Giacomo Casanova Erinnerungen, Band 1 Übersetzer: Heinrich Conrad Inhalt Vorrede Erstes Kapitel Nachrichten aus meiner Familie – Meine Kindheit Zweites Kapitel Meine Großmutter gibt mich dem Doktor Gozzi in Pension – Meine erste zärtliche Bekanntschaft. Drittes Kapitel Bettina wird für wahnsinnig gehalten. – Vater Mancia – Die Pocken – Meine Abreise von Padua Viertes Kapitel Der Patriach von Venedig erteilte mir die niederen Weihen. – Meine Bekanntschaften: Der Senator Malipiero; Teresa Imer, die Pfarrersnichte; Signora Drio; Nannetta and Martuccia; die Cavamacchie. – Ich werde Prediger. – Mein Erlebnis mit Lucia von Paseano. – Stelldichein im dritten Stock. Fünftes Kapitel Tod meiner Großmutter und die Folgen davon. – Ich verliere das Wohlwollen des Herrn von Malipiero. – Ich habe kein Haus mehr. – Die Tintoretta. – Ich werde in ein Seminar gebracht. – Ich werde fortgejagt. – Ich werde in ein Fort gesperrt. Sechstes Kapitel Mein kurzer Aufenthalt in Fort Sant' Andrea. – Mein erster galanter Denkzettel. – Genußreiche Rache und schöner Alibibeweis. – Haft des Grafen Bonafede. – Meine Entlassung aus der Haft. – Ankunft des Bischofs. – Ich verlasse Venedig. Siebentes Kapitel Unglück in Chiozza. – Der Barfüßermönch Vater Steffano. – Im Lazarett zu Ancona. – Die griechische Sklavin. – Pilgerfahrt zu Unserer lieben Frau von Loreto.– Fußwanderung nach Rom; Weiterreise nach Neapel.– Der Bischof, den ich suche, ist nicht zu finden. – das Glück verschafft mir die Mittel nach Martorano zu gelangen, von wo ich schleunigst wieder abreise, um nach Neapel zurückzukehren. Achtes Kapitel Kurzer, aber glücklicher Aufenthalt in Neapel. – Don Antonio Casanova. – Don Lelio Caraffa. – Ich fahre in reizender Gesellschaft nach Rom und trete dort in den Dienst des Kardinals Acquavina ein. – Barbaruccia. – Lestaccio. – Frascati. Neuntes Kapitel Benedikt der Vierzehnte. – Ausflug nach Tivoli. – Donna Lucrezias Abreise. – Marchesa G. – Barbara Dalaequa. – Mein Unglück und meine Abreise von Rom. Zehntes Kapitel Mein kurzer, zu lebenslustiger Aufenthalt in Ancona. – Cecilia, Marina, Bellino. – Die griechische Sklavin vom Lazarett. – Bellino gibt sich zu erkennen. Elftes Kapitel Bellinos Geschichte. – Ich werde in Arrest gesetzt. – Meine unfreiwillige Flucht – Meine Rückkehr nach Rimini und Ankunft in Bologna Zwölftes Kapitel Ich werfe das geistliche Gewand ab und ziehe den Soldatenrock an. – Teresa reist nach Neapel, und ich gehe nach Venedig, wo ich in den Dienst meines Vaterlandes trete. – Ich schiffe mich nach Korfu ein und gehe in Orfera an Land, um einen Spaziergang zu machen. Dreizehntes Kapitel Komische Begegnung in Orsera. – Reise nach Korfu. – Aufenthalt in Konstantinopel. – Bonneval. – Meine Rückkehr nach Korfu. – Frau F. – Der falsche Prinz. – Meine Flucht aus Korfu. – Meine tollen Streiche auf der Insel Casopo. – Ich begebe mich nach Korfu in Arrest. – Meine schnelle Freilassung und meine Triumphe. – Meine Erfolge bei Frau F. Vierzehntes Kapitel Fortsetzung meiner Liebesgeschichte – Fahrt nach Otranto – Ich trete in den Dienst der Frau F. – Glückliche Beinverletzung. Fünfzehntes Kapitel Ein schreckliches Unglück drückt mich nieder. – Abkühlung der Liebe. – Meine Abreise von Korfu und Rückkehr nach Venedig. – Ich gebe den militärischen Beruf auf und werde Geigenspieler. Sechzehntes Kapitel Ich werde ein Taugenichts. – Ein großes Glück entreißt mich der Erniederigung, und ich werde ein großer Herr. Siebzehntes Kapitel Unordentlicher Lebenswandel. – Zawoisti. – Rinaldi. – L'Abbadie. – Die junge Gräfin. – Steffani wird Kapuziner. – Ancilla. – Die Ramon. – Ich steige in San Giobbe in eine Gondel, um nach Mestre zu fahren. Achtzehntes Kapitel Ich verliebe mich in Cristina und finde einen würdigen Gatten für sie. – Ihre Hochzeit. Neunzehntes Kapitel Kleine Unglücksfälle, die mich nötigten, Venedig zu verlassen. – Erlebnisse in Mailand und Manua. Zwanzigstes Kapitel Ich gehe nach Gesena, um einen Schatz zu heben. – Ich lasse mich bei Franzka nieder. – Seine Tochter Genoveffa. – Ich gehe an mein Zauberwerk heran. – Störung durch furchtbares Gewitter. – Meine Angst. – Genoveffa bleibt unberührt. – Ich gebe das Unternehmen auf und verkaufe die Scheide an Capitani. Vorrede Vor allen Dingen erkläre ich meinem Leser, daß ich überzeugt bin, bei allem, was ich im Laufe meines Lebens Gutes oder Böses getan habe, für den guten oder bösen Ausgang selber verantwortlich zu sein. Es folgt daraus, daß ich an die Freiheit des Willens glaube. Die Lehre der Stoiker und aller anderen Sekten von der Macht des Schicksals ist ein Hirngespinst der Phantasie, das dem Atheismus nicht fernsteht. Ich bin nicht nur Monotheist, sondern Christ, gefestigt durch Philosophie, die niemals etwas verdorben hat. Ich glaube an das Dasein eines immateriellen Gottes, der Schöpfer und Herr aller Lebensformen ist. Daß ich niemals an ihm gezweifelt habe, beweist mir die Tatsache, daß ich immer auf seine Fürsorge rechnete, indem ich in meinen Nöten mich betend an ihn wandte und mich stets erhört fand. Die Verzweiflung tötet; aber vor dem Gebet verschwindet die Verzweiflung, und wenn der Mensch gebetet hat, empfindet er Vertrauen, und er handelt. Welche Mittel der Herr aller Wesen anwendet, um von denen, die seine Hilfe erflehen, drohendes Unglück abzuwenden – dies zu wissen, geht über das Verständnis des Menschen, der in demselben Augenblick, wo er über die Unbegreiflichkeit der göttlichen Vorsehung nachdenkt, sich genötigt sieht, sie anzubeten. Da finden wir Hilfe nur in unserer Unwissenheit, und wahrhaft glücklich sind nur die, die zu ihr ihre Zuflucht nehmen. Darum müssen wir zu Gott beten und müssen glauben, die erbetene Gnade erhalten zu haben, selbst wenn der Anschein dagegen ist. Die Stellung, die unser Körper einnehmen muß, wenn wir uns an den Schöpfer wenden, lehrt uns ein Vers Petrarcas: Con le ginocchia della mente inchine. Vor ihm die Knie deiner Seele beugend. Der Mensch ist frei; aber er ist nicht mehr frei, wenn er nicht an seine Freiheit glaubt. Je mehr Macht er dem Schicksal beimißt, desto mehr beraubt er sich selber jener Macht, die Gott ihm verlieh, indem er ihn mit Vernunft begabte. Die Vernunft ist ein Bruchteilchen der Göttlichkeit des Schöpfers. Wenn wir uns ihrer bedienen, um demütig und gerecht zu sein, so werden wir unfehlbar Ihm, der sie uns geschenkt hat, wohlgefällig sein. Gott hört nur für die auf, Gott zu sein, die sich sein Nichtvorhandensein als möglich denken können. Diese Vorstellung muß für sie die größte Strafe sein, die sie erleiden könnten. Aber wenn nun auch der Mensch frei ist, so dürfen wir doch nicht glauben, daß er das Recht habe, zu tun, was er will. Denn er wird Sklave, so oft er sich von einer Leidenschaft zum Handeln fortreißen läßt. Nisi paret, imperat . – Wenn sie nicht gehorcht, befiehlt sie. Wer stark genug ist, seine Handlungen so lange aufzuschieben, bis er wieder ruhig geworden ist, der ist wahrhaft weise. Aber solche Menschen sind selten. Der denkende Leser wird aus diesen meinen Erinnerungen ersehen, daß ich niemals ein bestimmtes Ziel im Auge gehabt habe, und daß das einzige System, das ich hatte – wenn es überhaupt eines ist – darin bestand, mich von Wind und Wellen treiben zu lassen. Welche Wechselfälle entstehen aus dieser Unabhängigkeit von einer bestimmten Methode! Was mir an Erfolg und Mißerfolg, was mir an Gutem und Bösem zuteil wurde: alles hat mir gezeigt, daß in der physischen wie in der moralischen Welt das Gute stets aus dem Bösen und das Böse stets aus dem Guten entsteht. Meine Abwege zeigen den denkenden Lesern die rechten Wege; sie können auch aus meinen Verirrungen die große Kunst lernen, wie man sich über dem Abgrund in der Schwebe erhält. Es kommt nur darauf an, Mut zu haben; denn Kraft ohne Selbstvertrauen führt zu nichts. Sehr oft sah ich das Glück mir lächeln infolge eines unbesonnenen Schrittes, der mich in den Abgrund hätte stürzen müssen; dann dankte ich Gott, aber ich vergaß darüber nicht, mich selber zu tadeln. Im Gegenteil sah ich aber auch ein niederschmetterndes Unglück aus einem weisen und maßvollen Verhalten hervorgehen. Dies demütigte mich; aber ich tröstete mich leicht darüber, weil ich gewiß war, daß ich recht gehabt hatte. Die göttlichen Grundsätze, die in meinem Herzen wurzelten, mußten notwendigerweise die Frucht einer ausgezeichneten Moral hervorbringen; trotzdem bin ich mein ganzes Leben lang das Opfer meiner Sinne gewesen. Ich gefiel mir darin, vom rechten Wege abzugehen, ich lebte beständig im Irrtum und hatte dabei nur den Trost, zu wissen, daß ich im Irrtum war. Darum hoffe ich, lieber Leser, du wirst meiner Geschichte nicht den Charakter unverschämter Überhebung beimessen, sondern im Gegenteil darin den Ton finden, der einer Generalbeichte geziemt. Du wirst in meinen Erzählungen weder eine Büßermiene finden, noch die Verlegenheit eines Sünders, der errötend seine Verirrungen bekennt. Es sind Jugendtorheiten; du wirst sehen, daß ich darüber lache, und wenn du gut bist, so wirst du mit mir lachen. Du wirst lachen, wenn du siehst, wie ich mir oftmals kein Gewissen daraus gemacht habe, Toren, Schelme und Dummköpfe zu hintergehen, wenn ich in Not war. Wenn ich Frauen betrogen habe, so war das Hintergangenwerden gegenseitig. So etwas zählt nicht; denn wenn die Liebe mit ins Spiel kommt, sind gewöhnlich beide Teile angeführt. Ganz etwas anderes ist es mit den Dummköpfen. Noch jetzt wünsche ich mir Glück, so oft ich mich erinnere, einen in meine Netze gelockt zu haben; denn sie sind so unverschämt und anmaßend, daß sie einen klugen Menschen unwillkürlich herausfordern. Man rächt die Klugheit, wenn man einen Dummkopf betrügt, und der Sieg lohnt sich der Mühe; denn der Dummkopf ist gepanzert, und man weiß oft nicht, an welcher Stelle man ihm beikommen soll. Mit einem Wort: einen Dummkopf zu betrügen, ist wohl eines klugen Mannes würdig. Seitdem ich auf der Welt bin, habe ich in meinem Blut einen unüberwindlichen Haß gegen dieses Gezüchte von Dummköpfen, weil ich mich selber dumm finde, so oft ich in ihrer Gesellschaft bin. Ich bin weit davon entfernt, sie mit den sogenannten dummen Menschen in einen Topf zu werfen; denn diese habe ich eigentlich recht gern, wenn sie nur aus Mangel an Erziehung dumm sind. Ich habe unter ihnen sehr ehrenwerte Menschen gefunden und in dem Charakter ihrer Dummheit zuweilen einen gewissen Geist entdeckt, einen hausbackenen Verstand, durch den sie sich sehr weit von den Dummköpfen unterscheiden. Sie gleichen Augen, die mit dem grauen Star behaftet sind, sonst aber sehr schön sein würden. Wenn du, mein lieber Leser, den Geist dieser Vorrede prüfst, so wirst du leicht meinen Zweck erraten. Ich habe sie geschrieben, weil ich wünsche, daß du mich kennst, bevor du mich liest. Nur in Kaffeehäusern und an Wirtstafeln unterhält man sich mit Unbekannten. Ich habe meine Geschichte geschrieben, und hiergegen kann niemand etwas einzuwenden haben. Aber tue ich recht daran, sie dem Publikum zu übergeben, das ich nur von einer sehr schlechten Seite kenne? Nein. Ich weiß, ich mache eine Dummheit. Aber da ich einmal das Bedürfnis empfinde, mich zu beschäftigen und zu lachen – warum sollte ich es mir versagen, dies zu tun. Expolit elleboro morbum bilemque meroco. Gallsucht trieb er hinaus mit Hilfe gereinigter Nieswurz. Ein Alter sagt uns in weisem Schulmeisterton: Wenn du nichts getan hast, was wert ist, aufgeschrieben zu werden, so schreibe wenigstens etwas, was wert ist, gelesen zu werden. Diese Lehre ist so schön wie ein Diamant von reinstem Wasser, der in England zum Brillanten geschliffen worden ist. Aber auf mich ist sie nicht anwendbar; denn ich schreibe weder einen Roman noch die Geschichte einer berühmten Persönlichkeit. Mag es würdig sein, mag es unwürdig sein: mein Leben ist mein Stoff, und mein Stoff ist mein Leben. Ich habe es durchlebt, ohne jemals zu glauben, ich könnte eines Tages auf den Gedanken kommen, es niederzuschreiben; aber gerade dadurch kann es vielleicht einen interessanten Charakter erhalten haben, den es gewiß nicht haben würde, wenn ich dabei die Absicht gehabt hätte, in meinen alten Tagen meine Lebensgeschichte niederzuschreiben oder gar zu veröffentlichen. Jetzt, im Jahre 1797, da ich zweiundsiebzig Iahre alt bin, da ich sagen kann: vixi – obgleich ich noch lebe – jetzt könnte ich mir schwerlich eine angenehmere Unterhaltung verschaffen, als mich mit meinen eigenen Angelegenheiten zu unterhalten und der guten Gesellschaft, die mich anhört, die mich stets freundschaftlich behandelt hat und in deren Mitte ich stets verkehrt habe, einen würdigen Anlaß zum Lachen zu liefern. Um gut zu schreiben, brauche ich mir nur vorzustellen, daß diese gute Gesellschaft mich liest: Quaecunque dixi, si placuerint, dictavit auditor. . – Wenn das, was ich sage, gefällt, so hat es der Zuhörer eingegeben. Zwar gibt es auch Unberufene, die ich nicht werde hindern können, mich zu lesen; aber da genügt mir mein Bewußtsein, daß ich für sie nicht schreibe. Indem ich mir die genossenen Freuden ins Gedächtnis zurückrufe, erneuere ich sie und genieße ihrer zum zweiten Mal; der Leiden aber, die ich ausgestanden habe und die ich jetzt nicht mehr fühle – ihrer lache ich. Ich bin ein Glied des großen Alls; und so spreche ich in die Luft hinein und bilde mir ein, von meinem Tun und Lassen Rechenschaft abzulegen, wie ein Haushofmeister seinem Herrn Rechnung gibt, bevor er abgeht. Uber meine Zukunft habe ich als Philosoph mich niemals beunruhigt; denn ich weiß nichts von ihr; der gläubige Christ aber muß glauben, ohne Beweise zu suchen; gerade der reinste Glaube verharrt in tiefstem Schweigen. Ich weiß, daß ich existiert habe; denn ich habe gefühlt; und da ich dies durch das Gefühl weiß, so weiß ich auch, daß ich nicht mehr existieren werde, sobald ich aufgehört habe zu fühlen. Sollte es geschehen, daß ich nach meinem Tode noch empfände, so würde ich an nichts mehr zweifeln; aber ich würde jeden Lügen strafen, der mir sagen wollte, daß ich tot sei. Meine Geschichte muß mit der entferntesten Begebenheit beginnen, die mein Gedächtnis mir darbieten kann; sie beginnt daher mit dem Alter von acht Jahren und vier Monaten. Vor dieser Zeit habe ich, wenn wirklich vivere cogitare est – wenn leben: denken heißt – noch nicht gelebt; ich vegetierte. Da das Denken des Menschen nur in einem vergleichenden Prüfen verschiedener Beziehungen besteht, so kann es unmöglich vorhanden sein, bevor es ein Gedächtnis gibt. Das Organ dafür entwickelte sich in meinem Kopf erst acht Jahre und vier Monate nach meiner Geburt; in diesem Augenblick erlangte mein Geist zuerst die Fähigkeit, Eindrücke aufzunehmen. Wie eine immaterielle Substanz, die nec tangere nec tangi kann, imstande ist, Eindrücke zu empfangen, das ist etwas, was der Mensch nicht erklären kann. Eine tröstende Philosophie behauptet im Einklang mit der Religion, die Abhängigkeit der Seele von Sinnen und Organen sei nur zufällig und vorübergehend; sie werde frei und glücklich sein, wenn der Tod des Körpers sie aus dieser sklavischen Abhängigkeit erlöst habe. Das ist sehr schön, aber – abgesehen von der Religion – welche Gewähr haben wir? Da ich also aus eigenem Augenschein die vollkommene Gewißheit der Unsterblichkeit erst dann erlangen kann, wenn ich nicht mehr lebe, so wird man mir verzeihen, daß ich es nicht sehr eilig habe, zur Erkenntnis dieser Wahrheit zu gelangen; denn eine Erkenntnis, die das Leben kostet, scheint mir zu teuer bezahlt zu sein. Einstweilen verehre ich Gott, hüte mich vor jeder ungerechten Handlung und verabscheue die Bösewichte, ohne ihnen jedoch Böses zuzufügen. Es genügt mir, wenn ich mich enthalte ihnen Gutes zu tun; ich bin überzeugt: Schlangen sollen nicht füttern. Auch über mein Temperament und über meinen Charakter muß ich einiges sagen. Möge der Leser recht nachsichtig sein; das wird weder seiner Redlichkeit noch seiner Verständigkeit Abbruch tun. Ich habe nach und nach alle Temperamente gehabt: in meiner Kindheit war ich phlegmatisch, in meiner Jugend sanguinisch; später wurde ich cholerisch und endlich melancholisch, und das werde ich wahrscheinlich bleiben. Indem ich meine Nahrung meiner Leibesbeschaffenheit anpaßte, habe ich mich stets einer guten Gesundheit erfreut. Schon frühzeitig lernte ich, daß jede Schädigung der Gesundheit stets von einem Übermaß in der Ernährung oder in der Enthaltsamkeit herrührt. Darum habe ich niemals einen anderen Arzt gehabt als mich selber. Bei dieser Gelegenheit muß ich sagen, daß ich das Ubermaß in der Enthaltsamkeit viel gefährlicher gefunden habe als das Übermaß im anderen Sinne; wohl führt dieses zur Überladung, ersteres aber führt zum Tod. Heutzutage in meinem hohen Alter brauche ich trotz meinem vorzüglichen Magen nur eine einzige Mahlzeit täglich; aber für diese Entbehrung früherer Genüsse entschädigt mich ein süßer Schlaf, und die Leichtigkeit, womit ich meine Gedanken schriftlich ausdrücken kann, ohne Paradoxe oder Sophismen zu bedürfen, durch die ich mehr mich selber als meine Leser betrügen würde; denn niemals könnte ich mich entschließen, wissentlich ihnen falsche Münze zu geben. Mein sanguinisches Temperament machte mich sehr empfänglich für die Lockungen der Sinnlichkeit; ich war stets fröhlich und immer geneigt, von einem Genusse zu einem neuen überzugehen; dabei war ich zugleich sehr erfinderisch im Ersinnen neuer Genüsse. Daher stammt ohne Zweifel meine Neigung, neue Bekanntschaften anzuknüpfen, und meine große Geschicklichkeit, solche wieder abzubrechen; doch geschah dieses stets mit voller Überlegung und niemals aus bloßer Leichtfertigkeit. Temperamentsfehler sind unverbesserlich, weil das Temperament nicht von unseren Kräften abhängt. Etwas anderes ist es mit dem Charakter. Diesen bilden Geist und Herz; das Temperament hat fast gar nichts damit zu tun. Darum hängt der Charakter von der Erziehung ab und läßt sich folglich bessern und gestalten. Ich überlasse anderen die Entscheidung, ob mein Charakter gut oder schlecht ist; aber so wie er ist, malt er sich in meinen Zügen, und jeder Kenner kann ihn leicht darnach beurteilen. Nur in den Gesichtszügen des Menschen stellt sich ein Charakter dem Blicke dar; in ihnen hat er seinen Giß. Man beachte, daß die Menschen, die keinen Gesichtsausdruck haben – und deren gibt es gar viele – ebensowenig haben, was man Charakter nennt. Wir können daraus die Regel ableiten, daß es ebenso viele verschiedene Physiognomien gibt wie verschiedene Charaktere. Ich habe eingesehen, daß ich mein Lebenlang mehr nach der Eingebung meines Gefühls als aus Überlegung gehandelt habe; ich glaube daraus folgern zu dürfen, daß mein Verhalten mehr von meinem Charakter als von meinem Verstande abhängig gewesen ist. Mein Verstand und mein Charakter liegen beständig im Kriege miteinander, und bei ihren fortwährenden Zusammenstößen habe ich stets gefunden, daß ich nicht Verstand genug für meinen Charakter und nicht Charakter genug für meinen Verstand besaß. Doch genug davon! Denn wenn das Wort wahr ist: si brevis esse volo, obscurus fio – wenn ich kurz sein will, werde ich dunkel – so glaube ich, ich kann ohne Unbescheidenheit die Worte meines geliebten Virgil auf mich anwenden: Nec sum adeo inferior: nuper me in litore vidi Cum placidum ventis staret mare. Auch nicht bin ich so schlecht von Gestalt; mich sah ich am Ufer Jüngst, da des Meers Windstille mir spiegelte. (Voß.) Der Kultus der Sinneslust war mir immer die Hauptsache: niemals hat es für mich etwas Wichtigeres gegeben. Ich fühlte mich immer für das andere Geschlecht geboren; daher habe ich es immer geliebt und mich von ihm lieben lassen, soviel ich nur konnte. Auch die Freuden der Tafel habe ich leidenschaftlich geliebt, und ich habe mich für alles begeistert, was meine Neugier erregte. Ich habe Freunde gehabt, die mir Gutes getan haben, und ich hatte das Glück, ihnen bei jeder Gelegenheit Beweise meiner Dankbarkeit geben zu können. Ich habe auch abscheuliche Feinde gehabt, die mich verfolgt haben, und die ich nicht vernichtet habe, weil es nicht in meiner Macht stand, dies zu tun. Wer eine Beleidigung vergißt, vergibt sie darum noch nicht; denn um vergeben zu können, muß man heroisches Gefühl, ein edles Herz, einen großmütigen Sinn haben; das Vergessen dagegen beruht auf Gedächtnisschwäche oder auf sanftmütiger Nachlässigkeit, der eine friedfertige Seele sich so gerne hingibt; oft auch auf einem Bedürfnis nach Ruhe und Frieden. Denn der Haß tötet mit der Zeit den Unglücklichen, der ihn groß werden läßt. Wenn man mich sinnlich nennt, so tut man mir unrecht; denn meiner Sinne wegen habe ich niemals Pflichten vernachlässigt, so oft ich deren hatte. Aus demselben Grunde hätte man niemals Homer einen Trinker nennen dürfen: Laudibus arguitur vini vinosus Homerus. Weil er den Wein gelobt, gilt als Weintrinker Homerus. Ich liebte alle scharfgewürzten Speisen: Makkaronipastete von einem guten neapolitanischen Koch, die Ollapotrida der Spanier, recht klebrigen Neufundländer Stockfisch, Wildpret im höchsten Stadium des Duftes und von Käse gerade diejenigen Sorten, deren Vollendung sich dadurch zeigt, daß die Tierchen, die sich in ihnen bilden, sichtbar werden. Stets fand ich süß den Geruch der Frauen, die ich geliebt habe. Was für ein verderbter Geschmack! wird man sagen; welche Schamlosigkeit, ihn ohne Erröten einzugestehen! Diese Kritik macht mich lachen; denn ich glaube, dank meinem derben Geschmack glücklicher zu sein als andere Menschen; ich bin überzeugt, daß er mich genußfähiger macht. Glücklich, wer sich Genüsse zu verschaffen weiß, ohne anderen zu schaden! Töricht, wer sich einbildet, das höchste Wesen könnte Wohlgefallen daran finden, daß ihm zum Opfer Schmerzen, Qualen und Entbehrungen geweiht werden, und es liebe nur die Überschwänglichen, die sich dergleichen auferlegen. Gott kann von seinen Geschöpfen nur die Betätigung jener Tugenden verlangen, deren Keime er in ihre Seele gelegt hat; er gab uns alles nur, um uns glücklich zu machen: Eigenliebe, ehrgeiziges Streben nach Beifall, Nachahmungstrieb, Kraft, Mut und schließlich etwas, das keine Gewalt uns nehmen kann: die Möglichkeit, uns selber zu töten, wenn wir nach einer richtigen oder falschen Berechnung so unglücklich sind, unsere Rechnung dabei zu finden. Dieses ist der stärkste Beweis für unsere moralische Freiheit, die der Sophismus so scharf bestritten hat. Die Natur jedoch sträubt sich gegen den Selbstmord, und mit Recht müssen alle Religionen ihn verbieten. Ein vermeintlicher starker Geist sagte mir eines Tages, ich könnte mich nicht einen Philosophen nennen und gleichzeitig an die Offenbarungen glauben. Aber wenn wir sie im Physischen nicht bezweifeln, warum sollten wir sie nicht auch in den religiösen Dingen zulassen? Es handelt sich nur um die Form. Der Geist spricht zum Geist und nicht zu den Ohren. Die Uranfänge alles unseres Wissens müssen denen offenbart worden sein, die sie in dem großen und erhabenen Prinzip, das sie alle einschließt, uns mitgeteilt haben. Die Biene, die ihren Stock, die Schwalbe, die ihr Nest, die Ameise, die ihre Höhle baut, die Spinne, die ihr Netz webt – sie hätten niemals etwas gemacht, hätten sie nicht vorher eine Offenbarung empfangen, die von Ewigkeit her da sein mußte. Entweder müssen wir dies glauben, oder wir müssen zugeben, daß die Materie denkt. Warum nicht, würde Locke sagen, wenn Gott es gewollt hätte? Aber da wir es nicht wagen, der Materie so viel Ehre zu erweisen, so wollen wir uns doch lieber an die Offenbarung halten. Der große Philosoph Locke, der, nachdem er die Natur studiert hatte, jubelnd verkünden zu können glaubte, daß Gott nichts weiter sei als die Natur selber – er starb zu früh. Hätte er noch einige Zeit gelebt, so wäre er viel weiter gegangen, aber seine Reise wäre nicht lang gewesen. Er hätte sich selber in seinem Schöpfer gefunden und hätte ihn dann nicht mehr leugnen können: in eo movemur et sumus – in ihm leben und sind wir. Er würde ihn unbegreiflich gefunden haben und hätte sich nicht mehr darum beunruhigt. Könnte Gott, der Uranfang aller Anfänge, der selber niemals einen Anfang gehabt hat, sich selber begreifen, wenn er, um sich zu begreifen, seinen eigenen Anfang kennen müßte? O glückliches Nichtswissen! Spinoza, der tugendhafte Spinoza, starb, ehe er zu diesem Besitze gelangt war. Er wäre als Weiser und mit gerechtem Anspruch auf Belohnung seiner Tugenden gestorben, wenn er an die Unsterblichkeit seiner Seele geglaubt hätte. Es ist falsch, daß echte Tugend nicht auf Belohnung Anspruch erheben dürfe, sondern dadurch ihrer Feinheit Abbruch tue. Im Gegenteil, die Tugend wird dadurch gestärkt; denn der Mensch ist zu schwach, als daß er tugendhaft sein wollte, nur um sich selber zu gefallen. Ich glaube, daß jener Amphiaraos, qui vir bonus esse quam videri malebat – der lieber ein rechtschaffener Mann sein als scheinen wollte, der Fabel angehört. Ich glaube mit einem Wort, es gibt auf der Welt keinen ehrenwerten Menschen ohne alle Ansprüche, und ich will von den meinigen reden. Ich erhebe Anspruch auf die Freundschaft, die Achtung und die Dankbarkeit meiner Leser. Auf ihre Dankbarkeit: wenn das Lesen meiner Erinnerungen sie belehrt und ihnen Vergnügen macht. Auf ihre Achtung: wenn sie mir Gerechtigkeit widerfahren lassen und mich reicher an guten Eigenschaften als an Fehlern finden. Auf ihre Freundschaft: wenn sie mich dieser würdig finden wegen des Freimutes und des Vertrauens, womit ich mich ohne Verkleidung, ganz wie ich bin, ihrem Urteil überliefere. Sie werden finden, daß ich stets die Wahrheit so leidenschaftlich geliebt habe, daß ich oft zunächst gelogen habe, um Menschen, die ihre Reize nicht ahnten, mit der Wahrheit bekannt zu machen. Sie werden nicht auf mich schmälen, wenn sie mich die Börse meiner Freunde leeren sehen, um meine Launen zu befriedigen; denn diese Freunde trugen sich mit chimärischen Plänen, und indem ich ihnen Hoffnung auf deren Erfüllung machte, hoffte ich selber sie von ihrer Torheit zu heilen, indem ich sie sie erkennen ließ. Ich betrog sie, um sie vernünftig zu machen, und ich hielt mich nicht für strafbar; denn ich handelte nicht aus Habsucht. Die Summen, die ich benutzte, um mir meine Vergnügungen zu verschaffen, waren zu Zwecken bestimmt, die von Natur unmöglich sind. Ich würde mich schuldig fühlen, wenn ich heute reich wäre. Aber ich habe nichts; ich habe alles verschwendet; und dies tröstet mich und rechtfertigt mich. Es war Geld, das zu Torheiten bestimmt war. Ich habe es seiner Bestimmung nicht entfremdet, indem ich es für meine eigenen Torheiten verwandte. Sollte ich mich in meiner Hoffnung getäuscht haben und dem Leser nicht gefallen, so gestehe ich: dies würde mir leid tun; aber doch nicht so sehr, um mich bereuen zu lassen, meine Lebensgeschichte niedergeschrieben zu haben; denn trotz alledem bleibt es dabei, daß mir dies Spaß gemacht hat. Grausame Langeweile! Nur aus Versehen können die Schilderer der Höllenstrafen dich übergangen haben! Doch muß ich gestehen, ich kann mich der Furcht vor dem Ausgepfiffenwerden nicht ganz erwehren; sie ist nur zu natürlich, und daher brauche ich mich nicht damit zu brüsten, unempfindlich gegen sie zu sein; und ich bin weit entfernt, mich damit zu trösten, daß ich nicht mehr am Leben sein werde, wenn diese Erinnerungen erscheinen. Nur mit Entsetzen kann ich daran denken, daß ich dem Tode, den ich verabscheue, für etwas dankbar sein müßte; denn das Leben – mag es glücklich, mag es unglücklich sein – ist das einzige Gut, das der Mensch besitzt, und wer das Leben nicht liebt, der ist des Lebens nicht würdig. Wenn man ihm die Ehre vorzieht, so geschieht dies nur, weil die Schande es unauslöschlich brandmarkt. Vor solche Wahl gestellt, kann man wohl dazu kommen, sich zu töten; aber dann hat die Philosophie zu schweigen. O Tod! Grausamer Tod! Verhängnisvolles Gesetz, das die Natur verwerfen müßte, denn es zielt nur auf ihre Zerstörung ab. Cicero sagt, der Tod befreie uns von den Schmerzen. Aber der große Philosoph trägt nur die Ausgabe ein, bucht jedoch nicht die Einnahme. Ich erinnere mich nicht, ob seine Tullia schon gestorben war, als er seine Tuskulanen schrieb. Der Tod ist ein Ungeheuer, das den aufmerksamen Zuschauer aus dem großen Welttheater hinausjagt, bevor das Stück, das ihn unendlich interessiert, zu Ende gespielt ist. Schon dieser Grund allein muß genug sein, um den Tod zu verabscheuen. Man wird in diesen Erinnerungen nicht alle meine Abenteuer finden; ich habe diejenigen ausgelassen, die den daran beteiligten Personen hätten mißfallen können; denn sie würden eine schlechte Figur dabei spielen. Trotz dieser Zurückhaltung wird man mich bisweilen nur allzu indiskret finden; das tut mir leid. Wenn ich vor meinem Tode noch vernünftig werde und die Zeit dazu finde, werde ich alles verbrennen; jetzt habe ich nicht den Mut dazu. Sollte man bisweilen finden, daß ich gewisse Liebesszenen zu sehr im einzelnen ausmale, so tadle man mich doch nicht; es sei denn, daß man mich für einen schlechten Maler befindet. Denn man darf doch meiner alten Seele keinen Vorwurf daraus machen, daß sie nur noch in der Erinnerung genießen kann. Übrigens können tugendhafte Gemüter alle jene Schilderungen überschlagen, durch die sie sich verletzt fühlen könnten; diesen Rat glaube ich hier geben zu müssen. Wenn jemand meine Vorrede nicht liest, um so schlimmer für ihn! Ich werde dann keine Schuld tragen; denn jeder muß wissen, daß eine Vorrede für ein Werk dasselbe bedeutet, wie der Theaterzettel für eine Komödie: man muß sie lesen. Ich habe diese Erinnerungen nicht für die Jugend geschrieben; denn diese muß in der Unwissenheit erhalten werden, damit sie nicht zu Fall komme. Ich schrieb sie für solche, die durch das Leben der Verführung unzugänglich geworden find, gleichsam wie der Salamander dadurch, daß er im Feuer lebt, feuerfest wird. Da die wahren Tugenden nur Gewohnheiten sind, so erkühne ich mich zu sagen: wahrhaft tugendhaft ist nur, wer Tugend übt, ohne daß es ihm die geringste Mühe macht. Solchen ist jede Unduldsamkeit fremd, und für sie habe ich geschrieben. Ich habe französisch geschrieben und nicht italienisch, weil die französische Sprache weiter verbreitet ist als die meinige. Wenn Eiferer für die Reinheit der Sprache an mir zu tadeln finden, weil sie in meinem Stil heimatliche Redewendungen entdecken, so werden sie recht haben, sobald sie mich darüber unklar finden müssen. Den Griechen gefiel Theophrast trotz seinen eresischen Ausdrücken, und den Römern ihr Titus Livius trotz seinen paduanischen Provinzialismen. Wenn ich interessant bin, kann ich – dünkt mich – auf dieselbe Nachsicht Anspruch machen. Übrigens findet ganz Italien an Algarotti Gefallen, obgleich sein Stil mit Gallizismen gespickt ist. Es ist bemerkenswert, daß von allen lebenden Sprachen, die in der Republik der Wissenschaften eine Rolle spielen, die französische die einzige ist, die von ihrer Akademie verurteilt wurde, sich nicht auf Kosten der anderen bereichern zu dürfen. Die anderen dagegen, die sämtlich an Worten reicher sind als sie, plündern sie und nehmen ihr Worte sowohl wie Redewendungen, so oft sie bemerken, daß sie durch solche Anleihen ihre eigene Schönheit vermehren können. Und noch eins: gerade die, die sie am meisten in Anspruch nehmen, schreien am lautesten über ihre Armut, wie wenn sie dadurch ihre Aneignungen rechtfertigen wollten. Man sagt, die französische Sprache habe sich jetzt so weit entwickelt, daß sie alle Schönheiten besitze, deren sie fähig sei – und man muß einräumen, daß dieser Schönheiten viele sind – und darum würde der geringste fremde Zusatz sie häßlicher machen; ich glaube aber behaupten zu können, daß diese Meinung auf einem Vorurteil beruht. Denn obwohl die französische Sprache die klarste und logischste von allen ist, so wäre es doch allzu kühn zu behaupten, daß sie nicht über die jetzt erreichte Höhe hinaus sich weiter entwickeln kann. Man wird sich noch erinnern, daß zu Lullis Zeit die ganze Nation einig war in ihrem Urteil über seine Musik: Rameau kam und alles änderte sich. Der neue Aufschwung, den das französische Volk genommen hat, kann es auf bisher unbemerkt gebliebene Wege führen, und neue Schönheiten, neue Vollkommenheiten können aus neuen Verhältnissen und aus neuen Bedürfnissen entstehen. Der Wahlspruch, den ich meinem Werke vorgesetzt habe, rechtfertigt meine Abschweifungen und meine, vielleicht zu häufigen, Erörterungen über meine Taten aller Art: nequidquam sapit qui sibi non sapit . – Der ist nicht weise, der es für sich selbst nicht ist. Aus demselben Grunde war es mir stets Bedürfnis, in guter Gesellschaft mich loben zu hören: Excitat auditor studium, laudataque virtus Crescit et immensum gloria calcar habet. Eifer wird durch Hörer belebt, es wächst die gelobte Tugend, mit schärfstem Sporn treibet den Menschen der Ruhm. Gern hätte ich hier den stolzen Wahlspruch aufgepflanzt: nemo laeditur nisi a se ipso . – Jeder ist selber schuld, wenn ihn Schaden trifft. Aber ich fürchte, ich errege damit Anstoß bei allen den ungeheuer vielen, die, so oft ihnen etwas schief geht, sofort schreien: Das war nicht meine Schuld! Man muß ihnen diesen kleinen Trost lassen, denn wenn sie dieses Aushilfsmittel nicht hätten, so würden sie schließlich sich selber hassen, und der Selbsthaß hat oft die verhängnisvolle Folge des Selbstmordes. Ich aber erkenne gerne stets in mir selber die Hauptursache des Guten oder Bösen, das mir zustößt. Daher sah ich mich stets mit Behagen imstande, mein eigener Schüler zu sein, und machte es mir zur Pflicht, meinen Lehrer zu lieben. Erstes Kapitel Nachrichten aus meiner Familie – Meine Kindheit Don Jacob Casanova, geboren zu Saragossa, der Hauptstadt von Aragonien, natürlicher Sohn Don Franciscos, entführte im Jahre 1428 Donna Anna Palafor aus dem Kloster; dies geschah einen Tag, nachdem sie ihr Gelübde abgelegt hatte. Er war Geheimschreiber des Königs Alfonso. Er floh mit ihr nach Rom, wo Anna ein Jahr im Gefängnis zubringen mußte; nach Verlauf dieser Zeit entband Papst Martin der Dritte sie von ihrem Gelübde und gab ihrer Ehe seinen Segen auf Empfehlung des Don Juan Casanova, Haushofmeisters des Allerheiligsten Palastes und Oheims des Don Jacob. Die aus dieser Ehe hervorgegangenen Kinder starben sämtlich in zartem Alter mit Ausnahme Don Juans, der im Jahre 1475 Donna Eleonora Albini heiratete und von ihr einen Sohn, Namens Marco Antonio, hatte. Im Jahre 1481 tötete Don Juan einen Offizier des Königs von Neapel und mußte deshalb Rom verlassen; er floh mit seiner Frau und seinem Sohn nach Como; später verließ er diese Stadt wieder, um sein Glück in der Ferne zu suchen, und starb im Jahre 1493 als Reisegefährte von Christof Columbus. Marco Antonio wurde ein guter Dichter im Martialschen Stil; er war Sekretär des Kardinals Pompeo Colonna. Die Satire gegen Giulio de Medici, die wir in seinen gesammelten Dichtungen lesen, zwang ihn zur Flucht nach Rom; er kehrte nach Como zurück und heiratete hier Abondia Rezzonica. Als Giulio de' Medici Papst Clemens der Siebente geworden war, verzieh er ihm und ließ ihn mit seiner Frau nach Rom kommen. Kurz nach der Einnahme und Plünderung der Stadt durch die Kaiserlichen im Jahre 1526 starb Marco Antonio an der Pest; sonst wäre er im Elend gestorben, denn die Soldaten Karls des Fünften hatten ihm alles genommen, was er besaß. Pietro Valeriano spricht von ihm ausführlich in seinem Buch De infelicitate literatorum . Drei Monate nach seinem Tode brachte seine Witwe einen Sohn zur Welt, Giacomo Casanova; er starb in sehr hohem Alter in Frankreich als Oberst in dem Heere, das von Farnese gegen König Heinrich von Navarra, später Heinrich der Vierte von Frankreich, befehligt wurde. Giacomo hatte in Parma einen Sohn hinterlassen, der sich mit Teresa Conti vermählte. Aus dieser Ehe entsprang ein Sohn, Giacomo, der im Jahre 1680 Anna Roli heiratete. Giacomo hatte zwei Söhne, Giambattista und Gaetano Giuseppe Giacomo. Der Ältere verließ Parma 1712 und ist verschollen, der Jüngere trennte sich als Neunzehnjähriger im Jahre 1715 ebenfalls von seiner Familie. Diese dürftigen Nachrichten fand ich in einem Notizbuch meines Vaters. Das folgende habe ich aus dem Munde meiner Mutter erfahren. Gaetano Giuseppe Giacomo verließ sein elterliches Haus, bezaubert von den Reizen einer Schauspielerin, der sogenannten Fragoletta, die die Rollen der munteren Liebhaberin spielte. Ebenso verliebt wie mittellos, entschloß er sich, seinen Lebensunterhalt sich mit Hilfe seiner persönlichen Vorzüge zu verdienen. Er wurde Tänzer und fünf Jahre später Schauspieler, als welcher er sich noch mehr durch seinen tadellosen Charakter als durch sein Talent auszeichnete. Vielleicht weil er ihrer überdrüssig, vielleicht weil er eifersüchtig war – genug, er verließ die Fragoletta und wurde in Venedig Mitglied einer Schauspielertruppe, die im Theater San Samuele spielte. Gegenüber dem Zimmer, worin er hauste, wohnte ein Schuhmacher, Namens Geronimo Farusi, mit seiner Frau Marzia und ihrer einzigen Tochter Zanetta, einer vollkommenen Schönheit von sechzehn Jahren. Der junge Schauspieler verliebte sich in das Mädchen; er wußte ihre Zärtlichkeit zu erwecken und überredete sie dazu, sich von ihm entführen zu lassen. Dies war das einzige Mittel in ihren Besitz zu gelangen: dem Schauspieler würde Marzia niemals ihr Kind gegeben haben, noch weniger Geronimo; denn in ihren Augen war ein Komödiant eine höchst verabscheuenswerte Person. Die jungen Liebenden versahen sich mit den nötigen Papieren und begaben sich in Begleitung von zwei Zeugen zum Patriarchen von Venedig, der ihrer Ehe seinen Segen erteilte. Zanettas Mutter Marzia jammerte und fluchte über dies Unglück, und der Vater starb vor Gram. Dieser Ehe entstamme ich; neun Monate nach der Hochzeit, am 2. April 1725, wurde ich geboren. Im nächsten Jahre übergab mich meine Mutter der Pflege Marzias, die ihr verziehen hatte, als sie erfuhr, daß mein Vater ihr versprochen habe, sie niemals zum Auftreten auf der Bühne zu zwingen. Dieses Versprechen geben alle Schauspieler, wenn sie ein Mädchen aus bürgerlichen Familien heiraten; das Versprechen wird aber niemals gehalten, weil ihre Frauen selber sich wohl hüten, auf Einhaltung ihres Wortes zu dringen. Übrigens war es für meine Mutter ein großes Glück, daß sie gelernt hatte, Komödie zu spielen; denn sie würde sonst, als sie neun Jahre darauf als Witwe mit sechs Kindern dastand, nicht die Mittel gehabt haben, ihre Kinder aufzuziehen. Ich war also ein Jahr alt, als mein Vater mich in Venedig zurückließ, um ein Engagement in London anzunehmen. In dieser großen Stadt betrat meine Mutter zum erstenmale die Bühne, und hier brachte sie im Jahre 1727 meinen Bruder Francesco zur Welt, der jetzt als berühmter Schlachtenmaler in Wien lebt, wo er seit 1783 seinem Beruf obliegt. Gegen Ende des Jahres 1728 kehrte meine Mutter mit ihrem Gatten nach Venedig zurück, und da sie nun einmal Schauspielerin war, so blieb sie es auch. Im Jahre 1730 gebar sie meinen Bruder Giovanni, der Ende 1795 als Direktor der kurfürstlichen Malerakademie in Dresden gestorben ist. In den nächsten drei Jahren wurde sie dann noch Mutter von zwei Töchtern, von denen die eine als kleines Kind starb, die andere als verheiratete Frau noch jetzt, 1798, in Dresden lebt. Endlich hatte ich einen nachgeborenen Bruder, der Priester wurde und vor fünfzehn Jahren in Rom gestorben ist. Doch kommen wir jetzt zum Beginn meiner Existenz als denkendes Wesen. Das Organ des Gedächtnisses entwickelte sich bei mir Anfang August 1733; ich war also damals acht Jahre und vier Monate alt. Ich habe nicht die geringste Erinnerung an Ereignisse, die vor dieser Zeit liegen. Meine erste Erinnerung betrifft folgendes: Ich stand in der Ecke eines Zimmers gegen die Wand gebeugt; meinen Kopf hielt ich in den Händen und blickte unverwandt auf das Blut, das mir in Strömen aus der Nase floß und auf die Erde rieselte. Meine Großmutter Marzia, deren Liebling ich war, kam zu mir heran, wusch mir das Gesicht mit kaltem Wasser, ließ mich, ohne daß im Hause jemand etwas davon merkte, mit sich in eine Gondel steigen und führte mich nach der sehr volkreichen Insel Murano, die nur eine halbe Meile von Venedig liegt. Hier stiegen wir aus und gingen in eine Spelunke, wo wir ein altes Weib fanden, das mit einem schwarzen Kater in den Armen auf einem schmutzigen Bett saß und noch fünf oder sechs Katzen um sich hatte. Es war eine Hexe. Die beiden alten Frauen hatten ein langes Gespräch miteinander, das wahrscheinlich mich betraf. Zum Schluß dieser Zwiesprach, die in Friauler Mundart abgehalten wurde, bekam die alte Hexe von meiner Großmutter einen Silberdukaten. Sie öffnete eine Kiste, nahm mich auf die Arme, legte mich hinein und schloß den Deckel, indem sie mir sagte, ich solle keine Angst haben. Diese Bemerkung wäre nun gerade genug gewesen, um mir Angst zu machen, wenn ich überhaupt irgendwelche Denkkraft besessen hätte; aber ich war ganz betäubt. Ich lag ruhig in einer Ecke zusammengekauert, hielt mir das Taschentuch unter die Nase, weil ich immer noch blutete, und kümmerte mich übrigens nicht im geringsten um den Lärm, den ich draußen machen hörte. Ich hörte abwechselnd lachen, weinen, singen, schreien und an die Kiste klopfen; mir war das alles gleichgültig. Endlich holen sie mich aus der Kiste hervor, mein Blut ist gestillt. Das sonderbare Weib macht mir hundert Liebkosungen, entkleidet mich, legt mich auf das Bett, verbrennt Kräuter, fängt den Rauch davon mit einem Tuch auf, wickelt mich in dieses ein, macht Beschwörungen, wickelt mich darauf wieder aus und gibt mir fünf sehr angenehm schmeckende Zuckerplätzchen. Gleich darauf reibt sie mir Schläfen und Nacken mit einer lieblich duftenden Salbe ein und dann kleidet sie mich wieder an. Sie sagte mir, meine Blutungen würden ganz allmählich aufhören; nur dürfte ich niemandem erzählen, was sie gemacht hätte, um mich zu heilen; sie drohte mir, ich würde all mein Blut verlieren und sterben, wenn ich es wagte, zu irgendeinem Menschen von ihren Geheimnissen zu sprechen. Nachdem sie mir dies alles eingeprägt hatte, sagte sie noch, eine reizende Dame würde mir nächste Nacht einen Besuch machen und von dieser würde mein Glück abhängen, wenn ich nur soviel Willenskraft hätte, niemandem von diesem Besuch zu erzählen. Hierauf nahmen wir Abschied und kehrten nach Hause zurück. Kaum lag ich im Bett, so schlief ich ein, ohne wieder an den schönen Besuch zu denken, der mir bevorstand; aber als ich einige Stunden später auswachte, sah ich – oder glaubte wenigstens sie zu sehen – eine blendend schöne Frau, die aus dem Kamin kam. Sie war im Reifrock, trug ein prachtvolles Kleid und hatte auf dem Kopf eine mit Edelsteinen besetzte Krone, von der – wie es mir vorkam – Funken sprühten. Sie kam langsamen Schrittes mit majestätischer und sanfter Miene auf mein Bett zu und setzte sich auf dieses; dann zog sie aus ihrer Tasche kleine Büchschen, die sie über meinen Kopf ausleerte, wobei sie Worte flüsterte. Nachdem sie mir eine lange Ansprache gebalten hatte, von der ich nichts verstand, küßte sie mich und verschwand auf demselben Wege, auf dem sie gekommen war. Hierauf schlief ich wieder ein. Am anderen Morgen kam meine Großmutter mich ankleiden; kaum an mein Bett antreten, sagte sie, ich müsse unbedingt schweigen; ich sei des Todes, wenn ich über das von mir in der Nacht Gesehene zu sprechen wage. Diese Rede aus dem Munde der einzigen Frau, die auf mich einen unbeschränkten Einfluß hatte und die mich gewöhnt hatte, allen ihren Befehlen blindlings zu gehorchen, bewirkte, daß ich mich der Erscheinung wieder erinnerte und daß ich sie unter Siegel im geheimsten Winkel meines eben erwachenden Gedächtnisses aufbewahrte. Übrigens fühlte ich mich gar nicht versucht, das Begebnis irgendeinem Menschen zu erzählen; zunächst weil ich nicht wußte, was man überhaupt daran interessant finden könnte, dann aber auch weil ich niemand kannte, an den ich mich mit meiner Erzählung hätte wenden können; denn da meine Krankheit mich trübsinnig und nicht im geringsten unterhaltend machte, so bedauerten mich alle Leute und ließen mich in Ruhe; man glaubte, ich würde nicht lange leben, und meine Eltern sprachen niemals ein Wort mit mir. Nach der Reise nach Murano und dem nächtlichen Besuch der Fee blutete ich zwar noch, aber die Blutungen wurden von Tag zu Tag geringer und allmählich entwickelte sich mein Gedächtnis. In weniger als einem Monat lernte ich lesen. Ohne Zweifel wäre es lächerlich, meine Heilung diesem tollen Zauber zuzuschreiben; ich glaube aber auch, daß man unrecht hätte, wollte man rundweg leugnen, daß er vielleicht dazu beigetragen. Die Erscheinung der schönen Königin habe ich immer für einen Traum gehalten – wenn es nicht etwa ein zu meinem Besten veranstalteter Mummenschanz war; die Heilmittel für die schwersten Krankheiten sind ja nicht immer in Apotheken zu finden. Tagtäglich tut irgendein Phänomen uns unsere Unwissenheit dar, und ich glaube, dies ist der Grund, warum wir so selten einen Gelehrten finden, dessen Geist von jedem Aberglauben frei ist. Ganz gewiß hat es auf dieser Welt niemals Hexen und Hexenmeister gegeben; aber ebenso unleugbar haben zu allen Zeiten Leute an Betrüger geglaubt, die das Talent besaßen, als Zauberer aufzutreten: Somnio nocturnos lemures portentaque Thessalia vides . – Im Traum siehst du Nachtgespenster und thessalische Ungeheuer. Manches, was zunächst nur in der Phantasie vorhanden ist, wird allmählich zur Tatsache; folglich ist es wohl möglich, daß diese oder jene Wirkung, die man nur dem Glauben zuschreibt, kein eigentliches Wunder ist, obgleich sie denen, die dem Glauben eine schrankenlose Macht zuschreiben, als ein wirkliches Wunder erscheint. – Das zweite mir widerfahrene Ereignis, dessen ich mich erinnere, passierte mir drei Monate nach der Reise nach Murano und sechs Wochen vor dem Tode meines Vaters. Ich teile es dem Leser nur mit, um ihm einen Begriff zu geben, in welcher Weise sich mein Charakter entwickelte. Eines Tages, um die Mitte des Novembers, befand ich mich zusammen mit meinem um zwei Jahre jüngeren Bruder Francesco im Zimmer meines Vaters und sah ihm aufmerksam bei seinen optischen Arbeiten zu. Ein großes Stück Kristall, rund und in Facetten geschliffen, fesselte meine Aufmerksamkeit. Ich nahm es in die Hand, hielt es vor meine Augen und war wie bezaubert, als ich alle Gegenstände vervielfältigt sah. Sofort bekam ich Lust, mir diesen Kristall anzueignen, und da ich mich unbeachtet sah, so benutzte ich den Augenblick, ihn in die Tasche zu stecken. Gleich darauf stand mein Vater auf, um den Kristall zu benutzen; da er ihn nicht fand, sagte er zu uns, einer von uns beiden müßte ihn genommen haben. Mein Bruder versicherte ihm, er habe ihn nicht angerührt, und hierauf sagte ich trotz dem Bewußtsein meiner Schuld ihm dasselbe. Mein Vater war aber seiner Sache sicher und drohte uns, er würde unsere Taschen durchsuchen, und wer gelogen hätte, würde Prügel bekommen. Ich tat, als suchte ich den Kristall in allen Zunmerecken, und hierbei gelang es mir in einem günstigen Augenblick, das Ding geschickt meinem Bruder in die Rocktasche gleiten zu lassen. Dies tat mir sofort leid, denn ich hätte ja tun können, als hätte ich den Kristall irgendwo gefunden; aber die Schlechtigkeit war nun einmal begangen. Mein Vater wurde schließlich ungeduldig, als wir nichts fanden; er durchsuchte uns, entdeckte die verhängnisvolle Kugel in der Tasche des Unschuldigen und gab ihm die verheißene Tracht Prügel. Drei oder vier Jahre später war ich so dumm, mich meinem Bruder gegenüber dieses Streiches zu rühmen; er verzieh ihn mir niemals und versäumte keine Gelegenheit, sich dafür zu rächen. Als ich in einer Generalbeichte mich dieser Sünde mit allen Nebenumständen anklagte, erhielt ich eine Belehrung, die mir Spaß machte. Mein Beichtvater, ein Jesuit, sagte mir, da ich Giacomo heiße, so hätte ich mit dieser Tat der Bedeutung meines Namens entsprechend gehandelt. Denn im Hebräischen bedeutet Jakob Verdränger. Deshalb gab Gott dem Patriarchen für seinen alten Namen den neuen Israel, das heißt: Der Sehende. Er hatte seinen Bruder Esau hintergangen. Sechs Wochen nach diesem Vorfall bekam mein Vater im Innern des Kopfes ein Geschwür, das ihn binnen acht Tagen ins Grab brachte. Der Arzt Zambelli gab dem Kranken zunächst verstopfende Heilmittel und glaubte dann diese Dummheit mit der Verabreichung von Bibergeil wieder gutzumachen. Mein Vater starb infolgedessen an Krämpfen. Eine Minute nach seinem Tode barst das Geschwür und floß durchs Ohr ab; es entfernte sich, nachdem es ihn getötet hatte, wie wenn es nun nichts mehr bei ihm zu tun hätte. Mein Vater schied im blühendsten Alter aus dem Leben; er zählte nur 36 Jahre. In sein Grab folgte ihm das Bedauern des Publikums, besonders des Adels, der in ihm einen Mann achtete, der sich durch seine Lebensführung wie durch seine Kenntnisse in der Mechanik über seinen Stand erhob. Zwei Tage vor seinen Tode fühlte mein Vater sein Ende nahen; er ließ seine Frau und uns alle an sein Bett kommen und bat die edlen Herren Grimani, unsere Beschützer zu werden. Nachdem er uns seinen Segen gegeben hatte, verlangte er von meiner in Tränen zerfließenden Mutter, daß sie ihm schwöre, keins von seinen Kindern für die Bühne zu erziehen, die er selber niemals würde betreten haben, wenn ihn nicht eine unglückliche Leidenschaft dazu gezwungen hätte. Sie tat den Schwur, und die drei Patrizier bürgten für dessen Unverletzlichkeit. Die Umstände halfen ihr, dieses Versprechen halten zu können. Da meine Mutter damals im sechsten Monat schwanger war, wurde sie bis nach Ostern vom Auftreten befreit. Schön und jung wie sie war, schlug sie alle Heiratsanträge aus; auf die Vorsehung vertrauend, hoffte sie selber imstande zu sein, uns großzuziehen. Zunächst glaubte sie sich mit mir beschäftigen zu sollen; nicht so sehr aus besonderer Vorliebe für mich als wegen meiner Krankheit, die mich in einen solchen Zustand versetzte, daß man nicht mehr wußte, was man mit mir anfangen sollte. Ich war sehr schwach, hatte keinen Appetit, war zu keiner Anstrengung fähig und sah aus wie ein Blödsinniger. Die Arzte stritten sich um die Ursache meines Leidens. Er verliert, sagten sie, wöchentlich zwei Pfund Blut, während er doch im ganzen nur sechzehn bis achtzehn haben kann. Woher kann also eine so überreichliche Abgabe von Blut kommen? Der eine sagte, mein ganzer Speisesaft verwandle sich in Blut, der andere behauptete, die von mir eingeatmete Luft müsse bei jedem Atemzuge die Menge des in meinen Lungen vorhandenen Blutes vermehren und darum hielte ich fortwährend den Mund offen. Dies wurde mir sechs Jahre später von Herrn Baffo, einem vertrauten Freunde meines seligen Vaters, erzählt. Baffo konsultierte schließlich in Padua den berühmten Arzt Macopo, der ihm seine Meinung schriftlich mitteilte. In diesem Gutachten, das ich aufbewahrt habe, heißt es, unser Blut sei eine dehnbare Flüssigkeit, die an Dicke, niemals aber an Menge sich vermindern oder vermehren könne; meine Blutungen könnten nur davon herrühren, daß die Blutmenge zu dick sei. Sie mache sich auf natürlichem Wege Luft, um den Umlauf zu erleichtern. Er sagte, ich würde bereits gestorben sein, wenn nicht die Natur, die leben will, sich selber geholfen hätte. Er kam zu dem Schluß: da die Ursache dieser Dicke nur in der von mir eingeatmeten Luft gesucht werden könne, so müsse man mir Luftveränderung verschaffen oder sich darauf gefaßt machen, mich zu verlieren. Nach seiner Meinung war ferner an dem dummen Ausdruck, den meine Züge trugen, ebenfalls nur die Dicke meines Blutes schuld. Dieser Herr Baffo, ein erhabener Geist und ein Poet, der sich nur in Gedichten der schlüpfrigsten Art versuchte, in dieser aber groß und einzig war – Baffo also veranlaßte, daß meine Familie sich entschloß, mich nach Padua in Pension zu geben; folglich verdanke ich ihm mein Leben. Er ist zwanzig Jahre später gestorben, der letzte seiner alten patrizischen Familie; aber seine Gedichte, sind sie gleich schmutzig, werden seinen Namen niemals untergehen lassen. Die venezianischen Staatsinquisitoren werden aus einer gewissen Pietät zu seinem Ruhme beigetragen haben; denn indem sie seine in Abschriften umlaufenden Werke verfolgten, machten sie sie kostbar; sie hätten wissen müssen, daß spreta exolescunt – was nicht beachtet wird, fällt der Vergessenheit anheim. Sobald der Orakelspruch des Professors Macopo als zutreffend erachtet war, übernahm es Herr Abbate Grimani, mit Hilfe eines in Padua wohnenden ihm bekannten Chemikers, für mich eine gute Pension zu finden. Er hieß Ottaviani und war zugleich auch Antiquar. In ein paar Tagen war die Pension gefunden und an meinem neunten Geburtstag, den 2. April 1734 brachte man mich in einem Burchiello auf dem Brentakanal nach Padua. Der Burchiello kann für ein kleines schwimmendes Haus gelten. Es befindet sich darauf ein Saal mit einem Kabinett am oberen und unteren Ende, und für die Dienerschaft ist Unterkunft am Bug und am Stern des Fahrzeugs vorhanden; die Form des Saales ist ein Rechteck; er ist mit Glasfenstern und Holzläden versehen, und darüber befindet sich noch ein Sitzdeck. Die Dauer der Reise beträgt acht Stunden. Abbate Grimani, Herr Baffo und meine Mutter begleiteten mich; ich schlief mit meiner Mutter im Saal und die beiden Freunde verbrachten die Nacht in einem der beiden Kabinette. Mit Tagesanbruch stand meine Mutter auf und öffnete ein Fenster gegenüber dem Bett; die Strahlen der aufgehenden Sonne trafen mein Gesicht, so daß ich die Augen aufschlug. Das Bett war so niedrig, daß ich das Land nicht sehen konnte; ich sah durch das Fenster nur die Wipfel der Bäume, die den Fluß umsäumen. Die Barke bewegte sich, aber so gleichmäßig und ruhig, daß ich davon nichts merkte; es überraschte mich daher aufs höchste, daß ein Baum nach dem anderen meinen Blicken entschwand. »O, liebe Mutter!« rief ich, »was ist denn das? Die Bäume laufen ja!« Im selben Augenblick traten die beiden Herren ein und fragten mich, als sie mein verdutztes Gesicht sahen, woran ich denn dächte. »Woher kommt es,« wiederholte ich, »daß die Bäume laufen?« Sie lachten; meine Mutter aber stieß einen Seufzer aus und sagte ganz traurig: »Das Schiff bewegt sich, und nicht die Bäume. Zieh dich an!« Ich begriff, dank meiner erwachenden, sich immer mehr entwickelnden und noch gar nicht voreingenommenen Vernunft sofort den Grund der Erscheinung. »Dann ist es also möglich,« sagte ich zu meiner Mutter, »daß auch die Sonne sich nicht bewegt, und daß im Gegenteil unsere Erde von Westen nach Osten rollt.« Meine gute Mutter entsetzte sich über diesen Unsinn, Herr Grimani beklagte meine Dummheit, und ich stand da ganz verdutzt, traurig und dem Weinen nahe. Herr Baffo schenkte mir neues Leben! Er schloß mich in seine Arme, küßte mich zärtlich und sagte: »Du hast recht, mein Kind; die Sonne bewegt sich nicht, sei getrost! Brauche immer deine Vernunft und laß die Leute lachen!« Meine Mutter fragte ihn überrascht, ob er toll wäre, daß er nur solche Ratschläge gäbe; der Philosoph antwortete ihr gar nicht, sondern fuhr fort, mir in Umrissen eine Erklärung zu geben, wie sie meiner einfachen und reinen Vernunft angemessen war. Es war das erstemal in meinem Leben, daß ich eine wirkliche Freude kostete! Wäre Herr Baffo nicht gewesen, so hätte dieser Augenblick genügt, meine Erkenntnis zu erniedrigen; denn die Feigheit der Leichtgläubigkeit würde sich hineingeschlichen haben. Ganz bestimmt hätte die Unwissenheit der beiden anderen die Schärfe meiner Denkfähigkeit abgestumpft. Ob ich es in dieser Fähigkeit sehr weit gebracht habe, weiß ich nicht, das aber weiß ich, daß ich ihr allein alles Glück verdanke, dessen ich genieße, wenn ich mich mit mir allein befinde. Wir kamen bei guter Zeit in Padua an und gingen zu Ottaviani, dessen Frau mich mit Liebkosungen überhäufte. Ich sah in ihrem Hause fünf oder sechs Kinder, unter ihnen ein achtjähriges Mädchen, namens Maria, und ein anderes siebenjähriges, namens Rosa, hübsch wie ein Engel. Zehn Jahre später wurde Maria die Frau des Maklers Colonda, und einige Jahre darauf wurde Rosa an den Patrizier Pietro Marcello verheiratet, dem sie einen Sohn und zwei Töchter schenkte; von diesen wurde die eine die Gattin des Herrn Pietro Mocenigo; die andere heiratete einen Nobile aus der Familie Carraro; doch wurde diese Ehe später für nichtig erklärt. Ich werde von allen diesen Personen zu sprechen haben, darum erwähne ich sie hier. Ottaviani führte uns sofort nach dem Hause, wo ich in Kost gegeben werden sollte. Es lag nur fünfzig Schritt von dem seinigen entfernt, in Santa Maria da Banzo, Gemeinde San Michele, und gehörte einer alten Slavonierin, die den ersten Stock an Signora Mida, die Frau eines slavonischen Obersten, vermietet hatte. Man öffnete vor ihr mein Köfferchen und gab ihr ein Verzeichnis des gesamten Inhalts; hierauf zählte man ihr sechs Zechinen auf, womit Kost und Wohnung für mich auf ein halbes Jahr bezahlt waren. Für diese geringe Summe sollte sie mich beköstigen, meine Wäsche sauber halten und mir Schulunterricht geben lassen. Man ließ sie reden, es sei nicht genug; man umarmte mich, befahl mir, immer ihren Befehlen recht artig nachzukommen, und ließ mich in dem Hause. So entledigte man sich meiner. Zweites Kapitel Meine Großmutter gibt mich dem Doktor Gozzi in Pension – Meine erste zärtliche Bekanntschaft. Sobald ich mit der Slavonierin allein war, führte sie mich auf den Dachboden, wo sie mir mein Bett zeigte, das in einer Reihe mit vier anderen stand; von diesen waren drei für drei Knaben meines Alters bestimmt, die in diesem Augenblick in der Schule waren; das vierte gehörte der Magd, die den Auftrag hatte aufzupassen, daß wir uns nicht den üblichen kleinen Schülerausschweifungen hingäben. Nach diesem Besuch gingen wir wieder hinunter, und sie führte mich in den Garten; dort könnte ich bis zum Mittagessen spazierengehen, sagte sie. Ich war weder glücklich noch unglücklich; ich sagte kein Wort. Ich empfand gar nichts, weder Furcht, noch Hoffnung, noch Neugier; ich war weder lustig noch traurig. Anstößig war mir nur das Gesicht der Hausherrin; denn obwohl ich keinen Begriff von Schönheit oder Häßlichkeit hatte, so stieß mich doch alles an ihr ab: ihr Gesicht, der Ausdruck ihrer Miene, ihr Ton und ihre Sprache. Ihre männlichen Gesichtszüge brachten mich jedesmal in Verwirrung, so oft ich sie ansah, um zu hören, was sie mir sagte. Sie war groß und breit wie ein Soldat; sie hatte eine gelbe Hautfarbe, schwarze Haare, lange dichte Augenbrauen und ihr Kinn war mit etlichen langen Barthaaren geschmückt. Um dies Bildnis zu vervollständigen, will ich noch erwähnen, daß ein häßlicher, von Runzeln durchfurchter, halbentblößter Busen ihr bis zur Hälfte ihres langen Oberkörpers herabhing; sie mochte etwa fünfzig Jahre alt sein. Die Magd war eine dicke Bäuerin, die für alle Verrichtungen angenommen war, und der sogenannte Garten war ein Viereck von dreißig zu vierzig Schritt, an dem nichts Angenehmes war außer der grünen Farbe. Gegen Mittag sah ich meine drei Kameraden ankommen, die mir, wie wenn wir alte Bekannte gewesen wären, sehr viel erzählten; sie setzten bei mir Vorkenntnisse voraus, die ich nicht besaß. Ich antwortete ihnen nicht, aber dadurch ließen sie sich nicht aus der Fassung bringen; schließlich nötigten sie mich an ihren unschuldigen Vergnügungen mich zu beteiligen. Es handelte sich um Wettlaufen, Huckepackreiten, Kobolzschießen, und ich ließ mich in alle diese Wunder recht gerne einweihen, bis wir zum Essen gerufen wurden. Ich setzte mich zu Tisch; als ich aber einen Holzlöffel vor mir sah, stieß ich diesen zurück und verlangte mein silbernes Besteck, das ich sehr liebte, weil es ein Geschenk meiner guten Großmutter war. Die Magd antwortete mir, die Hausfrau wolle, daß wir alle gleich seien, und ich müsse mich dem Brauch fügen; dies tat ich denn auch, obwohl es mir mißfiel; ich begann wie die anderen die Suppe aus der Schüssel zu löffeln, ohne mich über die Schnelligkeit zu beklagen, womit meine Kameraden aßen, doch nicht ohne mich zu wundern, daß so etwas erlaubt sei. Nach der sehr schlechten Suppe bekamen wir eine kleine Portion gedörrten Stockfisch, hierauf einen Apfel, und damit war das Mittagessen zu Ende; wir befanden uns in der Fastenzeit. Wir hatten keine Gläser oder Becher, sondern tranken alle aus demselben irdenen Krug ein elendes Getränk, das man Craspia nennt; es wird zubereitet, indem man entkernte Weinbeeren in Wasser kocht. Die folgenden Tage trank ich nur reines Wasser. Das Essen überraschte mich, denn ich wußte nicht, ob es mir erlaubt wäre, es schlecht zu finden. Nach Tisch führte mich die Magd in die Schule zu einem jungen Priester, namens Doktor Gozzi; mit ihm hatte die Slavonierin verabredet, ihm monatlich vierzig Soldi zu bezahlen, das ist der elfte Teil einer Zechine. Da ich erst schreiben lernen mußte, wurde ich zu den fünf- bis sechsjährigen Kindern gesetzt, die sich sofort über mich lustig machten. Wieder ins Haus meiner Slavonierin zurückgekehrt, erhielt ich mein Abendessen, das natürlich noch schlechter war als die Mittagsmahlzeit. Ich war erstaunt, daß es mir nicht erlaubt war, mich darüber zu beklagen. Man legte mich in ein Bett, wo ich wegen des Ungeziefers der genugsam bekannten drei Arten kein Auge zutun konnte. Außerdem jagten die Ratten, die überall herumliefen und auf mein Bett sprangen, mir eine Angst ein, daß mir das Blut in den Adern erstarrte. In dieser Nacht empfand ich zum erstenmal, was Unglück ist, und lernte es mit Geduld ertragen. Die Insekten, die mich verzehrten, verminderten die Angst, die ich vor den Ratten hatte; und zum Ausgleich machte mich die Angst weniger empfindlich gegen die Bisse. Meiner Seele kam dieser Widerstreit meiner Leiden zu statten. Die Magd war völlig taub gegen mein Geschrei. Sobald der Tag zu grauen begann, verließ ich mein trauriges Lager, und nachdem ich mich bei dem Mädchen ein bißchen über alle die ausgestandenen Leiden beklagt hatte, verlangte ich von ihr ein Hemd, denn das meinige war ekelhaft anzusehen. Sie antwortete mir aber, das Hemd werde nur Sonntags gewechselt, und lachte mich aus, als ich ihr drohte, ich würde mich bei der Hausfrau beklagen. Zum erstenmal in meinem Leben weinte ich vor Kummer und Zorn, als ich meine Kameraden mich verspotten hörte; die Unglücklichen waren in derselben Lage wie ich, aber sie waren daran gewöhnt. Damit ist alles gesagt. Von Traurigkeit niedergeschmettert, schlief ich in der Schule den ganzen Vormittag. Einer meiner Kameraden sagte dem Doktor den Grund hierfür, aber nur in der Absicht, mich lächerlich zu machen. Der junge Priester aber, den ohne Zweifel die Vorsehung für mich ausgesucht hatte, ließ mich in sein Kabinett kommen. Nachdem er alles angehört und sich mit eigenen Augen von der Wahrheit meiner Erzählung überzeugt hatte, wurde er ganz bewegt, als er die Beulen sah, von denen meine unschuldige Haut bedeckt war. Schnell legte er seinen Mantel an, führte mich nach meiner Pension und zeigte der Unholdin, in welchem Zustand ich mich befand. Diese spielte die Erstaunte und schob alle Schuld auf die Magd. Sie mußte jedoch dem dringenden Wunsche des Priesters nachgeben, ihm mein Bett zu zeigen; da war ich denn nicht weniger erstaunt als er, als ich sah, wie schmutzig die Tücher waren, in denen ich die schreckliche Nacht verbracht hatte. Das verdammte Weib gab immer noch der Magd die Schuld und erklärte, sie werde sie aus dem Hause jagen; diese aber, die in demselben Augenblick dazukam, wollte sich den Tadel nicht gefallen lassen und sagte ihr gerade ins Gesicht, sie habe selber schuld; und indem sie gleichzeitig die Betten der anderen Knaben aufdeckte, konnten wir uns überzeugen, daß sie nicht besser dran waren als ich. Wütend gab ihre Herrin ihr sofort eine Ohrfeige; die Magd aber wollte diese nicht auf sich sitzen lassen, gab ihr eine wieder und ergriff die Flucht. Der Doktor ließ mich bei der Alten und ging, indem er ihr sagte, er würde mich nicht eher wieder in seine Schule aufnehmen, als bis ich ebenso sauber wäre wie die anderen Schüler. Ich mußte nun kräftige Schelte über mich ergehen lassen, die in die Drohung ausklang, sie würde mich aus dem Hause werfen, wenn ich ihr noch einmal eine derartige Schererei bereitete. Das verstand ich nicht. Ich war wie ein neugeborenes Kind; ich kannte nur das Haus, in dem ich geboren und aufgewachsen war und worin Sauberkeit und ein anständiger Überfluß herrschten. Ich sah mich mißhandelt, ausgescholten, obwohl mir dünkte, ich könnte doch ganz unmöglich schuldig sein. Endlich warf die Megäre mir ein Hemd an den Kopf; eine Stunde später sah ich eine neue Magd frische Betttücher auflegen, und wir aßen zu Mittag. Mein Lehrer ließ es sich ganz besonders angelegen sein, mich zu unterrichten. Er wies mir einen Platz an seinem eigenen Tisch an, und um ihm zu zeigen, daß ich diese Auszeichnung zu schätzen wisse, strengte ich alle meine Kräfte an, um etwas zu lernen; nach Verlauf eines Monats schrieb ich denn auch schon so gut, daß er mich zur Grammatik übergehen ließ. Das neue Leben, das ich führte, der Hunger, den ich leiden mußte, und zweifelsohne mehr als dies alles die Luft von Padua gaben mir eine Gesundheit, von der ich früher keinen Begriff gehabt hatte. Aber grade diese gute Gesundheit machte für mich den Hunger, den ich ausstehen mußte, um so bitterer: er war geradezu unerträglich geworden. Ich wuchs sichtbar; ich hatte allnächtlich einen neunstündigen tiefen Schlaf, den niemals ein anderer Traum störte, als daß es mir vorkam, ich säße an einer reichbesetzten Tafel und wäre damit beschäftigt, meinen grimmigen Hunger zu stillen; aber jeden Morgen empfand ich dann, wie unangenehm solche schmeichlerischen Träume sind. Dieser verzehrende Hunger würde mich schließlich völlig erschöpft haben, hätte ich mich nicht entschlossen, alles was ich irgendwo an eßbaren Sachen finden könnte, mir anzueignen und zu verzehren, so oft ich nur sicher wäre, nicht dabei gesehen zu werden. Not macht erfinderisch. Ich hatte in einem Küchenschrank etwa fünfzig geräucherte Heringe bemerkt; diese verspeiste ich nach und nach sämtlich; desgleichen alle Würste, die im Rauchfang hingen. Um dies unbemerkt tun zu können, stand ich nachts auf und schlich auf den Zehenspitzen im Hause herum. Alle frischgelegten Eier, deren ich im Hühnerhof habhaft werden konnte, schlürfte ich noch warm hinunter; sie waren für mich die köstlichste Speise. Um etwas zum Essen zu finden, machte ich sogar Beutezüge in die Küche meines Lehrers. Die Slavonierin war in Verzweiflung, niemals einen der Diebe entdecken zu können, und warf eine Magd nach der anderen aus dem Hause. Trotz alledem war ich mager wie ein Gerippe, da sich nicht jederzeit eine Gelegenheit zum Stehlen fand. In vier oder fünf Monaten machte ich so schnelle Fortschritte, daß der Doktor mich zum Dekurio der Schule ernannte. Ich hatte die Aufgaben meiner dreißig Mitschüler durchzusehen, ihre Fehler zu verbessern und dem Lehrer mit Lob oder Tadel Bericht zu erstatten. Meine Strenge dauerte aber nicht lange, denn die Faulpelze kamen bald hinter das Geheimnis, mich milde zu stimmen. Wenn ihr Latein von Fehlern wimmelte, gewannen sie meine Nachsicht mittels gebratener Rippchen oder Hühnchen; oft gaben sie mir sogar Geld. Dies erweckte meine Habgier oder vielmehr meine Leckerhaftigkeit; denn von nun an besteuerte ich nicht nur die Unwissenden, sondern ich wurde zum Tyrannen und weigerte mein Lob denen, die es verdienten, sobald sie sich's einfallen ließen, den von mir beanspruchten Zoll weigern zu wollen. Meine Ungerechtigkeit wurde ihnen unerträglich, und sie verklagten mich beim Lehrer, der mich absetzte, als er mich der Erpressung überführt sah. Nach dieser Absetzung wäre es mir gewiß sehr schlecht gegangen, wenn nicht das Schicksal bald nachher meiner grausamen Leidensschule ein Ende gemacht hätte. Der Doktor, der mich lieb hatte, nahm mich eines Tages mit in sein Kabinett und fragte mich unter vier Augen, ob ich bereit sei, die Schritte zu tun, die er mir anraten wolle, um aus der Pension der Slavonierin herauszukommen und bei ihm einzutreten. Da er mich von seinem Vorschlag entzückt fand, ließ er mich drei Briefe abschreiben, die ich an den Abbate Grimani, an meinen Freund Baffo und an meine Großmutter sandte. Da das Halbjahr zu Ende ging und meine Mutter sich damals nicht in Venedig aufhielt, war keine Zeit zu verlieren. In diesen Briefen entwarf ich eine Schilderung aller meiner Leiden und erklärte, ich würde bald sterben, wenn man mich nicht aus den Händen der Slavonierin befreite und mich meinem Schullehrer übergäbe, der bereit wäre, mich bei sich aufzunehmen, dafür jedoch monatlich zwei Zechinen beanspruchte. Herr Grimani antwortete mir gar nicht, sondern ließ mich durch seinen Freund Ottaviani ausschelten, daß ich mich hätte verführen lassen. Herr Baffo aber ging zu meiner Großmutter, die nicht schreiben konnte, besprach die Sache mit ihr und meldete mir in einem Brief, in ein paar Tagen würde ich glücklich sein. Und wirklich kam acht Tage darauf die ausgezeichnete Frau, die mich bis an ihr Lebensende liebgehabt hat, nach Padua und zwar gerade in dem Augenblick, als ich mich zu Tisch setzen wollte, um zu Mittag zu essen. Sie trat mit der Hausfrau zusammen ins Zimmer und sobald ich sie erblickte, fiel ich ihr um den Hals und weinte strömende Tränen, in die sie sogleich auch die ihrigen mischte. Als sie dann saß und mich auf ihren Schoß genommen hatte, fühlte ich meinen Mut wieder erwachen und zählte ihr im Beisein der Slavonierin alle meine Qualen auf; nachdem ich ihr den Bettlertisch gezeigt hatte, an dem ich mich sattessen sollte, führte ich sie an mein Bett. Zum Schluß bat ich sie, sie möchte mich mit sich zum Essen nehmen, nachdem ich sechs Monate lang gehungert und geschmachtet hätte. Die Slavonierin ließ sich das nicht anfechten; sie sagte nur, mehr könnte sie für das Geld, das man ihr gäbe, nicht tun. Da hatte sie recht; aber wer zwang sie, ein Kosthaus zu halten, um die Kinder hinzumorden, die der Geiz ihr anvertraute und die doch der Nahrung bedurften? Meine Großmutter bedeutete ihr in aller Ruhe, sie werde mich mitnehmen, und sagte ihr, sie möchte alle meine Kleider in meinen Koffer packen. Entzückt, mein silbernes Besteck wiederzusehen, ergriff ich es und steckte es schnell in die Tasche. Zum ersten Male fühlte ich die Macht der Zufriedenheit, die den, der sie empfindet, zu Verzeihung und zum Vergessen alles Ungemachs nötigt. Meine Großmutter führte mich in die Herberge, wo sie wohnte, und wir speisten zu Mittag. Aber sie aß fast gar nichts vor Erstaunen über meine Gefräßigkeit. Unterdessen kam der Doktor Gozzi, den sie hatte benachrichtigen lassen, und seine Erscheinung stimmte sie zu seinen Gunsten. Er war ein schöner Priester von sechsundzwanzig Jahren, rundlich, bescheiden und von ehrerbietigem Wesen. In einer Viertelstunde war alles abgemacht. Die gute Großmutter zählte ihm vierundzwanzig Zechinen für Kostgeld auf ein Jahr im voraus und ließ sich Quittung darüber geben, zunächst aber behielt sie mich drei Tage bei sich, um mich als Abbate zu kleiden und mir eine Perücke machen zu lassen; denn wegen meiner Unsauberkeit mußte sie mir die Haare abschneiden lassen. Nach Ablauf dieser drei Tage brachte sie mich selber zum Doktor, um mich dessen Mutter zu empfehlen. Diese sagte ihr sofort, sie möchte mir ein Bett schicken oder in Padua eins für mich kaufen. Der Doktor sagte ihr aber, ich würde bei ihm in seinem sehr breiten Bett schlafen; für diese Güte war ihm meine Großmutter sehr dankbar. Hierauf geleiteten wir sie zum Burchiello, mit dem sie nach Venedig zurückreisen wollte. Die Familie des Doktors Gozzi bestand aus seiner Mutter, die großen Respekt vor ihm hatte, weil sie als einfache Bäuerin sich nicht für würdig hielt, einen Priester und gar einen Doktor zum Sohn zu haben; sie war häßlich, alt und zänkisch. Ferner aus seinem Vater, einem Schuster, der den ganzen Tag arbeitete und niemals, auch bei Tische nicht, ein Wort sprach. Gesellig wurde er nur an den Feiertagen, die er regelmäßig mit seinen Freunden in der Schenke verbrachte, aus der er um Mitternacht, den Tasso singend und so betrunken, daß er sich nicht auf den Beinen halten konnte, nach Hause kam. War er in diesem Zustand, so wollte der gute Mann durchaus nicht ins Bett, und er wurde brutal, wenn man ihn dazu zwingen wollte. Er hatte nur soviel Vernunft und Geist, wie der Wein ihm verlieh; denn wenn er nüchtern war, konnte er nicht mal die unbedeutendsten Familienangelegenheiten behandeln, und seine Frau sagte, er würde sie nie geheiratet haben, wenn man nicht zur Vorsicht ihn tüchtig hätte frühstücken lassen, ehe sie zur Kirche gingen. Doktor Gozzi hatte auch eine dreizehnjährige Schwester, Bettina; sie war hübsch, lustig und eine große Romanleserin. Vater und Mutter zankten beständig mit ihr, weil sie sich so oft am Fenster sehen ließe, und der Doktor schalt sie wegen ihrer Lesewut. Das Mädchen gefiel mir sofort, ohne daß ich wußte warum. Sie schleuderte dann später in mein Herz die ersten Funken einer Leidenschaft, die in der Folge meine herrschende wurde. Sechs Monate nach meinem Eintritt in das Haus hatte der Doktor keine Schüler mehr; denn alle verließen ihn, weil ich der einzige Gegenstand seiner Zuneigung geworden war. Dies brachte ihn zu dem Entschlusse, ein kleines Institut einzurichten, indem er junge Schüler in Kost nähme; aber es dauerte zwei Jahre, bis ihm dieser Plan gelang. Während dieser Zeit teilte er mir alles mit, was er wußte, und das war allerdings nicht viel, doch aber genügend, mich in alle Wissenschaften einzuführen. Er lehrte mich auch Violine spielen; eine Kunst, die ich mir später unter Umständen, von denen der Leser noch hören wird, zunutze machen mußte. Der gute Doktor, der ganz und gar kein Philosoph war, ließ mich die Logik der Peripatetiker und die Kosmographie des alten Ptolomäischen Systems lernen, über das ich mich beständig lustig machte, indem ich ihn durch Lehrsätze auf die er nie zu antworten wußte, zur Verzweiflung brachte. Übrigens waren seine Sitten untadelhaft, und in religiösen Dingen war er sehr streng, obgleich er kein Frömmler war. Da alles für ihn Glaubensartikel war, so fand er nichts schwer zu begreifen. Nach seiner Meinung hatte die Sintflut die ganze Erde bedeckt; vor dieser Katastrophe wurden die Menschen tausend Jahre alt und Gott unterhielt sich mit ihnen in Gesprächen; Noah hatte in hundert Jahren die Arche gebaut, und die Erde hing unbeweglich im Mittelpunkt des Weltalls, das Gott aus dem Nichts erschaffen hatte. Als ich ihm sagte und bewies, daß das Vorhandensein des Nichts ein Unsinn wäre, fiel er mir ins Wort und sagte, ich sei ein Dummkopf. Er liebte ein gutes Bett, seinen Schoppen Wein und Fröhlichkeit im Familienkreise. Dagegen liebte er weder Schöngeister, noch Witzworte, noch Kritik, denn diese wird leicht zur bösen Nachrede; er lachte über die Dummheit der Leute, die sich mit Zeitunglesen abgäben; denn die Zeitungen, sagte er, lögen immer und wiederholten ewig dasselbe. Er sagte, nichts sei so lästig wie Ungewißheit, und darum verdammte er das Denken, weil aus diesem der Zweifel entspringe. Seine Hauptleidenschaft war Predigen; dabei kam ihm nämlich Gesicht und Stimme zustatten. Seine Zuhörerschaft bestand denn auch nur aus Frauen; trotzdem war er ein geschworener Weiberfeind, und er sah niemals einer ins Gesicht, wenn er mit ihr sprechen mußte. Die fleischliche Sünde war nach seiner Meinung die allergrößte; deshalb ärgerte er sich, wenn ich ihm sagte, daß gerade diese nur die allerkleinste sein könne. Seine Predigten waren gespickt mit Zitaten aus der griechischen Literatur, die er aber ins Lateinische übersetzte. Als ich mich eines Tages erkeckte, ihm zu sagen, er müßte sie ins Italienische übersetzen, weil die Frauen Latein ebensowenig verständen wie Griechisch, da wurde er so böse, daß ich niemals wieder den Mut fand, hierüber mit ihm zu sprechen. Übrigens rühmte er mich seinen Freunden als ein Wunderkind, weil ich ganz allein, ohne andere Beihilfe als die Grammatik, die griechischen Schriftsteller lesen gelernt hatte. In der Fastenzeit des Jahres 1736 schrieb meine Mutter dem Doktor, sie müsse bald nach Petersburg abreisen und wünsche mich vorher noch einmal zu sehen; er möge daher auf drei oder vier Tage mit mir nach Venedig kommen. Diese Einladung machte ihn nachdenklich, denn er hatte niemals Venedig gesehen und auch noch nie in guter Gesellschaft verkehrt; trotzdem wollte er aber auch nicht als Neuling erscheinen. Sobald wir unsere Reisevorbereitungen getroffen hatten, begleitete die ganze Familie uns zum Burchiello. Meine Mutter empfing ihn mit dem edelsten Anstande; da sie aber schön war wie der Tag, so war mein armer Lehrer in großer Verlegenheit; denn er wagte ihr nicht ins Gesicht zu sehen und mußte sich doch mit ihr unterhalten. Sie merkte dies und beschloß sich gelegentlich einen Spaß mit ihm zu machen. Ich selber erregte die Aufmerksamkeit aller Bekannten und Verwandten; als sie mich früher kannten, war ich beinahe blödsinnig gewesen, darum war jeder erstaunt, daß ich in der kurzen Zeit von zwei Jahren mich so sehr herausgemacht hatte. Dem Doktor war es eine Wonne zu sehen, daß man ihm das ganze Verdienst meiner Umwandlung beimaß. Das erste, woran meine Mutter Anstoß nahm, war meine blonde Perücke, die schreiend von meinem braunen Gesicht abstach und gar nicht zu meinen Augenbrauen und zu meinen schwarzen Augen passen wollte. Der Doktor, den sie fragte, warum er mir denn nicht meine eigenen Haare frisieren lasse, antwortete ihr: dank der Perücke könne seine Schwester mich leichter sauber halten. Über diese naive Antwort erhob sich allgemeines Gelächter, das sich verdoppelte als auf die Frage, ob seine Schwester verheiratet sei, ich das Wort ergriff und an seiner Stelle erwiderte, Bettina sei das hübscheste Mädchen im ganzen Viertel und erst vierzehn Jahre alt. Als nun meine Mutter dem Doktor sagte, sie werde seiner Schwester ein schönes Geschenk machen, doch nur unter der Bedingung, daß sie mir meine Haare frisiere, da versprach er ihr, es solle nach ihrem Willen geschehen. Meine Mutter ließ einen Perückenmacher holen, der mir eine zu meiner Gesichtsfarbe passende Perücke brachte. Da die ganze Gesellschaft mit Ausnahme des Doktors sich jetzt an die Spieltische setzte, so suchte ich meine Brüder auf, die bei meiner Großmutter im Zimmer waren. Francesco zeigte mir Architekturzeichnungen, die ich mit Gönnermiene für leidlich erklärte; Giovanni zeigte mir nichts, und ich fand ihn sehr unbedeutend. Die anderen waren noch sehr jung. Beim Abendessen benahm der Doktor, der neben meiner Mutter saß, sich sehr linkisch. Er würde wahrscheinlich kein Sterbenswörtchen gesagt haben, hätte nicht ein anwesender, englischer Gelehrter ihn lateinisch angesprochen; da er jedoch nichts verstanden hatte, antwortete er bescheiden, er könne nicht englisch, worüber große Heiterkeit entstand. Herr Baffo half uns aus der Verlegenheit, indem er uns sagte, daß die Engländer das Lateinische läsen und aussprächen wie ihre eigene Sprache. Hierauf bemerkte ich: darin hätten die Engländer ebenso unrecht, wie wir unrecht haben würden, wenn wir ihre Sprache nach den für das Lateinische gültigen Regeln aussprechen wollten. Der Engländer fand meine Bemerkung ausgezeichnet und schrieb sofort ein bekanntes altes Distichon nieder, das er mir zu lesen gab: Dicite, grammatici, cur mascula nornina cunnus, Et cur femineum mentula nomen habet? Sagt, ihr Grammatiker, mir, warum ist ein männliches Hauptwort Cunnus? Und sagt mir, warum weiblich die Mentula ist? Nachdem ich es laut gelesen hatte, rief ich aus: »Das ist allerdings richtiges Latein!« – »Das wissen wir,« sagte meine Mutter, »aber du mußt es uns übersetzen.« – »Es zu übersetzen genügt nicht,« antwortete ich, »es ist eine Frage, auf die ich antworten will.« Und nachdem ich einen Augenblick nachgedacht hatte, schrieb ich folgenden Pentameter: Disce quod a domino nomina servus habet. Wisse, es muß nach dem Herrn immer sich richten der Knecht. Dies war meine erste literarische Leistung; und ich kann sagen, dieser Augenblick streute in meine Seele den Samen der Begier nach literarischem Ruhm; denn das Beifallsklatschen erhob mich auf den Gipfel des Glückes. Der Engländer war höchst erstaunt; er sagte, so etwas hätte noch niemals ein elfjähriger Knabe geleistet; dann umarmte er mich mehrere Male und schenkte mir seine Uhr. Meine Mutter fragte Herrn Grimani neugierig, was denn die Verse bedeuteten; da aber der Abbate nicht mehr davon verstanden hatte als sie selber, sagte Herr Baffo es ihr leise ins Ohr. Überrascht über meine Kenntnisse stand sie auf, holte eine goldene Uhr und reichte sie meinem Lehrer. Nun wußte dieser nicht, wie er sich benehmen sollte, um ihr seine große Dankbarkeit zu bezeigen, und dadurch wurde der Auftritt sehr komisch. Um ihm alle Komplimente zu ersparen, reichte meine Mutter ihm ihre Wange; er brauchte ihr nur zwei Küsse zu geben – in guter Gesellschaft das einfachste und unbedeutendste Ding von der Welt. Aber der arme Mann stand wie auf glühenden Kohlen und war so aus der Fassung gebracht, daß er, glaube ich, lieber gestorben wäre als ihr die Küsse gegeben hätte. Gesenkten Hauptes trat er zurück, und man ließ ihn in Ruhe, bis wir zu Bett gingen. Sobald wir in unserem Zimmer allein waren, schüttete er mir sein Herz aus. Er sagte mir, es sei schade, daß er in Padua weder das Distichon noch meine Antwort bekanntmachen könnte. »Und warum nicht.« »Weil es eine Schmutzerei ist.« »Aber eine erhabene.« »Wir wollen zu Bette gehen und nicht mehr davon reden. Deine Antwort ist wunderbar, weil du weder die Sachkenntnis haben kannst, noch auch Verse machen gelernt hast.« Die Sachkenntnis besaß ich nun freilich doch, in der Theorie nämlich; denn ich hatte heimlich Meursius gelesen, und zwar gerade, weil er mir das verboten hatte. Aber er war mit Recht darüber erstaunt, daß ich Verse machen konnte; denn er selber, der mich die Prosodie gelehrt hatte, konnte niemals einen Vers zustande bringen. Nemo dat quod non habet – Niemand kann geben, was er selber nicht hat – ist ein Lehrsatz, der in geistigen Dingen keine Geltung hat. Vier Tage darauf gab mir bei unserer Abreise meine Mutter ein Paket für Bettina, und Abbate Grimani schenkte mir vier Zechinen, um mir Bücher zu kaufen. Eine Woche später reiste meine Mutter nach St. Petersburg. Als wir wieder in Padua waren, sprach mein guter Lehrer drei oder vier Monate lang tagtäglich und bei jeder Gelegenheit immerzu von meiner Mutter. Bettina, die in dem Paket fünf Ellen schwarze Glanzseide und zwölf Paar Handschuhe gefunden hatte, faßte eine große Neigung zu mir und nahm sich mit solcher Sorgfalt meiner Haare an, daß ich nach sechs Monaten meine Perücke ablegen konnte. Jeden Tag kam sie zu mir, um mich zu kämmen, und oft geschah dies, ehe ich noch aufgestanden war; sie sagte, sie habe keine Zeit solange zu warten, bis ich aufgestanden sei. Sie wusch mir Gesicht, Hals, Brust; sie erwies mir kindliche Liebkosungen, die ich für unschuldig erachtete und die mich gegen mich selber aufbrachten, weil sie mich aufregten. Da ich drei Jahre jünger war als sie, so schien mir, sie könne sich wohl gar nichts dabei denken, wenn sie mich liebkoste, und es ärgerte mich, daß ich mir etwas dabei dachte. Wenn sie auf meinem Bette sitzend mir sagte, ich nähme zu, und sich mit Händen davon überzeugte, so regte sie mich sehr heftig auf; ich ließ sie aber ruhig gewähren, weil ich befürchtete, sie könnte meine Erregung bemerken. Und wenn sie mir sagte, ich hätte eine zarte Haut, und mich dabei kitzelte, mußte ich mich zurückbeugen; dann ärgerte ich mich über mich selber, daß ich's nicht wagte, es mit ihr ebenso zu machen, zugleich aber freute ich mich, daß sie nicht merkte, wie große Lust ich dazu hatte. Wenn ich angezogen war, gab sie mir die süßesten Küsse und nannte mich ihr liebes Kind; so große Lust ich aber auch hatte, ihr Beispiel zu befolgen, so wagte ich es doch noch nicht. Als dann jedoch später Bettina sich über meine Schüchternheit lustig machte, faßte ich Mut und gab ihr ihre Küsse noch kräftiger zurück; doch hörte ich stets auf, sobald ich die Lust verspürte weiter zu gehen. Ich drehte den Kopf zur Seite, als ob ich irgend etwas suchte, und sie entfernte sich. Sobald sie zur Tür hinaus war, war ich in Verzweiflung darüber, daß ich nicht meinem Naturtrieb gefolgt war. Ich war erstaunt, daß Bettina, ohne sich aufzuregen, alles mit mir machen konnte, wozu sie Lust hatte, während es mich die größte Mühe kostete, nicht weiter zu gehen, und ich nahm mir jedesmal vor, von nun an solle es anders werden. Zu Anfang des Herbstes bekam der Doktor drei neue Pfleglinge; einer von diesen, der fünfzehn Jahre alt war, schien mir in weniger als einem Monat mit Bettina auf sehr gutem Fuß zu stehen. Diese Wahrnehmung erweckte in mir ein Gefühl, wovon ich bis dahin keinen Begriff gehabt hatte und dessen Wesen ich auch erst mehrere Jahre später mir klarmachte. Es war weder Eifersucht, noch Entrüstung, sondern eine edle Verachtung, die ich nicht glaubte unterdrücken zu dürfen, denn Cordiam war unwissend, ungeschliffen, geistlos, unerzogen, der Sohn eines gewöhnlichen Bauern und in keiner Weise imstande, einen Vergleich mit mir auszuhalten; denn er hatte vor mir weiter nichts voraus, als daß er schon in mannbarem Alter war; er schien mir nicht danach angetan, mir vorgezogen zu werden; mein erwachendes Selbstgefühl sagte mir, daß ich besser sei als er. Ein Gefühl von Stolz mit Verachtung gemischt erhob sich in mir gegen Bettina, die ich liebte, ohne es zu wissen. Sie merkte es an der Art und Weise, wie ich ihre Liebkosungen aufnahm, wenn sie mich in meinem Bett frisierte: ich stieß ihre Hand zurück und antwortete nicht mehr auf ihre Küsse. Eines Tages fragte sie mich, warum ich denn gegen sie so sei; es ärgerte sie, daß ich keinen Grund angeben wollte, und sie sagte mir mit einer Miene, wie wenn ich ihr leid täte: ich sei eifersüchtig auf Cordiani. Dieser Vorwurf erschien mir als eine erniedrigende Verleumdung; ich antwortete ihr: meiner Meinung nach sei Cordiani ihrer würdig, wie sie seiner. Sie ging lächelnd hinaus; aber indem sie nachdachte, wie sie sich rächen könnte, fand sie, daß dies nur geschehen könnte, indem sie mich eifersüchtig machte. Diesen Zweck konnte sie freilich nicht erreichen, ohne mich verliebt zu machen. Das fing sie folgendermaßen an: Eines Morgens kam sie an mein Bett und brachte mir ein paar weiße Strümpfe, die sie für mich gestrickt hatte. Nachdem sie mein Haar in Ordnung gebracht hatte, sagte sie, sie müsse mir die Strümpfe selber anpassen, um zu sehen, was daran verkehrt sei, und um sich bei den anderen, die sie mir noch machen wollte, danach zu richten. Der Doktor war ausgegangen, um seine Messe zu lesen. Während sie mir die Strümpfe anzog, sagte sie, meine Beine seien unsauber, und ohne mich erst um Erlaubnis zu fragen, fing sie sofort an sie zu waschen. Ich hätte mich geschämt, ihr irgendwelche Scham zu zeigen; darum ließ ich sie gewähren, zumal da ich nicht voraussah, was noch kommen sollte. Auf meinem Bett sitzend, trieb Bettina ihren Reinlichkeitseifer zu weit, und ihre Neugier verursachte mir solche Wollust, daß diese nicht eher aufhörte, als bis sie nicht weiter gehen konnte. Nachdem ich wieder ruhig geworden war, fühlte ich mich als den schuldigen Teil und hielt mich für verpflichtet, sie um Verzeihung zu bitten. Dies hatte sie nicht erwartet; sie dachte einen Augenblick nach und sagte mir dann in gütigem Ton, sie selber habe schuld, aber es solle nicht wieder vorkommen. Hierauf ging sie und überließ mich meinen Gedanken. Diese waren bitter! Ich bildete mir ein, ich hätte sie entehrt, hätte das Vertrauen ihrer Familie getäuscht, die heiligen Gesetze der Gastfreundschaft verletzt, mit einem Wort: ich hätte ein furchtbares Verbrechen begangen, das ich nur dadurch wieder gutmachen könnte, daß ich sie heiratete – das heißt, wenn Bettina sich überhaupt entschließen könnte, einen ihrer unwürdigen schamlosen Menschen zum Gatten zu nehmen. Diesen Betrachtungen folgte eine düstre Traurigkeit; die von zu Tag schlimmer wurde, da Bettina überhaupt nicht mehr zu mir ans Bett kam. Während der ersten acht Tage erschien die Zurückhaltung des Mädchens mir vernünftig, und meine Traurigkeit hätte bald den Charakter einer idealen Liebe angenommen, wenn nicht ihr Verhalten Cordiani gegenüber in meine Seele das Gift der Eifersucht geträufelt hätte, obgleich ich nicht im entferntesten daran dachte, sie könne etwa mit ihm dieselbe Sünde begangen haben wie mit mir. Aus gewissen Gründen nahm ich an, Bettina hätte damals wohl gewußt, was sie tat, und käme nur deshalb nicht wieder, weil sie es jetzt bereute. Dies schmeichelte meiner Eitelkeit; denn nun nahm ich an, sie sei in mich verliebt. In diesen falschen Ideen befangen, entschloß ich mich, sie brieflich zu ermutigen. Ich entwarf ein Briefchen; es war nur kurz, genügte aber, um sie zu beruhigen, falls sie sich schuldig fühlte oder falls sie mir etwa andere Gefühle zutraute, als ihr Selbstbewußtsein sie verlangen mußte. Mein Brief schien mir ein Meisterwerk zu sein und mehr als hinreichend, um zu bewirken, daß sie mich anbetete und mir den Vorzug vor Cordiani gäbe, der nach meiner Meinung kaum der Mensch war, sie nur einen Augenblick in der Wahl zwischen ihm und mir schwanken zu lassen. Eine halbe Stunde nach Empfang des Briefes antwortete sie mir mündlich, sie würde am nächsten Morgen wieder wie früher in mein Zimmer kommen. Aber ich erwartete sie vergeblich. Ich war empört darüber; wie groß aber war nicht mein Erstaunen, als sie bei Tisch mich fragte, ob ich mich nicht von ihr als Mädchen verkleiden lassen wollte, um den Ball zu besuchen, den einer unserer Nachbarn, der Arzt Olivo, fünf oder sechs Tage später zu geben gedachte. Da alle Anwesenden diesen Vorschlag vortrefflich fanden, so willigte ich ein. Ich erblickte hierin eine günstige Gelegenheit, eine Aussprache zu haben, uns gegenseitig zu rechtfertigen und wieder vertraute Freunde zu werden, ohne daß wir eine Uberraschung infolge fleischlicher Schwachheit befürchten müßten. Aber nun kam etwas dazwischen, und es entwickelte sich eine richtige Tragikomödie. Ein alter, wohlhabender Pate des Doktor, der auf dem Lande wohnte, glaubte nämlich nach langer Krankheit dem Ende nahe zu sein und schickte ihm einen Wagen mit der Bitte, er und sein Vater möchten unverzüglich zu ihm kommen, damit sie bei seinem Tode zugegen wären und seine Seele Gott empföhlen. Der alte Schuster leerte zunächst eine Flasche, zog dann seinen Sonntagsrock an und machte sich mit seinem Sohne auf den Weg. Diese Gelegenheit schien mir günstig, und ich gedachte, sie auszunützen, zumal da es für meine Ungeduld bis zum Ballabend noch viel zu lange hin war. Es gelang mir Bettina zu sagen, ich würde die Tür meines Zimmers nach dem Korridor zu offen lassen und ich erwartete sie, sobald alle anderen zu Bett wären. Sie antwortete, sie werde bestimmt kommen. Sie schlief im Erdgeschoß in einer Kammer, die nur durch eine einfache Scheidewand von der Schlafkammer ihres Vaters getrennt war. Der Doktor war verreist; ich schlief also allein im großen Zimmer. Die drei Pensionäre hatten einen Saal, der für sich lag; ich hatte also kein Hindernis zu befürchten und ich war entzückt, daß endlich der ersehnte Augenblick da war. Kaum war ich in meinem Zimmer, so schob ich den Riegel vor und öffnete die nach dem Korridor führende Tür, so daß Bettina sie nur aufzustoßen brauchte, um eintreten zu können. Dann löschte ich mein Licht, zog mich aber nicht aus. Wenn man in einem Roman derartige Situationen beschrieben findet, scheinen sie einem übertrieben. Aber das ist nicht der Fall, und Ariostos Beschreibung von Ruggiero, wie er auf Alcina wartet, ist ein schönes Bildnis nach der Natur. Ich wartete bis Mitternacht, ohne mich zu beunruhigen. Als ich aber die zweite, die dritte, die vierte Morgenstunde verstreichen sah, ohne daß Bettina erschien, da erhitzte sich mein Blut, und ich wurde wütend. Der Schnee fiel in dicken Flocken, aber ich litt noch mehr von meinem Zorn als von der Kälte. Eine Stunde vor Tagesanbruch konnte ich meine Ungeduld nicht mehr bemeistern; ich entschloß mich, ohne Schuhe hinunterzugehen, um den Hund nicht aufzuwecken, und mich unten auf die Treppe zu setzen, die nur vier Schritt von Bettinas Tür entfernt war. Wäre Bettina nicht in ihrer Kammer gewesen, so hätte diese Tür offen sein müssen. Ich ging auf die Tür zu und fand sie geschlossen; und da sie nur von innen verschließbar war, so dachte ich mir, Bettina müsse eingeschlafen sein. Ich wollte anklopfen, tat es aber nicht, weil ich fürchtete, der Hund könnte aufwachen. Von dieser Tür bis zu Bettinas Kammertür waren noch zehn bis zwölf Schritt. Von Kummer erdrückt und nicht wissend, wozu ich mich entschließen sollte, setzte ich mich auf die unterste Treppenstufe; kurz vor Tagesanbruch aber war ich so niedergeschlagen, so erstarrt und vor Kälte schlotternd, daß ich mich entschloß, wieder in mein Zimmer zu gehen; ich fürchtete auch, die Magd könnte mich auf der Treppe finden und denken, ich wäre verrückt geworden. Ich stand auf; im selben Augenblick hörte ich ein Geräusch in Bettinas Zimmer. Nun war ich sicher, daß sie kommen würde, die Hoffnung gab mir neue Kräfte, ich eilte auf die Tür zu, sie öffnete sich. Aber statt daß Bettina herauskommt, sehe ich Cordiani, der mir einen so furchtbaren Fußtritt vor den Bauch gibt, daß ich weit zur Tür hinausfliege und draußen im Schnee liege. Ohne sich bei mir aufzuhalten, läuft Cordiam weg und schließt sich in den Saal ein, den er gemeinsam mit seinen Kameraden, den beiden Feltrini, bewohnt. Schnell springe ich auf, um mich sofort an Bettina zu rächen, die in diesem Augenblick nichts vor meiner Wut hätte retten können. Ich finde ihre Tür verschlossen und versuche sie mit einem kräftigen Fußtritt zu sprengen. Der Hund fängt an zu bellen, und ich laufe schnell die Treppe hinauf in mein Zimmer, wo ich mich einschließe und zu Bett gehe, um Leib und Secle wieder warm zu bekommen; denn ich war mehr als tot. Betrogen, erniedrigt, mißhandelt, ein Gegenstand der Verachtung für einen glücklichen, triumphierenden Cordiani, so verbrachte ich drei Stunden damit, den schwärzesten Racheplänen nachzuhängen. Sie alle beide zu vergiften, schien mir in diesem furchtbaren und unglücklichen Augenblick sehr milde zu sein. Diesen Plan ließ ich fallen und ging zu einem anderen über, der ebenso unbesonnen wie niederträchtig war: ich wollte sofort mich aufmachen, um ihrem Bruder alles zu hinterbringen. Ich war erst zwölf Jahre alt, mein Geist hatte noch nicht gelernt, kalten Blutes heroische Rachepläne zu überlegen, die ihren Ursprung nur in falschem Ehrgefühl hatten. Ich war noch ein Neuling in Dingen dieser Art. In solcher Stimmung befand ich mich, als ich plötzlich vor meiner Tür die heisere Stimme von Bettinas Mutter hörte; sie bat mich schnell herunterzukommen, ihre Tochter liege im Sterben. Es hätte mich geärgert, wäre sie gestorben, ehe ich mich an ihr gerächt; schnell sprang ich aus dem Bett und ging hinunter. Ich sah sie auf dem Bett ihres Vaters in fürchterlichen Krämpfen liegen; alle Hausgenossen standen um sie herum. Ihr halbnackter Leib bog sich; sie drehte sich nach links und rechts, schlug wild mit Händen und Füßen um sich, und vereitelte durch ihre heftigen Stöße alle Bemühungen sie festzuhalten. Noch ganz voll von den Ereignissen der Nacht, wußte ich bei diesem Anblick nicht, was ich dazu sagen sollte. Ich kannte weder die Natur noch die Listen der Menschen, und ich war erstaunt, mich hier als kühlen Zuschauer zu sehen und beim Anblick von zwei Menschen, von denen ich den einen zu töten, dem anderen die Ehre zu nehmen gedachte, meine Selbstbeherrschung bewahren zu können. Nach einer Stunde schlief Bettina ein. In diesem Augenblick kamen gleichzeitig eine Hebamme und der Arzt Olivo an. Die Frau sagte, Bettinas Krämpfe würden durch ein hysterisches Leiden verursacht, der Doktor behauptete das Gegenteil und verordnete Ruhe und kalte Bäder. Ich sagte dazu kein Wort, aber ich lachte im stillen über beide, denn ich wußte oder glaubte zu wissen, daß des Mädchens Krankheit nur von ihren nächtlichen Arbeiten herrührte oder auch vielleicht von ihrer Angst wegen meines Zusammentreffens mit Cordiani. Wie dem auch sein mochte, ich entschloß mich, meine Rache bis zur Ankunft ihres Bruders zu verschieben, obwohl ich die Krankheit Bettinas keineswegs für erheuchelt hielt; denn es schien mir unmöglich zu sein, daß sie soviel Kraft hätte. Um in mein Zimmer zu gelangen, mußte ich durch Bettinas Zimmer gehen; auf ihrem Bett lag ihre Tasche und bei diesem Anblick bekam ich Lust, sie zu untersuchen. Ich fand darin ein Briefchen, und da ich Cordianis Schrift erkannte, nahm ich es mit, um es auf meinem Zimmer in aller Ruhe zu lesen. Erstaunt war ich über die Unvorsichtigkeit des Mädchens, denn ihre Mutter konnte den Brief finden, und da sie nicht lesen konnte, würde sie ihn ihrem Sohn, dem Doktor, gegeben haben. Ich dachte, sie müsse den Kopf verloren haben, aber man stelle sich meine Empfindungen vor als ich folgende Worte las: »Da Ihr Vater verreist ist, brauchen Sie nicht wie sonst Ihre Tür offen zu lassen. Sofort nach Tisch werde ich mich in Ihre Kammer begeben; dort werden Sie mich finden.« Zuerst war ich ganz starr vor Staunen; dann dachte ich über die Sache nach und mußte lachen, als ich sah, wie gründlich ich angeführt worden war; ich glaubte mich von meiner Liebe geheilt. Cordiani schien mir entschuldbar, Bettina verächtlich. Ich wünschte mir Glück, eine ausgezeichnete Lehre für mein ganzes Leben erhalten zu haben. Ich ging sogar so weit, zu finden, daß Bettina recht gehabt, mir, der ich noch ein Kind war, den fünfzehnjährigen Cordiani vorzuziehen. Obwohl ich aber geneigt war zu vergeben und zu vergessen, lag mir doch Cordianis Fußtritt schwer auf der Seele; den vergab ich ihm nicht. Als wir Mittags in der Küche, wo wir der Kälte wegen aßen, bei Tisch saßen, ertönte plötzlich von neuem Bettinas Geschrei. Alle liefen zu ihr; nur ich blieb ruhig sitzen und aß zu Ende; hierauf ging ich wieder an meine Arbeit. Als ich abends zum Essen herunterkam, sah ich in der Küche Bettinas Bett neben dem ihrer Mutter; aber ich kümmerte mich nicht darum, ebensowenig wie um den Lärm, der die ganze Nacht anhielt, und um die allgemeine Aufregung, als sie am nächsten Morgen wieder Krämpfe bekam. Am Abend kamen der Doktor und sein Vater zurück. Cordiani, meine Rache fürchtend, kam zu mir und fragte mich, was ich zu tun gedächte. Als er mich aber, das offene Messer in der Hand, auf sich zukommen sah, lief er eilends davon. Daran, dem Doktor die ärgerliche Geschichte zu erzählen, hatte ich gar nicht wieder gedacht; ein Plan dieser Art konnte in meinem Geist nur in einer augenblicklichen zornigen Aufwallung auftauchen. Am anderen Morgen unterbrach die Mutter uns während der Lehrstunde, um nach vielen Umschweifen dem Doktor zu sagen, sie glaube herausgebracht zu haben, was es mit der Krankheit ihrer Tochter auf sich habe. Diese sei von einer Hexe bezaubert, und sie kenne diese Hexe. »Das kann ja sein, liebe Mutter, aber man darf sich in solchen Sachen nicht täuschen. Wer ist die Hexe?« »Unsere alte Magd; ich habe mich eben davon überzeugt.« »Wieso denn?« »Ich habe meine Zimmertür mit zwei kreuzweis gelegten Besen versperrt; wer hinein wollte, mußte das Kreuz zerstören. Als aber die Magd sie sah, ist sie umgekehrt und durch die andere Tür hineingegangen. Es ist doch klar: wenn sie keine Hexe wäre, hätte sie das Besenkreuz fortgeräumt.« »Das ist gar nicht so klar, liebe Mutter. Laßt doch mal die Frau hereinkommen.« »Warum«, fragte der Abbate die Magd, sobald sie erschien, »bist du heute morgen nicht durch die gewöhnliche Tür ins Zimmer gekommen?« »Ich weiß nicht, was Sie von mir wollen.« »Hast du nicht vor der Tür das Andreaskreuz gesehen?« »Was ist das für'n Kreuz?« »Es nützt dir nichts, daß du die Dumme spielst!« rief die Mutter. »Wo hast du vorigen Donnerstag geschlafen?« »Bei meiner Nichte. Sie hat ein Kind gekriegt.« »Das ist nicht wahr. Zum Sabbat bist du gewesen, denn du bist 'ne Hexe, und du hast meine Tochter behext!« Entrüstet spuckt das arme Weib ihr ins Gesicht; die Mutter ergreift in ihrer Wut einen Stock, um sie durchzuprügeln; der Abbate will seine Mutter zurückhalten, aber er muß der Magd nacheilen, die schon die Treppe hinunterläuft und schreit und flucht, um die Nachbarschaft zu alarmieren. Er holt sie ein, und es gelingt ihm endlich, sie zu beschwichtigen, indem er ihr ein bißchen Geld gibt. Nach diesem ebenso komischen wie ärgerlichen Auftritt legte der Abbate seinen priesterlichen Ornat an, um seine Schwester zu beschwören und festzustellen, ob sie wirklich den Teufel im Leibe hätte. Die Neuheit all dieser Mysterien erregte meine ganze Aufmerksamkeit; die ganze Gesellschaft schien mir verrückt oder blödsinnig dumm zu sein; denn ich mußte lachen, wenn ich mir bloß vorstellte, daß in Bettinas Leib Teufel sein sollten. Als wir an ihr Bett traten, schien sie keine Luft kriegen zu können, und von den Beschwörungen ihres Bruders wurde es mit ihrer Atemnot nicht besser. Darüber kam der Doktor Olivo zu; er fragte den Doktor, ob er dabei sein dürfte. Dieser antwortete: ja; wenn er den Glauben hätte. Olivo antwortete, sein Glaube beschränke sich auf die Wunder des Evangeliums, und entfernte sich. Als kurz darauf der Doktor wieder auf sein Zimmer gegangen war und ich mich mit Bettina allein befand, flüsterte ich ihr ins Ohr: »Fassen Sie Mut; werden Sie gesund und verlassen Sie sich auf meine Verschwiegenheit.« Sie drehte den Kopf nach der anderen Seite, ohne mir zu antworten; aber der ganze Tag verging ohne Krämpfe. Ich glaubte sie geheilt zu haben; den nächsten Tag jedoch stieg das Fieber ihr ins Gehirn, und sie sprach in ihrem Delirium griechische und lateinische Worte ohne Zusammenhang. Nun zweifelte man nicht mehr, daß sie wirklich vom Teufel besessen sei. Die Mutter ging aus und kam nach einer Stunde mit dem berühmtesten Teufelsaustreiber von Padua zurück. Dies war ein sehr häßlicher Kapuziner, genannt Bruder Prospero da Bovolenta. Sobald Bettina den Teufelsbeschwörer erblickte, sagte sie ihm laut lachend die fürchterlichsten Beleidigungen; darüber freuten sich alle Anwesenden, denn nur der Teufel konnte so frech sein, einen Kapuziner dermaßen zu behandeln. Dieser aber, als er sich Dummkopf, Eindringling, Stinkbock schimpfen hörte, schlug mit einem großen Kruzifix auf Bettina los; er sagte aber, er schlage den Teufel. Er hörte erst auf, als er sah, daß sie den Nachttopf ergriffen hatte und ihm diesen an den Kopf werfen wollte. »Wenn der, der dich mit Worten verletzt hat,« so rief sie, »der Teufel ist, so schlage ihn mit deinen Worten, du Esel! Aber wenn ich es bin, so merke dir, du Flegel, daß du mich zu respektieren hast. Mach, daß du fort kommst.« Ich fah den Doktor Gozzi rot werden. Der Kapuziner aber blieb unentwegt, in seiner Glaubensrüstung vom Kopf zum Fuß gepanzert; er las einen furchtbaren Bannfluch herunter und forderte zum Schluß den bösen Geist auf, ihm seinen Namen zu sagen. »Ich heiße Bettina.« »Nein! Denn das ist der Name eines getauften Mädchens!« »Du glaubst also, ein Teufel müsse einen männlichen Namen haben? Erfahre, du unwissender Kapuziner, ein Teufel ist ein Engel, der kein Geschlecht haben kann. Da du aber glaubst, daß der, der aus meinem Munde zu dir spricht, ein Teufel fei, so versprich mir die Wahrheit zu antworten, und ich verspreche dir, mich deinen Beschwörungen zu fügen.« »Ja, ich verspreche es dir.« »Sage mir also: Glaubst du gelehrter zu sein als ich?« »Nein, aber ich halte mich für stärker namens der allerheiligsten Dreieinigkeit und kraft meiner geheiligten Priesterwürde.« »Wenn du stärker bist, so verhindere mich doch, dir die Wahrheit über dich zu sagen: du bist eitel auf deinen Bart; du kämmst ihn täglich zehnmal, und es würde dir nicht einfallen, die Hälfte davon abzuschneiden, wenn du mich dadurch aus diesem Leibe austreiben könntest. Schneide ihn ab, und ich schwöre dir, ich werde ausfahren.« »Vater der Lüge, ich werde deine Strafen verdoppeln!« »Tu's nur!« Bei diesen Worten brach Bettina in ein solches Gelächter aus, daß ich unwillkürlich ebenfalls lachen mußte. Darauf wandte der Kapuziner sich zum Doktor und sagte ihm, ich hätte keinen Glauben und müsse hinausgehen. Dies tat ich, indem ich ihm sagte, er habe richtig geraten. Ich war noch nicht draußen, als der Mönch, der Bettinen seine Hand zum Kusse reichte, das Vergnügen hatte, sie darauf spucken zu sehen. Unbegreifliches, talentvolles Mädchen! Sie führte den Kapuziner ab, und kein Mensch wunderte sich darüber, denn alle ihre Antworten wurden dem Teufel zugeschrieben. Ich begriff nicht, was sie damit beabsichtigen konnte. Der Kapuziner speiste mit uns und brachte während des Essens eine Masse Dummheiten vor. Nach der Mahlzeit ging er wieder in Bettinas Kammer, um ihr seinen Segen zu geben; aber sobald sie ihn erblickte, nahm sie ein großes Glas mit einem schwarzen Mischmasch, den der Apotheker ihr geschickt hatte, und warf es ihm an den Kopf. Cordiani, der dicht neben ihm stand, bekam ein gutes Teil davon ab, was nur ungeheuer viel Vergnügen machte. Bettina hatte recht, daß sie sich die Gelegenheit zu nutze machte, denn alles wurde dem armen Teufel auf Rechnung geschrieben. Jedenfalls wenig befriedigt, sagte Vater Prospero beim Abschied zum Doktor, das Mädchen sei ohne Zweifel besessen, aber er müsse einen anderen Teufelsbanner suchen, denn ihm habe Gott nicht die Gnade erweisen wollen, sie von dem bösen Geist zu befreien. Als er fort war, verbrachte Bettina sechs Stunden vollkommen ruhig und überraschte uns alle, als sie am Abend kam und sich mit uns zu Tisch setzte; sie versicherte ihren Eltern, sie befinde sich wohl, und sprach mit ihrem Bruder. Hierauf wandte sie sich an mich und sagte, der Ball solle morgen stattfinden, und sie werde in der Frühe zu mir kommen und mich als Mädchen frisieren. Ich dankte ihr und erwiderte, sie sei sehr krank gewesen und müsse sich schonen. Bald ging sie zu Bett; wir aber blieben noch bei Tische sitzen und sprachen von nichts anderem, als von ihr. Als ich wieder auf meinem Zimmer war und mich zu Bett legen wollte, fand ich in meiner Nachtmütze einen Zettel mit folgenden Worten: »Entweder kommen Sie als Mädchen verkleidet mit mir auf den Ball oder Sie sollen etwas sehen, worüber Sie weinen werden.« Ich wartete, bis der Doktor eingeschlafen war, und schrieb dann meine Antwort an sie nieder: »Ich werde nicht auf den Ball gehen, denn ich bin fest entschlossen, jede Gelegenheit zu vermeiden, wobei ich mit Ihnen allein sein könnte. Sie drohen mir, ich solle etwas Furchtbares sehen; ich traue Ihnen wohl zu, daß Sie Ihr Wort halten werden; aber ich bitte Sie: schonen Sie meines Herzens, denn ich liebe Sie, wie wenn Sie meine Schwester wären. Ich habe Ihnen verziehen, liebe Bettina, und ich will alles vergessen. Anbei ein Brief, den Sie gewiß mit Freuden wieder in Ihren Händen sehen werden. Sie sehen, welcher Gefahr Sie sich ausgesetzt haben, indem Sie ihn in Ihrer Tasche auf dem Bett liegen ließen. Daß ich ihn Ihnen zurückgebe, muß Sie von meiner Freundschaft überzeugen.« Drittes Kapitel Bettina wird für wahnsinnig gehalten. – Vater Mancia – Die Pocken – Meine Abreise von Padua Bettina mußte in Verzweiflung sein, da sie nicht wußte, in welche Hände ihr Brief gefallen sein konnte; indem ich sie aus ihrer Unruhe erlöste, gab ich ihr also einen sehr hohen Freundschaftsbeweis. Aber mein Edelmut, der sie von einer bitteren Sorge befreite, mußte ihr eine neue, ebenso bittere bereiten: sie wußte jetzt, daß ich Herr über ihr Geheimnis war. Cordianis Brief war ganz unzweideutig; er lieferte den Augenschein, daß sie ihn allnächtlich empfing, und damit wurde das Märchen hinfällig, das sie vielleicht sich zurechtgelegt hatte, um mich auf eine falsche Spur zu lenken. Ich fühlte dies, und da ich sie gerne nach Möglichkeit beruhigen wollte, ging ich am Morgen an ihr Bett und übergab ihr den Brief und meine Antwort. Die Klugheit des Mädchens hatte ihr meine Achtung gewonnen, ich konnte sie nicht mehr verachten. Ich sah in ihr nur noch ein Geschöpf, das durch sein Temperament verführt worden war. Sie war mannstoll, und man konnte sie darum nur beklagen, soweit die Folgen in Betracht kamen. Da ich die ganze Sache jetzt im richtigen Licht zu sehen glaubte, hatte ich mich als vernünftiger Junge und nicht als gekränkter Liebhaber damit abgefunden. Sie hatte zu erröten, nicht ich. Ich hatte nur noch einen Wunsch, nämlich den, herauszubringen, ob die beiden Feltrini, Cordianis Freunde, ebenfalls Anteil an ihren Huldbeweisen gehabt hätten. Bettina trug den ganzen Tag eine sehr lustige Stimmung zur Schau. Am Abend kleidete sie sich an, um auf den Ball zu gehen; plötzlich aber nötigte ein wirkliches oder erheucheltes Unwohlsein sie, sich zu Bett zu legen; das ganze Haus geriet darob in Aufregung. Ich, der ich von allem Bescheid wußte, machte mich auf neue und noch traurigere Auftritte gefaßt; denn ich hatte ein Übergewicht über sie gewonnen, das ihrer Eitelkeit unerträglich war. Ich muß jedoch hier bekennen, daß ich trotz dieser ausgezeichneten Schule, die ich schon vor meinen Jünglingsjahren durchmachte und die mir zur Agide für die Zukunft hätte dienen sollen, mein ganzes Leben lang von den Frauen genasführt worden bin. Vor zwölf Jahren würde ich in Wien, hätte mich nicht mein Schutzengel davor bewahrt, ein junges Brauseköpfchen geheiratet haben, in das ich mich verliebt hatte. Jetzt, da ich zweiundsiebzig Jahre alt bin, glaube ich mich vor derartigen Tollheiten sicher; aber leider ist gerade das mein Kummer. Am andern Morgen war die ganze Familie untröstlich; denn der Teufel, von dem Bettina besessen war, hatte sich ihrer Vernunft bemächtigt. Der Doktor sagte mir, sie müsse doch wohl besessen sein, denn allem Anschein nach hätte sie als Wahnsinnige den Vater Prospero nicht so schlecht behandeln können. Er entschloß sich, sie dem Vater Mancia anzuvertrauen. Dies war ein als Teufelsbeschwörer berühmter Jacobiner (also vom Dominikanerorden), der im Rufe stand, daß seine Kraft noch niemals bei einem behexten Mädchen versagt hätte. Es war Sonntag. Bettina hatte gut gegessen und war den ganzen Tag verrückt gewesen. Gegen Mitternacht kam ihr Vater nach Hause, nach seiner Gewohnheit den Tasso singend und so betrunken, daß er nicht mehr grade stehen konnte. Er trat an Bettinas Bett, umarmte sie zärtlich und sagte: »Du bist nicht verrückt, mein Kind.« Sie antwortete ihm: »Du bist nicht betrunken.« »Du bist besessen, mein liebes Kind.« »Ja, Vater; und Ihr seid der einzige, der mich heilen kann.« »Gut; ich bin dazu bereit.« Hierauf beginnt unser Schuster wie ein Theologe zu sprechen, er redet über die Kraft des Glaubens und des Vatersegens. Er wirft seinen Mantel ab, nimmt ein Kruzifix in die eine Hand, legt die andere seiner Tochter auf den Kopf und beginnt so komisch mit dem Teufel zu reden, daß sogar seine dumme, sonst immer traurige und zänkische Frau vor Lachen sich den Bauch halten muß. Die einzigen, die nicht lachten, waren die beiden Handelnden, und grade ihr Ernst machte die Szene noch spaßhafter. Ich bewunderte Bettina, die sonst überaus lachlustig war und doch jetzt die Selbstüberwindung besaß, ganz ruhig zu bleiben. Doktor Gozzi lachte auch, wünschte aber doch, daß die Posse ein Ende nehme, denn ihm schien, der Unsinn, den sein Vater redete, wäre zugleich eine Verhöhnung der heiligen Teufelsbeschwörung. Der Teufelsbanner wurde wohl schließlich müde; er ging zu Bett, indem er sagte, er sei gewiß, daß der Teufel seine Tochter die ganze Nacht in Ruhe lassen würde. Am andern Tage kam in dem Augenblick, wo wir vom Tisch aufstanden, Pater Mancia. Der Doktor und die ganze Familie führten ihn ans Bett der Kranken. Ich hatte so viel zu tun, den Mönch anzuschauen, daß ich gewissermaßen ganz außer mir war. Hier sein Porträt: Von Wuchs war er groß und majestätisch, sein Alter mochte etwa dreißig Jahre sein, er hatte blonde Haare und blaue Augen. Seine Gesichtszüge glichen denen des Apollo von Belvedere, nur fehlten die Merkzeichen des Siegesbewußtseins und der Anmaßung. Seine Haut war blendend weiß, und er war daher sehr blaß; aber diese Blässe schien nur dazu da zu sein, um das Korallenrot seiner Lippen zu heben, die, wenn sie sich öffneten, zwei Perlenreihen sehen ließen. Er war weder mager noch fett, und die Traurigkeit seiner Miene erhöhte noch deren Sanftheit. Er ging langsam, sein Gesichtsausdruck war schüchtern, was darauf schließen ließ, daß er bescheidenen Geistes sei. Als wir eintraten, schlief Bettina oder tat wenigstens so. Vater Mancia nahm zunächst einen Weihwedel und besprengte sie mit Wasser. Sie öffnete die Augen, sah den Mönch an und schloß sie sofort wieder; bald aber schlug sie sie wieder auf, sah ihn etwas genauer an, legte sich auf den Rücken, ließ ihre Arme herabsinken, neigte lieblich das Köpfchen zur Seite und überließ sich einem Schlummer, der allem Anschein nach überaus süß war. Der Teufelsbeschwörer zog aus der Tasche Ritual und Stola, die er sich um den Hals hing; hierauf legte er der Schlafenden eine Reliquie auf die Brust und bat uns mit der Miene eines Heiligen, wir möchten alle niederknien, um Gott zu bitten, daß er ihm offenbare, ob die Kranke besessen oder von einer natürlichen Krankheit befallen sei. In dieser Stellung ließ er uns eine halbe Stunde verharren, wobei er ununterbrochen mit leiser Stimme las. Bettina rührte sich nicht. Schließlich wurde er, glaube ich, müde, diese Rolle zu spielen; er bat den Doktor, ihn unter vier Augen anzuhören. Sie traten in die Kammer, aus der sie eine Viertelstunde später wieder zum Vorschein kamen, als die Tolle ein lautes Gelächter ausstieß. Sobald sie sie eintreten sah, drehte sie ihnen den Rücken zu. Vater Mancia lächelte, tauchte den Wedel zu wiederholten Malen in den Weihwasserkessel, besprengte uns alle reichlich mit dem heiligen Naß und ging. Der Doktor sagte uns, er werde am nächsten Tage wiederkommen und habe sich anheischig gemacht, sie in drei Stunden zu erlösen, wenn sie besessen sei; wenn sie aber wahnsinnig sei, so könne er nichts versprechen. Die Mutter rief, sie sei gewiß, daß er Bettina erlösen werde, und sie danke Gott für die Gnade, vor ihrem Tode einen Heiligen gesehen zu haben. Am nächsten Tage war Bettinas Verrücktheit wirklich prachtvoll. Sie hielt die verrücktesten Reden, wie kein Dichter sie je ersinnen könnte, und hörte damit auch nicht auf, als der schöne Teufelsbanner hereinkam; er gönnte sich den Genuß eine Viertelstunde lang, dann legte er seinen vollen Ornat an und bat uns hinauszugehen. Wir gehorchten augenblicklich, und die Tür blieb offen. Aber was sollte das besagen? Wer hätte die Kühnheit besessen, hineinzugehend? Drei volle Stunden lang hörten wir keinen Ton. Totenstille! Um zwölf Ubr rief der Mönch, und wir traten ein. Bettina lag traurig und ganz ruhig da, während der Mönch seine Sachen zusammenpackte. Als er ging, sagte er, er habe Hoffnung, und bat den Doktor, ihm Nachricht zukommen zu lassen. Bettina speiste zu Mittag in ihrem Bett, aß abends mit uns am Tisch und war am nächsten Tage ganz vernünftig. Da geschah aber etwas, was mich in meinem Glauben bestärkte, daß sie weder wahnsinnig noch besessen sei. Es war am Tage vor Mariä Reinigung (Lichtmeß). Der Doktor ließ uns gewöhnlich in der Pfarrkirche das Abendmahl nehmen; zur Beichte aber führte er uns in die Augustinerkirche, wo der Gottesdienst von den Jacobinern von Padua abgehalten wird. Bei Tisch sagte er uns, wir sollten uns darauf einrichten, am anderen Tage hinzugehen. Da sagte seine Mutter: »Ihr solltet alle beim Vater Mancia zur Beichte gehen, damit ihr von diesem heiligen Mann eurer Sünden ledig gesprochen werdet; ich gedenke auch zu ihm zu gehen.« – Cordiani und die beiden Feltrini erklärten sich bereit; mir aber mißfiel der Vorschlag. Ich sagte zwar nichts, aber ich war fest entschlossen, die Ausführung desselben zu verhindern. Ich glaubte an das Beichtsiegel und war nicht imstande, ein falsches Bekenntnis abzulegen; da ich aber wußte, daß es mir freistand, mir meinen Beichtiger zu wählen, so wäre ich sicherlich niemals so naiv gewesen, dem Pater Mancia zu sagen, was zwischen mir und einem Mädchen vorgefallen wäre; denn er hätte mühelos erraten müssen, daß dieses Mädchen nur Bettina sein konnte. Übrigens war ich sicher, daß Cordiani ihm alles sagen würde, und dies ärgerte mich gewaltig. Am anderen Morgen in aller Frühe brachte Bettina mir einen Halskragen und übergab mir einen Brief, worin es hieß: »Hassen Sie mein Leben, aber schonen Sie meine Ehre und gönnen Sie mir das bißchen Frieden, wonach ich mich sehne. Niemand von Euch darf morgen beim Vater Mancia beichten. Sie sind der einzige, der die bestehende Absicht zum Scheitern bringen kann, und ich brauche Ihnen das Mittel dazu nicht erst anzudeuten. Ich werde sehen, ob es wahr ist, daß Sie Freundschaft für mich hegen!« Das arme Mädchen tat mir unbeschreiblich leid, als ich dieses Briefchen las. Trotzdem antwortete ich ihr folgendes: »Ich begreife, daß trotz der Unverletzbarkeit des Beichtsiegels das Vorhaben Ihrer Mutter Sie beunruhigen muß; aber ich begreife nicht, warum Sie, um dies Vorhaben zu vereiteln, sich an mich wenden und nicht lieber an Cordiani, der es laut und offen gebilligt hat. Ich kann Ihnen weiter nichts versprechen, als daß ich nicht mitmachen werde; aber auf Ihren Liebhaber habe ich keinen Einfluß; mit dem müssen Sie selber sprechen.« Hierauf übergab sie mir folgende Erwiderung: »Ich habe seit der verhängnisvollen Nacht, die mich unglücklich gemacht hat, mit Cordiani kein Wort mehr gesprochen. Ich werde auch niemals mehr mit ihm sprechen, selbst wenn ich um diesen Preis das verlorene Glück wiederfände. Nur Ihnen allein will ich Leben und Ehre zu verdanken haben.« Das Mädchen schien mir erstaunlicher als alle Heldinnen, die in den von mir gelesenen Romanen mir als Wunder hingestellt worden waren! Mir kam es vor, als würde ich von ihr mit einer Frechheit sondergleichen gefoppt. Ich glaubte, sie wollte mich von neuem in ihre Ketten schmieden, und obgleich ich mir daraus nichts machte, beschloß ich doch, die edle Handlung zu vollbringen, die sie von mir erwartete und deren sie nur mich allein für fähig hielt. Sie fühlte sich ihres Erfolges sicher. Aber in welcher Schule hatte sie das Menschenherz kennengelernt? Durch Romanlesen! Es gibt vielleicht etliche, deren Lesen viele junge Leute zugrunde richtet; aber ganz gewiß lernen sie durch das Lesen guter Romane angenehme Manieren und gesellige Tugenden. Ich entschloß mich also, dem Mädchen die Gefälligkeit zu erweisen, die sie von mir erwartete, und benutzte beim Schlafengehen einen günstigen Augenblick, um dem Doktor zu sagen, mein Gewissen nötige mich zu der Bitte, von mir nicht zu verlangen, daß ich dem Vater Mancia beichte; ich möchte aber in dieser Beziehung nicht anders handeln als meine Kameraden. Der Doktor antwortete mir freundlich, er begreife meine Gründe und werde uns in die Kirche des heiligen Antonius führen; zum Zeichen der Dankbarkeit küßte ich ihm die Hand. Da also am nächsten Tage alles nach Bettinas Wünschen ging, sah ich sie mit dem Ausdruck der Zufriedenheit auf ihren Zügen sich zu Tisch setzen. Am Nachmittag mußte ich mich wegen einer Verletzung am Fuß zu Bett legen; der Doktor hatte seine Zöglinge in die Kirche begleitet; so war also Bettina allein. Sie benutzte den Augenblick, suchte mich in meinem Zimmer auf und setzte sich auf mein Bett. Ich hatte erwartet, daß sie kommen würde, und da ich nun sah, daß der Augenblick einer mir nicht unerwünschten großen Aussprache endlich da war, so empfing ich ihren Besuch mit Vergnügen. Zuvörderst sagte sie mir, ich wäre hoffentlich nicht böse, daß sie die Gelegenheit ergriffe, mit mir zu sprechen. »Nein,« antwortete ich, »denn Sie verschaffen mir dadurch die Gelegenheit, Ihnen zu sagen, daß die Gefühle, die ich für Sie hege, rein freundschaftliche sind; Sie können also sicher sein, daß Sie in Zukunft keinerlei Beunruhigung von mir zu befürchten haben. Machen Sie also, Bettina, was Sie wollen; denn um anders zu handeln, müßte ich verliebt in Sie sein, und ich bin es nicht mehr. Sie haben in einem Augenblick die schöne Leidenschaft, die Sie mir eingeflößt hatten, im Keim erstickt. Als ich nach der von Cordiani erlittenen Mißhandlung wieder in meinem Zimmer war, habe ich Sie zuerst gehaßt; bald aber verwandelte der Haß sich in Verachtung, und als ich allmählich ruhig wurde, entwickelte sich aus der Verachtung eine vollkommene Gleichgültigkeit; auch diese Gleichgültigkeit entschwand, als ich sah, wessen Ihr Geist fähig ist. Ich bin Ihr Freund geworden, ich verzeihe Ihnen Ihre Schwächen, und nachdem ich mich gewöhnt habe, Sie so zu sehen wie Sie sind, habe ich von Ihrer Klugheit die beste Meinung bekommen. Ich bin selber von ihr angeführt worden, aber das macht nichts; Ihre Klugheit ist nun einmal da, sie ist überraschend, göttlich; ich liebe sie, ich bewundere sie, und mich dünkt, ich bin Ihnen schuldig, Ihre Klugheit zu ehren, indem ich Ihnen selber die reinste Freundschaft weihe. Vergelten Sie mir diese: seien Sie wahr, aufrichtig und machen Sie keine Umschweife. Genug jetzt der Narrenpossen! Denn Sie haben bei mir bereits erreicht, was Sie nur erwarten konnten. Schon der Gedanke an Liebe widerstrebt mir; denn ich kann nur lieben, wenn ich sicher bin, daß ich allein geliebt werde. Mögen Sie dies dumme Zartgefühl meiner Jugend zuschreiben; es ist einmal so und kann nicht anders sein. Sie haben mir geschrieben, Sie sprächen nicht mehr mit Cordiani. Wenn ich an diesem Bruch schuld bin, so tut mir das leid, und Ihre Ehre verlangt, glaube ich, daß Sie sich wieder versöhnen; in Zukunft werde ich mich hüten, ihm auch nur im geringsten im Wege zu stehen. Und bedenken Sie noch eins: wenn Sie ihn durch dieselben Verführungskünste in sich verliebt gemacht haben, die Sie gegen mich anwandten, so haben Sie doppelt unrecht, denn wenn er Sie liebt, so haben Sie ihn vielleicht unglücklich gemacht.« »Alles was Sie mir da sagen,« versetzte Bettina, »beruht auf einer falschen Idee und auf falschem Anschein. Ich liebe Cordiani nicht und habe ihn niemals geliebt. Im Gegenteil, ich habe ihn gehaßt und hasse ihn noch jetzt, weil er meinen Haß verdient, und ich hoffe Sie davon zu überzeugen, obwohl der Augenschein gegen mich ist. Den gemeinen Vorwurf, daß ich Sie oder ihn verführt hätte, bitte ich mir zu ersparen. Bedenken auch Sie: wenn nicht Sie mich verführt hätten, so hätte ich mich wohl gehütet, mit Ihnen zu machen, was ich aus Gründen, die Sie nicht kennen, aber von mir erfahren werden, tief bereue. Der Fehler, den ich beging, ist nur deshalb schwer, weil ich nicht voraussah, wie sehr er mir bei einem undankbaren Knaben, der die Welt noch nicht kennt, schaden würde!« Bettina weinte. Was sie mir gesagt hatte, klang glaubhaft und war schmeichelhaft für mich; aber ich hatte zu viel gesehen. Außerdem wußte ich ja, wie klug sie war, und so lag mir der Gedanke nahe, daß sie mich wieder hinters Licht führen wollte; denn was konnte ich anders annehmen, als daß sie nur aus beleidigter Eitelkeit so handelte, die meinen Sieg als eine unerträgliche Demütigung empfand? Ich blieb daher unerschütterlich und antwortete ihr: ich glaubte ihr alles, was sie mir über den Zustand ihres Herzens vor jener kleinen Tändelei, dem Ausgangspunkt meiner Verliebtheit, gesagt hätte, und sie könnte daher sicher sein, daß ich ihr künftighin niemals mehr den Vorwurf machen würde, mich verführt zu haben. »Aber,« fuhr ich fort, »geben Sie zu, daß Ihr Feuer nur vorübergehend so heftig war und daß es nur eines leisen Hauches bedurft hat, es auszulöschen. Es verdient Lob, daß Ihre Tugend nur einen einzigen Augenblick sich verwirrt und sofort ihre Herrschaft über Ihre Sinne zurückgewonnen hat. Sie, die mich zärtlich liebten, wurden augenblicklich unempfindlich gegen meine Qualen, so deutlich ich auch Ihnen diese zu erkennen gab. Nun möchte ich nur noch wissen, wie Sie auf diese Tugend soviel Wert legen konnten, während sie doch allnächtlich an Cordiani Schiffbruch litt?« Bettina sah mich mit Siegesgewißheit an und sagte: »Jetzt habe ich Sie da, wo ich Sie haben wollte. Jetzt sollen Sie endlich erfahren, was ich Ihnen niemals sagen konnte; denn das Stelldichein, zu dem Sie nicht kommen wollten, gab ich Ihnen nur, um Ihnen die Wahrheit zu sagen: Cordiani machte mir acht Tage nach seiner Ankunft bei uns eine Liebeserklärung. Er bat mich um meine Einwilligung, durch seinen Vater um meine Hand anhalten zu lassen, sobald er seine Studien beendigt hätte. Ich antwortete, ich kannte ihn noch nicht genug, hätte auch selber keinen Willen in dieser Sache und bäte ihn, nicht mehr davon zu sprechen. Er tat, als hätte er sich dabei beruhigt, bald darauf jedoch bemerkte ich, daß dies nicht der Fall war; denn als er mich eines Tages bat, ich möchte doch zuweilen in sein Zimmer kommen und ihn frisieren, und ich ihm erwiderte, ich hätte keine Zeit dazu, da sagte er, Sie wären glücklicher als er. Dieser Vorwurf war mir lächerlich, denn im Hause wußte ja ein jeder, daß ich Sie zu bedienen hatte. Vierzehn Tage nach dieser Weigerung verbrachte ich mit Ihnen ein Stündchen in einem Getändel, das Sie natürlich auf Gedanken brachte, die Sie bis dahin nicht gehabt hatten. Ich selber war vollkommen zufrieden; ich liebte Sie, und da ich mich nur natürlichen Begierden überlassen hatte, so genoß ich, ohne daß ein Gewissensbiß mich hätte beunruhigen können. Ich sehnte mich danach, am nächsten Tage wieder mit Ihnen beisammen zu sein, aber am selben Tage nach dem Abendessen nahm mein Unglück seinen Anfang. Cordiani steckte mir diesen Brief und diesen Zettel zu, die ich seitdem in einer Mauerritze versteckt gehalten habe, um sie Ihnen bei passender Gelegenheit zeigen zu können.« Mit diesen Worten übergab Bettina mir Brief und Zettel; der letztere lautete folgendermaßen: »Entweder empfangen Sie mich heute abend in Ihrer Kammer, indem Sie die Hoftür offen lassen, oder sehen Sie morgen zu, wie Sie mit dem Doktor fertig werden, dem ich den in Abschrift beiliegenden Brief übergeben werde.« Der Brief war der Bericht eines niederträchtigen, wütenden Angebers und hätte wirklich sehr unangenehme Folgen haben können. Er zeigte dem Doktor an, daß seine Schwester die Vormittage mit mir in sträflichem Verkehr verbrächte, während er selber die Messe läse, und versprach ihm hierüber Aufklärungen zu geben, die jeden Zweifel beseitigen würden. »Nachdem ich, wie die Umstände es erforderten, reiflich nachgedacht hatte,« fuhr Bettina fort, »entschloß ich mich, das Scheusal anzuhören; aber zu allem entschlossen, steckte ich meines Vaters Stilet in die Tasche und erwartete ihn an der halboffenen Tür; denn ich wollte ihn nicht hineinlassen, weil meine Kammer von der meines Vaters nur durch eine einsame Scheidewand getrennt ist und das leiseste Geräusch ihn hätte aufwecken können. Auf meine erste Frage, wie er zu der Verleumdung käme, die in dem meinem Bruder zugedachten Briefe stände, antwortete Cordiani, es wäre keine Verleumdung, denn er hätte unsere ganze Morgenunterhaltung durch ein senkrecht über Ihrem Bett befindliches Loch mit angesehen. Dieses Loch hätte er selber vom Dachboden aus in die Decke gebohrt und er begäbe sich an diesen Beobachtungsposten, sobald er merkte, daß ich zu Ihnen ginge. Zum Schluß sagte er nur, er würde meinem Bruder und meiner Mutter alles entdecken, wenn ich mich weigerte, ihm dieselben Gunstbezeigungen zu erweisen wie Ihnen. Nachdem ich ihm in meinem gerechten Zorn die stärksten Beleidigungen gesagt, ihn einen feigen Spion und Verleumder genannt hatte – denn er konnte nur Kindereien gesehen haben – erklärte ich ihm zum Schluß feierlich: er hoffe vergeblich, durch Drohungen von mir ebenfalls solche Gefälligkeiten zu erreichen. Nun bat er mich tausendmal um Verzeihung und stellte mir vor, daß doch nur meine Strenge ihn zu dem Schritt getrieben hätte; von selber würde er niemals daran gedacht haben, nur seine Leidenschaft, die ihn unglücklich mache, sei schuld daran. Er gab zu, daß sein Brief vielleicht verleumderisch sei und daß er sich hinterlistig benommen habe; er versicherte mir, er werde niemals zu Gewaltmitteln greifen, um von mir Huldbeweise zu erhalten, die er nur der Beständigkeit seiner Liebe verdanken wolle. Hierauf glaubte ich ihm erwidern zu müssen, daß es mir vielleicht später möglich sein werde, ihn zu lieben; ebenso versprach ich ihm, ich würde niemals mehr an Ihr Bett kommen, wenn der Doktor nicht zu Hause wäre. Hierdurch gelang es mir, ihn los zu werden; er ging ganz zufrieden weg und wagte nicht mal um einen Kuß zu bitten; ich versprach ihm nur, wir könnten vielleicht ab und zu mal am selben Ort miteinander plaudern. Sobald er fort war, ging ich zu Bett; ich war in Verzweiflung, daß ich Sie nun nicht mehr besuchen konnte, wenn mein Bruder nicht zu Hause war, und daß ich mit Rücksicht auf die möglichen Folgen Ihnen nicht einmal den Grund angeben konnte. So verstrichen drei Wochen, und ich kann Ihnen nicht sagen, was ich gelitten habe. Denn natürlich drängten Sie mich und ich mußte doch immer wieder mein Wort brechen. Ich fürchtete mich sogar vor dem Augenblick, wo ich mit Ihnen allein sein würde, denn ich wußte, daß ich meinem Drange nicht würde widerstehen können, Ihnen die Ursache meines so ganz anderen Benehmens zu entdecken. Dazu kam noch, daß ich jede Woche mindestens einmal an die Korridortür kommen mußte, um mit dem Hallunken zu sprechen und seine Ungeduld durch meine Worte zu beschwichtigen. Endlich konnte ich die Qual nicht mehr ertragen, und da ich mich zugleich auch von Ihnen bedroht sah, faßte ich den Entschluß, der Sache ein Ende zu machen. Um Ihnen die ganze Intrigue zu entdecken und mit Ihrer Hilfe zu nichte zu machen, schlug ich Ihnen vor, mich als Mädchen verkleidet auf den Ball zu begleiten, obgleich ich sehr gut wußte, daß Cordiani sich darüber ärgern würde; mein Entschluß stand fest! Sie wissen, wie meine Absicht zuschanden wurde. Die unvermutete Reise meines Vaters und meines Bruders gab euch beiden den gleichen Gedanken ein; aber ich hatte Cordianis Brief noch nicht erhalten, als ich Ihnen versprach, zu Ihnen zu kommen. Cordiani verlangte ja kein Beisammensein, sondern teilte mir nur mit, daß er mich in meiner Kammer erwartete; leider hatte ich keine Zeit ihm zu sagen, daß ich aus gewissen Gründen ihm meine Kammer verbiete, und ebensowenig konnte ich Ihnen Bescheid sagen, daß ich erst nach Mitternacht zu Ihnen kommen könnte – wie ich's nämlich zu tun gedachte; denn ich glaubte bestimmt, ich würde den Unglücksmenschen nach einem Stündchen auf sein Zimmer schicken können. In dieser Berechnung hatte ich mich aber getäuscht, denn Cordiani hatte einen ganzen Plan ausgedacht, und ich mußte diesen von A bis Z anhören. Seine Klagen und übertriebenen Schilderungen seines Unglücks wollten gar kein Ende nehmen. Er jammerte, ich wolle den von ihm ersonnenen Plan nicht unterstützen, mit dem ich doch einverstanden sein müßte, wenn ich ihn wirklich liebte. Dieser Plan lief darauf hinaus, daß ich während der Karwoche mit ihm nach Ferrara fliehen sollte, wo ein Oheim von ihm uns aufgenommen und seinen Vater leicht zur Vernunft gebracht hätte; dann würden wir für unser ganzes Leben glücklich sein. Über meinen Einwendungen, seinen Antworten und umständlichen Erklärungen über die Beseitigung der Hindernisse verging die ganze Nacht. Mir blutete das Herz bei dem Gedanken an Sie, aber ich habe mir keinen Vorwurf zu machen, und es ist nichts vorgefallen, was mich Ihrer Achtung unwert machen könnte. Sie können sie mir nur dann versagen, wenn Sie glauben, daß meine ganze Erzählung ein Märchen ist; Sie würden sich täuschen und wären ungerecht. Hätte ich mich zu Opfern entschließen können, die nur die Liebe bringen darf, so wäre der Schurke höchstens eine Stunde bei mir geblieben; aber lieber hätte ich sterben wollen, als zu einem so furchtbaren Mittel greifen. Konnte ich ahnen, daß Sie in Wind und Schnee draußen standen? Sie und ich, wir waren beide zu beklagen, aber ich mehr als Sie. Es stand alles in den Sternen geschrieben, damit ich meinen Verstand verlieren sollte; denn ich besitze diesen nur noch zeitweise, und meine Krämpfe können jeden Augenblick wiederkehren. Man behauptete, ich sei behext und der Teufel sei in mich gefahren. Von alledem weiß ich nichts; aber wenn es wahr sein sollte, dann wäre ich die unglücklichste Person auf der ganzen Welt.« Bettina schwieg und ließ ihren Tränen, Schluchzern und Seufzern freien Lauf. Ich war tief bewegt; obwohl ich fühlte, daß alles, was sie mir gesagt hatte, wahr sein konnte, so schien es doch nicht glaubhaft: Forse era ver, ma non pero credibile A chi del senso suo fosse signore. Es konnte wahr sein, glaubhaft war es nicht Für einen Menschen, der bei Sinnen war. Aber sie weinte, und an der Echtheit ihrer Tränen konnte ich nicht zweifeln. Trotzdem schrieb ich diese Tränen nur auf Rechnung ihrer verletzten Eitelkeit; denn, um von meiner Ansicht abzugehen, mußte ich überzeugt sein, und Überzeugung gewinnt man nicht durch Wahrscheinlichkeit, sondern durch Augenschein. Ich konnte weder an Cordianis Mäßigung glauben noch an Bettinas Geduld noch an eine einfache Unterhaltung, die sieben Stunden gedauert haben sollte. Gleichwohl empfand ich ein gewisses Vergnügen daran, das falsche Geld, das sie mir aufgezählt hatte, für bare Münze zu nehmen. Nachdem sie ihre Tränen getrocknet hatte, versenkte Bettina ihre schönen Augen in die meinen, in denen sie die deutlichen Zeichen ihres Sieges zu erkennen glaubte; aber ich überraschte sie, indem ich auf einen Punkt zu sprechen kam, den sie listigerweise bei ihrer Verteidigungsrede unbeachtet gelassen hatte. – Die Rhetorik verwendet die Geheimnisse der Natur gerade so, wie die Maler, die ihr nur nachahmen wollen. Grade das allerschönste, was sie geben, ist nicht echt. Dieses junge Mädchen, das keine verfeinerte Bildung genossen hatte, aber von Natur außerordentlich klug war, wollte den Vorteil nicht außer acht lassen, für rein und ohne Falsch zu gelten; sie wußte, wie sehr ihr das zustatten kommen mußte, und darum rechnete sie darauf. Aber sie hatte mir bereits einen zu hohen Begriff von ihrer Gewandtheit gegeben. »Ei, meine liebe Bettina,« sagte ich zu ihr, »Ihre Erzählung hat mich gerührt, aber wie kann ich denn Ihre Krämpfe und die Wahnsinnssymptome für natürlich halten, die Sie bei den Teufelsbeschwörungen gar so sehr grade immer im rechten Augenblick hervorbrachten, obgleich Sie sehr vernünftigerweise sagten, daß Sie in dieser Hinsicht selber Ihre Zweifel hätten?« Sie sah mich fest an und schwieg mehrere Minuten. Dann schlug sie die Augen nieder und fing wieder an zu weinen, indem sie nur von Zeit zu Zeit sagte: »O, ich Arme! o, ich Unglückliche!« Die Situation wurde mir allmählich sehr peinlich, und ich fragte sie, was ich für sie tun könnte. Sie antwortete mir traurig: wenn mein Herz es mir nicht sagte, so wüßte ich nicht, was sie von mir verlangen könnte. »Ich glaubte«, fügte sie hinzu, »meine verlorenen Anrechte auf Ihr Herz wiedergewinnen zu können; aber ich sehe, Sie machen sich nichts mehr aus mir. Mißhandeln Sie mich nur immerzu! Nehmen Sie für erheuchelt die Qualen, die ich wirklich ausstehe, an denen Sie schuld sind, die Sie immer noch größer machen! Zu spät werden Sie dies bereuen, und in Ihrer Reue werden Sie nicht glücklich sein!« Sie tat, als wollte sie gehen; aber ich bekam Angst, sie könnte sich etwas antun; darum rief ich sie zurück und sagte ihr, es gäbe für sie nur ein einziges Mittel, meine zärtliche Liebe zurückzugewinnen: sie müsse einen ganzen Monat frei von Krämpfen sein, und es dürfe nicht wieder vorkommen, daß der schöne Pater Mancia geholt werden müsse. »Dies alles«, sagte sie mir, »hängt nicht von mir ab, aber was wollen Sie damit sagen, daß Sie den Jakobinermönch schön nennen? Nehmen Sie etwa an ... ?« – »O nein, o nein! Ich nehme gar nichts an! Denn um etwas anzunehmen, müßte ich eifersüchtig sein; aber ich muß Ihnen sagen: der Vorzug, den Ihre Teufel den Beschwörungen des schönen Mönches vor jenen des häßlichen Kapuziners geben, führt leicht zu Glossen, die nicht zu Ihrer Ehre ausfallen. Übrigens machen Sie, was Sie wollen.« Hierauf ging sie, und eine Viertelstunde darauf kamen alle nach Hause. Nach dem Abendessen sagte mir die Magd, ohne daß ich sie fragte, Bettina habe sich mit einem sehr starken Fieberschauer niedergelegt, nachdem sie ihr Bett in der Küche neben dem ihrer Mutter habe aufstellen lassen. Das Fieber konnte echt sein; aber ich zweifelte daran. Ich war überzeugt, sie würde niemals sich entschließen gesund zu sein; denn sie hätte mir dadurch ein zu starkes Argument geliefert, um die angebliche Unschuld ihres Verkehrs mit Cordiani ebenfalls für erlogen zu halten. Ich sah es daher ebenfalls nur als eine List an, daß sie ihr Bett neben dem ihrer Mutter hatte aufstellen lassen. Am andern Tage kam der Arzt Olivo und fand sie in heftigem Fieber; er sagte dem Doktor, das Fieber werde sie wahrscheinlich sehr aufgeregt machen, und sie werde tolle Reden führen; daran werde aber kein Teufel schuld sein, sondern eben das Fieber. Wirklich delirierte Bettina den ganzen Tag, der Doktor aber verließ sich auf den Ausspruch des Arztes und schickte nicht nach dem Jakobiner, soviel seine Mutter auch redete. Das Fieber dauerte fort und wurde immer stärker, und am vierten Tage brachen die Pocken aus. Cordiani und die beiden Feltrini, die die Krankheit noch nicht gehabt hatten, wurden sofort aus dem Hause geschafft; mit mir war es anders, und ich blieb daher allein zurück. Das arme Mädchen war dermaßen von den Pestheulen bedeckt, daß am sechsten Tage an ihrem ganzen Leibe kein Stückchen Haut mehr zu sehen war. Ihre Augen waren ganz zugeschwollen, und man gab die Hoffnung auf, sie am Leben zu erhalten, als man bemerkte, daß Mund und Schlund so voll von Beulen waren, daß nur noch ein paar Tropfen Honig in die Speiseröhre eingeflößt werden konnten. Abgesehen vom Atmen lag sie völlig bewegungslos da. Ihre Mutter wich nicht von ihrem Bett, und man fand mich bewunderungswürdig, als ich mir meinen Tisch und meine Schulbücher an dieses Bett bringen ließ. Das arme Kind sah fürchterlich aus: ihr Kopf hatte um ein Drittel an Umfang zugenommen, von ihrer Nase war nichts mehr zu sehen, und man befürchtete, sie würde auf alle Fälle ihre Augen verlieren, selbst wenn sie mit dem Leben davonkäme. Am unangenehmsten war mir der Geruch ihrer Ausdünstung, aber standhaft ertrug ich auch diesen. Am neunten Tage kam der Gemeindepfarrer, erteilte ihr die Absolution und versah sie mit der heiligen Ölung; dann sagte er, er lasse sie in Gottes Hand. Bei dieser an sich so traurigen Szene mußte ich über die Reden der Mutter und des Doktors lachen. Die gute Frau wollte wissen, ob der Teufel, von dem sie besessen wäre, sie jetzt noch zu Tollheiten antreiben könnte, und was aus dem Teufel würde, wenn Bettina stürbe. Denn sie hielt ihn, so sagte sie, nicht für so dumm, daß er in einem so ekelerregenden Körper bleiben würde; vor allem aber wünschte sie zu wissen, ob der Teufel sich der Seele ihrer armen Tochter bemächtigen könnte. Der Doktor gab als ubiquistischer Theologe auf alle diese Fragen Antworten, in denen keine Spur von gesundem Menschenverstand war, so daß dadurch die Verlegenheit der armen Mutter nur noch größer wurde. Am zehnten und elften Tage stand es mit Bettina anscheinend so schlecht, daß wir jeden Augenblick erwarteten, sie zu verlieren. Die Krankheit war auf ihrem Höhepunkt; die Arme verbreitete einen so furchtbaren Geruch, daß niemand es mehr bei ihr aushalten konnte. Nur ich ging nicht von ihrer Seite, denn ihr Zustand machte mich untröstlich. Das menschliche Herz ist ein Abgrund; denn – sollte man es glauben? – in diesem entseuchen Zustand flößte Bettina mir die ganze Zärtlichkeit ein, die ich nach ihrer Heilung ihr bewies. Am dreizehnten Tage hörte das Fieber auf, und Bettina wurde von einem unerträglichen Jucken gequält, das sich durch keine Arznei so wirksam hätte lindern lassen wie durch die Worte, die ich jeden Augenblick wiederholte: »Bettina! Denken Sie dran, daß Sie jetzt gesund werden, aber wenn Sie's wagen, sich zu kratzen, so bleiben Sie so häßlich, daß kein Mensch Sie mehr liebhaben wird.« Welcher Arzt aus der ganzen Welt weiß ein stärkeres Verhinderungsmittel gegen das Jucken für ein junges Mädchen, welches weiß, daß es schön gewesen ist und sich in Gefahr sieht, durch eigene Schuld häßlich zu werden, wenn es sich kratzt? Endlich öffnete sie zum erstenmal wieder ihre schönen Augen; man legte sie in ein frisches Bett und trug sie in ihre Kammer; doch mußte sie noch bis Ostern das Bett hüten. Sie impfte mir einige Pocken ein, von denen drei auf meinem Gesicht unverwischbare Spuren zurückgelassen haben. Aber sie machten mir Ehre bei Bettina, denn sie waren ein Zeichen meiner treuen Pflege, und sie erkannte jetzt an, daß ich ihre ausschließliche Zärtlichkeit verdiene. Darum liebte sie mich von nun an ohne jede Verstellung, und ich liebte sie ebenso zärtlich, ohne jedoch eine Blume zu pflücken, die das Schicksal im Bunde mit dem Vorurteil für die Ehe aufbewahrte. Aber für was für eine jämmerliche Ehe! Zwei Jahre später heiratete Bettina einen Schuster, namens Pigozzo, einen gemeinen Schuft, der sie arm und unglücklich machte, so daß ihr Bruder, der Doktor, sie von ihm fortnehmen und für sie sorgen mußte. Als der gute Doktor fünfzehn Jahre darauf zum Erzpriester der Kirche von San Giorgio di Piano gewählt wurde, nahm er sie mit. Dort traf ich, als ich vor achtzehn Jahren ihn besuchte, Bettina als alte und todkranke Frau. Sie verschied vor meinen Augen im Iahre 1776, vierundzwanzig Stunden nach meiner Ankunft in ihrem Hause. Ich werde von diesem Todesfall noch sprechen, wenn ich so weit bin. Etwa um diese Zeit kam meine Mutter von St. Petersburg zurück, wo die Kaiserin Anna Iwanowna die italienische Komödie nicht unterhaltend genug fand. Die ganze Truppe war wieder in Italien, und meine Mutter hatte die Reise in Gesellschaft des Harlekins Carlino Bertinazzi gemacht, der 1783 in Paris starb. Kaum in Padua eingetroffen, ließ sie dem Doktor Gozzi ihre Ankunft melden, und dieser eilte mit mir in das Gasthaus, wo sie wohnte. Wir aßen zusammen, und beim Abschied schenkte sie dem Dortor einen schönen Pelz und gab mir für Bettina ein schönes Luchsfell. Sechs Monate später ließ sie mich nach Venedig kommen, um mich vor ihrer Abreise nach Dresden noch einmal zu sehen. Sie war auf Lebenszeit für das Theater des Kurfürsten von Sachsen und Königs von Polen, August des Dritten, engagiert. Sie nahm meinen damals achtjährigen Bruder Giovanni mit, der bei der Abreise wie ein Verzweifelter weinte, weswegen ich ihn für einen großen Dummkopf hielt, denn bei dieser Abreise war wirklich nichts Tragisches. Er ist der einzige von unserer Familie, der sein Glück ganz und gar meiner Mutter zu verdanken hatte, obwohl er nicht ihr Liebling war. Hierauf verbrachte ich noch ein Jahr in Padua, um die Rechte zu studieren; im Alter von sechzehn Iahren wurde ich Doktor; mein Thema im bürgerlichen Recht lautete: De Testamentes . – Die Testamente; im kanonischen Recht: Utrum Hebraei possint construere novas synagogas . – Dürfen die Juden neue Synagogen bauen? Mein Beruf war das Studium und die Ausübung der Heilkunst, denn zu diesem Beruf fühlte ich eine starke Hinneigung. Aber es wurde nicht auf mich gehört, man verlangte von mir, daß ich mich dem Studium der Gesetze widmete, gegen die ich innerlich eine unüberwindliche Abneigung hatte. Man behauptete, ich könnte mein Glück nur machen, wenn ich Advokat würde – und was noch schlimmer war: geistlicher Advokat. Wäre man vernünftig gewesen, so hätte man mich meiner Neigung folgen lassen, und ich wäre Arzt geworden, hätte also einen Beruf ergriffen, wo man mit Scharlatanerie noch mehr ausrichten kann als im Advokatenstande. Ich bin weder Advokat noch Arzt geworden, und anders konnte es auch nicht kommen. Freilich ist dies der Grund, warum ich niemals etwas von Advokaten wissen wollte, wenn ich Ansprüche vor Gericht zu vertreten hatte, und ebensowenig je einen Arzt rief, wenn ich krank war. Das Rechtswesen richtet viele Familien zugrunde und verhilft nur wenigen zu dem ihrigen; und durch die Ärzte kommen viel mehr Menschen um, als mit ihrer Hilfe gesund werden. Dies scheint mir dafür zu sprechen, daß die Welt viel weniger unglücklich sein würde, wenn es weder diese noch jene gäbe. Da ich die Universität, den Bo, besuchte, um die Vorlesungen der Professoren zu hören, so mußte ich allein ausgehen. Dies war für mich eine Überraschung, denn bis dahin hatte ich mich niemals als einen freien Menschen betrachtet. Da ich nun die Freiheit, in deren Besitz ich mich glaubte, voll und ganz genießen wollte, so machte ich bald unter den berühmtesten Studenten die allerschlechtesten Bekanntschaften. Denn die berühmtesten müssen natürlich gerade die schlechten Subjekte sein: Wüstlinge, Spieler, Hurer, Trunkenbolde, Prasser, Verführer ehrbarer Mädchen, Raufbolde, Lügner – mit einem Wort lauter Menschen, die nicht imstande sind, auch nur das geringste Gefühl von Tugend zu hegen. Als Kamerad solcher Leute lernte ich jetzt die Welt kennen, indem ich sie im großen Buche der Erfahrung studierte. Die Theorie der Moral und ihre Nützlichkeit für das menschliche Leben ist vergleichbar dem Vorteil, den es gewährt, wenn man sich das Inhaltsverzeichnis eines Buches ansieht, bevor man es liest; wenn man damit fertig ist, so hat man nur einen Begriff von dem Stoff, den man finden wird. Eine solche Schule der Moral bieten uns die Predigten, Lehren und Erzählungen unserer Erzieher. Wir hören alles aufmerksam an; sobald aber die Gelegenheit sich bietet, von den uns gegebenen Ratschlägen Gebrauch zu machen, bekommen wir Lust, zu sehen, ob es auch wirklich so kommen wird, wie man uns prophezeit hat. Wir überlassen uns diesem Gelüste und müssen es mit Reue büßen. Eine kleine Entschädigung ist es für uns, daß wir in solchen Augenblicken uns weise fühlen und uns berechtigt dünken, andere zu belehren; aber die von uns Belehrten machen es auch nicht besser und nicht schlimmer, als wir selber es gemacht haben; und so kommt es, daß die Welt immer auf demselben Punkt stehen bleibt oder gar noch schlimmer wird. Als mir Doktor Gozzi Erlaubnis gab, allein auszugehen, offenbarten sich mir mehrere Wahrheiten, die ich bis dahin nicht nur nicht gekannt, sondern nicht einmal geahnt hatte. Kaum tauchte ich in der Studentenschaft auf, so machten sich die flottesten Bursche an mich heran, um zu sehen, wes Geistes Kind ich sei. Als sie in mir einen ganz krassen Fuchs entdeckten, übernahmen sie meine Erziehung, indem sie mich auf alle möglichen Leime kriechen ließen. Zu allererst verleiteten sie mich zum Spiel, und nachdem sie mir all mein bißchen Geld abgewonnen hatten, veranlagten sie mich, auf Wort zu spielen, und lehrten mich faule Schiebungen machen, um sie bezahlen zu können; da lernte ich aber auch gleich kennen, was Sorgen sind! Diese derben Denkzettel hatten aber auch ihr Gutes für mich; den ich lernte dadurch mich vor schamlosen Speichelleckern zu hüten und mich in keiner Weise auf die Anerbietungen von Schmeichlern zu verlassen. Endlich lernte ich mit Händelsuchern auskommen, deren Gesellschaft man unter allen Umständen meiden muß, wenn man nicht jeden Augenblick am Rande des Abgrundes schweben will. In die Netze gewerbsmäßiger Buhlerinnen fiel ich nicht, weil ich keine sah, die so hübsch war wie Bettina; leider wußte ich mich aber nicht ebensogut vor der Ruhmsucht zu hüten, die einem über Lebensgefahren sich hinwegsetzenden Mut entspringt. Zu jener Zeit hatten die Studenten von Padua große Sonderrechte. Es waren Mißbräuche, die durch Verjährung gesetzlich geworden waren, wie dies ja fast von allen Sonderrechten – nicht zu verwechseln mit vernünftigen Vorrechten – gilt. Es ist eine Tatsache, daß die Studenten zur Aufrechterhaltung ihrer Sonderrechte oftmals Verbrechen begingen. Die Schuldigen wurden nicht nach der Strenge des Gesetzes bestraft, weil die Staatsräson nicht duldete, durch Strenge den Zufluß der Schüler zu mindern, die aus ganz Europa der berühmten Universität zuströmten. Die venezianische Regierung befolgte den Grundsatz, berühmte Professoren mit hohen Gehältern anzustellen und die Studenten, die die Lehrsäle füllten, in der größten Ungebundenheit walten zu lassen. Die Studenten hatten nur einen einzigen über sich, den sogenannten Sindaco. Dies war ein ausländischer Edelmann, der ein Verzeichnis der Studierenden zu führen hatte und dem Staate gegenüber für deren Verhalten aufkam. Er war verpflichtet, sie der Gerechtigkeit zu überliefern, wenn sie die Gesetze übertraten, und die Studenten unterwarfen sich seinen Urteilssprüchen, weil er sie unfehlbar verteidigte, wenn sie nur einen Schein Rechtens für sich hatten. Die Studenten wollten zum Beispiel nicht dulden, daß die Zollbeamten ihren Koffer durchsuchten, und die gewöhnlichen Sbirren würden niemals gewagt haben, einen zu verhaften. Sie trugen verbotene Waffen, so viel es ihnen beliebte; betrogen ungestraft alle Mädchen, die nicht von den Angehörigen vor ihren Nachstellungen bewahrt wurden; störten oft die nächtliche Ruhe durch frechen Lärm – kurz, es war eine zügellose Jugend, die an nichts anderes dachte, als ihren Launen nachzugehen und ohne Rücksicht auf ihren Nächsten zu jubeln und zu tollen. Es begab sich, daß ein Sbirre in ein Kaffeehaus eintrat, wo zwei Studenten saßen. Einer von diesen wies ihn hinaus; der Sbirre weigerte sich zu gehen, und der Student feuerte einen Pistolenschuß auf ihn ab, traf ihn aber nicht. Der Sbirre schoß wieder; er hatte besser gezielt und verwundete seinen Angreifer; dann ergriff er die Flucht. Sofort versammelten die Studenten sich im Bo, bildeten Banden und rannten durch die ganze Stadt, um Sbirren totzuschlagen und dadurch die erlittene Schmach zu sühnen; aber bei einem dieser Zusammenstöße blieben zwei Studenten tot auf dem Platze. Nun versammelten alle Burschen sich in corpore und schwuren, die Waffen nicht eher niederzulegen, als bis in Padua keine Sbirren mehr wären. Die Regierung mischte sich ein, und der Sindaco erbot sich, die Studenten zur Niederlegung der Waffen zu bewegen, falls ihnen Genugtuung werde; denn die Sbirren seien im Unrecht. Der Häscher, der den Studenten im Kaffeehause verwundet hatte, wurde gehängt, und damit war der Friede wiederhergestellt. Während der acht Tage, die diese Unruhen dauerten, ließ ich mich vom Strom mit fortreißen, soviel auch der Doktor zu reden hatte; denn da die Studenten truppweise durch die Stadt patrouillierten, wollte ich nicht weniger tapfer erscheinen als die übrigen. Mit Pistolen und Stutzen bewaffnet, durcheilte ich mit meinen Kameraden die Straßen, um den Feind aufzusuchen. Ich war, wie ich mich noch jetzt erinnere, sehr ärgerlich, daß meine Abteilung nicht einem einzigen Sbirren begegnete. Als der Krieg vorbei war, machte der Doktor sich über mich lustig, aber Bettina bewunderte meinen Mut. Dieser ganz neue Lebenswandel kostete Geld; und da ich nicht weniger reich erscheinen wollte, als meine neuen Freunde, ließ ich mich zu Ausgaben verleiten, die ich nicht erschwingen konnte. Ich verkaufte oder versetzte alles, was ich hatte, und machte Schulden, die ich nicht bezahlen konnte. Dies waren meine ersten Sorgen; und Sorgen dieser Art sind die bittersten, die ein Jüngling haben kann. Da ich nicht mehr aus noch ein wußte, schrieb ich an meine gute Großmutter um Hilfe; anstatt mir aber Geld zu schicken, kam sie, am 1. Oktober 1739, selber nach Padua und nahm mich mit sich nach Venedig, nachdem sie dem Doktor und Bettina für die Sorgfalt, die sie mir hatten angedeihen lassen, herzlich gedankt hatte. Beim Abschied schenkte mir der Doktor unter strömenden Tränen das Liebste, was er besaß: eine Reliquie von ich weiß nicht mehr welchem Heiligen. Ich würde sie vielleicht noch jetzt besitzen, wäre sie nicht in Gold gefaßt gewesen. Ein Wunder hat sie gewirkt; denn sie bewahrte mich in einem dringenden Augenblick vor Not. Seitdem wohnte ich jedesmal, wenn ich nach Padua kam, um meine juristischen Studien zu vollenden, bei dem guten Doktor. Aber icb hatte jedesmal den Kummer, in Bettinas Nähe den Lümmel zu sehen, der sie heiraten sollte und für den sie mir nicht erschaffen schien. Ich ärgerte mich, daß ein Zartgefühl, das ich mir recht bald abgewöhnte, mich veranlaßt hatte, einem solchen Kerl eine Blume zu überlassen, die ich selbst hätte pflücken können. Viertes Kapitel Der Patriach von Venedig erteilte mir die niederen Weihen. – Meine Bekanntschaften: Der Senator Malipiero; Teresa Imer, die Pfarrersnichte; Signora Drio; Nannetta and Martuccia; die Cavamacchie. – Ich werde Prediger. – Mein Erlebnis mit Lucia von Paseano. – Stelldichein im dritten Stock. Er kommt von Padua, wo er studiert hat« – so lautete die Formel, mir der ich überall vorgestellt wurde und die mir flugs die schweigende Beobachtung meiner Standes= und Altersgenossen, die Komplimente aller Familienväter und die Liebkosungen aller alten Damen eintrug; es fanden sich auch mehrere Damen, die eigentlich noch nicht alt waren, aber sich in diesem Fall zu den alten rechneten, um mich in allen Ehren küssen zu können. Der Pfarrer von San Samuele, Tosello, teilte mich seiner Kirche zu und stellte mich dem Patriarchen von Venedig, Monsignore Correro, vor, der mir die Tonsur schnitt und vier Monade später, aus besonderer Gnade, mir die vier niederen Weihen erteilte. Die freudige Genugtuung meiner Großmutter war ungeheuer. Zunähst wurden nun gute Lehrer für mich gesucht, bei denen ich meine Studien fortsetzen konnte, und Herr Baffo wählte den Abbate Schiavo, um mich reines Italienisch schreiben zu lehren, besonders aber die Sprache der Poesie, für die ich eine ausgesprochene Vorliebe hatte. Ich hatte eine vorzügliche Wohnung mit meinem Bruder Francesco zusammen, den man Theaterarchitektur studieren ließ. Meine Schwester und mein jüngster Bruder wohnten bei der guten Großmutter in dem Hause, das ihr gehörte und in welchem sie sterben wollte, weil ihr Mann darin gestorben war. Das Haus, worin ich wohnte, war das Sterbehaus meines Vaters, für das meine Mutter noch immer die Miete bezahlte; es war groß und sehr gut eingerichtet. Den Abbate Grimani sah ich nur sehr selten, obwohl er eigentlich mein Beschützer sein sollte; dagegen gewann ich engen Anschluß an Herrn von Malipiero, dem mich der Pfarrer Tosello vorgestellt hatte. Dies war ein Senator im Alter von siebzig Jahren, der mit den Staatsgeschäften nichts mehr zu tun haben wollte und in seinem Palazzo ein glückliches Leben führte; er aß gut und hatte allabendlich eine auserlesene Gesellschaft von Damen, die alle sich ihre schönen Jahre zunutze gemacht hatten, und von geistreichen Herren, die alles wußten, was in der Stadt geschah. Er war reich und unverheiratet, hatte aber das Unglück, jedes Jahr drei- oder viermal an heftigen Gichtanfällen zu leiden, die ihm bald dieses, bald jenes Glied lähmten, sodaß er am ganzen Leibe verkrüppelt war. Nur sein Kopf, seine Lungen und sein Magen waren von diesen bösen Anfällen verschont geblieben. Er war schön und ein Feinschmecker, der leckere Bissen zu schätzen wußte; er besaß seinen Witz, große Weltkenntnis, die Beredsamkeit des Venetianers und jene Lebensklugheit, die einem Senator unfehlbar verbleiben muß, der sich erst ins Privatleben zurückgezogen hat, nachdem er vierzig Jahre lang seinen Anteil an der Leitung der Staatsgeschäfte gehabt hat; der erst dann aufgehört hat, dem schönen Geschlecht zu huldigen, nachdem er zwanzig Geliebte gehabt hat und nachdem er sich selber eingestehen mußte, daß er keinen Anspruch mehr darauf erheben konnte, einer einzigen zu gefallen. Obwohl er fast gänzlich gelähmt war, sah man ihm doch das nicht an, wenn er saß, wenn er sprach oder wenn er tafelte. Er speiste täglich nur ein einziges Mal und stets allein; denn da er keine Zähne mehr hatte und sehr langsam aß, wollte er sich nicht aus Höflichkeit gegen seine Tischgäste übereilen, andererseits aber wäre es ihm peinlich gewesen, sie seinetwegen warten zu lassen. Dieses Zartgefühl beraubte ihn des Vergnügens, an seiner Tafel angenehme Gäste zu versammeln und mißfiel in hohem Grade seinem ausgezeichneten Koch. Als der Pfarrer mir die Ehre erwies, mich Seiner Exzellenz vorzustellen, bekämpfte ich sehr lebhaft den Grund, der ihn veranlaßte, stets allein zu essen, indem ich ihm sagte, er brauche ja doch nur Leute einzuladen, die Appetit für zwei hätten. »Aber wo diese finden?« fragte er. »Die Sache ist allerdings heikel,« versetzte ich; »aber Eure Exzellenz müßten Ihre Gäste ausprobieren; nachdem Sie unter ihnen die gewünschten gefunden hätten, würde es sich nur darum handeln, sie sich für Ihre Zwecke zu erhalten, ohne daß sie etwas davon merkten; denn kein gut erzogener Mensch wäre damit einverstanden, daß man in der Gesellschaft ihm nachsagte, er habe nur darum die Ehre mit Eurer Exzellenz zu speisen, weil er doppelt soviel esse als ein anderer.« Der Senator begriff die ganze Tragweite der von mir angeführten Gründe und fagte dem Pfarrer, er möge am nächsten Tage mit mir zum Essen kommen, und als er sah, daß ich in der Praxis noch stärker war als in der Theorie, machte er mich zu seinem täglichen Tischgenossen. Nachdem er auf alles verzichtet hatte – nur nicht auf sein Ich – gab er sich trotz seinem Alter und seiner Gicht doch noch einer Liebesneigung hin. Er liebte ein junges Mädchen, Teresa Imer, die Tochter eines Schauspielers, die in einem Nebenhause seines Palazzos wohnte, so daß er von seinem Schlafzimmer aus ihre Fenster sehen konnte. Sie war damals siebzehn Jahre alt, hübsch, eigensinnig und kokett. Sie studierte Gesang, da sie späterhin auf der Bühne aufzutreten gedachte; indem sie sich fortwährend an ihrem Fenster zeigte, hatte sie den Greis berauscht; aber sie war grausam gegen ihn. Freilich kam Teresa jeden Tag zu ihm zum Besuch, aber stets nur in Begleitung ihrer Mutter, einer alten Schauspielerin, die sich, um ihre Seele zu retten, vom Theater zurückgezogen und den sehr begreiflichen frommen Plan gefaßt hatte, die Anforderungen des Himmels mit den Werken dieser Welt zu vereinbaren. Sie führte ihre Tochter täglich in die Messe und verlangte von ihr, daß sie jede Woche einmal zur Beichte gehe; aber jeden Nachmittag ging sie mit ihr zu dem verliebten alten Herrn, dessen Wut schrecklich anzusehen war, als sie ihm einmal einen Kuß abschlug unter dem Vorwande, sie habe am Morgen das heilige Abendmahl genommen und sie könne sich nicht entschließen, denselben Gott zu beleidigen, den sie vielleicht noch in ihrem Leibe habe. Welch ein Anblick für mich fünfzehnjährigen Jungen, den einzigen, den der alte Herr als schweigenden Zeugen zu diesen erotischen Szenen zuließ! Die elende Mutter lobte den Widerstand des jungen Mädchens und wagte sogar den Greis abzukanzeln, der seinerseits auf ihre allzu christlichen oder vielleicht ganz unchristlichen Redensarten nichts zu antworten wagte, obgleich er gewiß nur mit Mühe der Versuchung widerstand, ihr den ersten besten Gegenstand an den Kopf zu werfen. War er bei diesem Zustand ratloser Hilflosigkeit angelangt, so gewann der Zorn die Oberhand über die Begierde, und sobald die Frauenzimmer fort waren, erleichterte er sein Herz, indem er sich mit mir in philosophischen Betrachtungen erging. Da ich doch antworten mußte, aber nicht wußte, was ich ihm sagen sollte, verfiel ich eines Tages darauf, ihm eine Heirat vorzuschlagen. Zu meinem größten Erstaunen erwiderte er mir, sie wolle ihn nicht heiraten, weil sie den Haß seiner Verwandten fürchte. »So bieten Sie ihr eine große Summe, eine Versorgung für Lebenszeit.« »Sie sagt, sie würde nicht um eine Krone eine Todsünde begehen.« »Sie müssen sie mit Sturm nehmen oder sie aus dem Hause jagen, aus ihrer Gegenwart verbannen.« »Ich kann es nicht; zum einen fehlt mir die körperliche Kraft, zum andern der moralische Mut.« »Töten Sie sie!« »Dazu wird es auch noch kommen, falls ich nicht vorher sterbe.« »Eure Exzellenz sind wirklich zu beklagen!« »Besuchst du sie zuweilen?« »Nein; denn ich könnte mich in sie verlieben, und das würde mich unglücklich machen.« »Du hast recht.