Lord George Byron Marino Faliero – Doge von Venedig. Historische Tragödie in fünf Acten. Dux inquieti turbidus Adriae. – Horaz Vorwort. Die Verschwörung des Dogen Marino Faliero ist eines der merkwürdigsten Ereignisse in den Annalen der eigenthümlichsten Regierung, Stadt und Volksrasse der modernen Geschichte. Sie trug sich im Jahr 1355 zu. Alles, was mit Venedig zusammenhängt, ist oder war außergewöhnlich: seine äußere Erscheinung ist eine Art Traumbild, seine Geschichte ein Roman. Die Geschichte des genannten Dogen ist in allen Chroniken der Stadt erwähnt, besonders ausführlich in den Lebensbeschreibungen der Dogen von Marin Sanuto, wovon im Anhang ein Auszug gegeben ist. Sie ist dort einfach und klar erzählt und vielleicht an sich schon dramatischer als jede auf Grund derselben versuchte dramatische Behandlung. Marino Faliero scheint ein Mann von Talent und Muth gewesen zu sein. Ich finde ihn als Oberbefehlshaber der Landarmee bei der Belagerung von Zara, wo er den König von Ungarn und dessen 80,000 Mann starkes Heer schlug und ihm 8000 Mann tödtete, während er zugleich die Belagerten im Schach hielt: eine That, die nur in Cäsars Operationen vor Alesia und in Prinz Eugen's vor Belgrad ihres Gleichen findet. In dem gleichen Kriege führte er später die Flotte und nahm Capo d'Istria. Er war Gesandter in Genua und Rom. Während des letzteren Ehrenamts erhielt er die Nachricht von seiner Erwählung zum Dogen. Seine Abwesenheit von Venedig mag als Beweis davon dienen, daß er diese Würde keiner Intrigue verdankte. Er erfuhr den Tod seines Vorgängers und seine eigene Ernennung in derselben Stunde. Zugleich scheint er aber auch ein Mann von heftiger Gemüthsart gewesen zu sein. Sanuto erzählt, daß er mehrere Jahre früher als Podestà, und Stadthauptmann von Treviso den dortigen Bischof mit Ohrfeigen tractirt habe, weil dieser etwas säumig in Darreichung der Hostie war. Dafür verdammt ihn der ehrliche Sanuto, wie Thwackum den Square, meldet uns jedoch nicht, ob er während seiner Amtsführung für diese Gewalttätigkeit vom Senate gestraft oder getadelt wurde. Jedenfalls scheint er im Frieden mit der Kirche geblieben zu sein, denn wir finden ihn, wie gesagt, als Gesandten in Rom; auch wurde er von dem Graf-Bischof von Ceneda mit Val di Marino in der Mark Treviso belehnt und mit dem Grafentitel beehrt. Meine Quellen hiefür sind: Sanuto, Vettor Sandi, Andrea Navagero sowie der Bericht über die Belagerung von Zara, der zuerst von dem fleißigen Abbate Morelli in seinen im Jahr 1796 gedruckten Monumenti Veneziani di varia Letteratura veröffentlicht wurde, welche Quellen ich sämmtlich im Original studirt habe. Die neueren Schriftsteller Daru, Sismondi und Laugier stimmen nahezu mit den alten Chronisten überein. Sismondi schreibt die Verschwörung der Eifersucht Faliero's zu, was aber durch keinen venezianischen Schriftsteller bestätigt wird. Vettor Sandi sagt allerdings: Altri scrissero che ... dalla gelosa suspizion di esso Doge siasi fatto (Michel Steno) staccar con violenza ) Andre schreiben, die Eifersucht des Dogen sei Schuld gewesen, daß er den Michel Steno mit Gewalt habe fortbringen lassen. etc. etc. Dies scheint jedoch keineswegs die allgemeine Ansicht gewesen zu sein, auch erwähnen Sanuto und Navagero nichts hievon, und Sandi selbst setzt gleich darauf hinzu: per altre Veneziane memorie traspiri, che non il solo desiderio di vendetta lo dispose alla congiura, ma anche la innata abituale ambizion sua, per cui anelava a farsi principe independente. Aus andern venezianischen Denkschriften ergibt sich, daß ihn keineswegs blos Rachsucht zu der Verschwörung veranlaßte, sondern auch sein angeborner Ehrgeiz, der ihm den Wunsch eingab, sich zum unabhängigen Herrscher zu machen. Die erste Veranlassung scheint allerdings, die derbe wörtliche Beleidigung gegeben zu haben, welche Michel Steno auf den Stuhl des Dogen schrieb, sowie die leichte und unangemessene Strafe, welche die Vierzig, zu deren drei Häuptern der Schuldige zählte, über denselben verhängten. Die Huldigungen Steno's scheinen übrigens nicht der Dogaresse selbst, sondern einem ihrer Fräulein gegolten zu haben, denn gegen den Ruf der ersteren liegt nicht der leiseste Verdacht vor, so hoch sie auch wegen ihrer Schönheit und Jugend gepriesen wurde. Auch finde ich nirgends – wofern man nicht den Wink Sanuto's dafür nehmen will – die Behauptung aufgestellt, daß Eifersucht auf seine Gemahlin die Triebfeder des Dogen gewesen sei, vielmehr scheint ihn einzig die Verehrung für sie und die Achtung für seine eigene Ehre, die auf seine vergangenen Dienste und seine gegenwärtige Würde fußte, geleitet zu haben. Von Engländern hat nur Dr. Moore die geschichtliche Thatsache in seiner Schilderung Italiens behandelt. Seine Darstellung ist jedoch unrichtig und oberflächlich, voll schaler Witze über alte Männer und junge Frauen: er wundert sich, daß eine so geringfügige Ursache eine so große Wirkung gehabt habe. Wie ein so scharfer und strenger Beobachter von Menschen, wie der Verfasser des Zeluco war, sich hierüber wundern konnte, ist schwer zu begreifen. Er wußte doch, daß ein auf Mistreß Masham's Kleid verschüttetes Glas Wasser den Herzog von Marlborough seines Commandos beraubte und zu dem unrühmlichen Frieden von Utrecht führte; daß Ludwig XIV. in den furchtbarsten Krieg verwickelt wurde, nur weil es seinen Minister Louvois geärgert hatte, daß der König ein Fenster im Schlosse tadelte und er ihn mit etwas Anderem beschäftigen wollte; daß Troja durch Helena verloren ging; daß die Tarquinier durch Lucretia aus Rom vertrieben wurden; daß Cava die Mauren nach Spanien brachte; daß ein beschimpfter Ehemann die Gallier nach Clusium und von da nach Rom führte; daß ein Vers Friedrich's II. von Preußen an den Abbé de Bernis und ein Witz über Madame de Pompadour die Schlacht von Roßbach zur Folge hatte; daß die Entführung Dearbhorgils durch Mac Murchad die Engländer veranlaßte, Irland in Ketten zu schlagen; daß ein persönlicher Hader zwischen Marie Antoinette und dem Herzog von Orleans die erste Verbannung der Bourbons beschleunigte; daß Commodus, Domitian und Caligula nicht wegen ihrer offenkundigen Tyrannei, sondern als Opfer der Privatrache fielen; daß der Befehl, welcher Cromwell das Schiff wieder verlassen hieß, in welchem er schon nach Amerika segeln wollte, den König und die Monarchie vernichtete. Nach solchen Vorgängen brauchte sich Dr. Moore darüber nicht zu wundern, daß ein Mann, der zu befehlen gewohnt war, und der die wichtigsten Aemter inne gehabt, in der Hitze seines Alters es aufs Aeußerste empfand, daß die gröbste Beleidigung, die einem Manne, sei er nun Fürst oder Bauer, angethan werden kann, ungerochen bleiben sollte. Das Alter Faliero's macht nichts zur Sache, es wirkt im Gegentheil nur verstärkend: Strohfeuer ist des jungen Mannes Wuth, Des Greisen Grimm ist Stahl in rother Glut, Der Jüngling schnell verletzt und schnell vergißt, Der Greis in Beidem sehr bedächtig ist. Laugier's Betrachtungen sind philosophischer: Tale fu il fine ignominioso di un uomo, che la sua nascità, la sua età, il suo carattere dovevano tener lontano dalle passioni produttrici di grandi delitti. I suoi talenti per lungo tempo esercitati ne' maggiori impieghi, la sua capacità sperimentata ne' governi e nelle ambasciate, gli avevano acquistato la stima e la fiducia de' cittadini, ed avevano uniti i suffragj per collocarlo alla testa della republica. Innalzato ad un grado che terminava gloriosamente la sua vita, il risentimento di un' ingiuria leggiera insinuò in suo core tal veleno che bastò a corrompere le antiche sue qualità, e a condurlo al termine dei scellerati, serio esempio, che proba non esservi età, in cui la prudenza umana sia sicura, e che nell' uomo restanto sempre passiono capaci a disonorarlo, quando non invigili sopra se stesso. Dies war das schmachvolle Ende eines Mannes, den Geburt, Alter und Charakter von den Leidenschaften hätten ferne halten sollen, welche große Verbrechen zur Folge haben. Die Talente, welche er viele Jahre lang in Ausübung der höchsten Aemter an den Tag gelegt hatte, seine Befähigung, welche, sich in der Verwaltung von Provinzen und bei Gesandtschaften gezeigt hatte, hatten ihm die Achtung und das Vertrauen seiner Mitbürger erworben und alle Stimmen vereinigt, um ihn an die Spitze der Republik zu stellen. Auf eine Stelle erhoben, wo er sein Leben ruhmvoll abschließen konnte, erzeugte eine leichte Beleidigung einen solchen Ingrimm in seinem Herzen, daß er genügte, um seine trefflichen Eigenschaften zu vernichten und ihm das Ende der Verbrecher zu bereiten, ein mächtiger Beweis, daß es kein Alter gibt, in welchem die menschliche Klugheit auf ganz sichern Füßen steht, und daß sich in jedem Menschen Leidenschaften bergen, die ihn entehren können, wenn er nicht über sich wacht. Wo hat Dr. Moore gefunden, daß Marino Faliero um sein Leben gebeten habe? Ich habe die Chroniken deshalb durchgestöbert, aber nichts der Art zu entdecken vermocht. Allerdings hat er Alles bekannt, auch die Tortur bestanden; aber nirgends steht, daß er um Gnade gefleht habe. Schon der Umstand, daß er auf die Folter gespannt wurde, spricht dafür, daß er keinen Mangel an Festigkeit gezeigt hat. Es wäre dies gewiß von den ins Detail eingehenden Geschichtschreibern, die ihn durchaus nicht schonen, erwähnt worden. Ein solches Benehmen wäre mit seinem Charakter als Soldat, mit der Zeit, in der er lebte, und dem Alter, in dem er starb, ebenso wenig zu vereinigen wie mit der historischen Wahrheit. Die Verleumdung eines geschichtlichen Charakters läßt sich aber durch nichts entschuldigen, mag derselbe uns in der Zeit noch so ferne liegen. Den Todten und den Unglücklichen ist man Wahrheit schuldig. Diejenigen, welche auf dem Schaffot gestorben sind, haben in der Regel wirkliche Fehler genug gehabt; man braucht ihnen nicht auch noch solche anzudichten, welche schon dadurch, daß sie sich den Gefahren ausgesetzt, die zu ihrem gewaltsamen Tode führten, ganz unwahrscheinlich werden. – Der schwarze Schleier, welcher in der Dogengalerie über die Stelle des Marino Faliero gemalt ist, und die Riesentreppe, auf welcher er gekrönt, abgesetzt und enthauptet wurde, erregten meine Einbildungskraft ebenso sehr, wie sein ungestümer Charakter und seine merkwürdige Geschichte. Im Jahre 1819 ging ich mehr als einmal nach der Kirche San Giovanni e Paolo und suchte nach seinem Grabe. Als ich einst vor dem Grabmal einer anderen Familie stand, kam ein Priester zu mir her und bemerkte: »Ich kann Ihnen noch schönere Denkmäler zeigen«. Ich sagte ihm: ich suche die Gräber des Hauses Faliero und besonders das des Dogen Marino. »O,« erwiderte er, »das will ich Ihnen zeigen!« und führte mich an die Außenseite der Kirche, wo ich einen Sarkophag mit einer nicht mehr leserlichen Inschrift in der Mauer erblickte. Er sagte, der Sarkophag habe sich in einem benachbarten Kloster befunden, sei aber während der Anwesenheit der Franzosen von dort entfernt und an seine gegenwärtige Stelle verbracht worden. Er habe bei diesem Anlaß die Gruft selbst gesehen, wo man noch einige Gebeine, aber keine sichere Spur der Enthauptung vorgefunden habe. Die Reiterstatue, die ich im dritten Acte als vor dieser Kirche stehend erwähnte, ist übrigens nicht die eines Faliero, sondern eines weniger bekannten Generals aus späterer Zeit. Bartol. Colleoni 1495. Es gab vor Marino noch zwei Dogen aus seiner Familie: nämlich Ordelafo, der im Jahre 1117 bei Zara, wo sein Nachkömmling die Ungarn schlug, fiel, und Vital Faliero, der schon im Jahre 1082 regierte. Die Familie stammte aus Fano und gehörte nach Alter und Reichthum zu den ersten Geschlechtern einer Stadt, die sich der reichsten und ältesten Häuser Europa's rühmte. Die Ausführlichkeit, womit ich mich über diesen Gegenstand verbreite, beweist, welch großes Interesse ich daran nehme. Ob mir nun die Tragödie gelungen ist oder nicht, so habe ich doch jedenfalls eine der Erinnerung würdige geschichtliche Begebenheit in unsere Sprache übertragen. Es ist jetzt vier Jahre her, daß ich das Werk begann. Ehe ich die Urkunden geprüft hatte, war ich geneigt, die Sache auf die Eifersucht Marino's zurückzuführen. Als ich aber sah, daß sich dies historisch nicht begründen ließ, und mir überdies die Eifersucht als ein ausgepeitschtes Thema erschien, gab ich dem Drama eine mehr historische Färbung. Der verstorbene Matthew Lewis, mit dem ich im Jahre 1817 in Venedig über mein Vorhaben sprach, gab mir hiebei einen guten Rath. »Wenn Sie ihn eifersüchtig machen,« sagte er, »so haben Sie mit Schriftstellern zu rivalisiren, deren Ruf fest begründet ist; Shakespeare's nicht zu gedenken, Ueberdies bleibt es ein verbrauchtes Thema. Halten Sie sich deshalb lieber an den wirklichen Charakter des heftigen alten Dogen, mit dem Sie wol hinauslangen, wenn er richtig gezeichnet wird; und machen Sie Ihren Plan so einfach als möglich.« Sir William Drummond gab mir nahezu den gleichen Rath. Inwieweit es mir gelungen ist, diesen Männern zu folgen, oder ob ihr Rath wirklich ein richtiger war, möge das Publikum entscheiden. Ich dachte dabei nicht an eine Darstellung auf der Bühne. Bei dem gegenwärtigen Zustande derselben könnte eine solche Darstellung auch nicht wohl das Ziel dichterischen Ehrgeizes sein. Ich selbst bewegte mich zu viel hinter den Coulissen, um zu glauben, daß die Bühne jemals etwas so Großes sein könnte, um unsern Ehrgeiz zu erregen. Ich kann auch nicht begreifen, wie sich ein Mann von empfindlichem Nervensystem der Gnade eines Auditoriums preisgeben mag. Der spöttelnde Leser, die laute Kritik und der beißende Recensent sind vereinzelte und mehr fern liegende Unannehmlichkeiten; aber das Gestampfe einer verständigen oder auch einer unverständigen Zuhörerschaft bei einer Darstellung, die, ob nun gut oder schlecht, jedenfalls den Schriftsteller eine geistige Anstrengung gekostet hat, ist ein unmittelbarer und greifbarer Schmerz, der dadurch noch erhöht wird, daß man die Urtheilsfähigkeit des Publikums bezweifelt, und einsieht, wie unklug man handelte, als man es zum Richter erkor. Wäre ich im Stande ein Drama zu schreiben, welches als bühnengerecht erachtet werden könnte, so würde mir der Erfolg kein sonderliches Vergnügen, ein Mißerfolg dagegen großen Aerger bereiten. Aus diesem Grunde habe ich, selbst zu der Zeit, da ich dem Comité eines Theaters angehörte, nie einen Versuch gemacht, ein Stück von mir au die Bühne zu bringen und werde es auch künftig nicht thun. So lange ich im Untercomité des Drury Lane-Theaters saß, haben meine Collegen und wie ich mir schmeichle, auch ich Alles gethan, um das ächte Drama wieder zur Geltung zu bringen. Ich versuchte alles Mögliche, um de Montfort wieder auf die Beine zu bringen, jedoch umsonst; ebenso wirkte ich vergebens zu Gunsten von Sotheby's »Iwan«, der doch als bühnenfähiges Stück galt. Auch gab ich mir alle Mühe, Coleridge zum Dichten einer Tragödie zu veranlassen. Diejenigen, welche nicht hinter die Coulissen sehen, werden es kaum glauben, daß »die Lästerschule« dasjenige Stück war, welches am wenigsten Geld eintrug, wenn man die Durchschnittssumme seiner Vorstellungen in Rechnung zieht. So versicherte mir wenigstens der Unternehmer Dibdin. Was seit der Aufführung von Matuvins »Bertram« geschah, weiß ich nicht. Vielleicht thue ich aus Unwissenheit eingen trefflichen neueren Dramatikern Unrecht; sollte dies der Fall sein, so bitte ich ihnen ab. Ich war beinahe fünf Jahre von England abwesend, lese erst seit einem Jahre wieder englische Zeitungen und wurde bis dahin nur durch den Pariser Galignani und zwar nur für die letzten zwölf Monate mit Theaterangelegenheiten auf dem Laufenden erhalten. Ich bitte deshalb alle tragischen oder komischen Schriftsteller, denen ich zwar alles Gute wünsche, von denen ich aber nichts weiß, um Verzeihung. – Die Klage über den gegenwärtigen Zustand der Bühne hat übrigens ihren Grund nicht in den Schauspielern. Ich kenne keine besseren Darsteller als Kemble, Cooke und Kean in ihren sehr verschiedenen Partieen, oder als Elliston im feineren Lustspiel und einigen tragischen Rollen. Miß O'Neill sah ich nie, da ich den festen Vorsatz gefaßt und bis jetzt auch gehalten habe, mir die Erinnerung an die Siddons durch nichts zu stören oder theilen lassen. Die Siddons und Kemble waren meine Ideale tragischer Darstellung; ich sah nie Etwas, was ihnen gleichkam, nicht einmal in der äußeren Erscheinung. Deshalb werden wir Coriolan und Macbeth nicht wieder sehen wie damals. Wenn man an Kean getadelt hat, daß es ihm an Würde fehle, so müssen wir bedenken, daß dies etwas Angeborenes und nicht Sache der Kunst ist, noch durch Studium gewonnen werden kann. In allen nicht übernatürlichen Rollen ist Kean vollkommen, selbst seine Fehler gehören zu der Rolle, oder scheinen dazu zu gehören, und erscheinen wahrer als die Natur. Von Kimble aber können wir mit Beziehung auf seine Darstellungsgabe dasselbe sagen, was der Cardinal de Retz von dem Marquis von Montrose sagte: »er ist der einzige Mann, der uns an die Helden des Plutarch erinnert hat«. Aber gewiß ist da, wo eine Johanna Baillie, ein Millman und em John Wilson leben, eine dramatische Kraft vorhanden. »Die Stadt der Pest« und »Der Fall von Jerusalem« gehören zu dem besten Tragödienmaterial, das seit Horace Walpole da war, mit Ausnahme einiger Stellen aus Ethwald und de Montfort. Es ist jetzt Mode. Horace Walpole herabzusetzen, erstens weil er von Adel und zweitens weil er en Mann von Welt ist. Aber abgesehen von seinen unvergleichlichen Briefen und von dem Castell von Otranto, ist er der »ultimus Romanorum« , der Verfasser der geheimnißvollen Mutter, einer Tragödie ersten Ranges, die von einem winselnden Liebesstück weit entfernt ist. Er ist der Vater des ersten Romans und der letzten Tragödie in unserer Sprache, und gewiß eines höheren Platzes würdig als jeder lebende Schriftsteller, heiße er wie er wolle. Bei Besprechung meines Marino Faliero vergaß ich vorhin zu erwähnen, daß der Wunsch, mich mehr der dramatischen Einheit zu nähern, als der Regellosigkeit zu fröhnen, die man dem englischen Drama häufig zum Vorwurf macht, mich veranlaßt hat, die Verschwörung als bereits vorhanden anzunehmen und den Dogen erst hinzutreten zu lassen, während dieselbe in Wahrheit durch ihn und Israel Bertuccio angezettelt wurde. Die übrigen Charaktere – den der Dogaresse ausgenommen – die näheren Umstände und nahezu auch die Zeit, die für ein solches Beginnen in der Wirklichkeit merkwürdig kurz war, sind streng historisch behandelt, mit der alleinigen Ausnahme, daß in der Wirklichkeit alle Berathungen der Verschworenen im Dogenpalaste selbst Statt fanden. Hätt' ich dies beibehalten, so wäre die Einheit noch besser gewahrt worden. Es war mir aber darum zu thun, den Dogen mitten unter die versammelten Verschworenen treten zu lassen, statt daß er in monotoner Weise stets im Dialog mit den gleichen Individuen erschien. Der Anhang enthält den wirklichen Thatbestand. Marino Faliero. Personen des Dramas. Marino Faliero, Doge von Venedig. Bertuccio Faliero, dessen Neffe. Lioni, Patrizier und Senator. Benintende, Präsident des Raths der Zehen. Michel Steno, eines der drei Häupter der Vierzig. Israel Bertuccio, Arsenalaufseher, Philipp Calendaro, Dagolino, Verschworene. Bertram, Offiziere vom Nachtdienst. Erster Bürger. Zweiter Bürger. Dritter Bürger. Vincenzo, Pietro, zum Hause des Dogen gehörig. Battista, Secretär des Raths der Zehen. Wachen. Verschworene, Bürger. Der Rath der Zehen. Die Giunta. Angiolina, Gemahlin des Dogen. Marianna, ihre Freundin. Weibliche Dienerschaft. Ort der Handlung: Venedig im Jahre 1355. Erster Akt Erster Auftritt. Vorsaal im Dogenpalast. Pietro tritt im Gespräch mit Battista herein. Pietro . Der Bote ist noch nicht zurück? Battista . Noch nicht! Ich sandte öfter, wie Ihr mir befahlt; Doch immer noch beräth die Signoria. Sie streitet lange über Steno's Strafe. Pietro . Zu lange, meint der Doge. Battista . Wie erträgt Er dieses Aufschubs Pein? Pietro . Mit Ungeduld! An seinem Dogenschreibtisch sitzt er, den Ein großer Schriftenkram des Staates deckt: Bittschriften, Meldungen, Erlasse, Akten, Aufschubbefehle, Richtersprüche – kurz Er scheint ganz aufgegangen in dem Amt; Doch wenn er eine Thüre gehen hört, Etwas, das wie ein Schritt, der nahet, schallt, Das Murmeln einer Stimme – blitzt sein Aug' Uno er fährt auf von seinem Stuhl, hält inn' Und setzt sich wieder, heftet neu den Blick Auf ein Decret. Doch sah ich wol, daß er Kein Blatt gewendet seit der letzten Stunde. Battista . Es heißt, er sei sehr aufgebracht. Es war Von Steno auch ein schlechter Spaß, so grob Ihn zu beleidigen. Pietro . Jawol, wenn er Ein armer Teufel wär'! Doch Steno ist Ein Nobile und keck und flott und stolz. Battista . So glaubt Ihr wol, er werd' nicht hart gestraft? Pietro . Es wär' genug, würd' er gerecht gestraft. Doch unsre Sache ist es nicht, den Spruch Der Vierzig schon im Voraus zu bekritteln. Battista . Da kommt er ja! – Wie ist's, Vincenzo? Vincenzo tritt auf. Vincenzo . Nun! Das Urtheil ist gefällt, jedoch bis jetzt Noch unbekannt. Ich sah es selbst, wie grad' Der Präsident sein Siegel drückte auf Das Pergament, das jener Vierzig Spruch Dem Dogen bringt, und eile, ihm's zu künden. (Alle ab.) Zweiter Auftritt. Gemach des Dogen. Marino Faliero. Bertuccia Faltern. Bertaccio Faliero . Sie müssen Euch Gerechtigkeit gewähren! Doge . Wir die Avogadori thaten – ja! Als meine Klage an die Vierzig sie Gesandt, damit er dort durch seines Gleichen, Sein eigen Tribunal gerichtet würd'! Bertuccio Faliero . Die werden schwerlich ihn beschützen können: Ein solch' Vergehn kränkt jede Obrigkeit. Doge . Kennt Ihr Venedig nicht? Die Vierzig nicht? Doch gleich wird man's ja sehn. Bertuocio Fallera (zu dem eintretenden Vincenzo.) Was gibt es Neu's? Vincenzo . Ich bin beauftragt, Seiner Hoheit kund Zu thun, daß seinen Spruch erlassen hat Der Hof, und nach durchlauf'nem Formengang Zu Füßen ihn dem Dogen legen wird. Zugleich begrüßen jene Vierzig Euch Als Haupt der Republik und bitten Euch, Den Ausdruck zu genehm'gen ihrer Pflicht. Doge . Ja! sie sind äußerst pflichtgetreu und stets Demüthiglich! Ihr sagt, das Urtheil sei Gefällt? Vincenzo . So ist es, Hoheit! Als man mich Hereinrief, siegelt' es der Präsident, Damit kein Augenblick verloren ging, Um nicht dem Haupte nur der Republik, Nein, auch dem Kläger, die ja beide Eins, Die schuld'ge Mittheilung davon zu machen. Bertuccio Faliero . Habt Ihr aus irgend einem Umstand wol Den Inhalt ihres Urtheilsspruchs errathen? Vincenzo . Nein, Herr! Ihr wißt ja, wie geheimnißvoll Die Richter in Venedig sind. Bertuccio Faliero . Wol wahr, Doch gibt es immer was, das schließen läßt, Wenn feine Nase, scharfes Auge spürt: Ein Flüstern, Murmeln, eine Miene selbst, Die ernster oder wen'ger ernst sich zeigt. Die Vierzig sind doch immer Menschen nur, Sehr ehrenwerthe, weise und gerechte, Ich geb' es zu, und so geheimnißvoll Fast wie das Grab, zu dem sie Manchen schon Verdammt; jedoch trotz alle Dem kann man Aus ihren Mienen, wenigstens der Jungen, Mit einem scharfen Blick, mit einem Blick, Wie Eurer ist, Vincenzo! einen Spruch, Noch eh' er ausgesprochen, sattsam lesen. Vincenzo . Man schickte gleich mich weg, Signor, so daß Ich keine Zeit bekam, zu merken, was Sich in den Mienen dieser Herrn begab; Auch ließ mich meine Stellung, nahe bei Dem Angeklagten, Michel Steno, nicht – Doge (heftig.) Und wie sah Er aus? Das berichtet mir. Vincenzo . Nun, ruhig, nicht betrübt. Er schien ergeben, Was immer auch sein Urtheil möchte sein. Doch seht, da bringt man Euch den Spruch! Der Secretär der Vierzig tritt ein. Secretär . Der Vierzig hohes Tribunal entbeut Ehrfurcht und Heil dem Dogen Faliero, Venedigs höchster Obrigkeit, und bittet, Daß Seine Hoheit les' und gut befinde Den Spruch, den über Michel Steno, den Patrizier, es gefällt, der wegen des Vergehns ward angeklagt, das nebst der Strafe In dem Berichte hier enthalten ist. Doge . Zieht euch zurück und wartet draußen. (Der Secretär und Vincenzo treten ab.) Nimm! Die Zeichen schwimmen mir wie Nebel vor Dem Aug', ich kann sie fest nicht halten. Bertuccio Faliero . Ruh'! Faßt, theurer Oheim, Euch! Was zittert Ihr? Es fällt gewiß nach Eurem Wunsche aus. Doge . Mach' fort! Bertuccio Faliero (liest) . »Einstimmig ward beschlossen heut' Im Rath, daß Michel Steno, der – wie selbst Er zugestanden – in der letzten Nacht Des Carnevals den Dogensessel mit Den Worten frech beschrieb« – Doge . Willst etwa du Sie wiederkäun? Du, ein Faliero selbst, Dich wälzen in der Schande unsres Hauses, Das man in seinem Haupt beschimpft, dem Fürsten Des einzigen Venedig? – Fort! den Spruch! Bertuccio Faliero . Verzeihung, lieber Oheim! Ich gehorche: (Liest.) »Daß Michel Steno einen Monat lang In strenger Haft gehalten werden soll« – Doge . Nun weiter, weiter! Bertuccio Faliero . Es ist aus. Doge . Was sagst Du? Aus?! – Ja träum' ich denn? – Das ist nicht wahr! Gib das Papier! (Reißt ihm das Papier aus der Hand und liest:) »– Beschlossen heut' im Rath, Daß Michel Steno« – – Neffe, deinen Arm! Bertuccio Faliero . Faßt Euch! nur Ruh'! Dies unvorhergeseh'ne – Ich will nach Beistand gehn. Doge . Halt, Neffe! Bleib! 'S ist schon vorbei! Bertuccio Faliero . Ich muß wol Recht Euch geben: Der Spruch ist für die Schmähung allzu leicht. Nicht ehrenwerth von jenen Vierzig ist's, So nied're Strafe für was anzusetzen, Das eine schwere Kränkung war für Euch, Und selbst für sie als Eure ersten Räthe. Doch ist die Sache drum noch nicht verloren, Noch einmal könnt' an sie ihr appelliren, Könnt' auch an die Avogadori gehn, Die, sehn sie jetzo, daß kein Recht Euch ward, Gewiß den vorher abgelehnten Fall Zu Händen nehmen und den kecken Frevler Jetzt richten werden nach Gerechtigkeit. Seid Ihr nicht auch der Ansicht, lieber Ohm? – Warum in Euch gekehrt? – Ihr hört mich nicht. – Ich bitt' Euch, hört! Doge (wirft die Dogenmütze zu Boden und will sie mit Füßen treten, wird aber von seinem Neffen zurückgehalten). O nähm' der Sarazen San Marco's Stadt! So wollt' ich huld'gen ihm! Bertuccio Faliero . Um's Himmels, aller Heil'gen willen, Ohm! Doge . Hinweg! o wär' der Genuese hier! O stünd' der Ungar, den bei Zara ich Darniederwarf, jetzt vor dem Dogenschloß! Bertuccio Faliero . Venedig's Doge sollte so nicht sprechen. Doge . Venedig's Doge! Wer ist Doge hier? Ich möcht' ihn sehn, daß er mir Recht verschaffe. Bertuccio Faliero . Wenn Amt und Pflicht und Würde Ihr vergeßt, Gedenkt der Mannespflicht, und laßt Euch nicht Hinreißen von der Leidenschaft. Ein Doge – Doge (unterbricht ihn). 'S gibt keinen mehr! Es ist ein Wort! nein, nicht Einmal! Zum schnöden Sprichwort ward's! So heißt Von nun an ein verachteter Gesell, Ein vielgeschmähter, hilflos armer Wicht! Wer fruchtlos bei dem Einen fleht um Brod, Trifft bei dem Andern doch ein milder Herz. Wer aber da, wo Recht man finden soll, Kein Recht erhält, ist ärmer als der Bettler, Der abgewiesen ward: er ist ein Sklave! Und das bin ich von dieser Stunde an, Bist du, ist unser ganzes Haus! Der Lump Wird mit den Fingern höhnisch auf uns deuten, Der stolze Edelmann mag nach uns spein. Wo finden Hilfe wir? Bertuccio Faliero . In dem Gesetz, Mein Fürst! Doge (unterbricht ihn). Ihr seht, was es vermag. Nur beim Gesetz hab' Hilfe ich gesucht. Nicht Rache, Genugthuung nur sucht' ich beim Gesetz; Berief die Richter nur nach dem Gesetz, Bat meine Untergeb'nen – ich, der Fürst! – Die Männer, die zum Herrscher mich gemacht Und so ein doppelt Recht mir gaben, so Zu thun. Das Recht des Rangs, der Wahl, des Bluts Verdienst's, des Alters, diese Narben hier, Mein graues Haar, so manche Müh' und Noth, Gefahr und Pein von achtzig Jahren fast, Mein Blut und Schweiß, sie lagen in der Schale Und in der andern der gemeinste Schimpf, Die gröbste Kränkung, das verächtlichste Vergehn, ein frecher, geiler, hitziger Patrizier, – und in die Luft geschnellt! Ist das zu tragen, he? Bertuccio Faliero . Das sag' ich nicht. Wenn ein erneuter Anruf scheitern sollte, So finden wir wol andre Mittel noch. Doge . Ein neuer Anruf? Bist mein Neffe du? Ein Sprosse du von der Faliero Stamm? Des Dogen Neffe? von dem Fürstenblut, Das drei Mal schon Venedig Dogen gab? Doch du hast Recht! Jetzt gilt's demüthig sein. Bertuccio Faliero . Ihr seid zu aufgeregt, mein Fürst und Ohm! Ich geb' es zu: der Schimpf war grob, und gröblich Ward keine Strafe ihm, wie sich geziemt; Doch Eure Wuth schießt übers Ziel hinaus. Wenn man uns Unrecht that, so fordern wir Gerechtigkeit; wird sie verweigert, nun, So nehmen wir sie selbst. Doch alles Das Kann ja in Ruh' geschehn. Die tiefe Rache Ist tiefsten Schweigens Kind. Ich zähle kaum Den dritten Theil erst Eurer hohen Jahre, Ich liebe unser Haus, ich ehre Euch, Des Hauses Haupt und meiner Jugend Hüter. Doch wenn ich Euern Schmerz verstehen kann Und halb auch theile Euern Zorn, erschreckt Mich's doch, Euch wie die Adria empört Zu schaun, wenn über alle Schranken weg Sie stürmt und in die Lüfte speit den Schaum. Doge . Ich sage dir – muß ich dir sagen, was Dein Vater ohne Wort verstanden hätt'? Hast du denn keinen Sinn für eine Qual, Die innen auf die Folter spannt? Hast du Denn weder Seel', noch Stolz, noch Leidenschaft, Noch tiefes Ehrgefühl? Bertuccio Faliero . Zum ersten Mal Wird meine Ehre angezweifelt und – Zum letzten Mal, wenn es ein Andrer that! Doge . Du kennst die ganze Schmähung dieses Schufts, Des feigen, geilen, schmeichlerischen Wichts, Der seinen Stachel in der Giftschrift ließ, Und der – o Gott! der Ehre meines Weibs, Dem nächsten, liebsten Theil der Mannesehre Den schnöden Fleck anhing, der nun von Mund Zu Mund im wüsten Pöbel läuft, verbrämt Mit grobem Zusatz, ekelhaftem Witz, Unzücht'gem Spaß; indeß der Nobile In fein'rer Weise drüber spottet, scherzt, Geschichtchen flüstert und den Lug belächelt, Der mich zu seines Gleichen machen soll, Zum höf'schen Hahnrei, der geduldig – ja Vielleicht mit Stolz sogar die Schande trägt. Bertuccio Faliero . Gleichwol war's Lüge, und Ihr wußtet das, Und Jedermann – Doge . Der hohe Römer sprach: »Auch nicht verdächt'gen darf man Cäsars Weib!