Charles Dickens Nikolas Nickleby 1. Kapitel Das alle übrigen einleitet In einem entlegenen Teil der Grafschaft Devonshire lebte einst ein braver Mann namens Gottfried Nickleby, der sich ziemlich spät noch in den Kopf gesetzt hatte zu heiraten. Da er aber weder jung noch begütert war und daher nicht auf die Hand einer vermögenden Dame rechnen durfte, so verehelichte er sich lediglich aus Zuneigung mit einer alten Flamme, die ihn ihrerseits aus demselben Grunde nahm – so wie etwa zwei Leutchen, die es sich nicht leisten können, um Geld Karten zu spielen, einander hin und wieder den Gefallen erweisen, mitsammen eine Partie »umsonst« zu machen. Die Flitterwochen waren bald vorüber, und da Mr. Nicklebys jährliches Einkommen achtzig Pfund nicht überstieg, blickte das Ehepaar sehnsüchtig in die Zukunft und verließ sich in nicht geringem Maß auf den Zufall, der ihnen aufhelfen sollte. Es gibt, der Himmel weiß, Menschen genug auf der Welt; und sogar in London, wo Mr. Nickleby in jenen Tagen wohnte, hört man nur wenig klagen, daß die Bevölkerung zu spärlich gesäet sei. Dabei aber – du lieber Gott – kann man lange suchen, bis man einen Freund entdeckt. Mr. Nickleby spähte und spähte, bis ihn die Lider nicht weniger schmerzten als das Herz, aber nirgends wollte sich ein solcher blicken lassen. Wenn er dann die vom Ausschauen ermüdeten Augen seinem eigenen Herde zuwandte, so zeigte sich auch dort gar wenig, wo sie hätten ausruhen können. Als schließlich Mrs. Nickleby nach fünf Jahren ihren Gatten mit ein paar Jungen beglückte, fühlte der tief gedrückte Mann die Notwendigkeit, für seine Familie zu sorgen, immer mehr und mehr, und er war bereits nach reiflicher Überlegung zu dem Entschluß gekommen, sich am nächsten Quartal in eine Lebensversicherung einzukaufen und dann ganz zufällig von irgendeinem Monument oder Turm herunterzufallen, als eines Morgens ein schwarzgesiegelter Brief mit der Nachricht anlangte, Mr. Ralph Nickleby, sein Oheim, sei gestorben und habe ihm sein ganzes kleines Vermögen von ungefähr fünftausend Pfund Sterling hinterlassen. Da der Selige bei Lebzeiten keine weitere Notiz von seinem Neffen genommen, als daß er dessen ältestem Knaben, der infolge einer verzweifelten Spekulation den Namen seines Großonkels in der Taufe erhalten hatte, einen silbernen Löffel in einem Maroquinfutteral schickte – was, da dieser nicht allzuviel damit zu essen hatte, fast wie eine Satire darauf aussah, daß das Kind nicht mit einem solchen nützlichen Artikel im Munde auf die Welt gekommen war –, so wollte Mr. Gottfried Nickleby im Anfang die freudige Botschaft kaum glauben. Bei weiterer Prüfung stellte sich jedoch heraus, daß sich die Sache wirklich so verhielt. Der wackere alte Herr hatte, wie es schien, zuerst beabsichtigt, seine ganze Habe dem allgemeinen Rettungsverein zu hinterlassen, und zu diesem Zwecke auch bereits ein Testament aufgesetzt. Aber dieser Verein hatte einige Monate vorher das Pech gehabt, das Leben eines armen Verwandten Mr. Nicklebys zu retten, dem dieser wöchentlich ein Almosen von sechs Schillingen und drei Pence auszahlte. Deshalb widerrief Mr. Ralph Nickleby in höchst gerechter Entrüstung das Vermächtnis durch ein Kodizil und setzte seinen Neffen Gottfried zum Universalerben ein, um dadurch seinen Unwillen sowohl gegen die Gesellschaft, die das Leben des armen Verwandten gerettet, als auch gegen den armen Verwandten selbst, der es sich hatte retten lassen, auszudrücken. Mit einem Teile dieser Erbschaft kaufte Gottfried Nickleby ein kleines Landgut unweit Dawlish in Devonshire und zog sich dorthin mit seiner Gattin und seinen zwei Kindern zurück, um von dem spärlichen Ertrage des Gütchens und den Interessen des ihm noch übrig bleibenden Kapitals zu leben. Als er nach fünfzehn Jahren, etwa fünf Jahre nach dem Tode seiner Gattin, starb, hinterließ er seinem ältesten Sohne Ralph dreitausend Pfund in barem Gelde und dem Jüngeren, Nikolas, tausend Pfund und das Landgut – wenn man anders ein Stück Feld ein Landgut nennen kann, das mit Ausnahme des Hauses und des eingeheckten Grasgartens keinen größeren Umfang hatte als der Russelplatz von Covent Garden. Die zwei Brüder waren mitsammen in einer Schule in Exeter erzogen worden und hatten, da sie gewöhnlich wöchentlich einmal einen Besuch zu Hause machten, von ihrer Mutter oft lange Erzählungen über die Leiden ihres Vaters in den Tagen seiner Armut und die Wichtigkeit ihres verblichenen Onkels in den Tagen seines Wohlstandes mit angehört – Erzählungen, die auf die beiden Knaben einen sehr verschiedenen Eindruck hervorbrachten, denn während der jüngere, dessen Charakter schüchtern und begnügsam war, nur Winke darin sah, das Getriebe der Welt zu meiden und sein Glück in der Ruhe des Landlebens zu suchen, schöpfte Ralph, der ältere, die zwei großen Lehren daraus, daß Reichtum die einzige Quelle von Glück und Ansehen sei und daß er zur Erwerbung desselben alle Mittel anwenden dürfe, sofern sie nicht durch das Gesetz mit Todesstrafe bedroht wären. »Wenn meines Onkels Geld auch keinen Nutzen brachte, solange er lebte«, folgerte Ralph weiter, »so kam es doch nach seinem Tode meinem Vater zugute, der jetzt den höchst lobenswerten Vorsatz hat, es für mich aufzusparen. Und was den alten Herrn anbelangt, so fand dieser doch auch seinen Genuß darin, sich sein Lebtag lang bewußt zu sein, daß ihn seine Familie deshalb beneide und in Ehren halte.« So kam Ralph immer bei derartigen Selbstgesprächen zu dem Schluß, daß auf der ganzen Welt nichts dem Gelde gleichkomme. Doch schon in frühen Jahren beschränkte sich der hoffnungsvolle Knabe nicht auf Theorien und rein abstrakte Spekulationen, sondern eröffnete bereits in der Schule ein kleines Wuchergeschäft, indem er zuerst Schieferstifte und Marmeln auf gute Zinsen auslieh und dann allmählich auf Kupfermünzen überging. Er quälte aber dabei seine Schuldner nicht etwa mit umständlichen und verwickelten Zinseszinsberechnungen. Sein Satz: »Zwei Pence für jeden Halfpenny« vereinfachte das Verfahren außerordentlich. In gleicher Weise vermied der junge Ralph Nickleby alle umständlichen und verwickelten Berechnungen der einzelnen Tage – mit denen man, wie jeder weiß, der schon damit zu tun gehabt, selbst bei dem einfachsten Zinsfuße seine liebe Not hat –, indem er als allgemeine Regel feststellte, daß Kapital nebst Interessen immer am Taschengeldtage, das heißt am Samstag, zurückzuzahlen seien, wobei es sich gleich blieb, ob die Schuld am Montag oder am Freitag kontrahiert worden war. Er folgerte nämlich, und nicht mit Unrecht, daß die Zinsen eigentlich für einen Tag höher sein sollten als für fünf, da man annehmen könne, daß in ersterem Falle dem Borger aus einer besonders großen Verlegenheit geholfen werde, weil dieser sonst gewiß nicht unter solch drückenden Bedingungen Geld würde aufgenommen haben. Nach dem Tode seines Vaters widmete sich Ralph Nickleby, der kurz zuvor in einem Londoner Handlungshaus untergebracht worden, seinem alten Hange, Geld zu erwerben, mit einer solchen Leidenschaft, daß er darüber seinen Bruder viele Jahre lang ganz und gar vergaß. Wenn auch hin und wieder ein Rückerinnern an seinen lieben alten Spielgefährten durch den Nebel, in dem er lebte, brach – denn das Geld umhüllt den Menschen mit einem Nebel, der auf die Gefühle der Jugendzeit weit zerstörender wirkt und einschläfernder als Kohlengas –, so tauchte damit doch immer zugleich der Gedanke auf, jener werde vielleicht, falls das gegenseitige Verhältnis inniger wäre, Geld von ihm borgen wollen. Daher schüttelte Mr. Ralph Nickleby dann jedesmal die Achsel und sagte: Es ist besser so, wie es ist. Nikolas seinerseits lebte als Junggeselle auf seinem Erbgute, bis er, der Einsamkeit müde, die Tochter eines Nachbars mit einer Mitgift von tausend Pfund zum Weibe nahm. Die gute Dame gebar ihm zwei Kinder: einen Sohn und eine Tochter, und als der Sohn ungefähr neunzehn Jahre und die Tochter etwa vierzehn zählte, sah sich Mr. Nickleby nach Mitteln um, sein Kapital wieder zu vergrößern, das durch den Zuwachs seiner Familie und die Kosten der Erziehung der Kinder sehr zusammengeschmolzen war. »Spekuliere damit!« meinte Mrs. Nickleby. »Spekulieren, mein Schatz?« entgegnete Mr. Nickleby bedenklich. »Warum denn nicht?« »Weil wir nichts mehr zu leben hätten, wenn wir es verlören«, antwortete Mr. Nickleby in seiner gewohnten bedächtigen Weise. »Pah«, erwiderte Mrs. Nickleby. »Man könnte es ja immerhin überlegen, meine Liebe«, meinte Mr. Nickleby. »Nikolas ist schon ziemlich herangewachsen«, drängte die Gattin, »und es ist Zeit, daß er sich für einen Beruf entscheidet. Und was soll aus unserem Käthchen, dem armen Kind, werden, wenn wir ihr keinen Heller mitgeben können? Denk an deinen Bruder. Würde er das sein, was er ist, wenn er nicht spekuliert hätte?« »Das ist freilich wahr«, gab Mr. Nickleby zu. »Also gut, meine Liebe. Ich werde spekulieren.« Spekulieren ist ein Hazardspiel. Die Spieler sehen am Anfang wenig oder gar nichts von ihren Karten, und der Gewinn kann groß sein, aber ebenso auch der Verlust. Das Glück war gegen Mr. Nickleby. Die allgemeine Spekulationswut warf sich damals gerade wie toll auf eine bestimmte Aktienunternehmung; die Seifenblase barst, vier Faiseure kauften sich Landgüter in Florenz und vierhundert arme Schlucker, darunter auch Mr. Nickleby, waren – ruiniert. »Das Haus, in dem ich wohne«, seufzte der unglückliche Spekulant, »kann mir morgen genommen werden. Kein Stück unserer alten Möbel bleibt uns. Alles wird an Fremde versteigert werden!« Und dieser letzte Gedanke war ihm so schmerzlich, daß er sich in sein Bett legte, augenscheinlich fest entschlossen, wenigstens dieses in keinem Falle aufzugeben. »Kopf hoch, Sir!« riet der Arzt. »Sie müssen sich nicht so niederdrücken lassen, Sir«, sagte die Krankenwärterin. »Solche Dinge kommen alle Tag vor«, meinte der Advokat. »Und es ist eine große Sünde, sich dagegen aufzulehnen«, ermahnte der Pfarrer. »Ein Mann, der seine Familie hat, sollte so etwas nie tun«, fügten die Nachbarn hinzu. Mr. Nickleby aber schüttelte nur den Kopf dazu, bedeutete allen, das Zimmer zu verlassen, umarmte sein Weib und seine Kinder, drückte sie an das immer matter pochende Herz und sank dann erschöpft auf sein Kissen zurück. Bald sah die Familie zu ihrer großen Bestürzung, daß er irre zu reden begann, denn er sprach lange von der Großmut und der Güte seines Bruders und den schönen Tagen, die sie miteinander auf der Schule zugebracht hatten. Als der Anfall vorüber war, empfahl er sie feierlich dem Einen, der nie der Witwen und Waisen vergißt, lächelte matt, richtete das Gesicht zur Zimmerdecke empor und sagte, er glaube jetzt einschlummern zu können. 2. Kapitel Handelt von Mr. Ralph Nickleby, seinen Geschäften und Unternehmungen. Ferner von einer großen Aktiengesellschaft, die für das ganze Land von größter Bedeutung ist Mr. Ralph Nickleby war im eigentlichen Sinne des Wortes weder Kaufmann noch Bankier noch Sensal noch Notar. Man hätte überhaupt seinen Beruf nicht leicht bestimmen können. Nichtsdestoweniger ließ sich aus dem Umstande, daß er in einem geräumigen Hause in Golden Square wohnte mit einer Messingplatte an der Eingangstüre, die die Aufschrift »Bureau« trug, entnehmen, daß er irgendein Geschäft betrieb oder zu betreiben vorgab. Die weitere Tatsache, daß zwischen halb zehn und fünf Uhr täglich ein Mann mit einem aschfahlen Gesicht und rostbraunem Anzug anwesend war, in einem speisekammerähnlichen Gemach am Ende des Hausflurs auf einem ungewöhnlich harten Stuhl saß – und stets eine Feder hinter dem Ohr hatte, wenn er auf den Ruf der Klingel die Haustüre öffnete, schien das zu bestätigen. Golden Square liegt ziemlich abgelegen. Es hat seine Glanzzeit hinter sich und gehört nur mehr unter die herabgekommenen Plätze, so daß nur wenige Geschäftsleute hier ihren Aufenthaltsort wählen. Die Wohnungen werden meistens vermietet und die ersten und zweiten Stockwerke gewöhnlich möbliert an ledige Herren abgegeben, die zugleich auch im Hause einen Kosttisch finden. Es ist vorzugsweise der Zufluchtsort der Fremden. Sonnverbrannte Männergestalten mit großen Ringen, schweren Uhrketten und buschigem Backenbart, wie sie sich zwischen vier und fünf nachmittags unter der Säulenhalle des Opernhauses versammeln, sobald geöffnet wird, um die Logenbilletts auszugeben, leben in Golden Square oder dessen Nähe. Einige Violinisten und ein Trompeter der Opernkapelle haben hier ihren Wohnsitz aufgeschlagen. In den Kosthäusern wird unaufhörlich musiziert, und die Töne der Klaviere und Harfen beleben die Abendstunden. In Sommernächten kann man aus den offenen Fenstern Gruppen von dunklen, schnurrbärtigen Gesichtern sehen, die fürchterliche Rauchwolken von sich blasen; und der Geruch aller möglichen Sorten von Tabak durchduftet die Luft. Dem Anscheine nach eignet sich ein derartiger Platz nicht besonders für einen Geschäftsmann, aber Mr. Ralph Nickleby wohnte bereits seit vielen Jahren hier, ohne daß man je eine Klage von ihm gehört hätte. Er kannte niemand in der ganzen Umgebung, und niemand kannte ihn, obgleich er in dem Rufe eines unermeßlich reichen Mannes stand. Die Handwerker und Kaufleute hielten ihn für eine Art von Rechtsgelehrten, und die übrigen Nachbarn meinten, er wäre Generalagent oder etwas dergleichen. Aber alle diese Vermutungen stimmten so wenig wie Mutmaßungen über anderer Leute Angelegenheiten meistens. Mr. Ralph Nickleby saß eines Morgens, zum Ausgehen angekleidet, in seinem Bureau. Er trug einen flaschengrünen Spencer über einem blauen Leibrock, eine weiße Weste, graumelierte Beinkleider und Stulpenstiefel. Der Zipfel eines schmalgefältelten Busenstreifs drängte sich, als ob er sich mit Gewalt sehen lassen wollte, zwischen dem Kinn und dem obersten Knopf der Weste hervor, während der Spencer nicht weit genug schloß, um eine lange, aus einer Reihe von einfachen goldenen Ringen bestehende Uhrkette zu verbergen, die an einer goldenen Repetieruhr in Mr. Nicklebys Tasche entsprang und in zwei Schlüssel endigte, von denen der eine zur Uhr selbst, der andere offenbar zu irgendeinem Patentvorlegeschloß gehörte. Mr. Nickleby trug das Haar gepudert, als wünsche er, sich dadurch ein menschenfreundlich wohlwollendes Aussehen zu geben. Wenn er dies aber wirklich beabsichtigte, so hätte er vor allem auch sein Gesicht pudern müssen, in dessen Falten, wie nicht minder in den kalten unsteten Augen, beständige Arglist lauerte. Mr. Nickleby schlug ein vor ihm liegendes Kontobuch zu, warf sich in seinem Stuhl zurück und blickte mit zerstreuter Miene durch die glanzlosen Fensterscheiben. Häuser wie das seine pflegen in London einen trübseligen kleinen Hofraum zu haben, der gewöhnlich durch vier hohe weißgetünchte Mauern eingeschlossen ist und auf den die Schornsteine zürnend herabblicken. Auf solchen Erdflecken welkt alle Jahre ein verkümmerter Baum, der im Spätherbst, wenn andere Bäume ihre Blätter verlieren, so tut, als wenn er etwas Laub hervorbringen wollte, gar bald aber wieder von seiner Anstrengung abläßt, um bis zum nächsten Sommer dürr dazustehen, wo er dann den gleichen Prozeß wiederholt und vielleicht, wenn das Wetter besonders günstig ist, irgendeinen rheumatischen Sperling in Versuchung führt, auf seinen Zweigen zu zirpen. Man nennt diese dunklen Höfe bisweilen Gärten. Der Mieter wirft gewöhnlich gleich bei seinem Einzug einige Packkörbe und ein halbes Dutzend zerbrochene Gläser hinein, und da bleibt dann alles, bis wieder ausgezogen wird, liegen, um unter dem spärlichen Buchsbaum, dem verkümmerten Immerbraun und den zerbrochenen Blumentöpfen in Schmutz und Kot nach Belieben zu modern. In einen derartigen Raum schaute Mr. Ralph Nickleby hinaus, als er, die Hände in den Taschen, durch das Fenster sah. Die Aussicht hatte gerade nichts Einladendes, aber Mr. Nickleby war in düstere Gedanken verloren, und seine Augen wanderten schließlich zu einem kleinen schmutzigen Fenster linker Hand, durch das das Gesicht des Schreibers nur undeutlich sichtbar war, und da der Mann gerade aufblickte, so winkte er ihm einzutreten. Sofort erhob sich der Schreiber von seinem hohen Sessel, der von dem ewigen Aufundabrutschen wie poliert aussah, und erschien in Mr. Nicklebys Zimmer. Er war ein großer Mann in mittleren Jahren mit ein Paar Glotzaugen, von denen das eine unbeweglich war, einer Karfunkelnase, einem leichenfahlen Gesicht und einem Anzug, der aufs äußerste abgetragen, viel zu kurz und zu knapp und mit so wenig Knöpfen versehen war, daß man sich wundern mußte, wie es ihm gelang, seinem Eigentümer nicht vom Leibe zu fallen. »War das halb ein Uhr, Noggs?« fragte Mr. Nickleby mit scharfer, unangenehmer Stimme. »Nicht mehr als fünfundzwanzig Minuten nach der ...« Noggs wollte sagen, »nach der Wirtshausuhr«, besann sich jedoch rechtzeitig und ergänzte: »... nach der Sonne.« »Meine Uhr ist stehengeblieben«, sagte Mr. Nickleby, »kann mir nicht erklären, warum.« »Nicht aufgezogen«, meinte Noggs. »Doch, doch«, versetzte Mr. Nickleby. »Vielleicht die Feder überdreht.« »Kann nicht gut sein.« »Muß wohl«, beharrte Noggs. »Na, meinetwegen«, sagte Mr. Nickleby und steckte seine Repetieruhr wieder in die Tasche. »Vielleicht ist's so.« Noggs gab einen eigentümlich grunzenden Ton von sich, wie er es gewöhnlich am Schlusse eines jeden Wortwechsels mit seinem Herrn zu tun pflegte, um dadurch anzudeuten, daß er recht behalten habe, und versank, da er selten zu sprechen wagte, ohne gefragt zu sein, in ein grämliches Schweigen, wobei er sich langsam die Hände rieb, an den Fingern knackte und sie auf jede mögliche Art verrenkte. Dabei gab er seinem gesunden Auge denselben starren und ungewöhnlichen Ausdruck, den das andere besaß, so daß es unmöglich war, zu erkennen, wohin er eigentlich blicke. Es war dies eine von den zahlreichen Eigentümlichkeiten Mr. Noggs', die jedem, selbst dem gleichgültigsten Beobachter, auf den ersten Blick auffallen mußte. »Ich will jetzt nach der London Tavern gehen«, sagte Mr. Nickleby. »Öffentliche Versammlung?« fragte Noggs. Mr. Nickleby nickte. »Ich erwarte einen Brief von meinem Sachwalter betreffs Ruddles Pfandverschreibung. Wenn das Schreiben überhaupt eintrifft, so muß es um zwei Uhr hier sein. Ich werde um diese Zeit aus der City nach Charing Cross gehen. Wenn also Briefe kommen, so werden Sie mir sie entgegenbringen.« Noggs nickte. In diesem Augenblick wurde die Bureauklingel gezogen. Mr. Nickleby blickte von seinen Papieren auf, und sein Schreiber blieb unbeweglich stehen. »Man hat geläutet«, sagte Noggs, als halte er es für nötig, seinen Gebieter darauf aufmerksam zu machen. »Zu Hause?« »Ja.« »Für jedermann?« »Ja.« »Auch für den Steuereinnehmer?« »Nein. Er soll ein andermal wiederkommen.« Noggs ließ sein gewohntes Grunzen hören, was soviel bedeuten sollte wie »ich dachte es ja«, und ging, da sich das Läuten wiederholte, zur Türe. Bald darauf kehrte er mit einem blassen Herrn namens Bonney zurück, der, eine schmale weiße Halsbinde nachlässig umgebunden, mit wirrem Haar hastig und unruhig ins Zimmer trat und überhaupt ganz so aussah, als habe man ihn in der Nacht aus den Federn geholt, ohne daß er sich zum Ankleiden hätte Zeit nehmen können. »Mein lieber Nickleby«, rief der Herr, seinen weißen Hut abnehmend, der mit Papieren so voll gepfropft war, daß es ein Wunder schien, wie er ihn hatte auf dem Kopf tragen können, »es ist kein Augenblick zu verlieren, ich habe einen Wagen vor der Türe. Sir Matthew Pupker übernimmt den Vorsitz, und auf drei Parlamentsmitglieder können wir mit Bestimmtheit rechnen. Ich habe selbst zwei von ihnen aus den Betten geholt, und der dritte, der die ganze Nacht durch im Crockfordklub am Spieltisch gesessen hat, ist eben nach Hause gegangen, um seine Wäsche zu wechseln und ein paar Flaschen Sodawasser zu trinken. Er wird aber zur rechten Zeit dort sein, um vor der Versammlung seine Rede zu halten. Die durchwachte Nacht hat ihn zwar ein wenig hergenommen, aber das hat nichts zu sagen, er pflegt in solchen Fällen mit besonderem Nachdruck zu reden.« »Es scheint also alles gutgehen zu wollen?« versetzte Mr. Ralph Nickleby, dessen Kaltblütigkeit in scharfem Gegensatz zu der Lebhaftigkeit seines Geschäftsfreundes stand. »Gutgehen?« rief Mr. Bonney. »Es ist die feinste Idee, die je ausgeheckt worden ist. Vereinigte, verbesserte, hauptstädtische Warme-Semmeln- und Kuchenbäckerei und pünktliche Ablieferungsgesellschaft. Kapital fünf Millionen mit fünfmalhunderttausend Aktien à zehn Pfund. Ha, schon der Name wird machen, daß die Aktien in zehn Tagen über Pari stehen.« »Und wenn's soweit ist?« entgegnete Mr. Ralph Nickleby lächelnd. »Wenn's soweit ist, so wissen Sie so gut wie irgendeiner, was dann zu geschehen hat und wie man sich beizeiten ruhig aus der Affäre ziehen kann«, versetzte Mr. Bonney und klopfte dem Geldmann vertraulich auf die Schulter. »Apropos, Sie haben da einen seltsamen Menschen zum Schreiber.« »Hm, ein armer Teufel«, brummte Ralph und zog seine Handschuhe an. »Und doch hat Newman Noggs seinerzeit Pferde und Hunde gehalten.« »Was Sie nicht sagen«, warf der andere gleichgültig hin. »Ja, ja. Und zwar vor nicht allzu langer Zeit. Aber er hat sein Geld durchgebracht. Legte es leichtsinnig an, borgte auf Zinsen und wurde, mit einem Wort, in kurzer Zeit zum Bettler. Er ergab sich dem Trunk, wurde vom Schlag gerührt und kam dann zu mir, um mich um ein Pfund anzupumpen. Und da ich, als er noch in besseren Verhältnissen war ...« »In Geschäftsverbindung mit ihm stand«, ergänzte Mr. Bonney mit einem bedeutsamen Blick. »Ganz recht. So konnte ich ihm natürlich nichts leihen.« »Natürlich nicht.« »Aber ich brauchte gerade einen Schreiber und Bedienten zum Türeöffnen usw. und nahm ihn deshalb aus Barmherzigkeit auf. Und seitdem ist er hier. Ich glaube zwar, daß es in seinem Kopf nicht ganz richtig ist«, fügte Mr. Nickleby mit einem Blick, der mitleidig sein sollte, hinzu, »aber ich kann den armen Kerl zur Not schon gebrauchen.« Der weichherzige Mr. Nickleby vergaß hinzuzusetzen, daß der gänzlich mittellose Newman Noggs einen geringeren Lohn bezog, als ihn etwa ein dreizehnjähriger Knabe bekommen haben würde, und daß die außergewöhnliche Schweigsamkeit des Mannes ihn zu einem sehr wertvollen Diener an einem Orte machte, wo soviel Geschäfte abgewickelt wurden, an deren Geheimhaltung Ralph außerordentlich viel liegen mußte. Die beiden Herren hatten indes große Eile, brachen daher ihr Gespräch ab und verfügten sich zu der bereitstehenden Droschke. Als sie in der Bishopsgate Street anlangten, herrschte dort ein sehr bewegtes Treiben. Es war ein sehr windiger Tag, und ein halbes Dutzend Männer durchzogen die Straßen mit ungeheuern Ankündigungen, auf denen in riesigen Buchstaben zu lesen war, daß Punkt ein Uhr eine öffentliche Versammlung stattfinden werde, um die Zweckmäßigkeit einer Petition an das Parlament hinsichtlich der »Vereinigten, verbesserten, hauptstädtischen Warme-Semmeln- und Kuchenbäckerei und pünktlichen Ablieferungs-Gesellschaft« zu erörtern, deren Kapital auf fünf Millionen zu fünfmalhunderttausend Aktien à zehn Pfund veranschlagt sei. Die genannten Zahlen waren, wie es sich gehört, in gewaltigen schwarzen Ziffern auf den Plakaten verzeichnet. Mr. Bonney brach sich unter den tiefen Bücklingen der Diener, die ihm die Treppe freimachten, mit den Ellenbogen Bahn und betrat mit Mr. Nickleby eine Reihe von Komiteezimmern, in deren zweitem sich ein für eine Sitzung hergerichteter Tisch befand, um den mehrere geschäftsmäßig aussehende Personen versammelt waren. »Hört, hört!« rief ein Herr mit einem Doppelkinn, als sich Mr. Bonney vorstellte. »Einen Stuhl, meine Herren, einen Stuhl!« Die neuen Ankömmlinge wurden mit allgemeinem Beifall begrüßt, Mr. Bonney trat rasch an das Ende des Tisches, nahm seinen Hut ab, fuhr sich mit den Fingern durch die Haare und schlug mit einem kleinen Hammer kräftig auf den Tisch, worauf mehrere Herren »Hört!« riefen und sich gegenseitig zunickten, als wollten sie ihre Bewunderung über dieses geistvolle Benehmen ausdrücken. In diesem Augenblick riß ein Diener in fieberhafter Erregung die Tür auf, stürzte herein und schrie: »Sir Matthew Pupker.« Das Komitee stand auf und klatschte vor Freude in die Hände. Gleich darauf trat Sir Matthew Pupker ein, begleitet von zwei Parlamentsmitgliedern in Lebensgröße, einem irischen und einem schottischen. Alle drei lächelten, verbeugten sich und benahmen sich so obligeant, daß es ein wahres Wunder gewesen wäre, wenn jemand den Mut gehabt hätte, gegen sie seine Stimme zu erheben. Besonders Sir Matthew Pupker, der auf dem Scheitel seines kleinen runden Kopfes ein Flachstoupet trug, war von einem solchen Verbeugungsparoxismus befallen, daß ihm die Perücke jeden Augenblick herunterzufliegen drohte. Als sich diese bedrohlichen Symptome einigermaßen gelegt hatten, drängten sich die Herren, die mit Sir Matthew Pupker und den Parlamentsmitgliedern näher bekannt waren, in kleinen Gruppen um sie, während diejenigen, die sich einer solchen Ehre nicht zu erfreuen hatten, sich sehnsüchtig heranschlichen und sich lächelnd die Hände rieben in der Hoffnung, etwas anbringen zu können, was die Aufmerksamkeit auf sie lenken könnte. Inzwischen gaben Sir Matthew Pupker und die beiden anderen Parlamentsmitglieder die Ansichten zum besten, die die Regierung hinsichtlich der Annahme der Bill hege, berichteten ausführlich, was ihnen die Minister, als sie das letztemal bei ihnen gespeist, zugeflüstert und welche bedeutungsvolle Winke sie dabei hätten fallenlassen. Aus all dem könnten sie nur die Folgerung ziehen, daß, wenn der Regierung irgendein Thema besonders am Herzen läge, dieses kein anderes sein könne als das Gedeihen der »Allgemeinen, verbesserten, hauptstädtischen Warme-Semmeln- und Kuchenbäckerei und pünktlichen Ablieferungs-Gesellschaft«. Das Publikum hatte inzwischen auf den Galerien lebhafte Ungeduld an den Tag gelegt, und es war bereits zu einigen Scharmützeln gekommen, als plötzlich ein lauter Ruf die allgemeine Aufmerksamkeit erregte. Durch eine Nebentür trat jetzt eine lange Reihe von Herren mit entblößtem Häuptern auf die Tribüne. Der Lärm verstummte, und Sir Matthew Pupker übernahm den Vorsitz. In schwungvoller Rede gab er kund, welche Gefühle ihn im gegenwärtigen Augenblick bewegten, was der gegebene Zeitpunkt in den Augen der Welt bedeute und welch wichtigen Einfluß auf den Wohlstand, das Glück, die Bequemlichkeit, die Freiheit und sogar auf die ganze Existenz eines freien und großen Volkes ein Institut üben müsse wie das der Vereinigten, verbesserten, hauptstädtischen Warme-Semmeln- und Kuchenbäckerei und pünktlichen Lieferungs-Gesellschaft. Sodann stand Mr. Bonney auf, um die erste Resolution zu beantragen, fuhr sich mit der Rechten durch die Haare, pflanzte die Linke zierlich in die Hüfte, vertraute seinen Hut der Sorgfalt des Herrn mit dem Doppelkinn an, der außerdem auch noch die Weinflaschen für die Redner bereithielt, und erklärte, daß die anwesende Versammlung nur mit Besorgnis und Unruhe auf den gegenwärtigen Stand des Semmelhandels in der Hauptstadt und deren Nachbarschaft blicken könne, daß die Semmeljungen, wie sie gegenwärtig beschaffen seien, das Vertrauen des Publikums ganz und gar nicht verdienten und daß überhaupt das ganze Semmelsystem ebenso nachteilig für die Gesundheit und Sittlichkeit des Volkes wie verderblich für die höchsten Interessen einer Großstadt wäre. Die Rede des ehrenwerten Herrn entlockte den zuhörenden Damen reichlich Tränen und weckte bei allen Anwesenden die lebhaftesten Empfindungen. Er hatte, wie er sagte, die Wohnungen der Armen in den verschiedenen Distrikten Londons besucht und auch nicht die mindesten Spuren von Semmeln daselbst aufgefunden, weshalb er sich zur Annahme berechtigt glaube, daß so mancher Bedürftige jahraus, jahrein keine solchen zu kosten bekäme. Er hätte ferner bemerkt, daß unter den Semmelverkäufern Hang zu Trunksucht und Ausschweifungen aller Art herrschte, was er der entsittlichenden Natur ihres Geschäftes bei dem gegenwärtigen Betrieb zuschreibe. Dieselben Laster habe er unter der ärmeren Klasse des Volkes, die doch auch am Semmelkonsum teilnehmen sollte, entdeckt und er glaube den Grund dazu in der Verzweiflung zu finden, die diese Leute antreibe, ein schädliches Reizmittel in berauschenden Getränken zu suchen, da sie nicht in der Lage seien, sich ein so ungemein kräftigendes Nahrungsmittel zu kaufen wie die Semmel. Er wolle es auf sich nehmen, vor einem Komitee des Unterhauses zu beweisen, daß eine geheime Verbindung bestehe, die den Preis der Semmel in die Höhe schraube und den Austrägern ein Monopol sichere, und er erkläre sich bereit, dies durch die eigenen Aussagen der Verkäufer vor den Schranken dieses Hauses zu beweisen. Er wolle auch dartun, daß diese Sorte Menschen sich durch geheime Worte und Zeichen miteinander verständige. Die Gesellschaft beabsichtige nun, diesem betrübenden Stand der Dinge abzuhelfen, indem sie erstlich beantrage, daß aller und jeder Privatsemmelverkauf bei schwerer Strafe verboten werde, und zweitens, daß sie selbst das Publikum ausschließlich mit dieser Ware versehen wolle, und zwar so, daß auch die Armen in ihren eigenen Häusern mit Semmeln von vorzüglicher Güte zu herabgesetzten Preisen versorgt werden könnten. Der patriotische Präsident dieser Gesellschaft, Sir Matthew Pupker, habe bereits eine Bill im Parlament eingebracht, zu deren Unterstützung das gegenwärtige Meeting einberufen worden sei. Und wer diese Bill unterstütze, helfe mit, unsterblichen Ruhm und Glanz über England zu bringen durch Förderung der Vereinigten, verbesserten, hauptstädtischen Warme-Semmeln- und Kuchenbäckerei und pünktlichen Lieferungs-Gesellschaft mit einem Kapital von fünf Millionen zu fünfmalhunderttausend Aktien à zehn Pfund. Mr. Ralph Nickleby unterstützte den Antrag, und nachdem ein anderer Herr den Zusatzantrag gestellt hatte, an jeder Stelle in dem Entwurfe an das Parlament, wo das Wort »Semmeln« vorkäme, auch das Wort »Kuchen« hinzuzufügen, ging die Resolution einstimmig durch. Nur ein einziger Mann im dichtesten Gedränge rief »Nein«, wurde aber sofort festgenommen und hinausgeführt. Die zweite Resolution galt der Ausrottung aller Kuchen- und Semmelverkäufer, mochten sie nun Männer oder Weiber, Knaben oder Erwachsene sein, und wurde durch einen weinerlichen Herrn in einer Art Geistlichenhabit vorgebracht, der mit einem so ergreifenden Pathos sprach, daß er sogar den ersten Redner in Schatten stellte. Man hätte eine Stecknadel, ja sogar eine Feder fallen hören können, als er die Grausamkeit schilderte, mit der die Semmeljungen von ihren Herren behandelt würden – was, wie er hervorhob, an sich schon ein hinreichender Grund wäre, um die beantragte, nicht genug zu schätzende Gesellschaft ins Leben zu rufen. Die unglücklichen Jungen würden alle Nacht, selbst in der rauhesten Jahreszeit, auf die nassen Straßen hinausgestoßen, um stundenlang ohne Obdach, Nahrung und warme Bekleidung durch Finsternis und Regen, Hagel und Schnee umherzuwandern, während man die Semmeln fürsorglich in heiße Tücher einschlage. (Ausrufe: Schändlich.) Die Wirkung der Rede auf die Zuhörer war durchschlagend. Die Männer riefen Beifall, und die Damen weinten ihre Taschentücher naß und schwenkten sie dann wieder trocken. Die allgemeine Aufregung war außerordentlich, und Mr. Nickleby flüsterte seinem Freunde zu, die Sache stehe so günstig, daß sie jetzt schon fünfundzwanzig Prozent Agio so gut wie sicher in der Tasche hätten. Der Antrag ging natürlich unter lautem Beifall durch, und man würde in der Begeisterung wahrscheinlich nicht nur die Arme, sondern sogar die Beine in die Höhe gestreckt haben, wenn das angegangen wäre. Sodann stand der Herr auf, der die ganze Nacht über im Spielklub zugebracht hatte und daher etwas hergenommen aussah, und erklärte seinen Mitbürgern, welche Glanzrede er zugunsten der Petition zu halten gedächte, wenn sie im Unterhaus zur Sprache käme, und mit welch grausamem Hohn er das Parlament überschütten wolle, wenn es diesem beifallen sollte, den Antrag zu verwerfen. Er bedaure nur, daß der hochgeschätzte Vorredner in den Entwurf nicht eine Klausel aufgenommen habe, nach der es allen Klassen der bürgerlichen Gesellschaft zur zwingenden Aufgabe gemacht sei, Semmeln und Kuchen zu kaufen, denn er sei kein Freund von halben Maßregeln und huldige dem Prinzip: Aut Caesar aut nihil. Als die Petition endgültig verlesen war, ließ das irische Parlamentsmitglied, ein temperamentvoller junger Mann, eine Rede vom Stapel, wie sie eben nur ein irisches Parlamentsmitglied zu halten imstande ist. Sie war ganz Poesie und rauschte in einem solchen Glutstrom dahin, daß man sich schon erwärmt fühlte, wenn man den Sprecher nur ansah. Sie gipfelte darin, daß der Redner die Ausdehnung der Vereinigten, verbesserten, hauptstädtischen Warme-Semmeln- und Kuchenbäckerei und pünktlichen Ablieferungs-Gesellschaft auch für sein grünes Vaterland fordern werde, auf daß das Geläute der Semmelglocke dessen reiche Täler durchtöne. Den Schluß machte das schottische Parlamentsmitglied mit verschiedenen erfreulichen Hinweisen auf die voraussichtliche Rentabilität des Unternehmens, was die frohe Stimmung, die der dichterische Schwung des Irländers geweckt hatte, noch erhöhte. Kurz, sämtliche Reden bewirkten gerade das, was sie erzielen sollten, und brachten den Zuhörern die felsenfeste Überzeugung bei, daß keine Spekulation so vielverheißend und risikolos wie die gegenwärtige sei. So ging denn die Petition zugunsten der Bill einstimmig durch, und die Versammlung trennte sich unter Beifallsrufen. Mr. Nickleby und die anderen Direktoren verfügten sich nach einem Speisehaus, wo sie ein Lunch einnahmen und es, da die Gesellschaft ja erst im Entstehen war, mit nur je drei Guineen pro Kopf für ihre Bemühungen in Anrechnung brachten. 3. Kapitel Mr. Ralph Nickleby erhält traurige Nachrichten von seinem Bruder, weiß sich aber mit edler Standhaftigkeit zu fassen. Der junge Nikolas gefällt seinem Onkel ausnehmend, und dieser faßt den edelmütigen Entschluß, für dessen Zukunft zu sorgen Mr. Ralph Nickleby trat nach dem Mahle in ungewöhnlich guter Laune den Heimweg an. Als er bei der St.-Pauls-Kirche anlangte, trat er in einen Torweg, um seine Uhr zu richten, und wie er so den Schlüssel in der Hand und die Augen auf den Zeiger der Kirchturmuhr gerichtet dastand, trat plötzlich Newman Noggs an seine Seite. »Ah, Newman«, sagte Mr. Nickleby aufblickend. »Das Schreiben wegen der Hypothek angelangt, was?« »Falsch«, brummte Noggs. »Was? Und es war auch niemand deshalb im Bureau?« Noggs schüttelte den Kopf. »Aber was ist denn also gekommen?« »Ich«, entgegnete Newman. »Und was sonst noch?« »Dies da«, erwiderte Noggs und zog einen versiegelten Brief aus der Tasche. »Poststempel Strand, schwarzes Siegel, schwarzer Rand, Frauenzimmerhand, C. N. in der Ecke.« »Schwarzes Siegel?« fragte Mr. Nickleby mit einem Blick auf den Brief. »Die Schrift kommt mir bekannt vor. Es sollte mich nicht wundernehmen, Newman, wenn mein Bruder tot wäre.« »Glaub's wohl«, versetzte Noggs ruhig. »Wieso?« »Na, weil Sie sich überhaupt über nichts wundern«, antwortete Newman. Mr. Nickleby öffnete den Brief, las ihn mit steinerner Miene, steckte ihn dann in die Tasche und begann, wieder seine Uhr aufzuziehen. »Es ist, wie ich erwartet habe, Newman«, sagte er dabei. »Er ist tot. Hm, kommt mir recht ungelegen. Ich hätt's nicht gedacht.« »Kinder hinterlassen?« forschte Noggs. »Zwei. Das ist's doch eben«, brummte Mr. Nickleby und ging schnell weiter. »Zwei«, wiederholte Noggs mit leiser Stimme. »Und auch eine Witwe. Alle drei sind jetzt in London. Hol sie der Henker. Alle drei hier, Newman!« Noggs blieb ein wenig hinter seinem Gebieter zurück und schnitt merkwürdige Grimassen. Ob infolge von Krämpfen, eines Schmerzgefühls oder eines innerlichen Lachens, konnte niemand als er selbst sagen. Der Ausdruck des menschlichen Gesichtes ist sonst ein Spiegel der Seele, aber Newman Noggs' Züge blieben in allen Gemütsstimmungen ein unlösliches Rätsel. »Gehen Sie nach Hause«, sagte Mr. Nickleby nach einer Weile und warf dabei seinem Schreiber einen Blick zu wie einem Hund. Die Worte waren kaum ausgesprochen, als Newman bereits über die Straße glitt und sich im Augenblick in dem Gedränge verlor. »Hübsch ausgedacht«, brummte Mr. Nickleby im Weitergehen vor sich hin, »hübsch ausgedacht. Mein Bruder hat nie etwas für mich getan, und ich habe es auch nicht erwartet; aber kaum ist ihm der Atem ausgegangen, hält man sich an mich. Ich soll jetzt für ein stämmiges Weib, einen erwachsenen Jungen und ein dito Mädchen sorgen. Was gehen sie mich an? Ich kenne sie doch gar nicht.« Unter solchen und ähnlichen Betrachtungen schlug Mr. Nickleby den Weg nach dem Strand ein, zog den Brief zu Rat, um hinsichtlich der Adresse nicht fehlzugehen, und machte schließlich vor der Türe eines Hauses ungefähr in der Mitte der sehr belebten Straße halt. Es mußte hier ein Miniaturmaler wohnen, denn neben dem Tor war ein großer vergoldeter Rahmen festgeschraubt, auf dem sich auf schwarzem Samtgrunde zwei Porträts in Marineuniform nebst den dazugehörigen Teleskopen – das eines jungen Herrn in Scharlach, der einen Säbel schwang, und das eines Gelehrten mit hoher Stirne, einer Feder, einem Tintenfaß, sechs Büchern und einem Vorhang – befanden. Daneben sah man noch das ungemein ansprechende Bild einer jungen Dame, die in einem riesigen Wuste von Manuskripten las, und die liebenswürdige ganze Figur eines großköpfigen, kleinen Knaben mit Beinen, die perspektivisch zu der Größe von Salzlöffelchen verkürzt waren. Außer diesen Kunstwerken prangten noch viele Köpfe von alten Damen und Herren auf blauem und braunem Hintergrunde, die sich gegenseitig zulächelten – und eine zierlich geschriebene Preisliste mit gepreßtem Rand. Mr. Nickleby warf einen verächtlichen Blick auf diese Armseligkeiten und klopfte mit Doppelschlägen an die Türe, bis ihm ein Dienstmädchen mit ungemein schmutzigem Gesicht öffnete. »Ist Madam Nickleby zu Hause?« fragte Mr. Ralph ungeduldig. »Sie heißt net Nickleby; Sie meinen vielleicht La Creevy?« antwortete das Mädchen und wollte sich eben näher auslassen, als eine weibliche Stimme von einer fast senkrechten Treppe herunter die Frage vernehmen ließ, zu wem der Herr wolle. »Zu Mrs. Nickleby«, erwiderte Ralph. »Das ist doch im zweiten Stock, Hanna«, fuhr dieselbe Stimme fort. »Was du doch für ein dummes Ding bist. Ist die Herrschaft im zweiten Stock zu Hause?« »Es is eben jemand hinausgegangen, aber ich glaube, es war von der Dachstube, aus der man den Kehricht heruntergetragen hat«, versetzte das Mädchen. »So sieh nach«, erwiderte das unsichtbare Frauenzimmer. »Zeig dem Herrn, wo die Klingel ist, und sage ihm, er dürfe nicht mit einem Doppelschlag klopfen, wenn sein Besuch im zweiten Stock gilt. Ich kann überhaupt das Klopfen nicht gestatten, wenn nicht die Klingel gebrochen ist, und dann muß es durch zwei einfache Schläge geschehen.« »Schon gut«, sagte Mr. Ralph und trat ohne weiteres in das Haus. »Pardon, sind Sie Madame La – wie ist Ihr Name?« »Creevy – La Creevy«, versetzte die Stimme, und zugleich tauchte ein gelber Kopfputz über dem Geländer auf. »Ich möchte, wenn Sie erlauben, einen Augenblick mit Ihnen sprechen, Madam.« Die Stimme ersuchte Mr. Nickleby heraufzukommen, doch dies war bereits geschehen, ehe sie noch ausgesprochen hatte, und als Mr. Ralph im ersten Stock anlangte, wurde er von der Besitzerin des gelben Kopfputzes empfangen, deren Kleid und Gesicht so ziemlich von derselben Farbe waren. Miss La Creevy war eine geziert aussehende jugendliche Dame von fünfzig Jahren, und ihr Zimmer bildete ein passendes Seitenstück zu dem vergoldeten Rahmen an der Türe. Nur daß hier die Kunstproduktion üppiger wucherte und der Raum selbst um ein beträchtliches schmutziger war. »Ehüm«, begann Miss La Creevy, zimperlich hinter ihren seidenen Halbhandschuhen hüstelnd, »Sie wünschen wohl ein Miniaturporträt? Ihr Gesicht ist sehr markant, Sir. Sind Sie früher schon gesessen?« »Sie sind, wie ich sehe, hinsichtlich meines Hierseins im Irrtum, Madam«, versetzte Mr. Nickleby in seiner gewohnten plumpen Weise. »Ich habe kein Geld übrig, um es für Miniaturbilder wegzuwerfen, Madame, und Gott sei Dank auch niemand, dem ich eines schenken könnte, im Fall ich welches besäße. Da ich Sie gerade auf der Treppe sah, so wollte ich Ihnen nur einige Fragen über die hier wohnenden Mieter vorlegen.« Miss La Creevy hüstelte abermals, diesmal um ihre Enttäuschung zu verbergen, und sagte: »Ach so.« »Ich vermute aus den an Ihre Magd gerichteten Worten«, fuhr Mr. Nickleby fort, »daß der zweite Stock Ihnen gehört, Madam?« Miss La Creevy erwiderte, daß dem allerdings so sei, aber da sie die Zimmer des zweiten Stockes zur Zeit nicht brauche, so pflege sie sie zu vermieten. Und gegenwärtig seien sie an eine Dame vom Lande mit ihren beiden Kindern vergeben. »An eine Witwe, Madam?« »Ja, an eine Witwe.« »Eine arme Witwe, Madam?« forschte Ralph mit starker Betonung des kleinen Beiworts, das so viel in sich begreift. »Hm, allerdings, ich fürchte, sie ist arm«, versetzte Miss La Creevy. »Ich kenne zufällig die näheren Umstände, Madam«, fuhr Ralph fort. »Mit einem Wort, ich bin ein Verwandter und möchte Ihnen raten, die Familie nicht länger zu behalten.« »Wäre nicht zu hoffen«, entgegnete Miss La Creevy mit einem weiteren Husten, »daß, im Falle die Dame nicht imstande sein sollte, ihre Zahlungsverbindlichkeiten einzuhalten, ihre Familie ...« »Nein, nein, Madam«, unterbrach Ralph hastig, »daran ist nicht im entferntesten zu denken.« »Dann allerdings«, erwiderte Miss La Creevy, »erhält die Sache freilich ein ganz anderes Gesicht.« »Richten Sie sich jedenfalls darnach, Madam«, sagte Ralph, »und treffen Sie demgemäß Ihre Vorkehrungen. Ich bin der einzige Verwandte, den die Familie hat, und halte es für meine Pflicht, Sie in Kenntnis zu setzen, daß ich ihre verschwenderische Lebensweise nicht unterstützen kann. Auf wie lange hat sie sich bei Ihnen eingemietet?« »Es ist nur wochenweise gemietet worden, und Mrs. Nickleby hat für die ersten acht Tage vorausbezahlt.« »Dann werden Sie gut tun, ihr sofort zu kündigen. Das beste ist, wenn sie wieder aufs Land zurückgeht. Hier ist sie nur jedermann im Wege.« »Allerdings«, erwiderte Miss La Creevy, sich die Hände reibend, »wäre es sehr unpassend für eine Dame wie Mrs. Nickleby, wenn sie Zimmer mieten würde, ohne die Mittel zu besitzen, sie auch zu bezahlen.« »Natürlich, natürlich, Madam«, bekräftigte Ralph. »Und da ich vorderhand, hm, nur eine einzeln lebende schutzlose Dame bin«, fuhr Miss La Creevy fort, »so könnte ich einen Verlust an Mietzins nicht verschmerzen.« »Selbstverständlich nicht, Madam«, stimmte Ralph bei. »Immerhin«, fuhr Miss La Creevy, augenscheinlich zwischen Gutmütigkeit und ihrem Vorteile schwankend, fort, »kann ich durchaus nichts gegen die Dame sagen. Wenn sie auch ungemein niedergedrückt zu sein scheint, so ist sie doch sehr gefällig und freundlich, und auch die jungen Leute sind so artig und wohlerzogen, daß man nicht leicht ihresgleichen heutzutage findet.« »Ganz gut, Madam«, knurrte Ralph und wandte sich zum Gehen, da ihm dies der Armut gespendete Lob nicht behagte, »ich habe meine Schuldigkeit getan und vielleicht noch mehr, als ich hätte tun sollen. Ich bin es natürlich gewohnt, daß mir die Menschen dafür keinen Dank wissen.« »Ich für meine Person bin Ihnen jedenfalls sehr verbunden, Sir«, versicherte Miss La Creevy mit einem zierlichen Knicks. »Übrigens, würden Sie mir nicht vielleicht die Gunst erweisen, einige Proben meiner Porträtmalerei anzusehen?« »Sehr gütig, Madam«, lehnte Mr. Nickleby ab und machte sich in großer Eile davon, »aber da ich noch einen Besuch eine Treppe höher abzustatten habe und meine Zeit knapp bemessen ist, so bin ich in der Tat außerstande ...« »Ich werde mich jederzeit glücklich schätzen, wenn Sie etwa im Vorübergehen wieder einmal bei mir vorsprechen wollen«, fing Miss La Creevy wieder an. »Vielleicht haben Sie die Gewogenheit, hier meine Karte anzunehmen, Sir. Ich danke Ihnen. Guten Morgen ...« »Guten Morgen, Madam«, brach Ralph kurz ab und schloß rasch die Türe hinter sich, um jede Fortsetzung des Gespräches zu verhindern. »Also jetzt zu meiner Schwägerin. Na.« Dann klomm er eine zweite steile Treppenflucht empor, die mit großem architektonischen Scharfsinn nur aus Eckstufen zusammengesetzt war, und hielt eben an dem Geländer inne, um ein wenig zu verschnaufen, als er von Miss La Creevys Dienstmagd überholt wurde, die seit ihrer letzten Begegnung mit ihm augenscheinlich nicht sehr gelungene Versuche gemacht hatte, ihr schmutziges Gesicht mit einer noch viel schmutzigeren Schürze zu reinigen, und von ihrer höflichen Gebieterin abgeschickt worden war, den Herrn anzumelden. »Wie ist Ihr Name?« fragte das Mädchen. »Ralph Nickleby.« »Mrs. Nickleby, Mrs. Nickleby«, rief das Mädchen und riß die Türe auf. »Mr. Nickleby ist hier.« Eine tief in Trauer gekleidete Dame erhob sich, als Ralph ins Zimmer trat, war jedoch augenscheinlich nicht imstande, ihm entgegenzugehen, denn sie stützte sich auf den Arm eines zarten, aber ungemein schönen Mädchens von ungefähr siebzehn Jahren, das neben ihr gesessen hatte. Ein junger Mann, anscheinend ein oder zwei Jahre älter, sprang sofort auf und begrüßte Mr. Nickleby als seinen Onkel. »Hm«, brummte Ralph mit einem ungnädigen Stirnrunzeln, »du bist vermutlich Nikolas?« »Das ist mein Name, Sir«, erwiderte der junge Mann. »Nimm mir den Hut ab«, versetzte Ralph herrisch. »Nun, wie geht's Ihnen, Madam? Sie müssen Ihren Kummer niederkämpfen, Madam; ich mache es auch nie anders.« »Der Verlust traf mich so plötzlich und unerwartet«, seufzte Mrs. Nickleby und fuhr sich mit dem Taschentuch über die Augen. »Gar nichts Unerwartetes«, murrte Ralph und knöpfte kaltblütig seinen Rock auf. »Familienväter sterben alle Tage und, Madam, Mütter nicht minder.« »Und auch Brüder, Sir«, fügte Nikolas unwillig hinzu. »Jawohl, Musjö, und auch naseweise Zierbengel und Muttersöhnchen«, bemerkte der Onkel und nahm einen Stuhl. »Sie sprechen sich in Ihrem Brief nicht darüber aus, woran mein Bruder litt, Madam.« »Die Ärzte konnten keine besondere Todesursache finden«, sagte Mrs. Nickleby, in Tränen ausbrechend. »Ach, wir haben nur allzuviel Grund zu glauben, daß er an gebrochenem Herzen starb.« »Pah«, sagte Ralph, »so etwas gibt es doch gar nicht. Ich kann mir vorstellen, daß sich ein Mensch den Hals bricht oder die Nase, oder den Arm, den Fuß oder den Schädel, aber ein gebrochenes Herz? Dummheiten! Wenn einer seine Schulden nicht bezahlen kann, so stirbt er an gebrochenem Herzen, und seine Witwe gilt als Märtyrerin.« »Ich will gern glauben, daß es Leute gibt, denen das Herz nicht brechen kann, weil sie keins haben«, bemerkte Nikolas ruhig. »Wie alt, um Gottes willen, ist denn dieser Bursche?« fragte Ralph wütend, drehte sich auf seinem Stuhl um und musterte mit unaussprechlicher Geringschätzung seinen Neffen von Kopf bis zu Fuß. »Nikolas geht ins neunzehnte.« »Was, neunzehn?«, fuhr Ralph auf. »Und was gedenkst du anzufangen, um dir deinen Lebensunterhalt zu erwerben, Musjö?« »Meiner Mutter will ich unter keinen Umständen zur Last fallen«, rief Nikolas lebhaft. »Würdest auch wenig genug zu beißen haben, wenn du das vorhättest«, brummte Mr. Nickleby verächtlich. »Wie wenig es auch sein mag«, erwiderte Nikolas zornig, »in keinem Falle werden Sie es wohl vermehren.« »Nikolas, Liebling, vergiß dich nicht«, verwies Mrs. Nickleby. »Bitte, bitte, lieber Nikolas«, flehte die Schwester. »Halt deinen Mund, Musjö«, schimpfte Ralph. »Das ist ja ein recht netter Anfang, Madam. Ein netter Anfang.« Mrs. Nickleby entgegnete weiter nichts und bat nur Nikolas durch Gebärden, ruhig zu bleiben. – Onkel und Neffe maßen sich gegenseitig einige Sekunden, ohne ein Wort zu sprechen. Die Züge des Alten waren streng, hart und abstoßend, die des jungen Mannes offen, schön und freimütig. In Ralphs stechenden Augen lag Geiz und Hinterlist, während aus Nikolas' leuchtendem Blick Verstand und Mut sprach. Die Gestalt des jungen Mannes war eher schmächtig, aber männlich und wohlgebaut, und abgesehen von der Frische der Jugend lag in seiner ganzen Haltung etwas, was den Alten in Schranken hielt. Wie schreiend auch ein derartiger Gegensatz für den Zuschauer sein mag, so wird er doch nur in seiner ganzen Schärfe und Bitterkeit von dem empfunden, der dabei die Rolle des Tieferstehenden übernehmen muß, und Ralph Nickleby haßte Nikolas von dieser Stunde an. Der gegenseitigen Besichtigung wurde endlich durch Ralph ein Ende gemacht, der mit der Miene höchster Geringschätzung seine Augen abwandte und Nikolas einen Knaben nannte. Dieser Ausdruck wird von älteren Personen mit Vorliebe gegenüber jüngeren im Tone des Tadels gebraucht, wahrscheinlich in der Absicht, den Leuten glauben zu machen, daß sie um keinen Preis wieder jung werden möchten, selbst wenn sie es könnten. »Nun, Madam«, begann Ralph ungeduldig, »die Gläubiger haben sich das Ihrige geholt, wie Sie mir schrieben, und es ist nichts für Sie übriggeblieben?« »Nichts«, antwortete Mrs. Nickleby. »Und Sie haben das bißchen Geld, das sie noch besaßen, auf die weite Reise nach London verwendet, um zu sehen, was ich für Sie tun werde?« »Ich hoffte«, stotterte Mrs. Nickleby, »daß Sie imstande sein würden, den Kindern Ihres Bruders in ihrem Fortkommen behilflich zu sein. Es war der Wunsch des Sterbenden, daß ich mich an Sie wenden sollte.« »Ich weiß nicht, wie es kommt«, brummte Ralph und ging im Zimmer auf und ab, »aber immer, wenn jemand stirbt, ohne selbst etwas zu hinterlassen, so scheint er zu glauben, er hätte ein Recht, über das Vermögen anderer Leute zu verfügen. – Was hat Ihre Tochter gelernt, Madam?« »Kate ist gut erzogen«, schluchzte Mrs. Nickleby. »Sag deinem Onkel, mein Kind, wie weit du im Französischen und den anderen Lehrgegenständen gekommen bist.« Das arme Mädchen schickte sich an, einige Worte hervorzustottern, aber ihr Onkel fiel ihr unhöflich in die Rede. »Wir müssen versuchen, dich als Hilfslehrerin in einer Klosterschule unterzubringen. Du bist doch hoffentlich nicht zu vornehm dafür?« »Nein, nein, gewiß nicht, Onkel«, schluchzte das Mädchen, »ich will ja alles tun, um mir meinen Lebensunterhalt zu verdienen.« »Nun, nun«, lenkte Ralph ein, vielleicht durch die Schönheit, vielleicht auch durch den Jammer seiner Nichte ein wenig besänftigt, »du mußt es eben versuchen, und wenn es dir zu hart ankommt, so geht's vielleicht mit der Kleidernäherei oder mit dem Stickrahmen. Und hast du je etwas gearbeitet, Musjö?« fuhr er seinen Neffen an. »Nein«, erwiderte Nikolas unbefangen. »Das hätte ich mir denken können. Das ist also die Art, wie mein Bruder seine Kinder erzogen hat, Madam?« »Mein armer Mann hat Nikolas so weit herangebildet, als er es selbst vermochte«, versetzte die Witwe, »und er dachte eben ...« »In Zukunft etwas aus ihm zu machen«, fiel Ralph ein. »Die alte Geschichte. Immer denken und nie handeln. Wäre mein Bruder ein tätiger und kluger Mann gewesen, so würde er Ihnen ein schönes Vermögen hinterlassen haben, Madam, und hätte seinen Sohn in die Welt hinausgeschickt, wie es mein Vater mit mir machte, als ich noch anderthalb Jahre jünger als dieser Bursche war. Dann würde er jetzt in der Lage sein, Sie zu unterstützen, statt Ihnen zur Last zu fallen und Ihre traurige Lage noch zu verschlimmern. Mein Bruder war eben ein unüberlegter, gedankenloser Mensch, Madam, und gewiß kann das niemand mehr fühlen als Sie selbst.« Diese Bemerkung erweckte in der sonst guten, aber äußerst schwachen Frau den Gedanken, daß sie vielleicht mit ihren tausend Pfund doch am Ende eine bessere Partie hätte machen können. Sie ließ ihren Tränen freien Lauf und begann im Übermaß ihres Schmerzes, ihr hartes Los zu beklagen. Unter vielem Schluchzen erzählte sie, daß sie von ihrem armen Gatten in wahrhaft sklavischer Abhängigkeit erhalten worden sei und ihm oft gesagt habe, wie viele bessere Partien sie hätte machen können. Auch habe sie die ganze Zeit über nie gewußt, wo das Geld hinkäme, und es wäre wohl alles weit besser gegangen, wenn er mehr Vertrauen in sie gesetzt hätte, und was dergleichen bittere Erinnerungen mehr sind, die man gewöhnlich bei verheirateten Frauen während ihres Ehestandes oder nachher zu hören bekommt. Sie schloß mit der Klage, daß der teuere Verblichene sich von ihr nie habe raten lassen, ein einziges Mal ausgenommen – was auch in der Tat vollkommen der Wahrheit entsprach, denn das war damals gewesen, als der Grundstein zu seinem finanziellen Zusammenbruch gelegt wurde. Mr. Nickleby hörte all das mit einem halben Lächeln an, und als die Witwe mit ihren Wehklagen endlich fertig war, nahm er das unterbrochene Thema genau da wieder auf, wo er durch den Herzenserguß seiner Schwägerin unterbrochen worden war. »Hast du Lust zu arbeiten, Musjö?« wendete er sich an seinen Neffen. »Das versteht sich von selbst«, sagte Nikolas stolz. »Dann sieh her. Diese Notiz fiel mir heute morgen ins Auge, und du kannst Gott dafür danken.« Nach dieser Einleitung zog Mr. Ralph ein Zeitungsblatt aus der Tasche, suchte eine Weile unter den Anzeigen herum und las dann laut vor: »Erziehungsanstalt. – In Mr. Wackford Squeers' Erziehungsheim, Dotheboys Hall, bei dem anmutigen Dorfe Dotheboys gelegen, in der Nähe von Greta Bridge in Yorkshire, werden Knaben beköstigt, gekleidet, mit Büchern, Taschengeld und allem Erforderlichen versehen und erhalten Unterricht in allen Sprachen lebenden wie toten –, in Mathematik, Orthographie, Geometrie, Astronomie, Trigonometrie, Geographie, Algebra, ferner im Fechten (wenn es verlangt wird), Schreiben, Rechnen, in der Fortifikationslehre sowie jedem Zweige der klassischen Literatur. Pensionsgeld zwanzig Guineen jährlich, keine Extraanforderungen, keine Vakanzen und unvergleichlich gute Kost. Mr. Squeers hält sich gegenwärtig in London auf und ist täglich von ein bis vier Uhr im ›Mohrenkopf‹ in Snow Hill zu sprechen. – N.B. Es wird ein fähiger Hilfslehrer gesucht. Jährliches Gehalt fünf Pfund. Ein Magister der freien Künste erhält den Vorzug.« »So«, schloß Mr. Ralph Nickleby und steckte die Zeitung wieder ein. »Erhältst du diese Stelle, so ist dein Glück gemacht.« »Aber er ist nicht Magister der freien Künste«, wendete Mrs. Nickleby ein. »Das wird sich, glaube ich, machen lassen«, entgegnete Ralph. »Aber das Gehalt ist so gering und die Entfernung gar so groß, Onkel«, jammerte Kate. »Still, mein Kind«, verwies die Mutter, »dein Onkel muß das am besten verstehen.« »Ich sage es noch einmal«, bemerkte Ralph mit Schärfe, »bekommt er die Stelle, so ist sein Glück gemacht. Behagt sie ihm nicht, so mag er selbst für eine andere sorgen. Wenn er aber ohne Freunde, ohne Geld, ohne Empfehlung und ohne jede Geschäftskenntnis eine ehrliche Beschäftigung in London finden kann, mit der er sich auch nur die Schuhsohlen verdient, so will ich ihm tausend Pfund geben. Das heißt«, unterbrach er sich, »ich würde sie ihm geben, wenn ich sie hätte.« »Armer, armer Bruder«, seufzte Kate. »Ach Onkel, müssen wir uns denn schon so bald trennen?« »Belästige deinen Onkel nicht mit Fragen, wo er doch nur für unser Wohl bedacht ist, mein liebes Kind«, tadelte Mrs. Nickleby. »Lieber Nikolas, weißt du denn gar nichts darauf zu sagen?« »Doch, doch, Mutter«, raffte sich Nikolas auf, der bisher schweigend und in Gedanken versunken dagesessen hatte. »Wenn ich so glücklich bin, die Stelle zu erhalten, für die ich mich so wenig geeignet fühle, was wird aber aus denen werden, die ich hier zurücklasse?« »In diesem Fall, aber auch nur in diesem Fall, will ich für deine Mutter und deine Schwester sorgen«, versetzte Ralph, »und ihnen eine Position schaffen, in der sie unabhängig leben können. Es wird dann meine Sorge sein, daß sie keine Woche nach deiner Abreise in ihrer gegenwärtigen Lage bleiben.« »Dann«, rief Nikolas, sprang freudig auf und ergriff die Hand seines Onkels, »dann bin ich bereit, alles zu tun, was Sie von mir wünschen. Wir wollen unverzüglich unser Glück bei Mr. Squeers versuchen. Höchstens kann er mir eine abschlägige Antwort geben.« »Das wird er nicht«, brummte Ralph Nickleby. »Er wird dich mit Freuden annehmen, wenn ich dich ihm empfehle. Suche ihm nach Kräften nützlich zu sein, und du wirst dich binnen kurzem zum Teilhaber an seinem Institut emporschwingen. Du mein Himmel, wenn er dann gar mit Tod abginge, dein Glück wäre auf immer gemacht.« »Ja, ja, ich sehe schon alles vor mir«, rief der arme Nikolas, ganz hingerissen von jugendlicher Begeisterung. »Oder vielleicht gewinnt mich irgendein junger Aristokrat lieb, der in der Anstalt erzogen wird, bittet mich von seinem Vater, wenn er die Schule verläßt und auf Reisen geht, als Hofmeister aus und verschafft mir nach unserer Zurückkunft vom Festland irgendeine hübsche Anstellung. Was halten Sie davon, Onkel?« »Hm, höchst wahrscheinlich«, höhnte Ralph. »Und wer weiß, wenn er kommt, um mich zu Hause zu besuchen, was er natürlich tun würde, so verliebt er sich in Kate, die mir die Wirtschaft führt, und, und – heiratet sie. Wer weiß, nicht wahr, Onkel?« »Ja, wer weiß«, brummte Ralph. »Und wie glücklich würden wir sein!« rief Nikolas begeistert. »Was ist der Schmerz der Trennung gegen die Freude des Wiedersehens. Ich werde stolz darauf sein, Kate eine schöne Frau nennen zu hören, und wie glücklich wird dann erst die Mutter sein, wenn wir wieder alle beisammen sind und diese traurigen Zeiten vergessen sein werden, und dann ...« Die Farben dieses Zukunftsbildes waren zu strahlend, um nicht zu blenden, und Nikolas, der ganz überwältigt war, lächelte leise und brach dann in Tränen aus. Die einfache Familie, die in ihrer Zurückgezogenheit nichts von dem kennengelernt hatte, was man konventionell »Welt« nennt und was eigentlich soviel bedeutet wie Schurkerei, ließ ihren Tränen bei dem Gedanken an die Trennung freien Lauf. Als der erste Gefühlsausbruch vorüber war, fuhren sie mit der Schwungkraft noch nie enttäuschter Hoffnung fort, sich die Zukunft aufs glänzendste auszumalen, bis Mr. Ralph Nickleby einwendete, daß leicht ein glücklicher Bewerber Nikolas des Glückes berauben könne, das die Zeitung in Aussicht stellte, was soviel hieße, wie alle Luftschlösser mit einem Schlage zerstören, wenn man länger warte. Dies steckte der Unterhaltung ein Ziel, und nachdem Nikolas die Adresse Mr. Squeers' sorgfältig notiert hatte, schickte er sich mit seinem Onkel an, den Herrn aufzusuchen. Er hatte jetzt die feste Überzeugung, Ralph sehr unrecht getan zu haben, als er bei der ersten Begegnung einen solchen Widerwillen gegen ihn gefaßt hatte, und Mrs. Nickleby gab sich nicht wenig Mühe, ihre Tochter zu belehren, welch wohlwollender menschenfreundlicher Herr der Onkel wäre. Den Appell ihres Schwagers an ihre Einsicht und das darin fein eingewickelte Kompliment für ihre hohen Verdienste hatte nicht wenig zur Bildung dieser Ansicht beigetragen, und wenn auch die gute Frau ihren Mann zärtlich geliebt hatte und in ihre Kinder sozusagen vernarrt war, so hatte doch Ralph Nickleby, mit den Schwächen des menschlichen Herzens aufs innigste vertraut, wenn ihm auch die schöneren Seiten desselben fremd geblieben, eine jener kleinen mißtönenden Saiten mit so günstigem Erfolge berührt, daß sie sich allen Ernstes für das beklagenswerte, duldende Opfer der Unklugheit ihres verblichenen Gatten zu betrachten begann. 4. Kapitel Nikolas und sein Onkel machen, um das Glück beim Schopf zu fassen, bei Mr. Wackford Squeers ihre Aufwartung Snow Hill! Was für eine Art von Ort mag sich wohl der ruhige Städter unter Snow Hill denken, wenn er dieses Wort mit der vollen Deutlichkeit goldener Buchstaben auf den Landkutschen, die aus dem Norden kommen, liest? Man pflegt sich im allgemeinen stets einen unbestimmten Begriff von einem Orte zu machen, dessen Namen man oft sieht oder hört; und welche Unzahl von falschen Vorstellungen mögen sich wohl schon an dieses Snow Hill gekettet haben? Es ist ein so vielsagender Name. Snow Hill! Und Snow Hill noch dazu in Verbindung mit einem »Mohrenkopf«! Und wie verhält sich in Wirklichkeit die Sache? Der Weg führt uns in den Mittelpunkt von London, so recht in das Herz seines geschäftigsten Treibens, in den Wirbel des Lärms und des Verkehrs. Dort, gleichsam um die gewaltigen Ströme des Lebens zu hemmen, die von allen Seiten ohne Unterlaß herbeifließen und sich unter seinen Mauern begegnen, steht Newgate. In der gedrängt vollen Straße, auf die dieses Gebäude düster zürnend herunterblickt, wenige Fuß von den schmutzigen einsinkenden Häusern auf derselben Stelle, wo die Garköche, Fischhändler und Obstverkäufer ihr Gewerbe treiben, sind einst Hunderte von menschlichen Wesen, oft sechs bis acht kräftige Männer auf einmal, unter einem Gebrüll von Stimmen, gegen das sogar der Tumult einer großen Stadt als nichts erscheint, schnell und gewaltsam unter dem fürchterlichen Zudrang von Menschenmassen aus der Welt geschafft worden. Neugierige Augen blickten dann aus allen Fenstern, von allen Dachgiebeln, Mauern und Pfeilern, und wenn dann der zum Beil verurteilte Elende sich mit dem alles umfassenden Blick der Todesangst unter der Masse von weißen, aufwärts gerichteten Gesichtern umsah, so erblickte er auch nicht eines, das den Ausdruck von Mitleid oder Teilnahme getragen hätte. In der Nähe des Gefängnisses und daher auch in der Nähe von Smithfield, dem Schuldturme, und dem Lärm der City, gerade an einer Stelle von Snow Hill, wo die nach Osten gehenden Omnibuspferde allen Ernstes daran denken, absichtlich zu fallen, und die westwärts ziehenden Fiakergäule zufällig stürzen, befindet sich der Wagenschuppen des Wirtshauses zum Mohrenkopf, dessen Portal durch die Büsten von zwei Mohren behütet wird. Es war ehedem der Stolz und Ruhm der geistvollen Londoner Jugend, diese beiden Wächter herunterzustoßen, aber schon seit einiger Zeit befinden sie sich in ungestörter Ruhe. Vielleicht weil diese Art von Scherz sich nunmehr auf den St.-James-Sprengel beschränkt, wo man sich mit leichter tragbaren Türklopfern zu schaffen macht und Klingeldrähte für geeignetes Spielzeug hält. Mag nun dies der Grund sein oder nicht, genug, sie sind da, zürnend von beiden Seiten des Torwegs herabstierend, und das Wirtshaus selbst, das mit einem weiteren Mohrenkopf geziert ist, blickt finster aus dem Hintergrunde des Hofes hervor, während sich über der Türe des hinteren Schuppens, in dem die roten Postkutschen stehen, ein kleiner Mohrenkopf befindet, der dem vor dem Hauptportal stehenden sprechend ähnlich sieht, wie denn auch das ganze Äußere des Gebäudes mit seiner Säulenordnung dem sarazenischen Geschmack angepaßt zu sein scheint. Geradeaus nach vorn zu ging ein hohes Fenster, über dem das Wort »Kaffeezimmer« gemalt war. Wer da zu rechter Zeit kam, konnte durch dieses Fenster Mr. Wackford Squeers mit den Händen in den Rocktaschen auf und ab gehen sehen. Mr. Squeers' Äußeres war nicht besonders ansprechend. Er besaß nur ein Auge, während man doch im allgemeinen das Vorurteil hegt, der Mensch müsse zwei haben. Aber dieses eine kam ihm ohne Zweifel sehr zustatten, wenn es ihm auch nicht sonderlich zur Zierde gereichte, denn es war von grünlich grauer Farbe und glich so ziemlich dem Ventilator einer Haustüre. Die blinde Seite seines Gesichtes war in unzählige Falten und Runzeln gelegt, und das gab dem Mann, besonders wenn er lächelte, einen um so häßlicheren Ausdruck, als seine Physiognomie sowieso eine nur allzu große Ähnlichkeit mit der eines Gauners hatte. Sein Haar war glänzend und glatt gestrichen, ausgenommen an der niedern sich vordrängenden Stirne, wo es steif in die Höhe gebürstet war. Es war ein Bild, das mit der rauhen Stimme und dem unbeholfenen Benehmen Mr. Squeers' trefflich zusammenstimmte. Etwa zwei- oder dreiundfünfzig alt, war der Mann nur wenig unter Mittelgröße. Er trug ein weißes Halstuch mit langen Zipfeln sowie einen schwarzen Schulmeisteranzug, doch waren die Ärmel seines Leibrockes viel zu lang und seine Hosen viel zu kurz, so daß es fast aussah, als gehörten die Kleider gar nicht ihm. Mr. Squeers stand also in einem Verschlage bei einem der Kaffeezimmer-Kamine. Auf einer Eckbank stand ein mit einem vermürbten Strick zusammengebundener Koffer, und auf diesem saß ein winziger Junge. Seine Schnürstiefel und Corduroy-Hosenbeine baumelten in der Luft, und die Schultern bis zu den Ohren emporgezogen und die Hände auf den Knieen blickte er von Zeit zu Zeit in augenscheinlicher Furcht und Besorgnis nach dem Schulmeister hin. »Halb drei«, brummte Mr. Squeers, wandte sich vom Fenster weg und schaute verdrießlich nach der Uhr des Kaffeezimmers. »Es wird heute niemand mehr kommen.« Durch diese Aussicht sehr mißlaunig gestimmt, blickte er sodann nach dem kleinen Jungen, um zu sehen, ob dieser nicht etwas täte, wofür man ihn züchtigen könne. Da aber der Junge zufällig gar nichts tat, so gab er ihm nur eine Ohrfeige und sagte ihm, er solle es nicht wieder tun. »Als ich das letzte Mal hier war«, brummte Mr. Squeers, »konnte ich zehn Jungen mitnehmen. Zehnmal zwanzig macht zweihundert Pfund. Morgen früh um acht kehre ich wieder heim und habe nur drei. Dreimal null ist null, dreimal zwei ist sechs, sechzig Pfund. Was ist denn aus diesen Jungen geworden? Was ist denn den Eltern in die Köpfe gestiegen? Was soll das alles heißen?« – Hier nieste der kleine Junge auf dem Koffer heftig. »Was war das – was hast du gemacht, Schlingel?« fuhr der Schulmeister auf. »Nichts, Sir«, antwortete das Kind. »Wieso nichts?« »Ich habe nur geniest, Sir«, versetzte der Junge und zitterte dabei so heftig, daß der Koffer unter ihm klapperte. »So, du hast geniest. Warum sagtest du dann, du hättest nichts getan, Bengel?« In Ermangelung einer besseren Antwort bohrte der Kleine seine Fingerknöchel in die Augen und begann zu weinen, wofür ihn Mr. Squeers mit einer Ohrfeige von seinem Koffer herunter und mit einer zweiten wieder hinaufschlug. »Warte nur, bis ich dich in Yorkshire habe, dann sollst du den Rest schon bekommen, Bursche«, knirschte er dabei. »Willst du augenblicklich still sein, Bengel!« »J-j-a-a«, schluchzte das Kind und rieb sich das Gesicht mit einem baumwollenen Taschentuch, das mit der üblichen Bettlerpetition bedruckt war. »Augenblicklich!« donnerte Squeers. »Hörst du?« Da diese Ermahnung mit einer wilden, drohenden Gebärde begleitet war, tat der kleine Junge sein möglichstes, um die Tränen zurückzuhalten, und machte seinen Gefühlen nur noch durch gelegentliches Schluchzen Luft. »Mr. Squeers«, rief jetzt der Kellner zur Tür herein, »in der Bar ist ein Herr, der nach Ihnen fragt.« »Führen Sie ihn herein, Richard«, sagte Mr. Squeers mit sanfter Stimme. »Stecke dein Schnupftuch ein, Lausbub, oder ich bring dich um, sobald der Herr fort ist.« Der Schulmeister hatte dem Kinde kaum diese Worte in grimmigem Tone zugeflüstert, als der Fremde eintrat. Mr. Squeers tat, als sähe er ihn nicht, und gab sich den Anschein, als sei er eben eifrig damit beschäftigt, seinem jungen Zögling eine Feder zu schneiden und ihm väterliche Ermahnungen zu erteilen. »Mein liebes Kind«, sagte er laut, »jeder Mensch hat sein Bündel zu tragen. Aber diese frühe Prüfung, die dir so nahe geht und derentwegen du dir die Augen aus dem Kopfe weinst, was ist sie? Nichts. Weniger als nichts. Du verläßt zwar deine Familie, mein Kind, aber du wirst in mir einen Vater und in Mrs. Squeers eine Mutter finden. In dem anmutigen Dorfe Dotheboys, bei Greta Bridge in Yorkshire, wo junge Leute verköstigt, gekleidet, mit Büchern, Wäsche, Taschengeld und allem Nötigen versehen werden...« »Mr. Squeers, nicht wahr?« unterbrach der Fremde die Reklamepredigt. »Mr. Squeers, wie ich glaube?« »Derselbe, Sir«, sagte Mr. Squeers mit geheuchelter Überraschung. »Der Herr, der eine Anzeige in die Zeitung einrücken ließ?« »Ja, in der Times, der Morning Post, dem Chronicle, Herald und Advertiser, hinsichtlich der Erziehungsanstalt Dotheboys Hall, bei dem anmutigen Dorfe Dotheboys in der Nähe von Greta Bridge in Yorkshire«, bestätigte Mr. Squeers. »Sie kommen in Geschäftsangelegenheiten, Sir, wie ich an ihren beiden jungen Begleitern bemerke. Wie geht es dir, mein junger Freund? Und wie geht's dir, mein Junge?« Mit diesen freundlichen Worten tätschelte Mr. Squeers die zwei hohläugigen, verhungert aussehenden kleinen Knaben, die der Fremde mitgebracht hatte, auf den Kopf und wartete, was ihm dieser mitzuteilen habe. »Ich bin Farbwarenhändler und heiße Snawley, Sir«, stellte sich der Fremde vor. Squeers nickte mit dem Kopf, als wolle er damit sagen: ein sehr schöner Name. »Ich gedenke, Mr. Squeers, meine zwei Knaben ihrer Anstalt anzuvertrauen.« »Es schickt sich vielleicht nicht für mich, Sir, mich selbst zu loben«, versetzte Mr. Squeers bescheiden, »aber Sie hätten keine bessere Wahl treffen können.« »Hm«, brummte der Fremde. »Zwanzig Pfund jährlich, glaube ich, Mr. ...« »Guineen«, verbesserte der Schulmeister. »Pfund! Was meinen Sie, Mr. Squeers, da ich gleich zwei mitbringe?« »Wird sich kaum machen lassen, Sir«, erwiderte Mr. Squeers gekränkt, als ob ihm noch nie früher ein derartiger Antrag gestellt worden wäre. »Doch wir wollen sehen. Viermal fünf ist zwanzig und dies doppelt genommen... Also gut, auf ein Pfund mehr oder weniger soll es uns nicht ankommen. Aber Sie müssen mich bei Ihren Bekannten empfehlen, Sir, damit ich auf diese Weise wieder auf meine Kosten komme.« »Sie sind keine starken Esser«, warf Mr. Snawley hin. »Oh, das kommt weiter nicht in Betracht«, meinte Squeers, »wir nehmen in unserer Anstalt keine Rücksicht auf falsche Appetite. – Die gesündeste Kost, Sir, die man in Yorkshire nur haben kann, und die besten Lehren in jeder Hinsicht. Alles, was sich ein Knabe nur zu Hause wünschen kann, Mr. Snawley!« »Ich lege vor allem auf Sittlichkeit großes Gewicht«, bemerkte Mr. Snawley. »Ich freue mich außerordentlich, dies zu hören«, versetzte der Schulmeister stolz und warf sich in die Brust. »Gerade was Moral anbelangt, hätten Sie kein besseres Institut finden können.« »Davon bin ich überzeugt, Sir«, erwiderte Mr. Snawley. »Ich habe mich bei einem Herrn, auf den Sie sich beriefen, erkundigt, und erfuhr, Sie seien sehr religiös.« »Ich hoffe allerdings, auf den richtigen Pfaden zu wandeln, Sir«, sagte Mr. Squeers bescheiden. »Ich hoffe dies von mir gleichfalls. – Aber könnte ich nicht ein paar Worte mit Ihnen unter vier Augen sprechen?« »Oh, bitte sehr«, versetzte Squeers grinsend. »Kinderchen, unterhaltet euch inzwischen einige Minuten mit euerm neuen Spielkameraden. Dies ist einer meiner Zöglinge, Sir. Er heißt Belling und ist aus Taunton.« »So, so«, sagte Mr. Snawley und musterte den armen Kleinen wie eine Rarität von Kopf bis zu Fuß. »Er geht morgen mit mir nach Dotheboys. Der Koffer, auf dem er sitzt, enthält sein Gepäck. Jeder Knabe muß zwei ganze Anzüge, sechs Hemden, sechs Paar Strümpfe, zwei Schlafmützen, zwei Taschentücher, zwei Paar Schuhe, zwei Hüte und ein – Rasiermesser mitbringen.« »Ein Rasiermesser?« rief Mr. Snawley »Wozu denn das?« »Zum – Rasieren«, sagte Mr. Squeers in gezogenem Tone. Es waren zwei einfache Worte, aber in der Art, in der sie ausgesprochen wurden, mußte etwas Bedeutsames liegen, denn der Schulmeister und der Fremde blickten einander einige Augenblicke scharf an und unterdrückten dann ein Lächeln. Snawley war ein wohlgenährter plattnasiger Mann, dunkelfarbig gekleidet, mit langen schwarzen Gamaschen, und seine Mienen trugen den Ausdruck großer Sittenstrenge, so daß dieses Lächeln ohne irgendeinen augenfälligen Grund sich nur um so auffallender ausnahm. »Bis zu welchem Alter behalten Sie die Knaben in Ihrer Schule?« fragte er nach einer Pause. »Gerade so lange, als ihre Verwandten meinem Geschäftsträger in der Stadt die vierteljährliche Pension vorausbezahlen oder bis die Jungen davonlaufen«, antwortete Squeers. »Wir müssen zur Sache kommen. Kurz und gut, was sind das für Jungen? Natürliche Kinder?« »N-nein«, erwiderte Snawley zögernd. »Ich glaubte, es wäre so. Wir haben nämlich deren eine große Anzahl. Der Junge dort ist auch eines.« »Der Belling?« Squeers nickte; der Farbenhändler blickte wieder nach dem Knaben auf dem Koffer hinüber, wandte sich dann um und machte ein Gesicht, als wundere er sich höchlichst, daß das Kind ganz so wie andere aussehe. »Ja, ja, so ist's«, bestätigte Squeers. »Aber Sie wollten wegen Ihrer Knaben etwas sagen.« »Ja. Hm«, erwiderte Snawley, »die Sache verhält sich so, daß ich nicht ihr eigentlicher Vater, sondern ihr Stiefvater bin, Mr. Squeers.« »Ach, so stehen die Sachen!« rief der Schulmeister. »Das erklärt natürlich alles. Ich konnte mir nicht vorstellen, was zum Henker Sie veranlassen konnte, die Jungen nach Yorkshire zu schicken. Ha, ha, ha, jetzt verstehe ich.« »Sehen Sie mal, ich habe die Mutter geheiratet«, fuhr Snawley fort, »und es kostet viel, die Kinder zu Hause zu erziehen, und da meine Frau einiges Vermögen besitzt, so fürchte ich, sie könnte es vielleicht für die Jungen verschleudern, was ihnen, wie Sie wissen, doch nur schaden würde. Weiber haben doch keine Einsicht.« »Verstehe schon«, wehrte Squeers ab, warf sich in seinem Stuhl zurück und winkte mit der Hand. »Und dies«, nahm Mr. Snawley seine Rede wieder auf, »hat mich zu dem Wunsch veranlaßt, sie in einer möglichst entfernt liegenden Kostschule unterzubringen, wo es keine Vakanzen gibt, damit das unzweckmäßige Nachhausekommen der Kinder, das sonst alle Jahre zweimal zum großen Nachteil der Erziehung stattfindet, wegfällt und sie ein wenig abgeschliffen werden. Sie verstehen?« »Die Zahlungen regelmäßig, ohne irgendwelche weiteren Erkundigungen?« forschte Squeers. »Natürlich. Nur wünsche ich, daß dabei streng auf Sittlichkeit gesehen wird.« »Versteht sich.« »Ich hoffe, es ist nicht gestattet, daß sie zuviel nach Hause schreiben?« fragte der Stiefvater zögernd weiter. »Nie. Nur zu Weihnachten, wo alle in gleicher Weise ihren Angehörigen melden müssen, daß sie sich noch nie so glücklich befunden hätten und wünschten, nie wieder abgeholt zu werden.« »Sehr gut, sehr gut«, erwiderte der Stiefvater, sich die Hände reibend. »Und wenn wir uns gegenseitig schon so gut verstehen«, fuhr Mr. Squeers fort, »werden Sie mir wohl die Frage gestatten, ob Sie mich auch für einen wirklich moralischen, exemplarischen und untadelhaften Mann im Privatleben betrachten und ob Sie in meine Person als Erzieher und was makellose Rechtlichkeit, Uneigennützigkeit, Religiosität und Tüchtigkeit anbelangt, vollkommenes Vertrauen setzen?« »Gewiß«, versicherte der Stiefvater, das Grinsen des Schulmeisters erwidernd. »Sie würden also vielleicht auch nichts dagegen haben, wenn ich mich gelegentlich auf Sie berufe?« »Nicht das mindeste.« »Sie sind ein Mann nach meinem Sinn!« rief Squeers und nahm eine Feder zur Hand. »Das nenne ich mir ein Geschäft, wie ich es liebe.« Nachdem er Mr. Snawleys Adresse notiert hatte, schrieb er noch freudestrahlend eine Quittung über den Empfang der ersten Vierteljahresrate und war kaum mit diesem Geschäft zu Ende, als im Nebenzimmer eine Stimme »nach Mr. Squeers« fragte. »Hier bin ich«, antwortete der Schulmeister. »Was steht zu Diensten?« »Nur eine Geschäftssache«, sagte Mr. Ralph Nickleby eintretend, wobei ihm Nikolas auf den Fersen folgte. »Diesen Morgen stand eine Annonce unter Ihrem Namen in den Zeitungen.« »Gewiß, Sir. Wenn's gefällig ist, näher zu treten«, versetzte Squeers und deutete in das Zimmer mit dem Kamin. »Wollen Sie Platz nehmen?« »Ich dächte schon«, brummte Ralph, ließ seinen Worten die Tat folgen und legte seinen Hut vor sich auf den Tisch. »Dies ist mein Neffe, Sir, Mr. Nikolas Nickleby.« »Wie befinden Sie sich, Sir?« fragte Squeers höflich. Nikolas verbeugte sich, murmelte, daß er ganz wohl sei, und schien ein wenig erstaunt über das Äußere des Eigentümers von Dotheboys Hall zu sein, wozu er übrigens auch alle Ursache hatte. »Vielleicht erinnern Sie sich meiner noch«, begann Ralph nach einer Weile und sah den Schulmeister scharf an. »Ich glaube, Sie bezahlten mir einige Jahre lang bei meinen halbjährigen Besuchen in der Stadt eine kleine Rechnung, Sir«, versetzte Squeers. »Stimmt schon.« »Für Rechnung der Eltern eines Knaben, namens Dorker, der unglücklicherweise ...« »... unglücklicherweise in Dotheboys Hall starb«, beendete Ralph den Satz. »Ich kann mich noch recht gut erinnern, Sir. Ach, meine Frau hatte den Knaben so gern, als ob er ihr eigenes Kind gewesen wäre. Und die Pflege, die sie ihm während seiner Krankheit angedeihen ließ! Toastschnitten und warmen Tee jeden Abend und jeden Morgen, als er nichts mehr anderes genießen konnte! Ein Licht in seinem Schlafzimmer in der Nacht, in der er starb! Das beste Kissen hinaufgeschickt! Doch ich bereue es nicht. Es liegt etwas Erhebendes in dem Gedanken, seine Schuldigkeit getan zu haben.« Ralph lächelte gezwungen und musterte die anwesenden fremden Gesichter. »Es sind nur einige meiner Zöglinge«, erklärte Wackford Squeers und deutete auf die Knaben. »Dieser Herr, Sir, ist ein Vater, der soeben die Güte hatte, mir ein Kompliment zu machen über den Erziehungsplan in Dotheboys Hall, bei dem hübschen Dörfchen Dotheboys, in der Nähe von Greta Bridge in Yorkshire, wo junge Leute verköstigt, gekleidet, mit Büchern, Wäsche und Taschengeld ...« »Ja, ja, wir wissen das alles«, unterbrach ihn Ralph mürrisch, »es steht doch in der Anzeige.« »Sie haben recht, Sir, es steht in der Anzeige«, entschuldigte sich Squeers. »Und verhält sich auch so«, bekräftigte Mr. Snawley. »Ich fühle mich verpflichtet, Ihnen das zu versichern, Sir, und ich bin stolz auf diese Gelegenheit, es tun zu können, zumal Mr. Squeers ein höchst moralischer, exemplarischer, in jeder Beziehung tadelloser Mann ...« »Ich bezweifle es doch gar nicht, Sir«, unterbrach Ralph grob. »Aber ich dächte, wir könnten zur Sache kommen?« »Mit größtem Vergnügen, Sir«, sagte Squeers. »Du sollst ein Geschäft nie verschieben, sei deine erste Regel. Das legen wir unsern für den Handelsstand bestimmten Zöglingen stets ans Herz. Belling, mein Junge, behalte das stets im Gedächtnis. Hörst du?« »Ja, Sir«, hauchte Belling. »Ob er wohl das Sprüchlein jetzt noch weiß?« höhnte Ralph. »Sag es dem Herrn her«, befahl Squeers. »Du sollst ...« stotterte Belling. »Sehr gut. Weiter.« »Dein Geschäft nie ...« fuhr das Kind fort. »Sehr, sehr gut«, lobte Mr. Squeers. »Nun?« »Ver...« flüsterte Nikolas gutmütig dem Knaben zu. »Verrichten«, ergänzte Belling hastig. »Du sollst ein Geschäft nie verrichten.« »Schon gut, Bürschchen«, knirschte Squeers und warf dem Jungen einen vernichtenden Blick zu. »Wenn wir's auch jetzt verschieben müssen, so werden wir doch, wenn wir allein sind, ein kleines Geschäft miteinander zu verrichten haben.« »Vorderhand wäre es aber vielleicht angezeigter, wenn wir an das unserige gingen«, fiel Ralph ein. »Ganz, wie es Ihnen beliebt, Sir.« »Wir werden gleich fertig sein. – Ihrer Anzeige zufolge suchen Sie einen tüchtigen Hilfslehrer?« »Ganz richtig.« »Hier steht er«, sagte Ralph. »Mein Neffe Nikolas, der vor kurzem die Schule verlassen und daher noch alles im Kopf und nichts in der Tasche hat, wäre gerade der Mann, den Sie brauchen.« »Ich fürchte nur«, wendete Squeers ein, durch die Bewerbung eines jungen Mannes von Nikolas' Äußerem verwirrt, »ich fürchte nur, er wird nicht recht für mich passen.« »Er wird es«, sagte Ralph fest, »ich weiß das besser. Nikolas, du brauchst den Mut nicht gleich sinken zu lassen, denn du wirst in weniger als einer Woche die jungen Aristokraten in Dotheboys Hall unterrichten, wenn Mr. Squeers nicht eigensinniger ist, als ich voraussetze.« »Ich fürchte nur, Sir«, wendete sich Nikolas an Squeers, »daß Sie gegen meine Jugend und den Umstand, daß ich nicht Magister bin, etwas einzuwenden haben.« »Letzteres fällt allerdings sehr ins Gewicht«, versetzte Squeers mit möglichst ernster Miene, innerlich nicht wenig verblüfft durch den Gegensatz in der Offenherzigkeit des Neffen und dem weltklugen Benehmen des Onkels sowohl, wie durch die unverständliche Anspielung auf die jungen Aristokraten, die sich in seinem Institut befinden sollten. »Merken Sie mal auf, Mr. Squeers«, mischte sich Ralph ein, »ich will die Sache in das rechte Licht stellen.« »Wenn Sie die Güte haben wollten.« »Wir haben hier einen jungen Mann, einen Jüngling, einen Guckindiewelt oder wie Sie es nennen wollen, von achtzehn oder neunzehn Jahren.« »Das sehe ich«, bemerkte der Schulmeister. »Und ich auch«, mengte sich Snawley ein, der es für passend hielt, seinem neuen Freund den Rücken zu decken. »Sein Vater ist tot. Er selbst weiß nichts von der Welt, ist durchaus mittellos und braucht Beschäftigung«, erklärte Ralph. »Ich empfehle ihn daher Ihrem vortrefflichen Institut, das er zum Grundstein seines Glückes machen kann, wenn er es recht anzugehen weiß. – Verstanden?« »Alle Welt muß das einsehen«, nickte Squeers, den spöttischen Seitenblick nachahmend, mit dem Ralph seinen arglosen Neffen betrachtete. »Natürlich«, bestätigte Nikolas hastig. »Sie sehen, er hat mich verstanden«, fuhr Ralph in seiner harten und trockenen Weise fort. »Wenn irgendeine alberne Laune ihn veranlassen sollte, sich diese günstige Gelegenheit zu verscherzen, so hört meine Verbindlichkeit gegen seine Mutter und Schwester im selben Augenblick auf. Sehen Sie ihn einmal an und bedenken Sie, in wievielerlei Weise er Ihnen nützlich werden kann. Es fragt sich, ob er Ihren Zwecken für die nächste Zeit nicht besser entsprechen wird als zwanzig andere, die Sie unter normalen Umständen aufnehmen können. Nun, ist dies nicht der Überlegung wert?« »Allerdings«, entgegnete Squeers, ein Blinzeln Ralphs erwidernd. »Gut. Dann möchte ich nur noch ein paar Worte allein mit Ihnen sprechen.« Die beiden Ehrenmänner zogen sich sodann zurück, und ein paar Minuten später erklärte Mr. Wackford Squeers, daß Mr. Nikolas Nickleby von Stund an das Amt eines Hilfslehrers in Dotheboys Hall übertragen sei. »Sie verdanken es der Empfehlung ihres Onkels, Mr. Nickleby«, betonte er. Nikolas drückte in der Überfülle seines Herzens seinem Onkel immer und immer wieder die Hand und wäre am liebsten auf der Stelle vor Squeers auf die Knie gefallen. – »Er sieht zwar etwas wunderlich aus«, dachte er sich, »aber was tut das? Bei Porson und dem Doktor Johnson war es auch der Fall, wie überhaupt bei allen solchen Bücherwürmern.« »Morgen früh um acht Uhr geht die Postkutsche ab, Mr. Nickleby«, bemerkte Squeers. »Sie müssen eine Viertelstunde früher hier sein, da wir diese Knaben mitnehmen.« »Ich werde nicht ermangeln, Sir«, sagte Nikolas. »Ich habe die Fahrt für dich bezahlt«, knurrte Ralph. »Du hast also nichts weiter zu tun, als dich warm anzuziehen.« Dies war ein neuer Beweis von Großmut, und Nikolas empfand diese unerwartete Güte so tief, daß er kaum genug Dankesworte finden konnte, und er hatte deren aus der Tiefe seines Herzens noch nicht halb genug hervorgestammelt, als sie sich von dem Schulmeister verabschiedeten und das Gasthaus zum Mohrenkopf verließen. »Ich werde morgen hier sein, um dich wohlbehalten abfahren zu sehen«, sagte Ralph. »Daß du dich also beizeiten einstellst!« »Ich danke Ihnen so sehr, Sir«, beteuerte Nikolas. »Ich werde Ihre Güte nie vergessen.« »Daran wirst du gut tun. Aber mach jetzt, daß du nach Hause kommst, und packe ein, was du zu packen hast. Glaubst du den Weg nach Golden Square finden zu können?« »Gewiß. Ich kann mich ja durchfragen.« »Dann bring diese Papiere meinem Schreiber«, sagte Ralph, ein kleines Päckchen aus der Tasche ziehend, »und richte ihm aus, er solle auf mich warten, bis ich nach Hause komme.« Nikolas übernahm die Botschaft, verabschiedete sich herzlich von seinem würdigen Onkel, was von dem warmherzigen alten Herrn nur durch ein Brummen erwidert wurde, und eilte fort, um seinen Auftrag auszurichten. Bald fand er sich nach Golden Square zurecht, und Mr. Noggs, der auf seinem Heimwege einen Augenblick im Wirtshause vorgesprochen hatte, drückte eben auf die Türklinke, als Nikolas bei der Wohnung seines Oheims anlangte. »Was ist das?« fragte Noggs, auf das Päckchen deutend. »Papiere von meinem Onkel«, erwiderte Nikolas. »Er läßt Ihnen sagen, Sie möchten warten, bis er nach Hause käme.« »Onkel?« rief Noggs. »Mr. Nickleby«, erklärte Nikolas. »Kommen Sie herein«, versetzte Newman und führte Nikolas, ohne weiter ein Wort zu sprechen, in den Hausflur und von da in das Bureau, wo er ihm einen Stuhl hinschob und dann selber seinen Schreiberbock bestieg. Dort blieb er mit schlaff herabhängenden Armen sitzen und betrachtete seinen Gast wie von einer Warte herunter. »Antwort ist nicht nötig«, richtete Nikolas aus und legte das Päckchen vor sich auf den Tisch. Newman erwiderte nichts, verschränkte nur die Arme, streckte den Kopf vor, um Nikolas' Gesicht besser betrachten zu können, und forschte aufmerksam in dessen Zügen. »Keine Antwort«, wiederholte Nikolas sehr laut, da er glaubte, Newman Noggs sei schwerhörig. Newman faltete nur die Hände über dem Knie und fuhr unbeirrt, ohne eine Silbe laut werden zu lassen, fort, das Gesicht seines Gegenübers zu studieren. Dieses Benehmen von Seiten dieses wildfremden Menschen war höchst auffallend und sein Äußeres so sonderbar, daß sich Nikolas nicht enthalten konnte, leise zu lächeln, als er Noggs fragte, ob er vielleicht einen Auftrag für ihn hätte. Noggs schüttelte den Kopf und seufzte, worauf sich Nikolas mit der Bemerkung, daß er nicht müde sei, erhob und sich empfehlen wollte. Newman Noggs seinerseits atmete jetzt tief auf und unterzog sich einer Anstrengung, der ihn niemand, am wenigsten einem Fremden gegenüber, für fähig gehalten haben würde. Er sagte, ohne auch nur ein einziges Mal zu stottern, daß es ihm sehr angenehm wäre, zu erfahren, was Mr. Ralph zu tun gedenke, wenn es der junge Herr für gut finden sollte, eine Mitteilung darüber zu machen. Nikolas sah nicht ein, warum er es nicht sollte, und war im Gegenteil sehr erfreut, eine Gelegenheit zu finden, sich über das, was sein Inneres so ganz ausfüllte, auszulassen. Er setzte sich daher wieder nieder und erging sich mit Wärme in einer glühenden Schilderung all der Ehren und Vorteile, die er sich von seiner Anstellung an dem Sitze der Gelehrsamkeit in Dotheboys Hall versprach. »Aber was ist Ihnen denn? Sind Sie unwohl?« unterbrach er sich plötzlich, als der Schreiber sich in den verschiedenartigsten seltsamsten Stellungen verdrehte, die Hände unter seinem Sitz verkrampfte und mit den Gelenken knackte, als wolle er sich alle Finger zerbrechen. Newman Noggs erwiderte kein Wort und fuhr nur fort, die Achseln zu zucken und mit den Knöcheln zu knacken. Dabei verzog er das Gesicht zu einem grauenhaften Lächeln und starrte mit gespenstigem Ausdruck unverwandten Blickes ins Leere. Anfangs glaubte Nikolas, der rätselhafte Mensch habe einen Anfall von Veitstanz, aber bei weiterer Überlegung entschied er sich für die Meinung, er wäre wohl betrunken, und hielt es daher für das vernünftigste, sich ohne weitere Erklärung zu entfernen. Als er die Türe öffnete, blickte er noch einmal zurück, aber Newman Noggs erging sich noch immer in denselben seltsamen Gebärden, und das Knacken seiner Finger tönte noch lauter als vorher. 5. Kapitel Nikolas begibt sich nach Yorkshire auf die Reise und nimmt Abschied von den Seinigen. – Seine Reisegefährten, und was unterwegs vorfiel Wenn Tränen, die in einen Koffer träufeln, ein Schutzmittel wären, das den Eigentümer vor Leid und Mißgeschick bewahren könnte, so hätte Nikolas Nickleby seine Reise unter den glücklichsten Vorbedeutungen begonnen. Man hatte soviel zu tun und doch so wenig Zeit dazu; so viele herzliche Worte zu sprechen und doch so bitteren Schmerz im Herzen, daß die Vorbereitungen für die Reise in größter Trauerstimmung getroffen wurden. Nikolas bestand darauf, hunderterlei Dinge, die Mutter und Schwester in ihrer Besorgnis für unentbehrlich für ihn hielten, nicht mitzunehmen, da sie den Seinigen in der Not vielleicht nützlich sein und erforderlichenfalls zu Geld gemacht werden könnten. Manch zärtlicher Wortwechsel über derartige strittige Punkte fand in der traurigen Nacht statt, die seiner Abreise voranging, und je näher sie das Ende eines jeden dieser harmlosen Zwiste dem Schlusse ihrer Vorbereitungen brachte, desto geschäftiger wurde Kate und desto mehr weinte sie im stillen. Der Koffer war endlich gepackt, und dann wurde das Abendessen mit einigen für diesen Anlaß bereiteten Leckerbissen herbeigebracht, deren Bestreitung willen Kate und ihre Mutter insgeheim nicht zu Mittag gegessen hatten. Die Bissen quollen jedoch Nikolas im Munde, und es wollte ihm fast das Herz brechen, trotzdem er sich bemühte, fröhlich zu sein, und sich zwang zu lächeln. Um sechs Uhr morgens nach einem unruhigen Schlummer erhob er sich leise, schrieb mit Bleistift einige Worte des Abschieds auf einen Zettel, da er sich den Schmerz eines mündlichen Lebewohls ersparen wollte, legte ihn nebst der Hälfte seiner spärlichen Barschaft vor die Türe seiner Schwester, nahm seinen Koffer über die Schultern und schlich sachte die Stiegen hinunter. »Hanna, bist du's?« rief Miss La Creevy aus ihrem Arbeitszimmer, aus dem hervor der matte Schein eines Kerzenlichtes die Wand des Stiegenhauses beleuchtete. »Nein, ich bin's, Miss La Creevy«, sagte Nikolas, setzte seinen Koffer nieder und blickte in die Stube. »O du mein Himmel«, rief Miss La Creevy aufspringend und fuhr sich mit der Hand nach ihren Haarwickeln. »Sie sind aber sehr früh auf, Mr. Nickleby.« »Sie gleichfalls, Madame«, erwiderte Nikolas. »Die Kunst lockt mich so zeitig aus den Federn, Mr. Nickleby. Ich warte, bis es hell wird, um eine Idee auszuführen.« Miss La Creevy war nämlich so früh aufgestanden, um eine Phantasienase in das Miniaturporträt eines häßlichen kleinen Jungen zu malen, das die Bestimmung hatte, seiner Großmutter auf dem Lande geschickt zu werden, in der Erwartung, sie würde ihn in ihrem Testament besonders bedenken, wenn sie bei dem Bilde eine Familienähnlichkeit herausfinde. »Eine Idee auszuführen«, wiederholte Miss La Creevy, »und da kommt mir der Umstand, daß ich in einer so belebten Straße, wie der Strand ist, wohne, sehr zustatten. Wenn ich einer passenden Nase oder eines Auges für einen meiner Kunden bedarf, so brauche ich mich bloß ans Fenster zu setzen und zu warten, bis das vorbeikommt, was ich brauche.« »Dauert es lange, bis eine geeignete Nase vorbeikommt?« fragte Nikolas lächelnd. »Das hängt doch ganz davon ab, was es für eine sein soll. Stumpfnasen und Habichtsnasen gibt es genug, und Plattnasen von jeder Sorte und Größe trifft man, wenn es eine Versammlung in Exeter Hall gibt; aber wirkliche Adlernasen sind, wie ich mit Bedauern gestehen muß, sehr selten, und doch brauchen wir sie so oft für Offiziere und öffentliche Würdenträger.« »Wirklich? Nun, wenn mir auf meinen Reisen eine solche vorkommen sollte, so will ich versuchen, Ihnen ein Konterfei davon anzufertigen.« »Sie wollen damit doch nicht sagen, daß Sie wirklich die Absicht haben, bei diesem kalten Winterwetter den weiten Weg nach Yorkshire hinunter zu machen, Mr. Nickleby?« fragte Miss La Creevy. »Ich hörte Sie am verflossenen Abend davon sprechen.« »Allerdings habe ich die Absicht«, erwiderte Nikolas. »Sie wissen, die Not kennt kein Gebot.« »Nun, da kann ich weiter nichts sagen, als daß es mir wirklich leid tut, sowohl um Ihrer Mutter und Schwester als auch um Ihretwillen. – Ihre Schwester ist ein so hübsches Mädchen, Mr. Nickleby, und schon deswegen könnte sie sehr notwendig einen Beschützer brauchen. Ich habe sie überredet, mir ein paarmal zu sitzen, um ihr Bild für meinen Haustürrahmen benutzen zu können. Oh, das wird eine herrliche Miniatüre geben.« Mit diesen Worten hielt Miss La Creevy ein auf Elfenbein gemaltes Porträt mit sehr deutlich ausgeführten blauen Adern empor und betrachtete es mit so viel Wohlgefallen, daß Nikolas sie ordentlich beneidete. »Wenn Sie je Gelegenheit haben sollten, Kate irgendeinen kleinen Liebesdienst zu erweisen, nicht wahr, Sie werden es tun?« fragte er, ihr die Hand reichend. »Sie können sich darauf verlassen«, versprach die gutmütige Porträtmalerin. »Gott sei mit Ihnen, auf daß es Ihnen wohl ergehe, Mr. Nickleby.« Nikolas kannte die Welt nur wenig, glaubte aber, es könne jedenfalls nicht schaden und es werde Miss La Creevy für die Seinigen günstig stimmen, wenn er ihr einen Kuß gäbe. Er versetzte ihr daher drei oder vier in einer Art scherzhafter Galanterie, und Miss La Creevy legte dagegen kein stärkeres Mißfallen an den Tag, als daß sie ihren gelben Turban zurechtrückte und erklärte, das sei doch wirklich unerhört, und sie hätte nicht geglaubt, daß so etwas überhaupt möglich wäre. Als dieses Tête-à-tête sich in so befriedigender Weise abgewickelt hatte, verließ Nikolas eilig das Haus. Es war erst sieben Uhr, als er einen Mann auftrieb, der ihm seinen Koffer trug. Neugierig betrachtete er die geschäftigen Vorbereitungen für den kommenden Tag, die in jeder Straße und vor jedem Hause getroffen wurden, und dachte sich, wie hart es für ihn sei, so weit reisen zu müssen, um sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen, wo doch so viele Menschen in London durchkamen. Als er endlich vor dem Mohrenkopf in Snow Hill anlangte, den Träger entlohnte und seinen Koffer wohlbehalten im Postbureau eingestellt hatte, sah er sich in den Kaffeezimmern nach Mr. Squeers um. Er fand den Schulmeister gerade beim Frühstück, und die drei bereits erwähnten Knaben sowie zwei andere, die Squeers durch einen glücklichen Zufall inzwischen noch aufgetrieben hatte, saßen in einer Reihe auf einer Bank gegenüber. Mr. Squeers hatte eine kleine Kaffeekanne, eine Platte mit gerösteten Brotschnitten und ein Stück kaltes Rindfleisch vor sich und war im Augenblick beschäftigt, das Frühstück für seine Zöglinge zu bereiten. »Das soll für zwei Pence Milch sein, Kellner?« fragte er und sah in einen großen blauen Krug, den er ein wenig schräg vor die Augen hielt, um einen genauen Einblick über die enthaltene Flüssigkeit zu gewinnen. »Jawoll, das is für zwei Pence«, antwortete der Kellner. »Was doch die Milch in London für ein teurer Artikel ist«, seufzte Mr. Squeers. »Also dann füllen Sie mir den Krug mit warmem Wasser, William.« »Bis an den Rand, Sir? Na, da wird die Milch ja ersaufen.« »Soll sie«, versetzte Mr. Squeers. »Es geschieht ihr ganz recht, warum ist sie so teuer. Haben Sie ein dickes Brot und Butter für drei bestellt?« »Wird gleich da sein, Sir!« »Ach, hat weiter keine Eile. Wir haben noch Zeit genug. – Haltet eure Lüste im Zaum, Jungens, und giert mir nicht nach Speise und Trank«, ermahnte Mr. Squeers und sprach dabei seinem Roastbeef kräftig zu, als er auf einmal seinen neuangestellten Hilfslehrer erblickte. »Setzen Sie sich, Mr. Nickleby«, lud er Nikolas ein. »Sie sehen, wir sind hier beim Frühstück.« Nikolas konnte zwar nicht sehen, daß jemand anders als Mr. Squeers frühstückte, verbeugte sich aber mit geziemendem Respekt und machte ein möglichst heiteres Gesicht. »Ist das die Milch mit Wasser, William?« fragte Squeers. »Schön, vergessen Sie das Brot und die Butter nicht.« Bei dieser abermaligen Erwähnung der Butterbrote machten die fünf Knaben wieder heißhungrige Augen und folgten mit ihren Blicken sehnsüchtig dem Kellner, während Mr. Squeers die Wassermilch kostete. »Ah«, rief er dann, mit den Lippen schnalzend, »das ist ja eine treffliche Milch. Denkt an die vielen Bettler und Waisen in den Straßen, die froh wären, ihr Jungens, wenn sie so etwas bekämen. Der Hunger ist eine leidige Sache, nicht wahr, Mr. Nickleby?« »Allerdings sehr leidig«, gab Nikolas zu. »Wenn ich ›eins‹ zähle«, wendete sich Mr. Squeers an seine Zöglinge und stellte den Krug vor die Kinder hin, »so kann der Knabe, der zunächst dem Fenster sitzt, einen Schluck tun; zähle ich zwei, so trinkt der nächste, und so fort, bis ich zu fünf, das heißt zu dem letzten Knaben komme. Seid ihr bereit?« »Ja, Sir«, riefen die Kleinen einstimmig. »Dann ist's recht«, sagte Mr. Squeers, ruhig mit seinem Frühstück fortfahrend. »Haltet euch fertig, bis ich zu zählen anfange. Bezähmt euern Appetit, Jungens, und ihr werdet Herr über eure tierischen Begierden. – Sehen Sie, dies ist die Art, wie wir die Kinder an Selbstbeherrschung gewöhnen, Mr. Nickleby«, fügte er mit von Fleisch und Butterbrotschnitten vollgepfropftem Munde, zu Nikolas gewendet, hinzu. Nikolas murmelte etwas, er wußte nicht was, als Erwiderung, und die Knaben teilten ihre Blicke zwischen dem Krug, dem Butterbrot, das inzwischen angelangt war, und jedem Bissen, den Mr. Squeers in den Mund steckte, wobei in ihren heißhungrigen Augen alle Qualen der Erwartung zu lesen waren. »Gottlob, das hat geschmeckt«, sagte Squeers, als er mit seinem Frühstück zu Ende war. »Nummer eins kann zu trinken anfangen.« Nummer eins riß den Krug an den Mund und hatte eben genug getrunken, um noch begieriger zu sein, als Mr. Squeers das Signal für Nummer zwei gab, der ihn in demselben bedeutungsvollen Augenblick an Nummer drei abgeben mußte. Und so wurde der Prozeß wiederholt, bis die Wassermilch mit Nummer fünf zu Ende war. Sodann begann der Schulmeister das »Butterbrot für drei« in ebenso viele Portionen, als Kinder waren, zu teilen und sagte: »Ihr werdet gut tun, mit euerm Frühstück rasch zu machen, denn das Posthorn wird in ein paar Minuten blasen, und dann muß jeder Knabe fertig sein.« Da die Kinder jetzt Erlaubnis hatten, fielen sie sofort über das Butterbrot her und schlangen es gierig und in verzweifelter Hast hinunter, während sich der Pädagog, nach seiner Mahlzeit ungemein gut gelaunt, mit der Gabel die Zähne stocherte und lächelnd zusah. Kurz darauf ertönte das Horn. »Ich habe mir's gleich gedacht, daß es nicht lange dauern könnte«, sagte Squeers aufspringend und zog einen kleinen Korb unter seinem Sitz hervor. »Legt das, was ihr nicht habt essen können, hier herein, Jungens; es wird euch unterwegs guttun.« Nikolas war über diese höchst ökonomischen Maßnahmen nicht wenig verblüfft, hatte aber keine Zeit, weiter darüber nachzudenken, denn die Zöglinge mußten auf die Kutsche hinaufgehoben, ihr Gepäck sowie auch das Mr. Squeers' herausgeholt, versorgt und im Wagen untergebracht werden, was alles Sache des Hilfslehrers war. Nikolas hatte alle Hände voll zu tun und war eben mit diesen Vorkehrungen zustande gekommen, als ihn sein Onkel anredete. »Ah, du bist hier, Musjö? Deine Mutter und Schwester sind auch da.« »Wo?« fragte Nikolas und sah sich hastig um. »Hier. Da sie zuviel Geld haben und nicht wissen, was damit anfangen, wollten sie eben eine Droschke nehmen, als ich zu ihnen kam.« »Wir fürchteten zu spät zu kommen und ihn nicht mehr zu sehen, ehe er abreiste«, entschuldigte sich Mrs. Nickleby, ihren Sohn umarmend, ohne weiter auf die im Hof umherschlendernden Gaffer zu achten. »Schon gut, Madam«, brummte Ralph, »Sie müssen das natürlich am besten wissen. Ich sagte nur, Sie seien eben im Begriff gewesen, eine Droschke zu nehmen. Ich leiste mir nie eine Droschke, Madam. Ich bin seit dreißig Jahren nicht auf eigene Kosten in einer gesessen und hoffe, es soll noch dreißig Jahre dauern, bis ich es tue – wenn ich es erlebe.« »Ich hätte es mir nie verzeihen können, wenn ich ihn nicht noch einmal gesehen hätte«, sagte Mrs. Nickleby; »der liebe arme Junge, er ist sogar ohne Frühstück fortgegangen, weil er uns den Abschiedsschmerz ersparen wollte.« »Wirklich außerordentlich zartsinnig«, höhnte Ralph. »Als ich ins Geschäftsleben trat, kaufte ich mir jeden Morgen, ehe ich in die City ging, ein Pennybrot und für einen halben Penny Milch. Was sagen Sie dazu, Madam? Frühstück? Lächerlich.« »Nun, Nickleby«, meinte Squeers, der in diesem Augenblick, seinen Überrock zuknöpfend, herantrat. »Es wird gut sein, wenn Sie hinten aufsitzen; es könnte ein Knabe herunterfallen, und dann wären zwanzig Pfund jährlich beim Teufel.« »Nikolas«, flüsterte Kate und berührte ihres Bruders Arm, »wer ist dieser gemeine Mensch?« »He?« brummte Ralph, dessen rasches Ohr die Frage aufgefangen hatte. »Wünschest du Mr. Squeers vorgestellt zu werden, meine Liebe?« »Ach, das ist der Schuldirektor? Nein, nein, Onkel, bitte nicht«, versetzte das junge Mädchen und wich scheu zurück. »Ich hörte doch eben, daß du ihn kennenzulernen wünschest«, entgegnete Ralph in seiner kalten beißenden Weise. »Mr. Squeers – hier meine Nichte, Nikolas' Schwester.« »Sehr erfreut, Ihre Bekanntschaft zu machen, Miss«, erwiderte Mr. Squeers, seinen Hut um einige Zoll lüftend. »Ich wollte nur, daß Mrs. Squeers auch Mädchen aufnähme. Sie könnten mir so als Lehrerin passen. Ich möchte übrigens nicht dafür stehen, daß meine Alte nicht eifersüchtig würde, ha, ha, ha.« Hätte der Schulmeister von Dotheboys Hall gewußt, was in diesem Augenblick in der Brust seines Hilfslehrers vorging, so würde er mit einiger Überraschung bemerkt haben, daß er einer gesunden Tracht Prügel so nahe war wie nur je in seinem Leben, aber Kate, die die Gefühle ihres Bruders schnell erfaßte, zog Nikolas sachte beiseite und verhinderte dadurch rechtzeitig, daß Mr. Squeers auf eine für ihn etwas unangenehme Weise Kunde davon bekam. »Lieber Nikolas«, fragte sie leise, »was ist das nur für ein Mann, und wie wird deine Stellung bei ihm sein?« »Ich weiß es selbst nicht, Kate«, flüsterte Nikolas und drückte seiner Schwester zärtlich die Hand. »Ich denke, die Leute von Yorkshire sind etwas roh und ungehobelt; das wird wohl alles sein. Jedenfalls ist er mein Brotherr und mein Vorgesetzter oder wie ich es nennen soll, und es wäre einfältig von mir, seine Ungeschliffenheit übelzunehmen. Aber sie sehen nach uns herüber, und es ist Zeit, daß ich meinen Sitz einnehme. Gott sei mit dir, meine Liebe, und lasse es dir wohlergehn! Und du, Mutter, denk nicht an die Trennung, sondern an das Wiedersehen. Leben Sie wohl, Onkel, und Dank für alles, was Sie an uns getan haben und noch zu tun gedenken. – Ich bin bereit, Sir.« Mit diesen raschen Abschiedsworten schwang sich Nikolas auf seinen Sitz und winkte den Seinigen fröhlich zu, als ob er unverzagten Herzens in die Zukunft blicke. In diesem Augenblick, gerade als der Postillion zum letztenmal vor der Abfahrt mit dem Kondukteur die Unkosten der Reise überschlug und die Gepäckträger die letzten sechs Pence aus den Passagieren herauszupressen versuchten, fühlte er sich leise am Bein berührt. Er sah hinunter und entdeckte Newman Noggs, der ihm einen schmutzigen Brief heraufreichte. »Was ist das?« fragte Nikolas. »Pst«, flüsterte Noggs mit einem Blick auf Ralph, der mit Mr. Squeers in geringer Entfernung in eifrigem Gespräch begriffen war. »Nehmen Sie, lesen Sie! Niemand weiß davon; Punktum.« »Halt. Einen Augenblick!« rief Nikolas. »Nein.« Nikolas rief nochmals: »Halt, halt«, jedoch Noggs war verschwunden. Ein Ruf, daß alles in Ordnung sei, ein paar Stöße in das Posthorn, noch ein hastiger Abschiedsblick von zwei bekümmerten Gesichtern unten, die harten Züge Ralph Nicklebys, und die Kutsche rasselte über das Pflaster von Smithfield dahin. Die kleinen Jungen hatten zu kurze Beine, als daß sie sie, wenn sie saßen, hätten auf etwas ruhen lassen können, und da sie deshalb in unablässiger Gefahr schwebten, vom Wagen zu fallen, so hatte Nikolas alle Hände voll zu tun, achtzugeben. Er fühlte sich daher nach dieser damit verbundenen Angst und körperlichen Anstrengung nicht wenig erleichtert, als die Postkutsche vor dem »Pfauen« in Islington Halt machte. Noch mehr Trost gewährte es ihm aber, daß ein Herr von biederem Äußern, heiterer Miene und gesunder Gesichtsfarbe hinten aufstieg und sich erbot, die andere Seite des Sitzes einzunehmen. »Wenn wir ein paar von den Jungen in die Mitte nehmen«, sagte der neue Passagier, »so sitzen sie, im Falle sie einschlafen sollten, sicherer. Meinen Sie nicht?« »Wenn Sie die Güte haben wollen, Sir«, versetzte Squeers, »so wäre ich Ihnen sehr verbunden. Mr. Nickleby, nehmen Sie drei von den Knaben zwischen sich und den Herrn. Belling und der junge Snawley können zwischen mir und dem Kondukteur sitzen. Drei Kinder«, erklärte er dem Fremden, »zahlen nur für zwei.« »Das kann man sich gefallen lassen«, lachte der Herr. »Ich habe einen Bruder, der nichts dagegen hätte, wenn seine sechs Kinder in den Büchern des Bäckers und Metzgers des ganzen Königreichs nur als vier zählen würden. Im Gegenteil –« »Sechs Kinder, Sir!?« rief Squeers. »Ja, und lauter Knaben.« »Mr. Nickleby«, sagte Squeers aufgeregt, »halten Sie mir mal diesen Korb. – Gestatten Sie, Sir, daß ich Ihnen die Geschäftskarte meines mustergültigen Erziehungsinstituts übergebe, wo diese sechs Knaben auf eine untadelige, freisinnige und moralische Weise erzogen werden könnten, ohne daß mehr als zwanzig Guineen – zwanzig Guineen jährlich, Sir – pro Kopf bezahlt zu werden brauchten. Ich würde sie auch alle zusammen für die runde Summe von hundert Pfund jährlich aufnehmen.« »So, dann sind Sie vielleicht selbst der hierbenannte Mr. Squeers?« fragte der Herr mit einem Blick auf die Karte. »So ist es, Sir«, erwiderte der würdige Pädagog. »Wackford Squeers ist mein Name, und ich brauche mich dessen wahrhaftig nicht zu schämen. Dies sind einige meiner Schüler, Sir, und dies einer meiner Hilfslehrer, Mr. Nickleby, ein Mann aus gutem Hause, mit hervorragenden mathematischen, klassischen und merkantilen Kenntnissen. Ja, ja, wir machen in unserer Anstalt nichts halb, und meine Schüler müssen alles lernen, Sir, was es gibt. Ich scheue dabei keine Kosten. Und welch väterliche Behandlung die Jungen genießen! Und obendrein noch Wäsche!« »Meiner Treu«, sagte der Herr und musterte Nikolas halb lächelnd, halb nachdenklich, »das nenne ich mir in der Tat Vorteile.« »Das will ich meinen, Sir. Auf Verlangen können auch hervorragende Anerkennungsschreiben vorgelegt werden«, renommierte Squeers und rieb sich die Hände. »Ich würde nie einen Zögling aufnehmen, für den nicht die Zahlung von fünf Pfund und fünf Schillingen verbürgt ist. Nein, nein, und wenn Sie auf die Knie vor mir niederfielen und mich mit Tränen in den Augen darum bäten.« »Sehr vorsichtig«, meinte der Reisende. »Vorsicht ist mein oberstes Gebot«, versetzte Squeers. – »Snawley, wenn du nicht aufhörst, zu frieren und mit den Zähnen zu klappern, so werde ich dir, ehe eine halbe Minute vergeht, mit einer Prügelsuppe warm machen.« »Setzen Sie sich fest, meine Herren«, ermahnte der Kondukteur und bestieg den Wagen. »Ist alles hinten in Ordnung, Dick?« rief der Postillion. »Allright. Vorwärts.« Und fort ging's unter dem lauten Schmettern des Posthorns und dem stummen Beifall aller Rosse- und Wagenkenner, die vor dem Pfauen versammelt waren, insbesondere aber des Stallknechts, der, die Pferdedecken über dem Arm, der Kutsche nachsah, bis sie verschwunden war. Als der Kondukteur, ein stämmiger alter Yorkshirer, sich außer Atem geblasen hatte, steckte er das Horn in ein an der Seite der Kutsche zu diesem Zwecke angebrachtes Futteral, klopfte sich mit der Bemerkung, es sei verdammt kalt, tüchtig Brust und Arme und fragte dann jeden Passagier einzeln, ob er geradeaus zu reisen gedenke; und wenn nicht, wohin die Reise ginge. Die einzigen Dinge, für die er sonst noch ein Interesse übrig zu haben schien, waren Pferde und Viehherden, die er, sooft man an solchen vorbeikam, mit Kennerblick musterte. Es war bitterkalt, hin und wieder stöberte es tüchtig, und der Wind war unerträglich schneidend. Mr. Squeers stieg bei jeder Station aus, um, wie er sagte, seine Beine auszustrecken, und da er von solchen Ausflügen immer mit einer sehr roten Nase zurückkam und unmittelbar darauf sein Schläfchen machte, so war Grund zur Annahme vorhanden, daß ihm dieses Verfahren sehr gut bekam. Die kleinen Zöglinge wurden mit den Überresten ihres Frühstücks und einigen Schlückchen einer seltsamen Herzstärkung gelabt, die Mr. Squeers bei sich führte und die fast wie Brotwasser, das aus Versehen in eine Branntweinflasche geraten war, schmeckte. Sie schliefen ein, erwachten wieder, fröstelten und weinten, wie es eben kam; und Nikolas und der andere Flügelmann wußten über so mancherlei zu sprechen, daß während ihrer Unterhaltung und der Versuche, die Knaben aufzumuntern, die Zeit so schnell entschwand, wie es unter solch leidigen Umständen möglich war. So verging der Tag. In Eton Slocomb war ein Mittagessen vorbereitet, an dem die Mehrzahl der Reisegesellschaft, darunter auch Nikolas, der freundliche Passagier und Mr. Squeers, teilnahm, während die fünf Knaben, um aufzutauen, an den Kamin gesetzt und mit Butterbrot und etwas kaltem Fleisch abgefüttert wurden. Ein paar Stationen später wurde die Wagenlaterne angezündet und eine große Störung durch die Aufnahme einer zimperlichen Dame verursacht, die mit ihren Dutzend Mänteln und Schachteln bei einem Wirtshaus in einer Nebenstraße einstieg. Zur großen Erbauung der Passagiere jammerte sie dabei laut über das Ausbleiben ihres eigenen Wagens, der sie hätte aufnehmen sollen, und nahm dem Kondukteur das feierliche Versprechen ab, jede grüne Kutsche, die er kommen sähe, anzuhalten was dieser auch feierlich versprach, da es stockfinstere Nacht war und er mit dem Gesicht nach der anderen Seite saß. Als endlich die zimperliche Dame fand, daß im Innern des Wagens nur ein einzelner Herr saß, ließ sie sich eine kleine Laterne, die sie aus ihrem Strickbeutel hervorholte, anzünden, und wieder flog der Wagen in vollem Galopp dahin. Die Nacht durch schneite es stark, zum großen Leidwesen der Reisenden, und man hörte kein anderes Geräusch als das Heulen des Windes, denn das Rasseln der Räder und den Hufschlag der Pferde dämpfte die dicke Schneehülle, die die Erde bedeckte und mit jedem Augenblick zunahm. Ungefähr eine Station vor Grantham erwachte Nikolas, der eben erst eingeschlafen war, plötzlich durch einen heftigen Stoß, der ihn beinahe von seinem Sitze warf. Er griff nach der Lehne und gewahrte, daß sich die Kutsche ganz auf die Seite neigte, obgleich sie noch immer von den Pferden fortgeschleppt wurde. Durch den Stoß und das laute Kreischen der Dame im Innern des Wagens verwirrt, überlegte er eben, ob er hinausspringen solle oder nicht, als die Kutsche plötzlich vollends umwarf, ihn auf die Straße schleuderte und dadurch allen weiteren Ungewißheiten ein Ende machte. 6. Kapitel Der erwähnte Unfall gibt ein paar Herren Gelegenheit, einander Geschichten zu erzählen »Oha«, rief der Kondukteur, der im Augenblick wieder auf den Beinen war und zu den Vorderpferden eilte. »Ist denn neamd do, wo mit Hand anlegen kunnt! Ob'st her gehst, Mistviech. Oha.« »Was ist geschehen?« fragte Nikolas verwirrt. »Wos g'schegn is? Gnua für heut nacht«, versetzte der Kondukteur. »Der Teufi hol den einäugigen Schinder. Toll is er gworden und bild't sich was drauf ein a no, daß er d' Kutschn umgworfen hat. Da, können S' nöt Hand mit anlegen? Hols der Teufel, i täts, und wenn mir alle Knochen zerbrecheten.« »Ich bin schon da«, rief Nikolas, sich auf die Beine helfend. »Meine Sinne waren nur noch nicht ganz beieinander. Das ist alles.« »Ziagn S' fest an«, rief der Kondukteur, »ich will daweil die Sträng oschneiden. Gut so, Herr. Jetzt können S' es wieder fahrenlassen, Blitz und Hagel, die werden schnell gnua heimlaufen.« Und richtig, kaum waren die Tiere befreit, als sie umsichtig wieder nach dem Stalle zurücktrabten, den sie erst vor ein paar Minuten verlassen hatten. »Können Sö Horn blasen?« fragte der Kondukteur, eine der Kutschenlaternen losmachend. Nikolas bejahte. »No, dann blasen S' amal in dös, wo dorten aufm Boden liegt. I will daweil dem Gekreisch drinnen a End mochen. Werden S' nöt bald stad sein, Sö da drinnen?« Mit diesen Worten war es dem Manne gelungen, den nach oben gekehrten Kutschenschlag aufzureißen, und Nikolas weckte mit einer der außerordentlichsten Leistungen, die je von menschlichen Ohren auf einem Posthorn gehört wurden, das Echo auf weite Ferne hin. Die Töne taten auch ihre Wirkung, denn sie brachten nicht bloß die Passagiere, die sich nur allmählich von der betäubenden Wirkung ihres Falles erholten, auf die Beine, sondern riefen auch Beistand herbei; wenigstens sah man bereits Lichter immer näher kommen. In der Tat galoppierte auch, noch ehe sich die Passagiere gehörig gesammelt hatten, ein Reiter heran, und bei einer sorgfältigen Untersuchung stellte sich heraus, daß die Dame im Innern ihre Laterne und der Herr seinen Kopf angestoßen hatte. Zwei Reisende auf dem vorderen Außensitz waren mit blauen Augen, einer mit blutiger Nase, der Postillion mit einer Beule an der Schläfe, Mr. Squeers mit einer Kontusion seines Gesäßes und die übrigen Reisenden, dank der Schneeschicht, auf die sie geschleudert worden, ohne alle Beschädigung davongekommen. Sobald man sich darüber Gewißheit verschafft, wollte die Dame in Ohnmacht fallen, aber man bedeutete ihr, daß man sie dann einem Herrn auf die Schulter laden und so nach dem nächsten Wirtshaus bringen würde, weshalb sie sich wohlweislich eines Besseren besann und mit der übrigen Gesellschaft auf ihren eigenen Beinen dahin zurückzugehen beschloß. Als die Reisenden daselbst anlangten, fanden sie, daß es ein ziemlich einsames Haus war, das hinsichtlich der Räumlichkeiten keine sonderlichen Bequemlichkeiten gewährte. Als man jedoch ein großes Reisigbündel und eine hübsche Portion Kohlen zu einem Kaminfeuer aufgehäuft hatte, gewann das Ganze bald ein besseres Ansehen, und ehe man noch alle vertilgbaren Spuren des kürzlichen Unfalls wegwaschen konnte, war das Zimmer warm und hell. Eigentlich kein übler Tausch für die Nacht und Kälte im Freien. »Nun, Mr. Nickleby«, sagte Squeers, der sich die wärmste Ecke ausgesucht hatte, »es war recht, daß Sie die Pferde gehalten haben. Ich hätte es auch so gemacht, wenn ich rechtzeitig dazu gekommen wäre. Es freut mich, daß Sie es getan haben. Es war gut so. Sehr gut.« »So gut«, mischte sich der Herr mit dem freundlichen Gesicht, dem der Gönnerton, den Squeers Nickleby gegenüber anschlug, nicht sonderlich zu gefallen schien, »daß Ihnen wahrscheinlich kein Gehirn im Kopf geblieben wäre, mit dem Sie weiter hätten Unterricht erteilen können, wenn die Pferde nicht gerade im letzten Augenblick noch festgehalten worden wären.« Diese Bemerkung entfesselte eine reichlich mit Komplimenten und Danksagungen gewürzte allgemeine Erörterung über die Gewandtheit, die Nikolas im kritischen Moment an den Tag gelegt hatte. »Ich bin natürlich sehr froh, so davongekommen zu sein«, bemerkte Squeers, »denn jedermann freut sich, eine Gefahr glücklich überstanden zu haben. Wenn z. B. einer meiner Pflegebefohlenen Schaden genommen hätte und ich verhindert worden wäre, einen dieser kleinen Knaben seinen Eltern wieder gesund zurückzugeben, was hätten da meine Gefühle sein müssen? Es würde mir weit lieber gewesen sein, wenn mir selbst ein Rad über den Kopf gegangen wäre.« »Sind es lauter Brüder, Sir?« fragte die Dame mit der Reise- und Grubenlampe. »In gewissem Sinne sind sie es, Madam«, antwortete Squeers und suchte in seinen Überrocktaschen nach Karten herum. »Sie stehen alle unter der gleichen, liebevollen und väterlichen Hand. Mrs. Squeers und ich, wir beide sind jedem von ihnen Vater und Mutter. – Mr. Nickleby, geben Sie der Dame und den übrigen Herrschaften diese Karten. Vielleicht kennen sie einige Eltern, die sich gern meines Institutes bedienen würden.« Mit diesen Worten legte Mr. Squeers, der keine Gelegenheit versäumte, seine Geschäftsanzeige unentgeltlich unter die Leute zu bringen, die Hände auf die Knie und blickte mit soviel Wohlwollen, als er aufzubringen vermochte, auf seine Zöglinge, während Nikolas schamrot dem Auftrag nachkam und die Karten verteilte. »Ich hoffe, daß Sie bei dem Unfall keinen Schaden genommen haben, Madam?« wendete sich der freundliche Herr hastig an die zimperliche Dame, als sei sein sehnlichster Wunsch, von dem Thema loszukommen. »Körperlich nicht«, versetzte die Dame. »Wie! Ich will doch nicht hoffen, daß Sie geistig –« »Der Gegenstand ist mir äußerst peinlich, Sir«, entgegnete die Dame in großer Aufregung, »und ich bitte Sie als einen Mann von Erziehung, das Thema fallenzulassen.« »Du mein Himmel«, meinte der Herr mit dem freundlichen Gesicht lächelnd, »ich wollte doch bloß fragen.« »Und ich hoffe, daß Sie weiter keine Fragen mehr an mich stellen werden«, sagte die Dame, »oder ich würde mich genötigt sehen, den Beistand der übrigen Herren anzurufen. Herr Wirt, ich bitte, lassen Sie einen Knaben vor der Türe achtgeben. Wenn eine grüne Equipage von Grantham her vorbeikommt, soll sie hier anhalten.« Da der Kondukteur inzwischen nach Grantham geritten war, um eine andere Postkutsche zu holen, machte der Herr mit dem heitern Gesicht, als die Gesellschaft eine Weile schweigend um das Feuer gesessen hatte, den Vorschlag, eine Bowle Punsch zu trinken. »Was meinen Sie dazu, Sir?« fragte er den Passagier, der sich im Innern der Kutsche den Kopf verletzt hatte und einen sehr vornehmen Eindruck machte. Der Punsch wurde gebracht, und heitere Gespräche waren bald im Gang. Auf den allgemeinen Vorschlag, es möge doch jemand, um die Unterhaltung zu erhöhen, irgendeine nette Geschichte erzählen, erklärte sich der Herr mit dem freundlichen Gesicht endlich lächelnd dazu bereit und begann ohne weitere Ziererei folgende Erzählung zum besten zu geben: Der Freiherr von Saufaus Der Freiherr von Saufaus auf Humpenburg in Deutschland war ein so liebenswürdiger junger Edelmann, wie man sich nur einen wünschen kann. Ich brauche wohl nicht zu sagen, daß er in einer Burg wohnte, denn das versteht sich von selber; auch brauche ich nicht zu bemerken, daß er in einer alten Burg lebte, denn welcher deutsche Baron hätte je in einer neuen gewohnt? Es hatte mit diesem ehrwürdigen Gebäude in vieler Beziehung so seine Bewandtnis, und es galt für auch weiter nicht besonders befremdlich oder geheimnisvoll, daß es, wenn der Wind blies, in den Schornsteinen rumorte und daß die Strahlen des Mondes durch gewisse kleine Öffnungen in den Mauern schienen und die weiten Hallen und Galerien teilweise hell erleuchteten, während die größere Hälfte der Gemächer in tiefem Schatten lag. Es hieß, daß ein Vorfahre des Freiherrn, als es ihm an Geld gebrach, einen Wanderer, der ihn eines Nachts nach dem Weg gefragt, erdolcht habe, und man munkelte, die erwähnten sonderbaren Umstände seien eine Folge dieser Untat. Ich meinesteils kann mir das kaum denken, zumal der Ahnherr des Freiherrn ein sehr frommer Mann war und seine übereilte Tat dadurch sühnte, daß er aus dem Bauholz und den Steinen, die einem weniger wehrhaften Nachbarn gehörten, eine Kapelle errichtete und sich auf diese Weise eine Generalquittung für alle Forderungen, die der Himmel jemals an ihn stellen könnte, erwarb. Auf wie viele Ahnen der Freiherr zurückblicken mochte, vermag ich leider nicht anzugeben; eines aber ist sicher, nämlich daß er deren mehr hatte als irgendein Adliger seiner Zeit, und ich wünschte nur, er hätte in unseren Tagen gelebt, dann würde er noch mehr gehabt haben. Es ist überhaupt ein Jammer für die großen Männer vergangener Zeiten, daß sie so früh geboren wurden, denn von einem Mann, der vor drei- oder vierhundert Jahren gelebt hat, kann man nicht erwarten, daß er so viele Vorfahren aufzuweisen hat wie einer in unseren Tagen. Der letzte Mensch, und wäre er auch nur ein Schuhflicker oder sonst ein armer Tropf, wird naturgemäß einen größeren Stammbaum haben als ein Mann von ältestem Adel in unsern Tagen; und das ist doch gewiß etwas, was von rechtswegen nicht sein sollte. Also gut, der Freiherr von Saufaus auf Humpenburg war ein hübscher, dunkelhäutiger Mann mit schwarzem Haar und buschigem Schnurrbart, der in hellgrünem Wams und hohen Juchtenstiefeln, ein Horn über der Schulter, ähnlich dem der englischen Postkutschen-Kondukteure, auf die Jagd zu reiten pflegte. Wenn er in dieses Horn stieß, erschienen auf der Stelle vierundzwanzig Mannen von untergeordneterem Range in etwas gröberer grüner Tracht und etwas dicker besohlten Juchtenstiefeln und sprengten mit ihm, lange Spieße in den Händen, dahin, um Eber oder Bär zu hetzen; und wenn der Freiherr dem betreffenden Untier den Knickfang gegeben hatte, wichste er sich mit dem Fett seinen Schnurrbart. Es war das ein lustiges Leben für den Freiherrn von Saufaus und ein noch lustigeres für seine Vasallen, die Nacht für Nacht Rheinwein tranken, bis sie unter den Tisch fielen, wo sie dann weiterzechten; und nie gab es wohl fröhlicher lärmende, scherzliebende Gesellen als Saufaus' lustige Schar. Doch auch die Freuden an oder unter der Tafel fordern bisweilen eine kleine Abwechslung. Daher sah sich der Freiherr eines Tages nach etwas Anregenderem um, fing mit seinen Kumpanen Händel an und trat zum Zeitvertreib zwei oder drei von ihnen jedesmal nach dem Mittagessen mit Füßen. Aber auch das befriedigte ihn nicht viel länger als eine Woche; dann wich seine gute Laune, und er sah sich nach einer neuen Zerstreuung um. Eines Abends nach der Jagd, auf der er wieder einen riesigen Bären zur Strecke gebracht hatte, saß er übelgelaunt an der Tafel und musterte mit mißvergnügten Blicken die rauchige Decke der Halle. Er stürzte einen Humpen Wein nach dem andern hinunter, aber je mehr er trank, desto finsterer sah er drein. Die Herren, die die bedenkliche Auszeichnung genossen, in seiner Nähe zu sitzen, suchten natürlich nach Möglichkeit, es ihm im Trinken und in mürrischen Mienen gleichzutun. »Ich will's!« schrie der Freiherr plötzlich und schlug mit der Faust auf den Tisch. »Füllt eure Humpen auf das Wohl der Freifrau von Saufaus.« Die vierundzwanzig Grünröcke erblaßten bis auf ihre Nasen, die unverändert rot glühten. »Ich habe die Gesundheit der künftigen Freifrau ausgebracht«, wiederholte der Freiherr und blickte wild umher. »Die Freifrau von Saufaus soll leben!« brüllten die grünen Mannen, und vierundzwanzig gewaltige Humpen, mit trefflichem altem Rheinwein gefüllt, ergossen ihren Inhalt durch vierundzwanzig Kehlen. Dann lautes Schnalzen von achtundvierzig Lippen und sehnsüchtiges neuerliches Blinzeln nach dem Faß. »Die schöne Tochter des Freiherrn von Schwillenhausen!« rief Saufaus. »Wir wollen sie von ihrem Vater zur Ehe begehren, ehe noch die Sonne morgen in ihr Bett scheint. Und wenn er unsere Bewerbung zurückweist, so werden wir ihm die Nase abschneiden.« Die Tafelrunde ließ ein drohendes Murmeln hören, und jeder faßte mit schrecklicher Bedeutsamkeit zuerst nach seinem Schwertgriff und dann nach seiner Nasenspitze. Es ist doch etwas Schönes um kindlichen Gehorsam. Hätte die Tochter des Freiherrn von Schwillenhausen erklärt, sie habe bereits ihr Herz verschenkt, oder sich ihrem Vater zu Füßen geworfen, um sie mit Tränen zu benetzen, oder wäre sie nur in Ohnmacht gefallen und dem alten Herrn mit Gefühlsausbrüchen zu Leibe gegangen, so hätte man eins gegen hundert wetten können, daß Burg Schwillenhausen flötengegangen und sein Herr aus dem Fenster geworfen worden wäre. Das Freifräulein verhielt sich jedoch, als am nächsten Morgen ein Bote das Gesuch des Freiherrn überbrachte, ganz gefaßt und zog sich sittsam in ihr Kämmerlein zurück und schaute von dort nach dem angekündigten Freier und seinem Gefolge aus. Sie hatte sich kaum überzeugt, daß der Reiter mit dem großen Schnurrbart der Freier sei, als sie sogleich zu ihrem Vater eilte und ihm ihre Bereitwilligkeit ausdrückte, sich für ihn und den Frieden des Hauses zum Opfer zu bringen; und der ehrwürdige alte Herr umarmte sein Kind und ließ Freudentränen aus seinen Augen rieseln. Auf der Burg ging es an diesem Tage gar hoch her. Saufaus' vierundzwanzig grüne Mannen tauschten das Gelübde ewiger Freundschaft mit den zwölf Grünen derer von Schwillenhausen und schwuren dem alten Baron, nicht eher aufzuhören, von seinem Weine zu trinken, bis alles blau wäre; womit sie wahrscheinlich in erster Linie meinten: bis ihre Gesichter dieselbe Farbe erhalten hätten wie ihre Nasen. Als die Zeit des Aufbruchs herankam, schlugen alle einander auf die Schulter, und der glückliche Bräutigam ritt mit seinem Gefolge frohen Mutes nach Hause. Sechs lange Wochen hatten die Bären und Eber Feiertag. Die Häuser derer von Saufaus und Schwillenhausen waren vereinigt, die Spieße rosteten und das Horn des Freiherrn wurde heiser, weil es gar nicht mehr geblasen wurde. Das waren glückliche Tage für die vierundzwanzig. Aber ach, diese herrliche Zeit hatte bereits ihre Siebenmeilenstiefel angezogen und war im Schwinden begriffen. »Mein Bester –« sagte die Freifrau. »Meine Liebe?« sagte der Freiherr. »Diese rohen, lärmenden Menschen –« »Welche?« fuhr der Freiherr auf. Die Freifrau deutete aus dem Fenster, an dem sie mit ihrem Gemahl stand, in den Hof hinunter, wo die nichtsahnenden Grünröcke, den Fuß bereits im Steigbügel, um den Eber zu hetzen, noch einen guten Schluck zu sich nahmen. »Mein Jagdgefolge?« fragte der Ritter. »Entlasse sie, mein Gemahl!« flüsterte die Freifrau. »Sie entlassen?« fragte der Freiherr erstaunt. »Mir zuliebe, mein Gemahl!« schmeichelte die Dame. »Dem Teufel zuliebe«, antwortete der Baron. Die Freifrau aber stieß einen lauten Schrei aus und sank ohnmächtig zu den Füßen des Freiherrn nieder. Was konnte der Freiherr tun? Er rief nach der Kammerfrau, eilte in den Hof hinunter, gab zweien der Grünröcke, die es am meisten gewöhnt waren, einen Tritt, verwünschte die übrigen der Reihe nach und hieß sie, sich zum Henker scheren. Dies war der erste Sieg der Freifrau über ihren Gemahl, und ich brauche hier wohl weiter nichts mehr zu sagen, als daß er allmählich immer mehr und mehr bei strittigen Fragen den Kürzeren zog oder mit List aus dem Sattel irgendeines alten Steckenpferdes geworfen wurde. Mit der Zeit wurde er ein wohlgenährter Achtundvierziger mit Herzverfettung und hielt weder Gelage noch Jagden ab oder sonst etwas, was ihm früher Freude gemacht. Er war zwar immer noch unbändig wie ein Löwe und starr wie Erz, aber fürchterlich unter dem Pantoffel. Und das machte noch nicht einmal sein ganzes Mißgeschick aus. Ungefähr ein Jahr nach seiner Vermählung kam ein junges, lustiges Freiherrlein auf die Welt, dem zu Ehren ein großes Feuerwerk abgebrannt und eine Unmasse von Wein getrunken wurde. Im nächsten Jahr erschien ein kleines Freifräulein, das Jahr darauf wieder ein junger Freiherr, und so ging es abwechselnd weiter, bis der Herr Baron Vater einer kleinen Familie von zwölf Kindern war. Bei einem jedem solchen Jahresfeste war die alte Freifrau von Schwillenhausen immer wieder in tausend Ängsten um das Wohl ihres lieben Kindes, der Freifrau von Saufaus; und obwohl man nicht behaupten konnte, daß sie zur Förderung der Genesung ihrer Tochter wesentlich beitrug, so machte sie sich's doch jedenfalls zur Pflicht, auf dem Schlosse Humpenburg so bekümmert wie möglich zu tun und ihre Zeit zwischen spitzigen Bemerkungen über ihres Schwiegersohnes Haushalt und Klagen über das harte Schicksal ihres unglücklichen Kindes zu teilen. Wenn sich dann der Freiherr von Saufaus, dadurch ein wenig gekränkt, zu der Bemerkung aufraffte, seine Gattin sei zum mindesten nicht übler daran als die Frauen anderer Edelleute, so rief die Baronin von Schwillenhausen die ganze Welt zum Zeugen auf, daß niemand als sie Mitgefühl für die Leiden ihrer Tochter empfinde, worauf natürlich sämtliche Verwandten und Freunde bestätigten, daß sie jedenfalls weit mehr Tränen vergieße als ihr Schwiegersohn und daß es keinen hartherzigeren Menschen gäbe als den Freiherrn von Saufaus. Der arme Ritter ertrug dies alles, so gut es ging. Und als es nicht mehr ging, verlor er Appetit und Heiterkeit und setzte sich düster und niedergeschlagen in eine Ecke. Aber noch Schlimmeres stand ihm bevor, und als es kam, steigerte sich seine Schwermut. Nach und nach geriet er in Schulden; in seinen Truhen, die die Familie Schwillenhausen für unerschöpflich gehalten hatte, ging es zur Neige, und als seine Gemahlin im Begriffe war, den Stammbaum des Hauses mit einem dreizehnten Reis zu schmücken, machte er die betrübende Entdeckung, daß es mit seinen Mitteln zu Ende sei. »Ich sehe nicht«, sagte sich der Freiherr, »wie ich mir weiterhelfen könnte. Es wird wohl das beste sein, ich bringe mich um.« Das war ein glorreicher Gedanke. Der Freiherr nahm ein altes Jagdmesser aus einem Wandschrank, wetzte es an seiner Stiefelsohle und fuhr sich damit nach der Kehle. »Hm«, sagte er dann und hielt inne, »vielleicht ist es nicht scharf genug.« Abermals wetzte er es und wiederholte seinen Versuch, aber diesmal störte ihn das Kindergeschrei, das aus dem Turmzimmer über dem seinen herabtönte. »Wäre ich Junggeselle«, seufzte der Freiherr, »so hätte ich es wohl fünfzigmal ausführen können, ohne dabei unterbrochen worden zu sein. »Heda, man bringe mir einen Humpen Wein und die längste Pfeife in das kleine Zimmer hinter der Halle!« Einer der Diener kam dem Befehl unterwürfig im Verlauf einer halben Stunde oder darüber nach, und als der Freiherr sich nach dem gewölbten Zimmer verfügte, dessen schwarzgetäfelte und polierte Wände von dem Feuer des im Kamin lodernden Holzstoßes widerstrahlten, standen Humpen und Pfeife bereit, und der Ort sah im ganzen recht behaglich aus. »Laß die Lampe da!« befahl der Freiherr. »Befehlen sonst noch etwas, gnädiger Herr?« fragte der Diener. »Abfahren«, brummte der Freiherr, jagte den Diener hinaus und verschloß die Türe. »Ich will noch meine letzte Pfeife rauchen«, seufzte er dann, »ehe ich der Welt Lebewohl sage.« Mit diesen Worten legte der Freiherr von Saufaus sein Messer auf den Tisch, goß ein ziemliches Quantum Wein hinunter, warf sich in seinem Stuhl zurück, streckte seine Füße vor dem Feuer aus und blies mächtige Rauchwolken in die Luft. Er machte sich dabei allerlei Gedanken über seine gegenwärtige Trübsal, über die entschwundenen Tage seines Junggesellenlebens und über die vierundzwanzig Grünröcke, die sich seitdem nach allen Himmelsrichtungen zerstreut hatten, ohne daß man weiter etwas von ihnen gehört hätte. Sein Geist war mit Bären und Wildschweinen beschäftigt, und er hatte eben das Glas angesetzt, um es bis auf den Grund zu leeren, als er plötzlich zu seinem grenzenlosen Erstaunen bemerkte, daß er nicht allein sei. Er war auch wirklich nicht allein, denn ihm gegenüber am Kamin saß mit verschränkten Armen eine runzlige, greuliche Gestalt mit eingesunkenen blutunterlaufenen Augen und einem langgezogenen Leichengesicht, in das das verfilzte schwarze Haar wild herabhing. Der Mann trug eine Art Tunika von dunkler, ins Bläuliche spielender Farbe, die, wie der Freiherr zu seinem Erstaunen bemerkte, von oben bis unten mit Sarggriffen verziert und zusammengehalten war. Die Beine staken in Sargschildern, ähnlich den Schienen einer Rüstung, und über der linken Schulter trug die Erscheinung einen kurzen, dunklen Mantel, der aus den Überresten eines Sargtuches angefertigt zu sein schien. Das Phantom schenkte seinem Gegenüber nicht die geringste Aufmerksamkeit und blickte nur unablässig ins Feuer. »Hallo!« rief der Freiherr und stampfte mit dem Fuße auf, um sich bemerkbar zu machen. »Nun, was gibt's?« fragte die Erscheinung und drehte ihre Augen dem Ritter zu. »Was es gibt?« fuhr der Freiherr auf, dem die hohle Stimme und die glanzlosen Augen keine Furcht einzujagen vermochten. »Diese Frage steht, dächte ich, eigentlich mir zu. Wie bist du hierhergekommen?« »Durch die Türe.« »Wer bist du?« forschte der Freiherr. »Ein Mensch wie du.« »Das glaube ich nicht.« »Dann laß es bleiben«, höhnte die Gestalt. »Auch recht«, brummte der Freiherr. Das Phantom blickte den unerschrockenen Ritter eine Weile lang an und lenkte dann ein: »Ich sehe wohl, daß man dir nichts weismachen kann. Ich bin kein Mensch.« »Also, was bist du denn?« »Ein Engel.« »Du siehst mir gerade nicht wie ein solcher aus«, meinte der Freiherr verächtlich. »Ich bin der Engel der Verzweiflung und des Selbstmordes«, sagte die Erscheinung. »Jetzt kennst du mich.« Mit diesen Worten wandte sich das Gespenst zu dem Freiherrn, als habe es dringend mit ihm zu sprechen. Höchst auffallend war, daß es dabei den Mantel zurückschlug und einen Pfahl sehen ließ, der ihm mitten durch den Leib getrieben war. Mit einem Ruck zog es ihn heraus und legte ihn so kaltblütig auf den Tisch, als ob er ein Spazierstock gewesen wäre. »Nun«, sagte das Gespenst und schielte dabei nach dem Jagdmesser, »bist du bereit?« »Noch nicht ganz«, antwortete der Freiherr. »Ich muß zuvor noch diese Pfeife ausrauchen.« »Also mach schnell«, drängte das Gespenst. »Du scheinst es ja sehr eilig zu haben«, meinte der Freiherr. »Allerdings. In Frankreich und England geht augenblicklich das Geschäft so stark, daß meine Zeit sehr in Anspruch genommen ist.« »Trinkst du?« fragte der Freiherr und berührte den Humpen mit der Pfeife. »In neun Fällen unter zehn, aber dann tüchtig.« »Niemals mit Maß?« »Niemals«, erwiderte die Gestalt mit einem Schauder, »das würde doch Fröhlichkeit erzeugen.« Der Freiherr betrachtete seinen seltsamen Gast abermals von Kopf bis zu Fuß und kam zu dem Schluß, daß es wirklich ein kurioser Kauz wäre. »Nimmst du denn an allen Fällen, wie dem meinigen, so tätigen Anteil?« fragte er endlich. »N-nein«, sagte das Gespenst ausweichend, »aber ich bin immer zugegen.« »Um zu sehen, ob alles in Ordnung ist? Was?« »Ja«, gab das Phantom zu, mit dem Pfahle spielend, dessen Eisenbeschlag es sorgfältig untersuchte. »Aber mach schnell jetzt. Ich wittere, daß ein junger Herr, der zuviel Geld und freie Zeit hat, gegenwärtig meiner dringend bedarf.« »Was? Einer will sich umbringen, weil er zuviel Geld hat?« rief der Ritter, nicht wenig erheitert. »Ha, ha, ha, das ist eine kuriose Idee.« Es war seit langer Zeit, daß der Freiherr wieder einmal lachte. »Ich rate dir«, verwies der Geist ernstlich gekränkt, »laß das in Zukunft.« »Warum denn?« »Weil es mir durch Mark und Bein geht. Seufze lieber. Das tut mir wohl.« Der Freiherr seufzte unwillkürlich, und das Gespenst war sofort wieder heiter und reichte ihm mit ausgesuchter Höflichkeit das Jagdmesser hin. »Hm. Kein übler Gedanke, sich den Hals durchzuschneiden, weil man zuviel Geld hat«, brummte der Freiherr und prüfte die Schneide des Messers. »Nicht schlimmer, als wenn sich jemand umbringt, weil er wenig oder gar keins hat«, meinte das Phantom. Sprach der Geist aus Unvorsichtigkeit so, oder hielt er den Entschluß des Freiherrn für so fest gefaßt, daß er nicht mehr umzustoßen sei? Ich weiß es nicht, aber jedenfalls hielt der Freiherr in seinem Vorhaben plötzlich inne, riß die Augen weit auf und sah ganz so aus wie jemand, dem mit einem Male ein Licht aufgeht. »Eigentlich«, überlegte er, »ist nichts so schlimm, daß es sich nicht wiedergutmachen ließe.« »Leere Truhen ausgenommen«, sagte das Gespenst. »Na, die ließen sich schließlich vielleicht doch wieder füllen«, meinte der Freiherr. »Keifende Weiber«, murrte der Geist unwirsch. »Die könnte man zähmen«, entgegnete der Ritter. »Dreizehn Kinder«, brüllte der Geist. »Können unmöglich alle mißraten.« Der Geist war augenscheinlich gräßlich wütend auf den Freiherrn, der auf einmal seine Ansichten so ganz und gar geändert hatte, aber er versuchte es, seinen Grimm unter einem Lächeln zu verbergen, und sagte, er würde sich dem Herrn Baron ungemein verpflichtet fühlen, wenn dieser mit seinen Scherzreden endlich aufhören wolle. »Es ist mir nicht im geringsten eingefallen, zu scherzen«, versetzte der Freiherr. »Nun, das freut mich«, sagte der Geist mit äußerst grämlicher Miene, »denn Scherz und gute Laune gehen mir furchtbar auf die Nerven. Also rasch, gib sie auf, diese traurige Welt!« »Ich weiß wirklich nicht«, überlegte der Freiherr, mit dem Messer spielend; »sie ist allerdings sehr traurig, aber ich glaube nicht, daß die deine viel besser ist. Dein Aussehen wenigstens ist nicht besonders tröstlich. – Und welche Sicherheit habe ich schließlich, daß ich besser daran sein werde, wenn ich diese Welt verlasse?!« rief er und sprang auf. »Das habe ich wahrhaftig noch gar nicht bedacht.« »Beeile dich!« drängte das Gespenst zähneknirschend. »Hebe dich weg von mir!« rief der Freiherr. »Ich will nicht länger über meinem Unglück brüten. Vielmehr eine gute Miene dazu machen und es wieder mit der frischen Luft und der Bärenjagd versuchen. Hilft das nicht, so will ich ein Wörtchen mit meiner Gnädigen sprechen und die Schwillenhausens totschlagen.« Mit diesen Worten warf sich der Ritter in seinem Stuhl zurück und lachte so laut, daß das Zimmer dröhnte. Das Gespenst wich ein paar Schritte zurück und sah ihn mit einem Blick des größten Entsetzens an. Dann griff es wieder nach seinem Pfahl, stieß ihn sich mit aller Macht durch den Leib, heulte fürchterlich auf und verschwand. Baron Saufaus sah das Phantom nie wieder. Da er wirklich entschlossen war zu handeln, brachte er die Freifrau und die von Schwillenhausen bald zur Vernunft und starb viele Jahre nachher als glücklicher, wenn auch nicht allzu reicher Mann, obschon ich in dieser Hinsicht keine bestimmte Auskunft zu geben vermag. Jedenfalls hinterließ er eine zahlreiche Familie, die unter seiner persönlichen Leitung zur Bären- und Eberjagd herangebildet worden war. Mein Rat ist nun der, daß alle Männer, die aus ähnlichen Ursachen kopfhängerisch geworden sind, beide Seiten der Medaille betrachten mögen und die bessere an ein Vergrößerungsglas halten sollten. Fühlen sie sich dann noch versucht, ohne Sang und Klang aus der Welt zu scheiden, so sollten sie jedenfalls vorher noch eine lange Pfeife rauchen, eine Flasche Wein leeren und aus dem lobenswerten Beispiel des Freiherrn von Saufaus – – –« »Der Wagen steht bereit, meine Herrschaften!« rief der Postillion in das Zimmer. »Einsteigen! Einsteigen!« Die Punschgläser wurden in aller Eile geleert und die Reise wieder fortgesetzt. Nikolas schlief gegen Morgen ein, und als er wieder erwachte, fand er zu seinem großen Leidwesen, daß während seines Schlummers beide, der Baron von Saufaus und der grauhaarige Herr, ausgestiegen und auf und davon waren. Der Tag schleppte sich langsam genug hin, und abends, ungefähr gegen sechs Uhr, wurden Mr. Squeers, sein Hilfslehrer, die Knaben und das gesamte Gepäck vor dem neuen Gasthaus zum »Heiligen Georg« in Greta Bridge abgesetzt. 7. Kapitel Mr. und Mrs. Squeers im häuslichen Kreise Mr. Squeers ließ Nikolas und die Knaben mit dem Gepäck auf der Straße warten, um ihnen das Vergnügen, dem Wechsel der Pferde zuzusehen, nicht zu schmälern, und eilte ins Wirtshaus, um am Schenktische »die Beine ein wenig auszustrecken«. Nach einigen Minuten kam er »ausgeruht«, wie man aus der Röte seiner Nase und seinem Schlucksen deutlich entnehmen konnte, wieder heraus, und zugleich wurde ein schmutziger Einspänner und ein Karren, mit zwei Arbeitern davor, aus dem Hofe gezogen. »Setzt die Knaben und die Koffer in den Karren«, befahl er, sich die Hände reibend. »Ich und dieser junge Mann werden den Einspänner benützen. Steigen Sie ein, Nickleby.« Nikolas gehorchte, und nachdem Mr. Squeers die Mähre nicht ohne einige Mühe veranlaßt hatte, gleichfalls zu gehorchen, fuhren sie ab und ließen den mit soviel Kinderelend beladenen Karren langsam nachfolgen. »Ist es noch weit nach Dotheboys Hall, Sir?« fragte Nikolas. »Noch etwa drei Meilen«, versetzte Squeers. »Sie können übrigens hier unten das ›Hall‹ weglassen.« Nikolas hustete, um anzudeuten, daß es ihm angenehm wäre, den Grund davon zu erfahren. »Es gibt nämlich keine ›Hall‹ hier«, erklärte Squeers trocken. »So?« sagte Nikolas nicht wenig befremdet. »In London nennen wir es Hall, weil es besser klingt, aber hier herum kennt niemand etwas dergleichen. Es kann einer sein Haus eine Insel nennen, wenn es ihm beliebt. Soviel ich weiß, ist das durch keine Parlamentsakte verboten.« »Allerdings nicht, Sir«, gab Nikolas zögernd zu und schwieg. Squeers warf ihm einen schlauen Blick zu, aber da er ihn in Gedanken vertieft und keineswegs geneigt sah, weiter auf das Gespräch einzugehen, begnügte er sich, auf den Gaul einzuhauen, bis sie endlich am Ziele ihrer Reise anlangten. »So, Mr. Nickleby, steigen Sie hier aus«, sagte er dann. »Heda! Holla! Das Pferd ausgespannt! Na, wird's bald?« Nikolas hatte inzwischen Zeit, Beobachtungen anzustellen, und sah, daß Mr. Squeers' Erziehungsanstalt ein langes, kalt aussehendes, einstöckiges Haus war, hinter dem sich einige Nebengebäude, eine Scheune und ein Stall befanden. Nach ein paar Minuten hörte man jemand den Riegel des Hoftors zurückschieben, und gleich darauf trat ein aufgeschossener, ausgemergelter Junge mit einer Laterne in der Hand heraus. »Bist du's, Smike?« rief Squeers. »Ja, Sir.« »Warum zum Teufel hast du so lange gemacht?« »Ich bitte um Verzeihung, Sir, ich war beim Feuer eingeschlafen«, antwortete Smike demütig. »Feuer? Was für ein Feuer? Wo ist Feuer?« fragte der Schulmeister scharf. »Nur in der Küche, Sir«, entgegnete der Junge. »Mrs. Squeers sagte, ich könnte hineingehen und mich wärmen, bis Sie kämen.« »Ich glaube, Mrs. Squeers ist toll geworden«, brauste der Pädagog auf. »Du wärest in der Kälte wahrhaftig eher wach geblieben.« Mr. Squeers war mittlerweile ausgestiegen und befahl dem Jungen, nach dem Pferd zu sehen und dafür Sorge zu tragen, daß es heute keinen Hafer mehr bekäme. Dann hieß er Nikolas an der Eingangstüre warten, die er von innen öffnen gehen wollte. Ein Heer schlimmer Gedanken bestürmten Nikolas; die große Entfernung von der Heimat und die Unmöglichkeit, sie anders als zu Fuße zu erreichen, wenn er genötigt sein sollte zurückzukehren, stellten sich ihm in den beunruhigendsten Farben dar, und als er das trübselige Haus mit den dunklen Fenstern und die wilde, ringsumher mit Schnee bedeckte Gegend betrachtete, fühlte er ein Herzeleid, wie er es bisher nie gekannt hatte. »Nun?« rief Squeers und steckte den Kopf aus der Türe. »Wo sind Sie denn, Nickleby?« »Hier, Sir.« »So kommen Sie doch herein. Der Wind saust durch die Türe, daß es einen umwerfen könnte.« Nikolas gehorchte seufzend. Mr. Squeers legte, um das Tor gegen den Wind zu sichern, einen Balken vor und führte dann den Hilfslehrer in ein kleines, sparsam mit Stühlen versehenes Zimmer. An der Wand hing eine vergilbte Landkarte, und auf einem der beiden vorhandenen Tische standen die Vorbereitungen zu einem Abendessen, während auf dem andern Murrays Grammatik – der unentbehrliche Ratgeber des Pädagogen –, ein halbes Dutzend Geschäftskarten und ein alter, an Wackford Squeers, Wohlgeboren, adressierter Brief in malerischer Unordnung umherlagen. Sie waren kaum ein paar Minuten in diesem Gemach, als ein Frauenzimmer hereinstürzte, Mr. Squeers an der Kehle packte und ihm zwei schallende Küsse applizierte, die einander so rasch wie das Klopfen eines Briefträgers folgten. Die Dame, eine hagere, derbknochige Gestalt, war fast um einen halben Kopf größer als Mr. Squeers und trug eine barchentne Nachtjacke und eine schmutzige Schlafmütze, gegen die ein gelbes, baumwollenes Schnupftuch, das sie unter dem Kinn zusammengeknüpft hatte, lebhaft abstach. »Was macht mein Squeerchen?« fragte sie in scherzendem Tone und mit rauher heiserer Stimme. »Ganz gut geht's mir, meine Liebe«, versetzte Squeers. »Was machen die Kühe?« »Alles wohl. Stück für Stück.« »Und die Schweine?« »Sind so gesund wie bei deiner Abreise.« »Gott sei Dank«, sagte Squeers und zog seinen Reisemantel aus. »Mit den Jungen ist wahrscheinlich auch alles in Ordnung?« »O ja, so ziemlich«, versetzte die Dame ärgerlich. »Der kleine Pitcher hat wieder Fieber.« »Verdammter Bengel«, fluchte Squeers, »der hat auch immer was.« »Ich glaube, auf der ganzen Welt gibt's keinen so nichtsnutzigen Jungen mehr«, schimpfte Mrs. Squeers, »und wenn er etwas hat, dann ist's auch jedesmal noch ansteckend. Aber es ist nichts als seine Verstocktheit, das wird mir niemand ausreden. Ich werde es ihm aber schon ausprügeln, wie ich dir bereits vor sechs Monaten gesagt habe.« »Ja, ich erinnere mich, meine Liebe«, brummte Squeers. »Na, wir werden ja sehen, was sich tun läßt.« Nikolas stand mittlerweile verlegen mitten im Zimmer, unschlüssig, ob er sich in den Hausflur zurückziehen oder bleiben solle. Mr. Squeers erlöste ihn jetzt aus dieser peinlichen Ungewißheit. »Dies ist der neue junge Mann, mein Schatz«, stellte er ihn der Frau vom Hause vor. »So«, sagte Mrs. Squeers, nickte Nikolas zu und musterte ihn unfreundlich von Kopf bis zu Fuß. »Er wird mit uns zu Abend essen und morgen sein Geschäft bei den Jungen beginnen. – Du kannst ihm doch eine Streu zurechtmachen, was?« »Will sehen, was sich tun läßt«, brummte die Dame. »Sie machen sich doch nichts daraus, wie Sie schlafen, was?« »O nein«, beeilte sich Nikolas zu erwidern, »in dieser Hinsicht bin ich nicht heikel.« »Na, das ist ja ein großes Glück«, höhnte Mrs. Squeers. Der Witz der Dame pflegte sich zumeist in beißenden Antworten zu äußern, und Mr. Squeers lachte deshalb herzlich und schien von Nikolas dasselbe zu erwarten. Sodann entspann sich zwischen dem Ehepaar wieder eine lebhafte Unterhaltung über den Erfolg von Mr. Squeers' Abstecher und inzwischen eingegangene Zahlungen und böswillige Schuldner, die erst aufhörte, als ein Dienstmädchen eine Yorkshirer Pastete und ein kaltes Stück Rindfleisch hereintrug und beides auf den Tisch setzte, worauf der junge Smike mit einem Krug Bier erschien. Mr. Squeers entleerte die Taschen seines Mantels von den Briefen an die verschiedenen Zöglinge und von kleinen Dokumenten, die er mitgebracht hatte, wobei der halbwüchsige Junge mit einem scheuen und ängstlichen Ausdruck auf die Papiere blickte, als hege er die schwache Hoffnung, es könne vielleicht auch etwas für ihn darunter sein. Der Blick war so schmerzlich und sprach von so langen qualvollen Leiden, daß er Nikolas tief ins Herz schnitt. Obgleich Smike nicht weniger als achtzehn oder neunzehn Jahre zählen konnte und für dieses Alter ziemlich groß schien, so war doch seine Kleidung ungefähr die eines kleinen Knaben und an Armen und Beinen geradezu lächerlich kurz – nichtsdestoweniger aber weit genug, so mager und abgezehrt war die Gestalt des Jungen. Um die untere Partie seiner Beine mit dieser seltsamen Garderobe in Einklang zu bringen, trug er ein Paar ungeheure Stiefel, die ursprünglich mit Stulpen versehen gewesen, für einen stämmigen Bauern gemacht sein mochten, aber jetzt sogar für einen Bettler zu zerschlissen waren. Gott weiß, wie lange er schon bei Squeers sein konnte, aber offenbar trug er noch immer dasselbe Weißzeug, das er einst mitgebracht, denn um den Hals hing ihm eine zerrissene Kinderkrause, die zur Hälfte von einem groben Männerhalstuch bedeckt war. Er hinkte, und während er sich emsig mit der Herrichtung des Tisches beschäftigte, warf er einen so scharfen und doch so entmutigten und hoffnungslosen Blick auf die Briefe, daß Nikolas es kaum mehr mit ansehen zu können glaubte. »Was schnüffelst du da herum, Smike?« rief Mrs. Squeers plötzlich. »Willst du wohl die Sachen daliegen lassen, was?« »Ah, du bist da?« sagte der Pädagog und blickte auf. »Ja, Sir«, hauchte der Junge und preßte die Hände zusammen, als ob er mit Gewalt die zuckenden Finger zurückhalten müsse, nicht nach den Papieren zu greifen, »ist nicht –?« »Was?« fuhr Squeers auf. »Haben Sie – ist jemand – hat man nichts gehört – über mich?« »Zum Henker, nein«, brummte Squeers verdrießlich. Der Junge blickte weg und schlich, sich mit der Hand die Augen bedeckend, zur Türe. »Nicht ein Wort«, nahm Squeers seine Rede wieder auf, »und ich werde wohl auch nie etwas zu hören bekommen. Wirklich unglaublich, daß du jetzt schon so viele Jahre hier bist und man nach den ersten sechsen keinen Penny mehr für dich bezahlt hat. Nicht einmal gefragt hat man nach dir, so daß man hätte ausfindig machen können, wohin du gehörst. Eine feine Geschichte das, einen so großen Bengel wie dich auffüttern zu müssen, ohne die Hoffnung zu haben, je einen Penny dafür zu bekommen. Was?« Der Junge legte die Hand an die Stirne, als versuche er, sich irgendeine Erinnerung zurückzurufen, blickte dann ausdruckslos nach dem Frager, verzog allmählich sein Gesicht zu einem krampfhaften Lächeln und hinkte hinaus. »Ich muß dir sagen, Squeers«, bemerkte die Frau vom Hause, als sich die Türe hinter ihm geschlossen hatte, »ich fürchte, der Bursche wird noch blödsinnig.« »Will ich nicht hoffen«, brummte Squeers, »er ist sonst brauchbar und ganz anstellig und für das bißchen Essen und Trinken eigentlich billig. Wäre es aber schließlich auch der Fall, für unsere Zwecke wird er immer noch genug Verstand haben. Aber komm jetzt, wir wollen essen. Ich bin hungrig und müde und will machen, daß ich zu Bett komme.« Auf diese Mahnung wurde noch ein Beefsteak für Mr. Squeers hereingebracht, der nicht säumte, ihm volle Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Nikolas zog sich einen Stuhl an den Tisch heran, aber der Appetit war ihm gänzlich vergangen. »Wie findest du das Beefsteak?« fragte Mrs. Squeers. »Zart wie Lammfleisch«, schnaufte Squeers kauend. »Willst du versuchen?« »Nein, nein, ich bin ganz satt«, lehnte die Hausfrau ab. »Was soll der junge Mann bekommen, mein Lieber?« »Was er mag«, erwiderte Squeers in einer höchst ungewöhnlichen Anwandlung von Großmut. »Also was, Mr. Knickerby?« fragte Mrs. Squeers. »Ich möchte mir ein kleines Stückchen von der Pastete ausbitten; nur ein ganz kleines, ich bin nicht hungrig«, antwortete Nikolas. »Ist es aber nicht schade, die Pastete aufzuschneiden, wenn Sie nicht hungrig sind?« meinte Mrs. Squeers. »Wollen Sie nicht lieber ein Stückchen von dem Rindfleisch versuchen?« »Ganz wie es Ihnen beliebt«, murmelte Nikolas zerstreut, »es ist mir ganz gleichgültig.« Mrs. Squeers schien diese Antwort sehr zu gefallen. Sie nickte ihrem Gatten zu, wie um ihm ihre Zufriedenheit darüber auszudrücken, daß der junge Mann sich so gut in seine Stellung zu finden wisse, und legte Nikolas mit ihren eigenen schönen Händen eine Fleischschnitte vor. »Bier, Squeerchen?« fragte sie dabei und gab ihrem Manne durch Blinzeln und Stirnrunzeln zu verstehen, daß sie meinte, ob der Hilfslehrer auch welches bekommen solle. »Na ja«, antwortete Squeers unter ähnlichen Gebärden. »Ein Glas.« Nikolas erhielt also ein Glas voll und trank es, da er mit seinen Gedanken zu sehr beschäftigt war, in glücklicher Nichtbeachtung dessen, was da verhandelt wurde, aus. »Das Beefsteak war ungemein saftig«, lobte Squeers und legte endlich Messer und Gabel aus der Hand. »Es ist Mastochsenfleisch«, erklärte die Hausfrau, »ich habe ein schönes großes Stück in der Absicht gekauft –« »In was für einer Absicht?« fuhr Squeers auf. »Doch nicht für die –« »Natürlich nicht für sie«, beruhigte ihn Mrs. Squeers. »Natürlich für dich, wenn du wieder nach Hause kämest. Wie kannst du nur denken – – Glaubst du vielleicht, ich bin verrückt?« Dieser Teil der Unterhaltung war etwas unverständlich, wenn man keine Kunde von dem in der Gegend im Umlaufe befindlichen Gerüchte hatte, Mr. Squeers hasse Grausamkeit gegenüber Tieren so sehr, daß er für seine Zöglinge nur Fleisch von Vieh aufkaufe, das eines natürlichen Todes gestorben sei. Als das Abendessen vorüber war, wurde es von einem kleinen Dienstmädchen mit hungrigen Augen wieder abgetragen, und Mrs. Squeers entfernte sich, um die Überbleibsel einzuschließen. Ebenso trug sie Sorge, die Kleider der soeben halberfroren angekommenen fünf Knaben aufzubewahren. Die Kinder wurden mit einem dünnen Süppchen abgespeist und dann Seite an Seite in eine kleine Bettstelle gepackt, wo sie sich aneinander wärmen und von einem besseren Mahle in einem geheizten Stübchen träumen durften, wenn ihre Einbildungskraft diese Richtung einschlagen sollte. Mr. Squeers selbst labte sich noch mit einem tüchtigen Glas Grog, der nach dem beliebten Grundsatz, Branntwein und heißes Zuckerwasser genau zu gleichen Teilen, zusammengesetzt war, und seine liebenswürdige Gattin mischte für Nikolas ein kleines Glas voll desselben Getränkes, aber natürlich in wesentlich verdünnterer Lösung. Sodann rückte das Ehepaar dicht an das Feuer, stemmte die Füße auf das Kamingitter und flüsterte vertraulich zusammen, während Nikolas Murrays Grammatik hernahm und geistesabwesend darin blätterte. Endlich gähnte Mr. Squeers entsetzlich und meinte, es wäre höchste Zeit, zu Bett zu gehen, worauf seine Gattin und das Dienstmädchen einen kleinen Strohsack und ein paar Decken in das Zimmer schleppten und zu einem Lager für Nikolas herrichteten. »Wir werden Ihnen morgen Ihre regelmäßige Schlafstelle anweisen, Nickleby«, sagte Squeers. »Wer schläft in Brooks' Bett, meine Liebe?« »In Brooks' Bett?« sann Mrs. Squeers nach. »Jennings, der kleine Bolder, Graymarsh und – wie heißt doch noch der vierte!?« »Hm, ja«, brummte Squeers, »Brooks' Bett ist also voll.« »Voll?« dachte Nikolas. »Man sollte denken, mehr als voll.« »Es muß aber doch irgendwo noch Platz sein«, fuhr Squeers fort, »ich kann mich nur im Augenblick nicht recht besinnen. Aber lassen wir das bis morgen. Gute Nacht, Nickleby. Vergessen Sie nicht, morgen früh um sieben!« »Ich werde bereit sein, Sir. Gute Nacht«, erwiderte Nikolas. »Ich werde übrigens selbst kommen und Ihnen den Brunnen zeigen. Sie werden immer ein Stückchen Seife auf dem Küchenfenster finden. Das ist für Sie. Und – hm, ich weiß momentan nicht, wessen Handtuch ich Ihnen anweisen soll. Aber Sie können sich ja morgen früh mit etwas anderem behelfen; meine Frau wird dann im Lauf des Tages schon dafür Sorge tragen. Vergiß nicht, meine Liebe.« »Ich werde schon dran denken«, entgegnete Mrs. Squeers, »und Sie, junger Mann, sehen Sie darauf, daß Sie zuerst zum Waschbecken kommen, ehe es Ihnen die Jungen schmutzig machen.« Dann verschloß sie noch sorgsam die Brandyflasche, damit ihr Nikolas nicht am Ende in der Nacht zuspräche, und entfernte sich mit ihrem Gatten. Als Nikolas allein war, ging er in großer Erregung ein paarmal im Zimmer auf und ab. Allmählich wurde er jedoch ruhiger, setzte sich auf einen Stuhl und nahm sich fest vor, alles Ungemach, und möge kommen, was da wolle, eine Zeitlang geduldig über sich ergehen zu lassen, um seinem Onkel keinen Vorwand zu geben, die Hand von seiner hilflosen Mutter und Schwester abzuziehen. Das tat ihm gut; seine Verzagtheit ließ nach, und so sanguinisch sind die Träume der Jugend, daß er sogar zu hoffen begann, es würde sich die Sache in Dotheboys Hall vielleicht doch noch besser machen, als sie sich jetzt anließ. Er wollte sich eben, wieder ein bißchen ermutigt, auf sein Lager werfen, als ihm der versiegelte Brief aus der Rocktasche fiel, den ihm Newman Noggs so geheimnisvoll in London zugesteckt hatte. »Himmel, was für eine wunderliche Handschrift«, sagte Nikolas und betrachtete das merkwürdig bekritzelte Papier. Nach vieler Mühe gelang es ihm endlich, folgendes zu entziffern: Mein lieber junger Herr! Ich kenne die Welt. Ihr Vater kannte sie nicht, sonst würde er mir keine Wohltaten erwiesen haben, wo er doch so offenkundig nicht auf Rückerstattung rechnen durfte. Auch Sie kennen sie nicht, sonst hätten Sie sich nicht zu einer solchen Reise verpflichtet. Wenn Sie je eines Obdachs in London bedürfen sollten (nehmen Sie mir diese Worte nicht übel, ich glaubte auch einst, nie eines solchen zu bedürfen), so können Sie meine Wohnung bei dem Wirte zur Krone, Golden Square, Silver Street, erfragen. Es ist das Eckhaus in Silver und James Street und hat auf beide Straßen hinaus einen Eingang. Sie können abends kommen. Einst schämte sich dessen niemand, doch das ist jetzt gleichgültig – die Zeit ist vorüber. Entschuldigen Sie die schlechte Schrift. Ich weiß heute kaum mehr, wie ein sauberer Anzug aussieht, geschweige denn, wie man Briefe schreibt. Newman Noggs PS. Wenn Sie nach Barnard Castle kommen, im »Königskopf« ist gutes Bier. Sagen Sie, daß Sie mich kennen, und man wird Ihnen dafür nichts anrechnen. Sie können dort von Mr. Noggs, Wohlgeboren, sprechen, denn ich war damals ein Gentleman. Auf mein Wort, ein Gentleman. Als Nikolas Nickleby den Brief wieder zusammenfaltete und in seine Brusttasche steckte, standen Tränen in seinen Augen. 8. Kapitel Der Haushalt in Dotheboys Hall Eine Fahrt von zweihundert und etlichen Meilen bei schlechtem Wetter kann auch das härteste Bett weich machen. Vielleicht ist sie auch imstande, die Träume zu versüßen; wenigstens waren die, die Nikolas' hartes Lager umgaukelten und ihr luftiges Nichts in sein Ohr flüsterten, heiterster und glücklichster Art. Er war eben im Begriff, das rollende Rad des Glücks auf Windesflügeln einzuholen, als der schwache Schimmer einer ersterbenden Kerze auf seine Augen fiel und eine Stimme, die er ohne Schwierigkeiten für die Mr. Squeers' erkennen konnte, ihn erinnerte, daß es Zeit sei zum Aufstehen. »Sieben vorbei«, mahnte der Schulmeister. »Es ist schon Morgen?« fragte Nikolas und setzte sich im Bett auf. »Na freilich. Und noch dazu ein recht eisiger Morgen. Machen Sie rasch, Nickleby, beeilen Sie sich.« Nikolas bedurfte keiner weitern Ermahnung und kleidete sich beim Schein der Kerze, die Mr. Squeers in der Hand hielt, so rasch er konnte, an. »Eine schöne Bescherung«, bemerkte Squeers, »der Brunnen ist zugefroren.« »So«, entgegnete Nikolas zerstreut, da ihn diese Nachricht nicht besonders interessierte. »Jawohl, Sie können sich daher heute nicht waschen.« »Mich nicht waschen?« rief Nikolas. »Nein; geht eben nicht«, erwiderte Squeers spitzig, »Sie müssen sich begnügen, sich eine trockene Politur zu geben, bis wir das Eis im Brunnen aufhacken und einen Eimer Wasser für die Jungen heraufholen können. Na, was starren Sie mich so an? Eilen Sie sich gefälligst!« Nikolas erwiderte kein Wort und schlüpfte hastig in seine Kleider, während Squeers die Läden öffnete und das Licht ausblies. Bald darauf ließ sich die Stimme der liebenswürdigen Frau vom Hause vernehmen, die Einlaß begehrte. »Komm nur herein, mein Schatz«, sagte der Schulmeister. Mrs. Squeers trat ein, noch immer in derselben Nachtjacke, in der sie sich schon abends so zweifelhaft ausgenommen, nur daß sie als weitere Zierde einen alten Castorhut mit vieler Anmut über der bereits erwähnten Nachthaube trug. »Verfluchtes Zeug«, schimpfte sie, den Wandschrank öffnend, »ich kann den Schullöffel nirgends finden.« »Mach dir nichts draus«, begütigte Squeers, »es ist doch ganz egal.« »Ganz egal? Wie kannst du nur so reden«, entgegnete die Dame bissig. »Heute ist doch Schwefeltag.« »Ja, ja, richtig. Das habe ich ganz vergessen«, sagte Mr. Squeers. »Wir geben den Jungen hie und da zum Blutreinigen ein, müssen Sie wissen, Nickleby.« »Ach was, Papperlapapp«, unterbrach die Hausfrau. »Glauben Sie ja nicht, junger Mann, daß wir uns für Schwefelblüte und Sirup Unkosten machen würden, bloß um ihnen das Blut zu reinigen. – Wenn sie vielleicht glauben, wir betreiben das Geschäft auf diese Weise, sind Sie stark im Irrtum.« »Meine Liebe«, wendete Squeers mit Stirnrunzeln ein. »Hm –« »Ach, Dummheiten«, keifte Mrs. Squeers. »Wenn der junge Mann hier Lehrer sein will, so muß er auch wissen, daß wir kein Federlesens mit den Jungen machen. – Also, sie kriegen den Schwefel mit Sirup erstens einmal, weil sie, wenn man anders mit ihnen dokterte, immer etwas zu klagen hätten, so daß man gar nicht fertig würde; und dann, weil es ihnen die Freßlust nimmt und billiger zu stehen kommt als ein Frühstück und ein Mittagessen. So tut es zu gleicher Zeit ihnen und uns gut. Was will man weiter?« Nach dieser umfassenden Erklärung steckte Mrs. Squeers den Kopf in den Schrank und stellte genaue Nachforschungen nach dem Löffel an, wobei ihr ihr Gatte half. Während des Suchens flüsterten sie miteinander, aber der Schrank dämpfte den Ton der Stimme so, daß Nikolas nichts weiter verstehen konnte, als daß Mr. Squeers behauptete, sie hätte etwas Unverständiges gesagt – eine Ansicht, die indes die Gnädige für dummes Geschwätz erklärte. Als sich alles Suchen und Umherstöbern als fruchtlos erwies, rief sie Smike herein, den sie so lange mit Püffen und Mr. Squeers mit Ohrfeigen bearbeitete, bis sich im Lauf dieser Doppelbehandlung sein Geist so weit aufhellte, daß er die Vermutung auszusprechen vermochte, Mrs. Squeers habe den Löffel vielleicht in der Tasche, was sich denn auch als richtig herausstellte. Da jedoch Mrs. Squeers vorher beteuert hatte, sie wisse ganz bestimmt, daß er nicht dort wäre, so erhielt Smike eine weitere Ohrfeige, weil er sich unterfangen, seiner Gebieterin zu widersprechen – und zugleich die Verheißung einer Tracht Prügel, wenn er sich in Zukunft nicht respektvoller benehme, so daß ihm also sein Scharfsinn keinen besonders Gewinn brachte. »Eine unbezahlbare Frau, Nickleby«, bemerkte Squeers, als seine Ehehälfte hinauseilte und dabei den armen Haussklaven vor sich hinstieß. »Ich kenne keine zweite. Sie ist immer dieselbe, Nickleby, geschäftig, rührig, tätig, sparsam.« Nikolas seufzte unwillkürlich bei dem Gedanken an die liebenswürdigen Aussichten, die sich ihm in diesem Hause auftaten, aber Squeers war zufällig zu sehr in Gedanken, um es zu bemerken. »Wenn ich in London oben bin, so gebrauche ich gewöhnlich die Redensart, daß sie den Knaben eine Mutter sei. Aber sie tut Dinge für die Jungen, Nickleby, daß ich wohl behaupten kann, die Hälfte aller Mütter vermöchte nicht, etwas der Art für ihre eigenen Söhne zu tun.« »Das glaube ich gerne, Sir«, entgegnete Nikolas doppelsinnig. Das Wahre an der Sache war übrigens, daß beide, Mr. und Mrs. Squeers, die Zöglinge sozusagen als ihre natürlichen Feinde betrachteten, aus denen soviel wie möglich herauszupressen ihre Pflicht und ihr Beruf sei. Über diesen Punkt waren beide einig und richteten demgemäß ihr Benehmen ein. Der einzige Unterschied zwischen ihnen war nur, daß sie den Krieg gegen die Feinde offen und furchtlos führte, während er, auch zu Hause seine Niederträchtigkeit mit dem Mäntelchen seiner gewohnten Verstellung verhüllend, sich einreden zu wollen schien, daß er im Grunde genommen eigentlich eine seelensgute Haut wäre. »Aber kommen Sie«, unterbrach er einen ähnlichen Gedankengang in dem Geiste seines Hilfslehrers. »Wir wollen jetzt in die Klasse gehen. Helfen Sie mir in meinen Schulrock, Nickleby.« Nikolas half seinem Brotherrn, ein altes barchentnes Jagdwams anzuziehen, das auf einem Kleiderständer im Hausflur hing, und Squeers bewaffnete sich mit seinem spanischen Rohr und führte ihn über einen Hof zu einer Türe des Hinterhauses. »So«, sagte er, als sie mitsammen eintraten, »dies ist unsere Werkstatt.« In der »Werkstatt« bot sich ein so buntes Schauspiel, und soviel Sonderbares entrollte sich dem Auge, daß Nikolas im Anfang nur herumschauen konnte, ohne irgend etwas genauer zu unterscheiden. Nach und nach löste sich jedoch das Bild in ein kahles schmutziges Zimmer mit ein paar Fenstern auf, an denen übrigens das Glas kaum den zehnten Teil ausmachen mochte, da die Löcher darin mit Papier von alten Schreibbüchern geflickt waren. Ein paar lange, gebrechliche Tische, mit Messern zerschnitten, mit Tinte besudelt und auf jede nur mögliche Weise beschädigt, standen nebst einigen Bänken, einem besondern Pult für Mr. Squeers und einem zweiten für den Hilfslehrer umher. Die Decke war, wie bei einer Scheune, durch Querbalken und Sparren gestützt, und die Wände sahen so besudelt und geschwärzt aus, daß es unmöglich war, zu ermitteln, welche Farbe ihr ursprünglicher Anstrich, wenn ein solcher überhaupt vorhanden gewesen, gehabt haben mochte. Und erst die Zöglinge! Die jungen Aristokraten! Die letzten schwachen Hoffnungsstrahlen, der entfernteste Lichtblick einer Möglichkeit, daß ernste Bemühungen in dieser Höhle des Elends je etwas Gutes erzielen könnten, schwanden aus Nikolas' Seele, als er mit Schrecken der Wirklichkeit ansichtig wurde. Bleiche, abgezehrte Gesichter, hagere Gerippe, Kinder mit den Zügen von Greisen, Mißgestalten mit eisernen Schienen an den Gliedern, Knaben, im Wachstum unterdrückt, und andere, deren lange, dünne Beinchen die gebeugten Körper kaum zu tragen vermochten, drängten sich vor seinen Blicken. Da gab es Triefaugen, Hasenscharten, Klumpfüße, kurz jede erdenkliche Häßlichkeit und Entstellung, die auf eine unnatürliche Abneigung der Eltern oder auf ein Leben hindeutete, das von frühester Kindheit an nur Grausamkeit und Vernachlässigung gekannt hatte. Unter ihnen hin und wieder ein schmales Gesicht, das schön gewesen sein würde, wäre es nicht durch den finstern Blick eines durch Leiden versteckten Innern verdüstert gewesen. Ein Bild der Kindheit, der der Glanz der Augen erloschen, deren Schönheit entschwunden, und wo nur die Hilflosigkeit allein zurückgeblieben war. Boshafte Gesichter mit bleiernen Augen, wie man sie bei Verbrechern im Gefängnis sieht, vor sich hinbrütend, und arme Geschöpfe, die die Sünden ihrer Eltern büßten und sich nach den gedungenen Wärterinnen sehnten, dem einzigen Lichtblick, den sie gekannt, als sie noch nicht ganz verlassen und einsam waren. Eine Höllensaat wurde hier großgezogen, in der Mitgefühl und Liebe schon bei der Geburt erstickt und jedes frische und jugendliche Denken durch Prügel und Hunger ausgerottet wurde und jede der Rachsucht entquellende Leidenschaft sich leise ihre Eitergänge bis in das Innerste eines zertretenen Herzens fraß. Und doch hatte das Schauspiel, das sich da entrollte, so schmerzlich es war, etwas so Groteskes, daß ein minder beteiligter Zuschauer als Nikolas vielleicht ein Lächeln kaum hätte unterdrücken können. Mrs. Squeers stand hinter einem Lehrpult, eine ungeheuere Schüssel mit Schwefel und Sirup vor sich, und gab von dieser köstlichen Mischung jedem Kind eine starke Dosis, wobei sie sich eines ursprünglich wohl für einen Riesen angefertigten hölzernen Löffels bediente, der den Mund eines jeden der jungen Herren um ein beträchtliches erweiterte, da sie unter Strafandrohungen den ganzen Löffel voll auf einmal hinunterschlucken mußten. In einer Ecke der Stube hatten sich die neuen in der Nacht angekommenen kleinen Jungen zusammengedrängt, drei von ihnen in ungemein weiten Lederhosen und zwei in alten Pantalons, die womöglich noch enger anlagen, als man es bei gewöhnlichen Trikotunterhosen zu sehen pflegt. In einer kleinen Entfernung von ihnen saß Mr. Squeers' jugendlicher Sohn und Erbe, ein sprechendes Ebenbild seines Vaters, und wehrte sich aus Leibeskräften und mit Händen und Füßen gegen Smike, der ihm ein Paar neue Stiefel von verdächtigter Ähnlichkeit mit denen, die der kleinste der neuen Ankömmlinge auf der Herreise getragen hatte, anzuziehen bemüht war. Außerdem stand eine lange Reihe von Knaben harrend da, freilich mit Gesichtern, die nicht das angenehmste Vorgefühl hinsichtlich des Geschwefeltwerdens ausdrückten, während ein anderes Häuflein, das eben diese Tortur überstanden hatte, durch allerhand Mundverzerrungen andeutete, daß dieses Löffeltraktament gerade nicht zu den angenehmsten gehörte. Die Knaben waren insgesamt so buntscheckig, schlecht zusammenpassend und ungewöhnlich gekleidet, daß man sich des Lachens nicht hätte erwehren können, wäre nicht der ekelhafte Anblick von Schmutz, Mißwirtschaft und Siechtum damit verbunden gewesen. »Nein«, sagte Squeers und schlug mit dem spanischen Rohr so heftig auf den Tisch, daß die Hälfte der Jungen beinahe aus ihren Stiefeln gesprungen wäre. »Ist das Doktern endlich vorbei?« »Sofort«, erwiderte Mrs. Squeers und klopfte das letzte Kind, das sie in der Eile fast erstickt hätte, mit dem hölzernen Löffel auf den Kopf, um es wieder zu sich zu bringen. »Smike, nimm die Schüssel fort. Rasch.« Smike hinkte mit der Schüssel hinaus, und die Dame folgte ihm, nachdem sie sich zuvor die schmutzigen Finger an dem Lockenkopf eines Jungen abgewischt hatte, hastig nach einer Art Waschhaus, in dem ein kleines Feuer unter einem großen Kessel brannte und eine Anzahl kleiner hölzerner Näpfe auf einem Tische umherstanden. In diese Näpfe goß sie, assistiert von dem ausgehungerten Dienstmädchen, ein braunes Gemisch, das wie Lohbrühe aussah und Suppe genannt wurde. In jeden Napf kam ein winziges Scheibchen Schwarzbrot, und als die Zöglinge ihre Suppe mit dem Brot ausgelöffelt und hinterdrein auch den Löffel verzehrt hatten, womit das Frühstück beendigt war, sprach Mr. Squeers weihevoll: »Herr, lasset uns danken für alles Gute, was wir von dir empfangen haben«, und begab sich hinaus, um seinerseits sich daran zu erquicken, was ihm der Herr bescherte. Nikolas spülte sich den Magen mit einem Napf Suppe aus; wohl aus demselben Grunde, der gewisse Wilde veranlaßt, Erde zu verschlucken, um die mahnenden Eingeweide zu besänftigen, wenn nichts zu essen da ist. Und nachdem er noch eine Brotschnitte mit Butter verzehrt hatte, die ihm in seiner Eigenschaft als Lehrer zuteil wurde, setzte er sich nieder und wartete, bis der Unterricht begänne. Es konnte ihm natürlich nicht entgehen, daß statt frischen Lebensmutes nur stumme Trauer unter den Kindern herrschte. Keine Spur von dem Tumult und Lärmen eines Schulzimmers, nichts von geräuschvollen Spielen oder herzlicher Fröhlichkeit. Die Kleinen kauerten sich zitternd zusammen und schienen sich nicht zu getrauen, sich auch nur zu bewegen. Der einzige Zögling, der einigermaßen Neigung zu Scherz an den Tag legte, war der junge Master Squeers. Da aber seine Hauptbelustigung darin bestand, mit seinen Stiefeln den anderen auf die Zehen zu treten, so bot seine Munterkeit gerade keinen besonders erfreulichen Anblick. Nach einer halben Stunde trat Mr. Squeers wieder ein. Die Knaben gingen an ihre Plätze und griffen nach ihren Büchern, von denen durchschnittlich eines auf etwa acht Schüler kam. Der Schulmeister nahm einige Minuten eine sehr gelehrte Miene an, als wisse er alles auswendig und könne jedes Wort aus dem Kopfe hersagen, wenn er sich nur die Mühe dazu nehmen wollte, und rief dann die erste Klasse auf. Dem Befehle gehorsam stellten sich etwa ein halbes Dutzend Vogelscheuchen mit an den Knieen und Ellenbogen durchlöcherten Kleidern vor seinem Pulte auf, und eine davon unterbreitete ein zerrissenes und beschmutztes Buch seinem gelehrten Auge. »Dies ist die erste Klasse. Sie erhält Unterricht im Lesen und in der Philosophie, Nickleby«, erklärte Squeers und winkte Nikolas näher heran. »Wir wollen später auch eine Lateinklasse gründen und sie Ihnen übertragen. – Also gut. Wo ist unser Primus?« »Er putzt in der hintern Stube die Fenster«, hauchte der Zugführer der philosophischen Klasse. »Ja, richtig«, brummte Squeers. »Wir halten uns an die praktische Lehrmethode, Nickleby; das einzige richtige Erziehungssystem. P-u-tz, Putz, e-n, en, Putzen, Zeitwort, reinmachen, reinigen, F-e-n, Fen, s-t-e-r, ster, Fenster. Eine mit einer durchsichtigen Substanz verwahrte Öffnung, durch die Licht in die Häuser fällt. – Wenn ein Knabe etwas der Art aus dem Buche gelernt hat, so geht er hin und tut es. Wir folgen hier ganz demselben Grundsatz, den man bei dem Gebrauch der Erdgloben in Anwendung bringt. Wo ist der Zweite?« »Er jätet im Garten Unkraut aus«, rief eine zarte Stimme. »So ist es«, fuhr Squeers fort, ohne aus der Fassung zu kommen, »so ist's. B-o, Bo, d-a, da, Boda, n-i-k, nik, Bodanik, Hauptwort, Kenntnis der Pflanzen. – Wenn er gelernt hat, daß »Bodanik« Kenntnis der Pflanzen bedeutet, so geht er hin und lernt sie kennen. Dies ist mein System, Nickleby. Was halten Sie davon?« »Jedenfalls sehr nutzbringend«, sagte Nikolas doppelsinnig. »Das will ich meinen«, entgegnete Squeers, dem die ironische Betonung seines Hilfslehrers nicht weiter auffiel. »Nun, du Dritter, was ist ein Pferd?« »Ein Tier, Sir«, antwortete der Knabe. »Richtig«, lobte Squeers. »Stimmt's, Nickleby?« »Ich glaube, daß hier kein Zweifel obwalten kann, Sir«, meinte Nikolas. »Natürlich nicht. Ein Pferd ist ein Quadruped, und Quadruped ist das lateinische Wort für Tier, wie jeder, der die Grammatik durchgemacht hat, weiß, denn wo läge sonst der Nutzen der Grammatik?« »In der Tat, wo läge er«, bestätigte Nikolas zerstreut. »Da du deine Sache so gut gemacht hast«, lobte Squeers den Schüler, »so geh in den Stall, sieh nach meinem Pferd und striegle es ordentlich, sonst will ich dich striegeln. Die übrigen der Klasse scheren sich hinaus und schöpfen Wasser, bis man sie aufhören heißt, denn die Kessel müssen für den morgigen Waschtag gefüllt werden.« Mit diesen Worten entließ er die erste Klasse zu ihren praktischen Übungen in der Philosophie und sah Nikolas mit einem halb verschmitzten, halb unsichern Blick an, als wolle er sich überzeugen, welchen Eindruck dieses Verfahren auf seinen Hilfslehrer gemacht habe. »So wird die Sache bei uns betrieben, Nickleby«, sagte er nach einer langen Pause. Nikolas zuckte kaum merklich die Achseln und sagte, daß ihn dies der Augenschein lehre. »Es ist wirklich eine sehr gute Methode«, fuhr Squeers fort. »Doch lassen Sie jetzt die vierzehn kleinen Knaben lesen, denn Sie müssen anfangen, sich nützlich zu machen. Faulenzerei gibt's bei uns nicht.« Mr. Squeers sagte dies in einem Tone, als sei ihm plötzlich eingefallen, daß er seinem Hilfslehrer nicht zuviel anvertrauen dürfe oder daß dieser ihm nicht genug zum Lobe der Anstalt gesagt habe. Die Kinder mußten sich sodann im Halbkreis um den neuen Lehrer aufstellen, und bald horchte dieser auf ihr träges, eintöniges und stockendes Herunterbuchstabieren jener wichtigen Geschichten, die in den ältern Fibelbüchern zu finden sind. Unter dieser angenehmen Beschäftigung schleppte sich der Morgen schwerfällig hin. Um ein Uhr kamen die Zöglinge, nachdem man ihnen zuerst den Appetit durch Haferbrei und Kartoffeln genommen hatte, zu einem Stückchen stark eingepökelten Ochsenfleisch in die Küche, und Nikolas erhielt gnädigst die Erlaubnis, seinen Anteil nach seinem einsamen Pulte tragen zu dürfen, um es dort ungestört verzehren zu können. Dann kauerten sich die Knaben abermals eine Stunde lang fröstelnd in dem kalten Schulzimmer zusammen, worauf der Unterricht wieder seinen Anfang nahm. Mr. Squeers pflegte nach jedem seiner halbjährlichen Besuche in der Hauptstadt die Knaben zusammenzurufen und ihnen eine Art Mitteilung zu machen über ihre Verwandten, wenn er sie gesehen, über Nachrichten, die er gehört, Briefe, die er mitgebracht, Rechnungen, die man bezahlt, oder Noten, die man schuldig geblieben war usw. Diese festliche Revue fand jedesmal stets erst am Nachmittag nach seiner Zurückkunft statt; vielleicht, damit die Knaben durch längeres Hangen und Bangen Seelenstärke gewönnen, vielleicht auch, weil Mr. Squeers durch gewisse warme Getränke, die er gewöhnlich nach dem Mittagessen zu sich zu nehmen pflegte, größere Unbeugsamkeit gewann. Doch sei dem, wie es wolle, die Knaben wurden von den Fenstern, dem Stalle, dem Garten und dem Hofe zurückgerufen, und das Schulzimmer war gesteckt voll, als Mr. Squeers mit einem Paketchen Briefschaften in der Hand und von seiner Gattin begleitet, die ein paar Haselstöcke trug, in das Zimmer trat und Stillschweigen gebot. »Wenn einer, ohne daß er gefragt wird, das Maul auftut«, begann Mr. Squeers in mildem Tone, »so kriegt er Haue, bis ihm das Fell von den Knochen fällt.« Diese Ankündigung hatte den beabsichtigten Erfolg; im Augenblick trat eine totengleiche Stille ein, und Squeers fuhr fort: »Jungen, ich bin in London gewesen und gesund und wohl wieder zu meiner Familie und zu euch zurückgekehrt.« Die Zöglinge begrüßten diese Nachricht dem halbjährigen Brauche zufolge mit drei schwachen Freudenrufen, die mehr wie ein Seufzer klangen aus der Brust eines Menschen, dem der Todesschweiß auf der Stirne steht. »Ich habe die Eltern von einigen unter euch gesehen«, fuhr Squeers, seine Papiere durchblätternd, fort, »und sie sind so erfreut über die Fortschritte ihrer Söhne, daß an ein Zurücknehmen derselben nicht zu denken ist, was natürlich eine sehr erfreuliche Nachricht bedeutet.« Bei diesen Worten fuhren zwei oder drei kleine Hände über zwei oder drei Augenpaare, aber der größere Teil der Kinder wußte nicht viel von seinen Eltern und war daher bei der Sache in keiner Weise beteiligt. »Ich hatte mit Widerwärtigkeiten aller Art zu kämpfen«, sagte Squeers und nahm eine zürnende Miene an. »Bolders Vater ist zwei Pfund, zehn Schillinge schuldig geblieben. Wo ist Bolder?« »Hier, Sir«, antworteten zwanzig diensteifrige Stimmen. – Knaben sind in solchen Fällen genau wie Erwachsene. – »Komm her, Bolder!« befahl Squeers. Ein kränklich aussehender Junge mit von Warzen bedeckten Händen trat leichenblaß und klopfenden Herzens an das Pult und erhob flehend seine Augen. »Bolder«, begann Squeers ganz langsam, denn er überlegte noch im Sprechen, wie er dem Kinde am besten beikommen könne, »Bolder! Wenn dein Vater glaubt – Aber, was ist das, Bengel?!« Mit diesen Worten faßte Squeers die Hand des Knaben am Ärmelaufschlag und betrachtete die Warzen mit einem erbaulichen Ausdruck von Entrüstung und Ekel. »Wie nennst du das, Musjö?« fragte er und gab dem Knaben zuvörderst einmal einen Schlag mit der Haselrute, um die Antwort zu beschleunigen. »Ach, ich kann ja nichts dafür, Sir«, jammerte der Junge. »Sie kommen von selbst; ich glaube, es macht die schmutzige Arbeit, Sir. Ich weiß wirklich nicht, woher es kommt, Sir, aber ich kann nichts dafür.« »Bolder«, knirschte Squeers, schlug die Hemdärmel zurück und feuchtete die Fläche der rechten Hand mit der Zunge an, um den Stock besser halten zu können, »du bist ein unverbesserlicher Lügner, und da die letzte Tracht Prügel bei dir nicht gefruchtet hat, so wollen wir mal sehen, ob eine neue nicht bessere Wirkung tut.« Und ohne auf den kläglichen Schrei um Schonung zu achten, fiel er über den Knaben her und bearbeitete ihn so lange mit dem Stock, bis er kaum mehr den Arm rühren konnte. »So«, keuchte Squeers, als er fertig war, »reib dir den Buckel, soviel du willst. Das da wirst du dir nicht so schnell herunterreiben. Was, du willst nicht zu heulen aufhören?! Führ ihn hinaus, Smike.« Der Haussklave wußte aus Erfahrung zu gut, daß durch Zögern nichts gewonnen wurde; und schaffte daher das arme Opfer durch eine Seitentüre, während sich Mr. Squeers wieder auf seinen Stuhl hinpflanzte und seine Gattin an seiner Seite Platz nahm. »So. Und jetzt weiter. Hier ist ein Brief für Cobbey. – Steh auf, Cobbey!« Ein anderer Zögling erhob sich und betrachtete mit ängstlicher Miene den Brief, den der Schulmeister in einem kurzen Auszug vortrug. »Also. Cobbeys Großmutter ist gestorben und sein Onkel John hat sich dem Trunk ergeben. Das sind die Neuigkeiten, die seine Schwester sendet – achtzehn Pence ausgenommen, die gerade hinreichen, die von Cobbey zerbrochene Fensterscheibe zu bezahlen. Liebe Frau, hier nimm das Geld.« Die würdige Dame steckte die achtzehn Pence mit der gleichgültigsten Geschäftsmiene von der Welt ein, und Squeers ging ebenso kaltblütig zu dem nächsten Knaben über. »Die Reihe kommt jetzt an Graymarsh. Steh auf, Graymarsh!« Der Junge gehorchte, und der Schulmeister überlas wie früher einen Brief. Graymarshs Tante sei sehr erfreut über die Nachricht, daß ihr Neffe so gesund und zufrieden sei, und lasse Mrs. Squeers die achtungsvollsten Komplimente vermelden. Sie glaube, daß sie ein Engel sein müsse und ebenso wie Mr. Squeers, der hoffentlich der Menschheit noch lange erhalten bleiben werde, zu gut für diese Welt sei. Sie würde die verlangten zwei Paar Strümpfe gestrickt haben, wenn in ihrer Kasse nicht Ebbe geherrscht hätte. Statt dessen sende sie ein Traktätchen und hoffe, Graymarsh werde sein Vertrauen immer auf Gott setzen. Vor allem aber wünsche sie, daß er sich eifrig Mühe gebe, sich Mr. und Mrs. Squeers' Liebe in jeder Hinsicht zu erwerben und in ihnen seine einzigen Freunde zu sehen. Er solle den jungen Master Squeers lieben und sich nicht unchristlicherweise darüber beschweren, daß er zu fünft im Bett schlafen müsse. »Hm«, brummte Squeers und faltete das Schreiben zusammen, »ein herrlicher Brief. – So liebreich!« In gewissem Sinn war er allerdings sehr liebreich, denn des Knaben Tante war, wie sich ihre vertrauten Freundinnen ins Ohr flüsterten, niemand anders als seine wirkliche Mutter. Squeers ging natürlich, ohne auf diesen Teil der Geschichte anzuspielen, die vor den Knaben unmoralisch geklungen haben würde, weiter und rief den Namen Mobbs, worauf sich wieder ein Zögling erhob und Graymarsh auf seinen Platz ging. »Mobbs' Stiefmutter«, berichtete Squeers, »hat sich zu Bett legen müssen, als sie hörte, daß er keinen Speck essen wolle, und ist seitdem immerwährend krank gewesen. Sie wünscht mit der nächsten Post zu erfahren, wo er eigentlich hingetan zu werden erwarte, wenn er sich über die Kost beklage, und will wissen, wieso er über die Kuhleberbrühe noch die Nase rümpfen kann, nachdem sein guter Lehrer den Segen darüber gesprochen hat. Daß das geschehen, habe sie aus den Londoner Zeitungen und nicht von Mr. Squeers erfahren, der zu menschenfreundlich und wohlwollend sei, Verwandte gegeneinander aufzuhetzen. Sie fühle sich übrigens in einer Weise gekränkt, daß sich Mobbs gar keinen Begriff davon machen könne. Es schmerze sie unendlich, eine so sündhafte und abscheuliche Unzufriedenheit an ihm zu bemerken, weshalb sie hoffe, Mr. Squeers werde ihn in mehr Duldsamkeit hineinprügeln. Wegen seines schlechten Betragens behalte sie auch den wöchentlichen halben Penny Taschengeld zurück und habe ein Messer mit doppelter Klinge und einem Korkenzieher, das für ihn bestimmt gewesen, der christlichen Mission geschenkt. »Ja, ja, Widerspenstigkeit tut nicht gut«, sagte Mr. Squeers nach einer schrecklichen Pause und befeuchtete sich wieder die Fläche seiner rechten Hand. »Frohsinn und Zufriedenheit müssen stets aufrechterhalten werden. Mobbs, komm her.« Mobbs bewegte sich langsam nach dem Pulte hin und rieb sich in der Vorahnung, bald genug Anlaß dazu zu haben, die Augen und erhielt ihn auch in so hohem Maße, wie es sich ein Knabe nur wünschen kann, und wurde dann gleichfalls durch die Seitentür entfernt. Mr. Squeers fuhr sodann fort, die noch übrigen Briefe zu öffnen. Einige erhielten Geld, das Mrs. Squeers zum Aufheben übergeben wurde, und andere bezogen sich auf verschiedene kleine Kleidungsstücke, wie Mützen usw., die aber alle nach Ansicht der Dame des Hauses bald zu groß, bald zu klein waren und für niemand als Master Squeers passen wollten, der die allergefügigsten Gliedmaßen zu haben schien, da ihm alles, was in die Anstalt kam, wie angegossen saß. Besonders sein Kopf mußte eine wunderbare Elastizität besitzen, da ihm Hüte und Mützen von jeder Weite gleich gut paßten. Nach Erledigung dieses Geschäftes wurden noch einige Lektionen heruntergehudelt, worauf sich Mr. Squeers in seinen Familienkreis zurückzog und dem Unterlehrer die Obhut über die Knaben in der äußerst kalten Schulstube überließ, in der, als es dunkel wurde, auch das Abendessen, bestehend aus Brot und Käse, ausgeteilt wurde. In einer Ecke des Unterrichtszimmers, zunächst dem Pulte des Schulmeisters, befand sich ein kleiner Ofen, und an diesen setzte sich Nikolas, als er endlich allein war, und wünschte sich in dem Vollbewußtsein seiner Erniedrigung den Tod als willkommenen Erlöser herbei. Die Grausamkeiten, deren unfreiwilliger Zeuge er gewesen, Squeers' rohes und niederträchtiges Benehmen, selbst wenn dieser in guter Laune war, und überhaupt alles, was er an diesem schmutzigen Orte sah und hörte, vereinigte sich, diese trübe Stimmung hervorzurufen. Wenn er aber gar daran dachte, daß er dabei mitwirken und, gleichgültig, ob durch Verkettung von Umständen dazu gezwungen oder nicht, als Helfer und Mitschuldiger eines Systems erscheinen mußte, das nur Ekel und Widerwillen in seiner Seele hervorrief, so verabscheute er sich selbst, und es kam ihm vor, als ob die bloße Rückerinnerung an seine gegenwärtige Erniedrigung es ihm für alle Zeiten unmöglich machen müßte, sein Haupt dereinst wieder vor anständigen Leuten zu erheben. Vorderhand war jedoch sein Entschluß gefaßt, und die Vorsätze der verflossenen Nacht blieben ungetrübt. Er hatte seiner Mutter und Schwester geschrieben, ihnen die glückliche Beendigung seiner Reise mitgeteilt, und von Dotheboys Hall so wenig wie möglich, und auch das wenige in möglichst heiterer Weise, berichtet. Er hoffte, wenn er bliebe, selbst hier einiges Gute wirken zu können, und andernfalls hingen die Seinigen zu sehr von der Gunst seines Onkels ab, als daß er sich schon jetzt dessen Groll hätte zuziehen dürfen. Eine Erwägung beunruhigte ihn jedoch noch weit mehr als alles Widerwärtige seiner eigenen Lage, nämlich das voraussichtliche Los seiner Schwester. Sein Onkel hatte ihn hintergangen; stand da nicht auch zu befürchten, daß er sie in eine Umgebung bringen könne, in der ihre Schönheit und Jugend ihr einen größeren Fluch bedeuten könnten als Häßlichkeit und Alter? Ein schrecklicher Gedanke für einen an Händen und Füßen gebundenen Menschen! Doch war ja andererseits die Mutter bei ihr, und auch die Malerin – freilich ein sehr einfaches Wesen, das aber schließlich doch in und von der Welt lebte. In solch quälende Gedanken vertieft, fiel sein Blick zufällig auf Smike, der vor dem Ofen kniete, ein paar abgesprungene Aschenfunken vom Vorsetzer auflas und sie wieder zurück ins Feuer warf. Der arme Junge hatte eben innegehalten, um einen verstohlenen Blick auf Nikolas zu werfen, und als er jetzt sah, daß er bemerkt worden, fuhr er zusammen, als fürchte er, dafür gezüchtigt zu werden. »Du brauchst dich nicht vor mir zu fürchten«, beruhigte ihn Nikolas freundlich. »Friert es dich so?« »N-e-i-n.« »Du klapperst so mit den Zähnen?« »Es friert mich nicht«, versetzte Smike rasch. »Ich bin Kälte gewöhnt.« In seinem ganzen Benehmen verriet sich so augenscheinlich die Furcht, Anstoß zu erregen, und er war überhaupt so scheu und niedergedrückt, daß Nikolas sich des Ausrufs »Armer Junge!« nicht erwehren konnte. Wenn er den bedauernswerten Leidensträger geschlagen hätte, so würde sich dieser wahrscheinlich ohne einen Laut davongeschlichen haben, so aber brach er in Tränen aus. »Ach, du mein Gott«, jammerte er und schlug sich seine aufgesprungenen und schwieligen Hände vor das Gesicht, »mir bricht das Herz.« »Still, still«, beruhigte ihn Nikolas und legte ihm die Hand auf die Schulter. »Sei ein Mann, du bist's ja fast an Jahren; Gott wird dir helfen.« »An Jahren? O mein Gott, wie viele sind es jetzt schon? Wie viele Jahre sind dahingegangen, seit ich als kleines Kind hierhergekommen bin, jünger als irgendeines von denen, die jetzt da sind. – Wo sind sie alle?« »Wovon sprichst du?« fragte Nikolas, bemüht, das arme, bald blödsinnige Geschöpf zur Vernunft zu bringen. »So rede doch!« »Meine Verwandten«, schluchzte Smike, »ich – meine – ach Gott, was habe ich gelitten!« »Die Hoffnung stirbt nicht«, tröstete Nikolas, ohne zu wissen, was er sagte. »Nein, nein«, jammerte der Bursche, »nein, für mich gibt's keine mehr. Erinnern Sie sich noch des Knaben, der hier gestorben ist?« »Du weißt, ich war damals noch nicht hier«, sagte Nikolas sanft, »aber was ist's mit ihm?« »Ich habe bei ihm gewacht, und als alles still um uns her war, hat er nicht mehr nach seinen Eltern und Verwandten gerufen, daß sie sich an sein Bett setzen möchten, sondern fing an, Gesichter um sich her zu sehen. Er sagte, sie lächelten ihm zu und sprächen mit ihm, und endlich richtete er den Kopf auf, um sie zu küssen, und starb. – Hören Sie?« »Ja, ja, ich höre«, entgegnete Nikolas. »Welche Gesichter werden mir zulächeln, wenn ich sterbe?« fuhr Smike schaudernd fort. »Wer wird zu mir sprechen, wenn die langen Nächte kommen? Sie können nicht von Hause kommen; sie würden mich erschrecken, wenn sie es täten, denn ich weiß nichts von einem Zuhause und würde sie nicht kennen. Für mich gibt's nur Furcht und Leiden, Furcht und Leiden im Leben und im Tod, aber keine Hoffnung, keine Hoffnung.« Die Glocke läutete zum Schlafengehen, und Smike, der bei ihrem Klang sofort wieder in seinen gewohnten, gleichgültigen Stumpfsinn verfiel, schlich fort, als scheue er sich, bemerkt zu werden. Bald darauf folgte ihm Nikolas, da er kein eigenes Gemach hatte, nach dem schmutzigen und überfüllten gemeinsamen Schlafsaal. 9. Kapitel Von Miss Squeers, Mrs. Squeers, Master und Mr. Squeers und andern mit ihnen in Verbindung stehenden Personen Als Mr. Squeers abends die Schulstube verließ, begab er sich nach seinem Wohnzimmer. Aber nicht in das, wo Nikolas bei seiner Ankunft zu Abend gespeist, sondern in ein kleineres im Hintergebäude, wo seine huldreiche Gattin, sein hoffnungsvoller Sohn und seine liebenswürdige Tochter sich des Glücks ungetrübten Familienlebens erfreuten. Mrs. Squeers war in die hausmütterliche Beschäftigung des Strümpfestopfens vertieft, während das junge Fräulein und Master Squeers irgendeine jugendliche Meinungsverschiedenheit vermittels eines Faustkampfes über den Tisch hinüber erörterten, was sich bei Annäherung des ehrenwerten Herrn Papas in einen geräuschlosen Austausch von Fußtritten unter dem Tisch verwandelte. Miss Fanny Squeers stand im dreiundzwanzigsten Jahre, und wenn Anmut und Liebenswürdigkeit von dieser Lebensperiode unzertrennlich sind, warum nicht auch in diesem Falle? Sie war nicht so groß wie ihre Mutter, sondern ähnelte in dieser Beziehung eher ihrem Vater, hatte aber von der ersteren die rauhe Stimme, während von letzterem der merkwürdige Ausdruck des Auges auf sie übergegangen war, das ganz das Aussehen hatte, als ob es blind wäre. Miss Squeers war eben erst von einem mehrtägigen Besuch bei einer benachbarten Freundin in das väterliche Haus zurückgekehrt, welchem Umstande es zuzuschreiben sein mochte, daß sie noch nichts von dem neuen Hilfslehrer gehört hatte und dessen Anwesenheit erst erfuhr, als ihr Vater selbst darauf zu sprechen kam. »Nun, mein Schatz«, begann Squeers und rückte sich seinen Stuhl an den Tisch, »was hältst du von ihm?« »Von wen denn?« fragte Mrs. Squeers, die in der Grammatik nicht ganz sattelfest war, unwirsch. »Nun, von dem jungen Menschen, dem neuen Lehrer; wen könnte ich denn sonst meinen?« »Ach, der Knickerboy?!« rief Mrs. Squeers ungeduldig. »Nicht sehen kann ich ihn.« »Aber warum denn nicht, meine Liebe?« fragte Squeers erstaunt. »Was kümmert's dich? Ist's nicht genug, wenn ich dir sage, daß ich ihn nicht ausstehen kann?« »Gerade genug für ihn, meine Liebe, und vielleicht um ein gutes Teil zuviel, wenn er es wüßte«, begütigte Mr. Squeers. »Ich habe doch nur aus Neugierde gefragt, mein Schatz.« »Nun, wenn du's also durchaus wissen willst, so kann ich dir's ja sagen. Weil er ein stolzer, hochmütiger, eingebildeter, hochnäsiger Pfau ist.« Wenn Mrs. Squeers aufgeregt war, pflegte sie sich einer sehr kräftigen Sprache zu bedienen und überdies eine Menge Beiwörter einzuflechten, von denen einige immer der Bildersprache angehörten, wie z. B. das Wort Pfau und die Anspielung auf Nikolas' Nase, die nicht im buchstäblichen Sinne genommen werden konnte. Auch nahm sie es nicht sonderlich genau, ob die Prädikate zusammenstimmten, wie man aus dem gegenwärtigen Fall ersehen kann, da ein hochnäsiger Pfau gewiß in der Naturgeschichte eine Rarität bedeutet, die man nicht alle Tage zu sehen bekommt. »Hm, aber er ist billig, mein Schatz«, wendete Squeers auf den Wutausbruch hin milde ein, »der junge Mann ist sehr billig.« »Warum nicht gar«, brummte Mrs. Squeers. »Fünf Pfund jährlich!« bedeutete der Schulmeister. »Teuer genug, wo man ihn doch gar nicht braucht.« »Aber wir brauchen ihn«, erwiderte Squeers. »Ich sehe nicht ein, wieso du ihn mehr brauchen solltest als den verstorbenen. Ich bitt dich, schweig. Kannst du nicht auf die Geschäftskarten setzen lassen: Erziehungsanstalt unter Leitung des Mr. Wackford Squeers nebst tüchtigen Hilfslehrern, ohne daß man einen solchen Mitfresser zu halten brauchte? Kommt das vielleicht nicht alle Tage bei anderen Instituten vor? Es ist rein nicht mehr zum Aushalten mit dir.« »So, meinst du«, versetzte Squeers in strengem Ton. »Ich will dir was sagen. Was das Lehrerhalten anbelangt, so werde ich mit deiner gütigen Bewilligung tun, was mir paßt. Ein Sklavenhalter in Westindien hat auch seinen Gehilfen, der darauf zu sehen hat, daß ihm die Schwarzen nicht davonlaufen oder rebellieren, und ich will auch einen Menschen unter mir haben, der das gleiche bei unsern Schwarzen tut, bis einmal unser Bub so weit ist, daß er selbst die Schule leiten kann.« »Ich darf, wenn ich groß bin, die Aufsicht in der Schule führen, Vater?« rief Master Squeers junior freudig und vergaß im Übermaß seines Entzückens ganz, seiner Schwester einen heimtückischen Fußtritt zu versetzen, wie er soeben vorgehabt. »Ja, das sollst du, mein Sohn«, wiederholte Mr. Squeers gerührt. »Teufel, dann will ich's aber den Jungen geben«, rief der vielversprechende Sprößling und griff nach seines Vaters Stock. »Die sollen mir aber quieken, Vater.« Es war ein stolzer Augenblick in Mr. Squeers' Leben, Zeuge sein zu können von diesem Ausbruch edler Begeisterung in der Seele seines Kindes, aus dem jetzt schon künftige Größe hervorleuchtete. Er drückte ihm einen Penny in die Hand und machte im Verein mit seiner Mustergattin seinen Gefühlen durch ein lautes beifälliges Gelächter Luft. »Er ist ein dummer, aufgeblasener Aff, nichts sonst«, kam Mrs. Squeers wieder auf Nikolas zurück. »Angenommen, er ist aufgeblasen«, versetzte der Schulmeister, »so kann er das in der Klasse, die ihm übrigens nicht besonders zu behagen scheint, ja sein, soviel er will.« »So?« meinte Mrs. Squeers. »Na, da wird ihm ja der Stolz allmählich vergehen. Meine Schuld soll's nicht sein, wenn es nicht geschieht.« – Nun war ein stolzer Hilfslehrer und zumal in einer Yorkshirer Unterrichtsanstalt solches Wunderding, daß Miss Squeers, die sich sonst selten mit Schulangelegenheiten befaßte, sofort neugierig aufhorchte, wer denn dieser Knickerboy sei, der sich so hochmütig benehme. »Nickleby«, verbesserte Mr. Squeers und buchstabierte ihr den Namen vor. »Deine Mutter nennt immer die Dinge und Leute mit unrechten Namen.« »Ist doch ganz wurst«, knurrte Mrs. Squeers. »Ich habe ihn beobachtet, als du heute den kleinen Bolder durchwichstest. Er hat dabei ein Gesicht geschnitten, so schwarz wie eine Wetterwolke, und einmal fuhr er sogar auf, als wäre er am liebsten über dich hergefallen. – Ja, ja, ich hab's ganz gut gesehen, wenn er's auch nicht bemerkt hat.« »Laß das jetzt, Vater«, unterbrach Miss Squeers, als sich das Oberhaupt der Familie anschickte, eine heftige Antwort zu geben. »Wer ist er eigentlich?« »Dein Vater bildet sich ein, er sei der Sohn eines verarmten Gentlemans«, höhnte Mrs. Squeers. »Er wird wahrscheinlich ein Findelkind sein.« »Dummes Zeug«, fuhr Squeers auf, »seine Mutter lebt doch noch. Übrigens so oder so, wir machen uns jemand zum Freund, wenn wir ihn hier haben, und wenn's ihn so drängt, den Jungen außer der Aufsicht, die ihm obliegt, noch etwas zu lehren, was stört mich das weiter?« »Und ich sage dir, ich kann ihn nun einmal nicht ausstehen«, beharrte Mrs. Squeers auf ihrem Standpunkt. »Wenn er dir nicht gefällt, mein Schatz«, lachte der Schulmeister, »so kannst du es ihn ja fühlen lassen. Es ist doch gar kein Grund vorhanden, ihm gegenüber deinen Haß zu verbergen.« »Habe ich auch nicht vor, verlaß dich drauf«, brummte Mrs. Squeers. Miss Squeers hatte während dieses Zwiegesprächs aufmerksam die Ohren gespitzt, und ihr erstes war, daß sie beim Schlafengehen bei der ausgehungerten Magd umfassende Nachforschungen über das Äußere und das Benehmen des Hilfslehrers anstellte. Die Antworten des Mädchens lauteten so enthusiastisch, besonders hinsichtlich seiner schönen schwarzen Augen, seines gewinnenden Lächelns und seiner geraden Beine – worauf sie einen besondern Wert legte, da das allerdings in Dotheboys Hall eine Seltenheit war –, daß Miss Squeers sehr bald zu der Ansicht kam, er müsse ein höchst merkwürdiger Mensch sein und, wie sie sich bezeichnend ausdrückte, kein Lump. Sie faßte daher den Entschluß, gleich am nächsten Morgen Nikolas persönlich näher in Augenschein zu nehmen. Um ihre Absicht besser ausführen zu können, wählte sie dazu einen Zeitpunkt, wo ihre Mutter beschäftigt und der Vater abwesend war, und ging scheinbar zufällig in die Schulstube, um sich eine Feder schneiden zu lassen. Da sie dort »zu ihrer Überraschung« bloß Nikolas und die Jungen vorfand, errötete sie tief und tat äußerst verwirrt. »Ich bitte um Entschuldigung«, stotterte sie, »ich glaubte mein – mein Vater wäre hier – oder könnte hier sein – ich – ach –« »Mr. Squeers ist ausgegangen«, sagte Nikolas ruhig. »Wird er bald wiederkommen, Sir?« fragte Miss Squeers verschämt. »Er sprach von einer Stunde«, antwortete Nikolas, zwar höflich, aber sonst von den Reizen der jungen Dame weiter nicht aus der Fassung gebracht. »Höchst ärgerlich«, meinte Miss Squeers und errötete abermals. »Ich danke Ihnen. Es tut mir ungemein leid, eine Störung veranlaßt zu haben. Wenn ich nicht gedacht hätte, mein Vater wäre hier, so würde ich um keinen Preis –, es ist mir wirklich äußerst peinlich –« »Wenn das alles ist, was Sie wünschen«, half ihr Nikolas aus der »Verlegenheit«, deutete auf die Feder, die sie in der Hand hielt, und lächelte unwillkürlich über ihre Affektiertheit, »so kann ich vielleicht seine Stelle vertreten?« Miss Squeers blickte, wie im Zweifel, ob es auch schicklich sei, sich mit einem wildfremden Menschen so weit einzulassen, nach der Türe und dann in der Klasse umher, trat aber dann, durch die Gegenwart der vierzig Zöglinge einigermaßen ermutigt, zu Nikolas und händigte ihm mit einem entzückenden Gemisch von Schüchternheit und Herablassung die Feder ein. »Wünschen Sie sie hart oder weich?« fragte Nikolas und verbiß ein Lachen. »Er lächelt wirklich entzückend«, dachte sie. »Wie sagten Sie?« fragte Nikolas. »Ach – ich dachte gerade an etwas ganz anderes. – So weich wie möglich, wenn ich bitten darf«, säuselte Miss Squeers und seufzte dabei, wahrscheinlich um anzudeuten, daß auch ihr Herz unendlich weich sei. Nikolas korrigierte die Feder, und dann ließ Miss Squeers sie fallen, und als er sich bückte, um sie aufzuheben, bückte sie sich gleichfalls, beide stießen mit den Köpfen zusammen, und fünfundzwanzig Kinderkehlen lachten fröhlich auf – gewiß zum ersten und einzigen Male in diesem Semester. »Wie ungeschickt von mir«, entschuldigte sich Nikolas und öffnete der jungen Dame die Türe. »Ganz und gar nicht, Sir«, versetzte Miss Squeers, »es war lediglich meine Schuld. – Ich – ach – guten Morgen.« »Ihr Diener«, sagte Nikolas. »Wenn ich Ihnen wieder eine Feder schneide, so wird's, hoffe ich, besser gehen. Nehmen Sie sich in acht, Sie beißen die Spitze ab.« »Wirklich?« stotterte Miss Squeers. »Ich bin so verlegen, daß ich kaum weiß, was ich –, es tut mir wirklich sehr leid, Ihnen so viele Mühe gemacht zu haben.« »Durchaus keine Mühe«, versicherte Nikolas und schloß die Türe der Schulstube. »Ich habe in meinem ganzen Leben noch keine solchen Beine gesehen«, murmelte Miss Squeers im Fortgehen. In Wirklichkeit hatte sie sich auf den ersten Blick heftig in Nikolas Nickleby verliebt. Und mit ein Hauptgrund dafür war, daß die Freundin, bei der sie kürzlich zu Besuch gewesen – eine Müllerstochter von ungefähr achtzehn Jahren –, sich vor einiger Zeit mit dem Sohne eines kleinen Kornhändlers in dem nächsten Marktflecken verlobt hatte. Miss Squeers und die Müllerstochter waren nun Busenfreundinnen gewesen und hatten, wie das unter jungen Damen so üblich, die Übereinkunft getroffen, daß jede, wenn sie im Sinn habe, sich zu verloben, das wichtige Geheimnis sofort der Freundin als der ersten lebenden Seele anvertrauen und sie als Brautjungfer erkiesen müsse. Diesem Versprechen getreu war denn auch die Müllerstochter sofort nach Abschluß ihrer Verlobung, das heißt vierzig Minuten später, nachts um elf Uhr herausgefahren und in Miss Squeers' Schlafzimmer geeilt, um ihr diese erfreuliche Botschaft nicht länger vorzuenthalten. Da aber nun Miss Squeers um volle fünf Jahre älter war, so hatte sie begreiflicherweise seitdem nichts sehnlicher gewünscht, als dieses Vertrauen so schnell wie möglich erwidern und ihre Freundin in ein ähnliches Geheimnis einweihen zu können. Aber, ob es nun so schwer hielt, ihr zu gefallen, oder vielleicht noch schwerer, daß sie jemand gefiel, es wollte und wollte sich ihr keine Gelegenheit bieten, Geheimnisse mitzuteilen. Kaum hatte jedoch der eben beschriebene kleine Vorfall mit Nikolas stattgefunden, so setzte Miss Squeers ihren Hut auf, lief in größter Eile zu ihrer Freundin und enthüllte ihr nach einer feierlichen Wiederholung des früheren Verschwiegenheitsgelübdes, daß sie zwar noch nicht wirklich verlobt, aber doch im Begriffe sei, sich mit dem Sohne eines Gentlemans zu versprechen; nicht etwa mit einem Kornhändler oder dergleichen, sondern mit dem Sohne eines wirklichen Gentlemans, der unter höchst geheimnisvollen und merkwürdigen Umständen als Lehrer nach Dotheboys Hall gekommen sei – in der Tat nur, wie Miss Squeers aus vielen Gründen glauben zu dürfen versicherte, um, angelockt durch den Ruf ihrer Reize, ihre Bekanntschaft zu machen und um sie anzuhalten. »Ist das nicht wirklich fabelhaft?« schloß Miss Squeers ihren Bericht und wiederholte immer wieder das letzte Wort. »Allerdings sehr außerordentlich«, gab die Freundin zu. »Aber was hat er denn zu dir gesagt?« »Frag mich nicht, was er zu mir gesagt hat, meine Liebe«, entgegnete Miss Squeers. »Wenn du seine Blicke und sein Lächeln gesehen hättest! Ich war in meinem Leben noch nie so überwältigt.« »Hat er dich vielleicht so angesehen?« fragte die Müllerstochter und machte so gut wie möglich einen Liebesblick des Kornhändlers nach. »Ja, ungefähr. Nur viel vornehmer«, sagte Miss Squeers. »Ah«, erklärte die Freundin, »dann hat er etwas im Sinn. Verlaß dich drauf.« Miss Squeers, die zwar noch einiges Bedenken bei der Sache hatte, ließ sich nicht ungern durch eine so kompetente Autorität in ihren Herzenswünschen bestärken, und als sich im Verlauf der Unterhaltung hinsichtlich charakteristischer Liebesmerkmale in vielen Punkten eine gewisse Ähnlichkeit zwischen dem Benehmen des Hilfslehrers und dem des Kornhändlers herausstellte, wurde sie so außerordentlich zutraulich, daß sie ihrer Freundin eine Menge Dinge erzählte, die Nikolas zwar nicht gesagt hatte, die aber so ungemein schmeichelhaft waren, daß sie auch nicht mehr den mindesten Zweifel zuließen. Sie sprach dann von dem harten Geschick, Eltern zu haben, die ihrem zukünftigen Gatten durchaus abgeneigt wären, und ließ sich über diesen traurigen Umstand um so ausführlicher aus, als die Eltern ihrer Freundin vollständig einverstanden mit der Verlobung ihrer Tochter gewesen waren und die Sache in diesem Falle einen ganz alltäglichen Verlauf genommen hatte. »Ich möchte ihn aber doch auch sehen«, meinte die Freundin neugierig. »Das sollst du auch, Tilda«, versprach Miss Squeers. »Ich müßte das undankbarste Geschöpf auf Erden sein, wenn ich es dir abschlüge. Ich glaube, meine Mutter verreist nächstens auf ein paar Tage, um einige Zöglinge zu holen, und dann werde ich dich und deinen John zum Tee bitten. Bei dieser Gelegenheit könnt ihr ihn dann kennenlernen.« Das war ein herrlicher Gedanke, und nachdem die Sache noch gehörig durchgesprochen worden, trennten sich die Freundinnen. Es traf sich, daß die Reise, die Mrs. Squeers antreten sollte, um drei neue Schüler zu holen und die Verwandten zweier alter um Begleichung einer kleinen Rechnung zu pressen, bereits auf übermorgen festgesetzt wurde. Mrs. Squeers bestieg zur festgesetzten Zeit einen Außensitz der Postkutsche, als diese in Greta Bridge Halt machte. Sie nahm ein kleines Bündel mit, das eine Flasche Likör nebst einigen Brot- und Fleischschnitten enthielt, versah sich mit einem großen Mantel, um sich des Nachts darin einzuhüllen, und trat mit diesem Gepäck ihre Reise an. Bei derartigen Gelegenheiten pflegte Mr. Squeers unter dem Vorwande dringender Geschäfte jeden Abend nach dem Marktflecken zu fahren, wo er dann jedesmal bis zehn oder elf Uhr in einem von ihm sehr geschätzten Wirtshause verweilte. Da ihm daher das Teekränzchen durchaus nicht im Wege war und sogar noch dazu diente, Miss Squeers' Verdacht abzulenken, so gab er ohne weiteres seine Einwilligung dazu und hatte auch nichts dagegen, in eigener Person Nikolas die Mitteilung zu machen, daß er abends um fünf Uhr im Wohnzimmer zum Tee erwartet würde. Begreiflicherweise befand sich Miss Squeers, als der große Zeitpunkt immer näher rückte, in nicht geringer Verwirrung; jedenfalls unterließ sie nichts, um sich aufs vorteilhafteste herauszuputzen. Ihr Haar, das einen leidigen Stich ins Rötliche hatte und sich auch keiner besondern Länge erfreute, fiel ihr vom Scheitel in fünf korkzieherartigen Lockenreihen herab und verhüllte kunstreich die Mängel des zweifelhaften Auges, gar nicht zu reden von der blauen Schärpe, deren Enden rückwärts herunterbaumelten, der gestrickten Schürze, den langen Handschuhen, der grünen, über die Schulter geworfenen und unter den Armen zugeknüpften Gazeschärpe und den übrigen zahlreichen Toilettenkniffen, die ebenso viele für Nikolas' Herz bestimmte Pfeile bedeuteten. Diese Vorkehrungen waren kaum zu Miss Squeers' voller Zufriedenheit beendigt, als ihre Freundin mit einem weiß und braun gewürfelten Päckchen ankam, das einige kleine Putzartikel enthielt, die sie erst hier anziehen wollte, was sie denn auch unter unablässigem Geplauder tat. Als die jungen Damen einander noch das Haar geordnet hatten und aber auch gar nichts mehr an sich auszusetzen fanden, zogen sie ihre langen Handschuhe an und rauschten in vollem Staat die Treppe hinunter in das Zimmer, wo bereits alles für den Empfang der Gesellschaft bereit stand. »Wo ist John, Tilda?« fragte Miss Squeers. »Nur nach Hause gegangen, um sich umzukleiden«, versetzte die Müllerstochter. »Er wird aber hier sein, noch ehe der Tee fertig ist.« »Wie mir das Herz klopft«, seufzte Miss Squeers. »Oh, das kenne ich«, sagte Tilda. »Weißt du, Tilda, ich bin es nicht gewöhnt«, lispelte Miss Squeers und legte die Hand an die linke Seite ihrer Schärpe. »Ach, das gibt sich bald, meine Liebe«, tröstete die Müllerstochter. Inzwischen hatte das ausgehungerte Dienstmädchen das Teegeschirr hereingebracht, und gleich darauf klopfte jemand an die Türe. »Er ist's«, rief Miss Squeers. »O Tilda.« »Pst«, flüsterte Tilda. »Hm. Ruf doch: ›Herein!‹« »Herein«, echote Miss Squeers mit schwacher Stimme. »Guten Abend«, sagte Nikolas unbefangen, ohne von seiner Eroberung auch nur eine Ahnung zu haben. »Ich hörte von Mr. Squeers, daß –« »Ja, ja. Schon richtig«, fiel Miss Squeers ein. »Papa trinkt den Tee nicht mit uns. – Aber ich denke, Sie werden ihn nicht sehr vermissen«, ergänzte sie mit schalkhaftem Lächeln. Nikolas machte große Augen, dachte aber, da er viel zuviel Kummer im Herzen trug, über die Bemerkung nicht weiter nach. Trotz seines Gemütszustandes benahm er sich aber – rein mechanisch –, als er der Müllerstochter vorgestellt wurde, so liebenswürdig, daß die junge Dame vor Bewunderung ganz hingerissen war. »Wir warten noch auf einen zweiten Herrn«, sagte Miss Squeers, nahm den Deckel des Teekessels ab und sah hinein, ob der Tee auch nicht zu stark würde. Es war Nikolas ziemlich gleichgültig, ob man auf einen oder auf zwanzig Herren wartete, und nahm daher diese Kunde vollkommen uninteressiert hin. Er fühlte sich unendlich bedrückt, und da er keinen besondern Grund einsah, warum er sich hätte angenehm machen sollen, trat er ans Fenster, blickte hinaus und seufzte unwillkürlich. Das Unheil wollte, daß Miss Squeers' Freundin, die einen ausgesprochenen Sinn für scherzhafte Einfälle hatte, diesen Seufzer hörte und es sich sofort in den Kopf setzte, das Liebespärchen mit seiner Niedergeschlagenheit zu necken. »Wenn nur meine Anwesenheit daran schuld ist«, sagte sie, »so macht das weiter nichts. Ich habe doch dieselbe Krankheit; tut ganz, als ob ihr allein wärt.« »Tilda!« säuselte Miss Squeers, bis zu den Haarlocken errötend. »Schäm dich doch.« Dann brachen beide in ein nicht endenwollendes Kichern aus und schossen über ihre Taschentücher hinweg schelmische Blicke auf Nikolas. Der geriet zuerst in maßloses Staunen, kam dann aber bei dem unerhört komischen Gedanken, man könne glauben, er sei in Miss Squeers verliebt, und da zudem das Aussehen und Benehmen der beiden jungen Damen unendlich albern war, derartig ins Lachen, daß er bei seinem angeborenen Temperament seine armselige Lage einen Augenblick ganz vergaß. »Je nun«, sagte er sich, »wenn ich nun einmal schon hier bin und man von mir aus irgendeinem Grund zu erwarten scheint, daß ich zur allgemeinen Unterhaltung beitrage, so wäre es sehr ungeschickt, wie ein Pinsel dazustehen. Ich will mich daher nach Möglichkeit der Gesellschaft anzupassen suchen.« Er trat daher sofort galant auf Miss Squeers und deren Freundin zu, rückte sich einen Stuhl an den Teetisch und begann sich mit einer Ungezwungenheit zu bewegen wie wohl kaum je ein Hilfslehrer im Hause seines Prinzipals, seit dieser lohnende Beruf aufgekommen ist. Die jungen Damen waren förmlich berauscht durch Mr. Nicklebys verändertes Wesen, als endlich der erwartete junge Mann anlangte. Seine Haare waren noch naß, da er sich eben erst gewaschen hatte, und ein reines Hemd, dessen Kragen irgendeinem riesigen Altvordern angehört haben mochte, bildete, nebst einer weißen Weste von ähnlichem Umfang, die Hauptzierde seiner Person. »Nun, John?« begrüßte ihn Miss Mathilde Price, denn dies war der volle Name der Müllerstochter. »No, also wos is?« erwiderte John mit einem Grinsen, das selbst der ungeheure Kragen nicht ganz bedecken konnte. »Ich bitte um Entschuldigung«, fiel Miss Squeers ein und beeilte sich, die beiden Herren einander vorzustellen, »Mr. Nickleby – Mr. John Browdie.« »Servus«, sagte John, der über sechs Fuß hoch war und ein dementsprechendes Gesicht nebst Rumpf besaß. »Es freut mich, Ihre Bekanntschaft zu machen, Sir«, sagte Nikolas und richtete unter den Butterschnitten eine schreckliche Verheerung an. Mr. Browdie war kein Mann von besonders gesellschaftlichen Talenten. Er grinste daher noch zweimal, um jedem der Anwesenden seinen gewohnten Aufmerksamkeitsbeweis abzustatten, und dann ein drittes Mal ohne besondern Grund und langte dann gleichfalls zu. »Ist die Alte furt?« fragte er mit vollen Backen nach einer Pause. Miss Squeers nickte bejahend. Mr. Browdie verzog den Mund zu einem noch liebenswürdigem Grinsen, als sei er der Ansicht, daß jetzt ein wirklicher Grund zum Lachen vorliege, und fing dann wieder an, die Butterbrote mit erneuter Kraft zu bearbeiten. Es war wirklich ein prächtiger Anblick, wie er und Nikolas aufräumten. »I glaub, Sö kriegen a nöt alle Tag Butterbrot, was?« fragte er, nachdem er Nikolas eine Weile über den leeren Teller hinweg angestiert hatte. Nikolas biß sich erbleichend auf die Lippen und tat, als ob er die Bemerkung nicht gehört hätte. »Teifel noch amol«, johlte Mr. Browdie mit einem brüllenden Gelächter, »all'zvüll dean's oam hier nöt auftischen; Sö werden bald nix mehr als Haut und Knochen an eahna habn, wann S' lang gnua hier bleibn, ho, ho, ho.« »Sie sind ja sehr witzig«, versetzte Nikolas verächtlich. »Na, das wüßt i grad nöt«, grinst Mr. Browdie, »aber der andere Lehrer, zum Teifel, war so dünn wia a Zwürnsfaden.« Die Erinnerung an die Schmächtigkeit des letzten Lehrers schien Mr. Browdie einen Riesenspaß zu machen, denn er lachte und lachte, bis er es für nötig fand, sich mit dem Rockärmel die Tränen abzuwischen. »Ich weiß nicht, ob Ihr Begriffsvermögen so weit reicht, um Sie einsehen zu lassen, daß Ihre Bemerkungen sehr beleidigend sind, Mr. Browdie«, sagte Nikolas, in dem sich die Galle regte. »Wenn es aber der Fall ist, so haben Sie wohl die Güte, mir zu –« »Wenn du noch ein Wort sagst, John«, schrie Miss Price dazwischen und hielt ihrem Bräutigam den Mund zu, »nur noch ein halbes Wort, so werde ich dir es nie verzeihen und nie wieder mit dir sprechen.« »No ja, Schatz, i laß eahm doch schon«, sagte der Kornhändler und drückte Miss Mathilde einen herzhaften Schmatz auf, »meinswegn soll er daherreden, was er mog.« Miss Squeers' Aufgabe war es jetzt, Nikolas zu besänftigen, was sie denn auch unter vielen Anzeichen der Furcht und des Schreckens tat. Die Wirkung dieser doppelten Vermittlung war, daß sich Mr. Browdie und der Hilfslehrer mit vieler Würde über den Tisch die Hände reichten; eine so ergreifende Szene, daß Miss Squeers vor Rührung Tränen vergoß. »Was hast du denn, Fanny?« fragte Miss Price erstaunt. »Nichts, Tilde, nichts«, schluchzte Miss Squeers. »Sie hatten doch nie im Sinn, einander etwas zuleide zu tun«, meinte Miss Price. »Nicht wahr, Mr. Nickleby?« »Nicht im geringsten«, versetzte Nikolas, »das wäre recht abgeschmackt gewesen.« »So ist's recht«, flüsterte Miss Price ihm zu. »Sagen Sie ihr ein paar freundliche Worte, dann wird sie gleich wieder gut sein. Sollen John und ich derweilen ein wenig hinausgehen?« »Um alles in der Welt nicht«, versetzte Nikolas bestürzt, durch diesen Vorschlag nicht wenig in Schrecken versetzt. »Um Gottes willen, warum denn?« »Nun, das muß ich sagen«, meinte Miss Price leise und in einigermaßen verächtlichem Tone. »Sie sind mir ein recht sonderbarer Anbeter.« »Was wollen Sie damit sagen?« fragte Nikolas atemlos. »Es fällt mir doch nicht im entferntesten ein, hier den Anbeter zu spielen. Ich verstehe gar nicht, was ich aus all dem machen soll.« »Nicht? Nun, dann weiß ich's auch nicht«, versetzte Miss Price spitz, »aber die Männer sind ja bekanntlich alle flatterhaft, sind es von jeher gewesen und werden es immer sein; das wenigstens läßt sich sehr leicht aus dem Ganzen entnehmen!« »Flatterhaft?« rief Nikolas. »Wie kommen Sie zu dieser Anschuldigung? Sie wollen doch nicht etwa andeuten, daß Sie der Meinung sind –« »O nein, ich habe gar keine Meinung«, entgegnete Miss Price schnippisch. »Sehen Sie sie lieber an, wie nett sie gekleidet ist und wie gut sie aussieht; in der Tat, fast hübsch. Sie sollten sich was schämen!« »Aber mein liebes Kind, was geht denn mich ihr Aussehen und ihr hübsches Kleid an?!« »Sie brauchen mich gar nicht ›mein liebes Kind‹ zu nennen«, sagte Miss Price, konnte aber dabei ein geschmeicheltes Lächeln nicht unterdrücken, denn sie war hübsch und in ihrer ländlichen Weise ein wenig kokett, Nikolas ein feiner junger Mann und nach ihrer Ansicht das Eigentum einer anderen – lauter Gründe, die ihr das alles höchst pikant erscheinen ließen. »Fanny würde mir Vorwürfe machen. – Aber kommen Sie, wir wollen ein bißchen Karten spielen.« Mit den letzten Worten, die sie laut sprach, trippelte sie weg und hängte sich an ihren stämmigen Yorkshirer. Nikolas wußte nicht, was er aus alldem machen sollte. Das einzige, was er begriff, war, daß Miss Squeers ein recht gewöhnlich aussehendes und ihre Freundin ein ganz hübsches Mädchen waren. Aber es blieb ihm keine Zeit, über die Sache weiter nachzudenken, denn der Tisch war inzwischen abgewischt und das Licht geschneuzt worden, und er konnte nicht gut anders, als sich mit zu einer Partie »Spekulation« niederzusetzen. »Wir sind nur vier, Tilda«, sagte Miss Squeers mit einem bedeutsamen Blick auf Nikolas, »wir werden daher wohl am besten zwei gegen zwei spielen.« »Und was meinen Sie dazu, Mr. Nickleby?« fragte Miss Price. »Mit dem größten Vergnügen«, erwiderte Nikolas und warf, ohne zu ahnen, welch entsetzlichen Verstoß er beging, seine Spielmarken, die aus Dotheboys-Hall-Geschäftskarten bestanden, mit denen, die Miss Price zugeteilt waren, zusammen. »Nun, Mr. Browdie«, sagte Miss Squeers hysterisch lachend, »wollen wir Bank gegen sie halten?« Der Yorkshirer, augenscheinlich verblüfft über die Unverschämtheit des neuen Hilfslehrers, willigte ein, und Miss Squeers schoß mit krampfhaftem Lächeln einen Giftblick auf ihre Freundin. Nikolas war am »Geben« und bekam gleich anfangs günstige Karten. »Wir werden gewinnen«, sagte er. »Tilda hat ja schon etwas gewonnen, was sie vermutlich nicht erwartete; nicht wahr, Tildchen?« versetzte Miss Squeers boshaft. »Lumpige ›zwanzig‹, liebste Fanny«, gab Miss Price zurück, sich anstellend, als hätte sie den Doppelsinn der Frage nicht verstanden. »Du bist ja heute abend merkwürdig kurz von Begriffen«, höhnte Miss Squeers. »O im Gegenteil«, entgegnete die Müllerstochter. »Aber dir scheint etwas über die Leber gelaufen zu sein. – Nicht?« »Mir?« rief Miss Squeers, sich in die Lippen beißend und zitternd vor Eifersucht. »Nicht daß ich wüßte.« »Nun, das ist ja höchst erfreulich«, höhnte Miss Price. »Aber gib acht, dein Haar geht aus den Locken, liebste Fanny.« »Kümmere dich nicht um mich«, zischte Miss Squeers, »du tätest besser, auf deinen Partner zu achten.« »Ich bin Ihnen für diese freundliche Erinnerung sehr verbunden, Miss Squeers«, mischte sich Nikolas ein, »ich bin ganz Ihrer Meinung.« Der Yorkshirer schlug sich ein paarmal mit der geballten Faust über die Nase, wie um in Übung zu bleiben, bis er genügend Veranlassung haben werde, sie auf das Gesicht seines Widersachers fallen zu lassen, und Miss Squeers warf ihren Kopf mit solcher Entrüstung zurück, daß der durch die Bewegung ihrer üppigen Locken erzeugte Windstoß beinahe das Licht ausgelöscht hätte. »Ich habe wahrhaftig noch nie solches Glück gehabt«, hetzte die kokette Müllerstochter weiter, als einige Spiele absolviert waren. »Das kommt von Ihnen, Mr. Nickleby. Ich wollte, Sie wären immer mein Partner.« »Ich könnte mir nichts Besseres wünschen«, erwiderte Nikolas galant. »Aber Sie werden ein böses Weib bekommen, wenn Sie so viel Glück im Spiel haben«, prophezeite Miss Price. »Nicht, wenn Ihr Wunsch in Erfüllung ginge«, entgegnete Nikolas. – Es wäre schon eine kleine Jahresrente wert gewesen, mit anzusehen, wie Miss Squeers während dieses Geplänkels den Kopf in die Höhe warf und der Kornhändler seine Nase bearbeitete, während es Miss Price einen Riesenspaß bereitete, die beiden eifersüchtig zu machen, und Nikolas in glücklicher Ungewißheit nicht entfernt daran dachte, welches Unheil er anrichtete. – »Die Unterhaltung bleibt ja, wie es scheint, ganz uns überlassen«, scherzte Nikolas, sah sich in heiterster Laune am Tische um und raffte zugleich die Karten zusammen, um aufs neue zu geben. »Sie leiten die Konversation doch so trefflich«, fauchte Miss Squeers, »daß es jammerschade wäre, Sie zu unterbrechen. Nicht wahr, Mr. Browdie? Hi, hi, hi.« »Ja, nun«, entgegnete Nikolas, »wenn sonst niemand anders etwas spricht!« »Ihr könnt euch doch miteinander unterhalten, wenn ihr schon nicht mitreden wollt«, hetzte Tilda ihren Bräutigam. »John, warum bist du denn so stumm?« »Stumm? –!?« wiederholte der Yorkshirer. »Ja, ja, stumm und dämlich. Sprich doch auch etwas.« »Also guat!« schrie der Kornhändler und schlug mit der Faust auf den Tisch. »Nacher sag i, der Teifel soll mi lotweis holen, wann i dös länger mit anschaug. Glei gehst mit mir nach Haus, und der Maulheld da soll sich auf an Leibschaden g'faßt machen, wann er mir unter die Hand kommt.« »Um Gottes willen, was ist denn geschehen?« rief Miss Price mit geheucheltem Erstaunen. »Heim kommst mit mir, sag i dir«, wiederholte der Yorkshirer mit Nachdruck. Miss Squeers ihrerseits brach in einen Strom von Tränen aus, der zum Teil seinen Grund in der tödlichen Kränkung, zum Teil in dem ohnmächtigen Wunsch hatte, irgend jemand das Gesicht mit ihren süßen Fingernägelchen zu zerkratzen. Und was war schuld an alldem? Miss Squeers hatte ihr Teil dazu beigetragen, da sie sich der hohen Ehre einer Anwartschaft auf den Brautstand gerühmt, ohne hinreichende Gründe dafür zu haben – Miss Price hatte mehrere Hebel spielen lassen, einmal den, die Freundin für die Anmaßung, mit ihr hinsichtlich eines Titels, auf den sie kein Recht hatte, zu rivalisieren, zu bestrafen, und zweitens den, dem Kornhändler einen augenfälligen Beweis zu liefern, welche große Gefahr ihm aus einem längern Hinausschieben der Trauungszeremonien erwachsen könnte, während das Scherflein des armen Nikolas in der gedankenlosen Heiterkeit einer halben Stunde und in dem aufrichtigen Wunsche bestand, jeden Verdacht, es könne zwischen ihm und Miss Squeers ein Liebesverhältnis bestehen, ad absurdum zu führen. »Und Fanny schwimmt gar in Tränen«, rief Miss Price, als setze sie dies in neuerliches Erstaunen. »Ja, was soll denn das heißen?« »Oh, Sie wissen es nicht, Mamsell, natürlich, Sie können es ja nicht wissen. – Bitte, inkommodieren Sie sich doch nicht mit Fragen«, fauchte Miss Squeers mit einem Gesicht, das man bei Kindern eine Fratze genannt haben würde. »Na, so etwas ist mir doch, weiß Gott, noch nicht vorgekommen«, rief Miss Price. »Mir ganz egal, ob Ihnen so etwas vorgekommen ist oder nicht, Mamsell«, entgegnete Miss Squeers grob. »Sie sind ja ungeheuer höflich, Mamsell«, höhnte die Müllerstochter. »Ich brauche nicht zu Ihnen zu kommen, um mir Unterricht in Höflichkeit geben zu lassen, Mamsell«, belferte Miss Squeers. »Es hätte auch keinen Zweck, wo sowieso Hopfen und Malz verloren ist«, entgegnete Miss Price prompt. Miss Squeers wurde blutrot bis über die Ohren und dankte Gott, daß sie keine so freche Stirn wie gewisse Leute habe, und Miss Price ihrerseits wünschte sich Glück, nicht wie gewisse Personen vom Neidteufel besessen zu sein. Miss Squeers erging sich daraufhin in Bemerkungen hinsichtlich der Gefahren, die man laufe, wenn man sich mit ordinären Leuten einlasse, eine Ansicht, der Miss Price rückhaltlos beipflichtete. »Tilda!« rief Miss Squeers schließlich mit Würde, »ich hasse dich.« »Und ich gedenke wahrhaftig auch nicht meine Liebe an dich zu verschwenden«, revanchierte sich Miss Price und zerrte ihre Hutbänder mit einem zornigen Ruck zu. »Du wirst dir noch die Augen ausweinen, wenn ich fort bin.« »Und ich verachte deine Worte, du Müllerskuh.« »Sie sind nicht imstande, mich zu beschimpfen«, antwortete die Müllerstochter mit einer spöttischen Verbeugung. »Gute Nacht, mein Fräulein, und recht süße Träume!« Mit diesem Segenswunsch rauschte Miss Mathilda Price aus dem Zimmer, gefolgt von dem stämmigen Yorkshirer, der noch vorher, ehe er die Schwelle überschritt, mit Nikolas jenen eigentümlichen, ausdrucksvollen Zornesblick wechselte, mit dem die Eisenfresser im Trauerspiel sich gegenseitig anzudeuten pflegen, daß sie einander wiederzutreffen gedenken. Sie waren kaum fort, als Miss Squeers die Prophezeiung ihrer ehemaligen Freundin bewahrheitete, sich durch einen förmlichen Strom von Tränen Luft machte und in unzusammenhängenden Worten ihrem Jammer Ausdruck verlieh. Nikolas sah ihr einige Augenblicke zu, unschlüssig, was er tun sollte. Da er aber halb und halb voraussah, der Anfall würde damit endigen, daß er sich einer Umarmung oder einer Gesichtszerkratzung unterziehen müsse – Bußen, die er beide für gleich schrecklich erachtete –, so ging er in größter Ruhe von hinnen, dieweil Miss Squeers ohne Unterlaß in ihr Taschentuch schneuzte. »Das ist jetzt die Folge meiner verwünschten Bereitwilligkeit, mich dieser Gesellschaft, mit der mich der Zufall zusammengeführt, haben anpassen zu wollen«, dachte Nikolas, als er sich nach dem finstern Schlafsaal hinaufgetappt hatte. »Wäre ich stumm und dumm sitzen geblieben, wie ich es doch ganz gut hätte können, würde alles das nicht vorgefallen sein.« Er horchte einige Augenblicke, aber alles blieb ruhig. »Ich freute mich so«, murmelte er vor sich hin, »dem Anblick dieser Jammerhöhle und ihres Schurken von Besitzer eine Stunde entrückt zu sein, und jetzt habe ich diese Leute aufeinandergehetzt und mir zwei neue Feinde gemacht, wo ich doch, weiß der Himmel, bereits ihrer genug habe. Das ist die gerechte Strafe dafür, daß ich, wenn auch nur auf eine Stunde, vergessen habe, wo ich mich befinde.« Mit diesen Worten suchte er sich tastend seinen Weg durch die gedrängten Haufen der kleinen Schüler und schlüpfte in sein elendes Bett. 10. Kapitel Wie Ralph Nickleby für seine Nichte und Schwägerin sorgt Am zweiten Morgen nach Nikolas' Abreise saß Kate Nickleby Miss La Creevy zur Vollendung des angefangenen Miniaturporträts, dessen Lachsfarbe noch glänzender gemacht werden mußte. »Ich denke, ich habe es jetzt«, sagte Miss La Creevy. »Es wird das hübscheste Bildchen werden, das ich je gemalt habe. Sie stellen sich nicht vor, was so etwas für Mühe kostet. Und gar erst die Nase in das richtige Verhältnis mit dem Kopfe zu bringen! Von den Zähnen gar nicht zu sprechen.« »So etwas läßt sich kaum mit Geld bezahlen«, meinte Kate lächelnd. – »Da haben Sie vollkommen recht, meine Liebe«, entgegnete Miss La Creevy, »und trotzdem sind die Leute so unvernünftig und schwer zu befriedigen, daß man unter zehn Porträts kaum eines mit Vergnügen malen kann. Das eine Mal heißt es: ›Ach, was haben Sie mir für ein ernstes Gesicht gemacht, Miss La Creevy‹, das nächste Mal: ›Aber, Miss, was ist das doch für ein schmunzelnder Mund?