Giacomo Casanova Erinnerungen, Band 4 Übersetzer: Heinrich Conrad Inhalt Erstes Kapitel Meine Abenteuer in Air in Savoyen. – Meine zweite M. M. – Madame Zeroli. Zweites Kapitel Ende meines Abenteuers mit der Nonne von Chambéry. – Meine fluchtähnliche Abreise aus Aix. Drittes Kapitel Die Mädchen des Hausmeisters. – Das Horoskop. – Fräulein Roman. Viertes Kapitel Meine Abreise von Grenoble. – Avignon. – Der Quell von Vaucluse. – Die falsche Astraudy und die Bucklige. – Gaetano Costa. – Meine Ankunft in Marseille. Fünftes Kapitel Rosalie. – Toulon. – Nizza. – Meine Ankunft in Genua. – Herr von Grimaldi. – Veronika und ihre Schwester. Sechstes Kapitel Die Komödie. – Der Russe. – Petri. – Rosalie im Kloster. Siebentes Kapitel Ich verliebe mich in Veronika. – Ihre Schwester. – List gegen List. – Mein Sieg. – Gegenseitige Enttäuschung. Achtes Kapitel Geschickte Gaunerei. – Passano in Livorno. – Pisa und die Corilla. – Meine Ansicht über Schielaugen. – Florenz. – Ich finde Teresa wieder. – Mein Sohn. – Die Cotticelli. Neuntes Kapitel Die Corticelli. – Der jüdische Theaterdirektor bekommt Prügel. – Der falsche Karl Iwanoff spielt mir einen bösen Streich, – Willkürlicher Befehl, Toskana zu verlassen. – Meine Ankunft in Rom. – Mein Bruder Giovanni. Zehntes Kapitel Kardinal Passionei. – Der Papst. – Mariuccia. – Ankunft in Neapel Elftes Kapitel Mein kurzer, aber glücklicher Aufenthalt in Neapel. – Der Herzog von Matalone. – Meine Tochter und Donna Lucrezia. – Meine Abreise. Zwölftes Kapitel Mein Wagen zerbricht. – Mariuccias Heirat. – Flucht des Lord Limore. – Meine Rückkehr nach Florenz und meine Abreise mit der Corticelli. Dreizehntes Kapitel Ankunft in Bologna. – Meine Ausweisung aus Modena. – Reise nach Parma und Turin. – Die schöne Jüdin Lia. – Die Modistin R. Vierzehntes Kapitel Mein Sieg über den Polizeivikar. – Meine Abreise. – Chambery. – Desarmoises' Tochter. – Herr Morin. – M. M. von Aix. – Die Pensionärin. – Lyon. – Paris. Fünfzehntes Kapitel Mein Aufenthalt in Paris und meine Abreise nach Straßburg, wo ich die Renaud finde. – Mein Unglück in München und trauriger Aufenthalt in Augsburg. Sechzehntes Kapitel Die Komödianten und die Komödie. – Bassi. – Die Straßburgerin. – Der weibliche Graf. – Meine Rückkehr nach Paris. – Ankunft in Metz. – Die hübsche Raton und die falsche Gräfin von Lascaris. Siebzehntes Kapitel Ich kehre mit der zur Gräfin Lascaris gemachten Corticelli nach Paris zurück. – Mißlungene Geschlechtsverwandlung. – Aachen. – Zweikampf. – Mimi d'Ache. – Verrat der Corticelli, der jedoch auf sie selbst zurückfällt. – Reise nach Sulzbach. Achtzehntes Kapitel Ich schicke die Corticelli nach Turin. – Helenens Einweihung in die Mysterien der Liebe. – Abstecher nach Lyon. – Ankunft in Turin. Neunzehntes Kapitel Meine alten Bekannten. – Dame Pazienza. – Agata. – Graf Borromeo. – Ein Ball. – Lord Percy. Zwanzigstes Kapitel Ich trete Agata dem Lord Percy ab. – Abreise nach Mailand. – Die Pilgerin in Pavia. – Gräfin A. B. – Enttäuschung. – Marchese Triulzi. – Zenobia. – Die beiden schönen Marchesinnen Q. – Der Venetianer Barbaro. Einundzwanzigstes Kapitel Demütigung der Gräfin. – Zenobias Hochzeit im Apfelkasino. – Pharao. – Eroberung der schönen Irene. – Plan zur Maskerade. Zweiundzwanzigstes Kapitel Originelle Maskerade. – Glückliche Liebschaft mit der schönen Marchesina Q. – Die verlassene Marseillerin; ich werde ihr Retter. – Meine Abreise nach Sant' Angelo. Erstes Kapitel Meine Abenteuer in Air in Savoyen. – Meine zweite M. M. – Madame Zeroli. Einige Schritte vom Brunnen entfernt bemerkte ich zwei Nonnen, die von ihm herkamen. Sie waren verschleiert, aber an ihrem Wuchs und Gang erkannte ich, daß die eine jung und die andere alt war. Hierbei war nun freilich nichts Wunderbares, aber ihr Ordenskleid fiel mir auf, denn es war dasselbe, das meine teure M. M. getragen hatte, die ich fünf Jahre vorher, am 24. Juli 1755, zum letzten Male gesehen hatte. Ich glaubte zwar nicht, daß es die junge Nonne M. M, sei, aber ihr Erscheinen genügte, um meine Neugier zu erregen. Sie gingen nach dem freien Felde zu. Ich kehrte sofort um, um ihnen den Weg abzuschneiden, sie von vorne zu sehen und mich von ihnen sehen zu lassen. Man denke sich meine Überrraschung, als ich mich umdrehte und in der Jungen, die vorausging und den Schleier zurückgeschlagen hatte, die leibhaftige M. M. vor mir erblickte. Ich konnte nicht daran zweifeln und ging auf sie zu, als sie plötzlich ihren Schleier herunterließ und einen anderen Weg einschlug, um mir auszuweichen. Ich begriff sofort, daß sie alle möglichen Gründe haben konnte, um so zu handeln. Ich kehrte daher abermals um, verlor sie aber nicht aus dem Gesicht und folgte ihr von weitem, um zu sehen, wohin sie ginge. In einer Entfernung von etwa fünfhundert Schritten sah ich sie in ein einzeln liegendes Haus von ärmlichem Aussehen eintreten. Dies genügte mir. Ich kehrte nach dem Brunnen zurück, um mich auf unauffällige Weise zu erkundigen. Unterwegs erging ich mich in tausend Vermutungen. Die unglückliche, reizende M. M., sagte ich mir, wird in ihrer Verzweiflung aus dem Kloster entflohen sein; vielleicht hat sie ihren Verstand verloren, denn warum hat sie nicht ihr Ordenskleid abgelegt? Vielleicht aber auch ist sie mit einer Erlaubnis von Rom hierher gekommen, um die Brunnenkur zu gebrauchen; dies wird ohne Zweifel der Grund sein, warum sie eine Nonne bei sich hat und ihre Tracht nicht ablegen kann. Auf alle Fälle kann sie ihre Reise nur unter einem falschen Vorwande unternommen haben. Sollte sie sich irgend einer verhängnisvollen Leidenschaft überlassen haben, deren Folge eine Schwangerschaft gewesen wäre? Vielleicht ist sie in Verlegenheit; dann muß sie glücklich sein, mich gefunden zu haben. Ich werde sie nicht in ihrer Hoffnung täuschen; ich bin bereit, alles zu tun, um ihr zu beweisen, daß ich würdig war, ihr Herz zu besitzen. In diese Gedanken versunken, kam ich unversehens zum Brunnen, wo ich die ganze Spielergesellschaft fand. Alle umringten mich und sprachen ihre Freude aus, daß ich nicht abgereist sei. Ich fragte den Chevalier Zeroli nach dem Befinden seiner Gemahlin; er antwortete mir, sie liege noch im Bett und es werde sehr freundlich von mir sein, sie zum Aufstehen zu bewegen. Ich verabschiedete mich von ihm, um zu seiner Frau zu gehen, als der Badearzt mich anredete und mir sagte, das ausgezeichnete Wasser von Aix würde mir doppelte Gesundheit geben. Mit meinen Gedanken beschäftigt, fragte ich ihn ohne Umschweife, ob er der Arzt einer hübschen Nonne wäre, die ich gesehen hätte. »Sie trinkt hier den Brunnen,« antwortete er, »aber sie spricht mit keinem Menschen.« »Woher ist sie?« »Das weiß niemand; sie wohnt bei einem Bauern.« Ich verließ den Arzt; anstatt mich aber zu dem Gasthof zu begeben, wo ohne Zweifel die Schelmin Zeroli mich erwartete, lenkte ich meine Schritte nach dem Bauernhäuschen, aus dem meine Phantasie bereits den Tempel der lieblichsten aller Gottheiten machte. Ich war fest entschlossen, mir in vorsichtiger Weise alle wünschenswerten Auskünfte zu verschaffen. Aber, wie wenn die Liebe meinen Wünschen entgegenkommen wollte, sah ich die Bäuerin herauskommen und mir entgegengehen, als ich noch hundert Schritte von der Hütte entfernt war. Sie sprach mich an: »Mein Herr, die junge Nonne läßt Sie bitten, heute Abend um neun wiederzukommen; die Laienschwester schläft dann, und sie wird ungestört mit Ihnen sprechen können.« Jetzt konnte mir nicht der geringste Zweifel mehr bleiben. Mein Herz hüpfte vor Freuden. Ich gab der Bäuerin einen Louis und versprach ihr, pünktlich um neun Uhr zu kommen. Nachdem ich auf diese Weise die Gewißheit erlangt hatte, daß ich am Abend meine anbetungswürdige M. M. wiedersehen würde, ging ich nach dem Gasthof zurück, ließ mir das Zimmer der Frau Zeroli bezeichnen, trat ohne Umstände bei ihr ein und sagte ihr, ihr Mann habe mich geschickt, um sie zum Aufstehen zu bewegen. »Ich glaubte, Sie seien abgereist.« »Ich werde um zwei Uhr fahren.« Ich fand die junge Frau im Bett noch viel appetitlicher als bei Tisch. Ich half ihr, ihr Mieder anzulegen, und der Anblick ihrer Reize entflammte mich; aber sie leistete mehr Widerstand, als ich erwartet hatte. Ich setzte mich auf das Fußende ihres Bettes und sprach ihr von meiner Glut, die sie mir eingeflößt hätte, und daß ich unglücklich sei, ihr nicht vor meiner Abreise meine Liebe durch die Tat beweisen zu können. »Aber«, rief sie lachend, »es steht ja nur bei Ihnen, noch hier zu bleiben.« »Ermutigen Sie mich, auf Ihre Gunst hoffen zu dürfen, und ich verschiebe meine Abreise bis morgen.« »Sie sind zu stürmisch; ich bitte Sie, ruhig zu sein.« Ziemlich zufrieden mit dem wenigen, das sie mir gewährte, indem sie anscheinend, wie es Brauch ist, nur der Gewalt wich, mußte ich mich beruhigen, als ihr Gatte erschien, der aus Vorsicht vor dem Eintritt ein Geräusch machte, so daß wir ihn hörten. Bei seinem Anblick sagte seine Frau ohne jede Verlegenheit: »Ich habe den Herrn überredet, noch bis übermorgen hier zu bleiben.« »Dies freut mich sehr, meine Liebe; es freut mich um so mehr, da ich ihm noch Revanche schuldig bin.« Mit diesen Worten nahm er ein Spiel Karten, das ihm eben zur Hand lag, wie wenn er es absichtlich hingelegt hätte; hierauf setzte er sich auf die andere Seite des Bettes, so daß seine Frau gewissermaßen als Spieltisch diente, und begann abzuziehen. Ich konnte nicht zurück. Da ich sehr zerstreut war, verlor ich unaufhörlich, bis man uns meldete, daß das Mittagessen fertig sei. »Ich habe keine Zeit mehr, mich anzuziehen,« sagte die Schöne; »ich werde in meinem Bett speisen, wenn Sie, mein Herr, mir Gesellschaft leisten wollen.« Wie hätte ich dies ausschlagen können! Der Mann ging hinaus, um das Mahl zu bestellen; durch den abermaligen Verlust von etwa zwanzig Louis dazu berechtigt, sagte ich der Spitzbübin, wenn sie mir nicht bestimmt verspräche, mich im Laufe des Nachmittags glücklich zu machen, würde ich sofort nach Tisch abreisen. »Ich werde Sie morgen früh um neun Uhr zum Frühstück erwarten. Wir werden allein sein.« Nachdem sie mich daraufhin hinreichende Pfänder für ihr Versprechen hatte nehmen lassen, versprach ich ihr, zu bleiben. Wir speisten an ihrem Bett, und ich ließ meinem Leduc sagen, ich würde erst am nächsten Nachmittag abreisen. Mann und Frau strahlten vor Freude, als sie dieses hörten. Als wir mit dem Essen fertig waren, äußerte die gnädige Frau den Wunsch, aufzustehen. Ich entfernte mich mit dem Versprechen, sofort wieder zu kommen, um mit ihr unter vier Augen eine Partie Pikett auf hundert zu spielen. Ich ging auf mein Zimmer, um meine Börse wieder zu füllen, und fand dort Desarmoises, der mir sagte: »Ich habe die saubere Bescherung entdeckt: man hat dem Fuhrmann zwei Louis gegeben, um ein krankes Pferd an Stelle des seinigen in den Stall zu bringen.« »Ich kann nicht auf der einen Seite gewinnen, ohne auf der anderen zu verlieren. Ich bin in die Frau des Chevaliers verliebt und werde meine Abreise so lange hinausschieben, bis ich alles erlangt habe, was ich von ihr wünsche.« »Ich fürchte, die Befriedigung dieses Wunsches wird Ihnen teuer zu stehen kommen. Übrigens können Sie über mich verfügen.« Ich dankte ihm lächelnd und begab mich wieder zu meiner Schönen, die ich erst gegen acht Uhr unter dem Vorwande starker Kopfschmerzen verließ, nachdem ich ihr ein Dutzend Partien bezahlt hatte, die wir zu einem Louis spielten. Ich ließ sie in zahlreicher Gesellschaft zurück und erinnerte sie beim Abschied noch an ihr Versprechen für den nächsten Morgen um neun Uhr. Bei schönem Mondschein ging ich allein nach dem Bauernhäuschen, wo ich meine göttliche M. M. wiederfinden sollte. Ich war ungeduldig auf das Ergebnis dieses Besuches, von dem mein ganzes Schicksal abhängen konnte. Ich hatte mich vorsorglicherweise mit Pistolen versehen und trug meinen Degen an der Seite; denn ich war nicht ohne Verdacht, daß mir an diesem Orte, wo sich so viele Industrieritter aufhielten, irgend ein Hinterhalt gelegt werden könnte. Zwanzig Schritte vom Häuschen entfernt, sah ich die Bäuerin mir entgegenkommen; sie sagte mir, die Nonne könne nicht hinunterkommen und ich müsse daher durch das Fenster einsteigen; sie habe zu diesem Zweck eine Leiter bereit gestellt. Ich trat näher; da ich jedoch kein Licht sah, so würde ich mich nicht zum Einsteigen entschlossen haben, wenn ich nicht die Stimme gehört hätte, die ich so gut zu kennen glaubte; sie rief mir zu: »Kommen Sie, fürchten Sie nichts!« Übrigens war das Fenster nicht sehr hoch, und die Gefahr konnte nicht groß sein. Ich stieg hinein und glaubte gewiß zu sein, meine geliebte M. M. in den Armen zu halten. Nachdem ich ihr Gesicht mit glühenden Küssen bedeckt hatte, fragte ich sie in venetianischer Sprache: »Warum hast du denn nicht ein Licht hier? Ich hoffe, du wirst mir sofort sagen, was für ein Ereignis, das mir als ein Wunder erscheint, dich hierher geführt hat? Beeile dich, liebes Herz, meine berechtigte Ungeduld zu befriedigen.« Aber der Leser stelle sich meine Überraschung vor, als ich ihre Stimme in der Nähe hörte und erkannte, daß es nicht M. M. war. Sie sagte mir, sie verstehe nicht venetianisch und ich brauche kein Licht, um ihr zu sagen, was Herr de Coudert zu tun beschlossen habe, um sie aus ihrer schrecklichen Lage zu befreien. »Sie überraschen mich, Madame! Ich kenne keinen Herrn Coudert. Wie? Sie sind nicht Venetianerin, Sie sind nicht die Nonne, die ich heute früh gesehen habe?« »Ich Unglückliche! ich habe mich geirrt. Ich bin die Nonne, die Sie heute früh gesehen haben, aber ich bin Französin. Um Gottewillen, mein Herr, ich beschwöre Sie, seien Sie verschwiegen und gehen Sie, denn ich habe Ihnen nichts zu sagen. Sprechen Sie leise; denn wenn meine Laienschwester erwachte, wäre ich verloren.« »Zweifeln Sie nicht an meiner Verschwiegenheit, Madame! Mich täuschte Ihre vollkommene Ähnlichkeit mit einer Angehörigen Ihres Ordens, die mir stets teuer sein wird. Wenn Sie mir nicht Ihr Gesicht gezeigt hätten, würde ich Ihnen nicht gefolgt sein. Verzeihen Sie mir gütigst, wenn ich Ihnen Zeichen von Zärtlichkeit gegeben habe, die Ihnen kühn erscheinen müssen.« »Ich bin darüber höchst erstaunt gewesen, aber ich fühle mich nicht beleidigt. Ach! warum bin ich nicht die Nonne, für die Sie sich interessieren! Ich schwebe am Rande des furchtbarsten Abgrundes.« »Wenn zehn Louis, Madame, Ihnen von Nutzen sein können, so werden Sie mir eine Ehre erweisen, wenn Sie sie annehmen.« »Ich danke Ihnen, ich brauche kein Geld. Aber ich bitte Sie dringend, doch den Louis wieder zurückzunehmen, den Sie mir heute früh gesandt haben.« »Madame, soweit würbe ich mich niemals vergessen haben! Diesen Louis hatte ich der Bäuerin gegeben. Aber Sie vermehren noch meine Überraschung, und ich bitte Sie, mir zu sagen, was das für ein Unglück ist, gegen das sich mit Geld nichts ausrichten läßt.« »Vielleicht hat Gott Sie gesandt, um mir zu helfen. Vielleicht werden Sie mir einen guten Rat geben. Ich bitte Sie also: Hören Sie mich an.« »Ich stehe Ihnen ganz und gar zur Verfügung und höre Ihnen mit der größten Teilnahme zu. Setzen wir uns.« »Leider ist weder Bett noch Stuhl hier.« »Nun, so bleiben wir stehen; sprechen Sie!« »Ich bin aus Grenoble. Man hat mich gezwungen, in Chambéry den Schleier zu nehmen. Zwei Jahre, nachdem ich das Gelübde abgelegt hatte, gelang es Herrn de Coudert, mich zu sehen; ich habe ihn nachts im Klostergarten empfangen, in den er zu gelangen wußte, indem er über die Mauer kletterte, und ich habe das Unglück gehabt, schwanger zu werden. Der Gedanke, im Kloster niederzukommen, war entsetzlich; denn man hätte mich in einem fürchterlichen Gefängnis sterben lassen. Herr de Coudert fand Mittel, mich aus dem Kloster zu schaffen. Ein Arzt, den er um eine große Summe Geldes bestach, erklärte, ich würde sterben, wenn ich nicht hier in Aix den Brunnen tränke, der das einzige Rettungsmittel für mich wäre. Eine Prinzessin, die er kannte, wurde in das Geheimnis eingeweiht; sie erwirkte für mich beim Bischof von Chambéry einen Urlaub von drei Monaten, und die Äbtissin war mit meiner Reise einverstanden. Infolge dieser Maßnahmen hoffte ich vor Ablauf von drei Monaten niederzukommen; aber ohne Zweifel habe ich mich geirrt, denn die drei Monate gehen ihrem Ende zu, und ich fühle noch keine Anzeichen der Niederkunft. Ich muß unbedingt ins Kloster zurückkehren, und Sie werden begreifen, daß ich mich dazu nicht entschließen kann. Die Laienschwester, die die Äbtissin mir als Aufpasserin mitgegeben hatte, ist ein ganz unleidliches Geschöpf. Sie hat Befehl, mich mit keinem Menschen sprechen zu lassen und zu verhindern, daß ich mein Gesicht sehen lasse. Sie befahl mir, sofort den anderen Weg einzuschlagen, als sie Sie umkehren sah. Ich hob meinen Schleier hoch, damit Sie sähen, daß ich die sei, die Sie, wie ich glaubte, suchten; glücklicherweise hat die grausame Person es nicht bemerkt. Sie verlangt, daß wir binnen drei Tagen aufbrechen, um ins Kloster zurückzukehren; denn sie hält meine Wassersucht für unheilbar. Sie hat mir nicht erlauben wollen, mit dem Arzt zu sprechen, den ich vielleicht auf meine Seite gebracht hätte, wenn ich ihm die Wahrheit anvertraut hätte. Ich bin erst einundzwanzig Jahre alt und ersehne den Tod als eine Wohltat.« »Mäßigen Sie Ihre Tränen, liebe Schwester, und sagen Sie mir, wie Sie hier hätten niederkommen können, ohne daß die Laienschwester es bemerkt hätte?« »Die brave Frau, bei der ich wohne, ist ein Engel von Güte. Ich habe mich ihr anvertraut, und sie hat mir versprochen, durch ein Schlafmittel, das sie sich in Annecy verschafft hat, die boshafte Person zu verhindern, mich zu hören, sobald meine Wehen beginnen. Dank diesem Mittel schläft sie jetzt in ihrer Dachkammer.« »Warum hat man mich nicht durch die Tür eintreten lassen?« »Damit der Bruder der Bäuerin, der ein roher Bengel ist, Sie nicht sehe.« »Aber wie haben Sie glauben können, daß ich von Herrn Coudert geschickt sei?« »Vor zehn oder zwölf Tagen habe ich ihm geschrieben, in was für einer schrecklichen Lage ich mich befinde. Ich habe ihm meinen Zustand in so lebhaften Farben geschildert, daß es mir unmöglich erscheint, er sollte nicht alles aufbieten, um mich zu retten. Und wie der Versinkende sich an jeden Strohhalm klammert, habe ich, als ich Sie mir folgen sah, mir eingebildet, Sie wären der Retter, den er mir schickte.« »Sind Sie sicher, daß er Ihren Brief erhalten hat?« »Die Bäuerin hat ihn in Annecy auf die Post gegeben.« »Sie hätten an die Prinzessin schreiben müssen.« »Das habe ich nicht gewagt.« »Ich selber werde sie aufsuchen; ich werde auch Herrn de Coudert aufsuchen. Mit einem Wort, ich werde überall hingehen, nötigenfalls sogar zum Bischof, um bei ihm eine Verlängerung des Urlaubs auszurichten; denn in Ihrem jetzigen Zustande können Sie nicht ins Kloster zurück. Entscheiden Sie sich; denn ohne Ihre Zustimmung kann ich nichts machen. Wollen Sie sich mir anvertrauen? Ich werde Ihnen morgen Männerkleider bringen, werde Sie nach Italien führen, und solange ich lebe, werde ich für Sie sorgen – das schwöre ich Ihnen.« Sie antwortete nicht, aber ich vernahm ein lautes Schluchzen, das mir das Herz zerriß; denn ich hatte ein lebhaftes Mitgefühl mit der traurigen Lage dieser interessanten Unglücklichen, die der Himmel dazu geschaffen hatte, eine gute Familienmutter zu sein, und die die Grausamkeit ihrer Erzeuger dazu verdammt hatte, nur eine nutzlose Nonne zu sein. Da ich nicht mehr wußte, was ich ihr sagen sollte, ergriff ich ihre Hand und versprach ihr, am nächsten Tage wiederzukommen, um zu erfahren, welchen Entschluß sie gefaßt hätte, denn irgend einen Entschluß müßte sie unbedingt fassen. Ich stieg auf der Leiter wieder aus dem Fenster, gab der Bäuerin einen zweiten Louis und sagte ihr, ich würde am nächsten Tage um dieselbe Stunde wiederkommen, wünschte aber durch die Tür eintreten zu können. Ferner bat ich sie, der Laienschwester eine stärkere Dosis Opium zu geben, damit wir nicht zu fürchten brauchten, daß sie erwachte, während ich mit der jungen Nonne plauderte. Im Grunde war ich sehr zufrieden, daß ich in meiner Meinung, die liebe Nonne könnte M. M. sein, mich getäuscht hatte. Indessen erweckte die außerordentliche Ähnlichkeit in mir den lebhaften Wunsch, sie in der Nähe zu sehen, und ich war überzeugt, daß sie mir am nächsten Tage nicht die Bitte abschlagen würde, sie bei Licht zu sehen. Ich lachte darüber, daß ich ihr so heiße Küsse gegeben hatte, aber ich fühlte auch, daß ich sie nicht im Stich lassen könnte. Übrigens wünschte ich mir zu diesem Gefühl Glück, weil ich überzeugt war, daß ich keines sinnlichen Anreizes bedürfte, um eine gute Handlung zu begehen, denn sobald ich erfahren hatte, daß nicht meine göttliche M. M. meine zärtlichen Küsse empfangen hatte, fühlte ich mich gewissermaßen beschämt, sie ihr gegeben zu haben. Ich hatte nicht einmal daran gedacht, sie beim Abschied freundlich zu umarmen. Am Morgen sagte Desarmoises mir, die ganze Gesellschaft habe sich darüber aufgeregt, daß sie mich nicht an der Abendtafel gesehen, und habe alle möglichen Vermutungen angestellt, wo ich wohl sein könnte. Madame Zeroli habe mich seht eifrig gelobt, den Neckereien der beiden anderen Damen heldenmütig standgehalten und sich gerühmt, sie könnte mich in Aix festhalten, solange sie selber bliebe. Tatsächlich war ich allerdings nicht verliebt, aber doch neugierig auf sie geworden, und ich hätte ungern den Ort verlassen, ohne sie wenigstens einmal vollständig besessen zu haben. Pünktlich um neun Uhr trat ich nach der Verabredung in ihr Zimmer ein. Ich fand sie angekleidet, und als ich ihr Vorwürfe darüber machte, sagte sie mir, dies müsse mir gleichgültig sein. Hierüber ärgerlich sprach ich kein Wort, während ich eine Tasse Schokolade mit ihr trank. Als ich gefrühstückt hatte, bot sie mir Revanche im Pikett an; ich dankte ihr jedoch, indem ich ihr sagte, in der Laune, in die sie mich versetzt hätte, würde ich besser spielen als sie, und ich liebte es nicht, von Damen Geld zu gewinnen. Mit diesen Worten stand ich auf und wollte hinausgehen. »Haben Sie wenigstens die Güte, mich nach dem Brunnen zu begleiten.« »Auch das nicht. Wenn Sie mich für einen Neuling halten, so irren Sie sich, es liegt mir gar nichts daran, daß die Leute glauben, ich hätte mein Ziel erreicht, wenn dies in Wirklichkeit nicht der Fall ist. Sie können sich zum Brunnen begleiten lassen, von wem Sie wollen. Gehorsamster Diener, leben Sie wohl, Madame!« Mit diesen Worten ging ich hinaus, ohne auf die Reden zu achten, durch die sie mich zurückzuhalten suchte. Ich traf den Wirt vor der Tür und sagte ihm, ich würde ganz bestimmt um drei Uhr abreisen. Die Schöne stand am Fenster und konnte mich hören. Ich ging geraden Weges zum Brunnen, wo der Chevalier mich fragte, wie es seiner Frau gehe. Ich antwortete ihm, ich hätte sie im besten Wohlsein auf ihrem Zimmer gelassen. Eine halbe Stunde darauf sahen wir sie mit einem Fremden ankommen, der von einem Herrn de Saint-Maurice freundlich begrüßt wurde. Madame Zeroli verließ ihn und hängte sich an meinen Arm, wie wenn gar nichts weiter los wäre. Ich konnte sie nicht zurückweisen, ohne mich den ärgerlichsten Folgen auszusetzen; aber ich war kalt. Sie beklagte sich über mein Benehmen und sagte mir, sie hätte mich nur auf die Probe stellen wollen; wenn ich sie liebte, würde ich meine Abreise noch verschieben und am nächsten Morgen um acht Uhr mit ihr frühstücken. Ich antwortete ihr in ruhigem Ton, ich würde es mir überlegen. Ich war während des ganzen Mittagessens ernst und sagte zwei- oder dreimal, ich würde ganz bestimmt um drei Uhr abfahren. In Wirklichkeit wünschte ich aber nur einen Vorwand zu finden, um bleiben zu können, da ich ja am selben Abend meine Nonne besuchen sollte. Ich ließ mich daher überreden, eine Pharaobank aufzulegen. Ich holte alles Gold, das ich bei mir hatte, und sah lauter freudestrahlende Gesichter, als ich ungefähr vierhundert Louis in Gold und sechshundert Franken Silber vor mich hinlegte. »Meine Herren,« sagte ich, »Punkt acht Uhr werde ich aufhören.« Der zuletzt Gekommene sagte lächelnd, möglicherweise würde die Bank nicht ein so langes Leben haben. Ich tat, als hätte ich nicht verstanden. Es war drei Uhr. Ich bat Desarmoises, mir als Croupier zu dienen, und begann mit der ganzen erforderlichen Langsamkeit abzuziehen, da ich achtzehn bis zwanzig gewerbsmäßige Spieler vor mir hatte. Bei jeder Taille nahm ich neue Karten. Gegen fünf Uhr war ich in Verlust, als ein Wagen heranrasselte. Man sagte uns, es wären drei Engländer, die von Genf kämen und Pferde wechselten, um nach Chambéry weiter zu reisen. Gleich darauf sah ich sie eintreten und machte ihnen mein Kompliment. Es waren Herr Fox und seine beiden Freunde, die mit mir die Partie Quinze gemacht hatten. Mein Croupier bot jedem von ihnen ein Buch Karten an; sie nahmen es mit Vergnügen an und begannen Sätze von zehn Louis zu machen, indem sie auf zwei und drei Karten spielten, und Paroli, sept et le va und sogar Quinze et le va hielten, so daß meine Bank in Gefahr war, in die Luft zu fliegen. Trotzdem bewahrte ich meine gute Haltung und ermutigte sie sogar; denn wenn Gott neutral blieb, so war die Gewinnaussicht für mich. Er war's, und bei der dritten Taille waren die Börsen der Engländer leer, und ihr Wagen hielt angespannt vor der Tür. Während ich ein neues Spiel Karten mischte, zog der jüngste aus seiner Brieftasche ein Papier, das er seinen beiden Kameraden zeigte. Es war ein Wechsel. »Wollen Sie«, fragte er mich, »auf eine Karte den Wert dieses Wechsels halten, ohne zu wissen, wie hoch er ist?« »Ja; vorausgesetzt, daß Sie nur sagen, auf wen er gezogen ist, und daß die Summe nicht die Stärke meiner Bank übersteigt.« Er warf einen Blick auf das Gold, das vor mir lag, und sagte: »Mein Wechsel beträgt nicht so viel wie Ihre Bank, und er ist auf Sicht bei Zappata in Turin zahlbar.« Ich stimme zu, er hebt ab und legt den Wechsel auf ein Aß, nachdem seine beiden Freunde erklärt hatten, daß sie halb Part hielten. Ich ziehe ab und ziehe ab – kein Aß! Ich hatte nur noch ein Dutzend Karten in der Hand und sagte im ruhigsten Ton zu dem Spieler: »Mein Herr, es steht Ihnen frei, Ihren Einsatz zurückzuziehen.« »Nein, fahren Sie fort.« Ich mache noch zwei Abzüge – kein Aß! Ich hatte nur noch acht Karten. »Mylord,« sage ich zu ihm, »es ist zwei gegen eins zu wetten, daß die nächste Karte ein Aß ist. Ich wiederhole Ihnen, es steht Ihnen frei, Ihren Einsatz zurückzuziehen.« »Nein, Sie sind zu großmütig, ziehen Sie ab!« Ich ziehe, gewinne und stecke meinen Wechsel in die Tasche, ohne ihn zu öffnen. Die Engländer schüttelten mir die Hand und gingen lachend hinaus. Ich freute mich der Wirkung, die mein kühnes Spiel auf die Gesellschaft geübt hatte, als der junge Fox wieder eintrat und mich laut lachend bat, ihm fünfzig Louis zu leihen. Ich zählte sie ihm mit dem größten Vergnügen auf. Er hat sie mir drei Jahre später in London zurückgegeben. Alle waren neugierig, den Betrag des Wechsels zu erfahren, aber ich war nicht so gefällig, ihre Neugier zu befriedigen. Der Wechsel lautete auf achttausend Piemonteser Franken , wie ich sah, sobald ich allein war. Die lieben Engländer hatten mir Glück gebracht, denn sobald sie fort waren, erklärte die Glücksgöttin sich für meine Bank. Um acht Uhr hörte ich auf. Nur die drei Damen hatten einige Louis gewonnen. Alle anderen waren völlig auf dem Trockenen. Ich hatte mehr als tausend Louis gewonnen und gab fünfundzwanzig davon meinem Croupier Desarmoises, der vor Freude ganz außer sich war. Schnell schloß ich mein Geld ein, steckte meine Pistolen in die Tasche und machte mich auf nach dem verabredeten Ort. Die gute Bäuerin ließ mich durch die Tür eintreten und sagte mir, alles im Hause schlafe und sie habe nicht nötig gehabt, der Laienschwester eine neue Dosis von dein Schlaftrunk zu geben, denn diese sei noch gar nicht erwacht. Dies erschreckte mich. Ich ging hinauf und sah beim Scheine eines Talglichtes die arme junge Nonne, mit einem Schleier bedeckt, auf einem Strohsack sitzen, den die gute Bäuerin anstatt eines Sofas an die Wand gelehnt hatte. Das Licht, das dieses traurige Loch erhellte, war in eine Flasche gesteckt. »Was haben Sie beschlossen, Madame«, fragte ich sie. »Nichts, denn uns ist ein Unglück zugestoßen, das uns untröstlich macht: die Laienschwester schläft seit achtundzwanzig Stunden.« »Sie wird diese Nacht an Krämpfen oder an einem Schlaganfall sterben, wenn Sie nicht einen Arzt kommen lassen, der sie vielleicht mit Bibergeil ins Leben zurückruft.« »Wir haben daran gedacht; aber wir haben aus Furcht vor den Folgen es nicht zu tun gewagt; denn ob er sie nun heilt oder nicht, er wird auf alle Fälle sagen, wir hätten sie vergiftet.« »Großer Gott! wie tun Sie mir leid; übrigens glaube ich, es ist schon zu spät, um sie noch behandeln zu lassen, und es wäre ganz überflüssig, einen Arzt zu holen. Wenn man alles recht bedenkt, müssen Sie den Gesetzen der Vorsicht folgen und sie sterben lassen. Ihr Tod wird in ihrem Alter natürlich erscheinen. Das Unglück ist nun einmal geschehen, und ich sehe kein Mittel dagegen.« »Wir müssen zum mindesten an ihr Seelenheil denken und einen Priester rufen.« »Ein Priester ist vollkommen überflüssig für sie, denn sie liegt in einem Zustande von Betäubung, und ihr Seelenheil ist durchaus nicht in Gefahr, übrigens würde ein unwissender Priester den Sachverständigen spielen wollen und aus Dummheit oder Bosheit alles ans Licht bringen. Wenn sie nicht mehr atmet, ist es an der Zeit, einen rufen zu lassen. Sie werden ihm sagen, sie sei plötzlich gestorben; Sie werden heftig weinen, werden ihm etwas zu trinken geben, und er wird nur daran denken, Ihren Schmerz zu beruhigen, und sich um die Tote gar nicht bekümmern.« »Wir müssen sie also sterben lassen.« »Man muß sie der Natur überlassen.« »Wem, sie stirbt, werde ich einen Boten an die Äbtissin schicken, und diese wird mir eine andere Laienschwester zusenden.« »Ja, und dadurch werden Sie etwa zehn Tage gewinnen. Während dieser Zeit werden Sie vielleicht entbunden, und dann können Sie sagen: zu irgend etwas ist stets auch das Unglück gut. Überlassen Sie sich nicht der Verzweiflung! Wir müssen uns dem Willen Gottes unterwerfen. Gestatten Sie, daß die Bäuerin heraufkommt, denn ich muß sie darüber belehren, wie sie sich in dieser gefährlichen Lage zu benehmen hat. Die Ehre und das Leben von uns dreien kann davon abhängen; denn wenn man entdecken sollte, daß ich hierher gekommen, würde man mich für den Giftmischer halten.« Die Bäuerin kam herein, und ich stellte ihr vor, wie notwendig es für sie wäre, vorsichtig und verschwiegen zu sein. Sie begriff mich sehr gut, fühlte ihre eigene Gefahr und versprach mir, den Priester nicht eher holen zu wollen, als bis der Tod der Schwester gewiß wäre. Hierauf nötigte ich sie,zehn Louis anzunehmen, um damit in der schrecklichen Lage, worin wir uns befanden, alle notwendigen Ausgaben bestreiten zu können. Als sie sich durch meine Freigebigleit reich geworden sah, küßte sie mir die Hände, kniete unter Tränen nieder und versprach mir, meine Ratschläge mit aller Vorsicht zu befolgen. Als sie uns verlassen hatte, fing die Nonne bitterlich an zu weinen. Sie machte sich die größten Vorwürfe und beschuldigte sich des Mordes an der Laienschwester; sie sah den offenen Höllenrachen zu ihren Füßen. Vergeblich suchte ich sie zu beruhigen, ihre Angst wurde immer größer, sie sank in Ohnmacht und fiel hinter den Strohsack. Ich war in großer Verlegenheit, und da ich nicht wußte, wie ich mich aus der Klemme ziehen sollte, so rief ich die Bäuerin und befahl ihr, Essig zu bringen, denn ich hatte keine Riechessenz mehr. Plötzlich fiel mir die berühmte Nieswurz ein, die mir bei Frau von *** so gute Dienste getan hatte. Ich nahm die kleine Dose und stopfte ihr eine tüchtige Prise in die Nasenlöcher. Die Wirkung begann in dem Augenblick, wo die Bäuerin mit dem Essig kam. Ich befahl ihr, der Nonne die Schläfen einzureiben. Sie nahm ihr die Haube ab, und nur ihr schwarzes Haar konnte mich überzeugen, daß ich nicht meine teure Venetianerin vor mir hatte. Die Nieswurz brachte sie wieder zum Bewußtsein, sie schlug ihre großen schwarzen Augen auf, und von diesem Augenblick an war ich wahnsinnig in sie verliebt. Als die Bäuerin sah, daß sie wieder bei Bewußtsein und außer Gefahr war, ging sie hinaus. Ich aber nahm die Nonne in in meine Arme und überströmte sie mit heißen Küssen trotz ihrem ewigen Niesen. »Ich flehe Sie an,« rief sie, »erlauben Sie mir meinen Schleier wieder anzulegen, denn sonst werde ich exkommuniziert.« Ich lachte über ihre Furcht und fuhr fort, sie mit meinen glühenden Liebkosungen zu überhäufen. »Ich sehe, Sie glauben mir nicht – aber ich schwöre Ihnen, die Äbtissin hat mir gedroht, den Bannfluch gegen mich zu schleudern, wenn ich mich von irgendeinem Mann ohne Schleier sehen ließe.« »Fürchten Sie die Bannstrahlen der Äbtissin nicht mehr, meine schöne Freundin – sie sind ohnmächtig.« Da jedoch das Niesen immer heftiger wurde, so fürchtete ich, durch die Erschütterung könnten die Wehen eintreten. Ich rief daher von neuem die Bäuerin und empfahl sie der Sorgfalt der guten Frau, nachdem ich ihr versprochen hatte, am nächsten Tage um dieselbe Stunde wieder zu kommen. Es lag nicht in meiner Art, eine Frau im Stich zu lassen, deren Schicksal einem jeden die größte Teilnahme einflößen mußte. Aber ich konnte mir aus meinen Gefühlen kein Verdienst mehr machen; ich hatte mich in diese neue M. M. mit schwarzen Augen leidenschaftlich verliebt, und die Liebe macht sehr selbstsüchtig; denn bei allen Opfern, die wir dem Gegenstand unserer Leidenschaft bringen, denken wir nur an uns selber. Ich war also entschlossen, alles für sie zu tun und sie ganz gewiß nicht in ihrem gegenwärtigen Zustand in ihr Kloster zurückkehren zu lassen. Mir schien, ich vollbrächte eine Gott wohlgefällige Handlung, indem ich sie rettete; denn nur Gott hatte diese vollkommene Ähnlichkeit mit einer von mir geliebten Frau zustande bringen können, und Gott hatte gewollt, daß ich viel Geld gewann, daß ich gerade im richtigen Augenblick die Zeroli fand, um die Neugierigen, die hinter mir her spioniert haben würden, auf eine falsche Spur zu bringen, so daß sie gewiß nicht erraten konnten, welche Beweggründe mich in der Gegend festhielten. Freigeister und Mystiker werden mich vielleicht für verrückt halten; aber was tut das? Ich habe stets eine eigene Lust empfunden, die Ereignisse meines Lebens in Beziehung zu Gott zu bringen. Und trotzdem haben Denker von gewöhnlicher Gesinnung mich des Atheismus beschuldigt! Am nächsten Tage ging ich um acht Uhr zur liebenswürdigen Zeroli, die ich nicht vergessen hatte. Ich fand sie schlafend. Ihre Jungfer bat mich, recht leise einzutreten, um sie nicht zu wecken. Sie ließ mich allein und machte die Tür zu. Ich begriff die Sachlage, denn ich erinnerte mich augenblicklich, daß vor zwanzig Jahren eine Venetianerin, deren Schlaf ich dummerweise respektiert hatte, mich ausgelacht und nachher hinausgeworfen hatte. Ich handelte also dementsprechend, deckte sie leise auf und begann mit jenen zarten Vorspielen der Liebe, die die Lust so sehr erhöhen. Die Zeroli gab sich freilich die größte Mühe,sich schlafend zu stellen; aber von ihrem Gefühl hingerissen, überließ sie sich meinen Liebkosungen mit einer Glut, die die meinige noch übertraf und sie schließlich zwang, über ihre Kriegslist zu lachen. Sie sagte mir, ihr Mann sei nach Genf gefahren, um ihr eine Repetieruhr zu kaufen; er werde erst den nächsten Tag wiederkommen und sie könne die Nacht mit mir verbringen. »Warum die Nacht, meine Liebe, da uns doch der Tag so günstig ist? Die Nacht ist zum Schlafen da, und der Tag verdoppelt den Genuß, da seine Helligkeit uns erlaubt, alle unsere Sinne gleichzeitig zu beschäftigen. Wenn du niemand erwartest, werde ich den ganzen Vormittag bei dir verbringen.« »Meinetwegen. Es wird niemand kommen.« Bald lag ich in ihren Armen, und vier Stunden lang überließen wir uns allen Wollüsten, indem wir uns gegenseitig betrogen, um uns unsere Glut besser zu beweisen, und herzlich lachten, wenn wir uns dessen überführen konnten. Nach dem letzten Angriff bat sie mich, ich möchte zum Dank für ihre Zärtlichkeit noch drei Tage in Aix bleiben. »Ich verspreche dir, solange hier zu bleiben, als du mir solche Beweise deiner Liebe wie heute früh geben wirst.« »Stehen wir also auf und gehen wir essen.« »In Gesellschaft, meine Liebe? Wenn du deine Augen sehen könntest!« »Um so besser; man wird das Vorgefallene erraten, und die beiden Gräfinnen werden vor Ärger platzen. Niemand soll daran zweifeln können, daß du nur meinetwegen in Aix bleibst.« »Um mich lohnt es sich nicht der Mühe, mein Engel! Aber meinetwegen; ich erfülle deinen Wunsch mit Vergnügen, und wenn ich in diesen drei Tagen all mein Geld verlieren sollte.« »Ich wäre in Verzweiflung, wenn du verlörest; aber wenn du nur nicht gegen die Bank spielst, so wirst du nicht verlieren, obgleich du dich bestehlen läßt.« »Glaube mir, ich sehe es wohl, und lasse mich nur von den Damen bestehlen. Auch du hast mir einige falsche Parolis geboten.« »Das ist wahr, aber viel weniger als die Gräfinnen. Und das ärgert mich; denn sie denken ohne Zweifel, du hast sie gewähren lassen, weil du in sie verliebt bist.« »Die guten Damen täuschen sich durchaus; denn um keine von den beiden wäre ich nur einen einzigen Tag hier geblieben.« »Das freut mich sehr. Aber ich muß dir doch mitteilen, was für eine Bemerkung der Marquis des Saint-Maurice gestern über dich gemacht hat.« »Sprich nur! ich hoffe, er wird sich keine Beleidigung erlaubt haben.« »Dies nicht; er hat gesagt, du hättest niemals dem Engländer anbieten dürfen, sich bei den letzten acht Karten zurückzuziehen; denn du hattest die Gewinnaussicht für dich, wenn er trotzdem gewonnen hätte, so hätte er glauben können, daß du die Karte kenntest.« »Nicht übel. Aber sage dem Marquis, ein Ehrenmann könne nicht in solchen Verdacht kommen. Außerdem war der Charakter des jungen Lords mir bekannt, und ich war beinahe sicher, daß er mein Anerbieten nicht annehmen würde.« Als wir im Speisesaal erschienen, empfing man uns mit Händeklatschen. Die schöne Zeroli schien mich am Zügel zu führen, und ich legte die bescheidenste Haltung an den Tag. Nach dem Essen wagte niemand mir den Vorschlag zu machen, eine Bank aufzulegen, denn alle Börsen waren leer. Man begnügte sich mit einem Trente-et-quarante , das den ganzen Tag dauerte und mir etwa zwanzig Louis kostete. Wie gewöhnlich verschwand ich gegen Abend. Nachdem ich Leduc eingeschärft hatte, während meines ganzen Aufenthaltes in Aix mein Zimmer nicht einen Augenblick zu verlassen, machte ich mich auf den Weg nach dem Häuschen, wo die unglückliche Nonne voll Ungeduld auf mein Erscheinen warten mußte. Trotz der Dunkelheit glaubte ich bald darauf zu bemerken, daß jemand mir folgte. Ich blieb stehen, man überholte mich. Zwei Minuten darauf setzte ich meinen Weg fort und sah dieselben Personen, die ich nicht hätte einholen können, wenn sie nicht ihre Schritte verlangsamt hätten. Dies konnte nicht ohne Bedeutung sein, aber ich glaubte mich dessen vergewissern zu müssen. Ich verließ die Straße und ging in derselben Richtung weiter; ich war sicher, daß ich den Weg wieder finden würde, wenn ich nicht mehr verfolgt würde. Bald aber gewann ich die Gewißheit, daß ich Spione hinter mir hatte, denn ich sah dieselben gespensterhaften Gestalten in geringer Entfernung. Ich ging schneller und versteckte mich hinter einem Baum; sobald ich meine Spione bemerkte, gab ich einen Pistolenschuß in die Luft ab und wartete. Als ich eine Minute darauf niemanden mehr sah, ging ich nach dem Bauernhäuschen. Ich stieg die Treppe hinauf und fand meine Nonne in einem Bett liegen; auf einem Tisch brannten zwei Kerzen. »Sind Sie krank, Madame?« »Ich war es einen Augenblick, aber ich befinde mich Gott sei Dank sehr wohl, nachdem ich um zwei Uhr in der Frühe einen strammen Jungen zur Welt gebracht habe.« »Und wo ist das Kind?« »Ach, ich habe nur ein einziges Mal das Glück gehabt, es zu küssen; dann hat meine gute Wirtin es mir fortgenommen und ich weiß nicht wohin gebracht. Die heilige Jungfrau hat meine Gebete erhört; ich hatte nur ein paar Augenblicke einen starken Schmerz, und eine Viertelstunde nach meiner Entbindung nieste ich noch. Sagen Sie mir, sind Sie ein Engel oder ein Mensch! Ich habe gefürchtet, eine Sünde zu begehen, indem ich Sie anbetete.« »Sie geben mir da eine Nachricht, die mich aufs höchste erfreut. Und die Laienschwester?« »Sie atmet noch, aber wir haben keine Hoffnung mehr, daß sie durchkommt. Ihr Gesicht ist völlig entstellt. Wir haben ein schreckliches Verbrechen begangen, und Gott wird mich dafür bestrafen.« »Nein, meine Liebe, Gott wird Ihnen verzeihen; denn das reinste aller Wesen kann nur die böse Absicht bestrafen, und Sie haben eine solche nicht gehabt. Beten Sie die göttliche Vorsehung an, die alles zum besten lenkt.« »Ihre Worte trösten mich. Meine Bäuerin versichert, Sie seien ein Engel; denn Ihr Pulver hat meine Niederkunft bewirkt. Ich werde Sie niemals vergessen, obgleich ich nicht weiß, wer Sie sind.« Die Bäuerin trat ein; ich dankte ihr dafür, daß sie die Kranke gepflegt und ihr geholfen hätte, sich ihrer schweren Bürde zu entledigen. Ich empfahl ihr von neuem, vorsichtig zu sein, und vor allen Dingen den Priester gut zu behandeln, den sie holen lassen würde, wenn die Laienschwester tot wäre; sie müßte ihn verhindern, Beobachtungen zu machen, die verhängnisvoll werden könnten. »Alles wird gut gehen«, sagte sie; »denn kein Mensch weiß etwas davon, daß die Laienschwester krank ist, und ebensowenig, warum die gnädige Frau im Bett geblieben ist.« »Was haben Sie mit dem Kinde gemacht?« »Ich habe es selber nach Annecy getragen; dort habe ich alles gekauft, was für den augenblicklichen Zustand der gnädigen Frau und für den Tod der anderen notwendig sein kann.« »Weiß Ihr Bruder etwas?« »Gott soll mich bewahren! Übrigens ist er gestern fortgegangen und wird erst in acht Tagen wiederkommen. Wir haben nichts zu fürchten.« Ich gab ihr abermals zehn Louis und bat sie, einige Möbel zu kaufen und mir für den nächsten Tag etwas Essen zu besorgen. Sie sagte mir, sie habe noch viel Gold übrig behalten, und ich glaubte, sie würde wahnsinnig werden, als ich ihr gesagt hatte, der ganze Rest wäre für sie. Da ich glaubte, die Kranke mochte Ruhe nötig haben, so verließ ich sie mit dem Versprechen, am nächsten Abend pünktlich wieder zu kommen. Es lag mir daran, mir diese leidige Geschichte bald vom Halse zu schaffen, und ich konnte nicht eher Viktoria rufen, als bis die arme Laienschwester unter der Erde war. Ich hatte eine Heidenangst; denn wenn der Priester nicht geradezu ein Trottel war, so mußte er entdecken, daß die Frau an Gift gestorben war. Am nächsten Morgen suchte ich meine schöne Zeroli auf; ihr Mann war bei ihr, und sie betrachtete die Uhr, die er für sie gekauft hatte. Er kam auf mich zu, reichte mir die Hand und sagte, er wünsche sich Glück, daß seine Frau die Macht besessen habe, mich in Aix zurückzuhalten. Ich sagte ihm, dies wäre ihr nicht schwer gefallen, und ein Bravo! war seine ganze Antwort. Dieser Chevalier war einer von jenen Männern, die lieber für gutmütige Ehegatten als für dumm gelten wollen. Seine Frau nahm meinen Arm, wir ließen ihn im Zimmer allein und gingen nach dem Brunnen. Unterwegs sagte sie mir, sie würde am nächsten Tage allein sein und würde nicht mehr so neugierig sein, meine nächtlichen Wanderungen ausspionieren zu wollen. «Ah! So hast also du mich verfolgen lassen?« »Nein; ich selber bin dir gefolgt, aber es geschah nur, um einen Spaß zu haben; denn in jener Gegend sind nur Berge. Ich hätte dich aber nicht für so boshaft gehalten. Du hast mir eine schöne Angst eingejagt! Weißt du auch, daß du mich hättest totschießen können? Zum Glück, mein Herr, haben Sie vorbeigeschossen.« »Mit Absicht, liebe Freundin; denn ohne eine Ahnung zu haben, daß du es wärest, habe ich in die Luft geschossen. Ich war überzeugt, daß dies genügen würde, um die Neugierigen fernzuhalten.« »Allerdings; sie werden dir nicht mehr nachgehen.« »Wenn sie das tun, so werde ich sie vielleicht gewähren lassen; denn mein Spaziergang ist sehr unschuldiger Art. Ich bin stets um zehn Uhr zu Hause.« Wir saßen noch bei Tisch, als wir eine sechsspännige Berline ankommen sahen. Es war der Marquis Prié mit einem Ludwigsritter und zwei reizenden Damen, von denen die eine, wie meine Schöne mir eifrig mitteilte, die Geliebte des Marquis war. Es wurden vier neue Gedecke aufgelegt, und in der Zwischenzeit, bis die Neuangekommenen bedient wurden, erzählte man ihnen die Geschichte von den Engländern, gegen die ich Bank gehalten hatte. Der Marquis machte mir ein Kompliment darüber und sagte mir, er habe sich nicht mit der Hoffnung geschmeichelt, daß er die Ehre haben würde, mich in Aix wiederzufinden. Sofort nahm Madame Zeroli das Wort und sagte: wenn sie nicht gewesen wäre, würde er mich nicht mehr gefunden haben. Da ich an ihre Unbesonnenheiten gewöhnt war, so konnte ich nichts Besseres tun als dies zuzugeben; dies schien ihr ein außerordentliches Vergnügen zu machen, obgleich ihr Mann anwesend war. Aber dieser teilte ihren Triumph. Der Marquis sagte mir, er würde die Ehre haben, mir nach dem Essen eine kleine Bank zu legen, was ich aus Höflichkeit annehmen mußte. Ich verlor in sehr kurzer Zeit etwa hundert Louis. Hierauf ging ich auf mein Zimmer, um einige Briefe zu schreiben, und sobald es dämmerig wurde, begab ich mich zu meiner Nonne. »Was gibt es Neues?« »Die Laienschwester ist tot; morgen wird man sie begraben, und morgen war der Tag, an dem wir ins Kloster zurückkehren sollten. Hier ist mein Brief an die Äbtissin. Sie wird mir eine andere Laienschwester schicken, oder sie wird befehlen, daß ich mich von meiner Bäuerin nach dem Kloster zurückbringen lasse.« »Was hat der Priester gesagt?« »Er hat gesagt, die Laienschwester sei an einer Betäubung des Gehirns infolge eines Schlagflusses gestorben.« »Das ist ein großes Glück.« »Ich möchte ihn fünfzehn Messen für sie lesen lassen; erlauben Sie mir dies?« »Sehr gern, meine Liebe; diese Messen sollen die Belohnung für den Priester oder vielmehr für seine glückliche Unwissenheit sein.« Ich rief die Bäuerin, befahl ihr die Messen lesen zu lassen und bat sie dem Priester zu sagen, die Messen sollten für die Seele derjenigen Person sein, die die Kosten trage. Sie sagte mir, die Tote wäre entsetzlich anzusehen, und sie lasse sie von zwei Frauen bewachen, die sie mit Weihwasser besprengten, damit nicht die Hexen in Gestalt von Katzen ihr dieses oder jenes Glied raubten. Ich war weit entfernt, über ihre Furcht zu lachen, sondern sagte ihr, sie tue ganz recht, und fragte sie hierauf, wo sie das Opium gekauft habe. »Die Verkäuferin ist eine sehr ehrenwerte Hebamme, die ich seit langer Zeit kenne. Wir brauchten es, um die unglückliche Laienschwester einzuschläfern, sobald sich die Wehen einstellen würden.« »Seid Ihr erkannt worden, als Ihr das Kind in das Findelhaus brachtet?« »Kein Mensch hat mich gesehen, als ich es auf die Drehscheibe legte; auf einem Zettel habe ich mitgeteilt, daß das Kind noch nicht getauft sei.« »Wer hat diesen Zettel geschrieben?« »Ich selber.« »Ihr müßt daran denken, das Begräbnis gut zu bezahlen.« »Dieses wird nur sechs Franken kosten, die der Pfarrer von den zwei Louis bestreiten wird, welche man bei der Toten gefunden hat. Der Rest wird dazu dienen, um Messen lesen zu lassen und ihr dadurch Vergebung dafür zu verschaffen, daß sie Geld bei sich gehabt hat.« »Wie? durfte sie mit gutem Gewissen nicht einmal zwei Louis bei sich haben?« »Nein,« sagte die Nonne, »ohne Vorwissen der Äbtissin dürfen wir bei Strafe der Exkommunikation kein Geld haben.« »Und was hat man Ihnen gegeben, um hier zu leben?« »Täglich zehn savoyische Sous. Jetzt werde ich hier gehalten wie eine Prinzessin. Sie werden dies beim Abendessen sehen, denn obwohl die gute Frau weiß, daß das Geld, das Sie ihr gaben, ihr gehört, so gibt sie es doch in verschwenderischer Weise für mich aus.« »Sie weiß, Schwester, daß dies meine Absicht ist. – Hier habt Ihr noch mehr; fahret so fort!« Mit diesen Worten zog ich noch zehn Louis aus meiner Börse und gab sie der Bäuerin mit der Aufforderung, keine Ausgabe zu sparen, um die Kranke zu pflegen. Ich weidete mich an dem Glück der guten Frau, die mir die Hände küßte und mir sagte, sie habe durch mich ihr Glück gemacht und werde sich Kühe kaufen. Das reizende Wesen erinnerte mich lebhaft an die Augenblicke des Glücks, dessen ich mit meiner göttlichen M. M. genossen hatte. Als ich mit ihr allein war, geriet meine Phantasie in Glut; ich trat an ihr Bett heran und begann von ihrem Verführer zu sprechen, indem ich ihr sagte, ich sei sehr überrascht, daß er in der schrecklichen Lage, in die er sie gebracht, nicht für die notwendige Hilfe gesorgt habe. Sie antwortete mir: »Geld hätte ich wegen meines Gelübdes der Armut und des Gehorsams doch nicht annehmen können; ich werde der Äbtissin sogar den Louis zurückgeben, der von dem durch den Bischof verschafften Almosen noch übrig geblieben ist. Daß ich gewissermaßen ganz verlassen war, als ich das Glück hatte, Ihnen zu begegnen, glaube ich dem Umstand zuschreiben zu müssen, daß Herr Coudert meinen Brief nicht erhalten hat.« »Das kann wohl sein. Aber ist er reich, ist er schön?« »Reich, ja; aber schön – nein. Im Gegenteil, er ist sehr häßlich, bucklig und mindestens fünfzig Jahre alt.« »Wie ist es möglich, daß Sie sich in einen solchen Pavian haben verlieben können?« »Ich habe ihn niemals geliebt; aber er wußte mein Mitleid zu erregen. Er wollte sich umbringen; ich glaubte ihm dies und versprach ihm, nachts in den Garten zu kommen, wo er mich erwarten wollte. Ich ging aber nur in der Absicht hin, ihn zu bitten, daß er sich entfernen möchte. Er tat dies auch; aber erst nachdem er seine böse Lust befriedigt hatte.« »Er hat Ihnen also Gewalt angetan?« »Nein, das würde ihm nicht gelungen sein; aber er weinte, warf sich vor mir auf die Knie und bat mich so inständig, daß ich ihn gewähren ließ, nachdem er mir versprochen hatte, daß er sich nicht das Leben nehmen und nicht wieder in den Garten kommen würde.« »Und haben Sie nicht befürchtet, daß Ihre Gefälligkeit Folgen haben würde?« »Ich verstand nichts davon, denn ich hatte immer geglaubt, daß mindestens drei Male notwendig seien, um zu empfangen.« »Unglückselige Unwissenheit! Wieviel Unglück richtet sie an! Er hat Sie also nicht mehr gequält, um neue Zusammenkünfte zu erlangen?« »Er hat mich oft darum gebeten, aber ich habe ihm keine mehr bewilligt, weil unser Beichtvater mir das Versprechen abnahm, ihm nichts mehr zu gewähren, wenn ich meine Absolution haben wollte.« »Haben Sie Ihren Verführer genannt?« »Nein, natürlich nicht; das würde der gute Beichtvater mir nicht erlaubt haben, denn damit hätte ich eine große Sünde begangen.« »Haben Sie dem Beichtvater etwas von Ihrem Zustande gesagt?« »Auch das nicht; aber er wird sich die Wahrheit gedacht haben. Er ist ein ehrwürdiger Greis, der ohne Zweifel für mich zu Gott gebetet hat, und Ihre kostbare Bekanntschaft ist vielleicht die Frucht seiner Gebete.« Ich war tief gerührt und schwieg, in meine Gedanken versunken, fast eine ganze Stunde lang. Ich sah, daß das Unglück des reizenden Mädchens nur von ihrer Unwissenheit und Aufrichtigkeit, von ihrer vollkommenen Unschuld und von einem übel verstandenen Mitleid herrührte, das sie veranlaßte, diesem geilen Ungeheuer etwas zu bewilligen, worauf sie wenig Wert legte, weil sie niemals verliebt gewesen war und darum von dessen Bedeutung keine Ahnung hatte. Sie hatte Religion, aber es war eine gewohnheitsmäßige, gedankenlose und darum sehr schwache Religion. Sie verabscheute die Sünde, weil sie sich durch die Beichte davon reinigen mußte, wenn sie sich nicht der Strafe ewiger Verdammnis aussetzen wollte, und sie wollte nicht verdammt sein. Sie besaß viel natürlichen Menschenverstand, wenig Geist, weil sie niemals in der Lage gewesen war, ihn zu üben, und im übrigen eine Unwissenheit, wie man sie nur einer Nonne verzeihen kann. Indem ich dies alles erwog, sah ich voraus, daß ich es sehr schwierig finden würde, von ihr die Gunstbezeugung zu erlangen, die sie dem Herrn de Coudert nicht hatte abschlagen können; sie hatte diese zu sehr zu bereuen gehabt, um sich von neuem der gleichen Gefahr auszusetzen. Die Bäuerin kam wieder herein, legte zwei Gedecke auf einen kleinen Tisch und trug uns das Abendessen auf. Mundtücher, Teller, Gläser, Löffel, Messer usw. – alles war neu und von einer sehr appetitlichen Sauberkeit. Die Weine waren sehr gut und die Speisen köstlich, weil es keine erkünstelten Gerichte waren. Es gab gebratenes Wildbret, Fisch, Rahmkäse und sehr gutes Obst. Ich verbrachte anderthalb Stunden damit, mir dies alles gut schmecken zu lassen, trank dazu zwei Flaschen Wein und plauderte mit meiner Nonne, die sehr wenig aß. Ich war ganz in Feuer; die Bäuerin war von meinen Lobsprüchen entzückt und versprach mir, mich jeden Abend in derselben Weise zu bewirten. Als ich mit meiner Nonne allein war, deren Zauberantlitz so feurige Erinnerungen in mir weckte, sprach ich mit ihr über ihre Gesundheit und besonders von den Folgen, die die Befreiung von einer neun Monate lang getragenen Bürde nach sich zu ziehen pflegte. Sie sagte mir: »Ich befinde mich sehr gut und kann zu Fuß nach Chambéry zurückkehren. Das einzige, was mich belästigt, sind meine Brüste; aber die Bäuerin hat mir versichert, die Milch werde morgen verschwinden und sie werden dann ihre natürliche Form wieder annehmen.« »Gestatten Sie mir, sie zu untersuchen; ich verstehe mich darauf.« »Sehen Sie!« Sie entblößte sich; sie dachte gar nicht daran, daß dies mir angenehm sein könnte, sondern wollte nur höflich sein; außerdem traute sie mir keine Hintergedanken zu. Ich betastete zwei Halbkugeln von einer Weiße und Formschön heit, daß sie einen Lazarus vom Tode erweckt hätten. Ich hütete mich, ihre Schamhaftigkeit zu verletzen, doch fragte ich sie mit der allerruhigsten Miene, wie sie sich ein bißchen weiter unten befinde. Gleichzeitig streckte ich sanft meine Hand aus. Sie hielt mich jedoch sachte zurück und bat mich, nicht dorthin zu fassen, weil sie noch etwas unwohl wäre. Ich bat sie um Verzeihung und sprach die Hoffnung aus, daß ich sie am nächsten Tage wieder völlig hergestellt finden würde. »Die Schönheit Ihres Busens«, fügte ich hinzu, »vermehrt noch die Teilnahme, die Sie mir eingeflößt haben.« Mit diesen Worten preßte ich meinen Mund auf den ihrigen, und ich fühlte, wie ein Kuß gleichsam unwillkürlich ihren Lippen entschlüpfte. Dieser Kuß drang in alle meine Adern; ich fühlte mich aufs höchste erregt und sah, daß ich schnell aus ihrer Gesellschaft fliehen mußte, wenn ich mich nicht der Gefahr aussetzen wollte, ihr ganzes Vertrauen zu verlieren. Ich entfernte mich daher, indem ich sie zärtlich als meine liebe Tochter grüßte. Es regnete in Strömen, und ich war bis auf die Haut durchnäßt, als ich in meinem Zimmer ankam. Dieses Bad war freilich sehr gut, um meine Glut zu dämpfen, aber es war schuld daran, daß ich spät aufstand. Nachdem ich mich angekleidet hatte, steckte ich die beiden Porträts, die meine M. M. als Nonne im Ordenskleid und als Venus in Naturzustande darstellten, in die Tasche. Ich war sicher, daß sie mir bei meiner neuen Nonne gute Dienste leisten würden. Da ich die schöne Zeroli nicht zu Hause traf, ging ich nach dem Brunnen, wo ich sie denn auch wirklich fand. Sie machte mir zärtliche Vorwürfe, die ich für bare Münze hinnahm, und wir versöhnten uns auf einem Spaziergange. Nach dem Mittagessen legte der Marquis de Prié eine Bank; da ich jedoch nur hundert Louis sah, so begriff ich, daß er viel zu gewinnen, aber wenig aufs Spiel zu setzen wünschte. Ich legte hundert Louis vor mich hin, und als er mir sagte, wir spielten ja nur zu unserer Unterhaltung, und ich möchte daher nicht nur auf eine einzige Karte spielen, antwortete ich ihm, ich würde einen Louis auf jede der dreizehn Karten setzen. »Sie werden verlieren.« »Das wollen wir einmal sehen.