« Und er verstieß sie, Neffe! Bertuccio Faliero . Wol! Doch damals – Doge . Kann, was ein Römer nicht ertragen wollt', Ein Venetianer Fürst erdulden? Hör! Der alte Dandolo schlug einst die Krone Des großen Cäsars aus, und trug die Mütze Des Herzogs stolz, die ich mit Füßen trat, Weil sie entwürdigt ist. Bertuccio Faliero . Ja, ja! so ist's. Doge . Es ist, es ist! – Ich suchte es nicht heim An jener Reinen, die man angeschwärzt, Weil einen Greis zum Manne sie erwählt, Der lange ihres Vaters Freund gewesen Und ihres Hauses Schutz; als ob das Herz Des Weibs nur Jugendlust und glattes Kinn Nur lieben könnt'. Ich suchte drum an ihr Des Schurken Niederträchtigkeit nicht heim, Ich heischte für sein Haupt nur meines Lands Gerechtigkeit, die man dem Letzten schuldet, Der eine Frau hat, deren Treu ihm werth, Und eine Heimat, deren Herd ihm lieb, Und einen Namen, dessen Ehr' ihm Alles, Wenn der verfluchte Hauch der Spötterei Und der Verleumdung sie beschmutzt. Bertuccio Faliero . Und was Habt als gerechte Strafe Ihr erhofft? Doge . Den Tod! – Bin ich nicht Oberhaupt des Staats? Ward nicht der Thron beschimpft, und lächerlich Im Aug' des Volkes, das mich achten soll, Gemacht? Ward ich als Gatte nicht entehrt? Als Mann verletzt, als Fürst geschmäht, beschimpft? War eine Läst'rung dieser Art nicht halb Ein Hochverrat? Und dieser Bube lebt! Hätt' mit dem Makel statt des Dogen Thron Er eines Bauern niedern Stuhl beschmutzt, Die Schwelle hätt' sein Blut gesehn, der Kerl Hätt' ihn sofort erdolcht! Bertuccio Faliero . Er hat gelebt, Eh' diese Sonne sinkt! Beruh'ge dich Und laß mich machen nur. Doge . Halt, Neffe, halt! Das hätte gestern noch genügt; doch heut' Fühl' keinen Zorn ich mehr auf diesen Mann. Bertuccio Faliero . Wie? Ist denn die Beleid'gung nicht verdoppelt, Seit er so schmählich losgesprochen ward? Nein, schlimmer noch! sie ward ja anerkannt Und dennoch bleibt er ungestraft. Doge . Jawol Ward sie verdoppelt, aber nicht durch ihn. Die Vierzig haben einen Monat Haft Bestimmt. Den Vierzig müssen wir gehorchen. Bertuccio Faliero . Gehorchen, ihnen? die doch selbst die Pflicht Versagt, die ihrem Herrn sie schuldig sind? Doge . Gottlob! Du merkst es also endlich, Knabe! Ob ich nur Bürger, der sein Recht verfolgt, Ob ich der Herrscher, der es heischen kann, Sie haben Beider Rechte mich beraubt (Denn auch der Herrscher ist hier Bürger ja). Trotz all Dem sollst dem Steno du kein Haar Auf seinem Haupte krümmen – lang trägt er's Nicht mehr. Bertuccio Faliero . Nicht einen halben Tag mehr, hättst Du mir die Art und Weise überlassen Und ruhig mich gehört. Es fiel mir ja Nicht ein, daß es so hingehn sollt' dem Schuft. Aufhalten wollt' ich nur der Leidenschaft Erguß, damit wir sichrer schafften Rath, Wie aus dem Weg man ihn – Doge . Nein! er muß leben, Jetzt wenigstens! Ein so gemeines Leben Zu opfern, wär' jetzt nichts. Im Alterthum Bracht' man gewisser That ein Einzelopfer, Doch große Sühnen heischten Hekatomben. Bertuccio Faliero . Dein Wunsch ist mir Befehl. Doch gern bewies Ich dir, wie nahe meinem Herzen stets Die Ehre unsres Hauses ging und geht. Doge . Sei unbesorgt, es kommt die Zeit, der Ort, Wo du's beweisen kannst. Indessen sei Du nicht so hitzig wie ich war. Ich schäm' Jetzt meines eig'nen Zornes mich; ich bitte, Verzeihe mir. Bertuccio Faliero . Das ist mein Oheim wieder! Der General, der Staatsmann und das Haupt Der Republik, der Herrscher seiner selbst! Ich mußt' mich wundern, als in Eurer Wuth Ihr trotz dem grauen Kopf die Klugheit so Vergessen konntet, war der Anlaß auch – Doge . Ja diesen Anlaß überlegt Euch wohl, Vergeßt ihn nicht. Wenn Ihr Euch niederlegt, So mög' er schwarz vor Euern Träumen stehn, Und wenn der Morgen kehrt, Euch wie ein bös Gewölk an einem Sommer-Festestag Die Sonn' verdecken. So wird mir es sein! Doch sagt nichts, thut nichts! überlaßt mir Alles, Wir werden viel zu thun bekommen, und Auch Ihr sollt eine Rolle dabei haben. Nun aber geht; ich muß allein jetzt sein. Bertuccio Faliero (nimmt die Dogenmütze vom Boden und legt sie auf den Tisch). Ich bitt' Euch, eh' ich geh, daß Ihr, was Ihr Mit Füßen tratet, wieder nehmt, bis Ihr In eine Krone es verwandeln könnt. Nun nehm' ich Abschied und ersuche Euch, In allen Stücken fest auf mich zu zählen: Als Euern nah'n und treuen Anverwandten Und ebenso ergebnen Unterthan. (Bertuccio Faliero ab.) Doge . Leb' wohl, mein würd'ger Neffe! (ergreift die Dogenmütze) hohle Nuß! Mit allen Dornen einer Kron' besetzt, Doch ohne daß du der beschimpften Stirne Des Königs Macht und Majestät verleihst! Du eitler, güld'ner und entehrter Tand! Ich setz' dich heute auf wie ein Visir. (Setzt sie auf.) Wie schmerzt die Stirne unter dir! Die Schläfe Klopft fiebrisch unter deiner schnöden Last. Kann ich dich nicht zum Diademe wandeln? Kann den Briarens-Scepter ich nicht brechen, Womit der hunderthändige Senat Hier herrscht, das Volk zu Nichts, den Fürsten selbst Zur Puppe macht? Nicht minder Schwieriges Hab' ich ja schon gethan, für sie gethan, Die also mir gelohnt. Kann ich's der Brut Nicht geben heim? O hätt' ich nur ein Jahr, Nur einen Tag der vollen Jugendkraft, Als noch mein Körper meiner Seele diente, Wie seinem Herrn das edle Roß, ich würf' Mich unter sie und brauchte wenig Hilfe, Um die geschwoll'nen Herren hinzustürzen! So aber muß ich umschaun mich nach Armen, Die dienen diesem grauen Haupt. Doch soll's Ersinnen einen solchen Plan, daß das Geschäft nicht zu herkulisch wird, wenn auch Chaotisch erst noch die Gedanken brüten. Schon ist die Phantasie am Werk und hält Die schlafenden Gebilde an das Licht, Daß prüfend der Verstand darunter wähle. Von Truppen sind nur wenig in– – (Vincenzo tritt auf.) Vincenzo . Ein Mann Steht draußen, gnäd'ger Herr, und bittet um Gehör– – Doge . Ich bin nicht wohl, kann Niemand sehn, Selbst 'nen Patrizier nicht. Er möge an Den Rath sich wenden. Vincenzo. Gut! Ich will's ihm sagen. Es kann nicht von Bedeutung sein; 's ist ein Plebejer nur, Galeerenmeister, glaub' ich. Doge . Wie? ein Galeerenmeister sagt Ihr? nicht? Das ist, denk' ich, ein Diener ja des Staats? Laßt ihn herein: es kann den Dienst betreffen. (Vincenzo ab.) Dem Biedermann will auf den Zahn ich fühlen. Ich weiß, dies Volk ist mißvergnügt, und zwar Mit Recht, seit Sapienza's bösem Tag, Wo Genua siegte. Und ein weit'rer Grund Ist der, daß es im Staat nichts gilt und in Der Stadt noch weniger, daß Alle nur Maschinen sind, der Lust der Herrn zu dienen. Den Truppen ward der oft versproch'ne Sold Lang nicht bezahlt, sie murren drob und hoffen, Daß bald ein Wechsel ihnen Vortheil bringe. Sie würden sich durch Plünd'rung zahlen lassen. Jedoch die Pfaffen, fürcht' ich, mögen nicht Sich anreihn mir; sie hassen mich, seit ich, Durch sein Getrödel ohne Maß erregt, Den säum'gen Bischof von Treviso Eine geschichtliche Thatsache. Siehe Marin Sanuto's Leben der Dogen. schlug, Um zu beschleun'gen seinen heil'gen Gang. Doch mögen gleichwol sie gewonnen werden, Zum wenigsten ihr Haupt in Rom, wenn ich, Ein Zugeständniß mach', das zeitgemäß. Vor Allem aber muß ich mich beeilen! Der Abend meines Lebens dämmert schon Und läßt mir wenig Zeit. Könnt' ich Venedig Befrein, das mir gescheh'ne Unrecht rächen, So hätt' ich lang genug gelebt, und schliefe Am Tag darauf bei meinen Vätern gern. Doch wird mir Solches nicht, dann wäre besser, Es lägen sechzig von den achtzig Jahren Längst da, wo einst – wie bald, das scheert mich nicht! – Die ganze Zahl vermodern wird; ja besser, Sie blühten niemals mir, als daß sie mich So weit gebracht, wie diese Erztyrannen Mich gerne hätten. Ueberlegen wir: Verfügbar sind drei Tausend Mann, die zu – Vincenzo und Israel Bertuccio treten ein. Vincenzo . Wenn Eurer Hoheit es gefällig wär'! Der Mann, von dem ich sprach, ist hier, Euch um Gehör zu flehn. Doge . Laß uns allein, Vincenzo! (Vincenzo ab.) Kommt näher, Herr! – Ihr wollt? Israel . Genugthuung! Doge . Von wem? Israel . Von Gott, vom Dogen. Doge . Ach, mein Freund! Da sucht Ihr sie bei denen Zwei gerad', Die heut zu Tag' am wenigsten hier gelten. Ihr werdet besser an den Rath Euch wenden. Israel . Das wär' umsonst: der mich beleidigt hat, Sitzt selbst darin. Doge . Du hast hier Blut am Mund; Wie kam's dahin? Israel . 'S ist meins! Das erste nicht, Das für Venedig ich vergoß, jedoch Das erste wol durch Venezianer Hand. Mich schlug ein Nobile! Doge . Und lebt er noch? Israel . Nicht lang – wenn ich nicht hoffen dürft' und hoffte, Daß Ihr, mein Fürst, der Ihr ja selbst Soldat, Dem helfen wollt, dem Disciplin und das Gesetz Venedigs nicht verstatten, selbst Zu helfen sich. Wo aber nicht – ich sag' Nichts mehr. Doge . Doch würdet Ihr was thun, nicht wahr? Israel . Ich bin ein Mann, mein Fürst. Doge . Und der ist's auch, Der Euch so schlug? Israel . Man nennt ihn so: noch mehr, Ein Edelmann, zum wenigsten dahier. Doch da er schnöd' vergaß, daß ich ein Mann, Und mich behandelt wie ein Vieh, könnt' leicht Das Vieh – was man vom Wurm sagt – werden. Doge . Sagt: Wie heißt er und was ist er? Israel . Barbaro. Doge . Was gab den Anlaß oder Vorwand her? Israel . Ich bin der Vorstand unsres Arsenals Und eben jetzt bemüht, gewisse Schiffe, Die von den Genuesen vorig's Jahr Schwer mitgenommen, wieder herzustellen. Heut' nun erschien der edle Barbaro Und schmähte mich, weil unsre Handwerksleute Statt einem nicht'gen Auftrag seines Hauses Flugs nachzugehn, des Staates Arbeit thaten. Ich wagt's, die Leute zu entschuldigen. Da hob er seine Hand – und seht mein Blut! Das erste Mal, daß es in Schande floß. Doge . Wie lang' habt Ihr gedient? Israel . So lang', daß ich Mich der Belag'rung Zara's wohl entsinne. Ich kämpfte unter dem Gen'ral, der dort Die Ungarn schlug, jetzt Doge Faliero. Doge . So sind Kam'raden wir! Mein Dogenkleid Ist neu, und Ihr wart schon zum Haupt ernannt Des Arsenals, eh' ich von Rom gekehrt, So daß Ihr mir nicht zu Gesichte kamt. Wer hat Euch angestellt? Israel . Der letzte Doge. Mein alt Kommando als Galeerenmeister Behielt ich bei. Mein neues Amt ward mir Als Lohn für ein Paar Narben zugetheilt, Wie Euer Vorfahr gnädig mir bemerkte. Ich ahnte damals nicht, daß dieser Lohn Als Flehenden zu Dem, der Jenem folgt', Mich führen würd', zumal in solchem Fall. Doge . Ist die Verletzung schwer? Israel . Ja unheilbar In meinem Selbstgefühl. Doge . Sprecht ganz Euch aus, Und fürchtet nichts. Was wollt beginnen Ihr. Da Ihr so schwer verletzt, um an dem Mann Zu rächen Euch? Israel . Was ich nicht nennen kann Und doch vollbringen will. Doge . Und warum dann Kamt Ihr zu mir? Israel . Gerechtigkeit zu fordern, Weil mein Gen'ral der Doge ist, der es Nicht dulden wird, daß Veteranen man Also mit Füßen tritt. Denn saß ein And'rer Als Ihr, Faliero, auf dem Dogenthron, Dies Blut wär' längst durch andres Blut gewaschen. Doge . Gerechtigkeit wollt Ihr von mir – von mir? Venedigs Dogen? Die kann ich nicht geben, Kann sie ja nicht erhalten für mich selbst. Vor einer Stunde erst ward feierlich Sie mir versagt. Israel . Was meinet Eure Hoheit? Doge . Daß Steno nur vier Wochen Haft erhält. Israel . Der Mensch, der es gewagt, den Dogenstuhl Mit jener schnöden Phrase zu beschmutzen, Die schandhaft schlug an jedes Bürgers Ohr? Doge . Sie hat wol auch durch's Arsenal getönt Im gleichen Klang mit eurer Hämmer Schlag? Ein guter Spaß dem heitern Handwerksmann, Ein Rundgesang zum Ruderknarren gar, Im wüsten Munde der Galeerensklaven, Der sich, wenn er sein lustig Lied sang, freute, Daß kein beschimpfter Greis er wie der Doge? Israel . Ist's möglich? Steno nur vier Wochen Haft? Nicht mehr? Doge . Ihr habt gehört, wie mich der Mensch Geschmäht, jetzt kennt Ihr seine Strafe auch. Sucht Ihr noch immer Hilfe jetzt bei mir? Geht zu den Vierzig, die ob Michel Steno Den Spruch gethan; sie werden sicherlich Dasselbe thun bei Barbaro. Israel . O dürft' Ich Ausdruck geben dem Gefühl! Doge . Thut's nur! Nicht schwerer kann gekränkt das meine werden. Israel . Mit Einem Wort denn: nur von Euch hängt's ab, Zu strafen und zu rächen – nicht etwa Mein kleines Unrecht, denn was ist ein Schlag, So schmählich er auch sei, für Unsereins? – Nein! Die an Eurem Rang geübte Schmach Und an Euch selbst. Doge . Ihr überschätzt, was ich Vermag: ein Scheinbild nur ist meine Macht; Die Mütze hier ist keine Königskrone, Und dies Gewand könnt' gleiches Mitleid heischen Wie eines Bettlers Lumpenkleid, ja mehr! Denn eines Bettlers Kleid ist sein, doch dies Der armen Puppe nur, geliehn, die in Dem Hermelin trotz aller Herrlichkeit Nur eines Bettlers arme Rolle spielt. Israel . Und möchtest du wol unser König sein? Doge . Ja, wenn das Volk ein glückliches dann würd'. Israel . Möchtst du der Souverän Venedigs sein? Doge . Ja, wenn das Volk die Souveränetät Mit mir dann theilt, daß beide wir nicht mehr Die Sklaven wären dieser übermächt'gen Aristokrat'schen Hyder, die, voll Gift, Das Gift der Pest gehaucht hat in uns Alle. Israel . Doch wurdest du als Nobile geboren Und hast als solcher auch gelebt? Doge . Ich ward Zur bösen Stund als solcher einst geboren, Denn die Geburt trug mich zum Dogenstuhl Und auch zur Schmach. Doch lebt' und wirkte ich Mehr als Soldat: Venedig diente ich, Dem Volk, nicht dem Senat. Venedigs Glück War stets mein Lohn, und meine eigne Ehre. Ich focht und blutete, ich führte Heere Und hab' gesiegt, hab' als Gesandter Frieden Geschlossen oft, und oft ihn auch gestört, Wie es der Vortheil unsres Landes brachte; Hab' Land und See im Dienste viel durchkreuzt Bei sechzig Jahr' lang, für Venedig stets, Das meine Väter, das mich selbst geboren; Und Lohn genug erschien es mir, wenn ich Die theuern Thürme von der Ferne wieder Aus den Lagunen sich erheben sah. Doch hab' ich nie für eine Coterie, Partei und Sekte, Blut und Schweiß vergossen. Und fragt Ihr mich, warum ich all Das that? Befragt den Pelikan, warum die Brust Er selbst sich aufreißt? Hätt' er eine Stimme, Er sagt': er that's für alle seine Jungen. Israel . Doch machten sie zum Dogen dich. Doge . Jawol! Ich suchte nicht drum nach. Die goldne Fessel, Sie harrte mein, als von der röm'schen Sendung Ich heimgekehrt, und da ich weder Müh' Und Last noch Dienste jemals ausgeschlagen, Die für den Staat zu thun, lehnt' ich auch den Nicht ab, der für den höchsten galt und doch Der niedrigste im Thun und Dulden war. Dein Schimpf bezeugt's, da ich so wenig dir, Mein Sohn, kann Recht verschaffen wie mir selbst. Israel . Ihr könntet Beides, wolltet Ihr es nur. Viel Tausend gibt es hier, gleich sehr gedrückt, Sie warten auf ein Zeichen nur. – Wollt Ihr's Uns geben, Herr? Doge . In Räthseln sprecht Ihr mir. Israel . Ich löse sie auf meines Kopfs Gefahr. Wollt Ihr mir leihen ein geduldig Ohr? Doge . Sprecht, Freund! Israel . Nicht du allein, noch ich bin hier Beschimpft, mißbraucht, verachtet und zertreten, Das ganze Volk empfindet schwer, wie es Mißhandelt wird: die fremden Krieger in Dem Solde des Senats sind lange nicht Bezahlt; der eingebor'ne Seemann und Die städt'sche Wache fühlet ebenso. Wer ist darunter, dessen Bruder, Freund, Deß Weib und Kind von den Patriziern Nicht Schimpf und Druck und Kränkung litt? Auch hat Die schlimme Fehde gegen Genua, Die mit Plebejer Blute ward genährt Und mit dem Geld, das sauer wir verdient, Den Groll noch mehr entflammt, so daß – doch ich Vergesse, daß mit diesen Worten ich Vielleicht mir schon mein Todesurtheil sprach. Doge . Und fürchtest du, nach dem, was du erlittst, Den Tod? Dann schweig' und lebe fort, und laß Von denen schlagen dich, für die dein Blut Du gabst – Israel . Nein! ich will sprechen, folg' daraus Was will, und wenn Venedigs Doge zum Angeber wird; fällt nur die Schmach auf ihn Und auch der Schaden, denn weit mehr als ich Verlör' er selbst. Doge . Von mir fürcht' nichts. Heraus Damit! Israel . So wisse denn, daß eine Schaar Von tapfern treuen Herzen insgeheim Sich schon getroffen und verschworen hat. Das' sind die Männer, die schon Manches durch- Gemacht und denen das Geschick Venedigs Gar nahe geht, und zwar mit vollem Recht, Denn unter allen Himmeln haben sie Ihm ja gedient; und wie vom fremden Feind Sie's einst befreit, so möchten sie's von dem Jetzt thun, den es in seinen Mauern hegt. Sie sind nicht zahlreich, doch zu wenig nicht Für ihren großen Zweck. Sie haben Waffen, Und Geld und Muth und treues Hoffen, und Geduld! Doge . Weshalb dann zögern sie? Israel . Sie harren Der rechten Stunde nur. Doge (bei Seite). Und diese Stunde Soll bald die Glocke von San Marco Die Glocke von San Marco durfte nur auf Befehl des Dogen geläutet werden. Eine der Veranlassungen, dieses Alarmsignal zu geben, bot das Erscheinen einer genuesischen Flotte vor den Lagunen. schlagen. Israel . Ich gab mein Leben, meine Ehr' und all Mein irdisch Hoffen nun in deine Macht, Doch in der Zuversicht, daß Kränkungen Wie unsre, die dem gleichen Quell entflossen, Auch ein gemeinsam Rachewerk erzeugen. Wenn dies der Fall, so werde unser Haupt Und später unser Souverän! Doge . Wie viel Seid ihr? Israel . Darauf geb' ich nicht Antwort, bis Ich Antwort hab'. Doge . Wie, Mann? Ihr droht mir? Israel . Nein! Ich sage meine Meinung nur. Mich selbst Verrieth ich dir, doch keine Folter gibt's In den geheimnisvollen Todtenkammern Hier unten tief, in des Palastes Kellern, Noch in den Schreckenszellen unterm Dach Von Blei, die auch nur Einen Namen mir Entriss'. Umsonst wär Pozzo und Piombo! Blut könnten sie entpressen mir, doch nie Ein Wort. Die Seufzerbrück' passirt' ich froh, Mein Seufzer wäre ja der letzte dann, Deß Echo über jener styg'schen Welle tönte, Die zwischen Mördern und Gemordeten Des Kerkers und Palastes Mauern wäscht, Es blieben Männer hinter mir, die mein Gedächten und mich rächten! Doge . Doch, wenn so Gewaltig Eure Macht und Ziel, warum Kommt Ihr zu mir und heischt Gerechtigkeit, Da Ihr bald selbst Euch Recht verschaffen könnt? Israel . Weil Einer, der die Obrigkeit um Schutz Ansteht, zu dieser Obrigkeit Vertraun Und Unterwerfung zeigt, und nicht wohl in Verdacht geräth, daß er sie stürzen wolle. Wenn allzu demuthsvoll ich diesen Schlag Ertrug, so hätte eine finstre Stirn' Und ausgestoß'ne Drohung leicht zum Ziel Der Inquisition der Vierzig mich Gemacht. Doch laute Klage, spricht sie auch Sich zornig aus, erregt nicht eben Furcht, Noch weniger Verdacht. – Und außerdem Hatt' ich noch einen Grund. Doge . Und welchen denn? Israel . Es hieß, der Doge sei sehr aufgebracht. Daß die Avogadori jenen Fall Mit Michel Steno an die Vierzig gaben. Ich hatte unter Euch gedient und wußte, Daß schwer gekränkt Ihr müßtet sein, da Ihr Zu jenen Geistern zählt, die Gut's und Böses Vergelten zehenfach. Es war mein Wunsch, Euch auf den Zahn zu fühlen und zur Rache Zu reizen Euch. Nun wißt Ihr Alles! Daß Ich Wahrheit sprach, bezeugt mein Wagniß Euch. Doge . Ihr wagtet viel! Doch das muß Jeder thun, Der Viel gewinnen will. In Einem soll Euch Antwort nicht entgehn: was Ihr mir heut' Vertraut, ist sicher hier. Israel . Und ist das Alles? Doge . Ei wenn nicht Alles Ihr mir anvertraut, Welch' weit're Antwort wollt Ihr noch von mir? Israel . Ich möchte, daß Ihr Dem vertraut, der Euch Sein Leben setzt zum Pfand. Doge . Ich muß den Plan, Muß Namen, Zahl auch kennen, dann wird bald Verdoppelt diese sein, gereift, verstärkt Die ersteren. Israel . Wir sind schon stark genug; Um Euch allein noch ist es uns zu thun. Doge . So macht mit Euern Häuptern mich bekannt. Israel . Das soll geschehn, wenn förmlich Ihr gelobt, Die Treu zu halten, die wir Euch geloben. Doge . Wann? Wo? Israel . Heut' Nacht bring' zwei der Führer ich Zu Euch. Gefährlich wär' 'ne größre Zahl. Doge . Gemach! Ich muß es überlegen noch. Wie wär's, wenn den Palast ich ließ und, selbst. In Eure Mitte mich begab'? Israel . Doch mußt Allein du nahn. Doge . Mit meinem Neffen nur. Israel . Mit deinem Sohn selbst nicht. Doge . Unglücklicher! Du wagst's zu nennen meinen Sohn! Er fiel Bei Sapienza für dies schnöde Volk. O lebte er und wär' ich selber Staub! O lebte er, eh' ich zu Staube werd'! Dann brauchte ich die zweifelhafte Hilfe Der Fremden nicht. Israel . Doch werden diese Fremden, Die dir so zweifelhaft, gleichwol auf dich Mit kindlichem Gefühle schaun, wofern Du gegen sie nur Vaters Treue übst. Doge . Der Würfel liegt. – Wo ist der Sammelplatz? Israel . Um Mitternacht werd' ich allein, maskirt An dem von Euch bestimmten Orte sein, Euch zu erwarten und dahin zu führen, Wo unsre Huldigung Euch werden soll, Und über unsern Plan Ihr urtheiln mögt. Doge . Um welche Stunde haben wir den Mond? Israel . Erst spät! Doch dick und neblig ist die Luft, Sirocco weht. Doge . Gut denn! um Mitternacht Soll' bei dem Dom, wo meine Väter schlafen, Der nach Giovanni heißt und Paolo, Euch eine Gondel, Eine Gondel ist kein gewöhnliches Boot; sie läßt sich ebenso leicht (natürlich nur nicht so schnell) mit einem wie mit zwei Rudern bewegen. Und Ersteres geschieht oft, wenn es sich um ein Geheimniß handelt; seit dem Herunterkommen Venedigs auch aus Sparsamkeit. die ein Ruder führt, In dem Kanal, der nahe bei, erwarten. Dort stellt Euch ein. Israel . Ich werd' nicht fehlen. Doge . Jetzt Zieht Euch zurück. Israel . Fest hoffend, Eure Hoheit Komm' nicht mehr ab von ihrem großen Ziel, Nehm' Abschied ich, mein Fürst. (Israel Bertuccio ab.) Doge . Um Mitternacht Bei San Giovanni denn und Paolo, Wo meine edeln Väter ruhn, will ich – Nun was? – im Finstern halten einen Rath Mit niedern Schuften zu des Staates Sturz! Und werden meine großen Väter nicht Aus dem Gewölbe steigen, wo zwei Dogen, Die mir vorangegangen, ruhn, und mich Zu sich hinunterreißen? Könnten sie's!! Dann ruhte ich in Ehren bei Geehrten. Ach ihrer darf ich nicht gedenken! Nein! Nur Derer, die des Namens unwerth mich Gemacht, der doch so edel war, so brav, Als irgend eines Römerconsuls nur. Doch will ich ihm den alten Glanz, den er In unsrer Staatsgeschichte trug, zurück Durch süße Rache bringen, die an Allem, Was schlecht hier in Venedig ist, ich nehme, Will Freiheit wieder allen Andern schenken, Wo nicht, den Namen schwarz und preisgegeben Verleumderischer Zunge hinterlassen, Die Den, dem's Glück nicht wollte, nie verschont, Und Cäsar oder Catilina schätzt Nach des Verdienstes Prüfstein – dem Erfolg! Zweiter Akt. Erster Auftritt. Ein Gemach im Dogenpalast. Angiolina und Marianna. Angiolina . Was war des Dogen Antwort drauf? Marianna . Er müsse In eine Sitzung eben jetzt. Doch die Muß nun zu Ende sein. Ich sah bereits Die Senatoren in die Barken steigen. Die letzte Gondel schwimmt der Menge nach, Die in dem schimmernden Kanal sich drängt. Angiolina . Ich wollt', er wär' zurück. In letzter Zeit Ward er zuviel gequält, und Zeit – die weder Sein heftig Herz gezähmt hat, noch geschwächt Sein körperlich Gerüst, das nur noch mehr Durch eine Seele scheint genährt, gestärkt, Die so lebendig, rastlos ist, daß sie Verzehrte minder derben Thon – auch Zeit Vermag nicht viel an seinem Rachgefühl Und Schmerz. Nicht wie sonst Geister seiner Art, Die allen Zorn und Kummer gleich im ersten Ausbruch der Leidenschaft vom Herzen stoßen, Trägt jedes Ding bei ihm den festen Zug Der Ewigkeit. Sein Denken wie sein Fühlen, Die guten wie die bösen Leidenschaften Sind nicht gealtert, wie viel Jahr' er zählt! Sein kühnes Haupt trägt geist'ge Narben nur, Des Alters Sinnen, doch nicht dessen Schwäche, Und in der letzten Zeit war er noch mehr Als wie gewöhnlich aufgeregt. Ich wollt', Er wär' zurück, denn ich allein vermag Noch etwas über den getrübten Geist. Marianna . Wahr ist es, Seine Hoheit ward zuletzt Durch Steno's Schmähung schwer bewegt, und wol Mit Recht. Doch ohne Zweifel ist bereits Dem Wicht für seine Unbesonnenheit So schwere Strafe zuerkannt, daß sie Die Achtung mehrt vor Frauentugend und Vor edlem Blut. Angiolina . Es war ein grober Schimpf. Doch kümmert mich des unbedachten Spötters Gemeine That nicht an sich selbst; nein, nur Der Folgen halb, des tiefen Eindrucks halb, Den auf Falerio's Seele sie geübt, Auf diesen stolzen, heft'gen Mann, wie er Mit Allen nur mit mir nicht ist. Ich zitt're, Bedenke ich, zu was das führen kann. Marianna . Der Doge wird doch gegen Euch gewiß Nicht Argwohn hegen. Angiolina . Argwohn gegen mich? Selbst Steno hat das nicht gewagt. Als er Im Mondlicht schleichend seine Lüge kratzte, Muß sein Gewissen ihm geschlagen haben Und jeder Schatten an der Wand sah zürnend Auf sein verleumderisches Thun. Marianna . Es wär' Am Platz, würd' auf das Strengste er bestraft. Angiolina . Er ist gestraft. Marianna . Wie? ist der Spruch gefällt? Angiolina . Das weiß ich nicht; doch hat man ihn entdeckt. Marianna . Und dünkt Euch das genug für solchen Hohn? Angiolina . Ich möcht' nicht Richter sein in einem Fall, Der mich betrifft; noch weiß ich, welche Strafe Auf eines Steno niederträcht'ge Seele Recht Eindruck macht. Wenn aber seine Schmähung Der Richter Herzen tiefer nicht bewegt, Als sie mein eig'nes traf, so wird man ihn Statt aller Züchtigung der ei'gnen Scham, Wenn er noch Scham empfindet, überlassen. Marianna . Doch die gekränkte Tugend heischt ein Opfer. Angiolina . Was wäre Tugend, wenn sie Opfer brauchte Und abhing gar von einem Menschenwort? Zwar sagte jener Römer, als er starb, »Sie sei ein Namen nur!« Doch wäre sie's Erst dann, wenn Menschenhauch sie zeugen, sie Zerstören könnt'. Marianna . Doch manches Weib, das rein Und treu, empfände solcher Kränkung Schmerz In seiner ganzen Macht; und Damen selbst, Die wen'ger streng, wie in Venedig ja Im Ueberfluß, schrie'n unerbittlich, laut Nach Züchtigung. Angiolina . Dies ist nur ein Beweis, Daß sie den Namen schätzen, nicht das Gut. Die erstern kam die Wahrung ihrer Ehre Vermutlich sauer an, wenn sie verlangen, Daß man sie rühme drum. Die aber, die Sie nicht gewahrt, erstreben ihren Schein, Wie man um ein Geschmeide sich bemüht, Deß Mangel man verspürt, doch dessen Werth Man nicht zu schätzen weiß. Sie leben von Der Ansicht Andrer nur und möchten ehrbar Erscheinen, wie man schön erscheinen will. Marianna . Für eine Edeldame denkt Ihr seltsam. Angiolina . Doch dachte so mein Vater auch, und nächst Dem Namen ist's mein einzig Erb' von ihm. Marianna . Ihr braucht nicht mehr, da Ihr des Dogen Frau, Des Haupts der Republik. Angiolina . Ich hätte auch Nicht mehr erstrebt, wär' ich nur Bauersfrau. Doch fühl' ich deshalb wen'ger Liebe nicht Und Dankbarkeit für meinen theuern Vater, Der seinem frühsten, wohl bewährten Freund, Dem Grafen Val Marino, unsrem Dogen, Einst meine Hand gewährt. Marianna . Und gab er mit Der Hand auch Euer Herz? Angiolina . Wol gab er es, Sonst ward ihm jene nicht. Marianna . Jedoch der Jahre Gewalt'ge Kluft und – wenn ich's sagen darf – Die Ungleichheit der geistigen Natur Erregten Zweifel bei der Welt, ob Euch Der Bund auch wahr und dauernd könnt' beglücken. Angiolina . Die Welt denkt weltlich nur; jedoch mein Herz Blieb stets bei seiner Pflicht, die mannichfach, Doch niemals schwer. Marianna . Und liebt Ihr den Gemahl? Angiolina . Ich liebe jede edle Eigenschaft, Die liebenswerth. Ich liebte meinen Vater, Der mich zuerst erkennen lehrte, was Wir lieben sollten an den Nebenmenschen, Wie Neigungen man unterdrückt, die oft Das reinste, edelste Gefühl des Menschen Erniedrigen zu schlimmer Leidenschaft. Er gab Faliero meine Hand; ihn hatte Als edel, tapfer, adlig er erkannt, Als reich an jeder Eigenart des Kriegers, Des Bürgers, Freunds. In alle Dem fand ich Ihn immer, wie mein Vater mir gesagt. Er hat die Fehler jener hohen Männer, Die lang' befohlen in der Welt: viel Stolz, Die heft'gen Leidenschaften, die der Dienst, Die Bräuche der Patrizier und ein Leben, In Staats- und Kriegessturm verlebt, entfalten; Und jenes feine Ehrgefühl, das in Gewissem Maße eine Pflicht, jedoch Wenn überreizt, zum Fehler wird. Und dies Fürcht' ich in ihm! Auch war von Jugend auf Er ungestüm; doch glich sich so dies aus Durch seine edle Art, daß die behutsamste Der Republiken ihrer Aemter höchste Auf ihn gehäuft, von seiner ersten Schlacht Bis zur Gesandtschaft, die zuletzt ihm ward, Von der er dann zum Dogen überging. Marianna . Doch hat vor Eurer Ehe Euer Herz Für einen edeln Jüngling nie geklopft, Der einer Schönheit wie der Eurigen An Jahren besser angestanden hätte? Habt seither Keinen ihr gesehn, der jetzt, Wär' nicht gebunden Eure schöne Hand, Auf Loredano's Tochter hoffen dürfte? Angiolina . Ich gab Euch Antwort auf die erste Frage, Als ich Euch sagte, daß ich mich vermählt. Marianna . Jedoch die zweite? Angiolina . Braucht der Antwort nicht. Marianna . Ich bitt' Euch um Verzeihung, wenn ich Euch Gekränkt. Angelina . Gekränkt bin ich drob nicht, jedoch Erstaunt. Ich wußte nicht, daß wer vermählt, Darüber noch Betrachtungen dürft' hegen, Wen man jetzt wählen würde, überhaupt Auf Andres schaun als die vergang'ne Wahl. Marianna . Gerade diese Wahl ist oftmals Schuld, Daß der Gedanke kommt, man würde klüger Jetzt wählen, könnt' man ungeschehn sie machen. Angiolina . Es mag so sein, ich dachte nie so was. Marianna . Der Doge kommt! Soll ich zurück mich ziehn? Angiolina . 'S mag besser sein, Ihr lasset mich allein. Er scheint gedankenvoll, wie er da geht. (Marianna ab.) Der Doge und Pietro treten auf. Doge (sinnend). Da ist ein sichrer Philipp Calendaro Im Arsenal, der ein Commando führt Von achtzig Mann und großen Einfluß hat Auf die Kam'raden all. Der Mann, hör' ich, Sei kühn und populär, rasch und beherzt, Dabei verschwiegen auch. Gewinnen müßt' Man ihn. Ich hoffe zwar, daß seiner sich Schon Israel Bertuccio hat versichert; Doch möchte ich' – – Pietro . Verzeihung, gnäd'ger Herr, Daß ich Euch stör' in Eurem Sinnen. Bertuccio, der Senator, Euer Vetter, Hat mich beauftragt Euch hierher zu folgen Und Euch zu bitten, daß Ihr eine Stund' Bestimmen mögt, wo er Euch sprechen kann. Doge . Bei Sonnenuntergang – doch halt! – laßt sehn! – Sagt: in der zweiten Stund' der Nacht. (Pietro ab.) Angiolina . Mein Freund! Doge . Mein liebstes Kind, verzeih! Warum hast du So lang' gesäumt, dich mir zu nahn? Ich sah Dich nicht. Angiolina . Du warst ja in Gedanken tief Versenkt; und Der da von dir ging, hat wol Was Wichtiges dir vom Senat gebracht. Doge . Mir? vom Senat? Angiolina . Ich wollte ihn nicht stören In seinem Dienst, in des Senates Dienst. Doge . In des Senates Dienst!! Du irrst. Wir sind's, Die immer dienen müssen dem Senat. Angiolina . Ich dächt', der Doge herrsche in Venedig? Doge . Er soll's. Jedoch genug! – – Wir wollen jetzt Nur heiter sein. Wie geht es dir? Warst du Heut' aus? Der Himmel ist umwölkt, doch fördert Die ruh'ge Flut den leichten Ruderschlag Des Gondoliers. Hast heute du noch nicht Mit deinen Freundinnen verkehrt? Hielt dich Musik vielleicht in süßer Einsamkeit? Sprich: liegt Etwas, was du dir wünschen magst Im Machtbereich, der noch dem Dogen blieb? Gibt's einen Schmuck, ein ehrbares Vergnügen Mit Andern oder auch allein, das dich Erfreuen könnt', und dich für manche Stunde, Entschädigte, die du an einen Greis Verschwenden mußt, den manche Sorge quält? Sprich und 's geschieht! Angiolina . Du bist stets lieb mit mir. Zu wünschen und zu bitten bleibt mir nichts Als öfter dich zu sehn, und ruhiger. Doge . Und ruhiger? Angiolina . Ja ruhiger, mein Freund! Ach warum hältst du dich so fern, und gehst Allein? Und läßt die Stirn durchfurchen von Tiefgehendem Gefühl, das seine Macht Und Wichtigkeit nicht ganz verräth und doch Zu viel enthüllt? Doge . Zu viel enthüllt? Wovon? Was wär' denn zu enthüllen hier? Angiolina . Ein Herz, Das tief bewegt. Doge . 