‹, während ein gutes Porträt doch entweder ernst oder heiter sein muß, sonst ist es doch gar kein Porträt.« »Wirklich nicht?« fragte Kate freundlich. »Gewiß nicht. Die Sitzenden sind doch entweder das eine oder das andere. Betrachten Sie die Porträts in der königlichen Akademie. Alle die schönen Bilder der Herren in den schwarzen Samtwesten, mit auf runden Tischen oder Marmorplatten ruhenden Händen, sind bekanntermaßen ernsthaft, und die Damen, die mit Sonnenschirmchen, Schoßhündchen oder kleinen Kindern spielen, müssen nach denselben Prinzipien lächelnd gehalten werden. In Wirklichkeit gibt es«, fuhr Miss La Creevy vertraulich flüsternd fort, »nur einen zweifachen Porträtstil, den ernsten und den heitern. Des ersteren bedienen wir uns immer bei Geschäftsleuten, des letzteren bei Damen oder bei Herren, denen nicht viel daran zu liegen braucht, gescheit auszusehen.« Kate schien diese Belehrung sehr zu erheitern. Miss La Creevy malte unentwegt drauflos und plauderte dabei in einem fort mit größter Selbstgefälligkeit. »Es scheint, daß sie viele Offiziere malen müssen?« fragte Kate, eine kleine Pause in der Unterhaltung benutzend, sich im Zimmer umzusehen. »Viele, mein Kind?« sagte Miss La Creevy und sah von ihrer Arbeit auf. »Ah, Sie meinen die Charakterköpfe. Aber das sind doch keine wirklichen Militärpersonen.« »Nicht?« »Du mein Himmel, nein. Es sind nur Kommis, Ladendiener und dergleichen, die sich eine Uniform borgen und sie in einen Teppich eingeschlagen herschicken, um sie zum Sitzen anziehen zu können. Gewisse Künstler halten sich sogar einen Purpurmantel und berechnen für seine Benützung nebst dem Karmin acht Schillinge extra. Ich gebe mich aber nicht mit derartigen Spekulationen ab. Ich halte sie nicht für rechtschaffen.« Miss La Creevy warf sich bei diesen Worten in die Brust, als ob sie sich viel darauf zugute täte, daß sie derartige Kunden anködernde Kunstgriffe verschmähte, malte dann emsig wieder weiter und sah nur hin und wieder auf, um irgendeine Schattierung, die sie eben angebracht, mit unbeschreiblichem Wohlbehagen zu betrachten oder Miss Nickleby zu verraten, mit welch besonderem Teile ihres Gesichtes sie eben beschäftigt wäre. »Nicht etwa, damit Sie sich in eine malerische Attitüde bringen sollen, meine Liebe«, bemerkte sie dabei ausdrücklich. »Es ist nur unsere Gewohnheit, den Sitzenden zu sagen, bei welcher Partie wir halten, damit wir, wenn sie einen besonderen Ausdruck in derselben angebracht wissen wollen, diesen noch beizeiten hineinlegen können.« – »Und wann«, fragte Miss La Creevy nach einem langen Schweigen von ungefähr anderthalb Minuten, »wann hoffen Sie Ihren Onkel wiederzusehen?« »Das weiß ich nicht«, sagte Kate. »Wir warten schon seit einigen Tagen vergeblich auf seinen Besuch. Ich hoffe jedoch, daß er bald kommen wird, denn die Ungewißheit ist schlimmer als alles andere.« »Ich glaube, er hat Geld. Nicht wahr?« »Dem Vernehmen nach ist er sogar sehr reich. Ich weiß es zwar freilich nicht mit Bestimmtheit, aber ich glaube, er ist es.« »Oh, Sie können sich darauf verlassen, daß er ist, sonst würde er nicht so grob sein«, bemerkte Miss La Creevy, die eine seltsame Mischung von Schlauheit und Einfalt war. »Wenn einer ein Bär ist, so kann man immer annehmen, daß er unabhängig lebt.« »Er hat allerdings eine etwas rauhe Außenseite«, gab Kate zu. »Etwas rauh?!« rief Miss La Creevy. »Ein Igel ist ein Federbett gegen ihn. Ich habe in meinem ganzen Leben noch keinen solchen widerhaarigen alten Brummbär gesehen.« »Ich vermute, daß das nur so eine Angewohnheit von ihm ist«, wendete Kate schüchtern ein. »Er soll, habe ich gehört, in frühern Jahren manch bittere Erfahrung gemacht haben und dadurch sauertöpfig geworden sein. Ich möchte nicht gern Schlimmes von ihm denken, solange ich nicht weiß, daß er es verdient.« »Nun, das ist brav«, lobte die Porträtmalerin, »und Gott sei vor, daß ich Sie zu einem Unrecht verleiten möchte. Aber könnte er denn jetzt nicht, ohne sich selbst wehe zu tun, Ihnen beiden ein kleines Jahresgehalt auswerfen, bis sich eine passende Partie für Sie fände?« »Das weiß ich nicht«, fiel Kate mit großer Lebhaftigkeit ein, »aber das weiß ich, daß ich lieber sterben als es annehmen möchte.« »Aber, aber, liebes Kind!« rief Miss La Creevy. »Es würde mir mein ganzes Leben verbittern, wenn ich von ihm abhängig sein müßte«, fuhr Kate fort. »Ich glaube, ich ginge lieber betteln.« »Nun«, meinte Miss La Creevy »ich muß gestehen, das klingt in bezug auf einen Verwandten, den Sie eben noch verteidigten, ein bißchen merkwürdig.« »Sie haben recht, es klingt allerdings sonderbar«, sagte Kate ein wenig ruhiger. »Ich – ich meinte übrigens nur damit, ich könnte es überhaupt und im allgemeinen nicht ertragen, von der Gnade eines andern Menschen zu leben; nicht speziell von der seinigen.« Miss La Creevy warf einen forschenden Blick auf das junge Mädchen, schwieg jedoch, als sie dessen schmerzliche Mienen bemerkte. »Ich möchte nur«, fuhr Kate fort, während ihr die Tränen über die Wangen liefen, »er verwendete sich soweit für mich, daß seine Empfehlung es ermöglichte, mir mein Brot verdienen und bei meiner Mutter bleiben zu können. Ob wir je wieder glücklich sein werden, hängt von dem Schicksal meines lieben Bruders ab. Hilft mir mein Onkel aber soweit, und schreibt Nikolas nur, daß er gesund und fröhlich ist, so bin ich vollkommen zufrieden.« Sie hatte kaum den Satz beendet, als ein Geräusch hinter der spanischen Wand entstand, die zwischen ihr und der Türe aufgestellt war. – Ein Klopfen an das Getäfel ertönte, und gleich darauf trat Mr. Ralph Nickleby ins Zimmer. »Ihr Diener, meine Damen«, sagte er, Miss La Creevy und Kate abwechselnd scharf ins Auge fassend. »Sie haben so laut gesprochen, daß ich nicht imstande war, mich bemerklich zu machen.« Wenn Ralph einen außergewöhnlich boshaften Gedanken im Herzen trug, so war es seine Gewohnheit, seine Augen einen Moment fast ganz unter den dicken, buschigen Brauen zu verbergen, um dann plötzlich ihre volle stechende Schärfe zu entfalten. Da er überdies jetzt auch noch ein bissiges Lächeln zu unterdrücken suchte, das seine dünnen, zusammengekniffenen Lippen in boshaften Falten umzog, so fühlten die beiden Damen, daß er zumindest einen Teil des Gesprächs, wenn nicht das ganze, mit angehört hatte. »Ich war eben im Begriff, die Stiege hinaufzugehen, wollte aber zuerst hier unten vorsprechen, da ich halb und halb vermutete, dich hier anzutreffen«, sagte er zu Kate und warf dabei einen verächtlichen Blick auf das Porträt. »Soll dies ein Bild meiner Nichte sein, Madam?« »Gewiß, Mr. Nickleby«, entgegnete Miss La Creevy lebhaft. »Und unter uns: es wird ein sehr feines Porträt werden, obgleich es die Künstlerin selbst sagt.« »Nehmen Sie sich nicht die Mühe, es mir zu zeigen, Madam«, lehnte Ralph ab und trat einen Schritt zurück; »ich habe keinen Sinn für Ähnlichkeiten. Ist es halb fertig?« »Allerdings. Noch zwei Sitzungen –« »Machen Sie's lieber gleich in einer ab, Madam«, unterbrach Ralph, »Kate wird übermorgen keine Zeit mehr haben für dergleichen Abgeschmacktheiten. – Arbeiten, arbeiten, Madam! Wir müssen alle arbeiten. – Haben Sie übrigens Ihre Zimmer schon wieder vermietet?« »Ich habe es noch nicht in die Zeitung einrücken lassen, Sir.« »So tun Sie es schnell, Madam; meine Schwägerin braucht sie nächste Woche nicht mehr. Keinesfalls werden sie bezahlt werden. – Nun, meine Liebe, wenn du bereit bist, so brauchen wir keine Zeit zu verlieren.« Mit einer erkünstelten Freundlichkeit, die ihm noch schlechter stand als sein gewohntes barsches Benehmen, winkte er dem jungen Mädchen vorauszugehen, machte Miss La Creevy eine Verbeugung, schloß die Türe und folgte Kate die Treppe hinauf, wo ihn Mrs. Nickleby mit vielen Hochachtungsbezeugungen empfing. Kurz und mit einer ungeduldigen Handbewegung hemmte er ihren Redefluß. »Ich habe eine Stelle für Ihre Tochter gefunden«, ging er ohne Umschweife in medias res ein. »Herrlich, herrlich«, jubelte Mrs. Nickleby. »Aber ich habe auch nichts anderes von Ihnen erwartet. Erst gestern morgen sagte ich beim Frühstück zu Kate: Verlaß dich drauf, dein Onkel hat so gut für Nikolas gesorgt, er wird nicht ruhen, bis ihm nicht hinsichtlich deiner ein gleiches gelungen ist. Ja, genau das waren meine Worte. Liebe Kate, ja warum bedankst du dich denn nicht bei deinem –« »Bitte, lassen Sie mich fortfahren, Madam«, unterbrach Ralph schroff den Redestrom seiner Schwägerin. »Liebes Kind, laß deinen Onkel fortfahren!« ermahnte Mrs. Nickleby. »Aber ich bin doch ganz Ohr, Mama«, erwiderte Kate. »Gut, Kind, gut. Aber wenn du so ganz Ohr bist, so laß deinen Onkel doch ausreden«, eiferte Mrs. Nickleby. »Du weißt, die Zeit deines Onkels ist kostbar, mein Kind, und wie sehr es auch dein Wunsch sein mag, das Vergnügen, ihn bei uns zu sehen, zu verlängern, so dürfen wir doch nicht so selbstsüchtig sein und müssen in Erwägung ziehen, was für hochwichtige Geschäfte er in der City hat.« »Ich bin Ihnen sehr verbunden, Madam«, sagte Ralph mit einem mühsam unterdrückten Hohnlächeln. »Der Umstand, daß man in Ihrer Familie nicht an Geschäfte gewöhnt ist, führt, wie ich sehe, zu einer großen Verschwendung von Worten, so daß man, wenn einmal wirklich von einem Geschäft die Rede ist, gar nicht dazu kommen kann.« »Ich fürchte, das ist nur zu wahr«, seufzte Mrs. Nickleby. »Ihr seliger Bruder –« »Mein seliger Bruder«, fiel Ralph bissig ein, »hatte keine Ahnung von einem Geschäft. Ich glaube, er kannte nicht einmal die Bedeutung des Wortes.« »Ich fürchte, Sie haben auch darin recht«, seufzte Mrs. Nickleby abermals und drückte ihr Schnupftuch an die Augen. »Hätte er mich nicht gehabt, ich wüßte nicht, was aus ihm geworden wäre.« – Der plumpe Köder, den Ralph bei der ersten Begegnung hingeworfen hatte, wirkte noch immer. Bei jeder kleinen Entbehrung und Unbequemlichkeit, die Mrs. Nickleby an ihre jetzt beschränkteren Lebensverhältnisse erinnerte, knüpfte sich für sie ein ihr die Laune vergällender Gedanke an ihre verlorenen tausend Pfund Mitgift. Und doch war sie nicht selbstsüchtiger als manche andere und hatte ihren Mann viele Jahre lang innig geliebt. So reizbar wird der Mensch durch plötzliche Verarmung. – »Das Jammern hilft hier gar nichts, Madam«, sagte Ralph; »von allen nutzlosen Dingen ist das allernutzloseste, einem entschwundenen Tag eine Träne nachzuweinen.« »Ja, ja, so ist es«, schluchzte Mrs. Nickleby, »so ist es.« »Da Sie schon die Folgen des In-den-Tag-Hineinlebens an Ihrer eigenen Börse und Person so schwer empfinden, Madam«, fuhr Ralph fort, »so hoffe ich, Sie werden Ihren Kindern die Notwendigkeit einer rastlosen Tätigkeit um so mehr ans Herz legen?« »Natürlich. Natürlich«, beteuerte Mrs. Nickleby. »Habe ich doch so traurige Erfahrungen gemacht. – Liebes Kind, führe das in deinem nächsten Brief an Nikolas so genau wie möglich aus, oder erinnere mich daran, wenn ich ihm schreibe.« Ralph schwieg eine Weile und fuhr dann, als er sah, daß er die Mutter soweit auf seiner Seite hatte, falls die Tochter gegen seinen Vorschlag etwas einzuwenden haben sollte, fort: »Die Stelle – kurz und gut –, die ich für Kate ausgesucht habe, ist bei einer Putzmacherin.« »Bei einer Putzmacherin!?!« rief Mrs. Nickleby. »Bei einer Putzmacherin, Madam«, wiederholte Ralph. »Ich brauche einer Frau, die soviel Lebenserfahrung hat wie Sie, nicht erst zu sagen, daß Putzmacherinnen in London ein schönes Geld verdienen, sich Equipagen halten und es zu großem Reichtum bringen.« Das Wort Putzmacherin hatte in Mrs. Nickleby zunächst Erinnerungen an gewisse geflochtene, mit Wachstaffet ausgelegte Weidenkörbe erweckt, die sie zuweilen in den Straßen hatte hin- und hertragen sehen, aber als Ralph fortfuhr, verschwand dieser Eindruck rasch und machte desto glänzenderen Bildern von großen Häusern im Westend, feinen Equipagen und Leibrenten Platz. Sie nickte daher freudig und gab, augenscheinlich sehr zufrieden, ihre Zustimmung zu erkennen. »Was dein Onkel gesagt hat, ist vollkommen richtig, Kate«, erklärte sie ihrer Tochter. »Als ich kaum verheiratet war und mit deinem armen Vater nach London kam, erinnere ich mich noch recht gut, daß mir eine junge Dame einen Basthut mit weiß und grünem Besatz und grünem Seidenfutter in ihrem eigenen Wagen, der in vollem Galopp vorfuhr, ins Haus brachte. Ich weiß zwar nicht ganz bestimmt, ob es ihr eigener Wagen oder eine Droschke war, aber ich erinnere mich noch recht gut, daß das Pferd beim Umwenden tot niederfiel und daß dein armer Vater noch meinte, es hätte vierzehn Tage keinen Hafer zu fressen bekommen.« So grell diese Reminiszenz die glänzende Lage der Londoner Putzmacherinnen beleuchtete, so schien sie doch keinen besonderen Anklang zu finden, denn Kate ließ den Kopf sinken, und Ralph legte unverkennbare Zeichen äußerster Ungeduld an den Tag. »Die in Rede stehende Dame«, fiel er hastig ein, »heißt Mantalini. Madame Mantalini. Ich kenne sie. Sie wohnt unweit Cavendish Square. Wenn Ihre Tochter also geneigt ist, sich um die Stelle zu bewerben, so kann ich sie gleich hinführen.« »Und du, hast du deinem Onkel nichts zu sagen, mein Kind?« fragte Mrs. Nickleby. »Sogar sehr vieles«, versetzte Kate, »aber bitte, nicht jetzt; ich möchte lieber unter vier Augen mit ihm sprechen. Es wird ihm Zeit sparen, wenn ich ihm meinen Dank und das, was ich ihm zu eröffnen habe, auf dem Wege sage.« Damit eilte sie, um die hervorbrechenden Tränen zu verbergen, mit der Entschuldigung hinaus, sie wolle sich zum Ausgehen ankleiden, während ihre Mutter Mr. Nickleby unter großer Gemütsbewegung mit der umständlichen Beschreibung eines Klaviers aus Rosenholz und einer Garnitur Sesseln mit gedrechselten Beinen und grünen Sitzpolstern unterhielt, die sie in den Tagen ihrer Wohlhabenheit besessen, wobei sie hervorhob, daß von letzteren jedes Stück zwei Pfund fünfzehn Schillinge gekostet habe und nichtsdestoweniger bei der Versteigerung fast um nichts weggegangen sei. Diese Reminiszenzen wurden endlich durch Kates Rückkehr abgeschnitten, und Ralph, der während der ganzen Zeit ihrer Abwesenheit ärgerlich dagesessen hatte, verlor nun keinen Augenblick mehr und verließ mit ihr ohne viel Zeremonie das Haus. »So, jetzt lauf, so schnell du kannst«, sagte er und reichte ihr den Arm, »du wirst dir damit den Schritt angewöhnen, den du von jetzt an jeden Morgen nötig haben wirst.« Mit diesen Worten eilte er mit Kate nach Cavendish Square. »Ich bin Ihnen für Ihre Güte wirklich sehr verbunden«, begann das junge Mädchen, nachdem sie eine Weile schweigend nebeneinanderher gegangen waren. »Freut mich«, brummte Ralph, »ich hoffe, du wirst deine Pflicht gewissenhaft erfüllen.« »Ich will mir alle Mühe geben, Onkel«, versicherte Kate, »wirklich, ich –« »Fang nur nicht gleich wieder zu weinen an. Ich kann das ewige Geplärre nicht ausstehen.« »Ich weiß, es ist töricht, lieber Onkel«, stotterte die arme Kate. »Ja, das ist es«, fiel ihr Ralph ins Wort, »und sehr affektiert obendrein. Verschone mich mit derartigen Komödien.« Das war bestimmt nicht die rechte Art und Weise, die Tränen eines jungen und empfindsamen Mädchens zu trocknen, das im Begriff stand, eine ihm ganz neue Laufbahn unter kaltherzigen und teilnahmslosen Fremden zu betreten, aber der Zweck wurde dessenungeachtet erreicht. Kates Gesicht wurde blutrot, und ihre Brust arbeitete einige Minuten heftig. Dann aber schritt sie mit festerem und entschlossenerem Schritt weiter. Es lag ein seltsamer Kontrast in dem Benehmen der beiden. Das furchtsame Landmädchen schlüpfte schüchtern durch das Gedränge und hielt sich fest an ihren Führer, fürchtend, ihn in den Volksmassen zu verlieren, während der ernste, eherne Geschäftsmann mürrisch seines Weges schritt, sich mit den Ellenbogen Bahn brach und hie und da den Gruß eines Vorübergehenden verdrossen erwiderte, der sich sichtlich überrascht nach seiner schönen Begleiterin umsah und sich über das so schlecht zusammenpassende Paar wunderte. Der Gegensatz wäre noch weit auffallender gewesen, hätte man in den Herzen, die so nahe beieinander schlugen, lesen und die reine Unschuld des einen mit der bodenlosen Niedertracht des andern vergleichen können. »Onkel«, fing Kate, als sie sich dem Ort ihrer Bestimmung nahe glaubte, furchtsam wieder an. »Ich möchte eine Frage an Sie richten. Werde ich zu Hause wohnen?« »Zu Hause?« versetzte Ralph. »Wo ist das?« «Ich meine – bei meiner Mutter.« »Dein eigentlicher Aufenthalt wird in Madame Mantalinis Hause sein, denn du wirst bei ihr essen und von Morgen bis Abend, hie und da vielleicht auch bis früh, dort bleiben.« »Aber ich meine des Nachts?« sagte Kate. »Ich kann die Mutter doch nicht verlassen, Onkel! Ich muß ein Plätzchen haben, das ich Heimat nennen kann, und das ist da, wo sie ist – wie armselig es auch immer sein mag.« »Sein mag?« wiederholte Ralph ungeduldig und beschleunigte seine Schritte noch mehr. »Sein muß , willst du wohl sagen. Von einem mögen zu sprechen! Ist das Mädchen toll?« »Das Wort entschlüpfte mir nur so, ohne daß ich den Sinn hineinlegen wollte, den Sie darin finden«, entschuldigte sich Kate. »Na, das will ich hoffen«, brummte Ralph. »Aber meine Frage, Onkel! – Sie haben meine Frage noch nicht beantwortet.« »Nun, ich habe etwas der Art kommen sehen«, versetzte Ralph, »und habe deshalb, obgleich es ganz und gar nicht nach meinem Sinne ist, entsprechend Vorkehrungen getroffen und Madame Mantalini gesagt, du wünschest als Arbeiterin ›außer Haus‹ unterzukommen. Du kannst daher abends zu deiner Mutter gehen.« Das war wenigstens ein kleiner Trost. Kate erging sich in tausend Dankesbeteuerungen, die Ralph gnädig entgegennahm. Bald darauf langten sie vor dem Hause der Putzmacherin an. Ein livrierter Diener öffnete die Türe und führte sie eine breite Treppe hinauf in einen reich möblierten Saal voll Modekleidern und Stoffen in größter Auswahl. Sie mußten länger warten, als es Mr. Nickleby zu passen schien. Ärgerlich blickte er umher und wollte eben ungeduldig klingeln, als plötzlich ein Herr den Kopf zur Türe hereinsteckte, ihn aber ebenso schnell wieder zurückzog, als er bemerkte, daß jemand anwesend war. »Hallo, wer ist da?« rief Ralph. Sofort erschien der Herr wieder, ließ eine lange Reihe schneeweißer Zähne sehen und lispelte geziert: »Der Teufel. Wie? Nickleby? Ei, der Teufel!« Er war in einen prächtigen Schlafrock, eine Weste und türkische Beinkleider aus demselben Stoff gekleidet, trug ein rosenrotes seidenes Halstuch und hellgrüne Pantoffeln, und eine schwere goldene Uhrkette baumelte ihm auf der Brust. Sein Backen- und Schnurrbart, beide schwarz gefärbt, waren zierlich gekräuselt. »Zum Teufel! Sie werden doch nichts von mir wollen?« sagte er und klopfte Ralph auf die Schulter. »Beruhigen Sie sich«, versetzte Ralph sarkastisch. »Ha, ha, zum Teufel«, lachte der Herr, drehte sich affektiert auf der Ferse um und wurde dadurch Kates ansichtig, die in der Nähe stand. »Meine Nichte«, stellte Ralph vor. »Ach, jetzt erinnere ich mich«, rief der Herr und tippte sich geziert, wie zur Strafe für seine Vergeßlichkeit, mit dem Zeigefinger auf die Nase, »zum Teufel, jetzt erinnere ich mich, warum Sie hier sind. Kommen Sie nur mit, Nickleby. – Wollen Sie mir folgen, mein Kind? Ha, ha, sie folgen mir alle, Nickleby. Zum Teufel! – Haben es immer getan.« In dieser geckenhaften Weise plapperte der Herr fort und führte seine Gäste in ein Empfangszimmer im zweiten Stock, das nicht minder elegant möbliert war als der Saal im ersten. Eine silberne Kaffeekanne, ein Eierbecher und eine gebrauchte Porzellantasse auf dem Tisch verrieten, daß man soeben gefrühstückt hatte. »Setzen Sie sich, mein Kind«, sagte der Herr, stierte Kate so lange an, bis sie ganz aus der Fassung kam, und verzog dann, entzückt über die gelungene Heldentat, grinsend sein Gesicht. »Diese verwünscht eleganten Zimmer benehmen einem förmlich den Atem. Der Teufel hole diese Paradiese. Ich fürchte, ich muß ausziehen.« »Ich würde es unter allen Umständen tun«, brummte Ralph, ärgerlich umherblickend. »Ha, ha – Sie sind ein verdammt altmodischer Kauz, Nickleby«, lachte der Herr. »Der verwünschteste, übellaunigste alte Fuchskopf, der je in Gold und Silber gewühlt hat! Hol mich der Teufel.« Dann zog der Herr die Klingel, stierte wieder Miss Nickleby an und befahl dem Bedienten, seiner Gebieterin zu sagen, sie möge sogleich herunterkommen. Sodann starrte er abermals Kate an und hörte damit nicht eher auf, bis Madame Mantalini eintrat. Die Putzmacherin war eine rüstige, vornehm gekleidete und gut aussehende Frau, aber viel älter als der Herr in den türkischen Beinkleidern, mit dem sie erst seit sechs Wochen verheiratet war. Er hatte ursprünglich Muntle geheißen, seinen Namen aber in Mantalini umgewandelt, da seine Frau mit Recht annahm, ein englischer könne dem Geschäft wesentlich schaden. Er hatte eigentlich auf seinen Backenbart hin geheiratet, von dem er bereits mehrere Jahre sorgenlos gelebt, und ihn durch den Zuwachs eines Schnurrbartes, mit dem er nach langer und geduldiger Pflege sein Gesicht verschönert, vervollkommnet. Sein Anteil an der Geschäftstätigkeit beschränkte sich zur Zeit auf das Durchbringen des Geldes, und wenn dies zur Neige ging, hin und wieder auf eine Fahrt zu Mr. Ralph Nickleby, um sich von ihm, nach Abzug der entsprechenden Prozente, Vorschüsse auf die Kundenrechnungen vorstrecken zu lassen. »Mein süßes Leben«, rief Mr. Mantalini seiner Gattin entgegen«, »verteufelt lange haben wir auf dich warten müssen.« »Ich konnte doch nicht wissen, daß Mr. Nickleby hier ist, mein Schatz«, entschuldigte sich Madame Mantalini. »Dann muß der Bediente ein doppelt verteufelter höllischer Spitzbube sein, mein Herz«, scherzte Mr. Mantalini. »Gewiß, mein Schatz, was kannst du auch anders erwarten, wenn du ihm alles durchgehen läßt«, schmollte die Dame. »Nun, sei nur nicht ungehalten«, flötete Mr. Mantalini, »zum Teufel, er soll durchgepeitscht werden, bis er nach Gott schreit.« Und Mr. Mantalini fügte seinem Versprechen einen Kuß hinzu, und Madame Mantalini kniff ihn scherzhaft ins Ohr. Sodann ließ sich das Ehepaar herbei, zu den Geschäften überzugehen. »Also, Madame«, brummte Ralph, der diesen Vorgängen mit einer Verachtung zugesehen hatte, wie sie wohl nur wenige Menschen in ihren Blicken auszudrücken vermögen, »dies ist meine Nichte.« »Ah richtig, Mr. Nickleby«, versetzte Madame Mantalini und musterte Kate von Kopf bis Fuß und wieder zurück. »Können Sie Französisch, mein Kind?« »Ja, Madam«, antwortete Kate, ohne zu wagen, die Augen aufzuschlagen, denn sie fühlte den Blick des widerlichen Menschen im Schlafrock wieder auf sich ruhen. »Auch so verteufelt geläufig wie eine Rassefranzösin?« fragte Mr. Mantalini. Miss Nickleby gab keine Antwort und wendete dem Frager den Rücken zu, als sei sie willens, nur auf das zu antworten, was Madame sie fragen würde. »Wir haben beständig zwanzig junge Mädchen im Geschäft«, bemerkte die Putzmacherin. »Ja, und auch einige verteufelt hübsche darunter«, ergänzte Mr. Mantalini. »Mantalini!« rief die ältliche Gattin in verweisendem Tone. »Abgott meines Lebens?« »Willst du mich unter die Erde bringen?« »Nicht um zwanzigtausend Hemisphären, bevölkert mit – mit – mit kleinen Balletteusen«, beteuerte Mr. Mantalini poetisch. »Es wird aber geschehen, wenn du fortfährst in dieser Weise zu sprechen. Was wird sich Mr. Nickleby denken?!« »Ach, nichts, Madame!« fiel Ralph ein. »Ich kenne seinen und Ihren liebenswürdigen Charakter. Weiter nichts als kleine Bemerkungen, die Ihrer täglichen Unterhaltung einen pikanten Beigeschmack geben. Liebesgetändel, das die häuslichen Freuden versüßen soll, wenn sie langweilig werden wollen. Das ist alles.« Wenn eine eiserne Türe mit ihren Angeln in Streit geraten wäre, hätten ihre Töne kaum unangenehmer das Ohr berühren können als diese Worte, so rauh stieß sie Ralph hervor. Selbst Mantalini empfand das und drehte sich erschrocken mit dem Ausruf um: »Ist das aber ein verteufelt abscheuliches Gekrächz!« »Achten Sie nicht auf das, was Mr. Mantalini sagt«, wendete sich Madame entschuldigend an Kate Nickleby. »Ich tue es auch nicht, Madam«, sagte Kate mit ruhiger Verachtung. »Mr. Mantalini kommt mit den jungen Mädchen im Hause nicht weiter in Berührung«, fuhr die Putzmacherin mit einem Blick auf ihren Gatten, aber zu Kate gewendet, fort; »hat er eine von ihnen dennoch gesehen, so muß es auf der Straße gewesen sein, wenn die Mädchen von oder zur Arbeit gingen. In keinem Falle aber im Hause, denn ich gestatte nicht, daß er in das Arbeitszimmer kommt. – An was für Arbeitsstunden sind Sie gewöhnt?« »Ich bin vorderhand überhaupt noch nicht an Arbeit gewöhnt«, antwortete Kate schüchtern. »Und eben deshalb wird sie jetzt um so fleißiger arbeiten«, fiel Ralph schnell ein, damit dieses Geständnis die Verhandlung nicht beeinträchtigte. »Das hoffe ich«, entgegnete Madame Mantalini. »Unsere Stunden sind von neun bis neun; auch noch länger, wenn wir mit Arbeit überhäuft sind, was aber dann besonders bezahlt wird.« Kate nickte eifrig, um anzudeuten, daß sie vollkommen einverstanden sei. »Und die Kost, das heißt Mittagessen und Tee, erhalten Sie hier. Ihr Lohn wird sich durchschnittlich auf etwa fünf bis sieben Schillinge pro Woche belaufen. Ich kann mich darüber noch nicht mit Bestimmtheit auslassen, ehe ich gesehen habe, was Sie zu leisten imstande sind.« Kate verbeugte sich abermals. »Wenn Sie also eintreten wollen«, fuhr Madame Mantalini fort, »so ist es am besten, wenn Sie Montag früh punkt neun Uhr anfangen. Ich werde Miss Knag, der Vorarbeiterin, den Auftrag geben, daß sie Ihnen für den Anfang leichtere Sachen zuweist. – Steht sonst noch etwas zu Diensten, Mr. Nickleby?« »Nichts sonst, Madam«, versetzte Ralph aufstehend. »Dann glaube ich, haben wir wohl alles verhandelt?« Mit diesen Worten sah sich Madame Mantalini nach der Tür um, als wünsche sie sich zu entfernen, aber sie zögerte noch und schien ihrem Gemahl die Ehre, den Gästen das Geleit zu geben, überlassen zu wollen. Ralph half ihr aus der Verlegenheit und verabschiedete sich unverzüglich. Madame Mantalini erkundigte sich vorher noch gnädigst, warum man so selten die Ehre seines Besuches habe, und Mr. Mantalini verteufelte im Hinuntergehen mit großer Zungengeläufigkeit die Stiegen, in der vergeblichen Hoffnung, Kate zu veranlassen, sich noch einmal umzusehen. »So«, sagte Ralph, als sie auf die Straße traten, »jetzt wäre für dich gesorgt.« Kate wollte ihm abermals danken, aber er fiel ihr ins Wort: »Ich hatte anfänglich vor, deine Mutter in einer hübschen Gegend auf dem Lande unterzubringen (er hatte nämlich das Recht, über einige Freiplätze in den Armenhäusern an der Grenze von Kornwallis zu verfügen), da ihr aber beisammenbleiben wollt, so muß ich sehen, wie sich's anders machen läßt. – Sie hat wohl noch ein wenig Geld?« »Sehr wenig«, versetzte Kate schüchtern. »Auch wenig wird weit reichen, wenn man sparsam damit umgeht. Sie muß sich eben so gut wie möglich nach der Decke strecken. Die Miete soll sie nichts kosten. – Ihr zieht am nächsten Samstag aus?« »Sie sagten doch, daß wir es tun sollten, Onkel.« »Ganz recht. – Also, ich habe gegenwärtig ein leeres Haus zur Verfügung, wo ich euch unterbringen kann, bis es vermietet ist; und dann steht mir eventuell noch ein anderes zu Gebote, wenn sich die Umstände ändern sollten. – Ihr müßt vorderhand dort hinziehen.« »Ist es weit von hier, Onkel?« fragte Kate. »Ja, ziemlich weit. In einem andern Stadtteile – im Ostend. Aber ich werde euch Samstag abends meinen Schreiber schicken. Der soll euch hinführen. Adieu jetzt. – Du weißt doch den Weg? – Nur immer geradeaus!« Damit verließ Ralph seine Nichte am Eingang in die Regent Street mit einem kalten Händedruck und bog, fortwährend auf Gelderwerb sinnend, in eine Nebengasse ein, während Kate traurig in ihre Wohnung zurückkehrte. 11. Kapitel Mr. Newman Noggs führt Mrs. und Miss Nickleby in ihre neue Behausung in der City Mit düsteren Ahnungen blickte Kate Nickleby in die Zukunft, während sie so dahinschritt. Das Benehmen ihres Onkels war ebensowenig geeignet, die Zweifel und Bedenken, die sich ihr bereits von Anfang an aufgedrängt, zu zerstreuen, wie der Blick, den sie in Madame Mantalinis Etablissement geworfen hatte. Wären Worte des Trostes imstande gewesen, ihr Gemüt ein wenig aufzuhellen, so hätte dies notwendigerweise geschehen müssen, da es ihre Mutter an solchen durchaus nicht fehlen ließ. Die gute Dame hatte sich während der Abwesenheit ihrer Tochter auf zwei authentische Fälle von Putzmacherinnen besonnen, die es zu einem beträchtlichen Vermögen gebracht, wenn Mrs. Nickleby auch nicht mit Bestimmtheit anzugeben wußte, ob sie es lediglich durch ihr Geschäft erworben hatten. Miss La Creevy, die zum Familienrate zugezogen wurde, wagte zwar einige Bedenken zu äußern, ob es wahrscheinlich sei, daß Miss Nickleby in den Grenzen einer gewöhnlichen Lebensdauer ein so glückliches Ziel zu erreichen imstande sei, aber die gute Witwe widerlegte diese Frage dadurch, daß sie erklärte, sie habe ein ausgezeichnetes Ahnungsvermögen, eine Art zweiten Gesichtes. Damit hatte sie schon den seligen Mr. Nickleby immer zu Paaren zu treiben gewußt und ihn in zehn Fällen neun und dreiviertelmal zu einem verkehrten Schritt zu verleiten verstanden. »Ich fürchte nur, daß diese Art Beschäftigung nachteilig auf die Gesundheit einwirkt«, meinte die Malerin. »Ich erinnere mich, daß mir zu Anfang meiner Künstlerlaufbahn drei junge Putzmacherinnen saßen, die alle sehr blaß und kränklich aussahen.« »Oh, das kann doch nicht als allgemeine Regel gelten«, wendete Mrs. Nickleby ein, »ich erinnere mich noch so gut, als wäre es erst gestern geschehen, daß mir zur Zeit, als die Scharlachmäntel Mode waren und ich mir einen solchen machen ließ, eine Putzmacherin empfohlen wurde, die ein sehr rotes Gesicht jawohl – ein sehr rotes Gesicht hatte.« »Vielleicht trank sie?« meinte Miss La Creevy. »Ich weiß nicht, wie sie es damit hielt«, versetzte Mrs. Nickleby, »aber ich weiß, daß sie ein sehr rotes Gesicht hatte. Und damit sind Sie widerlegt, Miss La Creevy.« Mit ähnlich schlagenden Beweisen entkräftete die würdige Matrone alle Einwürfe. Ein Projekt brauchte eben nur neu zu sein, um sich ihr in den glänzendsten Farben darzustellen. Als diese Frage also glücklich erledigt war, teilte Kate ihrer Mutter das Verlangen Onkel Ralphs, die gegenwärtige Wohnung zu verlassen, mit, und Mrs. Nickleby ging sofort darauf ein und malte sich umständlich aus, wie entzückend es sein werde, wenn sie Kate an den schönen Abenden aus dem Westend abholen würde. Sie vergaß charakteristischerweise, daß es in London auch regnerische Abende und schlechtes Wetter gibt. »Es tut mir wirklich sehr, sehr leid, Sie verlieren zu müssen, meine liebe, gute Freundin«, sagte Kate, auf die die wohlwollende freundliche Miniaturmalerin einen tiefen Eindruck gemacht hatte. »Sie sollen mich dessenungeachtet nicht so leicht loswerden«, versicherte Miss La Creevy mit aller Lebhaftigkeit, die ihr zu Gebote stand. »Ich werde Sie sehr oft besuchen, um zu sehen, wie es Ihnen geht. Und wenn es in ganz London und noch obendrein in der ganzen Welt wirklich kein Herz geben sollte, das an Ihrem Wohle aufrichtigen Anteil nimmt, so sollen Sie doch eines in dem Busen eines kleinen alleinstehenden, weiblichen Wesens finden, das jeden Tag und jede Nacht seine Gebete für Sie zum Himmel schickt.« Dabei schnitt die gute Seele, die ein Herz, groß genug für Gog, den Schutzgeist von London, und für Magog obendrein, besaß, eine Menge wundersamer Gesichter, die ihr, wenn sie sie auf der Leinwand würde haben festhalten können, ein großes Vermögen gesichert hätten. Und dann setzte sie sich in eine Ecke, um ihren Gefühlen in Tränen freien Lauf zu lassen. Aber weder Tränen, noch Worte, noch Hoffen, noch Furcht konnten den gefürchteten Samstagabend hinausschieben. Gerade in dem Augenblick, als die Kirchturmuhren der Nachbarschaft fünf schlugen, hinkte Newman Noggs heran und hauchte seinen von Branntwein geschwängerten Atem durch das Schlüsselloch der Haustüre. Mit dem letzten Glockenschlag klopfte er. »Von Mr. Ralph Nickleby«, kündigte er sich, als er die Stiege heraufgekommen, mit lakonischer Kürze an. »Wir werden im Augenblick bereit sein«, sagte Kate. »Wir haben zwar nicht viel mitzunehmen, aber ich fürchte doch, daß wir eine Droschke dazu brauchen werden.« »Ich will eine holen«, erbot sich Newman. »O nein, nein, Sie dürfen sich nicht bemühen«, lehnte Mrs. Nickleby dankend ab. »Aber ich will«, beharrte Newman auf seinem Vorhaben. »Ich hätte bereits eine mitgebracht, nur wußte ich nicht, ob Sie schon bereit sind.« »Oh, vielen Dank, Mr. Noggs«, sagte Mrs. Nickleby. »Was macht Ihr Prinzipal?« Newman warf einen vielsagenden Blick auf Kate und erwiderte langsam, Mr. Ralph Nickleby befände sich immer wohl und lasse im übrigen herzlich grüßen. »Wir sind ihm wirklich sehr zu Dank verpflichtet«, bemerkte Mrs. Nickleby »Hm«, meinte Newman. »Werde es ausrichten.« Es war nicht leicht, Newman Noggs zu vergessen, wenn man ihn einmal gesehen hatte, und als ihn jetzt Kate, veranlaßt durch sein seltsames Benehmen, das übrigens ungeachtet seiner abgebrochenen Redeweise etwas Ehrerbietiges, ja sogar Zartes hatte, genauer betrachtete, erinnerte sie sich, seine sonderbare Gestalt schon früher flüchtig gesehen zu haben. »Entschuldigen Sie meine Neugierde, aber habe ich Sie nicht schon an dem Morgen, als mein Bruder nach Yorkshire abreiste, im Posthof gesehen?« fragte sie. Newman warf einen unsicheren Blick auf Mrs. Nickleby und erwiderte rundheraus: »Nein.« »Nicht? Und doch hätte ich mir getraut, es auf das bestimmteste zu behaupten.« »Dann würden Sie etwas Unrichtiges behauptet haben«, erwiderte Newman. »Ich gehe heute seit drei Wochen das erstemal wieder aus. Ich hatte einen Gichtanfall.« Newman hatte nun nichts weniger als das Aussehen eines mit der Gicht Behafteten, und auch Kate konnte sich dieses Gedankens nicht erwehren. Alle weiteren Erörterungen wurden aber von Mrs. Nickleby abgeschnitten, die darauf bestand, daß die Türe geschlossen werden müsse, um Mr. Noggs keiner Erkältung auszusetzen, worauf sie das Dienstmädchen nach einer Droschke fortzuschicken beschloß, um ihm einen allenfallsigen Rückfall seiner Krankheit zu ersparen. Newman mußte nachgeben. Der Wagen ließ nicht lange auf sich warten, und nach tränenreichem Lebewohl und vielem geschäftigem Hinundherrennen Miss La Creevys, wobei ihr gelber Turban wiederholt in gewaltsame Berührung mit den Köpfen der Anwesenden kam, fuhr er, nämlich nicht der Turban, sondern der Wagen, mit den beiden Damen und ihrem Gepäck ab. Newman hatte seinen Sitz auf dem Bock bei dem Kutscher eingenommen, ohne sich durch die Versicherung Mrs. Nicklebys, daß es sein Tod sein könne, beirren zu lassen. Nach einer langen Fahrt gelangten sie in die City und machten vor einem großen, alten, von Rauch geschwärzten Hause in der Themse Street Halt. Die Türen und Fenster des Gebäudes waren so mit Kot bespritzt, daß es den Anschein hatte, als sei es seit Jahren nicht mehr bewohnt gewesen. Newman öffnete die Türe dieser verlassenen Wohnung mit einem Schlüssel, den er aus seinem Hute nahm, wie er denn überhaupt wegen des schadhaften Zustandes seiner Taschen alles darin aufbewahrte und wahrscheinlich auch sein Geld untergebracht haben würde, wenn er welches besessen hätte, und ging in das Innere der Behausung voran. Es war ein wahres Bild des Verfalls, öde, kalt und unfreundlich. An die Hinterseite des Hauses stieß ein Landungsplatz der Themse. Eine leere Hundehütte, ein paar Knochen, Reste von eisernen Reifen und alte Faßdauben lagen zerstreut umher, aber nirgends zeigten sich Spuren von Leben. »Wie unheimlich und beklemmend es hier ist!« sagte Kate. »Rein, als ob das Haus unter einem schlimmen Einfluß stünde. Wenn ich abergläubisch wäre, würde ich fast glauben, in diesen alten Mauern müsse irgendein schreckliches Verbrechen verübt worden sein. Wie finster und düster hier alles aussieht!« »Um Gottes willen, Kind, sprich nicht so, wenn ich mich nicht zu Tode ängstigen soll«, jammerte Mrs. Nickleby. »Ach, Mama, es ist ja nur eine törichte Einbildung von mir«, beruhigte sie Kate mit erzwungenem Lächeln. »Nun, dann behalte solche törichte Einbildungen für dich, wenn du nicht auch meine törichten Einbildungen wecken willst«, entgegnete Mrs. Nickleby. »Warum dachtest du denn nicht an all das früher? Du sorgst auch für gar nichts! Wir hätten Miss La Creevy um ihre Gesellschaft bitten oder uns einen Hund borgen oder tausend andere Dinge tun können. Aber so bist du! Gerade wie dein armer, seliger Vater! Was, wenn ich nicht an alles dächte –?« So pflegte Mrs. Nickleby meistens ein allgemeines Klagelied zu beginnen, das sich dann durch ein Dutzend oder mehr verwickelte Sätze durchwand, die eigentlich an niemand gerichtet waren und in denen sie auch jetzt schwelgte, bis ihr der Atem versagte. Newman schien diese Bemerkungen nicht zu hören, sondern führte nur Mutter und Tochter in ein paar Gemächer im ersten Stock, die man ein wenig wohnlich zu machen versucht hatte. In dem einen standen ein paar Stühle und ein Tisch, ein alter Teppich lag vor dem Kamin, und ein Feuer brannte auf dem Rost. In dem andern befand sich ein altes Feldbett und einige Schlafzimmergerätschaften. »Nun, mein Kind«, seufzte Mrs. Nickleby und gab sich alle Mühe, heiter auszusehen, »erkennst du hierin nicht die Fürsorge und Liebe deines Onkels? Ohne sie würden wir nichts haben als das Bett, das wir gestern kauften.« »Wirklich sehr fürsorglich«, gab Kate umherblickend zu. Newman verriet mit keinem Wort, daß er die alten Möbel aus allen Ecken und Enden zusammengesucht, die auf dem Gesims stehende Milch zum Tee aus seinen eigenen jämmerlichen Mitteln bezahlt, den rostigen Kessel über dem Feuer gefüllt, die Holzspäne heimlich hinter dem Hause gesammelt und die Kohlen zusammengebettelt hatte. Aber der Gedanke, daß alles dies in Ralph Nicklebys Auftrage geschehen sein sollte, wollte ihm so wenig zusagen, daß er sich nicht enthalten konnte, nacheinander mit allen zehn Fingern zu knacken, was Mrs. Nickleby anfangs ziemlich verblüffte. Da sie aber vermutete, es könne irgendwie in Beziehung zu Mr. Noggs' Gichtleiden stehen, so erlaubte sie sich weiter keine Bemerkung. »Wir dürfen Sie aber jetzt, glaube ich, nicht länger aufhalten«, sagte Kate. »Haben Sie sonst nichts mehr zu befehlen?« fragte Newman. »Nichts; ich danke Ihnen vielmals. Aber vielleicht, mein Kind, würde Mr. Noggs ein Glas auf unsere Gesundheit trinken?« fiel Mrs. Nickleby ein und suchte in ihrer Pompadour nach einem kleinen Geldstück. »Ich fürchte, Mama«, flüsterte Kate schnell, als sie Newman sein Gesicht abwenden sah, »du verletzt ihn, wenn du ihm etwas anbietest.« Newman Noggs verbeugte sich dankbar gegen die junge Dame, mehr in der Weise eines Gentlemans als in der, die für den armen Elenden, den sein Äußeres bekundete, zu passen schien, legte die Hände auf die Brust, blieb eine Weile mit der Miene eines Menschen, der gerne sprechen möchte und nicht kann, stehen, wandte sich dann um und verließ still das Zimmer. Das schrille Echo der in das Schloß einfallenden schweren Haustür tönte so schaurig durch das Gebäude, daß sich Kate halb und halb versucht fühlte, den Schreiber ihres Onkels wieder zurückzurufen und ihn zu bitten, noch ein wenig zu bleiben, aber sie schämte sich ihrer Furcht, und so wanderte denn Newman Noggs heim. 12. Kapitel Der weitere Verlauf der Liebesgeschichte Miss Fanny Squeers' Es war ein Glück für Miss Fanny Squeers, daß ihr würdiger Papa, als er abends spät nach Hause kam, zu stark angesäuselt war, um die zahlreichen Merkmale höchsten Verdrusses zu gewahren, die sich unverhüllt in ihren Zügen aussprachen. Da er gewöhnlich, wenn er zuviel »geladen« hatte, ziemlich heftig und streitsüchtig zu sein pflegte, so war die junge Dame klugerweise darauf bedacht gewesen, zur Ableitung des ersten Unwetters einen Zögling parat zu halten. Als der Ehrenmann seine Fußtritte und Fauststöße denn auch glücklich angebracht hatte, beruhigte er sich allmählich so weit, daß er sich gestiefelt und mit seinem Regenschirm unter dem Arm ins Bett legen konnte. Das ausgehungerte Dienstmädchen begleitete Miss Squeers wie gewöhnlich nach dem Schlafgemach, um ihr daselbst das Haar aufzustecken, sonstige kleine Toilettendienste zu erweisen und ihr soviel Schmeicheleien zu sagen, als sie in der Geschwindigkeit auszudenken vermochte, denn Miss Squeers war träge und überhaupt eitel und leichtfertig genug, um eine vornehme Dame zu spielen, zu der ihr allerdings die übrigen Eigenschaften stark abgingen. »Wie schön sich Ihr Haar heut abend kräuselt, Miss«, begann die Zofe. »Es is wirklich jammerschad, es zu kampeln.« »Halt's Maul«, fuhr Miss Squeers sie zornig an. Dem Mädchen waren dergleichen Ausbrüche nichts Neues, als daß sie darüber hätte überrascht sein können, und da sie halb und halb eine Vermutung hinsichtlich der stattgefundenen Vorfälle des Abends hatte, so änderte sie ihren Operationsplan, mit dem sie sich angenehm zu machen gedachte, und schlug einen indirekten Weg ein. »Ach, Miss«, sagte sie daher, »i kann mir nöt helfen, aber es muß raus, und wann i dersticken sollt. In mein ganzen Lebn is mir noch nie a so a gemeines Aufsehen vorkommen als heut abend beim Fräulein Price.« Miss Squeers seufzte und spitzte die Ohren. »I weiß, es is unrecht von mir, daß i a so sprich«, fuhr das Mädchen fort, hocherfreut, daß ihre Worte Eindruck machten, »denn's Fräulein Price geht mir über alls, aber sich a so rausputzen! – O mei, wann sich halt die Leut selber segn kunnten!« »Wie meinst du das, Phib?« fragte Miss Squeers mit einem Blick in den Handspiegel, wo sie natürlich nicht sich selbst, sondern ein anmutiges Bild ihrer Einbildungskraft erblickte. »Wie kannst du nur so sprechen?« »Wie i a so sprechen kann, Fräul'n, Grund gnua is do, daß drüber sogar a alter Kater französisch sprechen kunnt«, versetzte die »Zofe« bilderreich. »Bloß oschaug'n braucht mer's, wias den Kopf hin und her schlenkert.« »Sie trägt allerdings den Kopf hoch«, murmelte Miss Squeers scheinbar zerstreut. »So eitel und doch is so gar nix an ihr.« »Arme Tilda!« seufzte Miss Squeers. »Und wia tief s' ausg'schnitten is! Daß sie sich nöt schamt!« »Ich darf solche Äußerungen nicht gestatten, Phib«, verwies Miss Squeers, »Tildas Verwandte sind ordinäre Leute, und wenn sie es nicht besser weiß, so ist es die Schuld ihrer Familie und nicht die ihrige.« »Jawoll«, sagte Phöbe, auch Phib genannt. »Aber könnt sie sich nöt a Freundin zum Muster nemman? Was für a artiges Frauenzimmer kunnt nöt mit der Zeit aus ihr werden, wann so sich zum Beispiel nach Ihna richten möcht!« »Phib!« versetzte Miss Squeers mit würdevoller Miene. »Es ziemt sich nicht, daß ich solche Vergleiche mit anhöre. Du setzest Tilda herab, und es könnte als unfreundlich von mir ausgelegt werden, wenn ich es weiter dulden würde. Sprich daher von etwas anderm, Phib, denn, wenn ich auch zugeben muß, daß Tilda Price, wenn sie sich irgend jemand zum Muster nehmen wollte – ich meine nicht gerade mich –« »O ja, grad Ihna, Fräul'n.« »Also meinetwegen mich, wenn du es schon haben willst«, fuhr Miss Squeers fort. »Ich gebe zu, daß sie, wenn sie es tun wollte, weit besser dabei fahren würde.« »Ja, und i müßt mich sehr irren, wann nöt jemand anderer a no der gleichen Meinung war«, versetzte das Mädchen geheimnisvoll. »Was willst du damit sagen?« fragte Miss Squeers neugierig. »Nix B'sonders, Fräul'n. Aber was i weiß, weiß i.« »Phib!« entgegnete Miss Squeers theatralisch. »Ich bestehe darauf, daß du dich näher erklärst. Was sollen diese geheimnisvollen Worte? Sprich!« »No, wann S's grad haben wollen, Fräul'n, so muß i halt mit der Farb außer. Der Herr Bräutigam von ihr is der gleichen Meinung mit Ihna. Und wann er nöt schon so weit gangen wäre, um nöt guat zrucktreten z'könna, so möcht er s' mit Freuden laufen lassen und bei Ihna, Fräul'n, anz'kommen suchn.« »Gott im Himmel!« rief Miss Squeers, überwältigt die Hände zusammenschlagend. »Was sagst du da?« »Die Wahrheit, Fräul'n, nix als die Wahrheit«, beteuerte die schlaue Phöbe. »Welche Lage!« rief Miss Squeers. »So bin ich also, ohne es zu ahnen, in Gefahr, das Glück und den Frieden meiner lieben Tilda zu zerstören! Was ist doch nur der Grund, daß die Männer, ich mag wollen oder nicht, sich so rasend in mich verlieben und um meinetwillen ihren Bräuten abtrünnig werden?!« »So könnan halt nöt anders; zum Verwundern is dös net«, erklärte das Mädchen. »Rede mir nie wieder so!« verwies Miss Squeers streng. »Nie wieder, hörst du? Tilda hat Fehler – viele Fehler, aber ich will ihr Bestes und wünsche vor allem, daß sie unter die Haube kommt. Gerade wegen der Beschaffenheit ihrer Mängel ist es ihr zu wünschen, daß sie, je eher, desto besser, einen Mann kriegt. – Nein, Phib, sie soll nur ihren Browdie nehmen. Der arme Bursche dauert mich zwar, aber ich betrachte Tilda noch immer als meine Freundin und hoffe nur, daß sie sich als Ehefrau besser macht, als es wahrscheinlich der Fall sein wird.« Nach diesem Gefühlserguß schlüpfte Miss Squeers in die Federn. Sie wußte innerlich natürlich ganz genau, daß alles, was dieses armselige Geschöpf von einem Dienstmädchen gesagt hatte, nichts als faustdicke Lügen und Schmeicheleien war. Aber schon die Gelegenheit, ein bißchen Bosheit gegen ihre Freundin loslassen und ihren Mängeln und Schwächen gegenüber Mitleid heucheln zu können, und wäre es auch nur in Gegenwart eines armseligen Dienstmädchens, gewährte ihr eine fast ebenso große Erleichterung, als wenn alles, was zur Sprache gekommen, Evangelium gewesen wäre. Die Macht der Selbstbelügung geht überdies in den Stunden der Aufregung so weit, daß Miss Squeers in edelmütigem Verzicht auf John Browdies Hand sich außerordentlich großmütig und erhaben dünkte und im Geiste auf ihre Nebenbuhlerin mit einer Art göttlich-erhabenen Ruhe herabsehen konnte, die nicht wenig zur Besänftigung ihres Unmutes beitrug. Als daher, ebenfalls in versöhnlichen Absichten, am andern Morgen die Müllerstochter gemeldet wurde, begab sich Miss Squeers im höchsten Grade christlich gestimmt in das Besuchszimmer. »Du siehst, Fanny«, begann Tilda, »ich komme wieder zu dir, trotzdem wir uns gestern ein wenig gezankt haben.« »Ich bedaure dich wegen deiner Leidenschaftlichkeit, Tilda«, erwiderte Miss Squeers, »aber ich bin darüber erhaben, dir etwas nachzutragen –« »Also, dann maule jetzt nicht weiter, Fanny!« sagte Miss Price. »Ich bin hergekommen, um dir eine Mitteilung zu machen, über die du dich, wie ich hoffe, sehr freuen wirst.« »Was könnte das sein, Tilda?« fragte Miss Squeers, warf die Lippen auf und machte ein Gesicht, als ob nichts in Feuer, Wasser, Luft und Erde imstande wäre, in ihr auch nur eine Spur des angedeuteten Gefühls zu erzeugen. »Als wir gestern fortgingen, hatte ich mit John einen schrecklichen Streit.« »Das kann mir doch keine Freude machen!« entgegnete Miss Squeers, konnte jedoch dabei ein wohlgefälliges Lächeln nicht unterdrücken. »Lieber Gott, wie könnte ich auch so schlecht von dir denken? Das ist doch noch nicht alles.« »So?« sagte Miss Squeers und legte ihr Gesicht wieder in düstere Falten. – »Also, was weiter?« »Nachdem wir uns lange herumgezankt und erklärt hatten, uns nie wieder sehen zu wollen«, fuhr Miss Price fort, »vertrugen wir uns wieder, und John ging heute aufs Pfarramt, um für den nächsten Sonntag das erste Aufgebot zu bestellen. Wir feiern daher in drei Wochen unsere Hochzeit, und ich teile es dir mit, damit du rechtzeitig dein Brautjungfernkleid bestellen kannst.« Das war Galle und Honig in einem Becher für Fanny Squeers. Galle insofern, als ihre Freundin schon so bald verheiratet sein würde, und Honig, weil daraus hervorging, daß sie keine ernsthaften Absichten auf Nikolas hatte. Im Ganzen wurde jedoch das Bittere durch das Süße so weit überwogen, daß Miss Squeers sich bereit erklärte, sich das Brautjungfernkleid unverzüglich machen zu lassen, und zugleich der Hoffnung Ausdruck gab, Tilda möge glücklich werden. Freilich könne man so etwas nie mit großer Wahrscheinlichkeit annehmen, und sie möchte ihr auch raten, nicht allzusehr darauf zu bauen, denn die Männer wären sämtlich höchst unbeständige Geschöpfe, und viele verheiratete Frauen wünschten sich in der Ehe von ganzem Herzen die schöne Zeit ihrer Mädchenjahre zurück. Diesen bittersüßen Trostsprüchen fügte Miss Squeers noch einige andere hinzu, die nicht minder edel erdacht waren, ihrer Freundin Lebensmut zu erhöhen. »Um auf etwas anderes zu kommen«, brach denn auch Miss Price sogleich das Thema ab, »möchte ich gern ein paar Worte betreffs des jungen Nickleby mit dir sprechen.« »Er ist mir vollkommen Luft«, erklärte Miss Squeers und kämpfte mühsam gegen einen Weinkrampf an, »ich verachte ihn zu sehr.« »Das kann unmöglich dein Ernst sein. Sei aufrichtig, Fanny, du liebst ihn noch immer?« Als Erwiderung brach Miss Squeers in einen Strom von Wuttränen aus und rief, daß sie ein elendes, vernachlässigtes, unglückliches, mit Füßen getretenes Wesen sei. »Ich hasse die ganze Welt«, schloß sie ihren Gefühlserguß. »Ich wollte, alle Menschen wären tot.« »Gott im Himmel, Fanny!« rief Miss Price, nicht wenig entsetzt über dieses freimütige Geständnis menschenfreundlicher Gesinnung. »Sag, daß das nicht dein Ernst ist.« »Es ist mein voller Ernst«, beteuerte Miss Squeers, knirschte mit den Zähnen und knüpfte Knoten um Knoten in ihr Taschentuch, »und ich wollte, daß ich auch tot wäre.« »Du wirst in fünf Minuten ganz anders denken«, tröstete die Müllerstochter. »Wäre es nicht viel besser, du würdest ihn wieder in Gnaden aufnehmen, als dich in dieser Weise selbst zu quälen? Und wäre es nicht viel hübscher, du verlobtest dich in aller Form und scharmiertest nach Herzenslust mit ihm?« »Ich weiß nicht, wie das alles sein würde«, schluchzte Miss Squeers. »Ach Tilda, wie hast du nur so ehrlos und niederträchtig sein können? Ich würde es nie geglaubt haben, wenn ich es nicht mit eigenen Augen gesehen hätte.« »O je, o je«, gluckste Miss Price, »man sollte ja rein glauben, ich hätte zum mindesten einen Mord begangen.« »Es war fast ebenso schlecht«, versetzte Miss Squeers leidenschaftlich. »Und alles das, bloß weil ich zufällig hübsch genug aussehe, um die Leute höflich gegen mich zu stimmen?« spöttelte Miss Price. »Ich will dir was sagen, Fanny. Niemand gibt sich sein Gesicht selber, und es ist ebensowenig meine Schuld, wenn das meinige hübsch ist, als es die Schuld anderer Leute ist, wenn man das ihnen nicht nachsagen kann.« »Halt's Maul!« schrie Miss Squeers in ihren schrillsten Tönen. »Oder du hast dir's selbst zuzuschreiben, wenn ich dir eine herunterhau', Tilda – was mir hinterdrein doch wieder leid tun würde.« Durch diese Wortwendung bekam der Ton der Unterhaltung fast einen beinahe persönlichen Anstrich; die Heftigkeit der jungen Damen steigerte sich zusehends und artete schließlich derart aus, daß beide Teile in Tränen ausbrachen und gleichzeitig ausriefen, sie hätten es nie und nimmer gedacht, je eine solche Behandlung erfahren zu müssen. Das führte naturgemäß zu Erörterungen und Gegenvorstellungen, und der Schluß war, daß sie sich in die Arme fielen und einander aufs neue ewige Freundschaft schwuren. Nebenbei bemerkt, war diese ergreifende Zeremonie nicht die erste, sondern bereits die zweiundfünfzigste in diesem Jahr. Als das gute Einvernehmen wieder völlig hergestellt war, kamen die jungen Damen auf die Anzahl und Beschaffenheit der Kleider zu sprechen, die Miss Price für ihren Eintritt in den heiligen Stand der Ehe notwendigerweise haben müsse, und Miss Squeers wies unwiderleglich nach, daß in dieser Hinsicht bedeutend mehr getan werden müsse, als der Müller aufwenden konnte oder wollte, wenn man nicht jede Standesrücksicht außer acht zu lassen beabsichtigte. Die junge Dame leitete dann das Gespräch durch eine geschickte Wendung auf ihre eigene Garderobe und führte, nachdem sie deren Hauptfinessen eingehend beleuchtet, ihre Freundin in ihr Zimmer hinauf, damit sie sich persönlich überzeugen könne. Hier wurden die Schätze von zwei Kommoden und einem Wandschrank ausgekramt und so lange hin und her probiert, bis es für Miss Price allmählich Zeit wurde, nach Hause zu gehen. Da sie über die gesehene Pracht ganz entzückt und von einer rosa Schärpe förmlich hingerissen war, erklärte sich Miss Squeers, versöhnlich gestimmt, bereit, sie noch eine Strecke begleiten zu wollen, um noch länger das Vergnügen ihrer Gesellschaft zu genießen. Sie verließen daher beide Arm in Arm das Haus, und während des Spazierganges erging sich Miss Squeers des längeren über die hohen Eigenschaften ihres Vaters, wobei sie zugleich, um ihrer Freundin einen schwachen Begriff von dem hohen Rang ihrer Familie zu geben, sein Einkommen mit zehn multiplizierte. Es war gerade um die Zeit zwischen Mittagessen und dem Beginne des Unterrichtes, und Nikolas benützte die freie Stunde wie gewöhnlich zu einem Spaziergang. Niedergedrückt schlenderte er durch das Dorf. Miss Squeers wußte dies sonst recht gut, mußte es aber diesmal vergessen haben, denn als sie den jungen Mann auf sich zukommen sah, war sie aufs äußerste überrascht und bestürzt und flüsterte ihrer Freundin zu, ihr sei, als müsse sie in die Erde sinken. »Sollen wir umkehren oder geschwind in ein Bauernhaus flüchten?« fragte Miss Price besorgt. »Er hat uns noch nicht gesehen.« »Nein, Tilda«, hauchte Fanny. »Es ist die Pflicht jedes Menschen, sich zu überwinden. Daher auch die meinige.« Miss Squeers sagte dies mit allen Anzeichen heftigsten Seelenkampfes, und da sie überdies krampfhaft nach Luft schnappte, erlaubte sich ihre Freundin keine weitere Widerrede. Sie gingen daher geradewegs auf Nikolas zu, der, die Augen niedergeschlagen, einherschlenderte und der beiden jungen Damen erst ansichtig wurde, als sie bereits ganz in seiner Nähe waren. »Guten Morgen«, grüßte er mit einer kühlen Verbeugung und schritt vorüber. »Er geht!« ächzte Miss Squeers. »Ich ersticke, Tilda.« »Ach, Mr. Nickleby«, rief Miss Price und tat, als beunruhige sie der Zustand ihrer Freundin, während ihr in Wirklichkeit der boshafte Wunsch, zu hören, was Nikolas sagen würde, keine Ruhe ließ, »ach, Mr. Nickleby – Mr. Nickleby!« Nikolas kam sofort zurück und fragte einigermaßen verwirrt, womit er den Damen dienen könne. »Reden Sie nicht lange«, drängte Miss Price, »sondern unterstützen Sie sie auf der anderen Seite. – Wie ist dir jetzt, liebe Fanny? Schon besser?« »Besser«, seufzte Miss Squeers und lehnte ihren rötlichbraunen, mit einem grünen Schleier geschmückten Hut an Nikolas' Schulter. »Ach, diese törichte Schwäche.« »Nenne sie nicht töricht, liebe Fanny«, sagte Mathilde Price, deren Augen vor Vergnügen über die Verwirrung des Hilfslehrers strahlten, »du hast keinen Grund, dich ihrer zu schämen. – Es sollten sich vielmehr die schämen, die zu stolz sind, etwas wiedergutzumachen, was sie angestellt haben.« »Sie sind, wie ich sehe, willens, mich noch weiter zu necken«, sagte Nikolas lächelnd, »trotzdem ich Ihnen bereits gestern gesagt habe, daß ich mir keiner Schuld bewußt bin.« »Hörst du es? Er sagt, er sei sich keiner Schuld bewußt, meine Liebe!« wiederholte die gottlose Miss Price boshaft. »Vielleicht warst du zu eifersüchtig oder zu vorschnell gegen ihn. Er sagt, er sei unschuldig. Ist das nicht Entschuldigung genug?« »Es scheint, Sie wollen mich absichtlich falsch verstehen«, fiel ihr Nikolas hastig ins Wort. »Ich bitte Sie wirklich recht sehr, mich bei Ihren Scherzen aus dem Spiel zu lassen. Ich habe wahrhaftig keine Zeit dazu und bin auch nicht in der Laune, in dem gegenwärtigen Augenblicke die Zielscheibe Ihres Witzes abzugeben.« »Was wollen Sie damit sagen?« fragte Miss Price mit geheucheltem Erstaunen. »Frage ihn nicht, Tilda!« flehte Miss Squeers. »Ich verzeihe ihm.« »Um Himmels willen«, rief Nikolas, als der braune Hut abermals auf seine Schulter sank, »die Sache scheint ernsthafter zu werden, als ich vermutete. Erlauben Sie, möchten Sie nicht die Güte haben, mich anzuhören?« Mit diesen Worten hob er den braunen Hut in die Höhe. Als er jedoch zu seinem unverhohlenen Erstaunen einem Blicke zärtlichen Vorwurfs von Seiten Miss Squeers' darunter begegnete, wich er bestürzt einige Schritte zurück, um aus dem Bereich seiner schönen Bürde zu kommen. »Es tut mir leid, gewiß aufrichtig leid«, stieß er dabei hervor, »daß ich gestern abends zu einer Mißhelligkeit zwischen Ihnen Anlaß gab. Ich habe mir selbst schon die bittersten Vorwürfe darüber gemacht, daß ich so ungeschickt war, dieses Zerwürfnis zu veranlassen, kann aber versichern, daß es unwissentlich und gegen meinen Willen geschah.« »Gut, gut, aber das ist gewiß nicht alles, was Sie zu sagen haben«, rief Miss Price, als Nikolas innehielt. »Ich fürchte es selber auch«, gab Nikolas mit einem gezwungenen Lächeln und einem Blick auf Miss Squeers zu. »Es ist allerdings höchst peinlich, aber –, gewiß, schon die bloße Andeutung einer solchen Vermutung setzt mich in Verlegenheit – aber, darf ich vielleicht fragen, ob die Dame annimmt, daß ich irgendwie – kurz, glaubt sie, daß ich vielleicht in sie verliebt bin?« »Er sitzt köstlich in der Klemme«, frohlockte Miss Squeers, »endlich habe ich ihn soweit. – Antworte für mich, liebe Tilda«, flüsterte sie ihrer Freundin zu. »Ob sie das glaubt?« rief Miss Price. »Natürlich glaubt sie es!« »Sie glaubt es?« platzte Nikolas heraus mit einem Ungestüm, das der Laie vielleicht einen Augenblick sogar für Entzücken halten konnte. »Gewiß«, versicherte Miss Price. »Wenn es Mr. Nickleby bezweifelt hat, Tilda«, stammelte Fanny errötend, »so mag er sich beruhigen. – Seine Gefühle werden erwidert –« »Um Gottes willen, halten Sie ein!« unterbrach sie Nikolas hastig. »Ich bitte, hören Sie mich an. Es waltet hier offenbar das seltsamste Mißverständnis ob, das man sich nur denken kann. Ich habe das Fräulein kaum ein halbes dutzendmal gesehen. Aber wäre es auch sechzigmal der Fall gewesen oder wenn ich sie noch sechzigtausendmal sehen würde, so würde das für mich gewiß nichts ändern. Es ist mir nicht im entferntesten jemals ein Gedanke, ein Wunsch oder eine Hoffnung in Verbindung mit ihr aufgestiegen, außer höchstens die – ich sage dies gewiß nicht etwa, um ihre Gefühle zu verletzen, sondern um ihr die wahre Beschaffenheit der meinigen zu erklären –, außer höchstens die, diesem Orte eines Tages den Rücken kehren zu können und nie wieder einen Fuß hierherzusetzen oder daran zurückzudenken, – ja nicht einmal anders daran zurückdenken zu dürfen als mit Abscheu und Entrüstung.« Nach dieser wohl nicht mehr mißzuverstehenden offenherzigen Erklärung, die sich mit dem ganzen Ungestüm eines empörten und aufgeregten Herzens Bahn brach, verbeugte sich Nikolas leicht und entfernte sich, ohne eine Erwiderung abzuwarten. Miss Squeers war geradezu vernichtet. Ihr Ärger, ihr Zorn, ihre Wut und die rasche Aufeinanderfolge bitterster leidenschaftlicher Gefühle, die ihr Innerstes durchwühlten, spotteten einfach jeder Beschreibung. Zurückgewiesen von einem Hilfslehrer, den man durch eine Zeitungsannonce und gegen ein Jahresgehalt von fünf Pfund, zahlbar in unbestimmten Raten, aufgelesen hatte und hinsichtlich Kost und Wohnung ganz wie die Zöglinge selbst hielt! – Und dies noch obendrein in Gegenwart eines unreifen Gelbschnabels von Müllerstochter, die ihre achtzehn Jahre zählte und sich in drei Wochen mit einem Manne verheiraten sollte, der sie auf den Knien um ihr Jawort angefleht! Ersticken hätte Fanny Squeers mögen bei dem Gedanken an eine solche Demütigung. Aber ungeachtet des Sturmes in ihrem Innern blieb ihr doch das eine klar, daß sie Nikolas mit der ganzen Engherzigkeit und Erbärmlichkeit eines Abkömmlings des Hauses Squeers haßte und verabscheute. Auch blieb ihr noch ein Trost übrig, nämlich, daß sie ja jede Stunde des Tages seinen Stolz verwunden und ihn durch kleine Gehässigkeiten, Kränkungen und Verkürzungen verletzen konnte – um so leichter, als diese von einem so feinfühligen Manne wie Nikolas doppelt bitter empfunden werden mußten. Durch diese Aussicht innerlich gestärkt, suchte Miss Squeers die Sache zu ihrem Vorteile zu drehen, indem sie zu ihrer Freundin bemerkte, Mr. Nickleby sei ein so wunderlicher Mensch und von so unüberlegtem Wesen, daß sie glaube, es sei wirklich das beste, ihn ganz aufzugeben. Und damit trennten sich die beiden jungen Damen. »Er soll sich hüten«, knirschte sie aufgebracht, als sie wieder in ihrem Zimmer war und ihren Gefühlen durch einen Ausfall auf Phib ein wenig Erleichterung verschafft hatte. »Wenn die Mama zurückkommt, werde ich sie schon gegen ihn aufhetzen.« Das war wohl kaum mehr nötig. Der arme Nikolas wurde auch sowieso, abgesehen von der schlechten Kost, der schmutzigen Wohnung und dem grausigen Elend, dessen Zeuge er unablässig sein mußte, mit jeder Art Herabwürdigung, die Bosheit und der niedrigste Haß zu ersinnen vermochte, behandelt. Aber das war noch nicht alles. Es wurde noch ein anderes, tiefer einschneidendes Peinigungssystem erdacht, das ihn fast zur Verzweiflung brachte. Der arme Smike nämlich folgte ihm, seit er im Schulzimmer so freundlich mit ihm gesprochen, in unermüdlicher Dienstbeflissenheit fast wie ein Hund nach, suchte ihm jeden kleinen Wunsch an den Augen abzulesen und fühlte sich glücklich, wenn er nur in seiner Nähe war. Stundenlang konnte er neben ihm sitzen und ihm stumm ins Gesicht sehen, während gar ein Wort aus Nikolas' Mund seine kummervollen Züge erhellte und ihn selig machte. Er war ein ganz anderes Wesen jetzt, denn sein Leben hatte einen Zweck bekommen – nämlich den, der einzigen Person, die ihn, wenn nicht gerade mit Liebe, so doch wie einen Menschen behandelt hatte, seine Anhänglichkeit zu beweisen. An diesem armen Wesen wurde nun von früh bis spät abends jede erdenkliche Bosheit verübt, die man an Nikolas selbst nicht ausüben konnte. Die härtesten Arbeiten und Ohrfeigen hätte Smike nicht als etwas Absonderliches empfunden, denn viele schwere und gramvolle Jahre hatte er nichts anderes gekannt. Kaum hatte man aber bemerkt, wie er an Nikolas hing, als es Peitschenhiebe und Faustschläge nur so regnete. Squeers war eifersüchtig auf den Einfluß, den sein Hilfslehrer so bald erworben, die Familie haßte ihn, und Smike mußte beides entgelten. Nikolas mußte das alles untätig mit ansehen, wenn er auch mit den Zähnen knirschte, sooft sich ein solcher feiger und unmenschlicher Angriff auf den armen Smike wiederholte. Er hatte gewisse regelmäßige Lehrstunden für die Zöglinge eingeführt, und eines Abends, als er in der wieder wie gewöhnlich ungastlichen Schulstube auf und ab ging und ihm das Herz bei dem Gedanken, daß sein Schutz und sein Wohlwollen das Elend eines so tief beklagenswerten Wesens nur noch vermehrte, fast brechen wollte, blieb er auf einmal unwillkürlich vor der dunklen Ecke stehen, in der Smike kauerte. Der arme Junge saß mit rotgeweinten Augen emsig über einem zerrissenen Heft und mühte sich vergeblich ab, mit einer Aufgabe zustande zu kommen, die ein mit Durchschnittsfähigkeiten begabtes Kind von neun Jahren mit Leichtigkeit hätte lösen können, die aber für das verwirrte Gehirn des zertretenen neunzehnjährigen Burschen ein Buch mit sieben Siegeln bedeutete. Dessenungeachtet saß er da, die Seite geduldig wieder und wieder durchbuchstabierend, von dem krankhaft eifrigen Wunsche beseelt, seinem einzigen Freunde auf der Welt zu gefallen. Nikolas legte ihm die Hand auf die Schulter. »Ich komme nicht damit zustande«, jammerte Smike niedergeschlagen und sah mit einem Schmerzensblick auf. »Es geht wirklich nicht.« »Du sollst dich nicht so anstrengen«, tröstete Nikolas. Smike schüttelte den Kopf, klappte das Heft mit einem Seufzer zu, stierte ausdruckslos um sich her, legte dann das Gesicht auf den Arm und weinte. »Um Gottes willen hör auf«, sagte Nikolas erregt, »es zerreißt mir das Herz.« »Man ist schlimmer gegen mich als je«, schluchzte der Junge. »Leider, leider«, seufzte Nikolas. »Aber für Sie könnte ich in den Tod gehen. – Ich weiß gewiß, sie haben es darauf abgesehen, mich unter die Erde zu bringen.« »Du wirst es besser haben, armer Junge«, tröstete Nikolas und schüttelte traurig den Kopf, »wenn ich fort bin.« »Fort?!« rief Smike und starrte Nikolas erregt ins Gesicht. »Pst! Sprich leise«, warnte Nikolas. »Sie wollen fort?« flüsterte Smike, außer sich. »Ich kann es noch nicht bestimmt sagen. Ich habe mehr zu mir selbst gesprochen als zu dir.« »Sagen Sie mir«, flüsterte der Junge, »Um Gottes willen, sagen Sie mir, wollen Sie wirklich gehen? – Wirklich?« »Sie werden mich schließlich dazu zwingen«, murmelte Nikolas. »Und die Welt liegt offen vor mir.« »Sagen Sie mir«, drängte Smike, »ist die Welt auch so furchtbar und grauenhaft wie dieser Ort?« »Gott sei vor! Ihre schwerste und sauerste Arbeit wäre ein Glück gegen hier.« »Würde ich Sie dort je wiedersehen?« fragte der Junge ungewöhnlich schnell und leidenschaftlich. »Ja. – Sicherlich«, versetzte Nikolas, in der Absicht, ihn zu beschwichtigen. »Nein, nein – nicht so«, keuchte Smike und ergriff Nikolas' Hand. »Würde ich – würde ich – es wirklich –? Sagen Sie mir es noch einmal. Geben Sie mir die Versicherung, daß ich Sie gewiß dort treffen würde.« »Ja, du würdest es«, erwiderte Nikolas mit derselben wohlwollenden Absicht, »und ich könnte dir beistehen und müßte nicht neue Leiden über dich bringen, wie ich es hier getan habe.« Smike drückte leidenschaftlich die Hände des jungen Mannes an seine Brust und murmelte einige abgerissene unverständliche Worte. In diesem Augenblick trat Squeers ein. 13. Kapitel Nikolas bringt durch ein äußerst tatkräftiges und ungewöhnliches Verfahren einige Abwechslung in die Eintönigkeit von Dotheboys Hall Das kalte matte Dämmerlicht eines Januarmorgens stahl sich durch die Fenster des gemeinsamen Schlafsaales. Das Herz voll Gram blickte Nikolas, auf den Ellbogen gestützt, auf die schlummernden Gestalten, die ihn ringsum umgaben. Es bedurfte eines scharfen Auges, um unter der wirren Masse von Schläfern die Umrisse einer bestimmten Gestalt zu entdecken, denn wie sie so dicht aneinandergedrängt, mit Lumpen aller Art zugedeckt, dalagen, konnte man wenig mehr als die scharfen Konturen blasser Gesichter unterscheiden, über die dasselbe Licht dieselben trüben Tinten goß, mit denen es hin und wieder einen hageren Arm färbte, der sich, entblößt, dem Auge in seiner ganzen Abgezehrtheit und Häßlichkeit zeigte. Einige der Zöglinge lagen, die abgehärmten Gesichter aufwärts gekehrt, mit verkrampften Händen auf dem Rücken, und sahen in der dämmrigen Beleuchtung mehr Leichen als lebenden Geschöpfen gleich, während andere, in seltsamen und phantastischen Stellungen zusammengekrümmt, mehr unter Schmerzen und Krämpfen dazuliegen schienen als unter der Einwirkung des Schlafes. Nur die Jüngsten schlummerten friedlich mit lächelnden Zügen und träumten wahrscheinlich von daheim. Von Zeit zu Zeit unterbrach ein tiefer, schwerer Seufzer die Stille des Gemachs und verkündete, daß ein Schläfer zu des Tages Jammer und Elend erwacht war. Nikolas war kaum aufgestanden, als er des Schulmeisters Stimme die Treppe heraufbrüllen hörte: »Also, was ist denn? – Wollt ihr vielleicht den ganzen Tag durchschlafen?« »Ihr faulen Hunde«, beendete Mrs. Squeers den Satz. »Na, wird's bald?!« »Wir werden im Augenblick unten sein, Sir«, antwortete Nikolas. »Im Augenblick unten sein?« höhnte Squeers. »Smike! – Zum Teufel, wo steckt denn der Bursche? Wird er nicht gefälligst herunterkommen?« Nikolas blickte rasch umher, konnte den Gerufenen aber nicht entdecken. »Smike!« brüllte Squeers wieder. »Soll ich dir vielleicht den Schädel an einer neuen Stelle einschlagen, Smike?« gellte die liebenswürdige Schulmeistersgattin. Immer noch keine Antwort. »Bodenlose Unverschämtheit!« raste Squeers und schlug ungeduldig mit einem spanischen Rohr auf das Stiegengeländer. – »Heda, Nickleby!« »Sie wünschen, Sir?« »So schicken Sie doch den störrischen Schlingel herunter! Hören Sie mich denn nicht rufen?« »Er ist nicht hier«, antwortete Nikolas. »Lügen Sie mich nicht an«, schrie Squeers, »er muß hier sein.« »Nein, er ist nicht hier«, erwiderte Nikolas gekränkt. »Es ist nicht meine Gewohnheit, zu lügen.« »Na, das werden wir ja sehen«, brummte Squeers und stürmte die Treppe herauf. »Wetten, daß ich ihn finde?« Mit erhobenem Stock stürzte er in den Schlafsaal und zu dem Winkel, wo der ausgemergelte Körper des Haussklaven nachts zu liegen pflegte, aber das Bett war – leer. »Was soll das heißen!?« rief Squeers und verfärbte sich. »Wo haben Sie ihn versteckt?« »Ich habe ihn seit gestern abend nicht mehr gesehen«, sagte Nikolas ruhig. »Lassen Sie diese Narrenpossen!« schrie Squeers, sichtlich beunruhigt, sosehr er es auch zu verbergen suchte. »Sie werden ihm auf diese Weise nicht durchhelfen. – Wo ist er?« »Wahrscheinlich auf dem Grunde des nächsten Teiches«, entgegnete Nikolas leise und sah den Schulmeister scharf an. »Zum Henker, was wollen Sie damit sagen?« fuhr Squeers auf und wendete sich, ohne eine Antwort abzuwarten, an die Jungen, ob denn keiner von ihnen wisse, wo Smike stecke. Alle murmelten eine ängstliche Verneinung, nur eine helle Kinderstimme ließ laut werden, was sich heimlich alle dachten: »Ich glaube, Sir, Smike ist weggelaufen.« »Ha«, rief Squeers und wendete sich schnell um, »wer hat das gesagt?« »Tomkins, Sir«, rief ein Chor von Stimmen. Augenblicklich stürzte sich Squeers in den Haufen und erwischte einen winzigen Jungen, der noch im Hemdchen dastand, am Schopf. »Du meinst also, er sei weggelaufen. Was, Bürschchen?« »Ja, Sir«, hauchte das Kind. »Und welchen Grund, Bürschchen«, knirschte Squeers und packte den Jungen fest am Arm, »welchen Grund hast du zu der frechen Annahme, daß ein Knabe aus meiner Anstalt fortlaufen sollte? Nun? Sprich!« Der arme Junge erhob statt der Antwort ein Jammergeschrei, und Mr. Squeers schlug so lange auf ihn ein, bis er ihm, sich vor Schmerz windend, förmlich aus den Händen kugelte. »So«, keuchte Mr. Squeers, »ist vielleicht noch einer unter euch der Meinung, daß Smike weggelaufen ist?« Natürlich meldete sich niemand. Bloß Nikolas legte seinen Abscheu so offen, wie er es durch Blicke nur vermochte, an den Tag. »Nun, Nickleby? Vielleicht sind Sie der Meinung, daß er weggelaufen ist?« »Es scheint mir sogar äußerst wahrscheinlich«, versetzte Nikolas ruhig. »Ah, Sie halten es also für höchst wahrscheinlich?« höhnte Squeers. »Vielleicht wissen Sie es sogar gewiß?« »Ich weiß nichts der Art.« »Er hat Ihnen also nicht gesagt, daß er fortlaufen wollte; oder?« »Er sagte mir nichts. Und ich bin sehr froh darüber, da es sonst meine Pflicht gewesen wäre, Sie beizeiten davon zu verständigen.« »Was Ihnen ohne Zweifel verteufelt schwer angekommen wäre«, spöttelte Squeers. »Allerdings«, erwiderte Nikolas, »Sie wissen sich meine Gefühle sehr richtig zu deuten.« Mrs. Squeers hatte alles unten an der Treppe mit angehört, aber jetzt ging ihr die Geduld aus. Hastig warf sie sich ihre Nachtjacke um und erschien auf dem Schauplatz. »Also, was gibt's denn hier eigentlich?« schrie sie, während die Zöglinge rechts und links zurückwichen, um ihr die Mühe zu ersparen, sich mit den Ellbogen einen Weg zu bahnen. »Wir sprechen gerade darüber«, erklärte Squeers, »daß Smike nirgends zu finden ist.« »Das weiß ich. – Siehst du, das kommt davon, wenn man sich ein Schock von hochnäsigen Gehilfen ins Haus zieht, die einem dann die jungen Hunde rebellisch machen! Nun, junger Herr, werden Sie vielleicht die Güte haben, sich mit den Bengeln in die Schulstube hinunterzuscheren? Und rühren Sie sich dort gefälligst nicht von der Stelle, bis Sie die Erlaubnis dazu haben, oder wir könnten in einer Weise aneinandergeraten, bei der Ihre Schönheit ein wenig Not leiden dürfte, soviel Sie sich auch darauf einbilden mögen, das versichere ich Ihnen.« »Wirklich?« sagte Nikolas lächelnd. »Ja, wirklich. Und noch einmal wirklich, Mosjö Gelbschnabel«, schrie die aufgeregte Dame, »und wenn es auf mich ankäme, so würden Sie keine Stunde länger im Hause sein.« »Wenn's auf mich ankäme, wahrhaftig auch nicht«, sagte Nikolas. »Kommt, Kinder.« »Ja, kommt Kinder«, äffte Mrs. Squeers nach. »Und nehmt euch Smike zum Vorbild, wenn ihr die Courage dazu habt. Ihr werdet schon sehen, wie's ihm ergeht, wenn er wieder hier ist.« »Wenn ich ihn erwischen sollte, so will ich ihm das Fell gerben, bis es ihm in Fetzen herunterhängt«, knirschte der Schulmeister. »Wenn du ihn erwischen solltest ?« erwiderte Mrs. Squeers verächtlich. »Als ob daran auch nur der geringste Zweifel wäre! – Aber jetzt marsch fort mit euch!« Im Nu war der Schlafsaal leer und das würdige Ehepaar allein. »Fort ist er, darüber ist kein Zweifel«, brummte Mrs. Squeers. »Das Mädchen hat alles durchsucht. – Er muß nach York zu gegangen sein, und zwar auf einer der Landstraßen.« »Woher weißt du denn das?« »Dummkopf«, entgegnete Mrs. Squeers verdrießlich, »er hat doch kein Geld bei sich.« »Er hat meines Wissens in seinem ganzen Leben noch nie einen Penny gesehen«, bestätigte der Pädagog. »Nun, und etwas zum Essen hat er auch nicht mitgenommen, dafür kann ich stehen. Ha, ha, ha.« »Ha, ha, ha«, stimmte Squeers mit ein. »Er muß sich also durch Betteln forthelfen, und das kann er nirgends als auf den Landstraßen.« »Das ist wahr«, rief Mr. Squeers und klatschte freudig erregt in die Hände. »Selbstverständlich ist's so. Aber dir wäre das natürlich im Leben nicht eingefallen, wenn ich's nicht gesagt hätte. – Also hörst du, du nimmst jetzt den Einspänner und fährst den einen Weg ab, während ich Swalows Wagen ausborge und den anderen absuche. Wir brauchen dann nur die Augen offenzuhalten und bei den Leuten nachzufragen, so muß er notgedrungen dir oder mir in die Hände fallen.« Der Plan war augenscheinlich vorzüglich. In aller Eile nahm das würdige Paar noch ein kräftiges Frühstück ein, und dann brach Mr. Squeers racheschnaubend mit seinem Einspänner auf. Bald darauf schlug auch Mrs. Squeers, in einen weißen Kapuzenmantel und ein halbes Dutzend warme Tücher gehüllt, in einem anderen Gefährt die zweite Richtung ein. Fürsorglich, wie immer, nahm sie einen tüchtigen Knüttel, einige feste Stricke und einen stämmigen Arbeiter mit, um ja mit Smike fertig zu werden, wenn sie ihn finden sollte. Nikolas blieb in einem Sturm von Gefühlen zurück. Er wußte recht gut, daß die Flucht des armen Burschen nur die schmerzlichsten und bedauerlichsten Folgen haben könne, mochte sie nun gelingen oder nicht. Tod aus Mangel an Nahrung und Obdach war doch das Beste, was dem hilflosen Geschöpf, das da allein und ohne Beistand durch eine ihm vollkommen fremde Gegend wanderte, bevorstand. Und zwischen diesem Schicksal und einer glücklichen Rückkehr zu den Fleischtrögen der Yorkshirer Schule war wirklich eine schwere Wahl. Nikolas blutete das Herz, wenn er an die Leiden dachte, die dem armen Smike bevorstehen mußten. »Nichts Neues von dem Ausreißer« fragte der Schulmeister, als er am Abend des nächsten Tages unverrichteter Dinge wieder zurückkehrte. Seinem ganzen Ansehen nach hatte er, alter Gewohnheit gemäß, auf der Fahrt des öfteren »seine Beine ausgestreckt«. »Na, ich werde mich dafür schon an irgend jemand anders schadlos zu halten wissen, Nickleby, wenn meine Frau ihn aufstöbert, verlassen Sie sich darauf.« »Es ist nicht meine Sache, Sie zu trösten, Sir«, versetzte Nikolas unwirsch. »Die Sache geht mich ganz und gar nichts an.« »So?« fuhr Mr. Squeers in drohendem Tone auf, »das wollen wir erst einmal sehen.« »Ja, das werden wir sehen«, erwiderte Nikolas. »Das Pferd hat sich aufgerieben, und ich habe mir für die Heimfahrt einen Mietgaul nehmen müssen – kostet fünfzehn Schillinge, abgesehen von den übrigen Ausgaben. Wer wird mir die vergüten? Was?« Nikolas zuckte die Achseln. »Ich sage Ihnen: Einer soll mir's tun«, brüllte Squeers herausfordernd. »Da gibt's nichts zu grinsen, Sie Esel. Packen Sie sich in Ihren Stall. Sie sollten schon längst dort sein. – Marsch hinaus!« Nikolas biß sich auf die Lippen und ballte unwillkürlich die Fäuste. Es prickelte ihm bis in die Fingerspitzen, diese Beleidigung zu rächen, aber er hielt sich vor, daß der Mann betrunken war und die Sache nur noch zu einem größeren Verdruß führen mußte, wenn er sich nicht bezwang. Er begnügte sich daher, ihm einen Blick der Verachtung zuzuwerfen, und ging stolz die Stiegen hinauf. Nicht wenig wurmte ihn dabei, daß Miss Squeers und ihr vielversprechender Bruder aus einer Ecke heraus sich laut über den Auftritt lustig machten und hämische Bemerkungen über einen gewissen hungrigen armen Schlucker, in die die armseligste aller Kreaturen, das Dienstmädchen, mit schallendem Gelächter einstimmte, hinwarfen. Bis aufs Innerste verletzt zog er sich zurück, legte sich nieder und nahm sich fest vor, mit Mr. Squeers wesentlich bälder abzurechnen, als er vorgehabt. Er war am nächsten Morgen kaum erwacht, als man einen Wagen vorfahren hörte. Schon der frohlockende Ton, mit dem Mrs. Squeers ein Glas Branntwein verlangte, verriet, daß ihr Plan gelungen sein mußte. Nikolas getraute sich anfangs kaum, zum Fenster hinauszublicken, aber endlich tat er es doch, und das erste, was er erblickte, war der unglückliche Smike – so durchnäßt, mit Kot bespritzt, elend und verwildert, daß man seine Identität hätte bezweifeln können, wenn nicht seine Kleider, die eine Vogelscheuche verschmäht haben würde, jeden Zweifel beseitigt hätten. »Heraus mit ihm!« schrie Squeers, nachdem er sich eine Weile an dem Anblick Smikes geweidet. »Bringt ihn herein, bringt ihn herein!« »Vorgesehen«, warnte Mrs. Squeers. »Wir haben ihm die Beine zusammengebunden, damit er uns nicht wieder entkommt.« Mit vor Entzücken zitternden Händen löste Squeers die Knoten, und Smike, mehr tot als lebendig, wurde, nachdem man ihn ins Haus getragen, vorläufig in ein Kellerloch gesperrt. Die Nachricht, daß der Ausreißer wieder aufgegriffen und im Triumphzuge zurückgebracht worden sei, verbreitete sich natürlich wie ein Lauffeuer, und die Schule harrte beklommen den ganzen Morgen der Dinge, die da kommen sollten. Jedoch erst am Nachmittag erschien Squeers, gekräftigt durch ein besonders opulentes Mittagessen, in Begleitung seiner liebenswürdigen Ehehälfte und mit höchst bedeutsamer Miene und mit schrecklichen Marterinstrumenten, die wahrscheinlich diesen Morgen erst und speziell für den vorliegenden Fall gekauft worden, ausgerüstet. »Sind alle Knaben hier?« brüllte er. Es waren alle versammelt, aber keiner hatte den Mut zu antworten. Langsam ließ Squeers seinen Blick die Reihen entlanggleiten, und wo er hinfiel, senkten sich die Augen oder duckten sich die Köpfe. »Jeder bleibt an seinem Platze! Nickleby, an Ihr Pult!« Mehr als einem der kleinen Zuschauer war aufgefallen, daß auf dem Gesichte des Hilfslehrers ein seltsamer und ungewöhnlicher Ausdruck lag, obgleich er jetzt ohne Widerrede gehorsam seinen Sitz einnahm. Squeers warf einen Blick des Triumphes auf seinen Untergebenen, sah mit der Miene unbeschränktesten Despotismus wieder auf die Knaben und verließ dann das Zimmer, um gleich darauf mit Smike zurückzukehren, den er am Rockkragen oder vielmehr an seinem Jackenüberrest hereinzerrte. An jedem andern Orte würde die Erscheinung des abgehetzten, elenden und gänzlich verzweifelten Delinquenten ein Gemurmel des Mitleids und der Einsprache veranlaßt haben. Hier übte sie nur die Wirkung aus, daß die Zuschauer unruhig auf ihren Sitzen hin und her rutschten. Einige der Kühnsten unter den Zöglingen wagten es sogar, einander verstohlene Blicke des Mitleids zuzuwerfen. »Hast du etwas zu deiner Entschuldigung vorzubringen? – Natürlich nichts; – oder?« begann Squeers mit teuflischem Grinsen. Smike blickte verstört umher, und sein Auge ruhte eine Sekunde lang auf Nikolas, als erwarte er von ihm eine Fürsprache, aber dieser sah unverwandt vor sich hin. »Hast du noch etwas zu sagen?« fragte Squeers wiederum und schwang dabei seinen rechten Arm zwei- oder dreimal durch die Luft, als wolle er ihn möglichst gelenkig machen. »Tritt ein wenig zur Seite, meine Liebe. Ich werde ziemlich viel Platz brauchen.« »Ach, haben Sie Barmherzigkeit mit mir, Sir«, flehte Smike. »So, ist das alles?« höhnte Squeers. »Sei unbesorgt, ich werde schon Barmherzigkeit mit dir haben und dich peitschen, bis dir das Herz stillsteht und ich den Arm nicht mehr rühren kann.« »Ha, ha, ha«, frohlockte Mrs. Squeers, »sehr gut, sehr gut!« »Ich hab's nicht mehr ausgehalten«, jammerte Smike mit schwacher Stimme und warf abermals einen flehenden Blick um sich. »So. Du hast es nicht mehr ausgehalten?« knirschte Squeers. »Es ist also nicht deine Schuld, sondern vermutlich die meinige?« »Du niederträchtiger, undankbarer, schweinsköpfiger, viehischer, störrischer, kriecherischer Hund«, keifte Mrs. Squeers, nahm Smikes Kopf unter den Arm und versetzte ihm bei jedem Beiwort einen Rippenstoß. »Was willst du damit sagen?« »Tritt ein wenig zur Seite, meine Liebe«, mahnte Squeers, »wir wollen sehen, ob wir's herauskriegen.« Die Dame, durch ihre Anstrengung bereits atemlos geworden, gehorchte stillschweigend, und Mr. Squeers packte den Delinquenten. Ein furchtbarer Hieb fiel auf den Ärmsten nieder, der sich sofort unter dem Streich zusammenkrümmte und vor Schmerz winselte. Wieder holte Squeers aus, aber ehe er zuschlagen konnte, sprang Nikolas Nickleby plötzlich auf und rief mit einer Stimme, daß der Saal dröhnte, Halt. »Wer hat da ›Halt‹ gerufen«, keuchte Squeers und stierte mit blutunterlaufenen Augen wild um sich. »Ich«, sagte Nikolas und trat vor. »Das geht so nicht weiter.« »Geht so nicht weiter?« kreischte Squeers außer sich. »Nein!« donnerte Nikolas. Sprachlos ob dieser Verwegenheit ließ der Schulmeister Smike los, wich ein paar Schritte zurück und starrte Nikolas mit wutverzerrter Miene an. »Ich sage, das geht so nicht weiter«, wiederholte Nikolas, ohne sich einschüchtern zu lassen. »Ich dulde es einfach nicht.« Die Augen quollen Squeers fast aus den Höhlen, und ein paar Sekunden schnappte er buchstäblich nach Luft. »Sie haben meine ruhige Fürsprache für den Jungen nicht beachtet«, sagte Nikolas, »und auch meinen Brief keiner Antwort gewürdigt, in dem ich Sie für ihn um Nachsicht bat und Ihnen meine Bürgschaft anbot, daß er von jetzt an ruhig hier bleiben würde. Sie können mir daher dieses öffentliche Einschreiten nicht zum Vorwurf machen und haben es nur sich selbst zuzuschreiben.« »Scher dich an deinen Platz, du Bettler!« raste Squeers, außer sich vor Wut, und packte Smike von neuem. »Sie Schurke!« rief Nikolas drohend. »Wenn Sie ihn anrühren, geschieht es auf Ihre eigene Gefahr. Nehmen Sie sich in acht! Mir kocht das Blut, und ich werde, wenn es darauf ankommt, noch mit zehn solchen Kerlen wie Sie fertig. Hüten Sie sich! Bei Gott, ich stehe für nichts, wenn Sie mich aufs Äußerste treiben.« »Zurück!« schrie Squeers und holte mit seinem Stock aus. »Ich habe eine lange Reihe von Beleidigungen zu rächen«, erwiderte Nikolas zornrot, »und meine Erbitterung ist aufs höchste gesteigert durch den beständigen Anblick feiger Grausamkeiten, die man in dieser scheußlichen Höhle an hilflosen Kindern verübt. Sehen Sie sich vor! Wecken Sie den Teufel nicht in mir, oder ich weiß nicht, was geschieht!« Mit einem schrecklichen Wutausbruch und einem Schrei, ähnlich dem Aufheulen eines wilden Tieres, sprang Squeers vor, spie Nikolas an und versetzte ihm mit dem Stock einen Hieb quer über das Gesicht, daß sofort eine rote Wulst hervorquoll. Eine Sekunde lang war Mr. Nickleby wie betäubt, dann drängten sich alle Gefühle von Wut, Haß und Verachtung in seinem Herzen zusammen; mit einem Satz war er bei dem Schurken, packte ihn an der Kehle, entriß ihm den Stock und zerbleute ihn, bis er blutüberströmt um Gnade winselte. Die Zöglinge, mit Ausnahme des jungen Squeers, der seinem Vater zu Hilfe eilte und den Feind von hinten angriff, rührten weder Hand noch Fuß. Mrs. Squeers ihrerseits hängte sich unter gellendem Hilfegeschrei an den Rockschoß ihres Gatten und bemühte sich vergeblich, ihn den Händen seines wütenden Gegners zu entreißen, während Miss Fanny, die in Erwartung einer ganz andern Szene durch das Schlüsselloch gespäht hatte und gerade im Augenblick der beginnenden Schlacht hereingestürzt kam, um mit Tintenfässern nach dem Kopf des Hilfslehrers zu werfen, nach Kräften auf Nikolas loshämmerte. Dieser achtete in der Hitze des Gefechtes natürlich kaum darauf – nahm, als ihm der Arm endlich erlahmte, seine letzten Kräfte zu einem halben Dutzend Schlußhieben zusammen und schleuderte den Schulmeister, der seine Gattin im Fallen mitriß, mit solcher Wucht von sich, daß er an eine Bank flog und regungslos liegen blieb. Einen Augenblick fürchtete Nikolas, Squeers sei tot, überzeugte sich aber bald, daß er nur bewußtlos war, und entfernte sich kaltblütig, es der jammernden Familie überlassend, den Ohnmächtigen wieder ins Leben zurückzurufen, und überlegte, was er jetzt am besten tun sollte. Er sah sich, als er das Zimmer verließ, besorgt nach Smike um, konnte ihn aber nirgends entdecken. Kurz entschlossen packte er seine wenigen Habseligkeiten in sein kleines ledernes Felleisen, ging, da ihm niemand in den Weg zu treten wagte, kühn durch die vordere Tür hinaus und schlug die Straße ein, die nach Greta Bridge führte. Als er sich hinreichend beruhigt hatte, um über seine Lage nachzudenken, erschien sie ihm freilich in einem nicht sehr ermutigenden Lichte, denn er hatte nur vier Schillinge und einige Pence in der Tasche und war mehr als zweihundertundfünfzig Meilen von London entfernt, wohin er zuvörderst seine Schritte zu lenken gedachte, um sich unter anderem auch danach zu erkundigen, wie Mr. Squeers wohl die Vorgänge des Tages seinem liebevollen Onkel vortragen würde. Diese Betrachtungen führten leider zu dem sehr traurigen Schlusse, daß es bei der dermaligen unglücklichen Sachlage keine Hilfsquelle für ihn gebe, und als er zufällig aufblickte, sah er einen Mann auf sich zureiten, in dem er beim Näherkommen zu seinem großen Verdruß niemand anders als Mr. John Browdie erkannte, der in lederbesetzten Reithosen herantrabte und sein Pferd mit einem Stecken antrieb. »Nochmals Streit und Zank? – Dazu habe ich wirklich keine Lust«, murmelte Nikolas. »Und doch hat es den Anschein, als ob mir noch, gelinde gesagt, ein Wortwechsel mit dem Tölpel, vielleicht sogar eine Prügelei, blühen sollte.« Wirklich schien auch einigermaßen Grund zu einer solchen Annahme vorhanden zu sein, denn kaum hatte ihn John Browdie erkannt, als er sein Pferd auf den Fußweg trieb und dort herausfordernd wartete, wobei er unablässig zwischen den Ohren seines Pferdes hindurch Nikolas fixierte. »'schamster Diener, junger Herr«, grüßte er höhnisch, als Nikolas herangekommen war. »Gleichfalls«, entgegnete Mr. Nickleby. »No, da hätten mir uns ja endlich 'troffen«, bemerkte John Browdie und schlug sich mit seinem Eschenstock an den Steigbügel. »Ja. – Hm«, brummte Nikolas. »Ich glaube«, fuhr er nach einer kurzen Pause freimütig fort, »wir sind, als wir uns das letztemal sahen, nicht sehr freundlich voneinander geschieden. Es war, denke ich, meine Schuld, aber ich hatte nicht die Absicht, Sie zu beleidigen, und ließ mir's auch nicht träumen, daß Sie sich beleidigt fühlen könnten. Es hat mir nachher sehr leid getan. Wollen wir die Sache vergessen und uns die Hand zur Versöhnung reichen?« »D'Hand geb'n?« rief der gutmütige Yorkshirer. »Ah, bei so was bin i immer dabei.« Mit einem breiten Lachen beugte er sich sogleich aus dem Sattel und drückte Nikolas kräftig die Hand. »Aber was hast denn da im G'sicht, Mensch? Schaust ja aus, als obs d' Wichs kriegt hättst.« »Es war ein Schlag«, erklärte Nikolas vor Zorn errötend. »Aber ein Schlag, den ich mit reichlichen Zinsen zurückgegeben habe.« »So? Ah!« rief John Browdie. »Recht so, dös g'fallt mir.« »Ich wurde nämlich mißhandelt«, flüsterte Nikolas, der nicht recht wußte, wie er eine nähere Erklärung einleiten sollte. »Aber geh!« unterbrach ihn Browdie, der, ein Riese an Kraft und Gestalt, in ihm wohl nur einen Zwerg sehen mochte, mitleidig. »Sagen S' dös nöt.« »Es ist leider so«, gestand Nikolas, »und zwar von diesem schuftigen Squeers; aber ich habe ihn gründlich durchgebleut und dann sein Haus verlassen.« »Wos?« schrie John Browdie in solcher Ekstase, daß sein Pferd darüber scheute. »Den Schulmeister verdroschen? – A, do legst di nieder. Gib mir noch a mal d'Hand, Kamerad. Den Schulmeister verdroschen! Teufel noch amol, küssen möcht i di deswegen.« Und wieder lachte John Browdie so laut, daß ringsum das Echo weit und breit erwachte und seine Heiterkeit teilte. Als sich seine Begeisterung ein wenig gelegt hatte, fragte er Nikolas, was er denn jetzt zu tun gedenke, schüttelte aber auf die Mitteilung, daß er schnurstracks nach London zurück wolle, nur bedenklich den Kopf und meinte, Nikolas wisse wohl nicht, was ein Wagen für eine so weite Fahrt koste. »Ich weiß es allerdings nicht«, gab Nikolas zu; »es kommt aber auch weiter nicht in Betracht, da ich vorhabe, meine Reise zu Fuß zu machen.« »Nach London zu Fuß?« fragte der Kornhändler verwundert. »Jeden Schritt Weges. Ich hätte übrigens, statt hierzustehen, schon eine schöne Strecke hinter mich bringen können. Also Gott befohlen.« »Na, dös gibts nöt«, protestierte der biedere Yorkshirer, sein ungeduldiges Pferd zügelnd. »Wart a bißl, sag i. Wieviel Geld hast d' in der Taschen?« »Nicht viel«, gestand Nikolas errötend; »aber ich muß eben trachten, damit durchzukommen. Fester Wille vermag viel.« John Browdie machte nicht viel Worte, zog einen alten, schmutzigen, ledernen Geldbeutel hervor und bestand darauf, daß Nikolas soviel von ihm annehmen müsse, als er augenblicklich brauche. »Brauchst di nöt schämen, Mensch«, sagte er. »Nimm soviel, als d' zum Heimkommen nötig hast. Ich habe ka Sorg; du wirst mir's schon wieder z'ruckzahlen.« Nikolas ließ sich trotzdem durchaus nicht bewegen, mehr als eine Guinee anzunehmen, womit sich Mr. Browdie nach vielem Drängen, doch tiefer in den Beutel zu greifen, zufriedengeben mußte, wenn auch nur widerstrebend, trotzdem er mit echt Yorkshirer Vorsicht hinzufügte, Nikolas könne ja, was er nicht ausgebe, gelegentlich portofrei zurückschicken. »Da, nimm noch den Stecken zum Andenken mit, Kamerad«, sagte er zum Abschied und drückte Nikolas abermals die Hand. »Bewahr dir an frischen Mut, und Gott mit dir. – Den Schulmeister verdroschen! Teifel, dös is das Beste, wo i in zwanz'g Jahren g'hört hab'« Und mit mehr Zartgefühl, als man von ihm erwartet hätte, brach er aufs neue in ein lautes Gelächter aus, um nicht auf Nikolas' Dankesbezeugungen achten zu müssen, gab dann seinem Pferd die Sporen und ritt in scharfem Trab davon. Nikolas sah ihm noch lange nach. Erst, als Roß und Reiter hinter dem Kamme eines fernen Hügels verschwunden waren, setzte er seinen Weg fort. Er kam an diesem Abende nicht mehr weit, da es rasch finster wurde. Es hatte stark geschneit, und der Weg war nicht nur sehr mühsam, sondern auch in der Dunkelheit für jemand, der in der Gegend fremd war, unsicher und schwer aufzufinden. Er übernachtete daher in einer leeren Scheune, die ein paar hundert Ellen neben der Straße stand. Als er frühmorgens erwachte und sich schlaftrunken die Augen rieb, sah er zu seinem grenzenlosen Erstaunen – Smike vor sich stehen. »Ja, Smike, wie kommst du denn hierher?« – rief er überrascht. »Lassen Sie mich mit Ihnen gehen!« flehte der arme Bursche, warf sich nieder und umschlang Nikolas' Knie. »Sie sind doch mein Freund. Nehmen Sie mich mit. Bitte, bitte.« »Aber dieser Freund kann wenig für dich tun«, sagte Nikolas und hob Smike sanft auf. »Wie kommst du eigentlich hierher?« Der arme Junge war ihm, wie sich herausstellte, nachgegangen und hatte ihn auf dem ganzen Weg nicht aus dem Gesicht verloren, sich aber stets gescheut, vor ihm zu erscheinen, um nicht wieder zurückgeschickt zu werden. Er wäre auch jetzt nicht hervorgetreten, aber Nikolas war früher erwacht, als er vermutete, und so hatte er keine Zeit mehr gehabt, sich zu verbergen. »Armer Junge«, seufzte Nikolas, »dein hartes Geschick hat dir nur einen einzigen Freund beschieden, und dieser ist beinahe so arm und hilflos wie du selbst.« »Darf ich – darf ich mit Ihnen gehen?« fragte Smike schüchtern. »Ich will ja gerne alles tun, was Sie verlangen, und Ihnen dienen. – Ich brauche keine Kleider«, beteuerte das arme Geschöpf freudig und raffte seine Lumpen zusammen, »ich komme ganz gut mit diesen durch. Nur in Ihrer Nähe möchte ich sein.« »Und das sollst du«, rief Nikolas. »Wir wollen unser Geschick gemeinsam tragen, bis einer von uns diese Welt mit einer besseren vertauscht. Also komm.« Mit diesen Worten warf er sein Felleisen auf den Rücken, nahm seinen Stock in die Hand, reichte die andere dem vor Entzücken sprachlosen Smike und verließ mit ihm die Scheune. 14. Kapitel Handelt nur von ganz gewöhnlichen Leuten In dem Teil von London, in dem Golden Square liegt, zieht sich auch eine alte schmutzige Straße hin mit zwei unregelmäßigen Reihen hoher, schmaler Häuser, die sich gegenseitig so lange angestarrt zu haben scheinen, bis sie die Balance verloren haben. Selbst die Schornsteine sind düster und melancholisch geworden, da sie nichts Besseres anzusehen haben als ihre Herren Kollegen jenseits der Straße. Sie sind bröckelig vom Wetter, zerrissen und von Rauch geschwärzt, und hie und da scheint ein über die andern hervorragender Kamin, der sich schwerfällig auf die eine Seite neigt und schon halb über das Dach herabgestürzt ist, aus Rache für die Vernachlässigung eines halben Jahrhunderts auf Zerschmetterung der in tiefer liegenden Dachstübchen wohnenden Leute zu sinnen. Das Geflügel, das in den Gossen herumpickte und in der üblichen trübseligen Londoner Manier, die ein Hahn oder eine Henne vom Dorfe nur verblüfft mit ansehen könnte, umherhüpft, steht in vollkommenem Einklang mit den baufälligen Wohnungen seiner Eigentümer. Schmutzig, halb entfiedert und schläfrig wird es, wie auch so manches Kind in der Nachbarschaft, auf die Straße hinausgejagt. So hüpfen denn die armen Tiere von Stein zu Stein, um irgend etwas Freßbares im Kot aufzustöbern. Darüber haben die Hähne das Krähen verlernt, und der einzige, der noch etwas hat, was einer Stimme ähnelt, ist ein alter Gockel in dem Hause eines Bäckers, und selbst dieser ist infolge der schlechten Kost bereits bei seinem früheren Herrn endgültig heiser geworden. Dem baulichen Umfange der Häuser nach zu schließen, müssen diese früher reicheren Besitzern als ihren gegenwärtigen gehört haben, jetzt aber werden die Stockwerke oder vielmehr einzelnen Zimmer nur wochenweise vermietet, und jede Haustüre hat fast so viele Namentäfelchen oder Klingelgriffe aufzuweisen, als sich Stuben im Innern befinden. Die Fenster bieten aus demselben Grunde einen bunten Anblick dar, da sie mit jeder denkbaren Art von Fensterschirmen und Vorhängen geziert sind, während jeder Hausflur verbarrikadiert und gleichsam unwegsam gemacht wird durch dichte Haufen von Kindern und Porterkrügen von jeder Größe und Umfang. An der Tür eines dieser Häuser, das womöglich noch schmutziger als die übrigen war, auch mehr Kinder, Klingelgriffe und Porterkrüge aufwies und den Qualm eines dicken Rauches, der Tag und Nacht aus einer großen, anstoßenden Brauerei aufstieg, aus erster Hand bezog, klebte ein Zettel mit der Anzeige, daß noch ein Zimmer zu vermieten sei, obgleich es die Fähigkeit des besten Rechenkünstlers überstiegen haben würde, den Stock, in dem es liegen konnte, zu bestimmen, wenn er die äußeren Merkmale ins Auge faßte, die die ganze Front des Hauses entlang – von der Wäschemangel im untersten Küchenfenster an bis zu den Blumentöpfen in der Dachstube hinauf – auf Bewohntsein schließen ließen. Schon vor der gemeinschaftlichen Treppe des Hauses fehlte die Strohmatte. Wenn aber ein Neugieriger gar bis zum Giebel emporklomm, so konnte er bemerken, daß es, je höher es hinaufging, nicht an Merkmalen zunehmender Armut mangelte, trotzdem die Zimmer der Bewohner verschlossen waren. In dem allerobersten Dachgelasse nun bückte sich ein ältlicher, schäbig gekleideter Mann mit harten Zügen und einem breiten Gesichte nieder, um die Türe des nach vorne hinausgehenden Stübchens zu öffnen, in das er sodann mit der Miene des gesetzlichen Eigentümers eintrat, nachdem er mit dem Geschäfte, einen verrosteten Schlüssel in dem noch mehr verrosteten Schlosse umzudrehen, glücklich zustande gekommen war. Der Mann trug eine Perücke mit kurzen, groben, roten Haaren, die er mit seinem Hut zugleich abnahm und an einen Nagel hängte. Nachdem er diese Kopfbedeckung durch eine schmutzige wollene Nachtmütze ersetzt und im Dunkeln nach einem Lichtstümpchen umhergetappt hatte, klopfte er an die Verbindungstüre, die zur anstoßenden Dachkammer führte, und fragte mit lauter Stimme, ob Mr. Noggs zu Hause wäre und vielleicht Licht hätte. Die Antwort war zwar durch die mit Mörtel beworfene Wand gedämpft, es schien aber noch außerdem, als ob sie aus dem Innern eines Kruges oder eines Trinkgefäßes käme – jedenfalls war es aber Newmans Stimme und die Auskunft eine bejahende. »Eine garstige Nacht, Mr. Noggs«, brummte der Mann in der Nachtmütze und trat in die Stube seines Nachbarn, um sein Licht anzuzünden. »Regnet es?« fragte Noggs. »Ob es regnet? Ich bin bis auf die Haut durchnäßt.« »Dazu braucht es nicht viel, um Sie und mich bis auf die Haut zu durchnässen, Mr. Crowl«, sagte Newman mit einem Blick auf die Ärmel seines eigenen fadenscheinigen Rocks. »Um so unangenehmer ist es«, knurrte Mr. Crowl, dessen Züge die eingefleischteste Selbstsucht verrieten, verdrossen. Dann bedeckte er das spärliche Feuer so mit Brennmaterial, daß es fast erstickte, trank das Glas, das auf dem Tische stand, aus und fragte, wo Newman seine Kohlen aufbewahre. Newman zeigte nach dem untersten Fach eines Schrankes. Mr. Crowl ergriff sofort die Schaufel und warf die Hälfte des Vorrats in den Ofen. Noggs jedoch holte sie, ohne ein Wort zu sprechen, wieder heraus. »Ich hoffe doch nicht, daß Sie ausgerechnet heute anfangen zu sparen?« rief Mr. Crowl. Newman deutete auf das leere Glas, als ob das hinreiche, eine solche Beschuldigung zurückzuweisen, und sagte kurz, daß er zum Nachtessen hinuntergehe. »Zu den Kenwigs?« Newman nickte. »Da sehe einer«, brummte Crowl. »Wenn ich nicht angenommen hätte, Sie gingen bestimmt nicht hin, wie Sie doch vorhatten, hätte ich auch nicht abgesagt.« »Sie haben unten ausdrücklich darauf bestanden, daß ich kommen müsse«, entschuldigte sich Newman. »Gut. Und was soll aus mir werden?« wendete der Ehrenmann ein, der nie an etwas anderes dachte als an sich selbst. »Sie sind doch schuld an allem. Aber ich will Ihnen was sagen, ich bleibe hier bei Ihrem Feuer sitzen, bis Sie wiederkommen.« Newman warf einen verzweifelten Blick auf seinen kleinen Vorrat an Brennmaterial, da er aber nicht den Mut hatte, »nein« zu sagen – ein Wort, das er sein ganzes Leben lang weder gegen sich noch gegen andere zu rechter Zeit hatte gebrauchen lernen –, ließ er sich den Vorschlag gefallen, und Mr. Crowl schickte sich augenblicklich an, es sich auf Newman Noggs' Kosten so behaglich zu machen, als es die Umstände gestatteten. Die Partei, die Crowl mit dem Ausdruck die »Kenwigs« bezeichnet hatte, bestand aus der Gattin und den hoffnungsvollen Sprößlingen eines Elfenbeindrechslers namens Kenwigs, der im Hause als Mann von hohem Ansehen galt, da er die ganze Beletage, die aus zwei Zimmern bestand, bewohnte. Überdies spielte sich Mrs. Kenwigs auf die Mondäne, da sie aus achtbarer Familie stammte und einen Wassersteuereinnehmer zum Onkel hatte. Die zwei ältesten ihrer Mädchen genossen zweimal wöchentlich in der Nachbarschaft Tanzunterricht, trugen das Flachshaar in üppigen Zöpfen mit blauen Bändern geflochten und zierliche weiße Höschen mit Krausen um die Knöchel – lauter Dinge, die nebst zahllosen anderen gleich wichtigen es höchst wünschenswert erscheinen ließen, mit Mrs. Kenwigs auf gutem Fuß zu stehen und sie zum Mittelpunkt aller Klatschereien in der Straße, und vielleicht auch noch ein wenig um die Ecke herum, zu machen. Es war heute die Jahresfeier des glücklichen Tages, an dem die englische Kirche zwischen Mr. und Mrs. Kenwigs das Band der heiligen Ehe geknüpft, und Mrs. Kenwigs hatte in dankbarer Erinnerung an diesen denkwürdigen Wendepunkt ihres Lebens einige auserlesene Freunde zu einer Partie Karten und einem Souper zu sich in den ersten Stock eingeladen. Sie trug zum Empfange ein neues geflammtes Kleid von äußerst jugendlichem Schnitt, das ihr so gut stand, daß Mr. Kenwigs erklärte, die acht Jahre seiner Ehe mit ihrem Kindersegen kämen ihm wie ein Traum vor und Mrs. Kenwigs sähe jünger und blühender aus als an dem Sonntag, wo er sie zum ersten Male erblickte. Mrs. Kenwigs machte in ihrem Putz auch wirklich solchen Staat, daß man hätte vermuten können, es stünden ihr wenigstens eine Köchin und ein Dienstmädchen zu Gebote und sie hätte den ganzen Tag nichts weiter zu tun als zu befehlen. Tatsächlich aber hatte sie mit ihren Vorbereitungen unsägliche Mühe gehabt; mehr sogar, als sie bei ihrer zarten Konstitution durchzumachen imstande gewesen wäre, wenn sie nicht der Stolz, sich im vollen Glanze ihrer Wirklichkeit zeigen zu können, aufrecht erhalten hätte. Endlich war jetzt alles, was herbeigeschafft werden mußte, beisammen, das, was stören konnte, aus dem Wege geräumt und alles in schönster Ordnung. Überdies hatte der Wassersteuereinnehmer zugesagt, und so blieb denn für das ungetrübte Glück des Abends nichts mehr zu wünschen übrig. Die Gesellschaft war bewundernswert zusammengestellt. Erstens einmal Mr. Kenwigs und Frau Gemahlin nebst vier Kenwigs-Sprößlingen, die zum Abendessen aufbleiben durften – einmal, weil es nicht mehr als billig war an einem solchen Tage, zweitens, weil ihr Zubettgehen in Gegenwart der Gesellschaft unpassend, um nicht zu sagen, unschicklich gewesen wäre –, ferner die junge Dame, die die Toilette der Festgeberin besorgt und in der zuvorkommendsten Weise ihr Bett für das jüngste Kenwigs-Reis, ein Knäblein in der Wiege, hergegeben und ein Mädchen für seine Bewachung besorgt hatte, und dann als passende Gesellschaft für die junge Dame ein junger unverheirateter Herr, dessen Bekanntschaft Mr. Kenwigs in früheren Jahren gelegentlich gemacht hatte und der von den Damen sehr geschätzt wurde, da er in dem Rufe eines Bruders Lüderlich stand. Hierzu kam noch ein unvermähltes Paar, das bei Kenwigs kürzlich Brautvisite gemacht hatte, und eine Schwester Mrs. Kenwigs' die als ausgemachte Schönheit galt. Nicht zu vergessen noch ein anderer junger Herr, von dem man sagte, daß er honette Absichten auf die obenerwähnte junge Dame habe, und Mr. Noggs, weil er früher ein Gentleman gewesen. Eine ältliche Dame aus dem Erdgeschoß, dann noch eine jüngere, die nächst dem »Löwen« Steuereinnehmer vielleicht die größte »Löwin« der Gesellschaft war, da sie einen Theaterspritzenmann zum Vater hatte, bisweilen als Statistin auftrat und das ausgezeichnetste dramatische Talent besaß, von dem man je gehört, machten den Schluß. Die Freude, einen solchen Freundeskreis um sich zu sehen, wurde Mrs. Kenwigs nur durch den einen unangenehmen Umstand verbittert, daß die Dame aus dem Erdgeschoß – die sehr beleibt und über die sechzig hinaus war – in einem ordinären Musselinkleid und kurzen Lederhandschuhen erschien, was Mrs. Kenwigs so verdroß, daß sie ihrer Schwester zuflüsterte, sie würde diese unverschämte Person auf der Stelle wieder ausgeladen haben, wenn nicht bereits das Nachtessen auf dem Kochherde des Parterrestübchens stünde. »Meine Liebe«, meinte Mr. Kenwigs, »wäre es nicht am besten, wenn wir gleich ein Gesellschaftsspiel begännen?« »Lieber Kenwigs«, versetzte die Hausfrau, »wie kommst du mir vor?! Du willst ohne den Onkel anfangen?« »Oh, auf den Steuereinnehmer habe ich ganz vergessen«, entschuldigte sich Mr. Kenwigs; »nein, das geht allerdings nicht gut.« »Mein Onkel ist so eigen«, erklärte Mrs. Kenwigs der andern verheirateten Dame; »er hat gesagt, er werde uns für immer aus seinem Testament streichen, wenn wir je ohne ihn begännen.« »Ist es möglich?« rief die verheiratete Dame. »Sie haben keine Idee, wie eigen er ist! Obgleich er sonst der gutmütigste Mensch von der Welt ist.« »Die liebevollste Seele, die je existierte«, bekräftigte Mr. Kenwigs. »Es schneidet ihm, sagt man sich allgemein, ins Herz, den Leuten das Wasser absperren zu müssen, wenn sie nicht bezahlen können«, meldete sich der Bruder Lüderlich, um einen Witz zu machen. »George! Nichts der Art, wenn ich bitten darf!« verwies Mr. Kenwigs würdevoll. »Es war nur ein Scherz«, entschuldigte sich der junge Mann kleinlaut. »George!« tadelte Mr. Kenwigs. »Ein Scherz ist zuweilen recht hübsch, wenn aber dieser Scherz die Gefühle meiner Frau verletzt, so muß ich mich dagegen verwahren. Ein Mann, der eine öffentliche Stellung bekleidet, muß sich natürlich Spottreden gefallen lassen, aber die Schuld liegt in seiner hohen Stellung und nicht an ihm selbst. Der Verwandte meiner Frau ist Beamter, George! Er weiß das und kann auch das damit verbundene Unangenehme ertragen; aber abgesehen von meiner Frau, wenn man sie schon trotz einem Anlasse, wie dem gegenwärtigen, nicht aus dem Spiele lassen will, so habe ich selbst die Ehre, mit dem Steuereinnehmer durch meine Ehe verwandt geworden zu sein, und ich kann und darf daher keine solchen Bemerkungen in meinem –« Mr. Kenwigs war im Begriff »Haus« zu sagen, ergänzte aber den Satz mit »– Zimmer dulden.« Gegen Schluß dieser wortreichen Zurechtweisung, die Mrs. Kenwigs bis zu Tränen rührte und ihren Zweck – die Bedeutsamkeit des Wassersteuereinnehmers der Gesellschaft möglichst vor Augen zu führen – nicht verfehlte, ließ sich der Ton der Klingel vernehmen. »Da ist er!« flüsterte Mr. Kenwigs aufgeregt. »Morlina, liebes Kind, eile hinunter und lasse den Onkel ein; vergiß aber nicht, ihm sogleich einen Kuß zu geben. – Hm, fangen wir irgendein Gespräch an.« Mr. Kenwigs' Aufforderung eifrig nachkommend, begann die Gesellschaft sogleich eine sehr laute Unterhaltung, um unbefangen zu erscheinen. Man hatte indessen kaum angefangen, als ein kleiner, alter Herr in gelben Beinkleidern und Gamaschen und mit einem Gesicht, das wie aus lignum sanctum geschnitzt aussah, von Miss Morlina Kenwigs unter fröhlichem Hüpfen hereingeführt wurde. »Ach, lieber Onkel, wie freut es mich, dich zu sehen!« rief Mrs. Kenwigs und küßte den Steuereinnehmer zärtlich auf beide Wangen. »Ich bin unsagbar froh.« »Möge der Tag oft und glücklich wiederkehren, meine Liebe«, gratulierte der Wassersteuereinnehmer. Wirklich und wahrhaftig, es war ein erhebender Anblick. Ein Wassersteuereinnehmer ohne sein Buch, ohne Feder und Tinte, ohne seinen schreckenerregenden Doppelschlag – ein Steuereinnehmer, der eine hübsche Frau küßte, tatsächlich küßte, und Steuern, Vorladungen, Mahnzettel usw. ganz beiseite ließ! Es war eine wahre Lust, mitanzusehen, wie die Gesellschaft, ganz hingerissen von diesem Anblick, den Herrn von allen Seiten beaugenscheinigte und sich gegenseitig durch Nicken und Blinzeln das innere Vergnügen zu erkennen gab, das man über dem Umstande empfinden mußte, daß bei einem Steuereinnehmer soviel Leutseligkeit zu finden war. »Wo wollen Sie Platz nehmen, Onkel?« fragte Mrs. Kenwigs mit voller Entfaltung ihres Familienstolzes. »Wo du mich hinsetzest, meine Liebe«, antwortete der Steuereinnehmer. »Ich bin darin nicht eigen.« Nicht eigen! Welch ein bescheidener Steuereinnehmer! Wenn er ein Schriftsteller gewesen wäre, der sich seiner untergeordneten Stellung bewußt ist, hätte er nicht bescheidener sprechen können. »Mr. Lillyvick«, wendete sich Mr. Kenwigs ehrfurchtsvoll an den Steuereinnehmer, »es sind hier einige Freunde von uns, die sich schon lange nach der Ehre Ihrer Bekanntschaft gesehnt haben. – Mr. und Mrs. Cutler, Sir.« »Ich bin stolz darauf, Ihre werte Bekanntschaft zu machen, Sir«, versicherte Mr. Cutler, »zumal ich schon so oft von Ihnen gehört habe.« Das waren durchaus nicht etwa bloße Worte der Höflichkeit, denn, da Mr. Cutler in Mr. Lillyvicks Sprengel gewohnt hatte, hatte er in der Tat sehr oft von ihm gehört. – Der Einnehmer war nämlich peinlich genau mit dem Einkassieren. »George, ich glaube, du kennst Mr. Lillyvick bereits«, fuhr Mr. Kenwigs fort. – »Die Dame aus dem Erdgeschoß – Mr. Lillyvick. Mr. Snewkes – Mr. Lillyvick. Miss Green – Mr. Lillyvick. Mr. Lillyvick – Miss Petowker vom Königlichen Drury Lane Theater. Ich bin stolz darauf, hiermit zwei öffentliche Charaktere miteinander bekannt machen zu können. – Liebe Frau, möchtest du nicht die Spielkarten herausgeben?« Mrs. Kenwigs beeilte sich, dieser Aufforderung – assistiert von Newman Noggs, von dem man sich nur so im allgemeinen zuflüsterte, er sei ein verarmter Gentleman, sonst aber, seinem ausdrücklichen Wunsche entsprechend, weiter keine Notiz nahm – nachzukommen, und der größere Teil der Gäste setzte sich sogleich zum Kartenspiel nieder, während Newman, Mrs. Kenwigs selbst und Miss Petowker vom Königlichen Drury Lane Theater sich mit der Zurüstung der Abendtafel zu schaffen machten. Solange die Hausfrau in dieser Weise beschäftigt war, richtete Mr. Lillyvick seine ganze Aufmerksamkeit auf das Spiel, und da alles Fisch sein muß, was in eines Wassersteuereinnehmers Netz kommt, zierte sich der gute, alte Herr auch weiter nicht, sich an dem Eigentum seines Spielgegners nach Kräften zu bereichern, sooft sich Chance dazu bot. Dabei lächelte er unentwegt höchst leutselig und sprach den Verlierenden so herablassend Trost zu, daß diese ganz entzückt waren und im Innersten ihres Herzens dachten, er verdiene zumindest Schatzkanzler zu werden. Nach vieler Mühe und manchem Klaps auf die Köpfe der kleinen Kenwigs', von denen sogar zwei der aufrührerischsten kurzerhand hinausbefördert werden mußten, breitete man das Tischtuch mit Eleganz aus und trug ein paar gekochte Hühner, einen Schinken, eine Apfelpastete, Kartoffeln und Gemüse auf, bei deren Anblick Mr. Lillyvick sofort eine Unzahl höchst witziger Einfälle zum hellen Entzücken seiner Verehrer zum besten gab und mit bewunderungswürdiger Fertigkeit einzuhauen begann. Das Abendessen ging sehr gut und sehr schnell vonstatten, ohne daß sich ernstere Schwierigkeiten ergeben hätten als das ewige Fragen nach reinen Messern und Gabeln, was die arme Mrs. Kenwigs mehr als einmal heimlich wünschen ließ, daß bei Privatgesellschaften auch das Prinzip der Kostschulen eingeführt werden möge, dem zufolge jeder Gast sein Besteck selbst mitzubringen hat. Da jeder Gast von jeder Speise nahm, leerte sich der Tisch mit einer beunruhigenden Geschwindigkeit und ziemlichem Lärm, und bald kam die Reihe an die geistigen Genüsse, die nebst heißem und kaltem Wasser in Reih und Glied bereit standen, und denen Newman Noggs' Augen schon längst freudig und erwartungsvoll entgegengeglänzt hatten. Mr. Lillyvick erhielt einen Ehrenplatz in einem großen Lehnsessel am Kamin angewiesen, und die vier kleinen Kenwigs' wurden, mit den Gesichtern zum Feuer und ihren Flachszöpfen der Gesellschaft zugekehrt, ganz vorn auf eine niedrige Bank der Reihe nach hingesetzt. Dieses Arrangement war kaum vollendet, als Mrs. Kenwigs sich im Übermaße ihrer Muttergefühle an die linke Schulter ihres Gemahls gruppierte und in Tränen zerfloß. »Wie schön sie sind!« schluchzte sie. »Ja, wirklich entzückend«, stimmten alle Damen mit ein, »Sie haben vollkommen recht, Mrs. Kenwigs, und es ist sehr begreiflich, daß Sie stolz darauf sind. – Aber geben Sie Ihren Gefühlen nicht zu sehr nach.« »Ich kann – ich kann mir nicht helfen. Und Freudentränen schaden der Gesundheit nicht«, schluchzte Mrs. Kenwigs. »Aber sie sind zu schön. Viel zu schön, als daß ich hoffen dürfte, daß sie mir lange erhalten blieben.« Als die vier kleinen Mädchen die beunruhigende Nachricht vernahmen, sie seien bestimmt, in der Blüte ihrer Jugend einen frühen Tod zu erleiden, erhoben sie ein jämmerliches Geschrei, begruben zu gleicher Zeit ihre Köpfe im Schoß der Mutter und schluchzten so herzzerbrechend, daß ihre acht Flachszöpfe wie die Perpendikel hin und her baumelten. Mrs. Kenwigs drückte eines nach dem andern an ihr beklommenes Mutterherz und nahm dabei so ausdrucksvolle Stellungen inneren Schmerzes an, daß sich selbst Miss Petowker trotz ihres großen dramatischen Talentes daran hätte ein Vorbild nehmen können. Allmählich ließ sich die bekümmerte Mutter wieder beruhigen, und die kleinen Mädchen wurden unter der Gesellschaft verteilt, um es zu vereiteln, daß Mrs. Kenwigs nochmals durch den Glanz ihrer vereinten Schönheit überwältigt würde. Dabei überboten sich Herren und Frauen in Prophezeiungen, daß sie noch viele, viele Jahre leben würden und daß für die wertgeschätzte Gastgeberin durchaus kein Grund vorhanden sei, sich trüben Gedanken hinzugeben. »Heute vor acht Jahren!« rief Mr. Kenwigs nach einer Pause. »Lieber Gott, ach!« Ergriffen echoten alle den Nachsatz, nur mit dem Unterschied, daß sie zuerst das »Ach« und hinterdrein das »Lieber Gott« seufzten. »Ich war damals jünger«, lispelte Mrs. Kenwigs. »Gewiß nicht«, bestritt der Steuereinnehmer. »Bestimmt nicht«, bekräftigten alle. »Ich sehe meine Nichte noch vor mir«, ergriff Mr. Lillyvick wieder das Wort und ließ den Blick ernst und würdevoll über seine Zuhörer hingleiten, »ich sehe sie noch vor mir, als sie eines Nachmittags zum erstenmal ihrer Mutter ihre Neigung zu Kenwigs gestand. ›Mutter‹, sagte sie, ›ich liebe ihn.‹« »Bete ihn an, Onkel!« verbesserte Mrs. Kenwigs. »Liebe ihn«, sagtest du, »soviel ich mich erinnere, meine Teuerste«, bestand der Steuereinnehmer mit Festigkeit auf seiner Behauptung. »Du kannst recht haben, Onkel«, gab Mrs. Kenwigs unterwürfig zu, »ich meine aber doch, mich des Ausdrucks ›Anbeten‹ bedient zu haben.« »Lieben! meine Beste!« sagte Mr. Lillyvick. »›Mutter,‹ sagte sie, ›ich liebe ihn.‹ – ›Was muß ich hören!?‹ rief ihre Mutter und bekam augenblicklich heftige Krämpfe.« – Allgemeiner Ausruf des Staunens von Seiten der Gesellschaft. »Heftige Krämpfe!« wiederholte Mr. Lillyvick und sah sich stolz im Kreise um. »Kenwigs, Sie werden entschuldigen, wenn ich in der Gegenwart der Gesellschaft den Umstand erwähne, daß man mancherlei gegen Ihre Bewerbung einzuwenden hatte, da Sie dem gesellschaftlichen Range nach unter der Familie standen und man die Mesalliance nicht gerne sah. Sie entsinnen sich dessen doch noch, Kenwigs?« »Gewiß«, gab der Elfenbeindrechsler, den diese Erinnerung keineswegs unangenehm berührte, da sie es außer allen Zweifel setzte, welch feiner Familie Mrs. Kenwigs entstammte, bereitwillig zu. »Ich teilte damals diese Ansicht«, fuhr der Wassersteuereinnehmer fort, »die vielleicht begründet war, vielleicht auch nicht.« Ein leises Murmeln der Gäste schien anzudeuten, daß bei einem Manne von Mr. Lillyvicks hoher Stellung ein solcher Einwurf nicht nur natürlich, sondern höchst begründet sein müsse. »Er nahm mich jedoch bald für sich ein. Und als sie verheiratet waren und sich in der Sache nichts mehr ändern ließ, war ich einer der ersten, die sagten, man müsse Kenwigs achten. Die Familie tat das infolge meiner Vorstellungen auch, und ich fühle mich verpflichtet hervorzuheben – ja ich bin stolz darauf –, daß ich von da an immer einen höchst ehrenwerten, anständigen, rechtschaffenen und achtbaren Mann in ihm gesehen habe. – Kenwigs, geben Sie mir Ihre Hand!« »Es ist mir eine Ehre«, rief Mr. Kenwigs. »Gleichfalls, Kenwigs, gleichfalls«, sagte Mr. Lillyvick. »Ich habe sehr glücklich mit Ihrer Nichte gelebt«, gestand der Elfenbeindrechsler. »Es wäre Ihre eigene Schuld gewesen, wenn es anders gekommen wäre«, entgegnete Mr. Lillyvick. »Morlina!« rief die durch diese Lobeshymne tief gerührte Mutter. »Gib deinem lieben Großonkel einen Kuß.« Das Mädchen tat, wie verlangt, und dann wurden auch die drei anderen Flachsköpfchen herumgereicht. »Liebe Mrs. Kenwigs«, schlug Miss Petowker vor, als diese Szene glücklich absolviert war, »lassen Sie doch Morlina Mr. Lillyvick den neuen Tanz vortanzen, während Mr. Noggs den Punsch bereitet, mit dem wir dann die glückliche und häufige Wiederkehr dieses Festes unter Trinksprüchen feiern wollen.« »Nein, nein, meine Liebe«, wehrte Mrs. Kenwigs ab, »es würde meinen Onkel nur langweilen.« »Oh, unmöglich«, rief Miss Petowker lebhaft, »es wird ihn im Gegenteil brillant unterhalten, nicht wahr, mein Herr?« »Gewiß«, erwiderte der Steuereinnehmer mit einem Blick nach dem Punschkünstler. »Also, dann mache ich den Vorschlag«, sagte Mrs. Kenwigs, »Morlina soll ihre Pas tanzen und Miss Petowker nachher ›Das Begräbnis des Vampirs‹ deklamieren!« Der Vorschlag wurde von allen Seiten mit großem Applaus aufgenommen, und Miss Petowker neigte zum Zeichen des Dankes mehrere Male huldreich das Haupt. »Sie wissen«, zierte sie sich vorwurfsvoll, »wie ungern ich in Privatgesellschaften mit Leistungen, die zu meinem Berufe gehören, hervortrete.« »Oh, hier ist das etwas anderes«, redete ihr Mrs. Kenwigs zu. »Wir sind hier unter lauter Freunden, so daß sie ebensowenig Anstoß daran zu nehmen brauchen wie in Ihrem eigenen Zimmer. Zudem, der gegenwärtige Anlaß –« »Wer könnte da widerstehen!« rief die Künstlerin. »Unter solchen Umständen wird es mir natürlich ein Vergnügen sein, alles, was in meinen bescheidenen Kräften steht, zur Verherrlichung des Festes beizutragen.« Dann summte sie eine Arie, während Morlina ihren Tanz aufführte, nachdem man ihr die Schuhsohlen zuvor so sorgfältig mit Kreide eingerieben, daß sie ruhig hätte auf einem straffen Seile gehen können. Der Tanz war überwältigend, besonders, da die Arme dabei mehr in Aktion traten als die Beine, weshalb auch mit frenetischem Beifall nicht gekargt wurde. »Wenn ich so glücklich wäre, ein – ein Kind zu haben«, meinte Miss Petowker errötend, »das soviel Talent wie das Ihrige zeigte, würde ich es augenblicklich bei der Oper unterbringen.« Mrs. Kenwigs seufzte und warf einen Blick auf ihren Gatten, der verstohlen den Kopf schüttelte und meinte, man müsse da doch seine Bedenken haben. »Kenwigs fürchtet –«, erklärte Mrs. Kenwigs. »Was?« fragte Miss Petowker. »Doch nicht, daß sie durchfallen könnte?« »Das nicht«, versetzte Mrs. Kenwigs stockend, »aber wenn sie weiter so heranwächst – Denken Sie nur an die vielen jungen Herzöge und Grafen in den Garderoben!« »Ganz richtig«, bemerkte der Steuereinnehmer. »Oh«, versicherte Miss Petowker, »wenn sie sich ihres inneren Wertes bewußt ist –« »Es liegt allerdings viel Wahres in dieser Bemerkung«, gab Mrs. Kenwigs, wieder mit einem Blick nach ihrem Gatten zu. »Jedenfalls kann ich sagen – freilich ist es nicht die allgemeine Regel –«, stotterte Miss Petowker, »mir sind nie Belästigungen dieser Art passiert.« Sofort erklärte Mr. Kenwigs galant, daß das natürlich den Ausschlag gebe, weshalb er auch die Sache in ernstere Erwägung zu ziehen gedenke. Nachdem dieser Punkt abgemacht war, wurde Miss Petowker nochmals in geziemender Form ersucht, »Das Begräbnis des Vampirs« zum besten zu geben. Die junge Dame löste sich zu diesem Zweck die Haare auf und postierte sich in der Zimmerecke, indem sie zugleich ihren unverheirateten Verehrer in die Nähe stellte, damit er bei dem Stichwort: »der letzte Hauch entweicht« herbeieilen und sie in seinen Armen auffangen könne, wenn sie im Wahnsinn stürbe. Die Deklamation wickelte sich sodann ausdrucksvoll und in derartigem dramatischen Feuer ab, daß die kleinen Kenwigs darüber fast die Freisen bekamen. Immer noch raste der dieser Kunstleistung folgende Beifall, und Newman, der sich seit langer Zeit schon zu so vorgerückter Stunde nicht annähernd so nüchtern befunden, hatte noch immer nicht dazu kommen können, sein Wörtchen, daß der Punsch fertig sei, anzubringen, als sich plötzlich ein hastiges Pochen an der Zimmertüre vernehmen ließ. Mrs. Kenwigs, die sofort ahnte, ihr Kleinstes sei aus dem Bett gefallen, stieß einen Schrei des Entsetzens aus. »Wer ist da?« fragte Mr. Kenwigs unmutig. »Lassen Sie sich nicht stören, nur ich bin's«, sagte Crowl und sah in seiner Nachtmütze zur Türe herein, »das Kleine ist vollkommen wohl. Ich habe beim Heruntergehen einen Blick in das Zimmer geworfen. Es ist fest eingeschlafen und das Mädchen desgleichen, auch glaube ich nicht, daß das Licht die Bettvorhänge so leicht in Brand stecken kann, wenn nicht gerade ein Luftzug in das Zimmer kommt. – Man wünscht Mr. Noggs zu sprechen.« »Mich?« rief Newman höchlichst verwundert. »Es ist allerdings eine recht ungeschickt gewählte Stunde, nicht wahr?« versetzte Crowl, der bei der Aussicht, jetzt den warmen Ofen zu verlieren, nicht in der besten Stimmung war. »Und auch die Leute sehen wunderlich genug aus. Sie sind über und über durchnäßt und mit Kot bespritzt. Soll ich sie vielleicht wegschicken?« »Nein«, rief Newman aufstehend, »Leute? Wie viele sind es denn?« »Zwei.« »Wünschen mich zu sprechen? Haben sie wirklich meinen Namen genannt?« »Ja, Mr. Newman Noggs; so deutlich, wie man sich's nur wünschen kann.« Newman überlegte ein paar Augenblicke und eilte dann mit der Versicherung hinaus, daß er sogleich zurückkommen werde. Er hielt auch Wort, denn nach ein paar Minuten stürzte er wieder ins Zimmer, nahm ohne ein Wort der Entschuldigung oder Erklärung eine angezündete Kerze und ein Glas heißen Punsch vom Tisch und schoß wie ein Verrückter wieder zur Türe hinaus. »Was, zum Henker, geht da vor?« rief Crowl und riß die Türe auf. »Horchen Sie, was ist das für Lärm oben?« Die Gäste standen in großer Verwirrung auf, sahen einander bestürzt und verlegen an, streckten die Hälse und lauschten aufmerksam. 15. Kapitel Was die Veranlassung der im vorigen Kapitel beschriebenen Unterbrechung war In größter Hast klomm Newman Noggs die Stiegen empor, das dampfende Punschglas in der Hand, das er so unzeremoniell von Mr. Kenwigs' Tisch genommen und dem Herrn Wassersteuereinnehmer sozusagen vor der Nase weggeschnappt hatte. Er trug seine Beute geradenwegs in sein Dachstübchen und fand dort mit wunden Füßen und beinahe schuhlos, naß, kotbespritzt und abgemattet Nikolas Nickleby und Smike nebeneinander sitzen. Newmans erstes war, Nikolas mit sanfter Gewalt zu nötigen, die Hälfte des fast kochenden Punsches auf einmal hinunterzuschlucken, und sein zweites, den Rest in Smikes Kehle zu gießen, der, mit andern Stimulantien als Schwefelsirup unbekannt, durch die seltsamsten Gebärden seine Überraschung und Freude darüber an den Tag legte, daß der Trank so wärmend und behaglich hinunterglitt. »Sie sind ja durch und durch naß!« sagte Newman und befühlte den Rock, den Nikolas abgelegt, »und ich – ich – kann Ihnen keinen anderen anbieten«, fügte er mit einem trübseligen Blick auf die abgeschabten Kleider, die er selbst trug, hinzu. »Ich habe trockene Sachen in meinem Felleisen«, beruhigte ihn Nikolas. »Wenn Sie aber eine so betrübte Miene zu meinem Besuch machen, so werden Sie den Schmerz, den ich bereits fühle, für eine Nacht bei Ihren spärlichen Mitteln bei Ihnen Beistand und Obdach suchen zu müssen, nur noch erhöhen.« Newmans betrübte Mienen heiterten sich jedoch nicht eher auf, als bis ihn Nikolas bei der Hand faßte und ihm versicherte, welch großer Trost ihm sein Brief in den trüben Tagen in Yorkshire gewesen. Nikolas hatte mit seinem ursprünglichen Geldvorrat so gut hausgehalten, daß ihm sogar noch etwas davon übriggeblieben war, und so stand bald ein Nachtessen aus Brot, Käse und einem Stück kalten Rindfleischs aus einer benachbarten Garküche bestehend, auf dem Tisch. Dann zog Mr. Noggs seinen einzigen Rock aus und ruhte nicht eher, als bis sich Smike darein gehüllt hatte. »Nun, vor allem, was machen meine Mutter und Schwester?« fragte Nikolas, nachdem er sich, ebenso wie Smike, gelabt und an das Feuer gesetzt hatte. »Wohl«, antwortete Newman mit seiner gewohnten Kürze. »Beide wohl.« »Wohnen sie noch in der City?« »Ja.« »Und meine Schwester? Ist sie noch immer in dem Geschäft, von dem sie mir schrieb, sie glaube, daß es ihr dort gut gefallen würde?« Newman riß die Augen noch etwas weiter auf als gewöhnlich und antwortete nur durch eine Art Japsen, das ebensogut als »Ja« wie als »Nein« gedeutet werden konnte. Im gegenwärtigen Fall bestand die begleitende Geste in einem Nicken, und Nikolas nahm die Antwort daher für eine günstige. »Bitte, antworten Sie mir jetzt ohne Umschweife«, begann Nikolas wieder nach einer Pause und legte Newman die Hand auf die Schulter. »Was hat mein Onkel aus Yorkshire gehört?« Newman öffnete und schloß den Mund mehrere Male, brachte jedoch keine Silbe hervor. »Was hat er gehört?« drängte Nikolas erregt. »Sie sehen, daß ich vorbereitet bin, auch das Schlimmste zu hören, was Bosheit aushecken kann.« »Morgen früh«, stotterte Newman, »morgen früh sollen Sie alles erfahren.« »Aber warum erst morgen, warum nicht gleich jetzt?« drängte Nikolas. »Sie werden besser schlafen.« »Nein, ich werde nur um so schlechter schlafen«, sagte Nikolas ungeduldig. »Ich werde die ganze Nacht kein Auge schließen können, wenn Sie mir nicht alles sagen, und zwar gleich jetzt.« »Alles sagen?« wiederholte Newman stockend. »Ja alles. Ich komme dann vielleicht in Wallung, oder mein Stolz wird verletzt. Aber so oder so, stünde mir eine Szene wie die erlebte abermals bevor, ich würde doch um kein Haar anders handeln, was auch für Folgen daraus entstehen möchten. Auch werde ich nie bereuen, was ich getan habe, nie, und wenn ich deshalb betteln oder Hungers sterben müßte.« »Mein lieber junger Herr, man darf sich nicht so gehenlassen!« rief Noggs. »So etwas tut nicht gut. Man kommt auch nicht fort in der Welt, wenn man sich eines jeden Mißhandelten annimmt, aber – zum Henker, ich freue mich, daß Sie es doch getan haben. Ich würde auch nicht anders gehandelt haben«, brach Newman los und schlug mit der Faust auf den Tisch. Dann holte er widerstrebend ein offenbar in großer Eile bekritzeltes Stück Papier aus einer alten Truhe hervor. »Vorgestern bekam Ihr Onkel diesen Brief. Ich habe in der Geschwindigkeit eine Abschrift davon genommen. Soll ich ihn Ihnen vorlesen?« »Wenn ich bitten darf.« »Also: Dotheboys Hall, Donnerstag Morgens. Sir! Mein Baba trägt mir auf, Ihnen zu schreiben. Die Ertzte halten es für zweiwelhaft, ob er je wieder zum Gebrauch seiner Beine kommen wird, was ihm verhintert, die Feder zu haalden. Mir sin in einem Seelenzustande, wo außer aller Beschreibung ist, und mein Baba ist am ganzen Leibe nur eine Beile, bald blau, bald grün. Auch sind zwei Benke mit seinem Blude bepflegt. Wir sahen uns genetigt, ihn in die Kiche hinunterzubringen, wo er jetzt ligt, Sie werden hieraus selber urteilen, daß er sehr heruntergekommen ist. Nachdem Ihr Nöffe, den Sie als Leerer regomandierten, meinem Baba dieß angetan und mit blosen Füsen auf seinem Leibe herumgetrampelt hat und auch geschimpft hat, mit was ich meine Feder nicht beschmutzen mag, grif er mama auf eine firchterliche Weise an, schleuterte sie zu Boden und schlug ihr den Kamm mehehere Zoll tief in den Kopff. Ein klein wenig weider und es wäre in den Schedel gegangen, mir haben ein medizinisches Zerdifikat, das, wenn dieß geschehen wäre, der Schildkrot das Gehirn verletzt haben würde. Dann wurden ich und mein Bruder die Opfer seiner Wut, und mir ham seitdem sehr viele schmerzen ausgestanden, was uns zu der peinlichen Vermutung leitet, daß wir irgendwo innerlich schaden genommen haben, besonders da euserlich keine Spuren der Gewaldsamkeit sichtbar sind. Ich muß die ganze Zeit iewer, das ich schreibe, immer laud aufschreien, und auch mein Bruder, was meine Aufmergsamkeit zerstreut, und ich hoffe, meine schlechte Schrift entschuldigen wirt. Als das Ungeheuer seinen Blutdurst gesettigt hatte, ging er durch und nahm einen Menschen von ganz geferlichen Krakter, denn er zu einem Röböllen verkleidet hatte, wie auch einen der Mama gehörnten Granatring mit und da ihn die Konstabler nicht einfangen konnten, so glauben wir, daß er auf einem Wagen fortgefahren ist. Baba bittet, man möchte den Ring zurückschicken, wenn er zu Ihnen kommt, aber daß sie den Dieb und Maichelmörder laufen lassen, da er, wenn man ihn vor Gericht stellt, nur deportiert würde und er, wenn man ihn laufen läßt, über kurz oder lang sowieso gehengt wird, was uns die Mihe erspart und zu viel greserer Freude gereichen muß. In der Hoffnun, etwas zu heren, wenn es ihnen ansteht, verbleibe ich Ihre etzetera Fanny Squeers P.S. Ich bemitleite seine Unwissenheit un verachte ihm.« Stumm und niedergeschlagen und mit dem Ausdruck tiefsten Kummers hatte Nikolas diese Epistel zu Ende angehört. Eine Weile saß er sinnend da, dann sprang er plötzlich auf und griff nach seinem Hut. »Wohin wollen Sie denn jetzt noch so spät?« rief Newman. »Nach Golden Square. Niemand, der mich kennt, wird diese Geschichte von dem Ring glauben, aber sie kann vielleicht den Zwecken meines Onkels entsprechen. Ich bin es mir selbst schuldig, daß die Wahrheit ans Licht kommt, und außerdem habe ich noch ein paar Worte mit ihm zu sprechen, die keinen Aufschub dulden.« »Aber Sie müssen es aufschieben!« riet Newman. »In keinem Falle«, erwiderte Nikolas mit Festigkeit und schickte sich an zu gehen. »So hören Sie mich doch nur an«; bat Newman und vertrat ihm den Weg. »Er ist doch gar nicht zu Hause. Er ist über Land und wird vor drei Tagen nicht zurückkommen. Auch weiß ich gewiß, daß das Schreiben erst beantwortet wird, wenn er wieder hier ist.« »Sind Sie dessen auch ganz gewiß?« fragte Nikolas, glühend vor Entrüstung in dem engen Raum mit raschen Schritten auf und ab gehend. »Ganz gewiß. Er hatte den Wisch kaum gelesen, als er abberufen wurde. Sein Inhalt ist niemand als ihm und uns bekannt.« »Kann ich mich darauf verlassen?« fragte Nikolas hastig. »Nicht einmal meiner Mutter oder meiner Schwester? Wenn ich denken müßte, daß – nein, ich will hingehen, ich muß sie sehen. Welchen Weg habe ich einzuschlagen? Wo wohnen sie?« »Aber so nehmen Sie doch Vernunft an«, rief Newman, der in diesem ernsten Augenblick wie ein ganz anderer Mensch sprach. »Verschieben Sie Ihren Besuch, bis er nach Hause kommt. Ich kenne den Mann. Es darf nicht den Anschein haben, als ob Sie ihn für sich zu gewinnen versucht hätten. Wenn er wieder zurück ist, so treten Sie vor ihn hin und reden mit ihm so unverblümt, wie es Ihnen beliebt. Verlassen Sie sich übrigens darauf, er durchschaut die Wahrheit so gut wie Sie oder ich.« »Sie meinen es gut mit mir und müssen es natürlich besser wissen als ich«, gab Nikolas nach einer Pause des Nachsinnens zu. »Nun, meinetwegen.« Newman, der sich mit dem Rücken gegen die Türe gestellt hatte, um nötigenfalls seinen Gast mit Gewalt zurückzuhalten, nahm sehr zufrieden seinen Platz wieder ein und mischte, da das Wasser im Kessel inzwischen heiß geworden, ein Glas Grog für Nikolas und dann noch einen Krug voll, von dem er sowohl wie der arme durchfrorene Smike in großer Eintracht Gebrauch machten, während Nikolas, den Kopf auf die Hand gestützt, in trübem Sinnen vor sich hinstarrte. Die Gesellschaft in der Beletage hatte sich inzwischen wieder in das Zimmer der Kenwigs' zurückgezogen und gab sich einer Menge von Vermutungen hinsichtlich der Ursache von Mr. Noggs' plötzlichem Verschwinden hin. »Lieber Himmel, wenn etwa gar ein Expreßbote mit der Kunde angekommen wäre, daß er sein früheres Vermögen wieder zurückgewonnen habe?« meinte Mrs. Kenwigs. »Bei Gott, unmöglich wäre es schließlich nicht«, sagte Mr. Kenwigs. »Wir täten für diesen Fall vielleicht gut, wenn wir hinaufschickten und fragen ließen, ob ihm nicht noch etwas Punsch gefällig ist.« »Kenwigs!« fiel Mr. Lillyvick mit lauter Stimme ein. »Sie setzen mich in Erstaunen.« »Wieso, Sir?« fragte Mr. Kenwigs mit der gebührenden Ergebenheit gegen den Einnehmer der Wassersteuer. »Weil Sie eine solche Bemerkung machen. Ich dächte, der Herr hätte bereits Punsch genug gehabt; oder vielleicht nicht, Sir? Ich sehe überhaupt in der Art, mit der er mir den Punsch, um mich eines geeigneten Ausdruckes zu bedienen, geraubt hat, etwas höchst Unehrerbietiges gegenüber der Gesellschaft, ja sogar Skandalöses – etwas ausgesprochen Skandalöses. Es mag vielleicht Sitte in diesem Hause sein, sich derartige Dinge gefallen zu lassen, aber ich bin nicht gewöhnt –« »Ich muß abermals um Entschuldigung bitten, daß ich störe«, unterbrach Mr. Crowl die Rede des Herrn Wassersteuereinnehmers und guckte wieder zur Türe herein, »aber das ist wirklich eine seltsame Geschichte. Was? Noggs wohnt jetzt schon fünf Jahre in diesem Hause, und die ältesten Mietsleute können sich nicht erinnern, je einen Besuch bei ihm gesehen zu haben.« »Gewiß etwas höchst Seltsames, wenn man so in der Nacht abberufen wird«, tobte der Wassersteuereinnehmer, »und das Benehmen Mr. Noggs' ist, im mildesten Lichte betrachtet, zumindest sehr geheimnisvoll.« »Da haben Sie sehr recht«, versetzte Crowl; »und ich will Ihnen noch mehr sagen; ich glaube, diese zwei Kraftgenies, wer sie auch sein mögen, sind irgendwo entlaufen.« »Was bringt Sie auf diese Vermutung?« fragte der Wassersteuereinnehmer. »Ich hoffe, Sie haben keinen Grund zu der Annahme, daß sie irgendwo entlaufen sind, ohne ihre Steuern und Taxen bezahlt zu haben?« Mr. Crowl rümpfte die Nase und war eben im Begriffe, gegen die Bezahlung von Steuern und Taxen im allgemeinen zu protestieren, als die Aufmerksamkeit der Anwesenden aufs neue und diesmal durch einen höchst aufregenden Vorfall in Anspruch genommen wurden. Es ertönte nämlich plötzlich, allem Anschein nach aus dem Dachhinterstübchen herab, in der der junge Master Kenwigs in seiner Wiege schlummerte, ein furchtbares Jammergeschrei. Mrs. Kenwigs verfiel sogleich auf die Vermutung, eine fremde Katze habe sich eingeschlichen und dem Kleinen im Schlafe das Blut ausgesaugt, und stürzte händeringend nach der Türe. »Kenwigs, sehen Sie lieber nach! Eilen Sie, eilen Sie!« rief die Schwester der Festgeberin dem Elfenbeindrechsler zu und hielt Mrs. Kenwigs mit Gewalt zurück. »Mein Kind, mein Ki-ind«, kreischte die verzweifelte Mutter. »Mein Einziges und Alles, mein liebes, unschuldiges Ki-ind! Laßt mich zu ihm, laßt mich ge-he-he-hen!« Mit Windeseile war inzwischen der Drechsler die Stiegen hinaufgeeilt. An der Türe des Zimmers, aus dem die Töne, die zu dieser Verwirrung Anlaß gegeben, kamen, rannte er an Nikolas, der, das Kind auf den Armen, herausstürzte, mit solcher Wucht an, daß er sechs Stufen hinuntersauste und gegen das nächste Geländer anflog, ehe er noch Zeit gehabt hatte, den Mund zu der Frage zu öffnen, was es denn eigentlich gebe. »Seien Sie außer Sorge«, rief Nikolas hinuntereilend. »Es ist schon alles vorbei. Es ist alles gut abgelaufen. Ich bitte, fassen Sie sich. Es ist weiter kein Unglück geschehen.« Mit diesen und ähnlichen Versicherungen übergab er das Kind, das er in der Eile den Kopf nach abwärts heruntergeschleppt hatte, Mrs. Kenwigs und stürmte wieder hinaus, um dem Elfenbeindrechsler beizustehen, der, von seinem Falle noch nicht völlig zu sich gekommen, sich mit verwirrten Blicken den Kopf rieb. Durch diese frohe Kunde beruhigt, erholten sich die Gäste nach und nach wieder von ihrem Schrecken, der auf einige von ihnen geradezu lähmend gewirkt hatte; der würdige Mr. Lillyvick war der einzige gewesen, der seinen Gleichmut beibehalten, wenigstens hatte er hinter der Zimmertüre Miss Petowker so ruhig geküßt, als ob ganz und gar nichts Ungewöhnliches geschehen wäre. »Die Sache ist ganz und gar nicht von Bedeutung«, berichtete Nikolas, als er zu Mrs. Kenwigs zurückkehrte. »Das kleine Mädchen, das auf das Kind achtgeben sollte, ist, vermutlich aus Ermüdung, eingeschlafen und hat mit dem Haar Feuer gefangen. Ich habe sie schreien hören und kam noch rechtzeitig, um zu verhindern, daß die Flamme weiter um sich griff. Sie können sich darauf verlassen, das Kind ist unversehrt. Ich nahm es selbst aus dem Bett.« Sofort fiel alles über den Kleinen, der, nach dem Steuereinnehmer getauft, sich des Namens Lillyvick Kenwigs erfreute, her, erstickte ihn fast mit Liebkosungen, bis er glücklich wieder zu schreien anfing, und wendete sich dann mit den bittersten Vorwürfen an das kleine dreizehnjährige Mädchen, das die Kühnheit gehabt hatte, Feuer zu fangen. Mr. Kenwigs entließ es zwar nach verschiedenen kleinen Püffen in Gnaden, die neun Pence, die ihr als Lohn verheißen worden, wurden ihr aber begreiflicherweise gestrichen. »Wir wissen gar nicht, wie wir Ihnen danken sollen, Sir!« wollte sich Mrs. Kenwigs an den Retter ihres Kindes wenden, aber Mr. Nickleby war bereits verschwunden. »Schade«, meinte Miss Petowker, »er hat ein so hübsches Gesicht und so feine Manieren und überhaupt etwas in seinem Äußern – etwas ganz, ach du mein Himmel, wie heißt nur das Wort?« »Was für ein Wort?« fragte Mr. Lillyvick. »Ach Gott, mein Gedächtnis«, entgegnete Miss Petowker zögernd. »Wie nennt man es doch, wenn junge Herren Türklopfer abbrechen, anderer Leute Geld verspielen und was dergleichen mehr ist?« »Aristokratisch?« riet der Steuereinnehmer. »Ja, richtig, aristokratisch! – Er hat etwas ungemein Aristokratisches an sich. Nicht?« 16. Kapitel Nikolas sucht eine Anstellung und nimmt, als ihm dies fehlschlägt, eine Stelle als Hauslehrer an Am nächsten Tage war es Nikolas' erste Sorge, sich nach einem Zimmer umzusehen, wo er bis auf bessere Zeiten wohnen konnte, ohne Newman Noggs zur Last zu fallen, der natürlich mit Freuden auf der Stiege geschlafen haben würde, wenn es nur sein junger Freund dadurch etwas bequemer gehabt hätte. Das leerstehende Zimmer, auf das sich die Anzeige an der Haustür bezog, erwies sich bei näherer Nachforschung als ein kleines Hinterstübchen im dritten Stock, von wo aus man eine entzückende Aussicht auf rußgeschwärzte Dachziegel und Schornsteine hatte. Der Erlös aus einigen entbehrlichen Kleidungsstücken setzte Nikolas in Stand, diese Kammer zu erstehen und auch die Miete für einige notwendige Möbel, die er sich bei einem benachbarten Trödler verschaffte, auf eine Woche vorauszubezahlen. So hatten er und Smike vorläufig wenigstens das Allernotwendigste. Als er einige Stunden später, in Grübeln versunken, durch die Hauptstraßen Londons schlenderte, fielen seine Blicke plötzlich auf eine blaue Tafel, auf der mit goldenen Buchstaben zu lesen stand: »General-Agentur. Plätze und Stellen aller Art sind im Hause zu erfragen.« Im Ladenfenster hing außerdem eine lange verlockende Reihe von Ankündigungen, die offene Stellen vom Sekretär bis zum Laufburschen hinunter verhieß. Nikolas ging eine Weile unschlüssig vor der Türe des Bureaus auf und ab, faßte sich aber dann endlich ein Herz und trat ein. Das erste, was sich seinen Blicken darbot, war ein hagerer junger Mann mit listigen Augen und einem hervorstehenden Kinn, der hinter einem hohen Pult saß und in Frakturschrift Eintragungen in ein großes Hauptbuch machte. Er warf dabei von Zeit zu Zeit fragende Blicke auf eine sehr beleibte Dame in einer Morgenhaube, augenscheinlich die Eigentümerin des Geschäftes, die sich am Feuer wärmte, und wartete offenbar auf ein Diktat. Nikolas hatte draußen eine Tafel gelesen, die dem Publikum anzeigte, daß hier von zehn bis vier Uhr Dienstboten aller Art aufgenommen würden, und konnte sich daher die Anwesenheit von einem halben Dutzend junger kräftiger Frauenspersonen, die mit Überschuhen und Sonnenschirmen auf einer Eckbank saßen, leicht erklären. Nicht ganz so sicher war er hinsichtlich des Berufes und der Stellung zweier aufgeputzter junger Frauenzimmer, die sich mit der dicken Dame am Kamin unterhielten. »Köchin – Tom«, diktierte die dicke Dame, nachdem sie sich mit dem einen der Mädchen genügend ausgesprochen, dem Schreiber. »Köchin«, wiederholte Tom und schlug einige Blätter seines Hauptbuches um. »Lesen Sie eine oder zwei leichte Stellen vor«, befahl die dicke Frau. »Sin S' so gut, a paar recht leichte, junger Herr«, fügte die sehr modern gekleidete Dame bei, die bunt karierte Tuchstiefel trug und offenbar die Köchin zu sein schien. »Mrs. Marker«, las Tom, »Russell Place, Russell Square. Bietet achtzehn Guineen, Tee und Zucker. Familie von zwei Personen, die äußerst wenig Gesellschaften gibt. Hält fünf Dienstboten, aber keinen männlichen. Duldet auch keine Liebhaber.« »O je, dös is nix«, meinte die Klientin. »Lesen S' a andere vor, junger Herr.« »Mrs. Wrymug. Angenehmer Posten in Finsbury. Lohn zwölf Guineeen, kein Tee, kein Zucker, fromme Familie –« »Ach, lassen S' dös nur«, fiel die Klientin ein. »Drei fromme Bediente –« »Drei haben S' g'sagt?« rief die Dame, plötzlich sehr gespannt. »Drei fromme Bediente«, wiederholte Tom, »Köchin, Haus- und Stubenmädchen. Jeder weibliche Dienstbote muß sonntags dreimal in die Kirche gehen, und zwar mit einem der frommen Bedienten. Wenn die Köchin frömmer ist als der Bediente, wird von ihr erwartet, daß sie einen günstigen Einfluß auf ihn ausübt, umgekehrt wird dasselbe von dem Bedienten erwartet.« »Ich bitt um die Adress'«, unterbrach die Klientin. »I weiß net, aber i glaub, der Posten passet mir soweit.« »Hier ist noch eine«, bemerkte Tom, einige Seiten umblätternd. »Familie des Mr. Gallanbile. Parlamentsmitglied. Fünfzehn Guineen. Tee und Zucker. Die weiblichen Dienstboten dürfen männliche Verwandte empfangen, wenn diese gottesfürchtige Personen sind. – NB. Am Sabbat kaltes Mittagessen in der Küche, da Mr. Gallanbile auf strenge Observanz des Sabbats hält. Am ›Tage des Herrn‹ wird überhaupt nichts gekocht als das Mittagessen für Mr. und Mrs. Gallanbile, was natürlich als ein Werk der Notwendigkeit eine Ausnahme bildet. Mr. Gallanbile speist am ›Tage der Ruhe‹ spät zu Mittag, um der Köchin die Sünde des Ankleidens zu ersparen.« »I glaub nöt, daß der Posten der richtige wär«, meinte die Köchin nach einer kurzen geflüsterten Beratung mit ihrer Freundin. »Bitt schön, geben S' mir die Adress' von der Wrymug. I kann ja wieder kommen, wann's nöt zammgeht.« Tom schrieb die Adresse heraus, und die modisch gekleidete Klientin entfernte sich mit ihrer Freundin. Nikolas wollte eben den jungen Mann ersuchen, die verfügbaren Sekretärstellen nachzusehen, als eine junge Dame eintrat, deren Äußeres ihn ebensosehr überraschte wie ansprach, weshalb er auch zu ihren Gunsten sogleich zurücktrat. Die Dame, die kaum achtzehn Jahre zählen mochte und von außerordentlicher Schönheit war, trat schüchtern an den Schreibtisch und fragte mit leiser Stimme nach einer Stelle als Erzieherin oder Gesellschafterin. Auf ihrem ungemein sympathischen, fein geschnittenen Gesicht lag eine Trauer, die bei einem so jungen Wesen doppelt auffallen mußte. Sie war nett, aber ungemein bescheiden gekleidet. Fast ärmlich. Ihre Begleiterin, denn sie hatte eine solche, war ein schmutziges Frauenzimmer mit rotem Gesicht und runden Augen und schien nach den abgearbeiteten bloßen Armen, die unter dem schlampig umgeworfenen Umhängetuch hervorguckten, nach den Spuren von Schmutz und Ruß im Gesicht und gewissen Blicken und Freimaurerzeichen, die sie mit den Dienstmädchen auf der Bank wechselte, dieser Klasse anzugehören. Nachdem die junge Dame einige Adressen erhalten, glitt sie rasch hinaus und ihre Begleiterin folgte ihr. – Noch ehe sich Nikolas von dem ersten tiefen Eindruck, den ihre Schönheit auf ihn gemacht, erholen konnte, war sie bereits verschwunden. »Wann kommt sie wieder, Tom?« fragte die dicke Dame. »Morgen früh«, antwortete der Schreiber, seine Feder spitzend. »Und wo haben Sie sie hingeschickt?« »Zu Mrs. Clarke.« »Sie wird's dort gut haben, wenn sie die Stelle kriegt«, brummte die dicke Dame und nahm eine Prise aus einer zinnernen Schnupftabakdose. »Nun, Sir, und was wünschen Sie?« wendete sie sich dann an Mr. Nickleby. Nikolas erklärte mit kurzen Worten, daß er wissen möchte, ob nicht irgendeine Stelle als Sekretär oder Amanuensis bei einem Herrn frei sei. »Oh, ein ganzes Dutzend«, versetzte die Agentin. Als man das Buch zu Rate zog, stellte sich zwar heraus, daß nur eine einzige frei sei, aber diese, hieß es, sei vorzüglich. – Ein gewisser Mr. Gregsbury, Parlamentsmitglied, suchte einen jungen Mann, der seine Papiere und die Korrespondenz in Ordnung halten solle. »Die Bedingungen sind uns nicht weiter bekannt, da der Auftraggeber sich mit der Partei selbst zu einigen gedenkt«, bemerkte die dicke Dame, »aber sie können nur sehr vorteilhaft sein, da der Herr Parlamentsmitglied ist.« So unerfahren auch Nikolas war, so schien ihm doch dieser Schluß nicht besonders logisch. Ohne sich aber auf weitere Erklärungen einzulassen, ließ er sich die Adresse aufschreiben und machte sich unverzüglich auf den Weg nach Manchester Buildings zu Mr. Gregsbury, dem großen Parlamentsmitglied. Eine längere Wanderung brachte ihn ans Ziel. »Wohnt hier Mr. Gregsbury?« fragte er den Diener, einen blassen, schäbigen, jungen Menschen, der ihm öffnete und aussah, als ob er von Kindheit an in einem Keller geschlafen hätte. Der Diener nickte nur stumm, schloß die Haustüre hinter ihm und machte sich dann ohne weitere Erklärung davon. Das war seltsam genug, aber noch mehr verwirrte Nikolas der Umstand, daß sich auf dem engen Hausflur und den schmalen Stiegen eine Masse von Menschen drängte, die augenscheinlich auf ein bevorstehendes Ereignis warteten. – Hie und da stand eine kleine Gruppe beisammen und unterhielt sich im Flüsterton, augenscheinlich fest entschlossen, sich unter keinen Umständen abweisen zu lassen. Einige Minuten vergingen, ohne daß etwas vorfiel, und Nikolas, der sich nicht sonderlich behaglich fühlte, wollte eben bei irgendeinem der Anwesenden Erkundigungen einziehen, als sich plötzlich eine lebhafte Bewegung auf den Treppen bemerkbar machte und eine Stimme rief: »Meine Herren, haben Sie die Güte heraufzukommen.« Sofort drängte sich die Menge hinauf oder, besser gesagt, die Treppen hinunter in das große Audienzzimmer Mr. Gregsburys, den kleinen Raum bis auf die Korridore ausfüllend. Nikolas, der wider Willen mit hineingedrängt worden, begriff jetzt, daß es sich um eine Deputation handelte, die ihrem Abgeordneten irgend etwas unterbreiten wollte. Ein gewisser Mr. Pugstyles, ein vierschrötiger Herr, war der Hauptsprecher und machte Mr. Gregsbury, der sich dabei wand und drehte, offenbar wegen nicht genügender Pflichterfüllung die unzweideutigsten Vorwürfe. Es war ein endloses Hinundhergerede über die nichtigsten Dinge, aber endlich gab sich die Deputation mit dem Versprechen ihres Abgeordneten, irgendeinen albernen Artikel in die Zeitungen zu lancieren, zufrieden und zog ab. Als der letzte Mann draußen war, rieb sich Mr. Gregsbury die Hände und kicherte, wie Schlaufüchse das zu tun pflegen, wenn sie glauben, einen ungewöhnlich feinen Trick ausgeführt zu haben. Er war überhaupt so sehr von sich und seinen diplomatischen Plänen eingenommen, daß er Nikolas, der beim Fenster zurückgeblieben war, nicht eher gewahrte, als dieser, besorgt, irgendein Selbstgespräch, das nicht für fremde Ohren bestimmt war, mit anhören zu müssen, zwei- oder dreimal laut hustete. »Was ist das?« fuhr Mr. Gregsbury auf. Nikolas trat hervor und verbeugte sich. »Was haben Sie hier zu schaffen, Sir?« fragte Mr. Gregsbury. »Ein Spion in meinem Privatzimmer! Ein versteckter Wähler! Sie haben doch meine Antwort vernommen, Sir? Ich muß wirklich bitten, Sir, daß Sie der Deputation folgen.« »Wenn ich zu ihr gehörte, würde es bereits geschehen sein«, entgegnete Nikolas; »das ist jedoch nicht der Fall.« »Aber was wollen Sie dann hier, Sir? Und wo zum Teufel kommen Sie her, Sir?« »Ich erhielt diese Karte von der General-Agentur, Sir«, erklärte Nikolas, »und ich möchte mich Ihnen als Sekretär anbieten, da sie dem Vernehmen nach eines solchen bedürfen.« »Das wäre alles, weshalb Sie hergekommen sind?« fragte Mr. Gregsbury mißtrauisch. Nikolas bejahte. »Sie stehen in keiner Verbindung mit einem dieser schuftigen Zeitungsblätter? Sie haben sich nicht in das Zimmer geschlichen, um zu horchen, was vorgeht, und es nachher drucken zu lassen, he?« »Es tut mir leid, sagen zu müssen, daß ich vorderhand mit gar nichts in Verbindung stehe«, entgegnete Nikolas höflich, aber unbefangen. »So. Aber wie fanden Sie den Weg hier herauf!« Nikolas erzählte, wie er durch die Deputation heraufgedrängt worden. »So ging es also zu?« meinte Mr. Gregsbury. »Nun, dann nehmen Sie Platz.« Nikolas nahm einen Stuhl, und Mr. Gregsbury betrachtete ihn eine Weile mit durchbohrenden Blicken, als ob er sich erst genau überzeugen wolle, daß in dem Äußern seines Besuches nichts Verdächtiges liege, ehe er weitere Fragen stellte. »Sie möchten also mein Sekretär werden?« begann er endlich. »Ja.« »Schön. Und was glauben Sie, haben Sie zu leisten?« »Ich denke«, entgegnete Nikolas lächelnd, »daß ich das, was gewöhnlich Sekretären zukommt, zu erledigen haben werde.« »Und das ist?« »Wie?« fragte Nikolas. »Worin besteht das?« forschte das Parlamentsmitglied und sah den Bittsteller, das Haupt auf die Seite geneigt, mit schlauen Blicken an. »Die Obliegenheiten eines Sekretärs sind vielleicht etwas schwer abzugrenzen«, sagte Nikolas nach einigem Besinnen. »Sie umfassen, wie ich mir denke, die Korrespondenz.« »Gut. Und weiter?« »Das Ordnen von Papieren und Dokumenten.« »Sehr gut. – Und?« »Hin und wieder vielleicht etwas niederschreiben, was Sie diktieren. Eine Rede für irgendein öffentliches Blatt –« »Gewiß. Was sonst noch?« »Ich bin wirklich«, sagte Nikolas nach längerem Nachdenken, »ich bin wirklich im Augenblick nicht imstande, noch eine weitere Aufgabe eines Sekretärs namhaft zu machen. Es müßte denn die allgemeine sein, sich seinem Prinzipale soviel wie möglich nützlich zu erweisen, ohne dabei der eigenen Ehre etwas zu vergeben oder die Grenzen der Verpflichtungen zu überschreiten, die nach allgemeinen Begriffen schon durch den Titel seines Amtes angedeutet sind.« Mr. Gregsbury faßte Nikolas eine Weile fest ins Auge, ließ dann den Blick schlau durch das Zimmer gleiten und sagte mit halblauter Stimme: »Das ist alles recht schön, Sir. Wie ist Ihr Name?« »Nickleby.« »Alles recht schön, Mr. Nickleby, und vollkommen in der Ordnung. – Soweit – hm – aber es geht nicht weit genug. Es gibt auch noch andere Verpflichtungen, Mr. Nickleby die der Sekretär eines Parlamentsmitgliedes nicht außer Augen lassen darf! Ich müßte die Forderung an ihn stellen, von ihm in allem und jedem informiert zu werden.« Nikolas machte ein erstauntes Gesicht. »Mein Sekretär müßte sich vollständig mit der auswärtigen Politik, soweit sie in den Zeitungen behandelt wird, vertraut machen, müßte alle Berichte über öffentliche Versammlungen, sowie auch die Hauptsachen, die dabei zur Sprache kommen, durchlesen und sich alles notieren, was ihm geeignet scheint, als Effekt in irgendeiner kleinen Rede oder bei Behandlung einer oder der anderen Frage des Tages angebracht zu werden. Verstehen Sie mich?« »Ich denke, Sir.« »Ferner«, fuhr Mr. Gregsbury fort, »würde es für ihn notwendig sein, hinsichtlich der Tagesfragen, die in den Zeitungen besprochen werden, stets auf dem laufenden zu bleiben, und auch das ›Mosaik‹, wie zum Beispiel geheimnisvolles Verschwinden und mutmaßlicher Selbstmord eines Bierausträgers und dergleichen, woran sich eine Frage an den Staatssekretär des Ministeriums des Innern knüpfen ließe, nicht zu übersehen. Er hätte dann die Anfrage und das, was mir eventuell von der Antwort noch im Gedächtnis wäre, nebst Beifügung eines kleinen Kompliments über meine selbständige Betätigung und Emsigkeit aufzuschreiben und an irgendein Lokalblatt zu senden, könnte es allenfalls auch mit einem halben Dutzend Zeilen befürworten und darin andeuten, daß ich im Parlament stets auf meinem Platze wäre, mich nie der schweren und wichtigen Pflichten entzöge und so fort. Begreifen Sie?« Nikolas verbeugte sich. »Außerdem würde ich von ihm erwarten, daß er hin und wieder einen Blick in die gedruckten statistischen Tabellen würfe und einige Resultate herauszöge, die mir zum Beispiel bei der Holzzollfrage und ähnlichen finanziellen Verhandlungen einen Namen machen können. Auch wäre es mir angenehm, wenn er kleine Belege für die unheilvollen Wirkungen einer eventuellen Wiedereinführung der Zahlungen in gemünztem Gelde und des Metallumlaufes, nebst gelegentlichen Andeutungen über die Ausfuhr von Gold- und Silberbarren, den Kaiser von Rußland, Banknoten und derartige Dinge sammelte. Man brauchte es jedoch nicht besonders gründlich damit zu nehmen, da es doch niemand versteht. Ist Ihnen das klar?« »Ich glaube Sie zu verstehen«, sagte Nikolas. »Bei Fragen von nichtpolitischem Charakter«, fuhr Mr. Gregsbury, immer wärmer werdend, fort, »und in Fällen, wo es die Wohlfahrt des Pöbels und dergleichen betrifft, hätten Sie einige allgemeine menschenfreundliche Reden auszuarbeiten. Andererseits, wenn zum Beispiel irgendeine widersinnige Bill eingebracht würde, wie etwa das Recht der Schriftsteller an ihrem geistigen Eigentum und ähnliches dummes Zeug, zu dem ich nie meine Zustimmung geben würde, so weisen Sie auf das Recht des Publikums auf das geistige Nationaleigentum hin. Dann und wann bei wichtigen Debatten hätten Sie sich in die vorderen Reihen der Galerie zu setzen und zu Ihren Nachbarn zu sagen: ›Sehen Sie jenen Herrn dort? Den mit der Hand an der Stirne, der den Arm um den Pfeiler geschlungen hat? Das ist Mr. Gregsbury! Der berühmte Mr. Gregsbury.‹ Nebst anderen kleinen Lobsprüchen, wie Sie Ihnen eben der Augenblick eingibt. – Was schließlich das Gehalt anbelangt«, warf Mr. Gregsbury hin, »was schließlich das Gehalt anbelangt, so soll es mir nicht darauf ankommen, eine runde Summe zu bewilligen. Sagen wir fünfzehn Schillinge wöchentlich, wobei Sie sich natürlich selbst zu verköstigen hätten.« Dabei lehnte sich Mr. Gregsbury in seinem Stuhle zurück und gab sich das Air eines Mannes, der zwar verschwenderisch freigebig gewesen, aber dessenungeachtet fest entschlossen ist, kein Wort von seinem Angebot zurückzunehmen. »Fünfzehn Schillinge wöchentlich sind nicht viel«, wendete Nikolas schüchtern ein. »Nicht viel? Fünfzehn Schillinge wöchentlich nicht viel, junger Mann?« rief Mr. Gregsbury. »Fünfzehn Schillinge wöch –« »Ich bitte, glauben Sie nicht, daß ich die Summe bemängle«, entschuldigte sich Nikolas. »Ich schäme mich nicht zu bekennen, daß sie, so gering sie auch sein mag, für mich immer noch bedeutend ist. Aber die Pflichten und Verantwortlichkeiten lassen das Gehalt klein erscheinen, und diese sind in der Tat so schwer, daß ich mich scheue, sie zu übernehmen.« »Sie wollen also die Stelle nicht annehmen, Sir?« fragte Mr. Gregsbury mit der Hand an der Klingelschnur. »Ich fürchte, ich bin ihr nicht gewachsen.« »Das will also soviel sagen, daß Sie den Posten nicht übernehmen und fünfzehn Schillinge wöchentlich für zu wenig halten?« fragte Mr. Gregsbury und klingelte. »Sie lehnen also wirklich ab, Sir?« »Ich habe keine andere Wahl.« »Die Türe, Mathäus!« rief Mr. Gregsbury, als der Bediente erschien. »Es tut mir leid, Sie unnötig inkommodiert zu haben, Sir«, entschuldigte sich Nikolas. »Mir gleichfalls«, entgegnete Mr. Gregsbury, Nikolas den Rücken kehrend. »Die Türe, Mathäus!« »Guten Morgen«, sagte Nikolas. »Die Türe, Mathäus!« wiederholte Mr. Gregsbury. Der Bediente winkte Mr. Nickleby, taumelte träge die Stiegen hinunter voraus, öffnete die Türe und führte ihn auf die Straße. Mit trauriger und nachdenklicher Miene trat Nikolas seinen Heimweg an. Smike hatte inzwischen aus den Überresten des gestrigen Abendessens eine Mahlzeit zusammengestellt und harrte ängstlich seiner Rückkehr. Die Ereignisse des Morgens waren nicht geeignet, Nikolas' Appetit zu vermehren, und so blieb denn das Mittagsmahl von seiner Seite unangetastet. Er saß in nachdenklicher Stellung da und hatte die Schüssel, die der arme Junge sorgsam mit den auserlesensten Bissen gefüllt hatte, unberührt vor sich stehen, als Newman Noggs ins Zimmer trat. »Wieder zurück, Mr. Nickleby?« »Ja, aber todmüde. Und, was das schlimmste ist, ohne Erfolg; ich hätte ebensogut zu Hause bleiben können.« »Sie dürfen nicht erwarten, an einem einzigen Morgen viel auszurichten«, tröstete Newman. »Kann sein; aber ich bin etwas sanguinisch und hoffte eben«, sagte Nikolas. »Ich bin wirklich aufs ärgste enttäuscht.« Er erzählte sodann Newman, wie es ihm ergangen. »Wenn ich nur irgend etwas tun könnte«, klagte er. »Irgend etwas, bis mein Onkel zurückkehrt. Ich würde ihm leichteren Herzens und in glücklicherer Stimmung gegenübertreten können. Der Himmel weiß, daß ich mich nicht scheue zu arbeiten, und es bringt mich rein zum Wahnsinn, daß ich untätig hier angebunden sein soll wie ein wildes Tier im Käfig.« »Hm. Etwas ganz Geringfügiges wäre schließlich zur Hand«, meinte Newman Noggs verlegen; »es würde wenigstens die Miete tragen und noch etwas darüber, aber es ist nichts für Sie. – Nein, nein, Sie dürfen nicht drauf eingehen.« »Auf was soll ich nicht eingehen?« fragte Nikolas und blickte auf. »Zeigen Sie mir in dieser weiten Wüstenei von London nur ein Mittel, durch das ich mir die wöchentliche Miete dieses armseligen Zimmers verdienen könnte. Nur ehrlich muß es sein.« »Ich getraue mich kaum, Ihnen mitzuteilen, was es ist«, stotterte Newman. »Rücken Sie um Gottes willen schon damit heraus, lieber Freund!« drängte Nikolas. »Bedenken Sie doch meine jämmerliche Lage und lassen Sie mich wenigstens Ihre Meinung wissen. Ich will Ihnen ja gerne versprechen, keinen Schritt zu tun, ohne mich mit Ihnen beraten zu haben.« Newman stotterte noch eine Menge der unverständlichsten und verwirrtesten Sätze hervor, dann aber kam heraus, daß Mrs. Kenwigs ihn lang und breit über den Ursprung seiner Bekanntschaft mit Nikolas und über dessen Leben, Schicksale und Familie ausgefragt hätte. Er sei zwar diesen Fragen so lange wie möglich ausgewichen, habe aber endlich doch damit herausrücken müssen, Nikolas sei ein ganz vorzüglicher Lehrer, heiße Johnson und sei gegenwärtig leider in mißlichen Verhältnissen, deren Natur er wohl nicht weiter auseinanderzusetzen brauche. Mrs. Kenwigs hätte hierauf aus Dankbarkeit, Ehrgeiz oder mütterlichem Stolz, oder aus allen dreien mit ihrem Gatten geheime Rücksprache gepflogen und wäre endlich mit der Frage zurückgekehrt, ob nicht Mr. Johnson die vier kleinen Kenwigs in der französischen Sprache, genau wie sie von den eingeborenen Franzosen gesprochen würde, gegen ein wöchentliches Honorar von fünf Schillingen unterrichten möchte. »So, jetzt hätte ich Ihnen die Sache vorgetragen«, schloß Newman. »Der Antrag ist zwar, wie ich wohl weiß, unter Ihrer Würde, aber ich dachte, er könnte vielleicht –« »Vielleicht?« rief Nikolas mit großer Lebhaftigkeit. »Nein, nein, er kommt mir außerordentlich gelegen. Sie können, mein lieber Freund, der würdigen Dame ohne Verzug erklären, daß ich bereit bin anzufangen, sobald es ihr paßt.« Newman eilte vergnügt hinunter und kehrte bald darauf mit der Nachricht zurück, sie werde sich glücklich schätzen, Mr. Johnson, sobald es ihm angenehm sei, in der Beletage zu empfangen. Sie habe bereits um eine alte französische Grammatik und französische Konversationshefte geschickt, wie sie auf den Bücherkarren das Stück zu sechs Pence ausgerufen würden, und die erste Unterrichtsstunde könne sodann unverzüglich begonnen werden. »Wie befinden Sie sich, Mr. Johnson?« fragte Mrs. Kenwigs, als gleich darauf Nikolas seine Aufwartung machte. – »Gestatten Sie: – Mein Onkel – Mr. Johnson.« »Wie geht es Ihnen, Sir?« fragte Mr. Lillyvick in etwas barschem Tone, denn er hatte in der vorigen Nacht Nikolas' Stand nicht gekannt, und allzu große Höflichkeit gegenüber einem Hauslehrer hätte sich für einen Steuereinnehmer nicht geschickt. »Wir haben Mr. Johnson als Instruktor für die Kinder gewonnen, Onkel«, erklärte Mrs. Kenwigs. »Ich habe das eben von dir vernommen, meine Liebe«, brummte Mr. Lillyvick. »Aber ich hoffe«, fuhr Mrs. Kenwigs, sich in die Brust werfend, fort, »daß sie dadurch nicht stolz werden, sondern ihrem Schicksal danken, das ihnen schon durch ihre Geburt eine bessere Stellung anweist als den Kindern gemeiner Leute. Hörst du, Morlina!« »Ja, Mama«, entgegnete Miss Kenwigs. »Und wenn ihr auf die Straße oder sonst wohin kommt, so verlange ich, daß ihr nicht gegenüber andern Kindern damit großtut«, ermahnte Mrs. Kenwigs. »Wenn ihr schon darüber sprechen wollt, so dürft ihr nur sagen, wir haben einen Privatlehrer genommen, der uns zu Hause Unterricht erteilt, aber wir überheben uns deshalb nicht, denn Mama sagt, das wäre eine Sünde. Hörst du, Morlina?« »Ja, Mama.« »Also dann vergiß es nicht und tu, wie ich dir sage. – Soll Mr. Johnson jetzt anfangen, Onkel?« »Ich bin bereit zuzuhören, wenn Mr. Johnson anzufangen bereit ist, meine Liebe«, erklärte der Steuereinnehmer mit Kennermiene. »Für was für eine Art von Sprache halten Sie das Französische, Sir?« »Wie meinen Sie das?« fragte Nikolas. »Halten Sie es für eine gute Sprache, für eine schöne Sprache, für eine vernünftige Sprache?« »Für eine schöne Sprache gewiß«, versetzte Nikolas, »und da es für alles eine Bezeichnung hat und auch eine gewandte und ausdrucksvolle Konversation zuläßt, so möchte ich sie auch eine verständige nennen.« »Hm«, meinte Mr. Lillyvick kopfschüttelnd. »Halten Sie es auch für eine heitere Sprache?« »Ganz gewiß.« »Dann muß es sich seit meiner Zeit sehr geändert haben. Hm. Ja. Recht sehr«, sagte der Steuereinnehmer. »War es denn zu Ihrer Zeit eine traurige?« fragte Nikolas, mühsam ein Lächeln unterdrückend. »Allerdings«, entgegnete Mr. Lillyvick mit einiger Heftigkeit. »Ich spreche von der Zeit des letzten Krieges. Es mag meinetwegen eine heitere Sprache sein, denn ich möchte niemand gern widersprechen, das aber kann ich behaupten: ich hörte die französischen Gefangenen, die doch als Eingeborene sich darauf verstehen müssen, in einer so traurigen Weise miteinander sprechen, daß mir schon vom Zuhören ganz elend wurde. Ja, ja, das ist mir wenigstens fünfzigmal passiert.« Mr. Lillyvick hatte sich in seiner Ereiferung in einen solchen Unwillen hineingeredet, daß es Mrs. Kenwigs für zweckmäßig erachtete, Nikolas heimlich einen Wink zu geben, um Gottes willen nichts darauf zu erwidern. Auch bedurfte es so manchen Schmeichelwortes von seiten Miss Petowkers, bis der vortreffliche alte Herr wieder ruhiger wurde und sich herabließ, das Schweigen durch die Frage zu unterbrechen: »Wie heißt ›das Wasser‹ auf französisch?« »L'eau«, antwortete Nikolas. »Da haben wir's«, meinte Mr. Lillyvick den Kopf schüttelnd. »Lo was? Nein, ich halte nichts – nicht das mindeste von dieser Sprache.« »Wollen wir die Kinder nicht anfangen lassen, Onkel?« drängte Mrs. Kenwigs. »Meinetwegen können sie ruhig anfangen, meine Liebe«, gestattete der Steuereinnehmer unzufrieden. »Ich habe nicht die Absicht, ihnen etwas in den Weg zu legen.« Auf diese gütige Erlaubnis setzten sich die vier kleinen Kenwigs in eine Reihe, alle mit den Zöpfen auf einer Seite, und Morlina obenan, während Nikolas das Buch zur Hand nahm und mit den einleitenden Erklärungen begann. Miss Petowker und Mrs. Kenwigs sahen in bewunderndem Schweigen zu. Nur hie und da flüsterte die glückliche Mutter, Morlina werde in kürzester Zeit alles begriffen haben, und Mr. Lillyvick betrachtete die Gruppe mit finsteren Blicken, einer Gelegenheit harrend, die ihm zu neuen Erörterungen über diese traurige Sprache Anlaß geben könnte. 17. Kapitel Kate Nicklebys weitere Schicksale Mit schwerem Herzen und bösen Ahnungen stand Kate einige Minuten vor der festgesetzten Zeit im Hause Madame Mantalinis in einem Zimmer, das durch eine Flügeltüre von dem Salon getrennt war, und wartete, bis man sie holen kommen werde. Das Gemach enthielt nicht viel Sehenswertes, außer höchstens ein in Öl gemaltes Brustbild, das Mr. Mantalini darstellte, wie er sich ungezwungen am Kopfe kratzte – wahrscheinlich, damit der Brillantring am Zeigefinger voll zur Geltung komme. Im anstoßenden Zimmer hörte man jetzt Stimmen, und da die Unterhaltung ziemlich laut und die Wand sehr dünn war, erkannte Kate ohne Mühe, daß sie Mr. und Mrs. Mantalini angehörten. »Wenn du so odiös und abscheulich eifersüchtig sein willst, Schätzchen, so wirst du dich selber sehr elend, schrecklich elend, verteufelt elend machen.« Sodann ließ sich ein Ton vernehmen, als ob Mr. Mantalini Kaffee schlürfe. »Ach, ich bin schon elend«, ächzte Madame Mantalini, augenscheinlich sehr übel gelaunt. »Dann bist du eine undankbare, abscheuliche, verteufelte kleine Zauberin«, entgegnete Mantalini. »Das bin ich nicht!« schluchzte Madame. »Schätzchen darf nicht so übel gelaunt sein«, flötete Mr. Mantalini, ein Ei aufschlagend. »Du hast ein so verteufelt bezauberndes Gesichtchen, daß du keinem Unmut darauf Raum geben solltest, denn das beraubt es seiner Liebenswürdigkeit und macht es finster aussehen wie das eines schrecklichen, abscheulichen, verteufelten kleinen Kobolds.« »Auf diese Weise wirst du mich nicht besänftigen«, schmollte Madame. »Den ganzen Abend hast du ihr den Hof gemacht.« »Aber geh, Schätzchen. Was sprichst du da!« »Ja, sage ich dir. Ich will nicht, daß du mit andern tanzst. Lieber nehme ich Gift.« »Ach, Schätzchen wird kein Gift nehmen und sich dadurch schreckliche Schmerzen bereiten«, säuselte Mantalini, offenbar sehr gelangweilt. »Schon deshalb nicht, weil sie einen verteufelt schönen Mann hat, der zwei Gräfinnen hätte heiraten können, und eine Witwe –« »Zwei Gräfinnen? Du sprachst doch früher nur von einer.« »Zwei«, beteuerte Mantalini, »zwei verteufelt schöne Damen. Wirkliche Gräfinnen und immens reich.« »Warum hast du sie denn nicht geheiratet?« fragte Madame schnippisch. »Warum nicht? Weil ich bei einer gewissen Matinee die verteufelt süßeste kleine Zauberin gesehen habe, gegen die alle Gräfinnen und Witwen in England –« Mr. Mantalini beendete seinen Satz nicht, sondern gab Madame einen schallenden Schmatz. Dann schienen noch mehrere Küsse von Zeit zu Zeit das Geschäft des Frühstücks zu unterbrechen. »Und wie sieht es in der Kasse aus, du Juwel meines Daseins?« fragte Mantalini nach einer Weile. »Über wieviel haben wir zu verfügen?« »Leider nur über sehr wenig«, seufzte Madame. »So müssen wir uns irgendwie Geld beschaffen«, rief Mr. Mantalini, »der alte Nickleby muß uns wieder einen Vorschuß geben, damit wir uns durchschlagen können.« »Du kannst aber doch nicht schon wieder Geld brauchen?« »Mein Leben und meine Seele, bei Serrubbs steht ein Pferd zu Verkauf – rein umsonst. Es wäre direkt eine Sünde, eine solche Gelegenheit auszulassen. Rein umsonst. Lumpige hundert Guineen! Stell dir vor, wenn ich damit grade vor dem Wagen der verschmähten Gräfinnen durch den Hydepark reite, sie werden vor Schmerz und Wut in Ohnmacht fallen. ›Er ist unsern Liebesnetzen entwischt. Verteufelte Sache das.‹ Sie werden sich gegenseitig teufelsmäßig hassen und dich tot und begraben wünschen. Ha, ha, verteufelt.« Madame Mantalinis Klugheit, wenn sie überhaupt welche besaß, hielt nicht stand gegenüber solchen in Aussicht gestellten Triumphen. Sie klimperte ein wenig mit den Schlüsseln und erklärte, in der Kasse nachsehen zu wollen. Zu diesem Zweck öffnete sie die Flügeltüre und trat in das Zimmer, in dem Kate saß. »Himmel!« rief sie und prallte überrascht zurück. »Wieso sind Sie hier, liebes Kind?« »Kind!« rief auch Mr. Mantalini und eilte rasch herbei. »Wieso sind Sie–eh–oh–zum Teufel. – Wie geht es Ihnen?« »Ich warte hier schon einige Zeit, Madame«, erklärte Kate der Putzmacherin. »Vermutlich hat der Bediente vergessen, Ihnen zu melden, daß ich hier bin.« »Du mußt wirklich diesen Burschen einmal beim Schopf nehmen!« sagte Madame zu ihrem Gatten. »Ich will ihm seine verteufelte Nase aus dem Gesicht reißen, weil er ein so entzückendes Wesen so ganz allein hier läßt.« »Mantalini!« verwies Madame. »Du vergissest dich!« »Ich vergesse dich nicht, mein Schatz, und kann und werde dich auch nie vergessen«, beteuerte Mantalini, küßte seiner Gattin die Hand und blinzelte zugleich Kate zu, die sich jedoch verächtlich abwandte. Durch diese Schmeichelei beschwichtigt, nahm Madame Mantalini ein paar Banknoten aus ihrem Schreibpult und händigte sie ihrem Gatten ein, der sie mit großem Entzücken entgegennahm. Dann forderte sie Kate auf, ihr zu folgen, und führte sie eine Treppenflucht hinunter und über einen Gang in ein großes Hinterzimmer, in dem eine Anzahl junger Mädchen mit Nähen, Zuschneiden, Umändern und verschiedenen andern ähnlichen Verrichtungen beschäftigt war. Es war ein langes schmales Zimmer, in das durch eine Öffnung in der Decke Licht hereinfiel, und so düster und unbehaglich wie nur irgend möglich. Dienstbeflissen eilte sofort Miss Knag, eine kleine, geschäftige, wichtigtuende, aufgedonnerte Person herbei, während die Nähterinnen einen Augenblick in ihrer Beschäftigung innehielten und einander kritische Bemerkungen über den Schnitt und Stoff von Kates Kleid zuflüsterten. »Miss Knag, hier ist das junge Mädchen, von dem ich bereits mit Ihnen gesprochen hatte«, begann Madame Mantalini. Miss Knag antwortete mit einem verbindlichen Lächeln, das sie Kate gegenüber geschickt in ein herablassendes umzuwandeln wußte, und erklärte dann, daß man zwar mit jungen Mädchen, die an das Geschäft noch nicht gewöhnt seien, anfangs viel Mühe habe, aber sie sei überzeugt, daß Kate sich nach Kräften anstellig erweisen werde. »Ich denke, es wird vorderhand am besten sein, wenn Miss Nickleby mit Ihnen in das Ankleidezimmer geht und den Kundschaften beim Anprobieren hilft«, meinte Madame Mantalini. »Sie wird sich jetzt noch in keiner anderen Weise nützlich machen können, und ihr Äußeres –« »Harmoniert ausgezeichnet mit dem meinigen, Madame«, fiel Miss Knag ein. »Nur ist mein Teint etwas dunkler als der ihrige, und, hem, ich glaube, mein Fuß wird auch ein wenig kleiner sein. Gewiß. Miss Nickleby wird mir nicht übelnehmen, daß ich so spreche, wenn sie hört, daß unsere Familie von jeher wegen ihrer kleinen Füße berühmt war, seit – hem – seit, glaube ich, unsere Familie überhaupt Füße besaß. Ich hatte einmal einen Onkel, Madame Mantalini, der in Cheltenham wohnte und eine sehr ausgedehnte Tabakfabrik besaß, hem. Er hatte so winzig kleine Füße, wie man sie gewöhnlich an hölzernen Beinen anbringt, hem. Füße von so wunderschönem Ebenmaß, Madame, wie Sie sich sie nur denken können.« »Dann mögen sie wohl einige Ähnlichkeiten mit Klumpfüßen gehabt haben, Miss Knag«, witzelte Madame. »Kostbar! Nein kostbar! Das sieht Ihnen wieder ganz gleich«, schmeichelte Miss Knag. »Ha, ha, ha, Klumpfüße, köstlich, wie oft habe ich zu den jungen Mädchen schon gesagt, die treffendsten Witze, hem, die ich je gehört habe – und ich habe viel gehört, denn als mein Bruder noch lebte, hatten wir jede Woche zwei oder drei junge Herren beim Abendessen, die wegen ihres Witzes allgemein bekannt waren, Madame –, die treffendsten Witze, sage ich den jungen Mädchen immer, die ich je gehört habe, macht Madame Mantalini. Sie sind so sarkastisch und dabei doch nie beleidigend, daß es mir, wie ich erst diesen Morgen noch zu Miss Simmonds sagte, ein wahres Rätsel ist, woher Sie sie nur so aus dem Ärmel schütteln können.« Atemlos hielt Miss Knag inne. »Ich bitte also Sorge zu tragen, daß Miss Nickleby ihr Ressort genau kennenlernt«, kam Madame Mantalini einem neuerlich drohenden Redeschwall zuvor. »Ich übergebe sie jetzt Ihrer Obhut, Miss Knag. – Guten Morgen.« »Eine bezaubernde Dame, nicht wahr, Miss Nickleby!« wendete sich Miss Knag, sich die Hände reibend, jetzt an Kate. »Ich habe sie erst ein paarmal flüchtig gesehen«, wich Kate einer ausführlichen Antwort aus. »Mr. Mantalini kennen Sie doch auch?« »Ja, ich bin ihm schon zweimal begegnet.« »Ist er nicht ein entzückender Mann?« »Nun, er ist mir nicht gerade so vorgekommen«, versetzte Kate. »Nicht?« rief Miss Knag und schlug erstaunt die Hände zusammen. »Barmherziger Himmel, ja, was haben Sie denn für einen Geschmack? So ein schöner, schlanker, vornehm aussehender Herr! Und diese Haare! Diese Zähne, der Bart! Hem. Nein, Sie setzen mich wirklich in Erstaunen.« »Ich gebe gerne zu, daß ich recht töricht bin, aber da meine Ansicht weder für ihn noch jemand anders einen besonderen Wert hat, so bedaure ich nicht, sie mir gebildet zu haben, wie ich auch nicht glaube, daß ich sie so schnell ändern werde.« Nach einem kurzen Schweigen, während dessen Kate ihren Hut und Schal abgelegt hatte, fragte eine der Näherinnen, ob sie sich denn in ihrer schwarzen Tracht nicht recht unbehaglich fühle. »So staubig und heiß, nicht?« Kate hätte sagen können, daß Schwarz die eisigste Tracht sei, die der Mensch anlegen kann. Aber sie brachte kein Wort hervor. Tränen traten ihr in die Augen. »Es tut mir außerordentlich leid, Sie durch meine Unbedachtsamkeit verletzt zu haben«, entschuldigte sich die Nähterin. »Sie trauern vermutlich um einen nahen Verwandten?« »Um meinen Vater«, antwortete Kate weinend. »Um wen, Miss Simmonds?« fragte Miss Knag laut. »Um ihren Vater«, flüsterte die Nähterin. »So, um ihren Vater«, wiederholte Miss Knag rücksichtslos. »Wahrscheinlich lange krank gelegen, Miss Nickleby?« »Unser Unglück kam sehr unverhofft«, schluchzte Kate, sich abwendend, »sonst wäre ich vielleicht jetzt imstande, es leichter zu tragen.« Das Arbeiterinnenpersonal war, wie immer in solchen Fällen, nicht wenig neugierig gewesen, das Wer, Was, Warum und Wieso von Kate zu erfahren; aber obgleich das Äußere und die Empfindlichkeit des jungen Mädchens diesen Wunsch nur vermehren konnte, so schwiegen doch alle, um ihr nicht wehe zu tun, weshalb denn auch Miss Knag weitere Versuche, Details zu erfahren, vorderhand unterließ und, wenn auch ungern, ihre Gehilfinnen an die Arbeit gehen hieß. Die Mädchen nähten in stummer Emsigkeit bis halb zwei Uhr fort, um welche Zeit eine gebratene Schöpsenkeule mit Kartoffeln aufgetragen wurde. Als die Mahlzeit vorüber war, ging es wieder an die Arbeit, die schweigend fortgesetzt wurde, bis der Lärm von Wagen, die durch die Straßen rasselten, und laute Doppelschläge an der Türe das Zeichen gaben, daß das Tagewerk der beglückteren Glieder der menschlichen Gesellschaft seinen Anfang nahm. Bald darauf hielt die Equipage einer vornehmen Dame, oder besser gesagt: einer reichen, vor der Haustüre. Kate wurde beauftragt, zusammen mit Miss Knag, natürlich unter dem Vortritt Madame Mantalinis, die Dame mit ihrer Tochter zu empfangen und die bestellten Kleider behufs Anprobe zu bringen. Kates Rolle bei dieser Feierlichkeit war bescheiden genug, da sich ihre Obliegenheiten darauf beschränkten, die Kleider zu halten, bis Miss Knag sie anprobierte, hin und wieder eine Schleife zu knüpfen oder eine Stecknadel zu befestigen. Zufälligerweise waren gerade die reiche Dame und ihre Tochter an diesem Tage schlechter Laune, und das ging an der armen Kate Nickleby aus. Einmal war sie tölpisch, dann hatte sie kalte, schmutzige oder rauhe Hände, kurz, sie konnte nichts recht machen. Die Damen wunderten sich, wie Madame Mantalini solche Leute nur um sich dulden könne; wenn sie das nächste Mal herkämen, wünschten sie ein anderes junges Mädchen zu sehen, usw. Kate vergoß bittere Tränen, als sie fort waren, und fühlte zum erstenmal so recht das Demütigende ihrer Stellung. Der Mut war ihr allerdings bei der Aussicht auf Dienenmüssen und saure Arbeit sehr gesunken, aber sie hatte nichts Herabwürdigendes in dem Gedanken, um ihren Lebensunterhalt arbeiten zu müssen, gefühlt, bis sie sich jetzt auf einmal hilflos rohestem Hochmut ausgesetzt sah. Ein bißchen Philosophie würde sie zwar gelehrt haben, daß das Erniedrigende in einem solchen Falle lediglich auf Seite derer liegt, die so ohne jede Ursache ihrer Laune die Zügel schießen lassen, aber sie war zu jung, um darin einen Trost zu finden, und sie fühlte sich tief gekränkt. Unter solchen und ähnlichen Auftritten und Beschäftigungen rückte die Feierabendstunde heran, und Kate enteilte, ermattet und entmutigt von den Vorgängen des Tages, dem engen Raume des Arbeitszimmers, um mit ihrer Mutter, die an der Straßenecke auf sie wartete, nach Hause zu gehen. Ein schmerzlicher Abendgang, denn sie mußte ihre wahren Empfindungen verbergen und sich stellen, als teile sie alle die sanguinischen Träume ihrer Mutter. »Mein liebes Kätchen«, plauderte Mrs. Nickleby redselig drauflos, »ich habe den ganzen Tag darüber nachgedacht, wie herrlich es wäre, wenn Madame Mantalini dich mit in Kompanie nähme. Und wie leicht wäre das möglich! Die Schwägerin eines Vetters deines armen Vaters, eine Miss Browndock, ging in Kompanie mit einer Dame, die ein Erziehungsinstitut in Hammersmith hatte, und machte in ganz kurzer Zeit ihr Glück. Ich weiß nicht mehr genau, ob diese Miss Browndock dieselbe war, die zehntausend Pfund in der Lotterie gewann, aber ich glaube beinahe nein. Halt, ich kann mich jetzt wieder ganz genau entsinnen, daß sie es doch war – Mantalini \& Nickleby, wie gut das klingen würde! Und wenn Nikolas nur ein wenig Glück hat, so kann er noch als Doktor Nickleby Rektor der Westminsterschule, mit dir in derselben Straße wohnen.« »Der liebe, gute Nikolas«, rief Kate und nahm den Brief ihres Bruders, den dieser zuletzt aus Dotheboys Hall geschrieben hatte, aus ihrem Strickbeutel. »Wie glücklich können wir nicht trotz all unserem Mißgeschick sein, Mama, wo wir hören, daß es ihm so gut geht, und aus seinem Brief entnehmen, daß er heiter und glücklich ist. Ach, wie tröstet mich das für alles!« Arme Kate, sie ahnte nicht, auf wie schwachen Füßen dieser Trost stand und wie bald sie enttäuscht werden sollte. 18. Kapitel Miss Knag faßt, nachdem sie drei ganze Tage in Kate Nickleby förmlich vernarrt gewesen, den Entschluß, sie für immer zu hassen »Wirklich, Madame Mantalini«, lobte Miss Knag, als Kate am ersten Abend ihres Noviziats nach Hause gegangen war, »ich muß sagen, diese Miss Nickleby ist eine vorzügliche junge Person. In der Tat, eine ganz vorzügliche junge Person, hem, auf mein Wort, Madame Mantalini. Es macht Ihrem Scharfblick wieder einmal die größte Ehre, daß Sie ein so ausgezeichnetes, anständiges, hem, und bescheidenes junges Mädchen zur Mithilfe beim Anprobieren ausgewählt haben. Mir ist schon so manches junge Frauenzimmer untergekommen, das, wenn es Gelegenheit hatte, sich vor vornehmeren Leuten zu zeigen, sich auf eine Weise benahm – hem. Aber Sie treffen es doch immer, Madame Mantalini, ja, jedesmal, und ich sage den jungen Mädchen stets, ich kann es nicht begreifen, wie Sie es eigentlich anfangen, bei allem eine so glückliche Hand zu haben, wo doch andere Leute so oft daneben greifen.« »Ich habe aber nicht bemerkt, daß Miss Nickleby heute etwas Besonderes geleistet hätte, außer höchstens, daß sie zwei meiner besten Kunden in üble Laune versetzt hat«, entgegnete Madame Mantalini. »Du mein Gott«, seufzte Miss Knag, »Sie wissen ja, man muß der Unerfahrenheit viel nachsehen.« »Und der Jugend.« »Oh, das wollte ich nicht sagen, Madame Mantalini«, versetzte Miss Knag errötend. »Wenn Jugend ein Entschuldigungsgrund wäre, so würden Sie keine –« »So gute Aufseherin haben, wie es der Fall ist, denken Sie«, ergänzte Madame Mantalini. »Madame Mantalini«, erwiderte Miss Knag geschmeichelt, »wahrhaftig, Sie lesen einem die Gedanken ab, ehe man sie noch über die Lippen gebracht hat. – Köstlich – ha, ha, ha.« »Was mich betrifft«, bemerkte Madame Mantalini, nur mit größter Mühe das Lachen verbeißend, »so habe ich noch nie ein ungeschickteres Mädchen gesehen als Miss Nickleby.« »Das arme Ding«, entschuldigte Miss Knag gutmütig, »sie kann nichts dafür. So etwas ist angeboren, wie der Mann von dem blinden Pferde sagte. Wir müssen eben Nachsicht haben.« »Und ihr Onkel sagte mir, sie sei hübsch. – Ich finde, sie ist eines der unbedeutendsten Mädchen, das mir je vorgekommen ist.« »Unbedeutend!« rief Miss Knag mit vor Wonne strahlendem Gesicht. »Und ungeschickt! – Aber trotzdem, sehen Sie, Madame, bin ich ganz vernarrt in das arme Ding. Und sähe sie noch zweimal so unbedeutend aus, und wäre sie noch viel ungeschickter, als sie ist, so könnte ich mir doch nicht helfen. Hem. Ja, ja, gewiß und wahrhaftig.« Miss Knag hatte bereits eine aufkeimende Zuneigung zu Kate Nickleby gefaßt, als sie Zeuge ihres mißlungenen Auftretens am Morgen gewesen, und die eben erwähnte kurze Unterhaltung mit ihrer Brotherrin erhöhte ihre gute Meinung von dem Mädchen außerordentlich, was um so merkwürdiger war, als ihr bei der ersten Musterung von Kates Gesicht und Figur manche böse Ahnungen aufgestiegen waren, als ob sie nicht am besten miteinander auskommen würden. »Aber jetzt«, sagte sich Miss Knag und betrachtete sich im Spiegel, »jetzt liebe ich sie wie eine Freundin.« Und dieses Gefühl war so überquellend und uneigennützig, daß die gutherzige Miss Knag schon am nächsten Tage Kate Nickleby unverhohlen erklärte, sie würde nie für das Geschäft passen, brauche sich aber darüber nicht im mindesten zu grämen, denn sie (Miss Knag) wolle durch vermehrte Anstrengungen so viel wie möglich die Aufmerksamkeit von ihr ablenken, so daß sie weiter nichts zu tun habe, als sich ruhig zu verhalten, wenn Kundinnen da wären, damit ihre Ungeschicklichkeit weniger ins Auge falle. Dieser Vorschlag, im Hintergrund zu bleiben, stand viel zu sehr im Einklang mit den Gefühlen und Wünschen des schüchternen jungen Mädchens, als daß es nicht ohne Bedenken versprochen hätte, dem Rat der selbstlosen alten Jungfer aufs strikteste nachzukommen, ohne auch nur einen Augenblick die Gründe, denen er entsprang, zu ahnen. »Auf mein Wort, ich hege die wärmste Teilnahme für Sie, meine Liebe«, versicherte Miss Knag. »Eine so schwesterliche Teilnahme, daß ich es mir rein nicht zu erklären vermag.« Es war allerdings etwas unerklärlich, daß bei dem großen Altersunterschied noch schwesterliche Sympathien rege wurden, aber Miss Knag kleidete sich nicht nur sehr jugendlich, sondern fühlte offenbar auch so. »Mein Gott«, lachte sie und gab am Feierabend des zweiten Tages Kate einen Kuß, »wie entsetzlich ungeschickt sind Sie wieder heute den ganzen Tag über gewesen.« »Ich fürchte, Ihre offene und wohlwollende Mitteilung hinsichtlich meiner Mängel hat mich womöglich nur noch befangener gemacht«, seufzte Kate. »Das scheint allerdings so«, versetzte Miss Knag, ungewöhnlich gut gelaunt, »aber es ist viel besser für Sie, daß ich es Ihnen gleich am Anfang gesagt habe. Sie können sich jetzt mit mehr Ruhe vervollkommnen. – Apropos, welchen Weg gehen Sie, meine Liebe?« »Nach der City.« »Nach der City?« rief Miss Knag und band sich mit großer Selbstgefälligkeit den Hut vor dem Spiegel. »Himmel, Sie wohnen wirklich in der City?« »Ist es denn etwas so Ungewöhnliches, dort zu wohnen?« fragte Kate lächelnd. »Ich hätte es nicht für möglich gehalten, daß ein junges Mädchen unter solchen Umständen auch nur drei Tage dort leben könnte.« »Zurückgekommene – ich wollte sagen verarmte Leute«, verbesserte sich Kate rasch, um nicht hochmütig zu erscheinen, »müssen eben mit allem vorliebnehmen.« »Ach, sehr wahr, das müssen sie«, entgegnete Miss Knag mit jener Art von halbem Seufzer, die in Verbindung mit einigen nickenden Bewegungen des Kopfes als das Kleingeld des Mitleids gilt. »Ich sagte das auch immer meinem Bruder, wenn unsere Dienstmädchen eines nach dem anderen krank entlassen werden mußten und er die Schuld auf die feuchte Kammer schob. Die Klasse Menschen, sagte ich ihm, sind froh, wenn sie überhaupt irgendwo schlafen können. Gott gibt die Bürde nach den Schultern; und ist's nicht recht gut, daß es so ist?« »Freilich«, murmelte Kate und wandte ihr Gesicht ab. »Ich will Sie eine Strecke weit begleiten, meine Liebe«, erbot sich Miss Knag. »Sie kommen ziemlich nahe an unserm Hause vorbei, und da es schon recht dunkel ist und unser letztes Mädchen vor einer Woche wegen Rotlaufs im Gesicht ins Spital mußte, kommt es mir recht gelegen, eine Begleitung zu haben.« Kate hätte sich natürlich dieser Ehre gerne entschlagen, aber Miss Knag nahm, nachdem sie endlich ihren Hut zu ihrer völligen Zufriedenheit aufgesetzt, ihren Arm mit solcher Gönnermiene, daß sich nicht gut ein Wort dagegen sagen ließ. »Ich fürchte«, stotterte Kate, »daß Mama – ich meine meine Mutter – auf mich wartet.« »Sie brauchen sich ihretwegen nicht im geringsten zu entschuldigen, meine Liebe«, sagte Miss Knag mit süßem Lächeln, »ich bin überzeugt, daß sie eine achtbare alte Frau ist, und es wird mich sehr – hem – sehr freuen, sie kennenzulernen.« Da wirklich Mrs. Nickleby, übrigens am ganzen Leibe fröstelnd, an der Straßenecke stand, blieb Kate keine andere Wahl, als sie Miss Knag vorzustellen, die sich dabei, die letzte in einer Equipage vorgefahrene Kundin nachahmend, mit herablassender Höflichkeit benahm. Alle drei gingen dann Arm in Arm weiter, Miss Knag, ungemein leutselig, in der Mitte. »Sie können sich keinen Begriff davon machen, Mrs. Nickleby, wie lieb ich Ihre Tochter gewonnen habe«, fing sie nach einer Weile würdevollen Schweigens an. »Es freut mich ungemein, das zu hören«, versetzte Mrs. Nickleby, »obschon es mir nichts Neues ist, daß selbst wildfremde Leute Kate liebgewinnen.« »Hem«, räusperte sich Miss Knag. »Sie werden sie übrigens noch mehr ins Herz schließen, wenn Sie erst sehen werden, wie seelengut sie ist. Es ist mir wirklich ein Trost in meinem Unglück, daß ich ein Kind habe, das weder Hochmut noch Eitelkeit kennt, obgleich es eine Erziehung genossen hat, die wohl ein bißchen von dem einen oder anderen rechtfertigen würde. – Ach, Sie wissen nicht, was es heißt, einen Mann zu verlieren, Miss!« Da Miss Knag nicht wußte, was es heißt, einen Mann bekommen, konnte sie das natürlich schon gar nicht wissen. Sie verneinte daher mit einiger Hast und schnitt dazu ein Gesicht, als verabscheue sie das eheliche Leben aus Herzensgrund. »Ich zweifle nicht, daß Kate schon in dieser kurzen Zeit ordentliche Fortschritte gemacht hat«, fuhr Mrs. Nickleby mit einem stolzen Blick auf ihre Tochter fort. »Oh, natürlich«, sagte Miss Knag. »Und sie wird sich von Tag zu Tag noch weiter vervollkommnen.« »Selbstverständlich«, entgegnete Miss Knag und drückte Kates Arm, damit der Witz nicht verlorengehe. »Sie war schon als kleines Kind auffallend anstellig«, fuhr die ahnungslose Mrs. Nickleby mit leuchtenden Augen fort, »ich erinnere mich, daß, als sie erst zweieinhalb Jahr alt war, ein Herr, der viel in unser Haus kam – Mr. Watkins, du erinnerst dich doch, Kate? Derselbe, für den dein armer Vater Bürgschaft leistete und der dann heimlich nach den Vereinigten Staaten fliehen mußte und uns von dort ein Paar Schneeschuhe schickte und einen so rührenden Brief schrieb, daß dein armer seliger Vater eine ganze Woche darüber weinen mußte. Du weißt doch noch? Er schrieb darin, daß es ihm sehr leid tue, die fünfzig Pfund vorderhand nicht zurückzahlen zu können, da seine Kapitalien auf feste Zinsen angelegt seien. Er arbeite Hals über Kopf, um sein Glück zu machen, hätte aber trotzdem nicht vergessen, daß du sein Patchen wärest, und er würde es sehr übelnehmen, wenn wir dir nicht ein silbergefaßtes Korallenhalsband kauften und es mit auf seine alte Rechnung schrieben. Wie, du erinnerst dich wirklich nicht mehr? Ach, wie vergeßlich du doch bist. Und er lobte noch den alten Portwein so überschwenglich, von dem er jedesmal, sooft er kam, anderthalb Flaschen bei uns zu trinken pflegte. Ach, du mußt dich noch erinnern, Kätchen!« »Ja, ja, Mama, und was ist's mit ihm?« »Nun, dieser Mr. Watkins, meine Liebe«, fuhr Mrs. Nickleby nachdenklich fort, »dieser Mr. Watkins – Sie dürfen nicht glauben, Miss Knag, daß er etwa ein Verwandter des Watkins war, dem das Wirtshaus zum ›Alten Wildschwein‹ im Dorfe gehörte –, doch ich weiß jetzt nicht mehr genau, ob es das ›Alte Wildschwein‹ oder ›Georg der Vierte‹ war, jedenfalls war es eins von den beiden; dieser Mr. Watkins also sagte, als du dritthalb Jahre alt warst, du seist ein solches Wunderkind, wie ihm noch nie eins im Leben vorgekommen wäre. – Ja, das sagte er, Miss Knag, obschon er sonst nichts weniger als ein Kinderfreund war und auch nicht den mindesten Grund haben konnte, zu schmeicheln. Ich weiß jetzt ganz bestimmt, daß es Mr. Watkins war, der dies sagte, denn ich erinnere mich noch so gut, als ob es erst gestern gewesen wäre, daß er unmittelbar darauf zwanzig Pfund von meinem armen Manne borgte.« Nachdem Mrs. Nickleby dieses außerordentliche und höchst uneigennützige Zeugnis für die Vorzüge ihrer Tochter angeführt hatte, hielt sie inne, um Atem zu schöpfen, und Miss Knag benützte die Pause, ihrerseits mit einer kleinen Familienreminiszenz einzufallen. »Ach, sprechen Sie mir nicht vom Geldausborgen, Mrs. Nickleby«, fiel sie zungengeläufig ein, »oder Sie treiben mich zur Verzweiflung. Ja – hem – vollkommen zur Verzweiflung. Meine Mama, hem, war das liebenswürdigste und schönste Geschöpf der Welt, mit der auffallendsten und vollkommensten, hem, der allervollkommensten Nase, die man, glaube ich, je in einem menschlichen Gesicht gesehen hat, Mrs. Nickleby. Die angenehmste und vollendetste Frau, die je gelebt hat, aber sie hatte den einzigen Fehler, Geld zu verborgen. Hem – Tausende von Pfunden, unser ganzes kleines Vermögen und noch mehr. Ich glaube, wir werden keinen Penny zurückerhalten, und wenn wir – hem – so alt würden – hem – wie Methusalem.« So gingen die beiden Damen plaudernd und in vollkommenster Eintracht nebeneinander her, und der einzige Unterschied zwischen ihrer Unterhaltung bestand darin, daß Miss Knag sich gewöhnlich an Kate wendete und ungewöhnlich laut sprach, während Mrs. Nickleby monoton daherschwätzte, froh, überhaupt sprechen zu können, ohne sich sonderlich darum zu kümmern, ob ihr jemand zuhörte oder nicht. Sie erreichten endlich Miss Knags und ihres Bruders Wohnung, der mit buntem Papier handelte und in einem Nebengäßchen der St.-Giles-Street eine kleine Leihbibliothek hielt. Miss Knag war gerade mitten in einer Erzählung ihres zweiundzwanzigsten Heiratsantrags und bestand daher darauf, daß Kate und ihre Mutter mir ihr zu Nacht essen sollten. »Du brauchst nicht fortzulaufen, Mortimer«, sagte sie, als sie mit ihren Gästen eintrat, »es ist nur eines von unseren jungen Mädchen und ihre Mutter, Miss und Mrs. Nickleby.« »Ach so«, entgegnete Mr. Mortimer Knag gedankenvoll und tiefsinnig. Dann schneuzte er bedächtig die zwei Küchenkerzen auf dem Ladentisch, stellte zwei weitere an das Fenster und nahm eine Prise. Es lag etwas so Eindruckstiefes in der gespenstigen Weise, in der alles dies getan wurde; und da Mr. Knag, ein hoher hagerer Herr mit ernsten Zügen, überdies eine Brille trug und weit weniger Haar hatte, als ein Mann um die vierzig zu haben pflegt, so flüsterte Mrs. Nickleby ihrer Tochter zu, er müsse wahrscheinlich ein großer Gelehrter sein. »Zehn vorbei«, brummte Mr. Mortimer Knag, seine Uhr zu Rate ziehend, »Thomas, schließe das Magazin!« Thomas war ein Knabe, beinahe halb so groß wie ein Fensterladen, und das Magazin ein Gelaß, ungefähr dreimal so groß wie eine Mietskutsche. »Ah«, seufzte Mr. Knag wieder und stellte das Buch, in dem er gelesen, an seinem Platz zurück. – »Nun, ja, ich glaube, das Nachtessen ist fertig, liebe Schwester.« Dann nahm er, abermals mit einem tiefen Seufzer, die Küchenkerzen vom Ladentisch und führte die Damen im Trauerschritt nach einem Hinterzimmer, wo eine Zugeherin als Ersatz für das kranke Dienstmädchen den Dienst versah und das Nachtessen auf den Tisch stellte. »Mrs. Blockson!« sagte Miss Knag vorwurfsvoll. »Wie oft habe ich Ihnen schon gesagt, Sie sollen nicht mit der Haube auf dem Kopf ins Zimmer kommen.« »I kann mir net helfen, Fräul'n«, murrte die Zugeherin. »Man kann so in dem Haus nix recht machen. Wann's Ihna net paßt, segn S' Ihna nach jemand anders um. – Für dös bißl Kleingeld! Aufhänga kunnt mer sich.« »Ich brauche Ihre Bemerkungen nicht!« verwies Miss Knag mit starkem Nachdruck. »Ist Feuer unter, daß man schnell heißes Wasser haben kann?« »Na, 's is keins drunten«, brummte die Zugeherin, »damit S' es nur glei wissen.« »Warum nicht?« »Weil man kane Kohlen raustan hat. Wann i Kohlen machen könnt, möcht i's machen, aber aso laß i's bleiben.« »Werden Sie nicht endlich das Maul halten, Weibsbild?« unterbrach Mr. Mortimer Knag diesen Dialog etwas ungestüm. »Mit Erlaubnis«, fuhr die Zugeherin auf, »i bin eh froh, wann i nix z'reden brauch. Und mit Respekt zu vermelden, wann i a Weibsbild bin, was san denn nacher Sie?« »Ein elender beklagenswerter Mensch«, rief Mr. Knag und schlug sich vor die Stirne. »Ein elender beklagenswerter Mensch!« »Freut mich, daß S' Ihna beim rechten Namen nennen«, fuhr Mrs. Blockson fort, »und da i erst vorgestern vor sieben Wochen Zwilling g'habt hab' und mei klaner Bua g'fallen is und sich den Ellenbogen verstaucht hat, so tun S' mir den Gefallen und schicken S' mir meine neun Schillinge Wochenlohn ins Haus, eh's morgen zehne schlagt.« So sich huldvoll verabschiedend, verließ die gute Frau mit sehr unbefangener Miene das Zimmer und ließ dabei die Türe weit offen stehen, während Mr. Knag in sein Magazin stürzte und laut aufstöhnte. »Ich bitte, was fehlt dem Herrn?« fragte Mrs. Nickleby, nicht wenig durch diese Töne beunruhigt. »Ist er krank?« fragte Kate erschrocken. »Pst«, flüsterte Miss Knag, »es ist eine traurige Geschichte. Er war einmal ein glühender Anbeter von – hem – von Madame Mantalini.« »O Gott!« rief Mrs. Nickleby. »Ja. Sie begünstigte auch anfangs seine Werbung, und er hoffte zuversichtlich, sie zu bekommen. Er hat ein so gefühlvolles Herz, Mrs. Nickleby, wie überhaupt – hem – wie überhaupt alle in unserer Familie, und die Vernichtung seiner Hoffnungen war ein schwerer Schlag für ihn. Er ist ein Mann von höchst vortrefflichen – wunderbar vortrefflichen Eigenschaften, liest – hem – liest jeden neuen Roman, der erscheint – hem – ich meine, jeden Roman, der – hem – der modern ist, natürlich. Die Sache ist so: er fand in den Büchern, die er las, immer so viel, was sich auf sein eigenes Unglück anwenden läßt und überhaupt in jeder Hinsicht eine so große Ähnlichkeit zwischen sich und den Helden der Geschichte – begreiflich, wo er sich seiner eigenen Überlegenheit so bewußt sein muß bei der Abstammung! –, daß er die Welt zu verachten anfing und ein Genie wurde. – Ja, ich bin sogar überzeugt, daß er im gegenwärtigen Augenblick selbst ein Buch schreibt!« »Ein Buch?« wiederholte Kate, als Miss Knag einen Augenblick innehielt, um Atem zu holen. »Ja!« sagte Miss Knag mit triumphierendem Kopfnicken. »Ein Buch in drei dicken Oktavbänden! Natürlich ist es da ein großer Vorteil für ihn, daß ihm bei allen kleinen Schilderungen aus dem modernen Leben meine – hem – meine eigenen Erfahrungen zustatten kommen, weil natürlich nur wenige Schriftsteller, die über derartige Dinge schreiben, so gute Gelegenheit haben, es kennenzulernen, wie ich. Er hat sich da nun so sehr in das vornehme Treiben vertieft, daß er bei dem geringsten Hinweis an Geschäfte und Dinge des Alltags, wie es soeben der Fall war, ganz außer sich gerät. Ich glaube aber und habe ihm dies schon oft gesagt, daß die Enttäuschung, die er erlitten, ein Ereignis von höchster Wichtigkeit für ihn bedeutet, denn wäre sie nicht eingetreten, so hätte er nicht von geknickten Hoffnungen und dergleichen schreiben können; auch bin ich überzeugt, daß sein Genie nicht zum Ausbruch gekommen wäre, wenn sich nicht alles so abgespielt hätte.« Was die mitteilsame Miss Knag unter günstigeren Bedingungen noch alles eröffnet haben würde, läßt sich nicht erraten; da sich aber der Melancholiker in Hörweite befand und Feuer angezündet werden mußte, so hatten ihre Enthüllungen vorläufig ein Ende. Da es ziemlich schwer hielt, Wasser zu machen, konnte man fast auf die Vermutung kommen, das erkrankte Dienstmädchen müsse nicht viel anderes Entzündliches zur Verfügung gehabt haben als ihre Wange. Endlich brachte man aber doch etwas Brandy mit Wasser zustande, und die Gäste nahmen, nachdem sie sich an kaltem Hammelbraten, Brot und Käse erlabt, zeitig Abschied. Kate mußte auf dem ganzen Wege immer an den trübseligen Blick denken, mit dem Mr. Mortimer Knag, in tiefes Grübeln versunken, in seinem Laden gesessen hatte, und Mrs. Nickleby überlegte stumm, ob die Putzmacherfirma zuletzt wohl Mantalini, Knag \& Nickleby oder Mantalini, Nickleby \& Knag heißen werde. Miss Knags Freundschaft erhielt sich drei Tage lang auf ihrer Höhe, zur großen Bewunderung von Madame Mantalinis Näherinnen, die an ihrer Direktrice vorher noch nie eine solche Beständigkeit gesehen hatten, aber am vierten Tag erhielt sie einen gewaltigen Stoß. Ein alter Lord von vornehmster Familie, der im Begriffe stand, eine junge Dame, die eigentlich aus gar keiner Familie stammte, zu ehelichen, kam mit dieser und deren Schwester in den Modesalon, um der Zeremonie des Anprobierens zweier Hochzeitshüte, die tags zuvor bestellt worden, beizuwohnen. Madame Mantalini ließ die Kunde von diesem Besuch mittels eines schrillen Diskants durch das mit dem Arbeitszimmer in Verbindung stehende Sprachrohr an Miss Knag gelangen, die sogleich, einen Hut in der Hand, die Stiege hinaufstürzte und das Ankleidezimmer in einem Zustand von Atemlosigkeit betrat, der ihren Enthusiasmus für die Sache in das gehörige Licht stellen sollte. Die Hüte waren kaum aufgesetzt, als sie sowohl wie Madame Mantalini in eine wahre Ekstase von Bewunderung ausbrachen. »Fabelhaft elegant!« rief Madame Mantalini. »Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie so ausgesucht Geschmackvolles gesehen«, fügte Miss Knag hinzu. Der alte Lord sagte nichts weiter, sondern kicherte nur vergnügt, offenbar höchst selig, eine so schöne Braut sein eigen zu nennen, vor sich hin, und die junge Dame, die sehr lebhaft war, trieb ihn, als sie sein Entzücken bemerkte, hinter einen Toilettenspiegel und gab ihm dort von Zeit zu Zeit einen Kuß, wobei Madame Mantalini natürlich diskret wegsah. Während dieser Zärtlichkeitsergüsse trat nun Miss Knag, nicht imstande, ihre Neugierde zu bezähmen, jedesmal ganz zufällig hinter den Spiegel und begegnete dabei unglücklicherweise immer dem Auge der jungen Dame gerade in demselben Moment, wo sie den alten Lord küßte. Es dauerte auch nicht lange, da fielen übellaunige Worte »von einer gewissen alten Jungfer und bodenloser Unverschämtheit«. »Madame Mantalini!« rief die junge Dame schließlich erregt. »Sie befehlen?« »Ich bitte, lassen Sie doch das nette junge Mädchen heraufkommen, das wir gestern hier sahen.« »O ja, rufen Sie sie«, stimmte die Schwester der Braut ein. »Von allen Dingen auf der Welt, Madame Mantalini«, erklärte die zukünftige Lady und warf sich nachlässig auf ein Sofa, »ist mir nichts so verhaßt, als von Vogelscheuchen oder alten Schachteln bedient zu werden; ich bitte, rufen Sie mir, sooft ich komme, immer das nette junge Mädchen.« »Allerdings«, fügte der jugendliche Lord hinzu, »wir wollen immer von dem hübschen Mädchen bedient sein.« »Sie ist Tagesgespräch«, fuhr die junge Dame in ihrer unbekümmerten Weise fort, »und mein Bräutigam, der ein großer Bewunderer von Frauenschönheit ist, muß sie durchaus sehen.« »Ja, sie wird allgemein bewundert«, gab Madame Mantalini zu. »Miss Knag, senden Sie Miss Nickleby herauf – Sie selbst brauchen nicht wiederzukommen.« »Entschuldigen, Madame, wie meinten?« fragte Miss Knag mit bebender Stimme. »Sie brauchen nicht wiederzukommen«, wiederholte die Prinzipalin scharf. Miss Knag verschwand lautlos und wurde gleich darauf durch Kate ersetzt, die jetzt den Damen die neuen Hüte abzunehmen und die alten wieder aufzusetzen hatte. Sie wurde dabei rot und ganz verwirrt, als sie bemerkte, daß der alte Herr und die beiden jungen Damen sie unablässig fixierten. »Ei, wie rot Sie werden, Kind!« scherzte die junge Braut. »Sie ist noch nicht ganz so im Geschäft eingearbeitet, wie sie es wohl in einigen Wochen sein wird«, entschuldigte sich Madame Mantalini mit einem huldvollen Lächeln. »Ich fürchte, Sie haben ihr einige Ihrer gottlosen Blicke zugeworfen, Mylord?« sagte die Braut. »Nein, nein, nein«, beteuerte der alte Lord. »Nein, nein, nein, ich bin doch im Begriff, ein neues Leben anzufangen – mich zu verehelichen – hi, hi, hi, ein neues Leben, ein neues Leben, hi, hi, hi.« Es war tröstlich zu hören, daß der alte Herr im Begriffe war, ein neues Leben anzufangen, da das alte sichtlich nicht mehr lange dauern konnte, wenigstens bewirkte schon ein längeres Kichern jedesmal einen schrecklichen rasselnden Hustenanfall, und Mylord brauchte einige Minuten, bis er Atem zu der Bemerkung fand, das Mädchen sei zu hübsch zu einer Putzmacherin. »Ich hoffe nicht, daß Mylord der Ansicht sind, ein gutes Aussehen beeinträchtige die Befähigung zu einem Geschäft«, sagte Madame Mantalini geziert. »Gewiß nicht«, versetzte der alte Lord galant, »sonst würden Sie selbst es schon lange aufgegeben haben.« »Sie Bösewicht!« rief die lebhafte junge Dame und versetzte dem Mitglied des Oberhauses mit ihrem Sonnenschirm einen Stich. »Wie können Sie es wagen, in meiner Gegenwart so zu sprechen?« Sie begleitete diese scherzhafte Frage mit wiederholten neckenden Stichen, bis endlich der alte Lord den Sonnenschirm erwischte und nicht wieder hergeben wollte. Dies veranlaßte die andere junge Dame, ihrer Schwester zu Hilfe zu kommen, und so entspann sich denn eine ganz entzückende kleine Schlacht. »Sorgen Sie dafür, daß diese wenigen Änderungen noch angebracht werden, Madame«, befahl zum Schlusse die Braut. »Nein, Mylord, Sie müssen durchaus vorangehen, ich lasse Sie nicht eine halbe Sekunde mit diesem hübschen jungen Mädchen allein. Ich kenne Sie zu gut. Jane, laß ihn vorangehen, damit wir seiner sicher sind!« Der alte Herr, augenscheinlich durch diese Eifersucht sehr geschmeichelt, beschenkte Kate im Vorbeigehen noch mit einem schalkhaften Seitenblick, eine Bosheit, die ihm abermals einen Klaps eintrug, und humpelte die Stiegen hinunter zum Eingangstor, wo sein elastischer Leichnam von zwei stämmigen Lakaien in den Wagen gehoben wurde. »Pfui«, schalt Madame Mantalini. »Mir unbegreiflich, wie so etwas in einen Wagen steigen kann, ohne nicht an eine Totenbahre zu denken. Da, nehmen Sie den Plunder weg, Miss, tragen Sie ihn wieder hinunter.« Kate, die die ganze Zeit über mit verlegen zu Boden geschlagenen Augen dagestanden hatte, fühlte sich durch die Erlaubnis, sich zurückziehen zu dürfen, höchst beglückt und eilte freudig die Stiegen hinunter in das Herrschergebiet Miss Knags. In diesem kleinen Königreiche waren jedoch während Kates kurzer Abwesenheit einschneidende Veränderungen vorgegangen. Statt daß Miss Knag mit aller Würde und Erhabenheit einer Repräsentantin Madame Mantalinis auf ihrem gewohnten Platz saß, ruhte sie in Tränen gebadet auf einer großen Kiste, während drei oder vier der jungen Nähterinnen mit Hirschhorngeist, Weinessig und anderen Belebungsmitteln um sie herumstanden – ein hinreichender Beweis, daß sie in Ohnmacht lag, wenn schon nicht die übliche Verwirrung des Kopfputzes und der Locken darauf hingedeutet hätte. »O Gott«, rief Kate hastig und besorgt, »was ist geschehen?« Diese Frage löste bei Miss Knag abermals heftige Symptome eines Rückfalles aus, worauf mehrere der Nähterinnen, Zornesblicke auf Kate schießend, neuerdings Weinessig und Hirschhorngeist anwendeten und sagten, daß es eine – »Schande« sei. »Was ist eine Schande?« fragte Kate. »Um was handelt es sich? – Was ist vorgefallen? – Reden Sie doch!« »Vorgefallen?« schrie Miss Knag und richtete sich auf einmal zur großen Bestürzung der versammelten Mädchen bolzgerade auf. »Vorgefallen? Pfui über Sie, Sie garstiges Geschöpf.« »Barmherziger Himmel!« rief Kate ganz erstarrt ob der Heftigkeit, mit der Miss Knag dieses Prädikat zwischen den zusammengebissenen Zähnen hervorstieß. »Habe ich Sie denn beleidigt?« »Sie mich beleidigt!« rief Miss Knag. »Sie! Ein Kind! Ein dummer Fratz. Ein hereingeschneites Nichts! Wahrhaftig! Hahaha.« Da Miss Knag jetzt zu lachen geruhte, war es natürlich, daß auch die ganze Schar der Nähterinnen unverzüglich in ein Gelächter ausbrach und sarkastisch blinzelte. »Da steht sie!« fuhr Miss Knag fort, erhob sich von der Kiste und stellte Kate mit großer Förmlichkeit und unter vielen höhnischen Knicksen dem kichernden Nähterinnenkreise vor. »Hier steht sie. Sie ist Tagesgespräch – die Schönheit! Meine Damen, die Schönheit. – Oh, Sie unverschämtes Ding!« In ihrer Entrüstungskrisis war Miss Knag nicht imstande, einen tugendhaften Schauer zu unterdrücken, der sich augenblicklich allen übrigen jungen Damen mitteilte, dann lachte sie wieder grell auf und fing endlich zu weinen an. »Fünfzehn Jahre lang«, schluchzte sie, »fünfzehn Jahre lang bin ich die Ehre und die Zierde des Arbeits- und Ankleidezimmers gewesen, Gott sei Dank! Und nie bin ich diese ganze Zeit über den Kunstgriffen – nichtswürdigen Kunstgriffen – eines Geschöpfes ausgesetzt gewesen, das uns alle durch sein Benehmen entehrt und anständige Leute erröten macht. – Und jetzt muß mir eine Kränkung widerfahren, die ich trotz des Abscheues, den ich gegen diese Person hege, schmerzlich und tief empfinde!« Wieder wurde Miss Knag von einem Rückfall bedroht, aber die jungen Damen erneuerten ihre Aufmerksamkeit und redeten ihr zu, sie solle sich doch über solche Dinge hinwegsetzen. Es sei eine »Schande«, und sie alle wären so empört darüber, daß sie kaum Worte finden könnten. »Habe ich so lange dienen müssen, um mich eine Vogelscheuche nennen zu lassen!« schrie Miss Knag und zerraufte sich ihre Haartolle. »Nein, nein!« beteuerte der Chor. »Bitte sprechen Sie nicht so! Sprechen Sie nicht so!« »Habe ich's verdient, eine alte Schachtel geschimpft zu werden?« schrie Miss Knag, in Krämpfen gegen ihre dienstbeflissenen Untergebenen ankämpfend. »Denken Sie nicht mehr an solche Dinge, Miss Knag!« tröstete der Chor. »Ich hasse sie!« rief Miss Knag wieder. »Ich hasse und verabscheue sie. Sie soll es nicht wagen, mich je wieder anzureden, und niemand, der es gut mit mir meint, soll je wieder ein Wort mit ihr sprechen. Die Schlumpe, das Weibsstück, die schamlose Dirne!« Nachdem Miss Knag den Gegenstand ihrer Wut mit diesen Worten näher charakterisiert hatte, schrie sie noch einmal laut auf, schluchzte dreimal und gurgelte in der Kehle, dann schloß sie die Augen, schauerte, erwachte, kam wieder zu sich, ordnete ihren Kopfputz und erklärte endlich, daß ihr wieder ganz wohl sei. Die arme Kate hatte die ganze Zeit über wie betäubt dagestanden, dann wurde sie abwechselnd rot und bleich und versuchte einige Male zu sprechen. Als ihr jedoch die Beweggründe Miss Knags allmählich klar wurden, ging sie stolz und ohne sich zu einer Erwiderung herabzulassen, an ihren Platz und wandte dem Haufen kleiner Satelliten, der sich in der andern Ecke des Zimmers um seine Sonne drehte, den Rücken. Insgeheim flossen ihr jedoch so bittere Tränen über die Wangen, daß Miss Knag im Innersten ihrer Seele frohlockt haben würde, wenn sie es gesehen hätte. 19. Kapitel Beschreibung eines Dinners bei Mr. Ralph Nickleby, und wie sich seine Gäste dabei unterhielten Die Galle und die Erbitterung der würdigen Miss Knag stieg während des Restes der Woche von Tag zu Tag, und auch der edle Zorn der jungen Damen steigerte sich oder schien doch im Verhältnis zur Entrüstung der alten Jungfrau zu wachsen, sooft Kate in den Probiersalon hinaufgerufen wurde. Das Los der Ärmsten war daher nichts weniger als beneidenswert. Sie begrüßte den Samstagabend wie eine Gefangene, der es vergönnt ist, auf einige Stunden den Kerker verlassen zu dürfen, und fühlte, daß ihr Wochenlohn sauer genug verdient gewesen wäre, hätte er selbst das Dreifache betragen. Als sie ihre Mutter wie gewöhnlich an der Straßenecke aufsuchte, war sie nicht wenig überrascht, sie im Gespräch mit Mr. Ralph Nickleby anzutreffen. Aber ihr Erstaunen wuchs noch, als sie merkte, daß sich ihr Onkel weit höflicher und achtungsvoller betrug, und erfuhr, um was es sich handelte. »Mein Kind, wir sprachen soeben von dir«, rief ihr ihr Onkel entgegen. »Wirklich?« erwiderte Kate, unwillkürlich vor dem kalten, stechenden Blick ihres Onkels die Augen niederschlagend. »Ja. Und ich wollte dich bei Madame Mantalini abholen, aber ich sprach mit deiner Mutter über Familienangelegenheiten, und da verging die Zeit so rasch –« »Ah, war das wirklich der Fall?« fiel Mrs. Nickleby geschmeichelt ein, ohne den Sarkasmus zu fühlen, den Ralph in seine letzten Worte gelegt hatte. »Wahrhaftig, ich hätte es nicht für möglich gehalten, daß eine solche – aber liebes Kätchen höre, du sollst morgen um halb sieben bei deinem Onkel speisen!« Überglücklich, diese außerordentliche Neuigkeit als erste verkündigt zu haben, nickte und lächelte sie wiederholt, um ihrer verwunderten Tochter so recht den hohen Wert dieser Ehre ans Herz zu legen, und sprang dann im rechten Winkel auf die für diese Einladungen erforderlichen Vorbereitungen ab. »Laß mal sehen«, fing sie an aufzuzählen, »dein schwarzseidenes Kleid, dann die hübsche kleine Schärpe, ein einfaches Band im Haar und ein paar schwarzseidene Strümpfe – ach du mein Himmel -«, sprang sie wieder unter einem anderen Winkel ab, »wenn ich doch meine schönen Amethysten noch hätte! Du erinnerst dich doch, liebes Kätchen, wie sie funkelten, weißt du? Ach, und dein Vater – dein armer lieber Vater, ach nie ist etwas so grausam hingeopfert worden wie diese Preziosen. Nein, gewiß nie!« Und von diesem schmerzlichen Gedanken überwältigt, schüttelte Mrs. Nickleby traurig den Kopf und fuhr sich mit dem Taschentuch nach den Augen. »Aber, Mama, ich brauche sie doch nicht«, tröstete Kate. »Vergiß, daß wir jemals welche besessen haben.« »Ach Gott, liebes Kätchen«, jammerte Mrs. Nickleby unzufrieden. »Du sprichst rein wie ein Kind. Vierundzwanzig silberne Teelöffel, zwei Sauceteller, vier Salzfäßchen, dann die Amethysten – Kollier, Brosche und Ohrringe, alles, alles fort! Und ich sagte fast auf den Knien zu dem Ärmsten: Warum tust du denn nichts, Nikolas? Warum hast du denn kein Arrangement getroffen? Gewiß, wer damals um mich war, wird mir die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß ich es mindestens fünfzigmal des Tages zu ihm sagte. Ist es nicht so, liebes Kätchen? Habe ich je eine Gelegenheit unbenutzt vorübergehen lassen, es deinem armen Vater ans Herz zu legen?« »Nein, nein, Mama, gewiß nicht!« versetzte Kate. »Ach, wenn er damals nur meinem Rat gefolgt hätte. Doch, ich habe schließlich wenigstens meine Pflicht getan, das ist immerhin ein Trost.« »Also«, unterbrach Ralph mit einem Lächeln, das, wie alle anderen Ausdrücke seiner Empfindungen, mehr hinter seinem Gesicht zu lauern als sich frei darauf zu entfalten schien, »um auf den Punkt, von dem wir abgeschweift sind, zurückzukommen, ich habe also auf morgen eine kleine Gesellschaft von – von – Herren, mit denen ich gegenwärtig in Geschäftsverbindung stehe, zu Gaste gebeten, und deine Mutter sagte mir zu, daß du das Amt der Hausfrau übernehmen würdest. Ich bin an solche Feste nicht gewöhnt, aber bei dem morgigen handelt es sich um ein Geschäft, und deshalb ist es von Wichtigkeit. Du willigst doch ein, mir die Gefälligkeit zu erweisen?« »Einwilligen?!« rief Mrs. Nickleby. »Mein liebes Kätchen, warum –« »Bitte«, unterbrach sie Ralph und winkte ihr zu schweigen, »ich will sie selbst hören.« »Ich tue es natürlich mit Vergnügen, Onkel, aber ich fürchte, ich werde mich sehr ungeschickt und verlegen benehmen«, stotterte Kate. »Gewiß nicht. Du kannst, wenn du willst, in einer Droschke kommen. Ich bezahle sie. Gute Nacht, und – und – Gott behüte dich.« Der ungewohnte Segenswunsch schien ihm in der Kehle steckenbleiben zu wollen und kam etwas merkwürdig heraus. Mr. Nickleby schien auch froh zu sein, ihn glücklich herausgebracht zu haben, schüttelte seinen zwei Verwandten die Hände und eilte schnell von dannen. »Was für ein markantes Gesicht dein Onkel hat!« sagte Mrs. Nickleby, etwas verdutzt über Ralphs Blick beim Abschied. »Ich kann bei ihm auch nicht die mindeste Ähnlichkeit mit seinem armen Bruder entdecken.« »Mama«, verwies Kate, »wie kannst du nur an so etwas denken.« »Nein«, murmelte Mrs. Nickleby nachsinnend, »ähnlich sieht er ihm nicht. – Aber er hat doch ein sehr ehrliches Gesicht.« Die würdige Matrone machte diese Bemerkung mit so wichtiger Miene, als ob sie sie nicht wenig Scharfsinn und Spähergabe gekostet hätte. Kate sah hastig auf, ließ aber ebenso rasch ihren Blick wieder sinken. »Um Gottes willen, was ist denn über dich gekommen, mein Kind?« fragte Mrs. Nickleby, als sie schweigend eine Strecke weit gegangen waren. »Ich habe bloß über etwas nachgedacht.« »Nachgedacht? Nun, Ursache hätten wir in der Tat genug, nachzudenken. – Dein Onkel hat eine große Zuneigung zu dir gefaßt, das ist offenkundig. Es würde mich gar nicht wundernehmen, wenn dir daraus ein großes Glück erwachsen sollte.« Und sofort schwelgte Mrs. Nickleby wieder in allerhand Histörchen von jungen Damen, denen wunderliche Onkel Tausend-Pfund-Banknoten in den Strickbeutel gesteckt, und von andern, die zufällig liebenswürdige Herren von immensem Reichtum in den Häusern ihrer Onkel getroffen hätten und von ihnen nach kurzer, aber glühender Werbung geheiratet worden seien. Kate, die im Anfang gleichgültig, aber dann mit wachsendem Vergnügen zuhörte, fühlte allmählich einiges von dem sanguinischen Wesen ihrer Mutter im eigenen Herzen erwachen, so daß sie anfing, sich wieder schüchtern eine bessere Zukunft und schönere Tage auszumalen. So ist die Hoffnung. Eine wahre Himmelsgabe für den leidenden Sterblichen. Gleich dem luftigen Äther alles durchdringend, Gutes und Böses, gemeinsam wie der Tod und ansteckender als die Pest. Die trübe Wintersonne – und Wintersonnen sind wahrlich in der City sehr trüb – hätte gewiß heller erglänzt, würde sie haben durch die matten Fensterscheiben des großen alten Hauses scheinen und Zeuge des ungewöhnlichen Anblicks sein können, der sich da in einem der halbmöblierten Zimmer darbot. In einem düstern Winkel, wo vordem viele Jahre lang ein stiller, staubiger Warenhaufen gelegen und einer Mäusekolonie Schutz verliehen, lag Kates bescheidener Putz für den großen Tag aufs sorgfältigste ausgebreitet, und jedes einzelne Stück hatte etwas von jener eigentümlichen und unbeschreiblichen Anmut, die Kleidungsstücke, sei es durch Ideenverbindung oder weil man sich die Besitzerin darin denkt, in den Augen derer haben können, die darin eine schmucke Gestalt kennen oder doch durch ihre Phantasie die leeren Gewänder mit einer solchen ausfüllen. An Stelle des vermoderten Warenballens lag das hübsche schwarze seidene Kleid, die kleinen Schuhe mit den zarten Abdrücken der Zehen ihrer Besitzerin standen an derselben Stelle, wo einige alte Eisengewichte Eindrücke in die Dielen zurückgelassen hatten, und ein Haufen großen mißfarbigen Leders hatte unfreiwillig denselben kleinen seidenen Strümpfen Platz gemacht, die der Gegenstand von Mrs. Nicklebys besonderer Sorgfalt gewesen. Ratten und Mäuse, nebst ähnlicher kleiner Brut, waren schon längst verhungert oder nach besseren Quartieren ausgewandert, und an ihrer Statt erblickte man Handschuhe, Bänder, Schärpen, Haarnadeln und andere kleine Erfindungen, die in ihrer Weise ebenso scharfsinnig im Quälen der Menschen sind wie Ratten und Mäuse. Unter all dem bewegte sich Kate hin und her, die ungewohnteste, aber gewiß nicht die mindest schöne Zierde des alten Gebäudes. Viel früher als nötig – denn Mrs. Nicklebys Ungeduld überflügelte die Glocken der Turmuhren bei weitem – hatte Kate bereits ihre Toilette beendet. Die letzte Haarnadel war festgesteckt, und als endlich die zum Aufbrechen bestimmte Stunde schlug, wurde der Milchmann beauftragt, von dem nächsten Standplatz eine Droschke zu holen, und Kate stieg, nachdem sie ihrer Mutter noch zu wiederholten Malen Lebewohl gesagt und ihr freundliche Grüße an Miss La Creevy aufgetragen, die zum Tee erwartet wurde, in die Droschke und fuhr in vollem Glanz davon, soweit man natürlich in einer Droschke mit Glanz fahren kann. Mit einem erschütternden Doppelschlage klopfte der Kutscher an die Türe in Golden Square, die sich, ehe er noch damit ganz zustande gekommen war, so rasch öffnete, als ob jemand mit der Hand auf der Klinke dahintergestanden hätte. Kate, die keine ungewöhnlichere Erscheinung als Newman Noggs, höchstens mit einem reinen Hemde angetan, erwartet hatte, war nicht wenig erstaunt, einen Bedienten in schöner Livree vor sich stehen und noch zwei oder drei andere im Hausflur warten zu sehen. Im Hause konnte man sich nicht gut geirrt haben, denn Ralphs Name stand an der Türe, und so nahm sie den mit Borten geschmückten Rockärmel, der ihr geboten wurde, trat ein und folgte ihrem Führer die Treppe hinauf nach einem nach rückwärts hinausgehenden Gesellschaftszimmer, wo sie allein gelassen wurde. Hatte sie schon die Erscheinung des Dieners überrascht, so konnte sie jetzt über den Reichtum und den Glanz des Meublements nicht genug staunen. Die weichsten und kostbarsten Teppiche, die ausgesuchtesten Gemälde, die köstlichsten Spiegel und reichsten Zieraten blendeten in verschwenderischer Pracht ihre Augen. Sogar das Stiegenhaus fast bis zur Hausflurtüre hinunter war mit schönen und prachtvollen Gegenständen überfüllt. Bald darauf hörte sie eine lange Reihe von Doppelschlägen an der Haustüre und nach jedem Pochen eine neue Stimme im anstoßenden Zimmer. Die Mr. Ralph Nicklebys war gleich im Anfang leicht zu erkennen gewesen, allmählich erstickte sie aber in dem allgemeinen Gesumme der Unterhaltung, und Kate konnte weiter nichts mehr unterscheiden, als daß einige Herren mit nicht besonders musikalischen Stimmen anwesend waren, sehr laut sprachen, jeden Augenblick hell auflachten und mehr schworen, als gerade nötig gewesen wäre. Endlich ging die Türe auf, und Ralph, nicht wie gewöhnlich in Stulpenstiefeln, sondern höchst vornehm in schwarzseidenen Eskarpins und Schuhen, zeigte sein verschlagenes Gesicht. »Ich konnte dich nicht früher begrüßen, meine Liebe«, entschuldigte er sich leise und deutete zugleich auf das anstoßende Zimmer. »Ich mußte die da drinnen empfangen. – Nun, kann ich dich jetzt vorstellen?« »Aber, lieber Onkel«, sagte Kate etwas beklommen, wie es einem wohl gehen mag, wenn man an Gesellschaften nicht gewöhnt ist und in ein mit lauter Fremden angefülltes Zimmer treten soll, ohne vorher Zeit gehabt zu haben, darüber nachzudenken. »Sind auch Damen da?« »Nein«, versetzte Ralph kurz. »Ich kenne keine Damen.« »Muß ich gleich jetzt hineingehen?« fragte Kate ängstlich. »Wie es dir beliebt«, antwortete Ralph mit einem Achselzucken. »Die Gäste sind beisammen, und das Essen wird gleich aufgetragen.« Kate hätte wohl am liebsten um ein paar Minuten Verzug gebeten, bedachte aber, daß ihr Onkel wahrscheinlich die Bezahlung der Droschke als eine Art Kontrakt betrachte und dafür von ihrer Seite Pünktlichkeit fordere, und so nahm sie denn seinen Arm und ließ sich hineinführen. Als sie eintraten, standen sieben oder acht Herren um den Kamin herum, sprachen jedoch so laut miteinander, daß sie sie nicht früher gewahrten, als bis Mr. Ralph Nickleby den einen am Rockärmel berührte und mit rauher und lauter Stimme, als wolle er die allgemeine Aufmerksamkeit erregen, vorzustellen begann: »Lord Frederic Zierling – meine Nichte, Miss Nickleby.« Die Gruppe trat überrascht auseinander, und der angeredete Herr, sich rasch umwendend, ließ einen Anzug von allermodernstem Zuschnitt, einen dito Backen- und Schnurrbart, gescheiteltes Haar und ein junges Gesicht sehen. »Ach«, rief der Herr. »Wa-as – der – Teufel – äh.« Dann hielt er seine Lorgnette an das Auge und starrte Kate sprachlos vor Überraschung an. »Meine Nichte, Mylord!« wiederholte Ralph. »Wirklich? Ach. Täuschten mich also meine Ohren nicht, und ist es kein W-wachsbild?« entgegnete Seine Herrlichkeit. »Wie steht das Befinden, äh? Schätze mich unendlich glücklich!« Und dann wendete sich Seine Herrlichkeit zu einem anderen höchst modern gekleideten Herrn, der etwas älter, etwas stämmiger, etwas roter im Gesicht und offenbar etwas geriebener war, und sagte ihm laut ins Ohr, das Mädchen wäre »äh, verteufelt hübsch«. »Stellen Sie mich doch auch vor, Nickleby«, sagte dieser zweite Herr, mit dem Rücken gegen den Kamin gelehnt und beide Ellenbogen auf das Gesimse gestützt. »Sir Mulberry Hawk«, stellte Ralph vor. »Der gehauteste – äh – Bursche in der ganzen Sta-adt, Miss Nickleby«, erklärte Lord Zierling. »Vergessen Sie mich gefälligst nicht!« rief ein dritter Herr mit einem scharfen Profil, der auf einem niedrigen Stuhl mit hoher Lehne saß und eine Zeitung durchflog. »Mr. Pyke«, brummte Ralph. »Mich auch nicht, Nickleby«, rief ein anderer Herr mit einer sehr verdächtigen Visage. »Mr. Rupfer«, sagte Ralph. Dann wandte er sich zu einem Herrn mit dem Halse eines Storches und den Beinen eben keines besonderen Tieres und stellte ihn als Hochwohlgeboren Mr. Schlepper vor, sowie einen am Tische sitzenden Herrn mit weißen Haaren als Oberst Chowser. Der Oberst war im Gespräch mit irgend jemand begriffen, der nur so eine Art Lückenbüßer zu sein schien und daher nicht weiter vorgestellt wurde. Schon jetzt fiel Kate zweierlei peinlich auf – und das Blut schoß ihr dabei glühend ins Gesicht –, einmal die nonchalante Verachtung, die die Gäste offenkundig ihrem Onkel gegenüber an den Tag legten, und dann die übermütige Unverschämtheit ihres Benehmens gegen sie selbst. Auch konnte sie sich einer bösen Ahnung nicht erwehren, ob es nicht noch ärger kommen werde. Als Ralph die Zeremonie der Vorstellung beendet hatte, führte er seine errötende Nichte zu ihrem Sessel und warf dabei einen lauernden Blick um sich, wie um zu beobachten, welchen Eindruck ihre ungewöhnlich schöne Erscheinung gemacht habe. »Äh, ein unverhofftes Amüsement, Nickleby«, näselte Lord Zierling und nahm die Lorgnette von seinem rechten Auge, wo sie bis jetzt Kate gegenüber ihre Pflicht getan hatte, um sie an das linke zu halten, um Ralph besser betrachten zu können. »Er hatte die Absicht, Sie zu überraschen, Mylord«, erklärte Mr. Rupfer. »Äh, keine üble Idee«, meinte Seine Herrlichkeit, »die – äh – sogar weitere zweieinhalb Prozent rechtfertigen würde.« »Nickleby!« mischte sich Sir Mulberry Hawk mit versoffener Stimme ein. »Benützen Sie diesen Wink, schlagen Sie dieses Anerbieten zu den anderen fünfundzwanzig oder wieviel Sie berechnen, und geben Sie mir die Hälfte für meinen Rat.« Sir Mulberry garnierte seine Worte mit einem heisern Lachen und schloß mit einem herzhaften Fluch auf Mr. Ralphs Gliedmaßen, worüber die Herren Pyke und Rupfer sich fast totlachen wollten. Die Herren hatten sich von ihrer Heiterkeit noch nicht erholt, da wurde gemeldet, es sei aufgetragen. Sofort glitt Sir Mulberry Hawk im Übermaß seiner guten Laune gewandt an Lord Frederics Seite, der eben Kate die Treppe hinunterführen wollte, vorbei und zog ihren Arm durch den seinigen. »Nein, nein, mein Freund«, höhnte er. »Ehrliches Spiel. Miss Nickleby und ich haben die Sache schon vor zehn Minuten mit den Augen abgemacht.« »Ha, ha, ha«, lachte Mr. Schlepper, Hochwohlgeboren. »Famos. Sehr gut.« Sir Mulberry Hawk, durch diesen Beifall noch witziger gestimmt, schielte dabei mit einem Auge schalkhaft nach seinen Freunden und führte Kate in so nonchalanter vertraulicher Weise die Treppe hinunter, daß ihr vor Abscheu und Entrüstung das Herz fast bis zum Halse hinauf schlug. Das Übermaß dieser Empfindungen wurde auch nicht im mindesten dadurch gedämpft, daß man ihr einen Platz oben an der Tafel zwischen Sir Mulberry und Lord Zierling anwies. »Ah, Mylord haben auch den Weg in unsere Nachbarschaft gefunden?« höhnte Sir Mulberry, als sich Seine Herrlichkeit niederließ. »Äh natürlich«, versetzte Lord Frederic, den Blick auf Miss Nickleby gerichtet. »Wie können Sie nur fra-a-gen?« »Na, dann beschäftigen Sie sich nur hübsch mit Ihrem Teller«, spöttelte Sir Mulberry, »und kümmern Sie sich nicht um Miss Nickleby und mich. Ich versichere Ihnen, wir werden zur Unterhaltung der Gesellschaft verflucht wenig beitragen.« »Da müssen Sie sich – äh – ins Mittel legen, Nickleby« protestierte Lord Frederic. »Worum handelt es sich, Mylord?« fragte Ralph, der am unteren Ende der Tafel zwischen den Herren Pyke und Rupfer saß. »Dieser Bursche – äh – der Hawk will Ihre Nichte ganz allein für sich mit Beschlag belegen!« »Er nimmt überhaupt einen recht erträglichen Anteil von allem, worauf Sie selbst einen Anspruch machen, Mylord«, entgegnete Ralph mit einem höhnischen Zucken um die Lippen. »Äh – beim Henker, ja, das tut er«, lachte der junge Aristokrat, »der Teufel soll mich holen, wenn ich weiß, wer von uns beiden Herr im Hause ist.