« Nachdem ich solche Szenen miterlebt hatte und mit solchen Gesprächen beehrt worden war, wurde ich ein Günstling des vornehmen Herrn. Er gestattete mir Zutritt zu seinen Abendgesellschaften, die, wie ich schon erwähnte, aus älteren Damen und geistreichen Herren Bestand. Er sagte mir, in diesem Kreise würde ich viel größere Weißheit lernen, als aus Gassendis Philosophie, die ich damals auf seinen Rat studierte, statt der aristotelischen, die er lächerlich fand. Er gab mir Lehren, die ich, wie er sagte, unbedingt beobachten müßte, um in dieser Gesellschaft verkehren zu können, die sich sehr wundern würden, daß er einen Jüngling von meinem Alter zuließe. Er wies mich an, nur dann zu sprechen, wenn ich auf direkte Fragen antworten müßte, und vor allen Dingen niemals meine Meinung über irgend etwas auszusprechen; denn in meinem Alter dürfe man noch keine eigene Meinung haben. Seinen Lehren getreu und seinen Befehlen gehorsam brauchte ich nur wenige Tage, um mir seine Achtung zu erwerben und von allen Damen, die bei ihm verkehrten, als Kind vom Hause behandelt zu werden. Als unbedeutender junger Abbate mußte ich sie begleiten, wenn sie in den Sprechzimmern der Klöster ihre dort als Pensionärinnen untergebrachten Töchter oder Nichten besuchten. Unangemeldet kam ich zu jeder Stunde des Tages; man schalt mich aus, wenn ich mich mal eine Woche lang nicht hatte sehen lassen; wenn ich in die Zimmer der jungen Mädchen trat, liefen diese davon; sobald sie aber sahen, daß nur ich es war, kamen sie wieder; dieses Zutrauen fand ich reizend. Vor dem Essen machte Herr von Malipiero sich oft das Vergnügen, mich zu fragen, was für Angenehmes oder Interessantes ich bei den Damen unserer Bekanntschaft gefunden hätte; bevor ich jedoch antworten konnte, sagte er mir, sie seien alle die Tugend selbst, und man würde einen sehr schlechten Begriff von mir bekommen, wenn ich jemals etwas erzählte, was nicht mit dem guten Ruf übereinstimmte, in dem sie ständen. Durch solche Andeutungen gab er mir die weise Lehre der Verschwiegenheit. Bei diesem Senator machte ich die Bekanntschaft der Signora Manzoni, Frau eines öffentlichen Notars, von der ich noch werde zu sprechen haben. Diese würdige Dame flößte mir die größte Zuneigung ein und gab mir sehr vernünftige Lehren und Ratschläge; hätte ich darauf gehört und sie befolgt, so wäre mein Leben nicht so stürmisch gewesen; aber dann würde ich andererseits es heute nicht der Mühe wert finden, es zu beschreiben. So viele schöne Bekanntschaften mit Damen der sogenannten großen Welt erweckten in mir eine Neigung durch meine Erscheinung und ein elegantes Äußeres gefallen zu wollen. Dies paßte aber meinem Pfarrer nicht, und bei dieser Gelegenheit war meine gute Großmama mit ihm einig. Eines Tages nahm er mich beiseite und sagte mir mit honigsüßen Worten, in dem Stande, den ich mir erwählt habe, müsse ich daran denken, dem lieben Gott durch mein Herz und nicht der Welt durch mein Gesicht zu gefallen. Er tadelte meine allzu sorgfältig gepflegte Frisur und den zu feinen Duft meiner Pomade. Er sagte mir, der Teufel habe mich an den Haaren gepackt, ich werde exkommuniziert, wenn ich fortfahre, sie so zu pflegen, und schließlich führte er die Worte eines Ökumenischen Konzils an: Clericus, qui nutrit comam, anathema sit. – Der Geistliche, der sein Haar pflegt, sei verdammt. Zur Antwort zitierte ich ihm das Beispiel von hundert nach Moschus duftenden Abbaten, die man keineswegs als exkommuniziert betrachte, sondern vollkommen in Ruhe lasse, obwohl sie viermal soviel Puder brauchten als ich, der ich mich nur ganz leicht einstäubte; die eine Ambrapomade verwendeten, von der die Damen ohnmächtig würden, während meine Jasminpomade mir in allen Gesellschaften, die ich besuchte, Komplimente eintrüge. Ich schloß mit den Worten: es tue mir leid, ihm nicht gehorchen zu können; wenn ich in Schmutz und Unsauberkeit hätte leben wollen, so wäre ich Kapuziner geworden und nicht Abbate. Meine Antwort hatte ihn ohne Zweifel sehr wütend gemacht, denn drei oder vier Tage darauf überredete er meine Großmutter, ihn am Morgen, als ich noch schlief, in mein Schlafzimmer eintreten zu lassen. Der rachsüchtige oder fanatische Priester schlich sich leise an mein Bett und schnitt mit einer scharfen Schere mir unbarmherzig alle Haare des Vorderkopfes von einem Ohr zum andern ab. Mein Bruder Francesco, der im Nebenzimmer war, sah es, sagte aber nichts, freute sich vielmehr, da er selber eine Perücke trug und auf meine schönen Haare eifersüchtig war. Er ist sein ganzes Leben lang ein Neidhammel gewesen, obwohl – für mich unbegreiflich – der Neid bei ihm die Freundschaft nicht ausschloß. Sein Laster muß, wie alle die meinen, heutigestags an Altersschwäche gestorben sein. Nach dieser Heldentat entfernte sich der Pfarrer mit ganz unschuldiger Miene. Als ich aber kurz nachher erwachte und mit meinen Händen mich von der ganzen Gräßlichkeit der unerhörten Gewalttat überzeugte, da war ich außer mir vor Zorn und Entrüstung. Welche Rachepläne wälzte ich in meinem Herzen, als ich in einem Handspiegel sah, in was für einen Zustand der freche Priester mich versetzt hatte! Auf den Lärm, den ich schlug, lief meine Großmutter herzu, und während mein Bruder lachte, versicherte mir die gute Alte, wenn sie von den Absichten des Pfarrers nur eine Ahnung gehabt, so hätte sie sich wohl gehütet, ihn hereinzulassen. Endlich gelang es ihr, mich ein wenig zu beruhigen, indem sie mir zugab, daß der Priester die Grenzen einer erlaubten Züchtigung überschritten habe. Entschlossen, mich zu rächen, brütete ich beim Ankleiden über hundert schwarzen Plänen. Mir dünkte, ich hätte das Recht, mich blutig zu rächen, und kein Gesetz könnte mir dafür etwas anhaben. Da die Theater geöffnet waren, ging ich in Maske aus und begab mich zum Advokaten Carrara, den ich im Haufe des Senators kennengelernt hatte. Ich fragte ihn, ob ich den Pfarrer gerichtlich belangen könnte, und er sagte mir, vor kurzer Zeit sei eine ganze Familie zugrunde gerichtet, weil einem Slavonier der Schnurrbart abgeschnitten worden, und ein Bart sei doch viel weniger als eine ganze Kopffrisur. Wenn ich dem Pfarrer einen Prozeß anhängen wollte, bei dem ihm nicht wohl sein würde, so brauchte ich nur zu befehlen. Ich erklärte mich einverstanden und bat ihn, am Abend Herrn von Malipiero zu sagen, warum ich nicht kommen könnte; denn natürlich konnte ich mich nicht eher sehen lassen, als bis meine Haare wieder gewachsen waren. Ich ging nach Hause, um mit meinem Bruder eine Mahlzeit einzunehmen, die im Vergleich mit der Tafel des alten Senators sehr dürftig war. Die Entbehrung der seinen Kost, an die Seine Exzellenz mich gewöhnt hatte, war auch eine von den empfindlichsten Folgen, die der Racheakt des Pfarrers – der noch dazu mein Taufpate war – für mich zu bedeuten hatte. Ich weinte vor Verdruß bittere Tränen, und ich war um so verdrießlicher, da ich wohl fühlte, daß der mir angetane Schimpf etwas Komisches an sich hatte, das mich lächerlich machte; und dies entehrte mich in meinen Augen mehr als ein Verbrechen. Ich ging früh zu Bett und ein guter zehnstündiger Schlaf erfrischte mich; ich war nicht mehr so leidenschaftlich, aber doch nicht weniger fest entschlossen, den Pfarrer gerichtlich zu verfolgen. Ich war gerade dabei mich anzuziehen, um zu meinem Advokaten zu gehen und mir die Klageschrift zeigen lassen, da sah ich einen geschickten Friseur eintreten, den ich bei Frau Contarini kennengelernt hatte. Er sagte mir, Herr von Malipiero schicke ihn, um mich so zu frisieren, daß ich ausgehen könne, denn er wünsche mich noch am selben Tage bei sich zu Tische zu sehen. Nachdem er sich den Schaden angesehen hatte, fing er an zu lachen und sagte zu mir, ich solle ihn nur machen lassen, er werde mich so herrichten, daß ich noch eleganter wäre als zuvor und daher ausgehen könnte. Und nachdem er mein Haar en vergette geordnet hatte, fand ich mich wirklich so gut aussehend, daß ich mich für gerächt hielt. Da ich nun nicht mehr an die Beleidigung dachte, so ging ich beim Advokaten vor und sagte ihm, er solle keine Verfolgung einleiten; dann eilte ich zu Herrn Malipiero, wo ich zufällig den Pfarrer traf, dem ich trotz meiner Freude doch unwillkürlich einen sehr wenig freundschaftlichen Blick zuwarf. Über die Geschichte wurde kein Wort gesprochen, der Senator beobachtete schweigend, und der Pfarrer entfernte sich schließlich; ohne Zweifel tat ihm sein Vorgehen sehr leid, denn jetzt verdiente ich wirklich die Exkommunikation für meine äußerst kokette Haartracht. Als mein böser Pate fort war, nahm ich kein Blatt vor den Mund; ich erklärte Herrn von Malipiero rund heraus, ich würde mir eine andere Kirche suchen, denn ich wollte mit einem so jähzornigen und zu solchen Exzessen neigenden Menschen nichts mehr zu tun haben. Der weise, alte Herr sagte mir, ich hätte recht; das war das Mittel, um mich zu allem zu bringen, was er wünschte. Am Abend überhäufte die Gesellschaft, die die ganze Geschichte kannte, mich mit Komplimenten; man versicherte mir, ich sähe ganz entzückend hübsch aus. Ich war wie im Taumel, und meine freudige Stimmung hielt an, als seit dem Vorfall schon etwa vierzehn Tage vergangen waren und Herr von Malipiero immer noch kein Wort davon gesagt hatte, ich solle wieder in meine Kirche gehen. Nur meine Großmutter sagte mir unaufhörlich, ich müßte wieder hingehen. Aber dies war nur eine Ruhe vor dem Sturm, denn in einem Augenblick, wo ich ganz unbesorgt war, versetzte Herr von Malipiero mich in hohes Erstaunen, indem er mir sagte, es biete sich die Gelegenheit, wieder zu meiner Kirche zurückzukehren und zugleich vom Pfarrer eine glänzende Genugtuung zu erlangen. »Ich habe«, sagte der Senator, »in meiner Eigenschaft als Präsident der Brüderschaft vom Heiligen Sakrament den Prediger zu wählen, der am vierten Sonntag dieses Monats – der dieses Jahr grade auf den zweiten Weihnachtsfeiertag fällt – die Festpredigt hält. Nun werde ich dich vorschlagen, und ich bin sicher, daß er es nicht wagen wird, dich abzulehnen. Was sagst du zu solchem Triumph? Scheint er dir nicht schön?« Ich war über diesen Vorschlag ungeheuer überrascht, denn es war mir noch niemals in den Sinn gekommen, zu predigen, und ich hätte mich niemals für fähig gehalten, eine Predigt zu verfassen und vorzutragen. Ich sagte, er spaße gewiß; als er mir aber antwortete, er spreche in vollem Ernst, da bedurfte es nur eines Augenblicks, um mich zu überreden und mich zum Glauben zu bringen, es sei mir bestimmt, der berühmteste Prediger des Jahrhunderts zu werden, sobald ich nur auch fett genug wäre – denn von dieser Eigenschaft war ich noch weit entfernt, da ich damals sehr mager war. Ich bezweifelte nicht, daß meine Stimme und Gestikulation allen Ansprüchen genügen würden, und hinsichtlich der Abfassung der Predigt fühlte ich mich imstande, leicht ein Meisterwerk hervorzubringen. Ich antwortete Herrn von Malipiero, ich sei bereit und es drängte mich, sofort nach Hause zu eilen, um ans Werk zu gehen; wäre ich auch kein Theologe, so beherrschte ich doch den Stoff und ich würde Überraschendes und Neues sagen. Als ich am nächsten Tage den edlen Herrn wiedersah, teilte er mir sofort mit, der Pfarrer sei entzückt gewesen über seine Wahl und noch mehr über meine Bereitwilligkeit, den Auftrag anzunehmen; er verlange jedoch, daß ich ihm meine Festpredigt vorlege, sobald ich sie fertig hätte; denn da es sich um die höchsten theologischen Fragen handle, so könne er mir nur dann erlauben, die Kanzel zu besteigen, wenn er sicher sei, daß ich keine Ketzereien vorbringen werde. Ich erklärte mich hiermit einverstanden, und im Laufe der Woche arbeitete ich meine Predigt aus und schrieb sie ins reine. Ich besitze sie noch jetzt und muß erklären, daß ich sie noch immer ausgezeichnet finde, obgleich sie eine Jugendarbeit war. Unbeschreiblich war die Freude meiner guten Großmutter; sie weinte vor Glück, ihr Enkelkind als Apostel zu sehen. Sie bat mich, ihr meine Predigt vorzulesen, und hörte sie an, indem sie ihren Rosenkranz abbetete; sie fand sie sehr schön. Herr von Malipiero dagegen, der beim Zuhören keinen Rosenkranz gebetet hatte, erklärte mir, die Predigt werde dem Pfarrer nicht gefallen. Ich hatte mein Thema dem Horaz entnommen: Ploravere suis non respondere favorem Speratum meritis. Daß die erhoffte Gunst nicht ihren Verdiensten entspreche, Jammerte sie. Ich beklagte die Bosheit und Undankbarkeit des Menschengeschlechtes, wodurch es die Absicht der göttlichen Weisheit, es zu erlösen, zuschanden gemacht habe. Es wäre ihm lieber gewesen, wenn ich meinen Text nicht einem Heiden entnommen hätte; im übrigen freute es ihn sehr, daß meine Predigt nicht mit lateinischen Zitaten gespickt war. Ich begab mich zum Pfarrer, um ihm meine Arbeit vorzulesen; da ich ihn aber nicht zu Hause traf und auf ihn warten wollte, so unterhielt ich mich mit seiner Nichte Angela und verliebte mich in sie. Sie arbeitete an einem Stickrahmen und sagte mir, als ich mich zu ihr setzte, sie möchte mich gerne kennen lernen, und es würde ihr Spaß machen, wenn ich ihr die Geschichte von dem Haarschopf erzählen wollte, den ihr ehrwürdiger Onkel mir abgeschnitten hätte. Meine Liebe zu Angela wurde für mich verhängnisvoll; denn sie wurde der Anlaß zu zwei anderen Liebschaften, die wieder zu vielen, vielen anderen führten und schließlich mich dahin brachten, den geistlichen Stand aufzugeben. Aber wir wollen gemächlich weitererzählen und nicht dem Gang der Ereignisse vorgreifen. Als der Pfarrer nach Hause kam, fand er mich in Gesellschaft seiner mir gleichaltrigen Nichte, und das schien ihm nicht unangenehm zu sein. Ich übergab ihm meine Predigt, er las sie und sagte, sie sei eine sehr hübsche akademische Redeübung, aber für die Kanzel ganz ungeeignet. »Ich werde Ihnen«, fuhr er fort, »eine von mir verfaßte geben, die niemand kennt; Sie werden sie auswendig lernen, und ich verspreche Ihnen, zu sagen, daß sie von Ihnen verfaßt sei.« »Ich danke Ihnen, hochwürdigster Vater, aber ich will eigenes Geisteserzeugnis geben oder gar nichts.« »Aber in meiner Kirche werden Sie diese Predigt nicht halten!« »Darüber müssen Sie mit Herrn von Malipiero sprechen. Untere dessen werde ich meine Arbeit zum Zensor tragen und von da zu Seiner Gnaden dem Patriarchen; und wenn man sie da ablehnt, werde ich sie drucken lassen.« »Kommen Sie zu mir, junger Mann! Der Patriarch wird meiner Meinung beipflichten.« Am Abend bei Herrn von Malipiero erzählte ich vor versammelter Gesellschaft meinen Streit mit dem Pfarrer. Man bat mich, meine Festpredigt vorzulesen, und ich erntete allgemeines Lob. Man lobte meine Bescheidenheit, daß ich keine Kirchenväter zitierte, die ich in meinem jugendlichen Alter noch nicht kennen durfte; besonders aber die Frauen fanden es wundervoll, daß in meiner Predigt kein anderer lateinischer Satz vorkomme als das Textwort von Horaz, der zwar ein großer Wüstling gewesen sei, aber oft sehr gute Bemerkungen gemacht habe. Eine Nichte des Patriarchen, die an diesem Abend zufällig anwesend war, versprach mir, mit ihrem Oheim zu sprechen, an den ich zu appellieren gedachte. Herr von Malipiero sagte mir jedoch, ich möchte am nächsten Tage, ehe ich etwas unternähme, mich erst mit ihm darüber besprechen. Ich gehorchte. Als ich am nächsten Morgen bei ihm war, ließ er den Pfarrer holen, der unverzüglich erschien. Da er wußte, worum es sich handelte, begann er sofort eine lange Rede, in der ich ihn nicht unterbrach. Sobald er aber mit seinen Einwendungen fertig war, machte ich der Sache ein Ende, indem ich sagte: »Es gibt nur zwei Möglichkeiten: entweder genehmigt der Patriarch meine Predigt, die ich ihm von A bis Z vorlesen werde, oder er genehmigt sie nicht. Im ersteren Falle werde ich sie in der Kirche halten, ohne daß Sie irgendeine Verantwortlichkeit trifft; im anderen Falle werde ich mich fügen.« Betroffen über meine Entschlossenheit sagte der Pfarrer: »Gehen Sie nicht hin; ich genehmige die Predigt; ich bitte Sie nur das Textwort zu ändern; denn Horaz war ein Sünder.« »Warum zitieren Sie Seneca, Tertullian, Origenes, Boetius? Sie alle waren Ketzer und müssen Ihnen folglich viel verabscheuungswürdiger erscheinen als Horaz, der nun doch einmal kein Christ sein konnte.« Da ich jedoch merkte, daß ich Herrn von Malipiero einen Gefallen damit tun würde, willigte ich schließlich ein, statt meines Textwortes ein anderes zu setzen, das mir der Pfarrer gab, obwohl dieses gar nicht zum Inhalt paßte. Um einen Vorwand zu haben, seine Nichte zu sehen, übergab ich ihm meine Predigt, indem ich sagte, ich würde sie am anderen Tage wieder abholen. Aus Eitelkeit sandte ich dem Doktor Gozzi eine Abschrift, aber der wackere Mann machte mich recht herzlich lachen, als er mir die Predigt zurückschickte und durch den Überbringer sagen ließ: ich müßte verrückt geworden sein; wenn man mir erlaubte, diese Rede von der Kanzel herab zu halten, so würde ich mich und meinen Lehrer entehren. Sein Urteil focht mich nicht an, und am festgesetzten Tage hielt ich meine Festrede in der Kirche zum Heiligen Sakrament vor einer höchst erlesenen Zuhörerschaft. Ich fand allgemeinen Beifall, und jedermann glaubte mir prophezeien zu können, daß ich der erste Prediger des Jahrhunderts zu werden bestimmt sei; denn im Alter von fünfzehn Jahren hätte noch niemand seine Sache so gut gemacht wie ich. In dem Beutel, in den man eine Gabe für den Prediger zu legen pflegt, fand der Sakristan, der ihn ausleerte, mehr als fünfzig Zechinen und eine Anzahl Liebesbriefe, woran die Frommen großes Ärgernis nahmen. Ein anonymes Briefchen, deren Verfasserin ich zu erraten glaubte, veranlagte mich zu einem Mißgriff, den ich wohl mit Stillschweigen übergehen darf. – Diese reiche Ernte in der großen Geldnot, in der ich mich befand, ließ mich allen Ernstes daran denken, Prediger zu werden, und ich teilte meinen Entschluß dem Pfarrer mit, indem ich ihn um seine Unterstützung bat. Dies verschaffte mir das Recht, ihn jeden Tag zu besuchen, und ich machte es mir zunutze, um mich mit Angela zu unterhalten, in die ich mich mit jedem Tage mehr verliebte. Aber Angela war vernünftig; es war ihr wohl recht, daß ich sie liebte, aber sie wünschte auch, daß ich aus dem geistlichen Stande austräte und sie heiratete. Hierzu konnte ich mich trotz meiner Neigung zu ihr nicht entschließen; trotzdem setzte ich meine Besuche fort in der Hoffnung, sie doch noch umzustimmen. Eines Tages beauftragte mich der Pfarrer, der schließlich doch an meiner ersten Predigt Geschmack gefunden hatte, eine zweite für den Josefstag zu machen und sie am 19. März 1741 zu halten. Ich machte die Predigt, und der gute Pfarrer sprach nur noch mit Begeisterung davon; aber es stand geschrieben, daß ich nur ein einziges Mal in meinem Leben predigen sollte. Folgendermaßen trug sich diese grausame Geschichte zu, die leider nur zu wahr ist und die man schnöderweise auch noch komisch findet. Jung und von mir eingenommen, wie ich war, glaubte ich, ich brauchte mir keine große Mühe zu machen, um meine Predigt auswendig zu lernen. Ich war der Verfasser, ich hatte den Gedankengang im Kopf und es schien mir einfach unmöglich zu sein, daß ich diesen vergessen könnte. Es mochte vorkommen, daß dieser oder jener Satz mir nicht einfallen wollte, aber es stand bei mir, einen anderen gleichbedeutenden dafür einzusetzen; wie es mir niemals passierte, daß ich das rechte Wort nicht finden konnte, wenn ich in guter Gesellschaft etwas zu sagen hatte, so hielt ich es auch für unwahrscheinlich, daß ich vor einer Zuhörerschaft würde verstummen müssen, in der ich niemanden kannte, der mich hätte einschüchtern oder mir plötzlich den Faden der Gedanken hätte abschneiden können. Ich vergnügte mich also auf meine gewohnte Art und tat nichts weiter, als daß ich jeden Morgen und jeden Abend meine Predigt überlas, um sie recht fest meinem Gedächtnis einzuprägen, das mir bis dahin noch niemals Anlaß zur Klage gegeben hatte. So kam der 19. März heran, der Tag, an dem ich nachmittags um vier Uhr die Kanzel besteigen sollte. In der Stimmung, in der ich mich befand, vermochte ich mir leider das Vergnügen nicht zu versagen, beim Grafen Monte Reale zu speisen. Er wohnte in meinem Hause und hatte den Patrizier Barozzi eingeladen, der gleich nach Ostern seine Tochter heiraten sollte. Ich saß noch mit der ganzen schönen Gesellschaft bei Tisch, als ein Kirchendiener kam und mir sagte, man erwarte mich in der Sakristei. Mit vollem Magen und erhitztem Kopf verabschiede ich mich, laufe in die Kirche und besteige die Kanzel. Die Einleitung sagte ich sehr gut her, dann machte ich eine Pause; kaum aber habe ich die ersten Sätze von der Ausführung meines Themas gesprochen, so weiß ich nicht mehr, was ich sage, und auch nicht mehr, was ich sagen soll. Ich will nuch mit Gewalt zum Fortfahren zwingen. Was mich gänzlich aus der Fassung brachte, war ein verworrenes Murmeln in der ganzen unruhigen Zuhörerschaft, in der ein jeder mein Mißgeschick bemerkt hatte. Ich sah mehrere die Kirche verlassen, ich glaubte lachen zu hören, ich verlor den Kopf und die Hoffnung, mich mit Anstand aus der Klemme zu ziehen. Es wäre mir unmöglich zu sagen, ob ich nur eine Ohnmacht heuchelte, oder ob ich wirklich ohnmächtig wurde. Ich weiß nur so viel, daß ich mich auf den Boden der Kanzel niedersinken ließ und dabei heftig mit dem Kopf gegen die Wand anschlug. Ich hätte sterben mögen. Zwei Kirchendiener kamen herbei und trugen mich in die Sakristei; ohne einem Menschen ein Wort zu sagen, nahm ich meinen Mantel und meinen Hut, ging nach Hause und schloß mich in meinem Zimmer ein. Dort zog ich einen kurzen Rock an, wie ihn die Geistlichen auf dem Lande tragen, packte meine Sachen in ein Köfferchen und ging zu meiner Großmutter, die ich um Geld bat. Dann reiste ich nach Padua, um mein drittes Examen zu machen. Um Mitternacht kam ich dort an und nahm Nachtquartier beim guten Doktor Gozzi; von meinem unglückseligen Erlebnis ihm etwas mitzuteilen, fühlte ich mich nicht versucht. Ich verbrachte in Padua die erforderliche Zeit, um mich auf mein Doktorat für das folgende Jahr vorzubereiten, und nach dem Osterfest kehrte ich nach Venedig zurück, wo ich mein Unglück vergessen fand; es war aber nicht mehr davon die Rede, mich predigen zu lassen, oder wenn man doch noch Versuche machte, mich dazu zu überreden, so war ich standhaft genug, an meinem Entschluß festzuhalten, diesen Beruf endgültig aufzugeben. Am Tage vor Himmelfahrt stellte Herr Manzoni mich einer jungen Kurtisane vor, die damals in Venedig großes Aufsehen machte; man nannte sie die Cavamacchie, weil ihr Vater Fleckausmacher gewesen war. Da dieser Name sie demütigte, wollte sie nach ihrem Familiennamen Preati genannt werden – aber vergeblich: ihre Freunde begnügten sich damit, sie mit ihrem Taufnamen Giulietta zu rufen. Diese junge Person war durch einen parmesanischen Edelmann berühmt gemacht worden, den Marchese Sanvitali, der ihr als Preis ihrer Huldbezeugungen hunderttausend Dukaten bezahlt hatte. Man sprach in Venedig überall nur von der Schönheit dieses Mädchens, und es gehörte zum guten Ton, sie zu besuchen. Man schätzte sich glücklich, mit ihr sprechen zu dürfen, besonders wenn man zu ihrem engeren Verkehrskreise zugelassen wurde. Da ich im Verlauf dieser Geschichte mehrmals von ihr zu sprechen haben werde, so wird es dem Leser, denke ich, nicht unangenehm sein, etwas Näheres über sie zu hören. Eines Tages wurde Giulietta, als sie erst vierzehn Iahre alt war, von ihrem Vater ausgeschickt, um einem venetianischen Nobile, Marco Muazzo, einen von ihm entfleckten Rock zu bringen. Der Nobile fand sie schön trotz ihrer Lumpen und ging, um sie sich näher anzusehen, zu ihrem Vater in Begleitung eines berühmten Advokaten, namens Bastiano Uccelli; dieser war noch mehr erstaunt über den romantischen und ausgelassenen Geist Giuliettas, als von ihrer Schönheit und herrlichen Gestalt eingenommen; er richtete ihr eine Wohnung ein, gab ihr einen Musiklehrer und machte sie zu seiner Geliebten. Zur Zeit der Jahresmesse führte Bastiano sie nach allen öffentlichen Orten, wo sie alle Blicke auf sich lenkte und von allen Kennern bewundert wurde. Sie machte ziemlich rasche Fortschritte im Gesang und glaubte nach sechs Monaten weit genug ausgebildet zu sein, um einen Vertrag mit einem Theaterunternehmer abschließen zu können, der sie nach Wien brachte, wo sie in einer Oper Metastasios eine Kastratenrolle spielen sollte. Jetzt glaubte der Advokat sie aufgeben zu sollen; er trat sie einem reichen Juden ab, der sich ebenfalls bald von ihr lossagte, nachdem er ihr schöne Diamanten geschenkt hatte. In Wien erschien Giulietta auf der Bühne, und ihre Schönheit erwarb ihr einen Beifall, den ihre recht mittelmäßigen Talente ihr niemals hätten eintragen können. Da jedoch die Menge von Anbetern, die diesem Götzenbilde opfern wollte und sich jede Woche erneuerte, ihre Heldentaten zu auffällig machte, so glaubte die erhabene Maria Theresia diesen neuen Kultus in ihrer Hauptstadt nicht dulden zu dürfen und ließ der schönen Schauspielerin bedeuten, sie habe Wien unverzüglich zu verlassen. Graf Spada bemächtigte sich ihrer und führte sie nach Venedig zurück, von wo sie sich nach Parma begab, um in der dortigen Oper zu singen. Hier entflammte sie den Marchese Sanvitali; eines Abends jedoch fand die Marchesa sie in ihrer Loge und gab ihr infolge irgendeiner unpassenden Bemerkung eine tüchtige Ohrfeige. Infolgedessen verzichtete Giulietta auf die Bühne. Sie kam jetzt nach Venedig zurück, wo sie dank ihrer Ausweisung aus Wien nicht ermangeln konnte, ihr Glück zu machen. Diese Ausweisung war für Künstlerinnen und dergleichen Damen eine sehr beliebte Auszeichnung geworden; denn wenn man eine Sängerin oder eine Tänzerin herabsetzen wollte, sagte man von ihr, man habe sie nicht hoch genug geschätzt, um sie aus Wien auszuweisen. Steffano Querini di Papozze wurde zunächst ihr offizieller Liebhaber; aber im Frühjahr 1740 erschien der Marchese Sanvitali von neuem auf dem Kampfplatz und schlug den anderen aus dem Felde. Wie hätte man auch diesem Marchese widerstehen können! Er begann damit, seiner Schönen hunderttausend Dukaten Kurant zum Geschenk zu machen, und damit man dies nicht als Schwachheit und tolle Verschwendung auslegte, sagte er, die Summe reiche kaum hin, Giulietta für die von seiner Frau empfangene Ohrfeige zu entschädigen. Ubrigens hat die Beleidigte niemals diese Beschimpfung eingestehen wollen, denn sie fühlte, daß solches Eingeständnis sie erniedrigt hätte; sie zog es vor, die Gabe ausschließlich der Großmut ihres Liebhabers zuzuschreiben. Sie hatte recht: eine eingestandene Ohrfeige wäre ein Makel auf ihren Reizen gewesen, und sie fand ihre Rechnung besser dabei, indem sie dieselben nach ihrem inneren Werte schätzen ließ. Im Iahre 1741 also stellte Herr Manzoni mich dieser neuen Phryne vor, als einen jungen Abbate, der sich einen Namen zu machen begänne. Ich fand sie inmitten von sieben oder acht Kurmachern, die ihr ihren Weihrauch darbrachten. Sie saß in nachlässiger Haltung neben Querini auf einem Sofa. Ihre Erscheinung überraschte mich. Sie betrachtete mich vom Kopf bis zu den Füßen, wie wenn ich zum Verkauf dastände, und sagte mir dann im Tone einer Prinzessin, es sei ihr nicht unangenehm, meine Bekanntschaft zu machen; hierauf lud sie mich ein, Platz zu nehmen. Jetzt kam die Reihe an mich, und ich besah sie mir sorgfältig und in aller Gemächlichkeit, was ich um so besser tun konnte, da der nur kleine Salon von mindestens zwanzig Kerzen erleuchtet war. Giulietta war achtzehn Iahre alt; ihre Haut war blendendweiß, aber der rosige Anhauch ihrer Wangen, das Purpurrot ihrer Lippen, die Schwärze und die schön gewölbte und sehr schmale Schwingung ihrer Augenbrauen schienen mir mehr das Werk der Kunst als der Natur zu sein. Ihre Zähne waren wie zwei Perlenreihen und so schön, daß man darüber vergaß, daß ihr Mund vielleicht etwas zu groß war. Sie schien immer zu lächeln; vielleicht war dies Natur, vielleicht Angewöhnung. Ihr mit einem leichten Schleier bedeckter Busen schien die Liebesgötter einzuladen; doch ich widerstand ihren Reizen. Ihre Armbänder und die Ringe, mit denen ihre Finger überladen waren, verhinderten mich nicht, ihre Hand zu groß und zu fleischig zu finden; und obgleich fie sorgfältig ihre Füße verbarg, so genügte doch ein verräterischer Pantoffel, der unter ihrem Rock hervorsah, um mir zu zeigen, daß sie im entsprechenden Verhältnis zu der Höhe ihres Wuchses standen; dieses aber ist ein unangenehmes Verhältnis, das nicht nur Chinesen und Spaniern, sondern überhaupt allen Männern von verfeinertem Geschmack mißfällt. Man verlangt von einer großen Frau, daß sie einen kleinen Fuß habe, und dieser Geschmack ist durchaus nicht neu, denn schon Herr Holofernes hatte ihn, der sonst Dame Iudith nicht so reizend gefunden haben würde: et sandalia ejus rapuerunt oculos ejus. Im großen und ganzen fand ich sie schön; aber nachdem ich alle Einzelheiten betrachtet hatte und ihre Schönheit mit den hunderttausend Dukaten verglich, die dafür bezahlt worden waren, fand ich zu meinem Erstaunen, daß ich völlig kühl blieb und nicht die geringste Versuchung fühlte, auch nur eine einzige Zechine auszugeben, um auch jene Reize sehen zu können, die ihre Kleider meinen Blicken verbargen. Ich war kaum eine Viertelstunde da, als das Geräusch von Ruderschlägen vom Wasser her die Ankunft des verschwenderischen Marchese verkündigte. Wir standen auf, und Herr Querini verließ eilends seinen Platz, nicht ohne ein wenig dabei zu erröten. Herr von Sanvitali, schon ein älterer Herr, der größere Reisen gemacht hatte, setzte sich neben sie, aber nicht auf das Sofa; dadurch wurde die Schöne genötigt, sich umzudrehen. Nun konnte ich auch von vorne genau betrachten, was ich bis dahin nur von der Seite hatte sehen können. Nachdem ich noch vier oder fünf Besuche bei Giulietta gemacht hatte, glaubte ich mir über ihren Wert ein hinreißendes Urteil gebildet zu haben; ich sagte daher eines Abends, als man mich in der Gesellschaft des Senators Malipiero nach ihr fragte, sie könne nur Gourmands mit abgestumpften Geschmacksnerven gefallen; denn sie besitze weder die Schönheiten der einfachen Natur, noch den Geist der feinen Gesellschaft, sie habe kein besonderes Talent und keine gewandten Manieren ; es fehle ihr also alles, was Leute von gutem Ton bei einer Frau zu finden lieben. Mein Urteil gefiel der ganzen Gesellschaft, aber Herr von Malipiero sagte mir ins Ohr, Giulietta würde ganz sicherlich erfahren, was für ein Portrat ich von ihr entworfen hätte, und würde meine Feindin werden. Er hatte richtig geahnt. Es fiel mir an Giulietta besonders auf, daß sie nur selten das Wort an mich richtete und daß sie jedesmal, wenn sie mich ansah, sich ihrer Augengläser bediente oder ihre Lider zusammenkniff, wie wenn sie mich der Ehre hätte berauben wollen, ihre unbeschreibbar schönen Augen ganz zu sehen. Diese waren wunderbar schön geschnitten, kornblumenblau und hatten eine unbegreiflich leuchtende Iris, wie die Narur sie zuweilen nur der Jugend schenkt; für gewöhnlich verschwindet dieser Glanz etwa mit dem vierzigsten Jahr, nachdem er Wunder gewirkt hat. Der große Friedrich behielt diese leuchtenden Augen bis zu seinem Tode. Die Schilderung, die ich von Giulietta bei Herrn von Malipiero entworfen hatte, wurde ihr von einem schwatzhaften Zwischenträger, dem Staatsbuchhalter Saviero Cortantini hinterbracht. Als ich eines Abends mich mit Herrn Manzoni bei ihr befand, sagte sie ihm, ein großer Kenner habe an ihr Mängel entdeckt, wonach sie trübsinnig sein sollte; sie hütete sich aber wohl, diese Mängel einzeln aufzuzählen. Ich merkte natürlich, daß sie damit einen versteckten Hieb nach mir führte, und machte mich darauf gefaßt, ihr Gericht über mich ergehen zu lassen. Hierauf ließ sie mich jedoch eine gute Stunde warten. Als schließlich das Gespräch auf ein Konzert kam, das der Schauspieler Imer gegeben und wobei seine Tochter Teresa geglänzt hatte, richtete sie das Wort an mich und fragte mich, was Herr von Malipiero mit ihr mache. Ich sagte ihr, er erziehe sie. »Dazu ist er wohl imstande,« antwortete sie mir; »denn er hat viel Geist; ich aber möchte wohl wissen, was er aus Ihnen macht.« »Alles, was er kann.« »Man hat mir gesagt, er finde Sie ein wenig dumm.« Natürlich waren die Lacher auf ihrer Seite; ich war ein bißchen verwirrt, da ich nicht wußte, was ich antworten sollte, und nachdem ich eine Viertelstunde lang eine traurige Figur gespielt hatte, empfahl ich mich mit dem festen Entschluß, ihr Haus nicht wieder zu betreten. Als ich am nächsten Tage beim Essen meinem alten Senator diese Geschichte erzählte, lachte er recht herzlich darüber. Den ganzen Sommer über schwärmte ich meine Angela an, die ich bei ihrer Sticklehrerin traf; aber ihre außerordentliche Zurückhaltung regte mich auf, und meine Liebe war schon eine Qual für mich geworden. Bei meinem glühenden Naturell brauchte ich eine Geliebte in der Art Bettinas, die meine Liebe zu befriedigen wußte, ohne sie auszulöschen. Da ich selber noch in gewissem Sinne rein war, brachte ich dem jungen Mädchen die größte Verehrung entgegen. Sie war in meinen Augen gewissermaßen wie das Paladium des Kekrops. Ich war noch Neuling und oft schüchtern im Verkehr mit Damen; meine Albernheit ging so weit, daß ich sogar auf deren Ehemänner eifersüchtig war. Angela war höchst abweisend, obgleich sie keine Kokette war; meine Leidenschaft für sie verzehrte mich. Die pathetischen Reden, die ich ihr hielt, hatten mehr Wirkung auf zwei junge Schwestern, Freundinnen von ihr, als auf sie; und wären meine Blicke nicht ausschließlich von der Grausamen in Anspruch genommen gewesen, so hätte ich ohne Zweifel bemerkt, daß die beiden anderen schöner und gefühlvoller waren; aber meine geblendeten Augen sahen nur sie. Auf alle meine Zärtlichkeiten antwortete sie, sie sei bereit, meine Frau zu werden, und sie glaube, weiter dürften meine Wünsche nicht gehen; und wenn sie sich herabließ, mir zu sagen, sie leide ebensosehr wie ich, so glaubte sie mir die größte Gnade erwiesen zu haben. In dieser Gemütsverfassung befand ich mich, als ich zu Beginn des Herbstes einen Brief von der Gräfin Monte Reale erhielt; sie bat mich, einige Zeit auf dem ihr gehörenden Landgut Paseano zu verbringen. Sie erwartete glänzende Gesellschaft und den Besuch ihrer Tochter, die in Venedig einen Nobile geheiratet hatte; diese Tochter war geistvoll und schön und hatte ein so herrliches Auge, daß dessen Schönheit sie für den Verlust des anderen Auges entschädigte. Ich folgte ihrer Einladung und fand in Paseano Vergnügen und Fröhlichkeit; es wurde mir nicht schwer, auch meinerseits zu deren Vermehrung beizutragen, und ich vergaß für einige Zeit die Härte meiner grausamen Angela. Man hatte mir im Erdgeschoß ein hübsches Zimmer gegeben, das nach dem Garten hinaus ging, und ich befand mich darin sehr wohl, ohne mich darum zu kümmern, wer meine Nachbarn wären. Am Morgen nach meiner Ankunft war ich noch nicht richtig wach, da entzückte meine Augen der Anblick einer reizenden Person, die mir meinen Kaffee brachte. Es war ein ganz junges Mädchen, doch hatte sie bereits die Körperformen einer Siebzehnjährigen, obwohl sie erst vierzehn Jahre zählte. Ihre Haut war weiß wie Alabaster, ihr Haar schwarz wie Ebenholz, ihr schwarzes Auge feurig und unschuldig zugleich, ihr Haar in einer reizenden Unordnung; ihre Kleidung bestand nur aus einem Hemde und einem kurzen Rock, der ein wohlgeformtes Bein und den reizendsten kleinen Fuß sehen ließ; dies alles ließ sie meinen Blicken als eine eigenartige und vollkommene Schönheit erscheinen. Ich sah sie mit der größten Teilnahme an, und ihr Auge ruhte auf mir, wie wenn wir alte Bekannte gewesen wären. »Sind Sie mit Ihrem Bett zufrieden gewesen?« fragte sie mich. »Sehr zufrieden. Ich bin überzeugt, es war von Ihnen zurechtgemacht worden. Wer sind Sie?« »Ich bin die Tochter des Hausmeisters und heiße Lucia; ich habe weder Brüder noch Schwestern und bin vierzehn Jahre alt. Es freut mich, daß Sie keinen Diener haben; ich werde Ihnen aufwarten, und ich bin überzeugt, Sie werden mit mir vollkommen zufrieden sein.« Entzückt über diesen Anfang, richte ich mich im Bette auf, und sie hilft mir meinen Schlafrock anzuziehen, wobei sie hunderterlei sagt, was ich nicht verstehe. Ebenso verlegen, wie das Mädchen unbefangen ist, fange ich an, meinen Kaffee zu trinken; ihre Schönheit, gegen die man unmöglich gleichgültig bleiben konnte, hatte mich ganz verblüfft gemacht. Sie hatte sich die Freiheit genommen, sich auf das Fußende meines Bettes zu setzen, und entschuldigte dieses Benehmen nur mit einem vielsagenden Lachen. Ich war noch dabei, meinen Kaffee zu trinken, als Lucias Vater und Mutter eintraten. Sie rührte sich nicht von ihrem Platz und schien, indem sie ihre Eltern ansah, sich noch damit zu brüsten, daß sie auf meinem Bette saß. Die guten Leute machten ihr sanfte Vorwürfe, baten mich ihrer Tochter wegen um Entschuldigung, und Lucia ging hinaus, um ihre häuslichen Geschäfte zu erledigen. Sobald sie draußen war, sagten ihr Vater und ihre Mutter mir tausend Höflichkeiten; dann begannen sie das Lob ihrer Tochter zu singen. »Sie ist«, sagten sie, »unser einziges Kind, ein herziges Mädchen, die Hoffnung unseres Alters. Sie liebt uns, ist gehorsam und gottesfürchtig; sie ist gesund wie ein Fisch, und wir wissen an ihr nur einen einzigen Fehler.« »Und was für einen?« »Sie ist zu jung.« »Das ist ein reizender Fehler, der mit der Zeit verschwinden wird.« Gar bald überzeugte ich mich, daß ich in diesen guten Leuten Rechtschaffenheit, Wahrheit, häusliche Tugenden und wahres Glück vor mir sah. Während ich an diesem Gedanken mein inniges Vergnügen hatte, trat Lucia wieder ein, munter wie ein Vögelchen, sauber gewaschen, völlig angezogen, das Haar auf ländliche Art geordnet und die Füße in hübschen Schuhen. Nachdem sie mir eine Verbeugung gemacht hatte, wie sie auf den Dörfern Brauch sind, gab sie ihrem Vater und ihrer Mutter zwei Küsse und setzte sich dann dem braven Mann auf den Schoß. Ich sagte ihr, sie möchte sich doch auf mein Bett setzen; aber sie antwortete mir, so große Ehre sei ihr nicht erlaubt, wenn sie angezogen sei. Die Einfachheit und Unschuld, die sich in dieser Antwort aussprach, schienen mir entzückend, und ich mußte unwillkürlich lächeln. Ich sah sie mir daraufhin an, ob sie in ihrem bescheidenen Putz hübscher aussähe als in ihrem Negligee, und mein Urteil lautete zugunsten des letzteren. Mit einem Wort, Lucia schien mir nicht nur vor Angela, sondern sogar vor Bettina bei weitem den Vorzug zu verdienen. Als der Friseur kam, entfernten sich die einfachen braven Leute, und nachdem ich mich angekleidet hatte, begab ich mich zu der Gräfin und ihrer liebenswürdigen Tochter; der Tag verging sehr heiter, wie es ja auf dem Lande im allgemeinen der Fall ist, wenn man ausgewählte Gesellschaft hat. Am andern Morgen klingelte ich sofort nach dem Erwachen, und Lucia erschien, einfach und natürlich wie am Tage vorher, und doch so überraschend in ihren Bemerkungen und in ihrem Benehmen. Alles an ihr glänzte unter dem reizenden Firnis der Aufrichtigkeit und Unschuld. Ich konnte nicht begreifen, wie ein keusches, anständiges und durchaus nicht dummes Mädchen so vertraulich zu mir kommen konnte und gar nicht befürchtete, daß ich mich in sie verlieben würde. Es kann nicht anders sein, dachte ich bei mir selber, als daß sie gewissen Tändeleien keine Wichtigkeit beimißt und darum es nicht so genau nimmt. Ich beschloß, sie zu überzeugen, daß ich ihr Gerechtigkeit widerfahren lasse. Ihren Eltern gegenüber fühlte ich mich nicht schuldig, denn ich nahm an, daß sie ebensowenig Wert darauf legten wie sie selber; ebensowenig fürchtete ich, daß ich der erste wäre, der ihre schöne Unschuld beunruhigte und das gefährliche Licht der Erkenntnis in ihre Seele trüge. Ich wollte mich weder von meinem Gefühl betölpeln lassen, noch auch dagegen handeln; darum beschloß ich, mir Aufklärung zu verschaffen. Ich mache eine kühne Handbewegung; unwillkürlich weicht sie zurück und wird rot, ihre Heiterkeit verschwindet; sie dreht den Kopf zur Seite, wie wenn sie irgend etwas suchen wollte, und wartet, bis ihre Verlegenheit vorüber ist. Dieser ganze Vorgang spielte sich in weniger als einer Minute ab. Sie näherte sich nur wieder, scheinbar ein wenig beschämt, als ob ich sie hätte etwas unartig finden können, und als ob sie befürchtete, sie hätte eine Handlungsweise falsch aufgefaßt, die von meiner Seite vielleicht ganz unschuldig gemeint sein könnte oder in der guten Gesellschaft üblich wäre. Schnell hatte sie ihr natürliches Lachen wiedergefunden. Alles, was ich hier beschrieben habe, las ich in einem Augenblick in ihrer Seele, und ich beeilte mich, sie wieder sicher zu machen. Da ich sah, daß ich durch Tätlichkeiten zu viel wagte, nahm ich mir vor; am nächsten Morgen sie zum Plaudern zu bringen. Meinem Plan gemäß ergriff ich denn auch die Gelegenheit und sagte ihr infolge einer Bemerkung, die sie machte: es sei kalt; sie werde aber die Kälte nicht spüren, wenn sie neben mir liege. »Würde ich Ihnen nicht unbequem sein?« fragte sie. »Nein; aber ich denke mir, wenn deine Mutter dazukäme, würde sie böse sein.« »Sie wird sich nichts Böses dabei denken.« »So komm! Aber, Lucia, du weißt, welcher Gefahr du dich aussetzest?« »Gewiß; aber Sie sind vernünftig, und was mehr ist: Sie sind Abbate.« »Komm! Aber zuvor schließe die Tür.« »Nein, nein! denn dann würde man denken ... was weiß ich ...« Schließlich legte sie sich neben mich; sie plauderte fortwährend, aber ich verstand nichts von allem, was sie sagte. Ich befand mich in einer sehr eigentümlichen Lage: da ich meinen Begierden nicht nachgeben wollte, mußte es aussehen, als sei ich über die Maßen schwerfällig. Die Sicherheit des Mädchens – eine Sicherheit, die ganz gewiß nicht erheuchelt war – machte auf mich einen solchen Eindruck, daß ich mich geschämt haben würde, sie zu mißbrauchen. Endlich sagte sie mir, es habe fünfzehn Uhr geschlagen, und wenn der alte Graf Antonio herunterkäme und uns so fände, würde er Witze machen, worüber sie sich ärgern müßte. »Das ist ein Mensch,« sagte sie, »vor dem ich davonlaufe, sobald ich ihn sehe.« Mit diesen Worten verließ sie ihren Platz und ging. Lange Zeit blieb ich unbeweglich liegen; ich war vor Erstaunen wie betäubt und meine Sinne befanden sich ebensosehr in Aufruhr wie meine Gedanken. Am nächsten Morgen hieß ich sie auf meinem Bett sitzenbleiben, denn ich wollte meine Ruhe behalten; ihre Äußerungen über Verschiedenes, worauf ich die Rede brachte, überzeugten mich vollends, daß sie mit Recht von ihren ehrenwerten Eltern vergöttert wurde, und daß die Freiheit ihres Geistes und ihr zwangloses Benehmen nur von ihrer Unschuld und von der Feinheit ihrer Seele herrührten. Ihre Naivität, ihre Lebhaftigkeit, ihre Neugier und die schamhafte Röte, die ihr schönes Gesicht überzog, wenn die spaßhaften Dinge, die sie ohne jedes Arg mir sagte, mich unwillkürlich zum Lachen brachten – dies alles zeigte mir, daß sie ein Engel war, der unfehlbar dem ersten besten Wüstling, der sie verführen wollte, zum Opfer fallen müßte. Ich fühlte mich stark genug, um so zu handeln, daß ich mir keine Vorwürfe zu machen brauchte. Der bloße Gedanke daran machte mich schaudern, und meine Selbstachtung gewährleistete Lucias Ehre ihren guten Eltern, die infolge der guten Meinung, die sie von meinem Charakter hatten, sie mir vertrauensvoll überließen. Ich wäre in meinen eigenen Augen verächtlich gewesen, hätte ich das Vertrauen täuschen können, das sie in mich setzten. Ich beschloß also, mich zu bezähmen; und da ich sicher war, stets den Sieg zu behalten, so entschloß ich mich, mich selber zu bekämpfen und in ihrer bloßen Gegenwart den Lohn meiner Anstrengungen zu finden. Ich kannte noch nicht das Wort, daß der Sieg ungewiß ist, solange der Kampf dauert. Da ihre Unterhaltung mir gefiel, so sagte ich ihr, ohne mir etwas Besonderes dabei zu denken: sie würde mir Vergnügen machen, wenn sie morgens frühzeitiger käme; sie möchte mich sogar aufwecken, wenn ich schliefe. Und um meiner Bitte mehr Gewicht zu verleihen, fügte ich hinzu: »Je weniger ich schlafe, desto wohler befinde ich mich.« Durch dieses Mittel gelang es mir, die Dauer unserer Unterhaltung von zwei Stunden auf drei zu verlängern; trotzdem aber verging mir die Zeit mit Blitzesschnelle. Zuweilen kam ihre Mutter, während wir plauderten; sobald die gute Frau sie auf meinem Bett sitzen sah, hatte sie mir nichts mehr zu sagen; sie bewunderte nur meine Güte, daß ich das duldete. Lucia gab ihr hundert Küsse, und die überaus gutmütige Frau bat mich, ich möchte sie doch Weisheit lehren und ihr Bildung beibringen. Wenn sie hinaus war, glaubte Lucia deshalb nicht, nunmehr freier zu sein; sie behielt unverändert immer denselben Ton bei. Die Gesellschaft dieses Engels ließ mich die grausamsten Qualen erdulden, während sie mir gleichzeitig die süßesten Wonnen verschaffte. Oft, wenn ihre Wangen zwei Fingerbreit von meinem Mund entfernt waren, packte mich der Wunsch, sie mit Küssen zu bedecken, und mein Blut geriet in heiße Wallung, wenn ich sie sagen hörte, sie hätte wohl meine Schwester sein mögen. Aber ich besaß Zurückhaltung genug, um die geringste Berührung zu vermeiden; denn ich fühlte wohl, ein einziger Kuß wäre der Funke gewesen, der das ganze Gebäude in die Luft gesprengt hätte. Wenn sie von mir ging, war ich jedesmal ganz erstaunt, den Sieg behalten zu haben; aber stets nach neuen Lorbeeren begierig, seufzte ich schon nach dem nächsten Morgen, um den süßen und gefährlichen Kampf zu erneuern. – Kleine Begierden machen einen Jüngling kühn; große nehmen ihn ganz und gar in Anspruch und halten ihn in Schranken. Nach zehn oder zwölf Tagen erkannte ich, daß ich entweder ein Ende machen müßte oder als Schurke an ihr handeln würde. Ich entschloß mich zu dem ersten um so leichter, da ich nicht die geringste Gewißheit hatte, daß ich im zweiten Falle Erfolg haben würde; denn wenn Lucia die Heldin spielte und sich gegen meine Angriffe verteidigte, so wäre, da die Zimmertür offen stand, vielleicht Schande und zwecklose Reue mein Lohn gewesen – und dieser Gedanke erschreckte mich. Andererseits wußte ich nicht, wie ich es anfangen sollte, um ein Ende zu machen. Ich konnte nicht mehr einer Schönheit widerstehen, die im Morgengrauen, kaum bekleidet, fröhlich in mein Zimmer hüpfte, an mein Bett kam, mich fragte, ob ich gut geschlafen hätte, zutraulich ihr Gesicht an meine Wange schmiegte und mir sozusagen die Worte auf die Lippen legte. In einem so gefährlichen Augenblick wandte ich den Kopf zur Seite; dann warf sie in ihrem unschuldigen Ton mir vor, ich hätte Furcht, während sie selber sich doch ganz sicher fühlte; ich zog die Sache ins Lächerliche und antwortete ihr, sie irrte sich, wenn sie glaubte, ich hätte vor einem Kinde Angst; darauf versetzte sie dann, der Unterschied von zwei Jahren hätte nichts zu bedeuten. Ich fühlte mit jedem Augenblick die Glut wachsen, die mich verzehrte; schließlich konnte ich nicht mehr, und ich faßte den Entschluß, sie selber zu bitten, sie möchte nicht mehr zu mir kommen. Dieser Entschluß schien mir erhaben und von unfehlbarer Wirkung zu sein; da ich jedoch die Ausführung auf den folgenden Tag verschoben hatte, verbrachte ich eine Nacht, die ich schwer beschreiben kann. Immer sah ich Lucias Bild vor mir, und der Gedanke wollte nicht weichen, daß ich sie am nächsten Tag zum letzten Male sehen würde. Ich stellte mir vor, Lucia würde nicht nur meinem Plan beistimmen, sondern für ihr ganzes Leben einen hohen Begriff von meinem Charakter behalten. Kaum dämmerte der Morgen, da erschien Lucia strahlend, leuchtend, das Lächeln des Glückes auf ihrem hübschen Munde, ihr schönes Haar in der entzückendsten Unordnung; mit ausgebreiteten Armen stürzt sie auf mein Bett zu; plötzlich aber bleibt sie stehen, ihr Gesicht wird traurig und unruhig, als sie mich bleich, verstört, traurig sieht. »Was haben Sie denn?« fragte sie mich teilnahmsvoll. »Ich habe die ganze Nacht nicht schlafen können.« »Und warum nicht?« »Weil ich mich entschlossen habe, Ihnen einen Plan mitzuteilen – einen Plan, der für mich sehr traurig ist, mir aber Ihre volle Achtung verschaffen wird.« »Wenn der Plan Ihnen meine Achtung verschaffen soll, muß er im Gegenteil so sein, daß er Sie heiter macht. Aber sagen Sie mir doch, Herr Abbate, warum Sie mich gestern noch geduzt haben und heute mich wie ein Fräulein behandeln? Ich will Ihnen jetzt Ihren Kaffee holen, und wenn Sie ihn getrunken haben, sollen Sie mir alles sagen; ich bin sehr neugierig, was das für ein Plan ist.« Sie geht hinaus, kommt wieder, ich nehme meinen Kaffee; als sie mich immer noch ernst sieht, bemüht sie sich, mich aufzuheitern; es gelingt ihr, mich zum Lachen zu bringen, und sie freut sich darüber. Nachdem sie das Geschirr abgeräumt hatte, schloß sie die Tür, weil es zog; um von dem, was ich ihr zu sagen hätte, kein Wort zu verlieren, sagte sie mir naiverweise, ich möchte ihr neben mir ein Plätzchen einräumen. Ich tat, was sie wollte, denn mir war zumute, als wäre ich halbtot. Nachdem ich ihr getreulich berichtet hatte, in welchen Zustand ihre Reize mich versetzt hätten, und nachdem ich ihr geschildert, was für Qualen ich ausgestanden hätte, um meinem lebhaften Verlangen, ihr meine Liebe zu beweisen, widerstehen zu können, erklärte ich ihr: ich könnte meine Leiden nicht mehr ertragen und müßte sie bitten, nicht mehr vor meinen Augen zu erscheinen. Die Wichtigkeit des Gegenstandes, die Wahrheit meiner Leidenschaft, mein Wunsch, daß sie in meinem Plan die erhabene Willensanstrengung einer vollkommenen Liebe sehe – dies alles machte mich ungewöhnt beredt und besonders bemühte ich mich, ihr recht lebhaft zu schildern, welche furchtbaren Folgen ein anderes Verhalten als das von mir vorgeschlagene haben könnte und wie unglücklich wir dann vielleicht sein würden. Als am Ende meiner langen Rede Lucia meine Augen feucht von Tränen sah, entblößte sie sich, um sie mir abzutrocknen, ohne zu bedenken, daß sie dadurch zwei Halbkugeln enthüllte, deren Schönheit imstande gewesen wäre, den erfahrensten Lotsen schiffbrüchig werden zu lassen. Nachdem wir einige Augenblicke beide geschwiegen hatten, sagte das reizende Kind mir in traurigem Ton, meine Tränen betrübten sie; sie hätte niemals geglaubt, daß ich ihretwegen welche vergießen könnte. »Alles, was Sie mir da gesagt haben,« fuhr sie fort, »beweist mir, daß Sie mich sehr lieb haben; aber ich weiß nicht, wie Sie deshalb so in Sorgen sein können, während mir Ihre Liebe eine unendliche Wonne bereitet. Sie wollen mich aus Ihrer Gegenwart verbannen, weil Ihre Liebe Ihnen Furcht macht; aber was würden Sie denn tun, wenn Sie mich haßten? Bin ich strafbar, weil ich Ihnen gefallen habe? Wenn die Liebe, die ich Ihnen eingeflößt habe, ein Verbrechen ist, so versichere ich Ihnen, ich habe nicht die Absicht gehabt, ein solches zu begehen; somit können Sie mit gutem Gewissen mich nicht deswegen bestrafen. Eines freilich kann ich Ihnen nicht verschweigen: es freut mich, daß Sie mich lieben. Wohl läuft man Gefahr, wenn man liebt, und ich kenne diese Gefahr sehr wohl; aber wir können ihr trotzen. Ich wundere mich, daß mir dies nicht schwierig erscheint, die ich doch nur ein unwissendes Mädchen bin, während dagegen Sie, ein so gelehrter Mann, wie alle Leute sagen, solche Angst davor zu haben scheinen. Es überrascht mich, daß die Liebe, die doch keine Krankheit ist, Sie hat krank machen können, auf mich aber eine ganz entgegengesetzte Wirkung ausübt. Wäre es möglich, daß ich mich täuschte, und daß das Gefühl, das ich für Sie empfinde, etwas anderes wäre als Liebe? Sie sahen, wie lustig ich war, als ich heute morgen zu Ihnen kam; das kam davon, daß ich die ganze Nacht geträumt habe. Trotzdem habe ich sehr gut geschlafen; nur bin ich fünf- oder sechsmal aufgewacht, um mich zu vergewissern, ob mein Traum nicht Wirklichkeit wäre; denn ich träumte, ich wäre bei Ihnen; und als ich sah, daß dies nicht der Fall war, schlief ich recht bald wieder ein, weil ich gerne weiterträumen wollte, und dies gelang mir auch. Hatte ich also heute morgen nicht recht, so lustig zu sein? Mein lieber Abbate, wenn die Liebe eine Qual für Sie ist, so tut mir das leid; aber könnten Sie wirklich geboren sein, um nicht zu lieben? Ich werde alles tun, was Sie mir befehlen; nur werde ich niemals – selbst wenn Ihre Genesung davon abhinge – niemals aufhören, Sie zu lieben; denn das ist nicht möglich. Sollte es aber, damit Sie gesund werden, nötig sein, daß Sie mich nicht mehr lieben, so tun Sie, was Sie wollen; denn ich will lieber, daß Sie ohne Liebe leben, als daß Sie sterben, weil Sie zu viel lieben. Nur bitte ich Sie, denken Sie doch darüber nach, ob Sie nicht ein anderes Hilfsmittel finden können, denn das von Ihnen vorgeschlagene betrübt mich. Denken Sie darüber nach; es wäre doch möglich, daß dieses Mittel nicht das einzige wäre, und daß Sie ein weniger schmerzvolles entdecken könnten. Schlagen Sie mir eines vor, das leichter ausführbar ist, und verlassen Sie sich auf Lucia.« Diese aufrichtige, naive und natürliche Rede lehrte mich, wie weit die Beredsamkeit der Natur der Beredsamkeit des philosophischen Geistes überlegen ist. Zum erstenmal schloß ich das himmlische Mädchen in meine Arme und sagte: »Ja, meine teure Lucia, ja, du kannst dem Leiden, das mich verzehrt, die köstlichste Linderung bringen: überlasse meinen glühenden Küssen deinen göttlichen Mund, der mir versichert, daß du mich liebst!« So verbrachten wir eine Stunde in einem entzückenden Schweigen, das nur von den Worten unterbrochen wurde, die Lucia von Zeit zu Zeit wiederholte: »O mein Gott, ist es wahr? Träume ich nicht?« Ich ehrte indessen ihre Unschuld, und vielleicht tat ich dies nur deshalb, weil sie sich mir ganz und gar und ohne den geringsten Widerstand überlieferte. Endlich aber entwand sie sich sanft meinen Armen und sagte unruhig: »Mein Herz beginnt zu sprechen – ich muß gehen!« Und sofort stand sie auf. Nachdem sie ihre Kleider ein wenig in Ordnung gebracht hatte, setzte sie sich; einige Augenblicke nachher kam ihre Mutter hinein und beglückwünschte mich zu meinem guten Aussehen und zu meinen frischen Farben; hierauf sagte sie zu ihrer Tochter, sie solle sich ankleiden und in die Messe gehen. Eine Stunde darauf kam Lucia zurück und sagte mir, das Wunder, das sie bewirkt habe, mache sie glücklich, und sie sei ganz stolz darauf; denn meine augenscheinliche Gesundheit sei für sie ein viel sichereres Zeichen meiner Liebe als der klägliche Zustand, in dem sie mich am Morgen gefunden habe. »Wenn die Vollkommenheit deines Glückes«, fuhr sie fort, »nur von mir ahhängt – so nimm es dir; ich habe dir nichts zu verweigern.« Sobald sie hinausgegangen war, dachte ich über meine Lage nach. Ich schwankte noch zwischen Trunkenheit und Furcht; aber es wurde mir klar, daß ich am Rande des Abgrundes stände und daß ich einer übernatürlichen Kraft bedürfen würde, um nicht hinabzustürzen. Ich blieb in Paseano den ganzen Monat September, und die letzten elf Nächte meines Aufenthaltes verbrachte ich in ruhigem und freiem Besitz Lucias, die des Schlafes ihrer Mutter sicher war und zu mir kam, um in meinen Armen die köstlichsten Stunden zu verleben. Meine Glut verminderte sich nicht, sondern vermehrte sich im Gegenteil durch meine Enthaltsamkeit, von der mich Lucia mit allen möglichen Mitteln abzubringen verbuchte. Sie konnte die Süße der verbotenen Frucht nur dann kosten, wenn sie sie mich ohne Rückhalt pflücken ließ, und die Wirkung der beständigen Berührung war zu stark, als daß ein junges Mädchen ihr hätte widerstehen können. Darum bot denn auch Lucia alles auf, um mir etwas vorzutäuschen; sie sagte, ich hätte bereits ihre höchste Gunst genossen. Aber ich hatte bei Bettina einen so guten Unterricht gehabt, daß ich sehr wohl wußte, woran ich war; und so kam das Ende meines Aufenthalts heran, ohne daß ich der süßen Versuchung unterlag. Als ich von Paseano abreiste, versprach ich ihr, im nächsten Frühjahr wieder zu kommen. Unser Abschied war ebenso traurig wie zärtlich; ich ließ sie in einer Geistesverfassung zurück, die ohne Zweifel die Ursache ihres Unglücks geworden ist – ihres Unglücks, das ich mir vorzuwerfen hatte, als ich sie zwanzig Jahre später in Holland traf, und das ich mir ewig zum Vorwurf machen werde. Kaum war ich ein paar Tage in Venedig, so hatte ich wieder meine alte Lebensweise aufgenommen und bewarb mich wieder eifrig um Angela, bei der ich es wenigstens ebensoweit zu bringen hoffte wie bei Lucia. Eine Furcht, die ich heute nicht mehr in meiner Natur finde, eine Art von panischem Schrecken vor den Folgen, die vielleicht ungünstig auf meine Zukunft hätten einwirken können, hinderten mich am Genießen. Ich weiß nicht, ob ich jemals ein vollkommen ehrenhafter Mensch gewesen bin; so viel aber weiß ich sehr gut, daß die Gefühle, die ich in meiner Jugend hegte, viel zarter waren, als diejenigen, die ich später durch das Leben gewonnen habe. Eine skeptische Philosophie vermindert zu sehr die Zahl der sogenannten Vorurteile. Die beiden Schwestern, die zusammen mit Angela das Sticken lernten, waren ihre vertrauten Freundinnen und in alle ihre Geheimnisse eingeweiht. Als ich später ihre Bekanntschaft gemacht hatte, erfuhr ich, daß sie ihre Härte gegen mich verurteilten. Da ich sie beständig mit Angela zusammen sah und ihre vertraute Freundschaft kannte, trug ich ihnen meine Klagen vor; ganz erfüllt von dem Bilde meiner Grausamen, war ich nicht ein solcher Geck, um zu glauben, die jungen Mädchen könnten sich in mich verlieben; oft aber geschah es, daß ich zu ihnen mit dem ganzen Feuer sprach, das mich durchlohte – was ich in Gegenwart des von mir angebeteten Mädchens niemals zu tun wagte. Wahre Liebe macht immer zurückhaltend; man fürchtet, es könnte wie Übertreibung aussehen, wenn man alle Gefühle ausspricht, die eine edle Leidenschaft eingeflößt hat; der bescheidene Liebhaber sagt oft zu wenig, aus Furcht, er könnte zu viel sagen. Der Sticklehrerin, einer alten Betschwester, die im Anfang gegen meine Neigung für Angela anscheinend gleichgültig gewesen war, wurden meine allzu häufigen Besuche endlich lästig, und sie sprach darüber mit dem Pfarrer, dem Oheim meiner Schönen. Dieser sagte mir eines Tages freundlich, ich müsse weniger oft in das Haus der Lehrerin gehen, denn mein häufiges Kommen könne übel ausgelegt werden und dem guten Ruf seiner Nichte schaden. Diese Worte trafen mich wie ein Donnerschlag; doch besaß ich genügend Selbstbeherrschung, um mir nichts merken zu lassen, was ihn hätte mißtrauisch machen können. Ich sagte ihm nur, ich würde seinen Rat befolgen. Drei oder vier Tage später ging ich zur Sticklehrerin, wie wenn ich ihr allein einen Besuch machen wollte, und vermied es sorgfältig, mich bei den jungen Mädchen aufzuhalten; doch gelang es mir, der ältesten Schwester ein Briefchen zuzustecken, das einen anderen Brief für meine geliebte Angela enthielt. Hierin teilte ich ihr die Gründe mit, die mich genötigt hätten, meine Besuche zu unterbrechen; natürlich bat ich sie auch, sie möchte darüber nachdenken, auf welche Weise ich mir das Glück verschaffen könnte, ihr von meinen Gefühlen zu sprechen. Nannetta bat ich nur, meinen Brief ihrer Freundin zu übergeben; ich würde am übernächsten Tage zu ihnen kommen und hoffte, sie werde es möglich machen können, mir eine Antwort zu übergeben. Sie richtete meinen Auftrag ganz vortrefflich aus; denn als ich zwei Tage darauf wieder meinen Besuch machte, steckte sie mir ein Briefchen zu, ohne daß jemand etwas davon merkte. Nannettas Brief enthielt von Angela, die nicht gerne schrieb, nur ein paar Zeilen; sie sagte mir nichts weiter, als daß ich nach Möglichkeit alles machen solle, was ihre Freundin mir schriebe. Nannettens Brief, den ich – wie alle anderen Briefe, die ich im Laufe meiner Geschichte anführe – aufbewahrt habe, lautete folgendem maßen: »Es gibt, Herr Abbate, nichts auf der Welt, was ich nicht für meine Freundin zu tun bereit wäre. Sie kommt jeden Freitag zu uns, ißt bei uns zu Abend und schläft bei uns. Ich schlage Ihnen ein Mittel vor, um mit unserer Tante, Frau Orio, bekannt zu werden. Sollte es Ihnen aber gelingen, in unserem Hause eingeführt zu werden, so mache ich Sie darauf aufmerksam, daß Sie sich ja nicht dürfen merken lassen, daß Sie an Angela Gefallen finden; denn unsere Tante würde es übel vermerken, wenn Sie in ihr Haus kämen, um dort ein junges Mädchen zu sehen, das nicht zu ihrer Familie gehört. Das Mittel, bei dessen Anwendung ich Ihnen nach besten Kräften behilflich sein werde, ist folgendes: Frau Orio stammt zwar aus adeliger Familie, aber sie ist nicht reich; deshalb wünscht sie in die Liste adeliger Witwen eingeschrieben zu werden, denen die Unterstützungen der Brüderschaft vom Heiligen Sakrament zuteil werden. Der Präsident dieser Brüderschaft ist Herr von Malipiero. Letzten Sonntag sagte Angela ihr, Sie ständen bei diesem Herrn in großer Gunst, und um seine Fürsprache zu erlangen, wäre das sicherste Mittel, daß Sie ihn darum bäten. Sie sagte ihr in übermütiger Laune, Sie wären verliebt in mich, Sie gingen nur darum so oft zu unserer Sticklehrerin, um mit mir sprechen zu können; ich würde Sie daher leicht dahinbringen können, sich für sie zu interessieren. Meine Tante antwortete: da Sie Priester seien, so sei ja nichts zu befürchten, und ich könnte Ihnen schreiben, Sie möchten doch einmal zu ihr kommen. Ich weigerte mich. Der Sachwalter Rosa, ein ganz intimer Freund unserer Tante, war bei dieser Unterhaltung zugegen; er gab mir vollkommen recht, indem er sagte, ich dürfe nicht an Sie schreiben, vielmehr müsse sie dies tun; sie müsse Sie bitten, ihr die Ehre zu erweisen, in einer für sie wichtigen Angelegenheit bei ihr vorzusprechen; wenn Sie mich wirklich liebten, so würden Sie ganz gewiß kommen. Infolgedessen hat meine Tante Ihnen den Brief geschrieben, den Sie in Ihrer Wohnung vorfinden werden. Wollen Sie Angela bei uns finden, so verschieben Sie Ihren Besuch bis Sonntag. Können Sie für meine Tante das Wohlwollen des Herrn von Malipiero erwerben, so werden Sie bei uns Kind im Hause werden. Sie werden mir aber verzeihen, wenn ich Sie schlecht behandle; denn ich habe gesagt, ich liebe Sie nicht. Sie werden gut tun, wenn Sie meiner Tante, die sechzig Jahre alt ist, den Hof machen. Herr Rosa wird darüber nicht eifersüchtig sein, und Sie werden sich dadurch im ganzen Hause beliebt machen. Ich werde Ihnen die Gelegenheit verschaffen, Angela zu sehen und unter vier Augen mit ihr zu sprechen; ich werde alles tun, um Sie von meiner Freundschaft zu überzeugen. Leben Sie wohl.« Ich fand diesen Plan vorzüglich ausgedacht, und da ich noch am selben Abend das Briefchen der Frau Orio empfangen hatte, so folgte ich schon am nächsten Tage, einem Sonntag, ihrer Einladung. Ich wurde ausgezeichnet empfangen; die Dame bat mich, ich möchte mich für sie interessieren, und übergab mir alle Papiere, die zum guten Gelingen der Sache erforderlich sein konnten. Ich erbot mich, bereitwillig ihr zu Diensten sein, und sprach absichtlich sehr wenig mit Angela; dafür aber richtete ich zum Schein meine Galanterien an Nannetta, die mich sehr schlecht behandelte. Ich gewann mir die Freundschaft des alten Sachwalters Rosa, der mir späterhin nützlich war. Der Erfolg von Frau Orios Bitte war für mich selber zu wichtig, als daß ich nicht dem Plan meine ganze Aufmerksamkeit hätte zuwenden sollen. Da ich den Einfluß der schönen Teresa Imer auf unseren verliebten Senator kannte und überzeugt war, der alte Herr würde glücklich sein über eine Gelegenheit, sich ihr angenehm zu erweisen, so beschloß ich, gleich am anderen Morgen zu ihr zu gehen, und ich trat in ihr Zimmer ein, ohne mich anmelden zu lassen. Ich fand sie allein mit dem Arzt Doro; dieser tat, als sei er nur von Berufs wegen bei ihr, schrieb ein Rezept, fühlte ihr den Puls und ging. Man glaubte allgemein, der Doktor sei in Teresa verliebt; Herr von Malipiero war eifersüchtig auf ihn, hatte ihr verboten, ihn zu empfangen, und sie hatte es ihm versprochen. Teresa wußte, daß ich von allen diesen Dingen unterrichtet war; mein Erscheinen mußte ihr daher sehr unangenehm sein, denn ganz gewiß wäre es ihr unerwünscht gewesen, hätte der alte Herr erfahren, daß sie ihre ihm gegebenen Versprechungen in den Wind schlug. Mir schien daher der Augenblick äußerst günstig zu sein, um von ihr alles zu erreichen, was ich nur wünschen könnte. Zunächst sagte ich ihr kurz und bündig, was mich zu ihr führte; ich verfehlte nicht, ihr zu versichern, daß sie auf meine Verschwiegenheit zählen könne, und daß ich außerstande sei, ihr zu schaden. Teresa dankte mir dafür und versicherte mir eifrig, es wäre ihr sehr angenehm, mir gefällig sein zu können. Nachdem sie sich die Papiere der Dame, für die ich mich interessierte, hatte geben lassen, zeigte sie mir die Zeugnisse einer anderen Dame, zu deren Gunsten zu sprechen sie bereits zugesagt habe; sie verspreche mir jedoch diese Dame der von mir beschützten aufzuopfern. Sie hielt Wort, denn schon am übernächsten Tage war ich im Besitz der Verfügung, die von Seiner Erzellenz als Vorsitzenden der Brüderschaft unterzeichnet war. Frau Orio wurde zunächst, bis sich etwas Besseres fände, für die Unterstützungen eingeschrieben, die zweimal jährlich durch das Los verteilt wurden. Nannetta und ihre Schwester Martina waren Waisen, Schwestertöchter der Frau Orio. Das ganze Vermögen der guten Dame bestand nur aus dem Hause, worin sie wohnte und dessen erstes Stockwerk sie vermietete, und aus einem Jahrgeld, das ihr Bruder, Sekretär des Rates der Zehn, ihr ausgesetzt hatte. Sie hatte nur ihre beiden reizenden Nichten bei sich, von denen die ältere sechzehn, die jüngere fünfzehn Jahre alt war. Anstatt eines Dienstboten hatte sie nur eine alte Frau, die für einen Taler monatlich jeden Tag Wasser holte und das Haus in Ordnung brachte. Der Sachwalter Rosa war ihr einziger Freund; er war wie sie sechzig Jahre alt und wartete, um sie zu heiraten, nur auf den Augenblick, wo er Witwer sein würde. Die beiden Schwestern schliefen zusammen im dritten Stock in einem breiten Bett, das Angela an allen Festtagen als dritte teilte. Sobald ich im Besitz der von Frau Orio gewünschten Urkunde war, beeilte ich mich, der Sticklehrerin einen Besuch zu machen, um Nannetta ein Briefchen zuzustecken, worin ich ihr den glücklichen Erfolg meiner Bemühungen mitteilte und ihr sagte, ich würde am übernächsten Tage, einem Feiertage, ihrer Tante das Dekret meines Senators übergeben; ich vergaß nicht, sie aufs dringendste zu bitten, mir ein Stelldichein mit meiner Schönen zu ermöglichen. Am bestimmten Tage hatte Nannetta schon auf mich gewartet; sie steckte mir geschickt ein Briefchen zu, wobei sie mir sagte, ich möchte es aus alle Fälle lesen, bevor ich das Haus verließe. Ich trat ein und sah in Frau Orios Gesellschaft Angela, den alten Sachwalter und Martina. Da es mich drängte, meinen Brief zu lesen, schlug ich den mir angebotenen Stuhl aus, übergab Frau Orio die Urkunde und erbat mir als einzigen Lohn die Erlaubnis, ihr die Hand küssen zu dürfen, da ich keine Zeit hätte und unverzüglich wieder gehen müßte. »O, mein lieber Abbate,« sagte die Dame zu nur, »Sie werden mich umarmen, und darüber wird niemand etwas sagen können, denn ich bin ja dreißig Jahre älter als Sie!« Sie hätte, ohne sich zu irren, auch fünfundvierzig sagen können. – Ich gab ihr zwei Küsse, von denen sie ohne Zweifel befriedigt war, denn sie sagte mir, ich möchte auch ihre beiden Nichten umarmen; diese aber ergriffen die Flucht, und nur Angela hielt meiner Kühnheit stand. Hierauf lud die Witwe mich ein, Platz zu nehmen. »Ich kann es nicht, gnädige Frau.« »Warum denn nicht, bitte?« »Ich habe ...« »Ich verstehe. Nannetta, zeige dem Herrn Abbate ...« »Liebe Tante, erlassen Sie nur das, bitte!« »So geh du, Martina.« »Liebe Tante, lassen Sie mich, mag doch meine ältere Schwester tun, was Sie ihr gesagt haben.« »Gnädige Frau,« sage ich, »die jungen Damen hahen vollkommen recht. Ich gehe.« »Nein, Herr Abbate, meine Nichten sind mir recht dumme Gänschen; Herr Rosa wird die Güte haben.« Der gute Sachwalter nimmt mich freundlich bei der Hand und führt mich nach dem dritten Stock, wo er mich allein läßt. Sowie ich ungestört bin, lese ich folgendes Briefchen: »Meine Tante wird Sie zum Abendessen bitten; nehmen Sie nicht an! Entfernen Sie sich, sobald wir uns zu Tische setzen; Martina wird Ihnen bis an die Straßentür leuchten, aber gehen Sie nicht hinaus. Sobald die Tür wieder geschlossen ist, werden alle glauben, daß Sie fort seien; dann steigen Sie leise bis zum dritten Stock hinauf und warten dort auf uns. Wir kommen, sobald Herr Rosa fortgegangen ist und unsere Tante sich zu Bett gelegt hat. Es kommt dann nur auf Angela an, Ihnen die ganze Nacht ein Stelldichein zu gewähren, von dem ich hoffe, daß es Sie sehr glücklich machen wird.« Welche Freude! Wie dankbar war ich dem Zufall, der es veranstaltete, daß ich diesen Brief an demselben Ort las, wo ich den Gegenstand meiner Liebe erwarten sollte! Ich war sicher, mich ohne die geringste Schwierigkeit zurechtzufinden und begab mich, ganz voll von meinem Glück, wieder zu Frau Orio hinunter. Als ich wieder im Salon war, dankte Frau Orio mir tausendmal und sagte mir, in Zukunft müsse ich mir alle Rechte eines Hausfreundes zunutze machen; hierauf verbrachten wir vier Stunden mit Lachen und Scherzen. Als es Zeit zum Abendessen war, brachte ich so geschickte Entschuldigungen hervor, daß Frau Orio sie gelten lassen mußte. Martina nahm die Lampe, um mir hinunter zu leuchten; die Tante aber gab in dem Glauben, daß Nannetta die von mir bevorzugte sei, dieser so energischen Befehl mich zu begleiten, daß sie gehorchen mußte. Schnell läuft sie die Treppe hinunter, öffnet die Tür, schlägt sie geräufchvoll wieder zu, bläst die Lampe aus und geht wieder hinauf, mich im Dunkel lassend. Leise steige ich die Treppen hinauf bis zum dritten Stock, gehe in das Zimmer der jungen Damen, setze mich auf ein Sofa und erwarte die glückliche Schäferstunde. So verweilte ich ungefähr eine Stunde in den süßesten Träumereien; endlich hörte ich die Haustür sich öffnen und wieder schließen, und einige Minuten später sah ich die beiden Schwestern und meine Angela eintreten. Ich zog sie an mich, und alles andere außer ihr vergessend, sprach ich mit ihr zwei volle Stunden lang. Es schlägt Mitternacht; die jungen Mädchen bedauern mich, daß ich nicht zu Abend gegessen hätte; aber ihr Mitleid erscheint mir als eine Beleidigung – ich antworte, im Schoß des Glückes könne ich mich von keinem Bedürfnis belästigt fühlen. Sie sagen mir, ich sei Gefangener; der Hausschlüssel liege unter dem Kopfkissen der Tante, die die Tür erst öffne, wenn sie zur Frühmesse gehe. Ich zeige mich erstaunt, daß sie glauben können, dies sei eine schlechte Nachricht für mich; ich sei im Gegenteil froh darüber, daß ich fünf Stunden vor mir habe und sicher bin, diese mit meinem angebeteten Mädchen zu verbringen. Eine Stunde später fängt Nannetta an zu lachen; Angela will den Grund wissen; Martina sagt ihr etwas ins Ohr und fängt dann ebenfalls an zu lachen. Ich werde neugierig und wünsche nun auch die Ursache ihrer Heiterkeit zu erfahren; endlich sagt mir Nannetta mit scheinbar trauriger Miene, sie hätten keine andere Kerze und in wenigen Augenblicken würden wir im Dunkeln sein. Diese Nachricht erfüllt mich mit Entzücken; aber ich verberge dieses und sage ihnen, es tue mir ihretwegen leid. Ich schlage ihnen vor, sie möchten sich ruhig zu Bett legen und schlafen; sie könnten sich darauf verlassen, daß ich sie achten würde. Uber diesen Vorschlag lachten sie nur. »Was sollen wir denn im Dunkeln machen?« »Wir werden plaudern.« Wir waren selbviert; drei Stunden dauerte nun schon unser Gcspräch, und ich war der Held des Stückes. Die Liebe ist ein großer Dichter: ihr Stoff ist unerschöpfbar; aber wenn sie das Ziel, auf das sie es abgesehen hat, niemals herankommen sieht, wird sie müde und verstummt. Meine Angela hörte mir zu; aber da sie überhaupt wortkarg war, antwortete sie mir nur selten, und in ihren Antworten war mehr gesunder Menschenverstand als Geist. Um meine Beweisgründe zu widerlegen, warf sie mir oft nur ein Sprichwort hin – wie die alten Römer mit ihren Katapulten schossen. Sie beugte sich zurück oder stieß mit der unangenehmsten Sanftmut meine Arme und Hände zurück, so oft meine Liebe diese zu Hilfe rief. Trotz alledem sprach und gestikulierte ich immer weiter, ohne den Mut zu verlieren; aber ich war in Verzweiflung, als ich bemerkte, daß meine allzu scharfsinnigen Argumente sie nur betäubten, anstatt sie zu überzeugen; daß sie wohl ihr Herz ein wenig erschütterten, es aber nicht zu erweichen vermochten. Andererseits war ich ganz erstaunt, den Gesichtern der beiden Schwestern anzusehen, daß meine auf Angela abgeschossenen Pfeile sie getroffen hatten. Diese metaphysische Kurve erschien mir widernatürlich zu sein; es hätte ein Winkel sein müssen. Unglücklicherweise studierte ich damals Geometrie. Die Situation ergriff mich dermaßen, daß ich trotz der kalten Jahreszeit große Tropfen schwitzte. Endlich war die Kerze dem Verlöschen nahe, und Nannetta stand auf, um sie hinauszutragen. Sobald es dunkel war, streckte ich natürlich die Arme aus, um den Gegenstand zu erfassen, nach dem meine Seele verlangte; als ich aber nichts fand, lachte ich darüber, daß Angela rechtzeitig den Augenblick benutzt hatte, um sich von mir nicht überraschen zu lassen. Eine Stunde lang sagte ich ihr, damit sie sich wieder zu mir setzte, alles mögliche Lustige und Zärtliche, was die Liebe mir einflößen konnte. Es schien mir unmöglich zu sein, daß ihr Benehmen nicht ein bloßer Scherz wäre. Endlich aber mischte die Ungeduld sich hinein, und ich rief aus: »Der Spaß dauert zu lang! Er ist unnatürlich, denn ich kann Ihnen nicht nachlaufen; es wundert mich, daß ich Sie nicht lachen höre; denn wenn Sie sich so sonderbar benehmen, kann ich nur annehmen, daß Sie sich über mich lustig machen. Also setzen Sie sich, und da ich mit Ihnen sprechen muß, ohne Sie zu sehen, so gestatten Sie mir, mit meinen Händen mich zu überzeugen, daß ich nicht mit der Luft spreche. Sie müssen fühlen, daß Sie mich beschimpfen, wenn Sie sich über mich lustig machen; und die Liebe, glaube ich, darf nicht durch Beschimpfungen auf die Probe gestellt werden.« »Nun, beruhigen Sie sich nur! Ich höre alles und verliere kein Wort von dem, was Sie sagen; aber Sie müssen fühlen, daß ich anständigerweise in dieser Dunkelheit mich nicht neben Sie setzen kann« »Sie verlangen also, daß ich bis Tagesanbruch hier so sitzen soll?« »Legen Sie sich auf das Bett und schlafen Sie.« »Ich bewundere Sie, daß Sie das für möglich halten und glauben, daß es sich mit meiner Glut verträgt. Wissen Sie was? Ich will lieber annehmen, daß wir Blindekuh spielen!« Ich sprang auf und begann die Kreuz und Quer im Zimmer sie zu suchen, aber immer vergeblich. Wenn ich jemanden faßte, war es immer Nannetta oder Martina, die sich stets sofort zu erkennen gaben; und augenblicklich ließ ich dummer Don Quijote sie los. Aus Liebe und Vorurteil fühlte ich nicht, wie lächerlich dieser Respekt war. Die Anekdoten vom französischen König Ludwig dem Dreizehnten hatte ich noch nicht gelesen; aber ich hatte Boccaccio gelesen. Ich suchte Angela immer weiter, indem ich ihr Härte vorwarf und ihr vorstellte, sie müßte sich doch endlich einmal finden lassen; aber sie antwortete mir, es sei natürlich für sie ebenso schwierig, mich zu finden. Das Zimmer war nicht groß, und ich war wütend, daß ich sie nicht erwischen konnte. Ich war nicht gerade müde, aber es langweilte mich; ich setzte mich hin und erzählte eine Stunde lang die Geschichte von Ruggiero, dem seine Angelica entschwand, als der verliebte Ritter in allzu großen Einfalt ihr den Zauberring gegeben hatte: Cosi dicendo, intorno alla fortuna, Brancolando n'andava come cieco. O quante volte abbraccio l'aria vana Sperando la donzella abbracciar seco! Sprach's. Und das Glück sucht' er die Kreuz und Quere, Und schwankend tappte er gleich einem Blinden; Wie oft umarmte er die Luft, die leere, Und stand im Wahn, die schöne Maid zu finden! Angela kannte Ariost nicht, aber Nannetta hatte ihn mehrere Male gelesen. Sie ergriff die Verteidigung Angelicas und sagte, schuld habe nur die Einfalt Ruggieros; wenn er vernünftig gewesen wäre, hätte er niemals der Koketten den Ring anvertrauen dürfen. Nannetta entzückte mich; aber ich war noch zu sehr Neuling, um die Betrachtungen anzustellen, die mich hätten zur Besinnung bringen müssen. Ich hatte nur noch eine einzige Stunde vor mir, denn wir durften nicht warten, bis es Tag wurde; Frau Orio wäre lieber gestorben, als daß sie die Messe versäumt hätte. Ich brachte also diese letzte Stunde damit zu, ganz allein mit Angela zu sprechen, um sie zu überreden, ja zu überzeugen, daß sie sich zu mir setzen müßte. Meine Seele machte alle Grade der Höllenqual durch; der Leser wird sich von meinem Zustande keinen Begriff machen können, wenn er sich nicht selber im gleichen Fall befunden hat. Nachdem ich die überzeugendsten Gründe erschöpft hatte, ging ich zu Bitten über und endlich zu Tränen; als ich aber sah, daß alles unnütz war, da bemächtigte sich meiner jene edle Entrüstung, die den Zorn adelt. Ich hätte schließlich das stolze Ungeheuer, das mich fünf Stunden lang in der furchtbarsten Qual schmachten lassen konnte, schlagen mögen, wenn ich nicht im Dunkeln gewesen wäre. Ich sagte ihr alle Beleidigungen, die verschmähte Liebe einem zornigen Geist eingeben kann. Ich schmetterte sie mit sanatischen Verwünschungen zu Boden; ich schwor ihr, alle meine Liebe habe sich in Haß verwandelt, und zum Schluß sagte ich ihr, sie möchte sich vor mir in acht nehmen, denn ich würde sie ermorden, sobald sie mir vor die Augen käme. Mit der Dunkelheit hörten auch meine zornigen Reden auf. Als die ersten Strahlen der Morgensonne erschienen, klirrten der große Schlüssel und der Riegel der Haustür: Frau Orio öffnete die Tür, um wie jeden Tag in der Messe ihrer Seele die Ruhe zu schaffen, deren sie bedurfte. Da nahm ich Mantel und Hut, um zu gehen. Aber wie soll ich die Bestürzung schildern, die meine Seele erfaßte, als ich den Blick über die drei jungen Mädchen schweifen ließ und sie in Tränen zerfließen sah! Vor Scham und Verzweiflung außer mir, verspürte ich einen Augenblick Lust, mich selbst umzubringen; ich setzte mich wieder hin und warf mir meine Roheit vor, mit der ich die drei reizenden Mädchen zum Weinen gebracht hatte. Es war mir unmöglich ein Wort herauszubringen, das Gefühl erstickte mich; da kamen mir die Tränen zu Hilfe, und ich überließ mich ihnen mit Wonne. Nannetta sagte mir endlich, ihre Tante würde gleich zurückkommen; da trocknete ich meine Augen und eilte hinaus, ohne sie anzusehen und ohne ihnen ein Wort zu sagen. Ich legte mich zu Bett, konnte aber nicht Schlafen. Mittags fragte mich Herr von Malpiero, als er mich außerordentlich verändert sah, nach der Ursache; und da ich das Bedürfnis hatte, mein Herz zu erleichtern, sagte ich ihm alles. Der weise alte Herr lachte nicht, sondern goß mir durch vernünftige Betrachtungen Balsam in die Seele. Er sah sich mit seiner grausamen Teresa in demselben Falle wie ich. Bei Tisch mußte er doch lachen, als er mich die Speisen hinunterschlingen sah. Ich hatte nicht zu Abend gegessen, er beglückwünschte mich wegen meiner gesunden Konstitution. Da ich entschlossen war, nicht mehr zu Frau Orio zu gehen, beschädigte ich mich die nächsten Tage mit der Verteidigung eines metaphysischen Streitsatzes: ich behauptete, etwas, von dem man sich nur einen abstrakten Begriff machen könne, könne nur in der Theorie eristieren. Ich hatte recht; aber es war nicht schwer, meiner These eine Wendung zu geben, daß sie einen Anschein von Gottlosigkeit gewann, und ich wurde verurteilt, sie zu widerrufen. Einige Tage darauf begab ich mich nach Padua, wo ich zum Doctor utriusque juris promovierte. Nach Venedig zurückgekehrt, erhielt ich einen Brief von Herrn Rosa; er bat mich namens der Frau Orio, sie zu besuchen. Da ich sicher war, Angela nicht bei ihnen zu finden, ging ich am selben Abend hin, und die beiden liebenswürdigen Schwestern verscheuchten durch ihre Fröhlichkeit die Scham, die ich empfand, nach zwei Monaten wieder vor ihnen zu erscheinen. Meine These und mein Doktorexamen mußten als Entschuldigungen bei Frau Orio gelten, die mir nichts anderes vorzuwerfen hatte, als daß ich sie nicht mehr besuchte. Als ich fortging, übergab Nannetta mir einen Brief, der einen anderen von Angela enthielt; er lautete: »Wenn Sie den Mut haben noch eine Nacht mit mir zu verbringen, werden Sie sich nicht zu beklagen haben; denn ich liebe Sie und wünsche aus Ihrem eigenen Munde zu erfahren, ob Sie mich noch weiterhin geliebt haben würden, wenn ich eingewilligt hätte, mich verächtlich zu machen.« Der Brief Nannettas, die von den Mädchen die einzige war, die Geist hatte, lautete folgendermaßen: »Da Herr Rosa sich erboten hat, Sie zu einem neuen Besuch bei uns zu veranlassen, so halte ich diesen Brief bereit, um Ihnen mitzuteilen, daß Angela über Ihren Verlust in Verzweiflung ist. Ich gebe zu, daß die Nacht, die Sie mit uns verbrachten, grausam war; aber mir scheint, Sie hätten deshalb doch nicht den Entschluß fassen dürfen, nicht mehr zu uns zu kommen; zum mindesten hätten Sie Frau Orio besuchen können. Wenn Sie Angela noch lieben, so rate ich Ihnen: riskieren Sie noch eine Nacht. Vielleicht wird sie sich rechtfertigen, und die Sache wird zu Ihrer Zufriedenheit enden. Also kommen Sie! Leben Sie wohl.« Diese beiden Briefe erfreuten mich, denn sie eröffneten mir die angenehme Aussicht, mich an Angela durch die kälteste Verachtung rächen zu können. Am nächsten Festtage begab ich mich daher zu den Damen, mit zwei Flaschen Cyperwein und einer geräucherten Zunge in der Tasche; zu meiner großen Überraschung fand ich jedoch meine Grausame nicht anwesend. Nannetta brachte geschickt das Gespräch auf sie und sagte mir, Angela habe am Morgen in der Kirche zu ihr gesagt, sie könne erst zum Abendessen kommen. Hierauf rechnend, nahm ich Frau Orios Einladung zum Essen nicht an, sondern entfernte mich wie das erstemal, kurz bevor sie sich zu Tisch setzten, und begab mich nach dem verabredeten Ort. Ich konnte es kaum erwarten, die Rolle zu spielen, die ich mir genau überlegt hatte; denn ich war überzeugt, daß Angela, selbst wenn sie sich zu einem anderen Verhalten entschlossen hätte, mir doch nur leichte Gunstbezeigungen gewähren würde, und solche wollte ich nicht mehr; ich fühlte mich nur noch von einem heftigen Verlangen nach Rache beherrscht. Dreiviertel Stunden später höre ich die Haustür verschließen, und bald sehe ich Nannetta und Martina vor mir erscheinen. »Wo ist denn Angela?« fragte ich Nannetta. »Sie muß verhindert worden sein zu kommen, ja sogar uns Mitteilung zu machen. Und doch muß sie überzeugt sein, daß Sie hier sind.« »Sie glaubt mich angeführt zu haben; und ich war allerdings hierauf nicht gefaßt. Übrigens kennen Sie sie jetzt. Sie macht sich über mich lustig; sie triumphiert. Sie hat sich Ihrer bedient, um mich in die Falle zu locken. Und dazu kann sie sich gratulieren; denn wäre sie gekommen, so hätte ich mich über sie lustig gemacht.« »Oh! Daran gestatten Sie mir doch zu zweifeln!« »Zweifeln Sie nicht daran, schöne Nannetta! Sie werden davon überzeugt werden durch die angenehme Nacht, die wir ohne sie verbringen werden.« »Das kann ich sagen, daß Sie als geistvoller Mann sich mit einem Mißgeschick abzufinden wissen; aber Sie werden sich hier ins Bett legen und wir beide schlafen auf dem Kanapee im Nebenzimmer.« »Daran werde ich Sie nicht hindern; aber wenn Sie das täten, würden Sie mir einen sehr häßlichen Streich spielen. Übrigens werde ich mich nicht zu Bett legen.« »Wie? Sie würden es über sich gewinnen, sieben Stunden mit uns allein zu verbringen? Ich bin überzeugt: wenn Sie nichts mehr zu sagen wissen, werden Sie einschlafen.« »Das werden wir sehen. Einstweilen will ich mein Essen auspacken. Würden Sie so grausam sein, mich allein essen zu lassen? Haben Sie Brot?« »Ja, und wir werden nicht grausam sein; wir werden zum zweitenmal mit Ihnen zu Abend essen.« »In Sie hätte ich mich verlieben müssen! Sagen Sie mir, schöne Nannetta, wenn ich in Sie so verliebt wäre wie in Angela, würden Sie mich unglücklich machen wie diese?« »Glauben Sie wirklich, daß eine solche Frage zulässig sei? Nur ein Geck kann sie stellen. Ich kann Ihnen weiter nichts sagen als: ich weiß nichts davon.« Schnell legten sie drei Gedecke auf und brachten mit fröhlichem Lachen Brot, Parmesankäse und Wasser. Dann gingen sie ans Werk. Der Cyperwein, an den sie nicht gewöhnt waren, stieg ihnen zu Kopf, und ihre Lustigkeit wurde entzückend. Wie ich sie so sah, war ich erstaunt, daß ich ihre Vorzüge nicht früher zu würdigen gewußt hatte. Nach unserem köstlichen kleinen Abendessen setzte ich mich zwischen die beiden, ergriff ihre Hände, die ich an die Lippen führte, und fragte sie, ob sie meine wahren Freundinnen seien und ob sie nicht die unwürdige Art und Weise mißbilligten, wie Angela mich behandelt hätte. Sie antworteten mir wie aus einem Munde, sie hätten meinetwegen Tränen vergossen. »So gestatten Sie denn,« rief ich aus, »daß ich Ihnen die Zärtlichkeit eines Bruders entgegenbringe, und teilen Sie sie, wie wenn Sie meine Schwestern wären; geben wir uns in der Unschuld unserer Herzen Pfänder dafür und schwören wir uns ewige Treue!« Der erste Kuß, den ich ihnen gab, war frei von verliebtem Gefühl und von jedem Wunsch, sie zu verführen; die beiden Mädchen versicherten mir einige Tage später, sie hätten meine Küsse nur erwidert, um mich zu überzeugen, daß sie meine ehrenwerten brüderlichen Gefühle teilten; aber diese unschuldigen Küsse entzündeten sehr bald in uns eine Feuersbrunst, über die wir sehr erstaunt sein mußten; denn einige Augenblicke später hielten wir inne und sahen uns ganz überrascht und mit sehr ernsten Gesichtern an. Beide Mädchen standen in ungezwungener Weise auf, und ich befand mich mit meinen Gedanken allein. Es war kein Wunder, daß diese Küsse in meiner Seele ein Feuer entzündet hatten und daß die Glut, die durch meine Adern rollte, mich plötzlich mit leidenschaftlicher Liebe zu den reizenden jungen Mädchen erfüllte. Sie waren beide hübscher als Angela, und Nannetta war ihr an Klugheit, Martina an sanftem und naivem Charakter weit überlegen. Ich war ganz überrascht, daß ich ihre vortrefflichen Eigenschaften nicht früher gewürdigt hatte; da aber die jungen Damen aus adeliger und sehr anständiger Familie waren, so durfte der Zufall, der sie in meine Arme geführt hatte, ihnen nicht verhängnisvoll werden. Ich war nicht so eitel, zu glauben, daß sie mich liebten; aber ich konnte annehmen, daß meine Küsse auf sie dieselbe Wirkung gehabt hatten, wie die ihrigen auf mich. Indem ich hierüber nachdachte, sah ich klar und deutlich, daß ich mit List und Hilfe von Kunstgriffen, deren Tragweite sie nicht kennen konnten, im Laufe der langen Nacht, die ich mit ihnen verbringen sollte, sie leicht zu Gefälligkeiten bewegen könnte, deren Folgen möglicherweise sehr bedeutsam wären. Dieser Gedanke erfüllte mich mit Entsetzen, und ich machte es mir zum strengen Gesetz, ihre Unschuld zu schonen; daß ich die Kraft haben würde, meinem Vorsatz getreu zu bleiben, daran zweifelte ich nicht. Als sie wieder erschienen, sah ich auf ihren Gesichtern den Ausdruck der Sicherheit und Zufriedenheit, und ich nahm schnell dieselbe Miene an, fest entschlossen, mich der Gefahr ihrer glühenden Küsse nicht mehr auszusetzen. Wir verbrachten eine Stunde damit, von Angela zu sprechen, und ich sagte ihnen, ich fühlte mich entschlossen, sie nicht mehr zu sehen, denn ich sei überzeugt, daß sie mich nicht liebe. »Sie liebt Sie,« sagt mir die naive Martina, »dessen bin ich sicher. Aber wenn Sie nicht die Absicht haben, sie zu heiraten, so werden Sie gut tun, gänzlich mit ihr zu brechen; denn sie ist entschlossen, Ihnen nicht einmal einen einzigen Kuß zu bewilligen, solange Sie nur ihr Liebhaber sind; Sie müssen sich also entschließen, sie aufzugeben, oder Sie müssen darauf gefaßt sein, daß sie Ihnen nicht im geringsten entgegenkommen wird.« »Sie sprechen wie ein Engel; aber wie können Sie so bestimmt wissen, daß sie mich liebt?« »Dies weiß ich ganz bestimmt; und da wir uns geschwisterliche Freundschaft versprochen haben, so kann ich Ihnen auch sagen warum: Wenn Angela bei uns schläft, umarmt sie mich zärtlich und nennt mich ihren lieben Abbate.« Bei diefen Worten lachte Nannetta laut auf und legte ihr die Hand auf den Mund. Aber dieses naive Geständnis regte mich so auf, daß ich große Mühe hatte, mich zu beherrschen. Martina sagte zu Nannetta, da ich doch so sehr klug wäre, so könnte es mir unmöglich unbekannt sein, wie es unter jungen Mädchen zuginge, die zusammen schliefen. »Natürlich«, beeile ich mich zu sagen, »sind diese kleinen Scherze jedermann bekannt, und ich glaube nicht, meine liebe Nannetta, daß Sie dieses freundschaftliche Eingeständnis Ihrer Schwester zu indiskret gefunden haben.« »Es ist einmal geschehen; aber solche Sachen sagt man nicht. Wenn Angela es wüßte ...!« »Sie würde in Verzweiflung sein; aber Martina hat mir damit einen solchen Freundschaftsbeweis geliefert, daß ich ihr bis an mein Lebensende dankbar dafür sein werde. Ubrigens ist die Sache erledigt. Ich verabscheue Angela und werde kein Wort mehr mit ihr reden. Sie ist eine falsche Person; sie will mich nur zugrunde richten.« »Aber wenn sie Sie liebt, hat sie nicht unrecht, daß sie von Ihnen geheiratet sein will.« »Zugegeben; aber sie denkt nur an sich selber; denn da sie weiß, was ich leide – könnte sie wohl so handeln, wenn sie mich um meiner selbst willen liebte? Unterdessen liefert ihre Phantasie ihr die Mittel, ihre Begierden mit unserer reizenden Martina zu beschwichtigen, die so freundlich ist, bei ihr Gattenstelle zu vertreten!« Über diese Worte lachte Nannetta noch herzlicher; ich blieb aber ernst und sprach noch eine Weile zu ihrer Schwester immer in demselben Ton, wobei ich ihrer Aufrichtigkeit das höchste Lob zollte. Zuletzt sagte ich ihr, ohne Zweifel müßte Angela in Erwiderung ihrer Gefälligkeit auch ihr als Gatte dienen; aber sie antwortete lachend, Angela sei nur Nannettens Mann, und Nannetta mußte dies zugeben. »Aber wie nennt denn,« fragte ich von neuem, »Nannetta in ihren Liebesverzückungen ihren Mann?« »Das weiß kein Mensch.« »Sie lieben also einen, Nannetta?« »Das ist wahr; aber niemand wird mein Geheimnis je erfahren.« Diese Zurückhaltung brachte mich auf den Gedanken, daß das süße Geheimnis möglicherweise etwas mit meiner eigenen Person zu tun haben könnte und daß vielleicht Nannetta eine Nebenbuhlerin Angelas wäre. Durch unsere anziehende Unterhaltung bekam ich allmählich Lust, mit zwei so reizenden Mädchen, die zur Liebe geschaffen waren, die Nacht nicht müßig zu verbringen. »Ich bin recht glücklich,« sagte ich zu ihnen, »daß ich für Sie nur freundschaftliche Gefühle empfinde, denn sonst würde ich in großer Verlegenheit sein, wie ich mit Ihnen die Nacht verbringen wollte, ohne in Versuchung zu geraten, Ihnen Beweise meiner Zärtlichkeit zu liefern und von Ihnen solche zu empfangen; denn Sie sind alle beide entzückend hübsch und ganz danach angetan, jedem Manne den Kopf zu verdrehen, den Sie instand setzen, Sie genauer kennenzulernen.« Während ich in ähnlichem Sinne noch weiter sprach, tat ich, als bekäme ich Lust zu schlafen. Nannetta bemerkte es zuerst und sagte mir: »Machen Sie nur keine Umstände; legen Sie sich zu Bett. Wir gehen ins andere Zimmer und schlafen auf dem Kanapee.« »Ich würde mir selber als ein ganz erbärmlicher Mensch vorkommen, wenn ich das täte. Wir wollen weiter plaudern; meine Müdigkeit wird vorübergehen. Es tut mir nur um Ihretwegen leid. Legen Sie sich ins Bett, meine reizenden Freundinnen; ich werde ins Nebenzimmer gehen. Wenn Sie Angst vor mir haben, so schließen Sie sich ein; aber Sie würden mir unrecht tun, denn ich liebe Sie nur aus brüderlichem Herzen.« »Das werden wir niemals tun!« rief Nannetta. »Aber lassen Sie sich überreden: schlafen Sie hier!« »In meinen Kleidern kann ich nicht schlafen.« »So ziehn Sie sich doch aus! Wir werden nicht hinsehen.« »Davor habe ich keine Angst; aber ich könnte niemals einschlafen, wenn ich sähe, daß Sie um meinetwillen wachen müßten.« »Wir werden uns ebenfalls ins Bett legen,« sagte Martina, »aber ohne uns auszuziehen.« »Das ist ein Mißtrauen, das eine Beleidigung für meine Ehrenhaftigkeit enthält. Sagen Sie mir, Nannetta, ob Sie mich für einen ehrenhaften Menschen halten?« »Ja, gewiß!« »Schön; aber Sie müssen mich davon überzeugen. Legen Sie sich daher entkleidet neben mich und rechnen Sie auf mein Ehrwort, daß ich Sie nicht berühren werde. Übrigens sind Sie zwei gegen einen; was können Sie fürchten? Stände es Ihnen nicht frei, das Bett zu verlassen, sobald ich unartig werden sollte? Kurz und gut, wenn Sie nicht einwilligen, mir diesen Vertrauensbeweis zu geben, wenigstens sobald Sie mich eingeschlafen sehen, so werde ich mich nicht ins Bett legen.« Hierauf schwieg ich und tat, als ob ich einschliefe. Nachdem Sie sich einen Augenblick leise besprochen hatten, sagte Martina mir, ich möchte nur zu Bett gehen; sie würden mir folgen, sobald sie mich eingeschlafen sähen. Nachdem auch Nannetta dieses Versprechen mir bestätigt hatte, wandte ich ihnen den Rücken zu, kleidete mich aus und legte mich ins Bett, nachdem ich ihnen gute Nacht gewünscht hatte. Sobald ich im Bette lag, tat ich, als ob ich einschliefe; bald aber überfiel mich der Schlaf wirklich, und ich wachte erst auf, als sie sich zu mir legten. Ich legte mich auf die andere Seite, wie wenn ich wieder einschlafen wollte, und blieb ruhig liegen, bis ich annehmen konnte, daß sie eingeschlafen wären; und wenn sie noch nicht eingeschlafen waren, so konnten sie doch so tun. Sie hatten mir den Rücken zugedreht und das Licht war ausgeblasen; ich ging also aufs Geratewohl vor und wandte mich mit meinen ersten Huldigungen an die, die mir zur Rechten lag, ohne zu wissen, ob es Nannetta oder Martina war. Ich fand sie zusammen gekauert und in das Hemd eingewickelt, das sie allein anbehalten hatte. Ohne Gewalt anzuwenden und ihre Schamhaftigkeit schonend, brachte ich sie allmählich so weit, daß sie sich für besiegt erklären mußte und nichts Besseres tun konnte, als mich gewähren zu lassen und sich schlafend zu stellen. Bald wirkte auch die Natur in ihr und unterstützte mich; ich gelangte zum Ziel. Meine Anstrengungen waren von vollem Erfolge gekrönt, und es blieb mir kein Zweifel, daß ich die Erstlinge erhalten hatte, auf die wir vielleicht nur aus Vorurteil so hohen Wert legen. Entzückt, einen Genuß gekostet zu haben, den ich in vollem Umfange selber jetzt zum erstenmal kennengelernt hatte, verließ ich leise meine Schöne, um der anderen einen neuen Tribut meiner Liebesglut darzubringen. Ich fand sie unbeweglich auf den Rücken liegen, in der Stellung einer Person, die in einen tiefen, ruhigen Schlaf versunken ist. Vorsichtig mich ihr nähernd, wie wenn ich sie aufzuwecken fürchtete, begann ich zunächst ihren Sinnen zu schmeicheln, wobei ich mich überzeugte, daß sie ebenso unberührt war, wie ihre Schwester. Sobald ich aber an einer unwillkürlichen Bewegung gemerkt hatte, daß der Liebesgott die Gabe anzunehmen bereit war, begann ich das Opfer zu vollziehen. Da gab sie plötzlich dem lebhaften Gefühl nach, das sie erregte; wie wenn sie es müde wäre, noch weiter Komödie zu spielen, schloß sie mich im Augenblick der Krise eng in ihre Arme, bedeckte mich mit Küssen, erwiderte meine Ekstase mit gleichen Verzückungen, und die Liebe verschmolz unsere Seelen in gleicher Wollust. An diesen Zeichen glaubte ich Nannetta zu erkennen; ich sagte es ihr. »Ja, ich bin's!« sagte sie; »und ich erkläre mich und meine Schwester für glücklich, wenn du ehrenhaft und treu bist.« »Bis in den Tod, meine Engel! Und da alles, was wir getan haben, das Werk der Liebe ist, so sei unter uns von Angela nicht mehr die Rede!« Ich bat sie dann aufzustehen und Kerzen anzuzünden; aber Martina sprang dienstwillig sofort aus dem Bett und ließ uns beisammen liegen. Als ich Nannetta, vom Feuer der Liebe beseelt, in meinen Armen hielt, während Martina, eine Kerze in der Hand, vor uns stand und mit ihren Blicken uns der Undankbarkeit zu bezichtigen schien, weil wir ihr nichts sagten, während sie doch zuerst sich meinen Liebkosungen ergeben und dadurch ihre Schwester ermutigt hatte, es ihr nachzutun – da fühlte ich mein ganzes Glück. »Stehen wir auf, meine Freundinnen,« rief ich aus, »und schwören wir uns ewige Freundschaft!« Sobald wir aufgestanden waren, machten wir uns gegenseitig Abwaschungen, über die sie herzlich lachten, und bei denen unsere Begierden sich erneuerten; dann aßen wir im Kostüm des goldenen Zeitalters, was wir von unserer Abendmahlzeit übriggelassen hatten. Nachdem wir uns hunderterlei gesagt hatten, was nur die Liebe in der Trunkenheit der Sinne verdolmetschen darf, legten wir uns wieder zu Bett, und die köstlichste Nacht verging in gegenseitigen Bezeugungen unserer Glut. Nannetta empfing den letzten Beweis meiner Zärtlichkeit; denn da Frau Orio bereits in die Messe gegangen war, mußte ich meinen Abschied beschleunigen; ich gab ihnen noch einmal die Versicherung, daß sie in meinem Herzen alle Gefühle für Angela ausgelöscht hätten. In meiner Wohnung angekommen, legte ich mich zu Bett und tat den süßesten Schlaf, bis es Zeit zum Mittagessen war. Herr von Malipiero sah an mir ein fröhliches Gesicht und müde Augen; ich war aber verschwiegen, sagte ihm nichts und ließ ihn sich denken, was er wollte. Zwei Tage darauf machte ich einen Besuch bei Frau Orio; und da Angela nicht da war, blieb ich zum Abendessen und ging zusammen mit Herrn Rosa fort. Während meines Besuches fand Nannetta Gelegenheit, mir einen Brief und ein Päckchen zuzustecken. Das Päckchen enthielt ein Stück Wachs mit dem Abdruck eines Schlüssels, und in dem Briefe stand, ich solle den Schlüssel anfertigen lassen und mich desselben bedienen, um mit ihnen die Nacht zu verbringen, so oft ich Lust hätte. Außerdem teilte sie mir mit, daß Angela die vorige Nacht bei ihnen gewesen sei und alles Vorgefallene erraten habe; sie hätten es eingeräumt und ihr vorgeworfen, daß nur sie schuld daran gewesen sei; daraufhin hätte sie ihnen die stärksten Beleidigungen gesagt und erklärt, sie werde ihren Fuß nicht mehr in ihr Haus setzen; aber das wäre ihnen höchst gleichgültig. Einige Tage darauf befreite uns das Glück von Angela; ihr Vater war auf mehrere Jahre nach Vicenza berufen worden, um dort in einigen Wohnungen Fresken zu malen, und er nahm sie mit. Dank ihrer Abweseneit fand ich mich im ruhigen Besitz dieser reizenden beiden Mädchen, mit denen ich jede Woche mindestens zwei Nächte verbrachte, da ich mit Hilfe des Schlüssels, den ich sofort hatte anfertigen lassen, jederzeit leichten Zugang hatte. Wir befanden uns in den letzten Tagen des Karnevals, als Herr Manzoni mir sagte, die berühmte Giulietta wünsche mich zu sprechen; sie habe sehr bedauert, daß sie mich nicht mehr bei sich sehe. Ich war neugierig, was sie mir wohl zu sagen hätte, und ging mit ihm zu ihr. Nachdem sie mich recht höflich empfangen hatte, sagte sie, sie wisse, ich hätte in meinem Hause einen schönen Saal, und sie wünsche, daß ich ihr einen Ball gebe, dessen sämtliche Kosten sie bestreiten werde. Ich erklärte mich einverstanden. Sie übergab mir vierundzwanzig Zechinen und schickte ihre Leute zu mir, um meinen Saal und meine Zimmer mit Kronleuchtern zu versehen; ich für meinen Teil hatte mich nur um das Orchester und das Abendessen zu bekümmern. Herr von Sanvitali war bereits abgereist, und die Regierung von Parma hatte ihn unter Kuratel gestellt. Ich habe den Kavalier zehn Jahre später in Versailles wiedergesehen; er war damals mit dem königlichen Orden dekoriert als Oberhofstallmeister der Herzogin von Parma, Ludwigs des Fünfzehnten ältester Tochter, die wie alle Prinzessinnen des Hauses Frankreichs sich niemals an den Aufenthalt in Italien gewöhnen konnte. Mein Ball fand statt, und alles verlief sehr gut. Die Gäste gehörten sämtlich zu Giuliettas Kreis, mit Ausnahme der Frau Orio, ihrer Nichten und des Sachwalters Rosa, die sich im Nebenzimmer befanden, da ich Erlaubnis erhalten hatte, als Personen ohne Bedeutung sie einzuladen. Während nach dem Abendessen Menuett getanzt wurde, nahm die Schöne mich beiseite und sagte mir: »Führen Sie mich auf Ihr Zimmer; mir ist etwas Lustiges eingefallen; wir werden lachen.« Mein Zimmer lag im dritten Stock; ich führte sie hinauf. Sobald wir drinnen waren, sah ich sie den Riegel vorschieben; ich wußte nicht, was ich davon denken sollte. »Ich wünsche,« sagte sie zu mir, »daß Sie mich mit einem Ihrer Anzüge vollständig als Abbate verkleiden; ich werde Ihnen dafür meine Kleider anziehen. In dieser Verkleidung gehen wir wieder hinunter und tanzen zusammen. Schnell, lieber Freund, zu allererst wollen wir uns die Haare zurechtmachen!« Eines süßen Lohnes sicher und entzückt über das seltene Abenteuer, ordne ich ihr schnell ihr langes Haar rund um den Kopf; dann lasse ich mich von ihr frisieren. Sie legt mir rote Schminke und Schönheitspflästerchen auf; ich lasse alles mit mir geschehen und sage ihr, daß mir die Sache Spaß mache; hierfür bewilligt sie mir sehr liebenswürdig einen Kuß, unter der Bedingung, daß ich nicht mehr verlange. »Nur von Ihnen, schöne Giulietta«, sage ich, »hängt alles ab; ich sage Ihnen aber offen heraus: ich bete Sie an!« Ich lege auf mein Bett ein Hemd, Bäffchen, Unterhosen, schwarze Strümpfe und einen vollständigen Anzug. Sie läßt ihren Rock fallen und zieht geschickt die Unterhosen an, die sie für gut erklärt; als es aber zum Anziehen der Hose kommt, geht das nicht so leicht: der Bund ist zu eng, und dabei ist nichts anderes zu machen, als sie hinten aufzutrennen oder erforderlichenfalls etwas aufzuschneiden. Ich übernehme es, alles in Ordnung zu bringen und setze mich auf mein Bett; sie stellt sich vor mich hin und dreht mir den Rücken zu. Ich arbeite; aber sie findet, ich wolle zuviel sehen, ich benehme mich ungeschickt und berühre sie, wo es nicht nötig sei; sie wird ungeduldig, läuft mir davon, reißt den Hosenbund entzwei und bringt die Sache in Ordnung, so gut es geht. Hierauf helfe ich ihr, Strümpfe und Schuhe anzulegen und ziehe ihr das Hemd über; als ich aber Spitzenkrause und Bäffchen zurecht mache, findet sie meine Hände zu neugierig; ihr Busen war nämlich nicht allzu gut ausgestattet. Sie sagte mir tausend Beleidigungen, nannte mich unehrenhaft; ich ließ sie ruhig reden. Ich hielt darauf, daß sie mich nicht als Dummkopf ansehen sollte; übrigens war ich der Meinung, ein Weib, für das einer hunderttausend Dukaten bezahlt hatte, wäre wohl der Mühe wert, etwas näher betrachtet zu werden. Endlich ist sie mit ihrem Anzuge fertig, und nun komme ich an die Reihe. Schnell ziehe ich meine Hose aus, obgleich sie sich dem widersetzen will; dann muß sie nur ein Hemd und einen Rock anziehen, kurz und gut: mich ankleiden. Plötzlich aber fängt sie an sich zu zieren und erzürnt sich darüber, daß ich keineswegs die sehr augenscheinliche Wirkung ihrer Reize verberge; sie weigert sich mir die Gunst zu bewilligen, die mich in einem Augenblick wieder ruhig gemacht haben würde. Ich will ihr einen Kuß geben; sie sträubt sich; ich werde ungeduldig und lasse sie wider ihren Willen den Schlußakt meiner Aufregung mit ansehen. Bei diesem Anblick fängt sie an zu schimpfen; ich beweise ihr, daß sie unrecht hat; aber vergebens. Trotz ihrem Ärger mußte sie aber doch mir behilflich sein, mich fertig anzuziehen. Offenbar würde eine anständige Frau, die sich auf ein derartiges Abenteuer einließe, zärtliche Absichten dabei haben und würde diese nicht in dem Augenblick ableugnen, wo sie sähe, daß sie von der anderen Seite geteilt werden; aber Frauen von Giuliettas Art beherrscht ein Widerspruchsgeist, der sie zu Feindinnen ihrer selbst macht. Übrigens glaubte Giulietta selbst angeführt zu sein, als sie sah, daß ich nicht schüchtern war, und meine Leichtfertigkeit erschien ihr als ein Mangel an Respekt. Es wäre ihr wohl recht gewesen, hätte ich ihr heimlich einige geringe Gunstbezeugungen geraubt; diese hätte sie mir bewilligen können, ohne daß es weiter was auf sich gehabt hätte; aber damit hätte ich zu sehr ihrem Selbstgefühl geschmeichelt. Als wir mit unserer Verkleidung fertig waren, gingen wir zusammen nach dem Saal hinunter, wo wiederholter Beifall uns bald in gute Laune versetzte. Alle Welt schrieb mir ein Liebesabenteuer zu, das ich nicht gehabt hatte; es war mir aber ganz recht, die Leute in ihrem Glauben zu lassen, und ich begann mit meinem falschen Abbate zu tanzen, den ich zu meinem großen Bedauern reizend fand. Giulietta behandelte mich die ganze Nacht hindurch so gut, daß ich ihr verändertes Benehmen als eine Art von Reue auffaßte und daß mir mein Verhalten gegen sie fast schon leid tun wollte; dies war eine Anwandlung von Schwäche, für die ich bestraft wurde. Als nach dem Kontertanz alle Kavaliere sich berechtigt fühlten, sich Freiheiten gegen den verkleideten Abbate herauszunehmen, ließ ich mich ebenfalls den jungen Mädchen gegenüber gehen, die sich meinen Liebkosungen nicht entzogen, da sie durch Widerstand sich lächerlich zu machen fürchteten. Herr Querini richtete an mich die dumme Frage, ob ich meine Hosen anbehalten hätte; und als ich ihm antwortete, ich hätte sie Giulietta geben müssen, setzte er sich traurig in eine Ecke des Saales und tanzte nicht mehr. Da sehr bald die ganze Gesellschaft bemerkt hatte, daß ich ein Frauenhemd trug, zweifelte niemand mehr daran, daß das Opfer vollzogen wäre – mit Ausnahme von Martina und Nannetta, die sich nicht vorstellen konnten, daß ich imstande wäre, ihnen untreu zu werden. Giulietta bemerkte, daß sie eine große Unbesonnenheit begangen hatte; aber das Unglück war nun einmal geschehen, und nichts mehr dagegen zu machen. Als wir einige Zeit darauf wieder auf mein Zimmer gegangen waren, glaubte ich sie umarmen und ihre Hand ergreifen zu können, um ihr zu beweisen, daß ich bereit sei, ihr Genugtuung zu geben; ich glaubte nämlich, sie habe ihr Benehmen bereut, und war außerdem wirklich ein bißchen in sie verliebt. Aber im selben Augenblick gab sie mir eine so starke Ohrfeige, daß ich in meiner Entrüstung beinahe den Schlag erwidert hätte. Ich entkleidete mich in aller Eile und ohne sie anzusehen; sie zog sich ebenfalls um, und wir begaben uns wieder zur Gesellschaft. Obwohl ich mich reichlich mit kaltem Wasser abgespült hatte, konnte doch jeder auf meinem Gesicht die Spur sehen, die ihre plumpe Hand hinterlassen hatte. Bevor sie ging, nahm sie mich auf die Seite und sagte mir im festesten und bestimmtesten Ton: wenn ich Lust hätte, mich aus dem Fenster werfen zu lassen, so brauchte ich nur bei ihr zu erscheinen; sie würde mich ermorden lassen, wenn das Vorgefallene bekannt würde. Ich hütete mich wohl, ihr zu dem einen wie zu dem anderen Anlaß zu geben; aber ich konnte nicht verhindern, daß unser Hemdenaustausch bekannt wurde. Da man mich gar nicht mehr bei ihr verkehren sah, so glaubte man, sie habe Herrn Querini diese Genugtuung geben müssen. Der Leser wird sehen, wie sechs Jahre später dieses eigentümliche Mädchen sich stellen mußte, als habe sie die ganze Geschichte vergessen. Ich verbrachte die Fastenzeit zum Teil mit meinen beiden Engeln, die mich immer mehr beglückten, zum Teil mit dem Studium der Experimentalphysik im Kloster della Salute; abends besuchte ich die im Hause des Herrn von Malipiero sich versammelnde Gesellschaft. Nach Ostern aber begab ich mich infolge einer Einladung der Gräfin von Monte Reale nach Paseano, ungeduldig meine liebe Lucia wieder zu sehen. Ich traf dort eine ganz andere Gesellschaft, als die vom vorigen Herbst gewesen war. Graf Daniele, der älteste Sohn der Familie, hatte eine Gräfin Gozzi geheiratet, und ein junger reicher Pächter, der eine Patin der alten Gräfin geheiratet hatte, war mit seiner Frau und Schwägerin zu Besuch. Das Abendessen kam mir sehr lang vor. Man hatte mich wieder in meinem alten Zimmer untergebracht, und ich sehnte mich Lucia zu sehen, die ich nicht mehr wie ein Kind zu behandeln gedachte. Da ich sie vor dem Zubettgehen nicht gesehen hatte, erwartete ich sie unfehlbar am anderen Morgen beim Erwachen zu sehen; aber wen sehe ich statt ihrer erscheinen? Eine häßliche dicke Magd. Ich frage sie nach der Familie; sie antwortet mir jedoch in ihrer Mundart, und ich verstehe nichts. Unruhig frage ich mich, was aus Lucia geworden sein mag. Sollte man unseren vertrauten Verkehr entdeckt haben? Sollte sie etwa krank sein oder tot? Ich sage nichts, ziehe mich an und nehme mir vor, sie zu suchen. »Wenn man ihr verboten hat, mich zu besuchen,« sage ich bei mir selber, »so werde ich mich rächen; denn ich werde auf irgendeine Art ein Mittel finden mit ihr zu sprechen, und werde aus Rache mit ihr machen, was ich trotz meiner Liebe aus Ehrenhaftigkeit nicht getan habe.« Da tritt mit trauriger Miene der Hausmeister ein. Ich frage ihn, wie es seiner Frau, seiner Tochter gehe; aber bei diesem Namen kommen ihm die Tränen in die Augen. »Ist sie tot?« »Wollte Gott, sie wäre es!« »Was hat sie getan?« »Sie ist mit dem Läufer des Herrn Grafen Daniele durchgegangen, und wir wissen nicht, wo sie sein mag.« Seine Frau kommt dazu; und durch unser Gespräch erneuert sich ihr Schmerz; sie wird ohnmächtig. Als der Hausmeister sieht, daß ich aufrichtig an ihrer Trauer Anteil nehme, sagt er mir, das Unglück habe sie erst vor acht Tagen getroffen. »Ich kenne den Läufer,« sage ich, »er ist ein Schuft. Hat er Sie um die Hand Ihrer Tochter gebeten«? »Nein! Denn er war sicher, daß wir sie ihm nicht gegeben haben würden.« »Ich wundere mich über Lucia.« »Er hat sie verführt, und erst nach ihrer Flucht haben wir die Wahrheit geahnt; sie war sehr dick geworden.« »Sie hatten also schon seit langer Zeit miteinander verkehrt?« »Sie hat ihn ungefähr einen Monat nach Ihrer Abreise kennengelernt. Er muß sie behext haben, denn Lucia war unschuldig wie eine Taube; das können Sie, glaube ich, mit gutem Gewissen bezeugen.« »Und niemand weiß, wo sie sind?« »Kein Mensch! Und Gott weiß, was der elende Kerl aus ihr machen wird!« Ebenso betrübt wie diese braven Leute, ging ich aus und wanderte im Wald herum, um meine Traurigkeit zu verwinden. Ich verbrachte zwei Stunden in guten und schlechten Betrachtungen, die alle mit wenn anfingen. Wäre ich, wie ich es leicht hätte tun können, schon vor acht Tagen hingenommen, so hätte meine zärtliche Lucia alles mir anvertraut, und ich hätte diese Schandtat verhindert. Hätte ich es mit ihr gemacht, wie mit Nannetta und Martina, so wäre sie nicht bei meiner Abreise in einer Aufregung gewesen, die ohne Zweifel die Hauptursache ihres Fehlgriffs war. Hätte sie mich nicht vor dem Läufer gekannt, so würde ihre bis dahin reine Seele nicht auf ihn gehört haben. Voll Verzweiflung gestand ich mir selber ein, daß ich das Werkzeug des niederträchtigen Verführers war. Ich hatte für ihn gearbeitet. El fior che sol potea pormi fra dei, Qual fior he intatto io mia venia serbando Per non turbar, ohimè! l'animo casto, Ohimè il bel fior colui m'ga colto, e guasto. Die Blume, die zu einem Gott mich machte, Die Blume, die ich unberührt gelassen, Um ihrer Seele Keuschheit nicht zu töten – Er hat sie, ach! gepflückt, hat sie zertreten! Hätte ich gewußt, wo ich sie finden könnte, ich wäre ganz gewiß auf der Stelle aufgebrochen, sie ihren Eltern zurückzuführen; aber es fehlte jedes Anzeichen, wo sie sich aufhalten könnte. Bevor Lucias Unglück mir bekannt wurde, war ich eitel, ja sogar stolz darauf gewesen, daß ich soviel Selbstbeherrschung besessen hatte, sie unberührt zu lassen; jetzt aber schämte ich mich und bereute meine Zurückhaltung; ich nahm mir fest vor, in Zukunft in dieser Beziehung mich vernünftiger zu benehmen. Untröstlich machte mich der Gedanke, daß das unglückliche Mädchen dem Elend und vielleicht der Schande verfallen sei, daß sie mein Andenken verfluchen und mich als ersten Urheber ihres Unglücks hassen werde. Infolge dieses traurigen Ereignisses wandte ich mich einem neuen System zu, das ich dann in der Folge oft zu weit trieb. Ich ging in den Garten zu der fröhlich lärmenden Gesellschaft, die mich so gut aufnahm und mich in so gute Laune versetzte, daß ich beim Essen die ganze Tafel erheiterte. Meine Betrübnis war so groß, daß ich nur durch tolle Lustigkeit mich über sie hinwegsetzen konnte; sonst hätte ich abreisen müssen. Einen mächtigen Antrieb gab mir das schöne Gesicht und noch mehr der für mich ganz neue Charakter der Neuvermählten. Ihre Schwester war hübscher; aber ich fing an, vor solchen noch unversehrten Mädchen Angst zu bekommen; sie machen einem zuviel Arbeit. Die junge Ehefrau, die etwa neunzehn oder zwanzig Jahre alt war, fiel der ganzen Gesellschaft durch ihr geziertes Benehmen auf; sie war redselig, ihr Gedächtnis war mit Denksprüchen gespickt, die sie oft am falschen Orte anwandte, weil sie damit paradieren zu müssen glaubte; sie war fromm und in ihren Mann so verliebt, daß sie ihren Verdruß nicht verbergen konnte, wenn er bei Tisch seiner Schwägerin, der er gegenübersaß, den Hof machte und so tat, als sei er von deren Schönheit entzückt. So wirkte sie sehr komisch. Ihr Mann war ein Wirbelkopf, der vielleicht seine Frau sehr liebhatte, aber es für guten Ton hielt, sich gleichgültig gegen sie zu zeigen, und der aus Eitelkeit Spaß daran fand, ihr allerlei Gründe zur Eifersucht zu geben. Sie ihrerseits befürchtete für dumm gehalten zu werden, wenn sie nicht zu erkennen gäbe, daß sie alles merkte. Die gute Gesellschaft machte sie linkisch, gerade weil sie tat, als sei sie nur an einen Verkehr wie solcher gewöhnt. Wenn ich allerlei Unsinn vorbrachte, hörte sie mich aufmerksam an und lachte am unrechten Ort, weil sie nicht für beschränkt gelten wollte. Ihr eigentümliches, linkisches und geziertes Wesen machte mir Lust, sie besser kennenzulernen, und ich begann, ihr den Hof zu machen. Meine großen und kleinen Aufmerksamkeiten, meine Gefälligkeiten, selbst meine Narrenspossen machten es bald jedem klar, daß ich Absichten auf sie hatte. Der Ehemann wurde offen vor mir gewarnt; er aber spielte den Helden und nahm die Sache von der scherzhaften Seite, wenn man ihm sagte, er solle sich vor mir in acht nehmen. Ich meinerseits spielte den Bescheidenen, manchmal aber auch den Unbekümmerten. Seiner Rolle getreu, stachelte er mich noch an, seiner Frau den Hof zu machen, die ihrerseits sehr ungeschickt die disinvolta – die Ungezwungene – herauskehrte. Seit fünf oder sechs Tagen hatte ich ihr eifrig den Hof gemacht, als sie bei einem Spaziergang im Garten so unvorsichtig war, mir zu sagen, warum sie so unruhig sei, und daß ihr Mann unrecht habe, ihr Anlaß dazu zu geben. Ich sagte ihr im Ton der Freundschaft, es gäbe kein besseres Mittel ihn zu bessern, als scheinbar die Aufmerksamkeiten ihres Mannes für ihre Schwester gar nicht zu bemerken und sich zu stellen, als sei sie in mich verliebt; um sie recht geneigt zu machen, meinen Vorschlag zu befolgen, sagte ich ihr, mein Plan sei sehr schwer auszuführen, denn man müsse viel Geist haben, um eine Rolle zu spielen, die solche Verstellungskunst erfordere. Damit hatte ich den empfindlichen Punkt getroffen; denn sie versicherte mir, sie werde diese Rolle ausgezeichnet spielen. Trotz dieser Versicherung benahm sie sich höchst ungeschickt, denn alle bemerkten, daß der Plan von mir stammte. Eines Tages befand ich mich allein mit ihr in einer Gartenallee, und da ich sicher war, daß uns niemand sehen konnte, so wollte ich aus der Komödie Ernst machen. Da ergriff sie das gefährliche Mittel fortzulaufen und allein zu der übrigen Gesellschaft zurückzukehren; natürlich verspottete man mich, als ich wieder erschien, als ungeschickten Jäger. Sobald ich Gelegenheit dazu fand, tadelte ich sie wegen ihres Davonlaufens und stellte ihr vor, daß sie dadurch ihrem Gatten einen großen Triumph verschafft habe. Ich lobte ihre Klugheit und tadelte ihre falsche Erziehung. Ich sagte ihr, der Ton, den ich ihr gegenüber anschlage, entspreche den Umgangsformen der guten Gesellschaft und sei ein Beweis, wie hoch ich ihre Klugheit schätze. Am elften oder zwölften Tage aber brachte sie mich mitten in meinen schönsten Redensarten außer Fassung, indem sie mir sagte, als Priester müsse ich wissen, daß außerehelicher Liebesverkehr eine Todsünde sei; Gott sehe alles, und sie wolle nicht zur Hölle verdammt werden, andererseits aber auch nicht einem Beichtvater sagen müssen, daß sie sich soweit vergessen habe, mit einem Priester zu sündigen. Ich brachte den Einwand vor, ich sei kein Priester; aber sie schmetterte mich zu Boden, indem sie mich fragte, ob etwa das von mir Beabsichtigte nicht zu den Sünden gehöre. Da ich nicht den Mut hatte, diese Frage zu verneinen, so fühlte ich, daß ich meinem Abenteuer ein Ende machen müßte. Indem ich über die Sache nachdachte, gewann ich gleich meine Ruhe wieder; mein neues Verhalten wurde bei Tisch bemerkt, und der alte Graf, der gerne einen Scherz machte, sagte laut heraus, man sehe, daß die Sache abgemacht sei. Dies schien mir ein günstiger Umstand zu sein; ich sagte meiner hartherzigen, frommen Schönen, so werde unser Fall von der Welt aufgefaßt; aber das nützte mir nichts, und ich war mit meinem Latein zu Ende. Der Zufall kam mir besser zur Hilfe; die Intrige nahm plötzlich eine ganz andere Wendung: Am Himmelfahrtstage machten wir alle einen Besuch bei Frau Bergalli, der berühmten Zierde des italienischen Parnasses. Als wir am selben Abend nach Paseano zurückfahren sollten, wollte meine schöne Pächtersfrau in einem viersitzigen Wagen Platz nehmen, worin schon ihr Mann und ihre Schwester saßen, während ich allein in einer hübschen zweiräderigen Kalesche mich befand. Ich schlug Lärm; das sei ein Zeichen von Mißtrauen; und die Gesellschaft stellte ihr vor, sie könne mir doch solchen Schimpf nicht antun. Sie stieg zu mir ein; ich sagte dem Kutscher, ich wolle den kürzesten Weg fahren, und er trennte sich von dem anderen Wagen und wählte den Weg durch den Wald von Cequini. Bei unserer Abfahrt war der Himmel heiter, aber es war noch keine halbe Stunde vergangen, da erhob sich ein Gewitter, wie sie im Süden häufig vorkommen: es sieht aus, als wollten die Elemente die ganze Welt auf den Kopf stellen, aber es kommt gar nichts dabei heraus: der Himmel ist bald wieder klar und die Luft ist gereinigt und erfrischt. Daher sind solche Unwetter im Grunde nur angenehm. »O Himmel!« rief meine Pächtersfrau; »wir werden ein Gewitter kriegen.« »Ja, und trotz dem Verdeck unserer Kalesche wird der Regen Ihr schönes Kleid verderben; das tut mir recht leid.« »Auf das Kleid kommt es nicht an; aber ich habe Angst vor dem Donner.« »Halten Sie sich die Ohren zu.« »Und der Blitz?« »Kutscher, wir wollen irgendwo einkehren.« »Die nächsten Häuser, Herr Abbate, sind eine halbe Stunde entfernt; bevor wir dahin kommen können, wird das Gewitter vorüber sein.« Er fuhr ruhig weiter. Blitze zucken, Donner rollen, meine Pächterin zittert an allen Gliedern. Der Regen fällt in Strömen; ich ziehe meinen Mantel aus, um uns von vorne damit zu bedecken; im selben Augenblick sind wir wie geblendet: hundert Schritte vor uns schlägt der Blitz ein, die Pferde bäumen sich, und meine arme Begleiterin fällt in Krämpfe. Sie wirft sich auf mich und umschlingt mich eng. Ich bücke mich, um den heruntergefallenen Mantel aufzuheben, mache mir die Gelegenheit zunutze und hebe ihren Rock hoch. Sie macht eine Bewegung, um ihr Kleid wieder herunterzustreifen, aber im selben Augenblick bricht ein neuer Donnerschlag los, und sie kann vor Angst kein Glied rühren. Ich suche sie mit meinem Mantel zu bedecken und ziehe sie an mich; die Bewegung des Wagens kommt mir dabei zu Hilfe, und sie sinkt in der glücklichsten Stellung über mich hin. Ich verliere keine Zeit, tue, als brächte ich meine Uhr in der Westentasche in Ordnung, und mache mich sturmfertig. Sie fühlt, daß sie mir nicht entwischen kann, wenn sie mich nicht schnell an meinem Vorhaben verhindert; sie sträubt sich; ich halte sie aber fest und sage ihr: wenn sie nicht tue, als sei sie ohnmächtig, so werde der Kutscher alles sehen, sobald er sich umdrehe. Ich gönne ihr das Vergnügen, mich einen ruchlosen Taugenichts und sonst noch allerlei zu schimpfen, und erringe den vollständigsten Sieg, den je ein Athlet davongetragen hat. Der Regen fiel immer noch in Strömen, der sehr starke Wind blies uns gerade entgegen; sie mußte daher in ihrer Stellung bleiben, aber sie sagte mir, ich richte ihre Ehre zugrunde, denn der Kutscher könne alles sehen. »Ich sehe ihn ja,« antworte ich; »er denkt nicht dran, sich umzudrehen; aber selbst wenn er dies täte, so schützt uns der Mantel vor seinen Blicken; seien Sie vernünftig und bleiben Sie so, wie wenn Sie ohnmächtig wären; denn loslassen tue ich Sie nicht. Sie scheint sich in ihr Schicksal zu ergeben und fragt mich, wie ich es wagen könne, den Blitz herauszufordern. »Der ist mit mir im Bunde!« antworte ich. Sie ist beinahe geneigt zu glauben, daß ich die Wahrheit spreche, ihre Angst verschwindet, und da sie fühlt, daß ich in Ekstase bin, fragt sie mich, ob ich nun endlich zufrieden sei. Lächelnd verneine ich diese Frage; ich müsse ihre Einwilligung bis zum Ende des Gewitters verlangen. »Willigen Sie ein, oder ich lasse den Mantel fallen!« »Abscheulicher Mensch, der mich für mein ganzes Leben ungiücklich gemacht hat! Sind Sie jetzt zufrieden?« »Nein.« »Was wollen Sie denn noch?« »Eine Sintflut von Küssen!« »Wie bin ich unglücklich! aber – da!« »Sagen Sie, daß Sie mir verzeihen, und geben Sie zu, daß Sie meinen Genuß geteilt haben!« »Sie wissen es wohl; ja, ich verzeihe Ihnen.« Jetzt gab ich ihr ihre Freiheit zurück, erwies ihr gewisse Dienste und bat sie, mir dieselbe Gefälligkeit zu gönnen. Dies tat sie mit einem Lächeln auf den Lippen. »Sagen Sie mir, daß Sie mich lieben!« rief ich. »Nein! Sie sind ein gottloser Mensch; Sie werden in die Hölle kommen.« Inzwischen war das Wetter wieder schön geworden; ich brachte alles in Ordnung, küßte ihr die Hände und sagte, sie könne sich darauf verlassen der Kutscher habe nichts gesehen; ich sei überzeugt, ich habe sie von dem angstvollen Gewitter geheilt, und sie werde keinem Menschen das Geheimnis verraten, wodurch ihre Heilung bewirkt worden sei. Sie antwortete mir: zum mindesten wisse sie so viel, daß niemals eine Frau durch ein ähnliches Mittel kuriert worden sei. »Das muß«, versetzte ich, »in tausend Jahren eine Million Male vorgekommen sein. Ich will Ihnen sogar eingestehen, daß ich darauf gerechnet habe, als ich in die Kalesche stieg; denn ich sah kein anderes Mittel, in Ihren Besitz zu gelangen. Trösten Sie sich und glauben Sie mir: es gibt keine furchtsame Frau, die im gleichen Falle hätte widerstehen können.« »Ich glaube es, aber künftighin werde ich nur noch mit meinem Mann fahren.« »Da täten Sie unrecht; denn Ihr Mann hätte nicht den Geist besessen, Sie so zu trösten, wie ich es getan habe.« »Das ist auch wieder wahr. Man lernt von Ihnen eigentümliche Dinge; aber wir werden nicht mehr allein miteinander fahren.« Unter solchen Gesprächen kamen wir, eine Stunde vor den anderen, in Paseano an. Wir stiegen aus, und meine Schöne lief spornstreichs in ihr Zimmer, während ich ich meiner Börse einen Taler für den Kutscher suchte. Ich sah, daß er lachte. »Worüber lachst du?« »Sie wissen es wohl!« »Da hast du einen Dukaten; aber – halte den Mund!« Fünftes Kapitel Tod meiner Großmutter und die Folgen davon. – Ich verliere das Wohlwollen des Herrn von Malipiero. – Ich habe kein Haus mehr. – Die Tintoretta. – Ich werde in ein Seminar gebracht. – Ich werde fortgejagt. – Ich werde in ein Fort gesperrt. Während des Abendessens wurde nur vom Gewitter gesprochen, und der Pächter, der die Schwachheit seiner Frau kannte, sagte mir, er sei überzeugt, daß ich nicht mehr mit ihr fahren würde. »Ebensowenig wie ich mit ihm!« rief schnell die kleine Frau; »denn er ist ein gottloser Mensch, der durch seine schlechten Witze den Blitz herausforderte!« Die Frau verstand es, mir so geschickt auszuweichen, daß es mir nicht gelang, auch nur einen einzigen Augenblick mit ihr allein zu sein. Nach Venedig zurückgekehrt, fand ich meine gute Großmutter krank und mußte infolgedessen mit allen meinen bisherigen Lebensgewohnheiten brechen; denn ich liebte sie zu sehr, als daß ich sie nicht mit aller nur möglichen Sorgfalt hätte pflegen sollen. Ich wich daher keinen Augenblick von ihr, bis sie den letzten Seufzer ausgestoßen hatte. Es war ihr unmöglich, mir etwas zu hinterlassen, denn sie hatte mir bei Lebzeiten gegeben, soviel sie nur konnte. Nichtsdestoweniger hatte ihr Tod für mich solche Folgen, daß ich einen ganz anderen Lebenswandel führen mußte. Einen Monat nach ihrem Tode erhielt ich einen Brief von meiner Mutter; sie schrieb mir, da sie keine Möglichkeit sehe, nach Venedig zurückzukehren, so habe sie beschlossen, das Haus aufzugeben, wofür sie bisher die Miete bezahlt habe; sie habe den Abbate Grimani von ihren Absichten in Kenntnis gesetzt, und ich müsse mich nach seinen Anordnungen einrichten. Er habe Auftrag bekommen, das Mobiliar zu verkaufen und mich, sowie meine Brüder und meine Schwester, in eine gute Pension zu bringen. Ich glaubte mich zu Grimani begeben zu müssen, um ihm zu versichern, daß ich mich stets seinen Anordnungen fügen würde. Die Hausmiete war bis zum Ende des Jahres bezahlt. Da ich nun wußte, daß ich dann keine Wohnung mehr haben würde und daß alle Möbel verkauft würden, so tat ich mir in meinen Bedürfnissen keinen Zwang mehr an. Wäsche, Vorhänge, Teppiche, Porzellan hatte ich bereits verkauft; jetzt machte ich mich an Spiegel, Betten usw. Ich verhehlte mir nicht, daß man das sehr schlimm finden würde; aber ich wußte, daß alles aus dem Nachlaß meines Vaters stammte, worauf meine Mutter keinerlei Anspruch hatte. Mit meinen Brüdern mich auseinanderzusetzen, hatte ich immer noch Zeit genug. Vier Monate später schrieb meine Mutter mir wieder. Ihr Brief war aus Warschau datiert und enthielt beigeschlossen einen anderen. Meine Mutter schrieb mir: »Ich habe hier, mein lieber Sohn, einen gelehrten Minimitenmönch, einen Kalabreser, kennengelernt, dessen hervorragende Eigenschaften meine Gedanken auf dich lenkten, so oft er mich mit seinem Besuch beehrte. Vor einem Jahre sagte ich ihm, ich hätte einen Sohn, der in den geistlichen Stand eintreten wollte; ich hätte aber nicht die Mittel, ihm Unterhalt zu gewähren. Er antwortete mir, dieser Sohn würde der seinige werden, wenn ich es bei der Königin durchsetzen könnte, daß er zum Bischof in seiner Heimat ernannt würde. Dies ließe sich leicht machen, wenn sie die Güte haben wollte, an ihre Tochter, die Königin von Neapel, zu schreiben und ihn dieser zu empfehlen. Voll Gottvertrauen habe ich mich Ihrer Majestät zu Füßen geworfen und habe Gnade gefunden. Die Königin hat geruht an ihre Tochter zu schreiben, und der ehrenwerte Prälat ist vom Papst zum Bischof von Martorano gewählt worden; seinem Worte getreu, wird er um die Mitte des nächsten Jahres Dich, mein Sohn, mit sich nehmen; denn, um nach Kalabrien zu gelangen, muß er über Venedig reisen. Er schreibt es Dir selber in dem beigeschlossenen Brief; antworte ihm sofort und adressiere Deinen Brief an mich; ich werde ihn an ihn weiterbefördern. Er wird Dich auf den Weg bringen, der zu den höchsten Würden der Kirche führt; stelle dir vor, welch ein Trost es für mich sein wird, wenn ich in zwanzig oder dreißig Jahren das Glück habe, Dich wenigstens als Bischof zu sehen! In der Zwischenzeit bis zu seiner Ankunft wird Abbate Grimani für Dich sorgen. Ich gebe Dir meinen Segen und bin usw.« Der Brief des Bischofs war lateinisch geschrieben und wiederholte den Inhalt des Briefes meiner Mutter. Übrigens war er sehr salbungsvoll. Er teilt mir mit, er werde sich in Venedig nur drei Tage aufhalten. Ich antwortete, wie es sich schickte. Diese beiden Briefe verdrehten mir den Kopf. Ade Venedig! Mit der sicheren Aussicht auf das glänzendste Glück konnte ich es kaum erwarten, in die Laufbahn einzutreten, die mich zu diesem Ziel führen sollte, und ich wünschte mir Glück, daß ich von dem, was ich in meiner Heimat zurücklassen sollte, ohne Bedauern schied. »Die Eitelkeiten sind vorbei!« sprach ich zu mir selbst; »in Zukunft werde ich mich nur für Großes und Solides interessieren.« Herr Grimani machte mir die größten Komplimente über mein Schicksal und versicherte mir, er werde die größte Sorgfalt aufbieten, um für mich eine gute Pension zu finden, in die ich zu Neujahr eintreten könnte, um die Ankunft des Bischofs abzuwarten. Herr von Malipiero, der in seiner Art ein Weiser war und wohl sah, daß ich in Venedig im Strome von Vergnügungen und Zerstreuungen nur eine kostbare Zeit verlor, war entzückt darüber, daß ich schon in nächster Zeit anderswo mein Glück suchen sollte, und daß ich so bereitwillig mich den Umständen fügte. Er gab mir bei dieser Gelegenheit eine Lehre, die ich niemals vergessen habe: »Die berühmte Vorschrift der Stoiker: Sequere Deum – Folge Gott! – ist vollständig durch folgende Worte wiedergegeben: Überlasse dich dem, was das Schicksal dir bietet, sofern du nicht eine starke Abneigung dagegen empfindest. Dies war der Dämon des Sokrates, saepe revocans raro impellens – oft warnend, selten ermunternd – und daher stammte der Spruch derselben Stoiker: Fata viam inveniunt – Das Schicksal weist den Weg.« Hierin bestand die Wissenschaft des Herrn von Malipiero; denn er war gelehrt, ohne ein anderes Buch studiert zu haben als das der natürlichen Moral. Aber wie wenn es den Beweis gegolten hätte, daß nichts vollkommen ist und daß alles seine schlechte und seine gute Seite hat, so ereignete sich, obwohl ich nur seine eigenen Grundsätze befolgte, einen Monat später ein Vorfall, der mir seine Ungnade zuzog und durch den ich nichts Neues lernte. Der Herr Senator glaubte aus gewissen Anzeichen in den Gesichtszügen junger Menschen schließen zu können, daß sie in ihrem Leben alles dem Glück würden zu verdanken haben. Sobald er dergleichen zu bemerken glaubte, zog er den Betreffenden in seine Nähe, um ihn zu unterrichten, wie man dem Glück durch ein vernünftiges Benehmen zu Hilfe kommen könne; sehr richtig sagte er, in den Händen eines Unvorsichtigen sei die Arznei ein Gift, wie das Gift in den Händen des Weisen eine Arznei sei. Zu meiner Zeit hatte er drei Schützlinge, für die er hinsichtlich ihrer Erziehung alles tat, was in seinen Kräften stand. Dies waren außer mir Teresa Imer, die der Leser zum Teil schon kennt und späterhin noch besser kennen wird, und als dritter Schützling die Tochter des Bootsführers Gardela, die drei Jahre jünger war als ich und in ihren Zügen einen entzückenden Ausdruck von Niedlichkeit hatte. Um sie auf den Weg zu bringen, ließ der spekulative Greis sie tanzen lernen; »denn unmöglich«, sagte er, »kann der Billardball in den Beutel laufen, wenn er nicht gestoßen wird.« Dieses junge Mädchen hat später unter dem Namen Augusta in Stuttgart eine glänzende Rolle gespielt. Sie war im Jahre 1757 die anerkannte erste Geliebte des Herzogs von Württemberg. Sie war reizend. »Zum letztenmal sah ich sie in Venedig, wo sie vor zwei Jahren gestorben ist. Ihr Gatte, Michele de l'Agata, vergiftete sich kurz nach ihrem Tode. – Eines Tages, nachdem wir alle drei bei ihm gespeist hatten, ließ der Senator uns allein, um seine Siesta zu halten. Dies war so seine Gewohnheit. Ein paar Augenblicke darauf entfernte sich die kleine Gardela, da sie ihre Stunde nehmen mußte; ich befand mich daher allein mit Teresa, die ich sehr nach meinem Geschmack fand, obgleich ich ihr bis dahin niemals den Hof gemacht hatte. Wir saßen nebeneinander an einem kleinen Tisch, mit dem Rücken nach der Tür des Kabinetts, worin, wie wir glaubten, der alte Herr schlief. Infolge einer Bemerkung bekamen wir Lust, den Unterschied unserer Körperbildung festzustellen. Aber als wir gerade beim interessantesten Teil der Aufgabe waren, mußten wir unsere Arbeit unvollendet lassen, denn ich erhielt einen heftigen Stockhieb über den Rücken und gleich darauf einen zweiten, dem ohne Zweifel noch viele andere gefolgt sein würden, wenn ich nicht das Hasenpanier ergriffen hätte. Ohne Mantel und Hut lief ich Hals über Kopf davon und schloß mich zu Hause in mein Zimmer ein. Kaum war ich eine Viertelstunde zu Hause, so erhielt ich die beiden zurückgelassenen Gegenstände durch die alte Haushälterin des Senators und zugleich einen Brief, worin mir verboten wurde, den Palazzo Seiner Exzellenz jemals wieder zu betreten. Ohne einen Augenblick zu verlieren, antwortete ich ihm folgendermaßen: »Als Sie mich schlugen, waren Sie im Zorn; folglich können Sie sich nicht rühmen, mir eine Lektion gegeben zu haben, und ich will nichts gelernt haben. Ebensowenig kann ich Ihnen verzeihen; denn da müßte ich vergessen, daß Sie ein Weiser sind, und das werde ich nie vergessen.« Der vornehme Herr hatte vielleicht recht, wenn ihm der Anblick, den wir ihm darboten, nicht gefiel; aber trotz aller seiner Vorsicht handelte er in diesem Falle sehr unvorsichtig; denn alle Dienstboten errieten die Ursache meiner Austreibung, und es dauerte nicht lange, so lachte die ganze Stadt über meine Geschichte. Wie Teresa mir einige Zeit nachher sagte, wagte er nicht, ihr Vorwürfe zu machen; natürlich hatte sie aber nicht den Mut, ihn um Gnade für mich zu bitten. Es nahte sich der Zeitpunkt, wo ich die Wohnung meines Vaters verlassen mußte. Eines schönen Morgens sehe ich vor mir einen Mann von ungefähr vierzig Jahren in schwarzer Perücke, scharlachrotem Mantel und mit sehr sonnverbranntem Gesicht. Er überbrachte mir von Herrn Grimani einen schriftlichen Befehl, ihm alle Möbel des Hauses zu überliefern, gemäß einem Inventar, das er bei sich hatte und dessen zweite Ausfertigung sich in meinen Händen befand. Ich nahm mein Verzeichnis und zeigte ihm alle Möbel, die darauf verzeichnet standen, sofern sie nicht einen andern Weg gewandert waren, und von denen, die nicht da waren, sagte ich, ich wüßte schon, was aus ihnen geworden wäre. Der Kerl aber schlug einen Ton an, als ob er der Herr im Hause wäre, und fing an zu schreien, er wolle wissen, was ich damit gemacht hätte. Dieser Ton gefiel mir nicht. Ich antwortete ihm, ich hätte ihm keine Rechenschaft abzulegen; und da er fortfuhr laut zu schreien, so riet ich ihm, sich schleunigst zu entfernen, und zwar sagte ich dies in einem Ton, der ihm zeigen mußte, ich wüßte wohl, daß in meinem eigenen Hause ich der Herr wäre. Ich hielt mich verpflichtet, von dem Vorgefallenen Herrn Grimani zu benachrichtigen, und begab mich daher in aller Frühe zu ihm; ich fand aber bei ihm schon meinen Kerl, der ihm alles erzählt hatte. Nach einer scharfen Kopfwäsche, die ich stillschweigend über mich ergehen lassen mußte, verlangte der Abbate von mir Rechenschaft über alles Fehlende. Ich sagte ihm, ich hätte die Sachen verkaufen müssen, um keine Schulden zu machen. Darauf hin behandelte er mich wie einen Spitzbuben, sagte mir, ich hätte nicht das Recht dazu gehabt, er wisse aber wohl, was er zu tun hätte; schließlich befahl er mir, sein Haus sofort zu verlassen. Außer mir vor Zorn, laufe ich zu einem Juden, um ihm alles zu verkaufen, was noch übrig war; aber gerade als ich mein Haus betreten wollte, fand ich vor meiner Tür den Gerichtsboten, der mir eine Verfügung übergab. Ich las diese und fand, daß sie auf Antrag eines Antonio Razzetta erlassen war. Das war der Mann mit dem verbrannten Gesicht. Die Siegel befanden sich schon an allen Türen und ich konnte nicht einmal in mein Zimmer hinein, denn der Gerichtsvollzieher war so vorsichtig gewesen, beim Fortgehen einen Wachtposten zurückzulassen. Unverzüglich laufe ich zu Herrn Rosa und trage ihm in großen Umrissen den Fall vor. Er nimmt die Verfügung, liest sie und sagt mir: »Die Siegel werden morgen früh abgenommen werden; unterdessen werde ich Razzetta vor den Avogador zitieren lassen. Diese Nacht, mein Lieber, werden Sie bei irgendeinem Freunde schlafen müssen. Es ist ein Gewaltstreich; aber er wird Ihnen teuer dafür bezahlen. Der Mann handelt im Auftrag des Herrn Grimani.« »Das ist seine Sache.« Ich verbrachte die Nacht bei meinen Engeln und begab mich am anderen Morgen nach meinem Hause, wo ich die Siegel abgenommen fand. Da Razzetta nicht erschienen war, lud Herr Rosa ihn in meinem Namen vor das Kriminalgericht und beantragte, ihn in Haft zu nehmen, wenn er auch auf die zweite Vorladung nicht erschiene. Am dritten Tage schrieb Herr Grimani mir einen Brief und befahl mir, mich zu ihm zu begeben. Ich gehorchte auf der Stelle. Sobald er mich sah, fragte er mich in schroffem Ton, was ich denn eigentlich wollte? »Mich gegen Gewalt schützen, mich unter den Schirm der Gesetze stellen und mich gegen einen Menschen verteidigen, mit dem ich niemals etwas hätte zu tun haben sollen, und der mich gezwungen hat, die Nacht an einem schlechten Orte zu verbringen.« »An einem schlechten Ort.« »Natürlich. Warum hat er mich willkürlich verhindert, nach Hause zu gehen?« »Jetzt bist du ja in deinem Hause. Aber vor allen Dingen gehe zu deinem Anwalt und sage ihm, er solle das ganze Verfahren einstellen; denn Razzetta hat alles nur auf meinen Befehl gemacht. Du wolltest vielleicht den ganzen Rest der Möbel verkaufen; dagegen haben wir Vorsorge getroffen. Du hast ein Zimmer in San Giovanni Crisostomo in einem mir gehörenden Hause, dessen erstes Stockwerk von unserer Prima ballerina, der Tintoretta, eingenommen wird. Lasse deine Sachen dorthin tragen und komme täglich zum Essen zu mir. Ich habe deine Schwester in eine gute Pension gebracht und deine Brüder in eine andere; so wird nun alles in bester Ordnung sein.« Ich ging sofort zu Herrn Rosa, um ihm über das Vorgefallene zu berichten; da er mir riet, ich solle alles tun, was Herr Grimani verlange, so erklärte ich mich einverstanden. Übrigens war der Ausgang der Sache eine Genugtuung für mich, um so mehr, da die Einladung zum Mittagtisch mich ehrte. Auch war ich sehr neugierig auf meine neue Wohnung bei der Tintoretta, denn von diesem Mädchen wurde viel gesprochen wegen eines Fürsten von Waldeck, der große Ausgaben für sie machte. Der Bischof sollte im Laufe des Sommers eintreffen; ich brauchte also höchstens noch sechs Monate in Venedig zu warten, um in eine Laufbahn einzutreten, die mich vielleicht auf den päpstlichen Stuhl führen konnte. Ich sah alles in rosenrotem Licht, und mein Geist erhob sich strahlend in die Himmelslüfte: ich baute die wundervollsten Luftschlösser. Um die Mittagszeit ging ich zu Herrn Grimani, wo ich neben Razzetta sitzen mußte – für mich eine unangenehme Gesellschaft; ich tat während der ganzen Mahlzeit, als sehe ich ihn nicht. Nach dem Essen begab ich mich zum letztenmal nach meinem schönen Hause in San Samuele; von dort ließ ich mit einer Gondel alle mir gehörenden Sachen nach meiner neuen Wohnung bringen. Fräulein Tintoretta, die ich nicht persönlich kannte, über deren Lebenswandel und Charakter ich aber ganz gut Bescheid wußte, war eine mittelmäßige Tänzerin, weder schön noch häßlich, aber ein geistreiches Mädchen. Der Fürst von Waldeck gab viel Geld für sie aus, aber er hatte nichts dagegen, daß sie ihren früheren Beschützer beibehielt; dies war ein edler Venezianer aus der jetzt erloschenen Familie Lin; er war damals sechzig Jahre alt und hielt sich den ganzen Tag bei ihr auf. Dieser vornehme Herr, der mich kannte, kam am Abend zu mir mit einem Kompliment von seiten des Fräuleins, das mir sagen ließ, sie sei entzückt, mich in ihrem Hause zu haben, und es würde ihr Vergnügen machen, wenn ich ihre Gesellschaft besuchen wollte. Ich entschuldigte mich bei Herrn Lin, ich hätte nicht gemußt, daß ich in ihrem Hause wäre, denn Herr Grimani hätte mir nichts hiervon gesagt; sonst würde ich es mir zur Pflicht gemacht haben, ihr meine Aufwartung zu machen, bevor ich noch meine Wohnung bezogen hätte. Nach diesen Entschuldigungen folgte ich dienstwillig dem Botschafter, der mich seiner Mätresse vorstellte, und die Bekanntschaft war gemacht. Sie empfing mich wie eine Prinzessin, zog ihren Handschuh aus, um mir die Hand zum Kuß zu reichen, und nannte meinen Namen fünf oder sechs anwesenden fremden Herren, deren Namen sie mir einen nach dem andern sagte; hierauf ließ sie mich an ihrer Seite Platz nehmen. Sie war Venezianerin, und ich fand es daher lächerlich, daß sie französisch sprach. Ich sagte ihr also, diese Sprache verstände ich nicht und bäte sie, mit mir italienisch zu sprechen. Erstaunt, daß ich nicht französisch verstände, sagte sie mir mit etwas gekränkter Miene, ich würde bei ihr eine schlechte Figur machen; denn in ihrem Hause würde fast gar keine andere Sprache gesprochen, da sie viele Ausländer empfinge. Ich versprach ihr, es zu lernen. Eine Stunde darauf kam der Fürst; sie stellte mich vor, und er war gegen mich sehr liebenswürdig. Er sprach sehr gut italienisch und war während des ganzen Karnevals über alle Maßen huldvoll zu mir. Gegen Ende des Karnevals schenkte er mir eine goldene Tabaksdose zur Belohnung für ein sehr schlechtes Sonett, das ich auf seine schöne Margherita Grizellini gemacht hatte. Dies war der Familienname der Tintoretta, die ihren Spitznamen davon hatte, daß ihr Vater Färber gewesen war. Die Tintoretta hatte viel mehr Eigenschaften als Giulietta, um vernünftige Menschen zu fesseln. Sie liebte die Poesie, und hätte ich nicht auf meinen Bischof gewartet, so würde ich mich in sie verliebt haben; sie selber liebte einen jungen Arzt, einen ausgezeichneten Menschen, namens Righellini, der in der Blüte seiner Jahre gestorben ist und um den ich noch jetzt trauere. Zwölf Jahre später werde ich Gelegenheit halben, von ihm zu sprechen. Gegen das Ende des Karnevals schrieb meine Mutter dem Abbate Grimani, es wäre unanständig, wenn der Bischof mich bei einer Tänzerin wohnen fände; er entschloß sich daher, mir eine anständige und würdige Unterkunft zu verschaffen. Er beriet sich darüber mit dem Pfarrer Tosello, und die beiden Herren wußten nichts Schöneres zu tun, als mich in ein Seminar zu bringen. Dies alles wurde ohne mein Wissen verabredet, und der Pfarrer übernahm es, mir die Nachricht beizubringen und zugleich mich zu bereden, gutwillig hinzugehen. Als ich ihn aber in seinem beruhigenden Tone sprechen hörte, der mir die Pille vergolden sollte, da mußte ich unwillkürlich laut auflachen; es wird ihn gewiß gewaltig überrascht haben, als ich ihm sagte, ich sei bereit überall hinzugehen, wohin er mich zu schicken für gut befinde. Der Einfall der beiden Herren war lächerlich; denn wie konnten sie daran denken, einen siebzehnjährigen Jüngling, und noch dazu einen Jüngling wie mich, in ein Seminar stecken zu wollen! Da ich aber keine Abneigung dagegen verspürte und wie immer meinem sokratischen Dämon folgte, die Sache außerdem mir spaßhaft vorkam, so willigte ich nicht nur ein, sondern es drängte mich sogar, recht bald da zu sein. Ich sagte Herrn Grimani, ich sei zu allem bereit, vorausgesetzt, das Razzetta sich nicht hineinmische. Dies versprach er mir; aber er hielt nicht Wort, sobald ich aus dem Seminar heraus war. Ich habe niemals entscheiden können, ob dieser Abbate Grimani gut war, weil er dumm war, oder ob seine Dummheit ein Mangel war, der seiner Güte anhaftete; aber alle seine Brüder waren von demselben Schlage. Das Glück kann einem geistvollen jungen Mann keinen böseren Streich spielen, als wenn es ihn von einem Dummkopf abhängig macht. Wenige Tage darauf ließ der Pfarrer mich Seminartracht anziehen und brachte mich nach San Cipriano auf Murano, um mich dem Rektor vorzustellen. Die Patriarchalkirche von San Cipriano wird von Somaskenmönchen bedient. Dieses ist ein Orden, den ein venezianischer Nobile, der selige Geronimo Emiliani, begründet hat. Der Rektor empfing mich sehr herzlich und liebenswürdig; aber aus der salbungsvollen Ansprache, die er an mich hielt, glaubte ich herauszuhören, daß er der Meinung war, man brächte mich ins Seminar, um mich zu bestrafen oder wenigstens um mich zu verhindern, einen anstößigen Lebenswandel fortzusetzen. Da dies mein Selbstgefühl verletzte, so beeilte ich mich ihm zu sagen: »Mein Vater, ich nehme nicht an, daß jemand die Kühnheit besitzt, mich bestrafen zu wollen.« »Nein, nein, mein Sohn! Ich wollte nur sagen, Sie werden sich hier bei uns sehr wohl fühlen.« Hierauf zeigte man mir in drei Sälen mindestens hundertundfünfzig Seminaristen, ferner zehn bis zwölf Schulzimmer, den Speisesaal, den Schlafsaal, die Gärten für die Freistunden; man gab sich die größte Mühe mir einzureden, ich würde an diesem Ort das glücklichste Leben finden, das ein junger Mensch sich nur wünschen könnte; ich würde bei der Ankunft des Bischofs bedauern, daß ich fort müßte. Zugleich aber redeten sie mir Mut ein, indem sie sagten, ich würde ja höchstens nur fünf oder sechs Monate dableiben. Ihre Beredsamkeit machte mich lachen. Anfang März traf ich im Seminar ein, und ich bereitete mich darauf vor, indem ich die vorhergehende Nacht zwischen meinen beiden Freundinnen verbrachte, die ihr Bett mit reichlichen Tränen netzten: sie konnten ebensowenig wie ihre Tante und der gute Herr Rosa begreifen, daß ein junger Mann meines Schlages sich so willig fügte. Am Tage vor meinem Eintritt ins Seminar war ich so vorsichtig gewesen, alle meine Papiere der Frau Manzoni zur Aufbewahrung zu übergeben. Es war ein dickes Paket, das ich erst fünfzehn Jahre später mir von der wackeren Dame habe zurückgeben lassen. Sie lebt noch jetzt, neunzig Jahre alt, und hat sich ihre gute Laune und ihre Gesundheit bewahrt. Sie empfing mich lachend und sagte mir, ich würde keinen Monat in meinem Seminar bleiben. »O doch, verzeihen Sie, gnädige Frau! Denn ich gehe gerne hin, und ich werde dort auf meinen Bischof warten.« »Sie kennen sich selber nicht, und Sie kennen auch Ihren Bischof nicht, bei dem Sie ebensowenig bleiben werden.« Der Pfarrer begleitete mich in einer Gondel nach dem Seminar; aber bei San Michele mußte er anhalten lassen, weil ich plötzlich heftiges Erbrechen bekam; der Bruder Apotheker stellte mich mit Melissenwasser wieder her. Dieser Schwächeanfall rührte ohne Zweifel davon her, daß ich zuviel Weihrauch auf dem Altar der Liebe verbrannt hatte. Ein Liebender, der weiß, was man empfindet, wenn man mit geliebten Wesen zusammen ist, die man zum letzten Male zu sehen fürchtet – ein solcher Liebender wird sich leicht vorstellen können, in welchem Zustande ich mich während der letzten Augenblicke befand, die ich mit meinen beiden Freundinnen verbringen zu können glaubte. Man will niemals, daß eine Opfergabe die letzte sei, und so hört man nicht eher auf zu opfern, als bis kein Weihrauch mehr vorhanden ist. Der Pfarrer übergab mich dem Rektor, und man trug meine Sachen nach dem Schlafsaal, wohin ich mich ebenfalls begab, um Mantel und Hut abzulegen. Ich wurde trotz meiner Größe nicht der Klasse der Erwachsenen zugeteilt, weil ich noch nicht das vorgeschriebene Alter hatte. Nebenbei bemerkt trug ich damals aus Eitelkeit immer noch mein Flaumhaar, weil dieses ein unwiderleglicher Beweis meiner Jugend war; ohne Zweifel war das eine Lächerlichkeit – aber in welchem Alter hört der Mensch auf, lächerlich zu sein? Man legt leichter seine Laster ab, als seine Lächerlichkeiten. Die Tyrannei, unter der ich stand, ging nicht so weit, daß sie mich zwang, mich rasieren zu lassen; nur in diesem einzigen Punkt habe ich sie duldsam gefunden. »In welche Klasse«, fragte mich der Rektor, »wollen Sie aufgenommen werden?« »In die Dogmatik, ehrwürdigster Vater; ich will Kirchengeschichte lernen.« »Ich werde Sie zum Pater Examinator führen.« »Ich bin Doktor, Hochwürden, und ich will kein Examen bestehen.« »Es ist notwendig, mein lieber Sohn; kommen Sie.« Diese Notwendigkeit schien mir eine Beleidigung zu sein; ich war empört darüber; sofort aber beschloß ich mich zu rächen, indem ich sie anführte, und dieser Einfall gab mir meine gute Laune wieder. Ich antwortete so schlecht auf alle lateinischen Fragen des Examinators und machte so viele Sprachschnitzer, daß er sich genötigt sah, mich in die unterste Klasse, die Grammatik, zu schicken; so sah ich mich mit großer Befriedigung als Kameraden von zwanzig kleinen Jungen von zehn Jahren, die, sobald sie erfuhren, daß ich Doktor sei, unaufhörlich wiederholten: Accipiamus pecuniam et mittamus asinum in patriam suam ! – Nehmen wir das Geld und schicken wir den Esel in seine Heimat zurück! Die Erholungspause machte mir besonders viel Spaß; denn meine Schlafsaalkameraden, die alle mindestens in der philosophischen Klasse waren, sahen mich mit komischer Verachtung an; sie besprachen untereinander ihre erhabenen Thesen und machten sich über mich lustig, daß ich aufmerksam ihren Erörterungen zuhörte, die doch für mich ein vollkommenes Rätsel sein müßten. Ich dachte nicht daran, mich zu verraten; aber ein unausbleiblicher Zufall zwang mich, die Maske abzunehmen. Der Somaskenmönch Vater Barbarigo vom Kloster della Salute in Venedig, bei dem ich Physikunterricht gehabt hatte, war zum Besuch beim Rektor; er sah mich, als wir aus der Messe kamen und machte mir tausend Komplimente. Die erste Frage, die er stellte, galt der Wissenschaft, mit der ich mich beschäftigte; und er glaubte, ich scherzte, als ich ihm antwortete, ich wäre in der Grammatikklasse. Der Rektor kam darüber hinzu, ich verabschiedete mich, und jeder ging in seine Klasse. Eine Stunde später kommt der Rektor und ruft mich hinaus. »Warum«, fragt er mich, haben Sie bei der Prüfung den Unwissenden gespielt?« »Warum«, antwortete ich ihm, »haben Sie die Ungerechtigkeit begangen, mich einer Prüfung zu unterwerfen?« Er machte ein etwas ernstes Gesicht, aber er brachte mich in die Dogmatikklasse, in die meine Schlafsaalgenossen mich mit großem Erstaunen eintreten sahen; am Nachmittag während der Erholungsstunde umringten sie mich alle, und jeder wollte mein Freund sein, so daß ich bald in heitere Stimmung geriet. Unter ihnen war besonders einer, ein fünfzehnjähriger Jüngling – wenn er noch lebt, ist er jetzt Bischof – der mir durch sein schönes Gesicht und durch seine Geistesgaben auffiel. Er flößte mir eine lebhafte Freundschaft ein, und in den Erholungsstunden ging ich beständig nur mit ihm spazieren, anstatt mit den anderen Kegel zu schieben. Wir sprachen von Poesie und entzückten uns an den schönsten Oden des Horaz. Wir zogen Ariost dem Tasso vor und zollten Petrarca unsere ganze Bewunderung, wie dem Tassoni und Muratori, die ihn kritisiert hatten, unsere ganze Verachtung. In vier Tagen wurden wir so gute Freunde, daß wir aufeinander eifersüchtig waren und daß wir wie zwei richtige Liebhaber schmollten, wenn der eine den anderen verließ und mit einem Dritten ging. Ein Laienbruder führte die Aufsicht über den Schlafsaal, und es war seine Aufgabe, die Ordnung darin aufrechtzuerhalten. Nach dem Abendessen begab die ganze Belegschaft unter Vortritt des Mönches, der Präfekt genannt wurde, sich nach dem Schlafsaal. Dort trat jeder an sein Bett, betete leise, zog sich aus und legte sich ruhig nieder. Sobald der Präfekt sah, daß alle Schüler zu Bett waren, legte auch er sich nieder. Eine große Laterne beleuchtete das Lokal, das ein Rechteck von achtzig zu zehn Schritt bildete. Die Betten waren in regelmäßigen Abständen aufgestellt, und am Kopfende jedes Bettes befand sich ein Betschemel, ein Stuhl und der Koffer des Seminaristen. An dem einen Ende des Saales befand sich die Waschvorrichtung, an dem anderen stand das Bett des Präfekten. Das Bett meines Freundes stand dem meinigen gegenüber und die Laterne befand sich gerade zwischen uns. Es war die Hauptobliegenheit des Präfekten, aufzupassen, daß kein Schüler sich zu einem anderen ins Bett legte; denn man nahm an, daß ein solcher Besuch unmöglich unschuldig sein könne. Es galt als Kapitalverbrechen; das Bett war zum Schlafen da und nicht, um sich mit einem Kameraden zu unterhalten; es stand daher fest, daß ein Seminarist nur mit unmoralischen Absichten sich in ein anderes Bett legen konnte. Übrigens war er in seinem eigenen Bett vollkommen ungestört und eigner Herr; er konnte darin machen, was er wollte; um so schlimmer für ihn, wenn er mit dieser Freiheit Mißbrauch trieb. Man hat in Deutschland die Bemerkung gemacht, daß gerade in jenen Vereinigungsstätten junger Leute, deren Leiter sich besondere Mühe geben, die Onanie zu verhindern, das Laster besonders heftig auftritt. Die Verfasser solcher Verordnungen waren unwissende Dummköpfe, die weder Natur noch Moral kannten. Die Natur hat Bedürfnisse, die befriedigt werden müssen, und Tissot hat nur insofern recht, als feine Bemerkungen sich auf junge Leute beziehen, die ihre Freiheit mißbrauchen. Aber dieser Mißbrauch würde äußerst selten vorkommen, wenn die Direktoren klug und weise wären, und wenn sie es sich nicht einfallen ließen, ein besonderes Verbot dagegen zu erlassen; denn dann lassen die jungen Leute sich zu gefährlichen Ausschweifungen hinreißen aus bloßem Vergnügen am Ungehorsam; die Neigung dazu ist dem Menschen so natürlich, daß sie mit Adam und Eva begonnen hat. In der Nacht des neunten oder zehnten Tages meines Aufenthaltes im Seminar fühlte ich, wie jemand sich neben mich in mein Bett legte. Er ergriff meine Hand, schüttelte sie und nannte mir seinen Namen; kaum konnte ich mir das Lachen verhalten. Es war mein Freund; er war aufgewacht, und da er die Laterne erloschen sah, war ihm die Laune gekommen, mir einen Besuch abzustatten. Einige Augenblicke später bat ich ihn zu gehen, denn ich fürchtete, der Präfekt könnte aufwachen; dann hätten wir uns in einer sehr großen Verlegenheit befunden, in der wir vielleicht irgendeines scheußlichen Verbrechens beschuldigt wurden. Im selben Augenblick, wo ich ihm diesen guten Rat gab, hörten wir Schritte; der Abbate schlüpfte aus meinem Bett; gleichzeitig aber hörte ich jemanden fallen und unmittelbar darauf den Präfekten brüllen: »Ha, Schurke! Morgen, morgen!« – Er zündete hierauf die Laterne wieder an und legte sich wieder zu Bett. Am nächsten Morgen betrat, noch bevor die Glocke das Zeichen zum Aufstehen gab, der Rektor in Begleitung des Präfekten den Schlafsaal und sagte: »Hört mich alle an! Ihr wißt, was für eine Ungehörigkeit heute nacht vorgekommen ist. Zwei von euch müssen schuldig sein, aber ich will ihnen verzeihen, und um ihre Ehre zu schonen, verspreche ich, daß ihre Namen nicht bekannt werden sollen. Ihr alle werdet vor der Erholungspause zu mir kommen und mir beichten.« Mit diesen Worten entfernte er sich, und wir standen auf. Nach dem Mittagessen gingen wir, seinem Befehle folgend, allesamt zu ihm und beichteten; hierauf begaben wir uns in den Garten, wo der Abbate mir erzählte, er habe das Unglück gehabt, gegen den Präfekten anzurennen, und habe sich nicht anders zu helfen gewußt, als indem er ihn umgestoßen habe; dadurch habe er die Zeit gewonnen, unerkannt sein Bett zu erreichen. »Und jetzt», sagte ich ihm, »bist du der Verzeihung gewiß, denn du hast natürlich sehr vernünftigerweise deinen Fehltritt gebeichtet.« »Du machst wohl Spaß!« antwortete mir mein Freund; »der gute Rektor hätte auch nicht mehr erfahren, als er jetzt weiß, selbst wenn mein Besuch bei dir sündhaft gewesen wäre.« »Du hast also eine unvollkommene Beichte abgelegt, denn du warst auf alle Fälle des Ungehorsams schuldig.« »Das ist möglich; aber dafür muß er sich an sich selber halten; denn er hat uns ja zur Beichte gezwungen.« »Mein lieber Freund, was du da sagst, ist wundervoll logisch, und der hochwürdige Herr muß jetzt wissen, daß unsere Schlafsaalbelegschaft klüger ist als er.« Die Geschichte wäre damit zu Ende gewesen, wenn ich nicht einige Nächte darauf Lust bekommen hätte, meinem Freund den schuldigen Gegenbesuch abzustatten. Gegen ein Uhr nach Mitternacht mußte ich einmal aufstehen; als ich den Präfekten schnarchen hörte, drückte ich schnell den Docht der Nachtlampe aus und legte mich zu meinem Freunde ins Bett. Er erkannte mich und freute sich ebenso wie ich über den gelungenen Streich; aber wir horchten beide aufmerksam auf das Schnarchen unseres Präfekten. Sobald er aufhörte zu schnarchen, bemerkte ich die Gefahr, stand auf und begab mich, ohne einen Augenblick zu verlieren, wieder in mein Bett; kaum aber lag ich drin, so hatte ich zwei Überraschungen für eine. Die erste bestand darin, daß an meiner Seite schon jemand lag; die zweite, daß ich den Präfekten im Hemd und mit einer Kerze in der Hand langsam durch den Saal gehen und rechts und links die Betten der Seminaristen mustern sah. Daß der Präfekt im Augenblick an einer Kapsel mit Schießpulver hatte eine Kerze anzünden können, begriff ich wohl; unbegreiflich aber war mir, was ich in meinem Bette sah! Da lag, den Rücken mir zugewandt, einer meiner Kameraden in tiefem Schlaf. Ich faßte den unüberlegten Entschluß, mich ebenfalls schlafend zu stellen. Beim zweiten oder dritten Stoß, den der Präfekt mir gab, tat ich, als wachte ich auf, und der andere wurde wirklich wach. Erstaunt, sich in meinem Bett zu sehen, entschuldigte er sich mit den Worten: »Ich habe mich geirrt; ich kam im Dunkeln von einem gewissen Ort zurück, fand Ihr Bett leer und hielt es für das meinige.« »Das ist wohl möglich,« antwortete ich ihm, »denn ich habe ebenfalls aufstehen müssen.« »Aber«, sagte der Präfekt, »wie kommt es denn, daß Sie sich in Ihr Bett gelegt haben, ohne ein Wort zu sagen, als Sie Ihren Platz schon besetzt fanden? Da Sie im Dunkeln waren, hätten Sie doch vermuten müssen, daß Sie sich im Bette geirrt hätten.« »Ich konnte mich nicht täuschen; denn als ich herumtastete, berührte ich das Fußende dieses Kruzifixes, und dadurch wurde jeder Zweifel beseitigt; den Schüler aber habe ich überhaupt nicht bemerkt.« »Das ist nicht wahrscheinlich!« erwiderte der Argus; und mit diesen Worten ging er an die Lampe heran, deren Docht er ausgedrückt fand. »Der Docht schwimmt im Öl, meine Herren; die Lampe ist nicht von selber ausgegangen; das hat einer von Ihnen getan. Morgen werden wir das Weitere sehen.« Mein Dummkopf von Kamerad entfernte sich und legte sich in sein Bett. Der Präfekt zündete die Lampe wieder an und ging ebenfalls wieder zu Bett. Nach diesem Auftritt, bei dem der ganze Saal wach geworden war, schlief ich ruhig wieder ein und schlummerte, bis mit dem Morgengrauen der Rektor in Begleitung seines Trabanten, des Präfekten, mit wütendem Gesicht bei uns eintrat. Der Rektor machte zunächst eine Ortsaufnahme des Tatbestandes und hielt ein langes Verhör mit meinem Mitangeklagten ab, der natürlich als Hauptschuldiger dastand, sowie auch mit mir, der ich niemals überführt werden konnte; dann ging er hinaus, indem er befahl, wir alle sollten uns anziehn und in die Kirche gehen, um die Messe zu hören. Sobald wir fertig waren, trat er wieder ein und sagte zu uns beiden in sanftem Ton: »Sie sind überführt, in sträflichem Einverständnis mit einem anderen gewesen zu sein; denn sonst hätte die Lampe nicht ausgelöscht sein können. Ich will glauben, daß die Ursache dieser ganzen Ungehörigkeit entweder ganz unschuldig war oder doch wenigstens nur von einer großen Unbedachtsamkeit herrührte; aber es ist dadurch dem ganzen Schlafsaal ein Ärgernis gegeben worden, der Gehorsam ist verletzt und die Hausordnung gestört worden. Dies erheischt eine Sühne. Gehen Sie hinaus!« Wir gehorchten; kaum aber befanden wir uns zwischen den beiden Türen des Schlafsaals, so ergriffen uns vier Bediente, banden uns die Hände auf dem Rücken zusammen und führten uns in den Saal zurück, wo sie uns vor dem großen Kruzifix niederknien ließen. Sobald wir uns in dieser Stellung befanden, sagte der Rektor ihnen, sie sollten seinen Befehl ausführen, und die Trabanten versetzten einem jeden von uns sieben bis acht Hiebe mit einem Strick oder Stock, die ich, ebenso wie mein dummer Kamerad, ohne einen Klagelaut hinnahm. Sobald man mich aber losgebunden hatte, fragte ich den Rektor, ob ich auf der Stelle, am Fuße des Kruzifixes, zwei Zeilen schreiben dürfte. Er ließ mir sofort Tinte und Papier bringen, und ich schrieb folgendes nieder: »Ich schwöre vor diesem Gott, daß ich niemals ein Wort mit dem Seminaristen gesprochen habe, den man in meinem Bett gefunden hat. Meine Unschuld erheischt daher, daß ich Protest erhebe und mich wegen dieser gemeinen Vergewaltigung an Seine Gnaden den Patriarchen wende.