'S ist nichts, mein Kind. Du weißt, Daß in dem Staatsdienst täglich Sorgen drücken Auf alle, die mit dieser Republik, Der schwankenden, zu thun, die eben jetzt Von außen leidet unter Genua, Von innen unter Unzufriedenheit. Das ist's, was jetzt nachdenklicher mich macht Und wen'ger ruhig, als sonst meine Art. Angiolina . Doch alles Das besteht schon lange her Und erst in letzter Zeit sah ich dich so. Verzeih'! In deinem Herzen sitzt Etwas, Was über die Erfüllung geht der Pflicht, Die dir Gewohnheit und die dein Talent Stets leicht gemacht, ja zur nothwend'gen Kost, Damit dein Geist in Ruhe nicht versumpfe. Staatsfehden und Gefahren sind es nicht, Die einen Mann wie dich so tief erschüttern; Du hast ja jedem Sturm getrotzt, sankst nie, Du hast den höchsten Kamm der Macht erklommen Und wardst nicht müde unterwegs. Du stehst Nun oben und schaust ruhig niederwärts Auf all' die Klüfte drunten, würd'st nicht schwindlig Und führ' der Genuese in den Hafen Und tobte in San Marco Bürgerkrieg, Du bebtest nicht, und würdest fallen so, Wie einst du stiegst, mit unbewegter Stirne! Jetzt aber ist ein andres dein Gefühl: Nicht deine Lieb' zum Vaterland, dein Stolz Scheint schwer verletzt. Doge . Stolz, Angiolina? Ach Ich habe keinen mehr! Angiolina . Ja, jene Sünd', Die einstmals Engel hat gestürzt, und die Am ehesten die Sterblichen erfaßt, Die Engel Stoff und Geist am nächsten sind. Der Wicht ist eitel nur, der Große stolz. Doge . Ich war auf meine, deine Ehre stolz Tief in der Brust. – Doch zu was Andrem nun! Angiolina . Ach nein! Ich hab' in allen Dingen ja Sonst deine Lieb' getheilt; schließ' jetzt mich nicht Von deinem Kummer aus! Schrieb er vom Dienst Sich her, so weißt du, daß ich nie ein Wort Aus dir zu locken hätt' gesucht noch suchte. Doch da ich fühl', daß es dich selbst betrifft, So ist's an mir, den Schmerz dir zu erleichtern, Zu theilen ihn. Seit jenem Tag, da man Des Thoren Steno Spötterei entdeckte, Ist dein Gemüth gestört, bist du verändert. Ich möchte dich zur Ruhe wieder bringen. Doge . Zur Ruh'!! – Hast Steno's Urtheil du gehört? Angiolina . Noch nicht. Doge . Vier Wochen Haft. Angiolina . Ist's nicht genug? Doge . Genug?! – Für den Galeerensklaven ja, Der, weil im Rausch gepeitscht, den Herrn geschmäht Doch nicht für einen Schuft, der überlegt, Falsch, kalten Bluts die Ehre einer Frau, Des Fürsten selbst am Thron der Macht befleckte. Angiolina . Mir scheint's genug, wenn ein Patrizier Der Falschheit, Lüge überwiesen wird. Nichts ist doch jede andre Strafe gegen Die Einbuß' an der Ehr'. Doge . Ein solcher Mensch Hat keine Ehr'! Er hat sein Leben nur, Sein nichtiges, und das hat man geschont! Angiolina . Du möchtest doch nicht, daß er deshalb stürbe? Doge . Jetzt nicht mehr! Da er einmal lebt, möcht' ich Er lebt', so lang als er nur kann. Er hat Den Tod jetzt zu verdienen aufgehört, Und sein Verschonen richtet seine Richter. Er ist jetzt rein, und sein Verbrechen ihr's. Angiolina . O wenn der falsche, wüste Pasquillant Sein junges Blut für sein Gespött vergossen, Hätt' keine frohe Stunde mehr dies Herz, Und keinen ruh'gen Schlaf dies Aug' gehabt! Doge . Sagt nicht das Wort des Himmels: Blut um Blut? Und wer verleumdet, tödtet mehr, als der's Vergießt. Ist es der Schmerz der Schläge, nicht Die Scham darob, was tödtlich auf uns wirkt? Sagt nicht der Menschen Satzung: Blut für Ehre? Für wen'ger selbst, für eine Handvoll Gold! Sagt nicht das Völkerrecht: Blut um Verrath? Ist es denn nichts, wenn in der Adern Gang, Die rein, gesund bisher, man Gift eingießt? Ist's nichts, daß Euern, meinen Namen, die Erlauchten, man befleckt? daß einen Fürsten Vor seinem Volk man so herabgesetzt? Daß man die Ehrerbietung, die die Welt Im Weib der Jugend, und im Mann dem Alter, In dir der Tugend und in mir der Würde Von jeher zollte, so mit Füßen trat? Doch hüten mögen sich, die ihn geschont. Angiolina . Der Herr gebeut, den Feinden zu verzeihn. Doge . Verzeiht er seinen denn? Hat Satan er Den ew'gen Zorn geschenkt? Angiolina . Sprich nicht so wild! Wie dir wird deinen schlimmsten Feinden auch Der Himmel einst verzeihn. Doge . So sei es! Amen! Verzeih der Himmel ihnen! Angiolina . Und du nicht? Doge . Wenn sie im Himmel sind. Angiolina . Und früher nicht? Doge . Was ist denn mein Verzeihen werth? Ich bin Ein alter Mann, verbraucht, mißbraucht, verhöhnt, Was thut's, ob ich verzeihe oder groll'? Ich bin ja schwach und ohne Werth! Ich hab' Zu lang gelebt. – Doch ändern wir das Thema. Mein arm gekränktes Weib, Kind Loredanos! Des tapfern, ritterlichen Manns! Dein Vater Hat nicht geahnt, als seinem Freund er dich Geschenkt, daß an die Schande er dich band, Schand' ohne Sünd'! Denn du bist makellos. Hätt'st einen bessern Mann, ja irgend Einen Nur nicht den Dogen du gehabt, der Schimpf, Dies Brandmal, diese Lästerung fiel nie Auf dich. So jung, so schön, so gut und rein Dies dulden müssen, und noch ungerächt! Angiolina . Ich bin gerächt genug! Du liebst mich noch, Vertraust mir, ehrest mich; und Jedermann Weiß, daß gerecht du bist, daß ich bin treu. Was könnt' ich mehr verlangen; du erzwingen? Doge . 'S ist gut so, und kann besser werden noch. Doch was geschehen mag, bewahre du Ein freundlich Angedenken mir. Angiolina . Warum Sprichst also du? Doge . Gleichviel warum ich's thu. Ich möchte nur, was auch die Andern denken, Daß jetzt, und wenn im Grab ich ruh', du mir Die Achtung wahrst. Angiolina . Was zweifelst du? Hat's je Daran gefehlt? Doge . Komm her, mein Kind! Ich möcht' Ein Wörtchen mit dir sprechen. – Hör'! Dein Vater War mir ein Freund. Des Glückes Laune trug Die Schuld, daß für Gefälligkeiten er Mein Schuldner ward, die Edle fester binden. Als durch die letzte Krankheit hingestreckt, Er unsern Bund beschloß, da wollt' er nicht Entschäd'gen mich, denn ausgeglichen war Durch seiner Freundschaft Treue Alles längst; Er wollte deine Schönheit, bald verwaist, Auf würd'ge Art vor den Gefahren schützen, Die in dem lasterhaften Neste hier Die unvermählte Einzelne bedrohn. Ich dachte nicht wie er; doch wollt' ich nicht Den Plan bekämpfen, der sein Todtenbett Versüßt. Angiolina . Ich hab' den Edelmuth noch nicht Hier ausgelöscht, womit du batest, daß Ich sprechen möchte, wenn mein junges Herz Für irgend Einen schlagen sollt', mit dem Ich glücklicher zu werden dächt'; – noch auch Dein Angebot: so reich mich auszustatten, Daß würdig ich des höchsten Ranges wäre, Und gleichwol aufzugeben jedes Recht, Das meines Vaters letzter Will' dir gab. Doge . So war's nicht tolle Laune eines Greisen, Des Alters oft verkehrte Sinnenlust, Was mich verführt, die schöne Maid zu frein, Die junge Braut. In meiner Jugend Glut Sogar beherrscht' ich solche Leidenschaft, Noch war mein Alter mit dem wüsten Trieb Gepaart, der manchmal selbst den grauen Wicht Befleckt, daß er die Hefe noch der Lust Bis zu dem letzten Augenblick durchwühlt; Noch wollt' ich selbstisch durch der Ehe Bund Ein junges Opfer mir erkaufen, das Zu hilflos war, ein ehrenvoll Geschick Zurückzuweisen, und zu fühlend doch, Um nicht sein Elend sattsam zu erkennen. Nicht dieser Art war unser Ehebund: Ich schenkte volle Freiheit dir zu wählen. Als Antwort triebst du zu des Vaters Wahl. Angiolina . So that ich, und vor Erd' und Himmel würd' Ich noch einmal so thun; denn meinethalb Bereut' ich's nie – bisweilen deinethalb, Wenn ich darüber sann, was jüngst dich so Verstört. Doge . Ich wußte, daß mein Herz dich nie Mit Heftigkeit behandeln, wußte auch, Daß dich nicht lang' mein Alter hemmen würde; Dann konnte meines ersten Freundes Tochter, Sein würdig Kind, jetzt reicher, klüger auch, Im vollsten Blühen ihrer Weiblichkeit, Frei wieder einen Gatten sich erwählen; Zu solcher Wahl geschickter nun gemacht Durch die Vollendung dieser Prüfungsjahre, Als Erbin eines fürstlichen Vermögens Und Namens auch, und durch die kurze Buße Von wenig Sommern bei dem alten Mann Geschützt vor Allem, was Gesetzesränke Und neid'sche Vettern gegen sie gewagt, So konnte meines besten Freundes Kind Dann passender für ihre Jahre wählen Und ganz so wahr in dem getreuen Herzen. Angiolina . Ich dachte nur an meines Vaters Wunsch, Den seine letzten Worte heilig mir Gemacht und sah nur auf mein Herz, damit Es alle seine Pflichten that, und treu An dem hing, dem ich angetraut. Nie schlich Ehrgeiz'ge Hoffnung sich in meine Träume, Wenn einst die Stunde kommen sollt', von der Du sprichst, wird man es sehn. Doge . Ich glaube dir, Ich kenne dich als wahr: Die Liebe, die Romant'sche Lieb', die ich in meiner Jugend Als Wahn erkannt, nie dauernd sah, ja oft Verhängnißvoll, sie hatte keinen Reiz Für mich, selbst nicht' in meinen wildsten Jahren, Und hätte drum, wenn da, auch jetzt ihn nicht. Doch jene Achtung und die zarte Rücksicht, Wie meine Sorge für dein wahres Wohl, Die freudige Erfüllung jedes Wunsches, Der ehrbar nur, mein Sinn für deine Tugend; – Wie Wachsamkeit, die sich nicht zeigt, jedoch Der Jugend kleine Fehler mild bedeckt, Daß es nicht schmerzt, vielmehr nur abgewöhnt, Ohn' daß man selbst es merkt, ja meint, man hab' Aus eigner Wahl sich so gefaßt; – wie es Mein Stolz, auf deine Schönheit nicht, auf dein Betragen nur; wie mein Vertraun auf dich, Wie meine väterliche Liebe mir, Nicht kind'sche Huldigung; wie Freundschaft, Treu In deinen Augen mir gewinnen konnten, – Ein solch Gefühl erhoffte ich von dir. Angiolina . Und immer hab' ein solches ich gehegt. Doge . Das glaub' ich auch; denn als du mich gewählt, Da kanntest du den großen Unterschied Der Jahre wohl und wähltest dennoch mich. Ich baute nicht auf meine Eigenschaften Und würd' auf sie und Aeuß'res niemals baun, Selbst wenn ich fünfundzwanzig zählte noch, Ich bau' auf Loredano's reines Blut In deinen Adern, baue auf die Seele, Die Gott dir gab, auf deines Vaters Lehren, Auf deinen Glauben, deine sanfte Tugend, Auf deine Ehr' und Treue, für die meine. Angiolina . Du thatest wohl. Ich dank' für dies Vertraun, Wofür nur um so mehr zu ehren dich Ich keinen Augenblick noch aufgehört. Doge . Wo Ehre angeboren ist, und noch Gekräftigt wird durch gute Lehren, steht Auf Felsen auch die eheliche Treu'. Wo sie nicht ist, wo leichter Sinn sich birgt, Wo Eitelkeit und Weltlust blühn im Herzen, Wo Sinnentaumel es durchzuckt, da kann Bei so vergiftetem Geblüt man nie Auf Ehrbarkeit sich irgend Rechnung machen, Selbst wenn man sich mit Dem vermählt, den man Am meisten liebt. Selbst die Vermenschlichung Des Dichtergottes in des Marmors Reiz, Der Halbgott selbst, Alcid, in seinem Glanz Von übermenschlich männlicher Gestalt Vermocht' zu fesseln nicht, wo Tugend fehlt, Beständigkeit kennzeichnet sie allein; Das Laster schwankt, die Tugend wechselt nicht. Das Weib, das einmal fiel, fällt immer wieder, Denn Laster muß Verändrung haben, Tugend Steht wie die Sonn'; und was sich um sie her Bewegt, trinkt Leben, Licht und Glanz aus ihr. Angiolina . Und wenn in Andern diese Wahrheit du Empfind'st und schaust, warum – verzeihe mir! – Fröhnst du der heftigsten der Leidenschaften Und störst die Hochgedanken deiner Seele Durch ruhelosen Haß auf einen Steno, Auf ein so nichtig Ding? Doge . Du mißverstehst Mein Herz. Nicht Steno ist's, der mich so sehr Erregt. Wär' er's, er würd' – doch davon still! Angiolina . Was fühlst du denn, und eben jetzt so tief? Doge . Ich fühl' Venedigs Majestät verletzt In seinem Herrn, wie in der Republik Gesetz. Angiolina . Ach warum willst du's anschaun so? Doge . Ich dachte drüber nach, bis ich – Doch laß Zu meinem Thema nun zurück dich bringen. Da Alles das bedacht war, nahm ich dich Zum Weib. Die Welt hat damals meine Gründe Zu würdigen gewußt; und mein Benehmen Bewies, sie hatte Recht, und deines war Zu loben nur. Ich und die Meinigen Gewährten Freiheit, Achtung dir, Vertraun. Ein Sprosse Solcher, die der Heimat Fürsten Geschenkt und Kön'ge von dem Thron gestürzt, Erschienst in jeder Richtung würdig du, Die erste Dame dieses Lands zu sein. Angiolina . Wozu soll das? Doge . Dazu, daß eines Schurken Boshafter Hauch dies Alles weg konnt' blasen. Ein Strolch, den wegen zügelloser Haltung Ich aus der Mitte unsrer Festlichkeit Hinweg mußt' führen lassen, ihn zu lehren, Wie man im Haus des Dogen sich benimmt, Ein solcher Schuft dürft' auf die Wand das Gift, Das seine Brust ersticken wollte, spein Und dieses Gift sich ringsumher verbreiten! Des Weibes Unschuld und des Mannes Ehr', Sie durften so zum Gassenhauer werden! Der Doppelschuft, der jungfräuliche Scham Durch jenen Schimpf verletzt, den öffentlich Vor unsern höchsten Damen er den Mädchen In unserem Gefolge angethan, Durft' sich für den gerechten Abschub rächen, Indem er seines Herrschers Ehgemahl Vor Allen angeschwärzt; und Der wird nun Von seinen edeln Vettern absolvirt ! Angiolina . Doch ward er zur Gefängnißhaft verdammt. Doge . Für Seinesgleichen ist die Haft so viel Wie Freisprechung; denn dieser kurze Schein- Arrest wird im Palaste ja verbüßt. Doch fertig bin ich mit dem Mann; der Rest Geht dich an. Angiolina . Mich? Doge . Ja, Angiolina, dich! Verwundere dich nicht! Dies hat so tief An mir genagt, daß ich empfind', mein Leben Kann nicht mehr dauern lang'. Ich wünschte nun, Daß du die Weisungen dir ansiehst, die Da drin du finden wirst (übergibt ihr ein Papier) . Befürchte nichts! Es ist zu deinem Vortheil nur; lies es Zur rechten Stunde durch. Angiolina . Ich werde dich Im Leben ehren und auch später noch. Doch mögest du noch manchen Tag erleben Und bessere als nun! Die Leidenschaft Wird schon verwehn; du wirst dann heit'rer wol, So wie du solltest, sein, und wie du warst. Doge . Ja wie ich sollte, werd' ich sein – wo nicht, Dann – Nichts! – Doch niemals, niemals, niemals mehr Wird auf die wen'gen Tage oder Stunden, Die noch Falier's vergiftet Alter schauen, Der süßen Ruhe sanfte Sonne strahlen. Nie werden Bilder der Vergangenheit Aus einem Leben, das nicht nutzlos war, Nicht ohne Ruhm, die letzten Stunden mir Versüßen vor der Nacht und sanfter mich Hinüber wehn zur langen Ruhezeit! Zu thun hab' ich nur wenig noch, zu hoffen Nur ein'ge Rücksicht für das Blut, den Schweiß, Der Seele Mühn, die zu des Landes Ehr' Ich überstanden einst. Des Landes Diener, Wenngleich sein Oberhaupt, wär' ich so gern Mit einem Namen, der so rein wie der Der Väter war, zu ihnen eingegangen. Es sollte nicht so sein! – O wär' ich doch Bei Zara schon gefallen! Angiolina . Dort hast du Den Staat gerettet einst; so lebe denn Und rett' ihn noch einmal! Ein zweiter Tag Wie jener wär' die beste Züchtigung Für sie; für dich die einzig würd'ge Rache. Doge . Nur einmal kommt in einem Menschenalter Ein solcher Tag; mein Leben ist nicht ganz Ein Menschenalter und das Glück hat wol Genug gethan, daß einen es mir gab, Wie kaum ein Bürger, den es hoch begünstigt, In manchem Staat und manchem Jahr gewinnt. Doch wozu das? Venedig hat den Tag Vergessen längst, warum sollt' ich dran denken? Behüt' dich, Angiolina, Gott! Ich muß Ins Cabinet; ich habe viel zu thun, Die Stunde drängt. Angiolina . Gedenke, was du warst. Doge . Vergeblich wär's! Erinn'rung an die Freude Ist ja nicht Freude mehr; doch das Gedächtniß Des Leids bleibt immer Leid. Angiolina . Zum wenigsten, Was immer drängen mag, laß dich erbitten Und ruh' dich etwas aus. Dein Schlaf war schon Gar manche Nacht so fieberhaft, daß Lind'rung es Gewesen wär', man hätte dich geweckt. Ich that es auch, wenn ich gehofft nicht hätte, Natur werd' die Gedanken doch am End' Bewältigen, die deinen Schlaf gestört. Ein Ruhestündchen wird mit frischer Kraft Und neuem Sinn dich den Geschäften schenken. Doge . Ich kann nicht – darf nicht, wenn ich könnt', denn nie Noch hatt' ich soviel Grund, ganz wach zu sein. Jedoch nur wenig Tage noch, nur noch Ein Paar von Träumen schwergequälte Nächte Und ich werd' schlummern – fest – doch wo? Gleichviel! Ade, mein Kind! Angiolina . Laß einen Augenblick, Nur einen Augenblick mich weilen noch Bei dir. Ich kann dich nicht so lassen. Doge . Nun, So komm, mein holdes Kind! Vergib! Du warst Gemacht, ein besser Loos als meins zu theilen, Das sich umwölkt, indem's zum Thale führt, Wo Tod in seinem dunkeln Mantel sitzt, Der Alles überdeckt. Wenn ich dahin – Und das mag früher selbst als nach dem Maß Der Jahre sein, denn's regt sich was hier innen Und oben – rings – als ob in dieser Stadt Die Gottesäcker sich bevölkern wollten So stark wie je durch Pestilenz und Krieg – – Wenn Nichts ich bin, laß, was ich war, bisweilen Ein Namen sein auf deinen süßen Lippen, Ein Bild in deiner Phantasie von Einem, Der, daß du um ihn trauertest, nicht möcht', Nein! nur daß seiner du gedenkst. Nun laß Uns gehn, mein liebes Kind, es drängt die Zeit. (Beide ab.) Zweiter Auftritt. Einsamer Platz in der Nähe des Arsenals. Israel Bertuccio und Philipp Calendaro. Calendaro . Nun, Israel, wie ist's mit Eurer Klage Ergangen jüngst? Israel . Ei gut! Calendaro . Ist's möglich, Freund? Er wird bestraft? Israel . Gewiß! Calendaro . Und wie? Um Geld? Durch Sitzen? Israel . Mit dem Tod. Calendaro . Was! seid Ihr toll? Wollt Ihr Euch rächen, wie ich Euch gerathen: Mit eigner Hand? Israel . Um einem Hassestrunk Die große Racheschüssel aufzuopfern, Die wir Venedig kochen, und ein Leben Der Hoffnung für Verbannung einzutauschen, Die eine Natter auf den Kopf zu treten, Daß tausend and're Freund' und Brüder stechen?! Nein, Calendaro! Für die blut'gen Tropfen, Die schmählich mich benetzt, soll all sein Blut Zur Sühne fließen, doch nicht seins allein! Nicht für das Unrecht, das den Einzelnen Betraf, soll unser Schlag geschehn, das taugt Für egoist'sche Leidenschaft und für Ein rasches Blut, doch wär's unwürdig deß, Der die Tyrannen treffen will. Calendaro . Ihr habt Weit mehr Geduld, als ich mich rühmen kann. War ich zugegen, als man Euch beschimpft, Ich hätt' ihn niederschlagen müssen oder Ich wär' erstickt in dem vergeblichen Bemühn, in mir den Ingrimm zu ersticken. Israel . Dem Himmel Dank, daß nicht dabei Ihr wart, Ihr hättet Alles sonst verderbt. So wie's Jetzt ist, steht unsre Sache günstig noch. Calendaro . Ihr wart beim Dogen? Nun, was gab er denn Zur Antwort Euch? Israel . Daß Herr'n wie Barbaro Man nicht bestraf'. Calendaro . Ich hab's Euch ja gesagt. Es war ein eitler Wahn, Gerechtigkeit Aus solchen Händen zu erwarten. Israel . Wohl! Doch lullte es den Argwohn ein, weil es Vertraun bewies. Hätt' ich geschwiegen, nicht Ein Sbirre nur hätt' mich im Aug' behalten, Als einen Mann, der heimlich Rache sinnt. Calendaro . Doch warum macht Ihr Euch nicht an den Rath? Der Doge ist die reinste Puppe ja Und kann mit Noth für sich erhalten Recht. Warum denn ihn angehn? Israel . Erfahren sollt Ihr's schon noch – späterhin! Calendars . Warum nicht jetzt? Israel . Geduldet Euch nur noch bis Mitternacht. Seht jetzt die Listen nach, ersucht die Freunde, Daß sie bereit die Haufen stellen, rüstet, So daß der Schlag sofort geschehen kann, Vielleicht in wenig Stunden schon. Wir haben Lang' auf den rechten Augenblick gepaßt. Die Stunde ist jetzt da, vielleicht schon morgen. Ein längrer Aufschub möchte die Gefahr Verdoppeln leicht. Seht zu, daß Alle pünktlich Am Sammelplatze find, und wohl bewehrt, Der sechzehn Haufen Führer ausgenommen, Die bei der Mannschaft bleiben, harrend des Signals. Calendaro . Ein neues Leben wehn die Worte, Die muthigen, in meine Brust. Entleidet War längst mir dieses ewige Berathen! Tag kroch um Tag dahin und fügte stets Ein neues Glied nur an die schwere Kette Und neues Unrecht, neuen Schimpf und Schande. Die uns man anthat oder unsern Brüdern; So schwoll die Stärke unserer Tyrannen Nur immer mehr. Jetzt aber wollen wir Abrechnung halten, was auch der Erfolg, Ob's Tod, ob's Freiheit sei. Ich Hab' es satt Bis in das Herz, daß keins von beiden kommt Israel . Wir. werden frei sein, lebend oder todt, Das Grab ist kettenlos. – Sind Eure Listen Vollständig nun? Die sechzehn Compagnie'n Auf sechzig Mann gebracht? Calendaro . Ja, bis auf zwei, Da fehlen etwa fünfundzwanzig Mann. Israel . Gleichviel, es geht auch ohne sie. Bei wem Denn fehlt's? Calendaro . Bei Bertram und dem Greis Soranzo. Die beiden Herrn betreiben's, scheint's, nicht so Wie wir. Israel . Ihr seid so feurig selbst, daß Den Für kalt Ihr nehmt, der nicht gleich rastlos ist. Doch birgt sich in verschlossenen Seelen oft Nicht wen'ger Muth als in dem lautern Rächer; Drum zweifelt nicht. Calendaro . Am Alten zweifl' ich nicht, Doch dieser Bertram ist von säumigem Und weichem Naturell, was oft schon ward Verhängnißvoll für Werke unsrer Art. Ich sah, wie er ob Andrer Mißgeschick Fast wie ein Kind geweint, und ganz vergaß, Daß ja er selbst noch Größeres ertrug; Und jüngst bei einem Streit ward übel ihm, Weil Blut er sah, obschon nur eines Schufts. Israel . Der Tapfre ist an Herz und Auge weich Und fühlt auch da, wo ihm die Pflicht gebeut. Ich kenne Bertram schon seit langer Zeit, Es athmet keine ehrenwerth're Seele. Calendaro . Es mag so sein; doch fürcht' ich weniger Verrath als Schwäche stets. Indessen da Er nicht Geliebte hat noch Frau, die sonst Auf seines Geistes süße Milch könnt' wirken, Mag er Passiren die Revue. Gut ist's, Daß er allein steht und sonst Niemand hat Als uns. Mit Weib und Kind wär' wen'ger er Als irgend Einer zum Entschluß gelangt. Israel . Es taugen Bande dieser Art auch nichts Für den, der zu dem hohen Amt berufen ist, Verderbte Republiken auszuputzen. Wir müssen jed' Gefühl vergessen, nur Dies Eine nicht, und jede Leidenschaft, Nur die für unsern Zweck nicht, opfern können. Wir dürfen nichts im Auge haben als Das Vaterland; schön muß sogar der Tod Erscheinen uns, damit zum Himmel steigt Der Opferdampf, und Freiheit auf das Land Herab für immer bringt. Calendaro . Doch, wenn's mißlingt? Israel . Wenn man für eine große Sache stirbt, Kann von Mißlingen nicht die Rede sein. Der Block mag trinken solcher Helden Blut, Ihr Haupt mag dörren in der Sonne Strahl, An Thor und Wällen mag ihr Leib verfaulen, Lebendig geht ihr Geist doch um und um! Gehn Jahre auch darüber hin und theilen Noch Andre auch ein gleiches, dunkles Loos, So mehren sie doch jene Weltgedanken, Die tief und mächtig alle andern schlagen, Und endlich doch zur Freiheit brechen durch. Was wären wir, hätt' Brutus nicht gelebt? Durch seinen Tod gab er die Freiheit Rom, Ließ eine Lehre uns, die niemals stirbt, 'Nen Namen, der selbst eine Tugend ist, Und eine Seele, die sich neu gebärt In jeder Zeit, wo Schlechte triumphiren Und knechtisch wird ein Staat. Ihn und Den hohen Freund hieß man »die letzten Römer«, Laßt uns »die ersten Venezianer« sein, Entsprossen römischem Geblüt. Calendaro . So sei's! Denn unsre Väter flohn vor Etzel'n nicht Nach diesem Sumpf, woraus Paläste wuchsen, Auf Boden, den dem Schlamm des Ozeans Sie abgetrotzt, um für den Einen Herrn Sich tausend aufzuladen. Lieber noch Sich vor den Hunnen beugen, den Tartaren, Als vor den eiteln Seidewurmbaronen, Der aufgeblas'nen Brut! Denn Attila War doch ein Mann, sein Scepter doch ein Schwert. Doch diese feige Kriechersippe siegt Mit unsrem Arm und lenkt uns mit dem Wort, Als wär's ein Talisman. Israel . Er soll zerbrechen! Du sagst mir. Alles sei jetzt vorbereitet; Heut' hab' ich nicht wie sonst die Rund' gemacht, Du weißt, warum. Doch deine Wachsamkeit Wird meine Sorge wol vertreten haben. Die kürzlich erst vom Rath ertheilte Weisung, Daß wir verdoppeln sollen unsre Mühn, Um die Galeeren eilig auszurüsten, Verschaffte einen guten Vorwand uns, Um Viele unsrer Freunde einzuführen Theils in das Arsenal als Handwerksleute Zur Ausrüstung, theils als Rekruten, die In Eil' man aufgebracht, die Flotte, die Man rasch beschafft, sofort auch zu bemannen. Sind sie mit Waffen wohl versehn? Calendaro . Ein Jeder, Der mir vertrauenswerth erschien. Doch sind Auch Ein'ge da, die besser man, bis es Erst Zeit zum Schlagen ist, im Dunkeln läßt, Und dann erst sie bewehrt, wenn in dem Rausch Des Augenblicks sie keine Zeit mehr haben, Um still zu stehn; vielmehr mit denen dann, Die um sie sind, zum Handeln vorwärts müssen. Israel . Das habt Ihr gut gemacht; Ihr habt Euch die Wol all' bemerkt? Calendaro . Die meisten, ja! hab' auch Die andern Führer aufmerksam gemacht, In ihren Haufen Gleiches vorzukehren. So viel ich sah, sind unsrer wir genug, Um auszuführen unsern Plan, schlägt man Schon morgen los. Doch bis es erst so weit, Trägt jede Stunde viel Gefahr im Schooß. Israel . Die sechzehn sammeln wie gewöhnlich sich, Sorenzo, Nicoletto Blondo nur Und Marco Giuda ausgenommen, die Im Innern Wache thun des Arsenals, Und Alles fertig haltend des Signals, Das jetzt wird ausgemacht, dort ruhig harren Calendaro . Verlaßt Euch drauf. Israel . Die andern Alle sollen An Ort und Stelle sein, ich hab' 'nen Fremden Dem Bunde vorzustellen. Calendaro . Einen Fremden? Kennt er's Geheimniß? Israel . Ja. Calendaro . Und habt Ihr es Gewagt, der Freunde Leben zu gefährden, Indem Ihr Einem Euch vertraut, der uns Ganz unbekannt? Israel . Ich habe Keines Leben Als nur mein eigenes gewagt. Deß seid Gewiß, denn Einer ist's, der doppelt sicher Durch seinen Beistand unsre Sache macht. Doch widerstrebte er, war' gleichwol er In unserer Gewalt. Er kommt allein Mit mir und kann uns nicht entfliehn. Indeß Der läßt uns nicht im Stich. Calendaro . Kein Urtheil kann Ich drob erlauben mir, bis ich ihn kenne. Ist er von unsrer Art? Israel . O ja, im Geist, Obschon ein Kind der Macht. 'S ist Einer, der Auf einem Thron zu sitzen oder ihn Zu stürzen taugt, der große Thaten that Und große Wechsel sah; nicht selbst Tyrann, Wenngleich geboren schon zur Tyrannei, Im Kriege tapfer, weise in dem Rath, Von Haus aus edel, wenn auch stolz und streng Rasch und behutsam, doch vor allen Dingen So angefüllt von sichern Leidenschaften, Daß, wenn einmal gereizt, verspottet gar, Wie er es ward am kitzlichsten der Punkte, Die Griechensage keine Furie kennt, Die wilder wär' als die, die seine Brust Mit Flammenhand durchwühlt, und ihn, – daß er Sich räche nur, – zu Allem fähig macht. Füg' noch hinzu, daß von Gemüth er doch Hochherzig ist, und sieht und fühlt, wie sehr Das Volk gedrückt ist, und sein Leiden theilt. Im Ganzen nimm ihn! Solchen brauchen wir Und Solcher braucht auch uns. Calendaro . Und welche Rolle Theilst du bei uns ihm zu? Israel . Es könnte sein, Die unsres Oberhaupts. Calendaro . Wie? und du selbst Willst auf die Führerschaft verzichten? Israel . Ja! Mir liegt am Herzen nur, daß unser Plan Gelingt nicht daß ich selbst zur Macht gelang. Erfahrung und Geschick, und Eure Wahl Bezeichneten als Euern Führer mich, Bis sich ein würdigerer zeigen würd'. Nun hab' ich einen aufgespürt, der wie Ihr selbst bekennen werdet, würd'ger ist; Glaubt Ihr, daß ich aus Selbstsucht, aus Begier, Ein kurz Commando auszuüben, zögern Und unser Aller Vortheil wegen meiner Auf's Spiel würd' setzen, eher als mich Einem Zu unterordnen, der mir weit voraus In jeder Führereigenschaft? Nein, Freund! Lernt besser kennen mich. Jedoch ihr Alle Sollt drüber urtheiln. Fort! wir treffen uns Zu der bestimmten Stund'. Seid wachsam nur, Und gut wird Alles gehn. Calendaro . Bertuccio! Freund! Ich habe Euch als tapfer stets und als Vertrauenswerth erkannt, um einen Plan Mit Kopf und Herzen zu entwerfen, den Ich auszuführen immer war bereit. Was mich betrifft, ich will kein ander Haupt, Doch was die Andern wollen, weiß ich nicht. Ich gehe jedenfalls mit Euch, wie ich's Bei jedem Unternehmen that. Lebt wohl! Wir sehen wieder uns um Mitternacht. (Beide ab.) Dritter Act. Erster Auftritt. Platz zwischen dem Kanal und der Kirche San Giovanni und Paolo. Vor der Kirche eine Reiterstatue. In einiger Entfernung liegt eine Gondel im Kanal. Der Doge allein und vermummt. Ich stehe vor der Stunde, deren Stimme, Wenn durch das Sterngewölb' der Nacht sie tönt, In böses Schwanken die Paläste hier Versetzen könnt', daß ihre Marmorquadern Bis zu dem Eckstein fürchterlich erbebten Und alle Schläfer aus dem Traum erwachten, Aus einem Schreckenstraum voll finstrer Ahnung Des Unheils, das sie überfallen wird. Ja stolze Stadt, du sollst gereinigt werden Vom schwarzen Blut, das dich zum Siechenhaus Der Tyrannei gemacht. – Man hat dies Werk Mir aufgedrängt, ich hab' es nicht gesucht. Ich bin dafür gestraft, daß 'ich so lang' Patrizierpest sich rings verbreiten sah Und nichts gethan, bis endlich sie auch mich In meinem Schlafe traf. Nun bin ich an- Gesteckt und muß mir durch ein heilend Bad Rein waschen das Geschwür. – Erhab'ner Tempel! Wo meine Väter ruhn, wo ihre Bilder Den Flur beschatten, der mich trennt vom Grab, Wo unsres Blutes wilde Herzen schlafen, Zu einer Handvoll Asche eingeschrumpft, So daß ein Häuflein ist, was so viel Helden Gewesen einst, die eine Welt bewegt. Du Haus der Heiligen, die mein Geschlecht Behütet stets! Du zweier Dogen Gruft, Die, meine Ahnen, einst gefallen sind, Der unter Mühn, der auf dem Schlachtgefild, Du Ruheplatz noch vieler unverwandter Feldherrn und Räthe, deren großen Werke, Und Stand und Wunden ich geerbt! Mach' jetzt Die Gräber auf, füll' mit den Todten Schiff Und Chor und ström' aus deinen Thoren sie, Daß mich sie schaun. Ich rufe sie und dich Zu Zeugen dessen auf, was mich gebracht Zu diesem Schritt: ihr hohes reines Blut, Ihr Wappenruhm, ihr mächt'ger Name ward In mir entehrt, doch nicht von mir, vielmehr Von jener undankbaren Adelsbrut, Für die wir kämpften, sie uns gleich zu machen, Doch nicht zu unsrem Herrn. Vor Allen du, Du tapfrer Ordelaso, der einst fiel, Wo seitdem ich gesiegt, auf Zara's Plan! Verdienten jene Hekatomben, die Von deinem und Venedigs schlimmstem Feind Dein Enkel dort geopfert, solchen Dank? Ihr Geister, lächelt heut' auf mich herab, Denn meine Sache ist die eure auch Und kann für alle Zeit jetzt eure werden. Es ist ja Euer hoher Ruf und Namen Mit meinem eng verknüpft, und unsres Hauses Zukünft'gem Loos! Laßt glücken meinen Plan, Und frei, unsterblich mach' ich diese Stadt Und glänzender des Hauses Namen noch, Jetzt wie dereinst, als je der eure war. Israel Bertuccio tritt auf. Israel . Wer da? Doge . Venedigs Freund! Israel . Der Doge ist's. Willkommen, Herr! Ihr kommt noch vor der Zeit. Doge . Seht mich bereit, an den Versammlungsort Zu gehn. Israel . Ich geh' mit Euch. Und stolz bin ich Und froh, so viel Vertraun in Euch zu schaun. So sind denn Eure Zweifel all verscheucht, Seit wir das letzte Mal uns sahn? Doge . Das nicht, Allein ich hab' das wen'ge Leben, das Mir bleibt, auf diesen Wurf gesetzt. Ich warf Den Würfel schon, als ich zum ersten Mal Auf den Verrath aus Eurem Mund gelauscht. Fahrt nicht zurück! Das ist das Wort! Ich kann Die Zunge nicht verdrehn, um schwarze That Mit süßem Namen gleißend zu belegen, Bin ich gewonnen auch, sie zu begehn. Als ich vernahm, wie Euern Herrscher ihr Versucht, und Euch nicht ins Gefängniß warf, Da ward ich Euer schuldigster Genosse. Jetzt könnt ihr, wenn es Euch gefällt, an mir Das Gleiche thun. Israel . Seltsame Worte, Herr, Und unverdient, denn