« »Ich weiß es schon«, brummte Ralph vor sich hin. »Nun, ich denke – äh –, ich schüttle ihn mit der Zeit schon ab und vermache ihm einen Schilling«, scherzte Seine Herrlichkeit. »Nein, nein, glauben Sie das nur ja nicht!« sagte Sir Mulberry. »Wenn Sie bei dem Schilling halten, bei dem letzten, meine ich, will ich Sie geschwind genug abschütteln, aber bis dahin werde ich nicht von Ihnen lassen. Mein Wort darauf!« Diese Scherzrede, die wie in den meisten Fällen Sir Mulberrys wahre Gesinnung ungeschminkt ausdrückte, wurde mit allgemeinem Brüllen aufgenommen, bei dem sich die Herren Pyke und Rupfer, augenscheinlich Sir Mulberrys besondere Verehrer, besonders hervortaten. Übrigens lag klar auf der Hand, daß die Mehrzahl der Gesellschaft den unglücklichen jungen Lord, der zwar schwach und einfältig, aber offenbar der am wenigsten Verworfene unter dieser Horde war, so viel wie möglich auszubeuten suchte. Sir Mulberry genoß überhaupt wegen seiner bewunderungswürdigen Geschicklichkeit, mit Beihilfe seiner Kreaturen reiche junge Herren zu ruinieren, einen großen Ruf. Mit der ganzen Kühnheit und Originalität eines Genies hatte er ein den früheren Methoden ganz entgegengesetztes, vollkommen neues Verfahren ersonnen, seine Opfer, wenn er einmal das Übergewicht über sie gewonnen, in einer sonderbaren Art geistiger Abhängigkeit zu erhalten, wie er es überdies auch liebte, seinen Witz offen und ohne Rückhalt an ihnen zu üben. Hinsichtlich Glanz und Anordnung war das Dinner so ausgezeichnet wie die Gemächer, und die Gesellschaft ermangelte nicht, ihm volle Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, wobei namentlich die Herren Pyke und Rupfer Hervorragendes leisteten. Sie aßen von jeder Schüssel und tranken aus jeder Flasche mit einer Zähigkeit und Ausdauer, die wirklich erstaunlich war. Aber trotz ihrer heftigsten Anstrengung blieben sie merkwürdig frisch und richteten noch in dem Dessert solche Verheerungen an, als ob sie seit dem Frühstück nichts Namhaftes mehr zu sich genommen hätten. »Nun«, meinte Lord Frederic und schlürfte an seinem Glas Portwein, »wenn dies ein Diskontodinner ist, so weiß ich weiter nichts zu sagen, als daß mich – äh – der Teufel holen soll, wenn ich es nicht für etwas Herrliches halte, mich jeden Ta-a-g diskontieren zu lassen.« »Sie werden seinerzeit in Hülle und Fülle davon bekommen«, höhnte Sir Mulberry. »Nickleby wird's Ihnen schon auf die Rechnung setzen.« »Was sagen Sie dazu?« fragte der junge Aristokrat. »Werde ich ein guter Kunde werden?« »Das hängt ganz von den Verhältnissen ab, Mylord«, erwiderte Ralph. »Nämlich von Euer Herrlichkeit Verhältnissen«, bemerkte Oberst Chowser von der Miliz und den Wettrennplätzen. Dabei warf der brave Oberst einen Blick auf die Herren Pyke und Rupfer, als erwarte er von ihnen, daß sie auch seinen Witz belachen sollten. Da aber diese ehrenwerten Herren lediglich die Verpflichtung hatten, für Sir Mulberry zu lachen, so blieben sie zu des Obersten größtem Mißvergnügen so ernst wie ein paar Leichenbitter. Um seine Niederlage noch zu vergrößern, fixierte ihn Sir Mulberry, der derartige Versuche offenbar für Eingriffe in ein ausschließlich ihm zustehendes Recht hielt, durch seine Lorgnette, als sei er höchlich erstaunt über eine solche Anmaßung. Dabei brummte er so etwas wie »höllische Frechheit«, was Lord Frederic für einen Wink nahm, sich gleichfalls seiner Lorgnette zu bedienen und den Gegenstand des Tadels zu beäugeln, als sei er irgendein besonders wildes Tier, das man zum erstenmal zur Schau stellt. Natürlich folgten Mr. Pyke und Mr. Rupfer Sir Mulberrys Beispiel, und so sah sich der arme Oberst, um seine Verwirrung zu verbergen, in die Notlage versetzt, sein Glas Portwein vor das Auge zu halten und zu tun, als prüfe er dessen Farbe mit dem angelegentlichsten Interesse. Die ganze Zeit über saß Kate stumm da und wagte kaum die Augen zu erheben, um nicht dem bewundernden Blicke Lord Frederics oder, was sie noch mehr in Verlegenheit gesetzt hätte, dem unverschämten seines Freundes Sir Mulberry zu begegnen. Letzterer hielt es übrigens jetzt für gut, die allgemeine Aufmerksamkeit plötzlich auf sie zu lenken. »Hier Miss Nickleby«, erklärte er mit einem Male, »wundert sich schon lange, warum, zum Henker, ihr niemand den Hof macht.« »Oh, gewiß nicht«, versetzte Kate hastig aufblickend, »ich –, « dann hielt sie plötzlich inne, erkennend, daß es besser gewesen wäre, wenn sie geschwiegen hätte. »Ich halte fünfzig Pfund gegen jedermann«, rief Sir Mulberry »daß Miss Nickleby mir nicht ins Auge sehen und behaupten kann, sie hätte nicht diesen Gedanken gehegt.« »Es gilt«, rief der hochadelige Gimpel, »innerhalb zehn Minuten.« »Gilt!« schlug Sir Mulberry ein. Das Geld wurde von beiden Seiten aufgezählt und Mr. Schlepper Hochwohlgeboren für das doppelte Amt erkoren, die Summe in Verwahrung zu nehmen und die Zeit abzustoppen. »Ich bitte«, protestierte Kate, die über all dies in die größte Verwirrung geraten war, »ich bitte, mich nicht zum Gegenstand einer Wette zu machen. – Onkel, ich kann wirklich nicht –« »Warum nicht, meine Liebe?« fiel ihr Ralph ins Wort, in dessen schnurrender Stimme sich übrigens eine ungewöhnliche Heiterkeit kundgab, als ob er nur ungerne so spräche und es lieber gesehen hätte, wenn die Wette unterblieben wäre. »Es ist nichts Verfängliches dabei und übrigens gleich vorüber. – Wenn die Herren darauf bestehen –« »Ich bestehe doch nicht darauf«, lachte Sir Mulberry, »das heißt, ich bestehe keineswegs darauf, wenn es Miss Nickleby in Abrede stellt, denn wenn sie es tut, so verliere ich. Aber es würde mir eine Freude machen, ihre schönen Augen zu sehen, zumal sie diese Gunst nur dem Mahagonitisch zugedacht zu haben scheint.« »Ja, das tut sie – äh –, und es ist wirklich zu a-a-arg von Ihnen, Miss Nickleby«, näselte der junge Lord. »Ganz grausam«, meinte Mr. Pyke. »Schrecklich grausam«, echote Mr. Rupfer. »Ich mache mir nichts daraus, wenn ich verliere«, erklärte Sir Mulberry. »Ein einziger Blick in Miss Nicklebys schöne Augen ist doppelt soviel wert.« »Mehr«, sagte Mr. Pyke. »Weit mehr«, bekräftigte Mr. Rupfer. »Nun, wie steht's, Schlepper?« fragte Sir Mulberry. »Fünf Minuten.« »Bravo.« »Möchten sie nicht zu meinen Gunsten einen Versuch machen, Miss Nickleby?« fragte Lord Frederic nach einer kurzen Pause. »Bemühen Sie sich nicht mit solchen vorlauten Fragen, mein Bester«, spöttelte Sir Mulberry, »Miss Nickleby und ich verstehen einander. Sie erklärt sich für mich und zeigt dadurch ihren guten Geschmack. Sie dürfen sich keine Hoffnung machen, mein Lieber. – Wie steht's, Schlepper?« »Acht Minuten um.« »Machen Sie das Kreuz über das Geld, Mylord«, riet Sir Mulberry. »Sie werden es gleich los sein.« »Ha, ha, ha«, lachte Mr. Pyke. Mr. Rupfer, der immer das Echo machte und seinen Freund womöglich zu überbieten suchte, brüllte laut hinaus. Das arme Mädchen, das vor Verwirrung kaum wußte, was tun, hatte sich vorgenommen, ganz ruhig zu bleiben. Da sie aber fürchtete, dadurch den Anschein zu erwecken, als unterstütze sie Sir Mulberrys Prahlerei, so erhob sie ihre Augen und sah ihm ins Gesicht. In seinem Blicke lag aber so viel Abstoßendes, Unverschämtes und Freches, daß sie, unfähig, auch nur ein Wort zu sagen, aufstand und aus dem Zimmer eilte. Mit Gewalt drängte sie die Tränen zurück, bis sie sich allein in dem rückwärtigen Zimmer befand. »Vortrefflich«, jubelte Sir Mulberry und schob dem jungen Lord das Geld hin. »Das Mädchen hat Geist, wir müssen auf ihre Gesundheit trinken.« Pyke und Compagnie gingen natürlich auf diesen Vorschlag mit großer Wärme ein und tranken außerdem noch auf Sir Mulberrys so glänzende Eroberung. Ralph, der seine Nichte während des vorhergegangenen Auftritts, als alle Blicke auf ihr geruht, mit den Augen eines Wolfes beobachtet hatte, schien freier aufzuatmen, als sie gegangen. Er lehnte sich, während die Gläser rascher kreisten, in seinem Stuhle zurück und sah, je mehr seine Gäste durch den Wein erhitzt wurden, von einem Sprecher auf den andern, und zwar mit Blicken, die bis in ihr Innerstes zu dringen und einen seltsamen Genuß darin zu finden schienen, jeden müßigen Gedanken in ihrem Hirn zu zergliedern. Inzwischen hatte sich Kate, ganz sich selbst überlassen, wieder einigermaßen gefaßt. Sie erfuhr durch ein Dienstmädchen, daß ihr Onkel sie noch zu sehen wünschte, ehe sie das Haus verließe, und vernahm dabei auch die beruhigende Kunde, daß die Herren ihren Tee bei Tisch trinken würden. Die Hoffnung, nicht mehr mit ihnen in Berührung zu kommen, trug viel dazu bei, ihr aufgeregtes Gemüt zu besänftigen, und so sammelte sie sich endlich so weit, daß sie ein Buch nehmen und darin blättern konnte. Hie und da fuhr sie noch zusammen, wenn ein plötzliches Aufgehen der Speisesaaltür das wilde Toben der Zecher hörbar werden ließ, und mehr als einmal sprang sie in Todesängsten auf, wenn ein Fußtritt auf der Treppe ihre Furcht rege machte, irgendein betrunkenes Mitglied der Gesellschaft könnte sich zu ihr verirren. Es fiel jedoch nichts vor, was ihre Besorgnis verwirklicht hätte, und so bemühte sie sich denn, ihre Aufmerksamkeit ganz auf das Buch zu konzentrieren, an dem sie nachgerade so viel Interesse fand, daß sie, Zeit und Ort ganz vergessend, einige Kapitel durchlas. – Plötzlich schrak sie auf. Jemand dicht neben ihr hatte ihren Namen ausgesprochen. Das Buch entfiel ihrer Hand. Gerade neben ihr rekelte sich Sir Mulberry auf einer Ottomane, augenscheinlich durch den Wein noch frecher und zudringlicher gestimmt. »Welch himmlische Vertieftheit«, begann er; »war es Ihnen Ernst damit, oder wollten Sie nur ihre Augenwimpern zeigen?« Kate biß sich in die Lippen und blickte, ohne zu antworten, ängstlich nach der Türe. »Ich habe Sie schon fünf Minuten lang so bewundert«, fuhr Sir Mulberry fort, »meiner Seel, Sie sind fabelhaft schön. Warum mußte ich auch sprechen und ein so anmutiges Bild zerstören?!« »Wollen Sie mich gütigst mit Ihren Worten verschonen, Sir!« versetzte Kate. »Ach, sprechen Sie nicht so grausam!« spöttelte Sir Mulberry, klappte seinen Chapeau claque zusammen, stützte den Ellenbogen darauf und rückte mit dem Gesicht noch näher an das junge Mädchen heran. »Bei meinem Leben, Sie dürfen nicht so sprechen. Es ist teuflisch grausam von Ihnen, den Sklaven, der zu Ihren Füßen liegt, so hart zu behandeln. Ja, das ist es, meiner Seel!« »Ich möchte Ihnen begreiflich machen, Sir«, sagte Kate, bebend vor höchster Entrüstung, »daß Ihr Benehmen mich beleidigt und anekelt. Wenn Sie nur einen Funken von Ehrgefühl haben, so verlassen Sie mich auf der Stelle!« »Aber Schätzchen, warum wollen Sie denn noch immer diesen Schein übermäßiger Sprödigkeit wahren?« fragte Sir Mulberry grinsend. »Geben Sie sich doch mehr, wie Sie sind, Fräulein.« Kate sprang hastig auf, aber als sie sich erhob, faßte sie Sir Mulberry beim Kleid und hielt sie zurück. »Lassen Sie mich los! Hören Sie! Augenblicklich! Auf der Stelle!« rief Kate. »Setzen Sie sich doch; setzen Sie sich«, sagte Sir Mulberry spöttisch, »ich habe etwas mit Ihnen zu sprechen!« »Ob Sie mich loslassen wollen, Sir«, rief Kate, »frage ich. Auf der Stelle, hören Sie? Augenblicklich!« »Nicht um eine Welt«, versetzte Mulberry. Dabei beugte er sich über sie, um sie auf ihren Sitz zurückzudrücken, aber sie machte eine so gewaltige Anstrengung, sich loszureißen, daß er das Gleichgewicht verlor und der Länge nach hinfiel. Kate wollte eben aus dem Zimmer eilen, da trat ihr Ralph Nickleby an der Türe in den Weg. »Was gibt's da?« fragte er. »Nichts weiter, Sir«, erwiderte Kate in heftigster Aufregung, »als daß ich unter dem Dache, wo ich als hilfloses Mädchen und als Kind Ihres verstorbenen Bruders hätte Schutz finden sollen, Beleidigungen ausgesetzt gewesen bin, derentwegen Sie in den Boden sinken sollten, wenn Sie meiner nur ansichtig werden. – Lassen Sie mich hinaus!« Ralph bebte zurück, als das entrüstete junge Mädchen seinen flammenden Blick auf ihn richtete, ohne jedoch ihrem Verlangen zu willfahren. Er führte sie vielmehr fast gewaltsam nach einem entfernt stehenden Sitz, näherte sich dann Sir Mulberry, der inzwischen wieder aufgestanden war, und deutete nach der Türe. »Ihr Weg geht dahinaus«, sagte er mit fast erstickter Stimme. »Was wollen Sie damit sagen?« fragte Sir Mulberry trotzig. Die Adern auf Ralphs gefurchter Stirne traten wie straffe Sehnen hervor, und die Muskeln seines Mundes zuckten, wie in unerträglichem Schmerze, aber er lächelte nur verächtlich und deutete abermals nach der Türe. »Wissen Sie überhaupt, wer ich bin, Sie Narrenhaus-Kandidat?« fragte Sir Mulberry. »Ja.« Einen Augenblick erbebte der fashionable Taugenichts fast unter dem festen Blick des alten hartgesottenen Sünders, dann ging er, vor sich hin brummend, zur Türe. »Aha, Sie hatten es auf den Lord abgesehen? Was?« fragte er, sich rasch wieder umdrehend, als ob ihm plötzlich ein Licht aufgegangen wäre. »Zum Teufel, und ich war Ihnen im Weg, was?« Ralph lächelte krampfhaft, gab aber keine Antwort. »Wer hat ihn zuerst hergebracht?« fuhr Sir Mulberry auf. »Und wie wäre es Ihnen ohne mich möglich geworden, ihn ins Netz zu bekommen?« »Das Garn ist groß und ziemlich voll. Nehmen Sie sich in acht, daß Sie nicht in den Maschen erwürgt werden«, sagte Ralph dumpf. »Sie wären imstande, Ihr eigen Fleisch und Blut für Geld zu verschachern und sich selbst noch obendrein, wenn der Kontrakt mit dem Teufel nicht bereits abgeschlossen wäre«, zürnte Sir Mulberry. »Sie wollen mir vielleicht gar weismachen, ihre Nichte habe nicht als Köder für den betrunkenen Laffen da unten dienen sollen?!« Trotzdem dieses Zwiegespräch von beiden Seiten hastig und mit gedämpfter Stimme geführt wurde, sah sich Ralph doch schnell um, ob Kate ihren Platz nicht gewechselt und vielleicht alles mit angehört habe. Sein Gegner bemerkte es und nahm sofort seinen Vorteil wahr. »Wollen Sie mir es wirklich weismachen, daß es nicht der Fall ist?« fragte er lauter. »Was?« »Ich sage Ihnen bloß«, versetzte Ralph, »wenn ich sie wegen eines Geschäftes einlud –« »Ja, ja, das ist der richtige Ausdruck«, fiel Sir Mulberry lachend ein, »jetzt sind Sie wieder ganz Ralph Nickleby.« »– meine Nichte wegen eines Geschäftes einlud«, fuhr Ralph langsam und fest, wie ein Mann, der jedes seiner Worte genau überlegt, fort, »weil ich glaubte, sie werde auf den einfältigen jungen Menschen, den Sie in Ihren Händen haben und zu ruinieren im Begriffe sind, einigen Eindruck machen, so wußte ich – denn ich kenne ihn –, daß es lange dauern würde, bis er die Gefühle eines jungen Mädchens verletzen werde, und daß er, wenn er schon durch sein läppisches, hohlköpfiges Wesen Anstoß erregen sollte, bei einer kleinen Nachhilfe von Ihrer Seite das Geschlecht und die Sittsamkeit sogar an der Nichte eines Wucherers achten müßte. Aber wenn ich ihn schon durch diesen Kunstgriff auf eine feinere Weise anlocken wollte, so wäre es mir doch keinen Augenblick eingefallen, das Mädchen der Zügellosigkeit und Roheit eines Wüstlings wie Sie auszusetzen. Jetzt verstehen wir uns.« »Und daher plötzlich so viel Gewissen, weil nichts dabei zu gewinnen war, he?« höhnte Sir Mulberry. »Ganz richtig.« Ralph Nickleby hatte sich abgewendet und seine letzten Worte über die Schulter gesprochen. Dabei begegneten sich die Blicke der beiden, und jeder fühlte, daß er den andern bis ins Innerste durchschaute. – Sir Mulberry zuckte die Achseln und ging hinaus. – Ralph schloß die Türe und blickte unruhig nach seiner Nichte. Sie hatte den Kopf auf ein Polster des Sofas niedersinken lassen, das Gesicht in den Händen verborgen, und schien noch immer im Übermaße des Schmerzes und der Scham zu weinen. Ralph wäre ruhig in das Haus eines verarmten Schuldners gegangen und hätte ihn ohne Bedenken – nötigenfalls vom Sterbebett seines Kindes weg – der Schuldhaft überliefert, denn dergleichen galt im Geschäftsleben als nichts Besonderes; aber hier war ein junges Mädchen, das kein anderes Unrecht begangen, als daß es lebendig zur Welt gekommen, das sich geduldig allen seinen Wünschen gefügt und ihm zu Gefallen sich harten Prüfungen unterzogen hatte und vor allem ihm kein Geld schuldig war, und er fühlte sich verlegen und unbehaglich. Er nahm einen Stuhl in einiger Entfernung, dann einen näher stehenden, und so rückte er immer näher an Kate heran, bis er sich endlich auf das Sofa zu ihr setzte. Dann legte er seine Hand auf ihren Arm. »Ruhig, mein Kind«, sagte er, als sie den Arm zurückzog und von neuem zu schluchzen begann, »ruhig, ruhig! Mach dir nichts daraus. Denke nicht mehr daran!« »Ach, um Gottes willen, lassen Sie mich heimgehen«, schluchzte Kate, »lassen Sie mich dieses Haus verlassen und heimgehen.« »Ja, ja, das sollst du«, beruhigte sie Ralph, »aber du mußt dir doch zuerst die Augen trocknen und dich sammeln. – Komm, laß dir den Kopf aufrichten. – So.« »Ach, Onkel«, jammerte das arme Mädchen und rang die Hände. »Was habe ich getan, was habe ich getan, daß Sie mich all dem aussetzen konnten! Wenn ich Sie in Worten, Gedanken oder Taten gekränkt hätte, so wäre es schon die größte Grausamkeit gegen mich und eine Verhöhnung des Andenkens eines Verstorbenen gewesen, den Sie in früheren Zeiten geliebt haben müssen, aber –« »Hör mich nur einen Augenblick ruhig an«, unterbrach Ralph wirklich ernstlich beunruhigt, »ich wußte doch nicht, daß es so kommen würde. Ich konnte es unmöglich voraussehen. Ich habe alles getan, was ich konnte. Komm, wir wollen ein wenig auf und ab gehen; die dumpfe Luft und die Hitze der Lampen haben dich angegriffen. Es wird dir gleich wieder besser werden, wenn du ein wenig Bewegung machst.« »Ich will ja alles tun«, jammerte Kate, »wenn Sie mich nur nach Hause lassen.« »Ja, ja, gewiß«, versprach Ralph, »aber man darf dir doch nicht ansehen, daß du geweint hast. Du erschreckst sonst deine Mutter. Überhaupt braucht niemand von dem Vorfall etwas zu wissen als ich und du. Na also, jetzt siehst du ja schon wieder besser aus.« Kate so zuredend, führte sie Ralph Nickleby am Arm im Zimmer auf und ab, aber er hätte umsinken mögen, wenn er ihrem Blick begegnete, und bei ihrer Berührung überlief ein Zittern seine Glieder. Als er es für rätlich hielt, sie gehen zu lassen, half er ihr in derselben Weise die Treppen hinunter, nachdem er ihr vorher – wahrscheinlich zum erstenmal in seinem Leben – den Schal umgeworfen und ähnliche kleine Dienste erwiesen. Er begleitete sie sogar über den Hausflur und die Türtreppen und ließ sie nicht eher los, bis er sie sicher im Wagen wußte. Als der Kutschenschlag zugeschlagen wurde, fiel ein Kamm aus ihrem Haar dicht vor seinen Füßen nieder, und wie er ihn aufhob und ihr zurückgab, bestrahlte das Licht einer Laterne ihr Gesicht. Die aufgelöste Haarlocke, die in leichten Ringeln um ihre Stirn hing, die Spuren der kaum getrockneten Tränen, die geröteten Wangen, der kummervolle Blick – alles das weckte eine Reihe schlummernder Empfindungen in der Brust des alten Mannes. Das Gesicht seines toten Bruders schien ihn anzusehen, gerade so wie damals in vergangenen Zeiten, wenn irgendein kindlicher Schmerz es getrübt. Jeder, auch der kleinste Zug, blitzte mit einer Bestimmtheit, als wäre all das erst gestern gewesen, in Ralphs Seele auf. Ralph Nickleby, der gegen alle Stimmen des Blutes und der Verwandtschaft gepanzert war und gegen die ergreifendsten Szenen von Kummer und Unglück, dieser eherne Mann fuhr bei diesem Anblicke zusammen und taumelte dann in sein Haus zurück wie ein Mensch, der eine Erscheinung aus einer andern Welt gesehen hat. 20. Kapitel Nikolas trifft endlich mit seinem Onkel zusammen und sagt ihm mit bemerkenswerter Offenheit die Meinung Früh am Montagmorgen – dem Tage nach dem Dinner bei Ralph Nickleby – eilte die kleine Miss La Creevy durch die verschiedenen Straßen im Westend, mit der wichtigen Botschaft beauftragt, Madame Mantalini zu melden, Kate sei vorläufig zu unpäßlich, um ins Geschäft kommen zu können, hoffe jedoch, am nächsten Morgen wiederhergestellt zu sein. Während Miss La Creevy so dahintrippelte, im Geiste allerhand zierliche Ausdrucksformen und -wendungen erwägend, mußte sie viel über die wahrscheinlichen Ursachen der Krankheit ihrer jungen Freundin nachdenken. »Ich weiß nicht, was ich daraus machen soll«, sprach sie laut zu sich selbst. »Ihre Augen waren gestern so gerötet. Sie sagte, sie hätte Kopfweh, aber Kopfweh macht doch keine roten Augen. Sie muß geweint haben.« Bei diesem Schlusse angelangt, den sie sich übrigens schon den Abend vorher gebildet, erwog sie weiter – und sie hatte es fast die ganze verflossene Nacht hindurch getan –, welches neue Unglück ihre Freundin wohl getroffen haben könnte. »Ich kann mir nur denken«, sagte sich die kleine Porträtmalerin, »daß das Benehmen des alten Brummbären daran schuld ist. Grob gegen sie – man denke nur! Der garstige Flegel!« Erleichtert durch diese Meinungsäußerung, wenn sie auch buchstäblich nur in den Wind gesprochen war, eilte Miss La Creevy in Madame Mantalinis Haus, die jedoch noch nicht aufgestanden war und sich von Miss Knag vertreten ließ. »Wenn es von mir abhinge«, sagte Miss Knag, als die Botschaft unter den wunderlichsten Redefiguren glücklich an Mann gebracht war, »so könnte sich Miss Nickleby das Wiederkommen überhaupt für immer ersparen.« »So, wirklich? Madam!« entgegnete Miss La Creevy höchlichst beleidigt. »Nun, da ist es ja gut, daß Sie nicht die Inhaberin des Geschäfts sind. Glücklicherweise hat da Ihre Ansicht nicht viel zu bedeuten.« »Sehr wohl Madam«, versetzte Miss Knag steif. »Haben Sie sonst noch etwas zu befehlen?« »Nein, Madam.« »Dann guten Morgen, Madam.« »Auch Ihnen einen schönen guten Morgen und vielen Dank für Ihr so außerordentlich höfliches und feines Benehmen«, erwiderte Miss La Creevy. Nach diesem Zwiegespräch, während dessen beide Teile heftig gezittert und bewunderungswürdig höflich getan hatten – sichere Anzeichen, daß nur sehr wenig fehlte und der heftigste Sturm wäre ausgebrochen –, fegte Miss La Creevy aus dem Zimmer. »Ich möchte nur wissen, wer das ist«, nahm die kleine Malerin ihr Selbstgespräch auf der Straße wieder auf. »Wirklich eine reizende Bekanntschaft! Ich wollte nur, ich könnte sie malen. – Ich würde ihr schon Gerechtigkeit angedeihen lassen.« Höchlichst befriedigt, etwas sehr Beißendes auf Miss Knags Kosten gesagt zu haben, brach Miss La Creevy in ein lustiges Lachen aus und langte in ungemein guter Laune zu Hause zum Frühstück an. Das kleine, geschäftige, heitere Wesen hatte sich mit der Zeit ganz in sich hineingelebt, sprach mit sich selbst, machte sich selbst zu ihrer Vertrauten, teilte sich selbst die beißendsten Bemerkungen über Leute mit, die sie beleidigt hatten, gefiel sich selbst und tat niemand ein Leides. Wenn sie jemand Arges nachsagte, so litt doch niemandes Ruf darunter und wenn sie ein klein bißchen Rache übte, so spürte keine lebende Seele auch nur das mindeste davon. Sie war eine von den vielen, die ihrer beschränkten Mittel wegen keine Verbindungen nach ihrem Geschmacke anknüpfen können und andererseits auch nicht geneigt sind, sich Kreisen, die ihnen zugänglich sind, anzuschließen. London war daher für sie eine so vollständige Einöde wie die Wüste von Syrien. Viele Jahre hatte sie auf diese Weise einsam gelebt und ohne Freunde, bis das eigentümliche Mißgeschick der Familie Nickleby ihre Aufmerksamkeit erregte, obgleich sie innerlich von den freundschaftlichsten Gefühlen gegen die ganze Menschheit förmlich überströmte. Wie viele warme Herzen gleich dem der armen Miss La Creevy mögen wohl im Verborgenen schlagen. Miss La Creevy ging also zu ihrem Frühstück nach Hause und hatte sich kaum des Duftes ihrer ersten Tasse Tee erfreut, als das Dienstmädchen einen Herrn meldete. »Da – schnell, nimm das Service weg! – Lauf damit ins Schlafzimmer oder sonstwohin«, rief Miss La Creevy, die natürlich nicht anders dachte, als daß sich jemand malen lassen wollte, erregt. »Mein Gott, daß ich gerade diesen Morgen so spät frühstücken muß, wo ich doch seit drei Wochen jedesmal schon um halb neun Uhr fix und fertig war, ohne daß sich eine Seele zeigte.« »Lassen Sie sich durch mich nicht stören«, sagte eine Stimme, die ihr bekannt vorkam. »Ich befahl dem Mädchen, meinen Namen zu verschweigen, da ich Sie überraschen wollte.« »Mr. Nikolas!« rief Miss La Creevy und sprang erstaunt auf. »Ich sehe, Sie haben mich nicht vergessen«, versetzte Nikolas Nickleby und streckte ihr die Hand hin. »Ei, ich denke, ich würde Sie sogar erkannt haben, wenn ich Ihnen auf der Straße begegnet wäre«, remonstrierte Miss La Creevy lächelnd. »Hannah, noch eine Tasse! Aber eines muß ich Ihnen sagen, junger Herr, daß Sie sich nicht unterstehen, wieder so dreist zu werden wie neulich.« »Würden Sie denn gar so böse darüber werden?« fragte Nikolas. »Versuchen Sie es nur!« entgegnete Miss La Creevy. Nikolas nahm mit gebührender Galanterie die kleine Malerin sogleich beim Worte. Sie stieß einen leisen Schrei aus und schlug ihn auf die Wange, aber der Schlag war wirklich kein sehr harter. »Ich habe in meinem Leben keinen so dreisten Menschen gesehen«, rief sie. »Sie sagten aber doch, ich solle es versuchen.« »Aber ich meinte es doch nur ironisch.« »Oh, das ist etwas anderes«, entgegnete Nikolas. »Das hätten Sie mir gleich sagen sollen.« »Natürlich – als ob Sie es nicht selbst gewußt hätten!« schmollte Miss La Creevy »Übrigens, wenn ich Sie jetzt genauer ansehe, kommen Sie mir magerer vor als bei unserem letzten Zusammensein; auch ist Ihr Gesicht blaß und eingefallen. Warum haben Sie Yorkshire verlassen?« Sie hielt inne. In ihrer bewegten Miene sprach sich aber so viel Mitgefühl aus, daß Nikolas ganz gerührt war. »Ich muß wohl etwas verändert aussehen«, sagte er nach einem kurzen Schweigen; »ich habe, seit ich London verlassen, mancherlei, sowohl körperlich wie seelisch, durchgemacht. Auch bin ich von Armut und Mangel nicht verschont geblieben.« »Gott im Himmel!« rief Miss La Creevy, »was sagen Sie da!« »Es braucht Sie übrigens nicht zu beunruhigen«, fuhr Nikolas heiterer fort, »denn ich komme nicht hierher, um mein Schicksal zu bejammern, sondern aus einem ganz andern Grunde. Ich möchte nämlich Angesicht zu Angesicht vor meinen Onkel treten, und das ist das erste, was ich Ihnen mitteilen will.« »Dann kann ich Ihnen nur sagen«, unterbrach ihn Miss La Creevy eifrig, »daß ich Sie um Ihren Geschmack nicht beneide. Mich würde es vierzehn Tage verstimmen, wenn ich nur mit seinen Stiefeln in demselben Zimmer sein müßte.« »Was das anbelangt, so bin ich in der Hauptsache ganz Ihrer Meinung; ich wünsche ihm auch nur entgegenzutreten, um mich zu rechtfertigen und ihm seine Doppelzüngigkeit und Niedertracht an den Kopf zu werfen.« »Das ist etwas anderes«, versetzte Miss La Creevy. »Gott verzeih mir die Sünde, aber ich würde mir wahrhaftig nicht die Augen darüber ausweinen, wenn er daran erstickte. Und weiter?« »Ich habe deshalb diesen Morgen bei ihm vorgesprochen. Er kam vergangenen Samstag in die Stadt zurück, und ich erfuhr es erst gestern spät in der Nacht.« »Haben Sie ihn gesehen?« fragte Miss La Creevy. »Nein. Er war ausgegangen.« »Ha, wahrscheinlich wieder zu einem Liebeswerk?« »Den Mitteilungen eines Freundes zufolge, der sein Treiben kennt, habe ich Grund anzunehmen, daß er heute meine Mutter und meine Schwester zu besuchen gedenkt, um ihnen das, was mir zugestoßen ist, auf seine Weise mitzuteilen. Dort will ich ihn jetzt treffen.« »Schön«, rief Miss La Creevy und rieb sich die Hände; »und doch weiß ich nicht – man müßte es sich noch gut überlegen wegen gewisser Rücksichten.« »Ich habe alles das bereits erwogen«, beruhigte sie Nikolas; »aber es handelt sich hier um meine Ehre.« »Sie müssen das freilich am besten wissen«, meinte Miss La Creevy. »Ich hoffe, ich handle richtig«, erwiderte Nikolas. »Jedenfalls möchte ich Sie bitten, meine Mutter und meine Schwester auf meine Ankunft vorzubereiten. Sie glauben mich in weiter Ferne, und wenn ich so ganz unerwartet eintrete, könnte es sie erschrecken. Wenn Sie so viel Zeit erübrigen können, um ihnen zu sagen, daß Sie mich gesehen hätten und ich in einer Viertelstunde bei ihnen sein werde, würden Sie mir einen großen Dienst leisten.« »Ich wollte, ich könnte Ihnen oder den Ihrigen einen größeren Dienst leisten«, rief Miss La Creevy; »aber es trifft sich so selten, daß der, der kann, auch will, und der, der will, auch kann.« In großer Eile und unter fortwährendem Geplauder beendigte die gutmütige kleine Malerin ihr Frühstück. Dann schaffte sie ihr Teegeschirr beiseite, versteckte den Schlüssel, setzte ihren Hut auf und trat sofort den Weg nach der City an. Nikolas verließ sie in der Nähe der Wohnung seiner Mutter und versprach, spätestens in einer Viertelstunde nachzukommen. Ralph Nickleby hatte inzwischen nicht, wie Newman Noggs angenommen, einen Geschäftsgang in die Stadt gemacht, sondern, da es seinen Absichten besser entsprach, die Schändlichkeiten, deren sich Nikolas angeblich schuldig gemacht, so schnell wie möglich aufzudecken, sich unmittelbar zu seiner Schwägerin begeben. Miss La Creevy traf daher, als sie von einem Mädchen, das gerade den Flur scheuerte, in das Zimmer gewiesen worden, Mrs. Nickleby und Kate bereits in Tränen aufgelöst. Von Kate durch einen Wink aufgefordert dazubleiben, setzte sie sich schweigend in einen Stuhl. »Ein feines Benehmen«, nahm Ralph seine eben unterbrochene Rede wieder auf und faltete Miss Squeers' Brief zusammen – »ein sehr feines Benehmen. Ich habe ihn an den Mann empfohlen – übrigens ganz gegen meine Überzeugung, denn ich sah voraus, daß es nicht guttun würde –, bei dem er bei guter Aufführung jahrelang ein behagliches Auskommen gehabt hätte. Und was ist das Resultat? Er benimmt sich auf eine Weise, für die er vielleicht in dem Gerichtshof zu Old Bailey die Hand emporhalten muß.« »Ich kann das nicht glauben«, sagte Kate unwillig, »nun und nimmermehr. Es ist ein nichtswürdiges Komplott, das das Gepräge der Lüge an der Stirne trägt.« »Meine Liebe«, entgegnete Ralph, »du tust Mr. Squeers unrecht. Hier kann von keiner Erdichtung die Rede sein. Der Mann ist überfallen worden, dein Bruder nirgends zu finden und der Junge mit ihm auf und davon – halte dir diese Tatsachen vor Augen.« »Es ist unmöglich«, erwiderte Kate. »Nikolas! – Und noch obendrein ein Dieb! Mama, wie kannst du nur ruhig dasitzen und solche Verleumdungen mit anhören!?« Die arme Mrs. Nickleby, die sich nie durch den Besitz besonders großen Scharfsinns ausgezeichnet hatte und durch den kürzlichen Wechsel in ihrem Geschick ganz und gar verwirrt war, wußte auf diesen Vorwurf nichts weiter zu entgegnen, als daß sie hinter ihrem Taschentuche hervorrief, sie würde es nie geglaubt haben, was offenbar soviel heißen sollte, daß sie es jetzt wirklich glaube. »Wenn er mir in den Weg käme, würde ich es für meine heilige Pflicht halten, ihn den Händen der Gerechtigkeit zu überliefern, da ich als Geschäftsmann und als Mann, der in der Welt lebt, nicht anders handeln könnte. Und doch« – fuhr Ralph mit einer schärferen Betonung und einem verstohlenen, aber festen Blick auf Kate fort – »und doch möchte ich es wieder nicht tun, um die Gefühle seiner – seiner Schwester zu schonen. Und natürlich auch seiner Mutter«, fügte er hinzu, als ob ihm dies erst nachher eingefallen wäre, wenn auch mit weit geringerem Nachdruck. Kate begriff recht gut, daß dies nur ein Wink für sie sein sollte, über die Ereignisse des letzten Abends reinen Mund zu halten, und blickte daher unwillkürlich fragend auf, aber Ralph hatte bereits seine Augen abgewendet und tat, als bemerkte er es nicht. »Alles« – fuhr er nach einer langen Pause fort, die nur durch Mrs. Nicklebys Schluchzen unterbrochen wurde – »alles wirkt zusammen, die Glaubwürdigkeit dieses Briefes außer Zweifel zu setzen, wenn zu solchem überhaupt der mindeste Grund vorhanden wäre. Läuft vielleicht ein unschuldiger Mensch vor ehrlichen Leuten davon, um sich wie ein vogelfreier Verbrecher verborgen zu halten? Wiegelt ein Unschuldiger namenlose Landstreicher auf, um mit ihnen herumzuzigeunern? Überfall, Aufwiegelung, Diebstahl – wie nennt man das?« »Lügen!« ertönte eine zornige Stimme; die Türe flog auf und Nikolas stürmte in das Zimmer. In dem ersten Augenblick der Überraschung und vielleicht auch des Schreckens fuhr Ralph von seinem Stuhle auf und prallte bei dieser unerwarteten Erscheinung, seine gewohnte Besonnenheit ganz vergessend, einige Schritte zurück. Im nächsten Augenblick jedoch stand er wieder fest und unbeweglich mit verschränkten Armen da und fixierte seinen Neffen mit einem Blick voll tödlichsten Hasses, während Kate und Miss La Creevy sich zwischen die beiden warfen, um Gewalttätigkeiten vorzubeugen, die bei Nikolas' wilder Aufregung allerdings zu befürchten standen. »Nikolas, lieber Nikolas«, rief Kate und klammerte sich an ihren Bruder, »sei ruhig, ich bitte dich! Bedenke –« »Bedenken, Kate?« entgegnete Nikolas und drückte in seiner Erregung ihre Hand so fest, daß sie vor Schmerz beinahe aufschrie. »Wenn ich alles bedenke und mir alles, was vorgefallen ist, ins Gedächtnis zurückrufe, so müßte ich von Stein sein, um ihm gegenüber ruhig bleiben zu können.« »Oder von Erz«, fiel Ralph kalt ein. »Fleisch und Blut hat freilich nicht Frechheit genug, den Blick eines ehrlichen Mannes auszuhalten.« »Gott im Himmel«, jammerte Mrs. Nickleby, »daß es so weit kommen mußte!« »Wer spricht hier in einem Tone, als ob ich ein Verbrechen begangen und Schande über meine Familie gebracht hätte?« zürnte Nikolas, wild umherblickend. »Deine Mutter, junger Mensch!« versetzte Ralph und deutete auf Mrs. Nickleby. »Sie – Sie waren es, der ihr Gift ins Ohr geträufelt hat«, fuhr Nikolas auf. »Ja, Sie – Sie haben unter dem Vorwande, ihr beistehen zu wollen, Schmach und Entehrung auf mein Haupt gehäuft! Sie waren es, der mich in eine wahre Hölle geschickt hat, wo eine Brutalität und Grausamkeit, die selbst Ihrer würdig wäre, an der Tagesordnung ist, wo namenloses Elend schon die Kinder zu Greisen stempelt und jeder Funke des Guten schon im Keime erstickt! Und ich rufe den Himmel zum Zeugen auf, daß ich alles das mit eigenen Augen mit angesehen habe und daß dieser Mensch darum weiß!« »Widerlege die Verleumdung«, fiel Kate ein, »aber beherrsche dich, damit du deinen Feinden keinen Vorteil einräumst. Sag uns, was du getan hast, und beweise ihre Lügenhaftigkeit.« »Und wessen klagt man mich – oder vielmehr, wessen klagt er mich an?« fragte Nikolas. »Erstens hast du deinen Prinzipal überfallen und in einer Weise mißhandelt, daß nur wenig daran fehlte und man hätte dich als Mörder der Gerechtigkeit überliefert«, nahm Ralph das Wort. »Ja, ja, ich rede gerade heraus, junger Mensch, du magst toben, wie du willst.« »Ich habe mich ins Mittel gelegt«, erwiderte Nikolas, »um ein elendes, unglückliches Geschöpf gegen die unerhörtesten Mißhandlungen zu schützen. Dabei erteilte ich einem Nichtswürdigen eine Züchtigung, die er nicht so leicht vergessen wird, wenn sie auch noch lange nicht so ausfiel, wie er sie verdiente. Und wenn sich der Auftritt jetzt in dieser Minute in meiner Gegenwart wiederholte, ich würde um kein Haar anders handeln, höchstens, daß ich kräftiger zuschlüge und ihn in einer Weise zeichnete, daß er die Brandmale mit ins Grab nähme, und wenn er auch noch so lange lebte.« »Hören Sie, was er sagt?« wendete sich Ralph zu Mrs. Nickleby. »Das ist seine Reue!« »O du mein Gott!« jammerte Mrs. Nickleby; »wirklich, ich weiß nicht, was ich denken soll.« »Ich bitte dich, Mama, sprich jetzt nicht«, flehte Kate. »Lieber Nikolas, ich sage es dir nur, damit du weißt, wie weit die Verworfenheit dieses Menschen in Yorkshire geht, aber man beschuldigt dich – ein Ring wird vermißt, und sie erfrechen sich zu sagen, daß –« »Das Weibsbild«, entgegnete Nikolas stolz, »die Frau des Kerls, von dem diese Anklagen herrühren, hat – wie ich vermute – an dem Morgen, als ich das Haus verließ, einen wertlosen Ring unter meine Kleider gesteckt. Wenigstens weiß ich, daß sie in der Kammer war, wo sie lagen, und dort ein unglückliches Kind mißhandelte. Ich fand den Ring, als ich unterwegs mein Bündel öffnete, und habe ihn sogleich durch die Post zurückgeschickt; sie müssen ihn daher bereits längst wiederhaben.« »Ich wußte es doch, ich wußte es doch«, jubelte Kate. »Aber was ist's mit dem Jungen, den du mit fortgenommen haben sollst?« »Der Junge – ein hilfloses Geschöpf, das durch die roheste und unnatürlichste Behandlung, die sich nur ausdenken läßt, blödsinnig geworden ist – befindet sich bei mir.« »Sie hören!« wendete sich Ralph abermals an Mrs. Nickleby. »Er gesteht alles ruhig ein. Wirst du den Jungen wieder zurückgeben?« »Nein. Gewiß nicht«, rief Nikolas. »So? – Nicht?« höhnte Ralph. »Nein«, wiederholte Nikolas mit Nachdruck, »wenigstens nicht dem Menschen, bei dem ich ihn fand. Ich wünschte, ich kennte den, dem er das Dasein verdankt, damit ich ihm wenigstens ein Gefühl der Scham abringen könnte, wenn er schon sonst für jede Stimme der Natur erstorben zu sein scheint.« »Wirklich? Nun, vielleicht paßt es Ihnen dann, junger Herr, ein paar Wörtchen von mir anzuhören?« »Sie können sprechen, wann und wie es Ihnen beliebt«, versetzte Nikolas über die Schulter und umarmte seine Schwester. »Ich kümmere mich wenig um Ihre Worte oder Drohungen.« »Vortrefflich, junger Herr«, höhnte Ralph; »aber vielleicht kümmern sich andere darum und halten es möglicherweise für der Mühe wert, auf meine Worte zu hören und sie zu erwägen. Ich will mich an deine Mutter wenden, die die Welt besser kennt.« »Ach, hätte ich sie doch nie kennengelernt«, schluchzte Mrs. Nickleby. Hinsichtlich dieses Punktes hätte sich die gute Dame trösten können, da ihre Weltkenntnis im glimpflichsten Falle höchst zweifelhafter Natur war. Das schien auch Ralph zu denken, denn er lächelte nur spöttisch. »Ich will das, was ich für Sie, Madam, getan habe oder zu tun gedachte«, nahm er dann wieder das Wort, »mit keiner Silbe erwähnen. Ich habe kein Versprechen gegeben und überlasse es daher Ihnen, selbst zu urteilen. Auch habe ich nicht im Sinne zu drohen, sage aber, daß dieser starrköpfige, eigensinnige und liederliche Bursche keinen Penny und keine Krume Brot mehr von mir erhalten wird und daß ich keinen Finger rühren würde, und könnte ich ihn damit von dem höchsten Galgen in ganz Europa retten. Er soll mir nie wieder unter die Augen kommen; ich will nicht einmal seinen Namen mehr hören. Von mir hat er keinen Beistand zu hoffen, und ebensowenig haben es die, die ihm Beistand leisten. Er weiß recht gut, was aus seinem Benehmen für Sie erwachsen muß, aber er kommt in seiner Selbstsucht und Arbeitsscheu ruhig zurück, um Ihre Sorgen zu vermehren und den kümmerlichen Verdienst seiner Schwester aufzehren zu helfen. Ich bedaure, meine Hand von euch zurückziehen zu müssen, – besonders um Kates willen, – aber ich will diesem Ausbund von Gemeinheit und Roheit nicht noch Vorschub leisten, und da ich Ihnen nicht zumuten kann, ihn aufzugeben, so wird dies mein letzter Besuch sein.« Hätte Ralph nicht gewußt, wie sehr es in seiner Macht stand, die, die er haßte, zu verwunden, so würden ihn seine Blicke auf Nikolas von der vollen Wirkung seiner Worte überzeugt haben. Der junge Mann war sich durchaus keines Vergehens bewußt; aber trotzdem verrieten sein blasses Gesicht und seine bebenden Lippen, wie tief ihm diese wohlberechneten falschen Beschuldigungen gingen. »Ich kann doch nichts dafür«, schluchzte Mrs. Nickleby. »Ich weiß, Sie sind sehr hilfreich gegen uns gewesen und hatten auch für meine arme Tochter noch viel Gutes im Sinne. Ich bin davon vollkommen überzeugt und weiß Ihre Güte zu schätzen, mit der Sie sie in Ihr Haus kommen ließen. Natürlich würde auch die Ausführung Ihrer Pläne sie und mich ungemein glücklich gemacht haben; aber, Schwager, Sie müssen einsehen, ich kann doch meinen eigenen Sohn nicht verstoßen, selbst wenn er alles das, wovon Sie sprachen, getan hat – es ist unmöglich, ich kann es nicht tun; und so müssen wir eben das Schlimmste über uns ergehen lassen. Ach, mein liebes Kätchen, ich werde es nicht überleben.« »Warum sagst du immer, › wenn Nikolas alles das, was ihm vorgeworfen wurde, getan hat‹, Mama?« unterbrach sie Kate empört. »Du hörst doch, daß es nicht der Fall ist.« »Ich weiß nicht, was ich denken soll, mein Kind, so oder so«, jammerte Mrs. Nickleby. »Nikolas ist so heftig, und dein Onkel spricht mit so viel Ruhe, daß ich nur auf ihn, nicht aber auf Nikolas hören kann. Doch das ist ja gleichgültig jetzt – wir wollen nicht mehr davon reden. Wir können ja in das Armenhaus, in das Witwenheim oder in das Magdalenenspital gehen, und je bälder es geschieht, desto besser.« Nach dieser seltsamen Zusammenstellung von wohltätigen Instituten ließ Mrs. Nickleby aufs neue ihren Tränen freien Lauf. »Bleiben Sie ungeniert«, sagte Nikolas, als Ralph sich zur Türe wandte. »Sie brauchen diesen Ort nicht zu verlassen, Sir, in einer Minute werde ich gehen, und es wird wohl lange, sehr lange dauern, ehe ich dieses Haus wieder betrete.« »Nikolas, mein lieber Nikolas«, schrie Kate auf und umschlang den Nacken ihres Bruders, »sprich nicht so, wenn du mir nicht das Herz brechen willst. Mama, so rede doch mit ihm. Laß dir ihre Worte nicht so zu Herzen gehen, Nikolas; sie meint es nicht so – du solltest sie besser kennen. Onkel, und wer sonst noch da ist, um Gottes willen, redet ihm zu.« »Ich hatte nie die Absicht, Kätchen«, beruhigte sie Nikolas, »– ich hatte nie die Absicht, bei euch zu bleiben. Ich weiß, du denkst besser von mir, als daß du das von mir glauben könntest. Ich kehre vielleicht dieser Stadt ein paar Stunden früher, als ich dachte, den Rücken, aber was will das heißen? Wir werden auch getrennt einander nicht vergessen, und es kommen bestimmt noch bessere Tage, wo uns nichts mehr scheiden soll. Nimm dich zusammen, Kätchen«, flüsterte er ihr zu, »und mach mich nicht zum Weibe, während er zusieht.« »Nein, ich will es nicht«, entgegnete Kate lebhaft; »aber du sollst uns nicht verlassen. Denk an die glücklichen Tage, die wir miteinander verlebt haben, ehe dieser Schicksalsschlag über uns kam. Denke an die schweren Prüfungsstunden, denen wir jetzt entgegengehen. Wir haben in all den Demütigungen und Kränkungen, die uns noch in unserer Armut bevorstehen, keinen Beschützer, und du kannst nicht fort wollen, damit wir ihnen allein und hilflos preisgegeben sind.« »Ihr werdet Hilfe finden, wenn ich fort bin«, tröstete sie Nikolas gepreßt. »Ich kann euch keinen Beistand, keinen Schutz gewähren, sondern würde nur euren Kummer, eure Not und eure Leiden vermehren. Die Mutter sieht das ein, und ihre Zärtlichkeit und Besorgnis um dich zeigen mir den Weg, den ich zu wählen habe. Mögen alle guten Engel dich bewahren, Kate, bis ich dir ein Heim geben kann, in dem uns das Glück, das uns jetzt versagt ist, von neuem blüht und die Prüfungsstunden der Gegenwart nur mehr als etwas Gewesenes erscheinen. Halte mich nicht länger zurück. Laß mich fort. So, mein liebes Kätchen.« Die Hand, die ihn noch zurückhalten wollte, erschlaffte, und das junge Mädchen wurde in seinen Armen ohnmächtig. Nikolas beugte sich einen Augenblick über sie, dann ließ er sie sanft auf einen Stuhl nieder und empfahl sie der Sorge ihrer wackeren Freundin. » Ihr Mitleid brauche ich nicht anzuflehen«, sagte er, Miss La Creevys Hand drückend, »denn ich kenne Ihr Herz. Sie werden ihr immer eine wohlwollende Freundin sein.« Dann trat er auf Ralph zu, der noch immer regungslos mit verschränkten Armen dastand, und sagte ihm mit so leiser Stimme, daß nur er es hören konnte: »Was Sie auch für Schritte tun mögen, Sir, ich werde mit Ihnen dereinst abrechnen. Ich überlasse Ihnen jetzt Ihrem Wunsche gemäß die Meinigen. Aber früher oder später wird der Tag der Abrechnung kommen, und wehe Ihnen, wenn meiner Mutter oder meiner Schwester ein Leid geschehen ist.« Kein Muskel in Ralphs unbeweglichem Gesicht verriet, daß er auch nur ein Wort von dieser Abschiedsrede angehört hatte, und ehe sich noch Mrs. Nickleby entschließen konnte, ihren Sohn nötigenfalls mit Gewalt zurückzuhalten, war dieser schon zur Türe hinaus. Als Nikolas mit einer Hast, die mit der Schnelligkeit der ihn bestürmenden Gedanken gleichen Schritt zu halten schien, durch die Straßen seiner armseligen Wohnung zueilte, stiegen wohl viele Zweifel und Bedenken in seiner Seele auf und veranlaßten ihn beinahe, wieder umzukehren. Aber was konnten die Seinigen dadurch gewinnen? Angenommen selbst, daß er Ralph Nickleby Trotz bot und vielleicht glücklich genug war, irgendeine kleine Anstellung zu erhalten, so mußte doch sein Aufenthalt bei ihnen ihre gegenwärtige Lage nur verschlimmern und ihre Aussichten für die Zukunft vernichten, zumal seine Mutter von einigen neuen Beweisen des Wohlwollens Ralphs gegen Kate gesprochen, die diese nicht in Abrede gestellt hatte. »Nein«, sagte er sich, »besser so, wie es ist.« Aber ehe er noch fünfhundert Schritte weitergegangen war, tauchten wieder andere Gefühle in ihm auf. Er zögerte aufs neue, zog den Hut tiefer über die Augen und gab den trüben Betrachtungen Raum, die ihn mit aller Macht bestürmten. Sich keines Vergehens bewußt zu sein und doch so ganz allein in der Welt zu stehen, getrennt zu sein von den einzigen Menschen, die er liebte, und umherirren zu müssen wie ein Verbrecher, wo noch sechs Monate früher seine Familie alle ihre Hoffnung auf ihn gesetzt hatte! So von Hoffnung und Sorgen zerrissen, erreichte Nikolas endlich seine ärmliche Stube und warf sich – nicht länger künstlich durch die Erregung, die bisher seine Lebensgeister angespornt hatte, aufrecht erhalten, sondern gänzlich niedergedrückt durch die Erschlaffung, die jene zurückgelassen – auf sein Lager, kehrte sein Gesicht zur Wand und ließ den lang niedergehaltenen Gefühlen freien Lauf. Er hatte niemand eintreten hören und gewahrte auch Smikes Anwesenheit nicht eher, bis er ihn, zufällig den Kopf aufrichtend, am andern Ende des Zimmers stehen und aufmerksam nach ihm hinblicken sah. Smike wandte sich sofort ab, als er bemerkte, daß er beobachtet wurde, und stellte sich, als sei er emsig mit den Vorbereitungen des ärmlichen Abendessens beschäftigt. »Nun, Smike«, sagte Nikolas so heiter, wie es ihm möglich war, »laß hören, welche neue Bekanntschaften du den Tag über gemacht oder was für Wunderdinge du im Bereich dieser und der nächsten Straße aufgefunden hast.« »Nein«, erwiderte Smike leise und schüttelte traurig den Kopf, »ich muß jetzt von etwas anderem sprechen.« »Ganz wie du willst«, entgegnete Nikolas gut gelaunt. »Ich weiß«, begann Smike stockend, »Sie sind unglücklich und haben sich in große Ungelegenheiten gestürzt, weil Sie mich mit sich gehen ließen. Ich hätte das wissen und zurückbleiben sollen; – ich würde es auch nicht getan haben, wenn ich daran gedacht hätte. Sie – Sie sind nicht reich, haben nicht einmal genug für sich selber, und ich dürfte gar nicht bei Ihnen sein. Sie werden«, fuhr er fort und faßte schüchtern Nikolas' Hand, »Sie werden mit jedem Tage magerer und Ihre Augen immer trüber. Ich kann das nicht mehr mit ansehen, wenn ich dabei bedenke, welche Last ich für Sie bin. Ich habe versucht, Sie heimlich zu verlassen, aber der Gedanke an Ihr freundliches Gesicht hielt mich zurück; ich habe nicht fort können, ohne mich von Ihnen zu verabschieden.« Der arme Bursche konnte nicht weitersprechen; Tränen erstickten seine Stimme. »Von einem Abschied und einer Trennung zwischen uns beiden soll nie die Rede sein«, rief Nikolas und faßte Smike freundlich am Arm, »gerade bei dir finde ich noch meinen einzigen Trost und meine einzige Stütze. Ich möchte dich jetzt für alle Schätze der Welt nicht verlieren. Der Gedanke an dich hat mich heute in allem, was ich erduldete, aufrecht erhalten und wird es wohl noch oft tun. Gib mir deine Hand. Wir wollen miteinander die Stadt verlassen, noch ehe die Woche zu Ende ist. Was macht's, wenn ich arm bin; du wirst es mir erleichtern, und wir tragen es dann eben gemeinschaftlich.« 21. Kapitel Madame Mantalini gerät in eine schwierige Lage, und Kate verliert dadurch ihre Stellung Die ausgestandene Aufregung machte es Kate Nickleby drei Tage lang unmöglich, ihre Geschäfte in dem Hause der Putzmacherin wiederaufzunehmen. Erst am vierten verfügte sie sich zur gewohnten Stunde mit widerstrebenden Schritten nach dem Tempel der Mode, in dem Madame Mantalini als unbeschränkte Herrscherin thronte. Miss Knags feindselige Gesinnung hatte in der Zwischenzeit offenbar nichts an Gift verloren, denn die jungen Damen vermieden geflissentlich jede Gemeinschaft mit ihrer so schwer beschuldigten Mitarbeiterin, und auch die musterhafte alte Jungfer, die einige Minuten nach ihr anlangte, gab sich keine Mühe, das Mißvergnügen zu verhehlen, mit dem sie ihre Wiederkehr begrüßte. »Ich hätte wirklich gedacht«, sagte sie, als sich die getreuen Satelliten um sie scharten, um ihr Hut und Schal abzunehmen, »ich hätte wirklich gedacht, gewisse Leute besäßen Einsicht genug, überhaupt ganz wegzubleiben, wenn sie schon wissen, wie sehr ihre Gegenwart rechtlich gesinnten Personen zur Last fällt. Aber es ist eben eine seltsame Welt heutzutage«, seufzte sie, tief ergriffen von der Verderbtheit des menschlichen Herzens; »oh, eine seltsame Welt!« Die Näherinnen säumten natürlich nicht, das entsprechende Echo zu diesem Seufzer zu bilden, und Miss Knag schickte sich augenscheinlich gerade an, noch einige weitere moralische Betrachtungen zum besten zu geben, als Madame Mantalini Kate durch das Sprachrohr aufforderte, hinaufzukommen und ihr im Ankleidezimmer an die Hand zu gehen, eine Auszeichnung, die Miss Knag veranlaßte, den Kopf in die Höhe zu werfen und sich so stark in die Lippen zu beißen, daß der Fluß ihrer Rede vorläufig vollständig stockte. »Nun, mein liebes Kind«, begann Madame Mantalini, als Kate sich vorstellte, »sind Sie wieder ganz wohl?« »Es geht mir bereits viel besser, Madame«, antwortete Kate; »ich danke.« »Ich wünschte, ich könnte das gleiche von mir sagen«, bemerkte Madame Mantalini und ließ sich anscheinend sehr erschöpft auf einen Stuhl nieder. »Sind Sie krank?« fragte Kate besorgt. »Das täte mir ungemein leid.« »Nicht gerade krank, aber bekümmert, mein Kind – sehr bekümmert.« »Da bedauere ich nur um so mehr«, versetzte Kate zartfühlend; »körperliche Leiden lassen sich leichter ertragen als seelische.« »Ja, und noch leichter ist es, davon zu sprechen, als sich dem einen oder dem andern zu unterziehen«, erwiderte Madame und rieb sich empfindlich die Nase. »Aber – gehen Sie jetzt an Ihre Arbeit und bringen Sie die Sachen hier in Ordnung.« Noch während Kate verwundert nachsann, was wohl diese Symptome einer so ungewöhnlichen Gereiztheit zu bedeuten hätten, schob Mr. Mantalini die Spitzen seines Backenbartes und allmählich den ganzen Kopf durch die halboffene Türe herein und rief mit sentimentaler Stimme: »Ist mein Leben und meine Seele hier?« »Nein«, versetzte Madame. »Wie kann sie so sprechen, wenn sie im Vorderzimmer wie eine kleine Rose in einem verteufelt hübschen Blumentopf blüht? Darf ihr Püppchen hereinkommen und mit ihr sprechen?« »Nein, durchaus nicht«, erwiderte Madame, »du weißt, daß ich dich hier nicht brauchen kann. Geh nur lieber wieder.« Aber das Püppchen, vielleicht durch den milden Ton ermutigt, wagte sich aufzulehnen, stahl sich auf den Zehenspitzen ins Zimmer und warf Madame beim Nähertreten Kußhändchen zu. »Warum will sie sich ungebärdig stellen und ihr süßes Gesichtchen wie ein verteufelter Nußknacker verziehen?« schmeichelte Mantalini, schlang seine Arme um die Taille seines Lebens und seiner Seele und zog sie an sich. »Ach, du bist unausstehlich«, schmollte die Schneiderin. »Wie? – Ich? – Unausstehlich?« rief Mantalini. »Possen, Possen, das kann nicht sein. Kein lebendes Weib könnte mir so etwas ins Gesicht sagen – ja, geradezu ins Gesicht sagen.« Dabei streichelte Mr. Mantalini sein Kinn und betrachtete sich voll Selbstgefälligkeit in einem Wandspiegel. »Eine solche alle Grenzen überschreitende Verschwendung!« schalt Madame mit leiser Stimme. »Alles nur in der Freude, ein so liebenswürdiges Wesen, eine solche kleine Venus, eine solche verteufelt bezaubernde, behexende, hinreißende kleine Venus gewonnen zu haben«, säuselte Mantalini. »Bedenke doch nur, in welche Lage du mich versetzt hast!« »Meinem Herzchen kann und soll kein Leid widerfahren«, tröstete Mr. Mantalini. »Es ist alles vorüber und die ganze Sache bereits in Ordnung gebracht. Geld wird bald wieder da sein, und wenn es nicht geschwind genug eingeht, so muß der alte Nickleby eben dran glauben. Ich schneide ihm den Hals ab, wenn er es wagt, meine kleine –« »Pst«, fiel Madame leise ein, »siehst du nicht?« Mr. Mantalini, der vor Eifer, sich mit seiner Gattin auszusöhnen, bisher Miss Nickleby ganz übersehen oder sich wenigstens so gestellt hatte, legte sofort den Finger an die Lippen und dämpfte seine Stimme noch mehr. Die beiden flüsterten dann lange miteinander, und Madame Mantalini schien öfter als einmal auf gewisse Schulden anzuspielen, die er vor ihrer Verheiratung eingegangen war, und auf die unerwarteten Geldauslagen zur Befriedigung dieser Verbindlichkeiten und außerdem auf seine liebenswürdigen Schwächen, als da waren: Spiel, Verschwendung, Müßiggang, Liebhaberei für Pferde und dergleichen – Anklagen, die Mr. Mantalini je nach ihrer Wichtigkeit jedesmal durch einen oder mehrere Küsse beschwichtigte. Das Ende vom Lied war, wie gewöhnlich, daß Madame Mantalini von ihrem Gatten ganz berückt wurde und mit ihm zum Schluß die Stiege hinauf zum Frühstück ging. Kate beschäftigte sich inzwischen mit ihrer Arbeit und stellte schweigend die verschiedenen Putzartikel mit Aufgebot ihres ganzen Geschmacks zusammen, als sie plötzlich durch eine rauhe Stimme heftig erschreckt wurde. Ihre Bestürzung steigerte sich noch, als sie, rasch sich umdrehend, wahrnahm, daß sich ein weißer Hut, ein rotes Halstuch, ein breites rundes Gesicht, ein großer Kopf und ein Teil eines grünen Rockes bereits im Zimmer befanden. »Erschröcken S' nöt, Fräul'n«, sagte der Eigentümer aller dieser Einzelheiten. »Nöt wahr, hier is des Putzg'schäft?« »Ja«, antwortete Kate ängstlich. »Was wünschen Sie?« Der Fremde antwortete nicht, warf einen Blick in den Gang zurück, als ob er irgendeiner noch nicht sichtbaren Person winke, und trat dann höchst bedächtig ins Zimmer, wobei ihm ein kleiner, braun und äußerst schäbig angezogener Mann, der eine ganze Atmosphäre von Bauernknaster und frischem Zwiebelduft mit hereinbrachte, folgte. Die Kleider dieses Herrn hingen voll Fuppen, und seine Schuhe, Strümpfe und Beinkleider waren bis hinauf zu den Knöpfen seines Fracks mit Kot bespritzt, trotzdem seit wenigstens vierzehn Tagen überall das schönste Wetter herrschte. Kates erster Gedanke war, daß diese vertrauenerweckenden Gestalten in der Absicht gekommen seien, sich widerrechtlicherweise in den Besitz ein oder des andern tragbaren Artikels, der ihnen gerade passen würde, zu setzen. Sie machte auch weiter kein Hehl aus ihren Besorgnissen und wandte sich fluchtartig zur Türe. »Warten S' a bissel«, sagte der Mann in dem grünen Rock, drehte leise den Schlüssel um und stellte sich mit dem Rücken vor den Ausgang, »'s is freilich a unangenehmes G'schäft – aber wo is der Keleph?« »Was – was meinten Sie?« fragte Kate zitternd, denn sie dachte, »Keleph« könnte ein Kunstausdruck in der Spitzbubensprache für Uhr oder Geld sein. »Der Montilini«, erklärte der Mann. »Wos is mit eahm? Is er z' Haus?« »Er ist oben, glaube ich«, antwortete Kate, durch die Frage ein wenig beruhigt. »Wünschen Sie ihn zu sprechen?« »Dös muß justament net grad sein«, entgegnete der Fremde, »wann er uns damit an G'fallen z' tun glaubt. S' können eahm aber die Karten da geben und eahm sagen, wann er mich sprechen und sich a Unannehmlichkeit dersparen will, so bin i hier; weiter braucht's nix.« Mit diesen Worten überreichte der Gentleman Kate eine dicke viereckige Karte und bemerkte dann zu seinem Freund mit Kennermiene, »daß die Zimmer eine hübsche Höhe hätten«, worin ihm dieser voll beipflichtete und erläuternd hinzusetzte, »ein kleiner Junge könne darin ruhig zum Manne aufwachsen, ohne je mit dem Kopf an die Decke zu stoßen«. Kate zog die Klingel, um Madame Mantalini herbeizurufen, warf dann einen Blick auf die Karte und las darauf den Namen »Scaley« nebst einigen andern Andeutungen, die sie sich noch nicht ganz klar gemacht hatte, als Mr. Scaley in eigener Person wieder ihre Aufmerksamkeit auf sich zog, indem er auf einen der Toilettenspiegel losging und mit seinem Stock ganz kaltblütig daraufhämmerte. »A fester Scherben, Tix«, sagte er dann bedeutungsvoll zu seinem Freund. »Hm«, meinte Mr. Tix, befühlte mit seiner schmierigen Pfote ein Stück blaues Seidenzeug und ließ den Abdruck seiner Finger darauf zurück, »und der Artikel da war a nöt umasunst.« Von dem Seidenstoff verpflanzte Mr. Tix seine Bewunderung auf einige elegante Putzartikel, während Mr. Scaley in Seelenruhe sein Halstuch vor dem Spiegel zurechtrückte. Er war noch ganz in dieses Geschäft vertieft, als Madame Mantalini ins Zimmer trat und ihn durch einen Ausruf des Erstaunens aus seiner Beschaulichkeit erweckte. »Aha, dös is 'leicht die Frau?« fragte Scaley. »Es ist Madame Mantalini«, erklärte Kate. »Nun«, brummte Mr. Scaley, holte ein Dokument aus seiner Tasche und entfaltete es höchst bedachtsam, »i hab da an Exekutionsbefehl, und wann's net genehm is zu bezahlen, so wollen mir mit Ihner gütigen Bewilligung a Infentar aufnehmen.« Die arme Madame Mantalini schlug entsetzt die Hände zusammen, klingelte ihrem Manne und sank sodann ohnmächtig in einen Stuhl. Die beiden Amtspersonen ließen sich jedoch durch dieses Ereignis nicht im mindesten anfechten; Mr. Scaley lehnte sich an ein Gestell, an dem ein schönes Damenkleid hing, wobei seine Schultern fast ebensoweit darüber hervorragten, wie es wahrscheinlich bei den Schultern der Dame der Fall gewesen sein würde, für die das Kleid bestimmt war, schob seinen Hut auf die Seite und kratzte sich voll Seelenruhe am Kopf, während sein Freund, Mr. Tix, die Gelegenheit wahrnahm, sich, ehe er zu dem eigentlichen Geschäft überging, einen vorläufigen Überblick im Zimmer zu verschaffen, und zu diesem Zweck, sein Inventarbuch unter dem Arm und den Hut in der Hand, im Geiste jeden Gegenstand, der in seinem Gesichtskreis lag, taxierte. So lagen die Dinge, als Mr. Mantalini hereinstürzte. Da der Treffliche in den Tagen seiner Junggesellenwirtschaft gar oft in Berührung mit Herren von Mr. Scaleys Beruf gekommen war, schien er sich über dessen Vorgehen nicht im mindesten zu wundern, sondern zuckte bloß die Achseln, begrub die Hände tief in seinen Taschen, zog die Augenbrauen in die Höhe, pfiff ein paar Takte, ließ ein paar Flüche vernehmen, warf sich dann auf einen Stuhl und machte überhaupt mit vielem Anstand und großer Fassung die beste Miene zu der Sache. »Was beträgt die verteufelte Totalsumme?« war seine erste Frage. »Fünfzehnhundert und siebenundzwanzig Pfund, vier Schillinge, neun Pence und einen halben Penny«, antwortete Mr. Scaley, ohne ein Glied zu rühren. »Hol der Teufel den halben Penny«, sagte Mr. Mantalini ungeduldig. »Hab nix dagegen, wann Sie's wünschen«, brummte Mr. Scaley; »meinetwegen auch die neun Pence.« »Uns is's wurst, wenn auch die fünfzehnhundert und siebenundzwanzig Pfund denselben Weg fahren«, meinte Mr. Tix. »Ganz wurscht«, bestätigte Scaley. »Nun und«, fuhr er nach einer Pause fort, »was soll jetzt g'schehen, he? Is's nur a kleiner Riß oder a totaler Einsturz? Was – a glatter Umschmiß? Auch recht. Nun, dann, Tom Tix, dann müssen Euer Wohlgeboren Ihnern Engel von Frau und Ihre ganze liebenswürdige Famülle benachrichtigen, daß Sie die nächsten drei Nächt nöt z' Haus kommen können, weil Sie so lange hier zu tun haben werden. Wozu greift sich denn die Damö so gewaltig an?« fuhr Mr. Scaley fort, als er Madame Mantalini schluchzen hörte. »I' wett' über die Hälft von dem, was hier is, sin S' eh noch scharf. Was für a Trost muß dös für Ihnere Gefühle sein.« Mit diesen Bemerkungen, die ebenso spaßhaft klangen, wie sie trostreich für Madame Mantalini sein sollten, schickte sich Mr. Scaley an, das Inventar aufzunehmen, in welch delikatem Geschäft er sich durch den ungewöhnlichen Takt und die vieljährige Erfahrung Mr. Tix' alsbald unterstützt sah. »Meine Glückseligkeitsbecher-Versüßerin«, säuselte Mr. Mantalini nach einer Weile und näherte sich mit reuiger Miene seiner Gattin, »willst du mich zwei Minuten anhören?« »Geh mir aus den Augen!« schluchzte die Schneiderin. »Ist es nicht genug, daß du mich zugrunde gerichtet hast!?« Mr. Mantalini, der vorher ohne Zweifel seine Rolle wohl überlegt hatte, vernahm kaum diese Worte, die im Tone heftigsten Schmerzes und unerbittlicher Strenge ausgesprochen wurden, als er ein paar Schritte zurückprallte, die Miene höchster Verzweiflung annahm und ungestüm aus dem Zimmer stürzte. Gleich nachher hörte man ihn die Türe des Besuchszimmers im zweiten Stock mit großer Heftigkeit zuschlagen. »Miss Nickleby!« schrie Madame Mantalini auf, als dies Geräusch ihr Ohr traf. »Eilen Sie um Gottes willen; er will sich ein Leid antun. Ich bin unfreundlich gegen ihn gewesen, und das kann er von mir nicht ertragen! Alfred! O mein geliebter Alfred!« Im Nu eilte sie die Treppe hinauf, gefolgt von Kate, die, wenn sie auch die Besorgnisse der zärtlichen Gattin nicht ganz teilte, immerhin stark beunruhigt war. Die Zimmertür flog auf, und vor ihnen stand Mr. Mantalini, Haar und Backenbart zerrauft, den Hemdkragen symmetrisch zurückgeschlagen und ein Tischmesser auf einem Streichriemen schärfend. »Ha«, rief er, »alles vereitelt!« Und blitzschnell wanderte das Tischmesser in seine Schlafrocktasche. »Alfred!« schrie Madame Mantalini und umschlang ihren Gatten; »ich habe es doch nicht so bös gemeint – ich habe es nicht so bös gemeint!« »Zugrunde gerichtet!« stöhnte Mr. Mantalini. »Ich habe Verderben über das beste und reinste Wesen gebracht, das je einen verteufelten Vagabunden beglückte! Zum Teufel! Laß mich – laß mich!« Und in der Höhe seines Rasens griff Mr. Mantalini wieder nach seinem Messer, wurde aber von seiner Gattin zurückgehalten. Dann versuchte er, mit dem Kopf gegen die Wand zu rennen, blieb aber wohlweislich wenigstens sechs Fuß davor stehen. »Fasse dich, mein Engel«, jammerte Madame. »Wir können niemand die Schuld geben. Ich bin ebensosehr schuld daran wie du. Es werden schon wieder bessere Tage kommen. Beruhige dich, Alfred, beruhige dich.« Mr. Mantalini hielt es jedoch nicht für passend, sich sogleich wieder zu beruhigen, sondern rief erst mehrere Male nach Gift und stellte das Ansinnen, irgendein Herr oder eine Dame möge ihm das Gehirn aus dem Kopfe schlagen. Dann erst gewannen sanftere Gefühle bei ihm die Oberhand, und er begann auf ergreifende Weise zu weinen. In dieser besänftigten Gemütsstimmung hatte er natürlich nichts dagegen, daß man ihm das Messer nahm – und sehr mit Recht, denn ein Tischmesser ist ein unbequemer und gefährlicher Artikel für eine linnene Schlafrocktasche. Schließlich ließ er sich sogar von seiner zärtlich bewegten Gattin widerstandslos fortführen. Einige Stunden später wurde den jungen Damen eröffnet, sie seien ihrer Dienste bis auf weiteres enthoben, und nach zwei Tagen prangte der Name Mantalini auf der Konkursliste. Miss Nickleby erhielt außerdem noch am selben Morgen ein Schreiben des Inhalts, daß das Geschäft in Hinkunft unter dem Namen »Miss Knag« fortgeführt würde und ihre Dienste daher nicht weiter vonnöten seien. Mrs. Nickleby hatte dies kaum erfahren, als sie sogleich erklärte, sie habe etwas Derartiges längst vorausgesehen; sie säumte auch nicht, verschiedene unbekannte Anlässe namhaft zu machen, bei denen sie gleichfalls richtig prophezeit hätte. »Und ich sage es noch einmal«, ging ihr Redefluß weiter, »– ich sage es noch einmal, Kate, das Geschäft einer Putz- und Kleidermacherin ist das allerletzte, zu dem du dich hättest entschließen sollen. Ich will dir keinen Vorwurf machen, mein Kind, aber ich muß wiederholen, wenn du deine Mutter um Rat gefragt haben würdest –« »Gut, gut, Mama«, sagte Kate sanft; »aber was rätst du mir jetzt?« »Raten?!« rief Mrs. Nickleby. »Liegt es nicht klar auf der Hand, mein Kind, daß von allen Beschäftigungen der Welt die einer Gesellschafterin bei einer liebenswürdigen Dame gerade diejenige ist, für die du dich angesichts deiner Erziehung, deiner Manieren, deines Äußeren und alles sonstigen am allerbesten eignest? Hast du deinen armen seligen Vater nie von der jungen Dame sprechen hören – einer Tochter der alten Dame, die in dem Haus, wo er als Junggeselle seinen Mittagstisch einnahm, die Kost besorgte? – Ach, wie hieß sie doch nur. Ich weiß, ihr Name fing mit einem B an und endigte mit einem g –. Ich glaube, sie hieß Waters. – Nein, so kann es doch nicht gewesen sein. Aber wie sie auch geheißen haben mag – weißt du nicht, daß diese junge Dame als Gesellschafterin zu einer verheirateten Dame kam, die bald nachher starb? Sie heiratete dann den Witwer und bekam einen der schönsten kleinen Knaben, den je eine Hebamme auf den Armen trug – und alles das in dem Zeitraume von nur achtzehn Monaten!« Kate begriff sofort, daß dieser Strom von belegenden Rückerinnerungen durch irgendeine wirkliche oder eingebildete Aussicht entfesselt sein mußte, die sich ihrer Mutter hinsichtlich einer solchen Laufbahn offenbar erst vor kurzem eröffnet hatte. Sie wartete daher geduldig, bis alle Reminiszenzen und Histörchen – die zur Sache gehörten oder auch nicht – erschöpft waren, und wagte dann endlich die Frage, ob ihrer Mama hinsichtlich etwas Derartigem vielleicht Näheres zu Ohren gekommen sei. Die Wahrheit stellte sich auch sogleich heraus. Mrs. Nickleby hatte am selben Morgen das gestrige Blatt einer Zeitung gelesen, in dem durch eine im reinsten und grammatikalisch richtigsten Englisch geschriebene Annonce angezeigt wurde, eine verheiratete Dame suche eine gebildete junge Person als Gesellschafterin, und die Adresse der besagten Dame sei in einer gewissen Leihbibliothek in Westend zu erfragen. »Und ich sage dir«, rief Mrs. Nickleby und legte die Zeitung triumphierend nieder, »es ist sicher der Mühe wert, den Versuch zu machen, natürlich wenn dein Onkel nichts dagegen einzuwenden hat.« Kate hatte infolge der herben Erfahrungen, die sie bereits gemacht, viel zuviel Herzweh und kümmerte sich auch vorderhand zu wenig um das, was ihr das Schicksal noch zugedacht haben mochte, als daß sie sich eine Einwendung erlaubt hätte. Mr. Ralph Nickleby erhob gleichfalls keinen Widerspruch, sondern ließ im Gegenteil dieser Absicht seinen unverhohlenen Beifall zuteil werden; auch schien ihm, wie sich aus seinem Benehmen zeigte, Madame Mantalinis plötzlicher Bankrott nicht besonders unerwartet gekommen zu sein – es wäre auch recht sonderbar gewesen, da hauptsächlich er es war, der ihn herbeigeführt hatte. Die Adresse wurde daher unverzüglich erfragt, und Kate machte sich mit ihrer Mutter noch am selben Vormittag auf den Weg, um Mrs. Wititterly, Cadogan Place, Sloane Street, aufzusuchen. Cadogan Place ist das einzige physische Band zwischen zwei großen Extremen, sozusagen das Mittelglied zwischen dem aristokratischen Boden von Bel-Grave-Square und dem plebejischen von Chelsea. Er stößt an die Sloane Street, ohne natürlich dazu zu gehören. Die Bewohner von Cadogan Place blicken auf die der Sloane Street herab und halten Brompton für gemein. Sie sind fashionabel und wissen absolut nichts von New Road. Sie stehen zwar nicht auf gleicher Höhe mit Bel Grave Square und Grosvenor Place, aber doch in einem gewissen Verhältnis dazu, ungefähr wie uneheliche Kinder großer Herren sich mit ihren Verwandten brüsten, wenn sie von ihnen auch nicht anerkannt werden. Die Bewohner von Cadogan Place geben sich nach Möglichkeit das Ansehen von vornehmen Leuten, obgleich sie in Wirklichkeit nur der Mittelklasse angehören. Sie bilden gleichsam den Konduktor, der den Bewohnern der jenseitigen Bezirke den elektrischen Strom des Geburts- und Rangstolzes mitteilt, den sie wohl nicht selber besitzen, aber doch von einer verwandten Hauptquelle ableiten – oder mit anderen Worten, sie gleichen dem Bande, das die siamesischen Zwillinge vereinigt und das etwas von dem Leben und der Wesenheit zweier verschiedener Körper enthält, ohne dem einen oder dem anderen wirklich anzugehören. Auf diesem neutralen Boden wohnte nun Mrs. Wititterly, und an Mrs. Wititterlys Tür klopfte Kate Nickleby mit zitternder Hand. Ein vierschrötiger Bedienter, den Kopf mit Mehl, Kreide oder etwas Ähnlichem, denn echter Puder war es bestimmt nicht, bestreut, öffnete, nahm ihr die Karte ab und gab sie einem winzigen Pagen, der so klein war, daß sein Rock die Anzahl der Knöpfe, die unerläßlich zu dem Kostüm des Pagen gehören, in der gewöhnlichen Anordnung nicht fassen konnte, weshalb sie zu viert nebeneinander genäht worden waren. Das Zwerglein trug die Karte gehorsam auf einem Präsentierteller die Treppe hinauf, und Kate und Mrs. Nickleby wurden bis zu seiner Zurückkehr in ein Speisezimmer gewiesen, das einen so schmutzigen, schäbigen und unbehaglichen Eindruck machte, daß es für alles andere eher als für das Essen und Trinken zu passen schien. Dem gewöhnlichen Lauf der Dinge zufolge und nach allem, was man in glaubwürdigen Büchern über das Treiben der vornehmen Gesellschaft findet, hätte Mrs. Wititterly in einem Boudoir sitzen sollen. Mochte indes vielleicht Mr. Wititterly sich dort gerade rasieren oder sonst eine ähnliche Ursache zugrunde liegen – eins ist gewiß: Mrs. Wititterly gab diesmal in ihrem Besuchszimmer Audienz, wo die ganze Ausstattung, mit Einschluß der rosa Fenstervorhänge und dito Möbelüberzüge, harmonisch zusammenwirkte, um ein delikates Rot auf das Antlitz der Gnädigen zu gießen. Ein kleiner Hund, der, wenn seine Herrin Erheiterung brauchte, Fremden nach den Beinen schnappte, und der erwähnte Zwergpage, um zur Erfrischung sofort Schokolade präsentieren zu können, vervollständigten das schöne Bild. Mrs. Wititterly hatte ein süßlich schmachtendes, interessant blasses Gesicht – sie war, wie das ganze Möblement und überhaupt alles im Hause, entschieden verblichen. Mit so überaus uneinstudierter Haltung lag sie auf ihrem Sofa hingegossen, daß man sie beinahe für eine Ballettänzerin hätte halten können, die nur noch auf das Aufgehen des Vorhangs wartet. »Stühle, Alphons!« Der Page rückte zwei Sessel heran. »Verlaß das Zimmer, Alphons!« Der Page trat ab. Wenn es aber je einen Alphons gab, dem der »Stoffel« auf der Stirn geschrieben stand, so war es dieser Jüngling. »Ich nahm mir die Freiheit, bei Ihnen vorzusprechen, Madam«, begann Kate nach einer kurzen unbehaglichen Pause, »da ich Ihre Annonce gelesen habe.« »Ja-a?« versetzte Mrs. Wititterly. »Einer meiner Leute setzte es in die Zeitung. – Ja-a.« »Ich hoffe«, fuhr Kate schüchtern fort, »Sie werden, wenn Sie bereits eine Wahl getroffen haben sollten, die Störung verzeihen –« »Ja«, entgegnete Mrs. Wititterly wieder sehr vornehm gedehnt. »Wenn Sie bereits versehen sind –« »O Gott, nein«, fiel Madame ein. »Ich bin nicht so leicht zufriedengestellt. Wie soll ich nur sagen – Sie sind früher nie Gesellschafterin gewesen – oder?« Mrs. Nickleby, die begierig auf die Gelegenheit gelauert hatte, zu Worte zu kommen, riß sofort gewandt die Rede an sich, ehe Kate noch antworten konnte. »Nicht bei Fremden, Madam«, erklärte sie, »aber sie ist seit Jahren meine Gesellschafterin gewesen. Ich bin ihre Mutter, Madam.« »Ah«, sagte Mrs. Wititterly müde, »ich begreife«. »Ich versichere Ihnen, Madam, es gab eine Zeit, wo ich es mir nicht im entferntesten hätte träumen lassen, daß ich einmal meine Tochter in die Welt würde hinausschicken müssen. Ihr armer Vater war nämlich ein gutsituierter Gentleman und würde es auch noch im gegenwärtigen Augenblick sein, hätte er nur rechtzeitig auf meine beharrlichen Bitten –« »Liebe Mama!« bat Kate leise. »Liebes Kind, wenn du mich doch aussprechen lassen wolltest!« remonstrierte Mrs. Nickleby. »Ich möchte mir nur die Freiheit nehmen, der Dame auseinanderzusetzen –« »Ich meine, es ist unnötig, Mama.« Und ungeachtet alles Stirnrunzelns und Zwinkerns, womit Mrs. Nickleby andeuten wollte, sie habe im Sinne, etwas zu sagen, was die Sache mit einem Male ins richtige Gleis bringen würde, beharrte Kate durch einen ausdrucksvollen Blick auf ihrer Ansicht und erstickte ihrer Mutter begonnene Tiraden im Keime. »Was haben Sie gelernt?« fragte Mrs. Wititterly mit geschlossenen Augen. Kate zählte errötend ihre hauptsächlichen Kenntnisse her, und Mrs. Nickleby rechnete ihr eine nach der anderen an den Fingern nach. Glücklicherweise wurde nichts ausgelassen, und so hatte Mrs. Nickleby keinen Anlaß, sich einzumischen. »Haben Sie ein verträgliches Temperament?« fragte Mrs. Wititterly weiter und schlug die Lider für einen Augenblick auf, um sie dann sofort wieder zu schließen. »Ich hoffe.« »Sind Sie auch mit guten Empfehlungen versehen?« Kate bejahte und legte die Karte ihres Onkels auf den Tisch. »Haben Sie die Güte, Ihren Stuhl ein wenig näher zu rücken, damit ich Ihr Gesicht besser sehen kann«, sagte Mrs. Wititterly. »Ich bin sehr kurzsichtig und kann daher Ihre Züge nicht genau unterscheiden.« Nicht ohne eine gewisse Verlegenheit kam Kate dieser Aufforderung nach, und Mrs. Wititterly musterte mit abgespannter Miene ihr Gesicht einige Minuten lang. »Ihr Äußeres gefällt mir«, sagte sie dann müde und schellte mit einer kleinen Glocke. »Alphons, ersuche deinen Herrn, er möge einen Augenblick hereinkommen.« Gehorsam entfernte sich der Page, und nach ein paar Minuten, während deren von beiden Seiten nicht ein Wort gesprochen wurde, trat ein wichtigtuender Gentleman von ungefähr achtunddreißig Jahren mit ziemlich plebejischen Zügen und sehr lichten Haaren ein, beugte sich eine Weile über Mrs. Wititterly und unterhielt sich flüsternd mit ihr. »So – ja!« sagte er dann laut und wandte sich um. »Hem – das ist eine höchst wichtige Angelegenheit. Mrs. Wititterly ist äußerst reizbarer Natur, ungemein nervös und zart – eine Treibhauspflanze, eine exotische Blume.« »Ach, lieber Henry!« fiel Mrs. Wititterly ein. »Du bist es, meine Liebe, du weißt – du bist es. Ein Hauch« – erklärte Mr. Wititterly und spitzte die Lippen, als blase er eine Feder weg – »puh! und du bist nicht mehr. – Deine Seele ist zu groß für deinen Körper. Dein hochfliegender Geist reibt dich auf. Du weißt, es gibt keinen Arzt, der nicht stolz darauf wäre, zu dir gerufen zu werden. Und wie lautete das Parere? ›Mein lieber Doktor‹, fragte ich erst kürzlich in diesem Zimmer Sir Tumley Snuffin bei seinem letzten Besuch, ›mein lieber Doktor, was fehlt meiner Gattin? Sagen Sie mir alles, ich bin auf das Schlimmste gefaßt. Sind es die Nerven?‹ ›Mein lieber Freund‹, erwiderte er mir, ›Sie dürfen stolz sein auf Ihre Gemahlin. Halten Sie sie hoch in Ehren; sie ist eine Zierde für die fashionable Welt und für Sie. Ihre ganze Krankheit wurzelt in ihrem hochfliegenden Geist. Er schwillt, er dehnt sich aus, er entfaltet seine Schwingen – das Blut entzündet sich, die Pulse fliegen rascher, die Erregung steigert sich‹ – puh.« Mr. Wititterly hatte im Feuer seiner Rede mit der rechten Hand in der Luft herumgefuchtelt und war dabei Mrs. Nicklebys Hut bedrohlich nahe gekommen; er hielt daher hastig inne und blies dann seine Nüstern so gewaltig auf, als arbeite in seinem Innern eine mächtige Maschinerie. »Du machst mich immer schwächer, als ich bin, Henry«, seufzte Mrs. Wititterly. »Nein, Julia – nein, gewiß nicht«, beteuerte Mr. Wititterly. »Die Gesellschaft, in der du dich bewegst und um deiner Stellung, deiner Familie und deiner hohen Talente willen notwendigerweise bewegen mußt, ist ein unablässiger Strudel und Wirbel der furchtbarsten Aufregung für dich. Erinnerst du dich noch des Abends, an dem du auf dem Wahlballe in Exeter mit dem Neffen des Baronets tanztest? Es war schrecklich!« »Ich habe für solche Triumphe an den darauffolgenden Tagen schwer zu büßen«, seufzte Mrs. Wititterly. »Eben deshalb mußt du eine Gesellschafterin haben, die mit Sanftmut, Zartheit und Sympathie nervenberuhigend auf dich wirkt.« Sodann blickten Mr. und Mrs. Wititterly, die zu den Damen Nickleby wie zu einer Person gesprochen hatten, auf ihre beiden Zuhörerinnen mit einer Miene, die zu fragen schien, was diese von all dem hielten. »Mrs. Wititterly«, wendete sich der Gatte zu Mrs. Nickleby, »wird in den glänzendsten Gesellschaften und von den ersten Kreisen allgemein gefeiert. Oper, Schauspiel, die schönen Künste, der – die – die –« »Der Adel«, fiel Mrs. Wititterly ein. »Natürlich, der Adel – Militär – äh – hm. Sie ist eine ungemein tiefe Denkerin und lebt in einer ungeheuren Mannigfaltigkeit von Ansichten über die diversesten Themen. Wenn gewisse Leute im öffentlichen Leben Mrs. Wititterlys wahre Meinung über sie kennten, würden sie wahrscheinlich den Kopf weniger hoch tragen, als sie es leider tun.« »Henry!« verwies die Dame mild. »Sage das nicht.« »Ich nenne doch keinen Namen, Julia! Ich erwähne den Umstand nur, um zu zeigen, daß du keine gewöhnliche Frau bist und daß bei dir eine ununterbrochene Reibung zwischen Seele und Körper vorgeht und du deshalb der allerzartesten Behandlung bedarfst. Aber lassen Sie mich jetzt hören, ruhig und unparteiisch, inwiefern diese junge Dame zu der Stelle befähigt ist.« Abermals wurden die Eigenschaften Kates durchgegangen, wobei Mr. Wititterly allerlei recht überflüssige Zwischenfragen stellte; und schließlich einigte man sich dahin, daß er Erkundigungen einziehen und seinen Bescheid Miss Nickleby innerhalb zweier Tage unter der Adresse ihres Onkels wissen lassen wolle. Sodann begleitete der Page die beiden Damen bis zum Treppenfenster, wo sie der vierschrötige Bediente übernahm und ihnen das Tor öffnete. »Das sind offenbar sehr vornehme Leute«, sagte Mrs. Nickleby und nahm den Arm ihrer Tochter. »Eine vortreffliche Dame, diese Mrs. Wititterly.« »Meinst du, Mama?« war Kates ganze Antwort. »Wie sollte ich nicht, liebes Kind. Sie ist doch so blaß und sieht sehr angegriffen aus! Ich will nicht hoffen, daß ihr Geist sie ganz aufzehrt, aber ich fürchte sehr um ihr Leben.« Diese Gedanken führten die weitblickende Dame zu einer Berechnung von Mrs. Wititterlys mutmaßlicher Lebensdauer, wobei sie es nicht unterlassen konnte, die hohe Wahrscheinlichkeit zu erwägen, daß dereinst der trostlose Witwer ihrer Tochter Hand und Herz anbieten würde. Noch ehe sie zu Hause anlangte, hatte sie im Geiste bereits Mrs. Wititterlys Seele aller ihrer irdischen Schlacken entledigt, sah Kate schon glanzvoll nach St. Georges Hanover Square verheiratet und ließ nur noch die minder wichtige Frage unentschieden, ob eine prachtvolle Mahagonibettstelle für sie selbst in dem zwei Treppen hoch gelegenen Hinterzimmer nach Cadogan Place hinaus, oder in einem vorderen Zimmer des dritten Stockes aufgeschlagen werden sollte. Sie konnte jedoch nicht mit sich ins reine kommen, welches von beiden das vorteilhaftere sein dürfte, und machte daher ihrem Bedenken damit ein Ende, daß sie sich entschloß, die Entscheidung darüber gänzlich ihrem Schwiegersohn anheim zu stellen. Die Erkundigungen seitens Mrs. Wititterly fielen – nicht gerade zu Kates besonderer Freude – günstig aus, und nach Ablauf einer Woche bereits übersiedelte sie mit all ihrer beweglichen Habe in Mrs. Wititterlys Haus. 22. Kapitel Nikolas begibt sich in Smikes Begleitung auf die Wanderschaft und macht bei dieser Gelegenheit eine interessante Bekanntschaft in der Person Mr. Vincent Crummles' Nikolas' ganzes Vermögen bestand nach Bezahlung der Zimmer- und Möbelmiete in wenig mehr als zwanzig Schillingen. Dennoch begrüßte er den Morgen, an dem er London verlassen wollte, mit leichtem Herzen. Er verließ sein Bett mit jener Schwungkraft des Geistes, die zum Glück nur das Erbteil der Jugend ist, da sonst die Welt nie mit alten Leuten bevölkert sein würde. Es war ein kalter dunstiger Morgen in den ersten Tagen des Frühlings. Nur wenige leichte Schatten glitten in den Straßen hin und her, und zuweilen tauchten aus dem dicken Nebel die plumpen Umrisse einer heimkehrenden Droschke auf, die müde vorbeirasselte, um sich bald darauf wieder im Dunste zu verlieren. Hie und da erschallte der frostige Ruf eines armen Schornsteinfegers, der mit klappernden Zähnen an sein frühes Tagewerk ging, oder der schwere Schritt des Nachtwächters, der langsam auf und ab ging und die trägen Stunden verwünschte, die ihn noch vom langersehnten Schlafe trennten. Das Rollen schwerer Frachtfuhrwerke und das Klappern der leichteren Wagen, die Käufer und Verkäufer nach den verschiedenen Märkten brachten, ungeduldiges Klopfen an die Türen allzu fester Schläfer – alle diese Geräusche einer großstädtischen Morgendämmerung schlugen traumhaft an Nikolas' Ohr. Immer dunstiger wurde die Atmosphäre, je näher der Tag rückte, und die paar Schlaftrunkenen, die den Mut hatten, aufzustehen und durch ihr Gardinenfenster auf die düstere Straße hinauszublicken, schlüpften schnell wieder in ihr Bett. Noch ehe diese Anzeichen des erwachenden Morgens in dem geschäftigen London sich mehrten, hatte Nikolas allein den Weg nach der City eingeschlagen und stand unter den Fenstern der Wohnung der Seinigen. Sie sah öde und düster aus, aber in ihrem Innern war Licht und Leben für ihn; schlug doch hinter ihren alten Wänden wenigstens ein gleichgesinntes Herz. Er ging über die Straße hinüber und erhob seine Augen zu dem Fenster des Zimmers, wo, wie er wußte, seine Schwester schlief. Es war geschlossen und dunkel. »Armes Mädchen«, dachte Nikolas, »du ahnst wohl wenig, wer hier draußen weilt!« Fast fühlte er sich einen Augenblick lang gekränkt, daß Kate noch nicht auf war, um ihm ein Wort des Abschieds zuzurufen. Doch gleich darauf sah er ein, wie kindisch sein Gedanke war. »Es ist besser so, wie es ist«, sagte er sich, nachdem er ein paar Mal vor dem Haus auf und ab geschritten war. »Als ich mich früher von ihnen trennte und tausendmal hätte Lebewohl sagen können, suchte ich ihnen den Schmerz des Abschieds zu ersparen – warum tue ich es jetzt nicht auch?« Plötzlich kam es ihm so vor, als bewege sich der Vorhang, und einen Augenblick suchte er sich einzureden, daß Kate am Fenster wäre. Infolge eines jener seltsamen Widersprüche der Gefühle, die uns allen gemeinsam sind, trat er unwillkürlich unter einen Torweg zurück, damit sie ihn nicht sehen möchte. Eine Sekunde später lächelte er über seine eigene Schwäche, empfahl seine Lieben dem Schutze des Himmels und entfernte sich leichteren Herzens. Immer noch war der Tag nicht völlig angebrochen, da hatte er den ängstlich seiner harrenden Smike aus seiner alten Wohnung abgeholt und schritt mit ihm rüstig auf der Landstraße nach Kingston dahin. Newman Noggs hatte es sich nicht nehmen lassen, sie eine lange Strecke zu begleiten. »Also höre, Smike«, sagte Nikolas, während sie einträchtig so nebeneinander hertrabten; »wir gehen nach Portsmouth.« – Smike nickte mit dem Kopfe und lächelte, ohne eine weitere Gemütsbewegung an den Tag zu legen, denn es war ihm ganz gleichgültig, ob es nach Portsmouth oder nach Port-Royal ging, wenn sie nur beisammen blieben. – »Ich verstehe mich zwar nicht sonderlich auf solche Dinge, aber Portsmouth ist ein Seehafen, und wenn sich nicht irgend etwas anderes finden läßt, kommen wir vielleicht an Bord irgendeines Schiffes unter. Ich bin jung und geschickt und kann mich in jeder Hinsicht nützlich machen. Und dasselbe ist ja auch bei dir der Fall.« »Ich hoffe wenigstens«, versetzte Smike. »Während meines Aufenthaltes in – Sie wissen wo –« Nikolas nickte. »Ich weiß, du brauchst den Ort nicht zu nennen.« »Also während meines Aufenthaltes dort«, fuhr Smike fort, und seine Augen leuchteten bei der Aussicht, in Bälde seine Anstelligkeit beweisen zu können, »habe ich die Kuh gemolken und den Pferdeknecht gemacht, so gut wie einer.« »Hem – nun«, meinte Nikolas ernst, »ich fürchte, man hält im allgemeinen nicht oft Tiere dieser Art an Bord eines Schiffes, und selbst wenn sich auch hin und wieder dort Pferde vorfinden mögen, so wird man es wohl nicht so genau mit dem Putzen nehmen. Doch du kannst ja etwas anderes lernen. Wenn der Mensch will, findet er auch einen Weg.« »Und an Willen soll's bei mir gewiß nicht fehlen«, versicherte Smike freudestrahlend. »Das weiß Gott«, versetzte Nikolas, »und wenn es bei dir nicht gehen sollte, so werde doch ich; und sollte es auch anfangs schwer gehen, für uns beide genug verdienen können.« »Machen wir heute den ganzen Weg?« fragte Smike nach einer längeren Pause. »Das würde doch eine zu große Aufgabe sein, selbst für deine willigen Beine«, antwortete Nikolas lächelnd. »Godalming ist – soviel ich weiß – etliche dreißig Meilen von London entfernt, und ich habe im Sinne, dort zu übernachten. Morgen geht's dann wieder weiter, denn wir sind nicht reich genug, um unnötigerweise Zeit zu vertrödeln. Komm, gib mir jetzt das Bündel her, ich will dich ablösen.« »Nein – nein«, rief Smike und wich einige Schritte zurück. »Verlangen Sie das nicht von mir.« »Warum denn nicht?« »Lassen Sie mich wenigstens etwas für Sie tun, Sie wollen mich nie dienen lassen, wie ich eigentlich sollte; aber Sie wissen eben nicht, wie ich Tag und Nacht darauf sinne, Ihnen irgendwie zu helfen.« »Du närrischer Mensch, freilich weiß ich das«, lachte Nikolas, »ich müßte doch sonst blind und gefühllos sein. – Übrigens, das bringt mich darauf, dir, weil wir gerade allein sind, eine Frage vorzulegen«, fügte er hinzu und sah Smike fest in die Augen. »Hast du ein gutes Gedächtnis?« »Ich weiß nicht«, versetzte der arme Junge, traurig den Kopf schüttelnd. »Ich glaube, ich hatte einmal eins, jetzt ist es aber fort – ganz fort.« »Woraus schließest du, daß du einmal eines besaßest? « »Als ich noch ein Kind war, konnte ich mich auf alles erinnern«, erzählte Smike stockend; »aber das ist schon sehr – sehr lange her. Oder scheint es mir wenigstens so. Ich war immer verwirrt und ganz schwindelig im Kopf an dem Ort, den ich mit Ihnen verließ, und konnte mich nie auf etwas besinnen – bisweilen nicht einmal verstehen, was man zu mir sagte. Ich – lassen Sie mich sehen – lassen Sie mich sehen –« »He – träumst du?« fragte Nikolas und berührte Smikes Arm. »Nein«, versetzte Smike geistesabwesend. »Ich dachte nur, wie –« Er schauderte unwillkürlich. »Denke nicht mehr an jenen Ort; es ist doch jetzt alles vorüber«, beruhigte ihn Nikolas und ließ sein Auge forschend auf ihm ruhen. Smike war wieder in jenes gedankenleere Stieren verfallen, das ihm früher beständig eigen war und ihn auch in neuerer Zeit nur selten verließ. »Was wolltest du von dem ersten Tage sagen, als du in Yorkshire angelangt warest?« »Wie?« »Ich meine von der Zeit, ehe du dein Gedächtnis zu verlieren anfingst«, fragte Nikolas ruhig. »War das Wetter warm oder kalt?« »Naß. Sehr naß. Ich sagte immer, wenn es einmal recht stark regnete, es regnet wie an dem Abend meiner Ankunft. Und dann umringten sie mich und lachten mich aus, wenn sie sahen, daß ich über den schweren Regen weinen mußte. Sie sagten, es wäre kindisch, aber das ließ mich nur noch mehr dran denken. Bisweilen überlief es mich kalt, denn ich sah mich, wie ich damals war, als ich durch dieselbe Türe hereinkam.« »Wie du damals warst?« wiederholte Nikolas scheinbar gleichgültig. »Und wie warst du denn?« »So winzig klein«, entgegnete Smike, »daß man schon bei der Erinnerung daran Mitleid und Erbarmen mit mir hätte haben sollen.« »Du kamst doch nicht allein hin?« »Nein«, erwiderte Smike, »o nein.« »Wer war bei dir?« »Ein Mann – ein finsterer, greisenhaft aussehender Mann; ich hörte es die in der Schule sagen, und ich erinnerte mich auch selbst dessen. Ich war froh, daß er mich verließ, denn ich fürchtete mich vor ihm. Aber sie haben mich noch mehr fürchten gemacht und mich noch härter behandelt.« »Sieh mich einmal an«, sagte Nikolas, mit der Absicht, Smikes ganze Aufmerksamkeit auf einen Punkt zu konzentrieren. »So; wende dich nicht ab. Erinnerst du dich an keine Frau, an kein liebevolles weibliches Wesen, das dich einst hegte, deine Lippen küßte und dich ihr Kind nannte?« »Nein«, antwortete das arme Geschöpf kopfschüttelnd, »nein, nie.« »Auch nicht eines andern Hauses als desjenigen in Yorkshire?« »Nein«, erwiderte Smike mit einem Blick voll Trauer; »aber eines Zimmers – ich erinnere mich, daß ich in einem Zimmer schlief. In einem großen, einsamen Zimmer. Hoch oben in einem Hause, und in der Decke war eine Falltür. Ich habe mir oft das Kissen über den Kopf gezogen, um nicht hinsehen zu müssen, denn ich war ein kleines Kind und fürchtete mich vor ihr, wenn ich des Nachts allein war. Auch hätte ich immer gar zu gern gewußt, was hinter ihr ist. Und dann stand eine Uhr – eine alte Wanduhr in einer Ecke; ich kann mich daran noch ganz genau erinnern. Das Zimmer ist mir nie aus dem Gedächtnis gekommen, denn wenn ich schreckliche Träume habe, so tritt es genau so, wie es war, wieder vor mich. Ich sehe Dinge und Leute darin, die ich damals nicht gesehen habe, aber das Zimmer ist ganz so, wie es damals war; es ändert sich nicht.« »Willst du mich jetzt das Bündel nehmen lassen?« fragte Nikolas, schnell den Gegenstand des Gesprächs abbrechend. »Nein, nein«, weigerte sich Smike. »Lassen Sie uns weiter gehen.« Er beschleunigte bei diesen Worten seine Schritte, wie es schien, unter dem Eindruck, als hätten sie das ganze Gespräch über stille gestanden. Nikolas betrachtete ihn gespannt und prägte jedes Wort dieser Unterhaltung in unauslöschlichen Lettern seinem Gedächtnis ein. Inzwischen war es fast Mittag geworden, und obgleich noch dichter Nebel die Stadt, die sie vor kurzem verlassen hatten, umhüllte, wie wenn der Odem ihrer geschäftigen Bewohner über dem Schemen ihres gierig erstrebten Gewinnes lagere und dort eine größere Anziehung finde als zu den ruhevollen, höher liegenden Regionen, so war es draußen auf dem Lande doch schön und hell. Hin und wieder trafen sie wohl in einer Niederung noch auf Stellen, wo die Sonne den Nebel nicht hatte verscheuchen können; doch kamen sie bald darüber hinweg, und als sie die Hügel hinanstiegen, machte es ihnen viel Freude, in das Tal hinabzublicken und zu sehen, wie die trägen Dunstmassen sich schwerfällig vor dem belebenden Einflusse des Tages hinschoben. Die heitere Sonne bestrahlte die grünen Weideplätze und lieh den Wassern ein sommerliches Glitzern. Der Boden schien elastisch zu sein; die Glöckchen der Schafe tönten wie Musik in ihren Ohren, und hoffnungsfroh schritten sie rüstig weiter. Der Tag rückte vor. Die schimmernden Farben wurden matter und nahmen ruhigere Tinten an, wie junge stürmische Hoffnung durch die Zeit gemildert wird oder jugendliche Gesichter allmählich in die stille Heiterkeit des Alters übergehen – kaum weniger schön in ihrem langsamen Erbleichen als in ihrem frischen Glanze. Endlich gelangten sie nach Godalming, handelten eine ärmliche Schlafstelle ein und schlummerten herrlich. Am Morgen machten sie sich zeitig wieder auf die Beine. Allerdings nicht ganz so frisch wie gestern, aber doch voll Hoffnung und heitern Sinnes. Sie hatten an diesem Tage einen mühevolleren Marsch zu machen als an dem vorigen, denn es galt lange, ermüdende bergansteigende Strecken zu bewältigen, und bekanntlich geht es auf Reisen wie im Leben um vieles leichter bergab als bergan. Dessenungeachtet schritten sie unverdrossen weiter – noch kein Berg hat seinen Gipfel himmelan gestreckt, schließlich wurde er durch Beharrlichkeit doch bezwungen. Sie kamen an des »Teufels Punschbowle« vorbei, und Smike horchte begierig auf, als Nikolas die Inschrift auf dem Steine las, der an jener wilden Stelle aufgerichtet ist und von einem grauenvollen hinterlistigen Mord erzählt, der nächtlicherweise dort begangen worden. Das Blut des Ermordeten hatte einst das Gras, auf dem sie standen, gefärbt und war tropfenweise in die Höhle geronnen, die dem Orte den Namen gibt. »Des Teufels Punschbowle«, dachte Nikolas und sah sinnend in den tiefen Schlund hinunter, »hat wohl nie eine passendere Flüssigkeit aufgenommen als dieses Becken hier.« Schnell gingen sie weiter und gelangten endlich auf eine weite Hochebene, die, zu vielen kleinen Hügeln ansteigend, der Oberfläche einen heitern grünen Anblick verlieh. Hier stieg beinahe senkrecht eine Anhöhe gen Himmel, fast nur den Schafen und Ziegen, die dort ihr Futter suchten, zugänglich. Dort wieder stand ein mächtiger, grüner Erdhügel, der sich so allmählich erhob und so sanft mit der Ebene wieder verschmolz, daß sich seine Umrisse kaum bestimmen ließen. Hügel, einer höher als der andere, und Wellenlinien, weich oder unförmlich, glatt und zerrissen, anmutig und wild, nachlässig Seite an Seite liegend, begrenzten die Aussicht in jeder Richtung – wobei nicht selten, ehe man sich's versah, eine Schar schwarzer Krähen mit häßlichem Schrei vom Boden aufflog, die nächsten Berge umkreiste, als wüßte sie nicht, wohin sich wenden, und sich dann mit Windeseile plötzlich in irgendeiner Talmulde niederließ. Allmählich wurde die Aussicht nach beiden Seiten hin beengter, und nachdem die beiden jungen Leute eine Weile der reichen herrlichen Szenerie beraubt gewesen, kamen sie wieder in offenes Land. Das Bewußtsein, sich dem Orte ihrer Bestimmung immer mehr zu nähern, erleichterte ihnen den Marsch. Aber immerhin war es beschwerlich gewesen; sie hatten sich unterwegs viel aufgehalten, und Smike war müde. Es dunkelte bereits, als sie vor dem einsamen Wirtshaus, das etwa zwölf Meilen vor Portsmouth am Wege liegt, Halt machten. »Zwölf Meilen!« sagte Nikolas, stützte sich mit beiden Händen auf seinen Stock und sah Smike zweifelnd an. »Zwölf starke Meilen«, wiederholte der Wirt. »Ist der Weg gut?« »Sehr schlecht.« – Als Wirt konnte der Mann natürlich nichts anderes sagen. »Ich möchte gerne noch weiter gehen«, sagte Nikolas zögernd, »aber ich weiß wirklich nicht, soll ich, oder soll ich nicht.« »Ich will Ihnen nicht zureden«, meinte der Wirt, »aber ich an Ihrer Stelle ginge nicht weiter.« »Wirklich nicht?« »Nein, zumal nicht, wenn ich wüßte, daß ich hier gut aufgehoben wäre.« Mit diesen Worten schob der Wirt seine Schürze beiseite, steckte die Hände in die Taschen, trat ein paar Schritte vor das Haus hinaus und spähte, anscheinend höchst gleichgültig, die dunkle Landstraße hinunter. Ein Blick auf die Jammermiene des schrecklich abgematteten Smike bestimmte Nikolas, und so entschloß er sich ohne weiteres zu bleiben. Der Wirt führte sie in die Küche, und da dort ein tüchtiges Feuer brannte, bemerkte er, daß es sehr kalt draußen wäre, wie er denn auch ohne Zweifel bei einem schwachen oder gar keinem Feuer sich über zu große Wärme beschwert haben würde. »Was können Sie uns zum Nachtessen geben?« war Nikolas' erste Frage. »Was ist Ihnen gefällig?« Nikolas verlangte kalten Braten, aber der war nicht da. – Gebackene Eier? Es gab auch keine Eier. – Hammelrippchen? – Die waren auf drei Meilen nicht aufzutreiben. – In der vergangenen Woche, da hatte man mehr, als man zu verwenden wußte, und auch übermorgen würde man wieder die schwere Menge davon haben, hieß es. »Nun, dann muß ich's eben ganz Ihnen überlassen«, sagte Nikolas, »wie ich es gleich anfangs wollte, wenn Sie mich nicht nach meinen Wünschen gefragt hätten.« »Warten Sie, ich will Ihnen was sagen«, schlug der Wirt vor. »Im Gastzimmer sitzt ein Herr, der für neun Uhr einen warmen Beefsteakpudding mit Kartoffeln bestellt hat. Er wird allein damit nicht zustande kommen, und ich zweifle nicht, daß er Sie, wenn ich es ihm proponiere, daran partizipieren lassen wird. Ich will die Sache sogleich abmachen.« »Nein, nein«, erwiderte Nikolas und hielt ihn zurück, »ich möchte das nicht. Ich – übrigens – ach was – warum sollte ich es nicht aussprechen – Sie sehen, ich reise auf sehr bescheidene Weise und habe meinen Weg zu Fuß hierher gemacht. Es ist daher wohl mehr als wahrscheinlich, daß der Herr keinen Gefallen an meiner Gesellschaft finden wird. Aber wenn ich auch von oben bis unten bestaubt bin, so bin ich doch zu stolz, um mich ihm aufzudrängen.« »Haha«, lachte der Wirt, »es ist doch nur Mr. Crummles: der nimmt's nicht so genau.« »Wirklich nicht?« fragte Nikolas, dem, offen gestanden, schon bei der bloßen Aussicht auf einen saftigen Pudding das Wasser im Munde zusammenlief. »Nicht im geringsten«, versicherte der Wirt. »Soweit ich ihn kenne, wird ihm Ihre Gesellschaft sogar sehr angenehm sein. Aber wir werden ja sehen, haben Sie nur eine Minute Geduld.« Und ohne eine weitere Erlaubnis abzuwarten, eilte der Mann in das Gastzimmer. Nikolas versuchte es übrigens auch gar nicht, ihn zurückzuhalten, denn er sagte sich, unter den obwaltenden Umständen sei ein Nachtessen immerhin von großer Wichtigkeit. In großer Aufregung kam der Wirt gleich darauf wieder zurück. »Alles in Ordnung«, berichtete er leise. »Wußte es ja. Sie werden drinnen etwas Sehenswertes finden. Sapperlot, wie die aneinander sind!« Nikolas konnte nicht mehr fragen, was diese Schlußbemerkung, die in ganz entzücktem Tone ausgesprochen wurde, zu bedeuten habe, denn der Wirt hatte bereits die Türe des Zimmers aufgerissen. So traten denn die beiden Reisenden – Smike mit dem Bündel, das er mit einer Sorgfalt hütete, als sei es ein Beutel mit Gold, auf dem Rücken – unverzüglich ein. Nikolas hatte sich wohl auf etwas Seltsames gefaßt gemacht, keineswegs aber auf etwas so gar Ungewöhnliches, wie es sich hier seinen Augen darbot. Am entgegengesetzten Ende des Zimmers standen einander zwei Jungen gegenüber, von denen der eine sehr aufgeschossen und der andere sehr klein war, beide in Matrosentracht – wenigstens in einer theatralischen, mit Gürteln, Schnallen, Zöpfen und Pistolen und fochten mit zwei kurzen Korbsäbeln, wie man sie gewöhnlich bei kleinen Theatern sieht, einen »schrecklichen Zweikampf« – wie es die Komödienzettel nennen – aus. Der Kleine hatte sichtlich einen bedeutenden Vorteil über den Langen gewonnen und diesen ins Eck gedrängt. Als Zuschauer lehnte ein großer, plumper Gentleman an einer Tischecke und forderte die Streiter auf das nachdrücklichste auf, noch mehr Funken aus ihren Schwertern zu schlagen; es werde ihnen dann bei der nächsten Vorstellung an einem wütenden Applaus nicht fehlen. »Mr. Vincent Crummles«, stellte der Wirt mit unterwürfiger Miene Nikolas vor, »dies ist der junge Herr.« Mr. Vincent Crummles grüßte mit einem Neigen des Hauptes, das zwischen dem herablassenden Empfang eines römischen Kaisers und dem vertraulichen Nicken eines Zechbruders die Mitte hielt. »Eine großartige Szene«, sagte er sodann und winkte Nikolas, stehenzubleiben, um den Kampf nicht zu stören. »Der Kleine hat ihn; wenn der Große sich nicht in drei Sekunden ergibt, ist er ein toter Mann. Macht das noch einmal, Jungens.« Die beiden Kämpfenden fingen wieder von vorne an und droschen aufeinander los, daß die Funken stoben – zur großen Zufriedenheit Mr. Crummles', der darauf augenscheinlich ein großes Gewicht legte. Der Kampf begann mit ungefähr zweihundert Hieben, die der kleine Matrose mit dem langen wechselte, ohne daß dadurch ein besonderes Resultat erzielt worden wäre, bis der kleine Matrose plötzlich ohne ersichtlichen Grund auf ein Knie niederstürzte. Er machte sich jedoch nichts daraus, sondern arbeitete sich mit Beihilfe seines linken Armes auf dem Boden weiter und focht ganz verzweifelt fort, bis ihm der lange Matrose das Schwert aus der Hand schlug. Man hätte nun vermuten sollen, daß daraufhin der kleine Matrose, so entwaffnet, um Pardon gebeten hätte; aber statt dessen zog er schnell eine gigantische Pistole aus dem Gürtel und zielte mit ihr nach dem Gesichte seines Gegners, worüber dieser dermaßen erschrak, daß dem Kleinen Gelegenheit geboten war, sein Schwert wieder aufzunehmen und von neuem anzufangen. Dann ging es wieder an ein wildes Dreschen, das von beiden Seiten ganz absonderlich geführt wurde. Bald nahmen die Kämpfer die Waffen in die linke Hand, bald teilten sie unter dem Knie, durch oder über die Achseln hinweg ihre Schläge aus. Als der kleine Matrose beispielsweise einen gewaltigen Streich nach den Beinen seines Gegners führte, der im Falle des Nichtausweichens ihm beide Füße glatt abgesäbelt haben würde, sprang dieser gewandt über die Klinge hinweg, worauf er seinerseits, um dem Gegner nichts schuldig zu bleiben, mit gleichem Mißerfolg einen ähnlichen Hieb vollführte. Dann ging es an die fabelhaftesten Finten und Scheinattacken, wobei sich die Streiter gelegentlich die offenbar infolge des Mangels an Hosenträgern herabgleitenden Unaussprechlichen in die Höhe zogen, bis endlich der Kleine, der augenscheinlich der moralischere Charakter war – denn er befand sich fast immer im Vorteil –, einen gewaltigen Ausfall machte, sich über den Langen warf, ihn nach kurzem Kampf zu Boden drückte und ihm den Fuß auf die Brust setzte. Durchbohrt von dem Schwerte des Gegners gab sodann der Lange unter heftigen Qualen den Geist auf. »Das wird ein doppeltes Dakapo einbringen, Jungens, wenn ihr euch recht zusammennehmt«, lobte Mr. Crummles. »Verschnauft euch jetzt und zieht euch um.« Erst jetzt konnte Nikolas Mr. Crummles' Äußeres in Ruhe beaugenscheinigen. Das Gesicht des Mannes stand ganz im Verhältnis zu seinem Körper. Er hatte eine sehr dicke Unterlippe, eine heisere Stimme, wie es bei Leuten der Fall ist, die viel zu schreien pflegen, und trug das schwarze Haar fast kahl abgeschoren – wie sich später herausstellte, um sich leichter die diversen Charakterperücken aufsetzen zu können. »Nun, was halten Sie davon, Sir?« fragte Mr. Crummles. »Es war in der Tat ausgezeichnet. – Vortrefflich«, lobte Nikolas. »Ich denke, Jungen wie diese werden Sie nicht oft zu sehen bekommen.« Nikolas stimmte eifrig bei, bemerkte aber: »Wenn sie einander nur mehr gleich wären.« »Gleich?« rief Mr. Crummles. »Ich meine hinsichtlich der Größe«, entschuldigte sich Nikolas. »Größe?!« wiederholte Mr. Crummles. »Das ist doch gerade die Hauptsache, daß sie um einen oder zwei Fuß verschieden sind. Wie wären wir berechtigt, auf den Beifall des Publikums zu zählen, wenn nicht ein Kleiner über einen Großen siegte? Man müßte anderenfalls wenigstens fünf gegen einen stellen, und dazu haben wir nicht Leute genug in unserem Ensemble.« »Ja, ja, sehr richtig. Ich bitte um Verzeihung«, versetzte Nikolas. »Ich muß gestehen, daß ich daran nicht dachte.« »Kurz – es ist der springende Punkt«, schloß Mr. Crummles das Thema. »Ich gebe übermorgen in Portsmouth eine Vorstellung. Wenn Sie dahin reisen, so besuchen Sie das Theater, und Sie werden sehen, wie wir gefallen.« Nikolas versprach, es zu tun, wenn er könnte, rückte dann seinen Stuhl ans Feuer und begann mit dem Theaterdirektor ein Gespräch. Äußerst redselig und mitteilsam, vielleicht ebensosehr infolge seines Temperaments wie infolge des Grogs, dem er kräftig zusprach, oder des Schnupftabaks, den er in starken Portionen aus einem Papiertütchen in seiner Westentasche seiner Nase zuführte, besprach Mr. Crummles seine Angelegenheiten ohne Rückhalt und erging sich des langen und breiten über die Vorzüge seines Ensembles und die Talente seiner Familie, von der die beiden Kämpfer einen beachtenswerten Teil ausmachten. Allem Anschein nach sollten sich die Herren und Damen der Truppe morgen in Portsmouth zusammenfinden, wohin sich auch der Vater mit seinen Söhnen auf dem Wege befand. Die Gesellschaft hatte keinen dauernden Aufenthalt, sondern gehörte der Klasse fahrender Künstler an und kam eben von Guildford, wo sie einen rasenden Beifall geerntet hatte. »Und Sie reisen denselben Weg, mein Herr?« »J-a«, gab Nikolas verlegen zu. »Sind Sie in der Stadt bekannt?« fragte der Mime weiter, kühn das gleiche Vertrauen beanspruchend, das er selbst an den Tag gelegt hatte. »Nein.« »Nie dort gewesen?« »Nie.« Mr. Vincent Crummles ließ ein trockenes Hüsteln vernehmen, als wolle er damit sagen, »wenn du verschlossen sein willst, so sei's«, und holte so viele Prisen aus seinem Tütchen, eine nach der anderen, daß es rein unbegreiflich war, wo all der Schnupftabak hinkam. Dabei blickte er von Zeit zu Zeit mit großem Interesse auf Smike, der ihm gleich von vornherein ungemein aufgefallen zu sein schien. Der Ärmste war eingeschlafen und nickte in seinem Stuhle. »Entschuldigen Sie«, fing Mr. Crummles leise nach einer Weile wieder an und wendete sich zu Nikolas. »Sehen Sie doch nur, was Ihr Freund da für ein Kapitalsgesicht hat.« »Der arme Junge!« entgegnete Nikolas mit einem halben Lächeln. »Ich wollte, es wäre etwas voller und nicht so abgemagert.« »Voller!?« rief der Theaterdirektor mit einem Ausdruck des Entsetzens. »Es wäre dann für immer verdorben.« »Verdorben?« »Freilich, natürlich. So wie er jetzt ist, unwattiert und kaum mit einer Spur von Farbe im Gesicht, könnte er Hungerleiderrollen spielen, wie man sie noch nie auf einer Bühne gesehen hat. Eine Idee Rot auf die Nasenspitze als Apotheker in ›Romeo und Julie‹ – und er brauchte nur den Kopf aus der Ladentür zu stecken, um mindestens dreimal gerufen zu werden.« »Ah so, Sie betrachten ihn vom Standpunkt des Schauspiels aus«, sagte Nikolas lachend. »Und zwar mit Fug und Recht«, erwiderte der Direktor stolz. »Ich habe, seit ich Künstler bin, noch nie einen jungen Menschen gesehen, der so ganz für diese Rolle geschaffen wäre, und ich habe doch bereits die schweren Kinderrollen gespielt, als ich kaum achtzehn Monate alt war.« Das Erscheinen des Beefsteakpuddings, mit dem zugleich auch die jungen Masters Crummles auf der Bildfläche auftauchten, gab der Unterhaltung eine andere Wendung und unterbrach sie für eine Weile ganz und gar. Die beiden jungen Herren handhabten Messer und Gabel mit kaum geringerer Geschicklichkeit als ihre Schwerter, und da die ganze Gesellschaft so ziemlich gleich hungrig war, nahm man sich keine Zeit zum Reden, bis das Nachtessen gänzlich vertilgt war. Die Herren Crummles juniores hatten kaum den letzten herrenlosen Bissen hinuntergewürgt, als sie auch schon durch wiederholtes halbunterdrücktes Gähnen und Rekeln denselben lebhaften Wunsch zu erkennen gaben, sich zur Ruhe zu begeben, den Smike schon früher auf eine noch augenfälligere Weise an den Tag gelegt hatte, indem er einige Male sogar mit dem Bissen im Munde eingenickt war. Nikolas machte daher den Vorschlag, sogleich aufzubrechen, aber der Theaterdirektor wollte davon durchaus nichts hören und beteuerte, er lasse sich das Vergnügen, seinen neuen Bekannten zu einer Bowle Punsch einzuladen, unter keiner Bedingung nehmen und würde einen Refus als Beleidigung betrachten. »Lassen wir die Jungen gehen«, schlug er vor, »und bleiben wir noch ein wenig beim Feuer sitzen.« Nikolas war viel zu aufgeregt, um besondere Neigung zum Schlafen zu empfinden, und nahm daher die Einladung nach einigem Zögern an. Als er den jungen Crummlessen die Hand gedrückt und der Schauspieldirektor Smike ungemein wohlwollend gute Nacht gesagt hatte, setzten sie sich am Kamin einander gegenüber, um gemeinschaftlich die Bowle zu leeren, die bald darauf erschien – so hübsch dampfend, daß es eine Freude war, mit anzusehen, wie sie die lieblichsten und zugleich einladendsten Düfte entsendete. Aber ungeachtet des Punsches und der Unterhaltungsgabe des Schauspieldirektors, der eine Menge Geschichten erzählte und erstaunlich viel Tabak sowohl mittels seiner Pfeife als auch durch seine Nase konsumierte, war Nikolas zerstreut und niedergeschlagen. Seine Gedanken weilten bei den Seinen, und wenn er an seine gegenwärtige Lage dachte, so umhüllte das Bangen um die Zukunft seinen Geist mit einer Wolke, die er trotz aller Anstrengungen nicht zu verscheuchen vermochte. Obgleich er die Stimme des Schauspieldirektors hörte, so war er doch taub für den Inhalt seiner Worte, so daß er, als Mr. Vincent Crummles die Geschichte irgendeines langen Abenteuers mit seinem gewohnten lauten Lachen und der Frage geschlossen hatte, was sein Begleiter unter denselben Umständen getan haben würde, sich genötigt sah, zu bekennen, er habe von dem Gesprochenen auch nicht das mindeste vernommen und müsse wegen seiner Zerstreutheit vielmals um Entschuldigung bitten. »Ich habe es wohl bemerkt«, sagte Mr. Crummles gutmütig. »Ihr Geist ist unruhig. Wo fehlt's?« Nikolas konnte sich nicht enthalten, über die Ungeniertheit dieser Frage zu lächeln, hielt es aber nicht der Mühe wert, ihr auszuweichen, und gestand daher seine Besorgnisse hinsichtlich der Erreichung seines Zieles unverhohlen ein. »Und was ist Ihr Ziel?« forschte der Theaterdirektor. »Irgendeine Beschäftigung, die mir und meinem armen Reisegefährten die nötigsten Bedürfnisse des Lebens gewährt, zu finden. So stehen die Dinge, wie Sie vermutlich schon längst erraten haben werden.« »Aber welche Beschäftigung könnten Sie in Portsmouth besser als an einem anderen Orte finden?« fragte Mr. Vincent Crummles und hielt das Siegelwachs an dem Saftsack seiner Pfeife gegen die Kerzenflamme, um es besser andrücken zu können. »Ich denke, es laufen dort viele Schiffe den Hafen an. Ich will mir auf dem einen oder dem andern ein Unterkommen suchen. Jedenfalls hat man doch da sein Essen und Trinken.« »Ja, ja, Pökelfleisch und Fusel, Erbsenpudding und Kleienzwieback«, versetzte der Direktor und zündete sich ruhevoll einen Fidibus an. »Man kann's noch schlechter haben als so«, meinte Nikolas. »Wenn es andere ausgehalten haben, die gleichfalls nicht daran gewöhnt waren, werde ich es schließlich auch können.« »Aber wenn Sie auf einem Schiff unterkommen wollen, so müssen Sie auch brauchbar sein. Und das ist doch bei Ihnen kaum der Fall.« »Warum nicht?« »Weil es keinen Schiffer oder Maat gibt, der Sie nur des Salzes aufs Brot wert halten wird, wenn ihm geübte Leute zu Gebot stehen, und deren gibt es in Portsmouth so viele wie Austerschalen in den Straßen.« »Wie soll ich das verstehen?« fragte Nikolas, durch den bestimmten Ton, mit dem der Mime diese Behauptung aufstellte, erschreckt. »Der Mensch kommt doch nicht als Matrose auf die Welt und muß sich gewiß auch erst dazu heranbilden?« Mr. Vincent Crummles nickte. »Allerdings, aber das tut man nicht mehr in Ihrem Alter, und so ein junger Herr wie Sie würde sich da schon von vornherein nicht hineinfinden können.« Es trat eine Pause ein. Nikolas machte ein langes Gesicht und blickte betrübt ins Feuer. »Fällt Ihnen kein anderer Beruf ein, dem sich ein junger Mann von Ihrer Figur und Gewandtheit widmen und bei dem er sich noch obendrein ein bißchen in der Welt umsehen könnte?« fragte der Direktor endlich. »Nein«, antwortete Nikolas kopfschüttelnd. »Nicht? – Dann will ich Ihnen eine Laufbahn nennen. – Die Bretter.« »Die Bretter?« rief Nikolas erstaunt. »Die Bühne! – Sehen Sie, ich bin Schauspieler, meine Frau ist Schauspielerin, meine Kinder sind Schauspieler. Ich hatte einst einen Hund, der von der Zitze weg die Kunst trieb und auf der Bühne starb. Auch mein Pferd, das unsere Theatereffekten führt, tritt in ›Timur, der Tartar‹ auf. Ich werde Sie und Ihren Freund unterbringen. Schlagen Sie ein. Ich muß sowieso etwas Neues bringen.« »Aber ich verstehe mich nicht darauf«, versetzte Nikolas, dem dieser plötzliche Vorschlag fast den Atem benahm. »Ich bin nie – das heißt, höchstens einmal in der Schule – in einer Rolle aufgetreten.« »Ihr Gang und Ihre Haltung qualifiziert Sie für das edlere Lustspiel. Aus Ihrem Auge blickt der jugendliche Held des Trauerspiels, und Ihr Lachen eignet sich ganz für die Posse«, entgegnete Mr. Vincent Crummles. »Es wird bei Ihnen so gut gehen, als ob Sie von Geburt an vor der Rampe gestanden hätten.« Nikolas dachte an das kleine Sümmchen, das ihm noch übrigbleiben würde, wenn die Wirtsrechnung bezahlt war, konnte sich aber immer noch nicht entschließen. »Sie können uns auf hunderterlei Weise nützlich werden. Bedenken Sie nur, welche Kapital-Komödien-Zettel für die Straßenecken ein Mann von Ihrer Bildung entwerfen könnte!« »Nun, diesem Zweige wäre ich allenfalls gewachsen«, meinte Nikolas. »Ohne Zweifel. Und dann die Stücke selbst. Nötigenfalls könnten Sie uns ja ein Stück schreiben.« »Dessen wäre ich mir doch nicht so ganz sicher«, entgegnete Nikolas, »obschon ich glaube, hin und wieder etwas zusammenkritzeln zu können, was für Sie paßte.« »Wir wollen gerade ein neues Spektakelstück auf die Bühne bringen«, fuhr der Theaterdirektor fort. »Passen Sie auf – ganz neue Staffagen – prachtvolle Dekorationen. Hören Sie, Sie müssen es so einrichten, daß ein wirklicher Brunnen und zwei Waschzuber darin vorkommen.« »In dem Stück?« »Freilich. Ich habe die Dinger vor ein paar Tagen in einer Versteigerung erstanden, und sie werden fabelhaft wirken. So machen sie's doch in London auch. Man kauft Kostüme, Dekorationen usw. und läßt sich dann ein Stück dazu schreiben. Die meisten Theater halten sich zu diesem Zweck einen eigenen Schriftsteller.« »Wahrhaftig?« »Natürlich. – Es ist allgemein üblich. Und wie gut sich das nicht auf den Plakaten mit fußlangen Buchstaben gedruckt machen würde: ›laufender Brunnen – wirkliche Waschzuber‹. – Ha, wie so etwas zieht. Haben Sie nicht vielleicht auch so etwas wie von einem Künstler, Zeichner, Maler oder dergleichen in sich?« »Kann mich dessen nicht rühmen«, antwortete Nikolas. »Schade!« meinte der Direktor. »In diesem Falle hätten wir einen großen Holzschnitt an den Straßenecken ankleben können, der die ganze letzte Szene samt Hintergrund – Brunnen und Waschzuber in der Mitte – dargestellt hätte. Nun, dann müssen wir eben darauf verzichten.« »Und wieviel bezöge ich für alles das?« fragte Nikolas nach kurzem Nachdenken. »Kann ich davon leben?« »Davon leben? Wie ein Fürst! Mit Ihrem Salär, dem Ihres Freundes und dem Honorar für Ihre schriftstellerische Tätigkeit können Sie's – hm! – auf ein Pfund wöchentlich bringen.« »Sie scherzen.« »Gewiß nicht; und wenn wir volle Häuser haben, trägt's Ihnen vielleicht das Doppelte ein.« Nikolas zuckte die Achseln, aber seine einzige Aussicht war die drückende Not, und wenn er auch für seine Person sich mutig jedem Mangel zu unterziehen vermochte, so mußte er doch Rücksicht auf Smike nehmen. Wozu hatte er dieses hilflose Geschöpf den Händen seiner Peiniger entrissen, wenn er ihm kein besseres Los zu bereiten vermochte, als sein früheres gewesen? Solange er sich mit seinem Onkel, der ihn in diese schlimme Lage gebracht und an den er nur mit tiefster Erbitterung zu denken vermochte, in ein und derselben Stadt befand, konnten ihm siebzig Meilen Entfernung allerdings als sehr wenig erscheinen, aber jetzt glaubte er, weit genug aus dem Wege zu sein. Konnte denn nicht während der Zeit, die er im Ausland zubringen wollte, seine Mutter oder Schwester sterben? Ohne sich länger zu besinnen, erklärte er sich daher Mr. Vincent Crummles gegenüber bereit und besiegelte den Vertrag durch einen Handschlag. 23. Kapitel Handelt von dem Ensemble Mr. Vincent Crummles' wie auch von seinen häuslichen und Theaterangelegenheiten Da Mr. Crummles ein seltsames vierbeiniges Tier im Wirtshausstalle stehen hatte, das er als Pony bezeichnete, und ein Fuhrwerk von unbekannter Bauart besaß, dem er den Namen eines vierräderigen Phaethons gab, setzte Nikolas seine Reise am nächsten Morgen mit größerer Bequemlichkeit fort, als er erwartet hatte. Er und der Schauspieldirektor nahmen den Vordersitz ein, während die jungen Herren Crummles und Smike hinten auf einem geflochtenen Weidenkorb Platz fanden, der, durch starken Wachstaffet geschützt, die Schwerter, Pistolen, Zöpfe, Matrosenkleider und andere Theaterrequisiten barg. Das Pony ließ sich auf dem Wege bemerkenswert viel Zeit und legte hin und wieder – vielleicht infolge seiner Erziehung für die Bühne – ein sehr lebhaftes Bestreben, sich niederzulegen, an den Tag. Mr. Crummles hielt es jedoch durch Zerren an den Zügeln und wiederholte Anwendung der Peitsche so ziemlich aufrecht, und wenn diese Mittel fehlschlugen, half man dadurch nach, daß der ältere von Mr. Crummles' Söhnen ausstieg und seinen Kunstgenossen mit Fußtritten aufmunterte. Durch derartige Mittel ließ sich das Tier denn auch jedesmal bewegen, wieder ein Stück weiterzuzotteln. »Das Pony ist im Grunde ein guter Kerl«, erklärte Mr. Crummles Nikolas. »Seine Kreuzundquerzüge sind gar nicht zu zählen. Es ist, sozusagen, mit uns verwachsen. Schon seine Mutter war beim Theater.« »Was Sie sagen!« »Sie aß vierzehn Jahre lang im Zirkus Äpfelpasteten, feuerte Pistolen ab und ging mit einer Schlafmütze zu Bett. Mit einem Wort, sie vertrat das Fach der niedern Komik. Sein Vater war Tänzer.« »Leistete er viel in dieser Kunst?« fragte Nikolas. »Nicht sonderlich. Er war ein ziemlich gemeines Pony, was daher rührte, daß er ursprünglich ein Mietgaul war und nie seine früheren Gewohnheiten ganz zu verleugnen vermochte. Im Melodrama ließ er sich jedoch brav an, nur war er ein bißchen zu breit, – bildlich nämlich. Trug zu dick auf. Als seine Mutter starb, übernahm er das Portweinfach.« »Das Portweinfach!?« rief Nikolas erstaunt. »Er trank Portwein mit dem Hanswurst«, erklärte der Theaterdirektor, »aber er war zu gierig. Eines Abends zerbiß er das Glas und ging an den verschluckten Scherben zugrunde. Er hatte also lediglich seiner Gemeinheit sein wenig ruhmreiches Ende zu danken.« Allmählich nahm der Abkömmling dieses unglücklichen Tieres, je weiter die Reise ging, Mr. Crummles' Aufmerksamkeit immer mehr in Anspruch, so daß wenig Zeit zur Unterhaltung blieb. Nikolas konnte sich daher nach Belieben seinen Gedanken überlassen, bis sie an die Zugbrücke von Portsmouth kamen und Halt machten. »Wir wollen hier aussteigen«, sagte der Theaterdirektor. »Die Jungen können das Pony in den Stall und das Gepäck auf mein Zimmer bringen. Sie werden übrigens gut tun, das Ihrige vorderhand auch dorthin schaffen zu lassen.« Nikolas dankte für dieses liebenswürdige Anerbieten, sprang aus dem Phaethon, half Smike herunter und begleitete den Schauspieldirektor durch die High Street nach dem Theater, nicht wenig beklommen, so schnell in einen ihm völlig neuen Wirkungskreis eingeführt zu werden. Sie kamen unterwegs an vielen Zetteln vorbei, die an den Straßenecken und Fensterläden angeklebt waren und die Namen von Mr. Vincent Crummles, Mrs. Vincent Crummles, Master Crummles, Master P. Crummles und Miss Crummles in riesigen Buchstaben weithin leuchten ließen, während die Namen der übrigen Schauspieler nur sehr klein gedruckt waren. Endlich langten sie bei dem Schauspielhause an und tasteten sich durch einen Flur, in dem es stark nach Orangenschalen, Lampenöl und Sägespänen roch, weiter. Dann klommen sie eine Treppe empor, wanden sich durch ein kleines Labyrinth von Kulissen und Farbtöpfen und tauchten endlich auf der Bühne des Kunsttempels von Portsmouth wieder auf. »Da wären wir endlich«, meinte Mr. Crummles. Hell war es gerade nicht besonders, aber Nikolas konnte doch unterscheiden, daß er sich dicht neben dem Souffleursitze zwischen staubigen Kulissen, verschimmelten Wolken, grobgepinselten Hintergründen und auf schmutzigen Brettern befand. Er blickte umher. Decke, Parterre, Logen, Galerie, Orchester, Soffitten und Dekorationen – alles machte einen unbeschreiblich kalten, düsteren und erbärmlichen Eindruck. »Ist das ein Theater?« flüsterte Smike verwundert. »Ich glaubte, da sei alles Pracht und Herrlichkeit.« »Gewiß, das ist es auch«, versetzte Nikolas kaum weniger überrascht, »aber nicht bei Tage, Smike, nicht bei Tage.« Der Theaterdirektor riß ihn aus einer genaueren Musterung der Bühne, indem er ihn an die andere Seite des Proszeniums rief, wo an einem kleinen länglichen Mahagonitisch mit schadhaften Beinen eine beleibte, stattliche Dame von ungefähr fünfundvierzig Jahren in einem schmierigen seidenen Mantel saß. Sie hielt ihren Hut an den Bändern in der Hand und hatte das Haar, das sie in üppiger Fülle besaß, in zwei breiten Flechten über die Schläfen gelegt. »Mr. Johnson«, stellte ihn der Direktor vor (Nikolas hatte den Namen, den ihm Newman Noggs bei Mrs. Kenwigs gegeben, beibehalten); »ich habe die Ehre, Sie mit Mrs. Vincent Crummles bekannt zu machen.« »Sehr erfreut, Sie kennenzulernen, mein Herr«, sagte Mrs. Vincent Crummles mit Grabesstimme, »um so mehr, als ich so glücklich bin, in Ihnen ein so vielversprechendes neues Mitglied unseres Ensembles zu begrüßen.« Dabei drückte sie ihm huldreich die Hand. Nikolas hatte bereits ihre mächtigen Finger innerlich bewundert, sich aber auf einen solch ehernen Druck, wie er ihm jetzt zuteil wurde, nicht gefaßt gemacht. »Und dies«, fuhr die Dame fort und ging mit tragischem Anstand und der ganzen Würde einer Schauspieldirektorin auf Smike zu, »und dies ist der andere Herr? Seien Sie gleichfalls willkommen, Sir!« »Ich denke, der wird sich machen, meine Liebe, wie?« fragte Mr. Crummles und stopfte sich die Nase mit Schnupftabak voll. »Vortrefflich«, bestätigte die Dame. »In der Tat, eine sehr wertvolle Akquisition.« Als Mrs. Vincent Crummles wieder nach dem Tisch zurückschritt, hüpfte aus irgendeinem geheimen Gelaß ein kleines Mädchen in einem schmutzigen, weißen Kleidchen mit bis an die Knie reichenden Besätzen, kurzen Höschen, Sandalen, weißem Spencer, rosa Gazehut, grünem Schleier und Lockenwickeln auf die Bühne, machte eine Pirouette, sprang zweimal in die Höhe, machte wieder eine Pirouette, blickte dann nach der entgegengesetzten Kulisse und stürzte laut aufschreiend bis auf etwa sechs Zoll vor die Lampen des Proszeniums hin, um dort eine wunderschöne Stellung des Entsetzens einzunehmen. Im selben Augenblick schlurfte ein schäbiger Herr in einem Paar alter gelber Pantoffeln auf die Szene, knirschte mit den Zähnen und fuchtelte wild mit einem Spazierstock in der Luft herum. »Sie probieren den ›Indianer und die Jungfrau‹«, erklärte Mrs. Crummles. Zum Zeichen, daß die Pantomime ihren Fortgang nehmen sollte, klatschte der Direktor in die Hände, und sogleich eilte der Indianer, mit jedem Augenblick wilder werdend, dem Mädchen nach. Die Jungfrau jedoch entschlüpfte ihm mit sechs Wirbeln, um nach dem letzten auf den Zehenspitzen stehen zu bleiben. Dies schien einigen Eindruck auf den Indianer zu machen, wenigstens fing er an, nachdem er noch etwas mehr Wildheit gezeigt und die Jungfrau noch etliche Male von einer Ecke in die andere getrieben, sanfter zu werden und schlug sich einige Male mit den Fingern der rechten Hand ins Gesicht, um damit anzudeuten, daß er von der Schönheit des Mädchens ganz entzückt sei. In seiner Liebesraserei hämmerte er sich schließlich auf die Brust und verriet auch noch durch andere Zeichen die Gewalt seiner Gefühle, offenbar eine etwas prosaische Werbung, denn die Jungfrau sank auf eine schräge Bank und fiel sofort in tiefen Schlaf. Der Wilde, der es bemerkt, hielt die linke Hand an sein Ohr, nickte dabei seitwärts mit dem Kopf und verscheuchte damit den letzten Zweifel des Publikums, die Schöne stelle sich vielleicht bloß schlafend. Dann begann er in Ermangelung eines Besseren einen Solo-Tanz, und in demselben Augenblick, als dieser endete, erwachte auch die Jungfrau, rieb sich die Augen, stand von der Bank auf und tanzte gleichfalls ein Solo – aber ein Solo, das den Wilden so in Verzücken versetzte, daß er in der Begeisterung, als sie schloß, von einem nahen Baume irgendeine botanische Kuriosität, die einem kleinen eingesalzenen Kohlkopf nicht unähnlich sah, abpflückte. Die Jungfrau weigerte sich anfangs entschieden, das Geschenk anzunehmen, ließ sich aber endlich doch erweichen, als sie sah, daß der Wilde Tränen vergoß. Aus Freude darüber machte der Wilde einen Luftsprung, worauf auch die Jungfrau, offenbar von dem süßen Duft des eingesalzenen Kohlkopfes hingerissen, desgleichen tat, und dann vollführten beide miteinander einen rasenden Tanz, der damit endete, daß sich der Indianer auf ein Bein niederließ und die Jungfrau ihren Fuß auf seinen Schenkel stellte. Damit schloß das Ballett, absichtlich den Zuschauer in einem Zustand angenehmer Ungewißheit lassend, ob die Jungfrau den Wilden heiraten oder zu den Ihrigen zurückkehren werde. »Wirklich sehr gut«, lobte Mr. Crummles. »Bravo!« »Bravo!« rief auch Nikolas, fest entschlossen, alles im besten Lichte zu betrachten. »Herrlich!« »Dies, Sir«, erklärte Mr. Vincent Crummles und stellte das Mädchen vor, »dies ist unser Wunderkind – Miss Ninetta Crummles.« »Ihre Tochter?« fragte Nikolas. »Meine Tochter – ja, meine Tochter. Der Abgott jedes Orts, in dem wir auftreten. Wir besitzen Glückwunschschreiben über sie vom Adel und den Honoratioren fast aller Städte Englands.« »Das nimmt mich nicht wunder«, sagte Nikolas. »Sie muß ein geborenes Genie sein.« »Oh, ein –!« Mr. Crummles hielt inne. Welche Sprache wäre auch reich genug gewesen, um die Vorzüge des Wunderkindes nach Gebühr zu schildern! »Ich will Ihnen was sagen, Sir«, faßte er sich dann wieder soweit, um fortfahren zu können, »man kann sich von dem Talent dieses Kindes keine Vorstellung machen. Man muß es sehen, Sir, – einfach sehen, wenn man es nur einigermaßen würdigen will. So! Du kannst jetzt zu deiner Mutter gehen, Ninette.« »Darf man wissen, wie alt sie ist?« fragte Nikolas. »Warum nicht«, versetzte Mr. Crummles mit einem festen Blick in die Augen des Fragers, wie es Leute zu tun pflegen, wenn sie zweifeln, ob man ihren Worten auch unbedingten Glauben schenken wird. »Sie ist zehn Jahre alt, Sir.« »Nicht älter?« »Keinen Tag.« »Mein Himmel«, meinte Nikolas, »das ist wirklich außerordentlich.« Er wußte nicht, daß Miss Ninetta, wenn auch nicht seit Menschengedenken, so doch seit gut fünf Jahren sich dieses Alters erfreute. Man hatte sie auch nie früh zu Bett gehen und sie von Kindheit an nach Belieben Branntwein trinken lassen, um ihr Wachstum zu unterbinden. Inzwischen war der Indianer, der nunmehr seine Stiefel wieder angezogen hatte und seine Pantoffeln in der Hand trug, näher getreten, als wünsche er an der Unterhaltung teilzunehmen. »Da steckt Talent, mein Herr«, mischte er sich in das Gespräch und nickte dabei Miss Crummles zu. Nikolas verbeugte sich. »Ach – ach«, klagte der Schauspieler, setzte die Zähne aufeinander und stieß den Atem mit zischendem Tone hindurch, »wenn sie nur nicht in der Provinz wäre!« »Was wollen Sie damit sagen?« fragte der Direktor. »Sie ist zu gut für die Provinzbühnen«, versetzte der Schauspieler mit Wärme; »sie dürfte nirgends als in einem großen Theater in London auftreten. Ja, ich kann Ihnen unverhohlen sagen, mein Herr, daß sie längst dort wäre, wenn nicht – hem von gewisser Seite her – Sie wissen schon, was ich meine, Mr. Crummles – Neid und Eifersucht ihre Minen springen ließen. – Möchten Sie mich übrigens nicht mit dem Herrn hier bekannt machen, Mr. Crummles?« »Mr. Folair«, stellte der Direktor vor, »Mr. Johnson.« »Schätze mich glücklich, Sie kennenzulernen, Sir.« Mr. Folair berührte den Rand seines Hutes mit dem Zeigefinger, und beide Herren schüttelten einander die Hände. – »Ein neu angeworbener Künstler, wie ich höre, mein Herr?« »Ich kann keinen Anspruch auf diesen Ehrentitel machen«, versetzte Nikolas. »Haben Sie je einen solchen Zieraffen gesehen«, flüsterte der Schauspieler und zog Nikolas hastig beiseite, als sich Crummles entfernte, um mit seiner Frau zu sprechen. »Was für einen?« Mr. Folair schnitt eine Grimasse, die er seinem Pantomimen-Vorrat entnommen haben mochte, und deutete über die Schulter. »Sie meinen doch nicht das Wunderkind!« »Pah, das Humbugkind«, zürnte Mr. Folair. »Jedes Mädchen aus einer Armenschule mit ganz gewöhnlicher Auffassung würde es besser machen. Sie kann ihrem guten Stern danken, daß sie einen Direktor zum Vater hat.« »Sie scheinen es sich sehr zu Herzen zu nehmen«, bemerkte Nikolas lächelnd. »Ja, beim Zeus, und ich habe auch Ursache dazu«, erwiderte Folair, nahm Nikolas' Arm und schritt mit ihm auf der Bühne auf und ab. »Muß es einen nicht aufs tiefste verstimmen, wenn man sieht, wie diese kleine Krabbe jeden Abend in den besten Rollen auftritt und leere Häuser macht, während wahre Künstler kühl übergangen werden! Ist es nicht entsetzlich, mit ansehen zu müssen, wie die verwünschte Familienduselei des Direktors ihn sogar gegen seinen eigenen Vorteil blind macht? Ich weiß, daß im letzten Monat in Southampton an einem Abend fünfzehn Schillinge und sechs Pence in die Kasse flossen, bloß weil mich das Publikum den Highland Fling tanzen sehen wollte – und was geschah? Ich durfte seitdem nie wieder damit auftreten – nicht ein einziges Mal –, während das Wunderkind alle Abende unter ihrem künstlichen Blumenschmuck weg fünf Erwachsene und ein Kind im Parterre und zwei Lausejungen auf der Galerie angrinst.« »Wenn ich aus dem, was ich von Ihnen gesehen habe, schließen darf« wich Nikolas verlegen aus, »so müssen Sie ein sehr wertvolles Mitglied des Ensembles sein.« »Ach«, seufzte Folair und schlug seine Pantoffeln zusammen, um den Staub auszuklopfen, »ich vermag allerdings meine Stelle ziemlich gut auszufüllen – vielleicht besser als irgendeiner in meinem Fach –, aber bei Rollen, wie man sie hier erhält, hat man Blei statt Kreide an den Füßen und tanzt in Ketten, ohne daß man Ruhm erntet. – Nun, wie geht's, alter Knabe?« Der Gentleman, an den diese letzten Worte gerichtet wurden, war ein gelbbräunlicher Herr mit langem, struppigem, schwarzem Haar, deutlichen Spuren eines Stoppelbartes, trotzdem er rasiert zu sein schien, und Koteletten von derselben tiefen Farbe. Er schien nicht über dreißig Jahre alt zu sein, obgleich ihn viele auf den ersten Blick für älter gehalten haben würden, und sah infolge der Schminke recht geisterhaft blaß aus. Er trug ein gewürfeltes Hemd, einen alten grünen Rock mit blanken vergoldeten Knöpfen, ein Halstuch mit breiten roten und grünen Streifen und weite Pantalons; außerdem hatte er einen einfachen Spazierstock, augenscheinlich mehr der Zierde als des Nutzens wegen, da er ihn mit dem gekrümmten Ende nach unten hin und her schwang, wenn er ihn nicht gerade für einige Augenblicke erhob, um in Fechterstellung Stöße nach den Kulissen oder sonst einem belebten oder unbelebten Gegenstand auszuführen, der ihm zur Zeit als geeignetes Ziel erschien. »Nun, Thomas«, sagte der Gentleman, einen Stoß nach seinem Freund führend, den dieser jedoch geschickt mit seinen Pantoffeln auffing, »was gibt's Neues?« »Einen neuen Kollegen, das ist alles«, versetzte Mr. Folair mit einem Blick auf Nikolas. »Mach die Honneurs, Thomas, mach die Honneurs«, mahnte der Fechter und klopfte Mr. Folair vorwurfsvoll auf den Hut. »Hm – ja. Also dies hier ist Mr. Lenville, unser erster tragischer Held, Mr. Johnson«, stellte der Tanzkünstler vor. »Vorausgesetzt, daß das alte Rhinozeros die Rollen nicht selbst spielt, hättest du hinzufügen können, Thomas«, verbesserte Mr. Lenville. »Sie wissen doch, wer das alte Rhinozeros ist, mein Herr?« »Eigentlich – nein«, gestand Nikolas. »Wir nennen Crummles so, weil sein Spiel etwas Schwerfälliges und Plumpes hat«, erklärte Mr. Lenville. »Doch ich darf mich hier nicht mit Scherzen aufhalten; ich habe da eine Rolle von zwölf Bogen bekommen, die bis morgen abend einstudiert sein muß, und ich habe bis jetzt noch nicht Zeit gefunden, auch nur einen Blick hineinzuwerfen. Zum Glück lerne ich schnell. – Hem.« Mit diesen Worten zog Mr. Lenville ein schmieriges, zerknülltes Manuskript aus der Rocktasche, führte noch einen Stoß gegen seinen Freund, ging dann memorierend auf und ab und begleitete sein Gemurmel mit Gestikulationen, wie sie ihm gerade gut dünkten oder es der Text zu fordern schien. Die Truppe hatte sich inzwischen vollzählig eingefunden, und außer Mr. Lenville und seinem Freunde Thomas war jetzt noch ein schmächtiger junger Mann mit schwachen Augen zugegen, der die blöden Liebhaber spielte und Tenor sang; er war Arm in Arm mit dem »komischen Bauern« erschienen, einem Mann mit aufgestülpter Nase, großem Mund, breitem Gesicht und Glotzaugen. Ein nicht ganz nüchterner ältlicher Herr, sichtlich auf der tiefsten Stufe der Schäbigkeit angelangt, der die ruhigen und tugendhaften Alten spielte, suchte sich bei dem Wunderkinde angenehm zu machen, und ein anderer ungefähr gleichalteriger Mime, nur um eine Spur respektabler, der die Rollen der reizbaren Alten gab – jener schnurrigen Käuze, die Neffen in der Armee haben, ohne Unterlaß mit dicken Stöcken umherlaufen und sie zu Heiraten mit reichen Erbinnen zwingen wollen –, machte vorzugsweise Mrs. Crummles den Hof. Außerdem war noch ein vagabundenmäßig aussehender Kerl in einem zottigen Überrock anwesend, der ganz vorn vor der Rampe auf und ab schritt und in halblautem Tone zur Unterhaltung eines ideellen Publikums mit großer Lebhaftigkeit seine Rolle herunterleierte. Er war nicht mehr so jung, als er offenbar sein wollte, aber doch lag in seinem Benehmen etwas deutlich betont Vornehmes, was auf das Fach der eisenfressenden Helden hindeutete. Eine kleine Gruppe von drei oder vier jungen Männern mit eingefallenen Wangen und buschigen Augenbrauen, die sich in einer Ecke miteinander unterhielten, schien von untergeordneter Bedeutung zu sein. Sie lachten und plauderten miteinander, ohne weiter die Aufmerksamkeit auf sich ziehen zu wollen. Die Damen ihrerseits hatten sich in einem kleinen Kreise um den bereits erwähnten schadhaften Tisch versammelt. Miss Snevellicci, die alle Fächer geben konnte – von der Chortänzerin an bis zur Lady Macbeth – und zu ihrem Benefiz stets dieselbe Rolle in blauseidenen Kniehosen spielte, schoß neugierige Blicke aus dem Hintergrunde ihres kohlenkübelartigen Strohhuts auf Nikolas, tat aber dabei, als achte sie aufmerksam auf die Erzählung einer sehr ergötzlichen Geschichte ihrer Freundin, der Miss Ledrock, die eine Handarbeit mitgebracht hatte und einer Krause berückende Formen gab. Eine dritte Dame war eine gewisse Miss Belvawney, die selten etwas anderes als stumme Rollen spielte und gewöhnlich als Page in weißseidenen Höschen auftrat, um nachlässig auf einem Beine dazustehen und das Publikum zu mustern oder in Dramen Stühle hinaus und herein zu tragen. Sie wickelte eben der schönen Miss Bravassa, die einmal von einem Kupferstecherlehrling in einem Charakterkostüm porträtiert worden war, die Locken. Auch Mr. Lenvilles Gattin war zugegen; sie trug einen arg zerknüllten Hut nebst Schleier und befand sich augenscheinlich in Umständen, die verrieten, daß sie Mr. Lenville wahrhaft liebte. Neben ihr stand Miss Gazingi, eine imitierte Hermelinboa um den Hals geschlungen, und machte sich den Spaß, mit den Enden derselben Mr. Crummles junior über die Nase zu fahren, während Mrs. Grudden – die Mrs. Crummles in häuslichen Geschäften Hilfe zu leisten pflegte, an der Kasse saß, die Damen ankleidete, das Haus kehrte, soufflierte (wenn in der letzten Szene alles auf der Bühne war), im Falle der Not alle Rollen spielte, ohne je eine zu lernen, und auf den Komödienzetteln unter jedem Namen aufgeführt wurde, von dem Mr. Crummles glaubte, daß er sich gedruckt gut ausnehmen würde – in einem braunen, mit Pelz verbrämten Tuchkleid und einem Biberhut das Bild vollendete. Mr. Folair hatte die Liebenswürdigkeit gehabt, Nikolas alle diese Einzelheiten mitzuteilen, und verließ ihn jetzt, um sich unter seine Kollegen zu mischen. Das Geschäft des gegenseitigem Vorstellens wurde durch Mr. Crummles beendet, der das neue Ensemblemitglied als ein wahres Wunder von Gelehrsamkeit und Genie charakterisierte. »Ich bitte um Verzeihung«, flötete Miss Snevellicci und schlängelte sich an Nikolas' Seite heran; »aber spielten Sie nicht schon einmal in Canterbury?« »Nie«, versetzte Nikolas. »Ich erinnere mich, in Canterbury einen Herrn getroffen zu haben – freilich nur für einige Augenblicke, denn ich verließ das Ensemble, als er engagiert wurde –, der Ihnen so ähnlich sah, daß ich fast darauf hätte schwören mögen, Sie wären es.« »Ich sehe Sie heute zum erstenmal«, erwiderte Nikolas galant, »denn wenn ich Ihnen schon früher begegnet wäre, hätte ich Sie unmöglich vergessen können.« »Oh, – Sie sind ein Schmeichler«, versetzte Miss Snevellicci mit einer huldreichen Verbeugung. »Freilich, bei näherer Betrachtung sehe ich jetzt, daß der Herr in Canterbury andere Augen hatte als Sie. Sie halten mich vielleicht für recht albern, daß ich von solchen Dingen Notiz nehme, nicht wahr?« »Nicht im geringsten«, beteuerte Nikolas, »es kann für mich nur schmeichelhaft sein, wenn Sie in irgendeiner Weise von mir Notiz nehmen.« »Ach, was sind die Männer doch für eitle Geschöpfe!« rief Miss Snevellicci. Sie wurde sodann ganz bezaubernd verlegen, holte ihr Taschentuch aus einem Strickbeutel von verschossenem rotem Seidenzeug, mit einem Messingschloß daran, hervor und wendete sich zu Miss Ledrock: »Meine liebe Led!« »Nun?« »Er ist nicht derselbe.« »Welcher ›derselbe‹?« »Der Herr von Canterbury – du weißt doch, wen ich meine. Komm her, ich muß dir etwas anvertrauen.« Dann steckten die beiden Damen die Köpfe zusammen und wisperten miteinander. Augenscheinlich wollte Miss Ledrock ihre Freundin mit Nikolas necken, denn diese schlug ihr heftig auf die Hand und trat gleich darauf in reizender Verwirrung zurück. »Meine Damen und Herren«, verkündete Mr. Vincent Crummles, der inzwischen mit Schreiben beschäftigt gewesen war; »morgen um zehn Uhr ist Generalprobe von ›Auge um Auge‹, bei der alles zugegen zu sein hat. Also um zehn Uhr, wenn ich bitten darf.« »Punkt zehn Uhr«, wiederholte Mrs. Grudden, streng umherblickend. »Montag vormittag ist Leseprobe von einem neuen Stück«, fuhr Mr. Crummles fort. »Der Titel ist noch nicht bekannt, doch wird jeder darin eine dankbare Rolle erhalten, Mr. Johnson wird dafür sorgen.« »Wie?« fuhr Nikolas entsetzt auf. »Ich –?« »Am Montag morgen«, wiederholte Mr. Crummles mit Nachdruck, um den unglücklichen Mr. Johnson nicht zu Wort kommen zu lassen. »Meine Damen und Herren, ich habe die Ehre –« Die Damen und Herren ließen sich kein zweites Mal bitten, sich zu entfernen, und in ein paar Minuten war die Bühne bis auf die Familie Crummles, Nikolas und Smike geräumt. »Auf mein Wort«, sagte Nikolas, den Direktor beiseite nehmend, »ich glaube nicht, daß ich bis Montag fertig sein kann.« »Pah! pah!« »Es ist wahrhaftig eine reine Unmöglichkeit. Mein Erfindungstalent ist an solche Aufgaben noch nicht gewöhnt, und ich würde jedenfalls nur etwas –« »Erfindungstalent! Was zum Teufel hat das mit dem Stück zu schaffen?« rief der Direktor erregt. »Alles, mein werter Herr.« »Nichts, mein lieber Herr«, erwiderte der Theaterdirektor ungeduldig. »Verstehen Sie Französisch?« »Ja.« »Schön«, brummte der Direktor, zog die Tischschublade auf, nahm eine Papierrolle heraus und händigte sie Nikolas ein. »Da, übersetzen Sie dies und schreiben Sie Ihren Namen unter den Titel. Hol mich der Teufel«, fuhr er gereizt auf, »wie oft habe ich nicht schon den Wunsch geäußert, es möchten alle Mitglieder meines Ensembles Französisch können. Ich könnte dann einfach das Original memorieren und es am nächsten Tag spielen lassen; dann blieben Mühe und Geld erspart.« Nikolas lächelte und steckte das Heft in die Tasche. »Und wie gedenken Sie's mit Ihrer Wohnung zu halten?« fragte Mr. Crummles. Nikolas konnte den Gedanken nicht unterdrücken, daß es ihm, wenigstens für die erste Woche, ungemein gelegen kommen würde, wenn er seine Bettstelle im Parterre des Theaters aufschlagen könnte, sagte aber dann, er habe an das Quartier noch gar nicht gedacht. »So kommen Sie mit mir. Meine Jünger sollen nach Tisch mit Ihnen gehen und Ihnen etwas Passendes suchen helfen.« Das Anerbieten ließ sich nicht gut zurückweisen. Nikolas und Mr. Crummles reichten daher jeder Mrs. Crummles einen Arm und verfügten sich auf die Straße. Smike, die beiden Jungen und das Wunderkind gingen auf einem kürzeren Weg nach Hause, und Mrs. Grudden blieb zurück, um in der Billeteurloge ein Irish Stew und eine Pinte Porter zu sich zu nehmen. Mrs. Crummles schritt über das Pflaster, als ginge sie im Bewußtsein ihrer Unschuld von einem Heldenmut beseelt, den nur die Tugend zu verleihen vermag, geradenwegs auf das Schafott. Mr. Crummles seinerseits hatte den Blick und die Haltung eines unbarmherzigen Despoten angenommen. Nur wenn sie hin und wieder die Aufmerksamkeit eines Spaziergängers auf sich zogen, von Zeit zu Zeit die Namen »Mr. und Mrs. Crummles« flüstern hörten oder einen Jungen umkehren und ihnen ins Gesicht starren sahen, milderte sich der strenge Ausdruck ihrer Züge, und dann fühlten sie so recht, was es heißt, populär sein. Mr. Crummles wohnte in der St.-Thomas-Street in dem Hause eines Lotsen namens Bulph, der aus Kurzweil seine Türen und Fensterrahmen bootgrün angestrichen hatte und auf dem Kamingesimse seines Wohnzimmers den Finger eines ertrunkenen Mannes nebst anderen See- und Naturmerkwürdigkeiten aufbewahrte. Er hielt auch augenscheinlich viel auf einen blanken messingenen Türklopfer, eine dito Messingplatte und einen Klingelgriff von derselben Legierung. Im Hofe hinter dem Hause hatte er einen Mastbaum mit einem Fähnchen auf der Spitze aufgepflanzt. »Seien Sie willkommen«, empfing Mr. Crummles Nikolas zu Hause, als der Zug in dem mit Bogenfenstern versehenen Vorderzimmer des ersten Stockes angekommen war. Nikolas verbeugte sich dankend und war innerlich hoch erfreut, den Tisch bereits gedeckt zu sehen. »Wir haben nur eine Hammelkeule mit Zwiebelsauce«, entschuldigte sich Mrs. Crummles mit ihrer gewohnten Totenhausstimme. »Wenn Sie damit vorliebnehmen wollen, sind Sie freundlichst eingeladen.« »Sehr gütig«, murmelte Nikolas. »Vincent«, wendete sich Mrs. Crummles dann an ihren Gatten, »wieviel Uhr haben wir?« »Fünf Minuten über Essenszeit.« Mrs. Crummles zog die Klingel. »Die Schöpsenkeule und die Zwiebelsauce sollen aufgetragen werden!« Die Magd, die Mr. Bulphs Mietleuten aufwartete, verschwand und kam gleich darauf mit dem Festmahle zurück. Nikolas und das Wunderkind nahmen an einem Pembroke einander gegenüber Platz, und Smike speiste mit den beiden Masters Crummles auf dem Sofabett. »Gibt es hier viele Theaterfreunde?« begann Nikolas die Unterhaltung. Mr. Crummles schüttelte den Kopf. »Nein. Im Gegenteil.« »Die Portsmouther dauern mich«, bemerkte Mrs. Crummles. »Mich gleichfalls«, sagte Nikolas, »wenn ihnen so jeder Sinn für ein gut geleitetes Theater abgeht.« »Das ist allerdings der Fall«, bestätigte Crummles. »Im vorigen Jahr debütierte meine Tochter gelegentlich ihres Benefizes in ihren drei beliebtesten Rollen und trat auch im ›Stachelschwein im Feenreich‹ auf, aber die ganze Einnahme betrug nicht mehr als vier Pfund zwölf Schillinge.« »Und davon gingen noch zwei Pfund für Freibillette ab, Papa«, ergänzte das Wunderkind. »Geben Sie auch Unterricht, Madam?« fragte Nikolas nach einer Pause. »Allerdings«, antwortete Mrs. Crummles. »Hin und wieder. – Bis vor kurzem habe ich der Tochter eines Schiffsprovisionsmaklers Lektionen erteilt. Es stellte sich aber später heraus, daß sie bereits wahnsinnig war, als sie das erstemal zu mir kam. Es war gewiß etwas höchst Außerordentliches, daß sie unter solchen Umständen überhaupt Lust hatte, sich unterrichten zu lassen.« Nikolas fühlte das Außerordentliche nicht ganz und hielt es daher für das beste zu schweigen. »Hören Sie mal«, meinte der Theaterdirektor, als das Essen abgetragen war. »Wie wär's, wenn Sie eine kleine Rolle mit dem Wunderkind einübten?« »Sie sind sehr gütig«, versetzte Nikolas hastig, »aber ich glaube, es dürfte besser sein, wenn ich zum erstenmal mit einer Partnerin von meiner Größe aufträte, im Falle ich mich ungeschickt benehmen sollte. Ich würde mich vielleicht sicherer fühlen.« »Sie haben recht«, gab der Direktor zu. »Sie werden sich aber schon mit der Zeit so weit qualifizieren, daß Sie mit dem Wunderkind auftreten können.« »Ich hoffe es wenigstens«, erwiderte Nikolas. Seine Hoffnung bestand aber eher darin, recht lange nicht mit dieser Auszeichnung beehrt zu werden. »Warten Sie mal, ich will Ihnen sagen, womit wir beginnen können«, fuhr Mr. Crummles fort; »wenn Sie das Stück geschrieben haben, studieren Sie den Romeo ein – apropos, vergessen Sie den Brunnen und die Waschzuber nicht. – Miss Snevellicci spielt die Julia und die alte Grudden die Amme – ja, so wird's gehen; auch den Rover aus Wild Oats und den Cassio und den Jeremias Didler aus Raising the Wind können Sie lernen, Sie werden leicht damit fertig, denn eine Rolle ergibt die andere. Ich habe die Partien hier, Stichwörter und alles.« Mit diesen hastig hingeworfenen allgemeinen Andeutungen übergab Mr. Crummles Nikolas' widerstrebenden Händen einen Haufen kleiner Bücher; dann beauftragte er seinen ältesten Sohn, den Gast zu begleiten und ihm zu zeigen, wo Wohnungen zu haben wären. Zum Schluß schüttelte man sich die Hände und wünschte einander einen guten Abend. Portsmouth hat keinen Mangel an bequem möblierten Zimmern; auch ist es nicht schwer, solche aufzufinden, die sich selbst mit sehr mageren Einkünften bestreiten lassen; aber die ersteren waren zu gut und die letzteren zu schlecht, und so zogen sie aus vielen Häusern unverrichteter Dinge wieder ab, bis endlich Nikolas ernstlich zu fürchten anfing, er werde sich schließlich doch noch ein Nachtquartier im Theater ausbitten müssen. Endlich fanden sie noch zu guter Letzt ein paar Zimmerchen drei Treppen oder vielmehr zwei Treppen und eine Leiter hoch bei einem Tabakwarenhändler auf Common Hard, einer schmutzigen Straße, die nach den Docks führte. Nikolas mietete sich ein und fühlte sich ungemein glücklich, daß man ihm keine wöchentliche Vorausbezahlung abverlangte. »So, du kannst jetzt unsere Habseligkeit niederlegen«, sagte er zu Smike, nachdem er den jungen Crummles die Stiege hinunterbegleitet hatte. »Wir sind in wunderliche Verhältnisse hineingeraten, und Gott allein weiß, was daraus werden soll; aber ich bin müde von den Ereignissen der letzten drei Tage und will das Nachdenken darüber auf morgen lassen – wenn ich kann.« 24. Kapitel Miss Snevelliccis großes Benefiz und Nikolas' erstes Auftreten auf der Bühne Nikolas war am Morgen zeitig wach und hatte kaum begonnen, sich anzukleiden, als er Tritte auf der Treppe vernahm und gleich darauf auch die Stimmen Mr. Folairs und des tragischen Helden, Mr. Lenvilles, unterschied. »Zu Hause? zu Hause?« rief Mr. Folair. »Holla, ho! Sind Sie drinnen?« ertönte Mr. Lenvilles Baß. »Hol der Henker die Burschen!« dachte Nikolas. »Sie wollen wahrscheinlich bei mir frühstücken. – Haben Sie nur einen Augenblick Geduld, meine Herren, ich werde sogleich die Türe öffnen«, setzte er laut hinzu. Die Herren baten ihn, sich Zeit zu lassen, und hielten inzwischen, um sich die Zeit zu vertreiben, auf dem sehr engen Vorraum zu dem nicht geringen Verdrusse der einen Stock tiefer unten wohnenden Hausleute mit ihren Spazierstöcken eine Fechtübung ab. »Wollen Sie jetzt hereinkommen«, forderte Nikolas sie auf, als er seine Toilette beendigt hatte. »Im Namen von allem, was schrecklich ist, machen Sie doch keinen solchen Lärm draußen.« »Ein ungemein behagliches Nestchen«, sagte Mr. Lenville ins Zimmer tretend, nachdem er vorher seinen Hut abgenommen hatte, um durch die Türe kommen zu können. »Verteufelt niedlich.« »Für jemand, der in derartigen Dingen etwas eigen ist, dürfte es ein bißchen gar zu niedlich sein«, entgegnete Nikolas; »wenn es auch unzweifelhaft recht bequem ist, alles, was man braucht, mit einem bloßen Ausstrecken des Armes erreichen zu können, ohne vom Stuhl aufstehen zu müssen.« »Oh, es ist durchaus nicht zu klein für einen allein lebenden Mann«, meinte Mr. Lenville. »Übrigens – hem, meine Frau, Mr. Johnson; ich hoffe, sie wird eine hübsche Rolle in Ihrem Stück bekommen?« »Ich überflog gestern nachts den französischen Text«, sagte Nikolas; »ich denke, es wird sich machen lassen.« »Und was gedenken Sie für mich selbst zu tun, lieber Freund?« forschte Mr. Lenville, stöberte mit seinem Spazierstock in dem spärlichen Feuer umher und wischte dann die Zwinge an seinen Rockschößen ab. »Gibt es etwas Wildes und Tobendes darin?« »Sie werfen Weib und Kinder zum Hause hinaus und erstechen in einem Anfall von Wut und Eifersucht Ihren ältesten Sohn.« »Habe ich wirklich etwas der Art?« rief Mr. Lenville. »Nun, das lasse ich mir gefallen.« »Dann«, fuhr Nikolas fort, »kriegen Sie Gewissensbisse bis zum letzten Akt und fassen den Entschluß, sich selbst zu entleiben. Wie Sie aber die Pistole vor die Stirne halten, schlägt eine Glocke – zehn.« »Ich verstehe«, rief Mr. Lenville. »Sehr gut.« »Sie halten inne. Sie erinnern sich, in Ihrer Kindheit einmal eine Glocke ›zehn‹ schlagen gehört zu haben. Die Pistole entsinkt Ihrer Hand – Sie sind überwältigt –, Sie brechen in Tränen aus und bleiben ein tugend- und musterhafter Charakter für Ihr ganzes übriges Leben.« »Kapital!« rief Mr. Lenville. »Das ist eine sichere Karte – eine sichere Karte. Wenn der Vorhang in diesem Augenblick fällt, setzt's einen donnernden Applaus.« »Gibt's auch was Gutes für mich?« fragte Mr. Folair besorgt. »Lassen Sie mich nachdenken«, sagte Nikolas. »Sie spielen den treu ergebenen Diener und werden mit der Frau und dem Kind aus dem Hause gejagt.« »Man kann nicht loskommen von dem verdammten Wunderkind«, seufzte Mr. Folair. »Wahrscheinlich beziehen wir dann ein armseliges Quartier, wo ich jeden Lohn zurückweise und mit sentimentalen Phrasen um mich werfe?« »Richtig«, versetzte Nikolas, »das ist der Gang des Stückes.« »Ich muß einen Tanz dabei haben«, bestand Mr. Folair auf seinem angestammten Recht. »Jedenfalls werden Sie einen für das Wunderkind einlegen müssen. Da geht es schon in einem Aufwaschen, wenn Sie ein ›pas de deux‹ draus machen.« »Es ist doch nichts leichter als das«, meinte Mr. Lenville, als er die verlegene Miene des angehenden dramatischen Dichters bemerkte. »Auf Ehre, ich sehe nicht, wie sich das machen ließe«, wendete Nikolas ein. »Machen ließe? – Ist doch klar wie dicke Tinte«, erklärte Mr. Lenville. »Tausend Element, wenn Sie das nicht sehen, haben Sie den Star. Sie bringen die Unglückliche, das Kind und den treuen Diener in ihre armselige Wohnung, nicht wahr? – Nun also. Die unglückliche Dame sinkt in einen Stuhl und verhüllt das Gesicht mit ihrem Taschentuch. ›Warum weinst du, Mama?‹ fragt das Kind. ›Weine nicht, Mama, oder du machst mich auch weinen.‹ – ›Und mich‹, fügt der treue Diener hinzu und wischt sich mit dem Rockärmel die Augen. – ›Was können wir tun, um dich wieder froh zu machen, Mama?‹ – ›Ach ja, was können wir tun?‹ schluchzt der treue Diener. – ›O Pierre‹, seufzt die Dame, ›ich wollte, ich könnte diese schmerzlichen Gedanken abschütteln.‹ ›Versuchen Sie es nur, Madame, versuchen Sie es nur. Geben Sie sich Mühe, suchen Sie Zerstreuung, Madame!‹ – ›Ich will lernen, meine Leiden mit Standhaftigkeit zu ertragen‹, sagt die Dame. ›Erinnerst du dich noch des Tanzes, mein wackrer Freund, den du in glücklicheren Tagen mit diesem süßen Engel aufführtest? Er hat damals nie verfehlt, mein Gemüt zu beruhigen. Oh, laß mich ihn noch einmal sehen, ehe ich sterbe.‹ – Da haben wir's. – Stichwort für das Orchester: ›ehe ich sterbe‹, dann geht's drauf und dran. – Tadellos – was, Thomas?« »Ja, ja«, bekräftigte Mr. Folair; »die unglückliche Dame, von alten Erinnerungen überwältigt, fällt am Ende des Tanzes in Ohnmacht. Tableau!« Nikolas faßte diese und noch andere Lehren, die das Ergebnis einer langjährigen Bühnenerfahrung waren, sofort auf, bewirtete die beiden Schauspieler mit einem Frühstück, so gut er konnte, und machte sich, sobald er sie endlich los geworden, augenblicklich an seine Arbeit, die ihm zu seiner großen Freude weit leichter von der Hand ging, als er anfangs gedacht hatte. Er war den ganzen Tag über ungemein fleißig und verließ sein Zimmer erst gegen Abend, um in das Schauspielhaus zu gehen, wo sich Smike bereits früher eingefunden hatte und eben im Begriffe war, zusammen mit einem anderen Herrn hinter den Kulissen den »allgemeinen Aufstand der Volksmenge« vorzubereiten. Das Ensemble war durchgehend so verändert, daß er die einzelnen Personen kaum mehr erkannte. Falsches Haar, falsche Waden, falsche Farben, falsche Muskeln – kurz, alle waren ganz neue Wesen geworden. Mr. Lenville erschien als jugendlicher Krieger von ausgezeichneter Schönheit, Mr. Crummles, das breite Gesicht durch eine verfilzte Masse schwarzer Haare beschattet, als hochländischer Geächteter mit majestätischer Haltung, der eine der alten Herren als Gefängniswärter, und der andere als ehrwürdiger Patriarch. Der »komische Bauer« war ein tapferer Degen mit einem Stich ins Humoristische, die beiden Master Crummles waren in purpurgeborene Prinzen verwandelt und der blöde Liebhaber in einen verzagenden Gefangenen. Für den dritten Akt war ein grandioses Bankett vorbereitet, das aus zwei Pappendeckelschüsseln, einem Zwiebackteller, einer Wichseflasche und einem Essigkrug bestand – kurz, alle Zurüstungen trugen das Gepräge höchsten Prunkes. Nikolas stand mit dem Rücken gegen den Vorhang gekehrt und betrachtete die Dekorationen des ersten Aktes – unter denen hauptsächlich ein gotischer Bogengang auffiel, der, ungefähr zwei Fuß niedriger als Manneshöhe, Mr. Crummles gleich bei Beginn der ersten Szene durchzulassen hatte – oder horchte auf ein paar Leute, die einsam auf der Galerie Nüsse knackten. Er machte sich schon so seine Gedanken, ob das wohl das ganze Auditorium sein werde, als der Direktor auf ihn zukam und ihn vertraulich anredete. »Wir haben eine recht hübsche Einnahme gehabt, Mr. Johnson. Vier Vordersitze in der Mitte und die ganze Seitenloge.« »Wahrhaftig?« versetzte Nikolas. »Vermutlich eine Familie.« »Ja. Es ist wirklich rührend, sechs Kinder, die nur kommen, wenn das Wunderkind spielt.« Es wäre wohl schwer gewesen, das Theater an einem Abend zu besuchen, an dem das Wunderkind nicht spielte, denn es trat bei jeder Vorstellung und nicht nur in einer , nein, oft in zwei oder drei Rollen auf; aber Nikolas, der die Gefühle eines Vaterherzens wohl zu würdigen wußte, enthielt sich, auf diesen nichtssagenden Umstand hinzuweisen, und ließ daher Mr. Crummles fortreden. »Also sechs; Papa und Mama acht, Tante neun, Gouvernante zehn, Großvater und Großmutter zwölf. Dann ist noch ein Bedienter da, der mit einem Korb Orangen und einem Krug Brotwasser im Gang steht und durch die kleine Glasscheibe in der Logentüre gratis zusieht – alles das um den Spottpreis von einer Guinee. Die Leute profitieren eben dabei, wenn sie eine ganze Loge nehmen.« »Ich wundere mich nur, daß Sie für das Geld so viele Personen zulassen«, bemerkte Nikolas. »Läßt sich nicht ändern. In der Provinz sind sie's so gewöhnt. Wenn sechs Kinder da sind, kommen auch sechs Erwachsene mit, um sie auf den Schoß zu nehmen. Eine Familienloge enthält immer die doppelte Personenzahl. – Klingeln Sie dem Orchester, Grudden!« Sogleich hörte man drei Geigen stimmen. Das hielt so lange an, als mutmaßlich die Geduld des Publikums andauerte; dann ertönte wiederum ein Zeichen, daß die Musik ernstlich anfangen solle, und prompt fiel das Orchester mit einer Volksweise mit unfreiwilligen Variationen ein. War Nikolas schon über den Wechsel, der mit den männlichen Schauspielern vorgegangen war, erstaunt, so machte ihn die Veränderung der Damen geradezu stumm. Aus einem behaglichen Winkel der Direktorloge heraus erblickte er Miss Snevellicci in der ganzen Glorie eines weißen, mit einem Goldsaum verzierten Mousselinkleides, Mrs. Crummles in der vollen Majestät der Gattin eines Geächteten, Miss Bravassa mit aller Süßigkeit einer Busenfreundin Miss Snevelliccis, und Miss Belvawney in den weiten seidenen Höschen eines Pagen, der überall seine Pflicht tut und schwört, in dem Dienste von jedermann zu leben und zu sterben. – Bei dem Anblicke solchen Glanzes konnte er seine Bewunderung natürlich nicht länger zurückhalten, applaudierte lebhaft und legte eine möglichst gespannte Aufmerksamkeit für alles, was auf der Bühne vorging, an den Tag. Das Stück war höchst interessant. Es gehörte keiner besonderen Zeit, keinem besonderen Volke, keinem besonderen Lande an, war aber vielleicht deshalb nur um so spannender, da niemand auch nur die entfernteste Ahnung haben konnte, wie es enden würde. – Ein Geächteter hatte irgendwo etwas glücklich durchgeführt und kam unter Jubel und Geigenklang triumphierend in seine Heimat zurück, um seine Gattin, eine Dame von männlicher Denkungsart, zu umarmen. Es war viel von den Gebeinen ihres Vaters die Rede, die noch unbegraben zu sein schienen, obgleich sich nicht erraten ließ, ob dieser wichtige Umstand auf eine Schrulle des alten Herrn selbst oder auf einer unverzeihlichen Nachlässigkeit seitens seiner Verwandten beruhte. Die Gattin des Geächteten kam nun auf irgendeine Weise mit einem Patriarchen in Verbindung, der in einem fernen Schlosse lebte und der Vater mehrerer in dem Stücke vorkommender Personen war, dabei aber selbst nicht genau wußte, welcher. Er geriet in Ungewißheit darüber, ob er die rechten oder die unrechten in seinem Schlosse aufgezogen hätte, und da er sich eher der letzteren Ansicht zuneigte, suchte er den Sturm in seiner Seele durch ein Bankett zu beschwichtigen, bei welcher Feierlichkeit ein Mann in einem Mantel die inhaltsschweren Worte rief: »Nimm dich in acht!« Kein Mensch – das Publikum ausgenommen – wußte, daß dieser Jemand der Geächtete selbst war, der sich aus unerklärlichen Gründen, vielleicht mit unredlichen Absichten auf die silbernen Löffel, gleichfalls eingefunden hatte. Eine angenehme kleine Überraschung boten dabei gewisse Liebeshändel zwischen dem verzagenden Gefangenen und Miss Snevellicci einerseits und dem humoristischen Degen und Miss Bravassa andererseits. Mr. Lenville spielte mehrere höchst tragische Szenen im Dunkeln, und zwar anläßlich gewisser gurgelabschneiderischer Unternehmungen, die glücklicherweise durch die Gewandtheit und den Mut des humoristischen Degens, der das ganze Stück über den Horcher gespielt, und durch die Unerschrockenheit Miss Snevelliccis, die sich in Hosen mit einem Körbchen voll Erfrischungen und einer Blendlaterne nach dem Gefängnis ihres Geliebten geschlichen hatte, vereitelt wurden. Schließlich stellte sich heraus, daß der Patriarch der Mann war, der die Gebeine des Schwiegervaters des Geächteten so geringschätzig behandelt hatte. Um ihn zu töten, erschien die Gattin des Geächteten selbst auf dem Schlosse. Leider verirrte sie sich in ein finsteres Gemach, in dem nach langem Herumtappen im Dunkeln jedermann jemanden faßte und natürlich für den Falschen hielt, was zu Pistolenschießen, Mord und Totschlag und schließlichem Fackeltanz führte. Der Patriarch hatte jetzt nicht länger mehr Grund, sich zu verbergen, und erklärte mit weiser Miene, er wisse nunmehr alles hinsichtlich seiner Kinder und wolle ihnen alles sagen, wenn sie mit ihm hineingingen; er nahm dabei die günstige Gelegenheit wahr, die jungen Leute zu vermählen, und legte ihre Hände ineinander unter voller Beistimmung des unermüdlichen Pagen, der glücklich am Leben geblieben war und mit seiner Mütze nach den Wolken, mit der Rechten aber nach der Erde deutete, um den Segen des Himmels dadurch herabzuflehen und gleichzeitig dem Vorhang den Wink zu geben, zu fallen, was dieser denn auch unter allgemeinem Beifall tat. »Nun, was sagen Sie dazu?« fragte Mr. Crummles, als Nikolas wieder auf die Bühne kam. – Mr. Crummles war sehr rot und erhitzt, denn ein Geächteter muß fürchterlich brüllen. – »In der Tat ein kapitales Stück«, lobte Nikolas. »Namentlich Miss Snevellicci war vorzüglich.« »Das Mädel ist ein Genie«, rief Mr. Crummles, »ein wahres Genie. Apropos, ich beabsichtige, Ihr Stück zu ihrem Benefiz auf die Bühne zu bringen. Bei einem solchen Anlaß muß es unbedingt ziehen; und selbst angenommen, daß es nicht ganz so ausfiele, wie wir erwarten, liegt schließlich das Risiko auf ihrer Seite und nicht auf der unserigen.« »Auf der Ihrigen, wollen Sie wohl sagen.« »Sagte ich nicht auf der meinigen?« fragte Mr. Crummles unbefangen. »Also Montag über acht Tage! Was meinen Sie dazu? Sie sind dann wohl damit fertig und haben gewiß auch lange vorher die Liebhaberrolle einstudiert.« »Von einem ›lange vorher‹ wird wohl keine Rede sein«, sagte Nikolas; »aber um diese Zeit hoffe ich gesattelt zu sein.« »Gut also. Betrachten wir die Sache als abgemacht. Aber jetzt muß ich Sie noch etwas fragen. Bei solchen Gelegenheiten muß ein bißchen – wie soll ich sagen – ein bißchen die Werbetrommel gerührt werden.« »Bei den Gönnern wahrscheinlich. Nicht?« »Freilich, bei den Gönnern. Aber die Sache liegt so: die Snevellicci hat hier schon so viele Benefize gehabt, daß es eines besonderen Köders bedarf. Sie hatte ein Benefiz, als ihre Stiefmutter starb, und ein zweites nach dem Tode ihres Onkels. Ich und meine Frau haben unsere Benefize gehabt an dem Jahrestag der Geburt des Wunderkindes, an dem unserer Verehelichung und bei anderen derartigen Anlässen, so daß es wirklich etwas schwerhält, neue Gründe zu finden. – Möchten Sie nicht dem armen Mädchen ein bißchen beistehen, Mr. Johnson?« schmeichelte Mr. Crummles, ließ sich auf eine Trommel nieder und füllte seine Nase mit Schnupftabak. »Wie soll ich das verstehen?« fragte Nikolas. »Glauben Sie nicht, sich morgen früh ein halbes Stündchen frei machen zu können, um mit ihr einige der angesehensten Persönlichkeiten der Stadt zu besuchen?« »Um Himmels willen«, fuhr Nikolas mit der Miene lebhaftesten Widerwillens auf; »das ist doch unmöglich!« »Das Kind geht nämlich auch mit«, sagte Mr. Rummels. »Ich habe natürlich sofort meine Erlaubnis dazu gegeben. Es liegt durchaus nichts Ungebührliches darin. Miss Snevellicci ist eine hochachtbare junge Dame. Sie würden ihr einen großen Dienst damit leisten; – der Londoner Autor des neuen Stückes in eigener Person! Sein erstes Auftreten auf den Brettern! Es müßte das Haus füllen, Mr. Johnson!« »Ich möchte nicht gerne jemand eine Aussicht verkümmern, am allerwenigsten einer Dame«, erwiderte Nikolas; »aber wirklich, ich muß es entschieden ablehnen, an dem Werbegang teilzunehmen.« »Nun, was sagt Mr. Johnson dazu, Vincent?« mischte sich Mrs. Rummels ein, die mit Miss Snevellicci unbemerkt herangetreten war. »Er weigert sich, meine Liebe«, erklärte Mr. Crummles mit einem vorwurfsvollen Blick auf Nikolas. »Er weigert sich? Unmöglich!« »Ach, ich hoffe doch nicht«, girrte Miss Snevellicci. »Ach seien Sie nicht so grausam. O Gott! So etwas nur denken zu müssen, wo man schon so zuversichtlich darauf gehofft hat.« »Mr. Johnson wird nicht darauf bestehen, Kind«, tröstete sie Mrs. Crummles. »Wir denken besser von ihm und sind überzeugt, daß Galanterie, Menschenfreundlichkeit und alle besseren Gefühle seines Wesens sich vereinigen werden, um ihn für die Sache zu gewinnen.« »Um so mehr, wo der Direktor selbst alles aufbietet«, fügte Mr. Crummles lächelnd hinzu. »Und die Gattin des Direktors«, ergänzte Mrs. Crummles in ihrem gewohnten Tragödinnenton. »Kommen Sie, kommen Sie; ich weiß gewiß, Sie werden sich erweichen lassen.« »Ich bin nicht stark genug«, gab Nikolas, wankend gemacht durch den gemeinsamen Ansturm, nach, »einer Bitte zu widerstehen, solange nicht etwas entschieden Unrechtes von mir verlangt wird; und, vielleicht abgesehen von einem kleinen Opfer von Stolz, wüßte ich schließlich nicht, was mich in gegenwärtigem Falle daran hindern könnte. Ich kenne hier niemand und bin selbst auch unbekannt. Also sei es. Ich gebe nach.« Miss Snevellicci errötete vor Freude und konnte gar nicht genug Dankesworte stammeln, und auch Mr. und Mrs. Crummles geizten damit nicht. Nikolas sollte also am nächsten Morgen um elf Uhr Miss Snevellicci abholen. Und bald darauf trennte sich die Gesellschaft – er ging, um nach Hause zu kommen und an seinem Drama zu arbeiten, Miss Snevellicci, um sich für das Nachspiel anzukleiden, und der uneigennützige Theaterdirektor nebst Gattin, um den wahrscheinlichen Gewinn des besprochenen Benefizes zu berechnen, von dessen Ertrag ihnen kontraktmäßig zwei Drittel zufallen mußten. Am andern Morgen erschien Nikolas zur festgesetzten Stunde bei Miss Snevellicci, die in dem Hause eines Schneiders in der Lombard Street wohnte. Den Hausflur durchdrang ein starker Bügeleisengeruch, und die Tochter des Schneiders, die die Tür öffnete, erschien in der gewissen Aufgeregtheit, die stets auf Wäschetage schließen läßt. »Wohnt hier Miss Snevellicci?« Die Schneiderstochter bejahte. »Möchten Sie vielleicht die Güte haben, ihr zu sagen, daß Mr. Johnson hier ist?« »Ah, belieben nur die Treppe heraufzukommen«, antwortete die Schneiderstochter. Nikolas folgte der jungen Dame und wurde in ein kleines Zimmer im ersten Stock geführt. Aus dem gedämpften Tassenklirren im Nebenzimmer konnte man entnehmen, daß Miss Snevellicci gerade ihr Frühstück im Bett einnahm. »Sie möchten sich freundlich ein wenig gedulden«, meldete die Schneiderstochter nach einer kurzen Abwesenheit, während das Klirren im Nebenzimmer nachgelassen und einem Flüstern Platz gemacht hatte. Mit diesen Worten zog sie die Jalousien auf, und als sie dadurch Mr. Johnsons Aufmerksamkeit von dem Zimmer weg nach der Straße abgeleitet zu haben glaubte, nahm sie einige am Kamin aufgehängte Gegenstände weg, die eine große Ähnlichkeit mit Strümpfen hatten, und schoß damit hinaus. Da sich außerhalb des Fensters nicht viel Anziehendes bot, sah sich Nikolas mit mehr Neugierde im Zimmer um, als er vielleicht sonst getan haben würde. Auf dem Sofa lagen eine alte Gitarre, mehrere abgerissene Notenhefte und die üblichen Haarwickel nebst einigen zerknitterten Theaterzetteln und einem Paar schmutziger weißer Atlasschuhe mit großen blauen Rosetten. Über einer Stuhllehne hing ein halbfertiges Mousselinschürzchen mit kleinen, von roten Bändern umsäumten Seitentaschen, wie es ein Kammerkätzchen auf dem Theater und folglich kein anderes lebendes Wesen zu tragen pflegt. In einer Ecke schlummerte das winzige Paar Stulpenstiefel, in denen Miss Snevellicci den kleinen Jockey spielte, und auf einem Sessel daneben ein kleines Päckchen, das eine verdächtige Ähnlichkeit mit den zu den Stiefeln gehörigen Hosen hatte. Das Interessanteste von allem aber war wohl ein Album, das zwischen einigen unordentlich umherliegenden Duodeztheaterschriften breit aufgeschlagen dalag, die Seiten beklebt mit verschiedenen kritischen Notizen über Miss Snevelliccis Spiel sowie Auszüge aus verschiedenen Provinzzeitungen, unter denen besonders ein poetischer Erguß ins Auge fiel, der folgendermaßen begann: »Sing, Liebesgott, sag an, ob Not dich hat gelenkt, als du die Snevellicci uns geschenkt, uns erbeben zu machen mit ihrem Lachen mit ihren Blicken uns zu entzücken! Weitere unzählige schmeichelhafte Zeitungskritiken wie – »... Wir entnehmen einer Ankündigung auf der Rückseite der heutigen Nummer unseres Blattes, daß die bezaubernde und hochbegabte Miss Snevellicci kommenden Dienstag ihre Benefiz- Vorstellung hat, für welche Gelegenheit bereits eine Affiche an die Straßenecken angeklebt ist, deren Reichhaltigkeit sogar imstande wäre, selbst das Herz der ärgsten Misanthropen hüpfen zu machen. Überzeugt, daß unser Theaterpublikum seinen stets bewährten Sinn für die gehörige Würdigung hoher Vorzüge und persönlicher Werte, durch den es sich seit langen Jahren so vorteilhaft auszeichnete, nicht verloren hat, glauben wir, versprechen zu dürfen, daß diese bezaubernde Künstlerin vor einem vollen Hause erscheinen wird.« – »An die p. t. Korrespondenten: J. S. ist irrig berichtet, wenn er glaubt, daß die hochbegabte und schöne Miss Snevellicci, die sich jeden Abend in unserem hübschen kleinen Theater aller Herzen gewinnt, nicht dieselbe Dame sei, der der junge Edelmann von unermeßlichem Vermögen, der etwa hundert Meilen von der guten Stadt York wohnte, einen Heiratsantrag gemacht hat. Wir wissen aus zuverlässigster Quelle, daß Miss Snevellicci tatsächlich die in jenes geheimnisvolle und romantische Abenteuer verwickelte Dame ist, deren Benehmen bei diesem Anlasse ihrem Kopfe und Herzen nicht weniger Ehre machte, als ihre Bühnentriumphe die sprechendsten Belege für ihr hohes Talent sind...« – bildeten eine förmliche Sammlung von Artikeln, die sämtlich mit der gesperrt gedruckten Aufforderung: »man komme rechtzeitig« schlossen und den Hauptinhalt von Miss Snevelliccis Album ausmachten. Nikolas hatte bereits einen großen Teil dieser aufgeklebten Papierschnitzel durchgelesen und sich eben in einen umständlichen und trauervollen Bericht über den Gang der Ereignisse vertieft, die daran schuld gewesen, daß Miss Snevellicci auf einer Orangenschale, die ein Ungeheuer in Menschengestalt – so sagte die Zeitung – auf die Bühne von Winchester geworfen hatte, ausgeglitten war und sich den Fuß verstaucht hatte, als die junge Dame in eigener Person, ihren Kohlenkübelhut auf dem Kopfe und vollständig zum Ausgehen angekleidet, hereinhüpfte und tausendmal um Verzeihung bat, daß sie ihren verehrten Freund so lange habe warten lassen. »Aber die gute Led«, erklärte sie, »mit der ich zusammen wohne, wurde in der letzten Nacht so krank, daß ich schon glaubte, sie würde in meinen Armen den Geist aufgeben.« »Ich würde sie um dieses Los nur beneidet haben«, versetzte Nikolas, »obschon es mir um der Dame willen leid getan hätte.« »Ach, was Sie doch für ein Schmeichler sind«, schmollte Miss Snevellicci und knöpfte sich in süßer Verwirrung ihren Handschuh zu. »Wenn es Schmeichelei ist, Ihre Reize und Ihre sonstigen hohen Vorzüge zu bewundern«, entgegnete Nikolas, seine Hand auf das Album legend, »so haben Sie hier noch bessere Proben davon.« »Ach, Sie böser, grausamer Mensch – Sie haben es gelesen!? Ach, da kann ich Ihnen ja vor Scham nicht mehr ins Gesicht sehen!« rief Miss Snevellicci, nahm hastig das Album vom Tisch und schloß es in einen Schrank. »Nein, diese unachtsame Led! Wie konnte sie es nur so offen herumliegen lassen!« »Und ich dachte schon, Sie selbst seien so gütig gewesen, es hinzulegen, um mich seine Lektüre genießen zu lassen«, sagte Nikolas, mühsam ein Lächeln unterdrückend. »Da irren Sie. Nicht um die Welt hätte ich es Sie sehen lassen! Ich könnte mich zu Tod ärgern; aber die gute Led ist so unbekümmert, man kann ihr rein nichts anvertrauen.« Hier wurde das Gespräch durch den Eintritt des Wunderkindes unterbrochen, das bis zu diesem Augenblick rücksichtsvoll im Nebenzimmer geblieben war und sich nun ungemein graziös mit einem winzigen, grünen, breitgefransten Sonnenschirm ohne Handgriff präsentierte. Das gab das Zeichen für den Aufbruch. Miss Crummles erwies sich als eine etwas unbequeme Begleiterin, denn zuerst gingen ihr die Bänder ihres rechten und dann die ihres linken Schuhes auf, und als diese Unfälle gutgemacht waren, zeigte sich's, daß das eine Bein der weißen Höschen länger als das andere war; und dann wieder fiel der grüne Sonnenschirm in ein Kellergitter und konnte nur mit vieler Mühe heraufgeangelt werden. Da sie die Tochter des Direktors war, durfte man sie natürlich nicht ausschelten, und Nikolas zwang sich daher, alles in bestmöglicher Laune hinzunehmen. Das erste Haus, zu dem sie Arm in Arm zu dritt ihre Schritte lenkten, lag auf einer ziemlich respektabel aussehenden Terrasse. Auf Miss Snevelliccis bescheidenen Doppelschlag öffnete ein Boy, der auf die Frage, ob Mrs. Curdle zu Hause sei, die Augen weit aufriß, den Mund bis an die Ohren verzog und die Antwort gab, daß er es nicht wisse, aber nachsehen wolle. Er führte sodann die Herrschaften in ein Wartezimmer, wo gleich darauf zwei weibliche Dienstboten unter irgendeinem, an den Haaren herbeigezogenen Vorwand die Schauspielerin beaugenscheinigen kamen. Erst als er mit ihnen im Hausflur eine Weile geflüstert und gekichert hatte, verfügte er sich die Treppe hinauf, um Miss Snevellicci anzumelden. Mrs. Curdle galt in Kunst- und Literaturkreisen als eine Dame, deren Geschmack sogar in London anerkannt worden wäre. Ihr Gatte hatte eine Abhandlung von vierundsechzig Seiten Großoktav über den Charakter des seligen Mannes der Wärterin in »Romeo und Julia« geschrieben, von dem Shakespeare wörtlich sagt: – »hob er sie – Gott hab ihn selig, den lust'gen Mann – vom Boden auf.« Mr. Curdle hatte darin die wichtige Frage erörtert, ob der Betreffende schon bei Lebzeiten ein »lust'ger Mann« gewesen oder ob ihm seine Witwe nur aus Zärtlichkeit dieses Prädikat beigelegt hätte. Ebenso war ihm auch der Beweis geglückt, daß jedes von Shakespeares Stücken durch veränderte Interpunktionen zu einem ganz andern gemacht werden könne und einen durchaus verschiedenen Sinn erhielte; es ist daher unnötig, zu sagen, daß er ein großer Kritiker und ein tiefer, höchst origineller Denker war. »Ach, Miss Snevellicci«, rief Mrs. Curdle, als sie ins Besuchszimmer rauschte; »ja, wie geht es Ihnen denn?« Miss Snevellicci machte einen anmutigen Knicks und hoffte, daß sich Mrs. Curdle wohl befände – desgleichen Mr. Curdle, der fast im selben Augenblick ins Zimmer trat. Mrs. Curdle war in eine Art Matinee gekleidet und balancierte ein winziges Häubchen ganz oben auf dem Kopf; Mr. Curdle trug einen weiten Schlafrock und hielt den rechten Zeigefinger an die Stirne, etwa wie man's auf Sternes Porträts sehen kann, mit dem er, wie man ihm des öfteren versichert hatte, eine sprechende Ähnlichkeit haben sollte. »Ich wagte es, Ihnen meine Aufwartung zu machen, um mir Ihren Namen für mein Benefiz zu erbitten, Madam«, begann Miss Snevellicci hold errötend und brachte eine Liste zum Vorschein. »Oh, ich – ich weiß wirklich nicht, wie ich mich dazu stellen soll«, zierte sich Mrs. Curdle. »Die Glanzperiode des Theaters ist dahin, nehmen Sie doch Platz, Miss Snevellicci –; und mit dem Drama ist's gänzlich vorbei. – Gänzlich!« »Als eine schöne Verkörperung der Phantasiegebilde des Dichters, als eine Verstofflichung menschlicher Intellektualität, die unsere träumerischen Augenblicke mit strahlendem Lichte vergoldet und dem geistigen Auge eine neue zauberhafte Welt erschließt, von diesem Standpunkte aus betrachtet, ist es mit dem Drama vorbei, vollkommen vorbei«, bekräftigte Mr. Curdle. »Wer von den jetzt Lebenden ist imstande, uns alle jene wechselnden und prismatischen Farben vorzuführen, in denen uns Hamlets Charakter erscheint?« seufzte Mrs. Curdle. »Ja wer? – Auf der Bühne nämlich –«, fügte Mr. Curdle hinzu, einen Vorbehalt zu seinen eigenen Gunsten machend. »Hamlet? – Pah! Lächerlich! Heute jemand den Hamlet spielen! Vorbei – vollkommen vorbei.« Ganz ergriffen von solch schmerzlichen Betrachtungen, seufzte das Ehepaar und saß eine Weile da, ohne ein Wort sprechen zu können. Dann wandte sich Mrs. Curdle an Miss Snevellicci und fragte, auf welches Stück ihre Wahl gefallen wäre. »Auf ein ganz neues«, antwortete Miss Snevellicci. »Mr. Johnson hier ist der Autor. Er erweist mir die Ehre, selbst mitzuspielen. – Es ist sein erstes Debüt.« »Ich hoffe, Sie haben doch die Einheit im Auge behalten, Sir?« fragte Mr. Curdle interessiert. »Das Original ist französisch«, wich Nikolas geschickt aus. »Es ist reich an Handlung, der Dialog lebendig, die Charaktere sind scharf gezeichnet –« »Nützt alles nichts ohne strenge Berücksichtigung der Einheit, Sir«, unterbrach Mr. Curdle. »Die Einheit ist im Drama die Hauptsache.« »Darf ich fragen«, entgegnete Nikolas, der zwischen der Achtung, die er beobachten zu müssen glaubte, und einem unwiderstehlichen Kitzel, die offenkundige Albernheit des Kunstmäzens bloßzulegen, schwankte, »darf ich fragen, was Sie unter der ›Einheit‹ verstehen?« Mr. Curdle hustete und überlegte. »Die Einheit, Sir«, begann er endlich, »ist eine Vollständigkeit, eine Art universellen Ineinanderfügens hinsichtlich des Ortes und der Zeit, eine gewisse generelle Unität, wenn ich mich eines so markanten Ausdrucks bedienen darf. Dies halte ich für die dramatische Einheit, soweit ich dem Gebiet meine Aufmerksamkeit zuwenden konnte; ich äh – ich habe allerdings viel über den Gegenstand gelesen und nachgedacht. Wenn ich die Rollen dieses Kindes durchgehe«, fuhr Mr. Curdle zu dem Wunderkind gewendet fort, »so finde ich eine Einheit des Gefühles, einen Umfang, einen Wechsel der Kolorits, eine Wärme der Farben, einen Ton, eine Harmonie, eine Glut, eine künstlerische Entwicklung origineller Auffassungen, nach denen ich mich vergebens unter älteren Schauspielern umsehe. Ich weiß nicht, ob ich mich Ihnen begreiflich gemacht habe?« »Vollkommen«, beteuerte Nikolas. »Nun gut«, sagte Mr. Curdle, sein Halstuch zurechtzupfend; »dies ist meine Definition von der dramatischen Einheit.« Mrs. Curdle hatte dieser lichtvollen Erläuterung mit großem Wohlgefallen zugehört und schaltete jetzt die Frage ein, was Mr. Curdle davon hielte, die Liste zu unterzeichnen. »Ich weiß nicht, meine Liebe – auf Ehre, ich weiß nicht«, tat Mr. Curdle sehr apart. »Wenn wir unsern Namen daruntersetzen, geschieht es natürlich mit dem Vorbehalt, daß man unser Erscheinen nicht als eine Bürgschaft für die gute Darstellung nimmt. Die Welt muß erfahren, daß wir dem Stück durch unsere Namen keine Sanktion erteilen wollen, sondern daß diese Auszeichnung lediglich der Person Miss Snevelliccis gilt. Unter dieser Voraussetzung jedoch betrachte ich es sozusagen als Pflicht, daß wir der gesunkenen Bühnenkunst unsern Schutz zuteil werden lassen, wäre es auch nur um der Ideenassoziationen willen, die sich daran knüpfen. Können Sie mir zwei Schillinge und sechs Pence auf eine halbe Krone herausgeben, Miss Snevellicci?« Die Schauspielerin suchte in allen Ecken ihres rosa Strickbeutels, aber da war nichts zu finden. Nikolas murmelte einen Scherz über die leeren Taschen der Schriftsteller und hielt es für das beste, die Förmlichkeit des Umhertastens in den seinigen ganz zu unterlassen. »Warten Sie«, sagte Mr. Curdle, »zweimal vier ist acht – vier Schillinge für ein Logenbillett, Miss Snevellicci, ist übrigens ungemein teuer für den gegenwärtigen Stand des Theaters, drei halbe Kronen sind sieben Schillinge und sechs Pence. Ich denke, wir werden uns wegen der sechs Pence nicht veruneinigen – was meinen Sie, Miss Snevellicci?« Die arme Miss Snevellicci nahm die drei halben Kronen mit Lächeln und Knicksen entgegen, und Mrs. Curdle gab noch einige nachträgliche Anweisungen hinsichtlich Reservieren der Plätze, des Ausstaubens der Sitze und zweier reiner Theaterzettel, die sie gleich aus der Druckerei haben wollte, worauf sie zum Zeichen, daß die Audienz geschlossen sei, die Klingel zog. »Abgeschmacktes Volk!« sagte Nikolas, als sie wieder auf der Straße waren. »Glauben Sie mir«, seufzte Miss Snevellicci, seinen Arm nehmend, »ich muß mich noch sehr glücklich schätzen, daß sie nicht alles schuldig geblieben sind und nur sechs Pence abgezogen haben. Geben Sie acht, wenn Ihr Stück gefällt, so muß alle Welt hören, daß man Sie immer begünstigt hat, fallen Sie aber durch, dann haben die es natürlich vorausgesehen.« In dem nächsten Hause, das sie besuchten, blühte ihnen ein glorreicher Empfang, denn hier wohnten die sechs Kinder, die von den öffentlichen Leistungen des Wunderkindes so ganz und gar hingerissen waren und jetzt, als man sie aus der Spielstube heruntergerufen hatte, Miss Crummles mit den Fingern in die Augen griffen und ihr auf die Zehen traten, kurz, ihr die mannigfaltigen kleinen Aufmerksamkeiten erwiesen, die dem zarten Alter eigentümlich sind. »Ich werde zuverlässig meinen Mann überreden, eine ganze Loge zu nehmen«, erklärte die Dame des Hauses nach einem ungemein huldreichen Empfang. »Ich möchte aber nur zwei von den Kindern mitnehmen und die übrigen Plätze lieber mit Herren besetzen, – Bewunderer von Ihnen, Miss Snevellicci. – August, du Lausebengel, wirst du das kleine Mädchen in Ruhe lassen!« Diese Mahnworte galten einem jungen Herrn, der das Wunderkind von hinten gezwickt hatte, offenbar in der Absicht, sich zu überzeugen, ob es ein wirkliches Mädchen oder nur eine Puppe wäre. »Sie sind wahrscheinlich sehr ermüdet«, wendete sich die Mama wieder zu Miss Snevellicci; »Sie müssen ein Glas Wein annehmen. Pfui, Charlotte, schämst du dich nicht? – Miss Lane, ich muß Sie wirklich bitten, besser auf die Kinder achtzugeben!« Miss Lane war die Gouvernante, und die an sie gerichtete Aufforderung betraf das zwanglose Benehmen der jüngsten Miss Borum, die dem Wunderkinde den kleinen grünen Sonnenschirm wegstibitzt hatte und ihn eben fortschleppte, ohne sich die trostlosen Blicke der bestürzten Eigentümerin zu Herzen zu nehmen. »Sagen Sie, wo haben Sie nur Ihr Spiel gelernt?« fuhr die gutmütige Mrs. Borum wieder zu Miss Snevellicci gewendet fort. »Ich kann gar nicht begreifen – Emma, laß doch diese Grimassen –, wie man in dem einen Augenblick lachen und in dem andern weinen kann; und das alles so natürlich! –« »Ich fühle mich ungemein glücklich, aus Ihrem Munde ein so hohes Lob zu vernehmen«, bedankte sich Miss Snevellicci. »Ich bin ganz entzückt zu hören, daß ich Ihnen gefalle.« »Ja, ja, wem sollten Sie nicht gefallen?« rief Mrs. Borum. »Ich würde zweimal wöchentlich ins Theater gehen, wenn ich könnte; ich bin ganz in die Kunst vernarrt. Sie greifen einem nur bisweilen gar zu sehr ans Herz. Sie versetzen mich oft in einen Zustand, daß ich laut aufschluchzen muß! – Barmherziger Himmel, Miss Lane, wie können Sie nur ruhig zusehen, daß die Rangen das arme Kind so quälen.« Wirklich war das Wunderkind bereits auf dem besten Wege, in Stücke gerissen zu werden. Zwei kräftige kleine Jungen hatten sich ihrer Hände bemächtigt und zerrten sie, um ihre Stärke zu versuchen, nach verschiedenen Richtungen. Für Miss Lane waren übrigens die erwachsenen Schauspieler viel zu wichtig, als daß sie auf solche Kleinigkeiten hätte achten können, und sie kam daher erst infolge dieser Aufforderung dem kleinen Mädchen zu Hilfe. Man labte es mit einem Glas Wein, und bald darauf entfernte es sich mit seinen Begleitern, ohne einen ernsteren Schaden genommen zu haben, als daß sein rosa Gazehut platt gedrückt und sein weißes Kleid nebst Höschen ziemlich zerknüllt worden war. Es sollte für den an solche Sachen wenig gewöhnten Mr. Johnson ein Morgen der Prüfung werden, denn noch viele andere Mäzene mußten besucht werden, und jedermann wünschte etwas Besonderes. Einige Tragödien, andere Komödien, die einen machten Einwürfe gegen den Tanz, die andern wollten fast nichts als Tänze. Einige meinten, der komische Sänger wäre entschieden schlecht, andere hofften, er würde mehr zu tun bekommen, als es gewöhnlich der Fall sei; einige wollten nicht versprechen zu kommen, weil andere nicht hatten versprechen wollen zu kommen, und wieder andere wollten nicht kommen, eben weil andere kamen. Miss Snevellicci mußte an dem einen Ort zusichern, daß sie etwas weglassen, an dem andern, daß sie etwas hinzufügen wolle, und verpflichtete sich nach und nach zu einem Tagesrepertoire, das, wenn es schon sonst kein anderes Verdienst haben würde, wenigstens umfassend genug sein müsse (Arien, ein paar Zweikämpfe und mehrere Tänze), und dann kehrten sie völlig erschöpft von der Anstrengung des Tages nach Hause zurück. Nikolas beendigte sein Stück, von dem sogleich eine Leseprobe gehalten wurde, und machte sich dann an seine eigene Rolle, die er mit großem Fleiße einstudierte und nach dem Urteile der ganzen Gesellschaft ganz vortrefflich spielte. Endlich erschien der große Tag. Die Ausrufer wurden am Morgen herumgeschickt, um das Abendrepertoire in allen Straßen bei dem Ton einer Schelle zu verkünden. Besondere Zettel von drei Fuß Länge und neun Zoll Breite wurden in allen Richtungen ausgeteilt, in die Hausflure geworfen, unter die Türen gesteckt, in allen Läden aufgelegt und sogar an den Wänden der Häuser angeklebt – wenn auch hier der Erfolg nicht vollkommen entsprach, denn wegen Erkrankung des befugten Zettelanklebers hatte eine weniger wissenschaftlich gebildete Person dieses Amt übernommen und einen Teil der Affichen quer und den Rest verkehrt aufgepappt. Um halb sechs Uhr strömten vier Leute durch die Galerietür; um dreiviertel auf sechs war die Menge auf wenigstens ein Dutzend angewachsen, und um sechs Uhr wurden die Fußstöße gegen die Türe geradezu fürchterlich, und als der ältere Master Crummles endlich öffnete, sah er sich genötigt, eiligst zu retirieren, um das nackte Leben zu retten. In den ersten zehn Minuten waren bereits fünfzehn Schillinge in die Kasse geflossen! Hinter den Kulissen herrschte eine ungewohnte Aufregung. Miss Snevellicci transpirierte derart, daß ihr die Schminke kaum auf dem Gesicht halten wollte. Mrs. Crummles war so nervös, daß sie sich kaum auf ihre Rolle besinnen konnte. Miss Bravassa gingen vor Hitze und Angst die Haare aus den Locken, und der Direktor selbst sah alle Augenblicke durch das Loch im Vorhang und eilte dann zurück, um erregt zu verkünden, daß schon wieder ein neuer Zuschauer im Parterre angekommen sei. Endlich schwieg das Orchester, und der Vorhang rauschte in die Höhe. Die erste Szene, in der nichts Besonderes vorfiel, wurde noch verhältnismäßig ruhig aufgenommen; aber als in der zweiten Miss Snevellicci von dem Wunderkinde begleitet auftrat – welch donnernder Applaus! Die Herrschaften in der Borumloge standen auf wie ein Mann, schwenkten ihre Hüte und Taschentücher und brüllten ihre Bravos. Mrs. Borum und die Gouvernante warfen Kränze auf die Bühne, von denen einige die Lampen umwarfen und einer die Glatze eines dicken Herrn im Parterre krönte, der jedoch vor lauter Aufmerksamkeit und Begeisterung diese Ehre anfänglich gar nicht einmal bemerkte. Der Schneider und seine Familie trampelten gegen das Getäfel der oberen Logen, daß es beinahe in Trümmer ging; der Ingwerbierjunge blieb ganz verzaubert in der Mitte des Hauses stehen, und ein junger Leutnant, der für einen Anbeter Miss Snevelliccis galt, verzierte sein Auge mit einem Monokel, wahrscheinlich um eine Träne zu verbergen. Die Benefiziantin knickste immer tiefer, und immer lauter und stürmischer wurde der Applaus. Als gar das Wunderkind einen der rauchenden Kränze aufhob und ihn von der Seite über Miss Snevelliccis linkes Auge hielt, erreichte er seine höchste Höhe; dann jedoch nahm das Stück ungestört seinen Fortgang. Aber erst als Nikolas mit Mrs. Crummles seine Glanzszene hatte und Mrs. Crummles (seine unwürdige Mutter) ihn mit Hohnlachen einen anmaßenden Knaben nannte und er ihr kühn Trotz bot – welch rasender Beifall! Und als er mit dem andern Herrn wegen der jungen Dame in Händel geriet und, einen Pistolenkasten hervorziehend, erklärte, sich mit ihm in diesem Zimmer schießen zu müssen, bis das ganze Mobiliar von dem Blute des einen, wenn nicht beider, bespritzt sei, als er später seiner Mutter allerlei Ehrentitel gab, weil sie das Vermögen der jungen Dame nicht herausgeben wollte, worauf sie endlich einlenkte und dadurch auch ihn weicher stimmte, so daß er auf ein Knie niedersank und um ihren Segen flehte – was schrien, weinten und schluchzten nicht da die Damen des Auditoriums zusammen! Als er hinter einem Vorhang versteckt war und der versuchte Verwandte mit einem scharfen Schwerte nach allen Richtungen, nur nicht nach der, wo man deutlich Nikolas' Beine sehen konnte, hinstieß – welch ein Angstruf tönte da nicht durch das ganze Haus! Seine Miene, seine Haltung, sein Gang, sein Blick und alles, was er sagte oder tat, wurde gepriesen. Sooft er deklamierte, ging Beifallsrauschen durch das ganze Haus. Und als endlich in der Brunnen- und Waschzuberszene Mrs. Grudden das Strontianfeuer anzündete und alle, auch die bei der Szene nicht beteiligten Mitglieder des Ensembles hereinkamen, um in verschiedenen Richtungen niederzustürzen – nicht etwa, weil dies mit dem Gang des Stückes zu tun gehabt hätte, sondern lediglich der Apotheose wegen –, da machte sich das Auditorium, das inzwischen beträchtlich angewachsen war, durch einen so tobenden, wiehernden und stampfenden Jubel Luft, wie er seit Jahr und Tag in diesem Hause nicht gehört worden war. Kurzum, nicht nur das Glück des neuen Stückes, sondern auch das des neuen Schauspielers war gemacht. Immer und immer wieder mußte Miss Snevellicci an Nikolas' Arm vor die Rampe. 25. Kapitel Eine junge Dame aus London schließt sich der Truppe an und führt einen ältlichen Verehrer von sich im Schlepptau Da das neue Stück entschieden einen Schlager bedeutete, sollte es bis auf weiteres ununterbrochen gegeben werden. Auch wurden die Abende, an denen das Theater geschlossen blieb, von drei auf zwei in der Woche herabgesetzt. Und dies waren noch nicht die einzigen Beweise des außerordentlichen Erfolges, den das Stück gehabt, denn am nächsten Samstag beglückte die unermüdliche Mrs. Grudden Nikolas mit nicht weniger als dreißig Schillingen. Außer dieser substantiellen Belohnung erfreute er sich auch sonst noch hoher Ehren und Auszeichnungen, indem ihm z.B. Mr. Curdle ein Exemplar seiner Broschüre mit eigenhändiger Dedikation auf der ersten Seite – an sich schon ein unbezahlbarer Schatz – nebst einem Billett zuschickte, das große Lobeserhebungen und die schmeichelhafte Versicherung enthielt, der Autor würde sich glücklich schätzen, Mr. Johnson während seines Aufenthaltes in der Stadt jeden Vormittag vor dem Frühstück drei Stunden lang den Shakespeare vorzulesen. »Ich habe wieder was Neues, Johnson«, jubelte Mr. Crummles eines Morgens mit vor Freude leuchtenden Augen. »Und das wäre?« fragte Nikolas. »Vielleicht das Pony?« »Nein, nein, das nehmen wir erst vor, wenn sonst nichts mehr zieht. Ich glaube übrigens, daß wir es in dieser Saison gar nicht brauchen werden. Nein, nein, das Pony ist's nicht.« »Haben Sie vielleicht ein Wunderkind in Knabengestalt aufgetrieben?« rief Nikolas. »Es gibt nur ein Wunderkind, Sir, und das ist ein Mädchen«, entgegnete der Direktor verweisend. »Sehr wahr«, gab Nikolas zu; »ich bitte um Verzeihung. Ich gestehe übrigens, daß es jetzt mit meiner Weisheit zu Ende ist.« »Nun, und was sagen Sie zu einer jungen Dame aus London? Einer Miss Soundso vom königlichen Drury Lane Theater?« »Das würde sich allerdings auf den Theaterzetteln recht gut machen«, meinte Nikolas. »Sehr richtig. Und wenn Sie gesagt hätten, sie würde sich auch auf der Bühne gut machen, wäre es auch nicht weit fehlgeschossen gewesen. Sehen Sie mal her! Was halten Sie davon? « Bei dieser Frage rollte Mr. Crummles einen blauen, einen roten und einen gelben Anschlagzettel auf, deren jeder oben in ungeheuren Buchstaben die Aufschrift trug: »Erste Gastrolle der unvergleichlichen dramatischen Darstellerin Miss Petowker vom königlichen Drury Lane Theater.« »Mein Gott!« rief Nikolas. »Diese Dame kenne ich doch.« »Dann kennen Sie so viel Talent, wie nur je im Leibe einer jungen Künstlerin gesteckt hat«, rief Mr. Crummles und rollte seine Zettel wieder zusammen; »das heißt: Talent in einer gewissen Richtung. ›Der Vampir‹«, fügte er mit einem prophetischen Seufzer hinzu, »der ›Vampir‹ wird mit diesem Mädchen sterben. Auch ist sie von allen, die ich je zu Gesichte bekam, die einzige, die als Sylphide wirklich wie eine echte Sylphide auf einem Bein stehen und auf dem andern Knie das Tambourin schlagen kann.« »Wann kommt sie?« fragte Nikolas. »Wir erwarten sie heute. Sie ist eine alte Freundin meiner Frau. Meine Gattin erkannte ihr Talent auf den ersten Blick und sah voraus, wie alles kommen mußte. Was sie kann, hat sie fast alles von meiner Frau gelernt. Mrs. Crummles war der Original-Vampir.« »Was Sie nicht sagen!« »Ja, aber sie mußte es aufgeben.« »Schlug es ihr nicht gut an?« fragte Nikolas lächelnd. »Nicht so sehr ihr wie dem Publikum. Es konnte es niemand dabei aushalten; es war zu schrecklich. Sie wissen noch nicht, was Mrs. Crummles zu leisten imstande ist.« »Ich dächte doch«, wagte Nikolas zu bemerken. »Nein, nein, ausgeschlossen. Ich selbst kenne sie noch nicht ganz genau, wie auch die Welt sie erst zu schätzen wissen wird, wenn sie tot ist. Mit jedem Jahre ihres Lebens entfaltet diese außerordentliche Frau neue Talente. Sehen Sie sie an: Mutter von sechs Kindern – drei von ihnen noch am Leben und alle auf den Brettern.« »Außerordentlich!« bestätigte Nikolas. »Ja, in der Tat außerordentlich!« wiederholte Mr. Crummles mit ernstem Kopfschütteln und nahm selbstgefällig eine Prise. »Ich gebe Ihnen mein Künstlerehrenwort, daß ich bis zu ihrem letzten Benefiz nicht einmal wußte, daß sie tanzen konnte. Sie spielte damals die Julia und die Helene Macgregor und tanzte zwischen beiden Stücken den Springseilhornpipe. Als ich die wundervolle Frau zum erstenmal sah, Johnson«, fuhr Mr. Crummles fort, trat etwas näher und nahm den Ton vertraulicher Freundschaft an, »als ich sie zum erstenmal sah, stand sie, umgeben von prasselndem Feuerwerk, mit dem Kopf auf einem Speerschaft.« »Sie machen mich staunen«, sagte Nikolas. » Sie machte mich staunen!« verbesserte Mr. Crummles mit feierlicher Miene. »Eine solche Anmut mit so viel Würde gepaart. Ich lag ihr zu Füßen von diesem Augenblick an.« Die Ankunft der hochbegabten Dame, der diese Bemerkungen galten, machte den Lobeserhebungen des Schauspieldirektors ein plötzliches Ende, und fast gleichzeitig trat Master Percy Crummles mit einem an seine gnädige Frau Mama adressierten Schreiben ein, das der Briefträger soeben abgegeben hatte. Beim ersten Blick auf die Überschrift rief Mrs. Crummles: »Ha, von Henriette Petowker!« und war augenblicklich in den Inhalt des Schreibens vertieft. »Ist es –«, forschte der Theaterdirektor zögernd. »Ja, ja, es ist perfekt«, griff Mrs. Crummles der Frage vor. »Das hat sie fein eingefädelt.« »Famoses Mädel«, jubelte Mr. Crummles. Und dann brachen er, seine Gattin und Master Percy gemeinsam in ein gewaltiges Gelächter aus. Nikolas überließ sie ihrer Fröhlichkeit und ging nach seiner Wohnung, nicht wenig verwundert, welches mit dem Namen Petowker verknüpfte Geheimnis wohl die Ursache dieser unbändigen Heiterkeit sein möchte. Zugleich malte er sich auch die große Überraschung aus, die die junge Dame an den Tag legen würde, wenn sie ihn plötzlich einer Kunst ergeben finden würde, die sie selbst mit so viel Erfolg und Glanz ausübte. In letzterer Hinsicht hatte er sich jedoch geirrt, denn – sei es, daß Mr. Vincent Crummles den Weg gebahnt, oder daß Miss Petowker besondere Gründe hatte, ihn sogar mit mehr als gewöhnlicher Zuvorkommenheit zu behandeln – ihre Begegnung auf der Probe am nächsten Tag glich mehr der zweier Freunde, die sich von Jugend auf lieben, als einem Wiedersehen zwischen einer Dame und einem Herrn, die sich nur ein halbdutzendmal, und auch da nur flüchtig, gesehen hatten. Ja, Miss Petowker flüsterte ihm sogar zu, daß sie in ihren Gesprächen mit der Familie des Direktors kein Wörtchen von den Kenwigs' habe fallenlassen und im Gegenteil versichert hätte, Mr. Johnson stets in den ersten und fashionabelsten Kreisen begegnet zu sein. Und als Nikolas bei dieser Eröffnung sein Staunen nicht verbergen konnte, fügte sie mit einem koketten Blick hinzu, daß sie nunmehr Anspruch auf seine Freundschaft habe und ihn vielleicht binnen kurzem schon auf die Probe stellen werde. Nikolas hatte noch am selben Abend die Ehre, mit ihr in einem kleinen Einakter aufzutreten, und es konnte ihm nicht entgehen, daß der Applaus, der ihr zuteil wurde, hauptsächlich einem ungemein beharrlichen Regenschirm in den oberen Ranglogen zuzuschreiben war. Er bemerkte auch, daß die bezaubernde Künstlerin manchen Glutblick nach der Richtung, woher diese Geräusche kamen, schoß und daß dann jedesmal der Regenschirm aufs neue losbrach. Einmal kam es ihm sogar vor, als ob ein eigentümlich geformter Hut, eine Art Schabbesdeckel, in derselben Ecke ihm nicht ganz unbekannt wäre. Da er jedoch von seiner Rolle zu sehr in Anspruch genommen war, schenkte er diesem Umstande keine große Aufmerksamkeit und hatte ihn, zu Hause angelangt, bereits vollkommen wieder vergessen. Er saß gerade mit Smike beim Abendessen, als jemand von den Hausleuten an die Türe klopfte und einen Herrn anmeldete, der unten wäre und »Mr. Johnson zu sprechen wünsche«. »Nun, da kann ich weiter nichts sagen, als daß er heraufkommen soll«, versetzte Nikolas. »Wahrscheinlich ein hungriger Kollege, Smike.« Smike betrachtete den kalten Braten, berechnete schweigend, wieviel wohl für das Mittagessen des nächsten Tages übrigbleiben dürfte, und legte ein Stückchen, das er bereits für sich selbst abgeschnitten hatte, wieder zurück, damit die Eingriffe des Gastes weniger verheerend wirken möchten. »Es muß ein Fremder sein«, sagte Nikolas horchend, »er stolpert auf jeder Stufe. Herein, herein! – Wa-was, Sie, Mr. Lillyvik!« Es war in der Tat der Wassersteuereinnehmer, der jetzt Nikolas mit festem Blick und steinernem Gesicht ansah, ihm mit feierlicher Wichtigkeit die Hand reichte und sich neben dem Kamin niederließ. »Wann sind Sie angekommen?« fragte Nikolas verwirrt. »Diesen Morgen, Sir.« »Ah, mir geht ein Licht auf; dann waren Sie vergangenen Abend im Theater und es war Ihr Regen –« »Dieser Regenschirm«, ergänzte Mr. Lillyvik und zeigte auf einen bauchigen, grünbaumwollenen Schirm mit verbeulter Zwinge. »Wie gefiel Ihnen Miss Petowkers Spiel?« »Soweit ich es von der Bühne aus beurteilen konnte, recht gut.« »Recht gut? Ich sage Ihnen, Sir, es war entzückend.« Und Mr. Lillyvik beugte sich vor, um dem Wort »entzückend« noch größeren Nachdruck zu geben, richtete sich dann wieder auf und gab ein erregtes Stirnrunzeln zum besten. »Ich sage entzückend«, wiederholte er. »Hinreißend, feenhaft, gewaltig.« »Ja, ja«, gab Nikolas, ein wenig überrascht von diesen Symptomen einer ekstatischen Bewunderung, zu. »Ja – sie ist gewiß eine routinierte Schauspielerin.« »Eine Göttin«, verbesserte Mr. Lillyvik und produzierte eine Art Steuereinnehmer-Doppelschlag mit dem bauchigen Regenschirm auf den Boden. »Ich habe zu keiner Zeit hervorragendere Schauspielerinnen gekannt, Sir. Ich hatte die Wassersteuer einzusammeln – besser gesagt, ich mußte sie eintreiben  –, und zwar sehr oft in dem Hause einer gottbegnadeten Schauspielerin, die vier Jahre lang in meinem Viertel wohnte; aber nie – nein, nie, Sir – habe ich unter allen göttlichen Wesen, Schauspielerinnen oder nicht Schauspielerinnen, ein göttlicheres gesehen als Henriette Petowker.« Nikolas hatte Mühe, ein Lachen zu verbeißen, und nickte daher bloß stumm. »Ich möchte gern ein Wörtchen unter vier Augen mit Ihnen sprechen«, sagte Mr. Lillyvik nach einer beklemmenden Pause. Nikolas warf Smike einen Blick zu, der den Wink sogleich verstand und sich entfernte. »Es ist etwas Erbärmliches um das Leben eines Hagestolzen, Sir«, begann der Wassersteuereinnehmer. »So, meinen Sie?« »Ja, zweifellos. Ich habe jetzt fast sechzig Jahre in der Welt gelebt und muß mich daher wohl darauf verstehen.« »Das solltest du freilich«, dachte Nikolas, »aber ob du's tust, ist eine andere Frage.« »Wenn sich ein alter Junggeselle zufällig ein bißchen Geld erspart hat«, fuhr Mr. Lillyvik fort, »so sehen Schwestern und Brüder, Neffen und Nichten auf das Geld und nicht auf ihn. Ja, sie wünschen ihm, selbst wenn er ein öffentliches Amt bekleidet und somit das Haupt der Familie oder gewissermaßen der Stamm ist, an den alle anderen kleinen Zweige sich anschmiegen, ohne Unterlaß den Tod und sind schlecht gelaunt, sooft sie ihn bei guter Gesundheit sehen. Natürlich weil es ihnen um nichts anderes zu tun ist, als in den Besitz seines kleinen Vermögens zu kommen. Verstanden?« »O ja«, versetzte Nikolas. »Sie haben ohne Zweifel vollkommen recht.« »Wer – sie?« »Nein, Sie.« »Ja so. Also, der Hauptbeweggrund, warum man ledig bleibt, ist der Kostenpunkt. Das ist's, was mich immer abgehalten hat; sonst – ach, du mein Himmel!« sagte Mr. Lillyvik, verächtlich mit den Fingern schnippend, »sonst hätte ich wohl fünfzig Frauen haben können.« »Schöne Frauen?« fragte Nikolas. »Schöne Frauen. Natürlich nicht so schön wie Henriette Petowker, die nicht ihresgleichen hat, aber ich versichere Ihnen, immerhin Frauen, wie sie einem nicht alle Tage über den Weg laufen. Setzen wir nun den Fall, der Mann kann in seiner Frau statt mit seiner Frau Vermögen bekommen – was dann?« »Nun, dann ist er ein glücklicher Mann«, versetzte Nikolas. »Das ist's doch, was ich sage«, entgegnete der Steuereinnehmer und klopfte Nikolas wohlwollend mit dem Regenschirm auf die Schulter, »genau das, was ich sage. Henriette Petowker ist sozusagen selbst ihre Mitgift. Ich bin daher im Begriffe –« »Sie zu Mrs. Lillyvik zu machen?« »Nein, Sir, sie soll nicht Mrs. Lillyvik werden«, erwiderte der Steuereinnehmer. »Schauspielerinnen, Sir, behalten stets ihre Familiennamen bei; das ist so üblich. – Aber ich bin im Begriffe, sie zu heiraten; ja, und zwar schon übermorgen.« »Ich gratuliere, ich gratuliere!« rief Nikolas. »Ich danke, Sir«, versetzte der Steuereinnehmer und knöpfte seine Weste zu. »Ich führe dann natürlich die Kassa und hoffe, daß es schließlich nicht teurer kommen wird, zwei Personen zu erhalten, als eine – das ist auch wieder ein Trost.« »Sie werden doch in einem solchen Augenblick keines Trostes bedürfen?« bemerkte Nikolas. »Nein«, versicherte Mr. Lillyvik mit nervösem Kopfschütteln; »natürlich nicht.« »Aber warum kommen Sie beide hierher, wenn es Ihre Absicht ist, so bald zu heiraten, Mr. Lillyvik?« fragte Nikolas. »Das ist's doch, weshalb ich zu Ihnen komme. Die Sache verhält sich nämlich so: Wir haben es für das beste gehalten, unsere Verbindung vor der Familie geheimzuhalten.« »Familie?« rief Nikolas. »Vor was für einer Familie?« »Na – vor den Kenwigs'. Wenn meine Nichte und die Kinder nur ein Wort davon vor meiner Abreise erfahren hätten, so würden sie vor meinen Augen Krämpfe gekriegt und nicht mehr von mir abgelassen haben, bis ich ihnen eidlich versichert hätte, nie zu heiraten – oder sie hätten mich für mondsüchtig erklären lassen oder sonst etwas Verzweifeltes getan«, erklärte der Steuereinnehmer, vor Aufregung am ganzen Leibe zitternd. »Ich zweifle allerdings nicht, daß sie eifersüchtig gewesen sein würden, aber –«, gab Nikolas zu. »Und um alldem vorzubeugen, sind wir übereingekommen, daß sich Henriette unter dem Vorwande eines Gastspieles zu ihren Freunden, den Crummles', begeben sollte. Ich selber reiste tags zuvor nach Guildford, um sie dort zu erwarten, und so sind wir gestern miteinander hier angekommen. Nun fürchten wir aber, Sie könnten Mr. Noggs schreiben und ihm etwas von unseren Angelegenheiten mitteilen, und daher hielten wir es für das beste, Sie in unser Geheimnis einzuweihen. Wir gehen von Crummles' Wohnung aus direkt zur Kirche und werden uns freuen, wenn Sie uns entweder vor der Trauung oder zum Frühstück die Ehre Ihres Besuches schenken wollen. – Es wird nicht hoch hergehen«, schloß der Steuereinnehmer, ängstlich bemüht, jedes Mißverständnis hinsichtlich dieses Punktes zu vermeiden, »Zwieback, Kaffee, vielleicht eine Seegarnele und sonstige kleine Erfrischungen der Art.« »Ja, ja, ich verstehe. – Seien Sie unbesorgt«, beruhigte ihn Nikolas. »Ich nehme Ihre Einladung mit dem größten Vergnügen an. Wo wohnt Miss Petowker – bei Mrs. Crummles?« »Nein. Sie hatten keinen Platz. Sie wohnt jetzt bei einer Bekannten und noch einer anderen jungen Dame, die beide zum Theater gehören.« »Miss Snevellicci wahrscheinlich?« »Ja, so ähnlich ist der Name.« »Vermutlich werden dies die Brautjungfern sein?« »Ach«, seufzte der Steuereinnehmer mit einer Jammermiene, »sie wollen mit aller Gewalt vier Brautjungfern haben. Ich fürchte, sie werden es schrecklich theatralisch machen.« »O gewiß nicht, ich glaube nicht«, tröstete Nikolas mit einem verunglückten Versuch, ein Lachen in einen Husten umzuwandeln. »Wer sollen denn die vier sein? Aber natürlich, Miss Snevellicci – Miss Ledrock –« »Das – das Wunderkind«, stöhnte der Steuereinnehmer. »Ha! ha! ha!« brach Nikolas los, fügte aber schnell hinzu: »Ich bitte um Verzeihung, ich habe so eine alberne Art, immer zu lachen. – Ja, das wird ganz reizend werden. Das Wunderkind – wer sonst noch?« »Irgendein anderes junges Frauenzimmer«, brummte der Steuereinnehmer und stand auf; »eine Freundin von Henriette. Sie werden aber doch das, was ich Ihnen mitgeteilt habe, für sich behalten. Nicht wahr?« »Sie können sich getrost auf mich verlassen«, versicherte Nikolas. »Darf ich Ihnen nichts anbieten?« »Nein. Ich habe keinen Appetit. Meinen Sie nicht auch, daß das Leben im Ehestand etwas sehr Angenehmes ist, was?« »Ich bezweifle es nicht im geringsten.« »Hm. – Ja. Gewiß. Natürlich. Ja, ja, kein Zweifel. Gute Nacht!« Mit diesen Worten wandte sich Mr. Lillyvik, der die ganze Zeit über das seltsamste Gemisch von Hast und Bedenklichkeit, Vertrauen und Zweifel, Verliebtheit und Argwohn, Schofelkeit und Arroganz an den Tag gelegt hatte, zur Türe und überließ es Nikolas, sich seiner Lachlust hinzugeben, solange es ihm behagte. »Ich kann's nicht glauben«, zierte sich Miss Petowker, als sie am darauffolgenden Morgen mit ihrer Freundin beim Frühstück saß, »ich kann und kann es nicht glauben. Was nützt all das Zureden, ich glaube, ich werde nicht imstande sein, mich zu einem solchen Schritt zu entschließen.« Miss Snevellicci und Miss Ledrock wußten recht gut, daß der Entschluß, einen solch verzweifelten Schritt zu tun, bei der Freundin schon seit drei oder vier Jahren feststand, wenn sie nur irgendeinen annehmbaren Herrn, der den gleichen Versuch machen wollte, ausfindig machen konnte, begannen aber natürlich trotzdem, ihr Festigkeit zu predigen und begreiflich zu machen, wie stolz sie sich fühlen dürfe, daß es in ihrer Macht liege, einem verdienstvollen Manne zum dauernden Segen zu werden, und wie notwendig es für das Wohl der Menschheit im allgemeinen sei, daß das zarte Geschlecht bei solchen Anlässen Seelenstärke und Ergebung an den Tag lege. Zwar sei nach ihrer Überzeugung das wahre Glück nur im ehelosen Leben zu finden, das sie nie gerne und in keinem Falle aus irgendeiner weltlichen Rücksicht aufgeben würden, dem ungeachtet aber hofften sie, wenn je die Zeit käme, ihre Pflicht – Gott sei Dank – zu gut zu kennen, um sich allzusehr zu grämen. – Bestimmt würden sie sich dann mit Demut und unterwürfigem Sinn in ihr Schicksal fügen, das ihnen die Vorsehung offenbar nur in der Absicht zuweisen würde, das Glück und das Wohl eines Mitmenschen zu begründen. »Ich könnte es natürlich auch nicht anders als schmerzlich empfinden«, sagte Miss Snevellicci, »alte Verbindungen abzubrechen, aber ich würde mich fügen, meine Liebe – ja, ich würde mich fügen.« »Ich gleichfalls«, erklärte Miss Ledrock, »ja, ich würde das Joch sogar eher suchen als meiden. Ich habe vordem schon manches Herz gebrochen, aber ich beklage es jetzt schmerzlich. Es ist ein ewig nagender Wurm, sich das vorwerfen zu müssen.« »Ja, so ist es«, bekräftigte Miss Snevellicci. »Aber jetzt, liebe Led, müssen wir sie herrichten, sonst kommen wir zu spät.« Diese Trostessprüche – und vielleicht auch die Furcht, zu spät zu kommen, hielten die Braut während des Zeremoniells des Ankleidens aufrecht; dann aber mußten starker Tee und Brandy abwechselnd angewendet werden, um ihre schwachen Nerven so weit zu kräftigen, daß sie sichern Schrittes einhergehen konnte. »Wie fühlst du dich jetzt, meine Liebe?« fragte Miss Snevellicci besorgt. »Ach, mein Lillyvik«, rief die Braut, »wenn er wüßte, was ich um seinetwillen leide!« »Natürlich weiß er es und wird es nie vergessen«, tröstete Miss Ledrock. »Glaubt ihr?« rief Miss Petowker mit plötzlicher Entfaltung ihres Bühnentalents. »O sagt, glaubt ihr wirklich, daß Lillyvik es nie – nie vergessen wird?« Wer weiß, wie die Szene noch geendet haben würde, wenn nicht Miss Snevellicci in diesem Augenblick die Ankunft der Droschke verkündigt hätte, was die Braut derart ablenkte, daß sie sofort verschiedene beunruhigende Ohnmachtssymptome abschüttelte, an den Spiegel eilte, ihren Schleier zurechtzupfte und dann gefaßt erklärte, sie sei jetzt zu dem großen Opfergang bereit. Sie wurde demgemäß in die Droschke gehoben und durch fortwährendes Riechenlassen an Salmiakgeist und wiederholte kleine Schlucke von Brandy und andere kräftige Mittel vor Ohnmachten geschützt, bis man das Haus des Theaterdirektors erreichte. Die zwei Masters Crummles standen bereits mit weißen Kokarden und Prunkwesten aus der Theatergarderobe angetan an der Türe, um sie zu empfangen. Durch die vereinten Bemühungen der jungen Herren, der Brautjungfern und des Kutschers wurde Miss Petowker endlich in einem Zustand völliger Erschöpfung nach dem ersten Stocke gebracht, wo sie, kaum ihres jugendlichen Bräutigams ansichtig geworden, mit vielem Anstand in Ohnmacht sank. »Henriette«, rief Mr. Lillyvik, »ermanne dich, Geliebte!« Miss Petowker ergriff des Steuereinnehmers Hand, aber innere Bewegung erstickte ihre Worte. »Ist dir mein Anblick so schrecklich, Henriette?« säuselte der Steuereinnehmer. »Aber nein, nein, nein!« lispelte die Braut. »Aber alle meine Freunde – die geliebten Gespielinnen meiner Jugendjahre – verlassen zu müssen, ist so – so unendlich traurig!« Nur langsam konnte sie sich erholen, dann aber erinnerte sie sich plötzlich, Mrs. Crummles sei ihr mehr als eine Mutter, Mr. Crummles mehr als ein Vater, und die jungen Masters Crummles nebst Miss Ninetta Crummles mehr als Brüder und Schwestern gewesen. Das hatte jedesmal eine Reihe von Umarmungen zur Folge und kostete eine geraume Zeit, so daß man sich schließlich genötigt sah, dem Kutscher die allergrößte Eile anzuempfehlen, um nicht zu spät in die Kirche zu kommen. Der Zug bestand aus zwei Wagen; in dem ersten saßen Miss Bravassa, die vierte Brautjungfer, Mrs. Crummles, der Steuereinnehmer und Mr. Folair, der zum Bräutigamsführer erwählt worden war; in dem andern befanden sich die Braut, Mr. Crummles, Miss Snevellicci, Miss Ledrock und das Wunderkind. Die Kostüme konnten prunkvoller nicht gedacht werden. Die Damen waren über und über mit künstlichen Girlanden bedeckt, und das Wunderkind verschwand beinahe ganz in einer tragbaren Blumenlaube, in die man es gesteckt hatte. Die romantische Ledrock trug an ihrer Brust das Miniaturbild irgendeines unbekannten Offiziers, das sie nicht lange vorher billig bei einer Versteigerung erstanden hatte, die übrigen Damen glänzten in prachtvollen Garnituren aus nachgemachten Juwelen, die sich von echten kaum unterscheiden ließen, und Mrs. Crummles trug eine ernste und düstere Majestät zur Schau, die die Bewunderung aller Zuschauer erregte. Am auffallendsten und eindrucksvollsten machte sich jedoch die Erscheinung Mr. Crummles', der als Brautvater funktionierte und infolge eines originellen und glücklichen Einfalles sich für diese Rolle durch eine Theaterperücke, wie man sie auf alten Denkmünzen sieht, einen schnupftabakfarbigen Anzug nach dem Schnitte des vorigen Jahrhunderts, grauseidene Strümpfe und Schnallenschuhe aufgeputzt hatte. Um seiner angenommenen Charakterrolle als zärtlicher Vater noch mehr Ehre zu machen, hatte er sich entschlossen, den Tiefgerührten zu spielen, und schluchzte so laut und herzzerbrechend, daß ihm der Küster den Rat erteilte, er möge sich in die Sakristei zurückziehen und vor Beginn der Zeremonie durch ein Glas Wasser stärken. Der Gang durch die Kirche war ein wundervoller Anblick. Die Braut und die vier Brautjungfern bildeten eine vorher sorgfältig einstudierte Gruppe, der Steuereinnehmer schritt vor seinem Brautführer einher, der ihn zur unbeschreiblichen Belustigung einiger Theaterfreunde auf den Galerien in Gang und Haltung genau kopierte, dann folgte wankend und schmerzgebeugt Mr. Crummles. – Mrs. Crummles beobachtete ihren gewohnten langsamen feierlichen Giraffenschritt. Mit einem Wort, die Prozession war das Vollkommenste, was je ein Menschenauge erblickt. Die Trauung ging rasch und anstandslos vonstatten, und als sich alle Anwesenden in das Kirchenregister eingeschrieben hatten (zu welchem Zwecke Mr. Crummles, als die Reihe an ihn kam, sorgfältig eine ungeheuere Brille abwischte und auf die Nase setzte), kehrten sie in ungemein heiterer Stimmung zum Frühstück heim. Nikolas harrte bereits ihrer Ankunft. »Wohlan jetzt, frischauf, Kameraden«, trällerte Mr. Crummles, Mrs. Grudden in den Vorbereitungen, die übrigens viel großartiger, als der Steuereinnehmer gutheißen mochte, ausgefallen waren, hilfreiche Hand leistend, »zum Frühstück! zum Frühstück!« Einer zweiten Einladung bedurfte es nicht. Die Gesellschaft drückte sich an dem Tische, so gut es gehen wollte, zusammen und griff ohne weitere Umstände zu. Miss Petowker wurde jedesmal bis über die Ohren rot, wenn sie jemand ansah, und aß sehr viel, wenn sie niemand ansah; und Mr. Lillyvik ging mit dem festen Entschluß ans Werk – da alle diese guten Bissen doch aus seiner Tasche bezahlt werden mußten –, den Crummlessen so wenig wie möglich übrigzulassen. »Das war ja schnell und schmerzlos – wie?« scherzte Mr. Folair und wendete sich verbindlich über den Tisch an den Steuereinnehmer. »Was war schmerzlos?« fuhr Mr. Lillyvik auf. »Das Knüpfen des Ehebandes – das Anlegen der Rosenkette«, versetzte Mr. Folair. »Es hat nicht lange gebraucht – oder?« »Nein, Sir«, erwiderte Mr. Lillyvik erbleichend, »es dauerte nicht lange. Und was weiter, Sir?« »Ach, nichts sonst«, sagte der Schauspieler leichthin. »Man braucht nicht lange, um sich hängen zu lassen – so oder so. Hab ich nicht recht? Ha! ha! ha!« Mr. Lillyvik legte Messer und Gabel nieder und sah sich mit Entrüstung am Tische um. »Sich hängen zu lassen?« wiederholte er. Ein tiefes Schweigen herrschte, denn des Steuereinnehmers würdevolle Miene überstieg alle Beschreibung. »Sich hängen zu lassen?« rief Mr. Lillyvik abermals. »Zieht man in dieser Gesellschaft einen Vergleich zwischen Heiraten und Sich-hängen-Lassen?« »In beiden Fällen wird bekanntlich vorher eine Schlinge gemacht«, trachtete Mr. Folair etwas kleinlaut die Situation zu retten. »Eine Schlinge, Sir?« zürnte Mr. Lillyvik. »Wagt es jemand in meiner Gegenwart, eine Schlinge und Henriette Pe-« »Lillyvik«, verbesserte Mr. Crummles. »– und Henriette Lillyvik in einem Atem zu nennen? Hier in diesem Hause und in Gegenwart von Mr. und Mrs. Crummles, die eine talentvolle und tugendhafte Familie zu Segnungen des Himmels, zu Wunderkindern und zu – Gott weiß was erzogen haben, muß man von ›Sich-hängen-Lassen‹ sprechen hören?« »Folair«, tadelte Mr. Crummles, der infolge dieser schmeichelhaften Anspielung auf ihn und seine Gattin die Angelegenheit als Ehrensache nehmen zu müssen glaubte, »Folair, Sie setzen mich in Erstaunen.« »Wüßte nicht, inwiefern?« brummte der unglückliche Witzbold. »Was hab' ich denn verbrochen?« »Verbrochen, Sir?« rief Mr. Lillyvik. »Sie haben einen Ausfall gemacht auf die ganze menschliche Gesellschaft.« »Und auf die edelsten und zartesten Gefühle«, ergänzte Crummles, die Rolle des Brautvaters wieder aufnehmend. »Und das heiligste und achtenswerteste Band zwischen Mann und Weib«, erklärte der Steuereinnehmer. »Schleife! Als ob man gefangen und an Händen und Füßen gebunden in den Stand der heiligen Ehe träte und nicht aus freiem Willen und hohem Selbstbewußtsein heraus die feierliche Handlung beginge.« »Eine derartige Deutung kam mir nicht im entferntesten in den Sinn«, entschuldigte sich der Schauspieler; »aber wenn Sie so empfindlich sind, erkläre ich gern, daß ich meine Bemerkung bedaure. Mehr kann man nicht tun.« »Sie müssen Sie auch bedauern«, rief Mr. Lillyvik; »übrigens freut es mich, zu hören, daß Sie wenigstens noch Ehrgefühl im Leibe haben.« Da der Streit durch diese Erklärung beigelegt zu sein schien, hielt es die junge Mrs. Lillyvik, zumal die Aufmerksamkeit der Gesellschaft rege gemacht war, für angezeigt, in Tränen auszubrechen und den Beistand sämtlicher vier Brautjungfern in Anspruch zu nehmen. Das verursachte immerhin einige Verwirrung, denn da das Zimmer klein und das Tafeltuch lang war, wurde durch das Aufspringen der Damen ein ganzes Service über den Tisch hinuntergefegt. Ungeachtet dieses Unfalles wies jedoch Mrs. Lillyvik jeden Trost zurück, bis die kriegführenden Parteien ihr Wort gegeben hatten, den Streit nicht weiterzuführen, wozu sie sich endlich, wenn auch widerstrebend, bewegen ließen. Aber von diesem Augenblick an saß Mr. Folair in verdrießlichem Schweigen da und beschränkte sich darauf, wenn etwas gesprochen wurde, Nikolas ins Bein zu kneifen, um dadurch seine Verachtung dem jeweiligen Sprecher gegenüber sowie den an den Tag gelegten Gefühlen kundzugeben. Sodann wurde eine Reihe von Reden gehalten, eine von Nikolas, eine von Crummles und eine von dem Steuereinnehmer; zwei von den jungen Masters Crummles und eine von dem Wunderkind im Namen der Brautjungfern, wobei natürlich Mrs. Crummles heiße Tränen vergoß. Dann ging es an Gesangsproduktionen; Miss Ledrock und Miss Bravassa ließen ihre Stimmen erschallen, und wahrscheinlich wäre die Reihe auch noch an andere gekommen, wenn nicht der Droschkenkutscher, der das glückliche Paar nach Ryde zum Dampfschiff bringen sollte, mit der Erklärung hereingekommen wäre, falls seine Passagiere nicht auf der Stelle aufbrechen, achtzehn Pence über die bedungene Taxe fordern zu müssen. Diese gefährliche Drohung sprengte die Gesellschaft auseinander. Nach einem höchst ergreifenden Abschied reiste Mr. Lillyvik mit seiner jungen Gattin nach Ryde ab, wo sie die nächsten zwei Tage in tiefster Zurückgezogenheit zubringen wollten. Das Wunderkind begleitete sie, denn Mr. Lillyvik hatte Miss Crummles ausdrücklich deshalb zur Reisebrautjungfer erkoren, weil er hoffte, in Anbetracht ihres zwerghaften Wuchses für sie auf dem Dampfer nur ein Kinderbillett lösen zu müssen. Da an diesem Abend keine Theatervorstellung stattfand, erklärte Mr. Crummles, daß man, bis der letzte Tropfen geleert sei, beisammenbleiben sollte, aber Nikolas, der tags darauf zum erstenmal den Romeo spielen sollte, benützte eine gelegentliche Verwirrung, die durch ein unerwartetes Ausbrechen deutlicher Symptome von Trunkenheit bei Mrs. Grudden veranlaßt wurde, und schlich sich fort. Er wurde zu dieser Desertion noch außerdem durch seine Besorgnisse um Smike veranlaßt, der in der Rolle des Apothekers auftreten sollte und von ihr bis jetzt noch nicht viel mehr, als daß er sehr hungrig aussehen müsse, begriffen hatte. »Ich weiß nicht, was da zu tun ist, Smike«, sagte Nikolas und legte die Rolle nieder. »Ich fürchte, du wirst es dir nicht merken können, armer Bursche.« »Oh – doch«, meinte Smike stockend. »Ich glaube, wenn Sie, – aber das würde Ihnen zu viele Mühe machen.« »Was glaubst du? Meinetwegen darfst du unbesorgt sein.« »Ich glaube, wenn Sie mir's einigemal in kurzen Sätzen vorsagen wollten, würde ich gewiß imstande sein, mir alles zu merken.« »Meinst du?« erwiderte Nikolas. »Gut, dann wollen wir sehen, wer zuerst müde wird. Ich gewiß nicht, Smike. – Also beginnen wir. – ›Wer ruft so laut?‹« »Wer ruft so laut?« sprach Smike nach. »Wer ruft so laut?« wiederholte Nikolas. »Wer ruft so laut?« schrie Smike. So fuhren sie fort, sich gegenseitig zu fragen, wer so laut rufe; und als sich Smike den Satz gemerkt hatte, ging Nikolas zum nächsten über, und so weiter, bis endlich gegen Mitternacht der arme Smike zu seinem unaussprechlichen Entzücken fand, daß er wirklich schon ein wenig von seiner Rolle wußte. Früh am Morgen ging das Examen aufs neue an, und Smike, durch die bereits gemachten Fortschritte zuversichtlicher, lernte schneller und besser. Als er den Wortlaut endlich beherrschte, zeigte ihm Nikolas, wie er sich mit beiden Händen den Magen reiben müsse, um durch dramatische Gesten das Hungergefühl entsprechend zu verraten. Nach der Morgenprobe gingen sie wieder ans Werk und hörten erst auf, als es Zeit war, abends im Theater zu erscheinen. Kaum daß sie ihre Studien durch ein eilig eingenommenes Mittagessen unterbrachen. Nie hatte wohl ein Lehrer einen aufmerksameren, demütigeren und lernbegierigeren Schüler, aber gewiß auch nie ein Schüler einen geduldigeren, unermüdlicheren, umsichtigeren und wohlwollenderen Lehrer. Sogar, als sie bereits angekleidet waren, setzte Nikolas, sooft der Romeo nicht auf der Szene zu erscheinen hatte, seinen Unterricht fort. Und wirklich, es führte zu einem günstigen Resultat. Der Romeo gefiel selbstverständlich, aber auch Smike wurde einstimmig, sowohl vom Publikum wie von den Schauspielern, für den König aller Apotheker erklärt. 26. Kapitel Kate Nicklebys Seelenfrieden gerät in ernste Gefahr Eine Reihe schöner Zimmer in der Regent Street. Die Uhr schlägt die dritte Nachmittagsstunde für den geplagten Arbeiter und die erste Morgenstunde für den reichen Lebemann. Lord Frederic und sein Freund Sir Mulberry ruhen auf zwei Sofas, und zwischen ihnen steht ein Tisch mit einem unberührten Frühstück. Im Zimmer liegen Zeitungsblätter herum, aber auch diese bleiben, wie das Mahl, unbeachtet, doch nicht etwa, weil eine lebhafte Unterhaltung die Aufmerksamkeit von den Tagesereignissen ablenkt. Man vernimmt keine Silbe aus dem Munde der beiden Herren und auch kein Geräusch, außer, wenn einer von ihnen sich herumwälzt, um eine bequemere Lage für seinen schmerzenden Kopf zu suchen, oder einen ungeduldigen Ausruf vernehmen läßt, der dann den Gefährten in seiner Ruhe stört. Schon diese Merkmale hätten einen hinreichenden Schlüssel zu der Ausdehnung der in der vergangenen Nacht stattgehabten Schwelgerei geben können, wenn auch keine anderen Spuren vorhanden gewesen wären, aus denen die Art ihrer Vergnügungen sich hätte erkennen lassen. Ein paar beschmutzte Billardbälle, zwei zerknüllte Hüte, eine Champagnerflasche, um deren Hals ein unsauberer Handschuh gewunden war, um sie bequemer als Angriffswaffe benützen zu können, ein zerbrochener Stock, umhergestreute Spielkarten, ein leerer Geldbeutel, eine zerrissene Uhrkette, eine Handvoll Silbermünzen mit den Stummeln halbausgerauchter Zigarren vermengt – diese und andere Zeichen von Unordnung und Ausschweifung bekundeten unverkennbar die Art, wie sich die beiden feinen Herren in der letzten Nacht belustigt hatten. Lord Frederic war der erste, der zu sprechen begann. Er ließ seinen bepantoffelten Fuß auf den Boden gleiten, gähnte gewaltig, bemühte sich, sich aufzusetzen, heftete die übernächtigten Augen auf seinen Freund und rief ihn mit schläfriger Stimme an. »Was gibt's?« knurrte Sir Mulberry, sich umwendend. »Wollen wir den ganzen Ta-ag hier liegen?« »Ich weiß nicht, ob wir zu etwas anderem zu gebrauchen sind«, meinte Sir Mulberry. »Vorderhand können wir wenigstens nichts Besseres tun. Ich habe diesen Morgen kein Quentchen Leben in mir.« »Leben?« ächzte der Lord. »Mir wäre nichts a-angenehmer und beha-aglicher, als wenn ich auf der Stelle sterben könnte.« »Nun, dann sterben Sie!« riet Sir Mulberry. Dabei kehrte er sein Gesicht zur Wand und versuchte aufs neue einzuschlafen. Sein hoffnungsvoller Freund und Zögling hingegen zog einen Stuhl an den Frühstückstisch und versuchte zu essen. Als er aber fand, daß ihm dies nicht glücken wollte, schleppte er sich zum Fenster, schlenderte dann, die Hand an die fiebernde Stirn gelegt, im Zimmer auf und ab, und warf sich endlich wieder auf das Sofa und weckte dadurch seinen Freund aufs neue. »Was zum Teufel wollen Sie denn von mir?« stöhnte Sir Mulberry und richtete sich mühsam auf. Obgleich er dies in ziemlich übler Laune sprach, schien er es doch nicht für angebracht zu halten, noch weiter so teilnahmslos zu bleiben. Nach wiederholtem Rekeln, Schaudern und Fluchen auf die verdammte Kälte machte er gleichfalls einen Versuch zu frühstücken und blieb, da es ihm besser mundete als seinem weniger abgebrühten Freund, am Tische sitzen. »Was halten Sie davon«, knurrte er und betrachtete ein Stückchen Fleisch auf seiner Gabelspitze, »wenn wir wieder auf das Thema ›Nickleby‹ kämen?« »Meinen Sie den Wucherer oder das Mä-ädel?« fragte Lord Frederic. »Ich sehe, Sie verstehen mich. Natürlich das Mädel.« »Sie haben mir doch versprochen, sie ausfindig zu ma-achen.« – Lord Frederic gähnte laut. »Hm – allerdings«, gab Hawk widerstrebend zu, »aber ich habe inzwischen reiflicher über die Sache nachgedacht. Sie mißtrauen mir in der Sache, scheint mir. – Machen Sie sie lieber selbst ausfindig.« »Aber nicht im geringsten«, beteuerte Lord Frederic. »Und ich sage ›ja‹«, versetzte Sir Mulberry. »Forschen Sie nur selber nach. Übrigens wette ich meinen Kopf, daß Sie auch nicht eine Spur von ihr ohne mich entdecken. – Aber ich will glimpflich mit Ihnen verfahren und Ihnen den Weg andeuten. – Ich will Ihnen sagen, wie sich's machen läßt. – Sie war bei jenem Dinner als ein Köder für Sie zugegen.« »Was!?« rief der junge Lord. »Das wäre der Teu-« »Als ein Köder für Sie«, wiederholte Sir Mulberry; »der alte Nickleby hat es mir selbst gesagt. – Wenn Sie sie auffinden wollen, müssen Sie den Alten um ihre Adresse fragen und ihm drohen, daß Sie jeden Geschäftsverkehr mit ihm abbrechen, wenn er Späne macht.