Schwede und seine Führer mit Seilen, Leitern und allen möglichen Rettungsmitteln hinaus, um Tartarin zu suchen. Leider vergebens. Bompard, der wie betäubt da lag, konnte nichts Genaues, weder über das Drama noch über den Ort desselben angeben. Auf dem «Dôme du Gouté» fand man ein Stück Seil, das in einer Rinne des Eises stecken geblieben war. Das war Alles. Aber sonderbar: das Seil war an beiden Enden wie mit einem scharfen Instrument durchschnitten. Die in Chambéry erscheinenden Blätter brachten eine Zeichnung von demselben, die wir hier wiedergeben. Nach acht Tagen gewissenhafter Nachforschungen, als man die traurige Ueberzeugung gewonnen, dass ihr Präsident unfindbar-hoffnungslos verloren sei, begaben sich die verzweifelnden Delegirten auf den Weg nach Tarascon und nahmen Bompard mit sich, dessen armes Gehirn die Spuren einer heftigen Erschütterung zeigte. «Sprechen Sie mir nicht davon,» das war seine einzige Antwort, wenn man über das Unheil ihn befragte; «sprechen Sie mir nie davon!» Es war kein Zweifel mehr möglich, der Montblanc zählte ein Opfer mehr, und welch ein Opfer! XIV. Epilog. Eine erregbarere Bevölkerung als diejenige von Tarascon hat man noch niemals gesehen, selbst nicht unter der Sonne der Provence. Bei hellem, festlichem Sonntag, wenn die ganze Bevölkerung draussen ist, die Tamburins klingen, es auf dem Stadtwall von grünen, rothen Frauenröcken, bunten arlesischen Kopftüchern wimmelt und auf grossen vielfarbigen Zetteln Ringkämpfe von Männern und Knaben, Kämpfe mit Stieren aus der Camargue angekündigt sind, genügt bisweilen der Ruf eines Spassvogels: «ein toller Hund» oder «ein Stier», und Alles flieht, rennt den Nächsten über den Haufen, geräth ausser sich, die Thüren werden geschlossen, alle Riegel vorgeschoben, die Fensterladen wie von einem Sturmwind zugeschlagen, und ganz Tarascon ist plötzlich öde, stumm, ohne eine Katze, ohne ein Geräusch, selbst die Grillen schweigen in Erwartung furchtbarer Dinge. So sah es an jenem Morgen aus, und doch war es weder ein Festtag noch ein Sonntag. Die Läden waren geschlossen, die Häuser todt, der grosse und der kleine Platz schienen durch die Stille und die Einsamkeit grösser geworden. « Vasta silentio », sagt Tacitus in der Schilderung Rom's bei dem Leichenbegängniss des Germanicus, und sein Bild von dem in Leid gesenkten Rom passte um so mehr auf Tarascon, als in jenem Augenblick ein Trauergottesdienst für die Seele Tartarin's in der Metropole abgehalten wurde, und die Bevölkerung in Masse ihren Helden, ihren Gott, ihren unbesiegbaren «doppelmuskligen» Sohn beweinte, der in den Gletschern des Montblanc geblieben war. Aber, während das Todtengeläute seine düstern Klänge über die verlassenen Strassen ausstreute, sass Fräulein Tournatoire, die Schwester des Arztes, die leider ihre schwache Gesundheit stets an das Haus gefesselt hielt, fröstelnd in ihrem grossen Lehnstuhl am Fenster und schaute hinaus, auf die Glocken hörend. Das Haus der Tournatoire steht an der Strasse nach Avignon, fast gegenüber dem Tartarin'schen Hause, und der Anblick dieses berühmten Gebäudes, dessen Eigenthümer nicht mehr wiederkehren sollte, des stets geschlossenen Gitters vor dem Garten, sogar der langen Reihe von Wichseschachteln, welche die kleinen Savoyarden vor der Thür aufgestellt, Alles machte dem armen, kranken Fräulein das Herz schwer; denn seit länger als dreissig Jahren wurde sie von einer heimlichen Leidenschaft für den Helden von Tarascon verzehrt. Wer ergründet die tiefen Herzensgeheimnisse einer alten Jungfer! Ehemals war es ihre Freude, ihm aufzupassen, wenn er zu den gewohnten Stunden vorüberging, sich zu fragen: «Wohin will er?...» die Veränderungen an seinem Anzug zu beobachten, mochte er nun