« Damit breitete ich das ganze Buch auf dem Tisch aus und setzte auf jede Karte einen Louis. Nach dem Gesetz der Wahrscheinlichkeit hätte ich allerdings verlieren müssen; aber das Schicksal entschied anders, denn ich gewann achtzig Louis. Um acht Uhr machte ich der Gesellschaft meine Verbeugung und ging den gewohnten Weg nach dem Tempel meiner neuen Liebe. Ich fand die Kranke entzückend. Sie sagte mir, sie habe ein leichtes Fieber gehabt; aber die Bäuerin habe ihr gesagt, es sei nur das Milchfieber und sie werde schon am nächsten Tag wieder ganz gesund sein und aufstehen können. Als ich meine Hand ausstreckte, um die Decke aufzuheben, ergriff sie sie und küßte sie, indem sie mir sagte, sie fühle das Bedürfnis, mir diesen Beweis ihrer kindlichen Liebe zu geben. Sie war einundzwanzig Jahre alt, ich fünfunddreißig. Welch eine Tochter für einen solchen Vater! Was ich für sie empfand, glich denn auch keineswegs väterlicher Liebe. Indessen sagte ich ihr: das Vertrauen, das sie mir zeige, indem sie mich entkleidet im Bette liegend empfange, vermehre meine Zärtlichkeit für sie; aber am nächsten Tage würde ich traurig sein, wenn ich sie wieder als Nonne gekleidet sähe. »Nun, so werden Sie mich im Bett finden! Ich tue Ihnen diesen Gefallen recht gern; denn bei der Hitze ist mein wollenes Kleid mir sehr unbequem; aber ich glaubte Ihnen mehr zu gefallen, wenn ich anständiger gekleidet wäre; da es Ihnen jedoch einerlei ist, so soll Ihr Wunsch erfüllt werden.« In diesem Augenblick trat die Bäuerin ein und gab ihr den Brief der Äbtissin, den ihr Neffe gerade eben von Chambéry zurückgebracht hatte. Die Äbtissin schrieb ihr, sie würde ihr zwei Laienschwestern schicken, um sie nach dem Kloster zurückzubringen, und da sie wieder gesund wäre, so könnte sie den Weg zu Fuß machen und auf diese Weise das Geld sparen, um es für nützlichere Zwecke zu verwenden. Der Bischof wäre auf dem Lande, und da sie die beiden Laienschwestern nicht ohne dessen Erlaubnis schicken dürfte, so könnten sie erst in acht oder zehn Tagen abreisen. Sie befahl ihr, unter Androhung der großen Exkommunikation, niemals ihr Zimmer zu verlassen, mit keinem Manne ein Wort zu sprechen, auch nicht mit dem Bauern, in dessen Haus sie wohne, und nur mit der Bäuerin zu verkehren. Zum Schluß teilte sie ihr mit, sie werde für die Seelenruhe der Gestorbenen eine Messe lesen lassen. Ich sagte ihr hierauf: »Ich danke Ihnen, Madame, für die Mitteilung dieses Briefes; aber sagen Sie mir bitte, ob ich während dieser acht oder zehn Tage kommen und Ihnen meine Aufwartung machen darf; denn ich muß Sie darauf aufmerksam machen, daß ich ein Mann bin. Ich habe mich hier in Aix nur solange aufgehalten, weil Sie mir die lebhafteste Teilnahme eingeflößt haben; aber wenn es wegen der eigentümlichen Exkommunikation, womit Ihre alte Oberin Sie bedroht, Ihnen nur im geringsten widerstrebt, mich zu empfangen, so werde ich morgen abreisen. Nun sprechen Sie!« »Mein Herr, unsere Äbtissin ist verschwenderisch mit ihren Blitzen, und diese Exkommunikation, womit sie mich bedroht, habe ich mir bereits zugezogen; aber ich hoffe, Gott wird sie nicht bestätigen, denn sie hat mich nicht elend, sondern glücklich gemacht. Ich will Ihnen also aufrichtig sagen, daß Ihre Besuche jetzt das Glück meines Lebens sind, und ich werde mich doppelt glücklich schätzen, wenn Sie mit Vergnügen zu mir kommen. Aber ich hätte wohl einen Wunsch, wenn Sie mir diesen erfüllen könnten, ohne gegen eine Pflicht der Verschwiegenheit zu verstoßen: ich möchte, daß Sie mir sagen, für wen Sie mich gehalten haben, als Sie das erstemal im Dunkeln mit mir zusammen kamen; denn Sie können sich nicht vorstellen, wie überrascht ich war und welche Angst ich hatte. Ich hatte keine Ahnung von solchen Küssen, wie die, womit Sie mein Gesicht bedeckten; abey diese haben meine Exkommunikation nicht verschlimmern können, denn ich empfing sie ohne meine Einwilligung, und Sie haben mir ja später selber gesagt, daß sie einer anderen galten.« »Madame, ich werde Ihren Wunsch erfüllen. Ich kann es tun, denn Sie wissen jetzt, daß wir Menschen sind, daß das Fleisch schwach, oder eigentlich oftmals stärker ist als der Geist, und daß es die stärksten Seelen dazu fortreißt, gegen die Vernunft zu verstoßen. Sie werden alle Wechselfälle einer zweijährigen Liebschaft mit der schönsten und klügsten von allen Nonnen meines Vaterlandes hören.« »Sagen Sie mir alles, mein Herr! Da ich in denselben Fehler verfallen bin, so würde ich ungerecht und unmenschlich sein, wenn ich an irgendeinem Umstände Anstoß nähme; denn gewiß haben Sie mit ihr mehr gemacht als Coudert mit mir gemacht hat.« »Ich habe viel mehr gemacht, Madame, und viel weniger als Ihr Buckliger; denn ich habe ihr kein Kind gemacht. Hätte ich dieses Unglück gehabt, so würde ich sie entführt haben und mit ihr nach Rom gegangen sein. Wir hätten uns dem Heiligen Vater zu Füßen geworfen; er hätte sie von ihrem Gelübde entbunden, und meine liebe M. M. würde heute meine Gattin sein.« »Großer Gott! M. M. ist mein Name!« Dieser Umstand, der im Grunde nichts zu bedeuten hatte, machte doch unser Zusammentreffen zu etwas Wunderbarem und setzte mich nicht weniger in Erstaunen als sie. Es war ein eigentümlicher, nichtiger Zufall; aber ein solcher wirkt oft sehr stark auf befangene Geister und kann dann die wichtigsten Folgen haben. Nachdem ich einige Minuten geschwiegen hatte, erzählte ich ihr alles was zwischen der schönen Venetianerin und mir vorgegangen war. Ich schilderte unsere Liebeskämpfe in lebhaften und natürlichen Farben; denn es war nicht nur die Erinnerung noch meinem Geiste gegenwärtig, sondern ich hatte auch ihr lebendes Abbild vor den Augen, und ich konnte auf ihrem Gesicht die Wirkung verfolgen, die meine Erzählung hervorbrachte. Als ich fertig war, fragte sie mich: »Aber gleicht Ihre M. M. mir wirklich so sehr, daß Sie sich täuschen konnten?« Ich zog aus meiner Brieftasche das Porträt, worauf sie als Nonne abgebildet war, und antwortete ihr: »Urteilen Sie selber!« »Es ist wahr, abgesehen von den Augen ist es vollkommen mein Bild. Dieselbe Tracht, dasselbe Gesicht – geradezu ein Wunder! Welcher Zufall! Dieser Ähnlichkeit verdanke ich mein ganzes Glück. Gelobt sei Gott, daß Sie mich nicht lieben, wie Sie diese Nonne geliebt haben, die ich mit Vergnügen meine Schwester nenne! Unerforschliche Vorsehung, alle deine Wege sind anbetungswürdig, und wir sind nur gebrechliche, unwissende und stolze Sterbliche!« Die gute Bäuerin kam herein und brachte uns ein Abendessen, das noch besser war als das vorige. Die Kranke aß nur eine Suppe, aber sie versprach mir, am nächsten Tage würde sie mir die Spitze bieten. Nachdem ihre Wirtin den Tisch abgeräumt hatte, verbrachte ich noch eine Stunde mit ihr; durch mein zurückhaltendes Benehmen bestärkte ich sie in ihrer irrtümlichen Annahme, daß ich nur die Gefühle eines Vaters für sie hätte. Sie ließ mich aus eigenem Antriebe sehen, daß ihr Busen wieder seine natürliche Form annahm. Ich überzeugte mich davon mit meinen eigenen Händen, ohne daß sie den geringsten Widerstand leistete, denn sie begriff gar nicht, daß dies irgendeinen Eindruck auf mich machen könnte. Die Küsse, womit ich ihre Augen und Lippen bedeckte, schrieb sie der innigen Freundschaft zu, die sie bei mir voraussetzte. Sie sagte mir lächelnd, sie danke Gott, daß sie nicht blond sei wie ihre Schwester, und ich lächelte über ihre Naivität. Aber dieses Spiel ließ sich nicht lange durchhalten, und ich mußte vorsichtig vorgehen. Sobald ich daher fühlte, daß das Gefühl meine Vernunft unterjochen wollte, gab ich ihr einen letzten Kuß und entfernte mich schnell. In meinem Zimmer übergab Leduc mir ein Briefchen der Madame Zeroli, die mir schrieb, wir würden uns am Brunnen sehen, weil sie von der Geliebten des Marquis zum Essen eingeladen wäre. Ich schlief gut, aber meine Phantasie führte mir im Schlummer die Reize meiner neuen M. M. vor. Am Morgen sagte Frau Zeroli mir beim Brunnen, die ganze Gesellschaft behaupte, daß ich verlieren müßte, wenn ich auf dreizehn Karten gleichzeitig spielte; denn es wäre nicht wahr, daß in jeder Taille eine Karte viermal gewänne; der Marquis hätte dies zugegeben, trotzdem aber gesagt, er würde mir nicht mehr erlauben, auf diese Art zu spielen. »Dabei wäre nur eine einzige kleine Schwierigkeit – nämlich die, daß er, wenn ich es wollte, nichts anderes dagegen machen könnte, als daß er das Spiel aufgebe.« »Seine Geliebte hat sich erboten, Sie zu veranlassen, daß Sie wieder wie gewöhnlich spielen.« Ich dankte ihr lächelnd. In den Gasthof zurückgekehrt, machte ich eine Partie Quinze mit dem Marquis und verlor fünfzig Louis; hierauf ließ ich mich überreden, eine Bank zu legen. Ich holte mir fünfhundert Louis und setzte mich an den Tisch, um das Glück herauszufordern. Ich nahm Desarmoises zum Croupier und erklärte, ich würde keine Karte halten, die nicht mit ihrem Einsatz belegt wäre, und würde um halb acht aufhören. Ich saß zwischen den beiden Schönen. Ich legte meine fünfhundert Louis vor mich hin und ließ mir vom Wirt hundert Sechsfrankentaler geben, um die Damen zu amüsieren Aber es trat ein Hindernis ein. Da ich vor mir nur ausgepackte Karten sah, so verlangte ich neue. Der Saalkellner sagte mir: »Ich habe nach Chambéry geschickt, um hundert Spiele kaufen zu können, und der Bote muß gleich zurückkommen. Unterdessen können Sie mit diesen hier abziehen, die so gut wie neu sind.« »Ich will keine Karten, die so gut wie neu sind, sondern ganz neue. Ich habe Vorurteile, mein guter Freund, und diese sind so stark, daß niemand sie besiegen kann. Bis Ihr Mann zurückkommt, werde ich Zuschauer sein. Es tut mir aufrichtig leid, daß ich die Damen warten lassen muß.« Niemand wagte auch nur die geringste Bemerkung zu machen, und ich verließ meinen Platz, nachdem ich mein Geld in die Taschen gesteckt hatte. Der Marquis de Prié hielt die Bank und spielte sehr vornehm. Ich setzte mich neben Frau Zeroli, die mich an ihrem kleinen Spiel beteiligte und mir am anderen Morgen fünf oder sechs Louis gab. Der Bote, der sofort von Chambéry zurückkommen sollte, kam erst um Mitternacht. Ich war froh, so gut weggekommen zu sein; denn in Savoyen und besonders unter den Spielern gibt es Leute, die schärfere Augen haben als ein Luchs. Ich legte mein Geld wieder in meine Kassette und ging ins freie Feld hinaus. Da ich meine schöne Nonne noch im Bett fand, fragte ich sie: »Wie befinden Sie sich heute, Madame?« »Nennen Sie mich doch Tochter! Dieses Wort ist so süß, daß ich wünschte, Sie wären mein Vater, um sie ohne jede Scheu in die Arme schließen zu können.« »Nun, meine liebe Tochter, fürchte nichts und öffne mir deine Arme.« »Ja, umarmen wir uns!« »Meine Kinder sind heute hübscher als gestern; gib sie her und laß mich daran saugen!« »Welche Torheit! Aber, lieber Papa, ich glaube gar, du trinkst die Milch deiner armen Tochter.« »Sie ist so süß, liebes Herz, und die paar Tropfen, die ich verschluckt habe, machen mich so glücklich. Du kannst nicht böse darüber sein, mir dieses unschuldige Vergnügen gewährt zu haben.« »Nein, ganz gewiß bin ich nicht böse darüber, denn du hast mir ein größeres Vergnügen gemacht. Ich werde dich nun nicht mehr meinen Papa, sondern mein Bübchen nennen.« »Wie freut es mich, dich heute Abend bei so guter Laune zu finden.« »Ich bin es, weil du mich glücklich gemacht hast. Ich fürchte nichts mehr und fühle, daß der Friede wieder in meine Seele zurückgekehrt ist. Die Bäuerin hat mir gesagt, in wenigen Tagen werde ich wieder ebenso sein, wie ich war, bevor ich Coudert kannte.« »Doch nicht ganz ebenso; der Leib zum Beispiel ...« »Schweig! Es ist unmöglich, daran etwas zu erkennen. Ich bin selber ganz erstaunt darüber.« »Laß mich sehen.« »O nein, nicht sehen, lieber Freund! Aber fühlen darfst du.« »Du hast recht.« »O! nicht dort,bitte!« »Warum denn nicht? Du kannst doch auch nicht anders beschaffen sein als deine liebe Schwester, die jetzt etwa dreißig Jahre sein mag. Ich will dir ihr Bild zeigen, worauf sie ganz nackt ist.« »Hast du es? Es würde mir Freude machen, es zu sehen.« Ich zog das Bild aus meiner Tasche und gab es ihr. Sie bewunderte es, küßte es, und fragte mich, ob es nach der Natur gemalt sei. »Ganz gewiß; sie wußte, daß mir dies Vergnügen machen würde.« »Wie schön es ist! Es ähnelt mir mehr als das andere. Aber der Maler hat ihr so lange Haare gemacht, um dir damit ein Vergnügen zu bereiten.« »Durchaus nicht. Die Nonnen sind bei uns nur verpflichtet, ihre Haare nicht von Männern sehen zu lassen.« »Wir haben dasselbe Vorrecht, man schneidet uns die Haare ein einziges Mal; hierauf lassen wir sie wachsen, wie wir wollen.« »Du hast also lange Haare?« »So lang wie diese; aber sie werden dir nicht gefallen, denn sie sind schwarz.« »Was sagst du da! Das ist ja meine Lieblingsfarbe. Um Gottes willen zeige sie.« »Um Gottes willen verlangst du ein Verbrechen von mir, denn ich verfalle abermals der Exkommunikation. Aber ich kann dir nichts abschlagen; du wirst sie nach dem Abendessen sehen, denn ich will der Bäuerin kein Ärgernis geben.« »Du hast recht, liebe Freundin; ich finde, dn bist ein entzückendes Geschöpf. Ich werde vor Schmerz sterben, wenn du diese Hütte verläßt, um in dein trauriges Gefängnis zurückzukehren.« »Ich muß wohl dorthin zurückkehren, um meine Sünden abzubüßen.« »Ich hoffe, du wirst so vernünftig sein, über die dummen Bannflüche der Äbtissin zu lachen.« »Ich beginne schon, sie nicht mehr so sehr zu fürchten.« Ich war wonnetrunken, denn ich sah voraus, daß ich nach dem Abendessen vollkommen glücklich sein würde. Als die Bäuerin wieder herein kam, gab ich ihr wiederum zehn Louis. An ihrer außerordentlichen Überraschung merkte ich, daß sie mich für verrückt hielt. Um sie zu beruhigen, sagte ich ihr, ich sei sehr reich, und es sei mein Wunsch, sie zu überzeugen, daß ich nie genug tun zu können glaube, um ihr meine Dankbarkeit für ihre liebevolle Pflege der würdigen Nonne zu bezeigen. Sie weinte, küßte mir die Hände, und setzte uns eine köstliche Mahlzeit vor. Die Nonne aß gut und trank ganz tapfer; aber meine Seele war zu freudig, und in meinem Herzen war ein brennendes Verlangen; darum konnte ich ihrem Beispiel nicht folgen. Mich verlangte zu sehr, die schönen schwarzen Haare dieses Opfers ihrer Gutmütigkeit zu sehen. Dieser Appetit ließ für keinen anderen Platz. Sobald die Bäuerin uns nicht mehr durch ihre Gegenwart störte, nahm sie ihre Haube ab und ließ auf ihre Alabasterschultern ihr dichtes, ebenholzschwarzes Haar herabfallen, das die Weiße ihrer Haut noch mehr hervorhob und eine entzückende Wirkung hervorbrachte. Sie legte das Porträt vor sich hin und machte sich das Vergnügen, ihre langen Haare wie die meiner ersten M. M. zu ordnen. »Du scheinst mir schöner zu sein als deine Schwester,« sagte ich zu ihr; »aber ich glaube, sie war zärtlicher als du.« »Zärtlicher, das ist möglich; aber nicht besser.« »Ihr Liebesverlangen war viel lebhafter als das deinige.« »Das glaube ich, denn ich habe niemals geliebt.« »Das ist überraschend. Aber die Natur, der sinnliche Drang?« »Das sind Sachen, lieber Freund, die wir im Kloster leicht beschwichtigen. Wir beichten es, denn wir wissen, daß es eine Sünde ist; aber der Beichtvater betrachtet diese Sache als eine Kinderei und spricht uns los, ohne uns auch nur eine Buße aufzulegen.« »Er kennt die menschliche Natur und weiß eure traurige Lage zu würdigen.« »Er ist ein alter Priester, sehr gelehrt und von strengen Sitten; aber er ist die Nachsicht selber. Die Trauer wird groß sein, wenn wir ihn eines Tages verlieren.« »Aber fühlst du nicht bei deinen Liebesscherzen mit einer anderen Nonne, daß es eine schönere Liebe sein würde, wenn sie im Augenblick des Glückes sich in einen Mann verwandeln könnte?« »Du machst mich lachen. Wenn meine Freundin ein Mann würde, so würde mir dies freilich nicht mißfallen; aber glaube mir, unsere Lust ist nicht so groß, daß wir dieses Wunder herbeiwünschen sollten.« »Vielleicht ist nur ein Mangel an Temperament daran schuld. In dieser Hinsicht übertraf deine Schwester dich, denn sie zog mich bei weitem ihrer Freundin C. C. vor; du aber würdest mich nicht der Freundin vorziehen, die du im Kloster gelassen hast.« »Nein, ganz gewiß nicht; denn mit dir würde ich mein Keuschheitsgelübde verletzen und würde mich Folgen aussetzen, vor denen ich jetzt zittere, so oft ich daran denke.« »Du liebst mich also nicht?« »Was wagst du da zu sagen? Ich bete dich an, und es tut mir recht leid, daß du nicht ein Weib bist.« »Ich liebe dich ebenfalls; aber über deinen Wunsch muß ich lachen, denn ich mochte kein Weib werden, um dir zu gefallen, zumal da ich überzeugt bin, daß ich dich nicht so schön finden würde, wenn ich ein Weib wäre. Setze dich etwas mehr aufrecht, meine liebenswürdige Freundin, und laß mich sehen, wie deine schönen Haare die Hälfte deines schönen Leibes bedecken.« »Aber da muß ich ja mein Hemd herunterlassen?« »Natürlich. Gut so! Wie schön du bist! Laß mich an deinen schönen Brüsten saugen; ich bin ja dein Püppchen.« Nachdem sie mir diesen Genuß gewährt hatte, sah sie mich mit der größten Freundlichkeit an und erlaubte mir, ihren nackten Leib mit meinen Armen zu umschlingen. Sei es, daß sie nicht wußte, welchen Genuß ich dabei empfand, sei es, daß sie sich nur so stellte, genug, sie sagte zu mir: »Wenn man der Freundschaft eine solche Befriedigung gewähren kann, so ist sie der Liebe vorzuziehen; denn ich habe niemals in meinem Leben einen süßeren Genuß gehabt, als du ihn mir verschafftest, indem deine Lippen sich auf meinen Busen preßten. Erlaube mir, bei dir das gleiche zu tun.« »Gerne, mein Herz; aber du wirst nichts finden.« »Einerlei; wir werden doch lachen.« Nachdem sie ihre Lust befriedigt hatte, lagen wir eine Viertelstunde lang einander in den Armen, und ich befand mich in einem unerträglichen Zustande. »Sage mir die Wahrheit,« sagte ich zu ihr, »fühlst du nicht in der Glut unserer Küsse während dieser Entzückungen, die wir kindisch nennen wollen, viel größere Begierden?« »Ja, ich gestehe es dir; aber diese Begierden sind strafbar, ich bin überzeugt, daß deine Wünsche nicht weniger heiß sind als die meinigen, und darum werden wir gut tun, mit diesen angenehmen Scherzen aufzuhören, denn, lieber Papa, unsere Freundschaft wird glühende Liebe – nicht wahr?« »Ja, liebe Tochter, Liebe, unbesiegliche Liebe!« »Ich fühle es wohl.« »Wenn du es fühlst, so laß uns sie durch das süßeste Opfer ehren.« »Nein, lieber Freund, nein, im Gegenteil, machen wir ein Ende, seien wir in Zukunft vorsichtiger und setzen wir uns nicht mehr der Gefahr aus, ihr Opfer zu werden. Wenn du mich liebst, mußt du ebenso denken wie ich.« Mit diesen Worten entwand sie sich sanft meinen Armen und steckte ihre schönen Haare wieder unter ihre Haube. Ich half ihr, ihr grobes Leinwandhemd, das meinen Abscheu erregte, wieder anzuziehen, und sagte ihr, sie könne ruhig sein. Als ich ihr mein Bedauern aussprach, ihren schönen Leib durch eine so grobe Leinwand zerschunden zu sehen, sagte sie mir, sie sei daran gewöhnt, und alle Nonnen ihres Klosters trügen ebenfalls solche Hemden. Ich fühlte mich sehr bedrückt, denn der Zwang, den ich mir auferlegte, schien mir unendlich viel größer zu sein als der Genuß, den eine vollkommene Befriedigung mir gewährt haben würde. Indessen dachte ich nicht daran, weiter zu gehen, ebensowenig aber, von meinem Vorhaben abzulassen. Ich mußte die Gewißheit haben, daß ich nicht den geringsten Widerstand finden würde. Ein gefaltetes Rosenblatt störte den berühmten Smyndirides, der die Weichheit seines Bettes liebte. Ebenso zog ich es vor, lieber zu gehen, als das Rosenblatt zu finden, das den wollüstigen Sybariten belästigt hatte. Verliebt und unglücklich entfernte ich mich, und nachdem ich um zwei Uhr morgens zu Bett gegangen war, schlief ich bis zum Mittag. Bei meinem Erwachen gab Leduc mir ein Briefchen, das er mir eigentlich vor dem Zubettgehen hätte geben sollen. Er hatte es vergessen, und ich war ihm darob nicht böse. Madame Zeroli schrieb mir, sie erwarte mich um neun Uhr in ihrem Zimmer, wo sie allein sein werde. Ferner schrieb sie, sie gebe ein Abendessen und verlasse sich darauf, daß ich daran teilnehmen werde; da sie gleich darauf abreisen müsse, so nehme sie an, daß ich mit ihr fahre oder sie doch mindestens bis Chambéry begleiten werde. Obgleich ich sie noch liebte, konnte ich doch über alle diese Ansprüche nur lächeln. Sie um neun Uhr zu besuchen, war es zu spät; zum Souper konnte ich mich nicht verpflichten wegen meiner schönen Nonne, die ich in diesem Augenblick nicht um den ganzen Harem des Großtürken aufgegeben haben würde, und sie bis Chambéry zu begleiten war mir unmöglich, da ich vielleicht bei meiner Rückkehr den einzigen Gegenstand, der mich an Aix fesselte, nicht mehr vorgefunden hätte. Indessen ging ich doch zu ihr, sobald ich mit meinem Anzug fertig war. Ich fand sie wütend. Ich bat sie um Entschuldigung, indem ich ihr sagte, ich hätte ihr Schreiben erst vor einer Stunde empfangen. Sie ging jedoch hinaus, ohne auf mich zu hören, und ließ mir nicht einmal soviel Zeit, ihr zu sagen, daß ich ihr nicht versprechen könnte, zu ihrem Abendessen zu kommen und ebensowenig sie bis Chambéry zu begleiten. Bei Tisch schmollte sie mit mir. Nach dem Essen sagte der Marquis de Prié zu mir, es seien neue Karten da und die ganze Gesellschaft wünsche, daß ich eine Bank auflege. Die Gesellschaft war zahlreich, denn eine Anzahl Herren und Damen waren am Morgen von Genf gekommen. Ich holte Geld und legte eine Bank von fünfhundert Louis auf. Um sieben Uhr hatte ich mehr als die Hälfte derselben verloren. Dadurch ließ ich mich jedoch nicht zurückhalten; ich steckte den Rest in meine Börse und ging. Zweites Kapitel Ende meines Abenteuers mit der Nonne von Chambéry. – Meine fluchtähnliche Abreise aus Aix. Nachdem ich der Frau von Zeroli einen traurigen Blick zu geworfen hatte, ging ich nach der Hütte; ich fand dort meinen Engel in einem ganz neuen großen Bett, neben welchem ein anderes hübsches römisches Ruhebett stand, das für mich bestimmt war. Ich lachte über das Mißverhältnis dieser Möbel zu dem elenden Dachboden, wo wir uns befanden; um aber unserer Bäuerin meinen Dank zu beweisen, zog ich fünfzig Louis aus meiner Börse und gab sie ihr mit den Worten, dies Geld sei für den Rest der Zeit, die Madame noch hier bleiben werde; außerdem verbot ich ihr, noch weitere Ausgaben für Möbel zu machen. Dieser Charakter ist, glaube ich, den Spielern im allgemeinen eigen. Ich hatte fast dreihundert Louis verloren, aber ich hatte mehr als fünfhundert aufs Spiel gesetzt und was mir übrig geblieben war, war in meinen Augen reiner Gewinn. Hätte ich ebensoviel gewonnen, wie ich verloren hatte, so hätte ich mich wahrscheinlich damit begnügt, ihr zehn Louis zu geben; aber indem ich ihr fünfzig gab, bildete ich mir ein, ich verlöre sie auf einer Karte. Ich habe immer gerne Geld ausgegeben, aber verschwenderisch war ich nur, wenn ich beim Spielen war. Ich war freudetrunken, als ich dankbare Überraschung auf den Zügen meiner schönen M. M. erblickte. »Sie müssen sehr reich sein«, sagte sie zu mir. »Glauben Sie das nicht, liebes Herz! Aber ich liebe Sie leidenschaftlich, und da ich wegen Ihres unglückseligen Armutsgelübdes Ihnen selber nichts anbieten kann, so verschwende ich, was ich besitze, an diese gute Frau, damit sie nichts versäumt, was zu Ihrer Befriedigung beitragen kann, solange Sie bei ihr sind. Vielleicht hegt mein Herz die halbe unbewußte Hoffnung, daß Sie mich dafür um so mehr lieben werden.« »Wie könnte ich Sie mehr lieben, als es schon der Fall ist! Unglücklich macht mich nur der Gedanke an die Rückkehr in mein Kloster.« »Aber gestern haben Sie mir gesagt, daß gerade dieser Gedanke Sie glücklich macht.« »Ja, gerade seit gestern haben sich meine Gefühle geändert! Ich habe eine schlimme Nacht verlebt; denn ich konnte kein Auge schließen, ohne mich sofort wieder in Ihren Armen zu befinden, und immer in dem Augenblick, wo ich das größte Verbrechen begehen wollte, fuhr ich aus dem Schlafe auf.« »Sie haben aber nicht so standhaft gekämpft, bevor Sie es mit einem Manne begingen, den Sie nicht liebten.« »Gerade weil ich ihn nicht liebte, beging ich ein Verbrechen, das mir bedeutungslos erschien. Begreifen Sie dies, lieber Freund?« »Es ist eine metaphysische Vorstellung Ihrer unschuldigen und abergläubischen Seele; ich begreife dies vollkommen.« »Sie machen mich glücklich und dankbar, und ich freue mich in dem Gedanken, daß Sie nicht in gleicher Lage sind wie ich; denn das macht mich des Sieges gewiß.« »Ich werde Ihnen den Sieg nicht streitig machen, obgleich mich dies sehr traurig macht.« »Warum?« »Weil Sie sich verpflichtet glauben werden, mir harmlose Liebkosungen zu verweigern, die doch das Glück meines Lebens ausmachen würden.« »Ich habe daran gedacht.« »Sie weinen?« »Ja, und ich liebe sogar diese Tränen.« »Sie erstaunen mich.« »Ich habe Sie um zwei Gefälligkeiten zu bitten.« »Sprechen Sie und seien Sie sicher, daß ich Ihre Bitten erfüllen werde.« »Gestern«, sagte meine reizende Nonne mir, »haben Sie mir die beiden Porträts meiner venetianischen Schwester dagelassen. Ich bitte Sie, schenken Sie sie mir.« »Sie gehören Ihnen.« »Ich bin Ihnen dankbar dafür. Dieses war meine erste Bitte die zweite lautet: haben Sie die Güte, zum Tausch dafür mein Bild anzunehmen, das ich Ihnen morgen geben werde.« »Und das ich mit Vergnügen empfangen werde! Es wird, meine liebe Freundin, das kostbarste meiner Kleinodien sein. Aber ich bin überrascht, daß Sie dies als eine Gunst von mir erbitten, während doch in Wahrheit Sie mir eine erweisen, die ich niemals von Ihnen zu erbitten gewagt hätte. Wie könnte ich mich würdig machen, daß Sie auch mein Bild zu erhalten wünschen?« »Ach, mein lieber Freund, dies würde mir sehr teuer sein; aber Gott soll mich davor bewahren, ein solches Bild bei mir im Kloster zu haben.« »Ich werde mich als heiligen Alois von Gonzaga oder als heiligen Antonius von Padua malen lassen.« »Ich würde der Verdammnis verfallen sein.« »So sprechen wir nicht mehr davon.« Sie trug ein Mieder aus Basin, das mit rotem Bande eingefaßt war und vorne durch Schleifen von derselben Farbe zusammengehalten wurde, und ein Batisthemd. Ich war durch diesen Anblick überrascht gewesen, da aber die Höflichkeit mir nicht erlaubte, sie zu fragen, woher sie diese Sachen habe, so begnügte ich mich, einen Blick darauf zu werfen. Sie erriet meine Gedanken und sagte mir lachend: »Es ist ein Geschenk, das die Bauersfrau mir gemacht hat. Nun sie plötzlich reich geworden ist, denkt die gute Frau an weiter nichts, als wie sie ihrem Wohltäter bezeugen könne, daß sie ihm dankbar ist. Sehen Sie dieses große Bett, lieber Freund; ganz gewiß hat sie dabei an Sie gedacht; und diese schönen Bettücher. Dieses feine Hemd, es macht mir Vergnügen, ich gestehe es. Ich werde diese Nacht besser schlafen – wenn ich mich nur der verführerischen Träume erwehren kann, die mich vorige Nacht gepeinigt haben.« »Glauben Sie, daß dieses Bett, diese Bettlaken und dieses feine Hemd dazu beitragen werden, Ihrer Seele die Träume fernzuhalten, die Sie befürchten?« »Ganz gewiß wird das Gegenteil der Fall sein, denn solche Bequemlichkeiten reizen zur Sinnlichkeit. Übrigens werden alle diese Sachen Eigentum der guten Frau bleiben; denn wenn ich sie auch mitnehmen wollte, was würde man im Kloster dazu sagen?« »Sie schlafen dort nicht so bequem?« »O nein! Wir haben einen Strohsack und zwei Decken; es ist eine besondere Vergünstigung, wenn wir zwei sehr grobe Bettlaken oder gar noch eine dünne Matratze erhalten. Aber Sie scheinen mir traurig zu sein; gestern waren Sie so heiter.« »Wie könnte ich wohl heiter sein, da ich nicht mehr imstande bin, mit Ihnen zu scherzen, ohne mich der Gefahr auszusetzen, Ihnen dadurch Kummer zu bereiten!« »Aber Sie bereiten mir ja im Gegenteil das größte Vergnügen damit.« »So willigen Sie ein, für die Wonne, die Sie mir gewähren, Wonne zu empfangen?« »Aber die Wonne, die Sie empfinden, ist unschuldig; die meinige aber ist es nicht.« »Was würden Sie denn tun, wenn meine Wonne ebensowenig unschuldig wäre wie die Ihrige?« »Dann würden Sie mich gestern Abend unglücklich gemacht haben; denn ich hätte Ihnen nichts verweigern können.« »Unglücklich? Wieso denn? Bedenken Sie im Gegenteil, Sie hätten dann nicht gegen Träume zu kämpfen gehabt, sondern würden friedlich geschlafen haben, übrigens hat die Bäuerin mit diesem Mieder Ihnen ein Geschenk gemacht, das mich zur Verzweiflung bringt, denn sonst hätte ich wenigstens meine hübschen Kinderchen sehen können, ohne Angst vor bösen Träumen zu haben.« »O, lieber Freund, darum müssen Sie der armen Frau nicht böse sein; denn wenn sie glaubt, daß wir uns lieben, so wird sie gewiß auch wissen, daß ein Mieder nicht schwer aufzuschnüren ist. Jedenfalls will ich Sie nicht traurig sehen – das ist die Hauptsache.« Indem sie diese Worte sprach, sah sie mich mit flammenden Blicken an, und ich überschüttete sie mit Küssen, die sie mir mit voller Zärtlichkeit zurückgab. Die Bäuerin kam herein, um einen hübscher neuen kleinen Tisch zu decken, als ich gerade dabei war, meiner Nonne das Mieder auszuziehen, ohne daß sie mir den geringster Widerstand entgegensetzte. Dieses ausgezeichnete Vorzeichen versetzte mich in gute Laune aber als ich sie anblickte, sah ich, daß sie nachdenklich wurde. Ich hütete mich wohl, sie nach dem Grunde zu fragen, denn ich erriet diesen und ich wollte mir nicht Bedingungen auferlegen lassen, die durch Religion und Ehre unverletzlich geworden sein würden. Um sie von ihren Gedanken abzubringen, suchte ich ihren Appetit anzuregen, indem ich ihr beim Essen mit gutem Beispiel voranging; sie trank dazu mit ebensoviel Vergnügen einen ausgezeichneten Claret; da sie jedoch an solche Weine nicht gewöhnt war, erregte er in ihr eine Lustigkeit, die die erklärte Feindin der Enthaltsamkeit ist. Übrigens merkte sie selber nichts davon, denn die Fröhlichkeit befeuerte ihren Geist, so daß sie alles im schöneren Lichte sah und sich viel mehr ihren Gefühlen überließ, als sie es vor dem Abendessen getan hatte. Als wir allein waren, wünschte ich ihr Glück zu ihrer guten Laune, indem ich ihr sagte, daß ohne diese meine traurige Stimmung nicht verflogen sein würde, daß ich nun aber die Stunden des Glückes, die ich bei ihr verbrächte, leider nur zu kurz fände. »Ich werde fröhlich sein, lieber Freund, und wäre es auch nur, um dir Vergnügen zu machen.« »Vortrefflich! aber, mein Engel, beglücke mich mit denselben Vergünstigungen, die du mir gestern abend gewährt hast.« »Ich will lieber alle Bannflüche der Welt auf mich nehmen, als daß du von mir denken sollst, ich sei ungerecht gegen dich. Sieh her!« Mit diesen Worten nahm sie ihre Haube ab und ließ ihr schönes Haar aufgelöst herunterhängen; ich schnürte ihr Mieder auf und hatte im Nu eine Sirene vor mir, wie man sie auf den schönsten Gemälden Correggios sieht. Ich konnte es nicht lange aushalten, sie so zu betrachten: ich bedeckte sie mit heißen Küssen, und indem ich ihr dadurch meine Glut mitteilte, sah ich sie bald mir neben sich Platz machen. Ich fühlte, daß es jetzt nicht mehr angebracht war, lange Reden zu halten, sondern daß die Natur sprach und daß sie Liebe von mir verlangte, und ich wußte den Augenblick einer so süßen Schwachheit zu benutzen. Ich stürzte mich auf sie, heftete meine Lippen auf ihren Mund und preßte sie liebeglühend in meine Arme, um mit ihr des höchsten Glückes zu genießen. Aber mitten in diesem leidenschaftlichen Vorspiel drehte sie den Kopf zur Seite, schloß ihre schönen Augenlider und schlief ein. Ich entfernte mich ein wenig von ihr, um besser die wundervollen Schätze sehen zu können, die die Liebe mir darbot. Die göttliche Nonne schlief; ihr Schlaf konnte keine Verstellung sein; aber selbst wenn sie sich nur schlafend gestellt hätte, konnte ich ihr wohl eine solche List übelnehmen? Gewiß nicht; denn der Schlaf einer Frau, mag er wahr oder verstellt sein, muß von einem zartfühlenden Liebhaber geachtet werden; darum braucht er sich erlaubte Genüsse nicht zu versagen. Denn wenn der Schlaf echt ist, so wagt er nichts dabei; ist er aber nur Verstellung, so entspricht er nur den Wünschen, die sie entflammen. Nur müssen die Liebkosungen so sein, daß man die Gewißheit hat, sie sind dem geliebten Gegenstand angenehm. Aber M.M. schlief wirklich: der Claret hatte ihre Sinne betäubt, und sie hatte ohne Nebengedanken nur seinen Wirkungen nachgegeben. Während ich sie ansah, bemerkte ich, daß sie träumte. Ihre Lippen flüsterten Worte, die ich nicht verstand; aber die Wollust, die sich auf ihren strahlenden Zügen malte, ließ mich erraten, wovon sie träumte. Ich warf meine Kleider ab, und es dauerte keine zwei Minuten, so lag ich gegen ihren schönen Leib gepreßt. Nur wußte ich nicht recht, ob ich ihren Schlaf nachahmen oder ob ich versuchen sollte, sie aufzuwecken, um die Lösung unseres Dramas herbeizuführen, die sich, wie mir schien, nicht mehr aufschieben ließ. Meine Ungewißheit dauerte nicht lange; denn die Bewegungen, die sie unwillkürlich machte, sobald sie an dem Heiligtum der Liebe den Priester fühlte, der das Opfer vollziehen sollte, zeigten mir deutlich, daß sie fortträumte und daß ich sie nur glücklich machen konnte, indem ich ihren Traum in Wirklichkeit verwandelte. Leise schob ich alle Hindernisse beiseite, und indem ich den Bewegungen mich anpaßte, die meine Berührungen ihrem schönen Leibe mitteilten, vollbrachte ich den süßen Raub. Als ich zum Schluß nicht mehr imstande war, mich zu mäßigen, und mich der ganzen Kraft des Gefühls überließ, erwachte sie mit einem Seufzer des Glücks und rief: »O Gott, ist es denn wahr!« »Ja! wahr! köstlich, mein Engel! Bist du glücklich?« Statt zu antworten, umschlang sie mich mit ihren Armen, heftete ihre Lippen auf die meinigen, und so blieben wir, ohne uns einen Augenblick zu trennen, bis zur Morgenröte, alle Wonnen auskostend, immer von neuem unsere Begierden erregend und ohne einen anderen Gedanken, als wie wir unser Glück und unsere Genüsse verlängern könnten. »Ach, mein Freund, mein Gatte!« rief sie endlich; »ich bin glücklich! Aber wir müssen uns bis heute Abend trennen. Geh jetzt! Wir werden von unserer Seligkeit sprechen, indem wir sie erneuern.« »Es tut dir also nicht leid, mich glücklich gemacht zu haben?« »Kann es mir leid tun, dir erlaubt zu haben, mich glücklich gemacht zu haben? Du bist zu mir wie ein Engel vom Himmel gekommen. Wir liebten uns, wir haben unserer Liebe die Krone aufgesetzt; ich kann nicht Gott beleidigt haben. Von all meiner Unruhe bin ich befreit. Wir sind unserem Geschick gefolgt, indem wir der Natur gehorchten. Liebst du mich noch?« »Kannst du daran zweifeln? Heute Abend werde ich es dir beweisen.« Während wir fortwährend von unserer Liebe sprachen, zog ich mich so schnell wie möglich an. Sie blieb im Bett liegen, und ich bat sie, sich der Ruhe hinzugeben. Es war heller Tag, als ich nach Hause kam. Leduc war nicht zu Bett gegangen; er übergab mir einen Brief von der schönen Zeroli, indem er mir sagte, man habe ihn um elf Uhr gebracht. Ich hatte ihr Abendessen versäumt und hatte sie nicht nach Chambéry begleitet. Ich hatte keine Zeit gehabt, auch nur einen Augenblick an sie zu denken. Das tat mir leid, aber ich wußte nicht, was ich dabei machen sollte. Ich öffnete den Brief; er bestand nur aus sechs Zeilen, aber diese waren vielsagend. Sie riet mir, niemals nach Turin zu gehen, denn dort würde sie sich für den blutigen Schimpf, den ich ihr angetan hätte, zu rächen wissen. Sie warf mir vor, daß ich öffentlich meine Verachtung bekundet hätte; sie fühlte sich dadurch entehrt und würde mir niemals verzeihen. Mein Entschluß war schnell gefaßt: ich zerriß das liebenswürdige Briefchen, ließ mich frisieren und ging nach dem Brunnen. Alle Herren und Damen machten mir Vorwürfe, daß ich nicht an dem Souper der Madame Zeroli teilgenommen hätte. Ich verteidigte mich, so gut ich konnte, aber meine Entschuldigungen mochten wohl recht lahm sein, woraus ich mir übrigens wenig machte. Man sagte mir, man wisse alles; ich wußte, daß man nichts wußte, und das machte mir Spaß. Die Geliebte des Marquis hängte sich an meinen Arm und sagte mir ohne Umstände, ich stände im Rufe, unbeständig zu sein. Mit jener banalen Höflichkeit, die die gute Gesellschaft nun einmal verlangt, antwortete ich ihr, man werfe mir mit Unrecht solche häßliche Eigenschaft vor; sollte ich wirklich diesen Vorwurf einmal verdient haben, so sei es wohl nur deshalb, weil ich niemals die Ehre gehabt habe, einer so vortrefflichen Dame zu dienen, wie sie es sei. Ich sah, daß mein Kompliment ihr schmeichelte, und biß mir auf die Lippen, als sie mit der liebenswürdigsten Miene mich fragte, warum ich denn nicht zuweilen beim Marquis frühstücke. »Ich fürchte, ihn zu belästigen.« »Wieso denn?« »Ich würde ihn in seinen Beschäftigungen stören.« »Er hat keine, und Sie werden ihm ein großes Vergnügen bereiten, wenn Sie ihn besuchen. Kommen Sie doch morgen; er frühstückt immer in meinem Zimmer.« Die Dame war die Witwe eines vornehmen Herrn; sie war jung, unbestreitbar hübsch und beherrschte vollkommen den Ton der guten Gesellschaft. Trotzdem machte ich mir nichts aus ihr. Ich hatte soeben die schöne Zeroli besessen, und meine entzückende Nonne hatte meine höchsten Wünsche erfüllt; da war es mir denn erlaubt, wählerisch zu sein, übrigens hatte ich für vorübergehende Wünsche wirklich keinen Platz mehr. Trotzdem hatte ich mich dummerweise in die Notwendigkeit gesetzt, den Anschein zu erwecken, als sei ich ob der Bevorzugung sehr glücklich. Sie fragte den Marquis, ob sie nach dem Gasthof zurückgehen könne. »Ja,« antwortete er; »aber ich habe noch ein Geschäft zu erledigen und werde dich nicht begleiten können.« »Wollen Sie vielleicht die Güte haben, mich zu begleiten?« fragte sie mich. Ich machte eine Verbeugung. Unterwegs sagte sie mir: »Wenn Frau von Zeroli nicht abgereist wäre, würden Sie nicht gewagt haben, meinen Arm anzunehmen.« Ich konnte ihr nur ausweichend antworten, denn ich wollte mich in keine neue Liebesgeschichte einlassen. Trotzdem mußte ich sie notgedrungen auf ihr Zimmer begleiten und neben ihr Platz nehmen. Da ich aber die ganze Nacht nicht geschlafen hatte und mich langweilte, so gähnte ich einige Male, was für die Marquise nicht schmeichelhaft war. Ich entschuldigte mich, so gut ich konnte, indem ich ihr schwor, daß ich krank sei. Sie glaubte mir dies oder tat wenigstens so. Aber meine Müdigkeit war so groß, daß ich unfehlbar eingeschlafen sein würde, wenn ich nicht meine Zuflucht zu meiner Nieswurz genommen hätte; dank ihr blieb ich wach, indem ich beständig nieste. Der Marquis kam, machte mir tausend Komplimente und schlug mir eine Partie Quinze vor. Ich bat ihn, mich zu entschuldigen; Madame kam mir zu Hilfe und sagte, ich könne unmöglich spielen, wenn ich fortwährend auf eine solche geradezu gefährliche Art niese. Wir gingen zum Mittagessen in den Speisesaal; noch etwas ärgerlich über meinen Verlust von dem vorhergehenden Tage ließ ich mich leicht überreden, eine Bank zu halten. Wie gewöhnlich legte ich fünfhundert Louis auf. Gegen sieben Uhr sagte ich die letzte Taille an, obwohl meine Bank um zwei Drittel ihres Bestandes geschwächt war. Der Marquis und zwei andere gute Spieler bemühten sich nun, meine Bank zu sprengen; aber dies schien das Glück zu reizen: es wandte sich und begünstigte mich, und ich gewann nicht nur meinen Verlust zurück, sondern noch dreihundert Louis obendrein. Ich entfernte mich, indem ich der Gesellschaft versprach, am nächsten Tage weiterzuspielen. Die Damen hatten sämtlich gewonnen, weil Desarmoises den Auftrag hatte, sie niemals beim Spiel zurechtzuweisen, wenn sie meine Gutmütigkeit nur nicht zu sehr mißbrauchten. Nachdem ich mein Geld auf mein Zimmer gebracht und meinem treuen Spanier Bescheid gesagt, daß ich nicht nach Hause kommen würde, begab ich mich zu meinem Abgott. Ich kam ganz durchnäßt an, weil mich unterwegs ein Gewitterregen überraschte, und mußte mich daher gleich nach meiner Ankunft ausziehen. Die gute Bauersfrau übernahm es, meine Kleider zu trocknen. Ich fand meine schöne Nonne in ihrem Ordenskleide auf dem Ruhebett ausgestreckt. »Warum, mein Engel, hast du mich nicht in deinem Bett erwartet?« »Weil ich mich niemals besser befunden habe als in diesem Augenblick, liebes Herz; weil ich das Glück haben wollte, am Tisch dir gegenübersitzend mit dir zu speisen. Nachher werden wir uns zu Bett legen, wenn es dir Vergnügen macht.« »Mir? Sehr viel, wenn es dir Vergnügen macht.« »Ach! Ich bin verloren, ich werde ganz gewiß sterben, wenn ich von dir scheiden muß.« »Du brauchst nicht von mir zu scheiden, liebes Herz! Geh mit mir nach Rom, laß mich nur machen. Du wirst meine Frau, und wir werden glücklich miteinander leben und uns niemals verlassen.« »Ach, dies wäre ein zu großes Glück. Aber zu solchem Schritt könnte ich mich niemals entschließen. Sprich mir nicht mehr davon!« Da ich gewiß war, eine köstliche Nacht in ihrem Besitze zu verbringen, blieb ich mit ihr eine volle Stunde bei Tisch. Wir würzten unsere Speisen mit angenehmen Gesprächen. Als wir fertig waren, kam die Frau herein, gab ihr ein Päckchen und entfernte sich wieder, indem sie uns gute Nacht wünschte. »Was enthält denn dieses Paket?« »Mein Bild. Aber du darfst es erst sehen, wenn ich im Bett liege.« »Diese Laune muß ich dir hingehen lassen, obgleich es mich drängt, meine Neugierde zu befriedigen.« »Freilich ist es eine Laune; aber du wirst sie billigen.« Ich entkleidete sie mit meinen eigenen Händen, und sie ließ sanft wie ein Lamm alles mit sich machen. Als sie im Bett lag, öffnete sie das Päckchen und gab mir ein Porträt. Sie war darauf nackt dargestellt, vollkommen ähnlich und genau in derselben Stellung wie meine erste M. M. Ich lobte die Geschicklichkeit des Malers, der sie so ausgezeichnet kopiert, indem er nur die Farbe der Augen und der Haare geändert hätte. »Er hat nichts kopiert,« rief sie, »denn dazu hätte er keine Zeit gehabt. Er hat mir nur schwarze Augen gemacht, Haare wie die meinigen und ein reicheres Vließ. So kannst du jetzt sagen, daß du in einem einzigen Porträt das Bildnis deiner ersten und zweiten M. M. besitzest, um die du von rechtswegen die erste vergessen mußt. Diese ist auch in dem anständigen Porträt verschwunden, denn sieh! da ist sie als Nonne mit schwarzen Augen. In dieser Form kannst du mein Bild allen Leuten zeigen.« »Du kannst dir gar nicht denken, wie kostbar mir dieses Geschenk ist! Aber sage mir doch, mein Herz, wie hast du es angefangen, diesen köstlichen Plan so gut durchzuführen?« »Ich teilte ihn gestern morgen der Bäuerin mit. Sie sagte mir, sie hätte in Annecy einen Milchsohn, der Miniaturmaler wäre; aber sie würde sich seiner nur dazu bedienen, um die beiden Miniaturbilder nach Genf zum berühmtesten Porträtmaler zu schicken, der für vier oder fünf Louis die Metamorphose sofort vornehmen würde, denn die könnte in zwei oder drei Stunden gemacht werden. Ich habe ihr die beiden Kleinodien anvertraut, und es ist, wie du siehst, alles tadellos ausgeführt worden. Ohne Zweifel hatte sie sie gerade eben zurückerhalten; morgen kannst du von ihr selber die Einzelheiten dieser hübschen Geschichte erfahren.« »Diese gute Bäuerin ist ein ausgezeichnetes Weib. Ich werde ihr ihre Auslagen ersetzen. Aber sage mir jetzt, warum du mir das Bild nicht früher geben wolltest, als bis du im Bette lägest?« »Rate!« »Damit ich dich sofort in die Stellung bringen könnte, in der du abgebildet bist.« »Ganz recht.« »Ein ausgezeichneter Gedanke, den nur die Liebe dir hat einflößen können. Aber dafür mußt du jetzt warten, bis ich in demselben Zustande bin wie du.« Als wir beide im einfachen Naturzustande waren, wie Adam und Eva, bevor sie den verhängnisvollen Apfel gegessen hatten, brachte ich sie in die Stellung, in der sie auf dem Bilde gemalt war. Sie erriet bei meinem Anblick, was ich tun wollte, und öffnete ihre Arme zu meinem Empfang; aber ich sagte ihr, sie möchte noch einen Augenblick warten, denn ich hätte ebenfalls in einem Päckchen etwas, was ihr Vergnügen machen würde. Nun zog ich aus meiner Brieftasche ein Röckchen aus durchsichtiger Haut, ungefähr acht Zoll lang, vorne ohne Öffnung und am anderen Ende mit einem rosafarbenen Bändchen geschmückt. Ich reichte ihr dieses Säckchen, sie sah es an, bewunderte es, lachte herzlich und fragte mich, ob ich bei ihrer Schwester in Venedig mich ebenfalls solcher Röckchen bedient hätte. »Ich werde es dir selber anziehen, lieber Freund! Du kannst es dir gar nicht denken, wie glücklich es mich macht. Sage mir, warum hast du es nicht auch in der vorigen Nacht angewandt hast? Es scheint mir unmöglich zu sein, daß ich nicht empfangen haben sollte. Ach, wie unglücklich werde ich sein, wenn das der Fall ist! Was werde ich anfangen, wenn ich in vier oder fünf Monaten nicht mehr an meinem Zustande zweifeln kann?« »Liebe Freundin, hier gibt es weiter nichts, als nicht daran zu denken; denn wenn das Unheil einmal geschehen ist, so gibt es kein Mittel dagegen. Zudem kann ich dir sagen, daß wir nach der Erfahrung und auf Grund der bekannten Naturgesetze hoffen dürfen, daß unsere süßen Liebeskämpfe von gestern keine ärgerlichen Folgen haben werden. Man sagt, und viele Schriftsteller haben es bestätigt, daß eine Frau im Wochenbette nicht empfangen kann, bevor sie nicht wieder ein gewisses Merkmal gesehen hat, das sich, wie ich glaube, bei dir noch nicht gezeigt hat.« »Gott sei Dank, nein!« »Nun, so wollen wir denn alle Sorgen und alle Gedanken an eine böse Zukunft uns fern halten, denn damit könnten wir nur unser gegenwärtiges Glück beeinträchtigen.« »Ich bin schon vollkommen getröstet; aber ich begreife nicht, wie du heute etwas fürchten kannst, was du gestern nicht befürchtetest; denn ich bin heute nicht anders als gestern.« »Ereignisse, meine Liebe, haben zuweilen die Meinung der größten Ärzte auf grausame Weise zuschanden gemacht. Die Natur ist weiser als sie: sie hat ihre Regeln und ihre Ausnahmen; wir wollen uns hüten, sie herauszufordern, zugleich aber uns verzeihen, daß wir sie gestern herausgefordert haben.« »Es freut mich, daß du so vernünftig sprichst. Ja, seien wir vorsichtig, obgleich dies für mich ein Opfer ist! Vorwärts! Da hast du eine Haube wie eine Äbtissin! Aber so fein auch die Hülle ist, das Kerlchen gefiel mir viel besser, als es nackt war. Mir scheint, diese Metamorphose setzt dich herab – dich oder mich!« »Du hast recht, mein Engel – sie setzt uns beide herab, aber wir wollen in diesem Augenblick gewisse Gedanken lieber von uns fernhalten, durch die wir nur an Freuden einbüßen.« »Wir werden den Verlust bald wieder einholen! Laß mich jetzt einmal von meiner Vernunft Gebrauch machen, denn bis jetzt durfte ich ihr in solchen Dingen niemals die Zügel schießen lassen. Die Liebe hat dieses kleine Futteral erfunden; aber sie hat dabei auch gewiß die Stimme der Vorsicht gehört; mich dünkt, die Verbindung mit dieser hat ihr langweilig sein müssen; denn die Vorsicht ist ja nur eine Tochter der eigennützigen Schlauheit.« »Du überraschst mich durch die Richtigkeit deiner Bemerkung; aber, meine Liebe, wir wollen nachher darüber philosophieren.« »Warte noch einen Augenblick: ich habe noch niemals einen Mann gesehen und habe noch nie solche Lust gehabt, einen zu sehen. Vor zehn Monaten würde ich diese Dinger eine Erfindung des Teufels genannt haben, aber wenn mein häßlicher alter Buckeliger sich ein solches Futteral übergezogen hätte, würde er mich nicht in Gefahr gebracht haben, Ehre und Leben zu verlieren. Aber sage mir doch bitte, wie kommt es, daß man die Schneider, die diese Röckchen anfertigen, in Ruhe läßt? Sie müssen doch jedenfalls bekannt sein, und man hat sie gewiß hundertmal exkommuniziert oder mit harten Geldbußen belegt, vielleicht sogar mit Leibesstrafen, wenn sie Juden sind, wie ich glaube. Sieh mal, der Anfertiger von diesem hier hat dir schlecht Maß genommen. Schau doch nur, hier ist es zu weit, da zu eng; es macht ja beinahe einen Bogen! Was für ein Dummkopf, wie ungeschickt in seinem Handwerk! Aber was sehe ich denn da?« »Du machst mich lachen. Das ist deine Schuld. Fortwährend berührst du ihn, streichelst ihn – da mußte es natürlich so kommen. Ich hatte es mir gleich gedacht.« »Und du hast nicht einen Augenblick noch warten können? Aber du hörst ja gar nicht auf. Es tut mir sehr leid darum, lieber Freund. Aber du hast recht. O mein Gott! Wie schade!« »Der Schaden ist nicht groß, tröste dich.« »Wie sollte ich mich wohl trösten können? Ich Unglückliche! Sieh doch, er ist tot. Du lachst?« »Ja, über deine reizende Naivität. Du wirst in einem Augenblick sehen, daß deine Reize ihm ein neues Leben verleihen, das er nicht so leicht wieder verlieren wird.« »Das ist wunderbar, das ist unglaublich!« Ich zog das Futteral ab und reichte ihr ein anderes, das ihr besser gefiel, weil es mir nach ihrer Ansicht besser paßte. Sie lachte laut auf, als sie sah, daß sie es mir überziehen konnte. Sie kannte diese Wunder der Natur nicht. Ihr Geist, in engen Banden gehalten, hatte unmöglich die Wahrheit entdecken können, bevor sie mich kannte; kaum aber war er frei geworden, so hatte er mit der ganzen Schnelligkeit, zu der die Natur und eine brennende Neugier treiben, seine Grenzen erweitert. »Aber,« sagte sie, »wenn nun das Häutchen durch die Reibung zerreißt, wird dann nicht die ganze Vorsichtsmaßregel zwecklos?« Ich sagte ihr, daß ein solcher Unfall nicht leicht möglich sei, und erklärte ihr, aus welchem Stoff die Engländer diese Dinger anfertigen. Nach allen diesen Reden, die mich in meiner Ungeduld bereits ermüdeten, überließen wir uns der Liebe und dann dem Schlaf, und so immer abwechselnd bis zum Tagesanbruch. Als ich fort ging, sagte die Bauersfrau mir, der Maler habe vier Louis verlangt und zwei habe sie ihrem Milchsohn als Belohnung gegeben. Ich gab ihr zwölf und ging dann in mein Zimmer, nw ich bis zum Mittag schlief. Um das Frühstück des Marquis von Prié kümmerte ich mich nicht, doch hielt ich es für meine Pflicht, ihm Bescheid sagen zu lassen. Seine Geliebte schmollte mit mir während des ganzen Mittagmahls; doch besänftigte sie sich, als ich mich überreden ließ, eine Bank aufzulegen. Da ich jedoch sah, daß sie hoch spielte, ließ ich sie zwei- oder dreimal auf einen »Irrtum« aufmerksam machen, hierüber ärgerte sie sich dermaßen, daß sie mit ihrer schlechten Laune in einen Winkel des Saales ging. Ihr Freund gewann jedoch, und ich war im Verlust, als der schweigsame Herzog von Roxburgh mit seinem Hofmeister Smith und zwei Landsleuten von Genf ankam. Er trat auf mich zu, sagte How do you do und begann dann, ohne weiter ein Wort zu sagen, sich am Spiel zu beteiligen, wozu er auch seine Freunde aufforderte. Als ich am Ende der Taille meine Bank in den letzten Zügen liegen sah, schickte ich Leduc auf mein Zimmer, um mir meine Kassette holen zu lassen, der ich fünf Rollen von hundert Louis entnahm. Der Marquis von Prié sagte mir kalt, er gehe zur Hälfte mit, und ich bat ihn im gleichen Ton, zu gestatten, daß ich von seinem Anerbieten absehe. Er schien durch meine Weigerung sich nicht beleidigt zu fühlen, denn er fuhr fort, seine Einsätze zu machen. Als ich die Karten hinlegte und aufhörte, hatte er zweihundert Louis gewonnen, aber alle andern hatten verloren, besonders einer von den Engländern, so daß ich mich mit einem Gewinn von mehr als tausend Louis zurückzog. Der Marquis lud sich bei mir für den nächsten Vormittag zur Schokolade ein, und ich antwortete ihm, ich würde die Ehre haben, ihn auf meinem Zimmer zu erwarten. Nachdem ich meine Kassette wieder auf mein Zimmer hatte bringen lassen, ging ich nach dem Bauernhause; ich war mit meinem Tagewerk sehr zufrieden und hatte alle Lust, durch eine Liebesnacht dem Werke die Krone aufzusetzen. Ich fand einen Schatten von Traurigkeit auf den Zügen meiner Schönen und fragte sie nach der Ursache. Sie sagte mir, ein Neffe der Wirtin, der am Morgen von Chambéry gekommen sei, habe ihr gesagt, daß er von einer ihm bekannten Laienschwester desselben Klosters gehört habe, daß am übernächsten Tage in aller Frühe zwei Laienschwestern sich auf den Weg machen würden, um sie abzuholen; über diese traurige Nachricht habe sie viele Tränen vergossen. »Aber die Äbtissin wollte sie doch erst in ungefähr zehn Tagen schicken!« »Ohne Zweifel hat sie ihre Meinung geändert.« »Wir sind unglücklich selbst im Glück! Entschließe dich doch, werde mein Weib, geh mit mir nach Rom! Ich werde dich dort von deinem Gelübde entbinden lassen, und du kannst dich darauf verlassen, daß ich für dein Glück sorgen werde.« »Nein, mein Freund, ich habe genug gelebt; laß mich in das Grab zurückkehren.« Nach dem Essen sagte ich der Bäuerin, wenn sie sich auf die Verschwiegenheit ihres Neffen verlassen könne, solle sie ihn sofort nach Chambéry abgehen lassen, mit dem Befehl, in demselben Augenblick zurückzumarschieren, wo er erfahren würde, daß die Laienschwestern sich auf den Weg gemacht hätten. Er solle sich Mühe geben, zwei Stunden vor ihnen wieder einzutreffen. Die gute Frau sagte mir, ich könne mich darauf verlassen, daß der junge Mann verschwiegen sei und meine Befehle pünktlich ausführen werde. Nachdem ich hierdurch meine reizende Nonne beruhigt hatte, legte ich mich zu ihr ins Bett. Ich war verliebt, aber traurig. Unter dem Vorwande, daß sie Ruhe haben müsse, verließ ich sie schon um Mitternacht; in Wirklichkeit geschah dies, weil ich am Morgen in meinem Zimmer sein mußte, denn ich hatte mich ja verpflichtet, dem Marquis ein Frühstück zu geben. Dieser kam mit seiner Geliebten und mit zwei anderen Damen und deren Ehemännern oder Liebhabern. Ich beschränkte mich nicht darauf, ihnen Schokolade vorzusetzen, denn mein Frühstück bestand aus dem besten, was die Gegend liefern konnte. Als ich diese lästige Gesellschaft los war, befahl ich Leduc, mein Zimmer zu schließen und allen Leuten zu sagen, ich läge unwohl im Bett und könnte niemanden empfangen. Ferner sagte ich ihm, ich würde zwei Tage abwesend sein und er dürfe bis zu meiner Rückkehr das Zimmer nicht einen Augenblick verlassen. Nachdem ich dies alles angeordnet hatte, verließ ich das Haus, ohne von einem Menschen gesehen zu werden, und begab mich zu meiner schönen Geliebten. Ich war entschlossen, sie erst eine halbe Stunde vor der Ankunft der Laienschwestern zu verlassen. Als sie mich sah und von mir hörte, daß ich bis zu ihrer Abreise bei ihr bleiben würde, zitterte sie vor Freude, und wir beschlossen, nicht zu Mittag zu essen, sondern uns nur den Freuden der Liebe zu widmen und unsern Appetit für ein delikates Abendessen aufzusparen. »Nach dem Essen gehen wir zu Bett,« sagte sie zu mir, »und stehen erst auf, wenn der junge Bote uns die traurige Nachricht von dem Abmarsch der beiden Laienschwestern bringt.« Ich fand die Idee wundervoll und rief sofort die Bäuerin, um sie von unseren Entschlüssen in Kenntnis zu setzen. Sie lobte uns und versprach uns, wir könnten in aller Ruhe glücklich sein, denn sie würde über unsere Sicherheit getreulich wachen. Wir fanden die Stunden nicht zu lang; denn zwei leidenschaftlichen Verliebten fehlt es niemals an Stoff zur Unterhaltung, weil sie selber der Gegenstand ihrer Gespräche sind. Die Pausen füllten wir mit Liebkosungen aus; aber abgesehen davon haftete unserer Lage etwas so Feierliches und so Ernstes an, daß unsere Seelen und unsere Sinne beständig in Tätigkeit waren. Nachdem wir ein Abendessen eingenommen hatten, das der Tafel des Lukullus würdig war, verbrachten wir zwölf Stunden damit, uns gegenseitig Beweise der Liebe und Hingebung zu liefern; nach unseren Liebeskämpfen schliefen wir ein und erwachten nur, um unsere Angriffe sofort wieder zu beginnen. Am Morgen standen wir auf, um uns zu erfrischen; nachdem wir ein gutes Mittagessen zu uns genommen hatten, das wir mit einem köstlichen Burgunder anfeuchteten, legten wir uns wieder zu Bett; aber um vier Uhr kam die Bäuerin und sagte uns, die Laienschwestern würden gegen sechs Uhr da sein. Mit der Zukunft hatten wir uns nicht mehr zu beschäftigen, denn das Schicksal war entschieden. So überließen wir uns denn, vom gleichen Drange beseelt, den Liebkosungen des Abschiedes; die letzte besiegelte ich mit meinem Blute. Meine erste M. M. hatte es gesehen, meine zweite sollte es ebenfalls sehen. Sie erschrak darüber, aber ich beruhigte sie. Hierauf stand ich auf, nahm eine Rolle von fünfzig Louis und bat sie, mir diese aufzuheben, indem ich ihr versprach, ich würde sie vor Ablauf von zwei Jahren an dem Sprechgitter ihres traurigen Gefängnisses mir wieder abholen. Sie verstand mich und nahm das Geld. Die ganze letzte Viertelstunde vergoß sie Tränen, und ich selber hielt die meinigen nur zurück, um ihren Schmerz nicht noch zu vermehren. Ich schnitt ein Löckchen von ihrem Vließ und eine Locke von ihrem schönen Haar ab und versprach ihr, diese mein ganzes Leben lang auf meinem Herzen zu tragen. Dann ging ich, nachdem ich der Bäuerin noch gesagt hatte, daß sie mich am nächsten Morgen wiedersehen würde. Sobald ich in meinem Zimmer war, legte ich mich zu Bett. Am nächsten Tage ging ich bei Tagesanbruch auf die Straße, die nach Chambéry führt. Eine Viertelstunde von Aix sah ich meine Engelsnonne, die mit langsamen Schritten ihres Weges ging. Als die beiden Nonnen bei mir waren, baten sie mich im Namen Gottes um ein Almosen, und ich gab ihnen einen Louis. Aber meine Heilige sah mich nicht an. Mit wundem Herzen ging ich zu der guten Bäuerin; sie sagte mir, M. M. sei mit Tagesanbruch fortgegangen und habe ihr aufgetragen, mir zu sagen, daß sie mich am Sprechgitter erwarte. Ich umarmte die gute Frau und gab ihrem Neffen alles Silbergeld, das ich bei mir hatte. Hierauf ging ich nach Hause und ließ sofort meine Sachen auf meinen Reisewagen laden. Ich wäre im selben Augenblick abgereist, wenn ich Pferde gehabt hätte. Da ich diese aber erst um zwei Uhr bekommen konnte, so machte ich dem Marquis einen Abschiedsbesuch. Er war ausgegangen, aber seine Geliebte war allein zu Hause. Als ich sagte, daß ich um zwei Uhr abfahren würde, rief sie: »Sie werden nicht abreisen! Ich hoffe doch, Sie werden mir ein paar Tage nicht abschlagen!