« »Das ist ja ein Mordskerl«, rief Lord Frederic, »ein verdammt nobler Spitzbube. Aber warum sagten Sie mir das alles nicht schon früher? Sie lassen mich da schmachten und braten und ein miserables Dasein durch ein ganzes Menschen-a-alter hinschleppen.« »Erstens weiß ich es selbst erst seit kurzem«, antwortete Sir Mulberry gleichgültig, »und zweitens wußte ich nicht, daß es Ihnen so ernst mit der Sache wäre.« In Wirklichkeit hatte er seit dem Dinner bei Ralph Nickleby insgeheim alle ihm zu Gebot stehenden Mittel angewendet, um zu entdecken, wieso Kate so plötzlich erschienen und wohin sie ebenso plötzlich verschwunden war. Da es ihm aber an Ralphs Beistand gebrach und er ihn seit dem damaligen nicht sehr freundlichen Abschied nicht mehr gesehen hatte, waren alle seine Anstrengungen vergeblich geblieben. Das bestimmte ihn jetzt, dem jungen Lord den Kernpunkt des Eingeständnisses, das er damals dem Wucherer entlockt, zu verraten, wohl wissend, daß der schwache junge Mann alles, was er über Kates Aufenthalt erfahren würde, sofort ausplaudern werde. – Er brannte förmlich darauf, Ralph Nicklebys Nichte wiederzusehen, durch Anwendung aller seiner Tricks ihren Stolz zu beugen und sich für die Verachtung, die sie ihm hatte angedeihen lassen, zu rächen. Außerdem mußte seine scheinbare Uneigennützigkeit seinem Freunde gegenüber goldene Früchte tragen und die ohnehin schon häufigen Geldwanderungen aus den Taschen des Lords in seine eigenen noch ungemein erleichtern. So folgerte Sir Mulberry und begab sich bald darauf mit Lord Frederic zu Ralph Nickleby, um dort den von ihm entworfenen Operationsplan, der angeblich die Absichten seines Freundes unterstützen, in Wirklichkeit aber nur seinen eigenen Vorschub leisten sollte, in Ausführung zu bringen. Sie fanden Ralph zu Hause und allein. Als er sie in sein Besuchszimmer führte, schien ihm die Erinnerung an den Auftritt, der hier stattgefunden, wieder aufzutauchen, denn er warf einen lauernden Blick auf Sir Mulberry. Sie sprachen eine kleine Weile über Geldangelegenheiten, und als diese abgemacht waren, erklärte (gedrillt von Sir Mulberry) der hochgeborne Pinsel mit einiger Verlegenheit, mit Ralph ein Wort unter vier Augen sprechen zu müssen. »Wie – unter vier Augen?« rief Sir Mulberry mit geheucheltem Staunen. »Hm. Meinetwegen. Ich kann ja ins nächste Zimmer gehen. Aber laßt mich gefälligst nicht lange warten.« Dann nahm er seinen Hut, summte ein paar Takte aus einer Arie und entfernte sich durch die Verbindungstüre. »Nun, Mylord«, fragte Ralph, »womit kann ich Ihnen dienen?« »Nickleby«, begann der junge Aristokrat und streckte sich der Länge nach auf dem Sofa, auf dem er gesessen, aus, um möglichst gleichgültig zu erscheinen, »was Sie da für ein niedliches Geschöpf zur Nichte haben!« »Meinen Sie, Mylord?« versetzte Ralph. »Mag sein, mag sein, ich belaste mir den Kopf nicht mit derartigen Dingen.« »Sie wissen ganz gut, daß sie ein verteufelt hübsches Ding ist; Sie müssen das wissen, Nickleby. Versuchen Sie nicht zu leugnen.« »Je nun, ich glaube, man hält sie dafür«, gab Ralph zu. »Ich weiß schließlich ja auch selbst, daß sie es ist. Wenn es aber auch nicht der Fall wäre, so gelten Sie mir doch als eine gewichtige Autorität in derartigen Dingen. Ihr Geschmack, Mylord, ist in jeder Hinsicht allgemein als der beste bekannt.« Keinem als dem jungen Manne, an den diese Worte gerichtet waren, hätte der Ton des Hohnes und der verächtliche Blick, mit denen sie begleitet waren, entgehen können. Aber Lord Frederic nahm sie nur als gebührende Anerkennung seiner Verdienste hin. »Nun«, näselte er, »vielleicht haben Sie ein wenig recht, vielleicht auch ein wenig unrecht – möglicherweise auch ein wenig von beiden, Nickleby. Mir liegt nur daran zu wissen, wo die kleine Beauty wohnt, um sie gelegentlich sehen zu können, Nickleby.« »Wirklich –«, begann Ralph in seinem gewöhnlichen nüchternen Tone. »Sprechen Sie nicht so laut«, warnte der Lord, seine eingelernte Rolle bewunderungswürdig gut spielend; »Hawk braucht nichts davon zu hören.« »Sie wissen, daß er Ihr Nebenbuhler ist?« fragte Ralph mit einem scharfen Blick. »Das ist der verda-ammte Spitzbube immer. Ich möchte ihm diesmal ganz sachte den Rang ablaufen. Ha! ha! ha! Es wird ihn so schon genug wurmen, Nickleby, daß wir hier ohne ihn miteinander reden. – Also, wo wohnt sie, Nickleby? Ich brauche nichts weiter zu wissen. Sagen Sie mir nur, wo sie wohnt, Nickleby.« »Er beißt an«, dachte Ralph, »er beißt an.« »Nun, so reden Sie doch«, drängte der Lord. »Wo wohnt sie?« »Wirklich – ich –«, begann Ralph zögernd und rieb langsam die Hände übereinander, »ich muß es mir erst überlegen, ehe ich es Ihnen sagen kann.« »Ach, lassen Sie das lieber bleiben, Nickleby. Sie sollten überhaupt nie überlegen. – Wo wohnt sie?« »Es kommt vielleicht nichts Gutes dabei heraus, wenn Sie es wissen. Sie ist tugendhaft und wohlerzogen; auch schön, aber arm und schutzlos – ein armes, armes Mädchen.« Ralph gab diese kurze Schilderung von Kates Stellung, als spräche er nur so zu sich selbst, aber der lauernde Blick, den er auf den jungen Aristokraten richtete, strafte diese armselige Verstellung Lügen. »Ich gebe Ihnen die Versicherung, daß ich sie bloß sehen will«, beteuerte Lord Frederic. »Man darf sich doch schließlich ein hübsches Mädchen anschauen. Das bringt ihr doch keinen Schaden – oder? Also, heraus damit, wo wohnt sie? Sie wissen, daß Sie an mir gut verdienen, Nickleby, und meiner Seel', niemand soll mich dazu bringen, zu jemand anders zu gehen, wenn Sie mir diesen kleinen Gefallen tun.« »Da Sie mir Ihr Versprechen geben, Mylord«, gab Ralph scheinbar widerstrebend nach, »und ich Ihnen recht gerne einen Dienst erweisen möchte – und da außerdem kein Schaden daraus erwachsen kann – ja, ja, kein Schaden –, so will ich's Ihnen sagen. Aber Sie werden gut tun, es für sich zu behalten, Mylord – ausschließlich für sich.« Er deutete dabei nach der Türe des anstoßenden Zimmers und nickte ausdrucksvoll mit dem Kopf. Der junge Aristokrat tat, als fühle er gleichfalls die Notwendigkeit dieser Vorsichtsmaßregel, und Ralph teilte ihm nun mit, wo und unter welchen Verhältnissen seine Nichte zur Zeit lebe und daß ein Lord ohne Zweifel leicht im Hause Zutritt finden könne, wenn er Lust dazu hätte, da man dort viel auf vornehme Bekanntschaften zu halten scheine. »Und da Sie meine Nichte nur zu sehen wünschen«, schloß er, »so können Sie auf diesem Wege zu jeder Zeit Ihren Zweck erreichen.« Lord Frederic dankte für diesen Wink mit einem herablassenden Händedruck und meinte dann, daß sie vielleicht gut tun würden, die Unterhaltung abzubrechen. »Ich dachte schon, Ihr wäret eingeschlafen«, brummte Sir Mulberry, höchst übel gelaunt wieder eintretend. »Tut mir leid, daß Sie warten mußten«, entschuldigte sich der Gimpel; »aber Mr. Nickleby ist so erstaunlich spa-aßhaft gewesen, daß ich mich gar nicht von ihm losreißen konnte.« »Seine Herrlichkeit belieben zu scherzen«, entgegnete Ralph; »die Schuld liegt ganz an Seiner Herrlichkeit. Sie wissen, Sir Mulberry, was für ein witziger, geistreicher junger Herr Lord Frederic ist. – Darf ich bitten – nach Ihnen, Mylord – Sir Mulberry?« Mit solchen Höflichkeitsphrasen, vielen tiefen Bücklingen und dem gleichen, kalten, höhnischen Zug um den Mund, den er die ganze Zeit über bewahrt hatte, begleitete Ralph die beiden adeligen Herren die Treppe hinunter, ohne den verwunderten Blick Sir Mulberrys, der ihm ein Kompliment über seine vollendete Spitzbüberei zu machen schien, mit etwas anderem als einem leichten Zucken der Lippen zu erwidern. Einige Augenblicke vorher war die Klingel gegangen, und Newman Noggs öffnete eben die Türe, als sie in dem Hausflur anlangten. Der gewöhnlichen Hausordnung zufolge würde Newman den neuen Besuch schweigend eingelassen oder ersucht haben, ein wenig beiseite zu treten, bis die Herren draußen wären; er hatte jedoch kaum erkannt, wer es war, als er sich auf eigene Faust eine Abweichung von der Regel erlaubte und mit einem Blick auf das achtbare Trio laut ausrief: »Mrs. Nickleby!« »Mrs. Nickleby?« rief Sir Mulberry Hawk sofort. Es war in der Tat die Witwe, die, da ein Mietgesuch für das leere Haus in der City eingelaufen war, sich diensteifrig mit der Eile eines Briefträgers auf den Weg gemacht hatte, um das Schreiben Mr. Nickleby persönlich zu überbringen. »Es ist niemand, den Sie kennen«, sagte Ralph rasch. »Treten Sie in das Kontor, meine – meine – Liebe. Ich komme sogleich.« »Niemand, den ich kenne?« rief Sir Mulberry Hawk, auf die bestürzte Dame zutretend. »Ist das Mrs. Nickleby, die Mutter von Miss Nickleby, dem bezaubernden Wesen, das ich so glücklich war, bei dem letzten Dinner in diesem Hause zu sehen? – Aber nein«, brach er, schlau berechnend, plötzlich ab, »nein, es kann nicht sein. Und doch ist es derselbe Gesichtsschnitt, derselbe unbeschreibliche Ausdruck des – aber nein, nein. Diese Dame ist zu jung dazu.« »Ich denke, Sie können dem Herrn sagen, wenn es ein Interesse für ihn hat«, sagte Mrs. Nickleby, das Kompliment mit einer huldvollen Verbeugung quittierend, »daß Kate meine Tochter ist.« »Ihre Tochter, Mylord!« rief Sir Mulberry, sich zu seinem Freunde wendend. »Die Tochter dieser Dame, Mylord!« »Mylord?« dachte Mrs. Nickleby. »Ich hätte mir doch nie im Leben –« »Dies, Mylord, ist also die Dame«, fuhr Sir Mulberry erregt fort, »deren holdem Ehebunde wir so viel Glück verdanken. Die Dame ist die Mutter der liebenswürdigen Miss Kate. Bemerken Sie nicht die außerordentliche Ähnlichkeit, Mylord? Nickleby, stellen Sie uns doch vor.« – Ralph tat es in einer Art von Verzweiflung. – »Meiner Seel', das ist ja köstlich«, rief Lord Frederic, sich vordrängend. »Äh – freut mich, Sie kennenzulernen.« Mrs. Nickleby war infolge dieser ungemein freundlichen Begrüßung, wie auch eines innerlichen Ärgers, nicht ihren andern Hut aufgesetzt zu haben, zu verwirrt, als daß sie eine Antwort hätte geben können, und beschränkte sich daher darauf, rastlos zu knicksen, zu lächeln und große Aufregung an den Tag zu legen. »Und wa-as macht Miss Nickleby?« fragte Lord Frederic. »Sie ist hoffentlich wohl?« »Ganz wohl, danke der Nachfrage, Mylord«, antwortete Mrs. Nickleby sich sammelnd. »Sie war einige Tage nach dem Dinner hier im Hause unpäßlich. Ich kann mir nur denken, daß sie sich auf der Nachhausefahrt in der Droschke erkältet hat. Droschken, Mylord, sind so garstige Dinger, daß man fast immer besser tut, zu Fuß zu gehen. Obgleich ich glaube, daß ein Droschkenkutscher Deportation auf Lebenszeit bekommt, wenn er zerbrochene Fenster hat, so sind doch alle so nachlässig, daß es wohl kaum einen einzigen gibt, der nicht zerbrochene Fensterscheiben hätte. Ich habe mir einmal in einer Droschke eine Gesichtsrose geholt, Mylord, wegen der ich sechs Wochen im Bett bleiben mußte – ja, ich glaube, es war eine Droschke«, fuhr Mrs. Nickleby nach einigem Besinnen fort, »obgleich ich nicht ganz sicher bin, ob es nicht ein Fiaker war. Jedenfalls erinnere ich mich, daß sie grün angestrichen war und eine sehr lange Nummer hatte, die mit einer Null anfing und mit einer Neun endigte – nein, mit einer Neun anfing und mit einer Null endigte; ja, so war's –, und natürlich würde die Polizei, wenn sie Nachforschungen anstellte, leicht ausfindig machen können, ob es eine Droschke oder ein Fiaker gewesen ist. Aber sei dem, wie es wolle, sie hatte ein zerbrochenes Fenster, und ich hatte für sechs Wochen eine Gesichtsrose weg. Ich denke, es war dieselbe Droschke, in der wir später wieder fuhren und die die ganze Zeit über ein zurückgeschlagenes Verdeck hatte – wir würden uns diesen Umstand nicht gemerkt haben, wenn man uns deshalb nicht einen Schilling extra für die Stunde abgefordert hätte, was Gesetz zu sein scheint, oder vielleicht damals Gesetz war; aber jedenfalls ist es ein schändliches Gesetz. Ich verstehe mich zwar nicht auf die Sache, aber ich darf sagen, die Kornwuchergesetze sind nichts gegen solche Parlamentsakte.« Nachdem Mrs. Nickleby in dieser Weise ihrer Zunge freien Lauf gelassen hatte, hielt sie so plötzlich, wie sie angefangen hatte, inne und wiederholte, daß Kate jetzt ganz wohl wäre. »Ich glaube nicht, daß sie sich je wohler befand, seit sie den Keuchhusten, das Scharlachfieber und die Masern – und zwar alle drei zu gleicher Zeit – überstanden hatte. – a, ja, so ist es.« »Ist das Schreiben an mich?« brummte Ralph, auf das Kuvert deutend, das Mrs. Nickleby in der Hand hielt. »Ja, an Sie, Schwager. Und ich bin deshalb den ganzen Weg hierher, so schnell ich konnte, gelaufen, um es Ihnen selbst zu geben.« »Den ganzen Weg hierher gelaufen!?« rief Sir Mulberry, die Gelegenheit erfassend, um zu erfahren, woher Mrs. Nickleby käme. »Das muß wohl eine verflixte Entfernung sein? –Wie weit ist es wohl?« »Wie weit?« entgegnete Mrs. Nickleby. »Lassen Sie mich nachrechnen. Es ist genau eine Meile von unserer Haustüre bis nach Old Bailey.« »Nein – nein – nein, so weit kann's nicht sein«, meinte Sir Mulberry. »Ah, ganz gewiß«, versicherte Mrs. Nickleby. »Ich berufe mich auf Seine Herrlichkeit.« »Ich kann bestimmt versichern, daß es eine Meile ist«, bemerkte Lord Frederic mit der ernsthaftesten Miene von der Welt. »Es muß so sein – gewiß, keine Elle weniger«, nahm Mrs. Nickleby einen neuen Redeanlauf. »Die ganze Newgate Street und ganz Cheapside herunter, die ganze Lombard Street hinauf, die Gnadenkirchstraße hinunter und auf der Themse Street fort bis zur Spigwiffinswerfte. Oh, es ist eine Meile.« »Wenn ich es mir näher überlege, so haben Sie recht«, gab Sir Mulberry, ein Lächeln unterdrückend, zu. »Aber Sie haben doch gewiß nicht im Sinn, den ganzen Weg wieder zu Fuß zurückzulegen?« »O nein«, erwiderte Mrs. Nickleby, »ich will einen Omnibus benützen. Ach, ich bin freilich nicht in Omnibussen gefahren, als mein armer Nikolas noch lebte. – Aber Sie wissen, Schwager, wie's geht.« »Ja, ja. – Aber wollen Sie nicht noch ein wenig bleiben und ausruhen?« sagte Ralph, der sonst selten eine Erfrischung anbot, wenn nichts dabei zu verdienen war, auffallend rasch. »Ach, lieber Gott, nein«, lehnte Mrs. Nickleby mit einem Blick auf die Uhr zögernd ab. »Lord Frederic«, riß Sir Mulberry das Gespräch an sich, »wir haben mit Mrs. Nickleby einen Weg. Wir müssen doch dafür sorgen, daß sie sicher in einem Omnibus untergebracht wird.« »J-a freilich«, näselte der Lord. »Ach, eine solche Ehre wäre allzugroß«, zierte sich Mrs. Nickleby. Aber Sir Mulberry und Lord Frederic bestanden darauf, ihr diese Ehre zu erweisen, und verließen, sie in die Mitte nehmend, das Haus, ohne auf Ralph Rücksicht zu nehmen, der – und zwar nicht mit Unrecht – einsah, daß er als stummer Zuschauer eine weniger lächerliche Rolle spielen würde, als wenn er sich in die Verhandlungen einmischte. Die gute Dame fühlte sich überglücklich sowohl durch die Aufmerksamkeiten, die ihr von zwei adeligen Herren erwiesen wurden, wie auch durch die feste innerliche Überzeugung, daß Kate jetzt mindestens zwischen zwei ungeheuer reichen und durchaus tadellosen Freiern die Wahl habe. Während sie sich so einem Strom von Gedanken, die alle mit der künftigen Größe ihrer Tochter in Verbindung standen, hingab, wechselten Sir Mulberry und sein Freund über dem Hut weg, den die arme Frau nicht zu Hause gelassen zu haben so bedauerte, Blicke des Einverständnisses und ließen sich in hohem Entzücken und nicht minder respektvoll über Miss Nicklebys mannigfaltige Vorzüge aus. »Welche Wonne, welcher Trost, welches Glück muß nicht dieses holde Wesen für Sie sein!« rief Sir Mulberry mit dem Timbre wärmsten Gefühls in der Stimme. »Das ist sie in der Tat, Sir«, versetzte Mrs. Nickleby. »Sie ist das sanfteste und edelherzigste Geschöpf von der Welt – und so verständig!« »Man sieht ihr den Versta-and an«, bekräftigte Lord Frederic mit der Miene eines Mannes, dem ein Urteil in derartigen Dingen zukommt. »Ich versichere Ihnen, sie ist es, Mylord. Als sie in dem Institut in Devonshire war, galt sie allgemein für das gescheiteste Mädchen, und es waren doch viele recht verständige unter den Pensionärinnen – das muß wahr sein. Fünfundzwanzig junge Damen, von denen jede fünfzig Guineen – die Nebenausgaben nicht mit eingerechnet – bezahlte, darunter die beiden Miss Dowdles, die vollendetsten, elegantesten und bezauberndsten jungen Damen. – Ach, du mein Himmel«, fuhr Mrs. Nickleby fort, »ich werde nie vergessen, wieviel Freude sie mir und ihrem armen Vater bereitete, als sie in der Pension war. – Nie! Wenn ich nur an die herrlichen Briefe denke, in denen sie uns jedes Halbjahr schrieb, daß sie die Erste in der ganzen Anstalt sei und bessere Fortschritte gemacht habe als alle andern! Ach, ich darf gar nicht mehr daran denken! Die Mädchen schrieben die Briefe alle selber«, fügte Mrs. Nickleby wichtig hinzu, »und der Lehrer besserte sie nachher mit einem Vergrößerungsglas und einer silbernen Feder aus; wenigstens glaube ich, daß es selbst verfaßte Briefe waren, obgleich es Kate nicht ganz gewiß behaupten konnte. Jedenfalls weiß ich aber, daß es ein Musterbrief war, den alle abzuschreiben hatten, und die Eltern mußten dann natürlich eine große Freude darüber haben.« Mit solchen und ähnlichen Reminiszenzen verkürzte Mrs. Nickleby den Herren den Weg, bis sie endlich bei dem Omnibushalteplatz anlangten. Die neuen vornehmen Bekannten wollten sie aus lauter Höflichkeit nicht verlassen, bis sie wirklich abgefahren wäre, und nahmen bei dieser Gelegenheit, wie Mrs. Nickleby später oft erzählte, ihre Hüte »ganz« ab und küßten sich die strohfarbigen Glacehandschuhfingerspitzen, bis der Wagen ihnen aus dem Gesicht entschwand. Dann drückte sie sich in die hinterste Ecke des Omnibus, schloß die Augen und überließ sich einer Fülle der angenehmsten Betrachtungen. Kate hatte nie ein Wort von diesen Herren gesprochen, »und dies«, dachte sie, »beweist, daß sie einen von ihnen begünstigt«. Aber welchen von beiden? Der Lord war der jüngere und sein Rang entschieden der höhere; aber Kate war nicht das Mädchen, das sich durch derartige Rücksichten bestimmen ließ. »Ich werde ihren Neigungen nie einen Zwang antun«, sagte sich Mrs. Nickleby. »Aber, in der Tat, ich glaube, es kann gegenüber Seiner Lordschaft und Sir Mulberry von einer schwierigen Wahl gar keine Rede sein. Sir Mulberry ist ein aufmerksamer, galanter Herr, hat so viel Manier, so viel Takt und überhaupt so viel, was für ihn spricht. Ich hoffe, es ist Sir Mulberry – ja gewiß, es muß Sir Mulberry sein!« Und dann kehrten Mrs. Nicklebys Gedanken zu ihrer alten Prophezeiung zurück, und sie »erinnerte« sich, wieviel hundertmal sie gesagt hätte, Kate würde ohne Mitgift eine weit bessere Partie machen als anderer Leute Töchter mit Tausenden von Pfunden. Als sie sich aber dabei mit der lebhaften Phantasie einer Mutter die Schönheit und Anmut des armen Mädchens vergegenwärtigte, die sich so ganz ohne Murren den Mühseligkeiten und Beschwerden der letzten Zeit unterzogen hatte, da schwoll ihr das Herz, und die Tränen rollten ihr über die Wangen. Ralph ging inzwischen in seinem kleinen Bureau auf und ab, nicht wenig durch das, was eben vorgefallen, beunruhigt. Es wäre die gröbste Verleumdung gewesen, wenn jemand gesagt haben würde, Ralph hätte je – für irgendein Geschöpf Gottes – Liebe oder Teilnahme empfunden; dessenungeachtet aber beschlich ihn hin und wieder ein Gedanke an seine Nichte, der eine leichte Färbung von Mitleid hatte, freilich nur ein matter Schimmer, im günstigsten Falle ein schwacher, kränkelnder Strahl, der durch die düstere Wolke von Haß oder Gleichgültigkeit, mit denen er alle Menschen betrachtete, brach, aber dennoch ein Etwas, das ihm das arme Mädchen in einem bessern und reinern Lichte zeigte, als ihm bis jetzt die Menschheit überhaupt erschienen war. »Ich wollte«, dachte er, »ich hätte es nicht getan. Und doch es wird diesen Laffen an mich fesseln, solange noch Geld bei ihm zu holen ist; freilich ein Mädchen verkaufen! – Ihr Versuchung, Beleidigung, Roheit in den Weg zu werfen! – Aber ich habe fast zweitausend Pfund Profit heute schon – an ihm! – Pah! Weg damit! Heiratstiftende Mütter tun jeden Tag das nämliche.« Und dann setzte er sich nieder und zählte die Möglichkeiten für und wider an den Fingern ab. »Wenn ich die Kerle heute nicht auf die richtige Spur gebracht haben würde, hätte es dieses einfältige Weib getan. – Je nun, wenn ihre Tochter so standhaft ist, wie es den Anschein hat, was kann ihr daraus Übles erwachsen? – Ein bißchen Quälerei, ein wenig Demütigung, ein paar Tränen, na«, sagte Ralph laut vor sich hin und schloß seine eiserne Kasse ab, »soll sie sich selber durchhelfen. – Ihr Geschick liegt in ihrer eigenen Hand.« 27. Kapitel Mrs. Nickleby wird mit den Herren Pyke und Rupfer bekannt, deren Ergebenheit und Zuneigung keine Grenzen kennt Wie stolz und wichtig fühlte sich nicht Mrs. Nickleby als sie ihre Wohnung erreichte und sich ganz den schönen Träumen hingeben konnte, die sie auf ihrem Wege umgaukelt hatten. – Lady Mulberry Hawk! – Das war die vorwaltende Idee. Lady Mulberry Hawk! – ›Am verflossenen Dienstag wurde in der St.-Georgs-Kirche, Hanover Square, durch Seine Hochwürden, den Bischof von Llandaff, Sir Mulberry Hawk von Mulberry Castle in Nordwales mit Katharina, der einzigen Tochter des verstorbenen Nikolas Nickleby, Esquire, aus Devonshire, ehelich verbunden!‹ »Herrlich«, jubelte Mrs. Nickleby, »nein, wie das klingt.« Nachdem die Trauungszeremonie mit den dazugehörigen Festlichkeiten abgetan war, vergegenwärtigte sich die sanguinische Mutter die lange Reihe von Ehren und Auszeichnungen, die notwendigerweise die Folge von Kates neuer und glänzender Laufbahn sein mußten. Natürlich wurde sie bei Hof vorgestellt. An ihrem Geburtstage, der auf den neunzehnten fiel (»zehn Minuten nach drei Uhr morgens«, erinnerte sich Mrs. Nickleby in Parenthese, »denn ich weiß noch recht gut, daß ich fragte, wieviel Uhr es wäre«), gab Sir Mulberry allen seinen Pächtern ein großes Fest und erließ ihnen drei und ein halbes Prozent von dem Ertrage des letzten halbjährigen Pachtes, was natürlich tags darauf in allen Blättern stand. Kates Porträt erschien wenigstens in einem halben Dutzend von Taschenbüchern, und auf der Rückseite stand jedesmal in den elegantesten Lettern zu lesen: »Verse bei Betrachtung eines Porträts der Lady Mulberry Hawk, von Sir Dingleby Dabber.« Vielleicht enthielt sogar ein nach einem umfassenderen Plane ausgearbeitetes Taschenbuch ein Porträt von Lady Mulberry Hawks Mutter mit Versen von Sir Dingleby Dabbers Vater. – »Es kommen ja jeden Tag noch viel unwahrscheinlichere Dinge vor; schon viel unbedeutendere Porträts sind erschienen.« Als der guten alten Dame dieser Gedanke auftauchte, nahm ihr Gesicht unwillkürlich jenen gemischten Ausdruck von Schmachten und Schläfrigkeit an, der allen derartigen Porträts eigen ist und in dem vielleicht der Grund liegt, daß sie immer einen so reizenden und liebenswürdigen Eindruck machen. Mit solchen glorreichen Luftschlössern beschäftigte sich Mrs. Nickleby den ganzen Abend, und nicht weniger prophetische und verheißungsvolle Träume versüßten die Nacht über ihren Schlaf. Sie bereitete am andern Tage eben ihr frugales Mittagessen – natürlich noch immer in denselben Ideen schwelgend, die nur durch das Licht der Sonne etwas nüchterner gestaltet wurden –, als das Mädchen, das ihr teils als Gesellschafterin, teils als »Stütze der Hausfrau« diente, mit ungewohnter Aufregung ins Zimmer stürzte und zwei Herren anmeldete, die im Hausflur stünden und um die Erlaubnis bäten, Mrs. Nickleby ihre Aufwartung zu machen. »Allmächtiger!« rief Mrs. Nickleby hastig Haube und Locken ordnend; »wenn es am Ende gar die – du meine Güte! Müssen da die Herren die ganze Zeit im Hausflur stehen! Warum läufst du nicht und fragst sie, ob sie nicht heraufkommen wollen, du dummes Ding?« Dann räumte sie hastig alles, was mit Essen und Trinken zu tun hatte, in den Schrank und setzte sich in möglichst gefaßter Haltung nieder. Im nächsten Augenblick traten zwei ihr völlig fremde Herren ins Zimmer. »Wie befinden Sie sich?« fragte der eine Herr, einen starken Nachdruck auf das zweite Wort seiner Frage legend. »Wie befinden Sie sich?« fragte der andere Herr und betonte das erste Wort stärker. Wahrscheinlich des Kontrastes wegen. Mrs. Nickleby knickste und lächelte, und knickste wieder und bemerkte verlegen, »daß sie – wirklich nicht – daß sie nicht die Ehre hätte –« »Uns zu kennen«, ergänzte der erste Herr. »Der Nachteil liegt auf unserer Seite, Mrs. Nickleby. Ist der Nachteil nicht auf unserer Seite, Pyke?« »Fraglos, Rupfer«, antwortete der andere Herr. »Wir haben es, glaube ich, schon sehr oft bedauert.« »Sehr oft.« »Aber jetzt«, sagte der erste Herr, »jetzt erfreuen wir uns endlich des lange ersehnten Glückes. Haben lange nach diesem Glück geschmachtet – was, Pyke?« »Sie können das doch unmöglich vergessen haben, Rupfer«, entgegnete Pyke vorwurfsvoll. »Hören Sie ihn, Madame?« fragte Mr. Rupfer und sah sich um. »Sie hören das unparteiische Zeugnis meines Freundes Pyke. Doch das erinnert mich – Förmlichkeiten, Madam – Förmlichkeiten dürfen nie in einer gebildeten Gesellschaft hintangesetzt werden. Mr. Pyke – Mrs. Nickleby.« Mr. Pyke legte die Hand aufs Herz und verbeugte sich tief. »Ob ich mich selbst mit derselben Förmlichkeit einführen«, fuhr Mr. Rupfer fort, »oder meinen Freund Pyke bitten soll, das Amt zu versehen, mich Ihnen, Mrs. Nickleby, als Mr. Rupfer, einen Freund Sir Mulberry Hawks' vorzustellen – dies, Mrs. Nickleby, sind Erwägungen, die ich Ihrer geneigten Entscheidung überlassen möchte.« »Ein Freund Sir Mulberry Hawks' bedarf bei mir keiner weiteren Einführung« bemerkte Mrs. Nickleby huldvoll. »Ich bin entzückt, Sie so sprechen zu hören«, versetzte Mr. Rupfer, dicht neben Mrs. Nickleby Platz nehmend. »Es ist mir eine wahre Herzensfreude, zu erfahren, daß Sie meinen vortrefflichen Freund, Sir Mulberry, so hoch schätzen. Ein Wort im Vertrauen, Mrs. Nickleby. Wenn Sir Mulberry es erfährt, wird er sich überglücklich fühlen – ich sage Ihnen, Madam, überglücklich fühlen; Pyke, setzen Sie sich!« » Meine gute Meinung«, entgegnete Mrs. Nickleby – die Ärmste frohlockte, daß sie ihr Sprüchlein so gut angebracht hatte –, » meine gute Meinung kann für einen Herrn, wie Sir Mulberry, nur von sehr geringem Belang sein.« »Von geringem Belang?« rief Mr. Rupfer. »Pyke, von welchem Belang ist die Meinung Mrs. Nicklebys für Sir Mulberry?« »Von welchem Belang?« wiederholte Pyke. »Ja. Ist sie für ihn nicht von größtem Belang?« »Von dem allergrößten Belang«, bestätigte Pyke. »Es kann Mrs. Nickleby unmöglich entgangen sein«, fuhr Mr. Rupfer fort, »welchen überwältigenden Eindruck die süße junge Dame auf –« »Rupfer!« verwies sein Freund. »Welche Worte gebrauchen Sie!« »Pyke hat recht«, murmelte Mr. Rupfer nach einer kurzen Pause. »Ich hätte mir keine derartige Bemerkung erlauben sollen. Pyke hat vollkommen recht. Ich danke Ihnen, Pyke.« »Wahrhaftig«, dachte Mrs. Nickleby; »ein solches Zartgefühl ist mir im Leben noch nicht vorgekommen.« Mr. Rupfer tat einige Minuten, als hätte ihn seine Unbedachtsamkeit in große Verlegenheit gesetzt, und nahm dann die Unterhaltung wieder auf, indem er Mrs. Nickleby bat, gütigst zu vergessen, was ihm so unwillkürlich herausgerutscht sei, und ihn lieber für unklug, voreilig und gedankenlos zu halten, als seine gute Absicht zu verkennen. »Aber wenn ich« – fuhr Mr. Rupfer fort – »wenn ich so viel Schönheit und Anmut auf der einen Seite und so viel Glut und heiße Liebe auf der anderen sehe, so – verzeihen Sie, Pyke, ich kam unabsichtlich wieder auf das Thema zurück. – Fangen Sie von etwas anderm an, Pyke.« »Wir versprachen Sir Mulberry und Lord Frederic«, nahm Pyke das Wort, »Sie, Madam, heute morgen zu besuchen und uns zu erkundigen, ob Sie sich gestern abend bei der Heimfahrt nicht erkältet hätten.« »Oh, gestern abend? – Nein, nicht im mindesten, Sir«, versetzte Mrs. Nickleby. »Darf ich bitten, Seiner Herrlichkeit und Sir Mulberry meinen untertänigsten Dank für diese gnädige Nachfrage ausrichten zu wollen? – O nein, nicht im mindesten. Es nimmt mich um so mehr wunder, als ich sonst sehr zu Erkältungen neige, ja gewiß und wahrhaftig, sehr neige. Ich habe mir einmal einen Schnupfen geholt. Ich glaube, es war im Jahr achtzehnhundertundsiebenzehn. Warten Sie einmal, vier und fünf ist neun, und – ja, achtzehnhundertundsiebenzehn – und ich glaubte schon, ich könne ihn überhaupt nicht mehr loswerden; gewiß und wahrhaftig – überhaupt nicht mehr loswerden. Ich wurde endlich nur durch ein Mittel kuriert, von dem Sie wahrscheinlich nie etwas gehört haben, Mr. Rupfer. Man nimmt eine Gallone Wasser, so heiß, wie man es nur kriegen kann, tut ein Pfund Salz und für sechs Pence feinste Kleie hinein und badet sich damit alle Abend vor dem Schlafengehen wenigstens zwanzig Minuten lang den Kopf – ach nein, nicht den Kopf – ich wollte sagen, die Füße. – Es ist ein ganz vorzügliches Mittel – gewiß ein ganz vorzügliches Mittel. Ich erinnere mich noch, daß ich es das erstemal an dem Tage nach dem Weihnachtsfeste anwendete, und Mitte April war der Schnupfen weg. Es scheint ein wahres Wunder zu sein, wenn man bedenkt, daß ich ihn von Anfang September an hatte.« »Welch ein betrübendes Mißgeschick«, meinte Mr. Pyke. »Wirklich scheußlich«, rief Mr. Rupfer. »Wenigstens wird die Pein, es zu hören, gemildert wenn man erfährt, daß Mrs. Nickleby wieder vollkommen genas, nicht wahr, Rupfer?« »Ich bin wie von einem Alp befreit«, versetzte Mr. Rupfer. »Aber wir dürfen über dem Vergnügen unseres Besuchs unsern Auftrag nicht vergessen«, ermahnte Mr. Pyke seinen Freund in einem Tone, als ob er sich plötzlich entsinne. »Wir haben nämlich einen Auftrag, Mrs. Nickleby.« »Einen Auftrag?« rief die gute Dame, sofort an eine Werbung um Kates Hand denkend. »Von Sir Mulberry. – Sie müssen hier ein sehr eintöniges Leben führen, Madam!« »Ich gestehe, es ist ziemlich eintönig«, gab Mrs. Nickleby atemlos zu. »Sir Mulberry Hawk läßt sein Kompliment vermelden und die Gnädige inständigst bitten, einen Sitz in seiner Privatloge für das heutige Stück von ihm anzunehmen«, fiel Mr. Rupfer ein. »Ach, du mein Gott!« jammerte Mrs. Nickleby »Aber ich gehe doch nie aus.« »Das ist doch gerade der allerzureichendste Grund, Mrs. Nickleby, heute abend auszugehen«, rief Mr. Rupfer. »Pyke, helfen Sie mir, Mrs. Nickleby zu überreden.« »Ach, bitte«, flehte Mr. Pyke. »Sie müssen durchaus, Madame!« drängte Mr. Rupfer. »Sie sind allzu gütig«, zierte sich Mrs. Nickleby; »aber –« »Wir lassen uns mit keinem Aber abspeisen, verehrteste Gnädige. Es gibt im ganzen Wörterbuch kein solches Wort. Ihr Schwager kommt, Lord Frederic kommt, Sir Mulberry kommt, Pyke kommt – Sie dürfen uns einfach keinen Korb geben. Sir Mulberry schickt Ihnen einen Wagen – genau fünfundzwanzig Minuten vor sieben. Sie werden gewiß nicht so grausam sein, der ganzen Gesellschaft die Freude zu verderben, Mrs. Nickleby?« »Sie bedrängen mich so, daß ich kaum weiß, was ich sagen soll«, hauchte die würdige Dame. »Sagen Sie nichts – bitte, bitte, kein Wort, keine Silbe, meine verehrteste Gnädige«, bettelte Mr. Rupfer. – »Mrs. Nickleby«, flüsterte er geheimnisvoll, »ich mißbrauche zwar ein mir geschenktes Vertrauen, wenn ich Ihnen eine Mitteilung mache, aber ich hoffe, die Situation entschuldigt mich. – Und doch, wenn mein Freund Pyke davon hören würde, er hat so ungemein heikle Ehrbegriffe, Madam, glaube ich, würde er mich noch vor dem Mittagessen fordern.« Mrs. Nickleby warf einen besorgten Blick auf den duellsüchtigen Mr. Pyke, der ans Fenster getreten war und zum Glück nichts gehört hatte. »Ihre Tochter hat eine Eroberung gemacht, eine Eroberung, zu der ich Ihnen nur Glück wünschen kann. Sir Mulberry, meine Gnädigste, Sir Mulberry schmachtet in den Fesseln Ihres Fräulein Tochter – hm.« »Ha«, rief plötzlich Mr. Pyke und nahm mit theatralischer Gebärde einen Gegenstand vom Kamingesimse, »was ist das? Was sehe ich?« »Was sehen Sie, mein lieber Freund?« fragte Mr. Rupfer. »Das Gesicht, der Ausdruck, die Züge!« rief Mr. Pyke, mit einem Miniaturporträt in der Hand auf einen Sessel sinkend. »Zwar nur ähnlich und unvollkommen erfaßt, aber doch das Gesicht, der Ausdruck, die Züge!« »Ich erkenne es schon auf diese Entfernung«, rief Mr. Rupfer begeistert. »Ist es nicht, meine verehrte Gnädige, ist es nicht das unvollkommene Ebenbild von –?« »Es ist das Porträt meiner Tochter«, bestätigte Mrs. Nickleby mit großem Stolz. Und so war es. Die kleine Miss La Creevy hatte es vor ein paar Tagen zum Ansehen hergebracht. Mr. Pyke hatte sich kaum überzeugt, daß er mit seiner Vermutung recht hatte, als er sich in einer Lobeshymne auf das göttliche Original erging. In der Glut seiner Begeisterung küßte er das Bildchen wohl tausendmal, während Mr. Rupfer Mrs. Nicklebys Hand an sein Herz drückte und ihr mit so viel Feuer und Teilnahme zu dem Besitz einer solchen Tochter Glück wünschte, daß ihm die Tränen in den Augen standen. Oder doch zu stehen schienen. Die arme Mrs. Nickleby die schon anfangs in einem Zustande beneidenswerter Selbstgefälligkeit zugehört hatte, wurde durch so viele Beweise von Achtung und Zuneigung ganz und gar hingerissen, und selbst das Dienstmädchen hinter dem Schlüsselloch blieb vor Erstaunen über die Begeisterung der beiden freundlichen Herren wie angewurzelt stehen. »Zwanzig Minuten vor sieben Uhr also« – schärfte Mr. Pyke, als sich seine Begeisterung ein wenig gelegt hatte, Mrs. Nickleby ein und stand auf – »wird der Wagen hier sein. Und jetzt nur noch einen Blick, nur noch einen einzigen kleinen Blick auf dieses holde Antlitz! Ach, da ist es – regungslos –, unverändert! Ach, Rupfer! – Rupfer!« Mr. Rupfers Erwiderung bestand darin, daß er tief ergriffen Mrs. Nicklebys Hand küßte. Als Mr. Pyke ein Gleiches getan, entfernten sich beide Herren mit großer Eile. Mrs. Nickleby tat sich von jeher gern etwas auf ihren Scharfsinn und ihre Menschenkenntnis zugut, aber nie war sie wohl so ganz und gar mit sich selbst zufrieden gewesen wie an diesem Tage. Sie hatte doch all das schon am gestrigen Abend gewußt. Sie hatte zwar Sir Mulberry und Kate nie beisammen gesehen, nicht einmal Sir Mulberrys Namen gehört, und doch, war nicht alles von ihr vorausgesagt worden?! Lag nicht alles schon vom ersten Augenblick an klar vor ihrer Seele? Welch ein Triumph für sie, denn wer hätte jetzt noch zweifeln können? Wenn man schon die schmeichelhaften Aufmerksamkeiten gegen sie nicht für einen hinreichenden Beweis gelten lassen wollte, hatte nicht Sir Mulberrys vertrauter Freund das Geheimnis deutlich verraten?! »Ich bin ganz verliebt in diesen charmanten Mr. Rupfer«, jubilierte Mrs. Nickleby. Aber bei all ihrem Glück fühlte sie sich doch nicht ganz zufrieden, hatte sie doch niemand, dem sie es hätte anvertrauen können. Fast war sie schon entschlossen, schnurstracks zu Miss La Creevy zu eilen und ihr alles zu erzählen. »Aber ich weiß nicht«, überlegte sie, »sie ist zwar eine sehr nette Person, aber ich fürchte, sie steht zu tief unter Sir Mulberrys Rang, als daß sie eine passende Gesellschaft für uns wäre. Das arme Ding!« Demzufolge ließ sie den Gedanken, die kleine Porträtmalerin ins Vertrauen zu ziehen, wieder fallen und begnügte sich damit, das Dienstmädchen mit dunkeln und geheimnisvollen Hinweisen auf bevorstehende große Veränderungen und künftige Pracht und Herrlichkeit erstarren zu machen. Pünktlich zur bestimmten Stunde erschien der versprochene Wagen, keine Droschke etwa, sondern eine Privatequipage mit einem Lakaien hinten, dessen Beine, obgleich etwas zu lang für seinen Körper, geradezu ideale Modelle für die königliche Akademie hätten abgeben können. Wie berauschend, den gedämpften Schlag zu hören, womit er den Kutschenschlag zuwarf, und zu sehen, als sie drin saß, wie er hinten hinaufsprang. Da sie in ihrer Arglosigkeit keine Ahnung davon hatte, daß er gleich darauf den goldenen Knopf seines langen Stocks an die Nase hielt und über ihr Haupt hinweg höchst respektwidrig dem Kutscher hämische telegraphische Zeichen machte, trübte nichts ihr Entzücken, und nicht wenig stolz saß sie steif und würdevoll mitten im Wagen da. Am Theatereingang wurde der Kutschenschlag noch entzückender auf- und zugeworfen, und schon waren die Herren Pyke und Rupfer zugegen, ihrer harrend, um sie in die Loge zu führen. Sie waren dabei so die Zuvorkommenheit selbst, daß Mr. Pyke einem uralten Mann, der zufällig mit einer Laterne ihnen über den Weg stolperte, zuschwor, ihn »füsilieren« lassen zu wollen – zum großen Schrecken Mrs. Nicklebys, die mehr aus der Aufregung Mr. Pykes als aus einer nähern Vertrautheit mit der Etymologie des Wortes schloß, daß Füsilieren und Blutvergießen im Grunde wohl ein und dasselbe sein müsse. Glücklicherweise ließ jedoch Mr. Pyke es nur bei seiner Drohung bewenden, und sie erreichten die Loge ohne ernsteren Zwischenfall, als daß Mr. Rupfer den Logenschließer »zu Pulver zermalmen« wollte, weil er sich in der Nummer geirrt hatte. Mrs. Nickleby hatte sich kaum in einem Fauteuil niedergelassen, als Sir Mulberry und Lord Frederic, vom Scheitel bis zu den Fingerspitzen ihrer Handschuhe aufs eleganteste und gewählteste gekleidet, anlangten. Sir Mulberry war noch ein wenig heiserer als tags zuvor, und Lord Frederic sah etwas schläfrig und verstört aus, wozu sich noch der weitere Umstand gesellte, daß beide etwas unsicher auf den Beinen waren, lauter Anzeichen, aus denen Mrs. Nickleby den richtigen Schluß zog, daß sie soeben vom Dinner kämen. »Wir haben – Madam – wir haben – Ihre liebenswürdige Tochter hochleben lassen«, flüsterte Sir Mulberry Mrs. Nickleby hinter ihr Platz nehmend, zu. »Aha –«, dachte die welterfahrene Dame, »der Wein geht hinein, die Wahrheit heraus. – Sie sind sehr gütig, Sir Mulberry«, sagte sie laut. »Nein, nein. – Meiner Seel'!« wehrte Sir Mulberry ab. »Sie sind sehr gütig, meiner Seel'! Es war sehr gütig von Ihnen, daß Sie kamen.« »Sie wollen sagen, daß es sehr gütig von Ihnen war, mich einzuladen, Sir Mulberry«, erwiderte Mrs. Nickleby, den Kopf mit einem wunderbar schlauen Blick in die Höhe werfend, das Kompliment. »Ich brenne so sehr auf Ihre nähere Bekanntschaft, mir liegt so viel an Ihrer guten Meinung, und ich wünsche nichts sehnlicher als ein harmonisches gegenseitigem Einvernehmen«, schmeichelte Sir Mulberry mit verhaltenem Spott, »daß Sie ja nicht glauben dürfen, meinen Handlungen liege lediglich selbstloses Interesse zugrunde. Ich bin im Gegenteil verdammt selbstsüchtig – ja, das bin ich. Meiner Seel'.« »Oh, Sie können nicht selbstsüchtig sein, Sir Mulberry«, girrte Mrs. Nickleby. »In Ihrem offenen, edlen Antlitz steht wenigstens nichts davon geschrieben.« »Was für eine bewunderungswürdige Beobachterin Sie sind, Madam!« höhnte der Baronet. »Ach nein, mein Blick ist nicht besonders scharf, Sir Mulberry«, zierte sich Mrs. Nickleby mit einem gewissen Ton in der Stimme, der andeuten sollte, daß sie ganz genau wisse, welch hervorragende Menschenkennerin sie sei. »Man muß sich rein vor Ihnen fürchten«, lachte Sir Mulberry und warf seinen Freunden einen vielsagenden Blick zu, »man muß sich rein vor Mrs. Nickleby fürchten. – Nein, so ein wirklich durchdringender Verstand!« Die Herren Pyke und Rupfer schüttelten geheimnisvoll ihre Köpfe und versicherten einander, daß sie das schon längst herausgefunden hätten, worauf Mrs. Nickleby kicherte, Sir Mulberry lachte und Pyke und Rupfer laut herausbrüllten. »Aber wo bleibt denn mein Schwager, Sir Mulberry?« fragte Mrs. Nickleby plötzlich. »Es würde unschicklich sein, wenn ich ohne ihn hier wäre. Ich hoffe, er wird doch noch kommen?« »Pyke«, sagte Sir Mulberry, holte einen Zahnstocher hervor und lehnte sich in seinem Stuhl zurück, als sei er zu träge, eine Antwort auf diese Frage zu ersinnen, »wo ist Ralph Nickleby?« »Rupfer«, wendete sich Pyke, die Miene des Baronets nachahmend, an seinen Freund, ihm das Lügen überlassend, »wo ist Ralph Nickleby?« Mr. Rupfer war gerade im Begriff, irgendeine ausweichende Antwort zu geben, als ein Geräusch, veranlaßt durch den Eintritt einiger Personen in die Loge nebenan, die Aufmerksamkeit aller vier Herren, die sich dabei vielsagende Blicke zuwarfen, in Anspruch nahm. Kaum hatten die neuen Ankömmlinge miteinander zu sprechen begonnen, da nahm Sir Mulberry plötzlich die Stellung gespannten Horchens an und beschwor seine Freunde, nicht zu atmen – »nein, nicht einmal zu atmen.« »Warum nicht?« fragte Mrs. Nickleby. »Was gibt's denn?« »Pst«, gebot ihr Sir Mulberry Schweigen und legte ihr die Hand auf den Arm. »Lord Frederic, erkennen Sie die Stimme?« »Der Teufel soll mich holen – äh –, wenn es mir nicht vorkommt, als wäre es die Stimme von Miss Nickleby.« »O Himmel, Mylord!« rief die Witwe und spähte um den Seitenvorhang herum. »Wirklich, du bist's, Kate. Mein liebes Kätchen!« »Du hier, Mama? – Ist's denn möglich?« »Möglich, mein Kind? Warum denn nicht?« »Und wen – um Gottes willen – wen hast du da bei dir, Mama?« fragte Kate erstaunt und fuhr zurück, als sie eines Herrn ansichtig wurde, der ihr lächelnd Kußhändchen zuwarf. »Wen meinst du wohl, mein Kind?« versetzte Mrs. Nickleby stolz und wendete sich ein wenig zu Mrs. Wititterly hin, damit die Dame die Namen auch genau hören könne. »Es ist Mr. Pyke, Mr. Rupfer, Sir Mulberry Hawk und Lord Frederic.« »Barmherziger Gott!« dachte Kate, »wie kommt sie in diese Gesellschaft?« Eine Flut von bösen Ahnungen, die plötzliche Überraschung, die Erinnerung an das, was bei Ralphs Dinner vorgefallen war, alles das bewirkte, daß Kate totenblaß wurde. Mrs. Nickleby nahm es sofort wahr und deutete es vermöge ihres ungewöhnlichen Scharfsinns als die Anzeichen einer leidenschaftlichen Liebe. Nicht wenig entzückt bei dieser Entdeckung, verminderte das doch nicht ihre natürliche mütterliche Besorgnis, und eiligst verließ sie ihren Sitz, um in die Loge Mrs. Wititterlys zu eilen. Mrs. Wititterly, aufgeregt die günstige Gelegenheit, einen wirklichen Lord und einen Baronet kennenzulernen, wahrnehmend, verlor keine Zeit, ihrem Gatten einen Wink zu geben, er möge die Türe öffnen. Und in weniger als dreißig Sekunden hatte Mrs. Nicklebys Gesellschaft einen Einfall in die Wittitterlysche Loge gemacht und sie dadurch so vollgepfropft, daß für die Herren Pyke und Rupfer kaum Raum genug blieb, die Köpfe und die Westen hereinzustecken. »Mein liebes Kätchen«, rief Mrs. Nickleby besorgt und küßte ihre Tochter zärtlich, »wie schlecht hast du noch vor einem Augenblick ausgesehen! Ich versichere dir, ich bin förmlich erschrocken.« »Es kam – dir nur so vor, Mama, – der – der – Widerschein der Lichter vielleicht«, stammelte Kate, sah sich ängstlich um und erkannte sofort die Unmöglichkeit, ihrer Mutter irgendeine Erklärung oder Warnung zuzuflüstern. »Siehst du denn Sir Mulberry Hawk nicht, mein Kind?« Kate biß sich in die Lippen und wandte das Gesicht zur Bühne. Aber Sir Mulberry Hawk ließ sich nicht so leicht abschütteln, trat mit ausgestreckter Hand näher und nötigte dadurch Kate, ihm die Fingerspitzen zu reichen. Sir Mulberry hielt sie fest und murmelte eine Flut von Schmeicheleien, die Kate nach alldem, was vorgefallen, natürlich nur als neuerliche Beleidigungen auffassen mußte. Dann folgte eine Erkennungsszene mit Lord Frederic, eine Begrüßung seitens Mr. Pykes, ein Kompliment von Mr. Rupfer, und, um das Maß vollzumachen, sah sich Kate durch Mrs. Wititterlys Geheiß genötigt, ihr alle diese Herren, die sie nur mit dem höchsten Unwillen und Abscheu betrachten konnte, in aller Form vorzustellen. »Meine Gattin ist entzückt«, säuselte Mr. Wititterly, sich die Hände reibend, »– ich versichere, Mylord – ganz entzückt, eine Bekanntschaft zu machen, die, wie ich hoffe, Mylord, eine dauernde sein wird. Liebe Julia, ich bitte dich, laß dich nicht zu sehr aufregen, bedenke deine Nerven! – Mrs. Wititterly ist von äußerst sensibler Konstitution, Sir Mulberry, die Schnuppe einer Kerze – der Docht einer Lampe – der Duft eines Pfirsichs – der Flügelstaub eines Schmetterlings; Sie könnten sie wegblasen, Mylord, Sie könnten sie wegblasen.« Sir Mulberry machte ein Gesicht, als ob es ihm sehr lieb wäre, wenn jemand die Dame wegbliese, versicherte aber, daß das Entzücken durchaus gegenseitig sei. Lord Frederic beteuerte dasselbe, und auch die Herren Pyke und Rupfer drängten sich murmelnd heran, um an der Wechselseitigkeit dieser Gefühle sich ihren Teil nicht nehmen zu lassen. »Ich interessiere mich, Mylord« – flötete Mrs. Wititterly mit einem schmachtenden Lächeln – »ach, ich interessiere mich so ungemein für Schauspiel.« »J-a – äh – es ist sehr interessant«, näselte Lord Frederic. »Ich fühle mich nach Shakespeare stets krank. Ich bin am nächsten Tage sozusagen kaum mehr vorhanden. Die Reaktion nach einem Trauerspiel ist so gewaltig, Mylord, und Shakespeare ist so entzückend.« »J-a – äh«, erwiderte Lord Frederic. »War ein talentierter Bursche.« »Ich muß Ihnen gestehen, Mylord«, fing Mrs. Wititterly nach einer längeren Pause wieder an, »seit ich in dem allerliebsten armseligen Häuschen war, wo er auf die Welt kam, interessiere ich mich noch viel mehr für seine Stücke. – Sind Sie je dort gewesen, Mylord?« »Nein – äh – nie.« »Oh, dann müssen Sie hingehen, Mylord! Ich weiß nicht, wie es kommt, aber wenn man den Ort gesehen und seinen Namen in das kleine Fremdenbuch eingeschrieben hat, ist man wie inspiriert. Es entzündet förmlich ein Feuer in einem.« »J-a«, erwiderte Lord Frederic, »ich sollte wahrhaftig mal hinfahren.« »Julia, mein Leben«, fiel Mr. Wititterly ein, »du leitest Seine Herrlichkeit irre – Mylord, sie leitet Sie irre, ohne es zu wollen. – Deine poetische Veranlagung, meine Liebe, dein ätherisches Wesen, deine glühende Einbildungskraft läßt dich das alles in berückenden Farben sehen. – Ich versichere, an dem Häuschen ist gar nichts – liebe Julia – gar nichts.« »Ich sollte doch meinen, daß es damit so seine Bewandtnis hat«, mischte sich Mrs. Nickleby, die bisher schweigend zugehört hatte, ins Gespräch; »gleich nach meiner Hochzeit fuhr ich mit meinem armen seligen Manne von Birmingham aus in einer Postkutsche – war es nicht eine Postkutsche? Ja natürlich, es muß eine Postkutsche gewesen sein, denn ich erinnere mich noch ganz genau, wie es mir auffiel, daß der Postillion einen grünen Schirm über dem linken Auge trug; ich fuhr also in einer Postkutsche von Birmingham nach Stratford, und nachdem wir Shakespeares Grab und sein Geburtshaus gesehen hatten, gingen wir in das Wirtshaus zurück und blieben dort über Nacht. Ich erinnere mich ganz genau, daß mir die ganze Nacht über immerwährend von einem schwarzen Herrn aus Gips, in Lebensgröße, träumte, dessen umgeschlagener Kragen von zwei Troddeln zusammengehalten wurde. Er lehnte nachdenklich an einem Pfeiler, und als ich am Morgen aufwachte und die Gestalt meinem seligen Manne beschrieb, sagte dieser, es wäre fraglos Shakespeare gewesen. – Das war doch gewiß höchst sonderbar. – Nicht? – Stratford – Stratford«, fuhr Mrs. Nickleby nachsinnend fort, »ja, jetzt weiß ich es ganz gewiß, ich erinnere mich, ich war damals mit meinem Sohn Nikolas in der Hoffnung, und am Morgen hatte mich ein italienischer Gipsfigurenjunge sehr erschreckt. Es war wirklich ein Glück, Madam«, flüsterte sie Mrs. Wititterly ins Ohr, »daß ich mich nicht ›versehen‹ habe und mein Sohn nicht als Shakespeare auf die Welt kam. – Es wäre schrecklich gewesen.« Als Mrs. Nickleby diese erquickliche Reminiszenz glücklich an den Mann gebracht hatte, machten Pyke und Rupfer – stets übereifrig, wenn es galt, die Interessen ihres Gönners zu fördern – den Vorschlag, ein Teil der Gesellschaft möge sich vielleicht in die nächste Loge verfügen; und die Maßnahmen dazu wurden mit solcher Gewandtheit getroffen, daß Kate trotz aller ihrer Widerrede keine andere Wahl blieb, als sich von Sir Mulberry Hawk hinüberführen zu lassen. Mrs. Nickleby und Mr. Rupfer gingen mit; aber die arglose Witwe vermied mit mütterlicher Diskretion sorgsam, den ganzen Abend auf ihre Tochter zu blicken, und tat, als wäre sie von Mr. Rupfer – der natürlich den Auftrag hatte, sie abzulenken – und seiner geistessprühenden Unterhaltung geradezu hingerissen. Lord Frederic blieb bei Mrs. Wititterly, von Mr. Pyke unterstützt, der gelegentlich ein paar Worte einflickte. Ihr Gatte war inzwischen im ganzen Hause rastlos tätig, allen möglichen Freunden und Bekannten zu verraten, die beiden Herren in Mrs. Wititterlys Loge seien Seine Herrlichkeit Lord Frederic und dessen Busenfreund, der liebenswürdige Baronet Sir Mulberry Hawk – eine Eröffnung, die alles mit Neid und Eifersucht erfüllte und sechzehn unverheiratete Töchter fast an den Rand der Verzweiflung brachte. Endlich war das Stück aus, aber Kate mußte es noch über sich ergehen lassen, daß Sir Mulberry sie die Treppen hinunterführte, wobei die Herren Pyke und Rupfer es geschickt einrichteten, daß sie und der Baronet die letzten im Zuge waren und ein wenig hinter der übrigen Gesellschaft zurückblieben. »Warum so schnell? – Nur langsam, langsam«, sagte Sir Mulberry, als Kate vorwärts drängte und ihren Arm loszumachen suchte. Sie erwiderte nichts und vermehrte nur ihre Bemühungen. »Ich gebe das nicht zu«, bemerkte Sir Mulberry kaltblütig und zwang sie brüsk zum Stillstehen. »Ich muß bitten, daß Sie mich loslassen, Sir«, fuhr Kate erzürnt auf. »Und warum, wenn ich fragen darf? Immer noch stellen Sie sich ungnädig, Sie süßes Geschöpfchen?« » Stellen? « wiederholte Kate mit Entrüstung. »Wie kommen Sie überhaupt zu der Frechheit, mit mir zu sprechen, Sir, mich anzureden, mir unter die Augen zu treten?« »Wie hübsch Ihnen die Erregung steht, Miss Nickleby«, flüsterte Sir Mulberry Hawk heiß und beugte sich nieder, um ihr besser ins Gesicht sehen zu können. »Ich kenne Ihnen gegenüber kein anderes Gefühl als das der tiefsten Verachtung und des äußersten Abscheus, Sir«, erwiderte Kate. »Wenn Sie an Blicken, die solche Empfindungen ausdrücken, Gefallen finden, so – aber zurück jetzt! Lassen Sie mich augenblicklich zu meiner Gesellschaft. Ich müßte alle Rücksicht beiseite lassen und einen Weg einschlagen, der selbst Ihnen peinlich sein dürfte, wenn Sie mich nicht auf der Stelle loslassen.« Sir Mulberry lächelte nur und ging – ihr noch immer ins Gesicht blickend und ihren Arm festhaltend – zur Ausgangstüre. »Wenn Sie schon nicht die Achtung für mein Geschlecht oder meine hilflose Lage veranlassen kann, von Ihrer rohen und unritterlichen Verfolgung abzulassen«, sagte Kate, im Sturm ihrer Gefühle kaum wissend, was sie sprach, »so habe ich einen Bruder, der Sie eines Tages schwer zur Rechenschaft ziehen wird.« »Meiner Seel'«, rief Sir Mulberry und legte frech seinen Arm um ihre Taille, »Sie werden immer schöner, je mehr Sie sich erregen, und gefallen mir womöglich noch besser, als wenn Sie die Augen niederschlagen.« Kate gelangte zur Vorhalle, ohne selbst zu wissen wie, riß sich von ihrem Begleiter los und sprang in die Kutsche. Dort drückte sie sich in die hinterste Ecke und brach in Tränen aus. Um die Aufmerksamkeit der Gesellschaft abzulenken, arrangierten die Herren Pyke und Rupfer sofort eine große Verwirrung, schrien nach den Equipagen und fingen mit einigen Umherstehenden einen heftigen Streit an. Mitten in diesem Tumult brachten sie die erschrockene Mrs. Nickleby in ihren Wagen. Als auch Mrs. Wititterly und ihr Gatte glücklich untergebracht waren, blieben sie mit Lord Frederic und Sir Mulberry in der Säulenhalle zurück und brachen in ein schallendes Gelächter aus. »Na also!« wandte sich Sir Mulberry zu seinem hochgeborenen Freund, »sagte ich Ihnen nicht gestern abend, daß wir dieses alberne Pack übertölpeln würden, wenn wir durch Bestechung eines Bedienten ihre Loge ausfindig machten und mit der Mutter gerade nebenan Platz nähmen? Famos geglückt. – Alles in vierundzwanzig Stunden!« »Ja«, maulte der adelige Gimpel, »aber ich habe den ga-anzen Abend mit der alten Schachtel aushalten müssen.« »Da höre einer«, sagte Sir Mulberry entrüstet zu seinen zwei Trabanten, »da höre einer diesen unzufriedenen Brummer. Sollte man's da nicht verschwören, ihm je wieder bei seinen Plänen und Ränken Beistand zu leisten? Muß einen das nicht höllisch verdrießen?« Pyke fragte Rupfer und Rupfer Pyke, ob so etwas einen nicht höllisch verdrießen müsse, ohne daß einer von beiden die Frage beantwortete. »Äh – habe ich vielleicht nicht recht?« näselte Lord Frederic. »War es nicht so?« »Wa-ar es nicht so?« höhnte Sir Mulberry. »Wie haben Sie's denn haben wollen? Wären wir vielleicht bei der ersten Begegnung allesamt eingeladen worden, ›zu kommen, wenn es beliebt, zu gehen, wenn es beliebt, zu bleiben, solange es beliebt‹, wenn nicht Sie – der Lord – sich der dummen Gans von einer Frau vom Hause angenehm gemacht hätten? Kümmere ich mich vielleicht um das Mädchen aus einem anderen Grunde als um Ihretwillen? Habe ich nicht den ganzen Abend Ihr Loblied in ihr Ohr gesungen und um Ihretwillen ihre spitzigen und schnippischen Redensarten hingenommen? Wie dick, glauben Sie wohl, ist mein Fell? Da hört sich doch schon alles auf.« »Sie sind ein verteufelt guter Kerl, ich seh's ja ein«, gab der arme junge Lord zu und ergriff den Arm seines treuen Freundes. »Meiner Seel', Sie sind ein verteufelt guter Kerl, Hawk.« »Und habe ich's nicht gut gemacht – wie?« murrte Sir Mulberry. »Sehr – äh – famos.« »Na also, dann bin ich zufrieden«, brummte Sir Mulberry. »Aber jetzt schauen wir; daß wir zum Spiel kommen und an dem deutschen Baron und dem Franzosen Revanche nehmen, die Ihnen gestern abend die Taschen ausgeleert haben.« Mit diesen Worten nahm der opferwillige Baronet den jungen Lord beim Arm, führte ihn hinaus und warf dabei mit einem verächtlichen Lächeln den Herren Pyke und Rupfer einen verständnisinnigen Blick über die Schulter zu. – Die beiden Gentlemen steckten ihre Taschentücher in den Mund, um nicht laut herauszulachen, und folgten ihrem Gönner und seinem Opfer in einiger Entfernung. 28. Kapitel Kate Nickleby sucht, durch Sir Mulberry Hawks Verfolgung zur Verzweiflung gebracht, als letztes Mittel Schutz bei ihrem Onkel Der andere Morgen brachte, wie es gewöhnlich zu gehen pflegt, allerseits kühle Überlegung, aber sehr verschieden war der Gang der Gedanken bei den Personen, die sich den Abend vorher dank der Gewandtheit der Herren Pyke und Rupfer so »zufällig« zusammengefunden hatten. Die Betrachtungen Sir Mulberry Hawks – wenn sich überhaupt die Gedanken eines systematischen, berechnenden Lüstlings so nennen lassen, dessen Freuden und Leiden ausschließlich selbstsüchtiger Natur sind und der von seinen geistigen Fähigkeiten kaum etwas anderes behalten zu haben schien als das Vermögen, sich zu erniedrigen und die menschliche Natur, deren Äußeres er trug, zu schänden –, die Betrachtungen Sir Mulberry Hawks wandten sich Kate Nickleby zu und bestanden – kurz zusammengefaßt – darin, daß das Mädchen unzweifelhaft herrlich schön sei, daß ihre Sprödigkeit sich durch einen Mann von seiner Gewandtheit und Erfahrung leicht besiegen lassen müsse und daß der Sieg über eine solche Beauty nicht verfehlen könne, den Ruf, dessen er sich in der Lebewelt erfreute, durch neuen Glanz zu erhöhen. Mrs. Nicklebys Erwägungen andererseits waren von der stolzesten und selbstgefälligsten Art, weshalb sie sich auch unter dem Einflüsse der lieblichen Trugbilder, die sie umgaukelten, unverzüglich hinsetzte und einen langen Brief an ihre Tochter abfaßte, in dem sie ihre volle Billigung der vortrefflichen Wahl Kates ausdrückte und Sir Mulberry bis in den Himmel erhob. Sie fügte diesen Lobsprüchen noch die beruhigende Versicherung bei, daß sie keinen andern Schwiegersohn ausgesucht haben würde, und wenn ihr auch die Wahl unter der ganzen Männerwelt freigestanden wäre. Betonend, daß sie lang genug gelebt habe, um zu erfahren, wie es in der Welt zuginge, ließ sie sich lang und breit über eine Menge schlauer Lehren hinsichtlich Kates zukünftigem Benehmen ihrem Verehrer gegenüber aus, deren Vortrefflichkeit sie durch eigene Erfahrung erprobt hätte; vor allem empfahl sie eine strenge jungfräuliche Zurückhaltung, die nicht nur an und für sich sehr löblich wäre, sondern auch wesentlich dazu diene, die Glut eines liebenden Mannes zu vermehren. »In meinem ganzen Leben war ich nie entzückter, mein Kind«, schrieb sie, »als gestern abend, als ich bemerkte, daß Dein eigenes richtiges Gefühl Dir bereits ein Gleiches gesagt hat.« Mit diesem Gefühlserguß und einigen Hindeutungen auf die Freude, die ihr die Überzeugung gewähre, daß ihre Tochter einen so großen Teil ihrer eigenen Klugheit und ihres richtigen Taktes geerbt habe, deren volles Maß sie ihr dereinst hinterlassen zu können hoffe, wenn Kate sich nach Kräften bemühe, schloß Mrs. Nickleby ihren viele Seiten langen und ziemlich unorthographischen Brief. Die arme Kate war fast dem Wahnsinn nahe, als ihre eigene Mutter ihr auf vier eng und überquer geschriebenen Bogen zu einer Sache Glück wünschte, derentwegen sie die ganze Nacht über kein Auge schließen konnte und in Tränen den Morgen erwartet hatte. Noch schmerzlicher und drückender empfand sie die Notwendigkeit, Mrs. Wititterly ein heiteres Gesicht zeigen zu müssen, deren Nervensystem nach der Aufregung des verflossenen Abends äußerst herabgestimmt war und die daher von ihrer Gesellschafterin (wofür gab sie denn Kost und Lohn?) die allerbeste Laune verlangte. Was Mr. Wititterly betraf, ging er den ganzen Tag bebend von Entzücken umher, daß ihm ein wirklicher Lord die Hand gedrückt und seine Einladung angenommen hatte. Der Lord selbst schließlich, niemals besonders durch Gehirntätigkeit geplagt, erlabte sich an einer Unterhaltung mit den Herren Pyke und Rupfer, die ihren Witz durch reichlichen Genuß verschiedener köstlicher Herzstärkungen auf seine Kosten schärften. Es war vier Uhr nachmittags – das heißt des gewöhnlichen Nachmittags der Sonne und der Uhr –, und Mrs. Wittitterly ruhte wie gewöhnlich auf dem Sofa ihres Besuchszimmers, während ihr Kate den neuesten Roman, betitelt: »Lady Flabella«, vorlas, den Alphons der Zweifelhafte am Morgen aus der Leihbibliothek geholt hatte. Das Buch war wirklich eine vorzügliche Lektüre für eine Dame von Mrs. Wititterlys Nervenschwäche, da es von Anfang bis zu Ende nicht eine einzige Zeile enthielt, die auch nur im entferntesten so etwas wie eine Aufregung bei irgendeinem lebenden Wesen hätte hervorbringen können. Kate las: »›Cherizette‹, sagte Lady Flabella, mit den mäuschengleichen Füßchen in die blauen Atlaspantoffeln schlüpfend, die den halb ernst- halb scherzhaften Wortwechsel zwischen ihr und dem martialischen Oberst Befillaire am verflossenen Abend in dem Salon de danse des Herzogs von Mincefeuille veranlaßt hatten. ›Cherizette, donnez-moi de l'eau de Cologne, s'il vous plaît, mon enfant!‹ ›Merci – ich danke‹, hauchte Lady Flabella, als die lebhafte aber treu ergebene Cherizette das Mouchoir vom feinsten Battist, mit den reichsten Spitzen besetzt und in den vier Ecken mit der Flabellakrone und dem prächtigen Wappen dieser altadeligen Familie in reicher Stickerei geschmückt, mit der duftenden Mischung benetzte; ›merci – ich fühle, wie es mich erfrischt.‹ In diesem Augenblicke noch, während Lady Flabella ihr Mouchoir an die herrliche, ausdrucksvoll geformte griechische Nase hielt und den köstlichen Wohlgeruch einatmete, öffnete sich die Türe des Boudoirs (kunstvoll verhüllt durch reiche Damastvorhänge von der Farbe des italischen Himmels), und mit lautlosen Schritten traten zwei Valets de chambre, in prachtvolle pfirsichblütenrote und mit Gold verbrämte Livreen gekleidet ins Zimmer, hinter ihnen ein Page in bas de soie – seidenen Strümpfen–, der sich, während jene in einiger Entfernung die anmutigsten Verbeugungen machten, seiner liebenswürdigen Gebieterin näherte, auf ein Knie niedersank und ihr auf einem prachtvoll getriebenen, goldenen Präsentierteller ein parfümiertes Billett überreichte. Lady Flabella riß mit einer Aufregung, die sie nicht zu unterdrücken vermochte, hastig die Enveloppe auf und erbrach das duftende Siegel. Ja, es war von Befillaire – dem jugendlichen, dem schlanken, liebegirrenden –, von ihrem Befillaire.« »Ach, wie entzückend!« unterbrach Mrs. Wititterly; »wirklich hochpoetisch. Lesen Sie diese Szene noch einmal vor, Miss Nickleby.« Kate gehorchte. »Süß, nicht?« seufzte Mrs. Wititterly. »So wollustatmend, so weich – nicht?« »Ja, es kommt mir auch ungemein weich vor«, gab Kate schüchtern zur Antwort. »Schließen Sie das Buch, Miss Nickleby«, befahl Mrs. Wititterly. »Ich kann heute nichts mehr hören. Ich möchte nicht gerne den Eindruck dieser Schilderung verwischen. Schließen Sie das Buch.« Kate gehorchte mit Freuden. Mrs. Wititterly brachte mit matter Hand ihre Lorgnette an das Auge: »Sie sehen blaß aus, Miss Nickleby.« »Vielleicht von dem Schrecken – ich meine, von dem Lärm, dem Getümmel gestern abend«, stotterte Kate. »Wie sonderbar!« dachte Mrs. Wititterly überrascht. »Auf eine simple Gesellschafterin kann so etwas einen Eindruck machen?! – Wenn es noch das Platzen einer Dampfmaschine oder dergleichen gewesen wäre.« »Wie kommen Sie eigentlich zu der Bekanntschaft Lord Frederics und der anderen liebenswürdigen Herren, Kind?« fragte sie nach einer Weile, Kate fortwährend belorgnettierend. »Ich wurde ihnen im Hause meines Onkels vorgestellt«, antwortete Kate verlegen, denn sie fühlte, wie ihr die Empörung wieder in die Wangen stieg. »Datiert diese Bekanntschaft schon seit langem?« »Nein, erst seit kurzem.« »Ich war sehr erfreut, daß uns Ihre Mutter – übrigens eine sehr achtbare Frau – Gelegenheit gab, sie kennenzulernen«, sagte Mrs. Wititterly in ziemlich hochmütigem Tone. »Ein merkwürdiges Zusammentreffen übrigens, da einige unserer Freunde gerade im Begriffe standen, sie bei uns einzuführen.« – Das sagte sie natürlich nur, damit Kate sich nicht zu viel darauf einbilden solle, vier Herren aus der guten Gesellschaft – denn Pyke und Rupfer waren unbedingt mit dazu zu zählen – gekannt zu haben, die sie selbst nicht gekannt hatte. Da aber Miss Nickleby nicht den geringsten Wert auf die Tatsache zu legen schien, ging die beabsichtigte Wirkung der Worte verloren. »Sie haben um die Erlaubnis gebeten, mich besuchen zu dürfen, und es versteht sich von selber, daß ich sie nicht versagte«, fuhr die Gnädige fort. »Erwarten Sie heute ihren Besuch?« wagte Kate zu fragen. Mrs. Wititterlys Antwort verlor sich unter dem dröhnenden Gerassel eines vorfahrenden Kabrioletts. – Gleich darauf donnerte es an die Haustüre. »Das sind sie«, fuhr Kate auf und wollte aus dem Zimmer eilen. »Miss Nickleby!!« rief Mrs. Wititterly, ganz starr ob des Unterfangens ihrer Gesellschafterin, das Zimmer verlassen zu wollen, ohne zuerst um Erlaubnis ersucht zu haben; »Sie haben hierzubleiben.« »Sie sind sehr gütig«, stammelte Kate, »aber –« »Um Himmels willen, regen Sie mich nicht auf, indem Sie mich so viel sprechen lassen«, unterbrach sie Mrs. Wititterly scharf. »Mein Gott, Miss Nickleby, ich muß bitten –« Vergeblich versicherte Kate in fliegender Hast, denn es ließen sich bereits Fußtritte auf der obersten Treppe vernehmen, sie fühle sich nicht wohl. Dann setzte sie sich wieder verzweifelt nieder. Eine Sekunde später stürzte Alphons der Zweifelhafte ins Zimmer, meldete Mr. Pyke, Mr. Rupfer, Lord Frederic – und Sir Mulberry Hawk, alle in einem Atem. »Ach, welch überraschender Besuch«, rief Mrs. Wititterly und nahm von all den zahllosen anmutigen Attitüden, die sie sich während fast vierjährigen so ziemlich ununterbrochenen Ruhens auf dem Sofa einstudiert, die imposanteste an. »Ich bin entzückt, die Herren bei mir zu sehen.« »Und wie befinden Sie sich, Miss Nickleby?« fragte Sir Mulberry Hawk mit leiser Stimme Kate, jedoch nicht so leise, daß seine Worte nicht Mrs. Wititterlys Ohren erreicht hätten. »Ach, sie beklagt sich über Unwohlsein infolge der Aufregung der gestrigen Nacht«, antwortete die Dame des Hauses selbst. »Ich wundere mich übrigens nicht darüber, denn meine Nerven sind ganz zerrissen.« »Und doch sehen Sie«, bemerkte Sir Mulberry, sich umwendend, »und doch sehen Sie –« »Unvergleichlich aus«, kam Mr. Pyke seinem Gönner zu Hilfe. – Mr. Rupfer sagte natürlich dasselbe. »Ich fürchte, Sir Mulberry ist ein Schmeichler, Mylord«, flötete Mrs. Wititterly, sich an Lord Frederic wendend, der schweigend an seinem Stockknopf saugte und Kate anstierte. »Äh – verteufelt«, bestätigte Lord Frederic und nahm nach dieser geistreichen Bemerkung seine frühere Beschäftigung wieder auf. »Miss Nickleby sieht dadurch nur um so interessanter aus«, sagte Sir Mulberry und musterte Kate mit dreisten Blicken. »Sie war immer schön, aber meiner Seel', Madam, es scheint, Sie haben ihr außerdem noch etwas von Ihrem eigenen frischen Aussehen mitgeteilt.« Der Glut nach zu schließen, die bei diesen Worten das Antlitz der armen Kate übergoß, hätte man allerdings jetzt Grund zur Annahme gehabt, daß sich etwas von der künstlichen Röte auf Mrs. Wititterlys Wangen in ihren Zügen widerspiegle. Mrs. Wititterly mußte – freilich geschah es nicht in der gnädigsten Weise – zugestehen, daß Miss Nickleby »recht hübsch« aussähe, aber sie fing an zu fühlen, daß Sir Mulberry doch nicht ganz der angenehme Mann wäre, für den sie ihn anfangs gehalten. »Pyke«, fiel der achtsame Mr. Rupfer hastig ein, um die Situation zu retten, als er die Wirkung gewahrte, die Kates Lob hervorgebracht hatte. »Wie meinen Sie, Rupfer?« fragte Pyke sofort. »Sagen Sie«, flüsterte Mr. Rupfer geheimnisvoll, aber sehr vernehmlich, »kennen Sie nicht eine Dame, deren Züge an Mrs. Wititterlys Profil erinnern?« »Erinnern?« – Mr. Pyke sann nach. »Aber natürlich.« »Nicht wahr? – Die Herzogin von B...?« »Die Gräfin von B...«, verbesserte Pyke mit einem verhaltenen Zucken um die Mundwinkel. »Die Schönere von beiden ist die Gräfin. Nicht die Herzogin.« »Richtig, ja, pardon«, entschuldigte sich Mr. Rupfer, »die Gräfin von B... Sagen Sie, ist die Ähnlichkeit nicht wundervoll?« »Zum Sprechen!« – Also, da hatte man's! Zwei unparteiische und höchst kompetente Herren stellten eine verblüffende Ähnlichkeit mit einer Gräfin fest! Das ist der Segen, wenn man in guter Gesellschaft verkehrt! Zwanzig Jahre hätte man sich unter ordinäre Leute mischen können, ohne je etwas von dieser Tatsache zu erfahren. – Aber wie wäre das auch möglich gewesen, was weiß die Plebs von Gräfinnen?! – Kaum hatten die beiden gewandten Herren aus der Gier, mit der dieser kleine Köder verschluckt wurde, den Umfang von Mrs. Wititterlys Hunger nach Schmeicheleien ermessen, da schritten sie zu immer kräftigeren Dosen und schafften Sir Mulberry Hawk dadurch Gelegenheit, Miss Nickleby mit anzüglichen Fragen und Bemerkungen zu behelligen, auf die sie notgedrungen eine Antwort geben mußte. Lord Frederic erfreute sich inzwischen unbelästigt des vollen Wohlgeschmacks seines goldenen Stockknopfes – ein Genuß, der wohl bis zum Schluß des Besuches nicht unterbrochen worden wäre, hätte nicht das unvermutete Nachhausekommen Mr. Wititterlys das übliche Lieblingsthema aufs Tapet gebracht. »Mylord«, begann Mr. Wititterly, »ich fühle mich durch Ihr Hiersein hochgeehrt – bin ganz entzückt – wirklich stolz darauf. Bitte, Mylord, behalten Sie doch Platz.« Mrs. Wititterly paßten diese Worte ihres Gatten durchaus nicht; obgleich sie innerlich vor Stolz und Freude über die erwiesene hohe Ehre fast barst, hätte sie doch lieber ihre vornehmen Gäste glauben gemacht, daß so feine Besuche in ihrem Hause durchaus nichts Ungewöhnliches wären. Aber Mr. Wititterlys Redeschwung ließ sich so leicht nicht hemmen. – Immer und immer wieder versicherte er, wie hochgeehrt er sich fühle. »Julia, mein Leben, du wirst morgen dafür zu leiden haben«, wendete er sich besorgt an seine Gattin. »Äh – zu leiden?« rief Lord Frederic. »Die Reaktion, Mylord, die Reaktion! Die gewaltsame Anspannung des ganzen Nervensystems, Mylord! Was muß die Folge sein? Ein Sinken, eine Abspannung, eine Erschlaffung, eine Schwäche. Mylord, wenn Sir Tumley Snuffin dieses zarte Wesen im gegenwärtigen Augenblicke sehen könnte, er würde kein – kein – nein, nicht soviel für ihr Leben geben.« Um die Bemerkung näher zu erläutern, nahm Mr. Wititterly eine Prise Schnupftabak aus seiner Dose und warf sie als Symbol der Vergänglichkeit in die Luft. »Nicht soviel . Nicht eine Prise Tabak würde Sir Tumley Snuffin für Mrs. Wititterlys Leben geben.« – Er brachte dies mit einer Art nüchterner Begeisterung hervor, als ob es keine kleine Auszeichnung für einen Mann bedeute, eine Gattin zu besitzen, die sich eines so verzweifelten Gesundheitszustandes erfreute. – »Mrs. Wititterly ist Sir Tumley Snuffins Lieblingspatientin. Ich glaube, behaupten zu dürfen, daß sie die erste war, die die neue Arznei einnahm, von der es heißt, eine ganze Plebejerfamilie in Kensington Gravel Pits sei daran gestorben. – Ach wie verschieden doch die menschlichen Organismen sind.« Auf ähnlich geistreiche Weise zog sich die Unterhaltung hin, bis auf einen heimlichen Wink Sir Mulberrys sich die Herren Pyke und Rupfer erhoben und bemerkten, jetzt nicht mehr länger stören zu dürfen. Daß die vier unzertrennlichen Gentlemen von da an zu jeder Tageszeit kamen, einmal zum Dinner, dann wieder zum Souper, beständig aus und ein gingen und gemeinschaftliche Landpartien und zufällige Begegnungen arrangierten, und daß bei all diesen Anlässen Sir Mulberry, der seinen Ruhm als Lebemann sogar bei seinen erbärmlichen Helfershelfern gefährdet glaubte, wenn es ihm nicht gelänge, den Stolz eines jungen Mädchens zu brechen, kaum einen Augenblick von seinen zweideutigen Anspielungen abließ – alles das bildete eine lange Kette von Gram und Leid für die arme Kate. Und so ging es vierzehn Tage lang fort. Jeder, der nicht an ausgesprochener Beschränktheit und Geistesarmut laborierte, hätte auf den ersten Blick erkennen müssen, wie wenig Lord Frederic und Sir Mulberry Hawk, wenn sie auch dem Rang nach dem höheren Adel angehörten, an gute Gesellschaft gewöhnt waren, und wie wenig ihr Benehmen, ihre Bildung und ihre Unterhaltung in Gesellschaft von Damen ihrem Stande entsprachen. Aber für Mrs. Wititterly waren eben die Titel vollkommen hinreichend. Roheit galt als Humor, Gemeinheit milderte sich zu entzückender Originalität, und Unverschämtheit wurde als jene zwanglose Unbefangenheit ausgelegt, die nur Leute sich anzueignen vermögen, die das Glück haben, sich in höheren Kreisen zu bewegen. Wenn die Frau vom Hause das Benehmen der Herren in dieser Weise hinnahm, was hätte dann wohl eine Gesellschafterin dagegen einwenden dürfen? Wenn die feinen jungen Gentlemen sogar der Herrin gegenüber sich jedes Zwangs begaben, um wieviel rückhaltsloser mußte dann nicht ihr Benehmen vis-à-vis einer bezahlten Angestellten sein! Aber das war noch nicht das Schlimmste. Als Sir Mulberry Hawk seine Maske immer mehr und mehr ablegte und ausschließlich Kate seine ganze Aufmerksamkeit zuwendete, fing Mrs. Wititterly an, auf die überlegene Anziehungskraft Miss Nicklebys eifersüchtig zu werden. Wenn dieses Neidgefühl zu einer Verbannung aus dem Besuchszimmer, sobald die Herren kamen, geführt haben würde, so hätte sich Kate dazu nur Glück wünschen können. Aber unglücklicherweise besaß sie jene angebotene Anmut, jenen wahren Adel des Benehmens und jene tausend undefinierbaren innern Vorzüge, die dem Weibe den schönsten Reiz geben; und da solche allenthalben Anerkennung finden, mußte dies um so mehr in einem Hause der Fall sein, wo die Herrin selbst nur eine seelenlose Puppe war. Für Kate resultierte daraus ein zweifaches Leiden – einmal, daß sie ein unentbehrliches Gesellschaftsglied bildete, wenn Sir Mulberry und seine Freunde das Haus mit ihrem Besuche beehrten, und dann, daß sie aus demselben Grunde die üble Laune Mrs. Wititterlys über sich ergehen lassen mußte, kaum, daß die feine Gesellschaft fort war. Sie fühlte sich daher ganz und gar elend und unglücklich. Mrs. Wititterly hatte bisher nicht merken lassen wollen, daß sie Sir Mulberry durchschaue, sondern jedesmal einen Ausbruch ihrer üblen Laune, wie Damen es bisweilen zu tun pflegen, auf eine nervöse Verstimmtheit geschoben. Als jedoch schließlich der schreckliche Gedanke in ihr aufzudämmern und allmählich zur Gewißheit zu werden begann, daß Lord Frederic gleichfalls in Kate verliebt schien und sie nur eine ganz untergeordnete Rolle spielte, überkam sie auf einmal ein solches Übermaß von zartem Anstandsgefühl und hoher tugendhafter Entrüstung, daß sie es für ihre Pflicht betrachtete, als verheiratete Frau und als ein sittlich reines Glied der guten Gesellschaft »der jungen Person« die Sache ohne Verzug vorzuwerfen. Demgemäß nahm sie eines Morgens eine Pause im Romanlesen wahr. »Miss Nickleby«, begann sie spitz, »ich muß ein ernstes Wort mit Ihnen reden. Es tut mir leid, dazu genötigt zu sein – in der Tat sehr leid –, aber Sie lassen mir keine andere Wahl, Miss Nickleby.« Dabei warf sie den Kopf in die Höhe – nicht leidenschaftlich, sondern nur tugendhaft – und bemerkte mit geheuchelter Aufregung, daß sie eine Rückkehr ihres Herzklopfens befürchte. »Ihr Benehmen, Miss Nickleby, ist sehr weit entfernt, sich meines Beifalls zu erfreuen, ja sehr weit. Ich bin um Ihre Wohlfahrt sehr bekümmert, aber Sie haben es sich selbst zuzuschreiben, Miss Nickleby, wenn Sie so fortfahren.« »Madam!« rief Kate stolz. »Regen Sie mich nicht auf, indem Sie in diesem Tone mit mir sprechen, Miss Nickleby, oder Sie würden mich zwingen, die Klingel zu ziehen.« Kate blickte ihre Gebieterin an und schwieg. »Glauben Sie ja nicht, Miss Nickleby«, fuhr Mrs. Wititterly fort, »daß Sie mich durch derartige Blicke verhindern werden, das auszusprechen, was ich für meine heiligste Pflicht halte. – Sie brauchen mich nicht so anzusehen –« fügte sie mit einem plötzlichen Ausbruch von Hohn hinzu – »ich bin nicht Sir Mulberry, nicht Lord Frederic, Mamsell, und ebensowenig Mr. Pyke oder Mr. Rupfer.« – Kate sah sie wieder an, aber weniger fest als früher, dann stützte sie ihren Ellenbogen auf den Tisch und bedeckte mit der Hand ihre Augen. – »Wenn etwas Derartiges zur Zeit meiner Mädchenjahre vorgefallen wäre, Miss, würde es in der Tat niemand geglaubt haben.« »Ach, es würde es auch niemand glauben, zu welchen Leiden ich verdammt bin, der es nicht mit mir fühlen kann!« schluchzte Kate. »Sprechen Sie mir nicht von ›verdammt sein‹ und ›leiden‹, Miss Nickleby, wenn ich bitten darf«, rief Mrs. Wititterly mit einer Schrillheit im Tone, die bei einem so zarten Organismus verblüffen mußte. »Ich wünsche keine Erwiderung, Miss Nickleby. Ich bin an Erwiderungen nicht gewöhnt und werde sie auch keinen Augenblick dulden. Hören Sie?« fügte sie hinzu und schien etwas inkonsequent dennoch auf eine solche zu warten. »Ich höre allerdings, Madam«, versetzte Kate. »Und zwar mit einer Überraschung, für die ich keine Worte finde.« »Ich habe Sie bisher immer für eine für Ihre untergeordnete Stellung auffallend wohlanständige junge Person gehalten«, fuhr Mrs. Wititterly fort; »und da Sie gesund aussehen, sich sauber kleiden und dergleichen, habe ich ein gewisses Interesse an Ihnen genommen und tue es auch jetzt noch, zumal ich dies für eine Art von Pflicht halte, die ich der achtbaren alten Frau, Ihrer Mutter, schuldig bin. Aber eben deshalb, Miss Nickleby muß ich Sie ein für allemal ersuchen, daß Sie sich meine Worte zu Herzen nehmen. Ich verlange aufs entschiedenste, daß Sie Ihr zweideutiges Benehmen gegenüber den Herren, die dieses Haus besuchen, ändern. – Es paßt sich nicht« – Mrs. Wititterly schloß indigniert ihre keuschen Augen – »es ist unschicklich – äußerst unschicklich!« »O Gott!« rief Kate und schlug entsetzt die Hände zusammen. »Muß auch noch diese grausame Prüfung über mich kommen! Ist es nicht genug, daß ich Tag und Nacht gelitten und geduldet habe, und daß ich mich fast selber verachten mußte aus Scham, mit solchen Leuten in Berührung gebracht worden zu sein! Muß auch noch diese ungerechte, grundlose Beschuldigung auf mein Haupt fallen!« »Möchten Sie vielleicht gefälligst bedenken«, fuhr Mrs. Wititterly auf, »daß Sie mich geradezu einer Unwahrheit beschuldigen, wenn Sie sich Ausdrücke wie ›ungerecht‹ und ›grundlos‹ erlauben!« »Das ist auch meine Absicht«, versetzte Kate empört. »Es ist mir gleichgültig, ob Sie mir aus eigenem Antrieb oder aus andern Gründen einen solchen Vorwurf machen, jedenfalls ist er so niederträchtig wie böswillig unwahr. Ist es denn möglich, daß Sie – eine so viel ältere Frau als ich – Tag für Tag dabeisitzen konnten und nicht bemerkten, wie sehr ich unter diesem mir aufgezwungenen Verkehr mit Menschen, die alle Achtung, selbst Ihnen gegenüber, und alles Schicklichkeitsgefühl beiseite lassen und bei ihrem Eindringen in Ihr Haus nur einen bestimmten Zweck hatten, nämlich den, ein freund- und hilfloses junges Mädchen mit beleidigenden Anträgen zu verfolgen, litt?! Nein – nein, ich kann es nicht glauben, daß Sie von alldem nichts bemerkt haben!« Wenn die arme Kate nur die mindeste Menschenkenntnis besessen hätte, würde sie trotz ihrer Aufregung nicht gewagt haben, so unüberlegte Äußerungen fallenzulassen. Mrs. Wititterly hatte den Angriff auf ihre Wahrheitsliebe noch so ziemlich gefaßt hingenommen und Kates Schilderung ihrer Leiden mit dem größten Heldenmute mit angehört, als aber Miss Nickleby auf die geringe Achtung hinwies, mit der sie – die Hausfrau – von den Herren behandelt worden sei, und – unglaublich! – die Worte von »höherem Alter« und so weiter fallenließ, sank sie unter gellendem Kreischen auf das Sofa zurück. »Was gibt's?« rief Mr. Wititterly, entsetzt ins Zimmer stürzend. »Himmel, was sehe ich! Julia! Julia! Blicke auf, mein Leben, blicke auf!« Da aber Julia durchaus nicht aufblicken wollte und nur um so lauter schrie, riß er an der Klingel und tanzte wie wahnsinnig um das Sofa herum, ohne Unterlaß nach Sir Tumley Snuffin rufend. »Lauf zu Sir Tumley!« rief er dem atemlos herbeieilenden Pagen mit drohend geschwungenen Fäusten zu. »Ich wußte es wohl, Miss Nickleby«, erklärte er mit melancholisch-triumphierender Miene, »daß diese Gesellschaft zuviel für sie sein würde. Da ist alles sprühender Geist – jedes Wort, das gesprochen wird.« Mit dieser Versicherung hob Mr. Wititterly die bewußtlose Hülle seiner Gattin auf und schleppte sie zu ihrem Bett. Kate wartete, bis Sir Tumley Snuffin erschienen war und konstatiert hatte, daß die Gnädige durch besondere Fügung einer gnädigen Vorsehung in Schlaf verfallen sei, kleidete sich dann hastig zum Ausgehen an, versprach in ein paar Stunden wiederzukommen und eilte zu ihrem Onkel. Ralph Nickleby hatte einen guten, sogar einen glücklichen Tag gehabt. Er ging in seinem kleinen Hinterzimmer, die Hände auf dem Rücken, auf und ab, und überschlug im Kopf die Summe, die ihm ein am Morgen abgeschlossenes Geschäft einzutragen versprach. Sein Mund verzog sich dabei zu einem harten Lächeln, und der verschmitzte Blick seines kalten, stechenden Auges verriet, daß er es nicht an Tricks und Schlichen fehlen zu lassen gedenke, um seinen Gewinn womöglich noch zu vergrößern. »Sehr gut!« brummte er vor sich hin, offenbar in Bezug auf irgendeinen Vorfall des Tages. »Er bietet dem Wucherer Trotz – na gut. Nun, wir werden ja sehen. ›Ehrlichkeit ist die beste Politik‹ – meinst du? Auch das können wir ja erproben.« Er hielt eine Weile inne und setzte dann seinen Spaziergang wieder fort. »Er begnügt sich«, fuhr er in seinem Selbstgespräch fort, und sein Lachen verschwand allmählich, »seinen anerkannt ehrenwerten Charakter und Ruf als Gegengewicht gegen die Macht des Geldes auszuspielen – des erbärmlichen Staubes, wie er es nennt. Ha! ha! Was muß der Kerl für ein Dummkopf sein – des Staubes! – Hallo, wer ist da?« »Ich«, versetzte Newman Noggs und steckte den Kopf ins Zimmer. »Ihre Nichte.« »Was ist's mit ihr?« fragte Ralph scharf. »Sie ist hier.« »Hier?« Newman deutete mit einer Kopfbewegung nach seinem kleinen Zimmer. »Was will sie?« »Weiß nicht. – Soll ich fragen?« »Nein«, brummte Ralph. »Halt. – Warten Sie einen Augenblick!« Hastig versteckte er eine schwere Geldkassette, die auf dem Tische stand, und legte statt ihrer einen leeren Geldbeutel hin. »So«, sagte er dann; »jetzt kann sie hereinkommen.« Newman schnitt eine Grimasse, holte die junge Dame herein, stellte ihr einen Stuhl hin und hinkte langsam hinaus. »Nun«, begann Ralph in ziemlich rauhem Tone, obgleich in seinem Benehmen mehr Freundlichkeit lag, als er sonst irgend jemand gegenüber an den Tag gelegt haben würde; »nun, meine – Liebe? Was gibt's?« Kate schlug ihre in Tränen schwimmenden Augen auf und gab sich alle Mühe, ihre Erregung niederzukämpfen und zu sprechen – aber umsonst. Schluchzend ließ sie den Kopf wieder sinken und schwieg. Sie hatte ihr Gesicht mit den Händen bedeckt, und Ralph konnte sehen, daß sie weinte. »Ich kann den Grund erraten«, dachte er, nachdem er sie eine Weile schweigend betrachtet, »ja ich kann –- ich kann den Grund erraten. Aber schließlich« – der Anblick des Kummers seiner jungen schönen Nichte hatte ihn ganz aus der Fassung gebracht – »was will das viel besagen? Ein paar Tränen, und außerdem ist's eine prächtige Lehre für sie – eine prächtige Lehre.« »Also, was führt dich zu mir?« brach er endlich das Schweigen. »Was mich zu Ihnen führt, Sir«, sagte Kate, »ist derart, daß Ihnen das Blut ins Gesicht steigen muß, wenn ich es Ihnen erzähle. Ich bin mißhandelt worden; meine innersten Gefühle wurden verletzt, unheilbar verwundet – und zwar durch Ihre Freunde.« »Freunde!?« fiel Ralph streng ein. »Ich habe keine Freunde, Mädchen.« »Also – durch die Herren, die ich hier traf. Wenn es nicht Ihre Freunde waren und Sie sie kannten, ach, um so mehr Schande für Sie, Onkel, daß Sie mich in solche Gesellschaft brachten! Es war eine Unmenschlichkeit und Niedertracht von Ihnen, die nicht ihresgleichen hat!« Ralph rückte bei dieser unverhohlenen Sprache in höchstem Erstaunen mit seinem Stuhl etwas zurück und musterte Kate mit finsteren Blick. Sie sah ihm aber mit Stolz und Festigkeit in die Augen, und trotzdem ihr Gesicht totenblaß war, kam es ihm in ihrer Aufregung edler und schöner vor als je. »Es ist etwas von dem Blute dieses Knaben in dir, wie ich bemerke«, sagte er in seinem rauhesten Ton. – Etwas in ihren blitzenden Augen hatte ihn an sein letztes Zusammentreffen mit Nikolas erinnert. »Das hoffe ich«, versetzte Kate, »und ich bin stolz darauf. – Ich bin jung, Onkel, und die Not und der Kummer meiner Lage haben es lange niedergehalten. Aber heute hat es den Zwang durchbrochen. – Soll kommen, was da will, ich werde, so wahr ich das Kind Ihres Bruders bin, diese Kränkungen nicht länger ertragen.« »Welche Kränkungen, Mädchen?« fragte Ralph mit Schärfe. »Rufen Sie sich das, was hier in diesem Hause vorfiel, ins Gedächtnis, und fragen Sie sich selbst! – Onkel, Sie müssen – und ich bin überzeugt, daß Sie es werden –, Sie müssen mich von dem schändlichen und entehrenden Umgang befreien, dem ich bis jetzt preisgegeben war. – Ich will mich zwingen«, rief Kate, eilte auf den alten Mann zu und legte ihre Hand auf seine Schulter, »ich will mich zwingen, nicht leidenschaftlich und heftig zu sein, und ich bitte Sie um Verzeihung, wenn ich es einen Augenblick war, lieber Onkel. Aber Sie wissen nicht, was ich erduldet habe. Sie kennen das Herz eines jungen Mädchens nicht – und ich kann das auch unmöglich von Ihnen verlangen –, aber ich bin überzeugt, daß Sie mir helfen werden, wenn ich Ihnen sage, daß ich elend bin und daß mir das Herz bricht. – Ja, gewiß – gewiß, Sie werden mir helfen.« Ralph sah sie einen Augenblick unsicher an, wandte dann den Kopf ab und stampfte heftig mit dem Fuß auf den Boden. »Ich habe von einem Tag zum andern gehofft«, fuhr Kate fort, beugte sich über ihn und legte ihre kleine Hand schüchtern in die seinige, »diese Verfolgung würde ein Ende nehmen. Ein Tag verstrich um den andern, und ich mußte sogar heiter scheinen, trotz der tiefen Wunde in meinem Herzen. Ich hatte niemand, bei dem ich mir Rat erholen oder Schutz suchen konnte. Mama hält diese Menschen für achtbar, reich und angesehen; und wie kann ich – wie kann ich sie enttäuschen, wo sie sich in diesem Wahn so glücklich fühlt, das einzige Glück, das sie hat? Die Dame, in deren Haus ich jetzt untergebracht bin, ist nicht die Frau, der ich eine Angelegenheit so zarter Natur anvertrauen könnte, und ich komme daher zu Ihnen, dem einzigen Freund, der mir nahesteht, fast dem einzigen Freund, den ich überhaupt besitze, um Ihre Hilfe und Ihren Beistand zu erflehen.« »Aber wie kann ich dir beistehen, Kind?« brummte Ralph, stand von seinem Stuhle auf und ging unruhig im Zimmer auf und ab. »Ich weiß, Sie haben Einfluß bei einem dieser Männer«, flehte Kate. »Würde nicht ein Wort von Ihnen sie veranlassen, von ihrem unritterlichen Benehmen abzustehen?« »Nein«, erwiderte Ralph und blieb mit einem Ruck stehen, »wenigstens – nein, ich kann nicht über die Sache mit ihm sprechen, selbst nicht, wenn sich ein Erfolg davon versprechen ließe.« »Sie können nicht?« »Nein«, wiederholte Ralph und krampfte seine Hände hinter dem Rücken noch mehr zusammen. »Ich kann nicht.« Kate wich ein paar Schritte zurück und sah ihn an, als zweifle sie, recht gehört zu haben. »Wir stehen in Geschäftsverbindung«, erklärte Ralph langsam, wiegte sich abwechselnd auf den Zehen und den Fersen und sah ihr fest ins Gesicht, »ja, in Geschäftsverbindung, und es geht nicht, daß ich sie vor den Kopf stoße. – Was hat denn das alles auch weiter auf sich?! Wir haben alle unsere Prüfungen, und dies ist eine von den deinigen. Manches Mädchen würde stolz sein, solche Anbeter zu ihren Füßen zu sehen.« »Stolz!?« rief Kate. »Ich sage nicht«, lenkte Ralph ein, »daß du etwa nicht recht daran tust, sie zu verachten; nein, du zeigst hierin nur dein richtiges Urteil, und ich wußte von Anfang an, daß du so handeln würdest. Was willst du nur? Deine Stellung ist in jeder Hinsicht eine behagliche. Wie kannst du von Leiden sprechen? Wenn der junge Lord dir auf Schritt und Tritt nachläuft und dir seine läppischen Albernheiten ins Ohr flüstert – was tut's? Wenn's auch eine unehrenhafte Leidenschaft ist, was ist da weiter? – Er wird es bald genug satt haben. Es kommt ihm irgend etwas Neues in den Wurf und du bist erlöst. Inzwischen –« »Inzwischen«, fiel Kate entrüstet ein, »bin ich der Verachtung meines eigenen Geschlechtes preisgegeben, mit Recht verdammt von allen anständigen Frauen, verachtet von allen ehrenhaften Männern, gesunken in meiner eigenen Achtung und erniedrigt vor jedem Auge, das auf mich blickt. Nein, ich ertrage es nicht länger, und wenn ich mir die Finger bis auf die Knochen abarbeiten und mich den rauhesten und schwersten Arbeiten unterziehen müßte. Mißverstehen Sie mich nicht. Ich werde Ihrer Empfehlung keine Unehre machen und in meiner Stellung bleiben, bis ich durch die Bedingungen meines Kontraktes berechtigt bin zu gehen. Aber diese Herren, davon können Sie überzeugt sein, werden mich von jetzt an nicht mehr zu Gesicht bekommen. Wenn ich das Haus verlasse, werde ich mich vor diesen Schurken und vor Ihnen verbergen und meiner Mutter durch saure Arbeit ihren Lebensunterhalt zu verschaffen suchen, um wenigstens im Vertrauen auf Gottes Hilfe in Frieden leben zu können.« Mit diesen Worten eilte Kate aus dem Zimmer und ließ Ralph Nickleby regungslos wie eine Bildsäule stehen. Fast hätte sie vor Schrecken, als sie die Zimmertüre schloß, einen Schrei ausgestoßen, denn dicht vor ihr stand, kerzengerade wie eine Vogelscheuche im Winterquartier, in einer kleinen Mauervertiefung Newman Noggs. Blitzschnell legte er den Finger an die Lippen, und sie hatte Geistesgegenwart genug, ihren Schrecken zu bemeistern. »Weinen Sie nicht«, bat er leise, schlüpfte aus seinem Winkel hervor und geleitete sie zum Haustor. »Sie dürfen nicht weinen – nicht weinen.« Dabei rollten ihm selbst zwei große Tränen über die Wangen. Dann zog er etwas aus der Tasche, was einem alten Wischlappen verdächtig ähnlich sah, und trocknete damit Kates Wimpern so sanft wie einem Kinde. »So, so. – So ist's gut. Sie haben recht gehabt, daß Sie ihm keine Schwäche zeigten. Ha! ha! ha! Ja, ja. Armes Kind! Ja, ja. Armes Kind!« Kaum konnte er seiner Rührung Herr werden. – Schluchzend wischte er sich mit dem Wischlappen selbst die Augen und hinkte nach der Haustüre, um Kate hinauszulassen. »Weinen Sie nicht mehr«, tröstete er sie dabei, »ich werde Sie besuchen kommen. Ha! ha! ha! Und jemand anderer soll es auch bald tun. Ja, ja! Ho! ho!« »Gott segne Sie«, dankte ihm Kate und eilte hinaus; »Gott segne Sie.« »Sie gleichfalls«, rief Noggs ihr noch nach. »Ha! ha! ha! Ho! ho! ho!« Dann schloß er die Türe, schüttelte traurig den Kopf und ließ seinen Tränen freien Lauf. Eine halbe Stunde darauf hätte ihn wohl keiner, der seine Ergriffenheit mit angesehen, wiedererkannt. Er stand mit dem Gesicht zur Türe gewendet, hatte die Ärmel seines Rockes über die Handgelenke zurückgeschlagen und war eifrig beschäftigt, die kräftigsten und kunstgerechtesten Boxhiebe in die leere Luft zu führen. Beim ersten Anblick hätte man glauben können, daß dies nur die weise Maßregel eines zu sitzender Lebensweise verurteilten Mannes sei, der die Absicht hat, seine Lungen zu erweitern und seine Armmuskeln zu kräftigen. Aber die lebhafte Freude, die sich in Newman Noggs' schweißtriefendem Antlitz malte, der tiefinnerliche Genuß, mit dem er seine Hiebe fortwährend gegen eine bestimmte Stelle – ungefähr fünf Fuß über dem Boden – richtete, und die unermüdliche Ausdauer, mit der er sich abarbeitete, würde den aufmerksamen Beobachter bald haben erraten lassen, daß er im Geiste auf Leben und Tod den Leib seines ehrenwerten Prinzipals, Mr. Ralph Nicklebys, bearbeitete. 29. Kapitel Von Nikolas' weiteren Schicksalen und gewissen Zerwürfnissen in Mr. Vincent Crummles' Ensemble Mr. Vincent Crummles fühlte sich durch den unerwarteten Erfolg und den Beifall, den sein Gastspiel in Portsmouth gefunden, veranlaßt, seinen Aufenthalt in dieser Stadt um vierzehn Tage über die ursprünglich beabsichtigte Zeit zu verlängern. Nikolas trat bei dieser Gelegenheit in den verschiedensten Rollen, aber stets unter gleichem Beifall auf und zog damit so viel Publikum an, daß das Haus jeden Abend ausverkauft war. Den Vorschlag eines Benefizes seitens Mr. Crummles' nahm er mit Vergnügen an und gewann dadurch an einer Vorstellung die für ihn höchst beträchtliche Summe von zwanzig Pfund. Sein erstes, als er sich unerwartet so reich sah, war, daß er John Browdie seine Schuld abzahlte und die Rücksendung mit vielen Dankes- und Achtungsversicherungen sowie herzlichen Wünschen für sein künftiges eheliches Glück begleitete. Dann schickte er Newman Noggs die Hälfte seiner Einnahme mit der Bitte, sie gelegentlich Kate heimlich einzuhändigen und sie seiner wärmsten und innigsten brüderlichen Liebe zu versichern. Er erwähnte seine theatralische Laufbahn nicht weiter, sondern schrieb bloß, daß Briefe unter der Adresse seines angenommenen Namens, Poste restante Portsmouth, ihn unfehlbar treffen würden. Dabei bat er Newman, ihm alle Einzelheiten über die Lage seiner Mutter und Schwester zukommen zu lassen und ihm über alle die fabelhaften Wohltaten, die ihnen Ralph Nickleby seit seiner Abreise von London erwiesen, zu berichten. »Sie sind so niedergeschlagen!« klagte Smike an dem Abend, an dem Nikolas seinen Brief abgesandt hatte. »O durchaus nicht«, entgegnete Nikolas und zwang sich, ein heiteres Gesicht zu machen, denn eine Bejahung würde dem armen Burschen für die ganze Nacht den Schlaf geraubt haben; »ich mußte nur viel an meine Schwester denken, Smike.« »An Ihre Schwester?« »Jawohl.« »Ist sie Ihnen ähnlich?« fragte Smike nach einer längeren Pause. »Die Leute sagen es wenigstens«, versetzte Nikolas lächelnd. »Jedenfalls ist sie ein gut Teil schöner als ich.« »Dann muß sie wunder-wunderschön sein«, sagte Smike, nachdem er eine Weile nachgedacht, die Hände gefaltet und die Augen unverwandt auf seinen Freund und Beschützer geheftet hatte. »Einer, der dich nicht so gut kennt wie ich, mein lieber Junge, würde sagen, du wärest ein vollendeter Höfling«, lachte Nikolas. »Ich weiß nicht, was das ist«, meinte Smike kopfschüttelnd, »aber glauben Sie, werde ich Ihre Schwester einmal sehen dürfen?« »Gewiß«, rief Nikolas. »Wir werden eines Tages alle beisammen sein – wenn wir reich sind, Smike!« »Wie kommt es nur, daß Sie, der Sie doch so freundlich und gütig gegen mich sind, niemand haben, der auch Ihnen beistünde und hülfe? Ich kann mir das nicht erklären.« »Ach, das hat so mancherlei Ursachen; das ist eine lange Geschichte«, wich Nikolas der Antwort aus, »die du, wie ich fürchte, nicht leicht begreifen würdest. – Ich habe einen Feind – du weißt doch, was das ist?« »Ja, ja, das weiß ich wohl«, rief Smike. »Nun, und diesem hab' ich's zu verdanken. Er ist reich und kann nicht so leicht beim Kragen genommen werden wie dein alter Feind, der Schulmeister Squeers. – Er ist mein Onkel, hat aber wie ein Schurke an mir gehandelt.« »Hat er das?« fuhr Smike auf und beugte sich lebhaft vor. »Wie heißt er? Sagen Sie mir seinen Namen.« »Ralph – Ralph Nickleby.« »Ralph – Nickleby«, murmelte Smike vor sich hin. »Ralph. Ich will mir diesen Namen für immer einprägen.« Er hatte sich das Wort »Ralph« etwa zwanzigmal halblaut vorgesagt, als ihn ein lautes Klopfen an der Türe in seiner Beschäftigung unterbrach. Ehe er noch öffnen konnte, steckte Mr. Folair, der Pantomimist, bereits seinen Kopf herein. Mr. Folairs Haupt war meistens mit einem runden Hute geziert, der eine ungewöhnliche hohe Wölbung, aber um so schmälere Krempen hatte. Augenblicklich trug der Mime ihn schräg auf dem Ohr, die Rückseite nach vorn, da diese weniger abgegriffen war, und um den Hals einen flammroten wollenen Schal, dessen Zipfel unter seinem von oben bis unten zugeknöpften Newmarketrock hervorguckten. In der Rechten hielt er einen auffallend schmutzigen Handschuh und das Rückgrat eines billigen Kleiderausklopfers mit einem gläsernen Griff daran – kurz, sein ganzes Äußeres war ungewöhnlich vornehm und bekundete eine weit größere Sorgfalt hinsichtlich Garderobe als sonst. »Guten Abend, Sir«, begann Mr. Folair, nahm seinen Hut ab und fuhr sich mit den Fingern durch die Haare. »Ich habe Ihnen eine Mitteilung zu überbringen – hm!« »Von wem und weshalb?« unterbrach ihn Nikolas. »Sie tun ja heute abend schrecklich geheimnisvoll.« »Ich bin vielleicht etwas kühl«, sagte Mr. Folair, »vielleicht etwas kühl, aber daran ist die Mission schuld, in der ich hier bin, Mr. Johnson. – Hm, – gerade, da ich beiden Parteien freundlich gesinnt bin, Sir.« Er hielt ernst und mit feierlicher Miene inne, griff in seinen Hut, holte ein kleines, zusammengefaltetes, weißlich-braunes Papier heraus, in das ein Billett eingewickelt war, und händigte es Nikolas mit dem Ersuchen ein, es gefälligst zu lesen. Mr. Nickleby nahm es verwundert entgegen, erbrach das Siegel mit einem fragenden Blick auf den Mimen, der, die Augen beharrlich auf die Decke gerichtet, dasaß, die Stirne runzelte und den Mund in würdige Falten legte. Das Billett trug die Adresse: »Johnson, Esquire – Mr. Augustus Folair zur gefälligen Besorgung übergeben«, und Nikolas' Verwunderung wuchs, als er darin die lakonischen Worte las. »Mr. Lenville vermeldet Mr. Johnson sein höfliches Kompliment und wäre sehr dankbar, wenn Mr. Johnson ihn gefälligst wissen ließe, zu welcher Stunde des nächsten Morgens es ihm bequem wäre, mit Mr. Lenville im Schauspielhause zusammenzutreffen, um sich von letzterem in Gegenwart der ganzen Gesellschaft die Nase einschlagen zu lassen. Mr. Lenville ersucht Mr. Johnson, dieser Aufforderung um so gewisser nachzukommen, als Mr. Lenville ein paar Kollegen eingeladen hat, Zeugen der erwähnten Züchtigung zu sein, und deren Erwartung in keinem Fall getäuscht sehen möchte. Portsmouth, Dienstag abend –« So entrüstet auch Nikolas über diese Unverschämtheit war, so erschien ihm doch die läppische Herausforderung so ausgesucht abgeschmackt, daß er sich in die Lippen beißen und den Wisch zwei- oder dreimal überlesen mußte, ehe er genug Würde und Ernst aufbringen konnte, um den Kartellträger anzureden, der die ganze Zeit über weder die Augen von der Decke verwandte noch den Ausdruck seines Gesichtes auch nur im mindesten veränderte. »Kennen Sie den Inhalt dieses Schreibens?« brachte er endlich heraus. »Jawohl«, versetzte Mr. Folair, blickte Nikolas eine Sekunde lang an, richtete aber dann sofort seine Augen wieder auf die Zimmerdecke. »Wie können Sie sich unterstehen, sich zum Überbringer dieses Wisches herzugeben, Sir?« fragte Nikolas scharf, zerriß das Papier in kleine Stücke und warf sie dem Komödianten ins Gesicht. »Sie waren vermutlich nicht darauf gefaßt, daß ich Sie die Treppe hinunterwerfen werde?« Mr. Folair wandte sein jetzt mit Papierschnitzeln reich geschmücktes Haupt Nikolas zu und erwiderte mit hoheitsvoller Würde: »Nein.« »Dann«, sagte Nikolas, nahm Mr. Folair seinen hohen Hut aus der Hand und schleuderte ihn gegen die Türe, »dann werden Sie gut tun, Ihrem Deckel, noch ehe zwölf Sekunden vergehen, zu folgen, wenn Sie sich nicht weitere Unannehmlichkeiten zuziehen wollen.« »Johnson! Wahrhaftig«, rief Mr. Folair und gab alle seine Würde mit einem Schlage auf, »ein solches Benehmen ist nicht am Platze. –Treiben Sie gefälligst keine Possen mit der Garderobe eines Gentlemans.« »Verlassen Sie mein Zimmer!« herrschte ihn Nikolas an. »Wie können Sie sich unterstehen, mir eine solche Botschaft zu überbringen, Sie Dummkopf?!« »Oh, oh«, remonstrierte Mr. Folair, löste seinen Schal und wickelte sich mühselig aus ihm heraus. »Genug – genug!« »Genug?« rief Nikolas und machte einen Schritt auf ihn zu. »Ich frage Sie zum letzten Mal, Sir, ob Sie sich packen wollen?« »Pardon, pardon!« rief Mr. Folair und streckte abwehrend die Hand vor. »Ich meinte es doch natürlich nicht im Ernst. Ich brachte Ihnen den Zettel doch bloß des Spaßes halber.« »Dann würden Sie gut tun, sich bei derartigen Späßen zuvor Ihre Leute genau anzusehen«, entgegnete Nikolas. »Ihr Witz könnte sonst Ihnen selber eine zerschlagene Nase eintragen. Sollte der Wisch vielleicht auch nur ein Spaß sein?« »Nein, nein! Das ist doch gerade das Famose an der Sache!« beeilte sich Mr. Folair zu versichern. »Das ist natürlich purer, tödlicher Ernst – auf Ehre.« Nikolas konnte sich beim Anblick der grotesken Gestalt des Mimen eines Lächelns nicht erwehren, die zu allen Zeiten mehr seine Heiterkeit als seinen Unwillen erregt haben würde, jetzt aber geradezu absurd war, da Mr. Folair, mit einem Knie auf dem Boden, seinen Hut um und um drehte, ängstlich besorgt, ob nicht am Ende der alte Filz gelitten hätte. »Aber jetzt, Sir, werden Sie endlich die Güte haben, mir eine Erklärung zu geben«, platzte Nikolas heraus. »Nun, ich will Ihnen sagen, wie sich die Sache verhält«, entgegnete Mr. Folair und setzte sich mit großer Kaltblütigkeit in einen Stuhl. »Seit Ihrem Eintritt fielen Lenville nur zweite Rollen zu, und statt wie früher jeden Abend mit Applaus empfangen zu werden, benahm sich das Publikum bei seinen Szenen, als ob er überhaupt nicht existiere. So mußte er Abend für Abend spielen, ohne daß sich eine Hand rührte, während Sie mindestens zwei-, bisweilen auch dreimal ›herausmußten‹. Das ist ihm so zu Kopf gestiegen, daß er schon gestern abend halb und halb im Sinne hatte, in der Rolle des Tybalt ein wirkliches Schwert zu nehmen und Ihnen damit eins zu versetzen – nicht etwa eine Todeswunde, aber doch so, daß Sie für einen Monat oder zwei genug gehabt hätten.« »Prächtige Idee!« rief Nikolas. »Ja, das war es den Umständen nach in der Tat! Sein Künstlerruhm stand auf dem Spiele!« fuhr Mr. Folair mit feierlicher Miene fort. »Aber es gebrach ihm an Mut, und so sann er auf ein anderes Mittel, Ihnen beizukommen und sich zugleich populär zu machen – denn das ist die Hauptsache –, Ruhm – Berühmtheit ist das höchste Ziel des Schauspielers. – Du mein Himmel, wenn er Ihnen mit scharfer Klinge eins versetzt hätte«, fuhr Mr. Folair fort, nachdem er eine Weile sinnend innegehalten, »es wäre ihm – es wäre ihm acht, oder sagen wir, sogar zehn Schillinge pro Woche wert gewesen. Die ganze Stadt wäre gekommen, um den Schauspieler zu sehen, der im Eifer des Spiels beinahe einen Menschen getötet hätte. Es würde mich gar nicht wundergenommen haben, wenn es ihm ein Engagement in London eingetragen hätte. Sei dem übrigens, wie es wolle, er mußte irgendeine Anstrengung machen, wieder populär zu werden, und da fiel ihm der gegenwärtige Plan ein. Der Gedanke ist wirklich nicht übel. Hätten Sie sich einschüchtern lassen und ihm Ihre Nase offeriert, so wäre die Geschichte in die Zeitungen gekommen; und hätten Sie sich mit ihm verglichen, würde dasselbe geschehen sein. Man hätte dann ebensoviel von ihm wie von Ihnen gesprochen. Begreifen Sie?« »Allerdings«, versetzte Nikolas. »Aber angenommen, ich kehrte den Stiel um und zerschlüge ihm die Nase – was dann? Kann daraus auch ein Vorteil für ihn erwachsen?« »Glaube kaum«, meinte Mr. Folair und kratzte sich hinter dem Ohr. »Es wäre wenig Romantik dabei. Er würde dadurch eher lächerlich. Aber, offen gestanden, auf so etwas rechnet er nicht, Sie haben sich immer sehr friedliebend gezeigt und sind so beliebt bei den Damen, daß wir hinter Ihnen nicht viel kriegerischen Sinn vermuteten. Führen Sie jedoch trotzdem etwas Derartiges im Schilde, so hat er, verlassen Sie sich darauf, ein Mittel, sich leicht aus der Affäre zu ziehen.« »Wirklich? Wieso?« fragte Nikolas. »Wir wollen's doch morgen früh mal versuchen. Inzwischen können Sie ihm von unserer Unterredung mitteilen, was Ihnen beliebt. – Gute Nacht.« Da Mr. Folair unter seinen Kollegen als ungemein schadenfroh bekannt und stets bei der Hand war, wenn es Unfrieden zu stiften galt, so zweifelte Nikolas keinen Augenblick, daß nur er es gewesen, der Lenville aufgehetzt, und daß er sich als Kartellträger hochtrabend genug benommen haben würde, wenn er nicht durch den höchst unerwarteten Empfang, der ihm zuteil geworden, gleich am Anfang eingeschüchtert worden wäre. Es verlohnte sich jedoch nicht der Mühe, den Komödianten ernst zu nehmen. Nikolas entließ ihn daher mit dem höflichen Bedeuten, sich das nächste Mal dergleichen vorher zu überlegen, wenn er seine Nase nicht riskieren wolle. Mr. Folair nahm die Warnung ungemein gut gelaunt hin und entfernte sich, um mit seinem »Paukanten« Rücksprache zu nehmen und ihm von dem großen Erfolge seiner Bemühungen den Bericht zu erstatten, der ihm zur weiteren Durchführung des Scherzes für am geeignetsten dünkte. Er mußte ohne Zweifel erzählt haben, daß »Mr. Johnson« in die größte Angst und Furcht geraten sei, denn als Nikolas am nächsten Morgen zur gewohnten Stunde ganz ruhig im Schauspielhause erschien, fand er die ganze Truppe – augenscheinlich erwartungsvoll – versammelt, während Mr. Lenville mit Löwenmiene majestätisch auf einem Tische saß und herausfordernd durch die Zähne pfiff. Die Damen standen auf Nikolas' Seite, während die Herren in ihrem Neid für den ausgestochenen Tragöden Partei nahmen und eine kleine Gruppe um den furchtbaren Mr. Lenville bildeten, während erstere nicht ohne Herzklopfen in einiger Entfernung der kommenden Dinge harrten. Als Nikolas stehenblieb, um sie zu begrüßen, brach Mr. Lenville in eine verächtliche Lache aus und ließ spöttische Bemerkungen hinsichtlich »der Naturgeschichte der Hasenfüße« fallen. »Oh«, fragte Nikolas, sich ruhig umsehend, »sind Sie auch da?« »Sklave!« zürnte Mr. Lenville, erhob den rechten Arm in Boxerstellung und ging in Theaterschritt auf Nikolas zu. Er schien jedoch fast im selben Augenblick mit innerm Entsetzen wahrzunehmen, daß Nikolas doch nicht ganz so furchtsam aussah, als er erwartet hatte, und machte daher mit einem Ruck so eingeschüchtert Halt, daß die versammelten Damen in ein lautes Gelächter ausbrachen. Das stachelte ihn abermals auf. »Gegenstand meines Abscheues und Hasses«, rief er mit geschwellter Heldenbrust, »ich verachte dich, Knabe!« Nikolas setzte dieser Bühnenphrase ein höchst unpassendes Gelächter entgegen, und auch die Damen lachten, um ihn zu ermutigen, noch lauter als vorher. Mr. Lenville verzog den Mund zu seinem bittersten Lächeln und grollte, sie seien alberne »Zierpuppen«. »Aber sie sollen dich nicht schützen«, wendete er sich wieder an Nikolas und maß ihn verächtlich vom Scheitel bis zur Zehe und wieder zurück, ein Blick, der bekanntlich auf der Bühne Herausforderung bedeutet. »Sie sollen dich nicht schützen, Knabe!« Dabei verschränkte Mr. Lenville die Arme und produzierte eines jener Gesichter, mit denen er im Melodrama die tyrannischen Könige anzusehen pflegte, wenn sie sagten: ›Hinweg mit ihm ins tiefste Gefängnis unter dem Schloßgraben!‹ und die, wenn sie von ein wenig Kettengeklirr begleitet wurden, im Publikum stets die kolossalsten Wirkungen hervorbrachten. Lag es nun am Fehlen der Requisiten, nämlich an den »Ketten«, oder an etwas anderem, jedenfalls war der Eindruck auf Nikolas kein sehr tiefer. Die heitere Laune, die sich in seinen Mienen ausdrückte, schien sich dadurch sogar noch zu erhöhen. Die versammelten Herren dagegen, die ausdrücklich hergekommen waren, um mit anzusehen, wie Nikolas eins auf die Nase bekäme, wurden ungeduldig und murrten, daß, wenn die Sache überhaupt vor sich gehen solle, sie rasch abgewickelt werden müsse und daß Mr. Lenville, wenn er keine Courage dazu habe, besser täte, es gleich zu sagen, damit sie nicht vergeblich zu warten brauchten. So zum Äußersten gedrängt, krempelte der Tragöde seine Rockärmel zurück, um die Operation vorzunehmen, und ging mit Heldenschritten auf Nikolas zu, der ihn entsprechend nahe herankommen ließ und dann in größter Ruhe mit einem Schlag zu Boden streckte. Ehe sich noch der besiegte Mime erheben konnte, stürzte seine Gattin (die sich, wie bereits früher angedeutet, in interessanten Umständen befand) aus der Reihe der Damen hervor und warf sich mit gellendem Jammerschrei über ihren Gatten. »Siehst du das, du Ungeheuer? Siehst du das?« rief Mr. Lenville, setzte sich auf und deutete auf seine neben ihm hingestreckte Gattin, die ihre Arme um seinen Leib geschlungen hatte. Nikolas nickte nur gelassen und sagte: »Leisten Sie Abbitte wegen des unverschämten Briefes, den Sie mir gestern abend geschrieben haben, und hören Sie gefälligst mit Ihren albernen Phrasen auf.« »Niemals!« rief Mr. Lenville. »Ja-ja-ja«, kreischte seine Gattin. »Tue es um meinetwillen! – Um meinetwillen, Lenville! – Unterwerfe dich allen diesen nichtigen Formalitäten, wenn du mich nicht als entseelte Leiche zu deinen Füßen sehen willst.« »Das gibt den Ausschlag«, rief Mr. Lenville und fuhr sich mit dem Handrücken über die Augen. »Die Bande der Natur sind zu stark. Der schwache Gatte und Vater – der zukünftige Vater – in mir gebietet meinem Stolz. – Ich leiste Abbitte.« »De- und wehmütig?« fragte Nikolas. »De- und wehmütig«, wiederholte der Tragöde mit finsterem Blick. »Aber nur um ihrer zu schonen, denn es wird eine Zeit kommen –« »Ja ja, schon gut«, unterbrach ihn Nikolas. »Ich hoffe, für Mrs. Lenville wird alles gut ablaufen, und wenn Sie dann glücklicher Vater sind, können Sie ja die Erklärung zurücknehmen falls Sie den Mut dazu haben. Wir sind jetzt fertig, Sir, aber überlegen Sie sich ein andermal gefälligst, wohin Sie Ihre Eifersucht führen kann, und vergessen Sie nicht, ehe Sie einen Fehdehandschuh hinwerfen, sich hinsichtlich des Temperaments Ihres Nebenbuhlers Gewißheit zu verschaffen.« Dann hob er Mr. Lenvilles Eschenstock auf, brach ihn entzwei, warf dem Komödianten die Stücke vor die Füße und entfernte sich mit einer leichten Verbeugung gegen die Zeugen des Auftrittes. Noch am selben Abend zollte man Nikolas die tiefste Ehrerbietung, und gerade diejenigen, die am meisten darauf gebrannt, mit anzusehen, wie er eins auf die Nase bekäme, benutzten jede Gelegenheit, ihn beiseite zu nehmen, um ihm voll inniger Freundschaft zu beteuern, wie sehr sie sich gefreut hätten, daß er diesem Lenville – diesem »ekelhaften Kerl« – so gründlich heimgeleuchtet habe. Sie alle – gewiß ein höchst merkwürdiges Zusammentreffen – hätten ihm bereits des öftern eine solche Züchtigung zugedacht, seien aber nur aus Mitleid davon abgestanden. – Mit einem Wort, es mußte sich einem die Überzeugung aufdrängen, daß es auf der ganzen Erde keine humaneren und mitleidigeren Menschen gäbe als die männlichen Mitglieder von Mr. Crummles' Schauspielensemble. Nikolas hingegen bewies nicht nur bei diesem Triumphe, sondern überhaupt bei allen seinen Erfolgen in der kleinen Theaterwelt, die größte Mäßigung und Ruhe. Der arg blamierte Mr. Lenville machte zwar noch einen letzten fruchtlosen Racheversuch, indem er heimlich einen Jungen auf die Galerie schickte, um dort zu pfeifen, als »Mr. Johnson« auftrat, aber der Ärmste fiel mit einem Haar der allgemeinen Entrüstung zum Opfer, wurde ohne weiteres hinausgeworfen und erhielt nicht einmal das Eintrittsgeld an der Kasse zurück. »Nun, Smike«, sagte Nikolas, als er sich nach dem ersten Stück zum Nachhausegehen fertig angekleidet hatte; »ist noch immer kein Brief da?« »O doch«, versetzte Smike, »hier. Ich habe ihn soeben von der Post geholt.« »Von Newman Noggs?« murmelte Nikolas mit einem Blick auf die Schwefelhölzerschrift auf der Adresse. »Es ist nicht so einfach, diese Hieroglyphen zu entziffern. – Aber schließlich werden wir schon damit zurechtkommen.« Nach halbstündigem Studium gelang es ihm denn auch, den Inhalt des Briefes zu entwirren, der übrigens keineswegs danach angetan war, ihn zu beruhigen. Newman schickte ihm die zehn Pfund zurück und bemerkte dazu, er wisse bestimmt, daß weder Mrs. Nickleby noch Kate für den Augenblick das Geld benötigten, andererseits jedoch könne in vielleicht kurzer Zeit der Fall eintreten, daß Nikolas es selber besser brauchen werde. Er ersuchte ihn, sich durch das, was er ihm zu melden hätte, nicht beunruhigen zu lassen; es wäre durchaus nichts Schlimmes vorgefallen und alle erfreuten sich bester Gesundheit, aber trotzdem schwane ihm, als könne sich so mancherlei ereignen oder sei vielleicht schon im Entstehen, was für Miss Nickleby einen männlichen Schutz unbedingt nötig machen werde. Wenn dies einträfe, meinte Newman, wolle er Nikolas unverzüglich Genaues wissen lassen. Nikolas las diese Stelle wiederholt durch, und je mehr er darüber nachgrübelte, desto mehr quälte ihn die Sorge, es müsse seiner Schwester infolge einer neuen Schurkerei von Seite Ralph Nicklebys Gefahr drohen. Ein- oder zweimal fühlte er sich schon versucht, auf der Stelle sich aufzusetzen und nach London zu fahren; aber ein wenig Nachdenken machte ihm klar, daß sich Newman, wenn ein solcher Schritt nötig gewesen wäre, ohne Rückhalt darüber ausgesprochen haben würde. »Jedenfalls muß ich die Leute hier auf die Möglichkeit eines plötzlichen Austrittes meinerseits vorbereiten«, sagte er sich. »Ich darf keine Zeit verlieren, es zu tun.« Kaum war ihm dieser Gedanke aufgetaucht, so nahm er auch schon seinen Hut und eilte in das Garderobenzimmer. »Also, Mr. Johnson«, rief ihm Mrs. Crummles in vollem Ornat einer Königin und das Wunderkind im mütterlichen Arm entgegen, »die nächste Woche geht's nach Ryde, dann nach Winchester dann nach –« »Ich habe leider Grund, zu fürchten«, fiel ihr Nikolas in die Rede, »daß meine Laufbahn bei Ihnen beendet sein wird, noch ehe Sie Portsmouth verlassen.« »Beendet?!« rief Mrs. Crummles und schlug erstaunt die Hände über dem Kopf zusammen. »Beendet?!« rief Miss Snevellicci, so heftig in ihren Pagenhöschen zitternd, daß sie die Hand auf die Schulter der Direktrice legen mußte, um sich zu stützen. »Er will damit doch nicht sagen, daß er uns zu verlassen gedenkt?« mischte sich auch Mrs. Grudden ein und drängte sich an Mrs. Crummles heran. »Himmel, das wäre doch offenkundiger Unsinn!« Das Wunderkind, das äußerst zart besaitet und sehr erregbaren Temperamentes war, erhob ein lautes Geschrei, und Miss Belvawney sowie auch Miss Bravassa vergossen echte Tränen. Selbst die männlichen Mitglieder der Truppe unterbrachen ihre Unterhaltung und beteten die Worte »Uns verlassen!« nach, wenn auch einige von ihnen – namentlich jene, die noch kurz vorher Nikolas zu seinem Triumph am lautesten beglückwünscht hatten – einander heimlich zunickten, als täte es ihnen durchaus nicht leid, einen so vom Erfolg begünstigten Nebenbuhler zu verlieren, eine Ansicht, der sich Mr. Folair, bereits als Wilder angekleidet, unverhohlen einem Teufel gegenüber, mit dem er sich soeben in einen Krug Porter teilte, anschloß. Nikolas erklärte mit kurzen Worten, er fürchte, daß sein Austritt wahrscheinlich nicht werde zu vermeiden sein, wenn er auch vorderhand mit Bestimmtheit selbst noch nichts Näheres darüber wisse. Er entfernte sich dann, sobald sich die Gelegenheit bot, und eilte nach Hause, um Newmans Brief noch einmal durchzubuchstabieren und abermals nachzugrübeln. Wie geringfügig erschien ihm in der darauffolgenden schlaflosen Nacht alles, was seit so vielen Wochen seine Zeit und seine Gedanken in Anspruch genommen hatte! Beharrlich und unablässig vergegenwärtigte er sich im Geiste, Kate schwebe in Gefahr und Unglück und spähe vergeblich nach ihm und nach Hilfe aus. 30. Kapitel Festlichkeiten, die Nikolas zu Ehren veranstaltet werden, und sein Austritt aus der Vincent-Crummlesschen Schauspielertruppe Mr. Vincent Crummles hatte kaum von dem beabsichtigten Austritte seines Mitgliedes, Mr. Johnson, vernommen, als er unter den lebhaftesten Zeichen des Kummers und der Bestürzung und im Übermaße seiner Verzweiflung allerlei Andeutungen, wie Aufbesserung der Gage, wachsende schriftstellerische Nebeneinkünfte usw. usw., fallenließ. Da er jedoch fand, daß sich »Mr. Johnson« von seinem Vorhaben, die Truppe zu verlassen, nicht abbringen lassen wollte – Nikolas war fest entschlossen, auch ohne weitere Nachrichten von Newman, und möge es ausfallen, wie es wolle, sich nach London zu begeben und durch persönlichen Augenschein über die Lage seiner Schwester Gewißheit zu verschaffen –, blieb ihm schließlich nichts anderes übrig, als auf dessen spätere Zurückkunft zu hoffen, wobei er es jedoch nicht unterließ, schnelle und energische Maßregeln zu treffen, um die »Zugkraft« Mr. Johnsons vor seinem Abgange noch nach Möglichkeit auszunützen. »Warten Sie mal«, sagte er und nahm seine Geächtetenperücke ab, um die Lage der Dinge ruhiger überschauen zu können, »– warten Sie mal: heute haben wir Mittwoch abend. Unser erstes morgen früh soll sein, daß Zettel angeklebt werden, die für die Abendvorstellung Ihr letztes Auftreten ankündigen.« »Sie können aber doch noch gar nicht wissen, ob ich morgen wirklich zum letzten Male auftrete«, wendete Nikolas ein. »Wenn ich nicht abgerufen werde, stehe ich Ihnen ja noch bis Ende dieser Woche zur Verfügung.« »Um so besser«, rief Mr. Crummles. »Wir können dann aufs allerbestimmteste Ihr letztes Debüt für Donnerstag ankündigen, ein neues Engagement für einen einzigen Abend am Freitag und endlich auf ausdrücklichen Wunsch unsrer einflußreichsten Gönner, die bei der letzten Vorstellung keine Sitze mehr erhalten konnten, ein allerletztes Auftreten am Samstag. Das wird uns drei ausverkaufte Häuser einbringen.« »So soll ich also dreimal zum letzten Male auftreten?« fragte Nikolas lächelnd. »Natürlich!« erwiderte der Theaterdirektor und kratzte sich verdrießlich hinter dem Ohr. »Es ist das noch viel zu wenig! Zu dumm, daß wir nicht noch einige ›letzte Male‹ herausschinden können. Aber da läßt sich nun leider nichts mehr machen, und durch Hinundhergerede wird die Sache nicht besser. – Aber etwas Neues könnten wir vielleicht bringen. Glauben Sie nicht, daß Sie ein komisches Couplet, auf dem Pony reitend, singen könnten?« »Das wird sich wohl kaum machen lassen«, meinte Nikolas. »Das hat schon früher mal'n hübsches Stück Geld eingebracht«, gab Mr. Crummles, peinlich enttäuscht, zu bedenken. »Nun, und was halten Sie von einem großen Feuerwerk?« »Daß es ziemlich kostspielig werden dürfte«, erwiderte Nikolas trocken. »Achtzehn Pence würden ausreichen«, meinte Mr. Crummles. »Sie müßten auf einer Tribüne in Apotheosestellung mit dem Wunderkind stehen. Dahinter ein Transparent mit einem ›Lebewohl‹; an den Kulissen neun Statisten mit einem Schwärmer in jeder Hand – das ganze anderthalb Dutzend müßte auf einmal losgehen. Es würde sich vom Publikum aus geradezu grandios ausnehmen!« Da Nikolas von der Großartigkeit einer solchen Szene nicht nur nicht sonderlich überzeugt zu sein schien, sondern im Gegenteil den Vorschlag auf eine höchst unehrerbietige Weise herzlich verlachte, gab Mr. Crummles sogleich den Plan wieder auf und bemerkte düster, daß sie dann eben das Repertoir aufs reichste mit Kampfesszenen und Tanzeinlagen ausstatten und sich an das reguläre Drama halten müßten. Und um die Idee unverzüglich in Tat umzusetzen, verfügte er sich sogleich in das anstoßende kleine Ankleidezimmer, wo Mrs. Crummles eben damit beschäftigt war, die Gewänder einer Kaiserin gegen die gewöhnlichen Kleider einer Matrone des neunzehnten Jahrhunderts zu vertauschen. Mit ihr und der in allen Sätteln gerechten Mrs. Grudden, die in der Abfassung von Theaterzetteln unerreicht dastand, wurde sodann alles Nähere beraten. »O Gott«, seufzte Nikolas und lehnte sich in dem Stuhl des Souffleurs zurück, nachdem er Smike – der in einem Zwischenspiel mit der üblichen wollenen Nachtmütze auf dem Kopf als magerer Schneider aufgetreten war und als solcher nur einen einzigen Rockschoß, mit einem kleinen, sehr durchlöcherten Taschentuch darin, besaß –, die nötigen telegraphischen Zeichen gegeben hatte. »O Gott, wenn das alles nur schon vorüber wäre.« »Vorüber, Mr. Johnson?« wiederholte hinter ihm eine weibliche Stimme in den höchsten Tönen schmerzlichen Erstaunens. »Es klingt allerdings etwas ungalant«, entschuldigte sich Nikolas, als er, den Kopf wendend, in der Sprecherin Miss Snevellicci erkannte, »ich würde es natürlich niemals ausgesprochen haben, wenn ich gewußt hätte, daß Sie sich in Hörbereich befänden.« »Was für ein köstlicher Mensch der Mr. Dickby doch ist!« sagte Miss Snevellicci, als der Schneider gerade unter großem Applaus auf der andern Seite der Bühne abging. (Smikes Theatername war Dickby.) »Ich will ihm sogleich Ihr Urteil hinterbringen. Es wird ihn ungemein freuen«, versetzte Nikolas. »Oh, Sie Nichtsnutz!« flötete Miss Snevellicci. »Ob er meine Meinung von ihm erfährt, kann mir so ziemlich gleichgültig sein. Bei andern Leuten allerdings wäre es –« Miss Snevellicci hielt inne, als erwarte sie eine Frage. Es erfolgte aber keine, da Nikolas' Gedanken bei weit ernsteren Dingen weilten. »Wie freundschaftlich von Ihnen«, fing sie daher nach einer kurzen Pause von etwas anderm an, »dazusitzen und Abend für Abend auf ihn zu warten, trotzdem Sie wahrhaftig sehr, sehr müde sein müssen. Und was Sie sich für Mühe mit ihm geben, und mit soviel Freude und Bereitwilligkeit, als ob Sie weiß Gott wieviel Geld dafür bekämen.« »Er verdient von Grund auf jede kleine Hilfe, die ich ihm erweisen kann, und noch viel mehr«, versetzte Nikolas. »Er ist das dankbarste, ehrlichste und liebevollste Geschöpf, das je gelebt hat.« »Aber höchst sonderbar ist er, nicht wahr?« bemerkte Miss Snevellicci. »Das weiß Gott. Und möge er denen verzeihen, die Schuld daran tragen!« entgegnete Nikolas und schüttelte ernst den Kopf. »Er ist ein verteufelt schweigsamer Kunde«, mischte sich Mr. Folair, der inzwischen an die beiden herangetreten war, in die Unterhaltung. »Kein Mensch kann etwas aus ihm herausbringen.« »Was wollen Sie denn aus ihm herausbringen?« fragte Nikolas schroff und wendete sich mit einem Ruck nach dem Sprecher um. »No, no, sind Sie aber ein Feuerfresser, Johnson«, erwiderte Mr. Folair und zog sich die Ferse seines Tanzschuhes zurecht. »Ich spreche doch nur von der übrigens ganz begreiflichen Neugierde der Leute hier, etwas von seinem früheren Leben zu erfahren.« »Ich bitte Sie, der arme Junge! Ich sollte meinen, es liege klar auf der Hand, daß er nicht genug Geistesschärfe besitzt, um für Sie oder irgend jemand sonst überhaupt von Wichtigkeit zu sein«, grollte Nikolas. »Freilich; natürlich!« rief der Schauspieler und schnitt vor einem Lampenreflektor Charakterköpfe; »aber eben darum liegt die Frage nur um so näher.« »Welche Frage?« »Nun, wer und was er eigentlich ist, und wie Sie beide, trotz der großen äußern und innern Verschiedenheit der Charaktere, so eng miteinander befreundet werden konnten«, erwiderte Mr. Folair, entzückt über die Gelegenheit, jemand etwas Unangenehmes sagen zu können. »Das ist die allgemeine Meinung.« »Doch wohl nur ›die allgemeine Meinung‹ der – Truppe?« fragte Nikolas verächtlich. »Der Truppe und des Publikums«, beteuerte der Schauspieler. »Wissen Sie nicht, daß Lenville sagt –« »Ich dachte, ich hätte diesen Herrn für einige Zeit zum Schweigen gebracht«, fiel Nikolas gereizt ein. »Möglich«, gab der unerschütterliche Mr. Folair zu, »und wenn dies der Fall ist, so sagte er es wahrscheinlich früher. Lenville sagte also, Sie wären durch und durch und auch im Leben ein Schauspieler, und der ganze Erfolg, den Sie hier beim Publikum geerntet, läge in dem Geheimnis, in das Sie sich hüllten und das Crummles seines eigenen Vorteils wegen begünstige. Dabei meint Lenville, es stecke wohl weiter nichts hinter dem Ganzen, als daß Sie irgendwo tief in der Patsche gesessen und wegen irgendeines Streiches davongelaufen seien.« »So, so!« sagte Nikolas mit gezwungenem Lächeln. »Das ist übrigens nur ein Teil von dem, was er sagt«, fuhr Mr. Folair fort, »und ich teile es Ihnen als Freund beider Teile und im strengsten Vertrauen mit. – Sie wissen, daß ich durchaus nicht seiner Ansicht bin. Er sagt, er halte Dickby mehr für einen Spitzbuben als für einen Einfaltspinsel, und unser Requisiteur, der alte Fluggers, erzählt, in der vorletzten Saison, als er in Covent Garden Austräger gewesen, sei immer ein Taschendieb um den Droschkenstand herumgeschlichen, der ganz das Gesicht von Dickby gehabt habe. – Es brauche, fügte er übrigens hinzu, deshalb durchaus nicht Dickby gewesen zu sein; er könne ja einen Bruder oder sonst einen nahen Verwandten haben.« »So, so!« rief Nikolas abermals. »Ja, so spricht man«, nickte Mr. Folair. »Ich nahm mir längst vor, es Ihnen zu erzählen, da Sie doch eigentlich davon wissen sollten. – Ah, da kommt endlich das gesegnete Wunderkind. Uff! Du Wechselbalg, ich wollte, ich könnte dir eins – ich komme gleich, mein süßes Schätzchen. – Der Affe! – Vorhang, Mrs. Grudden, Vorhang auf –, und lassen Sie das Schoßhündchen seine Firlefanzereien aufführen.« Als der Vorhang aufging, verzog Mr. Folair bei dem Applaus, mit dem das Wunderkind empfangen wurde, für eine Weile höhnisch die Lippen, trat ein paar Schritte zurück, um einen Anlauf zu nehmen, ließ dann ein einleitendes Geheul erschallen und stürzte, die Zähne gefletscht und einen blechernen Tomahawk schwingend, als wilder Indianer auf die Bühne. »Das sind also einige von den Geschichten, die man hier über uns erfindet!« dachte Nikolas. »Will sich jemand eines unverzeihlichen Verstoßes gegen irgendeine Gesellschaft, mag sie groß oder klein sein, schuldig machen, so braucht er nur Erfolg zu haben; alles andere verzeiht man ihm, nur das nicht.« »Sie nehmen sich's doch nicht etwa zu Herzen, was dieser boshafte Mensch sagt?« flötete Miss Snevellicci in ihren bestrickendsten Tönen. »Nein, wahrhaftig nicht«, erwiderte Nikolas. »Wenn ich im Sinne hätte, hierzubleiben, so würde ich es vielleicht der Mühe wert halten, der Sache weiter nachzugehen. So aber sollen sie sich meinetwegen heiser schwatzen. Doch da kommt der interessante Mittelpunkt dieser Tratschereien«, setzte er hinzu, als Smike jetzt erschien. »Da können wir Ihnen gemeinsam gute Nacht sagen.« »Nein, nein, so ohne weiteres kann ich Sie nicht loslassen«, rief Miss Snevellicci. »Sie müssen mich nach Haus begleiten und meine Mama kennenlernen, die eben erst heute in Portsmouth ankam und vor Begierde brennt, Ihre Bekanntschaft zu machen. Liebe Led, helfen Sie mir doch Mr. Johnson überreden.« »Oh – wenn Sie ihn nicht überreden können –«, zierte sich Miss Ledrock mit großer Lebhaftigkeit. Sie sagte nichts weiter, gab aber durch eine ausdrucksvolle Pantomime zu verstehen, daß wohl niemand auf Erden Mr. Johnson zu überreden vermöge, wenn es Miss Snevellicci nicht imstande wäre. »Mr. und Mrs. Lillyvick haben sich in unserem Hause einquartiert und teilen für den Augenblick unser Besuchszimmer«, gab Miss Snevellicci zu bedenken. »Vielleicht gibt das für Sie den Ausschlag?« »Nach Ihrer persönlichen liebenswürdigen Einladung bedarf es wahrhaftig keines weiteren Lockmittels!« versetzte Nikolas. »Oh«, flötete Miss Snevellicci. – Und Miss Ledrock meinte: »Siehst du, da hast du's«, worauf Miss Snevellicci sagte, Miss Ledrock sei ein loses Ding, und Miss Ledrock fragte, warum Miss Snevellicci denn so rot werde; und Miss Snevellicci gab ihr einen Klaps, und Miss Ledrock gab Miss Snevellicci den Klaps wieder zurück. »Aber kommen Sie jetzt, Mr. Johnson«, wendete sich Miss Ledrock an Nikolas, »es ist höchste Zeit zum Nachhausegehen, sonst meint die arme alte Mrs. Snevellicci, Sie seien mit ihrer Tochter durchgegangen.« »Liebste Led, wie können Sie nur so sprechen«, verwies Miss Snevellicci. Miss Ledrock lachte nur, nahm Smikes Arm und überließ es Mr. Johnson und ihrer Freundin, ihnen zu folgen, was auch augenblicklich geschah, da es Nikolas unter obwaltenden Umständen um nichts weniger als um ein müßiges Liebesgeplänkel zu tun war. Trotzdem fehlte es, als sie auf die Straße kamen, nicht an Unterhaltungsstoff. Miss Snevellicci sowohl wie ihre Kollegin hatten nämlich je ein kleines Körbchen beziehungsweise eine kleine Schachtel nach Hause zu tragen, in denen sie jeden Abend den kleineren Toilettenbedarf mit sich zu führen pflegten. Nikolas wollte sich's nicht nehmen lassen, das Körbchen zu tragen, aber Miss Snevellicci bestand darauf, es selber zu tun, und das führte zu einem Kampf, bei dem Nikolas sich des Körbchens und der Schachtel zugleich bemächtigte. Dann sagte er, er wolle doch wissen, was in dem Körbchen sei, und versuchte einen Blick hineinzuwerfen, da schrie jedoch Miss Snevellicci laut auf und gab die Erklärung ab, sie werde, wenn sie annehmen müßte, er hätte etwas gesehen, sofort in Ohnmacht fallen. Ein ähnlicher Versuch Nikolas' mit der Schachtel hatte dieselben Demonstrationen von Seiten Miss Ledrocks zur Folge, und schließlich beteuerten die beiden jungen Damen, sie würden keinen Schritt von der Stelle gehen, ehe nicht »Mr. Johnson« feierlich versprochen hätte, nicht mehr hineinzugucken. Das gelobte er denn schließlich auch, und sie gingen friedlich zusammen weiter – beide Damen unablässig kichernd und erklärend, sie hätten in ihrem ganzen Leben noch keinen so gottlosen Menschen gesehen. Unter solchen Scherzreden erreichten sie bald das Haus des Schneiders, wo sich bereits eine recht nette kleine Gesellschaft zusammengefunden hatte, denn außer Mr. und Mrs. Lillyvick war nicht nur Miss Snevelliccis Mutter, sondern auch ihr Vater zugegen, ein ungemein schöner Mann. Er hatte eine Habichtsnase, eine imponierende Stirne, krauses schwarzes Haar, hervorspringende Backenknochen und im ganzen großen ein recht hübsches Gesicht, das nur – vielleicht vom Trinken – ein bißchen kupfern schimmerte. Über seiner breiten Brust trug er dicht zugeknöpft einen etwas fadenscheinigen blauen Rock mit vergoldeten Knöpfen, und als er Nikolas ins Zimmer treten sah, steckte er zwei Finger seiner rechten Hand zwischen die beiden mittleren Knöpfe, dabei den andern Arm anmutig in die Seite stemmend, als wolle er sagen: »Hier stehe ich, junger Mann; was ist dein Begehr?« Das war das Äußere und die Attitüde von Miss Snevelliccis Papa, der, seit er als zehnjähriger Junge die Teufelchen in den Weihnachtspantomimen gespielt hatte, unentwegt der Kunst lebte. Er konnte ein wenig singen, ein bißchen tanzen, ein wenig fechten, ein wenig agieren, kurz von allem etwas, aber nicht viel. Er war bald beim Ballett, bald Statist oder Chorist, und überhaupt bei jedem Theater in London engagiert gewesen und eignete sich seiner Figur wegen für die Rollen militärischer Besucher und stummer Edelleute, in denen er, stets flott gekleidet, sich besonders gut ausnahm, wenn er Arm in Arm mit einer hübschen Dame in kurzen Röckchen auf der Bühne erschien, was er stets mit soviel Würde tat, daß ihn das Publikum im Parterre jedesmal mit einem lauten »Bravo« empfing. Mißgünstige Kollegen sagten ihm nach, er prügle hin und wieder Miss Snevelliccis Mama, ehemals Tänzerin und immer noch ziemlich niedlich – sowohl hinsichtlich Figur wie Gesicht –, die jetzt hingegossen dasaß, wie sie zu tanzen pflegte, nämlich im Hintergrund, da sie ein bißchen zu alt für den vollen Glanz der Lampen des Proszeniums war. Diesen guten Leutchen wurde Nikolas mit großer Förmlichkeit vorgestellt. Als die Zeremonie vorüber war, sagte Miss Snevelliccis Papa, der übrigens bedeutend nach Grog roch, er sei entzückt, die Bekanntschaft eines so ungemein talentvollen jungen Mannes zu machen. Noch nie sei ihm ein Künstler vorgekommen, der so rasch Karriere gemacht habe – nein, keiner –, seit dem ersten Auftreten seines Freundes, des Mr. Glavormelly vom Coburg Theater. »Sie haben ihn natürlich gesehen, Sir« fragte er angelegentlich. »Nein, ich bedauere verneinen zu müssen«, versetzte Nikolas. »Wie, Sie haben meinen Freund Glavormelly nicht gesehen, Sir?« rief Miss Snevelliccis Papa. »Dann haben Sie noch nie einen wirklich bedeutenden Schauspieler gesehen. Wenn er noch am Leben wäre –« »Oh, er ist also tot?« fiel ihm Nikolas ins Wort. »Ja. Aber er ist zur Schande unseres Zeitalters nicht in der Westminsterabtei begraben. Er war ein –. Nun, gleichgültig! Er ist hingegangen in das Land, aus dem kein Wanderer wiederkehrt. Ich hoffe, daß er dort mehr Anerkennung findet.« Damit rieb sich Miss Snevelliccis Papa die Nasenspitze mit einem grellgelben seidenen Taschentuch und gab dadurch den Anwesenden kund, daß ihn die Erinnerungen überwältigten. »Nun, Mr. Lillyvick«, wendete sich Nikolas an den Steuereinnehmer, »wie geht es Ihnen?« »Vorzüglich«, erwiderte der neugebackene Ehemann. »Verlassen Sie sich darauf, es geht nichts über den Ehestand.« »Was Sie nicht sagen!« rief Nikolas lachend. »Nichts, gar nichts, Sir«, versicherte Mr. Lillyvick. »Was meinen Sie übrigens?« flüsterte er ihm ins Ohr, ihn beiseite nehmend. »Wie finden Sie sie heute abend aussehen?« – »So schön wie immer«, beteuerte Nikolas mit einem Blick auf das ehemalige Fräulein Petowker. – »Sie hat etwas an sich, Sir, was ich noch nie bei einer Frau gesehen habe. Schauen sie nur, wie sie jetzt dahinschwebt, um den Kessel auf das Feuer zu stellen. Ist es nicht direkt bezaubernd, Sir?« »Sie sind ein glücklicher Mann«, sagte Nikolas. »Ha! ha! ha!« lachte der Steuereinnehmer. »Meinen Sie wirklich? Kann sein, kann sein! – Ich sage Ihnen, ich hätte es nicht besser treffen können, wenn ich ein junger Mann gewesen wäre – meinen Sie nicht auch? Sie selbst hätten keine bessere Partie machen können. Oder?« Dabei stieß Mr. Lillyvick Nikolas fortwährend mit dem Ellenbogen an und gluckste, bis er vor lauter Anstrengung, seine Freude nicht laut werden zu lassen, ganz puterrot im Gesicht wurde. Mittlerweile war durch die vereinten Bemühungen sämtlicher Damen das Tischtuch auf zwei aneinandergerückte Tische gebreitet worden, von denen der eine hoch und schmal, der andere niedrig und breit war. Oben prangten Austern, unten Würste, in der Mitte eine Lichtputzschere und überall, wo es nur anging, standen Teller voll gebratenen Kartoffeln. Man hatte aus dem Schlafzimmer zwei weitere Stühle herbeigeholt, Miss Snevellicci nahm oben an der Tafel Platz, Mr. Lillyvick unten und Nikolas hatte nicht nur die Ehre, neben Miss Snevellicci zu sitzen, sondern auch noch rechts neben Miss Snevelliccis Mama und vis-à-vis ihrem Papa. Mit einem Wort, er war der Held des Festes, und als das Essen abgeräumt war und heiße Getränke herumgereicht wurden, stand Mr. Snevellicci auf und brachte die Gesundheit des scheidenden Künstlers in einer so rührenden Rede aus, daß Miss Snevellicci sich schluchzend in ihr Schlafgemach zurückziehen mußte. »Pst! Beunruhigen Sie sich nicht weiter«, beruhigte Miss Ledrock die Gesellschaft, nachdem sie einen Blick in das Schlafzimmer geworfen. »Sagen Sie ihr, wenn sie wieder zurückkommt, sie möge es sich nicht so zu Herzen nehmen.« Sie gefiel sich bei diesem Bericht, ehe sie die Türe wieder schloß, in so geheimnisvollem Nicken und Blinzeln, daß die Damen sofort in das Schlafzimmer eilten und auf einmal eine tiefe Stille eintrat, wobei sich Miss Snevelliccis Papa riesig aufblies, der Reihe nach alle Herren, insbesondere aber Nikolas, mit hochmütigen Blicken maß und ohne Unterlaß sein Glas leerte und wieder füllte, bis die Damen, in ihrer Mitte Miss Snevellicci, wieder zurückkehrten. »Sie brauchen sich nicht im mindesten zu beunruhigen, Mr. Snevellicci«, erklärte Mrs. Lillyvick. »Sie ist nur ein bißchen schwach und angegriffen und war es schon den ganzen Tag über.« »Ach! Das ist alles?« rief Mr. Snevellicci. »Ja, das ist alles. Machen Sie nur kein Wesens daraus«, riefen die Damen durcheinander. Das war nun freilich keine Antwort für Mr. Snevellicci in seiner ganzen Bedeutsamkeit als Mann und Vater, und so nahm er sich denn die unglückliche Mrs. Snevellicci vor und fragte sie, was zum Teufel das heißen solle, daß man so mit ihm spreche. »Ach Gott, mein Lieber –«, stotterte Mrs. Snevellicci. »Nenne mich nicht ›mein Lieber‹, wenn ich bitten darf«, fuhr Mr. Snevellicci auf. »Bitte, Papa, nicht, nicht!« flehte Miss Snevellicci. »Was ›nicht, nicht‹, mein Kind?« »Sprich nicht so, Papa!« »Warum nicht?« fragte Mr. Snevellicci. »Du nimmst hoffentlich nicht an, daß hier jemand ist, der mir verbieten könnte zu sprechen, wie mir beliebt?« »Das fällt doch niemandem ein, Papa«, suchte ihn die Tochter zu besänftigen. »Würde es auch niemand geraten haben«, grollte Mr. Snevellicci. »Ich brauche mich vor niemand zu schämen. Ich heiße Snevellicci und bin in der Bow Street – Broad Court – zu finden, wenn ich mich in der Stadt aufhalte. Bin ich nicht zu Hause, kann man mich jederzeit im Theater erfragen. Gott verdamm mich, ich denke, man kennt mich dort! Die meisten Leute, dächte ich, kennen mein Porträt an dem Tabaksladen um die Ecke. Auch in den Zeitungen hat man meinen Namen schon oft genug gelesen – oder vielleicht nicht? – Nicht sprechen sollen! – Na, wenn ich herausbekommen sollte, daß jemand mit den Gefühlen meiner Tochter sein Spiel getrieben hat, dann würde ich allerdings nicht sprechen, aber der Kerl müßte mir Rede stehen, ohne daß ein Wort von meinen Lippen käme. So pflege ich's zu halten.« Dabei schlug Mr. Snevellicci dreimal mit der geballten Faust in die hohle Linke, führte einen Boxerhieb in die leere Luft und goß ein ganzes Glas voll Grog auf einen Zug hinunter. »So pflege ich's zu halten«, wiederholte er brummend. Wie die meisten öffentlichen Charaktere hatte auch Mr. Snevellicci seine Fehler, und sein hauptsächlichster bestand darin, daß er ein wenig dem Trunk ergeben war oder – besser gesagt – fast nie nüchtern wurde. Man unterschied in seinen Trunkenheitszuständen drei bestimmte Grade: den würdevollen, den streitsüchtigen und den zärtlichen. Wenn er auftreten mußte, ging er nie über den würdevollen hinaus, in Privatgesellschaften pflegte er jedoch alle drei, und zwar so rasch hintereinander, durchzumachen, daß diejenigen, die nicht die Ehre seiner näheren Bekanntschaft genossen, geradezu verblüfft darüber wurden. Mr. Snevellicci hatte soeben wieder ein volles Glas hinuntergegossen, lächelte, seine eben erst zur Schau gestellte Kampfeslust vergessend, den Anwesenden leutselig zu und brachte in liebenswürdigstem Animo einen Toast auf die Damen aus. »Ich liebe sie alle«, rief er, sich im Kreise umsehend. »Ich liebe sie alle.« »Doch wohl nicht alle!« wendete Mr. Lillyvick milde ein. »Ja, alle!« wiederholte Mr. Snevellicci hartnäckig. »Da wären ja auch die verheirateten Damen mit einbegriffen«, gab der Steuereinnehmer zu bedenken. »Jawohl, sind sie auch«, lallte Mr. Snevellicci. Mr. Lillyvick zog indigniert und erstaunt die Augenbrauen in die Höhe und war anscheinend auch nicht wenig überrascht, daß seine Gattin durchaus keine Anzeichen von Entsetzen oder Entrüstung an den Tag legte. »Eine Liebe ist der andern wert«, fuhr Mr. Snevellicci unbeirrt fort. »Ich liebe sie und sie lieben mich.« Und als ob diese Äußerung der guten Sitte nicht schon genug hohngesprochen hätte, blinzelte er – jawohl, er blinzelte, und zwar ganz ungeniert mit seinem rechten Auge – Mrs. Henriette Lillyvick zu! – Sprachlos vor Empörung sank der Steuereinnehmer in seinem Stuhl zurück. Wenn seiner jetzigen Gattin jemand, als sie noch Henriette Petowker gewesen, zugeblinzelt hätte, so wäre es schon im höchsten Grade unanständig gewesen, aber gar jetzt! – Der Gedanke trieb ihm den kalten Schweiß auf die Stirne. Und noch während er darüber nachsann, ob das alles Wirklichkeit sei und er am Ende nicht bloß träume, wiederholte Mr. Snevellicci nicht nur sein unverschämtes Blinzeln, er trank Mrs. Lillyvick sogar noch zu und warf ihr – nicht zu glauben – eine Kußhand zu. Sofort sprang Mr. Lillyvick auf, ging entschlossen zu dem andern Ende der Tafel hinüber und warf sich mit seiner vollen Schwere auf den Missetäter. Mr. Lillyvick hatte ein ziemlich bedeutendes Gewicht, und wie er so über Mr. Snevellicci herfiel, konnte dieser nicht umhin, unter den Tisch zu sinken, seinen Gegner mit sich reißend. – Die Damen kreischten laut auf. »Was haben denn die beiden? Sind sie toll geworden?« rief Nikolas, fischte unter dem Tisch herum, zog den Steuereinnehmer mit kräftiger Faust hervor und warf ihn wie eine Strohpuppe in einen Stuhl. »Was soll denn das heißen? Was wandelt Sie an?« Noch während er sich so zu schaffen machte, hatte Smike Mr. Snevellicci, der seinen Widersacher mit dem leeren Blick eines Betrunkenen anstierte, einen ähnlichen Liebesdienst geleistet. »Sehen Sie dorthin, Sir!« keuchte Mr. Lillyvick und deutete auf seine erstaunte Gattin. »Da sitzt Reinheit und Anmut vereinigt. Ihre Gefühle sind aufs tiefste verletzt worden!« »Um Gottes willen, was schwatzt er nur für Unsinn!« rief Mrs. Lillyvick auf Nikolas' fragenden Blick. »Kein Mensch hat ein Wort zu mir gesagt.« »Gesagt, Henriette?« rief der Steuereinnehmer. »Habe ich nicht selbst mit angesehen, wie er dir –« Er konnte es nicht über sich bringen, es auszusprechen, sondern ahmte nur das anzügliche Blinzeln des schamlosen Don Juan pantomimisch nach. »Wirklich zu dumm!« entgegnete Mrs. Lillyvick heftig. »Glaubst du vielleicht, man dürfe mich nicht einmal mehr ansehen? – Das könnte dir passen! – Da möchte ich doch lieber überhaupt nicht verheiratet sein!« »Du fühlst dich also nicht verletzt?« rief der Steuereinnehmer. »Verletzt?!« wiederholte Mrs. Lillyvick verächtlich. »Du solltest lieber die ganze Gesellschaft auf den Knien um Verzeihung bitten!« »Um Verzeihung bitten, meine Liebe?« stotterte der Steuereinnehmer verblüfft. »Ja, und mich zuerst. Glaubst du etwa, ich wisse nicht selber am besten, was sich schickt und was sich nicht schickt?« »Natürlich, natürlich!« fielen sämtliche Damen ein. »Meinen Sie, wir würden nicht die ersten sein, die protestierten, wenn etwas Unrechtes vorfiele?« »Wie kommen Sie überhaupt dazu, den Damen in ihre Angelegenheiten dreinzureden, Sir?« knurrte Miss Snevelliccis Papa, zog sich seinen Kragen zurecht und murmelte etwas von »Schädel einschlagen, wenn ihn nicht die Rücksicht für das Alter seines Gegners zurückhielte«. Dann faßte er Mr. Lillyvick ein paar Sekunden lang fest und drohend ins Auge, stand ganz bedächtig von seinem Stuhle auf und küßte die Damen der Reihe nach ab, mit Mrs. Lillyvick unverschämterweise noch obendrein den Anfang machend. Der unglückliche Steuereinnehmer warf, aus allen Himmeln gerissen, seiner Gattin einen kläglichen Blick zu, bat die ganze Gesellschaft demütiglich um Verzeihung und setzte sich zerknirscht, entmutigt und gänzlich geknickt – ein schreiender Gegensatz zu seiner früheren Selbstherrlichkeit – nieder. Mr. Snevellicci schwelgte in seinem Triumphe und seinem so offenkundigen Glück bei den Damen, ließ seiner Fröhlichkeit nur noch mehr die Zügel schießen, so daß man es fast Ausgelassenheit hätte nennen können, gab dann unaufgefordert einige nicht endenwollende Couplets zum besten und füllte die Zwischenpausen mit Reminiszenzen an verschiedene vornehme und schöne Frauen, die alle in ihn verliebt gewesen sein sollten, aus. Diese Erinnerungen schienen merkwürdigerweise in Mrs. Snevelliccis Brust durchaus keine besonders schmerzlichen Gefühle zu erwecken, wenigstens ließ sie sich nicht stören, Nikolas die mannigfachen Vorzüge und Tugenden ihrer Tochter in den lebhaftesten Farben zu schildern. Auch die junge Dame selbst verfehlte nicht, alle ihre kleinen Zauberkünste spielen zu lassen. So sehr diese aber auch durch Miss Ledrock unterstützt wurden, so vermochten sie dennoch Nikolas nicht in Banden zu schlagen, der durch seine Erlebnisse mit Miss Squeers viel zu sehr gewitzigt war, um diesmal nicht sorgsam auf seiner Hut zu sein, so sehr, daß ihn, als er sich entfernt hatte, die Damen einstimmig für ein wahres Ungeheuer von Gefühllosigkeit erklärten. Am nächsten Tage wurden die Anschlagszettel, wie vereinbart, ausgehängt und verkündeten dem Publikum in allen Farben des Regenbogens und in jeder nur denkbaren Schriftart, Mr. Johnson »werde abends die Ehre haben, zum letztenmal aufzutreten«, und man bitte deshalb, die Plätze rechtzeitig zu bestellen, da ein ungeheurer Zulauf zu erwarten stehe. Als Nikolas am Abend die Szene betrat, wußte er sich anfangs die ungewöhnliche Verstörtheit und Aufregung in den Gesichtern aller Mitglieder der Truppe nicht recht zu erklären, aber er sollte nicht lange über die Ursache im Zweifel bleiben, denn ehe er noch Zeit hatte, sich darüber zu erkundigen, trat Mr. Crummles auf ihn zu und teilte ihm schweißtriefend vor Erregung mit, ein Londoner Theaterdirektor befände sich in eigener Person in einer der Logen. »Sicher nur wegen des Wunderkindes, Sir«, sagte er und zog Nikolas zu dem Guckloch im Vorhang, um ihm den Mann zu zeigen. »Ich zweifle nicht im geringsten, daß ihn der Ruf des Wunderkindes hergelockt hat. Dort sitzt er – der Herr in Überzieher und ohne Hemdkragen. Er muß ihr zehn Pfund wöchentlich zahlen, Johnson! Ich lasse sie um keinen Penny weniger nach London. Selbstverständlich muß er auch meine Frau mit engagieren – zwanzig Pfund wöchentlich für beide. Oder besser noch: ich gebe mich und die zwei Jungen mit dazu, wenn er für die ganze Familie dreißig Pfund zahlt. Billiger kann man wahrhaftig schon nicht mehr sein. Er muß uns alle nehmen, wenn keines von uns ohne das andere geht. Viele Londoner Schauspieler machen's ebenso und erreichen damit immer ihren Zweck. – Dreißig Pfund wöchentlich, Johnson – was ist das? Ein Spottgeld, Johnson, ein Spottgeld.« Nikolas pflichtete bei, und Mr. Vincent Crummles eilte, nachdem er sich durch ein paar tüchtige Prisen gestärkt hatte, von dannen, um seiner Gattin anzukündigen, daß er sich hinsichtlich der einzig annehmbaren Bedingungen einig geworden sei und den festen Entschluß gefaßt habe, keinen Penny nachzulassen. Als der Vorhang aufging, steigerte sich die durch die Anwesenheit des fremden Theaterdirektors verursachte Aufregung ins Grenzenlose, denn jedes Mitglied der Truppe war natürlich fest überzeugt, daß der Londoner nur seinetwegen nach Portsmouth gekommen sei. Die in der ersten Szene unbeschäftigten Schauspieler eilten auf den Schnürboden hinauf und renkten sich die Hälse aus, um das »große Tier« zu erspähen, und andere stahlen sich in die kleine Direktionsloge über dem Eingang, um von dort aus zu rekognoszieren. Einmal bemerkte man, daß der Londoner Direktor lächelte; er lächelte über den »komischen Bauern«, der tat, als ob er Fliegen finge, während Mrs. Crummles gerade den kritischen Punkt ihrer Glanzrolle absolvierte. »Schon gut, Bursche«, knirschte Mr. Crummles und schüttelte dem »komischen Bauern«, als er abtrat, die Faust nach, »künftigen Sonntag kannst du dich um ein anderes Engagement umsehen.« Aber auch die Schauspieler auf der Szene starrten nur noch auf eine Person – den Londoner Theaterdirektor, für den sie einzig und allein ihre Rollen spielten. So z. B. Mr. Lenville, der in einem plötzlichen Wutausbruch »den Kaiser« einen Elenden nannte, dann in seinen Handschuh biß und sprach: »Ich muß mich verstellen«, dabei jedoch, statt wie sonst in solchen Fällen üblich, finster zur Erde zu blicken und auf sein Stichwort zu warten, sein Auge unverwandt auf den Londoner Direktor heftete. Und als Miss Bravassa in ihrem Couplet ihren Bräutigam ansang, der, wie in der Rolle vorgeschrieben, bereitstand, um ihr nach jedem Refrain die Hände zu schütteln, sah sich das Liebespärchen dabei nicht gegenseitig an, sondern blickte wie gebannt auf den Londoner Direktor. Sogar Mr. Crummles selbst richtete noch »im Sterben« sein Gesicht ihm zu, und als die Leibwache kam, um ihn nach furchtbarem Todeskampf hinauszutragen, konnte man deutlich sehen, wie er aufs neue die Augen öffnete und nach ihm schielte. Endlich entdeckte man, daß der Londoner Direktor eingeschlafen war; und als er bald nachher wieder aufwachte und das Theater verließ, fiel das ganze Ensemble über den unglücklichen »komischen Bauern« her und erklärte, daß er durch seine Bouffonerie einzig und allein die Schuld daran trage. Mr. Crummles raste und schrie, seine Geduld sei am Ende und der Mime möge sich gefälligst nach einem andern Engagement umsehen. Alles das machte Nikolas großen Spaß, und er freute sich aufrichtig, daß der große Mann das Auditorium verlassen hatte, noch ehe er selbst auftreten mußte. Er spielte seine Rolle in den letzten zwei Stücken so rasch wie möglich herunter, nahm, nachdem er unter unerhörtem Beifall seinen Abgang gefeiert – so besagten wenigstens die Theaterzettel für den nächsten Tag, die bereits ein paar Stunden vorher gedruckt worden waren – Smikes Arm und eilte nach Hause, um sich schlafen zu legen. Die Post am Morgen brachte ihm einen sehr verklecksten, sehr kurzen, sehr schmutzigen, sehr kleinen und höchst geheimnisvoll klingenden Brief von Newman Noggs, der ihn zu unverzüglichem Kommen aufforderte, und zwar ohne Zeit zu verlieren, wie es darin hieß, damit er womöglich noch am selben Abend in London eintreffen könne. »Soll geschehen«, brummte Nikolas. »Der Himmel weiß, daß ich in der besten Absicht und sehr gegen meinen Willen hiergeblieben bin, aber vielleicht habe ich dennoch zu lange gezögert. Was mag wohl vorgefallen sein? – Smike, lieber Freund, hier nimm das Geld, packe die Sachen ein und bezahle unsere kleinen Schulden. Aber beeile dich, damit wir noch zur Morgenpost zurechtkommen. Ich will inzwischen nur Crummles meine bevorstehende Abreise melden und werde im Augenblick wieder hier sein.« Damit nahm er seinen Hut und eilte nach Mr. Crummles' Wohnung. Ungestüm eilte er die Treppe hinauf und trat ohne weitere Förmlichkeiten in das Wohnzimmer des ersten Stocks, wo die beiden jungen Herren Crummles, durch sein wütendes Klopfen am Haustore erschreckt, aus ihren Sofabetten gesprungen waren und nun in aller Eile ihre Kleider anzogen, wähnend, es sei noch Nacht und das Nachbarhaus stehe in Flammen. Ehe ihnen Nikolas noch aufklären konnte, worum es sich handle, kam der Theaterdirektor selbst in Flanellschlafrock und Nachtmütze herunter und hörte sprachlos vor Staunen mit an, daß die Umstände »Mr. Johnson« zwängen, augenblicklich nach London zu reisen. »Und somit Gott befohlen!« rief Nikolas. »Leben Sie wohl! Leben Sie wohl, Mr. Crummles.« Er war schon wieder zur Hälfte die Treppe hinunter, ehe sich der Theaterdirektor von seiner Überraschung so weit erholt hatte, um etwas hinsichtlich der geplanten Ankündigungen an den Straßenecken hervorstottern zu können. »Ich kann's leider nicht ändern«, rief Nikolas hinauf. »Behalten Sie als Entschädigung, was ich für diese Woche noch zu bekommen habe, oder wenn das nicht ausreichen sollte, so sagen Sie rundheraus, was Sie verlangen. Aber geschwind. Ich habe die größte Eile.« »Wir wollen vielleicht gegenseitig unsere Rechnungen streichen«, meinte Crummles. »Aber könnten wir nicht wenigstens noch ein einziges ›Letztes Auftreten‹ haben?« »Jede Stunde – jede Minute ist mir kostbar«, rief Nikolas ungeduldig. »Wollen Sie nicht noch wenigstens meiner Gattin Lebewohl sagen?« fragte Mr. Crummles, ihm bis zur Haustüre folgend. »Ich darf nicht eine Minute länger verweilen, und wenn ich dadurch mein Leben um zwei Jahrzehnte verlängern könnte«, antwortete Nikolas. »Hier, meine Hand und zugleich meinen herzlichsten Dank. O Gott, wie die Zeit verrinnt!« Dann entriß er sich gewaltsam den Armen des Theaterdirektors, stürzte in größter Eile auf die Straße hinunter und war im Nu verschwunden. Smike hatte sich indessen nach Kräften gesputet, und bald stand alles zur Abreise bereit. Im Posthof angelangt, kaufte Nikolas in einem Laden daneben noch in fliegender Eile einen Überzieher für Smike, der – wie der Verkäufer sagte – geradezu »außergewöhnlich« paßte, das heißt, mindestens ums Doppelte zu weit war, und kehrte wieder zu der Postkutsche zurück, die jetzt bereits auf der Straße und zur Abfahrt bereit stand, als er sich plötzlich von rückwärts so ungestüm umarmt fühlte, daß es ihn fast in die Luft hob. Gleichzeitig hörte er Mr. Crummles ausrufen: »Er ist's – mein Freund! mein Freund!« »Um Gottes willen«, schrie Nikolas und sträubte sich aus Leibeskräften, »was wandelt Sie an?« Mr. Crummles nahm nicht die geringste Rücksicht auf diese Frage, sondern drückte ihn abermals an seine Brust und rief: »Lebe wohl, mein edler, mein löwenherziger Junge!« Er war nämlich, da er keine Gelegenheit unbenutzt vorbeigehen ließ, sein mimisches Talent zu entfalten, ausdrücklich in der Absicht hergekommen, sich von »Mr. Johnson« öffentlich zu verabschieden, und erging sich jetzt, um die Szene möglichst imposant zu gestalten, zu dessen größtem Verdruß in einer Reihe von Bühnenumarmungen, die bekanntlich darin bestehen, daß der oder die Umarmende das Kinn auf die Schulter des Opfers legt und darüber hinweg ins Publikum blickt. Mr. Crummles vollführte dies im höchsten melodramatischen Stile und gab dabei die ergreifendsten Abschiedsphrasen aus allen möglichen Stücken zum besten. Aber das war noch nicht alles, denn der ältere Master Crummles vollzog eine ähnliche Zeremonie an Smike, während Master Percy Crummles, einen bei einem Trödler gekauften spanischen Hidalgomantel theatralisch über die linke Schulter geworfen, in der Attitüde eines Schergen, der bereit ist, sein Opfer auf das Schafott zu führen, daneben stand. Die Zuschauer hielten sich den Bauch vor Lachen, und da es noch das geratenste schien, gute Miene zum bösen Spiel zu machen, lachte auch Nikolas mit, sobald er sich aus Mr. Crummles' Umklammerung befreit, kam dann dem vor Staunen sprachlosen Smike zu Hilfe, erkletterte mit ihm das Kutschendach, warf der herbeieilenden Mrs. Crummles eine Kußhand zu und rasselte von dannen. 31. Kapitel Handelt von Ralph Nickleby und Newman Noggs sowie von einigen weisen Vorsichtsmaßregeln, über deren günstigen beziehungsweise ungünstigen Ausgang später berichtet werden wird Nicht ahnend, daß Nikolas sich mit der Geschwindigkeit einer vierspännigen Postkutsche seinem Wirkungskreise näherte und jede entschwindende Minute die Entfernung zwischen ihnen verringerte, saß Ralph Nickleby an jenem Morgen, beschäftigt wie immer, an seinem Pulte und bemühte sich vergeblich, gegen die beständig auftauchende Erinnerung an die Besprechung, die er tags zuvor mit seiner Nichte gehabt, anzukämpfen. Wie sehr er sich auch anstrengte, die Ziffernkolonnen in dem vor ihm liegenden Hauptbuch zu addieren, immer wieder tauchten die störenden Reminiszenzen auf, so daß er schließlich seine Feder hinlegte und sich in seinem Stuhl zurücklehnte, entschlossen, dem sich ihm aufdrängenden Gedankenstrome seinen Lauf zu lassen, um ihn dadurch ein für allemal loszuwerden. »Ich bin nicht der Mann, der sich durch ein hübsches Lärvchen in seiner Handlungsweise beeinflussen läßt«, brummte er finster vor sich hin. »Ein grinsender Totenschädel liegt darunter, und Männer wie ich, die sich nicht durch die Oberfläche der Dinge täuschen lassen, sehen in die Tiefe. Und doch scheint mir manchmal, als hätte ich das Mädchen gern oder könnte sie lieben, wenn sie weniger hochfahrend und weniger heikel erzogen wäre. Läge der Bursche, ihr Bruder, irgendwo in einem Teich oder hinge an einem Galgen und wäre die Alte tot, dann sollte dies Haus ihre Heimat sein. Fast wünschte ich, es wäre so.« Trotz des tödlichen Hasses, den Ralph gegen Nikolas hegte, und der tiefen Verachtung, die er der armen Mrs. Nickleby gegenüber empfand, und so schlecht er sich auch Kate gegenüber benommen hatte, noch benahm und zu jeder Zeit benommen haben würde, wenn es zu seinem Vorteil gewesen wäre trotz alledem lag doch etwas, so sonderbar es auch klingen mag, Menschliches, fast Zartes in dem, was er dachte und fühlte. Er malte sich aus, was sein Haus sein könne, wenn Kate darin waltete, stellte sie sich vor, wie sie neben ihm säße, glaubte sie in der leeren Luft zu sehen und hörte den Ton ihrer Stimme. Wieder fühlte er auf seinem Arm den sanften Druck ihrer bebenden Hand, und hundert stumme Anzeichen schienen in seinen Prunkzimmern den Reiz weiblicher Gegenwart und Geschäftigkeit widerzuspiegeln. Dann kehrten seine Gedanken zu seiner innern Einsamkeit und der stolzen kalten Pracht seiner Wohnung zurück, und in diesem einzigen Lichtblick seiner bessern Natur, sosehr sie auch durch Selbstsucht verkümmert war, fühlte er sich trotz seines Reichtums verlassen, freund- und kinderlos. Das Gold hatte in diesem Augenblick keinen Wert für ihn; er fühlte so etwas wie eine Erinnerung an zahllose versunkene Schätze in seinem Herzen, die sich nicht durch Geld erkaufen ließen. Wie er so zerstreut über den Hof nach dem Fenster des andern Bureaus gegenüber hinblickte, bemerkte er plötzlich, daß Newman Noggs mit seiner roten Nase fast das Fensterglas berührte, wie es schien, sich mit dem rostigen Bruchstück eines Taschenmessers eine Feder schneidend, in Wirklichkeit aber scharf herüberspähend. Ralph erwachte aus seinem Grübeln und beugte sich wieder über sein Hauptbuch. Das Gesicht des alten Faktotums verschwand, und alles war wieder wie sonst. Nach ein paar Minuten zog er die Klingel. Newman trat ein, und Ralph warf ihm einen lauernden Blick zu, als fürchte er, in seinen Mienen etwas von dem zu lesen, was er sich selbst soeben gedacht. Aber in Newman Noggs' Gesicht lag nichts, was auf Neugierde und dergleichen hingedeutet hätte. Er sah aus wie ein Mensch mit zwei weit aufgerissenen Augen im Kopf, die nach keiner besondern Richtung blickten und nichts sahen. »Nun, was gibt's?« brummte Ralph. »Na«, sagte Newman und schien aus seiner Geistesabwesenheit zu erwachen, »ich dachte, Sie hätten geklingelt.« Ohne eine Antwort abzuwarten, drehte er sich wieder um und hinkte der Türe zu. »Halt! «rief Ralph. Newman blieb, ohne die mindeste Verwirrung zu verraten, stehen. »Ja, ich habe geklingelt.« »Hab' ich mir gleich gedacht.« »Wenn Sie sich's gleich gedacht haben, warum wollten Sie dann wieder gehn?« »Ich habe mir gedacht, Sie hätten geklingelt, um mir zu sagen, daß Sie nicht geklingelt hätten«, versetzte Newman; »Sie machen's oft genug so.« »Wie können Sie sich unterstehen zu spionieren, nach mir herüberzusehen und mich anzugaffen, Sie Schweinehund?« fuhr Ralph auf. »Sie anzugaffen!?« rief Newman. »Haha!« Das war die ganze Antwort, mit der er seinen Herrn beehrte. »Hüten Sie sich!« brummte Ralph drohend. »Es paßt mir nicht, betrunkene Narren in meinem Bureau zu haben! – Sehen Sie dieses Paket hier?« »Ich dächte wohl. – Groß genug ist es.« »Tragen Sie es in die City zu Mr. Cross in der Broad Street. Lassen Sie's dort – aber gleich, verstanden?« Newman nickte verdrießlich, verließ das Zimmer und kehrte nach ein paar Sekunden mit seinem Hute bewaffnet zurück. Nachdem er einige erfolglose Versuche gemacht, das einige Quadratfuß große Paket darin unterzubringen, nahm er es schließlich unter den Arm, zog dann, die ganze Zeit über Mr. Nickleby scharf fixierend, höchst bedächtig seine durchlöcherten Handschuhe an, setzte mit geheuchelter oder wirklicher Bedächtigkeit seinen Hut auf, als wäre es ein Prunkstück und funkelnagelneu, und verließ das Zimmer, um seinen Auftrag auszurichten. Er erledigte ihn mit großer Pünktlichkeit und Eile, das heißt, er sprach nur ungefähr eine halbe Minute in einem einzigen Wirtshaus vor und ließ sich dann durch keine weiteren Verlockungen aufhalten. Hierauf kehrte er wieder um, nahm seinen Heimweg über den Strand und schien dort plötzlich unschlüssig zu werden, wie jemand, der nicht weiß, was er tun soll. Nach kurzer Überlegung entschied er sich aber doch zu irgend etwas, das heißt, er schlug plötzlich eine gerade Richtung ein und klopfte endlich mit bescheidenem Doppelschlag an Miss La Creevys Türe. Diesmal öffnete ihm ein fremdes Dienstmädchen – offenbar eine sehr mißtrauische Person, denn kaum war sie seiner ansichtig geworden, als sie die Türe beinahe zur Gänze wieder schloß und sich mit der Frage, was er denn eigentlich wünsche, drohend vor die schmale Spalte stellte. Newman sagte nur lakonisch das einzige Wort: »Noggs«, als habe es Zauberkraft und vor seinem Klange müßten die Riegel zurückfahren und die Türen weit auffliegen. Dann drängte er sich rasch durch und erreichte die Türe von Miss La Creevys Arbeitszimmer, ehe noch das erschrockene Mädchen etwas dagegen einwenden konnte. »Um Gottes willen«, rief die kleine Malerin erschreckt, als er auf ihr »Herein« ins Zimmer stürzte. »Was gibt es denn, Sir?« »Sie erinnern sich meiner offenbar nicht mehr«, sagte Newman mit einer leichten Verbeugung. »Wundert mich übrigens nicht. Ziemlich begreiflich, daß mich niemand mehr erkennt, der mich in früheren Tagen gesehen hat, wenn es auch wohl nur wenige gibt, die mich jetzt, wenn sie mir mal begegnet sind, so leicht wieder vergessen.« Dabei blickte er an seinen schäbigen Kleidern herunter, schielte auf sein gelähmtes Bein und schüttelte trübe den Kopf. »Ich habe Sie allerdings nicht sogleich wiedererkannt«, versetzte Miss La Creevy, stand auf und ging ihm freundlich entgegen; »und wahrhaftig, ich schäme mich deshalb, denn Sie sind ein guter und wohlwollender Mensch, Mr. Noggs. Setzen Sie sich jetzt und erzählen Sie mir, was Sie von Miss Nickleby wissen. Das arme Kind! Viele Wochen lang habe ich sie nicht gesehen.« »Wieso nicht?« fragte Newman. »Offen gestanden, Mr. Noggs«, erklärte Miss La Creevy, »ich war über Land und habe einen Besuch gemacht – meine erste Reise seit fünfzehn Jahren!« »Allerdings eine lange Reise«, entgegnete Newman melancholisch. »Allerdings, eine sehr lange Zeit, wenn man die Jahre dabei im Auge hat. Aber Tag für Tag schwindet, Gott sei Dank, auf die eine oder andre Weise immer friedlich und glücklich genug dahin«, plauderte die Miniaturmalerin weiter. »Ich habe einen Bruder, Mr. Noggs. – Der einzige Verwandte, der mir noch geblieben ist, und die ganze lange Zeit über haben wir einander nicht gesehen. Nicht, daß wir uns je überworfen hätten, aber er wurde da draußen als junger Bursche in die Lehre getan, verheiratete sich später und vergaß in der neuen Umgebung natürlich ein so armes kleines Frauenzimmer wie mich. Übrigens ganz begreiflich. Sie dürfen auch nicht glauben, daß ich mich darüber beklagte, denn ich sagte mir immer, daß das so der Lauf der Natur sei. Der arme John sucht sich eben in der Welt fortzuhelfen, so gut er kann, hat eine Frau, mit der er sich in Kummer und Sorgen aussprechen kann, und Kinder, die um ihn spielen, und so möge Gott ihn und sie alle segnen und uns seinerzeit dort zusammenführen, wo wir uns nie wieder trennen werden. – Aber, was sagen Sie nur dazu, Mr. Noggs«, fuhr die kleine Malerin fort und klatschte plötzlich mit fröhlichem Gesicht in die Hände, »kommt da dieser mein Bruder neulich plötzlich nach London und rastet und ruht nicht eher, bis er mich aufgefunden hat. Sehen Sie, und da saß ich in dem Stuhl, in dem Sie jetzt sitzen, und er mir gegenüber, und er weinte wie ein Kind vor lauter Freude, mich wiederzusehen, und denken Sie sich nur, er bestand darauf, mich mit sich aufs Land in sein Haus zu nehmen – ein ganz prächtiges Haus, Mr. Noggs, mit einem großen Garten davor und ich weiß nicht wieviel Morgen Feld dabei und einem livrierten Bedienten, der bei Tische serviert, Kühen, Pferden, Schweinen und Gott weiß was sonst noch! Einen ganzen Monat mußte ich bei ihm bleiben, und er redete mir zu, überhaupt nicht mehr fortzugehen – und ebenso redeten mir seine Frau zu und seine Kinder; es sind ihrer vier, und das älteste davon, ein Mädchen, haben sie vor acht Jahren nach mir getauft – ja, das haben sie. In meinem ganzen Leben war ich noch nie so glücklich – noch nie so glücklich!« Und die weichherzige Malerin verbarg das Gesicht in ihrem Taschentuch und schluchzte laut, denn Newmans Besuch gab ihr zum erstenmal Gelegenheit, ihrem übervollen Herzen Luft zu machen. »Ach Gott, ach Gott«, fuhr sie nach einer Pause fort, trocknete sich die Augen und steckte ihr Taschentuch mit großer Geschäftigkeit wieder in ihr Ridikül, »ach Gott, wie töricht muß ich Ihnen erscheinen, Mr. Noggs. Von Rechts wegen hätte ich eigentlich davon schweigen sollen, aber ich erzählte es Ihnen nur, um Ihnen zu erklären, weshalb ich Miss Nickleby so lange nicht gesehen habe.« »Sind Sie auch nicht mit der alten Frau zusammengekommen?« fragte Newman. »Meinen Sie Mrs. Nickleby? Da möchte ich Ihnen übrigens einen Rat geben, Mr. Noggs! – Wenn Sie bei ihr nicht sehr in Ungnade fallen wollen, so müssen Sie sich hüten, sie eine alte Frau zu nennen, denn ich habe Grund anzunehmen, daß ihr dieser Ehrentitel nicht besonders zusagen dürfte; ja, ich habe sie gestern abend besucht, aber sie tat so vornehm und geheimnisvoll, daß ich rein nicht wußte, was ich daraus machen sollte. Offen gestanden, spielte ich mich daher ein bißchen auf die Reservierte. Und so gingen wir später auch auseinander. Ich dachte mir, sie würde bald wieder die nüchterne Erde unter ihren Füßen spüren, aber bis jetzt hat sie mir noch keinen Gegenbesuch gemacht.« »Und Miss Nickleby?« »War in meiner Abwesenheit zweimal hier. Ich fürchtete, es könnte ihr vielleicht ungelegen kommen, wenn ich sie bei den vornehmen Leuten, bei denen sie jetzt lebt, besuchte, und so wollte ich erst ein paar Tage warten, ob sie nicht zu mir käme, und ihr dann schreiben.« »Hem«, hüstelte Newman und knackte mit seinen Fingergelenken. »Aber können denn Sie mir keine Neuigkeiten über sie mitteilen?« fragte Miss La Creevy. »Sagen Sie, was macht eigentlich das alte grobe scheußliche Ungeheuer von Golden Square? Befindet sich natürlich wohl, nicht wahr? – Das pflegt bei solchen Leuten immer der Fall zu sein – ich meine also nicht, was seine Gesundheit anbetrifft, sondern wie er sich gegen seine Verwandten benimmt.« »Gott verdamm ihn«, schrie Newman und schleuderte seinen noch vor kurzer Zeit so verhätschelten Hut wütend auf den Boden. »Er benimmt sich wie ein nichtswürdiger Hund. Wie die ärgste Bestie, die die Erde trägt.« »Gott im Himmel, Mr. Noggs, Sie erschrecken mich!« rief Miss La Creevy erbleichend. »Am liebsten hätte ich ihn gestern nachmittag für Lebenszeit gezeichnet, aber ich durfte es nicht wagen«, brummte Newman, ging in großer Aufregung auf und ab und schüttelte die Faust wütend gegen Cannings Porträt über dem Kamin. »Ich war schon dicht daran und mußte mir die Hände mit Gewalt in der Tasche festhalten. – Aber einmal tue ich's noch, wahrhaftiger Gott, einmal tue ich's noch. Hinten in dem kleinen Nebenzimmer! Ich hätte ihn früher schon einmal in die Beize genommen, wenn ich nicht gefürchtet hätte, dadurch die Sache noch viel schlimmer zu machen. Aber ich werde mich schon noch einmal mit ihm einschließen und Abrechnung mit ihm halten, bevor ich sterbe, so wahr ich hier stehe.« »Ich werde um Hilfe schreien müssen, wenn Sie sich nicht beruhigen, Mr. Noggs«, jammerte Miss La Creevy. »So kann ich unmöglich allein mit Ihnen hier im Zimmer bleiben.« »Machen Sie sich nichts daraus«, erwiderte Newman und raste wütend immer noch auf und ab. »Heute abend kommt er. Ich habe ihm geschrieben. Der Alte hat keine Ahnung, daß ich hinter seine Schliche gekommen bin, so verschmitzt er auch ist, der Schuft! Keine Ahnung hat er davon – nein, nein, aber das ist schließlich gleichgültig. Einen Strich durch die Rechnung mache ich ihm sowieso; jawohl ich, Newman Noggs! Hoho!« Seine Leidenschaftlichkeit steigerte sich jetzt bis ins Maßlose, und er raste mit so seltsamen Bewegungen im Zimmer auf und ab, wie man es wohl noch nie an einem menschlichen Wesen gesehen hatte, dabei bald gegen die kleinen Miniaturbilder an der Wand hingestikulierend, bald, um die Illusion noch zu erhöhen, sich mit den Fäusten den Kopf zerhämmernd, bis er schließlich atemlos und erschöpft in seinen Stuhl sank. »So«, keuchte er und hob seinen Hut auf, »das hat mich ein bißchen erleichtert. Es ist mir schon wieder besser. Jetzt sollen Sie alles erfahren.« Trotzdem bedurfte es noch einige Zeit, um Miss La Creevy, die durch die ganze seltsame Szene aufs höchste beunruhigt und außer Fassung geraten war, wieder ein wenig zu beruhigen. Dann aber erstattete Mr. Noggs getreulich Bericht über alles, was sich mit Kate bei Mr. Nickleby zugetragen hatte. Er schloß mit der Mitteilung, er habe heimlich an Nikolas geschrieben. Wenn sich auch die Entrüstung bei Miss La Creevy nicht in so seltsamer Art äußerte wie bei Newman, so war sie doch kaum weniger intensiv. Wer weiß, wenn Mr. Ralph Nickleby in diesem Augenblick ins Zimmer getreten wäre, ob er nicht in der kleinen Malerin oder in Newman Noggs die gefährlichsten Gegner gefunden haben würde. »Gott verzeih mir die Sünde«, schloß Miss La Creevy ihren Empörungsausbruch, »aber ich glaube, ich könnte ihm mit Freude dies da ins Herz stoßen.« Ihre Waffe war freilich keine besonders furchtbare, denn sie bestand lediglich in einem Bleistift; als sie jedoch ihren Irrtum gewahrte, vertauschte sie ihn mit einem Perlmutterobstmesser und führte zum Beweis ihrer Rachsucht einen Stoß in die Luft, der übrigens kein Krümchen von einem Brotlaib heruntergesäbelt hätte. »Sie wird morgen nicht mehr in dem Hause sein«, sagte Newman, »und das ist ein Trost.« »Ich wollte, sie hätte es schon vor Wochen verlassen«, seufzte Miss La Creevy. »Ja, wenn man alles hätte voraus wissen können«, versetzte Newman, »aber das konnte man eben nicht. Im übrigen darf sich da niemand hineinmischen als ihre Mutter oder ihr Bruder. Die Mutter ist schwach – ein armes schwaches Ding; aber der liebe junge Mann wird heute abend noch hier sein.« »Um Gottes willen«, schrie Miss La Creevy »er wird etwas Unüberlegtes tun, wenn Sie ihm gleich alles auf einmal heraussagen.« Newman horchte auf, hielt inne, um sich die Hände zu reiben, und machte ein gedankenvolles Gesicht. »Verlassen Sie sich darauf!« verstärkte Miss La Creevy den Eindruck ihrer Worte. »Wenn Sie nicht mit der Wahrheit behutsam herausrücken, so wird er irgend etwas Schreckliches an seinem Onkel oder einem dieser Menschen verüben, und das würde ein furchtbares Unglück über ihn bringen.« »Das habe ich mir noch gar nicht überlegt«, brummte Newman und blickte düster vor sich hin. »Ich bin eigentlich hergekommen, um Sie zu fragen, ob Sie seine Schwester aufnehmen würden, wenn wir sie zu Ihnen brächten, aber –« »Von viel größerer Wichtigkeit wäre es gewesen«, fiel Miss La Creevy ein, »wenn Sie sich die Sache vorher genauer überlegt hätten, ehe Sie kamen. Sie ahnen nicht, wie die Dinge ausgehen können, wenn Sie nicht mit der allergrößten Behutsamkeit zu Werke gehen.« »Was kann ich aber tun«, rief Noggs und kratzte sich verlegen hinter dem Ohr, »wenn er sagt, er wolle sie alle der Reihe nach totschießen? Was bliebe mir da anderes übrig, als zu erwidern: Nur zu – aber treffen Sie sie gut!« Miss La Creevy konnte bei dieser schrecklichen Drohung einen Angstruf nicht unterdrücken und ging sogleich mit nicht zu hemmender Lebendigkeit ans Werk, Newman das feierliche Versprechen abzunehmen, daß er alles aufbieten möge, den jungen Mr. Nickleby nach Möglichkeit zu besänftigen, was er denn auch schließlich nach einigem Zögern tat. Dann hielten sie miteinander Rat, wie man Nikolas alles, was vorgefallen, auf die sicherste und gefahrloseste Weise beibringen könnte. »Man muß es so einrichten, daß er es zu einer Zeit erfährt, wo er einige Stunden genötigt ist, ruhig nachzudenken, ehe er Schritte tun kann!« riet Miss La Creevy. »Das ist vor allem von größter Wichtigkeit. Sie dürfen es ihm erst spät abends sagen.« »Aber er wird schon zwischen sechs und sieben Uhr in London sein!« gab Newman zu bedenken. »Ich darf ihm doch den wahren Sachverhalt nicht verhehlen, wenn er mich danach fragt.« »Dann gehen Sie vorher aus, Mr. Noggs«, riet Miss La Creevy. »Sie können doch ganz einfach in Geschäften zu tun haben und brauchen nicht vor Mitternacht nach Hause zu kommen.« »Dann wird er schnurstracks hierher eilen«, opponierte Newman. »Wahrscheinlich wird er das tun«, gab Miss La Creevy zu. »Aber auch mich braucht er nicht zu finden. Ich gehe eben, sobald Sie mich verlassen, sofort in die City, söhne mich mit Mrs. Nickleby aus und nehme sie mit ins Theater, so daß Mr. Nikolas nicht einmal den Aufenthalt seiner Schwester erfährt.« Schließlich stellte sich dieser Kriegsplan als der sicherste und beste heraus, und es wurde daher beschlossen, sich genau darnach zu richten. Newman, der zum Schluß noch eine ganze Menge von guten Ratschlägen über sich ergehen lassen mußte, verabschiedete sich sodann von der Malerin und humpelte nach Golden Square zurück, dabei unterwegs eine unglaubliche Menge Wahrscheinlichkeiten und Unwahrscheinlichkeiten im Geiste erwägend und wiederkäuend, die ihn ganz und gar absorbierten. 32. Kapitel Eine höchst merkwürdige Unterredung mit nicht minder merkwürdigen Folgen »Gott sei Dank, da wären wir also glücklich in London«, rief Nikolas, schlug seinen Rockkragen zurück und weckte Smike, der noch in tiefem Schlafe lag. »Ich dachte schon, wir würden es überhaupt nicht mehr erreichen!« »Und doch haben die Pferde ihr Bestes getan«, bemerkte der Kutscher mit einem nicht besonders freundlichen Blick über die Schulter. »Das weiß ich«, war die Antwort, »aber es lag mir außerordentlich viel daran, so rasch wie möglich ans Ziel zu kommen, und das macht, daß einem der Weg lang vorkommt.« Rasselnd fuhr der Wagen weiter durch die geräuschvollen belebten Straßen Londons; in langen Doppelreihen glänzten die Laternen, hin und wieder abwechselnd mit den farbigen Glaskugeln eines Apothekers und den seitwärts aus den Ladenfenstern herausströmenden Lichtfluten, hinter denen funkelnde Juwelen, Seiden- und Samtstoffe in den sattesten Farben, die einladendsten Delikatessen und üppigsten Putzartikel kaleidoskopisch wechselten. Unabsehbar strömte die Menschenmenge ab und zu, drängte sich und eilte weiter, ohne der Schätze zu beiden Seiten zu achten, während Wagen aller Art den Tumult und Lärm durch ihr endloses Gerassel vermehren halfen. Höchst seltsam war der Eindruck, wie die verschiedensten Gegenstände und Dinge in beständigem Wechsel vor den Augen der auf dem Postwagen Vorüberfahrenden auftauchten. Ladenmagazine voll Prunkkleidern, deren Stoffe aus allen Weltteilen stammten, Waren jeder Art und Delikatessen, geeignet, auch den verwöhntesten Gaumen zu reizen, Gefäße von blankem Gold und Silber in den ausgesuchtesten Vasen-, Teller- und Schalenformen, Gewehre, Säbel, Pistolen und andere Zerstörungsmaschinen, Metallwaren und Bandagistenartikel, Arzneiflaschen für die Kranken, Särge für die Gestorbenen und Denkmäler für die Begrabenen – alles häufte sich wirr durcheinander, Seite an Seite, wie die phantastischen Gruppen in Holbeins Totentanz. Aber auch das pulsierende Leben bot ein nicht minder buntes Bild. Dort die Lumpen des schmutzigen Bänkelsängers von dem blendenden Licht übergossen, das aus den Juwelenläden herausströmte, hier bleiche verhungerte Gesichter, an die Fensterscheiben gedrückt, hinter denen leckere Speisen ausgestellt waren. Gierige Augen wanderten über den glitzernden Reichtum, der nur durch eine dünne Glasscheibe – für sie eine eherne Mauer – vor ihnen geschützt war. Halbnackte Gestalten blieben frierend stehen, um chinesische Halstücher und Goldbrokate aus Indien anzustaunen. Dort wieder hinten im Laden des größten Sargmachers der Stadt war Kindstaufe, und umfassende Bestattungsvorbereitungen hatten eine großartige Bauveränderung in dem prachtvollsten Palaste mitten in der City zum Stocken gebracht. Hand in Hand gingen Leben und Tod nebeneinander her, Reichtum und Armut berührten sich, Schlemmerei und Hunger legten sich nebeneinander zur Ruhe. Aber es war und blieb London, und die alte Dame vom Lande, die in der Postkutsche saß und schon ein paar Meilen vor Kingston immerwährend den Kopf zum Wagenfenster herausgesteckt hatte, um dem Kutscher zuzurufen, er werde bestimmt über das Ziel hinausfahren und vergessen, sie abzusetzen, war endlich beruhigt. Nikolas bestellte in dem Wirtshaus, wo sie hielten, ein Abendessen für sich und Smike und begab sich dann unverzüglich nach Newman Noggs' Wohnung, denn seine Angst und Unruhe hatten mit jeder Minute zugenommen und ließen sich kaum mehr zügeln. In Newmans Dachstübchen war ein Feuer angezündet und eine brennende Kerze stand auf dem Tisch. Der Boden war gescheuert, das Zimmer so behaglich, als es eben sein konnte, hergerichtet, und auch für Speise und Trank war gesorgt. Alles verriet Newman Noggs' Liebe und Aufmerksamkeit, aber er selbst war nicht zugegen. »Wissen Sie nicht, wann er nach Hause kommen wird?« fragte Nikolas, nachdem er an die Zwischenwand, die die Stube von Newman Noggs' Nachbarn trennte, geklopft hatte. »Ach, Mr. Johnson, Sie sind's!« rief Mr. Crowl und trat in das Zimmer. »Willkommen, Sir! Nein, wie gut Sie aussehen! Nie hätte ich geglaubt –« »Entschuldigen Sie«, fiel ihm Nikolas ins Wort, »ich brenne auf Ihre Antwort.« »Ach Gott, er hat noch zu tun«, versetzte Crowl, »und wird vor Mitternacht kaum nach Hause kommen. Er ging sehr ungerne aus, das kann ich Ihnen versichern, aber es ließ sich nicht ändern. Ich habe Ihnen auszurichten, Sie möchten es sich inzwischen bequem machen, und ich soll Sie inzwischen ein wenig zerstreuen.« Zum Beweise seiner Selbstlosigkeit schob Mr. Crowl bei diesen Worten einen Stuhl an den Tisch, verhalf sich zu einer kräftigen Schnitte kalten Bratens und lud Nikolas und Smike ein, seinem Beispiel zu folgen. Unruhe und Enttäuschung ließen Nikolas keinen Bissen berühren, und nachdem es sich Smike am Tische bequem gemacht, verließ er trotz der Vorstellungen, die ihm Mr. Crowl, mit vollem Munde kauend, machte, das Haus und beauftragte Smike, er möge Newman zurückhalten, wenn dieser heimkehren solle. Dann schlug er, genau wie Miss La Creevy vorausgesehen, schnurstracks seinen Weg nach ihrer Wohnung ein. Als er sie ebenfalls nicht zu Hause traf, überlegte er eine Weile, ob er nicht zu seiner Mutter gehen solle, und entschloß sich auch endlich dazu. Mrs. Nickleby würde vor zwölf Uhr kaum heimkommen, sagte das Mädchen. Sie glaube, Miss Kate befände sich wohl, aber gegenwärtig wohne sie nicht mehr bei ihrer Mutter und käme auch nur selten zu Besuch. Ihren Aufenthalt kenne sie nicht; nur das eine wisse sie bestimmt, nämlich, daß sie nicht mehr bei Madame Mantalini angestellt sei. Mit klopfendem Herzen und von den trübsten Ahnungen erfüllt, kehrte Nikolas zu Smike zurück. Newman war noch immer nicht nach Hause gekommen und konnte vor zwölf Uhr keinesfalls erwartet werden. – »Könnte man ihn denn nicht für einen Augenblick holen lassen oder ihm ein paar Zeilen schicken, mit der Bitte um sofortige Antwort?« Es ginge nicht, hieß es, denn er sei nicht in Golden Square und habe wahrscheinlich auswärts zu tun. Nikolas zwang sich eine Zeitlang, ruhig im Newmans Wohnung zu bleiben, fühlte sich aber zu aufgeregt, um lange stillsitzen zu können. Es käme ihm wie Zeitverlust vor, sagte er, so tatenlos dazusitzen – allerdings eine törichte Einbildung, gab er zu; er wisse es wohl, aber trotzdem sei er nicht imstande, diesen Gedanken loszuwerden. Er nahm daher abermals seinen Hut und ging auf die Straße hinunter. Diesmal lenkte er seine Schritte nach Westen und eilte, von tausend bangen Befürchtungen gequält, umher. Er kam in den Hyde Park, der jetzt still und verlassen dalag, und beschleunigte noch seine Schritte, um dadurch seine bösen Ahnungen loszuwerden. Sie bedrängten ihn aber nur um so lebhafter, da ihm nichts begegnete, was seine Aufmerksamkeit hätte auf sich ziehen können, und immer mehr quälte ihn das dumpfe Gefühl, es müsse sich irgendein schreckliches Unglück zugetragen haben, das jedermann sich scheue, ihm mitzuteilen. Die alte Frage: »Was kann es wohl sein?« tauchte immer wieder und wieder in seinem Herzen auf. Er lief umher, bis er müde war, ohne auch nur um eine Spur gescheiter zu sein, und verließ endlich den Park, womöglich noch verwirrter, als er ihn betreten. Seit morgens früh hatte er fast nichts genossen, und jetzt kam das Gefühl gänzlicher Ermattung über ihn. Als er sich mit langsameren Schritten dem Orte wieder näherte, von dem er ausgegangen war, traf er an einer der Durchfahrten, die zwischen Park Lane und der Landstraße liegen, auf einen hübschen Gasthof und blieb instinktiv davor stehen. »Wahrscheinlich sehr teuer da drin«, dachte er, »aber ein Glas Wein und ein Stück Brot können schließlich auch nicht viel kosten.« Er ging ein paar Schritte weiter, aber wieder zog ihn ein seltsames Gefühl, das er sich nicht recht zu erklären wußte, zu dem Gasthaus zurück; er kehrte um und trat in das Kaffeezimmer. Es war ein ausnehmend vornehm möblierter Raum; ausgesuchte französische Tapeten bedeckten die Wände. Ein eleganter vergoldeter Fries darüber, ein reicher Teppich und zwei prachtvolle Spiegel, einer über dem Kamin, der andere an der entgegengesetzten Wand des Zimmers vom Boden bis zur Decke emporreichend, verstärkten noch den Gesamteindruck der prunkvollen Einrichtung. In der Nähe des Kamins saß eine ziemlich lärmende Gesellschaft von vier Herren, und außerdem waren noch zwei andere Gäste anwesend, beides ältere Gentlemen. Nikolas warf einen flüchtigen Blick umher, um sich zu orientieren, wie dies wohl jeder tut, wenn er einen ihm neuen Ort zum ersten Male betritt, nahm dann, den Rücken der lärmenden Gesellschaft zugekehrt, Platz und beschäftigte sich mit einer Zeitung. Der Kellner unterhandelte gerade mit den beiden ältlichen Herren, und Nikolas hatte noch keine zwanzig Zeilen gelesen, mühsam die Augen offen haltend, als er plötzlich aufschreckte. Er hatte den Namen seiner Schwester nennen hören. »Die kleine Kate Nickleby« waren die Worte, die sein Ohr getroffen hatten. Erstaunt blickte er auf und bemerkte im Spiegel, daß zwei Herren von der lärmenden Gesellschaft hinter ihm aufgestanden waren und jetzt an dem Kamin lehnten. »Einer von den beiden muß den Namen ausgesprochen haben«, dachte Nikolas, innerlich empört, denn der Ton, in dem die Worte gesagt worden, war nichts weniger als achtungsvoll gewesen. Er lauschte, ob er noch mehr zu hören bekommen werde. Das Äußere des Herrn, der den Namen seiner Vermutung nach genannt haben mußte, war vornehm, aber unangenehm geckenhaft. Der andere – er konnte sein Gesicht im Spiegel sehen – hatte sich seitwärts an den Kamin gestellt und unterhielt sich mit einem jüngern Gentleman, der den Hut auf dem Kopf hatte und sich vor dem Spiegel seinen Hemdkragen zurechtrückte. Sie sprachen flüsternd miteinander und brachen von Zeit zu Zeit in ein lautes Gelächter aus, ohne daß Nikolas etwas, was mit den vorhin gefallenen Worten irgendwie in Beziehung gebracht werden konnte, zu hören imstande war. Dann nahmen die beiden ihre Plätze wieder ein, ließen sich eine frische Flasche Wein bringen, und die ganze Gesellschaft wurde womöglich noch lauter und fröhlicher als vorher. Sie sprachen jetzt von lauter gleichgültigen Dingen, und Nikolas kam schließlich zu der Überzeugung, er müsse entweder geträumt oder sich getäuscht haben. »Doch höchst merkwürdig!« dachte er. »Wäre es nur der Name ›Kate‹ gewesen oder meinetwegen auch ›Kate Nickleby‹, hätte ich mir's noch erklären können, aber gerade: ›die kleine Kate Nickleby‹.« – In diesem Augenblick brachte der Kellner den Wein und riß ihn aus seinen Grübeleien. Er schenkte sich ein Glas voll ein und nahm seine Zeitung wieder auf, als fast im selben Augenblick eine Stimme hinter ihm abermals rief: »Die kleine Kate Nickleby.« »So hatte ich also doch recht«, murmelte Nikolas und legte das Zeitungsblatt auf den Tisch. »Und wieder ist's derselbe Herr, den ich schon vorhin im Verdacht hatte.« »Da es nicht gut angeht, auf ihre Gesundheit aus leeren Gläsern zu trinken«, sagte der Gentleman mit dem geckenhaften Aussehen laut, »so soll ihr die Blume der neuen Flasche gewidmet sein. – Hoch die kleine Kate Nickleby!« »Prosit, die kleine Kate Nickleby soll leben!« riefen die übrigen drei und tranken ihre Gläser auf einen Zug aus. Eine so frivole Erwähnung des Namens seiner Schwester in einem öffentlichen Gasthaus ging Nikolas durch und durch. Er fühlte, wie ihm das Blut in die Wangen schoß, gab sich aber alle Mühe, ruhig zu bleiben, und wandte nicht einmal den Kopf. »Ein Teufelsmädel«, rief derselbe Herr, der soeben gesprochen, »eine echte Nickleby! – Ein würdiges Seitenstück zu ihrem alten Onkel Ralph. Geht absolut nicht aus sich heraus, damit man ihr um so näher kommen muß. Genauso wie er. Er läßt auch immer jeden dicht an sich herankommen, ehe er mit dem Geld herausrückt. Die Folge davon ist: doppelte Zinsen. Was soll man tun, man braucht's doch! Verdammt schlau, aber man kann nichts dagegen machen.« »Verdammt schlau«, echoten zwei Stimmen. Die zwei ältlichen Herren am Nebentische standen jetzt auf, um sich zu entfernen, und Nikolas geriet darüber geradezu in Todesangst, denn er fürchtete, bei dem Geräusch, das sie verursachten, ein Wort von dem, was nebenan gesprochen wurde, zu überhören. Zum Glück stockte gerade die Unterhaltung, um sich, als die beiden Gentlemen draußen waren, nur um so ungezwungener fortzusetzen. »Äh – ich fürchte«, näselte der jüngste der Herren, »die A-alte ist – äh – eifersüchtig geworden und – äh – hat sie eingesperrt, wüßte mir's sonst nicht zu erklären.« »Desto besser, wenn sie uneins sind«, rief sein Nebenmann, »und die kleine Nickleby zu ihrer Mutter zieht, um so besser. Die Alte kann ich um den Finger wickeln; sie glaubt jedes Wort, das ich ihr sage.« »Ja, das stimmt«, lachte der vierte Herr, »ha, ha, ha, eine unglaubliche Gans.« Die beiden ersten Stimmen echoten wieder unisono das Gelächter über diesen Witz auf Mrs. Nicklebys Kosten. Voll Zorn fuhr Nikolas auf, hielt sich aber noch einen Augenblick zurück und wartete, was er weiter zu hören bekäme. Der Inhalt der Reden ist hier gleichgültig, aber je rascher die Flasche kreiste, desto mehr lernte Nikolas Nickleby die Charaktere und Absichten der Herren durchschauen, Ralphs Niederträchtigkeit wurde ihm in ihrem vollem Umfange klar, und ein Licht ging ihm auf über den wahren Grund, weshalb Newman seine Anwesenheit in London gewünscht hatte. Er sah jetzt alles klar vor sich und war Zeuge, wie man die Leiden seiner Schwester verlachte, ihr sittsames Benehmen verhöhnte und auf die gemeinste Weise mißdeutete, und wie ihr Name zum Gegenstand roher Wetten und unzüchtiger Scherze gemacht wurde. Der Herr, der zuerst gesprochen hatte, führte nunmehr die Unterhaltung fast ausschließlich, und an ihn wendete sich Nikolas jetzt, nachdem er sich hinreichend gesammelt, um der Gesellschaft gegenübertreten und seine Worte mühsam hervorstoßen zu können. »Ich muß um ein paar Worte mit Ihnen bitten, Sir«, begann er. »Mit mir, Sir?« fragte Sir Mulberry Hawk erstaunt und maß Nikolas geringschätzig von oben bis unten. »Ja, mit Ihnen«, wiederholte Nikolas mit vor Wut fast erstickter Stimme. »Oho! Ein geheimnisvoller Unbekannter!« spöttelte Sir Mulberry, setzte sein Glas an die Lippen und blickte seine Freunde der Reihe nach fragend an. »Wollen Sie für ein paar Minuten mit mir hinauskommen, oder verweigern Sie mir die Unterredung?« fragte Nikolas. Der Baronet setzte sein Glas einen Augenblick ab und forderte ihn verächtlich auf, entweder sein Begehren hier bei Tisch vorzubringen oder ihn in Ruhe zu lassen. Nikolas zog seine Karte hervor und warf sie auf den Tisch. »Lesen Sie, Sir!« rief er. »Was ich wünsche, werden Sie sich dann leicht erklären können.« Ein Ausdruck von Überraschung und Verwirrung überflog Sir Mulberrys Gesicht, als er den Namen »Nickleby« las, aber schnell faßte er sich wieder, warf die Karte dem jungen Lord, der ihm gegenüber saß, zu, nahm dann aus einem vor ihm stehenden Glas einen Zahnstocher und machte nonchalant davon Gebrauch. »Ich ersuche Sie um Ihren Namen und Ihre Adresse«, sagte Nikolas, der, je mehr es in ihm kochte, immer blasser und blasser wurde. »Sie werden weder das eine noch das andre erfahren«, höhnte Sir Mulberry. »Wenn ein Gentleman in dieser Gesellschaft ist«, rief Nikolas, blaß bis in die Lippen und kaum imstande zu sprechen, »so wird mir vielleicht dieser den Namen und die Wohnung dieses Herrn mitteilen.« Totenstille. »Ich bin der Bruder der jungen Dame, von der soeben hier die Rede war«, fuhr Nikolas fort, »und ich erkläre als solcher diesen Herrn für einen Lügner und einen Feigling. Wenn er einen Freund hier hat, so wird, hoffe ich, dieser ihm die Schmach seines erbärmlichen Versuchs, seinen Namen geheimzuhalten, ersparen, um so mehr, als es ihm doch nichts nützen wird. Ich weiche nicht eher, bevor ich ihn nicht erfahren habe.« Sir Mulberry lächelte nur verächtlich und wendete sich wieder zu seiner Gesellschaft: »Der Kerl redet mir lange gut. Einen Milchbart wie ihn nimmt man nicht ernst. Er verdankt es nur meiner Rücksicht für seine hübsche Schwester, daß er meinetwegen bis Mitternacht fortschwätzen kann, ohne daß ich ihm den Schädel einschlage.« »Sie sind ein niederträchtiger und feiger Schuft«, schrie Nikolas, »und ich werde Sie als solchen kennzeichnen. Ich werde schon erfahren, wer Sie sind, und wenn ich Ihnen auch bis zum Morgen in den Straßen nachlaufen sollte.« Sir Mulberrys Hand fuhr unwillkürlich nach der Weinflasche. Er schien einen Augenblick willens zu sein, sie seinem Beleidiger an den Kopf zu werfen, zog jedoch vor, sich bloß sein Glas vollzuschenken, und lachte höhnisch. Nikolas setzte sich nunmehr dicht in die Nähe der Gesellschaft, rief den Kellner und bezahlte seinen Wein. »Kennen Sie den Namen dieses Menschen?« fragte er den Mann laut und deutete dabei auf Sir Mulberry. Der Baronet lachte nur abermals, und die zwei Stimmen echoten wieder unisono, aber nicht besonders couragiert. »Diesen Herrn, Sir?« versetzte der Kellner, der sofort begriff, was er zu tun habe, mit soviel Unverschämtheit, als er es gerade noch in seiner Stellung wagen konnte. »Nein, Sir, ich kenne ihn nicht.« »Wenn Sie vielleicht wissen wollen, wie dieser Bursche heißt«, rief Sir Mulberry dem Kellner nach, »so können Sie's hier lesen.« Dabei schnappte er ihm Nikolas' Karte hin. »Und wenn Sie's getan haben, können Sie das Zeug in den Ofen werfen, verstanden?« Der Kellner verzog sein Gesicht zu einem Grinsen, blickte spöttisch nach Nikolas hin, wählte einen Mittelweg, indem er die Karte in den Kaminspiegel steckte, und entfernte sich. Nikolas verschränkte die Arme, biß sich in die Lippen und blieb ruhig sitzen. In seinem Gesicht konnte man deutlich sehen, daß er einen festen Entschluß gefaßt habe und nicht davon abzugehen gedenke, die Drohung, Sir Mulberry bis zu seiner Wohnung zu folgen, auszuführen. Wie es schien, machte der jüngste der Herren dem Baronet Vorstellungen wegen seines Benehmens und drängte ihn offenbar, Nikolas' Begehren zu erfüllen, aber Sir Mulberry, der nicht mehr ganz nüchtern war, beharrte störrisch auf seinem Vorhaben und brachte die Einwendungen seines schwachen jungen Freundes bald zum Schweigen. Er schien sogar, um nichts dergleichen mehr hören zu müssen, darauf zu bestehen, man möge ihn allein lassen, wenigstens standen der junge Lord und die beiden andern, die immer unisono gesprochen hatten, daraufhin auf, entfernten sich und ließen ihn mit Nikolas allein. Sir Mulberry Hawk lehnte sich jetzt in seinem Sessel zurück, stemmte die Füße auf den Stuhl gegenüber und leerte langsam, sein Taschentuch nachlässig aufs Knie gelegt, mit größter Seelenruhe und Gleichgültigkeit seine Flasche Claret. So saßen er und sein junger Gegner fast eine Stunde in ununterbrochenem Schweigen einander gegenüber. Nikolas kam es wohl dreimal so lange vor, aber die kleine Wanduhr hatte erst viermal je eine Viertelstunde angezeigt. Sooft er sich zornig und ungeduldig umblickte, immer noch saß der Baronet in derselben Stellung da, von Zeit zu Zeit sein Glas an die Lippen führend und geistesabwesend die Wand anstierend, als sei er sich nicht einmal seiner eigenen Anwesenheit bewußt. Endlich dehnte er sich, gähnte und stand auf. Dann trat er ruhig vor den Spiegel, betrachtete sich darin und drehte sich schließlich nach Nikolas um. Dieser war ebenfalls aufgestanden, aber Sir Mulberry zuckte nur die Achseln, kräuselte spöttisch die Lippen, zog die Klingel und forderte schläfrig den Kellner auf, ihm in seinen Überzieher zu helfen. Der Mann gehorchte und öffnete die Türe. »Gehen Sie nur«, sagte Sir Mulberry und entließ ihn. Dann ging er, nonchalant vor sich hin pfeifend, ein paarmal im Zimmer auf und ab, blieb noch einen Augenblick vor dem Tisch stehen, um sein letztes Glas Rotwein zu leeren, nahm dann seinen Spaziergang wieder auf, setzte sich vor dem Spiegel seinen Hut auf, zog seine Handschuhe an und schritt schließlich langsam hinaus. Nikolas, vor innerer Wut beinahe verzehrt, folgte ihm – so dicht, daß, ehe noch die Türe ins Schloß gefallen war, er Seite an Seite mit ihm auf der Straße stand. Ein paar Schritte weit wartete ein Kabriolett. Der Portier schlug die lederne Schutzdecke zurück und eilte zu dem Pferd. »Also wollen Sie mir jetzt Ihren Namen nennen oder nicht?« fragte Nikolas mit vor Wut erstickter Stimme. »Nein, zum T...«, fuhr Sir Mulberry Hawk wütend auf und schluckte einen Fluch hinunter. »Wenn Sie vielleicht auf die Geschwindigkeit Ihres Pferdes bauen, so irren Sie sich«, sagte Nikolas kalt. »Ich werde Ihnen folgen – verlassen Sie sich darauf, und wenn ich mich an den Wagen anhängen sollte.« »Dann werden Sie heruntergepeitscht werden«, versetzte Sir Mulberry verächtlich. »Sie sind ein Schuft!« war die Antwort. »Und sie wahrscheinlich ein Laufbursche«, revanchierte sich Sir Mulberry Hawk. »Ich bin der Sohn eines Gentlemans«, erwiderte Nikolas, »Ihnen gleich an Geburt und Erziehung, aber in jeder andern Hinsicht weit überlegen. Ich sage Ihnen noch einmal, Kate Nickleby ist meine Schwester. Wollen Sie mir jetzt für Ihr niederträchtiges Betragen Rede stehen oder nicht?« »Einem ebenbürtigen Gegner gegenüber würde ich es tun, Ihnen gegenüber – nein«, versetzte Sir Mulberry und nahm die Zügel in die Hand. »Aus dem Weg da, Lumpenhund! – William, los da vorne!« »Sie werden das besser bleiben lassen«, rief Nikolas und trat, als Sir Mulberry auf den Bock sprang, auf den Kutschentritt und entriß ihm die Zügel. »Der Mann hat das Pferd nicht in seiner Macht. Sie sollen mir nicht von der Stelle, das schwöre ich Ihnen – nicht, bevor Sie mir nicht gesagt haben, wer Sie sind.« Der Portier zögerte, ob er die Trense loslassen solle, denn das Pferd, ein feuriges Tier, bäumte sich so wild, daß er es kaum zu halten imstande war. »Laß los, sag' ich!« donnerte Sir Mulberry. Der Mann gehorchte. Das Pferd schlug hinten und vorn aus, als ob es den Wagen in tausend Stücke zerschlagen wollte, aber Nikolas, in seiner Wut gegen alle Gefahr blind, blieb auf dem Kutschentritt stehen, ohne die Zügel loszulassen. »Wollen Sie loslassen?« »Sagen Sie mir, wer Sie sind!« »Nein.« »Dann laß' ich nicht los.« Die Worte flogen nur so hin und her. Da faßte Sir Mulberry plötzlich seine Peitsche kürzer und schlug damit aus Leibeskräften auf Kopf und Schultern seines Gegners los. Der Stiel zerbrach. Nikolas bemächtigte sich des schweren Handgriffs und versetzte damit dem Baronet einen Schlag ins Gesicht, daß sofort vom Auge bis zur Lippe eine dicke Wulst aufquoll. Er sah es, aber nur eine Sekunde lang; dann raste das Pferd im Galopp dahin und hundert Lichter tanzten vor seinen Augen. Er war zu Boden geschleudert worden. Einen Augenblick glaubte er, das Bewußtsein verlieren zu müssen, und es schwindelte ihm, aber gleich darauf stand er wieder auf den Beinen, durch das laute Schreien der Passanten zu sich gebracht, die vorübereilten, um dem durchgehenden Gespann nachzulaufen. Noch konnte er in der Entfernung das Kabriolett erkennen, wie es in rasender Eile das Trottoir entlangjagte – dann ein lauter Schrei, das Aufschlagen eines schweren Gegenstandes – Klirren zerbrechenden Glases – und dann drängte sich die Menschenmenge zusammen und versperrte den Ausblick. Nikolas war jetzt ganz allein, denn die allgemeine Aufmerksamkeit hatte sich ausschließlich dem umgestürzten Wagen zugewendet. Ganz richtig schloß er, daß es unter solchen Umständen Tollheit wäre, seinem Gegner zu folgen, und bog daher in ein Seitengäßchen, um den nächsten Droschkenstand aufzusuchen, zumal er die Entdeckung machte, daß er wie ein Betrunkener wankte und ihm aus Gesicht und Händen das Blut hervorquoll. 33. Kapitel Mr. Ralph Nickleby wird plötzlich von dem Verkehr mit seinen Verwandten erlöst Newman Noggs, der in seiner Ungeduld lange vor der Zeit heimgekehrt war, saß mit Smike vor dem Kamin und horchte ängstlich auf jeden Schritt auf der Treppe und auf jedes Geräusch im Hause, aus dem sich schließen ließe, daß Nikolas heimkomme. Jedoch Stunde um Stunde verging, und immer noch war er nicht da. Bestürzt blickten sich die beiden an, sooft die Geräusche im Stiegenhause wieder verklangen, aber endlich hörten sie eine Droschke vor dem Tore halten, und Newman eilte hinaus, um Nikolas die Treppe hinauf zu leuchten. Bestürzt und wie vom Schlage gerührt blieb er stehen, als er ihn blutbefleckt und kotbespritzt vor sich sah. »Sie brauchen nicht zu erschrecken«, beruhigte ihn Nikolas und drängte ihn in die Stube zurück. »Der Schaden wird mit einem Becken Wasser gleich wiedergutgemacht sein.« »Sie sind verletzt!« rief Noggs und fuhr ihm hastig über Rücken und Arme, um sich zu überzeugen, ob er nichts gebrochen habe. »Sie müssen –« »Ich weiß alles«, fiel ihm Nikolas ins Wort. »Einen Teil habe ich soeben zufällig mit angehört und das übrige erraten. Noch ehe ich mich wasche, müssen Sie mir das Ganze erzählen. Sie sehen, ich bin gefaßt, und mein Entschluß steht fest. Also sprechen Sie, lieber Freund! Es hat keinen Zweck mehr, mir die Sache länger zu verhehlen, und meinen Onkel, den alten Schurken, wird nichts mehr schützen.« »Ihre Kleider sind zerrissen und Sie hinken; ich sehe, daß Sie Schmerzen haben müssen«, meinte Newman bedenklich. »Zuerst lassen Sie mich Ihre Verletzungen ansehen.« »Verlohnt sich nicht der Mühe. Es sind bloß ein paar Hautaufschürfungen und eine Prellung, die Sache wird bald vorüber sein«, versetzte Nikolas und ließ sich ächzend nieder. »Aber wenn mir auch alle Knochen zerbrochen wären, ließe ich mich doch nicht verbinden, bevor Sie mir nicht alles berichtet haben, was ich wissen will und wissen muß. – Kommen Sie«, setzte er hinzu und reichte Noggs die Hand, »Sie haben mir einmal erzählt, Sie hätten auch eine Schwester gehabt, die, wie Sie sagten, starb, ehe das Unglück über Sie hereinbrach. Denken Sie jetzt an sie und erzählen Sie, Newman!« »Ja, das will ich«, rief Mr. Noggs, »Sie sollen die ganze Wahrheit erfahren.« Und er erzählte. – Nikolas nickte von Zeit zu Zeit mit dem Kopf, wenn er eine Bestätigung der bereits geahnten Einzelheiten hörte, blickte jedoch nicht vom Feuer auf. Als Newman zu Ende war, bestand er darauf, daß Mr. Nickleby seinen Rock ausziehe und sich endlich seine Wunden verbinden lasse. Anfangs weigerte sich Nikolas, dann aber willigte er ein und erzählte, während ihm Noggs die Verletzungen an Armen und Schultern mit Öl, Weinessig und andern geeigneten Mitteln, die er sich in der Eile von seinen Nachbarn zusammenborgte, behandelte, wie und wo ihm der Unfall zugestoßen. Sein Bericht machte einen tiefen Eindruck auf Newmans lebhafte Einbildungskraft, und als es zu der Schilderung von dem Kampf auf dem Wagen kam, rieb er Nikolas so arg, daß dieser stöhnte wenn er auch nichts sagte, da er merkte, daß der gute Alte in diesem Augenblick Sir Mulberry Hawk unter den Händen zu haben glaubte und seine Wut an ihm ausließ. Als das Martyrium endlich glücklich vorüber war, beschloß Nikolas mit Mr. Noggs, daß schon am nächsten Morgen alle Vorkehrungen getroffen werden sollten, um Mrs. Nickleby so bald wie möglich aus ihrer gegenwärtigen Wohnung zu entfernen und Miss La Creevy vorerst zu diesem Zweck zu ihr zu senden. Dann hüllte er sich in Smikes Mantel und kehrte mit ihm zu seinem Wirtshause zurück, wo er über Nacht bleiben, zuvor aber noch einige Zeilen an Ralph schreiben wollte, die Newman am Morgen abgeben sollte. Man sagt, daß Betrunkene in Abgründe stürzen können, ohne irgendwelche Schmerzen zu empfinden, wenn sie wieder zu Bewußtsein kommen. Nikolas ging es ähnlich. Als er am nächsten Tag Schlag sieben Uhr aus dem Bette sprang, fühlte er sich so munter und wohl, als ob ihm gar nichts passiert wäre. Er warf einen Blick in Smikes Schlafzimmer, sagte ihm, Newman Noggs werde wohl bald kommen, ging dann auf die Straße hinunter, nahm eine Droschke und fuhr nach Mrs. Wititterlys Wohnung. Bereits um dreiviertel auf acht am Cadogan Place angelangt, fing er schon an zu fürchten, daß um diese frühe Stunde noch niemand auf sein werde, als seine Besorgnis durch eine Dienstmagd zerstreut wurde, die gerade die Vortreppe scheuerte. Sie verwies ihn an den Pagen mit den wirren Haaren, der auf ihren Ruf mit einem so roten und glänzenden Gesicht herausgestürzt kam, wie es eben nur ein Page, der gerade aus den Federn geschlüpft ist, haben kann. Durch ihn erfuhr er, daß Miss Nickleby soeben ihren Morgenspaziergang in dem Garten neben dem Hause mache. Auf die Frage, ob man sie nicht benachrichtigen könne, machte der Page ein zweifelhaftes Gesicht und glaubte, es sei nicht gut möglich; durch einen Schilling jedoch aufgemuntert, wurde er augenblicklich sanguinisch und hoffte das Beste. »Sagen Sie Miss Nickleby, ihr Bruder sei hier und brenne darauf, sie zu sehen«, trug ihm Nikolas auf. Die silberplattierten Knöpfe verschwanden mit einer ungewohnten Lebhaftigkeit, und Nikolas schritt, fieberhaft erregt und die Sekunden zählend, ungeduldig im Hausflur auf und nieder. Gleich darauf hörte er jedoch einen wohlbekannten leichten Schritt, und ehe er seiner Schwester noch entgegengehen konnte, lag sie bereits an seiner Brust und brach in Tränen aus. »Meine liebe, liebe Kate!« rief Nikolas und umarmte sie. »Wie blaß du aussiehst!« »Ich bin hier so unglücklich gewesen, lieber Bruder«, schluchzte die arme Kate, »unaussprechlich elend. Laß mich nicht hier, lieber Nikolas, sonst bricht mir noch das Herz.« »Du darfst und sollst nicht hierbleiben«, tröstete sie Nikolas. »Ich werde dich nie wieder verlassen, Kate.« Tief ergriffen drückte er sie an seine Brust. »Du weißt, ich habe nur in der besten Absicht gehandelt, indem ich dich ohne Schutz zurückließ, und ich schied nur von dir, weil ich fürchtete, Unglück über dich zu bringen. Meine Prüfungen waren nicht weniger schmerzlich als die deinen, und wenn ich unrecht getan habe, so geschah es unabsichtlich und nur infolge meiner Weltunkenntnis.« »Wie kannst du nur glauben, daß ich etwas anderes dächte«, rief Kate. »Nikolas, lieber Nikolas, wie kannst du nur solchen Gedanken Raum geben!« »Ach, es ist ein so bitterer Vorwurf für mich, hören zu müssen, daß du soviel gelitten hast«, seufzte Nikolas – »dich so verändert zu sehen und doch so sanft und geduldig. O Gott«, knirschte er, ballte die Faust und das Blut stieg ihm ins Gesicht, »ich weiß nicht, was ich ihm antun werde! – Du mußt jetzt auf der Stelle mit mir dies Haus verlassen. Du würdest schon diese Nacht nicht mehr hier haben schlafen dürfen, wenn ich nicht alles erst so spät erfahren hätte. – Mit wem kann ich sprechen, ehe du mit mir gehst?« Kate wurde die Antwort erspart, denn in diesem Augenblick trat Mr. Wititterly ein, dem sie sogleich ihren Bruder vorstellte. Nikolas nannte den Zweck seines Hierseins und wies auf die Unmöglichkeit hin, auch nur eine Stunde warten zu können. »Das Vierteljahr – hem –«, meinte Mr. Wititterly mit Würde, »ist noch nicht zur Hälfte abgelaufen – somit –« »Somit«, fiel ihm Nikolas ins Wort, »erlischt der Anspruch meiner Schwester auf ihr Gehalt, Sir. Entschuldigen Sie meine Eile, aber die Umstände erfordern dringend, daß ich sie auf der Stelle mit mir nehme. Ich habe keinen Augenblick zu verlieren. Ihre Sachen werde ich, wenn Sie gestatten, im Laufe des Tages abholen lassen.« Mr. Wititterly verbeugte sich und hatte gegen Kates sofortigen Austritt, der ihm im Gegenteil sehr gelegen kam, nichts mehr einzuwenden, zumal Sir Tumley Snuffin ausdrücklich erklärt hatte, sie passe nicht recht für Mrs. Wititterly in Anbetracht deren zarter Gesundheit. »Was das bißchen noch rückständiges Gehalt anbelangt«, sagte er, »so werde ich« – er wurde plötzlich durch einen heftigen Hustenanfall unterbrochen – »so will ich – ihn Miss Nickleby später gelegentlich bezahlen.« Es war Mr. Wititterlys Gewohnheit, stets kleine Schulden zu haben. Jeder Mensch hat eben irgendeine liebenswürdige Eigentümlichkeit. »Ganz wie's gefällig ist«, antwortete Nikolas, fügte noch ein paar Worte der Entschuldigung wegen des so plötzlich notwendig gewordenen Austrittes hinzu, drängte dann Kate zu der Droschke und befahl dem Kutscher, so schnell wie möglich in die City zu fahren. Da das Pferd zufällig in Whitechapel seinen Stall hatte und dort sein Frühstück einzunehmen gewohnt war, wenn es überhaupt ein solches erhielt, so verlief die Fahrt schneller, als man unter normalen Umständen hätte erwarten dürfen. Nikolas sandte zuerst seine Schwester in die Wohnung hinauf, um seine Mutter nicht durch sein unerwartetes Erscheinen zu erschrecken, und kam erst ein paar Minuten später nach. Newman war indessen auch nicht müßig gewesen, denn ein kleiner Karren stand bereits vor dem Tore, zum Teile schon mit Mrs. Nicklebys Hausrat beladen. Die vortreffliche Witwe war nun leider nicht die Frau, der man in Eile etwas klarmachen konnte, oder die etwas, was besondere Delikatesse oder Takt erforderte, schnell begriffen hätte. Als sie daher von Nikolas und Kate so ganz ohne Umschweife erfuhr, was vorgefallen, war sie, trotzdem sich Miss La Creevy vorher bereits eine ganze Stunde lang bemüht hatte, ihr alles klarzumachen, nicht imstande, die Notwendigkeit des so eiligen Austrittes ihrer Tochter einzusehen. »Und nach deinem Onkel fragst du gar nicht, lieber Nikolas?« sagte sie. »Wir können doch nicht wissen, ob das alles in seine Pläne paßt!« »Liebe Mutter, die Zeit des Redens ist vorbei!« stellte ihr Nikolas vor. »Hier handelt es sich nur um einen einzigen Schritt, und der besteht darin, daß wir ihn mit der ganzen Entrüstung und Verachtung, die er verdient, ein für allemal abschütteln. Es verträgt sich weder mit deiner Ehre noch mit deinem Namen, daß du, nachdem du von seinen Schurkereien erfahren hast, auch nur eine Stunde länger als unbedingt nötig in diesen schäbigen vier Wänden bleibst.« »Gewiß, gewiß!« gab Mrs. Nickleby unter heißen Tränen zu. »Er ist ein Unmensch, ein Ungeheuer, und die Wände hier sind wirklich sehr kahl – und nicht einmal gemalt. Ich habe mir die Decke auf eigene Kosten für achtzehn Pence tünchen lassen müssen. Es ist doch wirklich zu arg; es ist jetzt rein, als ob ich sie deinem Onkel geschenkt hätte. Nicht zu glauben ist so was – wahrhaftig!« »Ja, das stimmt«, rief Nikolas. »Gott im Himmel«, fuhr Mrs. Nickleby fort, »wer hätte je gedacht, daß Sir Mulberry Hawk ein solcher verworfener Schurke ist, wie Miss La Creevy sagt, lieber Nikolas! Und ich habe jeden Tag in dem Gedanken geschwelgt, er könne ein Verehrer unserer lieben Kate sein, und träumte schon von den glücklichen Tagen, die unserer Familie aus der Ehre einer solchen Verbindung erwachsen müßten. Gar wenn er seinen Einfluß geltend gemacht hätte, um dir ein Staatsstipendium zu verschaffen! Ich weiß bestimmt, es gibt bei Hof so manche schöne Stelle, die man ganz leicht bekommen kann, wenn man Protektion hat. Zum Beispiel der Bruder einer Freundin von uns – der Miss Cropley in Exeter, liebe Kate, du wirst dich ihrer gewiß noch erinnern – besaß eine solche Protektion, und du weißt, daß er eigentlich nicht viel mehr zu tun hatte, als seidene Strümpfe und einen Haarbeutel, der wie eine schwarze Uhrtasche aussah, zu tragen. Ach Gott, wer hätte je gedacht, daß es noch soweit kommen würde – lieber Gott, es wird mich noch unter die Erde bringen.« Sie fing abermals bitterlich zu weinen an. Da Nikolas mit seiner Schwester inzwischen auf die Fortschaffung des Gepäckes und Hausrates zu achten hatte, unterzog sich Miss La Creevy der Aufgabe, sie zu trösten, und bemerkte dabei wohlwollend, sie müsse sich alle Mühe geben, ihre trüben Gedanken zu verscheuchen und wieder heiter zu werden. »Sie haben gut reden, Miss La Creevy«, seufzte Mrs. Nickleby mit einer Bitterkeit, die man ihr eigentlich nicht übelnehmen konnte, »es ist leicht gesagt, ›seien Sie heiter‹. Aber wenn man so viel Grund gehabt hat, sich auf etwas zu freuen, und dann plötzlich sieht – O Gott, o Gott, wenn ich an Mr. Pyke und Mr. Rupfer denke, die zwei vollendetsten Gentlemen, die mir je vorgekommen sind! – Was soll ich ihnen sagen, wenn sie kommen? Wenn ich ihnen vorhielte: ich habe gehört, Ihr Freund Sir Mulberry ist ein Elender, so würden sie mich auslachen!« »Ich bürge dir dafür, daß sie dich in Zukunft mit ihren Besuchen verschonen werden«, sagte Nikolas. »Komm, Mutter, unten steht eine Droschke. Nächsten Montag kehren wir wieder in unsere alte Wohnung zurück –« »– wo Sie alles bereit finden und herzlich willkommen sein sollen«, setzte Miss La Creevy eifrig hinzu. »Kommen Sie, gehen wir jetzt zusammen hinunter.« Aber so leicht war Mrs. Nickleby nicht von der Stelle zu bringen. Zuerst wollte sie noch einmal die Stiegen hinaufgehen, um nachzusehen, ob nichts vergessen worden sei, und dann wieder die Treppe hinunter, ob auch alles auf dem Karren liege. Als man ihr in den Wagen half, fiel ihr plötzlich ein angeblich vergessener Kaffeetopf in der rückwärtigen Küche ein, und dann, als der Kutschenschlag zugemacht wurde, sie habe einen grünen Sonnenschirm hinter irgendeiner Türe stehen lassen. In einem Zustande vollständiger Verzweiflung befahl Nikolas endlich dem Kutscher loszufahren, und bei dem unerwarteten Ruck des Wagens verlor sie einen Schilling in dem Stroh auf dem Droschkenboden, was glücklicherweise ihre Aufmerksamkeit so lange ablenkte, bis es endlich zu spät war, sich auf etwas anderes zu besinnen. Nachdem Nikolas alles glücklich erledigt, das Dienstmädchen verabschiedet und das Haustor abgeschlossen hatte, sprang er ebenfalls in eine Droschke und ließ sich in die Nähe von Golden Square fahren, wo er Mr. Noggs treffen sollte. Alles war so rasch vor sich gegangen, daß es erst halb zehn schlug, als er den Ort der Zusammenkunft erreichte. »Hier ist der Brief an Ralph«, sagte er, »und hier der Hausschlüssel. Wenn Sie heute abend zu mir kommen, bitte, erwähnen Sie mit keinem Wort, was gestern nacht vorgefallen ist. Schlimme Neuigkeiten wandern schnell, und meine Damen werden bald genug davon hören. Wissen Sie übrigens nicht, ob er sich stark verletzt hat?« Newman schüttelte den Kopf. »So will ich mich ohne Zeitverlust selbst davon überzeugen.« »Sie täten besser, sich auszuruhen«, riet Newman. »Sie sind nicht wohl und haben Fieber.« Nikolas winkte ihm unbekümmert mit der Hand ab und suchte das Unwohlsein, das er jetzt, wo die größte Aufregung vorüber war, tatsächlich empfand, zu verbergen, indem er sich hastig verabschiedete. Mr. Noggs hatte kaum drei Minuten nach Golden Square, aber in dieser kurzen Zeit holte er wohl zwanzigmal den Brief aus seinem Hut hervor und legte ihn ebenso oft wieder kopfschüttelnd hinein. Einmal betrachtete er die Aufschrift, dann die Rückseite und dann wieder das Siegel. Dann hielt er den Brief auf Armeslänge vor sich, um sich an dem Gesamtüberblick zu ergötzen, und rieb sich schließlich entzückt über seinen Auftrag die Hände. In seiner gewohnten Art betrat er das Bureau, hängte den Hut an den Nagel wie immer, legte Brief und Schlüssel auf das Pult und wartete mit Spannung auf Mr. Ralph Nicklebys Ankunft. Bereits einige Minuten später ließ sich das wohlbekannte Stiefelknarren des alten Ehrenmannes auf der Stiege vernehmen, und gleich darauf ertönte die Klingel. »Ist nichts mit der Post gekommen?« »Nein.« »Auch sonst keine Briefe?« »Doch. – Einer.« Dabei sah Newman seinen Herrn fest an und legte Nikolas' Brief auf das Pult. »Was ist das?« fragte Ralph und nahm den dabeiliegenden Schlüssel zur Hand. »Wurde mit dem Briefe hiergelassen. – Ein kleiner Junge hat beides gebracht – vor nicht ganz einer Viertelstunde.« Ralph erbrach das Siegel und las: »Ich habe Sie jetzt endlich durchschaut. Es gibt wohl keinen Vorwurf auf Erden, den ich Ihnen nicht machen könnte und der nur den tausendsten Teil der Schmach ausdrückte, die Sie heimlich selbst empfinden müssen. Die Witwe Ihres Bruders und seine verwaiste Tochter verzichten hiermit mit Verachtung auf die Unterkunft, die Sie ihnen bisher gewährt haben, und gedenken Ihrer mit Ekel und Abscheu. Sie verleugnen Sie als Verwandten und kennen keine größere Schmach, als den gleichen Namen mit Ihnen zu tragen. Sie sind ein alter Mann, und ich überlasse Sie dem Grabe. Ich wünsche Ihnen, daß Sie niemals vergessen können, was Sie getan, und daß Sie in Ihrer Sterbestunde noch daran denken müssen.« Zweimal las Mr. Ralph Nickleby den Brief durch, zog dann seine Stirn in düstere Falten und versank in tiefes Nachsinnen. Das Papier entfiel seiner Hand, aber seine Finger waren krampfhaft zusammengepreßt, als ob er es immer noch halte. Dann sprang er plötzlich von seinem Stuhl empor, hob das Schreiben auf, zerknitterte es, schob es in die Tasche und wandte sich mit seiner gewohnten Miene an Newman, offenbar mit der Absicht, ihn zu fragen, warum er denn schon wieder spioniere. Aber Newman stand, ihm den Rücken zukehrend, unbeweglich da und verfolgte mit dem tintengeschwärzten Stumpf eines alten Federhalters die Kolonnen einer Zinsenberechnungstabelle, die an der Wand hing, sichtlich ganz und gar in seine interessante Beschäftigung vertieft. 34. Kapitel Besuch bei Mr. Ralph Nickleby »Warum haben Sie mich so verteufelt lange mit diesem verwünschten, alten, zerbrochenen Teekessel von einer Glocke läuten lassen, deren Klang auch den stärksten Mann umwerfen könnte – äh – zum Teufel noch mal –!« sagte Mr. Mantalini zu Newman Noggs, dabei seine Stiefel auf Mr. Ralph Nicklebys Kratzeisen abstreifend. »Ich habe Sie nur einmal läuten hören«, entschuldigte sich Newman. »Dann sind Sie – äh – ganz verteufelt taub, so taub wie ein verteufelter Türpfosten.« Mr. Mantalini war inzwischen in den Flur getreten und schickte sich eben an, ohne weitere Umstände auf die Türe von Mr. Ralphs Privatbureau zuzugehen, als ihm Newman in den Weg trat und die Frage stellte, ob seine Geschäfte dringend seien, da Mr. Nickleby augenblicklich nicht gestört zu werden wünsche. »Freilich, ganz verteufelt dringend«, rief Mr. Mantalini. »Es handelte sich darum, einige Wische gegen glänzende, funkelnde – äh – klingende, klimpernde Münze einzuwechseln.« Newman ließ ein verständnisinniges Grunzen vernehmen und hinkte mit Mr. Mantalinis Visitenkarte in das Zimmer seines Chefs. Als er den Kopf zur Türe hereinstreckte, sah er, daß Ralph dieselbe gedankenvolle Haltung wieder angenommen hatte, in die er nach dem Lesen des Briefes seines Neffen verfallen war. Offenbar hatte er das Schreiben abermals durchgelesen, denn er hielt es offen in der Hand. Ärgerlich fuhr er auf und fragte barsch nach der Ursache der Störung. Newman erstattete gerade noch Bericht, als Mr. Mantalini in eigener Person ins Zimmer hereintänzelte, Ralphs schwielige Hände mit inniger Zärtlichkeit ergriff und beteuerte, »sein werter Gönner« habe in seinem ganzen Leben noch nie so blühend ausgesehen. »Es strahlt ja förmlich die Sonne aus Ihrem verteufelt liebenswürdigen Gesicht«, rief Mr. Mantalini, setzte sich unaufgefordert nieder und kämmte sich mit einem Taschenkamm Bart und Scheitel. »Nein, wie Sie jugendlich und famos aussehen! – Äh – hol Sie der Teufel.« »Lassen Sie das!« knurrte Ralph. »Was wünschen Sie von mir?« »Oh«, rief Mr. Mantalini und zeigte kokett seine weißen Zähne. »Was ich will? Ja – hem – sehr gut. Was ich will? Haha! O verteufelt.« »Also was wollen Sie eigentlich, Mensch?« fuhr Ralph ärgerlich auf. »Äh – einen kleinen Faktureneskompt«, erwiderte Mr. Mantalini mit schalkhaftem Blinzeln. »Geld ist momentan sehr knapp«, brummte Ralph. »Ja, verteufelt knapp, sonst würde ich keins wollen«, gab Mr. Mantalini zu. »Die Zeiten sind schlecht, und man weiß nicht, wem man trauen kann«, fuhr Ralph fort. »Am liebsten möchte ich jetzt gar keine Geschäfte machen. Ja, wahrhaftig. – Aber weil Sie's sind – wie viele Rechnungen haben Sie hier?« »Zwei.« »Wie hoch?« »Ah, nur eine Kleinigkeit. Fünfundsiebzig.« »Und die Fristen?« »Zwei Monate, vier Tage.« »Nun, weil Sie es sind, aber wohl verstanden: nur, weil Sie es sind – andere kämen da bei mir schlecht an –, will ich es gegen einen Abzug von fünfundzwanzig Pfund tun«, sagte Ralph bedächtig. »Äh! Verteufelt!« rief Mr. Mantalini und machte bei diesem kulanten Vorschlag ein sehr langes Gesicht. »Bleiben Ihnen immer noch fünfzig«, knurrte Ralph. »Was wollen Sie mehr. – Wer sind die Leute?« »Verteufelt hart, Nickleby«, jammerte Mr. Mantalini. »Lassen Sie mich die Namen sehen«, unterbrach ihn Ralph und streckte ungeduldig die Hand nach den Rechnungsauszügen aus. »Nun, Sicherheit ist freilich keine besondere vorhanden, aber ich denke, es läßt sich machen. Also, wenn Ihnen die Bedingungen passen, können Sie das Geld haben. Paßt es Ihnen nicht – nun, dann ist's mir noch lieber.« »Verteufelt noch mal, Nickleby können Sie denn nicht –« begann Mr. Mantalini. »Nein«, unterbrach ihn Ralph schroff. »Wenn Sie das Geld haben wollen, so besinnen Sie sich nicht lange. Kommen Sie mir nicht mit dem albernen Einwurf, Sie gingen auf die Börse und wollten es mit einem andern probieren. Ich weiß ganz gut, daß dieser ›andere‹ weder existiert noch je existiert hat. Also was ist's, machen Sie das Geschäft oder nicht?« Dabei stieß Ralph scheinbar aus Unachtsamkeit an seine eiserne Kasse. Diesem Klang konnte Mr. Mantalini nicht widerstehen. Sofort schlug er ein, und Mr. Nickleby zählte das Geld auf den Tisch. Mr. Mantalini hatte es noch nicht ganz nachgezählt und eingestrichen, als abermals die Klingel ertönte und gleich darauf niemand anders als seine Gattin hereintrat, bei deren Anblick er plötzlich sehr verlegen wurde und sein Geld mit merkwürdiger Hast zusammenraffte. »Ah, du bist also hier!« rief die Gnädige und warf den Kopf zurück. »Ja, mein Leben, mein Herzblatt, ich bin hier«, flötete Mr. Mantalini, ließ sich zierlich auf ein Knie nieder und haschte in der koketten Art einer spielenden Katze nach einem heruntergefallenen Sovereign. »Ich bin hier, du Glanz meiner Seele, hier in diesem Zauberlande, wo es verteufeltes Gold und Silber aufzulegen gibt.« »Ich schäme mich deiner!« rief die Putzmacherin unwillig. »Du schämst dich meiner, du Licht meiner Augen!? – Sie weiß, wie verteufelt süß und bezaubernd sie ist, drum getraut sie sich so zu lügen«, erklärte Mr. Mantalini seinem Geschäftsfreund. »Sie weiß selbst am besten, daß sie sich ihres süßen Gatten nicht schämt.« Der »süße Gatte« schien sich nun aber doch hinsichtlich der Wirkung seiner Zärtlichkeit ein wenig verrechnet zu haben, denn die ganze Antwort Mrs. Mantalinis bestand in einem verächtlichen Blick, worauf sie sich zu Ralph wandte und ihn bat, zu entschuldigen, daß sie so unangemeldet eingedrungen sei. Sie müsse das, setzte sie hinzu, einzig und allein der schlechten Aufführung und dem höchst unpassenden Vorgehen Mr. Mantalinis zur Last legen. »Meinem Vorgehen, du Ananas des Paradieses?« »Ja, deinem Vorgehen«, wiederholte Mrs. Mantalini. »Aber ich werde mich vorsehen, denn ich habe nicht Lust, mich durch deine Verschwendungssucht und deine Ausschweifungen ruinieren zu lassen. Ich rufe Mr. Nickleby zum Zeugen an –« »Ich muß bitten, mich in keiner Hinsicht zum Zeugen anzurufen«, unterbrach sie Ralph, »machen Sie die Sachen gefälligst unter sich ab und ziehen Sie mich nicht mit hinein.« »Und doch muß ich Sie um die Gefälligkeit bitten«, sagte Madame Mantalini fest, »Zeuge zu sein, wie ich ihm jetzt meinen unwiderruflichen Entschluß kundtue. – Meinen unwiderruflichen Entschluß, Sir«, wiederholte sie und schleuderte ihrem Gatten einen Zornesblick zu. »Sie nennt mich ›Sir‹«, rief Mr. Mantalini, »mich, der ich bis zum Wahnsinn und ganz verteufelt in sie verliebt bin – sie, die mich mit ihren Reizen wie eine paradiesische Klapperschlange umstrickt! Ich kann es nicht ertragen, sie stürzt mich, äh – in einen verteufelten Zustand.« »Reden Sie nicht von verletzten Gefühlen, Sir«, zürnte Mrs. Mantalini, setzte sich auf einen Stuhl und wandte ihm den Rücken zu. »Sie haben nie auf die meinigen Rücksicht genommen.« »Keine Rücksicht auf die deinigen genommen?« rief Mr. Mantalini. »Nein.« Und den gedrechselten Schmeichelreden von Seiten ihres Gatten zum Trotz fuhr die Gnädige fort, »nein« zu sagen, und obendrein mit solcher Bestimmtheit und ausgesprochen schlechter Laune, daß Mr. Mantalini sichtlich die Fassung verlor. »Sein Hang zum Verschwenden, Mr. Nickleby«, wendete sich Madame Mantalini an Ralph, der, die Hände auf dem Rücken, an seinem Armstuhl lehnte und das ungleiche Paar mit einem Lächeln bodenloser Verachtung musterte, »sein Hang zum Verschwenden überschreitet jedes Maß.« »Sollte man kaum glauben«, höhnte Ralph. »Und dennoch kann ich Ihnen versichern, Mr. Nickleby, daß es sich so verhält«, fuhr die Putzmacherin fort. »Er bringt mich noch ganz ins Elend, und ich schwebe in ewigen Besorgnissen und Verlegenheiten. Und das wäre noch nicht einmal das schlimmste«, jammerte sie, sich die Augen wischend. »Heute morgen nahm er wieder einige Dokumente aus meinem Pult, ohne mich auch nur um Erlaubnis zu fragen.« Mr. Mantalini stöhnte auf und knöpfte sich die Tasche zu. »Ich muß«, klagte die Schneiderin, »seit dem Konkurs Miss Knag dafür, daß sie ihren Namen zu dem Geschäfte hergibt, Unsummen bezahlen und kann rein die Mittel, die der unsinnige Hang meines Mannes zum Vergeuden erfordert, nicht mehr erschwingen. Ich zweifle auch jetzt nicht, daß er schnurstracks zu Ihnen gelaufen ist, Mr. Nickleby, um die besagten Dokumente in Geld umzusetzen, und da Sie uns schon früher oft mit Geld ausgeholfen haben und hinsichtlich Eskompt von Fakturen in reger Verbindung mit uns stehen, sehe ich mich jetzt gezwungen, Ihnen einen Entschluß mitzuteilen, zu dem ich durch sein Benehmen gezwungen bin.« Mr. Mantalini stöhnte wieder laut auf, klemmte sich eine Goldmünze ins Auge und blinzelte mit dem andern hinter dem Hute seiner Gattin hervor Ralph zu. Nachdem er dies mit großer Geschicklichkeit ausgeführt hatte, steckte er das Geldstück wieder ein und stöhnte aufs neue mit allen Anzeichen tiefster Reue. »Ich habe mich daher entschlossen«, fuhr Mrs. Mantalini fort, als sie in Ralphs Gesicht Anzeichen von Ungeduld bemerkte, »ihm etwas Festes auszuwerfen.« »Was zu tun, du Labsal meiner Augen?« fragte Mr. Mantalini, der die Worte nicht recht verstanden zu haben schien. »Ihm eine bestimmte Summe auszusetzen«, erklärte die Schneiderin und sah Ralph, um den Blicken ihres Gatten auszuweichen und sich durch seine Reize nicht in ihrem Entschluß wankend machen zu lassen, fest an, »und ich glaube, er kann sich glücklich schätzen, wenn ich ihm hundertzwanzig Pfund jährlich als Taschengeld auswerfe.« Mr. Mantalini hatte zuerst sehr würdevoll zugehört, als er aber die Summe vernahm, schleuderte er Hut und Stock auf den Boden, zog sein Taschentuch hervor und machte seinen Gefühlen durch ein herzzerbrechendes Schluchzen Luft. »Hölle und Verdammnis!« rief er, fuhr mit einem Ruck von seinem Stuhle auf und ließ sich ebenso schnell wieder nieder, was seine Frau sichtlich in größte Aufregung versetzte. »Aber nein, nein, es ist nicht Wirklichkeit, es ist – äh – verteufelt – äh – ein schwerer Traum, nein, nein.« Dann schloß er die Augen und wartete geduldig, bis es an der Zeit sein würde, aus seinem Traume zu erwachen. »Höchst verständig von Ihnen, Madame«, höhnte Ralph, »vorausgesetzt, daß sich Ihr Gatte in den ihm gesteckten Grenzen hält, was ohne Zweifel der Fall sein wird.« »Äh – verteufelt«, ächzte Mr. Mantalini, als der Ton von Ralphs Stimme an sein Ohr schlug, die Augen öffnend, »äh – es ist furchtbare Wirklichkeit. Da sitzt sie vor mir; wahrhaftig, es sind die anmutigen Umrisse ihrer Gestalt, ich kann mich nicht irren, denn sie hat nicht ihresgleichen. Die beiden Gräfinnen hatten überhaupt keine Umrisse, und die Witwe war ein – äh – verteufelter Umriß. Ach, warum ist sie doch so paradiesisch schön, daß ich ihr nicht einmal in diesem Augenblick zu zürnen vermag!« »Du bist selbst schuld daran, Alfred«, klagte Madame Mantalini, noch immer vorwurfsvoll, aber bereits in milderem Tone. »Äh – ich bin ein verteufelter Elender«, jammerte Mr. Mantalini und schlug sich vor die Stirn. »Ich will einen Sovereign in Halfpence umwechseln lassen und sie in die Tasche stecken und mich in der Themse ertränken. Aber selbst dann werde ich ihr nicht zürnen, sondern auf meinem Gang zum Tode noch einen Brief auf die Post geben, um ihr anzuzeigen, wo man meine Leiche finden kann. Sie wird eine begehrenswerte Witwe sein, ich ein kalter Leichnam. Manch schöne Frau wird um mich weinen, aber sie – sie – äh – wird verteufelt lachen.« »Alfred, du grausamer, grausamer Mensch!« schluchzte Madame Mantalini, bei dieser schrecklichen Aussicht in Tränen ausbrechend. »Sie nennt mich grausam! – Mich – mich, der ich um ihretwillen ein äh – verteufelt – nasser, feuchter und scheußlicher Leichnam werden will« rief Mr. Mantalini. »Du weißt, daß es mir das Herz bricht, wenn ich dich so reden höre«, klagte die Schneiderin. »Kann ich denn leben, wenn dein Vertrauen dahin ist?« rief der Gatte. »Habe ich mein Herz in tausend kleine, äh – verteufelte Stücke zerrissen und alle eins nach dem andern an dieselbe kleine verteufelte Herzenszauberin verschenkt und sollte leben können, wenn sie mir mißtraut! Nein – äh – das kann ich nicht.« »Frage Mr. Nickleby, ob die Summe von hundertzwanzig Pfund nicht recht anständig ist?« suchte Madame Mantalini einzulenken. »Ich brauche ganz und gar keine – äh – Summe«, brauste der trostlose Ehemann auf. »Ich will nichts von diesem verteufelt – äh – ausgesetzten Gnadengehalt, ich will eine Leiche sein.« Entsetzt, ihren Gatten die verhängnisvolle Drohung wiederholen zu hören, rang die Schneiderin die Hände und beschwor Ralph Nickleby, sich doch ins Mittel zu legen. Schließlich, nach vielen Tränen und Vorstellungen und einigen schwachen Versuchen seinerseits, die Türe zu gewinnen, um auf der Stelle gewaltsam Hand an sich zu legen, ließ sich Mr. Mantalini – selbstverständlich nur mit größtem Widerstreben – zu dem Versprechen bewegen, keine Leiche sein zu wollen. Als dieser Hauptpunkt glücklich beigelegt war, nahm die Putzmacherin die Frage hinsichtlich des ausgeworfenen Taschengeldes wieder auf, wobei sich übrigens ihr Gatte genau wie früher benahm und jede Gelegenheit ergriff, zu betonen, er könne in Lumpen einhergehen und bei Wasser und Brot ganz zufrieden leben, aber es sei ihm unmöglich, sein – äh – verteufeltes Dasein zu ertragen, wenn ihn eine so schwere Bürde wie das Mißtrauen des Gegenstandes seiner hingebendsten und heißesten Liebe bedrücke. Das trieb seiner Gattin wiederum die Tränen in die Augen, und das Endergebnis war, daß sie die Frage betreffs des Taschengeldes zwar nicht ganz aufgab, jedoch vorderhand auf die lange Bank schob, so daß Ralph klar genug sah, daß sein Geschäftsfreund wieder freie Hand hatte, sein leichtsinniges Leben weiterzuführen. »Na, er wird bald genug wieder da sein, um sich Geld zu holen«, dachte er. »Die Liebe – pfui, wie kommt mir nur dieses dumme Wort in den Mund, das man von Knaben und Mädchen bis zum Ekel immer und immer wiederholen hört – vergeht schnell genug, wenn auch die, die lediglich in der Bewunderung eines Backenbartes wurzelt, wie ihn dieser Pavian trägt, noch am längsten zu währen scheint, offenbar, da sie aus der ärgsten Verblendung entspringt und aus der menschlichen Eitelkeit ihre Säfte zieht. Aber diese Hohlköpfe tragen Korn auf meine Mühle, so mögen sie denn ihren Tag bis zu Ende leben – und je länger er dauert, desto besser für mich.