als Alpenbesteiger gekleidet sein, oder sein schlangengrünes Jaquett angelegt haben. Plötzlich erglühte der lange weisse Pferdekopf von Fräulein Tournatoire in leichter Röthe, ihre erloschenen Augen erweiterten sich beträchtlich, während ihre magere runzlige Hand ein grosses Zeichen des Kreuzes machte.... Er, er ist es, da, längs der Mauer jenseits des Fahrwegs.... Zuerst glaubte sie an eine Sinnestäuschung.... Aber nein, Tartarin selber, leibhaftig, nur zum Erbarmen bleich, zerlumpt, wie ein Bettler oder ein Dieb an den Mauern hinschleichend. Um seine heimliche Anwesenheit in Tarascon erklären zu können, müssen wir auf den Montblanc zurückkehren, nach dem «Dôme du Gouté», genau zu jenem Moment, wo von den beiden Freunden Jeder auf einer andern Seite des «Dôme» sich befand, und Bompard am Seil, das sie verband, plötzlich wie vom Sturz eines Körpers einen heftigen Ruck und eine höchst bedenkliche Spannung empfand. In Wirklichkeit hatte das Seil sich zwischen zwei Eisblöcke eingeklemmt, und Tartarin, der dieselbe Erschütterung empfand, glaubte auch seinerseits, dass sein Reisegefährte abwärts rollte und ihn nachzog in's Verderben. In diesem entscheidenden Augenblick... wie soll ich das sagen, mein Gott? in der furchtbaren Noth und Angst vergassen sie Beide den im Hotel Baltet sich geleisteten Eid und mit derselben Bewegung, derselben instinktiven Geste zerschnitten sie das Seil, Bompard mit seinem Messer, Tartarin mit einem Hieb seiner Eishacke. Entsetzt über ihre grause That, der Eine gleich dem Andern fest überzeugt, dass er seinen Freund geopfert, flohen sie Beide in entgegengesetzter Richtung Als das Gespenst Bompards bei den Grands-Mulets erschien, langte dasjenige Tartarin's in der Sennhütte von Avesailles an. Wie, durch welches Wunder, nach wie viel Stürzen und Rutschpartieen? Der Montblanc allein weiss es, denn der arme P. C. A. verbrachte zwei Tage in vollständiger Verdummung, unfähig, nur einen Laut von sich zu geben. Sobald er wieder transportfähig war, brachte man ihn nach Courmayeur, dem italienischen Chamonix. In dem Hotel, in welchem er Unterkunft fand, war von nichts Anderem die Rede, als von einer fürchterlichen Katastrophe auf dem Montblanc, die ganz und gar an das Unglück auf dem Matterhorn erinnerte. Wieder ein Tourist, der infolge Durchschneidens des Seiles in den Abgrund gestürzt war. Ueberzeugt, dass von Bompard gesprochen wurde, wagte Tartarin, von Gewissensbissen gepeinigt, es nicht, zur Delegation oder in seine Heimath zurückzukehren. Er las im Geiste auf allen Lippen, in allen Augen das: «Kain, was hast du mit deinem Bruder gethan?...» Jedoch der Mangel an Geld und an Wäsche, die kühle Witterung, die mit dem September eintrat und die Hotels leerte, nöthigten ihn zum Aufbruch. Schliesslich hatte ja Niemand das Verbrechen gesehen! Was sollte ihn hindern, irgend eine Geschichte zu erfinden? Nun kamen auch die Zerstreuungen der Reise hinzu, und er begann wieder Muth zu fassen. In der Nähe von Tarascon aber, als er unter dem blauen Himmel die feinen Linien der Alpinen gewahr wurde, fühlte er sich wieder von Schande, Gewissensbissen und Furcht vor der Justiz gepackt. Um das Aufsehen einer Ankunft am offnen Bahnhof zu vermeiden, stieg er auf der letzten Station vor der Stadt ab. Ach, wer hätte ihn auf dieser schönen, weissen, zolldick mit Staub bedeckten Landstrasse, die noch keinen andern Schatten als den der Telegraphenstangen und Drähte gesehen, wer hätte ihn auf dieser Bahn des Triumphes, auf welcher er so oft an der Spitze seiner Alpinisten oder seiner Mützenjäger dahergeschritten, wer hätte ihn, den tapfern, den schmucken Präsidenten unter den zerrissenen, schmutzigen Lumpen, dem misstrauischen Blick des Vagabunden