« Mein Leidensgenosse unterschrieb mit mir diesen Protest; hierauf wandte ich mich an alle anwesenden Schüler, las ihnen unsere Erklärung vor und forderte sie auf, der Wahrheit gemäß zu sagen, ob jemand das Gegenteil von dem behaupten könne, was ich niedergeschrieben habe. Sofort riefen alle wie aus einem Munde, man habe uns niemals miteinander sprechen sehen, und man könne nicht wissen, wer die Lampe ausgelöscht habe. Der Rektor wurde verhöhnt und ausgepfiffen und entfernte sich, ohne ein Wort vorzubringen; trotzdem aber schickte er uns ins Karzer im fünften Stock, wo wir in zwei getrennten Zellen saßen. Eine Stunde später brachte man mir meinen Koffer, mein Bett und alle meine Sachen, und jeden Tag wurde mir mein Essen hinaufgetragen. Am vierten Tage erschien Pfarrer Tosello mit dem Befehl, mich nach Venedig zu bringen. Ich fragte ihn, ob er über meine Angelegenheit unterrichtet sei; er antwortete mir, er habe schon mit dem anderen Seminaristen gesprochen, wisse also alles und halte uns für unschuldig; der Rektor wolle aber kein Unrecht haben, und er wisse daher nicht, was dabei zu machen sei. Ich warf meine Seminaristentracht ab und legte die Kleider an, die ich in Venedig getragen hatte. Während meine Sachen auf einen Kahn geladen wurden, stieg ich in die Gondel des Herrn Grimani, mit der der Pfarrer gekommen war, und wir fuhren ab. Unterwegs sagte der Pfarrer dem Kahnführer, er solle meine Sachen im Palazzo Grimani abladen; hierauf erklärte er mir, er habe auf Befehl des Abbate bei der Landung in Venedig mir zu sagen: Wenn ich jemals die Kühnheit besitzen sollte, mich bei ihm einzufinden, so hätten seine Bedienten Befehl, mich hinauszuwerfen. Beim Jesuitenkloster setzte er mich an Land; ich hatte keinen Soldo und besaß absolut nichts anderes, als was ich auf dem Leibe trug. Zum Mittagessen begab ich mich zu Frau Manzoni, die von Herzen lachte, als sie sah, daß ihre Prophezeiung in Erfüllung gegangen war. Nach dem Essen ging ich zu Herrn Rosa, um auf gesetzlichem Wege gegen die Tyrannei vorzugehen; nachdem er den Fall angehört hatte, versprach er mir, am Abend zu Frau Orio einen Antrag auf außergerichtliche Erledigung mitzubringen. Ich begab mich zu der Dame, um ihn dort zu erwarten und mich an der Überraschung zu weiden, die ich meinen reizenden beiden Freundinnen bereiten würde. Die Überraschung war wirklich sehr groß, und die Erzählung meiner Erlebnisse erstaunte sie nicht minder, als meine Anwesenheit. Herr Rosa kam und gab mir die von ihm aufgesetzte Eingabe zu lesen, die er aber wegen der Kürze der Zeit noch nicht hatte notariell beglaubigen lassen; er versprach mir jedoch, am nächsten Morgen würde er alles in Ordnung bringen. Zum Abendessen ging ich zu meinem Bruder Francesco, der bei einem Maler namens Guardi in Pension war; die Tyrannei bedrückte ihn wie mich; aber ich versprach ihm, ihn davon zu befreien. Gegen Mitternacht suchte ich meine beiden liebenswürdigen Schwestern auf, die mich mit zärtlicher Ungeduld erwarteten; aber – ich muß es in aller Demut gestehen – der Kummer, den ich empfand, tat der Liebe Eintrag, trotz meiner vierzehntägigen Abwesenheit und Enthaltsamkeit. Mein Kummer tat ihnen leid, und sie beklagten mich von ganzem Herzen. Ich tröstete sie mit der Versicherung, das würde vorübergehen, und die verlorene Zeit ließe sich wieder einholen. Da ich nicht wußte, wohin ich meine Schritte lenken sollte, und keinen Heller in der Tasche hatte, ging ich in die Bibliothek von San Marco, wo ich bis Mittag blieb. Dann ging ich, in der Absicht, bei Frau Manzoni zu Mittag zu essen; aber als ich aus der Tür trat, wurde ich von einem Soldaten angeredet, der mir sagte, ein Herr in einer Gondel – die er mir zeigte – wünsche mit mir zu sprechen. Ich antwortete ihm, wenn jemand mit mir zu sprechen wünsche, so brauche er nur zu kommen. Er versetzte mir jedoch in freundlichem Tone, er habe noch einen Kameraden da, um mich mit Gewalt hinzubringen; ohne Zögern ging ich nun zur Gondel. Ich hatte einen Abscheu vor Skandal und schämte mich vor der Öffentlichkeit. Ich hätte Widerstand leisten können; die Soldaten waren nicht bewaffnet, und man würde mich nicht verhaftet haben; denn auf solche Art und Weise jemanden zu verhaften, war in Venedig nicht erlaubt. Aber ich dachte nicht daran. Mein Wahlspruch: Sequere deum mischte sich hinein; auch verspürte ich kein inneres Widerstreben. Außerdem gibt es Augenblicke der Abspannung, wo der Mutige nicht mutig ist oder es nicht sein will. Ich steige in die Gondel ein; man zieht den Vorhang zur Seite, und ich sehe meinen bösen Genius, Razzetta, und einen Offizier. Die beiden Soldaten nehmen im Vorderteil Platz; ich erkannte die Gondel des Herrn Grimani; sie stieß vom Ufer ab und schlug die Dichtung nach dem Lido ein. Da die beiden Herren mir kein Wort sagten, so beobachtete ich das tiefste Schweigen. Nach einer halben Stunde hielt die Gondel an der Nebenpforte des Forts Sant' Andrea, das am Eingang in das Adriatische Meer genau an der Stelle liegt, wo der Bucentoro hält, wenn am Himmelfahrtstage der Doge von Venedig sich mit dem Meere vermählt. Die Schildwache ruft den Korporal, wir steigen aus, und der begleitende Offizier stellt mich dem Major vor, dem er gleichzeitig einen Brief übergibt. Dieser liest den Brief und befiehlt sodann seinem Adjutanten, Herrn Zeno, mich in die Wachtstube zu bringen. Eine Viertelstunde später sah ich meine Begleiter wieder abfahren, und Herr Zeno brachte mir dreieinhalb Lire, indem er mir sagte, soviel würde ich jede Woche erhalten. Es war genau die Löhnung eines gemeinen Soldaten. Ich verspürte in mir keinen Zorn, aber ich war durchdrungen vom stärksten Unwillen. Gegen Abend ließ ich mir etwas zum Essen kaufen, um nicht vor Hunger zu sterben; hierauf streckte ich mich auf das Feldbett aus und verbrachte die ganze Nacht inmitten der Soldaten, ohne ein Auge zu schließen; denn diese Slavonier sangen unaufhörlich, aßen Knoblauch, rauchten einen schlechten Tabak, der die Luft verpestete, und tranken slavonischen Wein, der schwarz wie Tinte ist und den nur diese Leute trinken können. Am nächsten Morgen, zu sehr früher Stunde, ließ Major Pelodoro – so hieß der Kommandant des Forts – mich zu sich kommen und sagte mir: indem er mich die Nacht in der Wachtstube habe verbringen lassen, habe er nur dem Befehl gehorcht, den er aus Venedig vom Kriegsminister, dem sogenannten »Weisen der Schrift« erhalten habe. »Jetzt, Herr Abbate,« fuhr er fort, »habe ich weiter keinen Befehl, als Sie innerhalb des Forts in Arrest zu halten und für Sie aufzukommen. Ich weise Ihnen also als Gefängnis die ganze Festung an. Sie werden ein gutes Zimmer haben und darin Ihr Bett und Ihren Koffer finden. Spazieren Sie herum, wo es Ihnen beliebt, und bedenken Sie, daß Sie mich ins Unglück stürzen würden, wenn Sie entflöhen. Es tut mir leid, daß man mir vorgeschrieben hat, Ihnen täglich nur zehn Soldi zu geben; aber wenn Sie in Venedig Freunde haben, die Ihnen Geld geben können, so schreiben Sie an diese, und verlassen Sie sich auf mich: Ihre Briefe werden sicher bestellt werden. Nun legen Sie sich zu Bett, falls Sie es nötig haben sollten.« Man führte mich in ein Zimmer; es war schön, lag im ersten Stock und hatte zwei Fenster mit einer prachtvollen Aussicht. Ich fand mein Bett und meinen Koffer, der, wie ich mit Vergnügen sah, nicht erbrochen worden war; die Schlüssel hatte ich bei mir. Der Major war so aufmerksam gewesen, auf meinen Tisch alles zum Schreiben Notwendige legen zu lassen. Ein slavonischer Soldat kam und sagte nur höflich, er würde mich bedienen und ich möchte ihn bezahlen, sobald ich könnte; es war allgemein bekannt, daß ich nur zehn Soldi hatte. Zunächst ließ ich mir eine gute Suppe bringen und nachdem ich diese gegessen hatte, legte ich mich zu Bett und hatte einen tiefen Schlaf von neun Stunden. Bei meinem Erwachen ließ der Major mich zum Abendessen einladen; ich sah nun, daß es mir gar nicht übel gehen würde. Ich begab mich zum wackeren Major, bei dem ich eine große Gesellschaft versammelt fand. Nachdem er mir seine Gattin vorgestellt hatte, nannte er mir alle Anwesenden. Die Gesellschaft bestand aus mehreren Personen: dem Beichtvater der Festung, dem Organisten der Kirche von San Marco, namens Paolo Vida, und seiner hübschen Frau. Sie war die Schwägerin des Majors, und ihr Mann ließ sie im Fort wohnen, weil er sehr eifersüchtig war, und die Eifersüchtigen sind in Venedig immer schlecht untergebracht. Außerdem waren noch einige andere Damen da, die nicht mehr jung waren, die ich aber reizend fand, weil sie mich liebenswürdig behandelten. Ich war von Natur lustig, und so versetzte die angenehme Tischgesellschaft mich bald in gute Laune. Da alle den Wunsch aussprachen, Genaueres über die Gründe zu hören, die Herrn Grimani veranlaßt hätten, mich einsperren zu lassen, so erzählte ich ihnen der Wahrheit gemäß alles, was mir seit dem Tode meiner guten Großmutter begegnet war. Mein Bericht dauerte drei Stunden, und ich erzählte ohne Bitterkeit; ja ich gab sogar gewissen Dingen, die in anderer Darstellung hätten mißfallen können, eine scherzhafte Wendung. Die Gesellschaft hörte mir mit der größten Teilnahme zu, und beim Abschied versicherten alle mich ihrer Freundschaft und boten mir ihre Dienste an. Solches Glück ist mir bis zu meinem fünfzigsten Jahr immer zuteil geworden, wenn ich mich in Bedrängnis befand. Sobald ich ehrenwerte Menschen fand, die den Wunsch hatten, die Geschichte des Unglücks kennenzulernen, das mich zu Boden drückte, brauchte ich es ihnen nur zu erzählen, um ihnen Freundschaft einzuflößen und die Teilnahme zu erwecken, die ich brauchte, um sie mir günstig zu stimmen und sie mir nützlich zu machen. Um dies zu erreichen, brauchte ich keinen weiteren Kunstgriff, als daß ich die Sache einfach und genau so, wie sie war, erzählte, und dabei auch Umstände, die mir schädlich sein konnten, nicht verschwieg. Dies ist ein Geheimnis, das nicht alle Menschen anzuwenden wissen, weil die Menschheit zum größten Teil aus Feiglingen besteht und weil man Mut haben muß, um immer wahr zu sein. Die Erfahrung hat mich gelehrt, daß die Wahrheit ein Talisman von unfehlbarem Zauber ist, vorausgesetzt, daß man sie nicht an Schelme vergeudet. Ich glaube, ein Schuldiger, der sie einem rechtlich denkenden Richter offen einzugestehen wagt, wird leichter freigesprochen als ein Unschuldiger, der Winkelzüge macht. Aber wohlverstanden: der Erzähler muß jung sein oder zum mindesten in der Blüte der Jahre stehen; denn ein alter Mensch hat die ganze Natur zum Feinde. Der Major machte viele Witze über den Bettbesuch des Seminaristen und meinen Gegenbesuch; aber der Beichtvater und die Damen schalten ihn deshalb. Er riet mir, meine ganze Geschichte dem »Weisen der Schrift« einzureichen; er werde sie ihm übergeben, und er versicherte mir, daß der Weise mich in seinen Schutz nehmen werde. Alle Damen redeten mir zu, diesen Rat zu befolgen. Sechstes Kapitel Mein kurzer Aufenthalt in Fort Sant' Andrea. – Mein erster galanter Denkzettel. – Genußreiche Rache und schöner Alibibeweis. – Haft des Grafen Bonafede. – Meine Entlassung aus der Haft. – Ankunft des Bischofs. – Ich verlasse Venedig. In der Festung, worin die Republik für gewöhnlich nur eine Garnison von hundert slavonischen Invaliden unterhielt, befanden sich damals zweitausend Albansen, sogenannte Cimarioten. Der Kriegsminister, in der Republik, wie ich bereits erwähnte, unter dem Titel eines Weisen der Schrift bezeichnet, hatte sie ihrer Beförderung wegen aus der Levante kommen lassen. Die Offiziere sollten imstande sein, ihre Verdienste selber geltend zu machen, um dafür ihre Belohnungen zu erhaben. Sie stammten alle aus jenem der Republik gehörigen Teile von Epirus, den man Albanien nennt. Fünfundzwanzig Jahre vorher hatten sie sich in dem letzten Kriege ausgezeichnet, den die Republik gegen die Türken führte. Sie boten mir ein neues und überraschendes Beispiel dar: ich sah achtzehn bis zwanzig alte, aber rüstige Offiziere, Gesicht und Brust, die sie in kriegerischem Stolze entblößt trugen, mit Narben bedeckt. Besonders der Oberstleutnant zeichnete sich durch seine Wunden aus, denn ihm fehlte tatsächlich ein Viertel des Kopfes. Er hatte nur ein Auge und ein Ohr, und von der Kinnlade war überhaupt nichts mehr zu sehen. Trotzdem aß und sprach er sehr gut und war von fröhlichem Humor. Bei ihm befand sich seine ganze Familie, bestehend aus zwei hübschen Mädchen, die in ihrer Landestracht besonders interessant waren, und aus sieben Söhnen, die sämtlich Soldaten waren. Er war sechs Fuß hoch, prachtvoll gewachsen, aber wegen seiner entsetzlichen Narben so häßlich von Gesicht, daß er fürchterlich anzusehen war. Trotzdem fand ich an ihm etwas so Anziehendes, daß ich ihn auf den ersten Blick liebgewann; und ich hätte mich mit ihm sehr gern unterhalten, wenn nicht sein Mund beim Sprechen einen so starken Knoblauchgeruch ausgeströmt hätte. Alle diese Albanesen hatten stets die Taschen voll davon, und eine Knoblauchzehe ist für sie ungefähr dasselbe, wie für uns ein Zuckerplätzchen. Kann man hiernach behaupten, daß dieses Kraut ein Gift sei? Die einzige medizinische Eigenschaft, die es besitzt, besteht darin, daß es den Appetit belebt, indem es einem geschwächten Magen Spannkraft gibt. Der Oberstleutnant konnte weder lesen noch schreiben, aber er schämte sich dessen nicht; denn mit Ausnahme des Priesters und Wundarztes besaß niemand dieses Talent. Alle, Offiziere wie Soldaten, hatten die Taschen voll Gold, und mindestens die Hälfte von ihnen war verheiratet. Es befanden sich daher in der Festung fünf- oder sechshundert Frauen und ein stattlicher Nachwuchs von Kindern. Dieses für mich neue Schauspiel interessierte mich sehr. Glückliche Jugend! Ich denke an dich mit Bedauern, weil du mir oft Neues botest. Darum verabscheue ich das Alter, das mir nur immer Bekanntes bringt – allenfalls abgesehen von dem oft Unerfreulichen und Furchtbaren, was in den Zeitungen steht, aus denen ich mir damals sehr wenig machte. In meinem Zimmer ging ich den ganzen Inhalt meines Koffers durch, legte alles zur Seite, was sich an geistlichen Kleidungsstücken darin befand, und verkaufte diese unbarmherzig an einen Juden, den ich holen ließ. Zum zweiten schickte ich an Herrn Rosa die Pfandscheine über alle von mir versetzten Sachen, mit der Bitte, alles ohne Ausnahme verkaufen zu lassen und den Überschuß mir zu schicken. Dank diesen beiden Operationen sah ich mich imstande, meinem Soldaten die elenden zehn Soldi zu überlassen, die ich täglich erhielt. Ein anderer Soldat, der früher Friseur gewesen war, nahm sich meiner Haare an, die ich nach den Vorschriften des Seminars hatte vernachlässigen müssen. Ich streifte in den Kasernen umher, um einige Zerstreuung zu suchen; die Wohnung des Majors und die des Albanesen waren meine einzigen Zufluchtsstätten, wo ich Gefühl und ein bißchen Liebe fand. Der letztere wußte bestimmt, daß sein Oberst zum Brigadegeneral ernannt werden würde, und bewarb sich daher um das Kommando des Regiments; aber es war noch ein anderer Bewerber da, und er befürchtete, daß man diesen ihm vorziehen werde. Ich hatte den Einfall, für ihn eine Eingabe zu entwerfen; sie war kurz, aber so kräftig, daß der Kriegsminister, nachdem er ihn nach dem Verfasser des Gesuchs gefragt hatte, ihm alles bewilligte, was er verlangte. Freudestrahlend kehrte der wackere Mann in die Festung zurück, preßte mich gegen seine Brust und sagte mir, sein Glück verdanke er nur mir allein; er lud mich zum Essen an seinen Familientisch, wo seine Knoblauchgerichte mir die Seele im Leibe verbrannten, und schenkte mir zwölf Bottargen Kaviar und zwei Pfund ausgezeichneten türkischen Tabak. Die Wirkung meiner Eingabe erweckte in allen anderen Offizieren den Glauben, sie könnten nichts erreichen ohne den Beistand meiner Feder, und ich versagte dies niemandem. Darüber kam es zu Streitigkeiten, denn ich bediente gleichzeitig den Nebenbuhler eines anderen, der mich früher schon für meine Dienste bezahlt hatte. Da ich mich aber im Besitz von etwa vierzig Zechinen sah, so ließ ich sie reden; denn vor Not war ich nun geschützt. Es begegnete mir jedoch ein Ereignis, das mir sechs sehr unangenehme Wochen verschaffte. Am zweiten April, dem bedeutungsvollen Jahrestage meines Eintrittes in diese Welt, sah ich gleich nach dem Aufstehen eine schöne Griechin bei mir eintreten. Sie sagte mir, ihr Mann sei Fähnrich und habe den größten Anspruch darauf, Leutnant zu werden; er würde es auch werden, aber sein Hauptmann sei ihm feindlich gesinnt, weil sie ihm gewisse Gefälligkeiten abgeschlagen habe, die sie nur ihrem Gatten gewähren dürfe. Sie ubergab mir seine Zeugnisse und bat mich, eine Eingabe aufzusetzen, die sie selber dem Kriegsminister überbringen würde; zum Schluß sagte sie noch, sie sei arm und könne mir meine Mühe nur mit ihrem Herzen vergelten. Ich antwortete ihr, ihr Herz dürfte nur der Preis der Liebe sein, und behandelte sie dementsprechend; ich fand keinen andern Widerstand, als wie ihn eine hübsche Frau der Form wegen stets entgegensetzt. Hierauf sagte ich ihr, sie möchte gegen Mittag zu mir kommen, dann werde das Schriftstück fertig sein. Sie kam auch und hatte nichts dagegen, mich noch ein zweitesmal zu belohnen. Endlich kam sie am Abend unter dem Vorwande, daß noch einige Verbesserungen anzubringen seien, und gab mir Gelegenheit, eine dritte Belohnung zu erhalten. Leider gibt es keine Rosen ohne Dornen; am Morgen des dritten Tages bemerkte ich mit Entsetzen, daß eine Schlange sich unter den Blumen verborgen gehalten hatte. Durch eine sechswöchentliche Pflege und Enthaltsamkeit wurde ich vollkommen wieder hergestellt. Als ich eines Tages meiner Griechin wieder begegnete, war ich so töricht, ihr Vorwürfe zu machen. Sie brachte mich zum Schweigen, indem sie mir lachend antwortete, sie habe mir nur gegeben, was sie selber gehabt, und ich habe unrecht getan, nicht auf meiner Hut zu sein. Der Leser kann sich kaum einen Begriff davon machen, wie mich dieses Unglück beschämte und bekümmerte; ich kam mir wie entehrt vor. Der Unfall hatte auch noch ein Erlebnis zur Folge, das dem neugierigen Leser einen Begriff geben kann, was für ein Wirbelkopf ich damals war. Eines Morgens war die Schwägerin des Majors, Frau Vida, mit mir allein und vertraute mir in einem Augenblick süßer Selbstvergessenheit an, daß ihr Gatte sie mit seiner Eifersucht fürchterlich quäle und daß er so grausam sei, sie seit vier Jahren allein schlafen zu lassen, obgleich sie doch in der Blüte der Jahre stehe. »Gott gebe,« fuhr sie fort, »daß er von unserm Beisammensein nichts erfährt; denn dann würde ich weder aus noch ein wissen.« Ihr Kummer schnitt mir ins Herz; ihr Vertrauen machte auch mich zutraulich; und ich beging die Tölpelei, ihr zu gestehen, in was für einen Zustand mich die grausame Griechin versetzt hätte. Ich sagte ihr, ich empfände dies um so schmerzlicher, da ich sonst glücklich gewesen wäre, ihr für die Kälte ihres eifersüchtigen Mannes Genugtuung zu verschaffen. Kaum hatte ich mit der ganzen Unschuld meines aufrichtigen Herzens diese Worte gesprochen, so stand sie auf und sagte mir in ärgerlichem und zornigem Ton, was nur eine schnöde beschimpfte, anständige Frau dem Frechen sagen kann, der sich gegen sie vergessen hat. Zerknirscht – denn ich sah sofort meinen Verstoß ein – machte ich ihr eine tiefe Verbeugung. Sie aber fuhr in demselben Tone fort und verbot mir, mich jemals wieder bei ihr sehen zu lassen; ich sei ein Geck, der gar nicht wert sei, mit einer anständigen Frau zu sprechen. Ich ging, konnte mich aber nicht enthalten, ihr noch zu sagen, daß eine anständige Frau in solchen Dingen zurückhaltender sein müsse. Indem ich über den Fall nachdachte, fand ich denn auch bald heraus, daß sie, wenn ich ihr nicht meine Schmerzen anvertraut hätte, sondern gesund gewesen wäre, sehr damit einverstanden gewesen wäre, sich von mir trösten zu lassen. Einige Tage später hatte ich wirklich Grund, die Bekanntschaft der Griechin zu bedauern. Es war am Himmelfahrtstage, und da die Feierlichkeit mit dem Bucentoro ganz in der Nähe der Festung stattfand, so kam Herr Rosa mit der Frau Orio und ihren beiden hübschen Nichten, und ich hatte das Vergnügen, ihnen in meinen. Zimmer das Mittagessen anbieten zu können. Später war ich mit meinen Freundinnen in einer abgelegenen Kasematte ganz allein, und sie bedeckten mich mit ihren Küssen. Ich fühlte, daß sie einige Liebesbeweise von mir erwarteten; aber um ihnen nicht ein peinliches Geständnis machen zu müssen tat ich, als befürchtete ich eine Überraschung, und sie mußten sich wohl oder übel zufrieden geben. Meiner Mutter hatte ich mit allen Einzelheiten geschrieben, was mir begegnet war, und wie der Abbate Grimani mich zu behandeln sich erlaubte; sie antwortete mir, sie habe dem Abbate geschrieben, wie es die Umstände verlangten, und sie bezweifle nicht, daß er mich würde in Freiheit setzen lassen; den Erlös der Möbel, die er durch Razzetta habe verkaufen lassen, habe Herr Grimani sich verpflichtet, als Erbteil meinem jüngsten Bruder zukommen zu lassen. – Diese letztere Zusage war eine Betrügerei; denn über dieses Erbe wurde erst dreizehn Jahre später abgerechnet, und auch das nur zum Schein. Ich werde am gelegenen Ort von diesem unglücklichen Bruder sprechen, der vor zwanzig Jahren zu Rom im Elend gestorben ist. Mitte juni kehrten die Cimarioten nach der Levante zurück, und es blieb in der Festung nur die gewöhnliche Besatzung. In meiner verlassenen Lage plagte mich die Langeweile dermaßen, daß ich zuweilen fürchterliche Wutanfälle bekam. Die Hitze war sehr stark und fiel mir sehr lästig; ich mußte daher an Herrn Grimani schreiben und ihn um zwei Sommeranzüge bitten; ich bezeichnete ihm den Ort, wo sie sich befinden müßten, wenn nicht etwa Nazzetta sie verkauft hätte. Acht Tage später befand ich mich gerade beim Major, da sah ich diesen elenden Burschen eintreten und mit ihm ein Individuum, das er uns als Petrillo vorstellte, den berühmten Günstling der Kaiserin von Rußland, der von St. Petersburg komme. Statt berühmt hätte er sagen sollen niederträchtig und statt Günstling: Hanswurst. Der Major lud sie ein, Platz zu nehmen. Razzetta nahm dem Grimanischen Gondoliere ein Paket ab und übergab es mir mit den Worten: »Da bring' ich dir deine Lumpen.« Ich antwortete ihm: »Der Tag wird kommen, wo ich dir deinen rigano bringe.« Bei diesen Worten wagte der Kerl seinen Stock zu erheben, aber der Major wies ihn in die Schranken, indem er ihn entrüstet fragte, ob er vielleicht Lust hätte, die Nacht in der Wachtstube zu verbringen. Petrillo, der bis dahin noch nicht gesprochen hatte, sagte nun zu mir, es tue ihm leid, mich nicht in Venedig gefunden zu haben, ich hätte ihn in gewisse Häuser führen können, wo ich jedenfalls gut Bescheid wisse. »Wir hätten wahrscheinlich deine Frau da getroffen!« antwortete ich ihm. »Ich verstehe mich auf Gesichter!« versetzte er, »du wirst eines Tages gehängt werden.« Ich zitterte vor Zorn, und der Major, dem ohne Zweifel die Bemerkungen dieser Menschen ebenso ekelhaft waren wie mir, stand auf und sagte, er habe Geschäfte. Sie gingen. Beim Abschied sagte mir der Major, er wolle am nächsten Tage sich beim Kriegsminister beschweren, und Razzetta werde für seine Unverschämtheit büßen. Mich erfüllte die tiefste Entrüstung, und ich sann nur noch darauf, wie ich mich rächen könnte. Das Fort war gänzlich von Wasser umgehen, und keine Schildwache konnte meine Fenster sehen. Wenn also ein Boot an diese Stelle kam, so konnte es mich während der Nacht nach Venedig bringen und vor Tagesanbruch wieder mit mir beim Fort sein. Es kam nur darauf an, einen Bootführer zu finden, der für Geld riskieren wollte, im Falle der Entdeckung auf die Galeeren zu kommen. Es kamen regelmäßig mehrere Schiffer in die Festung und brachten Lebensmittel; unter dieser suchte ich mir einen aus, dessen Gesicht mir gefiel, und versprach ihm eine Zechine; er sagte mir, er wolle den nächsten Tag mir Antwort geben. Pünktlich kam er und erklärte sich bereit. Er erzählte mir, er hätte, bevor er sich mit mir einließe, erst wissen wollen, ob ich wegen wichtiger Sachen in Haft wäre; die Frau des Majors hätte ihm aber gesagt, ich wäre nur wegen jugendlicher Streiche auf der Festung. Ich könnte daher auf ihn rechnen. Wir verabredeten hierauf, er sollte sich nach Einbruch der Nacht unter meinem Fenster einfinden und in seinem Boot einen Mast haben, der so lang wäre daß ich mich daran könnte herabgleiten lassen. Zur verabredeten Stunde ist alles bereit; ich rutsche in das Boot hinunter, und wir fahren ab. Der Himmel war bedeckt und das Wasser stand hoch. Ich stieg beim Grabmal am slavonischen Ufer aus, indem ich dem Schiffer Befehl gab, auf mich zu warten. In eine Schifferkapuze gehüllt, ging ich geraden Weges nach San Salvatore und ließ mich von einem Kaffeehauskellner zu Razzettas Tür bringen. Uberzeugt, daß er um diese Stunde nicht zu Hause sein werde, klingelte ich und hörte die Stimme seiner Schwester, die mir sagte: Wenn ich ihn treffen wollte, müßte ich morgens kommen. Mit dieser Auskunft war ich zufrieden; ich setzte mich nun am Fuß der Brücke nieder, um zu sehen, von welcher Seite her er die Straße betrete; kurz vor Mitternacht sah ich ihn vom Platz San Paolo her kommen. Mehr brauchte ich nicht zu wiesen; ich ging zu meinem Boot zurück und gelangte ohne jede Schwierigkeit wieder ins Fort hinein; um fünf Uhr früh konnte die ganze Garnison mich an den Wällen spazierengehen sehen. Nachdem ich alles reiflich überlegt hatte, ergriff ich folgende Maßregeln, um in aller Sicherheit meinen Haß befriedigen und mein Alibi beweisen zu können, für den Fall, daß es mir gelänge, den Schurken totzuschlagen. Denn das war meine feste Absicht. Am Tage vor der zur Ausführung meines Vorhabens bestimmten Nacht ging ich mit dem Sohn des Adjutanten, dem jungen Aloisio Zeno, in der Festung spazieren; er war erst zwölf Jahre alt, aber er machte mir viel Spaß durch seine Verschmitztheit. Im Jahre 1771 werde ich von ihm zu sprechen haben. Beim Spaziergang sprang ich von einer Bastion herunter und tat, als hätte ich mir dabei den Fuß verstaucht. Ich ließ mich von zwei Soldaten in mein Zimmer tragen. Der Wundarzt der Festung glaubte, ich hätte mir den Fuß verrenkt, und sagte, ich müsse zu Bett liegen bleiben; hierauf umwickelte er mir den Knöchel mit Leinwandbinden, die er in Kampferspiritus getaucht hatte. Es kamen eine Menge Leute zu mir zu Besuch, und ich verlangte, daß mein Soldat geholt würde, um die Aufwartung zu besorgen und bei mir im Zimmer zu schlafen. Ich kannte ihn und wußte, daß ein einziges Glas Branntwein genügte, um ihn betrunken zu machen und in tiefen Schlaf zu versenken. Sobald ich ihn eingeschlafen sah, schickte ich den Wundarzt fort, desgleichen auch den Beichtvater der Festung, der über meinem Zimmer wohnte. Um halb elf Uhr bestieg ich mein Boot. In Venedig angekommen, ging ich in einen Laden, wo ich für einen Soldo einen tüchtigen Stock kaufte. Dann setzte ich mich auf die Schwelle einer Tür am Eingang der Straße vom Platz San Paolo her. Ein kleiner Kanal, der an der Straße vorbeifloß, erschien mir wie gemacht, um meinen Feind hineinzuwerfen. Heutigen Tags ist dieser Kanal nicht mehr vorhanden. Dreiviertel vor zwölf Uhr sehe ich meinen Mann langsamen, gemessenen Schrittes herankommen. Ich breche in eiligem Lauf aus der Straße hervor, indem ich mich dicht an die Häuser halte, so daß er mir Platz machen muß. Dann versetze ich ihm einen Schlag auf den Kopf, einen zweiten auf den Arm. Der dritte, zu dem ich besonders kräftig aushole, wirft ihn ins Wasser. Er schreit und ruft meinen Namen. Im selben Augenblick sehe ich aus einem Hause zu meiner Linken einen Furlanen Die Packträger und Dienstmänner in Venedig stammen größtenteils aus dem Friaul herauskommen, der eine Laterne in der Hand hält. Ein Stockhieb trifft seine Hand; er läßt die Laterne fallen und die Angst macht ihm Beine. Ich werfe meinen Stock weg, fliege wie ein Pfeil über den Platz, laufe über die Brücke und erreiche mein Boot, während von allen Seiten Leute nach dem Orte eilen, wo der Lärm ist. Ich springe ins Boot; ein starker, aber günstiger Wind schwellt das Segel, das wir sofort aufspannen, und bringt mich zum Fort zurück. Im Augenblick, wo ich durch das Fenster in mein Zimmer einsteige, schlägt es Mitternacht. Schnell ziehe ich mich aus und sobald ich im Bett liege, wecke ich mit gellendem Geschrei meinen Soldaten und sage ihm, er müsse sofort den Feldscherer holen, ich sei sterbenskrank von einem Kolikanfall. Der Beichtvater wacht von meinem Geschrei auf, kommt herunter und findet mich in Krämpfen liegen. In der Hoffnung, durch eine Latwerge mir Erleichterung zu schaffen, läuft der wackere Mann hinaus und holt mir welche. Während er aber noch Wasser besorgt, verstecke ich die Latwerge, anstatt sie einzunehmen. Nachdem ich eine halbe Stunde lang fürchterliche Gesichter geschnitten hatte, sagte ich, ich fühlte mich nun viel besser, dankte den Anwesenden und bat sie mich allein zu lassen. Dies taten sie auch, indem sie mir eine gute Nacht wünschten. Am nächsten Morgen stand ich wegen meiner vorgeblichen Fußverrenkung nicht auf, obwohl ich ausgezeichnet geschlafen hatte. Der Major war so freundlich mich aufzusuchen, bevor er nach Venedig fuhr. Er sagte mir, an meiner Kolik sei ohne Zweifel die Melone schuld, die ich den Tag zuvor gegessen hätte. Um ein Uhr nachmittags kam der Major wieder. »Ich habe Ihnen«, rief er lachend, »eine gute Nachsicht mitzuteilen. Razzetta ist heute nacht kräftig verprügelt und in einen Kanal geworfen worden.« »Hat man ihn nicht totgeschlagen?« »Nein. Aber seien Sie froh darüber, denn es würde sonst viel schlechter für Sie stehen. Man behauptet, bestimmt zu wissen, daß Sie das Verbrechen begangen haben.« »Mir sehr angenehm, daß man das glaubt: Das ist immerhin eine gewisse Rache für mich. Aber man wird es wohl schwerlich beweisen können.« »Freilich nicht. Indessen hat Razzetta erklärt, er habe Sie erkannt. Dasselbe behauptet der Furlane, dem Sie, wie er sagt, mit einem Stockhieb die Hand verwundet haben, so daß er seine Laterne fallen lassen mußte. Dem Razzetta ist die Nase gebrochen, ihm fehlen drei Zähne. und er hat am rechten Arm eine Quetschwunde. Sie sind beim Avogador (dem Generalstaatsanwalt) angegeben, und Herr Grimani hat sich schriftlich beim Kriegsminister beschwert, daß er Sie in Freiheit gesetzt habe, ohne ihn, Ihren Vormund, davon zu benachrichtigen. Gerade in dem Augenblick, wo er diesen Brief las, betrat ich das Bureau, und ich versicherte Seiner Exellenz, der Verdacht sei falsch; denn als ich fortgegangen, seien Sie wegen einer Sehnenverrenkung im Bett gelegen; ferner sagte ich ihm, um zwölf Uhr nachts hätten Sie einen fürchterlichen Kolikanfall gehabt.« »Ist Razzetta um zwölf Uhr verprügelt worden?« »So steht es in der Anzeige. Der Kriegsminister hat sofort an Herrn Grimani geschrieben, Sie hätten das Fort nicht verlassen, sondern befänden sich noch dort, und die Beschwerdeführer könnten, wenn sie wollten, Kommissare schicken, um den Sachverhalt feststellen zu lassen. Machen Sie sich also, mein lieber Abbate, auf Verhöre gefaßt.« »Ich bin darauf gefaßt; ich werde antworten, es tue mir leid, daß ich unschuldig sei.« Drei Tage darauf kam ein Kommissar mit einen Schreiben des Avogador, und der Prozeß war bald zu Ende. Denn da das ganze Fort von meiner Sehnenverrenkung wußte, so schworen der Kaplan, der Feldscherer, der Soldat und noch mehrere andere, die gar nichts davon wußten: um zwölf Uhr nachts sei ich zu Bett gewesen und habe einen fürchterlichen Kolikanfall gehabt. Sobald mein Alibi beweiskräftig festgestellt worden war, verurteilte der Avogador Razzetta und den Packträger zur Bezahlung aller Kosten – unter Vorbehalt meiner Rechte. Nachdem dieses Urteil ergangen war, riet mir der Major, eine Eingabe an den Kriegsminister zu machen und darin um meine Entlassung aus der Haft zu bitten. Mein Gesuch überbrachte der Major persönlich. Ich setzte Herrn Grimani von diesem Schritt in Kenntnis, und acht Tage darauf kündigte der Major mir an, ich sei frei und er selber werde mich dem Abbate Grimani zuführen. Wir saßen bei Tische und waren gerade sehr lustig, als er mir diese Mitteilung machte. Ich glaubte nicht daran, wollte mir aber dies nicht merken lassen und sagte, um ihm ein Kompliment zu machen, sein Haus gefalle mir besser als das Leben und Treiben in Venedig, und um ihn davon zu überzeugen, wolle ich gerne noch acht Tage bleiben, wenn er das erlaube. Mit Freudenrufen nahm man mich beim Wort. Als er mir aber zwei Stunden später seine Mitteilung bestätigte, so daß ich nicht mehr daran zweifeln konnte, da tat es mir leid, daß ich ihm dummerweise acht Tage von meiner Zeit geschenkt hatte. Ich hatte jedoch nicht den Mut, mein Wort zurückzunehmen, denn die Freudenbezeigungen, besonders seiner Frau, waren so lebhaft gewesen, daß es schändlich von mir gewesen wäre, meine Zusage zu widerrufen. Die prächtige Frau wußte, daß ich ihr alles verdankte, und es wäre ihr unangenehm gewesen, wenn ich dies nicht erraten hätte. Zu guter Letzt passierte mir auf der Festung noch ein Abenteuer, das ich nicht verschweigen zu dürfen glaube. Am Tage nachdem der Kriegsrninister meine Freilassung verfügt hatte, betrat ein Offizier in venetianischer Uniform das Zimmer des Majors; in seiner Begleitung befand sich ein Herr von etwa sechzig Jahren, der den Degen an der Seite trug. Der Offizier übergab einen Brief mit dem Siegel des Kriegsministeriums und entfernte sich, sobald er vom Major die schriftliche Antwort darauf erhalten hatte. Hierauf wandte sich der Major an den alten Herrn, den er als Graf anredete: er behalte ihn auf höheren Befehl in Haft und weise ihm die ganze Festung als Gefängnis an. Der Graf wollte ihm seinen Degen geben, der Major aber wies diesen mit edlem Anstand zurück und führte den Herrn in das für ihn bestimmte Zimmer. Eine Stunde darauf brachte ein Livreebedienter ihm ein Bett und einen Koffer, und am andern Morgen kam derselbe Bediente zu mir und bat mich im Namen seines Herrn, ich möchte diesem die Ehre erweisen, bei ihm zu frühstücken. Ich folgte der Einladung, und der Graf empfing mich mit den Worten: »Herr Abbate, man sprach in Venedig soviel von der Tapferkeit, womit Sie Ihr unglaubliches Alibi bewiesen haben, daß ich dem Wunsche nicht widerstehen konnte, Ihre angenehme Bekanntschaft zu machen.« »Aber, Herr Graf, mein Alibi war vollkommen richtig, und es bedurfte daher keiner Tapferkeit, es zu beweisen. Gestatten Sie mir, Ihnen zu bemerken, daß mir ein sehr schlimmes Kompliment macht, wer daran zweifelt; denn – –« »Reden wir nicht mehr davon und verzeihen Sie mir! Da wir aber doch nun Kameraden geworden sind, so hoffe ich, Sie gönnen mir Ihre Freundschaft. Ich denke, wir frühstücken jetzt.« Da ich während des Frühstücks dem Grafen Auskunft über meine Lebensverhältnisse gegeben hatte, vergalt er mir dies nach dem Essen mit gleichem Vertrauen und erzählte mir: »Ich bin der Graf Bonafede. In jungen Jahren diente ich unter dem Prinzen Eugen; doch verließ ich den Militärdienst und trat als Beamter in den österreichischen Verwaltungsdienst über; infolge eines Zweikampfes ging ich später nach Bayern. Dort, in München, machte ich die Bekanntschaft einer jungen Dame von Adel, entführte sie und ging mit ihr nach Venedig, wo ich sie heiratete. Seit zwanzig Iahren lebe ich hier; ich habe sechs Kinder und bin in der ganzen Stadt bekannt. Vor acht Tagen schickte ich meinen Lakai auf die flandrische Post, um meine Briefe abzuholen; man wollte sie ihm aber nicht aushändigen, weil er kein Geld bei sich hatte, um das Porto zu bezahlen. Ich ging selber hin und erklärte, ich würde das Porto am nächsten Posttag bezahlen; vergebens; ich bekam meine Briefe nicht. Hierüber aufgebracht, begebe ich mich zum Direktor der Post, Baron Taris, und beschwere mich; er antwortet mir, man habe nur auf seinen Befehl gehandelt und meine Briefe würden mir nicht ausgehändigt werden, wenn ich nicht das Porto bezahlte. Und dies sagte er in so grobem Ton, daß ich vor Entrüstung außer mir war. Da ich in seinem Hause war, besaß ich Selbstbeherrschung genug, um an mich zu halten; aber eine Viertelstunde darauf schrieb ich ihm einen Brief und verlangte Genugtuung; ich teilte ihm mit, daß ich nur noch mit dem Degen an der Seite ausgehen und daß ich, einerlei wo ich ihn träfe, ihn zwingen würde, mir Genugtuung zu geben. »Ich bin ihm nirgends begegnet; gestern aber wurde ich vom Inquisitionssekretär angesprochen. Er sagte mir, ich müsse die Unhöflichkeiten des Barons vergessen und mich mit dem Offizier, der bei ihm wäre, als Gefangener nach dem Fort Sant' Andrea begeben; er versicherte mir zugleich, er werde mich nur acht Tage in Haft lassen. – Ich werde also, Herr Abbate, das Vergnügen haben, diese Woche in Ihrer Gesellschaft zu verbringen.« Ich antwortete ihm: seit vierundzwanzig Stunden sei ich frei; um ihm jedoch meine Dankbarkeit für das mir erzeigte Vertrauen zu beweisen, werde ich selber die Ehre haben, ihm Gesellschaft zu leisten. – Da ich mich bereits dem Major gegenüber verpflichtet hatte, so war dies eine Anstandslüge, die sich durch die Gebote der Höflichkeit entschuldigen läßt. Als ich nachmittags mit ihm auf dem Hauptturm des Forts war, machte ich ihn auf eine Gondel mit zwei Ruderern aufmerksam, die auf das Nebentor zusteuerte. Er sah durch sein Fernrohr und sagte mir, seine Frau und Tochter kämen zu ihm zum Besuch. Wir gingen den Damen entgegen, von denen die eine wohl die Mühen einer Entführung verlohnt haben mochte; die andere, eine junge Person von vierzehn bis sechzehn Jahren erschien mir als eine Schönheit ganz eigener Art. Sie hatte schönes hellblondes Haar, schöne blaue Augen, eine Adlernase und einen schönen Mund, dessen halboffene lachende Lippen zwei Reihen blendend weißer Zähne sehen ließen. So weiß wie die Zähne wäre auch ihr Gesicht gewesen, wenn nicht ein rosiger Hauch ihre Wangen bedeckt hätte. Ihre Taille war so dünn, daß sie unnatürlich aussah, aber ihre tadellos geformte Brust glich einem Altar, auf dem der Gott der Liebe mit Wonne den süßesten Weihrauch einatmen mußte. Ihre zur Schau gestellten Schönheiten gewannen einen ganz eigenartigen Reiz durch ihre Magerkeit; ihr Anblick setzte mich in Entzücken, und ich vermochte meine unersättlichen Augen nicht von ihnen abzuwenden. Mit der Fülle, die man an dieser Brust noch vermißte, stattete meine Phantasie sie aus. Und versenkte ich endlich meine Blicke in ihre Augen, so schien deren lachender Ausdruck mir zu sagen: warte nur noch ein oder zwei Jahre, dann wirst du alles sehen, was jetzt nur deine Phantasie dir zeigt. Sie war elegant nach der neuesten Mode gekleidet: sie trug einen großen Reifrock und die üblichen Kleider adliger junger Mädchen, die noch nicht das Alter der Reife erlangt haben; indessen war die junge Gräfin schon heiratsfähig. Niemals hatte ich so ungeniert die Brust einer jungen Dame von Adel betrachten können; mir dünkte aber, man dürfe sich wohl eine Stelle anschauen, wo alles erst noch im Entstehen begriffen sei. Nachdem der Graf mit der Frau Gräfin zunächst einige Worte in deutscher Sprache gewechselt hatte, stellte er mich mit den schmeichelhaftesten Ausdrücken seinen Damen vor und diese sagten mir die anmutigsten Komplimente. Der Major kam hinzu und glaubte sich verpachtet, der Gräfin die Festung zu zeigen; ich machte mir sofort meinen geringeren Rang zu nutze und bot dem Fräulein meinen Arm; der Graf ging auf sein Zimmer. Ich verstand damals Damen nur nach dem alten venetianischen Brauche zu führen, und das Fräulein fand mich ungeschickt; ich glaubte, ihr sehr vornehm aufzuwarten, indem ich ihr meine Hand unter den Arm schob, aber sie zog ihn laut auflachend zurück. Ihre Mutter drehte sich um und fragte sie, worüber sie denn lache; ich wurde sehr verlegen, als ich sie sagen hörte, ich hätte sie gekitzelt. »Sehen Sie mal,« sagte sie, »so gibt man einer jungen Dame den Arm!« Und damit schob sie ihre Hand durch meinen Arm, den ich gewiß sehr linkisch werde gehalten haben, denn es wurde mir nicht ganz leicht, so schnell meine Fassung wieder zu gewinnen. Sie mußte glauben, mit einem ganz tölpelhaften Neuling zu tun zu haben. und nahm sich wahrscheinlich vor, sich über mich lustig zu machen, Sie sagte mir, wenn ich den Arm so krumm hielte, entfernte ich ihn zu weit von meinem Leibe und dadurch würden die richtigen Verhältnisse des Umrisses gestört. Ich sagte ihr, von Umrissen verstände ich leider nichts, und fragte sie zugleich, ob auch das Zeichnen zu ihren Talenten gehörte. »Ich lerne es,« antwortete sie, »und wenn Sie uns besuchen, zeige ich Ihnen Adam und Eva vom Kavaliere Liberi, ich habe das Bild kopiert, und die Professoren haben die Kopie für schön erklärt, ohne zu wissen, daß sie von mir war.« »Warum verbargen Sie Ihren Namen?« »Weil die beiden Figuren zu nackt sind.« »Nach Ihrem Adam bin ich nicht sehr neugierig, aber Ihre Eva würde ich mit Vergnügen sehen, und ich werde Ihr Geheimnis nicht verraten.« Hierüber lachte sie wieder, und wieder drehte ihre Mutter sich um. Ich spielte den Tölpel absichtlich seit dem Augenblick, wo sie mich lehren wollte, wie man den Arm gibt, denn ich sah sofort, daß ihre falsche Auffassung von meiner Person mir nützlich werben konnte. Da sie mich für einen Idioten hielt, glaubte sie mir sagen zu können, sie finde ihren Adam viel schöner als ihre Eva; denn sie habe nichts ausgelassen und man könne jeden Muskel unterscheiden, während an der Eva nichts zu sehen sei. »Aber ich versichere Ihnen, gerade sie wird mich interessieren.« »Nein, glauben Sie mir, Adam wird Ihnen besser gefallen.« Diese Unterhaltung hatte mich sehr aufgeregt. Ich trug wegen der starken Hitze Leinwandhosen ... ich fürchtete, die Mutter und der Major, die nur ein paar Schritte uns voraus waren, könnten sich umdrehen ... ich ging wie aus Dornen. Um meine Verlegenheit auf den Höhepunkt zu bringen, rutschte der jungen Dame infolge eines Fehltritts der eine Hacken aus dem Schuh. Sie streckt ihren hübschen Fuß vor und bittet mich, ihr den Schuh wieder anzuziehen. Ich lasse mich auf ein Knie nieder, und sie hebt, gewiß ohne sich etwas dabei zu denken, ein wenig den Rock hoch ... sie trug einen großen Reifrock und keinen Unterrock ... dies genügte, um mich wie tot umsinken zu lassen. Als ich wieder aufstand, fragte sie mich, ob mir unwohl sei. Als wir gleich daraus aus einer Kasernatte herauskamen, bat sie mich, ihre Frisur, die etwas in Unordnung geraten war, ihr wieder zu ordnen. Da sie dabei den Kopf niederbeugen mußte, konnte mein Zustand ihr nicht mehr verborgen bleiben. Um mir über die Verlegenheit hinwegzuhelfen, fragte sie mich, wer mir mein Uhrband gearbeitet hätte; ich sagte ihr, es sei ein Geschenk meiner Schwester. Sie bat mich, es ihr zu zeigen, als ich ihr aber antwortete, es sei an der Westentasche festgemacht, wollte sie dies nicht glauben; ich sagte ihr, sie könne sich selber davon überzeugen; sie streckte die Hand aus, und mit einer unwillkürlichen, aber unter den Umständen erklärlichen Bewegung wurde ich indiskret. Offenbar nahm sie mir das übel, denn sie sah, daß sie mich falsch beurteilt hatte; sie wurde schüchtern und getraute sich nicht mehr zu lachen. Wir begaben uns zu ihrer Mutter und dem Major, der uns in einer Gruft den Sarg des Marschalls von der Schulenburg zeigte. Dieser war dort einstweilen niedergesetzt, bis das Mausoleum fertig wäre. Mich peinigte die Ungewißheit, ob das Benehmen des jungen Mädchens völlig absichtslos gewesen sei, ob ich durch zu großen Rückhalt oder zu sichtbaren Ausdruck des von ihr entflammten Verlangens gefehlt und sie beleidigt hätte, ob ich also noch weiter zu gehen oder ob ich gut zu machen habe. Mir war's, als sei ich der erste Schuldige, der ihre Tugend beunruhigt habe, und ich würde zu allem bereit gewesen sein, wenn man mir ein Mittel angegeben hätte, mein Vergehen wieder gutzumachen. So fein war damals mein Zartgefühl; immerhin kam auch die hohe Meinung in Betracht, die ich von der durch mich beleidigten Person hatte, und in dieser hohen Meinung täuschte ich mich möglicherweise. Ich muß gestehen, die Zeit hat nach und nach dieses Zartgefühl gänzlich zerstört; trotzdem glaube ich nicht schlechter zu sein als andere, die ebenso alt sind wie ich und ebensoviel Erfahrung haben. Wir begaben uns hierauf zum Grafen zurück, und der Rest des Tages verging ziemlich traurig. Gegen Abend fuhren die Damen wieder ab, nachdem die Mutter mir das Versprechen abgenommen hatte, sie in Venedig zu besuchen. Das junge Fräulein, das ich beschimpft zu haben glaubte, hinterließ mir einen so starken Eindruck, daß ich sieben Tage in der größten Ungeduld verbrachte; aber ich konnte es nur deshalb nicht erwarten, sie wiederzusehen, weil ich sie um Verzeihung bitten und sie von meiner Reue überzeugen wollte. Am anderen Tage besuchte den Grafen sein ältester Sohn. Er war häßlich, aber von edlem Anstand und sehr bescheidener Denkungsart. Fünfundzwanzig Jahre später fand ich ihn als Kadetten in der Garde des Königs von Spanien. Er hatte zwanzig Jahre als einfacher Gardist gedient, um diesen geringen Grad zu erreichen. Ich werde an Ort und Stelle von ihm sprechen; einstweilen will ich nur erwähnen, daß er in Madrid behauptete, mich niemals gekannt zu haben. Seine Eitelkeit bedurfte dieser Lüge, wegen deren er mir leid tat. Am Morgen des achten Tages wurde der Graf aus der Festung entlassen, am Abend desselben Tages verließ auch ich sie, indem ich mit dem Major verabredete, daß wir uns in einem Kaffeehause am Markusplatz treffen wollten, um zusammen zum Abbate Grimani zu gehen. Ich verabschiedete mich von seiner Gattin, deren Andenken mir ewig teuer sein wird, und sie sagte mir: »Ich danke Ihnen, daß Sie alles so gut gemacht hatten, um Ihr Alibi zu beweisen; aber danken Sie auch mir, daß ich so gescheit war, Sie vollkommen zu durchschauen. Mein Mann hat alles erst später erfahren.« In Venedig angelangt, ging ich zu Frau Orio, wo man mich herzlich willkommen hieß. Ich aß bei ihnen zu Abend und meine reizenden beiden Freundinnen – die es am liebsten gesehen hätten, wenn der Bischof unterwegs gestorben wäre – schenkten mir die köstlichste Gastfreundschaft. Am nächsten Mittag ging ich mit dem Major, der sich pünktlich am verabredeten Ort eingefunden hatte, zum Abbate Grimani. Er empfing mich mit der Miene eines Schuldbewußten, der um Verzeihung bittet, und seine Dummheit machte mich ganz verlegen, als er mich bat, ich möchte doch Razzetta und dem Furlanen verzeihen; sie hätten sich geirrt. Hierauf sagte er mir, der Bischof werde in den allernächsten Tagen eintreffen; er, der Abbate, habe mir ein Zimmer anweisen lassen, und ich könne an seinem Tische speisen. Dann ging der Major mit mir zu dem geistreichen Herrn Valavero, der nicht mehr Kriegsminister war, denn sein Halbjahr war abgelaufen. Ich bezeigte ihm meinen ehrfurchtsvollen Dank, und wir unterhielten uns über allerlei gleichgültige Dinge, bis der Major aufbrach. Sobald wir allein waren, bat er mich, ihm zu gestehen, daß ich Razzetta verprügelt hätte. Ich räumte dies unumwunden ein, und er lachte recht herzlich über meine Erzählung des ganzen Hergangs. Er stellte fest, daß ich meinen Streich nicht um Mitternacht hätte ausführen können; daher müßten sich die Dummköpfe bei ihrer Anschuldigung getäuscht haben; übrigens hätte es aber für mich dessen gar nicht bedurft, um mein Alibi zu beweisen; denn da meine Sehnenverrenkung für echt galt, so hätte diese bereits genügt. Der Leser wird wohl nicht vergessen haben, daß ich eine große Last auf dem Herzen hatte; es lag mir in der Tat sehr viel daran, diese loszuwerden. Ich mußte die Göttin aller meiner Gedanken sehen und meine Verzeihung von ihr erlangen oder zu ihren Füßen sterben. Ohne Mühe fand ich ihr Haus; der Graf war nicht anwesend. Die gnädige Frau empfing mich auf das zuvorkommendste; aber ihr Anblick setzte mich so in Erstaunen, daß ich nicht wußte, was ich ihr sagen sollte. Ich glaubte, ich würde einen Engel sehen, würde ihn in einem Paradiese finden – und ich sah nichts weiter als einen großen Saal, dessen Ausschmückung in vier wurmstichigen Holzstühlen und einem sehr schmutzigen Tische bestand. Es herrschte tiefe Dämmerung in dem Saal, denn die Fensterläden waren beinahe ganz geschlossen. Dies hätte geschehen sein können, um die Hitze abzuhalten; aber ich sah, daß man sie nur deshalb geschlossen hatte, um zu verbergen, daß alle Fensterscheiben zerbrochen waren. Trotz dem trüben Licht konnte ich bemerken, daß die Frau Gräfin in ein zerlumptes Kleid gehüllt, und daß ihr Hemd nichts weniger als sauber war. Als sie meine Zerstreutheit bemerkte, ließ sie mich allein, indem sie sagte, sie werde mir ihre Tochter schicken; einen Augenblick darauf trat diese mit edlem und leichtem Anstand ein und sagte mir, sie hätte mich mit Ungeduld erwartet, aber nicht zu dieser Stunde, wo sie sonst niemanden zu empfangen pflege. Ich war um eine Antwort verlegen, denn es kam mir vor, als sei sie nicht sie selbst. In ihrem elenden Hauskleid erschien sie mir beinahe häßlich, und ich wunderte mich, wie sie im Fort einen so starken Eindruck auf mich hatte machen können. Als sie in meinen Zügen die Überraschung las, die ich empfand, erriet sie einen Teil der Gedanken, die mir durch den Kopf gingen, und ich sah auf ihrem Gesicht keinen Verdruß, wohl aber einen Schmerz, der mir weh tat. Hätte sie philosophisch denken können oder hätte sie gewagt dies zu tun, so würde sie das Recht gehabt haben, in mir einen Menschen zu verachten, der sich für sie nur wegen ihrer schönen Kleider oder wegen einer falschen Vorstellung von ihrem adligen Stande oder ihrem Vermögen interessiert hatte. Aber sie versuchte es mit Aufrichtigkeit, um mir über meine Verlegenheit hinwegzuhelfen. Sie fühlte mit Bestimmtheit, daß das Gefühl zu ihren Gunsten sprechen würde, wenn es ihr gelänge, die richtige Saite anzuschlagen. »Ich sehe, sie sind überrascht, Herr Abbate,« sagte sie; »und ich weiß recht wohl warum! Sie haben ohne Zweifel Prunk und Glanz zu finden erwartet, und Sie finden nur augenscheinliches Elend. Die Regierung gibt meinem Vater nur ein geringes Jahrgeld, und wir sind neun Menschen. Da wir jeden Feiertag zur Kirche gehen müssen, und zwar in Kleidern, wie sie unserm Stande entsprechen, so sind wir oft gezwungen, aufs Essen zu verzichten, um die Kleider auslösen zu können, die wir aus Not haben versetzen müssen. Am nächsten Tag bringen wir sie wieder ins Leihhaus. Wenn der Pfarrer uns nicht bei der Messe sähe, würde er unsere Namen aus der Liste der Almosenempfänger der Armenbrüderschaft streichen; von diesem Almosen aber leben wir.« Welch eine Erzählung! Sie erriet, was in mir vorging. Das Gefühl hatte mich überwältigt, aber es hatte mich mehr mit Beschämung als mit Rührung erfüllt. Da ich nicht reich war und keine Liebe mehr verspürte, so wurde ich kälter als Eis und stieß einen tiefen Seufzer aus. Weil jedoch ihre Lage mir Kummer machte, so antwortete ich ihr als ehrlicher Mensch, indem ich ihr sanft zuredete und ihr meine Teilnahme bezeigte. »Wäre ich reich,« sagte ich, »so würde ich Ihnen leicht beweisen, daß Sie Ihr Unglück keinem Fühllosen und Undankbaren anvertraut haben; aber ich bin es nicht, und da ich unmittelbar vor der Abreise stehe, so kann ich Ihnen nicht einmal mit meiner Freundschaft nützlich werden.« Hierauf nahm ich meine Zuflucht zu Gemeinplätzen und sagte ihr, ich gäbe die Hoffnung nicht auf, daß sie dank ihren Reizen ihr Glück machen würde. »Das kann wohl sein,« antwortete sie in nachdenklichem Ton, »nur muß derjenige, auf den sie etwa Wirkung üben, wissen, daß sie untrennbar sind von meinen Gefühlen; er muß sich meinem Gefühl anpassen, und er wird mir die Gerechtigkeit widerfahren lassen, auf die ich Anspruch habe. Ich wünsche nichts weiter als eine rechtmäßige Ehe; auf Adel und Reichtum erhebe ich keinen Anspruch; was es mit dem Adel auf sich hat, das weiß ich, und den Reichtum kann ich entbehren, denn ich bin seit langer Zeit an Dürftigkeit gewöhnt, ja ich habe mich sogar, was nicht leicht zu begreifen ist, ohne das Notwendige behelfen müssen. Aber wir wollen uns meine Zeichnungen ansehen!« »Sie sind sehr gütig, mein gnädiges Fräulein!« An ihre Zeichnungen hatte ich ja gar nicht mehr gedacht, und ihre Eva interessierte mich nicht mehr. Ich folgte ihr. Ich betrat eine Kammer, worin sich ein Stuhl, ein kleiner Spiegel und ein ungemachtes Bett befanden; in diesem sah man die untere Seite des umgestülpten Strohsacks; vielleicht sollte dadurch der Eindruck erweckt werden, daß Bettücher vorhanden wären. Aber besonders abstoßend wirkte auf mich ein gewisser Geruch, dessen Ursache ganz frisch war. Wäre ich noch verliebt gewesen, so hätte dieses Gegenmittel genügt, um mich augenblicklich völlig zu heilen. Ich fühlte nur noch das Bedürfnis, mich zu entfernen, und niemals wiederzukommen, und es tat mir leid, daß ich nicht eine Handvoll Dukaten auf den Tisch werfen konnte; dadurch hätte sich mein Gewissen befreit gefühlt. Die arme junge Dame legte mir ihre Zeichnungen vor, sie schienen mir schön zu sein, und ich lobte sie, aber ich hielt mich nicht bei ihrer Eva auf und scherzte auch nicht über ihren Adam, was, wäre mein Geist anders aufgestutzt gewesen, geschehen sein würde. Aus Höflichkeit fragte ich sie leichthin, warum sie sich denn nicht ihr Talent zu nutze machte. Sie könnte doch Pastell malen lernen. »Das möchte ich gerne,« antwortete sie, »aber eine einzige Schachtel Farben kostet zwei Zechinen.« »Werden Sie mir verzeihen, wenn ich^s wage, Ihnen sechs anzubieten?« »Ach, ich nehme sie dankbar an, und ich bin glücklich, diese Verpflichtung gegen Sie zu haben.« Sie konnte ihre Tränen nicht zurückhalten und wendete sich ab, um sie mir zu verbergen. Diesen Augenblick benutzte ich, um das Geld auf den Tisch zu legen. Um ihr über ein Gefühl der Demütigung hinwegzuhelfen und gleichsam aus Höflichkeit gab ich ihr einen Kuß auf den Mund; sie sollte meine Mäßigung auf Rechnung der Achtung schreiben, die sie mir eingeflößt hatte; im übrigen stand es bei ihr, meinen Kuß als eine Zärtlichkeit aufzufassen oder nicht. Ich verabschiedete mich von ihr mit dem Versprechen, ich würde wiederkommen, um ihren Vater zu besuchen. Ich habe nicht Wort gehalten. Der Leser wird sehen, in welcher Lage ich sie zehn Jahre später wiedersah. Mit welchen Betrachtungen verließ ich das Haus! Welch eine Lehre hatte ich empfangen! Ich verglich Wirklichkeit und Einbildung, und ich sah mich gezwungen, der Einbildung den höheren Rang zuzuweisen; denn die Wirklichkeit hängt stets von der Phantasie ab. Schon damals fühlte ich dunkel, was mir später klar und deutlich geworden ist: daß Liebe nur eine mehr oder weniger lebhafte Neugier ist, wozu noch der von der Natur in uns gelegte Trieb hinzukommt, für die Erhaltung der Art zu sorgen. Die Frau ist wie ein Buch, das immer, mag es gut oder schlecht sein, zunächst durch das Titelblatt gefallen muß. Wenn dieses nicht interessant ist, so erweckt es keine Lust zum Lesen; und diese Lust steht genau im Verhältnis zu dem erweckten Interesse. Das Titelblatt der Frau ist genau wie das eines Buches von oben bis unten zu lesen; ihre Füße, für die jeder, der meinen Geschmack teilt, sich interessiert, besitzen dieselbe Anziehungskraft wie der Druckvermerk eines Buches. Wenn die meisten Liebhaber den Füßen einer Frau nur geringe oder gar keine Aufmerksamkeit schenken, so machen auch die meisten Leser sich nichts aus der Ausgabe eines Buches. Jedenfalls haben die Frauen recht, daß sie große Sorgfalt auf ihr Gesicht, ihre Kleidung und ihre Haltung verwenden, denn dadurch können sie alle, die nicht von der Natur bei ihrer Geburt mit Blindheit begnadet worden sind, neugierig darauf machen, sie zu lesen. Wie nun Leute, die viel gelesen haben, schließlich immer neue Bücher lesen wollen, und wären es auch schlechte, so wird ein Mann, der viele Frauen und lauter schöne Frauen gekannt hat, zuletzt auch auf die häßlichen neugierig, wenn sie nur für ihn neu sind. Wenn auch sein Auge deutlich die Schminke sieht, die ihm die Wirklichkeit verhehlt, so redet ihm doch seine zu einem Laster gewordene Leidenschaft allerlei zugunsten des falschen Titelblattes ein. Vielleicht, sagt er sich, ist das Werk besser als der Titel; vielleicht ist die Wirklichkeit besser als die Schminke, die sie mir verbirgt. Er versucht nun das Buch zu überfliegen; aber dieses ist noch nicht durchgeblättert worden, und er findet Widerstand; das lebende Buch will nach Regel und Ordnung gelesen sein, und der Lesewütige wird ein Opfer der Koketterie, jenes Ungeheuers, das alle verfolgt, die aus der Liebe die Aufgabe ihres Lebens machen. Verständiger Leser, der du diese letzten Zeilen, die Apollo selbst meiner Feder eingeflößt, gelesen hast, gestatte mir, dir etwas zu sagen: Du bist verloren, du wirst bis zu den letzten Augenblicken ein Opfer des schönen Geschlechts bleiben, wenn diese Zeilen nicht dazu beitragen, dir die Täuschung zu benehmen. Wenn meine Aufrichtigkeit für dich nichts Anstößiges hat, so mache ich dir mein Kompliment. Gegen Abend machte ich einen Besuch bei Frau Orio, um bei dieser Gelegenheit ihren reizenden Nichten zu sagen, daß ich bei Grimani wohne und nicht gleich in den nächsten Tagen außerhalb des Hauses schlafen könne. Ich traf bei ihnen den treuen alten Rosa, der mir sagte, man spreche in der ganzen Stadt nur von meinem Alibi, und dieses könne nur dadurch so berühmt geworden sein, daß man allgemein von seiner Falschheit überzeugt sei; ich müßte daher von seiten Razzettas eine Rache gleicher Art befürchten, und ich würde gut tun, auf meiner Hut zu sein, besonders nachts. Ich fühlte, wie gut der Rat des klugen alten Herrn war, und ging infolgedessen nur noch in Begleitung aus oder ich nahm eine Gondel. Frau Manzoni lobte mich sehr; sie sagte, die Gerechtigkeit habe mich freisprechen müssen, aber die öffentliche Meinung wisse wohl, woran sie sich zu halten habe, und Razzetta könne mir nicht verziehen haben. Drei oder vier Tage darauf meldete Grimani mir die Ankunft des Bischofs. Er wohnte bei seinen Ordensbrüdern im Minimitenkloster San Francesco di Paola. Er brachte mich selber zum Prälaten wie ein hochgeschätztes Juwel, und er tat, wie wenn nur er es zeigen könnte. Ich sah einen schönen Mönch, der sein Bischofskreuz auf der Brust trug. Er erinnerte mich an den Vater Mancia; doch sah er kräftiger aus und weniger zurückhaltend. Er war vierunddreißig Jahre alt und war Bischof durch die Gnade Gottes, des Heiligen Stuhles und meiner Mutter. Nachdem er mir seinen Segen gegeben hatte, den ich kniend empfing, reichte er mir die Hand zum Kusse und drückte mich an seine Brust, indem er mich auf lateinisch seinen lieben Sohn nannte; auch später bediente er sich mir gegenüber nur dieser Sprache. Ich dachte, er schäme sich wahrscheinlich italienisch zu sprechen, weil er Calabreser sei; aber er befreite mich von diesem Irrtum, indem er Herrn Grimani auf italienisch anredete. Er sagte mir, er könne mich nicht von Venedig aus mit sich nehmen, ich müsse mich nach Rom begeben. Herr Grimani werde mir die nötigen Weisungen geben; in Ancona werde ich von einem seiner Freunde, dem Minimitenmönch Lazari, seine Adresse erfahren, und dieser werde mir auch das Reisegeld geben. »Sobald Sie in Rom sind,« fuhr er fort, »werden wir uns nicht mehr trennen und werden über Neapel zusammen nach Martorano reisen. Kommen Sie morgen in aller Frühe zu mir. Sobald ich die Messe gelesen habe, frühstücken wir miteinander. Übermorgen reise ich ab.« Auf dem Heimwege hielt mir Herr Grimani eine Moralpredigt, bei deren Anhören ich zehnmal beinahe laut herausgeplatzt wäre. Unter anderem warnte er mich vor allzu eifrigem Studium; denn in der dicken Luft Calabriens könne ich durch zu große geistige Anstrengung leicht schwindsüchtig werden. Am nächsten Tage begab ich mich schon in der Morgendämmerung zum Bischof. Nach der Messe und dem Schokoladenfrühstück nahm er mich drei Stunden ins Gebet, ich bemerkte klar und deutlich, daß ich ihm durchaus nicht gefallen hatte; aber ich meinerseits war mit ihm zufrieden. Er schien mir ein Ehrenmann zu sein; übrigens fühlte ich mich für ihn eingenommen, da ich durch ihn auf den Weg zu den hohen Würden der Kirche gebracht werden sollte, denn damals hatte ich nicht das geringste Selbstvertrauen, obwohl ich von meiner Persönlichkeit einen guten Begriff hatte. Nach der Abreise des guten Bischofs übergab Herr Grimani mir einen von diesem zurückgelassenen Brief, den ich dem Vater Lazari im Minimitenkloster der Stadt Ancona überbringen sollte. Abbate Grimani sagte mir, er würde mich bis Ancona im Gefolge des venetianischen Gesandten befördern, dessen Abreise unmittelbar bevorstehe. Ich mußte mich also bereit halten, und da ich es eilig hatte, aus seinen Händen herauszukommen, so fand ich alle Vorbereitungen ausgezeichnet. Sobald ich den für die Abreise des Gesandten, Cavaliere da Lezze, und seines Gefolges festgesetzten Tag erfuhr, nahm ich Abschied von allen meinen Bekannten. Meinen Bruder Francesco ließ ich in der Schule des berühmten Dekorationsmalers Ioli zurück. Da die Peote, in der ich mich einschiffen sollte, erst mit Tagesanbruch abfuhr, so verbrachte ich die Nacht bei meinen beiden Engeln, die diesmal keine Hoffnung mehr hatten, mich wiederzusehen. Ich wußte natürlich nicht, was mir bevorstand; ich überließ mich meinem Geschick und hielt es für überflüssige Mühe an die Zukunft zu denken. So verging uns die Nacht zwischen Freude und Trauer, zwischen Wonnen und Tränen. Beim Abschied gab ich ihnen den Schlüssel zurück, den ich hatte anfertigen lassen und der mir so süße Augenblicke verschafft hatte. Diese Liebe, meine erste, lehrte mich fast nichts Neues, das mir in der Schule der Welt hätte zugute kommen können, denn sie war vollkommen glücklich, durch keine Sorge gestört und durch keine selbstsüchtige Regung getrübt. Oft fühlten wir alle drei das Bedürfnis, unsere Seelen zur ewigen Vorsehung zu erheben, um ihr für den stets gegenwärtigen Schutz zu danken, durch den sie jeden Unfall, der unseren holden Frieden hätte stören können, von uns fern gehalten hatte. Ich hinterließ bei Frau Manzoni alle meine Papiere und alle verbotenen Bücher, die ich besaß. Die prächtige Frau, die zwanzig Jahre älter war als ich und an das Schicksal glaubte, in dessen großem Buche sie gerne blätterte, sagte mir lachend, sie wisse bestimmt, daß sie mir alles, was ich ihr hinterlasse, spätestens im Laufe des nächsten Jahres zurückgeben werde. Ihre Weissagungen verwunderten mich und machten mir Vergnügen; und da ich große Achtung für sie hegte, so schien mir, ich müsse selber dazu helfen, daß die Prophezeiungen in Erfüllung gingen. Übrigens gab ihr diesen Blick in die Zukunft weder Aberglaube noch ein inhaltsloses Vorgefühl, das stets von der Vernunft zu verdammen ist, sondern ihre Kenntnis von der Welt und von dem Charakter derjenigen, für die sie sich interessierte. Sie lachte darüber, daß sie sich niemals irrte. An der Piazetta schiffte ich mich ein. Herr Grimani hatte mir am Tage vorher zehn Zechinen gegeben, die nach seiner Meinung für die im Lazarett zu Ancona abzumachende Quarantainezeit genügen müßten. Sowie ich das Lazarett verlassen hatte, könne es mir unmöglich an dem nötigen Gelde fehlen. Da die Herren ihrer Sache so gewiß waren, so mußte ich wohl ihre Sicherheit teilen; in meiner Sorglosigkeit dachte ich denn auch gar nicht weiter darüber nach. Allerdings gab mir auch der Inhalt meiner Börse, von dem kein Mensch etwas wußte, eine gewisse Zuversicht: vierzig schöne Zechinen erhöhten beträchtlich meinen jungen Mut. So verließ ich denn meine Heimat mit freudigem Herzen und ohne das geringste Bedauern. Siebentes Kapitel Unglück in Chiozza. – Der Barfüßermönch Vater Steffano. – Im Lazarett zu Ancona. – Die griechische Sklavin. – Pilgerfahrt zu Unserer lieben Frau von Loreto.– Fußwanderung nach Rom; Weiterreise nach Neapel.– Der Bischof, den ich suche, ist nicht zu finden. – das Glück verschafft mir die Mittel nach Martorano zu gelangen, von wo ich schleunigst wieder abreise, um nach Neapel zurückzukehren. Das sogenannte große Gefolge des Gesandten schien mir sehr klein; es bestand aus einem Mailänder Haushofmeister namens Carnicelli, einem Abbate, der ihm als Sekretär diente, da er nicht schreiben konnte, einer alten Aufwartefrau, einem Koch mit einer häßlichen Frau und aus acht oder zehn Bedienten. Mittags kamen wir in Chiozza an. Als wir ausgestiegen waren, fragte ich höflich den Mailänder, wo ich mich einquartieren solle. »Wo Sie wollen,« antwortete er; »nur müssen Sie dem Mann da bekannt machen, wo Sie wohnen, damit er Ihnen Bescheid sagen kann, sobald die Tartane Tartane ist ein Schiff, das nur Haupt- und Fockmast hat und dreieckige Segel führt. bereit ist, in See zu stechen. Ich habe die Verpflichtung, Sie vom Augenblick unserer Abreise von hier kostenfrei nach dem Lazarett in Ancona zu befördern; bis dahin also amüsieren Sie sich!« Der Mann da, den er mir gezeigt hatte, war der Besitzer der Tartane. Ich fragte ihn, wo ich wohnen könnte. »Bei mir,« antwortete er, »wenn es Ihnen recht ist, mit dem Herrn Koch, dessen Frau an Bord der Tartane bleibt, in einem großen Bett zu schlafen.« Ich konnte nichts Besseres tun, als dieses Anerbieten anzunehmen; ein Matrose nahm meinen Koffer auf die Schulter und führte mich zum Hause des wackeren Schiffers. Mein Koffer mußte unter das Bett geschoben werden, denn dieses Bett füllte die ganze Kammer aus. Ich lachte darüber, denn es kam mir nicht zu, den Heiklen zu spielen. Ich ging ins Wirtshaus, um zu essen, und besah mir hierauf den Ort. Chiozza ist eine Halbinsel und hat einen Seehafen, der zur Republik Venedig gehört; seine zehntausend Einwohner bestehen meistens aus Matrosen, Fischern, Kaufleuten, Zollwächtern und Steuer- oder Finanzbeamten der Republik. Ich bemerke ein Kaffeehaus und trete ein. Kaum bin ich drinnen, da kommt ein junger Doktor der Rechte, mit dem ich in Padua studiert hatte, auf mich zu, umarmt mich und stellt mich einem Apotheker vor, dessen Apotheke gleich nebenan lag. Er sagte mir, bei ihm versammelten sich alle literarisch gebildeten Leute. Kurz darauf kam ein einäugiger großer Jakobinermönch, den ich von Venedig her kannte, namens Corsini, und begrüßte mich auf die höflichste Weise. Er sagte mir, ich käme gerade zur rechten Zeit, um dem Picknick der makkaronischen Akademiker beizuwohnen, das am nächsten Tage nach einer Sitzung der Akademie stattfinden sollte und wobei jedes Mitglied ein Gedicht eigener Mache vortrage. Er lud mich ein daran teilzunehmen und der Vereinigung die Ehre zu erweisen, daß ich ihr eines meiner Geisterzeugnisse mitteilte. Ich nahm an und wurde durch Zuruf als Mitglied aufgenommen, nachdem ich zehn Stanzen vorgelesen, die ich für diesen Anlaß gedichtet hatte. Bei Tisch machte ich eine noch bessere Figur als bei der Sitzung, denn ich aß so viel Makkaroni, daß man mich als Fürsten ausrief. Der junge Doktor, der ebenfalls Akademiker war, stellte mich seiner Familie vor. Seine sehr wohlhabenden Eltern bezeigten mir tausend Freundlichkeiten. Er hatte eine sehr liebenswürdige Schwester; aber eine zweite, die den Nonnenschleier genommen hatte, erschien mir geradezu als ein Wunder von Schönheit. Ich hätte im Schoße dieser reizenden Familie meinen Aufenthalt in Chiozza auf sehr angenehme Art verbringen können; aber es stand geschrieben, daß ich an diesem Ort nur Kummer erleben sollte. Der junge Doktor machte mich darauf aufmerksam, daß der Jakobinermönch Corsini ein großer Taugenichts sei, den man nirgends gern sehe, und daß ich gut tun würde, den Verkehr mit ihm zu meiden. Ich dankte ihm herzlich für seinen guten Rat; aber mein Leichtsinn ließ es nicht zu, ihn mir zunutze zu machen. Von Natur nachsichtig und zu unbedacht, um mich vor Fallen zu fürchten, gab ich mich dem törichten Glauben hin, der Mönch könne mir im Gegenteil viele Annehmlichkeiten verschaffen. Am dritten Tage kam ich denn wieder mit dem Taugenichts zusammen; er führte mich in ein schlechtes Haus, in das ich auch ohne seine Empfehlung Eingang gefunden hätte. Um zu renommieren, spielte ich den Liebenswürdigen gegen eine Unglückliche, deren Häßlichkeit allein mich schon hätte abschrecken sollen. Von da nahm er mich zum Abendessen mit sich in ein Wirtshaus, wo wir viele andere Burschen von seiner Sorte fanden. Nach dem Essen legte einer von ihnen eine Pharaobank. Man lud mich zur Teilnahme am Spiel ein. Ich ließ mich aus falscher Scham, die so oft junge Leute ins Verderben stürzt, dazu verführen. Nachdem ich vier Zechinen verloren hatte, wollte ich aufhören, aber mein ehrenwerter Freund, der Jakobiner, wußte mich zu veranlassen, noch vier Zechinen halbpart mit ihm zu riskieren. Er hielt die Bank; sie wurde gesprengt. Ich wollte nicht mehr spielen, aber Corsini tat, als gehe es ihm sehr zu Herzen, daß er an meinem Verlust schuld sei, und riet mir, selber eine Bank von zwanzig Zechinen zu legen. Die Bank flog auf. In der Hoffnung, mein Geld wieder zu gewinnen, verlor ich alles, was ich hatte. Niedergeschmettert ging ich weg; als ich mich neben dem Koch ins Bett legte, wachte er auf und sagte, ich sei ein liederlicher Mensch. »Stimmt!« war meine Antwort. Meine Natur war durch das Wachen und durch den Kummer erschöpft; so versank ich denn in einen tiefen Schlaf. Um Mittag weckte mich der erbärmliche Hallunke Corsini und sagte mir triumphierend, es sei ein sehr reicher junger Mensch eingeladen worden, er werde mit uns zu Abend essen und müsse unbedingt verlieren; so werde ich meinen Verlust wieder wettmachen. »Ich habe all mein Geld verloren, leihen Sie mir zwanzig Zechinen.« »Wenn ich Geld herleihe, verliere ich ganz gewiß. Das ist ein Aberglaube von mir; aber ich habe zu oft die Erfahrung gemacht. Sehen Sie zu, daß Sie anderwärts Geld auftreiben, und kommen Sie. Adieu!« Ich wagte nicht, meinem vernünftigen Freund etwas von meiner Lage zu sagen, daher erkundigte ich mich nach einem anständigen Pfandleiher und leerte meinen Koffer. Der ehrliche Mann machte ein Verzeichnis von meinen Sachen und gab mir dreißig Zechinen unter der Bedingung, daß alle Sachen ihm gehören sollten, wenn ich ihm nicht längstens in drei Tagen das Geld zurückgäbe. Ich muß ihn als ehrlichen Mann bezeichnen, denn er selber nötigte mich, drei Hemden, einige Strümpfe und Taschentücher zu behalten. Ich wollte ihm alles geben, da ich ein Vorgefühl hatte, daß ich alles Verlorene zurückgewinnen würde. Ein ziemlich allgemein verbreiteter Irrtum. Einige Jahre später rächte ich mich, indem ich eine Abhandlung gegen die Vorgefühle schrieb. Ich glaube, das einzige Vorgefühl, wozu der Mensch einiges Vertrauen haben darf, ist das, welches ihm Böses weissagt, denn dieses geht aus dem Verstande hervor. Das Vorgefühl, das uns Glück voraussagt, kommt aus dem Herzen, und das Herz glaubt an das närrische Glück, weil es selber närrisch ist. Spornstreichs eilte ich zu meiner ehrenwerten Gesellschaft, die nichts mehr fürchtete, als daß ich nicht wiederkäme. Während des Abendessens verlautete kein Sterbenswörtchen von Spielen, aber man zollte meinen außerordentlichen Fähigkeiten das schwülstigste Lob und pries das hohe Glück, das in Rom meiner harre. Als nach Tisch immer noch nicht vom Spiel die Rede war, trieb mich mein böser Geist, und ich verlangte mit Nachdruck Revanche. Man antwortete mir, ich brauche ja nur eine Bank aufzulegen, sie würden alle setzen. Ich tat es, verlor alles und ging. Den Mönch bat ich, meine Wirtszeche zu bezahlen, und er versprach es mir. Ganz verzweifelt ging ich nach meiner Wohnung, denn um mein Unglück voll zu machen, bemerkte ich unterwegs, daß ich eine zweite Griechin gefunden hatte, die weniger schön, aber ebenso heimtückisch gewesen war. Wie betäubt legte ich mich zu Bett und ich war, glaube ich, ganz gefühllos, als ich einschlief. Elf Stunden lag ich in schwerem Schlaf, und als ich aufwachte, schloß ich gleich wieder die Augen und versuchte, noch einmal einzuschlafen, denn mein Geist war niedergedrückt, und ich verabscheute das Tageslicht, dessen ich nicht mehr würdig zu sein glaubte. Ich fürchtete mich vor einem völligen Erwachen, weil ich dann hätte einen Entschluß fassen müssen; aber nicht einen Augenblick kam mir der Gedanke, nach Venedig umzukehren, was ich doch eigentlich hätte tun sollen. Auch hätte ich mich lieber umgebracht, als dem jungen Doktor meinen Zustand anzuvertrauen. Das Leben war mir zur Last; ich hatte die unbestimmte Hoffnung, ich könnte vielleicht Hungers sterben, ohne mich von der Stelle zu rühren. Ich glaube bestimmt, ich wäre nicht aufgestanden, wenn mich nicht der brave Albanese, der Schiffer der Tartane, gerüttelt und mir gesagt hätte, ich müßte an Bord gehen, das Schiff segle ab. Der Mensch fühlt sich erleichtert, wenn er – einerlei wodurch – aus einer großen Ratlosigkeit herausgerissen wird. Mir kam es vor, als hätte mir der Schiffer das einzige genannt, was ich in meiner Not noch tun konnte. So zog ich mich in aller Eile an, band meine ganzen Habseligkeiten in ein Schnupftuch und lief nach der Anlegestelle des Schiffes. Eine Stunde später wurde der Anker gelichtet, und am Morgen lief die Tartane in den istrischen Hafen Orsara ein. Wir gingen alle an Land, um die Stadt zu besehen, die aber diesen Namen nicht verdient. Sie gehört dem Papst, da die Republik Venedig sie dem heiligen Stuhl zum Geschenk gemacht hat. Ein junger Barfüßer, Bruder Steffano von Belluno genannt, den der Schiffer, ein großer Verehrer des heiligen Franziskus, aus Barmherzigkeit mitgenommen hatte, trat an mich heran und fragte mich, ob ich krank sei. »Ehrwürdiger Vater, ich habe Kummer.« »Den werden Sie verscheuchen, wenn Sie mit mir nur zu einer Anhängerin unseres Ordens zum Essen gehen.« Seit sechsunddreißig Stunden war keine Nahrung irgendwelcher Art in meinen Magen gekommen, und da der hohe Seegang während der nächtlichen Fahrt mich sehr stark mitgenommen hatte, so war mein Magen gewiß ganz leer. Außerdem quälte meine erotische Unbequemlichkeit mich über alle Maßen; dazu kam noch das Gefühl der Erniedrigung, das auf mir lastete, – ich hatte keinen Heller in der Tasche. Ich befand mich in einem so traurigen Zustand, daß ich nicht die Kraft hatte, meinen Willen gegen irgend etwas zu setzen. In völliger Teilnahmslosigkeit folgte ich mechanisch dem Barfüßer. Er stellte mich der Betschwester vor, indem er ihr sagte, er begleite mich nach Rom, wo ich das Ordenskleid des heiligen Franziskus nehmen werde. Solche Lüge war nur widerwärtig, und in einer anderen Lage hätte ich sie unbedingt nicht durchgehen lassen; aber in der Lage, in der ich mich befand, kam dieser Betrug mir nur komisch vor. Die gute Frau gab uns eine treffliche Mahlzeit Fische, die mit dem in jener Gegend ausgezeichneten Öl zubereitet waren. Wir tranken dazu Refosco, den ich wundervoll fand. Während wir frühstückten, kam ein freundlicher Priester, der zu mir sagte, ich dürfe nicht die Nacht auf der Tartane verbringen, sondern müsse ein gutes Bett bei ihm annehmen, und wenn wir am nächsten Tage wegen widrigen Windes nicht absegeln könnten, auch noch zu einem guten Mittagessen bei ihm bleiben. Ohne Zögern nahm ich dieses Anerbieten an. Nachdem ich reichlich gefrühstückt hatte, dankte ich aus aufrichtigem Herzen der guten frommen Frau und ging mit dem Priester fort, um die Stadt zu besehen. Abends nahm er mich mit in sein Haus und gab mir ein gutes Nachtmahl. Dieses war von seiner Haushälterin zubereitet, die sich mit uns zu Tisch setzte; sie gefiel mir. Sein Refosco war noch besser, als der der Betschwester; der Wein machte mich meine Leiden vergessen, und ich plauderte recht heiter. Er wollte mir ein von ihm verfaßtes Gedicht vorlesen, aber ich konnte nicht mehr die Augen offen halten und sagte ihm, ich würde es gerne am nächsten Tage anhören. Ich ging zu Bett, und nach einem zehnstündigen tiefen Schlaf brachte mir die Haushälterin den Kaffee; sie hatte schon auf den Augenblick meines Erwachens gelauert. Ich fand das Mädchen reizend; leider aber war ich nicht imstande ihr zu beweisen, wie schön ich sie fand. Da ich sehr zugunsten meines Gastfreundes eingenommen war und sein Gedicht recht aufmerksam hören wollte, so entriß ich mich meiner traurigen Stimmung und machte über seine Verse Bemerkungen, die ihn so entzückten, daß er mich viel geistreicher fand, als er erwartet hätte, und mich durchaus auch noch mit der Vorlesung seiner Idyllen beglücken wollte. Da mußte denn meine Höflichkeit gute Miene zum bösen Spiel machen. In angenehmer Weise verbrachten wir den ganzen Tag mitsammen. Die Haushälterin erwies mir die deutlichsten Aufmerksamkeiten; ich sah, daß ich ihr gefallen hatte, und indem ich diesen Gedanken angenehm fand, fühlte ich, daß sie meine Eroberung gemacht hatte, wie ich die ihre. Der Tag verging dem guten Priester blitzschnell – dank den Schönheiten, die ich an seinen Versen entdeckt hatte, die, offen gestanden, unter dem Mittelmaß waren. Mir aber kam die Zeit entsetzlich lang vor, so sehr sehnte ich mich nach den Verheißungen des Zubettegehens, die ich in den Blicken der Haushälterin las. Zwar befand ich mich sowohl körperlich wie seelisch in traurigem Zustande; aber so war ich nun einmal: ich überließ mich der Freude, während mich doch, wenn ich vernünftig gedacht hätte, alles hätte traurig stimmen müssen. Endlich war der Augenblick da. Ich fand das liebenswürdige Mädchen bis zu einem gewissen Grade gefällig; als ich aber ihren Reizen volle Ehre erweisen zu wollen schien, setzte sie mir einigen Widerstand entgegen. Da gab ich ehrbar meine Versuche auf; wir waren beide froh, so wohlfeilen Kaufes davon gekommen zu sein, und ich ging ruhig zu Bett. Die Geschichte war jedoch noch nicht zu Ende. Denn als sie morgens mir meinen Kaffee brachte und ihre anreizende Miene mich zu einigen Liebkosungen hinriß, widerstand sie, wie sie sagte, nur weil sie fürchtete, überrascht zu werden. Der Tag verging dem Priester und mir aufs beste, und am Abend wurden zwei volle Stunden aufs köstlichste verbracht, da die Schöne keine Überraschungen mehr fürchtete. Ich hatte alle Vorsichtmaßregeln getroffen; die unter solchen Umständen möglich sind. – Am andern Tage reiste ich ab. Während der ganzen Reise machte mir Bruder Steffano durch seine Bemerkungen Spaß; unter dem Schleier der Einfalt war Unwissenheit mit Spitzbüberei gemischt. Er zeigte mir alle Almosen, die er in Orsara erhalten hatte: Brot, Wein, Käse, Würste, Konfekt und Schokolade. Alle Taschen seiner heiligen Kutte waren voll von Lebensmitteln. »Haben Sie auch Geld?« fragte ich ihn. »Gott bewahre! Erstens verbietet mir unser glorreicher Orden welches anzurühren; zweitens würde man mir einen oder zwei Soldi geben, wenn ich auf meinen Bettelgängen mir einfallen ließe, Geld zu nehmen. Was ich an Eßwaren bekomme, ist zehnmal soviel wert. Glauben Sie mir, San Francesco war ein sehr kluger Mann.« Bei näherem Überlegen fand ich, daß für den Mönch Reichtum grade darin bestand, was in jenem Augenblick mich elend machte. Er lud mich ein, sein Tischgenosse zu sein, und schien ganz stolz darauf zu sein, daß ich ihm die Ehre erwies. Die Tartane lief den Hafen von Pola an, der Veruda heißt, und wir stiegen aus. Nachdem wir ein Viertelstunde bergan gestiegen waren, kamen wir in die Stadt, und ich verwandte ein paar Stunden auf die Besichtigung der dort befindlichen römischen Altertümer. Die Stadt war ja einstmals Hauptstadt des römischen Reiches; ich fand jedoch von der früheren Größe keine Spur mehr als die Ruinen einer Arena. Wir kehrten nach Veruda zurück und gingen wieder unter Segel. Am nächsten Tage kamen wir vor Ancona an; da wir jedoch lavieren mußten, liefen wir erst am übernächsten Tag in den Hafen ein. Dieser Hafen gilt zwar für ein großartiges Denkmal Trajans, aber er wäre sehr schlecht, wenn nicht mit großen Kosten ein Damm ins Meer hinein gebaut worden wäre. Durch diesen wird er allerdings ziemlich gut. Ich machte die interessante Beobachtung, daß die nördliche Küste der Adria voll von Häfen ist, während die gegenüberliegende nur einen oder zwei hat. Offenbar zieht das Meer sich nach Osten zurück, und in drei- oder vierhundert Jahren wird Venedig mit dem Festlande verbunden sein. In Ancona stiegen wir im alten Lazarett ab, wo man uns sagte, wir müßten eine Quarantäne von achtundzwanzig Tagen durchmachen. Venedig hatte nach einer dreimonatlichen Sperre die Besatzung von zwei Schiffen aus Messina zugelassen; und in Messina hatte kurz vorher die Pest gewütet. Ich verlangte ein Zimmer für mich und Bruder Steffano, der mir dafür ungeheuer dankbar war. Von einem Juden mietete ich ein Bett, einen Tisch und ein paar Stühle; den Mietspreis für das Ganze verpflichtete ich mich nach Beendigung der Sperrzeit zu bezahlen. Der Mönch wollte nur ein Bündel Stroh. Ich glaube, wenn er hätte ahnen können, daß ich ohne ihn vielleicht verhungert wäre, so hätte er nicht so laut jubiliert, daß er bei mir wohnen durfte. Ein Matrose, der sich Hoffnungen auf meine Freigebigkeit machte, fragte mich, wo mein Koffer sei. Da ich ihm antwortete, ich wisse nichts davon, gab er sich viele Mühe ihn zu finden. Auch der Albanese half suchen, und ich hätte beinahe laut herausgelacht, als der Schiffer zu mir kam und mich um Entschuldigung bat: er habe den Koffer vergessen, aber er wolle dafür sorgen, daß ich ihn vor Ablauf von drei Wochen erhalte. Der Barfüßer, der mit mir vier Wochen verbringen sollte, gedachte auf meine Kosten zu leben, während im Gegenteil ihn die Vorsehung mir geschickt hatte, um für meinen Unterhalt zu sorgen. Er hatte Lebensmittel, wovon wir uns acht Tage lang nähren konnten, aber es galt auf weiter hinaus vorzusorgen. So entwarf ich ihm denn nach dem Abendessen eine pathetische Schilderung meiner Lage; um nach Rom zu kommen, fehle mir alles; dort würde ich als Sekretär bei der Gesandtschaft eintreten. Man denke sich meine Überraschung, als ich bei der traurigen Erzählung meines Unglücks den Tölpel ein ganz fröhliches Gesicht machen sah. »Ich übernehme es, Sie bis nach Rom zu bringen; sagen Sie mir nur, ob Sie schreiben können?« »Sie scherzen wohl?« »Welches Wunder! Wie Sie mich hier sehen, kann ich nur meinen Namen schreiben. Allerdings kann ich das mit beiden Händen. Welchen Zweck hätte es für mich mehr zu können?« »Ich bin erstaunt, ich glaubte, Sie seien Priester.« »Nicht Priester! Mönch bin ich. Ich lese die Messe, muß also lesen können. San Francesco, dessen unwürdiger Sohn ich bin, konnte nicht lesen, darum hat er auch niemals eine Messe verrichtet. Nun, da Sie schreiben können, so schreiben Sie morgen an alle Personen, die ich Ihnen nennen werde, ich stehe Ihnen dafür, man wird uns so viel schicken, daß wir davon bis zum Ende der Quarantaine herrlich und in Freuden leben können. Den ganzen nächsten Tag mußte ich damit verbringen, acht Briefe zu schreiben; denn es besteht im Franziskanerorden folgende Überlieferung: wenn ein Mönch an sieben Türen geklopft hat, ohne ein Almosen zu erhalten, so soll er mit Zuversicht bei der achten anpochen; denn hier wird es ihm nicht mißlingen. Da er schon einmal nach Rom gereist war, so kannte er in Ancona alle guten Häuser, wo San Francesco in Ehren gehalten wurde, und alle Oberen der reichen Klöster. Ich mußte an alle Adressen schreiben, die er mir nannte, und durfte keine von den Lügen auslassen, die er mir diktierte. Er nötigte mich auch, für ihn zu unterschreiben, denn wenn er selber unterzeichne, sagte er, so würde man leicht sehen, daß er nicht die Briefe geschrieben hätte, und das würde ihm schaden, »denn in unserer verderbten Zeit«, sagte er, »achtet man ja nur die Gelehrten«. Ich mußte die Briefe mit lateinischen Zitaten spicken – selbst die an Frauen gerichteten, und alle meine Einwendungen waren vergeblich. Denn, wenn ich mich widersetzte, drohte er mir, er würde mir nichts mehr zu essen geben. So entschloß ich mich denn, alles zu tun, was er wollte. An den Superior der Jesuiten ließ er mich schreiben: er wende sich nicht an die Kapuziner, weil das lauter Atheisten wären, deshalb hätte auch der heilige Franziskus sie niemals leiden können. Vergebens sagte ich ihm, zu Lebzeiten des Heiligen habe es weder Kapuziner noch Barfüßer gegeben; er sagte mir, ich sei ein Ignorant. Ich glaubte, man würde ihn als Narren behandeln und kein Mensch würde uns etwas schicken, aber ich irrte mich. Lebensmittel trafen in so großer Menge ein, daß ich ganz überrascht war. Von drei oder vier Seiten schickte man uns Wein, der für die ganze Dauer der Sperre ausreichte, um so mehr, da ich nur Wasser trank, denn ich wollte schnell wieder gesund werden. Zu essen empfingen wir täglich mehr, als sechs Personen verzehren konnten. Den Rest gaben wir unserem Aufseher, der eine zahlreiche Familie hatte. Für alle diese Gaben fühlte der Mönch sich nur dem heiligen Franziskus zur Dankbarkeit verpflichtet und durchaus nicht den guten Seelen, die ihm das Almosen spendeten. Er übernahm es, meine Unterkleider durch den Aufseher waschen zu lassen; ich selber hätte sie diesem nicht zu geben gewagt. Er aber sagte, er riskierte nichts dabei; denn ein jeder wüßte, daß die Barfüßer keine Wäsche trügen. Ich blieb fast den ganzen Tag im Bett; so brauchte ich mich nicht vor den Leuten sehen zu lassen, die ihm ihren Besuch abstatten zu müssen glaubten. Die anderen, die nicht kamen, sandten ihm Briefe voll von geschickten Sticheleien; ich hütete mich wohl, ihn auf diese aufmerksam zu machen. Übrigens hatte ich eine entsetzliche Mühe, ihn zu überzeugen, daß diese Briefe nicht beantwortet zu werden brauchten. Eine zweiwöchentliche Ruhe und strenge Enthaltsamkeit brachten mich auf den Weg zu völliger Wiederherstellung. Ich spazierte nun vom Morgen bis zum Abend im Hof des Lazaretts herum, aber ich mußte diese Unterhaltung aufgeben, als ein türkischer Kaufmann aus Saloniki ankam und mit allen seinen Leuten im Erdgeschoß untergebracht wurde. Nun hatte ich nur noch das Vergnügen, den Tag auf einem Balkon zu verbringen, der auf diesen Hof hinausging. Von dem Balkon aus sah ich eine überraschend schöne griechische Sklavin, die in mir große Teilnahme erweckte. Sie saß fast den ganzen Tag auf ihrer Türschwelle und strickte oder las. Wenn sie ihre schönen Augen erhob und meinen Blicken begegnete, senkte sie bescheiden den Kopf; zuweilen stand sie sogar auf und ging langsam ins Haus hinein, wie wenn sie mir hätte sagen wollen: Ich wußte nicht, daß ich beobachtet würde. Von Gestalt war sie groß und schlank; nach ihrem Gesicht zu urteilen mußte sie noch in der zartesten Jugendblüte stehen; ihre Haut war blendend weiß, ihre Haare und Augen waren von schönem Schwarz. Sie trug griechische Kleider, und diese gaben ihrem ganzen Wesen etwas überaus Wollüstiges. In der Langeweile eines Lazaretts und so wie Natur und Gewohnheit mich gemacht hatten – wie hätte ich wohl ein so verführerisches Wesen halbe Tage lang sehen können, ohne mich rasend zu verlieben? Ich hatte sie in lingua franca mit ihrem Herrn sprechen hören; dieser war ein schöner Greis, der sich ebenso sehr langweilte und nur zuweilen mit seiner Pfeife im Munde auf einen Augenblick herauskam, um gleich wieder ins Haus zu gehen. Gerne hätte ich dem reizenden Mädchen ein paar Worte gesagt; aber ich fürchtete, sie könnte dann fortgehen und ich würde sie nicht wiedersehen. Endlich aber konnte ich es nicht länger aushalten, und ich faßte den Entschluß, ihr zu schreiben. Um ein Mittel, ihr meinen Brief zukommen zu lassen, war ich nicht verlegen, denn ich brauchte ihn nur vom Balkon herunterfallen zu lassen. Da ich aber nicht sicher war, ob sie ihn aufheben würde, fing ich es folgendermaßen an, um nicht einen Fehlschritt zu riskieren: Ich benutzte einen Augenblick, wo sie sich allein befand, und ließ ihr ein kleines in Briefform gefaltetes Stück Papier vor die Füße fallen. Auf dieses Papier hatte ich aber wohlweislich nichts geschrieben, und einen richtigen Brief hielt ich gleichzeitig in der Hand. Als ich sie sich bücken sah, um den ersten Brief aufzuheben, ließ ich schnell den zweiten fallen; sie hob auch diesen auf und steckte alle beide in die Tasche. Einen Augenblick darauf verschwand sie. Mein Brief lautete etwa so: »Engel des Morgenlandes, ich bete Dich an. Ich werde die ganze Nacht auf dem Balkon verbringen, denn mich beseelt der Wunsch, daß Du nur auf eine einzige Viertelstunde kommst, um durch das Loch, das sich unter meinen Füßen befindet, meine Stimme zu hören. Wir werden leise sprechen; um mich zu hören, kannst Du auf den Ballen steigen, der gerade unter dem Loche liegt.« Ich bat meinen Wächter, mich nicht einzuschließen, wie er es sonst allnächtlich tat; er willigte ein, unter der Bedingung, daß er mich beobachten könnte; denn wenn ich mir einfallen ließe, in den Hof hinunterzuspringen, so wäre es um seinen Kopf geschehen. Er versprach mir jedoch, nicht auf den Balkon zu kommen. Um Mitternacht sah ich sie erscheinen – grade in dem Augenblick, wo ich an ihrem Kommen verzweifelte. Ich legte mich lang auf den Fußboden, so daß mein Kopf sich über dem Loche befand, das ein unregelmäßiges Quadrat von ungefähr sechs Zoll bildete. So sah ich sie auf den Ballen steigen, und ihr Kopf war nun einen Fuß vom Balkon entfernt. Sie mußte sich mit der einen Hand an der Mauer festhalten, weil ihr Stützpunkt unsicher war. So sprachen wir nun von uns, von Liebe, Sehnsucht, Hindernissen, Unmöglichkeit und Listen. Ich sagte ihr, warum ich nicht in den Hof hinunterspringen könnte, und sie bemerkte darauf: selbst wenn ich nicht durch diesen Grund aufgehalten würde, so würde ein solches Unterfangen uns ja doch ins Unglück stürzen, da ich unmöglich wieder hinaufgelangen könnte. Außerdem wisse nur Gott allein, was der Türke mit ihr anfangen würde, wenn er uns beieinander fände. Hierauf versprach sie mir, jede Nacht hinauszukommen, um mit mir zu sprechen, und steckte die Hand durch das Loch. Unersättlich küßte ich sie immer und immer wieder; mir war. als hätte ich in meinem Leben noch nicht eine so weiche und zarte Hand berührt. Aber welche Wonne, als sie mich um die meine bat! Schnell streckte ich meinen Arm durch das Loch und sie preßte ihre Lippen auf das Ellenbogengelenk. Welch süße Diebstähle erlaubte meine Hand sich da! Aber wir mußten uns trennen; als ich wieder in mein Zimmer trat, sah ich mit Vergnügen, daß der Wächter in tiefem Schlaf in einer Ecke lag. Ich war zufrieden, denn ich hatte alles erhalten, was ich in der unbequemen Lage nur erwarten konnte; aber ich zerbrach mir den Kopf, um ein Mittel zu finden, wie ich mir in der nächsten Nacht noch mehr Genüsse verschaffen könnte. Da sah ich, daß der weibliche Spürsinn meiner schönen Griechin findiger war als der meinige. Sie befand sich mit ihrem Herrn im Hof und sagte ihm etwas auf türkisch, wozu er beistimmend nickte, gleich darauf kamen ein Diener und der Wächter und stellten einen großen Korb mit Waren unter den Balkon. Sie traf dabei die nötigen Anordnungen und ließ, scheinbar um für den Korb besser Platz zu machen, einen von den Baumwollballen kreuzweis über die beiden anderen legen. Freudig erschauernd erriet ich sofort ihre Absicht, sie verschaffte sich auf diese Weise das Mittel sich um zwei Fuß höher zu erheben. Ich sah aber sofort, daß sie dann eine sehr unbequeme Haltung annehmen müßte; sie müßte sich zusammenkrümmen und das würde sie nicht aushalten können. Das Loch war nicht groß genug, daß sie hätte den Kopf hindurchstecken und bequem aufrecht stehen können. Es galt ein Mittel zu finden, um diese Unbequemlichkeit zu beseitigen. Ich sah keine andere Möglichkeit, als das Brett loszureißen, aber das war nicht so leicht. Trotzdem entschloß ich mich, es auf alle Fälle zu versuchen, und ging in mein Zimmer, um nur eine große Zange zu holen. Der Wächter war nicht da, ich machte mir seine Abwesenheit zunutze und es gelang mir, vorsichtig die vier großen Nägel auszureißen, mit denen das Brett befestigt war. Als ich sah, daß ich es nach Belieben entfernen konnte, legte ich die Zange wieder auf ihren Platz und erwartete in verliebter Ungeduld die Nacht. Der Gegenstand meiner Wünsche kam pünktlich um zwölf Uhr. Als ich sah, daß es ihr Mühe machte, auf den obersten Ballen hinaufzuklettern und sich darauf festzuhalten, hob ich das Brett aus, streckte ihr den Arm entgegen, soweit ich konnte, und bot ihr auf diese Weise einen festen Halt. Sie richtete sich auf und war angenehm überrascht, Kopf und Arme durch das Loch stecken zu können. Wir verloren keine lange Zeit mit Komplimenten; doch beglückwünschten wir uns gegenseitig, gemeinsam auf die Erreichung des gleichen Zieles hingearbeitet zu haben. Hatte ich in der vorigen Nacht mehr sie gehabt als sie mich, so war jetzt das Umgekehrte der Fall. Ihre Hand verzehrte mein ganzes Sein, ich aber konnte auf halbem Wege nicht weiter. Sie verfluchte den Verfertiger des Baumwolleballens, daß er ihn nicht einen halben Fuß dicker gemacht hätte, damit sie mir näher kommen könnte. Auch damit wären wir noch nicht zufrieden gewesen; aber sie hätte doch mehr Genuß gehabt. Unsere Freuden, wenngleich unfruchtbar, beschäftigten uns bis zum Morgengrauen. Ich setzte sorgfältig das Brett wieder ein und legte mich dann zu Bett; ich hatte es außerordentlich nötig, frische Kräfte zu sammeln. Bevor sie ging, sagte meine reizende Griechin mir noch, daß am Morgen ihr kleiner Beiram beginne; er daure drei Tage, und wir könnten uns erst am vierten wiedersehen. In der ersten Nacht nach dem Beiram kam sie wirklich; sie sagte mir, ohne mich könne sie nicht glücklich werden; da sie Christin sei, so könne ich sie loskaufen; ich solle nach meiner Entlassung aus dem Lazarett auf sie warten. Diese Erklärung zwang mich zu dem Geständnis, daß ich nicht die Mittel dazu besitze. Sie stieß einen tiefen Seufzer aus. In der folgenden Nacht sagte sie mir, ihr Herr würde sie für zweitausend Piaster verkaufen; sie sei Jungfrau, und ich werde mit ihr zufrieden sein. Sie werde mir ein Kästchen voll von Diamanten geben, von denen ein einziger zweitausend Piaster wert sei. Wir könnten die anderen verkaufen und von dem Erlös behaglich leben, ohne jemals Armut befürchten zu müssen. Sie versicherte mir, der Türke würde das Verschwinden des Kästchens gewiß nicht bemerken, und wenn auch, so würde er eher jeden anderen in Verdacht haben als sie. Ich war verliebt in das Mädchen, der Vorschlag beunruhigte mich. Aber am nächsten Morgen beim Erwachen schwankte ich nicht mehr. Sie kam zur gewöhnlichen Stunde und brachte das Kästchen mit, ich sagte ihr jedoch, ich könne mich nicht entschließen, Mitschuldiger an einem Diebstahl zu werden Sie seufzte und sagte mir, ich liebe sie nicht, wie sie mich liebe, aber sie sehe wohl, ich sei ein Christ. Es war die letzte Nacht; wir sahen uns aller Wahrscheinlichkeit nach zum letztenmal. Das Feuer, das durch unsere Adern strömte, verzehrte uns. Sie schlug mir vor, sie auf den Balkon hinaufzuziehen. Welcher Liebhaber wäre vor einem so lockenden Vorschlag zurückgewichen? Ich stand auf. Wenn ich auch nicht ein neuer Milon war, so umfaßte ich sie doch unter den Armen und zog sie zu mir hinauf. Schon war ich beinahe in ihrem Besitz, da fühle ich plötzlich, daß jemand meine Schultern packt. Es ist der Wächter. Er schreit mir zu: »Was machen Sie da?« Ich lasse meine kostbare Last entgleiten. Das Mädchen läuft ins Haus. Ich stoße einen Wutschrei aus, werfe mich lang auf den Fußboden hin und rühre mich nicht, soviel mich auch der Wächter rüttelt und schüttelt. Ich hätte den Menschen ermorden mögen. Endlich stand ich auf und ging zu Bett, ohne ihm ein Wort zu sagen. Ich legte nicht einmal das Brett wieder an seinen Platz. Am Morgen kam der Vorsteher und erklärte uns für frei. Als ich mit blutendem Herzen fortging, sah ich noch einmal die Griechin, deren Augen in Tränen schwammen. Ich verabredete mit dem Vater Steffano, daß wir uns an der Börse treffen wollten, und ging mit dem Juden, dem ich die Möbelmiete zu bezahlen hatte, nach dem Minimenkloster, wo der Vater Lazari mir zehn Zechinen gab und die Adresse des Bischofs mitteilte. Er hatte seine Quarantäne an der toskanischen Grenze abgemacht und mußte schon nach Rom unterwegs sein. Dort sollte ich ihn finden. Ich bezahlte den Juden und nahm darauf in einem Wirtshaus ein bescheidenes Mahl ein. Als ich von dort mich zu meinem Barfüßer begeben wollte, lief ich unglücklicherweise dem albanischen Schiffer in den Weg. Er schimpfte mich gehörig aus, daß ich ihn in dem Glauben belassen hätte, ich hätte meinen Koffer vergessen. Ich beschwichtigte ihn, indem ich ihm mein Unglück erzählte, und gab ihm eine schriftliche Bescheinigung, daß ich nichts von ihm zu beanspruchen hätte. Nachdem ich mir dann ein Paar Schuhe und einen (blauen) Mantel gekauft hatte, ging ich zu Steffano. Ich sagte ihm, ich wolle nach Loreto gehen. Dort würde ich drei Tage auf ihn warten und wir könnten dann zusammen nach Rom reisen. Er antwortete mir, er wolle nicht über Loreto wandern; es werde mir noch leid tun, die Gnade des heiligen Franziskus verschmäht zu haben. Am anderen Tage marschierte ich jedoch ab und zwar bei bester Gesundheit. Todmüde kam ich in der heiligen Stadt an; denn ich hatte zum erstenmal in meinem Leben fünfzehn Miglien zu Fuß gemacht und unterwegs nur Wasser getrunken, weil der gekochte Wein, den man in jener Gegend trinkt, mir den Magen verbrannte. Dabei war es über alle Maßen heiß. Ich muß hier bemerken, daß ich trotz meiner Armut nicht wie ein Bettler aussah. Als ich die Stadt betrat, sah ich einen alten Abbate von ehrwürdigstem Aussehen mir entgegenkommen. Da ich sah, daß er mich musterte, grüßte ich ihn, sobald er bei mir war, und fragte ihn, wo ich einen anständigen Gasthof finden könnte. »Ich sehe«, sagte er, »daß jemand wie Sie, der zu Fuß reist, aus Frömmigkeit hierher kommt. Kommen Sie mit.« Er kehrte um, ich folgte ihm, und er führte mich in ein stattliches Haus. Nachdem er leise ein paar Worte mit einem Mann gesprochen hatte, der mir der Hausmeister zu sein schien, ging er wieder. Zum Abschied sagte er mir mit vornehmem Anstande: »Sie werden gut bedient werden.« Ich dachte mir sofort, daß man mich für einen anderen hielt. Aber ich ließ den Dingen ihren Lauf. Man führte mich in ein Appartement von drei Zimmern; das Schlafzimmer war mit Damast tapeziert, das Bett hatte einen Baldachin. Außerdem stand ein Schreibpult darin, das alles zum Schreiben Nötige enthielt. Ein Bedienter brachte nur einen leichten seidenen Schlafrock, ging hinaus und kam sofort mit einem anderen wieder, der Wäsche und eine große Wanne mit Wasser trug. Diese wurde vor mich hingestellt, man zog mir Schuhe und Strümpfe aus und wusch mir die Füße. Einen Augenblick darauf kam eine sehr gut gekleidete Frau mit einer Dienerin, machte mir eine tiefe Verbeugung und begann mein Bett zurechtzumachen. Gerade als ich mit dem Fußbade fertig war, ließ sich eine Glocke hören, alle knieten nieder, und ich folgte ihrem Beispiel. Es war das »Angelus«. Hierauf wurde ein Tischchen sehr sauber gedeckt, und man fragte mich, welchen Wein ich wünsche. Ich antwortete: »Chianti.« Hierauf brachte man mir die Zeitung und zwei silberne Armleuchter. Eine Stunde später wurde mir ein köstliches Abendessen, bestehend aus Fastenspeisen, aufgetragen. Vor dem Schlafengehen fragte man mich, ob ich meine Schokolade vor oder nach der Messe tränke. Ich sagte, den Grund der Frage erratend: »Vor dem Ausgehen!« und begab mich zur Ruhe. Sobald ich im Bett lag, brachte man mir eine Nachtlampe mit einem Zifferblatt, und ich blieb allein. Ich fand mich in einem Bett liegen, wie ich es sonst nur in Frankreich gefunden habe; es war danach angetan, einen von der Schlaflosigkeit zu heilen. Aber an dieser Krankheit litt ich nicht. Ich schlief zehn Stunden. An der Behandlung merkte ich leicht, daß ich nicht in einem Gasthof war. Aber wo war ich? Konnte ich erraten, daß ich mich in einem Hospital befand? Nach der Schokolade erscheint ein geschniegelter und gebügelter Friseur, der vor Schwatzlust zappelt. Er errät, daß ich nicht rasiert sein will, und erbietet sich, mir mein Flaumhaar mit der Schere zu schneiden. Dadurch würde ich jünger aussehen. »Wer hat Ihnen denn gesagt, daß ich mein Alter verbergen möchte?« »Das ist doch ganz einfach. Wenn Monsignore nicht diese Absicht hätten, würden Sie sich schon längst haben rasieren lassen. Gräfin Marcolini ist hier. Kennen Monsignore die Dame? Ich soll sie heute mittag frisieren.« Da er sah, daß die Gräfin Marcolini mich nicht interessierte, ging der Schwätzer zu einem anderen Thema über: »Wohnen Monsignore zum erstenmal hier? In allen Staaten unseres Herrn ist kein so prachtvolles Hospital wie dieses.« »Das glaube ich wohl, und ich werde Seiner Heiligkeit mein Kompliment darüber machen.« »O, er weiß es selber sehr gut! Vor seiner Wahl hat er selbst hier gewohnt. Hätte Monsignore Caraffa Sie nicht gekannt, so würde er Sie nicht eingeführt haben.« In solchen Dingen sind die Friseure in ganz Europa ausgezeichnet; aber man darf sie nicht ausfragen, denn dann mengen sie frech Wahrheit und Lügen durcheinander und forschen selber aus, anstatt sich ausforschen zu lassen. Ich glaubte, Monsignore Caraffa meine Aufwartung machen zu müssen, und ließ mich zu ihm führen. Der Prälat empfing mich sehr gut, zeigte mir seine Bücherei und gab mir als Cicerone einen seiner Abbaten mit. Ich fand in ihm einen Altersgenossen und geistvollen Gesellschafter. Er zeigte mir alles. Zwanzig Jahre später wurde dieser Abbate mir in Rom nützlich; wenn er noch lebt, ist er Kanonikus bei San Giovanni in Laterano. Am zweiten Tage nahm ich in der Santa Casa das Abendmahl; den dritten Tag verwandte ich auf die Besichtigung aller Wunderschätze des Heiligtums. Am anderen Morgen machte ich mich in aller Frühe wieder auf den Weg; ich hätte im ganzen nur drei Paoli für den Friseur ausgegeben. Auf halbem Wege nach Macerata fand ich den Bruder Steffano wieder, der sehr langsam wanderte. Er war sehr erfreut, mich wiederzusehen, und sagte mir, er sei zwei Stunden nach mir von Ancona abmarschiert; er mache aber täglich nur drei Miglien, denn es sei ihm ganz recht, wenn er volle zwei Monate unterwegs bleibe, obgleich man sogar zu Fuß in acht Tagen nach Rom kommen könne. »Ich will«, sagte er, »in Rom frisch und bei guter Gesundheit ankommen. Ich habe gar keine Eile, und wenn Sie Lust haben, in dieser Weise mit mir zu reisen, so wird es dem heiligen Franziskus nicht schwer fallen, uns beiden Unterhalt zu verschaffen.« Der Kerl war ein rothaariger Bursche von dreißig Jahren, von starken Gliedern; ein richtiger Bauer, der nur Mönch geworden war, um bequem von Nichtstun zu leben. Ich antwortete ihm, ich habe Eile und könne daher nicht sein Begleiter sein. »Ich werde heute eine doppelte Tagreise machen,« sagte er, »wenn Sie mir meinen Mantel tragen wollen; denn der drückt mich sehr.« Ich fand die Geschichte spaßhaft, zog seinen Mantel an und ließ ihn meinen Überrock anlegen. In dieser Verkleidung sahen wir so komisch aus, daß alle Vorüberkommenden über uns lachten. Sein Mantel hätte wirklich eine volle Ladung für ein Maultier abgegeben. Es waren darin zwölf Taschen, und zwar alle voll. Dazu kam dann noch die hintere Tasche, die er il batticulo nannte; diese enthielt allein das Doppelte von dem, was in allen anderen zusammen war. Brot, Wein, frisches und gesalzenes Fleisch, Hühner, Eier, Käse, Schinken, Würste waren für mindestens vierzehn Tage vorhanden. Als ich ihm erzählte, wie man mich in Loreto aufgenommen hatte, sagte er mir, wenn ich von Monsignore Caraffa einen Freischein für alle Hospitale bis Rom verlangt hätte, würde ich überall die gleiche Aufnahme gefunden haben. »Die Hospitäler«, fuhr er fort, »sind alle von San Francesco verflucht, weil in ihnen keine Bettelmönche aufgenommen werden; übrigens machen wir uns nichts aus ihnen, weil sie zu weit voneinander entfernt liegen. Wir ziehen die Häuser der unserem Orden ergebenen Frommen vor, die wir auf unserem Wege finden.« »Warum suchen Sie nicht in Ihren Klöstern Unterkunft?« »So dumm bin ich nicht. Erstens würde man mich nicht aufnehmen, denn als Flüchtling habe ich keinen schriftlichen Erlaubnisschein, und den wollen sie immer haben. Ich würde sogar in Gefahr sein, ins Gefängnis gesteckt zu werden; denn die Mönche sind ein verfluchtes Pack. Zweitens sind wir in unseren Klöstern nicht so gut aufgehoben wie bei unseren Wohltätern.« »Wie? Sie sind Flüchtling? Warum denn?« Er erzählte mir nun über seine Gefangenschaft und Flucht eine Geschichte voll von abgeschmackten Lügen. Dieser flüchtige Barfüßer war ein Dummkopf mit Harlekinswitz; er hielt aber seine Zuhörer für noch viel größere Dummköpfe, als er selber war. Bei all seiner Dummheit besaß er aber doch eine gewisse Verschmitztheit. Seine Religion war sehr eigenartig. Er wollte kein Frömmler sein und wurde dadurch skandalös; um seine Zuhörer zum Lachen zu bringen, erlaubte er sich die ekelhaftesten Bemerkungen. Er hatte gar kein Gefühl für das weibliche Geschlecht und für fleischliche Genüsse; aber das lag nur an seinem Mangel an Temperament. Dabei verlangte er jedoch, man solle diesen Mangel als Tugend der Enthaltsamkeit an ihm bewundern. Das ganze Gebiet des Geschlechtlichen war für ihn nur dazu da, Lachlust zu erregen. Wenn er etwas angetrunken war, richtete er an die Tischgenossen so unanständige Fragen, daß alle darüber erröteten. Der Kerl aber lachte nur dazu. Als wir hundert Schritt vor dem Hause des Wohltäters entfernt waren, den er mit seinem Besuch beehren wollte, zog er seine schwere Kutte wieder an. Beim Eintritt gab er allen seinen Segen, und jeder küßte ihm die Hand. Da die Hausfrau ihn bat, ihnen eine Messe zu lesen, war der Mönch ihnen zu Willen uns ließ sich in die Sakristei führen; als ich ihm unbemerkt ins Ohr flüsterte: »Haben Sie denn vergessen, daß Sie schon gefrühstückt haben?« antwortete er nur grob: »Das geht Sie nichts an.« Ich wagte ihm hierauf nichts zu erwidern; ich wohnte der Messe bei und war begreiflicherweise sehr überrascht, als ich sah, daß er das Rituell nicht kannte. Dies fand er spaßhaft, aber das eigentlich Komische der Geschichte sollte erst noch kommen. Sobald er, so gut es eben ging, seine Messe zu Ende gelesen hatte, setzte er sich in den Beichtstuhl und nahm der ganzen Familie die Beichte ab. Dabei hatte er den Einfall, der Tochter des Hauses, einem reizend hübschen Kind von zwölf oder dreizehn Jahren, die Absolution zu verweigern. Und zwar machte er das öffentlich; er schult sie aus und drohte ihr mit der Hölle. Das arme Mädchen verließ voller Scham die Kapelle und vergoß heiße Tränen; sie tat mir leid, und in meinem Zorn konnte ich mich nicht enthalten, dem Bruder Steffano laut ins Gesicht zu sagen, er sei verrückt. Ich lief ihr nach, um sie zu trösten; aber sie war schon verschwunden und war nicht zu bewegen, sich mit uns zu Tische zu setzen. Sein unglaubliches Betragen brachte mich dermaßen auf, daß ich Lust hatte, ihn durchzuprügeln. Vor allen Leuten nannte ich ihn einen Betrüger und gemeinen Ehrabschneider an dem jungen Mädchen. Ich fragte ihn, warum er ihr die Absolution verweigert habe; er schloß mir aber den Mund, indem er kaltblütig antwortete, er dürfe das Beichtsiegel nicht verraten. Ich aß nicht mit und war fest entschlossen, mich von dem Schelm zu trennen. Als wir gingen, mußte ich einen Paolo für die von ihm gelesene falsche Messe annehmen. Ich mußte das traurige Amt seines Kassierers versehen. Sobald wir auf der Landstraße waren, sagte ich ihm, ich wolle mich von ihm trennen, weil ich auf die Galeeren zu kommen fürchte, wenn ich noch weiter mit ihm gehe. Unter anderem nannte ich ihn einen unwissenden Schurken; er sagte dagegen, ich sei bloß ein Bettler. Hierauf versetzte ich ihm eine kräftige Ohrfeige, auf die er mit einem Stockhieb antwortete. Ich entwaffnete ihn aber augenblicklich, ließ ihn stehen und ging nach Macerata zu. Eine Viertelstunde darauf erbot sich ein Kutscher, der mit leerem Wagen nach Tolentino fuhr, mich für zwei Paoli bis dahin mitzunehmen. Ich nahm das an. Von dort hätte ich für sechs Paoli nach Foligno kommen können, aber aus unglückseliger Sparwut schlug ich das Anerbieten aus. Ich befand mich wohl und glaubte leicht zu Fuß noch bis Valcimara gelangen zu können. Aber ich kam dort erst nach fünfstündigen. Marsch und todmüde an. Ich war kräftig und gesund, aber ein Weg von fünf Stunden genügte, um mich völlig zu erschöpfen, weil ich in meiner Kindheit niemals eine Meile zu Fuß gemacht hatte. Man kann gar nicht genug Wert darauf legen, die Jugend an Märsche zu gewöhnen. Am anderen Morgen stand ich ausgeruht auf und wollte meinen Weg fortsetzen. Ich will den Wirt bezahlen – da gibt's ein neues Unglück! Man stelle sich meine traurige Lage vor: ich erinnerte mich, daß ich meine Börse mit sieben Zechinen im Wirtshaus in Tolentino hatte auf dem Tisch liegen lassen, als ich, um zu bezahlen, eine Zechine wechseln ließ. Ich war trostlos. Erst wollte ich umkehren, um sie zu verlangen; aber ich gab diesen Gedanken auf, denn ich wußte ja nicht, ob man sie würde herausgeben wollen. Leider enthielt aber diese Börse all mein Geld mit Ausnahme einiger Kupfermünzen, die ich in der Tasche hatte. Ich bezahlte meine kleine Zeche und machte mich bekümmerten Herzens auf den Weg nach Serravalle. Ich war nur noch eine Stunde von diesem Ort entfernt, als ich beim überspringen eines Grabens mir den Fuß verrenkte. Ich muß mich an den Wegrain setzen und habe den einzigen Trost, den die Religion allen Bedrängten bietet. Ich bitte Gott, er wolle jemand vorübergehen lassen, der mir helfen könne. So saß ich seit einer halben Stunde, als ein Bauer, der mit seinem Esel vorbeikam, sich bereit erklärte, mich für einen Paolo nach Serravalle zu bringen. Um mir Geld zu sparen, führte der Bauer mich zu einem Mann mit einem Verbrechergesicht, der gegen Vorauszahlung von zwei Paoli mich aufnahm. Ich bat ihn, einen Wundarzt zu beschaffen, konnte diesen aber erst am anderen Tage haben. Ich erhielt ein elendes Abendessen und legte mich hierauf in ein grausig aussehendes Bett. Ich hoffte schlafen zu können und im Schlummer einige Erleichterung zu finden; aber gerade dies Bett hatte mein böser Genius dazu ausersehen, mich Höllenqualen leiden zu lassen. Drei Männer mit Karabinern, die wie rechte Banditen aussahen, kamen nach einiger Zeit, sprachen ein Kauderwelsch, das ich nicht verstand, und fluchten und wetterten, ohne auf mich die geringste Rücksicht zu nehmen. Nachdem sie bis Mitternacht gezecht und gesungen hatten, legten sie sich auf Stroh nieder, und mein betrunkener Wirt kam, zu meiner großen Überraschung, und wollte sich neben mich legen. Empört, daß ich mit einem solchen Geschöpf in einem Bett liegen sollte, rief ich aus, ich würde ihn nicht neben mir dulden; er aber versetzte mit gräßlichen Flüchen, die ganze Hölle solle ihn nicht abhalten, in seinem eigenen Bett zu schlafen. Ich mußte ihm Platz machen. »Um des Himmels willen!« schrie ich; »bei wem bin ich denn.?« »Beim ehrenwertesten Sbirren im ganzen Kirchenstaat.« Konnte ich ahnen, daß der Bauer mich zu diesen verfluchten Feinden des ganzen Menschengeschlechtes führen würde? Der Mensch legt sich ins Bett; bald aber zwingt mich der gemeine Halunke, ihm einen so kräftigen Stoß vor die Brust zu geben, daß ich ihn aus dem Bett hinauswerfe. Er sieht auf und erneuert schamlos seinen Angriff. Ich fühle, daß ich nur mit eigener Lebensgefahr ihn zu Boden schlagen könne, stehe auf, da er sich dem zum Glück nicht widersetzt, schleppe mich so gut es geht zu einem Stuhl und verbringe auf diesem den Rest der Nacht, vier traurige Stunden. Bei Tagesanbruch wurde der Halunke von seinen Kameraden geweckt, er stand auf, und nachdem sie wieder getrunken und gelästert hatten, nahmen sie ihre Karabiner und gingen. Nachdem das Lumpenpack fort war, verbrachte ich noch eine traurige Stunde. Vergebens rief ich nach Hilfe. Endlich kam ein kleiner Junge hinein und holte mir für ein paar Kupfermünzen einen Wundarzt. Dieser untersuchte mich und versicherte mir, eine drei- oder viertägige Ruhe würde mich völlig wiederherstellen. Er riet mir, mich in einen Gasthof bringen zu lassen; gern nahm ich diesen guten Rat an. Ich wurde hingetragen, in ein Bett gelegt und gut behandelt; aber ich befand mich in einer so unangenehmen Lage, daß ich den Augenblick meiner Wiederherstellung fürchtete. Ich befürchtete meinen Überrock verkaufen zu müssen, um den Wirt bezahlen zu können, und dieser Gedanke war mir entsetzlich. Unwillkürlich mußte ich denken: hätte ich meine Teilnahme für das von Steffano so schlecht behandelte Mädchen zurückgedrängt, so wäre ich nicht in eine so traurige Lage geraten. Ich fand jetzt meinen Eifer übel angebracht. Wenn ich mich dem Barfüßer hätte können... Ja! Wenn, wenn, wenn, alle diese Wenn zerreißen einem Unglücklichen das Herz, sobald er anfängt zu denken. Denn nachdem er seine Gedanken von allen möglichen Seiten betrachtet hat, ist er noch ebenso unglücklich wie zuvor. Ich will jedoch gestehen, daß solche vom Unglück angeregte Betrachtungen durchaus nicht ohne Vorteil für einen jungen Menschen sind; denn dadurch gewöhnt er sich ans Denken. Und aus einem Menschen, der nicht denkt, wird niemals etwas. Am Morgen des vierten Tages fühlte ich mich wieder marschfähig, wie der Wundarzt es mir vorausgesagt hatte. Ich entschloß mich, den braven Mann zu bitten, er möge für mich meinen Überrock verkaufen. Dies war eine nicht sehr tröstliche Notwendigkeit, denn der Herbstregen begann. Meinem Wirt war ich fünfzehn Paoli schuldig und vier dem Chirurgen. Im Augenblick wo ich ihm den schmerzlichen Auftrag geben wollte, den Rock zu verkaufen, trat Bruder Steffano ein. Er lachte aus vollem Halse und fragte mich, ob ich den Stockhieb vergessen hätte. Ich fiel aus den Wolken! Ich bat den Wundarzt, mich mit dem Mönch allein zu lassen, und er ging. Ich frage den Leser: wie kann man sich des Aberglaubens erwehren, wenn man solche Erlebnisse hat? Am erstaunlichsten ist in diesem Fall, wie es gerade auf die Minute eintraf: Der Mönch erschien gerade in dem Augenblick, wo ich den Mund auftun wollte. Noch mehr war ich erstaunt über die Macht der Vorsehung, des Glücks, des Zufalles oder wie man es nennen will, mit einem Wort über das ganz notwendige Zusammentreffen verschiedener Umstände, das mir keine andere Wahl ließ als alle meine Hoffnungen nur auf diesen Mönch zu setzen, der in Chiozza in demselben Augenblick, wo meine Not begann, mein Schutzgeist geworden war. Und was für ein Schutzgeist, dieser Steffano! Ich muß in dieser Macht des Schicksals mehr eine Strafe als eine Gunst erkennen. Sein Erscheinen war jedoch nur angenehm, denn ich zweifelte nicht einen Augenblick daran, daß er mich aus der Verlegenheit ziehen würde. Und mochte er mir vom Himmel oder von der Hölle zugesandt worden sein – ich fühlte, daß ich nichts Besseres tun konnte, mich seinem Einfluß zu unterwerfen. Seine ihm von Schicksal zugewiesene Bestimmung war es mich nach Rom zu bringen. Chi va piano va sano , sagte nur der Mönch, sobald wir allein waren. Er hatte fünf Tage gebraucht, um den Weg zurückzulegen, den ich in einem Tage gemacht hatte; aber er war wohlauf und hatte keinerlei Unfall gehabt. Er erzählte nur, man habe ihm, als er vorübergekommen sei, gesagt, der Abbate, der als Sekretär beim venetianischen Botschafter eintreten solle, liege krank im Gasthof, nachdem er in Valcimara bestohlen worden sei. »Ich habe Sie aufgesucht, und da Sie ja wieder ganz gesund sind, so werden wir miteinander nach Rom gehen; Ihnen zu Gefallen werde ich täglich sechs Miglien machen. Alles möge vergessen sein, und nun schnell auf nach Rom!« »Ich kann nicht. Ich habe meine Börse verloren und soll zwanzig Paoli bezahlen.« »Die werde ich im Namen des heiligen Franziskus besorgen.« Eine halbe Stunde darauf kam er zurück, aber mit wem? Mit meinem niederträchtigen Sbirren! Dieser sagte mir, wenn ich ihm anvertraut hätte, wer ich wäre, würde er mich gerne ganz bei sich behalten haben. »Ich gebe Dir,« sagte er weiter, »vierzig Paoli, wenn Du Dich verpflichtest, mir die Protektion Deines Gesandten zu besorgen; aber wenn Dir das nicht gelingt, mußt Du sie mir in Rom zurückgeben. Du mußt mir also einen Schuldschein darüber schreiben.« »Gern.« In einer Viertelstunde war alles abgemacht; ich erhielt das Geld, bezahlte meine Schulden und marschierte mit Steffano ab. Es war kaum erst ein Uhr Mittag, a.s der Mönch eine armselige Hütte hundert Schritte vom Wege ab bemerkte und mir sagte: »Bis Collefiorito ist noch sehr weit; wir müssen hier haltmachen und die Nacht zubringen.« Vergebens stellte ich ihm vor, wir würden in der Hütte schlecht aufgehoben sein; er schlug alles in den Wind, und ich mußte mich seinem Willen unterwerfen. Wir fanden einen ausgemergelten, schwindsüchtigen Greis, der auf einem elenden Bette lag, zwei häßliche Weiber von dreißig bis vierzig Jahren, drei nackte Kinder, eine Kuh und einen verdammten Köter, der fortwährend bellte. Ein des Elends. Aber der Mönch war hartnäckig; anstatt ihnen ein Almosen zu geben, verlangte er im Namen des heiligen Franziskus ein Abendessen. »Ihr müßt,« sagte der Sterbende zu den Weibern, »das Huhn kochen und die Flasche aus dem Keller holen, die ich seit 20 Jahren verwahre.« Kaum hatte er diese Worte gesprochen, so bekam er einen so starken Hustenanfall, daß ich glaubte, er würde vor unseren Augen sterben. Der Mönch trat an sein Bett und versprach ihm, San Francesco werde ihn wieder jung machen. Beim Anblick dieses Elends von Mitleid durchdrungen, wollte ich allein nach Collefiorito gehen und dort auf den Mönch warten, aber die Frauen widersetzten sich, und ich blieb. Nach Verlauf von vier Stunden schien das Huhn die besten Zähne herausfordern zu wollen und in der Flasche, die ich entkorkte, war Essig. Da verliere ich die Geduld, ich nehme den batticulo des Mönches her und lege ein gutes Abendessen auf den Tisch; beim Anblick unserer Eßwaren verklären sich die Gesichter der beiden Frauenzimmer. Wir aßen alle mit gutem Appetit; dann wurden für uns zwei große Lagerstätten aus frischem Stroh zurechtgemacht, auf die wir uns im Dunkeln hinlegten, da das einzige Lichtstümpchen, das in der traurigen Behausung sich vorfand, erloschen war. Kaum liegen wir fünf Minuten auf unserem Stroh, da ruft der Mönch mir zu, ein Weib habe sich zu ihm gelegt, und im selben Augenblick umarmt mich die andere. Ich stoße sie zurück, der Mönch wehrt sich; die schamlose Vettel will nicht von mir ablassen: ich stehe auf, der Hund springt mir an die Kehle, und aus Furcht lege ich mich ruhig wieder auf mein Stroh. Die Unverschämte ließ sich durch nichts stören, mich zu Dingen aufzumuntern, zu denen ich keine Lust hatte. Der Spektakel aber, den der Mönch machte, sich die Seinige abzuwehren, ward mir so lächerlich, daß aller Zorn darüber verging. Der Narr rief laut den heiligen Franziskus um Hilfe an, weil er auf meine nicht rechnen konnte. Der Mönch schreit, flucht, schlägt um sich; der Hund bellt wie rasend, der Greis hustet; es ist ein Höllenlärm. Die Dirne bei mir sagte, sie würde wieder weggehen, wenn ich nur ein wenig gefälliger wäre. Ich dachte: sublata laterna nullum discrimen inter mulieres. – Im Dunkeln sind alle Weiber gleich. Endlich glückt es Steffano, den seine dicke Kutte schützt, sich den Liebkosungen seiner Megäre zu entziehen, dem Hunde zum Trotz steht er auf, und es gelingt ihm, seinen dicken Stock zu erwischen. Nun schlägt er nach rechts und links um sich; eins von den beiden Weibern schreit: »Au! Mein Gott!« Der Barfüßer antwortet: »Die ist hin!« Es wird wieder ruhig. Der Hund, den er ohne Zweifel totgeschlagen hatte, bellte nicht mehr; der Greis, dem er vielleicht den Garaus gemacht hatte, hustete nicht mehr; die Weiber, die vor den Liebenswürdigkeiten des Mönches Angst hatten, hielten sich still in der Ecke. Den übrigen Teil der Nacht hatten wir Ruhe. Sobald der Morgen graut, stehe ich auf; Steffano folgt meinem Beispiel. Ich sehe mich überall um und bin im höchsten Grade erstaunt, als ich sehe, daß die Weiber verschwunden sind. Der Greis lag da, ohne ein Lebenszeichen von sich zu geben ; er hatte eine große Beule auf der Stirn. Ich zeigte sie dem Mönch und sagte ihm, vielleicht hätte er ihn totgeschlagen. »Das kann wohl sein,« antwortete er, »aber wenn ich es getan habe, so geschah es nicht mit Absicht.« Nun holte er seinen batticulo und geriet in eine fürchterliche Wut, als er die Riesentasche ganz leer fand. Ich freute mich sehr darüber, denn ich hatte befürchtet, die Weiber wären fortgegangen, um Hilfe zu holen und uns verhaften zu lassen. Das Verschwinden unserer Eßvorräte beruhigte mich, denn nun war es sicher, daß die elenden Weiber sich nur aus dem Staube gemacht hatten, um nicht wegen des Diebstahls zur Rechenschaft gezogen zu werden. Trotzdem unterließ ich es nicht, dem Mönch in lebhaften Farben die Gefahren zu schildern, die uns drohten, und es gelang mir, ihm so viel Angst zu machen, daß er sich bereit erklärte, mit mir fortzugehen. Dicht bei dem Hause trafen wir einen Fuhrmann, der nach Foligno wollte. Ich überredete Steffano, sich mit mir diese Gelegenheit zunutze zu machen, um uns schnell zu entfernen. Während wir in Foligno frühstückten, kam ein anderer Kutscher ebenfalls mit einem leeren Wagen, der uns für eine Kleinigkeit mitnahm. So gelangten wir nach Pisignano, wo ein frommer Mann uns sehr gutes Quartier gab. Hier tat ich einen guten Schlaf, denn ich hatte jetzt keine Furcht mehr, verhaftet zu werden. In der Frühe des nächsten Tages kamen wir nach Spoleti, wo Bruder Steffano zwei Wohltäter hatte. Da er ihnen keinen Anlaß zur Eifersucht geben wollte, begünstigte er sie beide. Wir aßen zu Mittag bei dem einen, der uns wie Fürsten bewirtete, und nahmen Abendessen und Nachtlager bei dem anderen. Dieser war ein reicher Weinhändler, Vater einer zahlreichen und reizenden Familie. Er gab uns ein köstliches Abendessen, und alles wäre sehr nett verlaufen, wenn sich nicht der Mönch, der schon heim Mittagessen ein bißchen viel des Guten genossen hatte, völlig betrunken hätte; in diesem Zustand ließ er sich einfallen, von dem anderen Wohltäter schlecht zu reden; vielleicht dachte er, er tue damit unserem Wirt einen Gefallen. Dies konnte ich nicht ertragen. Als er behauptete, jener habe gesagt, alle Weine unseres Wirtes seien verfälscht und dieser sei ein Spitzbube, da nannte ich ihn ins Gesicht einen Lügner und Schuft. Unser Wirt und seine Frau beruhigten mich, indem sie mir versicherten, sie kennten ihren Nachbarn und wüßten wohl, was sie von ihm zu halten hätten. Der Mönch schmiß mir seine Serviette an den Kopf, als ich ihm seine Lügen vorwarf. Nun nahm ihn unser Wirt sachte unter den Arm, führte ihn in ein Schlafzimmer und schloß ihn ein. Ich legte mich in einem anderen Zimmer zu Bett. Am anderen Morgen stand ich schon in aller Frühe auf und beschloß, allein weiterzureisen. Aber inzwischen hatte der Mönch seinen Rausch ausgeschlafen; er kam zu mir und sagte, in Zukunft müßten wir in gutem Einverständnis leben und uns nicht mehr erzürnen. Ich fügte mich meinem Schicksal. Wir machten uns wieder auf den Weg. In Sorna gab uns die Wirtin des Gasthauses, eine Frau von seltener Schönheit, ein gutes Mittagessen mit ausgezeichnetem Cypernwein; diesen bringen ihr die venetianischen Kuriere in Austausch gegen vortreffliche Trüffeln, die sie ihnen dafür gibt, und die von ihnen bei ihrer Rückkehr in Venedig vorteilhaft verkauft werden. Ich konnte nicht von ihr scheiden, ohne ihr ein Stückchen von meinem Herzen zurückzulassen. Kaum kann ich die Entrüstung schildern, die mich erfaßte, als ein paar Miglien vor Terni der niederträchtige Mönch mir ein Säckchen mit Trüffeln zeigte, das zum Dank für ihre dienstbereite Gastfreundschaft das Ungeheuer der reizenden Frau gestohlen hatte. Die gestohlenen Trüffeln waren wenigstens zwei Zechinen wert. Außer mir vor Zorn, stieß ich ihm den Sack aus der Hand und sagte ihm, ich wolle diesen auf alle Fälle der Wirtin zurückschicken. Er hatte aber den Streich keineswegs ausgeübt, um sich den Genuß einer Zurückerstattung gestohlenen Guts zu verschaffen; er warf sich auf mich, und es entspann sich zwischen uns eine regelrechte Prügelei. Der Sieg blieb jedoch nicht lange ungewiß; ich nahm ihm seinen Stock weg, warf ihn rücklings in den Graben und ging. Von Terni aus schrieb ich einen Entschuldigungsbrief an die schöne Wirtin und schickte ihr ihre Trüffeln zurück. Von Terni ging ich zu Fuß nach Otricoli, wo ich mich nur so lange aufhielt, um in aller Muße mir die schöne antike Brücke anzusehen. Dann nahm ein Vetturino mich für vier Paoli bis Castelnuovo mit, und von dort begab ich mich um Mitternacht zu Fuß nach Rom. Am ersten September um neun Uhr morgens kam ich in der berühmten Stadt an. Ich darf hier einen sehr eigentümlichen Umstand nicht verschweigen, der mehr als einem Leser gefallen wird, obgleich er im Grunde nur lächerlich war. Die Luft war ruhig und der Himmel heiter. Eine Stunde hinter Castelnuovo bemerkte ich in einer Entfernung von zehn Schritten an meiner Rechten eine spannenhohe, pyramidenförmige Flamme, die etwa vier oder fünf Fuß über dem Erdboden schwebte. Diese Erscheinung fiel mir auf, denn sie schien mich zu begleiten. Ich wollte sie genauer untersuchen und suchte mich ihr zu nähern, aber sie wich mir aus und blieb immer in der gleichen Entfernung. Sie blieb stehen, sobald ich stillstand; wenn der Rand der Straße mit Bäumen eingefaßt war, verschwand die Flamme und ich sah sie nicht mehr; aber ich fand sie wieder, sobald der Wegrain wieder frei wurde. Ich versuchte auch umzukehren, aber jedesmal verschwand sie und erschien erst wieder, wenn ich von neuem meine Schritte auf Rom zulenkte. Das eigenartige Feuerzeichen verließ mich erst, als das Tageslicht die Schatten der Finsternis verscheuchte. Welch einen Tummelplatz hätte nicht der unwissende Aberglaube gefunden, wenn ich Zeugen für das Ereignis gehabt hätte und später in Rom sich mir eine glänzende Laufbahn aufgetan hätte! Die Weltgeschichte ist voll von Kleinigkeiten, die genau so viel Wichtigkeit haben, und die Welt ist voll von Leuten, die noch immer viel auf so etwas geben, trotz der vorgeblichen Aufklärung, die der menschliche Geist durch die Wissenschaft empfängt. Ich muß aufrichtig gestehen, daß trotz meinen physikalischen Kenntnissen der Anblick des kleinen Irrlichtes mir doch recht eigentümliche Gedanken eingeflößt hat. Ich war so vorsichtig, keinem Menschen je davon zu sprechen. Ich hatte bei meinem Eintreffen in der alten Hauptstadt der Welt nur sieben Paoli in der Tasche. Daher ließ ich mich denn auch durch nichts aufhalten: weder das schöne Eingangtor, das Pappeltor, das von der Unwissenheit pomphaft porta del popolo genannt wird, noch von dem ebenso benannten schönen Platz, noch von den Portalen der schönen Kirchen, mit einem Wort: gar nichts von allen imposanten Denkmälern der schönen Stadt machte beim ersten Sehen Eindruck auf mich. Ich ging auf dem nächsten Weg nach Monte-Magna-Napoli, wo ich – so stand es in der Adresse – meinen Bischof finden sollte. Man sagte mir, er sei vor zehn Tagen abgereist und habe Befehl hinterlassen, mich kostenfrei nach Neapel zu befördern an eine Adresse, die mir ubergeben wurde. Ein Wagen dorthin ging schon am nächsten Tage ab; ich machte mir nichts daraus, Rom zu sehen, und blieb bis zum Augenblick der Abfahrt im Bett liegen. Meine Reisegenossen waren drei ungeschliffene Lümmel; ich fuhr mit ihnen den ganzen Weg zusammen und sprach kein einziges Wort mit ihnen. Am sechsten September kam ich in Neapel an. Kaum aus dem Wagen gestiegen, begebe ich mich nach dem auf der Adresse genannten Ort: der Bischof ist nicht da. Ich gehe sofort zu den Minimen und erfahre bei diesen, daß er nach Martorano abgereist ist. Vergebens erkundige ich mich, ob er nicht Aufträge in bezug auf mich hinterlafsen hahe. Niemand kann mir Bescheid geben. Da stehe ich nun in der Riesenstadt, wo ich keinen Menschen kenne, mit acht Carlinen in der Tasche, und weiß nicht, wo ich mein Haupt niederlegen soll. Einerlei! Mein Schicksal ruft mich nach Martorano. Dorthin werde ich gehen. Die Entfernung beträgt nur zweihundert Miglien Etwa fünfzig deutsche Meilen. . Ich finde einige Vetturini, die nach Cosenza fahren wollen. Als sie aber hören, daß ich keinen Koffer habe, wollen sie nichts von mir wissen, wenn ich nicht vorausbezahle. Ich mußte ihnen innerlich recht geben. Aber ich mußte nach Martorano. Ich entschloß mich, den Spaziergang zu Fuß zu machen und ganz frech um Essen und Nachtlager zu betteln, wie es der hochwürdigste Bruder Steffano tat. Zunächst nehme ich für den vierten Teil meines Geldes ein bescheidendes Mahl ein. Das weitere wird sich finden. Ich erfahre, daß ich über Salerno gehen muß, und schlage die Richtung nach Portici ein, wo ich nach anderthalb Stunden anlange. Schon begann sich die Müdigkeit fühlbar zu machen; ich wollte es eigentlich nicht, aber meine Beine lenkten mich zu einem Gasthaus, wo ich ein Zimmer und Abendessen verlangte. Ich werde sehr gut bedient, esse mit gutem Appetit und verbringe eine ausgezeichnete Nacht in einem guten Bett. Am andern Morgen sage ich, nachdem ich mich angezogen habe, zum Wirt, ich würde zu Mittag speisen, und gehe aus, um mir das Königliche Schloß anzusehen. Am Eingang desselben werde ich von einem orientalisch gekleideten Mann mit einnehmenden Gesichtszügen angesprochen. Er sagt mir, wenn ich den Palast besichtigen wollte, würde er mir alles zeigen; auf diese Weise sparte ich mein Geld. Ich war in der Lage, nichts abschlagen zu dürfen; so nahm ich denn sein freundliches Anerbieten dankend an. Als ich im Laufe der Unterhaltung ihm mitteilte, ich sei Venetianer, sagte er mir, dann sei er mein Untertan, denn er sei von Zante. Ich nahm das Kompliment für das, was es wert war, und machte ihm nur eine leichte Verbeugung. »Ich habe,« sagte er, »ausgezeichneten Muskatwein aus der Levante, den ich Ihnen billig verkaufen könnte.« »Ich würde vielleicht welchen kaufen, aber ich bin Kenner.« »Um so besser. Welchen ziehen Sie vor?« »Cerigo.« »Sie haben recht. Ich habe ausgezeichneten Cerigo. Wir werden ihn beim Mittagessen versuchen, wenn es Ihnen recht ist, daß wir miteinander speisen.« »Recht gern.« »Ich habe Samos und Kephalonier. Ich habe auch ein Quantum Mineralien: Vitriol, Zinnober, Antimon und hundert Zentner Quecksilber.« »Alles hier?« »Nein, in Neapel.« »Ich werde auch Quecksilber kaufen.« Es ist ganz natürlich und geschieht ohne jede Absicht einer Täuschung, wenn ein junger Mensch, der an Armut nicht gewöhnt ist und sich schämt, arm zu erscheinen, im Gespräch mit einem Reichen von seinem Vermögen, seinen Mitteln erzählt. Während wir uns unterhielten, fiel mir ein, daß das Quecksilber sich mit Blei und Wismut verbindet. Es nimmt durch die Mischung um ein Viertel zu. Ich sagte nichts davon, aber ich dachte, wenn der Grieche das Geheimnis nicht kennte, würde ich vielleicht Vorteil daraus ziehen können. Ich fühlte, daß ich geschickt vorgehen müßte und daß er sich aus meinem Geheimnis nichts machen würde, wenn ich ihm ohne weiteres vorschlüge, es mir abzukaufen. Ich mußte ihn also mit dem Wunder der Vermehrung überraschen, darüber lachen und ihn an mich herankommen lassen. Schwindelei ist ein Laster, aber ehrenhafte List kann für Klugheit des Geistes gelten. Freilich ist sie eine Tugend, die wie Spitzbüberei aussieht; aber darüber muß man sich hinwegsetzen und wer sie im Fall der Not nicht mit Anstand anzuwenden weiß, der ist ein Dummkopf. Nachdem wir das Schloß besichtigt hatten, gingen wir nach dem Gasthof; der Grieche führte mich auf sein Zimmer und ließ dort zwei Gedecke auflegen. Im Nebenzimmer sah ich große Flaschen Muskateller und vier Flaschen Quecksilber, von denen jede zehn Pfund wog. Da ich meinen Plan im Kopf hatte, bat ich ihn um eine Flasche Quecksilber zum Marktpreis und trug sie in mein Zimmer. Der Grieche ging aus, um seine Geschäfte zu besorgen; wir würden uns zum Mittagessen wiedersehen, sagte er. Ich ging ebenfalls aus und kaufte zweieinhalb Pfund Blei und ebensoviel Wismut; mehr hatte der Drogist nicht. Ich ging ins Wirtshaus zurück, ließ mir einige große Flaschen geben und nahm meine Mischung vor. In heiterer Laune speisen wir zu Mittag, und der Grieche ist entzückt, daß ich seinen Cerigo-Muskateller ausgezeichnet finde. Plötzlich fragt er mich lachend, warum ich ihm denn eine Flasche von seinem Quecksilber abgekauft habe. »Das können Sie in meinem Zimmer sehen!« antworte ich. Nach dem Essen kommt er mit mir und sieht sein Quecksilber auf zwei Flaschen verteilt. Ich verlange ein Gemsleder, seihe das Quecksilber durch und fülle die Flasche des Griechen. Er war ganz verblüfft, als er sah, daß ich noch eine viertel Flasche schönes Quecksilber übrig hatte, außerdem eine gleiche Menge eines gepulverten Metalls, das er nicht kannte; es war das Wismut. Über sein Erstaunen lache ich laut auf, rufe den Kellner und schicke ihn zum Drogisten, um das übriggebliebene Quecksilber zu verkaufen. Einen Augenblick darauf kam der Kellner zurück und brachte mir fünfzehn Carlinen. Der Grieche war ganz starr vor Überraschung; er bat mich, ihm seine ganz volle Flasche zurückzugeben; sie kostete sechzig Carlinen. Lachend gab ich sie ihm, indem ich mich bedankte, daß er mich fünfzehn Carlinen habe verdienen lassen. Zugleich sagte ich ihm mit gutem Vorbedacht, am nächsten Morgen würde ich in aller Frühe nach Salerno abreisen. »So werden wir also heute abend noch zusammen speisen«, sagte er. Am Nachmittag gingen wir in der Richtung nach dem Vesuv spazieren. Wir sprachen von Tausenderlei, aber vom Quecksilber war nicht die Rede; es kam mir jedoch vor, als mache mein Grieche ein sehr nachdenkliches Gesicht. Beim Abendessen sagte er nur lachend, ich könnte noch den nächsten Tag bleiben, um mit den übrigen drei Flaschen Quecksilber fünfundvierzig Carlinen zu verdienen. Ich antwortete ihm in vornehmem und ernstem Ton, ich hätte das nicht nötig; ich hätte die Vermehrung an der einen Flasche nur vorgenommen, um ihn durch eine angenehme Überraschung zu ergötzen. »Aber dann müssen Sie ja reich sein?« »Nein; denn ich arbeite an der Vermehrung des Goldes, und das kostet uns viel.« »Sie sind also mehrere?« »Mein Oheim und ich.« »Was brauchen Sie Gold zu vermehren? Die Vermehrung des Quecksilbers muß Ihnen genügen. Sagen Sie nur bitte, ob das von Ihnen vermehrte sich in gleicher Weise noch weiter vermehren läßt.« »Nein; wenn das möglich wäre, so wäre es ja eine unerschöpfliche Goldgrube.« »Ihre Aufrichtigkeit freut mich sehr.« Nach dem Essen bezahlte ich den Wirt und bat ihn, mir für den nächsten Morgen in aller Frühe einen zweispännigen Wagen nach Salerno zu besorgen. Ich dankte dem Griechen für seinen ausgezeichneten Muskateller, ließ mir seine Adresse in Neapel geben und sagte ihm, in vierzehn Tagen werde er mich wiedersehen, denn ich wolle auf alle Fälle ihm ein Faß von seinem Cerigo abkaufen. Hierauf umarmten wir uns, und ich ging zu Bett; ich freute mich, mir meinen Unterhalt für den Tag verdient zu haben, und war keineswegs überrascht, daß der Grieche mir nicht den Vorschlag machte, ihm mein Geheimnis zu verkaufen; denn ich war überzeugt, daß er wegen dieser Angelegenheit die Nacht nicht würde schlafen können, und daß ich ihn am nächsten Morgen bei mir würde erscheinen sehen. Auf alle Fälle hatte ich Geld genug, um bis Torre del Greco zu kommen, und dort würde die Vorsehung sich schon meiner annehmen. Es dünkte mir unmöglich, mich wie ein Mönch bis Martorano durchzubetteln; denn so wie ich aussah, konnte ich kein Mitleid erregen. Ich konnte nur Leute interessieren, die überzeugt waren, daß ich nicht in Not sei; und das taugt nicht für richtige Bettler. Wie ichs vorausgesehen hatte, kam der Grieche schon in der Morgendämmerung zu mir. Ich nahm ihn sehr freundlich auf und sagte ihm, wir würden miteinander Kaffee trinken. »Gern. Aber sagen Sie, Herr Abbate – würden Sie mir nicht ihr Geheimnis verkaufen?« »Warum nicht? Wenn wir uns in Neapel wiedertreffen ...« »Warum nicht heute?« »Ich werde in Salerno erwartet. Außerdem kostet das Geheimnis viel Geld, und ich kenne Sie nicht.« »Das ist kein Grund; denn ich bin hier so gut bekannt, daß ich bar bezahlen kann. Wieviel verlangen Sie?« » Zweitausend Unzen .« »Ich gebe sie Ihnen, aber unter der Bedingung, daß ich selber an den hier in meinen Händen befindlichen dreißig Pfund die Vermehrung vornehmen kann. Sie werden mir angeben, welche Bestandteile dazu nötig sind, und ich werde diese einkaufen.« »Das ist nicht möglich; denn hier sind die Bestandteile nicht zu haben; aber in Neapel findet man sie in jeder gewünschten Menge.« »Wenn es sich um ein Metall handelt, werden wir es in Torre del Greco finden. Wir können zusammen dorthin fahren. Können Sie mir sagen, wieviel die Vermehrung kostet?« »Anderthalb Prozent. Aber sind Sie auch in Torre del Greco bekannt? Ich möchte nicht gerne meine Zeit verlieren.« »Ihr Mißtrauen tut mir leid.« Mit diesen Worten ergreift er eine Feder, schreibt einige Zeilen und übergibt mir eine Anweisung, die folgendermaßen lautet: »Bei Vorweisung zahlen Sie dem Überbringer fünfzig Unzen in Gold und stellen Sie sie auf Rechnung von Panagiotti« usw. usw. Er sagte mir, der Bankier wohne zwei Minuten vom Gasthof, und forderte mich auf, persönlich hinzugehen. Ich ließ mich nicht lange Bitten und erhielt fünfzig Unzen. Ich kehrte nach meinem Zimmer zurück, wo er mich erwartete, und ich legte das Geld auf den Tisch, indem ich ihm sagte, wir könnten nach Torre del Greco fahren, dort einen schriftlichen Vertrag machen und dann alles in Ordnung bringen. Er hatte Pferde und Wagen und ließ sofort anspannen. Wir fuhren ab, nachdem er mich in sehr anständiger Weise aufgefordert hatte, die fünfzig Unzen in meine Tasche zu stecken. Als wir in Torre del Greco angekommen waren, verpflichtete er sich schriftlich in aller Form, mir zweitausend Unzen zu bezahlen, sobald ich ihm gesagt hätte, mit welchen Zutaten und in welcher Weise er Quecksilber, gleich dem, das ich in Portici in seiner Gegenwart verkauft hätte, um ein Viertel vermehren könnte, ohne daß dadurch dessen Güte vermindert würde. Er stellte mir daraufhin einen Wechsel aus, der acht Tage nach Sicht bei Herrn Gennaro de Carlo zu bezahlen war. Hierauf nannte ich ihm Blei und Wismut als die erforderlichen Bestandteile; das Blei verbindet sich seiner Natur nach mit dem Quecksilber und durch das Wismut wird es so flüssig gemacht, wie es notwendig ist, um es durch das Seihleder treiben zu können. Sofort ging mein Grieche aus, um bei irgendeinem Bekannten die Operation vorzunehmen. Ich speiste allein. Am Abend kam er mit sehr traurigem Gesicht zurück. Das hatte ich erwartet. »Die Operation ist gemacht,« sagte er; »aber das Quecksilber ist nicht tadellos.« »Es ist gleich dem, das ich in Portici verkauft habe; Ihre schriftliche Verpflichtung spricht klar und deutlich.« »Aber mein Schriftstück besagt ebenfalls: ohne daß dadurch dessen Güte vermindert würde. Nun geben Sie zu, daß die Güte geringer geworden ist. Der Beweis liegt schon darin, daß es sich nicht zur weiteren Vermehrung verwenden läßt.« »Das wußten Sie ja. Übrigens halte ich mich an die Stelle, wo von der Gleichheit der Güte die Rede ist. Wir werden einen Prozeß führen, und Sie werden verlieren. Es tut mir leid, daß dadurch das Geheimnis bekannt wird. Sie können sich Glück wünschen, mein werter Herr! Sollten Sie gewinnen, so haben Sie mir mein Geheimnis umsonst abgenommen. Ich hielt Sie nicht für fähig, mich anführen zu wollen.« »Ich bin überhaupt nicht der Mann, Herr Abbate, irgendeinen Menschen anzuführen.« »Kennen Sie jetzt das Geheimnis oder nicht? Würde ich es Ihnen gesagt haben, wenn wir nicht den Vertrag miteinander gehabt hätten? Neapel wird lachen, und die Advokaten werden Geld verdienen. Die ganze Geschichte ist mir bereits sehr zuwider, und es tut mir sehr leid, daß ich mich durch Ihre schönen Worte habe bereden lassen. Einstweilen haben Sie hier ihre fünfzig Unzen wieder.« Während ich, in Todesangst, er könnte es annehmen, das Geld aus der Tasche zog, ging er hinaus, indem er mir sagte, er wolle es nicht haben. Er kam wieder herein, und wir aßen in demselben Zimmer, aber an zwei verschiedenen Tischen. Wir waren in offenem Kriegszustand; aber ich war sicher, daß wir Frieden schließen würden. Den ganzen Abend sprachen wir kein Wort mehr miteinander; aber am anderen Morgen kam er zu mir, als ich schon meine Vorbereitungen zur Abreise traf, und wollte mit mir sprechen. Ich sprach von neuem den Wunsch aus, ihm die fünfzig Unzen zurückzugeben, er antwortete mir, ich solle sie behalten, noch fünfzig dazu empfangen und ihm dafür seinen Wechsel über die zweitausend zurückgeben. Nun fingen wir an, vernünftig zu verhandeln, und nach zwei Stunden gab ich nach. Ich bekam noch fünfzig Unzen, wir aßen als gute Freunde zusammen zu Mittag und umarmten uns herzlich. Beim Abschied gab er mir für sein Lagerhaus in Neapel eine Anweisung auf ein Faß Muskateller und schenkte mir ein prachtvolles Kästchen, das zwölf Rasiermesser mit silbernen Heften aus der Fabrik von Torre del Greco enthielt. Wir trennten uns also in voller Freundschaft und waren gegenseitig vollkommen miteinander zufrieden. In Salerno blieb ich zwei Tage, um mir Wäsche anzuschaffen und was ich sonst brauchte. Ich war gesund, hatte über hundert Zechinen in der Tasche und war stolz auf meinen Erfolg, über den ich mir meiner Meinung nach keine Vorwürfe zu machen brauchte. Denn mein geschicktes Verhalten beim Verkauf meines Geheimnisses konnte nur von einer zynischen Moral mißbilligt werden, und diese hat im alltäglichen Leben keine Geltung. Als ich mich nun unabhängig und reich sah und sicher war, vor dem Bischof anständig auftreten zu können und nicht wie ein Bettler dazustehen, da gewann ich meine ganze fröhliche Laune wieder und wünschte mir Glück, auf eigene Kosten gelernt zu haben, wie man sich vor Leuten wie Vater Corsini, vor Falschspielern und vor feilen Dirnen in acht zu nehmen hat und besonders vor jenen unverschämten Schmeichlern, die ihre auserkorenen Opfer frech ins Gesicht loben. Diese Art Gauner findet man fast überall in der Welt, sogar in der sogenannten guten Gesellschaft. Von Salerno fuhr ich mit zwei Priestern, die in Geschäften nach Cosenza reisten, und wir machten die hundertzweiundvierzig Miglien in zweiundzwanzig Stunden. Am Tage nach meiner Ankunft in der Hauptstadt Calabriens nahm ich ein Wägelchen und fuhr nach Martorano. Während der Fahrt weidete ich meine Blicke an dem berühmten Mare Ausonium; mit Freuden sah ich mich in jenem Großgriechenland, das vor vierundzwanzig Jahrhunderten Pythagoras durch seinen Aufenthalt berühmt gemacht hatte. Mit Erstaunen aber sah ich in einem Lande, das wegen seiner Fruchtbarkeit berühmt und von der Natur verschwenderisch mit Gaben überschüttet war, nichts als jämmerliches Elend und völligen Mangel an jenem angenehmen Überflüssigen, wodurch das Leben erst erträglich wird. Dazu die Entartung der spärlichen Bevölkerung, die doch in dieser Gegend so zahlreich sein könnte und die ich nur mit Erröten als Abkömmlinge meiner eigenen Rasse anerkennen konnte. Aber so ist nun einmal die Terra di lavoro, wo Arbeit ein Gegenstand des Abscheus zu sein scheint, aber alles unglaublich billig ist, wo die unglücklichen Bewohner es als eine Erlösung von einer Last ansehen, wenn sie jemanden finden, der ihnen die Früchte abnimmt, die das Land fast ohne jede Bestellung in allzu großem Überfluß hervorbringt und für die sie nichts bekommen können, weil sie gar keine Ausfuhrwege besitzen. Ich mußte gestehen, daß die Römer nicht ungerecht gewesen waren, indem sie sie bruti statt Brutii nannten. Die guten Priester, mit denen ich reiste, lachten über meine Angst vor den Taranteln und Skorpionen; denn die durch diese Insekten hervorgerufene Krankheit erschien mir fürchterlicher als jene andere, die ich bereits kannte. Sie versicherten mir, es sei alles Fabel, was man über die Tiere erzähle; sie lachten über die Verse, die Vergil in seinen Georgica ihnen gewidmet hat, und über die anderen, die ich ihnen zitierte, um meine Furcht zu rechtfertigen. Ich fand den Bischof Bernardo de Bernardis auf einem schlechten Stuhl vor einem armseligen Tisch sitzen, an dem er arbeitete. Ich kniete nieder, wie es Brauch ist; aber anstatt mir seinen Segen zu geben, stand er auf, nahm mich in seine Arme und drückte mich an seine Brust. Er war aufrichtig getrübt, als ich ihm sagte, daß ich in Neapel keine Auskunft gefunden hätte, um zu ihm zu gelangen und mich ihm zu Füßen zu werfen. Aber seine Betrübnis verschwand, als ich ihm sagte, ich sei keinem Menschen etwas schuldig und befinde mich wohlauf. Er ließ mich Platz nehmen, seufzte, sprach gefühlvoll von der Armut und befahl einem Diener, ein drittes Gedeck aufzulegen. Außer diesem Bedienten hatte der Bischof nur noch eine Magd in höchst kanonischem Alter und einen Priester, der nach den wenigen Worten, die er bei Tisch sagte, mir ein großer Ignorant zu sein schien. Das von Seiner Gnaden bewohnte Haus war geräumig, aber schlecht gebaut und schlecht gehalten. Es war so schlecht möbliert, daß der arme Bischof eine von den beiden Matratzen seines Bettes abtreten mußte, damit für mich in einem Zimmer neben dem seinen ein armseliges Lager bereitet werden konnte! Sein Essen entsetzte mich – um nicht mehr davon zu sagen. Da er sehr fest an der Observanz seines Ordens hielt, so gab es nur Fastenspeisen, und das Öl war abscheulich. Übrigens war Monsignore ein kluger Mann und, was mehr ist, ein Ehrenmann. Er sagte mir zu meiner großen Überraschung, sein Bistum, das keineswegs zu den kleinsten gehörte, bringe ihm jährlich nur 500 Ducati di regno und zum Unglück habe er obendrein noch 600 Ducati Schulden. Seufzend setzte er hinzu, er habe nur das einzige Glück, daß er den Klauen der Mönche entgangen sei, deren Verfolgungen ihm die letzten fünfzehn Jahre zu einem wahren Fegefeuer gemacht hätten. Alle diese vertraulichen Mitteilungen betrübten mich, denn ich sah, daß ich hier nicht das gelobte Land der Mitra gefunden hatte, und ich fühlte, daß ich dem Bischof sehr zur Last fallen mußte. Ich sah daß er selber sehr niedergeschlagen war, mir ein so trauriges Geschenk gemacht zu haben. Ich fragte ihn, ob er gute Bücher habe, Umgang mit wissenschaftlich gebildeten Leuten und eine vornehme Gesellschaft, mit der man ein paar Stunden angenehm verbringen könne. Er lächelte und sagte mir, in seinem ganzen Sprengel sei tatsächlich niemand, der sich rühmen könnte, gut zu schreiben, noch weniger guten Geschmack oder einen Begriff von guter Literatur zu haben. Es gebe keinen einzigen richtigen Buchhändler, ja es gebe sogar niemanden, der Interesse am Zeitungslesen habe! Er versprach mir jedoch, wir wollten zusammen die Wissenschaften pflegen, sobald er die in Neapel bestellten Bücher erhalten hätte. Das hätte ja wohl sein können; aber ohne eine gute Bücherei, ohne einen auserlesenen Verkehrskreis, ohne geistigen Wetteifer, ohne literarischen Briefwechsel – war dies das Land, wo ich im Alter von achtzehn Jahren mich fest niederlassen konnte? Als der gute Bischof sah, daß ich nachdenklich wurde, daß ich wie betäubt war von der Aussicht auf das traurige Leben, das ich bei ihm zu führen erwarten mußte, da glaubte er mich ermutigen zu müssen, indem er mir versicherte, er werde alles tun, was in seinen Kräften stehe, um mein Glück zu machen. Am anderen Morgen hatte der Bischof in vollem Ornat Hochamt abzuhalten; hierdurch erhielt ich Gelegenheit, den ganzen Klerus zu sehen, sowie die Frauen und Männer, die den Dom füllten. Dieser Anblick brachte mich zum Entschluß, dies traurige Land zu verlassen. Ich glaubte eine Herde von stumpfsinnigem Vieh zu sehen, das sich über meine ganze äußere Erscheinung aufregte. Wie häßlich waren die Frauen! Wie stumpfsinnig und plump sahen die Männer aus! In den bischöflichen Palast zurückgekehrt, sagte ich dem guten Prälaten, ich fühlte keinen Beruf in mir, binnen wenigen Monaten in seiner traurigen Stadt als Märtyrer zu sterben. »Geben Sie mir«, fuhr ich fort, »Ihren Segen und meinen Abschied; oder besser noch: gehen Sie mit mir zusammen fort; ich verspreche Ihnen, wir werden anderswo unser Glück machen.« Über diesen Vorschlag lachte er im Lauf des Tages noch zu wiederholten Malen. Hätte er ihn angenommen, so wäre er nicht zwei Jahre darauf in der Blüte seines Lebens gestorben. Der wackere Mann fühlte wohl, wie sehr mein Widerstreben gegen den Aufenthalt bei ihm begründet war, und er bot mich um Verzeihung, daß er den Fehler begangen habe, mich nach Martorano kommen zu lassen. Er hielt es für seine Pflicht, mich nach Venedig zurückzubefördern; da er aber kein Geld hatte und nicht wußte, daß ich welches besaß, so sagte er mir, er würde mich in Neapel an einen dortigen Bürger empfehlen, der mir sechzig Dukaten auszahlen würde; hiermit könnte ich nach meiner Vaterstadt heimreisen. Dankbar nahm ich sein Anerbieten an und holte dann schnell aus meinem Koffer das schöne Etui mit den Rasiermessern, das mir der Grieche gegeben hatte. Ich bat den Bischof, es zur Erinnerung anzunehmen. Es kostete mich sehr große Mühe, ihn zur Annahme dieses Geschenkes zu bewegen; denn es war seine sechzig Dukaten wert; um seinen Widerstand zu besiegen, mußte ich ihm schließlich drohen, ich würde dableiben, wenn er es nicht annähme. Er gab mir einen sehr schmeichelhaften Brief an den Erzbischof von Cosenza, den er bat, mich auf seine, des Bischofs Kosten, nach Neapel zu befördern. So verließ ich Martorano sechzig Stunden nach meiner Ankunft dortselbst. Ich beklagte den zurückbleibenden Bischof, der unter Tränen mir hundertmal seinen Segen spendete. Der Erzbischof von Cosenza, ein geistvoller und reicher Prälat, war so freundlich, mich als seinen Gast bei sich zu behalten. Bei Tisch sang ich aus überströmendem Herzen das Lob des Bischofs von Martorano; aber unbarmherzig zog ich über seinen Sprengel und über das ganze Calabrien los, und meine Bemerkungen waren so bissig, daß der Erzbischof und seine Gäste herzlich darüber lachten. Unter diesen Gästen befanden sich zwei Damen, Verwandte des hohen Herrn, die bei Tisch die Honneurs machten. Die jüngere von ihnen ärgerte sich über meine Beschreibung ihrer Heimat und erklärte mir deswegen den Krieg. Ich fand aber das rechte Mittel sie zu beruhigen, indem ich ihr sagte, Calabrien wäre ein entzückendes Land, wenn der vierte Teil seiner Bewohner ihr gliche. Vielleicht um mir das Gegenteil meiner Behauptungen zu beweisen, gab Monsignore am nächsten Tage ein glänzendes Abendessen. Cosenza ist eine Stadt, wo ein Angehöriger der guten Gesellschaft sich wohl unterhalten kann. Denn er findet dort einen reichen Adel, hübsche Frauen und recht gebildete Leute, die ihre Erziehung in Rom oder Neapel erhalten haben. Am dritten Tage reiste ich ab; der Erzbischof gab mir einen Brief an den berühmten Genovesi mit. Ich hatte fünf Reisegefährten, die ich nach ihrem Aussehen für Seeräuber oder gewerbsmäßige Spitzbuben hielt. Ich brauchte daher die Vorsicht, sie nicht sehen oder auch nur ahnen zu lassen, daß ich eine wohlgefüllte Börse hei mir hatte. Auch glaubte ich im Bette stets meine Kleider anbehalten zu müssen, in jenem Lande eine ausgezeichnete Vorsichtsmaßregel für einen jungen Mann. Am 16. September 1743 kam ich in Neapel an und bestellte sofort den Brief des Bischofs von Martorano an seine Adresse. Sie lautete auf Herrn Gennaro Polo in Sant' Anna. Dieser Herr, der weiter keine Aufgabe hatte, als mir sechzig Reichsdukaten auszuzahlen, sagte mir, nachdem er den Brief gelesen hatte, er wünsche mich in seinem Hause zu beherbergen, damit ich seinen Sohn kennenlerne, der ebenfalls Dichter sei. Der Bischof schreibe ihm, ich sei ein ausgezeichneter Poet. Nachdem ich aus Höflichkeit einige Umstände gemacht hatte, nahm ich die Einladung an und ließ meinen Koffer nach seinem Hause bringen. Achtes Kapitel Kurzer, aber glücklicher Aufenthalt in Neapel. – Don Antonio Casanova. – Don Lelio Caraffa. – Ich fahre in reizender Gesellschaft nach Rom und trete dort in den Dienst des Kardinals Acquavina ein. – Barbaruccia. – Lestaccio. – Frascati. Auf die verschiedenen Fragen, die Doktor Gennaro an mich richtete, konnte ich ohne alle Verlegenheit antworten; aber sehr sonderbar, ja unangebracht fand ich die fortwährenden Ausbrüche von Gelächter, die bei jeder meiner Antworten aus seiner Brust hervorkamen. Meine mitleidsvolle Beschreibung des traurigen Calabriens und meine Schilderung der elenden Lage des Bischofs von Martorano mußten nach meiner Meinung eher zu Tränen rühren als Heiterkeit erwecken. Ich glaubte daher, er wolle mich zum besten halten und war schon nahe daran, mich zu ärgern, als er wieder ruhiger wurde und mir in herzlichem Tone sagte, ich müsse ihn entschuldigen; sein Lachen sei eine Krankheit, die anscheinend in seiner Familie heimisch sei, denn ein Oheim von ihm sei daran gestorben. »An Lachen gestorben?« rief ich. »Ja. Diese Krankheit, die Hippokrates nicht gekannt hat, nennt man die flati .« »Wie? Dies hypochondrische Leiden, das sonst alle davon Befallenen traurig stimmt, es macht Sie heiter?« »Ja. Ohne Zweifel kommt dies daher, daß meine flati statt auf die Rippenweiche bei mir auf die Milz wirken, die nach meinem Arzt das Organ des Lachens ist. Er hat da eine Entdeckung gemacht.« »Keineswegs. Diese Ansicht ist schon sehr alt; es ist sogar die einzige Funktion, die wir der Milz in unserm animalischen Organismus anweisen können.« »Nun darüber wollen wir uns bei Tische unterhalten, denn ich hoffe doch, Sie bleiben etliche Wochen hier.« »Unmöglich. Spätestens übermorgen reise ich ab.« »Sie haben also Geld?« »Ich rechne auf die sechzig Dukaten, die Sie mir auszahlen sollen.« Bei diesen Worten geht wieder das Lachen los. Da ich sichtlich in Verlegenheit gerate, sagt er: »Ich finde den Gedanken scherzhaft, daß ich Sie hier zurückhalten kann, solange ich Lust habe. Aber, Herr Abbate, haben Sie doch die Güte, meinen Sohn aufzusuchen, er macht recht hübsche Verse.« Der vierzehnjährige Jüngling war wirklich schon ein großer Dichter. Ein Mädchen führte mich zu ihm, und ich fand in ihm einen Jüngling mit sehr angenehmen Gesichtszügen und außerordentlich liebenswürdigen Manieren. Er empfing mich sehr höflich und entschuldigte sich dann in anmutiger Weise, daß er sich für den Augenblick mir nicht ganz und gar widmen könne; er habe ein Gedicht fertig zu machen, da eine Verwandte der Herzogin von Bovino in Santa Chiara den Schleier nehmen solle; die Druckerei warte auf das Manuskript. Ich fand seine Entschuldigung sehr berechtigt und erbot mich, ihm zu helfen. Er las mir sein Gedicht vor; es war voll Begeisterung in Versen nach Art des Guidi geschrieben; ich riet ihm daher, es Ode zu nennen. Nachdem ich voll Überzeugung die wirklich schönen Stellen hervorgehoben hatte, glaubte ich ihn auch auf einige Schwächen und Mängel aufmerksam machen zu dürfen, indem ich ihm dafür andere Verse zu setzen vorschlug, die ich selber machte. Er war entzückt über meine Bemerkungen, dankte mir herzlich und fragte mich, ob ich Apollo sei. Während er die Ode abschrieb, machte ich ein Sonett auf denselben Gegenstand. Sehr erfreut darüber, ersuchte er mich, das Sonett mit meinem Namen zu unterzeichnen, und bat mich, es zusammen mit seiner Ode in die Druckerei schicken zu dürfen. Während ich mein Gedicht verbesserte und ins reine schrieb, ging er zu seinem Vater und fragte ihn, wer ich sei. Hierüber lachte dieser, bis wir uns zu Tische setzten. Am Abend wurde für mich ein Bett im Zimmer des jungen Dichters aufgeschlagen, worüber ich wirklich erfreut war. Die Familie des Doktors Gennaro bestand nur aus diesem Sohn, einer nicht eben hübschen Tochter, seiner Frau und zwei sehr frommen alten Schwestern. Beim Abendessen hatten wir mehrere Literaten zu Tisch, unter anderen auch den Marchese Galiani, der damals an einem Kommentar zum Vitruv arbeitete. Seinen Bruder, den Abbé Galiani Die köstlichen Briefe des geistreichen Abbate Galiani erschienen im Herbst 1906, zum erstenmal vollständig übersetzt von Heinrich Conrad und Margherita Conrad, herausgegeben und mit Einleitung und Anmerkungen versehen von Wilhelm Weigand bei Georg Müller in München. (2 Bände, Preis M. 15.–, geb. M. 20,–). , lernte ich zwanzig Jahre später in Paris als Gesandtschaftssekretär beim Grafen Cantillana kennen. Am nächsten Tage machte ich die Bekanntschaft des berühmten Genovesi, der bereits den Brief des Erzbischofs von Cosenza erhalten hatte. Er sprach mit mir viel über Apostolo Zeno und den Abbate Conti. Beim Essen sagte er, die geringste Sünde, die ein Priester begehen könne, sei die, an einem Tage zwei Messen zu lesen, um zwei Carlinen mehr zu verdienen; ein Weltgeistlicher dagegen, der dieselbe Sünde beginge, verdiene den Feuertod. Am Tage darauf nahm die Nonne den Schleier und unter den zu diesem Anlaß veröffentlichten Gedichten fanden die Ode des jungen Gennaro und mein Sonett am meisten Beifall. Ein Neapolitaner, der denselben Namen trug wie ich, bekam Lust, mich kennenzulernen, und da er erfuhr, daß ich beim Doktor wohne, stattete er diesem zu seinem Namensfeste gleich am nächsten Tage nach der Feier in Santa Chiara einen Glückwunschbesuch ab. Don Antonio Casanova nannte mir seinen Namen und fragte mich, ob meine Familie venetianischen Ursprungs sei. »Ich bin, mein Herr,« antwortete ich ihm mit bescheidener Miene, »ein Urenkel vom Enkel des unglücklichen Marcantonio Casanova; er war Sekretär des Kardinals Pompeo Colonna und starb unter Papst Clemens dem Siebenten im Jahre 1528 zu Rom an der Pest.« Kaum hatte ich diese Worte gesprochen, so fiel Don Antonio mir um den Hals und nannte mich seinen Vetter. Im selben Augenblick bekam die ganze Gesellschaft Angst, daß Don Gennaro vor Lachen sterben würde; denn es schien nicht möglich, daß ein Mensch ohne Lehensgefahr so furchtbar lachen könnte. Frau Gennaro machte ein sehr ärgerliches Gesicht und sagte zu meinem neuen Vetter, er hätte wohl ihrem Manne diesen Auftritt ersparen können, da ihm ja doch seine Krankheit bekannt wäre. Don Antonio ließ sich aber nicht aus der Fassung bringen und antwortete ihr, er habe nicht ahnen können, daß die Sache lächerlich sei. Ich sagte kein Wort; denn im Grunde fand ich diese Verwandtschaftserkennung sehr lächerlich. Als unser armer Lachkranker sich wieder beruhigt hatte, lud Casanova, ohne seine ernste Miene zu verändern, mich und den jungen Paolo, der mein unzertrennlicher Freund geworden war, für den nächsten Tag zum Essen ein. Sobald wir zu ihm kamen, beeilte sich mein würdiger Vetter, mir seinen Stammbaum zu zeigen, der mit einem Bruder Don Juans, Don Francisco, begann. In dem meinigen, den ich auswendig wußte, war Don Juan Im Anfang des 1. Kapitels nennnt Casanova diesen nachgeborenen Sohn Marcantonios: Giacomo. , von dem ich in grader Linie abstammte, als nachgeborener Sohn bezeichnet. Es war wohl möglich, daß er von Marcantonio einen Bruder gehabt hatte. Als aber Don Antonio erfuhr, daß meine Genealogie mit dem Aragonier Don Francisco begann, der zu Ende des vierzehnten Jahrhunderts lebte, daß folglich der ganze Stammbaum des erlauchten Hauses der Casanova von Saragossa auch der seinige war, da war er vor Freude außer sich: er wußte nicht, was er alles anstellen sollte, um mich zu überzeugen, daß in unseren Adern dasselbe Blut rolle. Er schien gerne wissen zu wollen, welcher glückliche Zufall mich nach Neapel geführt habe; ich sagte ihm, ich hätte mich dem geistlichen Stande zugewandt und wollte nach Rom gehen, um dort womöglich mein Glück zu machen. Er stellte mich nun seiner Familie vor, und es schien, als bemerkte ich in den Gesichtszügen seiner Eheliebsten, meiner Base, kein sehr großes Entzücken über den neuen Verwandten. Aber seine sehr hübsche Tochter und seine noch hübschere Nichte hätten mich leicht zum Glauben an die Macht des Blutes bekehren können, so fabelhaft diese auch sein mag. Nach dem Essen sagte Don Antonio zu mir, die Herzogin von Bovino habe den Wunsch geäußert, zu erfahren, wer der Abbate Casanova sei, der das Sonett auf ihre Verwandten gemacht habe; er werde es sich zur Ehre anrechnen, mich ihr als seinen Verwandten vorzustellen. Da wir unter vier Augen waren, so bat ich ihn, mir diesen Besuch zu erlassen, da ich nur für die Reise ausgerüstet sei und meine Börse schonen müsse, um nicht in Rom ohne Geld anzukommen. Meine Offenherzigkeit freute ihn, und meine Gründe leuchteten ihm ein, aber er sagte: »Ich bin reich, und Sie dürfen keine Bedenken haben, sondern müssen mir erlauben, Sie zu einem Schneider zu führen.« Er versicherte mir noch, kein Mensch werde jemals etwas von seinem Anerbieten erfahren, dagegen werde es ihn kränken, wenn ich ihm nicht dies Vergnügen machen wolle, das er von mir erwarte. Ich schüttelte ihm die Hand und sagte, ich wolle alles tun, was er wünsche. Wir gingen zu einem Schneider, der mir zu allen von Don Antonio bestellten Kleidern Maß nahm, und am nächsten Tage hatte ich alles, was der vornehmste Abbate für seine Toilette nötig haben kann. Don Antonio machte mir einen Besuch, blieb bei Don Gennaro zum Essen und führte hierauf mich und den jungen Paolo zur Herzogin. Die Dame behandelte mich auf neapolitanische Art und duzte mich sofort. Bei sich hatte sie ihre sehr hübsche zehn- oder zwölfjährige Tochter, die einige Jahre später Herzogin von Maddalone wurde. Die Herzogin schenkte mir eine Tabaksdose aus hellem Schildpatt mit eingelegten Goldarabesken; hierauf lud sie uns für den nächsten Tag zum Essen ein, indem sie uns sagte, daß wir nachher ins Kloster Santa Chiara gehen würden, die neue Nonne zu besuchen. Ich trennte mich von meinem Vetter und jungen Freund und ging allein nach Panagiottis Lagerhaus, um das Faß Muskateller in Empfang zu nehmen. Der Lagerverwalter war so freundlich, es in zwei Fäßchen von gleicher Größe umfüllen zu lassen. Von diesen sandte ich eins an Don Antonio, das andere an Don Gennaro. Beim Fortgehen begegnete ich dem ehrlichen Griechen, der mich mit Vergnügen wiedersah. Mußte ich erröten, diesen braven Mann wiederzusehen, den ich getäuscht hatte? Nein; denn er fand, ich hätte mich gegen ihn sehr anständig benommen. Als ich nach Hause kam, dankte Don Gennaro mir, ohne zu lachen, für mein kostbares Geschenk, und am nächsten Tage schenkte Don Antonio mir zum Ausgleich für den ausgezeichneten Muskateller, den ich ihm geschickt hatte, einen Stock mit goldenem Knopf, der wenigstens zwanzig Unzen wert war, und sein Schneider brachte mir einen Reiseanzug und einen blauen Überrock mit goldgestickten Knopflöchern, alles vom feinsten Tuch, so daß ich jetzt wirklich prachtvoll ausgerüstet war. Bei der Herzogin von Bovino machte ich die Bekanntschaft des weisesten aller Neapolitaner, des erlauchten Don Lelio Caraffa, von der herzoglichen Familie Maddalone, den der König Don Carlos mit dem Namen Freund beehrte. Im Sprechzimmer von Santa Chiara verbrachte ich zwei köstliche Stunden in belebter Unterhaltung und hielt der Neugier aller Nonnen stand, die an den Sprechgittern waren. Hätte mein Schicksal mich in Neapel festgehalten, so würde ich dort mein Glück gemacht haben. Aher obwohl ich keinen bestimmten Plan hatte, so schien es mir doch, als rufe das Geschick mich nach Rom; ich widerstand daher den dringenden Bitten meines Vetters Don Antonio, der mir in mehreren der ersten Häuser eine ehrenvolle Stellung als Erzieher des Stammhalters verschaffen wollte. Das Diner, das Don Antonio gab, war prachtvoll, aber er war dabei nachdenklich und übelgelaunt, denn er sah wohl, daß seine Frau den neuen Vetter mit scheelen Blicken ansah. Mehr als einmal glaubte ich zu bemerken, daß sie meinen neuen Anzug musterte und hierauf ihrem Tischnachbarn etwas ins Ohr sagte. Ohne Zweifel wußte sie alles. Es gibt im Leben gewisse Lagen, mit denen ich mich niemals habe abfinden können. Wenn in der glänzendsten Gesellschaft eine einzige Person ist, die mich auffällig mustert, so verliere ich die Selbstbeherrschung. Ich werde verdrießlich, weiß nicht mehr, was ich sagen soll, und stehe wie ein Einfaltspinsel da. Dies ist ein Fehler, aber ich kann nichts dafür. Don Lelio Caraffa ließ mir ein hohes Gehalt anbieten, wenn ich den Studiengang seines Neffen, des damals zehnjährigen Herzogs von Maddalone leiten wollte. Ich ging zu ihm, um mich zu bedanken, und bat ihn, er möchte auf andere Art mein wahrer Wohltäter werden, indem er mir einige gute Empfehlungsbriefe für Rom mitgäbe. Diese Gunst gewährte der hohe Herr mir ohne Zögern, indem er mir schon am anderen Tage zwei Briefe sandte, einen für den Kardinal Acquaviva, den anderen für den Pater Georgi. Da ich sah, daß meine Freunde in ihrer Teilnahme für mich mir die Ehre verschaffen wollten, Ihrer Majestät der Königin die Hand zu küssen, so beeilte ich mich mit meinen Vorbereitungen zur Abreise. Denn natürlich hätte die Königin mich ausgefragt und ich hätte ihr dann sagen müssen, daß ich Martorano und den von ihr auf den dortigen Bischofssitz beförderten armen Bischof verlassen hatte. Außerdem kannte die Fürstin meine Mutter; nichts hätte sie verhindern können zu erzählen, was diese in Dresden war; dies würde Don Antonio gekränkt haben, und mein Stammbaum wäre lächerlich gewesen. Ich kannte die Macht der Vorurteile: ich wäre unrettbar blamiert gewesen. Ich glaubte daher gut zu tun, wenn ich den günstigen Augenblick benutzte und abreiste. Beim Abschied schenkte Don Antonio mir eine goldene Uhr und übergab mir einen Brief für Don Gasparo Vivaldi, der sein bester Freund sei, wie er sagte. Don Gennaro zählte mir meine sechzig Dukaten auf, und sein Sohn bat mich, ihm zu schreiben, und schwor mir ewige Freundschaft. Alle begleiteten mich bis zu meinem Wagen; ihre Tränen mischten sich mit den meinigen, und sie überhäuften mich mit Glück- und Segenswünschen. Von meiner Landung in Chiozza bis zu meiner Ankunft in Neapel hatte das Glück es sich zur Aufgabe gemacht, mich zu verfolgen; seit meiner Ankunft in Neapel nahm es eine weniger saure Miene an, und nach meiner Rückkehr dorthin zeigte es mir nur noch ein gönnerhaft-freundliches Lächeln. Neapel ist mir immer günstig gewesen, wie der Leser noch sehen wird. Er hat gewiß noch nicht vergessen, daß ich in Portici auf dem gefährlichen Punkt war, wo mein Geist der Gemeinheit hätte anheimfallen können, und gegen Erniedrigung des Geistes gibt es keine Hilfe, denn nichts kann ihn wieder hochbringen. Wer dieser Entmutigung verfällt, ist unrettbar verloren. Ich war nicht undankbar gegen den guten Bischof von Martorano; denn wenn er mir auch, ohne es zu wollen, Böses zugefügt hatte, so gestand ich mir doch gerne selber ein, daß sein Brief an Don Gennaro die Quelle alles Guten war, das mir seitdem widerfahren war. Ich schrieb ihm von Rom aus. Die ganze schöne Toledostraße entlang war ich damit beschäftigt, meine Tränen zu trocknen, und erst als wir die Stadt verließen, konnte ich mich mit dem Aussehen meiner Reisegefährten beschäftigen. An meiner Seite sah ich einen Mann von vierzig bis fünfzig Iahren, von angenehmem Äußeren und munterer Miene; mir gegenüber aber fesselten zwei reizende Gesichter meine Blicke. Es waren zwei junge, hübsche Damen in sehr sauberen Kleidern und von freiem und zugleich züchtigem Anstand. Diese Entdeckung war mir sehr angenehm, aber mir war das Herz schwer und Schweigen für mich eine Notwendigkeit. Wir kamen in Aversa an, ohne ein Wort gesprochen zu haben; und da der Vetturino uns sagte, er würde hier nur so lange anhalten, um seine Maultiere zu tränken, so stiegen wir nicht aus. Von Aversa bis Capua plauderten meine Reisegenossen fast ununterbrochen; ich aber – es ist unglaublich! – tat nicht ein einziges Mal den Mund auf. Es machte mir Spaß, die neapolitanische Mundart des Herrn und die hübsche römische Aussprache der beiden Damen zu hören. Es war wirklich eine Kraftleistung von mir, fünf Stunden lang zwei reizenden Frauen gegenüberzusitzen, ohne ein einziges Wort, ein einziges Kompliment an sie zu richten. In Capua, wo wir die Nacht zubringen sollten, stiegen wir in einem Gasthof ab. Man gab uns ein Zimmer mit zwei Betten für uns alle – in Italien etwas durchaus nicht Ungewöhnliches. Der Neapolitaner sagte zu mir: »So werde also ich die Ehre haben, mit dem Herrn Abbate in einem Bett zu schlafen.