« »Also, wenn du Mr. Nickleby nichts mehr zu sagen hast, lieber Alfred«, wendete sich Madame Mantalini an ihren Gatten, »so können wir uns vielleicht verabschieden? Wir haben ihn ohnedies schon allzulang aufgehalten.« Mr. Mantalini antwortete eine kleine Weile nur dadurch, daß er seiner Gattin zärtlich ein paarmal auf die Nase tippte, und dann drückte er sich in gewählten Worten dahin aus, daß er jetzt nichts mehr zu sagen habe. »Äh – verteufelt – und dennoch habe ich noch etwas zu erwähnen«, verbesserte er sich unmittelbar darauf und zog Ralph in eine Ecke. »Sie wissen doch von dem Unfall, der ihrem Freund Sir Mulberry zugestoßen ist? – So verteufelt – äh – außerordentlich und unerhört, wie nur was –« »Was meinen Sie damit?« fragte Ralph erstaunt. »Teufel nochmal, wissen Sie's denn nicht?« rief Mr. Mantalini. »Ich habe in der Zeitung gelesen, daß er gestern nachts aus seinem Kabriolett geschleudert und schwer verwundet wurde. Man sagt sogar lebensgefährlich«, antwortete Ralph gelassen. »Aber ich finde weiter nichts Außerordentliches daran. Unfälle sind nicht wunderbar, wenn die Menschen unmäßig leben und nach Saufgelagen selbst kutschieren.« »Hui«, pfiff Mr. Mantalini durch die Zähne, »Sie wissen also nicht, wie es zugegangen ist?« »Wenn es etwas anderes betrifft, als ich eben angedeutet habe – nein«, versetzte Ralph, gleichgültig die Achseln zuckend. »Äh – alle Teufel – Sie setzen mich in Erstaunen«, rief Mr. Mantalini. Ralph zuckte abermals die Achseln, als halte er es gerade für kein Meisterstück, einen Menschen wie seinen Geschäftsfreund in Erstaunen zu setzen, und warf Newman, der jetzt wieder wie vorhin mit dem Kopf hinter den Glasscheiben der Zimmertüre auftauchte, einen vielsagenden Blick zu, irgendeinen Kunstgriff anzuwenden, um den lästigen Besuch zum Gehen zu bewegen. »Äh, wissen Sie denn nicht«, sagte Mr. Mantalini und nahm Ralph beim Rockknopf, »daß es durchaus kein Unfall war, sondern ein – äh – verteufelter Mordversuch Ihres Neffen?« »Was!« zischte Ralph durch die Zähne, ballte die Fäuste und wurde aschfahl im Gesicht. »Alle Teufel, Nickleby, Sie scheinen ja ein geradeso blutgieriger Tiger zu sein wie er«, stotterte Mantalini und fuhr erschreckt zurück. »Weiter, weiter!« drängte Ralph wild. »Heraus damit! Wie ging die Geschichte weiter? Wer hat es Ihnen erzählt? So reden Sie doch! Hören Sie denn nicht?« »Äh – Teufel nochmal, Nickleby«, stammelte Mr. Mantalini und zog sich ängstlich zu seiner Gattin zurück, »was für ein verteufelt hitziger alter Bursche Sie sind! Sie gebärden sich ja so tobsüchtig, daß Sie meinem holden Leben hier den tödlichsten Schrecken einjagen und sie um ihren – äh – verteufelt süßen kleinen Verstand bringen. Verdamm mich.« »Dummes Zeug«, brummte Ralph und lächelte krampfhaft, »das ist nun mal so meine Art.« »Jedenfalls eine – äh – verteufelt gefährliche Tollhäuslerart«, meinte Mr. Mantalini und griff nach seinem Rohrstock. Ralph heuchelte, so gut er konnte, gute Laune und fragte abermals, woher denn diese Nachricht stamme. »Von Pyke. – Er ist ein verteufelt hübscher, angenehmer – äh gentlemanischer Bursche«, näselte Mr. Mantalini. »Äh – verteufelt angenehm; Ausbund von einem Kerl.« »Und was hat er gesagt?« forschte Ralph, ungeduldig die Brauen runzelnd. »Nun, die Sache hat sich so zugetragen: Ihr Neffe begegnete Sir Mulberry in einem Kaffeehaus, fiel ihn wie ein wütender Hund an, folgte ihm zu seinem Wagen, schwor, er wolle mit ihm nach Hause fahren, und wenn er sich an den Schweif seines Pferdes hängen müsse, zerschlug ihm dann das Gesicht – äh – äh übrigens ein verteufelt hübsches Gesicht – äh –, machte das Pferd scheu, stürzte mit Sir Mulberry hinaus und –« »Blieb tot auf dem Platze«, fiel Ralph atemlos und mit blitzenden Augen ein. »Ist's so? Ist er tot?« Mr. Mantalini schüttelte den Kopf. »Ach was«, knurrte Ralph und wendete sich wütend ab, »dann ist ihm eben nichts geschehen – aber halt«, setzte er hinzu und wandte sich mit einem Ruck wieder um. »Er hat sich einen Arm zerschmettert, oder ein Bein, sich die Schulter ausgerenkt oder sich das Schlüsselbein gebrochen oder ein paar Rippen oder so was? Nicht wahr? Sie müssen doch etwas der Art gehört haben?« »Nein, nein«, versicherte Mr. Mantalini, den Kopf schüttelnd. »Wenn er nicht später in so kleine Stücke zerbarst, daß sie der Wind wegblasen konnte, so hat er keinen Schaden genommen. Er ging so ruhig und gemütlich davon, wie – äh – wie einer – äh –, den der Teufel holt«, schloß er, um einen entsprechenden Vergleich verlegen. »Was«, forschte Ralph stockend weiter, »– was war der Anlaß ihres Streites?« »Sie sind – äh – der verteufeltste Schlaufuchs«, rief Mr. Mantalini bewundernd, »der pfiffigste, geriebenste, höllischste Schlaukopf, den's nur geben kann. Tun Sie doch nicht, als wüßten Sie keine Spur davon, daß Ihre kleine blauäugige Nichte natürlich die Schuld daran war; das hübscheste, süßeste –« »Alfred!« ermahnte Madame Mantalini. »Sie hat immer recht«, rief Mr. Mantalini beschwichtigend; »und wenn sie sagt, es sei Zeit zu gehen, so ist es Zeit, und wir gehen. Und wenn sie so durch die Straßen trippelt, äh, so werden ihr die Frauen neidisch nachsehen und sagen: sie hat, äh, einen verteufelt schönen Mann! Und die Männer werden entzückt ausrufen, er hat eine – äh – verteufelt schöne Frau, und beide werden recht haben – und keiner unrecht. Auf Ehre und Seligkeit, äh, verteufelt.« Dann küßte er galant die Fingerspitzen seiner Handschuhe, zog den Arm seiner Gattin durch den seinigen und tänzelte mit ihr hinaus. »So, Gott sei Dank«, brummte Ralph vor sich hin und ließ sich abgespannt in seinen Sessel sinken. »Dieser Satan ist also schon wieder los! Er scheint rein auf der Welt zu sein, um mir überall in den Weg zu treten. Einmal hat er mir gesagt, er wolle früher oder später Abrechnung mit mir halten. Er soll recht haben. Ich will ihm dazu verhelfen, daß er wahr prophezeit hat. Ich werde den Tag selber ansetzen.« »Sind Sie zu Hause?« fragte Newman, plötzlich den Kopf zur Türe hereinsteckend. »Nein«, versetzte Ralph schroff. Mr. Noggs zog seinen Kopf zurück, tauchte aber gleich darauf wieder auf. »Wissen Sie auch ganz gewiß, daß Sie nicht zu Hause sind?« »Was will denn der Schafskopf damit wieder sagen?« brummte Ralph ärgerlich. »Der Mann wartet draußen, seit die beiden zu Ihnen gekommen sind, und hat wahrscheinlich Ihre Stimme gehört«, erklärte Newman, sich die Hände reibend. »Wer denn?« fragte Ralph, durch die Mitteilung seines Schreibers und seine empörende Kaltblütigkeit aufs äußerste gereizt. Die Antwort wurde Newman durch den unvorhergesehenen Eintritt des Mannes, von dem er gesprochen, erspart, und dieser richtete jetzt sein Auge – buchstäblich sein Auge, denn er hatte nur eins – auf Mr. Ralph Nickleby, ließ sich nach einer linkischen Verbeugung unaufgefordert in einem Lehnstuhl nieder und faltete die Hände auf dem Knie. Beim Niedersetzen zog er seine ziemlich kurzen schwarzen Hosen an den Knien so weit in die Höhe, daß sie kaum mehr das obere Ende seiner Krempstiefel bedeckten. »Na, das nenn' ich mir eine Überraschung«, rief Ralph und blickte seinen Besucher halb lächelnd, halb forschend an. »Wenn ich mich nicht sehr irre, sind Sie Mr. Squeers?« »Freilich, freilich«, eiferte der Pädagog. »Und Sie würden mich noch leichter wiedererkannt haben, Sir, wenn ich nicht vor kurzem so vieles durchzumachen gehabt hätte. – Ach, helfen Sie doch dem kleinen Jungen draußen von dem hohen Stuhl in Ihrer Schreibstube herunter und schicken Sie ihn herein«, wendete er sich zu Mr. Newman. »Aha, da kommt er schon selber. Gestatten Sie – mein Sohn, Sir, der kleine Wackford. Nun, und was halten Sie von dieser Probe unserer Kost in Dotheboys Hall, Sir? Ist er nicht so kugelrund, daß man glauben könnte, die Kleider müßten ihm bersten, die Nähte aufspringen und die Knöpfe abfliegen? – Das nenne ich mir Fleisch«, rief er, drehte den Jungen um und kniff ihn zu dessen größtem Mißbehagen in die muskulösesten Teile seines Körpers. »Das nenn' ich mir Festigkeit und Solidität. Er ist so dick, daß man ihn kaum mit den zwei Fingern zwicken kann.« Wie wohlgenährt nun auch Master Squeers aussehen mochte, so schien das Kneifen dennoch gelungen zu sein, wenigstens ließ der junge Herr einen lauten Schrei vernehmen und rieb sich die Stelle auf recht unverblümte Weise. »Nun. Hem«, bemerkte Mr. Squeers ein wenig verblüfft. »Diesmal scheine ich doch ein wenig Fleisch zwischen die Finger bekommen zu haben. Aber es mag wohl dran schuld sein, daß wir diesen Morgen sehr zeitig frühstücken mußten und er seinen Lunch noch nicht gehabt hat. Ich versichere Ihnen, Sie wären nicht imstande, auch nur einen Zoll von ihm in eine Türspalte zu klemmen, so prall ist er, wenn er sein Mittagessen im Leibe hat. Bitte, sehen Sie nur diese Tränen an, Sir«, setzte er triumphierend hinzu, als sich sein Sohn und Erbe die Augen mit dem Jackenärmel abwischte, »das pure Öl.« »Er sieht wirklich recht wohlgenährt aus«, gab Ralph zu, der aus irgendwelchen Gründen sich den Schulmeister geneigt erhalten zu wollen schien. »Aber wie geht es Ihrer Gattin? Und wie geht es Ihnen selbst?« »Mrs. Squeers«, antwortete der Besitzer von Dotheboys Hall mit geläufiger Zunge, »ist wie immer den Zöglingen eine Mutter und ein Segen, ein Trost und eine Freude allen, die sie kennen. Einer von unsern Jungen, der sich vor kurzem überfressen hat und deshalb krank wurde – es ist dies kein seltener Fall bei uns –, bekam letzte Woche ein Geschwür. Sie hätten nur sehen sollen, wie sie es mit ihrem Federmesser operierte. Gütiger Gott!« setzte er seufzend und nickend hinzu; »was für ein wertvolles Glied der menschlichen Gesellschaft ist doch diese Frau.« Eine halbe Minute ungefähr blickte der Pädagog versonnen vor sich hin, als habe die Schilderung der Vorzüge seiner Gattin seinen Geist ganz und gar in das friedliche Dörfchen Dotheboys Hall bei Greta Bridge in Yorkshire versetzt, und richtete dann sein Auge wieder auf Nickleby, offenbar in der Erwartung, daß dieser etwas erwidern werde. »Haben Sie sich von dem Überfall meines Strolches von Neffen wieder ganz erholt?« fragte Ralph. »Könnte ich nicht sagen; es ist noch nicht lange genug her«, versetzte Mr. Squeers. »Ich war eine einzige Beule, Sir, von hier bis hier« – dabei berührte er zuerst seinen Scheitel und dann die Spitzen seiner Stiefeln – »Weinessig und Pflaster, Pflaster und Weinessig von morgens bis abends. Ich glaube, man hat wenigstens ein halbes Ries Löschpapier an mir verbraucht. Als ich zusammengeknäuelt und über und über bepflastert in unserer Küche lag, würden Sie mich wahrscheinlich für einen Ballen von Bandagen gehalten haben, vollgepfropft von lauter Gestöhn. – Habe ich laut gestöhnt, Wackford, oder leise?« »Laut«, war die Antwort. »Waren die Jungen, als sie mich in einem so schrecklichen Zustand sahen, betrübt oder erfreut?« examinierte Mr. Squeers in sentimentalem Tone weiter. »Erfreut –« »Was?« fuhr Mr. Squeers auf. »Betrübt –«, verbesserte sich Master Wackford rasch. »Na also«, brummte Squeers und versetzte seinem Sprößling eine tüchtige Ohrfeige. »Und jetzt nimm deine Hände aus den Taschen und stottere nicht, wenn man dich etwas fragt. Ruhig jetzt. Heule nicht, wenn du bei einem fremden Herrn bist – oder ich laufe von meiner Familie weg und komme nie mehr wieder. Und was würde dann aus all den lieben verlassenen Knaben werden, wenn sie in der Welt umherirren müßten ohne ihren väterlichen Freund und Berater!« »Hatten Sie ärztlichen Beistand nötig?« fragte Ralph. »Freilich«, antwortete Squeers, »und ich bekam eine tüchtige Rechnung dafür; sie ist übrigens bereits bezahlt.« Ralph zog seine Augenbrauen in die Höhe, was ebenso gut Mitleiden wie Erstaunen bedeuten konnte, ganz wie es sich der Schulmeister auslegen wollte. »Jawohl, ich habe sie bis zum letzten Pfennig bezahlt«, fuhr Mr. Squeers fort, der seinen Mann zu gut kannte, als daß er sich auch nur einen Augenblick der Hoffnung hingegeben hätte, es könne ihn vielleicht ein Wink mit dem Zaunpfahl veranlassen, etwas von den Kosten mitzutragen, »aber trotzdem ging es nicht aus meiner Tasche.« »Nicht?« »Nein, keinen Penny. Die Sache ist nämlich die: wir haben in unserm Kontrakt mit den Eltern unserer Zöglinge stehen, daß, wenn ein Arzt in der Schule nötig ist, er extra bezahlt werden muß, begreifen Sie?« »Ja, hm, allerdings«, brummte Ralph. »Wir suchten uns daher fünf Jungen aus, Kinder von kleinen Handelsleuten – die sind bekanntlich immer zahlungsfähig – und schickten einen davon ins Dorf, wo gerade der Scharlach grassierte. Richtig steckte sich auch der Junge an, und dann ließen wir die vier andern bei ihm schlafen. Die bekamen auch prompt den Scharlach, und dann ließen wir den Doktor kommen. Und da ging meine kleine Rechnung so mit nebenbei hinein – ha ha ha.« »Wahrhaftig kein übler Gedanke«, lachte Ralph, den Schulmeister lauernd aus den Augenwinkeln heraus beobachtend. »Das will ich meinen«, brüstete sich Squeers. »Wir machen es übrigens immer so. Als meine Gattin mit dem kleinen Wackford hier niedergekommen war, ließen wir ein halbes Dutzend Jungen den Keuchhusten kriegen und rechneten die Hebammenkosten und die Wärterin mit hinein – ha ha ha.« Ralph lachte sonst nie, aber diesmal konnte er ein Lächeln kaum unterdrücken. Als sich der Pädagog nach Herzenslust ausgelacht hatte, fragte er ihn, was ihn denn eigentlich nach London geführt habe. »Ach, eine dumme Rechtssache«, brummte Squeers und kratzte sich hinter den Ohren, »wegen Vernachlässigung eines Zöglings, wie sie es nennen. Ich verstehe gar nicht, was sie von mir wollen; er hatte doch so gutes Futter, wie nur irgendeins zu haben ist.« Ralph sah fragend auf. »Futter!« wiederholte Squeers laut, in der Meinung, Ralph müsse ihn wahrscheinlich nicht verstanden haben. »Eigentlich besser gesagt ›Weide‹. Wenn ein Junge krank wird und ihm das Essen nicht mehr schmeckt, nehmen wir eine Diätveränderung mit ihm vor, d. h. wir schicken ihn täglich für eine Stunde oder so in das Rübenfeld eines Nachbarn oder, wie der Fall gerade liegt, abwechselnd in ein Rüben- oder Möhrenfeld, da kann er dann futtern, soviel er mag. Es gibt in ganz Yorkshire keinen bessern Boden als den, worauf dieser nichtsnutzige Bursche ›geweidet‹ hat. Trotzdem holt er sich eine Erkältung, oder was weiß ich, kurz, das Resultat ist: ein Prozeß! – Sollte man glauben«, rief er aus und rutschte auf seinem Sessel ungeduldig und mit gekränkter Miene hin und her, »daß man den Undank so weit treiben kann! – Was meinen Sie dazu?« »Muß einen allerdings schmerzlich berühren«, bemerkte Ralph trocken. – »Sehen Sie, da sagen Sie die Wahrheit. Ich kann wahrhaftig nicht glauben, daß es noch jemand auf Erden gibt, der Kinder so gerne hat wie ich. – Es ist gegenwärtig für achthundert Guineen junges Zeug in Dotheboys Hall. Aber ich würde das doppelte Quantum Zöglinge aufnehmen und dennoch jeden einzelnen mit derselben Zärtlichkeit behandeln wie jetzt.« »Wohnen Sie hier wieder in Ihrem alten Quartier?« wechselte Ralph das Thema. »Ja, wir wohnen im ›Mohren‹, und da das Halbjahr demnächst zu Ende geht, so werden wir dort bleiben, bis wir die Pensionsgelder einkassiert und hoffentlich auch ein paar neue Zöglinge aufgetrieben haben. Den kleinen Wackford hier habe ich mit heraufgebracht, um ihn den Eltern und Vormündern als Beispiel zeigen zu können. Ich will es diesmal auch mit in die Annoncen setzen lassen. Sehen Sie sich nur mal den Jungen an – er ist selbst auch Zögling –, ist er nicht ein glänzender Beweis für unsere gute Kost?« »Hm. – Ich möchte gern ein Wörtchen mit Ihnen unter vier Augen sprechen«, entgegnete Ralph, der seit einer Weile ganz geistesabwesend geantwortet und zugehört hatte. »O bitte, ganz wie's beliebt, Sir«, schmeichelte Mr. Squeers. »Wackford, geh und spiele in dem rückwärtigen Zimmer, aber erhitze dich nicht zu viel, damit du mir nicht am Ende mager wirst. – Haben Sie nicht vielleicht ein Zweipencestück bei der Hand, Mr. Nickleby? Wissen Sie, damit der Junge was zu tun hat.« »Ich – ich glaube, ja«, erwiderte Ralph zögernd und brachte endlich nach langem Herumsuchen in einer alten Schublade einen Penny, einen Halfpenny und zwei Farthings zum Vorschein. »Ich danke«, sagte Mr. Squeers und reichte die Kupfermünzen seinem Sohn, »geh und kauf dir ein Stück Torte. Mr. Nicklebys Schreiber wird dir zeigen, wo du eine bekommen kannst, aber vergiß nicht, eine recht fette zu nehmen. – Pasteten und Torten«, setzte er hinzu, als er die Türe hinter seinem Sprößling geschlossen, »machen die Haut glänzend, und Eltern halten das für ein Zeichen von Gesundheit.« Mit dieser Erklärung und einem listigen Blick, der als Kommentar dazu dienen sollte, rückte Mr. Squeers seinen Sessel ziemlich nahe Mr. Nickleby gegenüber und setzte sich. »Hören Sie jetzt auf meine Worte«, begann Ralph und beugte sich vor. Squeers nickte. »Ich hoffe nicht«, fuhr Ralph eindringlich fort, »daß Sie dumm genug sind, die Ihnen widerfahrene Mißhandlung etwa zu vergeben oder zu vergessen?« »Hol' mich der Teufel, wenn ich's tue«, knurrte Squeers erbittert. »Oder eine Gelegenheit zu versäumen, die Schuld mit Zinsen einzutreiben, wenn sich eine solche darbietet?« »Zeigen Sie mir nur eine Gelegenheit, dann sollen Sie schon sehen«, rief der Pädagog. »Sagen Sie offen, war es nicht etwas von der Art, was Sie zu Ihrem jetzigen Besuch bei mir veranlaßt hat?« forschte Ralph und sah den Schulmeister lauernd an. »Hm – hm – nein, nicht daß ich wüßte«, erwiderte Squeers, »ich habe nur gedacht, Sie könnten mir vielleicht außer der Kleinigkeit, die Sie mir bereits geschickt haben, eine weitere Entschädigung –« »Ach so«, fiel ihm Ralph brüsk ins Wort. »Sie brauchen nicht fortzufahren.« Es trat eine Pause ein. »Wer ist übrigens der Junge, den er mit sich fortgenommen hat?« brach Ralph endlich das Schweigen. Squeers nannte Smikes Namen. »War er jung oder schon älter, gesund oder krank, willfährig oder widerspenstig? – So reden Sie doch, Mensch!« drängte Ralph. »Nun, er war nicht mehr jung«, antwortete Squeers, »das heißt für einen Knaben.« »Das heißt, er war überhaupt kein Knabe mehr, was?« »Sehr richtig, er war so gegen zwanzig. Allerdings kam er Leuten, die ihn nicht kannten, nicht so alt vor, denn es fehlte ihm hier ein wenig« – Mr. Squeers tupfte sich auf die Stirn – »Sie verstehen: niemand bei uns zu Hause, sooft man auch auf den Busch klopfte, erriet sein Alter.« »Und ich zweifle nicht, daß Sie es häufig genug getan haben«, murmelte Ralph. »Gewiß nicht«, versicherte Squeers grinsend. »Als Sie mir die Quittung für ›die Kleinigkeit‹, wie Sie es nannten, schickten«, fuhr Ralph fort; »schrieben Sie mir, seine Verwandten hätten sich seit langer Zeit nicht mehr um ihn gekümmert und Sie besäßen auch nicht die mindeste Spur, woher er wohl stammen möge, ist das wahr?« »Leider, leider«, klagte Mr. Squeers, der immer zutraulicher wurde, je rückhaltloser Ralph seine Fragen stellte. »Meinen Aufzeichnungen nach sind es jetzt vierzehn Jahre her, daß ihn ein Fremder in einer Herbstnacht nach Dotheboys Hall brachte, ihn dort ließ und für das erste Jahr fünf Pfund fünf Schillinge vorausbezahlte. Er mochte damals fünf oder sechs Jahre alt gewesen sein, älter keinesfalls.« »Was wissen Sie weiter von ihm?« »Leider verdammt wenig. Sechs oder acht Jahre lang wurde das Geld für ihn prompt bezahlt, aber dann blieb es plötzlich aus. Der Unbekannte hatte mir eine Adresse in London zurückgelassen, aber als es für mich nötig wurde, mich an sie zu wenden, wußte natürlich kein Mensch etwas Näheres. Ich behielt also den Jungen aus – aus –« »Barmherzigkeit«, ergänzte Ralph trocken. »Ja, ja, natürlich aus Barmherzigkeit«, faßte Mr. Squeers den Wink auf, sich die Knie reibend. »Und gerade, wie er anfing, sich ein bißchen nützlich zu machen, kommt dieser junge Schuft von einem Nikolas Nickleby und brennt mit ihm durch. Das ärgerlichste an der ganzen Geschichte ist, daß –«, Mr. Squeers rückte seinen Stuhl näher an Ralph und dämpfte seine Stimme, »– daß kürzlich Nachforschungen wegen des Jungen angestellt wurden, natürlich nicht bei mir, sondern so hintenherum bei den Leuten im Dorf, und gerade wo wir Aussicht hatten, alle Rückstände bezahlt zu bekommen und vielleicht – wer weiß, in solchen Dingen hat schon oft ein kleiner Nutzen herausgeschaut – ein hübsches Geschenk obendrein, wenn wir versprechen, ihn bei einem Bauern unterzubringen oder auf See zu schicken, damit er nie wieder zurückkomme und seinen Eltern Schande mache – falls er nämlich, wie so viele unserer Jungens, ein uneheliches Kind ist – und, zum Teufel nochmal, gerade in diesem Moment schnappt ihn mir der Spitzbube von Nickleby am hellichten Tag weg und bestiehlt mich dadurch gerade so, als ob er mich auf offner Straße ausgeplündert hätte.« »Wir wollen uns beide, ohne viel Zeit zu verlieren, bemühen, quitt mit ihm zu werden«, knurrte Ralph und packte den Yorkshirer Schulmeister am Arm. »Quitt?« wiederholte Squeers. »Mir wär's lieber, wenn ein kleiner Überschuß zu seinen Ungunsten dabei herausschaute. Ich wünschte nur, meine Frau bekäme ihn in die Beize, die würde ihn gut zurichten, na, ich danke. Sie brächte ihn um, Mr. Nickleby, sie würde so rasch mit ihm fertig werden wie mit ihrem Mittagessen.« »Davon wollen wir ein andermal reden«, unterbrach Ralph. »Ich muß erst Zeit haben, mir darüber klarzuwerden, wie ich ihn am tiefsten verwunden kann; wir werden dem Burschen schon beikommen –« »Kommen Sie ihm bei, wie Sie wollen, Sir«, fiel ihm Mr. Squeers in die Rede, »aber wenn Sie ihn haben, dann nur tüchtig drauflos, das bitte ich mir aus! Aber jetzt guten Morgen. Bitte, geben Sie mir doch mal den Hut meines Jungen dort vom Nagel herunter und helfen Sie ihm vom Stuhl.« Mit diesen an Newman Noggs gerichteten Worten verfügte sich der Pädagog in das kleine Hinterzimmer und setzte seinem Sprößling mit väterlicher Sorgfalt seinen Hut auf, während Newman, die Feder hinter dem Ohr, steif und unbeweglich auf seinem Schreibstuhl saß und abwechselnd Vater und Sohn anstarrte. »Ein hübscher Junge, nicht wahr?« fragte Squeers, legte den Kopf ein wenig auf die Seite und trat gegen das Pult zurück, um das liebliche Bild besser genießen zu können. »Gewiß«, murmelte Newman. »Fein ausgepolstert, was? Haha, er hat auch das Fett von zwanzig Jungen am Leibe.« »So?« brummte Newman, Squeers scharf fixierend, »das Fett von zwanzig, sagen Sie? – Das reicht nicht, soll wohl heißen: von allen; Gott helfe den andern. Haha – lieber Vater im Himmel.« Nach diesen rasch und abgerissen hervorgestoßenen Bemerkungen sank Newman an seinem Pult wieder zusammen und begann mit bewunderungswürdiger Schnelligkeit weiterzuschreiben. »Ja, was fällt denn dem Menschen ein?« rief Squeers, hochrot im Gesicht. »Sind Sie vielleicht betrunken?« Newman rührte sich nicht. »Sind Sie verrückt?« Aber Newman zuckte nicht mit der Wimper und schien sich überhaupt der Anwesenheit fremder Personen kaum bewußt zu sein. So tröstete sich denn Mr. Squeers mit der Überzeugung, der Mann müsse sowohl betrunken wie verrückt sein, und entfernte sich unter diesem Eindruck mit seinem hoffnungsvollen Sprößling. In demselben Grade, wie Ralph Nickleby sich einer unwillkürlichen und nicht niederzukämpfenden Hochachtung für Kate bewußt wurde, so war auch sein Haß gegen Nikolas gewachsen. Ob er es jetzt als Gegengewicht für seine Gefühlsschwäche für nötig hielt, wenn er schon jemanden liebgewonnen, die andern dafür um so mehr zu hassen, ist schwer zu sagen, jedenfalls konnte er sich in seinem Innern weder gegen das eine noch gegen das andere wehren. Auf Trotz und Verachtung zu stoßen, Kate in den schwärzesten und abstoßendsten Farben zu erscheinen, zu wissen, daß man Haß und Abscheu in ihr schüre, zu fühlen, daß man seinen Umgang geradezu für eine Schmach hielt, alles das zu wissen und überzeugt zu sein, daß der Hebel von alledem derselbe junge arme Schlucker von einem Verwandten war, der ihn bereits bei der ersten Begegnung von oben herab behandelt und ihm seitdem offen und rücksichtslos Trotz geboten hatte – alles das war mehr als hinreichend, seine eingefleischte Bosheit derart anzufachen, daß er wohl kaum ein Mittel gescheut haben würde, wenn ihm dieses nur ermöglichte, sich irgendwie zu rächen. Zum Glück für Nikolas war aber ein solches nicht zur Hand, und trotzdem Ralph den ganzen Tag darüber nachsann und während seiner ganzen übrigen Geschäfte ununterbrochen einen heimlichen Winkel seines Hirns solchen Spekulationen reservierte, so war er doch, als die Nacht einbrach, sich nicht um ein Jota klarer, was er tun solle. »Als mein Bruder in seinem Alter stand«, sagte er sich, »fielen alle angestellten Vergleiche stets zu meinem Nachteil aus; er war offenherzig, freigebig, mutig, heiter – dagegen ich ein verschmitzter Junge, kaltherzig und von keiner andern Leidenschaft besessen als von der zum Gelderwerb und vom Durste nach Gewinn. Und alles das fiel mir plötzlich wieder ein, als dieser Bursche das erstemal vor mich hintrat. Je mehr ich jetzt darüber nachdenke, desto lebhafter steht alles wieder vor mir.« Und wütend riß er Nikolas' Brief in tausend Fetzen und warf sie von sich, daß sie nur so auf den Boden niederschneiten. »Und solche Erinnerungen«, brummte er mit bitterm Lächeln, »umdrängen mich scharenweise und kommen heran aus allen Enden und Ecken. Aber, wenn sich schon gewisse Leute stellen, als verachteten sie die Macht des Geldes, so will ich doch mal den Versuch machen, ihnen zu zeigen, wer eigentlich das Heft in der Hand hat.« Ein plötzliches Machtbewußtsein überkam ihn und beruhigte ihn so weit, daß er sich zum Schlafen niederlegen konnte. 35. Kapitel Smike wird Mrs. Nickleby und Kate vorgestellt. Auch Nikolas macht neue Bekanntschaften, und die Zukunft scheint sich für seine Familie aufhellen zu wollen Nachdem Nikolas seine Mutter und Schwester im Hause der gutmütigen Miss La Creevy untergebracht und sich die Überzeugung verschafft hatte, daß Sir Mulberry nicht direkt in Lebensgefahr schwebte, wendete er seine Sorgfalt wieder dem armen Smike zu, der die ganze Zeit über äußerst bekümmert in der Wohnung Newman Noggs' geblieben war und trostlos auf weitere Nachrichten von seinem Beschützer wartete. »Er gehört nun mal mit zu unserem kleinen Haushalt, wo wir auch immer wohnen und welches Schicksal uns auch bevorstehen mag«, sagte sich Nikolas, »und daher ist es auch meine Pflicht, den armen Jungen, wie es sich gehört, vorzustellen. Kate und meine Mutter werden schon um seiner selbst willen gütig gegen ihn sein, und sollte seine Persönlichkeit selbst nicht ausreichen, ihm ihr Wohlwollen zu sichern, so werden sie doch um meinetwillen ein Auge zudrücken.« In Wirklichkeit erstreckten sich Nikolas' Bedenken aber nur auf seine Mutter, denn Kates war er sicher. Was seine Mutter anbelangte, so kannte er ihre Eigenheiten und war daher nicht so ganz überzeugt, ob Smike in ihren Augen würde bestehen können. »Aber liebgewinnen muß sie ihn«, sagte er sich, als er auf dem Wege zu ihnen war, »sobald sie erkennt, wie treu und anhänglich er ist. Und da sie sich darüber bald im klaren sein wird, kann seine Prüfungszeit nicht lange dauern.« »Ich fürchtete schon«, rief Smike, überfroh, seinen Beschützer wiederzuhaben, »es könne Ihnen abermals eine Unannehmlichkeit zugestoßen sein. Die Minuten vergingen wie die Stunden, und ich hatte schon große Angst, Sie vielleicht gar nicht mehr wiederzusehen.« »Gar nicht mehr wiederzusehen?« lachte Nikolas. »Du kannst sicher sein, so leicht wirst du mich nicht los. Ich werde immer und immer wieder an die Oberfläche kommen, und je tiefer man mich hinunterstößt, desto rascher werde ich wieder emporschnellen. Aber komm jetzt, Smike, ich bin hier, um dich mit nach Hause zu nehmen.« »Nach Hause?« stotterte Smike und wich schüchtern einen Schritt zurück. »Jawohl«, sagte Nikolas, ihn am Ärmel fassend, »warum erschrickst du so darüber?« »Das Wort ›nach Hause‹ erweckt die Erinnerung an Hoffnungen in mir, die ich so viele Jahre lang hindurch hegte. Ich sehnte mich nach Hause, bis ich vor Müdigkeit einschlief, und siechte dahin vor Gram, aber jetzt –« »Nun, was jetzt?« fragte Nikolas, dem armen Burschen freundlich ins Gesicht blickend. »Was wolltest du sagen, lieber Freund?« »Ich könnte mich eines irdischen Heimes willen von Ihnen niemals trennen«, antwortete Smike, ihm innig die Hand drückend, »einen Fall ausgenommen. – Ich weiß, ich werde nicht alt werden, und wenn Sie mich dann begrüben und ich mir denken könnte, bevor ich stürbe, daß Sie zuweilen kommen werden und mein Grab mit Ihrem gütigen Lächeln ansehen – im Sommer, wo alles lebt und webt und nicht tot ist, wie ich es sein würde –, zu einer solchen Heimat könnte ich wohl ohne Tränen ziehen.« »Warum sprichst du so, armer Junge, wo wir doch glücklich miteinander leben werden?« rief Nikolas vorwurfsvoll. »Ich würde dann verändert sein, nicht die um mich her, und wenn man mich auch vergäße, ich würde nichts davon wissen«, antwortete Smike bewegt. »Im Grabe sind wir alle gleich, aber hier auf Erden ist niemand wie ich. Ich bin nur ein armes, einfältiges Geschöpf, aber das begreife ich sehr wohl.« »Ja, ein albernes, einfältiges Geschöpf bist du«, rief Nikolas fröhlich, um ihn aufzumuntern. »Wenn du das sagen willst, so müßte ich dir recht geben. So eine Jammermiene für eine Damengesellschaft, und noch obendrein, wo meine hübsche Schwester dabei sein wird, nach der du so oft gefragt hast! Ist das vielleicht Yorkshirer Galanterie? Pfui, schäme dich!« Smikes Mienen wurden heiterer, und er lächelte. »Wenn ich von einem Zuhause spreche«, fuhr Nikolas fort, »so spreche ich von ›meinem‹ Zuhause, das natürlich auch das deinige ist. Allerdings, wenn du dabei an ein Besitztum von vier Mauern und einem Dach darauf denkst, dann wäre ich, weiß Gott, recht verlegen, dir zu sagen, wo es liegt. Aber das ist es nicht, was ich meine. Wenn ich von meinem Zuhause spreche, so habe ich dabei den Ort im Sinne, wo vorläufig, wo wir noch nichts Besseres haben, die, die ich liebe, beisammen wohnen; und wäre dieser Ort ein Zigeunerzelt oder eine Scheune, ich würde ihm doch denselben teuern Namen geben. Was daher mein jetziges ›Zuhause‹ anbelangt, so wird es dich weder durch seine Größe noch seine Pracht erschrecken, wie großartig du dir auch alles vorstellen magst.« Dabei nahm Nikolas den Arm seines Schützlings, führte ihn nach Miss La Creevys Heim und erzählte ihm unterwegs noch allerlei, was ihn unterhalten oder aufmuntern konnte. »Also dies, Kate«, stellte er Smike seiner Schwester vor, als er in das Zimmer trat, wo sie und seine Mutter wohnten, »dies ist der treue Freund und wackere Reisegefährte, auf dessen Empfang ich dich vorbereitet habe.« Anfangs war Smike wohl recht blöde, linkisch und furchtsam, aber Kate trat so freundlich auf ihn zu und sagte ihm mit ihrer süßen Stimme, wie sehr sie sich nach allem, was ihr ihr Bruder erzählt, gesehnt habe, ihn kennenzulernen, und wie dankbar sie ihm wäre für sein treues Ausharren bei Nikolas, trotz aller schweren Prüfungen, daß er anfing, ganz zweifelhaft zu werden, ob er weinen solle oder nicht, und nur noch verwirrter wurde. Schließlich gelang es ihm jedoch, mit gebrochener Stimme zu stammeln, Nikolas sei sein einziger Freund, für den er gern sein Leben hingeben wolle, wenn ihm dadurch geholfen sei. Und Kate schien in ihrer Liebenswürdigkeit und Freundlichkeit seine Verwirrung und Angst gar nicht zu bemerken, so daß er bald gefaßter wurde und anfing, sich nach und nach heimisch zu fühlen. Dann kam Miss La Creevy herein, der Smike ebenfalls vorgestellt wurde. Und auch sie war sehr freundlich und wunderbar gesprächig, wenn auch nicht direkt Smike gegenüber, den das anfangs natürlich beunruhigt haben würde, so doch gegen Nikolas und seine Schwester. Erst nach einer Weile zog sie dann und wann Smike mit ins Gespräch, fragte, ob er Sinn für Äußerlichkeiten habe und ob er denke, daß das Bild in der Ecke ihr gliche, und ob er nicht der Ansicht wäre, es würde hübscher gewesen sein, wenn sie sich zehn Jahre jünger gemalt hätte, und ob er nicht im allgemeinen glaube, daß junge Damen auch auf Gemälden, ebenso wie in Wirklichkeit, besser aussähen als alte. Solche und ähnliche kleine Scherze und launige Bemerkungen brachte sie mit soviel Humor und Freundlichkeit vor, daß Smike sich innerlich sagte, sie sei wohl die liebenswürdigste Dame, die er je gesehen – sogar noch gewinnender als Mrs. Grudden von der Truppe des Mr. Vincent Crummles, die doch gewiß anziehend genannt werden könne. Nach ungefähr einer Viertelstunde ging die Türe abermals auf, und eine Dame in Schwarz trat herein. Nikolas küßte sie zärtlich, nannte sie »Mutter« und führte sie zu dem Sessel, von dem Smike, als sie eingetreten, aufgestanden war. »Du bist immer wohlwollend gewesen, wenn du arme und unterdrückte Menschen kennengelernt hast, liebe Mutter«, sagte er, »und ich bin daher überzeugt, daß du auch ihn mit Liebe aufnehmen wirst.« »Gewiß, gewiß, lieber Nikolas«, versicherte Mrs. Nickleby, faßte Smike scharf ins Auge und verneigte sich mit mehr Grandezza, als gerade notwendig gewesen wäre, gegen ihn; »natürlich hat jeder Freund von dir – wie es übrigens auch ganz in der Ordnung ist – Ansprüche an mich, und es gewährt mir selbstverständlich ein großes Vergnügen, jemand kennenzulernen, an dem du Anteil nimmst – das kann doch gar keinem Zweifel unterliegen – ganz und gar nicht – oh, nicht im mindesten. – Allerdings muß ich hinzusetzen, lieber Nikolas, wie ich auch oft zu deinem armen seligen Papa zu sagen pflegte, wenn er Herren zum Essen mitbrachte und nichts im Hause war, daß er, wenn er vorgestern gekommen wäre – nein, ich meine nicht vorgestern, sondern ich wollte sagen, wenn er vor etwa zwei Jahren gekommen wäre, so hätten wir ihn gewiß besser bewirten können.« Nach diesen etwas schwülstigen Bemerkungen wendete sich Mrs. Nickleby zu ihrer Tochter und fragte sie mit hörbarem Flüstern, ob der Herr die ganze Nacht dableiben werde. »Denn wenn es der Fall ist, liebe Kate«, sagte sie, »so wüßte ich wirklich nicht, wo wir ihn hinlegen sollten.« Kate beugte sich zu ihr und flüsterte ihr, ohne eine Spur von Verdruß oder Verlegenheit blicken zu lassen, ein paar Worte ins Ohr. »Aber Kate, du kitzelst mich ja!« rief Mrs. Nickleby und fuhr zurück. »Das begreife ich doch selbstverständlich, ohne daß du mir's zu wiederholen brauchst. Ich habe Nikolas bereits dasselbe gesagt, und, wirklich, ich bin sehr erfreut. Aber lieber Nikolas«, wendete sie sich an ihren Sohn und ließ jetzt ihre steife Miene ein bißchen fallen, »ich weiß noch immer nicht, wie dein Freund heißt.« »Er heißt Smike«, sagte Nikolas. Die Wirkung dieser Worte war höchst merkwürdig. Kaum war der Name gefallen, als Mrs. Nickleby in einen Stuhl sank und in einen Strom von Tränen ausbrach. »O Gott, was gibt's denn?« rief Nikolas und eilte ihr zu Hilfe. »Es klingt ganz wie Pyke«, jammerte Mrs. Nickleby, »ganz wie ›Pyke‹, weiter nichts. O Gott, rede jetzt nicht mit mir; es wird mir bald wieder besser sein.« Nachdem die würdige Witwe alle Symptome eines langsamen Erstickungstodes durch alle Stadien durchgemacht und aus einem großen Glas mit Wasser einen Teelöffel zu sich genommen, das übrige aber verschüttet hatte, wurde ihr glücklicherweise wieder besser, worauf sie mit schwachem Lächeln bemerkte, »sie sähe ein, daß sie eine Törin sei«. »Aber es ist eine Familienschwäche«, erklärte sie, »und deshalb brauche ich mich ihrer nicht zu schämen. Deine Großmama, Kate, war ebenso – genau ebenso. Die kleinste Aufregung, die geringste Überraschung, und sofort wurde sie ohnmächtig. Wie oft und oft habe ich erzählen hören, daß sie einmal – noch vor ihrer Verheiratung – um eine Ecke in der Oxford Street gebogen und gegen ihren eigenen Friseur angerannt sei, der, wie sie glaubte, vor einem ausgebrochenen Bären davonlief, und der bloße Anprall an ihn bewirkte, daß sie sofort in Ohnmacht fiel. – Aber wart einmal«, setzte sie hinzu und hielt ein wenig inne, um sich zu besinnen, »warte einmal, ob ich mich doch nicht irre. War es der Friseur, der vor dem Bären davonlief, oder der Bär, der vor dem Friseur floh. Ich kann mich wirklich nicht mehr genau besinnen. Ich weiß nur, daß der Friseur ein sehr hübscher Mann und höchst gentlemanisch in seinen Manieren war, so daß es also wohl der Bär gewesen sein muß.« Mrs. Nickleby war, ohne sich darüber klar zu sein, wieder so ganz in ihre Gewohnheit verfallen, Reminiszenzen auszugraben, daß sie im Verlauf der Unterhaltung, bei der noch eine ganze Menge genau so wenig zur Sache passende Histörchen zum Vorschein kamen, immer heiterer wurde. »Mr. Smike ist aus Yorkshire, lieber Nikolas, nicht wahr?« fragte sie nach dem Mittagessen, als sie eine Zeitlang unbegreiflicherweise still geschwiegen hatte. »Allerdings, liebe Mutter. Ich sehe, du hast seine traurige Geschichte nicht vergessen.« »O Gott, nein«, rief Mrs. Nickleby. »Wahrhaftig eine traurige Geschichte! – Haben Sie vielleicht einmal bei der Familie Grimble von Grimble Hall irgendwo da unten gespeist, Mr. Smike? – Ein sehr angesehener Mann, der Sir Thomas Grimble! Er und seine sechs erwachsenen ungemein liebenswürdigen Töchter hatten den schönsten Park in der ganzen Grafschaft.« »Aber, liebe Mutter«, gab ihr Nikolas zu bedenken, »glaubst du wirklich, daß das unglückliche Opfer einer Yorkshirer Schule viele Einladungen von dem Adel des Landes erhalten konnte?« »Aber, mein Junge, ich sehe doch nicht ein, was da Außerordentliches daran wäre!« entschuldigte sich Mrs. Nickleby. »Ich erinnere mich ganz genau, daß ich, als ich noch in die Schule ging, wenigstens zweimal in jedem halben Jahr zu der Familie Hawkins in Taunton Vale kam, die noch viel reicher sind als die Grimbles und übrigens mit ihnen verschwägert. Du siehst daraus, daß etwas Derartiges durchaus nicht so unmöglich ist« Der Triumph, ihren Sohn so glänzend seines Irrtums überwiesen zu haben, machte einen solchen Eindruck auf sie, daß plötzlich eine derartige Vergeßlichkeit über sie kam, daß sie sich auf Smikes Namen gar nicht mehr besinnen konnte und eine unwiderstehliche Neigung an den Tag legte, ihn »Mr. Slammons« zu nennen. Sie entschuldigte sich dabei jedesmal damit, daß die merkwürdige Ähnlichkeit, die diese beiden Namen miteinander hätten, da sie beide mit einem »S« anfingen und überdies ein »m« enthielten, sie immer dazu verleite. Das alles aber störte Smike durchaus nicht, Mrs. Nickleby bewundernd zuzuhören, wodurch er denn auch in ihrer Gunst außergewöhnlich stieg und sie veranlaßte, über sein Benehmen und seinen Charakter die vorteilhaftesten Urteile abzugeben. So verblieb der kleine Kreis auf dem freundschaftlichsten und gemütlichsten Fuß bis zum Montagmorgen, wo sich Nikolas auf kurze Zeit separierte, um über seine Lage ernstlich nachzudenken und wegen einer Laufbahn nachzugrübeln, die ihn instand setzen könne, seine Familie, die jetzt gänzlich von ihm abhing, zu unterstützen. Mehr als einmal fiel ihm dabei das Ensemble Mr. Crummles' ein; aber obgleich Kate seine ganze Geschichte und seine frühere Stellung bei der Schauspielertruppe kannte, so war dies doch bei seiner Mutter nicht der Fall, und er sah voraus, daß er von dieser Seite die verdrießlichsten Einwendungen gegen das Komödiantenleben zu gewärtigen habe. Aber auch noch andre und gewichtigere Gründe hielten ihn ab, zur »Bühne« zurückzukehren. Abgesehen von dem kümmerlichen und unsicheren Erwerb und seiner eigenen festen Überzeugung, daß er – nicht einmal als Schauspieler in der Provinz – je etwas Besonderes leisten werde können: wie durfte er seine Schwester von Stadt zu Stadt, von Ort zu Ort mit sich herumführen, ohne sie dabei von der Berührung mit Menschen ausschließen zu können, mit denen er fast täglich zusammenzukommen genötigt sein mußte. »Nein, es geht nicht«, sagte er sich kopfschüttelnd. »Ich muß etwas anderes versuchen.« Aber dieser Plan war leichter gefaßt als ausgeführt. Was konnte er anfangen angesichts seiner geringen Weltkenntnis, die er sich in den paar Monaten Lehrzeit erworben, und bei seinem ungestümen Charakter, der wohl seinem Alter natürlich war, aber nur eine Klippe beim Vorwärtskommen bedeutete. Und dann – mit seinem geringen Vorrat an Geld und einem noch geringeren an Freunden! »Ach was«, sagte er sich schließlich; »ich mache eben noch einen Versuch bei dem Stellenvermittlungsbureau.« Er mußte über sich selbst lachen, als er raschen Schrittes das Haus verließ, denn noch einen Augenblick vorher hatte er sich seinen Hang zur Übereilung zum Vorwurf gemacht. Aber es half ihm nichts; einige Schritte weiter, und schon wieder malte er sich alle möglichen glänzenden Möglichkeiten und ein großes Glück aus, das ihm unvermittelt in den Weg kommen werde. Das Dienstvermittlungsbureau sah noch genauso aus wie das letzte Mal und schien sogar – mit ein oder zwei Ausnahmen – ganz dieselben Plakate in den Fenstern zu enthalten, die er bereits damals gelesen. Da waren dieselben tadellosen Herrschaften, die tugendhafte Dienstboten, und dieselben tugendhaften Dienstboten, die tadellose Herrschaften suchten. Dieselben herrlichen Besitztümer, auf die man Geld aufnehmen wollte, und genau dieselben ungeheuren Summen, die irgend jemand auf gute Hypotheken auszuleihen vorhatte – kurz, es wimmelte von Hinweisen auf alle Arten von Menschen, die ihr Glück machen wollten. Als Nikolas stehenblieb, um sich das Fenster näher zu betrachten, blieb wie zufällig ein alter Herr gleichfalls stehen und musterte ihn genauer, vielleicht weil ihn sein Gesicht im Reflex der Fensterscheiben sympathisch berührte. Es war ein untersetzter alter Herr mit einem breitschößigen blauen Frack von weitem bequemem Schnitt ohne Taille, braunen Hosen und hohen Gamaschen und auf dem Kopf einen breitkrempigen niedrigen Hut, wie ihn reiche Ökonomen zu tragen pflegen. Er hatte seinen Frack zugeknöpft, und sein Doppelkinn ruhte in den Falten einer weißen Halsbinde, nicht etwa einer jener steifen, gestärkten, Schlagfluß befördernden Krawatten, sondern eines guten altmodischen behaglichen weißen Halstuches, in dem man schlafen gehen kann, ohne die geringste Unbequemlichkeit zu empfinden. Was aber Nikolas' Aufmerksamkeit am meisten auf sich lenkte, war das Auge des alten Herrn, denn nicht so leicht gab es wohl ein klareres, freundlicheres, ehrlicheres, heitereres und glücklicheres Auge als dieses. Da stand der alte Herr vor dem Fenster, den Blick ein wenig aufwärts gerichtet, die eine Hand in der Brust seines Frackes und mit der andern mit einer altmodischen alten Uhrkette spielend, den Kopf ein wenig auf die Seite geneigt und den Hut ein wenig aufs Ohr geschoben – offenbar zufällig, denn Gewohnheit war es nicht, das sah man – und mit einem so herzerquickenden Lächeln um den Mund und einem so komischen Ausdruck von Schlauheit, Einfalt, Herzensgüte und fröhlicher Laune in dem heiteren alten Gesicht, daß ihn Nikolas bis zum Abend hätte ansehen können und ganz darüber vergessen, daß es sauertöpfische und unfreundliche Gesichter auf der Welt gäbe, die einem überall auf Erden in den Weg laufen. Der alte Herr schien es anfangs nicht zu bemerken, daß man ihn beobachtete, endlich aber blickte er doch zur Seite und nach Nikolas, der daraufhin, um keinen Anstoß zu erregen, sogleich seine Fensterschau wieder aufnahm. Immer noch blieb der Fremde stehen, um ein Plakat nach dem andern durchzulesen, und Nikolas konnte sich nicht enthalten, ihn abermals neugierig anzuschauen. In den merkwürdigen, seltsamen Zügen und im ganzen Wesen des alten Herrn lag etwas so unbeschreiblich Anziehendes, soviel auf innern Wert Hindeutendes, und um seine Mund- und Augenwinkel tanzten so viele kleine spaßhafte Lichter, daß es eine wahre Freude und Lust war, ihn anzusehen. Unter diesen Umständen war es kein Wunder, daß der Alte Nikolas mehr als einmal dabei ertappte, wie dieser ihn nicht aus den Augen ließ; und jedesmal errötete Nikolas dann und wurde verlegen, denn es hatte sich nachgerade in ihm der Gedanke festgesetzt, der Fremde suche vielleicht einen Sekretär oder sonst eine Hilfskraft, und es war ihm, als müsse ihm der alte Herr diesen Gedanken geradezu von der Stirne ablesen. Über alldem waren kaum ein paar Minuten vergangen. Als der alte Herr sich schließlich anschickte fortzugehen, begegnete er abermals einem Blick aus Nikolas' Augen, und dieser stotterte verwirrt eine Entschuldigung hervor. »Macht doch weiter nichts, hat gar nichts zu sagen«, entgegnete freundlich der alte Herr. Seine Worte klangen so herzlich und seine Stimme ganz so, wie man sie von einem so freundlichen Gentleman erwarten durfte, daß Nikolas den Mut faßte, ein paar Worte zu sprechen. »Eine Menge Gelegenheiten, Beschäftigung zu finden, Sir«, sagte er lächelnd und deutete auf das Fenster. »Ja, ja; so mancher hat das wohl schon im Ernst geglaubt. So mancher, der den besten Willen hatte und sich nach einer guten Anstellung sehnte«, versetzte der alte Herr. »Arme Burschen – arme Burschen.« Mit diesen Worten wollte er weitergehen; als er aber sah, daß Nikolas gerade den Mund zu einer Erwiderung öffnete, hielt er gutmütig inne, als sei es durchaus nicht seine Absicht, das Gespräch so kurz abzubrechen. Nach einigem Zögern, wie man es oft zwischen zwei Menschen bemerkt, die einander zugenickt haben und nicht sicher sind, ob sie auf ihrem Wege umkehren oder sich anreden sollen, befand sich Nikolas an der Seite des alten Herrn. »Sie wollten etwas sagen, Sir, was war es denn?« fragte der Gentleman. »Ach, es war weiter nichts; ich hoffte nur – oder vielmehr ich glaubte –, Sie hätten diese Ankündigungen wahrscheinlich nicht ohne Grund durchgelesen«, stotterte Nikolas. »So? Und aus welchem Grunde wohl glaubten Sie?« entgegnete der alte Herr mit einem freundlich schlauen Blick. »Haben Sie vielleicht geglaubt, ich suche eine Stelle – wie?« Nikolas schüttelte den Kopf. »Haha«, lachte der alte Herr und rieb sich fröhlich die Hände, »gewiß nur ein sehr naheliegender Gedanke, wenn man jemand diese Annoncen durchlesen sieht; wahrhaftig, anfangs dachte ich ganz dasselbe von Ihnen.« »Nun, da waren Sie, wenn Sie dies annahmen, nicht sehr weit von der Wahrheit entfernt«, entgegnete Nikolas. »Wie?« rief der alte Herr, Nikolas von Kopf bis zu Füßen musternd. »Was sagen Sie da? Meiner Treu, ein junger Herr, der sich gut aufführt, kann wohl kaum in eine solche Notlage kommen. O nein – nein – nein.« Nikolas verbeugte sich, wünschte dem Gentleman einen guten Morgen und wendete sich zum Gehen. »Warten Sie doch ein bißchen«, rief dieser und winkte ihn in ein Seitengäßchen, wo sie ihr Gespräch ungestörter fortsetzen konnten. »Was wollten Sie damit sagen? Bitte, erklären Sie sich doch näher.« »Ich kann eigentlich nur sagen, daß Ihr freundliches Gesicht und Ihr leutseliges Benehmen – ich habe bisher bei niemand auch nur etwas Ähnliches gesehen – mich zu einem Geständnis veranlaßt haben, das ich wohl kaum einem andern Fremden in dieser Wildnis von London gemacht haben würde«, erwiderte Nikolas. »Wildnis? Ja, da haben Sie recht, das ist es; sehr gut gesagt, London ist eine Wildnis«, rief der alte Herr lebhaft. »Es war auch einmal für mich eine Wildnis. – Ich kam einst barfuß hierher – werde das nie vergessen – Gott sei Dank.« Mit feierlicher Miene lüftete er den Hut. »Aber um was handelt sich's bei Ihnen, wo fehlt's Ihnen, wie ging alles zu«, fuhr der alte Herr fort und legte die Hand auf Nikolas' Schulter, während sie zusammen die Straße hinaufgingen. »Sie sind – wie?« – Er deutete mit dem Finger auf den Flor auf Nikolas' Rockärmel. – »Für wen? – Wie?« »Ich trage Trauer um meinen Vater.« »Ah«, sagte der alte Herr hastig; »schlimm für einen jungen Menschen, seinen Vater zu verlieren. – Verwitwete Mutter vielleicht?« Nikolas seufzte. »Auch Brüder und Schwestern – wie?« »Eine Schwester«, antwortete Nikolas. »Das arme Ding – das arme Ding. Sie haben wahrscheinlich eine gute Schule genossen?« fragte der alte Herr mit einem neugierigen freundlichen Blick in das Gesicht seines Begleiters weiter. »Allerdings, an Erziehung hat es mir nicht gefehlt.« »Schöne Sache das«, lobte der alte Herr, »Erziehung! Sehr wichtig! Außerordentlich wichtig! – Habe selber keine genossen, – bewundere sie aber desto mehr an andern. – Eine schöne Sache das – Erziehung! Ja, ja, erzählen Sie mir doch mehr von Ihrer Geschichte. Ich möchte alles hören – nicht aus zudringlicher Neugierde – nein, nein, nein.« Es lag etwas so Kindliches und Unverfängliches, so etwas ganz anderes als konventionelle, geheuchelte Teilnahme in der Art, mit der der alte Herr das alles hervorstieß, daß Nikolas nicht widerstehen konnte. Unter Leuten von gediegenem und gesundem Charakter wirkt nichts so wohltuend als Offenherzigkeit. Auch Nikolas empfand augenblicklich diesen Einfluß und erzählte die Hauptpunkte seiner Geschichte ohne Rückhalt, wobei er bloß die Namen verschwieg und die Art, wie sein Onkel Kate behandelt hatte, so flüchtig wie möglich berührte. Der alte Herr hörte mit großer Aufmerksamkeit zu und nahm dann Nikolas, als er fertig war, ohne viel Umstände am Arm. »Kein Wort weiter – kein Wort mehr«, sagte er. »Kommen Sie, wir dürfen keine Minute verlieren.« Damit zog der alte Herr Nikolas nach der Oxford Street zurück, rief einen Omnibus an, der nach der City fuhr, schob ihn hinein und stieg dann ebenfalls auf. Da er sich in außerordentlicher Aufregung zu befinden schien und jeden Satz, den Nikolas sprechen wollte, stets mit dem gleichen: »– kein Wort mehr, mein Lieber, bitte kein Wort mehr« unterbrach, so hielt es dieser für das beste, sich stillschweigend zu fügen. So fuhren sie denn recht einsilbig zusammen nach der City; und je weiter sie kamen, desto neugieriger wurde Nikolas, wie wohl dieses Abenteuer enden werde. Als sie bei der Bank anlangten, stieg der alte Herr mit großer Hast aus, faßte Nikolas abermals am Arm, eilte mit ihm durch Threadneedle Street und einige Durchlässe auf der rechten Seite, bis sie endlich in einen ruhigen freien kleinen schattigen Platz einbogen, wo er ihm in ein sehr altes, aber höchst reinlich aussehendes Haus voranging. Die Türe trug weiter keine Aufschrift als »Gebrüder Cheeryble«, aber ein rascher Blick auf die Adressen auf einigen umherstehenden Kisten ließ Nikolas schließen, daß die Firma Gebrüder Cheeryble sich mit Exporthandel nach Deutschland befasse. Mr. Cheeryble – denn das schien der alte Herr, wenn nicht alle Anzeichen trügten, zu sein – führte Nikolas durch ein Warenlager, wo alles auf ein höchst umfangreiches Geschäft hindeutete, in ein kleines, durch Verschläge abgeteiltes Kontor, das wie ein großer Glaskasten aussah und in dem so unbelästigt von Staub und Schmutz, als sei das Bureau wirklich ein Glaskasten mit einem Deckel darauf, ein korpulenter ältlicher Buchhalter mit einem dicken runden Gesicht, einer silbernen Brille auf der Nase und einem gepuderten Kopfe saß. »Ist mein Bruder drin?« fragte Mr. Cheeryble ganz in derselben freundlichen Weise, die er bisher gegen Nikolas bewiesen. »Jawohl Sir«, antwortete der Buchhalter und richtete seine Brillengläser abwechselnd auf seinen Prinzipal und auf Nikolas, »aber Mr. Trimmers ist bei ihm.« »So! Und was will er denn, Tim?« fragte Mr. Cheeryble. »Er hat eine Subskriptionsliste für die Witwe und Familie eines Mannes, der heute morgen in den Ostindien-Docks ums Leben kam, aufgelegt, Sir«, antwortete Tim. »Der Unglückliche wurde durch ein Faß mit Zucker zermalmt, Sir.« »Trimmers ist ein braver Bursche«, sagte Mr. Cheeryble ernst, »und ein menschenfreundlicher Mann, und ich bin ihm sehr verpflichtet. Trimmers ist wirklich einer unserer besten Freunde, die wir haben, und bringt uns immer etwas, von dem wir sonst nie erfahren hätten. Wirklich, wir können Trimmers nicht genug dankbar sein.« Dabei rieb sich Mr. Cheeryble erfreut die Hände und faßte Mr. Trimmers, der soeben an der Bureautüre vorüberkam, um das Haus zu verlassen, am Ärmel. »Tausend Dank, tausend Dank. – Das ist wieder mal hübsch von Ihnen«, lobte er und zog Mr. Trimmers in eine Ecke. »Wieviel Kinder hinterläßt der Mann, und was hat mein Bruder Ned gezeichnet, Trimmers?« »Sechs Kinder«, antwortete der Gefragte. »Ihr Bruder hat zwanzig Pfund gezeichnet.« »Mein Bruder Ned ist eine gute Seele, und Sie sind es gleichfalls, Trimmers«, sagte der alte Herr und drückte dem Kollektanten eifrig und voll Wärme beide Hände. »Schreiben Sie mich auch mit zwanzig Pfund auf – oder – warten Sie mal – es könnte protzig aussehen – schreiben Sie lieber mich mit zehn Pfund und Tim Linkinwater ebenfalls mit zehn Pfund auf. – Eine Anweisung von zwanzig Pfund für Mr. Trimmers, Tim! – Gott segne Sie, Trimmers, und kommen Sie doch diese Woche mal zum Mittagessen; Sie sind immer willkommen. – So, lieber Freund, hier ist die Anweisung. O Gott, durch ein Faß mit Zucker zermalmt und sechs arme verwaiste Kinder! – O Gott, welches Unglück.« So ununterbrochen fortsprechend, um die Dankesbezeugungen Mr. Trimmers' für den hohen Betrag der Gabe abzuschneiden, führte Mr. Cheeryble Nikolas, der durch das, was er in diesen paar Minuten gesehen und gehört, ebenso erstaunt und ergriffen war, zu der halboffenen Türe des anstoßenden Zimmers. »Lieber Ned«, fragte Mr. Cheeryble und klopfte mit den Fingerknöcheln an, »hast du zu tun, lieber Bruder? – Störe ich vielleicht?« »Aber, lieber Charles«, rief eine Stimme von drinnen, die der des Fragenden so ähnlich war, daß Nikolas förmlich erschrak, »wie kannst du nur fragen! So komm doch herein.« Wie erstaunte Nikolas aber erst, als der alte Herr mit ihm ins Zimmer trat und einen andern alten Herrn begrüßte, der genau sein Ebenbild war – dasselbe Gesicht, dieselbe Figur, derselbe Frack, dieselbe Weste, dasselbe Halstuch, dieselben Hosen und Gamaschen, ja sogar an der Wand am Nagel genau derselbe weiße Hut. Als die beiden Alten einander die Hand schüttelten, leuchteten ihre Gesichter in so zärtlicher Liebe, daß man es bei Kindern nur mit Entzücken hätte ansehen können, die aber bei so alten Leuten etwas unbeschreiblich Rührendes hatte. Bei näherer Betrachtung bemerkte Nikolas, daß der zweite alte Herr nur ein wenig stämmiger, sonst aber genau wie sein Bruder war. Dies und ein kleiner Unterschied in Gang und Haltung war das einzige, wodurch man die beiden auseinanderkennen konnte; und auf den ersten Blick sah man, daß es Zwillingsbrüder sein mußten. »Lieber Ned«, begann Mr. Cheeryble und schloß die Zimmertüre, »ich habe da einen jungen Freund gefunden, dem wir unbedingt aushelfen sollten. Wir müssen, nicht nur seinetwegen, sondern auch unserthalben, die entsprechenden Nachforschungen anstellen, und wenn sich – wie ich fest überzeugt bin – seine Aussagen bestätigen, so müssen wir ihm unter die Arme greifen – ja, wir müssen ihm unbedingt unter die Arme greifen, lieber Ned.« »Wenn du so überzeugt bist, lieber Bruder«, erwiderte Ned, »wozu dann weitere Nachfragen? Wir werden ihm einfach helfen. Aber was wünscht er eigentlich, und was braucht er? Wo ist Tim Linkinwater? Er soll hereinkommen.« Die beiden Zwillingsbrüder sahen einander nicht nur äußerlich aufs Haar ähnlich, sondern da sie fast dieselben Zahnlücken hatten, war auch ihre Artikulation beinahe ganz die gleiche. Es machte den Eindruck, als hätten sie beim Reden ein paar Pflaumen im Munde. »Wo ist Tim Linkinwater?« fragte Ned. »Halt, halt, halt«, rief Charles, seinen Bruder beiseite nehmend. »Mir fällt da etwas ein, lieber Bruder, ich hätte einen Plan. – Tim wird nachgerade ein wenig alt und ist uns stets ein treuer Diener gewesen, lieber Ned. Ich glaube, es genügt nicht, daß wir ihm als Dank für seine langjährigen Dienste für seine Mutter und Schwester ein Jahresgehalt auswarfen und ihm einen kleinen Familiengrabplatz kauften, als sein armer Bruder starb.« »Nein, nein, nein, gewiß genügt es nicht – gewiß nicht, nicht annähernd – nicht annähernd«, stimmte der andere alte Herr ein. »Was denkst du also, wenn wir Tim seine Geschäfte ein wenig abnähmen und ihm zuredeten, aufs Land zu gehen oder sich zwei oder drei Tage wöchentlich ein bißchen in der frischen gesunden Luft draußen zu bewegen? Er kann ja ganz gut des Morgens ein paar Stunden später ins Geschäft kommen. Ich glaube, der alte Tim würde sich bald wieder verjüngen«, entwickelte Charles Cheeryble seinen Plan. »Der alte Tim Linkinwater wieder jung! Was meinst du dazu, wie? Erinnerst du dich noch, wie der alte Tim noch ein ganz kleiner Junge war? Haha! Der arme Tim, der arme Tim.« Und die beiden alten Knaben lachten fröhlich mitsammen, bis ihnen die Tränen im Auge standen. »Und jetzt höre mal, lieber Ned«, begann der alte Herr wieder hastig und setzte rechts und links neben Nikolas je einen Stuhl. »Ich werde dir die Sache selber erzählen, Ned, denn der junge Herr ist ein bißchen schüchtern und überdies wohlerzogen, Ned, und ich halte es nicht für richtig, daß er uns seine Geschichte noch einmal vorträgt, als ob wir Zweifel darein setzten. Nein, nein, nein.« – »Nein – nein – nein«, bekräftigte auch der andere. »Ganz recht, lieber Bruder, ganz recht.« – »Er soll mich aufmerksam machen, wenn ich etwas Falsches sage. Die Geschichte wird dich sehr ergreifen, lieber Bruder. Zumal du dich der Zeit erinnern wirst, wo wir beide zwei freudlose Jungen waren und unsern ersten Schilling in dieser großen Stadt verdienten.« Schweigend drückten sich die Zwillingsbrüder die Hand, und Charles berichtete in schlichter Weise, was er von Nikolas erfahren hatte. Es folgte sodann eine lange Unterredung und nach dieser eine geheime Besprechung von fast gleicher Dauer zwischen Ned und Tim Linkinwater im anstoßenden Zimmer. Nikolas war so tief ergriffen von der Güte der beiden alten Herrn, daß er bei jedem neuen Beweise von Wohlwollen und Teilnahme nur mit der Hand abwehren konnte und wie ein Kind schluchzen mußte. Dann kamen Ned Cheeryble und Timotheus Linkinwater zusammen zurück, und letzterer ging sofort auf Nikolas zu und flüsterte ihm kurz ins Ohr – er pflegte nie viel Worte zu machen –, daß er sich seine Adresse auf dem Strand notiert habe und diesen Abend um acht Uhr bei ihm vorsprechen wolle. Sodann wischte er seine Brille ab und setzte sie wieder auf, gleichsam als Vorbereitung für das, was jetzt von Seiten der Gebrüder Cheeryble folgen würde. »Tim«, begann Charles, »Sie haben gehört, daß wir beabsichtigen, diesen jungen Mann in unser Kontor aufzunehmen?« Ned erklärte, daß er Tim bereits alles Nähere mitgeteilt habe und dieser vollkommen einverstanden sei. Tim Linkinwater nickte und sagte, er wisse schon, warf sich in die Brust und nahm eine außerordentlich wichtige Miene an, worauf tiefes Schweigen folgte. »Ich habe nur eins zu sagen. Aus dem ›Jeden-Morgen-ein-paar-Stunden-später-ins-Geschäft-Kommen‹ wird nichts«, brach er dann plötzlich mit entschlossener Miene das Schweigen. »Auch gedenke ich nicht, in frischer Luft zu schlafen und ebensowenig aufs Land zu gehen. Das paßte mir gerade noch.« »Zum Kuckuck mit Ihrem Eigensinn, Tim Linkinwater«, brach Charles Cheeryble los, jedoch ohne die mindeste Spur von Unwillen oder Verdruß im Gesicht, »zum Kuckuck mit Ihrem Eigensinn, Tim Linkinwater! Was soll denn das wieder heißen?« »Es sind jetzt vierundvierzig Jahre«, entgegnete Tim, addierte mit der Feder in der Luft eine Kolonne und zog einen Strich darunter, ehe er das Fazit nannte, »künftigen Mai sind's vierundvierzig Jahre, seit ich die Buchhaltung der Gebrüder Cheeryble übernommen habe. Die ganze Zeit über – Sonntag ausgenommen habe ich jeden Morgen das Kontor Schlag neun Uhr aufgesperrt und jeden Abend um halb elf – wenn es viel zu erledigen gab, manchmal erst zwanzig Minuten vor zwölf – alles noch einmal nachgesehen, damit kein Brand entstehen konnte, und keine einzige Nacht anderswo als in dem Dachstübchen hinten geschlafen. Dort stehen noch immer derselbe Resedatopf mitten im Fenster und dieselben vier Blumentöpfe, zwei auf jeder Seite, die ich mitgebracht, als ich hier eintrat. Ich habe es Ihnen schon oft und oft gesagt, und ich lasse mir's nicht nehmen, daß es einen Platz wie den unserigen auf der ganzen Welt nicht wieder gibt. Ja, das weiß ich gewiß«, rief er plötzlich sehr energisch und sah sich würdevoll um. »Es gibt nichts, was ihm gliche, sowohl punkto Geschäft wie punkto Erholung. Auch in ganz England gibt's keinen solchen Brunnen, wie die Pumpe da unten im Torweg, und keine solche Aussicht, wie die aus meinem Fenster. Ich sehe sie doch jeden Morgen, wenn ich mich rasiere, und muß es daher wissen. Ich habe in diesem Zimmer drüben« – er wurde wieder ein wenig beruhigter – »vierundzwanzig Jahre lang geschlafen, und wenn es Ihnen weiter keine Ungelegenheiten macht und dem Geschäft nichts schadet, so möchte ich Sie bitten, daß Sie mich auch dort einmal sterben lassen.« »Hol Sie der Kuckuck, Tim Linkinwater, was Sie da wieder vom Sterben faseln«, riefen die beiden Brüder wie aus einem Munde und holten dabei gerührt ihre Schnupftücher hervor. »So, jetzt ist's heraus, Mr. Ned und Mr. Charles«, schloß Timotheus und warf sich von neuem in die Brust. »Es ist nicht das erste Mal, daß Sie davon gesprochen haben, mich unters alte Eisen zu werfen, aber wenn es beliebt, so möchte ich bitten, daß Sie es jetzt das letzte Mal sein lassen und das Thema nicht mehr weiter erwähnen.« Damit stapfte Timotheus Linkinwater mit der Miene eines Mannes, der seine Meinung offen herausgesagt hat und entschlossen ist, kein Haarbreit nachzugeben, hinaus und schloß sich wieder in seinen Glaskasten ein. Die beiden Brüder wechselten einen Blick und hüstelten ein halbes dutzendmal, ohne ein Wort zu sprechen. »Wir müssen etwas mit ihm tun, lieber Ned«, begann Charles nach einer Weile. »Wir müssen ihn, wenn's nicht anders geht, zu unserm Associé machen, lieber Ned, und wenn er nicht gutwillig nachgibt, so müssen wir eben Gewalt anwenden.« »Sehr richtig«, rief Ned eifrig, »sehr richtig, lieber Bruder. Wenn er auf vernünftige Vorstellungen nichts gibt, so müssen wir unsern Willen einfach durchsetzen und ihm zeigen, daß wir fest entschlossen sind. Wir müssen's ganz einfach auf einen Streit ankommen lassen.« »Ja, das müssen wir, ja gewiß – auf einen Streit ankommen lassen«, bekräftigte Mr. Cheeryble. »Aber, lieber Bruder, wir halten unsern jungen Freund hier auf, und seine arme Mutter und seine Schwester werden wegen seines Ausbleibens besorgt sein. Wir wollen uns also für jetzt verabschieden – Achtung, die Kiste, lieber Herr – nein, nein, nein, kein Wort – geben Sie acht, daß Sie sich nicht anstoßen – nein, nein –« Mit solchen und ähnlichen unzusammenhängenden Ausrufen, die alle darauf abzielten, Nikolas zu verhindern, seinen Dank zu stammeln, trieben ihn die beiden Brüder hinaus, ihm unablässig die Hände schüttelnd und so tuend – in der Verstellungskunst hatten sie es allerdings nicht besonders weit gebracht –, als ob sie von den Gefühlen nicht das geringste ahnten, die sein Innerstes erfüllten. Nikolas war das Herz zu voll, als daß er auf die Straße hätte hinaustreten können, ohne sich vorher ein wenig gesammelt zu haben. Als er aber endlich aus der dunklen Ecke des Torweges, wo er hatte Halt machen müssen, hinausschlüpfte, sah er, wie die beiden Zwillingsbrüder verstohlen in den Glaskasten hineinspähten, offenbar unschlüssig, ob sie ihren eben besprochenen Angriff unverzüglich ausführen oder die weitere Belagerung des unbeugsamen Timotheus Linkinwater vorderhand hinausschieben sollten. Wer könnte wohl all das Entzücken und Erstaunen schildern, das der Bericht der eben mitgeteilten Umstände in Miss La Creevys Haus veranlaßte und was für Freude er dort verbreitete. Pünktlich abends zur bezeichneten Stunde erschien Mr. Timotheus Linkinwater; so wunderlich er auch war und so eifersüchtig er als pflichtgetreuer und ergebener Beamter seiner Firma darüber wachte, daß die unbegrenzte Freigebigkeit seiner Chefs nicht an Unwürdige verschwendet wurde, so warm berichtete er am nächsten Tage zu Nikolas' Gunsten und teilte ihm dann mit, »daß die freie Stelle in dem Bureau der Firma Cheeryble Brothers Mr. Nickleby vorläufig mit einem Gehalt von hundertzwanzig Pfund jährlich übertragen werde«. »Ich denke, lieber Bruder«, wandte sich Mr. Charles Cheeryble zu Ned, als die Sache abgemacht war, »daß wir der Familie Nickleby im Bow das jetzt leerstehende Haus überlassen könnten, vielleicht ein wenig unter dem gewöhnlichen Mietpreis. Was meinst du, Ned?« »Lassen wir's ihnen doch umsonst«, riet Ned. »Wir sind doch wahrhaftig reich genug, und es ist eine Schande, unter Umständen wie diesen von einer Hausmiete zu reden. – Wo ist Tim Linkinwater – umsonst müssen wir's tun, lieber Bruder, umsonst.« »Aber vielleicht wär's doch besser, Ned, wenn wir einen geringen Preis dafür ansetzten«, meinte Charles milde. »Es kann für sie vielleicht den Nutzen haben, daß sie ihren Haushalt in den richtigen bescheidenen Grenzen fortführen, und überdies bliebe ihnen auch das peinliche Gefühl allzu großer Dankesschuld erspart. Setzen wir fünfzehn oder zwanzig Pfund jährlich an, und wenn sie's pünktlich bezahlen, können wir's ihnen ja auf andere Weise wieder zuwenden. Auch möchte ich ihnen ganz im Geheimen zu ihrer Möblierung eine kleine Summe vorstrecken lassen, und auch du, lieber Ned, könntest so unterderhand etwas dafür tun; und wenn wir finden, daß es gut angelegt ist – woran ich nicht im geringsten zweifle –, so können wir das Anlehen schließlich in ein Geschenk umwandeln. Aber vorsichtig, Ned, nur ganz allmählich, nicht zu dick auf einmal kommen – was meinst du, lieber Bruder?« Ned schlug ein und hielt natürlich auch Wort, und in einer Woche ergriffen Nikolas Besitz von seinem Pult und Mrs. Nickleby und Kate von dem Häuschen, und alle waren voll Hoffnung, Rührigkeit und Freude. Wohl keine Woche war bisher für sie so reich an Entdeckungen und Überraschungen wie die erste in diesem kleinen Häuschen. So oft Nikolas abends nach Hause kam, gab es irgend etwas Neues. Einmal einen Weinstock, dann einen Kochkessel, dann wieder einen Schlüssel zu dem Vorzimmer, den man glücklich auf dem Boden einer Wasserkufe gefunden, und so ging es weiter von einem kleinen Ereignis zum andern. Einmal wurde dieses Zimmer mit einem Musselinvorhang verschönt und dann wieder jenes durch Anbringen einer Fensterblende elegant gemacht, und Verbesserungen entstanden, die man kaum für möglich gehalten hätte. Auch Miss La Creevy erschien des öftern in einem Omnibus, um einige Tage dazubleiben und mitzuhelfen. Dabei war sie die Rührigkeit selbst. Alle Augenblicke verlor sie eine kleine Tüte mit Nägeln oder einen riesigen Hammer, lief mit aufgestreiften Ärmeln herum oder fiel ein paar Treppen hinunter – kurz, Ruhe kannte sie nicht. Mrs. Nickleby schwätzte unaufhörlich, tat sogar selbst hie und da etwas, wenn auch nicht viel, Kate war an allen Ecken und Enden tätig, ohne viel Lärm zu machen und sich über alles freuend, Smike besorgte den Garten, daß es ein Vergnügen war, ihm zuzusehen, und Nikolas half und riet, wo er konnte; der ganze Frieden, die ganze Heiterkeit der früheren Heimat schien wiederhergestellt, und nach so viel Leiden und herber Trennung waren für die kleine Familie die Lust des Zusammenlebens – wenn auch nur für die Abendstunden – um so entzückender und die Freuden ihres häuslichen Lebens fast ungetrübt. Kurz und gut, die armen Nicklebys fühlten sich glücklich und vergnügt, und der reiche Nickleby war allein und elend. 36. Kapitel Handelt lediglich von Familienangelegenheiten – Mr. Kenwigs gerät in heftige Aufregung, und Mrs. Kenwigs befindet sich den Umständen angemessen Es mochte ungefähr sieben Uhr abends sein, und in den engen Straßen in der Nähe von Golden Square dunkelte es bereits, als Mr. Kenwigs mit einem Paar billigen weißen ledernen Handschuhen ausgerüstet – zu vierzehn Pence das Paar – mit wichtiger und ziemlich erregter Miene die Treppe hinunterstieg und sich anschickte, mit einem davon den Türklopfer zu umwickeln. Als er dieses Geschäft mit größter Sorgfalt erledigt, schloß er die Haustüre hinter sich zu und ging über die Straße hinüber, um sich zu überzeugen, wie sich der umhüllte Türklopfer von weitem ausnehme. Zufrieden und überzeugt, daß man in dieser Art unmöglich etwas Schöneres sehen könne, kam er wieder zurück, rief durch das Schlüsselloch Morlina zu, die Türe zu öffnen, verschwand dann im Flur und ließ sich nicht wieder blicken. Merkwürdig bei dem ganzen Vorgange war nur, daß Mr. Kenwigs sich so große Mühe gab, gerade diesen Türklopfer zu umwickeln, wo er doch geradeso gut den eines zehn Meilen weit entfernt wohnenden Gentlemans hätte umwickeln können, denn die Haustüre stand für die zahlreichen Insassen stets sperrangelweit offen, so daß der Klopfer überhaupt nie gebraucht wurde. Der erste, der zweite und der dritte Stock hatten außerdem jeder seine eigene Klingel. Die Bewohner im Dachstübchen erhielten niemals Besuch, und wer bei den Parteien im Parterre vorsprechen wollte, brauchte nur geradeaus zu gehen, da die Zimmer auf den Hausflur mündeten und die Küche einen Extraeingang vom Hofe aus besaß. Vom Standpunkte der Notwendigkeit und Nützlichkeit aus betrachtet, war Mr. Kenwigs' Vorgehen daher vollständig unbegreiflich. Türklopfer können nun aber auch aus andern Gründen als aus denen bloßer Nützlichkeit umwickelt werden, und das war augenscheinlich hier der Fall. In zivilisierten Ländern gilt es als erste Regel, gewisse althergebrachte Formen aufrechtzuerhalten, wenn die Menschheit nicht in die ursprüngliche Barbarei zurückversinken soll. Noch nie hat eine angesehene Dame daher entbunden – ein anständiges Kindbettzimmer ist anders überhaupt kaum denkbar –, ohne daß nicht als Begleitsymbol der Türklopfer vor dem Hause umwickelt worden wäre. Mrs. Kenwigs war nun eine Dame, der Sitte und Anstand über alles ging, und sie war niedergekommen, und aus diesem Grunde hatte Mr. Kenwigs um den alten pensionierten Türklopfer des Hauses einen weißen ziegenledernen Handschuh gewickelt. »Ich weiß noch nicht recht«, sagte sich Mr. Kenwigs, als er seinen Hemdkragen ordnend langsam die Treppe hinaufging, »ob ich's nicht in die Zeitung setzen lassen soll, da es ein Knabe ist.« Die Rätlichkeit dieses Schrittes und die Sensation, die etwas Derartiges voraussichtlich in der Nachbarschaft erregen mußte, genau erwägend, verfügte sich Mr. Kenwigs in das Wohnzimmer, wo verschiedene Diminutiv-Garderobestücke vor dem Kamin hingen und Mr. Lumbey, der Arzt, das Kindchen auf den Armen tanzen ließ – das vorletzte nämlich, nicht das letzte. »Ein Prachtjunge, Mr. Kenwigs«, sagte Mr. Lumbey, der Doktor. »Ist das wirklich Ihre Ansicht, Sir?« fragte Mr. Kenwigs. »Er ist der prächtigste Junge, der mir je in meinem Leben vorgekommen ist«, versicherte der Arzt. »Ich habe bisher noch nie ein solches Kind gesehen.« Das hörte sich sehr angenehm an und lieferte den schlagenden Gegenbeweis für die übliche Behauptung einer allmählichen Degeneration des Menschengeschlechts. Mr. Kenwigs lächelte. »Ich habe noch nie ein solches Kind gesehen«, wiederholte Mr. Lumbey, der Doktor. »Morlina war ebenfalls ein schönes Kind«, sagte Mr. Kenwigs mit einem Untertone von Vorwurf, als ob die Behauptung des Arztes einen versteckten Angriff auf die Familie in sich schlösse. »Es waren natürlich lauter Prachtsprößlinge«, bestätigte Mr. Lumbey und fuhr fort, Mr. Kenwigs' Kind – das vorletzte – mit gedankenvoller Miene zu hätscheln. Ob er vielleicht dabei nachdachte, in welcher Form er dieses Hätscheln in seine Doktorrechnung hineinschmuggeln könne, weiß natürlich niemand als er selber. Während der kurzen Unterhaltung ihres Vaters mit dem Arzt hatte Miss Morlina als die älteste in der Kinderfamilie und aus diesem Grunde die natürliche Stellvertreterin der Mutter, solange diese das Bett hüten mußte, die drei jüngeren Kenwigs eifrig an den Haaren gezaust und hin und her gepufft, und dieses höchst umsichtige und zärtliche Benehmen entlockte Mr. Kenwigs nicht nur Tränen der Rührung, sondern er sah sich auch zu der Erklärung veranlaßt, daß das Mädchen an Verstand bereits einer erwachsenen Frau gliche. »Sie wird für den Mann, dem sie einst ihre Hand reichen wird, ein wahrer Schatz sein, Sir«, sagte er halblaut zu dem Doktor. »Ich denke übrigens, sie wird über ihre Verhältnisse heiraten, Mr. Lumbey.« »Das sollte mich nicht im geringsten wundernehmen«, versetzte der Doktor. »Haben Sie gesehen, wie sie tanzen kann?« fragte Mr. Kenwigs. Der Doktor schüttelte den Kopf. »Oh!« rief Mr. Kenwigs in einem Tone, als ob er den Doktor von Herzen bemitleide. »Dann können Sie sich keine Vorstellung machen, was sie zu leisten imstande ist.« Die ganze Zeit über war man in dem nächsten Zimmer beständig aus und ein gegangen, und die Tür öffnete und schloß sich wohl zwanzigmal in der Minute, aber jedesmal ganz leise denn Mrs. Kenwigs bedurfte der Ruhe –, und das kleine Kindchen war von einem oder zwei Dutzend weiblicher Abgesandtinnen einer Schar auserlesener Freundinnen gezeigt worden, die sich im Hausflur und um die Haustüre versammelt hatten, um das wichtige Ereignis eingehend zu erörtern. In Wirklichkeit erstreckte sich die Aufregung jedoch über die ganze Straße, und man bemerkte vor dem oder jenem Haus zwei bis drei, ja sogar vier bis fünf Damen – einige derselben in demselben interessanten Zustande, in dem sich Mrs. Kenwigs zuletzt in der Öffentlichkeit gezeigt –, die einander ihre Erfahrungen bei ähnlichen Vorfällen mitteilten. In dem Punkte, daß Mrs. Kenwigs höchst verdienstlich gehandelt habe und es keinen geschickteren und erfahreneren Arzt auf der Welt gäbe als Mr. Lumbey, waren alle sich einig. Mr. Lumbey befand sich unterdessen, wie bereits berichtet, in Mr. Kenwigs' Familienzimmer, spielte mit dem abgesetzten Nesthäkchen und plauderte mit dem Vater. Er war ein untersetzter, rot und bieder aussehender Herr mit einem nicht nennenswerten Hemdkragen und einem Bart, der ungefähr achtundvierzig Stunden alt sein konnte. Doktor Lumbey war allgemein beliebt und grassierte sozusagen in der Nachbarschaft, denn im Lauf der letzten achtundvierzig Stunden hatte man nicht weniger als drei Türklopfer in seinem Bezirk umwickelt. »Na, Mr. Kenwigs«, meinte Mr. Lumbey, »jetzt sind's ja glücklich sechs; mit der Zeit werden Sie eine ganz hübsche Familie zusammenkriegen.« »Ich dächte, sechs wären gerade genug«, brummte Mr. Kenwigs. »Ha, lächerlich, Unsinn«, schalt der Doktor, »nicht halbgenug.« Er lachte, aber nicht halb soviel wie eine verheiratete Freundin von Mrs. Kenwigs, die gerade aus dem Wochenzimmer kam, um über die Fortschritte dort zu berichten und sich mit einem Schlückchen Grog zu erquicken, und die Bemerkung des Doktors gehört hatte und für einen famosen Witz zu halten schien. »Zum Glück werden die Kinder im Leben nicht auf den Zufall angewiesen sein«, warf Mr. Kenwigs hin und nahm seine zweite Tochter aufs Knie, »sie haben eine Erbschaft zu erhoffen.« »Oh!« rief Mr. Lumbey. »Was Sie nicht sagen!« »Und eine recht hübsche, glaube ich, nicht wahr?« fragte die verheiratete Dame. »Nun, Madame«, erwiderte Mr. Kenwigs, »es kommt mir eigentlich nicht zu, mich näher darüber auszulassen, zumal es nicht meine Gewohnheit ist, mich meiner Verwandtschaft zu rühmen. Eines kann ich aber wohl sagen: nämlich, daß Miss Kenwigs – oder besser gesagt, jedes meiner Kinder – auf etwa hundert Pfund zu rechnen haben wird, vielleicht sogar auf mehr. Auf weniger wohl keinesfalls.« »Ein recht hübsches kleines Vermögen«, meinte die verheiratete Dame. »Ja, ja, Mrs. Kenwigs hat Verwandte«, fuhr Mr. Kenwigs fort, nahm eine Prise aus des Doktors Dose und nieste heftig, da er an Schnupftabak nicht gewöhnt war, »die ganz gut zehn Personen je hundert Pfund testamentarisch verschreiben könnten, ohne daß damit ihr Vermögen erschöpft wäre.« »Oh. Ich weiß schon, wen Sie meinen«, bemerkte die verheiratete Dame mit verständnisvollem Kopfnicken. »Ich muß betonen, daß ich keinen Namen genannt habe und auch keinen nennen möchte«, verwies Mr. Kenwigs mit wichtiger Miene, »aber so mancher Freund von mir hat gerade in diesem Zimmer die Bekanntschaft eines nahen Verwandten meiner Frau gemacht, der jeder Familie zur Ehre gereichen würde; mehr will ich nicht sagen.« »Ich kenne ihn ebenfalls«, sagte die verheiratete Dame mit einem Blick auf Mr. Lumbey. »Natürlich muß ich es als Vater«, fuhr Mr. Kenwigs fort, »sehr wohltuend empfinden, wenn ich einen solchen Mann meine Kinder lieben und sogar küssen sehe, aber auch für meine Gefühle als Mensch muß es erhebend sein, einen solchen Mann zu kennen, wie es nicht minder meinen Gefühlen als Gatte schmeichelt, einem solchen Manne das jetzige freudige Ereignis mitteilen zu können.« Nachdem Mr. Kenwigs in dieser Weise seinen Gefühlen Luft gemacht, ordnete er die flachsblonden Zöpfe seines zweiten Töchterchens und empfahl ihr, sich gut aufzuführen und nicht zu vergessen, was ihr ihre Schwester Morlina eingeschärft habe. »Das Mädchen wird wirklich der Mutter von Tag zu Tag ähnlicher«, pries Mr. Lumbey, plötzlich von einer geradezu enthusiastischen Bewunderung für Miss Morlina ergriffen. »Nicht wahr?« rief die verheiratete Dame. »Ich habe es auch immer gesagt; sie ist ihr leibhaftiges Ebenbild.« Dann benützte sie, nachdem sie auf diese Art die allgemeine Aufmerksamkeit auf das junge Mädchen gelenkt, die günstige Gelegenheit, sich abermals an einem Schlückchen Grog – und zwar an einem sehr gehörigen – zu erquicken. »Ja, ja, eine Ähnlichkeit ist nicht zu leugnen«, gab Mr. Kenwigs versonnen zu, »aber was war meine Gattin auch für ein Weib, ehe ich sie heiratete! Gott im Himmel! Was war das für ein Weib!« Mr. Lumbey nickte feierlich mit dem Kopf, sichtlich tief davon durchdrungen, daß Mrs. Kenwigs geradezu ein Ausbund von Schönheit gewesen sein mußte. »Sagen Sie ruhig: eine Fee!« rief Mr. Kenwigs. »Ich habe noch nie ein lebendes Weib gesehen, das so ätherisch gewesen wäre. – Nie! Und das Temperament! So fröhlich und voll Mädchenlaunen und dabei doch so züchtig! Und dann die Figur! Es ist vielleicht heute nicht mehr allgemein bekannt« – Mr. Kenwigs dämpfte seine Stimme fast bis zu vertraulichem Flüstern – »aber ihre schöne Figur war damals so allgemein bekannt, daß sie als Modell für das Hotelholzschild der Britannia in der Halloway Street gewählt wurde.« »Aber bitte, schauen Sie sie nur an, wie sie jetzt noch ist«, stimmte die verheiratete Dame mit ein, »kein Mensch sieht ihr die sechs Kinder an.« »Kein Mensch würde es glauben, wenn ich ihm sagte, sie sei Mutter von sechs Kindern«, rief der Doktor. »Sie sieht eher aus wie ihre eigene Tochter«, überbot ihn die verheiratete Dame. »Gewiß«, pflichtete Mr. Lumbey bei, »mindestens.« Mr. Kenwigs war eben im Begriff, wahrscheinlich zur Bekräftigung dieser Ansicht, noch weitere Bemerkungen zu machen, als eine andere verheiratete Dame, die zu Besuch gekommen war, um Mrs. Kenwigs Mut zuzusprechen und das, was an Essen und Trinken vorhanden war, aufräumen zu helfen, den Kopf zur Türe hereinsteckte, um zu melden, daß man unten geklingelt habe und ein Herr draußen sei, der Mr. Kenwigs »in höchst dringlichen Angelegenheiten« zu sprechen wünsche. Mr. Kenwigs sah schon im Geiste seinen distinguierten Verwandten vor sich und sandte Miss Morlina hinaus, um den Besuch sogleich hereinzuführen. »Oh, das ist ja Mr. Johnson«, rief er einige Sekunden später, nachdem er sich zur Türe hinausbegeben, um seinen Besuch bereits auf dem oberen Treppenabsatz zu empfangen. »Oh, Mr. Johnson! Wie befinden Sie sich, Sir?« Nikolas reichte ihm die Hand, küßte seine ehemaligen Schülerinnen der Reihe nach, übergab Morlinas Obhut ein großes Paket mit Spielsachen, verbeugte sich gegen den Arzt und die verheirateten Damen und erkundigte sich mit so viel Teilnahme nach Mrs. Kenwigs, daß es der Wärterin, die gerade hereinkam, um eine geheimnisvolle Mischung in einem kleinen Napf über dem Feuer zu wärmen, tief zu Herzen ging. »Ich bitte tausendmal um Verzeihung, daß ich zu so ungelegener Zeit vorspreche«, entschuldigte er sich, »aber ich erfuhr von dem freudigen Ereignis erst, als ich geklingelt hatte, und meine Zeit ist augenblicklich so sehr in Anspruch genommen, daß ich fürchtete, erst in einigen Tagen wiederkommen zu können.« »O bitte sehr, Sir«, rief Mr. Kenwigs, »da alles glücklich abgelaufen ist, kann uns, dächte ich, nichts abhalten, ein bißchen miteinander zu plaudern, wie?« »Sehr gütig«, bedankte sich Nikolas. In diesem Augenblick meldete eine dritte verheiratete Dame, daß der neugeborene Säugling zu trinken angefangen habe wie ein Alter, worauf die beiden bereits erwähnten verheirateten Damen tumultuarisch zu der Wöchnerin hineinrauschten, um Zeugen dieses seltenen Naturspiels zu sein. »Eigentlich komme ich«, begann Nikolas, »um einen Auftrag auszurichten, den ich gelegentlich meines Aufenthalts in der Provinz, wo ich einige Zeit zubrachte, zu besorgen übernommen habe.« »Oh, so, so«, sagte Mr. Kenwigs. »Ich bin zwar seit einigen Tagen wieder in London, hatte aber bisher keine Gelegenheit, mich meines Auftrags zu entledigen.« »Hat nichts zu sagen, Sir«, versetzte Mr. Kenwigs. »Es wird keine so dringende Botschaft sein – übrigens eine Nachricht aus der Provinz?« – Er blickte erstaunt auf. – »Das ist sonderbar; ich habe doch gar keine Beziehungen mit der Provinz.« »Von Miss Petowker«, bemerkte Nikolas. »Ach so, daher! Ach Gott ja. Nun, Mrs. Kenwigs wird sich freuen, von ihr zu hören – Sie meinen doch Henriette Petowker? Wie wunderlich doch oft der Zufall spielt, daß Sie gerade mit ihr in der Provinz zusammentreffen mußten – ei, ei.« Als die vier Misses Kenwigs den Namen ihrer Freundin Petowker nennen hörten, umringten sie Nikolas, sperrten Mund und Augen auf und wollten noch mehr hören. Auch Mr. Kenwigs schien ein wenig neugierig zu sein, obwohl er offenbar nichts Schlimmes ahnte. »Mein Auftrag bezieht sich auf gewisse Familienangelegenheiten«, begann Nikolas stockend. »Ach, das macht ja nichts«, meinte Mr. Kenwigs mit einem Blick auf Doktor Lumbey, der wie sich jetzt zeigte, etwas vorschnell die Obhut über den vorletzten kleinen Kenwigs übernommen hatte und nun niemand finden konnte, der Lust an den Tag gelegt hätte, ihm seine kostbare Bürde abzunehmen. »Wir sind hier ganz unter Freunden.« Nikolas räusperte sich ein paarmal und schien sichtlich unschlüssig zu sein, wie er fortfahren solle. »Henriette Petowker ist in Portsmouth?« half Mr. Kenwigs nach. »Ja – hem – auch Mr. Lillyvick ist dort.« Mr. Kenwigs wurde totenblaß, faßte sich jedoch gleich wieder und meinte nur, es sei das wirklich ein höchst sonderbares Zusammentreffen. »Und er war es, der mir die Botschaft für Sie aufgetragen hat.« Mr. Kenwigs lebte sichtlich wieder auf. Mr. Lillyvick wußte, daß sich seine Nichte in delikaten Umständen befand, und ließ ohne Zweifel sagen, man möge ihm über alle Einzelheiten berichten. – Ja, ja, so mußte es sein. – Wie gütig von ihm, das sah ihm wieder so recht ähnlich. »Er hat mir aufgetragen, Sie herzlichst zu grüßen«, stotterte Nikolas. »Ich danke, ich danke; ich bin ihm sehr verbunden – euer Großonkel, Mr. Lillyvick, meine Kinder«, wendete sich Mr. Kenwigs erläuternd zu seinen Mädchen, »läßt mich grüßen«. »Läßt Sie herzlich grüßen«, nahm Nikolas seinen Bericht wieder auf, »und Ihnen sagen, es sei ihm unmöglich gewesen zu schreiben; er – er ließ sich übrigens vor einigen Tagen mit Miss Petowker trauen«, platzte er heraus. Mit verglastem Blick fuhr Mr. Kenwigs von seinem Sessel auf, krampfte seine Finger in die blonden Flechten seiner zweiten Tochter und verhüllte sein Gesicht mit dem Taschentuch. Morlina fiel steif und starr in ihren Kinderstuhl, wie sie ihre Mutter in Ohnmächten hatte hinsinken sehen, und die beiden andern kleinen Kenwigsmädchen heulten jämmerlich auf. »Meine Kinder, meine betrogenen, meine schändlich hintergangenen Kinder«, ächzte Mr. Kenwigs und zerrte vor Wut unwillkürlich seine zweite Tochter so heftig an ihrem Flachszopf, daß sie einige Sekundenlang auf den Zehenspitzen schwebte, »der Schurke, der Esel, der niederträchtige Verräter!« »Um Gottes willen«, schrie die Wärterin unwillig auf, »haben Sie denn den Verstand verloren? Was machen S' denn für an Lärm.« »Still, Weib!« zürnte Mr. Kenwigs. »Ja was fällt denn Ihna ein«, remonstrierte die Wärterin. »Halten S' selbst lieber den Mund, Sie Unmensch. Haben Sie denn gar keine Rücksicht für das Neugeborene?« »Nein«, schäumte Mr. Kenwigs. »Schämen Sie sich«, kreischte die Wärterin. »Pfui, Sie Ungeheuer.« »Mag es sterben«, raste Mr. Kenwigs in sinnloser Wut. »Mag es sterben. Es hat keine Aussichten mehr im Leben, es hat auf keine Erbschaft zu rechnen. – Wir brauchen nichts Neugeborenes jetzt«, wütete er weiter. »Weg damit – hinaus damit – ins Findelhaus.« Und dann warf sich Mr. Kenwigs trotzig in einen Stuhl. Die Wärterin eilte in das anstoßende Zimmer und kehrte mit einer ganzen Schnur von Matronen zurück, um ihnen in einem Strudel von Worten auseinanderzusetzen, daß Mr. Kenwigs gotteslästerliche Aussprüche gegen seine Familie getan habe und offenbar verrückt geworden sei. Der äußere Schein sprach allerdings gegen den Trefflichen, denn der Sturm in seinem Innern und gleichzeitig der Zwang, seine Wutausbrüche aus Rücksicht für die Wöchnerin nebenan zurückdämmen zu müssen, hatte verursacht, daß er fast blauschwarz im Gesicht geworden war; und dazu kam noch, daß sowohl die Aufregung des Tages wie der ungewohnte Genuß verschiedener kräftiger Herzstärkungen, mit denen er das freudige Ereignis gefeiert, seinen Zügen an und für sich schon ein etwas gedunsenes Aussehen verlieh. Als aber Nikolas und der Arzt, die sich anfangs beide passiv verhalten hatten – in der Annahme, Mr. Kenwigs übertreibe vielleicht absichtlich in seiner Wut – nunmehr den Zusammenhang der Sache klarmachten, verwandelte sich die Entrüstung der alten Damen in Mitleid, und sie flehten den sechsfachen Vater aufs teilnehmendste an, sich doch zu beruhigen und zu Bett zu gehen. »Und die Aufmerksamkeiten!« stöhnte Mr. Kenwigs mit einem Jammerblick. – »Die Aufmerksamkeiten, die ich diesem Menschen erwiesen habe! Die Menge Austern, die er bei mir gefressen, und die vielen Flaschen Ale, die er hier gesoffen hat –« »Es ist allerdings eine schwere Prüfung, das wissen wir wohl«, tröstete ihn eine der verheirateten Damen, »aber denken Sie an Ihre liebe arme Frau.« »Ja, ja, und was sie alles heute ausgestanden hat«, riefen sämtliche Matronen durcheinander. »Und die Geschenke, die wir ihm gemacht haben«, fuhr Mr. Kenwigs mit erlöschender Stimme fort. »Die Pfeifen und Schnupftabaksdosen, die ich ihm gedrechselt habe, und dann das Paar Gummigaloschen, das allein sechs Schillinge und sechs Pence kostete –« »Ja, ja, es ist schauderhaft«, riefen sämtliche Damen, »aber es wird ihm schon vergolten werden. Sorgen Sie nicht.« Mr. Kenwigs warf nur einen düstern Blick auf die Damen, stützte den Kopf auf die Hand und verfiel in Lethargie. Die würdigen Matronen fingen an, zu beraten, ob es nicht das gescheiteste sei, den guten Mann zu Bett zu bringen; es würde am nächsten Morgen schon wieder besser mit ihm sein. Sie wüßten ja aus eigener Erfahrung, wie erschütternd Ereignisse wie die heutigen auf Ehemänner wirken. Mr. Kenwigs mache sein Zustand nur Ehre, denn man könne daraus mit Freude entnehmen, welch gutes Herz er besäße. Und dann erzählte eine Dame einen Fall, der ganz auf den gegenwärtigen passe, nämlich, daß ihr Mann bei ähnlichen Anlässen ihrerseits ganz außer sich geraten und einmal gelegentlich der Geburt »ihres Letzten« beinahe eine ganze Woche lang nicht mehr zum Bewußtsein gekommen sei. Endlich meldete Morlina, die ganz vergessen hatte, daß sie eigentlich ohnmächtig war, als sie bemerkte, daß man nicht auf sie achtete, das Zimmer stehe für ihren Vater bereit; und Mr. Kenwigs ließ sich, nachdem er seine vier Töchterchen mit inbrünstigen Umarmungen fast erstickt hatte, von dem Arzt und Nikolas die Treppe hinaus nach dem Interimsschlafzimmer führen, das während der Kindbettepoche für ihn hergerichtet worden war. Als Nikolas ihn glücklich versorgt hatte und laut schnarchen hörte, verteilte er zur Freude sämtlicher kleinen Kenwigs die Spielsachen und verabschiedete sich. Die Matronen entfernten sich gleichfalls – eine nach der andern; nur so ungefähr sechs oder acht besonders intime Freundinnen Mrs. Kenwigs' blieben, um bei der Wöchnerin zu wachen. Die Lichter in den Häusern hinter den Fenstern erloschen allmählich, und das letzte Bulletin lautete dahin, daß sich Mrs. Kenwigs außer jeder Gefahr und den Umständen angemessen wohl befinde. 37. Kapitel Nikolas wird bei den Gebrüdern Cheeryble und Mr. Timotheus Linkinwater immer beliebter. Die Brüder geben anläßlich einer Jahresfeier ein Festmahl, und als Nikolas nach Hause kommt, macht ihm seine Mutter eine höchst wichtige und geheimnisvolle Eröffnung Der Platz, wo sich das Bureau der Gebrüder Cheeryble befand, war, wenn er vielleicht auch nicht den sanguinischen Erwartungen, die sich ein Fremder nach Timotheus Linkinwaters glühenden Lobessprüchen davon bilden mochte, entsprach, immerhin ein recht behaglicher Winkel mitten im Herzen des geräuschvollen London und erfreute sich des liebevollen Gedenkens so manchen Bewohners in der Nachbarschaft, das sich jedoch aus wesentlich jüngeren Epochen herleitete als das des enthusiastischen Mr. Tim Linkinwater. Wer natürlich an die aristokratische Grandezza von Grosvenor oder Hanover Square, die witwenhaft frostige Steifheit von Fitzroy Square, die Kiesgänge und Gartenbänke von Russell und Euston Square gewöhnt ist, muß sich vor Augen halten, daß die Anhänglichkeit Mr. Timotheus Linkinwaters oder anderer ihm an Rang gleicher Personen an diesen kleinen Platz lediglich seelischen Ursprungs war, denn von grünem Laub, wenn es auch noch so staubig gewesen wäre, konnte man dort auch nicht eine Spur bemerken. City Square hat keinen einzigen Baum, den Laternenpfahl in der Mitte vielleicht ausgenommen, und keinen Rasen außer den paar Halmen Gras, die an seiner Basis grünen. Es ist ein ruhiger, wenig besuchter, abgelegener Ort, außerordentlich günstig für einsame und melancholische Grübler und für Rendezvous, bei denen man lange warten muß. Gelangweilt gehen da die Wartenden oft stundenlang aneinander vorüber, wecken auf den ausgetretenen Pflastersteinen das Echo mit dem monotonen Schall ihrer Fußtritte und zählen anfangs die Fenster und schließlich sogar die Ziegelreihen der hohen stillen Häuser, die den Platz einengen. Im Winter findet man hier noch Schnee, wenn er längst auf den belebteren Straßen und den Chausseen geschmolzen ist. Die Sommersonne hat gewissermaßen Respekt vor dem City Square und spart ihre sengende Hitze und ihr blendendes Licht für geräuschvollere und imposantere Orte auf. Es ist hier so ruhig, daß man fast das Ticken seiner Taschenuhr hören kann, wenn man stehenbleibt, um in den Hundstagen die erfrischende Luft einzuatmen. Ein entferntes Summen dringt ans Ohr – von den rollenden Wagen in der City, nicht von Insekten –, das ist aber auch das einzige Geräusch, das die Ruhe von City Square unterbricht. Dann lehnt wohl der Dienstmann mit seiner Nummer an der Mütze müßig an dem Eckpfahl und genießt die behagliche Kühle, wenn ringsum der Tag glühend heiß auf dem Pflaster liegt. Seine weiße Schürze hängt schlaff herab, allmählich senkt sich sein Kopf auf die Brust, die Augen wollen ihm plötzlich nicht mehr recht aufgehen; er ist nicht imstande, der einschläfernden Macht des Ortes zu widerstehen, und schlummert langsam ein. Aber dann schreckt er wohl wieder gelegentlich auf und starrt mit verwirrten Augen vor sich hin. Gibt's ein Geschäft für ihn, oder hat ein Junge in der Nähe mit Marmeln gespielt? Sieht er ein Gespenst, oder hört er eine Drehorgel? Nein, es ist ein weit ungewöhnlicherer Anblick, ein Schmetterling – ein wirklicher, leibhaftiger Schmetterling, der sich vom Blumenduft hierher verirrt hat und die eisernen Spitzen des staubigen Areageländers umflattert, umschwebt ihn. Wenn es aber auch nicht viel unmittelbar vor dem Hause der Gebrüder Cheeryble gab, was die Aufmerksamkeit eines jungen Kontoristen auf sich ziehen oder seine Gedanken hätte zerstreuen können, so bot das Innere dafür um so mehr Stoff für Interesse und Unterhaltung. Da war wohl kein Gegenstand, beseelt oder unbeseelt, der nicht einigermaßen an der gewissenhaften Methodik und Pünktlichkeit Mr. Timotheus Linkinwaters teilgenommen hätte. Mit der Genauigkeit der Bureauuhr, die nach der einer alten versteckten Kirche in unmittelbarster Nähe des Platzes für den besten Zeitmesser in London galt, verrichtete der alte Buchhalter selbst die geringsten Kleinigkeiten seines Tagewerkes und hielt auch die unbedeutendsten Sachen in seinem kleinen Glaszimmer in Ordnung mit einer Pedanterie, die nicht hätte größer sein können, wenn es sich um die auserlesensten Raritäten gehandelt haben würde. Papier, Federn, Tinte, Lineal, Siegellack, Oblaten, Streusandbüchse, Bindfadenbüchse, Feuerzeug, sein Hut, seine Handschuhe, sein Straßenrock, der an der Wand hing und genau so aussah wie er selbst von rückwärts – alles das hatte seinen angewiesenen Platz. Von der Kontoruhr abgesehen, gab es auf der ganzen Welt kein so genaues Instrument mehr als das kleine Thermometer hinter der Türe, und nirgends war ein Vogel mit so methodischen und pedantischen Gewohnheiten zu finden wie die blinde Amsel, die den Tag in einem großen hübschen Käfig verträumte und verschlief und infolge Alters ihre Stimme bereits eingebüßt hatte, ehe sie von Tim käuflich erworben worden. In der ganzen Reihe von Anekdoten, die Tim Linkinwater zu erzählen wußte, war keine so interessant wie die, wie er diesen Vogel erworben, nämlich aus Mitleid mit seinem jämmerlichen Zustand und mit der Absicht, diesem elenden Leben aus Menschlichkeit ein Ende zu machen. Drei Tage hatte Tim Linkinwater noch gewartet, um zu sehen, ob das Tierchen nicht wieder genese, wie sich dann der Vogel noch vor Ablauf der Galgenfrist erholte und allmählich seinen Appetit und sein gutes Aussehen wiederbekam, bis er so wurde, »wie Sie ihn jetzt sehen«, pflegte Tim Linkinwater mit einem stolzen Blick auf den Käfig zu sagen, und dann ließ er jedesmal ein leises Pfeifen vernehmen und rief »Dick«, und Dick, der noch einen Augenblick vorher seinem Äußern und seiner Bewegungslosigkeit nach zu schließen ganz gut eine kunstlos gearbeitete hölzerne oder ausgestopfte Amsel hätte sein können, kam dann in drei kleinen Hüpfern an die Seite des Käfigs, steckte den Schnabel durch die Drähte und wandte die erblindeten Augen seinem alten Herrn zu. In einem solchen Momente wäre es wohl schwer gewesen, zu unterscheiden, wer von beiden der Glücklichere war, der Vogel oder Mr. Timotheus Linkinwater. Aber das war noch lange nicht alles. Überall und überall spiegelte sich die menschenfreundliche Gesinnung der beiden Inhaber des Geschäftes wieder. Die Arbeiter im Magazin waren so kräftige und fröhliche Burschen, daß es eine wahre Freude bedeutete, sie anzusehen. Neben den Schiffs- und Postfahrttabellen, die die Wände des Kontors schmückten, hingen Grundrisse und Pläne für Armenhäuser, Wohltätigkeitsanstalten und Spitäler. Über dem Kaminsims prangten zum Schrecken aller Übeltäter eine Muskete und ein Säbel; die Muskete rostig und schadhaft und der Säbel abgebrochen und ohne Schneide. Anderswo würden die Waffen in diesem Zustand bei jedem wohl nur ein Lächeln hervorgebracht haben, aber hier schienen auch diese Werkzeuge des Faustrechtes und der Gewalt unter dem herrschenden Einfluß zu stehen und zu Sinnbildern des Erbarmens und der Duldsamkeit zu werden. Das waren ungefähr die Gedanken, deren sich Nikolas am ersten Morgen, als er von dem freigewordenen Pulte Besitz ergriff, nicht erwehren konnte. Sie schienen ihn aber nur zur Tätigkeit anzuspornen, denn die nächsten drei Wochen waren seine sämtlichen Freistunden frühmorgens und spätabends unablässig dem Studium der Geheimnisse der doppelten Buchhaltung und anderer Beigaben kaufmännischer Tätigkeit gewidmet, und er gab sich mit solcher Ausdauer und Beharrlichkeit dieser Beschäftigung hin, daß er bereits nach Verlauf von vierzehn Tagen Mr. Linkinwater über seine Fortschritte Bericht erstatten und auf dessen Versprechen zurückkommen konnte, nächstens auch zu schwierigeren Arbeiten verwendet zu werden, trotzdem sich seine ganzen Vorkenntnisse bisher lediglich auf gewisse dunkle Erinnerungen an zwei oder drei sehr lange Additionskolumnen beschränkten, die vor seinem geistigen Auge, in ein altes Schulrechenbuch geschrieben – und der väterlichen Einsicht wegen von des Schreiblehrers eigener Hand mit einem geschmackvoll ausgeführten Schnörkel verziert –, auftauchten. Wenn dann Mr. Linkinwater gelegentlich und langsam ein ungeheures Hauptbuch und ein Journal vor sich hinlegte, Rücken und Deckel sorgfältig abstaubte und die schön beschriebenen fleckenlosen Seiten halb traurig und halb stolz aufschlug und betrachtete, so war das ein Anblick, der wohl der Mühe lohnte. »Im nächsten Mai werden es vierundvierzig Jahre«, sagte Tim, »und seitdem ist wohl an so manches neue Hauptbuch die Reihe gekommen. – Vierundvierzig Jahre!« Und dann schloß er das Buch wieder. »Ich brenne schon vor Ungeduld, einmal anfangen zu können«, drängte Nikolas. Tim Linkinwater schüttelte mit mildem Vorwurf den Kopf. Mr. Nickleby hatte offenbar noch nicht die gehörigen Begriffe von der fabelhaften Wichtigkeit der Buchführung. Was, wenn er sich verschrieb – oder gar etwas ausradieren müßte! – Ja, ja, junge Leute sind Wagehälse; es ist nicht zu glauben, wie tollkühn sie sich manchmal aufs Glatteis wagen und ohne die üblichen sorgfältigen Vorbereitungen Platz nehmen auf dem Schreibebock. Nein, sogar nachlässig vor dem Pulte stehend und mit einem Lächeln um die Lippen – einem wirklichen Lächeln, darüber konnte kein Zweifel sein –, tauchte Nikolas seine Feder ins Tintenfaß und machte sich über die Bücher der Gebrüder Cheeryble her. Timotheus Linkinwater erblaßte, balancierte seinen Schreibsessel auf den zwei Beinen, die Nikolas am nächsten waren, und sah ihm mit atemloser Spannung über die Schulter. Die Gebrüder Charles und Ned traten mitsammen in das Kontor, aber Timotheus Linkinwater winkte ihnen, ohne sich umzusehen, nur ungeduldig zu, um ihnen damit anzudeuten, daß die tiefste Stille beobachtet werden müsse, und folgte der Spitze der ungeübten Feder mit entsetzten Blicken. Die beiden Brüder sahen lächelnd zu, nur Timotheus Linkinwater behielt seine steinerne Miene bei und blieb einige Minuten wie erstarrt, dann atmete er endlich tief und langsam aus, warf, noch immer seine balancierende Stellung auf dem Schreibsessel beibehaltend, Charles Cheeryble einen Blick zu, deutete verstohlen mit der Fahne seiner Feder auf Nikolas und nickte schließlich würdevoll und entschieden, was offenbar soviel heißen sollte, wie: »Er wird sich machen«. Charles Cheeryble nickte gleichfalls und wechselte einen listigen Blick mit seinem Bruder Ned, aber in demselben Moment hielt Nikolas inne, um umzublättern, und Timotheus Linkinwater, der mit seiner Anerkennung nicht länger an sich halten konnte, stieg von seinem Bock herunter und ergriff entzückt die Hand des jungen Mannes. »Brav gemacht«, rief er und sah sich triumphierend nach seinen Prinzipalen um. »Seine großen P's und D's sind genau wie die meinigen, niemals vergißt er den Punkt über dem kleinen ›i‹ und macht durch jedes ›t‹ seinen Strich. Es gibt keinen solchen jungen Mann mehr in London wie diesen«, fuhr er fort und klopfte Nikolas wohlwollend auf den Rücken, »nein, nicht einen einzigen. Reden Sie nicht! Ich dulde keine Einwendungen. In der City ist nicht seinesgleichen zu finden. Man soll mir nur einen einzigen zeigen, wenn man kann!« So seinen Fehdehandschuh hinwerfend, schlug Timotheus Linkinwater mit der geballten Faust so kräftig auf das Pult, daß die alte Amsel vor Schrecken von ihrer Stange herunterfiel und ein entsetztes Piepen vernehmen ließ. »Bravo, Tim, bravo, Tim Linkinwater!« rief Charles Cheeryble, kaum weniger erfreut als sein Buchhalter und klatschte in die Hände. »Ich wußte es doch gleich anfangs, daß sich unser junger Freund alle mögliche Mühe geben werde, und war auch überzeugt, daß es ihm sofort gelingen würde. Hab' ich dir's nicht längst gesagt, Ned?« »Allerdings, lieber Bruder – gewiß, du hast es gesagt und hattest auch vollkommen recht«, versetzte Ned Cheeryble, »hattest vollkommen recht. Tim Linkinwater ist aufgeregt, aber er hat auch alle Ursache dazu – alle Ursache dazu. Tim ist ein wackerer alter Knabe – Tim Linkinwater, Sie sind ein wackerer alter Knabe.« »Welche Freude für mich«, rief Tim, ohne auf dieses Kompliment zu achten, und richtete seine Brille von dem Hauptbuch auf seine beiden Chefs, »welche unendliche Freude! Glauben Sie, es hätte mir vielleicht nicht oft schwere Sorgen gemacht, was wohl alles aus diesen Büchern werden würde, wenn ich einmal nicht mehr bin? Glauben Sie, ich hätte vielleicht nicht oft gefürchtet, es werde alles kunterbunt durcheinandergehen, wenn ich einmal unter dem Rasen ruhe? Aber jetzt«, fuhr er fort und streckte seinen Zeigefinger spitzig gegen Nikolas aus, »jetzt kann ich ruhig sterben, wenn ich ihm noch ein bißchen mehr beigebracht habe. Das Geschäft wird nach meinem Tode fortgehen wie zu meinen Lebzeiten. – Genau so, und ich habe heute die frohe Überzeugung, daß es nie solche Hauptbücher gab – keine solchen Hauptbücher mehr gibt –, nein, und auch nie solche mehr geben wird, wie die der Gebrüder Cheeryble.« Nachdem Mr. Linkinwater seine Gefühle in dieser Weise enthusiastisch ausgedrückt, leistete er sich noch ein kurzes Lachen, was so viel wie eine Herausforderung an die beiden Städte London und Westminster bedeuten sollte, verfügte sich dann an sein Pult, trug die Summe »76« der vorhergehenden Kolonne auf die aufgeschlagene Seite ein und war sofort wieder in seine Arbeit vertieft. »Tim Linkinwater!« rief Charles Cheeryble. »Hören Sie jetzt. Geben Sie mir Ihre Hand! Heute ist Ihr Geburtstag; wie können Sie nur von etwas anderem reden, bevor wir Ihnen nicht eine oftmalige glückliche Wiederkehr dieses Tages gewünscht haben, Tim! Gottes Segen auf Ihr Haupt, Tim Linkinwater, Gottes Segen auf Ihr Haupt!« »Lieber Bruder«, mischte sich Ned Cheeryble ein und ergriff Tims andere Hand. »Tim Linkinwater sieht um zehn Jahre jünger aus als an seinem letzten Geburtstag.« »Ned, lieber Junge«, nahm der andere alte Knabe seinerseits das Wort, »ich glaube, Tim Linkinwater ist hundertfünfzig Jahre alt auf die Welt gekommen und hat sich allmählich auf fünfundzwanzig heruntergelebt, denn er sieht mit jedem Geburtstag jünger aus als an dem vorhergehenden.« »Ja, ja, so ist's, Charles, so ist's«, nickte Ned, »das unterliegt gar keinem Zweifel.« »Vergessen Sie nicht, Tim«, wendete sich Charles Cheeryble an den alten Buchhalter, »daß wir heute um halb sechs statt um zwei Uhr speisen; Sie wissen, Tim Linkinwater, an Ihrem Geburtstag machen wir das immer so. Und auch Sie, lieber Mr. Nickleby, müssen dabei sein. Tim Linkinwater, jetzt geben Sie mir mal Ihre Dose als ein Andenken für meinen Bruder Ned und mich und nehmen Sie dagegen diese hier als einen geringen Beweis unserer Hochachtung und Wertschätzung. Sie dürfen Sie aber nicht eher aufmachen, als bis Sie zu Bett gehen, und wenn Sie mir dann je ein Wort von der ganzen Sache später sagen, drehe ich Ihrer Amsel den Hals um. Der Vogel hätte übrigens schon vor einem halben Dutzend Jahren einen goldenen Käfig haben müssen, wenn er oder sein Herr dadurch nur um ein bißchen glücklicher geworden wäre! – Also, lieber Ned, mein Junge, ich bin jetzt bereit. – Vergessen Sie nicht, um halb sechs, Mr. Nickleby; Tim Linkinwater, sehen Sie mir darauf, daß Mr. Nickleby um halb sechs Uhr mitkommt. – Also, Bruder Ned, gehen wir.« So ihrer Gewohnheit gemäß einen Satz an den andern reihend, um Dankesäußerungen von der andern Seite unmöglich zu machen, entfernten sich die beiden Zwillingsbrüder, nachdem sie Tim Linkinwater mit einer kostbaren goldenen Dose beschenkt hatten, die eine Banknote enthielt, die den Wert des kleinen Kunstwerks um mehr als das Zehnfache überstieg. Punkt ein Viertel auf sechs langte, wie an jedem Geburtstag des Buchhalters, Tim Linkinwaters Schwester an, und da gab es sofort ein großes Aufhebens zwischen ihr und der alten Haushälterin wegen der Haube, die Miss Linkinwater aus ihrer Wohnung durch einen Knaben hergeschickt hatte, die aber noch immer nicht angekommen war, trotzdem man sie in eine Schachtel gepackt, die Schachtel in ein Tuch gewickelt und das Tuch dem Jungen an den Arm gebunden hatte. Auch war die Adresse pflichtgetreu auf die Rückseite eines alten Briefkuverts geschrieben und dem Jungen unter Androhung der fürchterlichsten Strafen eingeschärft worden, das Paket mit größter Eile und ohne unterwegs auch nur eine Sekunde zu verlieren, abzugeben. Und jetzt lamentierte Miss Linkinwater, und die Haushälterin bedauerte sie, und beide steckten die Köpfe aus einem Fenster des zweiten Stockes heraus, um zu sehen, ob der Bube denn nicht käme, oder besser gesagt, ob er nicht schon da sei, denn die Entfernung bis zur Ecke betrug kaum fünf Schritt. Plötzlich und in einem Augenblick, wo man ihn am wenigsten erwartete, erschien der Bote, die Schachtel mit ausgesuchtester Sorgfalt auf dem Arme und von einer gerade entgegengesetzten Richtung kommend – ächzend, keuchend und erhitzt von der Anstrengung, was übrigens ganz natürlich war, denn er hatte sich zuerst auf einer Droschke, die nach Camberwell fuhr, hinten aufgesetzt, war dann vor einem Kasperltheater stehen geblieben und hatte schließlich ein paar Stelzenläufer bis zur Türe ihres Hauses verfolgt. Trotzdem schien die Haube unversehrt, und das war ein Trost. – Ausschimpfen nützte nichts, und so trat der Junge vergnügt seinen Rückweg an, und Tim Linkinwaters Schwester bewillkommnete die Gesellschaft im Parterre genau fünf Minuten später, nachdem die untrügliche Uhr halb sechs geschlagen hatte. Die Gesellschaft bestand aus den Gebrüdern Cheeryble, Timotheus Linkinwater selbst, einem rotwangigen, weißhaarigen Freund von ihm – einem pensionierten Handlungsangestellten sowie Nikolas, den man sofort Mr. Timotheus Linkinwaters Schwester mit großer Würde und Feierlichkeit vorstellte. Als alle glücklich versammelt waren, klingelte Mr. Cheeryble, und gleich darauf wurde angekündigt, es sei das Essen aufgetragen, worauf er Tim Linkinwaters Schwester ins Speisezimmer führte. Ned setzte sich obenan und Charles unten an die Tafel, Tim Linkinwaters Schwester saß Ned Cheerybles zur Linken und Tim Linkinwater selbst zur Rechten. Ein alter Kellner von apoplektischem Aussehen und auffallend kurzen Beinen postierte sich hinter Ned Cheerybles Lehnstuhl und erhob den Arm, um die Deckel der Schüsseln sogleich abnehmen zu können, wenn man das Zeichen zum Anfang gäbe. »Für diese und alle andern Segnungen, Bruder Charles –«, begann Ned. »– Möge uns der Herr mit aufrichtigem Dank erfüllen, Ned«, ergänzte Charles. Der apoplektische Kellner riß daraufhin sofort den Deckel von einer Suppenterrine weg und wurde wie auf Zauberschlag Leben und Beweglichkeit. Die Unterhaltung ließ sich trefflich an, und es stand nicht zu befürchten, daß der Stoff so leicht ausgehen werde, denn die gute Laune der beiden braven alten Knaben wirkte mit, daß alle gesprächig blieben. Tim Linkinwaters Schwester erging sich denn auch sogleich nach dem ersten Glase Champagner in einem langen und umständlichen Bericht über ihres Bruders Kindheit, wobei sie vorsorglich vorausschickte, daß sie viel jünger als Tim sei und die Tatsachen nur durch Familienüberlieferungen erfahren habe. Als sie mit der Geschichte glücklich zu Ende gekommen, erzählte Ned Cheeryble, wie man Timotheus Linkinwater genau vor fünfunddreißig Jahren im Verdacht gehabt, einen Liebesbrief erhalten zu haben, und wie diese sagenhafte Nachricht in das Kontor gedrungen sei, da man ihn mit einer ungemein schönen Jungfrau Cheapside habe hinuntergehen sehen. Das verursachte ein allgemeines Gelächter, und Tim Linkinwater, dem man zur Last legte, er werde rot, wurde aufgefordert, eine Erklärung abzugeben, wie sich die Sache verhalten habe, was er denn auch tat. Er sagte ganz einfach, die Sache sei »nicht wahr«, und fügte hinzu, im übrigen könne er nichts Unrechtes darin erblicken, wenn die Sache sich auch wirklich so verhalten hätte. Diese Einschränkung veranlaßte den pensionierten Handlungsangestellten zu einem lauten Gelächter und zu der Erklärung, daß das wohl der beste Witz sei, den er je in seinem Leben gehört, und daß Tim Linkinwater jetzt lange werde reden müssen, bis er etwas herausbrächte, das diesem gleichkäme. Ein ganz eigentümlicher kleiner Vorfall machte einen sehr tiefen Eindruck auf Nikolas. Als das Geschirr abgetragen war und die Flasche zum erstenmal kreiste, trat plötzlich ein tiefes Schweigen ein, und in den sonst so heiteren Gesichtern der beiden Brüder lag mit einem Mal ein Ausdruck nicht gerade von Trauer, wohl aber von stiller Nachdenklichkeit, wie sie sonst bei einem Feste nicht gerade üblich ist. Nikolas fiel diese Veränderung auf, und er machte sich eben seine Gedanken, was sie wohl zu bedeuten habe, als die beiden Brüder aufstanden und Ned mit leiser Stimme, wie zu seinem Bruder hinüber, die Worte sprach: »Lieber Charles, dieser Tag erweckt noch eine andere Erinnerung in uns, die wir nie vergessen dürfen und nie vergessen können; derselbe Tag, der der Welt einen so treuen und musterhaften Menschen schenkte, entriß ihr auch die gütigste und beste der Mütter: die unserige. Ich wollte, sie hätte uns in unserm Wohlstand sehen und unser Glück teilen können. Welche Freude wäre es ihr gewesen, zu erfahren, wie innig wir sie zu der Zeit geliebt haben, als wir noch zwei arme Jungen waren – aber es sollte nicht sein. Lieber Bruder – auf das Andenken unserer teuren Mutter!« »Was sind das für wackere Männer«, dachte Nikolas, »und wie viele in derselben Stellung würden sie nicht einmal zu Tisch bitten, da sie mit den Messern essen und niemals in die Schule gegangen sind.« Aber es blieb keine Zeit zum Moralisieren, denn fast unmittelbar darauf war die allgemeine Heiterkeit wiederhergestellt, und als die Portweinflasche beinahe geleert schien, klingelte Ned, und sofort tauchte der apoplektische Kellner auf. »David!« »Sir?« »Eine Flasche von dem ›Doppeldiamant‹, David, damit wir auf Mr. Linkinwaters Gesundheit trinken können.« Der apoplektische Kellner zog sofort mit einer Gewandtheit, die die Bewunderung der ganzen Gesellschaft erregte und schon seit mehreren Jahren bei dieser Gelegenheit erregt hatte, die linke Hand hinter dem Rücken hervor, in der sich die gewünschte Flasche bereits mit hineingeschraubtem Stöpselzieher befand, entkorkte sie im Nu und stellte sie nebst Pfropfen mit der Würde des Vollbewußtseins unnachahmlicher Geschicklichkeit auf den Tisch. »Ah«, rief Ned, zuerst den Kork untersuchend und sich dann das Glas füllend, während der alte Kellner selbstgefällig und schmunzelnd zusah, als wären alle Dinge hier sein Eigentum und die Anwesenden seine Gäste: »Feine Marke, was David?« »Möt wohl sien«, versetzte David. »Wird wohl schwer sein, 'n Glas Wein zu finden wie unsern Doppeldiamant und Mr. Linkinwater weet dat woll. Der Wein wurde am Jahrestag von Mr. Linkinwaters Eintritt ins Geschäft eingelagert.« »Da hör' mal einer, David!« fiel Charles Cheeryble ein. »Wenn Sie erlauben, Sir, ich habe es selber ins Kellerbuch eingetragen«, sagte David mit dem Brustton eines Mannes, der von der Untrüglichkeit seiner Behauptung tief durchdrungen ist. »Mr. Linkinwater war erst zwanzig Jahre hier, Sir, als die Pipe Doppeldiamant eingelagert wurde.« »David hat recht, vollkommen recht, Bruder Charles«, rief Ned, »sind die Leute da, David?« »Vor der Türe, Sir.« »Laß sie doch herein, David! Laß sie doch herein.« Gehorsam stellte der alte Kellner ein Brett mit Gläsern vor seinen Herrn hin und öffnete die Türe, um die Arbeiter hereinzulassen, die Nikolas bereits unten gesehen hatte. Es waren im ganzen vier. Sie traten, sich verbeugend, grinsend und errötend ein, während die Haushälterin, die Köchin und die Hausmagd die Nachhut bildeten. »Sieben«, zählte Ned Cheeryble und füllte eine Reihe von Gläsern mit dem ›Doppeldiamant‹, »und David dazu macht acht. – Hier, da habt ihr. Ihr werdet jetzt sämtlich auf die Gesundheit eures besten Freundes, des Mr. Timotheus Linkinwater, trinken und ihm Wohlergehen und langes Leben sowie noch recht oftmalige fröhliche Wiederkehr dieses Tages wünschen. Nicht nur um seiner selbst, sondern auch um seiner alten Prinzipale willen, die in ihm einen unbezahlten Schatz sehen. Tim Linkinwater, Ihre Gesundheit! Hol Sie der Kuckuck, Tim Linkinwater, und Gottes Segen auf Ihr Haupt!« Bei diesen sich, genau genommen, ein wenig widersprechenden Worten gab Ned Cheeryble Tim einen Schlag auf den Rücken, daß dieser einen Augenblick fast ebenso apoplektisch aussah wie der Kellner, und trank dann sein Glas mit einem Ruck aus. Timotheus Linkinwaters Gesundheit war kaum mit gebührender Feierlichkeit getrunken, als der stämmigste und breitschultrigste der Arbeiter linkisch vortrat, sich den Schweiß von der Stirne wischte, seine einzige graue Locke hinters Ohr schob, um der Gesellschaft seine Achtung zu bezeugen, und unter beständigem heftigem Reiben seiner Handflächen an einem blauen baumwollenen Taschentuch folgendermaßen anhob: »Wir dürfen uns jährlich eine Freiheit herausnehmen, miene Herren, und wenn's erlaubt is, wöölt wie dat jetzt daun. Nichs is beeter als die Gegenwaart und n' Vogel im Busch is mehr weert als twej in de Hand, wie wi alle weeten, oder umgekehrt, wat datselwe is. (Eine Pause – der alte Kellner schien durchaus nicht überzeugt zu sein.) – Wir wollen nämlich sagen, daß es nie (er sah dabei den Kellner an) – solche – (er blickte nach der Köchin) – edle – vortreffliche – (er blickte in die leere Luft) freigewige, großmütige und wackere Herren gewen hett als die, die uns an diesem Tage friehalten hewen. Un wi danken auch für all dat Goode, wat Sej an uns allen daun hewen, und wünschen Ihnen ein langes Leben un een selig Steerben.« Kaum war das letzte Wort dieser Rede verklungen, die vielleicht wohlgesetzter hätte sein können, aber kaum herzlicher, da ließ der ganze Chor unter dem Kommando des apoplektischen Kellners drei Vivats erschallen, die leider und zur größten Entrüstung des Kommandanten recht unregelmäßig ausfielen, da die Damen es sich nicht nehmen ließen, eine unzählige Menge kleiner schriller »Hochs« dazwischen zu gellen, ohne sich im mindesten um den Taktstock des Kapellmeisters zu kümmern. Dann entfernten sich alle, und bald nachher zog sich Tim Linkinwaters Schwester zurück. Nach einer Weile brach auch die übrige Gesellschaft auf, um sich's bei einer Tasse Kaffee oder Tee und einer Partie Karten wohl sein zu lassen. Um halb elf Uhr – einer späten Stunde für den City Square – erschien ein Teller mit Sandwiches und einer Bowle »Bischof«, die nach dem »Doppeldiamant« und den andern aufregenden Getränken einen solchen Einfluß auf Tim Linkinwater übte, daß er Nikolas beiseite nahm und ihm im Vertrauen andeutete, es habe, offen gestanden, ganz seine Richtigkeit mit der ungemein schönen Jungfrau, und sie wäre tatsächlich auch so schön gewesen, wie man sie beschrieben habe – ja sogar noch viel schöner –, daß sie jedoch zu große Eile gehabt, dem ledigen Stande Lebewohl zu sagen und sich daher noch, während er sich um sie beworben und die Sache mit Besonnenheit betrieben habe, mit einem andern verheiratet hätte. Die Angelegenheit sei aber gescheitert. »Ich muß allerdings gestehen, daß es mein Fehler war«, schloß Tim. – »Ich werde Ihnen übrigens dieser Tage droben einen Kupferstich zeigen; er hat mich fünfundzwanzig Schillinge gekostet, und ich habe ihn gekauft, als wir einander schon aufgegeben hatten – erwähnen Sie hier nichts davon –, der Kupferstich hat nämlich eine auffallende Ähnlichkeit mit der Betreffenden; kann Ihnen sagen, es ist ein leibhaftiges Porträt, Sir.« Mittlerweile schlug die Uhr elf, und da Mr. Linkinwaters Schwester ausdrücklich erklärte, sie hätte schon vor einer Stunde zu Hause sein müssen, so wurde eine Droschke geholt, und Ned Cheeryble half ihr mit großer Förmlichkeit hinein, während Charles dem Kutscher die ausführlichsten Anweisungen erteilte und ihm außerdem einen Schilling über die Taxe bezahlte, damit er ja auf das gewissenhafteste um die Dame besorgt sei. Dann erstickte er den Mann noch mit einem Glas Brandy von seltener Stärke und hätte ihm beinahe den Atem aus dem Leibe geklopft, während er aufs eifrigste bemüht war, ihn durch kräftige Schläge auf den Rücken wieder zu sich zu bringen. Endlich rumpelte der Wagen davon, und ziemlich bald darauf verabschiedeten sich Nikolas und Tim Linkinwaters Freund gleichzeitig und überließen den alten Buchhalter und das würdige Brüderpaar ihrer Ruhe. Da Nikolas einen ziemlich weiten Weg hatte, war es schon ziemlich lange Mitternacht vorüber, als er zu Hause ankam. Seine Mutter und Smike erwarteten ihn. Ihre Zeit zum Schlafengehen war zwar längst vorüber, denn sie hatten auf seine Heimkehr mindestens um zwei Stunden früher gerechnet, aber trotzdem war sie ihnen rasch vergangen, denn Mrs. Nickleby hatte Smike mit einem genealogischen Bericht über ihre Familie mütterlicherseits unterhalten, dem sie die Hauptäste der Hauptstämme beigefügt, und Smike, der aus alledem nicht recht klug zu werden vermochte, hatte sich tiefe Gedanken darüber gemacht, ob Mrs. Nickleby alles das aus einem Buche gelernt habe oder aus dem Kopfe hersage. Die Unterhaltung mußte daher beiderseits außerordentlich spannend gewesen sein. Nikolas konnte gar nicht genug erzählen über die herrlichen Eigenschaften und die Freigebigkeit der Gebrüder Cheeryble und sprach auch über den Erfolg, den er am Tage im Bureau gehabt. Aber kaum war er mit den ersten paar Sätzen zustande gekommen, da bemerkte ihm Mrs. Nickleby unter Blinzeln und Kopfnicken, sie sei davon durchdrungen, Smike müsse außerordentlich müde sein, und sie könne nicht zugeben, daß er auch nur eine Minute länger aufbleibe. »Nun, das muß man ihm nachsagen, er ist ein ungemein williger und fügsamer junger Mensch«, sagte sie, als Smike ihr gute Nacht gewünscht und das Zimmer verlassen hatte. »Ich weiß, du wirst mich entschuldigen, daß ich jetzt meine Nachtmütze aufsetze, lieber Nikolas, aber ich liebe es nicht, mich in einem solchen Aufzuge vor fremden Personen sehen zu lassen. Übrigens wäre es vor einem jungen Menschen nicht ganz passend gewesen, obgleich ich im Grunde nicht einsehe, was Schlimmes dabei herauskommen könnte, ausgenommen, daß es an und für sich nicht schicklich ist. – Allerdings sind die Meinungen darüber verschieden, und ich weiß auch nicht, was daran wäre, wenn sie nur gut gemacht und die Garnierung hübsch schmal geplättet ist. Davon hängt natürlich das meiste ab.« Damit zog Mrs. Nickleby ihre Nachtmütze aus einem großen Gebetbuch hervor, wo sie klein zusammengefaltet gelegen hatte, und schickte sich an, sie aufzusetzen, wobei ihr die Zunge natürlich keinen Augenblick stillstand. »Die Leute mögen sagen, was sie wollen« – ging es weiter – »aber eine Nachthaube ist und bleibt etwas sehr Bequemes, und ich bin ganz überzeugt, du würdest das auch sagen, lieber Nikolas, wenn du Bänder an der deinigen trügest und sie wie ein ehrlicher Christenmensch aufsetzen wolltest, statt wie ein Waisenknabe oben auf dem Scheitel zu befestigen. Du brauchst es durchaus nicht für unmännlich oder lächerlich zu halten, dem Gebrauch einer Nachtmütze zu huldigen. Ich habe deinen armen seligen Vater und Mr. – wie hieß der Herr doch nur, der immer Gebete in der alten Kirche mit dem sonderbaren kleinen Turm las, dessen Wetterfahne in der Nacht gerade acht Tage vor deiner Geburt heruntergeweht wurde –, na, sei es wie es sei, ich habe oft sagen hören, daß die Studenten mit ihren Nachtmützen außerordentlich eigen seien und daß die Oxforder Nachtmützen wegen ihrer Stärke und Güte einen großen Ruf genossen – es hieß, sie seien so berühmt, daß es den jungen Leuten gar nicht in den Sinn komme, ohne solche Mützen zu Bett zu gehen, und ich glaube, jeder wird ihnen wohl zugestehen, daß sie wissen müssen, was gut ist, und sich wahrhaftig nichts abgehen lassen.« Nikolas lachte auf und kehrte, ohne sich auf das Thema weiter einzulassen, in der heitersten Stimmung wieder zu der kleinen Geburtstagsfeier zurück, und da seine Mutter auf der Stelle sehr neugierig wurde und eine Menge Fragen stellte, was man gegessen, wie gekocht worden, ob die Speisen gut oder schlecht geschmeckt, wer eingeladen gewesen sei, was die Brüder Cheeryble gesagt und was Nikolas gesagt und was die Brüder Cheeryble darauf geantwortet und er dann wieder gesagt habe und dergleichen, so beschrieb Nikolas die Festlichkeit wie auch die Bureau-Ereignisse des Tages des langen und breiten. »So spät es auch ist«, schloß er, »so möchte ich doch fast wünschen, Kate wäre aufgeblieben, um alles das mit haben anhören zu können. Den ganzen Heimweg über hat mich beinahe die Ungeduld verzehrt, es ihr zu erzählen.« »Ja, richtig, Kate«, unterbrach ihn Mrs. Nickleby, stemmte den Fuß auf die Kaminstange und rückte ihren Stuhl näher, sich offenbar zu einer größeren Erzählung vorbereitend, »Kate ist natürlich schon seit ein paar Stunden im Bett, und ich bin recht froh, lieber Nikolas, daß sie mir folgte und schlafen gegangen ist, denn ich wollte die Gelegenheit benutzen, mit dir einige Worte zu sprechen; ich bin ein wenig bedrückt, und es ist da natürlich eine Freude für mich und ein Trost, einen erwachsenen Sohn zu haben, dem ich mich anvertrauen und mit dem ich mich beraten kann, und ich weiß wirklich nicht, was man eigentlich von Söhnen hätte, wenn man ihnen kein Vertrauen schenken könnte.« Nikolas unterdrückte, als seine Mutter zu sprechen begann, ein Gähnen, sah ihr aber jetzt mit gespannter Aufmerksamkeit ins Gesicht. »Als wir in der Nähe von Dawlish wohnten, gehörte eine Dame zu unserer Nachbarschaft – weil ich gerade von Söhnen spreche, bringt mich das darauf« – sprach Mrs. Nickleby fort – »also, wie gesagt, es lebte damals eine Dame in unserer Nachbarschaft, die, wie ich glaube, Rogers hieß – nein, sie kann unmöglich anders geheißen haben, höchstens vielleicht Mercy – das ist noch mein einziger Zweifel –« »Ist das die Dame, von der du mit mir sprechen wolltest, Mutter?« fragte Nikolas gelassen. »Dieselbe Dame?« rief Mrs. Nickleby. »Gott im Himmel, Nikolas, wie kannst du wieder so unaufmerksam sein. Aber gerade so hat es auch dein armer seliger Papa immer gemacht – zick zack, hin und her, immer mit den Gedanken anderswo und nie imstande, sich auch nur zwei Minuten auf irgendeinen bestimmten Gegenstand zu konzentrieren –, es ist mir, als sähe ich ihn vor mir«, fuhr Mrs. Nickleby, sich die Augen wischend, fort, »wie er mich immer anblickte, wenn ich von seinen eigenen Angelegenheiten mit ihm sprach; gerade so, als sei er im Geiste ganz woanders. Jeder, der uns bei einer solchen Gelegenheit überrascht hätte, würde sicher geglaubt haben, ich mache ihn nur verwirrter und zerstreuter, während ich ihm doch die Sachen aufs klarste hinbreitete – wahrhaftig ja, jeder würde es geglaubt haben.« »Ich fürchte, Mama, daß ich so unglücklich bin, die langsame Auffassungsgabe meines Vaters geerbt zu haben«, entgegnete Nikolas freundlich, »aber ich werde mein Bestes tun, aufzupassen, wenn du nur ohne Abschweifungen fortfahren willst.« »Ach, dein armer Vater«, seufzte Mrs. Nickleby nachdenklich, »nie wußte er, was ich von ihm wollte, bis es zu spät war.« Das stimmte ohne Zweifel, denn der selige Mr. Nickleby hatte es noch nicht einmal bei seinem Tode begriffen. Freilich wußte Mrs. Nickleby selber nie, was sie eigentlich wollte, und das mag als Entschuldigungsgrund für ihn gelten. »Alles das hat nun gar nichts«, seufzte Mrs. Nickleby, ihre Tränen trocknend, »mit dem Herrn nebenan zu tun.« »Ich sollte meinen, der Herr nebenan hat mit uns überhaupt nichts zu schaffen«, entgegnete Nikolas. »Es unterliegt gar keinem Zweifel«, fuhr Mrs. Nickleby unbeirrt fort, »daß er ein Mann von Bildung ist und die Manieren sowie das Äußere eines Gentlemans hat, trotzdem er Kniehosen und graue wollene Strümpfe trägt. Aber das mag wohl eine Exzentrizität sein, oder vielleicht bildet er sich etwas auf seine Beine ein; ich sehe übrigens gar nicht ein, warum er es nicht tun sollte; auch der Prinzregent war stolz auf seine Beine und ebenso auch Daniel Lambert, der Fettmensch, der sich seines Umfanges wegen auf den Jahrmärkten sehen ließ, und dann auch Miss Biffin, die Dame ohne Extremitäten – das heißt«, setzte Mrs. Nickleby sich verbessernd hinzu, »das waren ja eigentlich keine Beine, sie hatte doch bloß Zehen. Aber im Prinzip kommt es auf dasselbe heraus.« Nikolas war nicht wenig verwundert über diese sonderbare Einleitung zu einem offenbar wichtigen Thema, das seine Mutter, daran war kein Zweifel, zur Sprache zu bringen gedachte. »Ich war natürlich überzeugt, daß du erstaunt sein würdest«, fuhr Mrs. Nickleby fort, »auch mich hat es fast wie ein Blitzstrahl berührt und mir das Blut in den Adern zum Stocken gebracht. Sein Garten stößt an den unserigen, und so kam es, daß ich ihn einigemal in seiner kleinen Bohnenlaube sitzen oder in seinen kleinen Frühbeeten arbeiten sah. Es kam mir zwar damals schon so vor, als schaue er uns nach, aber ich achtete nicht besonders darauf, zumal wir doch vor kurzem erst eingezogen sind und er wahrscheinlich neugierig war, wer wir seien. Als er aber anfing, Gurken über unsere Gartenmauer zu werfen –« »Gurken über die Gartenmauer zu werfen?« wiederholte Nikolas, aufs höchste verblüfft. »Jawohl, lieber Nikolas«, bekräftigte Mrs. Nickleby mit sehr wichtiger Miene, »Gurken über unsere Gartenmauer, und auch Melonen.« »Das ist doch wirklich eine bodenlose Frechheit«, brauste Nikolas auf. »Ich glaube nicht, daß er etwas Schlimmes damit beabsichtigt hat«, entgegnete Mrs. Nickleby. »Was? Gurken und Melonen nach den Leuten zu werfen, wenn sie in ihrem Garten spazierengehen, und nichts Schlimmes damit meinen? Wie soll ich das verstehen, Mama?« Nikolas hielt inne, denn er gewahrte plötzlich unter den Besätzen der Nachtmütze seiner Mutter in deren Gesicht einen unbeschreiblichen Ausdruck selbstgefälligen Triumphes, verbunden mit ehrbarer Verwirrung. »Er muß ein sehr schwacher, törichter und unbesonnener Mensch sein«, gab Mrs. Nickleby zu, »und sein Benehmen verdient gewiß Tadel – wenigstens glaube ich, daß andere Leute die Sache in diesem Lichte sehen würden. Von mir kann man natürlich nicht erwarten, daß ich eine Meinung darüber äußere, besonders, da ich deinen armen seligen Vater immer verteidigte, wenn ihn andere tadelten, daß er mir einen Heiratsantrag gemacht – aber, wie es auch sei, einem Zweifel kann es nicht unterliegen, daß unser Nachbar einen recht kuriosen Weg gewählt hat. Nichtsdestoweniger sind seine Aufmerksamkeiten – natürlich nur in gewissem Sinne – immerhin schmeichelhaft, und obgleich es mir nicht im Traume einfallen würde, mich jemals zu verheiraten, ehe unsere liebe Kate nicht versorgt ist –« »Gewiß, liebe Mutter; ich bin überzeugt, daß dir ein solcher Gedanke unmöglich auch nur einen Augenblick in den Sinn gekommen sein kann«, fiel Nikolas ein. »Ach Gott, lieber Nikolas«, versetzte die Mutter ein wenig empfindlich, »wollte ich denn das nicht eben selber sagen? – Wenn du mich nur immer aussprechen ließest! Selbstverständlich habe ich diesen Gedanken nicht aufkommen lassen und bin jetzt ebenso verwundert wie erstaunt, daß du mich dessen für fähig halten kannst. Alles, was ich sage, ist, daß es nur darauf ankommt, welche Maßregeln die besten sind, um seine Annäherungsversuche höflich zurückzuweisen, ohne ihn zu sehr zu verletzen oder vielleicht sogar zur Verzweiflung zu treiben. Lieber Gott«, rief sie geziert, »denke dir nur, Nikolas, was, wenn er sich etwas antäte? – Könnte ich dann je wieder froh werden?« Trotz seines Ärgers und seiner Verstimmung konnte sich Nikolas doch eines Lächelns nicht erwehren. »Und du glaubst wirklich, Mama, daß so etwas überhaupt möglich ist?« »Das weiß ich doch wirklich nicht, lieber Nikolas. Wie kann ich denn das überhaupt wissen? Aber eines Falles entsinne ich mich, der in der vorgestrigen Zeitung stand und einem französischen Blatte entnommen sein soll, wo ein Schuhmachergehilfe auf ein junges Mädchen in einem Nachbardorf eifersüchtig wurde, weil sie sich nicht mit ihm in einer Dachkammer einschließen und durch Kohlenoxydgas vergiften wollte. Er ging hin, versteckte sich mit einem scharf geschliffenen Messer im Walde, stürzte, als das Mädchen mit einigen Freundinnen vorüberging, hervor und tötete zuerst sich selbst, dann die Freundinnen und dann sie – das soll natürlich heißen, zuerst die Freundinnen, dann sie und dann sich selbst. – Denke dir nur, wie schrecklich! Wie sonderbar«, fuhr Mrs. Nickleby nach einer kleinen Pause fort, »immer sind es Schuhmachergesellen, die derartige Sachen in Frankreich verüben, wie man genau aus den Zeitungen ersehen kann. Ich weiß nicht, wie das kommt – der Grund muß wahrscheinlich in dem Leder liegen.« »Aber Mama, was hat denn also dieser Mensch, der doch gar kein Schuhmacher ist, getan oder gesagt?« fragte Nikolas, der vor Ungeduld und Ärger fast verging, sich aber vollkommen beherrschte und seine Mutter ruhig und gefaßt ansah. »Ich wüßte nicht, daß in irgendeiner Blumensprache der Welt ein Kürbis oder eine Gurke als Liebeserklärung gedeutet wird.« »Ach, lieber Nikolas«, seufzte Mrs. Nickleby, schüttelte den Kopf und blickte melancholisch in die verglimmende Asche im Kamin, »er hat so mancherlei gesagt und getan.« »Ist da aber jeder Irrtum deinerseits ausgeschlossen, Mama?« »Irrtum?« rief Mrs. Nickleby »O Gott, lieber Nikolas, glaubst du wirklich, ich wüßte nicht und sähe nicht, wenn es einem Manne ernst ist?« »Hm, hm«, murmelte Nikolas vor sich hin. »Sooft ich ans Fenster trete«, fuhr Mrs. Nickleby fort, »küßt er sich die Fingerspitzen und legt die andere Hand aufs Herz. – Es ist das gewiß sehr albern von ihm, und du wirst sagen, es sei unrecht. Aber er tut es mit der größten Ehrerbietung – wirklich und wahrhaftig mit der größten Ehrerbietung – und zärtlich, außerordentlich zärtlich. Insofern verdient er auch zweifellos die größte Achtung. Und dazu kommen noch die Geschenke, die Tag für Tag über die Mauer herüberfliegen und die durchaus nicht zu verachten sind. Gestern erst hatten wir eine von den Gurken zu Mittag, die übrigen wollen wir für den nächsten Winter einsalzen. Und gestern abend«, fügte Mrs. Nickleby mit mädchenhafter Verwirrung hinzu, »rief er mich, als ich im Garten spazierenging, leise über die Mauer herüber an und sprach von Flucht, heimlicher Heirat und Entführung. Seine Stimme ist glockenrein – klingt fast wie ein Verrophon –, aber ich hörte natürlich nicht auf seine Reden. – Es fragt sich jetzt nur, lieber Nikolas, was soll ich tun?« »Weiß Kate davon?« fragte Nikolas. »Ich habe mit ihr noch mit keiner Silbe darüber gesprochen.« »Um Gottes willen, Mama, tue es auch nicht. Du würdest sie damit nur höchst unglücklich machen«, rief Nikolas. »Und wie du dich selbst in der Sache benehmen sollst, liebe Mutter, das wirst du, wenn du mit deinen eigenen Gefühlen zu Rate gehst und an meinen verstorbenen Vater denkst, selbst wissen. Du kannst ihm ja auf tausenderlei Weise dein Mißfallen an diesen abgeschmackten und läppischen Aufmerksamkeiten zu erkennen geben. Wenn du so entschieden handelst, wie es deine Pflicht ist, und er dann immer noch nicht aufhört, dich zu belästigen, so werde ich ihm schon den Kopf zurechtsetzen. Ich möchte mich nur nicht gerne in eine so lächerliche Sache einmischen und ihr dadurch Wichtigkeit beilegen, bevor du nicht selbst die nötigen Schritte getan hast. Frauen haben ja in solchen Dingen stets einen sichern Takt, und das muß bei dir um so mehr der Fall sein, schon wegen deiner Jahre und deiner Stellung und unter Umständen, wie den gegenwärtigen, bei denen es nicht einmal der Mühe wert erscheint, ernstlich darüber nachzudenken. Ich möchte dich auch nicht dadurch kränken, daß ich mir den Anschein gebe, als nähme ich mir den Vorfall zu Herzen und dächte auch nur einen Augenblick daran, ihn ernst zu behandeln; der Mensch ist eben ein abgeschmackter alter Dummkopf.« Damit küßte Nikolas seine Mutter, wünschte ihr gute Nacht und begab sich dann zur Ruhe. Mrs. Nickleby hätte gewiß aus Liebe zu ihren Kindern jeden Gedanken an eine zweite Vermählung verworfen, selbst wenn sie ihren seligen Gatten so weit vergessen haben würde, um zu einem andern Neigung fassen zu können, aber, trotzdem in ihrem Herzen nichts Böses und auch nur wenig wirkliche Selbstsucht wucherte, so war sie doch ziemlich eitel und recht schwach an Verstand. Und dann lag soviel Schmeichelhaftes in dem Gedanken für sie, man könne sie in ihren Jahren noch zur Ehe begehren – und obendrein vergeblich –, daß sie die Leidenschaft des unbekannten Herrn nebenan doch nicht so ganz summarisch abfertigen konnte, als es Nikolas für nötig zu halten schien. »Ich sehe durchaus nicht ein, warum seine Bewerbung gar so abgeschmackt, läppisch und lächerlich sein sollte«, sagte sie sich, als sie in ihrem Zimmer noch weiter über die ganze Angelegenheit nachdachte. »Hoffnungen darf er sich freilich keine machen, aber deshalb sehe ich noch immer nicht ein, weshalb er ein alberner Dummkopf sein müßte. Er kann doch nicht im voraus wissen, daß seine Bewerbung hoffnungslos ist. – Der arme Mensch, meiner Ansicht nach ist er eher zu beklagen.« Dann blickte Mrs. Nickleby in ihren kleinen Toilettenspiegel, trat ein paar Schritte zurück und quälte ihr Gedächtnis damit ab, wer es wohl gewesen sein könne, der ihr vor einiger Zeit gesagt, Nikolas sähe trotz seiner einundzwanzig Jahre eher wie ihr Bruder als wie ihr Sohn aus. Da ihr der Name absolut nicht einfallen wollte, so blies sie die Kerze aus und zog die Jalousien auf, um das bereits dämmernde Morgenlicht hereinzulassen. »Die Dämmerung ist nicht sehr geeignet, Gegenstände genau unterscheiden zu lassen«, murmelte sie und blickte in den Garten hinunter, »und meine Augen sind nicht besonders scharf mehr. Ich war zwar von Jugend an kurzsichtig, aber wahrhaftig, wenn ich nicht irre, da liegt schon wieder eine große Melone auf der Gartenmauer.« 38. Kapitel Ein Kondolenzbesuch – Smike begegnet unverhofft einem alten Bekannten, der ihn in sein Haus einlädt und von Einwendungen durchaus nichts wissen will Nichts ahnend von den Demonstrationen ihres verliebten Nachbars oder deren Einfluß auf das empfängliche Herz ihrer Mutter, hatte Kate Nickleby allmählich angefangen, sich einem Gefühl von Ruhe und Glück hinzugeben, das ihr lange fremd gewesen. Sie lebte jetzt mit ihrem geliebten Bruder, von dem sie so plötzlich und unter so traurigen Verhältnissen getrennt worden war, unter dem gleichen Dach, und da sie sich nunmehr sicher fühlte von allen Verfolgungen, die sie verletzen konnten, war ihr, als sei ein neues Leben für sie angebrochen. Ihre frühere Heiterkeit schien wieder hergestellt, ihr Schritt hatte die ehemalige Leichtigkeit und Elastizität wieder angenommen, die Rosen der Gesundheit kehrten auf ihre Wangen zurück, und sie sah schöner aus als je. Zu dieser Ansicht war auch Miss La Creevy nach längerem Nachdenken und scharfen Beobachtungen gekommen, als sich das kleine Häuschen – »vom Schornstein bis herunter zum Schuhkratzer«, wie sie sich ausdrückte – prächtig repräsentierte und sie jetzt Zeit gewann, auch ein wenig an die Insassen zu denken. »Ich erkläre, daß es nicht der Fall war, als ich das erste Mal hierher kam«, sagte Miss La Creevy, »denn von morgens bis abends habe ich an nichts als Hämmer, Nägel, Schrauben und Bohrer denken können.« »Ich glaube, Sie denken überhaupt niemals an sich selbst«, entgegnete Kate lächelnd. »Ich wäre auch eine richtige Gans«, erklärte die kleine Malerin, »wenn ich's täte, solange ich noch an andere Dinge denken kann. Übrigens, da fällt mir etwas ein. Wissen Sie, daß ich an einem Ihrer Hausgenossen eine große Veränderung – eine ganz außerordentliche Veränderung bemerke?« »An wem?« fragte Kate besorgt, »doch nicht an –?« »Nein, nicht an Ihrem Bruder, liebes Kind«, fiel Miss La Creevy schnell ein, »er ist immer derselbe liebevolle, gutherzige, verständige Mensch, der er war, als ich ihn kennen lernte. Nein, ich meine Smike, wie er genannt zu werden verlangt. Er hat's nicht gern, wenn man ein ›Mr.‹ vor seinen Namen setzt. – Ja, der arme Smike hat sich in dieser kurzen Zeit sehr verändert. »Wieso?« fragte Kate, »Sie meinen doch nicht hinsichtlich Gesundheit?« »Hm – hm – nein, nicht gerade hinsichtlich Gesundheit«, sagte Miss La Creevy zögernd, »obgleich er recht elend und schwächlich ist und etwas im Gesicht hat, was mir das Herz brechen würde, wenn ich's in dem Ihrigen sehen müßte – nein, ich meine nicht hinsichtlich Gesundheit.« »Bitte, so erklären Sie sich doch deutlicher.« »Ach, wenn ich's nur so leicht herausbrächte«, seufzte die kleine Miniaturmalerin. »Ich habe ihn lange und scharf beobachtet, und jedesmal kamen mir dabei die Tränen in die Augen. Das ist allerdings bei mir nichts Besonderes, da ich ziemlich weichherzig bin. Aber hier hatte ich wirklich gute Ursache dazu. Ich habe das Gefühl, daß er, seit er hier ist, mehr zum Bewußtsein seiner Verstandesschwäche gekommen ist. Er empfindet es jetzt mehr und schmerzlicher und sieht ein, daß er oft die einfachsten Dinge nicht begreifen kann. Ich habe, wenn Sie nicht zugegen waren, liebes Kind, sehr oft auf ihn achtgegeben, wie er zuweilen mit einem Schmerzensausdruck im Gesicht, den ich kaum ertragen konnte, brütend dasaß und dann aufstand und das Zimmer mit so betrübter und niedergeschlagener Miene verließ, daß ich Ihnen gar nicht sagen kann, wie es mir zu Herzen ging. Noch vor drei Wochen war er ein leichtherziges rühriges Geschöpf, das nichts mehr freute als die Arbeit und heiter sich und glücklich fühlte von morgens bis abends. Jetzt aber ist er ein ganz anderer Mensch, zwar noch immer so dienstbeflissen, harmlos, anhänglich und liebevoll wie früher, aber sonst in jeder Beziehung verändert.« »Das wird sich gewiß mit der Zeit wieder geben«, meinte Kate, »ach Gott, der arme Mensch!« »Ich will es hoffen«, versetzte Miss La Creevy mit einem Ernst, den man sonst selten an ihr bemerkte, »ich will es um seinetwillen hoffen. Aber«, fuhr sie mit ihrem gewöhnlichen heiteren Plauderton fort, »ich bin jetzt mit meinen düsteren Schilderungen zu Ende. – Jedenfalls will ich Smike noch heute abend ein bißchen aufzuheitern suchen, und wenn er mich wieder den ganzen Weg nach Hause begleitet, so will ich plaudern und plaudern und plaudern und nicht aufhören, bis ich ihm wenigstens ein Lächeln abgezwungen habe. Je bälder er heute also ausgeht, desto besser für ihn, und je bälder ich gehe, desto besser auch für mich, sonst fängt mir mein Dienstmädchen eine Liebschaft mit irgendeinem Kerl an, der mir dann zu guter Letzt noch das Haus ausplündert; obgleich ich nicht wüßte, was er außer Tischen und Stühlen mitnehmen könnte, wenn er sich nicht an meinen Porträts vergreifen wollte – und die dürfte er wohl kaum anbringen, da ich's, ehrlich gestanden, selbst nicht einmal imstande bin.« Dann versteckte die kleine Miss La Creevy ihr Gesicht unter einem sehr kleinen Hut und sich selbst unter einem sehr großen Schal und erklärte, jetzt könne der Omnibus kommen, sobald es ihm beliebe; sie sei ihrerseits vollkommen bereit. Mit gebrochenem Schenkel, schweren Quetschwunden am ganzen Körper und einem durch halb geheilte Wunden entstellten Gesicht, bleich und abgezehrt von Schmerz und Wundfieber, lag inzwischen Sir Mulberry Hawk auf seinem Lager, das er noch für manche kommende Woche zu hüten verurteilt war. Mr. Pyke und Mr. Rupfer saßen bei einer Weinflasche im Nebenzimmer und unterbrachen von Zeit zu Zeit das Gemurmel ihrer etwas eintönigen Unterhaltung mit einem halb unterdrückten Lachen, während der junge Lord – der einzige noch nicht hoffnungslos Unverbesserliche in der ganzen Gesellschaft – mit einer Zigarre im Munde gutherzig bei seinem Mentor saß und ihm beim Lichte einer Lampe aus der Zeitung vorlas. »Hol der Teufel diese verwünschten Schufte«, fluchte der Patient und wandte ungeduldig den Kopf nach der Türe des Nebenzimmers. »Werden sie denn nicht endlich den Mund halten?« Die Herren Pyke und Rupfer hörten den Ausruf und verstummten sofort, blinzelten einander jedoch zu und füllten sich, um sich für die Störung schadlos zu halten, ihre Gläser bis zum Rand. »Verdammt«, murmelte der Patient zwischen den Zähnen und wälzte sich ungeduldig in seinem Bett hin und her, »als ob die Matratze noch nicht hart genug, das Zimmer noch nicht fad genug und der Schmerz noch nicht arg genug wäre! Auch noch plagen müssen sie einen mit ihrem Geplapper. Wieviel Uhr ist's?« »Halb neun«, antwortete der junge Lord. »Rücken Sie gefälligst den Tisch etwas näher«, brummte Sir Mulberry, »und geben Sie die Karten her. Spielen wir wieder mal eine Partie Piquet.« Es war recht bezeichnend, mit welchem Eifer der Kranke, der nur mühsam den Kopf neigen und auch sonst seine Lage nur mit großen Schmerzen verändern konnte, im Verlaufe der Partie jede Bewegung seines Freundes scharf bewachte und mit unerhörter Schlauheit und Kaltblütigkeit spielte. Mit seinem Überblick und seinem Geschick wäre er wohl auch einem zwanzigmal stärkeren Gegner, als der junge Lord es war, überlegen gewesen. Selbst wenn dieser gute Karten bekam, was selten eintrat. Er gewann jedes Spiel, und als der junge Lord die Karten endlich ärgerlich wegwarf und sich weigerte, länger zu spielen, streckte er seine abgemagerte Hand aus und strich den Gewinn mit einem prahlerischen Fluch und demselben heiseren Lachen ein, das zu seinen Gewohnheiten gehörte, wenn es auch diesmal lange nicht so laut schien wie sonst und wie er es beispielsweise vor ein paar Monaten in Ralph Nicklebys Speisesaal hatte hören lassen. In diesem Augenblick trat der Bediente ein und meldete, daß Mr. Ralph Nickleby unten sei und zu wissen wünsche, wie sich der Herr Baron diesen Abend befände. »Besser, sagen Sie ihm«, rief Sir Mulberry ungeduldig. »Mr. Nickleby wünscht zu wissen, Sir –« »Ich sage doch schon, es geht mir besser«, wiederholte Sir Mulberry und schlug mit der Faust auf den Tisch. Der Bediente zögerte ein paar Sekunden und brachte dann heraus: »Mr. Nickleby hat um Erlaubnis gebeten, dem Herrn Baron seine Aufwartung machen zu dürfen, wenn er nicht ungelegen käme.« »Aber er kommt ungelegen. Ich habe keine Lust, ihn zu empfangen; ich nehme überhaupt keine Besuche an«, schrie Sir Mulberry noch heftiger als zuvor, »habe ich dir das nicht schon hundertmal gesagt, du Dummkopf?« »Ich bitte um Entschuldigung, Sir«, fing der Bediente wieder an, »aber Mr. Nickleby schien es so dringlich zu haben, Sir –« In Wirklichkeit hatte Ralph Nickleby den Bedienten natürlich bestochen, und dieser wollte das Trinkgeld in einer Weise verdienen, die ihm für die Zukunft ähnliche derartige Nebeneinkünfte verhieß, weshalb er mit der Türklinke in der Hand noch länger zu warten wagte. »Sagte er, daß er mich in Geschäftssachen zu sprechen wünsche?« fragte Sir Mulberry, nachdem er ungeduldig ein wenig nachgedacht hatte. »Nein, Sir. Er sagte nur, er wünsche Sie zu besuchen, Sir. Das waren seine Worte, Sir.« »So lasse ihn heraufkommen. – Halt«, befahl Sir Mulberry, den Bedienten zurückrufend, da ihm plötzlich einfiel, wie entstellt sein Gesicht aussah, »nimm die Lampe weg und stelle sie auf den Nachttisch hinter mir, schiebe auch den Tisch beiseite und setze einen Stuhl hierher. – So. – Noch weiter weg. – So. Jetzt ist's gut.« Der Bediente gehorchte und verließ dann das Zimmer. Lord Frederic stand auf, murmelte so etwas wie, »daß er bald wieder hier sein werde«, begab sich in das anstoßende Zimmer und schloß die Flügeltüren hinter sich. Gleich darauf ließ sich ein leiser Schritt auf der Treppe vernehmen, und Ralph Nickleby schlich, den Hut in der Hand, sich immerwährend tief verneigend und dabei die Augen stets auf das Gesicht des würdigen Geschäftsfreundes geheftet, lautlos ins Zimmer. »Nun, Nickleby«, begann Sir Mulberry und winkte ihm mit geheuchelter Nonchalance, sich auf den Stuhl neben sein Bett zu setzen, »es ist mir, wie Sie sehen, ein böser Unfall zugestoßen.« »Ich sehe«, antwortete Ralph, den Blick nicht von dem Gesicht des Baronets wendend. »In der Tat sehr schlimm. Ich würde Sie kaum mehr erkannt haben, Sir Mulberry. Wahrhaftig sehr, sehr schlimm.« In des Wucherers Benehmen lag eine tiefe Unterwürfigkeit und Ehrerbietung, und der gedämpfte Ton seiner Stimme verriet die größte Rücksicht für den Patienten, aber der Ausdruck seiner Miene bildete dazu den grellsten Gegensatz. Wie er so in seiner gewöhnlichen gebückten Haltung dastand und die vor ihm liegende Gestalt betrachtete, hätte jeder aufmerksame Beobachter deutlich bemerken müssen, daß er ein sarkastisches Lächeln nur mühsam unterdrückte. »Setzen Sie sich«, lud ihn Sir Mulberry ein, sich mit Anstrengung zu ihm wendend, »bin ich denn ein Wundertier, daß Sie so dastehen und mich angaffen?« Als Ralph Nickleby jetzt das Gesicht des Baronets deutlich sah, prallte er ein paar Schritte zurück, tat, als ob er sein Erstaunen kaum unterdrücken könne, und setzte sich dann in gutgespielter Verwirrung nieder. »Ich habe jeden Tag unten angefragt, Sir Mulberry«, begann er, »anfangs sogar zweimal am Tage. Heute abend aber konnte ich nicht umhin, mit Rücksicht auf unsere alte Bekanntschaft und auf unsere frühere Geschäftsverbindung, die für uns beide doch so angenehm ist, um die Erlaubnis, Sie besuchen zu dürfen, zu bitten. – Haben Sie – haben Sie viel Schmerzen ausgestanden?« fragte er und beugte sich vor, während dasselbe höhnische Lächeln über seine Züge glitt, als der andere die Augen schloß. »Mehr, als mir lieb ist, und weniger, als mir wahrscheinlich gewisse geleimte Gimpel unserer Bekanntschaft gönnen würden, die ihren Ruin vermutlich uns zur Last legen«, knurrte Sir Mulberry und bewegte den Arm nervös auf der Decke hin und her. Ralph zuckte die Achseln, als bedaure er den gereizten Ton, der aus diesen Worten klang, wie denn auch überhaupt in seinem ganzen Benehmen eine so unangenehme kalte Bitterkeit lag, daß es der Patient kaum auszuhalten vermochte. »Und in was für ›Geschäften‹ kommen Sie jetzt zu mir?« fragte Sir Mullberry »In keinen. – Ich habe zwar ein paar Wechsel von Mylord in Händen, die demnächst fällig werden, aber ich will die Sache auf sich beruhen lassen, bis Sie wiederhergestellt sind. Ich – ich – komme«, fuhr Ralph Nickleby langsamer und eindringlicher fort, »ich komme lediglich, um Ihnen mein Bedauern auszudrücken, daß es gerade ein Verwandter von mir – wenn er auch von mir verstoßen ist – war, der Ihnen die Züchtigung angedeihen ließ –« »Züchtigung!« fuhr Sir Mulberry auf. »Ich meine damit, daß er Sie übel zugerichtet hat«, verbesserte Ralph, die Unterbrechung absichtlich falsch deutend, »und es lag mir daher um so mehr am Herzen, ihnen zu sagen, daß ich diesen Vagabunden aus meinem Hause verstoßen habe – ihn überhaupt nicht mehr als Verwandten anerkenne und es Ihnen und jedermann freistelle, mit ihm nach Belieben zu verfahren. Meinetwegen können Sie ihm den Kragen umdrehen – mich soll die Sache nichts angehen.« »Die Geschichte ist also, wie ich höre, ruchbar geworden«, knurrte Sir Mulberry, ballte die Fäuste und knirschte mit den Zähnen. »Alle Welt spricht davon. In jedem Klub, in jedem Spielzimmer hört man von nichts anderm. Es kam mir sogar zu Ohren, man habe ein Couplet darauf gedichtet«, erzählte Ralph spöttisch und faßte den Baronet fest ins Auge. »Ich weiß es zwar nicht aus eigener Erfahrung, da ich solche Orte niemals besuche, aber ich ließ mir sagen, die Geschichte sei sogar gedruckt – natürlich nur für Privatzirkel. Aber das reicht selbstverständlich hin, um eine solche Geschichte in der ganzen Stadt bekannt zu machen.« »Das ist eine Lüge«, rief Sir Mulberry. »Ich sage Ihnen, es ist eine freche Lüge! Nur der Gaul ist durchgegangen, weiter war's nichts.« »Man sagt, er habe ihn zum Durchgehen gebracht«, sagte Ralph in derselben kalten und gelassenen Weise. »Andere behaupten wieder, er hätte sogar Sie zum Durchgehen veranlaßt, aber das ist zweifellos eine Lüge. Ich habe es auch selbstverständlich – und dutzende Male – als solche hingestellt. Ich bin gewiß ein friedliebender Mensch, aber ich kann es nicht mit anhören, wenn Ihnen Leute etwas Derartiges nachsagen – nein, gewiß und wahrhaftig nicht.« Sir Mulberry hatte sich inzwischen so weit gesammelt, um einige zusammenhängende Worte sprechen zu können. Er faßte Ralph beim Rockaufschlag und zog ihn näher zu sich, und mit so ernstem und ruhigem Gesicht, als handle es sich um etwas ganz Selbstverständliches. »Wenn ich mich erst von diesem verfluchten Lager erheben kann«, brummte er und schlug sich mit der Hand wütend auf sein gebrochenes Bein, »so will ich mich rächen, wie es noch kein Sterblicher getan hat. Bei Gott, das will ich. Diesmal war ihm der Zufall noch günstig, und er hat mich für eine Woche oder zwei übel zugerichtet, aber ich werde ihm ein Brandmal aufdrücken, das er bis zum Grabe mit sich herumschleppen soll. Ich werde ihm die Nase einschlagen und die Ohren abreißen – ihn durchpeitschen und ihn verstümmeln für sein ganzes Leben. Ja noch mehr, dieses Musterbild von Keuschheit und Ausbund von Ziererei, diese überprüde Dirne soll mir –« Vielleicht schoß Ralph bei diesen Worten das Blut ins Gesicht, vielleicht erinnerte sich Sir Mulberry plötzlich, er könne den Wucherer an einer zu empfindlichen Stelle getroffen haben, kurz, er hielt plötzlich inne, schüttelte nur wütend die Faust und schloß seine unausgesprochene Drohung mit einem schrecklichen Fluch. »Ich gebe zu, daß es einem allerdings die Galle aufregen kann«, sagte Ralph nach kurzem Schweigen, während dessen er den Patienten scharf ins Auge gefaßt hatte, »wenn man bedenkt, daß Sie, der Mann von Welt, der Roué par excellence , der Löwe von zwanzig Saisons durch einen halbwüchsigen Knaben so zugerichtet wurden.« Sir Mulberry blickte wütend auf, aber Ralphs Augen waren bereits zur Erde gesenkt und in seinen Mienen nichts anderes zu lesen als der Ausdruck des Nachdenkens. »Ein Milchbart« – fuhr Ralph fort – »gegenüber einem Mann, dessen bloßes Gewicht ihn schon erdrücken sollte – ganz abgesehen von seiner Geschicklichkeit im – ich irre doch nicht?« setzte er hinzu und bückte plötzlich auf. »Sie hatten doch einmal die Meisterschaft im Boxen – nicht wahr?« Der Kranke machte eine ungeduldige Gebärde, die Ralph als Bejahung auffaßte. »Ich dachte mir's doch«, sagte er. »Ich glaube zwar, es war, ehe ich Sie kennenlernte, aber ich wußte doch ziemlich gewiß, daß ich mich nicht irre. Er ist allerdings recht geschickt und behend, glaube ich, aber das sind Ihnen gegenüber wohl nur unbedeutende Vorteile. Ja, ja, das Glück – das Glück ist eben immer auf der Seite solcher nichtswürdiger Galgenvögel.« »Na, Glück wird er wohl brauchen können, wenn ich wieder gesund auf den Beinen stehe«, knirschte Sir Mulberry Hawk, »und wenn er sich ins Innerste der Erde verkröche.« »Ach Gott«, versicherte Ralph hastig, »das Verkriechen fällt ihm gar nicht ein. Er wohnt jetzt hier in London, Sir, und steht gewiß jeden Tag zu Ihrer Verfügung. – Hier in London spaziert er am hellichten Mittag herum und sieht sich um, ob er Sie nicht irgendwo finden kann. – Ich schwöre«, setzte er mit finsterer Miene hinzu, in der sich jetzt zum ersten Mal sein ganzer Ingrimm kundgab, »wenn wir in einem Lande lebten, wo man dergleichen ohne Gefahr riskieren könnte, so würde ich ein hübsches Stück Geld dransetzen, wenn ich ihn beiseite schaffen und den Hunden zum Fraß in die Gosse werfen könnte.« Als er, und zwar zum nicht geringen Erstaunen seines alten Geschäftsfreundes, sich in diesen zärtlichen Verwandtschaftsgefühlen ergangen und gerade seinen Hut wieder zur Hand nahm, um sich zu entfernen, trat Lord Frederic Zierling herein. »Äh, was zum Kuckuck haben Sie denn da mit Nickleby zu unterhandeln, Hawk?« fragte der junge Aristokrat. »In meinem ganzen Leben habe ich – äh – keinen so scheußlichen Lärm gehört. – Krah, krah, krah, – wau, wau, wau – äh – was soll denn das alles heißen?« »Sir Mulberry ist übler Laune gewesen«, erklärte Ralph mit einem spöttischen Blick auf den Kranken. »Doch nicht etwa wegen einer Geldaffäre, hoffe ich? – Vielleicht etwas im Geschäft schiefgegangen? – Was, Nickleby?« »O nein, Mylord«, entgegnete Ralph. »In diesem Punkt verstehen wir uns immer. Sir Mulberry hat sich nur an die Geschichte seines Un –« Er hatte nicht nötig, weiter fortzufahren, denn Sir Mulberry fiel ihm ins Wort und stieß eine Flut von Drohungen und Verwünschungen gegen Nikolas aus. Der Wucherer, der, wie immer, auch hier scharf beobachtete, bemerkte jetzt zu seiner nicht geringen Überraschung, daß Lord Zierling, der sich anfangs ganz nonchalant und dandyhaft den Bart gedreht, plötzlich ein sehr ernstes Gesicht machte – noch mehr erstaunte er aber, daß er, als Sir Mulberrys Wutausbruch vorüber war, unwillig und energisch verlangte, das Thema in seiner Anwesenheit nie wieder berührt zu hören. »Vergessen Sie nicht, Hawk«, bemerkte er mit ungewöhnlicher Entschlossenheit, »daß ich niemals einer feigen Rache an diesem jungen Mann Vorschub leisten werde und dergleichen auch niemals zugebe, wenn ich es verhindern kann.« »Feig, Lord Frederic?« unterbrach ihn Sir Mulberry. »Ja«, bekräftigte der junge Aristokrat ruhig und sah seinem Freund fest in die Augen. »Wenn Sie ihm gesagt hätten, wer Sie sind, ihm Ihre Karte gegeben und sich nachher geweigert haben würden, sich ihm zu stellen, da er Ihnen an Rang nicht ebenbürtig sei, wäre das schon peinlich genug gewesen, so aber liegt das Unrecht ganz und gar auf Ihrer Seite; und auch ich habe nicht recht gehandelt, denn ich hätte mich ins Mittel legen sollen. Und noch jetzt tut es mir leid, daß ich es nicht getan habe. Was Ihnen dann später passierte und wie die Sache ausging, war lediglich Zufall, und Sie sind mehr daran schuld als er. Sie werden sich daher, solang ich es verhindern kann, nicht an ihm rächen – das schwöre ich Ihnen.« Damit drehte sich der junge Lord auf dem Absatz um, ging zur Türe, kehrte aber nochmals zurück und fügte mit noch größerer Erregtheit als vorhin hinzu: »Ich glaube jetzt, bei meiner Ehre – ich glaube jetzt fest, daß seine Schwester ebenso tugendhaft und bescheiden wie schön ist, und was ihren Bruder anbelangt, so bin ich der Ansicht, daß er sich ganz so benommen hat, wie sich ein Bruder eben benehmen mußte, und zwar auf eine ebenso ehrenhafte wie männliche Weise. Ich möchte von ganzem Herzen und ganzer Seele wünschen, daß man uns beiden ein nur halbwegs so anständiges Vorgehen nachsagen könnte.« Nach diesen Worten verließ Lord Frederic das Zimmer und ließ Ralph Nickleby und Sir Mulberry in peinlichem Staunen zurück. »Ihre Erziehungsmethode scheint da ziemlich fehlgeschlagen zu sein«, flüsterte Ralph. »Das ist ja ein Gelbschnabel frisch aus der Pension eines Landpredigers, wie er leibt und lebt.« »Ach was, Gelbschnäbel haben hin und wieder solche Anfälle«, brummte Sir Mulberry Hawk ärgerlich, biß sich in die Lippen und blickte nach der Türe. »Überlassen Sie ihn nur mir!« Ralph Nickleby wechselte noch einen verständnisinnigen Händedruck mit dem Baronet und trat dann seinen Heimweg an. Ungefähr zur gleichen Zeit hatte der Omnibus Miss La Creevy sowie Smike an der Türe ihres Hauses abgesetzt. In ihrer Gutmütigkeit wollte die kleine Porträtmalerin durchaus nicht zugeben, daß ihr Begleiter heimkehre, ohne sich nicht zuvor bei ihr mit einem Schluck Wein und einem Bissen Zwieback gestärkt zu haben, und da Smike weder etwas gegen die Herzstärkung noch gegen den Zwieback einzuwenden hatte, kam es, daß er sich länger aufhielt, als er ursprünglich beabsichtigt hatte. Es war daher bereits seit einer halben Stunde dunkel geworden, als er sich zum Nachhausegehen anschickte. Er hatte nur geradeaus zu gehen, und da er fast jeden Tag Nikolas auf demselben Weg in die City begleitete und allein zurückkehrte, so war es nicht sehr wahrscheinlich, daß er sich verirren könnte. Miss La Creevy trug ihm noch viele freundliche Grüße an Mrs. und Miss Nickleby auf, und nachdem sie einander die Hände gedrückt, brach Smike auf. Vor Ludgate Hill angelangt, bog er ein paar Schritte ab, um sich Newgate ein wenig anzusehen, und setzte dann seine Wanderung durch die City raschen Schrittes fort, als er, plötzlich um eine Ecke biegend, so heftig an jemand anprallte, daß er sich an einem Laternenpfahl anhalten mußte, um nicht umzufallen. Im selben Augenblick umklammerte ein kleiner Junge eines seiner Beine und der gellende Ruf: »Ich hab' ihn, Vater, hurra«, tönte ihm in die Ohren. Er kannte die Stimme nur zu gut. Voll Verzweiflung sah er auf den Jungen herunter, der die Worte ausgestoßen, blickte sich um, und ein kalter Schauder überlief ihn von Kopf bis Fuß. Mr. Squeers hatte ihn am Rockkragen mit dem Griff seines Regenschirms gehakt und hielt ihn am andern Ende mit aller Kraft fest. Das Triumphgeschrei war von Master Wackford ausgegangen, der ihn jetzt trotz allen Sträubens mit der Zähigkeit eines Bulldoggs festhielt. Sofort erkannte der unglückliche Smike seine verzweifelte Lage; fast gelähmt, vermochte er auch nicht einen Laut hervorzubringen. »Prachtvoll«, jubelte Mr. Squeers und hangelte sich an dem Schirm immer näher heran, bis er sein Opfer endlich mit beiden Händen am Kragen fassen konnte. »Prachtvoll, wunderbar. Wackford, mein Junge, hole eine Droschke.« »Eine Droschke, Vater?« wiederholte der kleine Wackford. »Jawohl, eine Droschke«, krächzte Squeers, sich am Anblick Smikes weidend. »Egal, was es kostet, wir wollen ihn in einer Droschke nach Hause bringen.« »Was hat er denn angestellt?« fragte ein Arbeiter mit einem Trog voll Mörtel, an den Squeers einen Augenblick vorher angeprallt war. »Alles mögliche«, antwortete der Pädagog, seinen ehemaligen Sklaven außer sich vor Freude betrachtend. »Alles mögliche. Er ist fortgelaufen – hat einen Mordanfall an seinem Lehrer verübt. – Es gibt keine Ruchlosigkeit, die er nicht begangen hätte. Gott im Himmel! Wie prachtvoll, wie wundervoll!« Der Arbeiter blickte Squeers und Smike zweifelnd an, aber den armen Burschen hatte auch die letzte Spur von Besinnung verlassen. Die Droschke kam, Master Wackford stieg ein, Squeers schob den verzweifelten Smike nach, sprang dann selbst hinein und warf den Schlag ins Schloß. Langsam fuhr der Kutscher davon, und der Maurer, ein Kollege von ihm, eine alte Äpfelfrau und ein kleiner aus der Abendschule heimkehrender Junge, die die einzigen Zeugen des Auftritts gewesen, blieben mit offenem Munde stehen und wußten nicht, wie sie sich alles das deuten sollten. Squeers setzte sich jetzt seinem unglücklichen Opfer gegenüber, stemmte die Hände auf die Knie, sah Smike ein paar Minuten unverwandt an, schien dann endlich wie aus einem seligen Traume zu erwachen, brach in ein lautes Gelächter aus und traktierte den Ärmsten mit einem Hagel von Ohrfeigen. »Es ist kein Traum, es ist wirkliches Fleisch und Blut, ich spüre es an der Hand«, jubelte er, gab Smike noch ein paar Ohrfeigen und lachte bei jeder hell hinaus. »Deine Mutter wird vor Vergnügen aus der Haut fahren, mein Junge«, sagte er entzückt zu seinem Sohn. »Nein, daß wir gerade gegen ihn anrennen und ich ihn mit meinem Regenschirm habe entern können – prachtvoll – wunderbar – hahaha!« »Und ich hab' ihn am Bein festgehalten, Vater«, frohlockte der kleine Wackford. »Freilich, und famos hast du deine Sache gemacht, mein Junge«, lobte Squeers und klopfte seinem Sprößling auf die Wange, »und zur Belohnung sollst du die beste Jacke und Weste kriegen, die der erste neue Schüler mitbringt. Fahre nur immer so fort und tue, was du deinen Vater tun siehst, und dann wirst du, wenn du stirbst, in den Himmel hineinplumpsen, ohne daß man dich nach einem Paß fragt.« – Abermals klopfte er seinem Sohn auf die Wange und auch Smike – aber in etwas anderer Art – und fragte sein Opfer dann spöttisch, was es wohl glaube, was jetzt geschehen werde. »Ich muß nach Hause«, jammerte Smike verstört. »Das sollst du auch!« höhnte Squeers. »Und zwar sehr bald. Nur ein paar Tage, dann sind wir daheim im stillen Dörfchen Dotheboys in Yorkshire, mein junger Freund, und wenn es dir das nächstemal gelingt fortzulaufen, gebe ich dir die Erlaubnis wegzubleiben. Wo sind übrigens die Kleider, mit denen du durchgegangen bist, du undankbarer Schuft?« Smike blickte auf seinen sauberen Anzug, den ihm Nikolas gekauft, nieder und rang die Hände. »Weißt du, daß ich dich in Old Bailey aufknöpfen lassen könnte, weil du mit Sachen davonliefst, die mein Eigentum sind?« brüllte Squeers. »Weißt du, daß der Galgen drauf steht, und daß man Kerle in Spiritus setzt, wenn sie etwas entwenden, was mehr wert ist als fünf Pfund? Wie? – Weißt du das? Was meinst du wohl, daß deine Kleider wert waren, die du damals trugst? Weißt du, daß der eine Stulpstiefel, den du anhattest, achtundzwanzig Schilling per Paar gekostet hat? Und der zweite Schuh sieben Schillinge sechs Pence? Aber du kommst bei mir schon vor die rechte Schmiede, was Erbarmen anbelangt, und kannst Gott danken, daß ich es bin, der die Züchtigung selbst vornehmen wird.« Dabei stieß er den armen Smike mit seinem Schirmgriff vor die Brust und bearbeitete ihm sodann Kopf und Schultern weidlich damit. »Nie habe ich einen Jungen in einer Droschke so verhauen«, keuchte er, als er schließlich innehielt. »Es ist ein wenig unbequem, aber das Neue gibt der Sache andererseits wieder einen besondern Reiz.« Der unglückliche Smike hatte die Stöße und Schläge, so gut er konnte, pariert und drückte sich jetzt, den Kopf mit den Händen geschützt, in die Ecke. Er war vollkommen betäubt und dachte ebensowenig an eine Möglichkeit, dem allmächtigen Squeers zu entrinnen, wie ihm der Gedanke daran in den langen traurigen Jahren seines Lebens in Yorkshire bis zur Ankunft Nikolas' gekommen war. Die Fahrt schien nicht enden zu wollen. Zuletzt steckte der Schulmeister jede halbe Minute den Kopf aus dem Droschkenfenster, um dem Kutscher allerlei Weisungen hinauszurufen, und nachdem sie noch ein paar schmutzige Straßen zurückgelegt, befahl er zu halten. Der Wagen blieb unweit vor Mr. Snawleys Türe stehen, bei dem Squeers vorläufig sein Quartier aufgeschlagen hatte, da er sich zur Zeit länger als gewöhnlich in London aufhielt und der »Mohrenkopf«, nachdem er einmal Master Wackfords Appetit kennengelernt, sich aufs entschiedenste weigerte, den jungen Herrn weiterhin als Kind zu betrachten. »So! Da wären wir«, sagte Squeers und zerrte Smike in das kleine Wohnzimmer hinein, in dem Mr. und Mrs. Snawley bei einer Schüssel mit Hummersalat saßen. »Das ist der Landstreicher – der Ausreißer – der Rebell – das undankbare Ungeheuer.« »Was, der fortgelaufene Zögling?« rief Mr. Snawley, stemmte Messer und Gabel mit den Spitzen nach oben auf den Tisch und riß die Augen weit auf. »Jawohl, derselbe«, frohlockte Squeers, hielt Smike die Faust unter die Nase, zog sie wieder zurück und wiederholte dieses Verfahren einigemal mit wenig wohlwollender Miene. »Wäre hier keine Dame zugegen, ich wollte ihm schon eins versetzen – und wie. Aber schadet nicht, schuldig geblieben wird ja doch nichts.« Und dann berichtete er, wie, wann und wo er den Ausreißer wieder aufgegriffen hatte. »Da ist sichtlich die Vorsehung mit im Spiel, Sir«, sagte Mr. Snawley und senkte den Blick mit demütiger Miene, die Gabel mit einem Bissen Hummer zur Zimmerdecke erhoben. »Ja, ja, die Vorsehung ist gegen ihn«, stimmte Mr. Squeers, sich an der Nase kratzend, bei. »Läßt sich natürlich nicht anders erwarten. Jedermann hätte das voraussehen müssen.« »Ein böses Herz und üble Tat gedeihen niemals, Sir!« rief Mr. Snawley. »Nein, wahrhaftig nicht«, bekräftigte Mr. Squeers, zog ein Paket Banknoten aus seinem Taschentuch und zählte sie durch, ob er auch keine verloren habe. »Ich bin der Wohltäter, ein zweiter Vater und der Lehrer dieses Burschen gewesen, Mrs. Snawley«, erläuterte er, als er sich darüber Gewißheit verschafft, »ich war sein lateinischer, kommerzieller, mathematischer, philosophischer und trigonometrischer Freund. Mein Sohn hier, mein einziger Sohn Wackford, war sein Bruder und Mrs. Squeers war seine Mutter, Großmutter, Tante ich möchte fast sagen Onkel und alles in allem. An keinem der Sprößlinge, Ihre beiden lieben prächtigen Jungen ausgenommen, hing sie je mit so viel Liebe wie an diesem Burschen. Und was ist der Dank? Was wird aus der Milch der frommen Denkungsart? Sie gerinnt und wird zu Quark, wenn ich ihn nur ansehe.« »Das glaube ich gerne, Sir«, seufzte Mrs. Snawley, »das glaube ich gerne.« »Wo ist er denn die ganze Zeit über gewesen?« forschte Mr. Snawley, »vielleicht bei dem –?« »Nun, Bürschchen?« wendete sich Squeers an Smike. »Warst du bei dem Höllenhalunken – dem Nickleby?« Aber weder Drohungen noch Püffe konnten auch nur eine Silbe auf diese Frage aus Smike herauslocken, der innerlich fest entschlossen war, lieber in dem elenden Gefängnis, das seiner harrte, zugrunde zu gehen, als über seinen ersten und einzigen Freund ein Wort zu verraten. Er dachte daran, wie strenge ihm Nikolas auf dem Wege von Yorkshire nach London eingeschärft hatte, nichts über sein früheres Leben verlauten zu lassen, und eine wirre Vorstellung, sein Wohltäter könne sich dadurch, daß er ihn mitgenommen, eines schrecklichen Verbrechens schuldig gemacht haben, das ihm im Falle der Entdeckung eine schwere Strafe zuziehen müsse, half mit, ihn in seinem gegenwärtigen Zustand von stummer Betäubung und Entsetzen zu erhalten. Da Mr. Squeers die Vergeblichkeit seiner Bemühungen einsah, führte er Smike in ein kleines, eine Treppe hochgelegenes Hinterstübchen, schloß die Türe von außen ab – für den Fall, daß dem Gefangenen vielleicht der Gedanke auftauchen sollte, abermals einen Fluchtversuch zu machen, und überließ ihn dort seinen Betrachtungen. Smikes Gedanken, wenn von solchen überhaupt die Rede sein konnte, zu schildern, wäre wohl unmöglich. Um einen menschlichen Geist in solche Stumpfheit herabzuzwingen, mußten eben Härte und Grausamkeit von Kindesbeinen an jedes Wachstum gehemmt haben. Die Saiten des Herzens, die so schnell bei der Berührung einer liebevollen Hand erklingen, mußten tief im Innersten verrostet und zerrissen sein, und düster war der kurze Tag und trüb die lange Nacht gewesen, die dieser Seelenfinsternis vorangegangen. Gewiß gab es Stimmen, die Smike auch jetzt noch aus seiner Stumpfheit geweckt haben würden, aber die ersehnten Töne konnten nicht zu ihm dringen. So kroch er denn in sein Bett, dasselbe hoffnungslose zertretene Geschöpf, das Nikolas einst in Dotheboys Hall gefunden. 39. Kapitel Ein anderer alter Freund findet Smike rechtzeitig Kaum war die Nacht, die dem armen Smike so viel Bitterkeit gebracht, einem hellen und schönen Sonnenaufgang gewichen, als bereits ein Postwagen aus dem Norden fröhlich durch die noch unbelebten Straßen von Islington rasselte und der Postillion mit den schmetternden Tönen seines Horns die Ankunft der Diligence verkündete. Der einzige Passagier auf der Außenseite, ein kräftiger, bieder aussehender Ökonom, hielt seine Blicke so voll Bewunderung auf die St.-Pauls-Kirche gerichtet, daß er den Lärm, den das Rasseln des Wagens verursachte, gar nicht beachtete, bis eines der Kutschenfenster rasch heruntergelassen wurde. Dann erst blickte er herab und begegnete dem Gesicht einer hübschen jungen Frau, die soeben aus dem Wagen heraussah. »Da schau mal, Mädel«, schrie der Landmann und zeigte auf die Kathedrale. »Das is' die Paulskirchen. Saprament is dös a Bauwerk.« »O Gott, John, ich hätte sie mir nicht halb so groß gedacht«, antwortete die junge Frau. »Das ist ja ein Monstrum.« »Und was für a Monstrum, da hast d' recht, Tilly«, lachte der Ökonom, der niemand anderer war als John Browdie, und half seiner Gattin, durch seinen weiten Regenmantel ein wenig behindert, ungeschickt aus dem Wagen. »Und was glaubst d' wohl, was dös für a Haus is? 's is blos a Posthaus, sonst nix. Hohoho, gelt dös hättst d' nöt erraten? Wenn dös schon a Posthaus is, wie wird da erst das Haus vom Bürgermeister ausschauen!« Damit öffnete er den Schlag vollends, klopfte Mrs. Browdie, geborene Miss Price, auf die Wange und brach in ein brüllendes Gelächter aus. »Na Servus, mir scheint, sie schlaft noch immer«, sagte er. »Sie hat die ganze Nacht durch und gestern den ganzen Tag über geschlafen, von ein paar Minuten abgesehen«, lachte Mrs. Browdie, »aber es war noch das beste so. Sie war grauslich schlecht aufgelegt, sooft sie aufgewacht ist.« Ihre Bemerkung galt einer noch immer schlummernden Gestalt, die so in Schal und Mantel eingehüllt war, daß es rein unmöglich gewesen wäre, ihr Geschlecht zu erraten, wenn nicht ein brauner Biberhut mit einem grünen Schleier darum außer Frage stellte, daß es eine Dame sein mußte, und zwar eine Dame von so zerknülltem und zerknittertem Äußern, daß ihr Anblick auch ernstere Leute als John Browdie zum Lachen gereizt haben würde. »Hallo!« brüllte John und schüttelte sie. »Aufgewacht!« Nach einigen Ausrufen von Ungeduld und Verschlafenheit richtete sich die Gestalt endlich in eine sitzende Stellung auf, und unter dem zerknüllten Biberhut und einem Halbkreise von Haartollen tauchte das liebliche Antlitz Miss Fanny Squeers' auf. »Ach, Tilda«, jammerte sie, »wie du mich die ganze Nacht über gestoßen hast!« »Na, du gefällst mir«, jubelte Mrs. Browdie. »Du scheinst ja gar nicht zu wissen, daß du sämtliche Plätze im Wagen fast allein eingenommen hast.« »Leugne nicht, Tilda«, rief Miss Squeers mit Nachdruck. »Du hast es getan, ich weiß es. Leugne nicht. Vielleicht weißt du es selbst nicht, da du geschlafen hast, Tilda, aber ich habe die ganze Nacht über kein Auge geschlossen und weiß es daher ganz gut.« Mit diesen Worten ordnete sich Miss Squeers Hut und Schleier, schüttelte sich, offenbar höchst zufrieden mit ihrem Aussehen, die Zwiebackbrösel, die sie im Schoß liegen hatte, von ihrem Kleid, nahm John Browdies Arm und stieg aus dem Wagen. »Heda!« rief John eine vorbeifahrende Droschke an und brachte die Damen samt Gepäck darin unter, »nach dem ›Sarahkopf‹, mein Junge.« »Wohin?« fragte der Kutscher. »Ach, wie abgeschmackt von Ihnen, Mr. Browdie!« fiel Miss Squeers dem Yorkshirer ins Wort. »Nach dem ›Sarazenenkopf‹, Kutscher.« »Ach was«, brummte John, »es ist doch ganz egal, ob Sarahkopf oder Sarazenenkopf. Wissen Sie jetzt Bescheid?« »Na ja«, versetzte der Kutscher verdrießlich und schlug die Wagentüre zu. »Liebe Kinder«, flötete Miss Squeers, »wirklich, der Mann wird uns für weiß Gott was halten.« »Soll er uns halten, für was er mag«, brummte John Browdie, »wenn wir schon in London sind, warum sollen wir nicht lustig sein?« »Allerdings, Mr. Browdie«, gab Miss Squeers mit einem kläglichen Blick zu. »Na also«, sagte John. »Ich bin erst seit ein paar Tagen Ehemann, weil die G'schicht mit dem Begräbnis von meinem Alten sich so lang hinausgezogen hat, aber jetzt sind wir eine Hochzeitsgesellschaft – Braut und Brautjungfer und Bräutigam. Wenn wir da nöt lustig sein sollten, wann sollten wir's denn sonst sein – was?« Und um keine Zeit zu verlieren, gab Mr. Browdie seiner jungen Frau einen Schmatz und bemühte sich dann, einen solchen auch von Miss Squeers zu erhalten, was ihm auch glücklich nach einem jungfräulichen aus Sichsträuben und Kratzen bestehenden Widerstand von seiten der holden jungen Dame gelang. Im nächsten Augenblick hielt die Kutsche vor dem »Mohrenkopf«. Sofort begaben sich alle drei zur Ruhe, die sie nach der langen Fahrt wirklich sehr nötig hatten, und fanden sich erst gegen Mittag bei einem tüchtigen Lunch wieder zusammen, den Mr. John Browdie in dem kleinen Privatzimmer hatte auftragen lassen. Miss Squeers in ihrem braunen Biberhut, dem grünen Schleier, den Haartollen, dem vollen jungfräulichen Glanz eines weißen Kleides, mit einem dito Hut, der mit einem ganzen Bukett von künstlichen Rosen in herrlicher Blüte garniert war, und einem ebensolchen Unterhäubchen, sowie einem breiten Damastgürtel um die schlanken Hüften, Korallenarmbändern, deren Perlen allerdings hie und da ausgebrochen waren und die schwarzen Fäden durchsehen ließen, dazu einem Korallenhalsband mit einem Carneolherz, dem Sinnbild zügelloser Neigungen – war ein Bild, dem wohl kein Männerherz, weder ein junges noch ein altes, widerstehen konnte. Der Kellner schien tief ergriffen, denn wenn er auch nur ein Kellner war, so hatte er doch menschliche Gefühle und Leidenschaften, und scharf faßte er jetzt Miss Squeers ins Auge, als er die Semmeln herumreichte. »Wissen Sie nicht, ob mein Papa zu Hause ist?« fragte Miss Fanny würdevoll. »Entschuldigen, Fräul'n?« »Mein Papa. Ob er zu Hause ist?« »Zu Hause, Fräul'n?« »Nun ja – im Hause. Mein Papa, Mr. Wackford Squeers, logiert doch immer hier.« »Ich wüßte nicht, daß ein Herr dieses Namens im Hause wohnte, Fräul'n«, erwiderte der Kellner. »Vielleicht ist er drüben im Kaffeezimmer.« »Vielleicht!« Das war ja recht nett. Fanny Squeers, die auf der ganzen Herreise ihre Freunde darauf vorbereitet hatte, ihr Vater sei in London so gut wie zu Hause und bei der bloßen Nennung seines Namens zöge alles den Hut, mußte sich jetzt sagen lassen, ihr Vater sei »vielleicht« da! »Rein, als ob er ein Holzknecht wäre«, bemerkte sie entrüstet. »Also, frag'n S' nach, Kellner«, befahl John Browdie, »und dann bringen S' bei der Gelegenheit noch eine Taubenpasteten herauf. Verdammte Prellerei«, murmelte er vor sich hin, als der Mann sich entfernt hatte, und betrachtete mit saurer Miene die Schüssel. »Das nennt man eine Pasteten – drei magere Tauben und die Krusten drüber so dünn, daß man nicht weiß, ob man sie noch im Mund hat, wenn sie schon drunten is. Ich möcht doch gern wissen, wieviel Pasteten hier im ›Mohrenkopf‹ auf a Frühstück gehen.« Nach einer kleinen Weile, während der sich John Browdie über den Schinken und ein Stück kalten Rindfleisches hergemacht, kehrte der Kellner mit einer neuen Pastete und der Nachricht zurück, Mr. Squeers wohne nicht im Hause, komme aber täglich her, und sobald das geschehe, werde man ihn verständigen. Dann entfernte er sich, und kaum waren zwei Minuten vergangen, als er mit Mr. Squeers und seinem hoffnungsvollen Sprößling wieder zurückkehrte. »Oh, wer hätte das gedacht!« rief Mr. Squeers, als er die Gesellschaft flüchtig begrüßt und sich mit seiner Tochter mit ein paar kurzen Worten über allerlei Familienangelegenheiten unterhalten hatte. »Ja, Papa, wer hätte das gedacht!« echote die junge Dame spitzig. »Aber, wie du siehst, ist Tilda doch endlich verheiratet.« »Und bei dieser Gelegenheit hab' ich ihr die Stadt ein wenig zeigen wollen«, fiel John ein und hieb wieder kräftig in seine Pastete ein. »Ja, ja, ich weiß, die jungen Herren machen es heutzutage gerne so, wenn sie geheiratet haben«, sagte Mr. Squeers, »und gehen mit dem Gelde um, als sei es Spreu. Wär's da nicht vielleicht besser, ein wenig zu sparen – für die Erziehung kleiner Knaben zum Beispiel. Sie kommen«, fuhr Mr. Squeers moralisierend fort, »ehe man sich's versieht, wie ich aus eigener Erfahrung weiß.« »Wollen Sie nöt a bissel nehmen?« fragte John. »Ich meinerseits danke«, lehnte Mr. Squeers ab. »Wenn Sie aber dem kleinen Wackford da ein fettes Stückchen anbieten wollen, werde ich es dankbar annehmen. Geben Sie es ihm nur in die Hand, sonst schreibt's der Kellner an, und der Wirt hat ohnedies schon genug Nutzen an solchen Sachen. Wenn du den Kellner kommen hörst, Junge, so schieb's in die Tasche und schau zum Fenster hinaus, verstanden?« »Ich werd' schon achtgeben, Vater«, knurrte der junge Herr, bereits kauend. »Also, Fanny, jetzt kommt die Reihe zum Heiraten an dich«, wendete sich Mr. Squeers zu seiner Tochter. »Schau nur zu, daß sich's nicht zu lange hinauszieht.« »Ach Gott, ich hab's nicht so eilig«, entgegnete Miss Squeers spitzig. »Soso, Fanny?« spöttelte Tilda schalkhaft. »Nein, nein, Tilda«, rief Fanny Squeers, heftig den Kopf schüttelnd. »Ich kann warten.« »Die Freier können's auch, wie mir scheint, Fanny«, bemerkte Mrs. Browdie. »Ich angle eben nicht, Tilda«, erwiderte Miss Squeers schnippisch. »Das heißt, sie beißen nicht an«, war die prompte Antwort. Es fehlte nicht viel, so würde diese sarkastische Bemerkung wahrscheinlich zu sehr gereizten Erörterungen geführt haben, wenn nicht Mr. Squeers in diesem Augenblick rein zufälligerweise das Thema gewechselt hätte. »Was meinst du wohl«, fragte er und zog die Augenbrauen in die Höhe, »rate mal, wer Wackford und mir in die Hände gefallen ist?« »Ach, Papa, doch nicht am Ende –?« Fanny Squeers war nicht imstande, diesen Satz zu beendigen, denn Tilda Browdie fiel ihr ins Wort und fragte: »Nickleby?« »Nein«, antwortete Squeers, »aber weit haben Sie nicht danebengeschossen.« »Was, doch nicht am Ende Smike?« rief Fanny Squeers, erstaunt in die Hände klatschend. »Jawohl, niemand anders«, versetzte der Schullehrer, »ich habe ihn – und zwar in sicherer Verwahrung.« »Was?« rief Mr. Browdie und stieß seinen Teller zurück, »der arme Tropf? Wo ist er?« »Ich habe ihn in einer Hinterkammer in meiner Wohnung eingesperrt«, erwiderte Mr. Squeers. »So, so, Sie halten ihn in Ihrer Wohnung gefangen! Ah, da schau her hohoho, Sie sind mir ein Gerissener. Ah, da legst di nieder! In Ihrer Wohnung haben Sie ihn, alter Freund?« stieß Mr. Browdie erstaunt hervor. »Ja gewiß«, krächzte Mr. Squeers und taumelte von dem herzhaften Stoß, den ihm der stämmige Yorkshirer vor die Brust versetzte, in seinen Stuhl zurück. – »Ich danke Ihnen, aber lassen Sie gefälligst Ihre Scherze. Ich weiß ja, Sie meinen's gut, aber Sie haben verdammt wenig Rücksicht mit einem. – Ja, in meiner Wohnung hab' ich ihn. – Fein, was?« »Fein?« brummte John Browdie. »Aus der Haut könnt' man fahren.« »Ich dachte mir's gleich, daß Sie ein wenig überrascht sein würden«, spöttelte Squeers und rieb sich die Hände. »Und wie rasch die ganze Sache abgelaufen ist!« »Na, wie war's denn?« fragte John und setzte sich vertraulich neben den Schulmeister. »Erzählen S' uns alles, Mr. Squeers, aber schnell.« Und Mr. Squeers erzählte seinem vor Ungeduld brennenden Nachbarn alles haarklein, schilderte den Zufall, der ihm Smike in die Hände geführt, und hielt, von Zeit zu Zeit von den bewundernden Bemerkungen seiner Zuhörer unterbrochen, nicht eher inne, als bis er zu Ende war. »Und damit er mir nicht wieder ausreißt«, setzte er mit schlauer Miene hinzu, »habe ich für morgen früh drei Außensitze – einen für Wackford, einen für ihn und einen für mich – bestellt und veranlaßt, daß mein Geschäftsführer hier inzwischen die Gelder für die neuen Zöglinge in Empfang nimmt. Sehen Sie, so kann weiter gar nichts mehr passieren. Es ist ein famoser Zufall, daß Sie heute angekommen sind, sonst würden wir uns verfehlt haben. Wenn Sie mich übrigens vor meiner Abreise noch einmal sehen wollen, so kann es nur noch heute abend sein bei einer Tasse Tee.« »Abgemacht«, rief der Yorkshirer schnell und schüttelte dem Schulmeister die Hand. »Ist das wirklich Ihr Ernst?« fragte Mr. Squeers, der auf eine so bereitwillige Zusage nicht gerechnet hatte, da er sich's sonst wahrscheinlich zweimal überlegt hätte, ehe er seine Einladung ausgesprochen haben würde. Mr. John Browdies Antwort bestand nur aus einem zweiten kräftigen Händedruck und der Versicherung, seine Frau und er wollten sich London erst morgen genau ansehen und würden pünktlich um sechs Uhr in Mr. Snawleys Haus eintreffen. Dann wurden noch allerlei gleichgültige Dinge besprochen, und schließlich verabschiedete sich Mr. Squeers mit seinem Sprößling. Den Rest des Tages über befand sich Mr. Browdie in einem seltsam aufgeregten Zustand. Von Zeit zu Zeit brach er in ein wieherndes Gelächter aus, und dann setzte er sich jedesmal den Hut auf und eilte hinaus auf den Hof, um sich ungestört seiner Lustigkeit hingeben zu können. Aber auch dort duldete es ihn nie lange. Beständig ging er aus und ein, schnappte mit den Fingern, tanzte ein paar Takte aus ungeschlachten Bauerntänzen – kurz, benahm sich mit einem Wort so verrückt, daß ihn Miss Squeers tatsächlich dafür hielt und ihre liebe Freundin Tilda, die sich allmählich denselben Befürchtungen hingab, alle Augenblicke bat, sie möge es sich nicht allzusehr zu Herzen nehmen. Mrs. Browdie verriet jedoch trotzdem keine besondere Unruhe darüber und bemerkte, sie habe ihren John schon öfter so gesehen. Er bekäme danach zwar gewöhnlich einen Katzenjammer am nächsten Morgen, aber die Sache sei durchaus nicht ernsthaft, und man möge ihn nur ruhig sich selbst überlassen. Wie sich herausstellte, hatte sie vollständig recht, denn als sie abends in Mr. Snawleys Wohnzimmer beisammensaßen und es bereits zu dunkeln begann, fühlte sich John Browdie plötzlich unwohl und wurde von einem so beunruhigenden Schwindel befallen, daß die ganze Gesellschaft in große Angst geriet. Tilda war die einzige, die ihre Geistesgegenwart behielt und den Anwesenden versicherte, ihr Mann würde sich so schnell, wie es ihm übel geworden, auch wieder erholen, und man möge ihm nur erlauben, sich ein Stündchen oder so auf Mr. Squeers' Bett zu legen und allein zu bleiben. Niemand konnte diese Bitte abschlagen, zumal sie sehr vernünftig klang und man keinen Arzt zu holen brauchte. Mr. Browdie wurde daher nicht ohne Schwierigkeiten die Stiege hinaufgeschleppt, denn er war ungeheuer schwer und taumelte immer wieder um zwei Stufen zurück, wenn man ihm glücklich über drei hinweggeholfen hatte. Als er endlich im Bette lag, kehrte man in das Gesellschaftszimmer zurück, beruhigt, daß der Patient so rasch in tiefen Schlaf verfallen war. In Wirklichkeit verhielt sich die Sache aber anders, denn kaum hatte sich die Türe des Zimmers geschlossen, da setzte sich John Browdie, fast blaurot im Gesicht vor unterdrücktem Lachen, im Bette auf und stopfte sich den Zipfel des Kissens in den Mund, um nicht laut herauszuplatzen. Dann zog er leise die Schuhe aus, schlich sich nach dem anstoßenden Zimmer, wo der Gefangene eingesperrt war, drehte den außensteckenden Schlüssel um, trat ein und hielt Smike, ehe dieser noch einen Laut von sich zu geben vermochte, den Mund mit seiner ungeheuern Pranke zu. »Sakrament, kennst d' mich denn nöt, Mensch?« flüsterte er dem gänzlich verwirrten Smike zu. – »Ich bin doch der Browdie, der Euch begegnet is, als der Nickleby dem Schulmeister eins ausg'wischt hat.« »Ja, ja«, keuchte Smike, »bitte, bitte, helfen Sie mir!« »Dir helfen?« versetzte John und hielt Smike den Mund nur noch fester zu. »Du hättest gar keine Hilfe nötig g'habt, wenn du net so einfältig g'wesen wärst. Warum bist d' denn überhaupt mit'gangen?« »Er hat mich hierher gebracht – er hat mich hierher gebracht«, jammerte Smike. »Hierher gebracht!« wiederholte John. »Warum hast ihm net eins auf'n Schädel 'geben oder dich niederg'legt oder um dich g'schlagen oder nach der Polizei g'rufen? Als ich so jung war wie du, da hätten mir a Dutzend solche Burschen kommen dürfen. Aber du bist halt ein armer entmutigter Teufel«, fügte er traurig hinzu. »Gott verzeih mir's, daß ich vor einem so armseligen Mensch noch großtu'.« Smike öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, aber John Browdie hielt ihn ihm abermals zu. »Still!« flüsterte er. »Kein Wort, bis ich dir alles g'sagt hab'.« Dabei schüttelte John Browdie bedeutungsvoll den Kopf, zog einen Schraubenzieher aus der Tasche, löste mit großer Geschicklichkeit das Schloß aus dem Holz und legte es samt dem Werkzeug auf den Boden. »Siegst' das da?« fragte er. »Das hast jetzt du getan. Verstanden? Und jetzt schaust d' daß d' weiterkommst.« Smike starrte ihn mit einem leeren Blick an, unfähig, den Sinn der Worte zu erfassen. »Schau, daß d' weiterkommst«, wiederholte John hastig. »Hast d' leicht vergessen, bei wem du bist? – So, also du weißt es noch? Na gut. G'hören die Kleider daneben dir oder dem Schulmeister?« »Mir«, hauchte Smike. Der Yorkshirer drängte ihn in das Zimmer nebenan und deutete auf ein Paar Schuhe und einen Rock. »Zieh sie an«, flüsterte er und zwängte Smikes rechten Arm in den linken Ärmel und schlang ihm die Schöße des Rocks um den Hals. »Jetzt gehst d' hinter mir her und wann d' zum Tor 'naus kommst, halt dich rechts, damit man dich net sieht.« »Aber – aber er wird es hören, wenn ich die Türe zumache«, wendete Smike ein, am ganzen Körper zitternd. »Dann laß sie offen«, riet John Browdie. »Zum Teufel noch mal, du wirst dich doch hoffentlich net fürchten, daß sich der Schulmeister verkühlt.« »N-nein«, hauchte Smike mit klappernden Zähnen. »Aber er hat mich schon einmal eingefangen, und es wird wieder so kommen. Gewiß; er kriegt mich bestimmt.« »Ach was krieg'n«, rief John Browdie ungeduldig, »das wird er schon bleiben lassen. Weißt d', ich möcht' net gern als a schlechter Nachbar dastehen und muß ihn bei der Meinung lassen, daß du selber ausgebrochen bist. Wenn er aber zum Zimmer 'rauskommt, während du dich 'nausschleichst, nachher soll er seine Knochen in acht nehmen, denn ich werd's gewiß net tun. Und kommt er dahinter, daß du weg bist, so bring ich ihn schon auf eine falsche Fährte, verlaß dich drauf. Wenn du die Sache mutig angehst, so bist du zu Haus', eh sie wissen, daß du fort bist. – So, und jetzt schau, daß d' weiter kommst.« Smike begriff in seiner Verwirrung, daß der wackere Yorkshirer ihm Mut zusprach, und wollte sich eben mit schlotternden Knien hinausschleichen, da hielt ihn John noch einen Augenblick zurück und flüsterte ihm ins Ohr: »Sag auch deinem jungen Herrn, daß ich jetzt mit Tilly Price verheiratet bin. Wenn er will, kann er mich im ›Mohrenkopf‹ treffen. Sag ihm, ich bin nicht mehr eifersüchtig auf ihn. Zum Teufel noch amal, watschen möcht' i' mich heut' noch, wenn ich an den Abend von damals zurück denk'. Ich seh ihn noch vor mir, wie er unter die dünnen Brotschnitten aufg'räumt hat.« Das war für John Browdie in diesem Augenblick eine recht heikle Erinnerung, denn er konnte nur mit Mühe das Lachen verbeißen, aber er bezwang sich, schlich die Treppe hinunter und zog Smike hinter sich her. Im Hausflur stellte er sich dicht vor das Tor, um, falls jemand herauskäme, den Betreffenden zurückhalten zu können, und winkte seinem Schützling, sich eiligst aus dem Staube zu machen. Einmal so weit, bedurfte Smike keiner weiteren Ermutigung. Leise öffnete er die Türe, warf einen aus Furcht und Schrecken gemischten Dankesblick auf seinen Befreier und floh dann mit Windeseile davon. Einige Minuten blieb der Yorkshirer noch auf seinem Posten, dann schlich er sich, als er bemerkte, daß drin im Zimmer die Unterhaltung ruhig ihren Fortgang nahm, unbemerkt zurück und blieb fast eine volle Stunde am Treppengeländer horchend stehen. Da alles vollkommen still blieb, warf er sich wieder auf Mr. Squeers' Bett, zog die Decke über den Kopf und lachte, daß er beinah erstickte. Wer es mit angesehen und bemerkt hätte, wie das Bett dabei zitterte und der brave Yorkshirer wie ein fröhliches Seeungeheuer, das von Zeit zu Zeit an die Meeresoberfläche kommt, um Atem zu schöpfen, sein rotes Gesicht und seinen dicken Kopf zuweilen unter der Decke hervorstreckte und dann wieder zurückfuhr, wenn ihn die Lachlust aufs neue ergriff – der hätte sich des Lachens wohl nicht weniger enthalten können als John Browdie selbst. 40. Kapitel Nikolas Nickleby verliebt sich und bedient sich einer Mittelsperson, deren Bemühungen nur in einem einzigen Punkte fehlschlagen Einmal den Klauen seines alten Peinigers entronnen, bedurfte Smike keines neuen Ansporns mehr, alle seine Kräfte aufzubieten. Ohne auch nur einen Augenblick stehenzubleiben, um zu überlegen, welche Richtung er einschlagen solle, floh er mit geradezu bewunderungswürdiger Schnelligkeit wie auf Schwingen, wie sie eben nur die Furcht verleiht, dahin, immerwährend im Geiste die schreckliche Stimme Mr. Squeers, den er sich beständig auf den Fersen wähnte, hörend. Erst nach und nach überzeugte er sich, daß alles nur Bilder seiner überhitzten Einbildungskraft waren, eilte aber trotzdem wie von Furien gepeitscht weiter, ohne auf seine zunehmende Erschöpfung zu achten, bis ihn endlich die Stille der Landstraße, auf der er vorwärtsstürmte, und der Anblick des bestirnten Himmels zum klaren Bewußtsein zurückbrachte. Keuchend und staubbedeckt blieb er stehen, um zu horchen und um sich zu blicken. Es mußte schon sehr spät sein. Alles lag still und stumm da. Ein Lichtschein in der Ferne, wie eine Feuersbrunst am Himmel, bezeichnete die Richtung, in der die Riesenstadt lag. Einsame Felder, von Hecken und Gräben durchschnitten, über die Smike sich oft während seiner Flucht stolpernd und kletternd hinweghalf, dehnten sich in allen Richtungen um ihn her aus. Selbst wenn man ihm bis hierher folgen sollte, sagte er sich, so begünstigte doch alles sein Entkommen. Das sah er nach und nach klar ein. Zuerst hatte er den Gedanken gehabt, weit ins Land hineinzulaufen und sich in einem großen Bogen der Stadt zu nähern, aber nachgerade fand er Mut, wenn auch nicht ohne Beben, auf der geraden Straße direkt nach London zurückzukehren. Als er das äußerste westliche Ende der Stadt erreichte, waren die meisten Läden bereits geschlossen und nur wenige Passanten mehr sichtbar. Allmählich gelang es ihm, sich nach Mr. Noggs' Wohnung durchzufragen. Newman hatte den ganzen Abend nach ihm gesucht, ebenso wie Nikolas selbst, und saß jetzt niedergeschlagen bei seinem dürftigen Abendessen, da schlug Smikes furchtsames und unsicheres Klopfen an sein Ohr. Erregt, wie Mr. Noggs war, entging ihm auch nicht das leiseste Geräusch; er eilte hinunter, stieß einen Schrei freudiger Überraschung aus und zog gleich darauf den armen Flüchtling ins Haus und die Treppe hinauf. Dabei sprach er kein Wort, bis er ihn glücklich in seinem Dachstübchen hatte. Dann aber mischte er sofort einen großen Krug Wacholderbranntwein und Wasser, hielt ihn seinem Schützling, wie man etwa einem widerspenstigen Kind einen Löffel mit Arznei an die Lippen bringt, an den Mund und forderte diesen auf, alles ohne Widerrede bis zum letzten Tropfen zu leeren. Er schien es gar nicht zu begreifen, daß der junge Mensch nur ein paar Tropfen von dem köstlichen Tranke schlurfte, und setzte den Krug mit einem tiefen mitleidigen Seufzer über die Schwäche seines unglücklichen Freundes an seinen eigenen Mund. Aber er kam nicht dazu, einen Schluck zu machen, so regte ihn der Bericht, den ihm Smike mit fliegender Hast erstattete, auf. Immer wieder setzte er ab und wischte sich die Lippen zwecklos mit der umgekehrten Hand ab. Als Smike zu den Mißhandlungen kam, die er von Squeers erlitten, stellte Mr. Noggs hastig den Krug auf den Tisch, hinkte aufs äußerste erregt im Zimmer herum und blieb nur dann und wann, mit Gewalt an sich haltend, stehen, um noch gespannter zuzuhören. Als John Browdies Name zum ersten Mal fiel, ließ er sich langsam in seinen Stuhl nieder, rieb sich die Hände auf den Knien – rascher und immer rascher, je näher die Erzählung sich ihrem Ende näherte – und brach schließlich in ein jubelndes »Hahaha« aus. Kaum war die Erzählung zu Ende, da fragte er atemlos, ob wohl anzunehmen sei, daß Squeers von John Browdie Prügel bekommen habe. »Ich glaube nicht«, erwiderte Smike. »Man wird mich erst vermißt haben, als ich bereits längst fort war.« Ärgerlich kraute sich Newman den Kopf, setzte dann den Krug an den Mund und blickte, in langen Zügen trinkend, Smike über den Rand hinüber mit einem halb triumphierenden, halb grimmigen Lächeln an. »Sie müssen hier bleiben«, brachte er endlich hervor. »Sie sind erschöpft – und ganz und gar kaputt. Ich will inzwischen melden gehen, daß ich Sie gefunden habe, denn man hat sich ganz närrisch um Sie gesorgt. Mr. Nikolas –« »Gott segne ihn«, rief Smike. »Amen; – er hat keine Minute Ruhe gehabt und ebenso die alte Dame nicht und Miss Nickleby.« »Wirklich?« rief Smike aus. »Hat sie an mich gedacht? – Wirklich an mich gedacht? Bitte, bitte, sagen Sie, war es wirklich so?« »Natürlich war es so«, brummte Noggs. »Sie ist ebenso gut und liebevoll, wie sie schön ist.« »Ja, ja, das ist sie«, hauchte Smike und schlug die Hände vors Gesicht, während Tränen zwischen seinen Fingern hervorträufelten. Seine Augen hatten soeben noch in einem ungewöhnlichen Feuer geleuchtet, und sein Gesicht war so strahlend gewesen, daß er förmlich wie verklärt ausgesehen hatte. »Ach«, murmelte Noggs, »ach, daß ein so armer Teufel solchen Prüfungen ausgesetzt sein muß. Der arme Mensch; – ja, ja – wie ihn die Erinnerungen an sein vormaliges Elend wohl bestürmt haben mögen. Ja, ja – so ist's – hm.« Eine Zeitlang saß Newman Noggs noch sinnend da und sah Smike von Zeit zu Zeit mit einem unruhigen und zweifelnden Blick an, der deutlich bewies, daß ihm allerhand im Kopfe herumging. Endlich wiederholte er seinen Vorschlag, Smike möge in seiner Wohnung übernachten, während er selbst zu Nikolas Nickleby gehen wolle, um ihn zu beruhigen; aber Smike wollte nichts davon hören, und so brachen sie denn miteinander auf und erreichten, da der Weg lang war und Smike sich vor Müdigkeit nur langsam weiterschleppen konnte, erst eine Stunde vor Sonnenaufgang ihr Ziel. Nikolas, der die ganze Nacht schlaflos aus Sorge um seinen verlorengegangenen Schützling zugebracht, hörte kaum den Ton ihrer Stimmen vor dem Hause, als er sofort von seinem Bett aufsprang und freudig seine beiden frühen Gäste einließ. Der Wortwechsel und seine lauten Äußerungen des Unwillens hatten zur Folge, daß auch die beiden Damen erwachten und Smike eine Weile später aufs herzlichste bewillkommneten. Mrs. Nickleby konnte es natürlich nicht unterlassen, auf einen Roman hinzuweisen, den sie zwar gelesen, aber dessen Titel sie nie erfahren hatte, und der eine wunderbare Flucht aus einem Gefängnisse – wo, konnte sie sich nicht mehr erinnern – behandelte. Sie sagte nur, es käme darin ein Offizier vor, dessen Namen ihr entfallen sei, und der wegen eines Verbrechens, sie wisse nicht mehr recht welcher Art, gefangengesessen und seine Freiheit wiedergewonnen habe. Anfangs neigte Nikolas zu der Ansicht, seinem Onkel eine gewisse Mitschuld an dem Entführungsversuch, der bei einem Haar geglückt wäre, beizumessen, aber reifliche Überlegung ließ ihn erkennen, daß das volle Verdienst Mr. Squeers zukomme. Erfüllt von dem Wunsch, sich bei John Browdie womöglich Gewißheit darüber zu verschaffen, begab er sich nach dem City Square und dachte sich unterwegs eine ganze Menge von Plänen zur Bestrafung des Yorkshirer Tyrannen aus, die zwar streng die vergeltende Gerechtigkeit im Auge hatten, aber leider vollständig unausführbar waren. »Guten Tag, Mr. Linkinwater! Nicht wahr, ein schöner Morgen heute«, sagte er, als er in das Kontor trat. »Ach Gott«, knurrte Tim, »kommen Sie mir nur jetzt nicht auch mit dem Lande. Sagen wir lieber ein schöner Londoner Tag.« »Außerhalb der Stadt ist es doch ein wenig klarer und nebelfreier«, meinte Nikolas. »Klarer?« rief Timotheus Linkinwater. »Sie sollten sich nur einmal die Aussicht von meinem Schlafzimmerfenster aus ansehen.« »Und Sie sich die aus dem meinigen«, erwiderte Nikolas lächelnd. »Lächerlich«, schimpfte Timotheus Linkinwater, »Land! Unsinn! Was hat man denn auf dem Lande außer frisch gelegten Eiern und Blumen? Und ich kann frisch gelegte Eier jeden Morgen vor dem Frühstück auf dem Leadenhall Market kaufen, soviel ich will, und was die Blumen anbetrifft, so rate ich Ihnen, sich mal in meinem Hinterstübchenfenster im Hause Nummer sechs im Hof meine Reseda und den gefüllten Goldlack anzusehen.« »In Nummer sechs im Hof ist wirklich gefüllter Goldlack?« »Ja, ja, so ist's«, bestätigte Tim, »und er blüht in einem zerbrochenen Krug ohne Henkel. Im vergangenen Frühling waren auch Hyazinthen da. Die blühten in – doch Sie werden natürlich wieder darüber lachen.« »Worüber?« »Daß sie in alten Wichsenflaschen blühten.« »Nein, wahrhaftig nicht«, beteuerte Nikolas. Tim warf ihm einen Blick zu, ermutigt durch diese Antwort, schien sichtlich Lust zu bekommen, mitteilsamer zu werden, steckte sich eine frisch geschnittene Feder hinters Ohr und ließ sein Taschenmesser zuklappen. »Sie gehören einem kranken bettlägerigen buckligen Knaben, Mr. Nickleby, und sind wohl die einzige Freude seines traurigen Daseins«, begann er. – »Wie viele Jahre mögen es jetzt wohl her sein, seit ich ihn zum erstenmal als ganz kleines Kind auf ein paar winzigen Krücken umherhumpeln sah? – Nun, an und für sich betrachtet, sind's vielleicht gar nicht so viele, wenn ich die Veränderungen um mich herum bedenke, aber sooft ich mir dabei den Jungen vergegenwärtige, kommen sie mir wie eine Ewigkeit vor. Es ist recht traurig«, sagte er, plötzlich abbrechend, »ein kleines verwachsenes Kind dasitzen zu sehen, wie es den Spielen anderer lustiger Kinder zuschauen muß, an denen es aus Schwäche nicht teilnehmen kann. Manchmal hat mir das Herz wirklich sehr weh dabei getan.« »Es ist ein gutes Herz«, sagte Nikolas, »das sich in den wenigen freien Augenblicken eines Lebens voll Geschäftigkeit von allem andern losmacht, um auf dergleichen zu achten! – Sie wollten sagen –« »Ach, weiter nichts, als daß die Blumen dem armen Jungen gehören«, versetzte Tim. »Wenn es schönes Wetter ist und er aus seinem Bett kriechen kann, schiebt er sich einen Stuhl ans Fenster und beschäftigt sich mit ihnen den ganzen lieben langen Tag. Anfangs nickten wir uns nur zu, aber dann sprachen wir auch miteinander. Wenn ich ihm früher einen guten Morgen zurief und fragte, wie es ihm gehe, lächelte er gewöhnlich und sagte: »besser«, aber jetzt schüttelt er nur den Kopf und beugt sich nur um so tiefer über seine Blumen. Es muß etwas Verzehrendes sein, monatelang nur die dunkeln Dächer und die Wolken zu sehen. Aber er hat sehr viel Geduld.« »Ist niemand da, ihn zu pflegen und aufzuheitern?« fragte Nikolas. »Sein Vater wohnt in dem Hause und auch noch andere Leute, soviel ich weiß, aber es scheint sich niemand besonders um den unglücklichen Jungen zu kümmern. Ich habe ihn wer weiß wie oft gefragt, ob ich nichts für ihn tun könne, aber seine Antwort ist immer dieselbe: – ›nein, gar nichts‹. Seine Stimme ist in der letzten Zeit immer schwächer und schwächer geworden, aber ich sehe es an seinen Lippen, daß er immer dieselbe Antwort gibt. Er kann jetzt sein Bett gar nicht mehr verlassen, und man hat es ihm daher dicht ans Fenster gerückt, und da liegt er denn den ganzen Tag lang, blickt hinauf zum Himmel und dann wieder nach seinen Blumen und beschäftigt sich mit ihnen auf alle mögliche Weise. Abends, wenn er mein Licht sieht, zieht er seine Vorhänge zurück und schaut herüber zu mir, bis ich im Bette liege. Es scheint ihm ein gewisser Trost zu sein, daß ich da bin und oft noch eine Stunde und länger an meinem Fenster sitzen bleibe, damit er sehen soll, daß ich noch wache. Und bisweilen stehe ich auch in der Nacht noch auf, um nach dem matten melancholischen Kerzenschimmer in seinem Zimmer hinüberzuschauen und dabei nachzudenken, ob er wacht oder schläft. Ach, die Nacht wird wohl nicht mehr lange ausbleiben, wo er einschlummern und auf Erden nie wieder erwachen wird. Wir haben uns niemals auch nur die Hände gereicht, und doch werde ich ihn wie einen alten Freund vermissen. – Glauben Sie jetzt noch, daß es auf dem Lande Blumen gibt, die mir soviel Teilnahme wie diese einflößen könnten? Oder glauben Sie, daß mir das Verblühen von Hunderten der erlesensten Blumen, die es nur geben mag und die die schwersten lateinischen Namen tragen; die jemals ersonnen wurden, ein Teil des Schmerzes verursachen würde, den ich empfinden muß, wenn jene alten Scherben und Flaschen einmal auf den Hof hinuntergeworfen sein werden? – Das Land!« rief der alte Buchhalter geringschätzig. »Glauben Sie mir, nirgends gibt es einen solchen Hof wie hier in London unter meinem Schlafzimmerfenster.« Damit drehte sich Tim Linkinwater um, tat, als ob er sich in seine Rechnungen vertiefe, nahm aber die Gelegenheit wahr, als er sich unbeobachtet glaubte, sich hastig die Tränen abzuwischen. Ob Tims Rechenarbeit an diesem Morgen verwickelter als gewöhnlich war oder ob der Grund darin lag, daß die erwähnten Erinnerungen seine gewöhnliche Heiterkeit ein wenig herabgestimmt hatten, kurz, er erwiderte, als Nikolas ihn fragte, ob Mr. Charles Cheeryble allein in seinem Zimmer sei, zerstreut mit bejahendem Nicken, obwohl er vor kaum zehn Minuten jemand hatte hineingehen sehen und sonst seinen besondern Stolz dareinsetzte, zu verhindern, daß Störenfriede seine Chefs behelligten, wenn diese Besuch hatten. »Da will ich ihm sogleich diesen Brief bringen«, sagte Nikolas, ging nach dem Zimmer der Gebrüder Cheeryble und klopfte an. Alles blieb still. Er klopfte nochmals, aber wieder regte sich nichts. »Er kann nicht drin sein«, sagte sich Nikolas, »und ich lege den Brief wohl am besten auf den Tisch«, ging hinein, fuhr aber sofort wieder zurück, denn er sah zu seinem großen Erstaunen und nicht wenig bestürzt eine junge Dame vor Mr. Cheeryble auf den Knien liegen, die dieser emporzuheben versuchte, während eine dritte Person, offenbar ein Dienstmädchen der jungen Dame, ihr bittend zuredete, doch zu tun, wie der alte Herr wünsche. Nikolas stotterte verlegen eine Entschuldigung hervor und zog sich sofort zurück, aber die junge Dame hatte sich bereits ein wenig umgedreht, und er erkannte in ihr auf der Stelle das junge Mädchen, das er vor längerer Zeit bei seinem ersten Besuche im Stellenvermittlungsbureau gesehen. Fast im selben Augenblicke erkannte er auch ihre ehemalige Begleiterin, und vor Verwunderung ganz starr blieb er unwillkürlich wie an den Boden festgenagelt stehen, ohne ein Wort hervorbringen zu können. »Liebes Kind – mein liebes junges Fräulein«, rief Charles Cheeryble aufgeregt, »bitte, so stehen Sie doch auf! – Um alles in der Welt, ich bitte Sie aufs dringendste. Kein Wort mehr. – Stehen Sie doch auf. – Wir – wir sind nicht allein.« Die junge Dame erhob sich, wankte nach einem Stuhl und wurde ohnmächtig. »Sie ist in Ohnmacht gefallen, Sir«, rief Nikolas und eilte dienstfertig herbei. »Armes – armes Mädchen!« klagte Charles Cheeryble. »Wo ist mein Bruder Ned? – Ned, lieber Bruder, bitte, bitte, komm doch schnell herein.« »Ja, Charles, was gibt es denn?« rief Ned Cheeryble, angsterfüllt hereinstürzend. »Was gibt's – was gibt es denn? – Ah sieh da –« »Um Gottes willen kein Wort, Bruder Ned«, unterbrach ihn Charles, »klingle der Haushälterin – ruf Tim Linkinwater; ich bitte, kommen Sie herein, Tim Linkinwater – Mr. Nickleby, liebster Mr. Nickleby, ich muß Sie sehr bitten, das Zimmer zu verlassen.« »Ich glaube, sie hat sich bereits erholt«, rief Nikolas, vor Aufregung die Worte seines Prinzipals ganz überhörend. »Mein liebes Kind«, rief Charles Cheeryble, ergriff die Hand der jungen Dame und stützte sie mit seinem Arm. »Lieber Ned, ich weiß, du wunderst dich über diesen Auftritt gerade jetzt hier in den Geschäftsstunden, aber –«, er wurde sich wieder bewußt, daß Nikolas zugegen war, brach kurz ab, ging auf ihn zu, schüttelte ihm die Hand und ersuchte ihn ernst, sofort das Zimmer zu verlassen und Tim Linkinwater hereinzuschicken. Nikolas entfernte sich auf der Stelle und begegnete bereits ein paar Schritte vor der Tür der alten Haushälterin und Tim Linkinwater, die in großer Hast herbeigeeilt kamen. Der Buchhalter war so außer sich, daß er gar nicht imstande war, Nikolas zuzuhören, sondern nur hineinstürzte und gleich darauf von innen die Türe verriegelte. Nikolas hatte hinreichend Zeit, über diesen sonderbaren Vorfall nachzudenken, denn Tim blieb fast eine Stunde lang aus. Je mehr er aber über alles nachsann, desto konfuser wurde er und desto mehr brannte er darauf, zu erfahren, wer und was die Dame sei. »Ich würde sie unter Tausenden erkannt haben«, murmelte er, unruhig im Zimmer auf und ab gehend und sich ihr Gesicht und ihre Gestalt lebhaft vergegenwärtigend. Endlich kam Tim Linkinwater zurück – aber so verzweifelt kaltblütig und mit einem Blatt Papier in der Hand und einer Feder im Mund, als ob nicht das geringste vorgefallen sei. »Hat sie sich wieder ganz erholt?« fragte Nikolas hastig. »Wer?« »Wie können Sie nur fragen?« rief Nikolas. »Nun, die junge Dame.« »Rechnen Sie mir geschwind«, wich Tim Linkinwater einer Antwort aus und nahm bedächtig die Feder aus dem Mund, »wieviel vierhundertsiebenundzwanzig mal dreitausendzweihundertachtunddreißig ist.« »Ich bitte, beantworten Sie mir doch vorher meine Frage«, stellte ihm Nikolas vor. »Ich fragte Sie –« »Wegen der jungen Dame«, unterbrach Timotheus Linkinwater und setzte seine Brille auf. »Ja, ach Gott, sie ist schon wieder ganz wohl.« »Wirklich – ganz wohl?« »Ganz wohl«, entgegnete Mr. Linkinwater ernst. »Ob sie imstande sein wird, allein nach Hause zu gehen?« »Sie ist bereits fort.« »Fort?« »Jawohl.« »Ich hoffe, sie hat doch nicht weit zu gehen?« drängte Nikolas, den alten Buchhalter gespannt ansehend. »Das hoffe ich ebenfalls«, entgegnete Timotheus unerschütterlich. Nikolas wagte noch zwei oder drei Bemerkungen, aber der alte Buchhalter hatte offenbar seine guten Gründe, dem Thema auszuweichen, und schien stets entschlossen, keine weitern Auskünfte über die Person der schönen Unbekannten zu geben, die in der Brust seines jungen Freundes soviel Neugierde erweckt hatte. Nikolas ließ sich nicht abhalten, am folgenden Tage seine Angriffe wieder zu erneuern, zumal er Tim Linkinwater in sehr gesprächiger und mitteilsamer Laune traf, aber kaum berührte er das Thema, versank der alte Herr wieder in einen Zustand verdrießlichster Schweigsamkeit, antwortete noch ein paarmal, jedoch nur sehr einsilbig, und dann überhaupt nicht mehr, bestenfalls nur durch Kopfnicken oder Achselzucken, was natürlich nur dazu diente, Nikolas' Neugierde, die bereits eine ziemliche Höhe erreicht hatte, noch zu steigern. Auf diese Weise enttäuscht und nicht imstande, weitere Auskünfte zu erhalten, tröstete sich Nikolas mit der Hoffnung, die junge Dame werde vielleicht bald wiederkommen. Aber auch hierin irrte er sich. Ein Tag verging nach dem andern, ohne daß er sie zu Gesicht bekam. Sorgfältig sah er sich die Adressen aller Briefe an, aber es war auch nicht eine darunter, die er für ihre Handschrift hätte halten können. Nur eines fiel ihm auf, nämlich, daß man ihm gelegentlich Aufträge gab, die ihn ziemlich weit nach London hineinführten und die früher Tim Linkinwater selbst besorgt hatte. Er konnte natürlich nicht umhin, zu argwöhnen, man schicke ihn unter diesem Vorwande absichtlich fort, damit er mit der jungen Dame nicht zusammenträfe. Aber auch nicht das geringste bestätigte seinen Verdacht. Wenigstens ließ sich Tim in dieser Hinsicht nicht das mindeste Zugeständnis herauslocken. Geheimnisse und Enttäuschungen müssen an und für sich nicht notwendigerweise Verliebtheit steigern, sind aber doch ziemlich wichtige Beförderungsmittel dafür. »Aus den Augen, aus dem Sinn« ist ein Sprichwort, das auf Freundschaft wohl oft genug anwendbar ist, und es bedarf oft nicht einmal der Trennung, um zwischen Freunden Gleichgültigkeit zu erwecken; aber in der Liebe verhält es sich gerade umgekehrt. Sie wächst und gedeiht unter Verhältnissen der schwierigsten Art oft üppiger, als wenn Tür und Tor offenstehen. Und das traf bei Nikolas Nickleby besonders zu. Von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde wurde seine Vorstellungskraft immer lebendiger, bis er endlich einzusehen anfing, daß er sterblich verliebt in die junge Dame sei und es nie einen unglücklicheren Liebhaber auf Erden gegeben habe als ihn. Da begab es sich, daß er und Tim Linkinwater infolge der Zahlungseinstellung eines Geschäftsfreundes der Gebrüder Cheeryble in Deutschland in die Notwendigkeit versetzt wurden, eine äußerst schwierige, verwickelte und auf viele Jahre zurückgehende Berechnung anzustellen. Um rascher damit fertig zu werden, machte der alte Buchhalter den Vorschlag, ungefähr eine Woche bis nachts zehn Uhr im Bureau zu bleiben, und Nikolas erklärte sich in seinem Diensteifer für seinen gütigen Chef, den überhaupt nichts zu dämpfen vermocht hätte, mit Freuden dazu bereit. Schon am ersten Abend dieser verlängerten Geschäftsstunden kam zwar nicht die junge Dame selbst, aber doch ihr Dienstmädchen und begab sich in das Privatbureau Mr. Charles Cheerybles, blieb dort eine Weile und entfernte sich dann, was sich die nächsten drei Abende pünktlich um dieselbe Stunde wiederholte. Begreiflicherweise mußte das Nikolas' Neugierde aufs höchste steigern. Er litt geradezu Tantalusqualen, und da er nicht imstande war, dem Geheimnis selbst nachgehen zu können, ohne seine Pflicht zu vernachlässigen, so vertraute er sich Newman Noggs an und bat ihn, am nächsten Abend Wache zu halten, dem Dienstmädchen nachzugehen und soviel wie möglich, ohne Argwohn zu erregen, betreffs Namen, Stand und Geschichte ihrer Herrin in Erfahrung zu bringen. Newman Noggs fühlte sich durch diesen Auftrag außerordentlich geehrt und faßte bereits am nächsten Abend eine volle Stunde vor der Zeit Posten in City Square. Den Hut über die Augen gezogen, stellte er sich hinter dem Brunnenpfosten auf und machte dazu eine so ausgesucht geheimnisvolle Miene, daß die Neugierde jedes Vorübergehenden sofort wach wurde. Ein paar Dienstmädchen, die Wasser schöpfen kamen, und ein paar kleine Jungen, die ihren Durst löschen wollten, erschraken nicht wenig, als sie ihn erblickten, wie er verstohlen um das Brunnenrohr herumspähte und dabei nichts als sein Gesicht sichtbar werden ließ, das einem lauernden Werwolf zum Erschrecken ähnlich sah. Wirklich erschien auch die Dienstmagd zur gewohnten Stunde wieder und entfernte sich, nachdem sie ungewöhnlich lange bei Mr. Cheeryble geblieben. Es war nun die Vereinbarung getroffen worden, daß Newman Noggs in einem Gasthause in der Hälfte des Weges zwischen der City und dem Golden Square, wenn seine Nachforschungen von Erfolg begleitet sein sollten, am folgenden und, wo nicht, am zweiten Abend mit Nikolas zusammenzutreffen habe. Am ersten Abend war er nicht da, am zweiten aber empfing er Nikolas mit größter Erregung. »Die Sachen stehen vortrefflich«, flüsterte er. »Setzen Sie sich, setzen Sie sich nur erst. Ich werde Ihnen sogleich alles erzählen.« Nikolas nahm Platz und fragte begierig, was sein Freund alles zutage gefördert habe. »Massenhaft«, jubelte Newman. »Es steht alles vorzüglich. Seien Sie nur nicht ängstlich. Ich weiß gar nicht, womit ich anfangen soll. Jedenfalls seien Sie ohne Sorgen.« »Vor allem, lieber Freund, wie heißt sie?« drängte Nikolas. »Wie sie heißt?« »Ja, ja«, rief Nikolas »So reden Sie doch schon endlich! Wie heißt sie?« »Schöps.« »Schöps?« rief Nikolas unwillig. »Jawohl, das ist ihr Name. Ich habe mir's gemerkt, indem ich dabei an eine Hammelkeule dachte.« »Schöps«, wiederholte Nikolas noch verdrießlicher. »Es wird das wahrscheinlich der Name des Dienstmädchens sein.« »Nein, nein«, versicherte Newman kopfschüttelnd und mit großer Bestimmtheit. »Miss Cäcilie Schöps.« »Ach so, Cäcilie«, sagte Nikolas und murmelte die beiden Namen in allen möglichen Tonvariationen vor sich hin, um zu versuchen, wie sie sich am besten zusammen ausnahmen. »Nun, Cäcilie ist ein recht hübscher Name.« »Allerdings – und sie ist auch ein sehr hübsches Mädchen«, erklärte Newman. »Wer?« »Nun, Miss Schöps.« »Haben Sie sie denn gesehen?« fragte Nikolas. »Freilich, freilich habe ich sie gesehen – und Sie sollen sie auch zu sehen bekommen. Es ist alles schon eingeleitet.« »Mein lieber Newman«, rief Nikolas, die Hand seines alten Freundes ergreifend, »reden Sie wirklich im Ernst?« »Gewiß im Ernst«, versicherte Newman. »Sie können mir aufs Wort glauben. Morgen abend werden Sie sie sehen. Sie hat sofort eingewilligt, mit Ihnen zusammenzukommen. Ich habe sie dazu überredet. Sie ist die freundlichste und schönste junge Dame, die ich kenne.« »Das weiß ich. Ich weiß, daß sie es sein muß, Newman«, sagte Nikolas. »Ja, ja, Sie haben recht«, murmelte Mr. Newman. »Und wo wohnt sie?« drängte Nikolas. »Was wissen Sie von ihr? Hat Sie Eltern – Brüder – Schwestern? Wie kam es, daß Sie sie sahen? War sie nicht sehr überrascht? Haben Sie ihr gesagt, wie sehr ich mich danach sehnte, mit ihr zu sprechen, und haben Sie erwähnt, wo ich sie gesehen? Sagten Sie ihr, wie und wann und wo und wie oft und wie lange ich an ihr holdes Gesichtchen habe denken müssen, und daß es mir in meinem bittern Leid wie ein Lächeln aus dem Jenseits erschien? – Haben Sie alles das gesagt?« Der arme Newman Noggs schnappte buchstäblich nach Luft, als er mit dieser Flut von Fragen bestürmt wurde, rutschte sich bei jeder neuen krampfhaft auf seinem Sessel hin und her und starrte seinen jungen Freund mit einem höchst komischen Ausdruck von Verlegenheit an. »Nein«, stammelte er endlich, »das habe ich ihr nicht gesagt.« »Was haben Sie ihr nicht gesagt?« »Das von dem Lächeln aus dem Jenseits. Auch habe ich ihr verschwiegen, wer Sie sind und wo Sie sie gesehen haben. Ich habe ihr nur gesagt, Sie liebten sie bis zum Rasendwerden.« »Das ist auch wahr«, beteuerte Nikolas mit jugendlichem Ungestüm. »Der Himmel weiß, daß ich sie so liebe.« »Und dann sagte ich, daß Sie sie seit langer Zeit insgeheim bewundert hätten.« »Ja, ja, und was hat sie –?« »Errötete.« »Sehr natürlich«, fiel Nikolas geschmeichelt ein. Newman Noggs erklärte sodann alles sehr weitschweifig und erzählte, die junge Dame habe ihre Mutter verloren und wohne bei ihrem Vater als dessen einzige Tochter. Nur durch Einmischung ihres Dienstmädchens, das einen bedeutenden Einfluß auf sie habe, sei es gelungen, sie zu überreden, Nikolas eine geheime Zusammenkunft zu gewähren. Er berichtete weiter, wie vieler Überredungsgabe es bedurft, die junge Dame zu diesem Schritt zu veranlassen und wie sie sich ausdrücklich ausbedungen habe, daß Nikolas den Schritt als nichts anderes betrachten dürfe als eine Gelegenheit, seine Liebe zu erklären, und sie sich keineswegs irgendwelche Verbindlichkeit auferlegen wolle, von vorneherein seine Aufmerksamkeiten günstig aufzunehmen. Das Geheimnis ihrer Besuche bei den Gebrüdern Cheeryble blieb vollständig unaufgeklärt, und Newman hatte weder in seinen vorhergehenden Besprechungen mit dem Dienstmädchen noch auch später mit der Herrin selbst auch nur mit einem Wort darauf hingewiesen, sondern bloß gesagt, er habe den Auftrag erhalten, dem Dienstmädchen nachzugehen, um für seinen jungen Freund ein Wort einzulegen. Durch gewisse Winke, die die Dienerin fallenlassen, sei er, wie er sagte, zu der Vermutung gekommen, die junge Dame führe zu Hause bei ihrem außerordentlich strengen Vater ein sehr unglückliches Leben, da der Alte äußerst roh und heftig sei, was auch erkläre, weshalb sie so rasch auf den Vorschlag eines Rendezvous eingegangen. Nach weiteren Fragen – denn alles Bisherige hatte Mr. Noggs nur in sehr verwirrter Weise und höchst konfus herausgebracht – ergab sich, daß Newman, um sein schäbiges Äußeres zu erklären, vorgegeben hatte, er habe sich nur aus Vorsicht verkleidet, und als Nikolas ihn fragte, wie er denn dazu gekommen sei, seine Vollmacht so weit zu überschreiten, daß er sogar auf ein Rendezvous gedrungen, antwortete er, er habe es für eine Pflicht der Freundschaft und Galanterie gehalten, so weit zu gehen, da er es der Dame sofort angesehen habe, daß sie nicht abgeneigt sei, zuzusagen. Nachdem diese und alle nur irgend damit zusammenhängenden Fragen wohl zwanzig Mal gestellt und beantwortet worden, trennten sich die beiden mit der Verabredung, sich die nächste Nacht um halb elf Uhr zu treffen und zusammen zu dem für diese Stunde festgesetzten Rendezvous zu gehen. »Wie merkwürdig sich oft die Dinge gestalten«, sagte sich Nikolas beim Nachhausegehen. »Nie hätte ich mir vorgestellt – nein, es nicht einmal im Traume für möglich gehalten, daß ich eines schönen Tages etwas von der Dame erfahren würde, für die ich schon von Anfang an ein so lebhaftes Interesse fühlte, geschweige denn, daß es jetzt so plötzlich zu einem Rendezvous kommen werde.« Trotzdem war er im Innern eigentlich unzufrieden, und in seinem Mißbehagen lag etwas mehr, als was man eine unklare, unangenehme Empfindung hätte nennen können. Eigentlich hielt er es für recht unschicklich von der jungen Dame, daß sie so leicht ihre Zusage gegeben: »denn sie konnte ja nicht wissen, daß ich's bin«, räsonnierte er. »Es hätte doch ebensogut ein anderer sein können« – und das war allerdings keine sehr angenehme Vorstellung. Aber im nächsten Augenblick war er mit sich selber wieder böse, daß er solchen Gedanken Raum gab, und suchte sich zu überreden, daß in einem solchen Heiligenschrein nichts als Vollkommenheit wohnen könne, was doch schon aus dem Benehmen der beiden Brüder Cheeryble hervorginge, die offenbar die größte Achtung für die junge Dame hegten. »Mit einem Wort: es ist alles ein vollkommenes Geheimnis«, sagte sich Nikolas. Aber auch das beruhigte ihn nicht sonderlich. Eine neue Flut von Vermutungen bestürmte ihn und trieb ihn in größter Herzensbangigkeit umher, bis die Uhr zehn schlug und die Stunde des Stelldicheins herannahte. Er hatte sich mit größter Sorgfalt herausgeputzt, und selbst Newman Noggs hatte sein Bestes getan – wenigstens waren an seinem Rock zwei neue Knöpfe angenäht, und die ergänzenden Stecknadeln für die noch fehlenden waren in ziemlich regelmäßigen Intervallen angesteckt. Auch seinen Hut trug er nach der neuesten Mode, das heißt, er hatte ein Taschentuch hineingelegt und ließ dessen zusammengedrehtes Ende in Form eines Zopfes hinten herunterhängen; allerdings war diese Neuerung sozusagen keine Erfindung, denn sie war unabsichtlich entstanden, und er selbst befand sich in einer viel zu aufgeregten Stimmung, um für irgend etwas anderes als das bevorstehende Abenteuer Sinn zu haben. In tiefem Schweigen gingen sie rasch durch die Straßen, bis sie endlich in eine düstere und wenig belebte Gasse in der Nähe von Edgeware Street einbogen. »Nummer zwölf«, murmelte Newman. »Ah!« rief Nikolas, sich umsehend. »Eine hübsche Straße, was?« »Ja, es geht«, brummte Nikolas, »nur etwas düster.« Newman Noggs sagte nichts weiter, sondern machte plötzlich Halt, stellte Nikolas an ein Areageländer und bedeutete ihm, hier, ohne Hand oder Fuß zu rühren, zu warten, bis er selbst sich genügend überzeugt habe, daß die Luft rein sei. Dann humpelte er mit großer Geschwindigkeit davon, sah sich aber alle Augenblicke über die Achsel um, um sich zu versichern, ob sein junger Freund auch wirklich gehorche, und verschwand dann endlich in der Türe eines ungefähr sechs Häuser entfernten Gebäudes. Ein paar Sekunden vergingen, dann erschien er wieder, hinkte zurück, blieb auf halbem Wege stehen und winkte. »Nun?« fragte Nikolas, auf den Zehen näher schleichend. »Alles in Ordnung«, flüsterte Newman entzückt. »Die Luft ist rein. Niemand zu Hause. Man könnte sich's nicht besser wünschen – haha.« Dann stahl er sich an eine Haustüre, auf der Nikolas auf einer Messingplatte in riesigen Buchstaben den Namen »Schöps« lesen konnte, machte vor einer offenen Tür Halt und winkte seinem jungen Freund, ein paar Stufen hinunterzusteigen. »Was, zum Teufel«, rief Nikolas zurückprallend, »sollen wir vielleicht in die Küche hinunterschleichen, als ob wir silberne Löffel stehlen wollten?« »Seht«, flüsterte Newman, »der alte Schöps – ein Wüterich würde alle umbringen – die junge Dame ohrfeigen – er tut es oft.« »Was?« rief Nikolas wütend. »Sie wollen damit doch nicht sagen, daß sich irgend jemand unterstehen könnte, eine solche –« Er hatte keine Zeit, in Lobeshymnen auszubrechen, denn Newman gab ihm einen sanften Stoß, der ihn bei einem Haar die ganze Treppe hinuntergestürzt hätte. Er hielt es daher für das beste, nichts weiter mehr zu sagen, und stieg ohne Gegenreden, aber mit einer Miene hinab, die alles eher als das Entzücken eines glühenden Liebhabers ausdrückte. Newman folgte – er würde wahrscheinlich Kopf voran gefolgt sein, wenn ihn Nikolas nicht noch rechtzeitig am Ärmel erwischt hätte – und schlich durch einen gepflasterten, stockfinstern Gang in eine Hinterküche oder einen Keller, wo pechrabenschwarze Dunkelheit herrschte. Hier machten sie Halt. »Nun«, flüsterte Nikolas mißvergnügt, »das ist doch hoffentlich nicht alles?« »Nein, nein«, versetzte Noggs. »Sie werden gleich hier sein. Es ist alles in Ordnung.« »Nun, das freut mich«, brummte Nikolas. »Ich muß gestehen, die ganze Geschichte hat etwas wenig Sympathisches.« Sie schwiegen. Nikolas stand auf seines Begleiters laute Atemzüge lauschend da, und es deuchte ihm, als leuchte dessen rote Nase wie eine glühende Kohle durch die Dunkelheit, die sie umgab. Plötzlich traf das Geräusch leiser Fußschritte sein Ohr, und gleich darauf fragte eine weibliche Stimme, ob der Herr da wäre. »Ja«, antwortete Nikolas, sich der Richtung zuwendend, aus der die Worte gekommen waren. »Wer ist da?« »Nur ich«, versetzte die Stimme. »Also, bitt' schön, Fräul'n, wenn's g'fällig is.« Ein Lichtschein kam von irgendwo her, und gleich darauf erschien das Dienstmädchen, von ihrer Herrin, die offenbar von Scham und Verwirrung ganz überwältigt war, gefolgt. Beim Anblick der jungen Dame fuhr Nikolas zusammen und erbleichte. Sein Herz schlug ihm bis zum Halse hinauf, und wie gebannt blieb er stehen. Fast im selben Augenblick ertönte ein lautes wütendes Klopfen am Haustor und veranlaßte Newman Noggs, mit affenartiger Behendigkeit von einem Bierfaß aufzuspringen, auf das er sich soeben niedergelassen, und mit aschfahlem Gesicht auszurufen: »Allmächtiger Gott, der alte Schöps!« Die junge Dame kreischte auf, das Dienstmädchen rang die Hände, und Nikolas sah betäubt von der einen zur andern, während Newman hin und her eilte, sich mit den Händen in alle möglichen Taschen fuhr und im Übermaß seiner Verwirrtheit aus jeder das Futter herausriß. Es war nur eine Sekunde, aber in dieser einen Sekunde drängte sich mehr Verwirrung zusammen, als die kühnste Phantasie sich hätte vorgaukeln können. »Um Gottes willen, verlassen Sie sofort das Haus – wir sind ertappt und haben das Schlimmste zu befürchten!« jammerte die junge Dame. »Verlassen Sie sofort das Haus, oder ich bin für immer verloren!« »Hören Sie! Nur auf ein Wort!« rief Nikolas. »Nur ein einziges Wort! Ich will Sie ja gar nicht zurückhalten, erlauben Sie mir nur ein Wort der Erklärung!« Aber ebensogut hätte er in den Wind sprechen können, denn die junge Dame raste bereits mit zerzaustem Haar die Treppe hinauf. Nikolas würde ihr gefolgt sein, aber Newman hielt ihn am Rockkragen fest und zerrte ihn unerbittlich in den Gang zurück, durch den sie hereingekommen waren. »So lassen Sie mich doch in Teufelsnamen los, Newman!« rief Nikolas. »Ich will und muß mit der Dame sprechen. Ich verlasse das Haus nicht früher.« »Aber bedenken Sie doch: der Ruf – die Ehre – gewaltsamer Einbruch«, stöhnte Newman, umfaßte ihn mit beiden Armen und drängte ihn vorwärts. »Um Gottes willen rasch, ehe das Haustor zugemacht wird, sonst können wir die ganze Nacht hier bleiben.« Willenlos ließ sich Nikolas fortschieben, und im selben Augenblick, als Mr. Schöps durch die Haustüre hereintrat, schlich er sich mit Noggs durch den Hof hinaus. Dann eilten sie, ohne auch nur einen Augenblick stehenzubleiben oder ein Wort zu sprechen, durch mehrere Straßen, bis sie endlich Halt machten und sich gegenseitig mit bleichen Jammermienen ansahen. »Macht weiter nichts«, keuchte Newman. »Nehmen Sie sich's nicht zu Herzen. Es ist alles in Ordnung. Das nächste Mal werden wir mehr Glück haben. Es ließ sich nichts machen – ich habe getan, was ich konnte.« »Ja, daran ist nicht zu zweifeln«, versetzte Nikolas und ergriff die Hand des Alten – »Sie haben wie ein treuer und braver Freund gehandelt. Wenn ich mich auch in gewisser Hinsicht in Ihnen getäuscht habe, Newman, so bin ich Ihnen nichtsdestoweniger verpflichtet. Nur war es leider nicht die Richtige.