ich bin kein Spion Und keiner von uns Beiden ist Verräther. Doge . Von uns – von uns? – Gleichviel! Ihr habt ein Recht Von »uns« zu sprechen ja. – Jedoch zur Sache! Wenn der Versuch gelingt und frei und blühend Venedig wird und wenn im Grab wir ruhn, Sein Volk dereinst zu unsern Grüften wallt Und seine Kinder Blumen streuen läßt Auf der Befreier Todtenmal, wird der Erfolg rechtfert'gen, heil'gen unsre That Und wir wie Brutus stehn in der Geschichte; Wo aber nicht, wo es mißlingt, und wir Geheimen Plan und blutig Werk gebraucht Wenn auch zu gutem Zweck, sind wir Verräther. Mein biedrer Israel, du ganz so gut Wie Der, der vor sechs Stunden war dein Herr Und nun dein Bruder Hochverräther ist. Israel . Dies ist der Ort nicht, Solches in Betracht Zu ziehn, sonst gäb' ich Antwort Euch. Jetzt zur Versammlung? Kommt! Man könnte uns hier sehn. Doge . Wir sind gesehn und waren's längst. Israel . Gesehn? Wo ist der Mann und dieser Stahl – Doge . Steck ein! Kein menschlich Auge ist's. Doch schau – was siehst Du hier? Israel . Nur eines Kriegers steinern Bild, Der hoch auf stolzem Roß im bleichen Licht Des Mondes sitzt. Doge . Der Krieger war der Ahn Von meines Vaters Ahnen, und dies Bild Ihm zuerkannt, weil zweimal er die Stadt Gerettet hat. Siehst du, er schaut zu uns Herab! Israel . Mein Fürst, das sind nur Phantasien, Der Marmor hat kein Aug'. Doge . Doch hat's der Tod. Ich sag' dir, Mann! es lebt in solchem Ding Ein Geist, der schaut und wirkt, und den man fühlt, Wird er auch nicht gesehn. Und wenn es Zauber, Um Todte zu erwecken, gibt, ist's wol Durch solche That, wie wir jetzt im Begriff Zu thun. Glaubst du, die Geister eines Hauses Wie meines ist, vermöchten still zu ruhn, Wenn des Geschlechtes letztes Glied und Haupt Am Rande ihrer Gräber selbst Verrath Mit wüthenden Plebejern spinnt? Israel . Ihr hättet Erwägen sollen dies, eh' Ihr noch Theil An unserm Plane nahmt. Reut Euch der Schritt? Doge . Nein! Doch ich fühl's und werd' es ewig fühlen. Ich kann ein rühmlich Leben nicht so mir Nichts dir nichts von mir thun, nicht ohne Weitres Einschrumpfen zu dem Ding, das künftig ich Muß sein, noch hehlings rauben Menschenleben. Doch zweifelt nicht an mir! Gerade dies Gefühl, grad' daß ich weiß, was mich so weit Geführt hat, ist Euch beste Sicherheit. In Eurem wild empörten Bund ist kein Ergrimmter Handwerksmann, der so verletzt, So tief gestürzt, so scharf zur Rache ward Gereizt wie ich. Die Mittel grad', wozu Die schändlichen Tyrannen mich gedrängt, Sind solcher Art, daß ich sie doppelt für Die Thaten hass', die ich vollbringen muß, Um ihre Schandthat ihnen heimzuzahlen. Israel . Kommt jetzt! – Hört Ihr? Die Stunde schlägt! Doge . Fort! fort! Die Todtenglock' ist für Venedig sie, Wo nicht – für uns! Israel . Sagt lieber doch: sie ruf' Die Auferstehung seiner Freiheit aus. Kommt diesen Weg – wir sind ganz nah' dem Ort. (Beide ab.) Zweiter Auftritt. Das Stelldichein der Verschworenen. Dagalino, Doro, Bertram, Fedele Trevisano, Calendaro, Antonio delle Bende etc. Calendaro (beim Eintreten) . Sind Alle da? Dagolino . Jawol, mit dir: die Drei Im Dienst und unser Führer Israel, Der jeden Augenblick erwartet wird, Stehn nur noch aus. Calendaro . Ist Bertram da? Bertram . Hier, Herr! Calendaro . Wart Ihr im Stand, die Anzahl zu ergänzen. Die Eurer Compagnie gefehlt? Bertram . Ich hab' Ein Paar mir wol gemerkt, doch nicht gewagt, Sie mit der Sache zu betraun, bis ich Versichert mich, daß sie Vertrauens werth. Calendaro . Nicht nöthig ist's, auf ihre Treu zu sehn. Wer außer uns, und unsern Auserwählten Kennt unsre Pläne ganz? Sie glauben, im Geheim der Signoria sich verdingt, Eine geschichtliche Thatsache Siehe Anhang Note A. Um ein'ge junge Edeln zu bestrafen, Die durch Excesse dem Gesetz getrotzt. Doch sind sie einmal ausgerückt und haben Das neue Schwert im schwarzen Herzen erst Der Senatoren eingeweiht, die man Am meisten haßt, so werden sie nicht zögern, Auch auf die Andern ihren Schlag zu thun, Wenn sie das Beispiel ihrer Führer sehn. Ich will sie schon in die Verfassung setzen, Daß sie schon Schande halber, und um selbst Zu sichern sich, nicht früher werden ruhn, Bis Alle sammt vernichtet sind. Bertram . Was sagt Ihr? Allesammt? Calendaro . Wen willst du denn verschone»? Bertram . Verschonen? Ich? Dazu fehlt mir die Macht. Ich fragte nur, weil ich gedacht, daß doch Der oder Jener in der Zahl vielleicht Der Bösen wär', den Alter oder Tugend Der Gnade würdig machte. Calendaro . Gnade? Ja, Wie Nattern sie verdienen und empfangen, Wenn sie zerhaun, im letzten wilden Krampf Des gift'gen Lebens in der Sonne zucken. Ich dächte wahrlich grad so gut daran, Mitleid zu fühlen mit dem Zahn, den ich Im Rachen fänd' der giftgeschwoll'nen Schlange, Als Einen dieser Brut zu schonen. Nein! Sie sind nur Glieder einer langen Kette, Ein Stoff, Ein Athem und Ein Leib! Beisammen Nur essen, trinken, leben, brüten sie, Beisammen lügen, drücken, tödten sie, So sollen sie auch sterben hübsch beisammen! Dagolino . Wenn Einer übrig blieb, er könnte so Gefährlich sein wie diese ganze Brut. 'S ist nicht die Zahl, ob zehen oder tausend, Der Geist ist's dieser Aristokratie, Der ausgerottet werden muß. Und blieb Ein einz'ger Schößling von dem alten Baum Am Leben noch, er schlüge Wurzel bald Und wüchse neu empor zu düstrem Grün Und bitt'rer Frucht. Wir müssen fest sein, Bertram! Calendaro . Nimm dir's zu Herzen, Bertram! Hörst du wol? Ich hüte dich. Bertram . Wer mißtraut mir? Calendaro . Ich nicht; Denn thät' ich es, du stündest jetzt nicht hier Und schwatztest von Vertraun. Dein weiches Herz, Nicht Untreu ist's, was dich verdächtig macht. Bertram . Ihr solltet wissen, wer und was ich bin. Ein Mann, wie ihr, gewillt, den Druck zu brechen, Ein braver Mann auch, wie ich glaub' und wie Mich Ein'ge wol von euch erkannt; und ob Ich tapfer bin, könnt, Calendaro, Ihr Bezeugen, der Ihr im Gefecht mich saht. Doch, wenn Ihr drob noch Zweifel habt, will ich An Eurem Leib die Zweifel machen klar. Calendaro . Recht gern, wenn unser Unternehmen erst Gethan, das nicht gestört darf werden durch Derart'gen Zank. Bertram . Ich bin kein Zänker, Herr! Doch kann ich mich so tief in Feinde wagen, Als irgend Einer, der mich hört. Warum Denn wär' ich sonst Euch als Genosse und Mitführer zugesellt? Gern aber geb' Ich zu: ich bin nicht eisern von Natur, Noch nicht gewöhnt, an schonungslosen Mord Zu denken ohne ein Gefühl des Schauderns. Die Schau des Bluts, das spritzt von grauen Köpfen, Ist kein Genuß für mich: noch dünkt der Tod Von Ueberfallenen mir Ruhm. Sehr wohl, Nur zu wohl weiß ich ja, daß solche Thaten Wir werden üben müssen an den Menschen, Die uns zu solcher Rach' gereizt. Doch wenn Es welche gab', die man verschonen könnt' Mit diesem Blutgeschick, um unsrer selbst, Um unsrer Ehre halb, um ein'ge Flecken Hinweg zu wischen von dem Werk, das sonst Ganz blutig starrt, wär's allerdings mir lieb, Und darin seh' ich keinen Grund zu Spott Und zu Verdacht. Dagolino . Beruh'ge, Bertram, dich! Wir hegen sicher nicht Verdacht auf dich. Sei gutes Muths! Die Sache ist es nur, Nicht unser Will', was solche That von uns Verlangt. Wir waschen alle Flecken weg In Freiheits reinem Quell. Israel Bertuccio und der Doge treten ein, letzterer vermummt, Dagolino . Ha, Israel! Willkommen, Freund! Verschworene . Willkommen, tapferer Bertuccio hier! Du kommst heut' spät. Wer ist Der fremde Mann? Calendaro . Zeit ist es, ihn zu nennen, Denn die Kam'raden sind bereit, als Bruder In unsrem Bund ihn freudig zu begrüßen, Na ihnen ich vertraut, daß einen Zuwachs Du unsrer Sache bringen willst, den du Für richtig hältst und der drum Allen recht. So bauen wir auf jede deiner Thaten. Er möge sich nun zu erkennen geben. Israel . Fremdling! tritt vor! ( Der Doge enthüllt sich. ) Verschworene . Verrath! – Der Doge ist's! Auf! Zu den Waffen! – nieder mit den Zwei'n! Mit dem Bertuccio und mit dem Tyrannen, An den er uns verkauft! Calendaro ( zieht sein Schwert ). Halt ein! Halt ein! Wer einen Schritt thut gegen sie, der stirbt. Halt ein! Hört den Bertuccio erst! Was? Ihr Erschreckt vor diesem waffenlosen Greis? Sag', Israel, was soll dies dunkle Spiel? Israel . Laß sie nur kommen, daß sie selbst die Brust Durchbohren sich! Selbstmörder, undankbare! An unsrem Leben hängt doch eures auch, Hängt euer Glück und euer Hoffen ja. Doge . Stoßt zu! Wenn ich zu sterben fürchtete, Und einen fürchterlichern Tod als ein Vorwitzig Schwert von euch ertheilen könnt', So stünd' ich jetzt nicht hier. – O edler Muth! Du ält'ster Sohn der Furcht, der diese Herrn So tapfer antreibt gegen einen Greis! O seht die Kühnen doch, die einen Staat Umwälzen und Senate stürzen wollen, Und toll vor Wuth und Aengsten werden, wenn Sie einen einz'gen Nobile nur schaun! Erschlagt mich doch! Ihr könnt's, ich mach' mir nichts Daraus. – Ei, Israel, sind das die Männer, Die mächt'gen Herzen, die Ihr mir gerühmt? Seht sie mal an! Calendaro . Wahrhaftig, er hat uns Beschämt und zwar mit Recht. Heißt das etwa Vertraun in eures Haupts, Bertuccio's Treu. Daß gegen ihn und seinen Gast das Schwert Ihr zückt? Steckt ein und hört ihn an. Israel . Nein! ich Verschmäh's zu reden. Längst schon konnten sie Erkennen, daß mein Herz unfähig des Verraths. Nie habe ich die Macht mißbraucht, Die mir ertheilt war: jed' geschicktes Mittel, Das unsern Plan nur fördern könnt', zu brauchen. Sie konnten sicher sein, daß Jedem, den In diesen Rath ich bracht', die Wahl nur blieb, Uns Bruder oder Opfer uns zu sein. Doge . Und was werd' ich euch sein? So wie ihr thut, Muß ich bezweifeln, ob die Wahl noch frei. Israel . Wir wären hier zugleich gefallen, Hoheit, Wenn diese raschen Männer weiter gingen. Doch seht! sie schämen ob der Tollheit sich Und lassen ihre Köpfe hängen. Glaubt's! Sie sind, wie ich sie Euch geschildert. Sprecht Sie an. Calendaro . Ja, sprecht zu uns! Voll Staunen lauschen Wir Alle Euch! Israel ( zu den Verschworenen ). Ihr seid jetzt sicher – nein! Ihr habt fast schon gesiegt – doch höret und Erkennt, daß ich die Wahrheit sprach. Doge . Ihr seht Mich hier, wie Einer von euch sprach, als alten Und waffenlosen Mann. Noch gestern saht Am höchsten Platz ihr mich im Dogensaal, Scheinbar der Herr von unsern hundert Inseln, Im Purpur meiner Würde, die Befehle Ausgebend einer Macht, die nicht bei mir, Noch auch bei euch, vielmehr bei unsern Herrn, Bei den Patriziern ist. Warum ich dort War, wißt ihr wohl. – Warum bin ich jetzt hier? Er, der von euch am tiefsten ward verletzt, Beschimpft, getreten, bis er nicht mehr wußte, Ob er ein Wurm sei oder nicht, der mag Die Antwort für mich geben, wenn sein eigen Herz er drum fragt, was ihn hierher gebracht. Ihr wißt, was kürzlich mir geschah; es weiß Das Jedermann, und Jeder urtheilt anders, Als jene dort, die zu Gericht gesessen Und Schmach auf Schmach gehäuft. Jedoch erlaßt Die Wiederholung mir; hier sitzt's, hier in Dem Herzen sitzt der Schimpf. Doch weitre Worte, Die ich zu viel mit Klagen schon verbraucht, Vermöchten meine Schwäche nur zu zeigen. Ich aber kam hierher, um selbst dem Starken Noch größ're Stärke zu verleihn, und ihn Zu Thaten anzuspornen, und nicht Waffen Zu führen mehr des Weibs. Doch brauch' ich euch Nicht erst zu spornen. Unser Sonderunrecht Entsprang ja aus den öffentlichen Lastern In diesem Staat, den ich nicht Republik Und auch nicht Königreich vermag zu nennen; Der weder Fürsten hat noch Volk, vielmehr Die Sünden des Spartanerstaats, doch nicht Die Tugenden: Bravour und Nüchternheit. Die Herrn von Lacedämon waren Helden, Die unsrigen sind Schwelger, wir Heloten, Und ich der niedrigste, geknechtetste, Wenn auch zu einem Trugbild ausstaffirt; Wie ihre Sklaven trunken einst die Griechen Gemacht, um ihre Kinder zu belustigen. Ihr aber habt zu stürzen euch vereint Dies Ungethüm von Staat, ja diese Spott- Geburt von Regiment, dies Nachtgespenst, Das nur mit Blut zu bannen ist – und dann Soll wieder neu erstehn die Zeit des Rechts. In einem neuen Freistaat wollen wir Nicht unvorsicht'ge Gleichheit pflanzen, nein! Ein gleiches Recht vielmehr, und klug vertheilt Den Säulen gleich an einem Tempelbau, Kraft gegenseitig gebend und empfangend, Und fest das Ganze schaffend, doch auch schön Und anmuthsvoll, so daß kein Theil darf fehlen, Wenn nicht der Einklang drunter leiden soll. Bei diesem großen Umgußwerke Einer Von euch zu sein – wenn ihr mir traut – ist nun Mein Wunsch. Wollt ihr mich nicht, so stoßt nur zu! Mein Leben ist verwirkt, und lieber fall' Ich von der Hand des freien Manns, als daß Ich einen Tag noch leb', um den Tyrannen Im Dienste von Tyrannen fortzuspielen. Denn ich bin Keiner, bin es nie gewesen: Lest eure Chronik nach! Berufen kann Ich mich auf mein vergangen Regiment In manchem Land, in mancher Stadt! Es mög' Euch sagen, ob ich Unterdrücker war, Ob nicht vielmehr ein Mann, der immerdar Gefühlt, gedacht für alle andern Bürger. Ja, wäre ich, wie der Senat gewollt, Ein Träger nur von Rock und Mütz' gewesen, Herausgeputzt zu einem Herrscherbild, Des Volkes Geisel, eifrig unterzeichnend Jed' Todesurtheil, schnöder Helfershelfer Der Vierzig, des Senats, ein jedes Werk, Das von den Zehn nicht gut geheißen wär', Durch Zweifel hemmend, Schmeichler unsres Raths, Ein Werkzeug, Narr, ein Puppenheld – dann hätten Den Schuft sie nicht geschont, der mich verletzte. All was ich leide, hat mich' nur betroffen, Weil Mitleid mit dem Volke ich gefühlt. Das wissen Viele, und die's noch nicht wissen, Sie werden's schon erfahren eines Tags. Inzwischen weih' ich, was auch folgen mag, Euch meines Lebens letzte Tage nun Und meine jetz'ge Macht, so wie sie ist, Nicht die des Dogen, eines Mann's jedoch, Der mächtig war, eh' man zum Dogen ihn Herabgesetzt, und der noch Mittel hat Und Geisteskraft. Ich setze meinen Ruf – Und solchen hatt' ich –, meinen Athem – jetzt Mein kleinstes Gut, denn meine Stund' ist nah' – Mein Herz, mein Hoffen, meine Seel' setz' ich Auf diesen Wurf. So wie ich bin, biet' ich Mich euch und euern Führern jetzo an, Nehmt oder nehmt mich nicht, den Fürsten, der Gern Bürger wäre oder nichts, und der Den Thron verließ, um Solcher nur zu sein. Calendaro . Faliero hoch! Venedig sei befreit. Verschworene . Faliero hoch! Israel . Kam'raden! that ich recht? Gilt der Mann nicht ein Heer in unsrer Sache? Doge . Jetzt ist die Zeit zu Lobgesängen nicht. Noch hier der Ort zu schönen Schwärmerei'n. Bin Einer ich von euch? Calendaro . Ja, und der Erste, Wie du es in Venedig warst. Sei uns Gen'ral und Chef! Doge . Gen'ral und Chef! Gen'ral War ich bei Zara schon; in Rhodus und In Cypern Chef und in Venedig Fürst. Ich kann nicht ducken, das will heißen: ich Bin Patrioten anzuführen nicht Geschickt. Wenn ich die Würden abgelegt, Die ich bis jetzt getragen, war es nicht, Um andre anzuziehn: im Gegentheil, Nur um Kam'rad zu sein von meines Gleichen. Jedoch zur Sache nun! Bertuccio hat Den Plan mir mitgetheilt. Er ist zwar kühn, Doch ausführbar, wenn ich ihm Beistand leihe, Und wenn er augenblicks wird ausgeführt. Calendaro . So bald du willst. Meint ihr nicht auch, Kam'raden? Gerichtet Hab' ich Alles zu dem Schlag. Wann meint ihr, soll's geschehn? Doge . Mit Tagesanbruch. Bertram . So bald? Doge . So bald? So spät! Denn jede Stunde Vergrößert die Gefahr, und um so mehr, Seit ich mit euch mich hab' vereint. Kennt ihr Den Rath, die Zehen nicht? nicht die Spione, Die Augen dieser Herrn, die ihren Sklaven Nicht traun, noch wen'ger ihrem Fürsten, den Zum Sklaven sie gemacht? Ich sage euch, Gleich müßt der Hyder stoßen ihr ins Herz Und tief; die Köpfe werden dann schon fallen. Calendaro . Mit ganzer Seel' und Klinge stimm' ich bei. Bereit sind unsre Compagnien: 's zählt jede Bei sechzig Mann. Auf Israels Befehl Stehn auf verschied'nen Sammelplätzen sie Bewaffnet schon bereit und wachen eifrig, Weil irgend eines großen Schlags sie harren, Mög' Jeder nun auf seinen Posten gehn. Und nun noch, Hoheit, welch' Signal? Doge . Wenn ihr Die große Glocke von San Marco hört, Die ohne den besonderen Befehl Des Dogen nicht gezogen werden darf (Das letzte arme Vorrecht, das sie noch Dem Fürsten ließen), rückt ihr nach San Marco. Israel . Und dann? Doge . Ihr schlagt verschied'ne Wege ein Und zwar je compagnienweis', wobei Ihr unterwegs Kriegsrufe schallen laßt Und schreit: Die Genueserflotte sei In Sicht, sie liege vor dem Hafen schon! Sodann formirt um den Palast ihr euch, In dessen Hofe schon mein Neffe eurer Mit allen Freunden unsres Hauses harrt, In großer Zahl und wohl bewehrt. Und während Die Glocke tönt, schreit ihr nach allen Seiten: »San Marco! auf! Der Feind ist vor der Thür'!« Calendaro . Jetzt seh' ich, wo's hinauswill – weiter, Herr! Doge . Wenn dann die Nobile's zum Rathe eilen (Was bei dem Zeichen, das vom stolzen Thurm Des Heil'gen tönt, sie nicht umgehen können), Wird man einheimsen sie zur Ernte und Statt mit der Sichel mit dem Schwert sie mähn. Wenn Ein'ge säumig oder fern sein sollten, Wird man sie einzeln um so leichter fassen, Hat erst die Mehrzahl ihre ew'ge Ruh'. Calendaro . Ich wollt', die Stunde wär' erst da! Nicht schneiden. Nein! tödten wollen wir. Bertram . Noch einmal, Herr! Verzeiht, möcht' ich die Frage wiederholen, Die ich gethan, eh' noch Bertuccio uns Den großen Bundesbruder zugeführt, Der weit gewisser unsre Sache macht Und drum auch sicherer und so gestattet, Daß einem Theile unsrer Opfer doch Ein Strahl der Gnade leucht': Ist's nöthig denn, Daß Alle fallen in dem blut'gen Schlachten? Calendaro . Ja, Alle, auf die meine Leute stoßen Und ich! Die Gnade, die sie uns erzeigt, Zeig' ich. Verschworene . Ja Alle, All'! – Ist jetzt die Zeit, Daß man von Mitleid schwatz'? Wann haben sie Mitleid gezeigt, gefühlt, erheuchelt nur? Israel . Dem falsches Mitleid, Bertram, ist 'ne Thorheit, Ein Unrecht gegen die Kam'raden und Die Sache selbst. Siehst du nicht ein, daß, wenn Wir Ein'ge schlüpfen lassen wollten, die Nur lebten, die Gefallenen zu rächen? Und wie Wär' aus den Schuldigen heraus- Zufinden jetzt, wer wen'ger schuldig ist? Nein! ihre Thaten all sind Eins – sind Ein Erguß aus einer Körperschaft, die sich Zu unsrem Druck vereint! Es ist schon viel, Wenn ihre Kinder wir am Leben lassen. Ja, ich bezweifle sehr, ob alle wir Verschonen dürfen. Auch der Jäger' mag Ein einzeln Tigerjunges wol noch sparen; Wer aber möchte den gefleckten Herrn, Die Mutter übergehn, wenn er nicht selbst Zerrissen werden will von ihren Klauen? Doch will des Dogen Stimme ich gehorchen, Er soll entscheiden, ob man Einen schone. Doge . Fragt mich das nicht! Versucht mit solcher Frag' Mich nicht! Entscheidet selbst! Israel . Ihr kennt ja besser Die stillen Tugenden der Herrn als wir, Die wir die öffentlichen Laster nur, Den bösen Druck nur kennen, der sie uns So todeswürdig macht. Ist Einer drunter, Der unsre Gnad' verdient, so sagt es jetzt. Doge . Dolfino's Vater war mein Freund, und Lando Focht neben mir, Marco Cornaro ging Nach Genua als Gesandter einst mit mir, Das Leben rettete Veniero ich – Soll ich's ein zweites Mal? Ich wollt', ich könnte Sie Alle retten und Venedig mit! Ja, alle diese waren meine Freunde – Wie ihre Väter schon – bis zu dem Tag, Da ich ihr Herzog ward. Dann fielen sie, Wie treulos von der windzerzausten Blume Die Blätter, von mir ab, und ließen mich Allein mit rost'gem dornenvollem Stengel, Den Niemand schützt in seiner Einsamkeit. Sie fallen drum, wie sie mich welken ließen! Calendaro . Venedigs Freiheit kann nicht blühn mit ihnen. Doge . Wenn ihr das viele Unrecht auch, das man An uns beging, erkennt und fühlt, so habt Ihr keine Ahnung doch davon, welch Gift, Das bis zur Quelle selbst des Lebens geht, jed' menschlich Band und was nur gut und lieb. Zerstört, in unsrem Staatsgebäude sitzt. All diese Männer waren Freunde mir, Ich liebte sie, und sie erwiderten Aufrichtig, bieder meine Freundlichkeit, Wir dienten, fochten, lachten miteinander, Wir zechten und betrübten uns zusammen, Wir gingen Ehen ein und Blutsfreundschaften, Wir nahmen zu an Jahren und an Ehren, Bis sie – mein Ehrgeiz nicht! – ihr eigner Wunsch Zu ihrem Herrn mich zu erwählen trieb. Und nun – Ade Erinn'rung an das Einst! Ade gemeinsam Denken, Fühlen, Thun! Ade der alten Freundschaft süßes Band, Wo, wer noch übrig von der frühern Zeit Und von den Thaten, die historisch nun, Die Tage, die noch bleiben, uns versüßt, Wo man sich gegenseitig ist ein Schatz, Und wenn man sich begegnet, Jeder auf Des Bruders Stirn' den Spiegel eines halben Jahrhunderts schaut, und viel bekannte Wesen, Die längst im Boden ruhn, drin schweben sieht, Und hört, wie sie von alten Tagen flüstern Und nicht ganz todt erscheinen noch, so lang' Die Zwei noch übrig sind der frohen Schaar, Der tapfern, gloriosen, sorgenlosen, Die einst aus soviel Hunderten bestand, So lang' sie Athem haben, drob zu seufzen, Und Zungen noch von Thaten zu erzählen, Die sonst ja stumm, nur noch auf Marmor reden. O Gott! o Gott! – und muß ich Solches thun? Israel . Mein gnäd'ger Herr! Ihr regt Euch zu sehr auf; Jetzt ist's nicht Zeit, an solchem Ding zu nagen. Doge . Nur 'nen Moment Geduld! Ich weiche nicht Zurück! Laßt mich den Krebs euch erst bezeichnen, Der dieses Regiment zernagt: Schon in Der Stunde, die zum Dogen mich gemacht – Dem Dogen ach! – zu dem sie mich gemacht! – Mußt Lebewohl ich dem Vergangenen sagen; Ich starb für Alles, was einst war, vielmehr Es starb für mich; nicht Freunde hatt' ich mehr, Nicht Anverwandte, kein mir eig'nes Leben; Von Allem war ich abgetrennt; man trat Mir nicht mehr nah': Dies konnt' Verdacht erregen'. Man liebte mich nicht mehr: Das war ja nicht Gesetz! Man kreuzte meinen Sinn: so war Des Staates Politik. Man höhnte mich: Das war Patrizierpflicht! Man that mir Unrecht: Dem Staate war dies recht. Mir selbst gab nie Man Recht: Das hätte Argwohn ja erweckt! So ward ich Sklave meiner Unterthanen, So ward ich Feind von meinen alten Freunden! Statt Wachen gab Spione man mir bei, Statt Macht ein Kleids statt Freiheit eiteln Prunk, Statt eines Rathes Kerkermeister nur, Statt Freunde Untersuchungsrichter, statt Des Lebens endlich eine Höll'!! Mir blieb Nur eine Quelle süßer Ruhe noch, Auch die vergifteten sie jetzt! Die Götter Der reinsten Häuslichkeit zerschellten sie An meinem Herd, und ihren Altar nahm Gemeinheit ein und grinsendes Gespötte. Israel . Ja, Ihr ward schwer beschimpft, doch sollt mit Glanz, Eh' eine Nacht vergeht, gerächt Ihr werden. Doge . Ich hatte viel geschluckt! Es kränkte mich, Doch ich ertrug's, bis überlief der Kelch Der Bitterkeit mit diesem letzten Schimpf, Der nicht nur nicht gestraft ward, nein! geweiht. So reiß' ich denn jed' alt Gefühl aus nur, Sie haben es ja lange schon erdrückt! Schon als den falschen Eid der Treu' sie schwuren, In jener Stund', mit jenem Schwüre schon Entledigten des Freunds sie sich und machten Sich einen Herrn, wie Knaben Spielzeug machen, Sich zu vergnügen mit – und 's zu zerbrechen! Ich sah von da an nur noch Senatoren In finstrem Argwohnskampfe mit dem Dogen, Wobei die Beiden Angst und Haß bewegte, Sie fürchtend, daß die Tyrannei er ihnen Entreißen könnt', er die Tyrannen hassend. So sind in meinen Augen diese Herrn Nicht Menschen mehr, und haben keinen Anspruch Auf Bande, die sie selbst zerhaun; sie sind Mir Senatoren nur, die Rechenschaft Für jede Willkürthat mir geben müssen. Und so will ich behandeln sie! Calendaro . Und nun Zur That! Auf eure Posten, Brüder, jetzt! Dies sei die letzte Nacht des blosen Worts. Ich möchte Etwas thun! San Marco's Glocke Soll wach mich finden bei des Morgens Graun. Israel . Auf eure Posten denn! Seid wachsam, fest! Denkt an das Unrecht, das man uns gethan Und an die Rechte, die der Preis. Der Tag Soll uns der letzte der Gefahren sein, Habt auf das Zeichen Acht und dann brecht los! Ich geh' zu meiner Schaar; ein Jeder sei In seinem Auftrag rasch. Der Doge kehrt Nun zum Palast zurück, um Alles für Den Schlag zu richten dort. Wir scheiden jetzt, Um bald in Freiheit wieder uns zu sehn Und Ruhm! Calendaro . Wenn ich Euch wieder grüße, Doge! Soll meine Huldigung des Steno Kopf Auf dieses Schwertes Spitze sein! Doge . Das nicht! Er bleibe bis zuletzt gespart! Lauft nicht So nicht'ger Beute nach, bis erst erlegt Das bess're Wild; denn seine Schmähung war Ein Wallen nur im großen Lasterkelch Des allgemeinen Gifts, das uns gebraut Die grundverdorb'ne Aristokratie. Zu edlern Zeiten durft' er das nicht thun Und hatt' es nie gewagt. Ich habe meinen Besondern Zorn auf ihn schon im Gedanken An unser großes Endziel ganz versenkt. Ein Sklav' beleidigt mich und ich verlange, Daß ihn sein stolzer Herr dafür bestraf'; Verweigert Der's, so tritt er selbst in die Beleid'gung ein und geb' mir Rechenschaft. Calendaro . Doch weil er einen Bruder uns gebracht, Der unser Unternehmen höher hebt, Zoll' ich so tiefen Dank ihm, daß ich gern Ihm gab', was er verdient. Darf ich es thun? Doge . Ihr wollt die Hand abhaun, doch ich den Kopf, Ihr wollt den Schüler treffen, ich den Meister, Ihr wollt nur Steno züchtigen, ich den Senat. Ich kann mich mit dem Einzelhaß Bei dieser großen Rache nicht befassen, Die wie ein Feuer, das vom Himmel fällt, Vertilgen muß, was sie nur trifft, wie einst, Als Sodom und Gomorrah drunter sank. Israel . Fort denn auf eure Posten! fort! Ich führ' Den Dogen noch nach unsrem Ausgangspunkt Zurück, zu sehn, ob nicht Spione dort Gespäht. Dann eile ich dahin, wo die Mir anvertraute Schaar in Waffen steht. Calendaro . Lebt wohl denn bis zum Tag! Israel . Glück sei mit euch! Verschworene . Vertraut auf uns– jetzt fort! Hoheit, lebt wohl! (Die Verschworenen grüßen den Dogen und Israel Bertuccio und ziehen sich zurück, Philipp Calendaro an ihrer Spitze. – Der Doge und Israel Beruccio bleiben.) Israel . Wir haben sie bei Athem, 's kann nicht fehlen! Jetzt bist du wirklich Fürst, und deinen Namen Wirst höher als die höchsten du erheben. Auch früher hat der freie Bürger schon Auf Könige den Streich geführt, es sind Cäsaren einst gestürzt, Patrizierhand Hat Dictatoren hingestreckt, wie auch Des Volkes Stahl schon oft Patrizier traf. Doch wo bis heute hat ein Fürst noch je Für seines Volkes Freiheit complottirt, Sein Leben für die Bürger eingesetzt? Denn immer und auf immer nur verschwören Sie gegen Völker sich und legen Fesseln Den Händen an, und nehmen sie nur ab, Um ihnen Waffen drein zu geben gegen Ein Nachbarvolk, so daß selbst Joch auf Joch Und Sklaverei und Tod den Nimmersatten Leviathan nicht füllt, nein, reizet nur! Jetzt, Hoheit, ans Geschäft! wol ist es groß, Doch größer noch der Lohn. Was brütet Ihr? Noch eben wart Ihr doch voll Ungeduld! Doge . Und ist's beschlossen denn? sie müssen sterben? Israel . Wer? Doge . Meine Blutsverwandte, Freunde all, Die manche That mit mir getheilt – die Räthe! Israel . Ihr spracht ihr Urtheil und es war gerecht. Doge . So scheint's und ist es auch für Euch: Ihr seid Ein Patriot, Plebej'scher Gracchus, das Orakel der Rebellen, der Tribun Des Volks, Euch tadl' ich nicht! Ihr handelt nur In Eurer Rolle Geist. Sie drückten Euch, Sie schmähten Euch. Das thaten sie auch mir. Doch spracht Ihr nie mit ihnen, brachet nie Das Brod mit ihnen, theiltet nicht ihr Salz; Ihr hattet nie ihr Weinglas an den Lippen, Ihr wuchst nicht auf mit ihnen, lachtet nie Und weintet nie und zechtet nie mit ihnen; Ihr lächeltet nie ihnen zu und heischtet Ihr Lächeln nie für Euch; Ihr bautet nie Auf sie, trugt sie in Eurem Herzen nie, Wie ich es that. Mein Haar ist grau wie ihres, Der Alten in dem Rath. Ich weiß noch wohl, Wie unsre Locken rabenschwarz geweht, Als wir die Beute bei den Inseln jagten, Die wir dem falschen Muslim einst entrissen. Kann ich mit Blut sie jetzt besudelt sehn? Ein Selbstmord dünkt mir jeder, Stoß auf sie. Israel . Ei Doge, Doge! Euer Schwanken ist Ja eines Kinds nicht würdig! Wenn Ihr nicht In zweiter Kindheit seid, ruft Eure Nerven Zu Eurem Ziel zurück, und macht nicht Euch Und mir die Schand'! Beim Himmel! Lieber wollt' Ich's jetzt noch stecken lassen, oder scheitern Mit unsrem Plan, als sehen, wie ein Mann, Den ich verehr', vom kräftigsten Entschluß Herab zu solcher blöden Schwachheit sinkt. Ihr habt doch Blut in Schlachten oft gesehn Und es vergossen, Andrer Blut und Eures, Wie können ein Paar Tropfen Euch entsetzen, Die aus den Adern alter Vampyr'n fließen, Die so zurück nur geben, was sie selbst Millionen abgezapft? Doge . Habt noch Geduld Mit mir! Ich will mit Euch ja Schritt um Schritt Thun, Schlag um Schlag. Denkt nicht, ich schwanke noch! Ach nein! 's ist die Gewißheit alles Dessen, Was thun ich muß, was mich so schaudern macht. Laßt diesen letzten bebenden Gedanken Drum ihren Weg; nur Ihr erblickt sie und Die Nacht, und beide ohne Mitgefühl. Wenn dann die Stunde kommt, ist es mein Amt, Die Glock' zu ziehen und den Schlag zu thun, Der manches edle Haus entvölkern wird, Und abzuhaun die höchsten Stammesbäume, Die Erde deckend mit der blut'gen Frucht, Und ihre Blüten grausam zu zermalmen. Dies will ich thun und muß es thun, und hab' Geschworen, es zu thun, nichts kann mich ab Von der Erfüllung meines Schicksals wenden. Doch schaudre ich, wenn ich bedenke, was Ich sein muß, – was ich war. Drum habt Geduld. Israel . Ermannet Euch! Ich fühle solche Zweifel Des Herzens nicht, und ich versteh', sie nicht. Ihr werdet heut' kein And'rer, habt ja stets Gethan und thut nach eignem freiem Willen. Doge . Ja, darin liegt's! Ihr fühlt es nicht, auch ich Fühl's nicht, sonst stäch' ich auf dem Fleck dich nieder, Um tausende von Leben zu erretten Und, wenn ich tödtete, doch nicht zu morden. Ihr fühlt es nicht, geht an dies Schlächterwerk, Als wären diese Hochgebor'nen Stiere Und für die Fleischerbank bestimmt! Wenn Alles Vorüber dann, so seid Ihr frei und froh, Und waschet ruhig Eure blut'gen Hände. Doch ich, der ich bei diesem schrecklichen Gemetzel dich und alle deine Brüder Weit übertreffe, werde sein und sehn Und fühlen dann! – O Gott, o Gott! 