« Ich antwortete ihm, ohne eine Miene zu verziehen: es stehe bei ihm, die Wahl zu treffen und sogar es anders anzuordnen. Über diese Antwort lächelte die eine der beiden Damen, und zwar grade die, die mir am besten gefiel; ich erblickte darin ein gutes Vorzeichen. Beim Abendessen waren wir zu fünf, denn es ist üblich, daß der Vetturino seine Fahrgäste verköstigt, falls nicht besondere Abmachungen getroffen worden sind, und dann ißt er mit ihnen zusammen. Bei unseren gleichgültigen Tischgesprächen fand ich in den Bemerkungen meiner Reisegefährten Anstand, Geist und Weltgewandtheit. Das machte mich neugierig. Ich ging nach dem Essen hinaus und fragte den Fuhrmann, wer meine Reisegefährten seien. »Der Herr«, sagte er mir, »ist Advokat, und eine von den beiden Damen ist seine Frau; ich weiß aber nicht welche.« Bald darauf kam ich wieder ins Zimmer und ging aus Höflichkeit zuerst zu Bett, um den Damen zu ermöglichen, sich nach ihrer Bequemlichkeit zu entkleiden. Am Morgen stand ich ebenfalls zuerst auf, ging aus und kam erst wieder herein, als man mich zum Frühstück rief. Wir hatten ausgezeichneten Kaffee, den ich sehr lobte, und die Liebenswürdigste versprach mir für die ganze Dauer der Reise ebensolchen. Nach dem Frühstück kam ein Barbier; der Advokat ließ sich rasieren, und hierauf bot der Bursche auch mir seine Dienste an. Ich sagte ihm, ich brauchte ihn nicht, und er ging hinaus, indem er sagte, der Bart sei eine Unsauberkeit. Als wir im Wagen saßen, bemerkte der Advokat, fast alle Barbiere seien unverschämt. »Man müßte aber doch erst wissen,« sagte die Schöne, »ob der Bart eine Unsauberkeit ist oder nicht.« »Das ist er,« antwortete der Advokat, »denn er ist ein Exkrement.« »Das kann wohl sein,« sagte ich, »aber man sieht ihn nicht dafür an. Nennt man denn die Haare ein Exkrement? Man pflegt sie sehr sorgfältig, und doch sind sie von derselben Art wie der Bart. Man bewundert ja im Gegenteil ihre Schönheit und Länge.« »Folglich«, bemerkte die Fragestellerin, »ist der Barbier ein Dummkopf.« »Ja, aber noch eins!« fragte ich; »habe ich denn einen Bart?« »Ich glaubte es«, antwortete sie. »In diesem Fall werde ich in Rom beginnen, mich rasieren zu lassen; denn es ist das erstemal, daß ich mir diesen Vorwurf machen höre.« »Meine liebe Frau,« sagte der Advokat, »du hättest den Mund halten müssen, denn möglicherweise geht der Herr Abbate nach Rom, um dort Kapuziner zu werden.« Über diesen Witz mußte ich lachen; da ich ihm aber nicht das letzte Wort lassen wollte, sagte ich, er habe richtig geraten, aber die Lust sei mir vergangen, als ich die gnädige Frau gesehen habe. »O, da tun Sie aber unrecht«, versetzte der lustige Neapolitaner; »denn meine Frau hat die Kapuziner sehr gern, und ihr zuliebe müssen Sie bei Ihrem Beruf bleiben.« Diese scherzhaften Bemerkungen führten zu mehreren anderen; in angenehmer Weise verging uns der Tag, und am Abend entschädigte eine geistvolle Unterhaltung über alles mögliche uns für das schlechte Essen, das uns in Garigliano vorgesetzt wurde. Meine erwachende Neigung wurde immer stärker durch das liebenswürdige Benehmen der Frau, der sie galt. Am anderen Morgen fragte mich die liebenswürdige Dame, sobald wir wieder im Wagen saßen, ob ich vor meiner Rückkehr nach Venedig einige Zeit in Rom zu verweilen gedächte. Ich antwortete ihr: »Da ich doch niemanden kenne, so fürchte ich mich zu langweilen.« »Man hat dort die Fremden sehr gern, und ich bin überzeugt, daß es Ihnen gefallen wird.« »Ich könnte also hoffen, daß Sie, Signora, mir erlauben würden, Ihnen den Hof zu machen?« »Sie würden uns damit eine Ehre erweisen«, sagte der Advokat. Ich hielt meine Blicke fest auf seine reizende Frau geheftet und sah sie erröten, tat aber so, als bemerkte ich es nicht. Wir plauderten weiter, und der Tag verstrich ebenso angenehm, wie der vorhergehende. In Terracina, wo wir haltmachten, gab man uns ein Zimmer mit drei Betten: zwei schmalen und einem breiteten in der Mitte. Natürlich schliefen die beiden Schwestern zusammen und nahmen das große Bett. Sie legten sich hinein, während der Advokat und ich, ihnen den Rücken zukehrend, noch bei Tische saßen und plauderten. Sobald die Damen zu Bett waren, legte auch der Advokat sich nieder; er wählte das Bett, worauf seine Nachtmütze lag; ich hatte das andere, das vom großen Bett nur einen Fuß weit entfernt war. Ich sah, daß die Schöne, die bereits mein Herz gefangengenommen hatte, an der mir zugewandten Seite lag, und ich glaubte ohne Eitelkeit mir vorstellen zu können, daß nicht der Zufall allein dies so gefügt hätte. Ich löschte das Licht und ging zu Bett; im Kopfe wälzte ich einen Plan, den ich weder auszuführen noch zu verwerfen wagte. Vergebens rief ich dem Schlaf. Ein ganz schwacher Lichtschein erlaubte mir das Bett zu sehen, worin die reizende Frau lag. Davor konnte ich kein Auge schließen. Wer weiß, wozu ich mich endlich noch entschlossen hätte – denn ich kämpfte seit einer Stunde – als ich sie plötzlich sich aufrichten und leise ihr Bett verlassen sah. Sie ging um das Bett herum und legte sich in das ihres Mannes, der ohne Zweifel friedlich weiterschlief, denn ich hörte kein Geräusch mehr. Verdrießlich, angeekelt, versuchte ich mit aller Gewalt einzuschlafen, und ich wachte erst mit dem Morgenrot auf. Ich sah die schöne Nachtschwärmerin in ihrem Bett, stand auf, zog mich schnell an und ging hinaus. Alle lagen noch in tiefem Schlaf. Erst im Augenblick der Abfahrt kehrte ich nach dem Gasthof zurück, vor dem der Advokat und die beiden Damen mich bereits im Wagen sitzend erwarteten. Meine Schöne beklagte sich sanft und liebenswürdig darüber, daß ich ihren Kaffee nicht hätte haben wollen. Ich entschuldigte mich damit, daß ich das Bedürfnis gehabt hätte, spazierenzugehen, und vermied es sorgfältig, sie nur mit einem einzigen Blick zu beehren. Ich tat, als hätte ich Zahnweh, und war verdrießlich und schweigsam. In Piperno benutzte sie eine günstige Gelegenheit, um mir unbemerkt zu sagen, meine Zahnschmerzen seien nur Verstellung. Über diesen Vorwurf freute ich mich, denn ich sah voraus, daß es zu einer Erklärung kommen würde, die trotz meinem Verdruß mir nicht unerwünscht war. Den Nachmittag über war ich wie am Morgen düster und einsilbig, bis wir in Sermonetta ankamen, wo wir über Nacht bleiben sollten. Wir trafen schon zeitig ein und da das Wetter schön war, so sagte die Signora, sie würde gern einen kleinen Spaziergang machen, und fragte mich höflich, ob ich ihr meinen Arm geben wolle. Ich erklärte mich bereit; ohnehin hätte ja die Höflichkeit mir nicht erlaubt, ihr diesen Wunsch abzuschlagen. Ich fühlte mich unbehaglich; mein Schmollen war mir selber unbequem, obgleich ich mir nicht klar darüber war. Nur eine Aussprache konnte alles wieder in Ordnung bringen; aber ich wußte nicht, wie ich eine solche herbeiführen sollte. Ihr Mann folgte uns mit der Schwägerin, aber in ziemlich großer Entfernung. Sobald ich sah, daß wir weit genug von ihnen ab waren, erkühnte ich mich, sie zu fragen, wie sie auf den Gedanken gekommen sei, daß ich mein Zahnweh nur vorgeschützt habe. »Ich bin offen zu Ihnen,« sagte sie; »ich merkte es an der auffälligen Veränderung Ihres Benehmens und daran, daß Sie den ganzen Tag über sorgfältig vermieden, mich ein einziges Mal anzusehen. Da das Zahnweh Sie doch nicht hindern könnte, höflich zu sein, so mußte ich es für erheuchelt halten. Übrigens weiß ich bestimmt, daß niemand von uns Ihnen hat Anlaß geben können, so plötzlich in eine andere Stimmung zu geraten.« »Es muß aber doch ein Anlaß dagewesen sein. Gnädige Frau, Sie sind nur zur Hälfte aufrichtig.« »Sie irren sich, Herr Abbate; ich bin es ganz. Wenn ich Ihnen einen Anlaß gegeben habe, so kenne ich ihn nicht oder darf ihn nicht kennen. Haben Sie die Güte mir zu sagen, womit ich es gegen Sie versehen habe.« »Mit nichts. Denn ich habe nicht das Recht, irgendwelche Ansprüche zu erheben.« »Doch! Sie haben Anrechte. Dieselben wie ich. Nämlich die Anrechte, die die gute Gesellschaft allen ihren Mitgliedern gewährleistet. Sprechen Sie und seien Sie ebenso offenherzig wie ich!« »Den Anlaß dürfen Sie nicht kennen ; oder vielmehr, Sie müssen tun, als ob Sie ihn nicht kennen. Da haben Sie recht. Aber geben Sie auch zu, daß meine Pflicht mir verbietet, Ihnen diesen Anlaß zu nennen.« »Das läßt sich hören. Jetzt ist alles gesagt. Aber wenn Ihre Pflicht Sie nötigt, mir den Grund Ihres Stimmungsumschlages zu verschweigen, so erfordert diese Pflicht ebenso gebieterisch, daß Sie sich nichts merken lassen. Das Zartgefühl schreibt zuweilen einem höflichen Menschen vor, gewisse Gefühle zu verbergen, wodurch er oder sonst jemand bloßgestellt werden könnte. Dadurch wird dem Geist ein Zwang auferlegt; aber das ist gut, wenn infolgedessen derjenige, der sich den Zwang auferlegt, liebenswürdiger wird.« Diese außerordentlich logische Auseinandersetzung machte mich vor Scham erröten. Ich preßte meine Lippen auf diese schöne Hand und gab mein Unrecht zu. »Ich würde«, rief ich aus, »Ihnen zu Füßen fallen, Sie um Verzeihung zu bitten, wenn ich dies tun könnte, ohne Sie bloßzustellen.« »Also sprechen wir nicht mehr davon!« sagte sie. Gerührt von meiner schnellen Bekehrung, warf sie mir einen Blick zu, in welchem so volle Verzeihung lag, daß ich mein Vergehen nicht schlimmer zu machen glaubte, wenn meine Lippen ihre Hand verließen, um den schönen lachenden Mund heimzusuchen. Ich war trunken vor Glück. Aus meiner Traurigkeit wurde Fröhlichkeit und zwar so plötzlich, daß beim Abendessen der Advokat hundert Scherze über mein Zahnweh machte und über den Spaziergang, der mich geheilt hätte. Am nächsten Tage aßen wir in Velletci zu Mittag; von dort fuhren wir bis nach Marino, unserm Nachtquartier. Obgleich viele Truppen dort lagen, erhielten wir doch zwei Zimmerchen und ein sehr gutes Nachtessen. Mit meiner reizenden Römerin stand ich mich aufs beste; ich hatte zwar nur ein flüchtiges Pfand von ihr erhalten, aber es war so aufrichtig, so zärtlich gewesen. Unsere Augen sagten sich während der Wagenfahrt nur wenig, aber da ich ihr gegenübersaß, so war die Sprache unserer Füße um so beredter. Der Advokat hatte mir erzählt, er gehe wegen einer kirchlichen Angelegenheit nach Rom und werde dort bei seiner Schwiegermutter wohnen, die seine Frau gerne wiedersehen wolle, da sie in den zwei Jahren seit ihrer Verheiratung nicht zusammengewesen seien. Seine Schwester gedenke in Rom zu bleiben, da sie einen Angestellten von der Bank zum Heiligen Geist heiraten werde. Ich erhielt ihre Adresse und eine Einladung, sie zu besuchen, und ich versprach, ihnen jeden Augenblick zu widmen, den meine Geschäfte mir übriglassen würden. Wir waren beim Nachtisch. Da sagte meine Schöne, nachdem sie meine Tabaksdose bewundert hatte, zu ihrem Mann, sie habe große Lust, eine ebensolche Dose zu besitzen. »Ich werde dir eine kaufen, meine Liebe.« »Kaufen Sie doch diese!« sagte ich ihm; »ich gebe sie Ihnen für zwanzig Unzen gegen eine Anweisung auf Sicht, die Sie mir ausstellen werden. Ich schulde diese Summe einem Engländer, und es wäre mir sehr angenehm, auf diese Weise meiner Verpflichtung gegen ihn nachkommen zu können.« »Ihre Dose, Herr Abbate, ist die zwanzig Unzen wert; aber ich will sie Ihnen nur unter der Bedingung abkaufen, daß ich sofort bar bezahle. Wenn Ihnen dies recht ist, so wäre es mir äußerst lieb, die Dose im Besitz meiner Frau zu sehen, für die sie zugleich ein Erinnerungszeichen von Ihnen sein würde.« Als seine Frau sah, daß ich auf diesen Vorschlag nicht eingehen wollte, sagte sie, ihr würde es ganz und gar nicht darauf ankommen, mir die gewünschte Anweisung auszustellen. »Ei, siehst du denn nicht,« versetzte der Advokat, »daß dieser Engländer nur in der Einbildung des Herrn Ahbate vorhanden ist? Er würde niemals erscheinen, und wir würden die Dose für umsonst behalten. Hüte dich, meine Liebe, vor diesem Abbate! Er ist ein großer Schelm.« »Ich glaubte nicht,« erwiderte seine Frau, indem sie mich dabei ansah, »daß es Schelme solcher Art auf der Welt gäbe!« Ich machte ein trauriges Gesicht und sagte, ich möchte gerne so reich sein, um recht oft solche Schelmenstreiche machen zu können. Wenn ein Mensch verliebt ist, genügt ein Nichts, um ihn in Verzweiflung zu stürzen oder auf den Gipfel der Freude zu erheben. In dem Zimmer, worin wir aßen, stand nur ein Bett, und ein zweites in einer anstoßenden Kammer ohne Tür. Die Damen wählten natürlich die Kammer, und der Advokat legte sich zuerst in das Bett, das wir miteinander teilen sollten. Sobald die Damen zu Bett waren, wünschte ich ihnen gute Nacht, warf meinem Abgott noch einen Blick zu und legte mich ebenfalls nieder. Ich hatte die Absicht, die ganze Nacht schlaflos zu verbringen. Aber man denke sich meinen Ärger, als ich beim Hinlegen ein Krachen des Bettgestells hörte, wovon ein Toter hätte aufwachen können. Ich warte indessen unbeweglich, bis mein Kamerad tief eingeschlafen ist, und als ein gewisses Geräusch mir verkündet, daß er gänzlich unter Morpheus' Bann sich befindet, versuche ich aus dem Bett zu Schlüpfen. Aber der Spektakel, den die kleinste Bewegung hervorruft, weckt den Advokaten auf; er fährt empor und streckt seine Hand nach mir aus. Als er fühlt, daß ich noch da bin, schläft er wieder ein. Eine halbe Stunde darauf mache ich den gleichen Versuch noch einmal; ich stoße auf dieselben Hindernisse und gebe nun alle Absichten auf. Amor ist der größte Spitzbube unter den Göttern; der Widerspruch scheint sein Element zu sein. Aber da seine Leistung davon abhängt, daß die Wesen, die ihm glühende Verehrung zollen, befriedigt werden, so läßt grade in dem Augenblick, wo jede Hoffnung erloschen zu sein scheint, der hellsichtige kleine Blinde alles gelingen. Am Erfolg verzweifelnd begann ich eben einzuschlafen, da erscholl plötzlich ein furchtbarer Lärm. Gewehrfeuer und gellendes Geschrei auf der Straße; Menschen stürmen treppauf, treppab; heftig wird an unsere Tür geklopft. Der Advokat fragt mich ganz ängstlich, was wohl los sein möchte. Ich spiele den Gleichgültigen, sage, ich wisse von nichts, und bitte ihn, mich schlafen zu lassen. Aber die erschreckten Damen baten uns, ihnen Licht zu verschaffen. Ich beeilte mich nicht darum; so stand der Advokat auf und lief hinaus, um Licht zu besorgen. Ich stand nach ihm auf, um die Tür zuzumachen; dabei stieß ich etwas zu stark, das Schloß schnappte ein, und ich konnte ohne den Schlüssel die Tür nicht wieder öffnen. Um sie zu beruhigen, begab ich mich zu den Damen und sagte ihnen, der Advokat würde gleich zurückkommen, und dann würden wir erfahren, was der ganze Lärm zu bedeuten hätte. Um aber nichts von der kostbaren Zeit zu verlieren, nahm ich mir so viele Freiheiten, wie ich nur konnte, wobei mich noch die Schwäche des Widerstandes ermutigte. Da ich mich aber trotz aller Vorsicht etwas zu schwer auf meine Schöne gelegt hatte, brach das Bett zusammen, und da lagen wir nun alle drei im schönsten Durcheinander. Der Advokat kommt zurück und klopft an die Tür; die Schwester steht auf; ich gebe den Bitten meiner reizenden Freundin nach, taste mich nach der Tür und sage ihm, ohne den Schlüssel könnten wir ihn nicht hereinlassen. Die beiden Schwestern stehen hinter mir, ich strecke die Hand aus; diese wird kräftig zurückgestoßen, und ich merke, daß ich an die Schwester geraten bin. So wende ich mich nach der anderen Seite und habe da mehr Erfolg. Der Gatte war wieder zurückgekehrt und ein Schlüffelbund klirrte; so mußten wir denn alle drei uns wieder zu Bett legen. Sobald die Tür offen war, eilte der Advokat an das Bett der armen erfchrockenen Damen, um sie zu beruhigen. Aber er lachte laut auf, als er sie in ihrem zusammengebrochenen Bett vergraben sah. Er rief mir, ich solle mir das ansehen; aber ich war bescheiden und unterließ es. Hierauf erzählte er uns, der Lärm rühre davon her, daß ein deutsches Streifkorps die im Orte liegenden spanischen Truppen überfallen habe und daß diese sich fechtend zurückziehen. Eine Viertelstunde darauf war nichts mehr zu hören, und die Ruhe war vollkommen wieder hergestellt. Nachdem er mir ein Kompliment über meine unerschütterliche Ruhe gemacht hatte, ging der Advokat wieder zu Bett und war bald eingeschlafen. Ich aber schloß absichtlich kein Auge mehr; beim ersten Morgengrauen stand ich auf, um mich ahzuwaschen und die Wäsche zu wechsln. Dies war höchst notwendig. Zum Frühstück erschien ich wieder, und während wir den köstlichen Kaffee tranken, den Donna Lucrezia an diesem Tage, glaube ich, noch besser gemacht hatte als sonst, bemerkte ich, daß ihre Schwester mit mir schmollte. Aber welchen geringen Eindruck machte auf mich ihre kleine Verdrießlichkeit im Vergleich mit dem Entzücken, das die fröhliche Miene und der dankbare Blick meiner wundervollen Lucrezia mir durch alle Adern goß. Wir kamen in Rom sehr zeitig an. In Torre hatten wir haltgemacht, um zu frühstücken, und da der Advokat bei fröhlicher Laune war, so schlug ich denselben Ton an, sagte ihm tausend freundliche Dinge, prophezeite ihm die Geburt eines Sohnes und nötigte scherzend seine Frau, ihm dies zu versprechen. Ich vergaß auch nicht die Schwester meiner anbetungswürdigen Lucrezia, und um sie zu meinen Gunsten umzustimmen, sagte ich ihr so viele hübsche Komplimente und bezeigte ihr eine so freundschaftliche Teilnahme, daß sie sich gezwungen sah, mir den Zusammenbruch des Bettes zu verzeihen. – Als wir uns trennten, versprach ich ihnen einen Besuch für den übernächsten Tag. So war ich also in Rom, gut mit Kleidern, leidlich mit Geld versehen und im Besitze wertvoller Schmuckgegenstände. Ich besaß einige Erfahrung, hatte gute Empfehlungsbriefe, war vollkommen mein eigener Herr und stand in einem Alter, wo ein Mensch auf Glück rechnen kann, wenn er ein wenig Mut hat und ein Gesicht, das die Personen, mit denen er in Berührung kommt, zu seinen Gunsten einnimmt. Ich war nicht schön, aber ich hatte etwas an mir, was mehr wert ist, ein schwer zu erklärendes Etwas, das unwillkürlich Wohlwollen erregt, und ich fühlte mich zu allem fähig. Ich wußte, daß Rom die einzige Stadt ist, wo jemand, der aus dem Nichts hervorgeht, es zum Höchsten bringen kann. Dieser Gedanke spornte meinen Mut und, ich muß gestehen, ein schrankenloses Selbstbewußtsein, dem ich noch nicht mißtraute, weil ich noch keine Erfahrung hatte, erhöhte ganz beträchtlich meine Zuversicht. Wer in der alten Hauptstadt der Welt sein Glück zu machen berufen ist, der muß ein Chamäleon sein, dessen Haut in allen Farben der ihn umgebenden Luft zu schillern vermag, er muß ein Proteus sein, der alle Gestalten anzunehmen weiß. Geschmeidig muß er sein, einschmeichelnd, falsch, undurchdringlich, oft niedrig, voll hinterlistiger Offenherzigkeit; stets muß er sich stellen, weniger zu wissen, als er wirklich weiß; er muß nur einen Ton der Stimme haben, muß geduldig sein, seine Gesichtszüge in Gewalt haben, kalt wie Eis sein, während ein anderer an seiner Stelle auflodern würde. Fehlt ihm unglücklicherweise die Religion des Herzens – was bei einem Charakter der geschilderten Art anzunehmen ist – so muß er verstandesmäßig religiös sein und muß friedfertig, wenn er ein ehrlicher Mann ist, die Kränkung ertragen, sich selber als Heuchler anerkennen zu müssen. Verabscheut er ein solches Verhalten, so muß er Rom verlassen und anderswo sein Glück zu machen suchen. Er gehe nach England. Ich weiß nicht, ob ich mich damit rühme oder mich beschuldige: von allen diesen Eigenschaften besaß ich nur jene Gefälligkeit, die alleinstehend ein Fehler ist. Im übrigen war ich nur ein interessanter Brausekopf, ein ganz gutes Rassepferd, das noch nicht oder – was schlimmer ist – schlecht zugeritten war. Zu allererst überbrachte ich Don Lelics Brief dem Vater Georgi. Dies war ein gelehrter Mönch, der die Achtung der ganzen Stadt besaß und auf den der Papst selber große Stücke hielt, weil er die Jesuiten nicht liebte und keine Maske anlegte, um ihnen die Maske vom Gesicht zu reißen. Doch hielten die Jesuiten sich für stark genug, ihn verachten zu können. Nachdem er mit großer Aufmerksamkeit den Brief gelesen hatte, sagte er mir, er sei bereit, mein Berater zu werden; es hänge also nur von mir ab, ihn dafür verantwortlich zu machen, daß mir kein Unheil widerfahre; denn wer sich gut betrage, habe kein Unglück zu befürchten. Er fragte mich hierauf, was ich in Rom anfangen wolle, und ich antwortete ihm, ich hoffe, daß er mir dies sagen werde. »Das kann wohl sein, aber damit ich dazu imstande sei, besuchen Sie mich oft und verheimlichen Sie mir nichts, aber auch gar nichts von allem, was Sie angeht und was Ihnen begegnet.« Ich sagte ihm nun, Don Lelio habe mir auch einen Brief für den Kardinal Acquaviva gegeben. »Dazu wünsche ich Ihnen Glück; denn der ist in Rom mächtiger als der Papst.« »Soll ich ihm den Brief sofort überbringen?« »Nein; ich sehe ihn heute abend und werde ihn benachrichtigen. Besuchen Sie mich morgen; ich werde Ihnen sagen, wo und wann Sie den Brief bestellen müssen. Haben Sie Geld?« »Auf mindestens ein Jahr genug für meinen Unterhalt.« »Ausgezeichnet. Haben Sie Bekannte hier?« »Niemand.« »Machen Sie keine Bekanntschaften, ohne mich um Rat zu fragen; vor allen Dingen besuchen Sie keine Kaffeehäuser und Speisewirtschaften, und wenn Sie doch hingehen wollen, so hören Sie und sprechen Sie nicht. Seien Sie vorsichtig, wenn man Sie ausfragt, und wenn Sie aus Höflichkeit antworten müssen, so geschehe es ausweichend, falls es sich um etwas von Belang handelt. Sprechen Sie französisch?« »Kein Wort.« »Schade. Sie müssen es lernen. Haben Sie Ihre Studien gemacht?« »Mangelhaft. Aber ich bin soweit infarinato , daß ich in Gesellschaft meinen Mann stelle.« »Das ist ganz gut; aber seien Sie auf der Hut: Rom ist die Stadt der infarinati , die sich gegenseitig zu entlarven suchen und fortwährend sich in den Haaren liegen. Ich hoffe, wenn Sie dem Kardinal Ihren Brief überbringen, sind Sie als bescheidener Abbate gekleidet und tragen nicht diesen eleganten Anzug; denn der ist nicht dazu angetan, das Glück zu Ihren Gunsten zu beschwören. Also addio; auf morgen!« Sehr befriedigt von dem Empfang, den ich bei dem Mönch gefunden und von dem, was er mir gesagt hatte, entfernte ich mich und begab mich nach dem Campo de' fiori, um den Brief meines Vetters Don Antonio an Don Gasparo Vivaldi zu bestellen. Der prächtige Mensch empfing mich in seiner Bibliothek, wo er sich mit zwei ehrwürdigen Abbaten befand. Nachdem er mich aufs liebenswürdigste begrüßt hatte, fragte er mich nach meiner Adresse und lud mich für den folgenden Tag zum Mittagessen ein. Er sprach mit höchstem Lob vom Vater Georgi, und als er mich zum Abschied bis an die Treppe geleitete, sagte er mir, er würde mir am anderen Tage die Summe übergeben, die Don Antonio ihn beauftragte, an mich auszuzahlen. Also noch ein Geldgeschenk, das mein freigebiger Vetter mitmachte. Es ist nicht schwer zu geben, wenn man die Mittel dazu hat; aber auf die rechte Art zu geben, das ist eine Kunst, die nicht jeder versteht. Ich bewunderte an Don Antonios Vorgehen weniger noch seine Großmut als sein Zartgefühl. Ich konnte und durfte seine Gabe nicht zurückweisen. Als ich aus dem Hause trete, laufe ich unversehens dem Bruder Steffano in die Arme. Der sonderbare Kauz war immer noch der gleiche; er bezeigte mir auf tausenderlei Art seine Freude. Im Grunde verachtete ich ihn, aber ich konnte ihm nicht böse sein; denn ich mußte in ihm das Werkzeug sehen, dessen die Vorsehung sich bedient hatte, um mich vor dem Sturz in den Abgrund zu bewahren. Er erzählte mir, er habe vom Papst alles erlangt, was er gewünscht; dann sagte er, ich solle mich hüten, dem bewußten Sbirren zu begegnen, der mir die zwei Zechinen geliehen habe, er wisse, daß ich ihn getäuscht habe, und wolle sich rächen. Ich sagte ihm, er solle veranlassen, daß mein Schuldschein bei einem ihm bekannten Kaufmann hinterlegt werde; dort werde ich ihn einlösen. So wurde es denn auch gemacht, und damit war alles erledigt. Abends aß ich in einem Speisehaus mit Römern und Fremden zusammen; ich beobachtete sorgsam alle Vorschriften, die mir Vater Georgi gegeben hatte. Man schimpfte gewaltig über den Papst und den Kardinal-Minister, der daran schuld sei, daß der Kirchenstaat von achtzigtausend Mann fremder Truppen, Spanier wie Deutscher, überschwemmt sei. Am meisten aber überraschte mich, daß man Fleisch aß, obgleich es Samstag war. Übrigens erlebt man in Rom während der ersten Tage Überraschungen, an die man sich sehr schnell gewöhnt. Es gibt keine katholische Stadt, wo in religiösen Dingen so wenig Zwang ausgeübt wird. Die Römer gleichen den Angestellten beim Tabaksmonopol, die soviel umsonst nehmen dürfen, wie sie wollen. Man lebt dort in der größten Freiheit, abgesehen von den Ordini santissimi , die eben so sehr zu fürchten sind, wie es in Paris die berüchtigten lettres de cachet vor der Revolution waren. Am nächsten Tage, den 1. Oktober 1743, entschloß ich mich, mich rasieren zu lassen. Mein Flaum war Bart geworden, und ich hielt es für zeitgemäß, auf gewisse Vorrechte des Jünglingsalters zu verzichten. Ich kleidete mich vollständig auf römische Art, die meines lieben Vetters Schneider sehr gut getroffen hatte; Vater Georgi war erfreut, mich in diesem Aufzug zu sehen. Er lud mich zunächst ein, mit ihm eine Tasse Schokolade zu trinken; hierauf sagte er mir, der Kardinal sei schon durch einen Brief von Don Lelio benachrichtigt worden, und Seine Eminenz werde mich gegen Mittag in der Villa Negroni empfangen, wo sie einen Spaziergang machen wolle. Ich erzählte ihm, ich sei bei Herrn Vivaldi zum Essen eingeladen, und er riet mir, diesen recht oft zu besuchen. Ich begab mich nach der Villa Negroni, und sobald mich der Kardinal bemerkte, blieb er stehen, um mir meinen Brief abzunehmen, während er zwei Herren, die bei ihm waren, weitergehen ließ. Er steckte den Brief in die Tasche, ohne ihn zu lesen, sah mich zwei Minuten lang an und fragte mich dann, oh ich Neigung für politische Angelegenheiten in mir verspüre. Ich antwortete ihm, bis jetzt hätte ich nur für nichtige Dinge Interesse gehabt; ich könne ihm nur für den größten Eifer bürgen, womit ich alle Befehle Seiner Eminenz ausführen würde, wenn er mich für würdig hielte, in seine Dienste zu treten. »Kommen Sie», sagte er, »morgen in meine Kanzlei und sprechen Sie mit dem Abbate Gama, dem ich meine Absichten mitteilen werde. Sie müssen sich bemühen, recht schnell Französisch zu lernen; die Sprache ist unentbehrlich.« Hierauf erkundigte er sich, wie es Don Lelio gehe, reichte mir seine Hand zum Kuß und entließ mich. Ich ging, ohne Zeit zu verlieren, zu Don Gasparo, bei dem ich in auserwählter Gesellschaft speiste. Er war unverheiratet und hatte keine andere Leidenschaft als für die Literatur. Er liebt die lateinische Poesie noch mehr als die italienische, und Horaz, den ich auswendig wußte, war sein Lieblingsdichter. Nach dem Essen gingen wir in sein Kabinett, wo er mir für Rechnung Don Antonios hundert römische Taler auszahlte und mir versicherte, ich würde ihm ein wirkliches Vergnügen bereiten, so oft ich mit ihm in seiner Bibliothek die Morgenschokolade trinken wollte. Von Don Gasparo lenkte ich meine Schritte zur Minerva, ungeduldig, die Überraschung meiner Lucrezia und ihrer Schwester Angelica zu sehen. Ich fragte nach ihrer Mutter, Donna Cecilia Monti, und sah mit Erstaunen eine junge Witwe, die wie eine Schwester ihrer reizenden Töchter aussah. Ich brauchte nicht meinen Namen zu nennen; ich war angemeldet, und sie erwartete mich. Ihre Töchter kamen herein, und ihr Empfang bereitete mir einen angenehmen Augenblick, denn sie erkannten mich kaum wieder. Donna Lucrezia stellte mir ihre erst elf Jahre alte jüngere Schwester vor sowie ihren Bruder, einen bildhübschen Abbate von fünfzehn Jahren. Ich beobachtete sorgfältig eine Haltung, die der Mutter gefiel: ich war bescheiden, ehrfurchtsvoll und bezeigte die lebhafteste Teilnahme für alles, was ich sah. Der gute Advokat kam hinzu; er war überrascht, in mir einen ganz neuen Menschen zu sehen, aber er fühlte sich geschmeichelt, daß ich noch nicht vergessen hatte, ihn Väterchen zu nennen. Er machte allerlei scherzhafte Bemerkungen, auf die ich einging; doch achtete ich darauf, ihnen nicht jenen Anstrich von Lustigkeit zu geben, über die wir im Wagen so viel gelacht hatten. Er machte mir infolgedessen das Kompliment, den Bart, den ich mir habe abnehmen lassen, habe mein Geist und Verstand erhalten. Donna Luerezia wußte nicht, was sie von meiner veränderten Stimmung denken sollte. Gegen Abend sah ich nach und nach fünf oder sechs weder schöne noch häßliche Damen erscheinen, und ebensoviel geistliche Herren, die mir wie Bücher vorkamen, mit deren Studium ich meinen Aufenthalt in Rom beginnen mußte. Die Herren hörten aufmerksam auf meine unbedeutendsten Bemerkungen, und ich richtete diese so ein, daß sie nach Belieben ihre Mutmaßungen darüber anstellen konnten. Donna Cecilia sagte zum Advokaten, er sei ein guter Maler, aber seine Bildnisse seien nicht ähnlich. Er antwortete, sie sehe das Porträt nur mit Maske, und ich tat, als sei ich durch die Bemerkung gekränkt. Donna Lucrezia sagte, sie finde mich völlig unverändert, und ihre Schwester bemerkte, die römische Luft gebe den Fremden ein ganz besonderes Aussehen. Dieser Ausspruch fand allgemeinen Beifall, über den Angelica vor Freude errötete. Nach vier Stunden entschlüpfte ich; der Advokat aber ging mir nach und sagte mir, seine Schwiegermutter wünsche, daß ich Freund des Hauses werde und ohne Zwang zu allen Stunden bei ihr verkehre. Ich dankte ihm herzlich und entfernte mich mit dem Wunsche, der reizenden Gesellschaft ebensosehr gefallen zu haben, wie sie mich entzückt hatte. Am anderen Morgen stellte ich mich dem Abbate Gama vor. Er war ein Portugiese von etwa vierzig Jahren mit hübschem Gesicht, dessen Züge Aufrichtigkeit, Fröhlichkeit und Geist ausdrückten. Nach Benehmen und Sprache konnte er für einen Römer gelten. Er sagte mir mit zuckersüßen Worten, Seine Eminenz selber habe dem Haushofmeister seine Weisungen in bezug auf mich gegeben; ich würde im Palast selbst wohnen und mit den Sekretären zusammen essen. Bis ich Französisch gelernt hätte, sollte ich, ohne mir dabei Zwang anzutun, zur Ubung Auszüge aus Briefen machen, die er mir geben würde. Hierauf sagte er mir die Adresse des Sprachlehrers, mit dem er schon gesprochen hatte; es war ein römischer Advokat, namens Dalacqua, der dem spanischen Palast gerade gegenüber wohnte. Nachdem er mir diese kurze Unterweisung gegeben und mir versichert hatte, daß ich auf seine Freundschaft rechnen könne, ließ er mich zum Haushofmeister fahren. Ich mußte in einem großen Buch meinen Namen unten auf eine Seite schreiben, auf der schon viele andere Namen standen; hierauf zählte er mir sechzig römische Taler als Gehalt für drei Monate im voraus auf. Dann rief er einen Lakai und ging mit mir nach dem dritten Stock in die für mich bestimmte sehr sauher eingerichtete Wohnung. Beim Fortgehen übergab der Bediente mir den Schlüssel und sagte mir, er werde jeden Morgen kommen, um mich zu bedienen, und der Haushofmeister begleitete mich bis an das Haustor, um mich dem Türhüter bekannt zu machen. Ich ging in meinen Gasthof und ließ mein bißchen Gepäck in den Palazzo di Spagna bringen. So fand ich mich in einem Hause untergebracht, worin ich ohne allen Zweifel ein glänzendes Glück gemacht haben würde, hätte ich nur ein Verhalten beobachten können, das zu sehr in Widerspruch mit meinem Charakter stand. Volentem ducit, nolentem trahit . – Den Willfährigen lenkt das Geschick, den Widerstrebenden reißt es mit sich fort. Wie man sich denken kann, trieb mich das Gefühl zu allererst zu meinem Mentor, Vater Georgi, dem ich genauen Bericht erstattete. Er sagte mir, ich sei auf gutem Wege, und nachdem ich so ausgezeichnet eingeführt worden sei, könne mein Glück nur von meinem eigenen Verhalten abhängen. »Bedenken Sie eins!« sagte mir der weise Mann; »damit Ihre Führung tadellos sei, müssen Sie sich Zwang auferlegen. Das Unangenehme, das Ihnen vielleicht beschieden ist, wird von keinem Menschen als ein Unglück aufgefaßt oder einer Schicksalsfügung zugeschrieben werden. Dies sind sinnlose Worte. Ihnen allein wird man die ganze Schuld beimessen. »Ich sehe mit Bedauern voraus, hochwürdiger Vater, daß meine Jugend und Mangel an Erfahrung mich nötigen werden, Sie oftmals zu belästigen. Ich fürchte, Ihnen schließlich unbequem zu werden, aber Sie werden mich gelehrig und gehorsam finden.« »Mich werden Sie oft zu streng finden; aber ich sehe voraus, Sie werden mir nicht alles sagen.« »Alles, alles ohne Ausnahme!« »Gestatten Sie mir zu lachen. Sie sagten mir nicht, wo Sie gestern vier Stunden verbracht haben.« »Ach, der Besuch hat nichts zu bedeuten. Ich habe die Bekanntschaft auf der Reise gemacht, und ich glaube, es ist ein ehrenwertes Haus, das ich besuchen kann, falls Sie mir nicht etwa das Gegenteil sagen. »Gott behüte! Es ist ein sehr anständiges Haus, das von ehrenwerten Leuten besucht wird. Man ist erfreut, Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben. Sie haben der ganzen Gesellschaft gefallen, und man hofft, Sie werden sich anschließen. Das alles habe ich heute früh erfahren. Aber Sie dürfen in diesem Hause nicht verkehren.« »Muß ich den Verkehr Knall und Fall aufgeben?« »Nein. Das wäre unhöflich von Ihnen. Gehen Sie ein- oder zweimal wöchentlich hin, aber seien Sie kein ständiger Gast! Sie seufzen, mein Kind!« »Nein ... auf mein Wort, ich werde Ihnen gehorchen.« »Ich wünsche, daß Sie mir nicht nur aus Gehorsam folgen, und ich möchte nicht, daß Ihr Herz dabei leidet. Aber Sie müssen es auf alle Fälle besiegen. Erinnern Sie sich, daß die Vernunft keinen größeren Feind hat, als das Herz.« »Dennoch lassen sich beide in Einklang bringen.« »Man bildet sich das ein. Aber mißtrauen Sie dem animum Ihres lieben Horaz. Sie wissen es gibt keinen Ausweg: Nisi paret, imperat . – Wenn es nicht gehorcht, befiehlt es.« »Ich weiß. Aber in jenem Hause läuft mein Herz keine Gefahr.« »Um so besser für Sie; denn dann kann es Ihnen keine Mühe machen, sich der Besuche zu enthalten. Erinnern Sie sich, daß meine Pflicht es mit sich bringt, Ihnen zu glauben.« »Und meine, Ihren weisen Rat anzuhören und zu befolgen. Ich werde nur von Zeit zu Zeit zu Donna Cecilia gehen.« Den Tod im Herzen ergriff ich seine Hand, um sie zu küssen. Er aber drückte mich väterlich an seine Brust, indem er sich abwandte, um mir seine Tränen zu verbergen. Ich speiste im Spanischen Palast zusammen mit dem Abbate Gama an einer Tafel zu zwölf Gedecken, die für ebenso viele Abbaten bestimmt waren, denn in Rom ist jedermann Abbate oder will dafür gelten. Da es nicht verboten ist, geistliche Tracht anzulegen, so trägt sie jeder, der geachtet werden will, mit Ausnahme von jenem Teil des Adels, der nicht die geistliche Laufbahn eingeschlagen hat. Vor Kummer vermochte ich während des ganzen Essens nicht den Mund aufzutun, und dieses Schweigen wurde mir als Schlauheit ausgelegt. Nach Tisch lud Abbate Gama mich ein, mit ihm den Tag zu verbringen; ich entschuldigte mich mit dem Vorwande, daß ich Briefe zu schreiben hätte, worauf ich dann aber auch wirklich sieben Stunden hintereinander verwandte. Ich schrieb an Don Lelio, an Don Antonio, an meinen jungen Freund Paolo und an den guten Bischof von Martorano, der mir aus voller Überzeugung antwortete, er möchte wohl an meiner Stelle sein. Da ich in Lucrezia verliebt und glücklich war, so kam es mir barbarisch vor, sie zu verlassen. Einer glücklichen Zukunft zuliebe sollte ich die Gegenwart morden und Feind meines eigenen Herzens sein. Ich empörte mich gegen diese Notwendigkeit, die mir künstlich konstruiert zu sein schien und die ich nur anerkennen konnte, wenn ich mich vor dem Richterstuhl meiner eigenen Vernunft erniedrigte. Mir schien, Vater Georgi hätte mir, als er mir jenes Haus verbot, nicht zugleich sagen dürfen, daß es ein anständiges Haus sei; mein Schmerz wäre minder groß gewesen. Den ganzen Tag und einen Teil der Nacht verbrachte ich mit solchen Betrachtungen. Am Morgen brachte Abbate Gama mir ein großes Buch voll von Gesandtschaftsbriefen, aus denen ich zu meiner Unterhaltung Auszüge machen sollte. Ich setzte eine geschäftsmäßige Miene auf und ging aus, um meine erste französische Stunde zu nehmen. Als ich nachher durch die strada condotta ging, um einen Spaziergang zu machen, wurde ich vom Abbate Gama angerufen, der in der Tür eines Kaffeehauses stand. Ich sagte ihm ins Ohr, Minerva habe mir den Besuch der römischen Kaffeehäuser verboten. »Minerva« antwortete er mir, »befiehlt Ihnen, sich einen Begriff davon zu machen. Setzen Sie sich zu mir!« Ich hörte einen jungen Abbate ganz laut eine wahre oder erfundene Geschichte erzählen, durch die geradezu, aber ohne Bitterkeit, die Gerechtigkeit des Heiligen Vaters angegriffen wurde. Alle lachten und stimmten bei. Ein anderer antwortete auf die Frage, warum er aus dem Dienst des Kardinals B. ausgetreten sei: es sei geschehen, weil Seine Eminenz behauptete, er brauche ihm gewisse Dienste nicht besonders zu bezahlen. Wieder lautes Gelächter! Ein dritter sagte dem Abbate Gama, wenn er nach Tisch nach der Villa Medici hinauskommen wolle, werde er ihn dort mit zwei kleinen Römerinnen finden, die mit einem quartino zufrieden seien. Dies ist eine Goldmünze im Werte von einer viertel Zechine. Noch ein anderer las ein Sonett voll Feuer und Flamme gegen die Regierung vor, und mehrere schrieben es ab. Wieder ein anderer las eine von ihm gedichtete Satire, worin die Ehre einer Familie vernichtet wurde. Plötzlich sah ich einen Abbate mit einnehmenden Gesichtszügen eintreten. Als ich seine Hüften sah, hielt ich ihn für ein verkleidetes Mädchen und sagte dies zum Abbate Gama. Dieser aber teilte mir mit, es sei ein berühmter Kastrat, namens Beppino della Mamana. Gama rief ihn heran und sagte ihm lachend, ich hätte ihn für ein Mädchen gehalten. Der Schamlose sah mich fest an und sagte, wenn ich Lust hätte, wollte er mir beweisen, daß ich recht oder daß ich unrecht hätte. Beim Essen sprachen alle Tischgäste mit mir, und ich glaubte ihnen passende Antworten gegeben zu haben. Nach Tische lud Abbate Gama mich ein, den Kaffee auf seinem Zimmer zu trinken, und ich nahm die Einladung an. Sobald wir unter vier Augen waren, sagte er mir, alle Teilnehmer an unserem Mittagstisch seien anständige Leute; hierauf fragte er mich, ob ich glaubte, allgemein gefallen zu haben. »Das hoffe ich.« »Sie täuschen sich,« antwortete der Abbate; »bilden Sie sich das nur nicht ein. Sie sind so offenbar allen an Sie gerichteten Fragen ausgewichen, daß ein jeder Ihre Zurückhaltung bemerkt hat. Künftighin wird man Ihnen keine Fragen mehr stellen.« »Das täte mir leid. Aber hätte ich denn meine Angelegenheiten an die große Glocke hängen sollen?« »Nein; es gibt überall eine Mittelstraße.« »Die, von der Horaz spricht. Aber diese ist oft sehr schwer zu gehen.« »Man muß sich beliebt und zugleich geachtet machen.« »Ich wünsche nichts Besseres.« »Heute hatten Sie es mehr auf Achtung als auf Liehe abgesehen. Das ist gewiß recht schön und gut; aber machen Sie sich darauf gefaßt, Sie werden mit Neid und mit dessen Tochter, der Verleumdung, zu kämpfen haben. Wenn diese beiden Ungeheuer Sie nicht zu Boden drücken, so werden Sie als Sieger hervorgehen. Sie haben zum Beispiel Salicetti zerpflückt; er ist Physiker und Corse obendrein. Er muß es Ihnen übel genommen haben.« »Konnte ich ihm zugeben, daß Gelüste der Frauen niemals den geringsten Einfluß auf die Haut des Fötus haben können? Ich weiß das Gegenteil aus Erfahrung. Sind Sie nicht auch meiner Meinung?« »Ich bin weder Ihrer noch seiner Meinung; ich habe wohl Kinder mit sogenannten Merkmalen gesehen, aber ich kann nicht bestimmt entscheiden, ob diese Male davon herrühren, daß die Mütter vielleicht während der Schwangerschaft Gelüste gehabt haben.« »Ich kann darauf schwören.« »Um so besser für Sie, wenn Sie es so bestimmt wissen, und um so schlimmer für Salicetti, wenn er die Möglichkeit leugnet. Lassen Sie ihn in seinem Irrtum! Das ist besser, als wenn Sie ihm seinen Irrtum nachweisen und sich ihn dadurch zum Feinde machen.« Am Abend ging ich zu Lucrezia. Man wußte alles und wünschte mir Glück. Sie sagte mir, ich schiene ihr traurig zu sein, und ich antwortete, ich trüge meine freie Zeit zu Grabe, denn ich wäre nicht mehr Herr darüber. Ihr Mann sagte ihr in seiner gewöhnlichen scherzenden Art, ich sei in sie verlieht; und seine Schwiegermutter riet ihm, er solle nur nicht so den Helden spielen. Ich verbrachte nur eine einzige Stunde im Kreise der reizenden Familie. Dann ging ich, von einer Feuersglut durchloht, daß ich mit meinem Atem die Luft entflammte. Zu Hause setzte ich mich an meinen Schreibtisch und brachte die ganze Nacht damit zu, eine Ode zu dichten, die ich am andern Morgen dem Advokaten schickte. Ich wußte, daß er sie seiner Frau geben würde, die für Poesie schwärmte, aber keine Ahnung davon hatte, daß diese auch meine Leidenschaft war. Die nächsten drei Tage enthielt ich mich jedes Besuches bei ihr. Ich lernte Französisch und machte Auszüge aus Gesandtschaftsbriefen. Bei Seiner Eminenz war jeden Abend Gesellschaft, zu der sich der höchste römische Adel beiderlei Geschlechts einfand; ich ging nicht hin. Gama sagte mir, ich müsse wie er als anspruchsloser Gast hingehen. Ich tat es; niemand sprach ein Wort mit mir, da aber meine Erscheinung unbekannt war, sah mich jeder an, und jeder wollte wissen, wer ich sei. Abbate Gama fragte mich, welche von den anwesenden Damen mir als die liebenswürdigste erscheine; ich zeigte ihm die betreffende, aber es tat mir sofort leid, denn der Höfling hatte nichts Eiligeres zu tun, als zu ihr zu gehen und es ihr zu sagen. Bald darauf betrachtete sie mich durch die Lorgnette und lächelte mir zu. Es war die Marchesa G., deren Verehrer der Kardinal S. C. war. Am Morgen des Tages, dessen Abend ich bei Donna Luerezia zu verbringen gedachte, kam der ehrenwerte Advokat in mein Zimmer. Er sagte mir, ich irrte mich sehr, wenn ich ihm durch mein Fernbleiben zu beweisen glaubte, daß ich nicht in seine Frau verliebt wäre. Dann lud er mich ein, am nächsten Donnerstag mit ihm und seiner ganzen Familie auf Testaccio einen Imbiß einzunehmen. Er versicherte mir, ich würde dort die einzige Pyramide sehen, die Rom hätte. »Meine Frau weiß Ihre Ode auswendig; sie hat sie Angelicas Bräutigam vordeklamiert, der seitdem den sehnlichen Wunsch hat, Sie kennenzulernen. Er ist ebenfalls Dichter und wird mit uns am Testaccio sein.« Ich versprach ihm, am bestimmten Tage mit einem zweisitzigen Wagen zu ihnen zu kommen. Zu jener Zeit waren in Rom die Donnerstage des Oktobermonats der Fröhlichkeit gewidmet. Am Abend war ich beim Advokaten; die Unterhaltung drehte sich nur um das geplante Vergnügen, und ich glaubte zu bemerken, daß Lucrezia ebensosehr darauf rechnete wie ich. Wir hatten keinen bestimmten Plan und konnten keinen haben, aber wir rechneten auf die Liebe und vertrauten stillschweigend auf deren Schutz. Es lag mir daran, daß Vater Georgi von der geplanten Ausfahr durch niemanden früher erführe als durch mich selber, und ich ging daher zu ihm und bat in aller Form um Erlaubnis, daran teilnehmen zu dürfen. Damit er nichts dagegen einzuwenden hätte, tat ich, als ob mir die Sache völlig gleichgültig wäre. Der wackere Mönch sagte mir denn auch, ich müsse mich unbedingt beteiligen; es sei ja eine Familiengesellschaft; außerdem dürfte ich mich nicht abhalten lassen, die Umgebung von Rom kennen zu lernen und mich auf eine anständige Weise zu erlustigen. Ich begab mich zu Donna Cecilia in einer geschlossenen zweisitzigen Kutsche, die ich von einem gewissen Roland aus Avignon mietete. Ich nenne ihn hier, weil ich in achtzehn Jahren von ihm werde zu sprechen haben und weil die Bekanntschaft mit ihm wichtige Folgen gehabt hat. Die reizende Witwe stellte mir ihren zukünftigen Schwiegersohn Don Francesco als einen großen Freund der Wissenschaften vor, der auch selber eine gediegene wissenschaftliche Bildung besitze. Ich nahm diese Mitteilung für bare Münze und behandelte ihn dementsprechend; trotzdem fand ich ihn recht schwerfällig, und sein Benehmen war nach meiner Ansicht durchaus nicht so, wie es sich für einen jungen Mann gehört hätte, der binnen kurzer Zeit eine so hübsche Person wie Angelica heiraten sollte. Aber er war ehrenhaft und reich, und das ist mehr wert als ein weltmännisches Benehmen und wissenschaftliche Bildung. Als wir einsteigen wollten, sagte mir der Advokat, er würde mit mir in meinem Wagen fahren und die drei Damen mit Don Francesco in dem anderen. Ich antwortete ihm ohne Besinnen, er müsse mit Don Francesco fahren und Donna Cecilia müsse mir zufallen; ich wäre entehrt, wenn es anders gemacht würde. Mit diesen Worten bot ich meinen Arm der schönen Witwe, die meine Anordnung den Anstandsregeln der guten Gesellschaft entsprechend fand; ein beifälliger Blick meiner Lucrezia durchdrang mich mit dem angenehmsten Gefühl. Indessen machte die Bemerkung des Advokaten einen peinlichen Eindruck auf mich, denn sie stand in Widerspruch mit seinem früheren Benehmen und besonders mit dem, was er mir auf meinem Zimmer gesagt hatte. »Sollte er eifersüchtig geworden sein?« fragte ich mich. Dies hätte mich beinahe verdrießlich gemacht, aber die Hoffnung, ihn beim Monte Testaccio auf andere Gedanken zu bringen, zerstreute den Nebel, und ich war liebenswürdig gegen Donna Cecilia. Über der Spazierfahrt und dem Imbiß, den der Advokat bezahlte, wurde es schnell Abend; die Kosten der Lustigkeit wurden von mir bestritten, und von meiner Liebe zu Lucrezia war nicht ein einziges Mal die Rede; alle meine Aufmerksamkeiten galten ihrer Mutter. Zu Lucrezia sagte ich nur beiläufig ein paar Worte, mit dem Advokaten sprach ich überhaupt nicht. Mir schien, dies sei das beste Mittel, ihm begreiflich zu machen, daß er einen Verstoß gegen mich begangen habe. Im Augenblick der Abfahrt nahm der Advokat mir Donna Cecilia weg und eilte mit ihr nach dem anderen Wagen, worin Angelica und Don Francesco bereits saßen. Ich konnte kaum meine Freude darüber verbergen, aber ich bot Donna Lucrezia meinen Arm, indem ich ein Kompliment ohne Sinn und Verstand hervorstotterte. Der Advokat lachte herzlich und schien sich viel einzubilden auf den Streich, den er mir gespielt zu haben glaubte. Wieviel hätten wir uns nicht zu sagen gehabt, ehe wir uns unserer Zärtlichkeit überließen! Aber die Augenblicke waren ja so kostbar. Wir geizten damit, denn wir wußten, daß wir nur eine halbe Stunde vor uns hatten. Wir schwammen in der Trunkenheit des Glücks, da rief plötzlich Lucrezia: »O mein Himmel! wie sind wir unglücklich!« Sie stößt mich zurück, setzt sich aufrecht, der Wagen hält, und der Diener öffnet den Schlag. »Was ist denn los?« frage ich. »Wir sind zu Hause.« So oft ich mir den Vorfall in die Erinnerung zurückrufe, erscheint es mir wie ein Märchen; denn es ist doch nicht möglich, daß eine halbe Stunde zu nichts wird – und unsere Fahrt hatte wirklich weniger als einen Augenblick gedauert. Dabei waren die Pferde die miserabelsten Klepper, die man sich denken kann. Aber wir hatten Glück. Die Nacht war finster und mein Engel saß so, daß sie zuerst aussteigen mußte. So ging, dank der Langsamkeit, womit Lucrezia ausstieg, alles vortrefflich, obwohl der Advokat ebenso schnell wie der Lakei am Schlage war. Ich blieb bis Mitternacht in Donna Cecilias Hause. Sobald ich in meinem Zimmer war, ging ich zu Bett. Aber wie hätte ich schlafen können? In mir brannte die ganze Glut der Flamme, die ich wegen der zu kurzen Entfernung vom Testaccio bis Rom nicht wieder dem Herde hatte zurückgeben können, von dem ich sie empfangen hatte. Sie verzehrte mich. Weh denen, die den Wonnen der Venus auch dann noch Wert beimessen, wenn nicht zwei liebende Herzen in vollkommener Einigkeit ihrer genießen. Ich stand erst auf, als ich meine französische Stunde nehmen mußte. Mein Lehrer hatte eine hübsche Tochter, Barbara, die während der ersten Zeit immer beim Unterricht anwesend war und mir zuweilen sogar selber noch gewissenhafter als der Vater meine Stunde gab. Ein hübscher junger Mensch, der ebenfalls Unterricht nahm, machte ihr den Hof und wurde von ihr geliebt, wie ich leicht bemerken konnte. Der junge Mann besuchte mich öfter, und ich hatte ihn gern, besonders weil er so verschwiegen war. Denn obwohl er mir auf meine Fragen seine Liebe eingestanden hatte, brachte er geschickt das Gespräch auf ein anderes Thema, so oft ich davon anfangen wollte. Ich ehrte also sein Geheimnis und hatte seit mehreren Tagen nicht mehr davon gesprochen. Plötzlich aber fiel mir auf, daß ich ihn weder bei mir noch beim Sprachlehrer sah und daß auch das junge Mädchen nicht mehr in meine Stunde kam. Dies machte mich neugierig zu wissen, was da vorgefallen sein möchte, obgleich mich im Grunde die Sache sehr wenig interessierte. Eines Tages, als ich aus der Messe von San Carlo kam, sah ich den jungen Mann und sprach ihn an. Ich machte ihm Vorwürfe, daß er sich gar nicht mehr sehen ließe. Er sagte mir, ihn verzehre ein bitterer Kummer, er habe den Kopf verloren und sei der Verzweiflung nahe. Die Tränen standen ihm in den Augen; ich wollte weiter gehen, aber er hielt mich zurück. Nun sagte ich ihm, er dürfe mich nicht mehr zu seinen Freunden rechnen, wenn er mir nicht sein Herz eröffnete. Er ging mit mir in den Kreuzgang eines nahen Klosters und erzählte mir folgendes: »Seit sechs Monaten liebe ich Barbara; seit drei Monaten hat sie mir unbestreitbare Beweise ihrer Liebe gegeben. Die Magd verriet uns, und vor fünf Tagen früh um fünf Uhr überraschte uns der Vater in einer unzweideutigen Situation. Schweigend verließ er das Zimmer, und ich glaubte, mich ihm zu Füßen werfen zu können, um seiner Verzeihung gewiß zu sein. Aber im Augenblick, wo ich vor ihm erschien, packte er mich, schleppte mich an die Haustür und verbot mir, jemals wieder sein Haus zu betreten. »Ich kann nicht um ihre Hand anhalten, denn ich habe einen verheirateten Bruder, und mein Vater ist nicht reich; ich habe kein Einkommen, und meine Liebste hat auch nichts. Ach! Sagen Sie mir doch bitte, da ich Ihnen jetzt alles anvertraut habe: wie geht es ihr denn? Gewiß ist sie ebenso unglücklich wie ich. Ich kann ihr keinen Brief zukommen lassen, denn sie verläßt überhaupt das Haus nicht mehr; nicht einmal in die Messe geht sie. O, ich Unglücklicher! Was soll ich anfangen!« Ich konnte ihn nur bedauern, denn als Ehrenmann durfte ich mich in diese Sache nicht einmischen. Ich sagte ihm, ich hätte sie seit fünf Tagen nicht gesehen. Und da ich nicht wußte, was ich ihm sonst noch sagen sollte, so gab ich ihm den Rat, den in derartigen Fällen alle Dummköpfe stets bei der Hand haben: er möge sie vergessen. Wir waren inzwischen weitergegangen und befanden uns in der Nähe der Ripettabrücke. Da ich bemerkte, daß er mit stierem Blick auf die Wellen des Tibers sah, so fürchtete ich, er könne irgend etwas Verzweifeltes tun, und sagte, um ihn zu beruhigen, ich wolle mich nach seiner Freundin bei ihrem Vater erkundigen und ihm dann Bescheid geben. Dies Versprechen beruhigte ihn wirklich etwas, und er bat mich, es nicht zu vergessen. Obgleich seit dem Ausflug nach Monte Testaccio alle meine Sinne lichterloh brannten, hatte ich seit vier Tagen meine Lucrezia nicht gesehen. Ich fürchtete die sanften Vorwürfe des Vaters Georgi und noch mehr, daß er mir vielleicht für die Folge seinen Rat entziehen könnte. Aber meine Sehnsucht war zu groß; ich suchte sie auf, sobald ich meine französische Stunde genommen hatte, und ich fand sie allein, mit trauriger und niedergeschlagener Miene. »Ach!« sagte sie, als ich bei ihr eintrat, »es ist doch nicht möglich, daß Sie nicht soviel Zeit erübrigen können, mich einmal zu besuchen ?« »Meine zärtliche Freundin, an Zeit mangelt es mir nicht; aber so eifersüchtig bewache ich meine Liebe, daß ich lieber sterben, als sie der Welt kundgeben will. Ich habe daran gedacht, euch alle zum Mittagessen nach Frascati einzuladen. Ich werde euch einen Phaeton schicken und hoffe, daß irgendein glücklicher Zufall unserer Liebe hold sein wird.« »Ach ja! Tun Sie das, lieber Freund. Ich bin gewiß, Ihre Einladung wird angenommen werden!« Eine Viertelstunde später kamen die anderen nach Hause und ich lud sie ein, am nächsten Sonntag meine Gäste zu sein. Es war Sankt Ursula, der Namenstag von Lucrezias jüngster Schwester, Ich bat Donna Cecilia, auch sie und ihren Sohn mitzubringen. Mein Vorschlag wurde angenommen; ich sagte ihr, der Phaeton würde um sieben Uhr vor ihrer Tür stehen, und ich würde mit einem zweisitzigen Wagen ebenfalls um diese Stunde da sein. Am anderen Tag ging ich wieder zu Dalacqua; als ich meine Stunde genommen hatte, sah ich beim Fortgehen Barbaruccia, die aus einem Zimmer nach einem anderen ging. Sie sah mich an und ließ ein Papier fallen. Ich glaubte es aufheben zu müssen, weil eine Magd, die die Treppe herabkam, es leicht hätte sehen und aufheben können. Es war ein Brief, der einen zweiten für ihren Liebhaber enthielt. Der an mich lautete folgendermaßen: »Wenn Sie einen Fehler zu begehen glauben, indem Sie diesen Brief an Ihren Freund bestellen, so verbrennen Sie ihn. Haben Sie Mitleid mit einem unglücklichen Mädchen und seien Sie verschwiegen.« Der eingelegte Brief war unverschlossen, er lautete: »Wenn Deine Liebe der meinen gleicht, so hoffst Du nicht, ohne mich glücklich leben zu können. Das einzige Mittel, uns zu sprechen oder zu schreiben, ist das, dessen ich mich zu bedienen wage. Ich bin bereit, rückhaltslos alles zu tun, was uns bis zu unserem Tode vereinigen kann. Überlege und bestimme!« Die böse Lage des armen Mädchens tat mir in tiefster Seele leid. Trotzdem entschloß ich mich, ihr am nächsten Tage ihren Brief zurückzugeben. Ich legte ihn einem Briefchen bei, worin ich mich entschuldigte, ihr den von mir erwarteten Dienst nicht leisten zu können. Diesen Brief steckte ich in die Tasche. Am anderen Tage ging ich wie gewöhnlich in meine Stunde; da ich aber Barbara nicht zu sehen bekam, konnte ich ihr den Brief nicht übergeben; ich dachte nun, ich könnte dies auch am nächsten Tage tun. Aber als ich nach Hause kam, trat der arme Liebhaber bei mir ein. Sein Auge flammte, seine Stimme bebte und er schilderte mir seine Verzweiflung in so bewegten Worten, daß ich irgendeine Übereilung befürchtete. Ich glaubte ihm daher den Trost, den ich ihm gewähren konnte, nicht vorenthalten zu dürfen. Er hatte von Selbstmord gesprochen, weil eine innere Stimme ihm sage, das Mädchen müsse sich vorgenommen haben, ihn zu vergessen. Nur der Brief konnte das widerlegen; und so verleitete Schwäche des Herzens mich zum ersten Fehltritt in dieser verhängnisvollen Angelegenheit. Der arme Mensch las den Brief und las ihn wieder; er küßte ihn voll Entzücken; er weinte, fiel mir um den Hals, dankte mir, daß ich ihm das Leben gerettet hätte, und beschwor mich schließlich, eine Antwort zu befördern, weil doch seine Freundin gleichen Trostes wie er bedürftig sein müsse. Er versicherte mir, sein Brief würde mich ganz gewiß nicht bloßstellen; übrigens könnte ich ihn ja lesen. Sein Brief war zwar sehr lang, aber er enthielt wirklich weiter nichts als Versicherungen ewiger Treue und chimärische Hoffnungen. Trotzdem hätte ich mich nicht zum Liebespostillon der jungen Leute hergeben dürfen. Ich hätte mir nur zu sagen brauchen, daß Abbate Georgi ganz gewiß nicht mit meiner Gefälligkeit einverstanden gewesen wäre. Am folgenden Tage fand ich den alten Dalacqua krank; zu meiner Freude sah ich die Tochter an seinem Bett sitzen und glaubte daher, er werde ihr verziehen haben. Sie gab mir die Stunde, ohne das Bett ihres Vaters zu verlassen. Es gelang mir unschwer, ihr die Botschaft ihres Liebsten zuzustecken; sie steckte sie in die Tasche, aber dabei stieg ihr eine solche Glut ins Gesicht, daß sie sich leicht hätte verraten können. Als die Stunde aus war, sagte ich ihnen, am nächsten Tage würden sie mich nicht sehen. Es war der Tag der Heiligen Ursula, einer der jungfräulichen Märtyrerinnen und Königstöchter. Abends war ich in der Gesellschaft bei Seiner Eminenz, die ich regelmäßig besuchte, obwohl nur selten irgend jemand von Bedeutung mich ansprach. Der Kardinal winkte mich zu sich heran; er sprach mit der schönen Marchesa G., welcher der Abbate Gama gesagt hatte, ich hätte sie für die hübscheste erklärt. »Die gnädige Frau«, sagte mir der Kardinal auf französisch, »wünscht zu wissen, ob Sie in der französischen Sprache, die sie selber ausgezeichnet spricht, gute Fortschritte gemacht haben.« Ich antwortete italienisch: ich hätte viel gelernt, getraute mich aber noch nicht zu sprechen. »Man muß wagen,« sagte die Marchesa zu mir, »aber ohne Ansprüche zu machen. So bleibt man sicher vor Kritik.« Da ich unwillkürlich dem Wort wagen eine Auslegung gab, an die die Marchesa wahrscheinlich nicht gedacht hatte, stieg mir das Blut ins Gesicht; die schöne Dame merkte es und fing ein anderes Gespräch an. Ich entfernte mich. Am nächsten Tage war ich um sieben Uhr bei Donna Cecilia. Vor der Türe hielten mein Phaeton und mein Zweisitzer, diesmal ein elegantes Visavis mit weichen Polstern und so vorzüglichen Federn, daß Donna Cecilia den Wagen sehr lobte. »Bei der Rückfahrt nach Rom komme ich daran!« sagte Lucrezia. Ich machte eine Verbeugung, wie wenn ich sie beim Wort nähme. So forderte sie den Verdacht heraus, um ihn zu zerstreuen! Meines Glückes sicher, überließ ich mich aller meiner natürlichen Heiterkeit. Nachdem ich ein auserlesenes Mahl bestellt hatte, gingen wir aus, um die Villa Ludovisi zu besichtigen, und da es leicht möglich war, uns zu verlaufen, so verabredeten wir, daß wir uns um ein Uhr im Gasthof treffen wollten. Die zartfühlende Witwe nahm den Arm ihres Schwiegersohnes, Angelica den ihres Bräutigams, und mein köstlicher Anteil war Lucrezia. Ursula und ihr Bruder liefen weg, um zu spielen, und in weniger als einer Viertelstunde war meine schöne Freundin allein mit mir. »Hast du gehört«, fragte sie mich, »mit welcher Unschuldsmiene ich mir zwei Stunden süßen Alleinseins mit dir gesichert habe? Unser Wagen heißt nicht umsonst Visavis. Wie erfinderisch ist doch die Liebe!« »Ja, meine anbetungswürdige Freundin, die Liebe hat unsere beiden Herzen verschmolzen und aus ihnen nur ein einziges gemacht. Ich bete dich an, und wenn ich lange Tage dir fern bleibe, so ertrage ich dies nur darum, weil ich mir dadurch den vollen Genuß eines einzigen Tages sichere.« »Ich hätte es nicht für möglich gehalten; dies ist alles dein Werk; du weißt zuviel für dein Alter, mein Freund!« »Vor einem Monat, angebetete Freundin, war ich ein unwissender Knabe. Du bist die erste Frau, die mich in die wirklichen Mysterien der Liebe eingeweiht hat. Deine Abreise, Lucrezia, wird mich unglücklich machen, denn ganz Italien kann kein anderes Weib besitzen, das dir gleich käme.« »Wie? Ich bin deine erste Liebe? Ach, Unglücklicher, du wirst sie nie verwinden! Warum bin ich nicht dein? Auch du bist meines Herzens erste Liebe, und du wirst sicherlich seine letzte bleiben. Glücklich die Frau, die du nach mir liebst! Ich werde nicht eifersüchtig auf sie sein, aber eins macht mir Schmerz: sie wird dich nicht mit einem solchen Herzen lieben wie ich.« Meine Augen standen voller Tränen; da ließ Lucrezia den ihren freien Lauf, und auf dem Rasen sitzend schlürften wir mit süßesten Küssen ihren Nektar ein. Wie süß sind Tränen der Liebe, wenn man im Rausche gegenseitiger Zärtlichkeit sie schlürft! Ich habe sie in ihrer ganzen Süße gekostet, diese wundervollen Zähren, und ich kann als Sachverständiger bestätigen, daß die alten Physiker recht hatten und die modernen unrecht haben. In einem Augenblick der Ruhe sah ich sie an, wie sie in der entzückendsten Unordnung neben mir lag, und sagte ihr, wir könnten überrascht werden. »Fürchte das nicht, mein Freund! Wir stehen in der Hut unserer Schutzgeister.« Aus unseren liebenden Blicken frische Kräfte schöpfend, ruhten wir uns aus, da sah plötzlich Lucrezia nach rechts und rief: »Sieh, mein Herz! Habe ich's dir nicht gesagt? Ja, unsere Schutzgeister bewachen uns. Ach, wie er uns ansieht! Sein Blick sucht uns zu beruhigen. Sieh diesen kleinen Dämon! In ihm offenbart sich das tiefste Geheimnis der Natur. Bewundere ihn! Ganz gewiß ist er dein Schutzgeist oder der meinige.« Ich glaubte, sie rede irre. »Was sagst du, geliebtes Herz? Ich verstehe dich nicht. Was soll ich bewundern?« »Siehst du denn nicht die schöne Schlange mit der flammenden Haut, die erhobenen Kopfes uns anzubeten scheint?« Ich sah nun in die Richtung, nach der ihr Finger wies, und bemerkte eine Schlange mit schillernder Haut; sie war etwa eine Elle und sah uns wirklich an. Dieser Anblick machte mir kein Vergnügen, aber ich wollte nicht weniger unverzagt erscheinen als meine Schöne. »Ist es möglich, meine angebetete Freundin,« rief ich, »daß ihr Anblick dich nicht erschreckt?« »Ihr Anblick entzückt mich, sage ich dir; ich bin überzeugt, es ist eine Gottheit, die von der Schlange nur die Form oder vielmehr den äußeren Anschein hat.« »Und wenn sie nun durch das Gras zischend auf dich losführe?« »Ich würde dich noch fester gegen meinen Busen pressen und würde sie herausfordern, mir etwas Böses anzutun! In deinen Armen kennt Lucrezia keine Furcht. Sieh, da verschwindet sie! Schnell, schnell! Durch ihre Flucht kündigt sie uns an, daß irgendein Unberufener naht, und sagt uns, daß wir uns eine andere Zuflucht suchen müssen, um dort neue Wonnen zu finden. Auf!« Kaum hatten wir uns erhoben und mit langsamen Schritten uns entfernt, da sahen wir aus einem nahen Baumgang Donna Cecilia und den Advokaten herauskommen. Wir wichen ihnen nicht aus und beeilten uns auch nicht, ihnen entgegenzugehen, sondern taten, als sei es ganz natürlich, daß wir uns begegneten. Ich fragte Donna Cecilia, ob ihre Tochter Furcht vor Schlangen habe. »Trotz ihrer Klugheit«, antwortete mir die Witwe, »fürchtet sie den Donner so sehr, daß sie vor Angst ohnmächtig wird, und schreit auf, sobald sie die kleinste Schlange sieht. Es gibt hier Schlangen, aber sie braucht sich vor diesen nicht zu fürchten, denn sie sind nicht giftig.« Mir standen vor Erstaunen die Haare zu Berge, denn diese Worte bewiesen mir, daß ich Zeuge eines wahren Liebeswunders gewesen war. In diesem Augenblick kamen die Kinder dazu, und in zwanglosester Weise trennten wir uns wieder. »Sage mir, erstaunliches Wesen, entzückendes Weib: was hättest du gemacht, wenn du statt deiner schönen Schlange deinen Gatten und deine Mutter hättest kommen sehen?« »Nichts! Weißt du denn nicht, daß in solchen feierlichen Augenblicken Liebende nur Liebende sind? Kannst du daran zweifeln, daß ich ganz und gar, mit Leib und Seele dein war?« Diese Worte Lucrezias waren ein Gedicht; aber sie wußte es nicht. In ihren Blicken, im Ton ihrer Stimme lag lauterste Wahrheit. »Glaubst du,« fragte ich sie, »daß jemand Verdacht auf uns hat?« »Mein Mann hält uns nicht für verlieht, oder er mißt gewissen Kleinigkeiten, die die Tugend sich herauszunehmen pflegt, keine Bedeutung bei. Meine Mutter ist klug und errät vielleicht die Wahrheit; aber sie weiß, daß dergleichen sie nichts mehr angeht. Meine Schwester weiß natürlich alles, denn wie hätte sie das zusammengebrochene Bett vergessen können? Aber sie ist vernünftig; außerdem bedauert sie mich. Sie hat keine Ahnung, welcher Art meine Gefühle für dich sind. Ohne dich, mein süßer Freund, wäre ich wahrscheinlich durchs Leben gegangen, ohne je zu wissen, was Liebe ist. Denn was ich für meinen Gatten empfinde .... Ich bringe ihm die Gefälligkeit entgegen, zu der mich unser Verhältnis verpflichtet.« »Und doch ist er recht glücklich, und ich beneide ihn um sein Glück. Er kann dich in seine Arme pressen, so oft er will; kein lästiger Schleier entzieht ihm auch nur einen einzigen deiner Reize.« »Wo bist du, meine liebe Schlange? Komm schnell. Schütze mich vor den Blicken Unberufener, daß ich den Wünschen meines Angebeteten mich ergebe!« Den ganzen Morgen sagten wir uns, daß wir uns liebten, und gaben uns wiederholte Beweise davon. Wir hatten ein leckeres Essen, und während der Mahlzeit war ich der aufmerksamste Kavalier der liebenswürdigen Cecilia. Meine schöne Schildpattdose, die ich mit ausgezeichnetem Tabak gefüllt hatte, machte mehrere Male die Runde. Als gerade Lucrezia, die links von mir saß, sie in der Hand hatte, sagte ihr Mann zu ihr, sie könne mir ihren Ring geben und dafür die Dose behalten. Ich glaubte, der Ring sei weniger wert als die Dose, und sagte schnell, ich nähme ihn beim Wort; aber er war wertvoller. Donna Lucrezia wollte keine Vernunft annehmen; sie steckte die Dose in die Tasche, und so mußte ich denn den Ring behalten. Beim Nachtisch wurde die Unterhaltung immer lebhafter; plötzlich bat Angelicas Bräutigam um Silentium; er wolle ein Sonett vorlesen, das er mir zu Ehren gedichtet habe. Natürlich mußte ich mich bei ihm dafür bedanken; ich nahm das Sonett, steckte es in die Tasche und versprach ihm, ich wolle eine Erwiderung darauf dichten. Dies entsprach nun nicht eigentlich seinen Wünschen; er glaubte, mir würde der Wetteifer keine Ruhe lassen, ich würde flugs Tinte und Papier verlangen und seinem verdammten Apoll Stunden widmen, die ich einem Gott zu weihen gedachte, den sein Phlegma nur dem Namen nach kannte. Wir tranken den Kaffee, ich bezahlte den Wirt, und dann drangen wir in die Labyrinthe der Villa Aldobrandini ein. Wie süße Erinnerungen hat mir dieser Ort hinterlassen! Mir war's, als sähe ich meine göttliche Lucrezia zum erstenmal. Unsere Blicke glühten, unsere beiden Herzen pochten vor zärtlicher Ungeduld, und eine unbewußte Ahnung leitete uns zum einsamsten Zufluchtsort, den die Hand der Liebe geschaffen zu haben schien, um dort die Mysterien ihres Geheimdienstes zu vollziehen. Dort inmitten eines langen Baumganges und unter dichtem Laub erhob sich eine breite Rasenbank vor einem Dickicht; vor uns schweiften unsere Blicke über eine große Ebene hin; auch nicht ein Kaninchen hätte unbemerkt heranschleichen können. Wir übersahen den Baumgang nach rechts und links in einer Entfernung, daß jede Uberraschung ausgeschlossen war. Unter einer Viertelstunde konnte niemand, selbst wenn er lief, uns erreichen. Nur hier in Dur habe ich einen ähnlichen Platz gesehen. Aber der deutsche Gärtner hat das Rasenbett vergessen. Wir brauchten nicht miteinander zu sprechen; unsere Herzen verstanden sich. Ohne ein Wort zu sagen, hatten wir, voreinander stehend, bald mit geschickten Händen alle Hindernisse beseitigt und der Natur alle Reize zurückgegeben, die durch lästige Hüllen ihr entzogen werden. Zwei volle Stunden entschwanden in den süßesten Entzückungen. Endlich sahen wir uns befriedigt und entzückt an und riefen aus einem Munde: Liebe, ich danke dir! Langsam begahen wir uns zu unseren Wagen, unterwegs durch die zärtlichsten Bekenntnisse uns erheiternd. Meine Lucrezia sagte mir, Angelicas Bräutigam sei reich; er besitze ein schönes Haus in Tivoli und werde uns wahrscheinlich einladen, mit ihm einen Ausflug zu machen und dort die Nacht zu verbringen. »Ich beschwöre die Liebe,« rief sie, »sie möge mir ein Mittel eingeben, diese Nacht ohne Hindernisse zu verbringen, wie ich diesen Glückstag verbracht habe.« Aber in traurigem Ton fuhr sie fort: »Leider geht der Prozeß, der meinen Mann hierher geführt hat, so gut vonstatten, daß ich eine Höllenangst habe, er erhält das Urteil zu früh!« Auf der Rückfahrt verbrachten wir zwei Stunden in meinem Visavis. Wir forderten sozusagen die Natur heraus und verlangten von ihr mehr als sie geben konnte: bei der Ankunft in Rom mußten wir den Vorhang herablassen, bevor noch das Stück zu Ende war, in dem wir zu unserer großen Befriedigung die einzigen Mitwirkenden waren. Etwas ermüdet kam ich nach Hause; aber ein Schlaf, wie man in diesem Alter ihn hat, gab mir meine ganze Kraft wieder, und am Morgen ging ich um die gewöhnliche Zeit in meine französische Stunde. Neuntes Kapitel Benedikt der Vierzehnte. – Ausflug nach Tivoli. – Donna Lucrezias Abreise. – Marchesa G. – Barbara Dalaequa. – Mein Unglück und meine Abreise von Rom. Da Herr Dalacqua sehr krank war, gab seine Tochter Barbara mir die Stunde. Nach Schluß derselben benutzte sie einen günstigen Augenblick, mir geschickt einen Brief in die Tasche zu stecken, und um mir keine Zeit zu lassen, diese neue Gefälligkeit ihr abzuschlagen, war sie blitzschnell verschwunden. übrigens war ihr Brief nicht so, daß ich die Annahme hätte verweigern können. Er war an mich persönlich gerichtet und brachte nur Gefühle reinster Dankbarkeit zum Ausdruck. Sie bat mich nur, ihrem Geliebten mitzuteilen, daß ihr Vater wieder mit ihr spreche und daß sie hoffe, er werde nach seiner Genesung eine andere Magd nehmen. Zum Schluß gab sie mir die festesten Versicherungen, sie werde mich niemals bloßstellen. Da der Vater noch etwa zwei Wochen lang das Bett hüten mußte, so erteilte während dieser ganzen Zeit Barbara mir den Unterricht. Sie erregte meine Teilnahme durch ein ganz neues Gefühl, das ich einem hübschen jungen Mädchen gegenüber noch nicht gehabt hatte. Es war ein Gefühl des Mitleids, und ich fühlte mich gewissermaßen geschmeichelt, ihr Stütze und Trost zu sein. Niemals ruhten ihre Augen auf den meinigen; niemals begegnete ihre Hand der meinen; niemals merkte ich ihrem Putz den Wunsch an, auf mich einen angenehmen Eindruck zu machen. Sie war hübsch und, wie ich wußte, auch zärtlich, aber dies verminderte nicht die Achtung und die Rücksicht, die ich der Ehre und dem Zutrauen schuldig zu sein glaubte, und ich fühlte mich geschmeichelt, daß sie mich nicht für fähig hielt, mir meine Kenntnis ihrer Schwäche zunutze zu machen. Sobald ihr Vater wieder gesund war, jagte er die Magd aus dem Hause und nahm eine andere. Barbara bat mich, dies ihrem Freunde mitzuteilen und ihm zu sagen, sie hoffe die neue Magd wenigstens so weit zu gewinnen, daß sie ihm schreiben könne. Ich versprach ihr, diesem Auftrag auszuführen; um mir ihre Dankbarkeit dafür zu zeigen, ergriff sie meine Hand und führte sie an ihre Lippen; ich zog sie noch rechtzeitig zurück und wollte ihr einen Kuß geben; bescheiden errötend drehte sie den Kopf zur Seite. Dies gefiel mir. Es gelang Barbara, das neue Mädchen auf ihre Seite zu bringen und von nun an kümmerte ich mich nicht mehr um die ganze Angelegenheit; denn ich fühlte wohl, welche ärgerlichen Folgen sie für mich hätte haben können. Leider war das Unglück schon geschehen. Zu Don Gasparo ging ich nur selten, denn das Studium der französischen Sprache nahm meine Vormittage in Anspruch, und dies war die einzige Zeit, wo ich ihn besuchen konnte. Zum Abbate Georgi aber ging ich jeden Abend, und obwohl ich in seinen Gesellschaften weiter keine Rolle spielte, sondern ganz einfach nur für seinen Schützling galt, so kam es doch meinem guten Ruf zustatten. Ich sprach niemals ein Wort; trotzdem langweilte ich mich nicht. In dieser Gesellschaft wurde kritisiert, aber nicht gelästert; man sprach von Politik, aber ohne Verbitterung, von Literatur, aber ohne Leidenschaft. Ich lernte dabei. Von dem weisen Mönch begab ich mich in die große Abendgesellschaft meines Herrn, des Kardinals. Diese besuchte ich, weil es meine Pflicht war. So oft die schöne Marchesa mich an ihrem Spieltisch sah, richtete sie an mich einige verbindliche Worte in französischer Sprache; ich antwortete ihr italienisch, da ich mich nicht in so großer Gesellschaft von ihr wollte auslachen lassen. Diese Scheu entsprang einem eigentümlichen Gefühl, über dessen Berechtigung zu urteilen ich dem Verstande des Lesers überlasse. Ich fand die Frau reizend, und doch floh ich sie. Nicht daß ich befürchtet hätte, mich in sie zu verlieben, denn ich liebte Lucrezia, und mich dünkte, diese Liebe müsse mir als Ägide gegen jede andere dienen; ich befürchtete vielmehr, sie könnte sich in mich verlieben oder wenigstens auf meine Bekanntschaft neugierig werden. War dies geckenhafte Eitelkeit oder Bescheidenheit? Laster oder Tugend? Vielleicht war es nichts von alledem. Eines Abends ließ sie mich durch Abbate Gama zu sich rufen. Sie stand neben dem Kardinal, meinem Herrn, und sobald ich vor ihr erschien, überraschte sie mich ganz merkwürdig durch eine in italienischer Sprache an mich gerichtete Frage, an die ich niemals im Traume gedacht hätte: »Vi ha piaciuto molto Frascati?« »Sehr, gnädige Frau. Ich habe niemals etwas so Schönes gesehen.« »Ma la compagnia, con laquale eravate, era ancor più bella, ed assai galante era il vostro vis-à-vis.« Hat Ihnen Frascati gut gefallen? – Aber die Gesellschaft, in der Sie waren, war noch schöner, und recht galant war Ihr Visavis. Ich antwortete nur durch eine Verbeugung. Eine Minute darauf sagte Kardinal Acquaviva voll Güte: »Wundern Sie sich, daß man es weiß?« »Nein, gnädiger Herr; aber ich wundere mich, daß man davon spricht. Ich hätte Rom nicht für so klein gehalten.« »Je länger Sie hier bleiben,« sagte mir Seine Eminenz, »desto kleiner werden Sie es finden. Sind Sie noch nicht beim Heiligen Vater gewesen, ihm den Fuß zu küssen?« »Noch nicht, gnädiger Herr.« »Sie müssen hingehen.« Ich antwortete durch eine Verbeugung. Als ich fortging, sagte Abbate Gama mir, ich müsse am nächsten Tage zum Papst gehen. Dann fragte er: »Sie besuchen doch gewiß auch die Salons der Marchesa G.?« »Nein, ich bin niemals dort gewesen.« »Das wundert mich. Sie läßt Sie rufen; sie spricht mit Ihnen!« »Ich werde mit Ihnen hingehen.« »Ich verkehre dort niemals.« »Aber sie spricht doch auch mit Ihnen.« »Ja, aber... Sie kennen Rom nicht. Gehen Sie allein hin ! Sie müssen es tun.« »Sie wird mich also empfangen?« »Sie scherzen wohl. Es ist nicht davon die Rede, daß Sie sich anmelden lassen. Sie besuchen Sie, wenn die beiden Türflügel ihres Salons weit offen stehen. Sie werden dort alle ihre Anbeter treffen.« »Wird sie mich bemerken?« »Verlassen Sie sich darauf!« Am anderen Morgen begab ich mich nach Monte Cavallo und ging geradeswegs in das Gemach des Papstes, nachdem man mir gesagt hatte, ich könne eintreten. Er war allein. Ich werfe mich vor ihm zu Boden und küsse das Heilige Kreuz auf seinem allerheiligsten Pantoffel. Der Heilige Vater fragt mich, wer ich sei; ich sage es ihm, und er antwortet mir, er kenne mich und wünsche mir Glück, zum Hause eines so bedeutenden Kardinals zu gehören. Hierauf fragte er mich, wie es mir gelungen sei, diese Anstellung zu erhalten. Ich erzählte ihm alles von meiner Ankunft in Martorano bis zu meinem Eintritt beim Kardinal Acquaviva. Er lachte recht herzlich über meine Schilderung des guten armen Bischofs und sagte mir dann, ich brauche mir nicht den Zwang anzutun, mit ihm toskanisch zu sprechen; ich könne venetianisch reden, und er werde die Bologneser Mundart sprechen. Da ich mich in seiner Gegenwart behaglich fühlte, erzählte ich ihm so viel und amüsierte ihn mit meinen Geschichten so sehr, daß er mir sagte, ich würde ihm Vergnügen machen, so oft ich ihn besuchte. Ich bat ihn um Erlaubnis, alle verbotenen Bücher lesen zu dürfen; er gab sie mir, indem er mir seinen Segen erteilte. Er sagte, er wolle mir die Erlaubnis schriftlich ausfertigen lassen. Dies hat er aber vergessen. Benedikt der Vierzehnte war gelehrt, liebenswürdig und ein Freund geistreicher Wendungen. Zum zweitenmal sah ich ihn in der Villa Medici. Er rief mich heran und sprach im Gehen mit mir über allerlei Kleinigkeiten. Bei ihm waren Kardinal Albani und der venetianische Gesandte. Ein Mann mit bescheidener Miene näherte sich, der Pontifer fragte ihn, was er wolle; der Mann spricht leise, der Papst hört ihn an und sagt hierauf: »Ihr habt recht; empfehlt Euch Gott.« Mit diesen Worten gibt er ihm den Segen, der arme Mann entfernt sich traurig, und der Heilige Vater setzt seinen Spaziergang fort. »Dieser Mann, Allerheiligster Vater,« sagte ich, »ist von der Antwort Eurer Heiligkeit nicht sehr befriedigt.« »Warum?« »Weil er allem Anscheine nach sich bereits Gott empfohlen hatte, bevor er mit Ihnen sprach. Wenn nun Eure Heiligkeit ihn an Gott verweisen, so wird er, wie es im Sprichwort heißt, von Pontius zu Pilatus geschickt.« Der Papst und seine beiden Begleiter lachen laut auf; ich bleibe ernst. »Ich vermag«, versetzt der Papst, »nichts Rechtes ohne Gottes Beistand.« »Das ist richtig, Heiliger Vater, aber der Mann da weiß auch, daß Eure Heiligkeit Gottes Premierminister sind; man kann sich also leicht denken, in welcher Verlegenheit er jetzt sein muß, da er an den Herrn zurückverwiesen wird. Er hat jetzt kein anderes Mittel mehr, als den römischen Bettlern Geld zu geben. Wenn er ihnen einen Bajocco gibt, werden sie alle für ihn beten. Sie rühmen ihren Einfluß bei Gott; ich aber glaube nur an den Eurer Heiligkeit und bitte mich von dem Verbot des Fleischessens zu entbinden, damit ich die Hitze los werde, die infolge des Genusses von Fastenspeisen mir die Augen entzündet.« »Iß Fleisch, mein Kind.« »Allerheiligster Vater, Ihren Segen!« Er gab ihn mir, sagte aber dabei, er entbinde mich nicht von den vorgeschriebenen Fasten. Am selben Abend war in der Gesellschaft beim Kardinal die Neuigkeit von meinem Gespräch mit dem Papst bereits bekannt. Nun wollte alles sich gerne mit mir unterhalten. Dies war schmeichelhaft für mich, noch schmeichelhafter aber war mir die Freude, die Kardinal Aquaviva vergeblich zu verbergen suchte. Ich wollte den Rat des Abbate Gama nicht in den Wind schlagen und ging daher zur schönen Marchesa. Ich wählte die Stunde, wo jedermann freien Zutritt hatte. Ich sah sie, sah den Kardinal und viele andere geistliche Herren. Aber es kam mir vor, als sei ich unsichtbar; denn da die Signora mich mit keinem Blick beehrte, so sprach kein Mensch ein Wort zu mir. Nachdem ich eine halbe Stunde lang die Rolle eines Stummen gespielt hatte, ging ich fort. Fünf oder sechs Tage darauf sagte die Schöne mir in liebenswürdigem, aber vornehmem Ton, sie habe mich in ihrem Gesellschaftssaal bemerkt. »Ich war in der Tat da; aber ich glaubte nicht die Ehre gehabt zu haben, von der Gnädigen bemerkt zu werden.« »O, ich sehe einen jeden. Man hat mir gesagt, Sie hätten Geist.« »Wenn die, die Ihnen dies gesagt haben, gnädige Frau, sich nicht täuschten, so machen Sie mir da eine sehr angenehme Mitteilung.« »O, es sind Kenner.« »Diese Herrschaften, gnädige Frau, müssen mir also die Ehre erwiesen haben, mit mir zu sprechen; denn sonst hätten sie wahrscheinlich niemals diese Bemerkung machen können.« »Sicherlich. Aber lassen Sie sich doch bei mir sehen.« Dieses Gespräch fand in der Gesellschaft beim Kardinal Acquaviva statt. Kardinal S. C. sagte mir, wenn die Frau Marchesa unter vier Augen französisch mit mir spreche, so müsse ich ihr in derselben Sprache antworten, so gut es eben gehe. Der diplomatische Gama nahm mich beiseite und sagte mir, meine Antworten seien zu scharf; ich würde dadurch auf die Dauer mißfallen. Ich hatte im Französischen nämlich schnelle Fortschritte gemacht; ich nahm keine Stunden mehr und brauchte nur noch Übung, um mich zu vervollkommnen. Zu Lucrezia ging ich bisweilen morgens; abends aber war ich regelmäßig beim Abbate Georgi, der von meinem Ausflug nach Frascati wußte und ihn nicht getadelt hatte. Zwei Tage, nachdem ich von der Marchesa eine Art von Befehl empfangen hatte, ging ich zu ihr. Sobald sie mich erblickte, begrüßte sie mich durch ein Lächeln, auf das ich mit einer tiefen Verbeugung antworten zu müssen glaubte. Das war alles. Eine Viertelstunde darauf ging ich. Die Marchesa war schön, sie war einflußreich. Aber ich konnte mich nicht entschließen, vor ihr zu kriechen. In Rom war das Brauch; aber dieser Brauch war mir widerwärtig. Gegen Ende November kam eines Morgens Angelicas Bräutigam mit dem Advokaten zu mir und lud mich ein, mit der ganzen von mir in Frascati bewirteten Gesellschaft vierundzwanzig Stunden in Tivoli verbringen zu wollen. Ich nahm voll Freuden an, denn seit dem Ursulatag war ich niemals mit Lucrezia allein gewesen. Ich versprach ihm, mich bei Tagesanbruch wieder mit demselben Wagen zu Donna Cecilia begeben zu wollen. Wir mußten frühzeitig abfahren, denn Tivoli liegt sechzehn Miglien von Rom entfernt, und die vielen schönen Sehenswürdigkeiten nehmen eine Menge Zeit in Anspruch. Da ich die Nacht ausbleiben mußte, bat ich meinen Kardinal selber um Erlaubnis. Als er hörte, mit wem ich die Lustpartie machen sollte, sagte er mir, ich täte sehr recht daran, die Gelegenheit zu benutzen und den schönen Ort in so schöner Gesellschaft zu besichtigen. Um halb acht hielten wir an einem Ort, wo wir, dank Don Francescos Vorsorge, ein ausgezeichnetes Frühstück fanden, dem wir alle Ehre antaten, da es kein Mittagessen geben sollte; denn in Tivoli blieb uns nur Zeit zum Abendessen. Nach dem Frühstück stiegen wir wieder ein und kamen um zehn Uhr an. Ich trug den schönen Ring am Finger, den Lucrezia mir gegeben hatte. Hinter dem Kasten hatte ich eine Emailleplatte anbringen lassen, worauf ein Merkurstab mit einer einzigen Schlange sich zwischen den beiden griechischen Buchstaben Alpha und Omega befand. Um diesen Ring drehte sich das Gespräch während des ganzen Frühstücks; der Advokat und Don Francesco gaben sich alle mögliche Mühe, die Bedeutung der rätselhaften Inschrift herauszubekommen, zur großen Belustigung Lucrezias, die das Geheimnis natürlich kannte. Zunächst besichtigten wir aufmerksam die Behausung des Bräutigams. Es war ein richtiges Schmuckkästchen. Hierauf verbrachten wir in Gesellschaft sechs Stunden damit, uns die Altertümer von Tivoli anzusehen. Als bei irgendeiner Gelegenheit Lucrezia etwas dem Don Francesco leise ins Ohr sagte, benutzte ich diesen Augenblick, um zu Angelica zu sagen, wenn sie verheiratet sein würde, würde ich einige Tage der schönen Jahreszeit bei ihnen verbringen. »Herr Abbate, sobald ich hier Herrin bin, werden Sie der erste sein, dem ich meine Tür verschließen lasse.« »Ich bin Ihnen sehr verbunden, mein Fräulein, daß Sie mir diesen Wink gegeben haben.« Das Spaßhafte dabei ist, daß ich ihre Ungezogenheit für eine einfache Liebeserklärung nahm. Ich war starr vor Staunen. Lucrezia bemerkte meinen Zustand, zupfte mich am Arm und fragte, was mir sei. Ich sagte es ihr, und nun sprach sie folgende Worte: »Lieber Freund, mein Glück kann nicht lange mehr dauern; der grausame Augenblick ist nah, wo ich mich von dir trennen muß. Sobald ich fort bin, mache es dir zur Aufgabe, sie zur Erkenntnis ihres Irrtums zu bringen. Sie bedauert mich – räche mich an ihr!« Ich vergaß zu erzählen, daß ich bei der Besichtigung von Don Francescos Hause ein reizendes kleines Zimmer gelobt hatte, das an die Orangerie anstieß. Der Besitzer hatte dies gehört und sagte mir liebenswürdig, es sei für mich bestimmt. Lucrezia tat, als hörte sie es nicht; aber es war für sie der Ariadnefaden; da wir die Schönheiten Tivolis alle miteinander besuchen sollten, so konnten wir nicht darauf hoffen, uns den Tag über auch nur einen kurzen Augenblick miteinander allein zu befinden. Wie gesagt verbrachten wir sechs Stunden damit, alle Schönheiten von Tivoli uns anzusehen, ich muß aber hier gestehen, daß ich für mein Teil sehr wenig sah; erst achtundzwanzig Jahre später lernte ich den schönen Ort in allen seinen Einzelheiten kennen. Todmüde und mit einem Wolfshunger kamen wir gegen Abend nach Hause. Aber eine Stunde Ruhe vor dem Essen, zwei Stunden bei Tisch, die leckersten Speisen, die trefflichsten Weine, besonders der ausgezeichnete Wein von Tivoli – dies alles bekam uns so gut, daß ein jeder nur noch ein gutes Bett brauchte, um je nach seinem Geschmack darin zu schlafen oder zu wachen. Da niemand allein schlafen wollte, sagte Lucrezia, sie würde mit Angelica das Zimmer neben dem Orangenhause nehmen, ihr Mann könne mit ihrem Bruder, dem jungen Abbate, zusammen schlafen und ihre Mutter mit der kleinen Schwester. Diese Anordnung wurde für ausgezeichnet befunden. Don Francesco nahm eine Kerze und führte mich in mein hübsches Kämmerchen, unmittelbar neben dem Zimmer, wo die beiden Schwestern schlafen sollten. Nachdem er mir gezeigt hatte, wie ich mich einschließen könnte, wünschte er mir gute Nacht und ließ mich allein. Angelica wußte nicht, daß ich ihr Nachbar war, aber Lucrezia und ich hatten uns verstanden, ohne uns ein Wort zu sagen. Durch das Schlüsselloch sah ich hinter dem dienstbeflissenen Gastgeber, der einen Armleuchter trug, die beiden liebenswürdigen Schwestern eintreten. Er zündete eine Nachtlampe an, wünschte einen guten Abend und ging. Die beiden Schönen schlossen sich ein, setzten sich auf ein Sofa und machten ihre Nachttoilette, die in diesem glücklichen Klima der unserer Ältermutter gleicht. Lucrezia wußte, daß ich sie hörte, und sagte ihrer Schwerer, sie solle sich auf die Seite nach dem Fenster zu legen. Infolgedessen ging die Jungfrau, die ja keine Ahnung hatte, daß sie ihre Reize meinem unheiligen Auge preisgab, nackt durch das ganze Zimmer. Lucrezia löschte Lampe und Kerzen aus und legte sich an die Seite ihrer keuschen Schwester. Glückliche Augenblicke! Ich weiß, ich kann auf solche nicht mehr hoffen, aber nur der Tod allein kann die Erinnerung an euch in mir auslöschen! Ich glaube, niemals habe ich mich so schnell entkleidet, wie an jenem Abend. Ich reiße die Tür auf. Ich sinke in Lucrezias Arme, die zu ihrer Schwester sagt: »Es ist mein Holder! Schweig und schlafe!« Es war das einzige, was sie sprach. Kuß und Umarmung verscheuchten die Worte. Ausbruch innerer Fülle und inneren Lebens war das Feuer, das uns entflammte. Der Versuch, es beherrschen zu wollen, hätte uns verzehrt. Nur dadurch, daß wir der Flamme nicht wehrten, erkauften wir uns Ruhe. In köstlicher Erschöpfung überließen wir uns endlich Morpheus' Armen. Die ersten Lichtstrahlen des Morgens, die durch die Spalten der Fensterläden drangen, entrissen uns diesem stärkenden Schlummer. Und wie zwei tapfere Krieger, die ihre Waffen nur sinken ließen, um mit um so größerer Glut den Kampf wieder zu beginnen, so überließen wir uns von neuem dem Feuer, das unsere Sinne entflammte. »O meine Lucrezia, wie glücklich ist dein Geliebter! Aber, zärtliche Freundin, gib acht auf deine Schwester; sie könnte sich umdrehen und uns sehen.« »Fürchte nichts, Seele meines Lebens! Meine Schwester ist reizend, sie liebt mich, sie beklagt mich; nicht wahr, gute Angelica, du liebst mich! O, dreh dich um! Seh deine Schwester glücklich! Erkenne das Glück, das deiner warte, wenn dich einst die Liebe ihrer süßen Herrschaft unterwirft.« Angelica war siebzehn Jahr alt und war Jungfrau; sie mußte eine Nacht voller Tantalusqualen verbracht haben. Sie verlangte nichts Besseres, als einen Vorwand, um ihrer Schwester zeigen zu können, daß sie ihr verziehen hatte. Sie drehte sich um, gab Lucrezia hundert Küsse und gestand ihr, sie hätte kein Auge zutun können. »Verzeih auch ihm, meine zärtliche Angelica, verzeih auch ihm, der mich liebt und den ich anbete!« Unbegreifliche Macht des Gottes, der alle Wesen unterjocht! »Angelica haßt mich!« rief ich, »ich wage nicht ...« »Nein, ich hasse Sie nicht!« sagte das reizende Kind. »Küsse Sie, mein Freund!« sagte Lucrezia. Sie stieß mich auf ihre Schwester und sah mit Wonne diese schmachtend und regungslos in meinen Armen. Aber Gefühl noch mehr als Liebe verbietet mir, meine Lucrezia des Dankbarkeitszeichens zu berauben, das ich ihr schulde. Mit der ganzen Glut besinnungsloser Leidenschaft stürzte ich mich auf sie, und mein Feuer wächst noch, als ich Angelica in Ekstase sehe. Sie war zum erstenmal Zuschauerin des süßesten aller Liebeskämpfe. Lucrezia vergingen die Sinne; sie bat mich aufzuhören; da sie mich aber unerbittlich fand, entzog sie sich meiner Glut und statt ihrer opferte die sanfte Angelica zum erstenmal der Mutter der Liebe. Gewiß, so war es, als einst noch die Götter bei den Sterblichen wohnten – als die wollüstige Arcadia, verliebt in den sanften und anmutigen Hauch des Westwinds, ihm eines Tags die Arme öffnete und fruchtbar wurde. Es war der sanfte Zephyr. Erstaunt und entzückt bedeckte Lucrezia bald die Schwester bald mich mit ihren Küssen. Angelica war ebenso glücklich wie ihre Schwester; zum drittenmal verging sie in meinen Armen in köstlicher Ohnmacht; sie war so feurig, so zärtlich, daß ich zum erstenmal das Glück der Liebe zu genießen glaubte. Der blonde Phöbus hatte das bräutliche Lager verlassen, und schon verbreiteten seine Strahlen ihr Licht über das Weltall. Die Helligkeit, die durch die Spalten der Fensterläden drang, erinnerte mich daran, daß ich scheiden mußte. Ich nahm zärtlich Abschied von meinen beiden Göttinnen und zog mich in meine Kammer zurück. Wenige Augenblicke daraus erscholl bei meinen Nachbarinnen die lustige Stimme des guten Advokaten; er schalt seine Frau und Schwägerin aus, sie lägen zu lange im Bett. Dann klopfte er an meine Tür und drohte, er würde mir die Damen ins Zimmer schicken. Schließlich ging er fort, um mir einen Friseur zu besorgen. Nachdem ich zahlreiche Abspülungen vorgenommen und sorgfältig Toilette gemacht hatte, fand ich, daß mein Gesicht sich allenfalls sehen lassen könne, und erschien mit stoischer Ruhe im Salon. Dort fand ich die beiden liebenswürdigen Schwestern inmitten der ganzen übrigen Gesellschaft und war entzückt vom rosigen Hauch ihrer Wangen. Lucrezia war fröhlich und ungezwungen und auf ihren Zügen malte sich das Glück. Angelica war frisch wie eine Rose am Morgen; sie war lebhafter als für gewöhnlich, aber sie vermied es, mich auch nur ein einziges Mal anzusehen. Ich sah, wie sie darüber lächelte, daß es mir nicht gelingen wollte, ihr ins Gesicht zu sehen; boshafterweise sagte ich nun zur Mutter, es sei schade, wenn Angelica Weiß auflege. Das Mädchen ging in diese Falle und verlangte, ich solle ihr mit einem Taschentuch übers Gesicht fahren. Dabei mußte sie mich denn wohl ansehen. Ich bat sie um Entschuldigung, und Don Francesco war entzückt, daß die weiße Haut seiner Zukünftigen einen so schönen Triumph errungen hatte. Nach dem Frühstück machten wir einen kleinen Spaziergang im Garten. Als ich mit meiner Lucrezia allein war, machte ich ihr zärtliche Vorwürfe. »Mache mir keine Vorwürfe!« rief sie. »Ich verdiene im Gegenteil nur Lob. Ich habe die Seele meiner reizenden Schwester aufgeklärt; ich habe sie in die süßesten Mysterien eingeweiht. Statt mich zu beklagen, muß sie mich jetzt beneiden; statt dich zu hassen, muß sie dich lieben. Da ich so unglücklich bin, bald von dir scheiden zu müssen, mein Freund, so lasse ich sie dir. Sie möge meine Stelle einnehmen.« »Ah, Lucrezia! Wie könnte ich sie wohl lieben?!« »Ist sie nicht reizend?« »Ganz gewiß; aber meine Liebe zu dir feit mich gegen jede andere Liebe. Übrigens muß hinfort Don Francesco allein sie ganz und gar in Anspruch nehmen; ich möchte nicht schuld sein, daß ihre Liebe sich abkühlt, ich möchte nicht den Frieden ihrer Ehe stören. Auch bin ich sicher, daß deine Schwester ganz und gar von dir verschieden ist; ich möchte darauf wetten, sie bereut es schon, daß sie sich von ihrem Temperament hat fortreißen lassen.« »Das kann wohl sein, mein Freund. Aber weißt du, was mich untröstlich macht? Mein Mann rechnet darauf, das Urteil bereits im Laufe der Woche zu erhalten, und dann sind die Augenblicke des Glückes für mich vorüber!« Diese Nachricht betrübte mich. Um mich abzulenken, beschädigte ich mich bei Tisch viel mit dem hochherzigen Don Francesco. Ich versprach ihm ein Epithalamium für seine Hochzeit, die im Januarmonat stattfinden sollte. Auf der Rückfahrt nach Rom verbrachte ich mit Lucrezia drei Stunden in meinem Visavis ohne daß sie eine Abnahme in der Lebhaftigkeit meiner Gefühle für sie hätte feststellen können. Bei unserer Ankunft fühlte ich mich ermüdet und stieg daher beim Spanischen Palast aus. Wie Lucrezia mir gesagt hatte, erhielt ihr Mann drei oder vier Tage darauf den Urteilsspruch. Er kam zu mir, um mir unter vielen Freundschaftsbeteuerungen mitzuteilen, daß er am übernächsten Tage abreise. Die beiden letzten Abende verbrachte ich mit Lucrezia, doch stets inmitten ihrer Familie. Am Tage der Abreise wollte ich ihr eine angenehme Überraschung bereiten; ich fuhr voraus und erwartete sie an dem Ort, wo sie, wie ich glaubte, übernachten würden. Der Advokat war jedoch durch verschiedene unerwartete Umstände zurückgehalten worden und hatte erst vier Stunden später abreisen können, als er eigentlich wollte. Sie kamen daher erst am nächsten Tage um die Mittagszeit an. Nachdem wir miteinander gespeist hatten, nahmen wir traurig Abschied. Sie setzten ihre Reise fort, und ich kehrte nach Rom zurück. Nach der Abreise dieser seltenen Frau empfand ich eine gewisse Leere; dies ist ja ziemlich natürlich bei einem jungen Menschen, dessen Herz nicht von Hoffnungen erfüllt ist. Ich arbeitete tagelang auf meinem Zimmer und machte Auszüge aus französischen Briefen, die der Kardinal selber verfaßt hatte. Seine Eminenz hatte die Güte, mir zu sagen, er finde meine Auszüge sehr sachlich; aber ich dürfe durchaus nicht soviel arbeiten. Die schöne Marchesa war dabei, als ich dieses schmeichelhafte Lob erhielt. Seit meinem zweiten Besuch hatte ich mich nicht wieder bei ihr sehen lassen. Daher schmollte sie mir, und um mich dies fühlen zu lassen, sagte sie dem Kardinal, ich müsse wohl so viel arbeiten, um den Kummer zu verscheuchen, den mir Lucrezias Abreise gewiß verursache. »Ich will nicht verhehlen, gnädige Frau, daß ich den Schmerz tief empfinde. Sie war gut und hochherzig; vor allen Dingen verzieh sie mir, daß ich sie nur selten besuchte. Übrigens war meine Freundschaft unschuldig.« »Daran zweifle ich nicht, obgleich Ihre Ode auf einen verliebten Dichter schließen läßt.« »Unmöglich«, warf der Kardinal wohlwollend ein, »kann ein Dichter etwas schreiben, ohne sich wenigstens den Anschein der Verliebtheit zu geben.« »Aber«, versetzte die Marchesa, »wenn er wirklich verliebt ist, so braucht er nicht ein Gefühl zu heucheln, das er ja besitzt.« Mit diesen Worten zog die Marchesa ein Papier aus der Tasche und reichte es Seiner Eminenz: »Da ist die Ode! Sie machte dem Dichter und Verfasser alle Ehre, denn sie ist von allen schönen Geistern Roms als ein kleines Meisterwerk anerkannt, und Donna Lucrezia weiß sie auswendig.« Der Kardinal überflog das Gedicht und gab es ihr lächelnd zurück, indem er sagte, er finde keinen Geschmack an italienischer Poesie, und wenn er es schön finden solle, müsse sie sich das Vergnügen machen, es ins Französische zu übersetzen.« »Französisch schreibe ich nur Prosa,« sagte die Marchesa, »und jede Prosaübertragung nimmt Versen dreiviertel ihres Wertes.« Dann fuhr sie mit einem bedeutungsvollen Blick auf mich fort: »Ich gebe mich nur zuweilen damit ab, anspruchslose italienische Verse zu dichten.« »Ich würde mich glücklich schätzen, gnädige Frau, wenn ich mir den Vorzug verschaffen könnte, einige von Ihren Versen kennenzulernen.« »Hier habe ich«, sagte Kardinal S. C., »ein Sonett der Frau Marchesa« Ich nahm es ehrfurchtsvoll entgegen und wollte es lesen, doch die liebenswürdige Marchesa sagte mir, ich möchte es in die Tasche stecken; ich könnte es am nächsten Tage dem Kardinal zurückgeben, obwobl es nicht viel wert wäre. »Wenn Sie morgen früh ausgehen,« sagte mir der Kardinal, »können Sie es mir zurückgeben, indem Sie zu mir zum Essen kommen.« Kardinal Acquaviva ergriff das Wort urd sagte: »Nun so wird er morgen auf alle Fälle ausgehen.« Nach einer tiefen Verbeugung, die alles sagte, entfernte ich mich langsam und ging auf mein Zimmer hinauf. Ich war ungeduldig, das Sonett zu lesen. Bevor ich aber diese Ungeduld befriedigte, verweilte ich noch einen Augenblick, um eine kurze Musterung über mich selbst abzuhalten. Meine gegenwärtige Lage schien mir einige Aufmerksamkeit zu verdienen, nachdem ich am letzten Abend einen Riesenschritt vorwärts getan hatte, wie mir schien. Die Marchesa G. erklärt mir auf die unzweideutigste Art ihr Interesse für mich und fürchtet mit ihrer hoheitsvollen Miene sich nicht bloßzustellen, indem sie mir öffentlich auf das schmeichelhafteste entgegenkommt. Aber wer hätte sich's können einfallen lassen, daran etwas auszusetzen? Ein junger Abbate wie ich war vollkommen ohne Bedeutung und konnte kaum Anspruch auf ihre hohe Protektion erheben, die sie, so wie sie nun einmal war, gerade solchen gerne gewährte, die sich derselben nicht wert hielten und daher auch anscheinend gar keinen Anspruch darauf erhoben. In dieser Hinsicht mußte meine Bescheidenheit aller Welt in die Augen springen, und die Marchesa hätte mich ohne Zweifel beleidigt, wenn sie mir zugetraut hätte, ich könnte mir einbilden, sie hätte auch nur im geringsten Geschmack an mir gefunden. Nein, eine derartige geckenhafte Eitelkeit ist mir ganz gewiß nicht eigen. Beweis dafür: der Kardinal selbst lud mich zu Tisch ein. Hätte er das getan, wenn er es für möglich gehalten hätte, daß ich seiner schönen Marchesa gefallen könnte? Nein, ganz gewiß nicht. Warum sollte ich mich vor meinen Lesern verstellen? Mögen sie mich für einen eitlen Gecken nehmen – ich verzeihe es ihnen. Aber es ist Tatsache: ich fühlte mit Bestimmtheit, daß ich der Marchesa gefallen hatte. Ich wünschte mir Glück, daß sie diesen ersten so wichtigen und so schwierigen Schritt getan hatte. Sonst hätte ich nicht nur niemals gewagt, sie mit den herkömmlichen Mitteln anzugreifen, sondern es wäre mir nicht einmal eingefallen, ein Auge auf sie zu werfen. Mit einem Wort: erst von diesem Abend an erschien sie mir als das Weib, das mir meine Lucrezia ersetzen konnte. Sie war schön, jung, geistvoll und gebildet; sie war in den Wissenschaften bewandert, und mehr als das: sie war mächtig in ganz Rom. Was brauchte ich mehr? Trotzdem hielt ich es für gut, scheinbar ihre Neigung für mich nicht zu bemerken und gleich vom nächsten Tage an sie zum Glauben zu bringen, ich liebte sie, ohne die geringste Hoffnung zu hegen. Ich wußte, dies war ein unfehlbares Mittel; ich schonte dadurch ihre Eitelkeit. Mein Plan schien mir danach angetan, den Beifall des Vaters Georgi selber zu erringen. Übrigens hatte ich mit lebhafter Befriedigung bemerkt, daß die Einladung des Kardinals S. C. meinem Kardinal Acquaviva viel Vergnügen machte. Er selber hatte mir solche Ehre noch nie erwiesen. Diese Einladung konnte Folgen haben, die nicht abzusehen waren. Ich las das Sonett der liebenswürdigen Marchesa und fand es gut, fließend, gewandt und ausgezeichnet stilisiert. Sie pries darin den König von Preußen, der soeben durch eine Art von Handstreich sich Schlesiens bemächtigt hatte. Als ich es abschrieb, hatte ich den Einfall, Schlesien zu personifizieren und eine Antwort auf das Sonett geben zu lassen, als dessen Verfasserin ich die Liebe annahm. Silesia beklagte sich bei der Liebe, daß sie ihren Besieger preise, obwohl dieser Eroberer ein erklärter Feind der Liebe sei. Wenn jemand gewohnt ist, Verse zu machen, so kann er sich dessen unmöglich enthalten, sobald ein glücklicher Einfall seiner bezauberten Einbildungskraft zugelächelt hat. Das poetische Feuer, das sich dann durch seine Adern ergießt, würde ihn verzehren, wenn er ihm den freien Ausweg verwehren wollte. Ich machte mein Sonett mit denselben Reimen wie das der Marchesa sie hatte; dann ging ich, zufriede mit meinem Apollo, zu Bett. Am anderen Morgen, als ich gerade damit fertig war, mein Sonett abzuschreiben, kam Abbate Gama zu mir und lud sich bei mir zum Frühstück ein. Er wollte mir Glück wünschen zu der Ehre, die Kardinal S. C. mir erwiesen, indem er mich öffentlich vor der ganzen Gesellschaft zu Tisch eingeladen hätte. »Aber seien Sie vorsichtig!« fuhr er fort, »Seine Eminenz gilt für eifersüchtig.« Ich dankte ihm für den freundschaftlichen Rat und versicherte ihm nachdrücklich, ich hätte nichts zu besorgen, denn ich spürte keinerlei Neigung für seine schöne Marchesa. Kardinal S. C. empfing mich mit großer Güte, in die sich aber eine gewisse Würde mischte, um mich die ganze Bedeutung der mir von ihm erwiesenen Gnade fühlen zu lassen. »Haben Sie«, fragte er, »das Sonett der Marchesa gut gefunden?« »Gnädiger Herr, ich fand tadellos und, was mehr sagen will: reizend. Hier ist es.« »Sie hat viel Talent. Ich will Ihnen zehn Stanzen von ihrer Feder zeigen, Abbate, aber unter dem Siegel der tiefsten Verschwiegenheit.« »Darauf können Eure Eminenz sich völlig verlassen.« Er holte aus seinem Schreibtisch die Stanzen, die an ihn selber gerichtet waren. Ich las sie; sie waren gut gemacht, aber ich fand, sie hatten kein Feuer, sie waren das Werk einer Dichterin: Liebe in leidenschaftlichem Stil, aber man vermißte in ihnen das Gefühl, das ein Gedicht sofort als wahr erkennen läßt. Der gute Kardinal beging ohne Zweifel eine große Indiskretion; aber wie vieles begeht nicht die Eitelkeit! Ich fragte Seine Eminenz, ob sie auf die Stanzen geantwortet habe. »Nein,« sagte er, »aber würden Sie wohl«, fuhr er lachend fort, »mir Ihre Feder leihen – selbstverständlich stets unter der Bedingung unverbrüchlichen Schweigens?« »Für Verschwiegenheit, Monsignore, stehe ich mit meinem Kopfe ein; aber ich fürchte, die gnädige Frau könnte die Verschiedenheit des Stils bemerken.« »Sie besitzt keine Verse von mir; übrigens glaube ich nicht, daß sie mich für einen Dichter hält, und deshalb müssen auch Ihre Stanzen so sein, daß sie sie nicht zu gut für meine schwachen Kräfte finden kann.« »Ich werde sie dichten, gnädiger Herr, und Eure Eminenz werden selber das Urteil abgeben. Wenn Sie sie nicht mehr als Ihre eigene Arbeit ihr glauben geben zu können, so behalten Sie sie.« »Ja, so ist es gut. Wollen Sie sie sofort machen?« »Sofort, gnädiger Herr? Es ist keine Prosa.« »Nun, so sehen Sie zu, daß Sie sie mir morgen geben können.« Wir speisten selbzweit, und Seine Eminenz wünschte mir Glück zu meinem Appetit; er sehe mit Vergnügen, sagte er, daß ich in dieser Hinsicht ebensoviel leiste wie er. Ich begann, das Original zu erkennen und sagte, um ihm zu schmeicheln: er erweise mir zuviel Ehre, ich müsse hinter ihm zurückstehen. Dieses eigentümliche Kompliment gefiel ihm, und ich sah nun, wie großen Vorteil ich von dieser Eminenz haben könnte Gegen Ende der Mahlzeit, als wir im besten Plaudern waren, trat die Marchesa ein, selbstverständlich ohne sich anmelden zu lassen. Ihr Anblick entzückte mich: ich fand in ihr eine vollkommene Schönheit. Sie ließ dem Kardinal keine Zeit, ihr entgegenzutreten, sondern setzte sich neben ihn; ich blieb stehen: so gehörte es sich. Die Marchesa tat, als bemerke sie mich gar nicht; sie sprach geistreich über verschiedenes bis zu dem Augenblick, wo der Kaffee gebracht wurde. Da richtete sie das Wort an mich und sagte mir, ich möchte mich setzen; aber in einem Tone, wie wenn sie mir ein Almosen reichte. »Was ich sagen wollte, Abbate,« sagte sie einen Augenblick darauf, »haben Sie mein Sonett gelesen?« »Ja, gnädige Frau; und ich hatte die Ehre, es Monsignore zurückzugeben. Ich fand es so gelungen, daß ich überzeugt bin, es hat Ihnen viel Zeit gekostet.« »Zeit?« rief der Kardinal, »da kennen Sie sie nicht.« »Gnädiger Herr,« versetzte ich, »ohne Zeitaufwand macht man nichts Rechtes. Aus diesem Grunde wagte ich auch nicht, Euerer Eminenz eine Antwort auf das Sonett zu zeigen, die ich in einer halben Stunde gedichtet habe.« »Zeigen Sie sie her, Abbate,« sagte die Marchesa; »ich will sie lesen.« Antwort Silesias an die Liebe. Dieser Titel ließ sie aufs lieblichste erröten. »Von Liebe ist nicht die Rede!« rief der Kardinal. »Warten Sie!« sagte die Marchesa, »man muß den Einfall des Dichters achten.« Sie las mein Sonett zweimal und fand die von Silesia an die Liebe gerichteten Vorwürfe sehr berechtigt. Sie setzte meinen Gedanken dem Kardinal auseinander, indem sie ihm klarmachte, warum Silesia beleidigt wäre, daß gerade der König von Preußen sie erobert hätte. »Ach so! Ja!« rief der Kardinal freudestrahlend: »Silesia ist ein Weib, und der König von Preußen ... oh! oh! der Gedanke ist göttlich!« Und der Kardinal lachte länger als eine Viertelstunde aus vollem Halse. »Ich will das Sonett abschreiben«, rief er endlich. »Ich will es auf alle Fälle besitzen!« »Der Abbate«, sagte die Marchesa, »wird Ihnen die Mühe ersparen; ich werde es ihm diktieren.« Ich setzte mich zum Schreiben nieder; plötzlich aber rief Seine Eminenz: »Ach; Marchesa, das ist ja wunderbar; er hat das Sonett mit den Reimen des Ihrigen gemacht. Haben Sie's bemerkt?« Die Marchesa warf mir einen so ausdrucksvollen Blick zu, daß Sie mich vollends zu ihrem Sklaven machte. Ich begriff, was sie wollte: ich sollte den Kardinal kennenlernen, wie sie selber ihn kannte, und wir sollten gemeinsam vorgehen. Ich fühlte mich vollkommen dazu aufgelegt, ihr beizustehen. Sobald ich nach dem Diktat der reizenden Frau das Sonett geschrieben hatte, wollte ich mich empfehlen; der Kardinal war so entzückt, daß er mir sagte, er erwarte mich am nächsten Tage zu Tisch. Ich hatte viel Arbeit vor mir; denn die zehn Stanzen, die ich zu dichten hatte, waren ganz eigener Art. Ich zog mich daher schleunigst auf mein Zimmer zurück, um in aller Muße nachdenken zu können. Ich mußte mich in acht nehmen, daß ich mich nicht zwischen zwei Stühle setzte, und ich fühlte, daß ich dazu aller meiner Geschicklichkeit bedurfte. Ich mußte die Marchesa instand setzen, so zu tun, als ob sie den Kardinal für den Verfasser der Stanzen hielte, zu gleicher Zeit aber mußte sie genötigt sein, das Gedicht mir zuzuschreiben, und sie durfte nicht daran zweifeln können, daß ich das wußte. Ich mußte viel Zurückhaltung beobachten, daß sie mich nicht in Verdacht haben konnte, Hoffnungen zu hegen, und trotzdem mußten unter dem durchsichtigen Schleier der Dichtung meine Verse von feurigstem Gefühl durchglüht sein. Vom Kardinal wußte ich, daß er um so eher geneigt sein würde, sich meine Stanzen anzueignen, je hübscher er sie fände. Es handelte sich nur darum, klar zu sein – und das ist in der Poesie so schwer; Dunkelheit dagegen hätte in den Augen meines neuen Midas für Erhabenheit gegolten. Aber obwohl mir sehr viel daran lag, ihm zu gefallen, kam bei dieser Sache der Kardinal nur in zweiter Linie in Betracht, in erster dagegen die schöne Marchesa. Die Signora gab in ihren Versen eine pomphafte Auszählung der körperlichen und moralischen Eigenschaften des Kardinals; ich durfte daher nicht versäumen, ihr dies mit Gleichem zu vergelten, und ich tat es um so lieber, da die Aufgabe leicht war. Voll von meinen Stoff machte ich mich ans Werk; ich ließ meiner Phantasie und dem doppelten Gefühl, das mich beherrschte, freien Lauf und beendigte schließlich meine zehn Stanzen mit den beiden schönen Versen Ariostos: Le angeliche belezze nate al cielo Non si ponno celar sotto alcun velo. Die Engelschönheit aus des Himmels Auen, Kein Schleier hindert ihren Glanz zu schauen. Ziemlich zufrieden mit meinem kleinen Werk brachte ich es am anderen Tage zu Seiner Eminenz. Ich sagte, ich zweifle, daß er sich als Verfasser eines so mittelmäßigen Erzeugnisses werde bekennen wollen. Er las die Verse wiederholt sehr schlecht und sagte mir schließlich, sie seien ja allerdings nicht viel wert, aber das sei gerade gut in diesem Fall. Besonders dankte er mir für die Verwendung der beiden Ariostschen Verse; er würde um so eher als Verfasser des Ganzen gelten, weil die Marchesa glauben würde, er habe die Anleihe bei Ariost nötig gehabt. Gleichsam zum Trost sagte er mir zu guter Letzt, er werde bei Abschreiben noch einige Fehler in die Verse hineinbringen; dadurch werde die Illusion vollständig werden. Wir speisten etwas früher als am Tag vorher, und ich ging gleich nach dem Essen fort, damit er Zeit hätte, vor der Ankunft seiner Dame die Verse abzuschreiben. Am nächsten Abend begegnete ich ihr am Tor des Palastes; ich reichte ihr den Arm, um ihr beim Aussteigen aus dem Wage zu helfen. Sobald sie stand, sagte sie zu mir: »Wenn man in Rom etwas von Ihren und meinen Stanzen erfährt, können Sie auf meine Feindschaft rechnen.« »Gnädige Frau, ich weiß nicht, was Sie meinen.« »Diese Antwort hatte ich erwartet; aber lassen Sie sich's gesagt sein.« Ich begleitete sie bis an die Türe des Salons und entfernte mich, Verzweiflung im Herzen, denn ich glaubte, sie sei allen Ernstes aufgebracht. »Meine Stanzen«, sprach ich bei mir selbst, »sind zu feurig, sie stellen ihren Stolz bloß, und ihr Selbstgefühl wird sich beleidigt gefühlt haben, daß ich so tief in das Geheimnis ihres Verhältnisses eingedrungen bin. Trotzdem bin ich überzeugt, daß ihre angebliche Furcht vor einer Indiskretion erheuchelt ist. Sie ist nur ein Vorwand, mich in Ungnade fallen zu lassen. Sie hat meine Zurückhaltung gar nicht begriffen. Was hätte sie denn machen wollen, wenn ich sie in der Nacktheit des goldenen Zeitalters geschildert hätte, ohne alle jene Schleier, die die Scham ihrem Geschlecht anzulegen gebietet.« Ich bedauerte, es nicht getan zu haben. Schließlich zog ich mich aus und ging zu Bett. Ich lag im halben Traum, da klopfte Abbate Gama an meine Tür. Ich zog die Schnur, er trat ein und sagte: »Mein Lieber, der Kardinal möchte Sie sehen: die schöne Marchesa und Kardinal S. C. wünschen, daß Sie herunterkommen.« »Es tut mir leid, aber ich kann nicht. Sagen Sie ihnen die Wahrheit: daß ich zu Bett liege und krank bin.« Da der Abbate nicht wiederkam, so dachte ich mir, er werde wohl meine Bestellung ausgerichtet haben, und verbrachte die Nacht ziemlich ruhig. Am anderen Morgen war ich noch nicht fertig angezogen, als ich ein Briefchen vom Kardinal S. C. erhielt. Er lud mich zum Essen ein und teilte mir mit, er habe zur Ader gelassen und müsse mich sprechen; er forderte mich auf, recht früh zu ihm zu kommen, selbst wenn ich krank wäre. Das war dringend. Ich konnte nicht ahnen, was los war; aber um etwas Unangenehmes schien es mir nach diesem Brief sich nicht zu handeln. Ich ging in die Messe, wo Kardinal Aquaviva mich bemerken mußte. Dies geschah denn auch. Nach der Messe winkte Monsignore mich zu sich heran und fragte: »Sind Sie wirklich krank?« »Nein, gnädiger Herr, ich hatte nur Lust zu schlafen.« »Das freut mich sehr; aber Sie hahen unrecht, denn man ist Ihnen gut. Der Kardinal läßt heute zur Ader.« »Ich weiß es, Monsignore. Er teilt es mir in diesem Briefchen mit, worin er mich einladet, zu ihm zum Essen zu kommen, wenn Eure Eminenz es erlauben wollen.« »Sehr gern. Aber das ist scherzhaft! Ich glaubte nicht, daß er einen Dritten nötig hätte.« »Wird denn ein Dritter dort sein?« »Davon weiß ich nichts, und ich bin neugierig darauf.« Hierauf entließ der Kardinal mich, und alle Anwesenden glaubten, Seine Eminenz habe mit mir von Staatsgeschäften gesprochen. Ich ging zu meinem neuen Mäcen, den ich im Bett fand. »Ich muß heute Diät halten,« sagte er zu mir; »Sie werden allein speisen, aber Sie kommen dabei nicht zu kurz, denn mein Koch weiß nichts davon. Ich habe Ihnen was zu sagen: ich fürchte Ihre Stanzen sind zu hübsch, denn die Marchesa ist ganz vernarrt darin. Hätten Sie sie mir so vorgelesen, wie sie es getan hat, so hätte ich mich nicht entschließen können, sie für mein Werk auszugehen.« »Aber sie glaubt doch, daß die Verse von Eurer Eminenz sind?« »Ganz gewiß.« »Das ist die Hauptsache, gnädiger Herr.« »Ja. Aber was sollte ich anfangen, wenn sie Lust bekäme, noch mehr Verse auf mich zu machen?« »Sie würden ihr auf dieselbe Weise antworten, denn Sie können Tag und Nacht über mich verfügen und sich vollkommen auf meine unverbrüchliche Verschwiegenheit verlassen.« »Ich bitte Sie, dies kleine Geschenk anzunehmen; es ist Negrillo von Havanna, den mir Kardinal Acquaviva gegeben hat.« Der Tabak war gut, aber die Verpackung war besser: sie bestand in einer prachtvollen Dose aus emailliertem Gold. Ich nahm sie ehrfurchtsvoll und mit dem Ausdruck gerührter Dankbarkeit entgegen. Wenn die Eminenz auch keine Verse machen konnte, so wußte sie doch zu schenken, und zwar in vornehmer Form zu schenken; und diese Kunst ist an einem hohen Herrn unendlich viel mehr wert als jene andere. Gegen Mittag sah ich zu meiner großen Überraschung die schöne Marchesa in einem sehr eleganten Hauskleide erscheinen. »Hätte ich gewußt, daß Sie gute Gesellschaft haben,« sagte sie zum Kardinal, »so wäre ich nicht gekommen.« »Ich bin überzeugt, liebe Marchesa, die Gegenwart unseres Abbate wird Ihnen nicht unangenehm sein.« »Nein, denn ich halte ihn für anständig.« Ich hielt mich in achtungsvoller Entfernung bereit, bei der erstem Stichelrede der Dame mich mit meiner schönen Tabaksdose aus dem Staube zu machen. Der Kardinal fragte sie, ob sie zu Mittag speisen würde. »Ja,« antwortete sie; »aber schlecht, denn ich esse nicht gerne allein.« »Wenn Sie ihm die Ehre erweisen wollen, wird der Abbate Ihnen Gesellschaft leisten.« Sie warf mir einen freundlichen Blick zu, sagte aber keinen Ton. Es war das erstemal, daß ich mit einer Dame der großen Welt zu tun hatte. Ihre Protektionsmiene, so wohlwollend sie auch war, brachte mich aus der Fassung; denn Begönnerung kann nichts mit Liebe zu schaffen haben. Aber da sie sich in Gegenwart des Kardinals befand, so begriff ich, daß ihr Verhalten wahrscheinlich durch die Schicklichkeit geboten wäre. Der Tisch wurde neben dem Bett des Kardinal gedeckt, und die Marchesa, die fast gar nichts aß, ermunterte meinen glücklichen Appetit. »Ich habe Ihnen gesagt, der Abbate gibt mir nichts nach«, sagte S. C. »Ich glaube auch, es fehlt nicht viel daran; aber Sie sind leckerer«, fügte sie hinzu, um ihm zu schmeicheln. »Frau Marchesa, dürfte ich mir die Bitte erlauben, mir sagen zu wollen, warum Sie mich für einen großen Esser, aber nicht für einen Feinschmecker halten? Denn von allem liebe ich nur die feinen, auserlesenen Bissen.« »Erklären Sie das näher, sagte der Kardinal. Ich erlaubte mir zu lachen und sagte in improvisierten Versen alles her, was mir von feinen und auserlesenen Speisen gerade einfiel. Die Marchesa klatschte Beifall und sagte mir, sie bewundere meinen Mut. »Mein Mut, gnädige Frau, ist Ihr Mut; denn ich bin furchtsam wie ein Hase, wenn man mich nicht ermutigt: Sie sind die Urheberin meiner Improvisation.« »Ich bewundere Sie. Ich könnte keine vier Verse hersagen, ohne sie niedergeschrieben zu haben, und wenn der Gott des Pindus selber mich ermutigte.« »Wagen Sie sich Ihrem Genius zu überlassen, gnädige Frau, und Sie werden göttliche Sachen sagen.« »Das glaube ich auch,« rief der Kardinal. »Bitte erlauben Sie mir doch, daß ich dem Abbate Ihre zehn Stanzen zeige.« »Sie sind nachlässig gemacht. Aber ich bin damit einverstanden – vorausgesetzt, daß es unter uns bleibt.« Der Kardinal gab mir nun die Stanzen der Marchesa, und ich las sie auf eine Art, daß dadurch alle ihre Schönheiten hervortraten. »Wie Sie es gelesen haben!« sagte die Marchesa. »Es kommt mir vor, als seien die Verse gar nicht von mir. Ich danke Ihnen. Aber haben Sie die Güte und lesen Sie in derselben Weise die Stanzen vor, die Seine Eminenz als Antwort auf die meinigen gedichtet hat. Sie sind bei weitem besser.« »Glauben Sie das nicht, Abbate! sagte der Kardinal, indem er mir die Verse gab. »Aber geben Sie sich Mühe, daß beim Vorlesen nichts verloren geht!« Seine Eminenz hatte sicherlich nicht nötig, mir dies zu empfehlen; denn es waren meine eigenen Verse, und es wäre mir unmöglich gewesen, sie nicht so gut zu lesen wie ich nur konnte, besonders da die Frau, die mich zu diesen Versen begeistert hatte, mir gegenübersaß. Außerdem hatte Bacchus meinen Apoll erwärmt und die schönen Augen der Marchesa vermehrten noch die Glut, die alle meine Sinne durchströmte. Ich las die Stanzen so, daß der Kardinal ganz entzückt war. Aber die Stirn der schönen Frau übergoß sich mit roter Glut, als ich an die Beschreibung jener Schönheiten kam, die des Dichters Einbildungskraft erraten darf, die ich aber nicht gesehen haben konnte. Sie riß mir mit ärgerlicher Miene das Papier aus der Hand und sagte, ich schöbe Verse unter. Dies war richtig, aber ich hütete mich wohl, es einzugestehen. Ich war ganz und gar entflammt, und sie glühte nicht weniger als ich. Der Kardinal war eingeschlafen; sie stand auf, um sich auf die Terrasse zu setzen; ich folgte ihr dorthin. Sie saß auf dem Geländer; ich stand vor ihr, so daß ihr Knie meine Uhr berührte. Welche Stellung! Ich ergriff sanft eine ihrer Hände und sagte ihr, sie habe eine verzehrende Flamme in meine Seele geworfen; ich bete sie an, und wenn ich nicht hoffen könne, bei ihr Verständnis für meinen Liebesschmerz zu finden, sei ich entschlossen, sie auf ewig zu meiden. »Geruhen Sie, schöne Marchesa, mir mein Urteil zu sprechen.« »Ich halte Sie für ausschweifend und unbeständig.« »Ich bin keins von beiden.« Mit diesen Worten preßte ich sie an meine Brust und drückte auf ihre schönen Rosenlippen einen wonnigen Kuß, den sie, ohne sich zu sträuben, empfing. Dieser Kuß, Vorläufer der süßesten Wonnen, machte meine Hände außerordentlich kühn und ich wollte... Da nahm die Marchesa eine andere Stellung ein und bat mich so sanft, ihrer zu schonen, daß ich eine neue Wollust im Gehorsam fand. Ich ließ nicht nur davon ah, einen Sieg zu verfolgen, der wohl möglich gewesen wäre, sondern ich bat sie sogar um Verzeihung, die ich leicht im sanftesten Blick lesen konnte. Sie sprach hierauf mit mir über Lucrezia, und meine Verschwiegenheit mußte sie entzücken. Dann brachte sie die Rede auf den Kardinal. Sie wollte mich glauben machen, zwischen ihm und ihr bestehe nur ein reines Freundschaftsverhältnis. Ich wußte wohl Bescheid, aber es lag in meinem Interesse, mich so zu stellen, als glaube ich ihr ohne Einschränkung alles. Dann gingen wir dazu über, Verse unserer besten Dichter herzusagen. Sie saß, und ich stand vor ihr und konnte meine Blicke an ihren Reizen weiden, gegen die ich anscheinend unempfindlich blieb. Ich war entschlossen, an diesem Tage keinen schöneren Sieg zu erstreben, als ich bereits errungen hatte. Der Kardinal war aus seinem langen friedlichen Schlummer erwacht; er kam in der Nachtmütze zu uns hinaus und fragte gutmütig, ob wir nicht ungeduldig geworden seien, auf ihn zu warten. Ich blieb bei ihnen bis zur Dämmerung. Dann ging ich. Ich war mit dem Erfolg des Tages sehr zufrieden und fest entschlossen, meine Glut im Zaum zu halten, bis sich der Augenblick eines völligen Sieges mir von selber darböte. Von diesem Tage an gab die Marchesa mir fortwährend Beweise einer besonderen Hochschätzung und legte sich nicht den geringsten Zwang mehr auf. Ich rechnete auf den nahen Karneval, denn ich war überzeugt, je mehr ich ihr Zartgefühl schonte, desto lieber würde sie selber für eine Gelegenheit sorgen, mich den Lohn für meine Treue, Zärtlichkeit und Beständigkeit ernten zu lassen. Aber das Schicksal hatte es anders beschlossen; denn in dem Augenblicke, wo der Papst und mein Kardinal ernsthaft daran dachten, meiner Existenz eine feste Grundlage zu geben, drehte mir das Glück den Rücken. Der Heilige Vater hatte mir zu der vom Kardinal S.C. geschenkten prachtvollen Tabaksdose Glück gewünscht, aber er hatte es vermieden, jemals den Namen der Marchesa zu erwähnen. Kardinal Acquaviva gab unverhohlen seine Befriedigung kund, daß sein Kollege mir seinen Negrillo in einer so schönen Hülle gegeben hatte. Abbate Gama wagte mir keine Ratschläge mehr zu geben, als er mich auf so schönem Wege sah, und der tugendhafte Vater Georgi beschränkte seinen Rat darauf, daß er mir sagte, ich solle mich an die schöne Marchesa halten und mich vor anderen Bekanntschaften recht in acht nehmen. So war meine wirklich glänzende Lage, als ich am Weihnachtstage den Liebhaber der hübschen Barbara Dalacqua bei mir eintreten sah. Er schloß die Tür auf, warf sich auf mein Sofa und rief, ich sähe ihn zum letztenmal. Er wolle mich nur um einen guten Rat bitten. »Welchen Rat kann ich Ihnen geben?« »Da, lesen Sie diesen Brief, und Sie wissen alles.« Der Brief war von seiner Geliebten: der Inhalt besagte etwa folgendes: »Ich trage unter meinem Herzen ein Pfand unserer Liebe; ich kann nicht mehr daran zweifeln, geliebter Freund, und erkläre Dir hiermit, daß ich entschlossen bin, ganz allein von Rom fortzugehen und zu sterben, wo Gott will, wenn Du Dich nicht meiner annimmst. Lieber will ich das Ärgste ertragen, als mich meinem Vater entdecken.« »Wenn Sie ein Ehrenmann sind,« sagte ich ihm, »können Sie sie nicht verlassen. Heiraten Sie sie, Ihren beiden Vätern zum Trotz, und leben Sie als gute Eheleute miteinander. Die ewige Vorsehung wird über Ihnen wachen.« Nachdem ich ihm diesen Rat gegeben hatte, schien er ruhiger geworden zu sein und ging. Zu Anfang des Jahres 1744 sah ich ihn wieder bei mir erscheinen. Diesmal machte er ein sehr zufriedenes Gesicht. »Ich habe«, erzählte er mir, »das oberste Stockwerk des Hauses gemietet, das an das Dalacquasche anstößt. Barbara weiß es. Heute nacht klettere ich durch die Dachluke auf ihren Boden, und wir verabreden den Zeitpunkt der Entführung. Mein Entschluß steht fest; ich gehe mit ihr nach Neapel, und da die Magd, die auf dem Dachboden schläft, um die Flucht wissen muß, so nehme ich auch diese mit.« »Gott gebe Ihnen sein Geleit!« Acht Tage später sah ich gegen elf Uhr abends ihn und einen Abbate in mein Zimmer eintreten. »Was wollen Sie von mir zu dieser späten Stunde?« »Ich möchte Ihnen diesen schönen Abbate vorstellen.« Ich sehe diesen Abbate an und erkenne in ihm mit Entsetzen Barbara. »Hat man Sie eintreten sehen?« frage ich. »Nein. Und wenn auch – 's ist eben ein Abbate. Wir gehen allnächtlich miteinander aus.« »Meinen Glückwunsch dazu!« »Die Magd ist mit uns im Bunde; sie ist damit einverstanden, uns zu begleiten. Alle Vorbereitungen sind getroffen.« »Ich wünsche Ihnen guten Erfolg. Addio! Bitte, gehen Sie!« Als ich ein paar Tage darauf mit dem Abbate Gama in der Villa Medici spazierenging, sagte er mir infolge irgendeiner Bemerkung, im Laufe der Nacht werde auf dem Spanischen Platz eine Exekution stattfinden. »Was für eine Exekution denn?« »Der Bargello oder sein Leutnant wird einen ordine santissimo ausführen oder irgendein verdächtiges Haus durchsuchen, um jemanden festzunehmen, der nicht darauf gefaßt ist.« »Woher weiß man das?« »Seine Eminenz muß es wissen, denn der Papst würde es nicht wagen, in seine Gerichtsbarkeit einzugreifen, ohne ihn um Erlaubnis zu fragen.« »Er hat ihm also diese Erlaubnis gegeben?« »Ja. Ein Auditor des Heiligen Vaters hat ihn heute morgen darum gebeten.« »Aber unser Kardinal hätte sie verweigern können?« »Gewiß. Aber solche Verweigerung kommt niemals vor.« »Und wenn die gesuchte Person unter seinem Schutz steht – was macht man dann?« »Dann wird sie von Seiner Eminenz gewarnt.« Das Gespräch kam auf andere Dinge, aber diese Nachricht beunruhigte mich. Ich dachte mir, der Befehl könne wohl Barbara oder ihren Liebhaber angehen, denn das Haus ihres Vaters stand unter spanischer Gerichtsbarkeit. Vergeblich suchte ich den jungen Menschen; es gelang mir nicht, ihn zu treffen, und ich befürchtete mich bloßzustellen, wenn ich zu ihm oder seiner Schönen ginge. Allerdings wurde ich im Grunde von diesem Schritt nur dadurch abgehalten, daß ich keine Gewißheit hatte. Denn hätte ich bestimmt gewußt, daß die Sache sie anging; so hätte ich ohne Scheu allen Blicken getrotzt. Als ich gegen Mitternacht zu Bett gehen wollte und meine Tür öffnete, um den draußen steckenden Schlüssel herauszuziehen, stürzte zu meiner Überraschung plötzlich ganz atemlos ein Abbate in mein Zimmer und warf sich in einen Lehnstuhl. Ich erkannte Barbara und erriet alles. Ich sah sofort voraus, welche Folgen ihr Schritt für mich haben konnte, und geriet in große Aufregung und Verwirrung. Ich warf ihr vor, daß sie sich zu mir geflüchtet habe, und bat sie, sich sofort zu entfernen. Ich Unglücklicher! Ich fühlte, daß ich mich mit ihr zugrunde richtete, ohne doch wirksame Hilfe leisten zu können. Ich hätte sie zwingen sollen, mein Zimmer zu verlassen; ich hätte sogar Leute herbeirufen müssen, wenn sie Widerstand leistete. Ich hatte nicht den Mut dazu oder vielmehr: ich gab unwillkürlich meinem Schicksal nach. Als ich ihr sagte, sie müsse hinausgehen, warf sie unter strömenden Tränen sich vor mir auf die Knie und flehte mich an, Mitleid mit ihr zu haben. Welches Herz ist so stahlhart, daß es sich nicht durch Tränen und Bitten eines schönen jungen Weibes erweichen ließe! Ich gab nach, aber ich sagte ihr, sie stürze uns alle beide ins Verderben. »Niemand«, sagte sie, »hat mich das Haus betreten oder zu Ihnen hinaufgehen sehen. Dessen bin ich gewiß. Und ich schätze mich glücklich, daß ich vor acht Tagen hier gewesen bin, denn sonst hätte ich niemals Ihr Zimmer finden können.« »Ach, es wäre besser, Sie wären niemals gekommen! Was ist aus Ihrem Liebhaber, dem Doktor geworden?« »Die Sbirren haben ihn und die Magd verhaftet. Ich will Ihnen alles erzählen: Mein Liebster hatte mir gesagt, daß heute nacht ein Wagen unten an der Freitreppe der Trinita de Monti warten und daß er selber auch dort sein würde. Vor einer Stunde kletterte ich durch die Dachluke unseres Hauses und stieg in seine Wohnung ein. Dort kleidete ich mich um, wie Sie sehen, und ging dann mit der Magd fort, um ihn am verabredeten Ort zu treffen. Die Magd mit meinem Bündel ging ein kleines Stück vor mir. An der Straßenecke merkte ich, daß eine von meinen Schuhschnallen losgegangen war. Ich blieb stehen, um sie zu befestigen, während die Magd, im Glauben, daß ich ihr folgte, ruhig weiterging. Sie kam beim Wagen an und stieg hinein. Ich sah aber, als ich näher kam, beim Schein einer Laterne etwa dreißig Sbirren, von denen einer sich auf den Kutscherbock setzte. Sofort fuhr er mit verhängten Zügeln davon und entführte auf diese Weise die Magd, die sie mit mir verwechselt hatten, und meinen Liebsten, der ohne Zweifel im Wagen auf mich wartete. Was konnte ich in diesem fürchterlichen Augenblick machen? Zu meinem Vater durfte ich nicht zurück. So folgte ich meiner ersten Eingebung, die mich zu Ihnen trieb. Hier bin ich nun. Sie sagen mir, ich richte Sie durch diesen Schritt zugrunde. Wenn Sie das wirklich glauben, so sagen Sie mir, was ich tun soll. Ich fühle mich todunglücklich. Finden Sie ein Aushilfsmittel. Ich bin zu allem bereit. Sogar sterben will ich lieber, als Sie ins Unglück stürzen.« Aber indem sie dies sagte, stürzten ihr von neuem unglaubliche Tränenfluten aus den Augen. Ihre Lage war so traurig, daß ich sie für viel unglücklicher erachtete als die meinige, obgleich ich sah, daß ich trotz meiner vollkommenen Unschuld in den Abgrund stürzen mußte. »Lassen Sie mich Sie zu Ihrem Vater führen!« sagte ich. »Ich mache mich anheischig, Ihnen seine Verzeihung zu erwirken.« Aber dieser Vorschlag verdoppelte ihre Angst. »Ich bin verloren!« rief sie. »Ich kenne meinen Vater. O, Herr Abbate, lieber stoßen Sie mich auf die Straße und überlassen Sie mich meinem unglücklichen Schicksal.« Ohne Frage hätte ich das tun müssen, wenn ich auf meinen Vorteil gesehen und nicht meinem Mitleid nachgegeben hätte. Aber ihre Tränen! Ich habe es oft gesagt, und der Leser, der es selber erlebt hat, wird meiner Meinung sein: nichts ist so unwiderstehlich wie Tränen aus schönen Augen, wenn ein schönes, anständiges und unglückliches Weib sie vergießt. Es war mir körperlich unmöglich, sie zum Verlassen meines Zimmers zu zwingen oder dies auch nur zu versuchen. »Mein armes Mädchen,« sagte ich endlich zu ihr, »wenn der Tag kommt – und das dauert nicht lange, denn es ist schon Mitternacht vorbei –, was gedenken Sie dann zu tun?« »Ich werde den Palast verlassen,« sagte sie schluchzend. »In dieser Verkleidung wird mich niemand erkennen. Ich werde Rom verlassen und so lange wandern, bis ich vor Ermüdung und Schmerz tot zu Boden sinke.« Kaum hatte sie diese Worte gesprochen, so sank sie auf den Fußboden nieder. Sie erstickte: schon wurde sie blau im Gesicht. Ich war in der schrecklichsten Verlegenheit. Ich löste ihr den Kragen ab und schnürte ihr Mieder auf. Dann sprengte ich ihr Wasser ins Gesicht, und es gelang mir, sie ins Leben zurückzurufen. Die Nacht war sehr kalt, und ich hatte kein Feuer. Ich riet ihr daher, sich in mein Bett zu legen, und versprach ihr, ihren Zustand zu achten. »Ach, Herr Abbate, das einzige Gefühl, das ich erregen kann, ist Mitleid.« Ich war in der Tat zu bewegt und zugleich zu unruhig, um irgendeine Begierde zu verspüren. Ich überredete sie, sich ins Bett zu legen, da sie aber in ihrer Schwäche völlig hilflos war, so zog ich sie aus und legte sie ins Bett. Dabei machte ich die ganz neue Erfahrung, daß vor dem Mitleid selbst das gebieterischste Bedürfnis schwieg, trotz dem Anblick aller Reize, die sonst den höchsten Grad der Erregung hervorrufen. Ich legte mich völlig bekleidet neben sie, und beim ersten Morgendämmern weckte ich sie. Da sie sich gestärkt fühlte, so kleidete sie sich allein an, ich sagte ihr, sie möchte sich bis zu meiner Rückkehr ganz ruhig verhalten, und ging hinaus. Meine Absicht war, mich zu ihrem Vater zu begeben und auf jede nur mögliche Weise seine Verzeihung zu erwirken. Da ich aber verdächtige Leute um den Palast herum bemerkte, glaubte ich von meinem Plan abstehen zu müssen und begab mich nach einem Kaffeehause in der Via Condotta. Ich bemerkte, daß ein Sbirre mir von ferne folgte, aber ich tat, als sähe ich es nicht. Nachdem ich meine Schokolade getrunken und einige Zwiebacke zu mir gesteckt hatte, ging ich, anscheinend mit der größten Seelenruhe, nach Hause. Der Spion ging immer hinter mir her. Ich vermutete, daß der Bargello nach dem Fehlschlagen der Unternehmung bestimmte verdächtige Spuren verfolgte; in dieser Annahme wurde ich bestärkt, als der Türsteher mir ungefragt erzählte, es habe in der Nacht eine Exekution stattfinden sollen, sie sei aber mißlungen. Im selben Augenblick kam ein Auditor des Kardinalvikars und fragte den Türsteher, wann er den Abbate Gama sprechen könne. Ich sah, daß keine Zeit mehr zu verlieren war, und ging nach meinem Zimmer hinauf, um zu einem bestimmten Entschluß zu kommen. Zunächst nötigte ich das arme Mädchen, ein paar Zwiebacke zu essen, die ich in Kanariensekt getaucht hatte. Hierauf führte ich sie in das oberste Stockwerk des Hauses, an einen nicht eben anständigen Ort, den aber niemand besuchte. Ich sagte ihr, sie möge auf mich warten. Kurz darauf kam mein Lakai; ich befahl ihm, sofort mein Zimmer zu machen, und sobald er damit fertig wäre, die Tür abzuschließen und mir den Schlüssel zu Gama zu bringen. Ich fand den Abbate in einer Besprechung mit dem Auditor des Kardinalvikars begriffen. Sobald er mit diesem fertig war, begrüßte er mich und befahl seinem Bedienten, Schokolade zu bringen. Als wir allein waren, erzählte er mir, was seine Unterhaltung mit dem Auditor zu bedeuten gehabt hätte. Es handelte sich darum, Seine Eminenz unseren Kardinal zu bitten, daß er aus seinem Palast eine Person entferne, die sich um Mitternacht hineingeflüchtet haben müsse. »Wir müssen warten, bis der Kardinal sichtbar geworden ist; aber wenn wirklich jemand ohne sein Wissen sich in den Palast geflüchtet hat, so wird er ihn sicherlich fortschicken.« Wir sprachen hierauf allerlei über gleich- gültige Sachen, bis mein Lakai mir den Schlüssel brachte. Ich wußte nun, daß ich mindestens eine Stunde vor mir hatte, und mir war das Mittel eingefallen, das einzig und allein Barbara vor Schimpf und Schande retten konnte. Nachdem ich mich vergewissert hatte, daß niemand mich konnte gesehen haben, ging ich zu der armen Eingesperrten und ließ sie in gutem Französisch mit Bleistift folgende Zeilen schreiben: »Ich bin ein anständiges Mädchen, Monsignore, aber als Abbate verkleidet. Ich beschwöre Euere Eminenz mir zu gestatten, daß ich Ihnen meinen Namen unter vier Augen sage. Von der Größe Ihrer Seele erhoffe ich, daß Sie meine Ehre retten werden.« Ich gab ihr die nötigen Weisungen, um dies Billett Seiner Eminenz zukommen zu lassen, der sie sofort empfangen werde, sobald er es gelesen habe. »Sobald Sie bei ihm sind, werfen Sie sich auf die Knie und erzählen Sie ihm Ihre ganze Geschichte ohne jede Abweichung von der Wahrheit. Nur davon, daß Sie die Nacht in meinem Zimmer zugebracht haben, dürfen Sie nichts sagen, denn der Kardinal darf nicht erfahren, daß ich von Ihrer ganzen Entführungsgeschichte auch nur eine Ahnung gehabt habe. Sagen Sie ihm folgendes: Als Sie gesehen, daß der Wagen mit Ihrem Liebsten davonfuhr, traten Sie in seinen Palast ein. Sie stiegen die Treppen hinauf, so hoch Sie konnten und verbrachten oben eine sehr schlimme Nacht. Am Morgen hatten Sie den Einfall, an ihn zu schreiben und sein Mitleid anzurufen. Ich bin fest überzeugt, Seine Eminenz wird Sie auf irgendeine Art vor der Schande bewahren. Jedenfalls ist dies das einzige Mittel, wodurch Sie hoffen können, mit dem von Ihnen geliebten Mann vereinigt zu werden.« Nachdem sie mir versprochen hatte, genau alles zu tun, was ich ihr gesagt hatte, ließ ich mich frisieren und kleidete mich zum Ausgehen an. Ich ging in die Messe, wo der Kardinal mich sah; dann ging ich aus und kam erst zum Mittagessen nach Hause. Bei Tisch sprach man von nichts anderem, als von dieser Geschichte. Nur Gama sagte nichts, und ich schwieg ebenso wie er. Ich entnahm aber aus all dem Geschwätz, daß der Kardinal meine arme Barbara in seinen Schutz genommen hatte. Das war alles, was ich wünschte. Ich glaubte nun nichts mehr zu befürchten zu haben und freute mich im stillen meiner Kriegslist, die mir ein kleines Meisterstück zu sein schien. Als ich nach dem Essen mit Gama allein war, fragte ich ihn, was es denn mit der Geschichte auf sich hätte. Er antwortete mir: »Ein Familienvater, dessen Namen ich noch nicht weiß, hatte beim Kardinalvikar beantragt, er möge seinen Sohn verhindern, ein Mädchen zu entführen und mit demselben die Staaten des Heiligen Vaters zu verlassen. Die Entführung sollte um Mitternacht auf unserem Platz stattfinden. Der Kardinalvikar holte, wie ich Ihnen gestern erzählte, die Zustimmung unseres Kardinals ein und befahl dem Bargello, Sbirren auszuschicken, die jungen Leute auf frischer Tat festzunehmen und in Haft zu setzen. Der Befehl wurde ausgeführt; aber als die Sbirren beim Bargello ankamen, sahen sie, daß ihnen der Fang nur zur Hälfte gelungen war; denn das Weib, das mit dem jungen Mann dem Wagen entstieg, war nicht von der Art, die man zu entführen pflegt. Einige Minuten darauf erfuhr der Bargello von einem Spion, im Augenblick der Abfahrt des Wagens sei ein junger Abbate Hals über Kopf davongelaufen und habe sich in den Spanischen Palast geflüchtet. Dies hat ihn auf den Verdacht gebracht, der verkleidete Abbate könnte wohl das der Verhaftung entgangene Mädchen sein. Der Bargello hat dem Vikar den Hergang und die Aussage des Spions gemeldet; der Kardinal hat die Mutmaßungen der Polizisten für begründet erachtet und hat den Kardinal, unsern Herrn, bitten lassen, er möge befehlen, daß die betreffende Person, sei es ein Mädchen oder ein Abbate aus dem Palast verwiesen werde, falls sie nicht etwa Seiner Eminenz als unverdächtig bekannt sei. Kardinal Acquaviva hat dies alles heute früh um neun durch den Auditor des Kardinalvikars erfahren, den Sie bei mir sahen; und er hat versprochen, die betreffende Person auszuweisen, falls sie nicht etwa zu seinem Haushalt gehöre. Diesem Versprechen getreu, hat unser Kardinal in der Tat Befehl gegeben, das ganze Haus durchsuchen zu lassen. Aber eine Viertelstunde später hat der Haushofmeister Gegenbefehl erhalten, und der Grund dafür kann nur folgender sein: Wie mir der Kammerdiener erzählte, kam Punkt neun Uhr ein sehr hübscher Abbate, den er für ein verkleidetes junges Mädchen hielt, zu ihm und hat ihn, Seiner Eminenz ein Briefchen zu übergeben. Der Kardinal hat dieses gelesen und den besagten Abbate in seine Privatgemächer einführen lassen, die er seither nicht wieder verlassen hat. Da der Befehl, die Nachsuchungen einzustellen, unmittelbar nach der Einführung des Abbate gegeben wurde, so kann man annehmen, daß dieser Abbate niemand anderes ist, als das den Sbirren entwischte Mädchen, das sich in den Spanischen Palast geflüchtet hat, wo es die ganze Nacht zugebracht haben muß.« »Seine Eminenz,« fragte ich, »wird sie ohne Zweifel heute ausliefern, zwar nicht an die Sbirren, wohl aber an den Kardinalvikar?« »Nein, nicht einmal an den Papst!« antwortete Gama. »Sie haben noch nicht den rechten Begriff von der Protektion unseres Kardinals. Und diese Protektion hat er bereits erklärt, denn die junge Person befindet sich nicht nur in Monsignores Palast, sondern sogar in seinem eigenen Zimmer und unter seiner Obhut.« Da die Geschichte an und für sich interessant war, konnte meine Aufmerksamkeit dem Abbate nicht verdächtig erscheinen. Ganz gewiß hätte er mir nichts gesagt, wenn er hätte ahnen können, welchen Anteil ich selber an der Sache hatte und welch ein großes Interesse ich daran nehmen mußte. Am anderen Morgen trat mein Abbate Gama ganz freudestrahlend in mein Zimmer und sagte mir, der Kardinalvikar wisse, daß der Entführer mein Freund sei, und er nehme an, daß ich auch mit der Tochter befreundet sei, da deren Vater mein Sprachlehrer sei. »Man ist fest überzeugt, daß Sie um die ganze Geschichte gewußt haben, und natürlich nimmt man an, daß die arme Kleine die Nacht in Ihrem Zimmer zugebracht hat. Ich bewundere Ihr kluges Verhalten gestern mir gegenüber. Sie waren so sehr auf Ihrer Hut, daß ich hätte schwören wollen, Sie wüßten von nichts.« »So ist es auch!« antwortete ich ernst. »Ich erfahre es erst in diesem Augenblick. Ich kenne das Mädchen, aber ich habe es seit sechs Wochen nicht mehr gesehen, nämlich seitdem ich keine Stunden mehr nehme. Mit dem jungen Doktor bin ich viel besser bekannt; er hat mir aber niemals etwas von seinem Plan mitgeteilt. Aber ein jeder mag glauben, was er will. Sie sagen, natürlich habe das Mädchen die Nacht in meinem Zimmer verbracht; aber erlauben Sie mir, über diejenigen zu lachen, die ihre Unwissenheit für Tatsachen nehmen.« »Dies ist nun einmal das Laster der Römer, mein lieber Freund. Glücklich, wer darüber lachen kann. Aber diese Verleumdung kann Ihnen schaden, selbst bei unserm Kardinal.« Da am Abend keine Oper war, ging ich in die Gesellschaft beim Kardinal. Ich bemerkte weder beim Kardinal, noch an irgendeinem anderen eine Veränderung im Benehmen gegen mich, und die Marchesa war gegen mich so liebenswürdig wie gewöhnlich, und sogar noch liebenswürdiger. Den Tag darauf nach dem Essen sagte Gama mir, der Kardinal habe das junge Mädchen in einem Kloster untergebracht, wo sie auf Kosten Seiner Eminenz sehr gut behandelt werde; er sei überzeugt, daß sie das Kloster verlassen werde, um den jungen Doktor zu heiraten. »Dies würde mich aufrichtig freuen,« sagte ich; »denn sie sind beide sehr anständig und verdienen die allgemeine Achtung.« Als ich zwei Tage darauf den guten Vater Georgi besuchte, sagte er mir mit bekümmertem Gesicht, das Tagesgespräch in Rom sei die mißglückte Verhaftung der Barbara Dalacqua; man weise mir die Hauptrolle bei der ganzen Geschichte zu, und dies sei ihm höchst unangenehm. Ich sagte ihm dasselbe wie dem Abbate Gama, und er schien mir zu glauben. Aber er wandte mir ein, Rom wolle die Dinge nicht wissen, wie sie wirklich seien, sondern wie es den Leuten gefalle, sie sich zurechtzumachen. »Man weiß, junger Freund, daß Sie jeden Morgen zu Dalacqua gingen, man weiß, daß der junge Mann oft zu Ihnen kam: das genügt. Man will nicht die Umstände wissen, durch die eine Verleumdung widerlegt wird, sondern im Gegenteil die, durch die sie bestätigt wird. Denn in dieser heiligen Stadt liebt man die Verleumdung. Trotz Ihrer Unschuld wird Ihnen diese Geschichte angerechnet werden, wenn vielleicht in vierzig Jahren in meinem Konklave die Rede davon sein sollte, Sie zum Papst zu wählen.« Während der folgenden Tage begann diese unangenehme Geschichte mir über alle Maßen lästig zu werden, denn jedermann sprach mit mir davon, und ich sah wohl, daß man sich nur stellte, als glaubte man mir, weil man das Gegenteil nicht wagte. Die Marchesa sagte mir mit feinem Lächeln, Fräulein Dalacqua sei mir sehr zu Dank verpflichtet. Den größten Kummer aber machte mir die Wahrnehmung, daß in den letzten Tagen des Karnevals Kardinal Acquaviva nicht mehr so ungezwungen freundlich zu mir war wie früher, wenngleich niemand außer mir selber etwas von der Veränderung seines Benehmens merken konnte. Das Gerede begann sich zu legen, da ließ zu Anfang der Fastenzeit der Kardinal mich in sein Arbeitszimmer kommen und sagte mir: »Die Geschichte mit der jungen Dalacqua ist zu Ende; man spricht nicht mehr davon. Aber man ist zu dem Schluß gekommen, daß Sie und ich diejenigen gewesen seien, die von der Ungeschicklichkeit des jungen Mannes, der sie entführen wollte, ihren Vorteil gehabt hätten. Was man redet, kümmert mich im Grunde sehr denn in gleichem Falle würde ich nicht anders handeln, als ich es getan habe. Ich will auch nicht wissen, was niemand Sie zwingen kann zu sagen, und worüber Sie als anständiger Mensch schweigen müssen. Auch wenn Sie nichts vorher wußten, durften Sie das Mädchen nicht aus Ihrem Zimmer weisen – angenommen, daß sie dort gewesen ist – denn Sie hätten damit barbarisch, ja sogar niederträchtig gehandelt: Sie hätten das Mädchen für ihr ganzes Leben unglücklich gemacht, und doch hätte Sie dies nicht vor dem Verdacht der Mitwisserschaft geschützt und außerdem wären Sie als feiger Verräter dagestanden. Trotz alledem können Sie sich wohl vorstellen, daß ich mich über die Klatschereien nicht öffentlich hinwegsetzen kann, so sehr ich sie auch verachte. Ich sehe mich also gezwungen, Sie zu bitten, nicht nur mein Haus, sondern auch Rom zu verlassen. Ich werde Ihnen einen ehrenvollen Vorwand geben, damit Sie der Achtung, die die bisher Ihnen gegebenen Beweise meiner Wertschätzung Ihnen erworben haben, auch fernerhin genießen können. Ich verspreche Ihnen, den Personen, die Sie mir nennen, im Vertrauen zu sagen oder auch öffentlich zu erzählen, daß Sie in einer wichtigen Angelegenheit, die ich Ihnen anvertraut habe, eine Reise unternehmen müssen. Überlegen Sie sich nur, in welches Land Sie gehen wollen. Ich habe Freunde überall und werde Sie auf eine Art empfehlen, daß Ihre Dienste Verwendung finden werden. Meine Empfehlungen werde ich eigenhändig schreiben, und wenn Sie nicht wollen, wird kein Mensch erfahren, wohin Sie gehen. Besuchen Sie mich morgen in der Villa Negroni, und sagen Sie mir, wohin Sie wünschen, daß ich meine Briefe adressiere. Richten Sie sich so ein, daß Sie in acht Tagen abreisen können. Glauben Sie mir, es tut mir leid, Sie zu verlieren; es ist ein Opfer, das das törichteste Vorurteil mir auferlegt. Gehen Sie und lassen Sie mich nicht Ihre Betrübnis sehen!« Diese letzten Worte sagte er, als er sah, daß sich meine Augen mit Tränen füllten; damit ich nicht noch mehr weinte, ließ er mir keine Zeit zu antworten. Ich hatte die Selbstbeherrschung mich zusammenzuraffen, bevor ich noch aus seinem Kabinett heraus war. Ich war sogar so lustig, daß Abbate Gama, der mich zum Kaffee eingeladen hatte, mir ein Kompliment darüber machte. »Ich bin überzeugt,« sagte er, »Ihre gute Laune kommt von der Unterhaltung, die Sie heute früh mit Seiner Eminenz gehabt haben.« »Allerdings. Aber Sie wissen nicht, wie betrübt ich im Herzen bin, obwohl ich es verberge.« »Betrübt?« »Ich fürchte an einem schwierigen Auftrag zu scheitern, den mir der Kardinal heute morgen gegeben hat. Ich muß verbergen, wie wenig Zutrauen ich zu mir selbst habe, damit das Zutrauen, das Seine Eminenz mir gütigst bezeigt, sich nicht vermindert.« »Wenn mein Rat Ihnen irgendwie nützen kann, so verfügen Sie über mich. Übrigens tun Sie gut, wenn Sie sich heiter und ruhig zeigen. Handelt es sich um einen Auftrag hier in Rom?« »Nein; um eine Reise, die ich in acht oder zehn Tagen antreten muß.« »Nach welcher Richtung?« »Nach Westen.« »Ich bin nicht neugierig.« Ich ging allein nach dem Garten der Villa Borghese, wo ich zwei Stunden in düsterer Verzweiflung verbrachte. Ich liebte Rom, ich hatte mich bereits auf der breiten Straße zum Glück gesehen, und nun auf einmal sah ich mich in den Abgrund gestürzt, wußte nicht wohin und war in meinen schönsten Hoffnungen getäuscht. Ich prüfte mein Verhalten, ich beurteilte mich selber mit aller Strenge, ich konnte keine andere Schuld an mir finden als eine zu weit gehende Gefälligkeit; aber ich sah jetzt, wie sehr der wackere Abbate Georgi recht gehabt hatte. Ich hätte mich nichts nur nicht in die Geschichten des Liebespaares einmischen dürfen, sondern ich hätte sofort einen anderen Sprachlehrer nehmen müssen, sobald ich davon erfuhr. Aber wenn der Kranke tot ist, ruft man den Arzt. Übrigens war ich ja so jung und wußte noch uichts von Unglück und noch weniger von der Bosheit der Welt; da konnte ich allerdings kaum schon jene Vorsicht haben, die man allein durch Lebenserfahrung erwirbt. Wohin sollte ich gehen? Diese Frage schien mir unlösbar. Ich dachte die ganze Nacht und den ganzen Vormittag darüber nach, aber vergeblich. Wenn ich nicht in Rom sein konnte, war mir alles gleichgültig. Am Abend hatte ich keine Lust zum Essen und zog mich auf mein Zimmer zurück; Abbate Gama suchte mich auf und meldete mir, der Kardinal lasse mir sagen, ich möge für den anderen Tag keine Einladung zum Mittagessen annehmen, denn er habe mit mir zu sprechen. Wie er befohlen, suchte ich ihn in der Villa Negroni auf; er ging mit seinem Sekretär spazieren, der sich aber entfernte, sobald er mich bemerkte. Sobald ich mich mit ihm allein sah, erzählte ich ihm mit allen Einzelheiten das ganze Drama der beiden Liebenden. Hierauf schilderte ich ihm in den lebhaftesten Farben meine große Trauer über die Notwendigkeit, mich von ihm zu trennen. »Ich habe mich um all mein Glück gebracht, denn ich fühle, daß ich es nur im Dienste Eurer Eminenz machen kann.« So betete ich ihm fast eine Stunde lang unter strömenden Tränen meine Litanei her; aber es gelang mir nicht, seinen Entschluß zu erschüttern. Gütig, aber dringend redete er mir zu, ich möchte ihm sagen, nach welchem Orte Europas ich gehen wolle, und in Ärger und Verzweiflung sagte ich schließlich: »Nach Konstantinopel.« »Nach Konstantinopel?« sagte er, zwei Schritte zurücktretend. »Jawohl, Monsignore; nach Konstantinopel!« wiederholte ich, meine Tränen trocknend. Der Prälat war ein geistvoller Mann, aber Spanier durch und durch; er schwieg einige Augenblicke und sagte dann mit einem Lächeln: »Ich danke Ihnen, daß Sie mir nicht Ispahan genannt haben; denn da hätten Sie mich wirklich in Verlegenheit gebracht. Wann wollen Sie abreisen?« »Heute in acht Tagen, wie Eure Eminenz befehlen.« »Wollen Sie in Neapel oder in Venedig zu Schiff gehen?« »In Venedig.« »Ich werde Ihnen einen Paß ausfertigen lassen, durch den Sie besonders empfohlen werden sollen; denn Sie finden in der Romagna zwei Heere in Winterquartieren. Mich dünkt, Sie können überall erzählen, daß ich Sie nach Konstantinopel schicke; denn kein Mensch wird Ihnen glauben.« Über diese diplomatische List hätte ich beinahe gelacht. Er sagte mir, ich würde bei ihm speisen, ließ mich stehen und ging wieder zu seinem Sekretär. Als ich wieder zu Hause war, dachte ich über die von mir getroffene Wahl nach und fragte zu mir selber: Entweder bin ich verrückt, oder ich gehorche der Macht eines geheimen Schutzgeistes, der an jenem Ort mein Schicksal für mich bereit hält. Das einzige, was ich noch begriff, war, daß der Kardinal ohne Widerspruch zugestimmt hatte. Ohne Zweifel, sagte ich mir, sollte ich nicht glauben, daß er sich über seine Kräfte gerühmt hätte, als er mir sagte, er habe Freunde überall. An wen kann er mich wohl in Konstantinopel empfehlen? Und was werde ich dort anfangen? Gewiß, davon weiß ich nichts, aber nach Konstantinopel muß ich gehen! Ich speiste mit Seiner Eminenz unter vier Augen. Der Kardinal behandelte mich vor seinen Leuten mit ganz besonderer Güte, und ich tat, als ob ich sehr zufrieden sei; denn meine Eitelkeit war stärker als mein Kummer und verbot mir, die Zuschauer ahnen zu lassen, daß ich in Ungnade gefallen sein könnte. Übrigens war mein größter Kummer, daß ich die Marchesa verlassen mußte, in die ich verliebt war, und von der ich noch nichts Wesentliches erlangt hatte. Zwei Tage später gab der Kardinal mir einen Paß nach Venedig und einen versiegelten Brief, der an Osman Bonneval, Pascha von Karamanien in Konstantinopel überschrieben war. Ich konnte niemandem etwas darüber sagen; aber da Seine Eminenz mir das nicht verboten hatte, so zeigte ich die Adresse des Briefes allen meinen Bekannten. Der venezianische Botschafter, Cavaliere da Lezze, gab mir einen Brief an einen sehr liebenswürdigen reichen Türken, der sein Freund gewesen war. Don Gasparo und Abbate Georgi baten mich, ihnen zu schreihen. Abbate Gama aber sagte mir lachend mit aller Bestimmtheit, er wisse, daß ich nicht nach Konstantinopel gehe. Ich machte einen Abschiedsbesuch bei Donna Cecilia, die kurz vorher einen Brief von Lucrezia erhalten hatte; sie schrieb ihr, sie werde bald das Glück haben, Mutter zu sein. Auch von Angelica und Don Francesco verabschiedete ich mich; sie waren seit kurzem verheiratet und hatten mich nicht zu ihrer Hochzeit eingeladen. Der Papst, der mich nicht in Verwunderung setzte, als er von seinen Bekanntschaften in Konstantinopel sprach und von Bonneval, den er genau kannte, an den er mir sogar Grüße und die Bestellung auftrug, er bedauere, ihm seinen Segen nicht schicken zu können, gab ihn mir um so kräftiger, zugleich einen Rosenkranz von Achat und Gold, etwa zwölf Zechinen wert. Als ich zum Kardinal Acquaviva ging, um seine letzten Befehle einzuholen, übergab er mir eine Börse mit hundert spanischen Unzen oder Goldquadrupeln, soviel wie siebenhundert Zechinen. Ich selber hatte dreihundert, das machte zusammen tausend. Zweihundert behielt ich; für den Rest nahm ich einen Wechsel über sechszehnhundert römische Taler auf einen Ragusaner, Giovanni Buchetti, der ein Haus in Ancona hatte. Hierauf nahm ich einen Platz in einer Berline, worin eine Dame nach Loretto fuhr, um ein Gelübde zu erfüllen, das sie während der Krankheit ihrer Tochter getan hatte. Diese Tochter reiste mit ihr. Da sie häßlich war, so hatte ich eine ziemlich langweilige Reise. Zehntes Kapitel Mein kurzer, zu lebenslustiger Aufenthalt in Ancona. – Cecilia, Marina, Bellino. – Die griechische Sklavin vom Lazarett. – Bellino gibt sich zu erkennen. Ich traf in Ancona am 25. Februar des Jahres 1744 ein und stieg im besten Gasthof ab. Mein Zimmer gefiel mir. Ich sagte dem Wirt, ich wolle Fleisch essen, aber er antwortete mir, in der Fastenzeit äßen Christenmenschen Fastenspeisen. »Der Heilige Vater hat mir die Erlaubnis gegeben, Fleisch zu essen.« »Zeigen Sie mir diese Erlaubnis.« »Er hat sie mir mündlich gegeben.« »Herr Abbate, ich bin nicht verpflichtet, Ihnen zu glauben.« »Sie sind ein Dummkopf !« »In meinem Hause bin ich Herr, und ich bitte Sie, in einen anderen Gasthof zu gehen!« Eine derartige Antwort und Aufforderung, auf die ich ganz und gar nicht gefaßt war, brachte mich in Zorn. Ich fluche, schimpfe, schreie, als plötzlich ein würdevoller Herr ins Zimmer tritt und zu mir sagt: »Mein Herr, Sie haben unrecht, daß Sie Fleisch essen wollen, während in Ancona die Fastenspeisen viel besser sind. Sie haben unrecht, daß Sie den Wirt zwingen wollen, Ihnen auf Ihr Wort zu glauben, und wenn Sie die Erlaubnis des Papstes haben, so haben Sie unrecht, daß Sie in Ihrem Alter sie verlangt haben. Sie haben unrecht, daß Sie sich die Erlaubnis nicht schriftlich geben ließen. Sie haben unrecht, daß Sie den Wirt Dummkopf nennen, denn das ist ein Kompliment, das kein Mensch sich in seinem eigenen Hause gefallen zu lassen braucht. Und endlich haben Sie unrecht, daß Sie solchen Lärm machen.« Dieser Mensch, der da in mein Zimmer kam, bloß um mich abzukanzeln und mir alles mögliche Unrecht aufzubinden, reizte meine Lachlust, statt mich noch verdrießlicher zu machen, und ich antwortete: »Gerne, mein Herr, gebe ich alles Unrecht zu, dessen Sie mich beschuldigen; aber es regnet, es ist spät, ich bin müde und habe guten Appetit; mit anderen Worten: ich habe ganz und gar keine Lust, ein anderes Quartier zu suchen. Wollen Sie mir ein Abendessen geben, da der Wirt sich weigert?« »Nein,« sagte er sehr bestimmt; »denn ich bin ein guter Christ und faste. Aber ich erbiete mich, den Wirt zu besänftigen; der wird Ihnen ein ausgezeichnetes Abendessen gehen.« Mit diesen Worten ging er die Treppen hinunter; und indem ich meine Ungebärdigkeit mit seiner Ruhe verglich, erkannte ich ihn als würdig an, mir einen Denkzettel zu geben. Gleich darauf kam er zurück und sagte mir, alles wäre beigelegt und ich würde gut bedient werden. »Sie wollen also nicht mit mir speisen?« »Nein; aber ich werde Ihnen Gesellschaft leisten.« Ich nahm dies Anerbieten mit Freuden an; um seinen Namen zu erfahren, stellte ich mich ihm vor, wobei ich mich als Sekretär des Kardinals Acquaviva bezeichnete. »Ich heiße Sancho Pico,« sagte er, »bin Kastilianer und verpflege die Armee Seiner katholischen Majestät, die der Graf Gages unter dem Oberbefehl des Generalissimus, des Herzogs von Modena, kommandiert.« Mein ausgezeichneter Appetit erregte seine Bewunderung, und er fragte mich, ob ich zu Mittag gegessen hätte. Ich verneinte und bemerkte auf seinem Gesicht einen Ausdruck von Befriedigung. »Fürchten Sie nicht, daß das Abendessen Ihnen schlecht bekommen könnte?« fuhr er fort. »Ich hoffe im Gegenteil, es wird mir sehr gut tun.« »Sie haben also den Papst getäuscht?« »Nein; denn ich habe ihm nicht gesagt, dass ich keinen Appetit hätte, sondern nur, daß ich lieber Fleisch als Fastenspeisen äße.« »Wenn Sie gute Musik hören wollen,« sagte er einen Augenblick darauf, »so kommen Sie mit mir ins Nebenzimmer, die Primadonna wohnt da.« Das Wort ›Primadonna‹ erregte meine Neugier, und ich folgte ihm. Ich sehe an einem Tisch eine schon ältere Frau mit zwei jungen Mädchen und zwei Knaben, vergebens aber suche ich die Primadonna. Don Sancho Pico stellte sie mir vor, indem er auf den einen Knaben zeigte, der von entzückender Schönheit und höchstens siebzehn Jahre alt war. Ich dachte, es sei ein Castrato, der als Primadonna auftrete, denn das Theater zu Ancona ist den Gesetzen für die römische Bühne gleichfalls unterworfen. Die Mutter stellte mir ihren anderen Sohn vor, der ebenfalls sehr hübsch war; doch sah er, obwohl jünger, männlicher aus als der Castrato; er hieß Petronio. Dieser setzte die Serie der Verwandlungen fort, denn er trat als erste Tänzerin auf. Das älteste der beiden Mädchen, die mir von der Mutter ebenfalls vorgestellt wurden, hieß Cecilia und lernte Musik. Sie war erst zwölf Jahre alt; die jüngere, Marina, zählte elf und war wie ihr Bruder dem Kultus Terpsichorens geweiht. Beide waren sehr hübsch. Die Familie war aus Bologna und lebte vom Ertrag ihrer Talente; Gefälligkeit und Frohsinn ersetzten ihr den fehlenden Reichtum. Bellino, so hieß der Kastrat, gab endlich den dringenden Bitten Don Sanchos nach, setzte sich ans Klavier und sang mit einer Engelstimme und mit bezaubernder Anmut. Der Kastilianer hörte mit geschlossenen Augen und in einer Art von Verzückung zu; ich aber schloß keineswegs meine Augen, sondern bewunderte Bellinos schwarze und feurige Augen, welche Funken zu sprühen schienen, von denen ich, wie ich bald fühlte, entflammt wurde. Ich entdeckte an ihr mehrere Züge Lucrezias und die anmutigen Manieren der Marchesa, und alles an ihr verriet mir ein schöne Weib; denn ihre Männertracht verbarg nur unvollkommen den schönsten Busen. Trotz der Vorstellung durch Don Sancho setzte ich mir daher in den Kopf, der angebliche Bellino sei eine verkleidete Schönheit; meine entfesselte Phantasie nahm freien Lauf, und ich war bis über die Ohren verliebt. Nachdem wir bei der Familie zwei köstliche Stunden verbracht hatten, entfernte ich mich mit dem Kastilianer, der mich nach meinem Zimmer brachte. »Ich reise«, sagte er zu mir, »in aller Frühe mit dem Abbate Vilmarcati nach Sinigaglia, aber ich werde übermorgen abend zum Nachtessen zurück sein.« Ich wünschte ihm glückliche Reise und sagte, wir würden uns gewiß unterwegs begegnen, denn ich würde wahrscheinlich am übernächsten Tage abreisen, da ich hier nur einen Besuch bei meinem Bankier zu machen hätte. Ganz erfüllt von dem Eindruck, den Bellino auf mich gemacht hatte, legte ich mich zu Bett, und es ärgerte mich abreisen zu sollen, ohne ihm bewiesen zu haben, daß ich mich von der Verkleidung nicht täuschen ließe. Ich war daher natürlich sehr angenehm überrascht, als ich ihn am anderen Morgen bei mir eintreten sah, sobald ich meine Tür geöffnet hatte. Er wollte mir das Anerbieten machen, ich solle während meines Aufenthaltes seinen jüngeren Bruder als Bedienten anstellen, statt des Lohndieners, den ich sonst hätte nehmen müssen. Gern erklärte ich mich einverstanden und schickte sofort Petronio hinunter, um Kaffee für mich und die ganze Familie zu holen. Ich ließ Bellino sich auf mein Bett setzen in der Absicht ihm Komplimente zu machen und ihn als Mädchen zu behandeln, aber plötzlich kommen die beiden jungen Schwestern herein und laufen auf mich zu; dies warf meine Pläne über den Haufen. Indessen bildete das Trio vor meinen Augen ein Gemälde, das mir nicht mißfallen konnte: ungeschminkte Schönheit und naive, natürliche Fröhlichkeit von dreifach verschiedener Art, nämlich zarte Zutraulichkeit, Theatergeist und die hübschen bologneser Scherzchen und kleinen Possierlichkeiten, die ich noch nicht kannte. Dies alles war reizend und würde mich in gute Laune versetzt haben, wenn es solchen Antriebes überhaupt bedurft hätte. Cecilia und Marina waren zwei liebliche Rosenknospen, die, um sich zu öffnen, nur darauf warteten, daß der Hauch, nicht des Zephirs, sondern der Liebe sie berührte; und ganz gewiß hätte ich sie vor Bellino vorgezogen, wenn ich in diesem nur einen traurigen Auswurf der Menschheit gesehen hätte oder vielmehr nur ein bedauernswertes Opfer priesterlicher Grausamkeit. Denn trotz ihrer Jugend verrieten die beiden liebenswürdigen Mädchen durch ihre hübschen sprossenden Brüste frühzeitige Mannbarkeit. Petronio kam mit dem Kaffee und wartet uns auf; der Mutter schickte ich ihren Anteil in ihr Zimmer, das sie niemals verließ. Dieser Petronio war ein richtiger Giton Nach dem schönen Lustknaben im Satiricon des Petronius; der Name ist zum Gattungsbegriff geworden. , sogar ein berufsmäßiger. Das ist nicht selten in Italien, wo in dieser Beziehung weder eine so unverkünftige Unduldsamkeit herrscht wie in England, noch eine so wilde und grausame Verfolgung wie in Spanien. Ich hatte ihm eine Zechine gegeben, um den Kaffee zu bezahlen, und als ich ihm den Überschuß, 18 Paoli, schenkte, bezeigte er mir seine Dankbarkeit dafür, indem er mir mit halbgeöffnetem Munde einen wollüstigen Kuß auf die Lippen drückte; allerdings hatte ich ganz und gar nicht den Geschmack, den er bei mir voraussetzte. Ich klärte ihn darüber auf, und er schien es sich keineswegs zu Herzen zu nehmen. Dann befahl ich ihm, Mittagessen für sechs Personen zu bestellen, aber er sagte mir, er werde nur für vier bestellen, denn er müsse seiner lieben Mutter Gesellschaft leisten, die stets im Bett speise. Jedes nach seinem Geschmack! Ich ließ ihm seinen Willen. Zwei Minuten darauf kam der Wirt zu mir und sagte: »Herr Abbate, ich mache Sie darauf aufmerksam, daß die von Ihnen Eingeladenen für zwei essen; ich kann Ihnen daher nur aufwarten, wenn ich Sie entsprechend bezahlen lasse. Unter sechs Paoli auf den Kopf kann ich nicht anrichten.