erkannt, der ängstlich vor den Gendarmen sich verkriecht? Die Luft war trotz des nahen Herbstes glühend heiss und die Pasteke, die er bei einem Gemüsegärtner sich gekauft hatte, schmeckte ihm köstlich im Schatten eines Karrens, während er den Wuthausbrüchen des Bauers zuhörte, der über die Frauen von Tarascon fluchte, weil sie an jenem Morgen nicht auf den Markt gekommen waren, einer Todtenmesse wegen, die für Jemand aus der Stadt gesungen wurde, der da drüben im Gebirge in ein tiefes Loch gestürzt war.... « Té! die Glocken... man hört sie bis hier....» Kein Zweifel mehr, das Trauergeläute, das ein lauer Wind über die einsame Landschaft trug, es galt Bompard! Welche Musik zum Einzug des grossen Mannes in seine Vaterstadt! Noch eine kleine Weile, und die Thür des Gärtchens drüben wurde rasch geöffnet und geschlossen. Tartarin war wieder auf dem Seinigen, er sah die schmalen, reinlichen, mit Buchsbaum eingefassten Gänge, das Becken in der Mitte, den Springbrunnen, die Goldfische, die beim Krachen des Sandes unter seinen Füssen lebhaft hin- und herschwammen; er sah den Riesen-Baobab in seinem Blumentopf; ein weiches Wohlbehagen, die Wärme des heimathlichen Nestes mit all seiner süssen Sicherheit umfing ihn nach so vielen Gefahren und Abenteuern. Doch die Glocken, die verwünschten Glocken läuteten jetzt so stark, die schweren finstern Klänge fielen ihm wieder auf's Herz und sprachen zu ihm in Klagelauten: «Kain, was hast du mit deinem Bruder gethan?... Tartarin, wo ist Bompard?» Er wagte es nicht, sich zu regen, er setzte sich auf den heissen, steinernen Rand des kleinen Brunnenbeckens und blieb da sitzen, vernichtet, zerschmettert, zum grossen Schrecken der schuldlosen Goldfische. Die Glocken läuten nicht mehr. Die Vorhalle der Metropolitankirche, vor einem Augenblick noch so laut, ist wieder dem Gemurmel der darin sitzenden Bettlerin und der Regungslosigkeit seiner steinernen Heiligen zurückgegeben. Die religiöse Feier ist beendigt und ganz Tarascon wallt hin zum Alpinen-Club. Die Sitzung findet bei weit geöffneten Fenstern statt, so dass die städtische Trompetenmusik, die sich unten auf dem Platze aufgestellt, die ergreifenden Worte der Redner mit klagenden, auch mit heroischen Akkorden begleiten kann. Eine ungeheure Menschenmenge drängt sich um die Musiker, stellt sich auf die Fussspitzen, horcht mit vorgestrecktem Haupte, um wo immer möglich einige Sätze von den Reden zu erhaschen. Leider sind die Fenster zu hoch und man hätte keine Vorstellung von dem, was oben vorgeht, wenn nicht zwei oder drei Buben, die in den Aesten der Platanen sitzen, so wie man Kirschkerne von einem Baume herunterwirft, von Zeit zu Zeit ihre Beobachtungen in die Masse hinunter besorgten. «Seht doch Costecalde, wie er sich die Thränen auspresst. O, der Lump, er sitzt jetzt auf dem Präsidentenstuhl. Und der arme Bézuquet, er muss sich in einem fort schnäuzen, und seine Augen sind so roth.... Té! man hat einen Flor an das Banner geknüpft.... Und jetzt kommt Bompard mit den drei Delegirten an den Tisch.... Er legt etwas vor den Präsidenten hin.... Jetzt spricht er... Das muss sehr schön sein!... Ach, jetzt schwimmen sie Alle in Thränen....» Die Rührung wurde in der That immer grösser, je weiter Bompard in seiner fantastischen Erzählung fortschritt. Ach ja, er hatte sein Gedächtniss, auch die Macht seiner Einbildungskraft wieder erlangt. Nachdem er mit seinem berühmten Reisegefährten, ohne Führer, denn sie hatten aus Angst vor dem schlechten Wetter sich sämmtlich geweigert, ihnen zu folgen, fünf Minuten lang mit entfaltetem Banner auf dem Gipfel des Montblanc, dem höchsten Punkte Europa's sich gezeigt, erzählte er jetzt – und mit welcher Rührung! – die gefahrvolle Rückfahrt, die