's ist wahr! Und du hast Recht, entgegen mir zu halten, Daß es mein eig'ner freier Wille war: Und dennoch irrst du dich in mir, denn ich Werd's thun! Bezweifle, fürchte nichts. Ich werde Der Unbarmherzigste von Allen sein. Doch handle ich nach meinem freien Willen, Nach meinem Fühlen nicht – die hielten mich Zurück; doch in mir, um mich ist die Hölle, Und wie der Teufel, der da glaubt und bebt, Muß ich verabscheun und es dennoch thun. Hinweg! hinweg! geh' du zu deinen Brüdern. Ich will mich eilen, meines Hauses Freunde Zu sammeln. Zweifle nicht! San Marco's Glocke Soll ganz Venedig wecken, bis auf ihn, Den hingeschlachteten Senat. Eh' noch Die Sonne aufsteigt aus der Adria, Wird eine Jammerstimme tönen, die Das Rauschen selbst des Meers im Schrei nach Blut Betäuben wird. Ich bin entschlossen. – Komm! Israel . Von ganzem Herzen! Lege nur den Zügel An diese Sprünge deiner Leidenschaft. Bedenk', was diese Männer dir gethan, Und daß dies Opfer durch Jahrhunderte Des Glücks, der Freiheit der erlösten Stadt Beglichen wird. Ein richtiger Tyrann Hätt' ganze Reiche ruhig ausgetilgt Und doch das seltsame Bedenken nicht Gefühlt, das Euch durchwühlt, weil Ihr ein Paar Von diesen Volksverräthern schütteln wollt. Glaubt mir, ein solches Mitleid ist noch mehr Am falschen Platz als jene Gnad' mit Steno. Doge . Du hast die Saite angeschlagen, Mann, Die jedes Mitleid in mir tilgt. Ans Werk! (Beide ab.) Vierter Act. Erster Auftritt. Palast des Patriziers Lioni. Liani tritt ein und legt Maske und Mantel ab, wobei ein Diener ihm behilflich ist. Lioni . Ich will zur Ruhe gehn! Der Schmaus hat mich Recht müd' gemacht. Es war der üppigste, Den wir seit Monden hier gehabt, und doch, Ich weiß nicht, wie es kommt, er hat mich nicht Erfreut. Es legte Etwas sich so schwer Mir auf das Herz, und drückte mich selbst in Des Tanzes flüchtigstem Moment, als ich Doch Aug' in Aug' gesenkt und Hand in Hand Mit meiner Liebe Dame flog. Es ging Wie Eis mir durch das Blut, ein Dunst wie Tod Umnachtete mein Aug'; ich wollte den Gedanken weg mir lacken, doch umsonst! Durch die Musik, die in das Ohr mir schlug, Vernahm ich deutlich einer Glocke Ton, Zwar dumpf und fern wie nur die Adria Ins nächtliche Gemurmel rauscht der Stadt, Wenn sie das Bollwerk unsres Lido trifft, So daß ich jenes Fest verließ, eh' es Der Freude Gipfel noch erklomm. – Ich will Mir ruh'ger Blut auf meinem Kissen suchen, Noch mehr: Vergessenheit! – Antonio, Nimm Mask' und Mantel fort und zünde dann Die Lampe an in meinem Cabinet. Antonio . Gut, Herr! Befehlt Ihr zur Erfrischung was? Lioni . Nichts als nur Schlaf, dem Niemand ja befiehlt. Doch hoffe ich auf ihn, (Antonio ab.) obgleich die Brust Mir gar so ängstlich klopft. Versuchen wir, Ob nicht die Nachtluft bess're Ruh' mir bringt. – 'S ist eine schöne Nacht! Der heft'ge Wind, Der erst von Osten blies, kroch jetzt zu Bett. Der Mond scheint voll und klar. – Wie still ist's hier! (Tritt an ein offenes Fenster.) Und welch' ein Gegensatz zu jener Scene, Die ich verließ, wo greller Fackelglanz Und jener bleichre Schein der Silberlampen Längs der Tapetenwände fiel und in Die feindlich finstre Schattenwelt der großen Trübschauenden, vergitterten Gewölbe Künstlichen Lichtes eine Masse warf, Die Alles zeigte und doch nichts so wie, Es war! – Da brüstete das Alter sich, Bestrebt, Vergangnes wieder zu gewinnen, Und um der Jugend Farbe lang sich mühend In schwerer Arbeit an der Toilette, Bei manchem Blick in den zu treuen Spiegel, – Vergaß in Putzes vollstem Stolz sich selbst Und traute gern dem schmeichlerischen Strahl, Der zeigt und doch verhüllt, bis es gewähnt, Man kenne es nicht mehr, und ward zum Spott. Da gab die Jugend, die so eitler Hilfe Noch nicht bedurft, ja selbst nicht dran gedacht, Ihr achtes Blühn und die Gesundheit hin, Die keusche Schönheit in dem wüsten Drängen Aufdringlicher und weinerglühter Zecher, Und tödtete der Ruhe süße Stunden Im Wahn, daß dies Vergnügen sei, und tobtet Sie immer noch, bis bald die Sonne schaut Auf bleiche Wangen und gesunkne Augen, Die nicht so frühe schon verwelken sollten. Die Tanzmusik, das Gastmahl, die Pokale, Die Blumenketten und der Rosenduft, Die feur'gen Augen und des Putzes Glanz, Die weißen Arme und das Rabenhaar, Die Locken, Spangen und die Schwanenbusen, Der Schmuck, ein Indien werth, jedoch das Aug' So fesselnd nicht wie das, was er umspannt, Die Duftgewänder, die wie leichte Wolken Von unsrem Himmel unsre Blicke trennen, Die kleinen Füßchen, die sylphidenhaften, Wie Ahnung von geheim'rem Ebenmaß Der schönen Formen, die so zierlich enden – All' dieser Wahn der schwindelhaften Scene, Der falsche und der wahre Reiz, Kunst und Natur, die vor dem trunknen Blick mir schwammen, Dem dieses Bild der Schönheit war, was nur Dem durst'gen Pilger in Arabiens Sand Das Trugbild ist von einem fernen See – Sie sind dahin! – Nur Sterne sind um mich Und Flut! Weltkörper, die im Ocean Sich spiegelnd schaun, ein schön'rer Anblick wol Als Fackeln, die aus gleißend Glas uns winken! Das weite Element, das doch dem Raum Nur was der Ocean der Erde ist, Legt seine blauen Tiefen vor mir aus, Von Frühlings erstem Hauche sanft durchweht. Der hehre Mond zieht seine schöne Straße Und schmeichelt freundlich den erhab'nen Mauern Der stolzen, seeumgürteten Paläste, Die ihre Porphyrsäulen und die Fronten, Mit manchem Marmor des Orients geschmückt, Altären gleich an dem Kanal hin reihn, Ein jeder einer großen That Trophä', Und aus den Wassern steigen wen'ger kaum Bewundernswerth als jene größern, Geheimnißvollen Riesenbauten, die Gleichsam von der Titanen Hand geformt, An Zeiten mahnen im Aegypterland, An die sonst nichts mehr mahnt. – Wie lieblich rings! Nichts regt sich herb! gleich einem Geiste schwebt Vielmehr was geht, im Einklang mit der Nacht. Das Klimpern einer wachsamen Guitarre, Die der Geliebte der Geliebten schlägt, Die dann das Fenster öffnet sachte, sachte, Beweis, daß er nicht ungehört, indeß Ihr Händchen – schön wie's Mondeslicht, von dem Ein Theil es scheint, so zart und weiß erbebt's, Wenn's leise öffnet eines Ladens Spalt, Um mit Musik die Liebe einzulassen – Sein Herz erregt, wie er die Saiten fast; Der Ruderschlag mit seinem Phosphorblitz, Das schnelle Flimmern fernen Lichterscheins, Von Gondeln her der Schiffer Sängerchor, Der sich in Versen fernher Antwort gibt; Ein Schattenbild, das am Rialto schwankt; Manch schimmernd Dach und schlanke Kirchthurmspitze – – Das sind die Bilder, sind die süßen Töne, Die unsre meergebor'ne Stadt durchziehn, Die erdbeherrschende! – Wie hold und sanft Ist diese Stund' der Ruh'! Ich dank' dir, Nacht! Du hast die Ahnungsschauer weggescheucht, Die im Getümmel ich nicht wurde los, Und unterm Segen deiner güt'gen Macht Will ich zur Ruhe gehn, obschon die Ruh' Als Unrecht fast an solcher Nacht erscheint. (Man hört außen klopfen.) Horch! was ist das? Wer kommt um solche Zeit? Antonio tritt auf. Antonio . Ein Mann ist draußen, gnäd'ger Herr, der Einlaß In dringendem Geschäft begehrt. Lioni . Ist es Ein Fremder? Antonio . Das Gesicht trägt er verhüllt, Doch ist Geberde mir und Stimm' bekannt. Ich bat ihn um den Namen, doch den wollt' Er nur Euch selbst vertraun. Er bittet höchst Inständig, daß er vorgelassen werde. Lioni . Die Stund' ist seltsam und das Thun verdächtig, Doch scheint nicht viel Gefahr dabei zu sein. Man greift im eig'nen Haus den Nobile Nicht an. Indeß, ist mir auch nichts bewußt, Daß einen Feind ich in Venedig hätte, Erheischt die Klugheit ein'ge Vorsicht doch. Drum laß ihn ein und ziehe dich zurück. Doch rufe eilig einige Kam'raden. Ihr wartet draußen dann. – Wer mag der Mann Wol sein? (Antonio geht und kehrt mit dem vermummten Bertram zurück.) Bertram . Mein lieber edler Herr Lioni! Ich hab' nicht übrig Zeit, auch du hast's nicht. Schick drum den Diener fort; ich muß mit dir Allein sein. Lioni . Die Stimme Bertrams scheint's! So geh', Antonio, geh'! (Antonio ab.) Nun, Fremdling, was Begehrst zu solcher Stunde du? Bertram (enthüllt sich). Ich bitt' Um eine Gnade, edler Gönner, Euch. Gar manche habt dem armen Schützling Bertram Ihr schon gewährt; fügt diese noch hinzu Und Ihr macht glücklich mich. Lioni . Du weißt, daß ich Von deiner Kindheit an bereit stets war, In Allem dich, was Leute deines Stands Nur vorwärts bringen mag, zu unterstützen. Ich würd' die Bitte ungehört gewähren, Wenn diese Stunde nicht, dein Aufzug und Die seltsam hast'ge Art der Bitte mir Den Argwohn rege machte, dein Besuch Sei durch Geheimes, Wichtiges bewirkt. Doch fahre fort! Was ist geschehn? Etwa Ein unbesonnenes Gezänk? ein Glas Zu viel? ein Streit, ein Dolchesstoß? wie hier Fast täglich ja geschieht. Wofern du nicht Vergossen adlig Blut, verbürg' ich mich Für deine Sicherheit. Doch mußt du dann Das Weite suchen, Freund! Rachsüchtige Verwandte sind in ihrer ersten Wuth Hier weit gefährlicher als das Gesetz. Bertram . Ich dank' Euch, gnäd'ger Herr! Jedoch – Lioni . Doch – was? Du hast doch deine Hand nicht gegen Einen Von unsrem Stand gekehrt? Wenn so, dann geh' Und flieh! Gesteh' es nicht! Ich möchte nicht Verderben dich; doch darf ich dann dich nicht Erretten. Wer Patrizierblut vergießt – Bertram . Nicht zu vergießen, nein! zu retten ein Patrizierblut kam ich hierher, und dies Hat Eil', denn die verlorene Minute Kann leicht ein Leben kosten; hat die Zeit Die Sense für ein doppelschneidig Schwert Ja ausgetauscht, und nimmt statt Sand den Staub Von edlen Gräbern für ihr Stundenglas! Geht morgen früh' nicht aus! Lioni . Weshalb denn nicht? Was soll die Drohung heißen? Sprecht! Bertram . Such' nicht Sie zu verstehn, doch thu, wie ich dich bitte! Verbleib daheim, was immer auch geschehe. Wenn es Getümmel gibt, wenn Weiber kreischen, Wenn Kinder schrein und Männer selber stöhnen, Wenn Waffen klirren und die Trommeln rollen, Wenn die Trompete gellt, die Glocke schallt Und ringsum Alles scheint Allarm! Dann geh' Nicht aus, bis erst die Glocke schweigt, und dann Selbst nicht, bis ich zurückgekehrt. Lioni . Nochmals, Was soll das heißen, Mann? Bertram . Nochmals sag' ich, Frag' nicht! Jedoch bei Allem, was dir werth Auf Erden und im Himmel, bei den Seelen Der großen Ahnen all, bei deinem Hoffen Es ihnen gleich zu thun, und Sprossen einst Zu lassen, ihrer, deiner werth! Bei Allem, Was Holdes dir Erinn'rung, Zukunft beut, Was hier und dort du zu befürchten hast! Bei jeder Wohlthat, die du mir gethan, Und die ich gerne jetzt mit größrer dir Vergält', bleib hier! Vertraue deinen Laren Und meinem Wort, daß sicher du, wofern Du thust, was ich dir rath'; wo nicht, bist du Verloren, Herr! Lioni . Ja, in Verwund'rung bin Ich's schon! Du bist wahrhaftig toll! Was hab' Zu fürchten ich? Wer sind denn meine Feinde? Und wenn ich welche hab', wie kommst denn du Dazu, mit ihnen eins zu sein? – Du? du? Und wenn es so, warum kommst du mir jetzt? Warum nicht früher schon? Bertram . Nicht Antwort kann Ich geben drauf. Willst aus du gehn, trotz dem Ich dich gewarnt? Lioni . Ich bin es nicht gewohnt, Vor eitlem Drohen feig zurück zu schrecken, Wenn ich die Gründe nicht erkennen kann. Zur Stunde, wo der Rath zusammen tritt, Sei früh' sie oder spät, werd' wahrlich ich Bei denen nicht zu finden sein, die fehlen. Bertram . O sprich nicht so! Noch einmal, bist du Willens Doch auszugehn? Lioni . Ich bin's. Und nichts, bei Gott! Soll hindern mich daran. Bertram . So lebe wohl! Mög' deiner Seel' der Himmel gnädig sein! (Will fort.) Lioni . Halt! – Es ist mehr als meine Sicherheit, Was mich bestimmt, dich noch zurückzurufen. Wir dürfen so nicht scheiden, Mann! Wir kennen Uns ja so lange schon! Bertram . Von Kindheit an Wart immer Ihr mein Schutzherr, gnäd'ger Herr. In unsrer Jugend sorgenlosen Tagen, Wo man den Rang vergißt, vielmehr noch nicht Der höhern Stände kaltes Vorrecht kennt, Da spielten wir zusammen, haben oft Die lust'gen Streiche und den Schmerz getheilt. Mein Vater war der Schützling Eures Vaters, Ich seines Sohnes Pflegebruder fast. So waren wir zusammen Jahre lang. O glückliche, gemüthlich schöne Stunden! O welche Kluft liegt zwischen Einst und Jetzt! Lioni . Du bist es, Bertram, der die Zeit vergaß. Bertram . Nicht jetzt, noch jemals werd' ich das! Was immer Geschehen mag, ich rette Euch. Als wir Zum Mann herangereift und Ihr, wie sich's Für Euren Stand gebührt, dem Staate Euch Geweiht, indeß der niedre Bertram dem Geschäft des Niedern überlassen blieb, Habt Ihr mich nicht verlassen; und hat mir Das Glück nicht wohl gewollt, war der nicht Schuld, Der mehr als einmal mich gestützt, gerettet, Wenn mit der Flut des Schicksals ich, die leicht Den Schwächern mitreißt, schwer zu kämpfen hatte. Nie wallte edler Blut in einem Herzen Als in dem deinen; das hast du erprobt Am armen Volksmann Bertram. Wollte Gott! Die andern Senatoren glichen dir. Lioni . Was hast du gegen den Senat zu sagen? Bertram . Ich? nichts! Lioni . Ich weiß, es gibt hier böse Geister, Die dumpf von Aufruhr murren und Verrath, In engen Gäßchen lauernd, und vermummt Und leise fluchend Nachts herum sich treiben, Entlassene Soldaten, unzufrieden Verzweifelt Volk, das in den Schenken lärmt; Du hast dich Solchen sonst nicht zugesellt. Wahr ist's, daß in der letzten Zeit ich dich Aus dem Gesicht verlor; doch warst du ja Ein mäßig Leben immerdar gewohnt Und brachst dein Brod mit wackeren Genossen. Stets sahst du heiter aus. Was ist mit dir? In deinem hohlen Aug', den bleichen Wangen, Der Unruh' deines Wesens scheint der Gram Mit Scham und des Gewissens Pein zu kämpfen Und dich zu Grund zu richten. Bertram . Eher trifft Wol Scham und Kümmerniß die Tyrannei, Die selbst die Luft hier in Venedig füllt Und Menschen toll macht wie im letzten Krampf Der Pest, wenn aus dem Leben sie die Seele In Wahnsinn reißt. Lioni . Bertram! du hast gewiß Mit irgend einem Strolch dich eingelassen. Das ist nicht deine früh're Sprache, sind Die eigenen Gedanken nicht; ein Schuft Hat dich mit Haß berauscht, doch darfst du nicht Verloren gehn. Du warst stets gut und brav Und taugest nicht zu all der bösen That, Wozu dich Laster, Schurkerei will pressen. Bekenn's! Vertraue mir! Du kennst mich ja. Was ist's, das dich und Andre so verbindet, Und was dein alter Freund verhindern muß, Der einz'ge Sohn von deines Vaters Freund? So daß die Freundschaft wie ein Erbstück ist, Das unsern Kindern wir vermachen müssen, Wie wir es selbst erhalten und vermehrt. Ich sag: was bist zu thun du im Begriff, Daß für gefährlich ich dich halten muß, Und selbst das Haus soll hüten wie ein Kranker? Bertram . Frag' mich nicht weiter! Ich muß fort. Lioni . Und ich? Ich muß gemordet werden? nicht? Sprachst du Nicht so, mein lieber Bertram? Wie? Bertram . Wer spricht Von Mord? Sagt' ich etwas von Mord? Es ist Nicht wahr! Ich sprach kein solches Wort. Lioni . Du thatst Es nicht, jedoch aus deinem wilden Blick, Der so ganz anders ist als sonst, starrt mich Der Mörder an. Wenn deiner Wünsche Ziel Mein Leben ist, so nimm's. Bewaffnet bin Ich nicht – doch dann hinweg! Ich möchte nicht. Was mir vom Leben noch verbleibt, der Gnade Und Laune danken solcher seinen Herrn, Wie du und die sind, die dich angeworben. Bertram . Eh' ich dein Blut vergieße, wag' ich meins, Eh' ich ein Haar auf deinem Haupte krümm', Bring' tausend Köpfe keck ich in Gefahr, Von denen mancher ganz so edel ist Wie deiner, ja noch edler selbst. Lioni . Ei steht Es so? Verzeih' mir, Bertram! ich bin wol Nicht werth, daß von so hohen Hekatomben Man weg mich läßt. Wer sind denn die, die in Gefahr hier sind, und wer macht die Gefahr? Bertram . Venedig und was in ihm lebt und webt. Ist mit sich selbst entzweit wie manch Geschlecht Und wird zu Grunde gehn vor Morgengraun! Lioni . Noch weitre, dunkle, schreckensvolle Wunder! Doch so viel seh' ich ein: du oder ich, Vielleicht wir beide stehn an Abgrunds Rand. Sag's nur heraus! Gerettet bist du dann Und rühmlich deine That; denn rühmlicher Ist retten selbst als morden, und gar Im Dunkel morden – pfui! Das wäre ein Geschäft für dich! Wie säh' es aus, wenn auf Dem Speer vor dem entsetzten Volk das Haupt Des Manns du trügst, deß Herz dir offen war? Das kann mein Schicksal sein, Bertram! denn hier Schwör' ich: wie groß auch immer die Gefahr, Und Noth, die du mir kündest, sei, ich tret' Entgegen ihr, wofern du mir nicht klar Die Sache sagst, die dich hierher geführt. Bertram . Gibt's denn kein Mittel dich zu retten mehr? Die Stunden fliehn und bald bist du verloren, Du, der mir immer wohlgethan, der mir Allein bei jedem Schicksalswechsel treu Verblieb! Doch zum Verräther mach' mich nicht! Laß retten dich, doch schone meine Ehre! Lioni . Wo ist denn Ehr' bei einem Mörderbund? Und wer Verräther denn, als wer den Staat Verräth? Bertram . Ein Bund bleibt immer ein Vertrag Und bindet brave Herzen um so mehr, Wenn Worte müssen für Gesetze gelten. Auch lebt nach meiner Meinung kein Verräther So schnöd' wie der, der in dem eig'nen Haus Dem Mann, der ihm vertraut hat, stößt den Dolch Ins Herz. Lioni . Wer aber stößt in meine Brust Den Dolch? Bertram . Ich nicht! Zu Allem hätt' ich wol Mein Herz empor geschraubt, zu diesem nicht! Du sollst nicht sterben! Nein! Daß so viel Leben, Daß ich des Lebens Leben selbst, die Freiheit Der künftigen Geschlechter wag', nur um Der Mörder nicht zu sein, wie du mich schiltst, Daran erkenne, wie du theuer mir. Noch einmal, Herr, beschwör' ich dich! Geh' nicht Aus deinem Haus! Lioni . Umsonst! Jetzt gleich geh' ich. Bertram . So geh' Venedig lieber als mein Freund Zu Grund! Ich will enthüllen, will verwirren, Verrathen und vernichten! – Welch' ein Schurke Werd' ich um deinetwillen. – Ach! Lioni . Sag lieber: Du wirst des Freundes Retter und des Staats. Sprich! Zög're nicht! Belohnung, jedes Pfand Für deine Sicherheit wird dir, und Lohn, Wie ihn der Staat den Besten nur gewährt, Ja selbst des Adels Glanz verbürg' ich dir, Wenn reuig du die volle Wahrheit sagst. Bertram . Ich hab' es neu bedacht, es kann nicht sein. Ich liebe dich, du weißt's! Daß hier ich steh', Ist ein Beweis, der letzte, nicht der schwächste. Doch da ich meine Pflicht für dich gethan, Muß jetzt ich für mein Vaterland sie thun. Leb' wohl – für dieses Leben – lebe wohl! Lioni . He da! Antonio! Pedro! an die Thür! Laßt Niemand durch! Verhaftet diesen Mann! (Antonio und andere Diener treten ein und fassen Bertram.) Lioni (fährt fort). Tragt Sorge, daß ihm nichts geschieht; bringt rasch Mein Schwert und meinen Mantel mir, bemannt Die Gondel mit vier Rud'rern – schnell! (Antonio ab.) Wir gehn Zu Herrn Giovanni Gradenigo jetzt, Und lassen Marc Cornaro zu ihm holen. Doch fürchte nichts, der Haft bedarf es schon Für deine Sicherheit, wie für das Wohl Der Republik. Bertram . Und wohin geht es dann? Lioni . Zuerst zum Rath der Zehn, dann zu dem Dogen. Bertram . Zum Dogen? Lioni . Sicherlich! Ist er das Haupt Des Staates nicht? Bertram . Vielleicht, wenn graut der Tag. Lioni . Wie meinst du? Doch wir werden's bald erfahren. Bertram . Weißt du's gewiß? Lioni . Gewiß, soweit es mit Gelinden Mitteln geht; wo nicht, so kennt Ihr das Gericht der Zehn und wißt, San Marco Hat Kerker auch und in den Kerkern erst Die Folterbank. Bertram . Dann wendet sie nur an, Eh' diese Dämmerung am Himmel wächst. Nur noch Ein solches Wort und stückweis sollt Zu Grund ihr gehn am gleichen Tod, den ihr Mir zugedacht. (Antonio tritt wieder ein.) Antonio . Die Barke ist bereit Und Alles fertig, gnäd'ger Herr. Lioni . Behalt' Mir den Gefangenen im Aug'! – Bertram! Ich will im Gehn zu Seiner Herrlichkeit, Dem weisen Gradenigo, mit dir reden. (Alle ab.) Zweiter Auftritt. Dogenpalast. – Gemach des Dogen. Der Doge und sein Neffe Berluccio Faliero. Doge . Sind unsres Hauses Mannen all versammelt? Bertuccio Faliero . Sie stehen, harrend des Signals, bereit In unserem Palasthof zu San Polo. Dem Familienpalast des Dogen. Ich komm', die letzte Ordre zu empfangen. Doge . Es wäre gut gewesen, wenn wir Zeit Gehabt, aus meinem Lehen Val Marino Noch mehr von unsern Leuten beizuziehn. Jetzt ist's zu spät. Bertuccio Faliero . Es ist wol besser, Ohm, Wie's jetzo ist. Ein plötzlich starkes Wachsen Der Leute unsres Hauses hätt' Verdacht Erweckt; und so getreu und heldenkühn Auch die Vasallen jener Gegend sind, So sind sie doch zu roh und händelsüchtig, Um jene stille Mannszucht lang' zu halten, Die wir bedürfen für solch wicht'gen Dienst, Bis fertig wir mit unsern Feinden sind. Doge . Wol wahr Doch wenn einmal gegeben das Signal, sind dies die rechten Leute auch Zur That. Die städt'schen Sklaven haben all Ihr eig'nes Nebenziel, ihr Vorurtheil Für oder gegen einen Nobile, Das bald zum Uebergriff sie führt, bald auch Zur Schonung da, wo Mitleid Wahnsinn wär'. Die wilden Bauern, jene Hörigen Aus meiner Grafschaft Val Marino aber, Sie folgen dem Befehle ihres Herrn, Ohn' seiner Feinde Lieb' und Haß zu wägen. Für sie wär's gleich: Cornaro oder Memmo, Gleich Gradenigo oder Foscari; Sie machen sich aus solchen Namen nichts, Sind nicht gewohnt, vor einem Rath zu knien. Ein Mann im Harnisch ist ihr Oberherr, Nicht einer im Talar. Bertuccio Faliero . Wir sind genug! Und dafür, daß die Unsern dem Senat Nicht freundlich sind gesinnt, steh ich Euch ein. Doge . Gut denn! Der Würfel ist ja schon gefallen. Doch für ein krieg'ri'sch Thun im Felde lob' Ich meine Bauern mir. Sie waren's, die Durch's Ungarheer des Glückes Sonne trugen, Als die Herrn Bürger nach den Zelten flohn Und zitterten, bis unsere Trompeten Victoria geschmettert. Ja, so lang' Der Widerstand gering, wirst diese Bürger Du Löwen ähnlich sehn wie ihre Fahne, Wenn's aber schwer zu thun gibt, wirst du wünschen, Wie ich's jetzt wünsche, daß im Rückhalt wir Von Eisenbauern einen Haufen hätten. Bertuccio Faliero . Dann, Oheim, wund're ich mich nur, daß du Entschlossen bist, so schnell den Schlag zu thun. Doge . Schnell muß ein solcher Schlag stets oder nie Geschehn! Als ich die Schwäche falscher Scheu, Die allzu weich mich einen Augenblick Mit den Empfindungen des Einst gequält, Bemeistert hatte, wollt' ich gleich auch schlagen, Theils um nicht mehr zurückzufallen in Ein solch Gefühl, theils weil von jenen Allen – Nur Israel und Calendaro nehm' Ich aus – ich Keines Treue kenn' und Muth. Heut' kann uns ein Verräther draus entstehn, Wie gestern tausend den Senat verriethen. Doch einmal drin, den Degen in der Hand, So müssen weiter sie, sich selbst zu lieb. Ist ein Streich nur gethan, so kommt gleich der Instinkt des erstgebor'nen Cain, der in Der Menschenbrust stets lauert irgendwo, Wenn Zeit und Umstand ihn auch schlafend hält, Und treibt den Rest wie Wölfe daraus los. Sieht Blut das Volk, so schreit es bald nach mehr, Wie's erste Weinglas oft zum Rausche führt, Und schwerer ist es dann zu bändigen, Wenn es im Gang, als wenn's zu treiben erst. Doch bis es so weit ist, kann andern Sinns Ein Strohhalm sie, ein Ton, ein Schatten machen. – Wie spät ist es? Bertuccio Faliero . Es graut beinah' der Tag. Doge . Dann ist es Zeit, die Glocke anzuschlagen. Sind schon die Leute dazu aufgestellt? Bertuccio Faliero . Sie werden's sein; doch haben sie Befehl. Erst wenn durch mich sie Eure Ordre hören, Den ersten Schlag zu thun. Doge . Gut so! Will denn Der Morgen nie zur Ruh' die Sterne bringen, Die überall am Himmel flimmern noch? Ich bin beruhigt und gefaßt; es hat Die Müh', die mich gekostet der Entschluß, Mit Feuer diesen Staat zu reinigen, Nur fester meinen Geist gemacht. Ich hab' Geweint, gebebt, als ich der Pflicht gedacht, Der schrecklichen; jetzt aber brachte ich Zu strenger Ruh' die eitle Leidenschaft Und schau' dem Sturm, der naht, in's Angesicht, Wie der Pilot der Admiralsgaleere. Doch wirst du's glauben, Vetter? Dieser Kampf Hat mehr mich mitgenommen, als da Völker Ihr Schicksal hängen sahen an der Schlacht Und eine Phalanx ich geführt, wo Tausend Den sichern Tod vor Augen sahn. Ja, das Verdorbne Blut den Adern von ein Paar Verworfenen Despoten abzuzapfen Und für ein ähnlich hohes Ziel wie das, Das einst Timoleon unsterblich machte, Hat mehr gekostet mich als all die Müh' Und Noth von einem Leben voller Krieg. Bertuccio Faliero . Mich freut's, zu sehn, daß Eure früh're Weisheit Die Furien niederrang, die Euch so hart Zerzaust, eh' Ihr entschlossen wart. Doge . So war Es stets mit mir: beim ersten Dämmerschein Des Ziels war stets ich aufgeregt. Dann hatte Die Leidenschaft noch allzu großen Raum. Doch in des Handelns Stund' war ich so ruhig, Wie nur die Todten, die dann um mich lagen. Das wußten die, die mich zu dem gemacht, Was ich jetzt bin, und die auf jene Macht Vertraut, die über meine Stimmung ich Behielt, war nur der erste Sturm vorbei. Doch sie bedachten nicht, daß manchmal auch Der Ueberlegung Rache Tugend dünkt Und nicht als Antrieb nur der Wuth erscheint. Schläft das Gesetz auch, wacht das Rechtsgefühl, Und Schwerverletzte thun dem Ganzen oft, Indem dem Einzelnen sie Unrecht thun, Ein Recht und rein'gen damit ihre That Vor sich. – – Mich dünkt, der Tag bricht an. Nicht so? Sieh nach, dein junges Aug' sieht deutlicher. Die Luft nimmt schon des Morgens Frische an; Mir wenigstens erscheint es so, die See Blinkt heller durch die Fenster. Bertuccio Faliero . Ja. Der Himmel Fleckt sich im Osten schon. Doge . Nun fort! Sieh' zu, Daß sie sofort die Glocke ziehn, und mit Dem ersten Schlage von San Marco rück' Mit unsres Hauses ganzer Macht nach dem Palast. Hier harr' ich dein. Die sechzehn Führer Und ihre Fähnlein rücken dann zugleich In abgesonderten Colonnen an. Ihr selber, merkt's! besetzt das große Thor, Die Zehn vertrau' ich Niemand an als uns. Das übrige Patriziergeschmeiß Mag dann das wen'ger sichre Schwert der uns Verbündeten vernichten. Und vergeht Nicht, daß dann Alles rufen soll: »San Marco! Die Genuesen kommen! Auf! Zu Hilfe! San Marco und die Freiheit!« – Jetzt an's Werk! Bertuccio Faliero . Lebt wohl denn, edler Ohm! Wir sehn in Freiheit Uns wieder, und als Herrscher oder nie! Doge . Komm, mein Bertuccio, laß dich noch umarmen, – Jetzt rasch! Schon wird es heller. Sende mir Gleich einen Boten, der mir melde, wie Es geht, wenn bei den Truppen du erscheinst; Dann läute – läut' die Glocke von San Marco! (Bertuccio Faliero ab.) Doge (allein). Fort ist er, und an jedem Fußtritt hängt Ein Leben. – 'S ist geschehn! Jetzt flattert ob Venedig schon der Rache düstrer Engel Und zögert noch, eh' er die Schale gießt, So wie Beute erst der Aar beschaut Und einen Augenblick sich wiegt im Aether Und die Bewegung seiner Schwingen hemmt, Eh' sicher treffend niederfährt sein Schnabel. O Tag, der du so lahm im Wasser schleichst, Schreit' zu, schreit' zu! Ich schlug' nicht gern im Dunkel, Ich möchte sehn, daß fehl kein Streich mir ging. Ihr aber blaue Wellen, ehedem Sah ich euch schon gefärbt und tief gefärbt Von Ungarn-, Mauren-, Genuesen-Blut, Und auch Venedigs Blut floß mit, jedoch Als Sieger nur. Jetzt sollt ihr ungemischt Den Scharlach tragen, kein Barbarenblut Wird uns versöhnen mit dem bösen Roth, Freund wird und Feind in dem Gemetzel fallen. Und hab' ich darum achtzig Jahr gelebt, Ich, den sie den Erhalter einst der Stadt Genannt? Bei dessen Namen die Million Die Mützen in die Lüfte warf, und Rufe Von Zehentausenden erschollen, die Vom Himmel Segen flehten über mich Und Ruhm und lange Jahr' – und solch ein Tag! Doch wie der Tag auch schwarz steh' im Kalender, Ihm sollen helle tausend Jahre folgen! Der Doge Dandolo erlebte neunzig Sommer, Nahm Reiche weg und schlug die Krone aus. Ich will verzichten auf die Kron', dem Staat Die Freiheit schenken – doch durch welche Mittel? Der edle Endzweck wird sie heil'gen müssen. Was sind auch ein paar Tropfen Menschenbluts? Nein! das Tyrannenblut ist menschlich nicht. Wie eingefleischte Molochs haben sie Von unsrem sich genährt, bis dieser Tag Sie in die Gräber stürzt, die sie so voll Gemacht. – O Welt! O Menschen! was seid ihr? Was ist das beste Wollen doch, daß wir, Verbrechen zu bestrafen, thun sie müssen! Und morden, als ob nur dies Eine Thor Zum Tode führte, da doch wen'ge Jahre Schon überflüssig machten Schwert und Speer! Und ich am Rand des unbekannten Reichs Schick' noch so viele Herolde voraus? Nicht denken darf ich dran! (Pause.) Horch! War das nicht Wie ein Gesumm' von fernen Stimmen, wie Das Echo kriegerisch vereinter Tritte? – Wie unser Wunsch doch Schattentöne selbst Erzeugt! Es kann nicht sein! – – Noch nicht scholl das Signal. – Warum noch nicht? – Bertuccio's Bote Sollt' auf dem Wege doch schon sein zu mir, Er selbst vielleicht zieht stöhnend eben jetzt Auf seinen Angeln jenes Thor zurück Zum hohen Thurm, wo die gewalt'ge Glocke Orakelhaft sich schwingt, die nie ertönt, Wenn nicht des Fürsten Tod, des Staats Gefahr Ihr Warnungsrufe schreckensvoll entreißt. Sie möge thun, was ihre Schuldigkeit, Und mög' der Schreckenston, der letzte, sein, Bis dieser starke Thurm einst schwankt. – Wie kommt's? Noch immer still? – Gern ging ich selber hin, Doch ist mein Posten hier als Mittelpunkt Der oft unein'gen Elemente, die Bündnissen dieser Art gemein, damit Im Falle des Conflicts des Schwachen Schwanken Ich kräft'gen kann; denn wenn's zum Kampfe kommt, Wird er am heftigsten entbrennen im Palast. Hier muß deshalb mein Posten sein, Wie es dem Meister der Bewegung ziemt. Jetzt horch! – Er kommt! – er kommt! Das ist er ja! Bertuccio's, meines braven Neffen, Bote! Was bringt er wol? Ob er heranrückt? ob's Gelang? – – Ha! diese, hier!! – Dann ist's vorbei. Doch wage ich ein letztes Mittel noch. (Ein Officier vom Nachtdienst tritt, mit Wachen ein.) Officier . Um Hochverrath verhaft' ich, Doge, dich! Doge . Mich, deinen Fürsten um Verrath? Wer sind Denn die, die ihren eigenen Verrath In solche Ordre einzuhüllen wagen? Officier (zeigt den Befehl vor). Hier mein Befehl von den vereinten Zehn. Doge . Und wo sind sie versammelt, und warum? Der Rath hat nicht Gesetzesmacht, wenn nicht. Der Fürst den Vorsitz führt; mein Amt ist dies. Bei deiner Pflicht befehl' ich dir, laß mich Hinunter, oder führe mich nach dem Gemach des Raths. Officier . Es kann nicht sein, Herr Doge. Der Rath ist nicht in dem gewohnten Saal, Er sitzt im Kloster von San Salvatore. Doge . Ihr wagt es, den Gehorsam mir zu weigern? Officier . Ich dien' dem Staat und muß getreu ihm dienen. Der Wille derer, die den Staat regieren, Ist Vollmacht mir. Doge . So lang' die Vollmacht aber Nicht meine Unterschrift besitzt, ist sie Gesetzlich nicht, und so mißbraucht, rebellisch. Hast deines Lebens Werth du wohl erwogen, Als einen Dienst, der so gesetzeswidrig, Du übernahmst? Officier . Mit Worten hier zu streiten, Ist meines Amtes nicht, vielmehr zu handeln. Ich bin bestellt nur, deinen Kopf zu hüten, Nicht über dich als Richter zu entscheiden. Doge (bei Seite). Wir müssen Zeit gewinnen – wenn nur bald Die Glocke schallt, kann Alles gut noch enden. Beeil' dich, Neffe! eile, eile, eil'! Noch schwanket unser Schicksal in der Wage. Weh' dem Besiegten! Sei's der Fürst, das Volk! Patrizier oder Sklav'! (Die große Glocke von San Marco schlägt an.) Sie schallt – sie stürmt! (Laut). Hört's, Officier der Nacht, und ihr Trabanten, Die ihr die Schergenspieße ängstlich faßt, 'S ist eure Todtenglocke – läute fort, Du lust'ger Ton! – Wie nun, ihr armen Schelme, Was zahlt für euer Leben ihr? Officier . O Himmel! Die Schwerter los! Bewacht die Thür' – wenn nicht Der Schreckenston bald schweigt, ist Alles hin! Der Officier hat seinen Weg verfehlt, Ein unvorhergeseh'nes Hinderniß, Ein furchtbares, hat ihn gehemmt. – Anselmo! Geh' schnell mit deiner Mannschaft nach dem Thurm! Der Rest verbleibt bei Mir! (Ein Theil der Wache rückt ab.) Doge . Wenn dir an deinem Geringen Leben liegt, so bitte drum! Nur nach Secunden zählt sich seine Frist. Entsende deine Schergen nur, sie werden Nicht wiederkehren mehr. Officier . In Gottes Namen! So