« »Schon recht,« antwortete ich, »aber bedienen Sie uns gut!« Sobald ich angezogen war, glaubte ich der gefälligen Mutter guten Tag sagen zu müssen. Ich trat in ihr Zimmer ein und machte ihr ein Kompliment über ihre Kinder. Sie dankte mir für das Geschenk, das ich ihrem Sohn gemacht, und begann mir darauf ihre Not zu schildern: »Der Theaterunternehmer ist ein Barbar, der mir für den ganzen Karneval« nur fünfzig römische Taler hat geben wollen. Diese haben wir für unseren Lebensunterhalt verbraucht, und jetzt können wir nach Bologna zurückkehren, wenn wir zu Fuß wandern und unterwegs betteln.« Ihr Vertrauen erweckte mein Mitleid; ich zog aus meiner Börse einen Goldquadrupel und gab ihr diesen, worüber sie Tränen der Freude und Dankbarkeit vergoß. »Ich verspreche Ihnen einen zweiten, Signora, wenn Sie mir ein Geständnis machen wollen: sagen Sie mir offen, daß Bellino ein hübsches, verkleidetes Mädchen ist.« »Verlassen Sie sich darauf, er ist es nicht; aber er sieht so aus.« »Er hat das Aussehen und den Klang der Stimme, Signora; ich bin Kenner.« »Natürlich ist er ein Knabe; er hat sich ja untersuchen lassen müssen, um auf der Bühne auftreten zu können.« »Von wem denn?« »Vom hochwürdigsten Beichtvater Seiner Gnaden des Herrn Bischofs.« »Von einem Beichtvater!« »Ja, und Sie können sich davon überzeugen; Sie brauchen ihn nur zu fragen.« »Ich werde meiner Sache nur gewiß sein, wenn ich selber ihn untersuche.« »Tun Sie das, wenn er einverstanden ist; aber ich kann mich mit gutem Gewissen nicht in die Sache einmischen, denn ich kenne Ihre Absichten nicht.« »Diese sind ganz natürlicher Art.« Ich ging in mein Zimmer zurück und ließ mir von Petronio eine Flasche Cyperwein holen. Er führte den Auftrag aus und brachte mir als Rest auf eine Dublone, die ich ihm mitgegeben hatte, sieben Zechinen zurück. Diese verteilte ich unter Bellino, Cecilia und Marina und bat dann die beiden kleinen Mädchen, mich mit ihrem Bruder allein zu lassen. »Bellino, ich bin überzeugt, daß Sie anders gebaut sind als ich. Meine Liebe, Sie sind ein Mädchen!« »Ich bin Mann, aber Kastrat. Man hat mich untersucht.« »Lassen Sie sich auch von mir untersuchen; ich gebe Ihnen eine Dublone.« »Das kann ich nicht; denn offenbar lieben Sie mich, und das verbietet die Religion.« »Beim Beichtvater des Bischofs haben Sie nicht solche Schwierigkeiten gemacht.« »Der war ein alter Priester; übrigens hat er nur einen flüchtigen Blick auf mich geworfen.« »Ich werde es gleich wissen!« sagte ich mit einem kühnen Griff. Bellino stieß mich zurück und stand auf. Diese Halsstarrigkeit ärgerte mich, denn ich hatte schon fünfzehn oder sechzehn Zechinen ausgegeben, um meine Neugierde zu befriedigen. Mit verdrießlichem Gesicht setzte ich mich zu Tisch; aber der ausgezeichnete Appetit meiner hübschen Gäste gab mir meine gute Laune wieder, und ich dachte, eigentlich sei es doch besser, fröhlich zu sein als zu schmollen; in dieser Stimmung beschloß ich mich an den beiden reizenden jüngeren Schwestern schadlos zu halten, die mir zu losen Scherzen sehr geneigt zu sein schienen. Ich saß in ihrer Mitte an einem guten Feuer, und wir aßen gebratene Kastanien, die wir mit Cyperwein befeuchteten; bald begann ich nach rechts und nach links einige unschuldige Küsse auszuteilen. Aber es dauerte nicht lange, so betasteten meine gierigen Hände alles, was meine Lippen küssen konnten, und Cecilia und Marina ergötzten sich sehr an diesem Spiele. Da Bellino lächelte, so umarmte ich auch ihn, und da sein halboffenes Spitzenjabot meine Hand herauszufordern schien, so erkühnte ich mich und drang ein, ohne Widerstand zu finden. Niemals hatte der Meißel des Prariteles einen so schönen Busen geformt. »An diesem Zeichen«, sagte ich zu ihr, »erkenne ich zweifellos, daß Sie ein vollendet schönes Weib sind.« »Dies ist«, antwortete sie, »ein Mangel, den ich mit allen meinesgleichen teile.« »Nein, es ist die höchste Vollkommenheit aller Ihresgleichen. Bellino, glauben Sie mir, ich bin Kenner genug, um den häßlichen Busen eines Kastraten von dem einer schönen Frau unterscheiden zu können; und dieser Alabasterbusen gehört einer jungen Schönheit von siebzehn Jahren.« Wer wüßte nicht, daß eine von der höchsten Reizen entflammte Liebe in der Jugend erst dann einhält, wenn sie Befriedigung gefunden hat, und daß das Erlangen einer Gunstbezeigung nur dazu antreibt, eine noch größere Gunst zu gewähren? Ich war auf gutem Wege, und darum wollte ich noch weiter gehen und mit glühenden Küssen den Busen bedecken, der meiner Hand preisgegeben war; aber der falsche Bellino tat, wie wenn er erst in diesem Augenblick bemerkte, daß ich eines unerlaubten Vergnügens genösse; er stand auf und entfloh. In das Feuer der Liebe mischte sich nun Zorn; es war mir unmöglich, ihn zu verachten, weil ich dann zuerst mich selber hätte verachten müssen, aber ich fühlte das Bedürfnis mich zu beruhigen, indem ich meine Leidenschaft befriedigte oder ablenkte; ich bat daher Cecilia, die Bellinos Schülerin war, mir einige neapolitanische Lieder zu singen. Hierauf ging ich aus und begab mich zum Bankier, wo ich mir zum Austausch für den bei ihm fälligen Wechsel einen Sichtwechsel auf Bologna geben ließ. Nach meiner Rückkehr nahm ich ein leichtes Abendessen mit den kleinen Mädchen ein; hierauf zog ich mich aus, um mich zu Bett zu legen, nachdem ich Petronio befohlen hatte, mir für Tagesanbruch einen Wagen zu bestellen. Im Augenblick, wo ich die Tür verschließen wollte, kam Cecilia halb ausgezogen und sagte mir, Bellino lasse mich fragen, ob ich ihn nach Rimini mitnehmen wolle, wo er nach Ostern in der Oper singen wolle. »Sage ihm, mein kleiner Engel, ich werde ihm sehr gerne dieses Vergnügen bereiten, wenn er mir in deiner Gegenwart das von mir gewünschte Vergnügen machen will; ich will durchaus wissen, ob er ein Knabe oder ein Mädchen ist.« Sie ging, kam sofort wieder und sagte mir, Bellino sei schon zu Bett, aber er verspreche mir, am nächsten Tage meinen Wunsch zu erfüllen, wenn ich meine Abreise nur um vierundzwanzig Stunden verschieben wolle. »Sage mir die Wahrheit, Cecilia, und ich gebe dir sechs Zechinen.« »Ich kann sie mir nicht verdienen, denn ich habe ihn niemals ganz nackt gesehen, und ich kann nicht darauf schwören, ob er ein Mädchen ist oder nicht. Aber er muß doch wohl ein Knabe sein, denn sonst hätte er nicht hier auf dem Theater auftreten dürfen.« »Gut, ich werde erst übermorgen abreisen, wenn du nur diese Nacht Gesellschaft leisten willst.« »Sie lieben mich also?« »Sehr – wenn du gut sein willst.« »Sehr gut will ich sein; denn ich habe Sie ebenfalls sehr lieb. Ich werde meiner Mutter Bescheid sagen.« »Du hast gewiß einen Liebhaber?« »Ich habe niemals einen gehabt.« Sie ging und kam gleich darauf freudestrahlend zurück, um mir zu sagen, ihre Mutter halte mich für einen Ehrenmann. Die Hauptsache war ohne Zweifel, daß sie mich für freigebig hielt. Cecilia schloß die Tür, warf sich in meine Arme und küßte mich. Sie war hübsch und lieblich, aber ich war nicht in sie verliebt und konnte nicht zu ihr sagen: Lucrezia, du hast mein Glück gemacht. Aber sie sagte mir dieses, ohne daß ich mich jedoch dadurch besonders geschmeichelt fühlte; indessen tat ich so, als glaubte ich es ihr. Bei meinem Erwachen erhielt sie von mir einen zärtlichen Morgengruß, und nachdem ich ihr drei Dublonen gegeben hatte, worüber jedenfalls ihre Mutter sich ganz besonders freuen mußte, entließ ich sie, ohne ihr erst ewige Treue zu schwören; denn diese Schwüre sind ebenso leichtfertig wie abgeschmackt; und selbst der verständigste Mann sollte sie niemals auch der schönsten Frau gegenüber anwenden. Nach dem Frühstück ließ ich den Wirt heraufkommen und bestellte bei ihm ein ausgezeichnetes Abendessen für fünf Personen, denn ich war überzeugt, daß Don Sancho, der am Abend zurückkehren sollte, mir nicht die Ehre verweigern würde, mit mir zu Nacht zu speisen; in dieser Hoffnung beschloß ich, nicht zu Mittag zu essen. Die Bologneser Familie hatte es nicht nötig, mein Vorbild nachzuahmen, um eines guten Appetits für den Abend sicher zu sein. Ich ließ Bellino rufen und forderte ihn auf, sein Versprechen zu halten; aber er sagte mir lachend, der Tag sei noch nicht zu Ende und es sei sicher, daß er mit mir abreisen werde. »Ich mache Sie darauf aufmerksam, daß dies nicht der Fall sein wird, wenn ich nicht völlig zufriedengestellt werde.« »Sie werden es sein.« »Ist es Ihnen recht, wenn wir zusammen einen Spaziergang machen?« »Gern – ich werde mich anziehen.« Während ich auf ihn warte, kommt Marina und fragt mich mit schmollendem Gesicht, womit sie es verdient habe, daß ich sie verachte. »Cecilia hat die Nacht mit Ihnen verbracht; morgen reisen Sie mit Bellino ab; nur ich allein bin unglücklich.« »Willst du Geld?« »Nein; denn ich liebe Sie.« »Aber, Marina, du bist zu jung!« »Ich bin kräftiger als meine Schwester.« »Es ist aber auch möglich, daß du einen Liebhaber hast.« »O, gewiß nicht!« »Schön denn; wir werden heute abend sehen.« »Famos! Ich werde Mama sagen, daß sie für morgen frische Bettücher bereit halten soll; denn sonst würde man es im Gasthof merken.« Ich bewunderte die Früchte einer Theatererziehung; aber es machte mir Spaß. Bellino kam, wir gingen aus und lenkten unsere Schritte nach dem Hafen. Auf der Reede lagen mehrere Schiffe, unter anderen ein venetianisches und ein türkisches. Ich ließ mich an Bord des ersteren fahren und besichtigte es mit Interesse; da ich aber keinen Bekannten fand, verließ ich es bald wieder und fuhr mit Bellino zu dem türkischen Schiff hinüber, wo mich die romanhafteste Überraschung erwartete. Die erste Person, die ich bemerkte, war die schöne Griechin, die ich vor sieben Monaten zu Ancona im Lazarett verlassen hatte. Sie stand neben dem alten Kapitän. Seine schöne Gefangene scheinbar gar nicht bemerkend, fragte ich ihn, ob er schöne Waren zu verkaufen habe. Er führte uns in die Kajüte, und indem ich einen Seitenblick auf seine schöne Griechin warf, las ich in ihren Augen die höchste Freude über unser Wiedersehen. Ich tat, als gefiele mir nichts von dem, was der Türke mir zeigte; schließlich sagte ich ihm, wie wenn ich eine plötzliche Eingebung hätte, ich würde gerne etwas Hübsches kaufen, das seiner schönen Gattin gefiel. Er lächelte und verließ die Kajüte, nachdem die Griechin ihm etwas auf türkisch gesagt hatte. Kaum war er unseren Blicken entschwunden, so fiel die neue Aspasia mir um den Hals und rief: »Der Augenblick des Glücks ist da!« Ich hatte nicht weniger Mut als sie, nahm eine geeignete Stellung ein und machte ihr in einem Nu, was ihr Gebieter ihr in fünf Iahren nicht gemacht hatte. Ich war noch nicht ganz am Ziel meiner Wünsche, als die unglückliche Griechin ihren Herrn zurückkommen hörte; mit einem Seufzer entriß sie sich meinen Armen und stellte sich so geschickt vor mich, daß ich Zeit hatte, meine Kleider wieder in Ordnung zu bringen; sonst hätte das Abenteuer mir das Leben oder wenigstens all mein Hab und Gut gekostet. Lachen mußte ich in dieser eigentümlichen Lage über Bellinos Überraschung ; er stand wie erstarrt da und zitterte an allen Gliedern. Die Nippsachen, die die schöne Sklavin wählte, kosteten mir nur etwa dreißig Zechinen. »Spolaitis!« sagte sie mir in ihrer Sprache; der Türke befahl ihr, mich zu umarmen, sie aber verhüllte ihr Gesicht und lief hinaus. Ich verließ das Schiff mehr traurig als zufrieden; denn es tat mir leid, daß sie trotz ihrem Mut nur eine unvollständige Befriedigung hatte erreichen können. Sobald wir wieder in unserer Veluke waren, sagte Bellino, der sich von seiner Furcht erholt hatte, ich hätte ihm ein wahres Wunder gezeigt, das kaum glaublich wäre, ihm aber einen eigentümlichen Begriff von meinem Charakter gäbe; der Charakter der Griechin sei überhaupt nicht verständlich, ich müßte ihm denn etwa versichern können, daß alle Weiber ihres Landes ebenso wären wie sie. »Wie unglücklich müssen sie sein« rief er aus. »Glauben Sie denn,« fragte ich ihn, »daß die Koketten glücklicher sind?« »Nein; aber ich verlange, daß ein Weib, wenn es aufrichtig ist, sich erst ergibt, nachdem es mit sich selber gekämpft hat; sie darf nicht dem ersten Antrieb eines wollüstigen Wunsches nachgehen, sie darf nicht dem ersten besten, der ihr gefällt, sich hingeben wie ein Tier, das nur den Trieben seiner Sinne folgt. Geben Sie mir zu, daß diese Griechin Ihnen ein sicheres Zeichen gegeben hat, daß Sie ihr gefallen haben; daß sie Ihnen aber ein nicht weniger sicheres Zeichen ihrer rohen Sinnlichkeit gegeben hat, und zwar mit einer Schamlosigkeit, die sie der Gefahr aussetzte, schimpflich zurückgewiesen zu werden ; denn sie konnte nicht wissen, ob Sie sich ebenso stark zu ihr hingezogen fühlten, wie sie sich zu Ihnen. Sie ist sehr hübsch, und alles ist gut gegangen; aber der ganze Vorfall hat mich in eine Aufregung versetzt, von der ich mich noch nicht erholt habe.« Ich hätte Bellino leicht aus seinem Erstaunen reißen und ihm seinen Irrtum benehmen können ; aber eine derartige Aufklärung wäre nicht im Interesse meiner Eitelkeit gelegen; daher schwieg ich. Denn wenn Bellino, wie ich bestimmt glaubte, ein Mädchen war, so wünschte ich ihr die Überzeugung beizubringen, daß ich auf die körperliche Betätigung der Liebe im Grunde einen sehr geringen Wert legte, und daß es sich nicht lohnte, zur List zu greifen, um ihre Folgen zu verhindern. Gegen Abend hörte ich Don Sanchos Wagen in den Hof des Wirtshauses einfahren; ich beeilte mich, ihn zu empfangen, und sagte ihm, er werde nur hoffentlich verzeihen, daß ich darauf gerechnet habe, er werde mir die Ehre erweisen, mit mir und Bellino zu Nacht zu speisen. Würdevoll und höflich bedeutete er mir, meine Aufmerksamkeit mache ihm das größte Vergnügen, und nahm die Einladung an. Die auserlesensten Speisen, die besten spanischen Weine, und mehr als alles dieses, die Fröhlichkeit und die entzückenden Stimmen Bellinos und Cecilias ließen den Kastilianer fünf köstliche Stunden verbringen. Um Mitternacht verließ er mich mit den Worten, er könne sich nicht für völlig befriedigt erklären, wenn ich ihm nicht das Versprechen gebe, am nächsten Tage in seinem Zimmer mit derselben Gesellschaft zu Abend zu speisen. Ich mußte also meine Abreise noch um einen Tag aufschieben; aber ich nahm an. Kaum war Don Sancho gegangen, so forderte ich Bellino auf, sein Wort zu halten; aber er sagte mir, Marina erwarte mich, und da ich ja den nächsten Tag noch bleibe, so werde er schon einen günstigen Augenblick finden, um mich zufrieden zu stellen. Hierauf wünschte er mir gute Nacht und ging. Marinetta lief freudestrahlend an die Tür, schob den Siegel vor und eilte dann mit flammenden Blicken auf mich zu. Obgleich sie ein Jahr jünger war als Cecilia, waren ihre Formen schon reifer entwickelt, und sie schien mich überzeugen zu wollen, daß sie mehr wert sei als ihre Schwester. Da sie jedoch fürchtete, die Anstrengung der vergangenen Nacht möchte meine Kräfte erschöpft haben, so kramte sie alle verliebten Ideen ihrer Seele vor mir aus, sprach lang und breit über alles, was sie von dem großen Mysterium wusste, das sie mit mir vollziehen sollte, und von allen Versuchen, die sie gemacht hatte, sich unvollkommene Kenntnisse zu verschaffen; dies alles brachte sie mit der Zusammenhangslosigkeit ihres kindlichen Alters vor. Wie ich bald merkte, fürchtete sie, ich möchte sie nicht als Jungfer befinden und ihr Vorwürfe darüber machen. Ihre Unruhe machte mir Spaß, und ich beruhigte sie, indem ich ihr sagte, die sogenannte Mädchenblume sei etwas, das die Natur vielen Mädchen verweigere, und Männer, die sich darüber beklagten, seien in meinen Augen Dummköpfe. Mein Sachverständnis gab ihr Mut und Vertrauen, und ich sah mich genötigt, ihr zu gestehen, daß sie ihrer Schwester weit überlegen sei. »Ich bin entzückt darüber!« rief sie; »wir wollen die ganze Nacht verbringen, ohne einen Augenblick zu schlafen.« »Der Schlaf, liebes Kind, wird uns zustatten kommen; er wird uns neue Kräfte geben, und diese werden dich morgen früh für eine nach deiner Meinung vielleicht verlorene Zeit entschädigen.« Und in der Tat wurde nach einem süßen Schlummer das Erwachen für sie zu einer Reihe von neuen Triumphen; sie war überselig, als ich ihr beim Abschied drei Dublonen gab, die sie ihrer Mutter überbrachte, wodurch in dieser der unersättliche Wunsch erregt wurde, neue Wohltaten von der Vorsehung anzunehmen. Ich ging zu meinem Bankier, um mir Geld zu holen, da ich nicht wissen konnte, was mir unterwegs zustoßen würde; denn ich hatte genossen, aber ich hatte zu viel ausgegeben. Außerdem blieb mir noch Bellino, der, wenn er Mädchen war, mich gegen sich nicht weniger freigebig finden durfte, als gegen seine jungen Schwestern. Dies mußte sich im Laufe des Tages entscheiden; ich glaubte übrigens des Ergebnisses sicher zu sein. Es gibt Leute, die da sagen, das Leben sei nur eine Anhäufung von lauter Unglück, was darauf hinausliefe, daß unser Dasein ein Unglück wäre; aber wenn das Leben ein Unglück ist, so ist der Tod gerade das Gegenteil, also Glück; denn der Tod ist dem Leben genau entgegengesetzt. Diese Schlußfolgerung kann etwas gezwungen erscheinen. Aber die Menschen, die eine solche Sprache führen, sind sicherlich entweder krank oder arm. Denn wenn sie einer guten Gesundheit genössen, wenn sie eine wohlgespickte Börse hätten, Fröhlichkeit im Herzen, dazu eine Cecilia, eine Marina, und Hoffnung auf noch viel besseres – o, gewiß, da würden sie ihre Meinung ändern. Ich halte solche Leute für Pessimisten, die es nur unter bettelhaften Philosophen und unter heuchlerischen oder schwarzgalligen Pfaffen gegeben haben kann. Wenn es Freude gibt, und wenn man Freude nur genießen kann, solange man am Leben ist – dann ist das Leben ein Glück. Es gibt Unglück, davon weiß ich selber etwas; aber das Vorhandensein gerade dieses Unglücks beweist, daß im großen und ganzen genommen das Glück überwiegt. Weil man bei einer Fülle von Rosen einige Dornen findet, darf man deshalb die Existenz dieser schönen Blume verkennen? Nein; man verleumdet das Leben, wenn man behauptet, es sei kein Gut. Wenn ich in einem dunklen Zimmer bin, bereitet es mir einen unendlichen Genuß, durch ein Fenster einen unermeßlichen Horizont vor mir sich ausbreiten zu sehen. Als es Zeit zum Abendessen war, begab ich mich zu Don Sancho, den ich in einem prachtvollen Zimmer untergebracht fand. Sein Tisch war mit Silbergeschirr bedeckt, und seine Bedienten trugen große Livree. Er war allein, aber bald kamen Cecilia, Marina und Bellino, der aus Neigung oder aus Laune weibliche Tracht angelegt hatte. Die beiden jüngeren Schwestern waren gut angezogen und sahen reizend aus; aber Bellino in seiner Damentoilette stellte sie dermaßen in den Schatten, daß ich nicht mehr den geringsten Zweifel hatte. »Sind Sie überzeugt,« fragte ich Don Sancho, »daß Bellino kein Mädchen ist?« »Ob Mädchen oder Junge, was macht das mir aus? Ich halte ihn für einen sehr hübschen Kastraten, und ich habe Kastraten gesehen, die ebenso hübsch waren wie er.« »Aber sind Sie dessen sicher?« »Valgame Dios!« antwortete der würdevolle Kastilianer; »ich habe durchaus keine Lust, mir solche Gewißheit zu verschaffen.« Oh! da dachten wir aber sehr verschieden! Ich respektierte jedoch in ihm die Weisheit, die mir fehlte, und erlaubte mir keine indiskrete Frage mehr. Bei Tische aber vermochten meine gierigen Augen sich nicht von dem entzückenden Geschöpf abzuwenden; infolge meiner natürlichen Lasterhaftigkeit fand ich eine süße Wollust in dem Glauben, Bellino gehöre einem Geschlecht an, dem er angehören mußte, wenn ich nicht unglücklich sein sollte. Don Sanchos Nachtmahl war köstlich und natürlich dem meinigen weit überlegen; denn sonst hätte der kastilianische Stolz sich gedemütigt geglaubt. Ubrigens begnügen die Menschen im allgemeinen sich niemals mit dem Guten; sie wollen das Bessere, oder richtiger gesagt, das Reichlichere. Er bewirtete uns mit weißen Trüffeln, mit Muschelgerichten verschiedener Art und den besten Fischen des Adriatischen Meeres; dazu gab es nichtmoussierenden Champagner, Peralta, Xeres und Pedro-Firnenes. Nach diesem lukullischen Abendessen sang uns Bellino mit einer Stimme, die uns das letzte Restchen von Vernunft benahm, das die ausgezeichneten Weine uns noch gelassen hatten. Ihre Gebärden, der Ausdruck ihres Blickes, ihr Benehmen, ihr Gang, ihre Haltung, ihre Gesichtszüge, ihre Stimme und vor allem mein Instinkt, der mir nicht für einen Kastraten die Gefühle einflößen konnte, die ich für sie empfand – dies alles bestärkte mich in meiner Hoffnung. Indessen mußte ich mich mit eigenen Augen überzeugen. Nach tausend Komplimenten und tausend Danksagungen verließen wir den prachtliebenden Spanier und gingen in mein Zimmer, wo endlich das Geheimnis sich enthüllen sollte. Ich forderte Bellino auf, mir Wort zu halten; sonst würde ich am nächsten Morgen in aller Frühe allein abreisen. Ich nehme Bellino an der Hand, und wir setzen uns zusammen an das Kaminfeuer. Ich schicke Cecilia und Marina fort und sage zu ihm: »Bellino, alles hat seine Grenzen. Sie haben mir Ihr Versprechen gegeben: die Sache wird bald entschieden sein. Wenn Sie sind, was Sie sagen, werde ich Sie bitten, sich auf Ihr Zimmer zu begeben. Sind Sie dagegen, wofür ich Sie halte, und wollen Sie bei mir bleiben, so werde ich Ihnen morgen hundert Zechinen geben, und wir werden zusammen abreisen.« »Sie werden allein abreisen und werden meiner Schwäche verzeihen, wenn ich Ihnen nicht Wort halten kann. Ich bin, was ich Ihnen gesagt habe, und ich kann mich nicht entschließen, Sie zum Zeugen meiner Schande zu machen, noch auch mich den furchtbaren Folgen auszusetzen, die diese Aufklärung haben könnte.« »Sie kann keine einzige haben; sobald ich mich überzeugt habe, daß Sie das Unglück haben, das zu sein, wofür ich Sie nicht halte, so ist alles abgemacht; es wird mit keinem Wort mehr davon die Rede sein, wir reisen morgen zusammen ab, und ich werde Sie in Rimini absetzen.« »Nein, es ist entschieden; ich kann Ihre Neugierde nicht befriedigen.« Über diese Worte war ich außer mir, und ich war nahe daran, Gewalt anzuwenden; doch beherrschte ich mich und versuchte mit Güte ans Ziel zu gelangen und mich des Punktes zu bemächtigen, in welchem die Lösung des Problems lag. Fast hatte ich ihn erweicht, da setzte seine Hand mir einen kräftigen Widerstand entgegen. Ich verdoppelte meine Anstrengung, aber ich fand sie vereitelt, indem Bellino plötzlich aufstand. Nachdem ich einen Augenblick ruhig gewesen war, glaubte ich ihn überraschen zu können und streckte die Hand aus – aber ein jäher Schreck durchfuhr mich, ich glaubte in ihm einen Mann zu erkennen, noch dazu einen verachtungswürdigen Mann, verachtungswürdig weniger wegen seiner Verstümmelung, als wegen der Gefühllosigkeit, die ich auf seinem Zügen zu lesen glaubte. Angeekelt, verwirrt, beinahe über mich selbst errötend, schickte ich ihn fort. Seine Schwestern kamen zu mir; ich verabschiedete mich von ihnen und beauftragte sie, ihrem Bruder zu sagen, er würde mit mir reisen und brauchte keine Zudringlichkeiten mehr von meiner Seite zu befürchten. Jedoch trotz der Überzeugung, die ich erlangt zu haben glaubte, beherrschte Bellino, den meine Phantasie mir als Weib vorgestellt hatte, immer noch alle meine Gedanken. Dies war mir unbegreiflich. Am anderen Morgen reiste ich mit ihm ab, begleitet von den Tränen der beiden reizenden Schwestern und von den Segenswünschen der Mutter, die mit dem Rosenkranz in der Hand Pater noster murmelte und ihren ewigen Refrain wiederholte: Dio provvedera – Gott wird versorgen. Dieses Vertrauen, das die meisten Leute, die von unerlaubten oder durch die Religion verbotenen Gewerben leben, auf die Vorsehung setzen, ist durchaus nicht abgeschmackt, erkünstelt oder heuchlerisch; sondern es ist wahr, echt und sogar fromm, denn es entstammt einer ausgezeichneten Quelle. Welche Wege auch immer die Vorsehung wählen mag, die Sterblichen müssen sie stets in ihrem Wirken erkennen, und wer sie unabhängig von jedem Nebengedanken anruft, kann im Grunde immer ein guter Mensch sein, wenn er auch einer Ausschreitung schuldig sein mag. Pulchra Laverna Da mihi fallere; da justo sanctoque videri; Noctem peccatis, et fraudibus objice nubem. O schöne Laverna, gib zu meinem falschen Spiele Mir ferner Glück. Verleih mir, tadellos Zu scheinen und gerecht! Mach, wenn ich sündige, Nacht um mich her, und wirf wie einen Schild Die dickste Wolke meiner Schalkheit vor ! Die Nymphe Laverna, in deren heiligen Hain die Römer unter Romulus ihren Raub in Sicherheit zu bringen pflegten, war die Schutzgöttin der Diebe und Räuber. So sprachen zur Zeit des Horaz die Diebe lateinisch zu ihrer Göttin, und ich erinnere mich, daß eines Tages ein Jesuit mir sagte der Dichter habe nicht Latein gekonnt, wenn er gesagt habe: Justo sanctoque . Aber es gab auch unter den Jesuiten Ignoranten, und ohne Zweifel pfiffen die Diebe auf die Grammatik. So war ich also unterwegs mit Bellino, der in dem Glauben. war, daß ich von meiner Meinung zurückgekommen sei, und sich daher vielleicht einbildete, ich sei nicht mehr neugierig auf ihn; aber schon nach einer knappen Viertelstunde sah er, daß er sich täuschte; denn ich konnte meine Blicke nicht in seine schönen Augen versenken, ohne mich von einer Glut entflammt zu fühlen, die der Anblick eines Mannes niemals in mir hätte erzeugen können. Ich sagte ihm, seine Augen und alle Züge seien die eines Weibes, und ich müsse mich mit eigenen Augen der Tatsache vergewissern, weil der von mir bemerkte Auswuchs möglicherweise nur ein Naturspiel sei. »Wenn dies der Fall wäre, würde ich Ihnen gern eine solche Verunstaltung verzeihen, die im Grunde doch nur komisch ist. Bellino, diese sozusagen magnetische Wirkung, die Sie auf mich hervorbringen, dieser Venusbusen, den Sie meiner lüsternen Hand überlassen haben, der Ton Ihrer Stimme, Ihr ganzes Gehaben – alles bestätigt mir, daß Sie von anderem Geschlecht sind als ich. Lassen Sie mich davon mich überzeugen und seien Sie meiner Liebe gewiß, wenn ich mich nicht irre; seien Sie meiner Freundschaft gewiß, wenn ich meinen Irrtum erkenne. Wenn Sie aber immer noch hartnäckig bleiben, so muß ich glauben, Sie machen sich eine grausame Belustigung daraus, mich zu quälen. Dann muß ich annehmen, Sie haben als ausgezeichneter Beobachter der Natur in der verdammtesten aller Ärzteschulen gelernt, daß es, um einem Jüngling die Heilung von einer Liebesleidenschaft unmöglich zu machen, kein besseres Mittel gibt, als ihn unaufhörlich in Erregung zu halten. Aber Sie werden mir zugeben, daß Sie eine solche Tyrannei nur ausüben können, wenn Sie den Mann hassen, an welchem Sie solche Wirkung erproben. Und wenn dies der Fall wäre, so müßte ich meine Vernunft zu Hilfe rufen, um auch meinerseits Sie zu hassen.« In diesem Tone fuhr ich noch lange Zeit fort, ohne daß er mir ein Wort erwiderte; doch sah er sehr bewegt aus. Zum Schluß sagte ich ihm, sein Widerstreben versetzte mich in einen solchen Zustand, daß ich gezwungen sein werde, ihn ohne Schonung zu behandeln, um eine Gewißheit zu erlangen, die ich mir nur durch Gewalt verschaffen könne. Hierauf erwiderte er mir stolz: »Bedenken Sie, daß Sie nicht mein Herr sind, daß ich mich im Vertrauen auf ein Versprechen in Ihren Händen befinde, und daß Sie sich eines Mordes schuldig machen würden, wenn Sie mir Gewalt antäten. Sagen Sie dem Postkutscher, er solle halten: ich werde aussteigen und mich bei niemandem beklagen!« Dieser kurzen Anrede folgte eine Sintflut von Tränen, und das ist ein Mittel, dem ich niemals habe widerstehen können. Ich fühlte mich bis auf den Grund meiner Seele gerührt und glaubte beinahe, ich hätte unrecht gehabt. Ich sage beinahe, denn wenn ich überzeugt gewesen wäre, so hätte ich mich ihm zu Füßen geworfen und ihn um Verzeihung gebeten; da ich mich jedoch nicht imstande fühlte, über den Fall zu urteilen, so begnügte ich mich damit, mich in ein düsteres Schweigen zu hüllen, und ich besaß die Standhaftigkeit, kein einziges Wort zu sprechen, bis wir eine halbe Post von Sinigaglia entfernt waren, wo ich zu Abend essen und übernachten wollte. Dort endlich ergriff ich das Wort, nachdem ich lange genug mit mir selber gekämpft hatte, und sagte zu ihm: »Wir hätten als gute Freunde in Rimini zur Ruhe gehen können, wenn Sie ein bißchen Freundschaft für mich empfunden hätten; denn wenn Sie nur ein wenig gefällig gewesen wären, so hätten Sie mich von meiner Leidenschaft heilen können.« »Sie wären nicht geheilt worden,« antwortete Bellino mir mutvoll, aber in einem Tone, dessen Sanftheit mich überraschte. »Nein, Sie wären nicht geheilt worden, einerlei, ob ich Mädchen oder Knabe hin; denn Sie sind in meine Person verliebt, und Ihre Verliebtheit hat mit meinem Geschlecht nichts zu tun; wenn Sie Gewißheit erlangt hätten, wären Sie rasend geworden. Hätten Sie mich in diesem Zustande unerbittlich gefunden, so hätten Sie sich ganz gewiß zu Ausschreitungen hinreisen lassen, worüber Sie später unnütze Tränen würden vergossen haben.« »Sie glauben, durch diese schönen Vernunftgründe mich zu dem Eingeständnis zu bringen, daß Ihr Widerstand vernünftig sei; aber Sie befinden sich vollkommen im Irrtum, denn ich fühle, daß ich völlig ruhig sein würde, und daß Ihre Gefälligkeit Ihnen meine Freundschaft sichern würde.« »Sie würden rasend werden, sage ich Ihnen!« »Bellino, was mich rasend gemacht hat, ist die Schaustellung Ihrer allzu wirklichen oder allzu trügerischen Reize, deren Wirkung Ihnen sicherlich nicht unbekannt sein kann. Damals haben Sie meine Liebesraserei nicht gefürchtet; wie soll ich denn glauben, daß Sie sich jetzt fürchten, da ich von Ihnen nichts weiter verlange, als daß Sie mich ein Ding anfassen lassen, das mir nur Ekel erregen kann?« »Ach? Ihnen Ekel erregen? Ich bin vom Gegenteil völlig überzeugt. Hören Sie mich an! Wenn ich ein Mädchen wäre, so stände es nicht in meiner Macht, Ihnen meine Liebe zu versagen, das fühle ich; da ich aber ein Knabe bin, so ist es meine Pflicht, die von Ihnen gewünschte Gefälligkeit nicht zu gewähren; denn Ihre Leidenschaft, die jetzt noch erklärlich ist, würde dann widernatürlich werden. Ihre glühende Natur würde stärker sein als Ihre Vernunft, und Ihre Vernunft selber würde leicht eine Bundesgenossin Ihrer Sinne werden und würde mit Ihrer Natur halbpart machen. Wenn Sie diese Aufklärung erhielten, so würde sie Sie in Flammen setzen und Sie würden die Herrschaft über sich selbst verlieren. Sie würden suchen, was Sie nicht finden können; Sie würden sich an dem, was Sie wirklich fänden, befriedigen wollen, und das würde ohne Zweifel zu greulichen Dingen führen. Sie sind doch so klug; wie können Sie sich mit der Hoffnung schmeicheln, es werde Ihnen möglich sein, mich plötzlich nicht mehr zu lieben, wenn Sie in mir einen Mann fänden? Werden die Reize, die Sie an mir bemerkten, nicht mehr vorhanden sein? Ihre Macht wird sich vielleicht sogar noch vermehren; alsdann wird Ihre Glut brutal werden, und Sie werden, um sie zu befriedigen, zu allen Mitteln greifen, auf die Ihre Phantasie nur verfallen kann. Es wird Ihnen gelingen, sich zu überreden, Sie könnten mich zum Weibe umwandeln; oder, schlimmer noch, Sie könnten mir gegenüber zum Weibe werden. Ihre Leidenschaft wird tausend Spitzfindigkeiten aushecken, um Ihre Liebe zu rechtfertigen, die Sie mit dem schönen Namen Freundschaft schmücken werden; und um Ihr Verhalten zu verteidigen, werden Sie nicht verfehlen, mir tausend Beispiele ähnlicher Schändlichkeiten anzuführen. Wer weiß, ob Sie mich nicht mit dem Tode bedrohen würden, wenn Sie mich nicht gefügig fänden? Denn ganz gewiß würden Sie mich in dieser Hinsicht niemals gefügig finden.« Von der Länge ihrer Auseinandersetzung ein wenig ermüdet, antwortete ich ihr: »Nichts von alledem, Bellino, würde geschehen; wahrhaftig, nichts! Und ich bin überzeugt, Sie übertreiben; denn soweit kann Ihre Furcht unmöglich gehen. Doch muß ich Ihnen sagen: Selbst wenn es dazu käme, so dünkt mich, es wäre weniger schlimm, der Natur eine Verirrung zu verzeihen, die streng genommen nur als eine Geistesverwirrung betrachtet werden kann, als wenn Sie eine Geisteskrankheit unheilbar machen, die bei vernünftigem Verhalten nur vorübergehend sein würde.« Solche Reden hält ein armer Philosoph, wenn er in Augenblicken, wo eine aufrührerische Leidenschaft alle Fähigkeiten seiner Seele in die Irre führt, vernünftige Reden halten will. Um von seiner Vernunft den rechten Gebrauch zu machen, darf man weder verliebt noch zornig sein, denn diese beiden Leidenschaften haben das miteinander gemein, daß sie in ihren Ausartungen uns den Tieren gleichmachen, die nur den Antrieben ihrer Instinkte folgen; unglücklicherweise sind wir niemals so dazu aufgelegt, Vernunftschlüsse zu ziehen, wie wenn wir unter dem Einfluß der einen oder der anderen dieser Leidenschaften stehen. Mit Einbruch der Nacht kamen wir in Sinigaglia an, wo ich im besten Gasthof abstieg; nachdem ich mir ein gutes Zimmer hatte anweisen lassen, bestellte ich ein Abendessen. Da in dem Zimmer nur ein einziges Bett war, fragte ich mit der ruhigsten Miene Bellino, ob er sich in einem anderen Zimmer Feuer machen wolle. Man stelle sich meine Überraschung vor, als er in sanftem Tone mir sagte, er habe durchaus nichts dagegen, mit mir im selben Bett zu schlafen. Auf diese Antwort war ich durchaus nicht gefaßt; aver sie war mir nötig, um die düstere Stimmung zu verscheuchen, die mich quälte. Ich sah wohl, daß der Knoten der Komödie sich entschürzen sollte, aber ich hütete mich wohl, mir dazu Glück zu wünschen, denn ich befand mich noch in Ungewißheit, ob die Lösung mir günstig sein würde oder nicht. Indessen empfand ich eine aufrichtige Befriedigung über meinen Sieg, denn ich war gewiß, vollkommen Herr und Meister meiner selbst zu bleiben, wenn meine Sinne und mein Instinkt mich getäuscht haben sollten; d.h. ich würde ihn respektieren, wenn er ein Mann wäre. Im entgegengesetzten Falle glaubte ich die süßesten Gunstbeweise erwarten zu dürfen. Wir setzten uns bei Tische einander gegenüber, und während des Essens ließen seine Reden, seine Miene, der Ausdruck seiner schönen Augen, sein sanftes, wollüstiges Lächeln mich vorausahnen, daß er es müde war, noch fernerhin eine Rolle zu spielen, die für ihn ebenso peinlich hatte sein müssen wie für mich. Von einer großen Last befreit, kürzte ich das Abendessen nach Möglichkeit ab. Sobald wir vom Tische aufgestanden waren, ließ mein liebenswürdiger Begleiter eine Nachtlampe bringen, zog sich aus und ging zu Bett. Unverzüglich folgte ich ihm, und der Leser wird sehen, wie die so heiß ersehnte Lösung sich vollzog; inzwischen wünsche ich ihm eine ebenso glückliche Nacht, wie die, die mich erwartete. Elftes Kapitel Bellinos Geschichte. – Ich werde in Arrest gesetzt. – Meine unfreiwillige Flucht – Meine Rückkehr nach Rimini und Ankunft in Bologna Leser, ich habe dich die glücklichste Entwicklung ahnen lassen – nur ahnen; denn kein Ausdruck könnte dir die ganze Wonne schildern, die das reizende Wesen für mich aufgespart hatte. Sie näherte sich mir zuerst, sobald ich im Bett lag. Wir sprachen kein Wort, unsere Küsse verschmolzen miteinander, und ich befand mich auf dem Höhepunkt des Genusses, ehe ich nur Zeit gehabt hatte, ihn zu suchen. Nachdem ich den vollkommensten Sieg errungen hatte – was hätten meine Augen und meine Finger von Nachforschungen gehabt, die mir keine größere Gewißheit verschaffen konnten, als ich bereits besaß! Ich ließ meine Blicke über das schöne Antlitz schweifen, das von der zärtlichsten Liebe mit dem wärmsten und natürlichsten Feuer belebt wurde. Nach einem Augenblick der Verzückung entzündete ein neues Feuer einen neuen Brand in allen unseren Sinnen, und wir löschten diesen in einem Meer von neuen Wonnen. Bellino fühlte die Verpflichtung, mich meine Leiden vergessen zu machen und mit eigener Person für die Glut einzustehen, die ihre Reize mir eingeflößt hatten. Ich aber verdoppelte mein eigenes Glück durch das, welches ich ihr verschaffte, denn ich hatte immer die Schwäche, vier Fünftel meines eigenen Genusses in der Wonne zu finden, die ich dem reizenden Wesen verschaffte, dem ich mein Glück verdankte. Dieses Gefühl muß leider Abscheu vor dem Alter geben, das sich wohl Genuß verschaffen, aber niemals welchen gewähren kann. Die Jugend flieht das Alter, denn dieses ist ihr furchtbarster Feind. Endlich kam ein Augenblick der Ruhe, der durch die außerordentliche Lebhaftigkeit unserer Liebesfreuden notwendig geworden war. Unsere Sinne waren noch nicht ohnmächtig, aber sie bedurften jener Ruhe, die ihnen ihr Wohlbefinden wiedergibt und ihnen jene Spannkraft verleiht, die für die Spiele der Liebe notwendig ist. Bellino brach zuerst das Schweigen. »Mein Freund, bist du zufrieden? Hast du mich recht verliebt gefunden?« »Verliebt? Verräterin! Du gibst also zu, daß ich mich nicht täuschte, als ich in dir ein reizendes Weib erriet? Und wenn es wahr ist, daß du mich liebtest – sage mir, wie hast du solange dein und mein Glück hinausschieben können; aber ist es auch ganz gewiß, daß ich mich nicht geirrt habe?« »Ich bin ganz dein; überzeuge dich.« Welche Untersuchung! Welche Reize! Welche Genüsse! Als ich aber nicht das geringste Zeichen von einer Mißbildung fand, die mich so sehr abgestoßen hatte, fragte ich sie: »Aber was ist denn aus jenem greulichen Ding geworden?« »Höre zu!« antwortete sie, »ich werde deine Neugierde befriedigen. Ich heiße Teresa. Bei meinem Vater, einem armen Beamten am Institut von Bologna, wohnte der berühmte Kastrat Salimbeni, der wundervolle Sänger. Er war jung und schön, er schloß sich an mich an, und ich fühlte mich geschmeichelt, ihm zu gefallen und mich von ihm loben zu hören. Ich war erst zwölf Iahre alt; er erbot sich, mich in der Musik zu unterrichten, und da er meine Stimme schön fand, wandte er mir alle Sorgfalt zu, und in Jahresfrist wußte ich mich tadellos auf dern Klavier zu begleiten. Er erhielt den Lohn, den seine Zärtlichkeit ihn von mir zu erbitten zwang, und ich gewährte ihm diesen, ohne mich für erniedrigt zu halten, denn ich betete ihn an. Ohne Zweifel sind Männer wie du im allgemeinen Männern seiner Art weit überlegen; aber Salimbeni bildete eine Ausnahme. Seine Schönheit und Klugheit, sein Benehmen, sein Talent und die hohen Vorzüge seines Herzens stellten ihn in meinen Augen weit über alle Männer, die ich bis dahin gekannt hatte. Er war bescheiden und zartfühlend, reich und freigebig, und ich bezweifle, daß er einer Frau hätte begegnen können, die ihm Widerstand geleistet hätte ; trotzdem habe ich ihn niemals sich seiner Triumphe bei Frauen rühmen hören. Die Verstümmelung hatte aus ihm ein Ungeheuer gemacht, aber alle Eigenschaften, die ihn schmückten, machten aus ihm einen Engel. Salimbeni unterhielt in Nimini bei einem Musiklehrer einen jungen Knaben meines Alters. Dessen Vater war arm und hatte eine zahlreiche Familie; als er sein Ende herannahen fühlte, wußte er nichts Besseres zu tun, als seinen unglücklichen Sohn verschneiden zu lassen, damit er durch seine Stimme für den Unterhalt seiner Geschwister sorgen könnte. Dieser junge Knabe hieß Bellino. Die gute Frau, die du in Ancona gesehen hast, war seine Mutter und alle Welt hält sie für die meine. Seit einem Jahre gehörte ich Salimbeni an, als er eines Tages mir weinend die Mitteilung machte, er müsse mich verlassen, um nach Rom zu gehen; aber er versprach mir zu gleicher Zeit, ich würde ihn wiedersehen. Diese Nachricht versetzte mich in Verzweiflung. Er hatte alle Anordnungen getroffen, damit mein Vater meine Ausbildung fortsetzen lassen könnte; aber gerade in jenem Augenblick wurde mein Vater krank; er starb, und ich stand als Waise da. Als Salimbeni mich in diesem Zustand sah, besaß er nicht die Kraft, meinen Tränen zu widerstehen; er beschloß, mich nach Rimini zu bringen und mich in dieselbe Pension zu geben, wo er seinen jungen Schützling erziehen ließ. Wir stiegen in einem Gasthof ab, und nachdem er fich einen Augenblick ausgeruht hatte, verließ er mich und begab sich zu dem Musiklehrer, um mit ihm die nötigen Abreden wegen meiner Ausbildung zu treffen; kurz darauf aber sah ich ihn traurig und niedergeschlagen zurückkommen: Bellino war den Tag vorher gestorben. Indem er sich vorstellte, welchen Schmerz der Verlust des jungen Mannes der Mutter verursachen würde, kam ihm der Gedanke, mich unter dem Namen Bellino nach Bologna zu bringen und bei dessen Mutter in Pension zu geben; da sie arm war, mußte sie ein Interesse daran haben, das Geheimnis zu bewahren. ›Ich werde ihr‹, sagte er zu mir, ›alle Mittel geben, deine Ausbildung zu vollenden; in vier Jahren werde ich dich nach Dresden kommen lassen (er stand im Dienst des Kurfürsten von Sachsen und Königs von Polen), und zwar nicht als Mädchen, sondern als Kastraten. Dort werden wir miteinander leben, ohne daß jemand etwas dagegen einwenden könnte, und du wirst mich bis zu meinem Tode glücklich machen. Es handelt sich nur darum, dich für Bellino auszugeben; und nichts ist leichter als das, denn in Bologna kennt dich kein Mensch. Nur Bellinos Mutter wird in das Geheimnis eingeweiht sein; denn ihre anderen Kinder, die ihren Bruder nur im zartesten Alter gesehen haben, werden von dem wahren Sachverhalt keine Ahnung haben. Aber du mußt, wenn du mich liebst, auf dein Geschlecht verzichten, du mußt sogar die Erinnerung verlieren, bis jetzt ein Mädchen gewesen zu sein, und mußt unter dem Namen Bellino und als Knabe gekleidet augenblicklich nach Bologna abreisen. Du hast dich um weiter nichts zu kümmern, als daß niemand dich als Mädchen kennt. Du wirst allein schlafen, dich niemals in Gegenwart anderer Leute an- und auskleiden, und wenn in einem oder zwei Jahren dein Busen sich gebildet hat, so wird das eine Eigentümlichkeit sein, die du mit vielen von uns gemeinsam hast. Außerdem werde ich dir, ehe ich fortgehe, ein kleines Instrument geben, und werde dich lehren, es so zu befestigen, daß man dich leicht für einen Mann halten kann, wenn du dich jemals einer Untersuchung solltest unterwerfen müssen. Wenn mein Plan dir gefällt, so bin ich sicher, daß ich in Dresden mit dir werde leben können, ohne daß die Königin, die sehr fromm ist, Anstoß daran nimmt. Bist du einverstanden?‹ An meiner Einwilligung brauche er nicht zu zweifeln, denn ich betete ihn an. Sobald ich als Junge verkleidet war, reisten wir nach Bologna ab, wo wir mit Einbruch der Nacht ankamen. Nachdem er mit Bellinos Mutter um den Preis einer kleinen Summe Geldes alles vereinbart hatte, trat ich bei ihr ein, indem ich sie Mutter nannte, und sie umarmte mich und nannte mich ihren lieben Sohn. Salimbeni ließ uns allein und kehrte einige Augenblicke darauf mit dem Instrument zurück, das meine Umwandlung vollständig machen sollte. Er lehrte mich in Gegenwart meiner neuen Mutter, es mit Klebgummi zu befestigen, und ich fand mich nun meinem Freunde so ähnlich, daß jedermann sich hätte täuschen können. Dies würde mich belustigt haben, hätte mir nicht die plötzliche Abreise des angebeteten Wesens das Herz zerrissen; denn Salimbeni fuhr ab, sobald das eigentümliche Experiment gemacht worden war. Man spottet über Vorgefühle, und ich selber glaube nicht daran, aber die Ahnung, die ich in dem Augenblick hatte, wo er mich umarmte, hat mich nicht betrogen. Ich fühlte einen Todesschauer durch alle meine Glieder rinnen, ich glaubte ihn zum letztenmal zu sehen: ich sank in Ohnmacht. Ach! meine Ahnung war nur zu richtig gewesen. Salimbeni ist in ganz jugendlichem Alter vor einem Jahr in Tirol als wahrer Philosoph gestorben. Sein Verlust zwang mich, aus meinen Talenten Vorteil zu ziehen, um meinen Lebendunterhalt zu bestreiten. Meine Mutter riet mir, mich auch künftig hin für einen Kastraten auszugeben; sie hoffte mich auf diese Weise in Rom auf dem Theater auftraten lassen zu können. Ich erklärte mich einverstanden, denn mir fehlte der Mut, einen bestimmten Entschluß zu fassen. Inzwischen nahm sie für mich ein Engagement beim Theater zu Ancona an und bestimmte Petronio dazu, dort als Tänzerin aufzutreten. So bildeten wir also die verkehrte Welt. Nach Salimbeni bist du der einzige Mann, den ich gekannt habe; und wenn du willst, so steht es nur bei dir, mich meinem Frauenberuf zurückzugeben und mich den Namen Bellino ablegen zu lassen, den ich seit dem Tode meines Beschützers verabscheue, und der mir allerlei unangenehme Verdrießlichkeiten zu verursachen beginnt. Ich bin nur in zwei Theatern aufgetreten und jedesmal bin ich gezwungen gewesen, mich der schmachvollen und demütigenden Prüfung zu unterwerfen; denn man findet überall, ich gleiche zu sehr einem Mädchen, und will mich stets nur zulassen, nachdem man sich die Überzeugung vom Gegenteile verschafft hat. Bis jetzt habe ich zum Glück nur mit alten Priestern zu tun gehabt, die in gutem Glauben sich mit einer leichten Besichtigung begnügt und dem Bischof einen entsprechenden Bericht abgestattet haben; aber es kann der Fall eintreten, daß ich an einen jungen Priester gerate, und dann würde die Untersuchung viel gründlicher vorgenommen werden. Außerdem finde ich mich täglichen Verfolgungen von zwei Sorten Männern ausgesetzt: von denen, die wie du nicht glauben können, daß ich ein Mann sei, und von solchen, die, um einen widernatürlichen Geschmack zu befriedigen, sich Glück dazu wünschen, daß ich es sei, oder die zum mindesten ihre Rechnung dabei finden, mich für einen Kastraten gelten zu lassen. Besonders die letzteren belästigen mich. Ihre Leidenschaften sind so niederträchtig, ihre Gewohnheiten sind so gemein, daß ich in tiefster Seele darüber empört bin und daß ich fürchte, ich werde einmal eines Tages einen von ihnen erdolchen, wenn die lange verhaltene Wut über ihre schändlichen Anträge sich einen Ausweg sucht. Um Gottes willen, mein Engel, wenn du mich lieb hast, sei edel! Befreie mich aus dem schimpflichen Zustande der Verworfenheit. Nimm mich mit dir! Ich verlange nicht deine Frau zu werden; das wäre zu viel des Glückes; ich will nur deine Freundin sein, wie ich Salimbenis Freundin gewesen wäre. Mein Herz ist rein; ich fühle mich für ein ehrenhaftes Leben geschaffen, in dem ich meinem Geliebten unverbrüchliche Treue halte. Verlaß mich nicht! Die Zärtlichkeit, die du mir eingeflößt hast, ist echt; meine Zärtlichkeit für Salimbeni war unschuldig und hatte ihre Ursachen nur in meiner Jugend und in meiner Dankbarkeit; wirklich zum Weibe geworden bin ich erst durch dich.« Die zärtliche Rührung, mit der sie sprach, ein unbeschreiblicher Reiz, der ihren Lippen die Gabe der Überredung verlieh, ließen mich Tränen der Liebe und zärtlicher Teilnahme vergießen. Ich vermischte sie mit denen, die ihren schönen Augen entströmten, und versprach ihr tief gerührt aufrichtigen Herzens, sie nicht zu verlassen und ihr Schicksal mit dem meinen zu verbinden. Ihre höchst eigentümliche Geschichte machte auf mich den Eindruck vollkommener Wahrheit und es drängte mich wirklich, sie glücklich zu machen; nur konnte ich mich nicht überreden, daß ich ihr während des kurzen Aufenthaltes in Ancona wirklich eine ewige Neigung eingeflößt haben sollte, da im Gegenteil mehrere Auftritte in ihr nur flüchtige Wünsche erweckt haben konnten. Ich sagte daher zu ihr: »Wenn du mich wirklich geliebt hättest, wie hättest du dann dulden können, daß ich aus Verdruß über deinen Widerstand mich deinen Schwestern hingab?« »Ach, lieber Freund! Bedenke unsere große Armut; bedenke, wie schwer es mir fallen mußte, mich zu entdecken. Ich liebte dich; aber mußte ich nicht denken, daß das Feuer, das du mir zeigtest, nur vorübergehende Glut einer Laune sei? Indem ich dich so leicht von Cecilia zu Mariuetta übergehen sah, glaubte ich, du würdest mich ebenso behandeln, sobald du deine Wünsche befriedigt hättest. Meine Meinung von deinem flatterhaften Charakter und Mangel an Zartgefühl wurde bestärkt, als ich sah, was du auf dem türkischen Schiff machtest, ohne dir durch meine Gegenwart einen Zwang auferlegen zu lassen. Sie würde dir peinlich gewesen sein, wenn du mich geliebt hättest. Ich habe gefürchtet, mich verachtet zu sehen; und Gott weiß, was ich gelitten habe. Du hast mich, lieber Freund, auf hundert verschiedene Arten beleidigt; trotzdem verteidigte ich dich bei mir selber, denn ich sah, daß du gereizt und nach Rache begierig warft. Hast du mich nicht heute im Wagen bedroht? Ich gestehe, du hast mir Furcht eingejagt; aber glaube nur nicht, daß Furcht mich bestimmt hat, deinem Verlangen nachzugehen. Nein, ich war dazu entschlossen seit dem Augenblick, wo du mir durch Cecilia sagen ließest, du würdest mich nach Rimini mitnehmen, und deine heutige Zurückhaltung während eines Teiles des Fahrt hat mich in meinem Entschluß bestärkt; denn ich habe geglaubt, mich deinem edlen Charakter ruhig überliefern zu können.« »Gib doch«, rief ich, »dein Engagement in Rimini auf! Wir wollen weiter reisen, uns ein paar Tage in Bologna aufhalten, und von dort wirst du mit mir nach Venedig gehen; wenn du als Frau gekleidet bist und einen anderen Namen trägst, so will ich es ruhig darauf ankommen lassen; der Impresario der Oper von Rimini mag nur versuchen, dich ausfindig zu machen.« »Einverstanden. Dein Wille wird stets der meine sein. Ich bin meine eigene Herrin, und ich ergebe mich dir rückhaltlos; mein Herz gehört dir, und ich hoffe, daß ich mir das deine werde zu erhalten wissen.« Es lebt in dem Menschen ein Trieb, immer über das Ziel hinauszustreben, das er bereits erreicht hat. Ich hatte alles erlangt, jetzt wollte ich noch mehr. »Zeige mir,« sagte ich, »wie du warst, als ich dich für einen Mann hielt.« Sie stand auf, öffnete ihren Koffer, holte das nachgebildete Glied nebst Gummi hervor und befestigte es sich; ich mußte die Erfindung bewundern. Nachdem meine Neugierde befriedigt war, verbrachte ich in ihren Armen eine glückliche Nacht. Als ich am Morgen erwachte, betrachtete ich ihr entzückendes Gesicht, während sie noch schlief. Jedes Wort des Mädchens, ihre Schönheit, ihre Gaben, ihre Feinheit der Seele, die Kraft ihres Gefühles und ihre Unglücksfälle, von denen ohne Zweifel der bitterste der war, daß sie ein anderes Wesen vorstellen mußte, wodurch sie der Erniedrigung und Schmach preisgegeben wurde – dies alles brachte mich zu dem Entschluß, ihr Schicksal an das meinige zu knüpfen, oder meines an das ihrige; denn unsere Lage war ungefähr die gleiche. Da ich mich ernstlich mit dem liebenswürdigen Geschöpf verbinden wollte, so setzte ich meinen Gedankengang fort und entschloß mich, unserer Verbindung die Weihe der Gesetze und der Religion zu geben, und sie zu meiner rechtmäßigen Frau zu machen; denn nach meinen damaligen Begriffen konnte dieses unsere Zärtlichkeit und gegenseitige Achtung nur erhöhen und uns die Anerkennung der Gesellschaft sichern, die unser Band niemals hätte gesetzlich finden können, wenn wir es nicht dem geltenden Herkommen unterworfen hätten. Teresas Talent gab mir die Sicherheit, daß es uns niemals am Notwendigen fehlen könne, und obgleich ich nicht wußte, wozu meine eigenen Anlagen gut sein konnten, so verlor ich doch darum den Mut nicht. Unsere gegenseitige Liebe hätte Schaden leiden können, Teresa wäre mir zu weit überlegen gewesen, und mein Selbstgefühl würde zu sehr gelitten haben, hätte ich von den Früchten ihrer Arbeit leben sollen. Dadurch hätte im Laufe der Zeit die Natur unserer Gefühle sich ändern können; meine Frau würde sich vielleicht nicht mehr als empfangenden Teil angesehen haben und hätte sich vielleicht als Beschützerin statt als Beschützte gefühlt; und hätte ich das Unglück gehabt, eine solche Denkungsart bei ihr anzutreffen, so würde sich – das fühlte ich – meine Liebe in tiefe Verachtung verwandelt haben. Obgleich ich auf das Gegenteil hoffte, so hatte ich doch das Bedürfnis, ihren Charakter zu untersuchen, und ich beschloß, sie einer Probe zu unterwerfen, die mich in den Stand setzen würde, sie sofort bis auf den Grund ihrer Seele zu beurteilen. Daher hielt ich folgende Ansprache an sie, sobald sie erwacht war: »Meine liebe Teresa, alle deine Worte lassen mir nicht den geringsten Zweifel an deiner Liebe; und daß du dich gewiß fühlst, meines Herzens Herrin geworden zu sein, macht mich vollends in dich verliebt, so daß ich bereit bin, alles zu tun, um dich zu überzeugen, daß du dich nicht getäuscht hast. Zunächst will ich dir zeigen, daß ich deines edlen Vertrauens würdig bin, indem ich dir mit gleicher Aufrichtigkeit die Geschichte meines eigenen Lebens anvertraue. Unsere Herzen müssen einander vollkommen gleich gegenüberstehen. Ich kenne dich, meme Teresa, aber du kennst mich noch nicht. Ich lese in deinen Blicken, daß dies dir gleichgültig ist, und diese Hingebung bürgt mir für deine vollkommene Liebe; aber sie erhebt dich zu weit über mich, und ich will dir einen so großen Vorteil nicht lassen. Ich bin gewiß, daß dieses Vertrauen deiner Liebe nicht nötig ist, daß du nichts weiter verlangst als mir anzugehören, und daß du nur nach dem Besitz meines Herzens strebst. Dies alles ist recht schön, liebe Teresa, aber es würde mich in gleicher Weise demütigen, über dich erhoben oder unter dich herabgedrückt zu werden, wenn es auch nur scheinbar wäre. Du hast mir deine Geheimnisse anvertraut; höre jetzt die meinigen; zuvor aber versprich mir, daß du mir, wenn du alles erfahren hast, wahrheitsgemäß sagen wirst, wenn in deinen Gefühlen oder in deinen Hoffnungen sich das geringste geändert hat.« »Ich schwöre dir, ich werde dir nichts verheimlichen ; sei aber du so ehrlich, mir keine falschen Geständnisse zu machen; denn ich sage dir voraus, sie würden dir zu nichts nützen; wenn du Listen anwenden würdest, um zu entdecken, ob ich deiner weniger würdig wäre, als es tatsächlich der Fall ist, so könntest du dich höchstens in meinen Augen um ein weniges herabsetzen. Ich möchte dich nicht schlauer Hinterlist gegen mich für fähig wissen. Sei meiner gewiß, wie ich mich deiner gewiß gezeigt habe: sage mir ohne Umschweife die Wahrheit.« »So höre denn die Wahrheit: Zunächst hältst du mich für reich, und das bin ich nicht; sobald meine Börse leer ist, werde ich nichts mehr haben. Ferner glaubst du vielleicht, ich sei von hoher Geburt, und in Wirklichkeit bin ich von geringerem Stande als du, oder höchstens von gleichem. Ich besitze kein gewinnbringendes Talent, ich habe keine Anstellung, ja ich habe nicht einmal eine Aussicht, um gewiß zu sein, daß ich in einigen Monaten meinen Lebensunterhalt haben werde. Ich habe weder Eltern noch Freunde, habe keinen Anspruch irgendwelcher Art, ja nicht einmal einen festen Lebensplan. Mit einem Wort, ich habe weiter nichts als Jugend, Gesundheit, Mut, ein bißchen Geist, ehrenhafte und rechtschaffene Gesinnung und beherrsche einige Anfangsgründe guter Literatur. Mein größter Schatz ist, daß ich mein eigener Herr bin, daß ich von niemandem abhänge und daß ich keine Furcht vor dem Unglück habe. Außerdem neige ich zur Verschwendung. Schöne Teresa, so ist dein Mann. Jetzt antworte!« »Vor allen Dingen, lieber Freund, sei fest überzeugt, daß ich dir buchstäblich alles glaube, was du mir gesagt hast; sodann aber wisse, daß ich in gewissen Augenblicken in Ancona dich als einen solchen beurteilt habe, wie du dich jetzt schilderst; aber diese Ahnung deines Wesens war mir durchaus nicht peinlich, sondern ich fürchtete im Gegenteil, mich zu täuschen. Denn wenn du so warst, wie ich annahm, so durfte ich hoffen, daß mir dann deine Eroberung gelingen würde. Kurz und gut, mein Freund, da du wirklich arm bist und mit deinem Gelde leichtsinnig umgehst, so gestatte mir, dir zu versichern, daß mich dies freut; denn in diesem Fall wirst du, da du mich liebst, nicht das Geschenk verschmähen, das ich dir machen will. Dieses Geschenk besteht in mir, so wie ich bin und mit all meinen Gaben. Ich überliefere mich dir ohne jeden Rückhalt; ich bin dein und werde für dich sorgen. Denke in Zukunft nur daran, mich zu lieben; aber liebe mich einzig und allein. Von diesem Augenblick an bin ich nicht mehr Bellino. Laß uns nach Venedig gehen, wo mein Talent mir und dir den Unterhalt verschaffen wird; willst du aber anderswo hin, so gehen wir, wohin du willst.« »Ich muß nach Konstantinopel gehen.« »Gehen wir dorthin! Wenn du fürchtest, mich durch Unbeständigkeit zu verlieren, so heirate mich, und deine Rechte auf mich werden durch die Gesetze gestärkt sein. Ich werde dich darum nicht zärtlicher lieben; aber es wird mir angenehm sein, deine Gattin heißen zu dürfen.« »Ich habe diese Absicht gehabt, und ich bin entzückt, daß du sie teilst. Übermorgen, keinen Tag später, wirst du in Bologna vor dem Altar meinen Treuschwur empfangen, wie ich ihn jetzt hier in den Armen der Liebe dir schwöre. Ich will, daß du mein bist, daß wir einander durch alle nur denkbaren Bande verknüpft angehören.« »Ich bin über alle Maßen glücklich! Wir haben in Rimini nichts zu tun; laß uns nicht aufstehen; wir werden im Bett speisen, und morgen werden wir gut ausgeruht weiterreisen.« Am nächsten Tage setzten wir unsere Reise fort und machten in Pesaro halt, um zu frühstücken. Im Augenblick, wo wir wieder in den Wagen steigen wollten, kam ein Unteroffizier mit zwei Füsilieren, fragte nach unseren Namen und verlangte unsere Pässe. Bellino gibt ihm seinen, ich aber suche vergeblich nach dem meinigen; ich finde ihn nicht. Der Korporal befiehlt dem Postkutscher zu warten und geht fort, um seinen Bericht zu machen. Nach einer halben Stunde kommt er mit Bellinos Paß zurück und sagt ihm, er könne weiterreisen; mir aber bedeutet er, er habe Befehl, mich zum Kommandanten zu führen. Ich gehorche. »Was haben Sie mit Ihrem Paß gemacht?« fragt mich der Offizier. »Ich habe ihn verloren.« »Einen Paß verliert man nicht.« »Man verliert ihn; denn ich habe ihn verloren.« »Sie werden nicht weiterreisen.« »Ich komme von Rom und gehe nach Konstantinopel, um einen Brief vom Kardinal Acquaviva zu überbringen. Hier ist der Brief mit seinem Wappensiegel.« »Alles, was ich für Sie tun kann, ist, daß ich Sie zu Herrn de Gages führen lasse.« Ich fand den berühmten Feldherrn inmitten seines Generalstabes stehen. Nachdem ich ihm alles vorgetragen hatte, was ich bereits dem Kommandanten gesagt hatte, bat ich ihn, mich meine Reise fortsetzen zu lassen. »Ich kann Ihnen nur die Gnade bewilligen, Sie in Arrest zu schicken, bis aus Rom unter dem von Ihnen angegebenen Namen ein neuer Paß für Sie ankommt. Das Unglück, einen Paß zu verlieren, stößt nur einem Leichtfuß zu, und der Kardinal wird daraus die Lehre ziehen, einem Leichtfuß keine Aufträge anzuvertrauen.« Hierauf befahl er, mich nach dern Wachtposten Santa Maria vor der Stadt zu führen, nachdem ich vorher meinen Brief an den Kardinal geschrieben hätte, um einen neuen Paß zu erhalten. Seine erhabenen Befehle wurden ausgeführt. Zunächst führte man mich nach dem Wirtshaus zurück; dort schrieb ich meinen Brief, den ich durch reitenden Boten an Seine Eminenz schickte. Ich bat den Kardinal flehentlich, mir unverzüglich direkt an das Kriegsbureau in Pesaro einen Paß zu schicken. Hierauf umarmte ich Teresa, die über dieses Mißgeschick untröstlich war, bat sie, mich in Rimini erwarten zu wollen, und nötigte sie, hundert Zechinen von mir anzunehmen. Sie wollte in Pesaro bleiben; dem widersetzte ich mich; und nachdem ich meinen Koffer hatte abladen lassen, sah ich sie abfahren und ließ mich an den Ort bringen, den der große General mir angewiesen hatte. Sehr weh tat mir Teresas Schmerz; sie war fast erstickt von dem Bemühen, ihre Tränen zurückzuhalten, als sie mich gerade im Augenblick unserer Vereinigung ihren Armen entrissen sah. Sie würde mich nicht verlassen haben, hätte ich ihr nicht klar gemacht, daß sie in Pesaro nicht bleiben könnte, und hätte ich sie nicht überzeugt, daß ich in zehn Tagen wieder bei ihr sein würde, um sie niemals mehr zu verlassen. Aber das Schicksal hatte anders bestimmt. In Santa Maria ließ der wachhabende Offizier mich sofort in die Wachstube bringen, wo ich mich auf meinen Koffer setzte. Er war ein schweigsamer Katalonier, der mich nicht einmal einer Antwort würdigte, als ich ihm sagte, ich hätte Geld, und ihn bat, jemanden zur Bedienung zuzuweisen. Ich erhielt nichts zu essen und mußte die Nacht auf einem bißchen Stroh inmitten katalonischer Soldaten verbringen. Dies war die zweite Nacht, die das Schicksal mich auf solche Weise verbringen ließ, nachdem ich vorher zwei köstliche Nächte genossen hatte. Ohne Zweifel machte mein Schutzgeist sich den Spaß, mich zu meiner Belehrung solche Vergleiche anstellen zu lassen. Jedenfalls ist eine solche Schule von unfehlbarer Wirkung auf Charaktere von gewisser Anlage. Willst du einem sogenannten Philosophen den Mund stopfen, wenn er dir sagt, in unserem Leben sei die Summe der Leiden größer als die der Freuden, so frage ihn nur, ob er ein Leben haben wolle, worin es weder die einen noch die anderen gebe. Er wird dir nicht antworten oder er wird Ausflüchte machen; denn wenn er die Frage verneint, so liebt er das Leben so wie es ist, und wenn er es liebt, so findet er es also angenehm; angenehm aber könnte es nicht sein, wenn es lästig wäre. Wenn er aber die Frage bejaht, so gesteht er, daß er ein Dummkopf ist, denn dann muß er das Vergnügen in der Gleichgültigkeit erblicken, und das ist Unsinn. Leiden ist untrennbar verbunden mit der menschlichen Natur; aber wir werden niemals leiden, ohne Hoffnung auf Heilung zu hegen, oder zum mindesten kann dieser Fall nur sehr selten vorkommen; Hoffnung aber ist eine Freude. Wenn zuweilen vielleicht ein Mensch ohne Hoffnung auf Genesung leidet, so muß die unfehlbare Zuversicht, daß sein Leben einmal ein Ende haben wird, eine Freude sein; denn auf alle Fälle ist das schlimmste, was uns widerfahren kann, ein Schlaf der Ermattung, während dessen uns glückliche Träume trösten, oder der Verlust der Empfindung; aber wenn wir genießen, dann stört uns niemals der Gedanke, daß auf unsere Freude Leid folgen werde. Die Freude ist also immer rein, wenn sie sich betätigt; das Leid ist immer gemildert. Ich nehme an, lieber Leser, du bist zwanzig Jahr alt und gerade dabei, ein Mann zu werden, indem du deinen Geist mit den Kenntnissen ausstattest, die durch die Arbeit deines Gehirns dich zu einem nützlichen Wesen machen werden. Der Rektor tritt ein und sagt dir: ich bringe dir dreißig Lebensjahre – dies ist der unwandelbare Beschluß des Schicksals; fünfzehn aufeinanderfolgende Jahre sollen glücklich sein, die anderen fünfzehn Unglück. Du hast freie Wahl, mit welcher Hälfte du beginnen willst. Gestehe, lieber Leser, du wirst nicht lange nachzudenken brauchen, um dich zu entscheiden, und du wirst mit den Leidensjahren beginnen; denn du wirst fühlen, daß die Aussicht auf fünfzehn köstliche Jahre dir unfehlbar die nötige Kraft geben wird, um die Schmerzensjahre zu ertragen; wir werden sogar mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit annehmen können, daß die Erwartung eines gesicherten Glücks die Dauer der Leiden in gewisser Weise mildern wird. Ich bin überzeugt, du hast bereits erraten, worauf ich hinaus will. Glaube mir, ein Weiser kann niemals ganz unglücklich sein; und ich glaube gerne meinem Freunde Horaz, der im Gegenteil sagt, er sei immer glücklich: nisi quum pituita molesta est – wenn nicht der Katarrh beschwerlich wird. Aber welcher Mensch hätte wohl beständig Katarrh? Tatsache ist, daß diese scheußliche Nacht, die ich in Santa Maria vor Pesaro verbrachte, mir wenig Verlust und viel Gewinn brachte. Der kleine Verlust bestand darin, daß ich meine liebe Teresa entbehren mußte; da ich aber gewiß war, sie in zehn Tagen wiederzusehen, so war dies ein geringes Unglück; der Gewinn dagegen bestand in Mehrung meiner Lebenskenntnisse, die die wahre Schule des Menschen ist. Ich verdankte ihr ein völliges System gegen die Unbesonnenheit, ein System der Umsicht. Es ist hundert gegen eins zu wetten, daß ein junger Mensch, der einmal seine Börse oder seinen Paß verloren hat, niemals wieder weder die eine noch den anderen verlieren wird. Diese beiden Unglücksfälle sind mir zugestoßen, jeder ein einziges Mal, und sie hätten mir oft zustoßen können, hätte ich nicht die beständige Furcht davor gehabt. Ein echter Leichtfuß aber hat nicht das Wort Furcht in seinem Lebenslexikon. Der Offizier, der am nächsten Tage meinen bärbeißigen Katalonier ablöste, schien mir von ganz anderer Art zu sein: Er hatte ein freundliches Gesicht, das mir gefiel. Er war Franzose, und ich muß bei dieser Gelegenheit bemerken, daß die Franzosen mir immer gefallen haben und die Spanier niemals; denn in den Manieren der einen ist etwas so Zuvorkommendes, so Liebenswürdiges, daß man sich zu ihnen hingezogen fühlt wie zu alten Bekannten; den anderen gibt eine Miene übelangebrachten Stolzes einen gewissen abstoßenden Ausdruck, der nicht zu ihren Gunsten einnimmt. Indessen bin ich mehr als einmal von Franzosen betrogen worden, niemals aber von Spaniern. Hüten wir uns vor unseren Neigungen! Der Offizier trat mit edlem, höflichem Anstand auf mich zu und fragte: »Welchem Zufall, Herr Abbate, verdanke ich die Ehre, Sie in meiner Obhut zu haben?« Solch ein Stil gibt den Lungen ihre ganze Spannkraft wieder! Ich erzählte ihm lang und hreit mein ganzes Mißgeschick. Er fand es komisch; aber ein Charakter, der mein Pech lächerlich fand, konnte mir nicht mißfallen; denn ich ahnte, daß er mehr als einen Berührungspunkt mit meiner eigenen Denkweise haben werde. Er gab mir sofort einen Soldaten zu meiner Bedienung, und bald hatte ich ein Bett, Stühle und einen Tisch. Sein Zartgefühl ging sogar so weit, daß er mein Bett in sein Zimmer stellen ließ – eine Freundlichkeit, gegen die ich nicht unempfindlich war. Nachdem er mich höflich eingeladen hatte, an seinem Mittagessen teilzunehmen, schlug er mir eine Partie Pikett vor. Aber schon gleich im Anfang unseres Spieles machte er mich darauf aufmerksam, daß er mir überlegen sei, und sagte mir, der Offizier, der ihn ablösen werde, spiele noch besser als er; ich verlor drei oder vier Dukaten. Zum Schluß riet er mir, am nächsten Tage mich des Spieles zu enthalten; ich befolgte seinen Rat. Auch sagte er mir, es werde zum Abendessen Besuch bekommen; nach der Mahlzeit werde man Pharao spielen, aber der Bankhalter sei ein Grieche, ein feiner Spieler; ich dürfe daher nicht spielen. Ich fand diesen Rat sehr zartfühlend, besonders als ich sah, daß alle Mitspieler verloren und daß der Grieche, unbekümmert um das Schimpfen der Betrogenen, seelenruhig sein Geld in die Tasche steckte, nachdem er dem wachhabenden Offizier, der an der Bank beteiligt war, seinen Anteil ausgezahlt hatte. Dieser Bankhalter nannte sich Don Bepe il Cadetto, und an seiner Aussprache erkannte ich ihn als Neapolitaner. Ich teilte meine Beobachtungen dem Offizier mit und fragte ihn, warum er mir gesagt habe, daß er Grieche sei. Er erklärte mir, daß dieser Ausdruck einen Falschspieler bedeute, und die Belehrung, womit er seine Erklärung begleitete, war mir für die Folge sehr nützlich. Während der folgenden fünf Tage war mein Leben eintönig und ziemlich trübselig; am sechsten Tage aber bezog wieder der Franzose den Wachtposten; ich sah ihn mit Vergnügen kommen. Er sagte mir lachend, er sei entzückt, mich wieder zu finden, und ich nahm das Kompliment für das, was es war. Am Abend fand das gleiche Spiel statt, und mit demselben Ergebnis, abgesehen davon, daß einer der Mitspieler dem Buchhalter einen kräftigen Stockhieb über den Rücken gab, den der Grieche mit stoischem Gleichmut unbeachtet ließ. Neun Jahre später sah ich dasselbe Individuum als Kapitän im Dienste Maria Theresias in Wien wieder; er nannte sich damals d'Afflissio. Zehn Jahre darauf sah ich ihn als Obersten wieder, und kurze Zeit darauf als Millionär; endlich aber habe ich ihn vor dreizehn oder vierzehn Jahren als Galeerensträfling gesehen. Er war hübsch; komischerweise aber hatte er trotz seiner Schönheit eine Galgenphysiognomie. Ich habe andere Gesichter von derselben Sorte gesehen: Cagliostro z. B. und einen anderen, der noch nicht auf den Galeeren ist, ihnen aber nicht entrinnen wird. Wenn der Leser neugierig ist, will ich ihm den Namen ins Ohr sagen. Etwa am neunten oder zehnten Tage war ich in der ganzen Armee bekannt und beliebt; ich wartete immer noch auf meinen Paß, dessen Eintreffen mir aber unfehlbar bald gemeldet werden mußte. Ich war beinahe frei und ging sogar außer Sehweite der Schildwache spazieren. Man hatte recht, daß man meine Flucht nicht befürchtete, denn es wäre sehr töricht von mir gewesen, daran zu denken. Unversehens jedoch hatte ich das sonderbarste Erlebnis, das mir in meinem ganzen Leben zugestoßen ist. Es war sechs Uhr in der Früh. Ich ging etwa hundert Schritt von der Schildwache spazieren, als ein Offizier herangeritten kam, vom Pferde stieg, demselben den Zügel auf den Hals legte und sich entfernte, um ein Bedürfnis zu verrichten. Ich bewunderte die Gelehrigkeit des Pferdes, denn es stand da wie ein treuer Diener, dem sein Herr befohlen hätte, auf ihn zu warten. Ich trat an das Tier heran, nahm, ohne mir etwas dabei zu denken, den Zügel in die Hand, setzte den Fuß in den Steigbügel und – eins, zwei, drei war ich im Sattel Es war das erstemal in meinem Leben, daß ich zu Pferde saß. Ich weiß nicht, ob ich es vielleicht mit meinem Stock oder mit dem Absatz berührte, genug, plötzlich ging das Tier in voller Karriere durch. Ich umklammerte es mit meinen Absätzen, da mein rechter Fuß den Steigbügel verloren hatte; das Pferd wurde wild, ich wußte nicht, wie ich es zum Stehen bringen sollte, und es lief immer schneller. Der letzte Vorposten ruft mir zu, ich solle halten; ich kann dem Befehl nicht nachkommen, da das Perd wie der Wind davonsaust; endlich höre ich einige Kugeln pfeifen, die ich meinem unfreiwilligen Ungehorsam verdanke. Beim ersten Vorposten der Österreicher hält man endlich mein Pferd an, und ich danke Gott, daß ich absteigen kann. Ein Husarenoffizier fragt mich, wohin ich so eilig reite; mein Wort ist schneller als mein Gedanke, und ich antworte unwillkürlich, darüber werde ich nur dem Fürsten Lobkowitz Rechenschaft ablegen; dies war der Kommandierende der Armee, dessen Hauptquartier sich in Rimini befand. Infolge meiner Antwort läßt der Offizier zwei Husaren aufsitzen, man befiehlt mir, ein drittes Pferd zu besteigen, und bringt mich im Galopp nach Rimini, wo der wachhabende Offizier mich sofort vor den Fürsten führen läßt. Ich finde Seine Hoheit allein und erzähle ihm ganz einfach alles, was mir passiert ist. Meine Erzählung brachte ihn zum Lachen; doch sagte er, dies alles wäre wenig glaubhaft. »Ich müßte Sie, Herr Abbate, in Arrest setzen lassen; aber ich will Ihnen diese Unannehmlichkeit ersparen.« Hierauf rief er einen seiner Adjutanten und befahl ihm, mich bis vor das Cesenische Tor zu begleiten. »Von dort«, fuhr er zu mir gewandt fort, »können Sie gehen, wohin Sie wollen; aber nehmen Sie sich in acht, daß Sie nicht ohne Paß zu meiner Armee zurückkehren; denn das könnte Ihnen übel bekommen.« Ich bat ihn, mir das Pferd zurückgeben zu lassen; er antwortete mir, es gehöre mir nicht. Ich vergaß, ihn zu bitten, mich dorthin zurückzuschicken, wo ich hergekommen war, und meine Vergeßlichkeit ärgerte mich; doch war es im Grunde vielleicht gut so. Der Offizier, der mit meiner Begleitung beauftragt war, fragte mich, als wir an einem Kaffeehaus vorüberkamen, ob ich eine Tasse Schokolade trinken wollte, und wir traten ein. Ich sah Petronio vorübergehen, benutzte einen Augenblick, wo der Offizier mit einem Bekannten sprach, und befahl dem Knaben, er solle so tun, als ob er mich nicht kenne, und solle nur sagen, wo sie wohnten. Als wir die Schokolade getrunken hatten, bezahlte der Offizier und wir gingen weiter. Unterwegs plauderten wir, er nannte mir seinen Namen, und ich sagte ihm den meinigen und erzählte ihm, wie ich nach Rimini gekommen sei. Er fragte mich, ob ich mich einige Zeit in Ancona aufgehalten hätte, und als ich diese Frage bejahte, sagte er mir lächelnd, ich könnte in Bologna einen Paß nehmen, ohne Besorgnis nach Rimini und Pesaro zurückkehren und mir meinen Koffer wieder verschaffen, indem ich dem spanischen Offizier das durchgegangene Pferd zahlte. Am Tor wünschte er mir gute Reise, und wir trennten uns. Ich sah mich frei, im Besitze von Gold- und Schmucksachen, aber ohne meinen Koffer. Teresa war in Rimini, und es war mir verboten, dorthin zurückzukehren. Ich beschloß, mich schnell nach Bologna zu begeben, mir einen Paß ausstellen zu lassen und nach Pesaro zurückzukehren, wo inzwischen ohne Zweifel mein römischer Paß eintreffen mußte, denn ich konnte mich nicht entschließen, meinen Koffer zu verlieren, und ich wollte nicht Teresa bis zum Ende ihres Engagements bei dem Operndirektor von Rimini entbehren. Es regnete; ich war in Seidenstrümpfen, und da ich ein schlechter Fußgänger war, so brauchte ich einen Wagen. Ich stellte mich unter eine Kirchentür, um das Aufhören des Regens abzuwarten, und drehte meinen schönen Überrock um, um nicht als Abbate erkannt zu werden. Ein Bauer kam vorbei; ich fragte ihn, ob er wohl einen Wagen hätte, um mich nach Cesena zu bringen. »Ich habe einen, Herr,« antwortete er mir, »aber er ist eine halbe Meile von hier.« »Hole ihn und komm damit hierher; ich werde auf dich warten.« Während ich auf die Rückkehr des Bauern mit dem Wagen warte, kommt eine Karawane von vierzig beladenen Maultieren, die nach Rimini hineingetrieben werden. Es regnete immer noch; die Maultiere kamen ganz dicht an mir vorüber; ich legte mechanisch einem von ihnen den Arm um den Hals, folgte dem langsamen Schritt der Tiere und kam wieder nach Rimini hinein, ohne daß man im geringsten auf mich achtete; nicht einmal die Treiber bemerkten mich. Ich gab dem ersten Gassenjungen, dem ich begegnete, ein Geldstück und ließ mich nach Teresas Wohnung führen. Ich hatte meine Haare mit einer Nachtmütze gedeckt, die Hutkrempe heruntergeschlagen, meinen schönen Spazierstock unter meinem Überzieher verborgen; so sah ich nach nichts aus. Ich fragte nach Bellinos Mutter, und die Hauswirtin führte mich in ein Zimmer, wo ich die ganze Familie besammen fand; Teresa trug Frauenkleider. Ich gedachte, sie zu überraschen; da aber Petronio ihnen schon von mir erzählt hatte, so erwarteten sie mich. Ich erzählte meine Geschichte; Teresa aber erschrak ob der Gefahr, der ich mich aussetzte, und sagte mir trotz ihrer Liebe, ich müßte unbedingt nach Bologna gehen, wie Herr Vais mir geraten habe. »Ich kenne diesen Offizier,« sagte sie, »er ist ein Ehrenmann, aber er kommt jeden Abend hierher, und du mußt dich verstecken.« Es war erst acht Uhr in der Früh, wir hatten den ganzen Tag vor uns, und alle versprachen, verschwiegen zu sein. Ich beruhigte Teresa, indem ich ihr versicherte, ich würde leicht ein Mittel finden, unbemerkt aus der Stadt heraus zu gelangen. Teresa führte mich in ihr Zimmer und erzählte mir, sie sei auf der Reise nach Rimini unterwegs ihrem Direktor begegnet; er habe sie in die für sie und ihre Familie bestimmte Wohnung gebracht; sie habe ihm erklärt, sie sei Mädchen und wolle nicht für einen Kastraten gelten; dem Direktor sei das ganz recht gewesen, weil Rimini zu einer anderen Legation gehöre als Ancona und Frauen hier auf der Bühne auftreten könnten. Zum Schluß sagte sie mir, sie sei nur bis Anfang Mai verpflichtet und werde überall hinkommen, wo ich auf sie warten wollte. »Sobald ich einen Paß habe,« sagte ich ihr, »wird nichts mich hindern können, so lange bei dir zu bleiben, bis du frei bist. Aber sage mir doch: Herr Vais verkehrt ja bei dir; hast du ihm nicht gesagt, ich hätte mich einige Tage in Ancona aufgehalten?« »Jawohl; ich habe ihm sogar gesagt, daß man dich arretiert hat, weil du deinen Paß verloren hast.« Nun begriff ich, warum der Offizier gelächelt hatte, als er mir seinen Rat gab. Nach dieser wichtigen Unterhaltung empfing ich die Komplimente der Mutter und der beiden jüngeren Schwestern; doch fand ich diese letzteren weniger lustig und weniger offenherzig als in Ancona. Sie fühlten, daß Bellino jetzt als Teresa eine zu gefährliche Nebenbuhlerin war. Ich hörte geduldig alle Klagelieder der Mutter an; sie behauptete, Teresa habe ihr Glück aufgegeben, indem sie die schöne Kastratenrolle aufgegeben; denn in Rom hätte sie jährlich tausend Zechinen verdienen können. »In Rom, meine gute Frau,« sagte ich ihr, »wäre der falsche Bellino entlarvt und Teresa wäre in ein elendes Kloster eingesperrt worden; und dazu ist sie nicht geschaffen.« Trotz der gefährlichen Lage, in der ich mich befand, verbrachte ich den ganzen Tag im Beisammensein mit meiner Liebsten, und es kam mir vor, als entdeckte ich in jedem Augenblick an ihr neue Reize und an mir mehr Liebe. Um acht Uhr abends hörten wir jemanden kommen; sie ließ mich allein, und ich blieb im Dunkeln; doch konnte ich alles sehen und hören. Ich sah den Baron Vais eintreten, und Teresa reichte ihm ihre Hand zum Kuß mit der Anmut einer hübschen Frau und mit der ganzen Würde einer Fürstin. Das erste, was er ihr sagte, war die Nachricht über mich; sie tat, als freute sie sich darüber, und hörte mit gleichgültiger Miene zu, als er ihr erzählte, er habe mir geraten, mit einem Paß zurückzukehren. Er verbrachte eine Stunde mit ihr, und ich fand Teresa bewunderungswürdig in ihrem Verhalten wie in ihren Manieren; mit einem Wort, sie benahm sich so, daß ich nicht den kleinsten Anlaß zur Eifersucht hätte entdecken können. Mariana leuchtete dem Offizier, als er fortging, und Teresa begab sich zu mir. Wir speisten fröhlich miteinander, und im Augenblick, wo wir uns zu Bett legen wollten, kam Petronio und sagte mir, sechs Maultiertreiber sollten zwei Stunden vor Tagesanbruch nach Cesena abgehen; wenn ich eine Viertelstunde vorher zu ihnen ginge und ihnen ein Trinkgeld gäbe, könnte ich ganz gewiß ohne Schwierigkeit aus der Stadt herauskommen. Dieser Meinung war auch ich, und ich entschloß mich, das Abenteuer zu versuchen; ich bat ihn, nicht zu Bett zu gehen, damit er mich zur rechten Zeit weckte. Es wäre nicht nötig gewesen, denn ich war schon vor der Zeit fertig. Ich verließ Teresa, fest überzeugt von meiner Liebe und Treue, aber ein wenig unruhig wegen meines Herauskommens aus Rimini. Sie hatte noch sechzig Zechinen und wollte mich nötigen, diese zurückzunehmen; ich fragte sie aber, was sie wohl von mir denken würde, wenn ich sie nähme, und es war nicht mehr die Rede davon. Ich ging nach dem Stall, gab einem Maultiertreiber ein Trinkgeld und sagte ihm, ich möchte gerne auf einem seiner Maultiere bis Sarignano reiten. »Das können Sie tun,« sagte mir der gute Mann, »aber es wäre besser, wenn Sie erst vor der Stadt aufstiegen und das Tor zu Fuß passierten, wie wenn Sie ein Treiber wären.« Das wollte ich ja gerade. Petromo begleitete mich bis ans Tor, wo ich ihm ein reichliches Zeichen meiner Dankbarkeit gab. Ich kam ohne die geringste Schwierigkeit hinaus und verließ die Maultiertreiber in Sarignano, von wo ich mit der Post nach Bologna fuhr. Bald sah ich, daß es mir unmöglich sein würde, einen Paß zu erhalten, schon deshalb, weil man mir sagte, ich brauchte keinen; damit hatten sie allerdings unter gewöhnlichen Umständen recht; ich aber wußte, daß das Gegenteil der Fall war, und es lag mir nichts daran, sie ins Geheimnis zu ziehen. Ich entschloß mich, an den französischen Offizier zu schreiben, der mich auf der Wache von Santa Maria so höflich behandelt hatte; ich bat ihn, sich auf dem Kriegssekretariat zu erkundigen, ob mein Paß noch nicht gekommen wäre, und, wenn dies der Fall wäre, ihn mir zu schicken. Ich bat ihn ferner, sich nach dem Besitzer des mit mir durchgegangenen Pferdes zu erkundigen; denn ich fand es nicht mehr als recht und billig, diesem seinen Schaden zu ersetzen. Auf alle Fälle beschloß ich, Teresa in Bologna zu erwarten, und ich teilte ihr dies mit, indem ich sie bat, mir sehr oft zu schreiben. Der Leser wird sehen, was fur einen neuen Entschluß ich noch am selben Tage faßte. Zwölftes Kapitel Ich werfe das geistliche Gewand ab und ziehe den Soldatenrock an. – Teresa reist nach Neapel, und ich gehe nach Venedig, wo ich in den Dienst meines Vaterlandes trete. – Ich schiffe mich nach Korfu ein und gehe in Orfera an Land, um einen Spaziergang zu machen. Bei meiner Ankunft in Bologna quartierte ich mich, um niemandes Blick auf mich zu ziehen, natürlich in einem kleinen Gasthofe ein; sobald ich dann an Teresa und den französischen Offizier geschrieben hatte und meine Briefe auf der Post waren, dachte ich daran, mir neue Wäsche zu kaufen; da auch das Eintreffen meines Koffers mindestens unsicher war, glaubte ich gut zu tun, wenn ich mir Kleider machen ließe. Während dieser Gedanken kam mir die Erwägung, daß ich in Zukunft kaum mehr mein Glück im geistlichen machen würde; ungewiß indes über die von mir zu treffende Wahl, hatte ich den Einfall, mich in einen Offizier zu verwandeln, da ich über meine Handlungen ja sicherlich niemandem Rechenschaft zu geben hatte. Dieser Gedanke war in meinem Alter natürlich, denn ich kam von zwei Heeren, wo ich nur den Soldatenrock in Ehren gesehen hatte, und ich fand es gut, mir ebenfalls Achtung zu verschaffen. Da ich überdies nach Venedig zurückkehren wollte, entzückte mich der Gedanke, mich in dem Gewande der Ehre dort zu zeigen, da man mich ja in dem der Religion dort ziemlich schlecht behandelt hatte. Ich fragte nach einem guten Schneider; man ließ mir »den Tod« kommen; der Mann nämlich, den man mir brachte, hieß Morte. Nachdem ich das Tuch gewählt und ihm erklärt hatte, wie ich meine Uniform wünschte, nahm er mir Maß, und am folgenden Tag schon war ich in einen Jünger des Mars verwandelt. Ich versah mich mit einem langen Degen. Meinen schönen Stock in der Hand, einen keck aufgekrempten Hut mit schwarzer Kokarde auf dem Kopf und einem langen künstlichen Zopf auf dem Rücken, so ging ich aus und sah mich überall in der Stadt um. Ich glaubte, meine neue Würde erheische eine imposantere Wohnung als die von mir bei meiner Ankunft genommene, und so zog ich in den besten Gasthof. Noch heute erinnere ich mich gern des angenehmen Eindrucks, den ich auf mich selbst machte, als ich mich nach Herzenslust in einem schönen Spiegel bewundern konnte. Ich war von mir entzückt! Ich erschien mir bewundernswert und dazu geschaffen, den Soldatenrock, den ich in einer glücklichen Eingebung gewählt hatte, zu tragen und zu Ehren zu bringen. Da ich sicher war, von niemandem gekannt zu sein, malte ich mir mit lebhafter Freude im voraus die Vermutungen aus, die man bei meinem Erscheinen im ersten Kaffeehaus der Stadt an meine Person knüpfen würde. Meine Uniform war weiß, die Weste blau, mit gold- und silbernen Fangschnüren und gleicher Degenquaste. Von meinem imponierenden Aussehen sehr befriedigt, ging ich ins Kaffeehaus, las, während ich meine Schokolade trank, ganz unbefangen die Zeitung und freute mich innerlich, wie ich sah, daß alle Leute sich für mich interessierten, während ich selbst darauf gar nicht zu achten schien. Ein kecker Mensch richtete unter irgendeinem Vorwand das Wort an mich; ich antwortete ihm nur einsilbig und machte so die Geriebensten irre. Nachdem ich mich im Kaffeehause zur Genüge hatte bewundern lassen, führte ich meine Wichtigkeit in den belebtesten Straßen der Stadt spazieren und kehrte dann in meinen Gasthof zurück, wo ich allein zu Mittag aß. Gleich nach dem Essen kam mein Wirt mit einem Buch, in das er mich meine Personalien einzuschreiben bat. »Casanova.« »Ihr Stand, mein Herr, bitte?« »Offizier.« »In wessen Dienst?« »In keinem.« »Ihr Vaterland?« »Venedig.« »Woher kommen Sie?« »Das geht Sie nichts an!« Diese mit einem, wie ich glaubte, meinem Äußeren entsprechenden Ton hervorgestoßenen Worte taten ihre Wirkung: Der Wirt ging, und ich war mit mir sehr zufrieden, denn ich erriet, daß der Wirt auf Antrieb irgendwelcher Neugieriger gekommen war, und ich wußte, daß man in Bologna in voller Freiheit lebte. Am nächsten Tag ging ich zu dem Bankier Orsi, um mir meinen Wechsel bezahlen zu lassen; ich nahm einen neuen von sechshundert Zechinen auf Venedig und hundert Zechinen in Gold. Dann führte ich wie am Tag zuvor meine neue Würde in der Stadt spazieren. Am folgenden Tag meldete man mir, während ich meinen Kaffee nach Tisch trank, den Bankier Orsi. Überrascht durch diesen Besuch, ließ ich ihn eintreten und sah in seiner Begleitung Monsignore Cornaro; doch tat ich, als ob ich diesen nicht kenne. Nachdem Herr Orsi mir gesagt, er komme, um mir Geld auf meine Tratten zu bieten, stellt er mir den Prälaten vor. Ich erhebe mich und sage, ich sei entzückt, seine Bekanntschaft zu machen. »Wir kennen uns bereits«, erklärte er, »von Venedig und Rom.« Ich tat verlegen und erwiderte ihm, er irrte sich bestimmt. Der Prälat glaubte den Grund meiner Zurückhaltung zu kennen, bestand nicht auf seiner Behauptung und entschuldigte sich. Ich lud ihn zu einer Tasse Kassee ein; er nahm an; dann verabschiedete er sich mit der Bitte, ihm am nächsten Tag die Ehre zu erweisen, bei ihm zu frühstücken. Entschlossen, beim Leugnen zu verharren, begebe ich mich zu dem Prälaten, der mich sehr freundlich empfängt. Er war damals apostolischer Protonotar in Bologna. Man brachte die Schokolade und während wir sie tranken, sagte er mir, ich könnte sehr gute Gründe für meine Zurückhaltung haben, doch wäre es um so mehr unrecht von mir, ihm gegenüber es an Vertrauen fehlen zu lassen, als die fragliche Angelegenheit mir Ehre machte. »Ich weiß nicht, Monsignore,« erwiderte ich ihm, »um welche Angelegenheit es sich handelt.« Nun reicht er mir eine Zeitung und bittet mich, einen Artikel, den er mir zeigt, zu lesen. Man denke sich meine Überraschung, als ich den unter der Rubrik Pesaro stehenden Artikel sah: »Herr von Casanova, Offizier im Regiment der Königin, ist desertiert, nachdem er im Duell einen Hauptmann getötet hat. Man kennt die Umstände dieses Duells nicht, man weiß nur, daß der genannte Offizier auf Pferde des anderen, der tot auf dem Platz blieb, den Weg nach Rimini eingeschlagen hat.« Trotz meiner Überraschung und Lachlust, die mich erfüllte, als ich einen Artikel sah, in dem sich so viel Falsches mit so wenig Wahrem mischte, blieb ich Herr meines Gesichtsausdrucks und sagte dem Prälaten der Casanova in der Zeitung wäre ein anderer als ich. »Das kann sein, doch sind Sie sicher derselbe, den ich vor einem Monat bei dem Kardinal Aequaviva und vor zwei Jahren bei meiner Schwester, Frau Lovedan, in Venedig sah. Übrigens bezeichnet der Bankier in Ancona in seinem Wechsel auf Herrn Orsi Sie auch als Abbate.« »Nun wohl, Monsignore, Euer Exzellenz zwingt mich, das zuzugeben, ich bin derselbe, doch bitte ich Sie, hierauf alle Fragen, die Sie an mich stellen könnten, zu beschränken. Die Ehre verpflichtet mich heute zum strengsten Schweigen.« »Das genügt mir, und ich bin befriedigt. Sprechen wir von anderen Dingen.« Nach einigen Augenblicken einer ebenso freundlichen wie artigen Unterhaltung verließ ich ihn, indem ich ihm für alle Dienstanerbietungen dankte, die er mir machte. Ich sah diesen Prälaten erst sechzehn Jahre später wieder und werde davon an seiner Stelle sprechen. Ich lachte innerlich über alle falschen Geschichten und Umstände, die sich vereinigten, um ihnen den Stempel der Wahrheit aufzudrücken, und wurde seitdem ein großer Skeptiker hinsichtlich geschichtlichen Wahrheiten. Inzwischen hatte ich ein wahres Vergnügen daran, durch meine Zurückhaltung den Gedanken zu nähren, ich wäre derselbe Casanova, von dem die Zeitung von Pesaro sprach. Ich war sicher, der Prälat würde nach Venedig schreiben, wo diese Tat mir Ehre machen würde, wenigstens solange, bis man die Wahrheit entdeckte, die dann meine Zurückhaltung gerechtfertigt hätte. Übrigens konnte ich dann schon weit fort sein. Dieser Gedanke trug viel zu dem Entschlusse bei, nach Venedig zu gehen, sobald ich einen Brief von Teresa empfangen hätte, da ich sie dort viel bequemer als in Bologna erwarten zu können glaubte. Übrigens hätte mich in meinem Vaterlande nichts abhalten können, sie öffentlich zu heiraten. Vorläufig amüsierte mich die Fabel, und ich erwartete täglich eine Berichtigung in den Zeitungen. Der Offizier Casanova mußte jedenfalls über das angeblich von ihm entführte Pferd ebenso lachen, wie ich über die Laune lachte, die mich bewog, mich in Bologna in einen Offizier zu verwandeln, als hätte ich ausdrücklich dieser Fabel Rückgrat geben wollen. Am vierten Tag meines Aufenthalts erhielt ich durch besonderen Boten einen dicken Brief von Teresa. Sie teilte mir mit, daß am Tag nach meiner Abreise von Rimini der Baron Vais ihr den Herzog von Castropignano vorgestellt hatte, der ihr, nachdem er sie singen gehört, tausend Unzen jährlich bei freier Reise angeboten hätte, wenn sie im Theater von San Carlo singen wollte, wohin sie sich unmittelbar nach ihrem Engagement in Rimini begeben sollte. Sie hatte um acht Tage Bedenkzeit gebeten und sie erhalten. Ihrem Brief hatte sie zwei besondere Blätter beigefügt; das eine war der geschriebene Vertrag des Herzogs, den sie mir zur Kenntnisnahme schickte und nicht ohne meine Zustimmung unterzeichnen wollte; das andere eine förmliche Verpflichtung, lebenslänglich mir zu Diensten zu bleiben. Sie schrieb mir, wenn ich mit ihr nach Neapel gehen wollte, würde sie sich an jedem von mir gewünschten Ort mit mir treffen, und wenn ich der Rückkehr in jene Stadt abgeneigt wäre, sollte ich den günstigen Vorschlag einfach abweisen und überzeugt sein, daß sie kein anderes Glück kenne, als alles nach meinem Wunsch zu tun. Zum ersten Male in meinem Leben sah ich mich in die Notwendigkeit versetzt, zu überlegen, ehe ich einen Entschluß faßte. Dieser Brief hatte alle meine Gedanken verwirrt und ich bestellte den Boten, da ich nicht sogleich antworten konnte, auf den nächsten Tag. Zwei gleichmächtige Beweggründe hielten die Wagschale im Gleichgewicht: Eitelkeit und Liebe. Ich fühlte, ich durfte von Teresa mcht verlangen, ein so großes Glück zu verschmähen oder sich entgehen zu lassen; doch konnte ich es weder über mich gewinnen, Teresa ohne mich nach Neapel gehen zu lassen, noch mit ihr dorthin zu gehen. Einerseits zitterte ich bei dem Gedanken, meine Liebe könnte Teresas Glück hinderlich sein, andererseits fürchtete ich mich vor der Verletzung, die meiner Eigenliebe widerfahren konnte, wenn ich mit ihr nach Neapel ging. Wie konnte ich mich auch entschließen, in dieser Stadt, nachdem ich sie vor sieben oder acht Monaten verlassen hatte, wieder zu erscheinen und noch dazu im Gewande eines Elenden, der auf Kosten seiner Frau oder seiner Geliebten lebt? Was hätten mein Vetter Don Antonio, Don Polo und sein teurer Sohn, Don Lelio Caraffa und der ganze Adel gesagt, der mich kannte? Ich bebte bei dem Gedanken an Lucrezia und ihren Gatten. Ich wußte, daß ich mich, wenn mich dort alle Leute verachteten, trotz meiner Zärtlichkeit für Teresa sehr unglücklich fühlen würde. Als Liebhaber oder Gatte mit ihrem Lose verbunden, wäre ich mir verächtlich, erniedrigt vorgekommen und hätte mich als Schmarotzer von Beruf und Handwerk gefühlt. Dann überlegte ich, daß ich mich in der ersten Blüte meiner jungen Jahre fesseln und so für immer auf das große Glück, für das ich mich geboren glaubte, verzichten wollte, und ich fühlte, daß die Wage ihr Gleichgewicht verlor und mein Verstand meinem Herzen Schweigen gebot. Da ich ein Mittel, Zeit zu gewinnen, gefunden zu haben glaubte, blieb ich dabei stehen. Ich schrieb Teresa, sie sollte annehmen und nach Neapel gehen und dürfte versichert sein, daß ich dort entweder im Juli oder bei meiner Rückkehr von Konstantinopel sie treffen würde. Ich riet ihr, sie möchte eine Kammerfrau von anständigem Äußern nehmen, um in der vornehmen Welt gebührend auftreten zu können, und möchte sich so benehmen, daß ich sie bei meiner Ankunft ohne Erröten heiraten könnte. Ich sah voraus, daß ihr Glück von ihrer Schönheit noch mehr als von ihrem Talent abhängen würde, und da ich meinen Charakter kannte, wußte ich, daß ich niemals ein gefälliger Liebhaber oder ein gefälliger Gatte sein würde. Wäre Teresas Botschaft eine Woche früher in meine Hände gekommen, so wäre sie sicherlich nicht nach Neapel gegangen, denn damals wäre meine Liebe stärker gewesen als mein Verstand. Doch in der Liebe wie in allem anderen ist die Zeit ein mächtiger Herr. Ich schrieb ihr, sie sollte mir nach Bologna Antwort geben, und drei Tage danach erhielt ich einen traurig-zärtlichen Brief, in dem sie mir mitteilte, sie hätte ihr Engagement unterzeichnet und eine Kammerfrau, die sie als ihre Mutter vorstellen könnte, angenommen; sie wäre im Mai in Neapel und würde auf mich so lange warten, bis ich ihr erklärte, daß ich nichts mehr von ihr wissen wollte. Vier Tage nach dem Empfang dieses Briefes, des vorletzten von Teresa, reiste ich nach Venedig. Vor meiner Abreise erhielt ich einen Brief von einem französischen Offizier, der mir meldete, mein Paß wäre eingetroffen, und er würde ihn mir mit meinem Koffer schicken, wenn ich vorher Herrn Marcello Birna, Kommissionär des spanischen Heeres, dessen Adresse er mir gab, fünfzig Dublonen für das Pferd gezahlt hätte, das ich oder das mich entführte. Ich begab mich sofort zu dem Herrn, sehr befriedigt, diese Angelegenheit beendigen zu können, und erhielt meinen Koffer und Paß einen Augenblick vor meiner Abreise. Da übrigens alle Leute erfuhren, daß ich das Pferd bezahlt hatte, ward Monsignore Cornaro in dem Gedanken bestätigt, ich hätte meinen Hauptmann im Duell getötet. Um nach Venedig zu gelangen, mußte man Quarantäne halten, doch bestand diese Formalität nur noch, weil beide Regierungen auf gespanntem Fuß standen. Die Venezianer wünschten, der Papst sollte zuerst seine Grenzen öffnen, und der Pontifex verlangte, die Venezianer sollten den ersten Schritt tun. Aus all diesen Zwistigkeiten entsprangen große Nachteile für den Handel, aber bloße Bedürfnisse der Völker werden ja oft sehr leichtfertig behandelt. Ich wollte mich dieser Formalität nicht unterwerfen und wußte mich mit ihr auf folgende Weise abzufinden. Die Sache war bedenklich, denn in Venedig herrscht in Gesundheitsmaßregeln außerordentlich große Strenge; doch damals fand ich ein besonderes Vergnügen daran, alles zu tun, was verboten oder doch mindestens sehr schwierig war. Ich wußte, daß man aus Mantua nach Venedig passieren konnte, ich wußte ebenfalls, daß der Verkehr zwischen Mantua und Modena unbeschränkt war. Wenn ich folglich nach Mantua gehen und den Schein erwecken konnte, ich käme aus Modena, ging die Sache; denn von dort konnte ich irgendwo den Po passieren und zu Wagen nach Venedig reisen. Ich nahm einen Wagen nach Rovero, einer Stadt am Po im Staate Mantua. Der Kutscher sagte mir, er könnte auf Seitenwegen nach Rovero fahren und erklären, wir kämen von Mantua; der einzige Hinderungsgrund wäre nur, daß wir das Gesundheitszeugnis von Mantua, das von uns am Tore gefordert würde, nicht vorzeigen könnten. Ich forderte ihn auf zu erklären, er hätte es verloren, und alles andere nur mir zu überlassen. Ein wenig Geld bestimmte ihn, nach meinem Willen zu tun. Am Tor von Rovero gab ich mich für einen Offizier des spanischen Heeres aus und sagte, ich ginge nach Venedig, um mit dem Herzog von Modena, der damals dort weilte, in sehr wichtigen Angelegenheiten zu sprechen. Man fragte nicht nur nicht den Kutscher nach dem Gesundheitszeugnis, sondern man erwies mir auch die militärischen Ehrenbezeigungen und war außerordentlich höflich gegen mich. Man gab mir sofort ein Attest, als käme ich von Rovero, und damit passierte ich bei Ostiglia den Po, von wo ich mich nach Legnago begab. Dort entließ ich meinen Kutscher, der mit meiner Freigebigkeit ebenso zufrieden war, wie mit der Leichtigkeit der Reise, nahm die Post und kam am Abend in Venedig an. Ich bemerkte, daß es der 2. April 1744 war, mein Geburtstag, der zehnmal in meinem Leben durch ein besonderes Ereignis gekennzeichnet worden ist. Am nächsten Tag schon ging ich auf die Börse, um eine Überfahrt nach Konstantinopel zu suchen. Da ich aber kein Schiff fand, das vor zwei oder drei Monaten absegeln sollte, mietete ich eine Kajüte auf einem Linienschiff, das im Laufe des Monats nach Korfu abgehen sollte. Es war ein venezianisches Schiff: »Unsere liebe Frau vom Rosenkranz«, von Kapitän Zisano befehligt. Nachdem ich mich so darauf vorbereitet hatte, meinem Schicksal zu gehorchen, das mich nach meinem abergläubischen Sinn nach Konstantinopel rief, ging ich auf den Marktplatz, um dort zu sehen und gesehen zu werden. Im voraus genoß ich schon die Überraschung meiner Bekannten, die sehr erstaunt darüber sein mußten, in mir nicht mehr den Herrn Abbate zu finden. Ich darf nicht vergessen, meinen Lesern zu sagen, daß ich in Rovero meinen Hut mit einer roten Kokarde geschmückt hatte. Ich hielt mich für verpflichtet, Besuche zu machen, und glaubte, der erste gebühre mit Recht dem Abbate Grimani. Sobald er mich erblickte, schrie er laut auf, denn er glaubte mich noch bei dem Kardinal Acquaviva in der diplomatischen Laufbahn und sah nun einen Priester des Mars vor sich. Er erhob sich vom Tisch, als ich eintrat, und er hatte Gesellschaft bei sich. Unter den Gästen bemerkte ich einen Offizier in spanischer Uniform, doch brachte mich dies keineswegs aus der Fassung. Ich sagte dem Abbate Grimani, ich hätte es, da ich nur durchreiste für meine Pflicht gehalten, ihm meine Aufwartung zu machen. »Ich erwartete nicht, Sie in einer solchen Kleidung zu sehen.« »Ich faßte den klugen Entschluß, die abzulegen, die mir kein genügendes Glück bieten konnte.« »Wohin gehen Sie?« »Nach Konstantinopel, und ich hoffe eine baldige Überfahrt nach Korfu zu finden, denn ich bin mit Depeschen des Kardinals Acquaviva versehen.« »Woher kommen Sie jetzt?« »Von dem spanischen Heer, bei dem ich vor zehn Tagen war.« Nach diesen meinen Worten hörte ich einen jungen Herrn rufen: »Das ist nicht wahr!« »Mein Stand«, versetzte ich sofort, »gestattet mir nicht, mich Lügen strafen zu lassen«, und damit verneigte ich mich im Kreise und ging davon, ohne auf die Zurufe der Gäste, die mich zurückhalten wollten, zu achten. Ich trug eine Uniform. Ich mußte, so schien es mir, ebenfalls jenen reizbaren Stolz besitzen, jenen Hochmut, der so viele Militärs charakterisiert. Ich war nicht mehr Priester, ich durfte also nicht dulden, Lügen gestraft zu werden und vor allem, wenn dies so öffentlich geschah. Ich ging zu Frau Manzoni, die zu sehen es mich verlangte. Mein Anblick entzückte sie, und sie verfehlte nicht, mich an ihre Prophezeiung zu erinnern. Ich erzählte ihr meine Geschichte, die sie sehr befriedigte; aber sie sagte mir, wenn ich nach Konstantinopel ginge, würde ich sie sehr wahrscheinlich nicht mehr wiedersehen. Nachdem ich Frau Manzoni verlassen hatte, begab ich mich zu Frau Orio, wo ich den guten Herrn Rosa, Nannetta und Martina fand. Ihre Überraschung war außerordentlich groß: sie waren wie versteinert. Die beiden liebenswürdigen Schwestern kamen mir noch schöner vor, aber ich fand es nicht passend, ihnen die ganze Geschichte meiner neunmonatlichen Abwesenheit zu erzählen, denn sie hätte weder die Tante erbauen noch den Nichten gefallen können. Ich begnügte mich daher, ihnen zu sagen, was ich wollte, und es gelang mir, sie drei Stunden lang angenehm zu unterhalten. Da ich die gute Frau ganz begeistert sah, erklärte ich ihr, es hinge nur von ihr ab, mich die vier bis fünf Wochen, die ich in Venedig zubringen müßte, zu besitzen, indem sie mir ein Zimmer und das Abendessen gäbe, doch unter der Bedingung, daß ich ihr ebensowenig wie ihren reizenden Nichten beschwerlich falle. »Ich würde glücklich sein,« entgegnete sie mir, »wenn ich Ihnen ein Zimmer anbieten könnte.« – »Sie haben es, meine Teure,« erwiderte ihr ihr Freund Rosa, »und ich übernehme es, in zwei Stunden es in Ordnung zu bringen.« Es war das Zimmer, das an das der Nichten stieß. Nannetta nahm das Wort und erklärte, sie würde mit ihrer Schwester nach unten ziehen, doch Frau Orio antwortete ihr, das wäre nicht nötig, da sie sich in ihrem Zimmer einschließen könnten. »Sie werden es nicht nötig haben, Signora,« erklärte ich ernst und bescheiden, »und wenn ich die geringste Störung verursachen sollte, würde ich es vorziehen, im Gasthof zu bleiben.« »Sie werden keine hervorrufen, aber verzeihen Sie meinen Nichten, sie sind kleine Zierpuppen, die eine große Meinung von sich haben.« Als nun alles so geordnet war, nötigte ich die Frau, fünfzehn Zechinen im voraus zu empfangen, und versicherte ihr, ich wäre reich und gewänne bei diesem Handel noch, da ich in dem Gasthof viel mehr Geld verbrauchen würde. Ich fügte hinzu, ich würde am nächsten Tag meinen Koffer schicken und bei ihr einziehen. Während dieses Gespräches sah ich die Freude sich in den Augen meiner kleinen Frauen malen, die ihr Recht auf mein Herz wiedergewannen – trotz meiner Liebe zu Teresa, die ich stets mit den Augen der Seele sah; doch dies war nur vorübergehende Untreue und keine Unbeständigkeit. Am folgenden Tag ging ich ins Kriegsministerium, doch trug ich Sorge, ohne Kokarde mich dort einzufinden, um jede Verlegenheit zu vereiden. Ich fand dort den Major Pelodoro, der vor Freude, mich im Soldatenrock zu sehen, mir um den Hals fiel. Sobald ich ihm gesagt hatte, ich müßte nach Konstantinopel gehen und wäre trotz meiner Uniform frei, drang er lebhaft in mich, mir den Vorteil zu sichern, mit dem Bailo nach der Türkei zu reisen, da dieser in zwei Monaten spätestens abreisen sollte; ja er riet mir sogar, ich möchte doch den Versuch machen, in den Dienst Venedigs zu treten. Dieser Rat gefiel mir, und der Kriegsminister, der mich im vergangenen Jahr kennengelernt hatte und mich wieder erkannte, rief mich und sagte mir, er hätte Briefe aus Bologna empfangen, die eine mir zur Ehre gereichende Tat berichteten; er setzte hinzu, er wüßte, daß ich es nicht eingestehen wolle, und fragte mich, ob ich beim Austritt aus der spanischen Armee meinen Abschied erhalten hätte. »Ich konnte keinen Abschied bekommen, da ich niemals gedient habe.« »Und wie ist es möglich, daß Sie nach Venedig kamen, ohne Quarantäne gehalten zu haben?« »Wer aus dem Gebiete von Mantua kommt, wird derselben nicht unterworfen.« »Das ist wahr; nun ich rate Ihnen wie der Major, in den Staatsdienst zu treten.« Als ich den herzoglichen Palast verließ, begegnete ich dem Abbate Grimani, der mir sagte, mein plötzlicher Aufbruch bei ihm hätte allen Leuten mißfallen. »Auch dem spanischen Offizier?« »Nein; der sagte, wenn Sie dort gewesen wären, hätten Sie nicht anders handeln können, und er hat Ihr Dortsein bestätigt; und um seine Behauptung zu bekräftigen, ließ er mich einen Zeitungsartikel lesen, wonach Sie Ihren Hauptmann getötet haben sollen. Das ist doch sicher eine Fabel?« »Wer sagt Ihnen das?« »Es ist also wahr?« »Das sage ich nicht; doch könnte es wahr sein, ganz wie es wahr ist, daß ich vor zehn Tagen bei dem spanischen Heere war.« »Das ist nicht möglich, Sie müßten denn den Kordon verletzt haben.« »Ich habe nichts verletzt. Ich ging öffentlich bei Rovero über den Po, und so bin ich hier. Es tut mir leid, nicht mehr zu Euer Exzellenz gehen zu können, wenn nicht die Person, die mich Lügen strafte mir eine vollständige Genugtuung zu geben bereit ist. Ich konnte eine Beschimpfung dulden, als ich das Gewand der Demut trug; heute kann ich es nicht mehr, da ich das Kleid der Ehre trage.« »Sie tun unrecht, die Sache so zu nehmen. Der Herr, der Ihnen widersprach, war Herr Valmarana, gegenwärtig Provveditore bei der Gesundheitsbehörde, und er behauptete, da der Übergang nicht frei wäre, könnten Sie sich nicht hier befinden. Genugtuung! Haben Sie vergessen, wer Sie sind?« »Nein, aber ich weiß, wer ich bin, und ich weiß ferner eins: wenn ich vor meiner Abreise für feig gelten konnte, so wird jetzt nach meiner Rückkehr jeder, der mich verletzt, es bereuen!« »Kommen Sie zu mir zum Essen!« »Nein, denn jener Offizier würde es erfahren!« »Er wird Sie selbst sehen, denn er speist alle Tage bei mir!« »Gut, so will ich kommen und ihn zum Schiedsrichter in meinem Streit nehmen.« Ich fand mich bei Tisch mit dem Major Pelodoro und einigen anderen Offizieren zusammen; alle redeten mir einstimmig zu, in den Staatsdienst zu treten, und ich entschloß mich dazu. »Ich kenne,« sagte mir der Major, »einen jungen Leutnant, dessen Gesundheit ihm nicht gestattet, nach der Levante zu gehen, und der seine Stelle verkaufen will: er verlangt dafür hundert Zechinen; aber das würde nicht genügen, denn Sie müssen die Einwilligung des Kriegsministers haben.« »Sprechen Sie mit ihm,« entgegnete ich ihm, »die hundert Zechinen sind bereit.« Er verpflichtete sich dazu. Am Abend begab ich mich zu Frau Orio und fand eine vortreffliche Wohnung. Nach dem Abendessen forderte die Tante ihre Nichten auf, mich in mein Zimmer einzuführen, und wie man sich denken kann, verlebte das Trio eine köstliche Nacht. Während der folgenden Nächte teilten sie sich in den angenehmen Frondienst, indem sie miteinander abwechselten. Um jede Überraschung zu vermeiden, falls es der Tante einfallen sollte, ihnen einen Besuch zu machen, lösten wir geschickt ein Brett der Scheidewand, so daß sie, ohne die Tür öffnen zu müssen, hindurch konnten. Doch die gute Tante, die uns alle drei für kleine Tugendspiegel hielt, stellte uns niemals auf diese Probe. Zwei oder drei Tage später bewirkte Abbate Grimani eine Zusammenkunft zwischen mir und Herrn Valmarana. Er sagte mir, hätte er gewußt, daß man den Gesundheitskordon umgehen könnte, so hätte er niemals gesagt: was ich behauptet, wäre unmöglich, und er danke mir dafür, ihm diese Kenntnis verschafft zu haben. Seitdem war die Sache beigelegt, und bis zu meiner Abreise erwies ich Herrn Grimani jeden Tag die Ehre, an seinem ausgezeichneten Mittagsmahl teilzunehmen. Gegen Ende des Monats trat ich in den Dienst der Republik als Fähnrich im Regiment Bala, das in Korfu stand. Mein Vorgänger, der es gegen Empfang meiner hundert Zechinen verlassen hatte, war Leutnant; doch der Kriegsminister führte mir Gründe an, denen ich mich unterwerfen mußte, wenn ich in das Heer eintreten wollte, doch versprach er mir, mich unfehlbar am Ende des Jahres zum Leutnant zu befördern, und erklärte, daß er mir einen Urlaub bewilligen werde, um nach Konstantinopel zu gehen. Ich nahm an, weil ich durchaus dienen wollte. Der erlauchte Senator Pietro Vendramin erwirkte mir die Gunst, nach Konstantinopel mit dem Ritter Veniero zu gehen, der sich als Bailo dorthin begab; doch da dieser erst einen Monat nach mir in Korfu eintreffen sollte, versprach er mir sehr freundlich, mich auf seinem Wege dort abzuholen. Einige Tage vor meiner Abreise erhielt ich einen Brief, in dem Teresa mir mitteilte, daß der Herzog sie in eigener Person begleiten würde. »Dieser Herzog«, schrieb sie, »ist alt. Doch wäre er auch jung, so könntest du um mich ganz unbesorgt sein. Wenn du Geld brauchst, so zieh auf mich überall, wo du bist, und verlaß dich darauf, daß ich deine Wechsel honorieren werde, müßte ich auch meinen ganzen Besitz verkaufen, um sie einzulösen.« Auf dem Schiff, das mich nach Korfu bringen sollte, sollte sich auch ein vornehmer Venezianer befinden, der mit großem glänzenden Gefolge als Rat nach Zante ging. Der Schiffskapitän erklärte mir, wenn ich allein zu essen gezwungen wäre, würde ich magere Kost erhalten; er riet mir daher, mich diesem Herrn vorzustellen, und er wäre im voraus überzeugt, er würde mich einladen, ihm die Ehre zu erweisen, mit ihm zu essen. Er hieß Antonio Dolfino und man hatte ihm den Spitznamen Bucentauro gegeben, weil er sehr vornehm tat und sich sehr geziert kleidete. Ich hatte nicht nötig, in dieser Angelegenheit einen Schritt zu tun, denn der Abbate Grimani schlug mir selbst vor, mich dem prachtliebenden Rat vorzustellen. Sobald dies geschehen und ich äußerst distinguiert empfangen und an seiner Tafel teilzunehmen eingeladen war, sagte er mir, ich möchte ihm das Vergnügen machen, seine Gemahlin, die sich mit ihm einschiffen sollte, kennenzulernen. Ich begab mich am nächsten Tage zu ihm und fand eine Frau von sehr feiner Lebensart, doch schon ein wenig alt und völlig taub. Es ließ sich also hinsichtlich der Unterhaltung nichts von ihr erhoffen. Sie hatte eine reizende, noch sehr junge Tochter, die sie im Kloster zurückließ. Sie ist nachmals sehr bekannt geworden und lebt, glaube ich, noch als Witwe des Prokurators Iron, dessen Familie ausgestorben ist. Ich habe keinen schöneren Mann gesehen und keinen, der die Repräsentation besser verstand, als Herr Dolfino. Er zeichnete sich besonders durch viel Geist und Höflichkeit aus. Er war beredt, ein vornehmer Spieler, der stets verlor, beliebt bei Damen, denen er zu gefallen suchte, und immer unerschrocken und gleichmütig, im Glück wie im Unglück. Er hatte es gewagt, ohne Erlaubnis zu reisen, war in den Dienst einer fremden Macht getreten und infolgedessen bei der Regierung in Ungnade gefallen, denn ein edler Venezianer kann kein größeres Verbrechen begehen. Das hatte ihm die Gunst verschafft, einige Zeit in dem berüchtigten Gefängnis der Bleikammern zuzubringen; eine auch mir für später vorbehaltene Gunst. Der liebenswürdige, freigebige, aber keineswegs reiche Mann sah sich gezwungen, vom großen Rat einen einträglichen Posten zu erbitten; deshalb war er zum Rat der Insel Zante ernannt worden. Er begab sich aber mit einem so großen Gefolge dorthin, daß er sich auf das Sammeln großer Reichtümer keine Hoffnungen machen konnte. Übrigens konnte dieser Mann, so wie ich ihn beschrieben habe, in Venedig nicht sein Glück machen; denn eine aristokratische Regierung kann nur solange auf Ruhe rechnen, als Gleichheit unter den Aristokraten herrscht, und es ist unmöglich, über die physische oder moralische Gleichheit anders als nach dem Schein zu urteilen. Daraus folgt, daß das Individuum, welches nicht verfolgt werden will, wenn es besser oder schlechter als die andern ist, sein mögliches tun muß, um sich zu verstellen. Wenn ein solcher Mensch ehrgeizig ist, muß er Verachtung der Auszeichnungen heucheln; will er ein Amt, so muß er tun, als liege ihm nichts daran; hat er eine hübsche Figur, so muß er sie vernachlässigen. Er muß sich schlecht halten, noch schlechter sich kleiden, nichts Gesuchtes haben, alles Fremde lächerlich machen, sich ungeschickt verbeugen, sich keiner ausgezeichneten Höflichkeit befleißigen, geringen Wert auf die schönen Künste legen, seinen guten Geschmack verhehlen, keinen fremden Koch halten, eine schlecht gemachte und etwas unsaubere Perücke tragen. Da Herr Dolfino keine dieser bedeutenden Eigenschaften besaß, durfte er auf kein Glück in seinem Vaterlande rechnen. Den Tag vor meiner Abreise ging ich nicht aus, ich glaubte diesen ganzen Tag der Freundschaft widmen zu müssen. Frau Orio vergoß ebenso wie ihre reizenden Nichten reichliche Tränen, und ich nicht minder. Die letzte Nacht, die wir miteinander verbrachten, sagten sie mir hundertmal in den süßesten Entzückungen, daß sie mich nie wiedersehen würden. Sie errieten die Wahrheit, aber wenn sie mich wiedergesehen hätten, hätten sie sie eben nicht erraten. Das ist das Wunderbare aller Prophezeiungen. Am fünften Mai begab ich mich an Bord, reich ausgestattet und mit Schmucksachen und barem Gelde gut versehen. Unser Schiff trug vierundzwanzig Kanonen und zweihundert slawonische Soldaten. Wir fuhren nachts von Malamocco nach Istrien und warfen im Hafen von Orsera Anker, um Saroma zu machen d.h. den Ballast eines Schiffes vermehren, um seine Leichtigkeit zu mindern, was man dadurch erreicht, daß man eine Menge Steine in den untersten Schiffsraum schafft. . Während die Mannschaft damit beschäftigt war, ging ich mit mehreren anderen ans Land, um in dem elenden Nest spazierenzugehen, obgleich ich dort vor neun Monaten drei Tage zugebracht hatte. Ich stellte dabei angenehme Vergleiche zwischen meiner Lage bei meinem ersten Besuch und meinem jetzigen an. Welch ein Unterschied an Stand und Glück! Ich war überzeugt, daß mich in der imposanten Kleidung, die ich trug, niemand als den spärlichen Abbate erkennen würde, aus dem ohne Bruder Steffano Gott weiß was geworden wäre. Dreizehntes Kapitel Komische Begegnung in Orsera. – Reise nach Korfu. – Aufenthalt in Konstantinopel. – Bonneval. – Meine Rückkehr nach Korfu. – Frau F. – Der falsche Prinz. – Meine Flucht aus Korfu. – Meine tollen Streiche auf der Insel Casopo. – Ich begebe mich nach Korfu in Arrest. – Meine schnelle Freilassung und meine Triumphe. – Meine Erfolge bei Frau F. Ich behaupte, ein dummer Diener ist gefährlicher als ein boshafter, vor allem fällt er mehr zur Last; gegen einen boshaften kann man auf der Hut sein, nie aber gegen einen dummen. Eine Nichtswürdigkeit kann man bestrafen, eine Dummheit aber niemals anders, als indem man den Dummen oder die Dumme wegjagt. Und durch den Wechsel gerät man gewöhnlich von der Charybdis in die Scylla. Dies Kapitel und die beiden folgenden waren vollendet; sie enthielten im Detail das, was ich nun ohne Zweifel nur in allgemeinen Zügen niederschreiben werde, denn das dumme Mädchen, das mich bedient, hat sich derselben zu ihrem Gebrauch bemächtigt. Als Entschuldigung führte sie mir an, diese Papiere wären beschrieben, beschmutzt und voller durchstrichener Stellen gewesen, deshalb hätte sie diese den nicht beschriebenen vorgezogen, da diese mir nach ihrer Meinung doch viel wertvoller sein müßten. Ich geriet in Zorn, doch ich hatte unrecht, denn das arme Mädchen hatte ihrer Meinung nach richtig gehandelt; ihr Urteil allein hatte sie irregeführt. Bekanntlich bewirkt der Zorn zuerst den Verlust der Urteilsfähigkeit. Denn Zorn und Überlegung sind nicht vom gleichen Stamm. Glücklicherweise ist der Zorn bei mir stets nur von kurzer Dauer: Irasci celerem tamen et placabilem esse – ebenso schnell versöhnt wie erzürnt. Nachdem ich meine Zeit damit verloren hatte, sie auszuzanken, was auf sie keinen besonderen Eindruck machte, und ihr zu beweisen, daß sie ein dummes Tier wäre, widerlegte sie alle meine Gründe durch das vollkommenste Stillschweigen. Ich mußte einen Entschluß fassen und mit einem Rest schlechter Laune machte ich mich von neuem an die Arbeit. Sie wird ohne Zweifel nicht so gut ausfallen wie die, bei der ich guter Laune war, doch der Leser möge sich zufrieden geben; denn nach dem Gesetz der Mechanik wird er an Zeit gewinnen, was er an Kraft verliert. Ich war also in Orsera ans Land gegangen, wahrend man den Ballast in unser Schiff brachte, dessen zu große Leichtigkeit dem notwendigen Gleichgewicht für die Fahrt Eintrag tat, und bemerkte einen Mann von gewinnendem Aussehen, der mich mit großer Aufmerksamkeit betrachtete. Ich wußte genau, daß es kein Gläubiger sein konnte, und meinte, mein stattliches Aussehen interessiere ihn, und da ich dies nicht übelnehmen konnte, wollte ich meines Weges gehen, als er mich ansprach. »Herr Hauptmann, dürfte ich mir die Frage erlauben, ob Sie zum erstenmal in diese Stadt kommen?« »Nein, mein Herr, zum zweitenmal.« »Waren Sie nicht im vergangenen Jahr hier?« »Sehr richtig!« »Aber damals trugen Sie nicht den Soldatenrock?« »Auch das ist wahr. Doch Ihre Fragen beginnen mir etwas indiskret zu erscheinen.« »Sie müssen mir verzeihen, mein Herr, denn meine Neugier ist die Tochter meiner Erkenntlichkeit. Sie sind der Mann, dem ich in höchstem Maße verpflichtet bin, und ich denke, die Vorsehung hat Sie nur wieder hierhergefuhrt, um mir noch größere Verpflichtungen aufzulegen.« »Was habe ich denn für Sie getan, und was kann ich noch tun? Ich vermag es nicht zu erraten!« »Haben Sie die Güte und frühstücken Sie mit mir. Dort ist meine Wohnung. Ich besitze vortrefflichen Refosco, kommen Sie und kosten Sie ihn. Ich werde Sie mit wenigen Worten überzeugen, daß Sie mein wahrer Wohltäter sind, und daß ich zu der Hoffnung berechtigt hin, Sie seien nur hierher zurückgekommen, um Ihre Wohltaten zu erneuern.« Ich konnte diesen Menschen nicht für närrisch halten, aber ich begriff auch nichts von seinen Äußerungen und bildete mir ein, er wolle mich bewegen, seinen Refosco zu kaufen; ich nahm also die Einladung an. Wir gingen in sein Zimmer hinauf, wo er mich einen Augenblick allein ließ, um das Frühstück zu bestellen. Ich sah hier mehrere chirurgische Instrumente und schloß daraus, daß er Chirurg wäre; sobald er zurückkam, fragte ich ihn, ob dem so wäre. »Ja, Herr Hauptmann, seit zwanzig Jaren betreibe ich dieses Handwerk in hiesiger Stadt, wo ich im Elend lebte, da ich nur selten einmal einen Aderlaß vorzunehmen, einen Schröpfkopf zu setzen, ein paar Schrammen zu verbinden und einige Glieder einzurenken hatte. Was ich erwarb, reichte nicht zum Leben aus. Doch hat sich, ich kann es sagen, seit vergangenem Jahr meine Lage geändert, ich verdiente viel Geld, habe es gut angelegt, und Ihnen Herr Hauptmann, Ihnen, den der liebe Gott segnen möge habe ich meinen gegenwärtigen Wohlstand zu verdanken.« »Wieso?« »Folgendermaßen, Herr Hauptmann. Sie haben die Haushälterin des Don Geronimo gekannt und ihr bei der Abreise ein Liebesandenken hinterlassen, das sie einem Freunde mitteilte, der ohne Arg damit seine Frau beschenkte. Diese wollte ohne Zweifel nicht zurückstehen und übertrug es auf einen Liebhaber, der seinerseits damit so freigebig war, daß ich in weniger als einem Monat einige fünfzig Patienten bekam. Die folgenden Monate waren nicht minder fruchtbar, und ich kurierte alle Leute und ließ mich, wie recht und billig, gut bezahlen. Noch jetzt habe ich einige Patienten, doch nach einem Monat werde ich niemand mehr haben, denn die Krankheit ist erloschen. Sie werden jetzt die Freude begreifen, die mich bei Ihrem Anblick erfüllte. Sie schienen mir Glück zu verkünden. Darf ich mir schmeicheln, daß Sie einige Tage hier bleiben werden, um die Quelle meines Glücks von neuem hervorsprudeln zu lassen?« Ich mußte über seine Erzählung lachen, betrübte ihn aber durch meine Erklärung, daß ich mich sehr wohl befinde. Er versicherte mir, ich würde das nach meiner Rückkehr nicht mehr behaupten können, denn das Land, in das ich mich begäbe, wäre voller schlechter Ware; doch niemand besäße so wie er das Geheimnis, das Übel auszurotten. Er bat mich, auf ihn zu zählen und mich nicht an Quacksalber zu wenden, die mir ihre Mittel anpreisen würden. Ich versprach ihm das alles, dankte ihm und ging an Bord zurück. Ich erzählte meine Geschichte Herrn Dolfino, der darüber herzlich lachte. Am nächsten Tage gingen wir unter Segel und am vierten bekamen wir hinter Gurzola einen Sturm, der mir beinahe das Leben gekostet hätte. Dies ging auf folgende Weise zu: Ein flawonischer Priester, der als Kaplan auf dem Schiffe war, ein ganz unwissender, frecher und roher Mensch, über den ich bei jeder Gelegenheit spottete, war natürlich mein Feind geworden. Die Seele eines Betbruders kann so gallig sein! Während des stärksten Unwetters plazierte er sich auf das oberste Deck und trieb, sein Gebetbuch in der Hand, beschwörend die Teufel davon, die er in den Wolken zu sehen glaubte und die er allen Matrosen zeigte. Sie hielten sich für verloren, weinten, waren verzweifelt und vernachlässigten so die nötigen Manöver, um das Schiff vor den Felsen zu bewahren, die man rechts und links sah. Ich erkannte die Gefahr, die wir liefen, und die böse Wirkung seiner Exorzismen auf die Mannschaft, die der einfältige Priester entmutigte, anstatt ihr Mut einzuflößen, und hielt es für klug, mich einzumischen. Ich stieg in die Takelage, rief die Matrosen an die Arbeit und sagte ihnen, es gäbe gar keine Teufel, und der Priester, der sie ihnen zeigen wollte, wäre ein Narr. Ich konnte sprechen, was ich wollte, mich selber der größten Gefahr aussetzen und ihnen zeigen, daß nur von tatkräftigem Eingreifen die Rettung zu hoffen sei: ich vermochte nicht den Priester zu hindern, mich für einen Atheisten zu erklären und den größten Teil der Mannschaft gegen mich aufzuhetzen. Die Winde wühlten während der zwei folgenden Tage die Wogen unaufhörlich auf, und der Schurke wußte den Matrosen, die aufmerksam ihm zuhörten, einzureden, das Unwetter würde sich nicht legen, solange ich auf dem Schiff wäre. Von diesem Gedanken durchdrungen, hielt einer von ihnen den Augenblick für günstig, um die Wünsche des Priesters zu erfüllen, und versetzte mir, der ich am Rande des Oberdecks stand, einen so heftigen Schlag mit einem Tau, daß ich hinfiel. Es wäre um mich geschehen gewesen, hätte sich nicht die Spitze eines Ankers in meinem Rock verfangen und mich so vor dem Sturz ins Meer bewahrt; es war im eigentlichsten Wortsinn mein Rettungsanker. Man kam mir zu Hilfe, und ich wurde gerettet. Ein Korporal zeigte mir den Matrosen, der den mörderischen Anschlag auf mich gemacht hatte, ich nahm den Korporalstock und prügelte den Kerl tüchtig durch; doch die Matrosen und der wütende Priester eilten auf sein Geschrei herbei und ich würde unterlegen sein, wenn die Soldaten sich nicht auf meine Seite gestellt hätten. Der Kapitän des Schiffes kam mit Herrn Dolfino hinzu, sie mußten den Priester anhören und der Bande zu deren Beruhigung versprechen, mich sobald als möglich ans Land zu setzen. Damit noch nicht zufrieden, forderte der Priester, ich sollte ihm ein Pergament überliefern, das ich in Malamocco im Augenblick der Einschiffung von einem Griechen gekauft hatte. Ich erinnerte mich dessen nicht mehr, aber es war wahr. Lachend ühergab ich es Herrn Dolfino, und dieser lieferte es dem fanatischen Kapellan aus, der ein Siegesgeschrei ausstieß, sich das Kohlenbecken aus der Küche holen ließ und darauf ein auto da fé hielt. Das unglückselige Pergament wand und krümmte sich eine halbe Stunde lang, es zerfiel, und der Priester stellte das als eine wundersame Erscheinung dar, die alle Matrosen überzeugte, es sei ein Höllenpakt gewesen. Die angebliche Kraft dieses Pergaments sollte darin bestehen, alle Frauen in den Mann, der es trug, verliebt zu machen. Ich hoffe, der Leser wird mir die Gunst schenken und glauben, daß ich nicht im mindesten an Zaubertränke, Talismane und Amulette glaubte. Ich hatte das Pergament nur aus reinem Scherz gekauft. In ganz Italien, in Griechenland und im allgemeinen überall, wo die Massen unwissend sind, gibt es Griechen, Juden, Astrologen und Exorzisten, die den Dummköpfen Wische und Tand verkaufen, die nach ihrem Glauben wunderbare Eigenschaften besitzen; Zauber, um sich unverwundbar zu machen, Lumpen, um sich vor dem Behexen zu sichern, kleine Kräuterkissen, um die sogenannten bösen Geister abzuhalten, und tausend ähnliche Albernheiten. Diese Waren sind in Frankreich, Deutschland und England, überhaupt im ganzen Norden, wertlos; dagegen aber verübt man in diesen Ländern andere Betrügereien von noch viel bedeutenderem Umfange. Das Unwetter nahm gerade ein Ende, als das unschuldige Pergament verbrannt wurde; die Matrosen glaubten die bösen Geister gebannt, dachten nicht mehr daran, sich meiner Person zu entledigen, und nach acht Tagen einer glücklichen Fahrt kamen wir nach Korfu. Sobald ich mir eine gute Wohnung genommen hatte, brachte ich meine Briefe Seiner Eminenz, dem Generalprovveditore, und allen höheren Beamten, an die ich empfohlen war; dann machte ich meinem Obersten meine Aufwartung, und nachdem ich mit den Offizieren des Regiments Bekanntschaft geschlossen hatte, dachte ich darauf, wie ich mich bis zur Ankunft des Ritters Veniero, der mich nach Konstantinopel mitnehmen sollte, möglichst gut unterhalten könnte. Er kam gegen Mitte Juli, da ich mich aber inzwischen dem Brettspiel hingegeben hatte, verlor ich all mein Geld und verkaufte oder verpfändete all meine Schmuckgegenstände. Das ist das Geschick eines jeden, der zu Hazardspielen geneigt ist, wenn er nicht das Glück zu fesseln versteht, indem er mit einem sicheren Vorteil spielt, der von der Berechnung oder der Geschicklichkeit ahhängt, vom Zufall aber unabhängig ist. Ich glaube, ein verständiger und vorsichtiger Spieler kann beides tun, ohne sich dadurch dem Tadel auszusetzen oder ein Betrüger genannt werden zu dürfen. Während des Monats, den ich in Korfu in der Erwartung des Ritters Veniero verbrachte, beschäftigte ich mich nicht im mindesten mit der Erforschung des Landes weder in physischer noch in moralischer Beziehung; denn abgesehen von den Tagen, an denen ich auf Wache ziehen mußte, lebte ich im Kaffeehause, an der Pharaobank und unterlag natürlich dem Unglück, dem ich zu trotzen unternahm. Nicht ein einziges Mal kam ich mit dem Trost, gewonnen zu haben, nach Hause, und erst wenn ich nichts mehr besaß, hatte ich die Kraft, aufzuhören. Der einzige alberne Trost, den ich zu hören bekam, und der vielleicht nicht frei von Spott war, war das Lob des Bankhalters, der mich stets einen noblen Spieler nannte, wenn ich eine entscheidende Karte verlor. So befand ich mich in einer trostlosen Lage, und ich atmete erst wieder auf, als ich die Kanonenschüsse hörte, die die Ankunft des Bailo meldeten. Er befand sich auf dem Linienschiff Europa, das 72 Kanonen führte; es hatte nur acht Tage zur Fahrt von Venedig bis Korfu gebraucht. Kaum war der Anker ausgeworfen, als er seine Flagge als Generalkapitän der Seestreitkräfte der Republik hissen und der Provveditore die seine streichen ließ. Die Republik Venedig hat auf dem Meere keine Autorität, die über der des Bailo bei der ottomanischen Pforte steht. Ritter Veniero hatte ein glänzendes und distinguiertes Gefolge und die venezianischen Nobili Graf Annibale Gambera und Graf Carlo Zenobio, sowie der Marchese d'Anchetti aus Brescia begleiteten ihn aus Neugier nach Konstantinopel. Er verbrachte acht Tage auf Korfu, und alle Befehlshaber zur See gaben nach der Reihe ihm und seinem Gefolge ein Fest, so daß die großen Soupers und die Bälle nicht aufhörten. Sobald ich mich Seiner Exzellenz vorstellte, sagte er mir, er hätte schon mit dem Generalprovveditore gesprochen, der mir einen Urlaub von sechs Monaten gewährte, um ihn als Adjutant zu begleiten; sobald ich den Urlaub erhielt, ließ ich mein geringes Gepäck an Bord bringen, und das Schiff lichtete gleich am nächsten Tage die Anker. Wir gingen mit anhaltendem, gutem Winde unter Segel, und nach sechs Tagen lagen wir vor Cerigo, wo wir vor Anker gingen, um frisches Wasser einzunehmen. Neugierig, das alte Cythere zu sehen, begleitete ich die Matrosen auf ihrem Dienstweg; doch ich hätte besser getan, wenn ich an Bord geblieben wäre, denn ich machte eine schlechte Bekanntschaft. Ich war in Gesellschaft des Kapitäns der die Truppen des Schiffes befehligte. Sobald wir an Land waren, kamen zwei Menschen von verdächtigem Aussehen und in schlechter Kleidung auf uns zu und baten uns um ein Almosen. Ich fragte sie, was sie wären, und der eine, der gewandtere von beiden, antwortete mir folgendermaßen: »Wir sind auf dieser Insel zu leben und vielleicht auch zu sterben verdammt durch den Despotismus des Rats der Zehn und mit uns gegen vierzig Unglückliche wie wir, ebenfalls allesamt geborene Untertanen der Republik. Unser vorgebliches Verbrechen, das sonst nirgendwo eins ist, bestand in unserer Gewohnheit, mit unseren Geliebten zusammenzuleben und nicht eifersüchtig auf solche Freunde zu sein, die sie hübsch fanden und mit unserer Zustimmung sich ihre Gunstbezeiungen verschafften. Da wir nicht reich waren, machten wir uns keine Gewissensbisse, daraus Vorteil zu ziehen, aber man behandelte unseren Wandel als unerlaubt und schickte uns hierher, wo wir täglich zehn Soldi in kleiner Münze empfangen. Man nennt uns Mangiamarroni – Kastanienesser, und wir sind schlimmer dran als Galeerensträflinge, denn die Langeweile reibt uns auf und oft wissen wir nicht, wie wir unseren Hunger stillen sollen. Mein Name ist Don Anronio Pocchini, ich bin Edelmann aus Padua, und meine Mutter stammt von der erlauchten Familie von Camo San-Piero.« Wir gaben ihnen ein Almosen, durchstreiften dann die Insel und kehrten, nachdem wir die Festung besucht hatten, an Bord zurück. Ich werde von diesem Pocchini nach fünfzehn Jahren wieder sprechen. Die stets günstigen Winde brachten uns in acht oder zehn Tagen zu den Dardanellen; dort nahmen uns türkische Bote auf, um uns nach Konstantinopel zu bringen. Der Anblick der Stadt auf die Entfernung von einer Stunde ist staunenerregend, und ich glaube, die ganze Welt bietet nirgends ein so entzückendes Schauspiel. Dieser prachtvolle Anblick war auch der Grund des Untergangs des römischen Reichs und des Beginns des griechischen Reichs; als Konstantin der Große nämlich zu Schiff nach Byzanz kam, rief er, verführt durch die Schönheit der Lage der Stadt, aus: »Hier ist der Herrschersitz des Weltreichs!« Und um seine Prophezeiung wahr zu machen, verließ er Rom und verlegte seine Residenz hierher. Hätte er die Prophezeiung des Horaz gelesen oder vielmehr daran geglaubt, so würde er wahrscheinlich diese Torheit nie begangen haben. Der Dichter hatte geschrieben, das römische Kaiserreich würde seinem Untergang erst dann entgegengehen, wenn ein Nachfolger des Augustus auf den Gedanken käme, den Sitz desselben dorthin zu verlegen, wo er geboren wäre. Troja ist aber von Thrakien nicht weit entfernt. Wir kamen im venetianischen Palast zu Pera gegen Mitte Juli an und man sprach, was sehr selten ist, in diesem Augenblick in Konstantinopel nicht von der Pest. Wir wurden alle sehr gut untergebracht; doch die große Hitze bestimmte die Baili, die Frische in einem Landhause zu genießen, das der Bailo Dona gemietet hatte. Es lag in Buyukdere. Ich erhielt sofort den Befehl, niemals ohne Wissen des Bailo und ohne Begleitung eines Janitscharen auszugehen. Ich gehorchte aufs Wort. Zu dieser Zeit hatten die Russen noch nicht die Unverschämtheit des türkischen Volkes gezügelt. Jetzt können, wie man erzählt, die Fremden in voller Sicherheit überall hingehen, wo sie wollen. Am Tag nach meiner Ankunft ließ ich mich zu Osman Pascha von Karamanien führen, diesen Namen hatte Graf von Bonneval nach seinem Ubertritt zum Islam angenommen. Sobald ich ihm meinen Brief hatte überreichen lassen, wurde ich in ein französisch möbliertes Zimmer des Erdgeschosses geführt, wo ich einen dicken, französisch gekleideten, bejahrten Herrn sah, der, sobald ich erschien, sich erhob, mir lächelnd entgegenkam und mich fragte, was er in Konstantinopel für den Schützling eines Kardinals der römischen Kirche, die er nicht mehr seine Mutter nennen könnte, zu tun imstande wäre. Ich erzählte ihm ganz ausführlich meine Geschichte, wie ich in einem Augenblick der Verzweiflung den Kardinal um Empfehlungsbriefe für Konstantinopel gebeten hätte, und fügte hinzu, nach deren Empfang hätte ich aus Aberglauben mich für verpflichtet gehalten, sie zu überbringen. »Also würden Sie ohne diesen Brief«, meinte er, »niemals hierher gekommen sein, wo Sie meiner nicht bedürfen.« »Das ist wahr, aber ich halte mich für sehr glücklich, daß mir so die Ehre der Bekanntschaft Euer Exzellenz zuteil geworden ist, eines Mannes, von dem ganz Europa gesprochen hat, von dem es noch spricht und noch lange sprechen wird.« Nachdem wir Betrachtungen über das Glück eines jungen Menschen in meiner Lage angestellt hatten, der ohne alle Sorgen, ohne Absicht und bestimmten Zweck, sich mit einem furchtlosen Vertrauen dem Glück überläßt, sagte er mir, der Brief des Kardinals Acquaviva verpflichte ihn, etwas für mich zu tun, und er wollte mich daher mit drei oder vier seiner türkischen Freunde, bei denen sich dies der Mühe lohne, bekannt machen. Er lud mich ein, jeden Donnerstag bei ihm das Mittagsmahl einzunehmen, und versprach mir, einen Janitscharen mir zu schicken, der mich gegen die Unverschämtheit des Pöbels schützen und mir alle Sehenswürdigkeiten zeigen würde. Der Brief des Kardinals bezeichnete mich als Gelehrten; er erhob sich und sagte mir, er wolle mir seine Bibliothek zeigen. Ich folgte ihm quer durch den Garten, und wir betraten ein mit vergitterten Schränken gefülltes Zimmer; hinter den Gittern von Eisendraht sah man Vorhänge, und hinter diesen Vorhängen befanden sich ohne Zweifel Bücher. Er zog einen Schlüssel aus der Tasche und öffnete; aber statt Foliobänden sah ich Flaschen der besten Weine aufgereiht, und wir lachten beide von ganzem Herzen. »Das hier«, sagte mir der Pascha, »ist meine Bibliothek und mein Harem; denn da ich alt bin, würden die Frauen mein Leben verkürzen, während der gute Wein es mir nur erhalten kann oder wenigstens es angenehmer gestalten muß.« »Ich vermute, Euer Exzellenz haben einen Dispens vom Mufti erhalten.« »Sie irren, der Papst der Türken hat bei weitem nicht soviel Macht wie der Papst der Christen. Er kann in keinem Fall etwas im Koran Verbotenes erlauben; doch das hindert niemanden, sich in Verdammnis zu stürzen, wenn ihm das Vergnügen macht. Die frommen Türken beklagen die Freidenker, aber sie verfolgen sie nicht. Es gibt in der Türkei keine Inquisition. Wer die Vorschriften der Religion nicht beachtet, sagen sie, wird im andern Leben schon unglücklich genug sein, so daß man ihm nicht noch in diesem Leben Leiden zuzufügen braucht. Der einzige Dispens, den ich erbeten und erlangt hahe, obgleich man es kaum so nennen kann, ist der von der Beschneidung; denn in meinem Alter hätte sie gefährlich sein können. Das ist eine Zeremonie, die man im allgemeinen beohachtet, die aber nicht vorgeschrieben ist.« Während der zwei Stunden, die ich mit ihm verbrachte, fragte er mich nach mehreren ihm befreundeten Venetianern und besonders nach Marco Antonio Diedo. Ich erwiderte ihm, man liebe ihn immer noch und beklage nur seinen Abfall; er antwortete mir, er wäre Türke, wie er Christ gewesen, und er wüßte nicht mehr vom Koran, als er vom Evangelium gewußt hätte. »Ich bin überzeugt,« erklärte er, »daß ich ruhig sterben werde und daß ich in diesem Augenblick viel glücklicher sein werde als Prinz Eugen. Ich habe sagen müssen: Gott ist Gott und Mohammed ist sein Prophet. Ich habe es gesagt, und die Türken kümmern sich nicht darum, ob ich es auch gedacht habe. Ich trage den Turban, wie ein Soldat die Uniform seines Gebieters tragen muß. Ich verstand nur das Kriegshandwerk und entschloß mich erst dann Generalleutnant des Großtürken zu werden, als ich nicht mehr wußte, wovon ich leben sollte. Als ich Venedig verließ, war die Suppe samt der Schüssel verzehrt; und hätte die jüdische Nation mir das Kommando über fünfzigtausend Mann angetragen, so würde ich Jerusalem belagert haben.« Bonneval war ein schöner Mann, aber etwas zu wohlbeleibt. Er hatte einen Säbelhieb in den Unterleib empfangen und war dadurch gezwungen, beständig eine Binde mit einer silbernen Platte zu tragen. Er war nach Asien verbannt gewesen, doch nur für kurze Zeit; »denn«, so sagte er, »in der Türkei sind die Intrigen nicht so hartnäckig wie in Europa und besonders am Wiener Hof.« Als ich ihn verließ, hatte er die Güte, mir zu erklären, er habe seit seiner Ankunft in der Türkei noch nicht zwei so angenehme Stunden wie die verbrach, die ich ihm verschafft, und er werde dem Bailo dafür danken. Der Bailo Dona, der ihn in Venedig gut gekannt hatte, beauftragte mich, ihm tausend Grüße zu sagen, und Herr Veniero bedauerte sehr, nicht seine Bekanntschaft machen zu können. Der zweite Tag nach meinem ersten Besuch war ein Donnerstag, und der Pascha verfehlte nicht, seinem Versprechen gemäß mir einen Janitscharen zu schicken. Er kam gegen elf Uhr, ich folgte ihm und fand diesmal den Pascha türkisch gekleidet. Seine Gäste fanden sich bald ein, und wir setzten uns, acht an der Zahl, zu Tisch, sämtlich in heiterer Stimmung. Die Mahlzeit war ganz französisch, im Zeremoniell sowohl wie in der Zubereitung der Speisen, sein Staatshofmeister und sein Koch waren zwei rechtschaffene französische Renegaten. Er stellte mich allen Tischgenossen vor und nannte mir ihre Namen ; doch zu sprechen bot sich hier erst am Ende der Mahlzeit Gelegenheit. Die Unterhaltung wurde ausschließlich italienisch geführt, und ich beobachtete, daß die Türken nicht ein einziges Wort in ihrer Sprache redeten, um sich die geringste Bemerkung mitzuteilen. Jeder Gast hatte zu seiner Rechten eine Flasche stehen, welche Weißwein oder auch Hadromel enthalten konnte. Ich weiß nur so viel, daß ich wie auch Herr Bonneval, der zu meiner Rechten saß, ausgezeichneten weißen Burgunder trank. Ich mußte von Venedig, besonders aber von Rom erzählen, und das brachte das Gespräch auf die Religion, doch nicht auf das Dogma. Man beschränkte sich auf die Lehren und liturgischen Zeremonien. Einer der Gäste, den man Effendi nannte, weil er Minister der auswärtigen Angelegenheiten gewesen war, sagte, er hätte in Rom einen Freund in dem Gesandten Venedigs, von dem er mit Lob sprach. Ich stimmte als Echo ein und sagte ihm, ich hätte von demselben einen Brief an einen muselmännischen Herrn, den er ebenfalls seinen Freund nenne. Er fragte nach dessen Namen, doch da ich ihn vergessen hatte, blätterte ich in meiner Brieftasche, um in ihr den Brief zu suchen, und bereitete ihm große Freude, als ich seinen auf der Adresse verzeichneten Namen nannte. Er bat mich um Erlaubnis, den Brief lesen zu dürfen, und erhob sich, nachdem er die Unterschrift geküßt hatte, um mich zu umarmen. Dieser Auftritt rührte Herrn von Bonneval und die ganze Gesellschaft. Der Effendi, namens Ismail, lud Osman Pascha ein, mich an einem von ihm bestimmten Tage zu ihm zum Essen zu begleiten. Trotz aller Zuvorkommenheit des edlen Effendi interessierte mich am meisten während dieses reizenden Mahls ein schöner Mann, der etwa sechzig Iahre alt zu sein schien und dessen Physiognomie den Ausdruck der Weisheit mit dem der vollendetsten Sanftmut vereinte. Zwei Jahre später fand ich seine Züge in dem schönen Kopf des venezianischen Senators Herrn von Bragadino wieder, von dem ich sprechen werde, wenn wir so weit gekommen sind. Er hatte mich mit der größten Aufmerksamkeit angehört, ohne das geringste Wort zu sprechen. In einer Gesellschaft reizt ein Mann, dessen Gesicht und Haltung interessieren, gewaltig die Neugier derer, die ihn nicht kennen, wenn er ein auffallendes Schweigen beobachtet. Als wir den Speisesaal verließen, fragte ich Herrn von Bonneval, wer er wäre. Er antwortete mir: es wäre ein reicher Mann, ein Philosoph von anerkannter Rechtschaffenheit, dessen Sittenreinheit ebenso groß wäre, wie seine Achtung für seine Religion. Er riet mir, seinen Umgang zu pflegen, wenn er mir entgegenkommen sollte. Dieser Rat erfreute mich, und nachdem wir einen Gang durch die Alleen seines Gartens gemacht hatten und wieder in den nach türkischer Art möblierten Salon zurückgekehrt waren, setzte ich mich absichtlich in die Nähe von Jussuff Ali. Dies war der Name des Türken, der mich interessiert hatte. Er bot mir mit freundlichstem Wesen seine Pfeife an. Ich wies sie artig zurück und nahm die, die mir ein Diener Bonnevals reichte. Ich habe stets in Gesellschaft von Rauchern geraucht oder mich entfernt; denn sonst hätte ich mir eingebildet, den Rauch der andern zu schlucken; und dieser Gedanke, der ebenso wahr wie widerlich ist, empörte mich. Ich habe daher auch nie begreifen können, wie das übrigens so liebenswürdige schöne Geschlecht in Deutschland den erstickenden Qualm einer Menge von Rauchern einatmen kann. Jussuff, erfreut, mich an seiner Seite zu sehen, richtete sogleich ähnliche Fragen an mich, wie die bei Tisch behandelten, besonders aber fragte er nach den Gründen, die mich bewogen hätten, den friedlichen geistlichen Stand aufzugeben, um Soldat zu werden; um seine Negier zu befriedigen, ohne mich bei ihm herabzusetzen, erzählte ich ihm mit Vorsicht die hauptsächlichsten Züge aus der Geschichte meines Lebens; denn ich glaubte ihn überzeugen zu müssen, daß ich die geistliche Laufbahn nicht aus innerem Drang eingeschlagen hätte. Er schien durch meine Erzählung befriedigt zu sein, und da er als stoischer Philosoph von der Berufung gesprochen hatte, erkannte ich deutlich, daß er Fatalist war. Ich war so klug, sein System nicht geradezu anzugreifen; meine Einwände gefielen ihm ohne Zweifel, weil er sich für stark genug hielt, um sie zu widerlegen. Ich mußte wohl dem wackeren Muselmann große Achtung eingeflößt haben, daß er mich für wert hielt, sein Schüler zu werden; denn da ich erst neunzehn Jahre zählte und, wie er glauben mußte, in einen Unglauben verstrickt war, konnte er unmöglich daran denken, der meinige zu werden. Nachdem er eine Stunde damit hingebracht hatte, mich zu katechisieren und meine Grundsätze anzuhören, sagte er mir, er hielte mich dazu geboren, die Wahrheit zu erkennen, denn er sähe, daß ich mich damit ernstlich beschäftigte und nicht überzeugt zu sein glaubte, sie schon erreicht zu haben. Er lud mich ein, einen Tag bei ihm zuzubringen, und bezeichnete mir die Tage der Woche, an denen ich ihn unfehlbar treffen würde. »Ehe Sie mich aber besuchen,« setzte er hinzu, »ziehen Sie Osman Pascha zu Rate.« Ich entgegnete ihm, er hätte schon mit mir von ihm gesprochen und mich für ihn eingenommen, was ihm sehr schmeichelte. Nachdem ich ihm versprochen hatte, ihn an dem und dem Tage zu besuchen, trennten wir uns. Ich teilte alles Herrn von Bonneval mit, der sich sehr darüber freute und mir sagte, sein Janitschar sollte sich täglich im venezianschen Hotel einfinden, um meinen Befehlen nachzukommen. Die Herren Baili, denen ich von meinen Bekanntschaften erzählte, beglückwünschten mich, und Ritter Veniero riet mir, in einem Lande, wo die Langeweile für die Fremden fürchterlicher ist als die Pest, derartige Bekanntschaften nicht zu vernachlässigen. Am verabredeten Tage begab ich mich früh zu Jussuff, doch er war ausgegangen. Sein Gärtner, den er benachrichtigt hatte, bezeigte mir alle möglichen Aufmerksamkeiten, und ich verbrachte in angenehmer Weise zwei Stunden mit der Besichtigung aller Schönheiten des Gartens und besonders der Blumen. Dieser Gärtner war ein Neapolitaner, der dem Effendi seit dreißig Jahren gehörte. Nach seinem Benehmen nahm ich an, daß er wohl unterrichtet und von guter Familie war, er sagte mir aber offen, er hätte nie lesen gelernt, wäre Matrose gewesen, als er zum Sklaven gemacht worden wäre, und fühlte sich im Dienst Jussuffs so glücklich, daß er es für eine Strafe ansehen würde, wenn er ihm die Freiheit gäbe. Ich hütete mich wohl, ihn über die Angelegenheit seines Herrn zu befragen; denn wäre er verschwiegen gewesen, so hätte ich vielleicht wegen meiner Neugier erröten müssen. Jussuff kam zu Pferde zurück, und nach den gewöhnlichen Komplimenten speisten wir ganz allein in einem Pavillon, von dem wir das Meer sehen konnten und wo wir uns eines angenehmen, die große Hitze mildernden Windes erfreuten. Dieser Wind, der sich täglich zur selben Stunde erhebt, ist der Nordwest, den man Mistral nennt. Wir aßen sehr gut, obwohl alle Gerichte nach Landesart zubereitet waren. Ich trank Wasser und Honigwasser und versicherte Jusuff, ich zöge dies Getränk dem Wein vor, von dem ich damals überhaupt nur wenig genoß. »Ihr Honigwasser«, sagte ich ihm, »ist ausgezeichnet, und die Muselmänner, die das Gesetz verletzen, indem sie Wein trinken, verdienen kein Mitleid, denn sie können nur von ihm trinken, weil er verboten ist.« »Es gibt viele Gläubige,« versetzte er, »die ihn wie Arznei genießen zu können glauben. Der Leibarzt des Großherrn hat diese Arznei in Mode gebracht und dadurch sein Glück gemacht, denn er gewann die ganze Gunst seines Herrn, der beständig krank ist, zweifellos aber nur, weil er beständig betrunken ist.« Ich sagte ihm, bei uns wären die Trunkenbolde selten und Trunksucht nur in den niedersten Klassen der Bevölkerung zu finden. Das überraschte ihn sehr. »Ich verstehe nicht,« meinte er, »wie der Wein durch alle Religionen außer der unsrigen erlaubt sein kann, da er den Menschen des Gebrauchs seiner Vernunft beraubt.« »Alle Religionen«, erwiderte ich, »verbieten seinen übermäßigen Genuß, und das Verbrechen kann also nur in dem damit getriebenen Mißbrauche bestehen.« Ich überzeugte ihn davon, indem ich darauf hinwies, daß das Opium dieselben Wirkungen, ja sogar noch viel stärker hervorbrächte, und das, der Islam folglich auch dessen Gebrauch hätte verbieten müssen. »Ich«, sagte er, »habe, solange ich lebe, weder Wein noch Opium genossen.« Nach dem Essen brachte man die Pfeifen, die wir uns selbst stopften. Ich rauchte mit Vergnügen, aber ich spuckte dabei aus. Jussuff, der auf Türkenart rauchte, d.h. ohne zu spucken, sagte zu mir: »Der Tabak, den Sie rauchen, ist ein ausgezeichnetes Gewächs, und Sie tun unrecht, den balsamischen Teil, der sich mit dem Speichel mischt, nicht zu verschlucken.« »Ich glaube es; denn man kann nur dann einen Genuß an der Pfeife haben, wenn der Tabak vortrefflich ist.« »Diese Vortrefflichkeit ist ohne Zweifel zum Vergnügen des Rauchens notwendig; doch das Vergnügen hieran ist nicht das größte, da es nur sinnlich ist. Die wahren Freuden sind die, die nur die Seele berühren und von den Sinnen ganz unabhängig sind.« »Ich kann mir, lieber Jussuff, keine Freuden denken, die die Seele ohne Vermittlung der Sinne erfreuen.« »Höre mich an! Wenn du deine Pfeife stopfst, macht dir das Vergnügen?« »Ja.« »Welchem deiner Sinne schreibst du das zu, wenn nicht deiner Seele? Weiter. Ist es nicht wahr, daß du dich befriedigt fühlst, wenn du sie erst fortlegst, nachdem du sie ganz ausgeraucht hast? Freut es dich nicht, wenn du siehst, daß nur Asche übrigbleibt?« »Das ist wahr!« »Das sind also zwei Genüsse, an denen die Sinne gewiß keinen Anteil haben; aber ich bitte dich, den dritten, den wesentlichsten, zu erraten.« »Den wesentlichsten? Das ist der Wohlgeruch.« »Durchaus nicht. Das ist ein Vergnügen des Geruchsorgans, er ist also sinnlich.« »Ich wüßte nicht.« »Höre! Das größte Vergnügen beim Rauchen besteht im Anblick des Rauches. Du darfst ihn nie aus der Pfeife kommen sehen, sondern nur aus dem Mundwinkel in bestimmten Zwischenräumen und nie zu oft. Daß dieses Vergnügen das größte ist, geht daraus hervor, daß du nie einen Blinden wirst rauchen sehe. Versuche selbst in deinem Zimmer nachts, ohne Licht, zu rauchen: einen Augenblick, nachdem du die Pfeife angezündet hast, wirst du sie weglegen.« »Was du sagst, ist sehr wahr; doch du mußt mir verzeihen, wenn ich finde, daß mehrere Freuden, die die Sinne reizen, den Vorzug vor denen verdienen, die nur die Seele berühren.« »Vor vierzig Jahren dachte ich so wie du; wenn du in vierzig Jahren weise geworden bist, wirst du wie ich denken. Die Freuden, mein teurer Sohn, die die Sinne erregen, stören die Ruhe der Seele; und das muß dir beweisen, daß sie als wahre Genüsse nicht genannt zu werden verdienen.« »Mir scheint aber, als genügte es, sie zu wirklichen Genüssen zu machen, wenn sie mir als solche erscheinen.« »Zugestanden; doch wenn du dir die Mühe nehmen wolltest, sie nach dem Genuß zu prüfen, würdest du sie nicht mehr dafür halten.« »Das ist möglich, aber wozu sollte ich mir eine Mühe machen, die lediglich nur der Minderung meiner Freuden dienen würde?« »Das Alter wird kommen, in dem du ein Vergnügen daran finden wirst, dir diese Mühe zu machen!« »Mir scheint, mein teurer Vater, du ziehst das Alter der Jugend vor.« »Sage kühn: das Greisenalter.« »Du überraschst mich. Soll ich glauben, daß du in deiner Jugend unglücklich warst?« »Weit entfernt. Ich war stets glücklich und wohlauf, niemals ein Opfer meiner Leidenschaften; doch was ich bei meinen Altersgenossen sah, war eine gute Schule, die mich lehrte, den Menschen kennenzulernen und den Weg zum Glück zu unterscheiden. Der glücklichste Mensch ist aber nicht der wollüstigste, sondern der, der die höchste Wollust zu wählen versteht; die großen Freuden, ich wiederhole es dir, sind nur die, die nicht die Leidenschaften aufregen und den Frieden der Seele mehren.« »Diese Wollüste nennst du rein?« »Ja, und ein solcher Genuß ist der Anblick einer weiten grünen Wiese. Die grüne Farbe, die unser göttlicher Prophet so hoch gepriesen hat, trifft mein Auge, und in diesem Augenblick fühle ich meinen Geist in einer so köstlichen Ruhe schwimmen, daß er sich mir dem Schöpfer der Natur zu nähern scheint. Ich empfinde denselben Frieden, eine gleiche Ruhe, als säße ich am Ufer eines Flusses und betrachtete die ruhige und doch stets sich bewegende Woge, die unablässig flieht, ohne meinen Augen doch je zu entschwinden, ohne daß ihre unaufhörliche Bewegung ihr etwas von ihrer Klarheit nimmt. Sie zeigt nur das Bild meines Lebens und die Seelenruhe, die ich mir wünsche, um gleich dem Wasser, das ich betrachte, ans Ziel zu gelangen, das ich nicht sehe und das erst am Ende seines Laufes liegt.« So urteilte dieser Türke, und mit einem auf diesen Ton gestimmten Gespräch brachten wir vier Stunden hin. Er hatte zwei Frauen gehabt, die ihm zwei Söhne und eine Tochter geboren hatten. Der älteste Sohn hatte den ihm gebührenden Anteil an den Gütern seines Vaters erhalten und sich in Saloniki niedergelassen, wo er einen Großhandel betrieb; er war reich. Der zweite war im Serail im Dienste des Großherrn und sein Erbteil befand sich in den Händen eines Vormunds. Seine fünfzehnjährige Tochter Zelmi sollte die Erbin all seines Gutes werden. Er hatte ihr eine Erziehung gegeben, die zum Glück des ihr vom Himmel zum Gatten bestimmten Mannes genügen mußte. Wir werden bald von dieser Tochter sprechen. Die Mütter dieser drei Kinder waren tot. Seit fünf Jahren hatte er eine dritte Gattin genommen, aus Chios gebürtig, jung, eine vollkommene Schönheit. Er sagte mir aber, er könnte von ihr weder Sohn, noch Tochter erhoffen, da er zu alt wäre. Er zählte indes nur sechzig Jahre. Ehe ich ihn verließ, mußte ich ihm versprechen, jede Woche wenigstens einen Tag bei ihm zuzubringen. Beim Abendessen erzählte ich den Herren Baili, welch einen angenehmen Tag ich verlebt hatte. »Wir beneiden Sie,« erklärten sie mir, »daß Sie die Aussicht haben, drei Monate angenehm in einem Lande zu verbringen, in dem wir als Beamte dazu verurteilt sind, vor Langeweile zu vertrocknen.« Wenige Tage darauf nahm mich Herr von Bonneval mit sich zum Essen zu Ismail, wo ich in großem das Bild des asiatischen Luxus sah; doch die Gesellschaft war zahlreich, die Unterhaltung wurde beinahe ganz in türkischer Sprache geführt, was mich ebenso wie Herrn von Bonneval sehr langweilte. Ismail, der das hatte; bat mich nach der Tafel, mit ihm, so oft ich wollte, zu frühstücken, indem er mir versicherte, daß ich ihm damit ein großes Vergnügen bereiten würde. Ich versprach es ihm und ging zehn oder zwölf Tage später hin. Ich werde den Leser bitten, an der Partie teilzunehmen, wenn wir soweit sind; doch jetzt muß ich zu Jussuff zurückkehren, der bei meinem zweiten Besuch einen Charakter offenbarte, der mich mit der größten Achtung und Zuneigung für ihn erfüllte. Nachdem wir wie das erstemal allein miteinander gegessen hatten, kam das Gespräch auf die Künste, und ich sagte meine Ansicht über eine Vorschrift des Korans, die die Mohammedaner des unschuldigen Vergnügens beraubt, Erzeugnisse der Malerei und Bildhauerei zu genießen. Er sagte mir, Mohammed hätte als weiser Gesetzgeber alle Bilder von den Augen der Moslemiten entfernen müssen. »Denke daran, mein Sohn, daß alle Nationen, die der Prophet mit Gott bekannt machte, Götzendiener waren. Die Menschen sind schwach; hätten sie dieselben Gegenstände gesehen, so hätten sie leicht in dieselben Irrtümer zurückfallen können.« »Ich glaube, mein teurer Vater, daß niemals irgendeine Nation ein Bild angebetet hat, sondern nur die Gottheit, an die sie dadurch erinnert wurde.« »Ich will es glauben, aber da Gott nicht Stoff sein kann, muß man von gewöhnlichen Köpfen den Gedanken fernhalten, daß er es sein könnte. Ihr Christen seid die einzigen, die Gott zu sehen glauben!« »Das ist wahr, wir sind dessen sicher, doch merke wohl, bitte, was uns diese Gewißheit gibt, ist nur der Glaube.« »Ich weiß es, aber ihr seid darum nicht weniger Götzendiener, denn was ihr seht, ist nur Stoff; ihr seid aber eurer Vision vollständig gewiß, es sei denn, daß du behaupten willst, daß der Glaube sie schwächt.« »Gott bewahre mich davor! Ganz im Gegenteil: der Glaube stärkt sie.« »Das ist eine Täuschung, deren wir, Gott sei Dank, nicht bedürfen, und es gibt keinen Philosophen auf der Welt, der mir die Notwendigkeit davon beweisen könnte.« »Das, mein teurer Vater, gehört nicht zur Philosophie, sondern zur Theologie, die hoch über ihr steht.« Du redest dieselbe Sprache, wie unsere Theologen, die sich von den euren nur dadurch unterscheiden, daß sie ihre Wissenschaft dazu anwenden, die Wahrheiten, die wir kennen lernen müssen, deutlicher zu machen, während die eurigen es sich angelegen sein lassen, sie zu verdunkeln.« »Bedenkt, mein teurer Jussuff, daß es sich um ein Mysterium handelt.« »Die Existenz Gottes ist eins, und zwar ein so großes, daß die Menschen es nicht wagen dürfen, etwas hinzuzufügen. Gott kann nur eins sein. Jede Zusammensetzung würde sein Wesen zerstören, und er ist der Gott, den der Prophet uns verkündet hat und der für alle Menschen und für alle Zeiten derselbe sein muß. Gib zu, daß man der Einheit Gottes nichts zuzusetzen weiß. Wir sagen, er ist der alleinige Gott: das ist ein Bild der Einfachheit. Ihr sagt, er ist Eins und Drei zugleich. Und das erscheint mir als eine widerspruchsvolle, lächerliche und gottlose Erklärung.« »Es ist ein Mysterium!« »Sprichst du von Gott oder von der Definition? Ich spreche von der Definition, die kein Mysterium sein darf und die der Verstand verwerfen muß. Der gesunde Verstand, mein Sohn, muß eine Versicherung, die auf einer Abgeschmacktheit beruht, unverschämt finden. Beweise mir, daß Drei keine Zusammensetzung ist oder es nicht sein kann, und ich werde Christ!« »Meine Religion gebietet mir zu glauben, ohne zu urteilen, und ich bebe, mein teurer Jussuff, bei dem Gedanken, daß ich durch eine tiefgründige Beweisführung dazu gebracht werden könnte, die Religion meines Vaters abzuschwören. Zunächst müßte ich die Überzeugung haben, daß er im Irrtum gelebt hat. Sag' mir, ob ich, wenn ich sein Andenken ehre, mich selbst zu seinem Richter machen darf mit der Absicht, seine Verurteilung auszusprechen?« Dieser lebhafte Widerspruch rührte den wackeren Jussuff, doch nach einigen Augenblicken des Schweigens sagte er mir: »Mit diesen Gesinnungen, mein Sohn, kannst du Gott nur wert sein, und mußt folglich auserkoren sein. Bist du im Irrtum, so kann nur Gott dich demselben entreißen; denn ich kenne keinen rechtschaffenen Menschen, der imstande wäre, das Gefühl, das du mir gegenüber ausgesprochen hast, zu widerlegen.« Wir sprachen noch von tausend anderen freundlichen Dingen, und gegen Abend trennten wir uns mit den Versicherungen der aufrichtigsten Freundschaft und Ergebenheit. Als ich, den Kopf noch ganz voller Gedanken an unsere Unterhaltung, mich zurückzog, dachte ich nach und fand, daß alles, was Jussuff mir über das Wesen Gottes gesagt hatte, wohl wahr sein könnte, denn ganz sicher konnte das Wesen aller Wesen in seiner Wesenheit nur das einfachste aller Wesen sein; doch ich fand es auch unmöglich, mich wegen eines Irrtums der christlichen Religion überreden zu lassen, die türkische anzunehmen, die wohl eine wahre Ansicht von Gott haben konnte, die aber meine Lachlust herausforderte, weil sie ihre Existenz nur dem ausschweifendsten aller Betrüger verdankte. Übrigens hatte, wie ich glaubte, Jussuff auch nicht die Absicht, aus mir einen Proselyten zu machen. Als ich zum drittenmal bei ihm aß, kam das Gespräch noch einmal auf die Religion. »Bist du überzeugt, mein teurer Vater, daß man nur in deiner Religion sein Heil finden kann?« »Nein, mein teurer Sohn, diese Gewißheit habe ich nicht, und kein Mensch würde sie haben, doch habe ich die Überzeugung, daß die christliche Religion falsch ist, denn sie kann nicht allgemein werden!« »Warum nicht?« »Weil es auf drei Vierteln der Erde weder Brot noch Wein gibt. Bemerke, daß der Koran überall befolgt werden kann.« Ich wußte ihm nichts zu antworten und glaubte keine Umschweife machen zu dürfen. »Wenn Gott nicht Stoff ist,« sagte ich ihm, »muß er also Geist sein?« »Wir wissen, was er nicht ist, aber nicht, was er ist, und der Mensch kann nicht behaupten, daß er Geist ist, denn wir können uns nur einen abstrakten Begriff von ihm machen. – Gott ist immateriell, das ist alles, was wir wissen, und mehr werden wir niemals erfahren.« Das erinnerte mich an Plato, der genau dasselbe gesagt hatte, und ganz gewiß hatte Jussuff niemals Plato gelesen. Er sagte mir am selben Tage, daß die Existenz Gottes nur denen nützlich sein könnte, die an ihr nicht zweifelten, und daß folglich die unglücklichsten Sterblichen die Atheisten wären. »Gott hat den Menschen nach seinem Ebenbilde geschaffen, damit unter allen Wesen, die er schuf, eins sei, das ihm huldigte. Ohne den Menschen hätte Gott keinen Zeugen seines eigenen Ruhms; und der Mensch muß folglich begreifen, daß seine erste Pflicht darin besteht, ihn zu rühmen, indem er Gerechtigkeit übt und sich seiner Vorsehung anvertraut. Bemerke, daß Gott nie den Menschen verläßt, der sich in seinem Unglück vor ihm niederwirft und seine Hilfe anfleht, und daß er so oft den Unglücklichen untergehen läßt, der das Gebet für unnütz hält.« »Es gibt indes auch glückliche Atheisten.« »Das ist wahr, doch trotz der Ruhe ihrer Seele scheinen sie mir beklagenswert, da sie nichts nach diesem Leben hoffen und sich folglich dem Tiere nicht überlegen halten können. Sind sie Philosophen, so müssen sie außerdem noch in der Ungewißheit schmachten. Und wenn sie an nichts glauben, haben sie keine Hilfe im Mißgeschick. Endlich hat Gott den Menschen so geschaffen, daß er nur glücklich sein kann, indem er nicht an seiner göttlichen Existenz zweifelt. In welchem Zustand er sich auch befinden möge, er hat das unbedingte Bedürfnis, dies zuzugestehen; sonst hätte der Mensch niemals einen Gott als Schöpfer aller Dinge zugestanden.« »Doch ich möchte wissen, warum der Atheismus niemals anders als im System irgendeines Weisen bestanden hat, während es kein Beispiel gibt, daß er jemals im System einer ganzen Nation existierte.« »Das kommt daher, daß der Arme viel mehr als der Reiche seine Bedürfnisse fühlt. Es gibt unter uns eine Menge Gottloser, die die Gläubigen verspotten, weil diese ihr ganzes Vertrauen in die Pilgerfahrt nach Mekka setzen. Die Unglücklichen! Sie müßten die Denkmäler ehren, die die Frömmigkeit der glaubensfreudigen Seelen erwecken, sie in ihrer Religion nähren und sie zur Erduldung des Mißgeschickes ermutigen. Ohne diese tröstlichen Gegenstände würde das Volk sich bei jedem Anlaß einem Übermaß der Verzweiflung hingeben.« Entzückt von der Aufmerksamkeit, mit der ich ihn anhörte, überließ Jussuff sich seiner Neigung, mich zu belehren, und ich meinerseits fühlte mich zu ihm durch die Anziehungskraft hingezogen, die die liebenswürdige Tugend auf alle Herzen ausübt; so brachte ich meine Tage ohne besondere Einladung bei ihm zu, und Jussuffs Freund- schaft wurde zur zärtlichsten Neigung. Eines Morgens befahl ich meinem Janitscharen, mich zu Ismail Effendi zu begleiten, um meinem Versprechen gemäß bei ihm zu frühstücken. Nachdem er mich mit dem edelsten Anstand empfangen hatte, lud er mich zu einem Spaziergang in einem kleinen Garten ein; von hier aus traten wir in ein Landhaus ein, wo er Einfälle bekam, die ich nicht nach meinem Geschmack fand, so daß ich ge- zwungen war, ihn zurückzuweisen, indem ich etwas hastig aufstand. Nun erklärte der Türke, er habe nur mein Zartgefühl auf die Probe stellen und sich nur einen Scherz machen wollen. Wenige Augen- blicke später verließ ich ihn mit der Absicht, nicht mehr zu ihm zurückzukehren. Ich war indes genötigt, ihn wiederzusehen, und werde später erzählen, weshalb. Sobald ich den Grafen von Bonneval sah, erzählte ich ihm dies Geschichtchen, und er sagte mir, nach türkischen Sitten hätte Ismail mir einen großen Beweis seiner Freundschaft geben wollen; doch dürfte ich überzeugt sein, daß ich von seiner Seite keinen Rückfall zu befürchten hätte, und in dieser Uberzeugung erforderte es die Höflichkeit, daß ich ihn noch weiterhin besuchte; übrigens wäre Ismail ein vollkommener Ehrenmann und hätte die schönsten Sklavinnen der Türkei zu seiner Verfügung. Als unser vertrauter Umgang etwa fünf oder sechs Wochen ge- dauert hatte, fragte Jussuff mich eines Tags, ob ich verheiratet wäre. Als ich ihm verneinend geantwortet hatte, wandte sich die Unterhaltung verschiedenen Gegenständen der Moral zu und fiel endlich auf die Keuschheit, die seiner Ansicht nach nur unter dem Gesichtspunkte der Enthaltung als eine Tugend angesehen werden könnte, doch weit entfernt, Gott angenehm zu sein, ihm vielmehr nicht gefallen müßte, da sie das erste den Menschen gegebene Gebot verletzte. »Ich möchte wissen,« sagte er, »was die Keuschheit eurer Malteserritter ist. Sie legen das Gelübde der Keuschheit ab, doch verzichten sie damit nicht auf die Frauen, sondern nur auf die Ehe. Ihre Keuschheit und folglich die Keuschheit überhaupt kann also nur durch die Ehe verletzt werden; und doch ist die Ehe eines eurer Sakramente. Diese Herren versprechen also nur, das Werk des Fleisches in dem einzigen ihnen von Gott gestatteten Fall nicht zu vollbringen; aber sie behalten sich vor, diese Freiheit auf unerlaubte Weise sich anzumaßen, so oft es ihnen beliebt und gut scheint. Und diese unerlaubte und unmoralische Freiheit ist ihnen in so hohem Grade gewährt, daß sie einen Sohn anerkennen dürfen, den sie nur bekommen konnten, indem sie ein doppeltes Verbrechen begingen. Besonders empörend ist, daß sie diese Kinder des Verbrechens, die ohne Zweifel unschuldig sind, natürliche Kinder nennen, wie wenn die aus der ehelichen, als Sakrament anerkannten Verbindung auf widernatürliche Weise geboren würden. Endlich, mein lieber Sohn, ist das Gelübde der Keuschheit der göttlichen Moral und menschlichen Natur derart widersprechend, daß es weder Gott noch der Gesellschaft oder den Personen, die es ablegen, angenehm sein kann; und da es diesem allem widerspricht, ist es notwendigerweise ein Verbrechen.