Geschichte von dem Sturz, wie Tartarin in die Tiefe einer Spalte hinabrollte und wie er, Bompard, Alles aufbot, um den Todesschlund mit einem zweihundert Fuss langen Seil zu durchforschen. «Mehr als zwanzig Mal, meine Herren; was sage ich? mehr als neunzig Mal habe ich mich in den eisigen Abgrund hinabgelassen, ohne bis zu unserem unglückseligen Präsidenten gelangen zu können, dessen Sturz an jenem Orte ich leider durch einige an den Vorsprüngen des Eises von ihm zurückgebliebene Reste festzustellen vermochte....» Und indem er so sprach, breitete er auf der grünen Decke ein Stück von einem Backenknochen, einige Barthaare, einen Fetzen von einer Weste, die Schnalle von einem Hosenträger aus. Ach, das hatte so viel Aehnlichkeit mit dem Reliquienkasten auf den Grands-Mulets. Angesichts dieser Ausstellung brachen die letzten Dämme der schmerzhaftesten Empfindungen, sogar die härtesten Gemüther wurden weich, die Anhänger Costecalde's, die ernsthaftesten Persönlichkeiten, der Notar Cambalalette, der Doctor Tournatoire, vergossen Thränen, so gross wie die gläsernen Pfropfen auf den Wasserflaschen. Die eingeladenen Damen stiessen ein herzzerreissendes Wehgeschrei aus, in das sich das krampfhafte Schluchzen des wackren Excourbaniès und das Meckern des jungen Pascalon mischte, während unten die Trompeten mit ihren tiefsten Bässen einen langsamen und feierlichen Trauermarsch anstimmten. Und Bompard, als er sah, dass die Rührung ihren Höhepunkt erreicht hatte, schloss jetzt seine Erzählung, indem er mit einer ergreifenden Geste seine Arme über die vor ihm liegenden letzten Andenken des Verunglückten ausbreitete: «Das, meine Herren und theuren Mitbürger, ist Alles, was ich von unserem berühmten und vielgeliebten Präsidenten habe auffinden können.... Was hier nicht ist, das wird in vierzig Jahren der Gletscher wieder herausgeben....» Er war im Begriff, denen, die es nicht wussten, die neuesten Entdeckungen bezüglich der regelmässigen Bewegung der Gletscher mitzutheilen; das Kreischen der kleinen Thür hinten im Saal unterbrach ihn. Tartarin, bleicher als eine Geistererscheinung, stand vor dem Angesichte des Redners. « Vé! ... Tartarin! – Té! ... Gonzague....» Und diese Rasse ist so sonderbar, so leichtgläubig gegenüber den unwahrscheinlichsten Geschichten, den kühnsten, dabei rasch widerlegten Lügen, dass das Auftreten des grossen Mannes, von dem die angeblichen Bruchstücke noch auf dem Tische lagen, nur geringe Ueberraschung im Saale hervorrief. «Es ist ein Misverständniss, allons ,» sagte Tartarin mit erleichtertem Herzen, strahlend vor Freude, und die Hand auf die Schulter des Mannes legend, den er glaubte getödtet zu haben. «Ich habe den Montblanc auf beiden Seiten begangen; von der einen hinauf, von der andern herunter. Und das hat zu dem Irrthum Veranlassung gegeben, ich sei verschwunden.» Eines gestand er freilich nicht: dass er den Rückweg auf dem Rücken gemacht hatte. «Verdammter Bompard!» sagte Bézuquet. «Er hat uns mit seiner Geschichte aber doch das Herz im Leibe umgekehrt....» Und man lachte, man drückte sich die Hände, während draussen die Trompetenmusik, der man vergebens Schweigen gebot, hartnäckig den Trauermarsch fortsetzte. «Seht nur, wie gelb Costecalde geworden ist!» murmelte Pascalon dem Kommandanten Bravida in's Ohr, indem er auf den Waffenschmied hinwies, der sich erhob, um seinen Sessel dem bisherigen Präsidenten abzutreten, dessen Antlitz vor Wonne leuchtete. Und Bravida, der stets einen Sinnspruch zu seiner Verfügung hatte, sagte ganz leise mit einem Blick auf das Jammergesicht Costecalde's, der wieder zu seiner untergeordneten Stellung zurückkehren musste: «Das Schicksal des Herrn Mandar, gestern noch Pfarrer, heute blos Vicar.»