sterben sie in ihrer Pflicht; das will Auch ich. Doge . Der Aar fliegt edlerm Wilde nach Als dir, du Thor, und deinen Myrmidonen. Leb' nur, wenn du durch Widerstand nicht bringst Gefahr; und wenn so lang Umnachtete Noch schauen können in der Sonne Strahl, So lerne frei zu sein. Officier . Und lerne du, Gefang'ner sein. (Das Glockengeläute hört auf.) Schon hat es aufgehört, Das Hochverrathssignal, das diesen Bluthund Von Pöbel hetzen sollte gegen edel Patrizisch Wild. Die, Todesglocke hat Ertönt, doch nicht für den Senat. Doge (nach einer Pause). Es schweigt. Ja, jetzt ist Alles aus. Officier . Nun, Doge, heiß' Mich noch den Sklaven des empörten Raths! Hab' meine Pflicht ich nicht gethan? Doge . Gib Frieden, Du Ding! Ein würdig Werk hast du vollbracht, Den Blutpreis dir verdient, und wirst den Lohn Von denen auch, die deiner sich bedient, Empfahn. Doch wardst, mich zu bewachen, du Hierher gesandt, und nicht zu schwatzen, wie Du selbst gesagt. So thu' denn deine Pflicht, Doch thue schweigend sie wie dir geziemt. Denn bin ich dein Gefang'ner, bin ich doch Dein Fürst. Officier . Ich wollt' die Achtung nicht verletzen, Die Eurem Rang gebührt. Hierin gehorch' Ich Euch. Doge (bei Seite). Jetzt bleibt mir nichts mehr als zu sterben, Und ach! wie nahe dem Erfolg! Gern wär' Ich in der Stunde des Triumphs gefallen, Doch so zu kommen drum! (Ein zweiter Officier vom Nachtdienst mit dem gefangenen Bertuccio Faliero.) Zweiter Officier . Wir faßten ihn, Als er den Thurm verließ, wohin er als Des Dogen Abgesandter den Befehl Zum Läuten hatt' gebracht, das schon begann. Erster Officier . Sind alle Straßenpässe wohl besetzt, Die zum Palaste führen? Zweiter Officier . Ja. Indeß Das ist jetzt ohne Werth. In Ketten liegen Die Häupter all, und ein'ge werden schon Verhört. Zerstreut ist ihre Mannschaft, viel' Sind eingesteckt. Bertuccio Faliero . Mein Ohm! Doge . Mit dem Geschick Zu streiten ist umsonst. Der Ruhm entwich Aus unsrem Haus. Bertuccio Faliero . Wer hätte das gedacht! Ach! einen Augenblick nur früher – Doge . Ja! Der Augenblick hätt' von Jahrhunderten Geändert das Gesicht! – Doch dieser gibt Der Ewigkeit uns hin. Wir werden ihm Wie Männer in das Antlitz schaun, die den Triumph nicht suchen im Erfolg, und die Mit ihrem Geiste jedem Schicksal trotzen. Verlier' den Muth nicht! nur ein Uebergang, Ein kurzer, ist's. Ich ginge gern allein; Doch schicken sie, wie es den Anschein hat, Zusammen uns, so laß uns gehn, wie's unsrer Und unsrer Väter würdig ist. Bertuccio Faliero . Ich werde Dir keine Schande machen, Ohm. Erster Officier . Ihr Herrn! Wir haben den Befehl, euch beide in Getrennten Räumen zu bewachen, bis Der Rath euch zum Verhör beruft. Doge . Verhör? So wollen bis zuletzt fortführen sie Ihr Possenspiel? – Nun denn! sie mögen thun Mit uns, wie wir's mit ihnen hätten, nur Mit etwas wen'ger Prunk. Das Ganze war Ein Glücksspiel nur von zweien Mordgesellen, Die's Loos geworfen, wer zuerst soll sterben, Wo sie gesiegt durch falscher Würfel Brauch! – Wer war denn unser Judas? he? Erster Officier . Hierauf Euch Antwort zu ertheilen bin ich nicht Befugt. Bertuccio Faliero . Ich will für ihn die Antwort geben: Ein sich'rer Bertram war's, er beichtet Jetzt eben der geheimen Commission. Doge . Bertram, der Bergamask! Wie schlecht ist oft Das Werkzeug, das uns dient zu Rettungsthaten! Der Mensch, den doppelter Verrath jetzt schwärzt, Wird ernten Lohn und Ehren! Die Geschichte Gesellt ihn zu des Capitoles Gänsen, Die einst geschnattert, bis daß Rom erwacht', Und die nun feiern jährlichen Triumph, Indessen Manlius, der dann die Feinde Zurückwarf, von Tarpeja's Felsen ward Gestürzt. Erster Officier . Er brütete Verrath und wollt' Den Staat beherrschen. Doge . Nein! Er rettete Den Staat und wollte, was er hergestellt, In neue Formen gießen. Doch das ist Jetzt eitler Wortkram nur. – An euer Werk! Erster Officier . Wir müssen, edler Herr Bertuccio, Euch Verbringen in ein inneres Gemach. Bertuccio Faliero . Oheim, lebt wohl! Ich weiß nicht, ob wir lebend Uns wiedersehn, doch unsre Asche darf Vielleicht sich mischen. Doge . Und die Seelen auch, Die aufwärts schwebend dann vollbringen werden. Was unsrem schwachen, vielbeschwerten Staub Mißlang. Die Herrn sind doch nicht stark genug, Um das Gedächtniß Derer auszulöschen, Die gern von ihren schuld'gen Thronen sie Herabgestürzt, und solch ein Beispiel zeugt Nachfolger stets, wenn auch in weiter Fern'. Fünfter Act. Erster Auftritt. Saal des Raths der Zehn Die Zehen nebst den zum Verhör beigezogenen Senatoren, der sogenannten Giunta. Wachen. Officiere. Israel Bertuccio, Philipp Calendaro als Gefangene. Bertram, Lioni und Zeugen. Das Oberhaupt der Zehen, Benintende . Benintende . Nachdem jetzt die verstockten Männer hier Vielfacher, offenkundiger Vergehen Vollständig überwiesen sind, bleibt nur Das Urtheil über sie zu sprechen übrig. Ein schmerzlich Ding für die, die es vernehmen, Wie auch für die, die es zu sprechen haben. Ach daß es mir zufallen mußt' und daß Für alle künft'ge Zeit mein Vorsitzjahr Gebranntmarkt ist mit der Erinnerung Des schändlichsten, umfassendsten Verraths An einem freien und gerechten Staat, Dem alle Welt Verehrung zollt, als Bollwerk Der Christenheit vor Sarazen' und Griechen, Vor wildem Ungar und barbarischem Franken; An einer Stadt, die Indiens reiche Schätze Europen aufgeschlossen hat; der Stadt, Wo eine Zuflucht einst die letzten Römer Vor Attila gesucht; der Königin Des Oceans; des stolzen Genua Noch stolzerer Rivalin! Solcher Stadt Erhab'nen Thron zu unterwühlen, haben Ihr werthlos Dasein diese schlechten Männer Gewagt, verwirkt! – So mögen sie denn sterben! Israel . Wir sind bereit, Dank eurer Folterbank! So laßt uns sterben denn! Benintende . Wenn Etwas ihr Uns noch zu sagen habt, was eure Strafe Vermindern könnt', wird euch die Giunta hören. Wenn zu gestehn ihr Etwas habt, noch ist Es Zeit, vielleicht von Nutzen kann's euch sein. Israel . Wir stehn zu hören, nicht zu sprechen hier. Benintende . Vollständig ist erwiesen eure Schuld Durch eure Mitverschworenen, und Das, Was die Verhältnisse noch beigefügt. Doch möchten wir von euern eig'nen Lippen Ein voll Bekenntniß des Verrathes hören. Am Rande jener schreckenvollen Kluft, Die Keiner je ein zweites Mal durchschreitet, Kann Wahrheit einzig euch noch nützlich sein Auf Erden wie im Himmel. – Was hat euch Dazu gebracht? Israel . Das Rechtsgefühl. Benintende . Und was Habt ihr gewollt? Israel . Die Freiheit. Benintende . Ihr seid kurz. Israel . Wie unser Leben. Zum Soldaten, nicht Zum Rathsherrn, wuchs ich auf. Benintende . Ihr meint vielleicht Durch dieser Derbheit Kürze zu bewirken. Daß eure Richter noch den Spruch verschieben? Israel . Seid kurz wie ich, und seid, versichert, Herr, Daß solche Gunst ich vorzieh' eurer Gnade. Benintende . Habt keine andre Antwort ihr für das Gericht? Israel . Fragt eure Folter, was sie uns Entrissen hat, ja spannt uns wieder drauf. Wir haben immer noch ein bischen Blut Und etwas Schmerzgefühl noch in den Muskeln, Die ihr zerreißt. Jedoch das wagt ihr nicht, Denn stürben wir dabei – und wenig Leben Ließt ihr uns noch für euer Blutgerüst – Entging euch ja das öffentliche Schauspiel, Womit in weit're Sklaverei hinein Ihr eure Sklaven schrecken wollt; denn Seufzer Sind ja nicht Worte, Todesqual ist kein Geständniß und ein Ja noch Wahrheit nicht, Wenn je die Qualen der Natur die Seele Um einer kurzen Schmerzenspause halb Zu einer Lüge überwält'gen sollten. – Nun, sollen wir noch leiden oder sterben? Benintende . Wer waren eure Mitverschworenen? Israel . Der ganze Rath. Benintende . Was wollt ihr damit sagen? Israel . Das fragt das leidenmüde Volk, das eure Patrizischen Vergehn getrieben zu Vergehn. Benintende . Ihr kennt den Dogen doch? Israel . Ich focht Bei Zara unter ihm, indessen ihr Durch Advokatenkünste euern Weg Zu gegenwärt'gem Amt gemacht. Wir setzten Das Leben ein, indem daß mit dem Leben Von Andern ihr gespielt, ob ihr sie nun Vertheidigt oder angeklagt. – Und dann Kennt ganz Venedig seinen Dogen ja Durch seine Thaten und den Schimpf, den ihm Der Rath gethan. Benintende . Habt ihr Besprechungen Mit ihm gehabt? Israel . Ich bin ermüdet, Herr, Ermüdeter durch eure Fragen noch Als durch die Folterbank. Ich bitte, geht Zum Urtheil über jetzt. Benintende . Es kommt sogleich. – Und Ihr auch, Philipp Calendaro! Habt Ihr Etwas vorzubringen noch, weshalb Ihr nicht verurtheilt solltet werden? Calendaro . Nein! Nie war ich vieler Worte Mann, und hab' Nur wenig übrig, die des Redens werth. Benintende . Ein weiter Wirken der Maschine dort Dürft' ändern Euern Ton. Calendaro . Sehr wahr, das dürft' Es wol; ihr erstes Wirken that's ja auch. Doch macht sie anders meine Worte nicht, Und wenn sie's thät – Benintende . Was dann? Calendaro . Bestünde, was Ich auf der Folterbank bekenn', zu Recht? Benintende . Gewiß. Calendaro . Wer immer der Verbrecher wär', Den ich beschuldigte des Hochverraths? Benintende . Ja, zweifellos wird er vernommen werden. Calendaro . Und auf mein Zeugniß hin ging er zu Grund? Benintende . Wenn Eure Beichte ihn im Einzelnen So schwer verklagt, steht in Gefahr sein Leben. Calendaro . Dann, Präses, nimm dein stolz Subject in Acht, Denn bei der Ewigkeit, die vor mir gähnt, Schwör' ich, du selbst sollst der Verräther sein, Den ich auf jener Folter nennen will, Wenn man ein zweites Mal darauf mich spannt! Ein Mitglied der Giunta . Herr Präsident, das Beste wäre wol, Wenn man zum Urtheil schritt'. Man bringt doch nichts Aus ihnen mehr heraus. Benintende . Unglückliche! Macht euch gefaßt auf unverweilten Tod, Denn des Verbrechens Art, das Staatsgesetz Und die Gefahr, in der die Republik Noch schwebt, gestattet keine weitre Frist. – Führt, Wachen sie hinaus auf den Balkon Der rothen Säulen, wo am Donnerstag Vor Fastnacht Der Giovedi grasso, der fette Donnerstag, was sich nicht wörtlich übersetzen läßt, war jener Tag. sonst der Doge pflegt das Stier- Gefecht zu sehn. Dort hänge man sie auf, Daß alles Volk sie deutlich sehen kann, Doch Gott sei ihren Seelen gnädig! Die Giunta . Amen. Israel . Lebt wohl, ihr Herrn! Wir werden schwerlich uns An Einem Platze wiedersehn. Benintende . Und daß Die Menge sie nicht aufzuregen suchen, Soll vor dem Hängen ihnen knebeln Geschichtlich. Siehe Sanuto. Anhang Note A man Den Mund. – Jetzt fort mit. euch! Calendaro . Wie? sollen wir Nicht einmal einem Freund ein Lebewohl Mehr sagen dürfen? unsern Beichtiger Nicht sprechen mehr? Benintende . Ein Priester harrt auf euch Im Vorgemach. Was eure Freunde anbelangt, so müßte schmerzlich nur für sie, Nutzlos für euch die Unterredung sein. Calendaro . Ich wußte wohl, daß Ihr im Leben uns Geknebelt habt: die Alle wenigstens, Die nicht den Muth gehabt, ihr Leben An der Gedanken freien Fluß zu wagen. Doch glaubte ich, im letzten Augenblick Würd' man der Rede arme Freiheit uns, Die man doch sonst den Sterbenden gewährt, Nicht weigern, doch – Israel . Laß, wackrer Calendaro, Sie machen nur! Was helfen ein Paar Worte? Wir sterben lieber doch, als daß wir ihnen Verdanken die geringste Gunst! Es wird Sich unser Blut nur um so schneller dann Zum Himmel heben gegen sie, und dort Weit stärker zeichnen ihre Scheußlichkeit, Als ganze Bände von gesproch'nem oder Geschrieb'nem Wort des Sterbenden gekonnt. Sie zittern schon vor unsrer Stimme, ja Sie fürchten unser Schweigen selbst. So mögen Sie leben in der Furcht! Sie mögen sich Mit ihren Nachtgedanken weiter plagen, Wir aber wollen aufwärts unsre richten. – Nur zu! wir sind bereit. Calendaro . O Israel! Hätt'st du auf mich gehört! Es stünde jetzt Nicht so mit uns, und jener bleiche Schutr, Der Hund von Bertram, wär' – Israel . Ruh', Calendaro! Was hilft es uns, hieran zu nagen noch? Bertram . Ach daß ihr doch, in Frieden mit mir stürbt! Ich suchte diese Unthat nicht, sie ward Mir aufgedrängt. Sagt, daß ihr mir vergebt, Ich selber kann's ja nimmer mir vergeben. O grollt nicht so! Israel . Ich sterbe und verzeih' Dir, Mann! Calendaro ( spuckt ihn an ). Ich sterbe und verachte dich! ( Israel Bertuccio und Philipp Calendaro mit den Wachen ab. ) Benintende . Da diese Sünder nun beseitigt sind, So ist es Zeit, das Urtheil fest zu stellen, Das der Verräther größten treffen soll, Den irgend eine Chronik uns bewahrt, Marin Faliero selber! – Die Beweise' Sind voll erbracht, der Rechtsweg ist geschlossen, Zeit und Verbrechen heischt ein, rasch Verfahren; Soll also er hereinberufen werden, Um zu empfangen seinen Lohn? Die Giunta . Ja! ja! Benintende . Avogadori, ordnet an, daß man Den Dogen führe vor den Rath. Ein Mitglied der Giunta . Und wann Soll's an die übrigen Verbrecher gehn? Benintende . Sobald die Häuptlinge bereinigt sind; Denn nach Chiozza ist ein Theil geflohn, Doch Tausende verfolgen sie dahin, Und auf dem Festland wie auf allen Inseln Ward solche Anstalt alsbald vorgekehrt, Daß hoffentlich entrinnen Keiner wird, Um anderwärts noch sein verleumderisch Pasquill zu machen gegen den Senat. Der Doge tritt als Gefangener unter der Begleitung von Wachen ein. Benitende . Doge! – Denn noch seid Ihr's! und müßt nach dem Gesetz als solcher noch betrachtet werden, Bis zu der Stund', da man die Dogenmütze Euch von dem Haupt herunternehmen wird, Das eine Krone ja, wie edler sie Kein Reich ertheilen kann, in ruh'gen Ehren Nicht tragen mocht', vielmehr Verrath gezettelt, Um die ihm gleichen Häupter, die Euch doch Zu dem gemacht, was Ihr jetzt seid, zu stürzen Und auszutilgen unsern Ruhm in Blut. – Wir haben Euch im eigenen Gemach Durch die Avogadori allbereits Die sämmtlichen Beweise vorgelegt, Die gegen Euch erbracht, und vollere Erhoben ihre blut'gen Schatten nie, Um ins Gesicht Verräther zu bedrohn. Was habt Ihr vorzubringen noch, Euch zu Vertheidigen? Doge . Was soll ich sagen euch? Was mich vertheidigt, muß ja euch verdammen! Ihr seid zugleich Verbrecher und Verkläger, Seid Richter auch und Henker! – Handelt denn Nach eurer Macht. Benintende . Euch bleibt kein Hoffen mehr, Denn schon gestanden haben die Genossen. Doge . Und wer sind die? Benintende . Gar viel'! Der erste aber Steht hier vor Euch: Bertram von Bergamo! Wollt Ihr 'ne Frage an ihn stellen? Doge (blickt ihn mit Verachtung an). Nein! Benintende . Zwei andre Männer, Israel Bertuccio Und Philipp Calendaro gaben zu, Daß in Gemeinschaft mit dem Dogen sie Verrätherei geplant. Doge . Wo sind die Männer? Benintende . An Ort und Stelle schon, und geben jetzt Dem Himmel Rechenschaft für das, was sie Auf Erden hier gethan. Doge . Dies Brutusblut, Ach ist es schon geflossen? und auch sein's, Des raschen Cassius' vom Arsenal? Wie nahmen sie ihr Urtheil auf? Benintende . Denkt an Das eig'ne, das jetzt kommt. – Ihr lehnt somit Es ab Euch zu vertheidigen? Doge . Ich kann Nicht Rede stehen meinen Unterthanen, Noch ein gesetzlich Recht euch zugestehn, Zu richten mich. Zeigt mir erst das Gesetz. Benintende . In Fällen großer Noth muß man ergänzend Nachhelfen dem Gesetz. Die Väter setzten Für solch Verbrechen keine Strafe an, Wie auch im alten röm'schen Recht die Strafe Des Vatermörders ganz vergessen blieb. Sie konnten das nicht strafbar registriren, Was keinen Namen, keinen Sinn selbst hatte In Herzen, die so groß. Wer sollte ahnen, Daß die Natur solch eine Unthat zeugte, Sohn gegen Ahn', Fürst gegen Vaterland? Erst Eure Missethat hat uns vermocht, Die Richtschnur aufzuziehn, nach der man künftig Die Hochverräther solcher Gattung strafe, Die durch Verschwörung König werden wollen, Die mit dem Scepter nicht zufrieden noch, Es gerne in ein doppelschneidig Schwert Verwandelten. War denn der Dogenstuhl Euch nicht genug? Was ist denn edler als Venedigs Fürstenthron? Doge . Venedigs Thron!! O ihr verriethet mich! Ihr – ihr – die ihr Hier sitzt! – Verräther, die ihr seid! – Ich war Euch ebenbürtig an Geschlecht, und weit Durch meine Thaten euch voraus. Da rieft Ihr mich von meinen ehrenvollen Mühn In fremdem Land, zur See, im Feld, am Hof. Ihr sondertet mich aus als Opferthier, Daß ich gekrönt, doch hilflos und gebunden Am Altar stehen sollt', den ihr allein Bedienen dürft. Ich suchte nicht die Wahl, Ich wünscht' sie nicht, ich träumte nicht davon, In Rom erst traf sie mich und ich gehorchte. Doch als ich ankam, mußt' ich finden, daß Ganz abgesehn von eurer Eifersucht Aufpasserei, womit ihr immerdar Der Dogen beste Absicht habt gekreuzt, Ihr in der kurzen Dauer meiner Fahrt Von Rom zur Stadt das kleine Sonderrecht Verstümmelt hattet, das der Doge noch Besaß. – All dies ertrug ich lang' und trüg' Es noch, ward nicht am Ende selbst mein Herd Durch eurer Unzucht Schmutz befleckt, – und der, Den unter euch ich seh', der Schmutzige, Der rechte Richter für ein solch Gericht – Benintende . (unterbricht ihn). Kraft seines Amts sitzt Michel Steno hier Als jener Vierzig Einer, die der Rath Der Zehn von dem Senat erbeten hat, Als einen Beistand des Patrizierthums, Um unser Urtheil in so schwierigem Und unerhörtem Fall zu unterstützen. Die über ihn verhängte Strafe ward Gelöscht, weil ja der Doge selbst, der das Gesetz zu schützen hat, es stürzen wollt' Und somit nicht verlangen kann, daß Andre Man nach den Satzungen bestrafen soll, Die selber er verläugnet und verletzt. Doge . Von seiner Strafe sprecht ihr? Nein, viel lieber Seh ich ihn hier, wo über meinen Tod Er jubeln mag, als in dem Scheinarrest, Den euer äußerliches Gaukelspiel Von Richterspruch als Strafe ihm dictirt! So schlecht sein Thun auch war, war's golden noch, Vergleich' ich es mit eurem Rechtesschutz. Benintende . Und ist es möglich, daß Venedigs Doge, Der große Mann, der fünfundsiebzig Jahr' Und so viel Ehren auf dem Haupte trug, Sich also Knaben gleich, von seinem Zorn Hinreißen lassen könnt', daß jed' Gefühl, Treu', Weisheit, Rücksicht er mit Füßen trat, Weil achtlos ihn ein junger Mann beschimpft? Doge . Ein Funke zeugt die Brunst, der letzte Tropfen Macht, daß die Schale überläuft, und meine War eben voll! Ihr habt den Fürsten und Das Volk gedrückt: ich wollte sie befrein. Es sollte nicht so sein! Des Sieges Preis Wär' Ruhm gewesen und Triumph und Rache, Und hätt' Venedigs Namen zum Rivalen Von Griechenland und Syrakus gemacht, Als diese frei Jahrhunderte lang blühten, Hätt' meinen Namen Gelon beigesellt Und Thrasybul. Doch es mißlang! Ich weiß, Heut' lohnet Schande mir dafür und Tod; Die Zukunft wird erst richten, wenn Venedig Frei oder nicht mehr ist. Bis dahin ruht Der wahre Urteilsspruch. – Säumt länger nicht! Ich hätt' euch keine Gnad' geschenkt und such' Auch keine jetzt. Mein Leben setzte ich Auf einen großen Wurf. Da er mißlang, Nehmt, was ich euch im andern Falle nahm. Ich stünde jetzt in Mitten eurer Gräber, Jetzt mögt ihr meins umdrängen und zerstampfen, Wie ihr mit meinem Herzen es gethan, Als ich am Leben war. Benintende . Somit gesteht Ihr ein und billigt die Gerechtigkeit Des Richterspruchs? Doge . Daß mir der Wurf mißlang, Gesteh' ich ein. Das Glück ist ja ein Weib, In meiner Jugend ward mir seine Gunst; Ich fehlte nur, daß ich gehofft, sein Lächeln Würd' mir auch treu sein in der letzten Stund'. Benintende . Ihr habt an unsrer Billigkeit somit Nichts auszusetzen? Doge . Edle Venezianer! Plagt mich mit Fragen nicht! Aufs Schlimmste bin Ich ja gefaßt. Doch regt sich noch in mir Ein Bischen von dem Blut aus schönern Tagen, Und allzu duldsam bin ich nicht. Erspart, Ich bitte, weitres Fragen mir, das doch Zu nichts ja führt, als daß durch Solches das Verhör zum Wortstreit wird. Ich würde doch Erwiedern nur, was euch aufs Neu verletzte, Und eure Feinde – die ein Heer schon – freute. Wol sollte diesen düstern Mauern fremd Das Echo sein, doch Wände haben Ohren, Ja mehr als das, sie haben Zungen auch. Und fände Wahrheit auch nicht einen Weg. Hier durchzugehn, so könntet doch ihr selbst, Die ihr mich richtet, fürchtet und zermalmt, Nicht schweigend tragen bis zu eurem Grab, Was Gutes oder Schlechtes dann von mir Zu hören ihr bekämt. Zu mächtig wär' Ein solch Geheimniß selbst für eure Seelen. So laßt's in meiner schlafen nur, wofern Ihr die Gefahr nicht wecken wollt, die dann Noch größer würd' als die, der ihr entgingt; Ja so gefährlich würde, was ich sagte, Hätt' ich die Freiheit offen es zu künden. Denn wahre Worte sind Begebenheiten Und Worte eines Sterbenden sind solche, Die weit ihn überleben, oft ihn rächen. Begrabt drum meine Worte, wenn ihr gern Mich überlebt. Nehmt meinen Rath, und ob Ihr gleich gar oft das Leben mir verbittert, Laßt ruhig sterben mich. Das könnt ihr mir Wol thun. Ich läugne nichts, vertheid'ge nichts, Erbitte nichts, als Schweigen nur für mich Und des Gerichtes Spruch! Benintende . Daß Alles Ihr Gesteht, erspart uns die Notwendigkeit, Zur Folter unsre Zuflucht noch zu nehmen, Um Euch die ganze Wahrheit auszupressen. Doge . Zur Folter! O ihr habt mich längst darauf Gespannt, ja täglich seit ich Doge ward. Doch wenn ihr noch die körperliche Folter Hinzuthun wollt, so thut es! Diese Glieder Sind alt genug, daß unterm Stahl sie brechen. Doch hier im Herzen lebt ein Etwas mir, Das eure Instrumente brechen wird. Ein Officier tritt auf. Officier . Die Herzogin Faliero, edle Herrn, Ersucht die hohe Giunta um Audienz. Benintende . Vereinte Väter, Der venezianische Senat bediente sich der gleichen Ansprache wie der römische: »versammelte Väter«. wollt ihr vor sie lassen? Ein Mitglied der Giunta . Sie hat vielleicht Enthüllungen zu machen, Die für den Staat so wichtig sind, daß die Genehmigung sich des Gesuchs empfiehlt. Benintende . Ist dies die Willensmeinung Aller? Alle . Ja. Doge . O wundervoll Gesetz Venedigs, das Die Gattin zuläßt in der schönen Hoffnung, Sie werde zeugen gegen ihren Gatten! Wie ruhmvoll für Venedigs keusche Damen! Doch solche Lästerer der Frauenehre, Wie hier sie sitzen, sind nur consequent. Nun, schnöder Steno, halt dies Weib nicht Farbe, So will ich dir verzeihn dein schamlos Lügen, Verzeihen dein Entrinnen dir der Strafe, Mein hartes Ende und dein elend Leben. Die Dogaresse tritt auf. Benintende . Beschlossen hat, Signora, das Gericht: So seltsam sie, die Bitte zu gewahren; Und was der Zweck auch sein mag, ruhig Euch Mit jener Achtung anzuhören, die Wir Euern Ahnen, Rang und Tugend schulden. – Doch Ihr verblaßt – heda! – Seht nach der Dame! Bringt sogleich einen Stuhl. Angiolina . 'S ist eine Schwäche, Die gleich vorübergehen wird – sie ist Es schon! – Verzeiht, ihr Herrn – ich setz' mich nicht Vor meinem Fürsten und Gemahl, wenn er Zu stehn beliebt. Benintende . Was wünscht, Signora, Ihr? Angiolina . Ein schreckliches Gerücht, das aber nur Zu wahr, wenn Alles was ich seh' und höre, Nicht Traum nur ist, hat auch mein Ohr erreicht. Ich komme nun, das Schlimmste zu erfahren, Selbst in der schlimmsten Form. Verzeiht, daß ich So jäh hereintrat, mich so schwach benahm. Ist denn – ich kann's nicht sagen – kann der Frage Nicht Worte leihn – doch ach! ihr habt mir mit Dem abgewandten Blick, der finstern Stirne Die Antwort schon ertheilt. – O Gott, dies Schweigen Ist das des Grabs. Benintende ( nach einer Pause ). Erspare uns und dir Das Fürchterliche auszusprechen, was Vor Gott und Menschen unerbittlich Pflicht Uns ist. Angiolina . Sprecht doch! – Ich kann's, ich kann's nicht glauben, Auch jetzt noch nicht. – Ist er – verdammt zum – Benintende . Ach! Angiolina . Und war er schuldig? Benintende . Die natürliche Verwirrung nur, Signora, Eures Geists In dieser Stund' läßt solche Fragen Euch Verzeihn; sonst wär' ein Zweifel dieser Art An so gerechtem, oberstem Gericht Ein schwer Vergehn. – Doch fragt den Dogen selbst. Wenn die Beweise er verläugnen kann, Magst für so schuldlos du ihn halten wie Dein eigen Herz. Angiolina . Ist's also, mein Gemahl? Mein hoher Fürst? Freund meines armen Vaters? Du mächtigster im Feld, du weisester Im Rath? – Straf Lügen diesen Mann! – Du schweigst? Benintende . Gestanden hat er seine Schuld bereits, Und läugnet, wie du siehst, auch dir sie nicht. Angiolina . Ach aber sterben darf er nicht! Verschont Die wen'gen Jahre doch, die Gram und Scham Zu wenig Tagen bald vermindern werden. Ein Tag mißlungenen Vergehns kann doch Fast achtzig Jahre braven Thuns nicht tilgen? Benintende . Vollzogen werden soll der Spruch, sogleich Und ohne Milderung. So ist's beschlossen. Angiolina . Wol war er schuldig, doch auch Gnade gibt's. Benintende . In diesem Fall verträgt sich Gnade nicht Mit der Gerechtigkeit. Angiolina . Ach Herr! wer nur Gerecht ist, der ist hart. Wer blieb' am Leben, Würd' Jeder hier, wie Rechtens ist, gerichtet? Benintende . Auf seiner Strafe ruht das Wohl des Staats. Angiolina . Er war Soldat und hat gedient dem Staat, Er war Gen'ral und hat befreit den Staat, Er ist ein Fürst und hat regiert den Staat. Ein Mitglied des Raths . Er war Verräther und verrieth den Staat. Angiolina . Und war Er nicht, gab's keinen Staat jetzt mehr, Den man vernichten oder retten konnte; Und ihr, die ihr hier sitzt und euern Retter Zum Tod verdammt, ihr stöhntet auf der Bank Der türkischen Galeeren, oder hacktet In Ungarns Schachten an der Sklavenkette. Ein Mitglied des Raths . Ihr irrt, Signora! noch gibt's Männer hier, Die lieber sterben; denn als Sklave leben. Angiolina . Und gibt es Solche inner dieser Mauern, So zählst du nicht dazu. Der wahrhaft Tapfre Ist gegen den Gefall'nen edel. – Wie? Gibt's keine Hoffnung mehr? Benintende . Es kann nicht sein. Angiolina ( zum Dogen ). So stirb, Faliero, weil so sein es muß, Doch mit dem Geist von meines Vaters Freund. Du machtest schuldig schwerer Unthat dich. Die halb gesühnt durch, dieser Männer Härte. Ich hätte sie gebeten, heiß erfleht, Sie angebettelt wie ein Hungriger Um Brod, ich hätt' geweint, geschrien, wie sie Einst werden schrein zu ihrem Gott um Gnad', Und Antwort werden finden, wie sie mir Geworden ist – – wenn Solches deines Namens, Wenn es des meinen würdig war, und wenn Die Grausamkeit in ihrem kalten Blick Mir nicht verkündet hätt', daß Ingrimm nur, Kein Herz in ihnen lebt. So mache dich Als Fürst bereit zu deinem letzten Gang. Doge . Ich lebt' zu lang', um nicht zu wissen, wie Man stirbt. Dein Anflehn dieser Leute da Ist nur des Lammes Blöcken vor dem Fleischer, Der Schrei des Schiffers in der Brandung Wuth! Ich nähme nicht ein ewig Leben an, Das mir die Hand von Schelmen bot, vor deren Maßloser Schlechtigkeit ich seufzende Nationen retten wollt'. Michel Steno . Doge! ein Wort Mit dir und mit der edeln Dame hier, Die ich so schwer gekränkt. Ich wollt', mein Schmerz Und Scham und Reu' vermöchten auszulöschen Die unerbittliche Vergangenheit! Doch da dies nicht kann sein, so wollen wir Als Christen von einander gehn, in Frieden, Und tief zerknirscht erstehe ich deshalb, Verzeihung nicht, nein! euer Mitleid nur Und widme Euch dafür mein schwach Gebet. Angiolina . Dir, weiser Benintende, Oberrichter Venedigs, geb' die Antwort ich für den Signor. Sag' diesem Wüstling Steno, daß, Was er gekratzt, in Loredano's Tochter Nicht Tieferes erregt, als flüchtig Mitleid Mit solchem Wicht. O hält' ein Andrer ihn Verachtet, wie ich Mitleid fühl' mit ihm! Die Ehre zög' ich tausend Leben vor, Wenn meines so vervielfacht werden könnt', Doch möcht' ich nicht, daß nur ein einzig Leben Von Andern löschte für das hohe Gut, Das nimmer doch ein Mensch benagen kann: – Den Sinn für Tugend, der nicht das als Lohn Im Auge hat, was guter Name heißt, Nein! nur sie selbst. Mir war des Spötters Wort, Was Wind dem Felsen ist; doch gibt es ach! Empfindlichere Geister auch, die solch Ein Wort wie Wirbelwind das Wasser trifft, Für die der Schande Schatten schon ein Stoff Und schrecklicher als Tod ist, hier und dort, Und deren Fehl darin besteht, daß sie Des Lasters Spott ganz außer Fassung bringt, Und die gestählt zwar gegen Lockungen Der Lust wie gegen jede Schmerzensqual, Doch schwach sich zeigen, wenn der stolze Namen, Auf den sie ihre Hoffnungen gestellt, Behaucht nur wird, wie Adler eifersüchtig Auf ihren hohen Horst. Mög', was wir hier Erblicken, fühlen, leiden – Lehre sein Dem Schuft, der sich in seiner Milzsucht Wuth Begeifernd warf auf Wesen höh'rer Art. Insekten haben Löwen toll gemacht, Den größten Helden warf ein Pfeil im Fuß, Ein ehrvergessen Weib ward Trojas Fluch, Und ein geschändetes vertrieb für immer Die Könige aus Rom; die Gallier zog Nach Clusium ein schwer gekränkter Gatte, Und dann nach Rom, das damals fast verging; Sein Leben kostete Caligula Ein wüster Griff, doch seine Grausamkeit Ertrug die Welt; durch einer Jungfrau Schmach Ward Spanien zur maurischen Provinz, Und Steno's Lüge in zwei schmutz'gen Zeilen Zog dieser Stadt ein Blutbad zu, bracht' in Gefahr den schon achthundertjähr'gen Rath, Nahm einem Fürsten seine Kron', ja selbst Das kronenlose Haupt und schmiedete Ein neu Gericht für ein gedrücktes Volk! Mag jener Mensch – der Dirne gleich, die einst Persepolis in Brand gestreckt – stolz, wenn Er will, drauf sein, ein Stolz wär's seiner werth! Doch möge er die letzte Stunde nicht Des Mann's – der, was, er jetzt auch sein mag, doch Ein Held einst war – selbst nicht durch sein Gebet, Das er uns aufdringt, schmähn. Aus solchem Quell Fließt niemals doch was Gut's, und nichts, Nicht jetzt noch je, begehren wir von ihm! Wir überlassen ihn der tiefsten Tiefe Der menschlichen Erniedrigung – sich, selbst! Vergebung ist für Menschen, nicht für Schlangen; Für Steno haben wir sie nicht, doch auch Kein Rachgefühl. Ein Ding wie er muß stechen, Ein höher Wesen spürt's, das ist der Lauf Der Welt. Wer an der Natter Zähnen stirbt, Quetscht das Gezücht, doch fühlt er keinen Haß. Es war des Wurms Natur, und mancher Mensch Ist in der Seele mehr Gewürm, als das, Was in den Gräbern lebt. Doge ( zu Benintende ). Signor, vollendet, Was Ihr für Eure Pflicht erkennt. Benintende . Eh' wir An die Erfüllung gehen dieser Pflicht, Ersuchen wir die Fürstin, sich zurück- Zuziehn: es würde sie zu sehr erschüttern, Wenn Zeugin Dessen sie verblieb. Angiolina . Ich weiß, Daß es so sein wird, doch ich muß es tragen. Es ziemt mir so, und mit Gewalt nur wird Man von der Seite des Gemahls mich reißen. Macht fort und fürchtet weder Schrein noch Stöhnen, Und wenn mein Herz auch bricht, es schweigt. – Sprecht nur Es lebt Etwas in mir, was Alles zwingt. Benintende . Marin Faliero, Doge von Venedig, Von Val Marino Graf, Senator auch Und seiner Zeit Feldherr und Admiral, Venedigs Edler, oft und viel betraut Vom Staat mit hohem, ja mit höchstem Amt, Vernimm den Richterspruch: – Durch viele Zeugen, Beweise und dein eigenes Geständniß Bist du des Hochverrates überführt, Und Hochverrats wie bisher unerhört Vor diesem Hof – dein Urtheil ist der Tod! Dein Hab und Gut soll eingezogen werden, Dein Name ausgelöscht aus unsern Büchern; Nur an dem Fest des allgemeinen Danks Für diese unsre wunderbare Rettung Sollst du bemerkt noch im Kalender sein; Mit Erderschütt'rung, Pestilenz und Krieg Und mit dem Teufel nur wird man dich nennen, Wenn unser Dankgebet zum Himmel steigt, Daß Land und Leben er vor dir geschützt; Der Platz im Dogensaal, wo bei den Andern, Die ruhmbedeckt vor dir geherrscht, dein Bild Einst glänzen sollt', verbleibe leer und schwarz, Wie eingehüllt in einen Todtenschleier, Und drunter soll der Spruch zu lesen sein: »Dies ist die Stelle des Marin Faliero, Enthauptet wegen großer Frevelthat.