« »Ich weiß diese Ehre sehr wohl zu schätzen, aber eine Angelegenheit von der größten Wichtigkeit zwingt mich, so rasch als möglich abzureisen.« »Es ist unmöglich!« rief die Schöne. Mit diesen Worten trat sie vor einen Spiegel, um sich besser zu schnüren, was ihr Gelegenheit gab, mich einen prachtvollen Busen sehen zu lassen. Ich erriet ihre Absichten, beschloß aber, nicht darauf einzugehen. Sie setzte den einen Fuß auf das Kanapee, um ihr Strumpfband zu befestigen, und zeigte mir dabei ein tadellos geformtes Bein; hierauf trat sie auf den anderen Fuß und verschaffte mir einen halben Blick auf Schönheiten, die verführerischer waren als Evas Apfel. Ich war nahe daran, zu unterliegen, da trat der Marquis ein. Er schlug mir eine Partie Quinze zu kleinen Einsätzen vor; die Dame wünschte sich daran zu beteiligen, wie hätte ich also ausweichen können? Sie setzte sich neben mich, und ich hatte vierzig Louis verloren, als man uns meldete, daß das Essen aufgetragen sei. »Ich bin Ihnen zwanzig Louis schuldig,« sagte die Gnädigste zu mir. Wir gingen in den Speisesaal. Beim Nachtisch trat Leduc ein und meldete mir, daß mein Wagen vor der Tür stehe. Ich stand auf, aber Madame nötigte mich unter dem Vorwande, mir meine zwanzig Louis wiedergeben zu wollen, sie auf ihr Zimmer zu begleiten. Als wir dort allein waren, sagte sie mir in ernstem und bittendem Ton: wenn ich abreiste, wäre sie entehrt, denn die ganze Gesellschaft wüßte, daß sie sich verpflichtet hätte, mich zum Bleiben zu bewegen. »Bin ich denn eine Frau, die man gering schätzt?« fragte sie mich. Zugleich ließ sie mich auf dem Kanapee Platz nehmen. Hierauf begann sie dieselben Manöver wie am Vormittage und setzte mich bald instand, alles zu sehen. Der Anblick ihrer Reize erregte mich: ich lobte, streichelte, küßte. Sie ließ sich auf mich sinken, preßte ihren Mund auf den meinigen und strahlte vor Freude, als ihre sich verirrende Hand einen greifbaren Beweis von der Macht ihrer Reize fand. »Ich verspreche dir, morgen dein zu sein. Bleib!« Da ich nicht wußte, wie ich mich weigern sollte, so forderte ich sie auf, ihr Wort zu halten, und sagte ihr, ich würde ausspannen lassen. In demselben Augenblick trat der Marquis ein und sagte mir, er wolle mir Revanche geben. Ohne ihm zu antworten, ging ich die Treppen hinunter, wie wenn ich gleich wiederkommen würde. Ich verließ den Gasthof, stieg in meinen Wagen und fuhr ab, indem ich dem Postillon ein gutes Trinkgeld versprach, wenn er seine Pferde tüchtig galoppieren ließe. Drittes Kapitel Die Mädchen des Hausmeisters. – Das Horoskop. – Fräulein Roman. Der Gedanke an die traurige Figur, die die Geliebte des Marquis von Prié, der Marquis selber und vielleicht die ganze Gesellschaft, die es ohne Zweifel auf meine Kassette abgesehen, hatten spielen müssen, belustigte mich bis Chambéry, wo ich nur so lange anhielt, um die Pferde zu wechseln. In Grenoble, wo ich mich eigentlich etwa acht Tage hatte aufhalten wollen, fand ich schlechte Unterkunft; ich ließ daher mein Gepäck gar nicht erst abladen und ging nach der Post, wo ich mehrere Briefe fand, unter anderen auch einen von Frau von Urfé. Dieser enthielt als Einschluß einen Brief an einen Offizier, namens Valenglard, den sie mir als einen Gelehrten schilderte und der mich, wie sie schrieb, in alle guten Häuser der Stadt einführen würde. Ich suchte den Offizier auf. Er empfing mich sehr freundlich und sagte mir, nachdem er meinen Brief gelesen hatte, er stehe mir zu Diensten und werde mir bei allen meinen Wünschen behilflich sein. Valenglard war ein liebenswürdiger Herr in mittleren Jahren; vor fünfzehn Jahren war er der Freund der Frau von Urfé und noch viel mehr der ihrer Tochter, der Prinzessin von Toudeville, gewesen. Ich sagte ihm, ich hätte im Gasthof schlechtes Quartier gefunden, und der erste Dienst, den ich von ihm zu erwarten wagte, wäre die Beschaffung einer anständigen Unterkunft, wenn ihm eine solche bekannt wäre. Er rieb sich die Stirn und sagte dann: »Ich glaube, ich werde Sie in einem prachtvollen Hause unterbringen können; aber es liegt außerhalb der Stadt. Der Hausmeister ist ein ausgezeichneter Koch, und ich bin überzeugt, er wird Sie umsonst wohnen lassen, um den Vorteil zu haben, Ihre Küche zu besorgen.« »Das möchte ich aber nicht,« sagte ich. »Seien Sie unbesorgt, er wird sich an den Mahlzeiten schadlos halten; außerdem steht das Haus zum Verkauf und kostet ihm nichts. Wir wollen doch hingehen.« Ich nahm eine Wohnung von drei Zimmern und bestellte ein Abendessen für zwei Personen, indem ich den Hausmeister darauf aufmerksam machte, daß ich Feinschmecker sei und leckere Kost liebe und daß ich keineswegs geizig sei. Zugleich bat ich Herrn von Valenglard, er möchte die Güte haben, mit mir zu Abend zu speisen. Der Hausmeister sagte mir, wenn ich nicht mit ihm zufrieden wäre, so brauche ich es nur zu sagen; dann hätte ich ihm nichts zu bezahlen. Ich ließ meinen Wagen holen, und so war ich denn eingerichtet. Im Erdgeschoß fand ich drei reizende Mädchen und die Frau des Hausmeisters, die mich alle mit tiefen Verbeugungen begrüßten. Herr von Valenglard nahm mich mit in ein Konzert, um mich dort mit der ganzen Gesellschaft bekannt zu machen; ich bat ihn jedoch, mich niemandem vorzustellen. Wenn ich die Damen gesehen hätte, würde ich ihm diejenigen bezeichnen, die mir den Wunsch einflößten, sie kennen zu lernen. Die Gesellschaft war zahlreich, und es waren besonders viele Damen da; aber die einzige, die meine Blicke fesselte, war eine schöne Brünette von bescheidenem Wesen, sehr schönem Wuchs und sehr einfachem Anzug. Nachdem das reizende Gesicht ein einzigesmal einen bescheidenen Blick über mich hatte hingleiten lassen, sah sie mich nicht mehr an. In meiner Eitelkeit dachte ich zuerst, dies sei eine kokette List, um in mir den Wunsch nach ihrer Bekanntschaft zu erwecken und um mir Zeit zu lassen, die edlen Linien ihres Profils und ihrer schönen Körperformen, die ihr bescheidenes Kleid nicht verbarg, besser prüfen zu können. Erfolg gibt immer Zuversicht, und die Eitelkeit befindet sich stets im Einklang mit unseren Wünschen. Sofort warf ich mein Auge auf dieses Fräulein, wie wenn alle Frauen von Europa nur ein Serail gebildet hätten, das zu meinem Vergnügen bestimmt wäre. Ich sagte dem Baron, daß ich ihre Bekanntschaft zu machen wünschte, und er antwortete mir: »Sie ist anständig; sie empfängt niemals einen Menschen, obgleich sie arm ist.« »Dies sind drei Gründe, die meine Lust noch steigern.« »Es ist aber wirklich nichts zu machen.« »Das wünsche ich gerade.« »Da sehe ich ihre Tante; wenn das Konzert zu Ende ist, werde ich Sie vorstellen.« Nachdem er mir diese Ehre erwiesen hatte, begleitete er mich nach Hause zum Abendessen. Der Hausmeister-Koch schien mir ein Seitenstück zu Lebel zu sein. Er ließ mich bei Tisch von seinen beiden zum Anbeißen hübschen Töchtern bedienen, und ich sah Valenglard hocherfreut, daß er mich zu meiner Zufriedenheit untergebracht hatte. Aber er schalt, als er in fünf Gängen fünfzehn Schüsseln auftragen sah. »Der Mann«, sagte er zu mir, »macht sich über Sie oder mich lustig.« »Der Mann hat im Gegenteil meinen Geschmack erraten. Haben Sie nicht alle seine Speisen ausgezeichnet gefunden?« »Das kann ich nicht leugnen, aber ...« »Seien Sie unbesorgt, ich gebe gern viel Geld aus.« »Ich bitte um Verzeihung. Ich wünsche weiter nichts, als daß Sie zufrieden sind.« Wir hatten ausgezeichnete Weine und zum Nachtisch einen Ratafia, der besser war als der türkische, den ich vor siebzehn Jahren bei Jussuf Ali getrunken hatte. Als beim Schluß des Mahles mein Wirt hereinkam, sagte ich ihm in Gegenwart seiner Töchter: »Sie verdienen, der erste Koch Ludwigs des Fünfzehnten zu sein. Fahren Sie so fort, wie Sie angefangen haben, und machen Sie es, wenn möglich, noch besser; aber schicken Sie mir jeden Morgen die Rechnung für den Tag vorher.« »So ist es ganz richtig; denn dann weiß ein jeder, wie er steht.« »Ferner wünsche ich, daß Sie mir stets Gefrorenes geben, und daß Sie noch zwei Armleuchter mehr auf meine Tafel setzen lassen. Aber, wenn ich mich nicht irre, sehe ich da Talglichte. Ich bin Venetianer, mein Herr, und gewöhnt, nur Wachskerzen in meiner Wohnung zu haben.« »Daran ist Ihr Bedienter schuld, gnädiger Herr.« »Wieso?« »Er hat sich ein gutes Abendessen auftragen lassen und ist dann zu Bett gegangen, weil er krank sei, wie er sagte. So habe ich von ihm nichts über Ihre Gewohnheiten erfahren können.« »Gut. Morgen werden Sie alles von mir selber hören.« »Er hat meine Frau gebeten, Ihnen morgen früh Schokolade zu machen, die er ihr gegeben hat. Ich werde sie selber zubereiten.« Als er hinaus war, sagte Herr von Valenglard mit einer zugleich erstaunten und zufriedenen Miene zu mir, Frau von Urfé habe sich offenbar über ihn lustig gemacht, indem sie ihm meine Sparsamkeit gelobt habe. »Das hat sie aus gutem Herzen getan. Man muß ihr dafür dankbar sein. Sie ist eine ausgezeichnete Frau.« Wir blieben bis um elf Uhr bei Tisch, von tausend angenehmen Dingen plaudernd und unsere Gespräche mit dem göttlichen Likör von Grenoble belebend, von dem wir eine ganze Flasche leerten. Dieser ausgezeichnete Likör besteht aus Kirschensaft, Branntwein, Zucker und Zimmt und ist so delikat, daß der Nektar der Götter des Olymps ihn unmöglich hat übertreffen können. Ich ließ den Herrn Baron in meinem Wagen nach Hause fahren, nachdem ich ihm meinen Dank ausgesprochen und ihn gebeten hatte, während meines ganzen Aufenthalts in Grenoble von morgens bis abends mein Tischgenosse zu sein. Er versprach mir dies für alle Tage mit Ausnahme derjenigen, wo er auf Wache sein würde. Während des Abendessens hatte ich ihm meinen Wechsel auf Zappata gegeben, ich indossierte ihn mit dem Namen Seingalt, unter welchem Frau d'Urfé mich angekündigt hatte. Er ließ ihn mir am nächsten Tage diskontieren. Ein Bankier brachte mir vierhundert Louis; dreizehnhundert hatte ich in meiner Kassette. Ich hatte stets Furcht vor dem Sparen, und es machte mir das größte Vergnügen, wenn ich daran dachte, daß Herr von Valenglard der Frau von Urfé, die darauf versessen war, mir fortwährend Sparsamkeit zu predigen, über alles berichten würde. Ich hatte meinen Gast an den Wagen begleitet und war angenehm überrascht, als ich in mein Zimmer zurückkehrte und dort die beiden reizenden Töchter des Hausmeisters fand. Leduc hatte nicht erst meinen Auftrag abgewartet, um einen Vorwand zu finden, sich von seinem Dienst frei zu machen. Er kannte meinen Geschmack und wußte, daß ich ihn nicht gern um mich sah, wenn es in meiner Wohnung hübsche Mädchen gab. Das unschuldige Wesen, womit die beiden jungen Mädchen voll Eifers mich bedienten, ohne das geringste Mißtrauen zu zeigen und ohne im geringsten hübsch erscheinen zu wollen, brachte mich auf den Gedanken, sie zu überzeugen, daß ich ihr Vertrauen verdiente. Sie zogen mir die Schuhe aus, machten meine Haare zurecht und zogen mir in allen Ehren mein Nachthemd an. Als ich im Bett lag, wünschte ich ihnen eine gute Nacht und bat sie, mich einzuschließen und mir um acht Uhr meine Schokolade zu bringen. Indem ich über meinen gegenwärtigen Zustand nachdachte, mußte ich mir gestehen, daß ich mich vollständig glücklich fühlte. Ich genoß einer vollkommenen Gesundheit, stand in der Blüte des Alters, hatte keine Pflichten, war von keinem Menschen abhängig, reich an Lebenserfahrungen und besaß viel Gold, war glücklich im Spiel und stand in Gunst bei den Frauen, aus denen ich mir etwas machte. Ich hatte also nicht unrecht, wenn ich bei mir dachte: springe, Marquis! Den Unannehmlichkeiten und Verlegenheiten, die ich zeitweilig in meinem Leben durchgemacht hatte, waren so viele Tage des Glückes gefolgt, daß ich mir in jeder Beziehung zu meinem Geschick nur Glück wünschen konnte. Über diesen angenehmen Gedanken schlief ich ein und träumte die ganze Nacht nur von meinem Glück und von der schönen Brünetten, die im Konzert meine Neugier erregt hatte. Mit dem Gedanken an sie erwachte ich, und da ich gewiß war, ihre Bekanntschaft zu machen, so war ich neugierig, welche Erfolge ich bei ihr haben würde. Sie war anständig und arm, und da ich in meiner Art auch anständig war, so konnte sie meine Freundschaft nicht gering schätzen. Um acht Uhr kam eine von den Töchtern des Hausmeisters, brachte mir meine Schokolade und sagte mir, Leduc habe Fieber gehabt. »Da wird man den armen Jungen pflegen müssen.« »Meine Base hat ihm eine Tasse Fleischbrühe gebracht.« »Wie heißen Sie, Fräulein?« »Ich heiße Rose, und meine Schwester heißt Manon.« In diesem Augenblick trat Manon mit einem Hemde ein, woran sie die Spitzen ausgebessert hatte. Ich dankte ihr, und sie sagte mir errötend, daß sie ihren Vater sehr gut frisiere. »Das freut mich sehr, Fräulein, und es wäre mir recht angenehm, wenn Sie bis zur Wiederherstellung meines Bedienten auch für mich diese Gefälligkeit haben wollten.« »Sehr gern, mein Herr.« »Und ich«, sagte Rose lachend, »werde Sie rasieren!« »Dann holen Sie Wasser.« Ich stand in aller Eile auf, während Manon alles zurecht machte, um mich zu frisieren. Rose kam wieder zurück und rasierte mich ausgezeichnet. Als sie mich abgewaschen hatte, sagte ich zu ihr: »Sie müssen das Handgeld für meinen Bart bekommen!« Damit bot ich ihr meine Wange. Sie tat, als ob sie mich nicht verstände. »Sie würden mich kränken,« sagte ich freundlich, aber ernst, »wenn Sie sich weigern würden, mich zu küssen.« Sie entschuldigte sich mit einem anmutigen leisen Lächeln, indem sie sagte, das sei in Grenoble nicht Mode. »Nun, wenn Sie mich nicht küssen, werden Sie mich auch nicht mehr rasieren.« Der Vater trat gerade in dem Augenblick ein, als ich diese Worte sprach: er brachte mir meine Rechnung. Ich sagte zu ihm: »Ihre Tochter hat mich ausgezeichnet rasiert; nun aber will sie das Handgeld für meinen Bart nicht nehmen, weil das in Grenoble nicht Mode sei.« »Ei, du Gänschen! Das ist in Paris so Brauch. Du gibst mir doch auch einen Kuß, wenn du mich rasiert hast; warum solltest du gegen den Herrn weniger höflich sein?« Nun küßte sie mich mit einer unterwürfigen Miene, worüber Manon lachte. »Gut!« sagte der Vater, »du kommst auch an die Reihe, wenn der Herr frisiert ist.« Er war ein gescheiter Bursche, der das richtige Mittel erriet, um mich davon abzuhalten, an seiner Rechnung etwas auszusetzen. Aber er hätte das nicht nötig gehabt, denn ich fand die Rechnung ganz vernünftig. Da ich nichts abhandelte, ging er ganz freudestrahlend hinaus. Manon frisierte mich ebensogut wie meine teure Dubois, an die ich noch jetzt mit Vergnügen denke; als sie fertig war, küßte sie mich auf die Wange, ohne so viele Umstände zu machen wie Rose. Alle beide schienen mir recht vielversprechend zu sein. Sie gingen hinaus, als man mir den Bankier meldete. Dies war ein junger Mann; nachdem er mir vierhundert Louis aufgezählt hatte, sagte er, ich müsse mich in diesem Hause sehr glücklich fühlen. »Ei gewiß; die beiden Schwestern sind ja reizend.« »Ihre Base ist noch viel reizender. Sie sind anständige Mädchen.« »Und wie ich glaube, auch bemittelt.« »Der Vater hat zweitausend Franken Rente. Sie können sich einen Gatten aus dem Handelsstande aussuchen.« Ich war neugierig, diese Base zu sehen, die noch schöner sein sollte als die beiden Schwestern. Darum ging ich, sobald der Bankier fort war, hinunter, um meine Neugier zu befriedigen. Ich begegnete dem Hausmeister, fragte nach Leducs Zimmer und ging zu meinem Schlingel hinein. Ich fand ihn im Schlafrock in einem schönen Bette sitzen und mit rosigen Wangen, die nicht auf eine gefährliche Krankheit schließen ließen. »Was hast du denn?« »Nichts, gnädiger Herr. Ich lasse es mir wohl sein. Gestern bekam ich plötzlich Lust, krank zu sein.« »Und wodurch bekamst du diese Lust?« »Durch den Anblick dieser drei hübschen Grazien, die weit mehr wert sind als Ihre schöne Haushälterin, die sich von mir nicht umarmen lassen wollte. Übrigens läßt man mich ein bißchen lange auf meine Bouillon warten; ich werde ärgerlich werden müssen.« »Herr Leduc, Sie sind ein Flegel.« »Gnädiger Herr, wünschen Sie, daß ich gesund werde?« »Ich wünsche, daß diese Komödie aufhört; denn sie langweilt mich.« In diesem Augenblick ging die Tür auf, und die Base kam mit der Fleischbrühe herein. Ich fand sie entzückend und bemerkte, daß sie Leduc mit der Miene einer jungen Dame bediente, was ihr sehr gut stand. »Ich werde im Bett zu Mittag speisen,« sagte der Spanier. »Nach Ihrem Wunsch!« sagte das hübsche Mädchen und ging hinaus. »Das Mädel spielt die Prinzessin,« sagte Leduc; »aber sie imponiert mir nicht. Nicht wahr, gnädiger Herr, Sie finden sie hübsch?« »Ich finde dich unverschämt. Du benimmst dich wie ein Affe, und das gefällt mir nicht. Steh auf! Du wirst mich bei Tisch bedienen und darauf allein essen; dies wird dir die Achtung verschaffen, die ein anständiger Mann in jedem Stande verdient, wenn er seine Stellung nicht verkennt. Du wirst nicht mehr in diesem Zimmer wohnen; der Hausmeister soll dir ein anderes geben.« Draußen begegnete mir die schöne Base. Ich sagte ihr, ich wäre eifersüchtig auf die Ehre, die sie meinem Bedienten erwiese, und bäte sie daher, sie möchte sich nicht mehr die Mühe geben, ihn zu bedienen. »O mein Gott, das ist mir sehr angenehm.« Ich gab dem Hausmeister, der darüber zukam, meine Befehle und ging auf mein Zimmer, um zu schreiben. Vor dem Mittagessen kam der Baron und sagte mir, er komme gerade von der Dame, der er mich vorgestellt habe. Sie war die Frau eines Advokaten Morin und war die Tante der jungen Dame, die meine Neugier erweckt hatte. «Ich erzählte ihr,« fuhr er fort, »von Ihnen und von dem Eindruck, den ihre Nichte auf sie gemacht habe. Sie hat mir versprochen, sie holen zu lassen, und die junge Dame wird den ganzen Tag bei ihr bleiben.« Wir hatten ein Mittagessen, das dem Abendessen vom vorigen Tage glich, aber so viele Abwechselung bot, daß es einem Toten hätte Appetit machen können. Hierauf gingen wir zur Frau Morin, die mich mit dem leichten Anstand einer Pariserin empfing. Sie stellte mir ihre sieben Kinder vor. Ihre älteste Tochter, die weder hübsch noch häßlich war, war zwölf Jahre alt, sah aber aus, wie wenn sie vierzehn wäre; ich sagte ihr dies. Um mich zu überzeugen, daß sie mir die Wahrheit gesagt habe, holte die Mutter ein Register, worin das Jahr, der Monat, der Tag, ja sogar die Minute der Geburt eingetragen waren. Über eine so peinliche Genauigkeit erstaunt, hatte ich den Einfall, sie zu fragen, ob man ihr das Horoskop gestellt habe. »Nein, denn ich habe noch niemanden gefunden, der mir diese Gefälligkeit hätte erweisen können.« »Dazu ist immer noch Zeit,« sagte ich; »ohne Zweifel hat Gott gewollt, daß dieses Glück mir vorbehalten bliebe.« In diesem Augenblick trat Herr Morin ein. Seine Frau stellte ihn mir vor und kam dann, nachdem wir die üblichen Komplimente ausgetauscht hatten, wieder auf das Horoskop zu sprechen. Der Advokat sagte mir sehr verständig, die Astrologie sei eine, wenn nicht gänzlich falsche, so doch zum mindesten höchst verdächtige Wissenschaft; er habe die Schwäche gehabt, sich eine Zeitlang mit ihr zu beschäftigen, habe jedoch endlich erkannt, daß der Mensch nicht die Gabe besitze, in der Zukunft zu lesen; seitdem habe er sie aufgegeben und begnüge sich mit den unzweifelhaften Wahrheiten, die die Astronomie ihn lehre. Ich sah, daß ich es mit einem vernünftigen und kenntnisreichen Mann zu tun hatte, und dies freute mich; Valenglard jedoch, der an die Astrologie glaubte, griff ihn an. Während sie disputierten, schrieb ich verstohlen die Angaben über die Geburtsstunde des Fräulein Morin in mein Notizbuch ein. Herr Morin erriet, was ich machte, und lächelte gesenkten Hauptes. Auch ich erriet seine Gedanken, ließ mich jedoch nicht von meinem Vorhaben abbringen, sondern schrieb die Notiz zu Ende; denn seit fünf Minuten war ich entschlossen, Astrologe zu werden. Endlich kam die schöne Nichte. Ihre Tante stellte sie mir als ihre Schwestertochter Fräulein Roman-Couppier vor und sagte ihr darauf, ich hätte den lebhaften Wunsch, sie kennen zu lernen, seitdem ich sie im Konzert gesehen. Das schöne junge Mädchen war damals siebzehn Jahre alt. Ihre atlasweiche Haut war von einer blendenden Weiße, die durch ihr prachtvolles schwarzes Haar noch mehr hervorgehoben wurde. Die Züge ihres Gesichts waren vollkommen regelmäßig, ihre Wangen leicht gerötet; ihre schöngeschnittenen schwarzen Augen strahlten im lebhaftesten Glanz und waren zugleich unbeschreiblich sanft. Ihre Augenbrauen waren fein geschwungen; in ihrem kleinen Munde standen zwei Reihen ganz regelmäßiger Perlenzähne; auf ihren Lippen von zarter Rosenfarbe schwebte ein Lächeln voller Anmut und Schamhaftigkeit. Nachdem wir uns einige Augenblicke unterhalten hatten, wurde Herr Morin durch Geschäfte abgerufen. Man schlug mir eine Quadrille vor und fand mich außerordentlich unglücklich, als ich einen Louis verloren hatte. Ich erkannte in Fräulein Roman ein sittsames, vernünftiges und aufrichtiges Mädchen; ohne glänzen zu wollen, war sie von angenehmen und, was mir besonders gefiel, von ganz anspruchslosem Wesen. Sie war fröhlich, von sehr gleichmäßiger Laune, und ihre natürliche Klugheit veranlaßte sie, ein allzu schmeichelhaftes Kompliment oder einen Witz, den sie in ihren Jahren noch nicht verstehen durfte, scheinbar nicht zu beachten. Sie war sehr sauber gekleidet, aber es war nichts Überflüssiges an ihr, nichts, was auf Wohlhabenheit schließen läßt: keine Schuhschnallen, keine Ohrringe, keine Ringe, keine Uhr. Man konnte im eigentlichen Sinne des Wortes von ihr sagen, daß nur ihre Schönheit sie schmückte, denn sie trug keinen anderen Zierat, als um den Hals ein schwarzes Band, woran ein kleines goldenes Kreuz hing. Ihr Busen war wohlgeformt und nicht größer, als ein schöner Busen sein muß. Mode und Erziehung hatten sie daran gewöhnt, die Hälfte desselben mit der gleichen Unschuld sehen zu lassen, womit sie jedermann ihre weiße, fleischige Hand sehen ließ oder die Wangen, auf denen das Rot der Rose sich mit dem Weiß der Lilie vermählte. Ich beobachtete ihre Haltung, um womöglich zu sehen, ob für mich irgendwelche Hoffnung bestände; aber das war verlorene Mühe. Sie machte keine Bewegung und gab keine Antwort, woraus ich die geringste Hoffnung auf Erfolg hätte schöpfen können. Ebensowenig aber gab sie mir Anlaß zu einer gegenteiligen Annahme. Ihr Benehmen war so natürlich und so zurückhaltend, daß mir alle meine Beobachtungsgabe nichts nützte. Doch gab eine Freiheit, die ich beim Abendessen mir herausnahm, mir einen Schimmer von Hoffnung. Ihre Serviette war heruntergefallen. Ich bückte mich schnell, um sie aufzuheben, und als ich sie wieder über ihre Knie breitete, gab ich ihrem Schenkel einen verliebten Druck, ohne daß ihr Gesicht ein Zeichen der Mißbilligung verraten hätte. Erfreut über dieses Vorzeichen, lud ich die ganze Gesellschaft für den nächsten Tag zum Mittag- und Abendessen ein. Ich sagte zu Frau Morin, ich würde nicht ausgehen und sie würde mir daher ein Vergnügen machen, wenn sie sich meines Wagens bedienen wollte, der zu ihrer Verfügung stände. Nachdem ich Valenglard nach seiner Wohnung gebracht hatte, fuhr ich nach Hause und baute Luftschlösser, indem ich von der Eroberung des Fräulein Roman träumte. Nachdem ich dem Hausmeister und Koch Bescheid gesagt hatte, daß wir am nächsten Tage mittags und abends sechs Personen zu Tisch sein würden, ging ich zu Bett. Beim Auskleiden sagte Leduc zu mir: »Gnädiger Herr, Sie bestrafen mich. Aber es tut mir leid, in Wirklichkeit bestrafen Sie sich selber, indem Sie sich der Dienste der hübschen jungen Damen berauben.« »Du bist ein Schlingel!« »Das weiß ich, aber ich bin Ihr treuergebener Diener, und Ihr Vergnügen liegt mir ebensosehr am Herzen wie mein eigenes.« »Du bist ein guter Anwalt für dich selber; ich habe dich verzogen.« »Soll ich Sie morgen früh frisieren?« »Nein, du kannst alle Tage bis zu den Essenszeiten in der Stadt spazieren gehen.« »Da werde ich mir was Schönes holen!« »Ich werde dich ins Krankenhaus schicken.« »Eine schöne Aussicht, por Dios!« Leduc war keck, unverschämt, boshaft, liederlich, diebisch; aber er war zugleich auch gehorsam, ergeben, verschwiegen und treu. Seine guten Eigenschaften zwangen mich, über seine schlechten hinwegzusehen. Als Rose am nächsten Morgen meine Schokolade brachte, sagte sie mir lachend: »Ihr Bedienter hat sich eine Kutsche holen lassen. Nachdem er sich als großen Herrn angekleidet und den Degen an die Seite gesteckt hat, ist er ausgefahren, um Visiten zu machen, wie er sagte. Wir haben herzlich gelacht.« »Da haben Sie recht gehabt, liebenswürdige Rose!« Während ich diese Worte sagte, trat Manon unter irgendwelchem Vorwand ein. Ich sah, daß die beiden Schönen sich verabredet hatten, niemals unter vier Augen mit mir allein zu sein. Dies ärgerte mich; ich ließ mir jedoch nichts merken. Ich stand auf und hatte kaum meinen Schlafrock übergeworfen, als die Base mit einem Paket unter dem Arm hereinkam. »Ich bin entzückt, Sie zu sehen, Fräulein, besonders mit dieser hübschen lächelnden Miene, denn gestern waren Sie zu ernst für mich.« »Ich lache, weil Herr Leduc allem Anschein nach ein viel vornehmerer Herr ist als Sie; in seiner Gegenwart würde ich nicht gewagt haben, zu lachen; aber ich habe mich dafür schadlos gehalten, als ich ihn heute früh ganz mit Gold überdeckt in die Kutsche steigen sah.« »Hat er Sie lachen gesehen?« »Ja, wenn er nicht blind ist, gewiß!« »Er wird darob beleidigt sein.« »Das soll mich freuen!« »Sie sind reizend. Was haben Sie denn in diesem Paket?« »Etwas von unserer eigenen Mache. Sehen Sie: gestickte Handschuhe!« »Sie sind schön und tadellos gestickt. Wieviel kostet denn das ganze Päckchen?« »Feilschen Sie?« »Stets und sehr scharf!« »Gut, daß ich das weiß.« Nachdem die Mädchen sich einen Augenblick leise beraten hatten, nahm die Base eine Feder, zählte die Dutzende, rechnete zusammen und sagte endlich: »Mein Herr, das ganze kostet zweihundertundzehn Livres.« »Hier sind neun Louis, geben Sie mir sechs Franken heraus.« »Aber Sie haben mir gesagt, daß Sie feilschen!« »Sie haben unrecht getan, mir das zu glauben.« Sie wurde rot und gab mir die sechs Franken heraus. Rose und Manon rasierten und frisierten mich und nahmen mit der besten Miene ihren Handgeldkuß. Als ich auch der Base einen anbot, gab sie mir ihn auf den Mund und preßte dabei meine Lippen so stark, daß ich erriet, sie würde bei der ersten Gelegenheit mein sein. »Mein Herr,« fragte Rose mich, »werden wir das Vergnügen haben, Sie bei Tisch zu bedienen?« »Ich bitte Sie darum.« »Wir möchten jedoch gern wissen, wen Sie eingeladen haben, denn wenn es Offiziere von der Garnison sind – das sind so wüste Menschen, daß wir nicht wagen könnten, zu Ihnen hereinzukommen.« »Meine Gäste sind Frau Morin, ihr Mann und ihre Nichte.« »Ah, um so besser!« Die Base sagte zu mir: »Fräulein Roman ist das sittsamste und schönste junge Mädchen in Grenoble, aber es wird ihr schwer werden, einen Mann zu finden, denn sie hat nichts.« »Vielleicht findet sie einen reichen Mann, der ihre Tugend und ihre Schönheit auf eine Million schätzt.« »Solche Männer sind nicht häufig.« »Allerdings nicht; aber sie kommen doch vor.« Manon und die Base gingen hinaus, und so war ich allein mit Rose, die bei mir blieb, um mich anzukleiden. Ich machte einen Angriff auf sie; da ich jedoch ihre Verteidigung zu entschlossen fand, bat ich sie um Verzeihung, indem ich ihr versprach, es solle nicht wieder vorkommen. Als ich mit dem Anziehen fertig war, schenkte ich ihr einen Louis, dankte ihr und entließ sie. Sobald ich allein war, schloß ich mich ein und machte mich daran, das Horoskop anzufertigen, das ich der Frau Morin versprochen hatte. Mit leichter Mühe füllte ich acht Seiten mit gelehrten Schwindelphrasen; besondere Sorgfalt verwandte ich darauf, Ereignisse anzuführen, die dem jungen Mädchen bis dahin zugestoßen waren. Ich hatte bei der Unterhaltung am vorigen Tage in geschickter Weise einige Umstände ausgekundschaftet; das übrige schrieb ich so hin, wie es mir wahrscheinlich vorkam. Es fand sich, daß ich richtig geraten hatte, und nun zweifelte man nicht mehr an meinen Prophezeiungen. Übrigens wagte ich nichts dabei, denn alle meine Weissagungen waren mit einem »wenn« ausgestattet, und die »Wenn« waren stets die ganze Wissenschaft der Astrologen, einerlei, ob sie verrückt oder Betrüger waren. Ich las mein Horoskop sorgfältig durch und fand es blendend. Ich war gerade sehr glücklich aufgelegt, und die Übung, die ich in der Kabbala hatte, machte mir die Arbeit leicht. Gleich nach zwölf Uhr kamen alle meine Gäste an, und um ein Uhr setzten wir uns zu Tisch. Niemals habe ich ein prachtvolleres und köstlicheres Mahl gesehen; ich merkte, daß der Hausmeister ein Mann war, dessen Eifer mehr gezügelt als angespornt werden mußte. Frau Morin war sehr freundlich zu den drei Mädchen, die sie gut kannte; Leduc stand während der ganzen Mahlzeit hinter ihrem Stuhl und bediente sie mit großer Aufmerksamkeit; er war so reich gekleidet wie ein königlicher Kammerherr. Gegen Ende der Mahlzeit machte Fräulein Roman mir ein Kompliment über die drei Schönheiten, die ich in dieser Wohnung in meinen Diensten hätte: dies gab mir Gelegenheit, um von ihrer Kunstfertigkeit zu sprechen; und um gleich den Beweis zu liefern, stand ich auf und holte die Handschuhe, die ich ihnen abgekauft hatte. Fräulein Roman lobte ihre Güte und die Arbeit. Geschickt ergriff ich die Gelegenheit beim Schopfe und bat ihre Tante um die Erlaubnis, jeder von ihnen ein Dutzend anbieten zu dürfen. Nachdem diese Gunst mir bewilligt worden war, überreichte ich der Frau Morin mein Horoskop. Ihr Mann las es, und obgleich er nicht daran glaubte, mußte er es doch bewundern, denn es beruhte durchaus auf dem Einfluß der Planeten, wie sie im Augenblick der Geburt ihrer Tochter am Himmel standen. Wir sprachen einige Stunden lang von Astronomie und unterhielten uns dann ebenfalls einige Stunden damit, eine Quadrille zu spielen. Hierauf gingen wir in den Garten, um einen Spaziergang zu machen, und man war so höflich, mich in aller Freiheit mit der schönen Roman plaudern zu lassen. Unsere Unterhaltung oder eigentlich besser gesagt, mein Monolog, drehte sich nur um den tiefen Eindruck, den sie auf mich gemacht, um die starke Leidenschaft, die sie mir eingeflößt hätte, ferner um ihre Schönheit und Sittsamkeit und um die Reinheit meiner Absichten. Ich sagte ihr, sie müsse mich lieben, wenn ich nicht bis an mein Lebensende der unglücklichste aller Menschen sein sollte. Endlich sagte sie folgendes zu mir: »Mein Herr, wenn der Himmel bestimmt hat, daß ich mich verheiraten soll, so will ich Ihnen nicht verbergen, daß ich glücklich sein würde, wenn mein Gatte Ihnen gliche.« Ermutigt durch diese unschuldsvolle Erklärung, ergriff ich ihre Hand, bedeckte sie mit meinen Küssen und sagte ihr in leidenschaftlichem Tone, daß ich hoffe, sie werde mich nicht schmachten lassen. Sie wandte sich ab und suchte mit den Augen ihre Tante. Es begann zu dunkeln, und sie befürchtete etwas, das ihr allerdings sehr wohl hätte widerfahren können. Mit sanfter Gewalt zog sie mich mit sich fort, und bald waren wir wieder bei der Gesellschaft. Wir gingen in den Salon zurück, wo ich zu ihrer Ergötzung eine kleine Pharaobank auflegte. Frau Morin gab ihrer Tochter und ihrer Nichte Geld, denn sie hatten keinen Heller in der Tasche, und Valenglard gab ihnen beim Spiel so geschickte Weisungen, daß zu meinem größten Vergnügen jede der drei Damen zwei bis drei Louis gewonnen hatte, als wir aufhörten, um zu Abend zu essen. Wir saßen bis Mitternacht zu Tisch. Ein kalter Wind, der von den Alpen herblies, verhinderte mich, einen von mir vorgeschlagenen nächtlichen Spaziergang im Garten durchzusetzen. Frau Morin dankte mir tausendmal, und ich umarmte zum Abschied meine weiblichen Gäste mit ehrfurchtsvollstem Anstand. Da ich in der Küche singen hörte, wurde ich neugierig, ging hinein und fand Leduc in seinem Galakleide sternhagelbetrunken. Als er mich sah, wollte er aufstehen, er verlor jedoch das Gleichgewicht und fiel unter den Küchentisch, wo er das in Übermaß Genossene von sich gab. Man trug ihn in sein Bett. Ich hatte Lust, ein wenig zu schäkern, und ich glaubte, daß dieser komische Vorfall meiner Absicht günstig sein könnte; es wäre wohl auch der Fall gewesen, wenn die drei Grazien nicht als Gruppe aufgetreten wären. Nur unter vier Augen darf die Liebe scherzen, und dies ist auch der Grund, warum das Altertum den drei Grazien, die unzertrennlich waren, keine einzige Liebesgeschichte nachgesagt hat. Ich hatte noch nicht Gelegenheit gefunden, den drei jungen Mädchen, die mich bedienten, einzeln beizukommen, und durfte daher einen allgemeinen Angriff nicht wagen, denn dadurch hätte ich die Hoffnung verlieren können, die eine nach der anderen zu erobern. Rose war offenbar auf ihre schöne Base eifersüchtig, denn sie suchte jeden Blick aufzufangen, den wir miteinander wechselten. Dies war mir nicht unangenehm, denn aus Eifersucht entsteht Ärger, und aus dem Arger kann sich vieles entwickeln. Als ich im Bette lag, entließ ich sie, indem ich ihnen bescheiden gute Nacht wünschte. Am anderen Morgen kam Rose allein und verlangte von mir eine Tafel Schokolade, da Leduc, wie sie sagte, ernstlich krank wäre. Sie brachte mir meine Kassette, und als ich ihr die Tafel gab, ergriff ich ihre Hand und ließ sie fühlen, daß ich sie liebte. Beleidigt zog sie sofort ihre Hand zurück und ging hinaus. Eine Minute darauf kam Manon unter dem Vorwande, mir eine Spitzenmanschette zu zeigen, die ich bei meinen Angriffen am Abend vorher zerrissen hatte; sie fragte mich, ob sie sie ausbessern solle. Ich ergriff ihre Hand, um sie zu küssen, aber sie ließ mir keine Zeit dazu, sondern bot mir ihre vor Verlangen glühenden Lippen. Wieder ergriff ich ihre Hand, und sie war bereits an der Arbeit, als die Base eintrat. Manon hielt mir die Manschette vor die Augen und tat so, als ob sie auf meine Antwort warte. Ich sagte ihr in zerstreutem Ton, sie würde mir einen Gefallen tun, wenn sie sie ausbesserte, sobald sie Zeit dazu hätte. Sie ging hinaus. Aufgebracht über diesen doppelten Fehlschlag, dachte ich, daß die Base sich mir nicht verweigern würde, denn ich hatte ja durch ihren ersten Kuß am Tage vorher bereits eine Art Angeld erhalten. Ich bat sie, mir mein Schnupftuch zu geben, und nahm ihre Hand, indem ich sie sanft an mich zog. Ihr Mund sank auf meine Lippen und ihre Hand, die sie sanft wie ein Lamm mir überließ, war bereits in Bewegung, als die unglückselige Rose mit meiner Schokolade eintrat. Wir faßten uns beide augenblicklich, aber dieses neue Mißgeschick machte mich wütend. Ich schmollte mit Rose, und ich hatte ein Recht dazu wegen der Art und Weise, wie sie mich eine Viertelstunde früher zurückgewiesen hatte. Die Schokolade kam mir schlecht vor, obgleich sie ausgezeichnet zubereitet war; ich fand sie linkisch in der Bedienung und schalt sie rücksichtslos aus. Nachdem ich aufgestanden war, wollte ich mich nicht von ihr rasieren lassen, sondern tat dies selber; sie schien sich dadurch gedemütigt zu fühlen. Hierauf frisierte Manon mich. Rose und ihre Base gingen zusammen hinaus, wie wenn sie mir dadurch zu verstehen geben wollten, daß sie gemeinschaftliche Sache machten; es war jedoch leicht zu sehen, daß Rose weniger auf ihre Schwester als auf ihre Base eifersüchtig war. Als Manon gerade damit fertig war, mich anzukleiden, trat Valenglard ein. Der Offizier, der ein Mann von Ehre und gesunder Vernunft war, obgleich er an die Astrologie und an die abstrakten Wissenschaften glaubte, sagte mir, sobald wir allein waren, er fände mich ein wenig traurig, und wenn dies vielleicht daher käme, daß ich irgend welche Absichten auf die junge Roman hätte, so riete er mir, nicht mehr an sie zu denken, wenn ich mich nicht etwa entschlösse, sie zur Frau zu verlangen. Ich antwortete ihm, ich wäre entschlossen, Grenoble in wenigen Tagen zu verlassen und der Sache ein Ende zu machen. Wir aßen zusammen zu Mittag und gingen dann zu Frau Morin, bei der wir ihre schöne Nichte fanden. Frau Morin empfing mich mit einer Freundschaft, die mir schmeichelhaft war, und Fräulein Roman benahm sich gegen mich auf die liebenswürdigste Art. Dies ermutigte mich, sie zu umarmen und auf meinen Schoß zu ziehen. Die Tante lachte, die Nichte errötete; hierauf gab sie mir einen kleinen Zettel und entwand sich mir. Ich las das Jahr, den Tag, die Stunde und die Minute ihrer Geburt und erriet ihren Wunsch. Es bedeutete nach meiner Meinung nichts anderes, als wenn ich nichts zu hoffen hätte, wenn ich ihr nicht das Horoskop stellte. Sofort beschloß ich, mir dieses Mittel zunutze zu machen, und sagte ihr, ich wolle sehen, ob ich ihr diesen Gefallen tun könne, wenn sie am nächsten Tage zu mir kommen wolle; am Abend solle bei mir getanzt werden. Sie sah ihre Tante an, und mein Vorschlag wurde angenommen. Man meldete den »Russen«. Ich sah einen Mann in meinem Alter eintreten; er war sehr gut gewachsen, ein wenig pockennarbig und trug Reisekleider. Mit leichtem und edlem Anstand trat er auf Frau Morin zu, die ihn sehr freundlich empfing; er sprach sehr gewählt, sah mich kaum an und sagte zu der Nichte kein Wort. Gegen Abend kam Herr Morin; der Russe gab ihm eine kleine Phiole, die mit einer weißlichen Flüssigkeit gefüllt war; hierauf tat er, als ob er sich entfernen wollte, aber man lud ihn zum Abendessen ein. Bei Tisch wurde von seinem Wunderwasser gesprochen. Herr Morin erzählte mir, einen jungen Herrn, der von einer Billardkugel getroffen worden und sofort in Ohnmacht gefallen wäre, habe der Russe nur mit diesem Wasser eingerieben, und die Beule sei in drei Minuten verschwunden gewesen. Der Fremde sagte bescheiden, es sei nur eine Kleinigkeit, die er erfunden habe; er unterhielt sich mit Valenglard eifrig über Chemie. Ich konnte an ihrer Unterhaltung nicht teilnehmen, da ich mich nur mit der schönen Roman beschäftigte; die Hoffnung auf den nächsten Tag drängte jeden anderen Gedanken in mir zurück. Als ich Valenglard nach Hause brachte, sagte er mir, kein Mensch kenne diesen Russen, trotzdem aber werde er in allen Häusern gut aufgenommen. »Hat er Gefolge?« »Er hat nichts, keine Bedienten, kein Geld.« »Wie ist er hierher gekommen?« »Er ist vom Himmel gefallen.« »Eine schöne Herkunft jedenfalls! Ist er schon lange hier?« »Seit etwa vierzehn Tagen. Er macht Besuche; aber er verlangt von keinem Menschen etwas.« »Aber wovon lebt er denn?« »Man gibt ihm im Gasthof Kredit; man nimmt an, er erwarte von irgendwoher seine Bedienung und sein Gepäck.« »Aber man könnte annehmen, er sei ein Landstreicher.« »Nach einem solchen sieht er nicht aus, wie Sie bemerkt haben; übrigens lassen seine mit Diamanten besetzten Schuhschnallen einen solchen Verdacht nicht zu.« »Das stimmt allerdings – wenn die Edelsteine nicht falsch sind; denn mir scheint, er würde sie verkaufen, wenn sie echt wären.« Als ich wieder zu Hause war, bediente Rose mich allein; aber sie schmollte noch immer mit mir. Ich wollte sie in eine fröhliche und liebenswürdige Stimmung bringen; da ich jedoch Widerstand fand, bat ich sie, sich zu entfernen und ihrem Vater zu sagen, ich wolle am nächsten Tage im Gartensaal einen Ball und ein Abendessen für zwanzig Personen geben. Als am nächsten Morgen der Hausmeister mich um meine daraufbezüglichen Befehle bat, sagte ich ihm, es sei mein Wunsch, daß seine Mädchen tanzten, wenn es ihnen angenehm wäre. Bei dieser Einladung hellte sich Roses Gesicht auf; dies schien mir von guter Vorbedeutung zu sein. In dem Augenblick, als sie mit ihrem Vater hinausging, trat Manon ein und verlangte von mir einige Spitzen, die ich an diesem Tage tragen wollte. Ich fand sie sanft wie ein Lamm und verliebt wie eine Taube. Die Geschichte wurde glücklich zu Ende gebracht, aber wir wären beinahe von Rose überrascht worden, die mit Leduc eintrat und mich für ihn um Erlaubnis bat, ebenfalls mittanzen zu dürfen; er verspreche, sich artig zu betragen. Mir war es lieb, wenn alle sich fröhlich machten; darum gab ich meine Einwilligung, indem ich ihm sagte, er solle sich bei Rose dafür bedanken, daß sie ihm diese Gunst verschafft habe. Frau Morin schickte mir ein Briefchen, worin sie mich um die Erlaubnis bat, zu meinem Ball zwei befreundete Damen mit ihren Töchtern einladen zu dürfen. Ich antwortete ihr, sie würde mir ein Vergnügen machen, wenn sie nicht nur die Damen einlüde, sondern auch einige Herren, die ihr angenehm wären, denn ich hätte ein Abendessen für zwanzig Personen bestellt. Zu Mittag kam sie nur mit Valenglard und ihrer Nichte, da ihre Tochter ihre Toilette in Ordnung zu bringen hatte und ihr Mann bis zum Abend beschäftigt war. Sie versicherte mir, wir würden eine zahlreiche Gesellschaft haben. Die schöne Roman trug dasselbe Kleid wie alle anderen Tage; aber sie bedurfte keiner Toilettenkünste, um blendend schön zu sein. Neben dem Stuhl stehend, auf welchem ich saß, fragte sie mich, ob ich an ihr Horoskop gedacht hätte. Ich ergriff ihre Hand, zog sie auf meinen Schoß und versprach ihr, sie solle es am nächsten Tage erhalten. In dieser Stellung, mit meinem linken Arm ihre göttlichen Hüften umschlingend, preßte ich heiße Küsse auf ihre köstlichen Lippen, die sie nur öffnete, um mich zu bitten, ich möchte mich doch mäßigen. Sie war mehr erstaunt als erschreckt, als sie mich zittern sah; sie verteidigte sich mit Erfolg und verlor nicht einen Augenblick die Fassung. Sie blieb vollkommen heiter und wandte trotz der Glut meiner Blicke die ihren nicht einen Augenblick von meinem Gesicht ab. Ihren Bitten nachgebend, tat ich mir Gewalt an; und als sie mich ruhig sah, drückten ihre Augen die Befriedigung aus, die das Gefühl verleiht, mit Hilfe der Vernunft über einen großmütigen Feind einen Sieg davongetragen zu haben. Mein Schweigen war eine Anerkennung der Tugend eines himmlischen Wesens, dessen Schicksal durch eine jener seltsamen Fügungen des Zufalls, die die Philosophie vergebens zu erklären sucht, durch mich bestimmt werden sollte. Frau Morin setzte sich nun zu uns und bat mich um einige Erklärungen zu dem Horoskop ihrer Tochter. Ferner sagte sie mir, sie habe nur zwei Briefchen zu schreiben gebraucht, um mir für meinen Ball vier Schönheiten zu verschaffen. »Ich werde nur eine einzige sehen!« antwortete ich, indem ich ihre Nichte anblickte. »Gott weiß,« fiel Valenglard ein, »was für Mutmaßungen man morgen darüber in Grenoble anstellen wird.« »Man wird sagen,« bemerkte Frau Morin zu ihrer Nichte, »man hat auf deiner Hochzeit getanzt.« »Ja, gewiß wird man von meinem prachtvollen Kleid, von meinen Spitzen, von meinen Diamanten sprechen,« sagte die Nichte mit einem anmutigen und bedeutungsvollen Lächeln. »Man wird von Ihrer Schönheit sprechen!« rief ich voll Gefühl, »von Ihrem Geist und von Ihrer Sittsamkeit, die den Mann, der Sie einmal erringt, glücklich machen wird!« Man schwieg, denn jeder glaubte, ich spräche von mir selber. Aber ich dachte nicht daran. Wenn ich nur gewußt hätte, wie ich es anfangen könnte, hätte ich ihr gern fünfhundert Louis angeboten; nur wäre es schwierig gewesen, die Bedingungen festzuhalten, und für eine Kleinigkeit hätte ich das Geld nicht hergeben mögen. Wir gingen in mein Schlafzimmer. Während Fräulein Roman sich damit unterhielt, die wertvollen Sachen und Kleinodien zu betrachten, die auf meinem Waschtisch lagen, sahen ihre Tante und Valenglard sich die Bücher an, die ich auf meinem Nachttisch liegen hatte. Plötzlich sah ich Frau Morin an das Fenster treten und aufmerksam einen Gegenstand betrachten, den sie in der Hand hielt. Ich erinnerte mich, daß ich das Porträt meiner schönen Nonne auf dem Tische hatte liegen lassen. Schnell trat ich auf sie zu und bat sie, sie möchte mit das unanständige Bild wiedergeben, das ich unvorsichtigerweise hätte liegen lassen. »Die Unanständigkeit ist nicht so arg; verblüfft hat mich nur die vollkommene Ähnlichkeit.« Sofort begriff ich. Ich erzitterte ob meiner ungewollten Unvorsichtigkeit und sagte: »Gnädige Frau, es ist das Porträt einer Venetianerin, die ich sehr geliebt habe.« »Ich glaube es. Aber es ist eigentümlich: die beiden M., das religiöse Gewand, das der Liebe geopfert ist – alles trägt dazu bei, meine Überraschung zu vermehren.« »Sie ist Nonne und heißt M. M.!« »Und eine entfernte Verwandte, die ich in Chambéry habe, heißt ebenfalls M. M. und ist Nonne desselben Ordens wie die Ihrige. Ja, noch mehr, sie hat sich, um von einer Krankheit geheilt zu werden, in Aix aufgehalten, woher Sie kommen.« »Und das Porträt sieht ihr ähnlich?« »Wie ein Tropfen Wasser dem anderen.« »Das ist in der Tat eigentümlich! Es hätte mir Vergnügen gemacht, sie zu sehen.« »Wenn Sie wieder nach Chambéry kommen, machen Sie ihr doch einen Besuch und bringen Sie ihr einen Gruß von mir; Sie werden gut aufgenommen werden und werden ebenso überrascht sein wie ich.« »Ich verspreche Ihnen, diesen Besuch zu machen, gnädige Frau, aber erst auf meiner Rückreise von Italien. Doch werde ich ihr dieses Porträt, das ihr ärgerlich sein würde, nicht zeigen. Ich werde es überhaupt sorgfältig verschließen.« »Ich bitte Sie, es niemanden sehen zu lassen.« »Darauf können Sie sich verlassen.« Ich war seelenvergnügt, sie auf so leichte Weise von der richtigen Spur abgelenkt zu haben. Um acht Uhr waren alle Gäste beisammen, und ich sah in meinem Salon die hübschesten Frauen und die feinsten Kavaliere von Grenoble. Lästig waren mir nur die Komplimente, mit denen man mich überhäufte, und mit denen man ja in der Provinz so verschwenderisch umgeht. Ich eröffnete den Ball mit der Dame, die mir von Valenglard bezeichnet wurde; hierauf tanzte ich der Reihe nach mit allen anderen Damen. Sämtliche Kontertänze aber tanzte ich mit der schönen Roman, die gerade wegen der Einfachheit ihres Anzuges vor allen anderen glänzte – wenigstens in meinen Augen. Nach einem Kontertanz, der mich sehr erhitzt hatte, ging ich auf mein Zimmer, um einen leichteren Rock anzuziehen. Als ich gerade damit beschäftigt war, trat die hübsche Base ein und fragte mich, ob ich etwas brauchte. »Ich brauche Sie, mein schönes Kind!« rief ich, indem ich auf sie zueilte und sie in meine Arme schloß. »Hat man Sie hier hineingehen sehen?« »Nein, ich komme von oben, und meine Basen sind unten im Saal.« »Vortrefflich, meine Liebe! Sie kommen wie gerufen, und der Augenblick ist günstig, um Ihnen meine Zärtlichkeit zu beweisen.« »Um Gotteswillen, was machen Sie? Nein, lassen Sie mich, es kann jemand kommen. Löschen Sie die Kerze aus.« Ich blies das Licht aus und verschloß die Tür. Da ich ganz voll war von der schönen Roman, fand die Base mich so, wie ich mit jenem entzückenden Wesen gewesen sein würde. Übrigens muß ich gestehen, daß die Nichte des Hausmeisters schön genug war, um ganz allein zärtliche Begierden zu erwecken. Ich fand sie vollkommen, und vielleicht war sie besser, als die unerfahrene Roman gewesen wäre. Trotz meiner Glut war sie von mir befriedigt und hatte soviel Selbstbeherrschung, mich zu bitten, ich möchte sie schonen. Ich tat es; aber es war die höchste Zeit. Ich wollte noch einmal beginnen, aber sie hatte Angst, unsere Abwesenheit könnte von ihren argwöhnischen Freundinnen bemerkt werden. Sie gab mir noch einen Kuß und lief hinaus. Ich ging wieder in den Tanzsaal, und dort tanzten wir, bis der König aller Hausmeister mir meldete, die Mahlzeit sei angerichtet. Ein Imbiß, aus den leckersten Speisen bestehend, die die Gegend und die Jahreszeit bieten konnten, bedeckte den ganzen Tisch; am meisten aber gefiel besonders den Damen die riesige Menge von Kerzen, mit denen der Speisesaal auf kunstvolle Art ausgeschmückt war. Ich setzte mich mit den älteren Herrschaften an einen besonderen kleinen Tisch und empfing von ihnen allen die dringendsten Einladungen, den Herbst in ihrer Stadt zu verbringen. Ich bin überzeugt, ich wäre sehr gefeiert worden, wenn ich angenommen hätte; denn der Adel von Grenoble bildet eine ausgewählte Gesellschaft. Ich sagte ihnen, es würde mir das größte Vergnügen machen, ihren Einladungen nachzukommen, und es würde mir dann eine besondere Freude sein, die Familie eines berühmten Namens kennen zu lernen, die ein guter Freund meines Vaters gewesen wäre. »Was ist dies für eine Familie?« fragten mich alle zugleich. »Die Familie Bouchenu de Valbonnais.« »Der Herr war mein Oheim! Ach mein Herr, kommen Sie doch zu uns. Sie haben mit meiner Tochter getanzt. Sagen Sie mir doch bitte, wie hieß Ihr Vater?« Diese Fabel, die ich ohne Vorbedacht auftischte, indem ich einem Hange meines Geistes folgte, der sich oft ohne mein Wollen meiner Zunge bediente und dem ich dann ehrenhalber mit meiner Logik zu Hilfe kommen mußte, machte in den Augen aller dieser braven Leute, die ich ohne es zu wollen zum besten hielt, eine Art Wundertier aus mir. Nach kurzer Zeit sah ich Frau Molin, ihre Nichte und den Baron von Valenglard in den Garten gehen, und ich folgte ihnen. Wir spazierten in dem hellen Mondschein, und ich führte die schöne Roman in einen Laubgang. Aber was ich auch sagen mochte, um sie zu verführen, alle meine Mühe war vergebens. Ich hielt sie mit meinen Armen umschlungen und bedeckte sie mit den heißesten Küssen; aber ihr Mund gab mir nicht einen einzigen zurück, und ihre schönen Hände waren stärker als die meinigen, indem sie meinen kühnen Angriffen unüberwindliche Hindernisse entgegensetzten. Als ich schließlich dennoch zuletzt durch Überraschung in den Vorhof des Tempels gelangte und mich in einer Stellung befand, die jeden Widerstand nutzlos gemacht haben würde, versteinerte sie mich plötzlich, indem sie in einem engelhaften Ton, dem ein zartfühlender Mann niemals hat wiederstehen können, zu mir sagte: »Ach, mein Herr, seien Sie mein Freund und richten Sie mich nicht zugrunde.« Ich kniete vor ihr nieder, ergriff ihre Hand, bat sie um Verzeihung und schwor ihr, ich würde niemals wieder solche Angriffe auf sie machen. Dann stand ich auf und bat sie, mir als Zeichen ihrer Verzeihung einen Kuß zu geben. Es war der erste und einzige, den ihre reine Seele mir sofort bewilligte. Wir begaben uns wieder zu ihrer Tante und kehrten dann wieder in den Tanzsaal zurück; was ich aber auch tat, um mich zu beruhigen, ich fühlte, daß es mir nicht möglich war, meine Wut zu beherrschen. Ich setzte mich in eine Ecke des Saales; als Rose bei mir vorbeikam, bat ich sie, mir eine Limonade zu holen. Als sie mir diese brachte, machte sie mir sanfte Vorwürfe, daß ich weder mit ihr und ihrer Schwester noch mit ihrer Base getanzt hätte; man werde sich daher in der Stadt keinen guten Begriff von ihnen machen. »Ich bin ermüdet,« antwortete ich ihr, »aber wenn du mir versprechen willst, gut zu sein, werde ich mit dir ganz allein ein Menuett tanzen.« »Was muß ich tun?« »Erwarte mich in meinem Schlafzimmer ohne Licht, wenn deine Schwester und deine Base beim Kontertanz sind.« »Und Sie werden nur mit mir allein tanzen?« »Ich schwöre es dir.« »Ich werde kommen.« Ich fand sie feurig und wurde vollauf befriedigt. Um ihr Wort zu halten, wartete ich bis zum letzten Menuett, denn anstandshalber hätte ich nach meinem Tanz mit Rose es nicht vermeiden können, auch mit den anderen zu tanzen, da ich gegen diese dieselben Verpflichtungen hatte. In der Morgendämmerung begannen die Damen sich zu entfernen. Ich ließ die Morinschen Damen in meinem Wagen Platz nehmen und sagte ihnen, ich würde nicht die Ehre haben, sie im Laufe des Tages zu sehen; aber wenn sie mir den Vorzug schenken wollten, den ganzen folgenden Tag bei mir zu verbringen, würde ich ihnen das gewünschte Horoskop geben. Ich ging in die Küche, um dem braven Hausmeister dafür zu danken, daß ich mich als glänzenden Wirt aufspielen konnte; ich fand dort die drei Nymphen, die sich ihre Taschen mit Zuckerwerk vollstopften. Er sagte ihnen lachend, in Gegenwart des Herrn könnten sie mit ruhigem Gewissen stehlen, und ich ermunterte sie, sich recht reichlich zu versehen. Nachdem ich ihm gesagt hatte, ich würde erst um sechs Uhr zu Mittag speisen, legte ich mich zu Bett. Gegen Mittag stand ich auf, und da ich mich frisch und munter fühlte, machte ich mich daran, das Horoskop fertigzustellen. Ich beschloß, der schönen Roman folgendes zu sagen: Das Glück erwarte sie in Paris. Sie werde dort die Geliebte ihres königlichen Herrn werden, aber der Herrscher müsse sie sehen, bevor sie das achtzehnte Lebensjahr erreicht habe, denn nach diesem Alter werde ihr Schicksal eine andere Wendung nehmen. Um meiner Prophezeiung einen besonderen Anstrich von Wahrheit zu geben, erwähnte ich mehrere erstaunliche Ereignisse, die ihr bis zu ihrem damaligen Alter von siebzehn Jahren zugestoßen waren. Ich hatte dies von ihr selber oder von ihrer Tante vernommen, ohne mir merken zu lassen, daß ich auf ihr Gespräch achtete. Mit Hilfe einer astronomischen Zahlentabelle und eines anderen alten Schmökers, der nur von Astronomie handelte, machte ich in sechs Stunden die Niederschrift und Abschrift eines Horoskops für Fräulein Roman. Es war so geschickt abgefaßt, daß Valenglard und sogar Herr Morin ganz verblüfft waren. Die beiden Damen aber waren in heller Begeisterung darüber. Ich hoffte, man würde mich bitten, selber das schöne Juwel nach Paris zu bringen, und ich war durchaus nicht abgeneigt, ihre Bitte zu erfüllen. Ich schmeichelte mir mit der Hoffnung, man würde meine Mitwirkung für notwendig halten und würde, wenn nicht aus Liebe, so doch aus Dankbarkeit mir meine Wünsche erfüllen. Ja, wer weiß, ob ich mich nicht sogar mit dem Gedanken trug, daß aus diesem herrlichen Unternehmen irgendein großes Glück für mich entstehen müßte. Der Monarch mußte sich auf den ersten Blick in sie verlieben – daran zweifelte ich nicht. Welcher Verliebte bildet sich nicht ein, daß die Angebetete alle Männer entflammen müsse? Im Augenblick war ich allerdings eifersüchtig darauf, aber ich kannte meine Unbeständigkeit ganz genau und war daher sicher, daß ich nicht mehr eifersüchtig sein würde, sobald ich des ersehnten Glückes genossen hätte, und ich wußte, daß Ludwig der Fünfzehnte in dieser Hinsicht durchaus nicht wie ein Türke dachte. Einen beinahe göttlichen Anschein erhielt meine Prophezeiung dadurch, daß sie die Geburt eines Sohnes in Aussicht stellte, der Frankreich beglücken werde. Dieser konnte nur aus königlichem Blute und aus einem auserlesenen Gefäß hervorgehen, wenn es durch eine Verknüpfung rein menschlicher Umstände in die Hauptstadt gelangte. Die höchste Freude bereitete mir ein lächerlicher Gedanke, nämlich der Gedanke, in einem Zeitalter, wo die Vernunft und die Philosophie mit Recht die Astrologie in Verruf gebracht hatten, mir als Astrologe Ruhm zu erwerben. Mich entzückte die Vorstellung, daß alle gekrönten Häupter, welche solchen hohlen und abergläubischen Gedanken zugänglich sind, sich um mich bewerben würden, und daß ich in meinem Alter keinem derartigen Rufe mehr folgen würde. Wer baute nicht seine Luftschlösser! Hätte die Roman statt eines Knaben ein Mädchen zur Welt gebracht, so würde ich darüber gelacht haben, und es brauchte ja darum nicht alles verloren zu sein, denn ein Sohn konnte noch hinterher kommen. Mein Horoskop sollte nur dem Fräulein und ihrer Familie bekannt werden, und diesen mußte am allermeisten an der Bewahrung des Geheimnisses liegen. Nachdem ich es fertig geschrieben und wiederholt gelesen hatte, war ich überzeugt, ein kleines Meisterwerk geschaffen zu haben. Ich speiste im Bett in Gesellschaft meiner drei Nymphen. Da ich zu allen dreien höflich, liebenswürdig, freundlich und liebkosend war, so waren sie glücklich, und ich auch. Oder vielmehr, ich war glücklicher als sie; aber für diesen Tag bedurfte ich der Ruhe. Am nächsten Tage kam Herr von Valenglard in aller Frühe und sagte mir, kein Mensch hege die Vermutung, daß ich in die schöne Roman verliebt sei, dagegen habe man mich im Verdacht, die drei Mädchen meines Wirtes zu lieben. »Es schadet nichts, wenn man die Leute bei diesem Glauben läßt,« antwortete ich, »denn die Mädchen sind wohl der Mühe wert; freilich lassen sie sich nicht mit einer jungen Dame vergleichen, die nicht ihresgleichen hat, wohl aber dazu geschaffen scheint, mich zur Verzweiflung zu bringen.