« »Was?« rief Newman Noggs. »Also durch das Dienstmädchen hinters Licht geführt?« »Newman, Newman«, klagte Nikolas, die Hand tröstend auf die Schulter seines Freundes legend, »es war auch nicht das richtige Dienstmädchen.« Mr. Noggs machte ein langes Gesicht und starrte mit seinem gesunden Auge entsetzt Nikolas an. »Nehmen Sie sich's nicht zu Herzen«, redete ihm Nikolas zu; »es hat ja weiter nichts auf sich. Sie sehen doch, daß es mich ganz kalt läßt. Sie haben nur ganz einfach die Unrichtige erwischt.« Und das stimmte. Sei es nun, daß Newman Noggs so lange mit geneigtem Kopf um den Brunnen herumgespäht hatte, bis er Halluzinationen bekommen, oder ob er, als ihm die Zeit lang wurde, sich mit ein paar Tropfen eines stärkeren Getränkes, als es der Brunnen zu liefern imstande war, erlabt hatte – jedenfalls war es ein Versehen von seiner Seite, und Nikolas ging jetzt nach Hause, um sich seine Gedanken über das seltsame Abenteuer zu machen und sich die Reize der unbekannten Dame auszumalen, die ihm jetzt noch unerreichbarer zu sein schien als je. 41. Kapitel Behandelt einen höchst romantischen Auftritt zwischen Mrs. Nickleby und dem Herrn in den Kniehosen Seit ihrer letzten inhaltsreichen Unterredung mit ihrem Sohn hatte Mrs. Nickleby allmählich angefangen, auf ihr Äußeres eine ungewöhnliche Sorgfalt zu verwenden, indem sie nach und nach ihrer bisherigen Witwentracht eine Menge von Ornamenten hinzufügte, die vielleicht an und für sich unbedeutend waren, aber zusammengenommen einen gewissen Knalleffekt anzustreben schienen. Sogar das trübe Schwarz ihrer Kleidung bekam durch die mädchenhaft neckische Art, mit der sie sich trug, etwas Fröhlichlachendes, und ihre Trauerkleider, so abgenutzt sie auch waren, erschienen in ganz neuem Licht durch kluge Verteilung gewisser jugendlich wirkender Schmucksachen, die, wahrscheinlich nur ihres geringen Wertes wegen dem allgemeinen Schiffbruch entronnen, bisher friedlich im Winkel irgendeiner alten Kommode oder Schachtel, wohin nur selten das Tageslicht drang, eine Art Todesschlaf gehalten hatten. Ganz leise und allmählich wurden so aus dem äußeren Zeugnis der Hochachtung für den Verblichenen und des Leides um seinen Verlust Merkmale gefährlicher und mörderischer Absichten auf einen Lebendigen. Jedenfalls wurde Mrs. Nickleby nur durch übertriebenes Pflichtgefühl und ohne Zweifel durch höchst löbliche Regungen zu diesem Vorgehen veranlaßt. Vielleicht, daß sie allmählich das Sündige einer allzu langen nutzlosen Trauer oder auch die Notwendigkeit einsah, ihrer jungen blühenden Tochter ein lebendiges Beispiel von Adrettheit und Chic vor Augen zu führen. Möglich auch, daß dieser Wechsel den Gefühlen reinster und selbstlosester Nächstenliebe entsprang, denn Nikolas hatte den Herrn nebenan hinterrücks einmal verschimpfiert, ihn – unhöflich genug – sogar eine Art verrückten Narren und Dummkopf genannt, und für diese Angriffe auf den Verstand des liebenswürdigen Nachbars fühlte sie sich gewissermaßen zu einer Gutmachung verpflichtet. Wahrscheinlich empfand sie, daß sie als gute Christin durch alle ihr zu Gebote stehenden Mittel beweisen müsse, wie wenig der so herabgesetzte Herr weder das eine noch das andere verdiene, und was konnte sie zu diesem tugendhaften und löblichen Zweck Besseres tun, als beweisen, daß seine Leidenschaft das Vernünftigste, was man sich denken könne, sei und weiter nichts als die Wirkung des übermächtigen Zaubers ihrer gereiften Reize auf das Herz eines liebeglühenden und nur allzu empfänglichen Mannes, wie dann jeder denkende Mensch klar einsehen müßte. »Ach«, seufzte Mrs. Nickleby und schüttelte ernst das Haupt, »wenn Nikolas wüßte, wie sein armer seliger Vater litt, als ich, ehe wir verlobt waren, nichts von ihm wissen wollte, so würde er nicht so wenig gefühlvoll sein. Niemals werde ich den Morgen vergessen, an dem ich ihm einen indignierten Blick zuwarf, als er mir den Sonnenschirm tragen wollte. Oder den Abend, als ich gereizt zu ihm war. Es hätte wenig gefehlt, so wäre er in seiner Verzweiflung ausgewandert.« Ob der Selige nicht vielleicht besser dabei gefahren wäre, wenn er in seinen Junggesellenjahren den Wanderstab ergriffen hätte, das war eine Frage, die zu erwägen seine Witwe vorläufig unterließ. Überdies trat gerade Kate mit ihrem Nähkästchen ins Zimmer, und eine Unterbrechung, selbst wenn sie noch so unbedeutend war, gab Mrs. Nicklebys Gedankengang stets eine neue Richtung. »Liebe Kate«, sagte sie, »ich weiß nicht, wie es kommt, aber ein so schöner warmer Sommertag wie der heutige, wo die Vögel so fröhlich zwitschern, erinnert mich immer an Schweinebraten mit Salbei, Zwiebelsauce und Bouillon.« »Wirklich eine höchst seltsame Ideenassoziation, Mama«, sagte Kate lächelnd. »Wahrhaftig, ich weiß wirklich nicht, wie ich darauf komme«, fuhr Mrs. Nickleby fort. »Wart einmal: – Schweinebraten? Ja richtig! Genau fünf Wochen nach deiner Taufe hatten wir einen gebratenen – nein, es konnte doch kein Schweinebraten gewesen sein, denn ich erinnere mich, daß es ein paar waren, und ich kann mir deinen seligen Vater nicht vor einer Schüssel mit ein paar Schweinen sitzend vorstellen. Es müssen daher wohl Rebhühner gewesen sein. Schweinebraten? Ich kann mich überhaupt nicht erinnern, daß wir je einen gehabt hätten, und überdies fällt mir jetzt ein, daß dein Papa immer einen unendlichen Ekel empfand, wenn er einen Schweinskopf in den Charkutierläden auf dem Teller liegen sah. Er sagte immer, es fielen ihm dabei neugeborene Kinder ein, nur daß Spanferkel eine viel hübschere Haut hätten. Er hatte nämlich auch vor kleinen Kindern einen gewissen Abscheu. Einmal, weil er nicht gern von einem Zuwachs seiner Familie hörte, und dann aus natürlichem Widerwillen. Es ist doch wirklich seltsam, wie mir auf einmal so etwas in den Kopf kommen konnte! Aber, ja richtig, jetzt erinnere ich mich, daß wir einmal bei Mrs. Bevans in der Broad Street im Hause des Wagenbauers zu Mittag gespeist haben und daß damals ein betrunkener Mann ungefähr eine Woche vor dem Quartalschluß durch das Kellerloch eines leeren Hauses fiel und erst gefunden wurde, als der neue Mieter einzog – ja, damals hatten wir Schweinebraten. Ja, das muß es sein, was mich darauf gebracht hat. Um so mehr, als ein kleiner Vogel in einem Käfig im Zimmer hing und die ganze Zeit über sang – nein, es war doch kein kleiner Vogel, sondern ein Papagei, und der sang auch nicht, schwatzte aber um so mehr und fluchte fürchterlich. Es muß wohl so ähnlich gewesen sein. Ja, ja, ich bin jetzt fest überzeugt, daß es so gewesen sein muß. Meinst du nicht auch, liebes Kind?« »Gewiß, es unterliegt doch gar keinem Zweifel, Mama«, entgegnete Kate heiter lächelnd. »Wirklich? – Aber ich fürchte, du sagst es nur so und es ist dir gar nicht ernst damit, Kate«, sagte Mrs. Nickleby todesernst, als handle es sich um eine Frage von höchstem und wichtigstem Interesse. »Wenn das der Fall ist, so sage es lieber gleich unverhohlen heraus, denn es ist immer gut, wenn man bei der Wahrheit bleibt, besonders bei Anlässen, die höchst merkwürdig sind und wohl verdienen, daß man sich im Geist über sie klar wird.« Kate erwiderte lächelnd, sie sei vollkommen überzeugt, daß es sich so verhalte, wie ihre Mutter soeben gesagt, aber da diese noch immer unschlüssig zu sein schien, ob es nicht nötig sei, das Thema von neuem vorzunehmen, so machte sie den Vorschlag, gemeinsam in den Garten hinunterzugehen, um sich an dem schönen Tage zu freuen. Mrs. Nickleby paßte dies sehr, und so begaben sie sich dann augenblicklich hinunter. »Wirklich, ich muß gestehen«, begann Mrs. Nickleby, als sie sich in dem Gartenstuhle zurechtgesetzt hatte, »es hat noch nie einen so guten Menschen gegeben wie diesen Smike. Nein, wirklich. Was er sich nicht für Mühe gegeben hat, die kleine Laube hier in Ordnung zu bringen und die schönen Blumen einzusetzen! – Es ist wahrhaft erstaunlich. Nur wäre es gut gewesen, wenn er nicht allen Sand auf deine Seite hinübergeschafft und mir auch ein wenig mehr als den feuchten bloßen Boden gelassen hätte.« »Liebe Mutter«, rief Kate, »aber so tauschen wir doch die Plätze!« »Nein, mein Kind, ich bleibe hier auf meiner Seite sitzen«, sagte Mrs. Nickleby. »Du sollst mich nicht aus meinem Gebiet verdrängen.« – Kate blickte fragend auf. »Wahrhaftig«, redete Mrs. Nickleby weiter, »es ist sehr aufmerksam von ihm, daß er – Gott weiß, wo er sie hergenommen haben mag – ein paar Ableger hier herbeigeschafft hat, wo ich erst vorgestern erwähnte, daß du sie so gerne habest, und dich fragte – nein, vielmehr von denen du vorgestern sagtest, daß du sie so gerne habest, worauf du mich fragtest, ob ich sie nicht auch leiden könne – ach was, es läuft schließlich auf eins hinaus. Ich sehe übrigens hier auf meiner Seite nicht eine einzige davon«, setzte Mrs. Nickleby forschend umherblickend hinzu. »Aber sie werden wohl am besten auf Sand gedeihen. Gewiß, Kate, so ist es, du kannst dich drauf verlassen. Das mag auch der Grund sein, weshalb er sie alle auf deine Seite gepflanzt und den Sand dahin gebracht hat, weil es die Sonnenseite ist. Es ist erstaunlich, welche Umsicht er entfaltet; – ich selbst würde es kaum halb so gut haben machen können.« »Mutter«, fiel ihr Kate unruhig in die Rede und beugte sich so über ihre Arbeit, daß ihr Gesicht kaum zu sehen war, »ehe du dich verheiratetest -« »O Himmel, Kate!« rief Mrs. Nickleby, »Wie kommst du nur plötzlich darauf, wo ich doch jetzt gerade von seinen Aufmerksamkeiten gegen dich spreche. Du scheinst dich wirklich nicht im mindesten für den Garten zu interessieren.« »Du weißt doch, Mutter, wie lieb er mir ist«, sagte Kate aufblickend. »Ja, ja, schon gut«, fuhr Mrs. Nickleby unbeirrt fort. »Aber warum erkennst du denn nicht seine Sorgfalt an? Wie sonderbar von dir, Kate!« »Ich erkenne sie doch an, Mama«, antwortete Kate sanft. »Der arme Mensch!« »Und doch habe ich dich noch nie davon sprechen hören«, blieb Mrs. Nickleby beharrlich bei ihrem Thema. »Das ist alles, was ich sagen wollte.« Die gute Witwe hatte sich auffallend lang bei einem Thema behauptet, so daß die kleine List ihrer Tochter, sie davon abzulenken, jetzt eigentlich von selbst gelang. »Was wolltest du vorhin sagen, Kind?« fragte sie plötzlich und unvermittelt. »Ich?« »Aber Kate!« rief Mrs. Nickleby. »Schläfst du, oder was ist eigentlich mit deinem Gedächtnis? Du wolltest doch von der Zeit, ehe ich verheiratet war, reden.« »Ja, ja, ich entsinne mich«, erwiderte Kate rasch. »Ich wollte dich fragen, ob du zur Zeit deiner Mädchenjahre viele Bewerber hattest.« »Verehrer? Bewerber, liebes Kind?« rief Mrs. Nickleby geschmeichelt. »Es müssen ihrer mindestens ein Dutzend gewesen sein.« »Aber Mama.« »Ja, ja, liebes Kind«, bekräftigte Mrs. Nickleby. »Ein ganzes Dutzend. Dabei noch nicht einmal deinen seligen Papa und den Herrn mit eingerechnet, der mit mir dieselbe Tanzstunde besuchte und sich nicht abhalten ließ, uns goldene Uhren und Armbänder in Papier mit Goldschnitt gewickelt ins Haus zu senden – sie wurden natürlich immer zurückgeschickt –, und der später unglücklicherweise in die Deportiertenkolonie von Botany-Bay ging, in den Busch entfloh, Schafe schlachtete – ich habe keine Ahnung, wie sie dahin gekommen sein mögen – und dafür aufgehenkt werden sollte, aber er erhenkte sich zufällig selbst, und die Regierung begnadigte ihn. Und dann waren ferner noch«, zählte Mrs. Nickleby an den Fingern ab, »der junge Lukin – dann Mogley – Tipslark – Babbery – Smiffens –« Mrs. Nickleby hatte beim linken Daumen angefangen und war bis zum kleinen Finger gelangt und wollte eben zur rechten Hand übergehen, als ein lautes »Hum«, das hinter der Gartenmauer ertönte, sie und ihre Tochter nicht wenig erschreckte. »Was war das, Mama?« flüsterte Kate. »Wahrhaftig, liebes Kind«, stotterte Mrs. Nickleby ganz fassungslos, »wenn es nicht der Herr war, dem das Haus nebenan gehört, so kann ich mir wirklich nicht denken, wer es wohl gewesen sein –« »Ah hüm –« rief es wieder, und zwar nicht in einer Art, wie man sich gewöhnlich räuspert, sondern mehr, wie ein Hund bellt, so daß es in der ganzen Nachbarschaft widerhallte, sich wie ein Geheul fortziehend, so daß man berechtigterweise annehmen konnte, der unsichtbare Urheber müsse schon ganz schwarz vor Hustenanstrengung im Gesicht sein. »Ach, ich weiß jetzt schon, liebes Kind«, sagte Mrs. Nickleby und ergriff Kates Hand. »Sei nur ganz ruhig, es gilt nicht dir. Auch hat er nicht die Absicht, uns zu erschrecken. Ich weiß schon, wem es gilt, Kate – ich fühle mich verpflichtet, dir dies zu sagen.« Und Mrs. Nickleby nickte freundlich mit dem Kopf, streichelte ihrer Tochter die Hand und nahm eine Miene an, als könne sie, wenn sie wolle, außerordentlich wichtige Enthüllungen machen, die sie augenblicklich aber vorzöge, für sich zu behalten. »Was meinst du damit, Mama?« fragte Kate erstaunt. »Sei ruhig, mein Kind«, flüsterte Mrs. Nickleby und schielte nach der Gartenmauer hinüber. »Du siehst, es hat mich selbst gar nicht erschreckt, und wenn jemand hätte erschrecken können, so doch gewiß ich. Aber du siehst mich gefaßt, Kate, und vollkommen ruhig.« »Es hat ganz den Anschein, als ob unsere Aufmerksamkeit damit rege gemacht werden sollte«, meinte Kate. »Allerdings geschah es in dieser Absicht, liebes Kind«, erwiderte Mrs. Nickleby stolz und streichelte die Hand ihrer Tochter noch zärtlicher als vorher. – »Es ist eine Aufmerksamkeit, die einer von uns gilt – hm, du brauchst dich durchaus nicht zu beunruhigen, liebes Kind.« Kate war nicht wenig verwirrt und wollte ihre Mutter eben um nähere Erklärung bitten, als sich abermals dasselbe Geheul vernehmen ließ und überdies ein Lärm, als wenn ein älterer Herr ungestüm in losem Sande herumtrample. Und dann sah man plötzlich mit der Geschwindigkeit einer Rakete eine große Gurke durch die Luft fliegen, sich überschlagen und zu Mrs. Nicklebys Füßen niederfallen. Diesem höchst seltsamen Meteor folgte bald ein ähnlicher, nämlich eine schöne Kürbismelone von ungewöhnlichem Umfang. Gleich darauf flogen mehrere Gurken zusammen auf, gefolgt von einem Schauer von Zwiebeln und ähnlichen Küchenkräutern, daß sich fast der Himmel verdunkelte, bis sie nach allen Richtungen niederfielen und auf dem Boden herumkollerten. Beunruhigt sprang Kate von ihrem Sitze auf und ergriff die Hand ihrer Mutter, um mit ihr ins Haus zu eilen, aber sie fühlte sich in ihrer Absicht mehr gehemmt als unterstützt, und als sie die Richtung von Mrs. Nicklebys Blicken folgte, erschrak sie nicht wenig, eine alte schwarze Samtkappe hinter der Mauer auftauchen zu sehen, die ruckweise, wie wenn ihr Eigentümer Treppen oder eine Leiter hinaufstiege, über die Scheidewand der beiden Gärten emportauchte. Schließlich wurde ein großer Kopf und ein altes Gesicht darunter sichtbar, in dem sich ein Paar verstörte graue Augen befanden, die verwirrt und weit aufgerissen mit einem leeren und schmachtenden und geradezu schauerlich anzusehenden Ausdruck aus ihren Höhlen hervorquollen. »Mama!« schrie Kate ernstlich erschrocken, »warum bleibst du noch? – Bitte, bitte komm doch mit!« »Liebe Kate«, verwies Mrs. Nickleby, ohne sich auch nur einen Zoll von der Stelle zu rühren, »wie kannst du nur so töricht sein? Ich muß mich deiner ja rein schämen. Wie kannst du hoffen, je durchs Leben zu kommen, wenn du so furchtsam bist? – Was wünschen Sie, Sir?« wandte sie sich sodann mit einer Art gezierten Unwillens an den Eindringling. »Wie können Sie es wagen, in diesen Garten herüberzuschauen?« »Königin meines Herzens«, flötete der Fremde, die Hände gefaltet, »tun Sie einen Trunk aus diesem Becher.« »Ich bitte Sie, was ist das für ein Unsinn, Sir?« rief Mrs. Nickleby. »Liebe Kate, ich muß dich bitten, ruhig zu bleiben.« »Wollen Sie den Becher nicht schlürfen?« fuhr der Fremdling fort, den Kopf schief auf die Seite geneigt und die Rechte aufs Herz gedrückt. »Ach, schlürfen Sie diesen Becher!« »Nie werde ich freiwillig, Sir, in etwas Derartiges einwilligen«, erwiderte Mrs. Nickleby stolz und abweisend. »Ich bitte, entfernen Sie sich.« »Ach, warum«, rief der alte Herr, klomm noch eine Sprosse höher hinauf und stemmte seine Ellbogen auf die Mauer, wie jemand, der aus einem Fenster blickt – »ach, warum ist doch die Schönheit immer so hartherzig, selbst wenn die Bewunderung so aufrichtig und hochachtungsvoll ist wie die meinige?« Er lächelte nach diesen Worten holdselig, warf Kußhände um sich und nickte, sich verbeugend, rastlos mit dem Kopf. »Es ist wie bei den Bienen, die nach Ablauf der Honigmonate, wenn man sie mit Schwefel getötet zu haben wähnt, in Wirklichkeit ins Berberland fliegen und die gefangenen Schwarzen mit ihren einlullenden Liedern in Schlaf summen. Oder«, setzte er hinzu und dämpfte seine Stimme fast bis zum Flüsterton, »oder vielleicht liegt der Grund darin, daß man die Statue von Charingcross kürzlich zur Mitternachtsstunde in einen Harnisch gehüllt Arm in Arm mit dem Brunnenknaben von Aldgate auf der Börse hat spazierengehen sehen?« »Mama«, flüsterte Kate ängstlich, »hörst du?« »Still, mein Kind«, flüsterte Mrs. Nickleby. »Es ist nur Galanterie von ihm, und ich glaube, er zitiert irgendeinen Dichter. Aber was fällt dir denn ein – du drückst mich ja blau und braun am Arm! – Ich muß Sie bitten, sich zu entfernen, Sir!« »Gänzlich zu entfernen?« rief der Herr mit schmachtendem Blick. »Gänzlich?« »Freilich gänzlich«, versetzte Mrs. Nickleby, »Sie haben hier nichts zu suchen. Sie wissen doch, daß dieser Garten Privateigentum ist?« »Ich weiß es«, flötete der alte Herr und legte den Finger schalkhaft an die Nase. »Ich weiß, daß dies hier eine geheiligte und verzauberte Stätte ist. – Wo himmlische Grazie –«, er küßte seine Fingerspitzen und verbeugte sich abermals – »und Honigduft über die Gärten der Nachbarn weht und Pflanzen und Früchte zu frühzeitiger Reife gedeihen läßt. Alles das ist mir wohl bekannt. Aber gestatten Sie mir eine einzige Frage, holdestes aller Wesen: solange der Planet Venus, der gegenwärtig in der Garde-Kürassierkaserne rastlos beschäftigt ist, noch nicht unter uns weilt, da er sonst – eifersüchtig auf Ihre überwältigende Schönheit – hemmend zwischen uns treten würde –« »Kate«, wendete sich Mrs. Nickleby indigniert gegen ihre Tochter, »wie peinlich. Ich weiß wahrhaftig nicht, was ich dem Herrn entgegnen soll. Du siehst ein, unhöflich darf man doch nicht sein.« »Liebe Mama«, flehte Kate, »bitte, sage ihm kein Wort. Laufen wir fort, so schnell wir können, und sperren wir uns ein, bis Nikolas nach Hause kommt.« Mrs. Nickleby hatte für diesen Vorschlag einen grandiosen, um nicht zu sagen einen verächtlichen Blick und wandte sich dann wieder zu dem alten Herrn, der während dieses Flüstergesprächs das Auge nicht von den beiden Damen verwandt hatte. »Wenn Sie sich wie ein Mann von Bildung benehmen, Sir, der Sie Ihrer Sprache und – und – auch Ihrem Äußern nach zu sein scheinen (wirklich ganz das Ebenbild deines Großvaters in seinen besten Tagen, liebe Kate) und sich überdies ein bißchen klarer ausdrücken wollten, so will ich Ihnen eine Antwort nicht versagen.« Wenn wirklich Mrs. Nicklebys vortrefflicher Papa in seinen besten Tagen auch nur eine entfernte Ähnlichkeit mit dem jetzt auf der Mauer hockenden Nachbarn hatte, so mußte er zum mindesten ein höchst seltsamer Kauz gewesen sein. Kate schien ähnliche Gedanken zu haben, aber sie nahm sich soweit zusammen, um wenigstens auf den seltsamen Herrn hinzublicken, der jetzt seine Samtkappe abnahm und ein billardkugelkahles Haupt sichtbar werden ließ und seine pagodenhaften Verbeugungen mit einer ganzen Schnur von Kußhänden begleitete. Endlich von diesem höchst anstrengenden Geschäft erschöpft, setzte er seine Kappe wieder auf, zog sie sorgfältig über die Ohren und begann, seine frühere Stellung wieder einnehmend: »Es handelt sich darum –« Ängstlich brach er ab und sah sich nach allen Seiten um, um sich zu überzeugen, ob auch kein Horcher in der Nähe sei. Diesbezüglich beruhigt, schlug er sich mehrmals an die Nase und machte ein so schlaues Gesicht, als ob er sich außerordentlich freue, so vorsichtig gewesen zu sein, reckte den Hals empor und fuhr krächzend fort: »Sind Sie eine Prinzessin?« »Oh, Sie spotten«, rief Mrs. Nickleby empört und tat, als ob sie sich anschicke, sofort den Platz zu verlassen. »Oh, gewiß nicht. – Sind Sie es wirklich nicht?« fragte der alte Herr. »Aber Sie wissen das doch selbst, Sir«, entgegnete Mrs. Nickleby. »Dann sind Sie wahrscheinlich eine Verwandte des Erzbischofs von Canterbury?« fragte der alte Herr neugierig weiter. »Oder des Papstes in Rom? Oder des Sprechers im Unterhaus? Verzeihen Sie, wenn ich irre, aber man hat mir gesagt, Sie wären die Nichte des Pflasterkommissärs und die Schwiegertochter des Bürgermeisters und des Stadtratkollegiums, was Ihre Verwandtschaft mit den drei Erstgenannten zur Genüge erklären würde.« »Wer solche Gerüchte ausstreut, Sir«, rief Mrs. Nickleby empört, »hat sich Freiheiten mit meinem Namen erlaubt, die mein Sohn keinen Augenblick ungerächt lassen würde, wenn er davon hörte. Schon der Gedanke«, protestierte Mrs. Nickleby, sich in die Brust werfend – »Nichte eines Pflasterkommissärs!!« »Ich bitte dich, liebe Mama, so komme doch mit fort«, flüsterte Kate ängstlich. »Ach was, Albernheiten, Kate«, schalt Mrs. Nickleby ärgerlich. »Das ist wieder so ganz deine Weise. Wenn man sagte, ich wäre die Nichte eines pfeifenden Gimpels, würdest du dir wahrscheinlich auch nichts daraus machen. Aber nirgends finde ich eben Verständnis«, seufzte sie geziert. – »Nun, zum Glück rechne ich ja auch nicht darauf.« »Wie? Tränen?« schrie der alte Herr und sprang so hastig auf seiner Leiter in die Höhe, daß er ein paar Sprossen herunterfiel und sich das Kinn an der Mauer zerkratzte. »Man fange die Kristallkügelchen aus der Luft – tue sie in eine Flasche – stöpsle diese fest zu – versiegle sie – mit dem Siegel des Liebesgottes – und schreibe darauf: Ia Qualität superfein ff., stelle sie in den Schrank Nummer vierzehn und bringe eine Eisenstange darauf an, damit der Blitz nicht hineinschlägt.« Der alte Herr stieß diese Worte im Kommandoton hervor, als stünden zu ihrem augenblicklichen Vollzuge wenigstens ein Dutzend Diener bereit, kehrte dann das Futter seiner Samtkappe nach außen und setzte sie würdevoll wieder auf, aber so, daß sein rechtes Auge und dreiviertel seiner Nase davon bedeckt wurden, stemmte dann die Arme in die Seite, warf einem in der Nähe sitzenden Spatzen einen so grimmigen Blick zu, daß er auf der Stelle fortflog, steckte dann seine Kappe mit größter Zufriedenheit wieder in die Tasche und wendete sich mit respektvoller Haltung abermals an Mrs. Nickleby. »Holdseligste Fraue« – flötete er – »sollte ich mich hinsichtlich Ihrer Familie und Verwandtschaft geirrt haben, so bitte ich untertänigst um Verzeihung. Wenn ich vermutete, Sie können mit ausländischen Mächten oder inländischen Institutionsrepräsentanten verschwägert sein, so lag der Grund darin, daß Sie ein Wesen, eine Haltung und eine Würde besitzen, in denen Ihnen niemand gleichkommt als Sie selbst – höchstens vielleicht ausgenommen die tragische Muse, wenn sie vor der ostindischen Kompagnie aus dem Stegreif Melodien auf der Drehorgel phantasiert. Ich bin kein Jüngling mehr, holdseligste Fraue, wie Sie sehen, und obgleich Wesen, wie Sie, nicht altern können, so wage ich es dennoch, mich dem Glauben hinzugeben, daß wir füreinander geschaffen sind.« »O Himmel, liebe Kate«, rief Mrs. Nickleby mit schwacher Stimme und wendete sich schamhaft ab. »Ich besitze Landgüter, Madame«, fuhr der alte Herr eindringlich fort und fuchtelte mit der Hand verächtlich in der Luft herum, als bedeuteten irdische Dinge für ihn nur Tand, »Kleinodien, Leuchttürme, Fischweiher, eine eigene Walfischfängerei in der Nordsee und mehrere höchst einträgliche Austernbänke im Stillen Ozean. Wenn Sie die Güte haben wollten, sich mit mir nach der königlichen Börse zu begeben und dem breitschulterigsten der dortigen Portiers seinen dreieckigen Hut abzunehmen, so werden Sie in dem Futter darin meine in blaues Papier eingewickelte Visitkarte finden. Auch mein Spazierstock wird gezeigt, wenn man sich an den Kaplan im Unterhause wendet, der den strikten Auftrag hat, ihn ohne Eintrittsgebühr Fremden zu zeigen! – Ich bin von Feinden umringt, Madame«, setzte er leise hinzu und warf einen argwöhnischen Blick auf sein Haus zurück, »die mich auf Schritt und Tritt belauern und mich meines Vermögens berauben möchten. Wenn Sie mich mit Ihrem Herzen und Ihrer Hand beglücken wollen, so brauchen Sie sich nur an den Lordkanzler zu wenden oder im schlimmsten Falle das Militär aufzubieten – es würde dazu vollständig genügen, wenn Sie dem Platzkommandanten meinen Zahnstocher schicken –, und das Haus wird von ihnen gesäubert sein, noch ehe die Trauungsfeierlichkeit vorüber ist. Und dann gibt es Liebeswonne und Entzücken. Liebesentzücken und Wonne. Werden Sie die Meinige! – Werden Sie die Meinige!« Begeistert setzte der alte Herr seine schwarze Samtkappe wieder auf, warf einen Blick gen Himmel und stotterte etwas nicht ganz Verständliches über einen Luftballon, den er erwarte und der unglaublich lange ausbleibe, und verfiel dann von neuem in seinen früheren Refrain: Werden Sie die Meinige – werden Sie die Meinige. »Liebe Kate«, hauchte Mrs. Nickleby, »ich bin wirklich kaum imstande, Worte zu finden, aber es ist für das Glück beider Parteien unbedingt nötig, daß diese Angelegenheit sofort ins reine kommt.« »Aber du brauchst doch nicht das mindeste zu erwidern, Mama«, stellte ihr Kate vor. »Du wirst mir gefälligst erlauben, mein Kind, das selber zu beurteilen«, remonstrierte Mrs. Nickleby erregt. »Werden Sie die Meinige – werden Sie die Meinige«, lallte der alte Herr. »Sie können doch nicht gut von mir erwarten«, begann Mrs. Nickleby, die Augen züchtig zu Boden schlagend, »daß ich einem Fremden sagen soll, ob ich mich durch derlei Anträge geschmeichelt oder verpflichtet fühle oder nicht. Sie müssen zugeben, daß Ihre Worte unter höchst wunderbaren Umständen gefallen sind, aber gleichwohl müssen sie – natürlich nur bis zu einem gewissen Grade – den Gefühlen einer Dame angenehm und erfreulich klingen.« »Werden Sie die Meinige – werden Sie die Meinige«, lallte der alte Herr, »Gog und Magog, Gog und Magog. Werden Sie die Meinige – werden Sie die Meinige.« »Es muß Ihnen genügen, Sir, wenn ich Ihnen sage«, nahm Mrs. Nickleby würdevoll ihre Rede wieder auf, »und ich bin überzeugt, Sie werden nach dieser Antwort sich unbedingt entfernen – nämlich, daß ich fest entschlossen bin, Witwe zu bleiben und mich ganz meinen Kindern zu weihen. Sie werden es vielleicht nicht glauben wollen, daß ich bereits Mutter von zwei Kindern bin – es haben das schon viele Leute bezweifelt und mir versichert, nichts auf der Erde könne sie dazu bewegen, an eine solche Möglichkeit zu glauben –, aber trotzdem ist es der Fall, und beide sind bereits erwachsen. Wir freuen uns ungemein, Sie zum Nachbarn zu haben – sind sehr erfreut, entzückt sogar –, aber ein intimeres Verhältnis ist zwischen uns durchaus undenkbar. Trotzdem ich noch jung genug bin, mich wieder zu verehelichen, so werde ich doch halten, was ich einmal gesagt habe. Gewiß, es ist mir sehr schmerzlich, Anträge zurückzuweisen, und es wäre mir am liebsten, es wären überhaupt keine solchen Worte gefallen, aber dennoch bleibe ich fest, und meine Antwort wird stets dieselbe sein.« Mrs. Nickleby richtete diese Worte teils an den alten Herrn, teils an Kate, teils an sich selber. Je länger sie fortsprach, eine desto unehrerbietigere Achtlosigkeit legte der Freier an den Tag, und Mrs. Nickleby war kaum zu Ende, als er zum großen Schrecken der beiden Damen plötzlich seinen Rock auszog, auf die Mauer hinauf sprang, eine Attitüde annahm, die seine Kniehosen und grauwollenen Strümpfe im vorteilhaftesten Lichte zeigte, dann auf einem Bein balancierte und sein Lieblingsgeheul immer lauter und lauter erschallen ließ. Noch während er die letzte Note aushielt und sie mit einem gedehnten Triller verschönte, sah man verstohlen, aber rasch wie wenn es gälte, eine Fliege zu fangen – eine schmutzige Pfote von hinten her über den Mauerrand greifen und mit raubtierartiger Behendigkeit den linken Knöchel des alten Herrn umfassen. Kaum war dies geschehen, tauchte auch eine zweite Pfote auf und packte den andern Knöchel. So festgehalten, hob der alte Herr seine Beine ein paarmal schwerfällig auf, als ob er Bleisohlen anhabe, schielte dann in seinen Garten hinunter und brach in ein lautes Gelächter aus. »Ach so, Sie sind's«, sagte er. »Ja, i' bin's«, versetzte eine rauhe Stimme. »Was macht der Kaiser der Chinesen?« fragte der alte Herr. »Es geht ihm noch allaweil a so wie früher«, war die Antwort. »Weder besser noch schlechter.« »Und der junge Prinz?« fuhr der alte Herr angelegentlich fort. »Hat er sich mit seinem Schwiegervater, dem großen Kartoffelhändler, wieder ausgesöhnt?« »A gar ka Spur«, antwortete die rauhe Stimme, »'s is ihm wurscht, hat er g'sagt.« »Wenn es sich so verhält«, bemerkte der alte Herr, »so wird es wohl am besten sein, ich komme hinunter.« »Dös glaub i' a'«, sagte der Mann auf der andern Seite. Eine der Hände machte sich jetzt vorsichtig und lauernd von dem linken Knöchel des alten Herrn los, und dieser ließ sich in eine sitzende Stellung nieder, blickte sich dann um, verbeugte sich holdselig gegen Mrs. Nickleby und verschwand so plötzlich, als ob ihn jemand auf der andern Seite hinunterzöge. Kate fühlte sich durch sein Verschwinden höchst erleichtert und wollte eben das Wort an ihre Mutter richten, als die schmutzigen Pfoten wieder auftauchten und unmittelbar darauf sich die Gestalt eines derbknochigen untersetzten Mannes zeigte, die auf denselben Sprossen in die Höhe klomm, deren sich vorher der seltsame Herr Nachbar bedient hatte. »Entschuldigen S', meine Damen«, sagte der Mann, grinste von einem Ohr bis zum andern und berührte flüchtig seinen Hut. »Hat er einer von Ihnen einen Heiratsantrag g'macht?« »Ja«, hauchte Kate. »Na ja«, meinte der Mann, nahm sein Taschentuch aus seinem Hut und wischte sich den Schweiß von der Stirn. »Dös macht er immer a so, dagegen is ka Kraut g'wachsen.« »Es ist wohl unnötig zu fragen, ob der arme alte Herr bei Sinnen ist?« forschte Kate. »Na ja, dös denk i' a'«, erwiderte der Mann und warf einen trübseligen Blick auf seinen Hut, tat mit einem Klaps sein Taschentuch hinein und setzte ihn wieder auf. »Da müßt einer scho' blind sein.« »Leidet er schon lange daran?« fragte Kate. »Sehr lang.« »Ist keine Hoffnung auf seine Genesung?« fragte Kate mitleidig. »A gar ka Spur. – Er verdienet's a' gar nöt«, versetzte der Wärter. »Jetzt, wo er verruckt is, is er vüll umgänglicher als früher. Früher war er der heilloseste und hartherzigste alte Schuft, wo jemals aner umanand g'loffen is.« »Wirklich?« rief Kate. »Bei der heiligen Veronika«, brummte der Wärter und schüttelte den Kopf so nachdrücklich, daß er die Stirne runzeln mußte, um den Hut nicht zu verlieren. »An so an niederträchtigen Halunken hat's überhaupt noch nöt geb'n. Sei' arm's Weib hat er unter die Erd' bracht und seine Kinder zum Haus 'naus g'worfen. A wahrer Segen is, daß er schließlich vor lauter Bosheit, vor lauter Liabsg'schichten und Saufereien verruckt g'worden is, sonst hätten noch ganz andre den Verstand verloren. A Hoffnung für den alten Halunken! Dös fehlt grad noch.« Nachdem der Wärter dieses Glaubensbekenntnis zum besten gegeben, schüttelte er abermals den Kopf, als wollte er sagen: nur ein ganz unheilbarer Optimist würde sich hier noch Hoffnungen versprechen, dann berührte er mürrisch den Rand seines Hutes – nicht etwa, weil er übler Laune gewesen wäre, sondern, weil ihn der Gedanke an die frühere Niederträchtigkeit seines Schutzbefohlenen aufbrachte, stieg die Leiter hinunter und nahm sie weg. Während des ganzen Gespräches hatte Mrs. Nickleby ihn mit strengen und festen Blicken betrachtet. Sie holte jetzt einen tiefen Seufzer, warf empört den Kopf zurück und schüttelte ihn zweifelnd. »Der arme Mensch!« sagte Kate. »Ja, in der Tat«, rief Mrs. Nickleby. »Es ist eine Sünde und eine Schande, daß man solche Zustände duldet. – Ja, eine Sünde und eine Schande ist es.« »Aber man kann doch nicht anders, Mama«, gab Kate traurig zu bedenken. »Die Gebrechen der menschlichen Natur –« »Gebrechen?« wiederholte Mrs. Nickleby. »Wie? Auch du glaubst, daß dieser arme Mensch verrückt ist?« »Kann man denn etwas andres glauben, wenn man ihm zugehört hat, Mama?« »Nun, ich will dir etwas sagen, Kate«, erwiderte Mrs. Nickleby. »Es wundert mich nur, daß selbst du dich täuschen läßt. Es ist doch sichtlich eine Verschwörung dieser Leute, sich, wie er sagte, seines Eigentums zu bemächtigen. Er mag vielleicht, ach Gott, wie so viele von uns ein bißchen wunderlich und exzentrisch sein – aber verrückt?! – Ein Wahnsinniger drückt sich niemals so ehrerbietig und so schwungvoll poetisch aus, stellt auch seine Anträge nicht mit soviel Bedacht, Klugheit und Vorsicht, sondern läuft auf die Straße und vergafft sich allenfalls in den nächsten besten Backfisch! – Nein, nein, Kate, für einen Wahnsinnigen ist zuviel Methode darin – darauf kannst du dich verlassen, meine Liebe.« 42. Kapitel Beleuchtet den alten Erfahrungssatz, daß oft die besten Freunde uneins werden können Den ganzen Tag hatte die Sonne auf das Pflaster von Snow Hill herabgebrannt und den beiden Mohrenköpfen, den Symbolen des nach ihnen benannten Gasthofes, derartige Blasen gezogen, daß sie womöglich noch boshafter dreinblickten als gewöhnlich. In einem der kleinsten Zimmer des Hotels, durch dessen offenes Fenster dicht, fast zum Greifen, der Dampf von den Postpferden draußen hereindrang, war ein Teetisch zugerichtet, auf dem es an gesottenen und gebratenen Speisen, einer Zunge, einer Taubenpastete, einem kalten Huhn, einem Krug Ale und anderen Erquickungen nicht fehlte, wie man sie in üppigen großen und kleinen Städten zu einem Lunch, Postpassagierdinner oder sonstigen substantiellen Frühstücken für unbedingt nötig erachtet. Mr. John Browdie umkreiste unruhig, die Hände in den Hosentaschen, diese Leckerbissen und machte von Zeit zu Zeit Halt, um mit dem Taschentuch seiner Frau die Fliegen aus der Zuckerdose zu scheuchen oder einen Teelöffel in den Milchgießer zu stecken und zum Munde zu führen oder ein Stück Brotrinde abzubrechen oder eine kleine Fleischecke abzuschneiden und beides zusammen wie ein paar Pillen zu verschlucken. Dabei zog er jedesmal seine Uhr heraus und erklärte mit erschütterndem Ernst, daß er es keine zwei Minuten länger mehr werde aushalten können. »Tilly!« rief er schließlich seine Gattin an, die im Halbschlaf auf dem Sofa ausruhte. »Was gibt es, John?« »Was es gibt?!« rief der Yorkshirer ungeduldig. »Hast denn kan Hunger, Mädel?« »Nicht besonders«, sagte Mrs. Browdie. »Nicht besonders!« wiederholte John mit einem verzweifelten Blick zur Decke. »Nicht besonders! No, so was! Und wir haben um drei Uhr zu Mittag gegessen und zum Frühstück eine Pasteten g'habt, die einen eher hungrig gemacht hat als satt! – Nicht besonders!« »Es ist ein Herr draußen, der Sie zu sprechen wünscht, Sir«, meldete der Kellner, den Kopf zur Türe hereinsteckend. »Wer – was ist draußen für mich?« rief John. »Warum melden S' denn das erst? Herein mit ihm.« »Sind Sie zu Hause, Sir?« »Zu Hause?« rief John, »ich wollte ich wär's! Da hätte ich mindestens schon seit zwei Stunden meinen Tee im Magen. Ich hab's Ihrem Kollegen doch schon g'sagt, er soll acht geben und den Besuch sofort hereinlassen und ihm sagen, daß wir vor Hunger rein zu Grund gehen. Also, herein mit ihm. – Ah! Hurra! Der Nickleby! Geben S' mir Ihre Hand. Das ist der schönste Tag meines Lebens. Na und wie geht's Ihnen denn? Saprament, wie ich mich freu', daß wir uns wieder mal treffen.« In der Herzlichkeit seiner Begrüßung vergaß der biedere Yorkshirer sogar, wie hungrig er war, drückte Nikolas Nickleby immer und immer wieder die Hand und schlug abwechselnd darein, um die Wärme des Empfanges noch zu erhöhen. »Jawohl, ja, das ist sie«, sagte er, als er Nikolas' fragenden Blick auf Tilly bemerkte. »Ja, ja, das ist sie. Jetzt werden wir uns ihretwegen nicht mehr raufen, was? Saprament, wenn ich dran denk, wie wir damals aneinander geraten sind. Aber, jetzt greifen S' zu, lieber Freund – und für alles, was uns der Herr beschert hat« – ohne Zweifel beendete er das Tischgebet innerlich, denn gleich darauf war er bereits emsig mit Messer und Gabel beschäftigt. »Ich werde mir, wie es in solchen Fällen üblich ist, die erlaubte Freiheit herausnehmen, Mrs. Browdie«, sagte Nikolas und stellte einen Stuhl für die junge Frau zurecht. »Nimm dir raus, was du magst«, sagte John; »und wenn du damit fertig bist, dann fang wieder von Frischem an.« Ohne sich mit weitern Umschweifen aufzuhalten, küßte Nikolas die errötende junge Frau und führte sie zu Tisch. Einen Augenblick lang war der Yorkshirer darüber ziemlich verblüfft, aber dann fuhr er freundlich fort: »Ja, ja, hast recht, tu ganz, als ob du zu Haus wärst.« »Ja, das will ich«, versprach Nikolas. »Aber nur unter einer Bedingung.« »Und was wär das für eine?« »Daß Sie mich zum Taufpaten wählen, sobald sich die erste Gelegenheit dazu ergibt.« »Hast du's gehört!« rief John und legte Messer und Gabel nieder. »Zum Taufpaten wählen! Hahaha! Tilly! – Hast du's gehört? Zum Taufpaten! Na, an bessern Witz kann man schon gar net mehr machen. – Wenn sich die erste Gelegenheit dazu bietet – zum Taufpaten wählen! Hahaha!« Nie hat wohl ein ehrwürdiger alter Spaß jemand so ergötzt wie dieser den braven John Browdie; er lachte und schrie hinaus und wäre dabei mit einem Haar erstickt, da ihm ein Stück Rindfleisch in die falsche Kehle kam. Dann brüllte er wieder, ohne sich jedoch dabei im Essen stören zu lassen, hinaus, daß er ganz rot im Gesicht wurde und hustete und weinte, lachte und brüllte, bis er sich aufs neue verschluckte, so daß man ihm auf den Rücken schlagen mußte, bis er wieder mit schwacher Stimme ausrufen konnte: »Zum Taufpaten zu wählen – zum Taufpaten, Tilly!« »Erinnern Sie sich noch an den Abend, wo wir zum erstenmal zusammen beim Tee saßen?« fragte Nikolas. »Wie könnt' ich denn das je vergessen!« versetzte John Browdie. »War er damals ein Wüterich, ein unausstehlicher Brummbär, nicht wahr, Mrs. Browdie!« sagte Nikolas. »Na, und wenn Sie ihn erst gehört hätten, als wir nach Hause gingen, Mr. Nickleby, hahaha«, lachte die junge Frau. »In meinem ganzen Leben habe ich mich noch nicht so gefürchtet.« »Mach's nur nicht gar so schlimm, Tilly«, fiel John ihr mit breitem Grinsen ins Wort. »Schneid nur nicht gar so auf.« »Nein, nein«, beteuerte Mrs. Browdie, »ich war schon fest entschlossen gewesen, nie wieder ein Wort mit dir zu sprechen.« »Ja, aber nur ›fast‹«, sagte John mit noch breiterem Grinsen, »fast schon entschlossen. Aber, den ganzen Weg hindurch hat sie geschmeichelt und scharwenzelt! – ›Wie hast du dich denn unterstehen können, dir von dem Burschen den Hof machen zu lassen?‹ hab' ich gesagt. – ›Ich, John?‹ hat sie g'sagt und mich dabei in den Arm gezwickt. – ›Oder vielleicht nicht?‹ hab' ich g'sagt. – ›Nein‹, hat sie g'sagt und hat mich wieder gezwickt.« »Aber John!« fiel die hübsche junge Frau errötend ein, »wie kannst du denn nur solches dummes Zeug schwätzen. Als ob mir jemals so etwas auch nur im Traum eingefallen wäre.« »Ich weiß nicht, ob's dir im Traum eing'fallen ist – möglich is es ja –, aber eins is sicher, daß du's jedenfalls getan hast«, entgegnete John, »›Mädel‹, hab' ich damals g'sagt, ›du bist unbeständig wie ein Wetterhahn.‹ – ›Nein, John, das bin ich nicht‹, hast du g'sagt. – ›Doch‹, hab' ich g'sagt, ›ganz verdammt veränderlich sogar. Stell's nicht in Abred, ich hab's ganz genau g'sehn, wie du dir von dem verdammten Schulmeister hast den Hof machen lassen‹; hab' ich g'sagt. – ›Von dem?‹ bist du aufg'fahren. – ›Jawohl, von dem‹, hab' ich g'sagt. – ›Nein, John‹, hast du drauf g'sagt und mich wieder in den Arm gezwickt, ›wie kannst du nur glauben, daß ich mich mit so einem magern Gelbschnabel einlassen könnte, wo ich einen so stattlichen Mann zum Bräutigam hab' wie dich‹. – Hahaha, jawohl! Gelbschnabel hast du g'sagt. – ›Saprament‹, hab' ich drauf g'sagt, ›wenn die Sachen so stehen, so bestimm' jetzt selbst den Hochzeitstag und wir wollen wieder gut miteinander sein‹. Hahaha.« Nikolas lachte herzlich, einmal wegen der Rolle, die er selbst in der Geschichte gespielt, und dann auch, weil er der jungen Frau die Verlegenheit ersparen wollte, deren jedesmalige heftige Proteste durch das schallende Gelächter ihres Gatten übertäubt wurden. Sein Takt und seine Gutmütigkeit brachten die Sache bald wieder ins Geleise, und wenn auch Tilly die Behauptung, sie habe ihn einen mageren Gelbschnabel genannt, ununterbrochen ableugnete, so mußte sie doch jedesmal so herzlich dabei lachen, daß Nikolas die feste Überzeugung gewann, Mr. John Browdie sei tatsächlich in allen wesentlichen Punkten streng bei der Wahrheit geblieben. »Es ist heute das zweite Mal«, brachte er das Gespräch auf ein anderes Thema, »daß wir zusammen eine Mahlzeit einnehmen, und das dritte Mal, daß ich Sie überhaupt sehe, und dennoch ist mir, als ob ich ganz unter alten Freunden wäre.« »Sehen Sie, mir geht's grad so«, bemerkte der Yorkshirer. »Und mir ebenfalls«, bekräftigte die junge Frau. »Aber ich habe gute Gründe für dieses Gefühl«, fuhr Nikolas fort, »denn ich weiß wirklich nicht, lieber Freund, was aus mir geworden wäre oder wie sich meine Verhältnisse gestaltet hätten ohne die Hilfe, die Sie mir zu einer Zeit erwiesen, wo ich wohl am wenigsten darauf rechnen durfte.« »Ach Gott, reden S' nicht davon«, versetzte John fast ärgerlich, »und wärmen S' die alte G'schicht nicht wieder auf.« »Nun, dann bleibt mir nichts anders übrig, als von einer ähnlichen neuen anzufangen«, sagte Nikolas lächelnd. »Ich habe Ihnen schon in meinem Brief geschrieben, wie tief ich Ihr Mitleid mit dem armen Burschen, den Sie auf die Gefahr hin, sich selbst in Unannehmlichkeiten zu verwickeln, befreit haben, empfinde und anerkenne. Sie wissen gar nicht, wie sehr ich und andre, die Sie nicht kennen, Ihnen wegen der Barmherzigkeit, die Sie ihm erwiesen haben, zu Dank verpflichtet sind.« »Saprament«, rief John Browdie und rückte mit seinem Stuhl näher. »Und ich kann es Ihnen gar net beschreiben, wie hoch mir noch andre gewisse Leute, die uns beiden durchaus nicht unbekannt sind, diese barmherzige Tat anrechnen würden.« »Ach«, rief Mrs. Browdie, »was ich damals an dem Abend für Angst ausgestanden hab'.« »Verfiel man überhaupt darauf, hinter Ihnen den Täter zu vermuten?« fragte Nikolas den wackern Yorkshirer. »A, gar kei Spur«, erwiderte John und grinste von einem Ohr zum andern. »Es war schon ganz finster g'worden, da lag ich noch immer in dem Schulmeister seinem Bett, und noch immer hat keiner auch nur eine Ahnung g'habt, was vorgegangen war. – Na, hab' ich mir gedacht, jetzt hat er ja einen guten Vorsprung, und wenn er noch nicht zu Hause is, so kommt er seiner Lebtag nimmer heim; jetzt kann meinetwegen der Schulmeister raufkommen.« »Ich verstehe«, sagte Nikolas. »Ich hab' auch nicht mehr lang' warten brauchen. Zuerst hab' ich g'hört, wie er unten die Tür zug'macht und sich im Finstern heraufgetappt hat. – ›Nur schön langsam‹, hab' ich zu mir selber g'sagt, ›laß dir nur Zeit, alter Schuft, brauchst dich nicht sonderlich übereilen‹. Und gleich darauf ist er zur Tür vom Nebenzimmer gekommen und hat den Schlüssel umgedreht, oder hat vielmehr wollen – es war doch ka Schloß mehr dran –, und gleich drauf hab' ich ihn schreien hören: ›Heda!‹ – Ja, hab' ich mir gedacht, schreist lang gut, du wirst niemand aufwecken, alter Schuft. – ›Heda!‹ hat er wieder g'rufen, und dann hat's ihm den Atem verschlagen, und dann hab' ich ihn rufen hören: ›Ich schlag' dir alle Knochen im Leib entzwei, wenn du dich net meldest.‹ Und dann hat er plötzlich nach Licht g'rufen. Und wie man's gebracht hat, Jessas, war das a Spektakel! ›Was gibt's denn?‹ hab' i g'fragt. – ›Ausgerissen is er‹, hat er gebrüllt, halb verrückt vor Schrecken und Galle. ›Habt Ihr denn nichts gehört?‹ ›Jawohl‹, hab' i g'sagt, ›grad hab' ich erst die Haustür unten zumachen hören; es war als ob jemand runter lauft‹ – und dann hab' i nach der falschen Richtung g'zeigt – und dann hat er g'schrieen: ›Hilfe, Hilfe!‹, und ich hab' ihm gesagt: ›Ich will dir helfen, Schulmeister.‹ Und dann sind wir ihm zusammen nachg'loffen – Aber auf dem falschen Weg natürlich, hohoho!« »Sind Sie weit gelaufen?« fragte Nikolas. »Weit?« brüllte John. »A Viertelstund' hat er's ausg'halten, dann hat er nimmer schnaufen können. – Ich hab' g'meint, ich fall' um vor Lachen, wie er so ohne Hut und bis an die Knie im Dreck neben mir herg'loffen is und über die Zäun' geklettert und in die Gräben gepurzelt und dabei wie unsinnig getobt und geschrien hat. Und dabei hat er immer ins Finster gestarrt, und die Rockschöß sind ihm nur so umanand g'flogen. Und von oben bis unten war er voll Dreck wie a Schwein. Ich hätt mich am liebsten auf den Bauch g'legt und mich zu Tod g'lacht.« Und bei der bloßen Erinnerung daran wieherte John so herzlich, daß auch seine beiden Zuhörer angesteckt wurden und alle drei wie aus einem Munde hell hinauslachten, bis sie nicht mehr konnten. »Das ist ein ganz heilloser Schuft, der Schulmeister«, schloß John und trocknete sich die Tränen, die ihm vor Lachen in die Augen getreten waren. »Ein ganz heilloser Schurke.« »Nicht sehen kann ich ihn«, rief Tilly. »Brav, Mädel«, lobte John, »das g'fällt mir. Aber seine Bekanntschaft verdank' ich eigentlich doch dir; du hast ja dort verkehrt.« »Ich konnte dem Umgang mit Fanny Squeers nicht gut ausweichen, John«, erklärte die junge Frau. »Wir waren, wie du ja weißt, schon von Kindheit an Spielgefährtinnen.« »Hast schon recht«, rief John, »es ist am besten, man hält gute Nachbarschaft und verdirbt sich's nicht mit alten Freunden. Ich hab' ja immer g'sagt, man muß Streitereien ausweichen, solange man kann. Meinen Sie nicht auch, Mr. Nickleby?« »Gewiß«, bestätigte Nikolas, »und Sie selbst haben ganz nach diesen Prinzipien gehandelt, als ich Sie nach jenem denkwürdigen Abend damals zu Pferd auf der Landstraße traf.« »Nun ja«, brummte John, »was ich sag', das halt' ich auch.« »Das ist schön und männlich von Ihnen«, versetzte Nikolas, »wenn auch die Yorkshirer in London gerade nicht den Ruhm genießen, immer so zu sein, wie Sie es sind – aber haben Sie mir nicht in Ihrem Brief geschrieben, daß Miss Squeers bei Ihnen zu Besuch sei?« »Ja«, entgegnete John, »sie ist doch Tillys Brautjungfer, wenn auch a verflucht z'widere; ich glaub' sie wird lang warten müssen, bis sie selbst a Brautjungfer braucht.« »Pfui, schäme dich, John«, schalt Mrs. Browdie. »Ihr Bräutigam wird damisch glücklich werden«, spöttelte John mit pfiffigem Augenzwinkern weiter. »Er wird sein Glück gar nicht ertragen können.« »Eben, weil sie bei uns zu Besuch ist, Mr. Nickleby«, erklärte die junge Frau, »hat John Sie für heute abend herbestellt und Ihnen geschrieben, denn er hat angenommen, daß es Ihnen nach all dem, was vorgefallen ist, nicht besonders angenehm sein würde, ihr hier zu begegnen.« »Da haben Sie sehr recht«, unterbrach Nikolas. »Besonders«, fuhr Tilly mit einem schelmischen Blick fort, »nach dem, was wir von gewissen ehemaligen Liebesangelegenheiten wissen.« »So, erinnern Sie sich daran?« versetzte Nikolas kopfschüttelnd. »Nun, ich glaube, Sie haben damals eine ziemlich gottlose Rolle dabei gespielt.« »Na, das glaub' ich«, rief John Browdie und wickelte eine der hübschen, zierlichen Locken seiner Frau um seine riesigen Finger, mit Stolz auf sie herniederblickend. »Sie war immer so ausgelassen und hat's so faustdick hinter den Ohren g'habt wie ein –« »Nun, wie was?« fragte Tilly. »No, eben wie ein Frauenzimmer«, schloß John seinen Satz. »Ich kann nachdenken, wie ich mag, ich find' keinen bessern Vergleich.« »Sie haben von Mrs. Squeers gesprochen«, fiel Nikolas rasch ein, um den ehelichen Zärtlichkeiten ein Ende zu machen, damit nicht wieder eine peinliche Stimmung eintrete. »Jawohl«, ging Tilly auf das Thema ein. »John hat den heutigen Abend gewählt, weil sie vorhatte, bei ihrem Vater Tee zu trinken, und damit sie uns hier nicht überrascht, hat ihr John versprochen, sie später selbst abzuholen.« »Das haben Sie geschickt gemacht«, lobte Nikolas. »Es tut mir nur leid, daß ich Ihnen soviel Ungelegenheiten bereite.« »Aber nicht im mindesten«, beteuerte Mrs. Browdie. »Wir können Ihnen gar nicht sagen, wie wir – John und ich – uns gefreut haben, Sie wieder einmal zu sehen. Wissen Sie, Mr. Nickleby«, fügte sie mit schelmischem Lächeln hinzu, »daß, wie ich glaube, Fanny Squeers wirklich sterblich in Sie verliebt war?« »Ich bin Ihnen sehr verbunden für Ihre Schmeichelei«, verteidigte sich Nikolas, »aber wahrhaftig, ich habe niemals danach getrachtet, ihr jungfräuliches Herz zu gewinnen.« »Ah, da hört sich alles auf«, rief Mrs. Browdie, »wissen Sie also wirklich nicht, daß mir Fanny allen Ernstes erzählte, Sie hätten ihr Anträge gemacht und es würde demnächst zu einem förmlichen feierlichen Verlöbnis kommen?« »Was – wie«, rief plötzlich eine schrille Frauenstimme dazwischen, »hat sie dir wirklich gesagt, daß eine Verlobung zwischen – zwischen mir – und einem meuchelmörderischen Dieb stattfinden wird, der das Blut meines Vaters vergossen hat! Glauben Sie wirklich, daß ich in einen solchen Schuhfetzen, den ich nicht einmal mit der Feuerzange anfassen möchte, verliebt sein konnte? Glauben Sie das wirklich, Madame? – Sie elendes niederträchtiges Geschöpf!« Bei diesen schrecklichen Vorwürfen hatte die tief verletzte Miss Squeers die Tür aufgerissen und präsentierte den Blicken der erstaunten Browdies und Nikolas' nicht nur die Umrisse ihrer eigenen lieblichen Gestalt in dem bereits beschriebenen, nur etwas schmutziger gewordenen weißen Kleide, sondern auch die ihres Vaters und Bruders, der beiden Wackfords. »Das chabe ich also« – fuhr Miss Squeers fort, die, wenn sie zornig war, ihre »h« immer wie »ch's« aussprach – »das chabe ich also für all meine Nachsicht und Freundschaft für diese doppelzüngige Person – diese Viper – diese – Melusine –«, sie suchte lange nach dieser Bezeichnung und warf sie endlich so triumphierend hin, als ob ihr damit der Inbegriff alles dessen, was sie sagen wollte, gelungen sei. »Das chabe ich also für die Geduld und die Langmut mit deiner chinterlistigen Gemeinheit und Falschheit und deinem ganzen niederträchtigen Hang, die Bewunderung erbärmlicher Seelen auf dich zu ziehen, und zwar in einer Weise, daß ich erröten müßte, schon wegen mei– meines –« »Geschlechtes«, ergänzte Mr. Squeers, die Browdies und Nikolas mit seinem einzigen ihm zur Verfügung stehenden Auge der Reihe nach musternd. »Jawohl«, keuchte Miss Squeers, »aber ich danke Gott, daß meine Mutter –« »Wenn sie nur hier wäre! Sie würde der ehrenwerten Gesellschaft schon ein bißchen das Gesicht zerkratzen«, fiel ihr Mr. Squeers ins Wort. »Das chabe ich jetzt davon«, fuhr Miss Squeers in ihrer Strafpredigt fort, schüttelte das Lockenhaupt und blickte verächtlich zur Decke, »das chabe ich davon, daß ich diesem Aschenbrödel da, diesem Kehrichthaufen – überhaupt einen Blick geschenkt chabe und mich selbst so weit erniedrigte, sie mit meiner Freundschaft zu beglücken.« »Ach was, laß das alberne Geschwätz«, grollte Mrs. Browdie, riß sich von ihrem Gatten, der sie daran hindern wollte, los und trat ein paar Schritte vor. »Hast du vielleicht nicht meine Freundschaft genossen?« fragte Miss Squeers. »Nein, wahrhaftig nicht; das hätt' ich mir überlegt«, antwortete Tilly. »Bei solchen Personen sucht man freilich die Schamröte vergebens«, erwiderte Miss Squeers hochmütig, »in einer solchen Visage liest man eben nichts als Schimpflichkeit und bauernhafte Frechheit.« »Sie, ich möcht' Ihnen jetzt raten, gefälligst andre Worte zu gebrauchen«, fiel John Browdie ein, den diese ununterbrochenen Angriffe auf seine Frau zu ärgern begannen. »Halten S' Ihnen gefälligst zurück.« »Sie, Mr. Browdie«, erwiderte die junge Dame schnell, »Sie kann ich nur von Herzen bedauern.« »So, so«, brummte John. »Jawohl«, wiederholte Miss Squeers und blickte ihren Vater von der Seite an. »So spöttisch Sie auch zu sagen beliebten, daß ich nicht so bald einen Bräutigam finden würde, so empfinde ich trotzdem nichts andres als Mitleid für Sie, Mr. Browdie.« Wieder warf sie ihrem Vater einen fragenden Blick zu, den dieser mit einer Grimasse erwiderte, als wolle er sagen: »da hast du es ihm aber tüchtig gegeben.« »Ich weiß eben, was Sie noch durchzumachen haben werden«, fuhr Miss Squeers fort und schüttelte heftig ihre Locken, »ich weiß eben voraus, was Ihnen für eine Zukunft bevorsteht – und wenn Sie mein bitterster Todfeind wären, so könnte ich Ihnen nichts Schlimmeres wünschen.« »Außer vielleicht, daß du dich selbst ihm zum Weibe wünschtest«, fügte Mrs. Browdie gelassen hinzu. »Ach, Madame, wie witzig Sie sind!« bemerkte Miss Squeers spitz und mit einem tiefen Knicks, »fast zu witzig, als daß man es Ihnen bei Ihrem Verstande zugetraut hätte; und wie klug von Ihnen, Madame, einen Zeitpunkt zu wählen, wo ich zu meinem Vater zum Tee gegangen war und nicht eher wiederkommen konnte, als bis man mich abholte. Nur schade, saß Sie dabei übersehen haben, daß andre Leute ebenso gescheit sind wie Sie und Ihnen einen Strich durch die Rechnung machen konnten.« »Es wird dir nicht gelingen, Kind, mich durch solche Reden aufzubringen«, spöttelte die ehemalige Miss Tilly, sich auf die Erwachsene spielend. »Ich muß mir verbieten, Madame, daß Sie mich ›Kind‹ nennen«, brauste Miss Squeers auf, »ich dulde das nicht. Das chabe ich also –« »Donnerwetter noch einmal«, rief John Browdie ungeduldig. »Also gut, das hast du nun eben davon, Fanny. Laß schon mal endlich das Geschnatter.« »Ich danke Ihnen verbindlich für Ihren freundlichen Rat, Mr. Browdie, um den ich Sie übrigens gar nicht ersucht habe«, erwiderte Miss Squeers mit affektierter Höflichkeit, »bitte Sie aber allen Ernstes, mich nicht beim Taufnamen zu nennen. Sogar in meinem Mitleid für Sie will und werde ich nicht vergessen, was ich mir selbst schuldig bin, Mr. Browdie. Und von dir, Tilda«, fuhr sie schrill auf, »sage ich mich auf immer los. Ich verzichte auf dich und deine Freundschaft und gebe dich auf für immer. Ich würde mein Kind nicht Tilda taufen lassen«, setzte sie feierlich hinzu, »und wenn ich es damit vom Tode retten könnte, vorausgesetzt natürlich, daß ich eins hätte.« »Na, was das betrifft«, bemerkte John, »so haben Sie immer noch Zeit genug, es sich zu überlegen, wenn Sie einmal eins haben.« »John«, fiel die junge Frau mit verstecktem Hohn ein, »kränke sie nicht! Du tust ihr weh.« »Du tust ihr weh«, echote Miss Squeers, außer sich vor Wut. »Du tust ihr weh! Hihihi! Nein, wie weichherzig!« »Wenn es nun einmal das Los des Horchers an der Wand ist, niemals etwas Gutes von sich zu hören«, lenkte Mrs. Browdie spöttisch ein, »so kann ich das alles jetzt, so leid es mir auch tut, nun einmal nicht ändern. Aber ich will dir nur sagen, Fanny, daß ich oft und oft hinter deinem Rücken so freundlich von dir gesprochen habe, daß sogar du selbst damit zufrieden gewesen wärest.« »Ja natürlich, ohne Zweifel«, rief Miss Squeers abermals mit einem Knicks, »und meinen verbindlichsten Dank für Ihre große Güte und meine flehentliche Bitte, ein andermal recht glimpflich mit mir zu verfahren.« »Übrigens wüßte ich auch wirklich nicht«, nahm Mrs. Browdie ihre Rede auf, »was ich dir besonders Schlimmes – selbst in dem gegebenen Falle – nachgesagt hätte, da alles, was ich aussprach, nur die reinste Wahrheit war. Sollte ich es übrigens doch getan haben, so tut es mir leid, und ich bitte dich hiermit um Entschuldigung. Du hast gewiß zwanzig Mal viel Schlimmeres über mich gesagt, Fanny, ohne daß ich es dir nachgetragen hätte. Ich hoffe von dir jetzt ein Gleiches.« Miss Fanny Squeers' Antwort bestand lediglich darin, daß sie ihre Freundin von Kopf bis zu Fuß musterte und mit der Miene unaussprechlicher Verachtung die Nase rümpfte. Gewisse atemlose, mit zusammengekniffenen Lippen hervorgestoßene Worte wie: Katze, Hexe, verächtliches Geschöpf und so weiter verrieten jedoch, daß ihr Inneres ein Sturm von Gefühlen durchbrauste, zu übermächtig, um sich in Worten ausdrücken zu lassen. Während dieses Dialoges hatte sich Master Wackford, sich unbeachtet glaubend und nicht imstande, seinen Lieblingsneigungen einen Zwang anzutun, unmerklich an den Tisch geschlichen, wo er jetzt einen lebhaften Angriff auf die daraufstehenden Speisen eröffnete. Erst fuhr er mit den Fingern am innern Rand der Schüssel entlang und leckte sie sich mit großem Wohlbehagen ab – dann stibitzte er ein Stück von der Pastetenkruste und fuhr damit über die Butter, und schließlich steckte er Zuckerstückchen anscheinend tief in Gedanken versunken ein. Als er sich bei Betätigung dieser kleinen Freiheiten nicht gestört sah, ging er nach und nach zu größern über, bis er schließlich ganz zwanglos mit der Bearbeitung der Pastete beschäftigt war. Sein Vater, der das alles gar wohl bemerkt, schwelgte innerlich bei dem Gedanken, daß sich sein Sohn und Erbe auf Unkosten des gemeinsamen Feindes mäste. Erst jetzt, wo jeden Augenblick eine Pause einzutreten drohte, bei der die Tätigkeit des kleinen Wackford kaum unbemerkt bleiben konnte, tat er plötzlich, als ob er zum erstenmal sein Beginnen bemerkte, und versetzte ihm eine Maulschelle von solcher Kraft, daß die Teetassen klirrten. »Was!« grollte er, »du ißt von den Speisen, die deines Vaters Feinde übriggelassen haben? Weißt du nicht, daß es zu Gift für dich werden kann, du unnatürlicher Bube?« »Ach was, es wird ihm weiter nichts machen«, sagte John, sichtlich sehr beruhigt, nicht länger mehr ein Weib, sondern einen Mann vor sich zu haben. »Lassen S' ihn nur essen. Ich wollte, die ganze Schule wäre hier, damit sie sich ein bissel ihre ausgehungerten Mägen stopfen könnten. Mir käm's nicht drauf an, sollt' es mir auch den letzten Penny kosten.« Squeers warf ihm einen wütenden Blick zu, so boshaft und tückisch, wie es ihm nur irgend möglich – und was das anbelangte, verstand er seine Sache –, und ballte die Faust in der Tasche. »Lassen Sie sich nicht auslachen, Schulmeister«, sagte John, der es wohl bemerkte, »lassen Sie sich nicht auslachen. Wenn ich die meinige balle – nur ein einziges Mal –, so liegen Sie schon am Boden, bevor Sie sie noch im Gesicht haben.« »Waren Sie es vielleicht nicht«, zischte Squeers, »der dem Smike beim Ausreißen geholfen hat? Waren Sie's vielleicht nicht? »Ich?« erwiderte John laut. »Na also gut, ja, ich war's. Und was weiter?« »Du hörst, er hat es eingestanden, mein Kind«, fuhr Squeers auf, seine Tochter zur Zeugin anrufend. »Hast du gehört, er hat es eingestanden?« »Eingestanden?« wiederholte John, »ich will ihnen noch mehr sagen. Wenn Sie wieder einmal Ausreißer einfangen, so werde ich es nochmal tun, und wenn Sie zwanzig Ausreißer wieder kriegen, tu ich es noch zwanzig Mal, und noch zwanzig Mal zwanzig, verstanden! Mir kocht schon das Blut«, fuhr er fort, »und ich sag' Ihnen noch obendrein, daß Sie ein alter Schuft sind. Und daß Sie ein alter Schuft sind, dazu können Sie sich gratulieren, denn ein junger wäre wohl zu Boden geschlagen worden, wenn er einem ehrlichen Mann erzählt hätte, wie er mit dem armen Burschen in der Droschke verfahren hat.« »Einem ehrlichen Mann!« höhnte Squeers. »Jawohl, einem ehrlichen Mann«, schrie John. »Ehrlich in allen Dingen, nur das eine Mal nicht, wo er seine Füße mit dir unter denselben Tisch gestreckt hat.« »Eine Ehrenbeleidigung!« frohlockte Squeers, »vor zwei Zeugen! Wackford kennt die Bedeutung des Eides; er wird – jawohl, wir werden Sie uns schon ausborgen. Also ›alter Schuft‹ und ›Halunke‹!« – Er zog sich sein Notizbuch hervor und schrieb sich die Worte auf. »Das allein wird bei der nächsten Gerichtssitzung mit zwanzig Pfund bewertet, abgesehen von der Anspielung mit der Ehrlichkeit!« »Gerichtssitzung?« rief John. »Halten Sie sich lieber von Gerichtssitzungen fern; es hat schon so mancher Yorkshirer Schulmeister vor den Assisen gestanden, Bursche, und ich kann dir sagen, es ist verdammt kitzlich für dich, im Dreck herumzurühren.« Der Pädagog wurde aschfahl vor Wut und schüttelte drohend das Haupt, dann nahm er seine Tochter beim Arm, zerrte den kleinen Wackford an der Hand mit sich fort und retirierte zur Türe. »Und was Sie anbelangt«, er wendete sich, stehenbleibend, an Nikolas, der sich absichtlich nicht in die Verhandlungen gemischt hatte, da er dem Ehrenmann ja sowieso schon seinerzeit eine genügende Lektion hatte angedeihen lassen, »so geben Sie acht, daß ich Ihnen nicht über kurz oder lang aufs Fell rücke. Schuljungen entführen! Sie werden schon erfahren, was das zu bedeuten hat. Nehmen Sie sich in acht, daß die betreffenden Väter nicht selbst Nachfrage halten und ihre Sprößlinge wieder zu mir zurückschicken, wo ich Ihnen zum Trotz mit ihnen verfahren kann, wie es mir beliebt.« »Darum ist mir nicht bange«, sagte Nikolas, wandte sich ab und zuckte verächtlich die Achseln. »Wirklich? Na, das wollen wir mal sehen!« rief Squeers mit einem tückischen Blick – »kommt jetzt, Kinder.« »Ich verlasse am Arme meines Vaters diese Gesellschaft für immer«, deklamierte Miss Squeers und warf einen Blick stolzer Verachtung über die Schulter. »Ich empfinde es als Schmach, mit solchen Geschöpfen auch nur dieselbe Luft geatmet zu haben. Armer, armer Mr. Browdie. Hahaha! Nein wahrhaftig, er tut mir leid, daß er sich so eingetunkt hat, hahaha – mit dieser arglistigen, ränkesüchtigen Person.« Damit fegte die junge Dame aus dem Zimmer. Draußen jedoch schien sie ihre Würde nicht länger aufrechterhalten zu können, denn man hörte sie deutlich auf der Treppe weinen, schluchzen und stöhnen. Mit offenem Mund blieb John Browdie hinter dem Tische stehen und sah bald seine Frau, bald Nikolas an, bis seine Hand auf den Bierkrug niedersank; dann ergriff er den Henkel des Gefäßes, verbarg eine Zeitlang sein Gesicht dahinter, händigte dann den Krug mit einem tiefen Atemzug Nikolas ein und zog schweigend die Klingel. »Also rasch, Kellner«, befahl er lebhaft, »ein bissel g'schwind und die Sachen weg da und schauen Sie, daß wir was Gebratenes zum Nachtessen bekommen – aber es muß gut und reichlich sein – um zehn Uhr, verstanden! Und Brandy und Wasser dazu – und ein paar Pantoffel – die größten, die im Haus sind, aber schnell. Saprament nochmal«, fuhr er händereibend fort, »das ist gescheit, jetzt brauch ich den Abend nicht mehr auszugehen und jemand abzuholen. Wir wollen heute einmal lustig sein.« 43. Kapitel Versieht den Dienst eines Zeremonienmeisters, indem es verschiedene Leute zusammenbringt Der Sturm war schon längst der tiefen Stille gewichen und der Abend schon ziemlich weit vorgerückt – denn es war die Zeit nach dem Abendessen, und der Verdauungsprozeß nahm einen so günstigen Fortgang, wie es nach der Annahme hochverständiger Männer auf dem Gebiete der Physiologie und Anatomie unter dem Einflusse einer ungestörten zwanglosen Unterhaltung und dem mäßigen Genusse von Brandy und Wasser nur immer möglich ist –, als die drei Freunde, oder besser gesagt die zwei Freunde – da Mr. und Mrs. Browdie sowohl im bürgerlichen wie im religiösen Sinne nur als ein Leib und eine Seele zählten – durch den Lärm lauter und heftiger Drohungen im Parterre aufgeschreckt wurden, die bald eine solche Intensität annahmen und überdies so wild und blutgierig klangen, daß es kaum hätte schlimmer sein können, wenn ein wirklicher Mohrenkopf auf den Schultern und dem Rumpfe eines leibhaftigen Sarazenen im Hause anwesend gewesen wäre. Höchst auffallend war es, daß der Lärm eigentlich nur von einer einzigen Person auszugehen schien, die sich allerdings einer so kräftigen Lunge erfreute, daß auch die Stimme von zwölf kräftigen Menschen kaum mehr Aufruhr hätte verursachen können. »Donnerwetter, was ist denn da los?« rief Nikolas zur Türe eilend. Mr. Browdie wollte ihm folgen, aber Tilda erbleichte, sank in ihren Sessel zurück und bat mit schwacher Stimme, John dürfe sich keiner Gefahr aussetzen, da sie sonst sofort in Ohnmacht fallen und Krämpfe kriegen werde. Und dann könnten die Folgen weit ärger sein, als er sich vielleicht jetzt vorstelle. John machte bei dieser Eröffnung ein ziemlich verdrießliches Gesicht, wenn er auch ein gewisses Grinsen nicht zu unterdrücken imstande war; da er sich aber unmöglich so weit überwinden konnte, sich von der Raufszene, die er vermutete, fernzuhalten, schlug er den goldenen Mittelweg ein, das heißt, er ergriff seine Frau beim Arm und eilte mit ihr zusammen Nikolas die Treppe hinunter nach. Der Schauplatz des Aufruhres lag auf dem Flur vor dem Kaffeezimmer, und dort hatten sich die Hotelgäste und Kellner sowie auch ein paar Kutscher und Hausknechte zusammengefunden und umstanden einen jungen Mann, der kaum ein paar Jahre älter als Nikolas sein konnte und außer den bereits erwähnten Drohungen in seiner Entrüstung sogar noch um einige Punkte weitergegangen zu sein schien, wenigstens hatte er keine andre Fußbekleidung als Strümpfe an, während ein Paar Pantoffeln in nicht allzu weiter Entfernung von dem Kopfe einer in der entgegengesetzten Ecke auf dem Boden liegenden Gestalt den Verdacht erweckten, als hätten sie ihren gegenwärtigen Aufenthalt infolge eines Fußtrittes erreicht und seien der auf dem Boden liegenden Gestalt nach und an die Ohren geflogen. Die Kaffeehausgäste, die Kellner, die Kutscher und die Hausknechte – eines Schenkmädchens nicht zu vergessen, das durch ein offenes Schiebfenster zusah – schienen für den Augenblick, soviel sich aus ihren Gesten und halblauten Ausrufen entnehmen ließ, außerordentlich geneigt zu sein, gegen den jungen Herrn in Strümpfen Partei zu ergreifen. Als Nikolas dies bemerkte und gleichzeitig wahrnahm, daß der junge Mann so ziemlich von seinem eignen Alter war und keineswegs das Aussehen eines Raufboldes hatte, fühlte er – wie es wohl bei jungen Leuten unter ähnlichen Umständen zu geschehen pflegt – eine lebhafte Neigung, der schwächeren Partei beizustehen. Er drängte sich denn auch alsbald mitten in die Gruppe und fragte etwas gebieterischer, als es vielleicht die Umstände rechtfertigen mochten, nach der Ursache des Lärmes. »Hallo!« rief einer der Hausknechte. »Hallo, a vornehmer Unbekannter!« »Gentlemen, Platz da für den ältesten Sohn des Zaren von Rußland!« höhnte ein Würdenträger der Stallabteilung. Ohne auf diese Spötteleien zu achten, die, wie es gewöhnlich bei Späßen auf Kosten gutgekleideter Leute zu geschehen pflegt, mit allgemeinem Jubel aufgenommen wurden, blickte sich Nikolas unbekümmert um, wandte sich dann an den jungen Herrn, der inzwischen seine Pantoffeln wieder angezogen hatte, und wiederholte seine Frage in höflichem Ton. »Ach, es hat ganz und gar nichts auf sich«, antwortete dieser. Sofort erhob sich ein Gemurmel unter den Zuschauern, und einige der Beherztesten riefen: »Ausgezeichnet! Es hat nichts auf sich – ganz und gar nicht – nichts nennt er das! Gott sei Dank, daß er nichts dabei findet!« Als sich der Witz der Umstehenden ein wenig erschöpft hatte, fingen zwei oder drei der Würdenträger des Stalldepartements an, Nikolas und den jungen Herrn scheinbar wie zufällig anzurempeln und ihnen auf die Zehen zu treten und so weiter. Da dies beliebte Gesellschaftsspiel sich nicht notwendigerweise auf ein paar auserwählte Personen beschränkte, so hatte natürlich auch John Browdie Zutritt und brach denn auch – zum großen Schrecken seiner Ehehälfte – in das kleine Häuflein, rempelte die Gentlemen bald links, bald rechts, bald rückwärts, bald vorwärts an und stieß dabei ganz zufällig mit seinem Ellbogen an den Hut des einen Hausknechts, der sich bei der ganzen Angelegenheit als besonders tätig erwiesen, was zur Folge hatte, daß der Auflauf gar bald ein anderes Gesicht bekam und mehr als ein stämmiger Bursche sich respektvoll absentierte, mit Tränen im Auge den schweren Tritt und den gewichtigen Fuß des derben Yorkshirers verwünschend. »Er soll sich nur nochmal unterstehen«, brüllte der eine, der in die Ecke geflogen war, und stand auf, aber mehr aus Angst, sich unversehens von John Browdie wieder einen Tritt zuzuziehen, als um sich seinem Widersacher etwa entgegenzustellen. »Er soll sich nur nochmal unterstehen, ich werd's ihm schon geben!« »Und wenn Sie noch einmal wiederholen, was Sie vorhin gesagt haben«, fiel ihm der junge Mann in die Rede, »so werf ich Sie mit dem Kopf unter die Weingläser da hinten.« Der Kellner, der, solange nur vom Schädeleinschlagen die Rede gewesen war, entzückt über diesen Raufhandel sich die Hände gerieben hatte, beschwor jetzt plötzlich die Zuschauer allen Ernstes, doch die Polizei zu holen; es gehe gewiß nicht ohne Totschlag ab, und er sei seinerseits für alle Gläser und sämtliches Porzellan im Hause verantwortlich. »Bemühen Sie sich nicht weiter, meine Herrn«, wendete sich der junge Mann an die Hotelbediensteten, »ich bleibe noch die ganze Nacht hier, und morgen können Sie mich ja finden, wenn Sie mich zur Verantwortung ziehen wollen.« »Weshalb haben Sie ihn geschlagen?« fragte einer der Umstehenden. »Ja, weshalb haben Sie ihn geschlagen?« wiederholten die übrigen. Der unpopulär gewordene junge Mann sah sich kaltblütig um, wandte sich dann an Nikolas und sagte: »Sie haben mich vorhin gefragt, was es denn gäbe. Die Sache verhält sich einfach so: dieser Mensch dort trank mit einem Freund im Kaffeezimmer ein Glas Wein, ich hatte in der Nähe noch eine halbe Stunde vor Schlafengehen Platz genommen – ich komme nämlich eben von einer Reise zurück und wollte hier übernachten, da ich meine Familie, die mich erst morgen zu Hause erwartet, nicht so spät in ihrer Ruhe stören wollte –, und da unterstand sich der Bursche, sich auf unverschämte Weise vertraulicher Ausdrücke über eine Dame zu bedienen, die ich nach seiner Beschreibung und noch nach andern Umständen erkannte und mit deren Familienverhältnissen ich genauer bekannt zu sein die Ehre habe. Da er sehr laut sprach, so daß ihn die andern anwesenden Gäste unbedingt hören mußten, bedeutete ich ihm sehr höflich, daß seine Annahmen falsch seien und überdies außerordentlich beleidigend klängen. Ich ersuchte ihn, sich in Hinkunft solcher Äußerungen zu enthalten. Er tat es auch für einige Zeit, da er es aber für gut fand, beim Aufstehen sein Gespräch in noch verletzenderer Weise als früher wieder aufzunehmen, so ging ich ihm nach, versetzte ihm einen Fußtritt und brachte ihn dadurch in die Lage, in der Sie ihn gefunden haben. Ich weiß übrigens selbst am besten, was ich zu tun und zu lassen habe«, fuhr der junge Mann fort, immer noch ziemlich erregt, »und sollte vielleicht jemand wünschen, für ihn Partei zu nehmen, so kann er versichert sein, daß mich das nicht weiter inkommodieren wird.« Nichts hätte Nikolas bei seiner damaligen Gemütsverfassung natürlicher und löblicher erscheinen können als die Beweggründe des jungen Mannes, und er sagte sich, daß er in einem ähnlichen Falle genauso gehandelt hätte. Er nahm sich des jungen Gentlemans daher mit großer Wärme an und erklärte laut, dieser hätte vollkommen recht getan und er achte ihn hoch, eine Erklärung, der John Browdie im Brustton der Überzeugung beipflichtete. »Ich sag nur, er soll sich in Obacht nehmen«, erklärte der Mißhandelte und ließ sich von einem Kellner den Staub vom Anzug bürsten. »Er soll mich nicht umsonst verprügelt haben, das versichere ich ihm. Es wäre noch besser, wenn man ein schönes Mädchen nicht bewundern dürfte, ohne dafür halbtot geschlagen zu werden.« Diese Betrachtung schien auf die junge Dame hinter dem Schrankverschlag großen Eindruck zu machen. Sogleich rückte sie sich ihre Haube zurecht, blickte in den Spiegel und gab dabei dem Sprecher vollständig recht. Wenn alle Leute, meinte sie, für dergleichen unschuldige Dinge durchgehauen würden, so würden die Keilereien auf der Welt überhaupt kein Ende nehmen. Überhaupt möchte sie gern wissen, was der energische Herr eigentlich wolle. »Mein hübsches Kind –«, sagte dieser leise und näherte sich dem Schiebfenster. »Ach was, dummes Zeug, Sir«, unterbrach ihn die junge Dame schnippisch und blickte weg, konnte jedoch ein Lächeln dabei nicht unterdrücken, was ihr seitens Mrs. Browdies, die noch auf der Treppe stand und daraufhin sofort ihren Gatten zu sich berief, einen höchst indignierten Blick zuzog. »Aber so hören Sie doch nur«, fuhr der junge Mann fort. »Wenn die Bewunderung eines hübschen Gesichts ein Verbrechen wäre, so wäre ich überhaupt ganz unten durch, denn ich kann keinem einzigen widerstehen. So etwas übt immer eine außerordentliche Wirkung auf mich aus und ist sogar imstande, mich in der höchsten Wut zu besänftigen. Sie sehen also, welchen Eindruck Ihr hübsches Gesicht bereits auf mich gemacht hat.« »Ach, das ist alles sehr schön«, entgegnete die junge Dame, den Kopf zurückwerfend, »aber –« »Das sage ich doch«, fiel ihr der junge Mann in die Rede und sah sie bewundernd an, »aber von Schönheit muß stets mit Achtung gesprochen werden und in anständigen Ausdrücken. Man muß den hohen Wert der Schönheit zu schätzen wissen, und dieser Bursche da hat keinen Begriff –« Die junge Dame unterbrach kurz die Unterhaltung, indem sie den Kopf aus dem Schiebfenster steckte und den Kellner mit schriller Stimme fragte, ob der mißhandelte junge Gentleman vielleicht die ganze Nacht im Hausflur stehenzubleiben gedenke, um den Eingang andern Gästen zu versperren. Gehorsam diesem Winke informierten die Kellner daraufhin die Hausknechte, die ihrerseits sofort eine andre Miene aufsetzten und ohne weiteres Federlesen ihren früheren Schützling auf die Straße beförderten. »Ich muß diesen Kerl schon früher einmal gesehen haben«, bemerkte Nikolas. »Wirklich, glauben Sie?« versetzte der galante junge Herr. »Ich bin fest davon überzeugt«, fuhr Nikolas nachsinnend fort, »wo kann es nur gewesen sein? – Halt – jetzt erinnere ich mich – in einem Stellenvermittlungsbureau im Westend der Stadt. Das Gesicht kam mir gleich bekannt vor.« Er hatte recht. Es war Tom, der häßliche Buchhalter von dort, gewesen. »Höchst sonderbar«, sagte Nikolas, vor dessen geistigem Auge jetzt das ganze Stellenvermittlungsbureau, mit allem, was darin vorgefallen, deutlich auftauchte. »Ich bin Ihnen für Ihre rechtzeitige Intervention außerordentlich verbunden«, bedankte sich der junge Herr lachend und reichte Nikolas seine Visitenkarte. »Vielleicht haben Sie die Güte, mich wissen zu lassen, wo ich Ihnen meinen Dank abstatten kann.« Nikolas erwiderte ein paar höfliche Worte, warf einen Blick auf die Karte und rief dann höchst überrascht aus: »Mr. Frank Cheeryble? Doch nicht vielleicht der Neffe der Gebrüder Cheeryble, der morgen erwartet wird?« »Für gewöhnlich nenne ich mich nicht den Neffen der Firma«, versetzte Mr. Frank heiter, »aber ich bin natürlich stolz darauf, der Neffe der beiden vortrefflichen Männer zu sein, denen das Geschäft gehört. Und Sie sind, wie ich vermute, Mr. Nickleby, von dem ich schon so viel gehört habe? Es ist das ja eine höchst unerwartete, aber gewiß nicht weniger angenehme Begegnung.« Nikolas antwortete ebenso verbindlich, und beide drückten sich herzlich die Hand. Dann wurde John Browdie vorgestellt, der ganz verwundert zugesehen hatte, seitdem die junge Dame hinter dem Schankverschlag so diplomatisch für die gute Sache gewonnen worden war. Dann kam die Reihe des Vorgestelltwerdens an Mrs. Browdie, und schließlich gingen alle mitsammen die Treppe hinauf und verbrachten die nächste halbe Stunde in lebhafter Unterhaltung, wobei die junge Frau eifrig erklärte, die Person unten im Schankverschlag sei das eitelste und häßlichste Geschöpf, das sie je gesehen hätte. Mr. Frank Cheeryble war, wenn auch ein junger Hitzkopf, wie sich vor kurzem erwiesen, dabei aber ein höchst aufgeweckter, gutgelaunter, liebenswürdiger Gentleman und hatte etwas in seinem Gesicht und seinem Charakter, was Nikolas lebhaft an die beiden hochherzigen alten Brüder erinnerte. Ebenso ungezwungen in seinem Benehmen wie sie, sprach aus ihm eine Herzlichkeit, die Gleichgesinnte stets auf ganz eigentümliche Weise anzuziehen pflegt. Fügt man noch hinzu, daß er mit seinem hübschen Äußern viel Lebhaftigkeit und Witz verband, so wird es nicht besonders befremdend klingen, daß er sich schon nach fünf Minuten so gut in John Browdies Wunderlichkeiten zu finden wußte, als sei er von Kindheit auf sein Freund gewesen, und daß er, als sich die Gesellschaft trennte, nicht nur bei dem würdigen Landmann und seiner Gattin, sondern auch bei Nikolas einen sehr günstigen Eindruck zurückließ, so daß sich dieser sagte, als er auf seinem Heimweg die Begebnisse des Tages überdachte, daß er wirklich eine höchst angenehme und wünschenswerte Bekanntschaft gemacht habe. »'s ist doch wirklich sehr merkwürdig, diese Geschichte mit dem Schreiber aus dem Stellenvermittlungsbureau«, dachte Nikolas. »Sollte der Neffe vielleicht auch die schöne junge Dame kennen? Als mir Tim Linkinwater andeutete, er komme zurück, um in das Geschäft einzutreten, bemerkte er gleichzeitig, Mr. Frank hätte seit vier Jahren die Vertretung in Deutschland geleitet und wäre in den letzten sechs Monaten beschäftigt gewesen, eine Filiale im Norden Englands zu errichten. Das macht vier – vierundeinhalbes Jahr; sie muß also noch ein Kind gewesen sein, als er abreiste. Er hat also wohl noch nie etwas von ihr gehört, sie vielleicht nie gesehen, und von seiner Seite ist eine Auskunft kaum zu erwarten. Jedenfalls«, sagte sich Nikolas, und das war der Punkt, auf den er das meiste Gewicht legte, »brauche ich nicht zu fürchten, daß er irgendein Anrecht auf sie hätte. Ja, ja, die Sache ist klar.« Er hielt sich nicht weiter damit auf, ob seinen Gedanken nicht etwas Selbstsüchtiges in punkto Liebe zugrunde liege, begab sich sinnend nach Hause und träumte die ganze Nacht hindurch von den Gefühlen, die ihn bewegten. Als er sich so weit klar darüber geworden war, daß Frank Cheeryble unmöglich mit der geheimnisvollen jungen Dame näher bekannt sein könne, stieg ihm plötzlich in den Kopf, daß er selbst sie nie wieder zu sehen bekommen werde. Und dann baute er auf dieser Hypothese eine ungemein scharfsinnige Reihenfolge von quälenden Vorstellungen auf, die seinem Zwecke noch besser entsprachen als das Bild von Mr. Frank Cheeryble und ihn schließlich beim Wachen und Schlafen verfolgten. Der Morgen kam wie gewöhnlich und mit ihm die Stunde des Geschäfts und mit dieser Mr. Frank Cheeryble und mit Frank Cheeryble eine Reihe freudiger Bewillkommnungsszenen von Seiten der würdigen Brüder und ein etwas ernsterer und kontormäßigerer, wenn auch nicht weniger herzlicher Empfang seitens Mr. Timotheus Linkinwaters. »Daß sich Mr. Frank und Mr. Nickleby schon gestern abend treffen mußten!« sagte der alte Buchhalter, rutschte langsam von seinem Stuhl herunter und sah sich, mit dem Rücken gegen das Pult gelehnt, im Kontor um, wie er das gewöhnlich zu tun pflegte, wenn er etwas Besonderes zu bemerken hatte. – »Ich wiederhole, es ist ein höchst merkwürdiger Zufall, daß sich die beiden Herrn gestern abend auf diese Weise treffen mußten. Übrigens glaube ich nicht«, fügte er hinzu, »daß es auf der ganzen Welt einen zweiten Platz geben könnte, wo es möglich ist, so interessante Begegnungen zu erleben wie in London.« »Ich weiß das gerade nicht«, meinte Mr. Frank, »aber –« »Sie wissen das nicht, Mr. Frank?« unterbrach ihn Tim hartnäckig. »Nun, wir wollen die Sache in Erwägung ziehen. Wenn es wirklich einen bessern Ort für etwas dergleichen geben sollte, so möchte ich gerne wissen, wo der liegt. Vielleicht in Europa? Nein, da gibt's keinen. In Asien? Da natürlich noch weniger. In Afrika? Nicht daran zu denken. In Amerika? Sie wissen doch selbst, wie es dort aussieht. Na also«, fuhr Tim entschlossen fort, »wo wollte man ihn denn suchen?« »Ich will darüber mit Ihnen nicht streiten, Tim«, lachte der junge Mr. Cheeryble, »ich bin kein solcher Ketzer wie Sie. Ich möchte nur sagen, daß ich das Zusammentreffen für höchst erfreulich halte.« »Ja, das ist etwas anderes«, versetzte Tim, vollständig zufriedengestellt, »ich nahm nur an, daß Sie meine Ansicht bestreiten wollten. Aber wer das auch täte«, sagte er und klopfte nachdrücklich mit dem Zeigefinger auf seine Brille, »ich würde ihn einfach mit Beweisen heimgeschickt haben.« Es war unmöglich, die nötigen Worte zu finden, den Grad der Niederlage näher zu bezeichnen, die der Wagehals erlitten hätte, der sich Tim Linkinwater entgegengestellt hätte, und der alte Buchhalter gab daher den Rest seiner Erklärung aus purem Mangel an Worten auf und bestieg wieder seinen Schreibbock. »Wirklich, Bruder Ned«, sagte Mr. Charles Cheeryble, nachdem er Tim Linkinwater beifällig auf die Schulter geklopft, »wir können uns sehr glücklich schätzen, zwei solche junge Männer um uns zu haben wie unsern Neffen Frank und Mr. Nikolas. Wir haben alle Ursache, uns darüber zu freuen.« »Gewiß, Charles, gewiß«, bekräftigte der andere Firmenteilhaber. »Von Tim sage ich weiter nichts«, fuhr Bruder Ned fort, »denn Tim ist ein Jüngling – ein pures Kind –, der hier nicht weiter in Betracht kommt. Tim, Sie taugen nichts, was sagen Sie dazu, Sir?« »Daß ich eifersüchtig bin auf alle beide«, erklärte der alte Buchhalter, »und mich nach einer andern Stellung umsehen werde. Treffen Sie daher gefälligst Ihre Maßregeln, meine Herren.« Er hielt dies für einen so unvergleichlichen Witz, daß er seine Feder auf das Tintenfaß legte und, von seinem Schreibbock mehr herunterkollernd als -steigend, lachte, bis er nicht mehr konnte, dabei so heftig den Kopf schüttelnd, daß das Haarpuder in Wolken im Kontor herumstäubte. Auch die beiden Brüder hielten nicht mit ihrer Fröhlichkeit zurück und belachten fast ebenso herzlich den spaßhaften Gedanken, daß sie und Tim sich freiwillig trennen könnten. Am ausgelassensten jedoch lachten Nikolas und Mr. Frank – vielleicht um eine durch den kleinen Vorfall in ihnen wach gewordene Rührung zu verbergen. »Mr. Nickleby«, wendete sich Charles Cheeryble jetzt an Nikolas, nahm ihn beiseite und faßte ihn freundlich bei der Hand, »ich – ich möchte gern sehen, mein werter Herr, und zwar mit eigenen Augen, ob Sie sich auch wirklich in Ihrer Wohnung behaglich eingerichtet haben. Wir können unmöglich zugeben, daß, wer uns treu und redlich dient, sich Entbehrungen auferlegt oder Unbequemlichkeiten erduldet, die wir zu beseitigen imstande sind. Auch Ihre Mutter und Schwester möchte ich gerne kennenlernen, Mr. Nickleby. Außerdem wäre mir diese Gelegenheit sehr passend, um Ihren Damen die beruhigende Versicherung geben zu können, daß die unbedeutenden Dienste, die wir ihnen zu leisten imstande waren, angesichts Ihres Fleißes und Geschäftseifers bei weitem ausgeglichen sind – kein Wort, lieber Herr, wenn ich bitten darf. Morgen ist Sonntag, ich möchte mir da die Freiheit nehmen, zum Tee hinauszukommen und zu sehen, ob ich Sie zu Hause treffe. Sind Sie aber nicht zu Hause oder sollte es vielleicht die Damen stören und sie wünschten vielleicht ein andermal meine Bekanntschaft zu machen – nun, dann kann ich ja zu einer gelegeneren Zeit wiederkommen, da es mir durchaus nicht auf die Stunde ankommt. Vorderhand aber wollen wir's vielleicht bei dieser Verabredung belassen – lieber Ned, ich möchte gern ein Wort mit dir sprechen.« Arm in Arm verließen die beiden Brüder das Bureau, und Nikolas, der in dieser Besuchszusage, wie auch in vielen andern Freundschaftsbeweisen, die ihm von seiten seiner Chefs schon an diesem Morgen erwiesen worden waren, die freundliche Absicht merkte, ihn in Gegenwart Mr. Franks offiziell anzuerkennen, konnte das außerordentliche Taktgefühl der wackern alten Herren nicht genug bewundern und wußte kaum, wie er sich ihnen dafür werde dankbar erweisen können. In Mrs. Nicklebys Brust weckte die Nachricht, daß sie am nächsten Tage Besuch – und zwar einen solchen Besuch – erhalten sollte, eine halb freudige, halb leidvolle Empfindung. Einerseits sah sie darin eine gute Vorbedeutung für ihre baldige Wiederaufnahme in die gute Gesellschaft und den Rückblick aufdämmern an fast vergessene Annehmlichkeiten von Morgenbesuchen und Abendteevisiten – aber andererseits konnte sie nicht ohne Schmerz daran denken, daß sie ihre silberne Teekanne mit dem Elfenbeinknopf auf dem Deckel und die dazugehörige Milchkanne nicht mehr besaß, die in früheren Zeiten ihr Stolz gewesen und deren Anblick sie sich deutlich vergegenwärtigte, wenn sie sich sie vorstellte, wie sie Jahr für Jahr mit Waschleder umwickelt auf einem bestimmten Simse gestanden hatte. »Ich möchte nur wissen, wer jetzt im Besitz der Gewürzbüchse ist«, sagte sie, den Kopf schüttelnd, »gewöhnlich stand sie in der linken Ecke neben den Gläsern mit den eingemachten Zwiebeln. Erinnerst du dich noch an die Gewürzbüchse, Kate?« »Vollkommen, Mama.« »Fast kommt es mir so vor, Kate, als wäre es doch nicht der Fall«, entgegnete Mrs. Nickleby vorwurfsvoll, »da du so kalt und teilnahmslos davon sprechen kannst. Wenn mich bei all diesen Erinnerungen noch etwas mehr ärgert als der Verlust selbst –«, fügte sie hinzu und rieb sich verstimmt die Nase, »so ist es der Gedanke, daß Menschen um mich sind, die meine Worte mit so empörender Gleichgültigkeit hinnehmen.« »Aber liebe Mama«, besänftigte sie Kate und schlang ihr sanft den Arm um den Nacken, »warum redest du Dinge daher, die du unmöglich ernst meinen kannst, und warum zürnst du mir, daß ich mich glücklich und zufrieden fühle? Du und Nikolas, ihr seid mir geblieben; wir sind jetzt wieder beisammen, warum sollte ich mich da um Kleinigkeiten kümmern, deren Mangel ich nicht einmal empfinde? Ich habe all das Elend und all die Verödung und Einsamkeit durchgemacht, die der Tod nur mit sich bringen kann, und ich kenne das Leid, das man fühlt, wenn man mitten im Menschengewühl einsam und verlassen ist, und habe empfunden, wie schwer es auf uns lastet, wenn wir uns in Kummer und Armut trennen müssen, wo man des gegenseitigen Trostes am meisten bedarf. Wie kannst du dich also wundern, daß ich hier einen so tiefen Frieden fühle, solang du an meiner Seite bist? – Es hat eine Zeit gegeben, und sie ist noch nicht lange entschwunden, wo mir – ich gestehe es – die Annehmlichkeiten unseres alten Heims oft vor mein geistiges Auge traten – vielleicht öfter, als du denken magst –, aber ich habe damals getan, als kümmerte ich mich nicht darum, weil ich hoffte, dadurch dein Leid zu mildern. Sicher war ich nicht gefühllos, sonst wäre ich wohl weniger unglücklich gewesen, liebe Mama«, fuhr sie in höchster Aufregung fort, »jetzt sehe ich keinen Unterschied zwischen dieser Heimat und der, in der wir alle so viele Jahre uns glücklich fühlten, ausgenommen vielleicht, daß das gütigste und edelste Herz, das je auf Erden gelitten, in das Land ewigen Friedens eingegangen ist –« »Kate, liebe Kate!« rief Mrs. Nickleby und umschlang ihre Tochter. »Oft habe ich«, schluchzte Kate, »an all seine zärtlichen Worte gedacht – an das letztemal, als er zu Bett ging, in mein kleines Zimmer hereinblickte und sagte: Gott behüte dich, mein Liebling! Sein Gesicht war so blaß – sein ganzer Lebensmut war dahin – ich habe in dem Augenblick nicht daran gedacht –«, ein Tränenstrom schaffte ihr Erleichterung, sie legte ihren Kopf an die Brust ihrer Mutter und weinte wie ein Kind. Die gute Mrs. Nickleby, die immer nur gewohnt war, alles, was ihr gerade in den Sinn kam, in Worte zu kleiden, hatte nie im entferntesten an die Möglichkeit gedacht, daß ihre Tochter sich insgeheim mit solchen Gedanken beschäftigen könne; um so weniger, als alle die vielen schweren Prüfungen ihr niemals einen Vorwurf oder eine Klage erpreßt hatten. Aber jetzt, wo die Freude über all das, was ihnen Nikolas soeben mitgeteilt hatte, und der Frieden ihrer gegenwärtigen Lage in Kates Seele Erinnerungen erweckte, die sie nicht zu unterdrücken vermochte, begann doch der alten Frau ein Licht aufzugehen, daß sie zuweilen ziemlich unbedacht gewesen sei, und es beschlich sie wie eine Art Selbstvorwurf, wie sie jetzt ihre Tochter umarmte und den Empfindungen nachgab, die durch eine derartige Unterredung notwendigerweise entstehen mußten. Am Abend gab es ein geschäftiges Hinundherlaufen, da es galt, den erwarteten Besuch gebührend zu empfangen. Bei einem benachbarten Gärtner wurde ein riesiger Blumenstrauß geholt und in eine Anzahl sehr kleiner Sträuße zerschnitten, mit denen Mrs. Nickleby ihr Zimmer auf eine Weise zu schmücken gedachte, die wohl jedermanns höchstes Staunen erregt haben würde, wenn ihr nicht Kate die Mühe gespart und die Blumen selbst geschmackvoll geordnet hätte. Wenn sich das kleine Häuschen je schmuck ausnahm, so war dies an dem darauffolgenden, schönen und sonnenhellen Tag der Fall. So stolz aber auch Smike auf den Garten war und Mrs. Nickleby auf den Zustand der Möbel, und wie sehr sich auch Kate über alles freute, so unendlich viel größer war doch die Freude, mit der Nikolas seine Schwester ansah, stolz auf die Schönheit ihres Gesichtes und die Anmut ihrer Gestalt. Gegen sechs Uhr abends geriet Mrs. Nickleby durch das lang erwartete Klopfen an der Haustür in keine geringe Aufregung, die sich nicht minderte, als der Schritt von zwei Paar Stiefeln im Flur hörbar wurde, die, wie sie fast atemlos vermutete, niemand anders als den beiden Herrn Cheeryble angehören konnten. Dennoch irrte sie sich, denn es war Mr. Charles Cheeryble mit seinem Neffen Frank, der sofort tausend Entschuldigungen für seine Zudringlichkeit vorbrachte. Da Mrs. Nickleby genügend Teelöffel besaß, nahm sie die Rede mit ungemein gnädiger Miene hin. Auch sonst veranlaßte das Erscheinen des unerwarteten neuen Besuchs nicht die mindeste Verlegenheit, höchstens davon abgesehen, daß Kate anfangs ein paarmal errötete, denn der alte Herr war so freundlich und herzlich, und der junge Herr ahmte ihn in dieser Hinsicht so vortrefflich nach, daß sich die sonst unerläßliche Steifheit und Förmlichkeit eines ersten Sichkennenlernens nicht einstellten. Am Teetisch erstreckte sich die allgemeine Unterhaltung auf verschiedene Themen. Es fehlte auch nicht an Scherzreden mancher Art, denn als des jungen Mr. Cheerybles Aufenthalt in Deutschland aufs Tapet kam, verriet der alte Herr der Gesellschaft, daß sein Neffe im Verdacht stehe, sich in die Tochter eines gewissen deutschen Bürgermeisters sterblich verliebt zu haben; und trotzdem Frank diese Anschuldigung entrüstet zurückwies, bemerkte Mrs. Nickleby höchst schlau, gerade weil er alles mit soviel Wärme in Abrede stelle, müsse an der Sache unbedingt etwas Wahres sein. Daraufhin bat Mr. Frank den alten Herrn geradezu auffallend dringend, zuzugeben, daß das Ganze nur ein Scherz sei, was dieser denn auch tat, da seinem Neffen soviel daran gelegen zu sein schien und er – wie Mrs. Nickleby späterhin mehr als tausendmal gesagt haben wollte – purpurrot wurde, was sie mit vollem Recht als einen höchst merkwürdigen Umstand ansah, zumal junge Herrn sonst nicht im Rufe der Bescheidenheit oder Selbstverleugnung zu stehen pflegten, wenn es sich darum handle, in Damen verliebt zu sein. Nach dem Tee ging man in den Garten und, da der Abend sehr schön war, durch die Gartentür hinaus in ein paar Gäßchen und Nebenstraßen, in denen man auf und ab schlenderte, bis es völlig dunkel wurde. Der ganzen Gesellschaft schien die Zeit außerordentlich rasch zu entschwinden. Kate ging am Arm ihres Bruders voran und plauderte mit ihm und mit Mr. Frank Cheeryble. Mrs. Nickleby folgte in kurzer Entfernung mit dem alten Herrn, und seine Freundlichkeit und Sorge für Nikolas' Wohlfahrt und seine Bewunderung für Kate wirkten so intensiv auf die Gefühle der guten alten Dame, daß ihr sonst so gewohnter Redestrom auf sehr enge Grenzen beschränkt blieb. Auch Smike, der an diesem Tag nicht wenig das Interesse der Gesellschaft erregte, war mit dabei und trat bald zu der einen, bald zu der andere Gruppe, je nachdem Mr. Charles ihm die Hand auf die Schulter legte und ihn aufforderte, mit ihm zu gehen, oder Nikolas sich lächelnd umblickte und ihn heranwinkte, um sich mit ihm, seinem alten Freunde, zu unterhalten, der es stets am besten verstand, ihm ein Lächeln zu entlocken, wenn es sonst niemand anders vermochte. Wenn auch Stolz eine der sieben Todsünden ist, so kann das doch keinen Bezug auf den Stolz einer Mutter auf ihre Kinder haben, denn er besteht in diesem Falle aus zwei Haupttugenden – dem Glauben und der Hoffnung. Mit einem solchen Stolz war an diesem Abend auch Mrs. Nicklebys Herz erfüllt, und Spuren von Tränen innigen Dankes, wie sie sie wohl jemals geweint, waren auf ihrem Antlitz sichtbar, als sie alle zu Hause wieder angelangt waren. Während des bescheidenen Abendessens herrschte eine ebenso fröhliche Heiterkeit, die aufs innigste mit dieser Gemütsstimmung harmonierte. Endlich nahmen die beiden Gäste Abschied. Viel Gelächter erregte dabei der Umstand, daß Mr. Frank Kate zweimal die Hand reichte, und zwar, weil er das erste Mal vergessen hätte, ihr bereits adieu gesagt zu haben. Mr. Cheeryble sah darin sofort den klaren Beweis, daß ihm seine Flamme in Deutschland immer im Kopfe stecke, ein Spaß, der abermals unendliches Gelächter hervorrief. Kurz, es war ein Tag heitern und fröhlichen Glücks, wie man ihn nicht oft erlebt – Stunden, auf die wohl alle gern zurückblicken, die sie je ähnlich erlebt haben. War aber nicht vielleicht einer ausgenommen, der das allgemeine Glück nicht teilte? Einer, der des Glücks am meisten bedurft hätte? Wer war es, der in seiner stillen Kammer auf die Knie niedersank, um zu beten, wie einst sein erster Freund es ihn gelehrt der die Hände faltete und sie dann wie im Übermaß bittersten Schmerzes gen Himmel erhob und sein Antlitz darin vergrub? 44. Kapitel Mr. Ralph Nickleby sagt sich von einem alten Bekannten los. Es zeigt sich, daß selbst zwischen Mann und Weib ein Scherz unter Umständen zu weit getrieben werden kann Es gibt Menschen, die keinem andern Zwecke leben als dem, sich zu bereichern, gleichgültig durch welche Mittel – Menschen, die von der Schändlichkeit und Niedertracht ihres Vorgehens vollständig durchdrungen sind, aber trotzdem moralische Rechtschaffenheit heucheln und kopfschüttelnd über die Verderblichkeit der Welt seufzen. So manche der niedrigsten Schufte, die jemals auf Erden wandelten, oder besser gesagt – denn zum Wandeln gehört wenigstens eine aufrechte Stellung und eine gewisse männliche Haltung – die je auf den krümmsten Pfaden des Lebens einherkrochen, schreiben wohl in Tagebüchern die Ereignisse einer jeden Woche nieder und führen ein regelmäßiges Hauptbuch mit dem Himmel, aus dem sich dann jedesmal ein hübscher Überschuß zu ihren Gunsten ergibt. Ob dies nun absichtliche Selbsttäuschung ist oder ob solche Menschen wirklich hoffen, den lieben Gott zu hintergehen, und wähnen, Schätze für eine künftige Welt zu sammeln – jedenfalls ist es eine nicht zu bestreitende Tatsache. Ralph Nickleby war kein Mann dieses Schlages; streng, finster und unerbittlich kümmerte er sich – Ewigkeit oder nicht – um nichts, als seinen Leidenschaften zu frönen. Vor allem dem Geiz, der den Hauptzug seines Charakters ausmachte, und dann seinem Hasse. Stets nach außenhin bestrebt, sich als das Urbild eines humanen Menschen zu geben, wurde es ihm nicht schwer, sein wahres Wesen der Welt zu verbergen, während er in Wirklichkeit in seinem Innern über jeden bösen Anschlag, den er ausheckte, frohlockte. Die einzige Lehre der Heiligen Schrift, die er buchstäblich beobachtete, gipfelte in den Worten: lerne dich selbst erkennen! Und er kannte sich sehr genau. Aber weil er alle Menschen in demselben Lichte sah, so haßte er sie naturgemäß. Wenn auch niemand sich selbst haßt – dazu haben wir zu viel Eigenliebe –, so beurteilen doch die meisten, ohne es zu wissen, die andern nach sich selbst, und man wird stets finden, daß diejenigen, die die menschliche Natur zu verhöhnen pflegen und sich stellen, als verachteten sie sie, gerade zu den schlechtesten und am wenigsten liebenswürdigen Exemplaren gehören. Mit finsterm Stirnrunzeln betrachtete jetzt Ralph Newman Noggs, wie dieser seine durchlöcherten Handschuhe abstreifte, sie sorgfältig in die Linke legte, mit der Rechten die Falten glättete und sie mit zerstreuter Miene zusammenrollte, alles das mit einer Sorgfalt, die einer bessern Sache würdig gewesen wäre. »Die Stadt verlassen?« fragte Ralph langsam. »Sie müssen sich wohl geirrt haben; gehen Sie noch einmal hin.« »Hab' mich nicht geirrt«, brummte Newman, »er ist bereits fort.« »Ist er vielleicht zum Kind geworden?« schrie Ralph unmutig. »Weiß ich nicht«, sagte Newman, »aber fort ist er.« Die Wiederholung des Wörtchens »fort« schien Newman Noggs um so mehr zu freuen, je mehr sich Ralph darüber ärgerte. Er schwelgte förmlich darin und dehnte es so lang, als es nur irgend anging. Und selbst während er, um die Aufmerksamkeit seines Prinzipals nicht zu erregen, innehielt, knurrte er es noch in sich hinein, als ob dies allein schon eine Freude für ihn bedeute. »Und wohin ist er?« forschte Ralph. »Nach Frankreich. Gefahr, daß die Gesichtsrose wiederkehrt, und noch schlimmer: sich aufs Gehirn wirft. Die Ärzte haben ihn fortgeschickt. Und fort ist er.« »Und Lord Frederic?« »Auch fort.« »Und er steckt ruhig die Prügel ein?« fragte Ralph, sich abwendend, »und drückt sich, ohne sich auch nur mit einem Wort zu rächen, und mit keinem Gedanken, eine Genugtuung zu erlangen?« »Er fühlt sich zu elend dazu.« »Elend!« wiederholte Ralph. »Ich würde mich rächen, und wenn ich auf dem Totenbett läge; ich würde dann vielleicht um so weniger zögern – ich nämlich, wenn ich an Sir Mulberrys Stelle wäre. Aber er natürlich fühlt sich zu elend! Der arme Mulberry, zu elend!« Ralph sprach diese Worte mit äußerster Verachtung und in großer Erregtheit, dann winkte er Noggs, das Zimmer zu verlassen, warf sich in seinen Stuhl und stampfte voll Ungeduld mit dem Fuß. »Der Junge muß rein gefeit sein«, knirschte er zwischen den Zähnen, »alles verschwört sich zu seinen Gunsten. Nicht einmal das Geld hat Macht gegen ein solches Satansglück.« Ungeduldig steckte er die Hände in die Taschen. Plötzlich schien er einen innern Trost zu finden, wenigstens wurde sein Gesicht etwas heiterer. Wenn auch tiefe Furchen immer noch seine Stirne durchschnitten, so lag doch in seinen Mienen etwas, was mehr Berechnung als Ingrimm ausdrückte. »Hawk wird schon wieder zurückkehren«, murmelte er, »und wenn ich ihn nur halbwegs kenne – und das dürfte wohl der Fall sein –, so wird sein Haß inzwischen nichts an Heftigkeit verloren haben. Er muß jetzt in langweiliger Einsamkeit leben. Keine Lustbarkeiten irgendwelcher Art – nicht trinken – kein Spiel, kurz nichts, was er liebt und was ihm das Leben schön erscheinen läßt. Es wird so leicht nicht vergessen, wem er das alles verdankt – er am allerletzten.« Lächelnd schüttelte er den Kopf, stützte das Kinn auf die Hand, verfiel in Nachsinnen und lächelte abermals. Nach einiger Zeit stand er auf und klingelte. »Ist Squeers hier gewesen?« »Gestern abend«; erwiderte Newman, »er blieb noch hier, als ich nach Hause ging.« »Das weiß ich doch, Sie Narr«, fuhr Ralph auf, »ich meine, ob er seitdem wieder hier gewesen ist! War er vielleicht heute morgen hier?« »Nein.« »Wenn er kommt, während ich nicht zu Hause bin, so lassen Sie ihn warten; er wird vermutlich gegen neun Uhr kommen. Und wenn er noch jemand bei sich hat – irgend jemand bei sich hat«, brach Ralph plötzlich ab, »so soll der Betreffende auch warten.« »Also beide sollen warten?« »Jawohl«, erwiderte Ralph mit einem ärgerlichen Blick. »Helfen Sie mir den Rock da anziehen und plappern Sie nicht immer alles nach wie ein Papagei.« »Ich wollte, ich wäre ein Papagei«, brummte Newman mürrisch. »Ja, das möchte ich auch«, erwiderte Ralph, in seinen Überzieher schlüpfend. »Da hätt' ich Ihnen schon längst den Hals umdrehen können.« Newman erwiderte nichts auf diese Schmeichelei, sondern glättete nur seinem Prinzipal den Rockkragen mit einem Gesicht, als verspüre er eine lebhafte Neigung, ihn in die Nase zu zwicken. Als er jedoch Ralphs Auge begegnete, meisterte er rasch seine Handbewegung und rieb sich seine eigene rote Nase mit erstaunlicher Heftigkeit. Ralph beachtete seinen wunderlichen Diener weiter nicht, warf ihm nur einen scharfen Blick zu und ermahnte ihn, vorsichtig zu sein und gefälligst keine Mißgriffe zu begehen. Dann nahm er Hut und Handschuhe und entfernte sich. Er schien einen höchst seltsamen und gemischten Bekanntschaftskreis zu haben – bald ging er in große und prachtvolle Häuser, bald in kleine und ärmliche Hütten, aber stets alles aus demselben Grund: nämlich des Geldes wegen. Das bloße Auftauchen seines Gesichtes war für sämtliche Portiers seiner vornehmen Klientel eine Art Paßwort, das ihm sofortigen Einlaß sicherte, trotzdem er immer nur zu Fuß kam und andere, die in den glänzendsten Equipagen vorfuhren, abgewiesen wurden. Einmal war er eitel Süßigkeit und kriecherische Höflichkeit und trat so leise auf, daß man es kaum auf den dicken Teppichen hörte, und seine Stimme war so flüsternd, daß sie nur der Angeredete verstehen konnte. In den ärmeren jedoch warf er die Maske ab. Da knarrten seine Stiefel laut auf dem Hausflur, über den er dahinschritt, seine Stimme tönte barsch, wenn er das Geld einforderte, das fällig war, und seine Drohungen klangen rauh und zornig. Wieder anders benahm er sich bei einer dritten Klasse von Kunden, nämlich bei den Anwälten zweifelhaften Rufes, die ihm zu neuen Geschäften verhalfen oder ihm beistanden, neuen Gewinn aus den alten zu ziehen. Gegen sie war er vertraulich und mitteilsam – er scherzte mit ihnen über die Tagesthemen, besonders aber über Bankerotte und Finanzverlegenheiten, aus denen sich voraussichtlich noch etwas machen ließ. Kurz, es würde schwer gewesen sein, denselben Mann unter den verschiedenen Masken wiederzuerkennen, wenn man nicht die dicke lederne Brieftasche voll Wechsel und Rechnungen, die er in jedem Haus aus der Tasche zog, die beharrliche Wiederholung, die nur in Ton und Wortstellung Modifikationen erlitt, als Anhaltspunkte gehabt hätte. Aus allem ging hervor, daß ihn die Welt für reich hielt und daß er stets betonte, er sei es auch, wenn er nur sein Eigentum wirklich besäße, »aber es ginge leider kein Geld mehr ein, wenn er es einmal verborgt habe, weder an Kapital noch an Zinsen, und er wisse sich wirklich kaum von einem Tag zum andern durchzubringen«. Es war bereits Abend geworden, als seine lange, nur durch ein dürftiges Mittagessen in einem kleinen Speisehaus unterbrochene Reihe von Besuchen in Pimlico endete und er durch den St.-James-Park nach Hause zurückkehrte. Ganz abgesehen von seiner Zerstreutheit und Gleichgültigkeit für seine Umgebung, hätten schon seine gefurchte Stirn und der zusammengebissene Mund darauf hingewiesen, daß er sich innerlich mit tiefangelegten Plänen beschäftigte. Er war derart in Gedanken versunken, daß er trotz seines sonst so schnellen Blickes nicht gewahrte, wie ihm eine Gestalt nachschlenderte, sich einmal geräuschlos hinter ihm hermachend, dann wieder ihm einige Schritte voranschleichend, dann wieder an seiner Seite dahergleitend und ihn die ganze Zeit über mit scharfen Augen und so aufmerksamen Blicken belauernd, daß ihr Gesicht zuzeiten mehr einem ausdrucksvollen Gemälde glich oder einem lebhaften Traumbild als dem eines aufmerksamen und eifrigen Beobachters. Inzwischen hatte sich der Himmel mit finstern Wolken bedeckt, und ein plötzlich herniederstürzender Regenschauer zwang Ralph, unter einem Baum Schutz zu suchen. Noch immer tief in Gedanken lehnte er sich mit dem Rücken daran, als er plötzlich beim Aufschauen den Augen des Mannes begegnete, der, um den Stamm herumschleichend, ihm mit einem forschenden Blick ins Gesicht sah. Es lag etwas in den Zügen Ralphs, das dem Fremden nicht unbekannt zu sein schien und ihn bestimmte, an seine Seite zu treten und seinen Namen zu nennen. Ralph Nickleby fuhr zusammen, wich ein paar Schritte zurück und musterte den Fremden von Kopf bis zu Fuß. Was er im ersten Moment erblickte, war ein hagerer finsterer abgezehrter Mann, ungefähr von seinem eigenen Alter, mit gebeugter Haltung und einem sonnverbrannten, äußerst häßlichen Gesicht, das durch hohle, krankhaft eingefallene Wangen und dicke schwarze Augenbrauen wegen des Kontrastes mit dem vollkommen weißen Haar noch auffallender wirkte. Der Mann trug einen schlechten schäbigen Anzug von wunderlichem plumpem Schnitt, und in seiner Miene lag ein gewisser unbeschreiblicher Ausdruck von Gedrücktheit und Kriecherei. Im nächsten Augenblick schienen Ralph das Gesicht und der ganze Mann wieder fremd zu werden, aber allmählich meinte er in ihm einen alten langjährigen Bekannten zu erkennen, den er längst aus den Augen verloren und vergessen hatte. Als der Fremde sah, daß er erkannt worden, winkte er Ralph zu, seinen Platz unter dem Baum wieder einzunehmen, statt im Regen dazustehen, und redete ihn dann mit schwacher heiserer Stimme an: »Sie würden mich wohl kaum an meiner Stimme erkannt haben, Mr. Nickleby?« »Nein«, erwiderte Ralph, ihn finster anblickend, »obgleich etwas daraus klingt, dessen ich mich jetzt entsinne.« »Ich kann wohl sagen, daß nur noch wenig an mir ist, dessen Sie sich von acht Jahren her erinnern könnten«, bemerkte der Unbekannte. »Ach genug, mehr als genug«, warf Ralph gleichgültig hin und wendete das Gesicht ab, »mehr als genug.« »Hätte ich hinsichtlich Ihrer Person noch Zweifel haben können, Mr. Nickleby«, entgegnete der andere, »so hätte diese Aufnahme wohl auch den letzten beseitigt.« »Haben Sie vielleicht eine andere erwartet?« fragte Ralph scharf. »Nein.« »Nun also«, brummte Ralph, »da Sie keine Überraschung finden, brauchen Sie auch keine zu heucheln.« »Mr. Nickleby«, begann der Mann wieder nach einer kurzen Pause, während der er eine Anwandlung, mit einem Vorwurf zu antworten, niedergekämpft zu haben schien, »wollen Sie ein paar Worte anhören, die ich Ihnen zu sagen habe?« »Ich bin genötigt, hier zu warten, bis der Regen ein wenig nachläßt«, sagte Ralph, um sich blickend, »und wenn Sie sprechen, Sir, werde ich die Finger nicht in die Ohren stecken, obwohl Ihr Geschwätz auf mich wohl denselben Eindruck machen wird, als wenn ich es täte.« »Ich besaß einst Ihr Vertrauen –«, fing der Fremde an. – Ralph sah sich um und lächelte unwillkürlich. – »Ich meine, wenigstens soviel Vertrauen, als Sie vielleicht je einem Menschen geschenkt haben.« »Hm, das ist etwas anderes, etwas ganz anderes«, unterbrach Ralph, die Arme verschränkend. »Klammern wir uns nicht an Worte, Mr. Nickleby. Ich beschwöre Sie im Namen der Menschlichkeit –« »In wessen Namen?« fragte Ralph. »Im Namen der Menschlichkeit«, versetzte der alte Mann ernst. »Ich bin hungrig und leide Not. Wenn die Veränderungen, die Sie nach einer so langen Zeit an mir wahrnehmen müssen – jawohl müssen, denn ich, bei dem sie doch nur langsam und allmählich vorgegangen sind, sehe und kenne sie selbst genau –, Sie nicht zum Mitleid bewegen sollten, so mögen Sie wissen, daß ich nicht imstande bin, mir auch nur das tägliche Brot – ich meine nicht das des Vaterunsers, das in Städten wie London den Luxus einer halben Welt für den Reichen sowie die kümmerliche Nahrung, mit der der Arme sein Leben fristet, in sich begreift, sondern Brot im wahrsten Sinne des Wortes –, eine Rinde harten Brotes zu verschaffen. Vielleicht hat das einiges Gewicht bei Ihnen, wenn Sie sonst nichts umstimmen kann.« »Wenn das Ihre gewöhnliche Weise zu betteln ist, Sir«, sagte Ralph kalt, »so haben Sie Ihre Rolle gut einstudiert, aber wenn Sie sich von einem Mann raten lassen wollen, der die Welt und die Menschen kennt, so würde ich Ihnen empfehlen, Ihren Ton ein wenig herabzustimmen – nur ein ganz klein wenig, sonst laufen Sie Gefahr, tatsächlich zu verhungern.« Mit diesen Worten umfaßte Ralph sein linkes Handgelenk fest mit der rechten Hand, neigte den Kopf ein wenig auf die Seite, ließ das Kinn auf die Brust heruntersinken und warf seinem Gegenüber einen finstern Blick zu – das wahre Bild eines Mannes, den nichts zu rühren vermag. »Der gestrige Tag war mein erster in London«, fuhr der alte Mann fort, auf seine bestaubten Kleider und seine zerrissenen Schuhe herabblickend. »Es wäre besser, wenn es auch der letzte gewesen wäre«, höhnte Ralph. »Ich habe Sie diese zwei Tage gesucht, wo ich Sie am wahrscheinlichsten zu finden hoffte«, fuhr der Alte demütig fort, »und endlich fand ich Sie hier, als ich die Hoffnung beinahe schon aufgegeben hatte, Mr. Nickleby« – er schien auf eine Antwort zu warten, und setzte, als Ralph schwieg, leise hinzu: »Ich bin ein unglücklicher und elender Mensch, jetzt fast sechzig Jahre alt und so arm und hilflos wie ein sechsjähriges Kind.« »Ich bin auch sechzig Jahre, aber weder arm noch hilflos. Arbeiten Sie doch, faseln Sie nicht von Brot, sondern verdienen Sie sich welches«, brummte Ralph. »Wie? Wo?« rief der alte Mann. »Zeigen Sie mir die Mittel, verschaffen Sie mir Arbeit! – Wollen Sie?« »Ich habe es schon einmal getan«, erwiderte Ralph ruhig, »Sie könnten sich die Mühe sparen, mich abermals darum zu bitten.« »Es sind jetzt zwanzig oder noch mehr Jahre her«, sagte der Mann mit gedämpfter Stimme, »seit wir uneins geworden sind. Sie erinnern sich doch? Ich verlangte damals einen Teil von dem Gewinn an einem Geschäft von Ihnen, das ich Ihnen zubrachte, und als ich darauf bestand, ließen Sie mich wegen einer alten Schuld von fünf Pfund und ein paar Schillingen nebst Zinsen von fünfzig Prozent oder so was verhaften.« »Ja, ja, ich erinnere mich«, versetzte Ralph unbekümmert, »und was weiter?« »Das war es alles nicht, weshalb wir uneins wurden. Ich gab nach, als ich hinter Schloß und Riegel saß, und da Sie damals der reiche Mann noch nicht waren, der Sie jetzt sind, so nahmen Sie mich ganz gern als Schreiber an, zumal ich nicht gar zu gewissenhaft war und einen gewissen Einblick in Ihre Geschäfte hatte.« »Sie bettelten und flehten, und ich willigte ein«, verbesserte Ralph, »aus Großmut! Möglich, daß ich Sie auch gebrauchen konnte – ich weiß es jetzt nicht mehr. Es wird übrigens wohl so gewesen sein, denn Sie würden sich sonst vergeblich aufs Bitten verlegt haben. Sie waren mir nützlich, nicht allzu ehrlich, nicht allzu zartfühlend in Gedanken und Werken – aber immerhin nützlich.« »So war ich Ihnen also doch nützlich! Lassen Sie sich auch jetzt von mir erweichen! Trotzdem Sie mich damals drückten und niederhielten, habe ich Ihnen doch bis zu jenem Augenblick treu gedient; oder vielleicht nicht?« Ralph schwieg. »Oder vielleicht nicht?« wiederholte der Mann abermals. »Sie bekamen dafür Ihren Lohn, und damit waren wir quitt.« »Ja damals, aber nicht später.« »Später allerdings nicht, und auch damals nicht, denn, wie Sie selbst gestanden haben, waren Sie mir und sind es auch jetzt noch – Geld schuldig.« »Das ist nicht alles«, entgegnete der Alte lebhaft, »das ist nicht alles. Merken Sie wohl und verlassen Sie sich darauf: ich habe den Schlag von damals nicht vergessen, und weil ich daran dachte – vielleicht auch in der Hoffnung, einmal Geld dabei herauszuschlagen – benützte ich meine Stellung bei Ihnen und setzte mich in Besitz einer Waffe gegen Sie, die zu kennen Sie die Hälfte Ihres ganzen Vermögens geben würden und zu deren Kenntnis Sie nur durch mich zu gelangen imstande sind. Ich habe Sie, wie Sie sich erinnern werden, lange nach jener Zeit verlassen und wurde wegen eines erbärmlich kleinen Betrugs, der zur Anzeige kam, trotzdem die Sache eigentlich nicht mehr auf sich hatte, als was Ihr Geldleute täglich und stündlich ungestraft tut, auf sieben Jahre deportiert. Ich bin zurückgekehrt so, wie Sie mich hier sehen – und jetzt, Mr. Nickleby«, setzte der Alte mit einer seltsamen Mischung von Demut und innerem Machtgefühl hinzu, »welche Hilfe gedenken Sie mir zu leisten? Oder, um offen zu sprechen, mit wieviel wollen Sie mir mein Schweigen abkaufen? Ich spanne meine Erwartungen nicht zu hoch, muß aber leben und, um zu leben, essen und trinken. Sie haben Geld, ich habe Hunger und Durst, Sie können einen billigen Handel abschließen.« »Ist das alles?« fragte Ralph, noch immer dem Alten mit demselben festen Blick ins Auge schauend und ohne eine Miene zu verziehen. »Es hängt ganz von Ihnen ab, Mr. Nickleby, ob es alles ist oder nicht«, war die Antwort. »Schon gut, dann hören Sie – Mr. – ich weiß nicht, mit welchem Namen ich Sie anreden soll –«, sagte Ralph. »Bei meinem alten, wenn es beliebt.« »Also gut, dann hören Sie, Mr. Brooker«, fuhr Ralph mit schneidendem Ton fort, »geben Sie sich keine Mühe, mir eine andere Antwort zu erpressen, verstanden? Ich kenne Sie von damals her als einen jederzeit bereiten Gauner, dem aber immer im rechten Moment der Mut fehlte – Zwangsarbeit, vielleicht mit Ketten am Bein, und noch schmälere Kost als zu der Zeit, wo ich Sie ›niederdrückte und niederhielt‹ hat Ihren Verstand offenbar hergenommen, sonst würden Sie mir nicht mit einer Phrase kommen, Sie hätten eine Waffe gegen mich. Behalten Sie sie für sich, oder veröffentlichen Sie sie, wenn Sie Lust dazu haben; meinetwegen vor der ganzen Welt.« »Ich kann das nicht tun«, fiel Brooker ein, »da ich keinen Nutzen davon hätte.« »So? Hätten Sie keinen?« höhnte Ralph. »Verlassen Sie sich auf das, was ich Ihnen sage: Sie werden ebensowenig Nutzen davon haben, daß Sie sich an mich wenden. Ich bin, wie Sie wissen, ein vorsichtiger Mann und kenne meine Angelegenheiten genau. Ich kenne auch die Welt, und die Welt kennt mich. Was Sie in meinen Diensten herausgeschnüffelt, gehört oder gesehen haben, das weiß die Welt und hat es bereits entsprechend aufgebauscht. Sie können ihr nichts erzählen, was sie überraschen würde – es müßte denn etwas sein, was mir zur Ehre gereichte, und dann würde man Sie wahrscheinlich für einen Lügner halten. Trotz alledem merke ich aber nicht, daß mein Geschäft schlechter geht oder meine Klienten heikler werden. Ganz im Gegenteil. Es vergeht kein Tag, ohne daß nicht irgendeiner mit Schimpfworten über mich herfällt«, setzte er hinzu, »aber das macht weiter nichts. Die Sache geht ruhig ihren Gang, und ich werde nicht ärmer dabei.« »Es fällt mir nicht ein, Schimpfworte oder Drohungen zu gebrauchen«, erwiderte der Alte, »aber ich könnte Ihnen sagen, was Sie durch das, was ich getan, verloren haben, was ich allein zurückzugeben imstande bin, was, wenn ich sterbe, ohne es zurückgegeben zu haben, mit mir ins Grab mitgenommen wird.« »Ich zähle mein Geld genau nach und halte es stets unter eigenem Verschluß«; sagte Ralph, »ich sehe den Leuten, mit denen ich zu tun habe, scharf auf die Finger und habe es von Anfang an auch bei Ihnen getan. Sie können daher ruhig behalten, was Sie bei mir aufgegabelt haben.« »Sind Ihnen die Angehörigen, die Ihren Namen tragen, teuer?« fragte der Mann mit Nachdruck. »Wenn dies der Fall sein sollte –« »Es ist nicht der Fall«, unterbrach Ralph, aufgebracht durch die Zudringlichkeit des Mannes und den gleichzeitigen Gedanken an Nikolas, der durch die Frage in seinem Kopf entstand, »es ist nicht der Fall. Wären Sie wie ein gewöhnlicher Bettler zu mir gekommen, so hätte ich Ihnen vielleicht mit Rücksicht auf den Umstand, daß Sie früher einmal ein schlauer Spitzbube waren, einen Sixpence zugeworfen. Da Sie aber verbrauchte Kunstgriffe an einem Mann, den Sie besser kennen sollten, anzuwenden versuchen, so habe ich nicht Lust, mich auch nur von einem halben Penny zu trennen. Nicht einmal, wenn ich Sie vor dem Verfaulen dadurch retten könnte. Merken Sie sich, Sie Galgenvogel«, fuhr er fort und drohte dem Alten mit der Faust, »sollten Sie, wenn Sie mir begegnen, durch eine bittende Gebärde andeuten, daß Sie mich kennen, so werde ich Ihnen von neuem dazu verhelfen, das Innere eines Gefängnisses kennenzulernen. So, das ist meine Antwort auf Ihr Gewäsch – und damit basta.« Mit einem verächtlichen Blick entfernte sich Ralph in seinem gewohnten ruhigen Schritt, ohne auch nur die mindeste Neugier zu verraten und sich auch nur ein einziges Mal umzublicken. Der Alte blieb unbeweglich stehen und sah ihm nach, bis er ihn aus dem Gesicht verlor, dann verschränkte er die Arme über der Brust, schauernd vor Kälte und Hunger, schlich am Wegrand weiter und bettelte die Passanten um Almosen an. Ohne durch den Vorfall weiter berührt zu sein, verließ Ralph den Park, ließ Golden Square rechts liegen und nahm seinen Weg durch ein paar Straßen im Westend, bis er vor Madame Mantalinis Wohnung anlangte. Statt ihres Namens stand jetzt der Miss Knags auf der blanken Messingtürplatte, im übrigen sah das Haus ganz aus wie früher. »Hm«, murmelte Ralph, das Gebäude mit Kennerblick von oben bis unten betrachtend, »es scheint hier noch ganz gut zu gehen. Lange kann's freilich nicht mehr dauern. Wenn ich aber rechtzeitig informiert werde, wie die Sachen laufen, komme ich schon zurecht und zu meinem Eigentum und noch obendrein zu einem hübschen Gewinn. Ich muß sie nur scharf im Auge behalten.« Er nickte selbstgefällig und stand eben im Begriff, den Ort zu verlassen, als sein scharfes Ohr ein Stimmengeräusch, untermischt mit dem Lärm hastigen Treppenaufundablaufens, in dem Hause vernahm. Unschlüssig, ob er klopfen oder länger horchen sollte, blieb er stehen, aber gleich darauf wurde die Haustüre geöffnet, und mit flatternden Haubenbändern schoß ein Dienstmädchen Madame Mantalinis heraus, das er häufig gesehen hatte. »Halt, halt«, rief er, »was gibt's? Ich bin es; haben Sie mich denn nicht klopfen hören?« »Ach, Mr. Nickleby«, jammerte das Mädchen, »um Gottes willen, gehen Sie hinauf. Der Herr hat es schon wieder getan.« »Was hat er getan?« fragte Ralph verdrießlich. »Ich wußte, daß es so kommen würde, wenn man ihn so weit treibt«, rief das Mädchen; »ich hab' es immer gesagt.« »So bleiben Sie doch stehen, Sie albernes Ding!« brummte Ralph und faßte sie am Arm, »wenn Sie so dummes Zeug unter die Nachbarn bringen, schaden Sie doch dem Kredit der Firma, verstehen Sie denn nicht?« Rasch führte er das erschreckte Mädchen wieder in das Haus zurück, schloß die Türe und drängte sie die Treppe hinauf, ihr ohne weitere Zeremonien folgend. Er trat ins Wohnzimmer und war nicht wenig überrascht durch die Szene, die sich ihm darbot. Sämtliche Nähterinnen, einige mit Hüten, andere ohne solche, waren anwesend, und auf ihrer aller Gesichtern konnte man deutlich Unruhe und Bestürzung lesen. Einige von ihnen umstanden Madame Mantalini, die auf einem Stuhl saß und in Tränen zerfloß, andere scharten sich um Miss Knag, die, ebenfalls in Tränen, auf einem zweiten Stuhle saß, und noch andere hatten sich um Mr. Mantalini versammelt, der die auffallendste Figur in der ganzen Gruppe bildete, denn er lag, die Beine der ganzen Länge nach auf dem Fußboden ausgestreckt, da, und ein stämmiger Bedienter unterstützte ihm ratlos Kopf und Schultern. Mr. Mantalinis Augen waren geschlossen, sein Gesicht blaß, sein Haar verhältnismäßig wenig sorgfältig gebrannt und Schnurr- und Backenbart zerzaust. Er hatte die Zähne zusammengebissen und hielt ein kleines Fläschchen in der rechten und einen Teelöffel in der linken Hand, während Arme und Hände, Schultern und Beine steif und regungslos waren. Trotzdem schien Madame Mantalini nicht über seinen Zustand zu weinen, sondern erging sich auf ihrem Stuhl vielmehr in den heftigsten Ausdrücken, und alles das mitten in einem geradezu betäubenden Geschnatter, das den unglücklichen Bedienten bereits an den Rand der Verzweiflung getrieben zu haben schien. »Was geht hier vor?« fragte Ralph und brach sich durch die Gruppen Bahn. Sofort vermehrte sich der Lärm um das Zwanzigfache, und man hörte Stimmen gellen wie: er hat sich vergiftet – nein, hat er nicht – man hole den Doktor – nicht nötig – er stirbt – Gott bewahre, man stirbt nicht bloß so. – Solche und ähnliche Ausrufe folgten einander Schlag auf Schlag, bis man Madame Mantalini sich an Ralph wenden sah, worauf sofort die weibliche Neugierde die Oberhand gewann und Totenstille eintrat. »Mr. Nickleby«, stöhnte Madame Mantalini, »ich weiß nicht, welchem Zufall ich ihren Besuch zu danken habe –« »Verteufelt süße kleine Fee«, ließ sich plötzlich eine Stimme, wie die eines phantasierenden Fieberpatienten, vernehmen, aber niemand achtete darauf mit Ausnahme des Bedienten, der vor Schrecken, solche Töne zwischen seinen Fingern hervordringen zu hören, den Kopf seines Herrn laut auf den Boden niederplumpsen ließ und dann, ohne es zu versuchen, ihn wieder aufzurichten, die Umstehenden anblickte, als ob er wunder was Gescheites getan hätte. »Ich benütze die Gelegenheit«, fuhr Madame Mantalini, sich die Augen trocknend, entrüstet fort, »hier vor Ihnen und vor jedermann ein für allemal zu erklären, daß ich der Verschwendungssucht und Niedertracht dieses Mannes nicht länger mehr Vorschub leiste. Ich habe mich lange genug von ihm hinters Licht führen und zum besten halten lassen. In Zukunft soll er sich selbst durchhelfen, und dann mag er sein Geld an wen und wie immer es ihm beliebt vergeuden. Von mir hat er nichts mehr zu hoffen. Sie werden daher gut tun, sich's vorher genau zu überlegen, ehe Sie ihm weiteren Kredit einräumen.« Und ohne sich im geringsten durch die pathetischen Wehklagen von seiten ihres Gatten rühren zu lassen, die Blausäure sei nicht stark genug gewesen und er müsse noch ein oder zwei andere Fläschchen nehmen, um sein Werk zu vollenden, ging Madame Mantalini zu einer Aufzählung der galanten Abenteuer und der Fälle von Verschwendungssucht und Treulosigkeit ihres liebenswürdigen Eheherrn über und schloß mit einem feierlichen Protest gegen die Annahme, daß ihr auch nur noch ein kleiner Rest von Gefühl für ihn übriggeblieben wäre. Zum Beweis ihrer veränderten Gesinnungen führte sie den Umstand an, daß Mr. Mantalini sich in den letzten vierzehn Tagen nicht weniger als sechsmal in seinem Zimmer vergiftet und sie sich auch nicht ein einziges Mal eingemischt hätte, um durch Wort oder Tat zur Erhaltung seines Lebens beizutragen. »Und ich bestehe darauf, von ihm geschieden zu werden«, schloß sie schluchzend. »Sollte er Einwendungen dagegen erheben, so werde ich einen Advokaten zu Rate ziehen. Es wird das, hoffe ich, allen Damen hier, die Zeugen dieses schmachvollen Auftrittes gewesen sind, zur Warnung dienen.« Miss Knag, die fraglos eine der ältesten jungen Damen in dieser Gesellschaft war, fiel sofort feierlich ein, sie würde es sich sicher zur Warnung dienen lassen, und die übrigen folgten gehorsam ihrem Beispiel, höchstens eine oder zwei ausgenommen, die gewisse Zweifel zu hegen schienen, ob ein Gentleman mit einem solchen Backenbart überhaupt imstande sein könne, unrecht zu handeln. »Wie können Sie vor so viel Leuten nur solche Worte gebrauchen!« verwies Ralph halblaut, »Sie wissen doch selbst, daß es Ihnen nicht ernst ist.« »Doch, es ist mein Ernst«, widersprach Madame Mantalini laut und eilte an Miss Knags Seite. »Alles recht schön, aber überlegen Sie sich«, bemerkte Ralph, da ihn die Sache ziemlich nahe anging, »überlegen Sie sich nur ein bißchen, was Sie da sagen. Eine verheiratete Frau hat keinen eigenen Besitz.« »Äh, nicht einen verteufelten Penny«, mischte sich plötzlich Mr. Mantalini ein und richtete sich auf den Ellbogen auf. »Ich weiß das genau«, erwiderte Madame Mantalini und warf den Kopf zurück, »ich habe auch gar keinen Besitz. Das Geschäft, der ganze Warenvorrat, das Haus mit allem, was drum und dran ist, alles gehört Miss Knag.« »Sehr richtig, Madame Mantalini«, bestätigte Miss Knag, die mit ihrer früheren Prinzipalin zusammen hinsichtlich dieses Punktes umfassende Vorkehrungen getroffen hatte. »Sehr richtig, hm, sehr wahr; in meinem ganzen Leben war ich noch nie so froh wie jetzt, daß ich damals Seelenstärke genug besaß, jeden Heiratsantrag, wie vorteilhaft er auch für mich sein mochte, zurückzuweisen, zumal, wenn ich meine jetzige Position in Vergleich ziehe mit Ihrer so unglücklichen und unverdienten Lage, Madame Mantalini.« »Äh, verteufelt!« rief Mr. Mantalini, das Antlitz seiner Gattin zukehrend. »Wird mein Herzlieb die neidische alte Jungfer dafür nicht ohrfeigen, daß sie sich untersteht, solche Bemerkungen über ihr sie vergötterndes Männchen zu machen?« Aber die schönen Tage, wo Mr. Mantalinis Schmeicheleien noch Anklang gefunden, waren endgültig vorüber. Die Putzmacherin sagte nur: »Miss Knag ist meine intimste Freundin«, und so sehr Mr. Mantalini auch die Augen verdrehte und berückend nach ihr hinschielte, so ließ sie sich doch dadurch nicht im geringsten erweichen. Um der vortrefflichen Miss Knag Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, darf nicht unerwähnt bleiben, daß sie das Hauptwerkzeug gewesen war, das diesen Umschwung der Dinge herbeigeführt. Bald hatte sie herausgefunden, daß keine Möglichkeit war, das Geschäft in die Höhe zu bringen oder auch nur fortzuführen, solange Mr. Mantalini die Hand in die Kasse stecken durfte. Durch tägliche Erfahrung belehrt und am Fortgang des Geschäftes selbst beträchtlich interessiert, hatte sie sich deshalb die größte Mühe gegeben, einige kleine Privatliebschaften des Vortrefflichen auszukundschaften und sie Madame Mantalini gegenüber ins richtige Licht zu setzen. Dadurch wurden dieser die Augen weit wirksamer geöffnet, als es durch jahrelange vernünftige Vorstellungen möglich gewesen wäre. Den Ausschlag hatte Miss Knags Entdeckung eines Briefes Mr. Mantalinis gegeben, in dem dieser seine Gattin als alt und ordinär geschildert hatte. Trotz ihrer Festigkeit vergoß Madame Mantalini jetzt die bittersten Tränen. Sie stützte sich auf Miss Knag, deutete nach der Türe und ließ sich von den anwesenden jungen Damen im Trauerkondukt hinausgeleiten. »Nickleby!« wendete sich Mr. Mantalini tränenüberströmt an Ralph, »Sie sind Zeuge dieser – äh – verdammten Grausamkeit von Seiten der verteufeltsten Herzensfängerin, die je gelebt hat, gewesen. Teufel – äh – aber ich vergebe dieser Frau.« »Vergeben?« wiederholte Madame Mantalini an der Türe. »Ich vergebe ihr, Nickleby«, wiederholte Mr. Mantalini. »Sie werden mich tadeln, die Gesellschaft wird mich tadeln, die Damenwelt wird mich tadeln, jedermann – äh – wird verteufelt lachen und mich bespötteln und wird sagen, sie besaß in ihm das höchste Glück, aber sie wußte es nicht zu schätzen, und er war zu schwach, zu gut. Er liebte sie zu sehr. Er war – äh – ein verteufelt schöner Mann und konnte es nicht ertragen, daß sie ihn beschimpfte – aber ich vergebe ihr.« Nach diesen herzzerbrechenden Worten fiel Mr. Mantalini wieder der Länge nach zu Boden und blieb anscheinend bewußt- und regungslos liegen, bis sämtliche Damen das Zimmer verlassen hatten. Dann aber richtete er sich vorsichtig in eine sitzende Stellung auf und starrte Ralph mit außerordentlich niedergeschlagenen Mienen an, immer noch das kleine Fläschchen in der einen und den Teelöffel in der andern Hand. »Sie können dieses Possenspiel jetzt aufgeben und zusehen, wie Sie sich selbst durch die Welt helfen«, sagte Ralph und setzte kaltblütig seinen Hut auf. »Äh, zum Teufel, Nickleby, das ist doch nicht Ihr Ernst?« »Ich spaße selten«, erwiderte Ralph, »gute Nacht.« »Nein, nein, Nickleby«, rief Mr. Mantalini, »so hören Sie doch!« »Vielleicht habe ich unrecht«, brummte Ralph, »und ich hoffe, daß es sich so verhalten möge. Übrigens müssen Sie das am besten wissen. Gute Nacht.« Taub für die Bitten, doch dazubleiben und Rat zu erteilen, überließ er den gänzlich entmutigten Mr. Mantalini seinen Betrachtungen und entfernte sich, ohne auch nur eine Miene zu verziehen. »Oho«, brummte er, als er auf der Straße war, »bläst der Wind schon so bald aus dieser Richtung? Halb Spitzbube, halb Dummkopf, und in beiden Eigenschaften durchschaut? – Hm, ich dächte, Sir, ihr Stündchen hätte geschlagen.« Dann notierte er sich etwas in sein Notizbuch, in dem der Name Mantalini sowieso schon des öftern prangte, sah auf die Uhr und eilte nach Hause. Es war bereits halb zehn. »Nun, sind sie gekommen?« war seine erste an Newman Noggs gerichtete Frage. Newman nickte. »Vor einer halben Stunde.« »Zwei? Der eine ein dicker, glatt gekämmter Mann?« »Ja«, sagte Newman, »sie sind in Ihrem Zimmer.« »Schön. Holen Sie mir eine Droschke.« »Eine Droschke? Wie – Sie wollten – wohin?« stammelte Newman. Unwillig wiederholte Ralph seinen Befehl, und Mr. Noggs, begreiflicherweise sehr erstaunt, denn er hatte seinen Prinzipal noch niemals eine Droschke auf eigene Kosten bestellen hören, entfernte sich, um den Auftrag zu besorgen, und kehrte gleich darauf wieder zurück. Mr. Squeers, Ralph und der dicke Herr stiegen eilig ein. Newman stand auf der Vortreppe, um ihnen zuzusehen, und kümmerte sich nicht weiter, wohin die Fahrt gehen möchte, bis er zufällig den Befehl hörte, den Ralph dem Kutscher hinsichtlich der Adresse gab. Dann aber schoß er schnell wie der Blitz und aufs äußerste erregt in sein kleines Bureau zurück, um seinen Hut zu holen, und hinkte dem Wagen nach, offenbar in der Absicht, hinten aufzuspringen. Aber er kam zu spät und blieb keuchend auf der Straße stehen. »Ich weiß übrigens nicht«, brummte er, »was dabei Gutes herausgekommen wäre, da sie mich doch unbedingt hätten sehen müssen. Dahin also geht der Weg! Was können sie nur vorhaben? Wenn ich es gestern gewußt hätte, würde ich meine Maßregeln getroffen haben. Also dahin. Dabei kann nichts Gutes herauskommen – hm.« In seinen Betrachtungen wurde er von einem grauköpfigen Mann von höchst merkwürdigem und nichts weniger als ansprechendem Äußern unterbrochen, der leise an ihn herantrat und ihn um ein Almosen bat. Immer noch in tiefe Gedanken versunken, wandte er sich ab und ging weiter, aber der Mann folgte ihm und setzte ihm mit einer Schilderung seines Elends so zu, daß er, so hilfsbedürftig er selber war, schließlich stehenblieb und in seinem Hute nach einigen Halfpencestücken kramte, die er immer in einen Zipfel seines Taschentuches eingeknöpft bei sich trug. Während er noch beschäftigt war, den Knoten mit den Zähnen aufzulösen, sagte der Fremde etwas, was seine Aufmerksamkeit aufs höchste erregte. Ein Wort gab das andere, und schließlich gingen sie Seite an Seite miteinander fort – der Bettler in lebhaftem Gespräch und Newman aufmerksam zuhörend. 45. Kapitel Eine große Überraschung »Da wir morgen abend von London abfahren und ich Tag meines Lebens noch net so vergnügt g'wesen bin, Mr. Nickleby, sapperment, so will ich noch a Glas auf unser fröhliches Wiedersehen trinken«, sagte John Browdie, rieb sich entzückt die Hände und blickte aufgeräumt umher. Der wackere Yorkshirer befand sich in diesem beneidenswerten Gemütszustand am selben Abend, an dem sich das eben erwähnte Ergebnis abgespielt hatte. Der Schauplatz war das Häuschen der Gebrüder Cheeryble und die handelnden Personen Nikolas, Mrs. Nickleby, Mrs. Browdie, Kate und Smike. Sie waren sehr heiter und fröhlich gewesen. Mrs. Nickleby, die ihres Sohnes Verpflichtungen gegenüber dem ehrlichen Yorkshirer kannte, hatte sich nach einigem Zögern entschlossen, Mr. und Mrs. Browdie zum Tee einzuladen. Anfangs waren da allerdings einige Hindernisse gewesen, die daraus resultierten, daß Mrs. Nickleby vorher noch nicht Gelegenheit gehabt hatte, Mrs. Browdie einen Besuch zu machen. Denn obgleich sie wie die meisten allzu pünktlichen Leute oft mit großer Selbstgefälligkeit versicherte, daß sie jeder Förmlichkeit abhold sei, so hielt sie doch ungemein viel auf Würde und gesellschaftliche Formen, und es lag daher auf der Hand, daß sie, ehe ein Besuch gemacht worden, nach allen Regeln der Etikette und des guten Tons nicht einmal wissen durfte, daß es überhaupt eine Mrs. Browdie gab. Die Lage war daher begreiflicherweise außerordentlich delikat und schwierig. »Der erste Besuch muß unbedingt von mir ausgehen«, sagte sie; »das ist unerläßlich. Wie könnte sonst die junge Frau wissen, daß ich bereit bin, von ihr Notiz zu nehmen? Es erinnert mich das an einen sehr respektabel aussehenden Herrn«, fügte sie nach kurzem Nachsinnen hinzu, »nämlich an den Schaffner eines hier vorbeifahrenden Omnibusses, der einen lackierten Hut trägt – deine Schwester und ich haben ihn oft gesehen, Nikolas –, er hat eine Warze auf der Nase, genau so, wie es die Lakaien von Gentlemen haben – erinnerst du dich, Kate?« »Haben denn alle Lakaien von Gentlemen Warzen auf der Nase, Mama?« fragte Nikolas. »Ach, wie albern du wieder sprichst, Nikolas«, rief Mrs. Nickleby, »ich meine doch, daß der lackierte Hut der eines Lakaien ist und nicht, daß die Warze mit dazugehört, trotzdem auch das nicht so lächerlich wäre, wie es dir vorkommen mag, denn wir hatten einmal einen Laufburschen, der nicht bloß eine Warze, sondern sogar eine Balggeschwulst und sogar eine sehr große hatte und auf Grund dessen einen höheren Lohn forderte, weil ihm dieser Auswuchs viel Unkosten verursachte. Aber, was wollte ich nur sagen? – Ja richtig, jetzt erinnere ich mich wieder. Ich denke, es ist wohl am besten, wir schicken durch diesen jungen Menschen, der es bestimmt für einen Krug Porter besorgen wird, eine Karte mit meiner Empfehlung nach dem ›Mohren mit den zwei Hälsen‹, und wenn ihn der Kellner für einen Lakai hält, so ist's nur um so besser. Mrs. Browdie braucht dann nichts weiter zu tun, als dem Überbringer ihre Karte zu geben, der sie hierauf in aller Form mit einem Doppelschlag bei uns abwerfen könnte, und damit wäre alles in Ordnung.« »Liebe Mutter«, wendete Nikolas ein, »ich glaube, daß du bei diesen einfachen Leuten vergeblich eine Visitenkarte suchst.« »Ah – so? Das ist freilich etwas anderes«, entgegnete Mrs. Nickleby. »Wenn die Sache so steht, habe ich weiter nichts zu sagen, als daß diese Leute ohne Zweifel sehr brave Menschen sind und ich durchaus nichts dagegen habe, daß sie zum Tee kommen, wenn sie Lust haben. Ich werde sie mit aller nur möglichen Höflichkeit empfangen.« Nachdem die Angelegenheit auf diese Weise glücklich in Ordnung gebracht und Mrs. Nickleby gebührendermaßen in die nötige Gönnerstellung eingesetzt war, die ihrem Rang und ihren Jahren geziemte, wurden Mr. und Mrs. Browdie eingeladen. Sie nahmen sofort an, und da sie sich ungemein ehrerbietig gegenüber der Frau vom Hause benahmen, ihrer Überlegenheit die höchste Anerkennung zuteil werden ließen und ihrer Freude entsprechend Ausdruck verliehen, gab die treffliche alte Dame Kate mehr als einmal flüsternd zu verstehen, die Browdies kämen ihr als die wackersten Leute vor, die sie je gesehen, und benähmen sich tadellos. So war es also gekommen, daß John Browdie nach dem Abendessen, das heißt zwanzig Minuten vor elf, erklärte, er sei Tag seines Lebens noch nicht so fröhlich gewesen. Mrs. Browdie blieb in dieser Hinsicht nicht hinter ihrem Gatten zurück, und sie konnte nicht genug das liebenswürdige und gewinnende Benehmen der jungen Dame und die einnehmende Leutseligkeit der älteren anerkennen. Überdies verstand es Kate vortrefflich, die Unterhaltung auf Themen zu lenken, bei denen sich die in einer fremden Gesellschaft ziemlich verlegene junge Frau vom Lande heimisch fühlte. Wenn auch Mrs. Nickleby in der Wahl ihrer Gespräche bisweilen nicht ganz so glücklich war oder, wie Mrs. Browdie es bezeichnete, »etwas zu gebildet sprach«, so war sie doch die Freundlichkeit selbst und zeigte dem jungen Paar, wie lebhaft sie sich für sie interessierte, indem sie es sich angelegen sein ließ, die junge Frau mit langen Vorträgen über Hauswirtschaft zu unterhalten, die sie an verschiedenen Beispielen und ihrer eigenen Hausfrauenkunst erläuterte und in der sie ungefähr ebenso in punkto Theorie und Praxis beschlagen war, wie etwa einer der zwölf Apostel, deren Statuen die St.-Pauls-Kirche schmücken. »Mr. Browdie«, sagte Kate zu der jungen Frau, »ist der heiterste, fröhlichste und herzlichste junge Mann, den ich je gesehen habe. Wenn ich noch so von Sorgen bedrückt wäre, er würde mich aufheitern, wenn ich ihn nur ansähe.« »Wahrhaftig, Kate«, fiel Mrs. Nickleby ein, »er scheint ein höchst vortrefflicher Gatte zu sein, und es wird mir zu jeder Zeit ein Vergnügen bereiten, Mrs. Browdie, Sie beide bei uns zu sehen. Es geht sehr einfach bei uns her«, fuhr sie mit einer Miene fort, die anzudeuten schien, daß sie ganz gut Aufwand treiben könnte, wenn sie nur wollte. – »Wir machen nicht viel Wesens, denn ich wollte das nicht zugeben. Nein, liebe Kate, sagte ich, das würde Mrs. Browdie nur bedrücken, und das wäre doch höchst töricht und unüberlegt.« »Ich bin Ihnen wirklich sehr verbunden, Madame«, erwiderte Mrs. Browdie anerkennend, »aber es ist jetzt fast elf Uhr, John; ich fürchte, wir haben Sie schon allzulange aufgehalten, Madame.« »Zu lang?« rief Mrs. Nickleby mit einer gewissen vornehmen Verwunderung, »das ist noch eine sehr frühe Stunde für uns! Wir sind an eine solche Zeit gewöhnt. Zwölf, eins, zwei, drei Uhr machen uns nichts aus. Bälle, Soireen, Teezirkel drängten sich an unserm frühern Wohnort jahraus, jahrein. Jetzt begreife ich oft allerdings gar nicht mehr, wie es nur möglich war, daß wir alles das aushielten, allein in solchen Fällen läßt sich nicht viel ändern. Es ist das eben die Folge, wenn man zahlreiche Bekannte hat und viel besucht wird. Ich kann jedem jungen Ehepaar nur dringend raten, solche Gelegenheiten zu meiden, obwohl ich andererseits sagen muß, daß zum Glück nur wenige Leute solchen Versuchungen ausgesetzt sind. Ich erinnere mich da speziell an eine Familie, die ungefähr eine Meile von uns entfernt lebte – nicht auf der Straße gemessen, sondern links vom Schlagbaum ab, wo die Plymouther Kutsche einmal einen Esel überfuhr –, es waren wirklich ganz außerordentliche Leute, und sie gaben die glänzendsten Gesellschaften mit künstlichen Blumen, Champagner, farbigen Lampions, kurz, allem, was sich der leckerste Gaumen an Essen und Trinken nur wünschen kann. Ich glaube wirklich nicht, daß es je Leute wie diese Peltirogus gab. Du erinnerst dich doch der Familie Peltirogus?« Kate merkte, daß es höchste Zeit war, im Interesse des Besuchs die Erinnerungsflut ihrer Mutter zu hemmen, und erwiderte, daß sie sich der Familie Peltirogus sehr gut entsinne. Dann fügte sie rasch hinzu, Mr. Browdie habe doch versprochen, heute abend noch ein kleines Yorkshirer Liedchen zu singen. Sie würde sich sehr darüber freuen, wenn er es täte, da sie überzeugt sei, es werde ihrer Mutter ein unbeschreibliches Vergnügen machen. Mrs. Nickleby stimmte ihrer Tochter lebhaft bei, denn es lag etwas Gönnerhaftes und ein stillschweigendes Anerkenntnis darin, daß sie in dergleichen Dingen einen hervorragenden Kunstgeschmack besäße. John Browdie forderte seine Gattin auf, ihm gelegentlich beizuspringen, falls ihn sein Gedächtnis verlassen sollte, rückte dann ein paarmal verlegen auf seinem Stuhl hin und her, betrachtete die an der Decke schlummernden Fliegen und stimmte endlich ein sentimentales Lied, das die Empfindungen eines vor Liebe und Verzweiflung vergehenden zartsinnigen Schäfers schilderte, mit Donnerstimme an. Noch war die erste Strophe nicht vorüber, als ein lautes Klopfen an der Haustür ertönte, so laut und heftig, daß sämtliche Damen bestürzt emporfuhren und John betroffen innehielt. »Es muß wahrscheinlich ein Irrtum sein«, sagte Nikolas ruhig, »wir kennen niemand, der uns zu dieser Stunde besuchen würde.« Madame Nickleby mutmaßte natürlich sofort, es sei wahrscheinlich im Bureau Feuer ausgebrochen, oder vielleicht hätten die Herrn Cheeryble herübergeschickt, um Nikolas zu ihrem Kompagnon zu ernennen – was zu dieser nächtlichen Stunde höchst wahrscheinlich war; vielleicht sei auch Mr. Linkinwater mit der Kasse durchgebrannt oder Miss La Creevy krank geworden, oder vielleicht – Ein hastiger Ausruf Kates hemmte plötzlich ihren Redestrom, und gleich darauf trat Ralph Nickleby ins Zimmer. »Halt«, rief er, als Nikolas aufstand und Kate sich an seine Seite flüchtete. »Ehe dieser Knabe noch ein Wort sagt, hören Sie mich an.« Nikolas biß sich in die Lippen und schüttelte drohend den Kopf, schien aber für den Augenblick unfähig zu sein, auch nur ein Wort hervorzubringen. Kate umklammerte seinen Arm, Smike flüchtete sich hinter beide, und John Browdie, der bereits von Ralph gehört und ihn sofort erkannte, trat zwischen den alten Mann und seinen jungen Freund, um nötigenfalls eingreifen zu können. »Hört mich an, sage ich«, fuhr Ralph fort, »und nicht ihn.« »Sie, alter Herr«, rief John, »legen Sie Ihre Worte gefälligst auf die Goldwaage.« »Sie sollte ich an Ihrem Dialekt erkennen, und den da« – Ralph deutete auf Smike – »nach seinem Aussehen«, war die Antwort. »Lassen Sie ihn gefälligst aus dem Spiel«, fuhr Nikolas auf, »ich dulde es nicht. Ich kenne Sie nicht, ich kann die Luft nicht atmen, die Sie verpesten. Ihre bloße Gegenwart ist eine Beleidigung für meine Schwester, Ihr Anblick ist eine Schmach für uns, und Sie dürfen hier nicht bleiben, so wahr –« »Ruhig«, rief John und legte seine schwere Hand auf Nikolas' Schulter. »Er soll sich sofort entfernen«, rief Nikolas und machte sich los. »Ich will mich nicht an ihm vergreifen, aber fort muß er; ich dulde ihn nicht hier. John – John Browdie, dies hier ist meine Wohnung, und ich bin kein Kind. – Wie er so dasteht«, rief er rasend vor Wut, »und uns ruhig ansieht, die wir doch seine ganze Niedertracht kennen, so könnte ich wahnsinnig werden.« John Browdie erwiderte keine Silbe, hielt Nikolas aber beständig fest und sagte, als dieser schwieg: »Es gibt da, glaube ich, mehr zu sagen und zu hören, als du vielleicht denkst. I merk scho, um was sichs dreht. Was is denn das für a Schatten da draußen vor der Tür? Aha, der Schulmeister! Brauchst dich net verstecken. Alter Herr, lassen S' ihn nur a bissel herein.« Mr. Squeers hatte draußen gewartet, bis er mit Aplomb würde auftreten können, aber die herzhafte Aufforderung hereinzukommen, verdarb ihm den ganzen Plan. Er schlich sich ziemlich bedrückt herein und war so betreten, daß John Browdie in ein herzliches Lachen ausbrach, in das selbst Kate trotz ihrer Angst, Überraschung und der Tränen in ihren Augen halb und halb mit einstimmen mußte. »Sind Sie mit Ihren Scherzen jetzt bald zu Ende, Sir?« fragte Ralph nach einer Weile. »Ja, augenblicklich so ziemlich«, versetzte John. »Ich kann auch warten«, höhnte Ralph, »lassen Sie sich nur Zeit.« Er wartete, bis vollkommene Stille eingetreten war, und wendete sich sodann an Mrs. Nickleby, dabei Kate nicht aus den Augen lassend, als wolle er den Eindruck beobachten, den seine Worte auf sie machten. »Also, hören Sie mich an, Madame!« begann er. »Ich will nicht annehmen, daß Sie Anteil genommen haben an dem Brief, den mir Ihr Sohn neulich zugeschickt hat. Ich glaube nicht, daß Ihr Rat und Ihre vieljährige Erfahrung irgendwelchen Einfluß auf ihn haben.« Mrs. Nickleby schüttelte den Kopf und seufzte, als ob ihr Schwager damit leider nur zu sehr die Wahrheit gesprochen habe. »Und aus diesem Grunde wende ich mich an Sie, Madame«, nahm Ralph seine Rede wieder auf. »Aus diesem Grunde und lediglich deshalb bin ich heute abend hier. Ich wünsche nicht einen Schimpf seitens dieses jungen Burschen da auf mir sitzen zu lassen, den ich verstoßen mußte und der hinterdrein in seiner knabenhaften Aufgeblasenheit – ha ha – so tat, als stoße er mich von sich. Außerdem habe ich noch einen andern Beweggrund: Menschenliebe. Ich komme«, er sah sich mit einem triumphierenden Lächeln um und legte auf seine Worte so viel Nachdruck, wie er nur irgend konnte, »um einem Vater sein Kind wieder zuzuführen. Jawohl, Bürschchen«, wendete er sich an Nikolas, der sich verfärbte, »um einem Vater sein Kind wieder zuzuführen. Denselben Knaben, den du entführt hast in der niederträchtigen Absicht, ihn des kleinen Erbteils, das er seinerzeit zu gewärtigen hat, zu berauben.« »Sie wissen selbst gut genug, daß das alles nur Lügen sind«, sagte Nikolas stolz. »Ich weiß nur zu gut, daß ich die Wahrheit spreche, denn der Vater steht hier«, erwiderte Ralph. »Jawohl, hier«, höhnte Squeers vortretend. »Verstehen Sie? Hier! Habe ich Ihnen nicht immer gesagt, Sie sollten sich in acht nehmen und daß sein Vater plötzlich hervortreten und ihn mir zurückschicken werde? Sein Vater ist mein Freund, und der Junge hat mir sofort wieder übergeben zu werden. Was sagen Sie jetzt? – Was? Es tut Ihnen wahrscheinlich leid, sich umsonst so viel Mühe gegeben zu haben. Haha.« »Sie tragen gewisse Denkzettel an Ihrem Körper«, sagte Nikolas ruhig, »die ich Ihnen versetzt habe, und Sie können reden, solange Sie wollen. Sie werden lange schwätzen müssen, bis Sie die Erinnerung daran austilgen, Mr. Squeers.« Der Pädagog warf einen hastigen Blick nach dem Tisch, offenbar in der Absicht, Nikolas einen Krug oder eine Flasche an den Kopf zu werfen, aber Ralph vereitelte seine Absicht, stieß ihn mit dem Ellbogen an und forderte ihn auf, Smikes Vater hereinzurufen. Mr. Squeers paßte das sehr in den Kram, und er gehorchte ohne Zögern. Fast unmittelbar darauf kehrte er in Begleitung des dicken Herrn mit dem glatt gescheitelten Haar, der niemand anders war als Mr. Snawley, zurück. Sofort fuhr dieser auf Smike zu, drückte den Kopf des Ärmsten mit einer höchst ungeschickten und plumpen Herzlichkeit unter seinen Arm, lüftete seinen breitkrempigen Hut zum Zeichen frommen Dankes und rief: »Ach, wie wenig hoffte ich auf ein so freudiges Wiedersehen, als ich ihn das letzte Mal sah – ach, wie wenig!« »Mäßigen Sie sich, Sir«, sagte Ralph in einem rauhen Ton, der offenbar Mitgefühl andeuten sollte, »Sie haben ihn ja jetzt wieder.« »Hab' ich ihn? Oh, hab' ich ihn wirklich? Ist es kein Traum?« rief Mr. Snawley, offenbar unfähig, seinen Augen zu trauen. »Ja, da steht er, wie er leibt und lebt; mein Fleisch und Blut!« »Ja, aber sehr wenig Fleisch«, warf John Browdie hin. Mr. Snawley war durch seine väterlichen Gefühle viel zu sehr in Anspruch genommen, als daß er auf diese spöttische Bemerkung hätte achten können, um aber um so vollständiger das Glück, sein Kind wiedergefunden zu haben, zu genießen, klemmte er Smikes Kopf abermals unter seinen Arm und behielt ihn dort. »Was war es«, rief er, »das mir ein so lebhaftes Interesse für ihn einflößte, als ihn dieser würdige Pädagog in mein Haus brachte! Was war es nur, das mich mit einem so brennenden Verlangen erfüllte, ihm eine wohltätige strenge Züchtigung dafür angedeihen zu lassen, daß er seinem besten Freunde entlaufen war, seinem Seelenhirten und Lehrer.« »Es war die Stimme der Natur! Der väterliche Instinkt, Sir!« sagte Squeers. »Ja, das muß es wohl gewesen sein«, versetzte Snawley. »Das erhabene Gefühl – das Gefühl der alten Römer und Griechen, das der Tiere des Feldes und der Vögel der Luft – mit Ausnahme der Kaninchen und Kater, die bisweilen ihre Nachkommen auffressen sollen. Mein Herz sehnte sich nach ihm, ich hätte ihm, ich weiß nicht was, in meinem väterlichen Zorn antun können.« »Ja, ja, es ist eine wunderliche Sache um die Natur«, sagte Mr. Squeers andächtig. »Es ist etwas Heiliges, Sir!« bemerkte Snawley. »Ach, wie wahr, Sir«, fügte Mr. Squeers mit einem moralischen Stoßseufzer hinzu. »Ich möchte überhaupt wissen, wie wir ohne Natur auskommen könnten. Die Natur«, betonte er feierlich, »läßt sich leichter begreifen als beschreiben. Wie herrlich ist es doch, in einem natürlichen Zustande zu leben, Sir.« Die Umstehenden hatten diese philosophischen Betrachtungen mit namenlosem Erstaunen angehört, während Nikolas mit Gefühlen des Abscheus, des Zweifels und der Überraschung bald Snawley, bald Squeers, bald Ralph scharf ins Auge faßte. Als der Pädagog mit seinen Tiraden glücklich zu Ende war, riß sich Smike von seinem Vater los, flüchtete sich zu Nikolas und flehte ihn an, ihn bei sich zu behalten und in seinem Hause leben und sterben zu lassen. »Wenn Sie wirklich der Vater dieses jungen Menschen sind«, rief Nikolas »so sehen Sie sich einmal dieses unglückliche, verwahrloste Geschöpf an und wiederholen Sie dann, wenn Sie es wagen, daß Sie noch immer die Absicht haben, ihn in die Verbrecherhöhle zurückzuschicken, aus der ich ihn befreit habe.« »Abermals eine Injurie«, frohlockte Squeers, »Sie sind zwar keinen Schuß Pulver wert, aber ich werde es Ihnen doch eintränken.« »Halt«, fiel Ralph ein, als Snawley abermals eine Rede schwingen wollte, »machen wir die Sache kurz und verschwenden wir nicht soviel Worte an diesen albernen Taugenichts. Sie können beweisen, daß dies hier Ihr Sohn ist, Mr. Snawley, und Sie, Mr. Squeers, erkennen Sie in ihm denselben jungen Menschen, der viele Jahre bei Ihnen unter dem Namen Smike lebte?« »Wie sollte ich nicht!« entgegnete Squeers. »Gut«, sagte Ralph, »wir werden hier bald fertig sein. – Sie hatten einen Sohn aus erster Ehe, Mr. Snawley?« »Allerdings. Denselben, der hier steht«, versetzte der Ehrenmann. »Das wird sich bald ermitteln lassen«, fuhr Ralph fort. »Sie wurden von Ihrer ersten Frau geschieden, und sie nahm den Knaben zu sich, als er ein Jahr alt war? Nach zweijähriger Trennung erhielten Sie von ihr die Nachricht, der Knabe sei gestorben, und Sie glaubten es?« »Natürlich glaubte ich es«, rief Snawley. »Oh, die Freude, daß ich ihn wiederhabe –« »Bitte, bleiben Sie bei der Sache, Sir«, mahnte Ralph. »Es handelt sich hier lediglich um eine Geschäftssache, und Freudeausbrüche haben nichts mit einer solchen zu schaffen. Die Frau starb ungefähr vor anderthalb Jahren auf dem Lande als Haushälterin in einer Familie, nicht wahr?« »Jawohl.« »Sie schrieb Ihnen auf dem Sterbebette einen Brief oder, besser gesagt, ein Bekenntnis hinsichtlich dieses Knaben, das, da die Adresse nur Ihren Namen enthielt und sonst nichts, erst vor wenigen Tagen, nachdem es durch viele Hände gegangen war, an Sie gelangte?« »Sehr richtig«, versetzte Snawley, »wahr bis aufs i-Tüpfelchen.« »Und dieses Bekenntnis«, sprach Ralph weiter, »enthielt die Versicherung, daß der Tod des Kindes nur eine Erfindung von ihr war, um Sie zu verwunden – mit einem Wort, es war ein Teil des Quälsystems, das sie Ihnen gegenüber in Anwendung brachte. Auch setzte sie hinzu, daß der körperlich und geistig zurückgebliebene Junge durch eine zuverlässige Person einer Schule in Yorkshire übergeben worden sei? Ferner, daß sie einige Jahre hindurch die Erziehungskosten bezahlt, dann aber wegen Armut und allzu weiter Entfernung ihres Wohnortes allmählich die Hand von ihm abgezogen habe – was ihr Gott verzeihen möge?« Snawley nickte und wischte sich die Augen, ersteres leicht, letzeres heftig. »Es war Mr. Squeers' Schule«, fuhr Ralph fort. »Der Junge blieb dort unter dem Namen Smike. Die übrigen Angaben stimmen genau mit Mr. Squeers' Büchern überein. Ihre zwei andern Knaben sind ebenfalls dort in der Schule, und Mr. Squeers wohnt zur Zeit hier bei Ihnen? Sie teilten ihm die ganze Entdeckung mit, und er brachte Sie zu mir, und ich führte Sie hierher? Ist's nicht so?« »Sie sprechen Wort für Wort nichts als die Wahrheit, Sir«, schluchzte Snawley. »Und diese Ihre Brieftasche hier«, Ralph zog eine solche hervor, »enthält Ihren ersten Eheschein, das Taufzeugnis des Jungen, die zwei Briefe Ihrer Frau und weitere Dokumente, die Ihre Angaben direkt und indirekt bewahrheiten können, nicht wahr?« »Jawohl, Sir.« »Und Sie haben nichts dagegen, wenn man hier Einsicht davon nimmt, damit man sich überzeugen kann, daß es in Ihrer Macht steht, Ihre Ansprüche vor Gericht geltend zu machen und sofortige Zurückgabe Ihres Sohnes zu erzwingen? Habe ich Sie recht verstanden?« »Silbe für Silbe.« »Also gut«, schloß Ralph und warf die Brieftasche auf den Tisch, »so; man mag sich überzeugen, wenn's gefällig ist. Falls es aber Originaldokumente sind, so möchte ich Ihnen empfehlen, Mr. Snawley, gut darauf achtzugeben, damit Ihnen nicht etwa eins abhanden kommt.« Mit diesen Worten ließ sich Ralph uneingeladen nieder, kniff die Lippen zusammen, die er für einen Augenblick zu einem leichten Lächeln verzogen hatte, verschränkte die Arme und sah jetzt zum erstenmal seinem Neffen ins Gesicht. Nikolas, erbittert durch den perfiden Ausfall in Ralphs Schlußworten, warf ihm einen entrüsteten Blick zu, nahm sich aber, so gut er konnte, zusammen und untersuchte die Dokumente aufs sorgfältigste, wobei ihm John Browdie über die Schulter sah. Sie enthielten nichts, was man hätte beanstanden können. Die kirchlichen Dokumente waren beglaubigte Auszüge aus den Kirchenbüchern, der erste Brief hatte ganz das Aussehen, als sei er vor Jahren geschrieben und lange aufbewahrt worden, und die Handschrift des zweiten stimmte genau mit dem ersten überein, sofern man den Umstand, daß er auf einem Sterbebette geschrieben worden, mit in Anschlag brachte. Und schließlich waren auch noch andere die Tatsachen bekräftigende Papiere und Notizen vorhanden, die ebenfalls nicht gut in Zweifel gezogen werden konnten. »Lieber Nikolas«, flüsterte Kate, die ängstlich zugesehen, wie ihr Bruder alles geprüft hatte, »verhält es sich wirklich so? Sind die Angaben wahr?« »Ich fürchte«, erwiderte Nikolas. »Was sagen Sie dazu, John?« Mr. Browdie kratzte sich hinter den Ohren, schüttelte den Kopf und schwieg. »Sie werden bemerken, Madame«, wendete sich Ralph zu Mrs. Nickleby, »daß wir das Gesetz für uns haben, da der junge Mensch minderjährig und schwachsinnig ist. Ich würde sofort zu energischen Maßregeln geschritten sein, Madame, wenn ich nicht Ihre Gefühle und die Ihrer Tochter berücksichtigt hätte.« »Sie haben Ihre Gefühle bereits sehr klar an den Tag gelegt«, sagte Nikolas und zog seine Schwester näher an sich. »Ich danke dir«, versetzte Ralph, »dein Lob, Monsieur, ist eine große Empfehlung.« »Also«, fiel Squeers ein, »was tun wir jetzt? Das Droschkenpferd wird sich erkälten, wenn wir nicht bald aufbrechen. Einmal hab' ich's schon niesen hören, daß die Haustüre fast aufgeflogen wäre. Also wie steht die Sache? He? Wird der junge Mr. Snawley mitgehen?« »Nein, nein, nein«, jammerte Smike und klammerte sich an Nikolas. »Nein, ich bitte, nein. Ich will nicht von Ihnen fort. Nein, nein.« »Ach, das ist herzzerbrechend«, stöhnte Snawley und forderte seine Freunde durch Blicke zum Beistand auf. »Dazu schenken Eltern ihren Kindern das Leben?!« »Vielleicht dazu, daß sie sie nachher solchen Leuten übergeben?« versetzte John Browdie derb und deutete auf Squeers. »Kümmern Sie sich um Ihre eigenen Angelegenheiten«, rief der Pädagog und griff sich höhnisch an die Nase. »Ja, das möcht' Ihnen passen, daß sich niemand um Ihr Treiben kümmert«, zürnte Mr. Browdie. »Eben grad, weil sich niemand um derlei Sachen kümmert, kommts, daß solche Schweinehunde wie du ihr Wesen treiben können. Ha, wohin denn so geschwind? Was? Donnerwetter, renn mich nicht gleich um, Mensch!« Der Yorkshirer ließ seinen Worten eine entsprechende Handlung folgen und versetzte Mr. Squeers, der auf Smike losfahren wollte, einen so geschickten Stoß vor die Brust, daß dieser auf Ralph Nickleby zurücktaumelte, darüber das Gleichgewicht verlor, den Wucherer beim Sturz mit sich riß und schwerfällig niederstürzte. Das gab das Signal zu sehr scharfen Maßregeln. Inmitten des Tumultes, das durch Smikes Flehen und Bitten, das Weinen und Schreien der Frauen und das Ungestüm der Männer veranlaßt wurde, versuchten die drei Verbündeten einigemal, Smike mit sich zu ziehen. Squeers war bereits im Begriff, ihn hinauszuzerren, aber Nikolas, der bisher unschlüssig dagestanden und nicht wußte, was er tun sollte, erwischte seinen alten Feind am Kragen und rüttelte ihn so durch, daß ihm sämtliche Zähne im Munde klapperten. Dann stieß er ihn in den Flur hinaus und machte die Tür hinter ihm zu. »So, und jetzt haben Sie die Güte, Ihrem Freunde gefälligst zu folgen«, wendete er sich an die beiden andern. »Ich will meinen Sohn zurückhaben!« rief Snawley. »Ihr Sohn hat für sich selbst gewählt«, erklärte Nikolas. »Er zieht vor hierzubleiben, und das soll er auch.« »Sie wollen mir ihn also nicht zurückgeben?« »Wenigstens nicht gegen seinen eigenen Willen«, sagte Nikolas. »Solang' ich's verhindern kann, soll er nicht wieder das Opfer der tierischen Behandlung werden, der Sie ihn schon einmal preisgaben – nein, nicht einmal, wenn er ein Hund wäre oder eine Ratte.« »Schlagen Sie den Burschen mit dem Leuchter nieder!« rief Mr. Squeers durch das Schlüsselloch herein, »und bringen Sie mir meinen Hut heraus, damit er mir nicht abhanden kommt!« »Ich bin wirklich aufs tiefste bekümmert«, klagte Mrs. Nickleby, die mit Mrs. Browdie weinend in der Ecke gestanden hatte, während Kate zwar äußerlich blaß, aber vollkommen ruhig, ihrem Bruder so nahe wie möglich geblieben war, »wirklich, ich bin über alles das, was hier vorgefallen ist, aufs tiefste bekümmert. Ich weiß mir wirklich gar keinen Rat mehr. Natürlich wird es einem nicht leicht, anderer Leute Kinder zu ernähren, trotzdem der junge Mr. Snawley so außerordentlich dienstbereit ist, wie nur irgend jemand, aber wenn sich die Sache in Frieden beilegen ließe – wenn zum Beispiel der alte Mr. Snawley eine feste Summe für Kost und Wohnung auswerfen wollte und man in der Weise übereinkäme, daß man allenfalls zweimal in der Woche Fisch und zweimal in der Woche einen Pudding oder etwas derart gäbe –, so würde das, wie ich glaube, für alle Teile gleich befriedigend und angenehm sein.« Ihr unter vielen Tränen und Seufzern vorgebrachter Vermittlungsversuch wurde natürlich von niemand berücksichtigt, und sie schickte sich daher an, Mrs. Browdie die Vorteile eines solchen Entwurfs unter vier Augen in der Ecke in aller Form auseinanderzusetzen und auf die unglücklichen Folgen aufmerksam zu machen, die jedesmal daraus erwuchsen, daß man ihrem Rate nie folge. »Du bist ein unnatürliches undankbares Kind, das keine Liebe verdient«, rief Mr. Snawley dem verängstigten Smike zu, »du stößt das Vaterherz zurück, das deiner begehrt. Du willst nicht mit mir gehen, was?« »Nein, nein, nein«, jammerte Smike zurückweichend. »Er hat überhaupt nie jemand geliebt«, brüllte Squeers durch das Schlüsselloch, »weder mich noch Wackford, der doch gewiß ein Engel ist. Wie können Sie erwarten, daß er seinen Vater lieben sollte? Er wird ihn nie lieben; er weiß nicht, was es heißt, einen Vater haben; er hat keinen Begriff davon. Er hat keine Spur von kindlichem Gefühl in sich.« Eine Minute lang blickte Mr. Snawley fest auf seinen Sohn, bedeckte dann die Augen mit der Hand, lüftete seinen Hut und beklagte innerlich den Undank seines Sprößlings. Dann wischte er sich mit dem Ärmel die Augen, nahm Mr. Squeers' Hut in die eine und den eigenen in die andere Hand und ging langsam und traurig hinaus. »Ich denke, dein Roman ist zu Wasser geworden«, wendete sich Ralph, der noch eine Weile zurückblieb, an Nikolas. »Du hast es nicht mit einem unbekannten verfolgten Sohne eines Mannes von hohem Range, sondern mit einem geistesschwachen Sprößling eines simpeln Gewerbetreibenden zu tun. Wir werden schon sehen, wie dein Mitgefühl gegenüber dieser einfachen Tatsache in nichts zusammenschmilzt.« »Ja, das werden Sie sehen«, sagte Nikolas und deutete zur Tür. »Ich habe mir auch keinen Augenblick träumen lassen«, fuhr Ralph fort, »daß du ihn heute abend herausgeben würdest. Dein Stolz, dein Hochmut und dein sogenannter edler Sinn lassen dies nicht zu. Aber wir werden dich schon herunterstimmen und dich demütigen, Bürschchen. Und zwar sehr bald. Ich werde dich heimsuchen mit den Aufregungen und den unerschwinglichen Kosten eines Prozesses in seiner bedrückendsten Form, mit seiner stündlichen Folter, mit seinen langen Tagen und seinen schlaflosen Nächten; ich werde dich schon brechen, so stark du dir auch vorkommen magst. Wenn du dieses Haus dann zur Hölle gemacht hast und deinen Verdruß und deinen Ärger an dem Burschen dort und an denen, in deren Augen du jetzt als junger makelloser Held dastehst, auslassen wirst, dann wird die Zeit da sein, wo wir miteinander abrechnen. Dann werden wir sehen, wer der Schuldner ist und wer am besten besteht – selbst vor der Welt.« Ralph Nickleby ging, aber Squeers, der einen Teil dieser Rede noch mit angehört und mittlerweile vor ohnmächtiger Wut fast außer sich geraten war, konnte sich nicht enthalten, nochmals für einen Augenblick in das Zimmer zurückzukehren und dort mit scheußlichen Gesichtsverzerrungen und Grimassen ein paar Dutzend Bocksprünge zu machen, um seine Zuversicht auf Nikolas' Niederlage und Verderben damit auszudrücken. Nachdem er seinen Kriegstanz beendet, wobei sich seine zu kurzen Hosen und weiten Stiefel in ihrem besten Lichte gezeigt hatten, folgte er seinen Freunden, und der Familie blieb nunmehr Muße, über alles, was vorgefallen war, nachzudenken. 46. Kapitel Auf Nikolas' Liebesangelegenheit fällt ein Licht, ob ein günstiges oder schlimmes, mag der Leser selbst entscheiden Nach sorgfältiger Erwägung der beängstigenden Lage, in der er sich befand, faßte Nikolas den Entschluß, sich unverzüglich den wohlwollenden Brüdern Cheeryble anzuvertrauen. Als er daher gegen Abend des nächsten Tages mit Mr. Charles allein war, benutzte er sogleich die Gelegenheit, ihm Smikes Geschichte zu erzählen, und drückte dabei bescheiden, aber immerhin zuversichtlich die Hoffnung aus, der gütige alte Herr werde in Anbetracht der Sachlage den Schritt, den er gewagt, sich nämlich zwischen Vater und Kind zu stellen, nicht mißbilligen. »Der Abscheu vor dem Mann wurzelt offenkundig so tief in Smike«, sagte er, »daß ich kaum daran glauben kann, er sei wirklich Snawleys Sohn. Die Stimme der Natur scheint hier vollständig zu versagen, aber andererseits kann ich unmöglich annehmen, daß sie irren sollte.« »Mein lieber junger Freund«, erwiderte Mr. Charles, »Sie verfallen in den sehr gewöhnlichen Irrtum, der Natur Dinge zur Last zu legen, mit denen sie nicht das mindeste zu schaffen hat und für die sie in keiner Weise verantwortlich gemacht werden kann. Man spricht immer von der Natur als von etwas Abstraktem und verliert dabei gänzlich aus den Augen, was eigentlich natürlich ist. Wir haben hier einen unglücklichen jungen Menschen, der nie in seinem Leben Elternliebe, sondern nur Leid und Qual gekannt hat. Jetzt wird er plötzlich einem Manne vorgestellt, der, wie man ihm sagt, sein Vater sein soll und sogleich mit der Absicht herausrückt, dem kurzen Glücke seines Kindes ein Ende zu machen, indem er es wieder in seine ehemalige Lage zu versetzen gedenkt und von dem einzigen Freund, den es jemals gehabt hat – von Ihnen nämlich –, loszureißen. Wenn in einem solchen Fall die Natur in die Brust des jungen Menschen auch nur die kleinste Neigung legte, die ihn zu seinem Vater hin und von Ihnen abzöge, so würde sie geradezu töricht und lügnerisch handeln.« Nikolas war entzückt, den alten Herrn mit solcher Wärme reden zu hören, und schwieg in der Hoffnung, Mr. Cheeryble würde noch mehr über dieses Thema sprechen. »Überall erblicke ich denselben Irrtum«, fuhr Mr. Cheeryble fort, »wohin ich auch sehe, in der einen oder andern Form. Eltern, die niemals Liebe an den Tag gelegt haben, beklagen sich plötzlich über den Mangel persönlicher Zuneigung bei ihren Kindern. Und Kinder wiederum, die niemals ihre Pflicht erfüllt haben, beschweren sich über das Fehlen natürlichen Gefühls bei ihren Eltern. So kommt es dann, daß Moralisten, die da auf beiden Seiten nichts als Fehler sehen, nicht genug über die Sittenlosigkeit bei Eltern und Kindern klagen. Die natürlichen Neigungen und Triebe, mein lieber junger Freund, gehören zu den schönsten Werken der Vorsehung, müssen aber wie so viele andere in der Schöpfung gehegt und gepflegt werden, da sie sonst leicht verkümmern und schließlich verschwinden, wie es ja auch bei den Pflanzen der Erde der Fall ist. Ich wollte, man könnte die Menschen dahin bringen, dies alles zu bedenken, damit sie sich zur rechten Zeit ihrer natürlichen Verpflichtungen erinnern und zur unrechten Zeit etwas weniger davon sprechen.« Mr. Cheeryble, der sich in ein ziemliches Feuer hineingesprochen hatte, hielt ein wenig inne und fuhr dann fort: »Sie haben sich ohne Zweifel gewiß gewundert, lieber Freund, daß ich Ihre Erzählung mit so wenig Überraschung angehört habe. Den Grund werden Sie sogleich einsehen – Ihr Onkel war nämlich heute morgen hier.« Nikolas verfärbte sich und trat einen Schritt zurück. »Ja, so ist es«, bekräftigte Mr. Charles und schlug nachdrücklich mit der Hand auf sein Pult. »Hier in diesem Zimmer – er wollte von nichts hören – nahm weder Vernunft an, noch hatte er Sinn für Gefühl oder Gerechtigkeit. Er war taub gegen alles. Mein Bruder Ned setzte ihm tüchtig zu – man hätte denken sollen, daß es einen Pflasterstein erweicht haben würde.« »Er kam wohl, um –« begann Nikolas. »Um sich über Sie zu beschweren«, ergänzte Mr. Charles, »und uns das Gift der Lüge und Verleumdung ins Ohr zu träufeln. Aber es glückte ihm nicht. Und er ging, nachdem er noch ein paar heilsame Wahrheiten von uns hatte anhören müssen. Mein Bruder Ned, lieber Mr. Nickleby, mein Bruder Ned ist ein wahrer Löwe, und dasselbe ist auch mit Tim Linkinwater der Fall – Tim ist gleichfalls ein Löwe. Wir riefen ihn herbei, damit er Ihrem Onkel die Spitze biete, und im Nu war er über ihn hergefallen.« »Wie werde ich Ihnen jemals für all Ihre Güte danken können!« rief Nikolas. »Dadurch, daß Sie darüber schweigen, mein lieber junger Freund«, erwiderte Mr. Charles. »Sie sollen zu Ihrem Rechte kommen; wenigstens darf Ihnen in keinem Fall ein Unrecht widerfahren; ebensowenig einem der Ihrigen. Weder Ihnen noch dem jungen Menschen, noch Ihrer Mutter, noch Ihrer Schwester darf auch nur ein Haar gekrümmt werden. Wir alle haben es ihm gesagt und werden dafür sorgen, daß es wahr wird. Ich habe den Vater gesehen – wenn er's ist –, und ich glaube, daß er's wohl sein muß; aber er ist ein Unmensch und ein Heuchler, Mr. Nickleby. Ich sagte ihm: Sie sind ein Unmensch, Sir – ja ja, das sagte ich ihm, und ich freue mich darüber – ich freue mich ganz außerordentlich, daß ich ihn einen Unmenschen nannte – wirklich ganz außerordentlich.« Der alte Herr hatte sich in eine so lebhafte Entrüstung hineingeredet, daß Nikolas glaubte, es wagen zu dürfen, ein Wort mit einfließen zu lassen. Er wollte eben beginnen, da legte ihm Mr. Cheeryble die Hand sanft auf den Arm und deutete auf einen Stuhl. »Vorderhand ist die Sache abgetan«, sagte er, sich das Gesicht abwischend, »reden wir jetzt nicht weiter davon. Und auch später nicht, Mr. Nickleby. Vor allen Dingen müssen wir ruhig – ganz ruhig bleiben.« Er ging ein paarmal im Zimmer auf und ab, zog dann seinen Stuhl näher an Nikolas' Pult und begann: »Mein lieber Mr. Nickleby, ich möchte Ihnen jetzt einen Auftrag anvertrauen, der höchst delikater Natur ist.« »Sie werden gewiß manchen finden, der dafür fähiger sein würde«, fiel Nikolas ein, »aber ich darf wohl behaupten, gewiß keinen, der Ihr Vertrauen mehr zu schätzen wissen wird und sich größere Mühe geben könnte.« »Ich bin überzeugt davon«, erwiderte Mr. Charles, »vollkommen überzeugt. Und Sie werden mir glauben, daß ich wirklich so denke, wenn ich Ihnen sage, daß der Auftrag eine junge Dame betrifft.« »Eine junge Dame, Sir?« rief Nikolas, vor Begier, mehr zu hören, am ganzen Leibe zitternd. »Um eine sehr schöne junge Dame«, sagte Mr. Cheeryble mit größtem Ernst. »Ich bitte, fahren Sie fort«, rief Nikolas. »Ich denke gerade darüber nach, wie ich am besten anfangen soll«, begann Mr. Charles wehmütig und, wie es Nikolas vorkam, mit fast schmerzlichem Ausdruck. »Sie haben eines Morgens zufällig eine junge Dame bei mir gesehen, mein lieber junger Freund. Sie fiel damals in Ohnmacht. Können Sie sich noch daran erinnern? Sie werden es wahrscheinlich vergessen haben –« »Oh nein«, versicherte Nikolas hastig. »Ich – ich – erinnere mich ihrer noch recht gut.« »Also, das ist die Dame, von der ich spreche.« Nikolas dachte sich, ähnlich wie der berühmte Papagei, außerordentlich viel, war jedoch nicht imstande, ein Wort hervorzubringen. »Sie ist«, fuhr Mr. Cheeryble fort, »die Tochter einer Dame, die ich – es wird Ihnen das etwas sonderbar vorkommen –, als sie noch ein schönes junges Mädchen und ich um viele Jahre jünger war, als ich's jetzt bin, innig liebte. Sie werden vielleicht darüber lächeln, daß ich als alter Graukopf noch von solchen Dingen rede, aber ich schäme mich dessen nicht. Als ich noch so jung war wie Sie, würde ich es ebenso gemacht haben.« »Etwas Derartiges kommt mir nicht im entferntesten in den Sinn«, beteuerte Nikolas. »Mein lieber Bruder Ned« – nahm Mr. Cheeryble seine Erzählung wieder auf – »sollte einst ihre Schwester heiraten, aber sie starb. Auch sie, die ich liebte, ist jetzt tot und ruht schon seit vielen Jahren unter der Erde. Sie heiratete nach ihrer Wahl – und ich wollte, ich könnte hinzusetzen, daß ihr späteres Leben nur annähernd so glücklich gewesen wäre, wie ich es ununterbrochen für sie von Gott erflehte.« Es trat eine kurze Pause ein, während der Nikolas kein Wort hervorbringen konnte. »Wenn ihren Gatten so wenig Leid getroffen hätte, wie ich es um ihretwillen hoffte und aus innerstem Herzen wünschte, so wäre alles gut gewesen«, fuhr der alte Herr ruhig fort. »Es genügt jetzt, wenn ich sage, daß es leider nicht der Fall war. – Das Los, das ihnen zufiel, war nicht glücklich. Sie gerieten in die mannigfachsten Bedrängnisse, und ein Jahr vor ihrem Tode kam sie zu mir, sich an unsere alte Freundschaft erinnernd. Die Veränderung, die mit ihr vorgegangen, war höchst betrüblich. Ihr Geist war gebrochen und ihr Herz desgleichen. Ihr Gatte nahm ihr ohne Umstände das Geld ab, das ich ihr gab und gerne zehnmal so reichlich gespendet haben würde, wenn ich ihr dadurch nur eine Stunde Seelenfrieden hätte erkaufen können. Er selbst schickte sie oft zu mir, um sich mehr zu holen, machte ihr aber dann, während er es vergeudete, nur noch mehr Vorwürfe unter dem Vorwand, er wisse gar wohl, daß sie mit bitterer Reue auf ihre Wahl zurückblicke und ihn nur aus Eitelkeit geheiratet habe. Er war nämlich ein lebenslustiger junger Mann gewesen, der seinerzeit große Verbindungen gehabt hatte. Mit einem Wort, er legte ihr auf die roheste und ungerechteste Weise seine bittere Lage und seine nunmehr trostlosen Aussichten im Leben zur Last, die er in Wirklichkeit allein seiner Verschwendungssucht zu danken hatte. Die erwähnte junge Dame, ihre Tochter, war damals noch ein Kind. An dem Morgen, als Sie sie zum erstenmal sahen, sah auch ich sie nach langer Zeit wieder. Mein Neffe Frank nun –« Nikolas fuhr zusammen, stotterte ein paar unzusammenhängende Worte hervor und schwieg dann. »Mein Neffe Frank traf sie zufällig zwei Tage nach seiner Ankunft in England, verlor sie aber fast in derselben Minute wieder aus dem Gesicht. Um seinen Gläubigern auszuweichen, hielt sich ihr Vater verborgen. Er kämpfte mit Armut und Krankheit und war dem Tode nahe, und sie, ein Kind, das – wie wir fast glauben müßten, wenn wir nicht wüßten, wie weise die Vorsehung in allen ihren Beschlüssen handelt – einem bessern Vater zum Segen hätte gereichen sollen, ließ mutvoll jeden Mangel, jede Demütigung und alles, was sonst einem so jungen und zartfühlenden Herzen das Schrecklichste sein muß, über sich ergehen, um ihm beizustehen. Sie hatte in ihrem Elend ein treues Geschöpf um sich, das ehemals ein armes Küchenmädchen in der Familie gewesen war und so redlich und herzensgut ist, daß sie – ja wahrhaftig – als Gattin für Tim Linkinwater gepaßt haben würde.« Mr. Cheeryble lehnte sich, ganz hingerissen von Begeisterung über die Herzensgüte des armen Dienstmädchens, in seinem Stuhl zurück, zwang sich aber dann zur Ruhe und schloß seine Erzählung: »Mit Stolz hatte die junge Dame alle dauernden Anerbietungen von Hilfe und Unterstützung seitens der Verwandten ihrer seligen Mutter zurückgewiesen, da die Bedingung daran geknüpft war, sie müsse ihren unglücklichen verlassenen Vater aufgeben. Instinktiv und aus Zartgefühl wagte sie es nicht, sich an mich um Unterstützung zu wenden, den er haßte und tief verletzt hatte. So hat sie sich bisher allein und ohne Hilfe abgemüht, ihn durch ihrer Hände Arbeit zu ernähren. Durch das tiefste Elend hat sie sich durchgearbeitet, ohne auch nur einen Augenblick zu erlahmen, und trotz der bösartigen finstern Launen des Kranken, der weder in den Erinnerungen an die Vergangenheit noch in der Hoffnung auf eine Zukunft Trost finden konnte, und ohne daß sie sich je nach dem angenehmeren Lose, das sie zurückgewiesen, gesehnt oder sich beklagt hätte. Mit all den kleinen Fertigkeiten, die sie sich in bessern Tagen angeeignet, hat sie sich durch zwei lange Jahre hindurch Tag für Tag und auch des Nachts mit der Nadel, dem Bleistift und auch der Feder abgemüht, sich als Lehrerin den Launen und Demütigungen ausgesetzt, die Frauen nur zu oft Personen ihres eignen Geschlechts auskosten lassen, deren Dienste sie in Anspruch nehmen – Demütigungen, die in neunundneunzig unter hundert Fällen über Menschen verhängt werden, die unendlich besser sind als ihre Brotgeber und oft schlechter behandelt werden als untergeordnete Knechte von einem rohen Viehhändler. Das war zwei Jahre lang das Los der jungen Dame gewesen, aber schließlich konnte sie es trotz unermüdlichen Fleißes nicht länger mehr durchführen und sah sich in der Not gezwungen, den alten Freund ihrer Mutter aufzusuchen und ihm ihr Herz auszuschütten.« »Wenn ich arm gewesen wäre«, rief Mr. Charles mit leuchtenden Augen, »wenn ich arm gewesen wäre, lieber Mr. Nickleby, was Gott sei Dank nicht der Fall ist, so hätte ich – und wohl jeder würde es unter solchen Umständen getan haben – mir auch das Nötigste entzogen, um ihr beizustehen. Wie die Sache jetzt liegt, ist es aber eine schwierige Aufgabe, so leicht es auch sein würde, wenn ihr Vater tot wäre. Denn dann müßte sie wie unser Kind oder unsere Schwester die glückliche Heimat mit uns teilen, die mein Bruder Ned und ich ihr bieten könnten. Aber so lebt er noch, und ihm kann niemand mehr helfen. Schon tausendmal ist es versucht worden, aber ich weiß, daß man ihn nicht ohne Grund stets seinem Schicksal wieder überließ.« »Könnte man sie nicht bewegen –«, stotterte Nikolas. »Ihn zu verlassen?« ergänzte Mr. Cheeryble. »Wer dürfte einem Kind zumuten, seinen Vater zu verlassen? Man hat es ihr des öftern – freilich ging es nicht von mir aus – unter der Bedingung vorgeschlagen, daß sie ihn zuweilen besuchen könne, aber immer ohne Erfolg.« »Behandelt er sie gütig?« fragte Nikolas. »Weiß er ihre Liebe zu schätzen?« »Er hat keinen Sinn für treue aufopfernde Liebe. Was er für Liebe hält, läßt er ihr, glaube ich, angedeihen. Ihre Mutter war ein sanftes hingebendes vertrauensvolles Geschöpf, und obwohl er sie vom Tage ihrer Verheiratung an bis zu ihrem Tod auf das grausamste mißhandelte, so hörte sie doch nie auf, ihn zu lieben. Noch auf dem Sterbebett empfahl sie ihn der Sorgfalt ihrer Tochter, und diese hat es nie vergessen und wird es auch nie tun.« »Haben Sie denn keinen Einfluß auf ihn?« fragte Nikolas. »Ich, mein lieber junger Freund? Ich doch den allergeringsten auf der ganzen Welt. Seine Eifersucht und sein Haß gegen mich sind so grenzenlos, daß er seine Tochter unablässig mit Vorwürfen quälen und höchst unglücklich machen würde, wenn er wüßte, daß sie sich mir anvertraut. Andererseits würde er – so voll von Widersprüchen und so selbstsüchtig ist er –, wenn er wüßte, daß sie alles von mir hat, sich auch nicht einen einzigen Wunsch versagen, der nur irgend mit Geld befriedigt werden könnte.« »Der Mensch ist ja ein Scheusal«, rief Nikolas entrüstet. »Wir wollen uns vielleicht so harter Ausdrücke enthalten«, sagte Mr. Charles milde, »und nur die Umstände im Auge behalten, in denen die junge Dame lebt. Ich bin auf ihr eigenes dringendes Verlangen hin genötigt gewesen, ihr nur ganz kleine Unterstützungen zuteil werden zu lassen, damit ihr Vater nicht, wenn er sähe, wie leicht sich mit einem Mal Geld verschaffen ließe, noch leichtsinniger damit umgehe, als er sonst zu tun gewohnt war. Sie ist immer heimlich und nur abends zu uns gekommen, um das wenige in Empfang zu nehmen. – Ich kann nun nicht länger mehr ansehen, daß das in dieser Weise fortgeht, Mr. Nickleby – wirklich, ich kann es nicht ertragen.« Allmählich kam heraus, daß die Zwillingsbrüder in ihren wackern alten Köpfen die mannigfachsten Pläne ersonnen und Entwürfe ausgeheckt hatten, um der jungen Dame auf zartsinnige Weise beizustehen, ohne daß ihr Vater die Quelle, aus der das Geld flösse, erraten könne. Sie waren dabei endlich zu dem Resultat gelangt, daß es wohl am besten sei, ihr kleine Zeichnungen und Arbeiten zu hohen Preisen abzukaufen und eine beständige Nachfrage danach zu arrangieren. Um die Sache weiter fortführen zu können, stellte es sich nunmehr als nötig heraus, daß sich jemand den Anschein gebe, als mache er mit dergleichen Artikeln Geschäfte. Und Nikolas sollte jetzt diese Rolle zufallen. »Mich kennt er nämlich, und ebenso meinen Bruder Ned«, erklärte Mr. Charles. »Also keiner von uns paßt dazu. Frank ist zwar ein recht braver und guter Mensch, aber wir fürchten, er könne sich vielleicht etwas zu flüchtig und gedankenlos bei der Angelegenheit benehmen; kurz gesagt, es liegt vielleicht die Gefahr vor, er könne sich in sie verlieben, ehe er noch sein eigenes Herz hinreichend geprüft hat, und dadurch könnte es der jungen Dame dann später einmal ähnlich gehen wie ihrer seligen Mutter. Er interessierte sich zwar ungemein für ihr Schicksal, und das schon, als er ihr das erstemal begegnete. Soviel wir erfuhren, fing er damals den Streit an, bei dem Sie ja auch zugegen waren.« Nikolas stotterte in unzusammenhängenden Worten heraus, daß ihm das schon früher wahrscheinlich vorgekommen sei, und erzählte, um zu erklären, wie er auf den Gedanken geraten, wann und wo er die junge Dame schon früher gesehen. »Sie begreifen also«, fuhr Mr. Cheeryble fort, »daß wir ihn nicht gut für die erwähnte Mission gebrauchen können. Von Tim Linkinwater kann von vornherein nicht die Rede sein, denn er ist ein so schrecklicher Mensch, daß er schon in den ersten fünf Minuten ihrem Vater in die Haare fahren würde. Sie kennen ihn noch nicht, aber glauben Sie mir, er kann ganz schrecklich sein, wenn einmal etwas seine Gefühle erregt, lieber Mr. Nickleby – wirklich schrecklich. In Sie aber können wir das unbedingte Vertrauen setzen. Bei Ihnen haben wir – besser gesagt, ich habe – aber das kommt ja auf dasselbe heraus, denn zwischen mir und meinem Bruder Ned hat noch niemals eine Meinungsverschiedenheit geherrscht, und er ist der bravste Mensch, der jemals gelebt hat und leben wird –, wir haben also bei Ihnen mit Freude bemerkt, welch schönes und liebevolles Familienleben Sie führen und wie außerordentlich Sie daher für diese Rolle befähigt sind. Jawohl, lieber Nickleby, Sie sind unser Mann.« »Aber die junge Dame, Sir«, wendete Nikolas, der in seiner Verwirrung nicht wußte, was er sagen sollte, ein, »ich – weiß – weiß sie um diesen unschuldigen Betrug?« »Ja natürlich. Wenigstens weiß sie, daß wir Sie schicken werden. Selbstverständlich weiß sie weiter nichts, als daß wir mit den kleinen Arbeiten, die Sie ihr von Zeit zu Zeit abkaufen werden, Geschäfte zu machen gedenken. Vielleicht sind Sie imstande, wenn Sie es geschickt anfangen – das heißt nämlich sehr geschickt –, die Dame glauben zu machen, daß wir – daß wir einen hübschen Nutzen dabei haben. Was meinen Sie?« Mr. Cheeryble war in seiner Arglosigkeit und Einfalt von dem Gedanken, die Dame könne glauben, sie würde keine Verpflichtungen gegen ihn haben, so entzückt, daß Nikolas sich gar nicht getraute, Bedenken gegen die Wahrscheinlichkeit zu erheben. Des öftern hatte ihm wohl das Bekenntnis auf der Zunge geschwebt, daß derselbe Einwurf, den sein Prinzipal Frank gegenüber gemacht, zum mindesten im selben Grade auf ihn anwendbar sei, und wohl hundertmal stand er im Begriff, seinen wahren Herzensgrund zu beichten und um Enthebung von dem Auftrag zu bitten. Aber ebensooft drängte ihn ein anderes Gefühl, das Geheimnis für sich zu behalten. Warum sollte ich diesem hochherzigen Menschen Schwierigkeiten in den Weg legen, dachte er; und wenn ich auch dies herrliche Geschöpf liebe und anbete – müßte ich nicht als der fadeste und anmaßendste Einfaltspinsel erscheinen, wenn ich im Ernste die Vermutung ausspräche, sie könne sich vielleicht auch in mich verlieben? Überdies darf ich mich nicht auf meine eigene Selbstbeherrschung verlassen? Fordert nicht schon das Ehrgefühl von mir, derartige Gedanken zu unterdrücken? Hat der wackere Mr. Cheeryble nicht unbedingt das Recht, auf meinen Gehorsam zu bauen, und dürfen selbstsüchtige Rücksichten mich veranlassen, den Auftrag zurückzuweisen? Alle diese an sich selbst gestellten Fragen beantwortete Nikolas innerlich mit einem höchst nachdrücklichen: »Nein« und redete sich dabei ein, er sei ein Märtyrer, da er sich in seinem Edelmute entschlösse, zu tun, was er in Wirklichkeit nicht lassen konnte – wie er sehr leicht eingesehen hätte, wenn er sein eigenes Herz ein wenig sorgfältiger geprüft haben würde. Aber so ist nun einmal der Mensch; er gaukelt sich als Stärke vor, was in Wirklichkeit nur Schwäche ist, und macht aus der Not eine Tugend. Mr. Cheeryble hatte natürlich keine Ahnung, was in seinem jungen Freunde vorging; er erteilte ihm sofort die nötige Vollmacht und gab ihm Anweisungen für seinen ersten Besuch, den er am nächsten Morgen abzustatten haben würde. Nikolas verpflichtete sich zur strengsten Geheimhaltung und ging gedankenvoll heim. Das Haus, das ihm sein Prinzipal bezeichnet hatte, lag innerhalb des Bezirks des Kings-Bench-Gefängnisses, nicht weit vom Obelisken in St. Georges Fields. Dieser Bezirk ist eine Art Freihof, der sich an das Gefängnis anschließt, und umfaßt ein paar Dutzend Straßen, in denen Schuldner, die das Geld auftreiben können, um die Mieten zu bezahlen, wohnen dürfen – demselben weisen Gesetz zufolge, das einen Schuldner, der sich kein Geld zu verschaffen imstande ist, im Gefängnis ohne genügende Nahrung, gebührende Kleider, angemessene Wohnung und Heizung verschmachten läßt, während man für einen Verbrecher sorgfältig alles Nötige beistellt. Nikolas lenkte seine Schritte nach der Häuserreihe, die ihm bezeichnet worden, ohne sich viel mit dergleichen Betrachtungen abzugeben, und passierte dabei eine sehr staubige schmutzige Vorstadt, in der Puppenspiele, Schellfische, Ingwerbier, Gemüsehändler und Pfandverleiher in bunter Reihe das Auge erquickten. Vor den Häusern lagen kleine Gärten, die, in jeder Hinsicht verwahrlost, zu weiter nichts zu dienen schienen, als den Kehricht aufzunehmen, den dann der Wind gelegentlich um die Ecken blies und die Straßen hinunterfegte. Nikolas öffnete das schadhafte Türchen, das vor einem dieser Gärten in zerbrochenen Angeln hing und den Eintretenden halb einließ, halb zurückhielt, näherte sich dann der Haustüre und klopfte mit bebender Hand an. Das Äußere des Hauses sah ungemein ärmlich aus. Die Fenster waren trübe, und kleine Blenden mit schmutzigen Musselinvorhängen verdeckten sie. Auch das Innere, als die Türe geöffnet wurde, machte keinen bessern Eindruck, denn auf der Treppe lag ein verschossener Teppich und im Hausflur ein verschlissenes Wachstuch. Um die Behaglichkeit noch zu erhöhen, erfüllte ein Gentleman, obgleich es noch nicht Mittag war, die Räume mit dicken Tabakswolken, während die Hausmeisterin beschäftigt war, ein zerlegtes Bett vor der Türe des hintern Zimmers im Parterre mit Firnis einzulassen. Offenbar eine Vorbereitung für die Aufnahme eines neuen Mieters, der glücklich genug gewesen war, die nötigen Mittel zu einem so glänzenden Empfang aufzutreiben. Der Junge, der die Bedienung im Hause besorgte, rasselte inzwischen die Küchentreppe hinunter, und wie von weitem hörte man ihn nach Miss Brays Dienstmädchen rufen. Dieses erschien denn auch sogleich und bat Nikolas, ihr zu folgen, was dieser mit größter Verwirrung und Herzklopfen tat. Er wurde die Treppen hinauf und in ein Vorderzimmer gewiesen, wo an einem mit Zeichenuntensilien belegten kleinen Tisch in der Nähe des Fensters das schöne junge Mädchen saß, das seine Gedanken so sehr beschäftigt hatte und ihm jetzt noch viel schöner vorkam, als er sie sich jemals innerlich ausgemalt. Wie sehr schnitt ihm alles ins Herz, was er hier sah. Es war, als ob ihre Anmut das ärmlich möblierte Zimmer mit Licht erfülle. Die Blumen, die Vögel, die Harfe, das Piano, das vielleicht einst in Freude und Pracht erklungen – wieviel Kämpfe mochte es sie nicht gekostet haben, diese letzten Glieder einer zerbrochenen Kette zu behalten, an die sich für sie soviel schöne Erinnerungen knüpfen mochten! Es war Nikolas, als strahle ein himmlisches Licht durch das kleine Zimmer und als spiele der Heiligenschein, mit dem die alten Maler die leuchtenden Engel einer bessern Welt zu umgeben pflegten, um ein ihnen geistig verwandtes Wesen, das hier in seiner ganzen Herrlichkeit vor seinen Blicken stand. Und doch befand er sich innerhalb des Distriktes des Kings-Bench-Gefängnisses. Wäre er noch in Italien gewesen und die Zeit Sonnenuntergang und der Schauplatz eine prachtvolle Meeresterrasse! Aber über die ganze Erde ist derselbe weite Himmel ausgespannt; ob er jetzt blau oder umwölkt ist – das Land der Seligen liegt über ihm; und so brauchte sich Nikolas vielleicht keinen Vorwurf zu machen, daß er dachte und fühlte, wie er es tat. Jetzt erst gewahrte er die Anwesenheit eines kranken Mannes, der durch Kissen gestützt in einem Lehnsessel saß und seine Aufmerksamkeit dadurch zu erregen trachtete, daß er ungeduldig hin und her rückte. Er konnte kaum fünfzig sein, sah aber so abgemagert aus, daß er viel älter erschien. Gewisse Spuren verrieten, daß er ehemals schön gewesen sein mußte, aber heftige Leidenschaften hatten sein Gesicht gefurcht. Er war buchstäblich bis auf die Knochen abgezehrt. Trotzdem sprühten in seinen großen eingesunkenen Augen noch Reste von einem alten Feuer, das sich von neuem zu entfachen schien, als er mit einem dicken Stock, mit dem er sich zu einem Stuhl geholfen zu haben schien, zwei- oder dreimal ungeduldig auf die Erde stieß und ungeduldig rief: »Madeline, wer ist das? Was will der Mensch hier? Wer hat ihm gesagt, daß wir Besuche annehmen? Was hat das zu bedeuten?« »Ich glaube –«, begann die junge Dame verwirrt, durch ein leichtes Neigen Nikolas' Begrüßung erwidernd. »Du glaubst immer«, fiel ihr der Alte verdrießlich ins Wort. »Was will er?« Nikolas hatte sich inzwischen hinreichend gesammelt und richtete seinem geheimen Auftrag gemäß aus, er sei wegen zweier gestickter Lichtschirme und eines gemalten Samtüberwurfs für einen Diwan hier, den er aufs eleganteste angefertigt zu haben wünsche, wobei Zeit und Kosten nicht in Betracht kämen. Dann habe er noch zwei Zeichnungen zu bezahlen, für deren hübsche Ausführung er sich noch besonders bedanke. Er trat an den kleinen Tisch und legte einen versiegelten Brief mit einer Banknote darin auf die Platte. »Sieh nach, ob's stimmt, Madeline«, brummte der Alte. »Öffne das Kuvert, mein Kind.« »Oh, es ist gewiß in Ordnung, Papa«, war die Antwort. »So gib her und laß mich nachzählen«, rief Mr. Bray, streckte die Hand aus und öffnete den Umschlag ungeduldig mit seinen knöchernen Fingern. »Wie kannst du nur sagen, es wird schon richtig sein, Madeline? Wie kannst du so etwas wissen? Fünf Pfund – stimmt es?« »Ja, gewiß«, hauchte Madeline, sich über ihre Zeichnung beugend. Dann rückte sie ihrem Vater die Kissen zurecht, damit man ihr Gesicht nicht sehen könne, aber Nikolas glaubte zu bemerken, daß Tränen in ihren Augen schimmerten. »Zieh die Klingel! Läute!« befahl der Kranke gereizt und deutete mit so zitterndem Arm nach der Klingelschnur, daß die Banknote in seiner Hand rauschte. – »Sie soll wechseln lassen, mir eine Zeitung holen, mir ein paar Weintrauben kaufen und eine Flasche von dem Wein, den ich in der vorigen Woche hatte, und – und ich vergesse immer die Hälfte von dem, was ich brauche – aber sie kann ja dann noch einmal gehen. Sie soll zuerst das holen. – Also, so eil dich doch, Madeline. – Geschwind! Gott im Himmel, wie langsam du bist.« »Was sie braucht, daran denkt er nicht«, dachte Nikolas. Vielleicht drückte sich in seinen Mienen etwas von diesem Gedanken aus, denn der Patient wandte sich barsch zu ihm und fragte, ob er vielleicht auf eine Quittung warte. »Ist nicht nötig«, lehnte Nikolas ab. »So? Nicht nötig? Was wollen Sie damit sagen, Sir?« fragte der Alte spitzig. »Nicht nötig. Glauben Sie vielleicht, Sie bringen diese Lappalie als ein Almosen her? Ist es vielleicht nicht eine Gegenleistung für empfangenen Wert? Zum Teufel, Sir, glauben Sie, Sie verschenken Ihr Geld, weil Sie die Zeit und den Geschmack nicht zu würdigen wissen, die auf die Waren verwendet werden müssen, die Sie verkaufen? Wissen Sie, daß Sie mit jemand reden, Sir, der seinerzeit fünfzig solcher Burschen wie Sie mit allem, was Sie haben, hätte auskaufen können? Was soll das heißen?« »Ich meine nur, daß ich die Dame nicht mit Förmlichkeiten bemühen möchte, da ich wohl noch öfter herkommen werde, wenn es ihr angenehm ist«, sagte Nikolas. »Dann, wenn Sie gestatten, werden wir in Hinkunft auch jede mögliche Förmlichkeit beobachten, Sir«, brauste Mr. Bray auf; »meine Tochter braucht weder von Ihnen noch von irgend jemand sonst Gefälligkeiten. Haben Sie also die Güte, Ihren Verkehr mit uns lediglich auf den Geschäftston zu stimmen und nicht darüber hinauszugehen. Sich von jedem Kleinkrämer bemitleiden zu lassen, das könnte einem so fehlen. Madeline, gib ihm eine Quittung und vergiß nicht, es immer zu tun.« Während die junge Dame tat, als ob sie die Quittung schreibe, und Nikolas über den seltsamen, aber keineswegs ungewöhnlichen Charakter des alten Mannes nachdachte, sank dieser, offenbar von heftigen Schmerzen gequält, in seinen Stuhl zurück und stöhnte, daß das Dienstmädchen stundenlang ausbleibe und sich überhaupt alles verschworen habe, um ihn zu quälen. »Wann –«, fragte Nikolas und nahm das Papier in Empfang, »wann soll ich wieder anfragen?« Die Worte waren an Miss Bray gerichtet, aber ihr Vater antwortete für sie. »Wann wir es Ihnen sagen lassen, Sir, früher nicht. Liebe Madeline, wann soll er wiederkommen?« »Oh, nicht so bald wieder. Nicht vor drei oder vier Wochen. Es wäre überflüssig, da ich früher nicht fertig werden kann«, antwortete die junge Dame mit großer Lebhaftigkeit. »Wie, nicht früher fertig?« drängte der Alte. »Drei oder vier Wochen, Madeline?« »Also vielleicht früher, wenn es Ihnen gefällig ist«, wendete sich die junge Dame an Nikolas. »Drei oder vier Wochen«, murmelte der Alte. »Madeline, um alles in der Welt – drei oder vier Wochen nichts tun!« »Es ist eine lange Zeit, gnädiges Fräulein«, sagte Nikolas. »Behalten Sie Ihre Meinung für sich«, fuhr Mr. Bray auf. »Wenn ich betteln und mich herablassen wollte, Sir, Leute, die ich verachte, um eine Unterstützung anzugehen, so würden drei oder vier Monate keine lange Zeit sein. – Nein, nicht einmal drei oder vier Jahre. Da ich aber keine Lust dazu habe, so können Sie in einer Woche wieder vorfragen.« Nikolas verbeugte sich tief gegen die junge Dame und entfernte sich. Noch ehe er das Haus verlassen konnte, hörte er einen leichten Schritt hinter sich, und als er sich umdrehte, erblickte er auf der Treppe Miss Bray, wie sie ihm schüchtern und unschlüssig nachsah und offenbar zögerte, ihn zurückzurufen. Um ihrer Verlegenheit ein Ende zu machen, kehrte er sofort um und ging ihr entgegen. »Ich weiß nicht, ob es recht ist, wenn ich Sie um etwas bitte«, sagte Madeline hastig, »aber trotzdem – nicht wahr, Sie erzählen den edlen Freunden meiner seligen Mutter nicht, was Sie hier gesehen haben?! Mein Vater ist sehr leidend – besonders heute morgen. Ich bitte, tun Sie mir den Gefallen und schweigen Sie darüber.« »Sie brauchen nur einen Wunsch anzudeuten«, erwiderte Nikolas mit Wärme, »und ich würde mit Freuden mein Leben einsetzen, um ihn zu erfüllen.« »Das will viel heißen, Sir!« »Ich rede aufrichtig und von Herzen«, rief Nikolas mit bebenden Lippen. »So aufrichtig und wahr, wie ein Mann nur jemals gesprochen hat. Ich bin nicht imstande, meine Gefühle zu verbergen, und könnte ich es auch, so würde ich vor Ihnen mein Herz doch nicht verhüllen. Gnädiges Fräulein, ich kenne Ihre Geschichte und fühle dabei, was wohl jeder fühlen muß, der solche Dinge hört und sieht, und deshalb bitte ich Sie, zu glauben, daß ich gerne sterben würde, wenn ich Ihnen damit dienen könnte.« Die junge Dame wandte ihr Gesicht ab, um ihn nicht sehen zu lassen, daß sie weinte. »Verzeihen Sie mir«, fuhr Nikolas eindringlich, aber ehrerbietig fort, »wenn ich zuviel zu sagen und das Vertrauen zu mißbrauchen scheine, das man in mich gesetzt hat. Aber ich konnte nicht von Ihnen in einer Weise scheiden, als ob mein Mitgefühl und meine Teilnahme für Sie mit meinem heutigen Besuche zu Ende wären. Ich bin von Stund an Ihr getreuer Diener und Ihnen von Herzen ergeben, aber ich bin auch treu und redlich dem Mann ergeben, der mich hierher gesandt hat. Spräche ich nicht die volle Wahrheit, so würde ich mich der Achtung des edelsten aller Menschen unwürdig erweisen und auch meinem eigenen Wesen untreu sein.« Madeline winkte ihm, ohne ein Wort zu erwidern, mit der Hand, er möge gehen. Auch Nikolas konnte nicht weitersprechen, sondern entfernte sich schweigend. Und so endete sein erstes Zusammentreffen mit Madeline Bray. 47. Kapitel Mr. Ralph Nickleby hat eine vertrauliche Zusammenkunft mit einem andern alten Freund. Sie besprechen ein Projekt, das für beide Teile große Vorteile in Aussicht stellt »Dreiviertel auf drei«, murmelte Newman Noggs, die Schläge der benachbarten Kirchturmuhr zählend, »und meine Essenszeit ist um zwei Uhr! Er tut es absichtlich – mir zum Tort, das sieht ihm wieder einmal ähnlich.« Er hielt dieses Selbstgespräch in seiner kleinen Höhle, die den Ehrentitel eines Geschäftszimmers führte, und von der Höhe seines Schreibbocks herunter. Seine Worte bezogen sich, wie es bei seinen mürrischen Dialogen zumeist der Fall war, auf Mr. Ralph Nickleby. »Ich glaube, Hunger hat er überhaupt nie«, brummte er, »außer es dreht sich um Pfunde, Schillinge und Pence. Aber auf diese ist er so gierig wie ein Wolf. Ich wollte, ich könnte ihn zwingen, einmal ein Stück von jeder englischen Münzsorte zu verschlucken. Schon ein Penny würde ein gefährlicher Bissen sein, was erst eine Krone, hahaha!« Newmans gute Laune fing an, sich einigermaßen zu bessern, wie er sich vorstellte, daß Ralph Nickleby zwangsweise ein Fünfschillingstück verschlucken müsse. Gemächlich nahm er aus seinem Pulte eine jener gewissen kleinen Flaschen, die im Volke unter dem Namen Taschenpistolen bekannt sind, schüttelte sie vor seinem Ohr, und seine Mienen erheiterten sich bei dem angenehm glucksenden Ton. Und noch weit mehr, als er einen tüchtigen Schluck zu sich nahm. Dann setzte er den Kork wieder auf die Flasche und schmatzte ein paarmal behaglich mit den Lippen. Kaum jedoch war der Geschmack des Brandy von seiner Zunge verschwunden; da kehrte er wieder zu seinen Lamentationen zurück. »Fünf Minuten vor drei«, murrte er, »und um acht Uhr hatte ich mein Frühstück – und was für eines! Die gewöhnliche Mittagszeit ist um zwei. ›Gehen Sie nicht früher fort, ehe ich zurückkomme‹, so heißt es einen Tag um den andern. Und warum gehen Sie denn immer aus, Mr. Nickleby wenn ich gerade zu Mittag essen möchte – was? Ich soll wohl nicht merken, daß es weiter nichts ist als Schikane – wie?« Wenn diese Worte auch mit sehr lauter Stimme gesagt wurden, so waren sie doch in die leere Luft gesprochen. Die Erinnerung an häufig erlebte Unbill schien jedoch die Wirkung zu haben, Newman Noggs ganz außer Rand und Band zu bringen, denn er stülpte sich seinen alten Hut auf den Kopf, zog seine unvermeidlichen Handschuhe an und erklärte heftig, noch in dieser Minute zu seinem Mittagessen aufzubrechen, möge daraus werden, was da wolle. Wirklich hatte er auch vor, diesen Entschluß auf der Stelle auszuführen, und schon war er bis zum Hausflur gelangt, als ein Rütteln draußen an der Klinke ihn zu schleunigem Rückzug in sein Geschäftszimmer veranlaßte. »Da ist er«, grollte er, »und er hat noch jemand bei sich. Nun wird es wieder einmal heißen, ›bleiben Sie da, bis der Herr fort ist‹, aber ich will nicht. – Fällt mir gar nicht ein.« Mit diesen Worten schlüpfte Newman Noggs in einen leeren hohen Schrank mit zwei Flügeltüren und schloß sich ein mit der Absicht, sich aus dem Hause zu schleichen, sobald sein Prinzipal in seinem Zimmer wäre. »Noggs!« rief Ralph. »Wo steckt denn der Mensch nur? – Noggs!« Newman meldete sich nicht. »Wahrscheinlich ist der Kerl wieder zum Mittagessen gegangen, obgleich ich ihm befohlen habe, hierzubleiben«, murmelte Ralph, warf einen Blick in die Schreibstube und zog seine Uhr zu Rate. »Hm, es ist am besten, Sie kommen hier herein, Gride. Mein Schreiber ist ausgegangen, und in mein Zimmer scheint die Sonne zu heiß. Hier ist es kühl und schattig, und ich hoffe, Sie werden sich nicht an dem Ort stoßen.« »Oh, nicht im geringsten, Mr. Nickleby, nicht im geringsten. Mir ist jedes Zimmer recht, Sir, und hier ist's ganz nett und behaglich«, war die Antwort. Mr. Gride war ein kleiner alter Mann von ungefähr siebzig oder fünfundsiebzig Jahren, sehr mager und sehr gebückt. Er trug einen grauen Frack mit einem schmalen Kragen, eine altmodische Weste von geripptem schwarzen Seidenstoff und so enge Hosen, daß sich seine dürren Spindelbeine in ihrer ganzen Häßlichkeit präsentierten. Sein einziger Schmuck bestand aus einer stählernen Uhrkette, an der ein paar goldene große Petschafte hingen, und einem schwarzen Band, das nach altmodischer Weise, wie man es heutzutage selten mehr zu sehen bekommt, sein graues Haar hinten in einem Zopfe zusammenhielt. Nase und Kinn waren spitzig und hervorstehend, die Wangen infolge der fehlenden Zähne eingefallen, das Gesicht faltig und gelb mit Ausnahme der Stellen, wo sie, ähnlich einem runzelig gewordenen Winterapfel, rote Streifen aufwiesen. Wo ehemals sein Bart gewesen, standen noch ein paar graue Büschel, gleich den wie von Motten durchfressenen Augenbrauen die Unfruchtbarkeit des Bodens bekundend, dem sie entsproßten. Das ganze Wesen und die Haltung des Mannes trug den Ausdruck einer schleichenden katzenhaften Zutunlichkeit, während aus dem schielenden Auge ein Lauerblick von Schlauheit, Lüsternheit, Verschlagenheit und Geiz brach. Das war das Äußere des alten Arthur Gride, in dessen Gesicht jede Runzel und in dessen Anzug die Abwesenheit jeder überflüssigen Falte bekundete, daß er derselben Geschäftsklasse angehörte, die auch Ralph Nickleby zu den Ihren zählte. Er saß jetzt auf einem niedrigen Stuhl und blickte zu Ralph Nickleby empor, der sich's, die Arme auf die Knie gestützt, auf dem hohen Schreibbock bequem gemacht hatte und zu seinem Gefährten hinunterschaute, neugierig, was dieser ihm wohl zu sagen haben werde. »Nun, wie ist es Ihnen die ganze lange Zeit über ergangen?« fragte Gride, lebhaft Teilnahme an Ralphs Befinden heuchelnd. »Ich habe Sie jetzt schon nicht mehr gesehen – seit – seit –« »Seit nicht zu lange«, fiel Ralph ein mit einem gewissen eigentümlichen Lächeln, das bedeuten mochte, er wisse ganz gut, daß sein Freund gewiß nicht einer bloßen Höflichkeitsvisite wegen gekommen sei. »Es ist übrigens ein bemerkenswerter Zufall, daß Sie mich trafen, wo ich eben heimkam, gerade, als Sie um die Ecke bogen.« »Da hatte ich wieder einmal großes Glück«, bemerkte Gride. »Sie sollen es immer haben, meinen die Leute«, versetzte Ralph. Der ältere Wucherer wackelte lächelnd mit dem Kinn, ohne etwas darauf zu erwidern, und so saßen beide eine Weile lang stumm da, jeder darauf bedacht, dem andrem einen Vorteil abzukaufen. »Nun also, heraus mit der Sprache, Gride!« brach Ralph das Schweigen. »Was führen Sie heute im Schild?« »Sie gehen doch immer gerade auf Ihr Ziel los, Mr. Nickleby«, rief der Alte, augenscheinlich sehr erleichtert, daß Ralph ihm die Umschweife ersparte. »Du lieber Gott, was Sie doch für ein entschlossener Mann sind.« »Nun, Ihre Weise ist eben glatt und schleichend, und da fällt der Gegensatz um so mehr auf«, brummte Ralph. »Ich gebe gern zu, daß Ihre Methode die bessere ist, aber mir fehlt's an Geduld dazu.« »Sie sind ein geborenes Genie, Mr. Nickleby«, schmeichelte der alte Gride. »Sie durchschauen alles.« »Jedenfalls weiß ich, daß ich meiner ganzen Gerissenheit bedarf, wenn Leute wie Sie zu schmeicheln anfangen«, versetzte Ralph. »Sie wissen, daß ich des öfteren Zeuge gewesen bin, wie Sie andern um den Bart gingen, und entsinne mich auch ziemlich genau, wozu es jedesmal führte.« »Ha ha ha«, lachte der Alte und rieb sich die Hände, »glaub's gerne, daß Sie sich daran erinnern. Wie denn auch nicht. Übrigens ist es höchst erfreulich, daß Sie noch der alten Zeit gedenken. Höchst erfreulich, Mr. Nickleby.« »Also los, Freund! – Um was handelt es sich? Ich muß noch einmal fragen.« »Da seh einer! An nichts denkt er als an Geschäfte; und sogar jetzt, wo wir von der Vergangenheit plaudern! Ach Gott im Himmel, was das doch für ein Mann ist!« »Und was aus der Vergangenheit möchten Sie denn wieder so gern ins Leben rufen?« fragte Ralph spöttisch. »Jedenfalls handelt es sich um etwas Derartiges, sonst würden Sie nicht davon sprechen.« »Sogar mich beargwöhnt er!« rief der Greis, die Arme emporstreckend. »Sogar mich! – O Gott, sogar mich. Was ist das nur für ein Mann! Hahaha! Nein, auf der ganzen Welt gibt's keinen zweiten wie ihn. Ein Riese unter Zwergen – ein Riese – ein Riese!« Mit ruhigem Lächeln musterte Ralph den alten Fuchs, wie dieser in einem fort kicherte. Newman Noggs in seinem Schrank wurde es ganz wehmütig ums Herz, wie er so die Aussicht auf sein Mittagessen immer mehr und mehr in den Hintergrund treten sah. »Aber ich muß ihm seinen Willen lassen«, fuhr Mr. Gride fort. »Er ist eigensinnig, wie die Schotten sagen. Nun, die Schotten sind gescheite Leute – er will eben von Geschäften reden und seine Zeit nicht vergeuden. Er hat recht, vollkommen recht. Zeit ist Geld – Zeit ist Geld.« »Ich denke, dieses Sprichwort muß wohl einer von den Unserigen erfunden haben«, sagte Ralph. »Zeit ist Geld und noch obendrein sehr viel Geld für jemand, der seine Zinsen darnach berechnet. Zeit ist Geld und Zeit kostet Geld. – Für viele ist es ein sehr kostspieliger Artikel.« Als Antwort auf diesen Witz erhob der alte Gride abermals seine Hände, kicherte wieder und rief: »Was ist das nur für ein Mann!« Dann zog er seinen Schemel etwas näher zu Ralphs Schreibbock, sah zu dessen unbeweglichem Gesicht empor und begann: »Was würden Sie wohl dazu sagen, wenn ich Ihnen erzähle, daß ich – daß ich – im Begriffe stehe, mich zu verheiraten?« »Ich würde sagen«, versetzte Ralph, ruhig auf ihn herunterblickend, »daß Sie mir zu irgendeinem Zweck eine Lüge aufbinden. Und das wäre freilich nicht das erste Mal, und es wird wohl auch nicht das letzte Mal sein. Aber verlassen Sie sich darauf, Sie werden mich nicht hinters Licht führen.« »Ich versichere Ihnen aber, daß es mein voller Ernst ist«, beteuerte Mr. Gride. »Und ich sage Ihnen, daß es mir mit dem, was ich soeben sagte, gleichfalls mein voller Ernst ist. Aber halt, ich muß Sie mir einmal näher anschauen. Ich lese irgendeine Teufelei in Ihrem Gesicht. Also, was ist's damit?« »Sie wissen doch, daß ich Sie niemals hintergehen würde«, winselte Gride. »Es wäre Wahnsinn, wenn ich's nur versuchen wollte. Ich – ich Mr. Nickleby hintergehen! Der Zwerg den Riesen! Ich frage Sie noch einmal – hähähä –, was würden Sie wohl dazu sagen, wenn ich Ihnen mitteilte, daß ich mich zu verheiraten gedenke?« »Wahrscheinlich irgendeine alte Hexe?« fragte Ralph. »Nein, nein«, jubelte Gride und rieb sich entzückt die Hände. »Daneben geraten! – Wieder falsch geraten. Mr. Nickleby ist auf dem Holzweg – ganz und gar auf dem Holzweg. Nein, es handelt sich um ein junges und schönes Mädchen. – Frisch, liebenswürdig, bezaubernd und noch nicht neunzehn Jahre alt. Schwarze Augen – lange Wimpern – volle rote Lippen, die man nicht ansehen kann, ohne daß es einen nach einem Kuß verlangt – schönes reiches Haar, daß einem die Finger jucken, damit zu spielen – eine Taille, daß man unwillkürlich in die Luft greift in der Meinung, sie zu umschlingen – kleine Füße, die so leicht auftreten, daß sie kaum die Erde zu berühren scheinen – und alles das gedenke ich zu heiraten, Sir; alles das – hihihi!« »Das ist etwas mehr als gewöhnliche Faselei«, brummte Ralph, der dem entzückten Alten mit gerunzelter Miene zugehört hatte. »Und das Mädchen heißt?« »O wie schlau, o wie schlau«, rief Mr. Gride. »Er weiß, daß ich seiner Hilfe bedarf. Er weiß, daß er mir beistehen kann, und wittert, daß ein Vorteil für ihn dabei herausschaut. Er sieht alles schon im voraus vor sich. Wie sie heißt – kann uns aber auch niemand hören?« »Zum Teufel, wer sollte denn da sein?« versetzte Ralph ärgerlich. »Ich weiß es nicht, aber vielleicht könnte irgend jemand die Treppe hinauf- oder heruntergehen«, flüsterte Gride, blickte zur Tür hinaus und schloß sie sorgfältig wieder. »Ihr Schreiber könnte zurückgekommen sein und uns belauschen. Schreiber und Dienstboten horchen am Schlüsselloch, und es würde mir ganz und gar nicht passen, wenn zum Beispiel Mr. Noggs –« »Hol der Teufel Ihren Mr. Noggs«, unterbrach Ralph scharf, »und fahren Sie endlich fort!« »Also meinetwegen zum Teufel mit Mr. Noggs«, greinte Arthur Gride. »Dagegen habe ich durchaus nichts einzuwenden. Also sie heißt –« »Nun?« fragte Ralph gereizt, als der Alte wieder innehielt. »Heraus mit der Sprache!« »Madeline Bray.« Aus was für Gründen Gride auch vermutet haben mochte, daß die Erwähnung dieses Namens einen gewissen Eindruck auf Ralph hervorbringen müsse, jedenfalls ließ sich dieser nichts anmerken, sondern wiederholte mehrere Male ruhig, als sänne er nach, wann und wo er schon den Namen gehört habe. »Bray«, murmelte er, »Bray – Bray – Bray? Ich kannte einmal einen jungen Bray von – nein, aber der hatte keine Tochter.« »Sie können sich nicht an Bray erinnern?« fragte Arthur Gride. »Nein«, sagte Ralph gleichgültig. »Wie? Nicht an Walter Bray den Verschwender, der seine schöne Frau so mißhandelt hat?« »Wenn Sie mir durch einen solchen Zug irgendeinen Verschwender ins Gedächtnis zurückrufen wollen«, sagte Ralph achselzuckend, »so riskieren Sie, daß ich ihn zu neun Zehnteln mit all den Verschwendern, die ich je gekannt habe, verwechsle.« »Lächerlich, ich meine den Bray, der jetzt im Distrikt von Kings Bench wohnt«, erklärte der Greis. »Sie können ihn doch nicht vergessen haben! Wir haben beide Geschäfte mit ihm gehabt – er ist Ihnen sogar noch Geld schuldig.« »Ah so, der«, brummte Ralph. »Ja, ja – hm – weiter. Also, um seine Tochter handelt sich's?« So unbefangen er diese Worte auch hinwarf, so gelang es ihm doch nicht, einem ihm verwandten Geist, wie dem des alten Arthur Gride, die Absicht zu verbergen, daß er gerne noch mehr hören möchte. Der Greis war jedoch viel zu sehr von seinem Plane eingenommen, als daß er den aufkeimenden Argwohn nicht sofort erstickt hätte. »Ich wußte wohl, daß Sie sich an ihn erinnern würden, wenn Sie nur einen Augenblick nachsännen«, begann er. »Sie haben recht«, versetzte Ralph. »Der alte Arthur Gride und Ehestand ist eine so seltsame Zusammenstellung, daß ich's gar nicht fassen kann. Der alte Arthur Gride und schwarze Augen und Wimpern, Lippen, die zum Küssen verführen, üppiges Haar, mit dem man spielen möchte, eine Hüfte, die es einen zu umfangen gelüstet, und ein Fuß, der mehr schwebt als geht – der alte Arthur Gride und lauter solche Sachen zusammengehalten sind noch viel wunderbarer, noch merkwürdiger und unglaublicher, als, kommt mir vor, daß der alte Arthur Gride die Tochter eines herabgekommenen Verschwenders im Bezirke von Kings Bench heiraten will. Offen gestanden, Arthur Gride, wenn Sie bei diesem Geschäft meiner Hilfe bedürfen – was wohl der Fall sein muß, da Sie sonst nicht hier sein würden –, so rücken Sie ruhig mit der Sprache heraus. Vor allen Dingen unterlassen Sie's aber, davon zu sprechen, daß ich allein einen Nutzen davon haben würde, denn ich weiß ganz gut, daß Sie auch wohl einen haben müssen, und zwar einen recht bedeutenden, denn sonst würden Sie die Nase nicht in derlei Dinge stecken.« Es lag soviel Herbheit und Sarkasmus in den Worten Ralphs, in seiner Stimme und in den Blicken, mit denen er sie begleitete, daß sogar dem alten Wucherer das Blut in die Wangen stieg. Er ließ sich jedoch nicht aufreizen, sondern begnügte sich wie früher mit dem Ausruf: »Was ist das für ein Mann!« und wackelte dabei mit dem Kopf, als habe er einen riesigen Spaß an der ungezwungenen Offenheit seines Geschäftsfreundes. Bald jedoch erkannte er an dem Ausdruck von Ralphs Gesicht, daß er am besten tun werde, so schleunig wie möglich zur Sache zu kommen. Er nahm daher eine ernstere Geschäftsmiene an als bisher und schickte sich an, seinen Plan genauer auseinanderzusetzen. Zuerst verbreitete er sich darüber, daß Madeline Bray ihren Vater, der sonst keinen Freund auf Erden mehr hätte, ganz allein ernähren müsse und nichts anderes als seine Sklavin sei. Ralph erwiderte, daß er das alles längst wisse, daß aber das junge Mädchen trotzdem keine solche Törin sein werde, so ohne weiteres einzuschlagen. Ferner beleuchtete Mr. Gride den Charakter ihres Vaters und setzte auseinander, daß dieser sie wohl mit aller Zärtlichkeit liebe, deren er fähig sei, daß aber seine Selbstliebe noch viel größer sei, was Ralph zu der Bemerkung veranlaßte, es wäre unnötig, noch mehr darüber zu sagen, da dies alles höchst natürlich und einleuchtend sei. Sodann beteuerte der alte Gride, das junge Mädchen wäre ein zartes und liebenswertes Geschöpf, nach dessen Besitz es ihm vor allem gelüste. Ralph hatte darauf nichts anderes zu erwidern, als ein herbes Lächeln aufzusetzen und dem verhutzelten alten Burschen vor ihm einen ausdrucksvollen Blick zuzuwerfen. »Ich komme nun zu dem kleinen Plan, den ich mir ausgeheckt habe, um die Sache ins Werk zu setzen«, fuhr Gride fort. »Ich vergaß Ihnen übrigens zu sagen, daß ich an Madeline noch mit keinem Vorschlag herangetreten bin und auch nicht an den Vater. Aber das haben Sie wahrscheinlich schon erraten. O Gott, Ihnen entgeht doch nichts.« »Suchen Sie nicht mich hinters Licht zu führen«, fiel ihm Ralph ungeduldig ins Wort, »Sie kennen das gewisse Sprichwort?« »Stets eine Schlagfertigkeit auf der Zunge«, rief der alte Gride und erhob entzückt Hände und Augen. »Stets ist er auf dem Quivive! O mein Gott, was ist es doch für ein Segen, wenn man einen so raschen Verstand hat und so reiche Geldmittel, ihn anwenden zu können.« Dann änderte er plötzlich seinen Ton und fuhr gleichmäßig fort: »Ich bin in dem letzten halben Jahr verschiedene Male in Brays Wohnung gewesen, und es ist jetzt gerade sechs Monate her, daß ich das entzückende Geschöpf dort gesehen habe. Doch das gehört nicht zur Sache. Ich bin der Gläubiger des Vaters und habe ihn wegen einer Schuld von siebzehnhundert Pfund in der Hand.« »Sie sprechen ja rein, als ob Sie der einzige Gläubiger wären, der seine Verhaftung beantragt hat«, höhnte Ralph und zog sein Taschenbuch zu Rate. »Ich habe es gleichfalls getan. Mir ist er neunhundertfünfundsiebzig Pfund, drei Schillinge und vier Pence schuldig.« »Sie sind außer mir der einzige klagende Gläubiger«, fiel der Alte lebhaft ein. »Jawohl, der einzige. Kein anderer wollte die Kosten riskieren. Man nahm an, daß wir ihn bereits in der Hand hätten. Wir sind allein in die Falle gegangen, da wir meinten, er sei sicher. Mich hat er fast zugrunde gerichtet. Wir haben ihm Geld auf Wechsel, bei denen nur ein einziger Bürge unterschrieben war, geborgt; freilich hielt man ihn für gut und seinen Namen für bares Geld – doch Sie wissen selbst, wie alles gekommen ist. Der Bürge ist insolvent gestorben, als wir ihn gerade beim Kragen nehmen wollten. O Gott, dieser Verlust! Es hat nicht viel gefehlt, so hätte es mich gänzlich zugrunde gerichtet.« »Weiter, weiter!« drängte Ralph. »Kramen Sie nicht die gewerbsmäßigen Lamentationen aus, es hört Ihnen ja niemand zu.« »Es ist immer gut, wenn man so redet«, meckerte Gride, »ob uns jemand hört oder nicht. Sie wissen, Übung macht den Meister. Nun, also gut, wenn ich mich jetzt dem Bray als Schwiegersohn anbiete mit dem Versprechen, daß er vom Tage meiner Vermählung an in Freiheit gesetzt wird und ein Jahresgehalt bezieht, das er meinetwegen drüben auf der andern Seite des Kanals verzehren kann – lange wird's mit ihm nicht dauern – ich habe nämlich seinen Arzt gefragt, und der hat mir gesagt, er leide an einer Herzkrankheit, die ihn jeden Tag unter die Erde bringen kann. – Wenn ich ihm nun alle diese Vorteile klar und ausführlich vor Augen stelle, glauben Sie, daß er der Versuchung widerstehen kann? Und wenn er nicht widerstehen kann, seine Tochter wird es ihm nicht abzuschlagen imstande sein. Sollte ich dann nicht wirklich Madeline zu Mrs. Arthur Gride – zu meinem allerliebsten Frauchen – und zwar in einer Woche, in einem Monat, in einem Tag, kurz, wann es mir beliebt, machen können?« »Weiter!« brummte Ralph, bedächtig den Kopf wiegend und mit einem Ton, dessen einstudierte Kälte einen seltsamen Gegensatz zu dem entzückten Gequiek bildete, in das sich sein Geschäftsfreund allmählich hineingeredet hatte. »Weiter! Sie sind doch nicht hergekommen, um Fragen an mich zu stellen!« »O mein Gott, wie Sie wieder reden«, jammerte Gride und rückte noch näher. »Natürlich bin ich's nicht – und habe es auch nicht behauptet. Ich bin hergekommen, um zu fragen, mit wieviel Sie sich für Ihre Forderung an den alten Bray zufriedengeben, wenn der Handel gelingt. – Sagen wir, fünf Schillinge pro Pfund – sechs Schillinge und acht Pence – zehn Schillinge? Einem Geschäftsfreund, wie Sie es sind, gegenüber versteige ich mich sogar bis zu zehn Schillingen. Aber ich weiß, Sie werden nicht so hart gegen mich sein, wo wir doch immer auf gutem Fuß miteinander gestanden haben. – Nun? – Schlagen Sie ein?« »Ich muß die Sache noch genauer durchschauen«, erwiderte Ralph, so unbeweglich wie je. »Ja, ja, natürlich. Aber Sie lassen mir doch keine Zeit zum Erzählen!« jammerte Gride. »Ich bedarf jemandes in dieser Angelegenheit, der drängen und pressen kann; und wer wäre da besser als Sie? Mir geht diese Eigenschaft ab, denn ich bin ein armer, schüchterner und weichherziger Mensch. Nun, ich denke, wenn Sie einen so schönen Teil der Schuld, die Sie doch schon lange in den Kamin geschrieben haben, bekommen, so werden Sie mir doch als Freund zur Seite stehen und mir Ihren Beistand leihen nicht wahr?« »Sie sind noch immer nicht mit allem herausgerückt«, unterbrach Ralph. »O sicher, sicher«, beteuerte Gride. »Nein, sage ich Ihnen. Nein! Sie hintergehen mich.« »Ah«, krächzte Gride und tat, als ob ihm plötzlich ein Licht aufginge, »Sie meinen, ich soll mich hinsichtlich meiner selbst und meiner Absichten näher aussprechen? – Richtig, richtig. – Sie wünschen darüber eine Auskunft?« »Ich denke allerdings, daß es das beste wäre, Sie rückten heraus«, erwiderte Ralph trocken. »Ich wollte Sie nicht damit bemühen, da ich annahm, Ihr Interesse höre damit auf, wo die Schuld des Bray an Sie teilweise hereinbringlich sein wird«, entschuldigte sich Arthur Gride. »Ich bin Ihnen übrigens sehr für Ihre Güte verbunden. Nun, nehmen wir also an, ich hätte Kenntnis von einem Vermögen – einem kleinen, einem sehr kleinen Vermögen, an das die hübsche Madeline Ansprüche hat und von dem zur Zeit noch niemand etwas weiß oder wissen kann –, ihr Gatte kann es dann in die Tasche stecken, vorausgesetzt, daß er ebensoviel davon weiß wie ich. Erkennen Sie jetzt den ganzen –« »Freilich erkenne ich jetzt den ganzen Zusammenhang«, erwiderte Ralph kurz. »Lassen Sie mich die Sache überlegen und berechnen, was ich für meine Hilfe fordern kann.« »Aber verfahren Sie glimpflich mit mir«, flehte der alte Gride mit bebender Stimme und erhob bittend die Hände, »verfahren Sie glimpflich mit mir! Es ist wirklich und wahrhaftig nur ein ganz kleines Vermögen. Sagen Sie: zehn Schillinge pro Pfund, und der Handel ist abgemacht. Es ist eigentlich viel mehr, als ich geben sollte, aber in Anbetracht des Freundschaftsdienstes, den ich von Ihnen erhoffe, wollen wir zehn Schillinge sagen; – was meinen Sie?« Ralph achtete nicht auf dieses Drängen, sondern blieb drei oder vier Minuten in tiefem Grübeln dasitzen und warf dabei von Zeit zu Zeit einen gedankenvollen Blick auf den alten Wucherer. Dann brach er sein Schweigen und ging unmittelbar zur Sache über. »Wenn Sie das Mädchen ohne meine Beihilfe heiraten«, sagte er, »so bleibt Ihnen nichts anderes übrig, als mir die Schuld ganz zu bezahlen, da es Ihnen sonst nicht glücken kann, den Vater wie versprochen in Freiheit zu setzen. Es ist daher ganz klar, daß ich die volle Summe ohne jeden Abzug oder sonstige Quengeleien bekommen muß, da ich andernfalls durch das Vertrauen, mit dem Sie mich zu beehren belieben, nur verlieren würde. Weiter verlange ich für meine Bemühungen in der Sache, durch die ich Ihnen zu dem erwähnten Vermögen verhelfe, fünfhundert Pfund, was sehr wenig ist, da Ihnen ja die schwellenden Lippen, das üppige Haar und was weiß ich sonst noch alles bleiben, und drittens endlich fordere ich, daß Sie sich noch heute schriftlich mir gegenüber verbindlich machen, beide Summen am Morgen Ihrer Vermählung mit Madeline Bray zahlbar zu stellen. Sie haben vorhin selbst meine Fähigkeit zu drängen und zu pressen gerühmt, und so will ich denn diese Ehre auch rechtfertigen. Schlagen Sie ein, gut; wo nicht, so heiraten Sie das Frauenzimmer ohne mich, wenn Sie es imstande sind. Meine Forderung wird so oder so dadurch einbringlich werden.« Alle Bitten, Vorstellungen und Vergleichsanträge Grides waren vergeblich, Ralph Nickleby blätterte nur, je wärmer der andere wurde, ruhig in seinem Notizbuch, als ob ihn alles dies nichts angehe. Als Gride einsah, daß es unmöglich sei, auf seinen unbeugsamen Geschäftsfreund auch nur den geringsten Eindruck zu machen, willigte er schließlich in den vorgeschlagenen Vertrag ein und füllte sofort ein Formular, wie es Ralph für solche Fälle immer bei der Hand hatte, mit den verlangten Summen und seiner Unterschrift aus, dabei nur die Bedingung stellend, daß Ralph Nickleby ihn noch in dieser Stunde in Brays Wohnung begleite und sogleich die Verhandlungen, vorausgesetzt, daß die Umstände seinen Plan begünstigen sollten, eröffnen müsse. Demgemäß entfernten sich die beiden Ehrenmänner gleich darauf, und Newman Noggs tauchte mit der Flasche in der Hand aus seinem Schranke auf, durch dessen obere Tür er mehr als einmal auf die Gefahr der Entdeckung hin seine rote Nase gesteckt hatte, sooft Themen, die sein Interesse ganz besonders erregt, zur Sprache gekommen waren. »Ich habe keinen Appetit mehr«, brummte er und steckte die Flasche ein. »Ich habe mein Mittagessen schon bekommen.« Mit dieser kummervollen Bemerkung machte er einen einzigen langen Satz zur Türe, kehrte aber gleich darauf mit einem zweiten wieder zurück. »Ich weiß nicht, wer oder was sie sein mag«, brummte er, »aber ich bedauere sie von ganzem Herzen und von ganzer Seele. Ach, wenn ich nur helfen könnte! Aber das ist leider ebenso wenig möglich wie bei den andern hundert Teufeleien, die hier jeden Tag gegen irgend jemand ausgeheckt werden, wenn auch vielleicht keine davon so niederträchtig ist wie diese. Aber das gehört eben zu meinen Leiden. Sie natürlich machen sich nichts daraus, ob ich die Sache jetzt weiß oder nicht. Die Sache steht für sie dadurch nicht schlimmer, obgleich sie mir ebenso nahe ans Herz geht wie ihnen, wenn auch in anderem Sinn. Gride und Nickleby, ein hübsches Paar! O diese Schurken!« Mit einem kräftigen Schlag auf die Wölbung seines mißhandelten Hutes bei jedem seiner Worte entfernte er sich ein wenig schwankend, da er in seinem Versteck die Taschenpistole ein wenig zu oft zu Rate gezogen. Ralph Nickleby und Gride hatten sich mittlerweile in dasselbe Haus begeben, in dem Nikolas erst vor ein paar Tagen zum erstenmal gewesen war und den alten Mr. Bray kennengelernt hatte. Madeline war nicht zu Hause, und Ralph Nickleby manövrierte mit so meisterhafter Geschicklichkeit, daß der Zweck ihres Besuches bald kein Geheimnis mehr für den Kranken war. »Da sitzt er, Mr. Bray«, sagte Ralph, als sich der Patient erstaunt in seinem Sessel zurücklehnte und bald ihn, bald Gride mit aufgerissenen Augen anstarrte. »Hat er das Unglück gehabt, die eine Ursache Ihres Aufenthalts hier zu sein – so bin ich die zweite. Man muß leben, das wissen Sie. Sie sind zu sehr Weltmann, als daß Sie die Sache nicht in ihrem richtigen Lichte sehen sollten. Wir bieten Ihnen heute dafür das beste Entgelt an, das uns zu Gebote steht. Was sage ich. Entgelt! Es handelt sich hier um einen Heiratsantrag, bei dem so mancher reiche und angesehene Vater vor Freuden einen Luftsprung machen würde, wenn er seiner Tochter gälte. Mr. Arthur Gride besitzt ein fürstliches Vermögen, bedenken Sie, was das besagen will.« »Meine Tochter, Sir«, erwiderte Bray hochmütig, »würde mit der Erziehung, die ich ihr habe zuteil werden lassen, ein reiches Gegengewicht für das größte Vermögen sein, das ihr überhaupt ein Mann für ihre Hand anbieten kann.« »Dasselbe, was ich Ihnen gesagt habe«, fiel Ralph schlau ein und wendete sich an seinen Geschäftsfreund Mr. Gride, »dasselbe, was mich die Angelegenheit als leicht zu erledigen betrachten läßt. Auf keiner Seite eine Verbindlichkeit. Sie haben Geld, und Miss Madeline ist schön und hat ihren Wert in sich selbst. Sie ist jung, und Sie haben Geld. Sie hat kein Geld, und Sie sind nicht jung. So gleicht sich's aus. Wahrhaftig ein Pärchen, wie es der liebe Himmel selbst nicht besser hätte zusammenbringen können.« »Man sagt, Ehen werden im Himmel geschlossen«, fügte Mr. Gride mit einem häßlichen Lauerblick auf seinen zukünftigen Schwiegervater hinzu. »Wenn wir also ein Paar werden, so erfüllt sich nur die Bestimmung.« »Bedenken Sie ferner, Mr. Bray«, fiel Ralph ein, um statt solcher Argumente mehr irdische Rücksichten ins Spiel zu bringen, »bedenken Sie, was bei der Annahme oder Abweisung der Vorschläge meines Geschäftsfreundes auf dem Spiele steht.« »Wie kann ich annehmen oder ablehnen? Sie wissen, daß das lediglich Sache meiner Tochter ist«, unterbrach ihn Bray mit einer Miene, die deutlich verriet, daß er innerlich ganz davon durchdrungen war, daß die Entscheidung darüber doch lediglich ihm selbst zustehe. »Allerdings«, gab Ralph mit Nachdruck zu, »aber Sie haben doch immerhin das Recht, ihr Ratschläge zu erteilen, ihr die Gründe für und gegen anzuführen und ihr Ihre Wünsche anzudeuten.« »Meine Wünsche anzudeuten«, murmelte Bray, in dem Stolz, Niedertracht und Selbstsucht miteinander kämpften. »Ich bin ihr Vater – oder vielleicht nicht? Warum sollte ich da andeuten oder so subtil zu Werke gehen? Glauben Sie vielleicht auch wie alle die Freunde ihrer Mutter, die meine Feinde sind – Fluch über sie alle –, sie habe bei dem, was sie für mich geopfert hat, mehr als ihre Pflicht und Schuldigkeit getan, Sir? Oder sind Sie der Ansicht, mein Unglück wäre ein hinreichender Grund, unsere Verwandtschaftsverhältnisse umzukehren und sie mir gegenüber zur Befehlenden zu machen? – Meinen Wunsch andeuten! – Glauben Sie vielleicht, weil Sie mich an diesem Ort in einem Zustand sehen, der mir kaum gestattet, diesen Stuhl hier ohne Beistand zu verlassen, daß ich ein abhängiger Mensch sei, der weder Mut noch Kraft besäße, was ihm für das Wohl seines Kindes als nötig erscheint – ›anzudeuten‹? Ich dächte wirklich, daß ich mehr Rechte hätte.« »Verzeihen Sie«, erwiderte Ralph, »hören Sie mich zu Ende. Ich will doch nur sagen, daß es ohne Zweifel so gut wie ein Befehl sei, wenn Sie einen Wunsch auch nur andeuteten.« »Das will ich meinen«, rief Mr. Bray aufgebracht. »Wenn Sie nicht vielleicht schon zufällig davon gehört haben, so will ich Ihnen nur sagen, daß es eine Zeit gegeben hat, wo ich gegen die ganze Familie ihrer Mutter alles durchgesetzt habe, was ich wünschte, obgleich die Macht und der Reichtum auf ihrer Seite waren. – Einzig und allein durch meinen bloßen Willen.