« Er wiederholte die Frage, ob ich verheiratet wäre, und als ich ihm verneinend geantwortet hatte und hinzufügte, ich glaubte, daß ich nie gezwungen sein würde, das Band der Ehe zu knüpfen, unterbrach er mich mit den Worten: »Wie? Ich muß also glauben, daß du kein vollkommener Mann bist oder daß du dich selbst verdammen willst, wenn du mir nicht wenigstens sagst, daß du nur scheinbar ein Christ bist!« »Ich bin vollkommener Mann und bin Christ. Ich will dir sogar sagen, daß ich das schöne Geschlecht anbete und durchaus keine Lust habe, die süßesten Freuden abzuschwören.« »Du wirst nach deiner Religion verdammt sein.« »Sicherlich nicht, denn wenn wir unsere Sünden bekennen, müssen uns unsere Priester ledig sprechen.« »Ich weiß es; doch gib mir zu, daß es eine Einfalt ist, zu behaupten, Gott verzeihe dir ein Verbrechen, das du vielleicht nicht begehen würdest, wenn du nicht den Glauben hättest, daß ein Priester, ein Mensch wie du, dich, wenn du es beichtest, absolvieren wird. Gott sieht nur auf die Reue.« »Das ist nicht zweifelhaft, und die Beichte setzt es voraus; wäre dem nicht so, so ist die Absolution unwirksam.« »Ist die Masturbation bei euch auch eine Sünde?« »Eine viel größere als die außereheliche fleischliche Vermischung.« »Ich weiß es, und das hat mich stets überrascht; denn jeder Gesetzgeber, der ein Gesetz erläßt, dessen Ausübung unmöglich ist, ist ein Dummkopf. Ein Mann, der sich wohl befindet und keine Frau hat, muß unbedingt zur Masturbation kommen, wenn die gebieterische Natur sie ihm zur Notwendigkeit macht; und wer aus Furcht, seine Seele zu beflecken, sich derselben enthielte, würde einer tödlichen Krankheit verfallen.« »Man glaubt bei uns das gerade Gegenteil. Man ist überzeugt, daß die jungen Leute durch dies Verfahren ihr Temperament verderben und ihr Leben verkürzen. In manchen Erziehungsanstalten überwacht man sie und nimmt ihnen soviel wie tunlich die Möglichkeit, dies Verbrechen an sich zu begehen.« »Diese Aufpasser sind einfältige Dummköpfe, und die Leute, die sie dafür bezahlen, sind noch dümmer; denn das Verbot muß den Drang mehren, ein so tyrannisches, auch widernatürliches Gesetz zu verletzen.« »Doch mir scheint, das Übermaß dieser Unordnung muß der Gesundheit schädlich sein, denn es entnervt und schwächt.« »Gewiß, denn alles Übermaß ist schädlich und verderblich. Aber dies Übermaß kann nur da vorkommen, wo dazu herausgefordert wird, und durch das Verbot fordert man dazu heraus. Wenn man in dieser Beziehung bei euch die Mädchen nicht hindert, so sehe ich nicht ein, warum man gegen die Knaben anders verfährt.« »Das kommt daher, weil die Mädchen bei weitem nicht die gleiche Gefahr laufen; denn sie haben nur einen geringen Verlust; außerdem strömt dieser nicht aus der gleichen Quelle, aus der der Same der Männer kommt.« »Davon weiß ich nichts, doch wir haben Ärzte, die behaupten, die bleiche Farbe rühre bei den Mädchen nur von dem Mißbrauch dieses Vergnügens her.« Nachdem Jussuff Ali diese und andere Gespräche mit mir gepflogen hatte, bei denen er mich sehr vernünftig zu finden schien, selbst wenn ich seiner Ansicht widersprach, machte er mir fast wörtlich folgenden Vorschlag, der mich in großes Staunen versetzte. »Ich habe«, sagte er nur, »zwei Söhne und eine Tochter. Ich denke nicht mehr an die Söhne, da sie schon den ihnen gebührenden Teil von meinen Gütern erhielten. Meine Tochter wird nach meinem Tode all meinen Besitz erhalten; außerdem bin ich imstande, das Glück des Mannes zu machen, den sie zu meinen Lebzeiten heiraten wird. Ich habe vor fünf Jahren eine junge Frau genommen, doch hat sie mir keine Nachkommen gegeben, und ich bin überzeugt, daß sie mir auch keine mehr schenken wird. Meine Tochter Zelmi ist fünfzehn Jahre, sie ist schön, hat schwarze und glänzende Augen wie ihre Mutter, die schönsten schwarzen Haare, eine Brust wie Alabaster, ist groß, wohlgewachsen und von sanftem Charakter, ich habe ihr eine Erziehung gegeben, die sie würdig machen würde, das Herz unseres Gebieters zu besitzen. Sie spricht fließend Griechisch und Italienisch; sie singt zum Entzücken und begleitet sich dazu auf der Harfe; sie zeichnet, stickt und ist stets köstlich heiter. Kein Mann auf Erden kann sich rühmen, je ihr Gesicht gesehen zu haben, und sie selbst kennt nur meinen Willen. Diese Tochter ist ein Schatz, und ich biete sie dir an, wenn du ein Jahr in Adrianopel bei einem meiner Verwandten wohnen willst, wo du unsere Sprache und unsere Sitten lernen könntest. Nach Verlauf eines Jahres kommst du zurück und sobald du dich zum Islam bekehrt hast, wird meine Tochter deine Frau werden. Du findest ein eingerichtetes Haus, Sklaven, deren Gebieter du bist, und ein Einkommen, von dem du im Überfluß leben kannst. Das ist alles. Du sollst mir nicht heute, auch nicht morgen, noch an einem bestimmten Tage antworten. Du sollst mir antworten, wenn du dich durch deinen Geist dazu getrieben fühlst, und deine Antwort wird die Annahme meines Anerbietens sein. Wenn du es zurückweisest, brauchen wir nicht mehr davon zu sprechen. Ich empfehle dir auch nicht, an diese Angelegenheit zu denken; denn von dem Augenblick an, wo ich den Keim in deine Seele senkte, wirst du nicht mehr Herr sein, deren Erfüllung zuzugestehen oder dich ihr zu widersetzen. Ohne dich zu übereilen, ohne zu zögern, ohne dich zu beunruhigen, wirst du nur den Willen Gottes tun, indem du dem unwiderruflichen Ausspruch deines Schicksals folgst. So wie ich dich kenne, bedarfst du nur der Gesellschaft Zelmis, um glücklich zu werden, und du wirst, ich sehe es voraus, eine Säule des ottomanischen Reiches werden.« Nachdem Jussuff diese Worte gesprochen hatte, drückte er mich an sein Herz, und um mir keine Zeit zur Antwort zu gewähren, verließ er mich. Was ich gehört hatte, beschäftigte mich so daß ich heimkam, ohne es zu merken. Die Baili fanden mich nachdenklich und fragten mich nach dem Grunde; aber wie man sich denken kann, hütete ich mich wohl, ihre Neugierde zu befriedigen. Ich fand Jussuffs Worte nur zu wahr; die Sache war so wichtig, daß ich sie nicht nur niemandem mitteilen durfte, sondern daß ich mich sogar des Gedankens daran enthalten mußte, bis mein Geist ruhig genug war, um mir die Überzeugung zu gewähren, daß nichts Fremdes in die Wagschale fallen und meine Entscheidung beeinflussen könnte. Alle meine Leidenschaften mußten schweigen; Vorurteile, Befangenheit, Liebe und persönliches Interesse, alles mußte in der vollkommensten Ruhe und Untätigkeit bleiben. Am nächsten Tage drängte sich mir beim Erwachen eine kleine Betrachtung über die Sache auf, und ich sah, daß ich ganz gewiß nicht daran denken durfte, wollte ich mich entschließen; eine derartige Entscheidung durfte mir nur wie durch Eingebung und ohne alle Überlegung kommen. Es war der Fall des Sequere deum – Gib dich Gott anheim – der Stoiker. Ich verbrachte vier Tage, ohne Jussuff zu sehen, und als ich am fünften bei ihm war, plauderten wir heiter miteinander, ohne von der Sache mit einem Wort zu sprechen, obwohl wir ganz unbedingt daran denken mußten. Wir verlebten so vierzehn Tage einander gegenüber, ohne über das, was uns am meisten beschäftigte, zu sprechen; doch da unser Schweigen nicht von Heuchelei, noch von irgendeinem unserer gegenseitigen Achtung und Freundschaft widersprechenden Gefühle herrührte, sagte er mir eines Tags, er dächte sich, ich hätte seinen Vorschlag irgendeinem Weisen mitgeteilt, um mich durch einen guten Rat zu stärken. Ich beeilte mich, ihm das Gegenteil zu versichern, indem ich ihm sagte, bei einer Sache von so zarter Natur glaubte ich nicht dem Rat irgendeines andern folgen zu dürfen. »Ich habe mich Gott überlassen, mein teurer Jussuff, und da ich ihm volles Vertrauen schenke, bin ich überzeugt, daß ich das Richtige wählen werde, sei es, daß ich mich entschließe, dein Sohn zu werden, sei es, daß ich glaube bleiben zu müssen wie ich bin. Inzwischen beschäftigte der Gedanke an diese Sache meine Seele morgens und abends und in allen Augenblicken, wo ich mit mir ganz allein ruhig und gesammelt bin. Wenn ich entschlossen bin, werde ich nur dir allein die Kunde mitteilen, und von diesem Augenblick an sollst du über mich die Autorität eines Vaters ausüben.« Bei diesen Worten legte der tugendhafte Jussuff, die Augen voller Tränen, seine linke Hand auf meinen Kopf und die beiden ersten Finger der rechten Hand auf meine Stirn mit den Worten: »Fahre so fort, mein teurer Sohn, und sei überzeugt, daß du dich nicht täuschen wirst.« »Aber,« sagte ich ihm, »könnte es nicht geschehen, daß Zeltmi mich nicht nach ihrem Geschmack fände?« »Darüber beruhige dich. Meine Tochter liebt dich, sie hat dich gesehen. Sie sieht dich mit meiner Frau und ihrer Gouvernante, so oft wir zusammen essen, und hört dir mit Vergnügen zu.« »Aber sie weiß nicht, daß du mich ihr zum Gatten zu geben gedenkst?« »Sie kennt meinen Wunsch, daß du ein Gläubiger werdest, um dein Geschick mit dem ihrigen zu verbinden.« »Es freut mich, daß es dir nicht erlaubt ist, sie mich sehen zu lassen; denn sie könnte mich blenden, und dann gäbe die Leidenschaft den Ausschlag für die Wagschale. Ich könnte mir nicht mehr schmeicheln, mich in der ganzen Reinheit meiner Seele entschieden zu haben.« Als Jussuff mich so sprechen hörte, freute er sich außerordentlich, und ich meinte es gewiß ganz aufrichtig. Schon der Gedanke, Zelmi zu sehen, ließ mich erbeben. Ich fühlte, ich wäre, wenn ich in sie verliebt gewesen wäre, Muselmann geworden, um sie zu besitzen, und hätte es zweifellos bereut; denn die mohammedanische Religion bot meinen Augen und meinem Geist nur ein unangenehmes Bild, sowohl in bezug auf dieses wie auf jenes Leben. Und der Reichtum rechtfertigte meiner Meinung nach keinen Schritt gleich dem von mir geforderten. Übrigens konnte ich gleiche Reichtümer in ganz Europa finden, ohne deshalb meiner Stirn den schmachvollen Flecken der Abtrünnigkeit aufzudrücken. Ich hielt auf die Achtung der ausgezeichneten Personen, die mich kannten, und wollte mich derselben nicht unwürdig zeigen. Außerdem ward ich von dem Wunsch getrieben, mir bei den zivilisiertem und gebildeten Nationen entweder in den schönen Künsten oder in der Literatur oder in einer anderen ehrenvollen Laufbahn Ruhm zu erwerben, und ich konnte mich nicht entschließen, meinen Zeitgenossen die Triumphe zu überlassen, die meiner vielleicht warteten, wenn ich in ihrer Mitte lebte. Es erschien mir und erscheint mir noch, als könnte der Entschluß, den Turban zu nehmen, nur einem verzweifelten Christen beikommen, und ein solcher war ich zum Glück nicht. Besonders empörte mich der Gedanke, ein Jahr in Adrianopel leben zu müssen, um dort eine barbarische Sprache zu lernen, gegen die ich nur Widerwillen empfand und die ich folglich schlecht gelernt hätte. Wie konnte ich auch in meinem Alter auf das für mein Selbstgefühl schmeichelhafte Vorrecht verzichten, für einen Schönredner zu gelten? Und diesen Ruf hatte ich überall, wo ich bekannt war. Außerdem dachte ich manchmal, Zelmi, dies achte Wunder in den Augen ihres Vaters, könnte den meinen nicht ebenso erscheinen, und das würde zu meinem Unglück genügt haben; denn Jussuff konnte leicht noch zwanzig Jahre leben, und ich fühlte, daß Achtung und Dankbarkeit mir nie gestattet haben würden, den guten Greis zu kränken, was gewiß geschehen wäre, wenn ich seiner Tochter nicht alle Rücksichten eines guten Gatten gezeigt hätte. Das waren die Gedanken, die mich beschäftigten, und da Jussuff sie nicht erraten konnte, brauchte ich sie ihm nicht anzuvertrauen. Wenige Tage danach fand ich bei Osman Pascha meinen Ismail Effendi zum Essen. Er bekundete mir große Freundschaft, und ich antwortete darauf, indem ich über seine Vorwürfe, solange nicht bei ihm gefrühstückt zu haben, hinwegglitt. Ich konnte es nicht abschlagen, bei ihm zu essen, und er gewährte mir ein reizendes Schauspiel: neapolitanische Sklaven beider Geschlechter führten eine Pantomine auf und tanzten Kalabreser Tänze. Herr von Bonneval sprach von dem venezianischen Tanz Furlana, und da Ismail mir das lebhafte Verlangen kundgab, diesen kennenzulernen, sagte ich ihm, es wäre mir unmöglich, ihn zu befriedigen, wenn ich nicht eine Tänzerin aus meinem Lande hätte und einen Violinisten, der die Melodie kenne. Danach ergriff ich selbst eine Violine und spielte die Melodie des Tanzes. Aber selbst wenn eine Tänzerin gefunden worden wäre, hätte ich doch nicht zugleich tanzen und spielen können. Ismail erhob sich und sprach heimlich mit einem seiner Eunuchen. Dieser ging hinaus, kam wenige Minuten danach zurück und sagte ihm etwas ins Ohr. Darauf sagte mir der Effendi, die Tänzerin wäre gefunden; ich entgegnete ihm, der Violinspieler wurde sich ebenfalls bald finden, wenn er ein Briefchen in den venezianischen Botschaftspalast schicken wollte, was auch sogleich geschah. Der Bailo Dona schickte mir einen seiner Leute, einen trefflichen Violinisten. Sobald der Musiker bereit war, öffnete sich eine Pforte, und herein trat eine schöne Frau, das Gesicht mit einer jener Sammetmasken bedeckt, die man in Venedig Moretta nennt. Die Erscheinung dieser schönen Maske überraschte und entzückte die Anwesenden, denn es ist unmöglich, sich eine einnehmendere Erscheinung zu denken. Vollendet schön war, was man von ihrem Gesicht sehen konnte, und die größte Teilnahme erregte die Anmut ihrer Formen, die Schönheit ihres Wuchses, die wollüstige Weichheit ihrer Umrisse und der ausgezeichnete Geschmack ihres Putzes. Die Nymphe wählte ihre Stellung, ich machte es wie sie, und wir tanzten hintereinander sechs Furlanen. Ich war sehr erhitzt und außer Atem, denn es gibt keinen feurigeren Nationaltanz. Die Schöne aher stand da, ohne das mindeste Zeichen der Ermüdung zu geben, und schien mich herauszufordern. Bei der Ronde des Balletts, dem schwierigsten Teil, schien sie zu schweben. Ich war vor Erstaunen außer mir, denn ich konnte mich nicht erinnern, dies Ballett selbst in Venedig je so schön tanzen gesehen zu haben. Nach einigen Minuten der Ruhe trat ich ein wenig beschämt über meine Ermüdung an sie heran und sagte: »Ancora sei, e poi basta, se non volete vedermi a morire – Noch sechs, aber dann nicht mehr, wenn Sie mich nicht wollen sterben sehen.« Sie hätte mir, wenn sie gekonnt hätte, geantwortet, doch sie trug eine jener barbarischen Masken, die jedes Sprechen unmöglich machen. In Ermanglung eines Wortes ließ ein Druck der Hand, den niemand sehen konnte, mich alles erraten. Sobald die zweiten sechs Furlanen beendet waren, öffnete ein Eunuch die Tur, und meine schöne Partnerin verschwand. Ismail erschöpfte sich in Danksagungen und doch hätte ich sie ihm machen sollen, denn dies war das einzige wahre Vergnügen, das ich in Konstantinopel hatte. Ich fragte ihn, ob die Dame Venezianerin wäre; doch er antwortete mir nur durch ein bedeutungsvolles Lächeln. Gegen Abend trennten wir uns. »Der gute Mann«, sagte mir Herr von Bonneval, als wir uns zurückzogen, »hat sich heute von seiner Prachtliebe verleiten lassen, und ich bin überzeugt daß, er schon seine Tat bereut hat, seine schöne Sklavin mit Ihnen tanzen zu lassen! Nach dem Vorurteil des Landes gefährdet das seinen guten Ruf; denn Sie haben ganz sicher das arme Mädchen in Flammen gesetzt. Ich rate Ihnen, auf der Hut zu sein und sich in acht zu nehmen, denn sie wird mit Ihnen einen Liebeshandel anzuknüpfen versuchen. Doch seien Sie klug, denn nach den hierzulande herrschenden Sitten sind derartige Umtriebe stets gefährlich.« Ich versprach ihm, keinen falschen Schritt zu machen, doch ich hielt nicht Wort; denn drei oder vier Tage später begegnete mir eine alte Sklavin auf der Straße und bot mir einen goldgestickten Tabaksbeutel für einen Piaster an, und indem sie ihn mir in die Hände drückte, ließ sie mich fühlen, daß er einen Brief enthielt. Ich bemerkte, daß sie die Augen des hinter mir gehenden Janitscharen vermied. Ich gab ihr einen Piaster, sie ging davon, und ich setzte meinen Weg nach dem Hause Jussuffs fort. Da ich den guten Türken nicht fand, ging ich in seinem Garten spazieren, um in aller Ruhe den Brief lesen zu können. Er war versiegelt und ohne Adresse, die Sklavin konnte sich getäuscht haben. Das vermehrte meine Neugier. Ich brach das Siegel und las folgende Zeilen in richtig geschriebenem Italienisch: »Wenn Sie neugierig sind, die Person zu sehen, die mit Ihnen die Furlana getanzt hat, so machen Sie gegen Abend im Garten jenseits des Teiches einen Spaziergang, und machen Sie sich mit der alten Magd des Gärtners bekannt, indem Sie um Limonade bitten. Sie können sie vielleicht sehen, ohne Gefahr zu laufen, selbst wenn Ismail Sie sehen sollte; sie ist Venezianerin. Es ist wichtig, daß Sie von dieser Einladung zu niemandem sprechen.« »Ich bin nicht so einfältig, meine schöne Landsmännin!« rief ich, als wäre sie zugegen gewesen, und steckte den Brief in meine Tasche. Da trat eine schöne alte Frau hinter einem Gebüsch hervor, nannte meinen Namen und fragte mich, was ich wünschte und wie ich sie bemerkt hätte. Ich antwortete ihr lächelnd, ich hätte in die Luft gesprochen, da ich nicht geglaubt hätte, daß mich jemand hörte. Nun sagte sie geradeheraus, sie wäre erfreut, mich zu sprechen, denn sie wäre Römerin, hätte Zelmi erzogen und sie singen und Harfe spielen gelehrt. Dann sprach sie mir lobend von den Schönheiten und vortrefflichen Eigenschaften ihrer Schülerin und sagte, ich würde gewiß in sie verliebt werden, wenn ich sie sähe, und es verdrösse sie, daß es nicht erlaubt wäre. »Sie sieht uns in diesem Augenblick,« fügte sie hinzu, »hinter dieser grünen Jalousie, und wir lieben Sie, seit uns Jussuff gesagt hat, Sie könnten Zelmis Gatte werden.« »Darf ich zu Jussuff von unserer Unterhaltung sprechen?« fragte ich sie. »Nein.« Dies Nein gab mir zu verstehen, daß, wäre ich nur ein wenig in sie gedrungen, sie sich hätte bestimmen lassen, mir ihre reizende Schülerin zu zeigen, und vielleicht hatte sie sogar in dieser Hoffnung mich aufgesucht. Der Gedanke aber, einen meinem teuren Gastfreunde mißfallenden Schritt zu tun hielt mich zurück. Außerdem, und noch mehr als das sicherlich, fürchtete ich den Eintritt in ein Labyrinth, wo der Anblick eines Turbans schon mich hätte erbeben lassen. Jussuff kam hinzu und weit entfernt böse darüber zu sein, daß er mich mit der Frau zusammenfand, wünschte er mir Glück zu dem Vergnügen, das es mir machen müßte, mich mit einer Römerin zu unterhalten. Er gratulierte mir dann noch zu dem Vergnügen, daß ich bei dem Tanz mit einer der Schönheiten des Harems des wollüstigen Ismail hatte finden müssen! »Ist denn das eine so seltene Sache, da man davon spricht?« »Sehr selten, weil bei uns das Vorurteil besteht, die Schönheiten des Harems nicht den Augen Neidischer auszusetzen; doch jeder kann im eigenen Haus nach Belieben handeln. Ismail ist übrigens ein Ehrenmann und ein kluger Mann.« »Kennt man die Dame, mit der ich getanzt habe?« »O, das glaube ich nicht. Ubrigens war sie maskiert, und man weiß, daß Ismail ein halbes Dutzend hat, die alle sehr schön sind.« Wir verbrachten den Tag heiter, und als ich von ihm schied, ließ ich mich zu Ismail führen. Da man mich hier kannte, ließ man mich eintreten, und ich ging nach dem Ort, den der Zettel mir angezeigt hatte. Als der Eunuch mich sah, kam er mir entgegen und sagte mir, sein Herr wäre ausgegangen; doch würde er sehr erfreut sein, wenn er vernähme, daß ich bei ihm einen Spaziergang gemacht hätte. Ich erklärte ihm, ich wünschte ein Glas Limonade zu trinken, und er führte mich nach dem Kiosk, wo ich die alte Botin erkannte. Der Eunuch ließ mir ein köstliches Getränk reichen und hinderte mich, der Alten ein Silberstück zu geben. Nun gingen wir auf der andern Seite des Teiches spazieren, doch der Eunuch sagte mir, wir müßten umkehren, da er drei Damen, die er mir zeigte, kommen sähe; der Anstand verlange, ihnen auszuweichen. Bald darauf dankte ich ihm für seine Gefälligkeit, trug ihm auf, Ismail meine Komplimente auszurichten, und zog mich zurück, recht zufrieden mit meinem Spaziergang und voller Hoffnung, ein anderes Mal glücklicher zu sein. Am nächsten Morgen erhielt ich von Ismail ein Billett, worin er mich bat, am Tage darauf mit ihm zum Fischen zu fahren, und mir erklärte, wir würden bis tief in die Nacht hinein bei Mondenschein fischen. Ich hoffte, was ich wünschte, und ging so weit, Ismail zuzutrauen, daß er mich mit meiner schönen Landsmännin bekannt machen wollte. Die Gewißheit, daß er zugegen sein würde, konnte mich nicht abstoßen. Ich bat den Ritter Veniero um die Erlaubnis, eine Nacht außerhalb verbringen zu dürfen, und nur mit vieler Mühe gab er sie mir, denn er fürchtete irgendein Liebesabenteuer und die daraus folgenden Zufälle. Wie man sich wohl denken kann, beruhigte ich ihn so gut wie ich konnte, aber ich setzte ihn trotzdem nicht von allem in Kenntnis; denn Verschwiegenheit schien mir bei diesem Anlaß sehr notwendig. Zur festgefetzten Stunde fand ich mich pünktlich ein, und Ismail empfing mich mit den herzlichsten Freundschaftsbezeigungen; doch als ich ins Boot stieg, fand ich zu meiner Uberraschung mich mit ihm allein. Er hatte zwei Ruderer und einen Steuermann, und wir fingen einige Fische, die wir in einem Kiosk in Öl braten ließen und aßen. Wir hatten Vollmond, und es war eine jener köstlichen Nächte, von denen man sich keine Vorstellung machen kann, wenn man sie nicht selber gesehen hat. Ganz allein mit Ismail und wohlbekannt mit seiner widernatürlichen Geschmacksrichtung, fühlte ich mich nicht ganz behaglich; denn trotz den Versicherungen des Herrn von Bonneval fürchtete ich, der Türke würde Lust bekommen, mir Beweise einer allzu großen Freundschaft zu geben, und dies Alleinsein beunruhigte mich. Doch es kam eine überraschende Wendung. »Wir wollen ganz sacht gehen,« sagte er mir, »ich höre ein Geräusch, das mich irgendetwas Amüsantes ahnen läßt.« Er schickte seine Leute fort, nabm mich dann bei der Hand und sagte zu mir: »Wir wollen in ein Kabinett gehen, zu dem ich glücklicherweise den Schlüssel habe; doch dürfen wir nicht das geringste Geräusch machen. Das Kabinett hat ein Fenster nach dem Teich hinaus, wo, wie ich glaube, zwei oder drei meiner jungen Mädchen in diesem Augenblicke ein Bad nehmen. Wir werden sie sehen und uns eines sehr hübschen Schauspiels erfreuen, denn sie wissen nicht, daß sie gesehen werden. Sie wissen, daß außer mir niemandem dieser Ort zugänglich ist.« Wir traten ein und sahen bei dem Licht des Mondes, das voll auf die Wasser des Teiches fiel, drei Nymphen, die bald schwimmend bald aufrecht oder auf den Marmorstufen sitzend, sich unsern Augen von allen möglichen Seiten, in allen Stellungen der Anmut und Wollust darboten. Ich muß mir, lieber Leser, die Einzelheiten des Gemäldes ersparen; doch wenn die Natur dir ein feuriges Herz und entzündbare Sinne gegeben hat, mußt du die Verwirrung erraten, die dies einzigartige und entzückende Schauspiel in meinem armen Leibe anrichten mußte. Einige Tage nach dieser herrlichen Mondscheinpartie mit Fischen und Badenden war ich schon früh zu Jussuff gegangen, und da ein leichter Regen mich an einem Spaziergang im Garten hinderte, trat ich in den Saal, in dem wir speisten, und wo ich bisher niemals einen Menschen gefunden hatte. Sobald ich erschien, stand ein reizendes weibliches Wesen auf und bedeckte sein Gesicht mit einem dichten Schleier, der bis auf den Boden fiel. Eine Sklavin, die am Stickrahmen neben dem Fenster saß, regte sich nicht. Ich entschuldigte mich und tat, als wollte ich gehen; doch sie hielt mich zurück und sagte mir mit lieblicher Stimme, Jussuff, der ausgegangen wäre, hätte ihr befohlen, mich zu unterhalten. Sie lud mich ein, Platz zu nehmen, und deutete auf ein kostbares auf zwei andern größeren liegendes Kissen; ich gehorchte, während sie selbst, die Beine kreuzend, sich auf ein anderes mir gegenüber setzte. Ich glaubte Zelmi vor mir zu haben und dachte mir, Jussuff hätte sich vielleicht entschlossen, mir zu zeigen, daß er ebenso mutig wäre wie Ismail; doch überraschte mich dieser Schritt, der seinen Grundsätzen widersprach, da er die Reinheit meiner Zustimmung zu gefährden drohte, indem er mich verliebt machte. Indes brauchte ich hier keine Furcht zu haben, denn um mich zu entschließen, hätte ich ihr Gesicht sehen müssen. »Ich glaube,« sagte die schöne Verschleierte, »du weißt nicht, wer ich bin?« »Ich kann es in der Tat nicht erraten.« »Ich bin seit fünf Iahren die Gattin deines Freundes und bin in Chios geboren. Ich war dreizehn Jahr alt, als ich seine Frau wurde.« Ich war sehr überrascht, daß mein philosophischer Muselmann sich so weit über alle Vorurteile hinwegsetzte, mir eine Unterhaltung mit seiner Frau zu gestatten; doch fühlte ich mich ruhiger und glaubte das Abenteuer weiter treiben zu können. Dazu hätte ich indes ihr Gesicht sehen müssen; denn ein bekleideter schöner Körper, dessen Kopf man nicht sieht, kann nur Begierden erwecken, die leicht zu befriedigen sind. Das Feuer der Begierden gleicht dem Strohfeuer; sobald es brennt, hat es auch schon seine größte Höhe erreicht. Ich sah ein reizendes Bild, doch nicht die Seele, denn ein dichter Flor verbarg sie meinen gierigen Blicken. Ich sah Alabasterarme, die die Grazien gerundet hatten, und ihre Hände glichen denen Alcinens, »an denen man weder Muskel noch Ader sah«, und meine tätige Einbildungskraft schuf alles übrige in Harmonie zu diesen schönen Mustern; denn die anmutigen Falten des Musselins ließen den Umrissen ihren ganzen Zauber und verbargen mir nur den lebenden Abriß der Oberfläche: Alles mußte schön sein, doch ich empfand das Bedürfnis in ihren Augen zu lesen, daß alles, was ich mir einbildete, Leben habe und mit Gefühl begabt sei. Die orientalische Tracht ist nur ein schöner über eine Porzellanvase gezogener Firniß, um die Farben der Blumen und Figuren der Berührung zu entziehen, ohne dem Vergnügen der Augen irgendetwas zu nehmen. Jussuffs Frau war nicht als Sultana gekleidet; sie trug das Kostüm von Chios, mit einem Rock, der mich weder hinderte, die Vollkommenheit ihres Beins noch die Rundung ihrer Schenkel und den wollüstig gerundeten Vorsprung ihrer Hüften zu sehen, auf die sich ein schlanker und wohlgebildeter Rumpf stützte, den ein prächtiger silbergestickter und mit Arabesken bedeckter Gürtel umspannte. Über dem allen sah ich zwei Halbkugeln, die Apelles zum Modell für die seiner schönen Venus hätte nehmen können, und ihre lebhafte, doch ungleiche Bewegung zeigte mir, daß diese bezaubernden Hügel belebt seien. Der kleine Raum zwischen ihnen, den ich mit meinen Augen verschlang, schien mir eine Nektarquelle zu sein, nach der meine heißen Lippen mit größerer Gier sich sehnten, als nach dem Göttertrank, um ihren Durst zu stillen. Entzückt und außer mir, streckte ich mit einer beinah unwillkürlichen Bewegung meinen Arm aus, und meine kühne Hand wollte schon den Schleier heben, da hinderte sie mich daran, indem sie sich leicht auf die Spitzen ihrer schönen Füße erhob und mir mit gebieterischer Stimme und Haltung meine treulose Keckheit vorwarf. »Verdienst du«, sagte sie mir, »Jussuffs Freundschaft, da du die Gastfreundschaft durch eine Beschimpfung seiner Frau verletzest?« »Sie müssen mir verzeihen, Signora, denn ich hatte nicht die Absicht, Sie zu beleidigen. Nach unseren Sitten kann der niedrigste Mensch seine Augen auf das Gesicht der Königin heften.« »Ja, aber ihr nicht den Schleier fortreißen, wenn sie mit ihm verhüllt ist. Jussuff wird mich rächen.« Diese Drohung und der Ton, in dem sie ausgesprochen wurde, erfüllte mich mit Furcht. Ich warf mich ihr zu Füßen und wußte sie schließlich auch zu beruhigen. »Setze dich!« sagte sie zu mir. Und sie setzte sich selbst, indem sie die Beine mit so großer Nachlässigkeit kreuzte, daß ich Reize erblickte, die mir den Kopf verdreht haben würden, hätte ich sie noch einen einzigen Augenblick länger sehen können. Ich sah nun, daß ich mich ungeschickt benommen hatte, und bereute es, obwohl zu spät. »Bist du entflammt?« fragte sie mich. »Wie sollte ich es nicht sein,« antwortete ich ihr, wenn du mich mit dem heißesten Feuer brennst?« Klüger geworden ergriff ich ihre Hand, ohne mich mehr um ihr Gesicht zu kümmern. »Da kommt mein Gatte,« rief sie mir zu; und Jussuff trat ein. Wir erhoben uns, Jussuff umarmte mich; ich begrüßte ihn, die stickende Sklavin entfernte sich. Er dankte mir, daß ich seiner Frau Gesellschaft geleistet hatte, und bot ihr seinen Arm, um sie in ihr Gemach zu führen. Sie verließ das Zimmer, doch neben der Tür hob sie ihren Schleier, umarmte ihren Gatten und ließ mich, scheinbar unabsichtlich, ihr schönes Profil sehen. Ich folgte ihr mit den Augen bis zum letzten Zimmer, wo Jussuff sie verließ. Sobald er wieder hei mir war, erklärte er mir lächelnd, seine Frau hätte sich erboten, mit uns zu essen. »Ich glaubte,« bemerkte ich ihm, »mich Zelmi gegenüber zu befinden.« »Das hätte unseren guten Sitten zu sehr widersprochen. Was ich tat, hat gar nichts zu sagen. Doch ich kenne keinen anständigen Mann, der kühn genug wäre, seine Tochter den Blicken eines Fremden auszusetzen.« »Ich glaube, deine Gattin ist schön; ist sie schöner als Zelmi?« »Die Schönheit meiner Tochter ist lächelnd und sanft, Sophias Schönheit trägt den Charakter des Stolzes. Sie wird nach meinem Tode glücklich sein. Wer sie heiratet, wird sie jungfräulich finden.« Ich erzählte mein Abenteuer Herrn von Bonneval, indem ich besonders die Gefahr hervorhob, die ich hätte laufen können, als ich den Schleier der schönen Chiotin hob. »Die Griechin«, sagte mir der Graf, »hat sich nur über Sie lustig machen wollen; von Gefahr war keine Rede. Sie war, glauben Sie mir, ärgerlich, daß sie mit einem Neuling zu tun gehabt hat. Sie haben eine französische Posse gespielt, während Sie gerade auf das Ziel hätten losgehen sollen. Wozu brauchten Sie ihre Nase zu sehen? Sie wußte ganz gut, daß sie, wenn Sie die gesehen hätten, nichts dabei gewonnen haben würde. Sie hätten auf das Wesentliche gehen sollen. Wäre ich jung, so würde es mir vielleicht gelingen, Sie zu rächen und meinen Freund Jussuff zu strafen. Sie haben der Schönen einen traurigen Begriff von der italienischen Tüchtigkeit beigebracht. Der sittsamsten Türkin wohnt Schamhaftigkeit nur auf dem Gesicht; sobald sie ihren Schleier vor hat, weiß sie bestimmt, daß sie über nichts erröten wird. Ich bin überzeugt, die Dame trägt ihr Gesicht stets bedeckt, wenn ihr Mann mit ihr kosen will.« »Sie ist Jungfrau!« »Das ist schwer zu glauben, lieber Freund; ich kenne die Chiotinnen. Sie besitzen aber die Kunst, den äußeren Anschein der Jungfräulichkeit zu bewahren.« Jussuff kam nie mehr auf den Gedanken, mir eine ähnliche Höflichkeit erweisen zu wollen, und gewiß hatte er recht. Einige Tage später war ich bei einem armenischen Kaufmann wo ich einige schöne Waren besah, als Jussuff hinzukam; er lobte meinen Geschmack bei der Auswahl der Sachen, die ich schön fand, aber nicht kaufte, da sie meiner Ansicht nach zu teuer waren. Jussuff dagegen behauptete, die Waren wären nicht teuer, er kaufte sie alle, und wir trennten uns. Am nächsten Morgen sah ich alle Waren bei mir: das war eine Galanterie Jussuffs, und damit ich keine Veranlassung haben konnte, dies Geschenk zurückzuweisen, hatte er einen hübschen Brief hinzugefügt, worin er mir schrieb, bei meiner Ankunft in Korfu würde ich erfahren, wem ich diese Sachen zuzustellen hätte. Es waren mit Gold und Silber durchwebte glänzende Damaststoffe, Börsen, Brieftaschen, Gürtel, Schärpen, Taschentücher und Pfeifen: alles zusammen im Werte von vier- bis fünfhundert Piastern. Als ich ihm danken wollte, nötigte ich ihn zu dem Geständnis, es wäre ein Geschenk der Freundschaft, das er mir machen wollte. Am Tage vor meiner Abreise brach der wackere Mann in Tränen aus, als er von mir Abschied nahm; doch die, die ich vergoß, waren ebenso aufrichtig und reichlich wie die seinigen. Er sagte mir: dadurch, daß ich sein Anerbieten nicht angenommen, hätte ich seine Achtung so sehr gewonnen, daß er sich nur schwer denken könnte, daß er mich mehr geachtet hätte, wenn ich sein Sohn geworden wäre. Sobald ich auf dem Schiff war, auf dem ich mich mit dem Bailo Giovanni Dona einschiffte, fand ich eine Kiste, die er mir noch zum Geschenk machte, und die zwei Zentner Mokkakaffee bester Güte, hundert Pfund Blättertabak und zwei große Krüge enthielt, von denen der eine mit Zapanditabak, der andere mit Camussade gefüllt war; außerdem noch ein prachtvolles Pfeifenrohr von Jasminholz, mit Goldfiligran verziert, das ich in Korfo um hundert Zechinen verkaufte. Ich konnte dem freigebigen Türken erst von Korfu aus die Versicherung meiner Dankbarkeit geben und versäumte es nicht. Ich verkaufte alle seine Geschenke, was mir ein kleines Vermögen einbrachte. Ismail gab mir einen Brief für den Ritter von Lezze, doch konnte ich diesen nicht bestellen, da ich ihn verlor. Auch schenkte er mir ein Faß Honigwasser, das ich ebenfalls zu Geld machte. Herr von Bonneval übergab mir einen Brief für den Kardinal von Acquaviva. Ich sandte ihm denselben samt einer Beschreibung meiner Reife, aber Seine Eminenz glaubte nicht mir zur Bestätigung des Empfangs verpflichtet zu sein. Bonneval schenkte mir zwölf Flaschen Ragusaner Malvasiers und zwölf andere echten Scopolos. Es war eine seltene Gabe, die mir in Korfu dazu diente, ein Geschenk zumachen, das mir, wie man später sehen wird, von großem Nutzen wurde. Der einzige fremde Gesandte, den ich oft in Konstantinopel sah, war der Lord Marishal von Schottland, der berühmte Keith, der für den König von Preußen hier residierte und dessen Bekanntschaft mir sechs Jahre später zu Paris sehr nützlich ward. Wir segelten anfangs September auf demselben Kriegsschiff ab, das uns nach Konstantinopel gebracht hatte, und kamen nach vierzehn Tagen in Korfu an. Der Bailo Dona blieb an Bord; er führte acht prächtige türkische Pferde mit sich, von denen ich im Jahre 1773 in Görz noch zwei am Leben fand. Kaum war ich mit meinem Gepäck gelandet und hatte mich ziemlich ärmlich einquartiert, als ich mich Herrn Andrea Dolfin, dem Generalprovveditore, vorstellte, der mir abermals die Versicherung gab, daß ich bei der ersten Truppenbesichtigung Leutnant werden sollte. Von ihm begab ich mich zu meinern Kapitän, Herrn Camporeggio, der mich sehr freundlich empfing. Mein dritter Besuch galt dem Befehlshaber der Galeassen, Herrn D. R., dem Herr Dolfin, mit dem ich von Venedig nach Korfu gekommen war, mich zu empfehlen die Güte gehabt hatte. Nach den ersten üblichen Höflichkeitsformeln fragte er mich, ob ich hei ihm als Adjutant bleiben wollte. Ich antwortete ihm sogleich, daß sein Anerbieten mich ehrte, daß ich es annähme und daß er mich stets zu seinem Befehl finden würde. Ohne weitere Umstände ließ er mich nach dem mir von ihm bestimmten Zimmer führen, und schon am nächsten Tag sah ich mich bei ihm eingerichtet. Ich erhielt von meinem Kapitän einen französischen Soldaten zu meiner Bedienung, und da dieser von Beruf Friseur und außerdem ein großer Schwätzer war, machte er mir viel Vergnügen, denn er konnte mein schönes Haar pflegen, und ich bedurfte der Übung in der französischen Sprache. Mein Soldat war ein Bauer aus der Picardie, ein Taugenichts, Trunkenbold und Wüstling; er konnte kaum seinen Namen kritzeln; doch das machte mir wenig aus, denn es genügte mir, daß er ziemlich gut sprechen konnte. Er war ein unterhaltender Narr; er kannte eine Menge Schwänke und schlüpfrige Geschichten, die er zum Totlachen zu erzählen wußte. Als ich meine aus Konstantinopel mitgebrachten Sachen verkauft hatte, indem ich nur den Wein zurückbehielt, sah ich mich im Besitz von ungefähr fünfhundert Zechinen. Ich löste von den Juden alles ein, was ich versetzt hatte, und machte es zu Geld, fest entschlossen, nicht mehr als Dummkopf zu spielen, sondern nur mit allen Vorteilen, die ein vorsichtiger junger Mann sich verschaffen kann, ohne daß man seine Ehre antasten könnte. Hier ist der Ort, meine Leser mit der Lebensweise in Korfu bekannt zu machen. Uber die Örtlichkeiten, die sie aus so vielen Schilderungen anderer kennenlernen können, sage ich nichts. Eine unumschränkte Regierungsgewalt übte damals in Korfu der Generalprovveditore aus, der in großer Pracht lebte. Das Amt bekleidete zurzeit Herr Dolfin, ein Greis von zweiundsiebzig Jahren, streng, starrköpfig und unwissend. Er kümmerte sich nicht mehr um die Frauen, aber er liebte es noch, wenn sie ihm den Hof machten. Er empfing alle Abend Gesellschaft und hielt offene Tafel für vierundzwanzig Personen. Drei hohe Offiziere befehligten die leichten Truppen, die besonders zur Besatzung der Galeeren bestimmt sind, und drei andere die Linientruppen, die die Besatzung der großen Kriegsschiffe bildeten. Jede Galeere mußte einen Befehlshaber, den sogenannten sopracomito haben, und es gab deren zehn; jedes Linienschiff stand unter einem Kommandanten, und es gab deren ebenfalls zehn, darin inbegriffen drei Seechefs oder Admirale. Alle diese Herren waren venezianische Edelleute. Zehn andere junge Männer von zwanzig bis zweiundzwanzig Jahren waren ebenfalls venezianische Edelleute und hielten sich auf der Insel auf, um das Seewesen zu studieren. Außerdem waren noch etwa zehn Nobili im Zivildienst, bei der Polizei der Insel oder bei der Justiz beschäftigt. Sie hießen Großoffiziere des Festlandes. Die mit hübschen Frauen Verheirateten genossen das Vergnügen, ihre Häuser häufig von Herren besucht zu sehen, die nach ihrer Gunst strebten. Aber man sah nirgends lebhafte Leidenschaften, vielleicht weil damals in Korfu sich viele Phrynen aufhielten, deren Reize käuflich waren. Die Glücksspiele waren überall erlaubt, und die habgierige Leidenschaft des Spiels mußte den Gefühlen des Herzens großen Eintrag tun. Unter den Damen zeichnete sich Frau F. am meisten durch Schönheit und Galanterie aus. Ihr Gatte, Kapitän einer Galeere, war das Jahr vorher nach Korfu gekommen, und die Dame hatte alle Admirale in Staunen versetzt. Sie glaubte Herrin ihrer Wahl zu sein und gab Herrn D. R. den Vorzug mit Ausschluß aller Galane, die sich ihr sonst noch boten. Herr F. hatte sie an dem Tage geheiratet, an dem sie, siebzehn Jahre alt, das Kloster verließ, und sich mit ihr am selben Tag auf seiner Galeere eingeschifft. Ich sah sie zum erstenmal bei Tisch am Tag meiner Einführung und war von ihrem Anblick betroffen. Ich glaubte etwas Übernatürliches zu sehen, etwas über alle mir bis dahin begegneten Frauen so hoch Erhabenes, daß es mir unmöglich vorkam, mich in sie zu verlieben. Sie schien mir von einer ganz anderen Art zu sein als ich und so hoch zu stehen, daß es mir unmöglich vorkam, mich bis zu ihr zu erheben. Ich ging so weit, daß ich mich überredete, zwischen ihr und Herrn D. R. könnte nur eine platonische Freundschaft bestehen, und ich fand, daß Herr F. mit Recht nicht eifersüchtig war. Übrigens war dieser Herr F. ein ausgemachter Dummkopf und gewiß wenig für eine derartige Frau geschaffen. Die erste Auffassung, die ich von Frau F. hatte, war zu kindisch, als daß sie lange hätte anhalten können; sie änderte denn auch bald ihre Natur, und zwar auf eine mir ganz neue Weise. Meine Eigenschaft als Adjutant verschaffte mir die Ehre, am selben Tisch mit ihr zu essen, doch das war alles. Der andere Adjutant, Fähnrich wie ich und lächerlich dumm, teilte diese Ehre mit; aber wir wurden nicht als Tischgenossen betrachtet, denn niemand sprach mit uns, man gönnte uns nicht einmal einen Blick. Ich hielt das nicht aus. Ich wußte sehr wohl, daß das nicht von einer absichtlichen Geringschätzung herrühre; doch davon ganz abgesehen, fand ich es zu hart. Mein Kamerad Sanzogno, schien mir, konnte sich nicht darüber beklagen, denn er war ein Tölpel, doch ich hatte keine Lust, zu dulden, daß man mich mit ihm auf eine Stufe stellte. Als nach acht oder zehn Tagen Frau F. mich noch immer keines Blickes gewürdigt hatte, begann sie mir zu mißfallen. Ich war betroffen, gereizt und ungeduldig, um so mehr als ich weit entfernt war, zu glauben, es könnte Absicht sein; denn in diesem Fall hätte es mir nicht mißfallen. Ich kam zu der Überzeugung, daß ich in ihren Augen eine Null wäre, und da ich meinen Wert kannte, so nahm ich mir vor, ihr diesen klarzumachen. Endlich bot sich die Gelegenheit, da sie ein Wort an mich richten zu können meinte und mir ins Gesicht sehen mußte. Herr D. R. bemerkte, daß ich vor mir einen prächtigen Truthahn stehen hatte; er sagte mir, ich möchte ihn zerlegen, und ich tat das sogleich. Ich war aber nicht geschickt darin, und Frau F. lachte über mein linkisches Benehmen und sagte mir, da ich mich nicht mit Ehren aus der Sache ziehen könnte, hätte ich sie nicht übernehmen sollen. Da ich ihr nicht antworten konnte, wie mein Unwille erfordert hätte, setzte ich mich ganz verwirrt nieder und fühlte mein Herz von Haß gegen sie erfüllt. Um das Maß voll zu machen, fragte sie mich eines Tags, als sie meinen Namen nennen wollte, wie ich hieße. Seit vierzehn Tagen schon versah ich nun meinen Dienst bei Herrn D. R., sie sah mich jeden Tag und hätte meinen Namen wissen müssen. Überdies hatte das Glück, das mich beim Spiel begünstigte, meinen Namen schon in Korfu berühmt gemacht. Mein Unwille erreichte den höchsten Grad. Ich hatte mein Geld einem gewissen Maroli gegeben, Platzmajor und Spieler von Profession, der im Kaffeehause die Pharaobank hielt. Wir spielten auf Halbpart; ich machte seinen Croupier, wenn er abzog, und er leistete mir denselben Dienst, wenn ich die Karten hielt; und das geschah oft, denn man liebte ihn nicht. Er hielt die Karten auf eine Weise, die Angst einflößte, während bei mir das Gegenteil der Fall war und ich viel Glück hatte. Überdies war ich gern gefällig, verlor lächelnd und gewann, ohne Habgier zu zeigen, und das gefällt stets den Mitspielern. Dieser Maroli war derselbe, der mir während meines ersten Aufenthalts mein ganzes Geld abgewonnen hatte, und da er mich nach meiner Rückkehr von Konstantinopel entschlossen sah, mich nicht mehr von ihm betrügen zu lassen, hielt er mich für würdig, mich an den weisen Grundsätzen teilnehmen zu lassen, ohne die die Glückspiele alle, die sich ihnen überlassen, zugrunde richten. Indessen flößte mir der Herr Offizier nicht allzuviel Vertrauen ein, ich war daher auf meiner Hut. Jede Nacht, wenn das Spiel beendet war, zählten wir, die Schatulle blieb in den Händen des Kassierers, das gewonnene Geld wurde geteilt und jeder nahm seinen Anteil mit. Glücklich im Spiel, im Genuß einer guten Gesundheit und der Freundschaft meiner Kameraden, die mich bei Gelegenheit stets gefällig und freigebig fanden, hätte ich mit meinem Los zufrieden sein können, wäre ich an der Tafel des Herrn D. R. von seiner schönen Dame mit ein wenig mehr Auszeichnung und mit weniger Stolz behandelt worden; aber sie schien mich ohne Grund von Zeit zu Zeit demütigen zu wollen. Dies verletzte mein Selbstgefühl so sehr, daß ich sie verabscheute, und in dieser Gemütsverfassung fand ich sie um so dümmer, jemehr ich ihre körperlichen Vorzüge bewunderte. Sie hätte sich meines Herzens versichern können, ohne mich lieben zu müssen, denn ich machte keine weiteren Ansprüche; nur wollte ich nicht gezwungen sein, sie zu hassen, und ich sah nicht ein, was sie dadurch, daß sie sich verabscheuenswert machte, gewinnen könnte, während es ihr mit einfachem Wohlwollen so leicht gewesen wäre, sich anbeten zu lassen. Ich konnte ihr Benehmen nicht einem Geist der Koketterie zuschreiben, denn ich hatte ihr nie im geringsten gezeigt, daß ich ihr Gerechtigkeit widerfahren ließ, und ich hatte keinen Grund, ihr Benehmen daraus zu erklären, daß meine Leidenschaft mich in ihren Augen hätte unangenehm machen können; denn Herr D. R. interessierte sie nur wenig, und aus ihrem Manne machte sie sich sehr wenig. Kurz, die reizende Frau machte mich unglücklich, und was mich besonders gegen mich selber aufbrachte, war das Gefühl, daß ich gar nicht an sie gedacht haben würde, wenn ich sie nicht wegen ihres Benehmens gehaßt hätte. Meine Marter vermehrte noch der Umstand, daß ich an mir einen gehässigen Charakter entdeckte, ein Gefühl, das ich bis dahin nicht bei mir geahnt hatte und dessen Entdeckung mich sehr beunruhigte. Eines Tages überbrachte mir jemand eine Rolle Gold, die er auf Ehrenwort verloren hatte, und als wir vom Tisch aufstanden, fragte sie mich geradezu: »Was machen Sie mit Ihrem Geld?« »Ich bewahre es auf, gnädige Frau, um damit Verluste auszugleichen, die ich etwa haben könnte.« »Aber wenn Sie keine Ausgaben haben, täten Sie besser, gar nicht zu spielen, denn Sie verlieren dabei Ihre Zeit.« »Die dem Vergnügen gewidmete Zeit ist nie verloren. Verloren ist nur die langweilig verbrachte. Ein junger Mensch, der sich langweilt, setzt sich dem Unglück aus, sich zu verlieben und sich verschmäht zu sehen.« »Das ist leicht möglich, aber indem Sie nur zum Spaß den Kassierer Ihres Geldes machen, zeigen Sie sich geizig, und ein Geizhals ist nicht achtenswerter als ein Verliebter. Weshalb kaufen Sie sich keine Handschuhe?« Bei diesen Worten waren, wie man sich wohl denken kann, die Lacher auf ihrer Seite; und das verwirrte mich um so mehr, als ich mir nicht verhehlen konnte, daß sie vollkommen recht hatte; denn es gehörte zu den Pflichten eines Adjutanten, eine Dame bis zu ihrem Wagen zu führen, indem er ihren Arm stützte, und es war nicht schicklich, dies ohne Handschuhe zu tun. Ich war gedemütigt und der Vorwurf des Geizes schnitt mir in die Seele. Tausendmal lieber hätte ich gesehen, wenn sie meinen Fehler einem Mangel an Erziehung zugeschrieben hätte; trotzdem, unerklärlicher Widerspruch des menschlichen Herzens, machte ich meinen Fehler nicht gut, indem ich mir den Luxus gestattete, zu dem meine Lage mich wohl berechtigte. Ich kaufte keine Handschuhe und faßte den Entschluß, sie zu meiden und die alberne und widerwärtige Galanterie Sanzogno zu überlassen, der zwar Handschuhe trug, aber schlechte Zähne hatte, aus dem Munde roch, eine Perücke trug und dessen Gesicht einem verschrumpelten Schafleder glich. Ich verbrachte meine Tage damit, mich zu martern, und das Lächerlichste an dem Zustande meines Herzens war, daß ich mich unglücklich fühlte, das junge Weib nicht lassen zu können, an dem ich mit gutem Gewissen kein Unrecht finden konnte. Sie haßte mich weder, noch liebte sie mich; das war ganz einfach, doch da sie jung war und gern lachte, war ich ohne Absicht und Bosheit ihr schwarzes Schaf und das Ziel ihrer Neckereien, die meine sehr reizbare Eitelkeit in meinen Augen noch sehr übertrieb. Wie dem auch sei, ich wünschte lebhaft, sie zu strafen und zur Reue zu zwingen. Ich dachte an alle möglichen Mittel, um zu diesem Ziel zu gelangen. Ich wollte zuerst meinen ganzen Geist und meine Börse aufbieten, um ihr Liebe einzuflößen, und mich dann rächen, indem ich sie verachtete. Doch den Augenblick darauf fühlte ich, wie unausführbar der Plan war; denn vorausgesetzt, ich hätte den Weg zu ihrem Herzen finden können, war ich dann der Mann dazu, bei einer Frau wie sie meinen eigenen Erfolgen Widerstand zu leisten; dies durfte ich mir nicht einbilden. Aber ich war ein Schoßkind des Glückes, und plötzlich verwandelte der Zufall meine Lage. Herr D. R. hatte mich mit Depeschen zum Befehlshaber der Galeassen, Herrn von Condulmer geschickt; ich mußte bis Mitternacht warten und fand Herrn D. R. schon zu Bett, als ich zurückkehrte. Am Morgen, sobald er aufgestanden war, begab ich mich zu ihm, um ihm von meiner Sendung zu berichten. Der Kammerdiener trat einen Augenblick nach mir ein, gab ihm ein Billett und sagte ihm, der Bote von Frau F. warte auf Antwort. Herr D. R. las das Billett, zerriß es und trat es in seiner Erregung mit den Füßen. Nachdem er einen Augenblick im Zimmer auf- und abgegangen war, schrieb er die Antwort und klingelte dem Boten, dem er es übergab. Dann las er mit scheinbar größter Ruhe zu Ende, was ihm der Admiral meldete, und befahl mir, einen Brief zu schreiben. Er las ihn, als der Kammerdiener sagte, Frau F. wünschte mich zu sprechen. Herr D. R. sagte mir, ich könnte zu ihr gehen, da er selbst mir nichts mehr aufzutragen hätte. Ich ging, doch ich war kaum zwanzig Schritte fort, da rief er mich zurück, um mir zu sagen, es wäre meine Pflicht, nichts zu wissen. Ich bat ihn, zu glauben, daß ich mich davon überzeugt hielte. Ich flog zu Frau F., sehr neugierig, zu erfahren, was sie von mir wünschen könnte. Sie ließ mich nicht warten, und ich war sehr überrascht, sie in ihrem Bett sitzend zu finden, das Gesicht lebhaft erregt und die Augen von den Tränen gerötet, die sie augenscheinlich vergossen hatte. Mein Herz schlug heftig, und doch sah ich keinen Grund dazu. »Nehmen Sie einen Stuhl,« sagte sie zu mir, »denn ich habe mit Ihnen zu sprechen!« »Gnädige Frau,« entgegnete ich, »ich halte mich dieser Gunst nicht für wert, da ich sie noch durch nichts verdient habe. Ich werde die Ehre haben, Sie stehend anzuhören.« Sie erinnerte sich vielleicht, daß sie noch nie so höflich gegen mich gewesen war, und wagte nicht weiter in mich zu dringen. »Mein Gatte«, sagte sie zu mir, nachdem sie sich besonnen hatte, »verlor gestern abend auf Ehrenwort zweihundert Zechinen an Ihrer Bank. Er glaubte, ich hätte dies Geld, das er mir übergeben hatte, und ich muß sie ihm folglich zurückerstatten, denn er muß sie heute zahlen. Unglücklicherweise aber verfugte ich über das Geld und bin nun in großer Verlegenheit. Ich denke, mein Herr, Sie könnten Maroli sagen, daß Sie die verlorene Summe von mir empfangen haben. Hier ist ein wertvoller Ring. Behalten sie ihn. Sie werden ihn mir am Neujahrstage wiedergeben; zu diesem Zeitpunkt werde ich Ihnen die zweihundert Dukaten zurückerstatten, für die ich Ihnen einen Wechsel gebe.« »Den Wechsel nehme ich an, gnädige Frau, doch des Ringes will ich Sie nicht berauben. Außerdem muß ich Ihnen noch sagen, daß Herr F. diese Summe an die Bank bezahlen oder einen anderen an seiner Stelle dorthin schicken musß. In zehn Minuten werden Sie die Summe, deren Sie bedürfen, in Händen haben.« Ich gehe, ohne ihre Antwort abzuwarten, und komme einen Augenblick danach mit zwei Rollen von je hundert Dukaten zurück; ich übergebe sie ihr, stecke ihren Wechsel ein und will gehen. Da richtete sie an mich die kostbaren Worte: »Ich glaube, mein Herr, hätte ich gewußt, daß Sie mir gegenüber so dienstwillig sein würden, so hätte ich nicht den Mut gehabt, mich zu entschließen, Sie um diese Gefälligkeit zu bitten.« »Nun wohl, gnädige Frau, so glauben Sie in Zukunft, daß niemand Ihnen einen unbedeutenden Dienst abzuschlagen fähig wäre, sobald Sie ihn persönlich darum zu bitten die Güte haben würden.« »Was Sie mir sagen, ist sehr schmeichelhaft, doch ich hoffe, nie wieder in die unangenehme Lage zu kommen, um das zu erproben.« Ich ging, indem ich über die Feinheit dieser Antwort nachdachte. Sie hatte mir nicht gesagt, daß ich mich täuschte, wie ich erwartete; sie hätte sich dadurch bloßgestellt, denn sie wußte, daß ich bei Herrn D. R. war, als der Bote ihm ihr Billett übergeben hatte, und sie zweifelte nicht, daß ich erraten hatte, sie hätte eine Zurückweisung erfahren. Da sie mir davon nichts sagte, sah ich, daß sie viel auf ihren guten Ruf hielt; ich erbebte darüber vor Freude und fand sie anbetungswert. Ich sah klar, daß sie Herrn D. R. nicht lieben konnte und daß sie von ihm nicht geliebt wurde, und diese Entdeckung war Balsam für mein Herz. Von diesem Augenblick an fühlte ich mich auch für sie entflammt und erkannte die Möglichkeit, sie fur meine Liebe empfänglich zu machen. Sobald ich zu Hause war, trug ich zuerst Sorge dafür, mit Tinte alle Worte ihres Wechsels, mit Ausnahme ihres Namens, auszustreichen. Dann steckte ich ihn in ein Kuvert und übergab dies einem Notar, indem ich auf dem Empfangsschein, den ich mir darüber geben ließ, bestätigen ließ, daß das versiegelte Billett nur Frau F. selbst übergeben werden sollte, sobald sie es verlangen würde. Am selben Abend kam Herr F. an meine Bank, bezahlte mich, spielte mit barem Geld und gewann einige fünfzig Dukaten. Auffallend war mir bei diesem Erlebnis, daß Herr D. R. sich wie vordem freundlich gegen Frau F. zeigte und daß auch sie ihr Benehmen gegen ihn nicht änderte. Er fragte mich nicht einmal, was sie von mir gewollt hätte, als sie mich zu sich holen ließ. Doch wenn auch die Dame ihren Ton gegen meinen Vorgesetzten nicht änderte, wurde sie mir gegenüber doch ganz anders, denn sie saß mir nicht mehr bei Tische gegenüber, ohne häufig an mich das Wort zu richten; und das versetzte mich oft in die Notwendigkeit oder gab mir wenigstens die Gelegenheit, mich geltend zu machen, indem ich pikante Geschichten vortrug oder Äußerungen tat, in denen ich Kenntnisse auf scherzhafte Art zu zeigen verstand. Ich besaß damals das große Talent, Gelächter hervorzurufen und dabei selbst ernst zu bleiben. Dies hatte ich von Herrn Malipiero, meinem ersten Lehrer in der Lebenskunst, gelernt. »Will man jemanden zum Weinen bringen,« hatte mir der weltgewandte Mann gesagt, »so muß man selber weinen; will man aber lachen machen, dann muß man ernsthaft bleiben.« Bei allem, was ich tat oder sagte, wenn Frau F. zugegen war verfolgte ich nur den einzigen Zweck, ihr zu gefallen ; ich sah sie aber nie ohne Grund an und vermied es, ihr die Gewißheit zu geben, daß ich diese Absicht hegte. Ich wollte sie dahin bringen, neugierig zu werden, zu zweifeln, selbst mein Geheimnis zu erraten, ohne daß sie sich aber dessen rühmen konnte. Ich fühlte das Bedürfnis, sachte vorzugehen. In Erwartung von etwas Besserem sah ich mit Vergnügen, daß mein Geld, dieser magische Talisman, und meine gute Aufführung mir eine Beachtung gewannen, die ich weder von meinem Rang noch von meinem Alter, noch von irgendeinem Talente erhoffen konnte, das dem von mir erwählten Stande entsprochen hätte. Gegen Mitte November bekam mein Soldat eine Brustkrankheit, ich teilte es dem Kapitän der Kompagnie mit, der ihn ins Spital bringen ließ. Am vierten Tage sagte der Kapitän mir, er würde sich nicht erholen, und man hätte ihm die letzte Ölung gegeben; und gegen Abend, als ich bei ihm war, meldete der Priester, der ihm beigestanden hatte, er wäre tot, und übergab ihm ein kleines Paket, das der Verstorbene ihm anvertraut hatte, um es erst nach seinem Tode dem Kapitän auszuhändigen. Das Paket enthielt ein kupfernes Petschaft mit einem Wappen und Herzogsmantel, ein Taufzeugnis und ein Blatt Papier mit französischer Schrift. Kapitän Camporeggio, der nur Italienisch verstand, bat mich die Schrift zu lesen, und ich las folgendes: »Mein Wille ist, daß dies Papier, das ich mit eigener Hand geschrieben und unterzeichnet habe, meinem Kapitän erst übergeben werden soll, wenn ich nicht mehr bin. Vor dieser Zeit darf mein Beichtvater keinen Gehrauch davon machen; denn ich vertraue ihm dasselbe nur unter dem Beichtsiegel an. Ich bitte meinen Kapitän, mich in einem Gewölbe beerdigen zu lassen, aus dem mein Leichnam gehoben werden kann, wenn mein Vater, der Herzog, es verlangen sollte. Ich bitte auch, dem französischen Gesandten in Venedig mein Geburtszeugnis zu schicken, das Siegel mit dem Wappen meiner Familie und ein beglaubigtes Zeugnis meines Todes, damit alles meinem Vater, dem Herzog, gesandt wird, weil mein Erstgeburtsrecht auf meinen prinzlichen Bruder übergehen muß. Zur Beglaubigung dessen habe ich hier meine Unterschrift beigefügt: François VI. Charles Philippe Louis Foucaud, Prince de la Rochefoucauld.« Das in Saint=Sulpice ausgestellte Taufzeugnis trug denselben Namen, und der des Herzogs, seines Vaters, war Franz der Fünfte. Der Name seiner Mutter war Gabriele du Plessis. Als ich dieses sonderbare Schriftstück gelesen hatte, konnte ich mich eines lauten Gelächters nicht enthalten. Da aber mein einfältiger Kapitän meine Heiterkeit unpassend fand und sich beeilte, dem Generalprovveditore Bericht zu erstatten, ging ich ins Kaffeehaus, überzeugt, daß Seine Exzellenz sich über ihn lustig machen und daß ganz Korfu über dies Possenspiel lachen würde. Ich hatte in Rom beim Kardinal Acquaviva den Abbé de Liancourt kennengelernt, den Urenkel Charles des Fünften, dessen Schwester, Gabrielle du Plessis, die Gemahlin François des Sechsten gewesen war; doch das datierte aus dem Anfang des vergangenen Jahrhunderts. Ich hatte in dem Sekretariat des Kardinals ein Aktenstück abgeschrieben, dessen der Abbé von Liancourt bedurfte, um am Madrider Hof anerkannt zu werden, und das mehrere Umstände enthielt, die sich aus das Haus du Plessis bezogen. Ich fand auch insofern den sonderbaren Betrug la Valeurs lächerlich und einfältig, da er erst nach seinem Tode bekannt werden und ihm keinen Vorteil bringen konnte. Eine halbe Stunde später, als ich eben ein Spiel Karten anspackte, trat Adjutant Sanzogno ein und erzählte mit dem ernstesten Gesicht die wichtige Neuigkeit. Er kam vom Generalat, wo Kapitän Camporeggio ganz atemlos angekommen war, um Seiner Erzellenz das Siegel und die Papiere des Toten zu übergeben. Seine Erzellenz hatte sogleich befohlen, den Prinzen in einem Gewölbe beizusetzen und ihm alle seinem Range zukommenden Ehren zu erweisen. Wieder eine halbe Stunde später kam der Adjutant des Generalprovveditore, Herr Minotto, und sagte mir, daß Seine Erzellenz mich rufen ließen. Beim Ende der Tailie übergab ich die Karten dem Major Maroli und begab mich nach dem Generalat. Ich fand Seine Exzellenz mit den vornehmsten Damen und drei oder vier Admiralen sowie Frau F. und Herrn D. R. bei Tisch. »Nun,« sagte der alte General, »Ihr Diener war also ein Prinz?« »Gnädiger Herr, ich hätte es nie geahnt; selbst jetzt, wo er tot ist, glaube ich es noch nicht.« »Wie? Er ist tot, und er war doch nicht verrück. Sie haben sein Wappen und seinen Taufschein gesehen, sowie die Schrift von seiner Hand. Wenn man im Sterben liegt, hat man keine Lust mehr, Possen zu treiben.« »Wenn Eure Erzellenz das alles für wahr halten, ist es meine Pflicht, zu schweigen.« »Es kann nur wahr sein, und Ihr Zweifel setzt mich in Erstaunen.« »Er rührt daher, gnädiger Herr, daß ich über die Familie de la Rochesfoucauld sowie über die der du Plessis unterrichtet bin. Überdies habe ich diesen Menschen zu gut gekannt. Er war nicht verrückt, aber ein toller Possenreißer. Ich habe ihn nie schreiben sehen, und zwanzigmal hat er mir erklärt, er hätte es nicht gelernt.« »Seine Schrift beweist das Gegenteil. Sein Wappen hat den Herzogsmantel. Aber Sie wissen vielleicht nicht, daß Herr von la Rochefoucauld Herzog und Pair von Frankreich ist?« »Ich bitte um Verzeihung, gnädiger Herr, ich weiß das alles und sogar noch mehr, denn ich weiß, daß Francois der Sechste ein Fräulein von Vivonne zur Gattin hatte.« »Sie wissen nichts.« Durch diesen ebenso einfältigen wie unartigen Ausspruch fühlte ich mich zum Schweigen verurteilt; mit Vergnügen sah ich alle anwesenden Herren über die mir widerfahrene vermeintliche Demütigung erfreut. Ein Offizier sagte, der Verstorbene wäre schön gewesen, hätte ein edles Aussehen gehabt, viel Geist, und hätte sich so zurückhaltend gezeigt, daß niemand hätte ahnen können, wer er war. Eine Dame erklärte, sie würde ihn, hätte sie ihn gekannt, entlarvt haben. Ein anderer Speichellecker, eine gemeine Gattung, die bei den Großen so gewöhnlich ist, sagte, er wäre stets heiter, liebenswürdig, gefällig, durchaus nicht stolz gegen seine Kameraden gewesen und hätte wie ein Engel gesungen. »Er war fünfundzwanzig Jahre alt,« sagte Frau Sagredo, indem sie mich fest ansah, »und wenn er wirklich diese Eigenschaften besessen hat, müssen Sie sie bemerkt haben!« »Ich kann Ihnen den Menschen nur so schildern, wie ich ihn gesehen habe. Stets lustig, häufig bis zur Tollheit, denn er schoß bewunderungswürdig Purzelbaum, er sang lustige Lieder und brachte eine Menge Geschichten und Geschichtchen von Zauberei, Wundern und Gespenstern vor, tausend wundersame Erzählungen, die den gesunden Verstand verletzten und vor allem dadurch das Gelächter seiner Zuhörer wachriefen. Seine Fehler bestanden darin, daß er ein Trunkenbold, ein schmutziger, ausschweifender und händelsüchtiger Mensch und ein kleiner Betrüger war. Ich litt ihn trotzdem um mich, weil er mir das Haar nach meinem Geschmack machte und mir durch sein Geschwätz Gelegenheit bot, mich in der Umgangssprache zu üben, die man nicht in den Büchern findet. Er sagte mir stets, er sei Pikarde, der Sohn eines Bauern und Deserteur. Ebenso sagte er mir, er könne nicht schreiben, und es ist unmöglich, daß er mich täuschte.« Als ich eben diese Worte gesprochen hatte, trat Camporeggio hastig ein und meldete, la Valeur atme noch. Der General richtete einen bedeutungsvollen Blick auf mich und sagte, er wäre entzückt, daß er sich erholen könnte. »Ich auch, gnädiger Herr; doch der Beichtiger wird ihn gewiß diese Nacht sterben lassen.« »Weshalb sollte er das wohl tun?« »Um der Galeere zu entgehen, zu der Eure Exzellenz ihn verurteilen würden, weil er das Beichtgeheimnis verletzte.« Ein lautes Gelächter brach los; der alte Tropf von General aber runzelte die Stirn. Bald darauf trennte sich die Versammlung. Frau F., der ich zu ihrem Wagen vorausgegangen war, während Herr D. R. ihr den Arm bot, forderte mich auf, mit ihr einzusteigen, unter dem Vorwande, daß es regnete. Zum erstenmal erwies sie mir eine so ausgezeichnete Ehre. »Ich denke ebenso wie Sie,« sagte sie mir, »aber Sie haben dem General außerordentlich mißfallen.« »Das tut mir leid, gnädige Frau, aber dies Unglück war nicht zu vermeiden, denn ich könnte nicht falsch sein.« »Sie hätten ihm«, sagte Herr D. R. zu mir, »den beißenden Scherz mit dem Beichtvater, der den angeblichen Prinzen sterben lassen wird, wohl ersparen können.« »Das ist aber wahr; doch ich dachte, er würde lachen, wie ich Eure Exzellenz und die gnädige Frau darüber lachen sah. Man liebt in der Unterhaltung den Geist, der zum Lachen reizt.« »Aber der Geist, der nicht lacht, liebt ihn nicht.« »Ich wette hundert Zechinen, daß der Narr gesund wird und, da er den General für sich hat, sich seines Betrugs freuen wird. Ich kann es kaum erwarten, zu sehen, wie man ihn als Prinzen behandelt und wie er Frau Sagredo den Hof machen wird.« Bei dieser Bemerkung brach Frau F., die Frau Sagredo nicht liebte, in lautes Gelächter aus, und während wir aus dem Wagen stiegen, lud mich Herr D. R. ein, mit ihnen hinaufzukommen. Er war gewohnt, wenn er mit ihr beim General aß, noch eine halbe Stunde mit ihr unter vier Augen zu bleiben, denn ihr Gatte erschien nie. Zum erstenmal ließ das schöne Paar einen dritten zu. Ich war von dieser Auszeichnung entzückt, und legte ihr den größten Wert bei. Die Genugtuung, die ich empfand, die ich aber zu verbergen wußte, konnte mich nicht hindern, heiter zu sein und allen Äußerungen, die die Dame und der Herr zur Sprache brachten, eine komische Färbung zu geben. Unser angenehmes Trio währte vier Stunden, und wir kehrten erst um zwei Uhr morgens in unseren Palazzo zurück. In dieser Nacht erst machten Frau F. und Herr D. R. meine Bekanntschaft. Frau F. sagte zu dem Herrn, sie hätte noch nie so viel gelacht, noch geglaubt, daß so einfache Äußerungen eine solche Heiterkeit hervorrufen könnten. Ich aber entdeckte an ihr so viel Geist und Munterkeit, daß ich vollends in sie verliebt wurde und mich mit der Überzeugung schlafen legte, daß es mir künftighin unmöglich sein würde, gegen sie den Gleichgültigen zu spielen. Bei meinem Erwachen am nächsten Tage sagte der neue Soldat, der mich bediente, es stünde um la Valeur besser, und der Arzt hätte erklärt, er wäre außer Gefahr. Man sprach davon bei Tisch, ich sagte aber darüber kein Wort. Am zweiten Tage gab der General Befehl, ihn in ein anständiges Zimmer zu bringen; man gab ihm einen Lakai und gute Kleider; und da der allzu einfältige Generalprovveditore ihm einen Besuch gemacht hatte, hielten alle Admirale es für ihre Pflicht, das gleiche zu tun. Die Neugier mischte sich auch hinein, und es herrschte eine wahre Wut, den neuen Prinzen zu sehen. Herr D. R. folgte dem Strome und, nachdem Frau Sagredo den Anfang gemacht hatte, wollten alle Damen ihn sehen außer Frau F., die mir lachend sagte, sie würde nur dann gehen, wenn ich die Gefälligkeit hätte, sie vorzustellen. Ich bat sie, mich davon entbinden zu wollen. Man gab dem Kerl den Titel Durchlaucht, und der sonderbare Herzog nannte Frau Sagredo seine Prinzessin. Herr D. R. wollte mich überreden, ebenfalls dorthin zu gehen, ich erklärte ihm, ich hätte zu viel gefagt, um die niedrige Gesinnung oder den Mut zu haben, mir zu widersprechen. Der ganze Betrug wäre schnell entdeckt worden, wenn jemand einen königlichen Almanach gehabt hätte, worin die Genealogie aller fürstlichen Familien steht; doch zufällig hatte niemand einen, und der französische Konsul, ein großer Einfaltspinsel, wie man deren viele findet, wußte nicht Bescheid. Der Narr begann acht Tage nach seiner Metamorphose ausgehen. Er aß zu Mittag und Abend an der Tafel des Generals und wohnte alle Abende der Gesellschaft bei, wo er regelmäßig infolge seiner Unmäßigkeit einschlief. Trotzdem hielt man ihn immer noch für einen Prinzen, und zwar aus zwei Gründen: erstens, weil er ohne die mindeste Furcht die Nachrichten aus Venedig erwartete, wohin der Generalprovveditore sogleich nach dem Ereignis geschrieben hatte; zweitens, weil er vom Bischof die Bestrafung des Priesters forderte, der sein Geheimnis verraten hatte, indem er das Beichtsiegel verletzte. Der arme Priester war schon gefangen gesetzt und der General hatte nicht die Kraft, ihn zu verteidigen. Alle Admirale hatten den neuen Herzog zum Mittagessen eingeladen, Herr D. R. aber wagte nicht, sich auch dazu zu entschließen, weil Frau F. ihm deutlich gesagt hatte, sie würde an diesem Tage zu Haus essen. Ich meinerseits hatte ihm in aller Ehrfurcht erklärt, an dem Tage, an dem er ihn einlüde, würde ich mir die Freiheit nehmen, anderswo zu speisen. Eines Tages begegnete ich ihm, als ich aus der alten, an die Esplanade grenzenden Festung trat. Er blieb vor mir stehen und machte mir Vorwürfe, daß ich ihn nicht besucht hätte. Ich lachte und riet ihm, sich aus dem Staube zu machen, ehe die Nachrichten einträfen, die die Wahrheit bekanntmachten, wonach der General gezwungen sein würde, ihm übel mitzuspielen. Ich bot ihm meine Hilfe an, indem ich den Kapitän eines neapolitanischen Schiffes, das unter Segel gehen wollte, bestimmen würde, ihn an Bord zu nehmen und zu verbergen; doch statt mein Anerbieten anzunehmen, das ihn hätte mit Freude erfüllen sollen, sagte mir der Unglückliche die größten Schmähungen. Der verrückte Mensch machte Frau Sagrebo den Hof, und diese behandelte ihn sehr gut, weil sie stolz darauf war, daß ein französischer Prinz sie allen anderen Damen vorzog. Eines Tages, als die Dame in großer Gesellschaft bei Herrn D. R. speiste, fragte sie mich, warum ich dem Herrn Herzog geraten hätte, die Flucht zu ergreifen. »Ich habe das von ihm selbst erfahren,« setzte sie hinzu, »und er wundert sich über Ihre Hartnäckigkeit, ihn für einen Betrüger zu halten.« »Ich gab ihm diesen guten Rat, gnädige Frau, weil ich ein gutes Herz und ein sicheres Urteil habe.« »Wir sind also alle, selbst der General nicht ausgenommen, Dummköpfe?« »Diese Folgerung, gnädige Frau, wäre nicht richtig. Eine Meinung, die der eines andern entgegensteht, macht den, der sie hat, noch nicht zu einem Dummkopf; denn es ist möglich, daß ich in zehn Tagen mich von meinem Irrtum überzeuge; doch würde ich mich deshalb nicht für einfältiger halten, als ein anderer ist. Eine Dame von Ihrem Geist kann übrigens wohl bemerkt haben, ob dieser Mensch ein Prinz oder ein Bauer ist; Sie werden ihn nach seinem Benehmen beurteilen und nach der Erziehung, die er erhalten hat. Tanzt er z. B. gut, gnädige Frau?« »Er kann keinen Schritt machen, doch er lacht darüber; er sagt, er hätte es nicht lernen wollen.« »Ist er artig bei Tisch?« »Er hat keine Manieren. Er duldet nicht, daß man seinen Teller wechselt, er fährt mit seinem eigenen Löffel in die Schüssel. Er vermag nicht ein Aufstoßen zu unterdrücken; er gähnt, und wenn er sich bei Tisch langweilt, steht er auf. Offenbar ist er sehr schlecht erzogen!« »Und trotzdem zweifellos sehr liebenswürdig. Ist er reinlich?« »Nein, seine Wäsche ist noch nicht gut imstande.« »Man sagt, er sei nüchtern.« »Sie scherzen. Zweimal täglich steht er betrunken vom Tisch auf, aber er ist zu beklagen, denn er kann keinen Wein trinken, ohne daß er ihm in den Kopf steigt, er flucht wie ein Husar, und wir lachen darüber, aber er fühlt sich nie durch etwas beleidigt.« »Hat er Geist?« »Ein wunderbares Gedächtnis, denn er erzählt uns täglich neue Geschichten.« »Spricht er von seiner Familie?« »Viel von seiner Mutter, die er zärtlich liebt. Sie ist eine du Plessis.« »Wenn sie noch lebt, muß sie ungefähr hundertundfünfzig Jahr alt sein!« »Welcher Unsinn.« »Ja gnädige Frau, denn sie wurde zur Zeit der Maria von Medici vermählt.« »Sein Taufzeugnis nennt sie aber doch; und sein Siegel...« »Kennt er sein Wappen?« »Zweifeln Sie daran?« »Sehr stark; ich glaube vielmehr, er hat keine Ahnung davon.« Man steht vom Tisch auf, und der Prinz wird gemeldet. Er tritt ein, und Frau Sagredo sagt ihm sogleich: »Mein Prinz, Herr Casa- nova hier sagt, Sie kennen Ihr Wappen nicht.« Bei diesen Worten tritt er hohnlächelnd auf mich zu, nennt mich einen Feigling und gibt mir eine Ohrfeige, die mich betäubt. Ich gehe langsam zur Tür, nehme meinen Hut und Stock und steige die Treppe hinab, während Herr D. R. laut ruft, man solle den Narren aus dem Fenster werfen. Ich verlasse den Palast und stelle mich an die Esplanade, um ihn zu erwarten. Sobald ich ihn sehe, gehe ich auf ihn zu und gebe ihm so heftige Schläge, daß ich ihn mit einem einzigen hätte töten können. Er wich zurück und geriet zwischen zwei Mauern, wo ihm nichts anderes übrigblieb, als seinen Degen zu ziehen, wenn er nicht erschlagen werden wollte. Der Feigling dachte aber nicht daran, und ich ließ ihn auf dem Boden ausgestreckt und in seinem Blute schwimmend. Die Menge der Zuschauer bildete eine Gasse, und ich schritt durch sie hindurch nach dem Kaffeehause, wo ich ein Glas Limonade ohne Zucker trank, um den bitteren Speichel zu vertreiben, mit dem der Zorn meinen Mund gefüllt hatte. Im Augenblick sah ich mich von allen jungen Offizieren der Garnison umgeben, die im Chorus zu mir sagten, ich hätte ihn ganz totschlagen sollen. Sie langweilten mich zuletzt; denn wenn ich ihn nicht getötet hatte, war es nicht meine Schuld, und ich hätte es gewiß nicht unterlassen, hätte er seinen Degen gezogen. Ich war ungefähr eine halbe Stunde im Kaffeehause, als der Adjutant des Generals kam und mir sagte, Seine Exzellenz befehle mir, mich an Bord der Bastarde in Arrest zu begeben. So nennt man eine große Galeere; der Arrest besteht darin, daß man gleich einem Sträfling eine Kette an den Füßen trägt. Die Strafe war zu stark und ich hatte keine Lust, mich ihr zu unterwerfen. »Es ist gut, Herr Adjutant, ich habe gehört.« Er ging, und einen Augenblick nach ihm entfernte auch ich mich. Als ich aber am Ende der Straße war, schritt ich statt der Esplanade dem Meere zu. Ich gehe am Ufer eine Viertelstunde lang dahin, finde ein leeres Boot mit zwei Rudern, springe hinein, mache es los und rudere auf einen großen Caych zu, der mit sechs andern gegen den Wind kämpfte. Sobald ich ihn erreicht hatte, bat ich den Karabuschiri, mit dem Winde zu segeln und mich an Bord einer großen Fischerbarke zu bringen die in einiger Entfernung zu sehen war und auf den Felsen von Vido zusteuerte. Ich lasse meinen Kahn treiben, bezahle den Caych reichlich und steige in die große Barke; nachdem ich mit dem Patron den Preis abgemacht habe, spannt er drei Segel auf. Nach zwei Stunden sagte er, wir wären noch fünfzehn Meilen von Korfu entfernt. Der Wind legte sich jetzt, und ich ließ ihn gegen die Strömung steuern; gegen Mitternacht aber sagten mir die Seeleute, sie könnten obne Wind nicht fischen und könnten vor Ermüdung nicht weiter. Sie fordern mich auf, bis zum Tage zu schlagen; ich weigerte mich dessen und ließ mich gegen ein kleines Entgelt ans Land setzen, ohne zu fragen, wo wir waren, um in ihnen keinen Verdacht zu erwecken. Es genügte mir zu wissen, daß ich zwanzig Meilen von Korfu entfernt war und mich an einem Ort befand, wo mich niemand vermuten konnte. Der Mond leuchtete hell, und ich sah eine Kirche, die an ein Haus stieß, eine lange Baracke, die ein Dach hatte und an beiden Seiten offen war, eine kleine Ebene von etwa hundert Stritt Breite, dahinter Berge und nichts weiter. Ich legte mich in der Baracke auf das Stroh, das ich dort fand, und schlief da trotz der Kälte ziemlich gut bis zum Tagesanbruch; es war der erste Dezember, und trotz dem milden Klima war ich beim Erwachen vor Kälte erstarrt, da ich keinen Mantel hatte und nur meine leichte Uniform trug. Ich höre die Glocken läuten und gehe nach der Kirche. Der Pope mit langem Barte, durch mein Erscheinen überrascht, fragt mich aus griechisch, ob ich Romeo, Grieche, wäre; ich antwortete ihm, ich sei Fragico, Italiener. Er wendet mir den Rücken, geht in sein Haus und schließt sich ein, ohne mich anhören zu wollen. Ich kehrte nach dem Meer zurück und sah ein Boot von einer Tartane abstoßen, die hundert Schritt von der Insel vor Anker lag. Es kam mit vier Ruderern, um die in ihm befindlichen Personen ans Land zu setzen. Ich ging heran und sah einen Griechen von anständigem Äußeren, eine Frau und einen Knaben von zehn oder zwölf Jahren. Ich redete den Griechen an, indem ich ihn fragte, ob er eine gute Reise gehabt hätte und woher er käme. Er entgegnete mir italienisch, er käme mit seiner Frau und seinem Sohn aus Kephalonien und reiste nach Venedig, vorher jedoch wollte er die Messe bei Unserer Lieben Frau zu Kasopo hören, um zu erfahren, ob sein Schwiegervater noch lebte und ob er ihm die Mitgift seiner Frau auszahlen würde. »Wie wollen Sie das erfahren?« »Ich werde es von dem Popen Deldimopulo hören, der mir getreulich das Orakel der heiligen Jungfrau mitteilen wird.« Ich senke den Kopf und folge ihm in die Kirche. Er spricht mit dem Popen oder Papa und gibt ihm Geld. Der Papa sagt die Messe; er tritt in das Sancta sanctorum, verläßt es eine Viertelstunde später, besteigt den Altar und wendet sich zu uns. Nachdem er sich einen Augenblick gesammelt und seinen langen Bart gestrichen hatte, verkündete er in zehn oder zwölf Worten sein Orakel. Der Grieche aus Kephalonien, der sicher kein Odysseus war, schien sehr zufrieden zu sein, gab dem Betrüger nochmals Geld und verließ ihn. Ich folgte ihm und während des Wegs fragte ich ihn, ob er mit dem Orakel zufrieden wäre. »O sehr zufrieden. Ich weiß, daß mein Schwiegervater lebt und mir die Mitgift auszahlen wird, wenn ich ihm mein Kind lassen will. Ich weiß, das ist seine Leidenschaft, und ich werde es ihm lassen.« »Kennt dieser Pope Sie?« »Er weiß meinen Namen nicht.« »Haben Sie schöne Waren an Bord?« »Ziemlich viel. Frühstücken Sie mit mir, und Sie sollen alles sehen.« »Gern!« Entzückt, erfahren zu haben, daß es noch Orakel gäbe, und überzeugt, daß es dergleichen immer geben wird, solange sich einfältige Menschen und betrügerische Priester finden, folgte ich diesem guten Mann, der mir an Bord ein sehr gutes Frühstück vorsetzte. Seine Waren bestanden aus Baumwolle, Leinwand, Korinthen, Öl und vortrefflichen Weinen. Er hatte auch Strümpfe, Mützen von Baumwolle, orientalische Überwürfe, Regenschirme und Schiffszwieback, den ich sehr liebte; denn ich hatte damals dreißig Zähne, und schwerlich konnte man schönere als sie sehen. Leider sind mir jetzt nur noch zwei von ihnen geblieben, die andern achtundzwanzig haben sich mit andern ebenso kostbaren Werkzeugen empfohlen; doch: dum vita superest bene est–solange das Leben mir bleibt, ist noch alles gut. Ich kaufte von allem, nur von der Baumwolle nicht, mt der ich nichts anzufangen gewußt hätte, und bezahlte ihm, ohne zu handeln, die fünfunddreißig oder vierzig Zechinen, die er mir abforderte; darauf schenkte er mir sechs Büchsen prächtigen Kaviars. Da er mich den Wein von Xante, den er Generoydes nannte, hatte rühmen hören, sagte er mir, wenn ich ihn nach Venedig begleiten wollte, würde er mir täglich eine Flasche von ihm geben, selbst während der Quarantäne. Stets ein wenig abergläubisch, war ich auf dem Punkt, aus dem albernsten aller Gründe anzunehmen, nämlich aus dem, daß dieser sonderbare Entschluß durchaus nicht vorüberlegt gewesen wäre, und daß mich möglicherweise mein Schicksal geführt hätte. So war ich damals, und unglücklicherweise bin ich heute anders. Man sagt, das komme daher, daß das Alter den Menschen verständig macht; doch ich bin noch nicht so weit gekommen, um die Wirkung einer abscheulichen Ursache zu preisen. In dem Augenblick, da ich ihn beim Worte nehmen wollte, bot er mir ein schönes Gewehr für zehn Zechinen an und sagte, in Korfu würde mir jedermann zwölf dafür geben. Das Wort Korfu warf alle meine Gedanken über den Haufen. Ich glaubte, meinen Schutzgeist zu hören, der mich aufforderte, dorthin zurückzukehren. Ich kaufte das Gewehr für den von ihm genannten Preis, und der brave Kephalonier gab mir in Anbetracht meiner Treuherzigkeit noch eine schöne türkische Jagdtasche, wohl mit Pulver und Blei versehen, in den Kauf. Bewaffnet mit meinem Gewehr, in einen guten Überrock gehüllt, alle meine Einkäufe in einem großen Sack mit mir tragend, nahm ich Abschied von dem rechtschaffenen Griechen und ließ mich an der Küste landen, entschlossen, bei dem Schelm von Popen gutwillig oder mit Gewalt ein Quartier zu finden. Die Erregung, in die mich der gute Wein des Griechen versetzt hatte, sollte ihre Frucht tragen. Ich hatte in meinen Taschen vier- oder fünfhundert Kupfermünzen, die mir sehr schwer vorkamen; doch ich hatte sie nur gehen lassen müssen, da ich voraussah, daß ich auf dieser kleinen Insel ihrer bedürfen würde. Nachdem ich meinen Sack in die Baracke gelegt hatte, ging ich mit dem Gewehr über die Schulter nach dem Hause des Popen; die Kirche war geschlossen. Ich muß hier meinen Lesern eine Vorstellung von dem geben, was ich in jenem Augenblick war. Ich war in einem Zustand ruhiger Verzweiflung. Drei= oder vierhundert Zechinen, die ich bei mir trug, konnten mir nicht den Gedanken abwehren, daß ich mich durchaus nicht in Sicherheit befände, daß ich hier nicht lange bleiben könnte, daß man mich hier bald entdecken und dann mich wegen meiner Widerspenstigkeit gegen den höchsten Vorgesetzten schlecht behandeln würde. Ich sah mich in die Unmöglichkeit versetzt, einen Entschluß zu fassen, und das genügt, um jede Lage abscheulich zu machen. Es ging nicht an, daß ich freiwillig nach Korfu zurückkehrte; meine Flucht wäre dann eine unüberlegte gewesen und man hätte mich wie einen Narren behandelt; denn meine Rückkehr wäre ein Zeichen von Leichtfertigkeit oder Feigheit gewesen, indes hatte ich nicht den Mut, ganz zu desertieren. Der Hauptgrund dieser moralischen Ohnmacht waren weder tausend Zechinen, die ich bei dem Kassierer hatte, noch meine reiche Ausstattung, noch die Furcht, anderwärts keinen Lebensunterhalt zu finden, es war vielmehr der Gedanke, eine Frau zu verlassen, die ich anbetete und der ich noch nicht einmal die Hand geküßt hatte. In dieser Lage durfte ich mich nur dem Lauf der Ereignisse überlassen, wie sie auch sein mochten, und für den Augenblick war das Wesentliche, Wohnung und Nahrung zu finden. Ich klopfe an die Tür des Priesters. Er erscheint am Fenster und schließt es wieder, ohne mich anhören zu wollen. Ich klopfe aufs neue, schimpfe, fluche, doch alles umsonst. Wütend ziele ich auf einen armen Hammel, der mit mehreren anderen zwanzig Schritt von mir weidete, und strecke ihn nieder. Der Hirte schreit laut, der Pope springt ans Fenster, schreit »Diebe« und läßt die Sturmglocke läuten. Ich sehe drei Glocken in Bewegung, erwarte das Hinzuströmen einer Menge. Was wird geschehen? Ich weiß es nicht; doch auf jeden Fall lade ich mein Gewehr wieder und warte. Kaum waren acht oder zehn Minuten verflossen, als ich von dem Berge eine Menge Bauern, mit Gewehren, Mistgabeln, großen Stöcken bewaffnet, herabkommen sah. Ich zog mich in die Baracke zurück, ohne die geringste Furcht zu empfinden; denn es schien mir nicht natürlich, daß diese Leute, wenn sie mich allein fänden, mich ermorden würden, ohne mich anzuhören. Die ersten zehn oder zwölf kommen mit angeschlagenen Gewehren näher. Ich halte sie auf, indem ich ihnen meine Kupfermünzen zuwerfe, die sie erstaunt aufzulesen sich beeilen, dasselbe tue ich, sobald andere kommen, bis ich keine Münzen mehr habe und niemanden mehr kommen sehe. Die Tölpel sahen sich wie versteinert an, wußten nicht, was sie von einem jungen Menschen von anständigem Äußern und friedlichem Wesen denken sollten, der ihnen so freigebig sein Geld hinwarf. Sprechen konnte ich mit ihnen erst, als das betäubende Geräusch der Glocken verstummte. Ich setzte mich ruhig auf meinen Sack und hielt mich still; sobald ich sprechen konnte, tat ich es; doch der Pope, sein Küster und der Schäfer unterbrachen mich sofort, zumal da ich Italienisch sprach. Alle drei sprachen zugleich und suchten den Pöbel gegen mich aufzuhetzen. Einer von den Leuten, in vorgerücktem Alter und von verständigem Ausdruck, nähert sich mir und fragt mich auf italienisch, warum ich den Hammel getötet hätte. »Um ihn zu essen, nachdem ich ihn bezahlt habe.« »Aber Seine Heiligkeit kann dafür eine Zechine verlangen.« Der Pope nimmt die Zechine, geht davon, und die ganze Geschichte ist zu Ende. Der Bauer sagte mir, er hätte in dem Kriege von 1716 gedient und die Verteidigung von Korfu mitgemacht. Ich wünschte ihm dazu Glück und bat ihn, für mich eine Wohnung und einen Diener ausfindig zu machen, der das Essen bereiten könnte. Er erklärte mir, ich könnte ein ganzes Haus bekommen, er selbst würde mir die Küche gut besorgen, doch ich müßte auf den Berg steigen. »Gern!« Nun ruft er zwei stämmige Burschen, ladet dem einen meinen Sack auf, dem andern meinen Hammel, und wir machen uns auf den Weg. Während des Marsches frug ich ihn: »Guter Mann, ich wünschte wohl in meinem Dienst vierundzwanzig tüchtige Burschen zu haben, die sich der militärischen Disziplin unterwürfen. Ich gebe jedem täglich zwanzig Gazetten und Euch, als meinem Leutnant, vierzig.« »Ich will Ihnen«, antwortete mir mein Mann, »schon heute eine militärische Wache bilden, mit der Sie zufrieden sein sollen.« Wir kommen zu einem sehr bequemen Hause, in dem ich im Erdgeschoß drei Zimmer und einen Stall hatte, den ich sogleich in eine Wachtstube umwandelte. Mein Leutnant ließ mich hier, um alles herbeizuschaffen, was ich nötig hatte, und unter anderem auch eine Näherin, um mir Hemden zu machen. Im Laufe des Tages erhielt ich Bett, Möbel, Küchengerät, ein gutes Mittagessen, vierundzwanzig wohlbewaffnete Burschen, eine bejahrte Näherin und einige junge Lehrmädchen, um mir Hemden zu machen. Nach dem Abendessen befand ich mich in der besten Laune von der Welt, umgeben von einigen dreißig Personen, die mich wie ihren Herrscher behandelten, ohne begreifen zu können, was ich auf ihrer kleinen Insel wollte. Das einzig Unangenehme für mich war, daß die jungen Mädchen nicht Italienisch sprachen; und ich verstand zu wenig Griechisch, um mich ihnen verständlich machen zu können. Am nächsten Morgen ließ mein Leutnant die Wache ablösen, und ich konnte mich nicht eines lauten Gelächters enthalten. Meine Truppe war wie eine Herde Hammel; lauter schöne Menschen, wohlgewachsen und kräftig; doch ohne Uniform und Disziplin ist die schönste Truppe nur ein schlechter Haufen. Indes lernten sie das Gewehr präsentieren und den Befehlen ihres Offiziers gehorchen. Ich ließ drei Schildwachen aufstellen, eine in der Wachtstube, die zweite an meiner Tür und die dritte an einem Ort, von wo man die Küste übersehen konnte. Diese letztere sollte uns benachrichtigen, wenn sie eine bewaffnete Barke landen sähe. Während der zwei oder drei ersten Tage betrachtete ich das alles wie ein Spiel; aber ich überlegte, daß es möglich sein könnte, Gewalt mit Gewalt zurückweisen zu müssen, und ich dachte daran, mir den Treueid leisten zu lassen; ich tat es indessen nicht, obgleich mein Leutnant versicherte, es hinge nur von mir ab. Meine Freigebigkeit hatte mir die Liebe aller Inselbewohner gewonnen. Meine Köchin, die mir Näherinnen für meine Hemden besorgt hatte, hoffte zwar, ich würde mich in eine von ihnen verlieben, aber nicht in alle. Doch mein Eifer überstieg ihre Hoffnungen, und die hübschen Mädchen kamen an die Reihe. Alle waren auch mit mir zufrieden, und meine Köchin ward für ihre guten Dienste belohnt. Ich führte ein köstliches Leben, denn mein Tisch war mit saftigen Speisen, mit dem prächtigsten Hammelfleisch und so schönen Schnepfen bestellt, wie ich ähnliche nur noch in Petersburg gefunden habe. Ich trank nur Scopolo und die besten Muskatweine des Archipels. Mein Leutnant war mein einziger Tischgenosse. Ich ging nie ohne ihn und zwei Leute meiner Leibwache spazieren, um mich gegen einige junge Leute verteidigen zu können, die wütend auf mich waren, da sie sich einbildeten, meine Näherinnen, ihre Geliebten, hätten sie meinetwegen verlassen. Auf meinen Spaziergängen dachte ich manchmal daran, daß ich ohne Gold unglücklich gewesen wäre und daß ich diesem Metall meinen gegenwärtigen, genußvollen Zustand verdankte; aber ich dachte auch, daß ich höchst wahrscheinlich Korfu nicht verlassen hätte, wenn meine Börse nicht so gut gespickt gewesen wäre. Seit acht oder zehn Tagen spielte ich den Zaunkönig, als ich gegen zehn Uhr abends das: Wer da? der ausgestellten Schildwache hörte. Mein Leutnant ging hinaus und kehrte mit der Meldung zurück, ein anständiger Mensch, der Italienisch spräche, wünschte mich in einer wichtigen Angelegenheit zu sprechen. Ich ließ ihn eintreten, und in Gegenwart meines Leutnants sagte er zu mir auf italienisch: »Übermorgen am Sonntag wird der Pope Deldimopulo gegen Sie die Cataramonachia schleudern. Wenn Sie ihn nicht daran hindern, führt ein schleichendes Fieber Sie in sechs Wochen in die andere Welt.« »Ich habe von diesem Trank niemals sprechen hören.« »Es ist auch kein Trank, fondern ein Fluch, der mit dem heiligen Sakrament in der Hand ausgesprochen wird und diese Macht besitzt.« »Welchen Grund kann der Priester haben, mich zu ermorden?« »Sie stören den Frieden und die Ordnung seines Kirchspiels. Sie haben sich mehrerer junger Mädchen bemächtigt, die nun ihre alten Liebhaber nicht mehr heiraten wollen.« Nachdem ich ihm einen Trunk hatte reichen lassen, dankte ich ihm und wünschte ihm eine gute Nacht. Seine Nachricht erschien mir wichtig; denn wenn ich auch die Cataramonachia nicht fürchtete, an die ich nicht im mindesten glaubte, so konnte ich doch die viel wirksameren Gifte fürchten. Nachdem ich eine sehr ruhige Nacht verbracht hatte, stand ich mit Tagesanbruch auf; ohne meinem Leutnant ein Wort zu sagen, ging ich aus und allein zur Kirche, wo ich den Priester fand, den. ich mit der größten Entschlossenheit sagte: »Bei dem ersten Fieberanfall, den ich spüre, schieße ich Ihnen eine Kugel durch das Hirn; richten Sie sich danach! Schleudern Sie gegen mich einen Fluch, der mich in einem Tage tötet, oder machen Sie Ihr Testament. Leben Sie wohl!« Nach dieser Warnung kehrte ich in meinen Palast zurück. Am Montag ganz früh bemerkte mich der Pope. Ich hatte etwas Kopfschmerz. Er erkundigte sich nach meiner Gesundheit, und als ich ihm sagte, daß mein Kopf schwer wäre, zwang er mich zum Lachen durch die Angst, mit der er mir die Versicherung gab, das könnte nur die Wirkung der schweren Luft der Insel Karsopo sein. Drei Tage nach diesem Besuch ließ der vorgeschobene Posten den Alarmruf ertönen. Mein Leutnant geht hinaus und kommt wenige Augenblicke später mit der Meldung zurück, eine bewaffnete Schaluppe habe einen Offizier gelandet. Ich gehe hinaus und lasse meine Truppen unter Gewehr treten, dann schreite ich weiter vor und erblicke einen Offizier, der, von einem Führer begleitet, auf meine Wohnung zukommt. Der Offizier war allein, ich hatte nichts zu fürchten. Ich kehre in mein Zimmer zurück und befehle meinem Leutnant, ihn mit allen Kriegsehren zu empfangen und einzuführen. Ich schnalle meinen Degen um und erwarte ihn stehend. Ich sehe denselben Adjutanten Minotto eintreten, der mir den Befehl überbracht hatte, mich in Arrest zu begeben. »Sie sind allein,« sagte ich ihm, »und Sie kommen als Freund. Umarmen wir uns!« »Ich muß wohl als Freund kommen, denn als Feind hätte ich nicht die nötige Macht. Doch was ich hier sehe, erscheint mir wie ein Traum.« »Setzen Sie sich, und essen wir miteinander. Sie werden eine gute Mahlzeit finden.« »Gern, und dann wollen wir zusammen aufbrechen!« »Sie werden ganz allein gehen, wenn Sie wollen; denn ich gehe von hier nur mit der Gewißheit, nicht nur nicht in Arrest zu kommen, sondern auch Genugtuung an dem Narren zu erhalten, den der General auf die Galeeren schicken muß.« »Seien Sie vernünftig und kommen Sie gutwillig mit mir. Ich habe Befehl, Sie mit Gewalt mitzuführen. Da ich aber dazu nicht in der Lage bin, werde ich meinen Rapport abstatten, und man wird Sie auf eine Weise holen lassen, daß Sie sich ergeben müssen.« »Nimmermehr. Man wird mich nur tot bekommen.« »Sie sind also verrückt geworden; denn Sie haben unrecht. Sie waren ungehorsam gegen den Ihnen von mir überbrachten Befehl, sich auf die Bastarde zu begeben. Darin besteht Ihr Unrecht. Denn sonst hätten Sie tausendmal recht, selbst nach Ansicht des Generals.« »Ich hätte mich also in Arrest begeben sollen?« »Gewiß, denn die Subordination ist in unserem Stande unerläßlich.« »Wären Sie an meiner Stelle in Arrest gegangen?« »Ich will und kann Ihnen nicht sagen, was ich getan hätte. Ich weiß nur, daß ich strafbar gewesen wäre, wenn ich nicht gehorcht hätte.« »Aber wenn ich mich jetzt ergäbe, so würde man mich als einen Strafbaren viel härter behandeln, als man getan hätte, wenn ich dem ungerechten Befehl folgte.« »Das glaube ich nicht. Kommen Sie, und Sie werden alles erfahren.« »Ohne mein Schicksal zu kennen? Erwarten Sie das nicht. Essen wir! Da ich so strafbar bin, daß man Gewalt anwendet, ergebe ich mich nur der Gewalt. Ich werde dadurch nicht strafbarer werden, wenn auch Blut dabei vergossen wird.« »Sie sind im Irrtum! Sie würden dadurch strafbarer. Doch zu Tisch! Nach einer guten Mahlzeit urteilen wir vielleicht verständiger.« Gegen Ende der Mahlzeit hörten wir Lärm, und mein Leutnant trat ein, um mir zu melden, daß Haufen von Bauern sich in der Nähe meines Hauses sammelten, um mich zu verteidigen, weil sich auf der Insel ein Gerücht verbreitet hätte, die bewaffnete Feluke wäre gekommen, um mich zu entführen und nach Korfu zu bringen. Ich befahl ihm, die guten Leute aufzuklären und sie heimzuschicken, nachdem er ihnen ein Faß Wein gegeben hatte. Die Bauern gingen beruhigt von dannen, doch schossen sie zum Zeichen der Ergebenheit ihre Gewehre in die Luft ab. »Das alles sieht ganz hübsch aus,« sagte zu mir der Adjutant, »doch es wird furchtbar werden, wenn Sie mich allein gehen lassen; denn meine Pflicht fordert, daß ich meinen Bericht sehr genau abfasse.« »Ich will ihnen folgen, wenn Sie mir Ihr Ehrenwort geben, mich in Freiheit ans Land zu setzen, wenn wir in Korfu ankommen.« »Ich habe Befehl, Sie Herrn Foscari auf der Bastarde zu über- geben.« »Nun, diesen Befehl werden Sie nicht vollziehen.« »Wenn der General Sie nicht fügsam findet, verlangt es seine Ehre, Sie zu zwingen, und er wird die Mittel dazu finden. Doch sagen Sie mir, bitte, was würden Sie tun, wenn der General sich entschlösse, Sie hier zu lassen? Doch das wird nicht geschehen, denn nach meinem Bericht wird man sich entschließen, die Sache ohne Blutvergießen zu beendigen.« »Ohne Blutbad wird die Sache schwerlich abgehen; denn mit fünfhundert Bauern hier fürchte ich dreitausend Mann nicht.« »Man wird nur einen brauchen, denn man wird Sie als Rebellenführer behandeln. Alle diese Ihnen ergebenen Menschen können Sie nicht gegen den einen schützen, der Sie niederschießt, um einige Goldstücke zu gewinnen. Ich will Ihnen noch mehr sagen, unter all den Griechen, von denen Sie umgeben sind, gibt es nicht einen, der nicht für zwanzig Zechinen bereit wäre, Sie zu ermorden. Glauben Sie mir, kommen Sie mit mir! Kommen Sie, um in Korfu eine Art Triumph zu genießen. Man wird Ihnen dort Beifall zollen und Ihre Person feiern. Sie werden selbst die Torheit erzählen, die Sie begingen; man wird darüber lachen und zur selben Zeit bewundern, daß Sie der Vernunft Gehör gaben, sobald ich sie Ihnen begreiflich machte. Alle Welt achtet Sie und, Herr D. R. hält große Stücke auf Sie. Er lobt besonders den Mut, den Sie zeigten, indem Sie aus Achtung vor seinem Hause nicht dem Unverschämten Ihren Degen durch den Leib stießen. Der General selbst muß Sie achten, denn er muß sich Ihrer Worte erinnern.« »Was ist denn aus dem Unglücklichen geworden?« »Vor vier Tagen ist die Fregatte des Majors Sardina mit Depeschen eingelaufen, in denen der General ohne Zweifel die nötigen fand, denn er ließ den falschen Herzog verschwinden. Niemand weiß, wo er ist, und niemand wagt es, in seinem Hause von ihm zu sprechen, denn seine Dummheit war zu groß.« »Hat man ihn nach meinen Stockschlägen noch in den Gesellschaften empfangen?« »Pfui! Erinnern Sie sich nicht, daß er einen Degen hatte? Mehr war nicht nötig, um zu veranlassen, daß niemand ihn weiter sehen wollte. Sein Vorderarm war gebrochen und die Kinnlade zerschmettert. Trotzdem, ohne Rücksicht auf seinen kläglichen Zustand, hat ihn Seine Exzellenz acht Tage später verwinden lassen. Das einzige, worüber sich ganz Korfu wundert, ist Ihr Entkommen. Man hat drei Tage lang geglaubt, Herr D. R. hielte Sie bei sich verborgen, und man verurteilte ihn offen; aber er erklärte laut an der Tafel des Generals, daß er nicht im mindesten wüßte, wo Sie wären. Seine Exzellenz selbst war sehr unruhig über Ihr Entkommen, und erst gestern erfuhr man, was aus Ihnen geworden ist, durch einen Brief des hiesigen Popen an den Protopopen Bulgari, in dem er sich beklage, daß ein italienischer Offizier seit acht Tagen dieser Insel sich bemächtigt hätte und hier Gewalttaten verübte. Er klagt Sie an, alle Mädchen zu verführen und ihn bedroht zu haben, ihn niederzuschießen, wenn er Ihnen die Cataramonachia gäbe. Dieser in der Versammlung vorgelesene Brief hat den Generai sehr ergötzt, aber dennoch erteilte er mir den Befehl, Sie mit zwölf Grenadieren zu holen.« »Frau Sagredo trägt an dem allen die Schuld.« »Das ist wahr; aber die Sache tut ihr ungeheuer leid. Sie würden gut tun, ihr morgen mit mir einen Besuch zu machen.« »Morgen? Sie sind also überzeugt, daß ich nicht in Arrest gebracht werde!« »Ja, denn ich weiß, daß Seine Exzellenz ein Ehrenmann ist.« »Ich auch. Machen wir also Schluß! Nach Mitternacht wollen wir zusammen aufbrechen.« »Warum nicht sofort?« »Weil ich mich nicht der Gefahr aussetzen will, die Nacht auf der Bastarde zu verbringen. Ich will in Korfu am hellen Tag ankommen, und das wird Ihren Triumph noch glänzender machen.« »Aber was wollen wir während der acht Stunden hier tun.« »Wir unterhalten uns mit Nymphen einer Art, wie man sie in Korfu nicht findet, und essen dann ein gutes Abendbrot.« Ich befahl meinem Leutnant, den Soldaten der Feluke Essen bringen zu lassen und uns ein prächtiges Abendbrot zu bereiten, ohne etwas dabei zu sparen, indem ich ihm sagte, ich würde um Mitternacht wegfahren. Dann schenkte ich ihm alle meine Vorräte und ließ alles verladen, was ich mitnehmen wollte. Meine Janitscharen, denen ich eine Wochenlöhnung schenkte, brachten mich bewaffnet bis zur Feluke, worüber mein Kamerad die ganze Nacht lachte. Wir kamen in Korfu um acht Uhr morgens an der Bastarde selbst an, wo er mich ablieferte, nachdem er mir versichert hatte, daß er sofort mein ganzes Gepäck Herrn D.R. schicken und dem General seinen Bericht abstatten würde. Der Kommandant der Galeere, Herr Foscari, empfing mich sehr schlecht. Hätte er nur ein wenig Seelenadel besessen, so hätte er sich nicht so beeilt, mir die Kette anlegen zu lassen. Er hätte es um eine einzige Viertelstunde verschieben können, indem er mit mir sprach, und ich wäre dieser Demütigung entgangen. Er schickte mich ohne ein Wort zu sagen an den Ort, wo der Profos mich niedersetzen und den Fuß vorstrecken ließ, um mir die Kette anzulegen, die in diesem Lande niemand entehrt, leider nicht einmal die Galeerensträflinge, die man besser behandelt als die Soldaten. Ich hatte die Kette am rechten Fuß, und man schnallte den Schuh des linken Fußes auf, um diesen schönen Zierart zu vollenden, als der Adjutant seiner Exzellenz meinem Kerkermeister befahl, mir meinen Degen zurückzugeben und mich in Freiheit zu setzen. Ich wollte dem edlen Gouverneur meine Huldigung darbringen, doch er schämte sich zweifelsohne ein wenig, und der Adjutant sagte mir, Seine Exzellenz entbände mich davon. Ich verbeugte mich vor dem General, ohne ein einziges Wort zu srechen. Er aber sagte mir in ernstem Ton, ich sollte in Zukunft Verständiger sein und lernen, daß die erste Pflicht eines Soldaten Gehorsam, besonders aber Verschwiegenheit und Bescheidenheit wäre. Ich begriff vollständig die Bedeutung dieser beiden Worte und richtete mich danach. Mein Erscheinen bei Herrn D.R. rief auf allen Gesichtern Freude hervor. Solche schönen Augenblicke sind mir stets so teuer gewesen, daß sie mich die peinlichen Augenblicke vergeben und mich die Veranlassung glücklich schätzen ließen. Es ist unmöglich, ein Vergnügen wahrhaft zu genießen, wenn ihm nicht irgendein peinliches vorausging, und die Gewinne sind nur im Verhältnis zu den Entbehrungen groß, denen man ausgesetzt war. Herr D. R. war so erfreut, mich zu sehen, daß er mir entgegeneilte und mich zärtlich umarmte. Dann zog er einen schönen Ring vom Finger, schenkte ihn mir und sagte, ich hätte sehr wohl daran getan, alle Welt und ihn besonders über den Ort meiner Zuflucht in Unkenntnis zu lassen. »Sie können sich nicht vorstellen,« setzte er edel und frei hinzu, »wie Frau F. sich für Sie interessiert. Sie werden ihr ein großes Vergnügen machen, wenn Sie sogleich zu ihr gehen!« Welche Freude, diesen Rat von ihm selbst zu empfangen! Doch das Wort »sogleich« war mir peinlich. Denn da ich die Nacht in der Feluke verbracht hatte, fürchtete ich, die Unordnung meiner Toilette könnte mir in ihren Augen schaden. Ich konnte indes weder ablehnen noch ihm den Grund davon sagen, ich dachte deshalb, mir bei ihr selbst ein Verdienst daraus zu machen. Ich kam an; es war noch nicht Tag bei meiner Göttin, doch ihre Kammerfrau ließ mich eintreten und versicherte mir, ihre Herrin würde gewiß bald klingeln und dann böse sein, mich nicht gesehen zu haben. Während einer halben Stunde, die ich mit der jungen Person, einer reizenden Schwätzerin, zubrachte, erfuhr ich eine Menge Dinge, die mir außerordentliches Vergnügen machten, besonders eine Menge Äußerungen über meine Flucht, und ich zog daraus den Schluß, daß mein Benehmen in dieser ganzen Sache die allgemeine Billigung erhalten hätte. Sobald die gnädige Frau ihre Kammerfrau gesehen hatte, ließ sie mich rufen. Die Vorhänge wurden zurückgezogen, und ich glaubte Aurora, umgeben von den Rosen und Perlen des Morgens, zu sehen. Ich sagte ihr, ohne den Befehl, den Herr D. R. mir gegeben, hätte ich niemals gewagt, in dem Zustande, in dem ich mich befände, mich vor ihr zu zeigen; und im freundlichsten Tone antwortete sie mir, Herr D. R. wüßte, wieviel Teilnahme sie für mich hegte, und hätte deshalb sehr gut getan, mich zu ihr zu schicken; zugleich versicherte sie mir, Herr D. R. schätze mich ebenso wie sie. »Ich weiß nicht, gnädige Frau, wie ich ein so großes Glück verdienen kann, während ich nur nach Nachsicht strebte.« »Wir haben alle die Kraft bewundert, die Sie bewiesen, als Sie Narren nicht Ihren Degen durch den Leib bohrten; man hätte zum Fenster hinausgeworfen, wenn er nicht schnell entwischt wäre.« »Ich hätte ihn, zweifeln Sie daran nicht, getötet, gnädige Frau, wenn Sie nicht zugegen gewesen wären.« »Das Kompliment ist sehr galant, aber es ist nicht glaublich, daß Sie in jenem Augenblick an mich gedacht haben.« Bei diesen Worten seufzte ich, schlug die Augen nieder und wendete den Kopf ab. Sie sah meinen Ring; um dem Gespräch eine andere Wendung zu geben, lobte sie Herrn D. R., sobald sie erfahren hatte, wie er mir das Geschenk gemacht hatte. Sie wünschte, daß ich ihr mein Leben auf der Insel erzählen sollte, und ich tat es auch, doch sagte ich wohlweislich von meinen hübschen Näherinnen nichts, denn ich wußte schon damals, daß man im Wandel des Lebens eine große Menge Wahrheiten offiziell vergessen muß. Sie lachte herzlich über alles, was ich ihr erzählte, und mein Benehmen schien ihr bewundernswert. »Würden Sie wohl,« fragte sie mich, »den Mut haben, dies alles mit denselben Ausdrücken dem Generalprovveditore zu erzählen?« »Zweifeln Sie nicht daran, gnädige Frau, vorausgesetzt, daß er mich um diese Erzählung bittet.« »Nun wohl, so halten Sie sich bereit, mir Ihr Wort zu halten. Ich will,« setzte sie hinzu, »daß dieser brave Herr Sie lieben und Ihr vornehmster Beschützer werden soll, um Sie gegen Unrecht zu bewahren. Lassen Sie mich machen!« Als ich sie verließ, das Herz von ihrem Empfang entzückt, ging ich zu Major Maroli, um mich nach dem Zustand meiner Kasse zu erkundigen, und vernahm mit Vergnügen, daß er mich seit meinem Verschwinden nicht mehr als seinen Teilhaber betrachtet hatte. Er entnahm vierhundert Zechinen der Kasse und behielt mir vor, wieder Teilhaber zu werden, wenn die Umstände mir geeignet erscheinen würden. Abends machte ich sorgfältig Toilette und suchte den Adjutanten Minotto auf, um mit ihm der Frau Sagredo, der Favoritin des Generals, eine Visite abzustatten. Sie war die hübscheste von den venezianischen Damen auf Korfu, abgesehen von Frau F. Mein Besuch überraschte sie; denn da sie die Ursache alles Vorgefallenen war, erwartete sie ihn keineswegs, glaubte vielmehr, daß ich ihr zürnte. Ich enttäuschte sie, indem ich offen zu ihr sprach; und sie sagte mir die schmeichelhaftesten Dinge und bat mich, manchmal den Abend bei ihr zu verbringen. Auf diese sehr liebenswürdige Einladung antwortete ich mit einer Neigung des Kopfes, ohne zuzusagen oder abzuschlagen. Ich wußte, Frau F. konnte sie nicht leiden; wie hätte ich da ihre Gesellschaften besuchen können. Außerdem liebte die Dame das Spiel, und um ihr zu gefallen, mußte man entweder verlieren oder sie gewinnen lassen. Um sich nun zu einem von beiden zu entschließen, muß man den Gegenstand lieben und Absichten der Eroberung haben. Ich war nicht in dieser Lage. Der Adjutant Minotto spielte nicht, aber er hatte ihre Gunst dadurch erworben, daß er den galanten Merkur bei ihr machte. Bei meiner Rückkehr ins Hotel fand ich Frau F. ganz allein, Herr D. R. war mit Schreiben beschäftigt. Als ich bei ihr saß, forderte sie mich auf, ihr alles zu erzählen, was mir in Konstantinopel begegnet wäre; ich fand keine Ursache es zu bereuen. Meine Zusammenkunft mit Jussuffs Frau gefiel ihr sehr; aber das nächtliche Bad der drei Nymphen Ismails setzte sie ganz in Flammen. Ich verschleierte die Sache nach Kräften, doch wenn sie mich dunkel fand, mußte ich mich genauer ausdrücken, und wenn ich dann mein Bestes tat und meinen Gemälden einen wollüstigen Reiz zu geben suchte, den ich mehr aus ihren Blicken als aus meiner Erinnerung schöpfte, verfehlte sie nicht, mich zu tadeln, und erklärte, ich hätte weniger deutlich sein können. Ich fühlte, daß die Bahn, auf die sie mich gebracht hatte, sie zu meinen Gunsten stimmen mußte, und ich war überzeugt, daß jemand, der Begierden zu erwecken weiß, leicht dazu verurteilt werden kann, sie zu stillen; das war der Lohn, nach dem ich strebte; ich wagte auf ihn zu hoffen, obgleich ich ihn nur erst in der Ferne sah. Zufällig hatte Herr D. R. an diesem Tag zum Abendessen große Gesellschaft eingeladen. Ich mußte natürlich die Kosten der Unterhaltung tragen und erzählte mit allen Umständen und den geringsten Einzelheiten alles, was ich getan hatte und was mir begegnet war von dem Augenblick, wo ich den Befehl erhielt, mich in Arrest zu begeben, bis zu meiner Freilassung. Herr Foscari, der Gouverneur der Bastarde, saß an meiner Seite, und der Schluß meiner Erzählung war ihm zweifelsohne nicht sehr angenehm. Meine Geschichte gefiel übrigens der ganzen Gesellschaft, und es wurde entschieden, der Herr Generalprovveditore müßte das Vergnügen haben, sie aus meinem eigenen Munde zu hören. Da ich gesagt hatte, in Kasopo gäbe es viel Heu, ein Artikel, an dem es in Korfu völlig mangelte, riet mir Herr D. R. diese Gelegenheit zu ergreifen, um mir beim General ein Verdienst zu erwerben, indem ich ihn sofort benachrichtigte. Ich folgte dem Rat schon am nächsten Morgen und ward sehr freundlich angehört; Seine Exzellenz befahl einen Tag, um das Heu zu holen und nach Korfu zu bringen. Zwei oder drei Tage später saß ich eines Abends im Kaffeehause, als der Adjutant Minotto kam und mir sagte, der General wünsche mich zu sprechen. Man kann sich denken, daß ich diesmal seinem Befehl pünktlich nachkam. Vierzehntes Kapitel Fortsetzung meiner Liebesgeschichte – Fahrt nach Otranto – Ich trete in den Dienst der Frau F. – Glückliche Beinverletzung. Die Gesellschaft war sehr zahlreich. Ich trete ganz sachte ein, Seine Erzellenz sieht mich; sein Gesicht heitert sich auf, und alle Blicke der ganzen Gesellschaft wenden sich mir zu, als er mit lauter Stimme sagt: »Da haben Sie einen jungen Mann, der sich auf Prinzen versteht.« »Gnädiger Herr,« sage ich sofort, »ich bin auf diesem Gebiet Kenner geworden, da ich viel mit Ihresgleichen verkehrt habe.« »Die Damen sind neugierig und möchten alles erfahren, was Sie von Ihrem Verschwinden bis zu Ihrer Rückkehr gemacht haben.« »Sie verurteilen mich also, gnädiger Herr, zu einer öffentlichen Beichte?« »Meinetwegen; aber wenn Sie es so auffassen, so hüten Sie sich, auch den geringsten Umstand auszulassen, und tun Sie, als wäre ich nicht anwesend.« »Im Gegenteil; denn nur von Eurer Erzellenz will ich meine Absolution erwarten. Aber die Geschichte wird lang sein.« »Jn diesem Falle erlaubt der Beichtvater Ihnen, sich zu setzen.« Ich erzählte meine Geschichte mit der größten Ausführlichkeit; nur verschwieg ich meine häufigen Zusammenkünfte mit den Nymphen der Inseln. »Die ganze Geschichte«, sagte der alte Herr zu mir, »ist lehrreich.« »Ja, gnädiger Herr, denn sie zeigt, daß ein junger Mensch niemals in solcher Gefahr ist, zugrunde zu gehen, als wenn er von einer großen Leidenschaft bewegt wird und die Mittel hat, seinem eigenen Willen zu folgen, weil er eine Börse voll Gold in der Tasche trägt.« Ich wollte gehen; doch kam der Haushofmeister zu mir und sagte mir, Seine Exzellenz lade mich ein, zum Abendessen zu bleiben. Ich hatte also die Ehre an seinem Tische zu sitzen, nicht aber die, auch zu essen; denn da ich auf tausend Fragen antworten mußte, die man von allen Seiten an mich richtete, so war es mir unmöglich, auch nur einen einzigen Bissen in den Mund zu bekommen. Ich saß neben dem Protopapa Bulgari, und ich bat ihn um Verzeihung, daß ich mich über das Orakel des Papa Deldimopulo ein bißchen lustig gemacht hätte. »Es ist eine Betrügerei,« antwortete er mir; »aber es ist um so schwerer, etwas gegen sie zu machen, da sie den Stempel hohen Alters trägt.« Beim Nachtisch flüsterte Frau F. dem General etwas ins Ohr, worauf dieser das Wort an mich richtete und mir sagte, er würde gern hören, was mir während meines Aufenthalts in Konstantinopel mit der Frau des Türken Jussuff passiert wäre sowie bei einem anderen Türken, bei dem ich Augenzeuge eines Mondscheinbades gewesen wäre. Sehr überrascht über diese Art von Einladung sagte ich ihm, das seien Possen gewesen, die zu erzählen es sich nicht lohnte; hiermit kam ich durch, denn Seine Exzellenz bestand nicht weiter auf ihrem Wunsch. Auffallend war mir vor allen Dingen die Indiskretion der Frau F., die doch nicht ganz Korfu darin einweihen durfte, was für Geschichten ich ihr unter vier Augen erzählte. Ich bedauerte, daß sie nicht eifersüchtiger auf ihren guten Ruf war, der mir noch mehr am Herzen lag, als ihre Person. Als ich zwei oder drei Tage später einmal mit ihr allein war, sagte sie mir: »Warum wollten Sie dem General nicht Ihre Abenteuer von Konstantinopel erzählen?« »Weil ich nicht alle Welt wissen lassen will, daß Sie mir gestatten, Sie von derartigen Dingen zu unterhalten. Was ich, gnädige Frau, Ihnen unter vier Augen zu erzählen wage, würde ich Ihnen sicherlich nicht in öffentlicher Gesellschaft erzählen.« »Und warum nicht? Mir scheint im Gegenteil: wenn Sie aus einem Gefühl der Achtung in Gesellschaft schweigen, so müssen Sie es um so mehr tun, wenn ich allein bin.« »Da ich den Wunsch hatte, Sie zu erheitern, so habe ich mich der Gefahr ausgesetzt, Ihr Mißfallen zu erregen; aber, gnädige Frau, es wird nicht wieder vorkommen.« »Ich will nicht versuchen, Ihre Absichten zu durchdringen; aber mir scheint, wenn Sie den Wunsch hatten, mir zu gefallen, so durften Sie sich nicht wissentlich der Möglichkeit aussetzen, gerade das Gegengesetzte herbeizuführen. Wir werden beim General zu Abend speisen; denn Herr D. R. ist von diesem beauftragt, Sie mitzubringen; ich bin überzeugt, er wird Ihnen den Wunsch wiederholen, den er Ihnen das letztemal aussprach; und Sie werden nicht umhin können, diesen Wunsch zu erfüllen.« Bald darauf kam Herr D.R., und wir gingen zusammen zum General. Unterwegs überlegte ich mir, daß ich die letzte Wendung als einen Glücksfall ansehen mußte, obwohl Frau F. allem Anschein nach mich hatte demütigen wollen; denn indem sie mich nötigte, mich zu rechtfertigen, hatte sie mich gewissermaßen zu einer Erklärung gezwungen, die ihr nicht gleichgültig sein konnte. Der Generalprovveditore nahm mich sehr gut auf und erwies mir die Gnade, mir eigenhändig einen Brief zu überreichen, der in einem Paket, das er am selben Tage aus Konstantinopel erhalten hatte, für mich eingetroffen war. Nachdem ich mit einer tiefen Verbeugung gedankt hatte, steckte ich natürlich den Brief in die Tasche; aber er hielt mich zurück, indem er mir sagte, er sei Liebhaber von Neuigkeiten, und ich könne den Brief lesen. Ich öffnete ihn also; es war ein Brief von Jussuff, der mir den Tod des Grafen Bonneval mitteilte. Als er den Namen des guten Jussuff hörte, bat mich der General, ihm die Geschichte von meiner Unterhaltung mit dessen Frau zu erzählen. Da ich der Einladung nicht ausweichen konnte, so begann ich eine Geschichte, die eine volle Stunde dauerte, Seine Exzellenz sehr amüsierte und die ganze Gesellschaft unterhielt; an dieser Geschichte war aber weiter nichts echt als der Ernst, womit ich sie vortrug; denn sie war von A bis Z von mir erfunden. Auf diese Weise gelang es mir, zu vermeiden, dass ich meinem Freund Jussuff unrecht tat, Frau F. bloßstellte und so mich selber in einem wenig vorteilhaften Lichte zeigte. In Hinsicht des Gefühls machte die von mir erfundene Geschichte mir die größte Ehre, und ich empfand eine wahre Freude, als ich einen Blick auf Frau F. warf, und auf ihren Zügen las, daß sie zufrieden war; immerhin war sie doch ein bißchen verlegen. Als wir wieder in ihrem Hause waren, sagte sie mir in Gegenwart des Herrn D. R., die von mir erzählte Geschichte sei sehr hübsch, wenn auch nur ein Märchen; sie sei mir darum nicht böse, weil ich sie gut unterhalten hätte; sie könne aber doch nicht umhin, die Hartnäckigkeit zu bemerken, womit ich ihr die von ihr gewünschte Gefälligkeit verweigerte. Hierauf wandte sie sich zu Herrn D. R. und fuhr fort: »Er behauptet, wenn er die Geschichte seiner Unterhaltung mit Jussuffs Frau wahrheitsgetreu erzählt hätte, würde er in der Gesellschaft den Glauben erweckt haben, er unterhalte mich mit unanständigen Geschichten. Ich wünsche, daß Sie darüber Ihr Urteil abgeben. – Wollen Sie, Herr Casanova, die Güte haben, sofort diese Zusammenkunft in denselben Ausdrücken zu schildern, die Sie bei der ersten Erzählung anwandten?« »Ja, Signora, ich kann es, wenn ich will.« Ärgerlich über eine Indiskretion, die mir, der ich damals noch kein Kenner des Frauenherzens war, beispiellos zu sein schien, und ohne die geringste Furcht des Mißlingens, stellte ich das Abenteuer als begeisterter Maler dar, das Bild mit allen Farben der Leidenschaft belebend und ohne ein einziges der Gefühle zu verschleiern, die der Anblick der Schönheiten der Griechin in mir erweckt hatte. »Und Sie finden,« sagte Herr D. R. zu der Dame, »er hätte dies Erlebnis vor der ganzen Gesellschaft so erzählen sollen, wie er's uns jetzt hier erzählt hat?« »Wenn er unrecht getan hätte, es öffentlich zu erzählen, so hat er doch auch unrecht getan, es mir unter vier Augen zu erzählen!« »Das können nur Sie allein wissen! Ja – wenn es Ihnen mißfallen hat. Nein – wenn er Sie amüsiert hat. Mich selber, das will ich offen sagen, hat es sehr amüsiert, aber ich würde mich über ihn geärgert haben, wenn er es in einer zahlreichen Gesellschaft ebenso erzählt hätte, wie hier.« »Nun, so bitte ich Sie,« sagte Frau F. zu mir, »in Zukunft mir unter uns nur zu erzählen, was Sie in der Öffentlichkeit wiederholen können.« »Gnädige Frau, ich verspreche Ihnen, mich nach Ihrer Vorschrift zu richten.« »Wohlverstanden,« rief Herr D. R., »daß die gnädige Frau sich im vollen Umfange das Recht vorbehält, diesen Befehl zu widerrufen, so oft und wann es ihr gut scheint.« Ich war verletzt, doch wußte ich meinen Verdruß zu verbergen. Einen Augenblick später gingen wir. Ich begann die reizende Frau gründlich kennenzulernen; aber je tiefer ich in das Geheimnis ihres Charakters eindrang, desto deutlicher sah ich alle Prüfungen voraus, denen sie mich unterwerfen würde. Aber einerlei, meine Liebe trug den Sieg davon; und da mir Hoffnung winkte, so hatte ich den Mut, den Dornen zu trotzen, um die Rose pflücken zu können. Vor allem machte es mir großes Vergnügen, zu sehen, daß Herr D. R. durchaus nicht eifersüchtig auf mich war, obgleich sie selber ihn dazu anzureizen schien. Dies war sehr wichtig. Als ich einige Tage später sie von diesem und jenem unterhielt, kam das Gespräch auch darauf, daß ich das Pech gehabt hätte, ohne einen Heller Geld das Lazarett von Ancona beziehen zu müssen. »Trotzdem«, erzählte ich ihr, »verliebte ich mich da in eine junge und schöne griechische Sklavin, um derentwillen ich beinahe die Sanitätsvorschriften verletzt hätte.« »Wie kam das?« »Gnädige Frau, Sie sind allein, und ich habe Ihre Befehle nicht vergessen.« »Es ist also recht unanständig?« »Nein, aber ich möchte es Ihnen nicht in Gesellschaft erzählen.« »Nun gut denn!« rief sie lachend; »ich widerrufe den Befehl, wie Herr D. R. es voraussagte. Sprechen Sie!« Ich erzählte ihr nun mit allen Einzelheiten und ganz wahrheitsgetreu das ganze Abenteuer; und da ich sah, daß sie nachdenklich wurde, übertrieb ich mein Unglück. »Was nennen Sie Ihr Unglück? Ich finde die arme Griechin viel beklagenswerter als Sie. Sie haben sie nicht wiedergesehen?« »O doch, gnädige Frau, aber ich wage nicht es Ihnen zu sagen.« »Erzählen Sie jetzt zu Ende! Es ist eine Dummheit. Sagen Sie mir alles. Ich bin darauf gefaßt, irgendeinen bösen Streich von Ihnen zu vernehmen.« »Weit entfernt, gnädige Frau! Es war ein sehr süßer, obgleich unvollständiger Genuß.« »Erzählen Sie! Aber nennen Sie nicht die Dinge bei ihrem richtigen Namen; das ist das Wesentliche.« Infolge dieses neuen Befehls erzählte ich ihr, ohne ihr ins Gesicht zu sehen, mein Zusammentreffen mit der Griechin in Gegenwart Bellinos und den unvollendeten Liebesakt, den wir auf eine höhere Eingebung vollzogen bis zum Augenblick, wo die reizende Sklavin bei der Rückkehr ihres Herrn sich meinen Armen entriß. Frau F. sagte nichts, und ich brachte daher die Unterhaltung auf einen anderen Gegenstand; denn wenn ich mich auch ausgezeichnet mit ihr stand, so fühlte ich doch, daß ich Schritt für Schritt vorgehen mußte; so jung sie auch war, so konnte ich doch sicher sein, daß sie niemals eine unwürdige Verbindung eingegangen sein würde, und das Verhältnis, das ich plante, mußte ihr als eine Verbindung unwürdigster Art erscheinen. Das Glück, das mich in den verzweifeltsten Lagen stets begünstigt hatte, wollte mich auch dieses Mal nicht als böse Stiefmutter behandeln und verschaffte mir an demselben Tage eine Gunst ganz besonderer Art. Meine Schöne brachte sich einen tiefen Schnitt am Finger bei, stieß einen lauten Schrei aus, hielt mir ihre schöne Hand hin und bat mich, ihr das Blut auszusagen. Wie man sich denken kann, ergriff ich schnell eine so schöne Hand; und wenn mein Leser verliebt ist oder es jemals war, so wird er erraten, wie ich mich meiner angenehmen Aufgabe entledigte. Was ist ein Kuß? Ist er nicht der glühende Wunsch, einen Teil des geliebten Wesens in sich einzusaugen? Und das Blut, das ich aus dieser reizenden Wunde sog, was war es anders, als ein Teil des von mir vergötterten Wesens? Als ich fertig war, dankte sie mir zärtlich und sagte mir, ich möchte das ausgesogene Blut ausspucken. »Es ist hier!« sagte ich, indem ich die Hand auf mein Herz legte, »und Gott weiß, welchen Genuß es mir bereitet hat.« »Sie haben mein Blut mit Genuß verschluckt? Sind Sie denn Menschenfresser?« »Das glaube ich nicht, gnädige Frau, aber ich hätte befürchtet, Sie zu entweihen, wenn ich einen einzigen Tropfen hätte verlorengehen lassen.« Eines Abends war große Gesellschaft; die Rede kam auf die Freuden des bevorstehenden Karnevals, und man klagte bitter, daß man kein Theater haben würde. Augenblicklich erbot ich mich, auf meine Kosten eine Schauspielertruppe zu besorgen, wenn man sofort alle Logen mieten und mir das ausschließliche Recht die Pharaobank zu halten bewilligen wollte. Es war keine Zeit zu verlieren, denn der Karneval stand vor der Tür, und ich mußte mich nach Otranto begeben. Mein Vorschlag wurde mit Freudenjubel aufgenommen, und der General stellte mir eine Feluke zur Verfügung. In drei Tagen waren alle Logen abonniert, und ein Jude nahm das ganze Parterre, ausgenommen an zwei Tagen der Woche, die ich mir vorbehielt. Der Karneval war in jenem Jahr sehr lang; ich hatte daher gute Aussichten auf Glück. Man behauptet, Theaterunternehmer sein sei ein schwerer Beruf; wenn dies der Fall ist, so habe ich jedenfalls nicht die Erfahrung gemacht und kann für meine Person das Gegenteil behaupten. Ich fuhr von Korfu mit Einbruch der Nacht ab, und da ein frischer Wind wehte, kam ich in Otranto bei Tagesanbruch an, ohne daß meine Ruderer ihre Ruder eingetaucht hätten. Von Korfu nach Otranto sind nur vierzehn oder fünfzehn Meilen. Ich konnte nicht daran denken, an Land zu gehen, da in ganz Italien alles, was aus dem Morgenlande kommt, der Quarantäne unterworfen ist; ich ging daher ins Sprechzimmer, wo man hinter einer Schranke mit den Personen sprechen kann, die sich gegenüber hinter einer anderen zwei Klafter entfernten Schranke aufstellen. Sobald ich bekanntgegeben hatte, daß ich gekommen wäre, um eine Schauspielertruppe für Korfu zu besorgen, erschienen die Direktoren der beiden Truppen, die damals sich in Otranto befanden. Ich sagte ihnen zunächst, ich wollte zuerst alle ihre Mitglieder in voller Bequemlichkeit mir ansehen, und zwar erst die der einen, dann die der anderen Gesellschaft. Nun gewährten mir die beiden Konkurrenten das Schauspiel eines höchst komischen Auftrittes, indem jeder von ihnen verlangte, daß der andere seine Truppe zuerst zeige. Der Hafenkapitän sagte mir endlich, es stände bei mir, ihrem Streit ein Ende zu machen, indem ich ihnen sagte, welche ich zuerst sehen wollte; die eine war eine neapolitanische, die andere eine sizilianische Truppe. Da ich keine von beiden kannte, so nannte ich die neapolitanische zuerst. Ihr Direktor, Don Fastidio, war ganz traurig darüber, während Battipaglia vor Freude strahlte, indem er hoffte, daß ich nach der Vergleichung seiner Truppe den Vorzug geben würde. Eine Stunde später sah ich Fastidio mit seiner Truppe ankommen; man denke sich meine Überraschung, als ich Petronio und seine Schwester Marina erkannte. Sobald diese mich bemerkte, stieß sie einen Freudenschrei aus, sprang über die Schranke und stürzte sich in meine Arme. Nun begann ein furchtbarer Spektakel zwischen Don Fastidio und dem Hafenmeister. Da Marina in Fastidios Lohn stand, zwang der Hafenmeister ihn, sie ins Lazarett bringen zu lassen, wo sie auf seine Kosten Quarantäne halten sollte. Die arme Kleine weinte, aber ich konnte ihre Unvorsichtigkeit nicht wieder gutmachen. Schließlich machte ich dem Wortwechsel ein Ende, indem ich Don Fastidio sagte, er möchte mir alle seine Mitglieder eins nach dem anderen vorführen. Zu ihnen gehörte auch Petronio, der die Liebhaberrollen spielte. Er sagte mir, er habe für mich einen Brief von Teresa. Ich sah mit Vergnügen einen Venezianer, den ich kannte und der den Pantalone spielte, drei Schauspielerinnen, die gefallen konnten, einen Pulcinello, einen Scaramuccio; die ganze Truppe schien mir recht leidlich zu sein. Ich sagte Fastidio, er möchte mir ganz genau sagen, was er für den Tag verlangte; wenn sein Konkurrent mir einen billigeren Preis stellen würde, so würde ich diesem den Apfel reichen. »Herr Offizier,« sagte er, »Sie werden für zwanzig Personen sechs Zimmer mit zehn Betten bereitstellen, dazu einen gemeinsamen Saal, bezahlen alle Reisekosten und täglich dreißig neapolitanische Dukaten. Hier haben Sie mein Repertoire; Sie können jedes beliebige Stück spielen lassen, das Sie bestimmen.« Ich dachte an die arme Marina, die die ganze Leidenszeit im Lazarett hätte durchmachen müssen, ehe sie wieder auftreten konnte, und sagte zu Fastidio, er möchte den Vertrag bereitmachen, ich wollte sofort abreisen. Kaum hatte ich die Worte ausgesprochen, so brach zwischen dem vorgezogenen und dem abgewiesenen Direktor offener Krieg aus. Dieser schimpfte im wütenden Ton Marina eine H ... und behauptete, sie hätte absichtlich im Einverständnis mit Fastidio die Sanitätsvorschrift verletzt, um mich zu nötigen, ihre Truppe zu nehmen. Petronio ergriff die Partei seiner Schwester und kam Fastidio zu Hilfe; der unglückselige Battipaglia wurde hinausgeworfen und bekam eine Tracht Prügel, die jedenfalls kein besonderer Trost für das entgangene Geschäft war. Eine Viertelstunde später brachte Petronio mir Teresas Brief; sie wurde reich, indem sie den Herzog ruinierte. Sie bewahrte mir immer noch die Treue und erwartete mich in Neapel. Gegen Abend war alles fertig; ich verließ Otranto mit zwanzig Komödianten und sechs großen Kisten, worin die ganze erforderliche Bühnenausrüstung sich befand. Ein leichter Südwind, der bei unserer Abfahrt wehte, hätte mich in zehn Stunden nach Korfu bringen können; aber, nachdem wir eine Stunde gesegelt waren, sagte mir mein Karabuschiri, er sehe im Mondschein ein Schiff kommen, das uns kapern könnte, wenn es ein Seeräuber wäre. Ich wollte nichts wagen, ließ daher umlegen und kehrte nach Otranto zurück. Mit Tagesanbruch gingen wir wieder unter Segel mit einem guten Westwind, der uns ebenfalls nach Korfu gebracht haben würde; aber nachdem wir zwei Stunden lang gefahren waren, sagte mir der Kapitän, er sehe eine Brigantine, die er für einen Korsaren halte, denn sie manöveriere so, als ob sie uns unter den Wind bringen wollte. Ich sagte ihm, er möchte die Richtung ändern und Steuerbord halten, um zu sehen, ob sie uns folgte; sofort machte die Brigantine das gleiche Manöver. Da ich nicht mehr nach Otranto zurück konnte und durchaus keine Lust hatte, nach Afrika zu gehen, sagte ich dem Kapitän, er solle rudern lassen und auf den nächsten Ort der kalabrischen Küste zuhalten. Die Matrosen schlotterten vor Angst an allen Gliedern und teilten ihre Furcht auch meiner komischen Truppe mit; bald herrschte auf dem ganzen Schiff nur Jammer und Wehklagen; jeder empfahl sich irgendeinem Heiligen, aber keinen einzigen von dem Gesindel hörte ich sich Gott empfehlen. Die Grimassen Scaramuccios und das düstere, trostlose Gesicht Fastidios bildeten ein Gemälde, worüber ich herzlich gelacht haben würde, wenn nicht die tatsächlich dringende Gefahr mich daran verhindert hätte. Nur Marina, die von der Größe der Gefahr keine Ahnung hatte, war fröhlich und machte sich über die allgemeine Angst lustig. Als gegen Abend ein starker Wind sich erhob, befahl ich alle Segel zu setzen und immer geradeaus zu fahren, selbst wenn der Wind noch stärker werden sollte. Ich hatte mich entschlossen, den Golf zu durchqueren, um mich vor den Angriffen des Korsaren in Sicherheit zu bringen. Nachdem ich so die ganze Nacht gesegelt war, beschloß ich, bis Korfu zu rudern; wir waren achtzig Seemeilen entfernt. Das Schiff befand sich mitten im Golf, und am Ende des Tages waren die Matrosen völlig erschöpft; aber ich befürchtete nichts mehr. Plötzlich begann ein Nordwind zu blasen; dieser wurde in weniger als einer Stunde so stark, daß wir mit erschrecklicher Schnelligkeit dahingetrieben wurden. Die Feluke schien jeden Augenblick kentern zu wollen. Entsetzen malte sich auf allen Gesichtern, aber es herrschte tiefes Schweigen, denn dieses hatte ich bei Todesstrafe anbefohlen. Trotz unserer peinlichen Lage mußte ich über die Schluchzer des feigen Scaramuccio lachen. Der Steuermann war ein tüchtiger Matrose, und da der Wind stetig blieb, so fühlte ich, daß wir ohne Unfall ans Ziel kommen würden. In der Morgendämmerung kam denn auch wirklich Korfu in Sicht, und um neun Uhr landeten wir. Man war allgemein erstaunt, uns von dieser Seite her ankommen zu sehen. Sobald meine Truppe ausgeschifft war, kamen natürlich die jungen Offiziere daher, um sich die Künstlerinnen anzusehen; das war in der Ordnung. Sie fanden sie jedoch wenig anmutend, mit Ausnahme Marinas, die, ohne sich zu beklagen, meine Mitteilung entgegennahm, daß ich mich nicht um sie bekümmern könnte. Ich war sicher, daß es ihr nicht an Anbetern fehlen würde. Meine Schauspielerinnen, die am Hafen häßlich ausgesehen hatten, fanden eine andere Beurteilung, als sie auf der Bühne erschienen, und vor allen gefiel die Frau des Pantalone. Als der Linienfchiffs-Kapitän Duodo ihr einen Besuch machte und Herrn Pantalone ungefällig fand, gab er ihm einige Stockhiebe. Infolgedessen kam am nächsten Morgen Don Fastidio zu mir und sagte mir, der Schauspieler und seine Frau wollten nicht mehr spielen. Ich schuf Abhilfe, indem ich ihnen eine Vorstellung als besonderes Benefiz für sie bewilligte. Pantalones Frau fand großen Beifall; sie fand sich aber beleidigt, weil das Parterre zum Zeichen des Beifalls Bravo duodo! rief, und kam, um sich zu beklagen, in die Loge des Generals, wo ich mich für gewöhnlich befand. Um sie zu trösten, versprach ihr der General in meinem Namen eine andere Benefizvorstellung zum Schluß des Karnevals, und wohl oder übel mußte ich mich mit diesem Versprechen einverstanden erklären. Tatsächlich überließ ich, um dies gefräßige Gezücht zufriedenzustellen, ihnen allmählich, eine nach der anderen, die siebzehn Vorstellungen, die ich mir vorbehalten hatte. Marina bewilligte ich eine auf Wunsch der Frau F., die sich für die Künstlerin interessierte, seitdem diese die Ehre gehabt hatte, mit Herrn D. R. unter vier Augen in einem Landhäuschen vor der Stadt zu frühstücken. Diese Großmut kostete mir mehr als vierhundert Zechinen; aber die Bank brachte mir mehr als tausend ein, obgleich ich nie selber abzog, da die Theaterangelegenheiten mir keine Zeit dazu ließen. Viel Ehre machte es mir, daß ich, wie man klar und deutlich sah, keinerlei Liebesverhältnis mit den Schauspielerinnen unterhielt, was mir doch so leicht gewesen wäre. Frau F. machte mir ein Kompliment darüber, indem sie mir sagte, sie habe mich nicht für so vernünftig gehalten. Ich war während des ganzen Karnevals so beschäftigt, daß ich nicht an Liebe denken konnte, nicht einmal an die, die mir so sehr am Herzen lag. Erst nach Beginn der Fastenzeit und nach der Abreise der Schauspieler konnte ich mich meiner Leidenschaft ganz und gar hingeben. Eines Morgens kam zu mir ein Bote von Frau F. und sagte mir, sie wünsche mich zu sprechen. Es war elf Uhr; ich begab mich unverzüglich zu ihr und fragte sie, worin ich ihr angenehm sein könnte. »Ich habe Sie kommen lassen,« sagte sie mir, »um Ihnen die zweihundert Zechinen wiederzugeben, die Sie mir in so vornehmer Weise geliehen haben. Hier sind sie; wollen Sie mir, bitte, meinen Schuldschein wiedergeben.« »Ihr Schein, gnädige Frau, ist nicht mehr in meinen Händen. Er ist unter wohlversiegeltem Umschlag bei Herrn Notar N. N. niedergelegt, der ihn laut dieser Quittung nur Ihnen selber ausliefern darf.« »Warum haben Sie ihn nicht bei sich behalten?« »Ich hatte Furcht, er könnte mir gestohlen werden oder sonstwie verlorengehen. Ich hätte sterben können, und ich wollte nicht, daß der Schein in andere Hände fiele, als in die Ihrigen.« »Ihr Vorgehen ist sicherlich zartfühlend; aber mir scheint, Sie hätten sich das Recht vorbehalten müssen, selbst den Schein zurückziehen zu können.« »Ich habe nicht die Möglichkeit vorausgesehen, ihn zurückzuziehen.« »Diese Möglichkeit hätte jedoch leicht eintreten können. Ich kann also dem Notar sagen lassen, er möge mir den Umschlag schicken?« »Ohne Zweifel, gnädige Frau; und Sie allein können es tun.« Sie schickte zum Notar, und dieser überbrachte ihr den Brief. Sie riß den Umschlag auf und fand nur ein geschwärztes, unleserliches Papier; nur ihren Namen hatte ich stehen lassen. »Dies zeugt«, sagte sie mir, »für eine ebenso vornehme wie zartfühlende Handlungsweise. Aber gestehen Sie, ich kann nicht sicher sein, daß dieser Fetzen Papier wirklich mein Schein ist, obgleich ich meinen Namen darauf sehe.« »Das ist wahr, gnädige Frau, und wenn Sie dessen nicht sicher sind, so habe ich sehr unrecht getan.« »Ich bin dessen sicher, weil ich es sein muß; aber Sie werden mir zugeben, daß ich nicht darauf schwören könnte.« »Ich gebe es zu.« An den folgenden Tagen kam es nur vor, als habe sie ihr Benehmen gegen mich vollständig geändert. Sie empfing mich nicht mehr im Morgenkleide, und ich mußte mich langweilen und warten, bis ihre Zofe sie angekleidet hatte; erst dann wurde ich in ihr Zimmer eingelassen. Wenn ich irgend etwas erzählte, tat sie, als verstände sie mich nicht oder als könnte sie den Witz eines Wortspieles oder einer Anekdote nicht entdecken; oft sogar sah sie mich nicht einmal an, und dann erzählte ich schlecht. Wenn Herr D.R. über etwas lachte, was ich erzählt hatte, so fragte sie ihn, warum er lache; und wenn er ihr meine Geschichte wiederholte, fand sie sie flach oder abgeschmackt. Wenn sich eines ihrer Armbänder abgelöst hatte, erbot ich mich natürlich, es wieder zu befestigen; aber dann hieß es entweder, sie wolle mir nicht die Mühe machen, oder ich kenne den Mechanismus der Feder nicht, und so mußte ihre Zofe es machen. Meine Verdrießlichkeit wurde allmählich sichtbar; aber sie tat, als merkte sie es nicht. Wenn Herr D. R. mich aufforderte, etwas Nettes zu sagen, und ich nicht sofort sprach, dann sagte sie, ich wäre wohl auf dem Grund meines Sackes angelangt und jetzt völlig ausgepumpt. Voll Verdruß gab ich dies zu, denn da ich nun einmal ihren Beifall nicht finden konnte, so schwieg ich lieber; aber meine Leidenschaft verzehrte mich; denn ich wußte nicht, welchem Umstand ich diese Veränderung, diesen Stimmungswechsel zuschreiben sollte, da mir schien, ich selber hätte nicht den geringsten Anlaß dazu gegeben. Ich wollte den Entschluß fassen, ihr offen meine Mißachtung kundzugeben; aber wenn die Gelegenheit dazu sich bot, hatte ich nicht den Mut. Als eines Abends Herr D. R. mich fragte, ob ich oft verliebt gewesen sei, antwortete ich ihm: »Dreimal, gnädiger Herr.« »Und immer glücklich, nicht wahr?« »Immer unglücklich. Das erstemal vielleicht, weil ich als Abbate mich nicht zu entdecken wagte. Das zweitemal, weil ein furchtbares, unvorhergesehenes Ereignis mich zwang, in demselben Augenblick, wo meine Wünsche sich erfüllen sollten, mich von dem geliebten Wesen zu entfernen. Das drittemal, weil die Dame, für die ich entbrannt war, Mitleid mit mir fühlte und daher Lust bekam, mich von meiner Leidenschaft zu heilen, anstatt mich glücklich zu machen.« »Und welches Heilmittel hat sie zu diesem Zweck benutzt?« »Sie ist nicht mehr liebenswürdig gewesen.« »Ich verstehe; sie hat Sie mißhandelt, und das nennen Sie Mitleid? Sie irren sich.« »Sicherlich«, sagte die gnädige Frau, »hat man Mitleid mit einem, den man lieb hat, und man will ihn nicht heilen, indem man ihn unglücklich macht. Diese Frau hat Sie niemals geliebt.« »Das will ich nicht glauben, gnädige Frau.« »Aher sind Sie geheilt?« »Vollkommen; denn wenn ich zufällig einmal an sie denke, finde ich mich kalt und gleichgültig; aber bis zur Genesung hat es lange gedauert.« »Ich denke mir, es hat so lange gedauert, bis Sie in eine andere verliebt geworden sind?« »In eine andere, gnädige Frau? Ich glaubte, Ihnen gesagt zu haben, daß meine dritte die letzte war.« Einige Tage später sagte Herr D. R. zu mir, Frau F. sei unwohl; er könne ihr nicht Gesellschaft leisten, aber ich müsse hingehen; er sei überzeugt, es werde ihr viel Vergnügen machen. Ich gehorchte und wiederholte der Frau F., die auf ihrem Sofa lag, Wort für Wort das Kompliment des Herrn D. R.; sie antwortete mir, ohne mich anzusehen, sie glaubte, sie hätte Fieber und lüde mich darum nicht zum Bleiben ein; denn sie wäre überzeugt, daß ich mich weilen würde. »In Ihrer Gegenwart, gnädige Frau, kann ich mich nicht weilen; übrigens kann ich nur gehen, wenn Sie mir den strengen Befehl geben, und in diesem Fall werde ich vier Stunden in Ihrem Vorzimmer verbringen, denn Herr D. R. hat mir gesagt, ich möchte ihn hier erwarten.« »Dann setzen Sie sich also, wenn Sie wollen.« Ein so schroffer Ausdruck empörte mich; aber ich liebte sie, und ich hatte sie niemals so schön gesehen, denn ihr Unwohlsein belebte ihre Gesichtsfarbe auf eine Art, daß sie wirklich blendend aussah. Ich blieb eine Viertelstunde lang stumm und unbeweglich wie ein Standbild; dann klingelte sie ihrer Kammerzofe und bat mich, sie einen Augenblick allein zu lassen. Wenige Minuten später ließ sie mich wieder eintreten und fragte mich: »Was ist denn aus Ihrer lustigen Laune geworden?« »Wenn meine lustige Laune verschwunden ist, gnädige Frau, so kann dies nur auf Ihren Befehl geschehen sein. Rufen Sie sie zurück, und Sie werden sie in ihrer ganzen Stärke wieder vor Ihnen erscheinen sehen.« »Was muß ich tun, um sie wieder zurückzurufen?« »Seien Sie gegen mich so, wie Sie waren, als ich von Kasopo zurückkam. Seit vier Monaten mißfalle ich Ihnen; und da ich nicht wissen kann weshalb, so betrübt mich dieses tief.« »Ich bin immer die gleiche. In welcher Hinsicht finden Sie mich denn verändert?« »Gütiger Himmel! In allem, ausgenommen in Ihrer Persönlichkeit. Aber ich habe meinen Entschluß gefaßt.« »Und wie lautet dieser?« »Ich will schweigend bleiben. Niemals kann etwas die Gefühle vermindern, die Sie mir eingeflößt haben; stets wird mich der Wunsch erfüllen, Sie von einer vollkommenen Ergebenheit zu überzeugen; stets werde ich bemüht sein, Ihnen neue Beweise meines Eifers zu geben« »Ich dake Ihnen; aher ich weiß nicht, was Sie meinetwegen schweigend zu leiden haben können. Ich habe Teilnahme für Sie und höre Ihre Abenteuer stets mit Vergnügen. So zum Beispiel bin ich sehr neugierig, Sie von Ihren drei Liebschaften erzählen zu hören.« Ich erfand sofort drei Geschichtchen, worin viel von Gefühl und idealer Liebe die Rede war; doch streifte ich niemals sinnlichen Genuß, besonders wenn ich zu merken glaubte, daß sie etwas Derartiges erwartete. Ich sah leicht, daß ihre Phantasie weiter ging als meine Erzählung, und ich bemerkte auch, daß meine Zurückhaltung ihr gefiel. Ich glaubte sie gut genug zu kennen, um zu wissen, daß dies das beste Mittel wäre, sie zum erwünschten Ziel zu führen. Sie machte eine Bemerkung, die mich empfindlich traf; doch hütete ich mich, etwas davon merken zu lassen. Es handelte sich um diejenige von den dreien, die es aus Mitleid unternommen hatte, mich von meiner Liebe heilen zu wollen. »Wenn sie Sie wirklich liebte,« sagte sie, »so ist es wohl möglich, daß sie nicht Sie, sondern sich selber hat heilen wollen.« Am Tage nach dieser Art von Aussöhnung bat ihr Gatte, Herr F., meinen General D. R., mich auf drei Tage nach Butintro auf eine Expedition gehen zu lassen, da sein Adjutant schwer erkrankt war. Butintro liegt in einer Entfernung von sieben Seemeilen Korfu gegenüber. Es ist der nächstgelegene Ort des Festlandes, kein Fort, sondern ein gewöhnliches Dorf in Epirus, dem heutigen Albanien; es gehört den Venezianern. In Befolgung des politischen Grundsatzes, daß vernachlässigtes Recht verlorenes Recht ist, schicken die Venezianer alljährlich vier Galeeren mit Sträflingen dorthin, um Holz zu fällen und auf die Schiffe zu verladen; sie sind begleitet von Truppen, um die Arbeiter zu überwachen, die ohne diese Vorsichtsmaßregel desertieren könnten, um Türken zu werden. Da die eine der vier Galeeren von Herrn F. bemannt wurde, brauchte er einen Adjutanten, und seine Wahl fiel auf mich. Wir fuhren ab und brachten am vierten Tage einen großen Holzvorrat nach Korfu. Es war am Karfreitag. Ich ging in die Wohnung des Herrn D. R., den ich allein auf der Terrasse fand. Er war nachdenklich, und nach kurzem Schweigen hielt er an mich folgende Ansprache, die ich niemals vergessen werde: »Herr F., dessen Adjutant gestern gestorben ist, hat mich soeben gebeten, Sie ihm abzutreten, bis er sich einen anderen habe verschaffen können. Ich habe ihm geantwortet, ich glaube nicht das Recht zu haben, über Sie verfügen zu können, und er müßte sich an Sie selber wenden; doch versichere ich Ihnen, wenn Sie mich um Erlaubnis bäten, so würde ich keine Schwierigkeiten machen, obwohl ich zwei Adjutanten brauche. Er hat Ihnen seit Ihrer Rückkehr nichts gesagt?« »Nichts, gnädiger Herr; er hat mir gedankt, daß ich auf seiner Galeere nach Butintro gefahren bin – sonst nichts.« »Ohne Zweifel wird er mit Ihnen darüber sprechen; was werden Sie ihm sagen ?« »Selbstverständlich werde ich ihm sagen, daß ich niemals Eure Exzellenz verlassen werde ohne Ihren ausdrücklichen Befehl.« »Sicherlich werde ich Ihnen diesen Befehl niemals geben.« In dem Augenblick, wo Herr D. R. diese Worte aussprach, traten Herr und Frau F. ein. Da ich wußte, wovon wahrscheinlich die Rede sein würde, ging ich schnell hinaus. Eine Viertelstunde darauf wurde ich hineingerufen, und Herr F. sagte mir in herzlichem Ton: »Nicht wahr, Herr Casanova, Sie würden gerne als Adjutant bei mir sein?« »Seine Exzellenz gibt mir also meinen Abschied?« »Durchaus nicht,« sagte Herr D. R., »aber ich lasse Ihnen freie Wahl.« »Gnädiger Herr, es ist mir unmöglich, undankbar zu sein.« Verwirrt, mit gesenkten Augen stand ich da; ich suchte nicht meine Betroffenheit zu verbergen, die nur eine Wirkung meiner Lage sein konnte. Ich fürchtete die Blicke der Frau F., denen ich um alles Gold der Welt nicht hätte begegnen mögen, umso mehr da ich wußte, daß sie alles erraten konnte, was in mir vorging. Einen Augenblick darauf machte ihr Mann in kaltem Tone die dumme Bemerkung, ich würde allerdings bei ihm einen viel anstrengenderen Dienst haben als bei Herrn D. R.; außerdem wäre es eine größere Ehre, dem Gouverneur der Galeeren zu dienen, als einem einfachen Sopracomito. Ich wollte antworten, da ergriff die gnädige Frau das Wort und sagte mit liebenswürdiger Stimme und mit ganz unbefangener Miene: »Herr Casanova hat recht.« Hierauf wurde von anderen Dingen gesprochen, und ich ging hinaus, um über das Vorgefallene nachzudenken. Schließlich gelangte ich zu dem Ergebnis, Herr F. könnte mich nur auf Antrieb seiner Frau von Herrn D. R. verlangt haben, oder mindestens mit ihrer Zustimmung. Dies schmeichelte zugleich meiner Liebe und meinem Selbstgefühl. Indessen war meine Ehre dabei im Spiel, diesen Stellenwechsel nicht anzunehmen, wenn ich nicht die bestimmte Gewißheit hätte, daß es meinem gegenwärtigen Chef angenehm sein würde. Ich werde annehmen, sagte ich bei mir selber, sobald Herr D. R. mir geradezu sagt, daß ich ihm mit der Annahme ein Vergnügen mache. Hierfür hat Herr F. zu sorgen. Am selben Abend hatte ich die Ehre bei der Karfreitagsprozession, der der ganze Adel zu Fuß folgt, Frau F. den Arm zu reichen. Ich erwartete, sie würde mir ein Wort über die Angelegenheit sagen, aber sie blieb stumm. Meine Liebe war in Verzweiflung und ich verbrachte die ganze Nacht, ohne ein Auge schließen zu können. Ich fürchtete, meine Weigerung hätte sie beleidigt und dieser Gedanke schnitt mir ins Herz. Den ganzen nächsten Tag aß ich keinen Bissen, und am Abend in der Gesellschaft sagte ich kein Wort. Ich fühlte mich krank und legte mich zu Bett mit einem Fieber, das mich a... ersten Ostertag das Bett zu hüten zwang. Am andern Tage war ich noch sehr schwach und wollte in meinem Zimmer bleiben; doch kam ein Bote von Frau F. und sagte mir, sie wolle mich sprechen. Ich verbot dem Mann zu sagen, daß er mich im Bett gefunden, stand auf und begab mich zu ihr. Bleich, verstört betrat ich ihr Zimmer; trotzdem fragte sie mich nicht nach meiner Gesundheit. Sie schwieg einen Augenblick, wie wenn sie sich darauf besinnen müßte, warum sie mich hatte rufen lassen, und sagte dann: »Ach so – wie Sie wissen, ist unser Adjutant gestorben und wir müssen ihn ersetzen. Mein Mann, der Sie gern hat, ist überzeugt, Herr D. R. überlasse Ihnen freie Wahl, und hat sich in den Kopf gesetzt, Sie werden annehmen, wenn ich selber Sie bitte, uns dieses Vergnügen zu machen. Täuscht er sich? Wenn Sie kommen wollen. erhalten Sie dies Zimmer nebenan.« Sie zeigte mir eine Stube unmittelbar neben ihrem Schlafzimmer und so gelegen, daß ich mich nicht einmal an das Fenster zu stellen brauchte, um sie in allen Winkeln sehen zu können. »Herr D.R.«, sagte sie, »wird Ihnen nicht weniger gewogen bleiben, und da jeden Tag bei mir sehen wird, so wird er Ihre Interessen nicht vergessen. Nun sagen Sie mir, wollen Sie kommen oder nicht?« »Ich möchte es gern, gnädige Frau, aber ich kann nicht.« »Sie können nicht? Das ist sonderbar. Setzen Sie sich und sagen Sie mir, was Sie verhindert, wenn Sie sicher sind mit der Annahme, sowohl Herrn D.R. wie uns einen Gefallen zu tun?« »Wenn ich dessen sicher wäre, würde ich augenblicklich annehmen, ich habe aber aus seinem eigenen Munde nichts weiter gehört, als daß er mir freie Wahl läßt.« »Sie fürchten also ihn zu betrüben, wenn Sie zu uns kommen?« »Das könnte wohl sein, und um alles in der Welt möchte ich nicht ....« »Ich bin des Gegenteils gewiß.« »Haben Sie die Güte zu bewirken, daß er es mir sagt.« »Und alsdann werden Sie kommen?« »O mein Gott! Augenblicklich!« Bei diesem Ausruf, der vielleicht zu vielsagend war, wandte ich die Augen zur Seite, um sie nicht in Verlegenheit zu setzen. Unterdessen verlangte sie ihr Mäntelchen, um in die Messe zu gehen, und wir verließen das Haus. Als wir die Treppe hinuntergingen, stützte sie ihre bloße Hand auf die meinige. Es war das erstemal, daß ich diese Gunst erlangte; man kann sich denken, daß ich sie als ein gutes Vorzeichen ansah. Als sie meine Hand losließ, fragte sie mich, ob ich Fieber hätte, denn meine Hand wäre ganz glühend heiß. Als wir die Kirche verließen, bot ich ihr meine Hand, um ihr behilflich zu sein, in den Wagen des Herrn D.R. zu steigen, dem wir zufällig begegneten. Sobald ich mich von ihr verabschiedet hatte, beeilte ich mich nach Hause zu gehen, um frei aufatmen zu können und mich der ganzen Freude meiner Seele hinzugeben; denn ich zweifelte nicht mehr daran, daß ich geliebt würde, und ich glaubte, Herr D.R. könnte unter den obwaltenden Umständen Frau F. die erbetene Gefälligkeit nicht abschlagen. Was ist die Liebe! Ich habe viel antiken Wortschwall über diesen Gegenstand gelesen; ich habe auch das meiste von dem gelesen, was die Modernen darüber sagen; aber was man auch darüber gesagt haben mag, was ich selber darüber gesagt habe, als ich jung war, und jetzt, wo ich es nicht mehr bin: nichts wird mich zu dem Geständnis bringen, daß die Liebe eine Kleinigkeit oder ein eitles Ding sei. Sie ist eine Art Wahnsinn, ja – ein Wahnsinn, auf den die Philosophie gar keinen Einfluß hat; sie ist eine Krankheit, der der Mensch in jedem Lebensalter unterworfen ist, und die unheilbar ist, wenn sie ihn im Alter befällt. Liebe! Unerklärbares Wesen, unerklärbares Gefühl! Gott der Natur! Süße Bitternis! Grausame Bitternis! Liebe! Reizendes Ungeheuer, das man nicht beschreiben kann! Inmitten von tausend Leiden, die du über das Leben ausbreitest, säest du so viele Wonnen aus, daß ohne dich Sein und Nichtsein ein und dasselbe wären. Zwei Tage darauf sagte mir Herr D.R., ich möchte, um die Befehle des Herrn F. entgegenzunehmen, mich auf dessen Galeere begeben, die in fünf oder sechs Tagen unter Segel gehen sollte. Schnell packte ich meine Sachen und ging zu meinem neuen Vorgesetzten, der mich sehr gut aufnahm; wir segelten ab, ohne die Signora zu sehen, da diese noch schlief. Fünf Tage darauf liefen wir wieder in den Hafen ein, und ich richtete mich sofort in meiner lieben neuen Behausung ein; denn in dem Augenblick, wo ich mich anschickte, mich zu Herrn D.R. zu begeben, um ihn nach seinen Befehlen zu befragen, erschien dieser selbst. Er fragte Herrn F., ob er mit mir zufrieden gewesen sei, und richtete dieselbe Frage an mich mit Bezug auf Herrn F. Dann sagte er zu mir: »Casanova, da Sie gegenseitig miteinander zufrieden sind, so können Sie überzeugt sein, daß Sie mir ein wirkliches Vergnügen bereiten, indem Sie bei Herrn F. im Dienst bleibend.« Ich fügte mich ehrerbietig und war in einer Stunde in meinem neuen Wirkungskreise eingerichtet. Frau F. sagte mir, sie sei entzückt, daß diese große Angelegenheit endlich im Sinne ihrer Wünsche erledigt sei. Ich antwortete ihr durch eine tiefe Verbeugung. So war ich also endlich wie der Salamander im Feuer, in das ich mich selber hineingewünscht hatte. Ich war fast immer unter den Augen der gnädigen Frau, speiste oft allein mit ihr; begleitete sie oft allein beim Spaziergang; wenn Herr D.R. nicht bei uns zu Tisch war, saß sie in meinem Zimmer, selbst wenn ich schrieb, mich mit ihr in dem ihrigen; stets war ich dienstfertig und aufmerksam, ohne scheinbar jemals die geringsten Ansprüche zu erheben. So verbrachte ich die ersten vierzehn Tage, ohne daß diese Annäherung in unserem wechselseitigen Benehmen irgendeine Veränderung hervorgebracht hätte. Indessen hoffte ich. Und um meinen Mut zu beleben, redete ich mir ein, die Liebe sei noch nicht stark genug, um ihren Stolz zu besiegen. Ich erwartete alles vom Zufall, und ich war fest entschlossen, sobald ein günstiger sich darbiete, ihn zu benutzen, denn ich war überzeugt, daß ein Liebender verloren ist, wenn er nicht das Glück an der Stirnlocke zu packen weiß. Unangenehm war mir, daß sie in der Öffentlichkeit sich befleißigte, mich mit Gunstbeweisen zu überhäufen, während sie unter vier Augen damit zu geizen schien. Vor der Welt sah es ganz so aus, als sei ich glücklich; mir aber wäre es lieber gewesen, etwas weniger glücklich zu scheinen und es etwas mehr zu sein. Meine Liebe zu ihr war rein; Eitelkeit mischte sich nicht hinein. Als ich eines Tages mit ihr allein war, sagte sie mir. »Sie haben Feinde; aber gestern abend habe ich diese zum Schweigen gebracht.« »Das sind Neider, gnädige Frau, denen ich Mitleid erregen würde, wenn sie das Geheimnis meines Herzens kennten, und von denen Sie mich leicht befreien könnten.« »Bitte, inwiefern würden Sie ihr Mitleid erregen, und wie könnte ich Sie wohl von ihnen befreien?« »Sie halten mich für glücklich, und ich schmachte; befreien würden Sie mich von ihnen, wenn Sie mich schlecht behandelten.« »Sie wären also weniger empfindlich gegen meine schlechte Behandlung als gegen den Neid der Böswilligen?« »Gewiß, gnädige Frau, vorausgesetzt, daß die öffentliche schlechte Behandlung durch Güte unter vier Augen ausgeglichen würde; denn in meinem Glück, Ihnen anzugehören, fühle ich mich durch kein Gefühl der Eitelkeit belebt. Möge man mich beklagen – ich werde glücklich sein, vorausgesetzt, daß man sich irrt.« »Eine solche Rolle werde ich niemals zu spielen wissen.« Ich beging oft die Indiskretion, mich hinter dem Fenstervorhang meines Zimmers zu verbergen, um sie in aller Muße zu betrachten, wenn sie sich sicher glauben mußte, von niemandem gesehen zu werden. Aber was ich auf diese Weise erhaschte, war recht unbedeutend. Entweder ahnte sie, daß ich sie sehe, oder es war ihre Gewohnheit alle ihre Bewegungen waren so gemessen, daß selbst, ich sie in ihrem Bett sah, mein Glück sich auf ihren reizenden Kopf beschränkte. Als eines Tages ihre Zofe von ihren schönen langen Haaren die Spitzen abschnitt, machte ich mir den Spaß, alle diese hübschen kleinen Schnitzel aufzuheben; ich legte sie nach und nach sämtlich auf ihren Putztisch, mit Ausnahme eines Löckchens, das ich in die Tasche steckte, da ich glaubte, sie habe nicht darauf acht gegeben; kaum aber waren wir allein, so sagte sie mir freundlich, aber ein bißchen zu ernst, ich möchte die Haare herausgeben, die ich aufgehoben hätte. Dies fand ich zu stark; denn eine derartige Strenge schien mir ebenso grausam wie ungerecht und unangebracht zu sein. Ich gehorchte, aber ich warf die Haare mit der verächtlichsten Miene auf ihren Putztisch. »Mein Herr, Sie vergessen sich!« »O nein, gnädige Frau; Sie hätten sich ja stellen können, als hätten Sie diesen unschuldigen Raub nicht bemerkt.« »..Solche Verstellung ist unbequem.« »Welche schwarze Tat konnten Sie meiner Seele zutrauen wegen eines so kindischen Diebstahles?« »Keine schwarze Tat, aber unerlaubte Gefühle, die Sie nicht gegen mich hegen dürfen.« »Gefühle, die Sie vielleicht nicht erwidern, gnädige Frau, die mir aber nur von Haß oder Stolz verboten werden können. Wenn Sie ein Herz hätten, würden Sie solchen Gefühlen nicht zum Opfer fallen; aber Sie haben nur Geist, und es muß ein boshafter Geist sein, weil er sich so viele Mühe gibt, mich zu demütigen. Sie haben mir mein Geheimnis entlockt, gnädige Frau; machen Sie davon Beliebigen Gebrauch. Dafür aber habe ich Sie richtig kennengelernt. Diese Kenntnis wird mir nützlicher sein als Ihnen Ihre Entdeckung; denn ich werde vielleicht vernünftig werden.« Nach diesem Gefühlsausbruch ging ich hinaus; und da ich mich nicht zurückrufen hörte, schloß ich mich in mein Zimmer ein. In der Hoffnung, mich durch Schlaf zu beruhigen, zog ich mich aus und legte mich zu Bett. In solchen Augenblicken findet ein Verliebter den geliebten Gegenstand abscheulich; seine in Zorn verwandelte Liebe erzeugt nur noch Haß und Verachtung. Es war mir unmöglich einzuschlafen, und als man mich zum Abendessen rufen wollte, ließ ich sagen, ich wäre krank. Die Nacht verging, ohne daß ich ein Auge schließen konnte; ich fühlte mich wie gerädert, aber ich wollte sehen, wie sich die Sache entwickeln würde, und weigerte mich zum Essen zu kommen, indem ich wiederum sagte, ich wäre krank. Am Abend fühlte ich mein Herz vor Freude höher schlagen, als ich meine schöne Dame in mein Zimmer eintreten hörte. Unruhe, Fasten und Schlaflosigkeit ließen mich wirklich krank aussehen, und dies freute mich. Ich entledigte mich bald ihres Besuches, indem ich ihr in gleich- gültigem Tone sagte, es wäre nur ein heftiges Kopfweh, woran ich öfters litte; Fasten und Ruhe würden mich bald wieder herstellen. Gegen elf Uhr kam abermals Frau F., diesmal mit ihrem Freunde Herrn D. R. Sie trat an mein Bett heran und fragte zärtlich: »Was haben Sie denn, mein armer Casanova ?« »Ein schweres Kopfweh, gnädige Frau, das morgen vorüber sein wird.« »Warum wollen Sie bis morgen warten? Sie müssen sofort gesund werden. Ich habe für Sie eine Fleischbrühe und zwei frische Eier bestellt.« »Nichts, gnädige Frau! Nur Hunger kann mich heilen.« »Er hat recht,« sagte Herr D. R.; »ich kenne diese Krankheit.« Ich schüttelte leise den Kopf. Während Herr D. R. sich damit beschäftigte, einen Kupferstich zu betrachten, ergriff sie meine Hand und sagte mir, es würde sie außerordentlich freuen, wenn sie mich eine Tasse Brühe trinken sähe; als sie die Hand zurückzog, fühlte ich, wie sie ein Päckchen in der meinigen ließ; hierauf trat sie zu Herrn D. R. heran, um ebenfalls das Bild zu besehen. Ich öffne das Päckchen, fühle Haare und beeile mich, sie unter der Decke zu verstecken; zugleich aber fühle ich auf eine Weise, die mich erschreckt, mir das Blut in den Kopf steigen. Ich verlange Wasser; sie kommt mit Herrn D. R. an mein Bett, und beide sind erschrocken, mich plötzlich ganz rot und erhitzt zu sehen, während ich eben noch blaß und teilnahmslos gewesen war. Sie gibt mir ein Glas Wasser mit Karmeliterwasser vermischt; dies ruft binnen einer Minute ein heftigs Erbrechen hervor. Einen Augenblick darauf fühle ich mich besser und verlange etwas zu essen. Sie lächelt. Ihre Kammerfrau kommt mit der Brühe und den Eiern, und während ich diese Stärkung zu rnir nehme, erzähle ich ihnen die Geschichte von Pandolfin. Herr D. R. glaubte ein Wunder zu sehen, und ich las auf den Zügen der anbetungswürdigen Frau Liebe, Mitleid und Reue. Wäre nicht Herr D. R. dabei gewesen, so würde jetzt die Stunde meines Glückes geschlagen haben; aber ich hatte die Gewißheit, daß sie nur hinausgeschoben war. Herr D. R. sagte zu Frau F., wenn er nicht mein Erbrechen gesehen hätte, würde er meine Krankheit für Verstellung gehalten haben; denn ein so rascher Übergang von Traurigkeit zur Fröhlichkeit wäre seiner Meinung nach nicht möglich. »Das hat mein Wasser bewirkt,« sagte die Signora mit einem Blick auf mich; »ich werde Ihnen mein Fläschchen dalassen.« »Nein, gnädige Frau, nehmen Sie es gütigst mit, denn ohne Ihre Gegenwart würde das Wasser wirkungslos sein.« »Das glaube ich auch,« sagte der Herr; »darum lasse ich Sie hier bei dem Kranken.« »Nein, nein! Wir müssen ihn schlafen lassen.« Wirklich schlief ich die ganze Nacht; und ich schlief im Traum mit ihr; die Wirklichkeit hätte meine Genüsse nicht erhöhen können. Ich fand, daß ich große Fortschritte gemacht hätte; denn ein vierunddreißigstündiges Fasten gab mir das Recht, offen ihr von Liebe zu sprechen, und das Geschenk ihrer Haare war ein unverkennbares Liebesgeständnis. Am nächsten Morgen sagte ich Herrn F. guten Tag und plauderte dann einen Augenblick mit ihrer Kammerzofe, während ich darauf wartete, daß es bei der gnädigen Frau Tag würde. Ich hatte das Vergnügen, sie lachen zu hören, als sie erfuhr, daß ich da wäre. Sie ließ mich eintreten. Ich hatte keine Zeit, auch nur ein einziges Wort zu sagen; denn sie rief mir sofort entgegen, sie sei ganz entzückt, mich wohlauf zu sehen, und ich müsse Herrn D. R. guten Morgen wünschen. Nicht nur in den Augen eines Liebenden, sondern in den Augen jedes Mannes, der sie in diesem Zustande sieht, ist eine schöne Frau in dem Augenblick, wo sie sich den Armen des Schlummers entwindet, tausendmal entzückender als in jenem Augenblick, wo sie ihre Toilette beendet hat. Frau F. übergab mich in jenem Augenblick mit mehr Strahlen, als die Sonne verbreitet, wenn sie der Morgenröte sich zeigt. Trotzdem hält auch die schönste Frau ebensoviel auf ihre Toilette, wie eine, die derselben nicht eintraten könnte; denn je mehr man hat, desto mehr will man haben. In dem Befehl, den Frau F. mir gab, sah ich einen neuen Anlaß für mich, nahen Glückes gewiß zu sein; denn indem sie mich fortschickt, sagte ich mir, hat sie sich gegen Ansprüche sichern wollen, die ich hätte erheben können und die sie hätte befriedigen müssen. Im Besitze ihrer Haare fragte ich meine Liebe um Rat, was ich damit machen sollte; denn um den sentimentalen Geiz wieder gutzumachen, den sie an den Tag gelegt hatte, indem sie mich die kleinen Abschnitzel wieder herauszugeben nötigte, hatte sie mir diesmal eine ganze Locke gegeben, die groß genug war, eine Flechte daraus zu machen. Ihre Haare waren anderthalb Ellen lang. Nachdem ich meinen Entschluß gefaßt hatte, ging ich zu einem jüdischen Zuckerbäcker, dessen Tochter eine gute Stickerin war, und ließ in meiner Gegenwart auf ein Armband von grünem Atlas die vier Anfangsbuchstaben unserer Namen sticken; hierauf machte sie mir aus dem Rest eine sehr dünne Schnur. An dem einen Ende derselben ließ ich aus schwarzem Bande eine Schnur anbringen, mit der ich mich hätte erdrosseln können, wenn jemals die Liebe mich zur Verzweiflung gebracht hätte. Ich machte mir ein Halsband daraus. Da ich von einem so köstlichen Schatz nichts verlieren wollte, zerschnitt ich den ganzen Rest der Haare mit einer Schere, so daß ein ganz feines Pulver daraus wurde, und befahl dem Zuckerbäcker, dieses vor meinen Augen in einen Teig von Ambra, Zucker, Vanille, Engelwurz, Alkermes und Storar zu mischen; ich ging nicht eher, als bis die Plätzchen, die er aus dieser Mischung formte, fertig waren. Ich ließ mir ganz gleiche aus denselben Bestandteilen, mit Ausnahme der Haare, anfertigen, und tat die ersteren in eine schöne Bonbondose von Bergkristall, die anderen in eine Schildpattdose. Seitdem sie mir durch das Geschenk ihrer Haare das Geheimnis ihres Herzens verraten hatte, verlor ich nicht mehr meine Zeit damit, ihr Geschichten zu erzählen; ich sprach zu ihr nur noch von meiner Leidenschaft und von meinem Wünschen: ich sagte ihr, sie müsse mich entweder aus ihrer Gegenwart verbannen oder mich glücklich machen; aber die Grausame wollte dies nicht zugeben. Sie antwortete mir wir könnten nur glücklich sein, indem wir uns jeder Pflichtverletzung enthielten. Wenn ich mich ihr zu Füßen warf, um im voraus Vergebung zu erhalten für die Gewalt, die ich ihr antun wollte, wehrte sie mich mit einer Kraft ab, die viel stärker war als die eines weiblichen Herkules; denn sie sagte mir mit einer Stimme voll von Liebe und Gefühl: »Mein Freund, ich bitte Sie nicht, meine Schwachheit zu achten, aber ach! schonen Sie doch meiner um der Liebe willen, die ich für Sie hege!« »Wie? Sie lieben mich, und Sie wollen sich niemals entschließen, mich glücklich zu machen! Das ist unglaublich, das ist unnatürlich! Sie zwingen mich zu glauben, daß Sie mich nicht lieben. Lassen Sie mich einen Augenblick meine Lippen auf die Ihrigen pressen; mehr werde ich von Ihnen nicht verlangen.« »Nein, mein Freund, nein! Dies wurde nur unsere Wünsche entflammen, meine Entschlüsse erschüttern, und wir würden noch unglücklicher sein.« Auf solche Art brachte sie mich jeden Tag zur Verzweiflung, und dann beklagte sie sich hinterdrein, man vermisse an mir in Gesellschaft den Geist und Frohsinn, die ihr so sehr gefallen hätten, als ich von Konstantinopel zurückgekommen wäre. Und Herr D. R., der gerne seinen Scherz an mir ausließ, sagte mir, ich würde zusehends magerer. Eines Tages sagte Frau F. mir, dies wäre ihr unangenehm, denn boshafte Beobachter könnten daraus vielleicht den Schluß ziehen, daß sie mich schlecht behandelte. Wahrlich eine eigentümliche Denkweise, die gegen alle Natur zu sein scheint. Ich machte ein idyllisches Gedicht darüber, das ich noch heutigestags nicht lesen kann, ohne daß mir die Wimper feucht wird. »Wie?« rief ich, »Sie erkennen also an, daß Sie grausam gegen mich sind? Sie fürchten, die Welt könne Ihre Strenge erraten, und doch machen Sie sich den Spaß, bei solcher Strenge zu verharren! Sie lassen mich alle Qualen eines Tantalus erdulden! Sie wären entzückt mich lustig und freudestrahlend zu sehen, selbst wenn man daraus den Schluß zöge, ich sei es wegen der Huld, die Sie mir erwiesen, und dabei verweigern Sie mir die unbedeutendste Gunstbezeigung!« »Möge man es glauben, wenn es nur nicht wahr ist.« »Welcher Widerspruch! Wäre es möglich, daß ich Sie nicht liebte, daß Sie nichts für mich empfänden? Solche Widersprüche erscheinen mir widernatürlich. Aber auch Sie magern ab, und ich, ich sterbe. Unser Schicksal ist unwiderruflich besiegelt: binnen kurzem werden wir sterben, Sie an Auszehrung, ich an Erschöpfung; denn mit mir ist es so weit, daß ich Tag und Nacht, immer und überall Ihres Scheinbildes genieße, auch wenn ich in Ihrer Gegenwart bin.« Als ich diese Erklärung in leidenschaftlichem Ton hervorgestoßen hatte, sah ich sie erstaunt und gerührt, und ich glaubte, der Augenblick des Glückes sei da. Ich umschlang sie mit meinen Armen und verschaffte mir schon die Vorläufer des Genusses- da klopfte die Schildwache zweimal. Grausame Störung! Ich springe auf, stelle mich vor sie hin und bringe mich in Ordnung .... Herr D. R. erschien und fand mich diesmal bei so munterer Laune, daß er bis ein Uhr nachts bei uns blieb. Meine Zuckerplätzchen begannen Aufsehen zu machen. Herr D. R., Frau F. und ich waren die einzigen, die sie stets in ihren Bonbonnieren führten. Ich war geizig damit, und niemand wagte mich um welche zu bitten, da ich gesagt hatte, sie seien teuer, und auf Korfu gäbe es keinen Zuckerbäcker, der imstande sei sie nachzumachen, und keinen Chemiker, der ihre Zusammensetzung festzustellen vermöchte. Vor allen Dingen verschenkte ich niemals etwas von dem Inhalt meiner Kristalldose, und Frau F. hatte dies sehr wohl bemerkt. Ganz gewiß hielt ich meine Zuckererbsen nicht für einen Liebeszauber, und der Gedanke lag mir fern, daß sie durch die Haare köstlicher geworden sein könnten; aber aus einem verliebten Aberglauben legte ich Wert auf sie, und ein Genuß war mir der Gedanke, daß ich einige winzige Körperteilchen des angebeteten Wesens meinem eigenen Körper einverleibte. Frau F. schwärmte für meine Zuckererbsen, ohne Zweifel infolge einer gewissen Sympathie. Sie behauptete überall, meine Plätzchen seien ein Universalheilmittel. Da sie sich unumschränkte Gebieterin des Erfinders wußte, so verlangte sie das Geheimnis der Zusammensetzung nicht zu erfahren. Da sie jedoch bemerkt hatte, daß ich anderen Leuten nur Zuckererbsen aus meiner Schildpattdose anbot und selber nur solche aus meiner Kristalldose aß, fragte sie mich eines Tages nach dem Grunde. Unbedachterweise antwortete ich ihr, in denen, die ich äße, sei etwas, das mich zwänge, sie zu lieben. »Davon glaube ich kein Wort; aber sie sind also anders als die, die ich selber esse?