« »Erlauben Sie mir, für Frau von Urfé einen kleinen Roman aus dieser Geschichte zu machen?« »Sie werden mir einen großen Gefallen damit tun.« Zum Mittag kamen Herr und Frau Morin mit ihrer Nichte; wir verbrachten vor Tisch eine Stunde damit, das Horoskop zu lesen. Den Ausdruck des Erstaunens beschreiben zu wollen, der sich auf den vier verschiedenen Gesichtern malte, wäre unmöglich. Die interessante Roman war sehr ernst; sie wußte nicht, ob sie eigenen Willen haben durfte, und hörte darum zu und sagte kein Wort. Herr Morin sah mich von Zeit zu Zeit an; er wagte nicht laut heraus zu lachen, da er mich ernst sah. Auf Valenglards Gesicht stand Fanatismus und Begeisterung geschrieben. Auf Frau Morin schien die Prophezeiung den Eindruck eines übernatürlichen Wunders zu machen, sie fand es keineswegs übertrieben, sondern sagte, ihre Nichte verdiene allerdings mehr als die bigotte Maintenon, die Gattin oder die Geliebte des Herrschers zu werden. »Die Maintenon,« sagte sie, »wäre niemals etwas geworden, wenn sie nicht Amerika verlassen hätte und nach Frankreich gegangen wäre; und wenn meine Nichte nicht nach Paris geht, so wird man das Horoskop nicht der Lüge beschuldigen können. Es handelt sich also für sie darum, dorthin zu reisen; aber wie wäre dies möglich zu machen? Die Reise ist geradezu eine Unmöglichkeit. In der Prophezeiung der Geburt eines Sohnes liegt etwas Göttliches, Hinreißendes. Natürlich kann ich nichts Bestimmtes vorher sagen, aber meine Nichte hat mehr Ansprüche als die Maintenon, um von einem König geliebt zu werden: sie ist jung und sittsam, die Maintenon war schon in älteren Jahren und hatte tüchtig über die Schnur gehauen, bevor sie fromm wurde. Aber die Reise wird sich in Dunst auflösen.« »Nein,« rief Valenglard mit einer wirklich komisch ernsten Miene, »die Reise wird stattfinden! Denn das Geschick muß sich erfüllen.« Die schöne Roman war ganz sprachlos. Ich ließ sie alle reden, und wir setzten uns zu Tisch. Anfangs aßen wir schweigend; dann wurde von tausend Nichtigkeiten gesprochen, wie es in allen Gesellschaften üblich ist, hierauf fiel die Unterhaltung, wie ich vorausgesehen hatte, wieder auf den Gegenstand, der alle Gedanken beschäftigte. »Nach dem Horoskop,« sagte die Tante, »soll der König sich in meine Nichte vor ihrem achtzehnten Jahre verlieben. Sie ist von diesem Tage nicht mehr weit entfernt. Wie sollen wir es also anfangen? Wo sind hundert Louis, über die wir für eine solche Reise verfügen müßten? Kann sie denn, in Paris angekommen, einfach zum König hingehen und zu ihm sagen: Hier bin ich, Sire! Mit wem soll sie denn diese Reise machen? Mit mir jedenfalls nicht.« »Mit meiner Tante Roman!« rief das Fräulein. Sie errötete bis in das Weiße ihrer Augen, als plötzlich ein allgemeines Gelächter losbrach, das keiner von uns zurückhalten konnte. »Wir lachen,« nahm Frau Morin wieder das Wort, »aber es könnte sich auf ganz natürliche Weise so machen; denn Frau Varnier, die in der Rue de Richelieu wohnt, ist deine Tante; sie führt ein großes Haus und kennt ganz Paris.« »Da sehen Sie die Wege der Vorsehung,« sagte Valenglard. »Sie sprechen von hundert Louis; sie brauchen aber nur zwölf, um der Frau Varnier einen Besuch zu machen. Bei ihr wird das Fräulein wohnen. Sobald sie nur da ist, überlassen Sie nur alles übrige den Fügungen des Schicksals, die ganz gewiß nur günstig sein werden!« »Wenn Sie nach Paris gehen,« sagte ich zum Fräulein, »dürfen Sie weder Ihrer hiesigen Tante noch der Frau Varnier etwas von Ihrem Horoskop sagen.« »Ich werde mit niemandem darüber sprechen; aber glauben Sie mir, dies alles wird ein schöner Traum sein; ich werde niemals Paris sehen und noch weniger Ludwig den Fünfzehnten.« Ich stand auf, nahm aus meiner Kassette eine Rolle von hundertfünfzig Louis und drückte ihr diese in die Hand, indem ich sagte, es seien Bonbons. Sie fand dieselben doch zu schwer, öffnete sie und sah fünfzig Dublonen da ocho. Sie hielt diese für Medaillen. »Sie sind von Gold,« sagte Valenglard zu ihr. »Und der Goldschmied wird dir hundertundfünfzig Louis dafür geben,« setzte Frau Morin hinzu. »Ich bitte Sie, mein Fräulein, behalten Sie sie. Sie brauchen mir nur einen Wechsel zu schreiben, der in Paris zahlbar ist, sobald Sie reich sind.« Ich war überzeugt, daß sie dies Geschenk zurückweisen würde, obgleich sie mir mit der Annahme ein Vergnügen gemacht hätte. Ich bewunderte sie, daß sie die Kraft besaß, ihre Tränen zurückzuhalten, und daß die lachende Harmonie ihres schönen Gesichtes nicht im geringsten gestört wurde. Wir gingen hinaus, um einen Rundgang durch den Garten zu machen. Valenglard und Frau Morin kamen wieder auf das Horoskop zu sprechen; ich entfernte mich von ihnen und ging mit Fräulein Roman abseits. Sobald wir außer Hörweite waren, fragte sie mich: »Ich bitte Sie, sagen Sie mir, ob dies alles nicht einfach ein Spaß ist?« »Nein, es ist Ernst. Aber alles hängt von einem ›wenn‹ ab. Wenn Sie nicht nach Paris fahren, wird alles zunichte werden.« »Sie müssen wohl davon überzeugt sein, sonst hätten Sie die fünfzig Medaillen nicht riskiert.« »Glauben Sie doch nicht, mein Fräulein, daß dies für mich ein Risiko ist, und machen Sie mich glücklich, indem Sie sie hier unter vier Augen annehmen.« »Nein, ich danke Ihnen. Aber warum haben Sie mir eine so große Summe gegeben?« »Um das Vergnügen zu haben, zu Ihrem Glück beizutragen, und in der Hoffnung, daß Sie mir erlauben werden, Sie zu lieben.« »Wenn Sie mich wirklich lieben, warum sollte ich etwas dagegen haben? Sie haben es nicht nötig, meine Zustimmung zu erkaufen, und ich denke, um glücklich zu werden, brauche ich keinen König von Frankreich. Wenn Sie wüßten, worauf meine Wünsche sich beschränkten!« »Nun, worauf denn?« »Darauf, einen Mann von freundlichem Wesen zu finden, der reich genug ist, daß es uns nicht am Notwendigsten fehlt.« »Und wenn Sie ihn nicht liebten?« »Wenn er anständig und gut wäre, warum sollte ich ihn denn nicht lieben?« »Ich sehe, Sie kennen die Liebe nicht.« »Das ist wahr, ich kenne nicht jene Liebe, die einem Menschen den Kopf verdreht, und dafür danke ich Gott.« »Sie haben recht. Möge Gott Sie behüten!« »Sie behaupten, daß mein Anblick den König entflammen wird; aber um Ihnen die Wahrheit zu sagen, dies erscheint mir eben als das Chimärische an Ihrem Horoskop. Es ist ja wohl möglich, daß er mich nicht häßlich findet, vielleicht wird er mich sogar hübsch finden. Aber an ein solches Übermaß glaube ich nicht.« »Sie glauben es nicht? Setzen wir uns. Stellen Sie sich nur vor, daß der König Ihnen in eben demselben Maße Gerechtigkeit widerfahren läßt wie ich, und die Sache ist erledigt.« »Aber was finden Sie denn an mir, was Sie nicht auch an einer Menge junger Mädchen meines Alters fänden! Gewiß ist es möglich, daß ich Eindruck auf Sie gemacht habe; dies beweist aber nur, daß ich dazu geschaffen war, eine solche Herrschaft über Sie auszuüben, es beweist aber keineswegs, daß dies auch dem König gegenüber der Fall sein wird. Wozu ziehen Sie den König von Frankreich heran, wenn Sie selber mich lieben?« »Weil ich Ihnen nicht ein Los bieten kann, wie Sie es verdienen.« »Der Augenschein spricht dagegen.« »Außerdem, weil Sie mich nicht lieben.« »Ich würde Sie zärtlich lieben und würde nur Sie allein lieben, wenn ich Ihre Frau wäre. Dann könnte ich Ihnen Ihre Küsse zurückgeben, während jetzt die Pflicht mir verbietet, es zu tun.« »Wie dankbar bin ich Ihnen, daß Sie mir nicht böse sind, wenn ich mich an Ihrer Seite so glücklich fühle!« »Es freut mich im Gegenteil, daß ich Ihnen gefalle.« »Erlauben Sie mir also, Sie morgen in aller Frühe in Ihrem Zimmer zu besuchen und mit Ihnen im Bett den Kaffee zu trinken.« »Oh, mein Herr, denken Sie doch an so etwas nicht! Selbst wenn ich es wollte, ich könnte es nicht. Ich schlafe bei meiner Tante und stehe immer vor ihr auf. Aber ziehen Sie doch Ihre Hand zurück! Sie haben mir versprochen, Sie wollten es nicht wieder tun. Um Gottes willen, mein Herr, bleiben Sie ruhig.« Leider mußte ich wohl aufhören, denn ihr Widerstand war unbesieglich. Mit großem Vergnügen sah ich jedoch, daß sie trotz meinen verliebten Angriffen ihre Sanftmut nicht verloren hatte, und daß jene lachende Ruhe, die ihr eigen war, ihr göttliches Gesicht verschönerte, wie wenn wir gar nichts getan hätten. Ich dagegen sah aus, als ob ich die Verzeihung verdiente, um die ich sie auf den Knien bat, und ich las in ihren Augen, daß es ihr leid tat, mir meinen Wunsch nicht erfüllen zu können. Ich konnte nicht länger an der Seite dieses schönen Geschöpfes bleiben; die Erregung meiner Sinne war zu groß. Ich verließ sie, und da ich in meinem Zimmer die gefällige Manon damit beschäftigt fand, Manschetten auszubessern, so erfrischte diese mich augenblicklich. Sobald wir beide befriedigt waren, lief sie hinaus. Ich überlegte mir, daß ich bei der jungen Roman niemals mehr ausrichten würde, als mir bis dahin gelungen war, ich hätte denn das Horoskop Lügen strafen müssen, indem ich sie heiratete. Ich beschloß daher, die Sache nicht weiter zu verfolgen. Ich ging wieder in den Garten hinunter und bat die Tante, einen Augenblick mit mir spazieren zu gehen. Vergebens bemühte ich mich, die brave Dame zu überreden, sie solle hundert Louis annehmen, um ihrer Nichte die Reise nach Paris zu ermöglichen. Ich schwor ihr bei allem Heiligen, was die Menschheit kennt, daß niemals jemand etwas davon erfahren würde; aber meine Reden und alle meine Bitten waren unnütz. Sie sagte mir: wenn das Schicksal ihrer Nichte nur von dieser Reise abhinge, so könnte es sich wohl erfüllen; denn sie hätte bereits daran gedacht, wie sie sie ihr ermöglichen könne, wenn ihr Gatte damit einverstanden wäre. Übrigens sagte sie mir ihren aufrichtigen Dank und erklärte mir, ihre Nichte fühle sich sehr glücklich, daß sie mir gefallen habe. »Sie gefällt mir so sehr, gnädige Frau, daß ich beschlossen habe, morgen abzureisen, um ihr nicht Anträge machen zu müssen, durch welche das große Glück, das ihrer harrt, zerstört werden müßte. Wenn nicht eine so erhabene Bestimmung ihrer wartete, würde ich mich glücklich schätzen, Sie um ihre Hand bitten zu dürfen.« »Oh! ein solches Glück wäre ohne Zweifel viel sicherer. Erklären Sie sich!« »Gegen das Schicksal wage ich nicht anzukämpfen.« »Aber Sie werden doch nicht morgen reisen.« »Verzeihung, gnädige Frau, ich werde morgen um zwei Uhr bei Ihnen vorsprechen, um von Ihnen Abschied zu nehmen.« Durch die Ankündigung meiner Abreise wurde unser Abendessen ein wenig traurig. Frau Morin, die vielleicht noch heute lebt, war eine Frau von liebenswürdigstem Charakter. Bei Tisch erklärte sie, das Abschiednehmen solle sofort stattfinden; denn wenn ich nur ausführe, um sie aufzusuchen, so würde die ihr zugedachte Ehre zu einer für mich lästigen Förmlichkeit. »So werde ich wenigstens die Ehre haben, Sie bis an Ihre Tür zu begleiten, wenn Sie mir dies erlauben!« rief ich. »Sie würden dadurch unser Glück um einige Minuten verlängern.« Valenglard ging zu Fuß, und die schöne Roman saß während der Fahrt auf meinem Schoß. Ich wagte kühn zu sein; sie war gegen meine Erwartung so sanft und zärtlich, daß ich es bedauerte, Abschied genommen zu haben. Aber es war einmal geschehen. Auf unserem Wege lag vor der Tür eines Gasthofes ein umgestürzter Wagen; infolgedessen mußte mein Kutscher mehrere Minuten halten. Dieser Zwischenfall, über den der gute Mann aus vollem Halse fluchte, erfüllte mich mit der höchsten Freude, denn ich erlangte während dieser nur allzu kurzen Augenblicke alle Gunstbezeigungen, die ich unter solchen Umständen mir verschaffen konnte. Das Glück ist niemals vollständig, wenn man es allein genießt. Ich empfand das Bedürfnis, durch den Anblick des Gesichtes meiner schönen Freundin mich zu überzeugen, daß sie bei ihrer Gefälligkeit nicht lediglich passiv gewesen war; darum begleitete ich die Damen in ihre Wohnung hinauf. Dort konnte ich, ohne die geringste Eitelkeit von meiner Seite, mich überzeugen, daß auf dem Antlitz des schönen Geschöpfes Liebe und Traurigkeit sich malten. Dies zeigte mir, daß sie weder kalt noch gefühllos war, und daß nur ihre Furcht und ihre Tugend Hindernisse meines Glückes gewesen waren. Als ich der Frau Morin den Abschiedskuß gab, war sie so freundlich, ihre Nichte aufzufordern, mir denselben Freundschaftsbeweis zu gewähren. Sie tat dies auf eine Art, daß ich die ganze Glut fühlte, die ich ihr eingeflößt hatte. Ich schied von ihnen voll von Liebe und von Verzweiflung, daß ich mich unwiderruflich zur Abreise verpflichtet hatte. Zu Hause fand ich die drei Nymphen in meinem Zimmer versammelt; dies war mir unangenehm, denn ich brauchte nur eine. Rose brachte mir meine Haare in Ordnung; sie hörte meine leise Aufforderung, sagte mir jedoch, es sei ihr unmöglich, sich aus ihrem Schlafzimmer zu entfernen, weil sie alle drei zusammenschliefen. Infolgedessen entschloß ich mich, ihnen zu sagen, ich würde am nächsten Tage abreisen; wenn sie die Nacht in meinem Zimmer verbringen wollten, so würde ich jeder von ihnen sechs Louis schenken. Sie lachten über meinen Vorschlag und sagten mir allen Ernstes, so etwas sei unmöglich. Ich sah daraus, daß sie verschwiegen gewesen waren, wie es übrigens unter solchen Umständen junge Mädchen gewöhnlich sind; ich sah aber auch, daß sie gegenseitig eifersüchtig aufeinander waren. Ich wünschte ihnen gute Nacht und ging zu Bett. Morpheus ließ mich die köstlichste Nacht in den Armen meiner anbetungswürdigen Roman verbringen. Als ich den anderen Morgen ziemlich spät klingelte, kam die Base herbei; sie sagte mir jedoch, Rose folge ihr auf dem Fuße und bringe mir meine Schokolade. Zugleich meldete sie einen Herrn Karl Iwandoff, der mich zu sprechen wünsche. Ich erriet, daß dies der Russe sei; da er mir selbst von niemand vorgestellt worden war, so hielt ich es für unnötig, ihn zu empfangen. »Sagen Sie ihm, dieser Name sei mir unbekannt.« Rose richtete meinen Auftrag aus, kam aber gleich wieder herein, und sagte, es sei der Herr, der die Ehre gehabt habe, bei Frau Morin mit mir zu speisen. »Lassen Sie ihn hereinkommen.« »Mein Herr,« sagte er zu mir, »ich möchte gern ein paar Worte mit Ihnen unter vier Augen sprechen.« »Mein Herr, ich kann diesen jungen Damen nicht befehlen, mein Zimmer zu verlassen. Wollen Sie bitte draußen warten, bis ich mir meinen Schlafrock anziehe; ich stehe sofort zu Ihrer Verfügung.« »Wenn ich Ihnen ungelegen komme, werde ich morgen wieder vorsprechen.« »Da würden Sie mich nicht finden, denn ich reise heute.« »In diesem Fall werde ich warten.« Ich stand in aller Eile auf und ging zu ihm hinaus. »Mein Herr,« sagte er, »ich muß abreisen und habe kein Geld, um meinen Wirt zu bezahlen, ich bitte Sie daher, mir zu helfen. Ich wage mich hier in Grenoble an keinen Menschen zu wenden, da ich mich nicht dem Schimpf einer abschlägigen Antwort aussetzen möchte.« »Vielleicht sollte ich mich dadurch geschmeichelt fühlen, daß Sie mir den Vorzug geben; aber ohne Ihnen in irgendeiner Weise einen Schimpf antun zu wollen, sehe ich mich in der Lage, Ihnen eine abschlägige Antwort geben zu müssen.« »Wenn Sie wüßten, wer ich bin, mein Herr, so bin ich sicher, daß Sie mir eine kleine Unterstützung nicht verweigern würden.« »Wenn Sie dies glauben, mein Herr, so geben Sie sich zu erkennen und verlassen Sie sich auf meine Verschwiegenheit.« »Ich bin Karl, zweiter Sohn des Herzogs Iwan von Kurland, der in Sibirien in der Verbannung lebt. Ich bin entflohen.« »Wenn Sie nach Genua gehen, so werden Sie nicht mehr in Not sein, denn der Bruder Ihrer Mutter, der Herzogin, wird Sie ohne Zweifel nicht im Stich lassen.« »Er ist in Schlesien gestorben.« »Wann denn?« »Ich glaube, vor zwei Jahren.« »Man hat Sie falsch berichtet, denn ich habe ihn vor kaum sechs Monaten in Stuttgart gesehen. Es ist der Baron von Treiden.« Es war für mich nicht schwer, den Betrüger in ihm zu wittern; mich ärgerte nur, daß er die Frechheit besaß, mich anführen zu wollen. Sonst hätte ich ihm gern sechs Louis geschenkt, denn es wäre mir schlecht angestanden, mich als Feind der Abenteurer aufzuspielen. Ich fühlte wohl, daß ich selber einer war und ihm daher seine Lügen hingehen lassen mußte, da im Grunde genommen alle Abenteurer Betrüger sind. Ich warf einen Blick auf seine Diamantschnallen, die man für echt hielt, und erkannte sofort, daß es Diamanten aus Glasfluß waren, die in Venedig in so großen Mengen angefertigt werden und allerdings in den Augen von Leuten, die nicht vollkommen Kenner sind, sehr wohl für echte Steine gelten können. »Sie haben da,« sagte ich zu ihm, »Schuhschnallen aus Brillanten; warum verkaufen Sie die nicht?« »Es ist das letzte Schmuckstück, das ich von meiner Mutter her habe, und ich habe ihr versprochen, mich niemals von ihm zu trennen.« »Diese Schnallen, mein Herr, setzen Sie in ein falsches Licht. Sie täten besser, sie in der Tasche zu tragen. Ich will Ihnen ganz offen sagen, daß ich sie für falsch halte und daß Ihre Lügen mich ärgern.« »Mein Herr, ich lüge nicht!« »Um so besser. Beweisen Sie mir, daß die Steine echt sind, und ich will Ihnen sechs Louis schenken. Außerdem hätten Sie noch das Vergnügen, mir zu beweisen, daß ich mich irre. Leben Sie wohl!« Er sah den Baron Valenglard die Treppe heraufkommen und bat mich, diesem nichts von unserer Unterhaltung zu sagen. Ich versprach ihm, mit niemandem davon zu sprechen. Valenglard wollte mir gute Reise wünschen, da er selber mit einem Herrn von Monteinard abreisen mußte. Er bat mich, einen recht lebhaften Briefwechsel mit ihm zu unterhalten. Ich hatte ihn selber darum bitten wollen, denn das Schicksal der schönen Roman lag mir so sehr am Herzen, daß ich den dringenden Wunsch hatte, darüber auf dem Laufenden erhalten zu werden, und um diesen Zweck zu erreichen, war der Briefwechsel, den der wackere Offizier mir antrug, das beste Mittel. Ich versprach ihm also herzlich gern die Erfüllung seines Wunsches. Er umarmte mich unter Tränen, und ich versprach ihm meine Freundschaft. Viertes Kapitel Meine Abreise von Grenoble. – Avignon. – Der Quell von Vaucluse. – Die falsche Astraudy und die Bucklige. – Gaetano Costa. – Meine Ankunft in Marseille. Während die drei Mädchen des Hausmeisters meinem Leduc beim Kofferpacken halfen, kam der Wirt herein und übergab mir seine Rechnung. Ich fand diese angemessen und bezahlte sie, worauf er mir seine Freude äußerte, daß ich sein Haus beehrt hätte. Ich sprach ihm hierauf meine Zufriedenheit aus, wie es sich gehörte, worüber er sich sehr zu freuen schien. Dann sagte ich: »Mein Herr, ich werde Ihr Haus nicht verlassen, ohne mir das Vergnügen zu machen, mit Ihren liebenswürdigen Fräuleins zusammen zu speisen, denn ich möchte ihnen zeigen, wie sehr ich die sorgsame Aufwartung zu schätzen weiß, die sie mir während meines Verweilens haben angedeihen lassen. Bereiten Sie mir also bitte eine leckere Mahlzeit für vier Personen und lassen Sie auch Postpferde bestellen, damit ich mit Einbruch der Nacht abreisen kann.« »Mein Herr,« sagte hierauf Leduc zu mir, »ich bitte Sie zugleich für mich ein Sattelpferd zu bestellen, denn ich bin nicht der Mann, hinter dem Wagen aufzusteigen.« Die Base lachte ihm wegen dieser Prahlerei ins Gesicht, und der Schlingel sagte zu ihr, um sich dafür zu rächen, er sei etwas ganz anderes als sie. »Gleichwohl, Herr Leduc, werden Sie sie bei Tisch bedienen.« »Ja, wie sie Sie im Bett bedient.« Ich lief nach meinem Rohrstock; aber der Bursche, der ganz gut wußte, was ihm bevorstand, hüpfte auf die Fensterbank und sprang in den Hof hinunter. Die Mädchen und der Hausmeister schrien vor Entsetzen laut auf; als wir aber an das Fenster traten, sahen wir ihn unten tausend Affensprünge machen. Ich freute mich, daß er kein Glied gebrochen hatte, und rief ihm zu: »Komm herauf, ich verzeihe dir.« Die jungen Mädchen sprachen mir ihre große Freude darüber aus, desgleichen auch ihr braver Vater, der sich nicht so leicht einen Floh ins Ohr setzen ließ. Leduc kam freudestrahlend wieder herauf und sagte: »Ich hätte nicht geglaubt, daß ich so gut springen könnte.« »Das ist ganz schön und gut, aber ein anderes Mal sei weniger unverschämt. Da, nimm diese Uhr!« Es war eine sehr schöne goldene Uhr; er nahm sie und sagte: »Für eine zweite solche würde ich gleich nochmal springen.« So war dieser Spanier, den ich zwei Jahre später fortjagen mußte, was mir seither oft leid getan hat. Bei Tisch suchte ich vergeblich die drei jungen Mädchen berauscht zu machen, und die Stunden verflossen so schnell, daß ich beschloß, erst am nächsten Tage abzureisen. Ich war der Geheimtuerei müde und wollte sie alle zusammen besitzen; da schien mir denn die Nacht sehr geeignet zu sein, eine solche Orgie ins Werk zu setzen. Ich sagte ihnen, wenn sie die ganze Nacht auf meinem Zimmer verbringen wollten, würde ich erst am nächsten Tage abreisen. Sie schrien darüber laut auf und lachten über meine Bemerkung, wie wenn sie ein Scherz wäre, der sich unmöglich verwirklichen ließe; ich aber neckte sie, um sie noch mehr aufzureizen. Während wir darüber sprachen, kam der Hausmeister herein und riet mir, doch lieber nicht nachts zu reisen, sondern auf einem bequemen Schiff, auf welchem ich auch meinen Wagen unterbringen könnte, bis Avignon zu fahren. Ich würde dadurch Unbequemlichkeiten und Geld sparen. »Mir soll es recht sein, vorausgesetzt, daß die Fräuleins sich bereit erklären, mir die ganze Nacht Gesellschaft zu leisten; denn ich habe beschlossen, nicht zu Bett zu gehen.« »Meiner Seel!« antwortete er lachend, »das ist ihre Sache.« Dies gab den Ausschlag; sie erklärten sich einverstanden, der Hausmeister schickte einen Boten fort, um das Schiff zu bestellen, und versprach mir ein leckeres Abendessen für Mitternacht. Die Stunden bis zum Souper vergingen unter fröhlichen Scherzen, und bei Tisch ließ ich die Champagnerpfropfen knallen, so daß die Schönen ein bißchen angeheitert wurden. Ich war selber ein wenig erhitzt, und da ich das kleine Geheimnis einer jeden von ihnen besaß, war ich so kühn, ihnen zu sagen, ihre Bedenken seien lächerlich, da ja eine jede bereits mir die letzte Gunst bewilligt hätte. Sie sahen einander mit einer Art von Erstaunen an, wie wenn sie über meine Worte entrüstet wären. Da ich mir dachte, daß der weibliche Stolz sie vielleicht veranlassen könne, meine Worte für Verleumdung zu erklären, so hielt ich es für besser, ihnen keine Zeit dafür zu lassen: ich zog daher Manon auf meinen Schoß und umarmte sie mit solchem Feuer, daß sie ihre Niederlage zugab und sich meiner Glut überließ. Durch dieses Beispiel besiegt, machten die beiden anderen es wie sie, und fünf Stunden lang schwelgten wir in allen Genüssen der Sinnenlust. Schließlich wurden wir der Ruhe bedürftig, und ich hätte gern etwas geschlafen; aber ich hatte fest beschlossen, abzureisen. Ich wollte ihnen Schmucksachen schenken, aber sie sagten mir, es wäre ihnen lieber, wenn ich für dreißig Louis Handschuhe bei ihnen bestellte. Ich bezahlte es ihnen im voraus und habe natürlich niemals die Handschuhe gefordert. Auf dem Schiff schlief ich ein und wachte erst in Avignon auf. Man führte mich in den Gasthof zum »Heiligen Homer«, und ich speiste auf meinem Zimmer zu Abend, obwohl Leduc mir von einer jungen Schönheit, die an der Gasttafel speiste, wahre Wunderdinge erzählte. Am nächsten Tage sagte mein Spanier mir, die Schönheit wohne mit ihrem Gatten in dem Zimmer neben dem meinigen. Zugleich gab er mir den Theaterzettel, und ich sah, daß die Vorstellung von einer Abteilung der Pariser Truppe gegeben wurde und daß Fräulein Astraudy singen und tanzen sollte. Ich stieß einen Schrei des Erstaunens aus: wie kann die reizende Astraudy, die berühmte Sünderin, in Avignon sein? Sie wird sich sehr wundern, mich hier zu sehen! Da ich durchaus keine Lust hatte, als Einsiedler zu leben, so ging ich in den Speisesaal, um mit der ganzen Gesellschaft zu essen; ich fand etwa zwanzig Personen an einem Tische, der derartig reich besetzt war, daß es mir unmöglich schien, der Wirt könne ein solches Essen für vierzig Sous liefern. Die hübsche Fremde erregte die allgemeine Aufmerksamkeit und fesselte auch insbesondere die meinige. Sie war eine vollendete Schönheit, sehr jung, sprach niemals ein Wort, sah beständig auf ihren Teller und gab auf alle Fragen nur einsilbige Antworten, wobei sie zwei blaue Augen von einer schwer zu beschreibenden Schönheit über den Fragenden dahingleiten ließ. Ihr Gemahl saß am anderen Ende des Tisches. Er hatte eines jener gemeinen Gesichter, die beim ersten Anblick Verachtung einflößen. Er war jung und pockennarbig, ein Leckermaul und Schwätzer, lachte und schwatzte Unsinn über alles Mögliche und machte mir in jeder Beziehung den Eindruck eines verkleideten Bedienten. Da ich überzeugt war, daß ein solcher Mensch nicht nein sagen könnte, so schickte ich ihm ein Glas Champagner, das er sofort auf meine Gesundheit austrank. »Erlauben Sie mir, der gnädigen Frau ebenfalls eins anzubieten?« Er antwortete mir mit lautem Lachen, ich möchte mich an sie selber wenden; die Dame neigte leise den Kopf und sagte mir, sie trinke niemals Champagner. Beim Nachtisch stand sie auf, und ihr Mann folgte ihr auf ihr Zimmer. Ein Fremder, der sie wie ich zum erstenmal sah, fragte mich, wer sie sei. Als ich ihm antwortete, ich sei erst eben angekommen, berichtete ein anderer uns, ihr Mann lasse sich Chevalier Stuard nennen; er komme von Lyon, sei auf der Reise nach Marseille und halte sich seit acht Tagen in Avignon auf; er habe keine Dienerschaft und nur sehr schmales Gepäck. Da ich mich in Avignon nur so lange Zeit hatte aufhalten wollen, um die Quelle von Vaucluse, die sogenannte Kaskade, zu besuchen; hatte ich nicht daran gedacht, mich mit Empfehlungsbriefen zu versehen; ich konnte also nicht daran denken, Bekanntschaften zu machen und dadurch einen Vorwand zu gewinnen, wegen der schönen Augen der Fremden noch zu bleiben. Aber ein Italiener, der den göttlichen Petrarca gelesen hat und verehrt, muß den Wunsch hegen, die Stellen kennen zu lernen, die er durch seine Liebe zur schönen Laura de Sade berühmt gemacht hat. Ich ging ins Theater und sah dort den Vizelegaten Salviati, eine Anzahl weder schöner noch häßlicher Damen von Stande und eine elende Oper; aber ich entdeckte weder die Astraudy noch einen einzigen Künstler von der Italienischen Gesellschaft in Paris. »Wo ist denn die berühmte Astraudy?« fragte ich nach Schluß der Vorstellung einen jungen Mann, der neben mir saß, »ich habe sie gar nicht gesehen.« »Ich bitte um Verzeihung, sie hat vor Ihnen gesungen und getanzt.« »Alle Wetter, das ist unmöglich! Ich kenne sie ziemlich genau, und wenn sie, was aber doch unmöglich ist, sich so verändert hätte, daß sie nicht mehr zu erkennen wäre, so wäre sie ja nicht mehr die Astraudy.« Ich ging hinaus. Zwei Minuten darauf holte der junge Mann mich ein und bat mich, ich möchte doch umkehren; er werde mich in die Loge der Astraudy führen, die mich erkannt habe. Ich folgte ihm, ohne ein Wort zu sagen, und sah mich plötzlich einem häßlichen Mädchen gegenüber. Sie fiel mir um den Hals und nannte mich bei meinem Namen, aber ich konnte darauf schwören, sie niemals gesehen zu haben. Sie ließ mir jedoch keine Zeit, ihr dies zu sagen. Ganz in der Nähe bemerkte ich einen Mann, der für den Vater der schönen Astraudy galt, die ganz Paris kannte und die den Grafen Egmont, einen der liebenswürdigsten Kavaliere vom Hofe Ludwigs des Fünfzehnten, ins Grab gebracht hatte. Mir fiel ein, daß die Häßliche vielleicht ihre Schwester sein könnte; daher setzte ich mich und machte ihr ein Kompliment über ihre Talente. Sie bat mich um Erlaubnis, ihr Theaterkostüm ablegen zu dürfen, und entkleidete sich unter beständigem Lachen und Hin- und Herlaufen mit einer Großmut, die sie vielleicht nicht bewiesen haben würde, wenn das, was sie zeigte, des Sehens wert gewesen wäre. Ich lachte innerlich über diese Manöver, denn so, wie ich eben von Grenoble kam, wäre es ihr sehr schwer geworden, mich in Versuchung zu führen, wenn sie auch ebenso schön gewesen wäre, wie sie häßlich war. Ihre Magerkeit und braune Haut waren wenig geeignet, mich über ihr abstoßendes Gesicht hinwegsehen zu lassen. Ich bewunderte das Vertrauen, das sie in ihre Reize setzte, denn sie mußte mir einen geradezu teufelsmäßigen Appetit zutrauen; aber derartige Geschöpfe finden oft in der Raffiniertheit der Verderbnis Hilfsmittel, die sie vom Zartgefühl nicht erwarten dürften. Sie beschwor mich, bei ihr zu Abend zu essen, und da sie auf dieser Einladung bestand, mußte ich auf eine Weise ablehnen, die ich mir gegen eine andere Frau nicht gestattet haben würde. Hierauf bat sie mich, ich möchte ihr für die nächste Vorstellung, die ihr Benefiz wäre, vier Karten abkaufen. Da ich sah, daß die ganze Geschichte nur zwölf Franken ausmachte, freute ich mich, so billigen Kaufs davonzukommen, und bat sie, mit sechzehn Karten zu geben. Ich glaubte, sie würde vor Freude verrückt werden, als ich ihr einen doppelten Louisdor gab. Das war nicht die echte Astraudy. Ich kehrte in meinen Gasthof zurück und aß auf meinem Zimmer köstlich zu Abend. Als Leduc mir für die Nacht das Haar zurecht machte, erzählte er mir, vor dem Abendessen habe der Wirt die schöne Fremde aufgesucht und ihr in Gegenwart ihres Mannes in dürren Worten gesagt, er verlange durchaus Bezahlung am nächsten Morgen, sonst bekämen sie nichts mehr zu essen, sie hätten den Gasthof zu verlassen und er würde ihr Gepäck nicht herausgeben. »Wer hat dir das gesagt?« »Ich habe es von hier aus gehört; denn ihr Zimmer ist nur durch eine Bretterwand von dem Ihrigen getrennt. Ich bin überzeugt, wenn sie drinnen wäre, würde sie alles hören, was wir sprechen.« »Wo sind sie?« »Bei Tisch. Sie essen gleich für morgen. Aber die Dame weint. Die Aktien stehen gut für Sie, gnädiger Herr.« »Halte den Mund! Ich werde mich nicht hineinmischen. Das Weib ist ein Lockvogel; denn eine ehrenwerte Frau würde lieber Hungers sterben, als so an einer Wirtshaustafel weinen.« »Ach! Wenn Sie nur sähen, wie sehr diese Tränen sie verschönen! Ich bin nur ein armer Teufel, aber ich würde ihr gern zwei Louis geben, wenn sie sie sich verdienen wollte.« »Biete sie ihr doch an!« Gleich darauf traten der Mann und seine Dame in ihr Zimmer. Ich hörte sie weinen und ihn laut und zornig sprechen; da er jedoch wallonisch sprach, konnte ich nicht verstehen, was er sagte. »Geh zu Bett,« sagte ich zu Leduc, »und sage dem Wirt, ich wünsche morgen ein anderes Zimmer zu erhalten, denn eine Scheidewand biete zu geringen Widerstand für Leute, die vor Verzweiflung außer sich sind.« Ich ging zu Bett; das Weinen und leise Sprechen nahmen erst nach Mitternacht ein Ende. Am anderen Morgen rasierte ich mich, als Leduc hereinkam und den Chevalier Stuard meldete. »Sag ihm, ich kenne niemanden dieses Namens.« Er richtete seinen Auftrag aus und kam sofort wieder herein und sagte mir, der Chevalier habe auf meine Weigerung hin wütend mit dem Fuße gestampft und nach der Decke gesehen; hierauf sei er in sein Zimmer gegangen und gleich darauf mit dem Degen an der Seite wieder herausgekommen. »Ich werde doch für alle Fälle gleich nachsehen,« fuhr er fort, »ob die Zündhütchen auf Ihren Pistolen in Ordnung sind.« Ich mußte lachen, bewunderte aber nichtsdestoweniger die Vorsicht meines Spaniers, denn ein verzweifelter Mensch ist zu allem fähig. Ich schickte ihn zum Wirt und ließ ihn dringend bitten, mir sofort ein anderes Zimmer zu geben. Dieser kam persönlich, um mir zu sagen, er könne meinen Wunsch erst am nächsten Tage erfüllen. »Wenn ich kein anderes Zimmer bekomme, verlasse ich sofort Ihren Gasthof; denn ich liebe es nicht, die ganze Nacht Weinen und Zanken zu hören.« »Hören Sie es denn, mein Herr?« »Aber Sie können es ja in diesem selben Augenblick selber hören! Sagen Sie mir doch: ist das erheiternd? Die Frau wird sich das Leben nehmen, und daran sind Sie schuld. « »Ich, mein Herr? Ich habe weiter nichts getan, als daß ich verlangte, was mir zukommt.« »Hören Sie nur den Mann, ich bin überzeugt, er sagt in seinem Kauderwelsch der Frau, daß Sie ein Ungeheuer sind.« »Er mag sagen, was er will, wenn er mich nur bezahlt!« »Sie haben sie zum Hungertode verurteilt. Wieviel sind sie Ihnen schuldig?« «Fünfzig Franken.« »Und Sie schämen sich nicht, um einen solchen Bettel so viel Lärm zu machen?« »Mein Herr, schämen würde ich mich nur, wenn ich wirklich unrecht hätte; und dies ist nicht der Fall, wenn ich verlange, was man mir schuldig ist.« »Da haben Sie Ihr Geld. Sagen Sie den Leuten, die Rechnung sei bezahlt und sie könnten weiter essen; aber sagen Sie ihnen auf keinen Fall, wer sie bezahlt hat.« »Sie haben ein gutes Werk getan!« sagte der Flegel, und mit diesen Worten ging er hinaus. Er trat sofort bei ihnen ein und sagte: »Sie sind mir nichts mehr schuldig; aber Sie werden niemals erfahren, wer für Sie bezahlt hat. Es steht Ihnen frei, unten zu Mittag und zu Abend zu essen; aber Sie werden Tag für Tag bezahlen!« Nachdem er mit lauter Stimme diesen Monolog hergesagt hatte, so daß ich jedes Wort hören konnte, wie wenn ich im Zimmer gewesen wäre, trat er bei mir ein. Ich stieß ihn hinaus: »Dummes Vieh! Sie wissen alles.« Mit diesen Worten schloß ich die Tür. Leduc stand vor mir und sah mich mit einem ganz blödsinnigen Gesicht an. »Was hast du denn, Dummkopf?« fragte ich ihn. »Das ist schön. Ich begreife. Ich will Schauspieler werden. Sie machen Ihre Sache nicht schlecht.« »Du bist ein Esel.« »Kein so großer, wie Sie glauben.« »Ich will einen Spaziergang machen. Hüte dich, das Zimmer einen Augenblick zu verlassen.« Kaum war ich draußen, so redete der Chevalier mich an; seine Danksagungen nahmen gar kein Ende. Ich antwortete ihm: »Mein Herr, ich weiß nicht, wovon Sie reden.« Hierauf ließ er mich in Ruhe, nachdem er mir noch einmal gedankt hatte. Ich ging an das Rhoneufer und betrachtete mit Vergnügen die alte Brücke und den Fluß, der nach der Behauptung der Geographen der schnellste in ganz Europa ist. Zum Mittagessen ging ich nach dem Gasthof zurück, wo der Wirt, dem ich gesagt hatte, daß ich sechs Franken für die Mahlzeit bezahlen wollte, mir ein ausgezeichnetes Essen vorsetzte. Ich erinnere mich noch, daß ich dort den besten Hermitagenwein getrunken habe. Ich fand ihn so köstlich, daß ich gar keinen anderen Wein trank. Zu meiner Pilgerfahrt nach Vaucluse bat ich ihn, mir einen guten Cicerone zu besorgen. Nachdem ich Toilette gemacht hatte, ging ich ins Theater. Ich fand die Astraudy an der Tür, gab ihr die sechzehn Billetts und nahm neben der Loge des Vizelegaten Platz. Dieser, Principe Salviati, kam bald nachher mit einem zahlreichen Gefolge von Damen und Herren, die mit Ordenszeichen und Goldstickereien überdeckt waren. Der angebliche Vater der falschen Astraudy kam zu mir und sagte mir ins Ohr, seine Tochter bäte mich, ich möchte doch sagen, sie wäre die berühmte Astraudy, die ich in Paris gekannt hätte. Ich antwortete ihm ebenfalls ins Ohr, ich würde mich der Gefahr aussetzen, Lügen gestraft zu werden, indem ich einen Schwindel beglaubigte. Es ist unglaublich, mit welcher Unverfrorenheit ein Gauner einen Ehrenmann auffordert, sich an einer Gaunerei zu beteiligen; ohne Zweifel bildet er sich ein, diesem eine Ehre zu erweisen, indem er ihm sich anvertraut. Nach dem ersten Akt verteilten etwa zwanzig Lakaien in der Livree des Fürsten in den Logen des ersten Ranges Gefrorenes. Ich glaubte ablehnen zu müssen. Ein bildschöner junger Mann trat hierauf mit edlem und leichtem Anstand auf mich zu und fragte mich, warum ich nicht ein Glas Eis angenommen hätte. »Da ich nicht die Ehre habe, hier bekannt zu sein, so wünschte ich nicht, daß jemand behaupten könnte, einen Unbekannten bewirtet zu haben.« »Mein Herr, ein Mann wie Sie bedarf keiner Empfehlungen.« »Sie erweisen mir viel Ehre.« »Sie wohnen doch im Gasthof zum Heiligen Homer, mein Herr?« »Ja. Ich habe hier nur haltgemacht, um Vaucluse zu sehen, wohin ich morgen zu fahren gedenke, wenn ich einen guten Cicerone finden kann.« »Wenn Sie mir gütigst diese Ehre bewilligen wollen, werde ich Ihnen von Herzen gern gefällig sein. Ich heiße Dolci und bin der Sohn des Hauptmanns von der Garde des Vizelegaten.« »Ich weiß die Ehre, die Sie mir erweisen wollen, wohl zu schätzen und nehme Ihr liebenswürdiges Anerbieten mit Vergnügen an. Ich werde meine Abfahrt bis zu Ihrer Ankunft verschieben.« »Ich werde um sieben Uhr bei Ihnen sein.« Ich war ganz erstaunt über die edle Ungezwungenheit dieses Adonis, den man für ein schönes Mädchen hätte halten können, wenn nicht ein gewisser Klang der Stimme den Mann verraten hätte. Ich lachte über die angebliche Astraudy, die ebenso schlecht spielte, wie sie häßlich war und während des ganzen Stückes nicht einen Moment ihre weißen Augen von meinem braunen Gesicht abwandte. Beim Singen sah sie mich lachend an und machte dabei kleine Gebärden des Einverständnisses, durch welche die ganze Versammlung auf mich aufmerksam werden mußte, die ohne Zweifel meinen schlechten Geschmack beklagte. Unter den Künstlerinnen war eine, deren Stimme und Augen mir gefielen, eine Person, wie ich sie nie in meinem Leben gesehen hatte: jung, groß und bucklig. Obwohl sie vorne und hinten einen sehr ausgebildeten Buckel hatte, war sie sehr groß: ohne ihren Körperfehler, durch den sie kleiner geworden war, wäre sie mindestens sechs Fuß hoch gewesen. Ich dachte mir, sie würde außer ihrer sehr schönen Augen und leidlichen Stimme auch Geist haben, den ja fast alle Buckligen besitzen. Ich fand sie mit der häßlichen Astraudy vor der Tür, als ich das Theater verließ. Diese wartete auf mich, um mir ihren Dank zu sagen, die andere suchte Eintrittskarten für ihre Benefizvorstellung unterzubringen. Nachdem die Astraudy mir gedankt hatte, wandte die Bucklige sich an mich, öffnete lachend ihren Mund, der von einem Ohr zum anderen ging und mindestens vierundzwanzig prachtvolle Zähne sehen ließ, und sprach die Hoffnung aus, ich würde ihr die Ehre erweisen, bei ihrer Benefizvorstellung anwesend zu sein. Ich antwortete ihr, ich würde ihr gerne den Gefallen tun, vorausgesetzt, daß ich nicht vorher abreiste. Bei diesen Worten fing die freche Astraudy an zu lachen und sagte ihrer Freundin in Gegenwart mehrerer Damen, die auf ihren Wagen warteten: sie könne sicher sein, daß ich kommen werde, denn sie werde mich nicht abreisen lassen. »Gib ihm sechzehn Billette!« Ich mochte ihr keine abschlägige Antwort erteilen und gab ihr zwei Louis. Hierauf sagte die Astraudy etwas leiser zu mir: »Nach der Vorstellung werden wir zu Ihnen zum Souper kommen; aber nur unter der Bedingung, daß wir allein sind, denn wir wollen uns betrinken.« Trotz einem gewissen Gefühl des Ekels fand ich doch, daß dieses Zusammensein jedenfalls komisch sein würde, und da ich in der Stadt gänzlich unbekannt war, beschloß ich, in der Hoffnung, daß ich Spaß davon haben würde, auf ihren Plan einzugehen. Ich saß allein bei Tisch, als Stuard und seine Frau ihr Zimmer betraten. An diesem Abend hörte ich weder Weinen noch Vorwürfe; aber zu meiner großen Überraschung erschien bei Tagesanbruch der Chevalier bei mir und sagte zu mir, wie wenn wir gute Bekannte gewesen wären: er habe gehört, daß ich nach Vaucluse fahre, und er wisse, daß ich einen viersitzigen Wagen habe; wenn ich allein sei, so bitte er mich zu erlauben, daß er und seine Frau, die sehr gerne die Quelle sehen möchte, mitfahren dürften. Ich erklärte mich einverstanden. Leduc bat mich, zu Pferde mich begleiten zu dürfen, und sagte, er sei ein guter Prophet gewesen. Es schien allerdings klar, daß das Pärchen sich dahin geeinigt hatte, mich für meine Auslagen mit neuen Hoffnungen zu bezahlen. Das Abenteuer mißfiel mir nicht, denn alles war zu meinem Vorteil: ich hatte noch nicht die geringsten Schritte getan, um das zu erlangen, was man allem Anschein nach mir bewilligen wollte. Dolci kam. Er war schön wie ein Engel. Meine Nachbarn waren bereit; auf dem Wagen befand sich alles Notwendige, um gut zu essen und noch besser zu trinken; so fuhren wir denn ab, die Dame und Dolci auf dem Rücksitz des Wagens, der Chevalier und ich auf dem Vordersitz. Ich hatte geglaubt, das Gesicht der Schönen würde sich aufheitern und ihre Traurigkeit würde einer heiteren Stimmung weichen oder doch wenigstens einem höflichen Eingehen auf unsere Unterhaltung. Aber ich hatte mich getäuscht; denn auf alle meine ernsten oder scherzhaften Bemerkungen antwortete sie nur mit einsilbigen Ausrufen oder mit ganz strengen lakonischen Bemerkungen. Der arme Dolci, der viel Geist hatte, war ganz verblüfft. Er glaubte, an der Traurigkeit der Dame schuld zu sein, und machte sich Vorwürfe, daß er unschuldigerweise eine düstere Stimmung in unseren Ausflug hineingebracht hätte, der doch ganz und gar dem Vergnügen gewidmet sein sollte. Ich beseitigte seine Verlegenheit, indem ich ihm sagte: als er mir das Vergnügen gemacht hätte, mir seine liebenswürdige Gesellschaft anzubieten, hätte ich noch nicht gewußt, daß ich die Ehre haben würde, der schönen Dame einen Dienst zu erweisen. Als ich bei Tagesanbruch davon erfahren, hätte ich mich des Zufalls gefreut, daß ich ihm eine so schöne Gefährtin zugeführt hätte. Die Dame sagte kein Wort; immer schweigsam und traurig blickte sie nach rechts und nach links, wie wenn sie gar nicht wüßte, was sie sähe. Meine Erklärung hatte Dolci seine Sicherheit wiedergegeben, und der liebenswürdige junge Mann begann Bemerkungen an sie zu richten, die auf ihre Seele wohl hätten Eindruck machen können; aber er hatte keinen Erfolg. Er unterhielt sich lange Zeit über hundert Dinge mit ihrem Gatten, wobei er fortwährend die Dame hineinzuziehen suchte; aber sie tat ihren schönen Mund nicht ein einziges Mal auf. Sie saß da wie die Bildsäule der Pandora, bevor sie von dem göttlichen Feuer belebt wurde. Ihr Gesicht war von vollendeter Schönheit: Augen von einem leuchtenden Blau und sehr schön geschnitten; eine leicht angehauchte Hautfarbe von reinster Weiße; Arme, die die Grazien gerundet hatten; weiche zarte Hände; einen Nymphenwuchs, der einen prachtvollen Busen ahnen ließ; die schönsten hellbraunen Haare, die man sich denken kann; einen kleinen Fuß – kurzum, sie hatte alles, was eine Frau schön macht, nur nicht jenen lebendigen Geist, der die Schönheit verschönert und sogar der Häßlichkeit Reiz gibt. Meine glühende unstete Phantasie ließ mich alles, was ich nicht sehen konnte, nackt erblicken; ich fand alles köstlich; dennoch glaubte ich, daß diese Frau mit ihrer Traurigkeit wohl Liebe, aber nicht ein dauerndes Gefühl einflößen könne; denn so wie sie war, konnte sie unmöglich einen Mann glücklich machen, selbst wenn sie ihm die höchste Lust gewährte. Als wir in Isle ankamen, war ich fest entschlossen, in Zukunft ein Zusammentreffen mit ihr zu vermeiden; denn vielleicht war sie wahnsinnig oder in Verzweiflung darüber, daß sie sich in der Gewalt eines Mannes befand, den sie unmöglich lieben konnte. Sie flößte mir Mitleid ein, und dennoch fand ich es unverzeihlich, daß sie, eine anständige Frau von guter Erziehung, sich meinem Ausfluge angeschlossen hatte, denn sie mußte doch überzeugt sein, daß sie mit ihrer trüben Stimmung das ganze Vergnügen verderben würde, das ich mir von der Lustpartie versprochen hatte. Ob der vorgebliche Ritter Stuard ihr Gatte oder ihr Liebhaber war, kam nicht in Betracht; ich hatte nicht nötig, mir lange den Kopf zu zerbrechen, um zu erraten, wes Geistes Kind er war. Er war zwar jung, aber keineswegs schön, wenn auch nicht gerade häßlich; in seinem Auftreten lag nichts Besonderes, sein Ton war gezwungen, seine Umgangsformen waren schlecht, und in seinen Reden verriet er sich als unwissend und dumm. Wie konnte übrigens ein solcher Bettler, der keinen Pfennig und nicht das geringste Talent besaß, eine Schönheit mit sich herumschleppen, die ihn wegen ihres mürrischen Wesens nur dann ernähren konnte, wenn er rechte Dummköpfe fand? Vielleicht allerdings hatte er trotz seiner Unwissenheit die Bemerkung gemacht, daß die Welt von solchen Dummköpfen wimmelt. Trotzdem machte er hier die Erfahrung, daß man sich darauf nicht sicher verlassen kann. Als wir in Vaucluse angekommen waren, überließ ich mich der Führung Dolcis. Er hatte diesen Ort hundertmal besucht und besaß das in meinen Augen unermeßliche Verdienst, den Liebhaber Lauras zu lieben. Wir ließen den Wagen in Apt und gingen nach dem Quell, wo sich an diesem Tage eine große Menge von Neugierigen versammelt hatte. Der Born sprudelt aus einer großen Höhle hervor, einem Werke der Natur, das der Menschen Kunst nicht nachahmen kann. Diese Höhle befindet sich am Fuße eines spitzen Felsens, der etwa hundert Fuß hoch und ebenso breit ist. Die Höhle ist kaum halb so hoch, und das Wasser schießt in solcher Stärke hervor, daß schon die Quelle den Namen eines Flusses verdient. Es ist die Sorgue, die bei Avignon in den Rhone fließt. Unmöglich kann man reineres und klareres Wasser finden, denn an den Felsen, die den Wasserlauf einschließen, findet sich keine Spur von Bodensatz. Es gibt Leute, denen dieses Wasser Grauen erregt, weil es ihnen schwarz erscheint; diese bedenken nicht, daß die Grotte außerordentlich dunkel ist und nur dadurch den Fluten diese Entsetzen erregende Färbung mitteilt. Chiare fresche e dolci acque Ove le belle membra Pose colei che sola a me par donna. Die klaren, kalten, süßen Fluten, In die die schönen Glieder tauchte Sie, die allein mir Weib erscheint. Ich stieg bis zur Spitze des Felsens empor, wo Petrarca sein Haus hatte. Mit tränenden Augen betrachtete ich diese Trümmer, wie Leo Allatius, als er Homers Grab sah. Sechzehn Jahre später weinte ich wieder in Arqua, wo Petrarca gestorben ist und wo das von ihm bewohnte Haus damals noch stand. Die Ähnlichkeit der Gegend war erstaunlich; denn von dem Zimmer aus, worin Petrarca in Arqua schrieb, sieht man die Spitze eines Felsens gleich jenem, den man in Vaucluse sieht und auf dessen Spitze Madonna Laura wohnte. »Gehen wir hin!« rief ich aus; »es ist ja nicht weit!« Ich will nicht versuchen, die Gefühle wiederzugeben, die ich empfand, als ich die Überreste des Hauses dieser Frau erblickte, die der liebende Petrarca durch einen einzigen Vers schon unsterblich gemacht hat, einen Vers, der ein Marmorherz rühren müßte: Morta bella parea nel suo bel viso. Tot, schien sie schön in ihrem schönen Antlitz. Mit ausgebreiteten Armen warf ich mich über diese Ruinen hin, wie wenn ich sie umarmen wollte; ich küßte sie, ich überströmte sie mit meinen Tränen, ich suchte den göttlichen Hauch einzuatmen, der sie einst belebt hatte. Dann bat ich Frau Stuard um Verzeihung, daß ich ihren Arm hätte fahren lassen, um den Manen einer Frau zu huldigen, die den tiefsten Geist geliebt, den die Natur jemals hervorgebracht hätte. »Ich sage den Geist; denn der Körper hat nichts damit zu tun gehabt, mag man auch sagen, was man will. Vor vierhundertundfünfzig Jahren, meine Gnädige,« sagte ich zu der kalten Statue, die mich ganz überrascht anblickte, »da ging an denm Orte, wo Sie jetzt stehen, Laura de Sade spazieren; sie war vielleicht nicht so schön wie Sie, aber sie war fröhlich, höflich, sanft, heiter und sittsam. Möchte diese Luft, die jene eingeatmet hat und die Sie in diesem Augenblick einatmen, Sie mit dem göttlichen Feuer beleben, das durch ihre Adern kreiste, das ihr Herz schlagen und ihren Busen wogen ließ. Dann würden Sie die Verehrung aller gefühlvollen Menschen gewinnen; Sie würden niemanden finden, der Ihnen den geringsten Kummer zu bereiten wagte. Fröhlichkeit, meine Gnädige, ist das Erbteil der Seligen, Traurigkeit aber ist das entsetzlichste Schreckbild der Geister, die zu ewigen Höllenstrafen verdammt sind. Seien Sie also fröhlich und erwerben Sie sich dadurch das Recht, schön zu sein.« Meine Begeisterung riß den liebenswürdigen Dolci fort; er fiel mir um den Hals, küßte mich mehrere Male. Der dumme Stuard lachte, und seine Frau, die mich vielleicht für verrückt hielt, schien nicht den geringsten Eindruck erhalten zu haben. Sie nahm meinen Arm, und wir lehnen ganz langsam nach dem Hause des Messer Francesco d'Arezzo zurück, wo ich eine Viertelstunde verwandte, meinen Namen einzuschneiden. Hierauf speisten wir. Dolci hatte für die eigentümliche Frau noch mehr Aufmerksamkeiten wie ich. Stuard tat nichts anderes als essen und trinken; er verschmähte das Wasser der Sorgue, das nach seiner Behauptung den Hermitagewein nur verderben könnte; vielleicht dachte Petrarca in diesem Punkte nicht anders als er. Wir brachten reichliche Trankopfer, ohne daß unser Verstand darunter litt; die Dame war jedoch sehr mäßig. Als wir wieder in Avignon waren, machten wir unsere Verbeugung, ohne auf die Einladung des dummen Stuard einzugehen, der uns aufforderte, wir möchten uns in seinem Zimmer ausruhen. Ich nahm Dolcis Arm, um die letzte Stunde des Tages am Ufer des Rhône mit ihm zu verbringen. Im Laufe eines abwechslungsreichen und geistsprühenden Gespräches bemerkte der reizende junge Mann zu mir: »Diese Frau ist eine abgefeimte Spitzbübin, die von ihrem eigenen Wert über alle Maßen eingenommen ist. Ich möchte wetten, sie hat ihre Heimat nur verlassen, weil sie dort anfangs mit ihren Reizen so verschwenderisch war, daß späterhin niemand mehr etwas von ihr wissen wollte. Ohne Zweifel ist sie überzeugt, überall ihr Glück zu machen, wo man sie für eine Novize nimmt. Der Bursche, der für ihren Mann gilt, ist nach meiner Meinung ein Gauner; ihre Traurigkeit ist Verstellung und nur darauf berechnet, um jemanden, der sich auf ihre Eroberung versteift, wahnsinnig verliebt zu machen. Sie hat ihren Dummen noch nicht gefunden; aber da es ihr darauf ankommen muß, einen reichen Mann in ihre Netze zu ziehen, so ist es nicht unwahrscheinlich, daß sie Sie aufs Korn genommen hat.« Wenn ein junger Mensch in Dolcis Alter so vernünftig denkt, so wird er ohne Zweifel einmal ein Meister der Lebenskunst werden. Ich umarmte ihn zum Abschied, dankte ihm für seine Gefälligkeit, und wir verabredeten ein Wiedersehen. In meinen Gasthof zurückgekehrt fand ich dort einen gut aussehenden, schon etwas bejahrten Herrn, der mich mit meinem Namen anredete und mich auf das höflichste fragte, ob ich Vaucluse meiner Neugier würdig gefunden habe. Ich erkannte mit großem Vergnügen Marchese Grimaldi aus Genua, einen geistvollen, liebenswürdigen und reichen Mann, der fast immer in Venedig wohnte, weil er dort die Freuden des Lebens in größerer Freiheit genießen konnte als in seiner Heimat – ein Beweis, daß Venedig nicht der am wenigsten freie Ort der Welt war. Nachdem ich eine höfliche Frage ebenso höflich beantwortet hatte, begleitete ich ihn auf sein Zimmer. Als wir über die Quelle nichts mehr zu sagen hatten, fragte er mich, ob ich mit meiner schönen Gesellschaft zufrieden gewesen wäre. »Ich kann mit ihr nur sehr zufrieden sein,« antwortete ich. Er bemerkte meine Zurückhaltung und suchte mich zum Reden zu bringen, indem er mir folgendes sagte: »Wir haben in Genua sehr schöne Frauen; aber wir haben keine einzige, die den Vergleich mit jener aushalten könnte, mit der Sie heute nach Isle gefahren sind. Ich saß gestern Abend bei Tisch ihr gegenüber, und ihre Vollkommenheiten machten einen tiefen Eindruck auf mich. Ich bot ihr meinen Arm, um sie die Treppe hinaufzuführen, und sagte ihr, es tue mir sehr leid, sie traurig zu sehen, und wenn sie glaube, daß ich imstande sei, sie zu trösten, so brauche sie nur ein Wort zu sagen. Ich wußte nämlich, daß sie kein Geld hatte. Ihr angeblicher oder echter Gatte dankte mir für mein Anerbieten, und ich verließ sie, indem ich ihnen gute Nacht wünschte. Vor einer Stunde, nachdem Sie sie bis an die Tür begleitet hatten, ließen Sie sie mit ihrem Manne allein; sofort nahm ich mir die Freiheit, ihr meinen Besuch zu machen. Sie empfing mich mit einer tiefen Verbeugung; ihr Gatte ging im selben Augenblick hinaus, indem er mich bat, ihr bis zu seiner Rückkehr Gesellschaft zu leisten. Die Schöne machte durchaus keine Schwierigkeiten, sich mit mir aufs Kanapee zu setzen; dies erschien mir als ein günstiges Vorzeichen; als ich jedoch ihre Hand ergriff, zog sie sie zurück, wenn auch ohne Schroffheit. Ich glaubte ihr nun in wenigen Worten sagen zu müssen, ihre Schönheit hätte mich verliebt gemacht, und wenn sie hundert Louis nötig hätte, ständen ihr diese zu Diensten, vorausgesetzt, daß sie so freundlich wäre, mir gegenüber ihre ernste Miene aufzugeben und einen heiteren Ton anzuschlagen, wie er den mir von ihr eingeflößten Gefühlen entspräche. Sie antwortete mir nur mit einer Kopfneigung, die ihre Dankbarkeit aussprach, zugleich aber auch eine unbedingte Ablehnung meines Anerbietens bedeutete. »Morgen reise ich, Madame.« – Keine Antwort. Als ich hierauf von neuem ihre Hand ergriff, zog sie sie mit einer verächtlichen Miene zurück, die mich verletzte. Ich bat sie um Entschuldigung und ging hinaus, ohne mich länger aufzuhalten. Dies passierte mir vor einer halben Stunde, Ich bin in die Frau nicht verliebt; meine Begierde entspringt mir einer Laune, und wie Sie sehen, lache ich darüber. Nur wundert mich ihr Benehmen, weil ich weiß, daß sie keinen Heller in der Tasche hat. Nun ist mir eingefallen, daß Sie vielleicht heute die Dame in den Stand gesetzt haben, mein Anerbieten verschmähen zu können; hierdurch würde mir ihr Verhalten einigermaßen verständlich werden; sonst aber wäre es eine Erscheinung, die ich mir durchaus nicht erklären könnte. Darf ich es wagen. Sie frei heraus zu bitten, mir zu sagen, ob Sie glücklicher gewesen sind als ich?« Hoch erfreut über das Vertrauen einer so ehrenwerten Persönlichkeit, sagte ich ihm alles, ohne zu zögern; nachdem wir noch einige Vermutungen angestellt hatten, lachten wir beide über unser Mißgeschick. Ich mußte ihm versprechen, ihm nach Genua zu berichten, was ich während der beiden Tage erleben würde, die ich noch in Avignon zu verbringen beabsichtigte. Hierauf lud er mich ein, mit ihm an der Gasttafel zu Abend zu speisen, um die Haltung der schmollenden Schönen zu bewundern. »Sie haben sehr gut zu Mittag gegessen,« sagte ich zu ihm, »und werden daher wahrscheinlich nicht zu Abend essen.« »Ich wette, Sie tun es doch,« versetzte der Marchese lachend. Er hatte richtig geurteilt, und ich sah es nun klar, daß die Frau zu bestimmten Zwecken Komödie spielte. Neben sie hatte man einen Neuangekommenen Grafen Bussy gesetzt, einen hübschen jungen Mann und eitlen Windhund, Er verschaffte uns den Genuß des folgenden Auftrittes. Er war ein liebenswürdiger Spaßmacher, sogar etwas possenhaft aufgelegt, gegen Frauen kühn bis zur Frechheit, und da er schon um Mitternacht abreisen wollte, begann er sogleich, seiner schönen Nachbarin den Hof zu machen und auf alle mögliche Weise sie zu reizen. Er fand jedoch nur eine stumme Bildsäule. Da er es aber nicht für menschenmöglich hielt, daß sie ihn zum besten halten könnte, so sprach und lachte er ganz allein immer darauf los. Ich sah Herrn von Grimaldi an, der wie ich kaum imstande war, ernst zu bleiben. Der junge Lebemann wurde schließlich etwas ärgerlich, setzte aber seine Neckereien fort, indem er ihr die besten Bissen zu essen hinreichte, nachdem er selber davon gekostet hatte. Als die Schöne sich weigerte, diese anzunehmen, versuchte er, sie ihr in den Mund zu stecken. Dies brachte die Schöne in Harnisch, und sie stieß ihn zornig zurück. Als er sah, daß niemand ernstlich geneigt war, die Festung zu verteidigen, beschloß der junge Windbeutel, sie mit Sturm zu nehmen. Er ergriff mit Gewalt die Hand der Dame und küßte sie mehrere Male. Um sich frei zu machen, stand sie auf; er aber faßte sie um die Hüften und zog sie auf seinen Schoß. Nun stand jedoch der Mann auf, nahm ihren Arm und führte sie aus dem Saal. Ein wenig aus der Fassung gebracht, sah der Angreifer ihr einen Augenblick nach, setzte sich aber dann wieder an den Tisch und aß und lachte weiter, während die ganze übrige Gesellschaft in tiefem Schweigen dasaß. Er wandte sich an seinen Läufer, der hinter seinem Stuhl stand, und fragte ihn, ob sein Degen oben sei. Der Läufer sagte nein. Hierauf wandte sich der Hasenfuß zu einem Abbé, der neben ihm saß, und fragte ihn: »Wer ist der Herr, der meine Dame hinausgeführt hat?« »Ihr Gatte.« »Ihr Gatte! Oh! das ist etwas anderes! Ehemänner schlagen sich nicht, aber ein Mann von Ehre hat sich bei ihnen zu entschuldigen.