« Doge . Was? Wegen Frevelthat? Doch 's mag so sein? Es ist ja doch umsonst. Der schwarze Fleck, Der meinen hingewürgten Namen deckt Und meine Züge birgt, zu bergen scheint, Wird dennoch mehr Beschauer an sich ziehn Als jene hundert Köpfe, die im Schmuck Des Pinsels glänzen rings, als jene All', Die sklavisch Euch gedient, das Volk gedrückt. »Enthauptet wegen großer Frevelthat!!« Was Frevelthat! wär' es gerechter nicht, Wenn ihr das Factum klar dort sagen wolltet, Daß euch der Leser Beifall könnte geben Und auch erführ', woraus die That entsprang? Wenn ihr ihm sagt, daß einst ein Doge sich Verschwor, so sagt ihm auch warum – erzählt Ihm die Geschichte eures Staats! – Benintende . Die Zeit Wird drauf die Antwort geben, unsre Söhne Der Väter Urtheil richten, das ich jetzt Dir künd': – Als Doge in dem Herzogskleid Und mit der Mütze soll man dich hinaus Zur Riesentreppe führen, wo du einst Bekleidet wardst, wie alle unsre Fürsten. Dort soll man dir die Krone an dem Fleck, Wo man sie einst dir aufgesetzt, entreißen, Abschlagen soll man dir den Kopf, und Gott Mög' deiner Seele gnädig sein! Doge . Ist dies Der Giunta Spruch? Benintende . Er ist's. Doge . Ich kann ihn tragen. – Und wann? Benintende . Sogleich. – Mach' deinen Frieden noch Mit Gott. In einer Stunde wirst du vor Ihm stehn. Doge . Das thu' ich schon. Und vor den Seelen Der Männer, die mein Blut vergießen, steigt's Zum Himmel auf. – Wird all mein Grundbesitz Dann confiscirt? Benintende . Er wird's: die Fährniß auch, Juwelen, Schätze jeder Art – zweitausend Dukaten ausgenommen. Ueber sie Magst du verfügen. Doge . Das ist hart. Ich hätte Die Güter bei Treviso gern behalten, Die ich Graf Lorenz, Bischof von Ceneda, Zu Lehen trug für mich und meine Erben, Um sie – da all mein städtisch Eigenthum, Palast und Schätze euch verfallen wird – Zu theilen zwischen Weib und Vetterschaft. Benintende . Auf dieser letztern ruht des Staates Acht; Ihr Haupt, dein Neffe ist selbst schwer bedroht. Jedoch verschiebt der Rath für's erste noch Die Untersuchung über ihn. Wenn ein Besitzthum deiner Wittwe du vermachst, So fürchte nichts, wir werden ihr gerecht. Angiolina . Ihr Herrn, ich will von eurer Beute nichts. Wißt, daß ich mich von nun an Gott nur weih' Und in dem Kloster suche ein Asyl. Doge . So komm! Hart mag noch diese Stunde sein, Doch nimmt auch sie ein End'. – Hab' ich noch sonst Ein Leiden zu bestehen als den Tod? Benintende . Du hast zu beichten nur und dann zu sterben Der Priester ist bereit, das Richtschwert bloß, Sie warten draußen dein. – Jedoch vor Allem Denk' nicht daran, zum Volke noch zu sprechen. Es drängen Tausende sich um die Thore, Doch diese sind verschlossen. Nur die Zehn, Avogadori, Giunta und die Häupter Der Vierzig werden schaun, wie man dich richtet. Sie sind bereit, den Dogen zu begleiten. Doge . Den Dogen?! Benintende . Ja! Als Fürst hast du gelebt, So sollst du sterben auch; und bis zu dem Moment, wo dann die Trennung vor sich geht Von Kopf und Rumpf, soll Kopf und Dogenkrone Vereinigt sein. Als du mit niedrigen Verräthern complottirt, vergaßest du Dein hohes Amt. Das thun wir nicht. Den Fürsten Erkennen wir selbst auf dem Richtplatz an; Des Hunds, des Wolfes Tod ward den Genossen, Doch du sollst fallen wie der Löwe fällt, Umringt von denen, die ein stolzes Mitleid Dir weihn, das Unvermeidliche beklagend, In das dein Zorn und löwenhaft Gewüth' Dich riß. – Jetzt überlassen wir dich dir, Daß du dich vorbereitest: mach es kurz. Wir werden dich geleiten an den Ort, Wo wir zuerst als deine Unterthanen, Als dein Senat dich fanden und gegrüßt, Und scheiden müssen nun von dir als solche Für immer, eben dort. – Ihr Wachen, gebt Dem Dogen das Geleit an sein Gemach. ( Alle ab. ) Zweiter Auftritt. Gemach des Dogen. Der Doge als Gefangener; die Dogaresse um ihn beschäftigt. Doge . Jetzt, da der Priester fort, hat's keinen Werth, Die nichtigen Minuten zu verlängern. Ein Schmerz nur noch, der Trennungsschmerz von dir, Dann mögen auch die letzten Körner Sands, Die mein noch sind von der gewährten Stund', Entfliehn – und fertig bin ich mit der Zeit. Angiolina . O Gott! und ich war Schuld, mir unbewußt! Und diese Leichen-Eh', den schwarzen Bund, Den du entsprechend meines Vaters Wunsch Bei seinem Tod versprachst, bezahltest du Mit deinem nun! Doge . Nicht so! Stets war Etwas In meinem Geist, das irgend ein gewaltig Unglück sich vorgemalt. Es wundert nur Mich, daß es jetzt erst kam, doch hat man mir's Vorausgesagt. Angiolina . Wer sagt' es Euch voraus? Doge . Es sind gar viele Jahre her; so viel, Daß im Gedächtniß sie mir zweifelhaft, Doch hat sie die Geschichte aufbewahrt. Als ich noch Jüngling war und dem Senat Als Stadthauptmann und Schultheiß diente in Der Stadt Treviso, reizte einst – es war Ein Festtag just – der träge Bischof, der Die Hostie trug, mein hitzig, jugendlich Gemüth durch sein verzüglich, lässig Thun Und stolz Erwiedern auf mein scheltend Wort. Da hob den Arm ich auf und schlug ihn so, Daß unter seiner heil'gen Last er fiel, Und als er wieder auf vom Boden stand, Hob zitternd er in heil'gem Zorn die Hände Zum Himmel auf, und auf die Hostie deutend, Die ihm entfallen, wandt' er sich nach mir Und sprach: »Der Tag wird kommen, wo einst Der, Den du zu Boden warfst, auch dich so wirft. Der Ruhm wird fliehn aus deinem Haus, Die Weisheit sich von deiner Seele trennen, Und in der besten Reife des Gemüths Wird Herzenstollheit sich bemächt'gen dein, Verzehren wird dich wilde Leidenschaft, In einem Alter, wo sie sonst verstummt Und sich in Tugend kehrt; und Majestät, Die alle andern Häupter schmückt, wird dich Nur krönen, um dir wegzumähn das Haupt. Die Ehrenstellen werden für dich nur Vorläufer sein des Falls, dein graues Haar – Der Schande, beide dann – des Tods, doch nicht Des Tods, wie einem alten Mann er ziemt.« So sprechend ging er weg. – Die Stunde ist Nun da. Angiolina . Und konnt'st nach dieser Warnung du Nicht von dir wenden solch unsel'gen Tag? Durch Reue sühnen, was du einst verbrachst? Doge . Ich muß gestehn, die Worte gingen mir Ins Herz, so daß ich ihrer stets gedacht' Inmitten dieses Lebens-Labyrinths, Als ob mir eine Geisterstimme spräch' In überird'schem Traum, und ich bereute; Doch war des Schicksals Schluß zu hemmen nicht An mir. Ich konnt' nicht ändern, was sein sollt' Und wollt's auch fürchten nicht. – Noch mehr! Du wirst Was Alle wissen, nicht vergessen haben, Daß an dem Tag, da ich als Doge hier Bei meiner Rückkehr landen sollt' von Rom, Ein Nebel von so ungewohnter Dicke Dem Bucentaur voranging wie die Wolke, Die Israel einst aus Aegypten führte, Daß ganz verwirrt der Steuermann uns zwischen Den Säulen von San Marco fuhr ans Land, Wo man die Frevler hinzurichten pflegt, Statt an der Riva della Paglia, wie Man sonst gewöhnlich thut, daß ganz Venedig Ob dieser Vorbedeutung tief erschrack. Angiolina . Was hilft's jetzt – ach! – sich Solches zu erinnern? Doge . Ich finde gleichwol einen Trost darin Zu denken, daß dies Alles nur ein Werk Des Schicksals sei; denn lieber möcht' vor Gott Ich beugen mich als vor dem Menschenvolk, An eine Vorbedeutung lieber glauben, Als diese Sterblichen, die meistens ja So werthlos sind wie Staub, und grad' so schwach Als werthlos auch, für etwas mehr zu halten Als für das Werkzeug einer höhern Macht. Unfähig waren sie an und für sich, Sie konnten nicht die Sieger Dessen sein, Der doch für sie so manche Schlacht gewonnen. Angiolina . Zu höherer Betrachtung nütze die Minuten, die dir bleiben, und in Frieden Mit diesem Volke eil' dem Himmel zu. Doge . Ich bin in Frieden, der Gewißheit Frieden, Daß eine Stunde sicher kommen wird, Wo ihre Enkel und die stolze Stadt Und dieses blaue Meer und Alles, was Sie groß und herrlich macht, Ruin und Fluch, Und Hohn und Spott der Völker werden sein, Carthago, Tyrus, eine Meeres-Babel! Angiolina . Sprich doch nicht so! Noch immer, bis zuletzt Geht über dich der Sturm der Leidenschaft. Du täuschest dich, und kannst sie doch nicht treffen. Sei ruhiger! Doge . Ich stehe in der Ewigkeit Und schaue in die Ewigkeit, und sehe So deutlich wie dein holdes Antlitz ich Zum letzten Mal erblick' – die Tage, die Ich künd' vor aller Zeit, als einst bestimmt Den meerumrauschten Mauern hier, und denen, Die darin wohnen. Ein Trabant ( tritt vor ). Doge von Venedig! Die Zehn sind in Erwartung Eurer Hoheit. Doge . Leb' wohl denn, Angiolina! Laß mich noch Einmal umarmen dich! – Verzeih' dem Greis, Der dir ein zärtlicher Gemahl, jedoch Auch ein verhängnißvoller war. Lieb' mein Gedächtniß! Ich erbät' dies nicht, wenn ich Am Leben blieb'; doch kannst du milder mich Beurtheln dann, wenn meine Rachgefühle In Ruh' du weißt. Sonst blieb mir ja von all Den Früchten dieser langen Zeit von Ruhm, Von Reichthum, Macht und Herrlichkeit und Namen, Die doch gewöhnlich ein'ge Blumen lassen, Daß sie dem Grabe blühen, nichts, selbst nicht Ein wenig Freundschaft, Liebe, Achtung – nein! Nicht so viel selbst, daß prahlende Verwandte Ein Epitaph mir weihn! In einer Stunde Hab' ich entwurzelt all mein früher Leben Und Alles überlebt, nur nicht dein Herz, Dein reines, gutes, edles Herz, das wol Mit ungeschwächtem, doch nicht lautem Schmerz Noch mein – – du wirst so blaß! – – o Gott! sie sinkt! Ach sie hat keinen Athem mehr noch Puls! He Wachen! helft! Ich kann sie so nicht lassen; Und doch ist's besser; jeder Augenblick, Wo sie nicht lebt, erspart ihr einen Schmerz. Wenn ab sie schüttelt diesen flücht'gen Tod, Ruh' in dem ew'gen ich. – Ruft ihre Frau'n! Noch einen Blick! – Wie kalt die Hand! – so kalt, Wie meine sein wird, eh' sie zu sich kommt. Geht achtsam mit ihr um – und nehmt von mir Den letzten Dank. – Jetzt bin ich ganz bereit. ( Das weibliche Gefolge Angiolinas tritt ein und umgibt die ohnmächtige Gebieterin. Der Doge mit den Wachen ab. ) Dritter Auftritt. Hof im Dogenpalast. Die äußeren Thore sind gegen das Volk hin abgeschlossen. Der Doge tritt im Herzogsgewande ein, begleitet vom Rath der Zehen und andern Patriziern, und escortirt von Wachen. Er schreitet nach der Riesentreppe vor; dort steht der Scharfrichter mit seinem Schwert. Sobald der Doge hier angelangt ist, nimmt ihm eines der Häupter der Zehen die Dogenmütze ab. Doge . So ist es mit dem Dogen jetzt vorbei Und ich bin wieder ganz Marin Faliero! Das ist ein süß Gefühl, empfind' ich's auch Nur einen Augenblick. Hier ward ich einst Gekrönt und nun – der Himmel ist mein Zeuge! Mit wie viel mehr Befriedigung ich jetzt Ablege diesen gold'nen Herzogstand Als ich empfangen den unsel'gen Schmuck. Ein Mitglied der Zehen . Du zitterst doch, Faliero! Doge . Nur vor Alter. So gab der Maire von Paris, Bailli, wirklich einem Franzosen zur Antwort, der ihm auf dem Wege zur Hinrichtung (in der ersten Periode der Revolution) diesen Vorwurf machte. Nach Vollendung meiner Tragödie las ich zum ersten Mal sei 6 Jahren wieder das Venice preserved und fand ich eine ähnliche Antwort bei einer andern Veranlassung, in Renault's Munde. Ich werde wol den Leser nicht erst zu versichern brauchen, daß dies Zusammentreffen ein rein zufälliges ist. Bei einem so bekannten Meisterwerke wie Otway's Stück ist, hätte ja eine Nachahmung gar zu leicht entdeckt werden müssen. Benintende . Faliero, hast du uns um Etwas noch, Was mit dem Rechte sich verträgt, zu bitten? Doge . Ich möchte meinen Neffen eurer Gnade, Mein Weib empfehlen euerm Rechtsgefühl, Denn mich bedünkt, mein Tod, und solch ein Tod Sollt' Alles zwischen Staat und mir begleichen. Benintende . Man wird für sie besorgt sein, unerachtet Du eine unerhörte Unthat sannst. Doge . Wol unerhört! Denn keine Chronik gibt's, Die nicht viel Hundert' von Gekrönten zeigte, Die sich verschworen gegen Land und Volk; Es zu befreien aber starb nur Ein Regent, und heute stirbt dafür der Zweite. Benintende . Und wer sind Die, die solchem Ziele fielen? Doge . Der König Sparta's und Venedigs Doge: Einst Agis, und Faliero heut'! Benintende . Hast du Hier Etwas noch zu sagen, noch zu thun? Doge . Darf sprechen ich? Benintende . Ja, doch bedenke wohl: Das Volk steht draußen, außer dem Bereich Der Menschenstimm'. Doge . Ich spreche ja zu Zeit Und Ewigkeit, von der ich bald ein Theil Sein werde, nicht zu Menschen. – Elemente! In die ich aufgelöst zu werden eile, Laßt meine Stimme wehen über euch Gleich einem Geist! Du blaue Flut, die du Mein Banner trugst! Ihr Winde, die damit Gespielt, als ob ihr's liebtet, die mein Segel So oft geschwellt, wenn's zu Triumphen flog! Du Erde meines Vaterlands, für die Ich blutete! Du fremde Erde, die Dies treue Blut aus mancher Wunde trank! Ihr Steine hier, in die mein Blut nicht dringt, Wenn es zum Himmel raucht! Du Aether, der Es in sich nimmt, du Sonne, die du das Beschaust, und Du, der Sonnen zündet und Verlöscht! Bezeugt's! Ich bin nicht schuldlos; doch Sind diese frei von Schuld? Ich geh' zu Grund, Doch Rache wird mir blühn. Entfernte Zeiten Erheben aus der Zukunft Abgrund sich Und zeigen meinem Auge, eh' sich's schließt, Das Schicksal dieser stolzen Stadt. Für ewig Trifft sie und Alle, die in ihr, mein Fluch. Ja in der Stille wird der Tag gezeugt, Wo sie, die einstmals gegen Attila Ein Bollwerk baute, sich ergeben wird, Unblutig, schmählich sich ergeben wird Der Nachwelt Bastard-Attila, wo sie Nicht soviel Blut bei ihrem Todeskampf Vergießen wird als diese alten Adern, Zu ihrem Schutz so oftmals angezapft, Ihr nun als Opfer weihn; gekauft wird sie Und verkauft und das Leibgedinge werden Von einem Herrn, der sie dazu verachtet; Wenn das dramatische Gemälde zu grell erscheinen sollte, so möge der Leser nur die Geschichte der prophezeiten Periode oder vielmehr die wenigen Jahre ins Auge fassen, welche dieser Periode vorangingen. Voltaire berechnete ihre »nostre bene merite Meretrici« auf 12,000 regulaire, ohne die Freiwilligen und die Localmiliz, auf welchen Gewährsmann hin weiß ich nicht; dies ist vielleicht der einzige Theil der Bevölkerung, der nicht abgenommen hat. Venedig zählte ehedem 200,000 Einwohner, jetzt etwa 90,000 und was für welche! Wenige kennen den Zustand, in den die verruchte Tyrannei Österreichs diese unglückliche Stadt gebracht hat, vollständig und Niemand vermag ihn zu beschreiben. Der dermalige Verfall und die Entartung Venedigs unter den Barbaren zeigt nur wenige rühmliche Ausnahmen. Da ist ein Pasquaglio, der letzte und ach! nachgeborene Sohn aus der Ehe der Dogen mit der Adria, dessen Fregatte in der denkwürdigen Schlacht bei Lissa mit weit größerer Tapferkeit focht als irgend eines der französischen Schiffe, die ihm beigesellt waren. Im Jahre 1811 fuhr ich mit der Flotte und ihren Prisen nach Hause, und erinnere mich dabei Sir William Hoste und die andern bei diesem ruhmvollen Treffen betheiligten Officiere in den anerkennendsten Ausdrücken über das Benehmen Pasquaglio's sprechen gehört zu haben. Da ist ferner der Abbate Morelli, ferner Alvise Querini, der nach einer langen und ehrenvollen Laufbahn sich über das seinem Vaterlande zugefügte Unrecht einigermaßen durch literarische Arbeiten in Gemeinschaft mit seinem Neffen Vittor Venzon, dem Sohne der berühmten Schönheit, der Heldin von La Biondina in Gondoleta, tröstet. Da haben wir ferner den Patricier und Dichter Morosini, den Dichter Lamberti, Verfasser der Biondina und vieler anderer schätzbarer Werke, und in den Augen des Engländers nicht zuletzt Frau Michelli, die Uebersetzerin Shakespeare's. Dann folgen der junge Dandolo, der Improvisator Carter, Giuseppe Albrizzi, der vollendete Sohn einer vollendeten Mutter, Aglietti und wenn sonst nichts wäre, der unsterbliche Canova. – Cicognara, Mustoxithi, Bucati etc. etc. rechne ich nicht, weil der eine ein Grieche ist, und die andern wol 100 Meilen weit im übrigen Italien geboren, somit wenn nicht Fremde, so doch Ausländer sind. Vom Reich wird zur Provinz herab sie sinken, Von einer Großstadt zum verkomm'nen Flecken; Aus Sklaven wird bestehen ihr Senat, Aus Bettelvolk ihr Adel und ihr Volk Aus Kupplerschaft. Wenn dann in deinen Schlössern Der Jude sitzt, Die Hauptpaläste an der Brenta gehören jetzt den Juden, die in den ersten Zeiten der Republik nur in Mestre wohnen und die Stadt Venedig nicht betreten durften. Der ganze Handel befindet sich in den Händen der Juden und Griechen, und Ungarn bilden die Garnison. der Ungar in dem Amt Und Griechen schreiten über deinen Markt Und lächeln drob, weil's nun der ihre ist; Wenn deine Nobile's ihr bitter Brod In engen Straßen betteln, ihren Adel In ihrer Noth als Sporn des Mitleids nützen; Wenn jene Wen'gen, denen noch ein Rest Von ihrer großen Väter Erbe blieb, Den Hof dem Landvogt der Barbaren machen, Den eines Königs Lieutenant hier bestellt, In dem Palast, wo sie regiert als Herr'n, In dem Palast, wo sie erwürgt den Herrn, Noch stolz auf Namen, die sie doch entehrt, Oft Sprossen einer Ehebrecherin, – Die ihrer Schuld mit kräft'gen Gondoliers Und fremden Kriegern sich noch rühmen mag, – Und prahlend noch mit ihrer Schandgeburt Bis in die dritte Bastardgen'ration; Wenn deine Söhne ganz herabgedrückt, Vom Sieger dem Besiegten noch als Knecht Geschenkt; verachtet von den Feigen selbst Der größern Feigheit halb; gescholten selbst Vom Lasterhaften ihrer Laster halb, Die von so ungeheuerlicher Art, Daß jedes Strafgesetz heraus sie fordern, Sie zu ersinnen oder nur zu nennen; Wenn du von Cypern, jetzt dir unterthan, Nichts dein mehr nennst als dessen Schmach und Schande In deinen wen'ger tugendhaften Töchtern, Die schlimm'rer Unzucht weit'res Sprichwort werden; Wenn an dir kleben alle bösen Schäden, Die drücken ein erobert Land: das Laster, Doch ohne Glanz, die Sünde ohne Reiz, Daß selbst der Liebe Strahl sie nicht verschönt, Statt ihrer vielmehr nur Gewohnheitslust, Nur Kitzel ohne Leidenschaft, nur kalt Studirte Sinnlichkeit, die Schwachheit der Natur entwürdigend zu einer Kunst; Wenn dies und mehr schwer auf dir liegen wird; Wenn Lachen ohne Lust, Spaß ohne Freud', Wenn Jugend ohne Ehr' und Alter ohn' Respect, Gemeinheit, Unmacht, das Gefühl Des Weh's, das zu bekämpfen du zu schwach Und gegen das du nicht zu murren wagst, Wenn die Prophezeiung des Dogen merkwürdig erscheinen sollte, so möge man die folgende ins Auge fassen, welche Alamani vor 200 Jahren gab. »Es gibt eine sehr seltsame Prophezeiung über Venedig, welche also zu der stolzen Republik spricht: »»Wenn du nicht anders wirst, so wird deine Freiheit, die schon im Begriff ist, davon zu fliegen, nicht 100 Jahre über dein tausendstes Lebensjahr dauern.«« Wenn mir die Zeit, da Venedig frei wurde, auf die Gründung derjenigen Regierungsform zurückführen, unter welcher die Republik blühte, so finden wir, daß die erste Dogenwahl im Jahre 697 statt fand. Addiren wir 100 zu 1000 Jahren, so finden wir, daß der Sinn der Prophezeiung der ist: »»deine Freiheit wird nicht bis 1797 dauern.«« Nun ging aber Venedig im Jahre 1796 dem fünften Jahr, der französischen Republik unter; es ist somit wol noch nie ein Prophezeiung genauer eingetroffen. Die Verse Alamannis heißen: Se no cangi pensier, un secol solo Non conterà sopra 'l millesimo anno Tua libertà, che va fuggendo a volo. Ginguené, Hist. lit. de l'Italie, t. IX. p. 144. Zur letzten der bewohnten Wüsten dich gemacht, – – Dann in dem Röcheln deines Todeskampfs, Inmitten deiner Mörder, denke mein! Du Höhle der Verworf'nen, die sich stets Aufs Neu' berauscht in deiner Fürsten Blut! Von den ersten 50 Dogen dankten 5 ab, 5 wurden, die Augen ausgestochen und sie verbannt, 5 wurden ermordet, 9 abgesetzt, so daß 19 von 50 den Thron auf gewaltsame Art Verloren, neben 2, die in der Schlacht fielen. Dies geschah Alles längst vor der Regierung des Marino Faliero. Einer seiner nächsten Nachfolger Andrea Dandolo starb aus Aerger. Unter den späteren Nachfolgern mußte Foscari seinen Sohn wiederholt gefoltert und verbannt sehen, wurde dann selbst abgesetzt und starb am Springen eines Blutgefäßes, als er die Glocke von San Marco die Wahl seines Nachfolgers einläuten hörte. Morosini wurde des Hochverraths angeklagt, weil er Candia verlor; doch geschah dies, ehe er Doge wurde. Als solcher eroberte er Morea und erhielt den Namen der Peloponnesier. Gehenna der Gewässer! Meeres-Sodom! So weih' ich dich den unterird'schen Göttern! Dich und dein Nattervolk! (Wendet sich gegen den Scharfrichter.) Jetzt Sklave thu', Was deines Amts! Wie ich den Feind schlug, schlag'! Schlag', wie ich die Tyrannen hätt' geschlagen! Schlag wie mein Fluch so tief – und einmal nur! (Der Doge wirft sich auf die Knie wie der Scharfrichter das Schwert erhebt, fällt der Vorhang.) Vierter Auftritt. Der Markusplatz und die Piazetta. Das Volk drängt sich um die verschlossenen Gitterthore des Dogenpalastes. Erster Bürger . Ich bin am Thor und kann die Zehn jetzt sehn: In ihrer Amtstracht stehn sie um den Dogen. Zweiter Bürger . Ich komm' trotz aller Müh' nicht zu dir durch. Wie ist's? Erzähl's uns wenigstens, da nur, Wer bis ans Gitter kommen kann, was sieht. Erster Bürger . Zum Dogen geht jetzt Einer hin und nimmt Die herzogliche Kappe ihm vom Kopf. Jetzt hebt sein stechend Auge er zum Himmel. Ich seh' wie's blitzt und wie sein Mund sich regt, Still! still! – Doch nein! 's ist wie gemurmelt nur. Verflucht sei die Entfernung! Seine Red' Ist unverständlich und die Stimme thut, Als sprach er fernen Donner. Könnten wir Nur einen einz'gen Satz verstehn! Zweiter Bürger . Still! still! Vielleicht wir fangen doch noch einen Ton. Erster Bürger . Es ist umsonst! Ich kann ihn nicht verstehn. Wie doch im Wind sein graues Haupthaar weht Wie Flocken Schaumes auf der Flut! – Jetzt! jetzt! Er kniet – sie bilden einen Kreis um ihn! 'S ist Alles mir verdeckt, doch seh' ich in Der Luft das hochgeschwung'ne Schwert. – Hört ihr? Jetzt fällt's! (Das Volk murrt.) Dritter Bürger . Sie haben Den gemordet, der Die, Freiheit uns gegeben hätt'. Vierter Bürger . Er war Leutselig stets mit dem gemeinen Mann. Fünfter Bürger . Sie haben wohl daran gethan, daß sie Verschlossen jedes Thor. O hätten wir, Als man hierher uns lud, gewußt, was man Im Schild geführt, wir hätten Waffen mit Hierher gebracht und sie gezwungen! Sechster Bürger . Sagt, Wißt ihr gewiß, daß er enthauptet ist? Eins der Häupter der Zehen »Un Capo de' Dieci« sind die Worte in Sanuto's Chronik. tritt mit einem blutigen Schwert auf den Balkon des Dogenpalastes, der gegen den Markusplatz sieht. Er schwingt das Schwert dreimal vor dem Volk und ruft: Dem Erzverräther ist sein Recht geschehn! Die Thore werden geöffnet, die Volksmenge stürzt herein und gegen die Riesentreppe, wo die Hinrichtung stattgefunden hat. Einer der Vordersten ruft den Hintenstehenden zu: Der blutige Kopf rollt von der Riesentreppe! (Der Vorhang fällt.) Anhang. Note A. (Die folgende treffliche Uebersetzung aus der alten Chronik verdanke ich dem Herrn F. Cohen, welchem auch der Leser für eine Arbeit erkenntlich sein möge, die ich selbst trotz meinem vieljährigen Umgang mit Italienern nicht so rein und getreu hätte ausführen können.) Geschichte des 49. Nach einer vor uns liegenden Liste war er der 54ste. Dogen Marino Faliero. 1354. Am 11. September, im Jahre unseres Herrn 1354 wurde Marina Faliero zum Dogen der Republik Venedig erwählt. Er war Graf von Val di Marino in der Markgrafschaft Treviso und ein Ritter und reicher Herr obendrein. Sobald die Wahl geschehen war, wurde im großen Rath beschlossen, daß eine Deputation' von 12 Nobili an den Dogen Marino Faliero entsendet werden solle, der eben auf der Heimreise von Rom begriffen war. Er war nämlich zur Zeit, da er gewählt wurde, Gesandter am Hofe des heiligen Vaters zu Rom. Der heilige Vater selbst hielt übrigens zu Avignon Hof. Als der Herr Doge Marino Faliero am 3. Tag des Octobers 1354 in dieser Stadt landen wollte, erhob sich ein dicker Nebel, der die Luft dermaßen verfinsterte, daß er sich genöthigt sah, am St. Markusplatz zwischen den zwei Säulen zu landen, wo gewöhnlich die Uebelthäter hingerichtet werden, was Jedermann für ein sehr schlimmes Zeichen hielt. – Auch darf ich eine weitere Vorbedeutung nicht vergessen, die ich in einer Chronik gefunden habe. Als nämlich Herr Marino Faliero Schultheiß und Stadthauptmann von Treviso war, zeigte sich einmal der Bischof bei einer Procession sehr säumig im Herbeibringen des heiligen Sacramentes. Nun war besagter Marino Faliero von so heftiger und wilder Gemüthsart, daß er den Bischof deshalb herumpuffte, und mit dem Sacramente fast zu Boden warf. Deshalb ließ es der Himmel auch geschehen, daß der Doge später so außer sich gerieth und sich einen schlimmen Tod bereitete. Als dieser Doge den Herzogsstuhl 9 Monate und 6 Tage inne hatte, suchte er sich bei seinem bösen und ehrgeizigen Wesen auf die folgende Art, wie ich dies in einer alten Chronik gelesen habe, zum Herrn von Venedig zu machen. An einem Donnerstag war nämlich wie gewöhnlich ein Stiergefecht abgehalten worden, worauf sich nach der Sitte jener Zeit Jedermann nach dem Dogenpalaste begab und sich dort in einem seiner Säle mit den Damen unterhielt. Bis 1 Uhr wurde getanzt und dann ein Bankett servirt. Der Doge bestritt, wenn er vermählt war, die Unkosten und nach dem Bankett begab sich Alles nach Hause. Nun erschien bei diesem Feste unter Andern auch ein gewisser Herr Michele Steno, ein sehr junger und armer, aber schlauer und unternehmender Edelmann, welcher in eine der Damen der Dogaresse verliebt war. Als nun Herr Michele unter den Damen auf der Tribüne stand, benahm er sich so unpassend, daß der Doge befahl, ihn von der Tribüne fortzubringen, worauf die Leute des Dogen ihn vor die Thüre setzten. Herr Wichele glaubte eine solche Beschimpfung nicht so ohne Weiteres hinnehmen zu können und schlich, als das Fest vorüber war und alle Anderen den Palast verlassen hatten, noch kochend vor Wuth in den Audienzsaal, wo er gewisse unziemliche Worte, die sich auf den Dogen und die Dogaresse bezogen, in den Stuhl einkratzte, auf welchem der Doge gewöhnlich saß; denn damals saß der Doge noch nicht auf einem mit Taffet überzogenen, sondern auf einem einfachen hölzernen Stuhl. Herr Michele schrieb also: »Marin Faliero, der Mann der schönen Frau, Andere küssen sie, aber er füttert sie.« Der Senat befahl den Avogadori der Republik, die Sache aufs strengste zu untersuchen. Sofort wurde von den Avogadori eine große Geldsumme ausgesetzt, um herauszubringen, wer die Worte geschrieben. Bald erfuhr man, daß es Michele Steno gewesen. Der Rath der Vierzig beschloß deshalb seine Haftnahme; Steno gestand, er habe in einem Anfall von Wuth, weil man ihn in Gegenwart seiner Geliebten von der Tribüne entfernt habe, die Worte geschrieben. Nach gepflogener Berathung wurde nun Steno in Anbetracht seiner Jugend und seiner Verliebtheit zu einer zweimonatlichen Haft verurtheilt. Nach Verbüßung derselben sollte er auf ein Jahr aus Stadt und Land Venedig verbannt sein. Dieser milde Spruch regte den Dogen aufs Aeußerste auf; er war der Ansicht, der Rath habe hiebei nicht so gehandelt, wie es der Respect vor seiner herzoglichen Würde erheischte; er meinte, man hätte den Herrn Michele zum Strang oder wenigstens zu lebenslänglicher Verbannung verurtheilen müssen. Nun war es des Schicksals Schluß, daß der Doge Marino Faliero den Kopf verlieren sollte. Wenn aber eine Wirkung eintreten soll, so ist nöthig, daß erst die Ursache dieser Wirkung erscheine; und so kam es denn, daß am gleichen Tage, wo das Urtheil über Herrn Michele Steno gefällt wurde, nämlich am ersten Fasttag, ein Edelmann aus dem Hause Barbaro, ein jähzorniger Herr, in das Arsenal ging und von dem Galeerenmeister gewisse Dinge verlangte. Dies that er in Gegenwart des Arsenalaufsehers. Als dieser das Begehren des Herrn Barbaro hörte, erwiderte er: »Nein! das kann nicht geschehen,« Es gab nun heftige Worte zwischen dem Herrn Barbaro und dem Arsenalaufseher, und schließlich schlug der Nobile den letztern mit der Faust über das Auge, und da er einen Ring am Finger hatte, so schnitt der Ring Jenen so, daß Blut floß. Der Arsenalaufseher lief nun, zerschlagen und blutig wie er war geradeswegs zum Dogen, um sich zu beklagen und diesen zu bitten, dem Herrn aus Cà Cà = casa = Haus. Barbaro, eine schwere Strafe aufzuerlegen. »Wie kannst du wollen, daß ich Etwas für dich thue?« erwiderte der Doge; »erinnere dich des schmählichen Hohns, den man über mich geschrieben hat, und erinnere dich auch, wie dieser Bruder Liederlich, dieser Michele Steno, bestraft worden ist. Daran kannst du abnehmen, wie der Rath der Vierzig unsere Person achtet.« – Hierauf erwiderte der Arsenalaufseher: »»Herr Doge, wenn Ihr Euch zum Fürsten machen und alle diese geilen Herrchen in Stücke hauen wollt, so bin ich der Mann dazu, wenn Ihr mir dabei nur etwas unter die Arme greift; und dann mögt Ihr sie Alle bestrafen.«« – Als der Doge dies hörte, sagte er: »Wie ließe sich denn das bewerkstelligen?