« »Sie sind ganz gleich; nur befindet sich ausschließlich in den meinigen der Bestandteil, der mich zwingt, Sie liebzuhaben.« »Sagen Sie mir, was für ein Bestandteil das ist!« »Das ist ein Geheimnis, das ich Ihnen nicht enthüllen kann.« »Und ich werde nicht mehr Ihre Zuckererbsen essen.« Mit diesen Worten stand sie auf, schüttete ihre Bonbondose aus und füllte sie mit Schokoladenplätzchen; von der Stunde an schmollte sie mir, auch noch die folgenden Tage, und vermied jede Gelegenheit, sich mit mir allein zu befinden. Dies machte mir Kummer; ich wurde traurig, aber ich konnte mich nicht entschließen, ihr zu sagen, daß ich ihre Haare äße. Vier oder fünf Tage darauf fragte sie mich, warum ich so traurig sei. »Weil Sie nicht mehr von meinen Zuckererbsen essen.« »Es steht bei Ihnen, Ihr Geheimnis zu bewahren, und es steht bei mir, zu essen, was ich will.« »Das habe ich nun davon, daß ich Ihnen ein Geständnis gemacht habe!« Mit diesen Worten öffne ich meine Kristalldose und schütte ihren ganzen Inhalt in meinen Mund. »Noch zweimal,« rufe ich, »und ich werde an meiner Liebesraserei sterben. Dann haben Sie Ihre Rache für meine Zurückhaltung. Leben Sie wohl, gnädige Frau.« Sie ruft mich zurück, bittet mich, neben ihr Platz zu nehmen, und sagt mir, ich solle keine Dummheiten machen, die ihr Kummer bereiten würden; denn sie wisse, daß sie mich liebe, und ich müsse auch wissen, daß sie nicht daran glaube, es geschähe kraft irgendeines Mittels. »Damit Sie Gewißheit haben, daß Sie solcher Mittel nicht bedürfen, um geliebt zu werden, so empfangen Sie hiermit ein Pfand meiner Zärtlichkeit!« Sie bietet mir ihren schönen Mund, und ich presse meine Lippen darauf, bis ich endlich mich wieder losreißen muß, um Atem zu holen. Dann werfe ich mich ihr zu Füßen, die Augen feucht von Tränen der Zärtlichkeit und Dankbarkeit, und rufe, wenn sie mir verspreche, mir zu verzeihen, wolle ich ihr mein Verbrechen eingestehen. »Ein Verbrechen! Sie erschrecken mich. Ich verzeihe Ihnen. Schnell, sagen Sie mir alles!« »Alles! Meine Zuckererbsen enthalten Ihre zu Pulver zerriebenen Haare. Sehen Sie an meinem Arm dieses Armband, worauf mit Ihren Haaren die Anfangsbuchstaben unserer Namen gestickt sind; und sehen Sie hier an meinem Halse diese Haarschnur, mit der ich meinem Leben ein Ende machen will, wenn Sie mich nicht mehr lieben. Dies sind meine Verbrechen; aber ich hätte nicht ein einziges von ihnen begangen, wenn ich Sie nicht anbetete!« Sie lachte, hob mich auf und sagte mir, ich sei in der Tat der allergrößte Verbrecher. Sie trocknete meine Tränen, indem sie mir die Versicherung gab, ich würde mich niemals erdrosseln. Nachdem ich bei dieser Unterhaltung den Nektar des ersten Kusses von der Göttin gekostet hatte, besaß ich die Selbstbeherrschung, ihr gegenüber ein ganz anderes Verhalten zu beobachten. Sie sah, wie ich glühte, vielleicht glühte auch sie; und trotzdem besaß ich die Kraft, mich jedes Angriffes zu enthalten. »Wie kommt es,« fragte sie mich eines Tages, »daß Sie die Kraft gefunden haben, sich zu beherrschen?« »Nach dem zärtlichen Kuß, den Sie mir ganz aus freiem Willen gewährt haben, fühlte ich, daß ich nichts beanspruchen dürfte, was nicht Ihr Herz ebenso aus freien Stücken mir zu bewilligen Sie antriebe. Sie können sich nicht vorstellen, wie süß mir dieser Kuß gewesen ist!« »Wie könnte dies mir unbekannt sein; Sie Undankbarer! Wer von uns beiden hat diese Süße hervorgerufen?« »Nicht Sie, nicht ich, angebetetes Weib! Die Liebe hat ihn gezeugt, diesen so zärtlichen, so süßen Kuß« »Ia, mein Freund, die Liebe, deren Schätze unerschöpflich sind!« Sie hatte kaum ausgesprochen, da hatten sich schon unsere Lippen gefunden. Sie hielt mich so fest gegen ihren Busen gepreßt, daß es mir nicht möglich war, mit meinen Händen mir noch andere Genüsse zu verschaffen; aber ich fühlte mich glücklich. Am Ende dieses entzückenden Kampfes fragte ich sie, ob sie glaubte, daß wir immer dabei stehenbleiben würden. »Immer, mein Freund! Niemals wollen wir weiter gehen. Die Liebe ist ein Kind, das man mit Tändeleien hochwichtigen muß; eine zu kräftige Nahrung muß ihr den Tod bringen.« »Ich kenne die Liebe besser als Sie. Sie verlangt eine gehaltvolle Nahrung, und wenn diese hartnäckig ihr verweigert wird, verdorrt sie. Versagen Sie mir nicht den süßen Trost der Hoffnung!« »Hoffen Sie, wenn Sie dabei Ihre Rechnung finden!« »Was sollte ich sonst anfangen? Ich hoffe, denn ich weiß, Sie haben ein Herz.« »Hören Sie–erinnern Sie sich, wie Sie nur eines Tages im Zorn sagten, ich hätte nur Verstand? Sie glaubten mir damit eine starke Beleidigung zu sagen.« »O gewiß!« »Wie herzlich lachte ich hierüber bei näherem Nachdenken! Ja, lieber Freund, ich habe ein Herz, und hätte ich es nicht, so würde ich jetzt nicht glücklich sein. Bewahren wir uns also unser gegenwärtiges Glück, und seien wir zufrieden, ohne mehr zu wünschen!« Ich unterwarf mich ihren Gesetzen, aber meine Verliebtheit wuchs von Tag zu Tage, und ich hoffte, daß auf die Länge der Zeit die Natur, die stets stärker ist als alle Vorurteile, eine glückliche Wendung herbeiführen würde. Aber mir half, um zu diesem Ziel zu gelangen, nicht nur die Natur, sondern auch das Glück. Ich verdankte dies einem Unglück. Als sie eines Tages am Arme des Herrn D. R. in einem Garten spazierte, blieb sie an einem wilden Rosenstrauch hängen und zog sich einen tiefen Riß über dem Knöchel zu. Herr D. R. verband ihr sofort die Wunde mit seinem Taschentuch, um das reichlich strömende Blut zu stillen, und man mußte sie in einer Sänfte nach Hause tragen lassen. Auf Korfu sind Beinwunden gefährlich, wenn sie nicht gut gepflegt werden; oft muß man die Insel verlassen, um die Wunden zum Vernarben zu bringen. Da sie im Bett bleiben mußte, so war es mein glückliches Amt, mich stets zu ihren Befehlen zu halten. Ich sah sie jeden Augenblick; aber an den ersten drei Tagen folgte ohne Unterbrechung ein Besuch dem anderen, und ich war niemals allein mit ihr. Am Abend, wenn alle Besucher fort waren und ihr Mann sich zurückgezogen hatte, blieb Herr D. R. noch eine Stunde, und wenn auch dieser sie verließ, erforderte der Anstand, daß ich ging. Vor dem Unfall hatte ich viel ungezwungener mit ihr verkehrt, und ich sagte ihr dies in halb lustigem, halb traurigem Ton. Am nächsten Morgen verschaffte sie mir zur Entschädigung einen glücklichen Augenblick. Ein alter Äskulap kam jeden Morgen bei Tagesanbruch, um sie zu verbinden, und dabei war nur ihre Kammerzofe anwesend; ich ging stets im Schlafrock zu der Mädchenkammer, um als erster zu erfahren, wie meine Gottheit sich befände. An jenem Morgen kam die Zofe zu mir, als gerade der Wundarzt Frau F. verband, und sagte mir, ich möchte eintreten. »Sehen Sie doch, bitte, mal nach, ob mein Bein nicht mehr so rot ist.« »Um dies sagen zu können, gnädige Frau, müßte ich es gestern gesehen halben.« »Da haben Sie recht. Ich habe Schmerzen und fürchte, die Rose wird dazutreten.« »Seien Sie unbesorgt, Signora,»sagte der Doktor, »bleiben Sie im Bett, und ich bin sicher, Sie gesund zu machen.« Der Wundarzt war am Fenster beschäftigt, einen Umschlag zurechtzumachen, und da die Zofe hinausgegangen war, fragte ich, ob sie eine Härte in der Wade verspürte und ob vielleicht die Rötung streifenweise höherstiege; es war natürlich, daß ich diese Frage mit einer Untersuchung durch Hände und Augen begleitete. Ich sah keine Rötung und fühlte keine Härte, aber .... und die zärtliche Kranke beeilte sich lachend, den Vorhang fallen zu lassen, indem sie mir gestattete, mir einen zärtlichen Kuß zu nehmen, dessen Süßigkeit ich seit vier Tagen nicht mehr genossen hatte. Liebeswahnsinn, zaubervolle Raserei! Von ihren Lippen wandte sich mein Mund zu ihrer Wunde; ich war in diesem Augenblick überzeugt, meine Küsse müßten das beste Heilmittel sein, und ich hätte nicht früher abgelassen, wenn mich nicht ein Geräusch, das die Zofe beim Eintreten machte, zum Aufhören gezwungen hätte. Als ich mit ihr allein war, beschwor ich sie, vor Begierde glühend, sie möchte doch wenigstens meine Augen glücklich machen. »Ich fühle mich erniedrigt, wenn ich denke, daß das Glück, dessen ich soeben genoß, nur ein Diebstahl ist!« »Aber wie du dich täuschest!« Am nächsten Moren war ich wieder beim Verbinden zugegen: Sobald der Arzt fort war, bat sie mich, ihr die Kissen zurechtzulegen. Ich tat es augenblicklich. Wie wenn sie nur diese angenehme Arbeit hätte erleichtern wollen, schlug sie die Decke zurück und stützte sich auf ihre Hände auf. Hierdurch erleichterte sie mir den Anblick einer Menge von Schönheiten, an denen meine Augen sich berauschten. Ich verlängerte meine Arbeit, und sie fand nicht, daß ich zu wäre. Als ich fertig war, konnte ich nicht mehr; ich warf mich ihr gegenüber in einen Lehnstuhl und versank in eine Art Andacht. Ich betrachtete dies entzückende Wesen, das anscheinend ganz ungekünstelt mir stets eine Wonne nur verschaffte, um mir eine noch größere zu gewähren, und dabei doch niemals ans Ziel kam. »Woran denken Sie?« fragte sie. »An das hohe Glück, mit dem Sie mich beseligt haben.« »Sie sind ein grausamer Mann.« »Nein, ich bin nicht grausam; denn da Sie mich lieben, so bauchen Sie nicht darüber zu erröten, daß Sie barmherzig gewesen sind. Bedenken Sie: ich liebe Sie leidenschaftlich, und ich darf nicht glauben, daß mir nur durch Überraschung dieser entzückende Anblick zuteil geworden ist. Denn wenn ich ihn nur dem Zufall verdankte, so müßte ich vor mir selber eingestehen, daß jeder andere an meiner Stelle dasselbe Glück hätte haben können, und dieser Gedanke wäre Todesqual für mich. Lassen Sie mich Ihnen die wonnige Dankbarkeit schuldig sein, daß Sie mich heute morgen gelehrt haben, wie glücklich schon ein einziger meiner Sinne mich machen kann. Können Sie meinen Augen zürnen?« »Ja« »Sie gehören Ihnen, reißen Sie sie mir aus!« Am nächsten Tage schickte sie, sobald der Doktor fortgegangen war, ihr Mädchen aus, um Einkäufe zu besorgen. Nach Augenblicken sagte sie zu mir: »Ach! sie hat vergessen, mir mein Hemd anzuziehen.« »O, gestatten Sie, daß ich sie ersetze.« »Ja. Aber vergiß nicht, daß ich nur deinen Augen erlaube, am Feste teilzunehmen.« »Damit bin ich einverstanden.« Sie schnürte ihr Mieder auf und zog dieses sowie ihr Hemd aus; dann sagte sie mir, ich möchte ihr schnell das reine Hemd reichen; da ich aber mit allem, was ich sah, zu sehr beschäftigt war und mich nicht sonderlich beeilte, rief sie: »Gib mir doch mein Hemd her! Es liegt auf dem Tischchen.« »Wo?« »Dort unten, am Fußende des Bettes. Ich werde es mir selber nehmen.« Sie beugte sich zu dem Tischchen hinüber und entblößte dabei fast alles, was ich begehrte. Langsam sich wieder aufrichtend, reichte sie mir das Hemd; aber ich konnte es nicht halten, so sehr zitterte ich vor Glück. Sie hat Mitleid mit mir, meine Hände teilen das Glück meiner Augen; ich sinke in ihre Arme, unsere Lippen verschmelzen sich miteinander, und in einer wollüstigen Umschlingung haben wir beide gleichzeitig einen Liebeserguß, der zwar unzulänglich für unsere Begierden, aber doch süß genug ist, um sie einen Augenblick zu täuschen. Mit größerer Selbstbeherrschung als ein Weib sie sonst unter derartigen Umständen zu haben pflegt, paßte sie auf, daß ich nur bis zum Vorhof des Tempels gelangte. Der Eintritt in das Heiligtum wurde mir noch nicht bewilligt. Fünfzehntes Kapitel Ein schreckliches Unglück drückt mich nieder. – Abkühlung der Liebe. – Meine Abreise von Korfu und Rückkehr nach Venedig. – Ich gebe den militärischen Beruf auf und werde Geigenspieler. Die Wunde vernarbte allmählich, und ich sah den Augenblick herannahen, wo die Schöne das Bett verlassen und ihre früheren Lebensgewohnheiten wieder aufnehmen würde. Der Befehlshaber der Galeeren hatte eine allgemeine Besichtigung auf der Höhe von Gouyn angeordnet; Herr F. begab sich also dorthin und hinterließ mir den Befehl, in der Frühe des nächsten Morgens mit der Feluke ihm nachzufahren. Ich speiste abends mit seiner Frau unter vier Augen, und als ich mich beklagte, daß ich sie am nächsten Tage nicht wiedersehen würde, sagte sie zu mir: »Wir wollen heute nacht für diese Enthebung Vergeltung nehmen und sie im Gespräch verbringen. Hier haben Sie die Schlüssel, sobald Sie mein Mädchen haben hinausgehen sehen, gehen Sie durch das Zimmer meines Mannes und kommen zu mir.« Selbstverständlich befolgte ich ihre Weisung mit buchstäblicher Genauigkeit; so waren wir also miteinander allein und hatten fünf Stunden vor uns. Wir befanden uns im Juni; die Hitze war glühend. Sie lag im Bett. Ich schließe sie in meine Arme, sie drückt mich gegen ihren Busen; aber da sie gegen sich selber die grausamste Tyrannei ausübt, so meint sie, ich dürfe mich nicht beklagen, da ich mich nur denselben Entbehrungen unterwerfe, die auch sie sich auferlege. Vorstellungen, Bitten, Beschwörungen sind vergeblich. Sie sagt: »Wir müssen die Liebe im Zaum halten und darüber lachen, weil wir trotz dem harten Gesetz, das wir uns selber vorschreiben, nichtsdestoweniger doch dorthin gelangen, unsere Wünsche zu befriedigen.« Als wir aus der Verzückung wieder zu uns kommen, öffnen wir gleichzeitig unsere Augen und Lippen; wir entfernen uns ein wenig voneinander und sehen mit Freuden die wechselseitige Befriedigung, die auf unseren Zügen glänzt. Unsere Begierden erwachen von neuem; ich sehe sie einen Blick auf meine Mannesnatur werfen, die gänzlich unverhüllt vor ihren Augen liegt. Sie scheint ärgerlich zu werden, wirft alles, was die Hitze unbequemer und den Genuß unvollkommener macht, weit von sich und stürzt sich auf mich. Ich glaube etwas mehr als nur eine Liebesraserei zu sehen: es ist eine Art von Erbitterung. Ich teile ihre Raserei, umschlinge sie, wie wenn ich außer mir wäre, und genieße eines Glückes, das mich fast ohnmächtig macht .... aber im Augenblick, wo ich das Opfer vollziehen will, wirft sie mich aus dem Sattel, entzieht sich mir, flieht und kommt dann zurück, um mit einer geschäftigen Hand, die mir aber eiskalt erscheint, das Werk durch ein halbes Glück zu vollenden. »Ach. grausame Freundin – du stehst ganz in Flammen, und du beraubst dich des einzigen Heilmittels, das dich beruhigen könnte. Deine reizende Hand ist menschlicher als du; aber du hast nicht die Wonnen gekostet, deren Genuß du mir verschafft hast. Laß meine Hand der deinigen nichts schuldig bleiben! Komm, teurer Gegenstand meiner Wünsche! Die Liebe verdoppelt mein Dasein in der Hoffnung, noch einmal zu sterben; doch dies geschehe nur in jenem köstlichen Zufluchtsort, aus dem du mich im Augenblick des Glückes vertrieben hast.« Während ich so mit ihr sprach ergoß ihre Seele sich in zärtlichen Ausdrücken; und indem sie mich eng in ihre Arme schloß, fühlte ich, daß sie von Wollust überströmt war. Unser Schweigen dauerte ein wenig lange; der Genuß war widernatürlich, weil er unvollständig war, und machte mich deshalb traurig, indem er meine Erregung verdoppelte. »Wie kannst du dich darüber beklagen?« sagte sie mit zärtlichem Eifer; »gerade dieser Unvollständigkeit verdanken wir ja die Dauer des Genusses. Vor einigen Augenblicken liebte ich dich, jetzt liebe ich dich hundertmal mehr; und ich würde dich ohne Zweifel weniger lieben, wenn du den Genuß vollständig gemacht hättest.« »O, gib doch diesen Irrtum auf, reizende Freundin. Wie sehr täuschest du dich! Du nährst dich mit Sophismen und vernachlässigst die Wirklichkeit, die Natur, die allein uns wahre Wonne geben kann. Begierden, die unaufhörlich sich erneuern und niemals vollständig befriedigt werden, find schlimmer als Höllenqualen.« »Aber sind nicht gerade diese Begierden das Glück? Sie sind ja doch immer von Hoffnungen begleitet!« »Nein, sie sind kein Glück, wenn diese Hoffnung stets getäuscht wird. Wo es gar keine Hoffnung gibt, da ist die wahre Hölle– und Hoffnung kann es nicht mehr geben, wenn man sie zu Zwecken der Täuschung mißbraucht.« »Freund, wenn es in der Hölle keine Hoffnung gibt, so kann es dort auch keine Begierden geben; denn sich Begierden ohne Hoffnung vorstellen, ist heller Wahnsinn.« »Nun, so antworte mir auf folgendes: Wenn du ganz mir anzugehören begehrst und dich mit dieser Hoffnung trägst, was nach dem von dir Gesagten von Natur zusammengehört–woher kommt es denn, daß du deiner eigenen Hoffnung beständig ein Hindernis entgegensetzest? Laß dich, göttliche Freundin, o laß dich nicht mehr durch schlaue Spitzfindigkeiten betören! Laß uns aus freiem Willen glücklich sein, wie die Natur es verlangt, und sei versichert, die Wirklichkeit des Glückes wird unsere Liebe noch erhöhen und die Liebe wird durch unsere Genüsse stets wieder neu geboren werden.« »Was ich sehe, überzeugt mich vom Gegenteil: du lebst, und wenn deine Begierden befriedigt worden wären, würdest du ohne Leben, ohne Bewegung sein. Das weiß ich aus Erfahrung. Hättest du im Glück deine Seele verhaucht, wie du es gern getan hättest, so hättest du nur nach langen Zwischenräumen ein schwaches Leben wiedererlangt.« »Ach, reizende Frau, deine Erfahrung will nicht viel besagen; verlaß dich lieber nicht auf sie. Du hast, das sehe ich, die Liehe nie gekannt. Was du ihr Grab nennst, ist der Tempel, wo sie das Leben empfängt, der Aufenthalt, der sie unsterblich macht. Ergib dich meinen wohlberechtigten Bitten; dann wirst du den Unterschied zwischen Ehe und Liebe kennenlernen. Du wirst sehen, daß freilich Hymen gerne stirbt, um sich des Lebens zu entledigen, daß aber im Gegenteil Amor nur dahinscheidet, um des Lebens zu genießen, und daß er so schnell wie möglich vom Tode wieder aufersteht, um von neuem die Wonnen des Daseins zu kosten. Befreie dich aus deinem Irrtum und glaube mir: Befriedigung vermehrt nur die Zärtlichkeit zweier Herzen, die einander anbeten.« »Gut also, ich will dir glauben; aber laß uns noch warten. Unterdessen wollen wir alle möglichen Tändeleien treiben und uns mit dem Vorgenuß begnügen, den unsere Fähigkeiten uns zu verschaffen vermögen. Verzehre mit deinen Küssen deine Geliebte und laß mich Herrin deines ganzen Wesens sein. Wenn diese Nacht uns zu kurz scheint, so werden wir uns morgen darüber trösten, indem wir daran denken, wie wir uns eine neue verschaffen können.« »Und wenn man unser zärtliches Einverständnis entdeckte?« »Machen wir denn ein Geheimnis daraus? Alle Welt kann sehen, daß wir uns lieben, und fürchten könnten wir gerade nur die, die der Meinung sind, daß wir uns nicht glücklich machen. Wir sollen uns nur hüten, auf frischer Tat überrascht zu werden. Im übrigen werden Himmel und Natur sich vereinigen, um unsere Liebe zu beschützen; denn wenn zwei Herzen sich so zärtlich liehen, wie wir uns lieben, dann ist man nicht schuldig. So lange ich mich kenne, erschien stets die Liehe mir als Gottheit meines Daseins; denn so oft ich einen Mann sah, war ich entzückt; es war mir, als sähe ich die Hälfte meines eigenen Selbst, denn ich fühlte, daß der Mann für mich und ich für den Mann geschaffen wäre. Ungeduldig erwartete ich meine Verheiratung. Meine Ungeduld war aber nur jenes unbestimmte Bedürfnis des Herzens, das ein junges Mädchen einzig und allein beschäftigt, wenn es sich seinem fünfzehnten Lenze nähert. Ich hatte keinen Begriff, was Liebe ist; aber ich dachte mir, diese müsse doch natürlich nach der Heirat ganz von selber kommen. Du kannst dir also meine Überraschung denken, als mein Gatte, indem er mich zur Frau machte, mir nur Schmerz bereitete, vom Genusse aber mir keine Ahnung verschaffte! Meine Phantasie hatte mich im Kloster viel besser bedient, als die jetzt gewonnene Wirklichkeit es tat. So ist es denn ganz natürlich dahin gekommen, daß wir gute Freunde und sehr gleichgültige Ehegatten geworden sind, die keinerlei Neugierde aufeinander verspüren. Übrigens hat er allen Anlaß, mit mir zufrieden zu sein, denn ich bin stets seinen Befehlen willfährig; da aber der Genuß nicht von Liebe gewürzt ist, so findet er ihn jedenfalls geschmacklos, denn er sucht ihn nur selten. Sobald ich bemerkte, daß du mich liebtest, war ich darüber voller Freude, und ich verschaffte dir alle nur möglichen Gelegenheiten, um täglich noch verliebter zu werden, denn ich hielt es für sicher, daß ich dich niemals lieben würde. Doch als ich fühlte, daß auch ich verliebt war, da mißhandelte ich dich, um dich dafür zu bestrafen, daß du mein Gefühl erweckt hättest. Deine Geduld, deine Beharrlichkeit setzten mich in Erstaunen und wurden Ursache, daß ich mein Unrecht fühlte; nach dem ersten Kusse aber verlor ich die Herrschaft über mich selbst. Ich war ganz verblüfft, daß ein einfacher Kuß solches Unheil anrichten konnte, und ich fühlte, daß ich nur glücklich sein könnte, indem ich dich glücklich machte. Dies schmeichelte mir und entzückte mich, und ich erkannte, besonders in dieser Nacht, daß ich nur in dem Maße glücklich sein kann wie du selber es bist.« »Dies, mein Engel, ist das zarteste aller Liebesgefühle; aber du wirst mich niemals vollkommen glücklich machen, wenn du nicht in allem den Weisungen der Natur folgst.« Die Nacht verging mit zärtlichen Klagen und Liebeswonnen, und nicht ohne Schmerz entriß ich mich bei den ersten Strahlen der Morgenröte ihren Armen, um mich nach Gouyn zu begeben. Sie weinte Freudentränen, als sie sah, daß ich sie als siegreicher Held verließ; sie hatte es nicht für möglich gehalten. Nach dieser so wonnereichen Nacht vergingen etwa zwölf Tage, ohne daß wir auch nur einen Funken von dem uns verzehrenden Feuer hätten löschen können. Und dann stieß mir ein abscheuliches Unglück zu. Eines Abends nach dem Essen, als Herr D. R. fortgegangen war, sagte Herr F. zu seiner Frau, ohne sich in meiner Gegenwart den geringsten Zwang anzutun: er habe die Absicht, ihr einen Besuch zu machen, sobald er zwei Briefchen geschrieben habe, die er am nächsten Morgen in aller Frühe abschließen müsse. Kaum war er hinaus, so sahen wir uns an und sanken, von einer unwiderstehlichen Bewegung fortgerissen, einander in die Arme: ein Strom von Wonnen ergoß sich schrankenlos in unsere Seelen. Kaum aber war das erste Feuer gelöscht, so ließ sie mir keine Zeit mich zu sammeln und den vollen Zauber meines schönsten Sieges auszukosten. Sie stieß mich zurück und warf sich mit verstörtem Gesicht in einen Lehnstuhl, der neben ihrem Bett stand. Unbeweglich, erstaunt, beinahe verwirrt, sah ich sie zitternd an, um wenn irgend möglich zu erraten, wo diese eigentümliche Bewegung ihren Ursprung hätte. Sie sah mich ebenfalls an und sagte zu mir mit liebeglänzenden Augen: »Mein zärtlicher Freund, bald hätten wir uns ins Verderben gestürzt.« »Ins Verderben gestürzt! Ach, grausame Freundin, du hast mich getötet!Ich fühle, ach, daß ich sterbe, und vielleicht wirst du mich nicht wiedersehen.« Ich verließ sie in einem an Raserei grenzenden Zustand und lief nach der Esplanade, um dort frischere Luft zu atmen; denn mir war zumute, als sollte ich ersticken. Wer nicht aus Erfahrung weiß, wie schmerzhaft eine derartige Erregung ist, zumal bei der körperlichen und seelischen Verfassung, in der ich mich damals befand, der kann sich schwerlich einen Begriff von meinem Leiden machen; ich, der ich es durchgemacht habe, vermag es nicht zu schildern. Während ich so in furchtbarer Verstörtheit herumlief, hörte ich mich von einem Fenster herab anrufen, und ich beging den verhängnisvollen Fehler, aus Gefälligkeit zu antworten. Ich trat näher an das Haus heran und sah im Mondschein die berühmte Melulla auf ihrem Balkon stehen. »Was machen Sie da um diese Stunde?« fragte ich sie. »Ich schöpfe ein bißchen frische Luft; kommen Sie doch einen Augenblick herauf!« Diese Melulla bösen Angedenkens war eine Kurtisane von [?], ein Weib von seltener Schönheit. Seit vier Monaten machte sie alle Wüstlinge von Korfu glücklich oder verrückt. Jeder, der sie gesehen hatte, pries ihre Reize; man sprach nur noch von ihr. Ich hatte sie mehrere Male gesehen; aber so schön sie auch war, so konnte es mir doch nicht einfallen, sie einer Frau F. vergleichbar zu finden, selbst wenn ich in diese nicht verliebt gewesen wäre. Ich erinnere mich, im Iahre 1790 in Dresden ein prachtvolles Weib gesehen zu haben, dessen Züge mich durchaus an die der Melulla erinnerten. Gedankenlos gehe ich hinauf und sie führt mich in eine üppige Kammer. Sie warf mir vor, ich sei der einzige, der ihr noch keinen Besuch gemacht habe, obgleich sie mich allen anderen vorgezogen haben würde. Ich beging die Niedertracht, sie mit mir machen zu lassen, was sie wollte – und so sank ich zum gemeinsten Verbrecher herab. Nicht meine Begierde oder meine Phantasie, auch nicht die Schönheit des Weibes waren an meiner Niederlage schuld, denn sie verdiente in keiner Weise mich zu besitzen; schuld war eine gewisse Gleichgültigkeit, eine Schwachheit, der Zustand von Erregung, worin ich mich noch befand; schuld war endlich eine Art Verdruß in einem Augenblick, wo das angebetete Wesen mir durch eine Laune mißfallen hatte, die mich in Wahrheit nur noch verliebter hätte machen müssen, wäre ich nicht ihrer unwürdig gewesen. Melulla war so befriedigt, daß sie die Goldstücke zurückwies, die ich ihr geben wollte; sie ließ mich erst fort, nachdem ich zwei Stunden mit ihr verbracht hatte. Kaum war ich wieder zur Besinnung gekommen, so hatte ich nur noch ein Gefühl des Abscheues gegen mich und gegen das unwürdige Weib, das mich verführt hatte, der anbetungswürdigsten Frau so große Schmach anzutun. Von Gewissensbissen gepeinigt kam ich nach Hause. Ich legte mich zu Bett, aber nicht eine einzige Sekunde lang während dieser entsetzlichen Nacht wollte sich der Schlaf auf meine glühenden Augenlider senken. Von der schlaflosen Nacht und dem Schmerz ganz ermattet, stand ich am andern Morgen auf, zog mich an und begab mich sofort zu Herrn F., der mich hatte rufen lassen, um mir einige Befehle zur Weiterbeförderung zu übergeben. Nachdem ich den Auftrag ausgeführt und ihm Bericht erstattet hatte, trat ich in das Zimmer der Signora ein. Ich fand sie an ihrem Putztisch und sandte meinen Morgengruß ihrem Spiegelbilde zu; plötzlich aber begegneten ihre Augen den meinigen: ihre Züge entstellten sich, und Traurigkeit trat an Stelle des Ausdrucks der Zufriedenheit. Sie senkte die Wimpern, wie wenn sie in tiefe Gedanken versunken wäre; unmittelbar darauf aber schlug sie die Augen auf, wie wenn sie in meiner Seele lesen wollte. Erst als ihre Zofe hinausgegangen war, brach sie das peinliche Schweigen und sagte zu mir im zärtlichsten und zugleich feierlichsten Ton: »Mein Freund, keine Verstellung weder von deiner noch von meiner Seite! Ich war tieftraurig, als ich dich gestern abend fortgehen sah; denn die Uberlegung sagte mir, daß mein Verhalten dir zum Unheil gereichen könnte. Derartige Auftritte könnten ein Temperament wie das deinige in eine gefährliche Verwirrung stürzen; darum entschloß ich mich, in Zukunft nicht mehr auf halbem Wege stehenzubleiben. Ich dachte mir, du seiest ausgegangen, um frische Luft zu schöpfen, und dies freute mich, denn ich hoffte, es würde dir gut tun. Um mir Gewißheit darüber zu verschaffen, trat ich ans Fenster und stand da länger als eine Stunde, ohne in deinem Zimmer Licht zu sehen. Da mein Mann nach Hause kam, mußte ich mich mit der traurigen Gewißheit, daß du nicht zu Hause warst, zu Bett legen. Ärgerlich über mein Verhalten und um so mehr in dich verliebt, konnte ich fast die ganze Nacht kein Auge schließen. Heute früh befahl mein Mann einem Unteroffizier, dir zu sagen, daß er mit dir sprechen wolle; ich hörte, wie er den Bescheid zurückbrachte, du schliefest noch, weil du spät nach Hause gekommen wärest. Diese Worte schnitten mir ins Herz. Ich bin nicht eifersüchtig, mein Freund, denn ich weiß, daß du nur mich lieben kannst; aber ich befürchte irgendein Unglück. Als ich heute morgen dann endlich dich bei mir eintreten hörte, schlug mir das Herz vor Freude; ich wollte dir meine Reue zeigen, aber als ich dich ansah, glaubte ich einen anderen Menschen zu erblicken. Auch jetzt prüfe ich wieder deine Züge, und meine Seele liest wider meinen Willen auf deinem Gesicht, daß du schuldig bist, daß du mir einen Schimpf angetan hast. Sage mir ohne Furcht, lieber Freund, ob ich mich täusche; wenn du mich verraten hast, so gestehe es ohne Umschweife. Verrate nicht Liebe und Wahrheit! Da ich mir bewußt bin, die verhängnisvolle Ursache deines Fehltrittes zu sein, so werde ich mir dies nicht verzeihen; dich aber entschuldigt mein Herz und mein ganzes Ich.« Ich habe mich im Laufe meines Lebens mehr als einmal in der harten Notwendigkeit befunden, geliebten Frauen Lügen zu sagen; aber nachdem ich diese so wahren, so rührenden Worte gehört hatte, konnte ich da wohl unaufrichtig sein? Ich fühlte mich durch meine abscheuliche Verfehlung zu tief niedergedrückt, als daß ich mich auch noch durch eine Lüge hätte besudeln mögen. Dazu war ich in diesem Augenblick völlig außerstande; mein Herz war voll von Zärtlichkeit und von Gewissensbissen, und es war mir unmöglich, ein einziges Wort herauszubringen: erst mußte ich meinen Tränen freien Lauf lassen. »Mein zärtlicher Freund, du weinst! Deine Tränen tun mir weh. Du dürftest nur mit mir gemeinsam Tränen des Glückes und der Liebe vergießen. Schnell, Geliebter, schnell sage mir, ob du mich unglücklich gemacht hast. Sage mir, welche furchtbare Rache du gegen mich hast ausüben können – gegen mich, die lieber sterben als dich beleidigen wollte. Ich kann dir nur in der Unschuld meines liebenden und treuen Herzens Kummer bereitet haben.« »Geliebter Engel, ich habe gar nicht daran gedacht, mich zu rächen; denn mein Herz kann niemals aufhören, dich anzubeten, und wird daher niemals auf einen so abscheulichen Gedanken kommen. Gegen mich selber habe ich schnöderweise ein Verbrechen begangen, das mich für den Rest meines Lebens deiner Güte unwürdig macht.« »Du hast dich also mit irgendeiner Verlorenen eingelassen?« »Ja, ich habe zwei Stunden mit einer erniedrigenden Ausschweifung verbracht; aber meine Seele war nur dabei, um Zeugin meiner Traurigkeit, meiner Reue, meiner furchtbaren Unwürdigkeit zu sein.« »Traurigkeit und Reue! – Ach, mein armer Freund, ich glaube es dir. Aber es ist meine Schuld; ich allein muß dafü bestraft werden; mir kommt es zu, dich dafür um Verzeihung zu bitten.« Tränen entströmten ihren Augen, und auch ich begann wieder zu weinen. »Erhabene Seele!« rief ich aus; »die Vorwürfe, die du dir machst, verdoppeln die Schwere meines Unrechts. Du hättest dir niemals einen Vorwurf zu machen brauchen, wenn ich deiner Zärtlichkeit wirklich würdig gewesen wäre.« Ich fühlte, daß ich wahr sprach. Den Rest des Tages verbrachten wir in anscheinend ziemlich ruhiger Stimmung, indem wir unsere Traurigkeit in der Tiefe unserer Herzen verschlossen. Meine Geliebte war neugierig, alle Umstände meines kläglichen Abenteuers zu erfahren, und ich nahm es als eine Strafe auf mich, ihr meine eklen Heldentaten zu berichten. Voller Güte versicherte sie mir, wir müßten beide den Vorfall als ein Verhängnis betrachten, das auch dem Vernünftigsten hätte zustoßen können. »Im Grunde bist du mehr zu beklagen als zu verdammen, und ich darf dich um deiner Verfehlung willen nicht weniger lieben.« Wir waren fest entschlossen, den ersten günstigen Augenblick zu benutzen: sie, um meine Verzeihung zu besiegeln; ich, um meine Beleidigung wieder gutzumachen. Dies konnte nur geschehen, indem wir uns neue Beweise gaben von der glühenden Liebe, die uns beide erfüllte. Aber der gerechte Himmel bestimmte anders, und ich wurde für meine abscheuliche Ausschweifung grausam bestraft. Am dritten Tage verspürte ich beim Aufstehen ein fürchterliches Brennen und erkannte sofort, in welchen abscheulichen Zustand die unglückselige Zantiotin mich versetzt hatte. Ich war wie betäubt. Und als ich erst daran dachte, welches Unglück ich hätte anrichten können, wenn ich im Laufe der letzten drei Tage von meiner göttlichen Freundin irgendeine neue Gunst erlangt hätte, da war ich nahe daran, den Verstand zu verlieren. In welcher Lage wäre ich gewesen, wenn ich sie für ihr ganzes Leben unglücklich gemacht hätte? Würde wohl jemand, der diese Geschichte gehört, mich verdammen können, wenn ich das Leben von mir geworfen hätte, um vor meinen Gewissensbissen Ruhe zu bekommen! Nein! Denn wer sich in Verzweiflung, aber als gerechter Vollstrecker der verdienten Strafe, tötet, der kann weder von einem Philosophen noch von einem duldsamen Christen getadelt werden. So viel ist ganz gewiß: wenn ein derartiges Unglück mir zugestoßen wäre, so hätte ich mir das Leben genommen. Meine neue Entdeckung machte mich sehr traurig; indessen hoffte ich davonzukommen, wie es mir die ersten drei Male gelungen war. Ich entschloß mich daher zu einer Lebensweise, die mich in sechs Wochen wieder gesund gemacht haben würde, ohne daß jemand eine Ahnung von meiner Krankheit gehabt hätte. Aber meine Leiden waren noch nicht zu Ende: Melulla hatte in meine Adern alle schlechten Säfte ergossen, wodurch die Quellen vergiftet werden, aus denen das Leben strömt. Ich kannte einen alten Doktor, der auf diesem Gebiet große Erfahrung besaß; ihn zog ich zu Rate, und er versprach mir, mich binnen zwei Monaten völlig wieder herzustellen. Er hielt Wort. Zu Anfang des Monats September sah ich mich wieder völlig gesund, und etwa um dieselbe Zeit kehrte ich auch nach Venedig zurück. Nachdem ich über meinen schlimmen Zustand Gewißheit erlangt hatte, faßte ich vor allen Dingen den Entschluß, Frau F. davon in Kenntnis zu setzen. Ich wollte nicht bis zu einem Augenblick warten, wo meine notgedrungene Erklärung sie gezwungen haben würde, über eine Schwäche zu erröten; ich wollte sie auch nicht zur Überlegung bringen, welche entsetzlichen Folgen ihre Leidenschaft für sie hätte haben gönnen. Ihre Liebe war mir zu teuer, als daß ich mich der Gefahr hätte aussetzen mögen, sie aus Mangel an Vertrauen zu ihr zu verlieren. Ich kannte ihren Geist, die Einfalt ihrer Seele, den Edelsinn, womit sie mich nur beklagenswert, nicht schuldig gefunden hatte; darum glaubte ich durch Aufrichtigkeit ihr beweisen zu müssen, daß ich ihrer Achtung würdig war. Ich schilderte ihr ganz unbefangen den Zustand, worin ich mich befand, und malte ihr die Gefühle aus, mit denen mich der Gedanke erfüllte, welche entsetzlichen Folgen derselbe Zustand für sie hätte haben können. Ich sah sie bei meinen Worten zusammenschaudern, und sie erblaßte vor Schreck, als ich ihr sagte, ich würde sie gerächt haben, indem ich mir das Lehen genommen hätte. »Schurkische, niederträchtige Melulla\< rief sie aus; ich aber wiederholte diese Ausdrücke gegen mich selber, als ich sah, welches Glück ich der ekelhaftesten Schwachheit aufgeopfert hatte. Ganz Korfu wußte, daß ich dem verdammten Weibe einen Besuch gemacht hatte, und alle Welt war erstaunt, auf meinen Zügen alle Anzeichen vollkommener Gesundheit zu sehen; denn die Zahl der Opfer, die sie ebenso behandelt hatte wie mich, war nicht gering. Meine Krankheit war nicht der einzige Kummer, der mich verzehrte. Ich hatte noch andere Verdrießlichkeiten, die zwar anderer Art, aber darum nicht weniger drückend waren. Es stand geschrieben, daß ich als einfacher Fähnrich, wie ich ausgezogen war, nach Venedig zurückkehren sollte; denn der Generalprovveditore hatte mir sein Wort gebrochen, und der Bankert eines Patriziers war mir vorgezogen worden. Von diesem Augenblick an verabscheute ich den Militärstand, der mehr als alle anderen Stände der Willkür despotischer Laune ausgesetzt ist, und ich beschloß einen anderen Beruf zu wählen. Es kam ein anderer noch größerer Kummer hinzu, nämlich die Unbeständigkeit des Glücks, das mir ganz und gar den Rücken gedreht hatte. Ich bemerkte, daß von dem Augenblick an, wo ich mich mit der Melulla besudelt hatte, alles mögliche Ungemach auf mich einstürmte, wie wenn es mich zerschmettern wollte. Am empfindlichsten war es mir, daß acht oder zehn Tage vor der Abfahrt der Truppen Herr D. R. mich wieder in seinen Dienst haben wollte, uud daß Herr F. sich einen neuen Adjutanten suchen mußte; ich war jedoch so vernünftig, diesen Umstand bald als eine Gunst des Schicksals zu betrachten. Bei dieser Gelegenheit sagte die Signora mir mit betrübter Miene, in Venedig würden wir aus verschiedenen Gründen uns nicht mehr sehen können. Ich hat sie, mir die Aufzählung dieser Gründe zu ersparen; denn ich konnte mir wohl denken, daß diese für mich nur demütigend hätten sein können. Ich bemerkte, daß die vermeintliche Göttin nur eine arme Sterbliche war wie alle anderen Weiber, und ich begann zu denken, daß ich sehr unrecht getan haben würde, ihretwegen auf das Leben zu verzichten. Eines Tages sah ich ihr bis auf den Grund der Seele: bei irgendeinem Anlaß sagte sie mir, ich täte ihr leid. Da sah ich klar, daß sie mich nicht mehr liebte; denn von dem erniedrigenden Gefühl des Mitleids weiß ein liebendes Herz nichts; diesem traurigen Gefühl steht immer Verachtung zu nahe. Von diesem Augenblick an habe ich mich nicht mehr mit ihr allein befunden. Ich liebte sie noch; es wäre mir leicht gewesen, sie erröten zu machen. Ich tat es nicht. Gleich nach unserer Ankunft in Venedig schloß sie sich an Herrn D. R. an; sie liebte ihn bis zu seinem Tode. Zwanzig Jahre später erblindete sie. Ich glaube, sie lebt noch. Die leiden letzten Monate meines Aufenthaltes auf Korfu gaben mir eine von den großen Lehren meines Lebens; ich habe mich ihrer oft erinnert, um mir diese Lehren zunutze zu machen. Vor meinem nächtlichen Abenteuer mit der elenden Melulla befand ich mich wohl: ich war reich, glücklich im Spiel, allgemein beliebt, wurde von der schönsten Frau der Stadt angebetet. Wenn ich sprach, spitzten alle die Ohren, priesen meinen Geist; meine Worte waren Orakel, und jedermann stimmte meinen Ansichten bei. Nach jenem verhängnisvollen Beisammensein verlor ich in kürzester Zeit Gesundheit, Geld, Kredit; mit dem Glück zugleich verschwand gute Laune, Überlegung, Geist – ja sogar die Fähigkeit, mich auszudrücken. Ich machte viele Worte, aber man wußte, daß ich unglücklich war, und darum überzeugte ich niemanden mehr. Unmerklich verschwand der Einfluß, den ich auf Frau F. hatte; die schöne Dame wußte es selber kaum, aber ich wurde ihr vollkommen gleichgültig. Ich reiste ohne Geldmittel ab, nachdem ich alle Sachen von einigem Werte versetzt oder verkauft hatte. Zweimal war ich reich angekommen, und zweimal reiste ich arm davon; aber dieses zweite Mal hatte ich Schulden gemacht, die ich niemals bezahlt habe – nicht aus bösem Willen, sondern aus Gedankenlosigkeit. Als ich reich und gesund war, wurde ich von aller Welt gefeiert; dem Armen und Abgemagerten erwies man kein einziges Zeichen von Achtung mehr. Als ich volle Taschen hatte und in zuversichtlichem Ton sprach, fand man mich geistreich, unterhaltend; als mein Beutel leer war und mein Ton bescheiden, erschienen alle meine Erzählungen flach und albern. Wenn ich wieder reich geworden wäre, würde ich von neuem ein achtes Weltwunder gewesen sein. O Menschen, o Glück! Man mied mich, wie wenn das Pech, das mir anhaftete, eine ansteckende Pest gewesen wäre. Gegen Ende September fuhren wir unter dem Oberbefehl des Herrn Veniero ab, fünf Galeeren, zwei Galeassen und mehrere kleine Schiffe; wir fuhren die nördliche Küste des Adriatischen Meeres entlang, die reich an Häfen ist, während die gegenüberliegende hafenarm ist. Jeden Abend liefen wir einen Hafen an; infolgedessen sah ich Frau F. allabendlich; denn sie kam mit ihrem Gatten auf unsere Galeasse, um zu speisen. Unsere Reise war sehr glücklich; am 14. Oktober 1745 gingen wir im Hafen von Venedig vor Anker, und nachdem wir auf unserer Galeasse die Quarantänezeit durchgemacht hatten, betraten wir am 25. November das Land. Zwei Monate später wurden die Galeassen aufgehoben. Der Gebrauch dieser Fahrzeuge ging bis in uralte Zeiten zurück; ihre Unterhaltung war sehr kostspielig und ihr Nutzen gleich Null. Eine Galeasse hatte den Rumpf einer Fregatte, aber Bänke wie eine Galeere; fünfhundert Sträflinge ruderten, wenn kein Wind da war. Bevor es dem gesunden Menschenverstand gelang, die Einziehung dieser unnützen alten Kästen durchzusetzen, gab es große Debatten im Senat; als Hauptgrund führten die Gegner der Maßregel an, man müsse alles Alte achten und bewahren. An dieser Krankheit leiden die Leute, die sich niemals mit den aus Vernunft und Erfahrung hervorgegangenen allmählichen Verbesserungen vertraut machen können; diese guten Leute müßte man nach China oder zum Dalai-Lama schicken; in diese Länder gehören sie weit eher als nach Europa. So lächerlich der genannte Grund ist, so ist er doch stets der stärkste in allen Republiken; denn diese müssen vor dem Wort Neuerung erzittern und zwar in unbedeutenden Dingen sowohl wie in wichtigen. Übrigens mischt sich stets auch etwas Aberglaube hinein. Was die Republik Venedig niemals abschaffen wird, das sind ihre Galeeren; erstens weil sie diese Fahrzeuge braucht, um zu allen Zeiten, auch bei Windstille, ein enges Meer befahren zu können; sodann, weil sie nicht wüßte, was sie mit den Menschen anfangen sollte, die sie zu den Galeeren verurteilt. Auf Korfu, wo oft 3000 Galeerenknechte sind, machte ich eine eigentümliche Beobachtung, nämlich daß denen, die wegen eines Verbrechens zur Galeerenstrafe verurteilt werden, eine Art Makel anhaftet, während die freiwilligen Galeerenknechte einer gewissen Achtung genießen. Ich bin immer der Meinung gewesen, daß es eigentlich gerade umgekehrt hätte sein müssen; denn Unglück, welcher Art es auch sein mag, erheischt immer eine Art Achtung, während ein gemeiner Mensch, der sich berufsmäßig dem Stande eines Sträflings widmet, mir im höchsten Grade verächtlich erscheint. Übrigens genießen die Galeerenknechte der Republik mehrerer Vorrechte und werden in jeder Hinsicht viel besser behandelt als die Soldaten. Es kommt oft vor, daß Soldaten von ihren Kompagnien desertieren und sich einem Sopracomito überliefern, um Galeerenknechte zu werden. Der Hauptmann, der auf diese Weise einen Soldaten verliert, kann nichts Besseres tun, als sich in Geduld zu ergeben; alle seine Vorstellungen würden vergeblich sein. Der Grund dieser Erscheinung ist der, daß die Republik stets ihre Galeerenknechte nötiger zu haben geglaubt hat als ihre Soldaten; vielleicht beginnt sie jedoch heute ihres Irrtums gewahr zu werden. (Ich schreibe dies im Jahre 1797.) Ein Galeerenknecht hat zum Beispiel das seltene Vorrecht, ungestraft stehlen zu können. Dies, sagt man, ist das geringste Verbrechen, das er begehen kann; darum muß man es ihm verzeihen. Seid auf eurer Hut, sagt der Herr des Galeerensträflings, und wenn ihr ihn auf frischer Tat ertappt, so schlagt ihn, aber verstümmelt ihn nicht; denn dann müßtet ihr mir die hundert Dukaten bezahlen, die er mich gekostet hat. Die Gerechtigkeit selber kann einen Galeerenknecht, der ein Verbrechen begangen hat, nicht hängen lassen, ohne vorher dem Meister die Summe zu bezahlen, die er ihn gekostet hat. Kaum in Venedig angelangt, ging ich zu Frau Orio; aber ich fand das Haus leer. Ein Nachbar erzählte mir, der Sachwalter Rosa habe sie geheiratet und sie wohne bei ihm. Augenblicklich begab ich mich dorthin, und ich wurde mit freudigem Jubel aufgenommen. Als erste Neuigkeit wurde mir mitgeteilt, daß Nannetta Gräfin R. geworden sei und mit ihrem Gatten in Guastalla wohne. Vierundzwanzig Jahre später sah ich ihren ältesten Sohn als ausgezeichneten Offizier im Dienste des Infanten-Herzogs von Parma. Martina war von der göttlichen Gnade berührt worden und hatte in Murano den Nonnenschleier genommen. Zwei Iahre später erhielt ich von ihr einen salbungsvollen Brief, worin sie mich im Namen Jesu Christi und der heiligen Jungfrau beschwor, mich nicht vor ihren Augen sehen zu lassen. Sie sagte mir: das Verbrechen, das ich begangen habe, indem ich sie verführte, müsse sie mir verzeihen, und sie sei glücklich über diese Verpflichtung, denn die Reue, womit mein Verbrechen sie erfüllt habe, mache sie gewiß, daß sie die Glückseligkeit der Auserwählten erlangen werde. Zum Schluß versicherte sie mir, daß sie unaufhörlich Gott um meine Bekehrung anflehen werde. Ich habe sie nicht mehr gesehen, aber sie sah mich im Iahre 1754, wie ich am geeigneten Ort mitteilen werde. Frau Manzoni war immer noch dieselbe. Sie hatte mir prophezeit, ich würde nicht beim Militär bleiben, und als ich ihr sagte, ich sei entschlossen, den Beruf zu wechseln, da ich die mir widerfahrene Ungerechtigkeit nicht ertragen könne, da lachte sie, daß sie sich die Seiten halten mußte. Sie fragte mich, welchen Beruf ich zu ergreifen gedächte, wenn ich den Degen ablegte. Ich sagte ihr, ich wolle Advokat werden. Von neuem begann sie zu lachen, indem sie mir sagte, dazu sei es zu spät. Ich war jedoch erst zwanzig Jahre alt. Als ich mich bei Herrn Grimani vorstellte, wurde ich gut aufgenommen; als ich mich jedoch nach meinem Bruder Francesco erkundigte, sagte er mir, er halte ihn im Fort Sant' Andrea, demselben, wohin er mich vor der Ankunft des Bischofs von Martorano hatte bringen lassen. »Er arbeitet dort für den Major: er kopiert Schlachtenbilder von Simonetti, die der Major ihm bezahlt; auf diese Weise gewinnt er seinen Lebensunterhalt und wird zugleich ein guter Maler.« »Aber er ist doch nicht in Haft?« »Gewissermaßen ja; denn er darf die Festung nicht verlassen. Der Major heißt Spiridion und ist ein Freund Razzettas, dem er sehr gerne den Gefallen getan hat, für Ihren Bruder zu sorgen.« Ich fand es fürchterlich, daß dieser fatale Razzetta der Henker meiner ganzen Familie sein sollte; ich verbarg jedoch meine Gefühle und fragte nur: »Ist meine Schwester immer noch bei ihm?« »Nein, sie ist in Dresden bei ihrer Mutter.« Diese Nachricht erfreute mich. Ich verabschiedete mich sehr herzlich vom Abbate Grimani und begab mich nach der Festung Sant' Andrea. Ich fand dort meinen Bruder mit dem Pinsel in der Hand; er war mit seinem Schicksal zwar nicht zufrieden, aber auch nicht unzufrieden, und er erfreute sich einer guten Gesundheit. Nachdem wir uns umarmt hatten, fragte ich ihn, welches Verbrechen er denn begangen hätte, daß man ihn auf solche Weise einsperrte. »Bitte, frage den Major danach; ich habe keine Ahnung davon.« In diesem Augenblick trat der Major ein; ich grüßte ihn militärisch und fragte ihn, mit welchem Recht er meinen Bruder in Haft halte. »Ich habe Ihnen keine Rechenschaft abzulegen.« »Das werden wir sehen.« Ich sagte meinem Bruder, er solle seinen Hut nehmen und mit mir zum Essen kommen. Der Major lachte und sagte: »Mir soll's recht sein; wenn nur der Wachtposten ihn herausläßt!« Ich sah, daß ich mit diesem Wortwechsel nur meine Zeit verlieren würde, und ging daher, ohne ihm zu antworten, aber fest entschlossen, mir Gerechtigkeit zu verschaffen. Gleich am nächsten Morgen begab ich mich auf das Kriegsministerium, wo ich das Vergnügen hatte, meinen lieben Major Pelodoro zu finden, der jetzt das Fort Chiozza befehligte. Ich sprach mit ihm von der Klage, die ich zugunsten meines Bruders beim Kriegsminister einreichen wollte, und von meiner Absicht, meine Fähnrichstelle aufzugeben. Er versprach mir, er wolle mir, sobald er die Zustimmung des Kriegsministers erlangt habe, den Verkauf meines Patents zu dem von mir dafür bezahlten Preise vermitteln. Ich brauchte nur einen Augenblick zu warten; der Kriegsminister kam, und in weniger als einer halben Stunde war alles in Ordnung. Er versprach mir, meinen Abschied zu bewilligen sobald er sich von der Tauglichkeit des Herrn, der mein Patent kaufen wollte, überzeugt hätte. Inzwischen war auch Major Spiridion angekommen, und der Weise der Schrift befahl diesem in gebieterischem Ton, meinen Bruder in Freiheit zu setzen und sich in Zukunft derartige verwerfliche Willkürhandlungen nicht mehr zu erlauben. Ich holte meinen Bruder sofort ab und brachte ihn bei mir in einem möblierten Zimmer unter. Ein paar Tage später erhielt ich meinen Abschied und hundert Zechinen, zog die Uniform aus und wurde wieder mein eigener Herr. Da ich nun daran denken mußte, einen Beruf zu ergreifen, um meinen Lebensunterhalt zu gewinnen, so entschied ich mich dafür, gewerbsmäßiger Spieler zu werden. Dame Fortuna war jedoch anderer Ansicht, denn sie verließ mich schon bei meinen ersten Schritten in dieser neuen Laufbahn, und acht Tage später hatte ich keinen Heller in der Tasche. Was nun? Ich mußte leben und wurde Geigenspieler. Beim Doktor Gozzi hatte ich genug gelernt, um in einem Theaterorchester mitfiedeln zu können. Ich trug Herrn Grimani meine Wünsche vor, und er brachte mich in dem Orchester seines Theaters San Samuele unter. Dort verdiente ich täglich einen Taler, woran ich mir einstweilen Genüge leisten konnte, bis bessere Zeiten kommen würden. Meiner Lage mir bewußt, betrat ich von nun an kein einziges der Häuser von gutem Ton, in denen ich verkehrt hatte, bevor ich so tief gesunken war. Ich wußte, daß man mich als Lüderjahn ansehen mußte; aber daraus machte ich mir nichts. Ohne Zweifel verachtete man mich: ich tröstete mich mit dem Bewußtsein, daß ich nicht verächtlich war. Die Stellung, in der ich mich befand, nachdem ich eine ziemlich glänzende Rolle gespielt hatte, demütigte mich; dieses Gefühl behielt ich jedoch für mich, und wenn ich mich auch schämte, so war ich deshalb doch nicht erniedrigt. Denn ich hatte nicht auf das Glück verzichtet und hoffte daher, noch darauf rechnen zu können, weil ich jung war und weil die wankelmütige Gottheit es mit der Jugend nicht böse meint. Sechzehntes Kapitel Ich werde ein Taugenichts. – Ein großes Glück entreißt mich der Erniederigung, und ich werde ein großer Herr. Bei einer Erziehung, die mir einen ehrenvollen Stand in der Welt hätte sichern können, bei geistigen Eigenschaften, einer guten Grundlage literarischer und wissenschaftlicher Bildung und außerdem mit jenen zufälligen physischen Eigenschaften ausgestattet, die in der Welt ein so vorteilhafter Empfehlungsbrief sind, sah ich mich im Alter von zwanzig Jahren als Jünger einer erhabenen Kunst, bei deren Ausübung man mit Recht die Mittelmäßigkeit ebenso verachtet, wie man die Überlegenheit des Talentes anerkennt. Durch meine Lage gezwungen, wurde ich Mitglied eines Orchesters, wo ich weder Achtung noch Beachtung fordern konnte, während ich natürlich erwarten mußte, zum Gelächter der Leute zu werden, die mich als Doktor, Geistlichen und Offizier gekannt hatten und die mich in der besten Gesellschaft aufgenommen und gefeiert gesehen hatten. Ich wußte alles das, denn ich verschloß keineswegs meine Augen gegen meine Verhältnisse. Allein die Verachtung, das einzige, dem gegenüber ich nicht gleichgültig sein konnte, zeigte sich nirgends auf solche Art, daß ich sie nicht hätte übersehen können. Ich forderte sie heraus, weil ich die Überzeugung hatte, daß sie nur der Erbärmlichkeit gebührt, und ich wußte, daß ich mir keine vorwerfen konnte. Nach Achtung war ich stets begierig gewesen, aber mein Ehrgeiz schlummerte, und zufrieden damit, mir selbst anzugehören, genoß ich meine Unabhängigkeit, ohne mir wegen der Zukunft den Kopf zu zerbrechen. Ich fühlte, daß ich in meinem ersten Beruf, zu dem ich mich keineswegs berufen gefühlt hatte, meinen Weg nur als Heuchler hätte machen können, und daß ich mir selber ein Gegenstand der Verachtung geworden wäre, hätte ich auch den römischen Purpur erlangt; denn äußerliche Ehren verhindern keineswegs den Menschen, sein erster Zeuge zu sein, und seinem eigenen Gewissen kann man nicht entrinnen. Wenn ich im Gegenteil auch weiterhin mein Glück im Waffenhandwerk gesucht hätte, das nur durch den Dunst des Glückes, der ihm zum Glorienschein dient, schön erscheint, im übrigen aber der letzte Stand ist, weil man beständig das eigene Ich und jeden eigenen Willen zugunsten dessen verleugnet, was der passive Gehorsam verlangt – so hätte ich eine große Geduld haben müssen, worauf ich keinen Anspruch machen konnte, da mich jede Ungerechtigkeit empörte und jedes Joch mir unerträglich wurde, sobald ich es bemerkte. Übrigens dachte ich, daß jeder Beruf, den der Mensch sich wählt, ihm einen hinlänglichen Unterhalt gewähren sollte, um seine Bedürfnisse zu befriedigen. Die mittelmäßigen Bezüge eines Offiziers aber würden zu meiner Existenz nicht genügt haben, weil ich infolge meiner Erziehung größere Bedürfnisse hatte, als die eines Offiziers im allgemeinen sind. Indem ich die Geige spielte, verdiente ich genug, um mich durchzubringen, ohne jemanden nötig zu haben, und ich habe immer den Menschen für glücklich gehalten, der sich rühmen kann, sich selber zu genügen. Meine Stellung war freilich nicht glänzend, aber daraus machte ich mir nichts, und indem ich alle Gefühle, die sich in mir gegen mich selbst auflehnten, als Vorurteile behandelte, nahm ich schließlich bald die Gewohnheiten meiner niederen Kameraden an. Nach dem Schauspiel ging ich mit ihnen in die Schenke, die wir betrunken verließen, um die Nacht gewöhnlich an schlechten Orten zu verbringen. Wenn wir den Platz besetzt fanden, zwangen wir die Inhaber zum Rückzuge und beraubten die unglücklichen Opfer der Verdorbenheit ihres kargen Lohnes, den ihnen das Gesetz zuerkennt, indem wir sie zwangen, sich unserer Brutalität zu unterwerfen. Aber durch eine so tadelnswerte Aufführung setzten wir uns oft der augenscheinlichsten Gefahr aus. Oft kam es vor, daß wir in der Nacht durch verschiedene Stadtteile liefen, indem wir allen möglichen Unfug erfanden und ausführten. Einer unserer Lieblingsspäße bestand darin, die Privatgondeln vom Ufer loszumachen und sie in den Kanälen der Strömung zu überlassen, indem wir uns im voraus über alle Flüche ergötzten, die die Barkarolen am Morgen gegen uns ausstoßen würden. Oft weckten wir auch in aller Eile die ehrenwerten Hebammen auf, indem wir sie beschworen, sich zu dieser oder jener Dame zu begeben, die dann, da sie niemals schwanger gewesen war, sie bei ihrer Ankunft wie eine Verrückte behandelte. Ebenso verfuhren wir mit den Ärzten, die wir, halb angekleidet, zu diesem oder jenem großen Herrn laufen ließen, der sich ganz gesund befand. Auch die Geistlichen kamen an die Reihe. Wir schickten sie, einen Gatten zu versehen, der ruhig an der Seite seiner Frau schlief und sich gar nicht um die letzte Ölung kümmerte. Wir rissen die Glockenzüge an allen Häusern, und wenn wir eine Tür offen fanden, schlichen wir uns hinauf und erschreckten die Schläfer, indem wir ihnen zuschrien, daß das Tor ihres Hauses offen stände. Dann stiegen wir lärmend wieder hinunter und ließen das Tor weit offen. Während einer sehr dunklen Nacht verschworen wir uns, einen großen Marmortisch umzuwerfen, der als eine Art von Denkmal mitten auf dem Platze Sant' Angelo stand. Man erzählte, daß zur Zeit der Liga von Cambrai die Kommissäre auf diesem Tische die Rekruten auszahlten, die sich für den heiligen Markus anwerben ließen. Das verschaffte ihm eine Art Verehrung. Als wir in die Glockentürme eindringen konnten, war es für uns ein großes Vergnügen, die ganze Gemeinde alarmieren zu können, indem wir die Sturmglocke läuteten, als ob ein großer Brand wütete. Aber darauf beschränkten wir uns nicht. Wir schnitten die Glockenstricke ab, so daß die Meßner sich außerstande sahen, am Morgen die Gläubigen zur ersten Messe zu rufen. Zuweilen setzten wir, jeder in einer besonderen Gondel, über den Kanal, und wenn wir auf der anderen Seite waren, ergriffen wir die Flucht, ohne zu zahlen, so daß die Gondoliere uns wütend nachliefen. Die ganze Stadt ertönte von Klagen, wir aber machten uns über die Verfolgungen lustig, die man anstellte, um die Störer der öffentlichen Ruhe zu entdecken. Wir hatten keine Lust etwas auszuplaudern, denn wenn man uns entdeckt hätte, so hätte man uns wohl für einige Zeit auf der Galeere des Rates der Zehn rudern lassen. Wir waren unser sieben und manchmal acht, denn da ich viel Freundschaft für meinen Bruder Francesco hegte, so gestattete ich ihm von Zeit zu Zeit Zutritt zu unseren nächtlichen Orgien. Indessen legte endlich die Furcht diesen Schändlichkeiten, die ich damals für Jugendstreiche hielt, einen Zügel an und zwar auf folgende Weise. In jedem der zweiundsiebzig Kirchspiele der Stadt Venedig gibt es eine große Schenke, die man Magazzino nennt. Sie ist die ganze Nacht geöffnet, und der Wein wird dort im kleinen billiger verkauft als in den anderen Schenken. Man kann dort auch essen, aber man muß von einem benachbarten Garkoch holen lassen, was man wünscht, da er für diesen Verkauf privilegiert ist und daher seinen Laden die ganze Nacht offen hält. Gewöhnlich ist dies ein Garkoch, der ein sehr schlechtes Essen zubereitet, allein da er es billig gibt, so lassen die armen Leute es sich gern schmecken, und diese Anstalten genießen den Ruf, für die niedere Klasse sehr nützlich zu sein. Niemals sieht man an diesen Orten weder den Adel, noch die gute Bürgerschaft, nicht einmal die wohlhabenden Handwerker, denn auf Peinlichkeit wird hier nicht eben großer Wert gelegt. Übrigens gibt es kleine abgesonderte Zimmer, wo an einem von Bänken umgebenen und gedeckten Tisch eine ehrbare Familie oder einige Freunde sich auf eine anständige Weise der Heiterkeit hingeben können. Es war während des Karnevals von 1745, daß wir in einer Nacht nach zwölf Uhr alle acht maskiert herumstrichen. Damit beschäftigt, irgendeinen neuen Streich zu erfinden, der uns ergötzen konnte, traten wir in ein Magazzino des Kirchspiels della Croce, um dort zu trinken. Wir fanden niemand darin, aber in einem kleinen Zimmer nebenan entdeckten wir drei Männer, die sich sehr friedlich mit einer jungen und hübschen Frau unterhielten und dabei ihre Flaschen leerten. Unser Führer, ein edler Venezianer aus der Familie Balbi, sagte zu uns: »Es wäre ein ausgezeichneter Streich, diese drei Spitzbuben einzeln dieser hübschen Frau zu entführen, die dann notwendigerweise unter unserm Schutz zurückbleiben würde.« Sofort setzte er uns seinen Plan in allen Einzelheiten auseinander; durch unsere Masken begünstigt, traten wir in ihr Zimmer; Balbi an unserer Spitze. Unser Erscheinen überraschte die armen Leute sehr, ganz bestürzt aber wurden sie, als sie Balbi sagen hörten: »Bei Todesstrafe und auf Befehl der Häupter des Rates der Zehn ordne ich euch an, ohne den geringsten Lärm zu machen, uns sogleich zu folgen. Ihr, gute Frau, fürchtet nichts, man wird Euch nach Hause führen.« Kaum waren diese Worte ausgesprochen, als zwei unserer Genossen sich der Frau bemächtigten, um sie an den ihnen von unserem Führer bezeichneten Ort zu bringen ; wir anderen ergriffen die drei armen, ganz zitternden Männer, die an nichts weniger dachten, als uns Widerstand zu leisten. Der Kellner des Magazzino eilte mit seiner Rechnung herbei, und unser Anführer bezahlte ihn, indem er ihm bei Todesstrafe Stillschweigen gebot. Wir führten die drei Männer in ein großes Boot, Balbi trat zum Steuer und befahl dem Schiffer am Vorderteil zu rudern. Dieser mußte gehorchen, ohne zu wissen, wohin die Fahrt ginge. Der Weg wurde vom Steuermann bestimmt, und keiner von uns wußte, wohin unser Führer die armen Teufel bringen würde. Er schlug den Weg über den Kanal ein, verließ ihn dann und in einer Viertelstunde langten wir in San Giorgio an, wo er die drei Gefangenen aussteigen ließ, die sich sehr glücklich fanden, sich in Freiheit zu erblicken. Hierauf ließ unser Anführer, da er ermüdet war, den Schiffer ans Steuer treten und hefahl ihm, uns nach Santa Genoveffa zu bringen, wo wir nach unserer Landung ausstiegen, nachdem wir ihn gut bezahlt hatten. Hierauf begaben wir uns auf den kleinen Platz Renier, wo mein Bruder mit einem anderen der Bande uns erwartete, indem sie mit der hübschen Frau, die weinte, auf der Erde saßen. »Weinen Sie nicht, meine Schöne,« sagte Balbi zu ihr, »denn man wird Ihnen nichts zuleide tun. Wir werden am Rialto einen Schluck trinken, hierauf werden wir Sie sicher nach Hause geleiten.« »Wo ist mein Mann?« »Seien Sie ruhig, Sie werden ihn morgen früh wiedersehen.« Durch dieses Versprechen getröstet, folgte sie uns sanft wie ein Lamm zu dem Gasthof delle Spade, wo wir in einem Zimmer des zweiten Stocks ein gutes Feuer machen ließen; nachdem wir zu essen und zu trinken bestellt hatten, schickten wir den Kellner weg und blieben allein. Dann nahmen wir unsere Masken ab, und der Anblick von acht jungen und frischen Gesichtern erfüllte die Seele der schönen Entführten mit Befriedigung. Durch die Galanterie unseres Benehmens versetzten wir sie in eine ganz behagliche Stimmung. Durch den Wein und das gute Essen ermutigt und vorbereitet durch unsere Gespräche und einige Küsse, sah sie wohl, was ihrer wartete, und schien sich gutwillig darein zu fügen. Unser Chef mußte natürlich den Tanz eröffnen; durch Höflichkeiten besiegte er das natürliche Widerstreben, das sie anfangs bezeigte, das Opfer in so zahlreicher Gesellschaft zu vollbringen. Ohne Zweifel erschien ihr die Opfergabe süß, denn, nachdem ich mich als mutiger Opferpriester zur zweiten Opfergabe angeboten hatte, empfing sie mich mit einer Art Erkenntlichkeit; und sie konnte ihre Freude nicht verbergen, sobald sie sah, daß sie bestimmt war, ebenso viele Glückliche zu machen, als wir Gäste waren. Mein Bruder allein entzog sich dem Tribute, indem er vorgab, krank zu sein, der einzige Grund, der seine Weiterung entschuldigen konnte, denn es war zu einer Art von Gesetz geworden, daß jeder von uns bei jeder Gelegenheit dasselbe tun mußte, was die anderen taten. Nach dieser schönen Heldentat nahmen wir die Masken wieder vor, bezahlten die Rechnung und führten das glückliche Opfer nach San Giobbe, wo sie wohnte; wir verließen sie erst, als wir sie in ihr Haus eingetreten und das Tor geschlossen sahen. Möge man sich denken, ob wir Lust hatten zu lachen, als sie uns gute Nacht wünschte, dabei in der herzlichsten und aufrichtigsten Weise sich bei uns bedankte! Wir trennten uns hierauf, und jeder ging nach Hause. Am zweiten Tag darauf begann diese nächtliche Saturnalie Lärm zu machen. Der Gatte der jungen Frau war Weber, ebenso seine zwei Freunde. Sie vereinigten sich, um bei dem Rat der Zehn zu klagen. Diese Klage war sehr offenherzig abgefaßt und schilderte die ganze Wahrheit; aber was sie an Abscheulichem berichtete, war durch einen Umstand gemildert, der die strengen Stirnen der Richter entrunzeln mußte, da sie dem öffentlichen Gelächter einen ergiebigen Stoff bot. Die Klage besagte nämlich, daß die acht Masken an der Frau keine unangenehme Handlung begangen hätten. Die beiden Masken, die sie entführt hatten, hätten sie an den und den Ort gebracht, wohin eine Stunde später die sechs anderen gekommen wären, und alle hätten sich dann zusammen in den Gasthof »zu den Schwertern« begeben, wo sie eine Stunde mit Zechen zugebracht hätten. Die Frau wäre von den Masken sehr gut bewirtet und dann nach Hause geführt worden, wo man sie gebeten hätte, sie möchte doch entschuldigen, man hätte gerne ihrem Manne einen Streich spielen wollen. Die Klagesteller hätten die Insel nicht vor Tagesanbruch verlassen können und der Mann hätte bei seiner Rückkehr seine Frau friedlich schlafend gefunden. Bei ihrem Erwachen hätte sie ihm alles erzählt, was ihr zugestoßen wäre. Sie beklagte sich nur über die große Angst, die sie um ihren Mann ausgestanden hätte, und verlangte deswegen Gerechtigkeit und exemplarische Strafe. In dieser Klage war alles komisch, denn die drei Trottel spielten darin die Tapferen, indem sie sagten, daß wir sie sicher nicht so folgsam gefunden hätten, wenn der Anführer nicht den achtbaren Namen des Gerichtes ausgesprochen hätte. Die Klage brachte drei Wirkungen hervor. Zunächst machte sie die ganze Stadt lachen; zweitens gingen alle Müßiggänger nach San Giobbe, um die Geschichte aus dem Munde der Heldin selbst zu hören, was ihr mehr als ein Geschenk eintrug; und drittens endlich veranlaßte sie, daß das Gericht öffentlich eine Belohnung vou 500 Dukaten versprach, für jeden, der die Urheber der Freveltat angeben würde, selbst wenn er einer von den Übeltätern wäre, mit Ausnahme des Anführers. Diese Bekanntmachung würde uns Furcht eingejagt haben, wäre nicht unser Anführer, gerade der einzige, der an uns zum Verräter zu werden imstande gewesen wäre, ein Patrizier gewesen. Diese Eigenschaft unseres Hauptes beruhigte mich sogleich, denn ich wußte, daß, selbst wenn einer von uns sich so erniedrigen hätte können, daß er sich die Summe um den Preis eines Verrates hätte verschaffen wollen, das Gericht nichts unternommen haben würde, um nicht verpflichtet zu sein, einen Patrizier bloßzustellen. Der Verräter fand sich aber nicht unter uns, obwohl wir alle arm waren, allein die Furcht brachte eine heilsame Wirkung hervor, und unsere nächtlichen Ausschweifungen erneuerten sich nicht wieder. Drei oder vier Monate darauf verursachte mir der Ritter Niccolo Iron, damals Inquisitor, eine große Überraschung, indem er mir die ganze Geschichte erzählte und mir alle Teilhaber nannte. Er sagte mir nicht, ob irgendeiner der Bande das Geheimnis verraten hätte; die Sache kümmerte mich wenig, allein ich sah klar den Geist der Aristokratie, der das solo mihi das oberste Gesetz ist. Gegen Mitte April 1746 heiratete Herr Girolamo Cornaro, das älteste Mitglied der Familie Cornaro della Regina, ein Fräulein aus dem Hause Soranzo di San Polo und ich hatte die Ehre, bei der Hochzeit zu sein .... in meiner Eigenschaft als Fiedler. Ich war Mitglied eines der zahlreichen Orchester für die Bälle, die man an drei aufeinanderfolgenden Tagen im Palazzo Soranzo gab. Am dritten Tage, gegen das Ende des Festes, eine Stunde vor Tagesanbruch, verließ ich ermüdet das Orchester, in der Absicht, mich zurückzuziehen, als ich beim Hinabsteigen über die Treppe einen Senator im roten Talar bemerkte, der in seine Gondel steigen wollte und, indem er sein Schnupftuch aus der Tasche zog, einen Brief fallen ließ. Ich raffte ihn in aller Eile auf und übergab dem hohen Herrn den Brief in dem Augenblick, wo ich ihn einholte, als er die Stufen hinabstieg. Er nahm ihn dankend und fragte mich, wo ich wohnte. Ich sagte es ihm, und er nötigte mich, in seine Gondel zu steigen, da er mich durchaus nach Hause bringen wollte. Ich nahm dies mit Dank an und setzte mich auf das Bänkchen neben ihm. Einen Augenblick darauf bat er mich, ihm den linken Arm zu schütteln, indem er mir sagte, er empfände eine so starke Lähmung, daß er den Arm nicht mehr fühlte. Ich schüttelte mit voller Kraft, aber gleich darauf sagte er mir mit undeutlicher Stimme, die Lähmung erstrecke sich über die ganze linke Seite und er fühle sich sterben. Entsetzt öffnete ich den Vorhang und nahm die Laterne. Ich sah einen Sterbenden mit ganz verzerrtem Mund. Ich begriff, daß der hohe Herr von einem Schlaganfall betroffen war, und schrie den Gondolieren zu, sie sollten mich aussteigen lassen, um einen Chirurgen zu holen, der ihm zur Ader ließe. Ich sprang gerade an dem Ort aus der Gondel, wo ich drei Jahre vorher Razetta eine so kräftige Lehre gegeben hatte, und ging in ein Kaffeehaus, wo man mir die Wohnung eines Wundarztes angab. Ich laufe hin, klopfe wiederholt, man öffnet mir, ich zwinge den Wundarzt, mir im Schlafrock in die Gondel zu folgen, die uns erwartet. Er läßt dem Senator zur Ader, während ich mein Hemd zerreiße, um die Kompressen und den Verband zu machen. Nach dieser Operation befahl ich den Barkarolen, die Ruder mit doppelter Kraft einzusetzen, und in einem Augenblick kamen wir bei Santa Marina an. Man weckte seine Bedienten auf, und nachdem man ihn aus der Gondel gehoben, bringen wir ihn fast leblos in sein Bett. Mich zum Anordner aufwerfend, befahl ich einem Diener, in aller Eile einen Arzt zu holen. Sobald der Äskulap angelangt war, gebot er augenblicklich einen zweiten Aderlaß, indem er dadurch den billigte, den ich ihm schon hatte beibringen lassen. Da ich mich berechtigt glaubte, den Kranken zu pflegen, so setzte ich mich neben sein Bett, um ihm meine Pflege angedeihen zu lassen. Eine Stunde später traten zwei Patrizier, Freunde des Kranken, wenige Minuten nacheinander ein. Sie waren in Verzweiflung, und da sie sich schon bei den Gondolieren erkundigt und diese ihnen gesagt hatten, ich wüßte darüber mehr als sie, so fragten sie mich aus. Ich sagte ihnen alles, was ich wußte. Sie wußten nicht, wer ich war, wagten auch nicht, mich darum zu fragen, und ich glaubte mich in ein bescheidenes Schweigen einhüllen zu müssen. Der Kranke war regungslos und gab kein anderes Lebenszeichen, als daß er noch atmete. Man machte ihm Umschläge, und der Priester, den man geholt hatte und der unter diesen Umständen sehr überflüssig war, schien nur seinen Tod zu erwarten. Man wies auf meine Veranlassung alle Besuche ab, und die zwei Patrizier und ich waren die einzigen bei dem Kranken. Zu Mittag nahmen wir schweigend ein kleines Mahl ein, ohne das Krankenzimmer zu verlassen. Am Abend sagte mir der ältere der beiden Patrizier, daß ich fortgehen könnte, wenn ich Geschäfte hätte, denn sie würden die Nacht auf Matratzen in dem Krankenzimmer verbringen. »Und ich, mein Herr,« sagte ich zu ihm, »ich werde sie in demselben Lehnstuhl an der Seite des Bettes verbringen; denn wenn ich mich entfernte, würde der Kranke sterben, und ich bin überzeugt, daß er solange leben wird, als ich hier bleibe.« Diese salbungsvolle Antwort machte, wie sich wohl erwarten ließ, einen starken Eindruck auf sie, und die beiden Herren blickten sich mit Überraschung an. Wir speisten, und bei der spärlichen Unterhaltung, die wir während des Essens führten, erzählten mir die Herren, ohne daß ich sie danach fragte, der Senator sei ihr Freund, Herr von Bragadino, der einzige Bruder des Prokurators dieses Namens. Dieser Herr von Bragadino war in Venedig ebensosehr durch seine Beredsamkeit und seine großen Talente als Staatsmann berühmt, wie durch die galanten Abenteuer feiner brausenden Jugend. Er hatte Torheiten für die Frauen begangen, und mehr als eine Schöne hatte dasselbe für ihn getan. Er hatte viel gespielt und viel verloren, und sein Bruder war sein grausamster Feind, weil dieser sich in den Kopf gesetzt hatte, er hätte ihn vergiften wollen. Er hatte ihn wegen dieses Verbrechens bei dem Rat der Zehn angeklagt, der ihn acht Monate darauf infolge einer gründlichen Untersuchung mit Stimmeneinheit für unschuldig erklärte. Allein trotz dieser glänzenden Genugtuung kam sein Bruder doch nicht von seinen Vorurteilen zurück. Der unschuldige Senator, durch einen ungerechten Bruder unterdrückt, der ihm die Hälfte seiner Einkünfte raubte, lebte als liebenswürdiger Philosoph im Schoße der Freundschaft. Er hatte zwei vertraute Freunde, eben jene, die jetzt bei ihm waren; der eine war aus der Familie Dandolo, der andere aus der Familie Barbaro, alle beide ehrenwert und liebenswürdig wie er. Herr Bragadino war schön, gelehrt, kurzweilig und hatte den sanftesten Charakter; er zählte siebenundfünfzig Jahre. Der Arzt, der es unternommen hatte, ihn zu heilen, hieß Terro. Er bildete sich ein, ihn durch ein ganz besonderes Mittel retten zu können, indem er ihm auf der Brust eine Einreibung von Merkurialsalbe machte, und man ließ ihn gewähren. Die schnelle Wirkung dieses Heilmittels entsetzte mich, während sie die beiden Freunde entzückte, denn in weniger als vierundzwanzig Stunden fühlte sich der Kranke durch einen großen Blutandrang zum Kopfe gequält. Der Arzt sagte, er wüßte, daß die Einreibung diese Wirkung hervorbringen müßte, allein am nächsten Tage würde sie vom Kopf aus auf die anderen Teile des Körpers wirken, die es nötig hätten, durch eine künstliche Herstellung des Gleichgewichts im Blutumlauf belebt zu werden. Um Mitternacht war der Kranke ganz in Glut und in einer tödlichen Aufregung. Ich näherte mich ihm und sah, daß seine Augen schon brachen, während er kaum atmen konnte. Ich ließ die beiden Freunde aufstehen und erklärte ihnen, der Kranke würde sterben, wenn man ihn nicht sofort von der verhängnisvollen Salbe befreite. Ohne ihre Antwort abzuwerten, entblößte ich ihm die Brust und nahm das Pflaster fort; nachdem ich ihn sorgfältig mit lauem Wasser gewaschen hatte, sahen wir ihn in weniger als drei Minuten erleichtert atmen und in den sanftesten Schlaf versinken. Dann legten auch wir drei uns hocherfreut nieder; besonders ich fühlte mich sehr beglückt. Der Arzt kam schon sehr früh und machte ein sehr vergnügtes Gesicht, als er seinen Kranken in einer so guten Verfassung sah, allein als Herr Dandolo ihm gesagt hatte, was man getan hatte, erzürnte er sich, sagte, damit bringe man einen Kranken ins Grab, und fragte, wer der Mensch wäre, der sich seine Kur zu zerstören erlaubt hätte. Herr von Bragadino nahm hierauf das Wort und sagte: »Doktor, der Mann, der mich von dem Quecksilber befreit hat, das mich erstickte, ist ein Arzt, der mehr weiß als Sie.« Bei diesen Worten zeigte er mit der Hand auf mich. Ich weiß nicht, wer von uns beiden mehr überrascht war, der Doktor, da er einen jungen Menschen sah, den er nicht kannte und den er für einen Quacksalber halten mußte, obwohl man ihn für einen großen Gelehrten ausgab, oder ich, der sich in einen Arzt verwandelt sah, ohne daran zu denken, es zu sein. Ich verhielt mich, um nicht in lautes Lachen auszubrechen, in einem bescheidenen Schweigen, während der Arzt mich mit einer Art von Verwirrung, die mit Verachtung gemischt war, betrachtete und mich ohne Zweifel für einen frechen Betrüger hielt, der es gewagt hatte, ihn zu verdrängen. Schließlich wandte er sich zu dem Kranken und sagte ihm kalt, er räume mir den Platz. Er wurde beim Wort genommen. Er ging, und ich war also der Arzt eines der berühmtesten Mitglieder des Senates von Venedig geworden. Ich muß gestehen, im Grunde war ich davon entzückt, und ich sagte dem Kranken, er bedürfe nur der Diät, und die Natur werde, unterstützt durch die herannahende schöne Jahreszeit, alles übrige besorgen. Der abgedankte Doktor erzählte die Geschichte in der ganzen Stadt, und als es dem Kranken besser und besser ging, sagte ihm einer seiner Verwandten, der ihn besuchte, alle Welt wäre überrascht, daß er zu seinem Arzt einen Fiedler des Theaterorchesters erwählt hatte. Allein Herr von Bragadino schloß ihm den Mund, indem er ihm sagte, ein Geigenspieler könne wohl ebensoviel wissen wie alle Ärzte Venedigs, und er verdanke es nur mir, daß er nicht erstickt sei. Der hohe Herr hörte auf mich wie auf ein Orakel, und seine beiden erstaunten Freunde widmeten mir dieselbe Aufmerksamkeit. Diese Art von Eingenommenheit gab mir Mut. Ich sprach wie ein Gelehrter über Dogmen der Heilkunde und zitierte Autoren, die ich niemals gelesen hatte. Herr von Bragadino, der mit Vorliebe sich mit abstrakten Wissenschaften befaßte, sagte mir eines Tages, er finde mich für einen jungen Menschen zu gelehrt; ich müsse daher über übernatürliche Gewalten verfügen. Er bat mich, ihm die Wahrheit zu sagen. Wie merkwürdig wirken doch der Zufall und die Macht der Umstände! Um nicht seine Eitelkeit zu verletzen, indem ich ihm sagte, daß er sich täuschte, faßte ich den tollen Entschluß, ihm in Gegenwart seiner beiden Freunde die falsche und überspannte vertrauliche Mitteilung zu machen, ich besitze eine Zahlenberechnung, wodurch ich, indem ich eine Frage aufschreibe und in Zahlen setze, gleicherweise in Zahlen eine Antwort erhalte, die mich über alles unterrichte, was ich wissen wolle, und die kein Mensch auf der Welt mir hätte sagen können. Herr von Bragadino sagte mir, dies sei der Schlüssel Salomons, den das gemeine Volk die Kabbala nenne. Er fragte mich, von wem ich meine Wissenschaft gelernt hätte. »Von einem alten Eremiten,« sagte ich ihm, »der auf dem Berge Carpegna wohnt und den ich zufällig kennenlernte, während ich bei der spanischen Armee Gefangener war.« »Dieser Eremit«, sagte er zu mir, »hat ohne Ihr Wissen mit der Berechnung, die er Sie gelehrt, eine unsichtbare Einsicht vereint, denn die einfachen Zahlen können nicht die Fähigkeit des Denkens besitzen. Du hast,« fügte er bei, »einen wahren Schatz, und es steht nur bei dir, daraus den größten Vorteil zu ziehen.« »Ich weiß nicht,« erwiderte ich, »wie ich diesen großen Vorteil aus meiner Wissenschaft ziehen könnte, denn die Antworten, die mir meine Berechnung gibt, sind manchmal so dunkel, daß ich ihrer höchst überdrüssig wurde und mich fast niemals mehr ihrer bediente. Indessen ist es doch wahr, daß ich niemals das Glück gehabt haben würde, Eure Exzellenz kennenzulernen, wenn ich nicht meine Pyramide gemacht hätte.« »Wie das?« »Am zweiten Tage der Feste in dem Hause Soranzo hatte ich Luft, mein Orakel zu fragen, ob ich auf dem Ball jemanden treffen würde, dessen Begegnung mir unangenehm sein könnte. Ich erhielt die Antwort: »Verlasse das Fest genau um sechs Uhr!« Das war eine Stunde vor Tagesanbruch. Ich entschloß mich zu gehorchen und traf Eure Exzellenz.« Meine drei Zuhörer waren wie versteinert. Herr Dandolo bat mich dann, auf eine Frage zu erwidern, die er stellen wollte und deren Auslegung nur ihm möglich wäre, da die Sache auch nur ihm allein bekannt wäre. »Gerne.« – Da ich mich einmal so unbesonnen eingelassen hatte, mußte ich frech sein. Er schrieb die Frage auf, gab sie mir, ich las sie und begriff nichts von der Sache und nichts vom Inhalte. Aber einerlei: antworten mußte ich. Wenn mir die Frage derart dunkel war, daß ich nichts begreifen konnte, so konnte ich natürlich auch von der Antwort nichts verstehen. Ich erwiderte also in gewöhnlichen Ziffern mit vier Versen, deren Dolmetsch nur er allein sein konnte, und zeigte mich hinsichtlich der Auslegung sehr gleichgültig. Herr Dandolo las sie, las sie wieder, zeigte sich überrascht und verstand alles. »Das ist göttlich, das ist einzig,« rief er, »das ist ein Schatz des Himmels. Die Zahlen sind nur das Werkzeug, aber die Antwort muß von einem unsterblichen Geist herrühren.« Herr Dandolo war so befriedigt, daß auch seine beiden Freunde Lust bekommen mußten. Sie stellten mir Fragen über alles mögliche, und meine Antworten, von denen ich selber nichts verstand, erschienen ihnen alle göttlich. Ich beglückwünschte sie und mich selbst, etwas zu besitzen, worauf ich bisher kein Gewicht gelegt hätte, allein ich versprach ihnen, daß ich nicht verfehlen würde, es sorgfältig zu pflegen, da ich sähe, daß ich dadurch Ihren Exzellenzen nützlich sein könnte. Alle drei zusammen fragten mich nun, binnen welcher Zeit ich sie die Regeln dieser erhabenen Berechnung lehren könnte. »In sehr kurzer Zeit, meine Herren,« antwortete ich ihnen, »und ich werde Ihrem Wunsche mich gerne gefällig erweisen, obwohl mir der Eremit versichert hat, daß ich drei Tage darauf, nachdem ich meine Wissenschaft irgendeinem mitgeteilt hätte, eines plötzlichen Todes sterben würde. Allein ich glaube keineswegs an diese Drohung.« Herr von Bragadino, der mehr daran glaubte als ich, sagte mir mit sehr ernsthafter Miene, ich müßte daran glauben. Von diesem Augenblick an sprach keiner von ihnen mehr von dieser Sache. Sie dachten ohne Zweifel, wenn sie mich an sich fesseln könnten, so wäre dies dasselbe, als ob sie selber die Wissenschaft besäßen. Auf diese Art wurde ich der Hierophant dieser drei Männer, sehr ehrenwerter und unendlich liebenswürdiger Leute, die aber trotz ihren schönen wissenschaftlichen Kenntnissen keineswegs weise waren, da sie in die chimärischen geheimen Wissenschaften vernarrt waren und an die Existenz unmöglicher Dinge sowohl geistiger wie körperlicher Art glaubten. Sie schätzten sich durch mich im Besitz des Steines der Weisen, der Universalmedizin, des Verkehrs mit den Elementargeistern, mit allen himmlischen und höllischen Geistern. Endlich bezweifelten sie nicht, durch meine erhabene Wissenschaft der Geheimisse sämtlicher Kabinette Europas teilhaftig zu werden. Nachdem sie sich von der Erhabenheit meiner kabbalistischen Wissenschaft durch Fragen über die Vergangenheit überzeugt hatten, schickten sie sich an, sich diese nützlich zu machen, indem sie sie über die Gegenwart und Zukunft befragten. Es war mir nicht schwierig zu erraten, da ich nur doppelsinnige Antworten gab, die ich mit Sorgfalt so zurecht richtete, daß sie nur nach dem Eintritt des Ereignisses ausgelegt werden konnten. So schlug meine Kabbala, wie die delphischen Orakel, niemals fehl. Ich erkannte, wie leicht es den alten heidnischen Priestern gewesen sein mußte, die unwissende und daher leichtgläubige Welt zu betrügen. Ich sah, wie bequem es immer den Betrügern geworden war, Leute zu täuschen, und ich fühlte besser als der römische Redner, wie zwei Auguren sich anblicken konnten, ohne zu lachen: weil alle beide ein gleiches Interesse daran hatten, der Täuschung, die sie ausübten und aus der sie ungeheuren Gewinn zogen, große Wichtigkeit beizulegen. Was ich nicht begriff und ohne Zweifel niemals begreifen werde, ist, daß die christlichen Kirchenväter, die nicht einfältig und unwissend waren wie unsere Evangelisten, geglaubt haben, die Göttlichkeit der Orakel nicht leugnen zu dürfen, und daß sie, um sich aus der Verlegenheit zu ziehen, diese dem Teufel zugeschrieben haben. Sie würden diese bizarre Idee nicht gehabt haben, hätten sie die Kabbala zu stellen gewußt. Meine drei Freunde schienen den Kirchenvätern zu ähneln. Sie waren Leute von Geist, jedoch abergläubisch und durchaus keine Philosophen. Indessen waren sie doch, indem sie meinen Orakelsprüchen vollen Glauben beimaßen, viel zu gut, um sie für das Werk des Teufels zu halten, und die Güte ihrer Herzen behalf sich damit, meine Antworten lieber für die Eingebungen eines Engels zu halten. Die drei hohen Herren waren nicht allein gute Christen und ihrer Religion getreu, sondern sogar fromm und gewissenhaft. Sie waren nicht verheiratet und, nachdem sie auf die Frauen verzichtet hatten, waren sie deren Feinde geworden, was vielleicht für ihre Geistesschwäche spricht. Sie hatten sich eingebildet, dies sei die conditio sine qua non, die die Geister von denen verlangten, die mit ihnen Verbindung oder einen vertrauten Verkehr haben wollten. Das eine schließe das andere aus. Bei allen diesen Verschrobenheiten waren, was mir am Beginn unserer Bekanntschaft unerklärlich erschien, die drei vornehmen Herren, wie ich bereits gesagt habe, im Grunde kluge Leute. Aber der voreingenommene Geist urteilt schlecht, und bei jeder Sache handelt es sich vor allem darum, gut zu urteilen. Ich lachte oft bei mir selber, wenn ich sie von ihrer Religion sprechen hörte. Sie machten sich über jene lustig, deren geistige Fähigkeiten derart beschränkt waren, daß sie ihre Geheimnisse nicht begriffen. Die Fleischwerdung des Wortes war für Gott eine Kleinigkeit und folglich sehr begreiflich, und die Auferstehung war eine so geringfügige Sache, daß sie ihnen nicht wunderbar erschien, denn da Gott nicht tot sein konnte, mußte Jesus Christus natürlich auferstehen. Was die Eucharistie anbelangte, die wahre Gegenwart bei der Transsubstantiation, so war das für sie eine greifbare Augenscheinlichkeit, und doch waren sie keine Jesuiten. Sie gingen alle Woche zur Beichte, ohne ihren Beichtvätern gegenüber in Verlegenheit zu geraten, da sie deren Unwissenheit wohlwollend beklagten. Sie glaubten sich nur verpflichtet, ihnen über das Rechenschaft zu geben, was sie für eine Sünde hielten, und darin urteilten sie sehr richtig. Mit diesen drei Originalen, die – ganz abgesehen von der zufälligen Vornehmheit ihrer Geburt – durch ihre moralischen Eigenschaften und ihre Rechtschaffenheit ebenso wie durch ihren Einfluß und ihr Alter ehrwürdig waren, verbrachte ich sehr angenehme Tage, obwohl sie mich in ihrem Wissensdurst oft zehn Stunden täglich zu einer eifrigen Arbeit anhielten, bei der wir alle vier eingeschlossen und für alle Welt unzugänglich waren. Schließlich gewann ich sie zu vertrauten Freunden, indem ich ihnen alles erzählte, was mir bis dahin zugestoßen war, nicht ohne mir anstandshalber einige Zurückhaltung aufzuerlegen, um sie nicht Todsünden begehen zu lassen. Ich verhehle mir nicht, daß ich sie ebenso hintergangen habe, wie der Pope Deldimopulo die Griechen betrog, die von ihm die Orakelsprüche seiner Jungfrau verlangten. Ich habe gegen sie nicht ganz im Sinne eines rechtschaffenen Mannes gehandelt, aber wenn der Leser, dem ich beichte, die Welt und ihren Geist erkannt hat, so möge er überlegen, bevor er mich richtet, und vielleicht wird er mir nicht einige Nachsicht versagen. Man wird mir sagen, wenn ich mich streng an die reinste Moral hätte halten wollen, so hätte ich mich nicht ihnen anschließen oder ihnen den Irrtum benehmen sollen. Ich will das keineswegs leugnen, allein ich werde erwidern, daß ich zwanzig Jahre alt war, einen klugen Kopf hatte und zuletzt Geigenkratzer mit einem Taler täglich gewesen war. Endlich würde ich vergebens ihre Heilung versucht haben; es wäre mir nicht geglückt, denn sie hätten mir ins Gesicht gelacht, würden meine Unwissenheit beklagt und obendrein mich hinausgeworfen haben. Ich verspürte übrigens nicht den Beruf, mich als Apostel darzustellen, und wenn ich den heroischen Entschluß gefaßt hätte, sie zu verlassen, sobald ich sie als Visionäre erkannt, so würde ich mich als Menschenfeind bewiesen haben, als einen Feind dieser wackeren Herren, denen ich unschuldige Genüsse verschaffte, und meiner selbst, der als junger Mensch gerne gut leben und alle Vergnügungen genießen wollte, die man mit zwanzig Jahren und einer guten Gesundheit sich verschaffen kann. Ich wäre unhöflich gewesen, ich hätte vielleicht Herrn Bragadinos Tod verschuldet und hätte die drei ehrenwerten Männer der Gefahr ausgesetzt, das Opfer des ersten besten Spitzbuben zu werden, der sich, durch ihre Manie begünstigt, bei ihnen hätte einführen können und sie ruiniert haben würde, indem er sie zur chemischen Operation des großen Werkes überredet hätte. Es war auch noch ein anderer Grund vorhanden, mein lieber Leser, und da du mir teuer bist, so will ich dir ihn sagen: Schon mein unüberwindliches Selbstgefühl würde mich verhindert haben, mich ihrer Freundschaft durch Unwissenheit oder Stolz für unwürdig zu erklären, und ich würde ihnen augenscheinliche Beweise meiner Unhöflichkeit gegeben haben, indem ich aufgehört hätte, mit ihnen zu verkehren. Ich faßte, wie mir scheint, den schönsten, edelsten und natürlichsten Entschluß, der ihrer Geistesanlage angemessen war, nämlich den, mich in den Stand zu setzen, daß es mir nicht mehr an dem Nötigsten fehlte. Und was dieses Nötigste war, wer hätte das besser beurteilen können als ich? Durch die Freundschaft dieser drei Männer sicherte ich mir in meiner Vaterstadt Achtung und Einfluß. Ich mußte überdies ein sehr schmeichelhaftes Vergnügen darin finden, der Gegenstand der Unterhaltungen und der Spekulationen der müßigen Hohlköpfe zu werden, die die Ursachen aller moralischen Erscheinungen erraten wollen, die sie sehen und über die sie keine Rechenschaft ablegen können. Man zerbrach sich in Venedig den Kopf, weil man nicht begreifen konnte, wie meine Verbindung mit drei Männern von diesem Charakter möglich war, sie ganz Himmel und ich ganz Welt, sie sehr streng in ihren Sitten und ich allen Vergnügungen hingegeben. Zu Beginn des Sommers war Herr von Bragadino wieder in der Verfassung, im Senat zu erscheinen, und am Tage vor seinem ersten Ausgang hielt er folgende Ansprache an mich: »Wer du auch seist, ich verdanke dir mein Leben. Deine Beschützer, die dich zum Priester, Doktor, Advokaten, Soldaten und schließlich zum Geigenspieler machen wollten, waren lauter Dummköpfe, die dich nicht kannten. Gott hat deinem Engel befohlen, dich in meine Arme zu führen. Ich habe dich erkannt, ich weiß dich zu schätzen. Wenn du mein Sohn sein willst, hast du mich nur als Vater anzuerkennen, und künftighin werde ich dich bis zu meinem Tode in meinem Hause als solchen behandeln. Deine Wohnung steht bereit, lasse deine Sachen hinschaffen; du wirst einen Diener, eine freie Gondel, meinen Tisch und monatlich zehn Zechinen haben. In deinem Alter erhielt ich von meinem Vater kein größeres Taschengeld. Es ist nicht notwendig, daß du dich mit der Zukunft beschäftigst; denke daran, dich zu erhalten, und nimm mich zu deinem Ratgeber bei allem, was dir begegnen könnte oder was du unternehmen willst, und sei sicher, in mir immer deinen Freund zu finden.« Ich warf mich zu seinen Füßen, um ihn meiner Dankbarkeit zu versichern, und ich umarmte ihn, indem ich ihm den süßen Vaternamen gab. Er schloß mich in seine Arme und nannte mich seinen teueren Sohn. Ich versprach ihm Gehorsam und Liebe. Darauf umarmten mich seine beiden Freunde, die bei ihm im Palazzo wohnten, und wir schwuren uns eine ewige Bruderschaft. Das, mein teuerer Leser, ist die Geschichte meiner Metamorphose und des glücklichen Ereignisses, das mich aus dem niederen Gewerbe eines Fiedlers um Tagelohn zum Range eines großen Herrn erhob. Siebzehntes Kapitel Unordentlicher Lebenswandel. – Zawoisti. – Rinaldi. – L'Abbadie. – Die junge Gräfin. – Steffani wird Kapuziner. – Ancilla. – Die Ramon. – Ich steige in San Giobbe in eine Gondel, um nach Mestre zu fahren. Das Glück schien sich darin zu gefallen, mir eine Probe seiner despotischen Laune zu geben, da es mich auf einem der Weisheit unbekannten Wege glücklich machte; es besaß nicht die Macht, mich ein System der Mäßigung und Klugheit befolgen zu lassen, das meine Zukunft hätte sicher begründen können. Mein feuriger Charakter, meine unwiderstehliche Neigung zum Vergnügen und meine unbesiegbare Unabhängigkeitsliebe erlaubten mir nicht, mir die Mäßigung aufzuerlegen, zu der meine neue Lage mir zu raten schien. Ich begann daher ohne Rücksicht auf alles, was meine Neigungen hätte beschränken können, zu leben, und glaubte mich über alle Vorurteile schwingen zu können, wenn ich nur die Gesetze achtete. Ich glaubte in einem Lande, das einer durch und durch aristokratischen Regierung unterwarfen war, vollkommen frei leben zu können; aber ich würde mich getäuscht haben, selbst wenn das Glück mich zum Regierungsmitglied gemacht hätte; denn die Republik Venedig, die als erste Pflicht ihre Selbsterhaltung ansieht, findet sich so selbst als Sklavin der gebieterischen Staatsräson. Sie muß, wenn nötig, alles dieser Pflicht opfern, der gegenüber selbst die Gesetze nicht mehr unverletzlich sind. Aber verlassen wir dieses bereits allzubekannte Thema; denn das menschliche Geschlecht ist wenigstens in Europa überzeugt, daß eine grenzenlose Freiheit nirgends mit dem gesellschaftlichen Zustande vereinbar ist. Ich streife diesen Stoff nur, um dem Leser einen Begriff von meiner Aufführung in meinem Vaterlande zu geben, in welchem ich in diesem Jahre einen Weg zu betreten begann, der mich in ein Staatsgefängnis führen sollte, das eben durch seine Ungesetzlichkeit von der Außenwelt undurchdringlich abgeschlossen war. Ich war hinlänglich reich, von der Natur mit einem angenehmen und stattlichen Äußern begünstigt, ein kühner Spieler, ein unverbesserlicher Verschwender, redselig, immer scharf in meinem Witz, nichts weniger als bescheiden, furchtlos, stellte den hübschen Weibern nach, schlug die Nebenbuhler aus dem Felde, erkannte nur eine Gesellschaft, die mich unterhielt, als gute an, und so konnte ich nur gehaßt sein; da ich aber stets bereit war, mit meiner Person einzustehen, so glaubte ich, es sei mir alles erlaubt, denn dem Mißbrauch, der mich behinderte, glaubte ich schroff gegenübertreten zu müssen. Eine solche Aufführung konnte den drei Ehrenmännern, deren Orakel ich geworden war, nur mißfallen; aber sie wagten es nicht mir dies zu sagen. Der gute Herr von Bragadino begnügte sich, mir anzudeuten, daß ich ihm das tolle Leben, das er selber in meinem Alter geführt hätte, wieder vor Augen führte, allein ich sollte mich darauf vorbereiten, dafür zu büßen und mich bestraft zu sehen, wenn ich sein Alter erreicht hätte. Ohne die Achtung zu verletzen, die ich ihm schuldete, gab ich seinen fürchterlichen Prophezeiungen eine scherzhafte Wendung und ging meinen Weg. Doch gab er mir auch Proben von seiner wahren Weisheit; die erste bei folgender Gelegenheit: Ich hatte bei Frau Avogadro, einer geistreichen und trotz ihren sechzig Jahren sehr liebenswürdigen Frau, die Bekanntschaft eines jungen polnischen Edelmannes, namens Zawoiski, gemacht. Er erwartete Geld aus seiner Heimat; aber während er wartete, verschafften die Venezianerinnen ihm solches zur Genüge, da seine hübsche Figur und seine polnischen Manieren sie entzückten. Wir wurden gute Freunde, und ich öffnete ihm meine Börse; aber zwanzig Jahre später in München öffnete er mir die seinige noch freigebiger. Er war ein Ehrenmann, der nur geringe Geistesgaben, aber für sein Wohlbefinden immerhin genug besaß. Er ist vor fünf oder sechs Jahren in Dresden als Geschäftsträger des Kurfürsten von Trier gestorben. Ich werde an der gehörigen Stelle darüber sprechen. Dieser liebenswürdige junge Mensch, den alle Welt gern hatte, und den man für einen Freigeist hielt, da er die Herren Angelo Querini und Lunardo Veniero besuchte, machte mich auf dem Spaziergang im Garten der Zueeca mit einer fremden Gräfin bekannt, die mir gefiel. Wir machten ihr am Abend unseren Besuch, und nachdem sie mich ihrem Gatten, dem Grafen Rinaldi, vorgestellt hatte, lud sie uns zum Abendessen ein. Der Gemahl hielt eine Pharaobank; ich spielte mit seiner Frau halbpart gegen ihn und gewann einige fünfzig Dukaten. Entzückt über diese schöne Bekanntschaft besuchte ich sie am nächsten Morgen ganz allein. Nachdem sich der Graf entschuldigt hatte, daß seine Frau noch nicht aufgestanden wäre, ließ er mich eintreten. Sie empfing mich auf die ungezwungenste Art, ich blieb mit ihr allein, und sie besaß die Kunst, mich, ohne sich bloßzustellen, alles erhoffen zu lassen; als sie mich im Begriff sah fortzugehen, lud sie mich zum Abendessen ein. Ich willigte ein; indem ich wie am Vorabend mit ihr halbpart spielte, gewann ich abermals. Als ich ging, war ich völlig verliebt. Natürlich besuchte ich sie am nächsten Morgen in der Hoffnung, sie gefügig oder wenigstens gefällig zu finden; aber als ich mich anmeldete, sagte man mir, sie sei ausgegangen. Ich beeilte mich, am Abend wieder hinzugehen; nach tausend Entschuldigungen wurde Bank gehalten, und ich verlor alles, was ich mit ihr zur Hälfte gewonnenn hatte. Wir speisten zu Abend, und als sich nach dem Essen die Fremden entfernt hatten, blieb ich mit Zawoiski zurück, weil Graf Rinaldi uns Revanche geben wollte. Da ich kein Geld mehr hatte, so spielte ich auf Wort; als jedoch der Graf sah, daß ich ihm fünfhundert Zechinen schuldete, legte er die Karten nieder. Ich entfernte mich sehr traurig. Die Ehre verpflichtete mich, am nächsten Tage zu zahlen, und ich hatte keinen Soldo. Die Liebe erhöhte meine Verzweiflung, denn ich sah mich in Gefahr, in den Augen einer Frau, in die ich verliebt war, eine klägliche Figur zu spielen; die Unruhe wegen dieser Lage malte sich auf meinen Zügen und entging am nächsten Tage Herrn von Bragadino nicht. Er fühlte mir freundschaftlich auf den Zahn und ermutigte mich, ihm mich anzuvertrauen. Ich fühlte, daß ich nichts Besseres tun könnte, erzählte ihm unbefangen die ganze Geschichte und schloß damit, daß ich mich für entehrt hielte und daß ich daran sterben würde. Er tröstete mich mit den Worten, er werde meine Schuld im Laufe des Tages zahlen, wenn ich ihm versprechen wolle, niemals wieder auf Wort zu spielen. Ich leistete ihm den Schwur, indem ich ihm die Hand küßte, und ging, einer ungeheuren Last ledig, spazieren. Ich war gewiß, daß mein würdiger Vater mir im Laufe des Tages fünfhundert Dukaten geben würde, und schon im voraus freute mich die Ehre, die meine Pünktlichkeit mir bei der reizenden Gräfin einlegen würde. Das richtete meine Hoffnungen wieder auf und hinderte mich, eine so große Summe zu beklagen; aber durchdrungen von der außerordentlichen Großmut meines Wohltäters, fühlte ich mich fest entschlossen, ihm Wort zu halten. Ich aß sehr vergnügt mit den drei Freunden, ohne daß ein Wort über den Vorgang gefallen wäre. Einen Augenblick nachdem wir uns von der Tafel erhoben hatten, übergab ein Bedienter Herrn Bragadino einen Brief und ein Päckchen. Nachdem mein Vater den Brief gelesen und den Diener fortgeschickt hatte, bat er mich, ihm in sein Kabinett zu folgen, und sobald wir darin waren, sagte er: »Hier, ein Paket, das dir gehört.« Ich öffne es und finde einige vierzig Zechinen. Als mich Herr von Bragadino überrascht sah, begann er zu lachen und übergab mir den Brief, der folgende Worte enthielt: »Herr von Casanova kann überzeugt sein, daß unser Spiel in der vergangenen Nacht nur ein Scherz gewesen ist; er ist mir nichts schuldig. Meine Frau schickt ihm die Hälfte des Goldes, das er bar verloren hat. Graf Rinaldi.« Erstaunt blicke ich Herrn von Bragadino an; der lacht aus vollem Halse. Ich errate alles, danke ihm, umarme ihn zärtlich und schwöre ihm, in Zukunft verständiger zu sein. Die Binde, die meine Augen bedeckte, zerreißt, ich fühle mich von meiner Liebe geheilt und ganz beschämt, doppelt, vom Manne wie von der Frau, betrogen worden zu sein. »Heute abend«, sagt mir mein weiser Arzt, »wirst du sehr vergnügt mit deiner reizenden Gräfin speisen.« »Heute abend, mein würdiger Wohltäter, werde ich mit Ihnen speisen. Sie haben mir als Großmeister eine Lehre gegeben.« »Das nächstemal, wenn du auf Ehrenwort verlierst, wirst du gut tun, nichts zu bezahlen.« »Ich würde mich entehren.« »Gleichviel; je mehr du dich beeilst, dich zu entehren, desto mehr wirst du dabei ersparen, denn du wirst ohnehin genötigt sein, dich zu entehren, sobald du dich völlig außerstande befindest zu bezahlen. Es ist daher viel klüger, diesen fatalen Augenblick nicht abzuwarten.« »Aber es ist noch viel hesser, ihm auszuweichen, indem man nur mit barem Gelde spielt.« »Ohne Zweifel, denn dadurch würdest du zugleich Ehre und Geld retten. Aber da du die Hazardspiele liebst, so rate ich dir niemals zu pointieren. Zieh selbst ab, und du wirst im Vorteil sein.« »Ja, aber nur in einem kleinen.« »Klein, das geb' ich gerne zu; aber du wirst ihn haben, und du wirst sehen, daß zwischen Verlust und Gewinn am Ende der Rechnung ein ungeheurer Unterschied ist. Der Pointeur ist verrückt, der Bankier verständig. Dieser letztere sagt: \>Ich wette, daß du nicht errätst,\< der erstere sagt: \>Ich wette, daß ich errate.\< Welcher ist der Narr? Welcher der Vernünftige?« »Die Antwort ist leicht.« »Um Gottes willen sei vernünftig; solltest du aber beim Pointieren gewinnen, so erinnere dich, daß du nur ein Dummkopf bist, wenn du schließlich verlierst.« »Wieso ein Dummkopf? Das Glück ist veränderlich.« »Und es muß nach der Natur der Sache veränderlich sein, wenn nicht aus anderen Gründen. Glaube mir, höre auf zu spielen, sobald du das Glück sich ändern siehst, und solltest du auch nur einen Deut gewonnen haben.« Ich hatte Plato gelesen, und ich verwunderte mich, einen Mann zu finden, der weise wie Sokrates sprach. Am nächsten Tage besuchte mich Zawoiski in aller Frühe, um mir zu sagen, man habe mich zum Souper erwartet und habe meine Pünktlichkeit in der Bezahlung von Ehrenschulden gerühmt. Ich glaubte nicht nötig zu haben, ihm seinen Irrtum zu benehmen, aber ich ging nicht mehr zu dem Grafen Rinaldi, den ich erst sechzehn Jahre später in Mailand wiedergesehen habe. Zawoiski hat die Geschichte erst vierzig Iahre später in Karlsbad erfahren, wo ich ihn taub wiederfand. Drei oder vier Monate darauf gab mir Herr von Bragadino eine andere, noch stärkere Lektion. Zawoiski hatte mich mit einem Franzosen, namens L'Abbadie, bekannt gemacht, der bei der Regierung sich um die Stelle eines Inspektors aller Landtruppen der Republik bewarb. Seine Ernennung hing vom Senate ab, und ich stellte ihn meinem Beschützer vor, der ihm seine Stimme versprach; aber ein Zwischenfall, den ich erzählen will, verhinderte ihn, sein Versprechen zu halten. Da ich hundert Zechinen brauchte, um Schulden zu zahlen, bat ich ihn eines Tages, sie mir geben zu wollen. »Warum, mein Lieber, erbittest du diese Gefälligkeit nicht von Herrn L'Abbadie?« »Ich wage es nicht, Vater!« »Wage es; ich bin sicher, daß er dir diese Summe gern vorstrecken wird.« »Ich zweifle stark daran, aher ich will es versuchen.« Ich ging am nächsten Tage zu ihm, und nach einer kurzen höflichen Einleitung bat ich ihn um den Dienst, den ich von ihm erwartete. Er entschuldigte sich mit vieler Artigkeit und begründete seine Weigerung mit einem Wortschwall jener tausend Gemeinplätze, die man stets zu wiederholen pflegt, wenn man einen Dienst nicht leisten kann oder will. Da Zawoiski hinzukam, grüßte ich und ging. Schnell eilte ich zu meinem Beschützer, um ihn von meinem fruchtlosen Schritt in Kenntnis zu setzen Er sagte mir lachend, der Franzose habe wenig Verstand. Gerade an diesem Tage sollte der Beschluß seiner Ernennung im Senate verhandelt werden. Ich verließ den Palazzo, um meinen Geschäften, das heißt meinen Vergnügungen nachzugehen, und da ich erst nach Mitternacht nach Hause kam, legte ich mich zu Bett, ohne meinen Vater zu sehen. Am nächsten Tage wünschte ich ihm einen guten Morgen und sagte ihm, ich wolle dem neuen Inspektor meinen Glückwunsch darbringen. »Erspare dir diese Mühe, mein Freund; der Senat hat den Antrag verworfen.« »Wie kommt das? Vor drei Tagen war L'Abbadie von dem Gegenteil überzeugt.« »Er täuschte sich nicht, denn der Beschluß würde zu seinen Gunsten ausgefallen sein, hätte ich nicht dagegen gesprochen. Ich habe dem Senat bewiesen, daß eine gesunde Politik uns nicht gestatten dürfte, diesen wichtigen Posten einem Ausländer anzuvertrauen.« »Ich bin ganz überrascht, denn Eure Exzellenz dachten vorgestern nicht so.« »Das ist wahr, aber damals kannte ich ihn nicht recht. Ich bemerkte gestern, daß dieser Mensch nicht genug Verstand für das Amt hat, das er anstrebte. Kann er dir wirklich hundert Zechinen verweigern, wenn er gescheit ist? Durch diese Weigerung hat er ein hohes Amt verloren und ein Einkommen von dreitausend Talern, in deren Besitz er jetzt sein würde.« Ich ging aus und traf Zawoiski mit L'Abbadie, dem ich keineswegs auszuweichen suchte. Der letztere war wütend, und man konnte es allerdings schon aus geringerem Anlaß sein. »Wenn Sie mir angedeutet hätten,« sagte er mir, »daß die hundert Zechinen dazu gedient haben würden, Herrn von Bragadino den Mund zu stopfen, so würde ich schon das Mittel gefunden haben, sie Ihnen zu verschaffen.« »Wenn Sie den Kopf eines Inspektors gehabt hätten, so würden Sie das wohl leicht erraten haben.« Dieser Herr war mir mit seinem Ärger sehr nützlich; er erzählte die Geschichte jedem, der sie hören wollte, und seitdem wandten sich alle, die die Stimme meines Beschützers brauchten, an mich. Ich will darüber nichts sagen; das war vorher so und wird noch lange so sein, denn um die größte Gunst zu erlangen, braucht man nur den Günstling eines Ministers oder oft nur seinen Kammerdiener für sich zu gewinnen. Bald waren meine Schulden bezahlt. In jener Zeit kam mein Bruder Giovanni nach Venedig mit dem getauften Juden Guarienti, dem großen Bilderkenner, der auf Kosten Seiner Majestät des Königs von Polen, Kurfürsten von Sachsen, reiste. Dieser frühere Jude hatte dem Monarchen die Erwerbung der Galerie des Herzogs von Modena für hunderttausend Zechinen vermittelt. Sie gingen zusammen nach Rom, wo mein Bruder in der Schule des berühmten Raphael Mengs blieb. Ich werde später von ihm sprechen. Als getreuer Geschichtsschreiber bin ich jetzt meinen Lesern die Nachricht eines Ereignisses schuldig, von dem die Ehre und das Glück einer der liebenswürdigsten Frauen Italiens anhingen; sie wäre unglücklich geworden, wenn ich nicht ein leichtsinniger Windbeutel gewesen wäre. Eines Tages zu Anfang des Monats Oktober 1746 ging ich maskiert spazieren, da die Theater geöffnet waren. Plötzlich bemerkte ich wenige Schritte vor dem Römischen Tor eine Frauengestalt, die, von der Kapuze ihres Mantels verhüllt, aus dem eben landenden Marktschiff von Ferrara ausstieg. Da ich sah, daß sie allein war und offenbar nicht Bescheid wußte, fühlte ich mich wie durch eine geheime Macht zu ihr hingetrieben. Ich nähere mich und biete ihr meine Dienste an, wenn sie in der Lage sei, diese zu benötigen. Sie erwiderte mir mit schüchterner Stimme, sie habe einige Erkundigungen einzuziehen. »Wir sind hier an keinem passenden Ort,« sage ich ihr, »aber haben Sie die Güte, mir in eine Weinstube zu folgen, wo Sie frei mit mir werden sprechen können.« Sie zögert, ich bestehe auf meiner Einladung, und sie gibt nach. Die Schenke ist keine zwanzig Schritte entfernt, wir treten ein und sind uns allein gegenüber. Ich demaskiere mich, und die Höflichkeit verpflichtet sie, ihre Kapuze herabzuziehen. Eine große Tüllhaube verbirgt die Hälfte ihres Gesichtes; aber ihre Augen, ihre Nase und ihr hübscher Mund genügen mir, um in ihren Zügen Schönheit, Adel, Schmerz und jene Unschuld der Tugend zu erkennen, die der Jugend einen unbeschreibbaren Reiz verleiht. Ich brauche nicht zu sagen, daß dieser Empfehlungsbrief ihr sofort meine vollste Teilnahme sicherte. Nachdem sie einige Tränen getrocknet hatte, die sich wie unwillkürlich Bahn brachen, sagte sie mir, sie sei ein junges Mädchen von Adel und dem väterlichen Hause allein, unter dem Schutze Gottes, entflohen, um einen Venezianer aufzusuchen, der sie verführt und betrogen habe, um sie für ihre übrige Lebenszeit unglücklich zu machen. »Sie haben also einige Hoffnung, ihn zu seiner Pflicht zurückzuführen? Ich denke mir, er hat Ihnen seine Hand versprochen.« »Er hat mir ein schriftliches Versprechen gegeben. Ich bitte Sie um die einzige Gunst, mich zu ihm zu führen, mich dort allein zu lassen und verschwiegen zu sein.« »Zählen Sie, meine Gnädige, auf die Gefühle eines Ehrenmannes. Ich bin einer; vertrauen Sie sich mir an, denn ich interessiere mich schon für alles, was Sie angeht. Sagen Sie mir seinen Namen.« »Ach, mein Herr, ich liefere mich meinem Schicksal aus.« Mit diesen Worten zieht sie aus ihrem Busen ein Papier, das sie mir übergibt Ich erkannte die Schrift Zanetto Steffanis. Es war ein Heiratsversprechen, wodurch er sein Wort gab, binnen acht Tagen die junge Gräfin A. S. in Venedig zu heiraten. Nachdem ich es gelesen hatte, gab ich es ihr mit den Worten zurück, daß ich den Schreiber genau kenne; er sei bei der Cancelleria angestellt, ein großer Wüstling, mit Schulden beladen, werde aber nach dem Tode seiner Mutter reich sein. »Bitte, bitte, führen Sie mich zu ihm.« »Ich werde tun, Fräulein, was Sie mir befehlen; aber haben Sie volles Vertrauen zu mir und hören Sie mich, bitte, an. Ich rate Ihnen, nicht zu ihm zu gehen. Er hat Ihnen schon eine große Beleidigung zugefügt und wenn Sie ihn auch wirklich zu Hause antreffen würden, so wäre es leicht möglich, daß er sich soweit erniedrigte, Sie schlecht zu empfangen; ist er nicht zu Hause, so werden Sie wahrscheinlich von seiner Mutter unfreundlich aufgenommen werden, wenn Sie sich zu erkennen geben. Vertrauen Sie sich mir an und glauben Sie, daß Gott mich auf Ihren Weg verschlagen hat, um Ihnen als Beschützer zu dienen. Ich verspreche Ihnen, daß Sie spätestens morgen erfahren werden, ob Steffani in Venedig ist, was er mit Ihnen zu tun gedenkt und was man von ihm durch Zwang erreichen kann. Einstweilen aber ist mein Rat, lassen Sie den jungen Mann nicht erfahren, daß Sie in Venedig sind.« »Großer Gott! Wohin soll ich aber diese Nacht gehen?« »In ein ehrbares Haus.« »Zu Ihnen, wenn Sie verheiratet sind.« »Ich bin Junggeselle.« Ich kannte eine ehrbare Witwe, die in einer stillen Gasse wohnte und zwei Zimmer zu vermieten hatte. Ich überredete das Mädchen, sich meiner Führung anzuvertrauen. Wir stiegen in eine Gondel und fuhren ab. Unterwegs sagte sie mir, Steffani hätte sich vor einem Monat in ihrem Wohnorte aufgehalten, um seinen Wagen ausbessern zu lassen und an demselben Tage noch hätte er ihre Bekanntschaft in einem Hause gemacht, wohin sie mit ihrer Mutter gegangen wäre, um einer Jungvermählten zu gratulieren. »Ich war so unglücklich,« sagte sie, »ihm Liebe einzuflößen, und er dachte nicht mehr ans Abreisen. Er blieb einen Monat in C. und ging nur am Abend aus. Er verbrachte alle Nächte unter meinem Fenster, um sich mit mir zu unterhalten. Tausendmal schwur er, daß er mich anbete und daß seine Absichten rein seien. Ich sagte ihm, er solle sich meinen Eltern vorstellen und um meine Hand anhalten; aber er schützte gute oder schlechte Gründe vor, indem er mir versicherte, er könnte sich nur dann glücklich fühlen, wenn ich ihm volles Vertrauen entgegenbrächte. Ich sollte mich entschließen, ohne Wissen eines Menschen mit ihm abzureisen, und er versicherte mir, daß meine Ehre dabei nicht leiden würde, da drei Tage nach meiner Flucht die ganze Stadt erfahren würde, daß ich seine Frau wäre; er versprach mir, mich öffentlich als solche wieder zurückzuführen. Ach, was soll ich Ihnen sagen, mein Herr? Die Liebe machte mich blind; ich stürzte in den Abgrund; ich glaubte ihm und willigte in alles ein. Er übergab mir die Schrift, die Sie gelesen haben, und in der folgenden Nacht gestattete ich ihm, durch das Fenster, an dem wir uns sprachen, in mein Zimmer zu kommen. Ich willigte in ein Verbrechen, das in drei Tagen getilgt werden sollte, und er verließ mich mit dem Schwure, in der folgenden Nacht wieder unter dasselbe Fenster zu kommen, um mich in seine Arme zu nehmen. Konnte ich wohl nach dem ungeheuren Fehltritte, den ich soeben begangen hatte, daran zweifeln? Ich schnürte mein Bündel, und in der folgenden Nacht erwartete ich ihn, aber vergeblich. Welch grausame Nacht! Am nächsten Morgen erfuhr ich, daß das Ungeheuer mit seinem Bedienten abgereist sei – eine Stunde nachdem er mich geschändet hatte! Stellen Sie sich meine Verzweiflung vor. Ich faßte den Entschluß, den diese mir eingab, und der natürlich nur böse sein konnte. Eine Stunde vor Mitternacht verließ ich allein das väterliche Dach, um mich vollends zu entehren, aber ich war entschlossen, zu sterben, wenn der grausame Mann, der mir das Teuerste geraubt hatte und den hier zu finden eine Ahnung mich hoffen ließ, mir nicht ein Gut zurückgäbe, das er allein ersetzen konnte. Ich bin die ganze Nacht und beinahe den ganzen folgenden Tag zu Fuß gegangen, ohne irgendwelche Nahrung zu mir zu nehmen, bis ich das Marktschiff bestieg, das mich in vierundzwanzig Stunden hierher brachte. In der Barke waren fünf Männer und zwei Frauen, aber niemand hat mein Gesicht gesehen noch den Klang meiner Stimme gehört. Ich bin beständig mit gesenktem Kopf in halber Betäubung dagesessen, und in den Händen hielt ich immer dieses Gebetbuch. Man ließ mich in Ruhe, niemand richtete ein Wort an mich und ich habe dafür Gott gedankt. Als ich kaum den Kai betreten hatte, haben Sie mir keine Zeit gelassen, um nachzudenken, wie ich zu dem treulosen Verführer kommen könnte. Aber Sie können sich den Eindruck vorstellen, den die Erscheinung eines maskierten Mannes auf mich machen mußte, der mir, wie wenn die Vorsehung dabei ihr Spiel hätte, sofort seine Dienste anbot. Es hat mir geschienen, als ob Sie meine Not errieten, und weit entfernt, irgendeinen Widerwillen zu empfinden, war ich geneigt, auf Ihr Anerbieten einzugehen, indem ich mich Ihnen anvertraute, obgleich Vorsicht mich gegen Ihre Sprache und die Einladung, allein mit Ihnen in das Weinhaus zu treten, hätte taub machen sollen. Jetzt wissen Sie alles, mein Herr, aber ich bitte Sie, mich nicht zu streng zu beurteilen. Ich war mein ganzes Leben ehrbar; vor einem Monat noch brauchte ich über keinen Fehltritt zu erröten, und die grausamen Tränen, die ich nun jeden Tag vergieße, werden mir dazu dienen, meinen Flecken vor Gott auszulöschen. Ich habe eine sorgsame Erziehung genossen, aber Liebe und Mangel an Erfahrung haben mich in den Abgrund gestürzt. Ich bin in Ihren Händen, und ich glaube nicht, daß ich jemals werde zu bereuen haben, mich Ihnen anvertraut zu haben.« Ihre lange Erzählung diente dazu, mich in dem Interesse, das sie mir bereits eingeflößt hatte, zu bestärken. Ich sagte ihr grausamerweise, daß Steffani sie mit Überlegung verführt und betrogen hätte und daß sie sich seiner nur erinnern sollte, um sich für seine Treulosigkeit zu rächen. Bei diesen Worten erschauderte sie und verbarg ihr schönes Gesicht in den Händen. Als wir bei der Witwe angelangt waren, brachte ich sie in ein hübsches Zimmer und bestellte für sie ein kleines Abendessen, indem ich der guten Frau auftrug, für sie alle Sorge zu tragen und es ihr an nichts mangeln zu lassen. Einen Augenblick darauf nahm ich teilnahmsvoll Abschied von ihr, wobei ich ihr versprach, sie am nächsten Morgen wieder zu sehen. Nachdem ich die interessante Unglückliche verlassen, begab ich mich zu Steffani. Ich erfuhr von einem der Gondoliere seiner Mutter, daß er vor drei Tagen nach Venedig zurückgekehrt, aber vierundzwanzig Stunden darauf wieder ganz allein abgereist wäre; niemand wüßte wohin, selbst seine eigene Mutter nicht. Am selben Abend traf ich im Theater einen Abbate aus Bologna und erkundigte mich nach der Familie meines unglücklichen Schützlings, und da es sich herausstellte, daß der Abbate sie genau kannte, so erfuhr ich alles, was zu wissen mir wichtig war, unter anderem auch, daß die junge Gräfin einen Bruder hätte, der als Offizier in päpstlichen Diensten stände. Früh am nächsten Morgen begab ich mich zu ihr. Sie schlief noch. Die Witwe sagte mir, daß sie bei gutem Appetit, jedoch ohne ein Wort zu sprechen, gespeist und sich dann sogleich eingeschlossen hätte. Sobald sie sich hören ließ, trat ich ein, und nachdem ich alle ihre Entschuldigungen kurz abgeschnitten hatte, teilte ich ihr alles mit, was ich erfahren hatte. Ihre Züge trugen den Ausdruck einer tiefen Trauer, dabei aber war ihr Gesicht leicht gerötet, und sie sah ganz ruhig aus. »Es ist nicht wahrscheinlich,« sagte sie, »daß Steffani abgereist ist, ohne nach C. zurückzukehren.« Da ich diese Betrachtung in ihrer Lage sehr natürlich fand, bot ich ihr an, mich sofort in ihre Heimat zu begeben, um mich von der Wahrheit zu überzeugen, und ohne Zögern wiederzukommen und sie zu holen, wenn ihre Ahnungen begründet wären. Ohne ihr Zeit zur Antwort zu lassen, erzählte ich ihr hierauf alles, was ich von ihrer ehrenwerten Familie erfahren hatte, worüber sie eine außerordentliche Freude empfand. »Ich habe nichts dagegen,« sagte sie mir, »daß Sie nach C. gehen, und ich erkenne die ganze Großmut Ihres Anerbietens an, aber haben Sie die Güte, die Ausführung dieses Planes noch aufzuschieben. Ich hege einige Hoffnung, daß Steffani zurückkehren wird, und dann werde ich mit ruhigem Kopf einen Entschluß fassen können.« »Ich finde«, sagte ich, »Ihre Bemerkung sehr verständig. Wollen Sie mir gestatten, mit Ihnen zu frühstücken?« »Dürfen Sie eine Weigerung erwarten?« »Ich wäre in Verzweiflung, Sie zu belästigen. Womit verbrachten Sie zu Hause Ihre Tage?« »Ich liebe die Lektüre und die Musik über alles; und das Klavier verschaffte mir die höchste Wonne.« Ich verließ sie nach dem Frühstück, und am Abend kehrte ich wieder zurück mit einem Korb voll guter Bücher und Noten und mit einem guten Klavier. Diese Aufmerksamkeit brachte sie in Verwirrung, aber ich vermehrte ihre Überraschung, als ich aus meiner Tasche drei Paar Pantoffeln zog. Die Röte stieg ihr in das Gesicht, als sie mir mit einem unaussprechlichen Gefühle dankte. Da sie einen, für eine junge Dame wie sie, sehr langen Weg zu Fuße zurückgelegt hatte, so mußten ihre Schuhe abgenützt und ihre Füße sehr empfindlich sein; sie mußte also meine Aufmerksamkeit sehr zart finden. Da ich keine böse Absicht auf sie hatte, so genoß ich ihre Dankbarkeit und freute mich, daß meine Aufmerksamkeit ihr nur einen hohen Begriff von meinem Zartgefühl geben konnte. Ich hatte kein anderes Ziel, als ihr Herz zu beruhigen und den schlimmen Eindruck in ihr zu verwischen, den sie durch den unwürdigen Steffani von den Männern hatte erhalten müssen. Ich beabsichtigte keineswegs, ihr Liebe einzuflößen, und dachte nicht einen Augenblick daran, daß ich in sie verliebt werden könnte. Sie war unglücklich, daher in meinen Augen geheiligt, und verdiente meinerseits um so mehr die redlichste Teilnahme, als sie mir, ohne mich zu kennen, ihr ganzes Vertrauen zugewandt hatte. Ich würde sie in ihrer Lage nicht einer neuen Neigung für fähig gehalten haben und hätte einen Abscheu davor gehabt, sie in irgendeiner Weise zu verführen. Ich blieb nur eine Viertelstunde bei ihr und verließ sie, um ihr die Verlegenheit zu benehmen, die meine Anwesenheit in diesem Augenblick ihr verursachen konnte, zumal da sie nicht wußte, in welchen Ausdrücken sich ihre Dankbarkeit äußern sollte. Ich sah mich in eine delikate Angelegenheit verwickelt, deren Ausgang ich keineswegs vorhersah; aber das kühlte meinen Eifer nicht ab, und da mich ihr Unterhalt nicht in Verlegenheit setzte, so wünschte ich den Ausgang nicht herbei. Dieses merkwürdige Zusammentreffen, das mir den unschätzbaren Vorteil bot, bei mir edle Neigungen zu entdecken, die stärker waren als mein Hang zur Ausschweifung, schmeichelte mir über alle Maßen. Ich machte eine große Erfahrung an mir selbst, und da ich wußte, daß ich es nötig hätte, mich selbst zu studieren, so gab ich mich dieser Neigung voll und ganz hin. Am dritten Tage, als sie sich wieder in Danksagungen erschöpfte, denen ich vergeblich Einhalt zu gebieten mich bemühte, sagte sie mir, sie begreife nicht, wie ich ihr so großes Interesse beweisen könne, da die Leichtigkeit, mit der sie mir in die Schenke gefolgt sei, mir keine hohe Meinung von ihr hätte geben können. Aber als ich ihr antwortete, ich begriffe ebensowenig, wie ich ihr mit einer Maske vor dem Gesicht Vertrauen genug zu meiner Tugend hätte einflößen können, zumal da mein Anzug gerade den entgegengesetzten Eindruck hätte erwecken müssen, da lächelte sie. »Mir, meine Gnädige, war es leicht, die unglückliche Schönheit zu erkennen, als ich Ihre Jugend, den Adel Ihrer Züge und besonders Ihre Offenherzigkeit bemerkte. Der Charakter der Wahrheit, deren Gepräge Ihre ersten Worte trugen, ließ mir keinen Zweifel zu, daß Sie ein Opfer des natürlichsten aller Gefühle wären und daß die Ehre allein Sie gezwungen hätte, das väterliche Haus zu fliehen. Ihr Fehltritt war der eines verführten Herzens, über das die Vernunft ihre Herrschaft verloren hatte, und Ihre Flucht, die Wirkung einer edlen Seele, die nach Genugtuung oder Rache schrie, rechtfertigt Sie vollkommen. Ihr unwürdiger Verführer muß sein Verbrechen mit dem Leben büßen und darf nicht dadurch belohnt werden, daß er Sie heiratet; denn er hat nicht das Recht, Sie zu besitzen, nachdem er sich durch die ehrloseste Handlung erniedrigt hat.« »Alles, was Sie sagen, ist wahr. Ich habe einen Bruder, der, wie ich hoffe, mich rächen wird.« »Sie täuschen sich, wenn Sie glauben, daß Steffani sich schlägt; er ist ein Feigling, der nicht imstande ist, sich einem ehrenvollen Tode auszusetzen.« Wie ich diese Worte beendete, griff sie in die Tasche, überlegte einige Augenblicke, zog einen sechs Zoll langen Dolch hervor und legte ihn auf den Tisch. »Was ist das?« »Das ist eine Waffe, von der ich bis auf diesen Augenblick gegen mich selbst Gebrauch zu machen dachte, wenn es mir nicht gelingen sollte, meinen Fehltritt auszulöschen. Sie haben mich soeben aufgeklärt. Ich bitte Sie, nehmen Sie diesen Dolch weg; ich brauche ihn nicht mehr. Ich zähle auf Ihre Freundschaft und fühle, daß ich Ihnen Ehre und Leben schulde.« Ich war betroffen über diese Rede und fühlte, daß ihre Worte und Blicke den Weg zu meinem Herzen auf eine andere Art als durch ein edelmütiges Mitgefühl gefunden hätten. Ich nahm den Dolch und verließ sie mit einer Verwirrung, die mir die Schwäche eines Heldentums ankündigte, über das ich beinahe laut herausgelacht hätte, so komisch begann ich es jetzt zu finden; ich hatte aber die Stärke, bis zum siebenten Tage ein halber Cato zu sein. Ich muß indessen gestehen, daß mir ein Argwohn in Bezug auf die junge Person aufstieg. Dieser Argwohn bedrückte mein Herz, denn, wäre er begründet gewesen, so war ich angeführt, und dieser Gedanke war demütigend. Sie hatte mir gesagt, sie sei musikalisch, ich hatte ihr an demselben Tage ein Klavier und Noten verschafft; aber obwohl das Instrument seit drei Tagen zu ihrer Verfügung stand, hatte sie es noch nicht geöffnet, wie die Alte mir versichert hatte. Es schien mir doch, als hätte sie mir für meine Aufmerksamkeiten dadurch danken müssen, daß sie mir eine Probe ihrer Talente gab. Sollte sie mich getäuscht haben? Das würde sie bei mir bedeutend herabgesetzt haben. Da ich ein voreiliges Urteil vermeiden wollte, so war ich auf meiner Hut und beschloß, den ersten günstigen Augenblick zu benützen, um meine Zweifel aufzuklären. Am nächsten Tage besuchte ich sie gegen meine Gewohnheit nach dem Essen, um diesen Augenblick auf irgendeine Weise herbeizuführen. Ich überraschte sie vor dem Spiegel sitzend, ihren Kopf unter den Händen der Witwe, die ihr das wunderschönste blonde Haar frisierte. Ich entschuldigte mich wegen meines ungewöhnlichen Erscheinens, und sie ließ sich weiter nicht stören, nachdem sie sich ihrerseits wegen der Unordnung entschuldigt hatte. Zum erstenmal sah ich ihr ganzes Gesicht, ihren Hals und die Hälfte ihrer von den Grazien gerundeten Arme. Ich schwieg und betrachtete. Zufällig lobte ich den Geruch der Pomade, und die Alte benützte diesen Umstand, um ihr zu sagen, daß sie für Kämme, Puder und Pomade die drei Livres ausgegeben hätte, die sie ihr verabreicht hätte. Ich erinnerte mich nun, daß sie mir am ersten Tage gesagt hatte, sie sei mit zehn Paoli in der Tasche fortgegangen. Ich fühlte vor Verwirrung mir die Röte ins Geficht steigen, denn ich hätte daran denken sollen. Sobald die Witwe fertig war, ging sie hinaus, um uns Kaffee zu machen. Ich nehme einen Ring von der Toilette und sehe ein Porträt, das ihr vollkommen gleicht, allein ich lachte über ihre Laune, daß sie sich als Mann mit schwarzen Haaren hatte malen lassen. »Sie täuschen sich,« sagte sie mir, »es ist das Porträt meines Bruders. Er ist um zwei Jahre älter als ich und jetzt Offizier im Dienste des Heiligen Vaters, wie ich Ihnen schon sagte.« Ich bat sie um die Erlaubnis, ihr den Ring anzustecken. Sie streckte den Finger aus, aber als ich ihr mit üblicher Galanterie die Hand küssen wollte, zog sie sie errötend zurück. Da ich fürchtete, sie möchte sich beleidigt fühlen, beeilte ich mich, sie meiner Ehrfurcht zu versichern. »Ach, mein Herr,« sagte sie zu mir, »in der Lage, in der ich mich befinde, muß ich viel mehr daran denken, mich gegen mich selbst zu verteidigen als gegen Sie.« Das Kompliment schien mir so fein und so schmeichelhaft für mich, daß ich glaubte, es lieber überhören zu sollen, allein sie konnte in meinen Augen lesen, daß sie weder ein vergebliches Verlangen nach mir empfinden könnte, noch fürchten durfte, mich undankbar zu finden. Indessen nahm durch diese Unterredung meine Liebe derart zu, daß ich nicht mehr wußte, wie ich sie verheimlichen sollte. Bald darauf ergriff sie die Gelegenheit, mir für die Bücher zu danken, die ich für sie ausgesucht hatte, ich hätte ihren Geschmack erraten, denn sie liebte die Romane nicht, und sie sagte: »Ich muß mich vielmals entschuldigen, daß ich Ihnen noch kein Lied vorgesungen habe, so gut ich es eben kann, denn ich weiß, daß Sie die Musik lieben.« Ich atmete bei diesen Worten auf und, ohne meine Antwort abzuwarten, setzte sie sich an das Klavier und spielte mehrere Stücke mit einer Leichtigkeit, Sicherheit und einem Ausdruck, die sich nicht wiedergeben lassen. Ich war entzückt. Ich bat sie ein Lied zu singen, und nachdem sie sich ein wenig hatte bitten lassen, nahm sie eines der Hefte, die ich ihr gebracht hatte, und sang vom Blatt mit einer Begleitung, die mich hinriß. Ich flehte sie an, mir ihre Hand zum Kusse zu reichen, sie tat es nicht; aber sie setzte keinen Widerstand entgegen, als ich sie nahm, und trotz dem Feuer, das mich verzehrte, besaß ich die Mäßigung, sie nur mit einer Zärtlichkeit zu küssen, die mit Bewunderung und Achtung gemischt war. Ich verließ sie endlich, ungeheuer verliebt und fest entschlossen, mich zu erklären. Die Zurückhaltung wird Dummheit, wenn wir erkannt haben, daß der angebetete Gegenstand unsere Gefühle teilt. Ich hatte jedoch diese Überzeugung noch nicht erlangt. Die ganze Stadt sprach von dem Verschwinden Steffanis, aber ich sagte meiner schönen Gräfin nichts davon. Man war sich allgemein darüber einig, daß seine Mutter sich geweigert hätte, seine Schulden zu bezahlen, und daß er entflohen wäre, um nicht von seinen Gläubigern verfolgt zu werden. Die Sache hatte etwas für sich. Aber, ob er nun zurückkam oder nicht, ich konnte mich auch nicht in den Verlust eines Schatzes fügen, den ich in den Händen hatte. Da ich indessen nicht wußte, wie oder unter welchem Vorwand ich mir den Genuß desselben verschaffen sollte, so befand ich mich in einem wahren Labyrinth. Zuweilen faßte ich den Gedanken, meinen Vater um Rat zu fragen, aber bald verwarf ich ihn wieder mit Abscheu, denn ich hatte ihn in der Angelegenheit des Rinaldi und noch mehr in der mit L'Abbadie als zu großen Freund von Kraftkuren befunden. Ich fürchtete seine Heilmittel so sehr, daß ich lieber krank sein wollte, als mich durch ihre Benützung heilen zu lassen. Eines Morgens beging ich die Dummheit, die Witwe zu fragen, ob die Dame sich erkundigt hätte, wer ich wäre. Welche Tölpelei! Ich erkannte das sehr schnell, als die gute Frau, anstatt mir zu antworten, sagte: »Weiß sie denn nicht, wer Sie sind?« »Antworten Sie doch und fragen Sie nicht!« sagte ich ihr, um meine Verwirrung zu verbergen. Die gute Frau hatte recht. Sie war natürlich jetzt neugierig geworden, was eigentlich los sei; der Klatsch würde sich hineinmengen und alles das durch eine schülerhafte Unbesonnenheit! Das war unverzeihlich. Man muß niemals mehr auf seiner Hut sein, als wenn man an halbdumme Leute Fragen stellt. Seit vierzehn Tagen war die Gräfin unter meiner Obhut und hatte sich niemals neugierig bezeigt, zu erfahren, wer ich wäre; allein darum glaubte ich doch nicht, daß sie es nicht gern gewußt hätte. Ich hätte gut getan, es ihr am ersten Tag zu sagen, aber noch an demselben Abend machte ich mein Unrecht aufs beste wieder gut und, nachdem ich sie von allem unterrichtet hatte, bat ich sie um Verzeihung, es nicht früher getan zu haben. Sie gestand mir, indem sie mir für mein Vertrauen dankte, daß sie sehr neugierig gewesen sei, mich kennenzulernen, aber sie versicherte mir auch, daß sie niemals die Unklugheit begangen haben würde, sich über mich bei ihrer Wirtin zu erkundigen. Die Frauen haben einen zarteren und sichereren Takt als die Männer, und ich nahm von diesen letzten Worten den Teil, der mir gebührte. Da sich unser Gespräch um Steffanis unbegreiflich lange Ahwesenheit drehte, sagte sie mir, ihr Vater glaube möglicherweise, er hielte sich irgendwo mit ihr verborgen auf. »Er muß es erfahren haben,« fügte sie hinzu, »daß ich alle Nächte mit ihm unter meinem Fenster sprach, und es wird ihm nicht schwer gewesen sein zu entdecken, daß ich auf dem Marktschiff von Ferrara nach Venedig gefahren bin. Mein Vater muß in Venedig sein, und ich bin überzeugt, daß er insgeheim alles aufbietet, um mich zu entdecken. Er wohnt gewöhnlich bei Boncousin; suchen Sie zu erfahren, ob er dort ist.« Von Steffani sprach sie nur noch mit einem Ausdruck des Schreckens und des Hasses; sie wollte fern von ihrer Heimat sich in ein Kloster einschließen, wo ihre schmachvolle Geschichte niemandem bekannt wäre. Ich verließ sie mit der Absicht, am nächsten Tage Erkundigungen einzuziehen, aber ich hatte das nicht nötig, denn am Abend beim Speisen sagte uns Herr Barbaro: »Man empfiehlt mir einen Edelmann, Untertan des Papstes, den ich in einer delikaten und schwierigen Angelegenheit mit meinem Einfluß unterstützen soll. Einer unserer Mitbürger hat seine Tochter entführt, und seit vierzehn Tagen soll er irgendwo mit ihr verborgen sein; aber niemand weiß wo. Die Sache mußte vor den Rat der Zehn gebracht werden. Die Mutter des Entführers behauptet, meine Verwandte zu sein, ich denke aber, mich nicht hineinzumischen.« Ich tat, als ob ich diese Erzählung ohne Interesse anhörte, und am nächsten Morgen begab ich mich sehr zeitig zu meiner reizenden Gräfin, um ihr diese interessante Neuigkeit mitzuteilen. Sie schlief noch, aber da ich es eilig hatte, schickte ich die Witwe hinein, ihr zu sagen, daß ich nur zwei Minuten brauchte, um ihr etwas Wichtiges mitzuteilen. Sie empfing mich im Bett liegend und hatte die Decke bis zum Kinn hinaufgezogen. Sobald sie alles wußte, bat sie mich inständig, Herrn Barbaro zu beschwören, zwischen ihrem Vater und ihr zu vermitteln, indem sie mir versicherte, sie würde lieber sterben, als die Frau des Ungeheuers werden, das sie entehrt hätte. Ich versprach es ihr und sie übergab mir, um es ihrem Vater zu zeigen, das Eheversprechen, dessen sich der Nichtswürdige bedient hatte, um sie zu verführen. Um Herrn Barbaro zur Erfüllung ihrer Wünsche zu veranlassen, hätte ich ihm sagen müssen, daß sie sich in meiner Obhut befände; aber ich fühlte, daß diese Mitteilung meinem Schützling schaden würde. Ich konnte keinen Entschluß fassen, und daran war zum Teil schuld, daß ich den Augenblick nahe fühlte, wo ich sie verlieren müßte, und das war mir gar nicht recht. Nach dem Mittagsmahl meldete man Herrn Bararo den Grafen A.S. Er trat mit seinem Sohn, dem leibhaftigen Ebenbild seiner Schwester, ein. Herr Barbaro führte sie in sein Kabinett, um mit ihnen von ihrer Angelegenheit zu sprechen, und eine Stunde später kamen sie zurück. Sobald diese Herren fort waren, bat mich der gute Herr Barbaro, wie ich es erwartet hatte, meinen Engel zu befragen, ob er sich zugunsten des Grafen A.S. verwenden könnte. Er schrieb selbst die Frage auf, und ich schrieb ihm nachlässig folgende Antwort nieder: »Sie müssen sich in diese Angelegenheit mischen, aber nur um den Vater dazu zu bringen, daß er seiner Tochter verzeiht und die Idee aufgibt, sie zur Heirat mit ihrem Verführer zu zwingen: denn Steffani ist durch den Willen Gottes zum Tode verurteilt.« Diese Antwort erregte Verwunderung, und ich war selbst erstaunt, daß ich gewagt hatte, sie zu geben; aber ich wurde durch eine Ahnung bewogen, daß Steffani durch die Hand irgendeines Menschen enden würde, und vielleicht war es die Liebe, die mich so denken ließ. Herr von Bragadino, der mein Orakel für unfehlbar hielt, sagte, es hätte noch nie so klar gesprochen, und Steffani wäre zu dieser Stunde sicherlich tot. »Laden Sie«, sagte Barbaro, »den Vater und den Sohn ein, morgen zum Speisen herzukommen. Wir müssen sachte zu Werke gehen und, bevor wir ihn überreden, seiner Tochter zu verzeihen, müssen wir wissen, wo sie ist.« Herr Barbaro ergriff das Wort und hätte mich bald um meinen Ernst gebracht, als er sagte, ich könnte ihnen das sogleich mitteilen, wenn ich wollte. »Ich verspreche Ihnen,« erwiderte ich ihm, »morgen meinen guten Genius darüber zu befragen.« So gewann ich Zeit, um vorher die Ansicht des Vaters und des Sohnes kennenzulernen. Indessen lachte ich bei mir selbst darüber, daß ich mich in die Notwendigkeit versetzt hatte, Steffani in eine andere Welt zu befördern, um nicht mein Orakel zu beschämen. Ich verbrachte den ganzen Abend bei der jungen Gräfin, die an der Güte ihres Vaters nicht zweifelte und zu mir volles Vertrauen hatte. Welches Vergnügen machte es dem reizenden Mädchen, als ich ihr sagte, daß ich am nächsten Tage mit ihrem Vater und ihrem Bruder zusammen speisen und ihr alles wiederholen würde, was über sie gesprochen werden würde! Aber welch ein Vergnügen fand auch ich in ihrer Überzeugung, daß sie mich schätzen müßte, und daß sie ohne mich unfehlbar in einer Stadt zugrunde gegangen wäre, in der die Regierungspolitik gerne die Ausschweifung duldet, als einen Beweis der angeblich vorhandenen persönlichen Freiheit, die man aber durch tausend Mittel wieder einzuschränken weiß. Wir beglückwünschten uns gegenseitig zu unserer so unverhofften Begegnung und zu der Übereinstimmung unserer Entschlüsse, die wir als wunderbar erachteten. Wir waren entzückt, es nicht der Anziehungskraft unserer Gesichter zuschreiben zu können, daß sie so bereitwillig meiner Einladung gefolgt war, daß ich sie so eifrig überredet hatte, mir zu folgen und sich meinen Ratschlägen zu überlassen, denn ich war maskiert, und ihre Kapuze wirkte wie eine Maske. Wir zweifelten nicht daran, daß der Himmel dies alles so geordnet hätte, um uns miteinander bekannt zu machen, und wir verliebten uns ineinander, ohne es zu merken. »Gestehen Sie,« sagte ich in einem Augenblick der Schwärmerei, während ich ihre Hand mit tausend Küssen bedeckte, »gestehen Sie, daß Sie mich fürchten würden, wenn Sie mich verliebt fänden.« »Ach, ich fürchte nur, Sie zu verlieren.« Diese Erklärung, in einem Ton gesprochen und von einem Blicke begleitet, die die Wahrheit verbürgten, war der elektrische Funke, der mich ganz in Feuer setzte. Ich nahm sie plötzlich in meine Arme, preßte meinen Mund auf ihre Lippen, und als ich in ihren schönen Augen weder stolzen Unwillen, noch die Spur einer kalten Gefälligkeit sah, überließ ich mich der süßen Regung, die die Liebe mir einflößte. Und als ich in einem Meer von Entzückungen schwamm, fühlte ich diese wachsen, indem ich in den Zügen des reizenden Wesens, das sie mir verschaffte, die Befriedigung, die Liebe, die Scham und alle jene Gefühle las, die die Reize des schönsten Triumphes erhöhen. Kaum wieder zu sich gekommen, schlug sie die Augen nieder, und ein tiefer Seufzer entrang sich ihrer Brust. Da ich die Ursache zu erraten glaubte, stürzte ich zu ihren Füßen und bat sie im zärtlichsten Ton, mir zu verzeihen. »Welche Beleidigung, mein Freund, hätte ich Ihnen zu verzeihen. Sie haben meine Gedanken schlecht erraten. Ihre Zärtlichkeit ließ mich an mein Glück denken, und in diesem Augenblick hat mir eine grausame Erinnerung diesen Seufzer entrissen. Stehen Sie auf.« Es hatte schon Mitternacht geschlagen; ich sagte ihr, ihre Ehre verlange, daß ich sie verlasse. Ich maskierte mich wieder und ging. Ich war so ergriffen, so verwundert, ein Glück erlangt zu haben, dessen ich mich noch nicht würdig glaubte, daß ihr meine Entfernung ein wenig schroff erscheinen mußte. Ich schlief nicht. Ich verbrachte eine jener unruhigen Nächte, in der die Einbildungskraft eines jungen verliebten Mannes unablässig dem Scheine der Wirklichkeit nachjagt. Diese Wirklichkeit hatte ich genossen, aber nicht ausgekostet, und ich stürmte im Geiste auf den Gegenstand los, der meinen Genuß vollständig machen sollte. In diesem nächtlichen Drama waren Liebe und Phantasie die Hauptdarsteller; die Hoffnung kam erst in zweiter Linie und spielte mehr eine stumme Rolle. Was man auch sagen mag, die Hoffnung ist im Grunde nur ein schmeichlerisches Wesen, das die Vernunft nur duldet, weil sie Scheinmittel nötig hat. Glücklich die Menschen, die, um das Leben zu genießen, weder zu hoffen noch vorzusorgen brauchen! Als ich bei meinem Erwachen an das Todesurteil dachte, das ich über Steffani gefällt hatte, war ich ein wenig verlegen. Ich hätte gewünscht, es zurücknehmen zu können, sowohl zur Ehre meines Orakels, das ich auf eine gefährliche Art bloßgestellt sah, als auch für Steffani selbst, den ich schon nicht mehr so sehr haßte, seitdem ich ihm den Schatz verdankte, den ich besaß. Der Graf und sein Sohn kamen zum Speisen. Der Vater war ein ganz einfacher Mann, ungekünstelt und ungeziert. Man las in seinen Zügen Traurigkeit über das unangenehme Abenteuer sowie Verlegenheit, wie er es zu Ende führen sollte; aber nicht die geringste Spur von Zorn. Der Sohn, schön wie ein Liebesgott, besaß Geist und ein angenehmes Wesen. Seine Ungezwungenheit gefiel mir, und in der Absicht, seine Freundschaft zu gewinnen, beschäftigte ich mich besonders mit ihm. Beim Nachtisch wußte Herr Barbaro den Grafen so zu überzeugen, wir seien vier Personen mit einem Geist, daß der brave Mann ohne Rückhalt sprach. Er lobte in jeder Beziehung seine Tochter. Hierauf versicherte er uns, Steffani habe nie einen Fuß in sein Haus gesetzt, und er könne daher nicht begreifen, durch welche Hexerei es ihm gelungen sei, das Mädchen, mit dem er nie anders als in der Nacht, auf der Straße und am Fenster gesprochen habe, derart zu verführen, daß sie zwei Tage, nachdem er selber mit der Post abgereist war, allein und zu Fuß fortgegangen sei. »Man kann also«, entgegnete Herr Barbaro, »weder behaupten, daß sie verführt, noch beweisen, daß sie von Steffani entführt worden ist.« »Ich fühle das wohl; aber obwohl man es nicht kann, ist die Tatsache doch nicht minder gewiß. Denn er kann gegenwärtig, wo niemand weiß, wo er ist, nur mit ihr beisammen sein. Aber ich verlange weiter nichts, als daß er sie heiratet.« »Mir scheint, es wäre besser, keine gezwungene Heirat herbeizuführen, die Ihre Tochter unglücklich machen würde, denn Steffani ist in jeder Beziehung einer der größten Taugenichtse unter unseren Sekretären.« »Wenn ich an Ihrer Stelle wäre,« sagte Herr von Bragadino, »würde ich mich durch die Reue meiner Tochter erweichen lassen und ihr verzeihen.« »Wo ist sie? Ich bin bereit, sie in meine Arme zu schließen, aber ich kann nicht glauben, daß sie reuig ist; ich wiederhole es, sie kann nur bei ihm sein.« »Ist es gewiß, daß sie hierher kam, als sie von C. wegging?« »Ich weiß es vom Patron des Marktschiffes selbst; sie stieg zwanzig Schritte vor dem Römischen Tore an das Ufer. Eine maskierte Person, die sie erwartete, trat zu ihr, und alle beide verschwanden, ohne daß man weiß, wohin sie gegangen sind.« »Das war vielleicht Steffani.« »Nein, denn er ist klein, und die Maske war groß. Ich habe außerdem erfahren, daß Steffani zwei Tage vor der Ankunft meiner Tochter abgereist war. Die Maske, mit der sie gegangen ist, muß ein Freund Steffanis gewesen sein, der sie ihm zugeführt haben wird.« »Aber das sind nur Mutmaßungen, mein lieber Graf.« »Vier Personen, die die Maske gesehen haben, behaupten zu wissen, wer sie war; aber sie sind nicht unter sich einig. Hier die Anzeige. Ich werde indessen alle diese vier Namen den Häuptern des Rates der Zehn anzeigen, wenn Steffani leugnet, meine Tochter in seiner Gewalt zu haben.« Der Zettel, den er Herrn Barbaro übergab, enthielt nicht allein die Namen der vier Angeklagten, sondern auch die Namen der Ankläger. Der letzte Name, den Herr Barbaro las, war der meine. Ich machte, als ich ihn hörte, eine Kopfbewegung, worüber die drei Freunde gleichzeitig in ein lautes Gelächter ausbrachen. Als Herr von Bragadino sah, daß der Graf sich über diese Heiterkeit verwunderte, sagte er zu ihm: »Casanova hier ist mein Sohn, und ich gebe Ihnen mein Wort, daß Ihre Tochter, wenn sie in seinen Händen ist, sich in Sicherheit befindet, obwohl er nicht gerade danach aussieht, daß man ihm junge Mädchen anvertrauen könnte.« Das Erstaunen, die Überraschung und die Verwirrung des Vaters und des Sohnes waren zum Malen. Der gute und zärtliche Vater bat mich mit Tränen in den Augen um Entschuldigung und sagte, ich möchte mich nur an seine Stelle versetzen. Als Antwort umarmte ich ihn mehrere Male. Der Denunziant, der mich erkannt hatte, war ein Kuppler, den ich einige Zeit vorher geprügelt hatte, weil er mich betrogen hatte. Wenn ich nur einen einzigen Augenblick gezögert hätte, mich der unglücklichen Gräfin zu bemächtigen, würde sie ihm nicht entgangen sein, und er würde sie völlig zugrunde gerichtet haben, indem er sie an irgendeinen schlechten Ort gebracht hätte. Unsere Unterhaltung führte zu dem Schluß, daß der Graf nicht eher seine Zuflucht zum Rat der Zehn nehmen sollte, als bis man entdeckt hätte, wo Steffani wäre. »Seit sechs Monaten, Herr Graf,« sagte ich zu ihm, »verkehre ich nicht mehr mit ihm; aber ich verspreche Ihnen, ihn im Zweikampf zu töten, sobald er auftaucht.« »Sie werden ihn erst töten,« sagte der junge Graf mit kalter Miene, »wenn er mich getötet hat.« »Meine Herren,« rief Herr von Bragadino, »ich versichere Ihnen, daß keiner von Ihnen beiden sich mit Steffani schlagen wird, denn er ist tot.« »Tot?« sagte der Graf. »Sie dürfen dieses Wort nicht buchstäblich nehmen,« sagte der vorsichtige Barbaro, »aber ganz gewiß ist der Unglückliche für die Ehre tot.« Nach dieser wahrhaft dramatischen Szene, die mir zeigte, daß das Stück dem Ende zueilte, begab ich mich zu meiner anbetungswürdigen Gräfin, indem ich dreimal die Gondel wechselte, eine notwendige Vorsicht, um die Spione irrezuführen. Ich erstattete meiner neugierigen Gräfin, die ich sehr ungeduldig fand, mich zu sehen, genauen Bericht über alles. Sie weinte vor Freude, als ich ihr die Äußerungen ihres Vaters und die Sehnsucht, die er bekundet hatte, sie in seine Arme zu schließen, mitteilte. Aber als ich ihr die Versicherung gab, daß niemand wußte, daß Steffani in ihrem Zimmer gewesen war, da warf sie sich auf die Erde, um Gott zu danken. Ich wiederholte ihr hierauf die Worte, die ihr Bruder mit so kaltblütiger Miene geäußert hatte: Sie werden ihn erst töten, wenn er mich getötet hat. Da umarmte sie mich, nannte mich ihren Schutzengel, ihren Retter und überströmte mein Gesicht mit Tränen. Ich versprach ihr spätestens am übernächsten Tag den geliebten Bruder zuzuführen; dann speisten wir, und von Steffani oder von Rache wurde kein Wort gesprochen. Nach dieser köstlichen Mahlzeit nahm uns die Liebe zwei volle Stunden lang schrankenlos in Besitz. Ich verließ sie gegen Mitternacht mit dem Versprechen, daß sie mich sehr zeitig am Morgen wiedersehen würde; ich brachte nicht die Nacht bei ihr zu, damit die Wirtin nötigenfalls mit gutem Gewissen schwören konnte, daß ich nie eine Nacht dort verbracht hätte. Es war übrigens ein guter Einfall von mir, denn als ich nach Hause kam, fand ich meine drei alten Freunde noch wach, die mich mit Ungeduld erwarteten, um mir eine überraschende Neuigkeit mitzuteilen, die Herr von Bragadino im Senat erfahren hatte. »Steffani«, sagte er mir, »ist tot, wie unser Engel Paralis uns entdeckt hat: er ist tot für die Welt, denn er ist Kapuziner geworden. Der ganze Senat ist natürlich davon unterrichtet. Wir im besonderen wissen ja, daß es eine Strafe Gottes ist. Beten wir den Schöpfer aller Dinge und die himmlischen Mächte an, die uns würdig machen, zu wissen, was niemand weiß. Jetzt aber muß das Werk zu Ende geführt und der gute Vater getröstet werden. Wir müssen Paralis fragen, wo dieses Mädchen ist; sicherlich ist sie nicht bei Steffani, denn sie ist nicht dazu verdammt, Kapuzinerin zu werden.« »Ich brauche meinen Engel nicht zu Rate ziehen, lieber Vater, denn nur um ihm zu gehorchen, mußte ich bisher den Ort geheimhalten, wo sich die junge Gräfin befindet.« Ich erzählte ihnen hierauf die ganze Geschichte mit Ausnahme dessen, was sie nicht zu wissen brauchten; denn in den Köpfen dieser drei ausgezeichneten Männer, die selber der Liebe in sehr hohem Maße zinspflichtig gewesen waren, hatte jetzt sündhafte Liebe etwas Entsetzliches an sich. Die Herren Dandolo und Barbaro bezeugten große Überraschung, als sie erfuhren, daß die junge Dame seit vierzehn Tagen unter meinem Schutze stand; aber Herr von Bragadino sagte ihnen, dabei sei nichts zu verwundern, denn das läge im kabbalistischen System, und überdies wäre es ihm bekannt. »Nur«, fügte er hinzu, »muß dem Grafen ein Geheimnis daraus gemacht werden, bis wir überzeugt sind, daß er ihr verzeihen und sie in ihre Vaterstadt führen wird oder wohin sie sonst wünscht.« »Er muß ihr wohl verzeihen,« sagte ich, »denn das ausgezeichnete Mädchen hätte C. niemals verlassen, wenn der Verführer ihr nicht ein schriftliches Heiratsversprechen gegeben hätte. Sie erreichte zu Fuß das Marktschiff, aus dem sie in dem Augenblick ausstieg, als ich aus dem Römischen Tore trat. Eine Eingebung hieß mich, sie anzusprechen und sie einzuladen, mir zu folgen. Sie selbst gehorchte wie aus Eingebung, und ich habe sie an einen der Neugier unzugänglichen Ort unter den Schutz einer gottesfürchtigen Frau gebracht.« Meine drei Freunde hörten mich so aufmerksam an, daß sie wie drei Bildsäulen aussahen. Ich sagte ihnen, sie möchten den Grafen für den übernächsten Tag zum Speisen einladen, weil ich Zeit haben müßte, Paralis de modo temendi zu befragen. Hierauf sagte ich Barharo, er möchte dem Grafen mitteilen, inwiefern er Steffani für tot ansehen müßte. Das wurde abgemacht, dann gingen wir schlafen. Ich schlief nur vier oder fünf Stunden, dann kleidete ich mich hastig an, eilte zu meinem Engel und befahl der Witwe, den Kaffee erst zu bringen, wenn wir sie rufen würden, da wir einige ruhige Stunden brauchten, um mehrere Briefe zu schreiben. Ich fand meine Göttin im Bette, aber wach, und ich las in ihren Blicken Genugtuung und Befriedigung. Ich hatte sie ein Dutzend Tage lang nur traurig, düster und nachdenklich gesehen. Ihre neue Zufriedenheit, die ich mir zuschreiben konnte, erfüllte mich mit Jubel. Zum erstenmal waren wir als glückliche Liebende zusammen und beschenkten uns gegenseitig verschwenderisch mit Beweisen der Liebe, der Zärtlichkeit und Dankbarkeit. Nach unseren köstlichen Liebeskämpfen erstattete ich ihr Rechenschaft über alles, aber die Liebe hatte diese reine und gefühlvolle Seele so erfüllt, daß die Hauptsache für sie gänzlich zur Nebensache geworden war. Doch war sie von der Neuigkeit, daß ihr Verführer Kapuziner geworden sei, ganz verblüfft; sie stellte über dieses Ereignis sehr gescheite Betrachtungen an und beklagte ihn schließlich. Wenn man bedauert, haßt man nicht mehr, aber nur große und edelmütige Seelen sind solchen Vergebens fähig. Es war ihr ganz recht, daß ich meinen drei Freunden anvertraut hatte, sie sei in meiner Obhut, und sie überließ es mir, alle Anordnungen zu treffen, um sie mit ihrem Vater zusammenzubringen. Von Zeit zu Zeit dachten wir daran, daß der Augenblick unserer Trennung nahe wäre, und dann empfanden wir eine peinliche Angst, die wir einen Augenblick darauf in der höchsten Wollust vergaßen. »Warum können wir uns nicht für das ganze Leben angehören?« sagte das anbetungswürdige Mädchen zu mir. »Ach, nicht die Bekanntschaft mit Steffani hat mich unglücklich gemacht, aber dein Verlust wird dies verursachen!« Endlich mußten wir das süße Beisammensein abbrechen, denn die Stunden flossen mit unglaublicher Schnelligkeit dahin. Ich verließ sie glücklich, die Augen feucht von Tränen des Glückes. Bei Tische sagte mir Herr Barbaro, er habe die Mutter Steffanis, seine angebliche Verwandte, besucht, und sie sei über den Entschluß ihres Sohnes nicht erzürnt gewesen, obwohl er ihr einziges Kind sei. »Er hatte zwischen dem Tod und der Kapuzinerkutte zu wählen,« sagte sie, »und er hat das klügste Teil erwählt.« Die Frau sprach als gute Christin, und sie machte Anspruch darauf, eine zu sein, aber sie sprach als schlechte Mutter, und das war sie auch; denn da sie reich war, so wäre ihr Sohn niemals vor die Wahl zwischen Tod und Kloster gestellt worden, wenn sie nicht so furchtbar geizig gewesen wäre. Der letzte und stärkste Grund zur Verzweiflung Steffanis, der noch lebt, blieb jedermann unbekannt. Meine Memoiren werden ihn kundmachen, wenn er niemanden mehr interessieren wird. Der Graf und sein Sohn, von diesem Ereignis sehr überrascht wünschten nur noch die junge Gräfin wiederzufinden, um sie nach C., in den Schoß ihrer Familie zurückzuführen. Aber um ihren Aufenthalt zu erfahren, war der Graf entschlossen, die vier Beschuldigten und Anzeiger, außer mir, vorladen zu lassen. Dies zwang uns, ihm zu erklären, daß sie in meiner Obhut wäre, und Herr von Bragadino übernahm es, ihm die Sache zu entdecken. Wir waren sämtlich zum Abendessen bei dem Grafen eingeladen, mit Ausnahme des Herrn von Bragadino, der sich entschuldigt hatte; wir gingen hin, und dies hinderte mich, meine Göttin diesen Abend zu besuchen; aber am nächsten Tage in aller Frühe war ich bei ihr, die verlorene Zeit einzuholen, und da es entschieden war, daß der Vater noch an diesem Tage alles erfahren sollte, so trennten wir uns erst zu Mittag. Wir hatten keine Hoffnung, uns allein wieder beisammen zu finden, denn am Nachmittag sollte ich ihren Bruder zu ihr führen. Der Graf und fein Sohn speisten mit uns und als wir uns vom Tisch erhoben, sagte Herr von Bragadino: »Freuen wir uns, Herr Graf, Ihre teure Tochter ist wieder gefunden!« Welch angenehme Überraschung für Vater und Sohn! Herr von Bragadino zeigte ihnen das Heiratsversprechen, das Steffani der Gräfin geschrieben hatte, und sagte: »Dies, meine Herren, hat einen Augenblick der liebenswürdigen jungen Dame den Kopf eingenommen, als sie erfuhr, daß er C. ohne sie verlassen hätte. Sie ging allein zu Fuße fort und, kaum hier angelangt, führte sie der Zufall mit dem großen jungen Manne zusammen, den Sie hier sehen. Dieser überredete sie, ihm zu folgen, und er hat sie den Händen einer ehrbaren Frau übergeben, von der sie sich seither nicht getrennt hat und von der sie nur fortgehen wird, um sich in Ihre Arme zu werfen, sobald sie sicher ist, Verzeihung und Vergessenheit des begangenen Fehltrittes zu finden.« »Meiner Verzeihung darf sie gewiß sein,« sagte der Vater in zärtlicher Begeisterung. Und sich zu mir wendend, fuhr er fort: »O, mein Herr, haben Sie die Güte und zögern Sie nicht, mir eine Befriedigung zu verschaffen, von der das Glück meines Lebens abhängt.« Ich umarmte ihn herzlich und sagte ihm, sie werde ihm morgen zurückgegeben werden, allein noch heute würde ich seinen Sohn zu ihr führen, damit er sie auf diese süße Wiedervereinigung durch einen allmählichen Übergang vorbereite. Herr Barbaro wünschte dabei zu sein, und der junge Graf umarmte mich, von dieser Anordnung entzückt, und schwor mir ewige Freundschaft. Wir gingen fort, und eine Gondel führte uns in wenigen Augenblicken an den Ort, wo ich einen kostbareren Schatz als die Äpfel der Heseriden bewahrte. Aber ach! Diesen Schatz, der mir heute noch ein süßes Beben verursacht, sollte ich für immer verlieren. Ich ging meinen beiden Begleitern voraus, um meine junge und schöne Freundin über ihre Annäherung zu verständigen, und als ich ihr gesagt hatte, daß ich die Sache so geordnet hätte, daß ihr Vater sie erst am nächsten Tage sehen würde, rief sie mit dem Ausdruck des Glückes: »Ach, wir können also noch einige Stunden zusammen verbringen! Geh, mein Freund, und hole meinen Bruder.« Ich kehre mit den Herren zurück. Aber wie soll ich die dramatische Szene beschreiben, die sich nun abspielte? O, wie weit wird die Kunst immer hinter der Natur zurückbleiben! Die geschwisterliche Liebe und das Entzücken, die sich auf diesen beiden reizenden Gesichtern mit einer kleinen Beimischung von Verwirrung auf dem der anbetungswürdigen Schwester ausdrückten, die reine Freude, die durch die zärtlichsten Umarmungen leuchtete, die beredtesten Ausrufe, gefolgt von einem noch beredteren Schweigen, ihre zärtlichen Blicke, die wie Blitze über einem Tau gefühlvoller Tränen funkelten, dann ihre Verwirrung, als ihr plötzlich einfiel, die Pflichten der Höflichkeit gegenüber einem hochstehenden vornehmen Herrn, den sie zum erstenmal sah, vergessen zu haben, schließlich meine Person, der stumme und eigentliche Urheber dieser Szene, der aber über allen diesen Gefühlsausbrüchen gänzlich vergessen war – alles das gewährte ein Bild, das der geschickteste Maler nur mit Mühe hätte wiedergeben können. Schließlich setzten wir uns, die Gräfin zwischen ihrem Bruder und Herrn Barbaro auf einem Sofa, ich ihr gegenüber auf einem Taburett. »Wem, meine teure Schwester, verdanken wir das Glück, dich wiedergefunden zu haben?« »Meinem Schutzengel,« sagte sie, mir die Hand reichend, »diesem edelmütigen Manne, der mich erwartete, als ob es ihm vom Himmel eingegeben worden wäre, über deiner Schwester zu wachen. Er hat mich gerettet, hat mich vor dem Abgrund bewahrt, der sich vor meinen Füßen auftat. Er hat mich vor der Schmach gerettet, die mich bedrohte und von der ich keinen Begriff hatte, und er küßt, wie Sie sehen, meine Hand zum erstenmal.« Sie drückte ihr Taschentuch auf ihre schönen Augen, um einige Tränen wegzuwischen, mit denen wir die unsrigen mischten. Das ist die wahre Tugend, die nie ihren edlen Charakter verliert, selbst wenn ihr die Scham eine unschuldige Lüge entreißt. Übrigens wußte die liebenswürdige Gräfin in diesem Augenblicke nicht, daß sie log. Aus ihrem hübschen Munde sprach eine reine, tugendhafte Seele, und sie überließ sich einfach dem, was diese ihr eingab. Diese Tugend wollte ihr Wesen darstellen, gleichsam um ihr zu sagen, daß sie trotz ihren Verirrungen sich niemals von ihr getrennt hatte. Ein junges Mädchen, das der Liebe und dem Gefühl gehorcht, kann kein Verbrechen begehen und daher auch keinen Gewissensbissen zugänglich sein. Als der zärtliche Besuch zu Ende ging, sagte sie, sie sehne sich danach, sich ihrem Vater zu Füßen zu werfen, aber sie wünsche, daß es erst gegen Abend geschehe, um nicht der Nachbarschaft Stoff zum Klatsch zu geben. Es wurde also abgemacht, daß diese Zusammenkunft, die die Lösung des dramatischen Knotens bringen sollte, erst mit Anbruch der folgenden Nacht stattzufinden habe. Wir gingen zum Grafen, der uns zum Essen eingeladen hatte, und dieser gute und wackere Mensch, der fest überzeugt war, daß er mir seine Ehre und die seiner Tochter und ihrer Familie verdankte, sprach nur mit mir und blickte mich nur mit Bewunderung an. Er freute sich indessen, daß er, schon vor meinem Geständnis, gewußt hätte, daß ich es war, der nach ihrem Aussteigen aus dem Marktschiff zuerst mit ihr gesprochen hätte. Bevor wir uns trennten, bat Herr Barbaro sie für den nächsten Tag zum Mittagsmahl. Ich begab mich sehr frühzeitig zu meiner Schönen und obwohl es gefährlich war, zu lange beisammen zu bleiben, beschäftigte uns diese Sorge wenig, oder vielmehr, wenn wir daran dachten, so geschah es nur deshalb, um die wenigen Augenblicke, die uns die Liebe noch ließ, besser zu benützen. Nachdem wir bis zur Erschöpfung alles durchgekostet hatten, was die lebhafteste Zärtlichkeit an süßer Wollust zwei jungen, starken und leidenschaftlichen Verliebten verschaffen kann, kleidete sich meine junge Gräfin an, zog ihre Schuhe an und, indem sie ihre Pantoffeln küßte, sagte sie, sie werde sich gewiß nur im Tode von ihnen trennen. Ich hat sie um eine Locke von ihrem Haar, die ich augenblicklich erhielt. Ich ließ daraus das Gegenstück zur Schnur von den Haaren der Frau F. verfertigen, die ich noch trug. Mit der Abenddämmerung begaben der Graf, sein Sohn, die Herren Dandolo, Barbaro und ich uns zur Gräfin. Sobald sie ihren Vater erblickte, stürzte sie sich zu seinen Füßen; heiße Tränen vergießend, hob er sie schnell auf, umarmte sie, verzieh ihr und gab ihr seinen väterlichen Segen. Alles dies ging mit Zärtlichkeit, mit Gefühl und Liebe vor sich. Eine Stunde später begleiteten wir die Familie nach dem Gasthof und, nachdem wir ihnen die glücklichste Reise gewünscht hatten, kehrte ich mit meinen beiden Freunden zu Herrn von Bragadino zurück, dem ich alles erzählte, was vorgegangen war. Am nächsten Morgen glaubten wir, sie wären schon abgereist, als wir sie in einer sechsruderigen Peotte zu dem Palast kommen sahen. Sie hatten Venedig nicht verlassen wollen, ohne uns wiederzusehen und uns für den großen Dienst zu danken, den wir und ich besonders, wie sie glaubten, ihnen geleistet hatten. Herr von Bragadino, der die junge Gräfin noch nicht gesehen hatte, war von der außerordentlichen Ähnlichkeit des Bruders mit der Schwester ganz überrascht. Nachdem sie einige Erfrischungen zu sich genommen hatten, bestiegen sie ihre Peotte wieder, die sie in vierundzwanzig Stunden nach Pontelagoscuro am Po bringen sollte, also an die Grenze des Kirchenstaates. Ich konnte nur mit den Augen dem anbetungswürdigen Mädchen alles ausdrücken, was mein Herz in diesem Augenblick empfand, aber sie verstand ihre Sprache, und die der ihrigen wußte ich leicht zu deuten. Niemals kam eine Empfehlung gelegener als in dieser Angelegenheit die an Herrn Barbaro gerichtete. Sie diente zur Rettung einer ehrenwerten Familie und ersparte mir die Unannehmlichkeiten, die ich gehabt haben würde, wenn ich vor dem Rat der Zehn hätte Rechenschaft ablegen sollen, was aus dem Fräulein geworden wäre; denn zweifellos wäre ich überführt worden, daß ich sie mit mir genommen hatte. Wenige Tage darauf reisten wir alle vier nach Padua, um bis zum Ende des Herbstes dort zu bleiben. Ich hatte den Schmerz, den Doktor Gozzi nicht mehr dort zu finden; er war Pfarrer in einem Städtchen geworden, wo er mit Bettina lebte; denn sie hatte es bei dem Taugenichts nicht aushalten können, der sie nur geheiratet hatte, um sie ihrer kleinen Mitgift zu berauben, und der sie außerordentlich unglücklich machte. Der ruhige Müßiggang der großen Stadt konnte mir wenig gefallen, und um die Langweile zu töten, verliebte ich mich in die berühmteste Kurtisane Venedigs. Sie hieß Ancilla und ist dieselbe, die der berühmte Tänzer Campioni später heiratete und die er nach London führte, wo sie die Todesursache eines sehr liebenswürdigen Engländers wurde. Ich werde nach vier Jahren ausführlicher von ihr sprechen; jetzt will ich nur von einem Ereignis sprechen, das schuld daran war, daß meine Liebe nur drei oder vier Wochen dauerte. Graf Medini, ein junger Brausekopf wie ich und von denselben Neigungen wie ich, stellte mich dem Mädchen vor. Der Graf war ein unerschrockener Spieler und ein erklärter Feind des Glückes. Man spielte bei Ancilla, deren Hauptliebhaber er war, und der gute Apostel verschaffte mir die Bekanntschaft seiner Mätresse nur, um mich beim Kartenspiel betrügen zu können. In der Tat wurde ich anfangs betrogen, aber da ich nichts merkte, so machte ich gute Miene zum bösen Spiel. Als ich mich jedoch eines Tages auf eine sehr auffallende Art bestohlen sah, zog ich eine Pistole aus meiner Tasche, setzte ihm die Mündung auf die Brust und drohte ihn zu töten, wenn er mir nicht augenblicklich zurückerstattete, was er mir gestohlen hätte. Ancilla wurde ohnmächtig, er aber gab mir mein Geld zurück und forderte mich auf, mit ihm hinauszugehen, um unsere Degen zu messen. Dies nahm ich an, legte meine Pistole auf den Tisch, und wir gingen hinaus. An einem geeigneten Ort angelangt, zogen wir bei Mondschein die Klingen, und ich hatte das Glück, ihm einen Stich durch die Schulter beizubringen. Da der Graf den Arm nicht mehr ausstrecken konnte, war er gezwungen, mich um Schonung zu bitten. Nach dieser Waffentat legte ich mich nieder und schlief sehr gut. Als ich aber in der Frühe den Handel meinem Vater erzählt hatte, glaubte ich seinem Rate folgen und Padua augenblicklich verlassen zu müssen. Graf Medini war sein Leben lang mein Feind; ich werde Gelegenheit haben, wieder von ihm zu sprechen, wenn der Leser mich in Neapel finden wird. Der übrige Teil des Jahres verfloß in gewohntem Lebenswandel, ohne große Ereignisse, und ich war mit dem Glück bald zufrieden, bald unzufrieden. Gegen Ende des Januars 1747 empfing ich einen Brief von der jungen Gräfin A. S., die nicht mehr ihren Namen trug, da sie den Marchese von *** geheiratet hatte. Sie bat mich, wenn der Zufall mich in die Stadt führte, wo sie wohnte, so zu tun, als ob ich sie nicht kennte, denn sie hätte das Glück, mit einem Manne verbunden zu sein, der ihr Herz gewonnen hätte, nachdem sie ihm ihre Hand gegeben. Ich hatte schon durch ihren Bruder erfahren, daß ihre Mutter sie gleich nach ihrer Heimkehr nach der Stadt gebracht hatte, von wo sie mir schrieb, und daß sie dort bei einem Verwandten, wo sie wohnte, die Bekanntschaft eines Mannes gemacht hatte, der sich zur Aufgabe gestellt hatte, sie glücklich zu machen. Ich sah sie ein Jahr darauf und ohne den Brief, den sie mir geschrieben hatte, würde ich mich sicherlich ihrem Gemahl vorgestellt haben. Die Süßigkeiten des Friedens sind den Reizen der Liebe vorzuziehen, aber so denkt man nicht, wenn man verliebt ist. In dieser Zeit fesselte mich etwa vierzehn Tage lang eine junge, sehr hübsche Venezianerin, die ihr Vater Ramon der Bewunderung des Publikums zur Schau stellte, indem er sie auf dem Theater tanzen ließ. Ich würde vielleicht meine Fesseln länger getragen haben, wenn Hymen sie nicht zerbrochen hätte. Ihre Beschützerin, Frau Cecilia Valmarauo, fand für sie einen passenden Gatten in einem französischen Tänzer, namens Binet, der den Namen Binetti annahm. Seine junge Gattin konnte daher Italienerin bleiben und brauchte keine Französin zu werden. Diese Binetti besaß das eigentümliche und seltene Vorrecht, daß die Jahre auf ihren Zügen nur leichte Spuren hinterließen. Sie erschien immer allen ihren Liebhabern jung, selbst den feinsten Kennern gealterter Züge. Die Männer verlangen im allgemeinen nichts weiter, und sie haben recht, wenn sie sich nicht noch die Mühe machen, sich zu überzeugen, daß sie vom Schein betrogen werden. Der letzte Liebhaber, dem diese einzige Frau durch das Übermaß des Vergnügens den Tod brachte, war ein gewisser Mosciuski, ein Pole, den sein Schicksal vor sieben oder acht Jahren nach Venedig rief. Die Binetti war damals dreiundsechzig Jahre alt. Das Leben, welches ich in Venedig führte, hätte mir glücklich erscheinen können, wenn ich mich hätte enthalten können, in der Bassette zu pointieren. Das Bankhalten war auf den Ridotti nur den Nobili allein erlaubt; sie durften nicht maskiert sein und mußten das Patrizierkleid tragen, mit der großen Perücke auf dem Kopfe, die seit Beginn des Jahrhunderts zur Amtstracht gehörte. Ich spielte und tat unrecht daran, denn ich besaß weder die Klugheit, aufzuhören, wenn das Glück gegen mich war, noch die Willenskraft, einzuhalten, wenn ich einen Gewinn gemacht hatte. Ich spielte damals wirklich nur aus Geiz. Ich liebte die Verschwendung, aber jede Ausgabe tat mir leid, wenn sie nicht auf Kosten des im Spiel gewonnenen Geldes ging, denn dieses allein schien mir nichts gekostet zu haben. Am Ende des Monats Januar sah ich mich in die Notwendigkeit versetzt, mir zweihundert Zechinen zu verschaffen. Frau Manzoni ließ mir durch eine andere Dame einen Brillanten leihen, der fünfhundert wert war. Ich beschloß, mich nach Treviso, fünfzehn Meilen von Venedig, zu begeben, um ihn in das Leihhaus zu tragen, das Gelder zu fünf auf Hundert leiht. Diese schöne und nützliche Anstalt fehlt in Venedig, wo die Juden ihre Zulassung stets zu verhindern gewußt haben. Ich stand früh auf und ging zu Fuß bis an das Ende des Canal regio, in der Absicht, eine Gondel nach Mestre zu nehmen, wo ich einen Postwagen genommen haben würde, der mich in nicht ganz zwei Stunden nach Treviso gebracht haben würde; von dort wäre ich noch an demselben Tage, nachdem ich den Brillanten versetzt hätte, zurückgekehrt und hätte die Nacht wieder in Venedig schlafen können. Als ich über den Kai von San Giobbe ging, sah ich in einer zweirudrigen Gondel ein sehr reich geputztes Bauernmädchen. Ich blieb stehen, um sie zu betrachten. Der Barkarole am Steuer dachte, ich wolle die Gelegenheit benützen, um billiger nach Mestre zu kommen, und sagte dem Barkarolen auf dem Schiffshinterteil, er solle auf das Ufer zuhalten. Ich zögerte nicht einen Augenblick, als ich das hübsche Gesicht des Bauernmädchens sah, stieg ein und zahlte ihm das Doppelte, damit er niemand mehr aufnähme. Ein alter Priester nahm den ersten Platz neben dem Mädchen ein, er erhob sich, um mir Platz zu machen, aber ich nötigte ihn höflich, sich wieder zu setzen. Achtzehntes Kapitel Ich verliebe mich in Cristina und finde einen würdigen Gatten für sie. – Ihre Hochzeit. »Diese Barkarolen«, sagte der greise Priester, um ein Gespräch einzuleiten, »haben viel Glück. Sie haben uns am Rialto für dreißig Soldi aufgenommen unter der Bedingung, daß sie noch andere Passagiere aufnehmen könnten, und schon ist einer da. Sie werden sicher noch andere finden.