« Er stand auf, ging nach oben und kam gleich wieder herunter. »Das ist ein dummer Ehemann! Er hat mir die Tür vor der Nase zugeschlagen und mir gesagt, ich solle in andere Häuser gehen, um meine Gelüste zu befriedigen. Es ist für mich nicht der Mühe wert, hier zu bleiben; es tut mir jedoch leid, der Geschichte keinen Abschluß geben zu können.« Hierauf ließ er Champagner kommen und bot allen Anwesenden zu trinken an, von denen jedoch keiner seine Einladung annahm. Hierauf grüßte er die Gesellschaft und ging. Herr von Grimaldi, der mich auf mein Zimmer begleitete, fragte mich, was ich bei der soeben erlebten Szene empfunden hätte. Ich sagte ihm, ich würde mich nicht gerührt haben, selbst wenn der Windbeutel ihr die Röcke hochgehoben hätte. »Ich auch nicht,« sagte er; »aber wenn sie meine hundert Louis angenommen hätte, dann allerdings wäre es etwas anderes gewesen. Jedenfalls bin ich neugierig, wie die Sirene es anfangen wird, sich aus ihrer unangenehmen Lage zu ziehen; ich rechne darauf, Sie zu sehen, wenn Sie durch Genua kommen.« Mit Tagesanbruch reiste er ab. Als ich aufstand, erhielt ich einen Brief von der falschen Astraudy; sie fragte mich, ob ich sie mit ihrer großen Kameradin zum Abendessen erwarten wollte. Kaum hatte ich eine bejahende Antwort hierauf gegeben, als ich den falschen Herzog von Kurland vor mir sah, den ich in Grenoble getroffen hatte. Er sagte mir in sehr unterwürfigem Ton, er sei der Sohn eines Uhrmachers in Narwa, seine Schuhschnallen seien wertlos, und er bitte mich um ein Almosen. Ich gab ihm vier Louis. Als er mich hierauf um Diskretion bat, sagte ich ihm: »Sollte mich jemand nach Ihnen fragen, so werde ich die Wahrheit sagen – nämlich, daß ich nicht im geringsten weiß, wer Sie sind.« »Ich reise nach Marseille und danke Ihnen noch sehr.« »Gute Reise!« Ich werde später meinen Lesern sagen, in welchen Verhältnissen ich den Mann in Genua traf; denn es ist nützlich, solche Leute, deren es leider in der Welt nur zu viele gibt, wahrheitsgetreu zu schildern. Ich ließ den Wirt hinaufkommen und sagte ihm, daß ich ein leckeres Abendessen für drei Personen zu haben wünschte. Zugleich befahl ich ihm, in meinem Zimmer decken zu lassen. Er antwortete mir: »Sie werden zu Ihrer Zufriedenheit bedient werden, übrigens komme ich eben vom Chevalier Stuard, bei dem ich Lärm gemacht habe.« »Warum?« »Weil er kein Geld hat, die Tagesrechnung zu bezahlen. Ich werde sie sofort vor die Tür setzen lassen, obgleich die schöne Dame im Bett liegt und solche Krämpfe hat, daß sie keine Luft kriegen kann.« »Machen Sie sich an ihrer Schönheit bezahlt und machen Sie einen Strich durch die Rechnung.« »Au« Schönheit mache ich mir sehr wenig; meine Zeit ist vorüber. Ich will aber keine Szenen mehr; denn sie schaden meinem Hause.« »Sagen Sie ihr, sie würde von nun an mit ihrem Gemahl mittags und abends auf ihrem Zimmer speisen und ich würde für sie bezahlen, solange ich noch hier bleibe.« »Das ist sehr edel! Aber Sie wissen doch, mein Herr, daß für Essen auf dem Zimmer der doppelte Preis gerechnet wird?« »Das weiß ich.« »Dann ist es gut.« Ich verspürte ein gewisses Entsetzen, indem ich mir vorstellte, daß dieses schöne Weib, ohne andere Hilfsmittel als ihre eigene Person, von der sie keinen Gebrauch machen wollte, auf die Straße gestoßen werden sollte. Anderseits aber konnte ich es dem Gastwirt nicht verdenken; denn diese Art Leute sind für gewöhnlich wenig galant. Ich hatte ohne jede eigennützige Nebenabsicht nur einer Regung des Mitleids nachgegeben. Während ich mich noch diesen Gedanken hingab, trat Stuard bei mir ein. Er bedankte sich bei mir und bat mich, seine Frau aufzusuchen und ihr zuzureden, daß sie sich anders benehmen möchte. »Sie wird mir nicht antworten, und das ist, wie Sie wissen, nicht angenehm.« »Kommen Sie nur! Sie weiß, was Sie für uns getan haben; sie wird sprechen, denn das Gefühl ist doch schließlich...« »Wie können Sie mir von Gefühlen sprechen nach dem, was ich gestern gesehen habe?« »Der Herr ist um Mitternacht abgereist, und daran hat er wohl getan, denn sonst hätte ich ihn heute früh getötet!« »Sie sind ein Prahlhans, mein lieber Herr – nehmen Sie mir es nicht übel, wenn ich Ihnen das sage. Nicht heute früh, sondern gestern hätten Sie ihn töten oder ihm wenigstens einen Teller ins Gesicht schmeißen müssen. Doch gehen wir zu Ihrer Frau!« Ich fand sie in ihrem Bette, ihr Gesicht nach der Wand gekehrt, bis zum Halse zugedeckt und herzbrechend schluchzend. Ich begann ihr vernünftig zuzureden, aber sie erwiderte wie gewöhnlich wieder kein Wort darauf. Stuard wollte mich allein lassen; ich sagte ihm jedoch, ich würde sofort gehen, wenn er sich entfernte; denn es wäre für mich ganz unmöglich, sie zu trösten, und das könnte er sich ja selber sagen, nachdem sie die hundert Louis zurückgewiesen hätte, die der Herr Marchese Grimaldi ihr hätte geben wollen, ohne etwas anderes von ihr zu verlangen, als ihr die Hand küssen zu dürfen und sie lächeln zu sehen. »Hundert Louis!« schrie der Rüpel mit einem Wachtstubenfluch. »Was ist das für ein Benehmen! Damit hätten wir nach Lüttich reisen können, wo wir unser Haus haben. Eine Prinzessin läßt sich die Hand umsonst küssen, um wieviel mehr also ... Hundert Louis! das ist ja gräßlich!« Diese Ausrufe, die in der Lage der Leute ganz natürlich waren, machten mich lachen. Der arme Teufel fluchte in allen Tonarten und wollte schließlich hinausgehen, als plötzlich die arme unglückliche Frau von ihren wahren oder verstellten Krämpfen befallen wurde. Sie streckte den einen Arm aus und packte eine Wasserkaraffe, die sie mitten ins Zimmer schmiß; dann streckte sie den anderen Arm aus und entblößte dabei ihren Busen. Stuard eilte hinzu, um sie festzuhalten, aber die Krämpfe wurden immer stärker, und die Decke verschob sich so, daß die zartesten und vollkommensten Formen völlig nackt dalagen. Endlich beruhigte sie sich, und da lag sie nun mit geschlossenen Augen, scheinbar völlig erschöpft, in der wollüstigsten Stellung da, die die personifizierte Liebesgier jemals erfinden könnte. Ich war in einer ungeheuren Erregung. Wie hätte ich auch so viele Reize sehen können, ohne den heftigsten Wunsch nach ihrem Besitz zu empfinden! In diesem Augenblick ließ der elende Gatte sie allein und ging hinaus, indem er zu mir sagte, er wolle Wasser holen. Ich merkte die Falle, und mein Selbstgefühl bewahrte mich davor, in sie hinein zu gehen. Ich glaubte zu bemerken, daß dieser ganze Auftritt nur ein abgekartetes Spiel war, um mir einen tierischen Genuß zu verschaffen und dabei noch der von einem dummen Stolz erfüllten Person die Möglichkeit zu lassen, ihre Teilnahme zu leugnen. Ich tat mir Gewalt an, zog sachte die Decke in die Höhe und verhüllte, was ich so gern noch mehr entblößt hätte. In die Hölle wünschte ich die entzückenden Schönheiten, die das Ungeheuer mir nur ausliefern wollte, um mich dadurch zu erniedrigen. Stuald war ziemlich lange abwesend. Als er mit einer vollen Wasserflasche eintrat, fand er mich ganz anders, als er ohne Zweifel erwartet hatte, mit ruhigem Gesicht und in vollkommener Ordnung, Einige Augenblicke darauf ging ich hinaus, um durch einen Spaziergang am Rhôneufer mein inneres Gleichgewicht wiederzufinden. Ärgerlich auf mich selber, weil ich mich von dieser Spitzbübin behext fühlte, lief ich mit großen Schritten den Weg entlang. Vergebens führte ich mir alle möglichen Vernunftgründe vor; meine Aufregung schien nach der körperlichen Bewegung nur zu wachsen, und ich kam zu dem Schluß, daß Genuß, brutaler oder sentimentaler Genuß, der von mir gesehenen Schönheiten für mich notwendig sei, um meine auf Abwege geratene Vernunft wieder zu sich selber zu bringen. Ich sah, daß ich sie kaufen mußte, daß hier zartfühlende Umwerbung nichts nützen konnte, sondern daß ich ihr Geld geben und daß ich mich allen Opfern unterwerfen mußte. Ich bedauerte nur, daß ich mich einem falschen Zartgefühl hingegeben hatte; denn auf alle Fälle hätte ich nach der Befriedigung, wenn sie die Zimperliche gespielt hätte, sie verachten und ihr meine Verachtung fühlbar machen können. In meiner Ratlosigkeit beschloß ich schließlich, dem Gatten zu sagen, ich würde ihm fünfundzwanzig Louis geben, wenn er mir eine Zusammenkunft verschaffte, bei welcher ich mich befriedigen könnt«. Ganz voll von diesem Gedanken, ging ich nach Hause. Ohne mich nach ihrem Befinden zu erkundigen, ließ ich mir das Mittagessen auf meinem Zimmer auftragen. Leduc sagte mir, die Schöne speise ebenfalls auf ihrem Zimmer und der Wirt habe gesagt, sie werde nicht in den Speisesaal kommen. Dies wußte ich ja schon. Nach dem Essen machte ich dem liebenswürdigen Dolci einen Besuch. Er stellte mich seinem Vater vor, einem sehr liebenswürdlgen Herrn, der leider nicht reich genug war, um den Wunsch seines Sohnes zu erfüllen und diesen reisen zu lassen. Der junge Mann besaß eine wunderbare Geschicklichkeit und konnte eine große Menge Taschenspielerstücke. Er war von sehr sanftem Charakter, und als er sah, daß mich der Zustand seines Herzens interessierte, erzählte er mir allerlei Geschichten, aus denen ich sah, daß ein Jüngling in seinem beneidenswerten Alter nur darum unglücklich sein kann, weil er noch keine Erfahrung hat. Eine reiche Frau wollte er nicht, weil eine solche von ihm verlangen würde, was ihm ohne Liebe zu gewähren schmachvoll dünkte; er schwärmte für ein junges Mädchen, das auf Ehrbarkeit Anspruch machte. Ich glaubte ihm einen guten Rat geben zu müssen. Ich sagte ihm, er solle der freigebigen Reichen seine Huld zuwenden und dem jungen Mädchen gegenüber von Zeit zu Zelt ein bißchen die Achtung verletzen, dabei jedoch immer höflich bleiben; sie würde ihn dafür ausschelten, aber ihm unfehlbar verzeihen. Er war kein Wüstling und neigte ein ganz klein wenig zu frommen, aber ketzerischen Ideen. Ei unterhielt sich in unschuldiger Weise mit gleichaltrigen Freunden in einem Garten in der Nähe von Avignon, wo eine Schwester der Gärtnersfrau ihn belustigte, wenn er allein mit ihr war. Als die Nacht anbrach, ging ich nach Hause, und die Astraudy mit der Lepi – so hieß die Bucklige – ließen nicht auf sich warten. Als ich diese beiden Karikaturen vor mir sah, war ich doch sehr verdutzt. Ich hatte allerdings mich auf etwas Derartiges gefaßt gemacht, aber die Wirklichkeit erschreckte mich doch. Die Astraudy war häßlich und wußte es; darum suchte sie ihre Mängel durch eine maßlose Unanständigkeit zu ersetzen. Die Lepi war hinten und vorn bucklig, besaß aber Talent und den Geist ihres Handwerks in hohem Grade; sie konnte sicher sein, Begierden zu erregen, denn ihre Augen und Zähne waren von seltener Schönheit; die letzteren schien ihr riesiger Mund absichtlich sehen zu lassen, damit man ihre Regelmäßigkeit und die Frische ihres Schmelzes bewunderte. Die Astraudy lief auf mich zu und gab mir einen florentinischen Kuß, den ich wohl oder übel hinnehmen mußte, die Lepi war schüchterner und bot mir nur ihre Wange, die ich flüchtig mit den Lippen berührte. Als ich sah, daß die Astraudy schon mit ihren tollen Streichen beginnen wollte, bat ich sie, sie möchte sich mäßigen, denn ich wäre ein Neuling in derartigen Vergnügungspartien und müßte nach und nach dazu animiert werden, wenn ich Geschmack daran finden sollte. Sie versprach mir, daß sie vernünftig sein wollte. Während wir auf das Abendessen warteten, fragte ich sie, in Ermangelung eines anderen Gesprächsstoffes, ob sie in Avignon einen Liebhaber gefunden hätte. »Ich habe hier nur den Auditor des Vizelegaten, der zwar geschlechtlich unnormal, aber liebenswürdig und freigebig ist. Ich habe mich seinem Geschmack schließlich doch anbequemt, was ich vor einem Jahre für unmöglich gehalten haben würde, weil ich mir einbildete, es müsse sehr weh tun; aber ich täuschte mich.« »Der Auditor behandelte dich also als Knaben?« »Ja. Meine Schwester würde ihn dafür angebetet haben, denn das ist ihre Leidenschaft.« »Aber deine Schwester hat sehr stattliche Hüften.« »Ich vielleicht nicht? Sieh doch nur, fühle doch nur!« »Du bist sehr gut versehen. Aber warte doch, bitte, es ist noch Zeit dafür.« »Nach dem Essen wollen wir richtig toll sein!« »Weißt du,« sagte die Lepi zu ihr, »du bist jetzt schon toll!« »Wieso denn toll?« »Pfui! ist es denn erlaubt, sich so zu zeigen?« »Liebe Freundin, du wirst es genau ebenso machen; wenn man in guter Gesellschaft ist, befindet man sich im goldenen Zeitalter.« »Ich wundere mich,« sagte ich zu ihr, »daß du dein eigentümliches Verhältnis mit dem Auditor so einem jeden erzählst.« »Das ist gut! Nicht ich erzähle es, sondern jeder erzählt es mir und macht mir Komplimente darüber. Man weiß, daß der brave Mann niemals Frauen geliebt hat, und es wäre lächerlich von mir, leugnen zu wollen, was ein jeder errät. Ich wunderte mich über meine Schwester; aber in dieser Welt soll man sich über nichts wundern. Aber bist denn du kein Freund davon?« »Nein, ich bin nur Freund hiervon.« Mit diesen Worten berührte ich die Lepi an der Stelle, wo wir gewohnheitsmäßig vermuten, was ich unter dem hiervon verstand. Als die Astraudy bemerkte, daß ich nichts fand, lachte sie laut auf, ergriff meine Hand und führte sie in die Höhe, bis zu dreiviertel Teilen des Körpers unmittelbar unter dem Buckel, wo ich wirklich das Gewünschte fand. Der Leser stelle sich meine Überraschung vor! Das arme Mädchen schämte sich, die Zimperliese zu spielen, und stimmte in das Gelächter ihrer Freundin ein. Auch ich geriet dadurch in heitere Stimmung, indem ich daran dachte, welches Vergnügen mir nach dem Abendessen eine solche für mich vollkommen neue Entdeckung verschaffen würde. »Haben Sie denn niemals einen Liebhaber gehabt, meine liebe Lepi?« »Nein,« antwortete die Astraudy für ihre Freundin; »sie ist noch Jungfer.« »Das ist nicht wahr!« rief die Lepi etwas verwirrt, »ich habe je einen Liebhaber in Bordeaux und einen anderen in Montpellier gehabt.« »Allerdings; trotzdem bist du aber doch noch immer so, wie du auf die Welt gekommen bist.« »Das kann ich freilich nicht leugnen.« »Wie, zwei Liebhaber und noch Jungfer! Das verstehe ich nicht. Bitte erzählen Sie mir das doch; denn so etwas ist ja einzig in seiner Art.« »Bevor mein erster Liebhaber sich befriedigte, war ich ebenso, wie ich jetzt bin, und ich war damals erst zwölf Jahre alt.« »Das ist ein wahres Wunder. Und was sagte er, als er Sie so fand, wie Sie sind?« »Ich schwor ihm, er sei der erste; er glaubte mir dieses und schrieb meinen Zustand meiner körperlichen Gestalt zu.« »Er war ein vernünftiger Mann; aber tat er Ihnen denn nicht weh?« »Ganz und gar nicht; allerdings ging er sehr sachte mit mir um.« »Du mußt,« sagte die Astraudy zu mir, »nach dem Essen einen Versuch machen; das wird komisch sein.« »O nein! Das geht nicht!« rief die Lepi; »der Herr ist zu groß.« »Ein schöner Grund! Hast du etwa Angst, daß sein ganzer Körper dabei beteiligt ist? Warte mal, ich will ihn dir zeigen!« Mit diesen Worten begann das schamlose Frauenzimmer mich völlig zu entblößen, und ich ließ sie gewähren. »Ich hatte es mir wohl gedacht!« rief die Lepi. »Das Ding geht niemals hinein!« »Sicherlich ist das Geschmeide sehr groß,« sagte die Astraudy; »aber es gibt für alles ein Mittel: der gnädige Herr wird sich damit begnügen, wenn er nur zur Hälfte ein Unterkommen findet.« »Ach, meine Liebe, nicht die Länge macht mir angst, sondern der Umfang; denn die Tür ist zu eng.« »Das ist doch ein wahres Glück für dich; dann kannst du ja deine Erstlinge verkaufen, nachdem du schon zwei Liebhaber gehabt hast. Dies wäre freilich nichts Neues; unter solcher falschen Flagge segeln ja viele.« Ihr Gespräch, dem es nicht an Witz mangelte, und besonders die Naivität der Buckligen, hatte bereits den Entschluß in mir gezeitigt, mich selber zu überzeugen. Das Essen wurde aufgetragen, und ich hatte das Vergnügen, die beiden Nymphen wie zwei Halbverhungerte essen und noch tüchtiger trinken zu sehen. Der Hermitagewein übte seine unausbleibliche Wirkung, und die Astraudy machte den Vorschlag, zu dem Kostüm unserer Ureltern zurückzukehren und uns aller künstlichen Hüllen zn entledigen, die die Natur entstellen. »Mir ist es recht,« sagte ich zu ihr; »ich werde euch dabei nicht genieren.« Ich trat hinter meine Bettvorhänge, zog mich aus, legte mich ins Bett und drehte ihnen den Rücken zu, bis sie fertig waren. Die Astraudy sagte mir Bescheid, und nun erregte die Lepi meine ganze Aufmerksamkeit. Das Mädchen war schön, trotz seiner doppelten Mißbildung. Meine Blicke schüchterten sie ein; denn sie trat wahrscheinlich zum erstenmal als Mitwirkende in einer solchen Orgie auf. Ich suchte sie zu ermutigen, indem ich einzelne Schönheiten pries, die ihre sehr weißen und sehr hübschen Hände mir nicht verbergen konnten, und überredete sie endlich, sich an meine Seite zu legen. Ihr Buckel mnachte es ihr unmöglich, sich auf den Rücken zu legen, wenn man den Platz, den der Buckel einnahm, so nennen darf. Die Astraudy war jedoch ebenso raffiniert wie hilfsbereit; mit Hilfe von Kissen schob sie ihr Stützen unter, wie einem Schiff, das von Stapel gelassen werden soll. Mit der freundlichen Beihilfe der Astraudy glückte endlich die Einführung zur großen Befriedigung des Opferpriesters wie des Opfers. Nach Beendigung der feierlichen Handlung küßte sie mich, was sie vorher nicht gekonnt hatte; denn ihr Mund befand sich meiner Brust gegenüber, während meine Beine kaum bis zur Hälfte der ihrigen hinunterreichten. Ich hätte zehn Louis darum gegeben, um mich an dem sonderbaren Anblick weiden zu dürfen, den wir ohne Zweifel darboten, während wir diese Gruppe bildeten. »Jetzt kommt aber die Reihe an mich!« rief dann die Astraudy; »nur darfst du dir keine Übergriffe in die Rechte meines Auditors erlauben. Bitte untersuche erst die Gegend, damit du weißt, wohin du kommst. Da!« »Was soll ich denn mit dieser halben Zitrone machen?« »Ich wünsche, daß du dich überzeugst, daß der Ort sauber ist und daß du ihn ohne Gefahr besuchen kannst.« »Ist dies ein sicheres Mittel?« »Ein unfehlbares; denn wenn der Weg nicht in Ordnung wäre, könnte ich das Brennen nicht ertragen.« »Es ist geschehen. Bist du nun zufrieden?« »Vollkommen. Aber höre, betrüge mich nicht: alles oder nichts! Mein Ruf würde gemacht sein, wenn ich meinen Gürtel erweitern müßte.« Ich bitte meine Leser um die Erlaubnis, über gewisse Umstände dieser wirklich skandalösen Orgie einen Schleier ziehen zu dürfen. Das häßliche Geschöpf lehrte mich wirklich noch Neues. Endlich, obgleich ich mehr ermüdet als erschöpft war, sagte ich ihnen, sie möchten gehen; die Astraudy bestand jedoch darauf, zum Schluß noch einen Punsch zu machen. Ich willigte ein; da ich aber von allen beiden nichts mehr wissen wollte, so zog ich mich wieder an. Der Champagnerpunsch versetzte sie jedoch in eine solche Erregung, daß sie schließlich mich dahin brachten, mich ihrer Brunft ebenfalls hinzugeben. Die Astraudy gab ihrer Kameradin eine so eigentümliche Lage, daß ihre Buckel völlig verschwanden. Wie wenn ich Jupiters Oberpriesterin vor mir hätte, brachte ich ihr noch ein langes Opfer, währenddessen Tod und Leben mehrere Male bei ihr wechselten. Voller Ekel vor mir selber, entriß ich mich endlich ihrer geilen Wut. Um sie los zu werden, gab ich ihnen zehn Louis, worüber sie beinahe vor Seligkeit verrückt wurden. Die Astraudy fiel vor mir auf die Knie, segnete mich, dankte mir und nannte mich ihren Gott; die Lepi aber lachte und weinte gleichzeitig vor Freude. Dies verschaffte mir eine Viertelstunde lang einen Auftritt ganz eigentümlicher Art. Ich ließ sie in meinem Wagen nach Hause fahren. Nachdem ich bis zehn Uhr geschlafen hatte, wollte ich gerade mein Zimmer verlassen, um einen Spaziergang zu machen, als Stuard mit verzweifelter Miene bei mir eintrat und mir sagte, wenn ich ihm nicht die Mittel gäbe, vor mir abzureisen, würde er sich in den Rhône stürzen. »Das ist ja sehr tragisch,« sagte ich zu ihm; »aber dagegen gibt es noch Mittel. Ich bin bereit, fünfundzwanzig Louis zu zahlen; aber ich will sie Ihrer Frau Gemahlin geben und nur unter der Bedingung, daß sie eine Stunde lang mit mir allein und sanft wie ein Lamm ist.« »Mein Herr, das ist gerade die Summe, die wir brauchen.« »Sie steht zu Ihrer Verfügung. Sprechen Sie mit ihr darüber. Ich komme erst um zwölf Uhr nach Hause.« Ich tat fünfundzwanzig Louis in eine hübsche kleine Börse und ging aus. Ich glaubte, der Sieg könnte mir nicht mehr entgehen, und eilte daher früher wieder nach Hause, als ich eigentlich gewollt hatte. Ich betrat ihr Zimmer und näherte mich sehr rücksichtsvoll ihrem Bette. Bei meinem Anblick richtete sie sich auf, ohne ihren Busen zu verhüllen und sagte zu mir, bevor ich ihr guten Tag wünschen tonnte: »Da bin ich, mein Herr! Ich bin bereit, mit meiner Person die elenden fünfundzwanzig Louis zu bezahlen, die mein Mann braucht. Sie können mit mir machen, was Sie wollen; ich werde nicht den geringsten Widerstand leisten. Aber vergessen Sie eins nicht:indem Sie sich meine Lage zunutze machen, um Ihre tierische Begier zu befriedigen, müssen Sie sich weit tiefer erniedrigt fühlen, als ich es bin; denn ich verkaufe mich nur darum zu so niedrigem Preise, weil die Not mich dazu zwingt. Ihre Gemeinheit ist schmachvoller als meine Erniedrigung. Kommen Sie, hier haben Sie mich!« Während sie die letzten Worte dieser schmeichelhaften Ansprache hervorbrachte, stieß sie heftig die Decke von sich und stellte ihren ganzen Leib, den ich schon einmal mit anderen Gefühlen hatte betrachten können, mir zur Schau. Eine Minute stand ich wie betäubt und voller Entrüstung vor ihrem Bett. Jedes Gefühl war in mir erloschen; ich sah in ihren wollüstigen Formen nur noch Reize, die allerdings entzückend waren, aber nur dazu dienten, eine verworfene oder rohe Seele zu verlarven. Mit der größten Kaltblütigkeit hob ich die Decke wieder auf, breitete sie über sie und sprach in kaltem, verächtlichem Ton folgende Worte: »Nein, Madame, das werden Sie nicht erleben, daß ich dieses Zimmer durch Ihre Worte gedemütigt verlasse; aber ich gehe nicht eher, als bis ich Ihnen Wahrheiten gesagt habe, die Sie auf das tiefste demütigen müssen. Sie sollen nicht länger darüber im Zweifel sein, daß Sie keine Frau sind, die auch nur auf die geringste Achtung Anspruch erheben darf. Ich bin kein Tier, und um Sie davon zu überzeugen, werde ich von Ihnen gehen, ohne mich Ihrer Reize bemächtigt zu haben, die ich jetzt ebenso sehr verachte, wie ich sie hochgeschätzt haben würde, wenn Sie dieser Schönheiten würdig wären. Hier sind fünfundzwanzig Louis – eine erbärmliche Summe, um die Huld einer anständigen Frau zu bezahlen, aber mehr als zuviel für das, was Sie gewähren können, wenn man Sie kennt. Ich gebe Ihnen dieses Geld nur aus einer Regung des Mitleides, deren ich mich nicht erwehren kann, und die das einzige Gefühl ist, das Sie mir noch einflößen, aber eines muß ich Ihnen noch sagen: wenn Sie sich einmal für Geld preisgeben, so sind Sie ebensogut eine Verlorene, wenn Sie hundert Millionen, wie wenn Sie fünfundzwanzig Louis erhalten, sobald Sie nicht das Gefühl des Mannes teilen, dem Sie sich hingeben, oder sobald Sie sich nicht wenigstens so stellen, um das scheinbare Recht zu erwerben, sich selber noch achten zu dürfen. Leben Sie wohl!« Ich ging wieder auf mein Zimmer, und nach einiger Zeit kam Stuard, um mir zu danken. Ich sagte ihm: »Ich bitte Sie, mein Herr, sprechen Sie nicht mehr von Ihrer Frau und lassen Sie mich in Ruhe.« Den Tag darauf reiste er mit ihr nach Lyon ab. Meine Leser werden sehen, wie ich sie in Lüttich wiederfand. Nach dem Essen kam Dolci und holte mich ab, um mit mir nach seinem Garten zu gehen und mir die Schwester der Gärtnersfrau zu zeigen. Sie war hübsch, aber nicht so hübsch wie er. Bald war sie in angeregter Stimmung, und nachdem sie sich ein bißchen geziert hatte, erklärte sie sich bereit, in meiner Gegenwart zärtlich mit ihm zu sein. Ich sah, daß dieser Adonis von der Natur reichlich ausgestattet war, und sagte mir, daß ein so reichbegabter Jüngling wie er nicht nötig habe, die Börse seines Vaters in Anspruch zu nehmen, wenn er reisen wolle. Bald darauf machte er sich meine Ratschläge zunutze. Ich hätte bei diesem schönen Ganymed infolge seines Liebesspiels mit der Gärtnerin leicht zum Jupiter werden können. Auf dem Heimweg sah ich einen jungen Menschen von zwanzig bis fünfundzwanzig Jahren aus einem Schiff steigen. Seine Gesichtszüge trugen den Ausdruck von Traurigkeit, und er schien ein anständiger Mensch zu sein. Als er sah, daß ich ihn betrachtete, trat er auf mich zu und bat mich bescheiden um ein Almosen, indem er mir zugleich einen Schein reichte, der ihn dazu ermächtigte, und mir seinen Paß zeigte, aus welchem hervorging, daß er vor sechs Wochen Madrid verlassen hatte. Er stammte aus Parma und hieß Costa. Als ich das Wort Parma las, sprach das Heimatsgefühl zu seinen Gunsten bei mir, und ich fragte ihn, durch welches Unglück er so weit herunter gekommen sei, um betteln zu müssen. »Nur dadurch, daß es mir an dem nötigen Gelde fehlte, um in mein Vaterland zurückzukehren,« »Was taten Sie in Madrid, und weshalb gingen Sie dorthin?« »Ich kam dorthin vor vier Jahren als Kammerdiener des königlichen Leibarztes Doktor Pistoria; da ich es bei ihm nicht gut hatte, so verließ ich ihn. Aus diesem Zeugnis hier geht hervor, daß ich ihm treu gedient habe.« »Was können Sie?« »Ich habe eine schöne Handschrift und kann als Sekretär dienen; ich gedenke in meiner Vaterstadt mich als öffentlicher Schreiber zu ernähren. Diese Verse hier habe ich gestern abgeschrieben.« »Ihre Handschrift ist schön; aber sind Sie auch imstande, richtig zu schreiben?« »Nach Diktat kann ich französisch, lateinisch und spanisch schreiben.« »Aber auch richtig?« »Gewiß, mein Herr, – wenn man nur richtig diktiert; denn es ist die Sache des Diktierenden, auf die Korrektheit zu achten.« Ich sah, daß Gaetano Costa ein unwissender Mensch war; trotzdem nahm ich ihn mit auf mein Zimmer und ließ Leduc spanisch mit ihm sprechen. Er antwortete ziemlich gut; als ich ihm aber italienisch und französisch diktierte, stellte es sich heraus, daß er von Orthographie gar keine Ahnung hatte. »Aber Sie können ja nicht schreiben!« Als er über diese Worte gekränkt war, tröstete ich ihn, indem ich ihm sagte, ich würde ihn auf meine Kosten nach seiner Heimat bringen. Er küßte mir die Hand und versicherte mir, ich würde in ihm einen treuen Diener finden. Der junge Mann gefiel mir wegen seiner eigentümlichen Denkweise; da er sich dieselbe zunutze zu machen gewußt hatte, um sich von den Dummköpfen zu unterscheiden, unter denen er bis dahin gelebt hatte, so brachte er sie mit gutem Gewissen allen anderen Leuten gegenüber zur Anwendung. Die Kunst eines Schreibers bestand nach seiner Ansicht nur in einer guten Handschrift; wer die beste hatte, übertraf in seinen Augen alle anderen. Dies sagte er zu mir, indem er ein von mir beschriebenes Papier betrachtet. In der Tat war meine Handschrift nicht so leserlich wie die seinige. Er gab mir also stillschweigend zu verstehen, daß ich hinter ihm zurückstehe und ihm daher in Anbetracht seiner Überlegenheit eine gewisse Achtung nicht versagen könne. Ich lachte über diese törichte Einbildung, und da ich glaubte, daß er nicht unverbesserlich sei, so behielt ich ihn. Ohne diese Überspanntheit würde ich ihm ein Almosen gegeben haben und wäre niemals auf den unvernünftigen Einfall gekommen, ihn bei mir zu behalten. Er sagte, die Orthographie sei überflüssig; denn wer sie kenne, könne leicht den Sinn der Worte erraten, wer sie aber nicht kenne, sei auch nicht imstande, die Fehler zu bemerken. Ich lachte, und da ich mich in eine Erörterung darüber nicht einließ, sah er mein Lachen als eine Zustimmung an. In einem der Sätze, die ich ihm diktierte, wurde auch das Konzil von Trente erwähnt. Nach seinem System schrieb er dies Wort mit einer 3 und einer 0. Ich lachte laut auf. Er geriet dadurch jedoch keineswegs aus der Fassung, sondern sagte, da die Aussprache dieselbe sei, so erhalte das Wort seine Bedeutung durch die Idee und nicht durch die verschiedenen Buchstaben, aus denen es bestehe. Der Bursche war in der Tat nur dumm, weil in ihm Geist mit Unwissenheit und Anmaßung gemischt war. Kurz und gut, ich behielt ihn, weil mir sein ganzes Wesen originell erschien. Wie der Leser spater bemerken wird, bewies ich dadurch, daß ich dümmer war als er. Am anderen Morgen verließ ich Avignon und fuhr geraden Weges nach Marseille, ohne in Aix, wo das Parlament seinen Sitz hat, Aufenthalt zu nehmen. Ich stieg in den "Dreizehn Kantonen" ab, da ich mindestens acht Tage in der alten Kolonie der Phokäer verbringen und meine Freiheit recht ausnützen wollte. Darum hatte ich mich nicht mit Empfehlungsbriefen versehen; denn da ich reichlich bares Geld besaß, brauchte ich keinen Menschen. Ich befahl meinem Wirt, das Essen auf meinem Zimmer auftragen zu lassen und mir eine gute Mahlzeit aus Fastenspeisen zurecht zu machen; denn ich wußte, daß der Fisch in Marseille köstlicher ist als überall sonst auf der ganzen Welt. Am nächsten Morgen ging ich mit einem Lohndiener aus, um mich von ihm nach meinem Gasthof zurückbringen zu lassen, sobald ich genug spazieren gegangen wäre. Indem ich aufs Geratewohl meiner Nase nach ging, kam ich auf einen sehr langen und sehr breiten schönen Kai. Ich glaubte in Venedig zu sein, und mein Busen schwoll von einem Gefühl des Glücks; so tief wurzelt die Liebe zum Vaterland im Herzen jedes wackeren Menschen. Ich sah zahlreiche Schenken, in denen viele Zecher sich an griechischen und spanischen Weinen gütlich taten. Eine Menge geschäftiger Leute bewegte sich drängend und schiebend nach allen Richtungen hin; jeder dachte nur an sich und fragte wenig danach, ob er etwa anderen lästig würde. Hausierer, schlecht und gut gekleidete, mehr oder weniger hübsche Mädchen, Weiber mit schamlosen Blicken, die jedem winkten, der sie ansah, bewegten sich in diesem Gewühl. Ich sah auch andere Frauen, die bescheiden, aber gut gekleidet waren, ohne jeden Seitenblick ihres Weges gehen und so den vollkommensten Gegensatz zu den anderen bildend, obgleich viele von ihnen das gleiche Ziel verfolgten. Das bunte Gemisch aller Trachten: der ernste Türke neben dem lebhaften Andalusier, der französische Stutzer, der stumpfsinnige Afrikaner, der schlaue Grieche, der schwerfällige Holländer – dies alles erinnerte mich an meine Heimat, und ich fühlte mich glücklich. Nachdem ich einige Augenblicke an einer Straßenecke stehen geblieben war, um den Theaterzettel zu lesen, kehrte ich recht ermüdet in meinen Gasthof zurück, um mich an einem köstlichen Mahle zu erquicken, das ich reichlich mit gutem Syrakuser Wein benetzte. Nach dem Essen zog ich mich elegant an und ging dann in die Komödie, wo ich einen Platz im Amphitheater nahm. Fünftes Kapitel Rosalie. – Toulon. – Nizza. – Meine Ankunft in Genua. – Herr von Grimaldi. – Veronika und ihre Schwester. Ich bemerkte, daß die ersten vier Logen auf beiden Seiten des Theaters von gutgekleideten hübschen Frauen ohne einen einzigen Kavalier besetzt waren. Während des ersten Zwischenaktes sah ich Herren aller Stände kavaliermäßig in diesen Logen eintreten und an die erste beste Dame galante Bemerkungen richten. Plötzlich hörte ich, wie ein Malteserritter zu der Dame, die allein in einer Loge neben der meinigen saß, die Worte sprach: »Ich komme morgen zu dir zum Frühstück.« Dies genügte mir, um völlig Bescheid zu wissen. Ich sah sie mir näher an, und da ich sie sehr appetitlich fand, sagte ich zu ihr, sobald der Ritter sich entfernt hatte: »Wollen Sie mir ein Abendessen geben?« »Mit Vergnügen, mein guter Freund; aber man hat mich so oft angeführt, daß ich nicht auf dich warten werde, wenn du mir nicht ein Handgeld gibst.« »Was heißt das, daß ich Ihnen ein Handgeld geben soll? Ich verstehe nicht.« »Du bist offenbar noch neu hier.« »Ganz neu.« Sie lachte, rief den Malteserritter heran und sagte zu diesem: »Tu mir den Gefallen und erkläre diesem fremden Herrn, der heute Abend bei mir zu speisen wünscht, was das Wort Handgeld bedeutet.« Der Malteserritter sagte mir mit einem sehr liebenswürdigen Lächeln, das Fräulein wünschte, daß ich ihr das Souper vorausbezahlte, damit sie sicher wäre, daß ich nicht vergessen würde, ihr diese Ehre zu erweisen. Ich dankte ihm und fragte das Fräulein, ob ein Louis genug sei. Sie bejahte, ich gab ihr das Goldstück und bat um ihre Adresse. Der Ritter sagte mir mit der größten Höflichkeit, er würde mich nach Schluß des Theaters selber hinführen. Ferner sagte er mir, die Dame sei das ausgelassenste Mädchen von Marseille. Er fragte mich, ob ich die Stadt kenne; und da ich ihm antwortete, ich sei erst an diesem Tage angekommen, wünschte er sich Glück, daß er einer der ersten wäre, die meine Bekanntschaft machten. Wir gingen die Mitte des Amphitheaters, und dort nannte er mir ein Dutzend oder mehr Mädchen, die wir zur Linken und zur Rechten sahen und die sämtlich bereit waren, den ersten besten zum Souper mitzunehmen. Sie haben alle freien Eintritt, der Theaterunternehmer findet seine Rechnung dabei; denn Frauen von gutem Ton kommen nicht in diese Logen, und die Nymphen ziehen viele Leute an. Ich bemerkte unter ihnen fünf oder sechs, die hübscher waren als die, bei der ich mich eingeladen hatte; aber ich blieb für diesen Abend bei meiner Ausgewählten und verschob es auf die nächsten Tage, mich mit den anderen bekannt zu machen. »Ist Ihre Favorite unter diesen Schönen?« fragte ich den Ritter. »Nein, ich liebe eine Tänzerin, die ich aushalte, und ich werde Sie mit ihr bekannt machen, denn ich bin glücklicherweise nicht eifersüchtig.« Nach Schluß der Vorstellung führte er mich an die Tür meiner Schönen, und dort trennten wir uns, indem wir uns versprachen, uns wiederzusehen. Ich fand die Nymphe im Hauskleide; dieses stand ihr nicht gut, und sie gefiel mir nicht. Sie gab mir ein gutes Abendessen, das sie durch geistreiche tolle Scherze erheiterte; hierdurch erhielt ich eine etwas bessere Meinung von ihr. Als wir gespeist hatten, legte sie sich zu Bett und forderte mich auf, es ebenfalls zu tun. »Ich schlafe niemals in einem fremden Bett.« Hierauf bot sie mir das englische Röckchen an, das der Seele Ruhe gibt; aber ich wollte es nicht nehmen, weil es von zu geringer Güte war. »Ich habe auch feinere, aber sie kosten drei Franken das Stück, und die Händlerin verkauft sie nur dutzendweise.« »Wenn sie schön sind, will ich das Dutzend nehmen.« Sie klingelte, und ein reizendes junges Mädchen mit bescheidener Miene trat ein. Sie machte Eindruck auf mich, und ich sagte, als das junge Mädchen hinausgegangen war, um die schützenden Überzüge zu holen: »Du hast da eine hübsche Kammerzofe.« »Sie ist fünfzehn Jahre alt und weigert sich dummerweise, irgend etwas mitzumachen, weil sie noch ganz unschuldig ist.« »Gestattest du, daß ich mich davon überzeuge?« »Du kannst ihr den Vorschlag machen, aber ich bezweifle, daß sie darauf eingeht.« Das Mädchen kam mit dem Paket herein. Ich setzte mich in Positur und befahl ihr, mir eins anzuprobieren. Sie machte sich an die Arbeit, aber mit schmollender Miene und mit einer Art von Widerstreben, wodurch sie meine Teilnahme erregte. Da das erste nicht paßte, mußte sie ein zweites versuchen, – das ich reichlich bespritzte. Ihre Herrin fing an zu lachen; sie aber warf mir entrüstet über mein Benehmen das ganze Paket ins Gesicht und lief zornig hinaus. Da mir die weitere Lust vergangen war, so steckte ich das Paket in meine Tasche, gab der Dame zwei Louis und ging. Das Mädchen, das ich so rücksichtslos behandelt hatte, leuchtete mir an die Tür; ich glaubte die Beschimpfung wieder gut machen zu müssen, gab ihr einen Louis und bat sie um Verzeihung. Das arme Mädchen war darüber ganz verblüfft, küßte mir die Hand und bat mich, ihrer Gnädigen nichts zu sagen. »Ich verspreche es dir, meine Liebe; aber sage mir, ist es wirklich wahr, daß du noch unberührt bist?« »Das ist vollkommen wahr, mein Herr.« »Ei, das ist ja ein wahres Wunder! Aber sage mir, warum hast du mir den Wunsch abgeschlagen, mich davon zu überzeugen?« »Weil mich das empört.« »Du wirst dich aber doch wohl dazu entschließen müssen, denn sonst wärest du ja zu nichts zu gebrauchen, so hübsch du auch bist. Willst du mich?« »Ja, aber nicht in diesem scheußlichen Hause.« »Aber wo denn sonst?« »Lassen Sie sich morgen zu meiner Mutter führen, ich werde dort sein. Ihr Lohndiener weiß, wo sie wohnt.« Als ich auf der Straße war, fragte ich den Lakaien, ob er das Mädchen kenne. »Ja; und ich halte sie für anständig.« »Sie werden mich morgen früh zu ihrer Mutter bringen.« Am anderen Morgen führte er mich ans Ende der Stadt in ein armseliges Haus. Ich fand im Erdgeschoß eine alte Frau mit armen Kindern, welche ein hartes schwarzes Brot aßen. »Was wollen Sie?« fragte sie mich. »Ist Ihre Tochter hier?« »Nein. Und wenn sie auch hier wäre? Halten Sie mich vielleicht für ihre Kupplerin?« Inzwischen kam die Tochter an. Die wütende Mutter warf einen in ihrer Nähe stehenden Topf nach ihr. Glücklicherweise konnte das Mädchen dem Wurf ausweichen, aber den Klauen der alten Frau wäre sie nicht entgangen, wenn ich nicht zwischen sie getreten wäre. Die Mutter heult, die Kinder brüllen, und das arme Mädchen weint. Infolge dieses Spektakels tritt mein Lohndiener ein. »Spitzbübin!« schreit die Mutter; »du entehrst mich! Hinaus aus meinem Hause! Ich bin nicht mehr deine Mutter.« Ich war in großer Verlegenheit. Mein Diener bat sie, doch nicht so laut zu schreien, daß alle Nachbarn es hören könnten; aber das wütende Weib antwortete auf seine Ermahnungen nur mit den gröbsten Schimpfworten. Ich zog einen Sechsfrankentaler aus der Tasche und gab ihr den; sie warf ihn mir an den Kopf. Es blieb mir nichts anderes übrig, als mit dem Mädchen hinauszugehen. Sie hatte das arme Kind bei den Haaren gepackt, aber mein Diener hatte sie aus ihren Händen befreit. Kaum war ich auf der Straße, so pfiff der Pöbel, der von dem Lärm herbeigezogen war, mich aus und verfolgte mich. Ohne Zweifel wäre ich in Stücke gerissen worden, wenn ich nicht in eine Kirche geflüchtet wäre, die ich erst eine Viertelstunde darauf durch eine andere Tür verließ. Nur die Flucht rettete mir das Leben; denn ich kannte die Wut der Provenzalen und hütete mich darum, auch nur ein einziges Wort auf die Schimpfreden zu erwidern, die von allen Seiten auf mich herunterhagelten. Ich bin, glaube ich, niemals in größerer Lebensgefahr gewesen als an diesem Tage. Bevor ich noch in meinem Gasthof angekommen war, holte mein Lohndiener mit dem jungen Mädchen mich ein. Ich sagte zu ihr: »Wie konnten Sie mich in eine so entsetzliche Lage bringen, da Sie doch den wütenden Charakter Ihrer Mutter kannten?« »Ich hoffte, sie würde vor Ihnen Respekt haben.« »Nun beruhigen Sie sich, weinen Sie nicht mehr! Aber sagen Sie mir, wie ich Ihnen nützlich sein könnte?« »Ich liege auf der Straße. Ehe ich in das abscheuliche Haus zurückkehre, wo ich gestern war, stürze ich mich ganz gewiß lieber ins Meer!« »Kennen Sie,« fragte ich meinen Lohndiener, »irgendein anständiges Haus, wo ich das Mädchen unterbringen kann?« Er antwortete nur, er kenne einen ehrenwerten Mann, der möblierte Zimmer vermiete. »Gehen Sie voraus, ich folge Ihnen.« Ich fand in dem Hause einen Greis, der mir Zimmer in allen Stockwerken zeigte. »Ich brauche nur einen kleinen Winkel,« sagte das junge Mädchen. Der alte Mann führte uns nun auf den Dachboden, öffnete eine Kammer und sagte: »Dieses Kabinett kostet monatlich sechs Franken; aber die Miete muß im voraus bezahlt werden, und ich mache Sie darauf aufmerksam, daß meine Haustür stets um zehn Uhr geschlossen wird, und daß niemand die Nacht bei Ihnen zubringen darf.« Die Kammer enthielt ein Bett mit groben Laken, zwei Stühle, ein Tischchen und eine Kommode. Ich fragte ihn, wieviel er täglich für die Verpflegung des Mädchens verlange. Er forderte zwanzig Sous und außerdem zwei Sous für die Magd, die ihr das Essen bringen und die Kammer reinhalten würde. »Das genügt mir,« sagte das junge Mädchen, zugleich bezahlte sie die Miete für den Monat und die Kost für den Tag. Ich verabschiedete mich von ihr, indem ich ihr sagte, ich würde wiederkommen. Während wir die Treppe hinuntergingen, fragte ich den alten Mann nach einem Zimmer für mich. Er zeigte mir ein sehr sauberes Zimmer, das einen Louis kostete; ich bezahlte es für einen Monat im voraus. Er gab mir einen Hausschlüssel, um nach meinem Belieben ein- und ausgehen zu können, und sagte: »Wenn Sie essen wollen, mein Herr, werde ich Sie ganz nach Ihrem Wunsch bedienen.« Nachdem ich dieses gute Werk vollbracht hatte, speiste ich allein zu Mittag; hierauf ging ich in ein Café, wo ich den liebenswürdigen Malteserritter am Spieltisch traf. Sobald er mich sah, hörte er auf, steckte eine Hand voll Gold, das er gewonnen hatte, in die Tasche und begrüßte mich mit jener ausgesuchten Höflichkeit, die den Franzosen angeboren zu sein scheint. Auf seine Frage, ob ich mit meiner Schönen, bei der ich soupiert hätte, zufrieden gewesen wäre, erzählte ich ihm alles Vorgefallene. Er lachte darüber und schlug mir vor, mich zu seiner Tänzerin zu führen. Wir fanden diese unter dem Kamm ihres Friseurs, und sie empfing mich scherzend wie einen guten Bekannten. Sie interessierte mich jedoch nicht; um aber dem liebenswürdigen Malteserritter einen Gefallen zu tun, tat ich, als finde ich sie sehr hübsch. Als der Friseur fortgegangen war, zog sie sich ohne alle Umstände an, da sie am Abend auftreten sollte. Der Ritter half ihr das Hemd wechseln; sie zog es sich ohne alle Ziererei an, doch bat sie mich vorher um Entschuldigung. Da ich ihr daraufhin ein Kompliment machen mußte, fiel mir nichts Besseres ein, als ihr zu sagen, sie habe mich durchaus nicht beleidigt, wohl aber mich aufgeregt. »Das glaube ich nicht!« sagte sie. »Ganz gewiß, es ist wahr!« versetzte ich. Sie trat an mich heran, um sich zu überzeugen, und als sie sah, wie ich sie belogen hatte, sagte sie mit einer halb schmollenden Miene: »Sie sind ein Taugenichts!« Es gibt in ganz Frankreich keine Stadt, wo die Kurtisanen so ausschweifend sind wie in Marseille; sie setzen nicht nur ihren Stolz darein, niemals etwas abzuschlagen, sondern sie sind die ersten, alles anzubieten. Die Tänzerin zeigte mir eine Repetieruhr, die sie in einer Lotterie, zu zwölf Franken das Los, ausspielen wollte. Sie hatte noch zehn Lose; ich nahm ihr diese ab, und meine fünf Louis machten ihr solche Freude, daß sie mir um den Hals fiel und zum Malteserritter sagte, sie würde ihm untreu werden, sobald ich Lust hätte. »Das freut mich außerordentlich,« sagte der Ritter. Er bat mich, bei ihr mit ihm zu soupieren, und ich nahm die Einladung an; das einzige Vergnügen jedoch, das ich mir verschaffte, bestand darin, zuzusehen, wie der Ritter seine Pflicht bei ihr erfüllte. Er stand jedoch weit hinter Dolci zurück. Nachdem ich ihnen gute Nacht gewünscht hatte, verließ ich sie und begab mich nach dem Hause, wo ich das arme Mädchen untergebracht hatte. Die Magd führte mich in mein Zimmer, und ich fragte sie, ob ich nach dem Boden gehen könnte. Sie nahm das Licht, und ich folgte ihr. Rosalie, so hieß das junge Mädchen, erkannte meine Stimme und machte mir auf. Ich sagte der Magd, sie möchte in meinem Zimmer auf mich warten, setzte mich auf das Bett und fragte das schöne Kind: »Bist du zufrieden, meine Liebe?« »Ich fühle mich glücklich.« »Ich hoffe doch, du wirst so gefällig sein und mir an deiner Seite Platz machen.« »Sie haben zu befehlen, aber ich muß Ihnen gestehen. Sie werden mich nicht so finden, wie ich Ihnen gesagt habe; denn ich habe mich bereits hingegeben, allerdings nur ein einziges Mal.« »Du hast mir also eine Lüge gesagt?« »Verzeihen Sie mir! Ich konnte nicht ahnen, daß Sie mich lieben würden.« »Ich verzeihe dir gern, besonders da ich darauf gar keinen Wert lege.« Sanft wie ein Lamm ließ sie mich alle ihre Schönheiten betrachten, die ich mit Händen und Mund verschlang. Der Gedanke, daß ich diese Schätze besitzen sollte, versetzte mein ganzes Wesen in Glut; aber ihre gehorsame Miene betrübte mich, und ich fragte sie: »Warum, reizende Rosalie, kommst du nicht meinen Wünschen entgegen?« »Ich wage es nicht, weil ich fürchte, Sie könnten mich in Verdacht haben, daß ich mich verstelle.« Falschheit und studierte Koketterie können wohl eine solche Antwort geben; was aber eine noch so wohl überlegte Berechnung nicht hervorbringen kann, das ist der Ton von Aufrichtigkeit und schüchterner Wahrhaftigkeit, womit das herrliche Mädchen diese Worte aussprach. Ungeduldig nach ihrem Besitz warf ich meine Kleider ab; zu meiner höchsten Überraschung aber fand ich in ihr eine vollkommene Jungfrau. »Warum,« fragte ich sie, »hast du gesagt, du habest einen Liebhaber gehabt? Eine solche Lüge hat noch niemals ein junges Mädchen gesagt.« »Ich habe wirklich nicht gelogen; aber es ist mir lieb, daß es Ihnen so vorkommt.« »Erzähle mir dies.« »Gern, denn ich wünsche mich Ihres Vertrauens würdig zu machen; die Sache verhält sich folgendermaßen: Vor zwei Monaten liebte meine Mutter mich noch, trotz ihrem aufbrausenden und trotzigen Wesen. Ich arbeitete als Näherin und verdiente täglich zwanzig bis dreißig Sous. Ich gab alles meiner Mutter. Ich hatte nie einen Liebhaber gehabt und dachte überhaupt nicht an Liebe, denn ich mußte lachen, wenn man mich wegen meiner Einsamkeit pries. Von Kindheit an war ich daran gewöhnt worden, den jungen Leuten, denen ich auf der Straße begegnete, niemals ins Gesicht zu sehen und ihnen nicht zu antworten, wenn sie irgendwelche fade Redensarten an mich richteten. Es ist nun zwei Monate her, da kam ein recht hübscher junger Mensch, ein kleiner Kaufmann aus Genua, zu meiner Mutter, um von ihr sehr feine baumwollene Strümpfe waschen zu lassen, die von dem Seewasser ein wenig verdorben waren. Als er mich sah, lobte er meine Schönheit, doch tat er dies auf die anständigste Art von der Welt. Er gefiel mir; ohne Zweifel hatte er dies bemerkt, denn er kam jeden Abend wieder. Meine Mutter war stets zugegen; er plauderte und sah mich an, aber niemals nahm er auch nur meine Hand, um sie zu küssen. Meine Mutter sah mit großem Vergnügen, daß der junge Mann mich liebte, und schalt mich oft aus, ich wäre nicht höflich genug gegen ihn. Nach einiger Zeit mußte er mit dem kleinen Schiff, das sein Eigentum war, nach Genua fahren, um eine Warenladung dorthin zu bringen. Er hatte uns versichert, er würde im nächsten Frühjahr wiederkommen und uns dann seine Absichten kundgeben. Er hoffe, ich werde stets tugendhaft sein und vor allen Dingen mit keinem Liebhaber verkehren. Dies war vielsagend. Meine Mutter sah in ihm nunmehr den Mann, dem ich einstmals angehören würde, und ließ mich bis Mitternacht mit ihm an der Haustür plaudern. Wenn er fortging, schloß ich die Tür und legte mich neben meine Mutter, die ich stets bereits eingeschlafen fand, ins Bett. Vier oder fünf Tage vor seiner Abreise nahm er meinen Arm und lud mich ein, ihn etwa fünfzig Schritte von unserem Hause in ein Weinhaus zu begleiten und bei dem griechischen Wirt, der die ganze Nacht offen hielt, ein Glas Muskateller zu trinken. Wir blieben nur eine halbe Stunde beieinander, und bei dieser Gelegenheit gab er mir die ersten Küsse. Nach Hause kommend, fand ich meine Mutter wach; ich erzählte ihr alles, so unschuldig fand ich die ganze Sache. Aufgeregt von der Erinnerung an die Erlebnisse der vorigen Nacht, erklärte ich mich am nächsten Tage bereit, abermals mit ihm zu gehen. Die Liebe machte weitere Fortschritte. Die Liebkosungen, die wir einander erwiesen, waren nicht mehr unschuldig; denn wir wußten wohl, daß wir weiter gegangen waren, als die Pflicht uns erlaubte. Gleichwohl verziehen wir uns, denn des Wesentlichen hatten wir uns enthalten. In der übernächsten Nacht sollte mein Geliebter abfahren; er verabschiedete sich von meiner Mutter, und sobald diese im Bett lag, zögerte ich nicht länger, ihm den Genuß zu bewilligen, den ich ebenso sehr wünschte wie er. Wir gingen zum Griechen, aßen und tranken, und unsere erhitzten Sinne ließen die Liebe triumphieren: wir vergaßen unsere Pflicht und glaubten Wunder was Herrliches zu tun. Nach unserer Niederlage schliefen wir ein; aber als wir erwachten, da erkannten wir im hellen Licht des Tages den Fehltritt, den wir begangen hatten. Mehr traurig als froh trennten wir uns, und meine Mutter empfing mich ungefähr ebenso, wie Sie heute morgen es mit angesehen haben. Ich versicherte ihr, eine Heirat würde die Schande meines Verbrechens auslöschen; aber als sie dies Geständnis hörte, ergriff sie einen Stock und würde mich totgeschlagen haben, wenn ich nicht, mehr aus Instinkt als aus Berechnung, entflohen wäre. Da war ich nun auf der Straße. Ich wußte nicht, wohin ich mich wenden sollte; so trat ich denn in eine Kirche ein und kniete dort, wie betäubt, im Gebet bis zum Mittag. Denken Sie sich meine Lage: ich hatte Hunger und wußte nicht, wo ich schlafen sollte; ich hatte keine anderen Kleider als die, die ich auf dem Leibe trug, und besaß keinen Heller, um mir ein Stück Brot zu kaufen. Eine Frau sprach mich auf der Straße an. Ich kannte sie und wußte, daß sie sich ihren Lebensunterhalt damit verdiente, Familien, welche Dienstboten brauchten, solche zu besorgen. Ich fragte sie sofort, ob sie mir einen Dienst verschaffen könnte. Sie antwortete: «Man hat heute ein Mädchen von mir verlangt, aber es ist bei einer Dame von schlechtem Lebenswandel, und wenn Sie diesen Platz annehmen, wird es Ihnen, hübsch wie Sie sind, schwer fallen, anständig zu bleiben.» «Ich werde mich gegen die Ansteckung zu wehren wissen,»rief ich; «ich bin in einer Lage, alles annehmen zu müssen.» Sie führte mich zu dem Fräulein, das mich mit Vergnügen annahm und hocherfreut war, als ich auf ihre Frage antwortete, ich hätte noch niemals etwas mit einem Mann zu tun gehabt. Es hat mir seitdem oft leid getan, diese Lüge zu ihr gesagt zu haben, denn in den acht Tagen, die ich bei dieser liederlichen Dame verbrachte, hatte ich die bittersten Beschimpfungen zu erdulden, die jemals einem anständigen Mädchen widerfahren sind. Kaum hatten die Männer, die sie besuchten, mich bemerkt und von ihr erfahren, daß ich noch Jungfer sei, so wollten sie ihre tierische Lust an mir befriedigen und boten mir Gold, aber unter der Bedingung, daß ich mich vorher untersuchen ließ. Da ich mich weigerte, so verhöhnte man mich. Aber das war noch nicht alles. Fünf- oder sechsmal täglich sah ich mich genötigt, bei den rohen Genüssen zugegen zu sein, die die Kunden sich mit meiner Herrin verschafften, und nachts, wenn ich ihnen die Treppe hinunterleuchten mußte, überschütteten sie mich mit Schmähungen, weil ich mich weigerte, ihnen für elende zwölf Sous einen ekelhaften Dienst zu leisten. Es war mir nicht mehr möglich, dieses Leben noch länger zu führen, und als Sie gestern kamen, ging ich schon mit dem Gedanken um, mich ins Wasser zu stürzen. Sie behandelten mich so überaus schmachvoll, daß ich in meinem Entschluß noch bestärkt wurde; beim Fortgehen aber benahmen Sie sich so höflich und großmütig, daß ich augenblicklich Liebe zu Ihnen faßte, denn ich hielt Sie für den Mann, den die Vorsehung dazu ausersehen hätte, mich von dem Sturz in den Abgrund zu bewahren. Ich glaubte, Ihre Erscheinung würde vielleicht meine Mutter beruhigen und Sie könnten sie überreden, mich wieder bei sich aufzunehmen, bis mein Liebhaber käme und mich heimführte. Sie haben mir diese Täuschung benommen; ich bin, wie ich sehe, in ihren Augen ganz und gar verloren. Nehmen Sie mich zu Ihrer Magd; ich werde treu nur Sie allein lieben, werde mich Ihnen ganz und gar unterwerfen, und Sie sollen niemals über mich zu klagen haben.« Ich weiß nicht, war es Tugend, war es Schwachheit – genug, diese Erzählung des interessanten Opfers einer Sinnenverirrung und der übergroßen Strenge einer Mutter riß mich zu Tränen hin; als sie mich gerührt sah, flossen auch ihre Tränen stromweise; dies war kein Wunder, denn gewiß bedurfte ihr junges armes Herz einer Erleichterung. «Ich glaube, meine arme Rosalie, du hast nur ein Hemd.« »Ach das ist leider nur wahr.« »Sei ruhig, meine Liebe, morgen wirst du alles haben, was du brauchst, und morgen Abend wirst du im zweiten Stock mit mir speisen. Ich werde für dich sorgen.« »Sie haben also Mitleid mit mir?« »Ich glaube, mein liebes Kind, es ist mehr Liebe als Mitleid.« »Das gebe Gott!« Über dieses »Das gebe Gott«, das ihr aus der innersten Seele kam, mußte ich laut lachen. Die Magd, die seit zwei Stunden auf mich wartete, legte ihr mürrisches Gesicht in freundliche Falten, als sie den Sechs-Frankentaler sah, den ich ihr zur Entschädigung in die Hand drückte. Ich sagte zu ihr: »Sage deinem Herrn, ich werde morgen Abend mit Rosalie Fastenspeisen essen, und sage ihm, daß ich gut zu essen liebe.« Heftig verliebt in das junge Mädchen ging ich in meinen Gasthof zurück; es war für mich eine Befriedigung, auch einmal eine wahre Geschichte aus einem schönen Munde gehört zu haben. Sie war offenbar in ihren Gefühlen so tugendhaft, daß ihr kleiner Fehltritt ihr in meinen Augen nur um so höheren Glanz verlieh. Ich faßte den Entschluß, sie niemals zu verlassen, und dieser Entschluß war aufrichtig, denn ich war in sie verliebt. Am anderen Morgen trank ich meine Schokolade und ging dann mit dem Lohndiener aus; ich ließ mich in mehrere Kaufläden führen, wo ich alles bekommen konnte, was sie nötig hatte. Was ich aussuchte, war ohne Luxus, aber auch nicht armselig. Rosalie war erst fünfzehn Jahre alt, aber nach ihrem schlanken Wuchs, ihrem wohlgeformten Busen, den vollen, von den Grazien gerundeten Armen hätte man ihr vier Lustren geben können. Ich hatte ihre Formen so gut im Kopfe, daß die von mir gekauften Sachen ihr so gut paßten, wie wenn ihr Maß genommen worden wäre. Ich verwandte den ganzen Vormittag hierauf, und der Diener brachte ihr in einem kleinen Koffer zwei Kleider, Hauben, Unterröcke, Schnupftücher, Handschuhe, Mützen, ein Paar Pantoffeln, einen Fächer, einen Arbeitsbeutel und ein Mäntelchen. Beglückt von dem Gedanken, dem reizenden Mädchen eine Überraschung bereitet zu haben, konnte ich die Stunde des Abendessens kaum erwarten, um mich an ihrer Zufriedenheit zu weiden. Der Malteserritter besuchte mich und lud sich ohne Umstände zum Mittagessen ein; ich nahm ihn mit Vergnügen bei mir auf. Nach der Mahlzeit überredete er mich, mit ihm ins Theater zu gehen, weil das Abonnement aufgehoben wäre und deshalb die Logen die beste Gesellschaft enthielten. Es würden keine Dirnen im Amphitheater sein, denn diese würden nur gegen Bezahlung Eintritt haben. Er stellte mich einer Dame vor, in deren Hause die gute Gesellschaft verkehrte; sie lud mich ein, sie zu besuchen. Ich entschuldigte mich mit meiner sehr nahe bevorstehenden Abreise. Nichtsdestoweniger war diese Dame eine ausgezeichnete Bekanntschaft, die mir bei meinem zweiten Besuch in Marseille sehr nützlich wurde. Es war eine Madame Audibert. Ich wartete das Ende der Vorstellung nicht ab, sondern begab mich schon vorher an den Ort, wohin mich die Liebe rief. Es wartete meiner eine höchst angenehme Überraschung! Ich glaubte Rosalie nicht wieder zu erkennen, als ich sie vor mir sah. Ich kann mir das Vergnügen nicht versagen, hier ihr Bildnis zu zeichnen, wie es trotz den seither verflossenen Jahren mir im Gedächtnis geblieben ist: Rosalie war eine pikante Brünette von mehr als mittlerer Größe. Ihr Gesicht bildete ein schönes Oval von den vollkommensten Verhältnissen. Zwei große, schwarze, schön geschnittene und hoch gewölbte Augen strahlten ein Feuer aus, das durch eine entzückende Sanftmut gemildert wurde. Schön geschwungene Augenbrauen, überreiches ebenfalls schwarzes Haar und schwarze Augen ließen die glänzende Weiße ihrer rosig angehauchten Haut noch mehr hervorstehen. Ein Grübchen auf ihrem kleinen Kinn bildete mit zwei anderen Grübchen, die das leiseste Lächeln auf ihre Wangen zauberte, ein Dreieck. Ihr kleiner Mund war mit zwei Reihen Zähnen vom schönsten Schmelz geziert; ihre Lippen vom herrlichsten Rot umspielte ein unerklärlicher Zug. Ihre Unterlippe stand ein wenig vor, wie wenn sie Küsse aufsaugen wollte. Von ihren Armen, von ihrem Busen, von ihrem tadellosen Wuchs sprach ich schon; bemerken aber muß ich noch, daß sie eine göttliche Hand hatte und den kleinsten Fuß, der sich denken läßt. Von ihren übrigen Vollkommenheiten will ich nur sagen, daß sie den bereits geschilderten entsprachen. Um Rosalien in der ganzen Vollendung ihrer Schönheit zu sehen, mußte man sie lachen sehen; bis zu diesem Augenblick aber war sie nur traurig oder ärgerlich gewesen, und diese Stimmungen sind im allgemeinen den Frauen nicht günstig, sondern nehmen ihnen viel von ihrem Reiz. Nun aber war ihre Traurigkeit verschwunden und hatte dem Ausdruck der Dankbarkeit und der Freude Platz gemacht. Ihr schönes Gesicht fesselte die Aufmerksamkeit, weil es von sprechender Lebendigkeit war und Lust machte, zu hören, was sie sagte. Ich betrachtete sie aufmerksam und war stolz auf die Umwandlung, die mein Werk war; aber ich bemerkte, daß ich meine Überraschung verbergen mußte, damit sie nicht glaubte, daß ich unvorteilhaft von ihr dächte. Ich beeilte mich daher, ihr meine Gedanken auszusprechen, indem ich ihr versicherte, daß ich mich unsterblich lächerlich machen würde, wenn ich sie so, wie Gott sie geschaffen hätte, als Magd in meinen Dienst nehmen wollte. »Du wirst meine Geliebte sein, teure Rosalie!