« »Sie haben mich noch immer nicht zu Ende angehört«, entgegnete Ralph so milde, wie er nur irgend konnte, »Sie sind ein Mann, der dazu befähigt ist, in Gesellschaften zu glänzen, und haben Aussicht, noch lange zu leben – das heißt, wenn Sie in reinere Luft und in ein besseres Klima gebracht werden, wo Sie sich Ihren Verkehr nach Belieben zu wählen imstande sind. Das gesellschaftliche Leben ist Ihr Element, und Sie haben meines Wissens früher keine unbedeutende Rolle darin gespielt. Frankreich und ein Einkommen, von dem Sie dort mit dem nötigen Komfort leben können, würde Sie wieder verjüngen. In ganz London hat man einst von Ihren kostspieligen Passionen gesprochen, und da Sie jetzt aus Ihren Erfahrungen Nutzen ziehen können, das heißt, ein wenig auf anderer Leute Kosten zu leben verstehen, so wird es Ihnen gewiß nicht unmöglich sein, auf einem neuen Schauplatz Ihre gesellschaftlichen Fähigkeiten abermals entfalten zu können. Und wenn wir die Kehrseite des Bildes betrachten, was blüht Ihnen da? Ich weiß nicht, wo der nächste Kirchhof liegt, aber wo er auch sein mag, ich sehe im Geiste dort bereits einen Grabstein mit einem Datum – vielleicht schon in zwei Jahren von jetzt an, möglicherweise auch erst in zwanzig und so weiter, und so weiter.« Mr. Bray stützte sich mit dem Ellbogen auf die Armlehne seines Stuhles und bedeckte sein Gesicht mit der Hand. »Ich spreche ganz offen«, fuhr Ralph fort und ließ sich neben ihm nieder, »weil ich eben stark empfinde. Gewiß liegt es in meinem Interesse, daß Sie Ihre Tochter meinem Freunde zur Frau geben, da er dann meine Forderung an Sie bezahlt. – Ich leugne es nicht und sage es offen heraus, aber welch größeres Interesse haben Sie erst, ihr den Schritt anzuraten! Bedenken Sie das wohl. Vielleicht widerspricht sie, vergießt Tränen, sagt, Mr. Gride wäre zu alt für sie, und hält Tiraden von unwiederbringlich verlorenem Lebensglück – aber wie steht die Sache denn jetzt?« Eine leichte Bewegung von Seiten des Kranken verriet, daß diese Gründe nichts weniger als spurlos an ihm vorübergingen, wie er denn überhaupt Ralph kaum aus den Augen ließ. »Ich wiederhole, wie steht die Sache denn jetzt?« wiederholte der schlaue Wucherer, »und welche Zukunft blüht ihr? Freilich, wenn Sie stürben, so würden sich Ihre Feinde alle Mühe geben, sie glücklich zu machen, aber sind Sie imstande, einen solchen Gedanken zu ertragen?« »Nein«, murmelte Bray im Vollgefühl seines Hasses, den er niemals zu unterdrücken vermochte. »Hab' mir's gedacht«, versetzte Ralph ruhig. »Wenn sie schon von dem Tode irgendeines Menschen Nutzen zieht« – er sagte es mit sehr leiser Stimme – »so sollte es, dächte ich, der ihres Gatten sein. Sehen Sie zu, daß sie nicht den Ihrigen herbeiwünscht. – Was wäre übrigens gegen die Heirat einzuwenden? Daß ihr Bewerber ein alter Mann ist, wäre das einzige. Nun, wie oft verheiraten Eltern von Rang und Familie, die Ihre Entschuldigung nicht haben und im größten Überfluß leben, ihre Tochter an alte, oder was noch schlimmer ist, an junge Männer ohne Kopf und Herz, nur um irgendeine nichtige Eitelkeit zu befriedigen oder Familieninteressen zu fördern oder einen Sitz im Parlament zu behaupten. Beurteilen Sie nicht das Mädchen mit seiner Denkungsart, sondern die Verhältnisse. Ihr gereifter Verstand ist es, der ihr den Weg vorzeichnen muß, und sie wird Ihnen ihr ganzes Leben über dankbar sein.« »Still still«, rief Mr. Bray, fuhr plötzlich auf und legte Ralph die Hand auf den Mund, »ich höre sie draußen an der Türe.« In dem Schrecken dieser hastigen Gebärde offenbarte sich der Stachel des Gewissens, fiel für eine Sekunde die dünne Hülle der Sophistik von dem scheußlichen Plane und enthüllte ihn in seiner ganzen Niedertracht und gottlosen Abscheulichkeit. Blaß und zitternd sank der Kranke in seinen Stuhl zurück, Gride drehte verlegen an seinem Hut und wagte es kaum, die Augen vom Boden zu erheben, und selbst Ralph duckte sich einen Augenblick wie ein geprügelter Hund, eingeschüchtert durch die Gegenwart des jungen unschuldigen Mädchens. Die Wirkung war jedoch ebenso kurz wie plötzlich, und Ralph war der erste, der sich wieder zusammennahm. Er bat Madeline, als er ihre Bestürzung und Unruhe bemerkte, sich nicht aufzuregen, da sie durchaus keinen Grund dazu habe. »Ein plötzlicher Krampfanfall«, setzte er mit einem Blick auf Bray hinzu. »Er ist schon wieder vollkommen wohl.« So manches harte und weltlich gesinnte Herz hätte weich werden müssen, wenn es Zeuge gewesen wäre, wie das junge und schöne Geschöpf, über dessen künftiges Elend man noch eine Minute vorher beraten, daraufhin ihre Arme um ihres Vaters Nacken schlang und mit Worten zärtlicher Teilnahme und Liebe zu ihm sprach – mit den süßesten, die ein Vater wohl hören oder ein Kind aussprechen kann. Allein Ralph schaute kaltblütig zu, und Arthur Gride, der mit seinen Triefaugen nichts als die Schönheit Madelines sah, ohne eine Spur von dem Geiste, der ihr Inneres erfüllte, zu erkennen, zeigte – allerdings – eine Art phantastischer Wärme, jedenfalls aber nicht jene Glut des Gefühles, die ein Bild wie dieses in einem andern Herzen wohl entzündet hätte. »Madeline«, murmelte Bray und machte sich sanft los, »laß nur, es hat nichts auf sich.« »Aber du hattest einen solchen Anfall schon gestern, und es ist schrecklich, dich so leiden zu sehen. Kann ich denn nichts für dich tun?« fragte das Mädchen. »Vorderhand nicht. Hier sind zwei Herren, Madeline, von denen du den einen schon früher gesehen hast. – Sie pflegte nämlich immer zu sagen, Mr. Gride«, wendete er sich an den Wucherer, »daß Ihre Besuche mich jedesmal kränker machten. Es war das auch ganz natürlich, da sie ja die Art unserer Verbindung und ihre Folgen für mich kannte. Nun, vielleicht ändert sie jetzt ihre Ansicht hinsichtlich dieses Punktes. Sie wissen doch, junge Mädchen haben immer das Recht, ihren Sinn zu ändern. Du bist sehr müde, meine Liebe?« »Oh, durchaus nicht.« »Du mußt es sein, du arbeitest zu viel!« »Ich wollte, ich könnte mehr tun.« »Ich weiß es, aber du überschätzest deine Kräfte. Dieses jämmerliche Leben voll täglicher Arbeit und Entbehrung ist mehr, als du ertragen kannst. – Ja, bestimmt, mehr, als du ertragen kannst – meine arme Madeline.« Mit solchen und anderen freundlichen Worten zog Mr. Bray seine Tochter an sich und küßte sie zärtlich auf die Wange. Ralph beobachtete ihn dabei scharf, dann wandte er sich zur Türe und winkte Gride, ihm zu folgen. »Sie werden uns weitere Nachrichten zukommen lassen, nicht wahr?« fragte er. »Ja, ja«, versicherte Mr. Bray und schob seine Tochter hastig weg. »In einer Woche. – Lassen Sie mir eine Woche Zeit.« »Also heute über acht Tage«, wiederholte Ralph zu seinem Geschäftsfreund, »guten Morgen. – Miss Madeline, ich küsse Ihnen die Hand.« »Geben Sie mir die Hand, Gride«, sagte Mr. Bray und streckte die seine dem sich verbeugenden alten Wucherer hin. »Ihre Absicht ist zweifellos gut, und ich fühle mich Ihnen sehr verpflichtet. Sie können nichts dafür, daß ich Ihnen Geld schulde. Madeline, liebes Kind, gib Mr. Gride die Hand.« »O Gott«, krächzte der alte Wucherer, zögerte und trat einen Schritt zurück, »wenn sich die junge Dame herablassen wollte, mir nur die Fingerspitzen –« Unwillkürlich schreckte Madeline vor der koboldartigen Gestalt des Greises zurück, legte indessen ihre Fingerspitzen in seine Hand, entzog sie ihm jedoch fast augenblicklich wieder. Vergeblich bemühte sich Gride, sie festzuhalten und an seine Lippen zu ziehen. Er küßte deshalb nur seine eigenen Finger mit einem murmelnden Kuß und folgte dann unter vielen verliebten Gesichtsverzerrungen seinem Geschäftsfreunde, der inzwischen die Straße erreicht hatte. »Nun, was sagt – was sagt – was sagt der Riese zum Zwerg?« fragte er und humpelte an Ralph heran. »Was sagt der Zwerg zu dem Riesen?« höhnte Ralph, zog die Augenbrauen in die Höhe und blickte auf den Frager herunter. »Er weiß nicht, was er sagen soll«, kicherte Arthur Gride, »er hofft und fürchtet – aber ist sie nicht zuckersüß?« »Ich habe keinen Sinn für Schönheit«, brummte Ralph. »Aber ich«, jubelte Gride, sich die Hände reibend. »O Gott, wie schön ihre Augen ausgesehen haben, als sie sich herunterbeugte – über ihn herunterbeugte – und die Wimpern! Wie zarte seidene Fransen! Und dann – wie – wie sanft sie mich anblickte.« »Nicht besonders zärtlich, dächte ich«, sagte Ralph. »Oder meinen Sie?« »Meinen Sie?« echote der alte Gride. »Aber glauben Sie nicht, daß es gelingen wird, sie so weit zu bringen? – Halten Sie es nicht doch für möglich?« Ralph blickte ihn verächtlich an, lächelte höhnisch und knurrte durch die Zähne. »Haben Sie nicht bemerkt, wie er sagte, sie müßte krank sein und es ginge über ihre Kräfte?« »Ja, ja, und was weiter?« »Glauben Sie vielleicht, er hätte das je früher zu ihr gesagt? Oder: dies Leben sei mehr, als sie ertragen könne? Seien Sie fest überzeugt, er wird alle Vorkehrungen treffen, ihr Leben in Ihrem Interesse zu verbessern.« »Halten Sie die Sache also für sicher?« fragte Gride mit seinen Triefaugen blinzelnd. »Ich bin davon überzeugt. Er bemüht sich bereits, sich selbst zu belügen, sogar vor unsern Augen. Er wird sich einreden, er denke nur an ihren und nicht an seinen eigenen Vorteil. Er spielte den besorgten Vater, und zwar so rücksichtsvoll zärtlich, daß ihn jetzt schon seine Tochter kaum mehr wiedererkannte. Ich sah ganz deutlich eine Träne der Überraschung in ihrem Auge. Aber freilich, es werden binnen kurzem noch ganz andere Überraschungstränen kommen. Kurz und gut, wir können die acht Tage mit Zuversicht abwarten.« 48. Kapitel Ein Benefiz Mr. Vincent Crummles' zu seinem garantiert letzten Auftreten auf der Bühne Mit schwerem Herzen kehrte Nikolas in das Bureau der Gebrüder Cheeryble zurück. Die Hoffnungen, die Träume, die seine Seele umgaukelt hatten – alles war jetzt zerstört und keine Spur ihres Glanzes und ihrer Freuden zurückgeblieben. Es wäre ein armseliges Kompliment für Nikolas Nicklebys bessere Natur, wenn man sagen wollte, daß die Lösung des Geheimnisses, das Madeline Bray umgeben, ehe er noch ihren Namen gekannt, die Liebesglut abgekühlt oder das Feuer seiner Bewunderung für sie verlöscht hätte. Seine Ergriffenheit ob der Aufrichtigkeit und Reinheit ihres Herzens, die Achtung vor der Hilflosigkeit und Verlassenheit ihrer Lage, sein Mitgefühl für die Prüfungen eines so jungen und schönen Mädchens, wie auch die Bewunderung ihres hochherzigen Geistes, alles dies schien sie weit höher zu erheben in seinen Augen, als er sie vorher gesehen, und gab seiner Liebe eine neue Tiefe. Dabei fühlte er innerlich, daß für ihn nichts mehr zu hoffen sei. »Was ich ihr versprochen, will ich halten«, sagte er sich mannhaft. »Es ist kein gewöhnliches Vertrauen, das sie mir geschenkt hat, und ich will die mir auferlegte doppelte Pflicht aufs gewissenhafteste und genaueste erfüllen. Was ich dabei fühle, will ich nicht berücksichtigen. Es darf nicht sein.« Seine geheimen Gefühle blieben jedoch dieselben nach wie vor, und er nährte sie sogar insgeheim, sich damit entschuldigend, daß es niemand als ihm selbst Schaden bringen könnte. Kein Wunder, daß er bei solchen Gedanken ein sehr düsterer und zerstreuter Gesellschafter war und infolgedessen Tim Linkinwater auf den Verdacht brachte, er müsse sich irgendwo in den Büchern mit einer Ziffer geirrt haben und könne deshalb keine Ruhe mehr finden. Tim beschwor ihn daher allen Ernstes, wenn dies der Fall sei, ihm sein Herz auszuschütten und lieber die falsche Zahl auszuradieren, als sich sein ganzes Leben durch Gewissensbisse zu verbittern. In solchen verdrießlichen, wunderlichen und ungewissen Stimmungen pflegt man gerne umherzuschlendern, ohne sich Rechenschaft zu geben, warum. Man liest die Anschläge an den Mauern mit größter Aufmerksamkeit, ohne auch nur die mindeste Vorstellung von ihrem Inhalt zu haben, oder starrt angelegentlich durch die Ladenfenster auf Gegenstände, die einem gar nicht zum Bewußtsein kommen. So ertappte sich auch Nikolas, wie er mit größtem Interesse einen großen Theaterzettel an der Außenseite eines der kleineren Schauspielhäuser betrachtete, das auf seinem Wege lag. Er las die Liste der Schauspieler und Schauspielerinnen, die ihre Mitwirkung für das nächste Benefiz zugesagt, mit einem Ernste durch, als studierte er das Verzeichnis der Herren und Damen, die im Buche des Schicksals obenan stehen, und als forschte er darunter begierig nach seinem eigenen. Mit einem Lächeln über seine Zerstreutheit warf er noch, ehe er sich anschickte, seinen Weg wieder aufzunehmen, einen Blick auf die oberen Zeilen des Zettels und las dort in großen gesperrt gedruckten Buchstaben folgende Annonce: »Unwiderruflich letztes Auftreten des in der Provinz hochberühmten Mr. Vincent Crummles!!!« »Ach was«, sagte er sich, »das kann doch gar nicht sein.« Aber es war doch so. Er las den Theaterzettel zum zweiten Male. Ein paar Zeilen enthielten für den ersten Abend die Ankündigung eines neuen Melodramas, darunter stand die Ankündigung eines alten für die nächsten sechs Abende, ein dritter Abschnitt betonte das Wiederengagement des unvergleichlichen afrikanischen Messerschluckers, den zu einem achttägigen Debüt zu gewinnen gelungen war. Ein vierter zeigte an, daß Mr. Snittle Timberry, der nunmehr von seiner letzten schweren Krankheit genesen sei, die Ehre haben werde, an diesem Abend wieder aufzutreten usw. usw. – und schließlich die Ankündigung eines unwiderruflich letzten Auftretens des in der Provinz weit und breit berühmten Mr. Vincent Crummles. »Es muß doch derselbe sein«, murmelte Nikolas, »es kann keine zwei Vincent Crummles geben.« Um die Frage ins reine zu bringen, las er das Personenverzeichnis genauer durch und fand dort, daß auch die beiden Masters Crummles sowie das Wunderkind, dem ein Castagnettensolo zugeteilt war, unter den Darstellern fungierten. Er zweifelte keinen Augenblick länger, verfügte sich in das Schauspielhaus, schickte einen Zettel, auf dem er mit Bleistift seinen Theaternamen schrieb, hinauf und wurde unmittelbar durch einen Räuber mit einer breiten Bauchbinde, einem Hifthorn über der Schulter und großen ledernen Handschuhen an den Fäusten seinem ehemaligen Direktor vorgeführt. Mr. Crummles schien außerordentlich erfreut, ihn wiederzusehen, wendete sich von einem kleinen Spiegel ab und umarmte ihn aufs herzlichste, wobei er nur eine einzige buschige Braue schräg über seinem linken Auge kleben hatte und die Wade eines seiner Beine in der Hand hielt. Mit großer Lebhaftigkeit erklärte er, daß sich auch Mrs. Crummles außerordentlich freuen werde, von »Mr. Johnson« Abschied nehmen zu können, ehe sie abreisten. »Sie waren stets ihr Liebling«, beteuerte Mr. Crummles. »Vom ersten Augenblicke an. Von dem Tage an, als Sie zum ersten Male bei uns zu Mittag speisten, waren mir meine Befürchtungen um Sie vergangen, denn wenn Mrs. Crummles einmal jemand protegiert, so weiß man, daß es ihm gutgeht. Ach, Johnson, was das doch für eine treffliche Frau ist.« »Ich bin ihr für ihre Güte in dieser wie in jeder andern Hinsicht aufrichtig verpflichtet«, bedankte sich Nikolas, »aber wohin gedenken Sie denn zu reisen, daß Sie von Abschiednehmen sprechen?« »Haben Sie's denn nicht in den Zeitungen gelesen?« fragte Crummles würdevoll. »Nein.« »Das nimmt mich wunder. Es stand unter den kleinen Nachrichten. Ich habe den Artikel irgendwo – wenn ich nur wüßte, wo ich ihn hingelegt habe – ja richtig, hier ist er.« Mit diesen Worten zog Mr. Crummles, nachdem er sich eine Zeitlang gestellt, als ob er die Notiz verloren hätte, ein Quadratzoll großes Stückchen einer Zeitung aus der Tasche der Hosen, die er im Privatleben trug – sie lagen unter ähnlichen Kleidungsstücken mehrerer anderer Herren auf einem Tische – und reichte es Nikolas hin. Der Inhalt lautete folgendermaßen: »Mr. Vincent Crummles, der seit langem aufs vorteilhafteste bekannte Provinzialbühnendirektor und Schauspieler von nicht gewöhnlichem Range, steht im Begriff, ein Tournee nach Amerika anzutreten. Dem Vernehmen nach wird Mr. Crummles von seiner Frau und seiner ganzen talentvollen Familie begleitet sein. Wir kennen niemand, der Mr. Crummles in seinem Fache überlegen wäre, und niemand, der eine größere Achtung und ein größeres Wohlwollen von Seiten zahlreicher Freundes- und Gönnerkreise genösse, sowohl als Künstler wie als Privatmann. Unfehlbar wird seine Reise von größtem Erfolge begleitet sein.« »Und hier ist noch etwas«, setzte Mr. Crummles hinzu, Nikolas ein womöglich noch kleineres Stückchen Papier hinreichend, »es ist aus den Korrespondenznotizen.« Laut las Nikolas vor: »Philodramaticus. – Mr. Crummles, der bekannte Provinzbühnendirektor und Schauspieler, kann zur Zeit nicht mehr als dreiundvierzig oder vierundvierzig Jahre zählen. Auch ist Mr. Crummles kein Preuße, sondern vielmehr in Chelsea geboren.« »Hm«, brummte Nikolas, »das ist ja ein sonderbarer Artikel.« »Allerdings«, gab Mr. Crummles zu, rieb sich die Nase und betrachtete Nikolas mit scheinbar sehr gleichgültiger Miene. »Ich kann mir gar nicht denken, wer etwas Derartiges hat einrücken lassen. Ich habe es selbstverständlich nicht getan.« Und ohne ein Auge von Nikolas zu verwenden, schüttelte der Theaterdirektor zwei- oder dreimal gravitätisch den Kopf und bemerkte, daß er sich absolut nicht vorstellen könne, wie eine Zeitung auf so etwas komme. Dann rollte er die Ausschnitte wieder zusammen und steckte sie in die Tasche. »Das sind ja großartige Neuigkeiten«, sagte Nikolas. »Nach Amerika! Als ich bei Ihnen engagiert war, dachten Sie noch gar nicht an dergleichen?« »Nein«, gab Mr. Crummles zu. »Damals noch nicht. Die Sache verhält sich so, daß Mrs. Crummles – wirklich eine höchst außergewöhnliche Frau, Mr. Johnson –«, er brach plötzlich ab und flüsterte Nikolas etwas ins Ohr. »Ach so«, sagte Nikolas lächelnd, »eine Aussicht auf Familienzuwachs.« »Das siebente, Johnson!« erklärte Crummles feierlich. »Und ich hatte gedacht, ein Kind wie das Wunderkind müßte den Schluß machen. Aber es scheint, daß wir noch eins haben sollen. Sie ist wirklich eine höchst bemerkenswerte Frau.« »Ich wünsche Ihnen jedenfalls viel Glück«, gratulierte Nikolas, »und ich hoffe, daß sich der kommende Sprößling gleichfalls als Wunderkind erweisen wird.« »Nun ich bin so ziemlich sicher, daß es etwas ganz Ungewöhnliches werden muß«, erwiderte Mr. Crummles. »Das Talent der drei ersten zeigt sich vorzugsweise im Kampf auf der Bühne und in der ernsten Pantomime. Es wäre mir sehr lieb, wenn der zukünftige Sprößling Anlage für das jugendliche Trauerspiel besäße, denn wie ich höre, gibt es so etwas in Amerika noch nicht. Doch man muß es eben nehmen, wie es kommt. Vielleicht eignet er sich auch für das Seiltanzen. Jedenfalls muß er, wenn er seiner Mutter nachgerät, ein Genie werden, Mr. Johnson, denn sie ist geradezu ein Universalgenie. Aber wozu es immer auch talentiert sein mag – seine Anlagen sollen entwickelt werden.« Tief erschüttert klebte sich Mr. Crummles die zweite Augenbraue auf, befestigte die Waden an seinen Beinen und legte dann seine alten fleischfarbenen Trikots an, die von dem häufigen Niederknien bei Schwüren, Gebeten, Todeskämpfen und andern Produktionen um die Knie herum bereits ziemlich beschmutzt waren. Während er seine Toilette beendete, teilte er Nikolas mit, daß hinsichtlich Amerika bereits ein günstiger Anfang gemacht worden sei. Er habe nämlich das Glück gehabt, ein recht gutes Engagement zu bekommen, und den Entschluß gefaßt, sich drüben bleibend niederzulassen. Auch hoffe er dereinst ein Stückchen Land erwerben zu können, das ihn im Alter ernähre und später auch seinen Kindern zustatten kommen werde. Nikolas lobte diesen Plan aufs höchste, und Mr. Crummles erzählte ihm im Lauf der Gespräche alles, wovon er annahm, daß es »Mr. Johnson« interessieren könne. Nikolas erfuhr unter anderm, daß Miss Snevellicci glücklich an einen jungen Wachszieher verheiratet sei, der ehemals das Theater mit Lichtern versehen habe, und ferner, daß Mr. Lillyvick in geradezu unerhörter Weise unter dem Pantoffel seiner jungen Frau stehe. Er erwiderte das ihm geschenkte Vertrauen seines ehemaligen Direktors dadurch, daß er ihm seinen wahren Namen, seine Stellung und seine Aussichten im Leben mitteilte und dabei in kurzen Worten die Umstände enthüllte, die zu ihrer ersten Bekanntschaft geführt hatten. Nach herzlichen Glückwünschen zur Verbesserung seiner Situation eröffnete ihm Mr. Crummles sodann, daß er und seine Familie bereits am nächsten Morgen nach Liverpool aufbrechen würden, wo das Schiff vor Anker läge, das sie Englands Gefilden entführen solle. Wenn Nikolas daher Mrs. Crummles ein letztes Lebewohl zu sagen wünsche, so müsse er an diesem Abend mit zu einem Abschiedsessen kommen, das in einer benachbarten Kneipe der Familie zu Ehren abgehalten werden würde. Den Vorsitz werde Mr. Snittle Timberry führen, und die Ehre des Vizepräsidentenstuhls sei dem afrikanischen Messerschlucker reserviert. Das Garderobenzimmer war sehr warm und infolge des Eintritts von vier Herrn, die sich in einem eben präsentierten Stücke gegenseitig getötet hatten, gedrängt voll. Nikolas versprach daher mit kurzen Worten, nach Schluß der Vorstellung wieder zurückzukommen, da er die kühle Luft und die Dämmerung auf der Straße den gemischten Gerüchen von Gas, Orangenschalen und Schießpulver, die das heiße und grellbeleuchtete Theater erfüllten, vorzöge. Er benutzte die freie Stunde, um eine silberne Tabatiere zu kaufen, die beste, die seine Mittel ihm gestatteten – und zwar als Andenken für Mr. Crummles. Er fügte noch ein Paar Ohrringe für Mrs. Crummles, ein Kollier für das Wunderkind und zwei blitzende Krawattennadeln für jeden der beiden Herren hinzu. Als er sodann nach dem Theater zurückkehrte, fand er die Lichter bereits ausgelöscht, die Bühne leer, den Vorhang niedergelassen und Mr. Crummles seiner Ankunft harrend auf der Szene hin und her gehen. »Timberry kann nicht mehr lange bleiben«, sagte der Theaterdirektor. »Er war fast den ganzen Abend auf den Brettern und spielte im letzten Stück einen treuen Neger. Da braucht das Abschminken ein wenig längere Zeit.« »Keine angenehme Beigabe zu einer Rolle, sollte ich meinen«, versetzte Nikolas. »Wieso denn?« rief Mr. Crummles. »Die Farbe geht ganz leicht wieder ab und bedeckt nur Gesicht und Hals. Wir hatten aber einmal in unserem Ensemble einen ersten Tragöden, der, wenn er den Othello spielte, sich am ganzen Leibe schwarz einrieb. Das nenne ich eine Rolle tief fühlen und in ihren Geist eingehen! So etwas kommt aber nicht oft vor. – Schade.« Mr. Snittle Timberry erschien nun Arm in Arm mit dem afrikanischen Messerschlucker, lüftete, als er Nikolas vorgestellt wurde, seinen Hut um etwa sechs Zoll und versicherte, er sei ungemein stolz auf diese neue Bekanntschaft. Der Messerschlucker, der, jeder Zoll ein Irländer, auch in diesem Dialekte sprach, versicherte das nämliche. »Ich entnehme aus dem Theaterzettel, daß Sie krank gewesen sind, Mr. Timberry«, eröffnete Nikolas die Unterhaltung, »ich hoffe, Ihre heutige Anstrengung hat Ihnen nicht geschadet?« Mr. Timberry schüttelte düster das Haupt, schlug sich einigemal bedeutungsvoll auf die Brust, zog mit finsterer Miene seinen Mantel zusammen und sagte: »Hat nichts zu bedeuten – hat nichts zu bedeuten. Kommen Sie.« Es ist höchst bemerkenswert, daß Mimen, wenn sie sich im Zustand äußerster Erschöpfung befinden, stets Kraftanstrengungen machen, die die größte Gewandtheit und Muskelkraft erfordern. So wird man zum Beispiel einen verwundeten Prinzen oder Räuberhauptmann, der sich zu Tode blutet und kaum mehr zu bewegen vermag, sich jedesmal in endlosen und merkwürdigen Drehungen und Verrenkungen aufraffen und wieder niederstürzen sehen, wie es im Leben nur ein außerordentlich kräftiger Mensch, der seinen Körper jahrelang geübt hat, imstande ist. Dieser Zug war auch Mr. Timberry so natürlich, daß er auf dem ganzen Wege vom Theater zu dem Wirtshaus, wo das Abschiedsessen abgehalten werden sollte, die Schwere seiner überstandenen Krankheit und ihre verheerenden Wirkungen auf den Organismus durch eine ganze Reihe gymnastischer Kunststücke bekundete, die die Bewunderung aller Zuschauer auf sich zogen. »Oh, das ist wirklich eine unverhoffte Freude«, sagte Mrs. Crummles, als ihr Nikolas vorgestellt wurde. »Auch ich hätte mir's nicht träumen lassen«, versetzte Nikolas. »Ich verdanke lediglich einem Zufall die Gelegenheit, Sie wiederzusehen. Natürlich hätte ich auch die größte Mühe nicht gescheut, mir dieses Vergnügen zu verschaffen.« »Hier sind alte Bekannte«, sagte Mrs. Crummles und schob das Wunderkind im blauen Gazekleidchen mit höchst faltenreichen Verzierungen daran und ebensolchen Höschen in den Vordergrund. »Und hier die beiden jungen Herren Crummles. Nun, und was macht Ihr Freund Dickby, der treue Mensch?« »Dickby?« murmelte Nikolas, sich gar nicht mehr an Smikes Theaternamen erinnernd. »Ach richtig; er ist ganz – doch was sage ich – es geht ihm nichts weniger als gut.« »Wie?« rief Mrs. Crummles mit höchst dramatischer Geste. »Ich fürchte«, sagte Nikolas kopfschüttelnd, »daß Sie ihn noch bedauernswerter aussehen finden würden als früher.« »Was wollen Sie damit sagen?« fragte Mrs. Crummles mit Liebhaberinnenmiene. »Wieso?« »Nun, ein niederträchtiger Feind von mir will mir dadurch etwas antun, daß er ihn ununterbrochen in Schrecken und Ängsten erhält. Aber entschuldigen Sie«, setzte Nikolas plötzlich innehaltend hinzu, »ich sollte eigentlich nicht davon sprechen und tue es auch sonst nie, ausgenommen Personen gegenüber, die seine Geschichte kennen. Ich habe einen Augenblick ganz vergessen, wo ich bin.« Mit dieser hastigen Entschuldigung beugte er sich, um das Wunderkind zu bewillkommnen, herab und änderte dadurch das Thema, innerlich seine Voreiligkeit verwünschend und etwas unruhig darüber, was Mrs. Crummles wohl von seiner so plötzlichen Ergriffenheit denken möchte. Die Dame schien sich jedoch nicht besonders viel dabei zu denken, denn das Essen war inzwischen aufgetragen worden. Sie reichte Nikolas die Hand und trat mit ein paar Bühnenschritten an Mr. Snittle Timberrys linke Seite. Nikolas erhielt den Ehrenplatz zu ihrer Rechten und Mr. Crummles den neben dem Vorsitzenden, während das Wunderkind und die beiden jungen Herrn Crummles zu Adjutanten des Vizepräsidenten ernannt wurden. Die Gesellschaft mochte ungefähr fünfundzwanzig oder dreißig Personen zählen und bestand aus Mr. und Mrs. Crummles' Londoner und sonstigen Theaterfreunden. Die Damen und Herren waren einander an Zahl so ziemlich gleich, die Kosten des Soupers wurden von letzteren getragen, und jeder von ihnen hatte das Recht, sich eine Dame als Gast mitzubringen. Es war im großen und ganzen eine höchst distinguierte Versammlung, und abgesehen von den geringeren Bühnensternen, die bei dieser Gelegenheit Mr. Snittle Timberry umringten, war auch ein Schriftsteller zugegen, der bereits zweihundertsiebenundvierzig Novellen dramatisch bearbeitet hatte. Dieser Herr saß links neben Nikolas und war ihm durch seinen Freund, den afrikanischen Messerschlucker, mit schwungvollen Worten vorgestellt worden. »Ich schätze mich außerordentlich glücklich, einen so ausgezeichneten Gentleman kennenzulernen«, sagte Nikolas höflich. »Die Ehre ist nur gegenseitig«, versetzte der Ästhet, »wie ich immer zu sagen pflege, wenn ich ein Buch für die Bühne bearbeite. Haben Sie übrigens je eine Definition des Ruhmes gehört, Sir?« »Schon mehrere«, erwiderte Nikolas lächelnd. »Ich bin jedenfalls aber auf die Ihrige begierig.« »Wenn ich ein Buch für die Bühne bearbeite, Sir«, erklärte der Schriftsteller, »so ist dies ein Ruhm für den ursprünglichen Verfasser.« »Oh?« rief Nikolas. »Jawohl, das ist Ruhm, Sir«, wiederholte der Schriftsteller. »So haben also zum Beispiel Richard Turpin, Tom King und Jerry Abershaw die Namen derer verherrlicht, an denen sie die unverschämtesten Plagiate begingen, Sir?« »Nicht daß ich wüßte«, erwiderte der Schriftsteller. »Allerdings ist es ja richtig, daß auch Shakespeare Themen dramatisierte, die schon vorher im Druck erschienen waren«, gab Nikolas zu. »Ach, Sie meinen den Willy (Shakespeare«), sagte der Literat. »Willy war ganz sicher ein Zuschneider erster Klasse – hat auch seine Sache gar nicht übel gemacht –, natürlich mit Einschränkung.« »Ich wollte sagen«, erklärte Nikolas, »daß er zu einigen seiner Stücke den Stoff aus alten Erzählungen und Legenden nahm, die damals allgemein in Umlauf waren, aber es scheint mir denn doch, als ob heutzutage gewisse Herren aus Ihrer Zunft noch weiter gingen –« »Da haben Sie vollkommen recht, Sir«, unterbrach ihn der Schriftsteller, lehnte sich in seinem Stuhl zurück und machte von einem Zahnstocher ausgiebigen Gebrauch. »Der menschliche Geist hat sich seit jener Zeit vervollkommnet. Er ist stets im Fortschritt begriffen – wird noch weiter fortschreiten –« »Ich fasse den Fortschritt in einer ganz andern Bedeutung auf«, fuhr Nikolas fort, »denn während Shakespeare die für seine Zwecke passenden Themen in den Bannkreis seines Genius zog und bekannte Dinge in einer Weise miteinander verknüpfte, die der Welt für Jahrhunderte Entzücken schafften, ziehen die Plagiatoren unserer Zeit Gegenstände, die nichts weniger als für die Bühne passen, in den Zauberkreis ihres Stumpfsinns und verballhornisieren da, wo Shakespeare veredelte. Sie nehmen zum Beispiel die unvollendeten Schriften lebender Verfasser noch ganz unverarbeitet aus deren Händen und noch feucht vom Druck, schneiden, zerhacken und zerlegen sie, je nachdem es die Fähigkeit oder Unfähigkeit ihrer Schauspieler verlangt, passen es dem Range ihrer Theater an, beendigen unvollendete Werke und flicken sinnlos an Ideen herum, die noch nicht einmal im Kopfe des Autors zur Reife gediehen sind und ihn ohne Zweifel das Nachdenken vieler Tage und manche schlaflose Nacht gekostet haben. Sie schließen aus dem Dialog, dessen letztes Wort der Autor vielleicht erst vor vierzehn Tagen niedergeschrieben hat, auf den Ausgang der Handlung, veröffentlichen dann ganz ohne seine Erlaubnis und gegen seinen Willen und, um der Unverschämtheit die Krone aufzusetzen, in einer elenden Broschüre ein elendes Mischmasch von Auszügen aus seinen Werken, dem sie dann ihren eigenen Namen vorsetzen. Ich möchte nun wirklich wissen, was für ein Unterschied zwischen einer solchen Dieberei und einem Taschendiebstahl auf offener Straße ist – höchstens vielleicht der, daß das Gesetz Achtung hat vor dem physischen Eigentum und keine vor dem Erzeugnis des menschlichen Gehirns.« »Man muß eben leben, Sir«, versetzte der Literat achselzuckend. »Dasselbe läßt sich aber auch in dem andern Fall als Entschuldigung vorbringen«, widersprach Nikolas. Die Unterhaltung drohte ein wenig heiß zu werden, und daher legte sich Mrs. Crummles ins Mittel, um einen gewaltsamen Ausbruch zu verhüten, indem sie an den Schriftsteller ein paar Fragen hinsichtlich des Inhalts von sechs neuen Stücken richtete, die er kontraktgemäß abgeliefert hatte und die in erster Linie dazu dienen sollten, dem afrikanischen Messerschlucker mit seinen unvergleichlichen Kunstleistungen Gelegenheit zum Auftreten zu geben. Dies führte bald zu einer lebhaften Diskussion, die von seiten des Schriftstellers mit so viel Feuer geführt wurde, daß die Erinnerung an seinen Wortwechsel mit Nikolas Nickleby bald verflogen war. Als Punsch, Wein und Brandy herumgereicht wurden, trat in der Gesellschaft, die sich bisher in Gruppen von drei oder vier Personen unterhalten hatte, allmählich eine Totenstille ein, während der die Mehrzahl der Anwesenden von Zeit zu Zeit nach Mr. Snittle Timberry blickten und die kühneren sogar mit den Knöcheln auf dem Tisch trommelten oder Worte fallenließen, als da waren: »Los, Tim, aufgewacht Herr Präsident, wir harren eines Toastes« und dergleichen. Mr. Timberry würdigte diese Mahnungen keiner andern Antwort, als daß er sich auf die Brust schlug, nach Luft schnappte und noch auf verschiedene andere Art auf seinen kränklichen Zustand hinwies. Endlich erhob er sich jedoch mit würdevoller Haltung, die eine Hand im Busen seiner Weste und die andere auf der Schnupftabaksdose seines Nachbarn, schlug dann mit einer ganzen Kette von Bühnenphrasen die Gesundheit seines Freundes, des Mr. Vincent Crummles, vor und schloß damit, daß er nach links und rechts die Hände ausstreckte und Mr. und Mrs. Crummles des öfteren aufforderte, sie zu ergreifen. Mr. Crummles dankte, und sodann schlug der afrikanische Messerschlucker ebenfalls in ergreifenden Ausdrücken die Gesundheit Mrs. Vincent Crummles' vor. Dies hatte wieder eine ungemein lebhafte Szene zur Folge, in der die Theaterdirektrice und sämtliche Damen aus Herzensgrund schluchzten und stöhnten. Trotz alledem jedoch bestand die heroische Frau darauf, ihren Dank selber mit Worten abzustatten, was sie denn auch mit einem Anstand und einer Beredsamkeit tat, die wohl noch nie dagewesen war und selten ihresgleichen haben wird. Es lag nunmehr Mr. Snittle Timberry ob, den Toast auf die jungen Masters Crummles und das Wunderkind auszubringen, worauf Mr. Vincent Crummles, als deren Vater, eine Rede schwang, in der er sich über die Tugenden, Vorzüge und den liebenswürdigen Charakter seiner Sprößlinge des weiteren ausließ und den Wunsch ausdrückte, so und nicht anders möchten die Söhne und Töchter sämtlicher anwesender Herren und Damen sein. Nach diesen Festlichkeiten folgte eine durch musikalische und andere Vorträge gewürzte Unterbrechung, und schließlich schlug Mr. Crummles vor, auf die Gesundheit Mr. Snittle Timberrys, dieser Zierde in der Kunst, zu trinken und ein wenig später auf die des afrikanischen Messerschluckers sowie auf die seines teuern Freundes, wenn es erlaubt sei, ihn so zu nennen – eine Freiheit, die zu verschweigen kein besonderer Grund vorhanden war und die denn auch der afrikanische Messerschlucker gnädigst genehmigte. Man gedachte endlich auch der Gesundheit des Schriftstellers. Es zeigte sich jedoch, daß dieser schon ein bißchen zu viel getrunken hatte und schlafend auf der Treppe draußen lag. Man gab daher die Absicht auf und übertrug die Ehre auf die Damen. Zum Schluß verließ Mr. Snittle Timberry nach langer Sitzung seinen Präsidentenstuhl, und die Gesellschaft trennte sich unter heißen Umarmungen und Lebewohlen. Nikolas wartete bis zuletzt, um seine kleinen Geschenke anzubringen. Als er sich allerseits verabschiedet hatte und zu Mr. Crummles kam, fiel ihm der Unterschied zwischen der jetzigen Trennung und der, die zu Portsmouth stattgefunden, auf. Bei der jetzigen war auch nicht eine Spur theatralischen Wesens. Mr. Crummles streckte ihm die Hand in einer Weise entgegen, die ihn, wenn er sie auf der Bühne produziert hätte, zum besten Schauspieler seiner Zeit gemacht haben würde. Und als ihm sein junger Freund die Rechte mit aufrichtiger Herzlichkeit drückte, war er offenkundig tief ergriffen. »Wir waren stets die besten Kameraden und haben uns nie, auch nicht einmal mit einem Wort, entzweit, Johnson«, schluchzte der arme Crummles. »Der Gedanke, Sie wiedergesehen zu haben, wird mir morgen meine Reise verschönen, aber jetzt möchte ich fast wünschen, daß wir uns nie wiedergetroffen hätten.« Nikolas wollte eben eine tröstliche Antwort geben, als ihm zu seiner nicht geringen Verwunderung mit einemmal Mrs. Grudden entgegentrat, die dem Abschiedsmahl nicht beigewohnt hatte, um am nächsten Tag früh bei der Hand sein zu können. Sie stürzte, in ungewöhnliche, weiße Gewänder gehüllt, aus einem anstoßenden Schlafzimmer, schlang ihre Arme um seinen Hals und drückte ihn mit großer Zärtlichkeit an den Busen. »Wie, Sie reisen auch?« fragte Nikolas, ihre Zärtlichkeiten über sich ergehen lassend, als wäre sie das schönste Mädchen auf der Welt. »Auch reisen?« wiederholte Mrs. Grudden. »Gott im Himmel, was würde man denn ohne mich anfangen?« Nochmals ließ Nikolas eine Umarmung über sich ergehen, dann winkte er allen mit seinem Hut, so heiter er konnte, zum Abschied und trennte sich von der Familie Crummles. 49. Kapitel Berichtet von weiteren Maßnahmen der Familie Nickleby und dem Verlauf des Abenteuers mit dem Herrn in den Kniehosen Während Nikolas, ganz vertieft in das eine große Thema, das ihn in der letzten Zeit so in Anspruch genommen, seine Mußestunden mit Gedanken an Madeline Bray ausfüllte und bei den gelegentlichen Besuchen, die er infolge von Charles Cheerybles ängstlich besorgten Aufträgen zu machen hatte, jedesmal größere Gefahr für seinen Seelenfrieden lief, lebten seine Mutter und Kate ruhig dahin, durch keine anderen Sorgen bedrückt als durch die, die aus Mr. Snawleys Anstrengungen, seinen Sohn wiederzubekommen, und aus Smikes Befinden hervorgingen, dessen Gesundheit, schon seit langem angegriffen, infolge von Furcht und Ungewißheit derart zu leiden begann, daß die ganze Familie bisweilen in ernstester Unruhe schwebte. Trotz alledem ließ der arme Junge selbst weder ein Murren noch eine Klage vernehmen. Stets übereifrig in seinen kleinen Dienstleistungen und immer ängstlich besorgt, seinen Wohltätern mit heitern und glücklichen Mienen zu begegnen, hätten weniger liebevolle Augen in seinem Aussehen wohl keinen Anlaß zu Besorgnissen gefunden. Aber es gab Stunden – und zwar oft genug –, wo aus seinen eingesunkenen Augen ein ungewöhnlicher Glanz strahlte, wo seine hohlen Wangen fieberhaft glühten, sein Atem schwer ging und sich eine Erschöpfung seines ganzen Organismus zeigte, die den Blicken seiner Freunde nicht entgehen konnte. Es gibt eine gewisse furchtbare Krankheit, die ihre Opfer sozusagen zum Tode schmückt, indem sie sie verschönt und dem Antlitz unheimliche Anzeichen dessen, was da kommen soll, aufdrückt – eine schreckliche Krankheit, in der sich der Kampf zwischen Seele und Leib so allmählich, so ruhig, so feierlich und doch notwendigerweise so verheerend abspielt, daß der sterbliche Teil des Menschen mit jedem Tag mehr und mehr dahinsiecht, während der Geist im Vorgefühl einer höheren Freiheit und der Nähe der Unsterblichkeit ein neues irdisches Leben zu beginnen scheint – eine Krankheit, in der Tod und Leben sich so seltsam mischen, daß der Tod die Farbe des Lebens, das Leben aber die trübe Gestalt des Todes annimmt – eine Krankheit, die noch nie ein Arzt heilte, gegen die weder Reichtum schützt noch Armut, die manchmal dahergebraust kommt auf Sturmesflügeln und dann wieder mit langsamen trägen Schritten einherschleicht, aber – ob jetzt langsam oder schnell – stets zu dem gleichen unabwendbaren Ziele führt. Eine geheime Ahnung, daß es sich um diese Krankheit handle, wenn er es sich auch nicht eingestehen wollte, hatte Nikolas veranlaßt, seinen armen Freund zu einem Arzte von großem Ruf zu führen. Vorderhand sei kein Grund zu ernstlichen Besorgnissen vorhanden, hieß es. Es fehle durchaus an den entsprechenden Symptomen. Die Konstitution des jungen Menschen habe durch die Mißhandlungen in seiner Kindheit notwendigerweise sehr gelitten, möglich sei aber schließlich alles – usw. Indessen schien sich der Zustand nicht zu verschlimmern, und da man die krankhaften Erscheinungen im Befinden Smikes den Erregungen der letzten Zeit recht gut zuschreiben konnte, so tröstete sich Nikolas, daß sein armer Freund bald wieder gesunden werde. Seine Mutter und seine Schwester teilten dieselbe Hoffnung, und da der Mittelpunkt ihrer vereinten Sorgfalt selbst weder unruhig noch mutlos zu sein schien, sondern Tag für Tag mit ruhigem Lächeln versicherte, er fühle sich besser als gestern, so verschwanden nach und nach alle Befürchtungen, und die allgemeine Zufriedenheit war bald wiederhergestellt. Oft und oft blickte Nikolas in späteren Jahren auf diese Epoche seines Lebens zurück, um die ruhigen häuslichen Szenen von ehedem wieder im Geiste zu durchleben. Und oft und oft wanderten im Dämmerlicht an Sommerabenden oder im Winter am flackernden Kaminfeuer – durch die Zeit gemildert – seine Gedanken zu jenen alten Tagen zurück und weilten mit süßem Schmerz bei jeder kleinen Erinnerung, die scharenweise an ihm vorüberzogen. Das kleine Zimmerchen, in dem sie so oft, wenn es dunkel geworden, beisammengesessen und sich eine glückliche Zukunft zurechtgeträumt – Kates fröhliches Lachen – oder wie sie alle, wenn sie nicht zu Hause war, beisammensaßen und auf ihre Rückkehr warteten, ohne das Schweigen durch etwas anderes als die Äußerung zu unterbrechen, wie langweilig alles sein würde ohne ihre Gegenwart – dann die Freude, mit der der arme Smike aus seinem dunkeln Winkel, seinem gewöhnlichen Ruheplätzchen, aufsprang, um ihr die Haustüre aufzuschließen, und die Tränen, die dann oft in seinem Auge glänzten, wobei sich stets alle wunderten, daß er trotzdem so vergnügt und glücklich sein konnte – jeder kleine Vorfall, damals noch so wenig beachtet, tauchte später lebhaft in Nikolas' Gedächtnisse auf, und über dem Staube entschwundener Jahre rauschten die grünen Zweige der Erinnerung, als raunten sie von kaum vergangenen Stunden. Aber mit diesen Erinnerungen waren noch andere Personen und so manches Ereignis verknüpft, die einer späteren Periode unserer Geschichte angehören, weshalb wir jetzt nicht vorgreifen wollen. Gaben die Gebrüder Cheeryble, als sie Nikolas ihres Vertrauens für würdig befunden, ihm jeden Tag neue Beweise ihres Wohlwollens, so vergaßen sie dabei auch niemals der Seinigen. Verschiedene kleine Geschenke an Mrs. Nickleby, stets Gegenstände, deren man am meisten bedurfte, trugen nicht wenig dazu bei, den Komfort und die Verschönerung des kleinen Häuschens zu heben. Kates winziger Besitz an Schmuck wurde geradezu blendend, und was Gesellschaft betraf –! Wenn Charles oder Ned Cheeryble es unterließen, sonntags auf ein paar Minuten oder in der Woche auf einen Abend vorzusprechen, so fand sich Mr. Timotheus Linkinwater, der sein ganzes Leben über kein halbes Dutzend Bekanntschaften gesammelt und von seinen neuen Freunden außerordentlich entzückt war, jedesmal auf seinen Abendspaziergängen ein, um ein wenig auszuruhen, während Mr. Frank Cheeryble durch eine seltsame Verkettung von Umständen, alle möglichen Geschäfte betreffend, mindestens drei Abende in der Woche seinen Besuch abstattete. »Er ist der aufmerksamste junge Mann, den ich je gesehen habe«, sagte Mrs. Nickleby eines Abends zu ihrer Tochter, nachdem sie sich bereits längere Zeit in Lobreden über den genannten Herrn ergangen, wobei Kate stillschweigend zugehört hatte. »Aufmerksam?« wiederholte Kate. »Ach du meine Güte, Kate«, rief Mrs. Nickleby in ihrer gewohnten Erregtheit, »wie du auf einmal so rot werden kannst.« »Aber Mama, was bildest du dir denn ein?« »Nein, nein, liebes Kätchen, es war keine Einbildung«, beharrte Mrs. Nickleby auf ihrer Meinung. »Übrigens ist es jetzt schon wieder vorbei, und es liegt nicht viel daran, ob ich recht hatte oder nicht. Von was haben wir denn gesprochen? Ja richtig, von Mr. Frank. Ich habe in meinem ganzen Leben noch keinen so aufmerksamen Herrn gesehen.« »Das kann doch unmöglich dein Ernst sein?« versetzte Kate, abermals errötend – diesmal jedoch außer allem Zweifel. »Nicht mein Ernst?« erwiderte Mrs. Nickleby. »Warum sollte es denn nicht mein Ernst sein? Ich bin nie ernster gewesen als jetzt. Ich wollte also sagen, daß seine Höflichkeit und Aufmerksamkeit gegen mich das Erfreulichste und Angenehmste ist, was mir seit langer Zeit widerfuhr. Man trifft bei jungen Herrn selten ein solches Benehmen, und um so auffallender ist es daher.« »Ach so, die Aufmerksamkeit gegen dich, Mama!« versetzte Kate rasch. »Da hast du recht.« »Du lieber Himmel, Kate«, versetzte Mrs. Nickleby, »was du doch für ein sonderbares Kind bist. Wie könnte ich denn von seiner Aufmerksamkeit gegenüber anderen Personen reden? Ich gestehe, es tut mir eigentlich leid, daß er, wie ich höre, in eine Dame aus Deutschland verliebt sein soll.« »Er sagte doch ganz bestimmt, daß es nicht so sei, Mama«, erwiderte Kate. »Erinnerst du dich nicht mehr, was er damals, als er das erstemal hier war, sagte? Überdies«, setzte sie in leichtem Plaudertone hinzu, »sehe ich nicht ein, warum es uns leid tun sollte. Es geht uns doch nichts an, Mama.« »Freilich nicht, Kate«, sagte Mrs. Nickleby nachdrücklich, »aber mich immerhin ein wenig, wie ich aufrichtig gestehen muß. Ich sehe es gern, wenn ein Engländer durch und durch Engländer ist und nicht halb englisch und halb – ich weiß nicht was. Wenn er das nächstemal wiederkommt, will ich ihm rundheraus sagen, daß ich es für viel besser hielte, er heiratete eine von seinen Landsmänninnen, und ich möchte gern hören, was er dazu sagt.« »Um alles in der Welt, tu das ja nicht, Mama«, rief Kate hastig. »Bedenke – wie sehr –« »Nun, mein Kind, wie sehr was?« fragte Mrs. Nickleby und blickte verwundert auf. Ehe Kate noch antworten konnte, verkündete ein gewisser wunderlicher kleiner Doppelschlag, daß Miss La Creevy zu Besuch komme, und als sie wirklich eintrat, vergaß Mrs. Nickleby trotz ihrer Neigung, die vorhin besprochene Frage weiter zu erörtern, alles in einem Wust von Worten hinsichtlich der Droschke, in der sie gekommen, indem sie meinte, der Kutscher müsse entweder der Mann in den Hemdärmeln oder der Mann mit dem blauen Auge gewesen sein. Wie sich das alles übrigens auch verhalte, den Sonnenschirm habe er nicht gefunden, den sie letzte Woche im Wagen vergessen hätte. Zweifellos sei er irgendwo lange eingekehrt oder, wenn alle Plätze besetzt gewesen seien, geradeaus gefahren. Übrigens müsse Miss La Creevy doch Nikolas unterwegs bestimmt begegnet sein. »Ich habe ihn nicht bemerkt«, erwiderte Miss La Creevy, »aber den braven alten Herrn, Mr. Linkinwater, glaube ich gesehen zu haben. »Ja ja, der macht jetzt seinen Abendspaziergang und kommt bestimmt her, um ein bißchen auszuruhen, ehe er in die City zurückkehrt«, bemerkte Mrs. Nickleby. »Ich nehme das auch an«, sagte Miss La Creevy »zumal der junge Mr. Cheeryble bei ihm ist.« »Das ist aber doch kein Grund, weshalb Mr. Linkinwater herkommen sollte«, meinte Kate. »Doch – doch, mein Kind«, versicherte Miss La Creevy, »Mr. Frank ist für einen jungen Mann kein besonders rüstiger Fußgänger, und wahrscheinlich wird er deshalb immer so müde und bedarf einer ziemlich langen Rast, wenn er hier vorbeikommt. – Aber, wo ist denn mein Freund?« wechselte die kleine Malerin das Thema und sah sich mit einem schalkhaften Seitenblick auf Kate im Zimmer um. »Man hat ihn doch nicht schon weder entführt?« »Ja richtig, wo ist Mr. Smike?« rief Mrs. Nickleby. »Er war doch noch in diesem Augenblick hier.« Bei weiteren Nachfragen stellte sich zum grenzenlosen Erstaunen der guten Dame heraus, daß Smike sich soeben in sein Schlafzimmer hinaufverfügt hatte. »Er ist doch der wunderlichste Mensch, den es nur geben kann«, sagte sie. »Letzten Dienstag – war es auch Dienstag? Ja ja, es stimmt. Du erinnerst dich, Kate, an demselben Tag, als Mr. Frank Cheeryble das letztemal hier war – am letzten Dienstagabend machte er sich ganz in derselben sonderbaren Weise und im selben Augenblick, als an die Türe geklopft wurde, auf und davon. Der Grund kann nicht darin liegen, daß er an Gesellschaften keinen Geschmack fände, denn er hat alle Leute gern, die Nikolas gern haben, was doch wohl bei Mr. Cheeryble der Fall ist. Das sonderbarste dabei ist, daß er in solchen Fällen nicht zu Bette geht; er tut es also nicht, weil er müde wäre. Ich weiß genau, daß er nicht zu Bett geht, denn sein Schlafzimmer liegt gerade neben dem meinigen, und als ich am letzten Dienstag eine Stunde nach ihm hinaufging, hörte ich, daß er nicht einmal seine Schuhe ausgezogen hatte. Licht war auch nicht in seiner Stube, und er muß daher die ganze Zeit über träumend im Dunkeln gesessen haben. – Wahrhaftig, es kommt mir ganz kurios vor, wenn ich an all das denke.« Da sie bei ihren Zuhörerinnen kein Echo fand, sei es, weil diese nicht zuhörten oder weil sie den Wortschwall nicht unterbrechen wollten, so nahm Mrs. Nickleby den Faden des Gesprächs in der ihr eigentümlichen Weise gleich wieder auf. »Ich hoffe«, fuhr sie fort, »daß dies unerklärliche Benehmen nicht der Anfang davon sein wird, daß er sein ganzes Leben im Bett zubringt, wie die Frau von Tutbury, das bekannte Durstphänomen, oder der Klopfgeist in der Hahnengasse und andere sonderbare Geschöpfe. Eines davon stand übrigens mit unserer Familie in Verbindung. Ich weiß nicht mehr recht, aber in alten Briefschaften, die ich oben habe, kann ich nachsehen, ob es mein Urgroßvater war, der mit dem Klopfgeist in der Hahnengasse in die Schule ging, oder ob es die durstige Frau von Tutbury war, die mit meiner Großmutter zusammen Lesen und Schreiben lernte. Miss La Creevy, Sie müssen es doch wissen, wer war es, der auf die Worte des Geistlichen nicht hörte? Der Geist in der Hahnengasse oder die durstige Frau von Tutbury?« »Ich glaube, es war der Kobold in der Hahnengasse.« »Ich zweifle nicht«, schnatterte Mrs. Nickleby weiter, »daß er es war, der mit meinem Urgroßvater in die Schule ging, denn ich weiß genau, der Schulmeister war ein Dissenter, und aus diesem Grund läßt sich leicht erklären, daß der Geist in der Hahnengasse sich so unschicklich gegenüber einem Geistlichen benahm. Ach Gott, einen Geist aufziehen! Kind, ich glaube –« Ihre weiteren Betrachtungen über dieses höchst fruchtbare Thema wurden durch den Eintritt Tim Linkinwaters und Frank Cheerybles abgebrochen, und über der Hast der Bewillkommnung vergaß die gute Dame auf der Stelle alles andere. »Ich bedaure nur, daß Nikolas nicht zu Hause ist«, klagte sie. »Liebe Kate, da mußt du eben Nikolas und du selber sein.« »Miss Nickleby braucht bloß sie selber zu sein. Ich verwahre mich – entschuldigen Sie die Freiheit – gegen jede Umwandlung von ihrer Seite«, scherzte Mr. Frank. »Dann soll sie jedenfalls darauf dringen, daß Sie bei uns bleiben«, meinte Mrs. Nickleby. »Mr. Linkinwater spricht zwar nur von zehn Minuten, aber ich kann Sie unmöglich so bald schon gehen lassen, denn ich bin überzeugt, es würde Nikolas außerordentlich leid tun, Sie nicht mehr anzutreffen. Liebes Kätchen –« Dem vielen Nicken, Blinzeln und bedeutsamen Stirnrunzeln ihrer Mutter Folge leistend fügte auch Kate ihre Bitte hinzu, daß die beiden Herren bleiben möchten. Auffallend war nur, daß sie sich dabei fast ausschließlich an Tim Linkinwater wendete. Ihr Benehmen verriet eine Verlegenheit, die selbst dem Blicke ihrer Mutter nicht entging, obgleich sie an Anmut dadurch ebensowenig einbüßte, als ihre Schönheit durch die Glut, die sich einen Augenblick lang auf ihren Wangen malte, verlor. Da die einsichtsvolle alte Dame nicht sonderlich spekulativ veranlagt war, ausgenommen, wenn sie ihren Vermutungen Worte leihen und diese sogleich an den Mann bringen konnte, so schrieb sie die Verwirrung ihrer Tochter lediglich dem Umstande zu, daß diese gerade nicht ihr bestes Kleid anhatte. Nikolas kam nicht nach Hause, und auch Smike kam nicht wieder, aber keines von beiden übte einen besonderen Einfluß auf die Gesellschaft aus, die sich bald in der bestmöglichen Laune befand. Ja, es kam sogar zwischen Miss La Creevy und Timotheus Linkinwater zu einem förmlichen Liebesgeplänkel, da der wackere Buchhalter tausenderlei scherzhafte und neckische Dinge vorbrachte und allmählich galant, um nicht zu sagen zärtlich wurde. Miss La Creevy ihrerseits schien ungewöhnlich mutwillig und zog Tim in seiner Eigenschaft als Hagestolz mit solchem Erfolge auf, daß dieser sich endlich zu der Erklärung veranlaßt sah, er wisse nicht, ob er nicht doch auf seine alten Tage sein Junggesellentum aufgeben würde, wenn er nur eine Dame fände, die ihn haben möchte. Miss La Creevy empfahl ihm hierauf mit größter Ernsthaftigkeit eine Freundin, die sich vortrefflich für ihn eignen würde und überdies ein recht hübsches Vermögen besäße, aber letztere Eigenschaft übte einen sehr geringen Einfluß auf Mr. Linkinwater, der ernsthaft versicherte, Geld käme bei ihm durchaus nicht in Betracht; der Mann müsse bei der Wahl seiner Frau auf den inneren Wert und einen umgänglichen Charakter sehen, und wenn dies alles vorhanden sei, so dürfte es ihm wohl nicht schwerfallen, für die mäßigen Bedürfnisse zweier Leute Geld genug auftreiben zu können. Diese Anschauung wurde für so ehrenvoll angesehen, daß Mrs. Nickleby und Miss La Creevy Mr. Linkinwater nicht genug in den Himmel heben konnten. Hierdurch angespornt, erging sich Tim in noch verschiedenen weiteren Erklärungen, die, da sie die Uneigennützigkeit seines Herzens und seine große Verehrung gegenüber dem schönen Geschlecht bekundeten, mit nicht geringerem Beifall aufgenommen wurden. Alles dies tat er mit einer komischen Mischung von Scherz und Ernst und veranlaßte dadurch große Heiterkeit und Gelächter. Zumeist war Kate in ihrem Heim die Seele der Unterhaltung, heute jedoch verhielt sie sich ungemein schweigsam – möglicherweise, weil Tim und Miss La Creevy fast ausschließlich die Unterhaltung führten; sie schaute in die Schatten des Abends hinaus, saß am Fenster und freute sich der ruhigen Schönheit der hereinbrechenden Dämmerung, die auch für Frank Cheeryble kaum weniger Anziehung zu haben schien, da er sich, anfänglich in ihrer Nähe stehend, endlich dicht an ihre Seite setzte. Zweifellos läßt sich viel Schönes über einen Sommerabend sagen und zweifelsohne auch am besten in leisem Ton, da eine solche Unterhaltung mit der Ruhe und Heiterkeit der Dämmerstunde übereinstimmen will; bisweilen treten auch Pausen ein, und dann und wann fällt ein ernstes Wort. Dann wiederum tritt ein Schweigen ein, das eigentlich gar kein Schweigen ist, vielleicht auch hin und wieder geschieht ein rasches Abwenden des Gesichts oder ein Niederschlagen der Augen – alle solche geringfügigen Umstände, verbunden mit einem ausgesprochenen Widerwillen, das Licht anzuzünden, und eine Neigung, Stunden mit Minuten zu verwechseln, sind ohne Zweifel nichts als Wirkungen der poetischen Tageszeit, wie gewiß manche junge Dame bezeugen kann. Es war daher nicht der mindeste Grund vorhanden, warum Mrs. Nickleby hätte erstaunt sein sollen, daß Kate, als endlich das Licht hereingebracht wurde, dessen Schein nicht ertragen konnte, ihr Gesicht abwendete und sogar auf eine Weile das Zimmer verlassen mußte. Begreiflicherweise, wenn man so lange im Finstern sitzt, blendet einen das Licht, und es ist daher nichts natürlicher, als daß man so handelt, wie jeder Mensch genau weiß. Alte Leute wissen es selbstverständlich auch oder wußten es wenigstens einmal, aber sie vergessen bisweilen solche Dinge, und das ist schade. Wie dem übrigens auch sein mag – die gute Dame erstaunte, und dabei blieb es nicht einmal, denn ihr Erstaunen wurde noch größer, als sie entdeckte, daß Kate nicht den geringsten Appetit zum Abendessen hatte. Gewiß eine sehr beunruhigende Wahrnehmung. Wer weiß, mit welchem Aufwand von Beredsamkeit Mrs. Nickleby ihren Besorgnissen Ausdruck gegeben hätte, wenn nicht im selben Augenblick die allgemeine Aufmerksamkeit durch ein seltsames Geräusch in Anspruch genommen worden wäre, das, wie das vor Furcht zitternde, totenblasse Dienstmädchen versicherte und wie sich jeder durch eigene Beobachtung überzeugen könne, »direkt« durch den Kamin des anstoßenden Zimmers heruntertöne. Da es sämtlichen Anwesenden vollkommen klar war, daß, so unwahrscheinlich es auch klang, das Geräusch tatsächlich aus dem Kamin kam und ein seltsames Gemisch von Rutschen, Rumpeln, Zappeln und Reiben war, so nahmen Mr. Frank Cheeryble eine Kerze und Timotheus Linkinwater die Feuerzange, um sich auf der Stelle über diese Störung Gewißheit zu verschaffen. Sie wollten sich ins Nebenzimmer begeben und hätten es auch unverzüglich getan, wenn nicht die vor Angst fast ohnmächtige Mrs. Nickleby heftig protestiert hätte. Schließlich einigte man sich dahin, gemeinsam das unheimliche Gemach zu betreten, und nur Miss La Creevy blieb bei dem Dienstmädchen zurück, da dieses erklärte, es habe in seiner Kindheit an epileptischen Anfällen gelitten und es müsse daher für den schlimmsten Fall immer jemand zur Hand sein, um die geeigneten Belebungsmittel anzuwenden. Als man gegen die Türe des geheimnisvollen Zimmers vorrückte, ließ sich zu nicht geringem Erstaunen der Gesellschaft von irgendwo aus der Wand eine menschliche Stimme vernehmen, die mit ausgesucht melancholischem Ton und halb erstickt wie unter fünf oder sechs der besten Federbetten hervor die einstmals so volkstümliche Weise trällerte: »Sie, die ich einst so heiß geliebt, hat mir die Treue gebrochen.« Das allgemeine Erstaunen wuchs noch, als man entdeckte, daß diese romantischen Klänge tatsächlich aus der Kehle eines Menschen drangen, der im Kamin stak und von dem nichts als ein Paar Beine sichtbar waren, die jetzt plötzlich über dem Feuerrost baumelten und augenscheinlich in großer Angst nach der oberen Kaminstange tasteten, um einen Stützpunkt zu gewinnen. Tim Linkinwater stand wie vom Schlage gerührt, da dieser Anblick so gar nichts Geschäftsmäßiges hatte, dann wagte er es, den Unbekannten einige Male in die Waden zu zwicken, und als dies zu nichts führte, erstarrte er vollends, ohne etwas anderes zu tun, als die Feuerzange als Vorbereitung zu einem weiteren Angriff auf- und zuzuklappen. »Es muß ein Betrunkener sein«, sagte Frank; »ein Dieb würde seine Gegenwart in solcher Weise nicht verraten.« Zornig erhob er die Kerze, um die Beine besser besichtigen zu können, und trat eben vor, um eines davon in etwas unzeremonieller Weise herunterzuzerren, als Mrs. Nickleby die Hände zusammenschlug, einen gellenden Schrei ausstieß und zu wissen begehrte, ob die geheimnisvollen Gliedmaßen des Kaminbewohners nicht in kurzen Hosen und grauen wollenen Strümpfen stäken oder ob sie ihre Augen getäuscht hätten. »Jawohl«, rief Frank genauer hinblickend, »allerdings sind es kurze Hosen – und auch – grobe graue Strümpfe. Kennen Sie ihn vielleicht, Madame?« »Liebe Kate«, rief Mrs. Nickleby, sich mit verzweifelter Resignation auf einen Stuhl niederlassend, wahrscheinlich, um damit anzudeuten, die Sachlage sei nunmehr zu einer Krisis gediehen und jede Verstellung nutzlos. »Du wirst mir den Gefallen tun und den Zusammenhang der Sache genau auseinandersetzen. Ich habe ihm keinerlei Hoffnungen gemacht – im Gegenteil –, wie du mir, da du vollkommen von allem unterrichtet bist, bezeugen kannst. Er war in seinen Erklärungen sehr ehrerbietig – außerordentlich ehrerbietig –, wie du selbst mit angehört hast, wenn ich aber trotzdem in dieser Weise verfolgt werde und mir sämtliche Gartengewächse in den Weg fliegen, sobald ich nur einen Schritt aus der Türe mache, und in mein Haus Herren eindringen und mir dabei den Kamin verstopfen, so weiß ich wirklich nicht – meiner Seel', ich weiß nicht, was noch aus alledem werden soll. Es ist traurig, trauriger als alles, was mir jemals vor meiner Verheiratung mit deinem armen seligen Papa begegnet ist, obgleich ich damals schon mancherlei Widerwärtiges erfahren mußte – aber das habe ich selbstverständlich vorausgesehen und mich darauf gefaßt gemacht. Als ich noch nicht ganz so alt war wie du jetzt, saß einmal ein junger Herr neben mir in der Kirche, der fast jeden Sonntag während der Predigt meinen Namen mit großem Anfangsbuchstaben in den Betstuhl schnitt. Es war gewiß sehr schmeichelhaft für mich, aber andererseits höchst widerwärtig, weil der Betstuhl an einem in die Augen springenden Platze stand und der junge Herr mehrmals wegen seines Unterfangens öffentlich durch den Mesner zur Kirche hinausgeschafft werden mußte. Aber was war das alles gegen dies hier? Dieser Auftritt ist noch viel schlimmer und setzt mich in eine weit größere Verlegenheit. Ich wollte, liebe Kate«, setzte sie feierlich und in einer Flut von Tränen hinzu, »gewiß und wahrhaftig, ich hätte lieber eine Hasenscharte, einen Wolfsrachen oder weiß Gott was sonst, als einem derartigen Leben ausgesetzt zu sein.« Mit nicht zu hemmendem Erstaunen blickten Frank Cheeryble und Tim Linkinwater zuerst einander und dann Kate an, die zwar die Notwendigkeit einer Erklärung fühlte, aber vor lauter Schrecken über die Erscheinung der Beine und aus Furcht, der Mann im Kamin könne ersticken, und da sie überdies wünschte, das Rätsel in möglichst wenig lächerlichem Sinne zu lösen, keine Silbe hervorzubringen vermochte. »Es verletzt mich fürchterlich«, fuhr Mrs. Nickleby sich die Augen trocknend fort, »geradezu schrecklich. Aber ich bitte, krümmen Sie ihm kein Haar – um alles in der Welt –, kein Haar seines Hauptes.« Unter den gegebenen Umständen würde es durchaus nicht leichtgefallen sein, ein Haar auf dem Haupte des fremden Herrn zu krümmen, da dieser Teil seines Körpers einige Fuß weiter oben in dem ohnehin engen Kamin stak. Da er aber die ganze Zeit über nicht abließ, von seiner treulosen Schönen zu singen, und jetzt nicht nur abermals begann, schwach zu krächzen, sondern auch aufs heftigste mit den Beinen zu strampeln, als ob er keine Luft mehr habe, so zerrte ihn Frank Cheeryble, ohne lange zu zögern, an den kurzen Hosen und wollenen Strümpfen ins Zimmer herunter. »Ja, ja, ich kenne ihn«, rief Kate, als die ganze Gestalt des seltsamen Gastes auf so plötzliche Weise zum Vorschein kam. »Ich kenne ihn, bitte schonen Sie ihn. Hat er Schaden genommen? Ich hoffe doch nicht – oh, bitte, bitte, sehen Sie nach, ob er sich nicht verletzt hat.« »Beruhigen Sie sich, er ist nicht im geringsten verwundet«, versicherte Frank, der auf diese Aufforderung hin den Gegenstand der allgemeinen Überraschung mit einem Male mit größter Zartheit und Achtung behandelte. »Er soll nicht näher kommen«, schrie Kate und zog sich so weit als möglich zurück. »Nein, das soll er nicht«, beteuerte Frank; »ich habe ihn fest am Kragen. Aber darf ich vielleicht fragen, was das alles zu bedeuten hat und ob Sie den alten Herrn vielleicht erwarteten?« »Selbstverständlich nein«, rief Kate; »er ist – ich glaube zwar, daß meine Mama diese Ansicht nicht teilt – aber er ist ein Wahnsinniger, der aus dem Hause nebenan entflohen sein muß und hier wahrscheinlich eine Gelegenheit suchte, sich zu verbergen.« »Kate«, fiel Mrs. Nickleby würdevoll ein, »ich kann mich nicht genug über dich wundern!« »Aber, liebe Mama«, remonstrierte Kate sanft. »Ich kann mich nicht genug über dich wundern«, wiederholte Mrs. Nickleby; »wahrhaftig, ich bin geradezu erstaunt, daß auch du dich den Feinden dieses unglücklichen Gentlemans anschließt, wo du doch so genau von den schlimmen Absichten unterrichtet bist, die man ihm gegenüber an den Tag legt, und weißt, daß man ihn seines Vermögens berauben will, worin eigentlich das ganze Geheimnis der Sache liegt. Es wäre weit menschenfreundlicher von dir, Kate, wenn du Mr. Linkinwater oder Mr. Cheeryble bätest, Schritte für ihn zu tun, damit er endlich zu seinem Rechte gelangt. Du solltest dich nicht durch äußere Eindrücke bestimmen lassen, denn so etwas ist Sünde – ja, eine große Sünde. Meinst du, ich hätte nicht auch Ursache, aufgebracht zu sein? Gewiß niemand mehr als ich und zwar mit vollem Recht, aber dennoch möchte ich nicht um eine ganze Welt eine solche Ungerechtigkeit gegen den Unglücklichen begehen. – Nein –«, fuhr Mrs. Nickleby, sich in die Brust werfend, fort und blickte gleichzeitig mit einer Art verschämter Würde in eine andere Richtung »– aber der Herr wird mich verstehen, wenn ich ihm sage, daß ich die Antwort, die ich ihm kürzlich gegeben, wiederhole und – daß ich sie stets wiederholen werde, obgleich ich an seiner aufrichtigen Gesinnung nicht im mindesten zweifle und selbst sehe, wie er sich um meinetwillen in eine so schreckliche Lage begeben hat. Ich muß ihn nur bitten, auf der Stelle fortzugehen, da es sonst unmöglich sein würde, sein Betragen vor meinem Sohn Nikolas weiterhin geheimzuhalten. Ich bin ihm zwar verbunden, sehr verbunden sogar, aber ich darf seinen Anträgen auch keine Sekunde lang mein Ohr leihen! – Unter gar keinen Umständen!« Während dieser Standrede saß der alte Herr mit den kurzen Hosen, die Wangen mit Rußflecken verschönt und desgleichen die Nase, auf dem Boden, hatte die Arme verschränkt und betrachtete die Anwesenden mit majestätischer Miene, ohne mit der Wimper zu zucken. Auch von Mrs. Nicklebys Worten schien er nicht die mindeste Notiz zu nehmen. Erst als sie schwieg, beehrte er sie mit einem langen stieren Blick und fragte sie, ob sie endlich fertig sei. »Ich habe nichts mehr hinzuzufügen«, versetzte die treffliche Dame bescheiden; »wirklich, ich wüßte auch nicht, was ich weiter zu sagen hätte.« »Sehr gut«, brummte der alte Herr und erhob plötzlich seine Stimme, »man bringe mir eine Flasche Gewitterwasser, ein reines Glas und einen Stöpselzieher.« Da sich niemand beeilte, seinen Befehlen nachzukommen, erhob er nach kurzer Pause abermals seine Stimme und verlangte ein Donnerbutterbrot. Als ihm auch dies versagt blieb, bat er um ein Knallerbsenpüree und ein Frikassee von Stulpstiefeln in Goldfischsauce, lachte dann herzlich und erheiterte seine Zuhörer mit einem langen, lauten und ungemein melodischen Gebell. Dessenungeachtet schüttelte Mrs. Nickleby als Antwort auf die bedenklichen Blicke der Anwesenden immer noch das Haupt, um dadurch anzudeuten, sie könne hinter all dem nichts weiter vermuten als etwa einen leichten Grad von Exzentrizität. Wahrscheinlich würde sie auch von dieser Ansicht bis zum letzten Augenblick ihres Lebens nicht abgegangen sein, wenn nicht ein Umstand dazugetreten wäre, der, unbedeutend an sich, dennoch mit einem Schlage die ganze Sachlage veränderte. Miss La Creevy nämlich, die den Seelenzustand ihrer Patientin nicht sehr bedrohlich fand und nur zu gerne die Vorgänge im anstoßenden Zimmer mit angesehen hätte, stieß jetzt zu der dort anwesenden Gesellschaft, gerade als der alte Herr mitten im lautesten Bellen begriffen war. Kaum wurde er der kleinen Malerin ansichtig, so hielt er plötzlich inne, sprang auf seine Füße und warf ihr ohne Unterlaß Kußhändchen zu – ein Benehmen, daß Miss La Creevy fast bis zu Tode entsetzt und in größter Eile hinter Tim Linkinwater flüchten ließ. »Aha«, rief der alte Herr und zog an seinen Fingern, daß alle Gelenke knackten. »Ich sehe sie jetzt. Endlich habe ich sie. Angebetete! Mein süßes Leben, oh du unvergleichliche Schönheit, endlich bist du gekommen – endlich –, und alles ist eitel blauer Dunst und Gamaschen.« Einen Augenblick machte Mrs. Nickleby ein ziemlich verblüfftes Gesicht, schnell sammelte sie sich jedoch wieder, winkte Miss La Creevy und den übrigen Zuschauern einigemal zu und gab ihnen durch Stirnrunzeln und ernstes Lächeln zu verstehen, sie wisse genau, daß hier ein Mißverständnis obwalte, und sie könne die Sache in ein paar Minuten aufklären. »Sie ist gekommen!« rief der alte Herr von neuem und legte die Hand aufs Herz. »Trotz Seerabe und Mondkalb. Sie ist gekommen, und ich lege ihr alle meine Schätze zu Füßen, wenn sie mich als ihren Sklaven annimmt. Wo ist so viel Anmut, Schönheit und Süßigkeit wie bei ihr? Bei der Kaiserin von Madagaskar, bei der Königin des Diamantenlandes? Nein! Bei Fräulein Anna Csillag, die sich jeden Morgen gratis mit Klettenwurzelessenz einreibt? Nein! Man verschmelze die Reize aller dieser Damen in eins, füge die der drei Grazien, der neun Musen und der vierzehn Zwiebacksbäckertöchter in der Oxford Street hinzu, und immer noch werdet ihr kein halbwegs so liebenswürdiges Wesen zusammenbringen wie dies hier! Versucht es nur!« Nach dieser Lobeshymne schnappte der alte Herr mit den Fingern einen Wirbel und schwelgte aufs neue in Verzückung über Miss La Creevys Reize. Dies gab Mrs. Nickleby eine günstige Gelegenheit, den Vorfall zu erklären. »Hem – unter so prüfungsreichen Umständen«, begann sie nach einem vorbereitenden Hüsteln, »wie den gegenwärtigen ist es fürwahr ein großer Trost, zu sehen, daß jemand irrtümlicherweise mit mir verwechselt wird. – Ja, es ist ein sehr großer Trost. Nie ist mir früher etwas dergleichen begegnet, wenn man mich auch schon des öftern mit meiner Tochter Kate verwechselt hat. Die Leute waren zweifelsohne in solchen Fällen sehr töricht, da sie doch hätten einsehen müssen, daß es nicht sein kann, aber nichtsdestoweniger hielten sie mich für meine eigene Tochter. Die Schuld lag natürlich nicht an mir, und es wäre wirklich sehr hart und ungerecht, wenn man mich für etwas Derartiges verantwortlich machen wollte. Im gegebenen Falle jedoch würde ich unrecht handeln, wenn ich jemand anders – besonders jemand, gegen den ich so große Verpflichtungen habe – um meinetwegen in Verlegenheit kommen ließe. Ich halte es daher für meine Pflicht, diesem Herrn hier zu sagen, daß er sich im Irrtum befindet und ich die Dame bin, von der ihm irgendeine unverschämte Person einmal sagte, ich sei die Nichte des Straßenpflasterungskommissärs. Ich bitte ihn nochmals auf das anständigste, sich ruhig zu entfernen, wäre es auch nur« – hier stockte Mrs. Nickleby geziert und fügte dann schmachtend hinzu – »um seinetwillen.« Anstatt nun durch ein solches Zartgefühl aufs tiefste ergriffen zu sein oder zum mindesten achtungsvoll und höflich etwas darauf zu erwidern, rief der alte Herr in einer Weise, die nicht mißzuverstehen war und Mrs. Nicklebys höchstes Entsetzen erregte, mit lauter Stimme: »Fort mit dir – alte Katze!« »Sir!« hauchte Mrs. Nickleby. »Katze!« wiederholte der alte Herr. »Miez, Miez, Miez; Ksks, Kss.« Letzteren Lockruf gedehnt durch die Zähne zischend, schlenkerte er sodann ungestüm mit den Armen umher und trat dabei abwechselnd auf Mrs. Nickleby zu und zog sich sprunghaft wieder zurück, ganz wie es die Gassenbuben an Markttagen tun, um Schweine, Schafe und andere Tiere in ihre Schranken zurückzuweisen, wenn diese hartnäckig in eine falsche Straße einbiegen wollen. Mrs. Nickleby verschwendete weiter keine Worte mehr an den Unwürdigen, ließ nur einen Ausruf des Staunens und Entsetzens vernehmen und sank prompt in Ohnmacht. »Ich will meiner Mutter beistehen«, rief Kate hastig. »Ich bin vollkommen gefaßt, seien Sie unbesorgt, aber bitte schaffen Sie diesen Menschen fort – bringen Sie ihn hinaus.« Frank Cheeryble wußte anfangs nicht recht, wie er dieser Aufforderung nachkommen sollte, verfiel indes bald auf die Kriegslist, Miss La Creevy ein paar Schritte vorausgehen zu lassen, und bugsierte ihr den alten Herrn nach. Das Manöver gelang vortrefflich, und man brachte den unheimlichen Gast in einem Zustand verzückter Liebesglut glücklich zur Tür hinaus. »Kate«, flüsterte Mrs. Nickleby, die sofort, als das Zimmer leer war, wieder zu sich kam, »ist er fort?« Kate bejahte. »Ich werde es mir nie verzeihen, Kate«, jammerte Mrs. Nickleby, »daß ich die unglückliche Ursache bin, daß dieser Herr den Verstand verloren hat.« »Du die Ursache??« rief Kate höchst erstaunt. »Jawohl, ich, mein Kind«, hauchte Mrs. Nickleby verzweifelt. »Du hast gesehen, wie er sich das letztemal benahm, und was aus ihm geworden ist. Ich sagte deinem Bruder schon vor einigen Wochen, wie sehr ich fürchte, er würde eine Enttäuschung nicht ertragen können. Jetzt siehst du selbst die Folgen. Zugegeben, daß er schon damals etwas überspannt war, so weißt du doch, wie vernünftig, gefühlvoll und ehrerbietig er gesprochen hat, als wir ihn das letztemal im Garten sahen. Und heute hast du den schrecklichen Unsinn mit angehört, den er gesprochen hat. Hast du gesehen, wie er die unglückliche alte Jungfer verspottete? Kann da nur der mindeste Zweifel obwalten, worin der Grund zu all dem liegt?« »Ja, das sollte man meinen«, sagte Kate mild. »Ja, kein Zweifel«, rief die treffliche Dame. »Wenn ich nun aber auch die unglückliche Ursache bin, so habe ich doch die beruhigende Gewißheit, daß man mir keinen Vorwurf machen kann; ich sagte zu Nikolas, lieber Nikolas, sagte ich, da heißt es ungemein vorsichtig zu Werke gehen. Aber er hörte mich kaum an. Wäre man von Anfang an gleich so vorgegangen, wie ich es immer wünschte – aber da seid ihr beiden eben ganz wie euer armer seliger Vater. Nun, ich kann mir keinesfalls einen Vorwurf machen. Das tröstet mich.« Nachdem sich Mrs. Nickleby in dieser Art hinsichtlich ihrer Verantwortlichkeit für Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft die Hände in Unschuld gewaschen, fügte sie liebevoll hinzu, sie hoffe, ihre Kinder möchten dereinst nie begründetere Ursache haben, sich Vorwürfe zu machen, als sie jetzt. Dann warf sie sich in Positur, die Eskorte zu empfangen, die gleich darauf mit der Nachricht zurückkehrte, der alte Herr sei wohlbehalten wieder in seinem Heim untergebracht und man habe seine beiden Wächter, die sich inzwischen mit einigen Freunden vergnügt hätten, mit der Nachricht von seinem Ausfluge überrascht. Als die Ruhe wiederhergestellt war, verbrachte die Gesellschaft noch eine köstliche halbe Stunde – wie Frank die Unterhaltung im Lauf des Gesprächs nannte, das er auf dem Heimweg mit Tim Linkinwater hielt – bei traulichem Beisammensein, bis endlich Mr. Linkinwater mahnte, es sei höchste Zeit zum Aufbruch. Da weiter nichts mehr zu besorgen stand und sich auch kein Vorwand mehr finden ließ, länger zu bleiben, sah sich Mr. Cheeryble schließlich genötigt, sich mit dem getreuen Tim zu entfernen. Beinahe drei Stunden vergingen noch in tiefstem Schweigen, bis Nikolas endlich zurückkehrte und Kate bis über die Ohren errötete, als sie bemerkte, wie lange sie, nur mit ihren Gedanken beschäftigt, allein dagesessen hatte. »Es kam mir kaum wie eine halbe Stunde vor«, stotterte sie. »Das müssen ja sehr angenehme Träume gewesen sein, Kate, wenn sie imstande waren, dir die Zeit so schnell vergehen zu machen«, meinte Nikolas heiter. »Darf ich fragen, worüber du nachgedacht hast?« Kate war verwirrt, machte sich am Tische zu schaffen, blickte auf, lächelte, sah zu Boden und ließ eine Träne fallen. »Ei, ei, Kate!« rief Nikolas, zog seine Schwester an sich und küßte sie. »Laß mich dir doch einmal ins Gesicht sehen. Nicht? Warum denn nicht? So blicke doch auf, Kate! Komm, ich werde dir deine Gedanken aus den Augen ablesen.« Trotz der Harmlosigkeit und Unbefangenheit seines Ansinnens klang doch etwas aus seinen Worten, was Kate zu beunruhigen schien, so daß Nikolas lachend das Thema wechselte und auf häusliche Angelegenheiten überging. Im Lauf der Gespräche erfuhr er von Kate, wie einsam Smike den ganzen Tag über gewesen sei – aber nur allmählich, denn Kate schien auch über diesen Gegenstand nicht gern sprechen zu wollen. »Der arme Junge«, seufzte Nikolas und klopfte leise an Smikes Tür. »Was mag das wohl für einen Grund haben?« Kate hatte sich in ihn eingehängt, als sie zusammen die Treppe hinaufgingen, und es blieb ihr, als die Tür rasch geöffnet wurde, nicht Zeit, sich loszumachen, da trat ihnen Smike bereits blaß und müde, aber vollständig angekleidet entgegen. »Ich dachte, du seist zu Bett gegangen?« fragte Nikolas erstaunt. »Nein«, war die zögernde Antwort. Nikolas hielt seine Schwester, die sich entfernen wollte, sanft zurück und fragte: »Warum nicht?« »Ich konnte nicht schlafen«, erwiderte Smike, die Hand ergreifend, die ihm sein Freund und Wohltäter hinreichte. »Fühlst du dich denn nicht wohl?« »Es ist mir schon besser – wirklich viel besser«, erwiderte Smike hastig. »Aber warum gibst du dich denn solchen trübseligen Anwandlungen hin? Oder warum sagst du uns nicht die Ursache? Du bist ja ein ganz anderer Mensch geworden.« »Ach, ich weiß das sehr gut und werde Ihnen schon einmal alles sagen. Aber jetzt, bitte, dringen Sie nicht in mich. Ich könnte mich selbst deshalb verabscheuen. – Ihr seid alle so gut und freundlich zu mir, aber ich kann mir nicht helfen, mein Herz ist übervoll – ihr wißt nicht wie voll.« Er drückte Nikolas die Hand. Ehe er sie losließ, blickte er noch eine Sekunde auf die Arm in Arm vor ihm stehenden Geschwister, als ergreife ihn ihre innige Liebe aufs tiefste, dann ging er wieder in sein Zimmer zurück und war bald der einzige Wachende unter dem friedlichen Dach. 50. Kapitel Eine Katastrophe Das kleine Wettrennen in Hampton stand im Zenit seiner glanzvollen Heiterkeit. Der Tag war so schön wie nur irgend möglich, und die Sonne strahlte heiß von dem wolkenlosen Himmel herab. Jeder bunte Wimpel, der von den Wagensitzen und den Spitzen der prunkvollen Zelte in der Luft flatterte, zeigte seine fröhlichsten Farben; jedes schmutzige Fähnchen schien neues Leben bekommen zu haben, die abgeriebenen Vergoldungen waren aufgefrischt, und ehemals stockfleckige Leinwand prangte in der Weiße des Schnees. Selbst die Lumpen der Bettler schienen glänzend geworden zu sein, und die allgemeine Wohltätigkeit erlahmte beim Anblicke einer so malerischen Armut. Es war eine jener lebensvollen Szenen, die überall einen angenehmen erquickenden Eindruck ausüben müssen, denn wem das Auge von Prunk und Schaugepränge ermüdet ist oder das Ohr taub geworden von unaufhörlichem Lärm, dessen Sinne ruhen aus, wenn überall die Gesichter vor Vergnügen strahlen und die Erinnerung an störende Geräusche durch den Anblick von Lust und Heiterkeit ertötet wird. Sogar die sonnenverbrannten Gesichter halbnackter Zigeunerkinder verbreiten dann Lust und Behagen. Es hat etwas Erfreuliches, zu fühlen und zu wissen, daß sie Kinder sind und Kinderjahre genießen, und wenn ihre Kissen auch feucht sind vom Tau des Himmels, so sind sie es doch nicht von Tränen. Die Glieder ihrer Mädchen sind frei und nicht verkrüppelt oder verkümmert wie die der Stadtkinder, und wenn sie auch in den Tag hineinleben, so verbringen sie doch ihre Kindheit unter säuselnden Bäumen und nicht umgeben von sausenden Maschinen, bei denen unsere Jugend alt wird, ehe sie weiß, was Spiel ist, und das Siechtum und das Gebrechen des Alters erfährt, ohne die tröstliche Aussicht auf baldige Erlösung zu haben wie der Greis. Wollte Gott, die alten Ammenmärchen würden wieder zur Wahrheit und die Zigeuner stählen solche Kinder zu Hunderten und Tausenden. Das Hauptrennen des Tages war soeben vorüber, die dichten Volksreihen zu beiden Seiten der Rennbahn lichteten sich mit einem Schlag, und alles stürmte in die Rennbahn hinein, eine tumultvolle Szene, die dem Bild ein neues Leben zu verleihen schien. Viele drängten sich, das Pferd zu betrachten, das den Preis davongetragen, und die Vornehmen suchten mit nicht geringerem Ungestüm ihre Wagen wieder auf, die sie verlassen hatten, um das Rennen besser sehen zu können. Hier umringte eine kleine Gruppe einen Würfeltisch, um zuzuschauen, wie irgendein unglücklicher Gelbschnabel gerupft wurde, dort wieder suchte ein Glücksritter mit seinen geschickt verkleideten Helfershelfern – der eine mit einer Brille, der andere mit Lorgnette und Modehut, ein dritter als ehrlicher Landpächter verkleidet und einer großen ledernen Brieftasche voll falscher Banknoten, alle aber mit schwerstieligen Peitschen in den Händen, um harmlose Bauern vorzustellen oder Ökonomen, die zu Pferd angekommen wären – durch geschicktes Arrangieren von Spielchen irgendeinen unvorsichtigen Gimpel anzulocken. Dort wieder sammelte sich die Menge in weitem Kreis um einen Gaukler; nicht weit davon wurde ein angeketteter Stier gehetzt, Bauchredner hielten Zwiegespräche mit Holzpuppen, und wahrsagende Weiber überschrien den Lärm der Kinder. Die Trinkzelte füllten sich, die vornehmen Herrschaften in ihren Equipagen begannen aus ihren Speise- und Flaschenkörben zu tafeln, die Augen strahlten, Taschendiebe überzählten den Gewinn des Tages, und die Aufmerksamkeit, die kurz zuvor noch auf den einzigen Gegenstand allgemeinen Interesses gerichtet gewesen, wurde plötzlich durch hunderterlei andere Dinge in Anspruch genommen. Überall, wohin man sich wandte, ein buntes Gewimmel, schmausend, lachend, plaudernd, bettelnd, spielend oder lustigen Mummenschanz treibend. Da waren Spielbuden aller Art und Auswahl. Überall prunkende Teppiche, scharlachrote Dächer, Geranien und livrierte Bediente. Da gab es Zelte für den Fremden-Klub, für den Hampton-Klub, den St.-James-Klub, den Athenaeums-Klub, kurz, eine Meile weit nichts als Klubzelte, um darin sein Glück zu probieren bei Rouge-et-noir, Roulette, La Merveille und so fort. In einem dieser Zelte spielt jetzt unsere Geschichte. Es enthielt drei Spieltische und war so gedrängt voll von Zuschauern und Spielern, daß eine fast unerträgliche Hitze darin herrschte, trotzdem es das größte auf dem Rennplatz war und die Luft sowohl durch das zum Teil aufgerollte Dach, wie auch durch die des bequemeren Ein- und Ausgangs wegen offenstehenden beiden Türen freien Durchzug hatte. Mit Ausnahme von ein paar vornehm gekleideten Herren, die große Summen setzten und offenbar Berufsspieler waren, bestand der größte Teil der Besucher aus jungen Leuten, die entweder bloß aus Neugierde zuschauten oder nur geringe Summen wagten und im allgemeinen nur ein mäßiges Interesse an dem Gewinn oder Verlust, der sich an der Bank abspielte, an den Tag legten. Höchstens zwei von ihnen verdienten als würdige Repräsentanten einer bestimmten Klasse Menschen eine flüchtige Berücksichtigung. Der eine von ihnen, ein Gentleman von sechs- oder achtundfünfzig Jahren, saß in der Nähe einer der Eingänge auf einem Stuhl, die Hände über seinem Stockknauf gefaltet und das Kinn darauf gestützt. Er war groß und stark und bis an den Hals in einen hellgrünen Rock geknöpft, was seine ohnehin schon hohe Figur noch größer erscheinen ließ. Außerdem trug er braune Hosen und Gamaschen, eine weiße Krawatte und einen ebensolchen Hut mit breiter Krempe. Das unaufhörliche Gesumm an den Spieltischen und das unablässige Ab- und Zuströmen der Menge schien ihn vollkommen kaltzulassen, und jeder zufällige Beobachter würde geglaubt haben, er nähme an dem Treiben nicht den mindesten Anteil. Stumm und gelassen saß er da; nur von Zeit zu Zeit nickte er irgendeinem Vorübergehenden zu oder winkte einem Kellner, wenn dem Rufe irgendeines Gastes nicht rasch genug Folge geleistet wurde. Doch schon im nächsten Augenblick hatte er wieder seine frühere Stellung eingenommen. Man hätte ihn ganz gut für irgendeinen stocktauben alten Herrn halten können, der nur hiersaß, um auszuruhen, oder für jemand, der geduldig und ohne sich um das Getriebe zu kümmern auf einen Freund wartete. Wenn man sich nach ihm umwandte und ihn anblickte, so verriet er durch nichts, daß er einen bemerkte, wie denn auch ganze Scharen an ihm vorbeizogen, ohne daß er die geringste Notiz davon nahm. Wenn er wirklich einmal eine Bewegung machte, so mußte schon etwas Bedeutendes vorgegangen sein. Trotz alledem aber beobachtete er genau jedes Gesicht der Ein- und Ausgehenden, und nichts, was an einem der drei Tische vorging, kein Wort, das vom Croupier gesprochen wurde, entging ihm – war er doch der Eigentümer des Spielzeltes. Der andere präsidierte am Rouge-et-noir-Tisch. Er schien etwa zehn Jahre jünger als der erste zu sein, hatte ein rotes Gesicht, einen Schmerbauch und eine wahrscheinlich infolge des stetigen stillen Geldzählens beim Gewinnverteilen etwas aufgeworfene Unterlippe, die jedoch dem ausgesprochen jovialen Ausdruck seines Gesichtes keinen Abbruch tat. Er hatte der herrschenden Hitze wegen seinen Rock ausgezogen und stand am Tisch hinter einem großen Haufen von Kronen und Halbkronen und einem Kästchen, in dem die Banknoten lagen. Das Spiel nahm seinen ununterbrochenen Fortgang, denn wohl zwanzig Spieler setzten immer zur gleichen Zeit. Die Beschäftigung des Gentlemans bestand darin, daß er das Roulette in Bewegung zu setzen hatte, die Einsätze im Auge behalten mußte und das Auszahlen und Einstreichen besorgte, was er alles mit wahrhaft bewunderungswürdiger Gewandtheit und Raschheit tat, ohne jemals nachzudenken, sich zu irren, innezuhalten oder sein Kauderwelsch von unzusammenhängenden Phrasen auch nur einen Augenblick zu unterbrechen. »Rusch-ä-noar, meine Herren – bitte zu setzen, meine Herren, ganz nach Belieben – solange noch die Kugel rollt – Rusch-änoar, ein Spiel aus Paris, meine Herrn, ich habe es vor kurzem mitgebracht. Rusch-änoar – schwarz gewinnt – schwarz – einen Augenblick, Sir, ich werde sofort auszahlen – hier zwei Pfund hier ein halbes – hier drei – hier eins. Meine Herren, die Kugel rollt wieder. – Bitte zu setzen, Sir – das ist das Schöne an diesem Spiel, daß Sie ihre Einsätze immer verdoppeln oder aber einstreichen können, solange die Kugel noch rollt – wieder schwarz gewonnen – schwarz – hab' so was wirklich noch nicht erlebt. Mein Wort – niemals. Hätte jemand in den letzten fünf Minuten beständig auf schwarz gesetzt, müßte er jetzt fünfzig Pfund für eins gewonnen haben. – Wir haben Portwein am Buffet, meine Herren, Zigarren und vorzüglichen Champagner. – Kellner, eine Flasche Champagner und ein Dutzend Zigarren hierher! – Warum sollten wir's uns nicht behaglich machen, meine Herren – ein paar reine Gläser, Kellner – solange die Kugel noch umläuft – ich habe gestern hundertsiebenunddreißig Pfund bei einem einzigen Spiel als Bankier verloren, meine Herren – wahrhaftig – oh, wie geht es Ihnen, Sir? –« Und so sprach er fort, immerwährend das Roulette in Bewegung haltend, die Augen überall, und hie und da dem Kellner einen Wink gebend. Er war mitten in seiner Tätigkeit, als einige Herren die Bude betraten, vor denen der wohlbeleibte Herr am Eingang verbindlichst seinen Hut zog. Es war Sir Mulberry Hawk, begleitet von seinem Freunde nebst ein paar andern Gentlemen von wenig vertrauenerweckendem Aussehen. Der Eigentümer des Spielzeltes wünschte Sir Mulberry mit leiser Stimme einen guten Tag. Ebenso leise hieß ihn Sir Mulberry zum Teufel gehen, wendete sich ab und plauderte mit seinen Freunden. Offenbar empfand er einiges Unbehagen bei seinem jetzigen ersten öffentlichen Auftreten nach seinem gehabten Unfall, und man konnte leicht sehen, daß er zum Wettrennen weniger des Vergnügens wegen als in der Hoffnung erschienen war, recht viele Bekannte auf einmal zu treffen, um in einem Aufwaschen der Verdrießlichkeit eines ersten Wiedersehens enthoben zu sein. Sein Gesicht trug noch die leichten Spuren von Schrammen, und sooft er die Blicke eines Bekannten auf sich gerichtet sah, was fast jede Minute geschah, machte er unwillkürlich den Versuch, sie mit seinem Handschuh zu verdecken, deutlich dadurch verratend, wie lebhaft er den ihm widerfahrenen Schimpf empfand. »Ah, Hawk!« rief ein sehr nobel gekleideter Gentleman in Gehrock, ausgesucht geschmackvoller Halsbinde und allen andern Erfordernissen der Tagesmode. »Wie geht es Ihnen, alter Bursche?« Es war ein Nebenbuhler Sir Mulberry Hawks, der sich ebenfalls mit der Ausbeutung und »Erziehung« junger reicher adeliger Herren befaßte – ein Mensch, den Sir Mulberry von allen am meisten haßte und dessen Begegnung ihm wenig lieb war. Sie drückten indessen einander ungemein herzlich die Hände. »Und wie geht es Ihnen jetzt, alter Freund?« »Vortrefflich, ganz vortrefflich«, murmelte Sir Mulberry. »Oh, das freut mich«, rief der andere. »Und wie geht es Ihnen, Mylord? Unser gemeinsamer Freund scheint ein wenig angegriffen zu sein – noch immer nicht ganz hergestellt, he?« – Der junge Mann hatte sehr weiße Zähne und schloß seine Sätze immer mit der Silbe »he«, um sein tadelloses Gebiß besser zeigen zu können. »Ich wüßte nicht, warum er anders aussehen sollte als sonst«, sagte der junge Aristokrat sorglos. »Wirklich? Das freut mich«, erwiderte der andere. »Sie sind eben erst von Brüssel zurückgekommen? He?« »Wir sind gestern abend in London angekommen«, bestätigte Lord Frederic. Sir Mulberry wandte sich ab, um wieder mit seinen Freunden zu sprechen, und tat, als ob er nichts gehört habe. »Nun, wahrhaftig«, fuhr der junge Gentleman halblaut fort, aber doch so, daß es alle hören konnten, »Hawk beweist viel Mut, daß er sich so bald wieder in der Öffentlichkeit sehen läßt. Er war gerade lange genug abwesend, um die Neugierde zu reizen, und andererseits nicht lange genug, als daß der unangenehme Vorfall – äh – Sie sind doch gewiß von der Sache unterrichtet – in Vergessenheit hätte geraten können. Warum hat er denn die verwünschten Zeitungen nicht Lügen gestraft? Ich lese selten Zeitungen und warf nur so gelegentlich einen Blick um der Geschichte willen hinein – vielleicht habe ich –« »Werfen Sie morgen oder vielleicht übermorgen wieder einmal einen Blick hinein«, unterbrach ihn Sir Mulberry, sich rasch umwendend. »Ach Gott, lieber Freund, ich sage doch, ich lese selten oder fast nie Zeitungen«, erwiderte der andere achselzuckend; »aber gut, ich will es tun. – Und was soll drinstehen, he?« »Guten Tag«, schnitt ihm Sir Mulberry das Wort ab, wendete sich weg und zog den jungen Lord mit sich. Gleich darauf verfielen er und Lord Frederic jedoch wieder in ihren gewohnten Schlendergang und verließen Arm in Arm das Spielzelt. »Er soll zwar nicht gerade von Mord und Totschlag zu lesen bekommen«, brummte Sir Mulberry mit einem Fluch; »aber doch von etwas, was daran streift: von so etwas wie Peitschenhieben und Prügeln und so weiter.« Der junge Aristokrat schwieg, aber es lag in seinem Schweigen etwas, was Sir Mulberry fast ebenso in Wut brachte, als habe er plötzlich Nikolas Nickleby in eigener Person erblickt. »Ich habe heute morgen vor acht Uhr Jinkins zu Nickleby geschickt«, fuhr Hawk fort. »Der Alte ist ein zuverlässiger Bursche und sprach gleich darauf bei mir vor. Ich wußte schon in den ersten fünf Minuten Bescheid und kenne jetzt Ort und Zeit, wo ich den Lümmel treffen kann. Aber wozu viel schwätzen – der morgige Tag wird es schon lehren.« »Und was soll morgen geschehen?« fragte Lord Frederic. Sir Mulberry gab weiter keine Antwort und warf seinem Freund nur einen finsteren Blick zu; dann gingen beide verdrießlich, wie tief in Gedanken, weiter. Als sie das Gedränge hinter sich hatten und fast allein waren, wandte sich Sir Mulberry um und wollte wieder zurückkehren. »Halt«, sagte der junge Aristokrat; »ich möchte mit Ihnen sprechen – im Ernst –, bleiben Sie! Wir wollen vielleicht ein paar Minuten hier auf und ab gehen.« »Was könnten Sie mir mitzuteilen haben, was Sie dort nicht ebensogut wie hier sagen könnten?« erwiderte Sir Mulberry und ließ den Arm seines Freundes los. »Hawk«, begann der junge Aristokrat, »sagen Sie mir – ich muß wissen –« »Müssen?« fiel ihm Sir Mulberry verächtlich in die Rede. »Ah so – nein, nein, nur weiter, wenn Sie wissen müssen , so bleibt mir natürlich nichts anderes übrig, als zuzuhören. Also: was müssen Sie wissen, wenn ich bitten darf?« »Ich möchte eine Frage an Sie stellen«, erklärte Lord Frederic, »und ich bestehe auf einer offenen unumwundenen Antwort. Hat Ihnen das, was Sie soeben sagten, der Augenblick eingegeben, waren Sie vielleicht nur durch vorübergehende Aufregung und üble Laune dazu veranlaßt, oder ist es Ihre ernste und wohlüberlegte Ansicht?« »Ich dächte, Sie müßten sich doch erinnern, was ich über dieses Thema, als ich mit gebrochenem Bein im Bette lag, sagte«, erwiderte Sir Mulberry höhnisch. »Allerdings.« »Gut, so nehmen Sie das in Teufels Namen als Antwort und drängen Sie mich nicht weiter.« Der Einfluß, den Hawk auf den jungen Lord hatte, war so groß, daß dieser einen Augenblick eingeschüchtert das Thema fallen lassen zu wollen schien. Bald kämpfte er jedoch gegen den innern Zwang an und erwiderte unwillig: »Nun, wenn ich mich auch erinnere, was damals für Worte fielen, so bitte ich Sie andererseits auch, sich gefälligst ins Gedächtnis zurückzurufen, daß ich gerade damals eine sehr entschiedene Ansicht aussprach und erklärte, daß Sie mit meinem Wissen und Willen die Drohung, die Sie damals fallenließen, nicht zur Ausführung bringen dürften.« »Wollen Sie mich vielleicht daran hindern?« fragte Sir Mulberry spöttisch. »J-aa, wenn ich kann«, erwiderte der junge Aristokrat rasch. »Na, dann haben Sie wenigstens eine gute Hintertüre, von der Sie nötigenfalls Gebrauch machen können«, höhnte Sir Mulberry. »Kümmern Sie sich um Ihre eigenen Angelegenheiten und überlassen Sie mir die meinigen.« »Aber hier handelt es sich eben um die meinigen«, fuhr Lord Frederic auf. »Ich fühle mich in der Sache mehr kompromittiert, als mir paßt.« »Das können Sie halten, wie es Ihnen beliebt«, sagte Sir Mulberry mit geheuchelter guter Laune. »Weiter werden Sie aber hoffentlich nichts von mir verlangen, zumal ich nicht auf Ihren Beistand rechne. – Ich möchte übrigens niemand geraten haben, sich in Dinge zu mengen, die durchzuführen ich mich einmal entschlossen habe, und ich glaube, Sie kennen mich zu gut, um etwas Derartiges versuchen zu wollen. Ich nehme an, Sie haben mir offenbar mit Ihrem Rat an die Hand gehen wollen, und zweifle nicht, daß Ihre Absicht gut war, aber ich kann leider keine Rücksicht darauf nehmen. Wenn es Ihnen übrigens jetzt paßt, könnten wir zu unserm Wagen zurückkehren. Ich finde diese Unterhaltung ziemlich verdrießlich, und wenn wir dies Gespräch länger fortführen, könnte es Streit zwischen uns geben, was weder von Ihnen noch von mir besonders klug wäre.« Damit hielt Sir Mulberry das Thema für beendet, gähnte und trat ruhig seinen Rückweg an. In seiner Art, die Sache zu behandeln, lag eine tiefe Kenntnis des Charakters Lord Frederics; er sah voraus, daß der junge Aristokrat heftig werden würde, wenn er selbst diesen Ton anschlüge, und nahm daher die sorgloseste und gleichgültigste Miene an, die er zur Verfügung hatte, innerlich jedoch fest entschlossen, für die ihm aufgezwungene Rolle sich nicht nur an Nikolas entsprechend zu rächen, sondern auch den jungen Lord auf die eine oder andere Weise später dafür teuer büßen zu lassen. Er hatte sein Opfer von jeher innerlich nur mit höchster Verachtung betrachtet, und wo dieses sich jetzt erkühnte, anderer Meinung als er zu sein und in einer Art von Überlegenheit zu ihm zu sprechen, verwandelte sich seine Mißachtung geradezu in Haß. Er wußte genau, wie sehr er – im verächtlichsten Sinne des Wortes – von dem schwachen jungen Aristokraten abhängig war, und um so weniger konnte er jetzt eine Demütigung von dieser Seite her ertragen. Was Lord Frederic anbetraf, hatte dieser über die Affäre Nikolas Nickleby länger nachgedacht, als er in ähnlichen Fällen sonst wohl getan haben würde, und das hatte einen männlichen und ehrenhaften Entschluß in ihm geweckt. Sir Mulberrys rohes und beleidigendes Benehmen bei dem fraglichen Anlaß hatte ihn tief verstimmt, und von Zeit zu Zeit tauchte in ihm auch der Argwohn auf, als sei er selbst, was Kate Nickleby betraf, nur als Werkzeug mißbraucht worden. Es bedurfte nur eines höchst unbedeutenden Anlasses, um seinen Groll offen zum Ausbruch zu bringen, und dieser bot sich ihm jetzt durch den verächtlichen und unverschämten Ton, dessen sich Hawk bediente. Sie stießen inzwischen wieder zu ihren Freunden, jeder tiefen Haß in der Brust, und der junge Lord darüber brütend, wie die Nikolas Nickleby angedrohte Rache womöglich durch ein entschiedenes Dazwischentreten seinerseits zu verhindern sei. Dies war aber noch nicht alles. Sir Mulberry, wähnend, seinen Gegner endgültig zum Schweigen gebracht zu haben, konnte seine Triumphgefühle nicht unterdrücken und sich ebensowenig enthalten, seinen vermeintlich errungenen Vorteil weiter zu verfolgen. Mr. Pyke war zugegen, Mr. Rupfer ebenfalls, Oberst Chouser und Konsorten desgleichen, und um so mehr hielt er es für angebracht zu zeigen, daß er seinen Einfluß auf den jungen Aristokraten keineswegs eingebüßt habe. Anfangs begnügte sich Lord Frederic mit einem stillen innerlichen Entschluß, die nötigen Vorbereitungen zu treffen, um seiner Verbindung mit Hawk nötigenfalls auf der Stelle ein Ende zu machen, allmählich geriet er jedoch immer mehr in Zorn und wurde aufs höchste erbittert durch eine Reihe von Scherzen und Vertraulichkeiten, die ihn noch vor wenigen Stunden amüsiert haben würden. Da er Sir Mulberry, was Wortgefechte und Plänkeleien anbelangte, nicht gewachsen war, hätte man denken sollen, daß es sogleich zu einem heftigen Bruch hätte kommen müssen, aber vorläufig schwieg er noch, und so kehrten sie gemeinsam nach London zurück, wobei die Herren Pyke und Rupfer unterwegs des öftern beteuerten, Sir Mulberry Hawk in ihrem ganzen Leben noch nie so übersprudelnd von Witz und Geist gesehen zu haben. Gemeinsam nahmen sie ein üppiges Dinner ein. Der Wein floß reichlich, wie dies überhaupt schon den ganzen Tag über der Fall gewesen war. Sir Mulberry trank, um sich für die Entbehrungen der letzten Zeit zu entschädigen, der junge Lord, um seinen Unwillen zu ersäufen, und der Rest der Gesellschaft, weil der Wein gut war und sie nichts zu bezahlen brauchten. Es schlug Mitternacht, als sie erhitzt vom Wein und mit fiebernden Köpfen zum Spieltisch eilten. Dort begegneten sie einer andern, nicht minder tollen Gesellschaft. Die Aufregung des Gewinnens und Verlierens, der überhitzte Raum und die blendende Beleuchtung waren nicht geeignet, den bevorstehenden Sturm zu beschwichtigen. Inmitten all des Lärms und der Verwirrung wurden sie sämtlich wie wahnsinnig. Wer von ihnen dachte im Rausch des Augenblicks an Geld, Ruin oder an das Morgen? Immer mehr Wein wurde bestellt. Ein Glas nach dem andern gossen sie herunter, und ihre fiebernden Lippen glühten vor Durst. Das war Öl auf lodernde Flammen. Die Schlemmerei erreichte ihren höchsten Grad – die Gläser entglitten den Händen, die sie nicht mehr zum Munde zu führen vermochten, man lallte, kaum mehr fähig, Worte zu bilden, Flüche, einige stiegen auf die Tische und schwangen die Flaschen über den Köpfen, wieder andere tanzten und brüllten oder zerrissen wütend die Karten. Die Verwirrung und der Tumult hatten die höchste Höhe erreicht, als sich plötzlich ein Lärm erhob, der alles überbot. Zwei Männer hatten einander an der Kehle gepackt und rangen miteinander. Man riß sie auseinander. »Lassen Sie mich los!« keuchte Sir Mulberry mit heiserer Stimme. »Er hat mich geschlagen. Hören Sie denn nicht? Ich sage, er hat mich geschlagen! Ist denn keiner meiner Freunde hier? – Wer ist das? Westwood? Haben Sie denn nicht gehört, was ich sage? Er hat mich geschlagen!« »Ich höre doch«, rief einer der Gentlemen, die ihn festhielten, »kommen Sie, kommen Sie – beruhigen Sie sich!« »Ich will nicht – zum Teufel, ich will nicht!« brüllte Hawk; »Mindestens ein Dutzend Leute haben gesehen, wie er mich geschlagen hat.« »Dafür ist morgen Zeit genug«, suchte ihn der andere zu beschwichtigen. »Nein, nein, nicht Zeit genug«, rief Sir Mulberry, mit den Zähnen knirschend, »heute nacht – auf der Stelle – hier –« Die Wut hatte ihn so überwältigt, daß er keinen verständigen Laut mehr hervorzubringen vermochte, sondern nur noch mit geballten Fäusten dastand, die Haare zerrauft und mit den Füßen auf den Boden stampfend. »Was soll das heißen, Mylord?« fragte einer von den Gentlemen, die Sir Mulberry umringten, Lord Frederic. »Ist es zu Schlägen gekommen?« »Zu einem Schlag«, war die keuchende Antwort. »Ich habe ihn geschlagen – und erkläre es hier vor der ganzen Gesellschaft. Ich habe ihn geschlagen, und er weiß genau warum. Ich hab' es ihm gesagt. Wir wollen den Streit sogleich zu Ende bringen. Kapitän Adams« – der junge Lord sah sich hastig um und wendete sich zu einem der jungen Leute, die sich ins Mittel gelegt hatten – »ich muß ein paar Worte mit Ihnen sprechen.« Der Angeredete trat vor, ergriff den Arm des jungen Aristokraten, und beide entfernten sich sofort. Gleich darauf folgte auch Sir Mulberry mit seinen Freunden. Der Schauplatz, auf dem dieser Tumult stattfand, war ein Haus allerschlechtesten Rufes, wo eine solche Affäre Teilnahme weder für die eine noch für die andere Partei erwecken konnte und daher Vermittlungsversuche durchaus nicht am Platze waren, sonst wäre wohl ein solcher Schritt geschehen und allen Beteiligten Zeit gelassen worden, nüchtern und ruhig zu handeln. Hier lag die Sache anders. In ihrer Orgie gestört, brach die Gesellschaft auf. Einige taumelten trunken hinaus, andere entfernten sich lärmend, den Vorfall, dessen Zeugen sie soeben gewesen, besprechend, und ein paar Ehrenmänner, die vom Gewinn am Spieltisch zu leben pflegten, ließen beim Hinausgehen die Bemerkung fallen, Hawk sei ein guter Schütze, und diejenigen, die vorher noch am lautesten geschrien, legten sich auf die Sofas schlafen, ohne sich weiter um etwas zu kümmern. Mittlerweile besprachen sich die beiden Sekundanten zuerst mit ihren Mandanten und dann miteinander in einem anstoßenden Zimmer. Beide waren vollkommen kaltherzige Menschen, in allen Lastern Londons abgebrüht, beide tief in Schulden, beide aus ehrenwerter Gesellschaft verbannt und mit jeder Nichtswürdigkeit vertraut, für die gute Kreise allenfalls noch einen beschönigenden Namen finden könnten – trotz alledem aber selbstverständlich Männer von »unbefleckter Ehre« und außerordentlich kitzlig, was den Ehrenstandpunkt anderer Leute betraf. Sie schienen ungemein vergnügt über den Vorfall, mußte er doch notwendigerweise Aufsehen erregen und ihren Ruf dadurch beträchtlich erhöhen. »Eine nette Geschichte, Adams, was?« fragte Westwood und warf sich in die Brust. »Sehr bös«, versetzte der Kapitän; »es ist ein Schlag gefallen, und da gibt es natürlich nur einen Ausweg.« »An Abbitte ist wohl nicht zu denken, was?« sondierte Mr. Westwood. »Ausgeschlossen, Sir, bei meinem Mandanten, und wenn ich ihm bis zum jüngsten Tage zureden sollte«, erwiderte der Kapitän. »Der ursprüngliche Anlaß zu dem Streit war, wie ich hörte, ein junges Mädchen, über das Ihr Mandant gewisse Ausdrücke fallenließ, die sich Lord Frederic als beleidigend für die besagte Dame verbat. Dies führte dazu, eine andere mißliche alte Geschichte aufzuwärmen, und zu Beschuldigungen und Gegenbeschuldigungen. Sir Mulberry wurde sarkastisch. Lord Frederic brauste auf und versetzte ihm schließlich in der Hitze des Streites und unter sehr erschwerenden Umständen einen Schlag ins Gesicht. Für diesen Schlag will Lord Frederic aufkommen, wenn von Sir Mulberrys Seite nicht vollständige Abbitte stattfindet.« »Da gibt es weiter nichts mehr zu unterhandeln«, meinte der andere Sekundant, »und wir täten gut, Ort und Stunde für das Duell gleich zu bestimmen. Es ist freilich eine gewisse Verantwortlichkeit dabei, aber mein Mandant brennt darauf, die Sache in Kürze abzumachen. Vielleicht bei Sonnenaufgang? Wie? Haben Sie etwas dagegen?« »Das ist allerdings rasch«, brummte der Kapitän, seine Uhr zu Rate ziehend, »aber in Anbetracht dessen, daß die Sache wohl schon lange unter der Asche glühte, hieße weiteres Parlamentieren nur Worte verschwenden.« – »Da der Vorgang wohl bald ruchbar werden wird, dächte ich, wäre es wünschenswert, wenn wir ohne Verzug aufbrechen«, riet Mr. Westwood. »Was meinen Sie zu einer der Wiesen Twickenham gegenüber auf der Flußseite?« Der Kapitän hatte nichts dagegen einzuwenden. »Vielleicht treffen wir uns in der Allee, die von Petersham nach Hamhouse führt, und bestimmen dort den Platz näher?« Auch diesem Vorschlag pflichtete der Kapitän bei. Nach kurzer Verabredung hinsichtlich des Weges, den jede der beiden Parteien einzuschlagen habe, um jeden Verdacht zu vermeiden, trennten sie sich. »Wir haben gerade noch Zeit, Mylord«, sagte der Kapitän, als er den jungen Aristokraten von den gepflogenen Verhandlungen in Kenntnis gesetzt hatte, »in meinem Hause die nötigen Pistolen zu holen und dann, ohne uns weiter zu übereilen, hinauszufahren. Wenn Sie gestatten, will ich Ihren Bedienten wegschicken und meinen Wagen vorfahren lassen, da man den Ihrigen leicht erkennen könnte.« Welcher Gegensatz, als sie auf der Straße anlangten, zu dem Schauplatz, den sie soeben verlassen hatten! – Der Tag brach bereits an. Dort der grelle unnatürliche Glanz künstlichen Lichtes, hier der klare strahlende herrliche Morgen, und statt der heißen, dumpfigen mit dem Qualm erlöschender Lampen und den widerlichen Gerüchen eines wüsten Gelages gemischten Atmosphäre die freie klare Gottesluft. Doch dem fiebernden Kopf, den sie kühl umfächelte, schien sie beladen mit Vorwürfen und Gewissensbissen über schlecht verbrachte Stunden. Dem jungen Lord brannte die Stirn, klopfte der Puls. Mit matten verstörten Blicken und wirren Gedanken empfand er den kommenden Tag wie einen Vorwurf, und es schauderte ihm vor dem Licht der Sonne wie vor einem häßlichen verabscheuungswürdigen Wesen. »Sie schaudern«, sagte der Kapitän, »friert es Sie?« »Ein wenig.« »Nun, das ist einmal nicht anders, wenn man ein heißes Zimmer mit frischer Luft vertauscht. Hier nehmen Sie diesen Mantel. So – und jetzt fort.« Der Wagen rasselte durch die ruhigen schlafenden Straßen, machte vor der Wohnung des Kapitäns Halt, verließ dann die Stadt und bog, ohne einem Hindernis zu begegnen, in die offene Landstraße ein. Felder, Hecken, Gärten, Bäume – alles bot einen so schönen Anblick, und doch schien der junge Lord dies früher kaum beachtet zu haben, obwohl er viel tausendmal an dergleichen schon vorübergekommen war. Friede und Heiterkeit herrschte in der ganzen Natur und bildete mit der Verwirrung seiner halbtrunkenen Gedanken einen seltsamen und doch eindrucksvollen, ergreifenden Kontrast. Furcht war ihm fremd, aber wie er so um sich blickte, schien sein Zorn zu schwinden, und wenn auch alle ehemaligen Selbsttäuschungen hinsichtlich seines unwürdigen früheren Freundes dahin waren, so wünschte er doch innerlich, ihn lieber nie gesehen zu haben, als daß es jetzt zu einem solchen Ende kommen mußte. Die vergangene Nacht, der vorige Tag und noch viele andre zurückliegende Tage und Nächte bildeten in seinem Bewußtsein eine einzige undeutlich wirbelnde Zeitmasse, und kaum vermochte er die Ereignisse voneinander zu trennen. Die letzte Nacht schien ihm bereits eine Woche zurückzuliegen, und entschwundene Monate tauchten vor ihm auf wie in die letzte Nacht zusammengedrängt. Die Räder sangen ihm eine wilde Melodie, in der er Bruchstücke bekannter Lieder unterschied, dann wieder war es ihm, als vernehme sein Ohr nichts als betäubende wirre Töne ähnlich denen eines Wasserfalls. Sein Begleiter neckte ihn wegen seiner Schweigsamkeit und plauderte lärmend auf ihn ein. Als der Wagen hielt, bemerkte Lord Frederic überrascht, daß er eine Zigarre rauche, aber trotz aller Mühe konnte er sich nicht entsinnen, wo und wann er sie sich angezündet hätte. Sie hielten am Eingang der Allee, stiegen aus und überließen den Wagen der Obhut des Bedienten, eines abgefeimten Burschen, der an derlei Vorgänge fast ebenso gewöhnt war wie sein Herr. Sir Mulberry und sein Sekundant waren bereits zur Stelle, und alle vier gingen im tiefsten Schweigen die stattliche Reihe Ulmen entlang, die hoch über ihren Köpfen ihre Wipfel zusammenneigten und einen grünen gotischen Bogengang bildeten. Nach einer Pause und einer kurzen Unterredung der Sekundanten miteinander wendeten sie sich rechts, schlugen einen Fußpfad über eine kleine Wiese ein, bis sie an Hamhouse vorüber zu den jenseits gelegenen Feldern gelangten. Auf einem von diesen machten sie Halt. Die Entfernung wurde abgeschritten, und die Duellanten stellten sich auf. Jetzt schaute Sir Mulberry seinem Gegner zum erstenmal ins Gesicht. Er war sehr bleich, die Augen mit Blut unterlaufen, der Anzug in Unordnung, die Haare wirr – alles offenbar die Folge des letzten Tages und der letzten Nacht. In seinem Gesicht lag nichts als der Ausdruck häßlicher und wüster Leidenschaften. Er beschattete die Augen mit der Hand, blickte ein paar Sekunden fest auf seinen Gegner, nahm dann die ihm hingereichte Waffe entgegen, sah auf sie nieder und blickte erst wieder empor, als das Zeichen zum Feuern gegeben wurde. Beide Schüsse fielen fast in derselben Sekunde. Der junge Lord heftete einen Moment einen starren Blick auf seinen Feind und fiel dann lautlos und ohne Wanken tot zu Boden. »Der ist abgetan!« rief Westwood, nachdem er mit dem Gegensekundanten auf den Gefallenen zugegangen und sich neben ihm auf ein Knie niedergelassen hatte. »Sein Blut komme auf sein eignes Haupt!« brummte Sir Mulberry. »Die Schuld war sein, er hat mich dazu gezwungen.« »Kapitän Adams«, sagte Mr. Westwood hastig, »ich rufe Sie hiermit zum Zeugen an, daß alles in fairster Form vor sich gegangen ist. Hawk, wir dürfen jetzt keinen Augenblick verlieren. Wir müssen sofort nach Brighton und nach Frankreich zu entkommen suchen. Es war eine böse Sache, und sie kann noch schlimmer werden, wenn wir nur einen Augenblick Zeit verlieren. Adams, denken Sie jetzt an Ihre eigene Sicherheit und bleiben Sie nicht länger hier. Die Lebenden gehen den Toten vor – adieu.« Mit diesen Worten faßte er Sir Mulberry am Arm und drängte ihn eiligst fort. Kapitän Adams zögerte noch eine kleine Weile, bis er sich von der Richtigkeit, daß sein Mandant tot war, überzeugt hatte, und eilte dann, um seinem Bedienten Befehle wegen Entfernung der Leiche zu geben und seine eigene Person in Sicherheit zu bringen. So starb Lord Frederic durch dieselbe Hand, die er mit Geschenken überhäuft und wohl tausendmal freundschaftlich gedrückt hatte, durch die Hand eines Mannes, ohne den und seinesgleichen er dereinst ruhig und glücklich im Kreise seiner Kinder hätte sterben können. In ihrer ganzen Majestät stieg die Sonne am Himmel empor, der herrliche Strom schlängelte sich durch die Ebene, die Blätter rauschten in der Luft, die Vögel ließen ihre heitern Lieder von jedem Baum erschallen, und der Schmetterling freute sich, von Blume zu Blume flatternd, seines kurzen Lebens. Das Licht und das Leben des Tages erwachte, und auf der Erde lag – die Halme niederdrückend, von denen jeder wohl zwanzig zarte Leben trug –, das Antlitz starr gen Himmel gerichtet, die Leiche Lord Frederics. 51. Kapitel Der Plan Ralph Nicklebys und seines Freundes kommt zur Durchführung, gelangt jedoch zur Kenntnis eines Dritten In dem öden und staubigen Hause, wie er selbst verwittert und verfallen, vermorscht durch den Ausschluß von Licht und Luft wie sein Besitzer selbst, lebte gleichsam unter seinem Geld vergraben Arthur Gride. Ungastliche magere alte Stühle und armselige Tische mit Spindelbeinen, hart und kalt wie die Herzen von Geizhälsen, standen umher. Schränke, schmächtig und hohlwangig geworden vom langen Wachen über den Schätzen in ihrem Innern und wackelnd wie in beständiger Furcht und Angst vor Dieben, drückten sich in den dunkeln Ecken, aus denen sie keine Schatten auf den Fußboden warfen, und schienen sich, jeden Blick meidend, ängstlich zu verstecken. Eine hohe schauerliche Wanduhr mit dürren Zeigern und verwittertem Zifferblatt tickte vorsichtig flüsternd oder rasselte wie von Hunger gequält, sooft sie mit dünnem keifendem Laut, der Stimme eines alten Mannes gleichend, die Stunden verkündete. Da war keine Kaminbank, um zu Rast und Gemütlichkeit einzuladen. Wohl standen Lehnstühle umher, aber sie schienen voll innerer Unruhe zu sein und spreizten argwöhnisch und furchtsam ihre Arme aus, vor allem und jedem auf der Hut. Andre blickten phantastisch drein und schienen sich in die Höhe zu recken und wilde Gesichter zu schneiden, um jeden Fremden in Schrecken zu jagen. Wieder andere lehnten sich an ihren Nachbarn oder stützten sich an die Wand, als wollten sie jedermann einreden, es sei nicht der Mühe wert, sich ihrer zu bemächtigen. Die schwerfälligen finstern Bettstätten schienen für unruhig quälende Träume erbaut, und die morschen Vorhänge lagen in dichten Falten; wenn sie vom Winde bewegt wurden oder vom Luftzug, so war es, als ob sie sich bebend das Geheimnis verborgener Reichtümer in den gebräunten und festverschlossenen Schränken zuraunten. Aus dem jämmerlichsten und ungastlichsten Zimmer dieses ungastlichen jammervollen Hauses erscholl eines Morgens die meckernde Stimme des alten Gride und ließ sich im schwächlichen Zirpen im Absingen eines längst vergessenen alten Liedes vernehmen: »Heute ist Hochzeitsmorgen, komm, Feinsliebchen komm!« Ein heftiger Hustenanfall machte jedoch dem Gesang bald ein Ende und zwang Arthur Gride, sein Geschäft schweigend fortzusetzen. Und dieses Geschäft bestand darin, von den Nägeln eines wurmstichigen Kleiderschrankes einen Haufen muffiger Kleider herabzunehmen, eins nach dem andern, und jedes einer sorgfältigen Inaugenscheinnahme zu unterwerfen. Zu diesem Zweck hielt der Alte das Licht in die Höhe und sortierte die Kleider in ein paar kleine Haufen. Er nahm niemals zwei auf einmal herab, sondern immer jedes einzeln, und vergaß dabei nie, sooft er einen Nagel von seiner Last befreit, jedesmal die Schranktüre zu schließen und den Schlüssel umzudrehen. »Der schnupftabakfarbige Anzug«, krächzte er, einen fadenscheinigen Rock betrachtend, »hat er mir gut gestanden? Muß mich doch mal besinnen.« Das Ergebnis seines Nachdenkens schien nicht sehr günstig auszufallen, denn er faltete den Rock wieder zusammen, legte ihn weg, stieg auf einen Stuhl, um einen andern herauszuholen, und meckerte dabei vor sich hin: »Jung, lieblich und schön, eine Lust, sie zu sehn, welche Wonne, sie heimzufüh-hüren!« »Da setzen die Leute immer das Wort ›jung‹ hinein«, greinte er; »aber Lieder werden eben nur des Reimes wegen geschrieben. Dies da ist besonders einfältig und wurde von dem dummen Bauernvolk erdichtet, als ich noch ein ganz kleiner Junge war. Aber halt, ›jung‹ paßt ganz gut hier, es gilt ja der Braut, haha, es gilt ja der Braut! Und das ist gut – sehr gut – und übrigens wahr – sehr wahr!« In der Freude über seine Entdeckung leierte er die Strophe abermals und etwas kräftiger herunter, fügte hier und da einen Triller ein und ging dann wieder an sein Geschäft. »Der Flaschengrüne«, meckerte er, »der Flaschengrüne hat immer famos ausgesehen. Habe ihn mal billig bei einem Pfandleiher gekauft, und da war – hihi – ein alter Schilling drin eingenäht. Ein Spaß, dran zu denken, daß der Pfandleiher keine Ahnung von dem Schilling hatte. Ich wußte es natürlich gleich, als ich das Tuch untersuchte. So ein einfältiger Tropf. – Der Flaschengrüne war übrigens auch sonst noch ein Glücksrock. An dem Tag, als ich ihn das erstemal anzog, verbrannte der alte Lord Mallowford in seinem Bett, und alle nach seinem Tode fälligen Schuldverschreibungen gingen auf Heller und Pfennig ein. Ja, ja, ich will in dem Flaschengrünen heiraten. Grete – Grete Sliderskew! – Ich gedenke den Flaschengrünen anzuziehen.« Sein Ruf, an der Zimmertür ein paarmal wiederholt, machte eine kleine magere, triefäugige, halblahme und furchtbar häßliche alte Frau ins Zimmer treten. Sie wischte sich ihr runzeliges Gesicht mit der Schürze ab und murrte in dem Ton, der schwerhörigen Personen eigen ist, die Frage: »Haben Sie gerufen, oder hat nur die Uhr geschlagen? Mein Gehör ist allmählich so schlecht geworden, daß ich gar nichts mehr unterscheiden kann. Aber eins von beiden muß es gewesen sein, sonst rührt sich ja doch nichts im Haus.« »Ich war es, Grete, ich«, sagte Arthur Gride und schlug sich auf die Brust, um der Alten dadurch verständlicher zu machen, daß er sich meine. »Aha, Sie«, versetzte Grete. »Was wollen Sie?« »Ich will in dem Flaschengrünen heiraten«, schrie Arthur Gride. »Er ist viel zu gut, um sich darin trauen zu lassen«, wendete Grete, nachdem sie das fragliche Garderobestück kurz besichtigt hatte, ein. »Haben Sie keinen schlechtern als den?« »Wenigstens keinen, der so gut passen würde.« »Wieso nicht?« fragte Grete. »Warum ziehen Sie nicht Ihren Alltagsrock an, wie jeder andre vernünftige Mensch?« »Es würde sich nicht schicken, Grete.« »Wie?« »Nicht schicken«, brüllte Mr. Gride. »Zu was nicht schicken?« fragte Grete spitzig. »Ist er vielleicht nicht alt genug?« Arthur Gride brummte eine Verwünschung über die Taubheit seiner Haushälterin vor sich hin und schrie ihr dann ins Ohr: »Nicht sauber genug. Ich will mich so gut wie möglich anziehen und herausstaffieren.« »Herausstaffieren, hm«, wiederholte Grete. »Wenn sie so schön ist, wie Sie sagen, so wird sie Sie auch darin nicht besonders bewundern, verlassen Sie sich darauf. Sie können sich herausstaffieren, wie Sie wollen, es wird nicht viel ändern: Pfeffer und Salz, flaschengrün, himmelblau, schottisch – es wird nicht viel Unterschied machen.« Mit dieser tröstlichen Versicherung raffte Grete Sliderskew den erwähnten Anzug auf, legte ihn über ihren knöchernen Arm und stand da, mümmelnd, grinsend und mit ihren Triefaugen blinzelnd wie ein scheußliches Bildwerk an einer grotesken Schnitzerei. »Sie scheinen ja recht spaßhaft aufgelegt, Grete«, schimpfte Arthur Gride, über die Worte der Alten nicht besonders erbaut. »Habe ich vielleicht nicht Ursache dazu?« erwiderte Grete. »Aber ich will's Ihnen nur sagen, Mr. Gride, ich werde Ihnen bald anders kommen, wenn jemand versuchen sollte, mich wegzuschieben. Nach so vielen Jahren lasse ich mich nicht so mir nichts; dir nichts absetzen. – Sie wissen das ganz gut, ich brauche es Ihnen nicht erst zu sagen. Es wäre übrigens auch für Sie nicht gut. Versuchen Sie es nur mal, und Sie sind ruiniert – zugrunde gerichtet. Ja, ja.« »Aber Gott im Himmel, ich will's doch gar nicht versuchen. Nicht um die Welt«, beteuerte Arthur Gride bei den letzten Worten seiner Haushälterin erblassend; »und es wäre nichts leichter, als mich zugrunde zu richten. Wir müssen sehr auf der Hut sein und noch mehr sparen, wo noch ein Mund mehr ißt. Nur müssen wir vor allem darauf bedacht sein, daß sie ihre Schönheit dabei nicht verliert, Grete, weil ich meine Freude daran habe.« »Sehen Sie lieber zu, daß Ihnen ihre Schönheit nicht zu viel Geld kostet«, riet Mrs. Sliderskew und erhob warnend den Zeigefinger. »Nun, sie kann sich ja selbst auch etwas Geld verdienen, Grete«, sagte Arthur Gride, gespannt den Eindruck beobachtend, den diese Worte auf seine Haushälterin hervorbringen würden. »Sie kann zeichnen, malen, sticken und allerhand hübsche Dinge verfertigen – Pantoffeln, Grete, Uhrketten, Haarschnüre und tausend andre nette Kleinigkeiten. Dann kann sie Klavier spielen, und was noch mehr ist, sie hat selbst ein Piano und singt wie ein Vögelchen. Kleidung und Unterhalt werden für sie auch nicht zu hoch zu stehen kommen – meinen Sie nicht, Grete?« »Möglich, wenn Sie sich nicht von ihr an der Nase herumführen lassen«, knurrte Grete. »Mich an der Nase herumführen?« rief Gride. »Verlassen Sie sich darauf, das wird nicht geschehen, Grete. – Nein, nein, nein. Durch ein hübsches Gesicht lasse ich mich nicht beirren – und auch nicht durch ein häßliches«, fügte er leise hinzu. »Sie sagten eben etwas, was ich nicht hören sollte – ja, ja, ich hab's schon bemerkt«, forschte Mrs. Sliderskew mit einem Lauerblick. »O Gott, o Gott, der Teufel steckt in dem Frauenzimmer«, jammerte Arthur Gride und fügte mit einem häßlichen Augenzwinkern hinzu: »Ich habe nur gesagt, daß ich Ihnen in jeder Hinsicht traue.« »Wenn Sie das tun, dann können Sie eines sorgenfreien Lebens versichert sein«, sagte Grete befriedigt. »Ja, wenn ich es tue, Grete Sliderskew«, murmelte Artur Gride. »So weit halten wir aber noch nicht.« So lebhaft ihn dieser Gedanke auch bewegt, so traute er sich doch nicht, die Lippen zu den Worten zu bewegen, damit die Alte nichts merkte. Er schien sich sogar halb und halb zu fürchten, sie könnte seine Gedanken gelesen haben, denn er schielte sie mit schmeichlerischer Miene an und setzte laut hinzu: »Nähen Sie die aufgegangenen Nähte des flaschengrünen Anzugs mit der besten schwarzen Seide zu. Holen Sie einen Strang von der feinsten und auch ein paar neue Knöpfe und übrigens, da fällt mir was Prächtiges ein, was Ihnen gewiß auch Freude machen wird: ich habe ihr bisher noch nichts geschenkt, und Mädchen lieben Aufmerksamkeiten. Was meinen Sie, wenn Sie das hübsche Halsband, das ich oben habe, ein bißchen aufpolieren? Ich mache es ihr dann am Hochzeitsmorgen zum Geschenk, lege es ihr mit eigener Hand um den hübschen Hals und nehme es ihr am nächsten Tag wieder weg – hi, hi – und schließe es dann für sie ein, Grete, und sage, es sei abhanden gekommen. Ich bin doch neugierig, wenn schon eins an der Nase herumgeführt werden soll, bei wem es den Anfang nehmen wird – was meinen Sie, Grete?« Mrs. Sliderskew schien den prächtigen Plan höchlichst zu billigen und gab ihre Zufriedenheit durch ein paar scheußliche Grimassen zu erkennen. Dann humpelte sie zur Türe, vertauschte ihre Grimassen mit einem boshaften Blick, bewegte dabei den Unterkiefer bissig hin und her und verwünschte offenbar aus dem Grunde ihres Herzens die zukünftige Mrs. Gride. Sodann schleppte sie sich langsam die Treppe hinunter und machte fast bei jeder Stufe Halt, um zu verschnaufen. »Sie muß wahrhaftig eine Hexe sein«, brummte Arthur, als er wieder allein war; »aber sie kostet fast nichts und ist taub. Meinetwegen kann sie auch an den Schlüssellöchern horchen, sie wird nicht viel erfahren. Sie ist übrigens ganz prächtig geeignet zu dem, wozu ich sie brauche: eine verständige Haushälterin und nicht mit – Kupfermünzen zu bezahlen.« Als Arthur Gride die Verdienste seiner Haushälterin in so umfassender Weise gepriesen, summte er sich wieder ein Liedchen und hängte, da der Anzug, der bei der Trauungsfeierlichkeit seinen Leichnam bedecken sollte, ausgewählt war, die übrigen Kleider mit derselben Sorgfalt, mit der er sie aus dem muffigen Schranke genommen, wieder an ihre Nägel. Durch ein Klingeln an der Haustüre aufgeschreckt, beendete er hastig die Arbeit und schloß den Schrank ab. Eine solche Eile wäre jedoch nicht nötig gewesen, denn die umsichtige Grete merkte es selten, wenn geklingelt wurde, außer wenn sie zufällig sah, daß die Glocke sich bewege. Nach einer Weile jedoch humpelte sie wieder herein, und Newman Noggs folgte ihr auf dem Fuße. »Oh, Mr. Noggs«, rief Arthur Gride und rieb sich die Hände. »Lieber Freund, was bringen Sie Neues?« Newman Noggs blieb starr und unbeweglich stehen, sein eines unbewegliches Auge noch starrer als gewöhnlich, und antwortete in einem Ton, der mit seiner Haltung ganz in Einklang stand: »Einen Brief von Mr. Nickleby. Warte auf Antwort.« »Darf ich Ihnen vielleicht ein – ein – ein –« Newman blickte auf und schnalzte mit den Lippen. »– einen Stuhl anbieten«, beendete Mr. Arthur Gride seinen Satz. »Nein, ich danke«, versetzte Newman. Mit zitternden Händen öffnete Arthur Gride den Brief, verschlang seinen Inhalt, kicherte dann entzückt vor sich hin und überflog das Schreiben erst mehrere Male, ehe er imstande war, seine Augen davon abzuwenden. Er durchlas es so oft, daß Newman es schließlich für passend fand, ihn an seine Anwesenheit zu erinnern. »Antwort soll ich bringen«, brummte er. »Ja, richtig«, versetzte Mr. Gride. – »Ja – ja. Beinahe hätte ich es ganz vergessen.« »Ich dachte schon, Sie hätten es bereits vergessen«, verbesserte Newman scharf. »Sehr gut, daß Sie mich mahnen, Mr. Noggs, sehr gut«, erwiderte Arthur Gride. »Ich werde ein paar Zeilen antworten. Ich bin – ich bin ein wenig zerstreut, Mr. Noggs. Die Neuigkeit ist –« »Schlimm?« fragte Newman rasch. »Nein, Mr. Noggs, ich danke, im Gegenteil – die allerbesten Neuigkeiten. Setzen Sie Sich, während ich Tinte und Feder hole. Ich werde Sie nicht lang warten lassen, denn ich weiß, Sie sind für Ihren Prinzipal ein Schatz, Mr. Noggs. Er spricht bisweilen von Ihnen in Ausdrücken, daß – oh, du lieber Gott; Sie würden ganz erstaunt sein darüber. Und ich tu es natürlich auch, hab' es immer getan und werde stets dasselbe von Ihnen sagen.« »Das heißt: verflucht sei der Noggs von ganzem Herzen«, dachte Newman, als Gride hinauseilte. Der Brief war zu Boden gefallen. Einen Augenblick sah sich Newman Noggs vorsichtig um, hob ihn dann, neugierig, zu welchem Resultat der von ihm im Wandschrank belauschte Plan geführt habe, hastig auf und las folgende Worte: Lieber Gride! Ich habe Bray heute morgen wiedergesehen und ihm in Ihrem Sinne den übermorgigen Tag zur Abhaltung der Trauungsfeierlichkeit vorgeschlagen. Er hat nichts dagegen einzuwenden, und seiner Tochter ist jeder Tag gleichgültig. Kommen Sie früh um sieben Uhr zu mir, dann können wir hingehen. Zur Pünktlichkeit brauche ich Sie wohl nicht erst zu mahnen. Machen Sie inzwischen keinen Besuch bei dem Mädchen; Sie sind in letzter Zeit öfter dort gewesen, als Sie hätten sollen. Sie sehnt sich kaum nach Ihnen, und die Sache hätte leicht schiefgehen können. Zügeln Sie gefälligst Ihr jugendliches Feuer für achtundvierzig Stunden und überlassen Sie die Sache dem Vater. Sie könnten nur verderben, was er tut; und er betreibt die Angelegenheit wirklich in bester Weise. Der Ihrige Ralph Nickleby Draußen ließen sich Schritte vernehmen. Sofort warf Newman den Brief wieder zu Boden, wo er gelegen, erreichte seinen Sessel mit einem einzigen Satz und nahm eine möglichst ausdruckslose und gleichgültige Miene an. Arthur Gride blickte sich ängstlich um, bemerkte den Brief auf der Erde, hob ihn auf und setzte sich zum Schreiben nieder. Dabei warf er einen lauernden Blick auf Newman und ängstigte sich nicht wenig, als er ihn auf eine wirklich grauenhafte Weise die Wand anstieren sah. »Sehen Sie irgend etwas Besonderes, Mr. Noggs?« fragte er beklommen, bemüht, der Richtung von Newmans Augen zu folgen, was freilich eine Unmöglichkeit war, »Eine Spinnenwebe«, brummte Newman. »So, und ist das alles?« »Nein«, erwiderte Newman, »es ist eine Fliege darin.« »Es sind ziemlich viel Spinnweben hier«, bemerkte Arthur Gride. »Bei uns auch«, knurrte Newman, »und ebenfalls Fliegen.« Diese Entgegnung schien Newman ein großes inneres Behagen zu bereiten, wenigstens ließ er zu nicht geringem Entsetzen Arthur Grides längere Zeit hindurch seine Fingergelenke knacken, daß es prasselte wie ein kleines Pelotonfeuer. Endlich kam der alte Wucherer mit seinem Antwortbillett zustande und händigte es dem wunderlichen Boten ein. »Hier, Mr. Noggs.« Newman nickte mit dem Kopf, verstaute das Billett in seinem Hut und wollte eben weghinken, als ihn Gride, der in seinem Liebestaumel ganz aus dem Häuschen war, mit einem Grinsen, das sein ganzes Gesicht in Falten legte und seine Augen beinahe verschwinden ließ, zurückwinkte. »Wollen Sie – wollen Sie vielleicht ein Tröpfchen zu sich nehmen, um einen bessern Geschmack zu bekommen?« Selbst wenn Arthur Gride sein bester Kamerad gewesen wäre, so würde Newman keinen Tropfen auch des vorzüglichsten Weines, der je gekeltert worden, mit ihm getrunken haben, um aber zu sehen, auf was der Alte eigentlich abziele, und um ihm eine kleine Lektion zu geben, nahm er das Anerbieten sofort an. Arthur Gride verfügte sich zu dem Schrank und nahm von einem Sims, das mit hohen flämischen Trinkgläsern und wunderlichen Flaschen – einige mit Storchhälsen und andere mit dicken holländischen Bäuchen nebst dazugehörigen kurzen schlagflüssigen Hälsen – besetzt war, eine staubige Bouteille von vielversprechendem Aussehen nebst zwei kleinen, seltsam geformten Gläsern. »So etwas haben Sie noch nie gekostet«, greinte er. »Es ist Eau d'Or – Goldwasser. Ich liebe es schon um des Namens willen. Ein herrlicher Name! Goldwasser! Wasser mit Gold. O mein Gott, es ist fast eine Sünde, es zu trinken.« Einen kurzen Augenblick schien ihn der Mut wieder verlassen zu haben, und er spielte mit dem Stöpsel in einer Weise, die befürchten ließ, er werde die Flasche gleich wieder an ihre alte Stelle setzen, aber Newman ergriff kurz entschlossen eins der kleinen Gläser und klingelte damit ein paarmal an die Flasche als höfliche Erinnerung, daß man ihm noch nicht eingeschenkt habe. Arthur Gride füllte es denn auch mit einem tiefen Seufzer – natürlich nicht bis zum Rand – und schenkte dann sich selber ein. »Halt, halt, noch nicht trinken«, ächzte er und legte die Hand auf Newmans Arm, »vor zwanzig Jahren hab' ich es zum Geschenk bekommen, und wenn ich ein bißchen davon koste – was höchst selten geschieht –, so tue ich es gerne mit Bedacht, um den Wohlgeschmack voll zu genießen. Wir wollen auf irgend jemandes Gesundheit trinken, Mr. Noggs.« »Oh«, murmelte Newman, sein Gläschen fast mit den Augen verschlingend, »machen Sie schnell, Mr. Nickleby wartet.« »Nun, ich will Ihnen etwas sagen«, kicherte Arthur Gride, »wir wollen – hihihi – wir wollen vielleicht auf die Gesundheit einer Dame trinken?« »Von Damen?« fragte Newman. »Nein, Mr. Noggs«, rief Gride, die Hand des alten Buchhalters festhaltend, »ich meine einer Dame, einer , verstehen Sie? Sie wundern sich vielleicht, mich von einer Dame sprechen zu hören – begreiflich – höchst begreiflich. Aber es gibt eine kleine Madeline – ihr gilt der Toast, Mr. Noggs – der kleinen Madeline.« »Madeline«, murmelte Newman und setzte in Gedanken hinzu: Gott steh der Armen bei! Die Schnelligkeit und Sorglosigkeit, mit der er sein Gläschen Goldwasser hinunterstürzte, machte einen großen Eindruck auf den alten Wucherer. Aufrecht saß er in seinem Stuhle da, mit offenem Munde, als ob ihm der Anblick geradezu den Atem benähme. Newman Noggs kümmerte sich jedoch nicht darum, sondern überließ es ihm, sein Gläschen seinerseits mit Muße auszuschlürfen oder es allenfalls wieder in die Flasche zurückzugießen, wenn ihm dies lieber wäre. Dann entfernte er sich, nicht ohne Grete Sliderskew höchlichst zu verletzen, indem er im Hausflur an ihr vorüberfegte, ohne nur ein Wort an sie zu verlieren. Als Gride mit seiner Haushälterin wieder allein war, setzten sie sich zusammen, um über Mittel und Wege zu beratschlagen und die Vorkehrungen zu besprechen, die zum Empfang der jungen Braut getroffen werden müßten. Da jedoch auch hier die Debatten wie sonst überall außerordentlich langweilig und weitschweifig waren, so folgen wir lieber Newman Noggs' Schritten und verbinden damit das Angenehme mit dem Nützlichen. »Sie sind lange ausgewesen«, sagte Ralph, als Newman zu Hause ankam. »Er hat lange Zeit gebraucht«, murrte Newman. »Lächerlich«, rief Ralph ungeduldig. »Geben Sie mir seinen Brief, wenn Sie einen erhalten haben, oder richten Sie Ihren Auftrag aus, wenn er mündlich geschah. Bleiben Sie jetzt hier. Ich habe ein Wort mit Ihnen zu reden.« Newman gab das Schreiben ab und nahm eine höchst tugendhafte und unschuldige Miene an, während sein Brotherr das Briefchen erbrach und seinen Inhalt überflog. »Er wird bestimmt kommen«, murmelte Ralph und zerriß das Papier in tausend Fetzen. »Nun, habe es mir ja gedacht. Er hätte nicht nötig gehabt zu schreiben. – Noggs, wer war der Mann, mit dem ich Sie gestern abend auf der Straße stehen sah?« »Weiß nicht«, erwiderte Newman. »Sie würden gut tun, Ihr Gedächtnis ein wenig anzustrengen«, drohte Ralph mit finsterem Blick. »Ich habe bereits gesagt, daß ich nichts Näheres von ihm weiß«, versetzte Newman kühn. »Er war zweimal hier und fragte nach Ihnen. Sie waren nicht zu Hause, aber er kam immer wieder. Sie haben ihn schließlich selbst fortgeschickt. Wie er behauptet, heißt er Brooker.« »Das weiß ich«, sagte Ralph, »was will er?« »Was will er? Nun, er spionierte umher und faßte mich auf der Straße ab. Jeden Abend verfolgt er mich jetzt und drängt mich, ihm eine Zusammenkunft mit Ihnen zu verschaffen. In dieser Weise hat er mich schon ein paarmal angegangen. Er müsse unter vier Augen mit Ihnen sprechen, sagt er, und er stünde dafür gut, daß Sie ihn bis zu Ende anhören würden.« »Und was sagten Sie drauf?« fragte Ralph, Noggs scharf ins Auge fassend. »Die Sache geht mich nichts an, und ich wollte mich nicht weiter damit befassen. Ich riet ihm, er solle trachten, Sie auf der Straße abzufassen, aber das wollte er nicht; Sie würden ihn dort nicht zu Worte kommen lassen, meinte er. Er müsse allein hinter verschlossenen Türen und unter vier Augen mit Ihnen sprechen, um freiheraus reden zu können. Sie würden dann bald Ihren Ton ändern und ihn geduldig zu Ende hören.« »Ein frecher Spitzbube«, brummte Ralph. »Das ist alles, was ich weiß«, schloß Newman. »Ich wiederhole, daß ich den Mann nicht kenne; ich glaube, er weiß selbst nicht recht, was er eigentlich ist. Sie haben ihn gesehen und wissen wahrscheinlich mehr von der Sache.« »Ja, sollte man denken«, versetzte Ralph. »Nun«, erwiderte Newman, verdrießlich, »da kann ich also weiter nichts sagen, als daß Sie mir gefälligst nicht zuzutrauen brauchen, daß ich ihn kennen soll. Sie werden mich vielleicht fragen, warum ich Ihnen das alles nicht gleich mitgeteilt habe. Was würden Sie aber sagen, wenn ich Ihnen alles hinterbringen wollte, was die Leute von Ihnen schwätzen. Wenn ich es bisweilen doch tue, so fahren Sie mich ja immer gleich an wie ein wütender Bulldogg, und ›Dummkopf‹, ›Esel‹ und so weiter sind Ausdrücke, mit denen Sie nicht sparen.« Das stimmte allerdings, und die Worte, denen Newman in dieser Weise vorbeugte, schwebten bereits auf Ralph Nicklebys Lippen. »Er ist ein Faulenzer und Taugenichts«, murrte Ralph; »ein Landstreicher, der von Botany Bay zurückgekehrt ist, ein Dieb, den man nur deshalb losließ, damit er sich einmal später mit dem Hals in einem Strick verfängt, ein Schwindler, der die Frechheit hat, auf mich zu spekulieren, trotzdem ich ihn durch und durch kenne. Wenn er sich wieder einmal an Sie herandrängt, übergeben Sie ihn der Polizei, denn er trachtet nur durch Lügen und Drohungen Geld zu erpressen – verstehen Sie? Im Gefängnis wird er bald Vernunft annehmen, und ich stehe dafür, er wird sich, wenn er wieder freikommt, nach andern Leuten als mich umsehen, um sie über den Löffel zu barbieren. Haben Sie verstanden, was ich gesagt habe?« »Ja«, erwiderte Newman einfach. »So tun Sie, wie ich Ihnen sage. Ihr Schade wird's nicht sein. Sie können jetzt gehen.« Newman machte sofort von dieser gütigen Erlaubnis Gebrauch, schloß sich in sein kleines Bureau ein und beschäftigte sich dort den ganzen Tag über mit höchst ernsten Gedanken. Nach Schluß der Geschäftsstunden aber verfügte er sich, so schnell er konnte, nach der City und nahm dort wieder seine alte Stellung hinter dem Brunnen ein, um auf Nikolas zu warten, denn er war stolz in seiner Art und hätte es nicht übers Herz bringen können, sich in seinem schäbigen und heruntergekommenen Zustand den Gebrüdern Cheeryble als Freund des jungen Mr. Nickleby vorzustellen. Er hatte seinen Posten noch nicht lange inne, da sah er zu seiner Freude Nikolas herankommen und stürzte ihm aus seinem Hinterhalt entgegen. Nikolas war ebenfalls nicht wenig erfreut, seinen alten Freund zu treffen, und da sie sich schon ziemlich lange nicht gesehen, fand von beiden Seiten eine sehr warme Begrüßung statt. »Gerade in diesem Augenblick dachte ich an Sie«, sagte Nikolas. »Bravo«, rief Newman, »bei mir war's auch der Fall. Ich konnte mir nicht helfen, aber ich mußte Sie heute abend aufsuchen. Ich glaube, ich bin irgendeiner Sache auf der Spur.« »Und das wäre?« fragte Nikolas, über die seltsame Mitteilung lächelnd. »Ich weiß nicht, was es ist, und ebensowenig, was es nicht ist«, erklärte Newman. »Es handelt sich um ein Geheimnis, an dem Ihr Onkel beteiligt ist, das ich noch nicht herausschnüffeln konnte, obgleich ich starken Verdacht hege. Ich will die Sache jedoch vorderhand für mich behalten, damit Sie nicht etwa irregehen.« »Irregehen?« rief Nikolas. »Bin ich bei der Sache beteiligt?« »Es kommt mir so vor«, antwortete Newman. »Mir ist ein Gedanke durch den Kopf geschossen, als müßte es der Fall sein. Ich habe einen Menschen gefunden, der offenbar mehr weiß, als er auf einen Sitz zu enthüllen gedenkt. Er ließ gewisse Winke fallen, die mich stutzig machten – ich sage, die mich sehr stutzig machten«, setzte er hinzu und rieb seine rote Nase noch röter, Nikolas mit unverwandt starrem Blick betrachtend. Höchst neugierig, was seinen alten Freund zu solcher Geheimniskrämerei bewegen könnte, bemühte sich Nikolas durch alle möglichen Fragen, Licht in die Sache zu bekommen. Aber vergeblich. Newman ließ sich zu keiner näheren Erörterung herbei, wiederholte nur dasselbe wirre Zeug, dessen er sich bereits entledigt hatte, und bewies in einer Rede ohne jeden Zusammenhang, wie nötig es sei, außerordentlich vorsichtig zu Werke zu gehen. Der luchsäugige Ralph Nickleby habe ihn bereits zusammen mit seinem unbekannten Gewährsmann gesehen, und nur seiner außerordentlichen Vorsicht hinsichtlich Benehmens und der Art und Weise, wie er sich ausgeredet, da er natürlich auf einen derartigen Fall von Anfang an vorbereitet gewesen sei, wäre es zu danken, daß er den Alten getäuscht habe. Der Schwäche seines Freundes eingedenk – die übrigens jeder an der roten Nase des Gentlemans, die wie ein Leuchtturm ins Auge stach, erkennen mußte – führte Nikolas Newman in ein abgelegenes Wirtshaus, und hier kamen sie gar bald auf den Anfang und den Verlauf ihrer Bekanntschaft zu sprechen und ließen dabei die verschiedenen kleinen Ergebnisse, die schließlich bei der Geschichte mit Miss Cäcilie Schöps endeten, Revue passieren. »Und das erinnert mich«, sagte Newman, daß Sie mir niemals den wahren Namen der jungen Dame, die Sie meinen, genannt haben.« »Madeline«, sagte Nikolas. »Madeline?!« rief Newman. »Was? – Madeline? Und ihr Familienname – wie heißt sie mit dem Familiennamen?« »Bray«, entgegnete Nikolas, über das Entsetzen seines Freundes nicht wenig verblüfft. »Es ist dieselbe!« rief Newman. »Eine böse Geschichte das! Und Sie können müßig zusehen, wie diese unnatürliche Hochzeit vor sich geht, ohne auch nur einen Versuch zu machen, sie zu retten?« »Was soll das heißen?« fuhr Nikolas auf. »Hochzeit? Sind Sie toll?« »Toll? Gott bewahre«, remonstrierte Newman. »Aber das Mädchen – und Sie – sind Sie blind, taub, gefühllos oder überhaupt schon tot? Wissen Sie vielleicht nicht, daß sich als Resultat der Unterhandlungen Ihres Onkels Ralph Miss Madeline übermorgen mit einem Mann verehelichen soll, der ebenso schlecht ist wie er? – Ja, noch schlechter, wenn das überhaupt möglich ist. Wissen Sie nicht, daß nach Ablauf von vierundzwanzig Stunden – so gewiß, wie Sie lebendig hier stehen – einem eisgrauen Sünder, einem Satan von Haus aus, der in jeder Niederträchtigkeit reich geworden ist, ein junges unschuldiges Wesen geopfert wird?« »Bedenken Sie, was Sie sagen«, ächzte Nikolas, »um Gottes willen, bedenken Sie. Ich bin hier allein, und die, die zu ihrer Rettung die Hand reichen könnten, sind ferne. Wie soll ich übrigens das alles verstehen?« »Ich habe nie ihren Namen gehört«, erklärte Newman atemlos vor Eifer, »warum haben Sie ihn mir nicht gesagt? Wie konnte ich das alles wissen? Wir hätten dann wenigstens Zeit gehabt, ein bißchen zu überlegen.« »Was sollen alle diese Reden?« rief Nikolas, denn es war nicht so leicht, Klarheit in die Sache zu bekommen. Aber nach vielen wilden Gestikulationen und pantomimischen Erklärungen, die natürlich kein Licht zu verbreiten imstande waren, drückte Nikolas, fast ebenso verwirrt wie Newman Noggs, diesen in einen Stuhl nieder und hielt ihn so lange fest, bis er seine Erzählung begann. Unwille, Staunen, Wut, kurz, ein ganzer Sturm von Leidenschaften durchbrauste Nikolas' Herz, als er das Komplott so offen vor seinen Augen daliegen sah. Er war kaum klar in der Sache geworden, als er bereits mit aschfahlem Gesicht und an allen Gliedern zitternd aufsprang und aus dem Hause hinausstürzte. »Haltet ihn auf!« rief Newman, ihm nacheilend. »Er weiß nicht, was er tut – er bringt jemand um. Halloh! He! Haltet ihn auf, haltet den Dieb! Haltet den Dieb!« 52. Kapitel Nikolas verzweifelt an Madeline Brays Rettung, faßt jedoch später wieder Mut und entschließt sich, einen Versuch zu machen. – Familiennachrichten von den Kenwigs' und Lillyvicks Als Nikolas erkannte, daß Newman Noggs fest entschlossen war, ihn – koste es, was es wolle – aufzuhalten, und befürchten mußte, als Dieb festgehalten zu werden, besann er sich und ließ Noggs nachkommen, was denn dieser auch in einem so atemlosen Zustand tat, daß jeder sah, er hätte das Rennen kaum mehr eine Minute länger ausgehalten. »Ich will direkt zu Bray gehen«, erklärte Nikolas. »Ich muß diesen Menschen sprechen. Wenn er nur noch ein bißchen menschliches Gefühl und nur noch ein Fünkchen Liebe für sein freund- und mutterloses Kind im Herzen schlummern hat, so werde ich es in ihm wecken.« »Sie werden das nicht tun!« widersprach Newman. »Nein. Wahrhaftig, Sie werden das nicht tun!« »Dann werde ich meiner ersten Eingebung folgen«, sagte Nikolas und drängte seinen Freund vorwärts. »Ich gehe auf der Stelle zu Ralph Nickleby.« »Bis Sie seine Wohnung erreicht haben werden, ist er längst im Bett.« »Dann werde ich ihn herausziehen«, rief Nikolas. »Still, still«, bat Newman Noggs, »besinnen Sie sich doch.« »Sie sind mein bester Freund«, murmelte Nikolas nach einer Pause und ergriff Noggs' Hand; »ich habe so mancherlei Prüfung ausgehalten, aber das Elend anderer, und zwar ein Elend wie dieses, treibt mich geradezu zur Verzweiflung. Ich weiß nicht, was ich tun soll.« Wirklich schien der Fall geradezu hoffnungslos. Es war rein unmöglich, von der Nachricht, die Newman Noggs in seinem Schrank erlauscht hatte, irgendwelchen Nutzen zu ziehen. Der bloße Umstand, daß Ralph Nickleby und Gride einen Vertrag miteinander geschlossen hatten, konnte die Verlobung nicht ungültig machen oder Bray seine Einwilligung zurückziehen lassen, da er doch ohne Zweifel ein solches Einvernehmen vermutet haben mußte, wenn er nicht direkt darum wußte. Daß es sich um einen Betrug an Madeline handelte, hatte Arthur Gride selbst nur angedeutet, und was Newman Noggs darüber wußte, war durch den Dampf der damals von ihm so häufig zu Rate gezogenen Taschenpistole noch konfuser und unverständlicher geworden. »Ach, ich sehe keine Spur von Hoffnung«, jammerte Nikolas. »Um so mehr ist Ruhe, Vernunft und Überlegung am Platz«, sagte Newman, hielt bei jedem der Worte inne und blickte seinem Freund bekümmert ins Gesicht. »Wo sind die Gebrüder Cheeryble?« »Beide sind in dringenden Geschäften abwesend und kommen vor einer Woche nicht wieder nach Haus.« »Gibt es denn keinen Weg, sich mit ihnen in Verbindung zu setzen? Könnte man nicht veranlassen, daß wenigstens einer von ihnen bis morgen abend zurückkäme?« »Unmöglich«, seufzte Nikolas, »das Meer liegt zwischen uns und ihnen. Selbst bei günstigem Wind würde ein Bote hin und her drei Tage und drei Nächte brauchen.« »Aber ihr Neffe«, rief Newman, »oder der alte Buchhalter!« »Was könnten diese mehr tun als ich«, gab Nikolas zu bedenken, »und außerdem bin ich gerade ihnen gegenüber zu strengstem Stillschweigen in der Sache verpflichtet. Welches Recht hätte ich, das in mich gesetzte Vertrauen zu verraten, wo nur ein Wunder dieses schändliche Komplott zunichte machen kann?« »Denken Sie nach!« drängte Newman. »Gibt es denn gar keinen Ausweg?« »Keinen«, sagte Nikolas trostlos. »Nicht einen einzigen. Der Vater drängt – die Tochter willigt eben ein. Diese Teufel haben sie in ihren Krallen, und Gesetz, Macht, Gewalt, Geld – kurz, alles ist auf ihrer Seite. Wie könnte ich hoffen, sie zu retten?« »Hoffen Sie bis zum letzten Augenblick«, redete ihm Newman zu und klopfte ihm tröstend auf die Schulter. »Die Hoffnung ist eine Gabe des Himmels; Mutlosigkeit führt zu nichts, hören Sie? Sie führt zu nichts. Lassen Sie kein Mittel unversucht, dann wird wenigstens ein Trost für Sie in der Überzeugung liegen, daß Sie alles Mögliche getan haben. Aber die Hoffnung dürfen Sie nicht aufgeben, sonst ist alles, was sie tun, dahin. Hoffnung, Hoffnung bis zum letzten Augenblick!« Allerdings bedurfte Nikolas der Ermutigung gar sehr, denn der günstige Stand der Pläne der beiden Wucherer, die geringe Zeit, die ihm zum Handeln blieb, die Wahrscheinlichkeit – ja fast Gewißheit –, daß Madeline Bray ihm in wenigen Stunden vielleicht für immer entrissen sein und einem namenlosen Elend, vielleicht sogar einem frühzeitigen Tode preisgegeben werden sollte – alles dies warf ihn fast zu Boden und betäubte ihn. Jede Hoffnung, die er sich hinsichtlich Madelines gemacht, schien verdorrt. In dieser qualvollen Gemütsstimmung kam ihm Newmans Freundschaft sehr zu Hilfe. Es lag so viel Ernst in seinen Vorstellungen und so viel Aufrichtigkeit und Wärme in seinem allerdings immer wunderlichen und komischen Benehmen, daß Nikolas neue Kraft daraus gewann und, nachdem sie eine Weile schweigend nebeneinander hergegangen, sagen konnte: »Sie geben mir eine gute Lehre, die ich mir zunutze machen will, Newman. Ich werde wenigstens einen Schritt versuchen, ja, ich muß ihn sogar tun, und zwar gleich morgen früh.« »Und der wäre?« fragte Mr. Noggs neugierig. »Doch nicht etwa Drohungen gegenüber Ralph oder ein Besuch bei dem Vater?« »Nein, ich muß die Tochter sprechen, Newman«, erklärte Nikolas. »Ich werde alles aufbieten, was die Brüder hätten tun können, wenn sie hiergewesen wären. O Gott, daß sie gerade jetzt außerhalb Londons sein müssen. Ich will ihr das Entsetzliche dieser Verbindung eindringlich schildern, ihr all den Jammer vorstellen, in den sie sich so voreilig und offenbar ohne Überlegung stürzt. Ich will sie bitten, die Sache wenigstens ein paar Tage zu verschieben. Es muß ihr offenbar jeder freundliche Rat gefehlt haben. Vielleicht gelingt es mir sogar jetzt noch, sie zurückzuhalten, und wenn es auch schon um die zwölfte Stunde ist und sie bereits am Rande des Verderbens steht.« »Bravo«, jubelte Newman. »Recht so, recht so – ja, so ist's gut.« »Und ich schwöre«, rief Nikolas begeistert »daß mich weder Selbstsucht noch persönliche Rücksicht dazu veranlaßt, sondern nur Mitleid mit ihr und Abscheu vor diesem niederträchtigen Komplott, und daß ich auch nicht anders handeln würde, wenn ich unter zwanzig Nebenbuhlern der am wenigsten begünstigte wäre.« »Ja, das glaube ich Ihnen«, sagte Newman. »Aber wohin wollen Sie jetzt so schnell?« »Nach Hause. Wollen Sie mich begleiten, oder soll ich Ihnen gute Nacht sagen?« »Ich will noch ein bißchen mit Ihnen gehen, wenn Sie nicht gar so galoppieren«, entgegnete Newman. »Ich kann mich heute beim besten Willen nicht im Schneckentempo fortbewegen«, entschuldigte sich Nikolas hastig. »Es muß rasch bei mir gehen, wenn ich nicht ersticken soll. Ich werde Ihnen morgen mitteilen, was ich ausgerichtet habe.« Und ohne eine Antwort abzuwarten, stürzte er fort und tauchte in der Menge, die sich auf der Straße stieß und drängte, unter. Ein paar Minuten später hatte ihn Newman gänzlich aus dem Gesicht verloren. »Wie ungestüm er doch zuweilen sein kann«, brummte Newman ihm nachblickend. »Und doch sehe ich's gerne an ihm. Übrigens hat er jetzt auch Ursache dazu. – Aber Hoffnung? Ich glaube, daß ich es war, der von Hoffnung sprach, aber Ralph Nickleby und Gride – hm –, wenn die die Köpfe zusammenstecken – da soll noch Hoffnung für die Gegenpartei sein? Hoho!« Das Lachen, mit dem Newman Noggs sein Selbstgespräch schloß, klang sehr melancholisch und war von einem nicht minder traurigen Kopfschütteln und einer ungemein trübseligen Miene begleitet. Dann wandte er sich um und ging seines Weges. Dieser würde unter gewöhnlichen Umständen zu irgendeiner kleinen Bier- oder Branntweinschenke geführt haben, aber jetzt war Mr. Noggs zu aufgeregt, um sich an einem solchen Orte Trostes zu erholen. Er begab sich daher unter allerhand zaghaften und traurigen Betrachtungen schnurstracks nach Hause. Miss Morlina Kenwigs hatte nun zufällig am selben Nachmittag eine Einladung erhalten, am nächsten Tag an einer Dampferpartie von der Westminsterbrücke nach der Aalpasteteninsel bei Twickenham teilzunehmen, wo man es sich bei kalter Küche, Flaschenbier, Punsch und Krabben wohl sein zu lassen und zur Musik einer wandernden Bande, die zu diesem Zweck hinbestellt worden, im Freien zu tanzen gedachte. Das Dampfboot war von einem sehr beliebten Tanzlehrer im Interesse seiner zahlreichen Schüler und Schülerinnen gemietet worden, und diese glaubten die Verdienste ihres Lehrers dadurch in das richtige Licht zu setzen, daß sie sich hellblaue Billetts kauften, die zur Teilnahme an der Fahrt berechtigten, und auch ihre Freunde veranlaßten, ein Gleiches zu tun. Eines dieser hellblauen Billetts nun war von einer freundlichen Nachbarin Miss Morlina Kenwigs nebst Einladung zugeschickt worden, sich mit ihren Schwestern der Partie anzuschließen, und Mrs. Kenwigs, die mit vollem Rechte der Ansicht war, die Ehre der Familie verlange, daß Miss Morlina in möglichstem Glanz erscheine, um dem Tanzlehrer zu beweisen, daß es noch andre Tanzlehrer als ihn auf der Welt gäbe, und den anwesenden Vätern und Müttern zu zeigen, daß nicht nur deren Kinder sich anständig zu benehmen gelernt hätten, sondern auch andre, war ob der unsäglichen Menge von Vorbereitungen bereits zweimal in Ohnmacht gefallen. Aber der hochherzige Entschluß, den Glanz der Familie aufrechtzuerhalten oder bei dem Versuche zugrunde zu gehen, ließ sie nicht erliegen, und so stak sie noch mitten in der Arbeit, als Newman Noggs nach Hause kam. Das Fälteln der Krausen, das Besetzen der Spitzenhöschen, das Garnieren des Kleides, die gelegentlichen Ohnmachten und das Wieder-zu-sich-Kommen hatten Mrs. Kenwigs so ganz und gar in Anspruch genommen, daß sie erst knapp vor einer halben Stunde zu der schrecklichen Entdeckung gekommen war, die Flachszöpfe ihres Töchterchens seien so verwirrt, daß man gar nicht daran denken dürfe, Miss Morlina könne wirklich einen Triumph über die Töchter aller übrigen Leute feiern, übergebe man sie nicht augenblicklich den Händen eines geschickten Haarkräuslers. Diese Wahrnehmung brachte Mrs. Kenwigs in tiefste Verzweiflung, denn der Friseur wohnte drei Gassen und acht gefährliche Straßenübergänge weit. Man konnte unmöglich Morlina allein gehen lassen, selbst wenn es – was Mrs. Kenwigs sehr bezweifelte – schicklich gewesen wäre. Und da Mr. Kenwigs von seinem Geschäfte noch nicht heimgekommen, war niemand da, der das Fräulein hingeführt hätte. Mrs. Kenwigs knuffte und puffte daher Miss Morlina als Ursache aller dieser Verdrießlichkeiten und brach sodann in Tränen aus. »Du abscheuliches Geschöpf«, maulte sie, »was ich alles schon heute abend mit dir ausgestanden habe.« »Ich kann doch nichts dafür, Mama«, jammerte Miss Morlina ebenfalls in Tränen. »Meine Haare wollten eben nicht halten.« »Schweig, du nichtsnutziges Ding«, zürnte Mrs. Kenwigs. »Kein Wort mehr. Ich weiß ganz gut, du würdest, wenn ich dich auf die Gefahr hin, überfahren zu werden, allein gehen ließe, doch nur zu Laura Chopkins« – dies war die Tochter der liebenswürdigen Nachbarin – »laufen und ihr sagen, was du morgen anziehst. Du hast nicht ein Fünkchen Stolz in dir, und man kann dir nicht über die Straße trauen.« Dabei destillierte Mrs. Kenwigs ein paar neue Tropfen des Ärgers aus ihren Augenwinkeln und erklärte, es könne auf der ganzen Welt kein geplagteres Geschöpf geben als sie. Miss Morlina fing daraufhin ebenfalls aufs neue zu weinen an, und so schluchzten die beiden einander an. So standen die Dinge, als man Newman Noggs an der Türe vorbei die Treppe hinaufhinken hörte. Das Geräusch seiner Fußtritte gab Mrs. Kenwigs neue Hoffnung. Hastig tilgte sie von ihrem Gesicht die Spuren kürzlicher Aufregung, so gut es sich eben in der Eile tun ließ, fing ihren Hausgenossen ab, erzählte ihm ihre Verlegenheit und bat ihn, Morlina zu dem Friseur zu begleiten. »Ich würde Ihnen so etwas nicht zumuten, Mr. Noggs, wenn ich nicht wüßte, was für ein guter gefälliger Mensch Sie sind – nein wirklich nicht, nicht um die Welt. Aber ich habe eine sehr schwache Konstitution, Mr. Noggs, und überdies würde mein Stolz es ebensowenig zulassen, eine Gunst zu erbitten, wo ich einer Verweigerung entgegensehen könnte, wie ich es nicht über mich zu gewinnen vermochte, zuzusehen, daß Neid und Gemeinheit über meine Kinder triumphieren.« Newman Noggs war zu gutmütig, um nicht sofort bereit zu sein, selbst wenn ihn Mrs. Kenwigs nicht in so entschiedenen Worten ihres Vertrauens versichert hätte. Ehe noch ein paar Minuten vergangen waren, befand er sich daher mit Miss Morlina auf dem Weg zu dem Haarkünstler. Dieser Mann war eigentlich kein Friseur, d. h. gemeine und ungebildete Leute würden ihn einen Barbier genannt haben, aber er kräuselte nicht nur den Damen elegant und den Kindern höchst sorgfältig das Haar und schnitt es, sondern er konnte auch mit leichter sichrer Hand den Bart abnehmen. Er besaß ein ungemein anständiges Etablissement – wirklich sozusagen eines von erstem Rang –, und in seinem Ladenfenster stand nebst anderem Prunk die Wachsbüste einer blassen Dame nebst der eines brünetten Herrn, die beide die Bewunderung der ganzen Nachbarschaft auf sich zogen. Einige Damen waren sogar so weit gegangen zu behaupten, der brünette Herr sei das leibhaftige Konterfei des geistreichen jungen Geschäftsinhabers selbst, und die große Ähnlichkeit, die beide in ihrer Haartracht zeigten – sie trugen nämlich alle zwei sehr glänzendes, in der Mitte gescheiteltes Haar und zu beiden Seiten ein paar platt angedrückte sogenannte Sechser –, bekräftigte diese Annahme. Die Besserunterrichteten des schönen Geschlechtes gaben sich jedoch mit dieser Versicherung nicht ab, denn so gerne sie auch dem schönen Gesicht und der Figur des Geschäftsinhabers volle Gerechtigkeit angedeihen ließen – und sie taten das wirklich sehr gerne –, so betrachteten sie das brünette Antlitz des Herrn im Fenster doch lieber als ein Ideal männlicher Schönheit, das sich vielleicht nur hie und da unter Engeln oder Leutnants verkörpert und sehr selten auf der physischen Welt greifbar erscheint, um die Augen der Sterblichen zu entzücken. Newman Noggs hatte Miss Morlina wohlbehalten in den Laden dieses Friseuradonis gebracht, und da dieser wußte, daß Miss Kenwigs drei Schwestern, jede à zwei Flachszöpfe, hatte, die ihm Stück für Stück mindestens sechs Pence monatlich einbringen mußten, so ließ er auf der Stelle einen alten Herrn, den er eben eingeseift hatte, sitzen und überlieferte ihn seinem Gehilfen, der wegen seines Embonpoints und seiner Jahre bei den Damen nicht sehr populär war, um das kleine Fräulein selbst bedienen zu können. Dieser Wechsel war kaum vor sich gegangen, als ein freundlicher, stämmig aussehender Kohlenträger mit einer Pfeife im Mund eintrat, sich mit der Hand übers Kinn fuhr und fragte, ob er rasiert werden könne. Der Gehilfe, dem diese Frage galt, warf einen bedenklichen Blick auf seinen jungen Brotherrn, während dieser geringschätzig den Kohlenträger anblickte und antwortete: »Hier können Sie nicht rasiert werden, mein Lieber.« »Warum nicht?« fragte der Kohlenträger. »Wir rasieren Gentlemen Ihres Standes nicht«, bemerkte der junge Geschäftsinhaber stolz. »Na, ich hab' doch vorige Woche durchs Fenster g'sehen, wie Sie n' Bäcker rasiert haben«, wendete der Kohlenträger ein. »Sie haben es durchaus nicht nötig, irgendwelche Parallelen zu ziehen, mein Lieber«, erwiderte der Friseur; »wir ziehen unsere Grenzlinie bei den Bäckern, und unter diese steigen wir prinzipiell nicht hinab. Täten wir es, so würden wir all unsere Kunden verlieren und könnten die Bude schließen. Sie müssen sich also wohl zu einem andern verfügen, hier sind Sie in der unrechten Schmiede.« Der Kohlenträger glotzte umher, schnitt Newman Noggs, der sich an dieser Szene höchlichst zu ergötzen schien, eine Grimasse, warf einen geringschätzigen Blick auf die Pomadentöpfe und übrigen Parfümerieartikel, nahm seine Pfeife aus dem Mund, pfiff laut, steckte sie sich dann wieder ins Gesicht und entfernte sich. Der eingeseifte alte Herr, das Antlitz melancholisch zur Wand gekehrt, schien diesen Auftritt nicht zu gewahren und saß überhaupt unempfindlich für alles, was um ihn her vorging, in tiefe Träume versunken da, die – seinen Seufzern nach zu schließen, in denen er sich gelegentlich Luft machte – höchst betrüblicher Natur sein mußten. Von seinem Beispiel angesteckt, begann der Geschäftsinhaber stumm Miss Kenwigs zu frisieren, und der Gehilfe rasierte den alten Herrn, wobei Newman Noggs die Zeitung vom letzten Sonntag durchblätterte – alle drei im tiefsten Stillschweigen, als Miss Morlina plötzlich einen leichten Schrei ausstieß, was Newman veranlaßte, seine Augen zu erheben und dabei die Ursache der Störung zu gewahren. Der alte Herr hatte nämlich seinen Kopf umgewandt und ließ die Züge des Steuereinnehmers Lillyvick erkennen. Ja wahrhaftig, es war Mr. Lillyvicks Gesicht, aber auf eine höchst bemerkenswerte Weise verändert. Wenn je ein alter Gentleman darauf gehalten hatte, sauber rasiert öffentlich zu erscheinen, so war es Mr. Lillyvick gewesen. Wenn je ein Steuereinnehmer sich wie ein Steuereinnehmer benommen und vor der Menge eine so feierliche und bedeutungsvolle Würde zur Schau getragen, als sei die ganze Welt im Rückstand mit zwei Quartalen in seinen Büchern, so war Mr. Lillyvick dieser Steuereinnehmer gewesen, aber jetzt saß er da mit einem mindestens acht Tage alten Bart, einem schmutzigen und verknüllten Busenstreif, der, statt wie früher sich kühn vorzudrängen, schlaff herabhing, mit einer Miene, so niedergeschlagen, zaghaft, bekümmert und verschämt, daß die Mienen von vierzig zahlungsunfähigen Hausbesitzern, denen man die Wasserleitung abgeschlossen, wenn sie sich in einem Gesichte zusammengefunden haben würden, diesem kaum einen so schmerzlichen und niedergeschlagenen Ausdruck hätten geben können, als der es war, der sich hier an der Person des Steuereinnehmers Mr. Lillyvick offenbarte. Newman Noggs nannte seinen Namen, und Mr. Lillyvick seufzte, suchte es jedoch gleich darauf durch ein Hüsteln zu verbergen. Der Seufzer war jedoch zu deutlich gewesen, als daß man ihn hätte überhören können, während sich der Husten wie ein krampfartiges Keuchen ausnahm. »Was fehlt Ihnen?« fragte Mr. Noggs teilnahmsvoll. »Was mir fehlt?« stöhnte Mr. Lillyvick. »Die Leitungsröhre meines Lebens ist vertrocknet und nur Schlamm übriggeblieben.« Diese Erwiderung, deren Stil Newman Noggs dem Verkehre Mr. Lillyvicks mit Komödianten zuschrieb, war etwas unklar, und Newman blickte daher auf, als bäte er um eine nähere Erklärung. Aber Mr. Lillyvick kam ihm zuvor, indem er ihm warm die Hand schüttelte und dann schmerzlich abwehrte. »Gestatten Sie, daß ich mich zuerst vollends rasieren lasse«, seufzte er. »Ich werde vor Morlina fertig sein – es ist doch Morlina? Nicht wahr?« »Jawohl«, versicherte Newman. »Die Kenwigs' haben kürzlich einen Knaben bekommen, nicht wahr?« fuhr der Steuereinnehmer fort. Newman bejahte abermals. »Ist er hübsch?« fragte Mr. Lillyvick weiter. »Er ist nicht übel«, entgegnete Newman, durch die Frage einigermaßen in Verlegenheit gesetzt. »Susanna Kenwigs pflegte immer zu sagen«, bemerkte der Steuereinnehmer, »sie hoffe, wenn sie je wieder einen Knaben bekäme, daß er mir ähnlich sähe. Gleicht er mir, Mr. Noggs?« Newman war über diese Frage ein wenig verblüfft und antwortete ausweichend, die Ähnlichkeit werde sich später gewiß einstellen. »Ich hätte gern, es sähe mir jemand ähnlich, ehe ich sterbe«, jammerte Mr. Lillyvick. »Sie werden doch jetzt noch nicht sterben wollen«, rief Newman. Mit feierlicher Stimme erklärte Mr. Lillyvick daraufhin: »Gestatten Sie, daß ich mich erst zu Ende rasieren lasse.« Dann unterwarf er sich den Prozeduren des Friseurgehilfen und sprach weiter kein Wort. Dies war gewiß ein merkwürdiges Benehmen, und selbst Miss Morlina fand es außerordentlich und konnte sich, selbst auf die Gefahr hin, mit dem Brenneisen ins Ohr gezwickt zu werden, nicht enthalten, sich immer wieder nach dem Wassersteuereinnehmer umzusehen. Mr. Lillyvick nahm jedoch keine Notiz von ihr, sondern schien eher, wie es Newman Noggs vorkam, ihre Blicke zu meiden oder ihnen auszuweichen, wenn er ihren Augen zufällig begegnete. Newman hätte nun ganz gut wissen können, worin der Grund dieser Veränderung im Wesen des Steuereinnehmers lag, zerbrach sich aber weiter nicht den Kopf darüber und dachte philosophisch, er werde es früher oder später sicher erfahren und könne warten. Er ließ sich daher durch die Seltsamkeit des alten Herrn nicht weiter anfechten. Als das Haargekräusel endlich vorüber war, erhob sich Mr. Lillyvick, nachdem er auf Morlina gewartet, und verließ mit Newman und ihr den Laden. Dann nahm er den Arm des alten Buchhalters und begleitete beide eine Strecke weit, ohne ein Wort zu sprechen. Newman, der an Einsilbigkeit nicht so bald seinesgleichen fand, versuchte es weiter nicht, das Schweigen zu brechen, und so gingen sie miteinander eine Weile lang fort, bis sie fast Morlinas Wohnung erreicht hatten, und da erst begann Mr. Lillyvick: »Waren die Kenwigs' sehr betroffen bei der Nachricht, Mr. Noggs?« »Bei welcher Nachricht?« »Von – von – meiner – « »Verheiratung?« ergänzte Newman. »O Gott«, seufzte Mr. Lillyvick und bemühte sich diesmal nicht, seine Bewegung durch ein Hüsteln zu maskieren. »Mama hat geweint, als sie es erfuhr«, fiel Miss Morlina ihm ins Wort, »obwohl wir es lange vor ihr geheimhielten. Papa war auch sehr niedergedrückt, aber jetzt geht es ihm wieder besser. Und ich selbst wurde sehr krank – aber auch mir ist schon wieder besser.« »Würdest du deinem Großonkel einen Kuß geben, wenn er dich darum bäte?« fragte der Wassersteuereinnehmer stockend. »Ja. Ich würde es, Onkel Lillyvick«, entgegnete Miss Morlina, die Lebhaftigkeit ihres Vaters und ihrer Mutter vereinend. »Aber Tante Lillyvick möchte ich nicht küssen. Sie ist nicht meine Tante, und ich werde sie auch nie so nennen.« Entzückt schloß Mr. Lillyvick Miss Morlina in seine Arme und küßte sie. Sie waren inzwischen bei Mr. Kenwigs' Wohnung angelangt, deren Türe, wie bereits erwähnt, gewöhnlich weit offen stand, und der Steuereinnehmer ging geradezu nach Mr. Kenwigs' Zimmer und setzte Miss Morlina in der Mitte nieder. Mr. und Mrs. Kenwigs befanden sich eben beim Nachtessen. Beim Anblick ihres treulosen Verwandten erblaßte Mrs. Kenwigs und fühlte sich einer Ohnmacht nahe, während sich der Drechslermeister majestätisch aufrichtete. »Kenwigs«, bat der Steuereinnehmer, »geben Sie mir Ihre Hand!« »Es hat eine Zeit gegeben, Sir«, begann Mr. Kenwigs, »wo ich stolz darauf war, dem Manne, der mir jetzt gegenübersteht, die Hand zu reichen. Es hat eine Zeit gegeben, Sir«, fuhr er fort, »wo ein Besuch von demselben Manne in meinem und meiner Familie Herzen Gefühle erweckte, die nicht nur natürlich, sondern auch erhebend waren. Jetzt aber sehe ich diesen Mann mit Empfindungen vor mir, die alle Begriffe übersteigen, und stelle mir die Frage: wo ist seine Ehre geblieben? Wo seine Redlichkeit und seine Menschennatur?« »Susanna Kenwigs«, wandte sich Mr. Lillyvick demütig an seine Nichte. »Du hast kein einziges Wort für mich einzulegen?« »Sie ist unfähig dazu, Sir«, erklärte Mr. Kenwigs und schlug voll Nachdruck mit der Faust auf den Tisch. »Vier Liter Malztrunk reichten kaum hin, ihr das Stillen eines gesunden Kindes zu ermöglichen und sie zu befähigen, den Gram über Ihr grausames Benehmen zu verwinden.« »Es freut mich«, erwiderte der arme Wassersteuereinnehmer leise, »daß es ein gesundes Kind ist. Ich bin ungemein darüber erfreut.« Dies berührte die Familie Kenwigs an ihrer empfindsamsten Stelle. Mrs. Kenwigs brach sofort in Tränen aus, und Mr. Kenwigs zeigte große Erregung. »Die ganze Zeit über, wo das Kind erwartet wurde«, sagte der Drechslermeister traurig, »war es ein herzerhebendes Gefühl für mich, mich der Hoffnung hingeben zu können, es möchte ein Knabe werden, da ich seinen Onkel oft und oft hatte sagen hören, es wäre ihm am liebsten, wenn das nächste ein Knabe wäre. Und ich dachte, was wird wohl sein Onkel Lillyvick sagen, wenn es wirklich ein Knabe ist, und welcher Name wird ihm wohl am besten gefallen? Wird er Petrus oder Alexander, Pompejus oder Diogenes oder anders heißen, und jetzt, wenn ich es ansehe, das hilf- und bewußtlose Kindchen, dem seine kleinen Ärmchen zu nichts nütze sind, als sein Häubchen zu zerreißen, und dem seine kleinen Füßchen nur dazu dienen, sich selber im Weg zu sein – wenn ich es ansehe, wie es im Schoße seiner Mutter stammelt und in seiner Unschuld den Finger in den Mund steckt, daß es fast erstickt, wenn ich das Kindchen, so wie es ist, ansehe und dabei bedenke, daß derselbe Onkel Lillyvick, der es ehedem so lieb zu haben gedachte, sich treulos zurückgezogen, so überkommt mich ein Rachegefühl, das auszudrücken keine Zunge vermag, und es ist mir, als riefe mir sogar das Kindlein in seiner heiligen Unschuld zu, ich solle ihn hassen.« Diese schwungvollen Worte ergriffen Mrs. Kenwigs tief. Mehrere Male versuchte sie vergebens, einige abgebrochene Worte hervorzustoßen, aber jedesmal wurden sie in einer gewaltigen Flut von Tränen ertränkt und weggespült, bis es ihr endlich glücklich gelang, sich folgendermaßen vernehmen zu lassen: »O Gott, Onkel, ich darf nicht daran denken, daß Sie mir, meinen lieben Kindern und meinem Manne Kenwigs, dem Urheber ihres Daseins, den Rücken gekehrt haben. – Wo Sie sonst so gütig und wohlwollend waren und wo wir jeden mit Verachtung vernichtet haben würden, wenn er etwas gegen Sie gesagt hätte. Sie, dessen Name der kleine Lillyvick, unser erster kleiner Knabe, am heiligen Altar erhielt – ach du lieber Himmel.« »Und haben wir je an Geld gedacht?« fragte Mr. Kenwigs, »jemals an Vermögen?« »Nein«, rief Mrs. Kenwigs, »ich verachte es!« »Auch ich«, fügte Mr. Kenwigs bei; »ich habe es immer getan.« »Mein Innerstes ist zerrissen«, klagte Mrs. Kenwigs, »und mein Herz von Seelenpein zerfleischt. Das Wochenbett hat mich ganz und gar heruntergebracht, mein unschuldiges kleines Kindchen ist elend und Morlina zum Schatten geworden. Aber alles sei vergessen und vergeben, denn ich kann es nicht übers Herz bringen, meinem Onkel zu zürnen. Nur muß ich bitten, daß Sie nicht von mir verlangen, ich soll Ihre Gattin empfangen – nein, das dürfen Sie von mir nicht verlangen! Ich will nicht, ich mag nicht, nein, ich will nicht –« »Liebe Susanna, denke doch an dein Kind«, unterbrach sie Mr. Kenwigs. »Jawohl«, kreischte Mrs. Kenwigs, »ich will an mein Kind denken. Ich will an mein Kind denken – an mein Kind, das mir kein Onkel auf der Welt nehmen kann, an mein verstoßenes, verlassenes, mit Füßen getretenes Kind!« Mrs. Kenwigs' Aufregung steigerte sich derart, daß ihr Gatte ihr innerlich mit Hirschhorngeist und äußerlich mit Weinessig beispringen und überdies ein paar Korsettschnüre, vier Unterrockbänder und mehrere kleine Knöpfe lösen mußte. Newman Noggs hatte diesem Auftritt schweigend zugesehen, da er, teils durch einen Wink von Mr. Lillyvick und andererseits durch ein Kopfnicken Mr. Kenwigs' zum Bleiben aufgefordert, stehengeblieben war. Als sich Mrs. Kenwigs wieder etwas besser fühlte und Newman, auf den sie große Stücke hielt, ihr Vorstellungen gemacht und sie gebeten hatte, sich doch zu fassen, begann Mr. Lillyvick mit stockender Stimme: »Ich werde hier niemand zumuten, meine – ich möchte das Wort nicht aussprechen, denn Ihr wißt, wen ich meine – zu empfangen. Lieber Kenwigs und auch Sie, Susanna: sie ist mir doch gestern vor acht Tagen mit einem Kapitän der Reserve auf und davon gegangen.« – Das würdige Ehepaar fuhr auf. – »Jawohl, mit einem Kapitän der Reserve. Auf und davon. Falsch und treulos mit einem Kapitän der Reserve auf und davon. – Mit einem Kapitän mit einer Kupfernase, von dem sich kein Ehemann etwas Böses versehen hätte! – In diesem Zimmer hier habe ich Henriette Petowker zum erstenmal gesehen«, stöhnte Mr. Lillyvick und blickte finster umher, »und hier in diesem Zimmer verstoße ich sie für immer.« Diese Erklärung änderte die Sachlage bedeutend. Mrs. Kenwigs warf sich dem alten Herrn an den Hals, machte sich bittere Vorwürfe über ihre Heftigkeit und rief, was müßte er nicht erst erduldet haben, wo sie schon so viel gelitten. Dann ergriff auch der Drechslermeister seine Hand und gelobte ihm unverbrüchliche Freundschaft und ewige Reue. Mrs. Kenwigs konnte sich gar nicht fassen ob des Schauderns, je eine solche Schlange, Natter, Viper, giftige Otter und Krokodil wie Henriette Petowker an ihrem Busen genährt zu haben, und Mr. Kenwigs folgerte, sie müsse wirklich bodenlos verderbt sein, da sie sich durch das lange Beispiel von Tugend durch seine Frau nicht gebessert habe; und Mrs. Kenwigs wiederum erinnerte sich, ihr Mann habe ihr des öftern gesagt, er könne das Benehmen Miss Petowkers nicht billigen, und wunderte sich mit ihm zusammen, wie sie nur so lange dieser verschlagenen Person gegenüber mit Blindheit geschlagen sein konnte. Der Drechslermeister hob noch besonders hervor, er habe stets Argwohn gehegt, wundere sich aber keineswegs, daß dies bei seiner Gattin nicht ebenfalls der Fall gewesen, da sie doch lauter Keuschheit, Reinheit und Wahrhaftigkeit wäre, wohingegen sich bei Henriette Petowker nichts als Niederträchtigkeit, Falschheit und Hinterlist finden lasse. Und schließlich beschworen sie den wackren Wassersteuereinnehmer, sich keinem überflüssigen Gram mehr hinzugeben und Trost im Umgang mit liebevollen Verwandten zu suchen, deren Arme und Herzen ihm immer offenstünden. »Aus Liebe und Achtung gegen euch beide, Susanna, und auch Sie, Kenwigs«, sagte Mr. Lillyvick, »und keineswegs aus Groll und Rache gegen sie, da sie viel zu tief steht für solche Gefühle, will ich morgen früh euern Kindern das Vermögen vermachen, das ich ihnen testamentarisch zu hinterlassen gedachte, und gleichzeitig die Vorkehrung treffen, daß es ihnen nach meinem Ableben zur Zeit ihrer Mündigkeit oder Verehelichung ausgezahlt werde. Jawohl, gleich morgen will ich alles veranlassen, und Mr. Noggs wird mir vielleicht die Gefälligkeit tun, als Zeuge mit zu unterschreiben. Er hört hier, was ich gesagt habe, und soll auch sehen, wie ich mein Versprechen halte.« Durch solchen Edelmut ganz und gar hingerissen, brachen Mr. Kenwigs, seine Gattin und Miss Morlina sofort in Tränen aus, und zwar derart, daß der Lärm ihrer Ergriffenheit bis ins nächste Zimmer drang und dort die Kinder, die bereits in ihren Bettchen lagen, ebenfalls zum Weinen brachte. Ungestüm eilte der Drechslermeister hinein, schleppte sie paarweise auf seinen Armen wieder heraus, ließ sie dann in ihren Nachtmützen und Nachthemdchen zu Mr. Lillyvicks Füßen niedersinken und forderte sie auf, ihm zu danken und Gottes Segen zu wünschen. »Aber jetzt«, rief Mr. Lillyvick, als die herzbrechende Szene zu Ende und die Kinder wieder glücklich zu Bett gebracht waren, »gebt mir etwas zu essen. Ich erhielt die böse Nachricht, als ich zwanzig Meilen von der Stadt entfernt war. Ich bin heute morgen erst zurückgekommen und den ganzen Tag planlos umhergeschlendert, ohne den Mut zu finden, euch zu besuchen. Ich habe ihr jeden Wunsch erfüllt, sie hatte in allem und jedem ihren Willen, durfte tun, was ihr paßte, und nun dankt sie mir so! Ich hatte zwölf Teelöffel und vierundzwanzig Pfund in Gold zu Hause – diese vermißte ich zuerst. Es ist eine schwere Heimsuchung für mich, und ich fühle, daß ich kaum je wieder imstande sein werde, bei meinen Rundgängen den entsprechend festen Doppelschlag zu tun. Aber, bitte, sprechen wir nicht mehr davon; die Teelöffel haben – ich weiß nicht mehr, was sie gekostet haben, aber gleichviel –« Dabei zerdrückte sich der alte Herr ein paar Tränen. Man brachte ihm einen Armstuhl und drängte ihm, ohne daß er sich viel hätte bitten lassen, einen tüchtigen Imbiß auf. Als er dann seine erste Pfeife geraucht und ein halbes Dutzend Gläser Punsch, der rasch zur Feier seiner Rückkehr in den Schoß der Familie von Mr. Kenwigs herbeigeschafft worden, hinter die Binde gegossen hatte, schien er, wenn auch immer noch recht gedrückt, sich ergeben in sein Schicksal zu finden, und raffte sich sogar so weit auf, in der Flucht seines Weibes eher etwas Tröstliches als Niederschmetterndes zu erblicken. »Wenn ich diesen Mann hier vor mir sehe«, sagte Mr. Kenwigs, den einen Arm um Mrs. Kenwigs' Taille geschlungen und mit der andern die Pfeife haltend, die ihm, da er kein Raucher war, arges Husten verursachte, und die Augen auf Morlina, die auf ihres Onkels Knien saß, geheftet, »wenn ich diesen Mann hier sehe, wie er sich wieder im Kreise der Familie, der er zur Zierde gereicht, bewegt, und Zeuge davon bin, wie sich seine Liebe wieder entwickelt, so fühle ich, daß er innerlich ebenso hoch und erhaben dasteht wie nur irgendein öffentlicher Charakter je in den Augen der ganzen Welt. Die Stimmen meiner nun für Lebenszeit versorgten unmündigen Kinder scheinen mir in den ergreifendsten Tönen zuzuflüstern: Wahrlich, das ist ein Ereignis, auf das der Himmel selbst mit Wohlwollen herabblickt.« 53. Kapitel Wie Ralph Nicklebys und Arthur Grides Komplott weiter verlief Mit der verbissenen Entschlossenheit, die dringende Umstände oft auch wohl bei viel trägeren und minder erregbaren Temperamenten erzeugen, als jenes war, das Nikolas bereits in der Wiege beschert worden, sprang dieser bei Tagesgrauen von seinem Lager auf, auf dem er die ganze Nacht schlaflos zugebracht, und bereitete sich zu dem Versuch vor, an dessen dünnen Fäden sein letzter Hoffnungsstrahl hing. In begreiflicher Ungeduld stahl er sich leise aus dem Hause. Es war ihm, als verliere er seine wertvollste Zeit, wenn er länger im Bette bliebe, und als käme es seinen Plänen zugute, wenn er Bewegung in frischer Luft mache. Planlos wanderte er durch die Stadt, obwohl er wußte, daß noch Stunden vergehen müßten, ehe er mit Madeline sprechen könne. Wie er so durch die Straßen schritt und zerstreut die immer zunehmende Rührigkeit und Geschäftigkeit der Stadt beobachtete, erschien ihm alles wie ein neuer Anlaß, an allem zu verzweifeln. In der letzten Nacht war es ihm geradezu entsetzlich vorgekommen, daß sich ein so gefühlvolles schönes Wesen einem solchen Schurken opfern müsse, und je mehr er darüber nachgedacht, desto mehr hatte sich sein Geist erhitzt, und um so zuversichtlicher hatte er gefühlt, seine Einmischung müsse sie unbedingt den Krallen des alten Wucherers entreißen. Als er jetzt aber beim nüchternen Morgen sah, wie regelmäßig alles in seinem gewohnten Gleis Tag für Tag dahinrollt, wie Jugend und Schönheit stirbt und das häßliche, jämmerliche Alter fortwankt, wie schmutzige List sich bereichert und Ehrlichkeit in Trübsal und Armut versinkt und wie wenige es gibt, die sich des Besitzes eines ordentlichen Hauses erfreuen, und wie viele im Schmutz leben, von frühmorgens bis spätabends sich quälen und abplagen müssen und leben und sterben, Vater und Sohn, Mutter und Kind, Geschlecht auf Geschlecht und Generation auf Generation, ohne auch nur ein Dach über dem Haupt zu besitzen und ohne daß sich irgend jemand die Mühe nähme, die Hand zur Hilfe zu bieten, als er alles dies erwog, fühlte er, daß wirklich nur sehr wenig Hoffnung vorhanden sei, erfolgreich eingreifen zu können, und daß er nicht erwarten dürfe, mitten in dieser ungeheuren Masse von Elend ringsum mehr als ein Atom zu sein, das in dem ganzen großen Haufen wie eine kleine unbedeutende Einheit vollständig verschwindet. Aber Jugend bringt es nicht zuwege, sich dauernd mit dunkeln Bildern zu quälen, solange noch nicht alles verloren ist. Die Hoffnung, die ihn des Nachts beseelt, erwachte allmählich wieder in ihm und steigerte seine Spannkraft bis auf höchste. Da der Morgen inzwischen genügend vorgerückt war, so daß er zur Tat schreiten konnte, beschäftigte ihn bald kein anderer Gedanke mehr als die Überlegung, auf welche Art und Weise er seinen Plan am zweckmäßigsten angehen könne. Eilig nahm er ein Frühstück zu sich und lenkte dann seine Schritte ohne weitere Zeit zu verlieren nach Miss Brays Wohnung. Er hatte schon vorher erwogen, was er zu tun habe, wenn man möglicherweise die junge Dame vor ihm verleugnen sollte, obgleich dies bisher nie der Fall gewesen, und er überlegte noch, wie er dann weiter handeln müsse, um sich Zutritt zu ihr zu verschaffen, als er, bei der Haustür anlangend, diese halb offen fand, da sie offenbar der letzte, der das Gebäude verlassen, zuzuschließen vergessen hatte. Die Umstände waren nicht darnach, daß er an besondere Förmlichkeiten hätte denken können. Er benützte daher den günstigen Umstand, schlich die Treppen hinauf und klopfte leise an die Türe des Zimmers, in dem er gewöhnlich empfangen worden war. Ein Herein ertönte, und er trat ein. Mr. Bray und seine Tochter waren allein zugegen. Es mochte ungefähr drei Wochen her sein, daß Nikolas das liebenswürdige Mädchen zum letztenmal gesehen hatte, aber die Veränderung, die mit ihm vorgegangen war, führte ihm sofort mit erschreckender Klarheit vor Augen, welche Seelenqualen es in der kurzen Zeit durchgemacht haben mußte. Die Blässe und das klare durchsichtige totenhafte Weiß des schönen Gesichts, das sie ihm bei seinem Eintritt zuwandte, erschreckte ihn tief. Ihre dunkelbraunen reichen Locken, die ihr Gesicht beschatteten und ihren weißen Hals umwallten, erschienen infolge des starken Gegensatzes zu ihrer Blässe fast rabenschwarz. In ihren dunkeln Augen lag etwas Verwirrtes und Unstetes, aber immer noch derselbe geduldige Blick, derselbe Ausdruck stiller Wehmut, an den er sich so gut erinnerte, doch keine Spur einer Träne schimmerte darin. Sie war vielleicht schöner als je, aber in ihrem Gesichte lag etwas, was ihn völlig übermannte und tiefer ergriff, als die wildesten Schmerzensausbrüche vermocht hätten. Es war nicht ruhig und gefaßt, nein, starr wie ein Bildwerk. Der Vater saß Madeline gegenüber, ohne ihr jedoch dabei ins Gesicht zu sehen, denn er kehrte ihr sein Profil zu und sprach mit ihr in einem anscheinend heitern Tone, der jedoch seine innere Beklemmung nur schlecht verhüllte. Die Zeichenmaterialien lagen nicht mehr an ihrer gewohnten Stelle, und auch sonst war keine Spur der früheren gewohnten Geschäftigkeit zu bemerken. Die kleinen Vasen, die immer mit frischen Blumen gefüllt gewesen, waren leer und enthielten nur ein paar welke Stengel und Blätter. Der Vogel war stumm und das Tuch, das den Käfig nachtsüber bedeckte, noch nicht abgenommen, da seine Herrin offenbar darauf vergessen hatte. Es gibt Zeiten, wo der Geist so empfindlich ist, daß er mit einem einzigen Blick alles umfaßt, was sich vor ihm entrollt. So ging es auch Nikolas. Er hatte sich jedoch kaum im Zimmer umgesehen, als er von Mr. Bray erkannt und mit den ungeduldigen Worten angefahren wurde: »Nun, Sir, was wünschen Sie hier? Nennen Sie uns gefälligst ohne Umschweife den Zweck ihres Besuchs, Sir! Meine Tochter und ich sind augenblicklich mit andern und wichtigern Angelegenheiten beschäftigt, als die sind, um derentwillen Sie gewöhnlich herkamen. Also zur Sache, Sir, wenn ich bitten darf!« Nikolas konnte leicht bemerken, daß die Gereiztheit und Ungeduld, die aus seinen Worten sprach, nur eine erkünstelte war und daß Mr. Bray jede Unterbrechung, die dazu angetan schien, die Aufmerksamkeit seiner Tochter in Anspruch zu nehmen, sehr gelegen kam. Nikolas faßte den Kranken fest ins Auge und sah, wie dieser unruhig wurde, errötete und sein Gesicht abwandte. Dieser Kunstgriff – es war ein solcher, denn Nikolas beabsichtigte damit, Madeline zu veranlassen, das Wort zu ergreifen – verfehlte seine Wirkung nicht. Sie erhob sich und ging auf ihn zu, blieb aber auf halbem Wege stehen und streckte die Hand aus, als erwartete sie, daß er ihr einen Brief übergeben werde. »Was tust du, liebe Madeline?« fragte der Alte ungeduldig. »Miss Bray erwartet wahrscheinlich etwas ganz Bestimmtes«, fiel Nikolas mit einer Deutlichkeit und einem Nachdruck rasch ein, die kaum mißverstanden werden konnten. »Mein Prinzipal weilt nun aber derzeit nicht in England, sonst würde ich wahrscheinlich einen Brief mitgebracht haben. Ich hoffe indessen, sie wird mir Zeit lassen – ein wenig Zeit –, ich möchte nur um ein ganz klein wenig Zeit bitten.« »Wenn das alles ist, weshalb Sie hergekommen sind«, entgegnete Mr. Bray, »so hat die Sache weiter nichts auf sich. Liebe Madeline, ich habe gar nicht gewußt, daß du von diesem Menschen noch etwas zu fordern hast.« »Ich – ich glaube – es ist nur eine Kleinigkeit«, antwortete Madeline mit schwacher Stimme. »Sie glauben vermutlich«, wendete sich Bray wieder an Nikolas, »daß wir verhungern müßten, wenn Sie die paar Schillinge nicht herbrächten, die meine Tochter von Ihnen zu fordern hat?« »Ein solcher Gedanke ist mir nicht im entferntesten in den Sinn gekommen«, versicherte Nikolas. »So? – Ein solcher Gedanke ist Ihnen nicht in den Sinn gekommen?« höhnte der Kranke. »Aber Sie werden wohl nicht leugnen, daß Sie derlei gedacht haben, sooft Sie herkamen? Meinen Sie vielleicht, junger Mensch, ich kenne dieses verächtliche, dummstolze Krämervolk nicht, wie es denkt und handelt, wenn es durch glückliche Umstände eine kurze Weile lang über Leute von Stand und Erziehung Oberwasser bekommen hat oder es wenigstens bekommen zu haben wähnt?« »Meine Geschäfte beziehen sich lediglich auf die Dame«, unterbrach ihn Nikolas respektvoll. »Auf die Tochter eines Mannes von Stand, Sir!« fiel der Kranke ein. »Aber natürlich, so ein hochnäsiges, dummes Volk macht keine Unterschiede. Bringen Sie vielleicht neue Aufträge, Sir? – Haben Sie neue – ›Aufträge‹ für meine Tochter – wie?« Nikolas entging der Hohn und der versteckte Triumph, der in diesen Worten lag, keineswegs, aber er erinnerte sich an die Notwendigkeit, seine angenommene Rolle fortzuführen, und zog daher stumm ein Blatt Papier aus der Tasche, das angeblich ein Verzeichnis einiger Gegenstände enthielt, deren Ausführung sein Prinzipal wünschte, denn er hatte sich für den Notfall mit etwas Derartigem versehen. »Haha«, lachte Mr. Bray, »das sind wieder – ›Aufträge‹. – Nicht wahr?« »Wenn Sie auf diesem Ausdruck bestehen, Sir – ja«, versetzte Nikolas. »Dann sagen Sie gefälligst Ihrem Prinzipal«, entgegnete Mr. Bray und gab das Papier mit frohlockendem Hohnlächeln wieder zurück, »daß sich meine Tochter, Miss Madeline Bray, nicht länger herabläßt, Arbeiten wie diese anzufertigen, und daß sie ihm nicht mehr auf Wink oder Befehl zu Gebot steht, wie er sich wohl einbilden mag, und daß wir auch nicht von seinem Gelde leben, wie er wohl wähnt, und daß er das, was er uns schuldet, dem nächsten besten Bettler, der an seiner Bude vorübergeht, geben oder, wenn es ihm besser paßt, seinem eigenen Gewinnkonto hinzufügen kann. Und im übrigen soll er sich zum Teufel scheren. So, das ist die Antwort auf seine ›Aufträge‹.« »Das also nennt der Mann, der seine Tochter verkauft, Unabhängigkeit«, dachte Nikolas mit steigender Empörung. Mr. Bray saß indessen in seinem Triumphgefühl so auf dem hohen Roß, daß er den verächtlichen Blick nicht gewahrte, den Nikolas nicht zu unterdrücken vermochte, und hätte es ihm das Leben gekostet. »Sie wissen jetzt Bescheid und können gehen«, fuhr er nach einer kurzen Weile fort, »– wenn Sie nicht – haha – wenn Sie nicht weitere ›Aufträge‹ haben.« »Nein«, erwiderte Nikolas ernst. »Ich habe mich dieses Wortes, so harmlos es auch an und für sich sein mag, absichtlich nicht bedient, teils aus Rücksicht auf Ihre frühere Stellung und dann auch, damit es nicht als Überhebung von meiner Seite gedeutet werden könnte. Ich habe keine Aufträge, aber ich hege Befürchtungen, Befürchtungen, die ich laut werden lassen muß, mögen Sie sich darüber ereifern, wie Sie wollen, Befürchtungen, daß Sie diese junge Dame hier zu einem schlimmern Lose bestimmen, als wenn sie für Sie hätte arbeiten, ja sogar sich zu Tode hätte arbeiten müssen! Dies sind die Befürchtungen, die sich mir aufdrängen müssen, wenn ich Ihr Benehmen richtig deute. Ihr eigenes Gewissen wird Ihnen sagen, ob ich recht habe oder nicht.« »Um Gottes willen«, rief Madeline dazwischen, »bedenken Sie, er ist krank!« »Krank!« keuchte Mr. Bray. »Krank! Krank! – Ein Kommis verhöhnt mich, und sie bittet ihn, Rücksicht auf mich zu nehmen.« Er bekam einen so heftigen Anfall, daß Nikolas eine Minute für sein Leben besorgt war; als Bray sich jedoch bald wieder erholte, verließ er das Zimmer und gab der jungen Dame einen Wink, er habe ihr etwas Wichtiges mitzuteilen, und erwarte sie im Hausflur. Unten konnte er hören, wie der Kranke allmählich wieder zu sich kam und, ohne das eben berührte Thema weiter zu berühren, seine Tochter bat, ihn allein zu lassen. »O Gott«, dachte Nikolas, »möge doch dieser kleine Zufall der Ausgangspunkt zu einem glücklichen Endergebnis sein. Wenn es mir nur glücken möchte, sie zu einem Aufschub von acht Tagen zu überreden.« »Sie haben einen Auftrag an mich, Sir?« fragte Madeline, nachdem sie in großer Eile die Treppe hinuntergeeilt war. »Bitte, nur jetzt nicht drängen, bitte, bitte. Kommen Sie lieber übermorgen wieder.« »Dann würde es zu spät sein – zu spät für das, was ich Ihnen zu sagen habe«, versetzte Nikolas, »und außerdem würde ich Sie hier nicht mehr treffen. Ach, gnädiges Fräulein, wenn Ihnen der Mann, der mich zu Ihnen sendet, nur ein wenig teuer ist und Sie nicht gleichgültig sind gegen den Frieden Ihres eigenen Herzens, so bitte ich Sie um Himmels willen, mich anzuhören.« Madeline wollte wieder zurückeilen, aber Nikolas faßte sanft ihre Hand. »Ich bitte Sie nur um einen Augenblick Gehör«, flehte er. »Ich bitte Sie, mich anzuhören; ich spreche im Namen dessen, der in der Ferne nichts ahnt von der Gefahr, in der Sie schweben. Im Namen des allmächtigen Gottes – bitte, hören Sie mich an!« Das arme Dienstmädchen Madelines stand mit geschwollenen, vom Weinen geröteten Augen neben ihr, und Nikolas wandte sich mit so beredten Worten auch an sie, daß sie eine Seitentüre öffnete, ihre Herrin in ein anstoßendes Zimmer drängte und Nikolas winkte, näher zu treten. »Ich bitte, verlassen Sie mich, Sir«, bat die junge Dame. »Ich kann und darf Sie nicht so verlassen«, versetzte Nikolas; »ich habe eine Pflicht übernommen und muß Sie – hier oder in dem Zimmer, aus dem wir eben kamen – selbst auf die Gefahr hin, den Zustand Mr. Brays zu verschlimmern, dringend bitten, den entsetzlichen Schritt noch einmal zu überlegen, zu dem Sie gezwungen worden sind.« »Welchen Schritt meinen Sie, und durch wen soll ich gezwungen worden sein, Sir?« fragte die junge Dame und versuchte all ihren Stolz zusammenzunehmen. »Ich spreche von dieser Heirat – von dieser Heirat, die durch einen Menschen auf morgen festgesetzt wurde, der niemals zögerte, wenn es galt, Böses zu tun, und niemals zu einem guten Werk seine Hand lieh, von dieser Heirat, deren Vorgeschichte mir weit besser als selbst Ihnen bekannt ist. Ich durchschaue die Fallstricke, die man Ihnen gelegt hat. Ich kenne die Menschen, von denen dieser scheußliche Plan geschmiedet wurde. Sie sind verraten und für Geld verkauft worden – für Geld, an dem Tränen kleben, wenn nicht Blut von den Zugrundegerichteten, die in Verzweiflung über ihren Ruin Hand an sich selbst gelegt haben.« »Sie sagten, Sie hätten sich einer Pflicht zu entledigen«, unterbrach ihn Madeline fest, »dasselbe ist auch bei mir der Fall, und mit Gottes Beistand soll sie auch erfüllt werden.« »Sagen Sie lieber mit des Teufels Beistand«, rief Nikolas, »und mit dem Beistand von Menschen, die nicht besser sind und denen auch Ihr zukünftiger Gatte angehört und die –« »Ich darf Sie nicht weiter anhören«, fiel ihm die junge Dame ins Wort und suchte einen Schauder zu unterdrücken, der, wie es Nikolas schien, schon durch diese leichte Anspielung auf Arthur Gride veranlaßt wurde. »Das Unheil, wie Sie es nennen, ist mein eigenes Werk und mein eigener Wille; niemand zwingt mich zu diesem Schritt, und ich folge meinem eigenen freien Entschluß; von Drohungen kann nicht im entferntesten die Rede sein. Überbringen Sie dies«, setzte sie hinzu, »meinem Freund und Wohltäter und nehmen Sie für ihn und für sich selbst meinen innigsten Dank und meine besten Wünsche. – Ich darf Sie nicht wiedersehen.« »Ich verlasse Sie nicht eher, bevor ich Sie nicht mit allem Ernste und mit der ganzen Glut meines Herzens angefleht habe, Ihre Hochzeit nur um eine einzige Woche zu verschieben«, bat Nikolas. »Ich kann nicht eher gehen, bevor ich Sie nicht beschworen habe, sich den Schritt, der Ihnen bevorsteht, ernstlich zu überlegen, ernstlicher, als Sie bisher getan haben. Sie kennen freilich die Niedertracht des Menschen, mit dem Sie sich zu verbinden im Begriffe stehen, nicht in ihrem ganzen Umfange, aber gewiß können Ihnen einige seiner Taten nicht unbekannt geblieben sein. Sie haben ihn sprechen hören, haben sein Gesicht gesehen – bedenken Sie, ehe es zu spät ist, ob Sie nicht Spott treiben mit der heiligsten Handlung, wenn Sie ihm am Altare Gefühle zuschwören, die Sie nicht haben können, und wenn Sie ein Gelöbnis ablegen, gegen das sich Natur und Vernunft empört. Bedenken Sie, wie Sie in Ihrer eigenen Achtung sinken müssen, wenn sich Ihnen sein verworfener Charakter in seiner ganzen Scheußlichkeit enthüllt haben wird. Unterziehen Sie sich lieber jeder Mühe und Arbeit, und es wird Sie tausendmal glücklicher machen, als wenn Sie an seiner Seite ein jämmerliches Dasein führten. Glauben Sie mir – ich spreche die Wahrheit –, die drückendste Armut, die elendeste Lage mit einem reinen schuldlosen Herzen in der Brust ist ein Paradies im Vergleich zu dem Schicksal, das Ihnen als Gattin eines solchen Schurken droht.« Lange, ehe er aufgehört, hatte Madeline ihr Gesicht mit den Händen bedeckt, und Tränen entströmten ihren Augen. Als sie antwortete, war ihre Stimme anfangs vor innerer Bewegung erstickt, und erst im Verlauf ihrer Rede konnte sie sich fassen. »Ich will Ihnen gegenüber keine Maske vornehmen, Sir«, schluchzte sie, »obgleich ich vielleicht unrecht tue, aber ich gestehe, daß ich furchtbare Qualen durchgemacht habe und mir fast das Herz gebrochen ist, seit ich Sie zum letztenmal sah. Ich liebe diesen Mann nicht; schon die Verschiedenheit des Alters, unserer Gesinnung und unserer Ansichten läßt es nicht zu. Er weiß es, aber dennoch bietet er mir seine Hand an. Nur durch den Schritt der Annahme kann ich meinen Vater befreien, der sonst hier an diesem elenden Orte sterben müßte. Vielleicht kann ich auf diese Weise sein Leben auf viele Jahre verlängern, ihn in eine behagliche, ich möchte fast sagen wohlhabende Stellung versetzen und einen edelmütigen Mann gleichzeitig der Last entheben, jemand zu unterstützen, der, wie ich gestehen muß, seines Edelmutes so wenig würdig ist. Urteilen Sie nicht gering von mir, weil ich eine Liebe heuchle, die ich nicht empfinde, und schildern Sie, was Sie gesehen, Ihrem Prinzipal nicht in einem so gehässigen Licht, wie Sie vielleicht dürften, denn das wäre mehr, als ich ertragen könnte. Wenn mir auch Vernunft und natürliches Gefühl verbieten, den Mann zu lieben, der einen solchen Preis für mich, die ich doch so unbedeutend bin, bezahlt, so kann ich doch die Pflichten einer Gattin erfüllen und ihm alles sein, was er in mir sucht. Und das soll auch geschehen. Er begnügt sich, mich zu nehmen, wie ich bin. Er hat mein Jawort, und ich sollte mich darüber freuen und nicht weinen, daß es so ist. Die Teilnahme, die Sie einem so freundlosen und verlassenen Geschöpf, wie ich bin, erweisen, das Zartgefühl, mit dem Sie sich Ihres Auftrages entledigen, und das Vertrauen, das Sie in mich setzen, machen mich Ihnen zu innigstem Danke verpflichtet und rühren mich, wie Sie selbst sehen, zu Tränen. Aber ich habe keinen Grund zu bereuen, da ich nicht unglücklich, sondern vielmehr glücklich bin in der Aussicht, alles so leicht erkaufen zu können. Und ich weiß, es wird noch mehr der Fall sein, wenn ich zurückblicke und erst alles vorüber sein wird.« »Ihre Tränen fließen, während Sie von Glück sprechen«, entgegnete Nikolas bitter, »und Sie scheuen sich, gestehen Sie es sich nur ein, den Blick in die finstere Zukunft, die für Sie mit so viel Elend beladen sein wird, zu richten. Verschieben Sie die Trauung nur um eine Woche – nur um eine einzige Woche!« »Gerade vor Ihrer Ankunft hat mein Vater mit einem Lächeln, wie ich mich dessen nur noch aus alten Zeiten her erinnern kann und das ich viele, viele Jahre lang nicht mehr gesehen habe, von der Freiheit gesprochen, die ihn morgen beglücken soll, und von dem frohen Wechsel und den neuen Szenen und der Umgebung, die seinem erschöpften Körper neues Leben geben werden«, sagte Madeline fest. »Sein Gesicht hat geglänzt und sein Auge geleuchtet bei dem Gedanken – nein, ich werde die Trauung nicht um eine Stunde verschieben.« »Das sind doch alles nur Schliche und Ränke, um Sie dazu zu drängen«, rief Nikolas. »Ich will nichts mehr weiter hören«, erwiderte Madeline hastig; »ich habe schon zuviel gehört – mehr als ich sollte. Was ich zu Ihnen gesagt habe, Sir, hat ebensogut jenem teuern Freund gegolten, dem Sie alles, wie ich versichert bin, treulich wiederholen werden. Ich will ihm schreiben – nach einiger Zeit, wenn ich gefaßter bin und mich in meinem neuen Lose zurechtgefunden habe – wenn ich noch am Leben sein sollte. Inzwischen möge Gott ihn segnen, behüten und bewahren.« Sie wollte an Nikolas vorbeieilen, aber er vertrat ihr den Weg und beschwor sie, sich nur noch ein einziges Mal das Schicksal, dem sie entgegenginge, zu überlegen. »Dann wird kein Rücktritt mehr möglich sein«, flehte er, »bittere Reue wird Sie zu Tode quälen. – Kann Sie denn nichts bewegen, in diesem letzten Augenblick nur noch kurze Zeit zu warten? Kann ich denn nichts tun, um Sie zu retten?« »Nichts«, versetzte Madeline tonlos. »Es ist die schwerste Prüfung, die ich zu bestehen hatte. Schonen Sie mich, Sir; ich bitte, schonen Sie mich und zerreißen Sie nicht mein Herz mit solchen Andeutungen. Ich – ich höre ihn rufen, ich – ich – darf und will keinen Augenblick länger hier bleiben.« »Wenn sich's aber um ein Komplott handelt!« jammerte Nikolas. »Um ein Komplott, das ich zwar noch nicht ganz klar durchschaue, das ich aber mit der Zeit enthüllen werde! – Was wäre, wenn Sie, ohne es zu wissen, Anspruch auf ein eigenes Vermögen hätten, das Ihnen, wenn Sie in dessen Besitz kommen würden, alles das böte, was Sie durch die Heirat erzielen könnten? Würden Sie auch dann nicht zurücktreten?« »Nein, nein, nein. Es ist unmöglich. Sie erzählen mir ein Märchen, und jeder Verzug beschleunigt den Tod meines Vaters. Er ruft schon wieder.« »Es ist vielleicht das letztemal, daß ich Ihnen auf Erden begegne«, sagte Nikolas dumpf, »aber es ist wohl besser für mich, daß wir uns nie wiedersehen.« »Für uns beide«, versetzte Madeline, ohne zu bedenken, was sie sagte. »Vielleicht wird eine Zeit kommen, wo mich die Erinnerung an diese Stunde wahnsinnig macht. Aber sei es drum. Sagen Sie Ihrem Prinzipal, Sie hätten mich ruhig und glücklich verlassen, und heißer Dank und Gottes Segen möge Sie begleiten.« Sie entfernte sich rasch, und Nikolas wankte wie ein Träumender aus dem Hause. Der Tag verging ihm im Geschäft, und abends eilte er wie ein Verzweifelter, nachdem er seine Gedanken wieder einigermaßen gesammelt, ins Freie. Es war der letzte Abend in Arthur Grides Junggesellenleben und fand diesen auf dem Höhepunkt seines Glücks und seines Liebestaumels. Der flaschengrüne Anzug war für den kommenden Morgen zurechtgelegt und ausgebürstet worden. Grete Sliderskew hatte ihre Haushaltsrechnung für den vergangenen Tag abgelegt und für die Verwendung der achtzehn Pence – eine größere Summe wurde ihr nie auf einmal anvertraut – die nötigen Belege gebracht. Da somit alle Vorbereitungen für das kommende morgige Fest getroffen waren, hätte sich Arthur Gride in seinen Lehnstuhl setzen und allerhand Betrachtungen über sein künftiges Glück anstellen können, aber er zog es vor, sich über ein altes in Schweinsleder gebundenes Buch mit rostigen Klappen zu beugen und die darin enthaltenen Kolonnen durchzurechnen. »Hihihi«, kicherte er, auf den Knien vor einer starken, auf dem Boden angeschraubten Kiste und die Arme bis an die Schultern hinein vergraben, und zog langsam einen zweiten schmierigen Band hervor: »Dies ist mein ganzes Leben lang meine einzige Bibliothek gewesen, aber es ist eines der unterhaltendsten Bücher, die je geschrieben worden sind. Wahrhaftig, es ist ein köstliches Buch, und das beste daran ist, es ist zuverlässig und wirklich wie die Bank von England und greifbar wie ihr Gold und Silber. Geschrieben von Arthur Gride, hihihi! Ich wette, keiner von all diesen Geschichtenschreibern bringt je ein so hübsches Buch wie dieses zustande. Ich habe es zu meinem Privatgebrauch verfaßt, und ein anderer braucht's nicht zu lesen. Hihi!« Mit diesen Worten schleppte Arthur Gride sein geliebtes Geisteswerk zu einem staubigen Schreibpult, setzte sich die Brille auf und fing an, in den Blättern nachzurechnen. »Ein Heidengeld, das ich dem Nickleby zahlen soll«, jammerte er schmerzlich. »Neunhundertfünfundsiebzig Pfund vier Schillinge drei Pence, und dann laut Vertrag noch weitere fünfhundert Pfund – macht zusammen tausendvierhundertfünfundsiebzig Pfund vier Schillinge und drei Pence, die er morgen Punkt zwölf Uhr haben will! – Auf der andern Seite freilich haben wir das hübsche Vögelchen. Es ist nur die Frage, ob ich nicht selbst alles so gut zustande gebracht hätte. Ein verzagtes Herz lieben die Weiber nicht. Warum ist denn mein Herz nur so verzagt? Warum bin ich nicht kühn selber vor Bray hingetreten? Ich hätte mir dadurch tausendvierhundertfünfundsiebzig Pfund und vier Schillinge und drei Pence erspart.« Diese schmerzlichen Betrachtungen drückten den alten Geizhals so nieder, daß er laut aufstöhnen mußte und schließlich mit zum Himmel emporgehobenen Händen jammerte, er werde noch im Armenhaus sterben. Als er jedoch weiter überlegte, daß Ralphs Forderung an Bray unter allen Umständen bezahlt oder sonstwie ein Vergleich hätte getroffen werden müssen, und da er außerdem innerlich doch nicht so ganz überzeugt war, ob ihm sein Plan, wenn er ihn auf eigene Faust unternommen hätte, geglückt wäre, so erlangte er bald seinen Gleichmut wieder und versuchte sich an einem erfreulicheren Posten in seinem Hauptbuch fröhlich zu stimmen, als er durch Grete Sliderskews Eintreten unterbrochen wurde. »Ah Grete«, sagte er, »was gibt's? Was bringen Sie, Grete?« »Das Huhn«, knurrte Grete und deutete auf einen Teller in ihrer Hand, auf dem sich ein winziger, offenbar verhungerter Vogel befand. »Ein prächtiger Braten«, meckerte Arthur Gride, nachdem er nach dem Preis gefragt und diesen der Delikatesse angemessen gefunden hatte. »Ein Schnittchen Schinken dazu, ein gequirltes Ei, Kartoffeln, Gemüse, einen Apfelpudding und ein kleines Stückchen Käse – und wir werden ein Dinner haben wie der Kaiser, Grete. Die Tischgesellschaft besteht nur aus ihr und mir – und wenn wir fertig sind, kommen Sie an die Reihe, Grete.« »Beklagen Sie sich nur nicht später über die Kosten«, knurrte Mrs. Sliderskew verdrießlich. »Ich fürchte, wir müssen nächste Woche noch sehr teuer leben«, greinte Arthur Gride. »Nun, da müssen wir nachher eben um so mehr sparen. Ich esse nur, was ich unbedingt brauche, und weiß, Sie lieben Ihren alten Herrn zu sehr, um mehr zu essen, als durchaus nötig ist – nicht wahr, Grete?« »Was?« fragte Grete Sliderskew. »Sie lieben Ihren alten Herrn zu sehr –« »Ach was, dummes Zeug«, brummte Grete. »Wenn das Frauenzimmer nur der Teufel holen wollte«, kreischte Arthur Gride. »Ich meine, Sie sollen nicht mehr essen, als unbedingt nötig ist! Es geht auf meine Kosten!« »Was soll ich essen?« fragte Grete. »O Gott, o Gott, immer das Wichtigste überhört sie, aber das Nebensächliche versteht sie«, quiekte Gride. »Nicht auf meine Kosten sollen Sie essen, Sie Hexe!« Letztere Anspielung auf Mrs. Sliderskews Reize verlor sich in einem Flüstern, und so beantwortete die alte Dame den Vorschlag ihres Herrn nur mit einem heisern Knurren. Da läutete es plötzlich an der Haustüre. »Man hat geklingelt«, rief Gride. »Ja, ja, ich weiß«, versetzte Grete. »Warum gehen Sie denn nicht?« schrie Gride ihr ins Ohr. »Warum sollte ich denn gehen?« fragte Grete. »Schadet es was, wenn ich hierbleibe?« Arthur Gride wiederholte das Wort »Klingeln« so laut, wie er nur irgend konnte, und suchte Mrs. Sliderkews schwerer Auffassungsgabe durch eine entsprechende Handbewegung nachzuhelfen, worauf sie hinaushinkte, nachdem sie vorher noch unwillig gefragt, warum er denn das nicht gleich gesagt habe, statt von allerhand Dingen zu sprechen, die gar nichts damit zu schaffen hätten. Ob er sie vielleicht von ihrem Tröpfchen Bier abhalten wolle. »Na, du hast dich gut ausgewachsen, meine Liebe«, brummte Gride, ihr mit den Augen folgend. »Ich weiß zwar noch nicht recht, was diese Stimmung wieder mal bedeuten soll, aber wenn sie anhält, sehe ich voraus, daß wir am längsten gute Freunde gewesen sind. Mir scheint, du wirst noch blödsinnig. Wenn das der Fall sein sollte, dann wird wenig Federlesens gemacht.« Murmelnd blätterte er wieder in seinem Buche und stieß bald auf einen Posten, der seine Aufmerksamkeit so in Anspruch nahm, daß er Grete Sliderskew darüber bald ganz und gar vergaß. Im Zimmer brannte kein anderes Licht als eine trübe schmutzige Lampe, deren flackerndes Flämmchen durch einen dunkeln Schirm noch mehr abgedämpft wurde. Ihre matten Strahlen bestrichen nur eine sehr kleine Stelle, während alles übrige im Raum in tiefe Schatten gehüllt schien. Der Wucherer hatte die Lampe so nahe an sich herangezogen, daß bloß so viel Raum zwischen ihr und ihm war, als das Buch, über das er sich beugte, bedeckte, und da er überdies die Ellbogen auf das Pult gestemmt hatte und seine scharf hervorspringenden Backenknochen auf den knochigen Händen ruhen ließ, so diente die Beleuchtung nur dazu, seine abschreckend häßlichen Züge noch schärfer hervortreten zu lassen, während tiefe Dunkelheit das ganze Zimmer wie ein Leichentuch umhüllte. Er rechnete eben etwas im Kopfe nach, erhob dabei die Augen und starrte ausdruckslos ins Dunkel, als er plötzlich dem fest auf ihn gerichteten Blicke eines Mannes begegnete. »Diebe, Diebe!« kreischte er auf und drückte das Buch an seine Brust. »Räuber, Mörder!« »Was haben Sie denn?« fragte die Erscheinung, näher tretend. »Bleiben Sie mir drei Schritt vom Leibe!« krächzte der Geizhals, am ganzen Leibe zitternd. »Ist es ein Mensch? Oder ein – ein –« »Halten Sie mich vielleicht für etwas anderes als für einen Menschen?« fragte der Fremde verächtlich. »Ja, ja«, rief Gride, die Augen mit der Hand beschattend, »es ist ein Mensch und kein Geist. Es ist ein Mensch. Räuber! Räuber!« »Wozu schreien Sie denn?« fragte der Besuch und trat dicht an den Wucherer heran. »Ich bin kein Dieb.« »Was sind Sie dann? – Und zu welchem Zweck kommen Sie zu mir?« rief Gride, ein wenig beruhigter, aber immer noch scheu zurückweichend. »Wie heißen Sie, und was wollen Sie?« »Mein Name tut nichts zur Sache«, war die Antwort. »Ihre Haushälterin hat mich hierherein gewiesen, und ich redete Sie ein paarmal an, aber Sie hörten mich nicht, da Sie mit Ihrem Buch zu sehr beschäftigt waren. Ich habe daher schweigend gewartet, bis Sie wieder ein bißchen zu sich kämen. Was ich will, werde ich Ihnen in kurzen Worten sagen, wenn Sie sich so weit fassen können, mich anzuhören und zu verstehen.« Arthur Gride wagte es jetzt, seinen seltsamen Besucher aufmerksamer anzublicken, und als er bemerkte, daß es ein junger Mann von anständigem Aussehen war, kehrte er wieder zu seinem Sessel zurück, murmelte etwas von Spitzbuben, die sich einschlichen, und von früheren Versuchen, in sein Haus einzubrechen, daher seine Ängstlichkeit, und ersuchte dann den Fremden, sich zu setzen, was dieser jedoch ablehnte. »Ich ziehe vor zu stehen«, sagte Nikolas – denn dieser war es; »beunruhigen Sie sich deswegen nicht«, setzte er hinzu, als er Gride abermals unruhig werden sah. »Hören Sie zu! – Sie stehen im Begriff, sich morgen zu verheiraten –« »N–n–ein«, stotterte Gride; »wer hat Ihnen das gesagt? Wieso wissen Sie davon?« »Das braucht Sie nicht zu kümmern. Genug, ich weiß es. – Die junge Dame, die Ihnen ihr Jawort geben soll, haßt und verabscheut Sie, das Blut stockt ihr, wenn sie Ihren Namen nur nennen hört. Der Geier und das Lamm, die Ratte und die Taube können nicht schlechter zusammenpassen als Sie und das arme Mädchen. Sie sehen, daß ich sie kenne.« – Gride starrte ihn wie vom Donner gerührt an, ohne ein Wort hervorzubringen. »Sie und ein gewissenloser Ralph Nickleby haben diesen scheußlichen Plan ausgeheckt«, fuhr Nikolas fort, »und Sie bezahlen ihn dafür, daß er an diesem schändlichen Seelenverkauf teilnimmt. So ist es, ich sehe es Ihnen am Gesicht an, wenn Ihnen auch eine Lüge auf den Lippen schwebt.« Er hielt inne, da aber Arthur Gride nichts erwiderte, fuhr er gleich darauf wieder fort: »Und Sie bereichern sich, indem Sie die junge Dame betrügen. Wie und auf welche Weise, weiß ich noch nicht; ich verschmähe es, Ihnen gegenüber eine Unwahrheit zu gebrauchen. Ich weiß es vorderhand noch nicht, denn ich bin der einzige, der vorderhand der Angelegenheit nachspürt. Wenn aber menschliche Bemühungen imstande sind, die Entdeckung Ihres Betrugs und Ihrer Hinterlist, noch ehe Sie sterben, herbeizuführen, und Reichtum und gerechter Haß vermögen, Ihnen auf Ihren Schleichwegen auf den Fersen zu bleiben, so werden Sie bald zur Rechenschaft für Ihre Niedertracht gezogen sein. Wir sind Ihnen bereits auf der Spur, und Sie mögen selbst beurteilen, was Ihnen bevorsteht, wenn Sie uns in die Hände fallen.« Er hielt abermals inne, aber noch immer starrte ihn Arthur Gride schweigend an. »Wenn Sie ein Mensch wären, auf dessen Herz und Gefühl man rechnen dürfte«, fuhr Nikolas fort, »so würde ich Ihnen zureden, Mitleid zu haben mit der Hilflosigkeit, Unschuld, der Jugend, dem innern Wert, der Schönheit und kindlich frommen Denkungsart der jungen Dame. Aber bei Ihnen wähle ich den einzigen Weg, auf dem man mit Menschen Ihresgleichen überhaupt verhandeln kann. Ich frage Sie, mit welcher Summe wollen Sie sich abfinden lassen? Bedenken Sie die Gefahr, der Sie sich andernfalls aussetzen. Sie sehen, ich weiß genug, und ich versichere Ihnen, ich werde bald noch mehr erfahren. Lassen Sie etwas von dem Gewinn, auf den Sie hoffen, nach, und Sie sind jeder Gefahr enthoben. Nennen Sie Ihren Preis!« – Gride bewegte seine Lippen, aber er brachte es nur zu einem häßlichen Grinsen. Immer noch schwieg er. – »Sie denken wahrscheinlich, der Preis würde nicht bezahlt werden? Miss Bray hat reiche Freunde, die ihr Herz darum geben würden, ihr aus der Not, in der sie sich befindet, zu helfen. Nennen Sie Ihren Preis. Schieben Sie Ihre Heirat nur um ein paar Tage hinaus und warten Sie ab, ob die, von denen ich spreche, zurückschrecken werden, den Preis zu bezahlen. Verstehen Sie?« Als Nikolas zu sprechen angefangen, war Arthur Gride auf den Gedanken geraten, Ralph Nickleby hätte in verraten. Aber im Verlauf der Rede kam er immer mehr zur Überzeugung, der seltsame Besuch – wie immer er auch Kunde von allem erhalten haben müsse – spiele mit offenen Karten und Ralph könne nicht dabei beteiligt sein. Alles, was der Fremde wissen könne, schloß Gride, müsse sich höchstens auf Ralphs Forderung beziehen, und was den an Madeline zu verübenden Betrug anbelange, könne der junge Mann unmöglich etwas wissen. Und selbst wenn er wirklich nicht nur auf den Busch schlüge, so hatte er offenbar keinen Schlüssel zu dem Geheimnis und konnte daher weiter keinen Schaden bringen. Der Hinweis auf bemittelte Freunde und das Geldangebot hielt Gride für einen Schwindel, mit dem man einen Aufschub der Hochzeit bewerkstelligen wolle, »aber selbst wenn es mit dem Geld seine Richtigkeit haben sollte«, dachte er und schoß einen Lauerblick auf Nikolas, wütend über dessen Kühnheit und am ganzen Leibe zitternd, »so würde ich das Vögelchen doch zum Weibe nehmen und dich, du Gelbschnabel, darum prellen«. Langjährige Übung, die Worte seiner Klienten schnell aufzufassen, sie innerlich scharf abzuwägen und alle Wahrscheinlichkeiten zu überschlagen, ohne sich dabei äußerlich etwas anmerken zu lassen, setzte Gride in Stand, sich auch hier rasch einen Entschluß zu bilden und listige Folgerungen zu ziehen. Als daher Nikolas zu reden aufhörte, war der alte Wucherer schon so sicher im Sattel, als habe er sich bereits seit vierzehn Tagen auf alles vorbereitet. »Ja, ich verstehe«, rief er, von seinem Stuhl aufspringend, eilte zum Fenster und stieß den Laden auf. »Hilfe, Hilfe!« »Mensch, was tun Sie denn?« rief Nikolas und faßte ihn am Arm. »Ich will schreien: Mörder, Diebe, Räuber! Ich will die Nachbarschaft alarmieren! Ich werde mich mit Ihnen herumbalgen, bis jeder die Kratzwunden an mir sehen kann, und dann beschwören, Sie seien in räuberischer Absicht eingedrungen. Jawohl, ich werde Sie einsperren lassen, wenn Sie nicht sofort mein Haus verlassen«, höhnte Gride und zog grinsend den Kopf zurück. »Ja, das werde ich!« »Sie elender Schurke –«, rief Nikolas, vor Wut fast erstickt. »Was? Sie wollen mir hier auf meinem Zimmer drohen?« kreischte Gride, aus dem die Eifersucht auf Nikolas und das Bewußtsein, daß er wieder Herr der Situation war, geradezu einen Teufel machte. »Ein verschmähter Liebhaber, hihihi! Aber nein, Sie werden das Mädchen nicht bekommen und auch Madeline Sie nicht; sie wird mein Weib, mein süßes liebes kleines Weibchen werden. Meinen Sie vielleicht, daß sie nicht ohne Sie wird leben können? Oder meinen Sie, sie wird weinen? Es wird mich nur freuen, sie weinen zu sehen! Ich mache mir nichts daraus; wenn sie weint, gefällt sie mir nur um so besser.« »Nichtswürdiger Schuft«, rief Nikolas außer sich. »Nur noch eine Minute«, drohte Gride, »und ich alarmiere die ganze Straße.« »Niederträchtiger Hund«, keuchte Nikolas, »wenn Sie jünger wären –« »Ja«, spöttelte Gride, »wenn ich jünger wäre, da ließe sich die Sache noch hören, was? Aber meinetwegen, um eines so alten häßlichen Menschen willen von der kleinen Madeline aufgegeben zu werden, ist bitter – was?« »Hören Sie mich an«, sagte Nikolas, sich zur Ruhe zwingend, »und danken Sie Gott, daß ich mich genug selbst beherrsche, um sie nicht auf die Straße hinunterzuwerfen – ein Schicksal, vor dem Sie kein Mensch bewahren sollte, wenn ich Sie einmal am Kragen gepackt habe. Sie irren sich; zwischen der Dame und mir hat niemals ein Versprechen oder ein Gelübde stattgefunden, ja nicht einmal ein Wort von Liebe wurde gesprochen. Sie kennt nicht einmal meinen Namen.« »Ich werde sie schon darnach fragen – ich werde es ihr schon unter Küssen herauslocken«, greinte Arthur Gride. »Sie wird mir's erzählen, und wir werden Küsse tauschen und beide zusammen darüber lachen und uns umarmen und es höchst vergnüglich finden, an den armen verlassenen jungen Herrn zu denken, der sie so lieb gehabt, aber mit langer Nase abziehen mußte, weil sie mit mir verlobt war.« Nikolas' Züge verfinsterten sich plötzlich wieder so sehr, daß Arthur Gride offenbar befürchtete, die Drohung, auf die Straße hinuntergeworfen zu werden, könne wahr werden, denn er steckte abermals den Kopf zum Fenster hinaus, klammerte sich mit beiden Händen fest ans Gesims und fing laut an zu schreien. Nikolas hielt es daraufhin für geraten, nicht zu warten, bis Leute herbeikämen, sondern verließ das Zimmer und das Haus, nachdem er sich noch vorher durch eine zornige Drohung Luft gemacht. Arthur Gride sah ihm vom Fenster aus die Straße entlang nach, zog dann den Kopf zurück, schloß den Laden wie früher und setzte sich nieder, um sich von seinem Schrecken zu erholen. »Wenn sie mal übler Laune sein sollte, werde ich sie mit dem jungen Herrchen aufziehen«, meckerte er vor sich hin, als er sich wieder ein wenig beruhigt hatte. »Sie läßt sich's nicht träumen, daß ich etwas von ihm weiß, und wenn ich's geschickt anfasse, kann ich damit ihren Hochmut brechen und sie unter dem Daumen halten. Nur gut, daß niemand gekommen ist. Übrigens habe ich auch nicht allzulaut geschrien. – Ist das eine Frechheit, mir ins Haus zu laufen und so die Meinung ins Gesicht zu sagen! Aber morgen gibt's einen feinen Triumph, und dann kann er sich die Finger ablecken. Vielleicht geht er ins Wasser oder schneidet sich die Kehle durch; mich würde es nicht wundernehmen. Fein war's übrigens; der Spaß würde dadurch nur um so netter – hihihi.« Mit triumphierendem Grinsen schloß Arthur Gride sein Buch mit größter Vorsicht wieder in die Truhe ein und kroch dann in die Küche hinunter, um Grete Sliderskew ins Bett zu schicken und sie auszuzanken, daß sie einem Fremden so leichtfertig Eintritt gestattet hatte. Die ahnungslose Grete konnte jedoch das Vergehen, dessen er sie beschuldigte, nicht in seiner Fülle begreifen, und so befahl er ihr schließlich mürrisch, ihm vorauszuleuchten, während er bei allen Schlössern im Hause die Runde machte und die Haustüre eigenhändig verriegelte. »Den oberen Riegel«, murmelte er, mit dem Abschließen beschäftigt, »den unteren Riegel – den Querbalken vor – die Kette doppelt abgeschlossen – den Schlüssel unters Kopfkissen. So. Wenn jetzt noch mehr abgewiesene Freier kommen sollten, so mögen sie meinetwegen versuchen, durchs Schlüsselloch hereinzuschlüpfen. Und jetzt will ich mich bis halb sechs Uhr niederlegen – dann geht's zur Trauung.« Dann tätschelte er noch Mrs. Sliderskew die Wangen und schien einen Augenblick lang nicht abgeneigt zu sein, sein Junggesellenleben mit einem Kuß auf die welken Lippen seiner Haushälterin zu beschließen. Er besann sich indessen eines Besseren, tätschelte ihr statt dessen abermals die Wangen und begab sich zu Bett. 54. Kapitel Die Krisis und der Ausgang des Projektes Es gibt wohl nicht gar viele, die ihren Hochzeitsmorgen verschlafen oder an einem solchen Tage lange im Bette blieben. Man erzählt sich zwar von Fällen merkwürdiger Zerstreutheit, wo ein Mann am Anbruch des Tages, an dem er mit seiner jungen Gattin vermählt werden sollte, die Augen aufgeschlagen und ganz vergessen habe, welche wichtige Angelegenheit ihm bevorstehe. Er habe sogar seine Diener ausgezankt, heißt es, daß sie ihm seine Feiertagskleider zurechtgelegt hätten. Auch erzählt man sich von einem gewissen jungen Herrn, der, ohne sich um das Verbot der Kirche zu kümmern, noch im letzten Augenblick eine glühende Leidenschaft für seine Großmutter gefaßt habe. Beide Fälle sind jedoch zu absonderlicher Art, als daß man ihnen wirklich Glauben schenken oder annehmen könnte, daß solche Vorgänge heutzutage besonders häufige Nachahmung finden würden. Arthur Gride war eine volle Stunde früher, ehe Mrs. Sliderskew, nachdem sie sich den Schlummer aus den Augen gerieben, an seine Zimmertür klopfte, in den flaschengrünen Hochzeitsanzug geschlüpft und befand sich bereits im vollen Staat in der Küche, um sich mit einem Schlückchen von seiner Lieblingsherzstärkung zu erquicken. »Pfui Teufel«, brummte Grete und kehrte, ihre häuslichen Obliegenheiten erfüllend, ein kleines Häufchen Asche unter dem halbzerfallenen Kaminrost zusammen. »Hochzeit will er halten! – Eine feine Hochzeit das. Als ob er an seiner alten Grete nicht genug hätte, um sich seine Sachen besorgen zu lassen. Und dabei hat er mir hundert- und hundertmal gesagt, damit ich nicht über die schmale Kost, den geringen Lohn und das bißchen Ofenwärme murre: ›In meinem Testament, Grete, in meinem Testament stehen nur Sie. Ich bin Junggeselle, Grete, habe keine Freunde und keine Verwandten, Grete.‹ Und alles nichts als Spiegelfechterei. Jetzt drängt er mir gar eine neue Herrin ins Haus, einen Fratzen, der noch naß hinter den Ohren ist. Wenn der Narr schon eine Frau haben muß, hat er sich nicht eine nehmen können, die für sein Alter paßt und seine Gewohnheiten kennt?! Er sagt, sie werde mir nicht ins Gehege kommen. Soll sie auch nicht. Aber du ahnst nicht, Halunke, was ich vorhabe.« Während Mrs. Sliderskew offenbar aus Verdruß und enttäuschter Hoffnung und wütend, daß ihr alter Brotherr ihr eine andre vorgezogen, diese Worte vor sich hin murmelte, dachte Arthur Gride nochmals genau durch, was am letzten Abend stattgefunden hatte. »Ich begreife gar nicht, wie er Kenntnis von dem bekommen haben konnte, was er gestern sagte«, brummte er. »Sollte ich mich vielleicht selbst verraten haben? Ist vielleicht etwas von dem verlautet, was ich bei Bray fallenließ? Möglich. Es sollte mich nicht wundern, wenn es so wäre. – Ralph Nickleby war oft böse darüber, daß ich mit ihm über die Sache sprach, noch ehe wir das Haus verlassen hatten. Ich darf ihm die Geschichte gar nicht erzählen, sonst verdirbt er mir meine gute Laune, und das verstimmt mich dann für den ganzen Tag.« Ralph galt unter seinen Zunftgenossen als ganz besonders hervorragendes Genie, und bei Arthur Gride hatte er angesichts seines strengen unbeugsamen Charakters und seiner großen Erfahrung ein solches Übergewicht, daß er ihn geradezu fürchtete. Von Natur aus kriecherisch und feig, demütigte sich Arthur Gride vor ihm fast bis in den Staub. Verabredetermaßen begab er sich jetzt zu ihm und erzählte ihm, daß in der vergangenen Nacht ein junger Tollkopf bei ihm eingedrungen sei und den Versuch gemacht habe, ihn von der festgesetzten Heirat abzuhalten. In kurzen Worten berichtete er, was Nikolas gesagt und getan, und behielt nur gewisse Einzelheiten, deren Mitteilung ihm nicht rätlich erschien, für sich. »Nun, was weiter?« fragte Ralph. »Oh, gar nichts weiter«, antwortete Gride. »Er hat versucht, Sie einzuschüchtern?« fragte Ralph verächtlich. »Natürlich haben Sie sofort das Hasenpanier ergriffen?« »Nein, im Gegenteil; ich habe ihn ins Bockshorn gejagt, indem ich Diebe und Mörder schrie«, meckerte Gride. »Einmal war es mir fast sogar Ernst damit, und ich hatte gute Lust, ihn arretieren zu lassen und zu beschwören, er habe mir gedroht und Geld zu erpressen gesucht.« »Oho«, rief Ralph mit einem mißtrauischen Seitenblick, »also auch eifersüchtig?« »Da sieh einer«, greinte Gride und rieb sich mit erkünstelter Fröhlichkeit die Hände. »Schneiden Sie keine solchen Grimassen, Mensch«, knurrte Ralph. »Sie sind eifersüchtig und haben offenbar guten Grund dazu.« »Nein, nein, nein – durchaus nicht guten Grund – oder meinen Sie doch?« stotterte Gride. »Glauben Sie wirklich?« »Sehen wir uns mal die Sache genauer an«, sagte Ralph. »Da haben wir einen alten Mann, der einem jungen Mädchen als Gatte aufgezwungen werden soll, und zu diesem alten Mann kommt ein hübscher junger Kerl – Sie sagten doch, er sei hübsch gewesen?« »Nein«, brummte Gride. »Soso, ich dachte, Sie hätten es gesagt«, spöttelte Ralph. »Aber egal, schön oder nicht schön – zu diesem alten Manne also kommt ein junger Mensch, wirft ihm Drohungen ins Gesicht, an die Nase, sollte ich eigentlich sagen, und erklärt ihm mit dürren Worten, seine Braut hasse ihn. Warum tut er das? Wahrscheinlich aus Menschenliebe, was?« »Nun, aus Liebe zu der jungen Dame gewiß nicht«, eiferte Gride. »Ich habe aus seinem eigenen Munde gehört, daß niemals ein Sterbenswörtchen von Liebe zwischen ihnen gefallen sei.« »Soso, aus seinem eigenen Mund«, höhnte Ralph verächtlich. »Aber eins gefällt mir an ihm, nämlich, daß er Ihnen ehrlich und offen gesagt hat, Sie sollten Ihr Vögelchen oder Schäfchen oder wie Sie's sonst nennen, sorgsam unter Schloß und Riegel halten. – Gride, Gride, nehmen Sie sich in acht. Gewiß ist es ein Triumph, sie einem so gefährlichen Nebenbuhler vor der Nase wegzuschnappen – ein großer Triumph für einen alten Mann, aber sehen Sie zu, daß Sie sie auch behalten, wenn Sie sie einmal haben; – weiter will ich nichts sagen.« »Was ist das nur für ein Mensch!« rief Arthur Gride, trotz seines offenkundigen Mißbehagens sich stellend, als belustigten ihn die Worte seines Geschäftsfreundes aufs höchste. Dann fügte er aber sogleich ängstlich hinzu: »Unbesorgt, ich werde schon acht auf sie geben. Sie haben recht, das ist die Hauptsache. Es wird nicht so besonders schwer sein – oder meinen Sie?« »Schwer?« wiederholte Ralph höhnisch. »Weiß doch jedes Kind, wie leicht Weiber im Zaum zu halten und zu leiten sind. Aber kommen Sie jetzt! Ihre Glücksstunde schlägt. Sie können übrigens gleich das Geld jetzt auszahlen, damit ersparen Sie sich später die Mühe.« »O Gott, was sind Sie doch für ein Mensch«, krächzte Gride. »Nun ja, warum nicht?« entgegnete Ralph. »Ich denke, von jetzt bis zwölf Uhr mittags zahlt Ihnen doch kein Mensch Zinsen dafür – oder?« »Nun, ich dächte, Ihnen ebensowenig«, erwiderte Gride und schielte Ralph mit einem Blick an, in den er alle Schlauheit legte, deren er fähig war. »Sie haben offenbar das Geld nicht bei sich«, versetzte Ralph, spöttisch die Lippen kräuselnd. »Wären Sie auf meinen Wunsch vorbereitet gewesen, hätten Sie es natürlich mitgebracht, zumal Sie niemand auf der Welt so gerne gefällig zu sein wünschen wie mir. Nicht wahr? Ich weiß ja, wir trauen einander gegenseitig ungefähr in gleichem Maße. Sind Sie jetzt bereit?« Gride, der bei Ralphs letzten Worten nur gegrinst, mit dem Kopf genickt und gemummelt hatte, bejahte eifrig und brachte ein paar große Schleifen zum Vorschein, von denen er die eine an seine eigene Brust heftete und die andre mit Aufgebot seiner ganzen Liebenswürdigkeit zu gleichem Zweck seinem Freunde aufschwätzte. Festlich geschmückt bestiegen beide sodann die Droschke, die Ralph bereitgehalten hatte, und fuhren zur Wohnung der schönen und todunglücklichen Braut. Gride, dem der Mut immer mehr und mehr sank, je näher sie ihrem Ziele kamen, wurde ganz und gar verzagt, als er die trauervolle Stille bemerkte, die dort herrschte. Das Gesicht des armen Dienstmädchens, der einzigen Person, deren sie ansichtig wurden, war ganz verweint und zeugte von einer schlaflosen Nacht. Niemand bewillkommnete sie, und eher wie ein paar Diebe als wie Bräutigam und Brautführer schlichen sie ins Besuchszimmer. »Man sollte rein meinen, es ginge zu einem Begräbnis und nicht zu einer Hochzeit«, sagte Ralph, unwillkürlich seine Stimme dämpfend. »Hihi«, kicherte der alte Geizhals, »Sie sind ja – ungemein spaßhaft.« »Man hat's auch nötig«, murrte Ralph, »denn hier ist's trübselig und langweilig zum Sterben. Setzen Sie eine heitere Miene auf, Mensch, und schneiden Sie nicht ein Gesicht, als ob Sie zum Galgen gingen.« »Ja, ja, das will ich«, versprach Gride, »aber – aber glauben Sie nicht, daß sie gleich kommen wird?« »Ich glaube, sie wird erst kommen, wenn sie muß«, entgegnete Ralph und warf einen Blick auf seine Uhr. »Und dazu hat sie noch eine gute halbe Stunde Zeit; – zügeln Sie Ihre Liebesglut.« »Ich – ich bin nicht ungeduldig«, stotterte Gride. »Ich möchte um keinen Preis hart gegen sie sein. O Gott nein, um keinen Preis. Sie soll sich nur Zeit lassen – ganz wie sie will. Ich bin mit allem einverstanden.« Ralph warf ihm einen scharfen Blick zu, der verriet, daß er den Grund dieser ungewöhnlichen Rücksicht vollkommen durchschaute, da hörten sie jemand leise die Treppe heraufkommen, und gleich darauf schlich Mr. Bray auf den Zehen ins Zimmer, warnend den Finger erhoben, als sei ein Kranker in der Nähe, der nicht gestört werden dürfe. »Still!« flüsterte er. »Sie war gestern abend sehr angegriffen. Ich glaubte schon, das Herz bräche ihr. Sie ist bereits angekleidet, aber sie weint bitterlich auf ihrem Zimmer. Immerhin ist ihr schon besser; sie ist vollkommen ruhig, und damit ist alles gewonnen.« »Ist sie bereit?« fragte Ralph. Der Vater bejahte. »Und wird sie uns auch nicht durch Frauenzimmerschwächen, Ohnmachten und dergleichen aufhalten?« »Sie können sich zuversichtlich auf sie verlassen«, erwiderte Bray. »Ich habe ihr den ganzen Morgen zugeredet. – Übrigens, kommen Sie einmal her«, flüsterte er, zog Ralph in die entfernteste Ecke des Zimmers und deutete auf Gride, der zusammengekauert im andern Winkel saß, sich die Knöpfe seines Rockes polierte und ein Gesicht machte, auf dem infolge seiner Beklemmung der gewohnte Ausdruck von Niedertracht und schurkischer Denkungsweise noch deutlicher hervortrat. »Sehen Sie ihn sich nur an«, flüsterte Bray entsetzt. »Es ist eigentlich eine Herzlosigkeit.« »Was ist eine Herzlosigkeit?« fragte Ralph scheinbar harmlos. »Diese Heirat, Sie wissen es doch so gut wie ich.« Ralph zuckte die Achseln, verwünschte innerlich Brays Kleinmut, zog die Augenbrauen hoch und biß die Zähne zusammen. »Sehen Sie ihn sich nur an! Ist es nicht wirklich grausam?« wiederholte Bray. »Nein«, versetzte Ralph hart. »Und ich sage, es ist grausam«, rief Bray, lebhafte Aufregung heuchelnd. »Es ist eine Grausamkeit – ja, es ist schlecht und verräterisch.« Wenn Menschen im Begriffe stehen, ein Unrecht zu begehen oder gutzuheißen, so geschieht es nicht selten, daß sie Mitleid mit dem Opfer, um das es sich handelt, heucheln, wahrscheinlich, um sich selbst einzureden, sie seien tugendhaft und unermeßlich erhaben über die, die kein Mitleid äußern. Was Ralph Nickleby betraf, so verschmähte er diese Art von Selbstbelügung und durchschaute ganz gut die, die es taten. Er ließ daher Bray immer wieder mit großer Heftigkeit wiederholen, es sei eine Grausamkeit, ohne ein Wort dazu zu sagen. Als Bray endlich schwieg, erwiderte er: »Sie sehen doch, er ist ein verhutzelter alter Kerl. Wäre er jünger, so könnte man es vielleicht hart nennen. So aber? – Sie wissen ganz gut, Mr. Bray, daß er bald sterben und sie als reiche junge Witwe zurücklassen wird. Miss Madeline hat gewählt und sich dabei durch Ihren Geschmack bestimmen lassen. Das nächstemal kann sie ja ihrem eigenen folgen.« »Sie haben recht«, brummte Bray, an seinen Nägeln beißend und offenbar in großer innerlicher Unruhe. »Ich konnte nichts Besseres für sie tun, als ihr raten, seinen Antrag anzunehmen. Ich frage Sie, Mr. Nickleby, als einen Mann, der die Welt kennt, hätte ich ihr besser raten können?« »Gewiß nicht«, versicherte Ralph. »Übrigens will ich Ihnen etwas sagen, Sir: Es gibt innerhalb fünf Meilen im Umkreis und noch viel weiter Hunderte Väter – reiche, sogar sehr reiche Väter, die mit Freuden ihre Töchter und ihre eigenen Ohren dazu geben würden, wenn sie einen Mann wie diese alte Affenmumie dort zum Schwiegersohn bekommen könnten.