« »Wenn ich in einer Gondel bin, Hochwürden, ist kein Platz mehr für andere darin.« Indem ich dies sage, gehe ich den Schiffern noch vierzig Soldi, und sie sind zufrieden, denn sie danken mir und nennen mich Exzellenz. Der gute Abbé nahm das für bare Münze und bat mich um Verzeihung, mir nicht diesen Titel gegeben zu haben. »Da ich kein venezianischer Edelmann bin, Hochwürden, gebührt mir der Titel nicht.« »Ach, sagte das junge Mädchen, »da bin ich sehr froh!« »Und warum, mein Fräulein?« »Weil ich Furcht habe, wenn ich einen Edelmann neben mir sehe. Aber ich denke mir, Sie sind ein Illustrissimo.« »Auch nicht, mein Fräulein; ich bin einfach Schreiber bei einem Advokaten.« »Das freut mich noch mehr, denn ich liebe, mich in Gesellschaft von Leuten zu finden, die sich nicht für mehr halten als ich bin. Mein Vater war Pächter und Bruder meines Onkels, den Sie hier sehen. Er ist Pfarrer von Pr., wo ich geboren bin und erzogen wurde. Da ich die einzige Tochter bin, erbe ich das Vermögen meines Vaters, der gestorben ist, und das meiner Mutter, die seit langer Zeit krank ist und nicht mehr lange Zeit leben wird, was mir viel Kummer macht; aber der Arzt hat es uns gesagt. Doch um auf meine Worte zurückzukommen, ich glaube, daß der Unterschied zwischen einem Advokatenschreiber und der Tochter eines reichen Pächters kein so großer ist. Ich sage das nur so beiläufig, denn ich weiß wohl, daß man auf der Reise mit allen möglichen Leuten zusammenkommt, nicht wahr, Onkel?« »Ja, meine liebe Cristina; wie du siehst, hat der Herr sich ja zu uns gesetzt, ohne zu wissen, wer wir sind.« »Aber glauben Sie denn, Herr Pfarrer, daß ich gekommen wäre, wenn ich nicht durch die Schönheit Ihrer hübschen Nichte angezogen worden wäre?« Auf diese Worte hin brechen meine guten Leute in ein Gelächter aus. Da ich meine Bemerkung nicht sehr komisch fand, so hielt ich meine Reisegefährten für etwas einfältig, und ich war über diese Entdeckung keineswegs erzürnt. »Warum lachen Sie so sehr, mein schönes Fräulein? Um mir Ihre schönen Zähne zeigen zu können? Ich gestehe, daß ich in Venedig niemals so schöne gesehen habe.« »O keineswegs, mein Herr, obwohl mir in Venedig jedermann dieses Kompliment gemacht hat. Ich versichere, daß in Pr. alle Mädchen so schöne Zähne haben wie ich. Nicht wahr, mein teurer Onkel?« »Ja, liebe Nichte.« »Mein Herr, ich lachte über eine Sache, die ich Ihnen nie sagen werde.« »Ach, sagen Sie mir's, ich bitte Sie darum.« »O nein, niemals!« »Ich werde es Ihnen selbst sagen«, sagte der Pfarrer zu mir. »Ich will's nicht,« sagte sie, indem sie ihre schönen Augenbrauen runzelte, »oder ich gehe fort.« »Das wirst du wohl bleiben lassen, meine Teure. – Wissen Sie, was sie gesagt hat, als sie Sie auf dem Kai erblickt hat? ›Sieh mal da den hübschen Jungen, der mich anblickt; der ärgert sich, daß er nicht bei uns ist.‹ – Und als sie gesehen hat, daß Sie die Gondel anhalten ließen, war ihr das sehr recht.« Während der Geistliche erzählte, gab ihm die erzürnte Nichte Schläge auf die Schulter. »Warum, schöne Cristina, sind Sie böse, daß ich erfahre, Ihnen gefallen zu haben? Ich dagegen bin entzückt, daß Sie wissen, wie reizend ich Sie finde.« »Sie sind nur einen Augenblick darüber entzückt. O, ich kenne die Venezianer jetzt gut. Sie haben mir alle gesagt, daß ich sie entzückte, und keiner von denen, die mir gepaßt hätten, hat sich erklärt.« »Welche Erklärung wünschten Sie?« »Die Erklärung, die ich verlangen kann, mein Herr: einen Antrag auf eine richtige Heirat in der Kirche in Gegenwart von Zeugen. Und wir sind doch vierzehn Tage lang in Venedig geblieben, nicht wahr, Onkel?« »Das Mädchen«, sagte mir jetzt der Onkel, »ist eine gute Partie, so wie Sie sie hier sehen; denn sie hat dreitausend Taler. Sie hat immer gesagt, sie will nur einen Venezianer heiraten, und ich habe sie nach Venedig begleitet, damit sie Bekanntschaften machen könnte. Eine Frau von guter Familie hat uns während vierzehn Tagen eine Zuflucht gegeben und hat sie in mehrere Häuser geführt, wo junge heiratsfähige Leute sie gesehen haben, aber die, die ihr gefallen haben, wollten nichts von der Heirat sprechen hören, und die, die sie hätten heiraten wollen, waren nicht nach ihrem Geschmack.« »Aber glauben Sie denn,« sagte ich zu ihm, »daß sich eine Heirat so leicht macht wie ein Eierkuchen? Vierzehn Tage in Venedig sind gar nichts, man muß wenigstens sechs Monate dort zubringen. Ich zum Beispiel finde Ihre Nichte zum Anbeißen hübsch, und ich würde mich glücklich schätzen, wenn die Frau, die Gott mir bestimmt, ihr ähnlich sähe; aber wenn sie mir auf der Stelle fünfzigtausend Taler geben würde, um sie sogleich zu heiraten, so würde ich sie nicht wollen. Ein junger vernünftiger Mann will, bevor er eine Frau nimmt. ihren Charakter kennenlernen, denn weder Geld noch Schönheit sichern das Glück eines Hausstandes.« »Was verstehen Sie unter Charakter?« sagte Cristina zu mir. »Meinen Sie schöne Schrift?« »Nein, mein Engel, Sie machen mich lachen. Es handelt sich um Eigenschaften des Herzens und des Geistes. Ich muß mich ja auch einmal verheiraten, und ich suche den Gegenstand seit drei Jahren, aber ich suche ihn noch vergeblich. Ich habe mehrere Mädchen gekannt, die fast so hübsch waren wie Sie, und alle hatten eine gute Mitgift, aber nachdem ich zwei oder drei Monate mit ihnen verkehrt hatte, sah ich, daß sie mich nicht glücklich machen würden.« »Was fehlte ihnen?« »Ich will es Ihnen gerne sagen, denn Sie kennen sie nicht. Die eine, die ich sicher geheiratet haben würde, denn ich liebte sie sehr, war außerordentlich eitel. Ich brauchte nur zwei Monate, um es zu bemerken. Sie würde mich durch Kleider, Moden und Luxus zugrunde gerichtet haben. Denken Sie sich, sie gab dem Friseur monatlich eine Zechine, und zum mindesten eine andere ging für Pomaden und wohlriechende Wässer drauf.« »Das war eine Närrin. Ich gebe jährlich nur zehn Soldi für Wachs aus, das ich mit Ziegenfett mische, und ich habe eine ausgezeichnete Pomade.« »Eine andere, die ich vor zwei Jahren geheiratet haben würde, hatte ein Leiden, das mich unglücklich gemacht haben würde; sobald ich es bemerkte, besuchte ich sie nicht mehr.« »Was war dies für ein Leiden?« »Sie war so angelegt, daß sie nicht hätte Mutter werden können, und das ist schrecklich; denn wenn ich mich verheirate, will ich Kinder.« »Darüber ist Gott allein der Herr, ich weiß indessen, daß ich gesund bin. Nicht wahr, Onkel?« »Eine andere war zu fromm, und das will ich auch nicht. Sie war so gewissenhaft, daß sie alle drei oder vier Tage beichten ging, und ihre Beichte dauerte wenigstens eine Stunde. Ich will eine gute Christin zur Frau, aber keine Betschwester.« »Das war vielleicht eine große Sünderin oder eine sehr einfältige Person. Ich beichte jeden Monat einmal, und ich sage alles in zwei Minuten. – Ist das wahr, Onkel? Und wenn Sie mir nicht Fragen stellen würden, so wüßte ich nicht, was ich Ihnen sagen sollte.« »Eine andere wollte gebildeter sein als ich, obwohl sie jede Minute irgendeine Dummheit sagte; eine andere war beständig traurig, und ich will eine lustige Frau.« »Sehen Sie Onkel, Sie und die Mutter, ihr werft mir immer meine Heiterkeit vor.« »Eine andere, die ich sehr schnell verließ, hatte immer Furcht davor, sich allein mit mir zu befinden, und wenn ich ihr einen Kuß gab, so lief sie, dies der Mutter zu sagen.« »Die war wohl dumm. Ich habe noch keinen Liebhaber in Pr. erhört, denn es gibt dort nur grobe Bauern, aber ich weiß doch, daß es gewisse Dinge gibt, die ich nicht meiner Mutter erzählen würde.« »Eine andere hatte einen übelriechenden Atem; wieder eine andere schminkte sich, und diesen häßlichen Fehler haben fast alle Mädchen. Ich fürchte darum sehr, daß ich mich nie verheiraten werde, denn ich verlange zum Beispiel, daß die, die ich heiraten werde, schwarze Augen hat; und heutzutage haben fast alle Mädchen das Geheimnis gelernt, sie zu färben. Aber ich würde nicht angeführt werden, denn ich bin Kenner.« »Sind die meinen schwarz?« »Haha!« »Sie lachen?« »Ich lache, weil sie schwarz scheinen, aber sie sind es nicht. Trotzdem sind Sie sehr liebenswürdig.« »Das ist komisch. Sie glauben, daß meine Augen gefärbt sind, und Sie sagen, daß Sie sich darauf verstehen. Meine Augen, mein Herr, mögen schön oder häßlich sein, aber sie sind so, wie Gott sie mir gegeben hat. Nicht wahr, Onkel?« »Ich habe es immer geglaubt, liebe Nichte.« »Und Sie glauben es nicht?« sagte sie lebhaft zu mir. »Nein, sie sind zu schön, als daß ich sie für natürlich hielte.« »Bei Gott. Das ist zu stark.« »Entschuldigen Sie, mein schönes Fräulein, ich sehe, ich bin zu aufrichtig gewesen.« Diesem Streit folgte ein Schweigen. Der Pfarrer lächelte von Zeit zu Zeit, aber das Mädchen gab sich Mühe, ihren Verdruß zu verbergen. Ich blickte sie verstohlen an und sah, daß ihr beinahe die Tränen kamen; das schmerzte mich, denn sie war entzückend. Als reiche Bäuerin geputzt trug sie auf dem Kopfe für mehr als hundert Zechinen goldene Nadeln und Pfeile, die die Flechten ihres langen ebenholzschwarzen Haares zusammenhielten. Lange massive Ohrbommeln und eine goldene Kette, die sich zwanzigmal um ihren Alabasterhals wand, verliehen ihrem Lilien- und Rosenantlitz einen bezaubernden Glanz. Es war die erste bäuerliche Schönheit, die ich in solchem Putze sah. Sechs Jahre früher hatte mich Lucia in Paseano auf eine andere Art gefesselt. Cristina sagte kein Wort mehr, aber sie mußte in Verzweiflung sein, denn gerade ihre Augen waren von einer strahlenden Schönheit, und ich beging die Barbarei, ihr ihre Echtheit zu bestreiten! Sie mußte mich verabscheuen, und wenn sie nicht weinte, so geschah dies nur deshalb, weil sie wütend sein mußte. Ich hütete mich indessen, sie zu belehren, denn ich wollte, daß sie selber die Entwicklung durch einen Gewaltstreich herbeiführte. Sobald die Gondel in den langen Kanal von Manghera eingelaufen war, fragte ich den Pfarrer, ob er einen Wagen hätte, um nach Treviso zu fahren; er mußte nämlich diesen Ort passieren, um nach Pr. zu gelangen. »Ich werde zu Fuß gehen«, sagte mir der brave Mann, »denn meine Pfarre ist arm, und für Cristina werde ich leicht einen Platz auf irgendeinem Wagen finden.« »Sie würden mir ein wahrhaftes Vergnügen machen, wenn Sie alle beide einen Platz in meinem Wagen einnähmen. Er hat vier Plätze, wir werden bequem darin sitzen.« »Das ist ein Glück, das wir nicht erhofften.« »Aber nein, Onkel! Ich will nicht mit diesem Herrn fahren.« »Warum denn nicht, liebe Nichte?« »Weil ich nicht will.« »Aha!« sagte ich, ohne sie anzublicken, »so belohnt man ja gewöhnlich die Aufrichtigkeit.« »Es war keine Aufrichtigkeit von Ihnen, mein Herr,« sagte sie heftig, »es war reine Bosheit. Für Sie wird es in der ganzen Welt keine schwarzen Augen mehr geben, aber, da Sie die schwarzen Augen lieben, freut mich das!« »Sie täuschen sich, schöne Cristina, denn ich besitze ein Mittel, die Wahrheit zu erfahren.« »Und was ist das für ein Mittel?« »Man braucht sie nur mit etwas lauem Rosenwasser zu waschen, und selbst das ist nicht nötig, denn die ganze künstliche Farbe geht weg, sobald das Mädchen weint.« Bei diesen Worten änderte sich die Szene wie durch einen Zauberchlag. Das Antlitz des schönen Mädchens, das nur Entrüstung, Unwille und Verachtung ausdrückte, nahm eine heitere und befriedigte Miene an, die sie wahrhaft verführerisch machte. Sie richtete ein Lächeln an den Pfarrer, der von der Veränderung entzückt war, denn die freie Wagenfahrt lag ihm am Herzen. »Weine doch, Nichte, und der Herr wird deinen Augen Gerechtigkeit widerfahren lassen.« Cristina weinte tatsächlich, aber vor lauter Lachen. Ich war auf dem Gipfel der Freude, eine solche Art von natürlichem Original zu sehen, und während ich die Stufen hinaufstieg, um das Ufer zu erreichen, gab ich ihr eine so vollständige Genugtuung, daß sie das Anerbieten meines Wagens annahm. Ich ließ ein Frühstück auftragen und befahl einem Kutscher, während wir frühstückten, einen schönen Wagen anzuspannen, aber der Pfarrer sagte, er wolle vor allen Dingen eine Messe lesen. »Sehr gut,« sagte ich zu ihm, »wir werden sie anhören, und ich bitte Sie, sagen Sie die Gebete für mich.« Gleichzeitig drückte ich ihm einen Silberdukaten in die Hand. »Das, Hochwürden, ist mein gewöhnlicher Satz.« Meine Freigebigkeit verwunderte ihn so sehr, daß er mir die Hand küssen wollte. Er ging zur Kirche, und ich bot meinen Arm der Nichte an; sie wußte nicht, ob sie ihn annehmen oder ausschlagen sollte, und sagte zu mir: »Glauben Sie denn, daß ich nicht allein gehen kann?« »Das nicht, aber wenn ich Ihnen nicht den Arm gebe, wird man sagen, ich sei unhöflich.« »Und was wird man jetzt sagen, da ich ihn Ihnen gebe?« »Man wird vielleicht sagen, daß wir uns lieben und vielleicht sogar, daß wir gut zueinander passen.« »Und wenn man Ihrer Geliebten sagt, daß wir uns lieben, oder auch nur einfach ihr hinterbringt, daß Sie einem anderen Mädchen den Arm gaben?« »Ich habe keine Geliebte und will keine mehr haben, denn in Venedig würde ich kein so schönes Mädchen wie Sie finden.« »Das tut mir Ihretwegen leid, denn wir werden nicht nach Venedig zurückkehren, und wenn auch, wie könnte ich mich wohl sechs Monate dort aufhalten? Und das ist doch die Zeit, haben Sie gesagt, die Sie brauchen, um ein Mädchen kennenzulernen.« »Ich würde gern die Auslagen zahlen.« »Wahrhaftig? Sagen Sie es doch meinem Onkel, und er wird sich's überlegen, denn ich kann nicht allein dorthin gehen.« »In sechs Monaten würden Sie mich auch kennenlernen.« »O, ich, – ich kenne Sie schon sehr gut.« »Sie würden sich also an meine Person gewöhnen?« »Warum nicht?« »Und Sie würden mich lieben?« »Ja, sehr, wenn Sie mein Gatte wären.« Ich sah das junge Mädchen mit Erstaunen an. Sie machte den Eindruck einer als Bäuerin verkleideten Prinzessin. Ihr Kleid von schwerer Seide, mit goldenen Tressen besetzt, war von dem höchsten Lurus und mußte das Doppelte des schönsten Stadtkleides kosten. Ihre Armbänder, die ihrem Halsschmuck entsprachen, ergänzten den reichsten Putz. Sie besaß eine Nymphentaille, und da die Mode der Mäntelchen noch nicht bis aufs Land gedrungen war, sah ich den schönsten Busen, den man sich denken kann, obwohl ihr Kleid bis an den Hals zugeknöpft war. Der Saum des reichbesetzten Rockes ging nur bis zu den Knöcheln und ließ mich den kleinsten Fuß und das feinste Ankel erblicken. Ihr Gang war sicher und ungezwungen, alle Bewegungen waren frei, natürlich und anmutig, und ihr reizender Blick schien mir zu sagen: »Ich bin sehr zufrieden, daß Sie mich hübsch fanden.« Dies alles versetzte meine Sinne in einen Glückstaumel. Es war mir unbegreiflich, wie ein so entzückendes Mädchen vierzehn Tage in Venedig sein konnte, ohne irgend jemanden zu finden, der sie heiratete oder betrog. Besonders viel trugen zu meinem Entzücken bei ihr Geplauder und ihre Naivität, die ich als Großstädter für Dummheit hielt. Von meinen Betrachtungen in Anspruch genommen und entschlossen, ihren Reizen eine glänzende Huldigung nach meiner Art darzubringen, erwarte ich mit Ungeduld das Ende der Messe. Als wir gefrühstückt hatten, hatte ich die größte Mühe, dem Pfarrer begreiflich zu machen, daß ich zuletzt meinen Platz im Wagen einnehmen müßte. Aber ich hatte weniger Mühe, ihn bei unserer Ankunft in Treviso zu überreden, daß er in einem nicht sehr besuchten Gasthof zum Mittag- und Abendessen bleiben sollte, da ich die Kosten trüge. Er nahm die Einladung an, sobald ich ihm gesagt hatte, daß nach dem Abendessen ein Wagen bereitstehen würde, der ihn bei schönstem Mondschein in einer Stunde nach Pr. führen würde. Es drängte ihn nichts als die unbedingte Notwendigkeit, am nächsten Tage in seiner Kirche die Messe zu halten. Nachdem ich im Wirtshaus ein gutes Feuer hatte anmachen lassen und ein gutes Mittagessen bestellt hatte, fiel mir ein, der Pfarrer könnte meinen Diamanten versetzen, so daß ich einige Augenblicke mit der Nichte allein sein würde. Ich machte ihm den Vorschlag, indem ich ihm sagte, ich wolle nicht selber hingehen, denn ich möchte nicht gerne erkannt werden. Er nahm meinen Vorschlag mit Eifer an und freute sich, mir eine Gefälligkeit erweisen zu können. Er ging, und ich war mit der reizenden Cristina allein. Ich verbrachte eine Stunde mit ihr; aber ich versuchte nicht einmal, ihr einen einzigen Kuß zu geben; obwohl ich vor Verlangen danach starb. Allein ich bereitete ihr Herz auf das Verlangen, von dem ich entflammt war, durch alle jene Reden vor, die so leicht die Einbildungskraft eines jungen Mädchens erhitzen. Der Pfarrer kam zurück und übergab mir den Ring mit Worten, daß ich ihn wegen des Festes der heiligen Jungfrau erst am übernächsten Tag versetzen könnte. Er hatte mit dem Kassier des Versatzamtes gesprochen, und dieser hatte ihm gesagt, man würde mir das Doppelte geben, wenn ich es wünschte. »Herr Pfarrer,« sagte ich zu ihm, »Sie würden mir einen Dienst erweisen, wenn Sie von Pr. zurückkehrten, um ihn selbst zu versetzen, denn nachdem Sie ihn gezeigt haben, könnte es Verdacht erregen, wenn es durch einen anderen geschähe. Ich werde Ihnen den Wagen bezahlen.« »Ich verspreche Ihnen, zurückzukommen.« Ich hoffte natürlich, daß er auch seine Nichte mitbringen würde. Während des Essens Cristina gegenübersitzend, entdeckte ich jeden Augenblick einen neuen Reiz an ihr. Allein da ich fürchtete, ihr Vertrauen zu verlieren, wenn ich mir im Laufe des Tages irgendeine unbedeutende Gunst verschaffte, so beschloß ich, nichts zu übereilen und es dahin zu bringen, daß der gute Pfarrer sie nach Venedig zurückführte. Nur dort konnte ich nach meiner Ansicht ihre Liebe erwecken und dieser die passende Nahrung zuführen. »Herr Pfarrer,« sagte ich zu ihm, »ich rate Ihnen, Ihre Nichte wieder nach Venedig zu führen. Ich übernehme alle Auslagen, und ich werde Ihnen eine tugendhafte Person verschaffen, bei der Fräulein Cristina so sicher sein wird wie unter den Augen ihrer Mutter. Ich muß sie gut kennenlernen, um sie heiraten zu können; dann aber kann die Sache gar nicht fehlschlagen.« »Mein Herr, ich werde meine teure Nichte selbst hinführen, sobald Sie mich benachrichtigt haben, daß Sie das Haus gefunden haben, dem ich sie mit Sicherheit anvertrauen kann.« Während wir miteinander sprachen, blickte ich auf Cristina und sah sie voll Befriedigung lächeln. »Meine teure Cristina,« sagte ich zu ihr, »in höchstens einer Woche wird die Sache geordnet sein. Während dieser Zeit werde ich Ihnen schreiben; ich hoffe, daß Sie mir antworten werden.« »Mein Onkel wird Ihnen für mich antworten, denn ich habe niemals Lust gehabt, schreiben zu lernen.« »Ei, mein teures Kind, wie wollen Sie die Frau eines Venezianers werden, ohne schreiben zu können?« »Aber ist es denn notwendig, schreiben zu können, um Frau zu werden? Lesen kann ich sehr gut.« »Das genügt nicht, und obwohl man Frau und Familienmutter sein kann, ohne einen Strich vom A ziehen zu können, ist es dennoch erwünscht, daß ein junges Mädchen schreiben kann; ich verwundere mich, daß Sie es nicht können.« »Aber welches Wunder! Es gibt bei uns kein einziges Mädchen, das es kann; nicht wahr, Onkel?« »Das ist wahr, allein keine denkt dran, nach Venedig zu heiraten; aber da du das willst, so mußt du es lernen.« »Gewiß« sagte ich zu ihr, »und zwar bevor Sie nach Venedig kommen, denn man würde sich über Sie lustig machen, wenn Sie es nicht verstünden. Das macht Sie traurig, meine Teure, aber es tut mir leid.« »Es verdrießt mich, weil es unmöglich ist, in einer Woche schreiben zu lernen.« »Ich verpflichte mich,« sagte ihr Onkel, »es dich in vierzehn Tagen zu lehren, wenn du allen Fleiß darauf verwenden willst. Du wirst dann genug können, um dich später selber weiterzubilden.« »Es ist das ein großes Unternehmen, allein ich nehme es auf mich, und verspreche Ihnen, Tag und Nacht zu studieren; schon morgen will ich beginnen.« Als wir gegessen hatten, sagte ich dem Pfarrer, statt nach dem Abendessen abzureisen, würde er wohl daran tun, sich in der Nacht auszuruhen und erst eine Stunde vor Tagesanbruch zu fahren. So würde er noch zeitig genug für seine Messe ankommen und frischer sein. Am Abend erneuerte ich meinen Vorschlag, und da er sah, daß seine Nichte schläfrig war, ließ er sich leicht überreden. Ich rief die Wirtin, um einen Wagen zu bestellen, und als ich ihr auftrug, mir im benachbarten Zimmer Feuer zu machen und ein Bett zu bereiten, sagte der fromme Pfarrer zu mir, das wäre nicht nötig, weil in dem Zimmer, in dem wir uns befänden, zwei Betten wären, das eine für mich und das andere für seine Nichte und ihn. »Wir werden uns nicht auskleiden,« fügte er hinzu, »aber Sie können sich in aller Freiheit ausziehen; denn da Sie nicht mit uns fahren, können Sie im Bett bleiben, solange es Ihnen beliebt.« »Oh!« sagte Cristina, »ich muß mich ausziehen, denn sonst könnte ich nicht schlafen; allein ich werde Sie nicht warten lassen, denn ich brauche nur eine Viertelstunde, um mich zurechtzumachen.« Ich sagte nichts, aber ich konnte vor Erstaunen nicht zu mir kommen. Cristina, das reizende Mädchen, geschaffen, einen Xenokrates zu verführen, schlief nackt bei ihrem Onkel, dem Pfarrer, der allerdings alt, sehr fromm und keineswegs dazu angetan war, um diese Anordnung verwegen erscheinen zu lassen. Aber man mag sagen, was man will, der Pfarrer war schließlich doch ein Mann, er mußte es ebenso gut gewesen sein wie ein anderer und wissen, daß er sich Gefahr aussetzte. Mein ganz auf das Fleischliche gerichteter Verstand fand das unerhört. Und dennoch war die Sache unschuldig, und so unschuldig, daß er sie nicht nur nicht verbarg, sondern daß er selber nicht einmal an die Möglichkeit dachte, man könnte etwas Schlimmes dabei finden. Ich sah das alles ein, aber ich war an so etwas nicht gewöhnt und konnte es durchaus nicht begreifen. Als ich an Alter und Erfahrung zunahm, habe ich diesen Gebrauch in vielen Ländern bei braven Menschen gefunden, deren guten Sitten er keineswegs anstößig war. Allein, ich wiederhole, das geschieht nur unter braven Leuten, und ich mache keinen Anspruch darauf, zu denen zu gehören. Wir hatten zu Mittag kein Fleisch gegessen, und mein verwöhnter Gaumen war wenig befriedigt worden. Ich stieg in die Küche hinab und sagte der Wirtin, ich wollte das Beste, was der Markt von Treviso böte, und vor allen Dingen ausgezeichneten Wein. »Wenn es Ihnen auf die Ausgabe nicht ankommt, mein Herr, lassen Sie mich nur sorgen, Sie werden zufrieden sein. Sie werden Gattawein bekommen.« »Gut, und Bereiten Sie das Abendessen rechtzeitig.« Ich ging wieder hinauf und überraschte Cristina, wie sie die Wangen ihres alten fünfundfiebzigjährigen Oheims streichelte. Der gute Mann lachte. »Wissen Sie, um was es sich handelt?« fragte er mich. »Meine Nichte liebkost mich, damit ich sie bis zu meiner Rückkehr hier lasse. Sie sagt mir, Sie hätten heute früh die Stunde, die ich Sie mit ihr allein gelassen habe, wie ein Bruder mit seiner Schwester verbracht, und ich glauhe es. Allein sie denkt nicht daran, daß sie Sie belästigen würde.« »Nein, im Gegenteil, seien Sie sicher, daß sie mir Vergnügen machen wird, denn ich finde sie höchst liebenswürdig. Daß sie und ich unserer Pflicht eingedenk sein werden, darauf können Sie sich, glaube ich, unbedingt verlassen.« »Ich zweifle nicht daran. Ich lasse sie Ihnen also bis übermorgen. Sie werden mich rechtzeitig wieder hier sehen, um Ihr Geschäft zu besorgen.« Infolge dieses so überraschenden und unerwarteten Übereinkommens stieg mir das Blut zu Kopf, und ich hatte ein Nasenbluten, das länger als eine Viertelstunde dauerte. Ich machte mir nichts daraus, denn ich war an diese Zufälle gewöhnt, aber der gute Pfarrer hatte Angst, denn er furchtete einen Blutsturz. Sobald er sich beruhigt hatte, verließ er uns wegen seines Geschäftes und sagte uns, er werde erst mit Eintritt der Nacht zurückkehren. Ich sah mich allein mit der liebenswürdigen und naiven Cristina und beeilte mich, ihr für das Vertrauen zu danken, das sie mir entgegenbrachte. »Ich gebe Ihnen die Versicherung,« sagte sie, »daß ich mich danach sehne, Sie möchten mich ganz kennenlernen. Sie würden sehen, daß ich nicht die Fehler habe, die Ihnen an den Mädchen, die Sie in Venedig kennengelernt haben, so sehr mißfallen haben. Außerdem verspreche ich Ihnen, sofort gut schreiben zu lernen.« »Sie sind anbetungswürdig in Ihrer Aufrichtigkeit, aber Sie müssen in Pr. verschwiegen sein und niemandem sagen, daß Sie mit mir ein Abkommen getroffen hahen. Sie werden sich danach richten, was Ihnen Ihr Oheim sagen wird, denn ich werde ihm alles schreiben.« »Sie können auf meine Verschwiegenheit zählen, und selbst meine Mutter wird nur dann etwas erfahren, wenn Sie mir gestatten, es ihr zu sagen.« So verbrachte ich den Tag, indem ich mir die geringsten Freiheiten verwehrte; dabei aber verliebte ich mich immer mehr in das reizende Mädchen. Ich erzählte ihr kleine galante Geschichten, die ich derart verschleierte, daß ich sie interessierte, ohne sie scheu zu machen, und ich sah, obwohl sie nicht alles begriff, daß sie so tat, als verstände sie es, um mir gegenüber nicht unwissend zu erscheinen. Als ihr Onkel zurückkehrte, machte ich allerlei Pläne, was zu tun sei, um sie zu heiraten, und ich nahm mir vor, sie ebenfalls zu der guten Witwe zu führen, wo ich meine schöne Gräfin untergebracht hatte. Wir setzten uns zu Tische, und unser Abendessen war ausgezeichnet. Ich mußte Cristina lehren, Austern und Trüffeln zu essen, die sie zum erstenmal vor sich sah. Der Wein von Gatta ist wie der Champagner, er erheitert, aber berauscht nicht; leider erhält er sich nur von einer Lese bis zur anderen. Wir legten uns vor Mitternacht nieder und ich erwachte erst bei vollem Tag. Der Geistliche war so leise fortgegangen, daß ich ihn nicht gehört hatte. Ich drehte mich gegen das andere Bett um und sah nur Cristina darin schlafen. Ich wünschte ihr guten Morgen, sie erwachte, kam zu sich und fächelte, indem sie sich auf den Ellbogen stützte. »Mein Oheim ist fort, ich habe ihn nicht gehört.« »Meine teure Freundin, du bist schön wie ein Engel; ich sterbe vor Verlangen, dir einen Kuß zu gehen.« »Wenn du dieses Verlangen hast, mein teurer Freund, dann komm und gib mir ihn.« Ich sprang aus dem Bett, der Anstand ließ sie zurückweichen; es war kalt, ich war verliebt und lag mit einer jener plötzlichen Bewegungen, die das Gefühl allein herbeiführt, in ihren Armen, und wir gehörten einander an, ohne daran gedacht zu haben, uns hinzugeben, sie glücklich und ein wenig verwirrt, ich strahlend und dennoch erstaunt über einen Sieg, den ich ohne Kampf errungen hatte. Nach einer Stunde zärtlichen Vergessens wurden wir ruhiger und blickten uns gefühlvoll an, aber ohne uns etwas zu sagen. Cristina war die erste, die das Schweigen brach: »Was haben wir getan?« sagte sie mit der zärtlichsten Miene und im sanftesten Ton. »Wir haben uns verheiratet.« »Was wird morgen mein Onkel sagen?« »Er wird es erst dann erfahren, wenn er uns die eheliche Einsegnung in der Kirche seiner Gemeinde gegeben hat.« »Und wann wird er sie uns geben?« »Sobald wir alle nötigen Vorbereitungen zu einer öffentlichen Heirat getroffen haben.« »Wieviel Zeit erfordert das?« »Kaum einen Monat.« »Man kann sich in der Fastenzeit nicht verheiraten.« »Ich werde die Erlaubnis dazu erhalten.« »Du hintergehst mich doch nicht?« »Nein; ich bete dich an.« »Du brauchst mich also nicht kennenzulernen?« »Nein, denn ich kenne dich ganz und gar, und ich bin sicher, daß du mein Glück sein wirst.« »Und du das meine.« »Ich hoffe es.« »Laß uns aufstehen und in die Messe gehen. Wer hätte das gedacht, daß ich, um einen Mann zu bekommen, nicht nach Venedig gehen, sondern von dort zurückkehren müßte?« Wir erhoben uns, und nachdem wir gefrühstückt hatten, gingen wir in die Messe. Der Rest des Vormittags verstrich unbemerkt bis zum Mittagessen. Da ich Cristina anders fand als am Tage vorher, fragte ich sie nach dem Grund: »Es muß derselbe sein,« sagte sie zu mir, »der dich nachdenklich macht.« »Mein nachdenkliches Wesen, meine Teure, ist der glücklichen Liebe angemessen, wenn diese sich mit der Ehre auseinandersetzt. Die Angelegenheit ist sehr ernst geworden, und die Liebe sieht sich zur Überlegung verpflichtet. Es handelt sich um unsere kirchliche Heirat, und wir können sie nicht vor der Fastenzeit schließen, denn wir sind in den letzten Tagen des Faschings, indessen können wir nicht bis Ostern warten, denn die Zeit würde uns zu lang erscheinen. Wir brauchen einen rechtsgültigen Dispens, um unsere Hochzeit zu feiern. Habe ich also nicht sehr viel Grund nachzudenken?« Statt aller Antwort erhob sie sich und umarmte mich mit Zärtlichkeit. Was ich ihr gesagt hatte, war wahr, allein ich konnte ihr nicht alles sagen, was mich nachdenklich machte. Ich erblickte mich in einer Verpflichtung, die mir nicht mißfiel, aber ich würde gewünscht haben, daß es nicht so eilig gewesen wäre. Ich konnte mir nicht verhehlen, daß etwas Reue sich in meine verliebte und gut gesinnte Seele schlich. Und das betrübte mich. Indessen hatte ich die Gewißheit, daß das ausgezeichnete Geschöpf mir niemals sein Unglück werde vorzuwerfen haben. Wir hatten den ganzen Abend vor uns, und da sie mir gesagt hatte, daß sie noch niemals ein Theater gesehen hätte, so entschloß ich mich, ihr dieses Vergnügen an diesem Abend noch zu bieten. Ich ließ einen Juden kommen, der mich mit allem versorgte, was zur Maskierung nötig war, und wir gingen. Ein Verliebter findet seine wahre Lust nur in dem Vergnügen, das er dem geliebten, Gegenstand verschafft. Nach der Vorstellung führte ich sie ins Kasino, und sie machte mich lachen durch das Erstaunen, das sie zeigte, als sie zum erstenmal eine Pharaobank sah. Ich hatte nicht Geld genug, um selbst zu spielen, aber mehr als genug, um sie durch ein kleines Spiel zu unterhalten. Ich gab ihr zehn Zechinen, indem ich ihr sagte, was sie tun sollte. Sie kannte keine Karten. Allein in weniger als einer Stunde hatte sie gegen hundert Zechinen vor sich liegen. Ich ließ sie nun das Spiel aufgeben, und wir zogen uns zurück. Als wir in unserem Zimmer waren, ließ ich sie das Geld zählen, das sie gewonnen hatte, und als sie erfuhr, daß dies ganze Gold ihr gehörte, glaubte sie zu träumen. »O! Was wird mein Onkel sagen?« rief sie aus. Wir nahmen ein leichtes Mahl ein und verbrachten hierauf eine köstliche Nacht; doch trugen wir Sorge dafür, uns bei Tagesanbruch zu trennen, damit der gute Pfarrer uns nicht beisammen fände. Er kam sehr zeitig und fand uns, jedes in seinem Bett, in tiefem Schlummer. Er weckte mich auf, und ich gab ihm den Ring, mit dem er fortging, um ihn zu versetzen. Zwei Stunden später kam er zurück und fand uns angekleidet und am Kaminfeuer plaudernd. Sobald ihn Cristina sah, eilte sie ihn zu umarmen, hierauf zeigte sie ihm alles Gold, dessen Eigentümerin sie war. Welche süße Überraschung für den guten alten Priester! Er wußte nicht, wie er seine Bewunderung ausdrücken sollte. Er dankte Gott für das Wunder, wie er es nannte, und schloß daraus, daß wir dazu geboren wären, einander zu beglücken. Als es Zeit wurde, uns zu trennen, versprach ich ihm, sie zu Beginn der Fastenzeit zu besuchen, aber unter der Bedingung, daß ich bei meiner Ankunft niemanden weder von meinem Namen noch von unseren Angelegenheiten unterrichtet finden würde. Er übergab mir das Taufzeugnis seiner Nichte und das Verzeichnis ihrer Mitgift, und sobald ich sie abreisen gesehen hatte, schlug ich den Weg nach Venedig ein, verliebt und entschlossen, dem reizenden Mädchen die Treue nicht zu brechen. Ich wußte, daß es mir leicht sein würde, meine drei Freunde zu überzeugen, daß meine Heirat in dem großen Buch des Schicksals unwiderruflich vorgeschrieben stände. Bei meinem Erscheinen waren die drei ausgezeichneten Männer vor Freude trunken, denn, da sie nicht gewöhnt waren, daß ich drei Tage fortblieb, fürchteten die Herren Dandolo und Barbaro, mir wäre irgendein Unglück zugestoßen, aber Herr von Bragadino, der einen stärkeren Glauben besaß, tröstete sie mit den Worten, mir könnte kein Unglück geschehen, da ich Paralis zur Schildwache hätte. Gleich am nächsten Morgen entschloß ich mich, das Glück Cristinens herbeizuführen, ohne sie mit mir zu verbinden. Ich hatte den Gedanken gehabt, sie zu heiraten, als ich sie mehr als mich selbst liebte. Allein nach dem Genuß hatte sich die Wagschale so sehr auf meine Seite geneigt, daß meine Eigenliebe sich stärker erwies als meine Liebe. Ich konnte mich nicht entschließen, auf die Vorteile und Hoffnungen zu verzichten, die ich mit meiner Unabhängigkeit verbunden glaubte. Trotzdem war ich ein Sklave des Gefühls. Dieses naive und unschuldige Mädchen zu verlassen, erschien mir als eine so schwarze Handlung, daß ich fühlte, sie würde über meine Kräfte gehen. Schon der Gedanke daran ließ mich erschauern. Ich fühlte, daß sie möglicherweise in ihrem Schoße ein Pfand unserer gegenseitigen Liebe trüge, und ich zitterte vor der Möglichkeit, daß ihr Vertrauen zu mir mit der Schande und dem Unglück ihres ganzen Lebens bezahlt werden sollte. Ich dachte daran, für sie einen Mann ausfindig zu machen, der mir in jeder Hinsicht vorzuziehen wäre, einen Mann, der geschaffen wäre, daß sie mir nicht allein die Schmach verziehe, die ich ihr angetan hatte, sondern daß sie mich sogar wegen meines Betruges schätzte und mich um so mehr liebte. Diesen Gatten zu finden, konnte nicht schwierig sein, denn Cristina war ein Muster von Schönheit, sie genoß in ihrem Dorf eines tadellosen Rufes, und sie besaß außerdem eine Mitgift von viertausend Venezianer Silberdukaten. Ich schloß mich mit den drei Bewunderern meines Orakels ein und stellte, die Feder in der Hand, an Paralis eine Frage über eine Angelegenheit, die mein Herz bedrückte. Er gab mir die Antwort: »Vertraue die Sache Serenus an.« Dies war der kabbalistische Name des Herrn von Bragadino, und da der wackere Mann sich willig allem unterwarf, was ihm Paralis zu tun befahl, so lag es nur an mir, ihn zu unterrichten. »Es handelt sich darum,« sagte ich zu ihm, »von dem Heiligen Vater einen Heiratsdispens zugunsten eines sehr ehrbaren Mädchens zu erhalten, so daß es während der Fastenzeit öffentlich seine Hochzeit in der Kirche seines Dorfes feiern könnte. Es ist ein junges Landmädchen. Hier,« sagte ich, »ist ihr Taufzeugnis. Man kennt den Gatten noch nicht. Allein das macht nichts, da Paralis ihn ausfindig machen wird.« »Verlasse dich auf mich,« sagte mein Vater zu mir, »ich werde gleich morgen unserem Gesandten in Rom schreiben und ich werde es derart einrichten, daß der Minister, der den Wochendienst hat, meine Depesche mit einem eigenen Boten fortschickt. Laß mich nur machen; ich will diesem Geschäft das Aussehen einer Staatsangelegenheit geben, und Paralis wird um so besser bedient werden, als ich voraussehe, daß der Gatte einer von uns Vieren sein wird. Wir müssen uns also zum Gehorsam bereit halten.« Ich mußte mir Gewalt antun, um nicht in ein helles Gelächter auszubrechen, denn ich sah, daß es vollkommen in meinem freien Belieben stand, Cristina zur venezianischen Edeldame und Frau eines Senators zu machen. Allein tatsächlich dachte ich nicht daran. Als ich mein Orakel neuerdings befragte, wo der Gatte des jungen Mädchens sein würde, gab es zur Antwort, daß Herr Dandolo es übernehmen sollte, einen jungen, schönen, gescheiten und zum inneren oder äußeren Dienste der Republik fähigen Bürger ausfindig zu machen. Aber er sollte sich in nichts einlassen, ohne mich um Rat zu fragen. Ich gab ihm Mut, indem ich ihm sagte, daß das junge Mädchen viertausend Dukaten Kurant Mitgift befäße, und daß er vierzehn Tage Zeit hätte, um ´seine Wahl zu treffen. Herr von Bragadina war entzückt, nicht mit diesem Auftrag beschwert zu werden und lachte sich halb zu Tode. Nach diesem doppelten Schritt fühlte ich mich ruhig. Ich war überzeugt, daß man einen solchen Gatten finden würde, wie ich ihn wünschte. Ich dachte also nur daran, meinen Karneval gut abzuschließen und mich derart einzurichten, daß ich meine Börse in einem dringenden Augenblick nicht leer fand. Das Glück setzte mich bald in den Besitz von tausend Zechinen. Vor allen Dingen bezahlte ich meine Schulden. Als der Dispens nach zehn Tagen in Rom angelangt war, übergab ich Herrn von Bragadino die hundert römischen Taler, die er gekostet hatte. Dieser Dispens gestattete Cristina, sich in jeder Kirche der Christenheit zu verheiraten, nur mußte das Siegel der bischöflichen Diözesankanzlei beigefügt sein, die von der gewöhnlichen Publikation des Aufgebotes dispensierte. Es fehlte also bloß noch eine Kleinigkeit, der Gatte. Herr Dandolo hatte mir schon drei oder vier vorgeschlagen, von denen ich aus guten Gründen nichts hatte wissen wollen, aber schließlich machte er mir einen ganz nach Wunsch ausfindig. Ich mußte den Ring wieder auslösen; da ich aber nicht selber erscheinen wollte, schrieb ich dem Pfarrer, er möchte sich an dem und dem Tage und zu der und der Stunde in Treviso einfinden. Man kann sich denken, daß ich nicht überrascht war, ihn in Begleitung seiner schönen Nichte ankommen zu sehen. Da sie mit Sicherheit glaubte, daß ich nur gekommen wäre, um die Anordnungen für unsere Heirat zu treffen, so legte sie sich keinen Zwang auf. Sie umarmte mich zärtlich, und ich machte es ebenso. In dieser süßen Umarmung wäre es um meinen Heroismus geschehen gewesen, wenn ihr Onkel nicht zugegen gewesen wäre. Ich legte in die Hände des Pfarrers den päpstlichen Dispens, und das schöne Gesicht Cristinas erschien im Augenblick ganz freudestrahlend. Sie konnte sich natürlich nicht vorstellen, daß ich für einen anderen als mich so tätig gearbeitet hätte, und da ich noch nicht volle Gewißheit hatte, so wollte ich sie in diesem Augenblick nicht enttäuschen. Ich versprach ihr, in acht oder zehn Tagen nach Pr. zu gehen, wo wir dann alles festsetzen würden. Nach dem Abendessen übergab ich dem Pfarrer den Pfandschein und das Geld, um den Ring aus dem Versatzamte wieder auszulösen; sodann gingen wir schlafen. Diesmal war glücklicherweise nur ein einziges Bett im Zimmer, und ich mußte mich in einem anderen niederlegen. Am nächsten Morgen trat ich in das Zimmer Cristinens, die ich noch im Bett fand. Ihr Onkel war fortgegangen, um meinen Solitär zu holen und ich, allein mit diesem herrlichen Mädchen, hatte Gelegenheit zu beobachten, daß ich nötigenfalls auch zurückhaltend sein konnte. Da ich sie nicht mehr als mein Eigentum betrachtete und da ich ihr Herz zugunsten eines anderen umstimmen mußte, so umarmte ich sie zärtlich, aber ich blieb vernünftig. Ich verbrachte eine Stunde mit ihr, während welcher ich wie der heilige Antonius gegen das Fleisch kämpfen mußte. Ich sah das reizende Mädchen verliebt und überrascht, und ich bewunderte ihre Tugend, indem ihre natürliche Sittsamkeit ihr nicht gestattete, mir entgegenzukommen. Sie stand auf, kleidete sich an und zeigte keine üble Laune. Sie würde sicherlich gekränkt gewesen sein, wäre ihr in den Sinn gekommen, daß ich sie hätte verachten oder den Wert ihrer Reize hätte verkennen können. Ihr Onkel kehrte zurück, übergab mir den Diamanten, und wir speisten zu Mittag. Nach dem Essen zeigte er mir ein kleines Wunder. Seine Nichte hatte schreiben gelernt, und um mir davon einen Beweis zu geben, schrieb sie sehr hübsch und sehr geläufig in meiner Gegenwart nach seinem Diktat. Bald darauf trennten wir uns, nachdem ich ihnen mein Versprechen wiederholt hatte, in etwa zehn Tagen wiederzukommen, und ich kehrte am Abend nach Venedig zurück. Am zweiten Fastensonntag sagte mir Herr Dandolo gleich nach der Predigt mit triumphierender Miene, der glückliche Gatte wäre gefunden, und er wäre überzeugt, daß er meine Zustimmung erhalten würde. Sodann nannte er mir Carlo ***, den ich vom Sehen kannte. Es war ein sehr schöner, junger, gesitteter Mann, der fast zweiundzwanzig Iahre alt war. Er war Schreiber bei dem » Ragionato « und Patenkind des Grafen Algarotti, dessen eine Schwester mit einem Bruder des Herrn Dandolo verheiratet war. »Der junge Mann«, sagte mir Herr Dandolo, »hat weder Vater noch Mutter mehr, und ich bin überzeugt, daß sein Pate sich für die Mitgift verbürgen wird, die eine Gattin ihm zubringen wird. Ich habe ihn ausgeforscht und bemerkt, daß er sich bereit finden würde, sich mit einem ehrbaren Mädchen zu verheiraten, die ihm das mitbrächte, womit er sich die Stelle erkaufen könnte, die er jetzt nur in der Eigenschaft eines Schreibers innehätte.« »Das ist ausgezeichnet, allein ich kann nichts entscheiden, bis ich ihn nicht selber gesprochen habe.« »Er wird morgen zu uns zum Essen kommen.« Er kam in der Tat, und ich fand ihn der Lobsprüche des Herrn Dandolo sehr würdig. Wir wurden Freunde. Er hatte Neigung für die Poesie, ich zeigte ihm einige meiner Leistungen, und als ich ihn am folgenden Tage besuchte, teilte er mir einige kleine Werke mit, die ich gut gemacht fand. Er stelle mich seiner Tante vor, bei der er mit seiner Schwester wohnte, und ich war entzückt über ihre Liebenswürdigkeit und den Empfang, den sie mir bereiteten. Als ich mich mit ihm allein in seinem Zimmer befand, fragte ich ihn, was er von der Liebe halte. »Ich mache mir nichts aus ihr,« sagte er mir, »aber ich suche mich zu verheiraten, um eine unabhängige Stellung zu erhalten.« In den Palast zurückgekehrt, sagte ich Herrn Dandolo, er könne über die Angelegenheit mit dem Grafen Algarotti verhandeln, und dieser sprach mit Carlo darüber, der erwiderte, daß er weder ja noch nein sagen könnte, bevor er seine Zukünftige gesehen, mit ihr gesprochen und sich über alles, was sie anginge, unterrichtet hätte. Übrigens war der Graf bereit, für sein Patenkind Bürgschaft zu leisten, das heißt, für die viertausend Dukaten der Gattin zu haften, wenn ihre Mitgift soviel wert wäre. Nach diesen Unterhandlungen kam die Reihe an mich. Da Dandolo Carlo gesagt hatte, daß die ganze Angelegenheit in meinen Händen liege, so suchte mich dieser auf und fragte mich, wann ich die Gefälligkeit haben könnte, ihn mit der jungen Person bekannt zu machen. »An dem und dem Tage,« sagte ich zu ihm, »aber man muß einen ganzen Tag opfern, denn die Zukünftige wohnt zwanzig Meilen von hier. Wir werden mit ihr speisen und am Abend wieder zum Schlafen nach Venedig zurückkehren.« Er versprach mir, mit Tagesanbruch zu meinem Befehl zu stehen, und wir trennten uns. Sofort schickte ich einen Eilboten an den Pfarrer, um ihn zu benachrichtigen, daß ich mit einem Freunde bei ihm erscheinen würde, und daß wir alle drei mit seiner Nichte speisen wollten. Am verabredeten Tage traf Carlo pünktlich ein, und ich trug Sorge, ihm auf der Fahrt zu erzählen, daß ich vor ungefähr einem Monat auf einer Fahrt nach Mestre die Bekanntschaft der jungen Person und ihres Oheims gemacht hätte und daß ich mich selbst als Gatten angeboten haben würde, wenn ich eine sichere Stellung hätte und ihr ihre viertausend Dukaten verbürgen könnte. Weiter glaubte ich mit meinen vertraulichen Mitteilungen nicht herausrücken zu sollen. Wir kamen bei dem guten Pfarrer zwei Stunden vor Mittag an, und eine Viertelstunde später erschien Cristina mit ganz freiem Wesen. Sie wünschte ihrem Onkel guten Tag und sagte mir, sie freue sich sehr über meine Ankunft. Carlo nickte sie nur mit dem Kopfe zu, indem sie mich fragte, ob er Schreiher wäre wie ich. Carlo antwortet ihr, er sei Schreiber beim Ragionato. Sie tat so, als ob sie ihn verstünde, denn sie wollte nicht unwissend erscheinen. »Ich will«, sagte sie mir, »Ihnen meine Schrift zeigen, und dann werden wir meine Mutter besuchen, wenn es Ihnen gefällig ist.« Entzückt über das Lob, das Carlo ihrer Schrift zollte, als er erfuhr, daß sie erst seit einem Monat schreiben gelernt hätte, lud sie uns ein, ihr zu folgen. Unterwegs frug Carlo sie, warum sie bis zum neunzehnten Jahre gewartet hätte, um schreiben zu lernen. »Erstlich, mein Herr, was geht Sie das an? Sodann bin ich nicht neunzehn Jahre alt, denn ich zähle erst siebzehn.« Carlo bat sie um Entschuldigung, indem er über ihren schroffen Ton lachte. Sie war als einfaches Bauernmädchen gekleidet, aber sehr sauber und trug um den Hals und an ihren Armen ihre prächtigen Goldketten. Ich sagte ihr, sie möge uns die Arme geben, und sie tat es, indem sie einen gehorsamen Blick auf mich warf. Wir fanden ihre Mutter, die ein schmerzhaftes Hüftweh dazu verdammte, im Bette zu bleiben. Ein Mann von gutem Aussehen, der an der Seite der Kranken saß, erhob sich, als er uns sah, und umarmte Carlo. Man sagte mir, dieser Herr sei der Arzt, und das machte mir Vergnügen. Nachdem wir der guten Frau die angemessenen Komplimente gemacht hatten, fragte der Arzt Carlo nach seiner Schwester und seiner Tante. Da er von seiner Schwester sprach, die eine geheime Krankheit hatte, bat Carlo seinen Freund, mit ihm abseits zu sprechen, und sie gingen hinaus. Als ich mit der Mutter und Tochter, die sich auf das Bett ihrer Mutter gesetzt hatte, allein geblieben war, lobte ich Carlo, seine gute Aufführung, seine Sitten, seine Geschicklichkeit und ich pries das Glück der Frau, die der Himmel ihm zur Gattin geben würde. Alle beide bestätigten meine Lobsprüche, indem sie sagten, er trage auf seinem Gesicht alles Gute, das ich ihm nachsage. Da ich keine Zeit zu verlieren hatte, sagte ich zu Cristina, daß sie bei Tisch auf ihrer Hut sein sollte, weil es möglich wäre, daß das der Gatte wäre, den der Himmel ihr bestimmt hätte. »Mir?« »Ja, Ihnen. Er ist ein einziger junger Mann; Sie werden mit viel glücklicher sein, als Sie es mit mir sein würden, und da der Arzt ihn kennt, so werden Sie von ihm alles erfahren können, was ich Ihnen jetzt zu sagen nicht Zeit habe.« Man stelle sich die Qual vor, die diese Erklärung ex abrupto mir machen mußte, und meine Überraschung, als ich das junge Mädchen ruhig und keineswegs fassungslos sah! Diese Erscheinung hielt die Tränen auf, die ich beinahe vergossen hätte. Nachdem sie eine Minute lang geschwiegen hatte, fragte sie mich, ob ich überzeugt wäre, daß dieser hübsche Jüngling sie haben wollte. Diese Frage, die mir den Zustand von Cristinas Herz zeigte, beruhigte mich und verscheuchte meine Qual, denn ich sah, daß ich sie nicht recht gekannt hatte. Ich sagte ihr, sie könne so, wie sie sei, niemandem mißfallen. »Beim Essen, meine teure Cristina, wird mein Freund Sie studieren, und es wird nur von Ihnen abhängen, alle guten Eigenschaften, die Ihnen Gott gegeben hat, leuchten zu lassen. Bewirken Sie besonders, daß er keinen Argwohn über unsere vertraute Freundschaft fassen kann.« »Das ist sehr sonderbar. Ist mein Onkel über diesen Wechsel der Szene unterrichtet?« »Nein.« »Und wenn ich ihm gefalle, wann wird er mich heiraten?« »In acht bis zehn Tagen. Ich werde für alles Sorge tragen. Sie werden mich im Laufe der Woche wieder hier sehen.« Als Carlo mit dem Doktor wieder eingetreten war, verließ Cristina das Bett ihrer Mutter und nahm uns gegenüber einen Stuhl. Sie beantwortete mit viel Verstand alle Fragen, die Carlo an sie richtete, indem sie ihn manchmal durch ihre Naivitäten, niemals aber durch Dummheiten, zum Lachen reizte. Reizende Naivität! Kind des Geistes und der Unwissenheit! Deine Zauber sind entzückend, und du allein hast die Macht, alles zu sagen, ohne jemals zu beleidigen. Aber wie häßlich bist du, wenn du nicht natürlich bist! Und du bist das Meisterwerk der Kunst, wenn du zur vollkommenen Nachahmung wirst. Wir speisten ein wenig spät, und ich nahm mich in acht, mit Cristina weder zu sprechen, noch sie anzublicken, um sie nicht abzulenken. Carlo beschäftigte sie fortwährend, und ich sah mit lebhafter Genugtuung, daß sie ihm mit Leichtigkeit und voll Munterkeit die Spitze bot. Als wir nach dem Speisen im Begriff waren, uns zu trennen, sagte sie ihm ein Wort, das mir ins Herz schnitt. »Sie sind geschaffen,« hatte Carlo ihr gesagt, »um einen Fürsten zu beglücken.« »Ich würde mich glücklich schätzen,« versetzte sie, »wenn Sie mich für würdig hielten, Sie zu beglücken.« Diese Worte setzten Carlo ganz in Feuer. Er umarmte mich, und wir gingen. Cristina war einfältig, aber ihre Einfalt lag keineswegs in ihrem Verstande, sondern in ihrem Herzen. Die Einfalt des Verstandes ist Dummheit, die des Herzens ist nur Unwissenheit, Unschuld: sie ist eine wahre Tugend, die selbst dann noch bleibt, nachdem die Ursache aufgehört hat. Das junge Mädchen, das beinahe ein Naturkind war, war einfältig in ihren Manieren, aber anmutig durch jene tausend Nichtigkeiten, die man nicht beschreiben kann. Sie war aufrichtig, denn sie wußte nicht, daß die Verheimlichung aller seiner Gefühle eine Vorschrift der Schicklichkeit ist. Und da ihre Absicht stets rein war, so war sie nicht mit jener häßlichen Scham, jener falschen Bescheidenheit behaftet, die die erheuchelte Unschuld zwingen, über ein Wort oder einer Bewegung zu erröten, die oft keiner bösen Absicht entspringen. Während der ganzen Fahrt sprach Carlo nur von seinem Glück. Er war entschieden verliebt. »Ich werde«, sagte er, »gleich morgen zum Grafen Algarotti gehen, und Sie können dem Pfarrer schreiben, er möge mit allen nötigen Papieren kommen, um den Heiratsvertrag aufzusetzen, den ich mich zu unterschreiben sehne.« Er lachte vor Glück und Überraschung, als ich ihm sagte, daß ich seiner Zukünftigen das Geschenk eines päpstlichen Freibriefes gemacht hätte, um sich während der Fastenzeit verheiraten zu können. »Wir müssen also«, sagte er, »die Sache schnell zu Ende führen.« In der Unterredung, die mein junger Stellvertreter am nächsten Tage mit Herrn Dandolo und seinem Paten hatte, wurde abgemacht, daß man dem Pfarrer schreiben wollte, mit seiner Nichte zu kommen. Ich übernahm es, den Auftrag persönlich zu bestellen, und nachdem ich Venedig zwei Stunden vor Tagesanbruch verlassen hatte, ich mich nach Pr., wo der Pfarrer, um mir zu folgen, nur soviel Zeit verlangte, daß er noch seine Messe lesen könnte. Ich begab mich zu der Braut, und hielt ihr eine gefühlvolle und väterliche Rede, deren Worte bezweckten, ihr den Weg des Glückes in dem neuen Stande vorzuzeichnen, in den sie eintrat. Ich sagte ihr, wie sie sich gegen ihren Mann, seine Tante und ihre Schwägerin betragen sollte, um ihre Liebe und ihre Freundschaft zu gewinnen. Der Schluß meiner Rede war pathetisch und für mich selber ein wenig beschämend, denn, da ich ihr die Treue empfahl, so war es natürlich, daß ich sie um Verzeihung bat, sie verführt zu haben. »Als Sie mir das erstemal, da wir die Schwäche hatten, uns einander hinzugeben, versprachen, mich zu heiraten, hatten Sie da die Absicht, mich zu hintergehen?« »Gewiß nicht.« »Sie haben mich also nicht hintergangen. Ich schulde Ihnen im Gegenteil Dank für Ihre Überlegung, daß, wenn unsere Verbindung unglücklich sein könnte, es besser wäre, wenn Sie für mich einen anderen Mann fänden. Ich danke Gott dafür, daß es Ihnen so gut gelungen ist. Sagen Sie mir jetzt, was ich Ihrem Freund antworten soll, wenn er in der Hochzeitsnacht fragt, warum ich nicht mehr Jungfrau bin.« »Es ist unwahrscheinlich, daß Carlo, der zartfühlend und sittlich ist, eine ähnliche Frage an Sie stellen wird. Aber, wenn das geschähe, so sagen Sie ihm dreist, daß Sie niemals einen Liehhaber gehabt hätten und daß Sie nicht glaubten, sich von einem anderen Mädchen zu unterscheiden.« »Wird er mir glauben?« »Ja ganz gewiß, denn der erfahrenste Mann kann sich darin täuschen.« »Aber wenn er mir nicht glaubte?« »Er würde Ihre Verachtung verdienen und selbst dafür büßen müssen. Aber beruhigen Sie sich vollkommen, das wird nicht geschehen. Ein kluger Mann, der eine gute Erziehung genossen hat, meine teure Cristina, wagt niemals eine ähnliche Frage, da er überzeugt sein muß, daß er nicht nur mißfallen, sondern auch niemals die Wahrheit erfahren wird, denn wenn diese Wahrheit der guten schaden muß, die jede Frau ihrem Mann beizubringen trachten soll, so könnte sich nur eine alberne Person dazu entschließen, ihm die Wahrheit zu sagen.« »Ich verstehe vollkommen, was du mir sagst, mein teurer Freund. Umarmen wir uns also zum letztenmal. »Nein, denn wir sind allein, und meine Tugend ist schwach. Ich bete dich immer an.« »Weine nicht, mein teurer Freund, denn ich mache mir wahrhaftig nichts daraus.« Dieser naive und komische Grund änderte plötzlich meine Stimmung, und anstatt zu weinen begann ich zu lachen. Sie zog sich vollkommen an, und nachdem wir gefrühstückt hatten, reisten wir ab. Wir kamen in Venedig nach vier Stunden an, und nachdem ich sie in einem Gasthof untergebracht hatte, begab ich mich zu Herrn von Bragadino und sagte Herrn Dandolo, unsere Leute wären angekommen. Er sollte sie am nächsten Tage mit Carlo zusammenbringen und die ganze Angelegenheit übernehmen, weil die Ehre der Gatten, die der Verwandten und die Schicklichkeit es nicht gestatteten, daß ich mich länger darein mengte. Er begriff meine Gründe und handelte danach. Er suchte Carlo auf und kam mit ihm zu mir. Nachdem ich die beiden dem Pfarrer und seiner Nichte vorgestellt hatte, sagte ich ihnen Lebewohl. Wie ich erfuhr, waren sie hierauf beim Grafen Algarotti und später bei einem Notar gewesen, und Carlo hatte seine Braut nach Pr. zurückgeführt und den Tag für die Feier seiner Hochzeit bestimmt. Nach seiner Rückkehr machte mir Carlo einen Besuch und sagte mir, seine Verlobte habe durch ihre Schönheit und die Freundlichkeit ihres Charakters seine Tante, seine Schwester und seinen Paten, der alle Kosten der Hochzeit tragen wollte, entzückt. »Sie wird«, sagte er mir, »an dem und dem Tage in Pr. gefeiert, und ich hoffe, daß Sie mir das Vergnügen machen werden, das Werk zu krönen, indem Sie ihr beiwohnen.« Ich setzte ihm alle Gründe entgegen, die ich geltend machen konnte, um mich davon zu befreien. Allein er bat so inständig mit einer Art Dankbarkeit und so großem Gefühlsüberschwang, daß ich es annehmen mußte. Ich hörte ihn mit wahrem Vergnügen den Eindruck schildern, den die Schönheit, die Naivität, der reiche Schmuck und besonders die Sprache des reizenden Mädchens auf seine Familie auf den Grafen gemacht hätten. »Ich bin sehr verliebt,« sagte mir der junge Mann, »und ich fühle, daß ich Ihnen das Glück verdanke, das ich mit diesem entzückenden Mädchen zu finden hoffe. Ihre ländliche Mundart wird sie in Venedig, wo Neid und Spötterei ihr leicht eiuen Vorwurf daraus machen würden, bald abzulegen trachten.« Ich genoß seiner Begeisterung und seines Glückes und beglückwünschte mich, daß das alles mein Werk war. Indessen empfand ich ziemliche Eifersucht und beneidete ihn um ein Glück, das ich für mich selber hätte aufbewahren können. Da Carlo auch die Herren Dandolo und Barbaro eingeladen hatte, so begab ich mich mit ihnen nach Pr. Ich fand bei dem Pfarrer eine Tafel, die durch die Dienerschaft des Grafen Algarotti gedeckt wurde, den Carlo zu seinem Brautführer gewählt hatte; da er alle Kosten der Hochzeit trug, hatte er Sorge dafür getragen, seinen Koch und seinen Haushofmeister nach Pr. zu schicken. Als ich bald darauf Cristina erblickte, kamen mir die Tränen in die Augen, und ich war genötigt, hinauszugehen. Sie war als Landmädchen gekleidet, aber schön wie ein Stern. Ihr Gatte, ihr Oheim und Graf Algarotti hatten vergeblich sie zu überreden versucht, venetianische Tracht anzulegen. Sie hatte vernünftigerweise ihren Bitten Widerstand geleistet. »Sobald ich Ihre Gattin bin,« hatte sie zu Carlo gesagt, »werde ich mich kleiden, wie Sie es wünschen, aber hier werde ich unter den Augen meiner Gefährtinnen nur so erscheinen, wie sie mich immer gesehen haben. Ich werde dadurch vermeiden, daß alle Mädchen, mit denen ich erzogen worden bin, sich über mich lustig machen und mir die Absicht unterschieben, sie beleidigen zu wollen.« Es lag in diesen Schlüssen etwas so Richtiges, Edles und Großmütiges, daß Carlo in seiner Geliebten ein übernatürliches Wesen zu sehen glaubte. Er sagte mir, er hätte sich bei der Frau, wo Cristina vierzehn Tage gewohnt hätte, nach zwei jungen Leuten erkundigt, die sie zurückgewiesen hätte, und er sei darüber sehr überrascht gewesen, denn sie seien in jeder Beziehung sehr annehmbare Partien gewesen. »Cristina«, fügte er hinzu, »ist ein Los das mir durch den Himmel vorbehalten worden ist, um mein Glück zu machen, und Ihnen schulde ich den kostbaren Besitz.« Seine Erkenntlichkeit gefiel mir, und ich muß gerecht gegen mich sein, daß ich keineswegs daran dachte, daraus Vorteil zu ziehen. Es war mir eine Freude, Menschen glücklich zu machen. Wir begaben uns gegen elf Uhr in die Kirche und waren sehr überrascht, nur mit Mühe hineingelangen zu können. Eine Anzahl Adeliger aus Treviso waren gekommen, da sie neugierig waren, ob es wirklich wahr wäre, daß man öffentlich während der Fastenzeit die Hochzeit einer Bäuerin feierte, während man nur einen Monat zu warten brauchte, um sie ohne Dispens abzuhalten. Das war ein Wunder für alle Welt, und es mußte dabei irgendein geheimer Grund walten, den man zur allgemeinen Verzweiflung nicht entdecken konnte. Trotz dem Neide zeigte sich auf allen Gesichtern Befriedigung, als das Paar erschien. Jeder gab zu, daß dieses hübsche Liebespaar eine glänzende Auszeichnung, eine Ausnahme von allen Regeln verdiente. Eine Gräfin Tof. aus Treviso, Cristinas Patin, hatte sich ihr nach der Messe genähert, umarmte sie wie eine zärtliche Freundin und beklagte sich in aller Bescheidenheit, daß sie ihr nicht dieses glückliche Ereignis mitgeteilt habe, als sie durch Treviso gekommen sei. In ihrer Unbefangenheit antwortete ihr Cristina mit ebensoviel Bescheidenheit als Sanftmut, daß sie diese Pflichtversäumnis nur der Eile zuschreiben möge, womit die Heirat geschlossen worden sei. Gleichzeitig stellte sie ihr ihren Gatten vor, und bat den Grafen Algarotti ihr Unrecht gutmachen zu wollen, indem er ihre Patin einlüde, dem Hochzeitsmahl beiwohnen zu wollen, was die Gräfin sehr gnädig annahm. Dieses Benehmen, das die Frucht einer guten Erziehung und einer großen Weltkenntnis hätte sein sollen, war in dieser Bäuerin nur die Wirkung eines geraden und feinen Geistes, der weniger geglänzt haben würde, wenn man ihn durch die Kunst derart zu gestalten versucht hätte. Aus der Kirche zurückgekehrt, knieten die Neuvermählten vor dem Lehnstuhl der Mutter nieder, und diese segnete sie unter Freudentränen. Man setzte sich zu Tische, und nach dem Herkommen mußte Cristina und ihr glücklicher Gatte die ersten Plätze einnehmen. Ich setzte mich mit dem größten Vergnügen auf den letzten; obwohl alles ausgezeichnet war, aß ich wenig und sprach fast kein Wort. Cristinas einzige Beschäftigung war, an alle Anwesenden Artigkeiten auszuteilen, indem sie jedesmal ihren Gatten anblickte, um sich seiner Zustimmung zu versichern. Zwei- oder dreimal sagte sie seiner Tante und seiner Schwester so anmutige Dinge, daß diese sich nicht enthalten konnten, sich zu erheben, um sie zu umarmen und ihrem Gatten zu seinem Glück zu gratulieren. Und ich, der ich ziemlich nahe beim Grafen Algarotti saß, hörte ihn zur Freude meiner Seele der Patin Cristinas wiederholt versichern, er habe niemals ein so großes Vergnügen genossen. Um zweiundzwanzig Uhr[R1 Vier Uhr nachmittags] sagte Carlo seiner reizenden Gattin, die ihrer Patin zunickte, ein Wort in das Ohr, und man stand auf. Nach den üblichen Komplimenten – hier trugen sie den Stempel der Aufrichtigkeit – verteilte die Neuvermählte an alle Mädchen des Dorfes, die in dem benachbarten Zimmer waren, Düten mit Zuckerwerk, die man in einem Korb bereitgehalten hatte. Hierauf nahm sie Abschied von ihnen, indem sie sie ohne den geringsten Anschein des Stolzes umarmte. Nach dem Kaffee lud Graf Algarotti die ganze Gesellschaft ein, in einem Hause, das er in Treviso hatte, zu übernachten und dort am Tage nach der Hochzeit das Mittagsmahl einzunehmen. Der Pfarrer allein entschuldigte sich, und von der Mutter konnte nicht die Rede sein, denn ihr leidender Zustand machte es ihr unmöglich, sich zu bewegen. Sie starb drei Monate später. Cristina verließ also ihr Dorf, um ihrem Gatten zu folgen, dessen Glück sie machte und der auch sie vollkommen beglückte. Carlos Pate und die Patin seiner Frau fuhren zusammen mit meinen zwei edlen Freunden. Die beiden jungen Gatten hatten billigerweise einen Wagen für sich allein, und ich leistete in einem anderen der Tante und der Schwester des glücklichen Gatten Gesellschaft, den ich unwillkürlich beneidete, obgleich mir im Grunde des Herzens sein Glück wohl tat. Diese Schwester war nicht übel; als junge Witwe von fünfundzwanzig Jahren verdiente sie noch Huldigungen, indessen gab ich der Tante den Vorzug. Sie sagte mir, ihre neue Nichte sei ein wahres Kleinod, geschaffen, um von aller Welt angebetet zu werden, allein sie sollte sich erst dann öffentlich zeigen, wenn sie gut venetianisch spräche. »Ihre Heiterkeit, ihre Unbefangenheit und ihr Geist sind Dinge, die man nach der Mode kleiden muß, wie ihren Körper. Wir sind sehr zufrieden mit der Wahl meines Neffen, und er ist Ihnen ewigen Dank schuldig, den niemand bestreiten wird. Ich hoffe, mein Herr, Sie werden in Zukunft unser Haus als das Ihre betrachten.« Die Einladung war höflich und aufrichtig, indessen tat ich das Gegenteil, und man wußte mir dafür Dank. Nach Verlauf eines Jahres gab Cristina ihrem Gatten ein Pfand ihrer gegenseitigen Liebe, wodurch ihr Glück nur erhöht wurde. Wir waren in Treviso sehr gut untergebracht und nachdem wir einige Erfrischungen aenommen hatten, gingen wir schlafen. Am nächsten Morgen war ich mit dem Grafen Algarotti und meinen zwei Freunden beisammen, als Carlo, schön, frisch und strahlend eintrat. Nachdem er mit viel Geist und Witz auf einige Scherze geantwortet hatte, blickte ich ihn, nicht ohne einige Besorgnis, an, als er mich herzlich umarmte. Ich gestehe, daß mir niemals ein Kuß mehr wohlgetan hat. Man verwunderte sich, daß es fromme Übeltäter gab, die sich ihrem Heiligen empfehlen, wenn sie glauben, seine Hilfe nötig zu haben, oder die ihm danken, wenn sie sich einbilden, von ihm etwas erlangt zu haben. Allein man hat unrecht, denn es ist gut so, da es gegen den Atheismus wirkt. Die Tante und die Schwester, die auf Carlos Einldung zu der jungen Gattin gegangen waren, um ihr guten Morgen zu wünschen, kehrten eine Stunde später mit ihr zurück. Niemals hat sich das Glück auf einem schöneren Antlitz abgemalt! Herr Algarotti ging ihr entgegen und fragte sie teinahmsvoll, ob sie die Nacht gut verbracht hätte. Statt aller Antwort eilte sie zu ihrem Mann und umarmte ihn. Das war die unbefangenste und beredteste Antwort, die es geben konnte. Hierauf wandte sie ihre schönen Augen auf mich, gab mir die Hand und sagte: »Herr Casanova, ich bin glücklich und freue mich, Ihnen mein Glück zu verdanken.« Ich küßte ihr die Hand, und meine Tränen sagten ihr, wie glücklich ich mich selber fand. Wir speisten in einer Art von Entzückung und brachen nach dem Mittagmahl nach Mestre auf, von wo wir uns nach Venedig begaben. Wir ließen die Neuvermählten bei ihrem Hause absteigen, dann gingen wir zu Herrn von Bragadino, der über die Erzählung unseres Ausfluges herzlich lachte. Der in merkwürdiger Art gelehrte Mann stellte hundert tiefe oder absurde Betrachtungen über diese Heirat an. Ich lachte darüber bei mir selbst, denn da ich allein den Schlüssel des Geheimnisses besaß, sah nur ich die ganze Komik davon. Neunzehntes Kapitel Kleine Unglücksfälle, die mich nötigten, Venedig zu verlassen. – Erlebnisse in Mailand und Manua. Am zweiten Ostertag besuchte uns Carlo mit seiner reizenden Frau, die mir in jeder Beziehung eine andere Person schien als Cristina. Allein das rührte von ihrer gepuderten Frisur her, die nicht die Ebenholzschwärze ihrer köstlichen Haare aufwog, und von ihrer Damenkleidung, die viel weniger anziehend war, als die einer reichen Bäuerin. Das Glück stand auf ihren Gesichtern geschrieben. Carlo machte mir zarte Vorwürfe, daß ich sie nicht ein einziges Mal besucht hätte, und um mein augenscheinliches Unrecht gutzumachen, besuchte ich sie am zweiten Tage darauf mit Herrn Dandolo. Carlo sagte mir, seine Frau werde von seiner Tante vergöttert und sei die beste Freundin seiner Schwester. Sie sei sanft, gefällig, teilnahmsvoll und habe ein sehr einschmeichelndes Wesen. Das machte mir das größte Vergnügen und beinahe ein ebenso großes empfand ich, als ich sah, daß Cristina sich mit der venezianischen Mundart vollkommen vertraut zu machen begann. Wir fanden Carlo nicht zu Hause, Cristina war mit ihren beiden Verwandten allein. Wir wurden ausgezeichnet aufgenommen und als das Gespräch darauf kam, lobte die Tante ihre Fortschritte im Schreiben und forderte sie auf, mir ihr Heft zu zeigen. Wir gingen in das benachbarte Zimmer, wo sie mir sagte, daß sie glücklich sei und daß sie jeden Tag engelhafte Eigenschaften an ihrem Gatten entdecke. Er hatte ihr ohne den geringsten Zug von Argwohn oder Mißtrauen gesagt, er wisse, daß wir zwei Tage zusammen verbracht hätten, und er habe der wohlmeinenden Person ins Gesicht gelacht, die ihm diese dienstfertige Mitteilung gemacht habe, um ihr Glück zu trüben. Carlo hatte alle Tugenden und die edlen Eigenschaften eines ehrenwerten und ausgezeichneten Menschen. Sechsundzwanzig Jahre nach seiner Heirat mußte ich mich an seine Börse wenden, und ich fand ihn als meinen wahren Freund. Ich habe niemals sein Haus besucht, und er wußte mein Zartgefühl zu schätzen. Einige Monate vor meiner Abreise von Venedig ist er gestorben; er hinterließ seine Witwe in guten Verhältnissen und drei wohlerzogene Söhne, die alle gut angestellt waren und vielleicht noch bei ihrer Mutter leben. Im Monat Juni ging ich nach Pabua zum Jahrmarkt und befreundete mich dort mit einem jungen Mann meines Alters, der unter dem berühmten Professor Succi Mathematik studierte. Er hieß Tognolo, aber er änderte diesen übelklingenden Namen in Fabris. Er ist derselbe, der als Graf von Fabris und Generalleutnant Josephs des Zweiten in Siebenbürgen starb, wo er für diesen Herrscher kommandierte. Dieser Mann, der sein Glück seinen Tugenden verdankte, würde vielleicht in der Dunkelheit gestorben sein, wenn er seinen Namen Tognolo beibehalten hätte, der ein ganz bäurischer Name ist. Er stammte aus Oderzo, einem großen Flecken im venezianischen Friaul. Er hatte einen Bruder, der Abbate, ein geistreicher Mann und großer Spieler war und der, da er die Welt kannte, den Namen Fabris angenommen hatte, worauf auch der andere Bruder sich so nennen mußte, um ihn nicht Lügen zu strafen. Bald darauf kaufte er ein Lehen mit einem Grafentitel, wurde venezianischer Nobile und hörte auf, ein Bauer zu sein. Wenn er seinen Namen Tognolo beibehalten hätte, so würde ihm dieser Name Schaden bereitet haben, denn er hätte ihn niemals aussprechen können, ohne sich an das zu erinnern, was man nach dem verächtlichen Vorurteil eine niedrige Herkunft nennt. Die bevorrechtigte Klasse will in strafbarem Irrtum nicht glauben, daß in einem Bauer Größe und Genie sein könnten. Die Zeit wird zweifellos kommen, wo die Gesellschaft aufgeklärter und vernünftiger sein und erkennen wird, daß in allen Ständen edle Gefühle, Ehre und Heldentum sich ebenso leicht finden können, wie in einer Klasse, deren Blut nicht immer frei von dem Makel der Mesalliance ist. Indem der neue Graf seinen Ursprung in Vergessenheit brachte, war er übrigens zu verständig, um ihn selbst zu vergessen, und bei allen von ihm unterzeichneten Urkunden ist sein Familienname immer neben seinem angenommenen Namen gestanden. Sein Bruder bot ihm zwei Wege an, die er für sein Fortkommen in der Welt einschlagen sollte, und ließ ihm die Wahl zwischen diesen beiden. Der eine wie der andere forderte eine Ausgabe von tausend Zechinen, aber der Abbé hielt diese Summe bereit. Es handelte sich für meinen Freund um die Wahl zwischen dem Schwert des Mars und dem Vogel der Minerva. Der Abbate war überzeugt, für seinen Bruder eine Kompanie in der Armee Seiner Kaiserlichen apostolischen Majestät kaufen oder ihm einen Lehrstuhl an der Universität Padua verschaffen zu können, denn Geld macht alles. Aber mein Freund, mit einem rechtschaffenen Sinn begabt und voll edler Gefühle, wußte, daß er sowohl in dem einen wie in dem anderen Fall Kenntnisse brauchte, um auf ehrenvolle Weise seine Laufbahn zu verfolgen, und studierte, bevor er eine Entscheidung traf, mit Erfolg die mathematischen Wissenschaften. Er entschied sich für die Laufbahn der Waffen, wie Achilles, der das Schwert der Spindel vorzog. Auch bezahlte er, wie der Sohn des Peleus, mit seinem Leben; allerdings starb er weniger jung als der Besieger Hektors und nicht an einem Pfeilschuß, sondern an der Pest, die er in dem unglücklichen Land erwarb, in dem das sorglose Europa den Türken erlaubt, sie fortzupflanzen. Das vornehme Wesen, die edlen Gefühle, die Kenntnisse und die Tugenden von Fabris würden unter dem Namen Tognolo lächerlich geworden sein, denn so groß ist die Macht des Vorurteils, besonders bei denen, die sich nur auf einen dummen Hochmut stützen können, daß ein übelklingender Name in der dümmsten aller Welten seinen Träger herabwürdigt. Ich glaube, wer einen übelklingenden Namen trägt oder einen solchen, der an unanständige oder lächerliche Gedanken anklingt, sollte ihn ändern, wenn er auf Ehren, Beachtung und auf eine glückliche Laufbahn in Kunst und Wissenschaft Anspruch macht. Vernünftigerweise sollte ihm niemand dieses Recht bestreiten können, vorausgesetzt, daß der Name, den er annimmt, niemandem sonst gehört. Das Alphabet ist allgemeines Eigentum, und jeder ist frei, sich desselben zu bedienen, um ein Wort zu bilden und sich damit zu benennen. Aber er muß den Namen selber verfaßt haben. Voltaire würde trotz seinem Genie mit seinem Namen Arouet vielleicht nicht auf die Nachwelt gekommen sein, und besonders bei einem Volke, wo Zweideutigkeit und Lächerlichkeit stets in erster Reihe stehen. Wie hätte man in einem Schriftsteller, der à rouer (zu rädern) war, einen großen Mann finden können? Und würde d´Alembert seinen hohen Glanz und seine Berühmtheit erreicht haben, wenn er sich begnügt hätte, Herr Le Rond oder der Runde zu sein? Welches Aufsehen würde Metastasio unter seinem wahren Namen Trapasso gemacht haben? Welchen Eindruck würde Melanchthon mit seinem Namen Schwarzerde hervorgerufen haben? Würde er es gewagt haben, als Moralphilosoph und als Reformator der Eucharistie und so vieler anderer heiliger Dinge zu sprechen? Und hätte Herr von Beauharnais nicht die einen zum Lachen und die anderen zum Erröten gebracht, wenn er feinen Namen Beauvit beibehalten hätte, selbst wenn der erst seiner alten Familie der Wirklichkeit dieses Namens sein Glück verdankt hätte? Würden die Bourbeur (die Kotigen) auf dem Throne eine so schöne Figur gemacht haben wie die Bourbons? Die Coraglio würden sicher den Namen wechseln, wenn sie sich in Portugal niederlassen würden. Der König Poniatowski hätte, denke ich, den Namen Augustus, den er bei seiner Thronbesteigung angenommen hatte, ablegen sollen, als er auf die Königswürde verzichtete. Nur die Coleoni von Bergamo würden in Verlegenheit sein, wenn sie ihren Namen ändern sollten, denn sie wären gleichzeitig verpflichtet, das Zeichen ihres Wappens zu ändern, da sie auf dem Schild ihrer alten Familie die Hoden führen, und müßten dadurch den Ruhm des Helden Bartolomeo, ihres Ahnherrn, zerstören! Gegen das Ende des Herbstes stellte mich mein Freund Fabris einer Familie vor, die so recht geschaffen war, Herz und Geist zu erquicken. Sie wohnte auf dem Lande in der Gegend von Zero. Es wurde gespielt, geliebelt, und man bemüht sich, gegenseitig sich Streiche zu spielen. Diese waren manchmal sehr derb; aber die Tapferkeit erforderte, über nichts böse zu werden, über alles zu lachen, denn wer keinen Scherz verstand, galt für einen Dummkopf. Man ließ Betten zusammenfallen, ließ Gespenster erscheinen, man gab den jungen Damen harntreibende Pillen oder Zuckerplätzchen und zuweilen solche, von denen Blähungen erzeugt wurden, die man nicht zurückhalten konnte. Diese Scherze gingen manchmal ein bißchen weit, aber so war nun einmal der Geist der Gesellschaft: es sollte durchaus gelacht werden. Ich war im Handeln wie im Dulden nicht weniger tapfer als die anderen. Aber schließlich spielte man mir einen nichtswürdigen Streich, und dieser gab mir einen anderen ein, dessen schlimme Folgen der Manie, die alle Welt ergriffen hatte, ein Ende machten. Wir machten gewöhnlich einen Spaziergaug zu einem Pachtgut, das auf dem gewöhnlichen Wege eine halbe Meile entfernt lag. Man kürzte den Weg aber um die Hälfte ab, wenn man auf einem schmalen Brett einen tiefen und kotigen Graben überschritt, und diesen Weg schlug ich immer ein trotz der Furcht unserer Schönen, die vor Angst zitterten, obwohl ich ihnen immer vorausging und ihnen von drüben die Hand reichte. Eines schönen Tages, als ich zuerst hinübergehe, um den Damen Mut zu machen, weicht das Brett ungefähr in der Mitte plötzlich unter mir, und ich liege in dem Graben, in einem stinkenden Kot eingehüllt, der mir bis zum Kinn geht, und trotz der Wut, die ich im Grunde des Herzens spüre, muß ich nach üblichem Brauch in die allgemeine Heiterkeit einstimmen, die indessen nur einen Augenblick dauerte, denn der Streich war abscheulich, und die ganze Gesellschaft erklärte ihn dafür. Man rief Bauern herbei, die mich mit großer Mühe und in einem kläglichen Aufzug herauszogen. Ein ganz neues Modell, mit Flittern gestickt, meine Spitzen, meine Strümpfe, mit einem Wort, alles war verdorben. Dessenungeachtet lachte ich stärker als die anderen, obgleich ich innerlich daran dachte, mich so grausam wie nur möglich zu rächen. Um den Urheber dieses schlechten Streiches kennenzulernen, brauchte ich nur zu schweigen und mich ruhig und gleichgültig zu zeigen. Es war ersichtlich, daß das Brett durchgesägt worden war. Man schaffte mich nach Hause und lieh mir ein Kleid, ein Hemd, überhaupt alles, denn, da ich diesmal nur auf vierundzwanzig Stunden anwesend war, so hatte ich nichts bei mir. Am nächsten Tag begab ich mich in die Stadt, und am Abend fand ich mich wieder bei der lustigen Gesellschaft ein. Fabris, der nicht weniger erzürnt war als ich, sagte mir, der Urheber des hinterlistigen Streiches müsse wohl sein Unrecht fühlen, denn er habe sich nicht entdeckt. Eine Zechine, die ich einer Bäuerin versprach, wenn sie mir sagen könnte, von wem das Brett durchgesägt worden wäre, enthüllte mir alles. Sie sagte mir, das Brett habe ein junger Mann durchgesägt, den sie mir nannte. Ich suchte ihn auf, und das Versprechen einer zweiten Zechine, noch mehr aber meine Drohungen veranlassten ihn zu gestehen, daß er von einem Herrn Demetrio dafür bezahlt worden wäre, einem griechischen Gewürzhändler im Alter von fünfundvierzig bis fünfzig Jahren, gut und liebenswürdig, dem ich keinen anderen Streich gespielt hatte, als daß ich ihm eine zierliche kleine Zofe weggeschnappt hatte, in die er verliebt war. Zufrieden mit meiner Entdeckung, zerbrach ich mir den Kopf, welchen Streich ich ihm wohl spielen könnte. Damit aber meine Rache vollständig wäre, mußte mein Streich stärker sein als der, den er mir gespielt hatte. Meine Erfindungskraft ließ mich im Stich und zeigte mir nichts Befriedigendes. Ein Begräbnis zog mich aus der Verlegenheit. Mit einem Jagdmesser bewaffnet begab ich mich ganz allein, kurz nach Mitternacht, auf den Friedhof, schaufelte den Toten aus, den man an demselben Tage begraben hatte, und schnitt nicht ohne Mühe ihm den Arm bei der Schulter ab. Nachdem ich den Leichnam wieder eingescharrt hatte, kehrte ich mit dem Arm des Toten in mein Zimmer zurück. Am nächsten Tage speiste ich mit der ganzen Gesellschaft zu Abend und begab mich darauf in mein Zimmer, wie wenn ich schlafen gehen wollte. Aber bald verließ ich es wieder, mit meinem Arm bewaffnet, schlich mich in das Zimmer des Griechen ein und verbarg mich unter seinem Bett. Eine Viertelstunde später tritt mein Mann ein, kleidet sich aus, löscht sein Licht aus und legt sich nieder. Ich warte, bis er anfängt einzuschlafen. Hierauf ziehe ich vom Bettende her nach und nach die Decke herab, so daß er bis zu den Hüften entblößt liegt. Er begann zu lachen und sagte: »Wer Sie auch seien, gehen Sie und lassen Sie mich schlafen; ich glaube an keine Geister.« Mit diesen Worten zog er die Decke wieder an sich und suchte wieder einzuschlafen. Ich wartete fünf oder sechs Minuten und begann ihn wieder zu entblößen. Allein, als er seine Decke wieder hinaufziehen wollte, indem er mir wiederholte, daß er keine Geister fürchtete, setzte ich ihm Widerstand entgegen. Er richtete sich auf, um die Hand fassen zu können, die die Decke hielt, aber ich richtete es so ein, daß er die Totenhand fand. Im Glauben, den Mann oder die Frau, die ihn neckte, zu halten, zog er lachend an ihr, ich aber hielt den Arm während einiger Augenblicke fest. Als ich ihn plötzlich losließ, fiel der Grieche auf seine Polster zurück und sprach kein Wort. Da mein Stück ausgespielt war, ging ich leise davon, kehrte in mein Zimmer zurück und legte mich nieder. Ich schlief tief, als plötzlich ein lautes Hin- und Herlaufen mich zeitig am Morgen weckte. Da ich den Grund nicht begriff, erhob ich mich, und die Frau des Hauses, der ich zuerst begegnete, sagte mir, was ich getan hätte, wäre zu stark. »Was habe ich denn getan?« »Herr Demetrio liegt im Sterben.« »Habe ich ihn denn getötet?« Sie ging fort, ohne mir zu antworten. Ich kleidete mich ein wenig erschrocken an, war aber auf alle Fälle entschlossen, den Unwissenden zu spielen. Ich ging in das Zimmer des Griechen. Dort fand ich das ganze Haus, und alle blickten mich mit Entsetzen an; man machte mir die heftigsten Vorwürfe. Ich beteuerte meine Unschuld, aber jeder lachte mir ins Gesicht. Der Erzpriester und der Meßner, die man geholt hatte, und die den Arm, der noch da war, nicht eingraben wollten, sagten mir, ich hätte ein großes Verbrechen begangen. »Ich bin erstaunt, Hochwürden,« sagte ich zu dem Erzpriester, »über das vermessene Urteil, das man sich auf meine Rechnung zu fällen erlaubt, ohne durch irgendeinen Beweis dazu berechtigt zu sein.« »Sie, nur Sie allein,« riefen alle Anwesenden einstimmig, »sind einer solchen Abscheulichkeit fähig. Sie sieht Ihnen ähnlich. Kein anderer als Sie würde es zu tun gewagt haben.« »Ich bin verpflichtet,« sagte der Erzpriester, »ein Protokoll aufzunehmen.« »Wie Sie wollen, es steht vollkommen in Ihrem Belieben«, sagte ich zu ihm. »Aber ich sage Ihnen im voraus, daß ich nichts fürchte. Ich gehe.« Als ich mich bei dem Mittagmahl ruhig und gleichgültig verhielt, sagte man mir, man habe dem Griechen zur Ader gelassen und er habe die Bewegung der Augen wieder erlangt, aber noch nicht die Sprache und den Gebrauch der Glieder. Am nächsten Tage sprach er, und ich erfuhr nach meiner Abreise, daß er blöde und an Krämpfen leidend geblieben wäre. Er hat den Rest seines Lebens in diesem traurigen Zustande zugebracht. Sein Schicksal betrübte mich, aber da ich nicht die Absicht gehabt hatte, ihm so viel Übles zuzufügen, so tröstete ich mich, indem ich daran dachte, daß der Streich, den er mir gespielt hatte, mir leicht das Leben hätte kosten können. An demselben Tage entschloß sich der Erzpriester, den Arm wieder in das Grab legen zu lassen, und reichte zugleich bei der bischöflichen Kanzlei in Treviso eine förmliche Anklage gegen mich ein. Gelangweilt von den Vorwürfen, die man mir machte, kehrte ich nach Venedig zurück. Vierzehn Tage darauf empfing ich eine Vorladung, wegen Gotteslästerung vor Gericht zu erscheinen. Ich bat Herrn Barbaro, sich nach der Ursache der besagten Vorladung zu erkundigen, denn es war eine gefürchtete Behörde. Ich wunderte mich, daß man gegen mich verfuhr, als ob man die Gewißheit gehabt hätte, daß ich ein Grab geschändet hätte, während man doch höchstens nur den Verdacht haben konnte. Aber es betraf nicht dieses. Herr Barbaro sagte am Abend, es sei eine Frau gegen mich klagbar geworden und habe Gerechtigkeit wegen der Schändung ihrer Tochter verlangt. Sie besagte in ihrer Klage, ich habe ihre Tochter nach der Zuecca gelockt und hätte sie mit Gewalt mißbraucht; zum Beweis fügte sie bei, daß ihre Tochter infolge der schlechten Behandlung, die ich ihr zugefügt hätte, um mein Ziel zu erreichen, im Bette läge. Es war eine von den Klagen, die oft eingereicht werden, um einem ganz Unschuldigen Ausgaben und Verlegenheiten zu bereiten. Ich war unschuldig in bezug auf die Schändung. Allein es war wahr, daß ich das Mädchen ordentlich geprügelt hatte. Ich setzte meine Verteidigung auf und bat Herrn Barbaro, sie gütigst dem Gerichtssekretär überreichen zu wollen. »Erklärung. Ich erkläre, daß ich an dem und dem Tage der Frau mit ihrer Tochter begegnet bin und daß ich sie mit dem Anerbieten angesprochen habe, bei einem Limonadenhändler einzutreten, um uns dort zu erfrischen. Als sich dort die Tochter meinen Liebkosungen entzog, sagte die Mutter zu mir: »Sie ist noch unberührt und hat recht, sich nicht hinzugeben, ohne Gewinn daraus zu ziehen.« »Wenn das wahr ist,« sagte ich zu ihr, »so gebe ich Ihnen sechs Zechinen für die Erstlinge.« »Sie können sich davon überzeugen«, sagte die Mutter zu mir. Nachdem ich mich durch Berührung überzeugt und erkannt hatte, daß das möglich sein könnte, sagte ich zu ihr, sie möchte sie nachmittags auf die Zuecca führen; ich würde ihr dort die sechs Zechinen geben. Nachdem mein Angebot mit Freude angenommen worden war, führte mir die Mutter ihre Tochter zu und überließ sie mir am Ende des Gartens della Croce, wo sie uns, nachdem sie die sechs Zechinen empfangen, verließ und wegging. Als ich meine erlangten Rechte ausüben wollte, fand das Mädchen, das, wie ich glaube, durch ihre Mutter unterrichtet war, ein Mittel, mich daran zu hindern. Zuerst gefielen mir diese Manöver, allein zuletzt wurde ich ermüdet und sagte ihr ernstlich, sie sollte ein Ende machen. Sie antwortete nur sanft, es wäre nicht ihre Schuld, wenn ich nicht könnte. Gereizt und gelangweilt brachte ich sie hierauf in eine Lage, die sie in Verlegenheit brachte. Aber sie sträubte sich mit aller Stärke und versetzte mich in die Unmöglichkeit, etwas zu unternehmen. »Warum«, sagte ich zu ihr, »sträubst du dich?« »Weil ich es nicht so will.« »Du willst nicht?« »Nein« Hierauf brachte ich meine Kleider in Ordnung, nahm, ohne den geringsten Lärm zu machen, einen Besenstiel, der dort lag, und gab ihr einen tüchtigen Denkzettel, um wenigstens etwas für meine sechs Zechinen zu haben, die ich, töricht genug, im voraus bezahlt hatte. Aber ich habe ihr weder Arme noch Beine zerbrochen, da ich Sorge dafür trug, sie nur auf ihrem Allerwertesten zu züchtigen, wo sich alle Spuren meiner Züchtigung finden müssen. Am Abend zwang ich sie, sich wieder anzukleiden, und ließ sie in ein Boot steigen, das zufällig vorüberkam und das sie sicher übersetzte. Die Mutter des Mädchens erhielt sechs Zechinen, die Tochter hat ihre abscheuliche Jungfernschaft behalten, und wenn ich schuldig bin, so bin ich es nur deshalb, weil ich ein Mädchen geschlagen habe, die schändliche Schülerin einer noch schändlicheren Mutter.« Meine Erklärung hatte keine Wirkung, denn der Beamte kannte das Mädchen, und die Mutter lachte darüber, mich betrogen zu haben. Die Bemühungen meiner Freunde nützten nichts. Man lud mich vor, ich erschien nicht. Es sollte ein Verhaftsbefehl wider mich erlassen werden, als die Klage wegen der Leichnamsschändung bei demselben Gericht eingebracht wurde. Es wäre für mich viel weniger schlimm gewesen, wenn diese zweite Angelegenheit vor den Rat der Zehn gekommen wäre, denn vielleicht würde mich ein Gericht vor dem anderen gerettet haben. Dieses zweite Verbrechen, das im Grunde nur lächerlich war, wurde durch die geistliche Wichtigtuerei zu einer Felonie ersten Ranges gestempelt. Ich wurde aufgefordert, binnen vierundzwanzig Stunden persönlich zu erscheinen, und ich hatte die Gewißheit, daß sofort meine Verhaftung würde verfügt werden. Herr von Bragadino war wie immer ein guter Ratgeber und sagte mir, ich sollte, um den Sturm zu beschwören, Fersengeld geben. Diesen Rat fand ich sehr weise und traf, ohne eine Minute zu verlieren, meine Vorbereitungen. Niemals habe ich Venedig mit größerem Bedauern verlassen als dieses Mal, denn ich hatte einige sehr angenehme galante Intrigen im Gange, und das Glück begünstigte mich im Spiel. Meine Freunde versicherten mir, daß in spätestens einem Jahr meine beiden Angelegenheiten unterdrückt sein würden, denn in Venedig kommt alles in Ordnung, sobald das Publikum vergessen hat. Ich reiste bei Eintritt der Nacht ab und schlief am nächsten Tage in Verona. Ich hielt mich dort nicht auf, denn zwei Tage darauf ging ich schon in Mailand schlafen. Ich reiste allein, gut ausgestattet, ausgezeichnet mit Juwelen versehen, zwar ohne Empfehlungsbriefe, aber mit gut gespickter Börse, erfreute mich einer glänzenden Gesundheit und war dreiundzwanzig Jahre alt. Ich ließ mir ein vortreffliches Mittagessen auftragen, denn damit muß man in einem großen Gasthof stets beginnen. Hierauf ging ich spazieren. Nachdem ich die Kaffeehäuser und die Promenaden nur angesehen hatte, ging ich ins Theater und war hochentzückt, als ich auf der Bühne Marina als Grotesktänzerin, mit beneidenswertem Beifall begrüßt, erscheinen sah. Sie verdiente es, denn sie tanzte ausgezeichnet; sie war groß, schön, vollkommen geformt und sehr anmutig. Ich faßte den Entschluß, wieder mit ihr anzuknüpfen, wenn sie frei wäre, und ließ mich nach der Oper zu ihr führen. Sie setzte sich gerade mit einem Herrn zu Tische, aber sobald sie mich erblickte, warf sie ihre Serviette weg und eilte auf mich zu, um mich zu küssen; ich erwiderte ihre Küsse, da ich infolge ihrer Liebkosungen das anwesende Individuum für bedeutungslos hielt. Der Diener legte sofort, ohne es sich sagen zu lassen, ein drittes Gedeck auf den Tisch, und Marina bat mich, mit ihr zu Nacht zu essen. Da ich mich verletzt fühlte, daß der Herr nicht aufgestanden war, um mich zu grüßen, so fragte ich, bevor ich Marinas Einladung annahm, wer der Herr wäre, indem ich sie bat, mich vorzustellen. »Dieser Herr«, sagte sie mir, »ist der Graf Celi aus Rom, mein Liebhaber.« »Ich mache dir mein Kompliment«, sagte ich zu ihr. Und mich zu dem sogenannten Grafen wendend, fuhr ich fort: »Mein Herr, nehmen Sie unsere Zärtlichkeit nicht übel; Marina ist meine Tochter.« »Eine H... ist sie!« »Das ist wahr,« sprach Marina, »und du kannst es ihm glauben, er ist mein Zuhälter.« Bei diesen Worten schleuderte ihr der rohe Mensch ein Glas Wasser ins Gesicht, aber sie wich ihm aus und lief davon. Der Strolch verfolgte sie, aber ich setzte ihm die Spitze meines Degens auf die Brust und rief: »Halt! oder du bist des Todes!« Sofort befahl ich Marina, mir leuchten zu lassen; sie aber warf schnell ihren Mantel über, hängte sich in meinen Arm und flehte mich an, sie wegzuführen. Der angebliche Graf lud mich darauf ein, mich allein am nächsten Tage beim Apfelkasino einzufinden, um zu hören, was er mir zu sagen hätte. »Um vier Uhr nachmittags«, antwortete ich. Ich führte Marina in meinen Gasthof, wo ich sie in einem Zimmer neben dem meinen einquartieren ließ. Hierauf setzten wir uns zu Tisch. Als Marina mich ein wenig nachdenklich sah, sagte sie: »Bist du erzürnt, daß ich mich vor den Wutausbrüchen dieses rohen Menschen geflüchtet habe?« »Nein, im Gegenteil, ich weiß dir Dank; aber sage mir jetzt, was ist das für ein Kerl?« »Es ist ein gewerbsmäßiger Spieler, der sich Graf Celi nennt. Ich habe hier seine Bekanntschaft gemacht. Er kam mir entgegen, lud mich zum Abendessen ein, machte eine Spielpartie, nahm dabei einem Engländer, den er angelockt hatte, indem er ihm sagte, ich würde dabei sein, viel Geld ab und gab mir fünfzig Guineen, mit den Worten, er habe mich an der Bank beteiligt gehabt. Kaum war er mein Liebhaber geworden, so verlangte er, daß ich gegen alle gefällig wäre, die er betrügen wollte. Schließlich hat er sich ganz bei mir einquartiert. Die Aufnahme, die ich dir bereitete, hat ihm sichtlich mißfallen. Das übrige weißt du. Hier bin ich, und ich werde hier bis zu meiner Abreise nach Mantua wohnen, wo ich als erste Tänzerin engagiert bin. Mein Diener wird mir besorgen, was ich für diese Nacht nötig habe, und morgen werde ich ihm befehlen, mir alle meine Sachen zu bringen. Ich will den Schurken nicht mehr sehen. Ich will nur dir gehören, wenn du nicht wie in Korfu gebunden bist und wenn du mich noch liebst.« »Ja, meine teure Marina, ich liebe dich, aber wenn du mein bist, muß es ungeteilt sein.« »O, ganz gewiß! Ich habe dreihundert Zechinen; ich werde sie dir morgen geben und mache keine andere Bedingung, als daß ich dir angehören will.« »Ich habe kein Geld nötig, und ich will an dir nur dich selbst. Also abgemacht, morgen abend werden wir ruhiger sein.« »Du glaubst vielleicht, daß du dich schlagen wirst? Glaub nicht daran, mein Freund, ich kenne den Menschen, er ist ein Erzfeigling.« »Ich muß mein Wort halten.« »Ich weiß es wohl, aber er wird das seine nicht halten, und ich bin darüber entzückt.« Wir wechselten hierauf das Gesprächsthema und sprachen von unseren Bekanntschaften; sie erzählte mir, sie habe sich mit ihren Brüdern entzweit, ihre Schwester sei Sängerin in Genua, und schließlich Bellino-Teresa sei noch immer in Neapel, wo sie fortfahre, die Herzöge zugrunde zu richten. Sie schloß mit den Worten: »Ich bin die einzige Unglückliche.« »Wieso unglücklich? Du bist schön geworden, eine ausgezeichnete Tänzerin. Sei weniger freigebig mit deinen Gunstbezeigungen, und du wirst auch jemanden finden, der es übernehmen wird, dein Glück zu machen.« »Geizig mit meinen Gunstbezeigungen? Das ist schwer. Denn, wenn ich liebe, so bin ich außer mir, aber wenn ich nicht liebe, kann ich kein freundliches Gesicht machen. Aber einerlei, mein Freund, mit dir werde ich glücklich sein.« »Marina, ich bin nicht reich, und meine Ehre würde mir nicht gestatten ...« »Schweig, ich verstehe dich.« »Warum hast du keine Kammerfrau statt eines Dieners?« »Du hast recht, das würde mir ein wenig mehr Achtung verschaffen. Allein mein Diener ist so gewandt, so treu!« »Ich errate alles, was er ist; aber das schickt sich für dich nicht.« Am nächsten Tage speiste ich mit ihr und ließ sie dann bei ihrer Theatertoilette; nachdem ich alle meine wertvollsten Sachen in die Taschen gesteckt hatte, ließ ich einen Fiaker kommen und begab mich nach dem Apfelkasino. Ich war überzeugt, daß ich meinen Schelm kampfunfähig machen würde und schickte daher den Wagen zurück. Ich fühlte, daß ich eine Dummheit machte, mein Leben gegen einen derartigen Menschen aufs Spiel zu setzen, und daß ich ihm wohl mein Wort brechen konnte, ohne ehrlos zu werden. Aber ich hatte tatsächlich Lust, mich zu schlagen, und da mir das Recht ganz auf meiner Seite zu sein schien, so fand ich die Sache köstlich. Ein Besuch bei einer Tänzerin, ein unverschämter sogenannter vornehmer Mann, der sie in meiner Gegenwart beschimpft, sie töten will, der sie sich unter der Nase entführen läßt und der mir, statt Widerstand zu leisten, ein Stelldichein gibt. Mir schien, wenn ich es versäumt hätte, so würde ich ihm ein Recht gegeben haben, mich für einen Feigling zu halten. Da der angebliche Graf noch nicht zum Stelldichein gekommen war, so ging ich in ein benachbartes Kaffeehaus, um ihn zu erwarten. Ich fand dort einen jungen Franzosen mit einnehmenden Gesichtszügen und sprach ihn an. Da mir seine Unterhaltung gefiel, so sagte ich ihm, sobald ein Individuum käme, das mich erwartete, erfordere meine Ehre, daß man mich allein fände, und ich bat ihn, bei dessen Annäherung zu verschwinden. Eine Viertelstunde darauf sah ich meinen Gegner kommen, aber in Begleitung eines anderen Herrn. Bei diesem Anblick sagte ich dem Franzosen, er würde mir ein Vergnügen machen, wenn er bliebe, was er wie eine Lustpartie annahm. Mein Mann trat mit seinem Begleiter ein, der eine Klinge von wenigstens vierzig Zoll trug und dessen Miene einen wahren Halsabschneider ankündigte. Ich erhob mich, indem ich mit einem trockenen Ton zu dem Schurken sagte: »Sie haben mir gesagt, Sie würden allein kommen!« »Mein Freund ist nicht überflüssig, da ich nur herkomme, um mit Ihnen zu sprechen.« »Wenn ich das gewußt hätte, würde ich mich nicht hinaus bemüht haben. Aber keinen Lärm; sagen wir uns zwei Worte, wo wir von niemand gesehen werden. Folgen Sie mir.« Ich ging mit dem Franzosen hinaus, der, da er den Ort kannte, mich an die günstigste Stelle führte, und da blieben wir stehen, um die beiden Sekundanten zu erwarten, die langsamen Schrittes und miteinander plaudernd herankamen. Sobald sie nur noch zehn Schritte entfernt waren, zog ich meinen Degen, indem ich meinem Gegner sagte, er sollte sich decken. Der Franzose zog ebenfalls und hielt seinen Degen unter dem Arm. »Zwei gegen einen!« sagte Celi. »Lassen Sie Ihren Freund fortgehen, und der Herr wird sich ebenfalls entfernen. Übrigens hat Ihr Freund einen Degen, und demnach sind wir zwei gegen zwei. »Ja,« sagte der Franzose, »machen wir eine Partie carrée.« »Ich schlage mich nicht mit einem Tänzer«, sagte der Bandit. Bei diesen Worten nähert sich mein Sekundant, indem er zu ihm sagte, daß ein Tänzer wohl soviel wert wäre als ein Hundsfott, und dabei verabreichte er ihm einen tüchtigen Schlag mit der flachen Klinge. Ich folgte seinem Beispiele bei Celi, der mit seinem Genossen zurückwich, indem er rief, er wolle mir nur ein Wort sagen sich hierauf mit mir schlagen. »Sprechen Sie.« »Sie kennen mich, und ich kenne Sie nicht, sagen Sie mir, wer Sie sind.« Statt aller Antwort begann ich mächtig auf ihn loszuhauen, und der Franzose entwickelte in derselben Weise den größten Eifer auf dem Rücken des anderen. Da jedoch unsere beiden Memmen sich so schnell als möglich davonmachten, so waren wir genötigt, unsere Klingen wieder einzustecken. Das war also das große Duell, das noch lächerlicher endete, als Marina es vorhergesagt hatte. Mein tapferer Franzose erwartete Gesellschaft, ich verließ ihn mit der Bitte, nach dem Theater zu mir zum Essen zu kommen. Ich sagte ihm den Namen, den ich mir bei dem Torschreiber gegeben hatte, und den Gasthof, wo ich wohnte. Ich fand bei meiner Rückkehr Marina und erzählte ihr, wie die Angelegenheit abgelaufen wäre. »Ich werde,« sagte sie zu mir, »diese lustige Geschichte dem ganzen Theater erzählen. Das größte Vergnügen macht es mir,« fügte das reizende Mädchen hinzu, »daß dein Sekundant, wenn er wirklich Tänzer ist, nur Herr Balletti sein kann, der mit mir in Mantua tanzen soll.« Nachdem ich meine Juwelen und meine Papiere wieder in meinen Koffer zurückgelegt hatte, begab ich mich in das Parterre der Oper, wo ich Balletti sah, der, kaum daß er mich erblickt hatte, alle Welt auf mich aufmerksam machte, indem er den Vorgang seinen Bekanntschaften erzählte. Er kam am Schluß der Oper mit mir zusammen, und ich nahm ihn mit nach Hause. Marina, die sich beeilt hatte, zurückzukehren, kam in mein Zimmer, sobald sie mich sprechen hörte, und ich genoß die Überraschung meines liebenswürdigen Franzosen, als er die Gefährtin sah, um derentwillen er sich entschließen sollte, Halbcharaktere zu tanzen, denn Marina, obwohl ausgezeichnete Tänzerin, konnte sich nicht dem Wagnis aussetzen, ernste Tänze auszuführen. Die beiden liebenswürdigen Jünger der Terpsichore, die sich niemals zusammen befunden hatten, erklärten sich bei Tische einen verliebten Krieg, der mir die Mahlzeit auf eine sehr angenehme Weise würzte. Denn da es sich um einen Genossen handelte, so nahm Marina einen Ton an, der den Umständen angepaßt und ganz verschieden von dem war, den sie anderen Männern gegenüber anschlug. Übrigens übertraf sich Marina an diesem Abend an Liebenswürdigkeit und guter Laune, denn sie hatte außerordentlichen Beifall erhalten, als man die Geschichte des vorgeblichen Grafen Celi erfahren hatte. Es fanden nur noch zehn Vorstellungen statt und da Marina den Tag nach der letzten abreisen wollte, beschlossen wir, das gemeinschaftlich zu tun. Unterdessen bat ich Balletti – das war der italienische Name, den er angenommen hatte – für die ganze Zeit unser Tischgenosse zu sein. Ich faßte für den liebenswürdigen jungen Mann eine Freundschaft, die viel Einfluß auf meine ferneren Lebensschicksale gehabt hat, wie der Leser sehen wird. Er hatte viel Talent als Tänzer, aber das war nur die geringste seiner Eigenschaften. Er war tugendhaft, hatte eine große und edle Seele, er hatte seine Studien gemacht und die beste Erziehung empfangen, die man zu jener Zeit in Frankreich einem Mann von Stande gehen konnte. Schon am dritten Tage bemerkte ich daß Marina ihren Kollegen zu fesseln wünschte. Da ich fühlte, wie vorteilhaft das für dieses junge Mädchen sein würde, so entschloß ich mich, ihr beizustehen. Sie hatte einen zweisitzigen Postwagen, und ich überredete sie leicht, Balletti mit sich zu nehmen, da ich aus Gründen, die ich ihr nicht anvertrauen könnte, genötigt wäre, in Mantua allein anzukommen. In der Tat wurde man, wenn man mich dort mit ihr hätte ankommen sehen, gesagt haben, ich sei in sie verliebt, und dies wollte ich nicht. Balletti war von dem Anerbieten entzückt, aber er wollte durchaus seinen Anteil an den Reisekosten zahlen, und das wollte Marina nicht zugeben. Die Gründe, die der junge Mann vorbrachte, waren sehr triftig, und ich hatte die größte Mühe, ihn zu überreden, daß er das Anerbieten seiner Kollegin annehme. Schließlich kam ich doch zum Ziel. Ich versprach ihnen, sie zum Mittag- und Abendessen zu erwarten, und reiste am festgesetzten Tage eine Stunde vor ihnen ab. Bei guter Zeit in Cremona angekommen, wo wir schlafen sollten, ging ich aus, um einen Spaziergang zu machen und trat in ein Kaffeehaus. Ich machtest die Bekanntschaft eines französischen Offiziers, und wir gingen zusammen fort, um einen kleinen Spaiergang zu machen. Eine reizende Frau kam in einem Wagen vorüber, er näherte sich ihr, um mit ihr zu sprechen, und die Dame ließ halten. Nach ein paar kurzen Worten gesellte sich der Offizier wieder zu mir. »Wer ist die schöne Dame?« fragte ich ihn. »Eine reizende Frau, von der ich Ihnen eine Anekdote erzählen will, die wohl verdiente, der Nachwelt überliefert zu werden. Sie werden mich nicht der Übertreibung beschuldigen,« begann er, »denn das, was ich Ihnen erzählen will, ist stadtbekannt. Die liebenswürdige Dame, die Sie soeben sahen, zeichnet sich noch mehr durch ihren Geist als durch ihre Schönheit aus, und hier ist eine Probe davon. Ein junger Offizier, der ihr neben anderen den Hof machte, als der Marschall von Richelieu in Genua kommandierte, schmeichelte sich, mit ihr besser zu stehen als alle anderen. Eines Tages gab er im Kaffeehaus einem seiner Kameraden den Rat, seine Zeit nicht damit zu verlieren, ihr den Hof zu machen, ›denn‹, sagte er, ›Sie können überzeugt sein, nie etwas zu erreichen‹. – ›Mein Teurer,‹ sagte ihm der andere, ›ich würde sehr viel Grund haben, Ihnen diesen Rat selbst zu erteilen, denn ich habe alles erlangt, was ein begünstigter Liebhaber nur erlangen kann.‹ – ›Ich bin überzeugt, daß Sie lügen,‹ sagte der andere zu ihm, ›und ich bitte Sie, mir zu folgen.‹ ›Nichts lieber,‹ sagte der Indiskrete. ›Aber wozu die Wahrheit von einem Duell abhängig machen und sich die Kehle abschneiden, wenn ich Ihnen die Tatsache durch sie selbst bestätigen lasset?‹ ›Ich wette fünfundzwanzig Louis auf das Gegenteil‹, versetzte der Ungläubige. – ›Ich nehme die Wette an; gehen wir.‹ – Die beiden Nebenbuhler gingen zusammen fort und begaben sich schnurstracks zu der Dame, die Sie soeben sahen, um sie erklären zu lassen, wer von den beiden die fünfundzwanzig Louis gewonnen hätte. Sie fanden sie bei ihrer Toilette. ›Ei, meine Herren,‹ sagte sie zu ihnen, als sie sie eintreten sah, ›welcher gute Wind weht denn Sie zusammen zu dieser Stunde her?‹ ›Eine Wette, gnädige Frau‹, sagte der Ungläubige. ›Und nur Sie können die Schiedsrichterin in dem Streit sein, der sie verursachte. Der Herr rühmt sich, von Ihnen alles erlangt zu haben, was eine Frau dem begünstigten Liebhaber gewähren kann. Ich habe ihn in aller Form Lügen gestraft, was zu einem Duell führen sollte, als er mir vorgeschlagen hat, es durch Sie selbst bestätigen zu lassen. Ich habe fünfundzwanzig Louis gewettet, daß Sie es nicht zugeben würden, und er hat die Wette angenommen. Gnädige Frau entscheiden Sie.‹ – ›Sie haben verloren, mein Herr,‹ sagte sie zu ihm, ›jetzt aber bitte ich Sie alle beide mich zu verlassen, und ich sage Ihnen im voraus, daß Sie es bereuen könnten, wenn Sie es wagten, sich hier wieder blicken zu lassen.‹ Die beiden unbesonnenen Menschen gingen sehr niedergeschlagen hinaus. Der Ungläubige bezahlte, aber in seinem Arger nannte er den Sieger einen Laffen, und eine Woche später tötete er ihn im Duell. Seit dieser Zeit geht die Dame ins Kasino, besucht die Gesellschaft, aber empfängt nicht mehr zu Hause; mit ihrem Mann lebt sie recht gut.« »Wie hat der Gatte die Sache aufgenommen?« »Auf das beste, als Mann von Geist. Er hat gesagt, er hätte sich scheiden lassen, wenn seine Frau anders gehandelt hätte, denn dann würde niemand gezweifelt haben.« »Dieser Gatte ist ein kluger Mann. Wenn seine Frau den unverschämten Schwätzer Lügen gestraft hätte, so hätte er natürlich die Wette gezahlt. Allein lachend hätte er seine Behauptung aufrechterhalten, und alle Welt würde ihm geglaubt haben. Indem sie ihn als Sieger erklärte, hat sie kurz abgeschnitten und ein Urteil gehemmt, das sie entehrt haben würde. Der Indiskrete hatte doppelt unrecht und mußte dafür mit seinem Leben bezahlen, aber sein Gegner war nicht weniger unzart als er, denn in derartigen Dingen gestatten sich Leute von guter Erziehung keine Wetten. Wer auf Ja wettet, ist ein Unverschämter, wer auf das Nein hält, ein Dummkopf. Mir gefällt die Geistesgegenwart der Dame.« »Aber was halten Sie von der Sache?« »Ich halte sie für unschuldig.« »Ich glaube es wie Sie, und so ist die allgemeine Meinung, man behandelt sie überall viel besser als früher. Kommen Sie ins Kasino, Sie werden sich überzeugen, und ich werde Sie ihr vorstellen.« Ich lud den Offizier ein, mit uns zu speisen, und seine Gesellschaft machte den Abend sehr angenehm. Als er fort war, sah ich mit Vergnügen, daß Marina fähig war, den Anstand zu beobachten. Sie hatte ein Zimmer für sich genommen, um nicht ihren achtungswerten Genossen zu beleidigen. In Mantua kehrte ich im Gasthof San Marco ein, und Marina, die ich verständigt hatte, daß ich sie nur selten zu sehen gedächte, bezog die Wohnung, die ihr der Unternehmer bestimmt hatte. Nachdem ich am Nachmittag vor der Stadt spazierengegangen war, trat ich bei einem Buchhändler ein, um zu sehen, was es Neues gäbe. Ohne daß ich es bemerkte, brach die Nacht herein; man sagte mir, man wolle den Laden schließen, und ich ging. Nach einigen Schritten hielt mich eine Patrouille an, und der Offizier, der sie kommandierte, sagte mir, er müsse mich, da ich keine Laterne hätte und es zwei Uhr wäre, auf die Wache führen. Ich hatte gut einwenden, daß ich diesen Tag erst angekommen wäre, den Befehl nicht gekannt hätte, ich mußte mich fügen. Auf der Wache angelangt, stellte mich der Offizier seinem Hauptmann vor, einem großen und schönen jungen Mann, der mich mit der fröhlichsten Miene empfing. Ich bat ihn, mich gütigst in meinen Gasthof zurückführen zu lassen, da ich der Ruhe bedürftig sei. Er antwortete mir lachend: »Bei Gott, nein! Denn ich will, daß Sie mit mir und in guter Gesellschaft eine lustige Nacht verbringen. Geben Sie dem Herrn seinen Degen«, sagte er dem Unteroffizier, der ihn trug; dann zu mir: »Ich will Sie, mein Herr, hier nur als einen Freund, meinen Gast betrachten.« Diese Art, Gesellschaft einzuladen, so despotisch sie im Grunde war, erschien mir angenehm, und ich bezeigte durch mein Schweigen meine Zustimmung. Er gab einem deutschen Soldaten einige Befehle, und eine Stunde darauf deckte man einen Tisch mit vier Kuverts. Nachdem zwei andere Offiziere angekommen waren, aßen wir sehr fröhlich. Beim Nachtisch vermehrte sich die Gesellschaft um zwei widerliche, schamlose Weibsbilder. Nachdem das Tischtuch abgenommen war, bedeckte man den Tisch mit einem Teppich, und einer der Offiziere schickte sich an, eine Pharaobank zu halten. Ich pointierte, um es wie die anderen zu machen, und nachdem ich einige Zechinen verloren hatte, erhob ich mich, um Luft zu schöpfen, denn wir hatten Bacchus stark zugesprochen. Die eine der beiden Unglücklichen folgte mir und band mit mir an, um mich schließlich, trotz meinem Widerwillen, auf sechs Wochen krank zu machen. Nach dieser traurigen Heldentat ging ich wieder hinein. Ein junger, sehr liebenswürdiger Offizier, der fünfzehn oder zwanzig Zechinen verloren hatte, fluchte wie ein Grenadier, weil der Bankier sein Geld einzog und die Bank aufhob. Dieser junge Mann hatte viel Geld vor sich und behauptete, der Bankier hätte ihn verständigen müssen, daß dies die letzte Taille war. »Mein Herr,« sagte ich höflich zu ihm, »Sie haben unrecht, denn das Pharao ist das freieste aller Spiele. Warum halten Sie nicht selbst die Bank?« »Das würde mich langweilen, denn die Herren machen lächerlich kleine Sätze. Aber, wenn es Ihnen Spaß macht,« fügte er lachend hinzu, »halten Sie doch selbst die Bank.« »Herr Hauptmann, wollen Sie sich mit einem Viertel beteiligen?« Er nahm es an. »Meine Herren,« sagte ich, »ich habe die Ehre, Ihnen mitzuteilen, daß ich nur sechs Taillen machen werde.« Ich verlangte neue Karten und legte dreihundert Zechinen auf den Tisch. Der Hauptmann schrieb auf den Rücken einer Karte: »Gut für hundert Zechinen, O'Neilan.« Nachdem ich diese zu meinem Gold gelegt hatte, begann ich. Ganz vergnügt sagte der junge Offizier: »Es ist möglich, daß Ihre Bank vor dem Schluß der sechsten Taille endet.« Ich antwortete nichts und fuhr fort. Bei der fünften Taille lag meine Bank in den letzten Zügen, mein junger Offizier triumphierte. Ich überraschte ihn ein wenig, indem ich ihm sagte, ich wäre entzückt, zu verlieren, denn seitdem er gewänne, fände ich ihn viel liebenswürdiger. Es gibt Höflichkeiten, die der Person, an die sie gerichtet sind, Unglück bringen. Und das war hier der Fall, denn mein Kompliment verwirrte ihm den Kopf. Während der fünften Taille ließ ihn eine Sintflut von ungünstigen Karten alles, was er gewonnen hatte, verlieren, und, da er das Glück während der sechsten Taille zwingen wollte, so spielte er wie ein wahrer Tollkopf und verlor alles Geld, das er vor sich hatte. »Mein Herr,« sagte er zu mir, »Sie haben mit Glück gespielt, ich verlange von Ihnen für morgen meine Revanche.« »Die würde ich mit großem Vergnügen geben, mein Herr,« sagte ich zu ihm, »aber ich spiele nur, wenn ich im Arrest bin.« »Ich zählte mein Geld; ich hatte zweihundert Zechinen gewonnen, überdies eine Schuld von fünfzig Zechinen eines Offiziers, der auf sein Wort gespielt und verloren hatte, und die O'Neilan auf seine Rechnung nahm. Ich bezahlte ihm seinen Teil, und mit Tagesanbruch ließ er mich gehen. Bei der Rückkehr in meinen Gasthof legte ich mich nieder, und bei meinem Erwachen sah ich den Hauptmann Laurent eintreten, denselben, der auf Wort gespielt hatte. Da ich glaubte, daß er gekommen wäre, um mich zu bezahlen, so sagte ich ihm, er wäre der Schuldner des Herrn O'Neilan, aber er antwortete mir, er wäre gekommen, um mich zu bitten, ihm sechs Zechinen auf sein schriftliches Ehrenwort zu leihen, in welchem er sich verpflichtete, mir sie binnen acht Tagen zu bezahlen. Ich gab sie ihm, und da er mich gebeten hatte, niemandem etwas davon zu sagen, so sagte ich zu ihm: »Ich verspreche es Ihnen, aber vergessen Sie nicht Ihr Wort.« Am nächsten Tage fand ich mich krank, und der Leser weiß warum. Ich hielt Diät, was in diesem Alter sehr langweilig ist, aber ich war darin standhaft, und ich befand mich wohl dabei. Drei oder vier Tage später besuchte mich Hauptmann O'Neilan, und als ich ihm gesagt hatte, daß ich krank wäre, begann er zu lachen, was mich sehr überraschte. »Sie waren also gesund?« sagte er zu mir. »Ich befand mich vortrefflich.« »Ich ärgere mich, daß Sie Ihre Gesundheit an diesem schlechten Ort verloren haben. Ich würde Sie verständigt haben, wenn ich es geahnt hätte.« »Sie wußten es also?« »Bei Gott, ob ich es wußte. Es ist nur eine Woche her, daß ich Ihr Vorgänger war, und ich glaube, damals war sie nicht krank.« »Ich bin also Ihnen für das Geschenk verpflichtet, daß sie mir gemacht hat.« »Das ist möglich, aber es ist eine Kleinigkeit, denn Sie können leicht geheilt werden, wenn Ihnen das Spaß macht.« »Und macht es Ihnen etwa keinen Spaß?« »Meiner Treu, nein. Eine Diät würde mir zuviel Langeweile verursachen. Und warum eine solche Kleinigkeit heilen, wenn man überzeugt ist, daß es keine vierzehn Tage dauert, bis man wieder rückfällig wird. Ich habe zehnmal diese Geduld gehabt, aber ich bin dessen überdrüssig geworden, und seit zwei Iahren lasse ich die Sache gehen.« »Ich beklage Sie, denn wie ich Sie so sehe, würde Ihnen das Glück in der Liebe nicht oft feindlich sein.« »Ich mache mir nichts daraus. Die Sorgen, die sie kostet, sind mir eine größere Last, als die kleine Unbequemlichkeit, an die ich mich gewohnt habe.« »Ich denke nicht wie Sie, denn das Liebesvergnügen ist geschmacklos, wenn nicht die Liebe es würzt. Finden Sie zum Beispiel, daß dieses Scheusal das Leiden wert ist, das ich gegenwärtig ertragen muß?« »Gewiß nicht, und deswegen ärgere ich mich darüber. Wenn ich es gewußt hätte, so würde ich Ihnen eine bessere Bekanntschaft verschafft haben. »Die beste dieser Art ist die Gesundheit nicht wert, die man nur der Liebe opfern soll.« »Sie wollen also Frauen, die würdig find, geliebt zu werden? Wir haben hier einige solche. Bleiben Sie, und wenn Sie geheilt sind, werden Sie Eroberungen machen können.« O'Neilan war dreiundzwanzig Jahre alt. Sein Vater war als General gestorben, und die schöne Gräfin Borsati war seine Schwester. Er zeigte mir eine Gräfin Zanardi Nerli, die noch schöner war, aber ich besaß die Klugheit, keiner der Damen meine Huldigung anzubieten. Es schien mir, als ob alle Welt meinen Zustand erriete. Ich habe niemals einen ausschweifenderen jungen Menschen gefunden. Oft habe ich die Nächte mit ihm durchschwärmt und mich über seine Verwegenheit und seinen Zynismus verwundert. Indessen war er edel, großmütig, tapfer und voll Ehrgefühl. Wenn die jungen Offiziere damals sich so viele unmoralische Dinge, so viele Schändlichkeiten erlaubten, was gewiß nicht selten vorkam, so waren weniger sie selber daran schuld, als die Privilegien, die man sie aus Gewohnheit, Nachsicht oder Kastengeist genießen ließ. Hier ein Beispiel davon: Eines Tages sprengte O'Neilan ein wenig angetrunken mit verhängtem Zügel durch die Stadt. Eine alte Frau, die über die Straße ging, hatte keine Zeit auszuweichen; sie brach zusammen, und ihr Kopf wurde von den Hufen des Pferdes zerschmettert. O'Neilan begab sich in Arrest, aber schon am nächsten Tage war er wieder in Freiheit, denn er brauchte nur zu sagen, es sei ein zufälliges Ereignis gewesen. Da der Offizier, der mir den Ehrenschein über sechs Zechinen ausgestellt hatte, am Ende der Woche nicht gekommen war, so sagte ich ihm auf der Straße, ich hielte mich nicht mehr für verpflichtet, Verschwiegenheit zu bewahren. Anstatt sich zu entschuldigen, erwiderte er nur: »Das ist mir gleichgültig.« Da mir diese Antwort beleidigend erschien, so dachte ich daran, mir Genugtuung zu verschaffen, aber am nächsten Tage sagte mir O'Neilan, Hauptmann Laurent sei irrsinnig geworden und man habe ihn eingesperrt. Er genas in der Folge, aber seine schlechte Aufführung verursachte, daß er aus dem Korps gestoßen wurde. O'Neilan, tapfer wie Bayards Schwert, fiel zehn Jahre später bei der Schlacht von Prag. So wie er war, mußte er als Opfer von Mars oder Venus umkommen. Er würde vielleicht noch leben, wenn er nur den Mut des Fuchses gehabt hätte, aber er hatte den des Löwen. Bei einem Soldaten ist das eine Tugend, aber bei einem Offizier ist es fast ein Fehler. Wer der Gefahr mit Kenntnis der Ursache trotzt, ist hohen Lobes würdig, wer sie aber nicht kennt, entrinnt ihr nur durch ein Wunder und ohne Verdienst. Man muß indessen die großen Krieger ehren, denn ihr unbezähmbarer Mut kann nur die Wirkung einer starken Seele, eine Art von Tugend sein, die sie über die anderen Sterblichen erhebt. Jedesmal, wenn ich an den Prinzen Charles de Ligne denke, vergieße ich Tränen. Er war mutig wie Achilles, aber Achilles war unverwundbar. Er würde vielleicht noch leben, wenn er während der Schlacht sich hätte erinnern können, daß er sterblich wäre. Wer sind diejenigen, die ihn gekannt haben und die nicht Tränen zu seinem Gedächtnis vergossen haben? Er war schön, sanft, höflich, sehr unterrichtet, Kunstliebhaber, heiter, lustig in seinen Gesprächen, treu im Umgang und immer gleich in der Laune. Unglückselige und schreckliche Revolution! Ein Kanonenschuß hat ihn seiner Familie, seinen Freunden und dem Glück, das ihm zu lächeln schien, entrissen. Der Prinz von Waldeck hat seine edle Unerschrockenheit auch mit einem Arme bezahlt! Man sagt, er tröste sich über diesen Verlust durch den Gedanken, daß er mit dem, der ihm bleibt, noch eine Armee kommandieren könne. O ihr, die ihr das Leben verachtet, sagt mir, ob ihr denkt, euch durch diese Verachtung würdiger zu machen! Die Oper begann unmittelbar nach Ostern. Ich ging alle Tage hin, denn da ich vollkommen genesen war, so nahm ich meine alte Lebensweise wieder auf. Ich freute mich, zu sehen, daß Balletti seine Freundin in ein vorteilhaftes Licht zu setzen wußte. Ich ging nicht zu ihr, aber Balletti kam fast jeden Morgen, um mit mir zu frühstücken. Er hatte mit mir oft von einer alten Schauspielerin gesprochen die seit zwanzig Iahren das Theater verlassen hätte und die, wie sie sagte, eine Freundin meines Vaters gewesen wäre. Eines Tages bekam ich Lust, sie zu sehen und er führte mich zu ihr. Ich sah eine abgelebte Alte, deren Putz mich ebenso erstaunte wie ihre ganze Person. Trotz ihren Runzeln war ihr Gesicht rot und weiß geschminkt, und ihre Augenbrauen von tiefster Schwärze verdankten ihre Farbe chinesischer Tusche. Sie ließ die Hälfte ihrer welken und widerlichen Brust sehen, und man konnte sich über ihr künstliches Gebiß nicht täuschen. Sie hatte eine Perücke, die sehr schlecht anklebte und einige Haare erblicken ließ, die der Verheerung der Jahre entgangen waren. Ihre zitternden Hände ließen die meinen erzittern, als sie mir sie drückte. Sie roch auf zwanzig Schritte nach Ambra, und ihr geziertes Wesen ekelte mich zugleich an und machte mich lachen. Ihr sehr gesuchter Anzug mochte zwanzig Jahre früher neueste Mode gewesen sein. Ich sah mit Schrecken die furchtbaren Spuren des abscheulichen Alters auf einem Antlitz, das, bevor es die Jahre welk machten, schön gewesen sein mußte. Am meisten aher wunderte mich die kindliche Unverschämtheit, womit dieser Ausschuß der Zeit noch seine vorgeblichen Reize zur Schau trug. Balletti fürchtete, mein allzu sichtliches Erstaunen hätte sie verletzt, und sagte ihr, am meisten entzücke mich, daß die Zeit nicht die Macht gehabt hätte, die schöne Erdbeere, die auf ihrer Brust glänze, zum Welken zu bringen. Das war ein Mal, das einer Erdbeere glich. »Dieser Erdbeere«, sagte die Matrone zu mir mit grinsendem Lächeln, »verdanke ich meinen Namen. Ich bin noch und werde immer sein die Fragoletta.« Bei diesen Worten konnte ich mich nicht eines Bebens enthalten. Ich hatte vor mir das unglückselige Schattenbild, das die Ursache meines Daseins war. Ich sah das Weib, das durch sein Blendwerk meinen Vater dreißig Jahre früher verführt hatte, denn ohne sie würde er nicht daran gedacht haben, das väterliche Haus zu verlassen und wahrscheinlicherweise mich niemals mit einer Venezianerin gezeugt haben. Ich habe nie die Meinung des Alten geteilt, der gesagt hat: Nemo vitam vellet si daretur scientibus. – Niemand würde etwas vom Leben wissen wollen, wenn er wüßte, was es ihm bringen wird. Da sie mich zerstreut sah, fragte sie Balletti höflich um meinen Namen, denn er hatte mich einfach als einen Freund vorgestellt und ihr meinen Besuch nicht vorher angemeldet. Als sie hörte, daß ich mich Casanova nannte, war ihre Überraschung außerordentlich. »Ja, meine Gnädige,« sagte ich zu ihr, »ich bin der Sohn Gaetano Casanovas aus Parma.« »Was höre ich! Was sehe ich! Ach mein Freund, ich betete Ihren Vater an. Mit Unrecht eifersüchtig, hat er mich verlassen. Sie würden sonst mein Sohn gewesen sein! Lassen Sie mich Sie umarmen wie eine zärtliche Mutter.« Ich war darauf gefaßt, und aus Furcht, daß sie fiele, kam ich ihrer Umarmung entgegen und lieferte mich ihrer zärtlichen Erinnerung aus. Noch immer Schauspielerin, führte sie ihr Taschentuch an ihre Augen, als trocknete sie eine Träne, indem sie mir versicherte, ich dürfe nicht an ihren Worten zweifeln, obwohl sie nicht das Aussehen einer alten Frau habe. »Der einzige Fehler Ihres teueren Vaters«, sagte sie hierauf, »war die Undankbarkeit.« Sie wird ohne Zweifel dasselbe Urteil über den Sohn gefällt haben, da ich trotz ihrer verbindlichen Einladung nie mehr ihr Haus betrat. Da meine Börse gut gefüllt war und Mantua mir nichts Anziehendes mehr bot, so entschied ich mich, nach Neapel zu reisen, um meine teure Teresa, Donna Lucrezia, Don Polo Vater und Sohn, Don Antonio Casanova und alle meine alten Bekanntschaften wieder zu sehen. Dieser Plan war ohne Zweifel meinem Schutzgeist nicht recht, denn er widersetzte sich seiner Ausführung. Ich würde drei Tage später abgereist sein, wenn ich nicht Lust bekommen hätte, in die Oper zu gehen. Während der zwei Monate, die ich in Mantua verbrachte, kann ich sagen, daß ich vernünftig gelebt habe, weil ich am ersten Tage eine Torheit begangen hatte. Ich spielte nur jenes eine Mal, und glücklich. Und da mein kleines Liebespech mich nötigte, Diät zu halten, so bewahrte ich mich dadurch vielleicht vor größerem Unglück, dem ich sonst nicht entgangen sein wurde. Zwanzigstes Kapitel Ich gehe nach Gesena, um einen Schatz zu heben. – Ich lasse mich bei Franzka nieder. – Seine Tochter Genoveffa. – Ich gehe an mein Zauberwerk heran. – Störung durch furchtbares Gewitter. – Meine Angst. – Genoveffa bleibt unberührt. – Ich gebe das Unternehmen auf und verkaufe die Scheide an Capitani. Gegen das Ende der Oper wurde ich von einem jungen Manne angeredet, der mir geradezu und ohne Umschweife sagte, ich hätte als Fremder ein großes Unrecht begangen, zwei Monate in Mantua zu bleiben, ohne das Naturalienkabinett seines Vaters, des Don Antonio de Capitani, Kommissärs und Präsidenten des Canons, gesehen zu haben. »Mein Herr,« sagte ich zu ihm, »ich habe nur aus Unwissenheit gefehlt, und wenn Sie mich morgen früh in meinem Gasthof abholen wollen, so werden Sie mir morgen abend nicht mehr denselben Vorwurf machen können, und ich werde mein Unrecht gut gemacht haben.« Der Sohn des Canonskommissärs holte mich ab, und ich fand in seinem Herrn Vater einen der schnurrigsten Sonderlinge. Die Seltenheiten seines Kabinettes bestanden in der Genealogie seiner Familie, in magischen Büchern, Heiligenreliquien, sogenannten antediluvianischen Münzen, einem Modell der Arche, nach der Natur in dem Augenblick aufgenommen, wo Noah in dem sonderbarsten aller Häfen, auf dem Berge Ararat in Armenien landete; in mehreren Denkmünzen, von denen eine von Sesostris, eine andere von Semiramis war, und schließlich in einem alten Messer von bizarrer Form, das ganz vom Rost zerfressen war. Außerdem besaß er, aber unter Verschluß, das ganze Geräte der Freimaurerei. »Sagen Sie mir,« sagte ich zu ihm, »welcher Zusammenhang zwischen der Naturgeschichte und diesem Kabinett besteht? Denn ich sehe da nichts, was den drei Reichen angehört. »Wie! Sie sehen nicht das antidiluvianische Reich, das des Sesostris und das der Semiramis? Sind das nicht die drei Reiche?« Auf die Antwort hin umarmte ich ihn mit einem Ausruf der Freude, der nur Ironie war, den er aber für Bewunderung nahm; sodann entfaltete er alle Schätze seiner komischen Gelehrsamkeit, beschrieb mir alles, was er hatte, und schloß mit seinem verrosteten Messer, von dem er behauptete, es wäre jenes, womit der heilige Petrus dem Malchus das Ohr abgehauen hätte. »Sie besitzen dieses Messer und sind nicht Millionär?« »Und wie könnte ich dies durch die Kraft dieses Messers werden?« »Auf zwei Arten. Zuerst, indem Sie sich in den Besitz aller Schätze setzen, die auf dem Grund und Boden der Kirche verborgen liegen.« »Das leuchtet ein, denn der heilige Petrus hat die Schlüssel dazu.« »Zweitens, indem Sie es dem Papst selbst verkaufen, wenn Sie die Chirographen besitzen, die die Echtheit bestätigen.« »Sie meinen die Bescheinigungen der Vorbesitzer? Ohne diese würde ich es nicht gekauft haben. Das alles habe ich.« »Um so besser. Ich bin überzeugt, der Papst wird, um dieses Messer zu erlangen, Ihren Sohn zum Kardinal machen. Aber Sie werden auch die Scheide dazu haben müssen.« »Ich habe sie nicht, aber sie ist nicht nötig. Auf jeden Fall werde ich eine dazu machen lassen.« »Das ist nicht dasselbe. Man braucht die, in welche der heilige Petrus selbst das Messer steckte, als Gott zu ihm sagte: Mitte gladium tuum in vaginam . Sie existiert, und sie ist in den Händen einer Person, die sie Ihnen billig verkaufen könnte, sofern Sie ihm nicht das Messer verkaufen wollen, denn die Scheide ohne das Messer dient ihm zu nichts, so wie Ihnen das Messer ohne die Scheide.« »Und wieviel würde sie mir kosten?« »Tausend Zechinen.« »Und wieviel würde er mir für das Messer geben ?« »Tausend Zechinen, denn das eine ist soviel wert wie das andere.« Der Kommissär sah ganz verdutzt seinen Sohn an und sagte ihm in einem gewichtigen Ton: »Nun! mein Sohn, hättest du jemals geglaubt, daß man mir tausend Zechinen für dieses Messer anbieten würde?« Er öffnete hierauf eine Schublade und zog einen alten Zettel heraus, den er vor mir entfaltete. Dieser war hebräisch beschrieben und trug die Zeichnung des Messers. Ich tat, als bewunderte ich ihn, und riet ihm dringend, die Scheide zu kaufen. »Es ist weder nötig, daß ich die Scheide kaufe, noch daß Ihr Freund das Messer kauft, denn wir können die Schätze zusammen heben.« »Keineswegs. Die magische Vorschrift verlangt, daß der Eigentümer des Schwertes in vagina nur eine Person sei. Wenn der Papst es besäße, so könnte er durch eine magische Operation, die ich kenne, jedem christlichen König, der die Rechte der Kirche beeinträchtigen wollte, ein Ohr abhauen.« »Das ist merkwürdig! Allein tatsächlich sagt das Evangelium, daß der heilige Petrus jemandem das Ohr abhieb.« »Ja, einem König.« »O, nicht einem König!« »Einem König sage ich Ihnen. Erkundigen Sie sich, ob Malchus, Malek oder Melek nicht König heißt.« »Und wenn ich mich entschlösse, mein Messer zu verkaufen, wer würde mir die tausend Zechinen geben?« »Ich. Die Hälfte morgen bar und die anderen fünfhundert in einem Wechsel, zahlbar in einem Monat.« »Das läßt sich hören. Machen Sie mir das Vergnügen, morgen bei uns eine Schüssel Makkaroni zu speisen, und wir werden unter dem Siegel des größten Geheimnisses von einer wichtigen Angelegenheit sprechen.« Ich nahm an und ging, entschlossen, den Scherz weiter zu treiben. Am nächsten Tag war ich dort, und er sagte mir sofort, er wisse, wo ein Schatz im Kirchenstaate vergraben liege, und er habe sich entschlossen, die unerläßliche Scheide zu kaufen. Überzeugt, daß er mich nicht beim Worte nehmen würde, zog ich meine mit Gold gefüllte Börse hervor, indem ich zu ihm sagte, ich wäre bereit, den Handel abzuschließen. »Der Schatz«, sagte er mir, »ist Millionen wert, aber gehen wir speisen. Sie werden nicht von Silbergeschirr essen, aber von Raffaelscher Mosaik.« »Herr Kommissär, Sie sind ein prachtliebender hoher Herr. Das ist besser als versilbertes Geschirr, obwohl ein Dummkopf darin nur elendes irdenes Geschirr erblicken wird.« Das Kompliment gefiel ihm. »Ein wohlhabender Mann,« sagte er mir nach dem Essen, »der im Staate des Papstes wohnhaft und Herr des Landgutes ist, auf dem er mit seiner ganzen Familie lebt, ist überzeugt, in seinem Keller einen Schatz zu haben. Er hat meinern Sohn geschrieben, daß er bereit sei, alle nötigen Ausgaben zu machen, um sich in dessen Besitz zu setzen, wenn er einen Magier finden könnte, der ihm den Schatz höbe. Der Sohn, der bei diesem Gespräch zugegen war, zog aus seiner Tasche einen Brief, aus dem er mir einige Stellen vorlas, indem er mich um Verzeihung bat, wenn er mir nicht den ganzen Brief zu lesen gäbe, da er das Geheimnis zu halten versprochen hätte. Allein, ohne daß er es bemerkte, hatte ich Cesena, den Namen des Ortes, gelesen, und das genügte mir. »Es handelt sich also darum,« begann der Vater wieder, »mir auf Kredit die unerläßliche Scheide zu kaufen, denn ich habe für den Augenblick kein bares Geld. Sie können dreist meine Wechsel girieren und wenn Sie den Magier kennen, so können Sie sich mit ihm in den Gewinn teilen.« »Der Magier ist schon da: ich bin es selbst. Allein, wenn Sie mir nicht zunächst meine fünfhundert Zechinen auszahlen, so werden wir nichts ausrichten.« »Ich habe kein Geld.« »Verkaufen Sie mir also das Messer.« »Nein.« »Sie haben unrecht, denn jetzt, da ich es gesehen habe, habe ich die Macht, es Ihnen wegzunehmen. Indessen bin ich ein anständiger Mensch und will Ihnen diesen Streich nicht spielen.« »Sie sind der Herr, mir mein Messer zu entführen? Ich wünschte davon überzeugt zu werden, denn ich glaube nicht daran.« »Sie glauben nicht daran? Sehr gut. Morgen werden Sie es nicht mehr haben. Ist es aber einmal in meiner Gewalt, so machen Sie sich keine Hoffnung, daß ich es Ihnen wiedergebe. Ein Elementargeist, der zu meinem Befehl steht, wird es mir um Mitternacht bringen, und derselbe Geist wird mir sagen, wo Ihr Schatz ist.« »Bewirken Sie, daß er es Ihnen sagt, und ich werde überzeugt sein.« »Man gebe mir Feder, Tinte und Papier.« Ich machte mich daran, mein Orakel zu befragen, und ließ dieses antworten, der Schatz liege am Ufer des Rubikon. »Das ist«, sagte ich ihnen, »ein Wildbach, der ehemals ein Fluß war.« Sie befragten ein Nachschlagebuch und fanden, daß der Rubikon bei Cesena vorübergeht. Ich sah sie verblüfft. Da ich ihnen die Freiheit lassen wollte, falsch zu urteilen, ging ich. Es hatte mich die Lust gepackt, nicht etwa fünfhundert Zechinen diesen armen Dummköpfen zu rauben, sondern auf ihre Kosten sie bei dem anderen Tölpel in Cesena zu beheben und mich dabei etwas auf ihre Rechnung lustig zu machen. Mich verlangte danach, die Rolle eines Magiers zu spielen. Zu diesem Behufe begab ich mich, als ich das Haus des lächerlichen Antiquars verließ, auf die öffentliche Bibliothek, wo ich mit Hilfe eines Nachschlagebuchs folgendes Stück ulkiger Gelehrsamkeit aufschrieb: »Der Schatz liegt seit sechs Jahrhunderten siebzehn und eine halbe Klafter tief unter der Erde. Sein Wert beläuft sich auf zwei Millionen Zechinen. Sie sind in einer Kiste eingeschlossen, derselben, die Gottfried von Bouillon der Markgräfin Mathilde von Tuscien im Jahre 1081 raubte, als er dem Kaiser Heinrich dem Vierten beistehen wollte, die Schlacht gegen diese Fürstin zu gewinnen. Sie wurde von ihm selbst, an dem Ort, wo sie sich noch befindet, vergraben, bevor er zur Belagerung von Rom schritt. Da Gregor der Siebente, der ein großer Zauberer war, erfahren hatte, wo die Kiste eingegraben war, so hatte er sich entschlossen, sie persönlich zu heben, allein der Tod durchkreuzte seine Pläne. Nach dem Tode der Gräfin Mathilde im Jahre 1116 gab der Genius, der über die verborgenen Schätze gebietet, diesem sieben Hüter. In einer Vollmondsnacht wird ein gelehrter Philosoph den Schatz bis zur Oberfläche des Bodens heben können, indem er sich in dem Circulus maximus hält.« Ich erwartete den Vater oder den Sohn bei mir zu sehen und sah sie am nächsten Tage alle beide erscheinen. Nach einigen unbedeutenden Gesprächen gab ich ihnen meine auf der Bibliothek zusammengestellte Notiz, die Geschichte von dem der Gräfin Mathilde geraubten Schatz. Ich sagte ihnen, ich wäre entschlossen, den Schatz zu heben, und versprach ihnen den vierten Teil, vorausgesetzt, daß sie sich entschließen würden, die Scheide zu erwerben. Hierauf fügte ich die Drohung hinzu, ihnen das Messer fortzunehmen. »Ich werde mich entschließen,« sagte der Kommissär zu mir, »sobald ich die Scheide gesehen habe.« »Ich bin bereit, mein Herr, sie Ihnen morgen zu zeigen«, erwiderte ich ihm. Hierauf trennten wir uns, gegenseitig miteinander sehr zufrieden. Um eine geeignete Scheide für das wunderbare Messer herzustellen, mußte ich den bizarrsten Gedanken der wunderlichsten Form anpassen. Ich hatte die Form des Messers im Kopf, und indem ich darüber nachdachte, wie ich irgend etwas Außerordentliches, aber für den Gegenstand Passendes, hervorbringen könnte, sah ich im Hof eine alte Schlappe, den Uberrest eines Reiterstiefels, und dies bestimmte meinen Entschluß. Ich nahm diese alte Sohle, ließ sie kochen und brachte darin eine Öffnung an, in die das Messer unfehlbar hineingehen mußte. Hierauf beschnitt ich sie an allen Seiten, um sie unkenntlich zu machen; ich rieb sie mit Bimsstein, Ocker und Sand, und es gelang mir, ihr eine so komische antike Form zu geben, daß ich mich des Lachens nicht enthalten konnte. Als ich sie dem Kommissär übergab und er das Messer hineingesteckt hatte, welches vollkommen paßte, war der gute Mensch ganz erstaunt. Wir speisten zusammen, und nach dem Essen beschlossen wir, sein Sohn solle mich begleiten, um mich dem Herrn des Hauses, wo der Schatz war, vorzustellen; ich sollte einen Wechsel von tausend römischen Talern aus Bologna und auf Order seines Sohnes erhalten. Aber er sollte auf meine Order nur dann übergehen, wenn ich den Schatz gehoben hätte, und das Messer in der Scheide sollte nur in meine Hände kommen, wenn ich es brauchte, um die große Beschwörung zu machen. Bis zu diesem Augenblick sollte sein Sohn es immer bei sich haben. Nachdem ich diese Bedingungen angenommen hatte, verpflichteten wir uns schriftlich und setzten die Abreise für den zweitnächsten Tag fest. Im Augenblick unserer Abreise gab der Vater seinem Sohne den Segen und sagte mir, er sei Pfalzgraf, indem er mir das Diplom zeigte, das ihm der Papst darüber hatte ausfertigen lassen. Ich umarmte ihn, indem ich ihn Herr Graf nannte, und nahm seinen Wechselbrief. Nachdem ich Marina, die ich als die begünstigte Geliebte des Grafen Arcorati verließ, Lebewohl gesagt und von Balletti, den ich sicher war, in Venedig vor einem Jahre wiederzusehen, Abschied genommen hatte, ging ich mit meinem Freund O'Neilen soupieren. Am Morgen schifften wir uns ein nach Ferrara und fuhren dann über Bologna nach Cesena weiter, wo wir in der Post abstiegen. Nachdem wir in aller Frühe aufgestanden waren, machten wir einen Spaziergang zu Giorgio Franzia, einem reichen Bauern, dem Herrn des Schatzes. Er wohnte eine Viertelmeile vor der Stadt, und unsere unerwartete Ankunft überraschte ihn angenehm. Er umarmte Capitani, den er kannte, dann ließ er mich mit seiner Familie allein und ging mit meinem Gefährten hinaus, um von Geschäften zu sprechen. Mich auf das Beobachten verlegend, forschte ich alle Familienmitglieder aus und warf meine Augen auf die älteste Tochter. Ihre jüngere Schwester war häßlich, und ihr Bruder war ein wahrer Tropf. Die Mutter schien die Herrin des Hauses zu sein, und drei oder vier Dienstboten bestellten das Hauswesen. Die älteste Tochter nannte sich Genovessa, wie fast alle Bäuerinnen in der Gegend von Cesena. Sobald ich ihren Namen wußte, sagte ich zu ihr, sie müßte achtzehn Jahre alt sein, aher mit einer halb ernsten, halb gekränkten Miene erwiderte sie mir, da täuschte ich mich hübsch, denn sie wäre nur vierzehn Jahre alt. »Ich bin darüber entzückt, mein liebenswürdiges Kind.« Das heiterte ihre Miene auf. Das Haus hatte eine gute Lage und stand auf vierhundert Schritt von allen Seiten frei da. Ich sah mit Vergnügen, daß ich gut untergebracht sein würde, aber ich bemerkte mit Verdruß eine stinkende Ausdünstung, die die Luft verpestete und die den Geistern, die ich beschwören sollte, nicht gefallen konnte. »Frau Franzia,« sagte ich zu der Hausfrau, »woher kommt dieser schlechte Geruch?« »Von dem Hanf, den wir eingeweicht haben.« Da ich glaubte, daß ich nicht mehr von der Wirkung würde zu leiden haben, nachdem die Ursache entfernt wäre, so sagte ich zu ihr: »Für welchen Betrag besitzen Sie davon, beste Frau?« »Für vierzig Taler.« »Hier sind sie. Der Hanf gehört mir, und ich werde Ihrem Mann sagen, daß er ihn sofort wegschaffen läßt.« Da mich mein Begleiter gerufen hatte, ging ich hinunter. Franzia erwies mir alle Ehren, die er dem berühmtesten Zauberer schuldig zu sein glaubte, obwohl ich nicht das Aussehen eines solchen hatte. Wir kamen überein, daß er ein Viertel des Schatzes erhalten sollte, ein anderes Viertel sollte Capitani und der Rest mir gehören. Wie man sieht, nahmen wir auf die Rechte des heiligen Petrus keine Rücksicht. Ich sagte ihm, ich brauchte ein Zimmer mit zwei Betten für mich allein und ein Vorzimmer mit einer Badewanne. Capitani sollte mir gegenüber wohnen, und ich müßte in meinem Zimmer drei Tische, zwei kleine und einen großen, haben. Ich sagte ihm, es wäre unerläßlich, daß er mir eine jungfräuliche Näherin im Alter von vierzehn bis achtzehn Jahren besorgte. Das Mädchen müßte aber das Geheimnis treu bewahren und ebenso alle Leute des Hauses. damit die Inquisition keinen Wind davon bekäme, weil in diesem Falle alle Operationen unnütz wären. »Ich werde«, sagte ich zu ihm, »von morgen an bei Ihnen wohnen, täglich zwei Mahlzeiten nehmen, und ich kann zu meinen Mahlzeiten nur Jeveser trinken. Zum Frühstück darf ich nur Schokolade nehmen, die ich mir selbst zubereite und mit der ich versehen bin. Wenn mein Unternehmen mißlingt, bezahle ich alle Auslagen, die Sie etwa haben sollten. Sie werden sofort den Hanf weit genug wegschaffen lassen, damit sein Geruch nicht die Geister belästigt, die ich beschwören soll; sodann werden Sie die Luft mit Schießpulver reinigen lassen. Jetzt sorgen Sie für einen vertrauenswürdigen Menschen, der morgen unsere Sachen aus dem Gasthof holt, und halten Sie hundert neue Kerzen und drei Fackeln zu meiner Verfügung bereit.« Bei diesen Worten verließ ich Franzia und nahm mit Capitani den Weg nach Cesena. Aber ich war noch nicht hundert Schritte von ihm weg, als ich ihn hinter uns herlaufen hörte. »Mein Herr,« sagte er zu mir, »halten Sie ein, ich bitte Sie, nehmen Sie die vierzig Taler zurück, die Sie meiner Frau für den Hanf gegeben haben.« »Nein, mein Herr, das werde ich nicht tun, denn Sie dürfen durchaus keinen Verlust erleiden.« »Nehmen Sie sie zurück, ich bitte Sie, denn ich kann den Hanf leicht im Laufe des Tages um vierzig Taler verkaufen.« »Dann«, sagte ich zu ihm, »willige ich ein; ich vertraue auf Ihr Wort.« Mein Verhalten machte auf den Mann den tiefsten Eindruck, und er betrachtete mich nur mit der größten Verehrung. Aber diese Verehrung erhöhte sich noch, als ich, trotz dem Zureden meines Begleiters, die hundert Zechinen, die er mir für meine Reisekosten aufdrängen wollte, hartnäckig anzunehmen mich weigerte. Ich entzückte ihn, als ich ihm sagte, unmittelbar vor dem Besitze eines Schatzes achte man nicht auf solche Kleinigkeiten. Nachdem am nächsten Tage unser Gepäck uns vorausgegangen war, fanden wir uns bei dem reichen und einfältigen Franzia ausgezeichnet untergebracht. Er setzte uns ein Mittagsmahl vor, das gut, aber zu verschwenderisch zubereitet war, und ich sagte ihm, er solle sparsamer sein und mir am Abend einfach gute Hausmannskost geben; dies geschah. Nach dem Abendessen suchte mich der Biedermann Franzia auf und sagte mir, was das junge jungfräuliche Mädchen anbeträfe, so glaubte er, die richtige in seiner Tochter Genoveffa zu besitzen; er hätte darüber seine Frau zu Rate gezogen, und ich könnte dessen gewiß fein. »Es ist gut,« sagte ich zu ihm, »aber jetzt sagen Sie mir, welche Gründe sie haben, um zu glauben, daß Sie einen Schatz in Ihrem Hause besitzen?« »Zuerst«, erwiderte er, »die mündliche Überlieferung vom Vater auf den Sohn seit acht Generationen; schließlich die lauten Schläge, die man während der Nacht unter der Erde hört. Überdies öffnet und schließt sich die Türe meines Kellers von selbst alle drei oder vier Minuten, was sicher ein Werk der Dämonen ist, die wir alle Nächte in der Form von pyramidenartigen Flammen auf dem Felde herumirren sehen.« »Wenn es sich so verhält, dann ist es so sicher wie zweimal zwei vier, daß Sie im Hause einen verborgenen Schatz haben. Hüten Sie sich wohl, ein Schloß an die Türe zu legen, die sich wie von selbst öffnet und schließt, denn Sie würden ein Erdbeben hervorrufen, das aus dem ganzen Umkreis einen Abgrund bilden würde. Die Geister wollen frei sein und zerbrechen alle Hindernisse, die man ihnen entgegenstellen will.« »Gott sei gelobt, daß ein Gelehrter, den mein Vater vor vierzig Jahren kommen ließ, uns dasselbe gesagt hat. Dieser große Mann hätte nur drei Tage mehr gebraucht, um den Schatz zu heben, als mein Vater erfuhr, daß die Inquisition sich seiner bemächtigen wollte, und ihn schnell entfliehen ließ. Sagen Sie mir bitte, weshalb die Magie nicht der Inquisition widerstehen kann?« »Weil die Mönche eine noch größere Zahl von Teufeln zu ihrer Verfügung haben als wir. Aber ich bin überzeugt, daß Ihr Vater schon viel für diesen Gelehrten ausgegeben hatte.« »Ungefähr zweitausend Taler.« »Mehr, mehr!« Ich hieß ihn mir folgen, und um etwas Magisches zu tun, tauchte ich eine Serviette in Wasser. Indem ich fürchterliche Worte ausstieß, die keiner Sprache angehörten, wusch ich ihnen allen die Augen, die Schläfen und die Brust, die Genoveffa mir vielleicht nicht ausgeliefert haben würde, wenn ich nicht mit der ihres Vaters, ihrer Mutter und ihres Bruders begonnen hätte. Ich ließ sie auf eine Brieftafche, die ich aus meiner Tasche zog, schwören, daß sie keine unreine Krankheit besäßen und schließlich mußte Genoveffa schwören, daß sie Jungfrau wäre. Da ich sie bis in das Weiße der Augen erröten sah, als sie mir diesen Eid leistete, so hatte ich die Grausamkeit, ihr zu erklären, was es wäre; schließlich aber, da ich sie neuerdings schwören lassen wollte, sagte sie mir, es wäre nicht nötig, daß sie ihren Schwur wiederholte, denn sie wüßte, was es wäre. Ich befahl hierauf ihnen allen, mir einen Kuß zu geben, und als ich dabei merkte, daß Genoveffa Knoblauch gegessen hatte, verbot ich allen, solchen zu genießen, und Giorgio versprach mir, daß man keinen mehr im Hause finden würde. Genoveffa war keine Schönheit an Gesicht, denn sie hatte eine sonnverbrannte Hautfarbe und ihr Mund war zu groß, aber sie besaß bewunderungswürdige Zähne, und die Unterlippe stand ein wenig hervor, wie wenn sie bereit gewesen wäre, Küsse zu empfangen. Ihr Busen war gut gebaut und sehr fest, aber sie war zu blond und ihre Hände waren zu dick. Man mußte also über manche Sache hinwegsehen, übrigens war sie im ganzen ein hübscher Bissen. Meine Absicht war nicht, sie verliebt zu machen. Es genügte, sie an Gehorsam zu gewöhnen, das andere würde mit einer Bäuerin zu langweilig gewesen sein, denn in Ermangelung der Liebe ist mir eine vollständige Gefügigkeit stets als Hauptsache erschienen. Man genießt dann freilich weder Anmut noch Entzücken, aber man wird einigermaßen entschädigt durch die vollständige Herrschaft, die man ausübt. Ich verständigte den Vater, Capitani und Genoveffa, daß sie alle in der Reihenfolge ihres Alters mit mir speisen müßten, und daß Genoveffa immer in meinem Vorzimmer schlafen würde, wohin man eine Badewanne stellen sollte, in der ich meinen Tischgenossen eine halbe Stunde, bevor er sich zu Tische setzen konnte, waschen müßte; außerdem befahl ich, daß er nüchtern zu Tische käme. Ich verfaßte eine Liste von allen Gegenständen, die ich zu brauchen vorgab, und nachdem ich sie Franzia übergeben hatte, sagte ich zu ihm, er müsse selbst am nächsten Tage nach Cesena gehen und alles einkaufen, aber ohne zu handeln. Ich brauchte ein Stück weißer Leinwand, zwanzig bis dreißig Ellen lang, Zwirn, Scheren, Nadeln, Storar, Myrrhe, Schwefel, Olivenöl, Kampfer, ein Ries Papier, Faden, Tinte, zwölf Blätter Pergament, Pinsel und einen Olivenzweig, der groß genug wäre, um einen Stock von anderthalb Fuß Länge daraus zu machen. Nachdem ich meine Befehle mit der ernsthaftesten Miene gegeben hatte und ohne das mindeste Bedürfnis zu lachen zu empfinden, ging ich zu Bett, ganz entzückt über meine Rolle als Magier, in der ich mich zu meinem eigenen größten Erstaunen so gewandt erblickte. Am Morgen nach dem Aufstehen ließ ich Capitani rufen und befahl ihm, jeden Tag sich nach Cesena zu begeben, in das große Kaffeehaus zu gehen, sorgfältig auf alles zu achten, was man sich dort erzählen würde und es mir zu berichten. Franzia, meinen Befehlen gehorsam, kam gegen Mittag von der Stadt mit allen Gegenständen zurück, die ich verlangt hatte. »Ich habe nicht gehandelt,« sagte er zu mir, »und ich bin überzeugt, die Kaufleute haben mich für einen Narren gehalten, denn ich habe wohl um ein Drittel mehr bezahlt, als die Sachen wert sind.« »Um so schlimmer für sie, wenn sie Sie betrogen haben, aber Sie würden alles verdorben haben, wenn Sie gehandelt hätten. Schicken Sie mir Ihre Tochter und lassen Sie mich allein mit ihr.« Sobald sie gekommen war, ließ ich sie die Leinwand in sieben Stücke zerschneiden, vier von je fünf Fuß, zwei zu zwei Fuß und eines zu zwei und einem halben Fuß. Dieses letztere sollte die Kapuze des Kleides bilden, daß ich nötig hatte, um die große Beschwörung zu machen. »Setzen Sie sich neben mein Bett,« sagte ich zu ihr, »und beginnen Sie zu nähen. Sie werden hier speisen und bis zum Abend hier bleiben. Wenn Ihr Vater kommt, werden Sie uns allein lassen, aber Sie werden zurückkommen, um sich schlafen zu legen, sobald ich ihn habe weggehen lassen.« Sie speiste neben meinem Bett, wo die Mutter sie schweigend mit allem bediente, was ich ihr schickte, indem ich sie nur Sankt Jeveser trinken ließ. Gegen Abend, als ihr Vater gekommen war, ging sie hinaus. Ich hatte die Geduld, den Biedermann im Bade abzuwaschen; hierauf ließ ich ihn mir mir zu Abend speisen. Er aß wie ein Werwolf, indem er mir versicherte, zum erstenmal in seinem Leben hätte er vierundzwanzig Stunden verbracht, ohne etwas zu sich zu nehmen. Betrunken vom Sankt Jeveser, legte er sich nieder und schlief einen tiefen Schlaf, bis seine Frau erschien, die mir meine Schokolade brachte. Genoveffa kam wie am Tage zuvor und nähte den ganzen Tag. Sie verschwand bei der Ankunft von Capitani, den ich wie Franzia behandelte, und am nächsten Tage war die Reihe an Genoveffa, und das war das Ziel meiner Arbeiten. Als die Stunde gekommen war, sagte ich zu ihr: »Gehen Sie, Genoveffa, gehen Sie, steigen Sie in das Bad und rufen Sie mich, sobald Sie darin sind, denn ich muß Sie ebenso abwaschen wie Ihren Vater und Capitani.« Sie gehorchte, und eine Viertelstunde darauf rief sie mich. Ich nahm zahlreiche Abwaschungen nach allen Richtungen und in allen Stellungen vor, denn sie war äußerst fügsam, allein bei dieser listigen Handlungsweise litt ich in der Furcht, mich zu verraten, mehr, als ich genoß, und da meine unbescheidenen Hände alle Teile ihres Körpers berührten und sich gerne und länger an einem gewissen sehr reizbaren Ort aufhielten, so fand sich das arme Mädchen von einem Feuer durchströmt, das sie verzehrte, das sich aber durch die Aufregung selbst beschwichtigte. Ich ließ sie einen Augenblick später aus dem Bade steigen, und bevor ich sie in allen Stellungen abtrocknete, war ich nahe daran, die Magie zu vergessen, um mich der Natur hinzugeben. Allein die Natur war schneller und hatte sich schon von selbst erleichtert; so war ich imstande, den Auftritt zu beendigen, ohne den Knoten zu lösen, und indem ich sie verließ, sagte ich ihr, sie sollte sich wieder ankleiden und hierauf sofort zurückkehren. Sie war nüchtern, und da der Hunger sie quälte, so dauerte ihre Toilette nicht lange. Sie aß mit gewaltigem Appetit, und der Sankt Jeveser, den sie wie Wasser trank, belebte ihren Teint derart, daß man seine braune Farbe nicht mehr bemerkte. Als ich nach dem Abendessen mit ihr allein geblieben war, fragte ich sie: »Meine teure Genoveffa, hat dir das mißfallen, was ich an dir zu tun verpflichtet war.« »Im Gegenteil, es hat mir großes Vergnügen gemacht.« »Ich hoffe also, daß du morgen nicht böse sein wirst, nach mir in das Bad zu steigen und mich deinerseits zu waschen, wie ich es getan habe.« »Sehr gern, aber werde ich es machen können?« »Ich werde dich unterrichten, und in Zukunft wirst du alle Nächte in meinem Zimmer schlafen, denn ich muß mich mit eigenen Augen überzeugen, daß ich dich in der Nacht der großen Beschwörung in dem Zustand finden werde, in dem du sein sollst.« Von Stund an nahm das junge Mädchen gegen mich eine zuversichtliche Miene an, ihre gezwungene Haltung verschwand, und sie blickte mich oft an, indem sie mir vertraulich zulächelte. Die Natur hatte gewirkt, und der Geist eines jungen Mädchens vergrößert seinen Wirkungskreis sehr stark, sobald das Vergnügen ihr Lehrer gewesen ist. Sie legte sich nieder, und da sie wohl wußte, daß sie mir nichts Neues zu zeigen hatte, hatte ihre Schamhaftigkeit nicht darunter zu leiden, daß sie sich vor mir entkleidete. Und da die Hitze die geringsten Hüllen lästig machte, so machte sie es sich ganz bequem und schlief ein. Ich machte es ebenso, aber mit einer Art Reue, mich verpflichtet zu haben, das Terrain erst in der Nacht der großen Geisterbeschwörung zu erforschen. Die Hebung des Schatzes mußte mißlingen, das wußte ich wohl, allein ich wußte auch, daß sie nicht darum mißlingen würde, weil Genoveffa sich nicht dazu eignete. Bei Tagesanbruch erhob sich das Mädchen und setzte sich an die Arbeit. Sobald sie das Kleid oder den Uberwurf beendigt hatte, ließ ich sie für mich eine Krone von Pergament mit sieben großen Zacken machen, auf die ich entsetzliche Figuren und Schriftzüge malte. Abends, eine Stunde vor dem Essen, schickte ich mich an, in das Bad zu gehen, und Genoveffa kam herbei, sobald ich gesagt hatte, daß es Zeit zum Eintreten wäre. Sie begann mit dem größten Eifer mir dieselben Abwaschungen zu machen, wie ich ihr am Vorabend, und verfuhr dabei mit der ganzen Sanftmut und Liebenswürdigkeit, deren sie fähig war. Ich verbrachte in diesem Bad eine reizende Stunde, indem ich alles genoß, aber das Wesentliche schonte. Meine Küsse bereiteten ihr Vergnügen, sie begann mich damit zu bedecken, sobald sie sah, daß ich es ihr nicht verbot. Entzückt sie genießen zu sehen, machte ich es ihr bequem, indem ich ihr sagte, der Erfolg der großen magischen Operation hinge von dem Grade des Vergnügens ab, den sie ohne Zwang genösse. Sie machte unglaubliche Anstrengungen, um mich zu überzeugen, daß sie glücklich wäre, und ohne die Grenze überschritten zu haben, die ich mir selbst gesetzt hatte, verließen wir miteinander sehr zufrieden das Bad. Im Augenblick, als wir uns niederlegten, sagte sie zu mir: »Wird es der Sache schaden, wenn wir zusammen schlafen?« »Nein, meine Teure, vorausgesetzt, daß du am Tage der großen Beschwörung Jungfrau bist, weiter ist nichts nötig.« – Bei diesen Worten warf sie sich in meine Arme, und wir verbrachten eine reizende Nacht, während welcher ich Ursache hatte, den Reichtum ihres Temperamentes und die Zurückhaltung des meinigen zu bewundern: ich wußte mich so zu mäßigen, daß ich den Eingang nicht erbrach. Ich verbrachte einen guten Teil der folgenden Nacht mit dem Vater Franzia und Capitani, um mit meinen eigenen Augen die Erscheinungen zu sehen, von den mir der wackere Landmann erzählte. Auf dem Altan des Hofes verborgen, hörte ich deutlich unterirdische Schläge in gleichmäßigen Zwischenräumen, drei oder vier in der Minute. Das Geräusch hörte sich an, wie wenn ein riesiger Stößel in einem Messingmörser aufgestampft würde. Ich nahm meine Pistolen und stellte mich mit ihnen in die Nähe der sich bewegenden Tür, indem ich eine Blendlaterne in der Hand hielt. Ich sah die Tür sich langsam öffnen und dreißig Sekunden später sich mit Gewalt schließen. Ich öffnete und schloß sie selbst mehrmals, und da ich keinen geheimen physischen Grund bei dieser sonderbaren Erscheinung hatte entdecken können, so entschloß ich mich, selbst zu glauben, daß dabei irgendeine geschickte und verborgene Spitzbüberei im Spiele wäre, allein ich kümmerte mich nicht weiter darum, nach der Ursache zu forschen. Wir gingen wieder hinauf und, nachdem ich mich neuerdings auf den Balkon gestellt hatte, sah ich im Hofe Schatten, die kamen und gingen. Das konnte nur die Wirkung einer feuchten und dicken Luft sein, und die pyramidenförmigen Flammen, die ich auf dem Feld irren sah, waren eine Erscheinung, die ich kannte. Ich ließ indessen meine beiden Genossen in dem Glauben, es wären Geister, die über dem Schatz wachten. Dieses Phänomen ist dem ganzen südlichen Italien eigen, wo das Feld zuweilen mit diesen Lufterscheinungen gedeckt ist, die das Volk für Teufel hält, und die leichtgläubige Unwissenheit mit dem Namen Irrgeister bezeichnet. Leser, im folgenden wirst du sehen, wie meine magische Unternehmung endete, und wirst vielleicht ein wenig auf meine Rechnung lachen, ohne daß mich das beleidigen soll. Am nächsten Tage mußte ich mein großes Werk vollbringen, denn sonst hätte ich, nach dem allgemein herrschenden Glauben bis zum nächsten Vollmond warten müssen. Ich mußte die Erdgeister beschwören, den Schatz bis an die Erdoberfläche emporzuheben, und zwar genau an der Stelle, wo ich meine Beschwörungen vornahm. Freilich wußte ich recht gut, daß das Zauberwerk fehlschlagen müßte, aber ich wußte auch, daß es mir nicht an Gründen fehlen würde, um Franzia und Capitani zufriedenzustellen. Auf alle Fälle mußte ich meine Zaubererrolle, die mir den allergrößten Spaß machte, gut durchführen. Ich ließ Genoveffa den ganzen Tag daran arbeiten, etwa dreißig Bogen Papier zu einem Kreise zusammenzunähen, den ich mit den seltsamsten Gestalten bemalte. Dieser Kreis, den ich Maximus nannte, hatte drei geometrische Schritte im Durchmesser. Ich hatte mir eine Art von Zepter oder Zauberstab aus dem Olivenzweig gemacht, den Franzia mir aus Cesena mitgebracht hatte. Nachdem ich mich auf diese Weise vorbereitet hatte, sagte ich zu Genoveffa, um Mitternacht, in dem Augenblick, wo ich den Zauberkreis verließe, müßte sie sich zu allem bereit halten. Dieser Befehl war ihr nicht unangenehm, denn sie brannte darauf, mir diesen Beweis ihres Gehorsams zu geben, ich meinerseits empfand das Bedürfnis, ihre Wünsche zu befriedigen, da ich mich als ihren Schuldner fühlte. Als die Stunde gekommen war, befahl ich dem Vater, Franzia und Capitani sich auf dem Balkon aufzuhalten, einerseits um zu meinen Befehlen bereit zu sein, wenn ich sie etwa rufen sollte, andererseits um zu verhindern, daß einer von den Hausbewohnern die Vorgänge belauschen könnte. Nun legte ich selber alle weltlichen Kleider ab, zog den großen Überwurf an, der von den reinen Händen einer Jungfrau genäht worden war, ließ meine langen, dichten Haare aufgelöst herabwallen und setzte meine sonderbare Krone auf den Kopf. Den Maximus über die Schultern geworfen, in der einen Hand den Zauberstab, in der anderen das wunderwirkende Messer, so stieg ich in den Hof hinab. Dort breite ich, barbarische Wörter murmelnd, meinen Kreis aus, gehe dreimal um diesen herum und springe dann mitten in ihn hinein. Nachdem ich zwei Minuten lang unbeweglich in hockender Stellung verharrt habe, erhebe ich mich und hefte meine Blicke auf eine große fahle Wolke, die am westlichen Himmel aufzieht, während von derselben Seite her ein mächtiger Donnerschlag erschallt. Wie erhaben wäre ich vor den blöden Augen meiner beiden Trottel dagestanden, wenn ich daran gedacht hätte, mir kurz vorher den Himmel anzusehen und die Wettererscheinung vorauszusagen! Die Wolke breitete sich mit ungeheurer Schnelligkeit aus, und bald erschien mir das Himmelsgewölbe, wie wenn es von einem Sargtuch bedeckt wäre, woraus feurige Blitze nach allen Richtungen hervorzuckten. Da dies alles ganz natürlich zuging, hatte ich nicht den geringsten Anlaß, überrascht zu sein. Trotzdem bekam ich etwas Angst, so daß ich den dringenden Wunsch empfand, in meinem Zimmer zu sein. Bald wuchs meine Angst, als ich unter furchtbaren Donnerschlägen einen Blitz auf den anderen folgen und rings um mich her niederfahren sah. Da erfuhr ich an mir selber, welche Wirkung eine große Furcht auf den Geist ausüben kann, denn ich bildete mir ein, daß die Blitze, die in meiner Nähe in die Erde fuhren oder unaufhörlich über meinem Kopf aufleuchteten, nur darum mir nicht den Garaus machten, weil sie nicht in meinen Zauberkreis eindringen könnten. So betete ich mein eigenes Werk an! Dieser dumme Grund hielt mich ab, den Kreis zu verlassen, obwohl ich vor Angst an allen Gliedern zitterte. Ohne diese aus feiger Furcht hervorgegangene Einbildung wäre ich nicht eine Minute länger geblieben; meine eilige Flucht hätte meinen beiden Betrogenen die Augen geöffnet, und sie würden dann gesehen haben, daß ich ganz und gar kein Zauberer, sondern ein erbärmlicher Feigling war. Der starke Wind, die widerhallenden Donnerschläge, ein durchdringender Frost und meine Angst machten, daß ich wie Espenlaub zitterte. Meine Weltanschauung, die ich über jede Anfechtung erhaben glaubte, lag in Trümmern; ich erkannte einen Gott der Rache, der bis zu diesem Augenblick gewartet hatte, um mit einem einzigen Schlage mich für alle meine Freveltaten zu bestrafen und um meinem Unglauben ein Ende zu machen, indem er mich vernichtete. Da es mir nicht möglich war, ein Glied zu rühren, so war ich überzeugt, daß selbst meine Reue zwecklos wäre, und dies vermehrte noch meine Bestürzung. Indessen hört das Gewitter auf, ein starker Regen beginnt zu fallen, die Gefahr verschwindet, und ich fühle meinen Mut von neuem erwachen. So ist der Mensch! Oder wenigstens: so war ich damals. Der Regen strömte so reichlich, daß er die ganze Gegend überschwemmt haben würde, wenn er länger als eine Viertelstunde gedauert hätte. Mit dem Regen hörte auch der Wind auf, die Wolken hatten sich verzogen, und der Mond strahlte in seiner ganzen Schönheit an einem wunderbaren dunkelblauen Nachthimmel. Ich raffte den Zauberkreis zusammen, befahl den beiden Freunden, sie sollten zu Bett gehen, ohne ein Wort mit mir zu sprechen, und begab mich in mein Zimmer. Noch ganz mit meinen Gedanken beschäftigt, warf ich einen Blick auf Genoveffa und fand sie so hübsch, daß ich Angst bekam. Gefügig ließ ich mich abtrocknen, dann aber sagte ich in kläglichem Ton zu ihr, sie möchte sich in ihr Bett legen. Am nächsten Morgen sagte sie mir, sobald sie mich erblickte: als sie mich trotz der Hitze an allen Gliedern hätte zittern gesehen, da hätte ich ihr Angst eingeflößt. Als ich nach einem achtstündigen Schlaf mit beruhigtem Kopf erwachte, empfand ich Abscheu vor dem Possenspiel; ich wunderte mich, daß ich bei Genoveffas Anblick gar nichts mehr fühlte. Nicht daß die willfährige Genoveffa sich geändert hätte – nein, ich war nicht mehr der gleiche. Ich befand mich in einem Zustand von Gleichgültigkeit, den ich bis dahin noch nicht gekannt hatte; die abergläubischen Gedanken, die am Abend vorher die Furcht mir eingeflößt hatte, wirkten fort, und ich glaubte zu erkennen, daß die Unschuld des jungen Mädchens vom Himmel beschützt werde, und daß ich dem furchtbarsten augenblicklichen Tode nicht entronnen wäre, wenn ich gewagt hätte, ihr die Unschuld zu rauben. Übrigens dachte ich damals in der Unvernunft meiner dreiundzwanzig Jahre, mein Entschluß habe weiter keine Bedeutung, als daß der Vater ein bißchen weniger betrogen und daß die Tochter ein bißchen weniger unglücklich sein würde – es hätte ihr denn etwa so ergehen müssen, wie der armen Lucia von Paseano. Da nun Genoveffa in meinen Augen nur noch ein Gegenstand frommer Angst war, so entschloß ich mich, sofort abzureisen. Dieser Entschluß wurde unumstößlich durch die Befürchtung, irgendein frommer Bauer hätte mich vielleicht in meinem sogenannten Zauberkreise meinen Hokuspokus treiben sehen, die allerheiligste oder allerhöllischste Inquisition könnte von meinem frommen Eifer benachrichtigt werden und sich an meine Fersen heften, um mich in einem schönen Autodafé als Hauptperson auftreten zu lassen; und eine derartige Rolle zu spielen, daran lag mir nicht das geringste. Von dieser Möglichkeit erschreckt, ließ ich Vater Franzia und Capitani rufen und sagte ihnen, ich hätte von den sieben Erdgeistern, die den Schatz bewachten, alle möglichen Auskünfte erhalten, aber ich hätte mit ihnen ein Übereinkommen treffen müssen, die Ausgrabung des ihrer Obhut anvertrauten kostbaren Gutes noch zu verschieben. Ich sagte Franzia, ich würde alle Auskünfte, die ich die Geister mir zu geben gezwungen hätte, schriftlich hinterlassen. Ich übergab ihm auch wirklich ein ähnliches Schriftstück, wie das in der Stadtbibliothek von Mantua fabrizierte; ich sagte darin noch, der Schatz bestehe aus Diamanten, Rubinen, Smaragden und aus hunderttausend Pfund Goldstaub. Ich ließ ihn auf meine Brieftasche schwören, er solle auf mich warten, vor allem aber keinem Magier Glauben schenken, wenn er ihm nicht einen Bericht machte, der in allen Punkten mit dem ihm von mir schriftlich hinterlassenen übereinstimmte. Hierauf ließ ich die Krone und den Kreis verbrennen und übergab ihm alles übrige mit dem Befehl, es bis zu meiner Rückkehr sorgfältig aufzubewahren. Zu Capitani sagte ich, er solle sich sofort nach Cesena in den Gasthof begeben, wo wir abgestiegen wären, und dort auf den Mann warten, den Franzia schicken würde, um unsere Sachen zu bringen. Da ich die arme Genoveffa ganz untröstlich sah, nahm ich sie beiseite und sagte ihr zärtlich, sie würde mich binnen kurzem wiedersehen. Ferner glaubte ich ihr sagen zu müssen, daß die große Beschwörung glücklich vollbracht sei, daß es daher auf ihre Jungfernschaft nicht mehr ankomme und daß sie sich verheiraten könne, sobald sie wolle oder Gelegenheit habe. Hierauf begab ich mich sofort nach der Stadt, wo ich Capitani traf. Er wollte noch den Jahrmarkt in Lugo besuchen und dann nach Mantua zurückkehren. Der Trottel sagte mir flennend, sein Vater würde in Verzweiflung sein, wenn er ihn ohne das Messer des heiligen Petrus zurückkommen sähe. »Ich gebe es Ihnen«, sagte ich, »samt der Scheide, wenn Sie mir dafür die tausend römischen Taler geben wollen, auf die der Wechsel lautet.« Er fand dies Geschäft sehr vorteilhaft und willigte mit Freuden ein. Ich gab ihm seinen Wechsel zurück und ließ ihn ein Schriftstück unterzeichnen, worin er sich verpflichtete, mir meine Scheide zurückzugeben, sobald ich ihm das Geld zurückzahlte. Er wartet noch darauf. Ich wußte mit der wunderwirkenden Scheide nichts anzufangen und hatte kein Geld nötig; aber ich hätte mich zu entehren geglaubt, wenn ich sie ihm umsonst gegeben hätte, außerdem fand ich es spaßhaft, die unwissende Leichtgläubigkeit eines Pfalzgrafen von päpstlichen Gnaden zu schröpfen. Später hätte ich ihm freilich gerne das Geld zurückerstattet, das er mir dafür gegeben hatte, aber der Zufall hat es so gefügt, daß wir uns erst sehr lange Zeit nachher wiedersahen und zudem gerade in einem Augenblick, wo die Rückerstattung mir schwierig gewesen sein würde. Ich habe also den Gewinn dieser Geldsumme nur dem Zufall zu danken gehabt, und ganz gewiß hat Capitani nie daran gedacht, sich darüber zu beklagen; denn als Besitzer des gladium cum vagina war er felsenfest überzeugt, Besitzer aller in den Staaten des Allerheiligsten Vaters vergrabenen Schätze zu sein. Capitani reiste am nächsten Tage ab, und ich wollte mich auf den Weg nach Neapel machen; aber es kam wieder etwas dazwischen.