« rief ich; »meine Diener werden dir die gleiche Achtung bezeigen, wie wenn du meine Frau wärest.« Rosalie schien durch diese Worte ein neues Leben zu empfangen; sie sprach mir das innige Gefühl aus, das meine Wohltaten in ihr erregten. In ihrem überströmenden Gefühl drückte sie sich unbeholfen aus, aber gerade dieses erfüllte mich mit Freude, denn ich konnte nicht verkennen, daß sie unverstellt sprach: keine Kunst entstellte ihren Geist durch falsches Blendwerk. Da sie in ihrer Dachstube keinen Spiegel besaß, hatte sie sich beim Ankleiden ohne einen solchen behelfen müssen, und ich sah, daß sie sich in dem großen Wandspiegel, der mein Zimmer schmückte, nicht zu betrachten wagte. Ich kannte die Schwäche aller Frauen – eine Schwäche, die die Männer ihnen sehr mit Unrecht zum Vorwurf machen, – und ermutigte sie daher, sich im Spiegel zu besehen. Sie konnte ein Lächeln der Befriedigung nicht unterdrücken und rief: »Ich komme mir vor, wie wenn ich maskiert wäre, denn noch niemals habe ich mich in solchem Putz gesehen.« Sie lobte die geschmackvolle Einfachheit ihres Kleides, und ärgerte sich, als sie daran dachte, daß ihre Mutter dieses alles sehr schlimm finden würde. »Du mußt deine Mutter vergessen, liebes Herz! Du siehst vollkommen wie eine vornehme Dame aus, und ich werde ganz stolz sein, wenn man mich in Genua fragen wird, ob du meine Tochter seist.« »In Genua?« »Ja, in Genua. Du erbleichst?« »Vor Überraschung; denn ich werde vielleicht dort einen Mann sehen, den ich noch nicht vergessen habe.« »Willst du hier bleiben?« »Nein, nein! Lieben Sie mich und seien Sie überzeugt, daß ich Sie allem vorziehe, und zwar aus Liebe und nicht aus Eigennutz.« »Du wirst gerührt, lieber Engel. Komm her und laß deine Tränen von meinen Küssen trocknen!« Erstickt von den verschiedenen Gefühlen, von denen ihr Herz voll war, warf sie sich in meine Arme und weinte lange. Ich suchte sie nicht zu trösten, denn sie hatte keinen Kummer. Indem sie weinte, folgte sie jenem Bedürfnis, das zärtlichen Herzen so natürlich ist und das die Frauen häufiger und lebhafter empfinden als die Männer. Sie weinte noch, als wir uns zu Tisch setzten. Wir hatten ein köstliches Abendessen, dem ich für sie und mich alle Ehre antat; denn sie aß nichts. Ich fragte sie infolgedessen, ob sie den Fehler habe, nicht lecker zu sein. Sie antwortete mir: »Kein Mensch hat einen besseren Appetit als ich, und ich habe einen ausgezeichneten Magen. Sie werden dies sehen, wenn mein Herz und meine Seele sich ein bißchen an die Freude gewöhnt haben, die mir jetzt Beklemmungen macht.« »Aber du könntest doch mindestens trinken! Dieser Wein ist ausgezeichnet. Wenn du den griechischen Muskateller vorziehst, werde ich welchen holen lassen; er wird dich an deinen Liebhaber erinnern.« »Wenn Sie einige Rücksicht auf mich nehmen wollen, so bitte ich Sie, seien Sie so gütig und ersparen Sie mir die größte Kränkung, die Sie mir antun können.« »Ich verspreche dir, daß dir niemals eine Kränkung von meiner Seite widerfahren soll. Es war ein schlechter Scherz: ich bitte dich dafür um Verzeihung. Es soll nicht wieder vorkommen.« »Wenn ich Sie sehe, fühle ich Verzweiflung, daß ich Sie nicht vor ihm gekannt habe.« »Dies Gefühl genügt mir, liebe Rosalie; es ist erhaben, weil du es nur in deiner unschuldigen Liebe geschöpft hast. Du bist schön und keusch, denn du hast nur der Liebe nachgegeben, und du hattest ja die Aussicht, die Frau jenes Mannes zu werden. Wenn ich daran denke, daß du mein bist, so erfüllt es mich mit Verzweiflung, nicht sicher zu sein, daß du mich liebst; denn ein feindlicher Genius will mir einreden, daß du mich nur deshalb duldest, weil ich das Glück gehabt habe, dir zu helfen.« »Das ist ein sehr schlechter Genius, lieber Freund! Wenn ich Ihnen auf der Straße begegnet wäre, so hätte ich mich freilich ganz gewiß nicht wahnsinnig in Sie verliebt, aber sicherlich würden Sie mir gefallen haben. Ich fühle, daß ich Sie liebe, und zwar nicht um Ihrer Wohltaten willen; denn wenn ich reich wäre und Sie arm, so fühle ich, daß ich alles für Sie tun würde. Aber das wünsche ich durchaus nicht; denn es ist mir lieber, in Ihrer Schuld zu sein, als wenn Sie mein Schuldner wären. Dies sind meine aufrichtigen Gefühle. Erraten Sie das übrige!« Es war Mitternacht, und wir plauderten noch immer in diesem Ton, als mein alter Wirt hereinkam und mich fragte, ob ich zufrieden sei. »Ich bin Ihnen Dank schuldig; ich bin sehr zufrieden. Aber wer hat denn dieses köstliche Abendessen zubereitet?« »Meine Tochter. Sie versteht sich darauf.« »Sagen Sie ihr, ich habe es ausgezeichnet gefunden.« »Freilich, mein Herr, aber es ist teuer.« »Nicht teuer, guter Freund! Sie werden mit mir zufrieden sein, wie ich es mit Ihnen bin. Sorgen Sie dafür, daß ich morgen Abend ebenso gut bedient werde; denn ich hoffe, morgen wird das Fräulein sich besser fühlen und mir dann helfen, den kulinarischen Erzeugnissen Ihrer Tochter Ehre anzutun.« »Sie wird guten Appetit im Bett haben. Vor sechzig Jahren ist es mir ebenso ergangen. Sie lachen, Fräulein?« »Ich lache, weil ich denke, daß diese Erinnerungen Ihnen Vergnügen machen müssen.« »Sie täuschen sich nicht; darum verzeihe ich auch jungen Leuten die kleinen Sünden, die sie aus Liebe begehen.« »Sie sind ein weiser und guter alter Herr,« sagte ich zu ihm; »man muß für die süßeste aller Schwächen Mitgefühl haben.« »Wenn der alte Mann weise ist,« sagte Rosalie, als der Wirt fortgegangen war »ist meine Mutter töricht.« »Wünschest du, daß ich dich morgen ins Theater führe?« »Ich bitte, nein! Wenn Sie es verlangen, gehorche ich Ihnen, aber es würde mir unangenehm sein. Hier in Marseille weder Theater noch Spazierengehen! Himmel, was würde man sagen! Nein, in Marseille nichts; aber sonst überall alles, was Sie wollen, und von Herzen gern.« »Gut, meine Liebe, es soll nach deinem Willen geschehen. Aber hier ist dein Zimmer; du sollst nicht mehr in der Dachkammer wohnen, und in drei Tagen reisen wir ab.« »So bald schon?« »Ja, du wirst mir morgen sagen, was du für deine Reise haben möchtest, denn ich wünsche, daß es dir an nichts fehlt, und ich könnte vielleicht irgend etwas vergessen; das würde mir unangenehm sein.« »Ich brauche noch einen gefütterten Mantel, Halbstiefelchen, eine Nachtmütze und ein Gebetbuch, um in die Kirche gehen zu können.« »Du kannst also lesen?« »Freilich, sogar auch ganz leidlich schreiben.« »Das freut mich außerordentlich. Indem du von mir alles verlangst, was du nur wünschen kannst, liebe Freundin, gibst du mir einen wirklichen Beweis von Liebe: denn wo das Vertrauen mangelt, da ist keine echte Liebe. Ich werde nichts vergessen; aber du hast einen so kleinen Fuß, daß es besser ist, wenn du dir die Halbstiefelchen selber besorgst.« Unsere Unterhaltung war so angenehm; es machte mir so viel Vergnügen, ihren Geist zu beobachten, daß wir erst gegen fünf Uhr morgens zu Bett gingen. Wir verbrachten sieben köstliche Stunden in Amors und Morpheus' Armen, und als wir gegen Mittag aufstanden, waren wir innig miteinander vertraut. Sie duzte mich und sprach nicht mehr von Dankbarkeit, sondern von Liebe; sie hatte sich schon ganz in ihren gegenwärtigen Zustand hineingefunden und lachte über ihr vergangenes Elend. Alle Augenblicke küßte sie mich, nannte mich ihr Kind, ihr Glück; und da im Leben nichts wirklich ist als die Gegenwart, so genoß ich des Augenblicks, in ihren Liebkosungen schwelgend, und wies jeden Gedanken an die entsetzliche Zukunft von mir, die keine andere sichere Aussicht bietet als auf den Tod, ultima linea rerum. Die zweite Nacht, die ich mit dem schönen Mädchen verbrachte, war noch viel süßer als die erste; denn da sie mit gutem Appetit gegessen und herzhaft, wenn auch mit Maß, getrunken hatte, so war sie viel empfänglicher für Verfeinerungen des Genusses und ergab sich mit größerem Feuer allen Wollüsten, die die Liebe eingibt und ausführt. Ich schenkte ihr eine schöne Uhr und ein goldenes Webeschiffchen, um sich zu ihrer Unterhaltung Schnur darauf zu bereiten. »Ich wünschte ein solches,« sagte sie zu mir, »aber ich würde niemals gewagt haben, dich darum zu bitten.« Ich antwortete ihr: eine solche Furcht, mir durch eine Bitte um Sachen, die sie gerne haben möchte, zu mißfallen, lasse mich doch an ihrer Liebe zweifeln. Da stürzte sie sich in meine Arme und versprach mir unter den zärtlichsten Küssen, in Zukunft würde sie nicht mehr die geringste Zurückhaltung zeigen. Es machte mir bereits Vergnügen, das junge Mädchen zu erziehen, und ich fühlte, daß sie vollkommen werden würde, wenn durch die Erziehung ihr Geist sich entwickelte. Am vierten Tage sagte ich ihr, sie möchte sich bereit halten, in meinen Wagen zu steigen, sobald ich sie abholte. Ich hatte weder zu Costa noch zu Leduc ein Wort von ihr gesagt, aber Rosalie wußte, daß ich zwei Bediente hatte; ich hatte ihr erzählt, daß ich mir auf der Reise oft das Vergnügen machte, sie schwatzen zu lassen, um über ihre plumpen Dummheiten zu lachen. »Du, meine Liebe,« hatte ich zu ihr gesagt, »benimm dich sehr zurückhaltend gegen sie; laß ihnen niemals etwas durchgehen, vor allem nicht die geringste Vertraulichkeit! Befiehl ihnen als Herrin, aber ohne Hochmut, und du wirst Gehorsam und Achtung finden. Sollten sie sich jemals dir gegenüber vergessen, sei es worin es sei, so verlange ich, daß du mir dies ohne Erbarmen sofort mitteilst.« Ich fuhr von dem Gasthof zu den »Dreizehn Kantonen« mit vier Postpferden ab; Leduc und Costa saßen auf dem Kutschbock, und der Lohndiener, den ich freigebig beschenkt hatte, führte uns vor Rosalies Haus. Ich stieg aus dem Wagen und dankte dem nachsichtigen Greis, der sein Bedauern aussprach, eine so liebenswürdige Mieterin abreisen zu sehen. Dann ließ ich sie einsteigen, setzte mich neben sie, und befahl den Postillonen, nach Toulouse zu fahren, denn ich hatte Lust, vor meiner Rückkehr nach Italien diesen schönen Seehafen zu besichtigen. Um fünf Uhr kamen wir an. Beim Nachtessen benahm meine Rosalie sich mit der ganzen Würde einer Hausfrau, die an den Ton der guten Gesellschaft gewöhnt ist. Ich sah, daß Leduc in seiner Eigenschaft als Kammerdiener dem Costa ihre besondere Bedienung zuweisen wollte; aber ich brachte ihn davon ab, indem ich, ohne ihn anzusehen, zu meiner Freundin sagte, er werde die Ehre haben, sie zu bedienen, denn er frisiere wie der beste Pariser Friseur. Diese Schmeichelei versüßte ihm die bittere Pille; er fügte sich mit guter Miene, indem er mit einer tiefen Verbeugung sagte, er hoffe das Glück zu haben, Madame zufriedenzustellen. Am anderen Morgen gingen wir aus, um den Hafen zu besehen. Der Kommandant, dessen Bekanntschaft wir durch einen glücklichen Zufall machten, erwies uns die Ehre, uns als Führer und Cicerone zu bedienen. Er bot Rosalien seinen Arm und behandelte sie mit großer Achtung; sie verdiente diese durch ihre gute Haltung und durch die vernünftigen Fragen, die sie stellte. Beim Mittagessen, an welchem auf meine Einladung auch der Kommandant teilnahm, sprach Rosalie wenig, aber stets treffend; sie ging mit großer Anmut auf die höflichen Komplimente unseres Gastes ein, der ein ebenso liebenswürdiger wie gebildeter Offizier war. Am Nachmittag zeigte er uns das Arsenal; da er sich zu revanchieren wünschte, konnte ich seine Einladung zum Abendessen nicht ablehnen. Es war keine Rede davon, Rosalie vorzustellen, denn der Kommandant beeilte sich, uns seine Frau, seine Tochter und seinen Sohn vorzustellen. Ich sah mit großem Vergnügen, daß meine Freundin sich gegen Damen noch besser benahm als gegen Herren. Sie hatte ein natürliches Gefühl für das Schickliche. Die Damen erwiesen ihr tausend Freundlichkeiten, die sie mit edlem und gefühlvollem Anstand entgegennahm; ihr ganzes Wesen trug den Ausdruck jener Bescheidenheit und anziehenden Sanftmut, die das Kennzeichen einer guten Erziehung sind. Ich wurde für den folgenden Tag zum Mittagessen eingeladen, da ich jedoch mit dem Gesehenen zufrieden war, so verabschiedete ich mich, um am nächsten Tage zu reisen. Als ich ihr im Gasthof gesagt hatte, ich sei vollkommen mit ihr zufrieden, fiel sie mir voller Freude um den Hals und rief: »Ich hatte fortwährend Angst, man möchte mich fragen, wer ich eigentlich sei.« »Fürchte nichts, liebe Freundin; in Frankreich wird man in guter Gesellschaft niemals so dumme Fragen an dich richten.« »Aber wenn man mich nun doch gefragt hätte, wie hätte ich antworten sollen?« »Ausweichend.« »Was heißt das?« »Eine ausweichende Antwort dient dazu, sich aus der Verlegenheit zu ziehen, ohne die Neugier der Indiskreten zu befriedigen.« »Aber wie macht man denn das?« »Du würdest zum Beispiel sagen: bitte fragen Sie den Herrn danach.« »Ich verstehe jetzt. Aber benehme ich mich nicht unhöflich, wenn ich einer Frage ausweiche?« »Allerdings, aber immerhin weniger unhöflich als diejenigen, die sich eine solche unangebrachte Frage gestatten.« »Was würdest du antworten, wenn man an dich selber eine solche Frage richtete?« »Dies käme auf den Grad der Achtung an, die ich der die Frage stellenden Person entgegenbrächte. Wenn ich die Wahrheit nicht sagen wollte, so weiß ich, daß es mir an einer Ausrede nicht fehlen würde. Übrigens bin ich dir dankbar, liebes Herz, daß du mit deinen Fragen bei mir Belehrung suchst. Frage mich nur immer; du wirst mich stets bereit finden, dir zu antworten, denn ich wünsche zu deiner Bildung beizutragen. Ich liebe dich und wünsche, daß du glänzest. Nun aber wollen wir zu Bett gehen, denn wir müssen morgen in aller Frühe nach Antibes abreisen, und die Liebe soll dich für das Vergnügen belohnen, das du mir heute bereitet hast.« In Antibes mietete ich eine Feluke zur Überfahrt nach Genua, und da ich die Absicht hatte, auf demselben Wege aus Italien zurückzureisen, so brachte ich meinen Wagen in einer Remise unter, wofür ich monatlich eine Kleinigkeit bezahlte. Bei Tagesanbruch fuhren wir mit gutem Winde ab; als aber später das Meer unruhig wurde, hatte Rosalie eine Todesangst, und ich ließ daher die Feluke in den Hafen von Villefranche hineinrudern. Um ein gutes Nachtlager zu haben, nahm ich dort einen Wagen nach Nizza. Des schlechten Wetters wegen mußten wir drei Tage hier bleiben, und ich hielt mich für verpflichtet, dem Kommandanten, einem alten Offizier namens Peterson, meine Aufwartung zu machen. Er empfing mich sehr freundlich; nachdem wir die üblichen höflichen Redensarten ausgetauscht hatten, fragte er mich: »Kennen Sie einen Russen, der sich Karl Iwanoff nennen läßt?« »Ich habe in Grenoble Gelegenheit gehabt, ihn einmal zu sehen.« »Man sagt, er sei aus Sibirien entflohen und sei der jüngere Sohn des Herzogs Biron von Kurland.« »Das hat man mir auch gesagt; aber ich habe keinen Beweis dafür gesehen.« »Er befindet sich in Genua, wo ein Bankier, wie man sagt, Auftrag hat, ihm zwanzigtausend Taler zu geben. Trotzdem hat er hier keinen Menschen gefunden, der ihm auch nur einen Sou hätte geben wollen; um die Stadt von seiner listigen Anwesenheit zu befreien, habe ich ihn schließlich auf meine Kosten nach Genua geschickt.« Es war mir sehr angenehm, daß er vor meiner Ankunft abgereist war. Ein früherer Offizier Ramini, der im selben Gasthof mit mir wohnte, fragte mich, ob ich ein Paket besorgen wolle, das der spanische Konsul Herr de Saint-Pierre nach Genua an den Marchese Grimaldi zu schicken habe. Dies war jener Herr, den ich kürzlich in Avignon gesehen hatte; ich übernahm daher den Auftrag mit Freuden. »Haben Sie,« fuhr hierauf der Offizier fort, »in Avignon eine Madame Stuard gekannt, die hier in Nizza etwa vierzehn Tage mit ihrem angeblichen Gatten gewohnt hat? Die armen Leutchen hatten keinen Heller; und die Frau, eine vollendete Schönheit, bezauberte alle Welt durch ihre Reize, gönnte aber niemandem ein Wort oder einen Blick.« »Ich habe sie gesehen und auch persönlich gekannt; aber sie ist nicht mehr dort. Ich selber habe ihr das Geld gegeben, um ihre Reise fortsetzen zu können. Aber wie haben sie Nizza ohne Geld verlassen können?« »Das weiß kein Mensch. Sie ist in einem Wagen abgereist, und der Wirt ist bezahlt worden. Marchese Grimaldi hat mir gesagt, sie habe hundert Louis zurückgewiesen, die er ihr habe geben wollen, und einem Venetianer, den er kenne, sei es nicht besser ergangen als ihm. Vielleicht sind Sie dieser Venetianer?« »Ja, ich bin's. Und trotzdem habe ich ihr Geld gegeben.« Am Abend suchte Herr Peterson mich auf; Rosalie bezauberte ihn durch ihre Liebenswürdigkeit. Ich verfehlte nicht, ihr auch zu diesem neuen Erfolge Glück zu wünschen. Nizza ist der Sitz der Langenweile, und die Mücken sind dort eine fürchterliche Plage für die Fremden, denn die Insekten ziehen diese den Einheimischen vor. Indessen unterhielt ich mich ganz gut dank einer kleinen Pharaobank, die im Kaffeehaus gehalten wurde und an welcher Rosalie, die ich zum Spielen genötigt hatte, etwa zwanzig Piemonteser Pistolen gewann. Sie steckte ihren kleinen Schatz in eine Börse und sagte mir, dieser Besitz mache sie sehr glücklich, denn sie habe gern etwas Geld besitzen wollen. Ich schalt sie aus, daß sie mir dies nicht gesagt, und machte ihr Vorwürfe darüber, daß sie ihr Versprechen nicht gehalten hätte. »Ich brauchte das Geld nicht,« antwortete sie mir; »ich fühle, daß ich es wünschte, ohne mir dessen bewußt zu sein.« Unser Friede war bald geschlossen. So schloß das junge Mädchen sich immer enger an mich an, und ich dachte, daß sie mir bis an das Ende meines Lebens angehören würde, daß ich zufrieden mit ihr leben und nicht mehr das Bedürfnis empfinden würde, von einer Schönen zur anderen zu eilen. Mein Schicksal hatte es anders mit mir beschlossen, und gegen das Schicksal läßt sich nichts machen. Als das Wetter wieder schön geworden war, schifften wir uns mit Einbruch der Nacht ein und kamen am nächsten Tage in aller Frühe in Genua an, das ich niemals zuvor gesehen hatte. Ich stieg im Gasthof »San Martino« ab und nahm dort anstandshalber zwei Zimmer, aber zwei aneinanderstoßende. Am nächsten Tage schickte ich das Paket an Herrn von Grimaldi; und etwas später gab ich eine Karte in seinem Palazzo ab. Ich ließ mich von einem Lohndiener zu einem Leinengeschäft führen und kaufte Leinwand, um Rosalie zu beschäftigen, welche Wäsche nötig hatte. Dies machte ihr das größte Vergnügen. Wir saßen noch bei Tisch, als man mir den Marchese Grimaldi meldete; er umarmte mich und dankte mir, daß ich mich mit dem Paket bemüht hätte. Hierauf fragte er mich nach Neuigkeiten von Frau Stuard. Als ich ihm die Geschichte erzählt hatte, lachte er und sagte mir, er wüßte nicht recht, was er an meiner Stelle getan haben würde. Da er meine Rosalie mit großer Aufmerksamkeit betrachtete, sagte ich ihm, sie sei ein junges Mädchen, das ebenso interessant durch seine Sittsamkeit wie durch seine Schönheit sei. »Ich möchte ihr eine Kammerfrau besorgen, die das Wäschenähen verstände, die auf landesübliche Art gekleidet mit ihr ausgehen könnte, und die vor allen Dingen italienisch spräche, damit sie es von ihr lernen kann; denn ich wünsche sie in Florenz, Rom und Neapel vorstellen zu können.« »Warum,« antwortete mir der Marchese, »wollen Sie Genua des Vergnügens berauben, sie zu feiern? Ich erbiete mich, sie unter jedem beliebigen von Ihnen gewünschten Namen vorzustellen, wenn das Fräulein damit einverstanden ist.« »Sie hat ihre Gründe, hier das Inkognito zu bewahren.« »Das genügt. Gedenken Sie sich hier längere Zeit aufzuhalten?« »Höchstens einen Monat, und unser Vergnügen wird sich darauf beschränken, uns die Stadt und ihre Umgebung anzusehen und das Theater zu besuchen. Hiermit werden wir noch die Freuden der Tafel verbinden, denn ich hoffe den Genuß zu haben, alle Tage Champignons zu essen, die hier besser sind als auf der ganzen Welt.« »Das ist ein entzückender Plan; ich selber könnte Ihnen keinen besseren vorschlagen. Ich werde mich bemühen, mein gnädiges Fräulein, ein passendes Mädchen für Sie zu finden.« »Sie, mein Herr? Womit soll ich soviel Güte verdienen?« »Sie flößen mir eine so große Teilnahme ein, gnädiges Fräulein, da ich in Ihnen eine Marseillerin zu entdecken glaube.« Rosalie errötete; sie wußte nicht, daß sie mit dem R schnarrte und daß man daran ihre Heimat erraten konnte. Ich beseitigte ihre Verlegenheit, indem ich ihr dies sagte. Ich fragte den Marchese, wie ich mir das Journal des Savants, den Mercure de France und alle anderen derartigen Zeitschriften verschaffen könne. Er versprach, mir einen Mann zu schicken, der alle meine literarischen Wünsche befriedigen würde. Er fügte hinzu, wenn ich ihm gestatten wolle, mir etwas von seiner ausgezeichneten Schokolade zu schenken, so werde er zum Frühstück zu uns kommen. Ich antwortete ihm, Gast und Geschenk seien uns gleich angenehm. Nachdem der Marchese fortgegangen war, bat Rosalie mich, sie zu einer Modistin zu führen. »Ich brauche,« sagte sie, »Bänder und allerlei Kleinigkeiten; aber ich will sie von meinem eigenen Gelde bezahlen, und ich will darum handeln, ohne daß du dich hineinmischest.« »Mache es ganz wie du willst, meine Liebe! Nachher wollen wir ins Theater gehen.« Die Modistin, zu der wir gingen, war eine Französin. Rosalie war reizend. Sie tat wichtig und spielte die Kennerin; sie ließ sich Hüte von der neuesten Mode vorlegen, feilschte um den Preis und gab fünf oder sechs Louis auf durchaus vornehme Weise aus. Beim Hinausgehen sagte ich zu ihr, man habe mich für ihren Lakaien gehalten, und ich wolle mich dafür rächen. Mit diesen Worten ließ ich sie bei einem Juwelier eintreten und kaufte ihr schöne Schnallen von Straß, schöne Ohrbommeln und ein schönes Halsband, ohne daß sie ein Wort dazu sagen durfte; nachdem ich bezahlt hatte, was man von mir verlangt hatte, verließen wir den Laden. »Lieber Freund,« sagte sie zu mir, »was du gekauft hast, ist schön, aber du wirfst dein Geld weg, denn wenn du gehandelt hättest, würdest du mindestens vier Louis gespart haben.« »Das kann wohl sein, liebes Herz; aber feilschen kann ich nicht.« Ich führte sie ins Theater; da sie aber die Sprache nicht verstand, langweilte sie sich so sehr, daß sie nach dem ersten Akt mich bat, ich möchte sie doch nach Hause bringen; diesen Wunsch erfüllte ich ihr gerne. Ich fand im Gasthof ein Kistchen mit vierundzwanzig Pfund Schokolade, die Herr von Grimaldi geschickt hatte. Costa, der seine Geschicklichkeit, die Schokolade auf spanische Art zuzubereiten, gerühmt hatte, erhielt den Auftrag, am nächsten Morgen drei Tassen für uns zurecht zu machen. Um neun Uhr kam der Marchese mit einem Händler, dem ich ausgezeichnete chinesische Baumwollstoffe abkaufte. Ich gab sie Rosalien, um sich zwei Mazzera machen zu lassen, eine Art Kapuzmantel, den die Frauen in Genua auf ihren Spaziergängen in der Stadt tragen, wie sie in Venedig den Cendal und in Madrid die Mantilla tragen. Ich dankte Herrn von Grimaldi vielmals für seine schöne Schokolade die wir ausgezeichnet fanden. Costa war ganz stolz über das Lob, das der Marchese ihm aussprach. Nach dem Frühstück meldete Leduc mir eine Frau, deren Name mir unbekannt war. Der Marchese sagte mir jedoch: »Es ist die Mutter der Kammerjungfer, die ich für das gnädige Fräulein besorgt habe.« Ich ließ sie eintreten und sah eine gutgekleidete Frau mit einem Fräulein von zwanzig bis vierundzwanzig Jahren, die mir sofort sehr hübsch vorkam. Die Mutter sprach dem Marchese ihren Dank aus und stellte ihre Tochter Rosalien vor, indem sie ihre guten Eigenschaften im einzelnen schilderte und die Versicherung gab, ihre Tochter werde sie gut bedienen und sie könne in allen Ehren mit ihr ausgehen. »Meine Tochter spricht französisch, und Sie werden in ihr ein anständiges, treues und dienstwilliges Mädchen finden.« Hierauf sagte sie ihr, wieviel Lohn sie monatlich bei einer Dame gehabt hätte, bei der sie früher in Diensten gewesen wäre, und bat sie schließlich, ihre Tochter nicht mit den Bedienten essen zu lassen. Das Mädchen hieß Veronika. Rosalie bewilligte alle ihre Wünsche und sagte ihr, es würde sie freuen, wenn sie sähe, daß sie sich Achtung zu verschaffen wüßte; dies gelänge am besten dadurch, daß man sich achtungswert machte. Veronika küßte ihr die Hand, die Mutter entfernte sich, und Rosalie führte sie in ihr Zimmer, um sie unter ihrer Leitung die Näharbeit beginnen zu lassen. Ich sprach dem Herrn Marchese meinen besonders lebhaften Dank aus; denn es schien mir offenbar, daß er eine Kammerjungfer dieser Art viel mehr für mich als für meine Freundin ausgesucht hatte. Ich sagte ihm, ich würde nicht verfehlen, ihm meine Aufwartung zu machen, und er antwortete mir, er würde mich stets mit dem größten Vergnügen sehen, und ich würde ihn am leichtesten in seinem Kasino in Sampierdarena finden, wo er oft die Nacht zubrächte. Sechstes Kapitel Die Komödie. – Der Russe. – Petri. – Rosalie im Kloster. Als der Marchese fort und Rosalie mit Veronika beschäftigt war, begann ich Voltaires Schottin zu übersetzen, um sie von den Schauspielern, die damals in Genua waren und mir ziemlich gut zu sein schienen, aufführen zu lassen. Beim Mittagessen schien Rosalie mir traurig, und ich fragte sie: »Was hast du denn, liebe Freundin? Du weißt, ich liebe es nicht, traurige Gesichter zu sehen.« »Ich habe Kummer, lieber Freund, weil Veronika hübscher ist als ich.« »Haha! Ich errate, und es macht mir Spaß. Aber tröste dich; Veronika ist in meinen Augen nicht mit dir zu vergleichen. Du bist meine einzige Schönheit; aber um dich zu beruhigen, werde ich Herrn Grimaldi bitten, sie von ihrer Mutter abholen zu lassen und dir eine andere recht häßliche Kammerjungfer zu besorgen.« »O nein! bitte tue das nicht; er würde glauben, ich sei eifersüchtig, und das würde mich untröstlich machen.« »Dann, mein liebes Kind, werde wieder guter Laune, wenn du mich nicht betrüben willst.« »Nun denn, mein zärtlicher Freund, da du mir versicherst, daß ich um ihretwillen nicht deine Liebe verlieren werde, so will ich wieder heiter werden; denn ich werde ganz glücklich sein. Aber was hat sich denn nur der alte Herr dabei gedacht, daß er mir ein solches Mädchen besorgt! Hat er mir vielleicht einen Streich spielen wollen?« »Das bezweifle ich. Ich bin im Gegenteil überzeugt, er hat dir beweisen wollen, daß du den Vergleich mit keinem anderen Mädchen zu scheuen hast. Bist du übrigens mit ihr zufrieden?« »Sie arbeitet sehr gut und ist sehr ehrerbietig. Sie spricht keine vier Worte, ohne mich Signora zu nennen, und erklärt mir sofort immer alles auf französisch, was sie mir auf italienisch sagt. Ich hoffe, in einem Monat werde ich gut genug sprechen, so daß wir sie nicht mitzunehmen brauchen, wenn wir nach Florenz gehen. Ich habe Leduc befohlen, die Kammer zu räumen, die ich für sie bestimmt habe, und ich werde ihr von unserem Tisch etwas zu essen schicken. Übrigens werde ich sie gut behandeln; aber ich flehe dich an: mache mich nicht unglücklich!« »Das würde mir wohl schwer fallen, liebe Rosalie; denn ich sehe nicht, wie ich mit ihr in Berührung kommen sollte.« »Du wirst mir also meine Furcht verzeihen?« »Von Herzen gern, und um so lieber, da sie für deine Liebe bürgt.« »Ich danke dir, aber bitte, sage nichts davon.« Ich nahm mir vor, diese Veronika, vor der ich bereits Furcht hatte, niemals anzusehen; denn ich liebte Rosalien sehr, und ich fühlte, daß ich alles hätte opfern mögen, um ihr den geringsten Verdruß zu ersparen. Nach dem Mittagessen ging ich wieder an meine Übersetzung, denn diese Arbeit machte mir Vergnügen. Ich blieb den Tag über zu Hause; den ganzen nächsten Vormittag aber verbrachte ich bei Herrn von Grimaldi. Ich ging zum Bankier Belloni, bei dem ich alle Goldmünzen, die ich besaß, in Lilienzechinen umwechselte. Als ich nach der Erledigung dieses Geschäftes meinen Namen nannte, bezeigte der Geschäftsführer mir seine Ehrerbietung. Ich hatte bei diesem Bankier ein Guthaben von vierzehntausend Römischen Talern; außerdem hatte ich für zwanzigtausend Taler Wechsel auf Lepri. Da meine Rosalie nicht ins Theater gehen wollte, kaufte ich ihr ein Stück schönen Calencars, damit sie abends was zu tun hätte. Für mich war das Theater ein Bedürfnis, das ich niemals zu befriedigen verabsäumte, so oft ich dies tun konnte, ohne süßere Genüsse zu beeinträchtigen. Ich ging daher allein hin. Als ich nach Hause kam, fand ich meine Geliebte mit dem Marchese beisammen. Ich freute mich darüber, und nachdem ich den liebenswürdigen Senator umarmt hatte, machte ich Rosalien ein Kompliment, daß sie ihn bis zu meiner Ankunft unterhalten hätte; zugleich aber warf ich ihr freundlich vor, sie hätte die Arbeit beiseite legen müssen. »Frage ihn, lieber Freund, ob er mich nicht gezwungen hat, weiterzuarbeiten; er wollte sonst gehen, und um ihn zurückzuhalten, mußte ich doch seinen Willen erfüllen.« Sie stand auf und legte die Arbeit fort; im Laufe einer interessanten Unterhaltung wußte sie den Marchese zu bewegen, daß er zum Abendessen blieb; sie kam dadurch meinen eigenen Absichten entgegen. Er aß wenig, da er nicht die Gewohnheit hatte, zu Abend zu speisen; aber ich sah, daß er von meinem Juwel entzückt war, und dies machte mir viel Vergnügen, denn ich glaubte von einem alten Herrn von sechzig Jahren nichts zu befürchten zu haben. Es war mir sehr angenehm, daß Rosalie auf diese Weise zu einer Dame der guten Gesellschaft erzogen wurde; ich wünschte, daß sie auch ein bißchen kokett würde, denn in der Gesellschaft findet eine Frau keinen Beifall, wenn sie nicht ein wenig gefallsüchtig ist. Obwohl Rosalie auf diesem Gebiete ganz neu, ja sogar völlig unwissend war, so gab sie mir doch Gelegenheit, die natürliche Gabe der Frauen zu bewundern, die durch die Kunst entwickelt und verfälscht wird, die sich aber bei jeder Frau mehr oder weniger findet, mag sie das Zepter oder den Kochlöffel führen; sie sprach mit Herrn von Grimaldi in jenem Stil, der den Denker erraten läßt, daß die Sprechende die Neigung durch Hoffnung nähren will. Da unser Gast nicht aß, sagte sie ihm auf eine reizende Art, sie hoffe, daß er uns die Ehre erweisen würde, eines anderen Tages bei uns zu Mittag zu essen, denn sie sei neugierig, ob er guten Appetit habe. Als wir allein waren, nahm ich sie auf den Schoß, bedeckte sie mit Küssen und fragte, wo sie gelernt habe, sich so gut mit Angehörigen der guten Gesellschaft zu unterhalten. »Das ist ganz leicht! Du sprichst zu meiner Seele, und ich lese in deinen Augen, was ich sagen und was ich tun soll.« Hätte sie Rhetorik studiert, sie hätte nicht schmeichelhafter und eleganter antworten können. Ich hatte inzwischen die Übersetzung der Schottin beendigt. Ich ließ sie von Costa abschreiben und brachte sie dem Schauspieldirektor Rossi, der sich erbot, das Stück sofort aufführen zu lassen, sobald er hörte, daß ich es ihm schenken wollte. Ich sagte ihm die Namen der Schauspieler, die ich ausgesucht hatte, und lud ihn ein, mit diesen bei mir in meinem Gasthof zu speisen, wo ich ihnen das Stück vorlesen und die Rollen austeilen wollte. Wie man sich denken kann, wurde meine Einladung angenommen; meine Rosalie war entzückt, mit den drei Schauspielerinnen und den Schauspielern zu speisen, die in dem Stück auftreten sollten, und besonders machte es ihr Spaß, sich jeden Augenblick Frau Casanova nennen zu hören. Veronika erklärte ihr alles, was sie nicht verstand. Als nach dem Essen meine Künstler im Kreise Platz genommen hatten, baten sie mich, ihnen zu sagen, welche Rolle ich jedem einzelnen bestimmt hatte; aber diesen Wunsch erfüllte ich ihnen nicht; ich sagte ihnen: »Vor allen Dingen müssen Sie aufmerksam der Vorlesung des Stückes zuhören, ohne sich um die Rolle zu bekümmern, die Sie zu lernen haben werden. Sobald Sie das Ganze kennen, werde ich Ihren Wunsch befriedigen.« Ich wußte, daß faule oder gleichgültige Schauspieler sich für gewöhnlich nur um ihre eigene Rolle bekümmern und in den Geist des Ganzen nicht einzudringen suchen. Daher kommt es, daß oftmals ein Stück, das in den Einzelheiten gut gelernt ist, im Ganzen doch schlecht wiedergegeben wird. Sie fügten sich ziemlich gutwillig meinem Wunsche, was die hohen Herrschaften von der Comédie Française jedenfalls nicht getan haben würden. Im Augenblick als ich die Vorlesung beginnen wollte, erschien der Herr Marchese von Grimaldi mit dem Bankier Belloni, der mir einen Besuch machen wollte. Es war mir sehr angenehm, daß sie bei dieser Leseprobe, die nur fünf Viertelstunden dauerte, anwesend waren. Nachdem ich die Schauspieler um ihr Urteil gefragt und aus den Lobsprüchen, die sie dem dramatischen Inhalt zollten, ersehen hatte, daß sie das Stück richtig verstanden hatten, befahl ich Costa, die Rollen auszuteilen; dies geschah. Nun aber waren der erste Schauspieler und die erste Schauspielerin unzufrieden; sie, weil ich ihr die Rolle der Lady Alton gegeben hatte; er, weil ich ihm die Rolle des Murray nicht gegeben hatte. Sie mußten sich jedoch meinem Willen fügen, übrigens erfreute ich alle Künstler, indem ich sie alle einlud, am übernächsten Tag bei mir zu Mittag zu speisen, nachdem wir die erste Probe mit den Rollen in der Hand abgehalten hätten. Der Bankier Belloni lud mich für den nächsten Tag nebst meiner Dame zum Essen ein. Sie lehnte dies mit einer sehr höflichen Entschuldigung ab, und Herr von Grimaldi erklärte sich mit Vergnügen bereit, ihr statt meiner Gesellschaft zu leisten. Zu meiner großen Überraschung sah ich bei Belloni den Betrüger Iwanoff, der, anstatt mich als Unbekannten zu behandeln, wie er es hätte tun sollen, auf mich zutrat, um mich zu umarmen. Ich wich zurück und machte ihm eine Verbeugung, die man vielleicht einem Gefühl der Ehrfurcht zuschreiben konnte, obgleich meine kalte und wenig zeremoniöse Miene einem guten Beobachter das Gegenteil verraten mußte. Er war gut gekleidet, sprach viel, obgleich in einem traurigen Ton, und machte ziemlich gute Bemerkungen über politische Angelegenheiten. Als im Laufe des Gesprächs die Rede auf den russischen Hof der Elisabeth Petrowna kam, sagte er kein Wort; aber er seufzte, wandte sich ab und tat, wie wenn er seine Tränen trockne. Beim Nachtisch fragte er mich, ob ich etwas Neues von Frau Morin gehört habe; wie wenn er mir die näheren Umstände ins Gedächtnis zurückrufen wollte, fügte er hinzu, wir hätten miteinander bei ihr gespeist. Ich antwortete ihm: »Meines Wissens befindet sie sich gut.« Sein Lakai, der ihn bei Tisch bediente, trug eine gelbe Livree mit roten Aufschlägen. Nach dem Essen fand er Gelegenheit, mir zu sagen, er habe sehr notwendig mit mir zu sprechen. »Und ich, mein Herr, habe sehr notwendig alles zu vermeiden, was die Vermutung rechtfertigen würde, daß ich in irgendeiner Weise mit Ihnen im Einverständnis bin.« »Sie können mir mit einem einzigen Wort hunderttausend Taler verschaffen, und ich werde Ihnen die Hälfte abgeben.« Ich drehte ihm den Rücken und sah ihn in Genua nicht wieder. In meinem Gasthof fand ich Herrn von Grimaldi damit beschäftigt, meiner Rosalie italienische Stunde zu geben. «Ihre Freundin,« sagte er zu mir, »hat mich mit einem köstlichen Mahl bewirtet; die reizende Dame muß Sie glücklich machen.« Der Marchese wußte sich als Ehrenmann zu beherrschen, aber er war in das junge Mädchen verliebt. Ich glaubte jedoch keinen Anlaß zu Befürchtungen zu haben. Bevor er fortging, lud sie ihn ein, am nächsten Tage zur Probe der Schottin zu kommen. Als die Schauspieler kamen, sah ich bei ihnen einen jungen Mann, den ich nicht kannte; auf meine Erkundigung, wer er sei, antwortete Rossi mir, es sei der Souffleur. »Keinen Souffleur, meine Herrschaften! Schicken Sie ihn fort.« »Wir können ihn nicht entbehren.« »Sie werden ihn entbehren! Ich selber werde seine Stelle versehen.« Der Souffleur wurde fortgeschickt, aber die drei Schauspielerinnen erhoben darüber ein großes Geschrei. Sie sagten: »Selbst wenn wir unsere Rollen so gut auswendig wüßten wie das Vaterunser, werden wir ganz gewiß stecken bleiben, wenn der Souffleur nicht in seinem Loch ist.« »Sehr wohl, meine Gnädige,« sagte ich zu der Künstlerin, die die Lindane spielen sollte, »ich werde selber Ihr Loch ausfüllen, aber ich werde Ihre Unterhosen sehen.« »Das wäre wohl schwierig,« sagte der erste Schauspieler; »sie trägt keine.« »Um so besser.« »Davon wissen Sie gar nichts, mein Herr!« sagte sie zu ihrem Kollegen. Dieser Wortwechsel brachte uns in fröhliche Stimmung, und Thalias Jünger versprachen mir schließlich, sie würden sich ohne den Souffleur behelfen. Ich war mit ihrer Vorlesung der Rollen sehr zufrieden, sie verlangten nur drei Tage von mir, um ihre Rollen auswendig zu lernen. Es trat jedoch ein Zwischenfall ein. Am festgesetzten Tage kamen sie ohne die Schauspielerin, die die Lindane spielen sollte, und ohne den Schauspieler, der die Rolle des Murray übernommen hatte. Sie waren unpäßlich; indessen bürgte Rossi mir dafür, daß sie zur rechten Zeit auftreten würden. Ich nahm die Rolle Murrays und forderte Rosalie auf, die Lindane zu lesen. »Ich lese nicht gut genug italienisch,« sagte sie leise zu mir, »und möchte nicht, daß die Schauspieler mich auslachen; aber Veronika wird es sehr gut machen.« »Frage sie, ob sie die Rolle lesen will.« Auf ihre Frage antwortete Veronika ihr, sie würde die Rolle auswendig hersagen. »Um so besser!« rief ich. Ich lachte innerlich, indem ich mich an Solothurn erinnerte; denn ich sah voraus, daß ich durch diesen Zufall genötigt sein würde, an dieses junge Mädchen, mit dem ich in den vierzehn Tagen, die sie bei uns war, kein Wort gesprochen hatte, Schmeicheleien zu richten. Ich hatte noch nicht einmal ordentlich ihr Gesicht angesehen, so sehr befürchtete ich, Rosaliens zärtliche Liebe zu beunruhigen; denn diese liebte ich mit jedem Tage mehr, da ich mit jedem Tage neue köstliche Eigenschaften an ihr entdeckte. Es kam, wie ich befürchtet hatte. Als ich an die Stelle kam, wo ich Veronikas Hand ergreifen und ihr sagen mußte: Si, bella Lindana, debbo adorarvi, da klatschten alle Anwesenden Beifall, weil ich diese Worte in dem Ton aussprach, den die Rolle forderte; als ich jedoch nach Rosallen hinschielte, sah ich, wie sie unruhig wurde, und es tat mir leid, mich nicht mehr in acht genommen zu haben. Veronikas Spiel setzte mich in Erstaunen; denn in dem Augenblick, wo ich ihr sagte, daß ich sie anbetete, errötete sie bis in das Weiße der Augen. Unmöglich konnte sie die Rolle der Verliebten besser spielen. Wir setzten den Tag der Generalprobe fest, die im Theater stattfinden sollte, und die Schauspieler kündigten, zur Erregung der Neugier, die erste Vorstellung bereits acht Tage vorher in folgenden Worten an: »Wir werden die Schottin des Herrn von Voltaire, von einer unbekannten Feder übersetzt, aufführen und werden sie ohne Souffleur spielen.« Es wäre ein vergebliches Unterfangen, wollte ich die Mühe schildern, die es mir machte, nach der Probe meine Rosalie zu beruhigen. Sie war untröstlich; ihre Tränen flössen stromweise, und sie sagte mir die rührendsten Worte, um mir, wie sie glaubte, Vorwürfe zu machen. »Du bist in Veronika verliebt,« rief sie, »und hast dieses Stück nur übersetzt, um Gelegenheit zu erhalten, ihr deine Liebe zu erklären.« Schließlich gelang es mir, ihr begreiflich zu machen, daß sie unrecht hatte, und ich hatte das Glück, sie durch die lebhaftesten und zärtlichsten Liebkosungen zu beruhigen. Am anderen Morgen bat sie mich wegen ihrer Schwachheit um Verzeihung, indem sie mir das Versprechen gab, mit Veronika in meiner Gegenwart und bei jeder Gelegenheit sich zu unterhalten; sie trieb den Heldenmut sogar noch weiter: sie war vor mir aufgestanden und schickte mir eine Tasse Kaffee durch Veronika, die darüber ebenso erstaunt war wie ich. Rosalie hatte eine natürliche Anlage von Seelengröße, die sie der edelsten Entschließungen fähig machte; aber sie ließ sich, wie alle Frauen, von ihrem Gefühl, von ihren ersten Eindrücken leiten. Von jenem Augenblick an gab das entzückende Wesen mir kein einziges Zeichen von Eifersucht mehr; sie verdoppelte ihre Güte gegen ihre Kammerjungfer, die sehr geistvoll, gebildet und weltgewandt war, und in die ich mich verliebt haben würde, wäre mein Herz frei gewesen. Am Tage der Vorstellung führte ich Rosalie in eine Loge; auf ihren besonderen Wunsch mußte Veronika sie begleiten. Herr von Grimaldi wich keinen Augenblick von ihrer Seite. Unser Stück wurde bis in den Himmel erhoben. Das sehr große Theater war überfüllt von der besten Gesellschaft der Stadt. Die Künstler spielten ohne Souffleur und übertrafen sich selber; sie fanden lebhaften Beifall. Das Stück wurde vor gefüllten Häusern fünfmal nacheinander gespielt. Rossi bat mich, vielleicht in der Hoffnung, daß ich ihm noch ein Stück geben würde, um die Erlaubnis, meiner Dame einen prachtvollen Luchspelz anzubieten, der ihr viel Vergnügen machte. Ich hätte alles darum gegeben, um meiner entzückenden Freundin den kleinsten Kummer zu sparen; und trotzdem brachte ich durch ein unüberlegtes Wort ihre Seele in Verwirrung. Ich würde mir dies nicht verziehen haben, wenn mich nicht die Vorsehung dadurch zum Werkzeug ihres Glücks gemacht hätte. Eines Tages sagte sie zu mir: »Ich habe einigen Anlaß, mich für schwanger zu halten, mein lieber Freund, und der Gedanke entzückt mich aufs höchste, daß ich vielleicht das Glück haben werde, dir ein herziges Pfand meiner Liebe zu schenken.« »Wenn es zu der und der Zeit kommt, so ist es von mir, und ich versichere dir, daß es mir teuer sein wird.« »Und wenn es zwei oder drei Wochen früher käme, würdest du dessen nicht sicher sein?« »Sicher, nein; aber ich würde es darum doch ebensosehr lieben: es wäre von dir, und ich würde es als mein Kind anerkennen.« »Es kann nur von dir sein, dessen bin ich ganz gewiß. O mein Gott! Wie bin ich unglücklich! Nein, es ist nicht möglich, lieber Freund, daß ich von Petri empfangen habe! Er hat mich nur ein einziges Mal erkannt und noch dazu in sehr unvollkommener Weise, während wir doch, wie du weißt, so zärtlich miteinander gelebt haben!« Sie weinte heiße Tränen. »Beruhige dich doch, liebes Herz, ich beschwöre dich! Ja, du hast recht: es ist unmöglich! Du weißt, ich bete dich an, und ich zweifle wirklich nicht daran, daß du von mir schwanger bist und nur von mir allein. Ja, wenn ich das Glück habe, daß du mir ein Püppchen schenkst, das so hübsch ist wie du selber, sowird es natürlich von mir sein. Beruhige dich!« »Ach wie könnte ich mich beruhigen, da ich jetzt die Gewißheit habe, daß du daran hast zweifeln können!« Wir sprachen nicht weiter davon; aber ich sah sie oft traurig und nachdenklich trotz meiner zuvorkommenden Zärtlichkeit, trotz meinen beständigen Liebkosungen und jenen tausend Kleinigkeiten, die mehr als alle Worte die wahre Liebe kundtun. Wie oft habe ich mir bittere Vorwürfe gemacht, daß ich ihr meine dumme Mutmaßung mitgeteilt hatte! Ein paar Tage später gab sie mir einen versiegelten Brief mit den Worten: »Diesen Brief hat der Lohndiener mir gegeben; er hat dazu einen Augenblick abgepaßt, wo er nicht von dir gesehen werden konnte. Ich fühle mich dadurch beleidigt, lieber Freund, und überlasse es dir, mich zu rächen.« Ich ließ den Bedienten rufen. »Von wem hast du diesen Brief erhalten?« »Von einem jungen Mann, den ich nicht kenne, mein Herr. Er gab mir einen Taler und bat mich, ihm einen Gefallen zu tun und diesen Brief der gnädigen Frau zu übergeben, ohne daß Sie es sähen; er versprach mir noch zwei Taler, wenn ich ihm die Antwort nach den banchi brächte. Ich glaubte keinen Fehler zu begehen, denn es stand der gnädigen Frau ja stets frei, es Ihnen zu sagen.« »Das ist richtig. Trotzdem entlasse ich Sie, weil Madame, die mir, wie Sie sehen, den Brief unentsiegelt übergeben hat, sich durch Ihr Verhalten beleidigt fühlt.« Ich rief Leduc, um ihm seinen Lohn auszuzahlen, und die Sache war erledigt. Ich öffnete den Brief; er war von Petri. Rosalie ging hinaus, denn sie wollte den Inhalt nicht kennen lernen. Der Brief lautete folgendermaßen: »Ich habe Sie, meine teure Rosalie, in dem Augenblick gesehen, als Sie aus einem Tragstuhl stiegen, um ins Theater zu gehen; Ihr Kavalier war der Herr Marchese Grimaldi, mein Pate. Ich habe Sie nicht hintergangen; denn ich beabsichtigte stets, im nächsten Frühjahr nach Marseille zu reisen und Sie meinem Versprechen gemäß zu heiraten. Ich liebe Sie immer noch, und wenn Sie noch meine gute Rosalie sind, so bin ich bereit, Sie hier im Kreise aller meiner Verwandten zu heiraten. Wenn Sie einen Fehltritt begangen haben, so verspreche ich Ihnen, niemals ein Wort zu Ihnen darüber zu sagen, denn ich fühle, daß ich leider schuld daran bin. Ich flehe Sie an, sagen Sie mir, ob es Ihnen recht ist, daß ich Herrn von Grimaldi meine Absichten mitteile; ich hoffe, er wird die Güte haben, Ihnen für mich zu bürgen. Ich bin bereit, ohne alle Umstände Sie aus den Händen des Herrn zu empfangen, mit dem Sie zusammenleben – falls Sie nicht etwa mit ihm verheiratet sind. Wenn Sie frei sind, so bedenken Sie, daß Sie Ihre Ehre wiedererlangen, sobald Ihr Verführer Ihr Gatte wird.« Dieser Brief kommt von einem Ehrenmann, der Rosalien verdient, sagte ich zu mir; ich aber wäre kein Ehrenmann, wenn ich sie ihm verweigerte, es wäre denn, daß ich sie auf der Stelle heiratete. Aber hierüber muß Rosalie entscheiden. Ich rief sie, gab ihr den Brief und bat sie, diesen aufmerksam zu lesen. Sie gehorchte, gab mir dann den Brief zurück und fragte mich, ob ich ihr riete, Petris Antrag anzunehmen. »Wenn du ihn annimmst, liebe Rosalie, wird es für mich ein tödlicher Schlag sein; aber wenn ich dich nicht abtreten will, so erfordert meine Ehre, daß ich dich heirate, und dazu bin ich vollkommen bereit.« Bei diesen Worten warf das anbetungswürdige Mädchen sich in meine Arme und sagte mit dem Ton echter Liebe: »Ich liebe nur dich und kann nur dich lieben, mein zärtlicher Freund; aber es ist nicht wahr, daß deine Ehre von dir verlangt, mich zu heiraten. Unser Bund ist ein Herzensbund, er ist gegenseitig, und dies genügt zu meinem Glück.« »Teure Rosalie, ich bete dich an, aber ich bitte dich zu glauben, daß du kein besserer Richter meiner Ehre sein kannst als ich selber. Wenn Petri ein wohlhabender Mann ist, der dich glücklich machen kann, so muß ich dir unbedingt raten, entweder seine Hand anzunehmen oder mich zu heiraten.« »Keins von beiden! Uns drängt ja nichts. Wenn du mich liebst, bin ich glücklich; denn ich liebe nur dich. Ich werde auf diesen Brief nicht antworten, und ich will von Petri nichts mehr hören.« »Verlaß dich darauf, daß ich niemals von ihm sprechen werde; aber ich sehe voraus, daß der Marchese sich in die Sache einmischen wird.« »Daran zweifle auch ich nicht; aber verlaß dich darauf, er wird mir nicht zum zweitenmal davon sprechen.« Nach diesem Übereinkommen, das ehrlicher gemeint war als jemals ein zwischen Potentaten vereinbartes, beschloß ich Genua zu verlassen, sobald ich gewisse Briefe erhalten hätte, die ich für Florenz und Rom erwartete. Unterdessen lebte ich mit meiner teuren Rosalie im süßen Frieden glücklicher Liebe; sie war nicht die Spur mehr eifersüchtig, und Herr von Grimaldi war der einzige Zeuge unseres Glückes. Als ich fünf oder sechs Tage darauf den Marchese in seinem Kasino in Sampierdarena besuchte, empfing er mich mit den Worten, er sei sehr erfreut, mich zu sehen, denn er habe mit mir über eine Angelegenheit zu sprechen, die mich ganz besonders interessieren müsse. Ich erriet, was für eine Angelegenheit dies wäre, und da ich wußte, was ich ihm zu antworten hatte, so bat ich ihn, sich näher erklären zu wollen. Er sagte mir folgendes: »Ein braver hiesiger Kaufmann kam vor zwei Tagen zu mir und stellte mir seinen Neffen namens Petri vor. Er sagte mir, der junge Mensch sei mein Pate, ein Umstand, dessen ich mich leicht erinnerte, und erbat meine Protektion für ihn. Ich antwortete ihm, in meiner Eigenschaft als Pate sei ich ihm meine Protektion schuldig; er könne also auf diese zählen, soweit es mir möglich sei, ihm nützen zu können. Mein Pate blieb nun mit mir allein und sagte mir, er habe vor Ihnen Ihre Geliebte in Marseille kennen gelernt; er habe ihr versprochen, sie im nächsten Frühjahr zu heiraten, habe sie dann mit mir wiedergesehen, sei ihr gefolgt und habe erfahren, daß sie mit Ihnen zusammenlebt. Man habe ihm gesagt, es sei Ihre Frau; er habe dieses nicht geglaubt, sondern ihr einen Brief geschrieben, der in Ihre Hände gefallen ist. Er teilte ihr in diesem Brief mit, daß er bereit sei, sie zu heiraten; aber er habe keine Antwort erhalten. Der junge Mann konnte sich nicht entschließen, eine Hoffnung aufzugeben, die ihn glücklich machte; daher beschloß er, sich meiner Vermittlung zu bedienen, um zu erfahren, ob Rosalie seinen Antrag annehme. Er hoffte, indem er mir seine günstige finanzielle Lage bekannt gab, ich würde Ihnen dafür bürgen, daß er in den Verhältnissen lebt, um eine Frau glücklich machen zu können. Ich habe ihm geantwortet, daß ich die Ehre habe, Sie zu kennen, und daß ich mit Ihnen selber darüber sprechen würde; das Ergebnis unserer Unterhaltung würde ich ihm mitteilen. Ich beschloß, bevor ich mit Ihnen darüber spräche, mich nach den Verhältnissen des jungen Mannes zu erkundigen, und ich habe die Gewißheit erlangt, daß er bereits ein beträchtliches Kapital besitzt. Sein Lebenswandel und sein Ruf sind ausgezeichnet, und er erfreut sich am hiesigen Platze eines soliden Kredits. Außerdem ist er der einzige Erbe seines Oheims, der für einen sehr wohlhabenden Mann gilt. Sagen Sie mir, mein lieber Herr Casanova, was ich ihm antworten soll.« »Antworten Sie ihm, daß Rosalie ihm danke und ihn bitte, sie zu vergessen. Wie Sie wissen, reisen wir in drei oder vier Tagen ab. Rosalie liebt mich ebenso innig wie ich sie, und ich selber bin bereit, sie zu heiraten, sobald sie es wünscht.« »Die Antwort ist bestimmt, aber ich glaube, einem Menschen wie Ihnen muß die Freiheit viel teurer sein als der Besitz einer Frau, mag sie auch noch so schön sein, an die man durch unlösbare Bande gefesselt ist. Erlauben Sie mir, daß ich selber darüber mit Rosalie spreche?« »Sie bedürfen meiner Erlaubnis nicht. Sprechen Sie mit ihr; aber wohlverstanden, es darf nicht in meinem Auftrage geschehen; denn ich bete sie an und will ihr natürlich keinen Anlaß geben, sich einzubilden, daß jemals ein Wunsch, mich von ihr zu trennen, in mir hat aufsteigen können.« »Wenn es Ihnen nicht lieb ist, daß ich mich in diese Angelegenheit mische, so sagen Sie es mir frei heraus.« »Im Gegenteil; es freut mich, wenn Sie bestätigen können, daß ich nicht der Tyrann einer Frau bin, die ich abgöttisch verehre.« »Ich werde heute abend mit ihr darüber sprechen.« Um dem Marchese Zeit zu lassen, mit meiner Rosalie ganz ungestört zu sprechen, kam ich erst zur Zeit des Abendessens nach Hause. Der edle Genuese speiste mit uns, und die Unterhaltung drehte sich um tausend gleichgültige Dinge. Als er fort war, erstattete meine Freundin mir Bericht über ihre Unterhaltung. Er hatte ihr ungefähr dasselbe gesagt wie mir, und ihre Antworten hatten genau den meinigen entsprochen; nur hatte sie ihn außerdem noch gebeten, er möchte nicht mehr von seinem Paten mit ihr sprechen; dies hatte der Marchese ihr zugesagt. Wir glaubten, die Sache sei damit abgetan, und beschäftigten uns mit den Vorbereitungen für unsere Reise. Aber drei oder vier Tage später, als wir bereits bestimmt annahmen, er dächte nicht mehr daran, lud der Marchese uns ein, in Sampierdarena, wo meine Rosalie noch nie gewesen war, bei ihm zu speisen. »Ich wünsche, Madame, daß Sie vor der Abreise aus meinem schönen Vaterlande meinen herrlichen Garten sehen,« sagte Herr von Grimaldi zu ihr; »dieses wird für mich eine angenehme Erinnerung mehr sein.« Am nächsten Tage gegen Mittag fuhren wir hin. Wir fanden bei ihm einen alten Herrn und eine alte Dame, denen er uns vorstellte. Er nannte meinen Namen und bezeichnete das Fräulein als eine Angehörige von mir. Wir machten einen Spaziergang im Garten, und das alte Ehepaar nahm Rosalie in die Mitte und überhäufte sie mit Höflichkeiten und Komplimenten. Heiter und glücklich antwortete sie ihnen italienisch und entzückte sie ebensosehr durch ihren Geist wie durch ihre Anmut, womit sie allerlei Sprachschnitzer machte. Man meldete uns, daß das Mittagessen bereit sei; wir begaben uns in den Speisesaal, und ich sah zu meinem großen Erstaunen sechs Gedecke. Ich bedurfte keines allzu großen Scharfsinns, um zu erraten, was für einen Streich der Marchese mir spielte; aber es war zu spät. Wir setzten uns zu Tisch, und im selben Augenblick trat ein junger Mann herein. »Sie haben ein wenig auf sich warten lassen,« sagte der Marchese zu ihm. Ohne die pflichtgemäße Entschuldigung des jungen Mannes abzuwarten, stellte er ihn mir hierauf schnell als seinen Paten, Herrn Petri, Neffen der beiden anderen Gäste vor; er ließ ihn zu seiner Linken Platz nehmen, während Rosalie zu seiner Rechten saß. Ich saß ihr gegenüber, und als ich sie totenbleich werden sah, stieg mir das Blut heiß ins Gesicht; ich kochte vor Zorn. Das Vorgehen dieses Miniatur-Autokraten erschien mir bitter; diese Überraschung war für meine Rosalie und für mich ein blutiger Schimpf, den ich mit dem Blute des Frechen, der ihn mir angetan hatte, abwaschen mußte. Ich war in Versuchung, ihn bei Tisch zu erdolchen; aber trotz meiner Aufregung begriff ich, daß ich mich beherrschen und meine Wut hinunterschlucken mußte. Was konnte ich tun? Rosalie unter den Arm nehmen und mit ihr hinausgehen? Ich dachte daran; aber ich sah voraus, daß ein solcher Schritt für sie wie für mich unangenehme Folgen haben konnte, und hatte daher nicht den Mut dazu. Niemals habe ich bei Tisch eine so entsetzliche Stunde verbracht, wie bei diesem bösen Diner. Rosalie und ich aßen keinen Bissen, und der Marchese, der alle Gäste bediente, war so vorsichtig, scheinbar nicht zu bemerken, daß die Teller unberührt fortgenommen wurden. Während der ganzen Mahlzeit sprach er nur mit Petri und dessen Oheim, indem er ihnen Gelegenheit gab, mit ihren Geschäften zu prahlen. Beim Nachtisch sagte der Marchese dem jungen Mann, er könne seinen Geschäften nachgehen; dieser küßte ihm die Hand und entfernte sich nach einer Verbeugung, die niemand von den Anwesenden erwiderte. Petri war ein junger Mann von ungefähr vierundzwanzig Jahren, von mittlerer Größe und mit gewöhnlichem, aber freundlichem und ehrlichem Gesicht; er war sehr ehrerbietig; was er sagte, war nicht übermäßig geistreich – denn um Geist zeigen zu können, muß man frei sein – aber er gab sehr vernünftige Antworten. Alles in allem fand ich ihn Rosaliens nicht unwürdig, aber mir schauderte bei dem Gedanken, daß ich sie verlieren mußte, wenn ich einwilligte, daß sie seine Frau würde. Als er fort war, machte der Marchese dem Oheim Vorwürfe, daß er ihm den jungen Mann, dem er in seinem Geschäft sehr hätte nützen können, niemals vorgestellt hätte. »Aber, was nicht geschehen ist,« fügte er in bedeutungsvollem Ton hinzu, »kann noch geschehen, denn ich wünsche zu seinem Glück beizutragen.« Diese Bemerkung war ohne Zweifel für den Onkel und die Tante das Stichwort; denn nun begannen sie ihren Neffen auf hundertfältige Art zu loben; schließlich sagten sie, da sie keine Kinder hätten, so wären sie entzückt, daß ihr künftiger Erbe Petri das Glück hätte, der hohen Protektion Seiner Exzellenz für würdig erachtet zu werden: »Wir sehnen uns danach, das junge Mädchen aus Marseille zu sehen, das er heiraten will; wir werden sie wie eine inniggeliebte Tochter in unsere Arme schließen.