« – Und dann sprachen sie weiter in der Sache. Der Doge schickte nach seinem Neffen, Herrn Bertuccio Faliero, der bei ihm im Palaste wohnte, und sie besprachen sich über das Complott. Und ohne das Haus zu verlassen, ließen sie auch Philipp Calendaro, einen Seemann von großem Ruf, und Bertuccio Israello. einen sehr schlauen und verschlagenen Mann, herholen. Nachdem sie sich unter einander berathen, kamen sie überein, noch einige Andere in das Geheimniß zu ziehen; und so trafen sie sich mehrere Nächte hinter einander bei dem Dogen in dessen Palast. Und folgende Männer wurden einzeln berufen: Niccolo Fagiuolo, Giovanni da Corfu, Stefano Fagiono, Niccolo dalle Vende, Niccolo Vionda und Stefano Trevisano. Es ward ausgemacht, daß 16 bis 17 Führer in verschiedenen Theilen der Stadt aufgestellt werden sollten; ein Jeder sollte 40 wohlbewaffnete Leute anwerben; diese sollten jedoch ihre eigentliche Bestimmung nicht erfahren. An dem bestimmten Tage wollten sie dann an verschiedenen Punkten Streit unter einander anfangen, damit der Doge einen Vorwand bekäme, die Glocke von San Marco anschlagen zu lassen, welche nur auf Befehl des Dogen geläutet werden durfte. Beim Ertönen dieser Glocke sollten die 16 oder 17 mit ihrer Mannschaft durch die verschiedenen Straßen, die nach dem Markusplatze führen, gegen San Marco rücken. Wenn dann die regierenden Nobili auch nach dem Platze kämen, um die Ursache des Auflaufs zu erfahren, wollten die Verschworenen sie in Stücke hauen. Hierauf sollte der Doge Marino' Faliero zum Herrn von Venedig ausgerufen werden. Nachdem Alles so weit festgestellt war, kamen sie überein, ihr Vorhaben Mittwoch den 15. Tag des April im Jahre 1355 auszuführen. Sie hielten ihren Anschlag so geheim, daß sich Niemand von ihren Schlichen Etwas träumen ließ. Aber der Herr, der diese glorreiche Stadt stets unter seine Obhut genommen und sie wegen ihrer Rechtschaffenheit und Strenggläubigkeit nie verlassen hat, gab es einem gewissen Beltramo aus Bergamo ein, die Ursache zu werden, daß das Complott ans Licht käme, und zwar auf folgende Art. Dieser Beltramo, welcher einem Herrn Niccolo Lioni in Santo Stefano zugehörte, hatte erfahren, was vor sich gehen sollte; er ging daher in dem genannten Monat April nach dem Hause des vorbesagten Herrn Niccolo Lioni und erzählte diesem alle Einzelnheiten der Verschwörung. Als Herr Niccolo diese Dinge hörte, war er vor Schreck säst des Todes. Beltramo bat ihn, die Sache ganz geheim zu halten, denn wenn er sie dem Herrn Niccolo gesagt, so sei es geschehen, damit Herr Niccolo am 15. April zu Hause bleibe und so sei» Leben rette. Als Beltramo wieder fort wollte, befahl Herr Niccolo seinen Dienern Hand an ihn zu legen und ihn einzusperren. Herr Niccolo ging nun zu Herrn Giovanni Gradenigo Nasoni, der nachmals Doge wurde und der ebenfalls in Santo Stefano wohnte und theilte ihm Alles mit. Die Sache erschien diesem von der höchsten Wichtigkeit, wie sie in der That auch war. Sie gingen daher zusammen zu Herrn Marco Cornaro, der in San Felice lebte, und nachdem sie auch mit diesem darüber gesprochen, beschlossen sie nach dem Hause des Herrn Niccolo Lioni zurückzukehren, und den besagten Beltramo noch einmal zu verhören. Nachdem sie ihn ausgefragt und Alles gehört hatten, was er zu sagen hatte, begaben sich die Drei nach der Sakristei von San Salvatore und schickten nach den Räthen, den Avogadori, den Häuptern der Zehen und denen des großen Raths. Als Alle beisammen waren, trugen sie ihnen die ganze Geschichte vor. Alle erschraken in den Tod hinein. Sie beschlossen zunächst Beltramo herbeiholen zu lassen. Als er vor sie gebracht war, verhörten sie ihn und überzeugten sich, daß die Sache sich wirklich so verhalte. Obschon im höchsten Grade bestürzt, trafen sie doch sofort ihre Maßregeln. Sie schickten nach den Häuptern der Vierzig, nach den Officieren vom Nachtdienst, nach den Amtleuten der Stadtviertel und den fünf Polizeihauptleuten. Diese erhielten den Befehl, ihrer Mannschaft noch andere tüchtige und zuverlässige Leute beizugesellen, dann nach den Häusern der Rädelsführer zu gehen und sie zu verhaften. Auch der Vorstand des Arsenals wurde verhaftet, damit die Verschworenen dort kein Unheil anrichten könnten. Bei Anbruch der Nacht versammelten sie sich im Palast. Als sie beisammen waren, ließen sie die Thore des Palastvierecks schließen und dem Wächter des Glockenturms verbieten, die Glocke zu läuten. Inzwischen waren die oben erwähnten Verschworenen abgefaßt und nach dem Palast gebracht worden. Als der Rath der Zehen sich überzeugt hatte, daß der Doge mit im Complott sei, beschloß er sich noch 20 der hervorragendsten Männer des Staats zum Zwecke der Berathung beizuordnen, die jedoch an der Abstimmung keinen Theil haben sollten. Die Staatsräthe waren folgende: Herr Giovanni Mocenigo aus dem Viertel von San Marco, Herr Almoro Veniero von Santa Maria aus dem Kastellviertel, Herr Tommaso Viadro aus Canaregio, Herr Giovanni Sanudo aus Santa Croce, Herr Pietro Trivisano aus San Paolo, Herr Pantalione Barbo il Grando aus Ossoduro. Die Avogadori der Republik waren Zufredo Morosini und Herr Orio Pasquaglio. Diese stimmten nicht mit. Der Rath der Zehen bestand aus den Herren: Giovanni Marcello, Tommaso Sanudu, Micheletto Dolfino, den drei Häuptern; Luca da Legge und Pietro da Mosto, als den Untersuchungsrichtern, und den übrigen Mitgliedern Marco Polani, Marino Veniero, Lando Lombardo und Nicoletto Trivisano aus Sant' Angelo. Noch spät in der Nacht, der Morgen graute schon, wählten sie eine Commission (Giunta) von 20 Edelleuten aus den weisesten, würdigsten und ältesten Nobili von Venedig. Sie sollten mitberathen, aber nicht stimmen. Aus dem Hause Faliero wurde Keiner gewählt; Niccolo Faliero und ein zweiter Niccolo Faliero von San Tommaso wurden vielmehr aus dem Rathe gestoßen, weil sie zur Familie des Dogen gehörten. Dieser Beschluß, eine Zwanziger-Commission (Giunta) zu berufen, fand den Beifall des ganzen Landes. Sie bestand aus den Herren: Marco Giustiniani, Andrea Contarini, Simone Dandolo, Niccolo Volpe, Giovanni Loredano, Marco Diedo, Giovanni Gradenigo, Andrea Cornaro, Ritter, Marco Soranzo, Rinieri da Mosto, Gazano Marcello, Marino Mósini, Stefano Velegno, Niccolo Lioni, Filippi Orio, Marco Trivisano, Jacopo Bragadino und Giovanni Foscarini. Diese zwanzig wurden also in den Rath der Zehen berufen. Man ließ hierauf den Herrn Dogen Marino Faliero holen, der sich eben in Gesellschaft von andern vornehmen Herren, Edelleuten und sonst hervorragenden Männern, von denen aber Keiner ahnte, was vorging, im Palaste befand. Zugleich wurde Bertuccio Israello, einer der Rädelsführer und Haupt der Verschworenen in Santa Croce verhaftet und gebunden vor den Rath gebracht; ebenso Zanello del Brin, Nicoletto di Rosa, Nicoletto Alberto und der Guardiaga, nebst vielen Schiffern und allerlei Volk. Sie wurden vernommen und der Thatbestand des Complotts festgestellt. Am 16. April that der Rath der Zehen den Ausspruch, daß Filippo Calendaro und Bertuccio Israello an den rothen Säulen des Palastbalkons, von wo aus der Doge das Stiergefecht anzusehen pflegt, gehenkt werden sollten. Dieselben wurden mit Knebeln im Munde aufgehängt. Am nächsten Tage wurden verurtheilt: Niccolo Zuccuolo, Nicoletto Blondo, Nicoletto Doro, Marco Giuda, Jacomelli Dagolino, Nicoletto Fidele, der Sohn des Filippo Calendaro, Marco Torello genannt Israello, Stefano Trevisano, der Geldwechsler von Santa Margherita und Antonio delle Bende. Diese wurden sämmtlich zu Chiozza festgenommen, wohin sie zu entwischen versucht hatten. Auf Grund des ihnen vom Rath der Zehen gesprochenen Urtheils wurden sie hierauf an den folgenden Tagen gleichfalls gehenkt, einige einzeln, andere paarweise, und zwar an die Palastsäulen, wobei an den rothen Säulen angefangen und so weiter bis an den Canal fortgearbeitet wurde. Andere Gefangene wurden freigesprochen, weil sie zwar in die Verschwörung verwickelt gewesen, jedoch in so fern keinen eigentlichen Antheil daran gehabt hatten, als ihnen von den Häuptern der Verschwörung nur gesagt worden war, sie sollten bewaffnet erscheinen und würden dann im Staatsdienste verwendet, um gewisse Verbrecher aufzuheben. Weiter wußten diese nichts. Unter diesen Freigelassenen befanden sich Nicoletto Alberto, der Guardiaga, sowie Bartolommeo Ciricolo und dessen Sohn und noch mehrere Andere, die nicht schuldig waren. Am Freitag den 16. April wurde ferner von vorbesagtem Rath der Zehen der Spruch gefällt, der Herr Doge Marino Faliero solle enthauptet werden und die Hinrichtung auf der Plattform der steinernen Treppe stattfinden, wo die Dogen ihren Eid ablegen, ehe sie den Palast betreten. Am folgenden Tage den 17. April um die Mittagsstunde, wurde hierauf bei verschlossenen Palastthoren dem Dogen der Kopf abgeschlagen. Die Herzogsmütze war ihm abgenommen worden, ehe er an die Treppe kam. Als die Hinrichtung vorüber war, heißt es, sei Einer vom Rath der Zehen unter die Palastsäulen gegenüber dem Markusplatze getreten, habe dem Volke das blutige Schwert gezeigt und mit lauter Stimme gerufen: »Der schreckliche Spruch ist an dem Verräther vollzogen.« – Dann wurden die Thore geöffnet und alles Volk stürzte herein, um den Leichnam des enthaupteten Dogen zu sehen. Es muß bemerkt werden, daß der Rath Giovanni Sanudo nicht gegenwärtig war, als der obige Spruch gefällt wurde; er war nämlich krank und durfte nicht ausgehen. So gaben nur 14 Herren ihre Stimmen ab, nämlich fünf Staatsräthe und neun vom Rathe der Zehen. Es ward ferner gesprochen, daß alle Güter und fahrende Habe, sowol des Dogen, als der übrigen Verräther dem Staat verfallen sollten. Als eine Gnade wurde dem Dogen vom Rathe der Zehen gestattet, über 2000 Dukaten von seinem Vermögen frei zu verfügen. Es ward ferner beschlossen, daß künftig die Staatsräthe, die Avogadori der Republik, die Mitglieder des Raths der Zehen und die der Commission, welche an den Berathungen über den Dogen und die übrigen Verräther Theil genommen, das Recht haben sollten, bei Tag und bei Nacht in Venedig und von Grado bis Cavazere Waffen zu tragen. Es ward ihnen ferner gestattet zwei bewaffnete Diener zu halten, die in den Häusern dieser Herren wohnten und speisten. Wer selbst keine zwei Diener hielt, durfte das Recht auf seine Söhne oder Brüder übertragen, aber nur auf zwei. Die Erlaubniß Waffen zu tragen, erhielten ferner die vier Notare der Kanzlei, das heißt des obersten Gerichtshofes, welche die Zeugenaussagen entgegennahmen. Es waren dies Amedio, Nicoletto di Lorino, Steffanello und Pietro de Compostelli, der Secretär der Officiere vom Nachtdienst. Nachdem der Doge enthauptet und die Verräther gehenkt waren, verblieb der Staat in großer Ruhe und Frieden. Wie ich in einer Chronik gelesen, brachte man den Leichnam des Dogen in einer Barke mit acht Fackeln nach seiner Gruft in der Kirche von San Giovanni e Paolo, wo er beerdigt wurde. Diese Gruft befindet sich in der Kapelle Santa Maria della Pace, welche von Bischof Gabriel von Bergamo gebaut worden war. Sein Grabmal ist ein steinerner Sarg, in welchen die Worte eingegraben sind: Heic jacet Dominus Marinus Faletro Dux . Im Saale des großen Raths wurde sein Portrait nicht gemalt, an der Stelle vielmehr, wo es hingehörte, sieht man die Worte: Hic est locus Marini Faletro, dacapitati pro criminibus . Man hat geglaubt, daß sein Palast an der Brücke der Kirche San Apostolo geschenkt worden sei. Doch kann dies nicht wol sein oder müßte das Haus von der Familie zurückgekauft worden sein, denn es gehört noch immer dem Cà Faliero. Wir müssen noch bemerken, daß Einige an die Stelle, wo sein Portrait hätte sein sollen, folgende Worte setzen wollten: Maximus Faletro Dux, temeritas me cepit. Poenas lui, decapitatus pro criminibus . Andere schlugen den Vers vor, der würdiger wäre, auf sein Grabmal gesetzt zu werden: Dux Venetum jacet heic, patriam qui prodere tentans, Sceptra, decus, censum perdidit, atque caput. Note B. Petrarca über die Verschwörung des Marino Faliero. Auf den jungen Doge Andrea Dandolo folgte ein alter, der erst spät an das Steuer der Republik gelangte, aber immer noch früher, als für ihn und sein Land ersprießlich war; es war Marino Faliero, ein mir bekannter Mann, mit dem ich schon vor alten Zeiten auf vertrautem Fuße stand. Man hatte ihn falsch beurtheilt, denn er zeigte, daß er mehr mit Muth als mit Verstand ausgestattet war. Nicht zufrieden mit der ersten Würde, trat er mit dem linken Fuß in den Dogenpalast; denn dieser Doge der Venetianer, eine zu jeder Zeit heiliggehaltene Obrigkeit, welche von Alters her fast wie eine Gottheit in jener Stadt verehrt wurde, wurde kürzlich in der Vorhalle des Dogenpalastes enthauptet. Ich würde die Ursachen eines so bedeutenden Ereignisses von Anfang an besprechen, wenn nicht so verschieden und entgegengesetzt darüber gesprochen würde. Niemand aber entschuldigt ihn, Alle behaupten, er habe eine Aenderung in den staatlichen Einrichtungen der Republik, die ihm von den Aeltesten übergeben worden war, vornehmen wollen. Was wollte er denn mehr? Ich dächte doch, er habe erhalten, was man keinem Andern zugestand. Während er das Amt eines Gesandten beim Papste versah und an den Gestaden der Rhone über den Frieden unterhandelte, welchen ich vor ihm vergebens abzuschließen versucht hatte, wurde ihm die Ehre des Dogenthums übertragen, um die er sich nicht beworben und die er nicht erwartet hatte. In das Vaterland zurückgekehrt, dachte er an Etwas, was noch Keinem eingefallen war, und erlitt etwas, was noch nie Einer zu leiden gehabt hatte; denn in dieser berühmtesten, erlauchtesten und schönsten Stadt, die ich je sah, wo seine Vorgänger die größten Ehren und Gepränge des Triumphes genossen hatten, wurde er in entwürdigender Weise herangeschleppt, der herzoglichen Abzeichen entkleidet und um einen Kopf kürzer gemacht, so daß er mit seinem Blute die Schwelle des Tempels, die Vorhalle des Palastes und die Marmortreppe besudelte, die so oft durch feierliche Festlichkeiten oder feindliche Trophäen geschmückt ward. Ich habe den Ort festgestellt, jetzt komme ich an die Zeit. Es war im Jahr 1355 nach Ch. G., am 18. Tag des April. So groß ist das Geschrei hierüber, daß, wenn einer die Ordnung und Bräuche jener Stadt in Betracht zieht, und wie viele Veränderungen durch den Tod eines einzigen Mannes drohen konnten (obschon, wie man erzählt, noch viele Andere im Complott waren und dasselbe Urtheil empfingen oder noch erwarten), man sich wird sagen müssen, daß in unserer Zeit kein größeres Ereigniß in Italien Statt hatte. Du erwartest vielleicht hier mein Urtheil hierüber; ich spreche das Volk frei, wenn man dem Gerücht glauben darf, obwol es hätte sanfter züchtigen und seinen Schmerz mit größerer Milde hätte rächen können; aber ein gerechter und zugleich großer Zorn in einem zahlreichen Volke ist nicht so leicht zur Mäßigung zu stimmen, besonders wenn ein unbesonnener und wandelbarer Pöbel den Zorn noch durch heftiges Geschrei anspornt. Ich beklage diesen Unglücklichen, und zugleich zürne ich ihm, daß er, den doch ungewöhnliche Ehren schmückten, in den letzten Jahren seines Lebens so Tolles erstrebte. Sein Unglück ist um so schwerer, als aus dem gegen ihn gefällten Spruche hervorgeht, daß er nicht nur unglücklich, sondern geradezu aberwitzig war, und daß er sich durch so lange Jahre hindurch den Ruf der Weisheit durch eitle Künste erschwindelt hatte. Ich ermahne die Dogen, die ihm folgen werden, denn dieses Beispiel ist ihnen wie ein Spiegel vors Auge gestellt, in welchem sie sehen mögen, daß sie nicht Herren, sondern Dogen, ja nicht einmal Dogen, sondern nur geehrte Diener der Republik sind. Du bist gesund, und da die öffentlichen Angelegenheiten schwanken, so wollen wir uns bemühen, unsere Privatangelegenheiten mit größter Bescheidenheit zu lenken. Aus dieser Uebersetzung der lateinisch geschriebenen Briefe Petrarca's geht hervor: 1) Daß Marino Faliero ein persönlicher Freund Petrarca's gewesen war: antica dimestichezza , (alte Vertraulichkeit) drückt sich der Dichter aus. 2) Daß Petrarca der Ansicht war, Faliero habe mehr Muth als Verstand besessen, più di corragio che di senno . 3) Daß auf Seiten Petrarca's einige Eifersucht obwaltete, denn er sagt, Marino Faliero habe den Frieden abgeschlossen, den er selbst vergeblich zu vermitteln gesucht habe. 4) Daß dem Faliero die Ehre der Dogenschaft übertragen wurde, ohne daß er sie erwartete oder sich darum bewarb (che nè chiedeva nè aspettava) , was noch bei keinem Andern der Fall gewesen war (ciò che non si concedette altro) , ein Beweis von der hohen Achtung, in der er stehen mußte. 5) Daß er wegen seiner Weisheit hochgeschätzt wurde, eine Meinung, die er erst durch die letzte Handlung seines Lebens verscherzte (si usurpò per tanti anni una falsa fama di sapienza) . »Er hatte sich so viele Jahre lang den falschen Ruf eines weisen Mannes zu erschwindeln gewußt«. Ich bin zu glauben geneigt, daß dies doch etwas schwierig gewesen wäre. Man kommt in der Regel über die Menschen vor ihrem 80. Lebensjahre ins Klare, wenigstens in einer Republik. Aus diesen und andern geschichtlichen Bemerkungen, die ich sammelte, läßt sich jedoch abnehmen, daß Marino Faliero viele von den Eigenschaften eines Helden, nicht aber dessen Glück besaß, und daß seine Leidenschaften zu heftig waren. Die armselige und ungenaue Erzählung, welche Dr. Moore von ihm gibt, fällt damit zu Boden. Petrarca sagt, es sei in jener Zeit nichts geschehen, was in Italien ein größeres Aufsehen gemacht hätte. Er weicht insofern von dem Thatbestand ab, als er erzählt, Faliero sei, als er erwählt wurde, an den Ufern der Rhone gewesen, statt in Rom; andere Berichte sagen, die ihm entgegengeschickte Deputation der Republik habe ihn zu Ravenna getroffen. Was hier das Richtige ist, habe ich nicht zu entscheiden, und ist auch gleichgiltig. Wäre Faliero in seinem Unternehmen glücklich gewesen, so hätte er Venedig und vielleicht ganz Italien ein anderes Gesicht gegeben. Was sind nun beide? Note C. Venezianische Gesellschaft und Sitten. – Das Laster, Doch ohne Glanz, die Sünde ohne Reiz, Daß selbst der Liebe Strahl sie nicht verschönt. Statt ihrer vielmehr nur Gewohnheitslust. Siehe oben. »Zu diesen Angriffen der Regierung gegen den Clerus, zu den beständigen Kämpfen zwischen den verschiedenen Körperschaften, zu den Unternehmungen, welche von der Masse des Adels gegen die eigentlichen Machthaber ins Werk gesetzt wurden, zu all diesen Neuerungsplänen, welche stets mit einem Staatsstreich endeten, kam noch eine weitere Ursache, die nicht weniger dazu angethan war, Verachtung gegen die alten Lehren zu verbreiten: es war dies die alles Maß übersteigende Verderbniß der Sitten.« »Die Freiheit der Sitten, die man lange als einen Hauptreiz der venezianischen Gesellschaft gerühmt hatte, war in eine anstößige Frechheit ausgeartet. Die Bande der Ehe wurden in diesem katholischen Lande weniger heilig gehalten, als bei solchen Völkern, deren Religion und Gesetz eine Lösung derselben gestattet. Da man das Bündniß nicht lösen konnte, that man, als bestehe es nicht zu Recht. Dieser Grund der Nullität, den das verheirathete Paar frecherweise vorschützte, wurde mit gleicher Leichtfertigkeit von den ebenso verderbten Priestern und obrigkeitlichen Personen angenommen; und diese unter einem anderen Namen laufenden Scheidungen wurden so häufig, daß ein besonderes Ausnahmsgericht für diese wichtigste Handlung der bürgerlichen Gesellschaft aufgestellt wurde; den öffentlichen Scandal solchen Verfahrens zu beschränken, wurde Sache der Polizei. Im Jahre 1782 beschloß der Rath der Zehen, daß jede Frau, die um eine Trennung ihrer Ehe nachsuche, die Entscheidung der Richter in einem ihr von dem Gerichtshof bezeichneten Kloster abzuwarten habe. Correspondenz des französischen Geschäftsträgers Schlick. Depesche vom 24. August 1782. Bald darauf forderte derselbe Rath alle Processe dieser Art vor seine Schranken. Ebendort. Depesche vom 31. August. Da dieser Eingriff in die geistliche Gerichtsbarkeit einige Einsprache von Rom aus hervorrief, behielt sich der Rath nur das Recht vor, Trennungsgesuche abzuweisen, und gestaltete die Überweisung solcher Fälle, die er nicht zum Voraus abgewiesen hatte, an das geistliche Gericht. Ebendort. Depesche vom 3. September 1785. Es gab allerdings einen Moment in der Geschichte Venedigs, wo der Ruin der Familiengüter, die Verderbniß der Jugend und die häuslichen Zwistigkeiten, welche durch solche Mißbräuche hervorgerufen wurden, die Regierung bestimmte, von ihren Grundsätzen in Betreff der ihren Unterthanen gewährten Freiheit der Sitten abzugehen: alle öffentlichen Dirnen wurden aus Venedig ausgewiesen! Aber ihre Abwesenheit genügte schon nicht mehr, um einem Volke, das in der anstößigsten Zügellosigkeit aufgewachsen war, die Sittlichkeit wieder zu geben. Die Ausschweifung drang jetzt bis in den Schooß der Familien und selbst bis in die Klöster, so daß man sich genöthigt sah, jene Frauenzimmer wieder zurückzurufen, ja sogar zu entschädigen, Das Decret, durch welches sie zurückgerufen wurden, bezeichnet sie als nostre bene merite meritrcci ; es wurde ihnen ein Fonds ausgeworfen und einige Häuser, case rampane genannt, ihnen angewiesen; daher das Schimpfwort carampane . denn sie waren nicht selten im Besitz wichtiger Geheimnisse und konnten mit Nutzen zur Zugrunderichtung von Männern benützt werden, die ein größeres Vermögen gefährlich machte. Seit jener zeit nahm die Ausschweifung noch mehr über Hand: es gab Mütter, die nicht nur die Unschuld ihrer Töchter, sondern diese selbst mittelst eines Vertrags verkauften, welcher durch die Unterschrift eines öffentlichen Beamten sanctionirt war, und dessen Rechtsgiltigkeit unter dem Schutze des Gesetzes stand!« Mayer , Beschreibung von Venedig. Bd. 2. und Archenholtz , Gemälde von Italien. Bd. 1. Cap. 2. »Die Sprechzimmer der Klöster für die Damen und die Häuser der Courtisanen, welche die Polizei übrigens durch eine Menge Spione sorgfältig überwachte, waren die einzigen Orte, wo die Gesellschaft Venedigs zusammenkam, und wo trotz der Verschiedenheit des Hauses doch die gleiche Freiheit bestand. Musik, Gelage, Galanterien waren in den Sprechzimmern ebensowenig verboten, wie in den Casinos. Es gab eine Anzahl Casinos für öffentliche Vergnügungen, wo das Spiel den Hauptgegenstand der Unterhaltung bildete. Es war ein seltsamer Anblick, Personen beiderlei Geschlechts maskirt oder auch gravitätisch in ihre Amtstracht gehüllt, um eine Tafel sitzen zu sehen, wo sie ihr Glück versuchten und sich bald der Verzweiflung, bald dem Wahn der Hoffnung hingaben, ohne dabei ein Wort zu sprechen.« »Die Reichen hatten ihre eigenen Casinos, in denen sie incoginto lebten. Die Frauen, die sie verließen, fanden ihrerseits Ersatz in der Freiheit, die sie genossen. Die Verderbniß der Sitten hatte, sie ihres Einflusses auf Staat und Gesellschaft beraubt. Wir haben die ganze Geschichte Venedigs sorgfältig geprüft und nicht Eine Frau gefunden, welche den leisesten Einfluß geübt hatte.« Daru , Geschichte der Republik Venedig. V. Bd. S. 95. Note D. Der alte venezianische Adel und die Ursachen seines Verfalls. Vom Reich wird zur Provinz herab sie sinken. Von einer Großstadt zum verkomm'nen Flecken, Aus Sklaven wird bestehen ihr Senat,! Aus Bettelvolk ihr Adel, und ihr Volk Aus Kupplerschaft. V. Act. 3. Scene. Die venezianischen Nobili, obschon alle gleich vor dem Gesetz, theilten sich seltsamer Weise in drei Klassen, die erste bezeichnete man als die vom sangue bló oder sangue colombin , vom blauen oder taubenblut; die zweite als de mezo d. h, mittelgut, und die ärmste als Bernaboti oder Barnabiten , weil sie in kleinen und wohlfeilen Häusern in der Pfarrei von St. Barnabas wohnten. Man kann sich leicht denken, daß der arme Adel in einem Staate, der alle ehelichen Söhne eines Nobile als adelig betrachtete, zahlreich sein mußte, indem der Handel längst keine Quelle des Reichthums mehr bildete und dem Adel nur noch die Beamtenstellen geblieben waren. Diese Klasse nun, welche von den bürgerlichen oder militärischen Aemtern der Republik gelebt hatte, mußte durch die Revolution zu Grunde gerichtet werden. Die Ursache von dem allgemeinen Ruin aber, der die venezianische Aristokratie traf, ist nicht so deutlich ersichtlich, um so weniger, als die Gesetze des Fede comesso in dem alten Venedig sehr strenge waren. Wie das zuging, werde ich deshalb nach den Belehrungen, die ich hierüber empfing, darzustellen versuchen. Die erste und vorzüglichste Ursache war wol die außerordentliche Trägheit und Verschwendung der letzten Adelsgeneration, welche dem Ahnherrn des Sir Roger de Coverley geglichen zu haben scheint, der, wie dieser uns erzählt, einen Pfandschein, der die Hälfte seines Vermögens betraf, mit angezogenen Handschuhen unterzeichnete; nur mit dem Unterschiede, daß der venezianische Nobile sein Vermögen nur für die Dauer seines Lebens verpfänden konnte. Dieser Umstand scheint auf den ersten Anblick ein Schutz für die alten Häuser von Venedig gewesen zu sein; allein derselbe war in den meisten Fällen nur scheinbar ein solcher. In fast allen Ländern laufen nämlich die Gesetze der Ehre den Landesgesetzen gerade entgegen. Dies ist oft ein großer Unfug; bisweilen aber wird dadurch auch eine gesunde Moral unterstützt. So war es auch hier. Das Gesetz des Fede commesso gestattete nämlich dem Sohn die Schulden des Vaters auf sich zu nehmen; zwar geschah dies ohne Präjudiz für den Nachfolger, da es aber als ein, Ehrenpunkt galt, diese Last zu übernehmen, so trat auch des Sohnes Sohn dafür ein und die Schulden einer Generation liefen durch verschiedene folgende durch. So war der Stand der Dinge, als die alte Regierung gestürzt und damit auch das Gesetz des Fede commesso hier wie in allen von Frankreich revolutionirten Ländern abgeschafft wurde. Die Folge davon war die unmittelbare Beschlagnahme des so belasteten Besitzthums. Dies war unvermeidlich; der Gläubiger der Familie Cornèr oder irgend eines andern venezianischen Hauses legte die Hand auf das, was sein war. So war eine der mittelbaren Folgen der Revolution der sofortige Fall einer großen Zahl venezianischer Familien des sangne blò und morèl de meze . Die Revolution wirkte jedoch unmittelbar noch vernichtender auf die sogenannten Barnabilen, die sich mit einem Schlag von allen gewinnbringenden Staatsämtern ausgeschlossen sahen. Und dies war noch nicht Alles: die Töchter des armen Adels hatten sämmtlich Pensionen besessen, welche sie ihren Gatten als Mitgift mitbrachten. Nun wurden Stellen und Pensionen, obschon fürs Leben gewährt, abgeschafft. Dafür zahlte der aus Emporkömmlingen bestehende Stadtrath, der auf den Trümmern der Aristokratie erblüht war, ein elendes Almosen von zwei venezianischen Liras per Tag an diejenigen, welche sich so weit herabließen, es anzunehmen. So klein diese Gabe aber selbst in diesem Lande war, wo die Lebensmittel bei Weitem billiger sind als Gegenstände des Luxus, so nahmen doch Viele dieselbe an, weil sie in dem Wahne lebten, sie werde, wenn bessere Verhältnisse einträten, erhöht werden. Allein die Franzosen erhöhten sie nicht, wie man sich leicht denken kann; und die österreichische Regierung (was nur diejenigen glauben konnten, welche mit der Verfahrungsweise des Wiener Cabinets vertraut waren) beschnitt noch dieses elende Scherflein und knüpfte es an Bedingungen, welche weder der revolutionäre Stadtrath noch die Franzosen ungroßmüthig genug gewesen waren, aufzuerlegen. Der Stadtrath gab seine kleine Entschädigung – und da das ganze Festland im Besitz des Feindes war, konnte er vielleicht nicht mehr geben – wenigstens ebenso bedingungslos als die Pensionen, die sie ersetzen sollte, einst gewährt worden waren. Die Franzosen ließen es dabei. Aber die Oesterreicher haben sie nicht nur auf solche Personen beschränkt, welche nicht 200 Ducati (25 Pfd. St.) jährliches Einkommen haben, sondern sie bestehen auch noch darauf, daß das Gratial in ihrem Gebiet verzehrt werden muß. Die Strenge, womit diese Bedingung festgehalten wird, ergibt sich aus folgendem Beispiel: Eine Dame, welche die eingeführten Bestimmungen nicht kannte, war zwei Jahre lang im südlichen Frankreich abwesend gewesen. Nach ihrer Rückkehr bat sie um die rückständige Pension, ohne dabei mitzutheilen, wo sie gewesen war. Die Rückstände wurden nach den gewöhnlichen Schwierigkeiten ausbezahlt. Als man aber ihre vorübergehende Ortsabwesenheit in Erfahrung brachte, ward ihr auferlegt, das Erhaltene wieder heraus zu bezahlen, unter der Androhung von jeder künftigen Unterstützung ausgeschlossen zu werden. Ich habe gesagt, nach den gewöhnlichen Schwierigkeiten. Ich will diese jetzt näher auseinander setzen. Eine andere Dame beanspruchte den siebenmonatlichen Rückstand ihrer Pension, der während ihres Aufenthalts in der Lombardei und auf venezianischem Gebiet verfallen war. Diesen Anspruch hätte sie leicht durch ihren Paß beurkunden können, in welchem der Tag ihrer Ankunft in jeder Stadt durch die Unterschrift des österreichischen Polizeibeamten beglaubigt war. Nichtsdestoweniger brauchte sie sieben Monate, bis sie zur Befriedigung ihrer Ansprüche kam. Diese Zeit ging mit Einreichung von Bittschriften hin, immer auf Befehl, immer auf gestempeltem Papier und mit fast täglichem Besuch der Hälfte der Amtsstuben von Venedig, entweder in Person oder durch Bevollmächtigte. Dies ist keineswegs ein vereinzelter Fall. Ein venezianischer Richter war von den Oesterreichern abgesetzt, aber pensionirt worden. Er war anfangs zu indolent, um seine Gebühr nach dem Beispiel der Andern in Empfang zu nehmen. Endlich kam er um seine Rückstände ein, die man ihm versagte. Wie, rief er, Sie wollen mir nicht geben, was Andere erhalten haben? – Nein! war die Antwort, im Gegentheil auch jene Andern wird man veranlassen, es wieder herauszugeben. – Man bemerke, daß diese Pensionen kraft eines feierlichen und gedruckten Decrets bezahlt worden waren. Doch ich wende gerne mein Auge von einem Gemälde ab, wo jedes Detail peinlich ist, und nachdem ich von dem Besitzthum des venezianischen Adels gehandelt, will ich Einiges über seine äußere Auszeichnung berichten. Die Patrizier waren, wie gesagt, gleich vor dem Gesetz und hatten keine Titel, außer dem Titel Eccellenza, wenn auch einige den Grafentitel von Besitzungen auf dem Festlande trugen, ehe sie in den venezianischen Adel eingereiht wurden. Einige hatten auch Titel als Entschädigung für ihre gefallene Größe oder vielmehr als Erinnerung daran. So führten die Querinis, die früheren Herren von Crema, diesen Titel fort, nachdem Crema im Staat Venedig aufgegangen war. Doch ließen diese Familien ihre Titel gewöhnlich einschlafen, indem sie die Eigenschaft eines titellosen venezianischen Nobile für höher als jede andere Auszeichnung erachteten. Es scheint dies keineswegs eine wunderliche Koketterie gewesen zu sein. Die alte Republik verkaufte nämlich Titel zu einem gewissen Preis an Jeden, der es bezahlen konnte, wenn der Betreffende auch nicht einmal die Erziehung eines Edelmannes geflossen hatte. Der Rang eines Grafen war etwa was in England Ritter ( Knight ) heißt. Wenn ich recht berichtet bin, bezahlte man für den Titel 20 – 40 Pfd. Es war daher natürlich, daß ein Herr von Crema fürchtete, mit solcher gräflichen Canaglia vermengt zu werden, und Alles, was er mit solchem Volke gemein haben mochte, aufgab. Da die große politische Revolution, welche in Venedig Statt hatte, den Glanz des libro d'oro vernichtete, so sah sich Mancher veranlaßt, seine Festlandtitel wieder vorzuholen. Doch begnügte sich die Mehrzahl mit dem Titel Cavaliere, Venedig hatte keinen Ritterorden; es war seinen Bürgern gesetzlich verboten, Mitglieder eines fremden Ordens zu sein. der nicht nothwendig Ritter bedeutet und in Italien fast ebenso freigebig ertheilt wird, wie der Squiretitel in England. Der venezianische Abel gab indessen in seiner großen Majorität einen Beweis seines richtigen Tacts und seiner Würde, als Oesterreich ihn einlud, nach Beglaubigung seiner Rechtsansprüche Adel und Titel bei ihm in Antrag zu bringen, indem er einfach eine Anerkennung seines Ranges verlangte, ohne das ihm gemachte Anerbieten weiter zu benützen. Nur Wenige schlugen einen andern Weg ein, und erhielten Patente als Fürsten etc. – Rose , Briefe aus dem nördl. Italien, Bd. 2, S. 105.