« »Sie haben recht«, rief Bray, begierig nach allem haschend, was seine eigne Herzlosigkeit zu rechtfertigen schien. »Ich habe ihr bereits gestern nacht und heute dasselbe gesagt.« »Da haben Sie ihr nichts als die Wahrheit gesagt«, lobte Ralph, »und wohl daran getan, obschon ich bekennen muß, daß – wenn ich eine Tochter hätte und meine Freiheit, meine Gesundheit und mein Leben davon abhingen, daß sie einen Mann nähme, den ich ihr bestimmte – ich mich nicht unnötigerweise damit aufhalten würde, allerhand Gründe an den Haaren herbeizuziehen, um sie meinen Wünschen gefügsam zu machen.« Bray blickte ihn unsicher an, ob er auch im Ernst spreche, nickte dann heftig mit dem Kopf und sagte: »Ich will jetzt auf ein paar Minuten hinaufgehen, um mich anzukleiden, und wenn ich wieder herunterkomme, bringe ich Madeline mit. Übrigens, so nebenbei: ich hatte heute nacht einen höchst seltsamen Traum, der mir gerade wieder einfällt. Es träumte mir von dem heutigen Tag, und ich und Sie sprachen miteinander, genau, wie wir es eben getan haben. Ich ging dann hinauf in derselben Absicht, wie ich es jetzt tue, und als ich meine Tochter am Arm nehmen und sie herunterführen wollte, sank der Boden plötzlich unter mir ein und ich stürzte in eine fürchterliche Tiefe, so fürchterlich und unermeßlich, wie man es eben nur im Traum erleben kann, bis ich schließlich im Grabe anlangte.« »Und Sie erwachten und fanden wahrscheinlich, daß Sie auf dem Rücken lagen oder mit dem Kopf zum Bett hinaushingen oder Bauchweh hatten, was?« spöttelte Ralph. »Lächerlich, Mr. Bray! Machen Sie's wie ich: beschäftigen Sie sich bei Tage etwas mehr – Sie werden jetzt, wo sich Ihnen die Aussicht auf eine ununterbrochene Kette von Vergnügungen und Aufheiterungen bietet, Gelegenheit genug dazu haben –, dann bleibt Ihnen keine Muße, sich mit nächtlichen Träumen herumzuschlagen.« Mit festem Blick folgte er Bray zur Türe, wandte sich dann zu dem Bräutigam um, ließ Bray hinausgehen und begann: »Denken Sie an mich, Gride, Sie werden ihm seine Jahresrente nicht sehr lange auszuzahlen brauchen. Sie haben immer ein verteufeltes Glück bei Ihren Geschäften. Wenn er nicht, ehe ein paar Monate vorüber sind, die große Reise antritt, dann will ich einen Kürbis zwischen den Schultern haben und nicht einen Kopf.« Diese freundliche Prophezeiung entlockte Arthur Gride ein behagliches Kichern. Ralph Nickleby warf sich in einen Stuhl, und so saßen sie beide eine Weile in erwartungsvollem Schweigen da. Ralph dachte eben mit einem Hohnlächeln um die Lippen an das veränderte Benehmen, das Bray heute an den Tag legte, und ergötzte sich innerlich daran, wie rasch der Stolz des Mannes in nichts zerronnen war, als sein scharfes Ohr das Rauschen eines Frauenkleides und den Tritt eines Mannes draußen vernahm. »Heda! Wachen Sie auf!« rief er und stampfte ungeduldig mit dem Fuß auf die Erde. »So zeigen Sie doch ein bißchen Temperament, Mensch! – Sie kommen! Hören Sie nicht? Schleppen Sie ihre dürren Knochen gefälligst hierher – rasch, Gride, rasch.« Gride humpelte heran und stellte sich gebückt und lauernd neben Ralph, da öffnete sich die Tür, aber anstatt Bray und seiner Tochter traten Nikolas Nickleby und seine Schwester Kate hastig ein. Wäre irgendeine schreckliche Erscheinung aus dem Reiche der Schemen vor ihn hingetreten, hätte Ralph nicht entsetzter sein können. Er war wie vom Blitz getroffen. Kraftlos fielen ihm die Hände herunter; mit offenem Mund und aschfahlem Gesicht prallte er zurück und blieb dann, die beiden in stummer Wut anstarrend, stehen. Die Augen drängten sich ihm aus den Höhlen, und seine Mienen verzerrten sich so krampfhaft in rasender Leidenschaft, daß man in ihm kaum mehr den selbstbeherrschten marmorkalten Menschen erkannte, der er noch vor einer Minute geschienen. »Es ist derselbe, der gestern abend bei mir war«, flüsterte Gride und zupfte ihn am Ärmel, »es ist derselbe, der mich ins Bockshorn jagen wollte.« »Ich sehe«, murmelte Ralph; »es geht mir ein Licht auf; ich hätte mir's gleich denken können. Wo ich gehe und stehe, welche Pfade auch immer ich einschlage, was ich auch tue oder plane, immer vertritt er mir den Weg.« Die Blässe seiner Wangen und das Beben seiner Lippen verkündeten, welch heftigen innern Kampf Nikolas kämpfte, sosehr er sich auch bemühte, ruhig zu bleiben. Aber er beherrschte sich, drückte sanft den Arm seiner Schwester, um sie zu beruhigen, und trat dann furchtlos seinem schurkischen Onkel gegenüber. Wie er und seine Schwester in entschlossener Haltung nebeneinanderstanden, sprang die Ähnlichkeit zwischen ihnen, die mancher sonst nicht gleich bemerkt haben würde, scharf hervor. Der Ausdruck, die Miene, der Blick des Bruders, alles spiegelte sich, wenn auch gemildert und durch weibliche Anmut verschönt, in der Schwester ab. Dabei lag aber eine gewisse nicht zu schildernde Ähnlichkeit mit ihnen auch in Ralphs Gesicht, trotzdem die beiden nie schöner und er nie häßlicher ausgesehen, sie nie stolzer und er nie halb so gedemütigt dagestanden hatten wie jetzt. Nie war diese Ähnlichkeit schlagender hervorgetreten, trotz der Bosheit und des Grimmes, die Ralphs Züge verzerrten, und nie halb so in die Augen gesprungen wie jetzt. »Fort!« war der erste Laut, den Ralph im buchstäblichen Sinne des Wortes hervorzustoßen vermochte. »Fort! Was hast du hier zu suchen? – Lügner – Schurke – Dieb – Elender!« »Ich komme hierher«, sagte Nikolas mit ruhiger tiefer Stimme, »um wo möglich eine Unglückliche von dem Verderben zu retten, für das ihr sie bestimmt habt. Lügner und Schurke, das sind Sie Ihr ganzes Leben lang bei jeder Handlung gewesen. Diebstahl ist Ihr Beruf, und wenn Sie nicht ein dreifacher Schurke wären, so könnten Sie nicht hier stehen. Ihre Beschimpfungen treffen nicht mich. Hier stehe ich und werde nicht weichen, bevor ich nicht meinen Zweck erreicht habe.« »Mädchen«, wendete sich Ralph verbissen an Kate, »ich rate dir: gehe. Gegen ihn können wir Gewalt brauchen, aber ich will nicht, daß du Schaden nimmst, wenn es so weit kommen sollte. Geh, du schwache, einfältige Dirne, damit wir diesen Burschen hier nach Verdienst züchtigen können.« »Ich werde nicht gehen«, rief Kate mit leuchtenden Augen, und das Blut stieg ihr in die Wangen. »Wagt es nur, euch an ihm zu vergreifen, und ihr werdet schon sehen, ob er euch nicht heimleuchten wird. Mir gegenüber könnt ihr leicht Gewalt anwenden, und ich glaube auch, daß es euch danach gelüstet, denn ich bin ein schwaches Mädchen, und eine solche Handlung wäre euer so recht würdig. Aber wenn ich auch nur ein schwaches Weib bin, so fühle ich doch wie ein Weib, und ihr seid nicht die Menschen, die mich von einer Sache wie der gegenwärtigen abbringen könnten.« »Und was hast du vor, wenn man fragen darf, mein hochnäsiges Dämchen?« fragte Ralph. »Euerm unglücklichen Opfer noch im letzten Augenblick eine Zufluchtsstätte und eine Heimat anzubieten«, fiel Nikolas ein. »Wenn sie sich schon durch die nahe schreckliche Aussicht, dem Mann, den Sie ihr zum Gatten bestimmt haben, ausgeliefert zu werden, nicht bewegen läßt, so hoffe ich doch, daß es dem Bitten meiner Schwester gelingen wird. In jedem Fall werden wir den Versuch wagen, und ich will sehen, ob es ihr eigner Vater übers Herz bringen wird, die Verbindung trotzdem zu erzwingen. Ich werde ihn und seine Tochter hier erwarten. Zu diesem Zwecke bin ich gekommen und habe meine Schwester in Ihre verabscheuungswürdige Nähe gebracht. Wir sind übrigens nicht hier, um mit Ihnen zu reden, und werden Sie daher keines Wortes mehr würdigen.« »Wirklich?« rief Ralph. »Du bestehst also darauf, Kate?« Kate bebte vor Entrüstung, schwieg jedoch. »Sehen Sie sich das mal an«, wendete sich Ralph an Gride; »dieser Mensch – es tut mir herzlich leid, es eingestehen zu müssen – ist der Sohn meines Bruders und ein mißratener Taugenichts, der sich mit dem niedrigsten Verbrechen befleckt hat. – Dieser Bursche da erfrecht sich, eine feierliche Handlung zu stören, und da er ganz gut weiß, daß er wegen seines Eindringens in das Haus eines Fremden mit Fußtritten auf die Straße befördert und als Vagabund zur Rechenschaft gezogen werden kann – wohlgemerkt, Gride – da er alles dies weiß, bringt er zu seinem Schutz seine Schwester mit, weil er annimmt, wir würden das dumme Ding der Schmach nicht aussetzen, die zu empfinden er selbst zu dickfellig ist. Er klammert sich an ihre Schürzenbänder wie ein furchtsamer Junge an das Kleid seiner Mutter. Er ist ein Maulheld, der große Worte im Munde führt, wie Sie soeben selbst von ihm gehört haben.« »Und wie ich schon gestern abend mit anzuhören Gelegenheit hatte, als er bei mir eindrang und – hihihi – sich aber bald darauf wieder dünne machte, nachdem ich ihn ein bißchen in Schrecken gejagt«, setzte Arthur Gride hinzu. »Das wäre so der Richtige, Miss Madeline zu heiraten. O Gott im Himmel! Weiter paßte ihm nichts. Können wir vielleicht außerdem noch etwas für ihn tun, als die junge Dame aufgeben? Vielleicht seine Schulden bezahlen oder ein paar Pence für Seife und Rasieren geben, wenn er sich vielleicht den Bart abnehmen lassen will? – Hihi.« »Und du willst wirklich hierbleiben?« fragte Ralph, sich wieder an Kate wendend. »Willst dich wie eine betrunkene liederliche Dirne die Treppe hinunterwerfen lassen, was? Es wird dir passieren, das kann ich dir versprechen, wenn du nicht bald gehst. Keine Antwort, wie? Nun, dann bedank dich bei deinem Bruder für die Folgen. Gride, rufen Sie mal Mr. Bray herunter! – Aber nicht seine Tochter. Miss Madeline kann inzwischen oben bleiben.« »Wenn Ihnen Ihre Haut lieb ist –«, rief Nikolas und postierte sich an der Türe, »so bleiben Sie, wo Sie sind.« »Tun Sie, was ich Ihnen sage, und rufen Sie Bray herunter«, wiederholte Ralph. »Und wenn ich Ihnen raten kann, so bleiben Sie, wo Sie sind«, drohte Nikolas. »Wollen Sie also Mr. Bray herunterholen oder nicht?« rief Ralph wütend. »Überlegen Sie es sich gut! Es geschieht auf Ihre Gefahr, wenn Sie mir zu nahe kommen«, warnte Nikolas. Gride zögerte, Ralph jedoch, wütend wie ein gereizter Tiger, stürzte zur Tür und faßte, als er an Kate vorübereilte, diese rauh am Arm. Nikolas' Augen blitzten auf, und in der nächsten Sekunde hatte er seinen Onkel am Kragen gefaßt. Wer weiß, wozu es gekommen wäre, wenn nicht in diesem Augenblick ein dumpfes Geräusch wie von dem Falle eines schweren Körpers, das aus dem oberen Zimmer zu kommen schien, das Haus erschüttert hätte. Gleich darauf hörte man laute Jammerrufe. Alle standen still und blickten einander an. Weheruf folgte jetzt auf Weheruf; man hörte im Zimmer oben rasch auf und ab gehen, dann gellten ein paar Stimmen durchs Haus, und man konnte die Worte: »Er ist tot!« unterscheiden. »Zurück da!« rief Nikolas, seiner Leidenschaft, die er bisher mühsam gezügelt, freien Lauf lassend. »Wenn eingetreten ist, was ich kaum zu hoffen wage, so ist euer Spiel aus, ihr Schurken.« Damit stürmte er aus dem Zimmer, eilte die Treppe hinauf in das Gemach, aus dem sich der Lärm vernehmen ließ, bahnte sich seinen Weg durch eine Masse von Leuten und fand drinnen – Bray tot am Boden liegen. Madeline hatte sich über seine Leiche geworfen. »Wie ist dies so plötzlich gekommen?« rief Nikolas entsetzt. Mehrere Stimmen antworteten durcheinander, man habe Mr. Bray durch die halboffene Tür in einer sehr unnatürlichen Stellung in seinem Stuhl sitzen sehen und auf mehrmaliges Anreden habe er keine Antwort gegeben. Man nahm an, er schlafe, aber als sich jemand ihm genähert und ihn am Arme gerüttelt habe, sei er schwer zu Boden gestürzt und tot gewesen. »Wer ist der Eigentümer dieses Hauses?« fragte Nikolas hastig. Man deutete auf eine ältliche Frau, und Nikolas flüsterte ihr, während er niederkniete und Madelines Arme sanft von dem Toten losmachte, leise zu: »Ich vertrete hier die Stelle der Nächstangehörigen dieser jungen Dame. Ich handle, wie mir das Dienstmädchen bezeugen kann, im Namen der nächsten Freunde der jungen Dame und fühle mich daher verpflichtet, sie von diesem Orte des Schreckens zu entfernen. Hier steht meine Schwester, und ich übergebe sie deren Obhut. Meinen Namen und meine Adresse finden Sie auf dieser Karte. Ebenso werden Sie alle nötigen Anweisungen zu den Vorkehrungen, die getroffen werden müssen, von mir erhalten. Aber jetzt um Gottes willen, Leute, macht Platz.« Die Menge trat zurück, sprachlos vor Staunen über das, was vorgefallen, und ebenso über die Aufregung des jungen Mannes. Nikolas hob die besinnungslose Madeline auf und trug sie auf den Armen die Treppe hinunter in das Zimmer, das er kurz vorher verlassen hatte. Kate und das Dienstmädchen folgten, und während letztere eine Droschke holen ging, bemühte, sich Nikolas und seine Schwester ängstlich, wenn auch vergeblich, die Ohnmächtige wieder zum Bewußtsein zu bringen. Nach wenigen Minuten bereits stand der Wagen vor der Tür. Ralph Nickleby und Gride, förmlich betäubt durch das schreckliche Ereignis, das ihre Pläne so plötzlich über den Haufen warf – sonst würde es wahrscheinlich einen sehr geringen Eindruck auf sie gemacht haben –, und durch die Eile und das Ungestüm, mit denen Nikolas alles beiseite drängte, aller Besinnung beraubt, kamen sich vor wie im Traum. Erst als jede Vorbereitung getroffen war, Madeline fortzuschaffen, unterbrach Ralph das Schweigen und erhob laut Einsprache. »Wer spricht hier?« fuhr Nikolas auf und trat vor die beiden Wucherer hin, ohne dabei Madelines leblose Hand loszulassen. »Ich«, antwortete Ralph barsch. »Still, still«, suchte Gride erschreckt zu vermitteln und packte seinen Freund am Arm. »Hören Sie erst, was er sagt.« »Jawohl«, erwiderte Nikolas und streckte seinen freien Arm aus, »hört, was ich sage. Ich sage: Euer beider Forderungen an ihn hat die Natur selbst getilgt, und die heute um zwölf Uhr fällige Schuldverschreibung ist ein wertloses Papier geworden. Ich sage, der Betrug, den ihr plant, soll entdeckt und eure niederträchtigen Pläne werden der Welt bekannt werden. Ich biete euch Schurken Trotz, und wenn ihr selbst das Schlimmste wagt.« »Dieser Mann hier«, fuhr Ralph mit erstickter Stimme auf, »dieser Mann hier macht seine Ansprüche auf sein Weib geltend, und er soll sie haben.« »Dieser Mann macht Ansprüche auf etwas, was nicht sein Eigentum ist, und er soll sie nicht haben, und wären euer auch fünfzig oder hundert«, entgegnete Nikolas. »Wer wird ihn dran hindern?« »Ich.« »Ich möchte gerne wissen, mit welchem Recht«, knirschte Ralph zwischen den Zähnen hervor. »Mit welchem Recht, wenn ich fragen darf?« »Das, was ich von euern Ränken weiß, gibt mir ein Recht, euch zu verbieten, mir weiter in den Weg zu treten«, rief Nikolas. »Und ich habe noch ein besseres Recht, nämlich das, daß diejenigen, denen ich diene und bei denen Sie mich niederträchtigerweise zu verleumden versuchten, ihre nächsten und besten Freunde sind. In ihrem Namen führe ich sie aus diesem Hause weg. – Platz da!« »Halt, noch ein Wort!« rief Ralph, schäumend vor Wut. »Nein«, sagte Nikolas ruhig. »Ich will keine Silbe mehr von Ihnen hören. Es sind Worte genug gefallen. Hüten Sie sich! Denken Sie an die Warnung, die ich Ihnen gegeben habe. Ihr Stern ist im Sinken, und die Nacht bricht herein.« »Ich verfluche dich, Knabe!« knirschte Ralph. »Seit wann gehen Flüche aus Ihrem Munde in Erfüllung?« spottete Nikolas. »Was hat Segen oder Fluch aus Ihrem Munde für eine Bedeutung? Ich warne Sie: schwere Wolken ziehen sich über Ihrem Haupt zusammen. Die Entdeckung Ihrer Schandtaten steht vor der Tür. Das ganze Gebäude Ihres schlecht angewendeten Lebens wankt, um binnen kurzem in Staub und Trümmer zu zerfallen. Sie sind mit Spionen umstellt. Noch heute gehen zehntausend Pfund Ihres zusammengescharrten Reichtums in Rauch auf.« »Das ist eine Lüge«, schrie Ralph zurückfahrend. »Nein, es ist wahr, und Sie werden es selbst erfahren. Aber ich gedenke jetzt kein Wort mehr an Sie zu verschwenden. Weg da von der Tür! Kate, geh voran. Und ich rate keinem, an eine der Damen oder an mich Hand anzulegen, ja nicht einmal ihre Kleider zu berühren, wenn sie an Ihnen vorüberkommen. – Was? Sie da wollen mir den Weg versperren?« Arthur Gride war – ob absichtlich oder unwillkürlich – an die Tür getreten. Nikolas schleuderte ihn mit solcher Kraft zur Seite, daß er im Zimmer umhertaumelte und in der entferntesten Ecke zu Boden stürzte. Dann nahm Nikolas seine schöne Last auf die Arme und eilte hinaus. Niemand getraute sich, ihn zu halten. Er bahnte sich einen Weg durch die Menge, die sich bei dem Gerücht von dem Todesfall vor dem Hause versammelt hatte, und trug Madeline in seiner Aufregung mühelos, als ob sie ein Kind gewesen wäre, zur Droschke, wo Kate und das Dienstmädchen bereits warteten. Dann schwang er sich zu dem Kutscher auf den Bock und hieß ihn losfahren. 55. Kapitel Familienangelegenheiten, Sorgen, Enttäuschungen und Trübsal Mrs. Nickleby hatte Madelines ganze Geschichte von ihren Kindern, soweit Nikolas und Kate sie selbst kannten, gehört, und Nikolas hatte ihr genau auseinandergesetzt, in welcher verantwortlichen Stellung er sich befände, und sie auf die Möglichkeit vorbereitet, die junge Dame in ihrem Hause aufnehmen zu müssen. Trotzdem war alles der guten Frau von dem Augenblick an, wo man sie ins Vertrauen gezogen, so unerklärlich und geheimnisvoll, daß sie kaum begriff, um was es sich in den Hauptzügen handelte. »Du lieber Himmel, Kate«, jammerte sie immer wieder, »wenn die Herren Cheeryble nicht haben wollten, daß das Mädchen heiratet, warum haben sie nicht eine Klage gegen den Lordkanzler angestrengt oder sie der Vormundschaft des Kanzleigerichts übergeben oder sie der Sicherheit wegen in das Fleet-Gefängnis eingeschlossen? Ich habe von dergleichen Maßregeln doch schon hundertmal in Zeitungen gelesen. Oder, wenn sie die junge Dame so gern haben, wie Nikolas behauptet, warum heiraten sie sie nicht selber? – Ich meine natürlich einer von ihnen. Und angenommen, es sei ihnen wirklich nicht recht, daß sie sich vereheliche, und sie sie selber schon nicht heiraten wollen, warum, um Gottes willen, läuft Nikolas auf der Straße herum und stört fremde Hochzeiten?« »Mir scheint, du hast die Sache immer noch nicht recht begriffen«, wendete Kate ein. »So? Wirklich? Das ist ja recht höflich von dir, liebe Kate«, versetzte Mrs. Nickleby vorwurfsvoll. »Ich dächte doch, ich wäre selbst auch einmal verheiratet gewesen und hätte so manche andere Menschen ebenfalls heiraten sehen. Ich hätte es nicht verstanden? Da hört sich alles auf!« »Ich zweifle nicht im geringsten, daß du eine sehr welterfahrene Frau bist, liebe Mama«, entschuldigte sich Kate, »aber trotzdem denke ich, daß du die Umstände hier nicht ganz begriffen hast. Wir werden sie dir wahrscheinlich etwas übereilt mitgeteilt haben.« »Das ist allerdings sehr wahrscheinlich«, lenkte Mrs. Nickleby rasch ein; »aber dann trifft natürlich mich keine Schuld. Da aber die Umstände für sich selbst sprechen, so möchte ich mir doch erlauben, mein Kind, dir zu sagen, daß ich sie vollständig begreife, wie sehr auch du und Nikolas anderer Meinung zu sein scheinen. Warum wird nur so viel Aufhebens gemacht, weil diese Miss Madeline da einen Mann heiraten soll, der viel älter ist als sie? Auch dein seliger Vater war älter als ich. – Viereinhalb Jahre! Miss Jane Dibabs – ihre Familie wohnte in einem allerliebsten kleinen einstöckigen weißen Haus mit einem Strohdach, das ganz mit Efeu und Schlingpflanzen bewachsen war, und einem wunderhübschen Portal und allem, was sonst noch dazugehört, davor, und wenn wir an Sommerabenden dort Tee tranken, so fielen uns die Ohrwürmer nur so in die Tassen hinein, und die Frösche hüpften uns in den Schoß und sahen uns, ach Gott, so klug an aus ihren großen Augen wie wirkliche Menschen –, also Jane Dibabs heiratete einen Mann, der weit älter war als sie und ließ sich durch nichts abbringen, ihm zum Traualtar zu folgen. Sie liebte ihn über alle Maßen. Siehst du, mit Jane Dibabs wurde gar kein Wesens gemacht. Ihr Gatte war ein höchst ehrenwerter und vortrefflicher Mann, und alle Welt sprach nur Gutes von ihm. Warum also bei dieser Madeline da solche Umstände?« »Der ihr bestimmte Gatte ist weit älter als sie, er ist ein Greis; er ist außerdem überall verhaßt und durchaus kein ehrenwerter oder vortrefflicher Mann«, gab Kate zu bedenken; »der Fall ist also doch wohl sehr verschieden.« Mrs. Nickleby erwiderte darauf nur spitz, sie müsse wahrscheinlich sehr dumm sein, da ihre eigenen Kinder ihr dies jeden Tag vorhielten. Sie sei doch immerhin ein bißchen älter als Kate und Nikolas, und die Leute, die dächten, sie müsse dergleichen wohl besser wissen, seien wohl auch sehr töricht. Natürlich habe sie ja immer unrecht! Selbstverständlich! – Recht könne sie ja nie haben, und sie tue wohl am klügsten, überhaupt still zu schweigen. Eine ganze Stunde lang bemühte sich Kate, sie auszusöhnen und ihr den richtigen Standpunkt vor Augen zu führen, aber immer wieder bekam sie die spitzigen Worte zu hören: schon recht – ganz recht – warum fragt ihr mich überhaupt – meine Meinung hat ja kein Gewicht, was ich sage, wird doch nicht beachtet, und so weiter. So stand die Sache noch immer, und Mrs. Nickleby gab ihrer Verstimmung nur zuweilen durch ein Kopfnicken, einen zum Himmel gerichteten schmerzlichen Blick und ein leichtes Geseufz, das sie, wenn sie sich vom Dienstmädchen bemerkt sah, in ein kurzes affektiertes Hüsteln verwandelte, kund, als die Geschwister mit Madeline zurückkehrten. Immerhin hatte sie jedoch inzwischen über das Schicksal der jungen und schönen Dame ein wenig genauer nachgedacht und nachgerade Interesse daran genommen. Sie wandte Madeline daher jetzt nicht nur ihre eifrigste Aufmerksamkeit zu, sondern tat sich auch ungemein viel darauf zugute, das von ihrem Sohn eingeschlagene Verfahren von Anfang an gelobt zu haben. Dabei ließ sie fallen, alles wäre längst anders, wenn man rechtzeitig auf ihren weisen Rat gehört hätte. Ob sich die Sache nun auch wirklich so verhielt oder nicht, jedenfalls hatte sie später allen Grund, sich Glück zu wünschen, denn die Gebrüder Cheeryble waren nach ihrer Rückkehr über Nikolas' Handlungsweise voller Lob und legten so viel Freude über die veränderte Sachlage an den Tag, zumal die junge Dame von so schwerem und drohendem Mißgeschick erlöst sei, daß Mrs. Nickleby ihrer Tochter des öfteren wiederholte, sie sähe das Glück der Familie als »so gut wie gemacht« an. Mr. Charles Cheeryble habe, wie sie bestimmt versicherte, in seiner ersten Freude und Überraschung dieselben Worte gebraucht, und sie halte sich daher für vollkommen überzeugt, daß die Angelegenheiten der Familie vortrefflich stünden. Der plötzliche und schreckliche Schlag, dazu die Nachwirkung des furchtbaren Seelenkampfes, den sie durchgemacht, war zuviel für Madelines Kräfte, und sie verfiel in eine gefährliche Krankheit, die eine Zeitlang ihren Verstand und ihr Leben bedrohte. Nur sehr allmählich genas sie unter Kates zartsinniger und teilnehmender Pflege. »Mein liebes Kind«, pflegte Mrs. Nickleby zu Kate zu sagen, wenn sie mit einer so ausgesuchten Vorsicht ins Zimmer trat, daß es die Nerven eines Patienten mehr angreifen mußte, als wenn ein Reiter in vollem Galopp hereingesprengt wäre, »wie geht es Madeline heute abend? Ich hoffe, besser?« Und Kate antwortete dann: »O ja, es macht sich, Mama«, legte ihre Handarbeit weg und ergriff Madelines Hand. »Kate«, lautete dann jedesmal Mrs. Nicklebys verweisende Rede, »sprich doch nicht so laut!« Die gute Dame selbst flüsterte nämlich immer, und zwar in einer Weise, daß einem baumstarken Mann dabei das Blut in den Adern hätte gerinnen können. Kate jedoch nahm solche Verweise stets mit größter Ruhe hin, und Mrs. Nickleby fügte, wenn sie sodann in einer Weise umherschlich, daß jede Diele krachte und knarrte, hinzu: »Nikolas ist soeben nach Hause gekommen, und ich besuche Sie, mein liebes Kind, um von Ihren eigenen Lippen zu hören, wie es Ihnen geht, denn er will sich nie beruhigen, wenn ich nicht Ihre eigenen Worte zitiere.« »Er ist heute abend länger als gewöhnlich ausgeblieben«, erwiderte Madeline dann vielleicht, »fast eine halbe Stunde.« Und Mrs. Nickleby rief jedesmal erstaunt aus: »Merkwürdig, daß euch das auffällt, Kinder! Ich habe noch nicht einen Augenblick daran gedacht, daß Nikolas später als sonst kommt. Mein seliger Nickleby pflegte zu sagen – ich spreche von deinem armen Papa, liebe Kate –, er pflegte zu sagen: der Hunger sei die beste Uhr in der Welt. Aber das scheint's bei Ihnen nicht zu sein, Miss Bray, denn Sie haben noch immer keinen Appetit, sosehr ich auch wünschte, daß es der Fall wäre. Sie sollten mehr essen, dann bekämen Sie sicher Appetit; ich weiß es zwar nicht mehr recht, aber ich glaube gehört zu haben, daß ein paar Dutzend Krebse Appetit machen. Aber schließlich kommt's ja auf eins heraus, ob man zuerst Appetit haben muß, bevor man Krebse ißt, oder umgekehrt. Habe ich übrigens ›Krebse‹ gesagt? Ich meinte natürlich – aber das ist ziemlich gleichgültig – Austern. Sagen Sie doch nur, wie konnten Sie wissen, daß Nikolas –« »Aus dem einfachen Grunde, weil wir eben von ihm gesprochen haben«, fiel Kate ein, als sich eines Tages das Gespräch wieder in dieser Weise entwickelt hatte. »Ich glaube, du sprichst nie von etwas anderem«, sagte Mrs. Nickleby unwirsch. »Es überrascht mich, daß du gar so gedankenarm bist. Es gibt doch Themen genug, über die man sprechen kann, und du weißt, wie wichtig es ist, Miss Bray ein wenig aufzuheitern, zu zerstreuen und so fort. Ich kann gar nicht begreifen, wie du immer dasselbe Thema vornimmst. Du bist ja eine sehr freundliche und gute Pflegerin, Kate, und ich sehe auch ein, daß dich die besten Absichten dabei beseelen, aber ich glaube, mit Miss Brays Aufheiterung stünde es schlecht, wenn ich nicht wäre. Das sage ich jeden Tag auch dem Arzt. Er meint, er könne gar nicht begreifen, wie ich das auszuhalten imstande sei, und ich wundere mich selbst auch oft darüber. Es greift natürlich an, aber ich mache mir nichts daraus, da ich ja weiß, daß alles im Hause auf mir liegt. Ich will auch nicht deswegen gelobt sein, denn was nun einmal nötig ist, das tue ich gerne.« Während solcher und ähnlicher Worte zog sich dann Mrs. Nickleby immer einen Stuhl ans Bett und konnte wohl dreiviertel Stunden in ununterbrochenem Redeschwall in der konfusesten Art über die verschiedensten Themen plaudern, bis sie sich endlich mit dem Vorwande losriß, gehen zu müssen, um Nikolas beim Abendessen Gesellschaft zu leisten. Nachdem sie sodann ihren Sohn allenfalls mit der Nachricht erquickt hatte, der Zustand der Patientin habe sich entschieden verschlimmert, setzte sie wohl auch noch hinzu, wie stumpf, niedergeschlagen und apathisch Miss Bray sei, da ihr Kate von nichts als von ihm und von Familienangelegenheiten vorschwätze. Wenn sie Nikolas durch diese und jene Bemerkungen recht behaglich gestimmt, erzählte sie ihm vielleicht noch ein langes und breites von den schweren Pflichten, die den Tag über auf ihr gelegen, und konnte zuweilen bis zu Tränen gerührt sein, wenn sie daran dachte, was wohl aus der Familie werden würde, wenn ihr selbst etwas zustieße oder sie am Ende gar stürbe. War Nikolas, wenn er nach Hause kam, von Frank Cheeryble begleitet, der sich dem Auftrag seiner beiden Onkel gemäß nach Madelines Befinden erkundigen sollte, hielt es Mrs. Nickleby jedesmal für ganz besonders wichtig, »ihre fünf Sinne beisammenzuhaben«, denn gewisse Anzeichen, sagte sie sich, wiesen darauf hin, Mr. Frank erschiene nicht bloß, um sich im Auftrag der Brüder nach Madelines Zustand zu erkundigen, über den sich diese ja jeden Morgen von Nikolas selbst Bericht erstatten lassen könnten, sondern auch Kates wegen. Das waren stolze Stunden für Mrs. Nickleby. Nie war wohl jemand auch nur halb so geschäftig und weise wie sie dann, oder auch nur halb so geheimnisvoll. Ihre Manöver waren von unergründlicher Tiefe, und nie gab es wohl schlauer angelegte Pläne als die, mit denen sie Mr. Frank auszuholen trachtete, um sich die Überzeugung zu verschaffen, daß ihr Verdacht begründet sei, und ihn im zutreffenden Falle Tantalusqualen ausstehen zu lassen, bis er sie endlich ins Vertrauen ziehen und sich ihr auf Gnade oder Ungnade ergeben werde. Zu diesem Zweck benahm sie sich einmal herzlich und zuvorkommend, dann wieder steif und kalt. Einmal schien sie dem unglücklichen Opfer ihr ganzes Herz zu erschließen, und das nächstemal empfing sie ihn mit einstudierter Zurückhaltung, als sei ihr plötzlich ein Licht aufgegangen und sie habe vor, seine Absichten im Keime zu ersticken – oder als fühle sie sich verpflichtet, mit spartanischer Festigkeit vorzugehen und ein für allemal Hoffnungen auszureißen, die sich nie verwirklichen könnten. Ein anderes Mal wieder, wenn Nikolas nicht anwesend und Kate oben bei ihrer kranken Freundin war, ließ sie dunkle Winke hinsichtlich ihrer Absicht fallen, Kate zur Herstellung ihrer durch die Leiden der letzten Zeit geschwächten Gesundheit auf ein paar Jahre nach Frankreich oder Schottland zu schicken, was lange Trennung bedeuten würde. Ja, sie deutete sogar zuweilen auf eine gewisse andre Herzensneigung hin. Der Sohn eines ehemaligen Nachbars von ihnen, ein gewisser Horatio Peltirogus (in Wirklichkeit ein Knirps von vier Jahren oder etwas darüber), bewerbe sich nämlich um Kates Hand, und die Sache gelte zwischen den Familien bereits als abgemacht. Es käme nur noch auf die Entscheidung ihrer Tochter, sich zur unsagbaren Wonne und Zufriedenheit aller Parteien kirchlich trauen zu lassen, an. Diese letztere Mine hatte Mrs. Nickleby wieder einmal eines Abends mit großem Erfolg springen lassen und nahm daher, als sie kurz vor dem Schlafengehen mit Nikolas allein war, im Stolz und Jubel ihres Herzens die günstige Gelegenheit wahr, ihn über das Thema, das ihre Gedanken so gänzlich beschäftigte, auszuholen, wobei sie natürlich nicht zweifelte, daß er in dieser Hinsicht nur einer Meinung mit ihr sein könne. Zuerst begann sie mit den nötigen Umschweifen und ging dann allmählich auf die Frage hinsichtlich der gerühmten Liebenswürdigkeit Mr. Frank Cheerybles über. »Du hast ganz recht, Mutter«, sagte Nikolas, »vollkommen recht. Er ist ein ungemein liebenswürdiger junger Mann.« »Und auch hübsch«, meinte Mrs. Nickleby. »Gewiß – recht hübsch.« »Wie würdest du wohl seine Nase nennen, mein Sohn«, fuhr Mrs. Nickleby um das Interesse ihres Sohnes aufs höchste zu steigern, fort. »Seine Nase?« wiederholte Nikolas erstaunt. »Ja, ich meine, was den Stil seiner Nase betrifft. Die Architektonik, wenn ich mich so ausdrücken darf. Ich verstehe mich nicht besonders auf den Stil von Nasen. Nennst du sie römisch oder griechisch?« »Wahrhaftig, Mutter«, sagte Nikolas lachend, »wenn ich mich recht von der Schule her erinnere, müßte man sie wohl eine komponierte oder gemischte Nase nennen. Ich kann sie mir nicht recht im Geiste vorstellen, aber wenn ich dir einen Gefallen damit tue, so will ich das nächstemal genauer darauf acht geben.« »Ja, das wäre mir sehr lieb, Nikolas«, sagte Mrs. Nickleby mit höchst ernster Miene. »Nun, dann soll es geschehen«, versprach Nikolas lächelnd. Dann nahm er das Buch wieder auf, in dem er vorher gelesen hatte, aber seine Mutter unterbrach ihn nach einer Weile des Nachdenkens: »Er ist dir sehr zugetan, lieber Nikolas.« Nikolas versicherte lächelnd und schloß das Buch geduldig, es freue ihn sehr, dies zu hören, und fragte sie, ob Frank ihr das vielleicht anvertraut habe. »Es ist nebensächlich, ob er es getan hat oder nicht, aber immerhin halte ich es für notwendig – und zwar für dringend notwendig –, daß er sich wirklich – auch in andern Dingen – jemand anvertraut«, war die Antwort. Nikolas blickte seine Mutter fragend an, und diese fuhr, stolz, im ausschließlichen Besitz eines großen Geheimnisses zu sein, lebhaft fort: »Gewiß, lieber Nikolas; ich kann auch gar nicht begreifen, daß du das nicht selbst schon eingesehen hast. Obwohl ich es natürlich nicht anders erwarten konnte, denn man muß – ich meine natürlich bis zu einem gewissen Grade – in derlei Dingen bewandert sein, zumal die Sachen noch nicht weit gediehen sind – und Frauen sehen darin immer klarer als Männer. Ich will damit nicht sagen, daß ich in solchen Angelegenheiten besonders scharfsinnig wäre, vielleicht ist es auch gar nicht der Fall, was freilich die, die um mich sind, besser wissen sollten und wahrscheinlich auch wissen. Ich will mich auch nicht weiter äußern; es würde sich zudem nicht für mich schicken. Ich übergehe daher lieber die Frage ganz und gar.« Nikolas schneuzte das Licht, steckte die Hände in die Taschen, lehnte sich in seinen Stuhl zurück und blickte seine Mutter mit melancholischer Ergebung in sein Schicksal an. »Ich halte es für meine Pflicht, lieber Nikolas«, nahm Mrs. Nickleby ihre Rede sogleich wieder auf, »dir zu sagen, was ich weiß, nicht nur, weil du ein Recht dazu hast, es zu wissen und überhaupt alles zu wissen, was in unserer Familie vorgeht, sondern weil es in deiner Hand steht, die Sache wesentlich zu fördern, und es zweifellos immer besser ist, wenn man sich in derlei Angelegenheiten je genauer je besser auskennt. Du könntest eine immerhin wichtige Rolle dabei spielen, z. B. zuweilen im Garten spazierengehen, dich auf eine kurze Zeit in dein Stübchen oben zurückziehen oder tun, als ob du zufällig eingeschlafen wärst, oder irgendeinen Vorwand nehmen, um wegzugehen oder auf eine Stunde das Zimmer mit Smike zu verlassen. Das scheinen dir vielleicht alles sehr unbedeutende Dinge zu sein, und du lachst wahrscheinlich darüber, daß ich einen so großen Wert darauf lege, aber ich kann dir versichern, und du selbst, wenn du dich einmal verlieben solltest, lieber Nikolas, wirst finden, daß es das Richtige ist und daß von solchen Kleinigkeiten mehr abhängt, als du jetzt vielleicht für möglich hältst. Wenn dein armer Papa noch am Leben wäre, so würde er dir sagen, wieviel davon abhängt, wenn man junge Liebesleute miteinander allein läßt. Natürlich darf es nie so scheinen, als verließest du absichtlich das Zimmer, sondern es muß ganz zufällig aussehen, und dieselbe Vorsichtsmaßregel hast du auch beim Zurückkommen zu beobachten. Wenn du im Flur bist, mußt du, ehe du die Tür öffnest, husten, vor dich hin pfeifen, ein Liedchen summen oder dergleichen, damit sie wissen, daß du kommst. Es ist immer besser. Es ist nicht nur natürlich, sondern auch schicklich und erspart dem jungen Pärchen die Verlegenheit, falls es – nebeneinander auf dem Sofa sitzt und – und – und – was dergleichen Dinge mehr sind, die man ja töricht nennen könnte, die nun aber doch einmal vorzukommen pflegen.« Nikolas' Erstaunen wuchs bei dieser langen Rede seiner Mutter immer mehr und erreichte allmählich seinen höchsten Grad. Trotzdem ließ sich Mrs. Nickleby nicht im geringsten außer Fassung bringen, sondern schwelgte in Klugheitsergüssen. Sie hielt nur einen Augenblick inne, um mit großer Selbstgefälligkeit die Bemerkung aufzubauschen, sie hätte selbstverständlich vorausgesehen, daß das alles ihn überraschen müsse, und knüpfte daran eine umständliche und höchst konfuse Erörterung der vielen Beweise, die ihr außer allen Zweifel setzten, Mr. Frank Cheeryble sei sterblich in Kate verliebt. »In wen?« fuhr Nikolas auf. Mrs. Nickleby wiederholte ihre Vermutung. »Was? In unsre Kate? In meine Schwester?« »Aber, lieber Gott, Nikolas, welches Kätchen sollte es denn sonst sein oder welches Interesse würde ich daran haben, wenn es jemand anders als deine Schwester beträfe!« rief Mrs. Nickleby. »Gewiß, liebe Mutter«, entgegnete Nikolas, »aber du mußt dich trotzdem geirrt haben.« »Nein, nein, lieber Nikolas«, versicherte Mrs. Nickleby, »ich habe mich nicht geirrt. Gib nur acht, du wirst schon selbst sehen.« Nikolas hatte bis zur Stunde auch nicht im entferntesten an eine solche Möglichkeit gedacht, denn er war in der letzten Zeit selten zu Hause und fast immer mit andern Dingen beschäftigt gewesen, und außerdem hatte ihm seine Eifersucht den Floh ins Ohr gesetzt, die in der neuesten Zeit so häufigen Besuche Mr. Frank Cheerybles gälten insgeheim Madeline. Selbst jetzt war er, – obgleich er annehmen durfte, daß die Beobachtungsgabe einer besorgten Mutter in solchen Fällen möglicherweise richtiger sehen müsse als seine eigne und so mancher kleine Umstand, der ihm jetzt einfiel, ganz dafür zu sprechen schien – doch nicht völlig sicher, ob es sich nicht vielleicht nur um eine gutmütige gedankenlose Galanterie handeln könne, wie sie wohl jeder junge Mann gegenüber einem liebenswürdigen jungen Mädchen an den Tag zu legen geneigt ist. »Was ich von dir höre, beunruhigt mich nicht wenig«, sagte er nach kurzem Nachdenken, »aber ich hoffe immer noch, daß du dich geirrt hast.« »Wahrhaftig, es kommt mir sehr sonderbar vor, wie du da von ›hoffen‹ sprechen kannst«, entgegnete Mrs. Nickleby. »Aber verlasse dich drauf, ich habe mich nicht geirrt.« »Und wie steht es mit Kate?« fragte Nikolas. »Aber lieber Nikolas«, rief Mrs. Nickleby, »das ist doch gerade der Punkt, über den ich mir noch nicht im reinen bin. Während Miss Madelines ganzer Krankheitsdauer ist sie fast nicht von ihrer Seite gewichen, und ich glaube nicht, daß es ein paar Freundinnen geben könnte, die sich inniger liebten, als es bei den beiden schon nach so kurzer Zeit der Fall ist – und um die Wahrheit zu gestehen, Nikolas, ich habe sie absichtlich und gern ferngehalten, weil dies ein gutes Mittel ist, den jungen Mann dazu zu bringen, sich näher zu erklären. Du verstehst, er fühlt sich dann nicht allzu sicher.« Sie brachte dies mit einem solchen Gemisch von Wonne und Selbstzufriedenheit hervor, daß es Nikolas ungemein leid tat, ihre Hoffnungen zerstören zu müssen. Er fühlte jedoch, daß es der einzige ehrenhafte Weg für ihn selbst sei, und hielt sich daher dafür verpflichtet, ihn einzuschlagen. »Liebe Mutter«, begann er sanft, »siehst du denn nicht ein, daß wir eine sehr zweideutige und undankbare Rolle spielen, wenn wir für den Fall, daß Mr. Frank wirklich eine ernste Herzensneigung für Kate gefaßt haben sollte, uns auch nur einen Augenblick dazu hergäben, ihn irgendwie zu ermutigen? Ich will mich noch deutlicher ausdrücken: Du weißt doch, wie arm wir sind!« Mrs. Nickleby schüttelte betrübt den Kopf und rief unter Tränen, Armut sei doch kein Verbrechen. »Gewiß nicht«, entgegnete Nikolas, »aber um so stolzer müssen wir sein und uns von unwürdigen Handlungen fernhalten und jene Selbstachtung bewahren, in der auch der ärmste Dienstmann oder Holzknecht würdiger dasteht als ein König im ganzen Glanze seiner Majestät. Bedenke, was wir den Brüdern Cheeryble zu verdanken haben! Rufe dir ins Gedächtnis, was sie für uns getan haben und noch jeden Tag tun, und zwar mit einem Taktgefühl, das wir ihnen nicht vergelten können, und wenn wir ihnen unser ganzes Leben opferten. Es wäre ein schöner Dank, wenn wir, ohne die Hand zu rühren, zusähen, daß ihr Neffe, ihr einziger Verwandter, den sie überdies als ihren Sohn betrachten und für den sie zweifellos Pläne entworfen haben, die seiner Erziehung und seiner künftigen Vermögenslage entsprechen – ich sage, es wäre ein schöner Dank, wenn wir zusähen, ohne die Hand zu rühren, daß er eine Verbindung mit einem mittellosen Mädchen eingeht, das so nahe mit uns verwandt ist, daß sich jedem unwillkürlich die Vermutung aufdrängen muß, wir hätten ihm planmäßig Schlingen gelegt und das Ganze wäre nichts anderes als eine listige Spekulation von uns dreien zusammen. Überlege dir die Sache gut, Mutter! Mit welchem Gesicht könntest du den Brüdern wohl entgegentreten, wenn sie, wie es so oft der Fall ist, in der Absicht herkommen, dir Wohltaten zu erweisen, und du müßtest sagen, ihr Neffe habe sich mit Kate verlobt? Wäre dir wohl dabei zumute und könntest du dir innerlich gestehen, eine ehrliche und offene Rolle gespielt zu haben?« Die arme Mrs. Nickleby schluchzte laut auf und murmelte, selbstverständlich müsse Frank vorher die Erlaubnis der Gebrüder Cheeryble einholen. »Das würde nur ihn in ein besseres Licht seinen Verwandten gegenüber setzen«, sagte Nikolas; »aber der Argwohn, der auf uns fiele, bliebe bestehen; der Abstand zwischen ihm und uns wäre derselbe, um so mehr, als die Vorteile, die uns daraus erwachsen, deutlich in die Augen springen. – Aber hoffentlich machen wir die Rechnung ohne den Wirt«, fügte er heiter hinzu, »und ich hoffe – ja, ich bin der festen Überzeugung, daß es so ist. Andrerseits habe ich so viel Vertrauen zu Kate, daß ich annehme, sie teilt meine Gefühle, und dann zu dir, liebe Mutter, daß du nach ein bißchen Überlegung das gleiche tun wirst.« Auf diese Vorstellung von Seiten Nikolas' hin versprach Mrs. Nickleby hoch und teuer, sie wolle sich alle Mühe geben, sich in seine Ansichten zu finden und Mr. Frank, falls er mit seinen Bewerbungen fortfahren sollte, wenn auch nicht gerade alle Hoffnungen benehmen, so doch in keiner Beziehung weitern Vorschub leisten. Hinsichtlich Kate beschloß Nikolas, die Sache nicht eher zur Sprache zu bringen, bevor er sich nicht wirklich überzeugt, daß der Schritt nötig sei. Er nahm sich jedoch zugleich vor, sich durch persönliche genaue Beobachtung über den wahren Stand der Dinge Gewißheit zu verschaffen. Dies war sehr weise und klug gedacht, leider verhinderte ihn jedoch eine neue Quelle der Beunruhigung und Beängstigung an der Ausführung. Smike erkrankte nämlich plötzlich ziemlich bedenklich und verfiel rasch derart, daß er sich ohne Beistand kaum von einem Zimmer ins andre mehr schleppen konnte. Dabei magerte er in einer Weise ab, daß es jedem, der es sah, tief ins Herz schnitt. Der Arzt, dessen Rat Nikolas schon früher eingeholt hatte, erklärte, daß nur noch eine schleunige Entfernung aus London den Patienten retten könne. Der Teil von Devonshire, wo Nikolas seine Kinderjahre zugebracht, wurde als der günstigste Ort für eine Luftveränderung bezeichnet, aber dem Rate wurde auch die Warnung hinzugefügt, wer Smike dorthin begleite, müsse sich jedenfalls auf das Schlimmste gefaßt machen, da alle Zeichen einer galoppierenden Schwindsucht vorhanden seien und man kaum darauf rechnen dürfe, ihn lebend zurückkehren zu sehen. Die wohlwollenden Brüder Cheeryble entsandten, als sie die traurige Geschichte des armen Burschen erfuhren, sofort den alten Tim, um sagen zu lassen, sie möchten gerne bei der Familienberatung zugegen sein, und noch am selben Morgen rief Mr. Charles Nikolas in sein Zimmer und sagte: »Mein lieber Mr. Nickleby, wir dürfen hier keine Zeit verlieren. Der junge Mensch darf nicht sterben, wenn menschliche Hilfe, soweit wir sie bieten können, sein Leben zu retten imstande ist. Auch soll er an einem fremden Ort nicht einsam dahinsiechen. Begleiten Sie ihn morgen früh selbst dorthin und sorgen sie dafür, daß er alle Bequemlichkeit hat, die ihm seine Krankheit erleichtern kann, und verlassen Sie ihn nicht – verlassen Sie ihn ja nicht, lieber Mr. Nickleby, bevor Sie nicht wissen, daß jede direkte Gefahr so weit als beseitigt gelten kann. Es wäre wirklich sehr hart, wenn ihr euch jetzt trenntet – nein, nein, das darf nicht geschehen. Tim kommt heute abend zu Ihnen, Mr. Nikolas, und wird Ihnen noch einige Abschiedsworte bringen. – Lieber Bruder Ned, Mr. Nickleby ist da, um dir Lebewohl zu sagen. Er wird nicht lange abwesend sein. Mit dem armen Jungen wird's gewiß bald wieder besser werden – sehr bald, hoffe ich –, und dann läßt sich gewiß eine ordentliche Familie in Devonshire ausfindig machen, der man ihn anvertrauen und wo man ihn hin und wieder besuchen kann. Denn natürlich muß man bisweilen nach ihm sehen und – aber wir haben jetzt keinen Grund, niedergeschlagen zu sein, ich hoffe, es wird bald wieder besser mit ihm gehen. Sehr bald – nicht wahr, Bruder Ned, nicht wahr?« Was Timotheus Linkinwater sagte und was er alles am Abend mitbrachte, braucht hier nicht erwähnt zu werden, kurz, am nächsten Morgen trat Nikolas mit allem Nötigen versehen mit seinem kranken jungen Freund die Reise an. »Sieh doch«, rief er lebhaft, als er aus dem Wagenschlag blickte, »dort stehen sie noch an der Straßenecke, und auch Kate, die arme arme Kate, von der du, wie du sagtest, nicht imstande seist, Abschied zu nehmen, winkt uns noch mit dem Taschentuch! So darfst du nicht von ihr scheiden. Winke ihr wenigstens ein Lebewohl zu.« »Nein, nein, ich kann nicht, ich kann nicht«, schluchzte der Kranke außer sich, sank auf seinen Sitz zurück und bedeckte seine Augen mit der Hand. »Sehen Sie sie noch? Ist sie noch dort?« »Ja, ja«, sagte Nikolas erschüttert. »Ja, sie winkt noch mit der Hand. Ich habe für dich geantwortet – so, jetzt ist sie außer Sicht. Gräme dich doch nicht so, lieber Freund, du wirst sie ja alle wiedersehen.« Der arme Smike erhob seine abgezehrten Hände, faltete sie in heißer Inbrunst und flüsterte: »Ja – im Himmel. – Ich flehe im Staub zu Gott: im Himmel.« Es klang wie ein Gebet aus gebrochenem Herzen. 56. Kapitel Ralph Nickleby bietet sich durch Zufall Gelegenheit zur Rache an seinem Neffen, und er nimmt dazu den Beistand eines erprobten Bundesgenossen in Anspruch Die Fäuste geballt und die Zähne fest zusammengebissen, war Ralph einige Minuten noch in derselben Stellung stehengeblieben, in der er zuletzt seinen Neffen angeredet hatte, dann atmete er tief auf, blieb aber so starr und regungslos wie ein Erzbild. Nur langsam kam Bewegung in seine Muskeln, wie etwa bei einem Menschen, der allmählich aus tiefem, schwerem Schlaf erwacht. Einen Augenblick schüttelte er ingrimmig und voll wilder Leidenschaft die geballte Faust gegen die Türe, durch die Nikolas verschwunden war, und wandte sich sodann zu dem minder beherzten alten Sünder, der immer noch am Boden lag. Am ganzen Leibe zitternd und die paar grauen Haare, die er noch besaß, vor Entsetzen gesträubt, half sich Arthur Gride mühsam auf die Beine, bedeckte, als er Ralphs Blicken begegnete, mit beiden Händen sein Gesicht und kroch, beteuernd, daß die Schuld nicht an ihm liege, zur Türe. »Wer hat denn so was je behauptet«, erwiderte Ralph mit gepreßter Stimme. »Sie haben ein Gesicht gemacht, als ob Sie das Mißlingen unseres Planes mir zum Vorwurfe machten«, jammerte Gride ängstlich. »Ach was«, brummte Ralph mit einem krampfhaften Lächeln, »ihm mache ich es zum Vorwurf, daß er nicht wenigstens noch eine Stunde am Leben blieb. Die eine Stunde hätte hingereicht. Nur ihm mache ich einen Vorwurf.« »Nie–nie–nie–niemand anders?« fragte Gride. »Wenigstens, was dies Malheur anbelangt, nicht«, versetzte Ralph. »Ich meine das Malheur mit dem – dem jungen Burschen da, der Ihnen Ihre Verlobte entführte. Übrigens habe ich noch von früher her ein Hühnchen mit ihm zu pflücken. Aber das hat nichts mit seinen jetzigen Prahlereien zu tun. Wir hätten ihn bald vom Hals gehabt, wäre dieser verdammte Umstand nicht eingetreten.« Wer die künstliche Ruhe, mit der Ralph Nickleby sprach, mit seiner aschfahlen Gesichtsfarbe und dem wahrhaft greulichen Ausdruck in seinen Zügen verglich, in denen jede Muskel trotz seiner Bemühungen, den inneren Kampf zu verbergen, krampfhaft zuckte und sein Antlitz mit jedem Augenblick mehr verfallen machte, dem mußte der unnatürliche und geradezu entsetzenerregende Gegensatz zwischen der rauhen, festen und langsamen Sprechweise – ähnlich den Redeversuchen eines Betrunkenen, der deutlich sprechen will – und den Kundgebungen seiner racheglühenden Seele, die er gewaltsam niederzudrücken sich bestrebte, schreckhaft auffallen. »Der Wagen!« krächzte Ralph nach einer Weile, während der er verbissen gegen einen neuen Wutanfall angekämpft hatte. »Wir kamen doch in einem Wagen? Ist – ist er noch unten?« Dienstfertig eilte Gride zum Fenster, während Ralph, das Gesicht beharrlich abwendend, an seinem Kragen zerrte und heiser vor sich hin murmelte: »Zehntausend Pfund. Er sagte: zehntausend. Genau diese Summe habe ich gestern für die beiden Anteilscheine bezahlt, die ich morgen mit hohem Agio weiterzugeben beabsichtigte. Was, wenn die Firma falliert hätte und er wäre der erste gewesen, der mir diese Nachricht brachte! – Ist der Wagen unten?« »Ja, ja«, erwiderte Gride, eingeschüchtert durch das Ungestüm in Ralphs Worten. »Er ist unten. O Gott, was Sie doch für ein heftiger Mensch sind.« »Kommen Sie«, sagte Ralph und winkte ihm. »Wir dürfen uns keine Verwirrung anmerken lassen. Gehen wir Arm in Arm hinunter.« »Aber Sie drücken mich noch braun und blau«, jammerte Gride. Ungeduldig ließ Ralph den Arm seines Geschäftsfreundes fahren, ging mit seinem gewohnten festen schweren Tritt die Treppe hinunter und stieg in die Droschke. Der enttäuschte Bräutigam folgte. Zweifelnd sah er Ralph von der Seite an, als der Kutscher fragte, wohin die Fahrt gehen solle, aber da keine Antwort erfolgte, nannte er dem Mann seine eigene Adresse. Während der Fahrt saß Ralph mit verschränkten Armen und stumm in die Ecke gedrückt da. Sein Kinn war ihm auf die Brust gesunken, die Augen verschwanden fast unter den zusammengezogenen Brauen, und auch sonst ließ er kein Zeichen von Bewußtsein blicken, so daß ihn ein Unbefangener für schlafend gehalten hätte. Erst als der Wagen hielt, hob er den Kopf, blickte zum Schlag hinaus und fragte, wo sie wären. »Bei meinem Haus«, antwortete Gride niedergeschlagen. »O Gott im Himmel, bei meinem einsamen Haus.« »Ja, richtig«, brummte Ralph; »ich habe nicht darauf geachtet, wohin wir fuhren. Es wäre mir lieb, wenn Sie mir ein Glas Wasser reichen ließen. Ich denke, es müßte sich doch eins im Hause auftreiben lassen.« »Sie sollen ein Glas von – von was Ihnen beliebt haben«, antwortete Gride und stöhnte laut. »Das Klopfen nützt nichts, Kutscher, ziehen Sie die Klingel!« Der Mann klingelte und klingelte und klingelte wieder, dann klopfte er, daß die Straße davon widerhallte, und horchte am Schlüsselloch. Aber niemand kam. Das Haus blieb still wie ein Grab. »Was soll das bedeuten?« murrte Ralph ungeduldig. »Ach, die alte Grete ist gar zu taub«, erwiderte Gride mit unruhiger und ängstlicher Miene. »O Gott im Himmel, klingeln Sie nochmal, Kutscher. Vielleicht sieht sie, daß die Glocke sich bewegt.« Der Mann klingelte und klopfte und klopfte und klingelte durcheinander. Die Nachbarn rissen die Fenster auf und riefen über die Straße herüber, die Haushälterin des alten Mr. Gride habe wahrscheinlich der Schlag getroffen. Andere versammelten sich um die Droschke und ergingen sich in den verschiedentlichsten Mutmaßungen; die einen waren der Meinung, sie schliefe, andere wieder meinten, sie wäre verbrannt, und wieder andere hielten dafür, sie habe sich wahrscheinlich einen Rausch angetrunken. Ein wohlbeleibter Herr gab schließlich der Vermutung Ausdruck, sie hätte wahrscheinlich etwas Eßbares zu Gesicht bekommen und sei bei diesem seltenen Anblick in Ohnmacht gefallen. Dieser Scherz fand so großen Beifall bei den Umstehenden, daß sie ihre Freude darüber etwas tumultuarisch zu erkennen gaben und nur mit Mühe davon abgehalten werden konnten, über das Areagitter zu klettern, die Küchentüre aufzubrechen und sich über den Tatbestand im Hause Gewißheit zu verschaffen. Und das war noch nicht alles, denn es hatte sich bereits das Gerücht herumgesprochen, der alte Wucherer halte heute morgen Hochzeit, und Fragen, wer die Glückliche wohl sei, lagen auf aller Lippen. Die Mehrzahl der Leute schien der spaßhaften Ansicht zuzuneigen, Mr. Nickleby sei eine verkleidete junge Dame, was Anlaß zu spaßhaft entrüsteten Ausrufen gab, es verstoße gegen die gute Sitte, daß eine Braut öffentlich in Stiefeln und Hosen auftrete, und bald jubelte die Menge laut heraus. Endlich fanden die beiden Wucherer einen Unterschlupf in einem Nachbarhaus, wo sie sich mit einer Leiter versahen, über die nicht besonders hohe Mauer des Hinterhofs stiegen und so wohlbehalten auf die andere Seite gelangten. »Ich fürchte mich fast hineinzugehen«, stöhnte Gride, als er mit Ralph allein war; »was, wenn sie ermordet worden wäre und man ihr den Schädel mit einem Brecheisen eingeschlagen hätte. Wie?« »Na, was wär' da weiter«, erwiderte Ralph grimmig. »Ich sage Ihnen, es wäre mir ganz lieb, wenn etwas Derartiges öfter vorkäme und man widerwärtige Menschen so schnell loswerden könnte. Warum starren Sie mich so entsetzt an? Ja, ja, ich spreche im Ernst.« Er trat zu dem Brunnen im Hof, nahm einen tüchtigen Trunk Wasser, benetzte sich Kopf und Gesicht, und nachdem er sich auf diese Weise wieder zu seiner gewohnten Ruhe verholfen, ging er in das Haus voran, wobei ihm Gride dicht auf dem Fuße folgte. Das Innere des Gebäudes war so unheimlich wie je. Dieselben stummen und düstern Gemächer nahmen lautlos ihre Gäste auf, und jedes der gespenstigen Möbel stand wie festgebannt an seinem gewohnten Platz. Das eiserne Herz der grimmigen alten Wanduhr klopfte, ohne sich stören zu lassen, in seinem staubigen Gehäuse; die wackligen Schränke drückten sich bei dem Anblick der menschlichen Gestalten in ihre traurigen Winkel zurück, und schaurig ließ das dumpfe Echo die Fußtritte widerhallen. Eine langbeinige Spinne unterbrach ihren Lauf, erschreckt durch die Gegenwart der Lebenden, in ihrem düstern Heim und hing bewegungslos – ein Bild des Todes – an der Wand, bis die beiden vorübergegangen waren. Jede knarrende Türe vom Keller bis zum Giebel öffneten die beiden Wucherer, um die öden Räume zu untersuchen, aber Grete war nirgends zu finden. Endlich setzten sie sich in Arthur Grides Wohnzimmer nieder, um ein wenig auszuruhen. »Ich glaube, die alte Hexe ist ausgegangen, um noch einige Vorbereitungen für die Hochzeitsfeierlichkeit zu treffen«, sagte Ralph und stand auf, um wegzugehen. »Die Schuldverschreibung ist jetzt unnütz; da haben Sie den Wisch.« Wütend zerriß er das Papier. Inzwischen hatte sich Gride in jedem Winkel des Zimmers aufs ängstlichste umgesehen und fiel jetzt plötzlich mit einem entsetzlichen Schrei vor der großen Truhe auf die Knie nieder. »Nun, was gibt's denn?« fragte Ralph, sich finster umblickend. »Ich bin beraubt; man hat mich bestohlen«, kreischte Arthur Gride. »Beraubt? Fehlt Ihnen Geld?« »Nein, nein, nein – es ist schlimmer, viel schlimmer.« »Was denn sonst?« fragte Ralph. »Etwas Wichtigeres als Geld, etwas viel Wichtigeres als Geld«, jammerte der Greis und wühlte in den Papieren in der Truhe wie ein Maulwurf in der Erde. »Es wäre mir lieber, sie hätte mir Geld gestohlen – all mein Geld –; ich habe doch so nicht viel. Hätte sie mich lieber zum Bettler gemacht als mir dies angetan.« »Was angetan?« fragte Ralph. »Was angetan, Sie verrückter alter Narr?« Gride gab noch immer keine Antwort, sondern kramte unter den Papieren und schrie und heulte wie ein böser Geist im Feuer der Hölle. »Sie sagten, es sei Ihnen etwas abhanden gekommen«, mahnte ihn Ralph und schüttelte ihn wütend am Kragen. »Was ist es denn?« »Papiere, Urkunden; ich bin zugrunde gerichtet – ich bin verloren – verloren. Ich bin beraubt, man hat mich zugrunde gerichtet. Sie hat gesehen, wie ich es gelesen habe – erst kürzlich noch – und ich habe es oft gelesen – sie merkte es –- und sie sah, wie ich es hier in die Schublade legte – die Schublade ist fort – sie hat sie gestohlen – Hölle und Teufel über sie, sie hat mich bestohlen«, heulte Gride durcheinander. »Um was hat man Sie denn bestohlen?« rief Ralph, dem plötzlich ein Licht aufzugehen schien, und seine Augen schossen Blitze. Sein ganzer Körper zitterte vor Erregung, wie er den knöchernen Arm des Alten umkrallte. »Was fehlt Ihnen?« »Sie weiß nicht, was drinsteht«, schrie Gride, ohne auf die Frage zu antworten; »es gibt nur einen Weg, auf dem sie es in Geld verwandeln kann, und der besteht darin, daß sie es denen verkauft, die sich dafür interessieren. Sie wird sich's vorlesen lassen, und da wird man ihr sagen, was sie tun soll. Sie und ihre Helfershelfer werden sich dafür bezahlen lassen und noch obendrein frei ausgehen. Sie werden sich's noch zum Verdienst anrechnen – sie werden behaupten, sie hätten's gefunden – wären mit der Tatsache bekannt – und werden sich zum Zeugnis gegen mich erbieten. Die einzige Person, die darüber zu Fall kommen wird, bin ich – ich – ich.« »Nur Geduld«, mahnte Ralph, packte den Alten noch fester und blickte ihm mit einem gespannten Blick ins Gesicht, aus dem sich deutlich erkennen ließ, daß er mit dem, was er zu sprechen im Begriffe stand, eine geheime Absicht verband. »Nehmen Sie doch Vernunft an! Sie kann noch nicht lange fort sein; ich werde die Polizei verständigen. Sagen Sie mir, um was es sich bei dem Diebstahl handelt, und verlassen Sie sich darauf, wir werden sie schon fassen. Heda – Hilfe!« »Nein – nein – nein –«, winselte der Greis und hielt Ralph den Mund mit der Hand zu. »Ich kann nicht; ich darf nicht.« »Hilfe, Hilfe!« rief Ralph abermals. »Nein, nein, nein«, schrie Gride außer sich und stampfte wie ein Wahnsinniger auf den Boden, »ich sage Ihnen: nein! Ich darf nicht, ich darf nicht.« »Was dürfen Sie nicht? – Diesen Diebstahl dürfen Sie nicht veröffentlichen?« fragte Ralph gespannt. »Nein«, jammerte Gride die Hände ringend, »still, nur still! Kein Wort weiter, kein Sterbenswörtchen. Es ist sonst um mich geschehen; was ich auch tue, ich bin verloren. Ich bin verraten, man wird mich verhaften, ich werde in Newgate sterben.« Allmählich ließ der alte Schurke in seinem lauten Geschrei nach, bis es sich zu einem dumpfen, verzweifelten Stöhnen abschwächte, das nur hin und wieder durch ein Geheul unterbrochen wurde, wenn er bei Revision seiner übrigen Dokumente auf irgendeinen neuen Verlust stieß. Ralph wußte genug. Er entfernte sich, ohne sich wegen seiner plötzlichen Eile besonders zu entschuldigen, beschwichtigte die vor dem Hause versammelten neugierigen Müßiggänger mit der Erklärung, es sei weiter nichts Schlimmes vorgefallen, stieg in den Wagen und fuhr nach Hause. Auf seinem Tisch fand er einen Brief. Eine Weile lang ließ er ihn liegen, als fände er den Mut nicht, ihn zu öffnen, endlich aber riß er ihn doch auf und überflog seinen Inhalt. Todesblässe überzog sein Gesicht. »Das Schlimmste ist eingetroffen«, murmelte er; »die Firma hat Bankerott angesagt. Ich sehe, das Gerücht hat gestern abend schon die City erreicht und ist zu den Ohren dieser Kaufleute gedrungen. – Nun, auch gut.« Ungestüm schritt er im Zimmer auf und ab und blieb plötzlich wieder stehen. »Zehntausend Pfund! Und nur einen Tag hatte ich die Anteilscheine dort liegen – nur einen einzigen Tag! Wie viele lange Jahre voll peinigender Tage und schlafloser Nächte hat es mich gekostet, diese zehntausend Pfund einst zusammenzuscharren. – Zehntausend Pfund! Wieviel hochmütige geschminkte Dämchen würden geschmachtet und gelächelt, wieviel prasserische Dummköpfe mir ins Gesicht schöngetan und mich hinterher verflucht haben, hätte ich ihnen diese zehntausend Pfund gegen hundert Prozent geliehen. Was für Schmeichelworte, kriecherische Mienen und höfliche Briefe wären an mich verschwendet worden, hätte ich diese Jammerburschen zu meinem Nutzen und Vergnügen bis aufs Blut ausgesaugt. Ja, ja, das ist so die gewöhnliche Klage der verlogenen Welt, daß Männer meinesgleichen nur durch Hinterlist, Kriecherei und dergleichen reich würden. Wie viele Lügen aber, wie viele und dumme Ausflüchte, wieviel Demütigung von Seiten der Emporkömmlinge – die mich, hätte ich kein Geld, verächtlich beiseite drängen würden, wie sie es jeden Tag bei Besseren, als sie selbst es sind, tun – diese zehntausend Pfund an den Tag hätten fördern können, davon schweigt man; ja, und selbst wenn ich sie verdoppelt und mehr als hundert Prozent damit verdient hätte – jeden Sovereign in zwei verwandelt –, so wäre doch keine Münze in dem ganzen Geldhaufen, die nicht zehntausend gemeine Lügen repräsentierte; nicht von Seiten des Geldverleihers, nein, von Seiten der Geldborger, dieses gedankenlosen, verschwenderischen modischen Packs, das um alles in der Welt sich nicht zu der ›Gemeinheit‹ herablassen will, sich auch einmal ein paar Pence zu sparen.« Wütend ging er in seinem Zimmer auf und ab. Endlich ließ er sich in seinem Stuhl nieder, umklammerte die Lehnen so fest, daß sie knarrten, und knirschte durch die Zähne: »Es hat eine Zeit gegeben, wo mich nichts so niedergeschmettert haben würde wie der Verlust dieser großen Summe – Geburten und Todesfälle, Heiraten und andere Ereignisse, an denen die Menschen Interesse zu nehmen pflegen, hatten keinen Wert für mich, wenn sich nicht Gewinn oder Verlust damit verband, aber jetzt fällt mir dieser Verlust nicht annähernd so schmerzlich wie der Gedanke an den Triumph, mit dem gerade er mir dies verkündete. Wäre er die Ursache des Verlustes selbst gewesen, so könnte ich ihn nicht bitterer hassen, als ich es tue. Aber wenn ich nur einmal zu meiner Rache käme – und wäre es noch so spät –, wenn nur einmal ein Anfang gemacht wäre, ihn in meine Hände zu bekommen, wenn ich nur einmal die Möglichkeit vor mir sähe, meine Waagschale ihm gegenüber zum Steigen zu bringen, so wollte ich ja gern alles verschmerzen.« Seine grimmigen Betrachtungen währten lange und fraßen sich ihm sichtlich tief ins Herz. Sie endeten erst, als er Newman einen Brief mit der Adresse Mr. Squeers' im »Mohrenkopf« übergab, mit dem Auftrag, man solle dort fragen, ob der Schulmeister in London angekommen sei, und im zutreffenden Falle auf Antwort warten. Ziemlich bald darauf kam Mr. Noggs mit der Nachricht zurück, Mr. Squeers sei heute morgen mit der Post angelangt und habe den Brief noch im Bett entgegengenommen; er ließe Mr. Nickleby seine Empfehlung vermelden und werde sofort aufstehen, um ihm seine Aufwartung zu machen. Eine Stunde später kam Mr. Squeers selber. Die Zwischenzeit hatte Ralph benützt, jeden Rest von Aufregung in sich zu unterdrücken, und jetzt schien er wieder ganz der alte harte unbeugsame Mensch zu sein, auf den nichts einen Einfluß ausüben konnte. »Nun, Mr. Squeers«, begann er, den wackeren Pädagogen mit seinem gewöhnlichen Lächeln begrüßend, das stets von einem scharfen Blick und einem gedankenvollen Stirnrunzeln begleitet war, »wie geht es Ihnen?« »Erträglich, Sir«, erwiderte Squeers, »und meiner Familie desgleichen und auch den Zöglingen, von einem Ausschlag vielleicht abgesehen, der in der Schule grassiert und ihnen die Eßlust benimmt – aber es weht ein böser Wind, der niemand etwas Gutes bringt, wie ich den Jungen immer sage, wenn ihnen eine Heimsuchung zustößt. Heimsuchungen sind das Los der Sterblichen, Sir; das Sterben selbst ist eine Heimsuchung, sage ich immer. Die Welt fließt über von Heimsuchungen, und wenn ein Zögling darüber wehklagt und einem durch Gewinsel unangenehm wird, so muß man ihm eben ein Kopfstück geben. So erfülle ich buchstäblich das Wort der heiligen Schrift.« »Mr. Squeers«, unterbrach Ralph trocken. »Sir?« »Lassen Sie gefälligst diese moralischen Schmonzes beiseite und reden wir vom Geschäft.« »Mit Vergnügen, Sir«, eiferte Squeers. »Ich möchte Ihnen nur zuvörderst sagen –« »Lassen Sie mich zuvörderst ausreden, wenn's Ihnen gefällig ist! Mr. Noggs.« Newman erschien erst, nachdem er mehrere Male gerufen worden, und fragte dann harmlos, ob Mr. Nickleby nach ihm verlangt habe. »Allerdings. Gehen Sie jetzt zu Ihrem Mittagessen – aber gleich. Hören Sie?« »Es ist noch Zeit«, wendete Newman grämlich ein. »Meine Zeit ist die Ihrige, und ich sage, es ist Zeit!« fuhr Ralph auf. »Sie wollen auch jeden Tag was anderes, das ist nicht recht«, knurrte Newman. »Ich denke, Sie halten wohl nicht besonders viele Köche und können sich ja wegen der Mühe, die ich Ihnen bereite, leicht bei ihnen entschuldigen. Gehen Sie jetzt.« – Ralph erteilte seinen Befehl nicht nur in sehr entschiedenem Tone, sondern überzeugte sich später auch noch persönlich unter dem Vorwand, ein paar Dokumente aus dem Schreibzimmer holen zu wollen, daß Newman wirklich ging. Dann verriegelte er die Tür von innen, um zu verhindern, daß sich sein Buchhalter wieder heimlich ins Haus schliche. »Ich habe alle Ursache zum Verdacht auf den Kerl«, knurrte er, als er in sein Privatzimmer zurückgekehrt war; »es ist das beste, ich gebe scharf auf ihn acht, bis ich Mittel und Wege gefunden habe, ihn zu zertreten.« »Das dürfte Ihnen wohl bei ihm nicht schwerfallen«, meinte Squeers grinsend. »Wohl ebensowenig wie bei vielen anderen meiner Bekanntschaft«, erwiderte Ralph. »Sie wollten übrigens sagen?« Seine direkte unverblümte Art, aufs Ziel loszugehen, übte – ohne Zweifel hatte er es darauf abgesehen – einen so starken Eindruck auf Mr. Squeers, daß dieser nach einigem Stocken in einem weit schüchterneren Ton als bisher das Wort ergriff. »Ich wollte nur sagen, daß mich die Angelegenheit, den undankbaren verstockten Burschen Mr. Snawleys betreffend, ganz aus meiner Ruhe bringt. Sie macht meine Frau geradezu zur Witwe. Es ist mir natürlich ein besonderes Vergnügen, vereint mit Ihnen zu handeln –« »Selbstverständlich«, versetzte Ralph trocken. »Jawohl, selbstverständlich«, bekräftigte Mr. Squeers und rieb sich die Knie; »nichtsdestoweniger muß es einen Mann wie mich, der, um ein Zeugnis abzugeben, mehr als zweihundertfünfzig Meilen weit reisen soll, ganz abgesehen von der Gefahr, die er dabei läuft, sehr inkommodieren.« »Und worin bestünde diese Gefahr, Mr. Squeers?« fragte Ralph. »Ich sagte: abgesehen von der Gefahr«, wich der Pädagog der direkten Antwort aus. »Und ich fragte, worin diese Gefahr bestünde.« »Sie wissen ganz gut, Mr. Nickleby, daß ich mich nicht beklagen will«, entschuldigte sich Mr. Squeers; »mein Ehrenwort, ich habe niemals –« »Ich frage nochmals, worin diese Gefahr bestehen soll?« wiederholte Ralph mit Nachdruck. »Worin die Gefahr bestehen soll?« murmelte Squeers, verlegen seine Knie reibend. »Es ist unnötig, sich näher darüber auszusprechen. Über gewisse Dinge geht man am besten mit Stillschweigen hinweg. Sie wissen doch selbst, was ich darunter verstehe.« »Wie oft habe ich Ihnen schon gesagt«, entgegnete Ralph, »und wie oft muß ich es Ihnen noch wiederholen, daß von einer Gefahr gar nicht die Rede sein kann. Haben Sie denn etwas anderes beschworen, oder verlangte man von Ihnen einen anderen Eid, als daß zu der und der Zeit ein Knabe namens Smike Ihnen übergeben wurde, daß er sich soundso lange in Ihrer Schule befand und unter diesen und jenen Umständen davonlief, jetzt aber wieder aufgefunden wurde, und daß seine Identität durch Sie erwiesen werden kann? – Das ist doch alles, nicht wahr?« »Ja«, gab Squeers zu, »und das ist auch alles wahr.« »Nun, wie können Sie dann unter solchen Umständen von Gefahr reden?« fuhr Ralph fort. »Der einzige, der eine Lüge beschworen hat, ist Snawley; ein Mann, den ich obendrein weit schlechter bezahlt habe als Sie.« »Snawley hat es allerdings sehr billig getan«, bemerkte Squeers. »Ja gewiß, sehr billig«, gab Ralph verdrießlich zu, »und er hat seine Sache gut gemacht und die gehörige Heuchlermiene und das entsprechend scheinheilige Gesicht dabei geschnitten – aber Sie und Gefahr? Was verstehen Sie eigentlich unter Gefahr? Mit den Beglaubigungsdokumenten hat es seine vollkommene Richtigkeit. Snawley hatte einen Sohn – er war zweimal verheiratet – seine erste Frau ist tot, und nur ihr Geist könnte verraten, daß sie den Brief nicht geschrieben hat. Niemand als Snawley selbst kann bezeugen, daß Smike nicht sein Sohn ist, der in Wirklichkeit bereits gestorben ist. Die Schuld des Meineids ruht lediglich auf Snawley allein, und ich glaube, er hat in dieser Hinsicht eine ziemliche Übung. Wo liegt also Ihre Gefahr?« »Nun, Sie wissen doch«, begann Squeers und rückte unruhig auf seinem Sessel hin und her; »daß, was das anbelangt, ich ebensogut Sie fragen könnte, wo die Ihrige liegt.« »Diese Frage sei Ihnen gestattet«, spöttelte Ralph, »sagen Sie mir nur ruhig, worin die meinige besteht. Weder ich noch Sie sind in die Angelegenheit irgendwie verwickelt. Es liegt ganz in Snawleys Interesse, die Wahrheit der Geschichte, die er vorgebracht hat, weiter aufrechtzuerhalten. Wie können Sie also von Gefahr bei der ganzen Sache sprechen?« »Ach bitte«, erwiderte Squeers, sich unruhig umblickend, »nennen Sie es nicht ›Gefahr‹ – tun Sie mir den Gefallen und nennen Sie es nicht so.« »Nennen Sie es meinetwegen, wie Sie wollen«, fiel Ralph gereizt ein, »aber geben Sie acht, was ich jetzt sage. Die Geschichte wurde ursprünglich ersonnen, um einen Menschen zu züchtigen, der Sie in Ihrem Beruf beeinträchtigt und halb totgeschlagen hat. Überdies verhilft sie Ihnen dazu, den halb blödsinnigen Burschen wieder zurückzubekommen, den Sie in Händen zu haben wünschen, weil Sie wissen, daß Sie sich dadurch an Ihrem Feind am besten rächen. Ist es nicht so, Mr. Squeers?« »Gewissermaßen ja, Sir«, erwiderte Squeers, durch die Offenheit eingeschüchtert, mit der Ralph alles, was gegen ihn sprach, bekannte. »Was wollen Sie mit Ihrem ›gewissermaßen‹ sagen?« »Nun, ich möchte damit nur sagen, daß die Sache sich wohl so verhalten mag«, versetzte Squeers. »Übrigens handelt es sich dabei nicht bloß darum, mir Genugtuung zu verschaffen, sondern gewiß auch Ihnen, nicht wahr?« »Glauben Sie, ich hätte mich in die Sache gemischt«, sagte Ralph, nichts weniger als verlegen durch diese Frage, »wenn es nicht der Fall wäre?« »Ja, ja, gewiß«, versicherte Squeers; »ich erwähnte es nur, um die Sache so zu beleuchten, wie sie ist.« »Der Unterschied ist nur der, daß ich mich's habe Geld kosten lassen«, erwiderte Ralph, »um meine Rache zu befriedigen, während Sie es einsteckten und auf billigere Weise Ihr Mütchen an Ihrem Feinde kühlen können. Sie sind doch mindestens so habgierig wie rachsüchtig, und dasselbe ist auch bei mir der Fall. Wer fährt aber dabei am besten? Doch Sie! Da Sie Geld dabei gewinnen!« Mr. Squeers antwortete nur mit einem Achselzucken und einem verlegenen Lächeln, und Ralph befahl ihm streng zu schweigen. Er möge Gott danken, daß er einen so hübschen Profit bei dem Geschäft gemacht habe. Dann fuhr er in seiner Rede fort und erzählte, erstens habe ihm Nikolas einen Plan durchkreuzt, der darauf hinausgelaufen sei, eine gewisse junge Dame zu verheiraten. Nikolas habe sich ihrer, den plötzlichen Tod Brays sich zunutze machend, bemächtigt und sie entführt. Zweitens sei genannte Dame durch ein Testament oder durch sonst eine Urkunde zum Antritt eines Vermögens berechtigt, das ihrem Gatten (nach Ralphs Ansicht niemand anderem als Nikolas, in Zukunft wenigstens) zufallen müsse, wenn dieser oder sie selbst davon erführe. Drittens sei diese Urkunde einem Mann, der sie selbst betrügerischerweise unterschlagen, gestohlen worden, aber dieser wage keinen Schritt zu tun, um sie wiederzuerwerben, trotzdem man den Namen des Diebes kenne. Mr. Squeers spitzte gierig die Ohren und verschlang jede Silbe. »Jetzt hören Sie den Plan, den ich mir ausgedacht habe und der zur Ausführung kommen muß – ich sage ›muß‹«, fuhr Ralph fest fort, beugte sich vor und legte seine Hand auf Squeers' Arm. »Diese Urkunde kann niemand einen Vorteil bringen als der jungen Dame selbst oder ihrem Gatten, und ohne das Papier kann keines von beiden das Vermögen antreten. Ich wünsche nun dieses Dokument hier auf meinem Zimmer zu haben; wer es mir verschafft, bekommt fünfzig Pfund in Gold und kann sich selbst überzeugen, daß ich es hier vor seinen Augen verbrennen werde.« Damit machte Ralph eine Handbewegung zum Kamin, als überliefere er bereits das Dokument den Flammen. Mr. Squeers folgte unwillkürlich dieser Gebärde und erwiderte: »Alles recht gut und schön, aber wer soll es herbeischaffen?« »Vorläufig niemand, denn es muß noch viel getan werden, ehe es soweit ist«, erwiderte Ralph. »Aber wenn es dazu kommt, so müssen Sie es tun!« Die Bestürzung, die sich in Mr. Squeers' Mienen malte, und der Eifer, mit dem er das Ansinnen sofort zurückwies, würde wohl jeden anderen als Ralph veranlaßt haben, seinen Plan ohne weiteres fallenzulassen. Ralph ließ sich jedoch nicht aus der Ruhe bringen. Als sich Squeers außer Atem gesprochen hatte, nahm er so kaltblütig, als wäre er gar nicht unterbrochen worden, den Vorschlag wieder auf und beleuchtete ihn weiter in der Weise, die ihm die passendste schien. Der Punkt, auf den er das größte Gewicht legte, waren das hohe Alter und die Schwäche und Gebrechlichkeit der Mrs. Sliderskew und ferner die große Unwahrscheinlichkeit, daß sie einen Mithelfer oder überhaupt nur einen Bekannten habe, wie er aus ihren wunderlichen Gewohnheiten und ihrer langen Dienstzeit bei Gride folgere. Der Diebstahl, meinte er, könne nicht das Ergebnis eines wohlüberlegten Planes sein, da sie sonst wohl auch ein hübsches Sümmchen mitgenommen haben würde, was ihr jedenfalls sehr gepaßt hätte. Wenn sie erst einmal über die Folgen ihrer Tat nachdenken werde, müßten ihr unbedingt Bedenken aufsteigen, und überdies dürfte es nicht schwerhalten, sich bei ihr Zutritt zu verschaffen und ihr Vertrauen zu gewinnen. Und von da bis zu dem Punkte, wo man ihr das Dokument wieder abluchsen könnte, sei nur ein Schritt. Er selbst sei Mrs. Sliderskew bekannt und könne daher nicht persönlich handeln, während bei Squeers die Sache schon angesichts des Umstandes, daß er fern in Yorkshire wohne, wesentlich anders stehe. Einem so welterfahrenen Manne wie Squeers könne es auch nicht schwerfallen, ein altes Weib zu überlisten; es müsse das für ihn doch ein reines Kinderspiel sein. Squeers möge sich weiters nur einmal das lange Gesicht vorstellen, das Nikolas machen werde, wenn er im Wahne, eine reiche Erbin zu heiraten, sich zu guter Letzt mit einem bettelarmen Mädchen verbände. Als Haupttrumpf spielte Ralph aus, daß es ihm im Falle eines günstigen Erfolges auf fünfzig Pfund, ja auf fünfundsiebzig, vielleicht sogar hundert Pfund nicht ankomme. »Aber wie fange ich's nur an, mich an das Frauenzimmer heranzupürschen?« fragte Squeers, nachdem er sich die Sache lange hin und her überlegt und vergebens getrachtet hatte, Ralph zu einem höheren Angebot als hundert Pfund zu bewegen. – »Darüber bin ich mir immer noch nicht klar.« »Möglich, daß es überhaupt nicht gelingt, ihren Aufenthalt zu eruieren«, gab Ralph zu, »aber versuchen will ich's immerhin. Ich habe hier in London seinerzeit schon so manchen aufgestöbert, der sich wahrhaftig besser versteckt hielt als sie, und ich kenne Stadtteile, wo ein paar richtig angewendete Guineen dunklere Rätsel lösen als diese – aber halt, mein Schreiber klingelt, wir müssen uns jetzt trennen. Es ist besser, Sie besuchen mich vorläufig nicht mehr, sondern warten, bis Sie von mir hören.« »Gut«, sagte Squeers, »was aber, wenn Sie die Alte nicht auffinden? Werden Sie mich für die Spesen im ›Mohren‹ und für den Zeitentgang entschädigen?« »Meinetwegen«, brummte Ralph verdrießlich. »Haben Sie sonst noch etwas zu sagen?« Squeers schüttelte den Kopf, und Ralph Nickleby begleitete ihn hinunter und öffnete die Haustüre, um seinen Schreiber herein- und den Schulmeister hinauszulassen. Dann kehrte er in sein Zimmer zurück. »So, jetzt soll kommen, was will. Jetzt bin ich wieder zufrieden. Wenn es mir nur gelingt, ihm diese eine Hoffnung zunichte zu machen, so wird das erste Glied an der Kette geschmiedet sein, die er in alle Ewigkeit nachschleppen soll«, murmelte er. 57. Kapitel Wie Ralph Nicklebys Bundesgenosse ans Werk ging und welchen Erfolg er dabei hatte An einem nassen finstern Herbstabend saß in einem elenden Dachstübchen eines ärmlichen Hauses in einer Sackgasse in Lambeth ein einäugiger schäbig gekleideter Mann. Vielleicht hatte er wirklich keinen besseren Anzug, vielleicht aber auch wollte er sich nur unkenntlich machen. Tatsächlich würde ihn sogar Mrs. Squeers selbst nicht wiedererkannt haben, so scharf ihr Blick auch sonst zu sein pflegte. Der ärmlich und höchst grotesk gekleidete einäugige Mann war nämlich Mrs. Squeers' Ehegatte und sprach jetzt in recht betrübter Stimmung einer vor ihm stehenden Brandyflasche zu, wobei er seinen Gefühlen durch ein wehmütiges Selbstgespräch Luft machte. »Eine hübsche Bescherung das«, brummte er; »muß ich da schon sechs Wochen lang dieser verwünschten alten Hexe den Hof machen, und in Dotheboys Hall geht alles drunter und drüber. Das hat man davon, wenn man sich mit einem so verwegenen Burschen wie der alte Nickleby einläßt. Gibt man ihm nur einen Finger, so nimmt er gleich die ganze Hand. Der Penny genügt ihm nicht, er will das ganze Pfund.« Diese Bemerkung erinnerte wahrscheinlich Mr. Squeers an die hundert Pfund, derentwillen er hier saß, wenigstens milderten sich seine Züge mit einemmal, und der Inhalt der Flasche schien ihm plötzlich besser zu schmecken als vorher. »In meinem ganzen Leben ist mir kein so abgefeimter Halunke in die Quere gekommen wie der alte Nickleby«, fuhr er in seinem Selbstgespräch fort. »Der ist wahrhaftig mit allen Hunden gehetzt. Unglaublich, was für Pfiffe und Kniffe er anwandte, wie er Tag für Tag herumkroch und sich abmühte, bis er den Aufenthaltsort dieser Grete Sliderskew richtig entdeckte. Das wäre so ein Mann für unsern Beruf gewesen, aber da waren ihm eben die Grenzen zu eng gesteckt. Sein Genie hätte sich nicht damit begnügt. – Übrigens genug für jetzt.« Abermals setzte er das Glas an die Lippen, zog dann einen schmutzigen Brief aus der Tasche und las darin mit der Miene eines Mannes, der den Inhalt genau kennt, aber aus Mangel an besserer Beschäftigung augenblicklich nichts Gescheiteres zu tun hat. »Die Schweine sind gesund«, brummte er, »die Kühe desgleichen, und bei den Zöglingen steht's auch ganz gut. ›Der junge Sprouter hat hinter meinem Rücken gelacht.‹ – So? hat er das? – Na, ich werde ihm das Lachen schon vertreiben, wenn ich zurückkomme. – ›Cobbey schnüffelt beim Mittagessen immer in der Luft und sagt, das Rindfleisch röche‹ – schon gut, Cobbey! – Werde mal sehen, ob du nicht auch ohne Rindfleisch schnüffeln kannst – ›Pitcher hat schon wieder das Fieber‹ – hab ich mir denken können – ›seine Verwandten haben ihn abgeholt. Er starb einen Tag darauf, als er zu Hause ankam‹ – natürlich aus Bosheit. Ein andrer Junge wäre nicht ausgerechnet am Ende des Quartals gestorben, wo der letzte Penny des Pensionsgeldes aufgezehrt war. Das heißt schon die Bosheit aufs Äußerste treiben! – ›Der junge Palmer hat gesagt, er wünschte, er wäre im Himmel‹ – unglaublich, was sich der Bursche alles wünscht! – ›Einmal sagte er, er wollte, er wäre ein Esel, er hätte dann keinen Vater, der ihn liebte‹. – Ist das eine Frechheit von einem sechsjährigen Buben!« Wütend steckte Mr. Squeers den Brief wieder ein und suchte in neuen Gedanken Trost. »Wie lange das alles hier noch dauern soll«, murrte er, »und noch dazu in diesem abscheulichen Loch, das einem alles verbittert, wenn man nur acht Tage drin hausen soll. Aber schließlich, hundert Pfund sind hundert Pfund, und um sie zu verdienen, brauchte ich sonst fünf neue Zöglinge und müßte sie ein ganzes Jahr lang verköstigen. Na, schließlich versäume ich hier nichts weiter. Die Zahlung für die Jungen läuft ja sowieso weiter, und Mrs. Squeers hat schon die nötigen Eigenschaften, die Jungen im Zaum zu halten. – Mrs. Squeers, lieber Schatz, sollst leben!« Blinzelnd goß er sich ein volles Glas hinter die Binde. Da das Getränk sehr stark war und er seiner Flasche schon des öftern zugesprochen, war er nachgerade sehr heiter gestimmt worden. Nachdem er einigemal im Zimmer auf und ab gegangen war, um wieder Leben in seine eingeschlafenen Beine zu bringen, nahm er die Flasche unter den Arm, das Glas in die Hand, blies das Licht aus, schlich sich am Treppengeländer vorbei zur Türe des gegenüberliegenden Zimmers und klopfte leise an. »Was nützt das Anklopfen«, brummte er, »sie hört mich ja doch nicht.« Damit klinkte er die Tür auf, steckte den Kopf in ein womöglich noch jämmerlicheres Dachstübchen als das seinige, und da er niemand weiter darin erblickte als ein altes Weib, trat er ohne Umstände ein und klopfte ihr auf die Schulter. »Recht so, Slider«, sagte er in heiterer Laune. »Ach so, Sie sind's«, brummte Grete. »Jawohl, ich bin's, und zwar in erster Person Singularis«, scherzte Squeers, »mit dem Verbum ›bin‹, das in Tempore präsentis von mir: ›Schulmeister Squeers‹, regiert wird.« Damit zog er einen Stuhl an den Kamin, setzte sich Grete gegenüber, stellte Flasche und Glas auf den Boden und begann abermals mit lauter Stimme: »Nun, meine gute Slider?« »Ich höre«, versetzte Grete huldvoll. »Ich bin gekommen, wie ich versprochen habe«, brüllte Squeers. »Das behauptet man bei mir zu Hause auch«, bemerkte Grete liebenswürdig, »aber ich denke, Öl ist besser.« »Besser als was?« schrie Squeers und fügte seinen lauten Worten eine Verwünschung in leisem Tone hinzu. »Nein«, sagte Grete, »natürlich nicht.« »In meinem ganzen Leben habe ich keine solche Bestie gesehen wie dieses Weibsbild«, murmelte Squeers vor sich hin, nahm jedoch dabei die liebenswürdigste Miene an, die ihm zu Gebot stand, denn Gretes Blick war auf ihn gerichtet, und sie kicherte so fürchterlich, als sei sie ganz entzückt über ihre passenden Antworten. »Sehen Sie das hier? Es ist eine Flasche.« »Ich sehe«, antwortete Grete. »Und sehen Sie auch das?« schrie Squeers. »Es ist ein Glas.« Grete nickte. »Also schaun Sie her«, fuhr Squeers fort und begleitete seine Worte mit einer entsprechenden Bewegung, »ich fülle das Glas hier aus der Flasche und leere es auf Ihre Gesundheit, Slider, dann spül ich es, wie man es bei vornehmen Herrschaften zu tun pflegt, mit einem Tröpfchen Brandy aus, schütte es ins Feuer, fülle es aufs neue, und reiche es Ihnen.« »Prosit«, krächzte Grete. »Na, das versteht sie wenigstens«, murmelte Squeers und betrachtete die Alte gelassen, wie sie den Branntwein hinunterschüttete und dann halb erstickt nach Luft schnappte. »So, jetzt plaudern wir ein Weilchen. Was macht Ihre Gicht?« Mrs. Sliderskew versicherte blinzelnd und kichernd und mit Blicken höchster Bewunderung für Mr. Squeers' Person, Benehmen und Unterhaltungsgabe, daß es ihr wesentlich besser ginge. »Was mag wohl der Grund sein«, fragte Mr. Squeers und stärkte sich seinerseits aus der Flasche, »daß die Leute die Gicht kriegen?« Mrs. Sliderskew riet, es komme wahrscheinlich daher, daß man sich die verwünschte Krankheit nicht vom Leibe halten könne. »Masern, Gicht, Keuchhusten, Fieber aller Art und auch Rheumatismus sind Philosophie, weiter nichts«, dozierte Mr. Squeers; »die Himmelskörper sind Philosophie und die Erde desgleichen. Wenn an einem Himmelskörper eine Schraube losgeht, ist das auch Philosophie, und wenn am Erdenkörper eine losgeht, ist es ebenso, wenn nicht zuweilen ein bißchen Metaphysik mitwirkt, was aber nicht oft vorkommt. Philosophie ist mein Element. Wenn mich der Vater irgendeines Zöglings über die Klassiker, über Mathematik oder Handelswissenschaft fragt, so sage ich ernst: zuvörderst handelt sichs darum, Sir: sind Sie Philosoph? – Sagt er dann ›nein, Mr. Squeers, das bin ich nicht‹, so antworte ich ihm, das tut mir leid, aber in diesem Fall kann ich Ihnen die Sache nicht auseinandersetzen. Natürlich geht dann der Vater mit dem Wunsch fort, ein Philosoph zu sein, und muß mich begreiflicherweise für einen halten.« Mr. Squeers gab diese Erläuterung mit höchst leutseliger Miene und dem liebenswürdigen Tiefsinn der Betrunkenheit im Ton zum besten und ohne sein starres Auge von Mrs. Sliderskew zu verwenden, die natürlich kein Sterbenswörtchen von seiner Rede gehört hatte. Dann griff er wieder zur Flasche und händigte sie hierauf der Alten ein, die ihr gebührend zusprach. »Es ist jetzt gerade die richtige Zeit zu einem Schlückchen«, lallte er. »Sie sehen schon um zwanzig Pfund und zehn Schillinge besser aus als früher.« Mrs. Sliderskew kicherte abermals und schwieg bescheiden. »Jawohl, Sie sehen um zwanzig Pfund zehn Schillinge besser aus«, wiederholte Mr. Squeers, »als an dem Tag, an dem ich Ihre werte Bekanntschaft machte. Sie erinnern sich doch?« »Ach Gott«, klagte Grete, den Kopf schüttelnd, »wie Sie mich damals erschreckt haben.« »So? Wirklich? Nun, ich glaub's gern. Es kann einen allerdings ein wenig erschrecken, wenn ein Fremder ins Haus kommt und einem ins Gesicht sagt, er kenne einen beim Namen, wisse, warum man so zurückgezogen lebe und daß man gelegentlich lange Finger habe, und kenne auch die Person, die man bemogelt hat. Ist es nicht so?« Grete nickte ausdrucksvoll mit dem Kopf. »Sie sehen, daß ich alles weiß, was in dieser Art passiert«, fuhr Mr. Squeers fort. »Es gibt nichts, was ich nicht sofort herausschnüffelte. Ich bin eben ein Advokat ersten Ranges, Slider, ein pfiffiger Bursche! Ich bin der vertraute Ratgeber von fast jedermann, von Mann, Weib und Kind, die sich durch allzu große Fingerfertigkeit in Ungelegenheiten gebracht haben; ich bin –« »Hihihi«, kicherte die Alte, verschränkte die Arme und wackelte mit dem Kopf. »Er hat sie also nicht gekriegt. Er hat sie nicht gekriegt?« »Nein, nein«, versicherte Squeers. »Mit Schande und Spott hat er abziehen müssen.« »Und ein junger Fant ist gekommen und hat ihm die Braut vor der Nase weggeschnappt, was?« fragte Grete. »Jawohl, vor der Nase weg. Ich habe gehört, der junge Bursche sei schrecklich mit ihm umgesprungen, habe die Fenster eingeschlagen und ihn gezwungen, seine Hochzeitsschleife zu verschlucken, woran er fast erstickt wäre.« »Erzählen Sie mir die Geschichte nochmal«, rief Grete, entzückt über das Unglück, das ihrem alten Herrn zugestoßen war, was sie in ihrer Häßlichkeit nur noch grauenhafter erscheinen ließ. »Ich möchte die Geschichte von Anfang noch einmal hören. Fangen Sie ganz von vorn an – Wort für Wort – von dem Moment an, wo er nach Hause kam.« Mr. Squeers regulierte die Alte abermals freigebig mit Brandy und nahm auch, da ihn das laute Sprechen ungemein anstrengte, alle Augenblick selbst einen Schluck. Dann beschrieb er Arthur Grides Mißgeschick, wie es ihm sein erfinderischer Geist eingab. Grete war förmlich außer sich. Sie wiegte den Kopf hin und her, zog ihre hagern Schultern in die Höhe und verzerrte ihr Mumiengesicht auf so scheußliche Weise, daß selbst der Schulmeister seinen Widerwillen kaum zu verbergen vermochte. »Er ist ein hinterlistiger alter Bock«, greinte sie, »der mich durch seine lügenhaften Versprechungen um meine Erbschaft geprellt hat. Aber macht nichts, ich bin quitt mit ihm – ich bin quitt mit ihm.« »Mehr als quitt, Slider!« rief Squeers. »Selbst wenn er die Braut heimgeführt hätte, wären Sie schon quitt mit ihm gewesen. Aber so sind Sie ihm weit voraus, haben ihn ganz aus dem Gesicht verloren. – Das erinnert mich übrigens«, setzte er hinzu und schenkte Grete wieder das Glas voll, »daß jetzt gerade die richtige Zeit wäre, wo ich Ihnen meinen Rat erteilen könnte, welche Urkunden Sie aufbewahren und welche Sie verbrennen sollten.« »Ach Gott, damit hat's keine Eile«, sagte Grete mit schlauem Blinzeln. »Nun, meinetwegen tun Sie, was Sie wollen«, bemerkte Squeers nonchalant, »mich geht's weiter nichts an. Sie haben mich übrigens selbst darum angegangen, und da ich Ihr Freund bin, stelle ich Ihnen meinen Rat umsonst zur Verfügung. Handeln Sie ganz, wie Sie wollen. Nur eines kann ich Ihnen nicht verhehlen, Sie sind eine verwegene Person, Slider.« »Wieso verwegen?« fragte Grete. »Nun, ich für meine Person möchte keine Dokumente behalten, die mich an den Galgen bringen könnten. Ich würde sie lieber zu Geld machen«, sagte Squeers. »Was Plunder ist, möchte ich wegschaffen und das Brauchbare gut und sicher aufbewahren. Aber schließlich muß jeder selbst am besten wissen, was ihm frommt, und ich sage weiter nichts, als wie ich an Ihrer Stelle handeln würde.« »Gut, also kommen Sie«, brummte Grete, »ich werde Ihnen die Papiere zeigen.« »Ach Gott, ich brauche sie gar nicht zu sehen«, lehnte Squeers mit geheuchelter Verdrießlichkeit ab, »Sie tun mir damit durchaus keinen Gefallen. Zeigen Sie sie, wem Sie wollen, und lassen Sie sich anderweitig beraten.« Grete erwiderte kein Wort darauf, humpelte zur Tür, bastelte am Riegel herum, kroch dann in die Ecke des Zimmers, brachte aus der Kohlenkiste ein kleines Kästchen zum Vorschein und setzte es vor Squeers hin, der hastig den Deckel zurückschlug und mit heimlichem Entzücken auf die darin liegenden Dokumente glotzte. »Sehen Sie nach«, krächzte Grete, kniete neben ihrem Schatz nieder und hielt die ungeduldig zuckende Hand des Schulmeisters zurück. »Was überflüssig ist, wollen wir verbrennen; was sich zu Geld machen läßt, heben wir auf, und wenn wir etwas finden, womit wir ihn in Angst versetzen und in Gefahr bringen können, so heben wir's besonders gut auf, denn das ist's gerade, woran mir am meisten liegt.« »Ich kann mir schon denken, daß Sie ihn nicht besonders lieben«, brüllte Squeers, »aber sagen Sie mir, warum haben Sie nicht auch bares Geld mitgenommen?« »Was hätte ich sollen?« fragte Grete. »Geld mitnehmen«, schrie Squeers. »Geld, Slider, Geld! – Es kommt mir rein vor, als verstünde mich die Alte ganz gut«, setzte er leise hinzu, »und als habe sie nur die Absicht, ich solle mich kaputtschreien, damit sie das Vergnügen hat, mich zu Tod pflegen zu können.« »Wie können Sie nur so fragen?« erwiderte Grete verächtlich. »Wenn ich dem alten Schuft Geld genommen hätte, würde er die Polizei nach mir geschickt haben. Nein, nein. Ich wußte mir was Besseres. Ich habe etwas viel Besseres genommen. Hier die Schublade, in der er seine Geheimnisse aufbewahrte. Um die kann er sich nicht melden, und wenn sie auch noch so viel Geld wert wären. Er ist ein alter Schurke, ein schlauer, listiger, undankbarer alter Hund. Zuerst ließ er mich fast Hungers sterben, und dann hat er mich betrogen. Ich könnte ihn umbringen, den Halunken.« »Das ist alles recht schön und gut«, lobte Squeers, »aber vorerst wollen wir mal das Kästchen verbrennen, denn Sie müssen vor allem darauf bedacht sein, nichts zu behalten, was zu einer Entdeckung führen könnte. Es ist alt und morsch, zerschlagen Sie es in kleine Stücke und verbrennen Sie's. Ich werde währenddessen die Dokumente durchsehen und Ihnen den Inhalt vorlesen.« Damit leerte er das Kästchen aus und reichte es Grete. Innerlich jubelte er über das Gelingen seiner List, die Alte zu beschäftigen, damit sie nicht merke, welche Dokumente er heimlich zu sich stecken werde. »So«, sagte er laut, »werfen Sie das Zeug in den Kamin und machen Sie ein Feuer damit an – und jetzt lassen Sie mich sehen.« Er zog die Kerze näher und fing an hastig zu lesen. Wäre die Alte nicht gar so taub gewesen, so hätte sie, wie sie zur Tür ging, deutlich das Atmen zweier Personen hören müssen, die draußen lauschten, nämlich Frank Cheeryble und Newman Noggs. Sie merkte nicht einmal, daß die beiden jetzt hinter ihr hereinschlichen und sich Squeers auf den Fußspitzen näherten. Noggs schwenkte einen alten Blasebalg, den er ergriffen hatte, über dem Kopf des Pädagogen, und Frank trat so dicht hinter Squeers, daß er ihm über die Schulter blicken und die Dokumente mitlesen konnte. Grete kniete vor dem Kamin, blies das Feuer an und fragte, wie lange sie noch warten solle. Squeers konnte nämlich in Anbetracht seines ungeübten Auges die Aktenschrift der Urkunde nicht sogleich entziffern. »'s ist nur ein alter Mietskontrakt, soviel ich sehen kann – werfen Sie ihn ins Feuer«, war die Antwort. »Und was haben Sie weiter?« »Einen Bündel Quittungen und Prolongationswechsel von ein paar jungen Gentlemen. Sie sind leider sämtlich Parlamentsmitglieder, und daher kann man den Plunder nicht verwerten. Ins Feuer damit.« Grete tat, wie ihr geheißen, und horchte weiter. »Dies«, fuhr Squeers fort, »scheint eine Urkunde über den Verkauf des Präsentationsrechts der Pfarrei von Purechurch in der Nähe von Cashub zu sein. Heben Sie's auf, Slider – heben Sie's gut auf, das kann gelegentlich viel Geld wert sein.« »Und das nächste?« fragte Grete. »Das hier«, brummte Squeers, »scheint die Schuldverschreibung eines Landpfarrers zu sein; heben Sie's auch auf. Wenn er nicht bezahlt, wird ihm der Bischof schon aufs Dach steigen. – Ich finde immer noch nichts«, setzte er leise hinzu. »Was haben Sie gesagt?« fragte Grete. »Nichts«, versetzte Squeers. »Ich sehe mich bloß –« Newman erhob seinen Blasebalg, aber Frank vereitelte sein Vorhaben durch eine rasche Armbewegung. »Und da«, sagte Squeers, »haben wir ein paar Wechsel. Heben Sie sie auf. Und hier einen Pachtvertrag nebst Kündigung. Verbrennen Sie's. – Aha – Madeline Bray«, setzte er leise hinzu, »im Falle ihrer Verheiratung hat besagte Madeline – da, verbrennen Sie.« Er warf der Alten rasch ein Pergament hin, aber ein anderes, und steckte, als sie sich zum Ofen wandte, die richtige Urkunde schnell in seine Brusttasche und brach dabei in ein triumphierendes Gelächter aus. »Aaha«, jubelte er leise, »ich hab's. Hurra. Beinah hätte ich schon gezweifelt, ob's überhaupt hier ist. Aber, gottlob, jetzt haben wir's.« Grete fragte, warum er lache, aber er gab keine Antwort mehr, denn Newmans Blasebalg war schwer auf sein Haupt niedergefallen und hatte ihn der Länge nach besinnungslos zu Boden gestreckt. 58. Kapitel Eine Szene dieser Geschichte geht ihrem Ende zu Am Abend des zweiten Tages seiner Reise hatte Nikolas Halt machen lassen, um seinen Pflegling nicht allzusehr zu ermüden. Sie befanden sich nur noch wenige Meilen von dem Ort entfernt, an dem er die glücklichen Jahre seiner Kindheit verlebt hatte. Keinen Augenblick wich er von der Seite des Patienten und erfüllte treulich seine freiwillig übernommene Pflicht dem Freund und Hilflosen gegenüber, dessen Lebensuhr jetzt schnell ablief. Er verwendete seine ganze Zeit darauf, ihm Mut zuzusprechen, für ihn Sorge zu tragen und ihn nach Kräften zu erheitern. Sie mieteten Tags darauf eine bescheidene Wohnung in einem kleinen von Wiesen umgebenen Pächterhaus, vor dem sich Nikolas als Knabe oft mit seinen Schulkameraden umhergetummelt. Anfangs besaß Smike noch so viel Kraft, um mit ihm kleine Spaziergänge zu machen, und zu solchen Zeiten war ihm nichts lieber, als die Orte zu besuchen, die seinem Freund und Wohltäter in früheren Jahren teuer geworden waren. Bei solchen Gelegenheiten pflegte sich Nikolas in alten Erinnerungen zu ergehen und bezeichnete ihm die Bäume, die er als Junge wohl hundertmal erklettert hatte, um einen neugierigen Blick in die Vogelnester oben zu werfen. Da standen noch die Hecken, wo seine Schwester und er so oft zusammen Veilchen und Erdbeeren gesucht, und die grünen Wiesen und schattigen Pfade, auf denen sie sich getummelt hatten. An jeden Weg, an jeden Bach, an jedes Gebüsch, an jedes Häuschen knüpfte sich für ihn irgendein Ereignis aus der Kinderzeit und tauchte lebhaft vor seiner Seele wieder auf. Einer ihrer Ausflüge führte sie auch über den Kirchhof, wo Nicklebys Vater begraben lag. »Selbst hier«, sagte Nikolas wehmütig, »pflegten wir zu spielen, ehe wir die Schrecken des Todes begriffen. Einmal saßen wir hier und sprachen leise miteinander. Später vermißten wir dann Kate, und nach stundenlangem vergeblichem Suchen fand man sie fest schlummernd unter dem Baum, der jetzt dies Grab beschattet. Mein Vater nahm die schlafende Kleine auf den Arm und sagte, wenn er einmal stürbe, möge man ihn an der Stelle begraben, wo einst das Haupt seines lieben kleinen Kindes gelegen. Und du siehst, daß sein Wunsch erfüllt wurde.« Smike schwieg, aber in derselben Nacht fuhr er aus dem Schlummer empor, legte seine Hand auf den Arm des an seinem Bette sitzenden Nikolas und bat ihn unter Tränen, er möge ihm etwas versprechen. »Und das wäre?« fragte Nikolas sanft. »Du weißt, ich werde deinen Wunsch erfüllen, wenn es nur irgend in meiner Macht steht.« »Versprechen Sie mir«, flüsterte Smike, »daß Sie mich, wenn ich tot bin, so nahe wie irgend möglich an dem Baum begraben lassen, den wir heute gesehen haben.« Nikolas versprach es in wenigen einfachen Worten, aber sie waren ernst und feierlich. Der arme Kranke wandte sich um, als wolle er schlafen, ohne jedoch seine Hand loszulassen. Ein leises Schluchzen verriet Nikolas, daß er erst spät wieder in Schlummer verfiel. Nach vierzehn Tagen hatte sich sein Zustand bereits so verschlimmert, daß er nicht mehr ausgehen konnte. Nikolas fuhr ihn ein paarmal in Kissen gehüllt im Wagen spazieren, aber das Schütteln schmerzte den Kranken und veranlaßte Ohnmachten, die bei seinem Schwächezustand immerhin kritisch werden konnten. Im Hause hatte man ein altes Ruhebett aufgestöbert, das jetzt bei Tag der Lieblingsaufenthalt Smikes war. An warmen sonnigen Tagen trug es Nikolas in den kleinen Obstgarten hinaus vors Haus, brachte dann seinen Schützling gut eingehüllt ins Freie und saß wohl stundenlang bei ihm. So trug er eines Tages wieder Smike auf den Armen hinaus – ein Kind hätte ihn damals tragen können, so leicht war er –, damit er den Sonnenuntergang sehen könne, und nahm, nachdem er ihm sein Lager zurechtgemacht, an seiner Seite Platz. Ermüdet von den langen Nachtwachen verfiel er bald selbst in Schlaf. Er konnte die Augen noch nicht fünf Minuten geschlossen haben, als er durch einen gellenden Schrei plötzlich geweckt wurde. Er fuhr auf und bemerkte zu seiner größten Bestürzung, daß sich der Kranke aufgerichtet hatte und mit starren Augen, kalten Schweiß auf der Stirn, wobei ein krankhaftes Zucken seinen ganzen Körper erschütterte, um Hilfe rief. »Allmächtiger Gott, was gibt es denn?« rief Nikolas und beugte sich über Smike. »Beruhige dich, du hast nur geträumt.« »Nein, nein, nein«, ächzte der Kranke und klammerte sich an ihn. »Halten Sie mich fest! Lassen Sie mich nicht los! Dort – dort – hinter dem Baum.« Nikolas folgte der Richtung mit den Augen, ohne jedoch etwas Auffälliges entdecken zu können. »Es war nur ein Trugbild deiner Phantasie«, suchte er den Fiebernden zu beruhigen; »gewiß nichts anderes.« »Nein, ich weiß es besser. Ich habe es so deutlich gesehen, wie ich Sie jetzt hier sehe«, war die Antwort. »Versprechen Sie mir, daß Sie mich bei sich behalten wollen; – schwören Sie mir, keinen Augenblick von mir zu weichen!« »Ging ich denn je von deiner Seite?« entgegnete Nikolas. »Lege dich ruhig wieder hin. – So. Du siehst, ich bin bei dir. Aber jetzt sag mir, was hast du gesehen?« »Können Sie sich noch erinnern«, flüsterte Smike und spähte mit ängstlichen Blicken umher, »können Sie sich noch erinnern, was ich Ihnen von dem Mann erzählte, der mich nach Dotheboys Hall gebracht hat?« »Gewiß.« »Vorhin, als ich meine Augen nach jenem Baume richtete dem dicken Stamm dort –, da stand er, den Blick starr auf mich geheftet.« »Denke nur einen Augenblick ruhig nach«, redete Nikolas dem Kranken zu. »Nehmen wir an, der Mann wäre noch am Leben und triebe sich hier an diesem einsamen abgelegenen Ort umher, glaubst du wohl, du würdest ihn nach so langer Zeit wiedererkennen können?« »Überall, wie er auch gekleidet sein möchte. Und eben jetzt stand er dort – gerade so, wie ich ihn in meiner Erinnerung sehe – auf seinen Stock gestützt –, und blickte nach mir herüber. Seine ärmlichen – ich glaube sogar zerrissenen – Kleider waren mit Staub bedeckt. Kaum sah ich ihn, kehrte blitzschnell alles wieder von damals in mein Gedächtnis zurück – der regnerische Abend, sein Gesicht, als er mich verließ, das Zimmer, in das ich gebracht wurde, und die Leute, die sich drin befanden. Als er bemerkte, daß ich ihn erblickt hatte, schien er zu erschrecken, denn er fuhr zusammen und lief davon. Wie oft habe ich tagsüber an ihn gedacht und nachts von ihm geträumt. Ich habe ihn im Schlaf gesehen, als ich noch ein ganz kleines Kind war, und sehe ihn jede Nacht gerade so, wie er mir jetzt erschien.« Vergeblich bemühte sich Nikolas, Smike zu überzeugen, er müsse sich getäuscht haben. Ebenso vergeblich blieb sein Suchen und Forschen nach dem rätselhaften Mann. Und das bestärkte ihn in seiner Meinung, Smike müsse eine Halluzination gehabt haben. Von Tag zu Tag ging es mit dem Ärmsten bergab. Zusehends schwanden seine Kräfte. An einem schönen stillen Herbsttag saß Nikolas wieder an seinem Bett und bemerkte, wie er die Augen aufschlug und sanft lächelte. »Das freut mich«, sagte er; »der Schlummer scheint dir wohlgetan zu haben.« »Ich habe so schöne, schöne Träume gehabt«, flüsterte Smike. »Und wovon hast du geträumt?« »Ich werde bald dort sein«, hauchte der Kranke und blickte in den Himmel. »Ich fürchte mich nicht vor dem Tod und bin ganz zufrieden. Ich wünsche auch nicht, wieder gesund zu werden. Sie haben mir so oft gesagt, daß wir uns dereinst wiedersehen werden, und ich fühle jetzt so deutlich die Wahrheit, daß ich sogar den Gedanken an eine Trennung von Ihnen ertragen kann.« Seine zitternde Stimme und der feste Druck der Hand, mit dem er seine Worte begleitete, zeigte, daß er aus tiefstem Herzen sprach. »Ich freue mich, daß du so sprichst, und finde einen großen Trost in deinen Worten«, erwiderte Nikolas nach längerem Schweigen. »Ich bin so froh, daß du mir sagst, du seist glücklich.« »Ich muß Ihnen noch etwas anvertrauen, ehe ich sterbe; ich möchte kein Geheimnis vor Ihnen haben«, flüsterte Smike. »Ich weiß, Sie werden mich in einem solchen Augenblick nicht tadeln.« »Ich dich tadeln!« rief Nikolas. »Ich wußte, daß Sie es nicht tun werden. – Sie haben mich einmal gefragt, warum ich so verändert sei und immer so viel allein säße. Soll ich Ihnen den Grund sagen?« »Tue es nicht, wenn es dich schmerzt«, wehrte Nikolas ab. »Ich habe nur gefragt, um dich glücklicher machen zu können, falls es in meiner Kraft stünde.« »Ich habe es wohl gemerkt – ich fühlte es.« Smike zog seinen Freund näher an sich. »Verzeihen sie mir – aber ich konnte nicht anders. Wenn ich ihr Glück mit meinem Leben hätte erkaufen können, hätte ich's gerne getan; aber doch brach mir das Herz, wenn ich's mit ansah; ich weiß, er liebt sie innig – ach, wer hätte das früher entdecken können als ich.« – Was er weiter sprach, waren nur abgebrochene Worte, aber trotzdem erfuhr Nikolas durch sie, daß der Sterbende mit der ganzen Glut seiner Seele Kate geliebt hatte. Er hatte sich eine Locke ihres Haares zu verschaffen gewußt, und sie hing, mit einem Band umwickelt, das Kate getragen, an seiner Brust. Er bat Nikolas, sie nach seinem Tod wegzunehmen, damit sie niemand sähe, aber wenn man ihn in den Sarg lege, möge er sie ihm wieder um den Hals hängen, damit er sie im Grabe bei sich trage. Nikolas versprach es ihm auf den Knien und auch, daß er ihn an der Stelle begraben lassen werde, die er sich selbst auserwählt. Dann umarmten sie einander und küßten sich gegenseitig auf die Wange. »Jetzt bin ich glücklich«, flüsterte Smike. Er verfiel in einen leichten Schlaf, und als er erwachte, lächelte er abermals wie früher. Dann sprach er von schönen Gärten, die sich weit vor seinem Blicke ausdehnten, und von vielen Menschen, Männern, Frauen und Kindern – alle mit leuchtendem Gesicht, und er nannte es das Paradies. Dann entschlummerte er still und sanft. 59. Kapitel Die bösen Pläne drohen zu mißlingen, und Zweifel und Gefahren beunruhigen ihren Urheber Ralph saß allein in dem einsamen Zimmer, in dem er zu speisen oder die Abende zuzubringen pflegte, wenn ihn nicht gerade ein gewinnversprechendes Geschäft aus dem Hause rief. Vor ihm stand unberührt ein Frühstück, und die Uhr lag auf dem Tisch. Er achtete nicht auf ihr eintöniges Ticken, sondern heftete den Blick in düsterem Sinnen auf den Boden. Plötzlich schreckte er auf, sah verstört um sich und murmelte: »Was ist es nur, was mich so niederdrückt und das ich nicht abzuschütteln vermag? Ich habe mich nie verweichlicht und kann doch jetzt nicht plötzlich krank werden! Ich war niemals untätig oder ließ mich von Einbildungen plagen. Aber was kann man tun, wenn man keine Ruhe findet.« Er preßte die Hand auf die Stirn. »Eine Nacht nach der andern kommt und geht, und ich finde keine Ruhe; immer sehe ich dieselben verhaßten Gesichter vor mir, und dieselben verhaßten Menschen mischen sich in alle meine Handlungen und vereiteln meine Pläne. Wache ich, so verfolgt mich überallhin derselbe finstere Schatten von – ich weiß nicht was. Fände ich nur einzige Nacht ungestörte Ruhe, würde ich wieder derselbe sein wie früher.« Der Anblick der Speisen schien ihn anzuekeln; er schob den Teller zurück, da fiel sein Blick auf die Uhr. Der Zeiger deutete auf Mittag. »Sonderbar«, brummte er, »Mittag, und Noggs immer noch nicht hier? Ohne Zweifel hat er sich irgendwo betrunken. Ich gäbe etwas drum – nach diesem schauderhaften Verlust sogar –, wenn er in einem Wirtshausstreit irgend jemand erschlagen oder einen Einbruch, einen Taschendiebstahl oder sonst etwas verübt hätte, was ihm den Galgen oder das Gefängnis eintrüge. Noch besser, wenn ich imstande wäre, ihn dazu zu verleiten, mir etwas zu stehlen, damit ich ihn selbst dem Gericht übergeben könnte. Meinen Kopf wette ich darauf, er ist ein Spion; mein Gefühl täuscht mich nicht.« Er wartete noch eine halbe Stunde, dann schickte er seine Haushälterin nach Newmans Wohnung, um dort fragen zu lassen, warum er nicht gekommen sei, und im Falle er krank wäre, warum er es nicht gemeldet habe. Sie kam mit der Antwort zurück, Mr. Noggs sei die ganze Nacht nicht nach Hause gekommen und niemand wisse etwas von ihm. »Aber ein Herr wartet unten, Sir«, fügte sie hinzu. »Ich traf ihn gerade, als ich zurückkam, an der Tür, und er sagte –« »Was sagte er?« fiel ihr Ralph zornig in die Rede. »Haben Sie ihn nicht abgewiesen? Sie wissen doch, daß ich keine Besuche empfange.« »Er sagte, er käme in besonders wichtigen Geschäften«, versetzte die Frau eingeschüchtert, »und ich dachte, es könnte vielleicht wegen –« »Nun, wegen was, in Teufels Namen? Fangen Sie auch an herumzuspionieren?« »O Gott, nein, Sir; es fiel mir nur auf, daß Sie unruhig sind, und ich dachte mir, es sei wahrscheinlich Mr. Noggs' wegen.« »So, sie bemerkte auch schon, daß ich unruhig bin«, murmelte Ralph; »das könnte mir so passen. – Wo ist der Mann, der mich besuchen will?« Die Haushälterin erwiderte, der Fremde warte in Mr. Noggs' Zimmer; sie habe ihm gesagt, Mr. Nickleby sei beschäftigt, aber sie wolle ihn melden gehen. »Gut«, brummte Ralph. »Lassen Sie ihn herein und gehen Sie in die Küche hinunter und bleiben Sie dort. Verstanden?« Froh, daß sie gehen durfte, verschwand die Haushälterin eiligst. Ralph sammelte sich rasch ein wenig, trachtete seine gewohnte Miene anzunehmen und ging dann die Treppe hinunter. Er blieb noch ein paar Augenblicke mit der Klinke in der Hand vor der Tür stehen, trat dann schnell ein und sah – Mr. Charles Cheeryble vor sich. Von allen Menschen war Mr. Cheeryble der letzte, dem er zu begegnen gewünscht hätte, aber gar jetzt, wo er in ihm nur den Beschützer seines Neffen sah, wäre ihm wohl der Anblick eines Gespenstes noch willkommener gewesen. Immerhin übte dieses Zusammentreffen eine gewisse wohltätige Wirkung auf ihn. Es weckte nämlich mit einem Schlag seine ganze Energie wieder und fachte die Leidenschaften in seiner Brust von neuem an. Ingrimm, Haß und Bosheit malten sich in seinen Mienen. »Oho«, rief er und blieb an der Tür stehen. »Das ist ja eine unerwartete Ehre.« »Und auch eine unwillkommene«, versetzte Mr. Charles Cheeryble. »Ich weiß ganz gut, daß man mich hier nicht gern sieht.« »Man nennt Sie in London die Wahrheit selbst, Sir«, fing Ralph höhnisch an, »und momentan reden Sie allerdings die Wahrheit. Ich will Ihre Worte nicht in Abrede stellen. Die Ehre ist zum mindesten so unwillkommen wie unerwartet; mehr kann ich wohl nicht sagen.« »Offen gesprochen –«, begann Mr. Charles. »Offen gesprochen«, unterbrach ihn Ralph, »ich wünsche Ihren Besuch nicht. Ich kann mir schon denken, weshalb Sie mit mir sprechen wollen, und habe keine Lust, Sie anzuhören. Sie lieben, glaube ich, die Offenheit und sollen sehen, daß auch ich mir kein Blatt vor den Mund nehme. Dort ist die Türe. Unsre Wege sind verschieden. Ich bitte, gehen Sie den Ihrigen und lassen Sie mich den meinigen ruhig fortsetzen.« »Ruhig«, wiederholte Mr. Charles milde und mit einem Blick, in dem sich mehr Mitleid als Zorn ausdrückte. »Er will seinen Weg ruhig fortsetzen!« »Ich nehme nicht an, daß Sie gegen meinen Willen in meinem Hause bleiben wollen«, fuhr Ralph fort. »Gegen alles, was Sie sagen werden, ist mein Ohr verschlossen.« »Mr. Nickleby«, erklärte Mr. Charles ebenso mild wie früher, aber mit Festigkeit, »ich komme gegen meinen Willen hierher und habe nur höchst ungern diesen Schritt unternommen. Sie können nicht erraten, weshalb ich mit Ihnen sprechen möchte; denn wenn dies der Fall wäre, würden Sie Ihr Benehmen wohl sofort ändern.« Ralph blickte ihn scharf an, aber das klare Auge und die offenen Züge des biedern alten Kaufmanns behielten ihren gleichen Ausdruck bei. »Soll ich fortfahren?« »Wenn's Ihnen Freude macht«, erwiderte Ralph trocken. »Sie können meinetwegen die Wände, das Pult und die beiden Stühle hier anreden. Sie brauchen nicht zu fürchten, von ihnen unterbrochen zu werden. Betrachten Sie mein Haus ganz als das Ihrige. Wenn ich von meinem Spaziergang zurückkomme, werden Sie hoffentlich mit dem, was Sie zu sagen haben, zu Ende sein.« Mit diesen Worten knöpfte er sich den Rock zu, nahm seinen Hut vom Nagel und trat in den Hausflur hinaus. Mr. Cheeryble folgte ihm und wollte ihn abermals ansprechen, aber Ralph bedeutete ihm ungeduldig, zu schweigen und sich zu entfernen. »Nicht ein Wort«, rief er, »ich lasse mich in keine Unterhaltung mit Ihnen ein, Sir. Den Wänden da können Sie meinetwegen predigen, aber nicht mir. Sie sind kein Engel, der gegen ihren Willen andere Leute mit Moralitätspredigten belästigen dürfte.« »Gott weiß, daß ich kein Engel, sondern nur ein irrender unvollkommener Mensch bin«, erwiderte Mr. Charles kopfschüttelnd. »Aber es gibt eine Eigenschaft, die alle Menschen mit den Engeln gemein haben. Sie können nämlich, wenn sie wollen, Barmherzigkeit üben. Der Zweck meines Besuches ist ein Akt der Barmherzigkeit.« »Ich erweise niemand Barmherzigkeit und verlange auch keine«, unterbrach ihn Ralph mit höhnischem Lächeln. »Suchen Sie bei mir nicht Barmherzigkeit dem Burschen gegenüber, von dem Sie sich in Ihrer kindischen Leichtgläubigkeit etwas aufbinden ließen.« »Er Barmherzigkeit suchen bei Ihnen!« rief der alte Herr mit Wärme. »Erbitten Sie sich lieber Erbarmen von ihm, Sir! Wenn Sie mich jetzt nicht gutwillig anhören wollen, so werden Sie mich später wohl anhören müssen . Ihr Neffe ist ein edeldenkender junger Mann, Sir, und was Sie sind, Mr. Nickleby, darüber will ich mich nicht aussprechen. Aber ich weiß, was Sie getan haben. Wenn Sie jetzt im Begriff stehen, wegen der Angelegenheit, die Sie vor kurzem angezettelt haben, auszugehen, und auf gewisse Schwierigkeiten stoßen sollten, so kommen Sie zu mir, zu meinem Bruder Edward und zu Timotheus Linkinwater, und Sie sollen die nötigen Aufklärungen dort erhalten. Aber kommen Sie bald, es würde sonst zu spät sein. Vergessen Sie nicht, Sir, daß mich heute morgen das Erbarmen und nur das Mitleid mit Ihnen hergeführt hat und daß ich immer noch bereit bin, in diesem Sinne mit Ihnen zu unterhandeln.« Mr. Charles Cheeryble hatte diese Worte mit großem Nachdruck gesprochen, setzte seinen breitkrempigen Hut auf und eilte auf die Straße hinaus. Ralph sah ihm eine Weile stumm und regungslos nach, dann erwachte er aus seiner Betäubung und lachte verächtlich. »Wahrhaftig zu toll«, murmelte er. »Träume ich jetzt vielleicht auch? Aus Mitleid und mit Erbarmen mit – mir? Der alte Einfaltspinsel scheint übergeschnappt zu sein.« Je länger er nachsann, desto weniger konnte er sich einer innern aufsteigenden Unruhe erwehren, und eine unbestimmte Bangigkeit bemächtigte sich seiner, die immer mehr zunahm, je länger Newman Noggs ausblieb. Die alte Warnung seines Neffen tönte ihm fortwährend in den Ohren, so daß er schließlich ganz verwirrt am Nachmittage das Haus verließ und sich, kaum wissend, warum er es tat, nach Snawleys Wohnung begab. Snawleys Frau öffnete ihm die Türe und erwiderte auf seine Frage, ob ihr Mann zu Hause sei, kurz, er wäre ausgegangen und würde so bald nicht zurückkehren. »Sie scheinen nicht zu wissen, wer ich bin«, sagte Ralph schroff. »Ich kenne Sie gut genug«, war die prompte Erwiderung, »vielleicht zu gut. Es tut mir leid, sagen zu müssen, daß es bei meinem Manne desgleichen der Fall ist.« »Melden Sie ihm, ich hätte ihn von der Straße aus am Fenster stehen sehen und müsse notwendig wegen eines Geschäftes mit ihm sprechen«, sagte Ralph sarkastisch. »Verstehen Sie?« »Jawohl, ich höre«, versetzte Mrs. Snawley, ohne jedoch seinem Wunsche Folge zu leisten. »Ich wußte, daß das Frauenzimmer eine psalmensingende und mit Bibelsprüchen um sich werfende Heuchlerin ist«, murmelte Ralph und wollte sich an ihr vorbeidrängen. »Aber daß sie auch trinkt, wußte ich nicht.« »Halt! Hier kommen Sie nicht herein«, rief Mrs. Snawley und pflanzte sich vierschrötig vor der Tür auf. »Sie haben schon zu viel mit ihm über Geschäfte gesprochen, und ich sagte ihm immer schon, der Verkehr mit Ihnen würde einmal zu etwas Bösem führen. Entweder Sie oder der Schulmeister – vielleicht auch ihr beide zusammen – habt den gefälschten Brief fabrizieren lassen. Merken Sie sich das. Und was er nicht getan hat, soll ihm auch nicht zur Last gelegt werden.« »Halt's Maul, du Jesabel«, fuhr Ralph mit wütender Miene auf. »Oh, ich weiß schon, wann ich reden und wann ich schweigen soll«, erwiderte die Dame. »Sorgen Sie nur dafür, daß andere nicht zu laut schreien.« »Sie Tollhäuslerin«, raste Ralph, »Wenn Ihr Mann dumm genug gewesen ist, Ihnen seine Geheimnisse auszuplaudern, so schwatzen Sie sie gefälligst nicht heraus, Sie alberne Gans.« »Sie meinen damit wohl anderer Leute Geheimnisse«, erwiderte Mrs. Snawley, »es ist mehr anderer Leute als sein Geheimnis. Ich verbitte mir übrigens Ihre wütenden Gesichter. Es wird schon noch die Zeit kommen, wo Sie bissige Gesichter werden machen können. Ich rate Ihnen, lassen Sie das!« »Wollen Sie«, sagte Ralph dumpf, unterdrückte seinen Zorn, so gut er konnte, und faßte das Weib fest beim Arm, »wollen Sie jetzt zu Ihrem Mann gehen und ihm sagen, ich wisse ganz gut, daß er zu Hause sei, und müßte ihn unbedingt sprechen? Ja oder nein.« »Nein«, rief Mrs. Snawley und riß sich los, »weder das eine noch das andere.« »Sie wollen mir also trotzen?« »Ja.« Ralph hob einen Augenblick den Arm und wollte zuschlagen, bezwang sich jedoch, nickte mit dem Kopf, murmelte etwas vor sich hin und ging davon. Er begab sich geradenwegs in das Gasthaus, in dem Mr. Squeers einzukehren pflegte, und erkundigte sich dort, ob der Schulmeister nicht vor kurzem dagewesen sei. Allein es hieß, Squeers sei seit zehn Tagen nicht dortgewesen. Sein Gepäck sei wohl noch da, und seine Rechnungen habe er bisher auch nicht bezahlt. Von tausend Sorgen gequält und begierig zu erfahren, ob Squeers Verdacht gegen Snawley hege, faßte Ralph nunmehr den Entschluß, den Schulmeister in Lambeth aufzusuchen, um mit ihm in seiner dortigen Wohnung zu sprechen. Warten schien ihm unerträglich, und so begab er sich unverzüglich nach diesem Ort, wo er sogleich die Treppen vorsichtig hinaufschlich und an die Tür klopfte. Er klopfte wohl ein dutzendmal, aber es führte zu nichts; es schien niemand drinnen zu sein. Er versuchte sich einzureden, der Schulmeister könne eingeschlafen sein, und horchte an der Tür, und fast kam es ihm so vor, als höre er drinnen atmen. Abermals klopfte er lange Zeit. Vergebens. Dann setzte er sich geduldig auf der schadhaften Treppe nieder und wartete, falls Mr. Squeers vielleicht ausgegangen sein sollte, bis er wieder zurückkehren werde. Squeers kam jedoch nicht, und schließlich ging Ralph wieder hinunter und erfuhr von Hausleuten, der Schulmeister vom oberen Stockwerk sei am verflossenen Abend in großer Eile mit zwei Männern ausgegangen, die gleich darauf wieder zurückgekehrt wären, um auch die alte Frau abzuholen. Das war alles, was Ralph in Erfahrung bringen konnte. Er vermutete sofort, Grete Sliderskew sei wahrscheinlich wegen ihres Diebstahls verhaftet und Squeers wegen Verdachtes an der Teilnahme mit ihr weggeführt worden. Wenn dem so war, mußte Gride darum wissen. Und zu diesem eilte er daher in größter Bestürzung, da er ernstlich zu fürchten anfing, daß Böses in der Luft liege. Als er vor Grides Haus anlangte, waren die Fenstervorhänge dicht zugezogen, und das ganze Haus stand stumm und verödet da. Er klopfte – klopfte immer heftiger, allein es erschien auch hier niemand. Schließlich schrieb er mit Bleistift ein paar Worte auf eine Karte, schob sie unter der Tür durch und wollte sich eben entfernen, als ein Geräusch, wie wenn oben ein Fenster geöffnet würde, sein Ohr traf. Er blickte hinauf und sah Gride vorsichtig aus dem Dachstübchen herunterlugen, aber schnell wieder den Kopf zurückziehen. Er rief ihm zu, doch sofort herunterzukommen. Aber er mußte seine Rufe mehrere Male wiederholen, ehe Gride wieder vorsichtig das Fenster öffnete und herunterspähte. »Still! Gehen Sie fort«, rief Gride halblaut. »Gehen Sie fort.« »Nein, kommen Sie herunter!« »Gehen Sie, gehen Sie«, quiekte Gride und schüttelte ängstlich den Kopf. »Rufen Sie mich nicht an; klopfen Sie nicht! Machen Sie die Leute nicht aufmerksam auf das Haus. Gehen Sie!« »Ich werde klopfen, bis die ganze Nachbarschaft auf den Beinen ist, wenn Sie mir nicht sofort erklären, was das dumme Versteckenspielen bedeuten soll, Sie Feigling«, rief Ralf hinauf. »Ich kann nicht verstehen, was Sie sagen; sprechen Sie nicht mit mir – es ist gefährlich. – So gehen Sie doch endlich«, jammerte Gride. »Und ich sage, kommen Sie herunter! Wollen Sie herunterkommen, in drei Teufels Namen, oder nicht?« »Nein, nein, nein«, schrie Gride, zog schnell den Kopf zurück und verschloß das Fenster so vorsichtig, wie er es geöffnet hatte. »Was soll das nur bedeuten?« murmelte Ralph. »Alles wendet sich von mir ab und meidet mich wie die Pest – und sogar die, die mir früher den Staub von den Schuhen geleckt haben. Geht mein Stern wirklich bergab und bricht die Nacht an? Ich will wissen, was das heißen soll. Ich will es wissen – um jeden Preis. Ich fühle mich stark wie je und bin wieder der alte Ralph Nickleby.« Einen Augenblick überlegte er, ob er nicht gegen die Türe donnern solle, bis Gride aus Furcht öffnen werde, aber er besann sich bald eines Besseren und begab sich zu den Gebrüdern Cheeryble in die City. Tim Linkinwater saß allein im Kontor. »Mein Name ist Nickleby«, begann Ralph. »Weiß ich«, antwortete Tim, ihn scharf durch die Brille betrachtend. »Welcher von Ihren Herren Prinzipalen ist heute morgen bei mir gewesen?« »Mr. Charles.« »Sagen Sie ihm, ich wünsche ihn zu sprechen.« »Oh«, rief Tim und sprang mit großer Behendigkeit von seinem Schreibbock herunter. »Sie sollen nicht nur Mr. Charles, sondern auch Mr. Ned sprechen.« Er warf Ralph einen ernsten Blick zu, verschwand, kehrte gleich darauf wieder zurück und führte ihn zu den Brüdern, blieb aber selbst im Zimmer. »Ich wünsche nur den Herrn zu sprechen, der heute morgen bei mir war«, begann Ralph mit scharfer Betonung und deutete mit dem Finger auf Mr. Charles. »Ich habe vor meinem Bruder Ned und auch vor Tim Linkinwater keine Geheimnisse«, entgegnete dieser ruhig. »Aber ich«, versetzte Ralph. »Mr. Nickleby«, erwiderte Mr. Ned Cheeryble an Stelle seines Bruders, »die Angelegenheit, die Charles heute morgen zu Ihnen führte, ist uns dreien und überdies noch andern Personen vollkommen bekannt und wird leider auch noch mehreren zu Ohren kommen müssen. Mein Bruder Charles war heute morgen lediglich aus Zartgefühl und Rücksicht für Sie bei Ihnen. Jetzt noch Rücksicht zu nehmen wäre nicht am Platz, und wir verhandeln entweder so, wie wir hier sind, mit Ihnen, oder gar nicht.« »Es scheint Ihre besondere Stärke zu sein«, höhnte Ralph und biß die Zähne zusammen, »in Rätseln zu reden. Ihr Buchhalter scheint als kluger Mann darin Ihrem Beispiel zu folgen. Reden Sie also in Gottes Namen zu dritt, ich will Nachsicht haben.« »Nachsicht?« fuhr Timotheus Linkinwater auf und wurde blutrot im Gesicht. »Er Nachsicht mit uns haben! Er mit den Gebrüdern Cheeryble Nachsicht haben! Haben Sie gehört! Haben Sie gehört! Er sagt, er wolle mit den Gebrüdern Cheeryble – Nachsicht haben!« »Tim, ich bitte Sie«, flehten Charles und Ned zugleich, »bitte, Tim, lassen Sie das jetzt.« Mr. Linkinwater unterdrückte seinen Unwillen, so gut er konnte, schoß nur hier und da einen Blick der Entrüstung durch seine Brille und bediente sich dabei des Sicherheitsventils für sein Gemüt, daß er ein paarmal kurz und krampfhaft auflachte, was ihm große Erleichterung zu verschaffen schien. »Da mir niemand einen Stuhl anbietet«, sagte Ralph umherblickend, »so will ich mir selbst einen nehmen. Ich bin müde von dem langen Weg. So. Und jetzt, meine Herren, wenn es Ihnen beliebt, verlange ich zu wissen, denn ich habe ein Recht dazu, was Sie zu sagen haben. Rechtfertigen Sie den Ton, den Sie mir gegenüber angeschlagen haben. Ich meinerseits erkläre Ihnen übrigens offen, daß ich mich um die öffentliche Meinung verdammt wenig kümmere, aber andererseits nicht geneigt bin, Verleumdungen ungestraft hingehen zu lassen. Ob Sie jetzt selbst getäuscht wurden oder nicht, kann mir gleichgültig sein. In beiden Fällen haben Sie von einem Manne wie mir weder Rücksicht noch Schonung zu erwarten.« Er sagte das so ruhig und gefaßt, daß wohl neun unter zehn mit den Umständen nicht bekannte Menschen geneigt gewesen wären, ihn für den Beleidigten zu halten. Er saß mit verschränkten Armen da, zwar ein wenig blasser als sonst und ziemlich übel gelaunt, aber immerhin ruhig, ruhiger wenigstens als die beiden Brüder und der wütende Tim. »Sehr gut, Sir«, sagte Mr. Charles. »Sehr gut. Bruder Ned, möchtest du nicht klingeln?« »Warte noch einen Augenblick, Charles«, erwiderte Ned. »Es wird für Mr. Nickleby sowohl wie für uns besser sein, wenn er erst erfährt, was wir ihm zu sagen haben.« »Sehr richtig, sehr richtig«, fiel Mr. Charles ein. Ralph lächelte nur höhnisch, ohne ein Wort zu erwidern. Die Brüder klingelten, die Türe öffnete sich, und herein hinkte ein Mann, in dem Ralph, als er sich umsah, sofort Newman Noggs erkannte. Er fuhr zusammen. »Das ist ja ein netter Anfang«, sagte er verächtlich. »Sie scheinen wirklich äußerst biedere, redliche und offene Männer zu sein. Ich habe den wahren Wert Ihrer Charaktere von Anfang an richtig taxiert. Mit einem Kerl unter einer Decke zu stecken, der seine Seele, wenn er eine hätte, für ein Glas Schnaps verkaufen würde! Ein Mensch, der ein berufsmäßiger Lügner ist, hat Ihnen also als Bundesgenosse gedient. Das ist ja ein netter Anfang.« »Lassen Sie mich sprechen«, rief Newman und stellte sich auf die Zehenspitzen, um über Tims Kopf, der ihm den Weg vertreten hatte, um ihn am Reden zu hindern, wegsehen zu können. »Oho. Sie ehrenwerter Patron – Sie, alter Nickleby –, was wollen Sie mit Ihrem ›Kerl‹ sagen? Wer hat mich denn zu einem solchen Kerl gestempelt? Wenn ich meine Seele hätte um ein Glas Schnaps verkaufen wollen, wäre ich wahrscheinlich lieber ein Dieb, Räuber oder Gauner geworden als Ihr Packesel. Wenn jedes Wort, das ich spreche, eine Lüge sein soll, warum haben Sie mich denn dann nicht ins Herz geschlossen? Lügen! Bin ich vielleicht je gekrochen, oder habe ich Ihnen schöngetan? Das möchte ich gerne wissen. Ich habe Ihnen treu gedient und schwer gearbeitet, weil ich arm war, und mehr harte Worte von Ihnen hingenommen, als wohl irgendein Mensch ertragen haben würde, den sie aus dem Armenhause geholt hätten, weil ich Sie und Ihre Schimpfereien mißachtete. Jawohl! Nur mein Stolz hat mich dazu gezwungen, Ihnen zu dienen, weil ich allein bei Ihnen angestellt war und kein andrer Mitpackesel meine Erniedrigung mit ansehen konnte – und dann, weil niemand besser als Sie wußte, daß ich nicht immer in so armseligen Umständen war und in einer besseren Lage hätte sein können, würde ich nicht die Torheit begangen haben, mich in Ihre und anderer Schurken Hände zu begeben. Können Sie das vielleicht leugnen was?« »Ruhig, Mr. Noggs, ruhig«, ermahnte Tim. »Erinnern Sie sich an Ihr Versprechen.« »Schon gut«, rief Newman und schob Tim beiseite. »Sie brauchen mich nicht daran zu erinnern. Stellen Sie sich nicht, Mr. Nickleby, als wäre ich ein Lügner in Ihren Augen. Es wird Ihnen nichts helfen. Ich sage Ihnen nur eins: in dem kleinen Geschäftszimmer steht ein gewisser Wandschrank.« Bisher hatte Ralph seine Selbstbeherrschung behauptet, aber bei diesen Worten konnte er ein Zusammenzucken doch nicht unterdrücken. »Aha, sehen Sie«, triumphierte Newman; »ich habe mir's gleich gedacht, daß Sie die Ohren spitzen würden. Was hat den armen Packesel zuerst veranlaßt, auf die Handlungen seines Chefs achtzugeben? Nichts anderes als die Grausamkeit seines Herrn gegen ihn und seine niederträchtigen Anschläge gegen ein junges Mädchen, dessen Schicksal selbst diesem gedemütigten, betrunkenen, armen Sklaven Mitleid einflößte und ihn veranlaßte, in Ihrem Dienste zu bleiben, da er hoffte, ihr nützlich zu werden. Jawohl, so standen die Dinge. Merken Sie sich das! Und merken Sie sich ferner, daß ich jetzt hier stehe, weil diese Herren es für gut befinden. Als ich sie aufsuchte, sagte ich ihnen, ich brauchte sie, um Ihnen nachzuspüren und der Unterdrückten zu ihrem Rechte zu verhelfen, und daß ich, wenn alles soweit gediehen sein würde, in Ihr Zimmer treten und Ihnen Auge in Auge wie ein Mann alles ins Gesicht sagen wolle. So, jetzt bin ich zu Ende.« Newman hatte sich bei seinen letzten Worten hoch aufgerichtet, stand steif und regungslos da und starrte Ralph Nickleby mit weit aufgerissenem Auge an. Ralph warf ihm nur einen einzigen wilden Blick zu, stampfte auf den Boden und sagte mit fast erstickter Stimme: »Fahren Sie fort, meine Herren, fahren Sie nur fort. Ich habe Geduld, wie Sie sehen. Es gibt zum Glück noch Gesetze. Ich werde Sie wegen Ihres Benehmens zur Rechenschaft ziehen. Legen Sie Ihre Worte gefälligst auf die Goldwaage.« »Wir haben Sie in Händen«, erwiderte Mr. Charles. »Gestern abend legte ein gewisser Snawley seine Beichte ab.« »Und wer ist denn dieser Snawley?« fragte Ralph. »Was hat seine Beichte mit mir zu tun?« In seiner Frage lag verstockter Trotz, aber der alte Herr achtete nicht darauf, sondern erklärte kurz, welche Anklagen gegen Mr. Nickleby erhoben worden seien und wie sie zu Mr. Noggs' Kenntnis gelangt wären. Newman habe nämlich von einem Mann, den er vorläufig nicht nennen wolle, die feierliche Versicherung erhalten, Smike sei keineswegs Snawleys Sohn. Das habe sie, die Gebrüder Cheeryble, veranlaßt, der Sache weiter nachzugehen, und dabei sei an den Tag gekommen, daß alle Fäden auf Ralph und Squeers als Urheber des Komplottes zurückführten. Man hatte sich hierauf bei einem erfahrenen Advokaten Rates geholt, und dieser empfahl, Smike vorerst Snawley nicht auszuliefern, sondern im Gegenteil allen diesbezüglichen Bemühungen der Gegenpartei den denkbar größten Widerstand entgegenzusetzen und in der Zwischenzeit zu versuchen, Snawley in jeder Weise zuzusetzen, ihn in Widersprüche zu verwickeln und womöglich einzuschüchtern und auf diese Art dazu zu bewegen, ein Geständnis abzulegen. Letzteres war geglückt, und zwar durch Eintritt eines ganz unvorhergesehenen Umstandes. Als nämlich Newman erfahren, daß Squeers sich wieder in London befände und eine geheime Unterredung mit Ralph Nickleby gehabt habe, hatte man den Schulmeister beobachten lassen und dabei die Entdeckung gemacht, daß er in demselben Hause wie die taube Grete Sliderskew wohnte. Der Diebstahl der Alten war ruchbar geworden, und man hatte sich an Gride gewendet, der jedoch seine Einwilligung zur Verhaftung der Alten aus Furcht, als Zeuge auftreten zu müssen, aufs energischste verweigerte. Er hatte sich gleich darauf in sein Haus eingeschlossen, so daß man nicht zu ihm konnte. Die Polizei war zu Hilfe gerufen und ein Haftbefehl gegen Squeers und die Grete Sliderskew erwirkt worden; dann hatte man das Fenster des Zimmers, wo die Alte wohnte, beobachtet, und eines Abends, nachdem Squeers in seiner Kammer das Licht ausgelöscht, waren Frank Cheeryble und Newman hinaufgeschlichen, um womöglich einen günstigen Augenblick abzupassen, was ihnen auch gelungen sei. Squeers und die Alte wurden schließlich verhaftet, und Snawley hatte, nachdem man ihm versprochen, seine Person zu schonen, ein vollständiges Bekenntnis abgelegt. Ralph hörte das alles an, ohne mit der Wimper zu zucken, und saß, die Augen zürnend auf den Boden geheftet und den Mund mit der Hand bedeckt, ruhig da. Als die Erzählung zu Ende war, hob er den Kopf und schien reden zu wollen, aber Mr. Charles kam ihm zuvor. »Ich habe Ihnen heute morgen bereits gesagt«, begann er, die Hand auf seines Bruders Schulter legend, »daß ich nur aus Mitleid zu Ihnen käme. Wie groß Ihre Mitschuld an der Angelegenheit ist und wie weit sie Ihnen von dem verhafteten Squeers bewiesen werden kann, müssen Sie selbst am besten wissen. Indessen muß der Gerechtigkeit gegen diejenigen freier Lauf gelassen werden, die in das Komplott gegen den unschuldigen unglücklichen jungen Menschen verwickelt sind. Es steht weder in meiner noch in meines Bruders Macht, Sie vor den Folgen zu schützen. Das Äußerste, was wir tun können, ist, Sie zu warnen und Ihnen Gelegenheit zu geben zu fliehen. Wir möchten nicht, daß Sie als alter Mann und überdies auf Veranlassung Ihres nahen Anverwandten gerichtlich bestraft werden. Wir bitten Sie daher – mein Bruder Ned und ich und auch Tim Linkinwater, wenn er auch eine grollende Miene dazu macht, als wolle er sich nicht erweichen lassen –, wir bitten Sie dringend, verlassen Sie London und begeben Sie sich irgendwohin, wo Sie vor den Folgen Ihrer eigenen ruchlosen Anschläge sicher sind und Zeit haben, sie wiedergutzumachen und ein besserer Mensch zu werden.« »Sie meinen also«, fiel Ralph schroff ein und stand mit Hohnlächeln auf, »Sie glauben also wirklich, mich auf diese Art in die Ecke drücken zu können? Sie irren, selbst wenn Sie glaubten, daß hundert ähnliche fein eingeleitete Pläne, hundert andere falsche feige Hunde auf meinen Fersen oder hundert andere fromme Salbadereien mich einschüchtern könnten. Ich danke Ihnen, daß Sie mir verraten haben, was Sie planen; ich weiß jetzt, was ich zu tun habe. Ich bin nicht der Mann, der ich Ihnen zu sein scheine. Bieten Sie ruhig Ihre ganze Feindseligkeit auf; ich trotze Ihnen, fordere Sie sogar dazu heraus und verachte Sie mit Ihren Schönredereien und albernen Intrigen.« So trennten sie sich für dieses Mal. Aber das Schlimmste war noch nicht gekommen. 60. Kapitel Die Gefahren häufen sich, und das Schlimmste kommt ans Licht Auf der Straße angekommen, warf sich Ralph in eine Droschke, die gerade vorbeirasselte, und befahl dem Kutscher, zum Polizeiamt des Distriktes zu fahren, in dem Squeers verhaftet worden war. Als er dort den Gefangenen zu sprechen verlangte, wurde er in ein Zimmer geführt, wo Squeers in festem Schlaf auf einer Bank lag, vor sich auf dem Tisch ein leeres Glas. Es war nicht gerade leicht, ihn zu wecken, und als es Ralph endlich geglückt war, ihn so weit zu sich zu bringen, zeigte er ein bleiches übernächtigtes Gesicht. Er hatte sich seit mehreren Tagen nicht rasiert und trug um den Kopf ein schmutziges blutbeflecktes Tuch geknüpft. »Na, Sie haben mir da eine schöne Suppe eingebrockt«, lallte er mit schwerer Zunge. »Was haben Sie denn mit Ihrem Kopf gemacht?« fragte Ralph. »Der verwünschter hinterlistiger Noggs hat mich beinahe totgeschlagen«, murrte Squeers. »Na, daß Sie endlich einmal zu mir kommen.« »Warum haben Sie denn nicht zu mir geschickt? Wie konnte ich denn kommen, wo ich nicht wußte, was Ihnen zugestoßen ist?« »O Gott, meine Familie«, stöhnte Squeers, sein Schielauge verzweifelt auf die Decke gerichtet und nach jedem Satz von einem Branntweinschluchzen unterbrochen. »Meine Tochter steht gerade jetzt in dem Alter, wo sie sich verheiraten könnte, und mein Sohn, die Zierde unseres Familienlebens und der Stolz des ganzen Dorfes – wie werden sie diesen Schlag verwinden! Das Wappenschild der Squeers' ist besudelt und ihre Sonne untergegangen in den Wellen des Ozeans.« »Sie sind betrunken und haben sich Ihren Rausch noch nicht ausgeschlafen«, brummte Ralph ärgerlich. »Auf Ihre werte Gesundheit habe ich gerade nicht getrunken, alter Filz«, versetzte Squeers grob. »Was geht das alles Sie an?« Ralph unterdrückte den Wutanfall, der sich einen Augenblick lang seiner bemächtigen wollte, und wiederholte seine Frage, warum Squeers nicht nach ihm geschickt habe. »Was hätte mir das helfen sollen«, erwiderte der Schulmeister. »Es würde mir nur geschadet haben, wenn man erfahren hätte, daß ich mit Ihnen in Verbindung stehe. Und Bürgschaft wollen sie hier nicht annehmen, ehe sie mir nicht noch mehr von der ganzen Sache herausgelockt haben. So sitze ich jetzt fest, und Sie freuen sich draußen, daß Sie frei ausgehen.« »Sie werden in einigen Tagen wieder frei sein«, versuchte Ralph mit erzwungen guter Laune einzulenken. »Was wird man Ihnen denn weiters anhaben können?« »Das glaube ich auch, wenn ich ihnen auseinandersetze, wieso ich in die angenehme Gesellschaft der abscheulichen alten Sliderskew gekommen bin«, versetzte Squeers boshaft. »Ich wollte, sie wäre tot und im anatomischen Kabinett fein säuberlich seziert und an Drähten aufgehangen gewesen, ehe ich noch verleitet werden konnte, mit ihr in Verbindung zu treten. Heute morgen sagte mir der Alte mit der Perücke oben: ›Gefangener, man hat Sie in der Gesellschaft der Grete Sliderskew und im Besitze dieses Dokuments betroffen, und da Sie gerade damit beschäftigt waren, strafbarerweise andere Papiere zu vernichten, ohne genügende Auskunft geben zu können, ob Sie dazu auch berechtigt waren, verhänge ich vorläufig eine Untersuchungshaft von acht Tagen über Sie, bis genauere Nachforschungen angestellt und die nötigen Zeugen herbeigeschafft sein werden. So lange kann von Bürgschaftsleistung nicht die Rede sein.‹ Und ich sage jetzt, ich bin imstande, genügende Auskunft über mich zu geben. Ich kann mir auf die Brust schlagen und sagen, ich bin Wackford Squeers aus Dotheboys Hall, Sir. Ich kann unzweifelhafte Zeugnisse für meine Unbescholtenheit und moralische Denkungsweise beibringen. Ist etwas Unrechtes bei der Sache unterlaufen, so trifft nicht mich die Schuld; ich handelte nur im Auftrage eines Freundes – meines Freundes, des Mr. Ralph Nickleby in Golden Square. Laden Sie ihn vor, Sir, und fragen Sie ihn, was er zu seiner Verteidigung vorzubringen hat. Mich geht die Sache gar nichts an.« »Was war es für ein Dokument, in dessen Besitz man Sie betraf?« forschte Ralph ausweichend. »Es war ein Testament.« »Von wem? Zu wessen Gunsten, welchen Inhaltes – aus welcher Zeit datierte es?« fragte Ralph hastig. »Es war zugunsten dieser Madeline X oder wie sie heißt, abgefaßt, mehr weiß ich nicht«, antwortete Squeers. »Vielleicht wüßten Sie nicht einmal so viel, wenn man Sie mit einem Blasebalg auf den Kopf geschlagen hätte wie mich. Nur Ihrer Heimlichkeitstuerei ist es zu danken, daß das Papier sich jetzt in andrer Leute Hände befindet. Hätten Sie sich mit meinem Wort begnügt, daß ichs aus der Welt schaffen werde, so wärs jetzt ein Häufchen Asche im Kamin, statt in andrer Leute Hände zu sein.« »Auf der ganzen Linie geschlagen«, murmelte Ralph an seinen Nägeln beißend. »Ach Gott, ach Gott«, stöhnte Squeers, dessen Gedanken in seinem von Schnaps betäubten und fiebernden Kopf seltsame Sprünge machten, »in dem lieblichen Dörfchen Dotheboys in der Nähe von Greta Bridge in Yorkshire erhalten Knaben Kost, Kleidung, Bücher, Wäsche, Taschengeld und so weiter. Sie lernen alle Sprachen, lebendige und tote, Mathematik, Orthographie, Geometrie, Astronomie und Trigonometrie. Aber jetzt tanzt alles durcheinander. A-l-l = all, -e-s = es = alles, Adjektiv; a-u-s = Vorwort, das Gegenteil von ›ein‹; m-i-t = mit, bedeutet das Gegenteil von ›ohne‹; S-q-u-e-e-r-s = Squeers; Nomen substantivum = ein Erzieher der Jugend. Alles ist aus mit Squeers!« Nur mühsam war es Ralph während dieser Faseleien gelungen, seine Fassung wiederzugewinnen, und deutlich erkannte er, wie nötig es sei, Squeers zu überzeugen, daß sein Heil einzig und allein in unverbrüchlichem Stillschweigen läge. »Ich wiederhole Ihnen«, begann er daher eindringlich, »daß man Ihnen nichts wird anhaben können. Sie müssen eine Klage wegen unbegründeter Verhaftung anstrengen und obendrein noch Schadenersatz geltend machen. Ich werde Ihnen schon eine Fabel ersinnen, die Ihnen aus einer noch zwanzigmal größern Verlegenheit helfen müßte. Ich will Bürgschaft für Sie leisten, und wenn sie sich auf tausend Pfund belaufen sollte. Nur nicht mit der Wahrheit heraus! Sie sind heute abend ein wenig benebelt und wahrscheinlich nicht imstande, alle Notwendigkeiten klar einzusehen, wie es wohl sonst der Fall wäre, aber Sie können und dürfen nichts anderes tun. Ein einziger Fehlgriff würde die schlimmsten Folgen nach sich ziehen.« »Oho«, rief Squeers, den Kopf wie ein alter Rabe auf die Seite gelegt. »Weiter soll ich also nichts tun? Sehr schön. Jetzt hören Sie aber mal, was ich zu sagen habe. Ich will keine Fabel für mich ersonnen haben. Geht die Sache für mich schlecht aus, so müssen Sie Ihren Teil auf sich nehmen, und wenn Sie nicht wollen, werde ich schon Sorge tragen, daß Sie's tun. Sie haben nie von Gefahr gesprochen, und ich habe keine Lust, Ihnen die Kastanien aus dem Feuer zu holen. Ich werde sagen und tun, was mir am nützlichsten scheint, und meinem eigenen Kopf folgen. – Mein moralischer Einfluß bei den Zöglingen«, setzte er würdevoll hinzu, »wankt in seinen Grundfesten, das Bild meiner darbenden Frau, meiner Tochter und meines Sohnes Wackford schwebt mir beständig vor Augen, und so gute Freunde wir sonst auch sein mögen, so hört doch jetzt jede Rücksicht auf.« Wer weiß, zu welch stürmischen Erörterungen es noch gekommen wäre, würde nicht die Ankunft eines Gerichtsdieners, der den Schulmeister in Arrest abzuführen hatte, allen weitern Reden ein Ende gemacht haben. Mr. Squeers setzte sich mit Würde den Hut auf seinen mit dem Schnupftuch verbundenen Kopf und ließ sich abführen. »Ich habe mirs gleich gedacht, daß es so ähnlich kommen werde, als ich hörte, er habe nicht nach mir geschickt«, murmelte Ralph. »Er ist offenbar entschlossen, alles auf mich abzuwälzen. Ich bin so in die Ecke gedrückt, daß sie jetzt sämtlich über mich herfallen, und gerade die, die noch gestern vor mir gekrochen sind. Aber sie täuschen sich in mir. Ich fürchte mich nicht. Ich werde keinen Zollbreit weichen.« Er ging nach Hause und freute sich ingrimmig darüber, seine Haushälterin über Unwohlsein klagen zu hören, denn dies bot ihm einen willkommenen Vorwand, sie wegschicken zu können. Beim Licht einer Kerze setzte er sich in seinen Sessel und begann zum erstenmal, genau über die Vorfälle des Tages nachzudenken. Seit vierundzwanzig Stunden war weder Speise noch Trank über seine Lippen gekommen. Er fühlte sich erschöpft, aber trotzdem war er nicht imstande, auch nur ein Glas Wasser zu nehmen. Den Kopf auf die Hand gestützt, saß er wie betäubt da. Es war fast zehn Uhr, als er an die Haustür klopfen hörte, und lange mußte er sich besinnen, bis er sich klar wurde, was er zu tun habe. Dann ging er hinunter und öffnete das Tor. »Mr. Nickleby, ich habe schreckliche Nachrichten für Sie«, hörte er eine Stimme in der Finsternis sagen. »Ich soll Sie bitten, sogleich mit mir zu kommen.« Er hielt die Hand über die Augen und sah Tim Linkinwater vor sich stehen. »Wohin?« fragte er tonlos. »In unser Haus, wo Sie heute morgen waren; ich habe einen Wagen mitgebracht.« »Was will man von mir?« »Fragen Sie nicht und kommen Sie mit!« »Aha, eine Wiederholung von heute nachmittag«, fuhr Ralph auf und wollte die Tür zuschlagen. »Nein, nein«, drängte Tim und hielt ihn am Arm fest. »Sie sollen nur hören, was sich zugetragen hat; – etwas Schreckliches, Mr. Nickleby, was Sie sehr nahe angeht. Glauben Sie mir, ich würde nicht so sprechen, wenn es nicht furchtbarer Ernst wäre.« Ralph sah den Sprecher genauer an und bemerkte, daß er wirklich sehr erregt war. Einen Augenblick schwankte er noch. »Besser, Sie hören jetzt als später, was Ihnen nicht erspart bleiben kann«, sagte Tim. »Um Gottes willen, kommen Sie.« Ralph holte seinen Hut aus dem Hausflur und stieg in den Wagen, ohne auch nur ein Wort zu sprechen. Tim bemerkte, als sie in den Wagen stiegen, daß er wie ein Trunkener taumelte und daß sein Gesicht blaß und verfallen war. Während der Fahrt wurde nicht ein einziges Wort gewechselt. Bei den Herren Cheeryble angekommen, ließ sich Ralph widerstandslos in ein Zimmer führen, wo ihn die beiden alten Herren bereits mit todesernsten und feierlichen Mienen erwarteten. Er setzte sich. Nur mühsam brachte er ein paar Worte heraus: was man ihm denn zu sagen hätte, was er nicht schon wüßte. Das Zimmer war altmodisch, sehr groß, sparsam erleuchtet und hatte ein Erkerfenster, vor dem ein dichter Vorhang hing. Einen Augenblick lang glaubte Ralph die Gestalt eines Mannes dahinter stehen zu sehen. »Wer ist dort?« fragte er. »Derselbe Mann, der uns vor zwei Stunden die Nachricht brachte, die uns veranlaßt hat, zu Ihnen zu schicken. Fragen Sie jetzt nicht weiter«, war die Antwort. »Aha, neue Rätsel. Nun, Sir, was wünschen Sie?« – Einen Augenblick versagte Ralph die Stimme. Er hatte offenbar große Mühe, seine Fassung zu behaupten, und brachte nach einer Pause nur mühsam die Worte heraus: »Was soll das alles, meine Herren? Warum holt man mich ohne Grund nachts aus meinem Haus? Was haben Sie mir zu sagen? – Ist meine Nichte tot?« fügte er plötzlich erregt hinzu. »Wir haben Ihnen allerdings einen Todesfall zu melden«, sagte Bruder Charles zögernd. »Ihre Nichte jedoch befindet sich sehr wohl.« »Ist ihr Bruder vielleicht gestorben?« fragte Ralph, und ein Strahl wilder Hoffnung überflog sein Gesicht. »Das wäre mir eine zu angenehme Nachricht, als daß ich sie Ihnen so leicht glauben würde.« »Schämen Sie sich. Sie unnatürlicher Mensch!« rief Mr. Ned empört. »Bereiten Sie sich auf eine Nachricht vor, die Sie tief erschüttern wird, wenn Sie überhaupt noch das mindeste menschliche Gefühl in der Brust haben. Was erwiderten Sie, wenn wir Ihnen sagten, daß ein armer unglücklicher junger Mensch, ein Kind in jeder Hinsicht, das niemals auch nur eine der Freuden gekannt hat, die uns unsre Kinderzeit verschönt; ein gutherziger, harmloser, liebevoller Mensch, der Ihnen nie etwas zuleid getan hat, an dem Sie aber Ihre Bosheit und den ganzen Haß ausließen, den Sie gegen Ihren Neffen hegten – was erwiderten Sie, wenn wir Ihnen sagten, daß er infolge der Hetze, die Sie auf ihn veranstalteten, und des grauenhaften Elendes eines an Jahren kurzen, aber an Leiden langen Daseins hinübergeschlummert wäre, um dort seine traurige Geschichte zu erzählen, in der Sie eine Rolle gespielt haben, für die Sie dereinst Rechenschaft werden ablegen müssen?« »Wenn Sie mir sagen wollen«, fiel Ralph lebhaft ein, »daß der Bursche tot ist, so vergebe ich Ihnen alles andre. Wenn Sie mir wirklich sagen, daß er tot ist, so stehe ich in Ihrer Schuld und bin Ihnen für mein ganzes Leben verpflichtet. Ja, es ist so. Ich lese es in Ihren Gesichtern. Nun, und wer triumphiert jetzt? Sind das Ihre schrecklichen Neuigkeiten und Ihre entsetzenerregenden Mitteilungen? Sie sehen, wie wenig es mich rührt. Sie haben recht getan, nach mir zu schicken; ich wäre hundert Meilen zu Fuß durch Schmutz und Dunkelheit gewandert, um diese Kunde so schnell wie möglich zu hören.« Trotz der wilden Freude, die sein Herz erfüllte, bemerkte er zu seinem Befremden in den Zügen der beiden Brüder Cheeryble wieder den unbeschreiblichen Zug von Mitleid und Grauen, der ihm schon früher aufgefallen war. »Und er brachte Ihnen wahrscheinlich diese Nachricht, nicht wahr?« fragte er und deutete mit dem Finger auf den Vorhang vor dem Fenster. »Er sitzt wahrscheinlich dahinter, um zu sehen, wie erschüttert ich bin. Hahaha. Sagen Sie ihm, daß ich noch manches Jahr ein Dorn in seinem Herzen sein werde; und Ihnen beiden versichere ich, Sie werden schon sehen, aus welchem Grund er damals mit dem Landstreicher Mitleid hatte.« »Sie halten mich wohl für Ihren Neffen«, sagte eine hohle traurige Stimme; »es wäre übrigens für Sie und auch für mich besser, wenn es so wäre.« Die Gestalt, die früher nur schattenhaft sichtbar gewesen, stand jetzt auf und kam langsam hinter dem Vorhang hervor. Ralph fuhr zurück, denn er sah nicht Nikolas, wie er geglaubt, sondern Brooker vor sich. Er hatte keinen Grund, den Mann zu fürchten, und hatte ihn auch nie gefürchtet, aber jetzt überflog plötzlich Todesblässe seine Mienen, und er wankte. »Was will der Kerl hier?« fragte er mit veränderter Stimme. »Wissen Sie, daß er ein Deportierter, ein gemeiner Dieb ist?« »Hören Sie, was er Ihnen zu sagen hat – hören Sie ihn an, Mr. Nickleby, mag er sein, was er will«, riefen die Brüder Cheeryble so ernst und feierlich, daß Ralph sich nach ihnen umwandte. Sie deuteten auf Brooker, und Ralph wendete mechanisch seinen Blick wieder auf den Alten. »Der junge Mensch, von dem diese Herren hier gesprochen haben«, sagte Brooker langsam und jedes Wort lange abwägend, »und der jetzt im Grabe ruht, war – Ihr – eigener einziger Sohn, so wahr mir Gott helfe.« Totenstille! Ralph sank in einen Sessel und drückte die Hände an die Schläfen. Nach einer Minute ließ er sie wieder sinken, und sein Gesicht war leichenhaft entstellt. Unverwandt starrte er auf Brooker, ohne daß ein Laut von seinen Lippen gekommen wäre oder er auch nur die geringste Bewegung gemacht hätte. »Meine Herren«, fuhr Brooker langsam fort, »ich habe keine Entschuldigung für mich. Über Beschönigungen bin ich längst hinaus. Wenn ich Ihnen sage, wie alles vor sich ging, und hinzufüge, daß ich allzu grausam behandelt und dadurch zu einer Tat getrieben wurde, die vielleicht nicht in meinem Wesen lag, so geschieht es bloß, weil es mit zu der Geschichte gehört, und nicht, um mich zu entschuldigen. Ja, ich bin ein schuldbeladener Mensch.« – Er hielt inne, um sich zu sammeln, wandte sich von Ralph ab an die Brüder Cheeryble und fuhr leise fort: »Unter denen, die einst mit diesem Manne hier verkehrten – nämlich vor zwanzig bis fünfundzwanzig Jahren – befand sich auch ein roher trunksüchtiger Landedelmann aus Leicestershire, der sein eigenes Vermögen durchgebracht hatte und darangehen wollte, das seiner Schwester zu vergeuden. Die Eltern waren tot, und die Schwester lebte bei ihm und führte ihm den Haushalt. Ralph Nickleby besuchte die Geschwister ziemlich oft und blieb manchmal einige Tage bei ihnen. Aber nicht, um Geschäfte zu machen. Die Dame war nicht mehr jung, wie ich sagen hörte, aber ziemlich hübsch und hatte ein nicht unbedeutendes Vermögen zu erwarten. Ralph heiratete sie. Gewinnsucht bewog ihn, diese Ehe einzugehen, aber auch, sie streng geheimzuhalten, denn das Testament ihres Vaters enthielt eine Klausel, das Vermögen müsse auf eine Seitenlinie übergehen, falls sie sich ohne Einwilligung ihres Bruders vermähle. Der Bruder nun plante, sich seine Zustimmung durch eine hübsche Summe abkaufen zu lassen, und Nickleby, dem das Opfer zu hoch erschien, einigte sich mit seiner Frau dahin, die Ehe geheimzuhalten, bis der Bruder einmal gelegentlich einer Fuchsjagd den Hals bräche oder sich zu Tode trinke. Dieser hatte aber weder zu dem einen noch zu dem andern Lust, und mittlerweile entsprang ein Knabe der ehelichen Verbindung. Das Kind wurde einer Wärterin übergeben, die weit entfernt wohnte, und bei der es die Mutter nur ein- oder zweimal und sein Vater nie sah. Der Bruder erkrankte und wurde immer hinfälliger, und der habsüchtige Nickleby glaubte das ganze Vermögen schon in der Hand zu haben, aber der Tod des Bruders zog sich hinaus, und sooft die Frau auf Veröffentlichung ihrer Ehe drang, so oft wurde ihr dies von Ralph aufs bestimmteste abgeschlagen. Sie mußte allein in dem öden Landhaus bleiben und sah wenig andere Gesellschaft als rohe trunksüchtige Jagdsportsmen. – Nickleby lebte in London und ging seinen Geschäften nach. – Was soll ich weiter sagen! Eines Tages – nur wenige Wochen vor dem Zeitpunkt, wo der Tod ihres Bruders alles ins reine gebracht hätte – ließ sie sich von einem jüngeren Mann, als Nickleby war, entführen.« Brooker hielt inne, aber Ralph rührte sich nicht. »Alle diese Umstände erfuhr ich damals von seinen eigenen Lippen. Sie waren kein Geheimnis, denn viele wußten darum, und man teilte sie mir aus einem besondern Grunde mit. Ralph Nickleby verfolgte nämlich die Flüchtenden – einige sagten, um aus der Schande seines Weibes Nutzen zu ziehen, ich glaubte jedoch, daß er es eher deswegen tat, um sich bitter zu rächen, denn Rachsucht liegt ebenso in seinem Charakter wie Geldgier – vielleicht sogar noch tiefer –, aber er fand sie nicht, und bald nachher starb seine Frau. Ich weiß nicht, ob er sich vielleicht einredete, er könne das Kind lieben, oder ob er sich in seinen Besitz zu setzen wünschte, damit es nur nicht in die Hände seiner Mutter fiele – genug, ich erhielt den Auftrag, den Knaben nach London zu bringen. – Er hat mich grausam behandelt –«, fuhr Brooker leise fort, »– erst kürzlich erinnerte ich ihn daran, als ich ihm auf der Straße begegnete –, und infolgedessen haßte ich ihn. Ich brachte das Kind in sein Haus und wies ihm die nach vorn hinausgehende Dachstube an. Aus Mangel an Pflege war der Kleine krank geworden, und der Arzt erklärte, er werde bestimmt sterben, wenn man nicht bald eine Luftveränderung schüfe. Das reifte einen Plan in meinem Hirn, und ich tat, wie der Arzt gesagt. Nickleby blieb sechs Wochen weg, und als er zurückkam, sagte ich ihm, das Kind wäre gestorben und begraben. Ob ihn diese Nachricht wirklich ergriff oder vielleicht nur einen Plan, den er vorhatte, durchkreuzte, jedenfalls sah er sehr bekümmert aus, und das bestärkte mich in meiner Absicht, ihm eines Tages das Geheimnis zu eröffnen, um dadurch Geld von ihm zu erpressen. Ich hatte von den Schulen in Yorkshire gehört und brachte das Kind, dem ich den Namen Smike gab, in ein Institut, das dort einem gewissen Squeers gehörte. Sechs Jahre lang zahlte ich zwanzig Pfund für den Knaben, ohne über das Geheimnis auch nur ein Wort fallenzulassen, und da mich Nickleby immer härter behandelte, verließ ich seinen Dienst und prozessierte mit ihm. Später mußte ich England verlassen, wurde deportiert und kam erst nach acht Jahren wieder zurück. Das erste, was ich tat, bestand darin, daß ich mich nach Yorkshire begab und mich eines Abends so unterderhand nach den Zöglingen in der Schule erkundigte, wodurch ich erfuhr, daß Smike geflohen sei. Ich suchte den alten Nickleby in London auf, machte ihm Andeutungen und hoffte, dadurch ein paar Schillinge für meinen Lebensunterhalt zu gewinnen, aber er wies mich schroff zurück. Ich lernte dann seinen Schreiber kennen und eröffnete diesem später, daß Smike nicht der Sohn Snawleys sei, der sich für seinen Vater ausgab. Ich hatte die ganze Zeit über den Knaben nicht wieder gesehen, aber von Mr. Newman erfuhr ich, er sei sehr krank und halte sich auf dem Lande auf. Ich reiste ihm nach, um mich ihm womöglich in Erinnerung zu bringen und mir von ihm die Wahrheit bestätigen zu lassen. Ich sah ihn ganz unverhofft, aber ehe ich noch mit ihm sprechen konnte, erkannte er mich – der arme Junge hatte guten Grund, sich meiner in Angst zu erinnern. – Ich hätte darauf schwören können, daß er es sei, und wenn ich ihm in Indien begegnet wäre. Es war dasselbe abgezehrte Gesicht, das ich an ihm schon kannte, als er noch ein Kind gewesen. Einige Tage lang war ich unschlüssig, was ich tun sollte, dann aber wandte ich mich an den jungen Herrn, dessen Obhut er anvertraut war, und erfuhr von ihm, er sei gestorben. Ich erfuhr auch, wie ich gleich gesehen, daß der junge Mensch mich sofort erkannt hatte. Dies ist meine Geschichte. Konfrontieren Sie mich mit dem Schulmeister, und ich mache mich erbötig, für die Wahrheit meiner Aussagen jeden erforderlichen Beweis zu liefern. Es ist leider alles nur zu wahr, und die Schuld lastet schwer auf meiner Seele.« »Unglücklicher Mensch«, riefen die Brüder Cheeryble, »womit können Sie dies je wiedergutmachen?« »Ich kann es nicht. Ich kann es nicht mehr gutmachen«, rief Brooker. »Diese Hoffnung ist jetzt vorbei. Ich bin alt an Jahren, aber noch älter an Elend und Sorgen. Das Bekenntnis, das ich abgelegt, kann mir nur neue Leiden und neue Strafen bringen, aber ich wiederhole, daß ich die Wahrheit gesprochen habe, mag da kommen, was will. Ich war zum Werkzeug ausersehen, auf das Haupt dieses Mannes schreckliche Wiedervergeltung zu häufen. Die Folgen fallen jetzt auch auf mein Haupt. Ich weiß, daß ich ihnen nicht entgehen kann. Ich habe weder auf Erden noch im Jenseits etwas mehr zu hoffen.« Er hatte kaum ausgesprochen, da wurde der Leuchter, der neben Ralph auf dem Tische stand, heftig zu Boden geworfen. Tiefe Dunkelheit umfing das Zimmer. Als die Kerze wieder angezündet wurde, entdeckte man, daß Ralph Nickleby fort war. Die Brüder Cheeryble ergingen sich noch eine Weile in Mutmaßungen, ob er wohl zurückkommen werde; als dies aber nicht geschah, hielten sie es für geraten, nach ihm zu schicken. Sie dachten, er könne erkrankt sein; sein stummes seltsames Benehmen während der ganzen Erzählung und die Starrheit, mit der er dagesessen, bestärkte sie in dieser Annahme. Obgleich es schon sehr spät war, schickten sie, zumal sie mit Brooker nichts anzufangen wußten, in seine Wohnung, um ihm sagen zu lassen, sie würden gerne die Angelegenheit noch vor dem Schlafengehen erledigt sehen. 61. Kapitel Nikolas und Kate verwirken die gute Meinung aller weltklugen Leute Am Morgen des Tages, an dem Brooker sein Bekenntnis abgelegt, kehrte Nikolas nach Hause zurück. Er und seine Familie waren beim Wiedersehen tief ergriffen, denn Smikes Tod ging ihnen sehr zu Herzen. »Ich bin überzeugt«, schluchzte Mrs. Nickleby, sich die Augen trocknend, »daß ich in ihm den besten und aufrichtigsten Menschen verloren habe, mit dem ich je in Berührung kam. – Dich, lieber Nikolas, und dich, Kate, nehme ich natürlich aus und ebenso euern armen seligen Papa und die Wärterin, die mit dem Leinenzeug und den zwölf kleinen Gabeln durchging. Von allen anhänglichen und treuen Menschen, die je gelebt haben, ist er bestimmt der beste gewesen. Es bricht mir das Herz, wenn ich jetzt den Garten ansehe, auf den er so stolz war, oder in sein Zimmer gehe, wo er die kleinen Sachen für uns zusammentischlerte, ohne sich träumen zu lassen, daß sie unbeendet bleiben müßten. Ach, es ist eine herbe und bittere Prüfung für mich. Dir, Nikolas, wird es bis zum Ende deines Lebens ein Trost bleiben, wenn du dich der Güte und Liebe, die du ihm stets erwiesen, erinnerst – und auch für mich ist es beruhigend, wenn ich daran denke, wie gut wir immer mitsammen ausgekommen sind und wie lieb ich ihn hatte. Es ist sehr natürlich, daß du ihm so zugetan warst, Nikolas, und ich finde es sehr begreiflich, daß dir sein Tod so zu Herzen geht. Man braucht dich nur anzusehen, um zu bemerken, wie verändert du aussiehst, aber was in meinem Herzen vorgeht, das weiß niemand – das kann niemand wissen.« Daß auch Kate tief ergriffen war, läßt sich leicht denken. Madeline teilte ebenfalls den allgemeinen Kummer, und die kleine Miss La Creevy, die bei der Nachricht von Smikes Tod sogleich herbeigeeilt war, um die bekümmerte Familie zu trösten, setzte sich, als Nikolas nach Hause kam, auf die Treppe, brach in Tränen aus und wollte lange Zeit gar keinen Trost annehmen. »Ja, ja, Sie haben recht«, rief sie, als Nikolas nicht aufhörte, ihr zuzureden. »Ich sollte die Sache auch in dem Lichte sehen wie Sie, aber ich bin eben eine unverständige kleine Närrin. Ich weiß es ja selbst.« Als sich die Damen ein wenig beruhigt hatten, zog sich Nikolas, müde von der langen Reise, in sein Zimmer zurück, warf sich angekleidet auf sein Bett und fiel sofort in tiefen Schlaf. Als er erwachte, saß Kate neben ihm, und als sie bemerkte, daß er die Augen aufschlug, beugte sie sich über ihn, um ihn zu küssen. »Ich komme, um dir zu sagen, wie froh ich bin, daß wir dich wiederhaben. Wir haben uns alle so nach deiner Rückkehr gesehnt«, sagte sie. »Mama und ich und – und Madeline.« »Du schriebst mir in deinem letzten Brief, sie sei wieder ganz gesund«, versetzte Nikolas hastig und wurde rot bis über die Ohren. »Hast du in meiner Abwesenheit nicht gehört, was die Brüder Cheeryble in Zukunft mit ihr vorhaben?« fragte er. »Nein, nicht ein Wort«, erwiderte Kate, »aber ich kann nur mit Schmerz an eine Trennung von ihr denken. Du gewiß auch, lieber Nikolas.« Nikolas errötete abermals, setzte sich neben seine Schwester auf ein kleines Sofa in der Nähe des Fensters und entgegnete: »Gewiß, Kate; aber ich möchte dir jetzt mein Innerstes eröffnen. Kurz und offen gesagt: ich liebe sie.« Kates Augen leuchteten auf, und sie wollte eben etwas erwidern, aber Nikolas legte ihr die Hand auf den Arm und fuhr fort: »Niemand darf davon erfahren – sie selbst am allerwenigsten.« – »Aber, lieber Nikolas –!« – »Ich wiederhole: sie am allerwenigsten! Zuweilen rede ich mir wohl ein, es müsse eine Zeit kommen, wo ich es ihr selbst sagen dürfte, aber ich fürchte, diese Zeit liegt so weit vor uns, daß wohl Jahre darüber vergehen können, und wenn sie je kommen sollte, so werde ich so ganz anders geworden sein als jetzt, werde die Tage der Jugend und romantischen Liebe so weit hinter mir haben – wenn auch die Liebe zu ihr in mir niemals sterben kann –, daß ich heute nur allzu sehr fühle, wie trügerisch solche Hoffnungen sind. Nein, Kate, während ich auf dem Lande gewesen bin, habe ich in dem armen Verstorbenen ununterbrochen ein solches Beispiel des Edelmutes der beiden alten Brüder vor Augen gehabt, daß ich nicht anders kann. Ich würde mich ihrer unwürdig erweisen und bin fest entschlossen, meiner Pflicht aufs strengste nachzukommen und jede Versuchung von der Hand zu weisen.« »Ehe du weitersprichst«, unterbrach ihn Kate erblassend, »mußt du anhören, was ich dir mitzuteilen habe. Ich bin zu diesem Zwecke hergekommen und fand nur den Mut nicht.« Sie brach in Tränen aus. Weinen erstickte ihre Stimme. »Aber Kate, törichtes Kind, so fasse dich doch«, sagte Nikolas milde; »ich glaube übrigens, ich weiß, was du mir mitteilen willst. Betrifft es nicht Mr. Frank Cheeryble?« Kate ließ den Kopf sinken und flüsterte ein leises »Ja«. »Und hat er in meiner Abwesenheit um deine Hand angehalten? – Ja? Nun, siehst du, ich habe es erraten.« »Ja, es war so, aber ich habe ihn zurückgewiesen«, versetzte Kate. »Wirklich? Und warum?« »Ich sagte ihm alles das«, fuhr Kate fort, »was du, wie ich seitdem erfahren habe, unserer lieben Mutter sagtest, und wenn es mir, als ich ihn abwies, auch fast das Herz brach, so habe ich es doch mit Festigkeit getan und ihn gebeten, mich nie wiederzusehen.« »Du bist ein braves herrliches Mädchen«, jubelte Nikolas und drückte seine Schwester an die Brust. »Ich wußte, daß du so handeln würdest.« »Er versuchte mich wankend zu machen«, erzählte Kate weiter, »und erklärte, wie auch die Entscheidung ausfallen werde, sowohl dich und seine beiden Onkel von dem Schritt, den er getan, in Kenntnis setzen zu wollen. Ich fürchte«, setzte sie hinzu, und ihre Fassung schien sie wieder verlassen zu wollen, »ich fürchte, ich habe ihm nicht ausführlich genug gesagt, wie sehr ich eine so uneigennützige Liebe wie die seine zu schätzen weiß und wie inbrünstig ich für sein künftiges Glück beten werde. Wenn du mit ihm sprichst, wäre es mir lieb, wenn er es erführe.« »Und du glaubtest, Kate, nach dem, was du selbst für recht und ehrenhaft hältst, daß ich vor dem Opfer, das ich zu bringen habe, zurückschrecken könnte?« »Gewiß nicht; aber –« »Meine Lage ist dieselbe wie deine«, fiel ihr Nikolas ins Wort; »Madeline ist zwar nicht so nahe verwandt wie Frank mit unsern Wohltätern, ihnen aber ebenso teuer, und ihre Geschichte wurde mir nur deshalb anvertraut, weil man unbedingtes Vertrauen in mich setzte. Es wäre niedrig von mir, wenn ich den unbedeutenden Dienst, den ich den Brüdern zufälligerweise leisten konnte, für meinen Vorteil ausnützte und Madelines Neigung zu gewinnen suchte – ein Beginnen, das im Falle des Gelingens den Lieblingswunsch der beiden Brüder, sie an Kindes Statt zu adoptieren, vereiteln und das nachteiligste Licht auf mich werfen müßte. Einen solchen Schein will ich nicht auf mich laden. Um so weniger, Kate, als andere Ansprüche auf mich haben, die ich nie vergessen darf. Ich besitze bereits jetzt die Mittel zu einem angenehmen und glücklichen Leben und habe kein Recht, mehr zu verlangen. Ich bin entschlossen, diese Liebe aus meinem Herzen zu reißen, und habe vielleicht schon unrecht getan, daß ich so lange zögerte. Heute noch will ich ohne Rückhalt Mr. Cheeryble meine wahren Gründe enthüllen und ihn bitten, schleunige Vorkehrungen zu treffen, die junge Dame anderweitig unterzubringen.« »Heute noch? So bald?« »Ich gehe schon wochenlang mit dieser Absicht um, warum sollte ich es verschieben? Wo die Szenen, deren Augenzeuge ich in der letzten Woche gewesen, mich nachdenken lehrten und ein besseres Pflichtbewußtsein in mir weckten, warum soll ich warten, bis dieser Eindruck verblaßt? Nicht wahr, liebe Kate, du wirst mir nicht davon abraten?« »Aber du kannst doch selbst reich werden«, wendete Kate ein. »Vielleicht. Ich kann reich werden, aber dann werde ich wohl alt sein«, versetzte Nikolas trübe. »Aber, ob reich, ob arm, ob alt oder jung, wir beide werden stets dieselben zueinander sein, und darin liegt unser Trost. Können wir uns je einsam fühlen, wenn wir dasselbe Dach über unsern Häuptern haben? Es ist mir, als wären wir noch gestern Kinder gewesen, Kate, und das Morgen scheint mir wie ein Bild, in dem wir gesetzte alte Leute sind, die auf dieses Herzweh von heute zurückblicken, als sei es längst vergangen. Wenn wir in späteren Jahren von den Tagen sprechen, wo unser Schritt noch leicht war und unser Haar noch nicht grau, so werden wir vielleicht noch dankbar sein für die Prüfungen, die uns so innig aneinandergekettet haben. – Dann suchen vielleicht junge Leute unsern Verkehr – Leute, so jung wie wir es jetzt sind –, Kate, wenn sie etwas von unserer Lebensgeschichte gehört haben werden.« Kate lächelte durch Tränen, als Nikolas ihr dieses Bild entwarf, aber es waren nicht Tränen des Schmerzes. »Habe ich nicht recht?« fragte Nikolas nach kurzem Schweigen. »Ja, ja; aber ich kann nicht beschreiben, wie glücklich es mich macht, daß ich nach deinem Wunsch gehandelt habe.« »Und du bereust es nicht?« »Nein-n-n-ein«, erwiderte Kate stockend und zeichnete mit ihrem kleinen Fuß Figuren auf den Boden. »Selbstverständlich bereue ich nicht, getan zu haben, was recht und ehrenhaft ist, aber es schmerzt mich, daß alles so kommen mußte; ich bin nur ein schwaches Mädchen, Nikolas, und es ist mir so nahegegangen.« Hätte Nikolas in diesem Augenblick zehntausend Pfund besessen, er würde sie in aufopfernder Liebe dem Mädchen mit den glühenden Wangen und den niedergeschlagenen Augen bis auf den letzten Penny hingegeben haben, hätte er sie dadurch glücklich machen können. So blieb ihm nichts, als sie durch freundliche Worte zu trösten, und er tat es denn auch mit solcher Wärme, daß die arme Kate ihm um den Hals fiel und versprach, nicht mehr weinen zu wollen. »Wer würde«, dachte Nikolas stolz, als er sich bald darauf in sein Geschäft begab, »wer würde nicht für Hingabe eines noch so großen Vermögens fürstlich belohnt sein durch den Besitz eines solchen Herzens! Frank ist reich, aber wie könnte er mit all seinem Geld sich ein besseres Herz erkaufen als das Kates? Und doch heißt es allgemein, daß, wenn zwei heiraten, der reiche Teil ein großes Opfer bringt und der arme ein gutes Geschäft macht. Aber ich denke eben wie ein Verliebter oder wie ein Esel, was so ziemlich auf eins herauskommt.« »Oh, Mr. Nickleby«, rief ihm Tim entgegen, als er an dem Glaskasten vorbeikam, »willkommen, willkommen! Wie geht es Ihnen! Sie sehen angegriffen aus – sßt, haben Sie schon gehört? Dick, die Amsel, trauert, seit Sie abwesend waren. Sie hat Sie mindestens ebenso lieb wie mich.« »Da ist sie lange nicht so gescheit, als ich dachte, wenn sie mich ihrer Beachtung nur halb so würdig hält wie Sie«, erwiderte Nikolas. »Nun, ich will Ihnen etwas sagen«, versetzte Tim und deutete mit der Federspitze nach dem Käfig, »Dick ist ein merkwürdiger Vogel. Mr. Charles, Mr. Ned, Sie und ich sind die einzigen Personen, die er beachtet. Aber es ist töricht von mir, Ihnen ebensoviel Teilnahme an dem Tierchen zuzumuten, als ich empfinde. Ich wollte eigentlich von dem armen jungen Menschen hören. Hat er noch der Brüder Cheeryble gedacht?« »O ja, sehr oft«, sagte Nikolas. »Das war schön von ihm«, entgegnete Tim und trocknete sich die Tränen. »Das war recht von ihm.« »Und auch an Sie hat er gedacht. So manches Mal, Mr. Linkinwater, und ich solle Sie vielmals herzlich grüßen.« »Nein, wirklich?« rief Tim aufschluchzend. »Der arme junge Mensch! Hätten wir ihn doch in der Stadt begraben lassen können. Es gibt in ganz London keinen so friedlichen Kirchhof wie den kleinen gegenüber auf der anderen Seite unseres Platzes. Lauter Geschäftsbureaus ringsum, und geht man an einem schönen Tage hin, so kann man die Hauptbücher und Schränke durch die offenen Fenster sehen. Also wirklich, er läßt mich grüßen? Ich hätte nicht gedacht, daß er meiner gedenken würde. Der arme Mensch. Der arme Mensch. Er ließ mich grüßen.« Tim war so tief ergriffen, daß er eine Weile gar nicht weitersprechen konnte. Wortlos verließ Nikolas das Schreibzimmer und begab sich in das Bureau Mr. Charles'. Bis dahin hatte er seine ganze Festigkeit behauptet, was ihm nicht wenig Mühe gekostet hatte. Der herzliche Empfang jedoch und die aufrichtige Teilnahme des wackeren alten Herrn ergriffen ihn so tief, daß er sein Leid nicht länger zu verbergen imstande war. »Fassen Sie sich, lieber Mr. Nickleby«, tröstete ihn Mr. Charles. »Wir dürfen uns dem Schmerz nicht allzusehr hingeben. Wir müssen lernen, Leid und Kummer ertragen, und uns in Unvermeidliches zu schicken suchen. Je länger der arme Smike gelebt hätte, desto unglücklicher hätte er sich in seiner Geistesschwäche gefühlt. Es ist am besten so, lieber Nickleby wirklich am besten.« »Das habe ich mir auch schon gesagt, Sir«, erwiderte Nikolas. »Das ist recht«, fuhr der alte Kaufmann fort, fast ebenso ergriffen, wie es der gute Tim gewesen. »So ist es recht. Mr. Linkinwater, wo ist mein Bruder Ned?« »Er ist mit Mr. Trimmer ausgegangen, um den unglücklichen Mann vom Quai ins Spital bringen zu lassen und eine Wärterin für die Kinder zu besorgen«, war die Antwort. »Ned ist ein braver – ein wahrhaft großer Mensch«, rief Mr. Charles, schloß die Türe und kehrte wieder zu Nikolas zurück. »Er wird sich unendlich freuen, Sie wiederzusehen. Jeden Tag haben wir von Ihnen gesprochen.« »Um Ihnen die Wahrheit zu gestehen«, begann Nikolas stockend, »freue ich mich eigentlich, Sie allein getroffen zu haben, denn es drängt mich, ein paar Worte mit Ihnen zu sprechen. Würden Sie mir einige Minuten Gehör schenken?« »Freilich, selbstverständlich«, rief Mr. Charles, gespannt aufblickend. »Reden Sie nur, lieber Herr, reden Sie.« »Ich weiß kaum, wo und wie ich anfangen soll, Sir«, stotterte Nikolas. »Wenn jemals ein Mensch Grund gehabt hat, von Liebe und Ehrfurcht für jemand durchdrungen zu sein und von einer Ergebenheit, die ihm auch das Schwerste leicht machen muß, so bin ich es, und glauben Sie mir, ich empfinde das tief.« »Ich glaube es Ihnen und freue mich darüber«, war die Antwort. »Ich habe nie daran gezweifelt und werde auch nie daran zweifeln.« »Sie sagen mir das so gütig«, fuhr Nikolas fort, »daß es mir Mut gibt, weiterzusprechen. Als Sie mir das erstemal Ihr Vertrauen schenkten und mich beauftragten, zu Miss Bray zu gehen, hätte ich Ihnen sagen sollen, daß ich sie schon lange zuvor gesehen und daß ihre Schönheit einen tiefen Eindruck auf mich gemacht hatte. Ich gab mir sogar große Mühe damals, ihren Aufenthaltsort auszuforschen und ihre näheren Verhältnisse kennenzulernen. Ich sagte es Ihnen nur nicht, weil ich törichterweise glaubte, ich würde imstande sein, meinen Gefühlen Herr werden zu können.« »Mr. Nickleby, ich bin überzeugt, daß Sie mein Vertrauen niemals mißbraucht oder irgendwelchen Vorteil daraus gezogen haben«, sagte Mr. Charles leise. »Nein, das habe ich auch nicht«, beteuerte Nikolas. »Zwar legte mir die Notwendigkeit, mich selbst zu beherrschen, mit jedem Tag einen schwereren Kampf auf, aber niemals sagte ich ein Wort, das Sie nicht hätten hören können. Bis zum jetzigen Augenblick bin ich meiner Pflicht treu geblieben, aber ich fühle, daß der beständige Umgang mit der schönen jungen Dame den Frieden meines Herzen gefährdet. Mit einem Wort, Sir, ich kann mir selbst nicht länger trauen und bitte Sie dringend, Miss Madeline unverzüglich aus unsrer Wohnung abholen zu lassen. Ich weiß, daß zwischen ihr und mir ein unermeßlicher Abstand besteht – um so mehr, als sie jetzt Ihr Mündel ist, und daß schon der Gedanke an Liebe zu ihr eine Unbesonnenheit und Anmaßung ohnegleichen für mich bedeutet. Ich weiß das alles sehr gut, aber wer ist imstande, sie zu sehen und sie nicht zu lieben? Ich habe keine weitere Entschuldigung, und da ich fürchte, der Versuchung nicht länger widerstehen zu können, so bleibt mir nichts weiter zu tun, als Sie zu bitten, sie zu entfernen, damit mir das Vergessen leichter wird.« »Natürlich können Sie weiter nichts tun, Mr. Nickleby«, sagte der alte Herr nach kurzem Schweigen. »Es war unrecht von mir, einem jungen Mann wie Ihnen eine solche Prüfung zuzumuten, und ich hätte die Folgen voraussehen sollen. Aber ich danke Ihnen jetzt. Ich danke Ihnen. Madeline soll sofort entfernt werden.« »Ich hätte nur noch eine Bitte an Sie, Sir«, fuhr Nikolas fort. »Bitte, sagen Sie ihr nie, was ich Ihnen mitgeteilt habe, damit ich nicht in ihrer Achtung sinke.« »Seien Sie deshalb unbesorgt«, beruhigte ihn Mr. Cheeryble, »und jetzt – oder haben Sie mir vielleicht noch etwas zu sagen?« »Ja.« »Ich kann mir schon denken, was es betrifft«, erwiderte Mr. Cheeryble, plötzlich sehr erleichtert. »Wieso haben Sie es erfahren und wann?« »Heute morgen.« »Und Sie hielten es für Ihre Pflicht, sogleich zu mir zu kommen und mir zu sagen, was Ihnen Ihre Schwester zweifellos mitgeteilt hat?« »Aber trotzdem hätte ich gerne noch vorher Mr. Frank gesprochen«, versetzte Nikolas. »Frank war gestern abend bei mir. Sie haben recht getan, Mr. Nickleby, seien Sie vielmals bedankt«, rief der alte Herr. Nikolas bat um die Erlaubnis, noch ein paar Worte hinzufügen zu dürfen, und drückte die Hoffnung aus, daß das, was er gesagt habe, nicht zu einer Entfremdung zwischen Kate und Madeline oder ihm und Frank führen möge. Dann erzählte er ausführlich, was zwischen ihm und Kate vor einer Stunde vorgefallen war, und sprach von seiner Schwester so warm und herzlich, daß ihn niemand ohne Rührung hätte anhören können. Schließlich wiederholte er in wenigen hastigen Worten den Ausdruck seiner tiefsten Ergebenheit für die beiden Brüder und sprach den Wunsch aus, weiter in ihren Diensten bleiben zu dürfen. Das Gesicht mit der Hand bedeckt, hörte ihn Mr. Charles in tiefem Schweigen an. Er selbst hatte nicht in seiner gewöhnlichen Art gesprochen, sondern in einer ganz ungewöhnlichen Beklommenheit und Verlegenheit. Nikolas fürchtete daher, einen Verstoß begangen zu haben, aber der alte Herr beruhigte ihn und versicherte, er hätte sehr recht gehandelt. Nach einer Weile murmelte er in Gedanken verloren vor sich hin: »Frank ist ein unbesonnener, höchst unbesonnener törichter junger Mensch! Ich werde Sorge tragen, daß die Sache unverzüglich aus der Welt geschafft wird. – Kommen Sie nach einer halben Stunde wieder«, setzte er laut hinzu, »Mr. Nickleby. Ich habe Ihnen seltsame Dinge mitzuteilen. Sie müssen mit mir zu Ihrem Onkel gehen. Er erwartet heute nachmittag unsern Besuch.« »Zu meinem Onkel? – Mit Ihnen, Sir?« rief Nikolas erstaunt. »Ja, mit mir. In einer halben Stunde werde ich Ihnen mehr sagen«, erwiderte der alte Herr. 62. Kapitel Ein letzter Besuch bei Ralph Nickleby Ralph Nickleby hatte sich wie ein Dieb aus dem Haus hinausgeschlichen, tappte sich wie ein Blinder auf der Straße weiter und blickte alle Augenblicke über die Schulter, als fürchte er, daß ihn jemand verfolge, der ihn zur Rede stellen oder zurückhalten wolle. Die Nacht war finster, und es wehte ein kalter Wind, der die eilenden Wolken ungestüm vor sich hertrieb. Eine schwarze düstre Masse wie die wilde Jagd zog am Himmel heran und schien Ralph zu folgen. Er stand mehr als einmal still, aber immer wieder ging er weiter, und traurig und langsam zog sie hinter ihm her wie ein schemenhafter Leichenzug. Ralphs Weg führte an einem Armenfriedhof vorbei, einem unheimlichen Ort, der ein paar Fuß höher lag als die Straße und von ihr durch eine niedrige Mauer und ein eisernes Gitter getrennt war. Es war ein modriger schauerlicher Ort, wo sogar das kümmerliche Gras und das Unkraut durch ihren verkrüppelten Wuchs andeuteten, daß sie über den Leichen von Armen grünten und mit ihren Wurzeln Nahrung sogen aus den Gräbern von Menschen, die in jämmerlichen Höhlen, in Hunger und Trunkenheit dahingesiecht waren. Da lagen sie jetzt – von den Lebenden nur durch ein paar Fuß Erde und ein paar Bretter geschieden – dicht und enge nebeneinander, so erbärmlich im Tod, wie sie im Leben gewesen – eine unabsehbare ekelhafte Schar. Da lagen sie fast Wange an Wange mit den Lebenden, mit einer dünnen Schicht Erde bedeckt und fast in Manneshöhe aufeinandergeschichtet; da lagen sie – eine grauenhafte Familie –, alle »liebe Brüder und Schwestern« desselben Geistlichen, der einst seine Amtspflicht gedankenlos und schluderhaft an ihnen geübt hatte. Als Ralph vorüberkam, erinnerte er sich, einmal einer Jury beigewohnt zu haben, die ihren Ausspruch über einen Selbstmörder abgegeben hatte, der hier beerdigt werden mußte. Er konnte sich nicht erklären, wieso ihm dieser Gedanke gerade jetzt durch den Kopf schoß, denn er war oft an dieser Stelle vorübergekommen, ohne daran zu denken. Jetzt blieb er stehen, hielt sich mit den Händen an dem eisernen Geländer fest und blickte neugierig hinüber, ob er nicht das Grab dieses Menschen entdecken könnte. Während er noch so dastand, kamen ein paar Betrunkene gröhlend und singend auf ihn zu, und einer von ihnen, ein kleiner buckliger Mensch, begann einen grotesken Tanz, worüber seine Genossen laut johlten. Ralph stimmte, ohne zu wollen, krampfhaft in das Gelächter mit ein, aber als der Zug vorüber war, jagten wieder die alten Gedanken durch sein Hirn. Er erinnerte sich, daß der Selbstmörder kurz vor seinem Tode noch eine wilde Heiterkeit zur Schau getragen haben sollte, und er entsann sich, wie seltsam ihn und andere Mitglieder der Jury dieser Umstand damals berührt hatte. Er ging weiter, aber je näher er seiner Wohnung kam, desto mehr bedrückte ihn die Stille und das Gefühl, wie öde es jetzt dort sein würde. Schaudernd erreichte er die Tür und konnte sich kaum entschließen, den Schlüssel umzudrehen. Kein Licht schien innen, alles lag traurig kalt und öd. Am ganzen Leibe zitternd ging Ralph die Treppe hinauf in sein Zimmer. Er war jetzt daheim und überließ sich ganz seinen Gedanken. Sein Kind – sein eigenes Kind, tot! An Nikolas' Seite gestorben! Und es hatte ihn geliebt! Ihn! Das war das Schrecklichste von allem. – Kein Geld konnte sein Leben zurückkaufen, und alles mußte ans Licht kommen und der Welt bekannt werden. Der junge Lord war ebenfalls tot, Hawk außer Land, zehntausend Pfund an einem einzigen Tag verloren und das Komplott in dem Augenblick, wo er sich des Sieges bereits sicher gewähnt, zunichte gemacht. Jetzt schwebte er selbst in Gefahr, und der Gegenstand seiner Verfolgung und der Liebe seines Neffen war sein eignes unglückliches Kind gewesen. Der Boden schien unter ihm zu wanken. Hätte er sein Kind noch am Leben gewußt und wäre es unter seinen Augen aufgewachsen, er würde ihm vielleicht ein gleichgültiger, harter und liebloser Vater gewesen sein, aber es hätte auch anders kommen können – dieser Gedanke drängte sich ihm auf. Sein Sohn hätte ihm ein Trost sein können. Er suchte sich zu überreden, der Umstand, daß ihn seine Frau treulos verlassen, habe viel dazu beigetragen, ihn zu dem harten mürrischen Mann zu machen, der er jetzt war. Er hatte das dunkle Gefühl, als sei er nicht immer so gewesen und als habe er Nikolas deshalb nur von Anfang an gehaßt, weil er jung und hübsch und seinem Nebenbuhler ähnlich gewesen sei, der die Schmach über sein Haupt gebracht hatte. Der einzige milde Gedanke mitten in diesem Sturm von Leidenschaft und Gewissensqualen war nur Öl in lodernde Flammen. Der Haß gegen Nikolas steigerte sich, als er daran dachte, daß nur dieser es gewesen, der ihm beständig im Wege gestanden. Er raste in seinem Grimm als ein Wahnsinniger, daß von allen lebenden Menschen gerade er seine Hand zur Rettung seines unglücklichen Kindes bieten mußte, daß er sein Freund und Beschützer gewesen und er ihn gelehrt habe, seinen eigenen Vater zu hassen und seinen Namen zu verwünschen. – Das war Gift und Galle in sein Herz. Er knirschte mit den Zähnen und ballte die Fäuste. »Er hat mich mit Füßen getreten und mich zugrunde gerichtet«, knirschte er. »Seine Worte sind zur Wahrheit geworden: die Nacht ist hereingebrochen für mich. Gibt es denn kein Mittel mehr, ihm seinen Triumph zu entwinden und die Barmherzigkeit dieser Leute und ihr Mitleid zuschanden zu machen? Ist denn kein Teufel da, mir zu helfen?« Plötzlich schwebte ihm die Gestalt des Selbstmörders schemenhaft wieder vor, wie er sie damals gesehen. Er hörte das Gejammer der Frauen, sah die bestürzten Gesichter der Männer – es war wie ein Sieg, den ein Klumpen Erde mit der einzigen Handbewegung, die das Leben ausgetilgt, über die Natur davongetragen hatte. Welche Verwirrung und Aufregung diese einzige Handbewegung verursacht hatte! Wie im Traum verließ Ralph leise das Zimmer und ging die knarrende Treppe hinauf – ganz hinauf in das Dachstübchen –, wo er die Türe hinter sich abschloß. Es war jetzt nichts weiter als eine Rumpelkammer, aber noch immer stand eine alte halbverfallene Bettstelle da – dieselbe, in der einst sein Kind geschlafen hatte. Ralph wich vor ihr zurück und setzte sich in den entferntesten Winkel. Der schwache Schein der Laternen auf der Straße, der durch das kleine Fenster hereindrang, verbreitete nur spärlich Helle in dem Gemach. Undeutlich konnte Ralph das Gerümpel und die zerbrochenen Möbel unterscheiden. Die durch das Dach gebildete schräge Wand lief vom Bretterboden bis hinauf in die Höhe. Auf den höchsten richtete er jetzt seinen Blick und starrte wie gebannt hin. Dann rückte er die alte Kiste, auf der er saß, näher, bestieg sie und tastete an einem Balken über seinem Kopf umher, bis er einen großen eisernen Haken, der dort eingeschraubt war, erfaßte. In diesem Augenblick ertönte unten ein lautes Klopfen an der Haustür. Zögernd öffnete Ralph nach einer Weile das Fenster und fragte, wer unten sei. »Ich wünsche Mr. Nickleby zu sprechen«, rief eine Stimme herauf. »Was will man von ihm?« »Das kann doch unmöglich Mr. Nicklebys Stimme sein«, hörte man einen Mann sagen. Aber doch war es so, und die Leute unten auf der Straße bestätigten es. »Die Herren Cheeryble wünschen zu wissen, was Mr. Nickleby verfügt, daß mit Brooker geschehen soll?« rief es wieder herauf. »Halten Sie ihn bis morgen zurück und schicken Sie ihn dann mit meinem Neffen, auch die Herren können mitkommen, zu mir.« »Zu welcher Stunde?« »Wann sie wollen«, entgegnete Ralph hastig, »sagen Sie ihnen meinetwegen: nachmittag; es ist mir gleichgültig, wann.« Er lauschte dem Schall der sich entfernenden Schritte, warf dann einen Blick zum Himmel hinauf, wo jetzt die schwarze Wolke, die ihn nach Hause verfolgt, gerade über seinem Dache stand. »Ich weiß jetzt, was sie bedeutet«, murmelte Ralph, »ich weiß, was die ruhelosen Nächte, meine Träume und meine Niedergeschlagenheit zu bedeuten hatten. Alles weist auf einen Punkt hin. Ach, wenn der Mensch durch Hingabe seiner Seele nur ein einziges Mal erkaufen könnte, was er wünscht, wie gern würde ich die meinige jetzt dafür hingeben.« Es schlug ein Uhr. »Lüg nur zu mit deiner eisernen Zunge«, knirschte Ralph, »juble nur bei Geburten, daß die Erbschleicher wütend die Fäuste ballen, und bei Ehen, die in der Hölle geschlossen werden. Jammere nur über die dem Tode Geweihten, deren Schuhe bereits durchgelaufen sind. Ruf nur die Menschen zum Gebet, die für fromm gelten, weil man sie nicht durchschaut. Und begrüße jedes neue Jahr, das diese verfluchte Erde ihrem Ende näher bringt. Aber mich laß in Ruhe. Werft mich auf einen Misthaufen. Laßt mich da verfaulen, damit ich eure Luft verpeste.« Rasend vor Wut, Haß und Verzweiflung, schüttelte er die geballten Fäuste gen Himmel und warf das Fenster zu. Regen und Hagel prasselten gegen die Glasscheiben, der Schornstein heulte, und der Wind rüttelte mit ungeduldiger Hand am Fensterrahmen, aber drin war niemand mehr, der geöffnet hätte. »Was hat das zu bedeuten?« rief jemand. »Die Herren sagen, sie klopften jetzt schon zwei Stunden lang vergebens.« »Er ist gestern abend bestimmt nach Hause gekommen«, sagte ein Mann; »ich habe ihn mit jemand aus dem Fenster sprechen hören.« Vor dem Hause hatte sich ein Haufen Menschen angesammelt und blickte zum Dachfenster hinauf. Die Haushälterin versicherte, der Schlüssel gehe nicht ins Schlüsselloch, da von innen abgesperrt sei. Endlich entschlossen sich ein paar der Kühnsten, durch ein Fenster hineinzuklimmen. Die andern blieben draußen erwartungsvoll stehen. Alles sei leer innen, hieß es. Dann klommen die Leute in das Dachstübchen hinauf, von dessen Fenster aus man angeblich Ralph Nickleby zuletzt gesehen haben wollte. Zögernd und furchtsam gingen sie hinauf und blieben vor der Türe stehen. Einer schaute durch eine Ritze, prallte zurück und flüsterte, es sei höchst seltsam: Mr. Nickleby stehe mitten im Zimmer. Man brach die Türe auf. Ein Schreckensruf! Ein Mann riß ein Messer aus der Tasche und schnitt den Strick durch, an dem Ralph hing. Ralph Nickleby hatte sich erhängt an einem Kofferstrick an demselben eisernen Haken unterhalb der Falltüre in der Decke, an derselben Stelle, zu der sein einsames verlassenes Kind so oft vor vierzehn Jahren emporgeblickt. 63. Kapitel Die Gebrüder Cheeryble geben verschiedene Erklärungen ab, teils für sich selbst, teils für andere; nur Mr. Timotheus Linkinwater gibt eine solche für eigene Rechnung ab Es waren mehrere Wochen verflossen, und der erste Eindruck von dem entsetzlichen Ereignis war verblaßt. Madeline hatte Mrs. Nicklebys Wohnung verlassen, Mr. Frank befand sich auswärts, und Nikolas und Kate hatten allen Ernstes angefangen ihren Schmerz niederzukämpfen, fest entschlossen, nur mehr ihrer Mutter zu leben, die sich immer noch nicht in den traurigen veränderten Zustand der Dinge zu finden wußte – da kam eines Abends Mr. Linkinwater und brachte im Namen der Brüder Cheeryble eine Einladung zu einem Mittagessen auf den übernächsten Tag, zu der nicht nur Mrs. Nickleby, Kate und Nikolas, sondern auch Miss La Creevy ausdrücklich gebeten waren. »Nun sagt mir nur, Kinder, was das zu bedeuten hat«, rief Mrs. Nickleby, als Tim sich wieder entfernt hatte. Nikolas lächelte. »Man ladet uns eben ein«, sagte er, »und will uns einen angenehmen Tag bereiten.« »Und du glaubst, das wäre alles?« »Was sollte es denn mehr sein, Mutter?« »Nun, dann will ich dir etwas sagen«, entgegnete Mrs. Nickleby; »ich weiß bestimmt, es handelt sich hier um eine Überraschung. Die Herren Cheeryble würden uns nicht so zeremoniell zu einem Mittagessen einladen für nichts und wieder nichts. Du wirst schon sehen. Natürlich, niemand glaubt mir wieder. Aber ihr werdet ja sehen. Nur behauptet dann nicht, daß ich es nicht vorausgewußt hätte.« Verstimmt brach Mrs. Nickleby das Thema ab und ging auf ein anderes über. Tag und Nacht fand sie keine Ruhe und glaubte jeden Augenblick, ein schweißtriefender Bote müsse die Türe aufreißen und die Nachricht bringen, Nikolas sei zum mindesten von den Gebrüdern Cheeryble zum Geschäftsteilhaber ernannt worden. »Es ist doch höchst merkwürdig«, sagte sie, »daß auch Miss La Creevy eingeladen ist. Das setzt mich wirklich in das größte Erstaunen. Es kann uns natürlich nur angenehm sein, und ich zweifle auch nicht, daß sie sich anständig benehmen und uns keine Schande machen wird. Und dann freut es mich auch sehr, daß eigentlich wir die Ursache sind, daß sie in gute Gesellschaft kommt. Es ist wirklich eine ungemein brave und gutmütige kleine Person. Wenn ihr nur irgendeine gute Freundin sagen wollte, wie schlecht ihr ihre Spitzenhaube steht und daß sie nicht immer so linkische Knickse machen soll. Aber so etwas sagt man natürlich nicht gern jemand ins Gesicht.« Diese Betrachtung erinnerte sie an die Notwendigkeit, sich selbst gehörig herauszuputzen, um durch den Kontrast den ungünstigen Eindruck, den Miss La Creevy machen könnte, zu beheben. Sie begann daher mit Kate ausführlich über Bänder, Handschuhe und Besätze zu beraten, und diese ungemein wichtige Frage nahm bald ihre ganze Aufmerksamkeit in Anspruch. Als der große Tag gekommen war, erschien Miss La Creevy mit ein paar Schachteln, von denen die eine beim Hereintragen sogleich den Boden verlor, und einem in ein Zeitungsblatt eingewickelten Paket, auf das sich im Omnibus ein Herr gesetzt hatte, weshalb der Inhalt vorerst sorgfältig wieder aufgebügelt werden mußte. Dann fuhren sie alle mit Nikolas zu den Herren Cheeryble. Während der Fahrt erging sich Mrs. Nickleby in den wildesten Vermutungen, was sie wohl zu essen bekommen würden, und quälte ihren Sohn mit Fragen, ob er denn nicht bemerkt, wonach es im Hause gerochen habe, ob vielleicht nach Schildkrötensuppe oder ähnlichem. Das brachte sie auf Reminiszenzen an Dinners, zu denen sie vor zwanzig Jahren geladen gewesen, und sie erbaute ihre Zuhörer mit den konfusesten Schilderungen. Der alte Diener empfing die Gesellschaft mit einem respektvollen Bückling und führte sie in das Besuchszimmer, wo sie von den beiden Hausherren mit solcher Herzlichkeit aufgenommen wurden, daß Mrs. Nickleby in größte Verlegenheit geriet und ganz darauf vergaß, Miss La Creevy zu bemuttern. Einen noch tieferen Eindruck machte der Empfang auf Kate, denn sie wußte, daß die beiden alten Herren alle näheren Umstände kannten, die zwischen Frank und ihr vorgefallen waren. Sie fühlte sich so beklommen, daß sie an Nikolas' Seite zitterte, aber Mr. Charles schloß sie sofort in die Arme und fragte sie, ob sie Madeline nicht wiedergesehen habe. »Nein, Sir«, versetzte Kate, »nicht ein einziges Mal wieder. Ich habe bisher nur einen Brief von ihr erhalten. Ich hätte nicht gedacht, daß sie mich so bald vergessen würde.« »Oh, Sie armes Kind!« scherzte der alte Herr und klopfte ihr liebevoll auf die Wange; »und was hältst du davon, lieber Ned? Denk dir, Madeline hat ihr nur einmal geschrieben – nur ein einziges Mal, und Miss Nickleby sagt, sie hätte nicht gedacht, daß sie sie so bald vergessen würde.« »Oh, das ist ja sehr schlimm, sehr schlimm«, rief Mr. Ned schalkhaft. Die Brüder warfen sich einen Blick zu und drückten einander verständnisvoll die Hand, als wünschten sie sich zu etwas sehr Angenehmem Glück. »Treten Sie einmal einen Augenblick in das Zimmer nebenan«, wendete sich Mr. Charles wieder an Kate, »und sehen Sie einmal nach, ob Sie nicht dort einen Brief von Madeline auf dem Tisch finden. Sollte es der Fall sein, so hat es mit Ihrer Rückkehr keine Eile. Wir essen noch nicht, noch lange nicht.« Kate tat, wie ihr geheißen, und Mr. Charles wandte sich, nachdem er ihrer anmutigen Gestalt freundlich mit den Augen bis zur Tür gefolgt war, an Mrs. Nickleby. »Wir haben uns erlaubt«, begann er, »Sie eine Stunde vor dem Dinner herzubitten, Madame, weil wir gern eine kleine Angelegenheit mit Ihnen besprechen möchten. Lieber Ned, möchtest du nicht Mrs. Nickleby mitteilen, was wir miteinander abgemacht haben? Sie, Mr. Nickleby, kommen vielleicht einen Augenblick mit mir.« Nikolas folgte ihm in ein anderes Zimmer und fand dort zu seinem Erstaunen Frank, den er noch auswärts geglaubt hatte. »Reicht euch die Hände!« rief Mr. Cheeryble. Einen Augenblick lang weidete sich der alte Herr schweigend an dem Anblick der beiden hübschen jungen Männer, setzte sich dann an sein Pult und sagte: »Ich möchte, daß ihr Freunde seid – treue innige Freunde. Kommt mal her, Frank und auch Sie, Mr. Nickleby.« Dann zog er aus seinem Pult ein Papier hervor und las: »Es ist das die Abschrift eines Testamentes eines Großvaters von Madelines mütterlicher Seite, worin ihr zwölftausend Pfund, zahlbar, sobald sie mündig oder verheiratet sein wird, verschrieben sind. Es scheint, als ob der alte Herr ihr gezürnt hätte, daß sie sich trotz seiner Bitten niemals unter seinen Schutz begeben und ihren Vater verlassen wollte, denn sein erstes Testament setzte ein wohltätiges Institut als Erbe ein. Er mag dies jedoch ein paar Wochen später bereut haben, denn noch im selben Monat schrieb er das gegenwärtige, das unmittelbar nach seinem Tod gestohlen wurde, während das andere die gerichtliche Bestätigung bekam. Wir haben inzwischen die nötigen Schritte getan, nachdem wir das zweite Testament gefunden hatten, und das Geld wurde wieder zurückbezahlt. Madeline ist daher jetzt alleinige Erbin und kann frei über das Vermögen verfügen. Habt ihr dies alles verstanden?« Frank bejahte, aber Nikolas, der nicht zu sprechen wagte, um seine Aufregung nicht zu zeigen, nickte nur mit dem Kopf. »Nun, Frank«, fuhr der alte Herr fort, »du bist eigentlich der erste gewesen, dem Madeline die Wiedererlangung dieser Urkunde zu verdanken hat. Das Vermögen ist zwar nicht bedeutend, aber wir haben Madeline ins Herz geschlossen, und wie die Sachen nun einmal stehen, wäre es uns lieber, du heiratetest sie als irgendein anderes Mädchen, das vielleicht dreimal soviel Geld hat. Willst du dich also um ihre Hand bewerben?« »Lieber Onkel«, entgegnete Frank, »ich habe mich für dieses Dokument nur in der Meinung interessiert, Madelinens Hand sei bereits an jemand vergeben, der tausendmal mehr Ansprüche an ihre Dankbarkeit und an ihr Herz besitzt als ich oder irgendein anderer. Es scheint, daß ich mich geirrt habe.« »Wie es gewöhnlich bei dir der Fall ist, mein Junge – wie es gewöhnlich der Fall ist«, rief Bruder Charles lustig. »Du wirst doch nicht glauben, Frank, es könne unser Wunsch sein, daß du des Geldes wegen heiratest, wo Jugend, Schönheit und Herzensvorzüge anderswo zu gewinnen sind? Wie konntest du dich unterstehen, Frank, um Mr. Nicklebys Schwester anzuhalten, ohne uns vorher einzuweihen, damit wir für dich Fürsprache halten könnten?« »Ich wagte kaum zu hoffen –«, stotterte Frank. »So, du wagtest kaum zu hoffen! Um so mehr hättest du unsern Beistand in Anspruch nehmen sollen. Mr. Nickleby, Frank liebt es zwar, vorschnell zu urteilen, aber diesmal hat er doch recht gehabt. Geben Sie mir Ihre Hand, Mr. Nickleby. Madelinens Herz ist vergeben – und zwar an Sie, was ich höchst selbstverständlich finde. Das Vermögen wird Ihnen zufallen, aber Sie haben in dem Mädchen einen noch viel größern Schatz als in dem Geld, und wäre es auch noch vierzigmal mehr. Ihre Wahl ist auf Sie gefallen, Mr. Nickleby; sie hat gewählt, wie auch wir – ihre treusten Freunde – für sie gewählt haben würden. Und Frank wählte gleichfalls nach unsrem Herzen. Er soll die kleine Hand Ihrer Schwester bekommen, Sir, und wenn sie ihn auch ein dutzendmal zurückgewiesen hätte – ja, das soll und muß er. Sie haben, als Sie unsre Ansicht noch nicht kannten, hochherzig gehandelt, aber jetzt, wo Sie sie kennen, Sir, müssen Sie sich eben fügen. Ihr beide seid die Kinder eines braven Mannes. Es hat eine Zeit gegeben, wo mein Bruder Ned und ich als ein Paar arme Jungen fast barfuß umherzogen, um unsern Lebensunterhalt zu finden, und Sie glauben doch wohl nicht, daß wir uns seitdem innerlich verändert haben? Da sei Gott vor. Ach Ned, Ned, was wird das heute für ein glücklicher Tag sein! Wenn doch unsre gute Mutter noch lebte, um Zeugin unsrer Freude sein zu können, Ned.« Bei diesen Worten eilte Mr. Ned, der kurz zuvor mit Mrs. Nickleby eingetreten war, auf seinen Bruder zu und umarmte ihn herzlichst. »So, und jetzt bringt uns unsre kleine Kate herein!« rief Mr. Charles nach einer Weile. »Bring sie herein, Ned. Ich muß sie sehen und umarmen und küssen. Ich habe jetzt ein Recht darauf. – Nun, kleines Mädchen, haben Sie den Brief gefunden, oder haben Sie vielleicht Madeline selbst getroffen? Haben Sie sich überzeugt, daß man Sie nicht vergessen hat? – Wahrhaftig, das ist der köstlichste Spaß von allem.« »Komm, komm!« mahnte Ned. »Frank wird eifersüchtig, und es könnte vielleicht noch vor dem Dinner ein Blutvergießen geben.« »So soll er sie mit sich nehmen, Ned«, rief Charles, »Madeline ist nebenan. Die Liebenden können jetzt das Feld räumen und untereinander ausmachen, was sie sich zu sagen haben. Schaff sie hinaus, Ned, ohne Federlesens!« Dabei ließ er seinen Worten die Tat folgen, führte das errötende Kätchen an die Tür und entließ sie mit einem Kuß. Frank folgte ihr blitzgeschwind, und Nikolas war bereits unsichtbar geworden. Es blieben also nur noch Mrs. Nickleby und Miss La Creevy, beide aus tiefstem Herzen schluchzend, und die Gebrüder Cheeryble mit Tim Linkinwater zurück, der inzwischen mit strahlenden Augen eingetreten war. »Nun, was meinen Sie, Tim Linkinwater?« fragte Mr. Charles. »Sind die jungen Leute jetzt glücklich?« »Sie haben sie nicht so lange in Ungewißheit gelassen, wie Sie anfangs wollten«, grollte Tim. »Sie hatten doch beschlossen, Mr. Nickleby und Mr. Frank erst noch lange auf die Folter zu spannen, bevor Sie mit der Wahrheit herausrückten!« »Ned«, rief der alte Herr, »Ned, hast du jemals einen solchen Bösewicht gesehen wie Tim Linkinwater? Jetzt schiebt er die Schuld auf mich und sagt gar nicht, daß er uns morgens, mittags und abends gequält hat, doch hingehen und alles ausplaudern zu dürfen, bevor noch unsre Pläne halb reif waren. Ist das eine Spitzbüberei, was, Ned?« »Ja, das ist es, Bruder Charles«, rief Ned Cheeryble. »Tim Linkinwater ist die Ruchlosigkeit selbst. Man kann ihm nicht mehr über den Weg trauen. Er ist ein Brausekopf. Er wird sich noch sehr die Hörner ablaufen müssen, ehe er ein achtbares Glied der menschlichen Gesellschaft wird.« Herzlich lachten alle drei über diesen Witz und würden vielleicht noch länger gelacht haben, hätten die Brüder nicht bemerkt, daß Mrs. Nickleby in der Überschwenglichkeit ihres Glücks auf die Gelegenheit brannte, ihren Gefühlen Worte zu geben. Sie nahmen sie daher in die Mitte und führten sie unter dem Vorwand, höchst wichtige Vorbereitungen mit ihr beraten zu müssen, ins anstoßende Zimmer. Tim Linkinwater und Miss La Creevy hatten einander schon sehr oft gesehen und stets gern und viel miteinander geplaudert. Sie waren von jeher die besten Freunde gewesen, und nichts konnte natürlicher sein, als daß jetzt Tim, da die kleine Malerin immer noch schluchzte, den Versuch machte, sie zu trösten. Da sie auf einem altmodischen Kanapee am Fenster saß, war es sehr natürlich, daß er sich zu diesem Zweck zu ihr setzte. »Weinen Sie nicht«, begann er mitleidig. »Ich muß«, schluchzte Miss La Creevy. »Oh, tun Sie es doch nicht«, sagte Tim, »bitte, tun Sie es nicht.« »Ach das Glück, ach das Glück«, schluchzte die kleine Malerin immerfort. »So lachen Sie doch lieber!« riet Tim. Was Tim mit seinem Arm anfangen wollte, war durchaus unerfindlich. Er stieß mit dem Ellbogen an das Fenster, neben dem Miss La Creevy saß, obwohl er offenkundig dort nichts zu schaffen hatte. »Lachen Sie«, wiederholte er, »oder ich muß auch weinen.« »Warum sollten Sie denn weinen?« fragte Miss La Creevy lächelnd. »Weil ich auch so glücklich bin«, antwortete Tim. »Wir sind beide glücklich, und ich möchte gern tun, was Sie tun.« Wohl nie war ein Mann so auf Nadeln gesessen wie jetzt Tim Linkinwater. Abermals stieß er an das Fenster – fast an dieselbe Stelle –, und Miss La Creevy sagte, er werde es bestimmt zerbrechen. »Ich wußte sicher«, begann er stockend, »daß das heutige Ereignis Ihnen Freude bereiten würde.« »Wie gütig es war, auch mich daran teilnehmen zu lassen«, rief Miss La Creevy. »Über nichts hätte ich mich auch nur halb so freuen können.« Warum wohl Miss La Creevy und Tim Linkinwater, statt laut miteinander zu sprechen, bloß flüsterten? Es handelte sich doch nicht um Geheimnisse. Und warum faßte wohl Tim Linkinwater Miss La Creevy so fest ins Auge, und Miss La Creevy blickte so unablässig auf den Boden? »Es ist für Leute, die wie wir ihr ganzes Leben einsam verbracht haben, erfreulich, wenn sich junge Leute, die sich lieben, zusammenfinden und jetzt eine so glückliche Zukunft vor sich haben«, sagte Tim. »Ja, da haben Sie recht«, bekräftigte die kleine Malerin aus tiefstem Herzensgrund. »Und doch«, fuhr Tim gedankenvoll fort, »führt es einem seine eigene einsame verlassene Lage so recht vor Augen. Finden Sie nicht auch?« Miss La Creevy meinte, sie wisse nicht, inwiefern. »Es könnte uns fast selbst auf Heiratsgedanken bringen nicht wahr?« fragte Tim. »Lächerlich! Unsinn!« rief Miss La Creevy errötend. »Wir sind zu alt dazu.« »Ach, gar keine Spur«, protestierte Tim. »Wir sind zu alt, um einsam weiterzuleben; warum sollten wir beide nicht lieber heiraten, statt die langen Winterabende allein am Kamin zu versitzen? Warum sollten wir nicht an einem gemeinsamen Kamin sitzen und uns heiraten?« »Ach, Mr. Linkinwater, Sie scherzen«, seufzte Miss La Creevy. »Nein, nein, ich gewiß nicht«, rief Tim. »Wenn Sie einverstanden sind, mache ich sofort Ernst. Sagen Sie ›ja‹.« »Die Leute würden drüber lachen –« »Sollen Sie lachen!« rief Tim mutig; »wir lachen einfach mit. Wir haben doch schon so oft miteinander gelacht, nicht wahr?« »Das ist allerdings richtig«, gab Miss La Creevy zu – wie es Tim vorkam, bereits in ihren Prinzipien stark erschüttert. »Es war die glücklichste Zeit meines Lebens – wenigstens solange ich nicht im Kontor und mit den Brüdern Cheeryble zusammen war«, erklärte Tim. »Lassen Sie sich erweichen, liebes Fräulein!« »Nein, nein, daran ist nicht zu denken. Was würden Ihre Chefs dazu sagen!« »Gott im Himmel«, rief Tim unschuldig, »Sie werden doch nicht glauben, daß mir der Gedanke an einen solchen Vorschlag gekommen wäre, ohne daß sie darum gewußt hätten. Deswegen haben sie uns ja gerade allein gelassen.« »Ach Gott, ich werde ihnen nie wieder ins Gesicht sehen können«, jammerte Miss La Creevy. »Willigen Sie ein! Lassen Sie uns ein glückliches Paar werden!« redete Tim auf sie ein. »Wir werden hier in dem alten Hause, wo ich schon vierundvierzig Jahre verlebt habe, wohnen, gehen zusammen in die alte Kirche, die ich jeden Morgen besuche, und dann haben wir meine alten Freunde um uns, Dick, den Torweg, den Brunnen, die Blumentöpfe, Mr. Franks Kinder und Mr. Nicklebys Kinder, denen wir Großvater und Großmutter sein wollen. – Lassen Sie uns ein glückliches Paar werden! Wie froh werden wir sein, wenn wir einander zur Seite stehen können, wenn wir einmal taub, blind, lahm oder bettlägerig sein sollten. Lassen Sie uns ein glückliches Paar sein, lassen Sie sich erweichen, liebes Fräulein!« Fünf Minuten nach dieser ehrlichen unumwundenen Liebeserklärung plauderten Miss La Creevy und Mr. Timotheus Linkinwater so ungezwungen miteinander, als wären sie schon sechzig Jahre miteinander verheiratet gewesen, ohne sich die ganze Zeit über auch nur ein einziges Mal gezankt zu haben, und nach weiteren fünf Minuten, als Miss La Creevy hinausgeeilt war, um zu sehen, ob ihre Augen nicht verweint und ihre Haare nicht in Unordnung wären, verfügte sich Mr. Timotheus Linkinwater mannhaften Schrittes in das Besuchszimmer und versicherte dort: Es gibt kein zweites ähnliches Frauenzimmer in ganz London – gewiß und wahrhaftig, kein zweites. Inzwischen hatte der apoplektische Diener infolge des unerhört langen Wartens fast Krämpfe bekommen, und Nikolas eilte auf sein stürmisches Mahnen hinunter, wobei ihn eine neue Überraschung erwartete. Er holte nämlich einen sehr anständig gekleideten Unbekannten ein, der sich ebenfalls ins Speisezimmer verfügen wollte, und dachte noch gerade nach, wer der Herr wohl sein möge, als dieser sich umdrehte und seine Hand ergriff. »Oh, Newman Noggs«, rief Nikolas erfreut. »Jawohl, Newman – Ihr Newman, Ihr alter treuer Newman Noggs. Ach, lieber Freund, mein teuerster Nikolas, ich wünsche Ihnen Glück und Segen in Hülle und Fülle. Ich kann es nicht ertragen, es ist zuviel, zuviel für mich – es macht mich fast zum Kind.« »Wo haben Sie denn bisher gesteckt?« fragte Nikolas. »Was haben Sie getrieben? Wie oft habe ich nach Ihnen gefragt und immer die Antwort bekommen, ich würde seinerzeit schon von Ihnen erfahren.« »Ich weiß, ich weiß«, versetzte Newman. »Die Herren wollten, daß alles Glück sich auf einen Tag häufen möge. Ich habe mitgeholfen. Ja, ich. Sehen Sie mich nur an, Mr. Nickleby, sehen Sie mich nur an.« – »Und warum haben Sie nicht mich das für Sie tun lassen?« fragte Nikolas mit sanftem Vorwurf. – »Ach, damals war mirs ja gleich, wie ich aussah; bessere Kleider hätten mich nur an alte Zeiten erinnert und unglücklich gemacht. Aber jetzt bin ich ein andrer Mensch, Mr. Nickleby; ich kann nicht sprechen – reden Sie nicht mit mir – nehmen Sie mir meine Tränen nicht übel – Sie können ja nicht wissen, wie mirs heute ums Herz ist.« Arm in Arm gingen sie in das Speisezimmer und nahmen nebeneinander Platz. Seit Erschaffung der Welt hat es wohl kein solches Mittagessen gegeben wie da. Da war der pensionierte Bankbeamte, Tim Linkinwaters Freund, und die dicke alte Dame, Tim Linkinwaters Schwester, und sie erwiesen Miss La Creevy so viel Aufmerksamkeiten, und der alte Bankbeamte machte so viel Späße, und Tim Linkinwater selbst war auf einer solchen Höhe von Heiterkeit, und die kleine Miss La Creevy benahm sich so komisch, daß diese vier allein schon die angenehmste Partie von der Welt gebildet haben würden. Aber da war noch Mrs. Nickleby, so vornehm und herablassend, Madeline und Kate erröteten so oft, und ihre Augen leuchteten so selig, und Nikolas und Frank waren so freundschaftlich zueinander und so stolz und alle vier so still selig – und Newman mehr als gewöhnlich bescheiden und doch dabei so überglücklich, und die Zwillingsbrüder wechselten so schelmische vergnügte Blicke, daß der alte Diener ganz versteinert war und nur mit tränentrüben Augen umherzuschauen vermochte. Je länger man bei Tisch saß, desto heiterer wurde die ganze Gesellschaft, und die Erklärung der beiden Brüder Cheeryble, nach Aufhebung der Tafel den Damen nicht eher gestatten zu wollen wegzugehen, bevor sie nicht der Reihe nach abgeküßt worden seien, gaben dem pensionierten Bankbeamten Veranlassung zu so viel Witzen, daß er sich selbst geradezu übertraf und als ein Wunder des Humors angesehen wurde. »Liebe Kate«, sagte Mrs. Nickleby, ihre Tochter beiseite nehmend, als die Damen hinausgegangen waren, »du glaubst doch nicht, daß die Geschichte mit Miss La Creevy und Mr. Linkinwater wirklich wahr ist?« »Warum sollte ich denn nicht, Mama?« »Das wäre ja geradezu unerhört!« rief Mrs. Nickleby. »Mr. Linkinwater ist doch ein vortrefflicher Mann und sieht für sein Alter noch sehr rüstig aus«, wendete Kate ein. »Für sein Alter – ja, mein Kind«, erwiderte Mrs. Nickleby. »Niemand würde etwas dagegen einzuwenden haben, wenn er sich verheiraten wollte. Aber er ist doch der törichteste Mann, der mir je vorgekommen! Wenn ich von Alter rede, so meine ich ihr Alter. Geht er her und bietet seine Hand einer Person an, die mindestens halbmal älter ist als ich, und sie nimmt an! Ich will nichts weiter sagen, Kate, aber sie ist mir im Herzen zuwider geworden.« Und den ganzen Abend benahm sich Mrs. Nickleby inmitten der allgemeinen Heiterkeit äußerst zurückhaltend und steif, um dadurch ihre Mißbilligung an der geradezu verletzenden Aufführung der kleinen Malerin an den Tag zu legen. 64. Kapitel Ein alter Bekannter taucht unter sehr kläglichen Umständen auf, und die Schule in Dotheboys Hall wird für immer geschlossen Nikolas gehörte zu den Menschen, deren Freude unvollkommen ist, solange sie nicht von Freunden geteilt wird. Umgeben von dem Glanz der ersten Liebe und Hoffnung sehnte sich sein Herz nach dem ehrlichen John Browdie. Er erinnerte sich seiner und der ersten Begegnung mit ihm zuerst mit einem Lächeln, dann mit Tränen im Auge. Wieder tauchte der arme Smike mit dem Bündel auf der Schulter vor seinem Geiste auf, und die ermutigenden Worte des derben Yorkshirers tönten ihm in den Ohren. Er setzte sich mehrmals mit Madeline zusammen nieder, um im Verein mit ihr einen Brief zustande zu bringen, der John von all den glücklichen Vorgängen der letzten Zeit in Kenntnis setzen und ihn der wärmsten Freundschaft und Dankbarkeit versichern sollte. Aber es war unmöglich. Der Brief kam nicht zustande wegen der ewigen wichtigen Unterbrechungen. Nikolas entschloß sich daher, von Madeline ermutigt, ein paar Tage Urlaub zu nehmen, um nach Yorkshire zu reisen und Mr. und Mrs. Browdie zu überraschen. Eines Abends begab er sich deshalb mit Kate nach dem »Mohrenkopf«, um dort einen Platz auf dem Stellwagen zu bestellen, aber auf dem Rückweg hatten sie einander so viel von Frank und Madeline mitzuteilen, daß sie sich in dem Straßengewühl zwischen Seven Dials und Soho verirrten. Um sich zurechtzufinden, ging Nikolas ein paar Treppen in ein Kellerlokal, aus dem ein Licht hervorschimmerte, hinunter. Eine keifende Frauenstimme schlug an sein Ohr. Er rief Kate zu sich. »Du schändlicher fauler nichtsnutziger Taugenichts«, rief die Frauenstimme, und man hörte mit dem Fuß aufstampfen, »warum drehst du die Mangel nicht?« »Ich tue es doch, mein Leben und meine Seele«, jammerte eine männliche Stimme. »Ich drehe und drehe sie ja in einem fort wie ein – äh – verteufeltes altes Pferd in einer verwünschten Mühle. Mein ganzes Leben ist doch ein – äh – verteufeltes, schauderhaftes unerträgliches Mahlen.« »Warum läßt du dich nicht als Soldat anwerben?« gellte die Frauenstimme. »Du bist doch sonst zu nichts nütze.« »Unter die Soldaten soll ich? Möchte mich meine Freude und meine Seligkeit in einem groben roten Rock mit kurzen Schößen sehen? Sehen, wie ich – äh – ein wirkliches Gewehr abschösse, die Haare und den Bart gestutzt und Augen rechts und Augen links mache und die weißen Hosen mit Kreide reinige?« »Nikolas«, flüsterte Kate, »du weißt nicht, wer die Leute sind. Es ist bestimmt Mantalini mit seiner Frau.« »Überzeuge dich, schau dir ihn an – ich will unterdessen nach dem Wege fragen«, sagte Nikolas. »Komm noch ein paar Treppen mit hinunter.« Sie lugten zusammen in einen kleinen Keller hinein, und hier präsentierte sich ihnen zwischen Wäsche und Waschkörben, zwar in Hemdsärmeln, aber immer noch in einem Paar alten gestickten Negligehosen von modernstem Schnitt, einer ehemals prächtigen Weste und dem bekannten Backen- und Kinnbart, die beide allerdings der glänzend schwarzen Farbe entbehrten, der elegante, einstmals so gigerlhafte Mr. Mantalini, eifrig bemüht, eine untersetzte Person, die Eigentümerin des Geschäftes, zu beruhigen, dabei aus Leibeskräften eine Wäschemangel drehend, deren Gekreisch zusammen mit den Keifereien der Frau einen fast taub machten. »O du Verräter«, rief die Dame und bedrohte Mr. Mantalinis Wangen mit einer Handbewegung. »Verräter? Ah verteufelt. Beruhige dich, meine Seele, mein sanftes bezauberndes – äh – verteufeltes bestrickendes Täubchen«, flehte Mr. Mantalini demütig. »Nein, ich will nicht«, kreischte die Frau. »Ich kratz dir noch die Augen aus.« »Oh, welch ein verteufelt wildes Lämmchen«, flötete Mr. Mantalini. »Dir ist nicht über den Weg zu trauen«, fuhr die Frau fort. »Den ganzen Tag bist du gestern nicht nach Hause gekommen und wahrscheinlich wieder Mädeln nachgelaufen – ich kenne dich schon. Es ist wohl nicht genug, daß ich zwei Pfund und vier Schillinge für dich bezahlte, um dich aus dem Gefängnis loszukaufen und hier leben zu lassen wie einen Gentleman? Fängt die alte Wirtschaft wieder an? Willst du mir noch das Herz brechen?« »Nein, ich will nicht Liebchens Herz brechen, ich will ein lieber Junge sein und es nie wieder tun. Ich will nicht mehr ungezogen sein und bitte nur um – äh – verteufelt – um Pardon«, säuselte Mr. Mantalini, ließ den Griff der Mangel los und faltete flehend die Hände. »Es ist jetzt ganz vorbei mit meines Schäfchens schönem Freund – er ist – äh – unter die verdammten Wauwaus gegangen. Will es nicht Mitleid haben, das süße Täubchen, und nicht mehr kratzen und beißen, sondern lieb sein und streicheln – äh – verteufelt.« Die stämmige Dame schien eben im Begriff zu sein, eine zornige Antwort zu geben, da fragte Nikolas laut, welchen Weg er einschlagen müsse, um nach Piccadilly zu gelangen. Mr. Mantalini drehte sich um, erkannte Kate und war mit einem Sprung in einem hinter der Türe stehenden Bett, zog sich die Decke über das Gesicht und strampelte krampfhaft mit den Beinen. »Äh verteufelt«, schrie er mit halberstickter Stimme, »es ist die kleine Nickleby. Schließ die Türe, lösch das Licht aus, wirf Wäsche auf mich – äh – verteufelt – verteufelt, verteufelt.« Die Frauensperson musterte zuerst Nikolas eine Weile und drehte sich dann verwundert nach ihrem Gatten um, aber da dieser gerade unglücklicherweise, um zu sehen, ob der Besuch schon fort sei, die Nase unter der Bettdecke hervorstreckte, so schleuderte sie urplötzlich mit einer offenbar durch lange Übung erworbenen Gewandtheit einen ziemlich schweren Wäschekorb mit solchem Erfolg nach ihm, daß er gleich darauf noch heftiger als zuvor mit den Beinen strampelte, jedoch immer noch nicht wagte, sein ganzes Gesicht sehen zu lassen. Nikolas hielt es daraufhin für geraten, sich einem etwa gegen ihn sich richtenden Zornesausbruch zu entziehen, und eilte mit Kate hinauf, es dem Ehepaar überlassend, sich seinen kurzen Besuch zu erklären. Am folgenden Morgen trat er seine Reise an. Es war kalt und winterlich geworden, fast wir es damals gewesen, als er seine erste Reise nach Yorkshire unternommen. Wehmütig erkannte er die vielen Ortschaften wieder, an denen er vorübergereist, und der letzte Abschnitt seines Lebens erschien ihm wie ein Traum. Spät abends langte er in Greta Bridge an, schlief im Gasthaus und ließ sich früh morgens zeitig nach John Browdies Wohnung führen. »Hallo«, rief eine Stimme innen, »was gibt's? Brennt das Dorf vielleicht? Schockschwerenot, ist das ein Spektakel!« Mit diesen Worten öffnete John Browdie selbst die Türe und riß gleich darauf die Augen so weit auf, wie nur irgend möglich, und schlug die Hände zusammen, dabei aus Leibeskräften schreiend. »Alle Hagel, Tilly, es ist Mr. Nickleby! Herein, lieber Freund, herein ans Feuer. Da steht schon ein guter Schluck bereit; nur jetzt kein Wort, ehe du nicht ausgetrunken hast, Mensch – hinunter damit. Schockschwerenot, freue ich mich, dich wiederzusehen.« Er zog Nikolas näher, drückte ihn in einen höchst bequemen Sessel am Kamin, schenkte ihm aus einer ungeheuren Flasche einen Viertelliter eines starken Getränkes ein, nötigte ihm das Glas an den Mund und stand, von einem Ohr bis zum andern grinsend, wie ein kreuzfideler Riese da. »Hätts doch gleich wissen können«, rief er immer wieder, »hätts an Ihrem Klopfen merken müssen, daß es kein anderer sein konnte als Sie. Haben S' vielleicht auch an dem Schulmeister seine Tür geklopft – was? Hahaha! Aber Donnerschock, was ist denn eigentlich mit dem Schulmeister passiert?« »Sie wissen es also schon?« fragte Nikolas. »Gestern abend hat sichs rumgesprochen, aber keiner hat recht gewußt, woran man ist.« »Er hat noch eine Zeitlang versucht, das Gericht mit Lügen an der Nase herumzuziehen«, berichtete Nikolas, »aber schließlich hat man ihn doch überwiesen und wegen Diebstahls eines Testaments zu sieben Jahren verurteilt. Und dann blüht ihm noch die Gerichtsverhandlung wegen Verbündnisses zu einem gewissen schurkischen Zweck.« »Verbündnis?« rief Browdie. »Aha, eine Art Pulververschwörung, was?« »Nein, nein, ich werde Ihnen später schon alles erzählen«, sagte Nikolas. »Das freut mich. Aber erst nach dem Frühstück erzählen S' mir alles, jetzt nicht, Sie müssen hungrig sein, ich bin's auch, und Tilly muß alles hören, denn sie sagt, das gehört zum ehelichen Leben. Hahaha, ein sonderbarer Einfall von ihr, was?« Mrs. Browdies Eintritt hielt ihn von weiteren Erörterungen dieses ernsten Themas ab. Tilly begrüßte Nikolas mit großer Herzlichkeit und trug dann ein treffliches Frühstück auf, dem alle drei gleich große Gerechtigkeit widerfahren ließen. Hierauf begaben sie sich in die gute Stube, die unterdessen behaglich geheizt worden war, um zu hören, was Nikolas erzählen werde. Nie hat es wohl eifrigere Zuhörer gegeben als sie. Das eine Mal ächzte der biedere John vor Teilnahme auf, dann wieder wollte er sich vor Freude fast totlachen. Einmal beteuerte er, er müsse sofort nach London, um die Gebrüder Cheeryble zu besuchen, und dann wieder schwor er, Tim Linkinwater portofrei einen so schönen Schinken zuzuschicken, wie noch nie einen das Messer eines Sterblichen zerlegt habe. Und als Nikolas Madeline zu schildern anfing, saß er mit offenem Munde da, nur hin und wieder seine Frau anstoßend und ihr zuflüsternd, das müsse eine tüchtige Rasse sein. Und als er schließlich vernahm, daß sein junger Freund ausdrücklich in der Absicht gekommen sei, um ihn von seinem Glück in Kenntnis zu setzen und alle Freundschaftsversicherungen mündlich zu überbringen, die er nicht habe niederschreiben können, und daß der Reise lediglich der Zweck zugrunde liege, sie nach seinem und Madelines sehnlichstem Wunsch zu einem Besuch zu bitten, sobald sie ein paar Tage frei hätten, da konnte er nicht länger an sich halten, warf erst noch seiner Frau einen unwilligen Blick zu, warum sie denn flenne, fuhr sich dann aber selbst mit dem Rockärmel über die Augen und heulte laut hinaus. »Und um wieder auf den Schulmeister zu kommen, muß ich Ihnen noch was sagen«, begann John endlich höchst ernsthaft, nachdem noch lange von beiden Seiten hin und her gesprochen worden war; »wenn sich die Neuigkeit heute im Schulhaus verbreitet, hat abends die alte Hexe und auch ihre Jungfer Tochter keinen ganzen Knochen mehr im Leib.« »O John«, rief Mrs. Browdie. »Was ›o John‹, was ›o John‹?« versetzte der Yorkshirer. »Gib acht, was die Buben tun. Als es zuerst hieß, der Schulmeister säße im Gefängnis, ließen einige Eltern ihre Jungen sofort abholen, und wird es weiter bekannt – Donnerwetter, setzt das dann einen Lärm und einen Aufruhr! Ich sage dir, sie werden rein aus der Haut fahren und Blut vergießen wie Wasser.« John Browdies Befürchtungen stiegen allmählich derart, daß er auf der Stelle beschloß, ohne Zögern nach Dotheboys Hall hinunterzureiten. Er lud Nikolas ein, ihn zu begleiten, aber dieser schlug es ab, um nicht durch seinen Anblick den Kummer der Familie Squeers noch zu erhöhen. »Hast recht«, rief John, »daran habe ich nicht gedacht.« »Und dann muß ich morgen nach London zurückkehren«, setzte Nikolas hinzu. »Aber heute will ich bei Ihnen zu Mittag essen, und wenn Sie ein Bett für mich übrig haben –« »Ein Bett?« rief John. »Ich wollte nur, Sie könnten gleichzeitig in vieren schlafen. Bleiben Sie jetzt hier, bis ich wieder da bin, und warten Sie auf mich. Sakrament, werden wir einen lustigen Abend haben.« Er ritt davon, band sein Pferd, in Dotheboys Hall angelangt, an ein Gitter, und ging direkt in die Schulstube, die er von innen verschlossen fand und aus der ein furchtbarer Lärm hervordrang. Die Rebellion war tatsächlich ausgebrochen und hatte sich folgendermaßen abgespielt: Es war gerade Schwefel-und-Sirup-Morgen gewesen, und Mrs. Squeers war mit einem riesigen Napf erschienen, gefolgt von Miss Fanny und dem liebenswürdigen Wackford, der während der Abwesenheit seines Vaters einen Teil der Exekutivgewalt an sich gerissen hatte, das heißt die größeren Zöglinge mit seinen Nagelschuhen trat, die kleineren an den Haaren riß und seine Mutter zu ihrer größten Freude in jeder Hinsicht tatkräftig unterstützte. Das gemeinsame Eintreten der drei hatte das Signal zum Aufstand gegeben. Eine Rotte Jungen hielt die Türe verschlossen, und ein anderer Haufe bestieg Tische und Bänke. Der zuletzt angekommene Kostschüler – somit der stärkste – hatte den Rohrstock ergriffen, Mrs. Squeers Haube und Hut vom Kopf gerissen, beides aufgesetzt, sich dann des hölzernen Löffels bemächtigt und ihr bei Todesstrafe befohlen, niederzuknien und ohne Weigerung eine große Dosis ihres eigenen Gebräus zu schlucken. Ehe sich die würdige Dame noch von ihrem Erstaunen hatte erholen können, wurde sie von einer Bande brüllender Jungen auf die Knie niedergerissen und gezwungen, einen Löffel der abscheulichen Mischung zu verschlucken, die durch vorheriges Eintauchen von Master Wackfords Kopf in den Napf noch schmackhafter geworden war. Abermals wurde Master Squeers in den Napf getaucht, und abermals mußte die Gnädige einen Löffel schlucken, während von einer andern Abteilung von Zöglingen ein heftiger Angriff auf Miss Squeers gemacht wurde. In diesem Augenblick stieß John Browdie mit einem gewaltigen Fußtritt die Türe ein und kam den Bedrängten zu Hilfe. Mit einem Schlag hörte das Geschrei, Gejohle und Getobe auf, und Totenstille trat ein. »Na, ihr Rangen«, rief John und blickte mit strengem Blick um sich, »was treibt ihr denn da für Unfug?« »Squeers ist im Gefängnis, und wir wollen fort«, rief ein halbes Hundert heller Stimmen. »Wir bleiben nicht länger – wir wollen nicht.« »Na, so lauft doch, was ihr könnt, davon«, riet John. »Wer hält euch denn? Lauft davon wie ordentliche Kerls, aber vergreift euch nicht an den Frauenzimmern.« »Hurra«, schrie der ganze Chor. »Hurra«, wiederholte John. »Lauft, was ihr könnt. Schaut, wo der Zimmermann das Loch gelassen hat. Hurra!« »Hurra!« echote der Chor. »Und noch einmal hurra!« rief John. »Noch lauter.« Die Jungen gehorchten. »Und noch einmal«, rief John. »Ihr braucht euch nicht zu genieren. Nur drauflos geschrien.« »Hurra!« Nie hatte man in Dotheboys Hall einen solchen Jubel je vernommen. Mit dem letzten Hurra leerte sich die Schulstube im Nu. Nicht ein einziges Kind blieb zurück. »Recht hübsch von Ihnen, Mr. Browdie«, ächzte Miss Squeers, zerrauft und gerötet von dem Kampf, den sie hatte bestehen müssen, aber bissig bis zur letzten Sekunde. »Sie haben unsere Pensionäre zum Fortlaufen verleitet; geben Sie acht, daß wir Ihnen das nicht heimzahlen, Mr. Browdie. Wenn mein Papa schon so unglücklich und von seinen Feinden unterdrückt wird, so lassen wir uns weder von Ihnen noch von Tilda auf so niederträchtige Weise behandeln.« »Braucht ihr auch nicht«, versetzte John derb. »Wir meinen's gar nicht bös. Ich sag's ruhig heraus, ich freue mich, daß sie den Alten endlich am Kragen haben. Ganz verdammt freu ich mich. Aber was euch betrifft, so habt ihr genug zu leiden, und weder Tilly noch ich werden euch verhöhnen oder euch ein Leid zufügen. Und wenn du einmal Freunde nötig hast, Fanny – rümpf die Nase nicht, Fanny, es könnte ja immerhin so kommen – , so wirst du Tilly und mich schon der alten Zeiten wegen immer zu einem Freundesdienst bereit finden. Glaubt nur nicht, ich spräche am Ende aus Furcht so und wegen dessen, was ich getan hab'. Ich rufe nochmals: Hurra und der Teufel hol' den Schulmeister.« Mit diesen Worten eilte John hinaus, bestieg sein Pferd und galoppierte eilends zu Nikolas und seiner hübschen jungen Frau zurück. 65. Kapitel Schluß Nach Ablauf der Trauerzeit reichte Madeline Nikolas ihre Hand zum Bunde, und zwar am selben Tag, an dem Kate mit Mr. Frank Cheeryble getraut wurde. Man hatte erwartet, Tim Linkinwater und Miss La Creevy würden bei dieser Gelegenheit offiziell das dritte Paar bilden, aber sie hatten die Einladung abgelehnt. Zwei oder drei Wochen später jedoch gingen sie eines Morgens vor dem Frühstück mitsammen spazieren; kamen ungemein heiteren Gesichtes zurück und erklärten, sie hätten sich in aller Stille trauen lassen. Nikolas legte die Mitgift seiner jungen Gattin in der Firma Cheeryble Gebrüder an, der auch Frank beigetretert war. Nach einigen Jahren hieß die Firma Cheeryble \& Nickleby, und so gingen Mrs. Nicklebys prophetische Ahnungen wirklich in Erfüllung. Die beiden Brüder zogen sich ins Privatleben zurück. Daß sie glücklich waren, ist wohl selbstverständlich. Sie lebten inmitten eines von ihnen selbst geschaffenen Glücks und lebten nur, um es noch zu erhöhen. Tim Linkinwater ließ sich nach vielen Bitten und Drohungen herab, ebenfalls an dem Geschäfte zu partizipieren, aber niemals war er dazu zu bringen, daß sein Name mit in die Firma aufgenommen werde. Mit gewohnter Pünktlichkeit und Regelmäßigkeit führte er weiter die Bücher. Er und seine Frau wohnten in dem alten Haus und behielten dasselbe Schlafzimmer bei, in dem er vierundvierzig Jahre gehaust hatte. Je älter die kleine Malerin wurde, desto heiterer und frohsinniger wurde sie, und so oft stritt man, wer glücklicher aussähe – Tim, wenn er ruhig lächelnd neben dem Kamin in seinem Armstuhl sitze, oder seine lebhafte, lachende ewig plaudernde kleine Frau, wenn sie sich unablässig im Garten zu schaffen machte. Dick, die Amsel, wurde aus dem Kontor entfernt und in einen warmen Winkel des Wohnzimmers gehängt. Unter dem Käfig prangten zwei Miniaturporträts, gemalt von Mrs. Linkinwater, sie selbst und Tim darstellend, beide nach allen Seiten lächelnd. Da Tims Kopf wie ein Dreikönigskuchen gepudert und seine Brille ungeheuer gut getroffen war, so mußte jeder Besuch ihn sofort erkennen und dabei auf die Vermutung geraten, das andere Porträt stelle seine Gattin dar, ein Umstand, der es ungemein erleichterte, richtig zu raten. So kam es, daß Mrs. Linkinwater mit der Zeit sehr stolz auf ihre Kunst wurde und die beiden Bilder zu den besten zählte, die sie jemals gemalt. Auch Tim glaubte felsenfest an die Ähnlichkeit, wie er denn überhaupt stets einer Meinung mit seiner Gattin war. Da Ralph ohne Testament gestorben war, wurden nach dem Gesetze gerade seine bittersten Feinde, Kate und Nikolas, seine Erben. Sie scheuten sich jedoch, sich mit so schmachvoll erworbenem Gelde zu bereichern; der Gedanke war ihnen unerträglich, und sie verzichteten daher auf ihre Ansprüche. Arthur Gride wurde wegen gesetzwidrigen Zurückbehaltens eines Testaments in Untersuchung gezogen. Den Kniffen seines Advokaten hatte er es zu verdanken, daß er freigesprochen wurde. Aber nicht zu seinem Heil, denn ein paar Jahre später brachen Diebe bei ihm ein und ermordeten ihn in seinem Bett. Grete Sliderskew mußte gleichzeitig mit Squeers eine gewisse unfreiwillige Seereise antreten und kehrte nie wieder zurück. Brooker starb reuig. Sir Mulberry Hawk lebte ein paar Jahre auf dem Kontinent, wurde aber nach seiner Rückkehr nach England sofort verhaftet und starb so jämmerlich und elend, wie es bei so hochfliegenden edlen Seelen gewöhnlich der Fall zu sein pflegt. Nikolas' erstes, nachdem er ein reicher Kaufmann geworden, war, daß er seines Vaters ehemaliges Haus zurückkaufte. Mit der Zeit, als eine Schar lieblicher Kinder dort spielte, wurde es verändert und erweitert, aber er ließ kein altes Zimmer einreißen, keinen alten Baum wegnehmen und nichts entfernen, woran sich Erinnerungen für ihn knüpften. Einen Steinwurf weit davon stand ein anderes, ebenfalls von munteren Kinderstimmen belebtes Landhaus, von der glücklichen Kate bewohnt. Mrs. Nickleby wählte abwechselnd ihren Aufenthalt bei ihrer Tochter und bei ihrem Sohn, trug stets eine große Würde zur Schau und verfehlte niemals, mit größter Feierlichkeit und Wichtigkeit ihre Erfahrungen betreffs Kindererziehung zum besten zu geben. Lange dauerte es, bevor sie bewogen werden konnte, Mrs. Linkinwater ihre Gunst wieder zuzuwenden, und es ist sogar zweifelhaft, ob sie ihr jemals ganz verzieh. Ganz nahe bei Nikolas' Landsitz wohnte Winter und Sommer über stets ein grauhaariger stiller und harmloser alter Herr, der in Nikolas' Abwesenheit die Aufsicht im Hause führte. Sein Hauptvergnügen bestand darin, mit den Kindern zu spielen. Die kleine Welt wußte ohne den »lieben Newman Noggs« nichts anzufangen. Auf Smikes Grab grünte das Gras, sorgsam gepflegt und begossen und von so kleinen und leichten Füßen betreten, daß auch nicht ein Hälmchen unter dem Druck einknickte. Die ganze Frühlings- und Sommerszeit über schmückten Kränze von Kinderhänden den Stein, und wenn die Kleinen kamen, um neue zu bringen, die dem da unten Schlafenden besser gefallen sollten als die Hinwelkenden, da füllten sich ihre klaren Augen mit Tränen, und sie sprachen leise von ihrem armen toten Vetter.