« Rosalie flüsterte mir leise zu, sie könne es nicht mehr aushalten, und bat mich, sie nach Hause zu bringen. Ich stand auf; wir grüßten die Gesellschaft mit kalter Würde und entfernten uns. Der Marchese war offenbar aus der Fassung gebracht. Er begleitete uns bis an die Tür, und da er nicht wußte, was er sagen sollte, so stammelte er einige Komplimente und sagte schließlich Rosalien, er würde nicht die Ehre haben, sie am Abend zu sehen, doch würde er nicht verfehlen, ihr am nächsten Tage seine Aufwartung zu machen. Kaum waren wir fort und miteinander allein, so erleichterte sich unsere Brust; wir atmeten leichter und plauderten, um den schrecklichen Alp zu verscheuchen, der auf unseren Seelen lastete. Rosalie war wie ich der Meinung, daß der Marchese uns einen abscheulichen Streich gespielt hätte. Sie sagte mir, ich müßte ihm ein Briefchen schreiben und ihn bitten, er möchte sich nicht mehr die Mühe machen, uns zu besuchen. »Ich werde,« antwortete ich ihr, »eine Gelegenheit finden, uns zu rächen; aber ich glaube nicht, daß ich gut daran täte, ihm zu schreiben. Beschleunigen wir unsere Abreise und empfangen wir ihn morgen mit einer Zurückhaltung und kalten Höflichkeit, die er als Mißtrauen und Entrüstung verstehen muß. Vor allen Dingen dürfen wir überhaupt nicht antworten, wenn er etwas in bezug auf seinen Paten sagt.« »Wenn Petri mich liebt, so bedaure ich ihn; denn ich halte ihn für einen anständigen Menschen, und ich kann es ihm nicht übelnehmen, daß er an diesem Mittagessen teilgenommen hat; denn vielleicht hat er nicht gewußt, daß dieses mich beleidigen mußte. Aber bei dem bloßen Gedanken daran schaudere ich, mein Freund! Ich glaubte, sterben zu müssen, als unsere Blicke sich begegneten! Während der ganzen Mahlzeit hat er unmöglich meine Augen sehen können; denn ich hielt sie fast immer beinahe geschlossen, übrigens konnte er mich überhaupt wohl kaum sehen. Hat er mich angeblickt, während er sprach?« »Nein, er hat nur mich angesehen. Übrigens beklage auch ich ihn, denn er sieht aus wie ein anständiger Junge.« »Das Unglück ist nun einmal geschehen, und ich hoffe, ich werde guten Appetit zum Abendessen haben. Hast du darauf geachtet, was die Tante sagte? Ganz gewiß war sie mit im Komplott. Sie glaubte mich zu verführen, indem sie sagte, sie wolle mich wie eine eigene Tochter behandeln. Übrigens ist auch sie allem Anschein nach eine sehr gute Frau.« Wir speisten zu Abend, und eine glückliche Nacht machte uns geneigt, den uns vom Marchese angetanen Schimpf zu vergessen. Als wir erwachten, scherzten wir darüber. Am Abend besuchte der Marchese uns. Mit verwirrter und verlegener Miene trat er auf mich zu und sagte, er fühle, wie sehr er unrecht getan habe, mich auf solche Weise zu verraten; er bitte mich deshalb um Verzeihung, und wenn es möglich sei, sein Versehen wieder gutzumachen, so sei er bereit, mir jede gewünschte Genugtuung zu geben. Rosalie ließ mir keine Zeit, ihn, zu antworten, sondern sagte: »Wenn Sie fühlen, daß Sie uns beschimpft haben, so halten wir uns für genügend gerächt und sind demgemäß zufriedengestellt. Aber von jetzt an, mein Herr, werden wir vor Ihnen auf der Hut sein, obgleich dies ziemlich überflüssig ist, denn unsere Abreise steht unmittelbar bevor.« Nachdem sie ihm diese stolze Antwort gegeben hatte, machte sie ihm eine tiefe Verbeugung und ging in ihr Zimmer. Als Herr von Grimaldi mit mir allein war, hielt er folgende Ansprache an mich: »Ich empfinde eine unendliche Teilnahme für das Glück Ihrer Geliebten. Da ich nun aus Erfahrung weiß, daß sie unmöglich lange Zeit in ihrem jetzigen ungewissen und zweifelhaften Zustande glücklich sein kann, da ich im Gegenteil überzeugt bin, daß sie als Gattin mit einem so liebenswürdigen und wohlerzogenen jungen Mann, wie mein Pate es ist, unfehlbar glücklich werden muß, so habe ich mich entschlossen, Sie beide mit ihm bekannt zu machen; denn selbst Rosalie kannte ihn nur sehr unvollkommen. Um diesen Zweck zu erreichen, habe ich mich eines unlauteren Mittels bedient, das gebe ich zu; aber ich bin überzeugt, Sie werden um der guten Absicht willen mir dies verzeihen. Ich wünsche Ihnen eine glückliche Reise und wünsche, daß Sie recht lange mit dem reizenden Mädchen glücklich sein mögen. Ich bitte Sie, mir Nachrichten von Ihnen zu geben und auf meine Freundschaft zu rechnen. Mein Einfluß steht Ihnen zur Verfügung, und ich werde bei jeder Gelegenheit für Sie tun, was in meinen Kräften steht. Bevor wir uns trennen, muß ich Ihnen nur noch eins anvertrauen, damit Sie sich einen richtigen Begriff von dem ausgezeichneten Charakter des Herrn Petri machen können, der, wie er sagt, nur durch Rosalie glücklich werden kann. Er hat mir die Mitteilung, die Sie vernehmen werden, erst dann gemacht, als er sah, daß ich mich durchaus weigerte, einen Brief zu bestellen, den er an Rosalien geschrieben hatte, als er daran verzweifelte, ein anderes Mittel zu finden, um sich mit ihr in Verbindung zu setzen. Nachdem er mir versichert hatte, daß Rosalie ihn geliebt habe und daher keine Abneigung gegen ihn haben könne, fügte er hinzu: wenn sie sich nur deshalb nicht entschließen könnte, ihm ihre Hand zu reichen, weil sie vielleicht fürchtete, schwanger zu sein, so wäre er bereit, die Hochzeit bis nach ihrer Niederkunft aufzuschieben, vorausgesetzt, daß sie, in Genua an einem nur ihm bekannten Ort sich aufhalten wollte, wo kein Mensch sie sehen würde. Er ist bereit, ihren ganzen Unterhalt zu bestreiten. Für diesen Vorschlag führt er einen sehr vernünftigen Grund an, indem er sagte: ›Eine vorzeitige Entbindung nach der Hochzeit würde ihrer und meiner Ehre Abbruch tun und dazu auch der Neigung meiner Verwandten für unsere Kinder; ich will aber, daß Rosalie vollkommen glücklich ist, wenn sie meine Frau wird.‹« Bei diesen Worten trat Rosalie ein, die, ohne Zweifel neugierig wie alle Frauen, an der Tür gehorcht hatte, und sprach zu meiner größten Bestürzung folgende Worte: »Wenn Herr Petri Ihnen nicht gesagt hat, daß ich möglicherweise von ihm schwanger sein könnte, so ist das sehr anständig von ihm; aber ich sage es Ihnen hiermit selber. Der Fall ist allerdings kaum anzunehmen, liegt aber doch im Bereich der Möglichkeit. Sagen Sie ihm, mein Herr, ich werde bis nach meiner Niederkunft in Genua bleiben, wenn ich schwanger bin – was ich nicht weiß – oder bis ich die Gewißheit erlangt habe, daß ich es nicht bin. Sagen Sie ihm, ich werde alsdann zu meinem Freunde reisen, wo immer er sein mag. Wenn ich niederkomme, werde ich aus dem Zeitpunkte die Wahrheit erkennen. Kann ich nicht daran zweifeln, daß das Kind Herrn Petri gehört, so werde ich bereit sein, ihn zu heiraten; wenn er sich aber selber überzeugen kann, daß das Kind nicht von ihm sein kann, so wird er hoffentlich so vernünftig sein, nicht mehr an mich zu denken. Wollen Sie ihm bitte ferner sagen, wegen der Kosten meines Unterhaltes und wegen der Wahl eines Zufluchtsortes für mich möge er sich keine Mühe geben.« Ich war wie versteinert, denn ich sah, welche Frucht jetzt meine verhängnisvolle Unbesonnenheit trug, und dieser Gedanke zerriß mir das Herz. Der Marchese fragte mich, ob ich ihm Vollmacht gäbe, diesen Auftrag zu übernehmen, und ich antwortete ihm, ich könnte keinen anderen Willen haben als den meiner Freundin und bäte ihn daher, ihrer Entscheidung zu folgen. Er entfernte sich sehr zufrieden, denn er sah nunmehr, daß die Angelegenheit, die ihm so sehr am Herzen lag, nach seinem Wunsche gehen würde, sobald er in aller Gemächlichkeit auf Rosalie Einfluß üben könnte. Die Abwesenden haben immer unrecht. »Du willst mich also verlassen, Rosalie?« fragte ich sie, als wir allein waren. »Ja, mein teurer Freund, aber es wird nicht für lange sein.« »Ich sehe voraus, wir werden uns niemals wiedersehen.« »Warum nicht, liebes Herz, wenn ich auf deine Beständigkeit zählen kann? Höre mich an, mein Freund: meine und deine Ehre gebieten mir, wenn ich schwanger bin, Herrn Petri die Gewißheit zu geben, daß ich es nicht von ihm bin, und zugleich dir die Gewißheit zu geben, daß ich ein Kind von dir trage.« »Ich werde niemals daran zweifeln, liebe Rosalie.« »Du hast einmal daran gezweifelt, lieber Freund, und das genügt. Unsere Trennung wird mir bittere Tränen kosten, aber sie ist notwendig für mein Gewissen und für mein künftiges Glück. Ich hoffe, du wirst mir schreiben, und nach meiner Niederkunft mußt du mir angeben, auf welche Weise ich wieder zu dir kommen kann. Wenn ich nicht schwanger bin, kann unsere Wiedervereinigung spätestens in ein paar Monaten stattfinden.« »So schmerzlich mir dein Entschluß auch ist, ich muß mich ihm unterwerfen; denn ich habe mir vorgenommen, dir niemals zu widersprechen. Ich glaube, du mußt dich nun in ein Kloster zurückziehen, und da sehe ich nur den Marchese, der dir einen solchen Zufluchtsort verschaffen und dich dort wie ein Vater beschützen könnte. Soll ich mit ihm darüber sprechen? Für deine Bedürfnisse werde ich dir eine genügende Summe zurücklassen.« »Die Summe wird nicht groß sein. Herrn von Grimaldi gebietet schon seine Ehre, ein Asyl für mich ausfindig zu machen; ich glaube nicht, daß du nötig hast, mit ihm darüber zu sprechen.« Sie dachte vollkommen richtig, und ich konnte nicht umhin, den natürlichen Takt dieses erstaunlichen jungen Mädchens zu bewundern. Am nächsten Tage erfuhr ich, daß der angebliche Iwanoff entflohen war. Eine Viertelstunde vor Ankunft der Sbirren, die ihn auf Verlangen eines Bankiers ins Gefängnis führen sollten, hatte er sich zu Fuß davongemacht. Der Bankier hatte entdeckt, daß ein ihm vorgelegter Kreditbrief falsch war; da er aber alle seine Sachen zurückgelassen hatte, so kam der Geschäftsmann mit einem geringen Geldverlust davon. Am folgenden Tage berichtete der Marchese Rosalien, sein Pate habe gegen den Plan nichts einzuwenden gehabt. Er hoffe, sie werde sich entschließen, nach ihrer Niederkunft seine Frau zu werden, selbst wenn das Kind nicht von ihm sei. »Dieses zu hoffen, steht bei ihm,« sagte Rosalie lächelnd. »Er hofft ferner. Sie werden ihm gestatten, zuweilen die Ehre zu haben, daß er Ihnen seine Aufwartung machen darf. Ich habe mit der Oberin des Klosters ** gesprochen, die eine weitläufige Verwandte von mir ist. Sie werden zwei Zimmer erhalten, und eine sehr anständige Frau wird Ihnen Gesellschaft leisten. Sie bedienen und nötigenfalls bei der Entbindung helfen. Ich habe den monatlichen Preis Ihres Kostgeldes vereinbart. Jeden Morgen werde ich Ihnen einen vertrauten Mann schicken, der sich mit Ihrer Dienerin ins Benehmen setzen und mir Ihre Aufträge bringen wird. Auch werde ich Ihnen zuweilen einen Besuch am Sprechgitter machen, wenn Sie mir dies gestatten.« Ich mußte dem Marchese meinen Dank aussprechen – eine traurige Notwendigkeit, die jedoch durch die Schicklichkeit geboten war. Ich sagte: »Ihnen, Herr Marchese, vertraue ich meine Rosalie an, und ich bin überzeugt, ich gebe sie in zuverlässige Hände. Ich werde abreisen, sobald sie sich allein ins Kloster begeben hat; ich bitte Sie, ihr einen Brief für die Oberin mitzugeben.« »Ich werde diesen sofort schreiben,« sagte er. Da Rosalie ihm schon vorher gesagt hatte, sie wolle selber alle Kosten ihres Unterhalts bestreiten, gab er ihr die von ihm getroffene schriftliche Vereinbarung. Rosalie sagte zu ihm: »Ich bin entschlossen, mich schon morgen einzusperren, und ich werde mich sehr freuen, wenn ich Sie den Tag darauf einen Augenblick sehen kann.« »Ich werde kommen,« antwortete der Marchese, »und Sie können versichert sein, daß ich nichts außer acht lassen werde, was Ihnen Ihre Einsamkeit angenehm machen kann.« Wir verbrachten die traurigste Nacht. Kaum unterbrach die Liebe unsere endlosen Klagen und gegenseitigen Tröstungen. Wir schworen uns, stets nur einander zu gehören, und unsere Schwüre waren aufrichtig, wie es stets die Schwüre zweier Herzen sind, die sich leidenschaftlich lieben; aber diese Schwüre müssen vom Schicksal bestätigt werden, das kein Sterblicher kennen kann. Mit geröteten, tränenschweren Augen war Rosalie den ganzen Vormittag damit beschäftigt, ihre Sachen zu packen. Veronika, die ihr dabei half, weinte ebenfalls; ich sah sie nicht an, weil ich böse auf mich selber war, daß ich sie hübsch fand. Rosalie wollte durchaus nur zweihundert Zechinen annehmen; sie sagte mir, wenn sie Geld brauchte, würde es mir nicht an Mitteln fehlen, ihr welches zu schicken. Nachdem sie Veronika gebeten hatte, mich während der zwei oder drei Tage, die ich noch in Genua zubringen sollte, aufmerksam zu bedienen, machte sie mir eine stumme Verbeugung und ging. Costa brachte sie bis an den Tragestuhl. Zwei Stunden darauf holte ein Bedienter des Marchese ihre Sachen ab, und ich blieb traurig und niedergeschlagen allein, bis der Herr Marchese kam und sich bei mir zum Abendessen einlud. Er riet mir, ich möchte Veronika einladen, uns Gesellschaft zu leisten. »Sie ist ein verdienstvolles Mädchen,« sagte er mir, »das Sie noch nicht kennen; es wird Ihnen aber sehr angenehm sein, sie besser kennen zu lernen.« Obgleich ich ein bißchen überrascht war, so dachte ich doch nicht weiter über die hinterlistigen Absichten des schlauen Genuesen nach, sondern ging zu Veronika und bat sie, uns dieses Vergnügen zu machen. Sie nahm meine Einladung höflich an, indem sie mir sagte, sie fühle den ganzen Wert der Ehre, die ich ihr erweise. Ich hätte der dümmste Tölpel sein müssen, wenn ich nicht klar erkannt hätte, daß der schlaue Marchese seinen fein ausgesonnenen Plan glücklich durchgesetzt und mich wie einen richtigen Anfänger an der Nase geführt hatte. Obgleich ich mit gutem Grunde hoffen durfte, meine Rosalie wiederzuerhalten, konnte ich nicht daran zweifeln, daß der Marchese alle Hilfsmittel seiner Klugheit aufbieten würde, um sie zu verführen, und ich hatte allen Anlaß zu der Befürchtung, daß ihm dies gelingen würde. Ich befand mich jedoch in der Notwendigkeit, meine Gefühle zu verbergen und ihn gewähren zu lassen. Herr von Grimaldi war etwa sechzig Jahre alt; er war Epikureer in der vollsten Bedeutung des Wortes, großer Spieler, reich, beredt, ein bedeutender Politiker, hochgeachtet in seinem Vaterlande; er besaß eine große Menschenkenntnis und kannte ganz besonders das Herz der Frauen. Er hatte viel in Venedig gelebt, um dort seiner Freiheit und der Freuden des Lebens zu genießen. Er war niemals verheiratet gewesen; denn er sagte, er kenne die Frauen zu gut: sie wollen entweder Sklavinnen oder Tyranninnen sein; er aber wolle niemanden tyrannisieren, sich aber auch von keinem Menschen etwas befehlen lassen. Er machte es möglich, nach dem von ihm geliebten Venedig zurückkehren zu dürfen, obgleich Genua demjenigen Patrizier, der einmal die Dogenwürde bekleidet hat, den Boden des Vaterlandes zu verlassen verbietet. Obgleich er mich mit freundschaftlicher Zuvorkommenheit überhäufte, wußte er eine überlegene Miene zu bewahren, welche großen Eindruck auf mich machte. Ohne Zweifel war er sich dieser Überlegenheit bewußt; denn nur diese konnte ihm den kecken Gedanken eingeben, mich mit Petri an seiner Tafel zusammenzubringen. Ich fühlte, daß er mich angeführt hatte, und hielt mich für verpflichtet, ihn zu nötigen, daß er mich achtete; deshalb benahm ich mich so, wie ich es tat. Ein Gefühl der Dankbarkeit veranlaßte ihn, mir den Weg zu der Eroberung Veronikas zu ebnen, die er für sehr geeignet hielt, mich über Rosaliens Verlust zu trösten. Bei Tisch nahm ich fast gar nicht an der Unterhaltung teil, aber der Marchese gab Veronika Gelegenheit, ihre Ansichten zu äußern, und sie glänzte. Ich konnte leicht sehen, daß sie mehr Geist und Kenntnisse besaß als Rosalie; aber in meiner damaligen Stimmung war dies gerade das Mittel, mir zu mißfallen. Herr von Grimaldi sah mit Bedauern meine Traurigkeit und zwang mich gewissermaßen, mich an der Unterhaltung zu beteiligen. Als er mir freundschaftlich meine Schweigsamkeit vorwarf, sagte Veronika mit einem anmutigen Lächeln, ich hätte Grund zu schweigen, nachdem sie meine ihr gemachte Liebeserklärung so übel aufgenommen hätte. Sehr erstaunt sagte ich zu ihr, ich könnte mich nicht erinnern, sie geliebt, und noch weniger, ihr dies gesagt zu haben; aber ich mußte lachen, als sie mit einem schlauen Lächeln mir sagte, an jenem Tage habe sie Lindane geheißen. Ich antwortete ihr: »Das konnte mir nur beim Komödiespielen passieren; denn ein Mann, der eine Liebeserklärung in Worten macht, ist ein Dummkopf. Ein geistvoller Mann gibt seine Liebe durch Handlungen kund.« »Das ist freilich wahr; indessen wurde die gnädige Frau bald beunruhigt.« »Durchaus nicht, Veronika; sie hatte Sie gern.« »Das weiß ich; trotzdem aber habe ich sie eifersüchtig gesehen.« »Wenn sie das war, so hatte sie sehr unrecht.« Dieses Gespräch war für mich sehr wenig erheiternd, um so mehr aber für den Marchese. Er sagte mir beim Abschied, er würde am nächsten Tage Rosalien seine Aufwartung machen, und wenn er am nächsten Abend bei mir essen dürfte, würde er mir Nachrichten von ihr bringen. Natürlich antwortete ich ihm, er sei willkommen. Veronika begleitete mich in mein Zimmer und bat mich, ich möchte mir von meinem Bedienten aufwarten lassen; denn da die gnädige Frau nicht mehr da wäre, könnte man sich eine ungünstige Meinung von ihr bilden. »Sie haben recht, Fräulein; haben Sie die Güte, mir Leduc zu schicken.« Am nächsten Tage erhielt ich einen Brief aus Genf. Er war von meinem wollüstigen Freund Syndikus, der mir schrieb, er habe in meinem Auftrage Herrn von Voltaire die Übersetzung der »Schottin« und den sehr höflichen Brief überreicht, worin ich ihn um Verzeihung bat, daß ich mir die Freiheit genommen hätte, seine schöne französische Prosa ins Italienische zu travestieren. Voltaire sagte mir klar und deutlich, er habe meine Übersetzung schlecht gefunden. Es war eine Unhöflichkeit von Voltaire, auf meinen Brief nicht zu antworten, indem er mir den an meiner Übersetzung getadelten Fehler jedenfalls nicht nachweisen konnte; meine Eitelkeit wurde hierdurch so tief verletzt, daß ich ein Todfeind des großen Mannes wurde. Ich habe ihn infolgedessen in allen späteren von mir veröffentlichten Werken sehr scharf kritisiert; ich glaubte mich dadurch zu rächen. Die Leidenschaft verblendete mich; heute fühle ich, daß diese schwachen Stiche nur mir selber schaden können, wenn meine Schriften überhaupt jemals an ihre Adresse gelangen. Die Nachwelt wird mich den Zoilussen zurechnen, die ihre eigene Ohnmacht gegen den großen Geist entfesselte, dem die Zivilisation und das Glück der Menschheit Riesenfortschritte verdankt, und dem die Freude, die Freiheit und die Vernunft Altäre errichten sollten. Der einzige Vorwurf, den man dem Manne machen kann, sind seine Ausfälle gegen die Religion. Wäre er ein weiser Philosoph gewesen, so hätte er über dieses Thema niemals gesprochen; denn selbst angenommen, alles, was er gesagt hat, wäre wahr gewesen, so mußte er doch wissen, daß die Religion für die Moral der Völker notwendig ist und daß das Glück der Nationen von der Moral der Völker abhängt. Siebentes Kapitel Ich verliebe mich in Veronika. – Ihre Schwester. – List gegen List. – Mein Sieg. – Gegenseitige Enttäuschung. Ich habe niemals gern allein gegessen, und dies hat mich stets davon abgehalten, Einsiedler zu werden, obgleich ich einmal eine ziemlich flüchtige Anwandlung hatte, Mönch zu werden: ein Beruf, wie jeder andere und vielleicht der beste von allen wenn man, ohne auf gewisse Freuden des Lebens zu verzichten, sich einem frommen Müßiggang hingeben kann. Diese Anlage veranlaßte mich also, zwei Gedecke zu bestellen; übrigens hatte Veronika, nachdem sie mit mir und dem Marchese gespeist hatte, ein Recht auf diese Auszeichnung, die sie außerdem wegen ihrer Schönheit und ihres Geistes verdiente. Da ich nur Costa hinter meinem Stuhl stehen sah, fragte ich ihn, wo Leduc sei. Er antwortete mir, dieser sei krank. »Dann treten Sie hinter den Stuhl des Fräuleins,« sagte ich. Er gehorchte, aber mit einem Lächeln. Wo mischt der Stolz sich nicht ein! Obgleich es keinen lächerlicheren gibt als den Bedientenstolz, versteigt sich dieser oft bis zu einem wahren Hochmut. An diesem Tage kam Veronika mir hübscher vor. Ihr je nach den Umständen freies oder zurückhaltendes Wesen zeigte mir, daß sie keine Anfängerin mehr war und daß sie in einer gewählten Gesellschaft leicht die Rolle einer Prinzessin hätte spielen können. Aber so seltsam ist das menschliche Herz: ich sah mit aufrichtiger Betrübnis, daß sie mir gefiel, und nur der Gedanke tröstete mich, daß ihre Mutter sie im Laufe des Tages abholen sollte. Ich liebte Rosalien, und mein Herz blutete noch; unsere Trennung war noch zu frisch. Die Mutter kam, als wir noch bei Tische saßen. Sie war erstaunt über die Ehre, die ich ihrer Tochter erwies, und dankte mir auf das lebhafteste dafür. »Sie brauchen mir nicht dafür zu danken, Madame, denn die Ehre ist ganz auf meiner Seite, da Ihre Tochter schön, geistreich und tugendhaft ist!« »Danke dem Herrn, meine Tochter, für die schönen Geschenke, die er dir macht: denn du bist häßlich, dumm und leichtsinnig!« sagte die Mutter; »aber wie hast du die Dreistigkeit haben können, dich mit einem schmutzigen Hemde an den Tisch des gnädigen Herrn zu setzen?« »Ich würde über diesen Vorwurf erröten, liebe Mutter, wenn ich nicht wüßte, daß Sie sich täuschten; denn es ist noch keine zwei Stunden her, daß ich ein reines Hemd angezogen habe.« »Madame,« sagte ich zu der Mutter, »auf der Haut Ihrer Tochter kann ein Hemd nicht leicht weiß aussehen.« Dieses Kompliment brachte die Mutter zum Lachen und schmeichelte der Tochter. Als nun die Mutter ihr sagte, sie sei gekommen, um sie nach Hause zu holen, bemerkte Veronika mit feinem Lächeln: »Mama, es ist durchaus nicht gewiß, daß Sie dem gnädigen Herrn ein großes Vergnügen erweisen, indem Sie mich vierundzwanzig Stunden vor seiner Abreise mitnehmen.« »Im Gegenteil,« bemerkte ich mechanisch, »mir würde dieses sehr unangenehm sein.« »Wenn dies so ist, mein Herr,« versetzte die Mutter, »kann sie bleiben; aber der Anstand verlangt, daß ich Ihnen ihre jüngere Schwester schicke, die bei ihr schlafen wird.« »Sie werden mir damit einen Gefallen erweisen, Madame.« Hierauf ließ ich sie allein. Diese Veronika setzte mich in Verlegenheit; denn ich konnte mir nicht verhehlen, daß ich in sie verliebt war; und wie ich mich nun einmal kannte, mußte ich einen berechneten Widerstand fürchten. Die Mutter kam in mein Zimmer, wo ich an meinem Schreibtische arbeitete, wünschte mir glückliche Reise und wiederholte mir, sie würde mir ihre Tochter Annina schicken. Diese kam denn auch wirklich gegen Abend, von einer Magd begleitet. Nachdem sie ihren Mezzaro abgenommen und mir sehr bescheiden die Hand geküßt hatte, lief sie fröhlich auf ihre Schwester zu und umarmte diese. Da ich neugierig war, das Gesicht des jungen Mädchens zu sehen, so verlangte ich Kerzen; mit Erstaunen erblickte ich eine Blondine, wie ich niemals eine gesehen hatte. Ihre Haare, ihre Augenbrauen und ihre langen Wimpern waren von blaßgoldener Farbe und beinahe weißer als ihre außerordentlich weiße Haut. Sie war im höchsten Grade kurzsichtig, aber ihre großen, wohlgeschnittenen Augen waren von einem hellen Himmelblau und von einer geradezu wunderbaren Schönheit. Sie hatte den niedlichsten Mund, der sich denken läßt; aber ihre Zähne, obgleich sehr regelmäßig, waren von einem weniger weißen Schmelz als ihre Haut. Ohne diesen Fehler hätte Anmna für eine vollendete Schönheit gelten können. Wegen der Zartheit ihrer Augen verursachte ein allzu glänzendes Licht ihr Schmerzen. Wie sie nun so vor mir stand, schien sie mit Vergnügen zu sehen, daß ich sie genau betrachtete. Meine Blicke verschlangen mit gierigem Wohlgefallen ihre zwei kleinen, erst aufkeimenden Halbkugeln, deren Weiße mich erraten ließ, daß der übrige Teil ihres Körpers entzückend sein müßte. Veronika war in dieser Hinsicht nicht so großmütig: man sah wohl, daß ihr Busen prachtvoll sein mußte, aber ein eifersüchtiger Schleier verbarg ihn sorgfältig vor allen Blicken. Sie ließ ihre Schwester neben sich sitzen und gab ihr Näharbeit; als ich aber sah, daß ihre hübschen Händchen die Leinwand vier Zoll von ihren Augen entfernt halten mußten,sagte ich ihr, sie müßte wenigstens nachts ihre Augen schonen, und gehorsam legte sie sofort die Arbeit weg. Wie gewöhnlich kam der Marchese, und Annina, die er noch niemals gesehen hatte, erschien auch ihm wie mir als ein wunderbares Miniaturbild. Auf sein Alter und auf seinen hohen Rang bauend, wagte der wollüstige Greis seine Hand auf den hübschen Busen des jungen Mädchens zu legen, das zu ehrerbietig war, um sich einen Widerspruch gegen den gnädigen Herrn zu erlauben, und ihn, ohne die geringste üble Laune zu verraten, gewähren ließ. In ihrem Wesen lag ebensoviel Unschuld wie Koketterie. Eine Frau, die nur wenig zeigt und dadurch einem Manne Neugier einzuflößen weiß, hat bereits drei Viertel ihres Weges zurückgelegt, um ihn verliebt zu machen; denn ist die Liebe überhaupt etwas anderes als eine Neugier? Ich glaube es nicht, und der Beweis dafür ist, daß die Liebe erlischt, sobald die Neugier befriedigt ist. Jedenfalls ist ganz sicherlich die Neugier der Liebe die stärkste Neugier, die es gibt, und Annina hatte mich bereits neugierig gemacht. Herr von Grimaldi sagte zu Veronika: Rosalie bitte sie, bis zu meiner Abreise bei mir zu bleiben; sie vernahm diese Bitte mit ebenso großem Erstaunen wie ich. Ich sagte zum Marchese: »Wollen Sie ihr bitte sagen, daß Fräulein Veronika ihren Wünschen zuvorgekommen ist und daß sie gerade aus diesem Grunde ihre Schwester Annina hat kommen lassen.« »Zwei, mein lieber Freund,« sagte der feine Genuese, »sind immer besser als eine.« Wir ließen hierauf die beiden Schwestern miteinander allein und gingen in mein Zimmer, wo er mir sagte: »Ihre Rosalie ist zufrieden, und Sie müssen sich glücklich schätzen, daß Sie ihr Glück begründet haben; denn ich bin überzeugt, sie wird glücklich werden. Es tut mir leid, daß alle Regeln der Schicklichkeit Ihnen verbieten, sie heute Abend noch zu sehen.« »Sie sind in sie verliebt, Herr Marquis!« »Ich gestehe es, aber ich bin alt – leider!« »Das tut nichts, sie wird Sie zärtlich lieben, und wenn Petri ihr Mann wird, so bin ich sicher, daß sie für ihn nur eine passive Freundschaft empfinden kann. Bitte, schreiben Sie mir nach Florenz, wie sie den Petri aufnimmt.« »Bleiben Sie doch noch drei Tage hier, so werden Sie es erfahren. Unterdessen werden die beiden Schönheiten hier Ihnen die Stunden sehr schnell verstreichen lassen.« »Gerade weil ich voraussehe, daß sie diesen Zweck leicht erreichen könnten, will ich morgen abreisen. Veronika erschreckt mich.« »Ich glaubte, Sie wären nicht der Mann, sich von einer hübschen Frau erschrecken zu lassen.« »Ich fürchte, sie hat irgendeine unangenehme Absicht mit mir vor, denn ich glaube, sie ist geneigt, sich mit Grundsätzen zu brüsten. Lieben kann ich nur Rosalie.« »Da fällt mir ein: ich habe hier einen Brief für Sie.« Ich zog mich in eine Fensternische zurück und las dort jenen Brief, dessen Schriftzüge mir beim ersten Anblick schon heftiges Herzklopfen verursachten. Er lautete folgendermaßen: »Mein lieber Freund, ich sehe, daß du mich den Händen eines zärtlichen Vaters anvertraut hast, der es mir bis zu dem Augenblick, wo ich nicht im geringsten mehr Zweifel über meinen Zustand haben werde, an nichts wird fehlen lassen. Und diese neue Wohltat verdanke ich deinem ausgezeichneten Herzen. Ich werde dir bestimmt an die Adresse schreiben, die du mir gibst. Wenn Veronika dir gefällt, mein lieber Freund, so fühle ich, daß ich unrecht haben würde, wenn ich in diesem Augenblick eifersüchtig auf sie wäre. Wenn du dich um sie bewirbst, so wird sie dir, glaube ich, nicht widerstehen können, und ich werde glücklich sein, wenn ich vernehme, daß sie dazu beiträgt, dir die Traurigkeit zu verscheuchen, die mich tief zu Boden drückt. Ich bitte dich, schreibe mir vor deiner Abreise noch einige Zeilen.« Ich trat auf den Marchese zu, reichte ihm den Brief und bat ihn, Kenntnis davon zu nehmen. Er war durch ihre Worte tief gerührt und rief: »Ja, das herrliche Mädchen wird in mir einen zärtlichen Vater und treu ergebenen Freund finden, und wenn sie glaubt, meinen Paten heiraten zu müssen, und von ihm nicht so gut behandelt wird, wie sie es verdient, so wird er sie nicht lange besitzen. Sie wird sogar nach meinem Tode Gegenstand meiner Sorge sein, wenn ich mich so ausdrücken darf; denn vor meinem Tode wird sie einen Teil meines Vermögens erhalten haben. Aber hören Sie, was sie Ihnen über Veronika sagt? Ich halte sie nicht für eine Vestalin, obwohl ich andererseits ihr auch nicht das Geringste nachsagen kann.« Ich hatte vier Gedecke befohlen; Annina setzte sich daher mit uns zu Tisch, ohne sich nötigen zu lassen. Als Leduc hereinkam, sagte ich zu ihm: wenn er krank wäre, könnte er sich zu Bette legen. »Ich befinde mich sehr wohl,« sagte er. »Das freut mich; aber gehe jetzt hinaus; ihr werdet bei Tisch bedienen, sobald ich in Livorno bin.« Ich bemerkte, daß Veronika über diese Ausschließung sehr erfreut war, und beschloß augenblicklich, eine Festung zu belagern, die mich immer mehr und mehr interessierte. Ich beschäftigte mich daher während der ganzen Mahlzeit sehr viel mit ihr und richtete sehr bedeutsame Bemerkungen an sie, während der Marchese mit Annina scherzte. An den liebenswürdigen Kavalier mich wendend, fragte ich ihn, ob er glaubte, daß ich für den nächsten Tag eine Feluke zur Fahrt nach Lerici finden könnte. »Gewiß, zu welcher Stunde Sie wollen und mit so viel Ruderern, wie Sie wünschen; aber ich hoffe, Sie werden Ihre Abreise um drei bis vier Tage hinausschieben.« »Nein,« antwortete ich mit einem Seitenblick auf Veronika; »dieser Aufschub könnte mir teuer zu stehen kommen.« Die geriebene Schelmin beantwortete meinen Blick mit einem Lächeln, das mir zeigte, daß mein Gedanke verstanden worden war. Als wir von Tisch aufgestanden waren, nahm ich mit Annina ein kleines Examen vor, während der Marchese sich mit Veronika unterhielt. Nach einer Viertelstunde trat er zu uns heran und sagte zu mir: »Man hat mich aufgefordert, Sie zu bitten, daß Sie noch einige Tage hier bleiben oder doch zum mindesten morgen noch hier zu Nacht speisen möchten.« »Sehr freundlich. Wir werden also morgen beim Nachtessen von einigen Tagen sprechen.« Der Marchese rief: »Viktoria!« und Veronika war augenscheinlich sehr erfreut über meine Gefälligkeit. Als unser Gast fortgegangen war, fragte ich meine Haushälterin, ob ich Costa zu Bett schicken könnte. »Da ich meine Schwester bei mir habe, wird man keinen beleidigenden Verdacht hegen können.« »Sie willigen also ein, meine Liebe. Dies macht mir viel Vergnügen; ich werde Ihnen also meinen Kopf anvertrauen.« Sie frisierte mich für die Nacht, antwortete jedoch kein Wort auf alle galanten Bemerkungen, die ich an sie richtete. Als ich gerade im Begriff war, mich ins Bett zu legen, wünschte sie mir gute Nacht. Ich wollte sie umarmen, um auf diese Weise ihre Komplimente zu erwidern, aber sie stieß mich zurück und entfernte sich von mir. Dies überraschte mich sehr. Als sie hinausgehen wollte, sagte ich zu ihr in ernstem, aber höflichem Ton: »Bitte, bleiben Sie; ich muß mit Ihnen sprechen; setzen Sie sich neben mich! – Warum haben Sie mir ein Vergnügen abgeschlagen, das schließlich doch nur ein einfacher Beweis von Freundschaft ist?« »Weil zwei Menschen, wie wir es nun einmal sind, unmöglich bei der einfachen Freundschaft stehen bleiben und weil wir ein Liebespaar nicht sein können.« »Warum sollen wir nicht ein Liebespaar sein können? Wir sind doch frei!« »Weil ich mich von gewissen Vorurteilen nicht freimachen kann, die für Sie nicht vorhanden sind.« »Ich hatte geglaubt, Ihr Geist sei über Vorurteile erhaben.« »Es gibt ein Vorurteil, über das eine Frau sich nicht hinwegsetzen darf. Die Überlegenheit, die Sie andeuten wollen, ist eine klägliche Überlegenheit, welche stets sich selbst betrügt. Was sollte aus mir werden, mein Herr, wenn ich mich den Gefühlen überließe, die Sie mir einflößen?« »Ich war auf eine solche Bemerkung gefaßt, meine liebe Veronika. Die Gefühle, die ich Ihnen einflöße, sind nicht die der Liebe. Nein! Denn wenn sie es wären, so wären sie den meinigen gleich, und die Liebe würde Sie veranlassen, die hemmenden Fesseln der Vorurteile zu zerbrechen.« »Ich gestehe, daß Sie mir noch nicht den Kopf verdreht haben; aber ich weiß, daß unglücklicherweise Ihre Abreise mir meine Ruhe rauben wird.« »Wenn dies wahr ist, Veronika, so ist es nicht meine Schuld. Aber sagen Sie mir, was ich tun könnte, um Sie während meines kurzen Aufenthaltes hier glücklich zu machen?« »Nichts! Denn Sie sind meiner und ich bin Ihrer nicht sicher.« »Ich verstehe, was Sie sagen wollen; aber ich muß Ihnen sagen, daß ich entschlossen bin, mich niemals zu verheiraten, bevor ich nicht der Freund meiner Frau geworden bin.« »Das heißt: erst wenn Sie nicht mehr ihr Liebhaber sind?« »Ganz recht.« »Sie wollen da enden, wo ich beginnen will. Ich wünsche Ihnen Glück dazu; aber Sie spielen ein gewagtes Spiel.« »Nun gut, ich will entweder alles verlieren oder alles gewinnen.« »Das kommt darauf an. Aber lassen wir einmal die Gefühle beiseite – mir scheint, schöne Veronika, wir könnten ein wenig mit der Liebe tändeln und uns glückliche Augenblicke verschaffen, ohne uns von Vorurteilen stören zu lassen.« »Das mag sein; aber bei diesem Spiel kann man sich die Finger verbrennen, und davor habe ich solche Angst, daß ich nicht einmal daran denken mag; denn der Gedanke könnte mich verführen. O nein, nein! Lassen Sie mich, bitte! Sehen Sie, da kommt meine Schwester; es macht ihr angst, mich in Ihren Armen zu sehen.« »Nun, ich sehe, ich habe unrecht. Rosalie hat sich getäuscht.« »Wie? Was hat sie denn nur von mir gedacht?« »Sie hat gedacht. Sie würden gut sein; das hat sie mir geschrieben.« »Sie ist recht glücklich, wenn sie es nicht zu bereuen gehabt hat, daß sie allzugut war.« »Gute Nacht, Veronika.« Es ärgerte mich, daß ich diesen Angriff gemacht hatte; denn in derartigen Fällen ist Mangel an Erfolg stets verdrießlich. Ich nahm mir vor, sie bei ihren Grundsätzen zu lassen, mochten diese aufrichtig oder erheuchelt sein; als ich sie aber beim Erwachen mit freundlicher und liebenswürdiger Miene an mein Bett herantreten sah, änderte ich plötzlich meine Ansicht: ich hatte meinen Verdruß verschlafen und war verliebt. Ich glaubte, sie hätte ihr Benehmen bereut, und hoffte sie beim zweiten Angriff mehr entgegenkommend zu finden. Hiernach richtete ich mein Benehmen ein und scherzte beim Frühstück mit ihr und ihrer Schwester. Beim Mittagessen benahm ich mich ebenso, und die Heiterkeit, in der Herr von Grimaldi uns am Abend fand, ließ ihn ohne Zweifel glauben, daß wir bereits auf vertrautem Fuß miteinander ständen, und er wünschte uns dazu Glück. Als ich sah, daß Veronika sich benahm, wie wenn der Marchese richtig erraten hätte, glaubte ich die Gewißheit zu haben, daß ich sie nach dem Abendessen besitzen würde. In dem Rausch, in welchen mich diese Gewißheit versetzte, versprach ich ihnen beim Souper, ich würde noch vier Tage bleiben. »Bravo! Bravo!« rief der Marchese, »solchen Gebrauch müssen Sie immer von Ihrem Recht machen, Veronika! Sie sind eine Frau, die über die, die Sie lieben, eine unumschränkte Herrschaft üben muß.« Mich dünkte, sie müßte irgend etwas sagen, um die Gewißheit, die der Marchese aussprach, ein wenig einzuschränken. Aber keineswegs! Sie schien sich an ihrem Triumph zu weiden und wurde dadurch noch schöner. Sie brüstete sich wie ein Pfau; ich aber, durch das in Aussicht stehende Glück unterjocht, sah sie mit der bescheidenen Miene eines Besiegten an, der auf seine Kette stolz ist. Ich war so einfältig, ihr Benehmen für ein Vorzeichen meines unmittelbar bevorstehenden Sieges zu halten. Infolgedessen vermied ich es, mich mit Herrn von Grimaldi in ein besonderes Gespräch einzulassen, denn da hätte ich mich genötigt sehen können, ihn über seine Täuschung aufzuklären, wenn er Fragen an mich gerichtet hätte. Beim Abschied sagte er uns, er müsse am nächsten Tage abwesend sein und könne daher erst am übernächsten Tage das Vergnügen haben, uns wieder zu sehen. »Sehen Sie,« sagte sie zu mir, sobald wir allein waren, »wie leicht ich glauben lasse, was man wünscht? Lieber mag man glauben, daß ich gut sei, wie Sie es nennen, als daß man mich für lächerlich hält; denn mit diesem liebenswürdigen Beiwort schmückt man ja ein anständiges Mädchen, das Grundsätze hat, nicht wahr?« »Nein, nein, entzückende Veronika, nein! Vor allen Dingen fürchten Sie nicht, daß ich Sie mit einem solchen Beiwort benennen könnte! Aber ich würde sagen, daß Sie mich hassen, wenn Sie mir eine Höllennacht bereiteten, indem Sie sich wie gestern meiner lebhaften Zärtlichkeit entzögen; denn Sie haben mich während des Essens ganz und gar in Flammen gesetzt.« »O! Ich bitte, mein Herr, mäßigen Sie sich, um Gotteswillen! Morgen werde ich Sie nicht in Flammen setzen. O! das ist aber zu arg ...« Ich hatte sie erzürnt, indem ich mit kecker Hand vorgedrungen war, so weit ich wollte, und mich ihres Heiligtums bemächtigt hatte. Sie stieß mich zurück und lief hinaus. Drei oder vier Minuten darauf kam ihre Schwester, um mich auszukleiden. Ich sagte ihr freundlich, sie möchte zu Bett gehen, da ich noch ein paar Stunden zu schreiben hätte; da ich aber das unschuldige Kind nicht kränken wollte, so öffnete ich meine Kassette und schenkte ihr eine Uhr. Sie nahm diese bescheiden und sagte: »Die ist für meine Schwester, nicht wahr, mein Herr?« »Nein, reizende Annina, ich schenke sie dir.« Sie machte einen Freudensprung, und ich konnte sie nicht verhindern, mir die Hand zu küssen. Ich setzte mich hin und schrieb an Rosalie einen vier Seiten langen Brief; aber ich war in höchster Erregung und sehr unzufrieden mit mir und allen Menschen. Als mein Brief fertig war, zerriß ich ihn, ohne ihn noch einmal durchzulesen. Dann aber machte ich eine gewaltsame Anstrengung, um mich zu beruhigen, und schrieb einen zweiten, vernünftigeren Brief, worin ich von Veronika kein Wort sagte und meiner schönen Einsiedlerin anzeigte, daß ich am nächsten Tage abreisen würde. Erst sehr spät legte ich mich in schlechtester Laune zu Bett. Ich hatte das Gefühl, Veronika beschimpft zu haben, einerlei, ob sie mich liebte oder nicht; denn ich war in sie verliebt und war ein Ehrenmann. Ich schlief schlecht; als ich aufwachte, war es Mittag. Ich klingelte, aber ich sah nur Costa und Annina erscheinen. Veronikas Abwesenheit ließ mich die Beleidigung, die ich ihr angetan, tief empfinden. Als Costa hinausgegangen war, fragte ich Annina, wie es ihrer Schwester gehe; sie antwortete mir, sie sei bei der Arbeit. Ich schrieb ihr ein Briefchen und bat sie um Verzeihung, indem ich ihr versicherte, ich würde ihr in Zukunft nicht den geringsten Verdruß mehr bereiten. Zum Schluß bat ich sie, sie möchte alles vergessen und wie gewöhnlich mit mir verkehren. Als ich meinen Kaffee trank, kam sie mit einer gekränkten Miene herein, die mich sehr schmerzlich berührte. Ich sagte zu ihr: »Vergessen Sie alles, ich bitte Sie darum, liebes Fräulein! Damit wird alles zu Ende sein. Machen Sie mir nur meine Locken in Ordnung, denn ich will einen Spaziergang außerhalb der Stadt machen und werde erst zum Mittagessen nach Hause kommen. Ohne Zweifel werde ich dann einen guten Appetit haben, und da Sie nichts mehr zu fürchten haben, so brauchen Sie mir auch nicht mehr Annina zu schicken.« Nachdem ich mich in aller Eile allein angekleidet hatte, verließ ich die Stadt auf dem ersten besten Wege und marschierte zwei Stunden geradeaus, nur um mich zu ermüden und dadurch das Gleichgewicht zwischen Seele und Körper wiederherzustellen. Ich habe stets die Erfahrung gemacht, daß starke körperliche Bewegung und frische Luft die besten Mittel sind, die aufgeregte Seele wieder in ihren gewöhnlichen Zustand zu versetzen. Ich hatte mehr als drei Wegstunden gemacht, als Hunger und Müdigkeit mich zwangen, in eine schlechte Dorfschenke einzukehren; ich ließ mir einen Eierkuchen machen und aß diesen gierig mit Schwarzbrot und Wein, den ich köstlich fand, obwohl er nicht wenig sauer war. Da ich zu ermüdet war, um zu Fuß nach Genua zurückzukehren, so verlangte ich einen Wagen; aber es war unmöglich, einen zu finden. Der Wirt gab mir einen schlechten Gaul nebst einem Mann, der ihm das Pferd zurückbringen sollte. Die Nacht brach herein, und wir hatten mehr als sechs Miglien zu machen. Obendrein begleitete mich ein feiner Regen vom Abmarsch bis zur Ankunft, und so war ich, als ich um acht Uhr nach Hause kam, bis auf die Haut durchnäßt, vor Frost erstarrt, totmüde und von einem harten Sattel zerschunden, den meine Atlashosen nicht hatten weicher machen können. Costa half mir, mich vom Kopf bis zu den Füßen umzuziehen, und als er hinausging, um das Essen aufzutragen, sah ich Annina erscheinen. »Wo ist Ihre Schwester?« »Sie hat starkes Kopfweh und liegt zu Bett. Diesen Brief hat sie mich beauftragt, Ihnen zu geben.« Der Brief lautete: »Wegen starker Kopfschmerzen, an denen ich oftmals leide, habe ich mich genötigt gesehen, um drei Uhr zu Bett zu gehen. Ich befinde mich bereits viel besser und bin sicher, Sie morgen bedienen zu können. Ich teile Ihnen dies mit, weil ich nicht möchte, daß Sie glauben, ich sei ärgerlich oder verstelle mich. Ich glaube Ihnen, daß Sie aufrichtig bereuen, mich gedemütigt zu haben, und bitte Sie meinerseits, mir zu verzeihen oder mich zu beklagen, wenn meine Denkweise mich verhindert, mich Ihren Anschauungen anzubequemen.« »Meine liebe Annina, fragen Sie Ihre Schwester, ob sie wünscht, daß wir das Abendessen an ihrem Bett einnehmen.« Sie kam bald wieder zurück und sagte mir, Veronika danke mir und bitte mich, sie schlafen zu lassen. Ich speiste mit Annina und bemerkte mit Vergnügen, daß sie nur Wasser trank, aber mehr als ich aß. Die Leidenschaft, die ich für ihre Schwester empfand, hielt mich ab, an sie zu denken, aber ich fühlte, daß Annina mir gefallen haben würde, wenn ich nur gewußt hätte, ob sie anders dächte als ihre ältere Schwester. Als wir beim Nachtisch waren, kam ich auf den Einfall, das junge Mädchen betrunken zu machen, damit sie über ihre Schwester schwatzte, und ich schenkte ihr ein Glas Muskat Lunel ein. »Ich trinke nur Wasser, mein Herr.« »Hassen Sie den Wein?« »Nein, aber da ich nicht daran gewöhnt bin, fürchte ich, er wird mir zu Kopf steigen.« »Sie gehen ja gleich zu Bett, liebes Kind, und werden dann um so besser schlafen.« Sie trank ein Glas und fand es ausgezeichnet; hierauf trank sie ein zweites und dann ein drittes. Ihr Köpfchen war bereits in Verwirrung. Ich brachte das Gespräch auf ihre Schwester, und sie erzählte mir in der größten Unschuld alles mögliche Gute von ihr. »Du hast also Veronika sehr lieb?« fragte ich sie. »O ja! Ich liebe sie von ganzem Herzen; aber sie kann mich nicht leiden, denn sie entzieht sich allen meinen Liebkosungen.« »Ohne Zweifel geschieht dies, weil sie befürchtet, du möchtest dann aufhören, sie zu lieben. Aber was meinst du? Hat sie wohl recht, daß sie mich leiden läßt?« »Nein; aber wenn Sie sie lieben, müssen Sie ihr verzeihen.« Annina hatte recht, ja nur zu sehr recht. Ich gab ihr ein viertes Glas Muskatwein zu trinken; aber einen Augenblick darauf sagte sie mir, sie könnte nichts mehr sehen. Wir standen daher vom Tisch auf. Annina begann mir ein bißchen zu sehr zu gefallen; aber ich nahm mir vor, nichts gegen sie zu unternehmen; denn ich fürchtete, sie zu gefällig zu finden. Ein bißchen Widerstand schärft den Appetit, und allzuleicht erlangte Gunst verliert viel von ihrem Reiz. Annina war erst vierzehn Jahre alt; sanft und unerfahren, wie sie war, hatte sie keine Ahnung von ihren Rechten. Sie würde gefürchtet haben, einen Verstoß gegen die Höflichkeit zu begehen, wenn sie sich meinen Liebkosungen widersetzt hätte; dies aber kann nur einem reichen und wollüstigen Muselmann gefallen. Ich bat sie, mir die Haare zurecht zu machen. Ich hatte die Absicht, sie gleich nachher zu Bett zu schicken, aber als sie fertig war, bat ich sie, mir einen Topf geruchloser Pomade zu geben. »Was wollen Sie damit machen?« »Ich brauche sie, um mir die wunden Stellen einzureiben, die mir auf dem sechs Miglien langen Ritt der verfluchte Gaul gemacht hat.« »Ist denn das gut dagegen?« »Ja, sehr. Die weiche Pomade lindert das Brennen, und morgen werde ich geheilt sein; aber Sie müssen mir Costa kommen lassen,, denn ich kann mir die Pomade nicht selber einreiben.« »Kann ich denn das nicht machen?« »Ganz leicht; aber ich müßte befürchten, Ihre Gefälligkeit zu mißbrauchen.« »Ich errate, warum. Wie werde ich aber die Aufschürfungen sehen, da ich so kurzsichtig bin?« »Wenn Sie mir diesen Dienst erweisen wollen, werde ich eine geeignete Stellung einnehmen, um Ihnen die Sache zu erleichtern. Sehen Sie, so! Setzen Sie den Armleuchter auf diesen Tisch!« »Da steht er. Aber lassen Sie sich nicht morgen von Costa einreiben, denn er würde erraten, daß ich oder meine Schwester es heute Abend bei Ihnen getan haben.« »Sie werden also morgen wieder so freundlich sein?« »Ich oder meine Schwester; denn sie wird in aller Frühe aufstehen.« »Ihre Schwester? Nein, meine Liebe, die würde Angst haben, mir zuviel Vergnügen zu machen, wenn sie mir so nahe käme.« »Und ich habe bloß Angst, Ihnen weh zu tun. Mache ich es so gut? Mein Gott! In welchem Zustande ist Ihre arme Haut!« »Meine liebe Annina, Sie sind noch nicht fertig.« »Ich bin so kurzsichtig. Drehen Sie sich herum.« »Gern.« Die kleine Närrin konnte sich des Lachens nicht enthalten, als sie erblickte, was der Zufall ihr darbot und was sie wegen ihrer schwachen Augen ganz zweifellos zum ersten Male sah. Als sie bei der Fortsetzung ihrer Tätigkeit daran rühren mußte, bemerkte ich bald, daß ihr das Vergnügen machte; denn sie berührte scheinbar zufällig auch Stellen, wo sie nichts zu tun hatte. Ich konnte es nicht mehr aushalten, ergriff ihre Hand und nötigte sie, ihre Beschäftigung zu unterbrechen; indem ich ihr eine süßere gab. Als sie fertig war, lachte ich laut auf, als ich sie mit der erstauntesten Miene und immer noch den Pomadentopf in der linken Hand haltend, die Frage an mich richten hörte: »Hab' ich's gut gemacht?« »O, vortrefflich, reizende Annina. Du bist ein Engel, und ich bin überzeugt, daß du weißt, was für ein Vergnügen du mir gemacht hast. Kannst du nicht eine Stunde mit mir verbringen?« »Warten Sie!« Sie ging hinaus, indem sie die Tür nur anlehnte; überzeugt, daß sie zurückkommen würde, wartete ich; schließlich aber wurde ich des Wartens müde, öffnete die Tür ein wenig und sah durch die Spalte, wie sie sich auszog und sich neben ihre Schwester ins Bett legte. Ich ging wieder ins Zimmer und legte mich ins Bett, ohne alle Hoffnung aufzugeben. Ich hatte mich auch nicht getäuscht; denn fünf Minuten später sah ich sie im Hemd auf den Fußspitzen hereinkommen. »Komm in meine Arme, mein Liebling, denn es ist sehr kalt.« »Da bin ich. Meine Schwester schläft und ahnt nichts; und wenn sie auch aufwachen sollte – das Bett ist breit; sie wird es nicht merken, daß ich sie verlassen habe.« »Du bist göttlich! Ich liebe dich von ganzem Herzen!« »Um so besser! Ich gebe mich Ihnen hin; Sie können mit mir machen, was Sie wollen – aber unter der Bedingung, daß Sie nicht mehr an meine Schwester denken.« »Diese Bedingung erfülle ich gern, liebes Herz! Ich verspreche es dir.« Ich fand Annina völlig unberührt; hieran zweifelte ich nicht, obgleich ich am anderen Morgen keine Blutspuren auf dem Altar fand. Mir ist ähnliches oft widerfahren, und ich weiß aus Erfahrung, daß man weder aus dem Vorhandensein noch aus dem Fehlen des Blutes etwas schließen kann. Im allgemeinen kann ein Mädchen nur überführt werden, einen Liebhaber gehabt zu haben, wenn sie befruchtet worden ist. Ich verbrachte zwei Stunden mit diesem reizenden Püppchen; sie war so niedlich, so zart und hübsch am ganzen Leibe, daß ich keinen besseren Ausdruck finden kann, um sie zu schildern. Ihr Zartgefühl und ihre Aufmerksamkeit nahmen der Lust nichts von ihrem pikanten Reiz, denn sie war wollüstig. Als ich erwachte, kam sie mit Veronika zu mir herein. Ich sah mit Vergnügen, daß die Jüngere auf ihrem Gesicht den strahlenden Ausdruck des Glückes trug, während die Altere eine wohlwollende Miene machte, in der sich der Wunsch malte, angenehm zu erscheinen. Ich fragte sie nach ihrem Befinden, und sie antwortete mir, Fasten und Schlaf hätten sie vollständig wiederhergestellt. Ich habe oft die Erfahrung gemacht, daß dies die besten Heilmittel gegen Kopfschmerzen sind. Annina hatte mich vollkommen von der Neugier geheilt, die die andere mir eingeflößt hatte; ich fühlte dies und wünschte mir Glück dazu. Beim Abendessen brachte meine Heiterkeit Herrn von Grimaldi zum Glauben, ich hätte von Veronika alles erlangt; ich glaubte, ihm seinen Irrtum nicht nehmen zu müssen. Ich versprach ihm, am anderen Mittag bei ihm zu speisen, und hielt Wort. Nach dem Essen übergab ich ihm einen langen Brief für Rosalie, die ich nur noch als Frau Petri wieder zu sehen hoffte, obgleich ich mich wohl hütete, ihr dies zu sagen. Am Abend speiste ich mit den beiden Schwestern und spielte in zwangloser Weise und ohne einer von ihnen den Vorzug zu geben, den Liebenswürdigen. Als Veronika mir meine Locken wickelte, und dabei mit mir allein war, sagte sie mir, seitdem ich vernünftig geworden sei, liebe sie mich viel mehr als früher. »Meine anscheinende Vernünftigkeit,« antwortete ich ihr, »beruht nur darauf, daß ich die Hoffnung aufgegeben habe, Sie zu erobern. Ich habe mich damit abgefunden.« »So war also Ihre Liebe recht gering?« »Sie war erst im Aufkeimen begriffen; aber es wäre nur bei Ihnen gestanden, schöne Veronika, sie riesengroß werden zu lassen.« Sie biß sich auf die Lippen und schwieg; dann wünschte sie mir gute Nacht und ging hinaus. Ich legte mich zu Bett und wartete auf Anninas Besuch. Aber vergeblich. Als ich am Morgen klingelte, sah ich das reizende Mädchen ein bißchen traurig bei mir eintreten, und als ich sie nach dem Grunde fragte, antwortete sie: »Meine Schwester ist krank und hat die ganze Nacht hindurch geschrieben.« Nun wußte ich also, warum ich vergeblich gewartet hatte. »Und wissen Sie auch, was Veronika geschrieben hat, meine liebe Annina?« »O nein! Über so etwas spricht sie mit mir nicht! Aber hier ist ein Brief für Sie.« Ich las den sehr langen Brief; er war sehr gut geschrieben, aber da er allzu deutlich den Stempel der Berechnung trug, so erregte er nur meine Heiterkeit. Nach einigen Umschweifen sagte sie mir, sie habe sich meinen Wünschen nicht hingegeben, weil sie mich von ganzem Herzen liebe und gefürchtet habe, sie werde mich verlieren, wenn sie meiner Laune willfahre. »Ich bin ganz und gar die Ihre, wenn Sie damit einverstanden sind, daß ich Rosaliens Platz einnehme. Ich will von hier mit Ihnen abreisen, aber Sie müssen mir ein Schriftstück geben, das Herr von Grimaldi zu unterzeichnen hat. Sie müssen sich darin verpflichten, mich vor Ablauf eines Jahres zu heiraten, und mir eine Mitgift von fünfzigtausend Franken aussetzen; wenn Sie alsdann nichts mehr von mir wissen wollen, ist die Summe mein, und ich kann tun, was ich will.« Ferner schrieb sie, wenn sie während des Probejahres Mutter würde, sollte bei der Trennung das Kind ihr verbleiben. Unter diesen Bedingungen war sie bereit, meine Geliebte zu werden, und versprach mir, in jeder gewünschten Weise mir zuvorzukommen und gefällig zu sein. Dieser sehr geschickt entworfene, aber dumm ausgeführte Plan zeigte mir, daß es Veronika an jener Klugheit fehlte, die man notwendig haben muß, wenn man Leute anführen will. Ich erkannte sofort, daß Herr von Grimaldi mit diesem Komplott nichts zu tun hätte und daß er darüber lachen würde, wenn ich es ihm mitteilen würde. Bald nachher kam Annina wieder herein und brachte mir meine Schokolade; sie sagte mir, ihre Schwester hoffe, daß ich ihr antworten würde. »Gewiß, meine Liebe, ich werde ihr antworten, sobald ich aufgestanden bin.« Ich trank meine Schokolade, zog dann meinen Schlafrock an und ging zu ihr. Ich fand sie in ihrem Bett sitzend in einem nachlässigen, aber sehr eleganten Schlafgewand, das mich hätte verführen können, wenn ihr Brief nicht meine gute Meinung von ihr völlig zerstört hätte. Ich setzte mich auf ihr Bett, gab ihr ihren Brief zurück und sagte: »Wozu brauchen wir uns zu schreiben, da wir uns doch sprechen können?« »Man ist beim Schreiben oft unbefangener als beim Sprechen.« »In der Politik und in Handelsgeschäften ist das richtig; aber in der Liebe, schöne Veronika, ist das anders. Der kleine Gott gibt unbeschränkte Vollmacht. Kein Schriftstück, keine anderen Bürgen als das Gefühl! Geben Sie sich mit dem Herzen hin, wie Rosalie es getan hat, und machen Sie diese Nacht damit den Anfang, ohne daß ich irgendwelche Verpflichtungen eingehe. Indem Sie sich der Liebe anvertrauen, schlagen Sie sie in die Fesseln. Ein solcher Vorschlag wird unsere Liebesfreuden, wird uns selber ehren, und wenn Ihnen etwas daran liegt, will ich dies von Herrn von Grimaldi verbürgen lassen. Ihr Plan aber schadet Ihrer Ehre oder er läßt zum mindesten an Ihrer Klugheit zweifeln, denn nur ein Narr könnte auf ihn eingehen. Unmöglich können Sie einen Mann lieben, dem Sie einen solchen Vorschlag zu machen wagen, und ich bin überzeugt, Herr von Grimaldi würde damit nichts zu tun haben wollen, sondern würde darüber entrüstet sein.« Diese Rede brachte Veronika keineswegs aus der Fassung; denn sie sagte mir, sie liebe mich nicht genug, um sich mir bedingungslos hinzugeben. Ich antwortete ihr, ich sei von ihren Reizen nicht genug bezaubert, um diese zu dem von ihr ausgesetzten Preise in meinen Besitz zu bringen. Damit ging ich hinaus. Ich rief Costa und befahl ihm, dem Kapitän der Feluke zu sagen, daß ich am nächsten Tage abreisen wolle. Fest hierzu entschlossen, ging ich aus, um mich vom Marchese zu verabschieden. Er erzählte mir, er habe soeben Petri Rosalien vorgestellt, und diese habe ihn ziemlich gut aufgenommen. Ich sprach ihm meine Befriedigung darüber aus und bat ihn, für ihr Glück zu sorgen; aber diese Bitte war überflüssig. Es ist einer der sonderbarsten Umstände meines Lebens, der mir am meisten aufgefallen ist, daß in einem und demselben Jahre die beiden Frauen, die ich am aufrichtigsten liebte und deren Gatte zu werden völlig in meiner Absicht stand, mir von zwei Greisen entrissen wurden, deren Liebe ich zwar nicht hervorgerufen, deren Neigung ich aber unabsichtlich beschützt hatte. Glücklicherweise machten diese beiden Herren meine beiden Geliebten glücklich, und ohne es zu wollen, leisteten sie selber mir den größten Dienst, denn sie befreiten mich von einer Last, die ich notwendigerweise schließlich sehr unbequem gefunden haben würde. Beide hatten ohne Zweifel bemerkt, daß mein Vermögen trotz seinem anscheinenden Glanz auf keiner sehr festen Grundlage beruhte, wie mein Leser später nur zu sehr merken wird. Ich will mich glücklich schätzen, wenn meine Irrtümer oder vielmehr meine Torheiten meinen Lesern zur Warnung dienen. Den ganzen Tag freute ich mich darüber, wie sorgfältig Veronika und Annina meine Koffer packten, denn ich hatte nicht gewollt, daß meine Bedienten dies machten. Veronika war weder fröhlich noch traurig; sie sah aus, wie wenn sie ihren Entschluß gefaßt hätte, und sprach mit mir, wie wenn niemals ein Zwiespalt zwischen uns geherrscht hätte. Mir war dies sehr angenehm, denn da ich mir nichts mehr aus ihr machte, wäre ich in Verlegenheit gekommen, wenn sie sich nicht gleichgültig gezeigt hätte. Wir speisten wie gewöhnlich zu Abend und sprachen ohne alle Anspielungen nur von alltäglichen Dingen; aber in dem Augenblick, wo ich zu Bett ging, drückte Annina mir die Hand und gab mir dadurch zu verstehen, daß ich ihren Besuch erwarten könnte. Ich bewunderte die natürliche Klugheit des jungen Mädchens, das so leicht und so früh lieben lernt. Diese Annina, die kaum aus den Kinderschuhen heraus war, wußte durch ihr Gefühl und durch Instinkt mehr von Liebe als ein Jüngling von zwanzig Jahren. Ich beschloß, ihr fünfzig Zechinen zu schenken, aber ohne daß Veronika etwas davon merkte; denn ich hatte nicht die Absicht, gegen diese ebenso freigebig zu sein. Ich nahm eine Rolle Dukaten und gab ihr diese, sobald sie hereingekommen war. Sie legte sich an meine Seite, und nachdem wir der Liebe einen kurzen Augenblick geschenkt hatten, sagte sie zu mir: »Veronika schläft. Ich habe Ihre ganze Unterhaltung mit meiner Schwester angehört und habe wohl begriffen, daß Sie sie lieben.« »Wenn ich sie liebte, teure Annina, hätte ich ihr meinen Vorschlag nicht in so derber Weise gemacht.« »Das glaube ich gern; aber was hätten Sie getan, wenn sie ihn angenommen hätte? Hätten Sie sich dann zu ihr ins Bett gelegt?« »Ich war vollkommen gewiß, meine Liebe, daß ihr Stolz sie verhindern würde, mich zu empfangen.« In diesem Augenblick unseres Gespräches wurden wir durch das plötzliche Erscheinen Veronikas überrascht, die mit einer Kerze in der Hand und nur mit ihrem Hemde bekleidet ihre Schwester durch ein lautes Gelächter ermutigte. Ich lachte ebenfalls, hielt aber dabei die Kleine fest, denn ich fürchtete, sie möchte mir entwischen. Veronika war entzückend in ihrem Nachtkleid, und da sie lachte, konnte ich ihr nicht böse sein; trotzdem sagte ich zu ihr: »Sie sind gekommen, um uns in unseren Genüssen zu stören und Ihrer Schwester Kummer zu bereiten, die Sie in Zukunft vielleicht verachten werden.« »Ganz im Gegenteil! Ich werde sie immer lieben.« »Vom Gefühl besiegt, hat sie sich mir ergeben, ohne Bedingungen zu stellen.« »Sie ist klüger gewesen als ich.« »Im Ernst?« »Im vollsten Ernst.« »Sie erstaunen und entzücken mich. Küssen Sie sie doch.« Aus diese Einladung hin setzte Veronika ihre Kerze auf den Tisch und bedeckte Anninas schönen Körper mit Küssen. Diese Szene erfüllte mich mit innigem Glück und ich rief: »Schöne Veronika, Sie sind ja ganz eiskalt! Kommen Sie zu uns ins Bett.« Ich machte ihr Platz, und wir lagen alle drei unter einer Decke. Mich entzückte dieses erhabene Gemälde, das des Pinsels eines Albani oder vielmehr eines Aretino würdig war, und ich rief: »Meine liebenswürdigen Freundinnen, ihr spielt mir den köstlichsten Streich! Aber war dieser vorausberechnet? Und Sie, Veronika, waren Sie heute morgen falsch oder sind Sie es jetzt?« »Nichts war berechnet! Ich war heute morgen aufrichtig und bin es jetzt ebenfalls in diesem Zustande, worin Sie mich sehen. Ich erkenne an, daß ich heute Morgen ebenso lächerlich war wie der Plan, den ich ausgeheckt hatte, und ich bitte Sie, mir zu verzeihen; denn ich bereue ihn und bin dafür bestraft worden. Heute Abend finde ich mich klug und vernünftig, weil ich dem Gefühl nachgebe, das Sie mir beim ersten Augenblick eingeflößt haben und gegen welches ich zu lange ankämpfte.« »Sie sprechen da eine Sprache, die mich entzückt.« »Nun, so verzeihes Sie mir denn, und machen Sie meine Strafe vollständig, indem Sie mir beweisen, daß Sie mir nicht böse sind«. »Wie soll ich das machen?« »Sagen Sie mir, daß Sie nicht mehr ärgerlich sind, und fahren Sie fort, meiner Schwester Beweise Ihrer Liebe zu geben.« »Ich schwöre Ihnen, daß ich nicht böse bin, sondern daß ich Sie im Gegenteil liebe. Aber in Ihrer Gegenwart?« »Gewiß – wenn Sie mich nicht überflüssig finden.« Die Szene war ebenso anziehend wie komisch, und da ich mich durch alle Reize der Wollust angestachelt fühlte, konnte ich keine passive Rolle spielen. »Was sagst du dazu, liebes Herz?« fragte ich meine schöne Blonde; »soll eine über jedes Lob erhabene Heldin wie deine Schwester einfache Zuschauerin unserer süßen Kämpfe bleiben? Fühlst du dich nicht großmütig genug, zu erlauben, daß ich sie zur Mitwirkenden in diesem schönen Drama mache?« »Nein, mein lieber Freund, ich muß gestehen, für diese Nacht fühle ich mich zu solcher Großmut nicht imstande; aber wenn du in der nächsten Nacht so hochherzig sein willst, dies Stück zu wiederholen, so werden wir die Rollen wechseln; Veronika wird meinen Platz einnehmen und ich den ihrigen.« »Dies wäre vortrefflich,« sagte Veronika mit etwas schmollender Miene, »wenn der gnädige Herr nicht beschlossen hätte, morgen früh abzureisen.« »Ich werde bleiben, reizende Veronika, und wäre es auch nur, um Ihnen zu beweisen, daß ich Sie anbetungswürdig finde.« »Und um sich zu vergewissern, daß ich Sie liebe!« Ich konnte nicht verlangen, daß sie sich noch deutlicher ausdrückte, und hätte sie gern auf der Stelle von meiner Dankbarkeit überzeugt; aber dies wäre auf Anninas Kosten geschehen, und ich würde sehr zur Unzeit die Stileinheit des Stückes gestört haben, dessen Verfasserin sie war und dessen Erfolg von Rechts wegen nur ihr allein zukam. Sooft ich mich an dieses angenehme Erlebnis erinnert habe, fühlte ich mein Herz vor Wollust höher schlagen und noch jetzt, da die grausame Hand der Zeit mir die Brandmale des Alters aufgedrückt hat, denke ich nicht ohne Wollust daran. Infolge des Machtspruches ihrer jungen Schwester zur passiven Rolle verteilt, wandte Veronika sich nach der Seite; ihr schönes Haupt auf die rechte Hand stützend und einen vollendet schönen Busen entblößend, der die Sinne des kältesten Mannes hätte erregen können, forderte sie mich auf, meine Heldentaten mit Annina zu beginnen. Gern gehorchte ich ihr, denn ich stand in Flammen und war sicher, sie zu befriedigen, solange sie ihre Augen auf die meinigen geheftet halten würde. Die sehr kurzsichtige Annina konnte im Feuer des Gefechts die Richtung meiner Blicke nicht erkennen, und indem ich ihr geschickt die Bewegungen meiner rechten Hand verbarg, verschaffte ich Veronika ein weniger lebhaftes, aber ebenso wirkliches Vergnügen wie ihr selber. So oft eine etwas heftige Bewegung die Decke verschob, machte Veronika sich die Mühe, sie wieder zurecht zu legen, und bot mir dabei, scheinbar zufällig, immer wieder ein neues Bild. Bald belebte ihr eigenes Auge sich an der Wollust, die sie mir durch den Anblick ihrer Reize verschaffte. Außer sich vor Wollust, ohne selber befriedigt zu sein, entfaltete sie in dem Augenblick, wo Annina zum viertenmal ihr Leben verhauchte, vor meinen Blicken alle Schätze, mit denen die Natur sie verschwenderisch geschmückt hatte. Sie konnte annehmen, daß das von mir aufgeführte Stück im Grunde nur eine Probe für das mit ihr aufzuführende sei, und ihre Phantasie mußte die Reize eines solchen Gedankens noch erhöhen. Ich dachte wie sie, aber das Schicksal hatte es anders beschlossen. Ich war mitten im siebenten Akt, der immer langsamer geht als die früheren und für die Heldin um so süßer ist, als Costa heftig an meine Tür pochte und mir meldete, daß die Feluke segelfertig sei. Ärgerlich über diese Störung stand ich zornig auf und befahl ihm, dem Schiffer seinen Tagelohn zu zahlen und ihm zu sagen, er solle sich für den nächsten Tag bereit halten. Hierauf ging ich wieder zu Bett; indessen war ich nicht imstande, die unterbrochene Arbeit wieder aufzunehmen. Meine beiden Schönen waren entzückt über mein Worthalten; aber wir hatten Ruhe nötig, wenngleich das Stück nicht mit dieser Unterbrechung endigen durfte. Um den Zwischenakt auszunützen, schlug ich eine Abwaschung vor, über welche Annina lachte, die aber Veronika für unbedingt nötig hielt. Es war ein köstlicher Extragang. Die beiden Schwestern bedienten sich gegenseitig in verschiedenen Stellungen, die im höchsten Grade wollüstig waren, und ich fand meine Rolle als Zuschauer beneidenswert. Als unter jenem köstlichen Gelächter, das das Kitzeln hervorruft, die Abspülungen beendigt waren, kehrten wir nach dem Schauplatz zurück, wo der letzte Akt sich abspielen sollte. Ich war ungeduldig, zur Tat zu schreiten, und war überzeugt, mit Ehren aus dem Streit hervorzugehen, wenn meine Partnerin mich ordentlich unterstützte, denn ein bloßer Dialog war bei der achten Wiederholung nicht mehr durchführbar; aber Annina war zu jung, und die Arbeiten einer ganzen Nacht hatten sie zu sehr ermüdet; sie vergaß ihre Rolle und wich der Gewalt des Gottes Morpheus, wie sie der Gewalt Amors gewichen war. Veronika lachte laut auf, als sie ihre Schwester eingeschlafen sah, und ich mußte ebenfalls lachen, als ich sie wie tot daliegen sah. Es galt sie wieder ins Leben zu rufen; aber die Liebe hat wohl die Kraft, aus einem gewöhnlichen Schlaf zu erwecken; hier aber schien eine Katastrophe eingetreten zu sein. Wie schade, sagten Veronikas Augen zu mir; leider aber sprach sie nur mit den Augen, während ich erwartete, daß ihr Mund diese Worte spräche. Wir hatten beide unrecht: sie, daß sie nicht sprach; ich, daß ich auf ihr Sprechen wartete. Der Augenblick, als Zwischenspiel eine Versöhnung einzuschieben, war im höchsten Grade günstig; wir versäumten diesen Augenblick, und Amor strafte uns dafür, übrigens hielt ich mich auch deshalb zurück, weil ich mich für die nächste Nacht schonen wollte. Veronika legte sich in ihr Bett, um Ruhe zu suchen; ich aber blieb bis Mittag neben meiner schönen Schläferin liegen, die ich beim Erwachen mit einem neuen Angriff begrüßte, der, wie ich glaube, weder von ihr noch von mir zu Ende geführt wurde. Der Tag verging mit munteren Gesprächen über unsere eigenen Erlebnisse; wir hatten beschlossen, nur eine einzige Mahlzeit zu halten, und setzten uns daher erst mit Anbruch der Nacht zu Tisch. Dann aber verbrachten wir zwei volle Stunden damit, die köstlichen Speisen zu genießen und die Macht des Gottes Bacchus herauszufordern. Als wir Annina einschlafen sahen, standen wir vom Tisch auf; wir betrachteten es jedoch keineswegs als ein Unglück, sie bei den Freuden, deren wir zu genießen gedachten, nicht als Zuschauerin zu haben. Ich war der Meinung, die blendenden Reize der Nymphe, mit der ich mich zu beschäftigen hatte, würden mich genügend beschäftigen, um des Anblicks von Anninas Schönheiten nicht zu bedürfen. Wir legten uns ins Bett, umschlangen uns mit unseren Armen, preßten Leib an Leib und hefteten Lippe an Lippe; sonst aber machten wir keine Bewegung. Veronika bemerkte den Grund, der mich zur Untätigkeit zwang; sie sagte kein Wort, Höflichkeit hielt sie davon ab, sich zu beklagen. Sie verhehlte ihren Verdruß und unterbrach ihre Liebkosungen keinen Augenblick; ich war wütend, das Gefühl meiner Ohnmacht, das ich nicht begreifen konnte, machte mich ganz verwirrt. So etwas war bei mir früher nur infolge völliger Erschöpfung eingetreten oder nach einer starken Aufregung, die meine natürlichen Kräfte gelähmt hatte, wie es mir zum Beispiel bei Genovefa ergangen war, als ich den »Circulus Maximus« verlassen hatte und vom Blitz getroffen zu sein glaubte. Mögen meine Leser sich meine Lage vorstellen: ich war in der Blüte meiner Jahre, gesund und kräftig, hielt in den Armen ein in jeder Hinsicht schönes Weib, das ich heiß begehrt hatte! Sie war hingebend, liebevoll und zärtlich, ich aber sah mich gezwungen, sie unbefriedigt zu lassen und ihr damit den größten Schimpf zuzufügen, den man in einem solchen Falle einer Frau antun kann! Der Leser wird sich meine Verzweiflung daher wohl vorstellen können. Als endlich nichts mehr übrig blieb, als die Maske abzunehmen und frei heraus zu sprechen, beklagte ich mich zuerst über mein Unglück. »Sie haben sich gestern zu sehr abgemattet,« sagte sie zu mir, »und sind beim Abendessen nicht mäßig gewesen. Quälen Sie sich nicht, lieber Freund; ich bin überzeugt, daß Sie mich lieben. Zwingen Sie sich nicht mehr, der Natur Gewalt antun zu wollen; denn Sie werden dadurch nur erreichen, daß Sie sich noch mehr schwächen. Nach meiner Meinung ist ein sanfter Schlaf das beste Mittel, um Ihnen Ihre Manneskraft zurückzugeben. Ich habe keinen Schlaf nötig, aber tun Sie sich keinen Zwang an. Schlafen Sie ein, nachher wollen wir an Liebe denken.« Nach diesen ebenso vernünftigen wie bescheidenen Worten drehte Veronika mir den Rücken zu; ich folgte ihrem Beispiel; aber vergebens rief ich den Schlaf herbei, der mir die Kräfte wiedergeben sollte: die Natur, die mir die Kraft versagte, ihr entzückendstes und schönstes Geschöpf glücklich zu machen, gönnte mir nicht einmal den Schlaf. Liebesglut und Verdruß verzehrten mich und machten mir die Ruhe unmöglich; meine Sinne waren von Begierde entflammt und schienen sich verschworen zu haben, die Harmonie, die zu ihrer Befriedigung notwendig war, nicht wiederherzustellen. Die Natur bestrafte mich dafür, daß ich an ihrer Macht gezweifelt und infolgedessen Reizmittel angewandt hatte, die nur bei Schwäche angebracht sind: wäre ich nüchtern gewesen, so hätte ich Wunder verrichtet; aber ich war von geistigen Getränken überfüllt, und darum bedurfte die Natur ihrer ganzen Macht, um der Wirkung derselben zu widerstehen. Durch meine Begierde nach dem Genuß hatte ich das Vergnügen zerstört. Die Natur ist weise wie ein Schöpfer: sie bestraft die Unwissenheit und anmaßende Eitelkeit der Sterblichen. Es liegt in der Natur des Menschen, unter allen Umständen persönliche Befriedigung zu suchen: bald tut er dies, indem er sich gegen die Vernunft und für die Sinne erklärt, bald aber, indem er es umgekehrt macht. Man zollt sich Lobsprüche oder macht sich Vorwürfe, je nachdem das Selbstbewußtsein sich mit dem Für und Wider abzufinden weiß. In meiner entsetzlichen Schlaflosigkeit schweifte mein Geist umher; indem meine Sinne und meine Vernunft in Widerstreit lagen, fand ich eine gewisse Befriedigung darin, mich zu überreden, daß ich gegen mich selber ein Unrecht begangen hätte. Noch jetzt ist es der einzige Genuß, den ich habe, mich selber zu unterhalten und festzustellen, ob ich bei dieser oder jener Gelegenheit recht oder unrecht habe. Ich erkenne an, daß mir während meines ganzen Lebens niemals ein Unglück zugestoßen ist als durch meine eigene Schuld; die Glücksfälle dagegen, die mir während meiner langen abenteuerlichen Laufbahn beschieden waren, schreibe ich natürlichen günstigen Kombinationen zu. Dies mag vielleicht demütigend erscheinen; aber wenn der Mensch nun doch einmal so ist, warum soll man sich dadurch gedemütigt fühlen oder warum soll man darauf stolz sein? Ich glaube, ich würde verrückt werden, wenn ich in meinen Selbstgesprächen mir sagen müßte, daß ich ohne meine Schuld unglücklich wäre; denn dann wüßte ich nicht, welcher Ursache ich mein Unglück zuschreiben sollte, und damit würde ich mich in die Reihe der nur instinktmäßig handelnden Wesen stellen. Ich weiß, daß ich kein Tier bin. Ein Tier ist mein dummer Nachbar, der mit Vorliebe behauptet, die Tiere seien vernünftiger als wir. Ich erwiderte ihm: »Wenn Ihnen etwas daran liegt, will ich Ihnen zugeben, daß die Tiere vernünftiger sind als Sie; hierauf aber beschränken sich meine Zugeständnisse und ohne Zweifel die eines jeden vernünftigen Menschen.« Mit dieser Antwort habe ich mir einen Feind gemacht, obwohl er die Hälfte meiner Behauptung als richtig anerkennt. Veronika, glücklicher als ich, schlief drei Stunden lang; sie war jedoch unangenehm überrascht, als ich ihr sagte, daß ich kein Auge hätte schließen können, und als sie mich ebenso unvermögend fand wie zuvor. Sie wurde verdrießlich, als ich mich ein bißchen zu sehr anstrengte, um sie zu überzeugen, daß mein Unglück nicht am schlechten Willen läge. Sie wurde mißtrauisch gegen sich selber, und der Gedanke, daß sie an meiner Ohnmacht schuld sein könnte, kränkte sie so sehr, daß sie durch alle möglichen Mittel, die die Leidenschaft nur eingeben kann und die ich für unfehlbar hielt, den Zauberbann zu brechen suchte; aber alle ihre Anstrengungen waren ebenso vergeblich wie die meinigen. Meine Verzweiflung kam der ihrigen gleich, als ich sie entmutigt, erniedrigt, ermüdet und vor Beschämung weinend ihr Unterfangen aufgeben sah. Ohne ein Wort zu sagen, verließ sie mein Bett, und ich blieb die zwei oder drei Stunden, die uns noch von der Morgenröte trennten, allein liegen. Bei Tagesanbruch kam Costa und meldete mir, das Meer sei sehr stürmisch und der Wind ungünstig, so daß die Feluke leicht untergehen könnte. »Wir werden abfahren, sobald das Wetter es erlaubt,« antwertete ich ihm; »zünde mir Feuer an!« Ich stand auf und schrieb die traurige Geschichte dieser Nacht nieder. Diese Beschäftigung erfrischte meine Sinne; ich fühlte den Schlummer mir nahen, legte mich wieder zu Bett und schlief acht Stunden hintereinander. Als ich aufwachte, fand ich mich ruhig und kräftig, aber ich war nicht froh gestimmt. Die beiden Schwestern freuten sich, mich wohl zu sehen; ich glaubte jedoch in Veronikas Zügen einen gewissen, wenig angenehmen Ausdruck von Verachtung zu sehen. Ich konnte mich aber hierüber nicht beklagen und versuchte auch nicht, ihr Gefühl in Achtung zu verwandeln, obgleich sie, wäre sie liebevoll gewesen, mich jetzt imstande gefunden hätte, mein unbeabsichtigtes Verschulden von der Nacht wieder gutzumachen. Bevor wir uns zu Tisch setzten, schenkte ich ihr hundert Zechinen; diese heiterten sie ein wenig auf. Eine gleiche Summe schenkte ich meiner lieben Annina, die eine solche Gabe nicht erwartete; denn sie glaubte durch das erste Geschenk und noch mehr durch das Vergnügen, das ich ihr verschafft hatte, hinlänglich belohnt zu sein. Um Mitternacht kam der Schiffer und meldete mir, das Wetter sei günstig. Ich nahm Abschied; Veronika vergoß Tränen, aber ich wußte, was ich davon zu halten hatte. Annina umarmte mich mit voller Zärtlichkeit. Beide waren ihrer Rolle getreu. Ich fuhr zu Schiff nach Lerici, wo ich am nächsten Morgen ankam, und von dort mit der Post nach Livorno. Doch bevor ich von dieser Stadt spreche, glaube ich meinen Lesern einen Gefallen zu tun, indem ich hier eine kleine lehrreiche Begebenheit erzähle, die des Ernstes meiner Geschichte würdig ist. Achtes Kapitel Geschickte Gaunerei. – Passano in Livorno. – Pisa und die Corilla. – Meine Ansicht über Schielaugen. – Florenz. – Ich finde Teresa wieder. – Mein Sohn. – Die Cotticelli. Während vier Pferde vor meinen Wagen gespannt wurden, stand ich einige Schritte von diesen entfernt; ein Mensch redete mich an und fragte mich, ob ich die Fahrt vorher oder beim Pferdewechsel bezahlen wollte. Ohne den Mann anzusehen, antwortete ich ihm, ich wollte vorausbezahlen, gab ihm einen Portugaleser und sagte ihm, er solle mir den Rest herausgeben. »Sofort!« antwortete er mir, und damit verschwand er im Gasthof. Als ich einige Minuten darauf gerade den Rest meines Geldes verlangen wollte, kam der Postmeister und forderte von mir das Fahrgeld. »Ich habe schon bezahlt und warte auf den Rest, den ich auf einen Portugaleser herausbekommen soll. Habe ich das Goldstück nicht Ihnen gegeben?« »Mir? Nein, mein Herr, da bitte ich sehr um Entschuldigung.« »Aber wem habe ich denn das Goldstück gegeben?« »Das kann ich Ihnen nicht sagen.« »Zum Donnerwetter! Ich kann es doch nur Ihnen oder einem von Ihren Leuten gegeben haben.« Ich schimpfte; man bildete einen Kreis um mich. »Hier sind alle meine Leute!« sagte der Postmeister; zugleich fragte er, ob irgend jemand von mir einen Portugaleser erhalten habe. Alle versicherten, dies sei nicht der Fall, und schworen mit so aufrichtiger Miene, daß ich an ihrer Ehrlichkeit gar nicht zweifeln konnte. Ich fluche, ich schimpfe; man läßt mich fluchen und schimpfen. Schließlich sah ich ein, daß ich unrecht hatte, bezahlte zum zweitenmal und lachte über den geschickten Gauner, der mich so fein geprellt hatte. So sammelt man Erfahrungen. Man erlebt immer wieder Neues und weiß nie genug. Seitdem habe ich niemals Postgeld bezahlt, ohne richtig aufzupassen. In keinem Lande gibt es schlauere Gauner als in Italien; doch ist davon Griechenland auszunehmen, und zwar das alte wie das neue. In Livorno stieg ich im besten Gasthof ab; man sagte mir, es werde Theater gespielt, und unglücklicherweise bekam ich Lust, hinzugehen. Einer von den Schauspielern erkannte mich, redete mich an und sprach mir seine Freude über unser Wiedersehen aus; er stellte mir einen seiner Kameraden vor, einen angeblichen guten Dichter und großen Feind des Abbate Chiari, den ich nicht liebte, weil er eine beißende Satire auf mich gedichtet hatte, für die ich mich noch nicht hatte rächen können. Ich lud sie ein, mit mir zu Abend zu essen, und solche Herren lassen sich eine derartige gute Gelegenheit nicht gerne entgehen. Der angebliche gute Dichter war Genuese und hieß Giacomo Passano. Er sagte mir, er habe gegen Chiari dreihundert Sonette gedichtet, und wenn er diese drucken lassen könnte, würde der Abbate vor Wut platzen. Als ich unwillkürlich über die gute Meinung lächelte, die der Mann von sich selber hatte, erbot er sich, mir zu meiner Ergötzung einige von ihnen vorzulesen. Er hatte das Manuskript bei sich, und so mußte ich wohl oder übel die Qual über mich ergehen lassen. Er las mir etwa ein Dutzend vor, die ich ohne Ausnahme mittelmäßig fand; ein mittelmäßiges Sonett ist aber notwendigerweise schlecht, denn in dieser Gattung der Dichtkunst kann nur Erhabenes gelten. Daher kommt es, daß unter den Tausenden von Sonetten, die in Italien täglich gemacht werden, nur selten einmal ein gutes ist. Hätte ich mir die Zeit genommen, die Physiognomie des Mannes, der etwa fünfzig Jahr alt sein mochte, mir genauer anzusehen, so hätte ich in ihm ohne Zweifel einen Spitzbuben erkannt; aber die Leidenschaft macht blind; seine Sonette gegen Chiari hatten mir den Blick getrübt. Ich warf einen Blick auf den Titel seines Manuskriptes und las: La Chiareide di Ascanio Pogomas. »Dies ist«, sagte er, »das Anagramm meines Tauf- und Familiennamens. Bitte bewundern Sie die glückliche Kombination!« Auch über diese Dummheit mußte ich lachen. Jedes einzelne dieser Sonette war eine platte Schimpferei und schloß mit den Worten: L'Abbate Chiari e un coglione Abbate Chiari ist ein Lumpenkerl. Er bewies nicht, daß der Abbate dies war, er wiederholte es nur immer kraft des Dichtervorrechtes der Übertreibung und der Lüge. Sein Zweck war, dem breccianischen Abbate wehzutun, der durchaus kein »Lumpenkerl« war, wie dieser Passano ihn nannte, sondern im Gegenteil ein Mann von Geist und Herz, und ein guter Dichter dazu; wenn er die Bühne gekannt hätte, so hätte er Goldoni übertroffen, denn er beherrschte die Sprache besser als dieser. Aus Höflichkeit sagte ich zu Passano, er solle doch seine Chiareide drucken lassen. »Das täte ich gern,« antwortete er mir, »wenn ich einen Verleger finden könnte; denn ich selber bin nicht so reich, um die Kosten tragen zu können, und die Buchhändler sind lauter Lumpen oder Dummköpfe. Außerdem ist die Presse nicht frei; die Zensur würde den Beinamen, mit welchem ich meinen Helden schmücke, nicht durchgehen lassen. Wenn ich nach der Schweiz gehen könnte, bin ich sicher, die Sache dort machen zu können; aber ich besitze nicht die sechs Zechinen, die ich brauche, um die Reise zu Fuß zu machen.« »Und wenn Sie nun in der Schweiz wären, wo es doch kein Theater gibt – wovon würden Sie dort leben?« »Ich würde Miniaturen malen ... Sehen Sie!« Er gab mir eine Anzahl kleiner Elfenbeinplättchen, worauf obszöne Gegenstände schlecht gezeichnet und ebenso schlecht gemalt waren. Ich sagte ihm: »Ich werde Ihnen Empfehlungen nach Bern geben,« und gab ihm wirklich nach dem Abendessen einen Brief und sechs Zechinen. Er wollte mir durchaus einige von seinen Machwerken aufdrängen; ich wies diese jedoch zurück. Ich beging die Dummheit, ihn an den Vater der niedlichen Sarah zu empfehlen, und sagte ihm, er solle mir nach Rom an die Adresse des Bankiers Belloni schreiben. Am nächsten Tage reiste ich von Livorno ab und traf zum Mittagessen in Pisa ein, wo ich zwei Tage blieb. Ich machte dort die Bekanntschaft eines Engländers, der mir einen schönen Reisewagen verkaufte und mich zu der berühmten Dichterin Corilla führte, die ich gerne kennen lernen wollte. Sie nahm mich sehr gut auf und war so freundlich, über verschiedene Gegenstände zu improvisieren, die ich ihr vorschlagen durfte. Sie bezauberte mich, weniger durch ihre Anmut und Schönheit als durch die hübschen Gedanken, die sie in eine vollendet schöne Sprache einkleidete. Wie schön erscheint eine Sprache, wenn sie, mit klarem, reinem Akzent vorgetragen, in der sorgfältigen Wahl der Ausdrücke sich von Nachlässigkeit ebenso fernhält wie von Geziertheit. Eine schlechte Aussprache ist selbst in einem schönen Munde unerträglich, und ich habe stets den gesunden Sinn der Griechen bewundert, die von den Ammen ihrer Kinder Reinheit der Stimme, der Betonung und der Sprache verlangten. Wir sind weit davon entfernt, ein so schönes Beispiel zu befolgen; wie oft werden einem aber auch, selbst in der vielfach mit Unrecht so genannten guten Gesellschaft die Ohren zerschunden! Corilla war straba , wie die Alten Venus malten; warum, das habe ich niemals begreifen können. Denn eine Frau, die schielt, mag im übrigen noch so schön sein, sie ist in meinen Augen nichtsdestoweniger mit einem Mangel behaftet; und ich bin überzeugt, wäre Venus eine Göttin gewesen, sie hätte ganz gewiß den sonderbaren Griechen, der zuerst sie schieläugig darzustellen wagte, ihren Unwillen fühlen lassen. Wenn Corilla sang – so hat man mir versichert – brauchte sie nur ihren schielen Blick auf einen Mann zu heften, um ihn zu erobern, Gott sei Dank machte sie sich wahrscheinlich aus mir nichts, denn sie sah mich nicht ein einzigesmal fest an. In Florenz quartierte ich mich im Gasthof »de la Carrajo« ein, dessen Besitzer, Doktor Vannini, sich gern ein unwürdiges Mitglied der Academia della Crusca nannte. Ich nahm eine Wohnung, deren Fenster nach dem Arnoufer hinausgingen und mit einer herrlichen Terrasse in Verbindung standen. Ich nahm ferner einen Mietswagen und einen Lohndiener an, den ich sofort wie den Kutscher in eine blau und rote Livree kleiden ließ. Dies waren die Farben des Herrn von Bragadino, und ich glaubte, mich ihrer bedienen zu können, nicht, um mir eine besondere Wichtigkeit beizulegen, sondern nur um zu prunken. Am nächsten Tage ging ich allein im Überrock aus, um mir Florenz anzusehen, ohne von jemandem bemerkt zu werden. Am Abend ging ich ins Theater, um den berühmten Harlekin Rossi zu hören, aber ich fand mit Recht, daß sein Ruf größer war als seine Leistung. Das gleiche Urteil fällte ich über die so viel gerühmte Deklamationsweise der Florentiner: sie fand nicht meinen Beifall. Mit Vergnügen sah ich Pertici: nun, da er alt war und nicht mehr singen konnte, spielte er Komödie, und zwar gut – was selten vorkommt, denn Sänger sowohl wie Sängerinnen verlassen sich darauf, daß sie ihre Stimme behalten werden, und vernachlässigen die Schauspielkunst; so kommt es, daß ein einfacher Schnupfen ihre Leistungen sehr mittelmäßig werden läßt. Am nächsten Tage suchte ich den Bankier Sasso-Sassi auf, bei dem ich ein großes Guthaben hatte. Nachdem ich vorzüglich zu Mittag gespeist hatte, machte ich große Toilette und ging in die Oper, in der »Via della Pergola«. Ich nahm eine Loge neben dem Orchester, mehr um die Künstlerinnen zu beäugeln als die Musik zu hören, von der ich niemals ein begeisterter Freund war. Der Leser stelle sich meine Überraschung und Freude vor, als ich in der ersten Sängerin den falschen Bellino, Teresa, erkannte, die ich zu Beginn des Jahres 1744 in Rimini verlassen hatte, die reizende Teresa, die ich ganz gewiß geheiratet haben würde, wenn mich nicht der Herr von Gages in Arrest gesetzt hätte. Sie hätte meinem Schicksal notwendigerweise eine ganz andere Richtung gegeben. Es war siebzehn Jahre her, seit ich sie gesehen, aber sie erschien mir auf der Bühne ebenso entzückend schön wie in dem Augenblick, da ich sie verlassen hatte. Ich konnte meinen Augen nicht trauen, denn es schien mir vollkommen unmöglich zu sein, daß sie sich gar nicht verändert hätte. Schließlich begann ich zu glauben, daß ein eigentümlicher Zufall eine solche wunderbare Ähnlichkeit geschaffen hätte; aber am Schlusse einer Arie, die sie zum Entzücken sang, warf sie ihre Augen auf mich und wandte sie nicht mehr ab. Nun konnte ich nicht mehr zweifeln, daß es wirklich Teresa war, denn ich sah, daß sie mich wiedererkannt hatte. Als der Auftritt zu Ende war, ging sie nach der meiner Loge entgegengesetzten Seite ab, blieb in der Kulisse stehen und gab mir mit dem Fächer ein Zeichen, daß ich sie besuchen möchte. Ich verließ meine Loge mit einem außerordentlich starken Herzklopfen, dessen Ursache ich mir nicht erklären konnte; denn ich hatte an Teresa die süßeste Erinnerung bewahrt und fühlte mich ihr gegenüber nicht weiter schuldig, als daß ich auf ihren letzten Brief, den sie mir vor dreizehn Jahren aus Neapel geschrieben, nicht geantwortet hatte. Ich begab mich auf den Weg nach der Bühne, voller Neugier, zu erfahren, was ihr in dem Zeitraum von siebzehn Jahren, der mir wie ein Jahrhundert vorkam, widerfahren sein möchte, und noch neugieriger, worauf diese Zusammenkunft hinauslaufen möchte. Ich gelangte an eine kleine Tür, die zur Bühne führte, und erblickte Teresa oben auf der Treppe; sie sagte dem Mann, der die Tür bewachte, er solle mich einlassen. Ich trat ein. Stumm vor Überraschung standen wir einander gegenüber. Ich ergriff ihre Hand, preßte diese gegen mein Herz und rief: »Fühle, wie es schlägt!« »Ich kann hier deine Hand nicht an mein Herz legen; aber als ich dich erblickte, glaubte ich, ich würde in Ohnmacht sinken. Unglücklicherweise bin ich zum Abendessen eingeladen. Ich werde die ganze Nacht kein Auge zumachen. Um acht Uhr erwarte ich dich. Wo wohnst du?« »Beim Doktor Vannini.« »Welchen Namen trägst du?« »Meinen eigenen.« »Seit wann bist du hier?« »Seit gestern.« »Wirst du lange in Florenz bleiben?« »So lange wie du willst.« »Bist du verheiratet?« »Nein.« »Verfluchte Einladung! Was für ein Tag! Geh, lieber Freund! Ich muß auftreten. Leb' wohl; auf Wiedersehen morgen früh um sieben.« Sie hatte mir zuerst gesagt, ich solle um acht kommen; aber eine Stunde früher war nicht von Übel: Ich ging ins Parkett und dort fiel mir ein, daß ich sie weder nach ihrem Namen noch nach ihrer Wohnung gefragt hatte; doch konnte ich dies ja leicht erfahren. Sie spielte die Rolle der Mandane; ich sah sie jetzt in weiterer Entfernung als von meiner Loge aus, und sie entzückte mich durch die Wahrheit ihres Spiels, durch ihren edlen Anstand und die Reinheit ihres Gesanges. Ein sehr gut gekleideter junger Mann stand neben mir; ich fragte ihn: Wie heißt diese ausgezeichnete Sängerin?« »Sie sind wohl erst seit heute in Florenz?« »Seit gestern.« »Dann ist es zu entschuldigen. Nun, mein Herr, sie heißt wie ich, denn sie ist meine Frau, und mein Name ist Cirillo Palesi, Ihnen aufzuwarten.« Ich konnte vor Überraschung kein Wort sagen und machte ihm nur eine stumme Verbeugung. Nach seiner Wohnung wagte ich ihn nicht zu fragen, denn er hätte meine Neugier ungezogen finden können. Teresa mit diesem jungen Mann verheiratet, und gerade ihrem Mann muß ich in die Arme laufen und mich bei ihm nach ihr erkundigen! Gewiß eine eigenartige Verknüpfung von allerlei Zufällen und Stoff zu einer guten Lustspielszene. Ich konnte es im Theater nicht länger aushalten; ich mußte mit mir allein sein, um in aller Ruhe über dieses schnurrige Abenteuer nachzudenken und über den Besuch, den ich meiner verheirateten Teresa am nächsten Morgen um sieben und nicht um acht Uhr abstatten sollte, denn ich mußte mich an ihr letztes Wort halten. Ich war höchst neugierig, was für ein Gesicht der junge Ehemann machen würde, wenn er mich wiedererkennen würde; daß er mich nicht wiedererkennen sollte, war unmöglich, denn er hatte mich recht aufmerksam gemustert, während er mir sagte, daß er Teresas Gatte wäre. Ich fühlte auch, daß meine erste Leidenschaft für das schöne Weib in meinem Herzen wieder erwacht war, und ich wußte nicht recht, ob ich mich darüber ärgern oder freuen sollte, daß sie verheiratet war. Ich verließ die Oper und befahl meinem Lakaien, meinen Wagen zu rufen. »Gnädiger Herr, Sie können ihn erst um neun Uhr haben, denn wegen der strengen Kälte hat der Kutscher die Pferde wieder in den Stall gestellt.« »So wollen wir zu Fuß gehen.« »Sie werden sich erkälten.« »Wie heißt die Primadonna?« »Als sie hierher kam, hieß sie Lanti; aber seit ein paar Monaten nennt sie sich Signora Palesi. Sie hat einen schönen jungen Mann geheiratet, der nichts versteht und nichts hat; aber sie ist reich und anständig, und ich kann Ihnen sagen, daß bei ihr nichts zu machen ist.« »Wo wohnt sie?« »Am Ende dieser Straße. Da ist ihr Haus; sie wohnt im ersten Stock.« Zufrieden, alles erfahren zu haben, was ich wissen wollte, schwieg ich und verwandte alle meine Gedanken nur darauf, mir den Weg zu merken, damit ich ihn am anderen Morgen allein wiederfinden könnte. Ich nahm in aller Eile ein leichtes Abendessen zu mir und befahl Leduc, mich um sechs Uhr zu wecken. »Aber gnädiger Herr, es wird ja erst um sieben Uhr hell.« »Das weiß ich.« »Dann ist es gut.« Bei Tagesanbruch stand ich vor der Tür der ersten Frau, die ich leidenschaftlich geliebt hatte. Ich stieg eine Treppe hinauf und klingelte; eine alte Frau öffnete mir und fragte mich, ob ich Herr Casanova sei. Auf meine bejahende Antwort sagte sie mir, die Signora habe ihr gesagt, ich würde um acht kommen. »Mir hat die gnädige Frau gesagt, um sieben.« »Nun, das macht nichts. Haben Sie die Güte, in dieses Zimmer einzutreten, ich werde sie wecken.« Nach fünf Minuten erschien der junge Ehemann in Schlafrock und Nachtmütze; er begrüßte mich sehr höflich und sagte mir, seine Frau werde sofort erscheinen. Plötzlich machte er ein Gesicht, wie wenn er aus den Wolken fiele, sah mich starr an und sagte: »Aber, mein Herr, waren Sie es nicht, der mich gestern abend fragte, wie meine Frau hieße?« »Sie täuschen sich nicht, mein Herr; das war ich. Seit langen Jahren hatte ich sie nicht gesehen, und ich glaubte sie wieder zu erkennen. Mein Glück wollte, daß ich mich an ihren Gatten wandte, und die Freundschaft, die mich mit ihr verbindet, wird mich in Zukunft auch mit Ihnen verbinden.« Gerade, als ich mit diesem schönen Kompliment fertig war, trat Teresa, schön wie Venus, mit offenen Armen ein. Entzückt preßte ich sie an meinen Busen, und wir blieben zwei Minuten innig umschlungen wie zwei Freunde, zwei Liebende, die glücklich sind, sich nach einer langen, schmerzlichen Trennung wiederzusehen. Nachdem wir uns mehrere Male geküßt hatten, bat sie ihren Mann, sich zu setzen, zog mich auf ein Kanapee nieder und ließ ihren Tränen freien Lauf. Ich weinte ebenfalls und fand diese Tränen köstlich. Schließlich aber trockneten wir uns die Augen und sahen aus einem gleichzeitigen Antriebe auf den Gatten, den wir ganz und gar vergessen hatten. Man stelle sich das lächerliche Erstaunen vor, das sich begreiflicherweise auf seinem Gesichte malte, als wir unwillkürlich beide laut herauslachten. In seinem Erstaunen lag etwas so Komisches, daß nur ein phantasiebegabter Dichter und ein gewandter Karikaturenzeichner es wiedergeben könnten. Teresa wußte, wie sie den von ihr angerührten Teig zu kneten hatte: sie rief in pathetischem und zärtlichem Tone: »Mein lieber Palesi, du siehst hier meinen Vater, ja mehr als meinen Vater, denn du siehst einen großmütigen Freund, dem ich alles verdanke. Glücklicher Augenblick, nach dem mein Herz seit zehn Jahren schmachtet!« Als er das Wort »Vater« hörte, sah der arme Gatte mich an: aber ich lachte nicht, obgleich ich die größte Lust dazu hatte. Teresa, obwohl ausgezeichnet erhalten, war nur zwei Jahre jünger als ich; aber die Freundschaft braucht den süßen Namen Vater in dem Sinne, wie er ihr gerade paßt. »Ja, mein Herr,« sagte ich zu ihm, »Ihre Teresa ist meine Tochter, meine Schwester, meine Freundin, die ich innig liebe; sie ist ein Engel, und dieser Schatz ist Ihre Frau.« Ohne ihm Zeit zu lassen, sich von seinem Erstaunen zu erholen, wandte ich mich an Teresa und fuhr fort: »Ich habe auf deinen letzten Brief nicht geantwortet, meine liebe Freundin ...« »Ich weiß alles. Du warst in eine Nonne verliebt. Du saßest unter den Bleidächern gefangen, und in Wien vernahm ich von deiner fast wunderbaren Flucht. Ich hatte ein falsches Vorgefühl, daß ich dich dort wiedersehen würde. Später erfuhr ich, daß du in Paris und in Holland dein Glück gemacht habest, und erst seit deiner Abreise von Paris habe ich niemanden mehr gefunden, der mir von dir hätte erzählen können. Wenn ich dir ausführlich alles erzähle, was mir in diesen zehn Jahren zugestoßen ist, wirst du hübsche Dinge zu hören bekommen. Aber jetzt bin ich glücklich! Dies hier ist mein lieber Palesi, ein Römer, den ich vor ein paar Monaten geheiratet habe. Wir lieben uns, und ich hoffe, du wirst sein Freund sein, wie du der meinige bist.« Bei diesen Worten stand ich auf und umarmte diesen Ehegatten, der eine so sonderbare Figur spielte. Er kam mir mit offenen Armen, aber in einiger Verlegenheit entgegen; denn ohne Zweifel wußte er noch nicht recht, was er von einem Manne denken sollte, der gleichzeitig Vater, Bruder und Freund und vielleicht Liebhaber seiner Frau war. Teresa bemerkte seine Verlegenheit und umarmte ihn nach mir mit allen Kennzeichen lebhaftester Zärtlichkeit, die nun mich meinerseits in Verlegenheit setzte; denn in der letzten halben Stunde war die ganze Liebe wieder erwacht, die mich einst entflammt hatte, als in Ancona Don Sancho Pico mich mit ihr bekannt gemacht hatte. Durch meine Umarmungen und die Liebkosungen seiner Frau beruhigt, fragte Herr Palesi mich, ob ich ihm die Freude machen wollte, mit ihm eine Tasse ausgezeichneter Schokolade zu trinken, die er mit ganz besonderem Vergnügen selber zurecht machen würde. Ich antwortete ihm, Schokolade sei mein Lieblingsfrühstück und ich würde sie um so besser finden, da sie von einem Freunde zubereitet wäre. Er ging hinaus, um sich ans Werk zu machen. Der Augenblick des Glücks war da. Sobald wir allein waren, warf meine teure Teresa mit einem unbeschreiblichen Ausdruck von Liebe sich in meine Arme. »Oh, mein Freund! Du, dem mein Herz zum erstenmal geschlagen hat, den ich mein ganzes Leben lang lieben werde, laß mich das Glück empfinden, dich an meinen Busen zu drücken! Umarmen wir uns hundertmal an diesem Tage des Glücks! Aber damit, liebes Herz, sei es genug, denn das Schicksal hat mich zur Frau eines anderen gemacht. Morgen, wenn wir uns wiedersehen, sind wir Bruder und Schwester; heute wollen wir Liebende sein!« Sie war mit dieser Rede noch nicht fertig, da war ich schon auf dem Gipfel des Glücks angelangt. Unsere Entzückungen waren gegenseitig, und wir erneuerten sie fast ununterbrochen während der halben Stunde, die wir sicher vor uns hatten. Ihr Morgenkleid und mein Gehrock paßten aufs beste zu den Umständen. Nachdem wir unsere Liebesglut wenigstens zum Teil gestillt und uns überzeugt hatten, daß wir noch so waren wie damals, als wir in Rimini voneinander schieden, atmeten wir auf und setzten uns auf das Kanapee. Als sie sich ein wenig gesammelt hatte, sagte sie: »Du mußt wissen, ich bin in meinen Mann noch verliebt und fest entschlossen, ihn niemals zu betrügen. Was ich eben getan habe, war die Bezahlung einer Schuld, die ich meiner ersten Liebe gegenüber eingegangen war. Ich mußte sie begleichen, um dir zu beweisen, wie teuer du mir bist. Aber jetzt wollen wir nicht mehr daran denken. Vergessen wir es, lieber Freund! Laß dir genügen, zu wissen, daß ich dich lieb habe – woran du ja nicht zweifeln kannst – und lasse mir die süße Überzeugung, daß ich von dir geliebt werde. Aber in Zukunft laß uns die Gelegenheit vermeiden, miteinander allein zu sein; denn dann würde ich unterliegen, und dies würde mir schmerzlich sein. Macht dieser Gedanke dich traurig?« »Ich finde dich gebunden, und ich bin frei. Wir hätten uns niemals mehr getrennt. Du hast die Glut meiner ersten Liebe wieder angefacht. Ich bin so verliebt wie damals, als ich dich in Ancona kennen lernte; ich habe dich davon überzeugt, und nun denke dir, wie unglücklich ich bin, dich nicht mehr besitzen zu können. Ich finde dich nicht nur verheiratet, sondern obendrein verliebt! Ach, ich bin zu spät gekommen! Aber wenn ich mich nicht in Genua aufgehalten hätte, wäre ich trotzdem nicht weniger unglücklich. Du sollst später alles erfahren. Einstweilen werde ich genau tun, was du mir vorschreibst. Dein Gatte weiß, glaube ich, nichts von unserem Verhältnis; ich muß wohl ihm gegenüber vollkommen verschwiegen sein, nicht wahr?« »Ja, lieber Freund; er weiß nichts von meinen Angelegenheiten, und es ist mir sehr lieb, daß er nicht neugierig danach ist. Er weiß wie alle Welt, daß ich mein Vermögen in Neapel erworben habe, wohin ich, wie ich überall erzähle, im Alter von zehn Jahren gekommen bin. Dies ist eine unschuldige Lüge, die keinem Menschen Schaden tut; in dem Beruf, dem ich mich widmen mußte, habe ich diese Lüge mehreren Wahrheiten vorziehen müssen, die mir schaden würden. Ich gebe mich für vierundzwanzigjährig aus; was meinst du dazu?« »Mich dünkt, du sprichst die Wahrheit, obgleich ich weiß, daß du zweiunddreißig Jahre alt bist.« »Du willst sagen einunddreißig; denn als ich dich kennen lernte, kann ich nicht mehr als vierzehn gezählt haben.« »Ich glaubte, du wärest mindestens fünfzehn Jahre alt.« »Dies ist, unter uns gesagt, möglich; aber sage mir, bitte, ob ich älter aussehe als vierundzwanzig.« »Ich schwöre dir, du siehst noch nicht einmal so alt aus; aber in Neapel ....« »In Neapel könnte ein Chronikschreiber wohl die Wahrheit wissen; aber auf diese Art Leute hört kein Mensch. Doch mache dich, mein lieber Casanova, auf einen Augenblick gefaßt, der einer der interessantesten deines Lebens sein wird.« »Einer der interessantesten meines Lebens, sagst du? Wann wird dieser Augenblick stattfinden?« »Gestatte mir darüber zu schweigen; ich möchte mich an deiner Überraschung werden. Sprechen wir von etwas Ernstlichem. Wie steht es mit deinen Verhältnissen? Wenn du Geld brauchst, so bin ich in der Lage, dir die Summe, die du mir schenktest, zurück zu erstatten, und zwar mit so hohen Wucherzinsen, wie du nur willst! Mein Mann hat nichts zu sagen; alles, was ich besitze, ist mein Eigentum. Ich habe in Neapel fünfzigtausend Reichsdukaten und besitze eine gleiche Summe in Diamanten. Sage mir schnell, wieviel du brauchst; denn die Schokolade wird gleich kommen!« So war Teresa. Tiefgerührt wollte ich ihr antworten, ihr um den Hals fallen, da kam die Schokolade. Ihr Mann kam herein mit einem Mädchen, das eine vollendete Schönheit war; sie trug auf einem Untersatz von vergoldetem Silber drei Tassen Schokolade. Während wir diese tranken, ergötzte Palesi uns, indem er in geistvoller Weise die Überraschung schilderte, die er empfunden hätte, als er sah, daß der Herr, um den er so früh am Morgen sein Bett verlassen mußte, derselbe war, der ihn am Abend vorher nach dem Namen seiner Frau gefragt habe. Teresa und ich hielten uns die Seiten vor Lachen, denn seine Erzählung war ein Gemisch von Witz und Gutmütigkeit. Dieser Römer mißfiel mir weniger, als er in seiner Eigenschaft als Gatte mir eigentlich hätte mißfallen müssen; denn er schien nur der Form wegen eifersüchtig zu sein. »Mein lieber Freund,« sagte Teresa endlich zu mir, »um zehn Uhr habe ich Generalprobe aller Arien der neuen Oper; wenn du willst, kannst du hier bleiben. Ich bitte dich, mir zu erlauben, jeden Tag für dich decken zu lassen, und du wirst mir ein großes Vergnügen machen, wenn du mein Haus als das deinige betrachtest.« »Für heute,« antwortete ich ihr, »werde ich dich erst nach dem Abendessen verlassen, damit du deinen glücklichen Gatten für dich hast.« Bei diesen Worten umarmte Palesi mich mit überströmendem Gefühl, wie wenn er mir dafür danken wollte, daß ich ihm keine Schwierigkeiten machte, seine Gattenrechte auszuüben. Der junge Mann war höchstens zwanzig bis zweiundzwanzig Jahre alt; er war blond, gut gewachsen und zu hübsch für einen Mann. Teresa war zu entschuldigen, daß sie sich in ihn verliebt hatte, und ich nahm ihr dies nicht übel, denn ich kannte nur zu sehr die Macht eines schönen Gesichtes; aber ich fand, daß sie unrecht gehabt hatte, ihn zu ihrem Manne zu machen, denn ein Ehemann, sei er wie er sei, erwirbt doch stets gewisse Herrenrechte, die zuweilen lästig sein können. Teresas hübsche Kammerjungfer meldete mir, mein Wagen wäre vor der Tür. »Gestatten Sie,« sagte ich zu meiner Freundin, »daß mein Lohndiener hereinkommt?« Der Kerl kam. »Wer hat Ihnen befohlen, mit meinem Wagen hierher zu kommen?« »Niemand, mein Herr; aber ich kenne meine Pflicht.« »Wer hat Ihnen gesagt, daß ich hier wäre?« »Ich habe es erraten.« »Rufen sie meinen Kammerdiener und kommen Sie mit ihm herein.« Als er mit Leduc wieder eintrat, befahl ich diesem, dem lästigen Menschen den Lohn für drei Tage auszuzahlen, ihm seine Livree abzunehmen und mir von Doktor Vannini einen Diener von gleicher Größe besorgen zu lassen, der nicht die Gabe des Erratens besäße, sondern pünktlich die Befehle seines Herrn auszuführen wüßte. Sehr betrübt über sein Mißgeschick, wandte der Bursche sich an Teresa und bat um ihre Vermittlung; aber als kluge Frau antwortete sie ihm, sein Herr sei allein imstande, seine Dienste zu schätzen. Um zehn Uhr kamen alle Sänger und Sängerinnen nebst einer Menge von Theaterliebhabern, die den ganzen Saal füllten. Teresa empfing mit edler Anmut die Handküsse aller ihrer Gäste, und ich sah, daß sie in großem Ansehen stand. Die Probe dauerte drei Stunden und langweilte mich sehr. Um dieser Langeweile zu entgehen, unterhielt ich mich mit Palesi, der mir gefiel, weil er mit keinem Wort mich fragte, wo, wie und wann ich seine Frau kennen gelernt hätte. Ich sah, daß ihm sein Gefühl sagte, wie er sich in seiner Stellung zu benehmen habe. Eine junge Parmesanerin namens Redegonda, die eine Männerrolle spielte und sehr gut sang, blieb zum Essen, Teresa hatte außerdem eine junge Bologneserin, namens Corticelli, eingeladen. Die sprossenden Reize dieser hübschen Figurantin machten Eindruck auf mich; indessen war ich in diesem Augenblick so voll von Teresa, daß ich nicht sehr auf sie achtete. Einen Augenblick später sah ich einen wohlbeleibten Abbate mit gemessenen Schritten eintreten, einen echten Tartüff, der nur Teresa suchte. Als er sie erblickt hatte, schritt er auf sie zu, beugte nach portugiesischer Sitte ein Knie zur Erde und küßte ihr zärtlich und ehrfurchtsvoll die Hand. Teresa ließ ihn mit anmutigem Lächeln zu ihrer Rechten Platz nehmen; ich saß links von ihr. Seine Stimme und sein ganzes Aussehen sagten mir, daß es ein Bekannter sein mußte, und bald erkannte ich in der Tat den Abbate Gama, den ich vor siebzehn Jahren in Rom beim Kardinal Acquaviva zurückgelassen hatte; aber ich tat, als ob ich ihn nicht erkenne; dies war nicht schwer für mich, denn er war recht alt geworden. Der galante Abbate hatte nur Augen für Teresa; er war nur damit beschäftigt, ihr tausend Schmeicheleien zu sagen, und hatte noch niemanden der Gesellschaft mit einem Blick beehrt. In der Hoffnung, daß er mich ebenfalls nicht wieder erkennen oder wenigstens es so machen würde wie ich, fuhr ich fort, mit der Corticelli zu plaudern; plötzlich sagte Teresa mir, der Herr Abbate wünsche zu wissen, ob ich ihn nicht erkenne. Ich sah ihn fest an, wie wenn ich in meinem Gedächtnis nachsuche, stand dann auf und fragte ihn, ob ich nicht das Glück hätte, den Herrn Abbate Gama wiederzusehen. »Ich bin's!« rief er, indem er aufstand, mich umhalste und mehrere Male küßte. Er war damit in seiner Rolle als feiner Politiker; der Leser wird wohl noch nicht die Schilderung vergessen haben, die ich im ersten Bande der Erinnerungen von ihm entworfen habe. Wie man sich denken kann, entspann sich nun ein endloses Gespräch. Er sprach von Barbaruccia, von der schönen Marchesa G., vom Kardinal S. C.; er erzählte mir, daß er von dem spanischen Dienst in den portugiesischen übergetreten wäre, in welchem er sich noch jetzt befände. Ich ließ mich mit Vergnügen von ihm an eine Menge von Umständen erinnern, die in meiner frühen Jugend lebhaften Eindruck auf mich gemacht hatten, als plötzlich eine völlig unerwartete Erscheinung meine Seele lähmte. Ein Jüngling von fünfzehn bis sechzehn Jahren, kräftig entwickelt, wie ein Italiener in diesem Alter es nur sein kann, trat mit gewandtem Wesen ein, machte der Gesellschaft eine anmutige Verbeugung und umarmte Teresa. Ich war der einzige, der ihn nicht kannte; aber ich war nicht der einzige, auf dessen Zügen sich Überraschung malte. Teresa stellte ihn mir unverzagt mit der natürlichsten Miene von der Welt vor: »Mein Bruder!« Ich begrüßte ihn auf das freundlichste, aber doch ein wenig verwirrt, da ich keine Zeit gehabt hatte, mich von meiner Überraschung zu sammeln. Dieser angebliche Bruder Teresas war mein leibhaftiges Ebenbild; nur war seine Gesichtsfarbe etwas heller als die meinige. Ich sah sofort, daß er mein Sohn war; denn niemals war die Natur indiskreter gewesen. Dies war die Überraschung, welche Teresa mir angekündigt hatte; sie hatte sich das Vergnügen vorbehalten wollen, mich versteinert und zugleich entzückt zu sehen; denn sie wußte wohl, daß mein Herz von dem Gedanken, ihr beim Abschied ein solches Pfand unserer gegenseitigen Liebe zurückgelassen zu haben, tief gerührt sein würde. Ich hatte keine Ahnung davon gehabt, denn in ihren Briefen hatte sie nie etwas von ihrer Schwangerschaft erwähnt. Wenn ich näher darüber nachdachte, schien mir, Teresa hätte diese Begegnung in Gegenwart fremder Personen vermeiden müssen; denn jeder hatte Augen und weiter war nichts nötig, um beim ersten Augenblick zu erkennen, daß dieser Jüngling nur mein Sohn oder mein Bruder sein könnte. Ich warf ihr einen Blick zu, aber sie wich diesem aus; der angebliche Bruder dagegen sah mich so aufmerksam an, daß er nicht hören konnte, was sie zu ihm sagte. Die Zuschauer ließen ihre Augen fortwährend von meinem Gesicht zu dem seinigen wandern; und wenn sie der Meinung waren, daß er mein Sohn wäre, so mußten sie notwendigerweise annehmen, daß ich der Liebhaber von Teresas Mutter gewesen war, wenn sie wirklich seine Schwester war; denn bei dem Alter, das sie zu haben schien und das sie sich beilegte, konnte man unmöglich annehmen, daß sie seine Mutter wäre. Ebenso unmöglich war es sich vorzustellen, daß ich Teresas Vater sei, denn ich sah nicht viel älter aus als sie. Mein Sohn sprach vorzüglich die neapolitanische Mundart, die nicht ohne Reiz ist; aber er sprach auch sehr gut italienisch, und in allem, was er sagte, zeigte er Geschmack, gesunden Menschenverstand und Geist. Dies gefiel mir sehr. Er war gut unterrichtet, obwohl er in Neapel aufgewachsen war, und hatte sehr vornehme Manieren. Seine Mutter ließ mich bei Tisch zwischen ihr und ihm sitzen und sagte zu mir: »Seine Lieblingsleidenschaft ist die Musik. Sie werden ihn Klavier spielen hören, mein lieber Freund, und obgleich ich acht Jahre älter bin als er, werden Sie vielleicht finden, daß er besser spielt als ich.« So zog sie mich mit jenem natürlichen, feinen Zartgefühl, das nur den Frauen eigen und für uns Männer stets unerreichbar ist, aus der Verlegenheit. Mochte es die Natur oder Voreingenommenheit oder Eitelkeit oder sonst irgend etwas sein – genug, als wir von Tisch aufstanden, war ich so entzückt von meinem Sohn, daß ich ihn mit zärtlichem Entzücken umarmte. Die ganze Gesellschaft klatschte Beifall. Ich lud sie alle ein, nm nächsten Tage bei mir zu Mittag zu speisen, und meine Einladung wurde freudig angenommen; die Cordicelli fragte in unschuldsvollem Ton: »Ich auch?« »Gewiß, Sie auch.« Abbate Gama sagte mir nach Tisch, ich möchte am nächsten Morgen zu ihm zum Frühstück kommen oder ihm ein Frühstück bei mir geben, denn er vergehe vor Verlangen, ein paar Stunden mit mir unter vier Augen zu plaudern. »Ich werde Sie bei mir empfangen, Herr Abbate,« antwortete ich, »und zwar mit großem Vergnügen.« Als alle Gäste fortgegangen waren, fragte mich Don Cesarino – so hieß der angebliche Bruder meiner Teresa – ob ich ihn nach der Promenade führen wollte. Ich anwortete ihm mit einer Umarmung, mein Wagen stehe ihm zu Diensten und er könne mit seinem Schwager hinfahren, denn ich wolle mich für diesen Tag nicht von seiner Schwester trennen. Palesi fand diesen Vorschlag sehr gut, und sie fuhren ab. Sobald wir allein waren, umarmte ich Teresa mit leidenschaftlicher Glut, indem ich ihr ein Kompliment darüber machte, daß sie einen so hübschen Bruder hätte. »Mein Freund, er ist die süße Frucht unserer Liebe: er ist dein Sohn. Er macht mich glücklich und ist selber glücklich, denn er hat alles, was er dazu braucht.« »Auch ich bin glücklich, göttliche Teresa! Aber du hast wohl gesehen, daß ich beim ersten Anblick sofort meine Vaterschaft erriet.« »Aber, liebes Herz, hast du denn die Absicht, ihm einen Bruder zu geben? Wie leidenschaftlich du bist!« »Bedenke, angebetetes und anbetungswürdiges Weib, daß du mir gesagt hast, morgen würden wir nur noch Freunde sein.« Ich war bereits Gatte oder glücklicher Liebhaber; aber der Gedanke, daß ich es zum letztenmal wäre, mischte einige Bitterkeit in die glühende und süße Wollust, die ich bei dieser Vereinigung empfand, die auf beiden Seiten von Liebe, Zärtlichkeit und Gefühl beherrscht wurde. Als wir etwas ruhiger geworden waren, sagte Teresa zu mir: »Der Herzog, der mich von Rimini mit sich nahm, hat auch unser Kind erziehen lassen; denn sobald ich schwanger war, vertraute ich ihm mein Geheimnis an. Ich kam nieder, ohne daß ein Mensch etwas davon erfuhr, und mein Kind wurde zu einer Amme nach Sorrent geschickt; der Herzog ließ ihn unter dem Namen Cesare Filippo Lanti taufen. In Sorrent blieb er bis zum Alter von neun Jahren; hierauf wurde er zu einem wackeren Mann in Pflege gegeben, bei dem er etwas Tüchtiges gelernt und sich auch in der Musik ausgebildet hat. Von seiner zartesten Kindheit an hat er in mir stets seine Schwester gesehen. Du kannst dir nicht vorstellen, wie glücklich ich war, als ich sah, daß er dir immer ähnlicher wurde, je mehr er heranwuchs. Ich habe ihn stets als ein sicheres Pfand unserer Vereinigung angesehen; denn ich glaubte immer, diese würde stattfinden, sobald wir uns wiederträfen, weil ich überzeugt war, daß er auf deine Seele denselben Eindruck machen würde wie auf die meinige. Ich war überzeugt, du könntest diesem reizenden Sprößling unserer Liebe den Namen deines rechtmäßigen Sohnes nicht versagen und würdest seine Mutter heiraten.« »Du hast das, was mich glücklich gemacht haben würde, unmöglich gemacht!« »Das Schicksal hat es so gefügt, lieber Freund; sprechen wir nicht mehr davon. Als der Herzog starb, verließ ich Neapel; Cesarino blieb in derselben Pension unter dem Schutze des Fürsten della Riccia, der ihn stets als seinen Bruder angesehen hat. Dein Sohn besitzt ein Kapital von zwanzigtausend Reichsdukaten, dessen Zinsen an mich bezahlt werden, und von welchen er nichts weiß; aber du kannst dir wohl denken, daß es ihm an nichts fehlt. Es schmerzt mich nur, ihm nicht sagen zu können, daß ich seine Mutter bin; denn ich glaube, er würde mich noch mehr lieben, wenn er wüßte, daß er mir sein Leben verdankt. Du kannst dir nicht vorstellen, welche Wonne ich heute empfand, als ich deine Überraschung sah und bemerkte, wie schnell du dich in ihn verliebtest.« »Und diese vollkommene Ähnlichkeit?« »Sie macht mir Freude. Kann man sich wohl etwas anderes dabei denken, als daß du der Liebhaber meiner Mutter gewesen bist? Nun einerlei. Mein Mann glaubt, daß dies der Ursprung der Freundschaft sei, die uns verbindet, und die ihn heute morgen, als er den Ausbruch unseres Entzückens sah, hätte ärgerlich machen können. Er sagte mir gestern, Cesarino könne wohl mein Bruder von mütterlicher Seite sein, aber ganz gewiß nicht von väterlicher Seite; denn er habe seinen Vater im Parkett gesehen und dieser könne ganz gewiß nicht der meinige sein. Wenn ich von Palesi Kinder bekomme, soll mein ganzes Vermögen nach meinem Tode ihnen gehören; wenn ich keine bekomme, so wird Cesarino mein Erbe sein. Mein Vermögen befindet sich in sicheren Händen, selbst wenn der Fürst della Riccia sterben sollte.« »Komm!« rief sie plötzlich, indem sie mich in ihr Schlafzimmer hineinzog. Sie öffnete eine große Kassette, worin sich ihre Diamanten und andere Juwelen und für mehr als fünfzigtausend Dukaten in guten Gülten befanden. Außerdem besaß sie eine Menge sehr schönes Silbergeschirr, und ihr herrliches Talent sicherte ihr die ersten Stellen an allen italienischen Bühnen. »Weißt du,« fragte ich sie, »ob unser Cesarino schon geliebt hat?« »Ich glaube es nicht; doch denke ich, daß meine hübsche Kammerjungfer in ihn verliebt ist. Ich werde ein Auge auf sie haben.« »Sei nicht zu streng.« »Nein. Aber ein junger Mann darf sich nicht zu früh der Sinnenlust hingeben, worüber er alles andere vernachlässigen würde.« »Gib ihn mir! Ich werde ihn die Welt kennen lehren.« »Verlange alles von mir, aber lasse mir meinen Sohn! Ich küsse ihn niemals, weil ich Angst habe, ich könnte mich rasend in ihn verlieben. Wenn du wüßtest, wie ehrenhaft und rein er ist und wie er mich liebt! Aber ich versage ihm ja auch keinen Wunsch. Was wird man in vier Monaten in Venedig sagen, wenn man dort den aus den Bleikammern entsprungenen Casanova um zwanzig Jahre verjüngt wiedersieht?« »Du gehst also zur Ascensa nach Venedig?« »Ja. Und du gehst nach Rom?« »Und nach Neapel, um meinen Freund, den Herzog von Matalone, zu besuchen.« »Ich kenne ihn sehr gut. Er hat bereits einen Sohn von der Tochter des Herzogs Bovino, die er geheiratet hat. Sie ist eine reizende Frau, die die Macht besessen hat, ihn zum Mann zu machen; denn ganz Neapel wußte, daß er unvermögend war.« »Wahrscheinlich hat sie nur das Geheimnis besessen, ihn zum Vater zu machen.« »Das ist auch wohl möglich.« Wir verbrachten den ganzen Tag in einer abwechselreichen und sehr interessanten Unterhaltung, bis Cesarino und ihr Gatte zurückkamen. Während des Abendessens gewann der liebe Junge vollends mein Herz, denn er war schalkhaft, fröhlich und liebenswürdig und besaß die ganze neapolitanische Lebhaftigkeit. Er setzte sich ans Klavier. Nachdem er einige Stücke mit der glänzenden Meisterschaft eines Virtuosen gespielt hatte, sang er neapolitanische Lieder, über die wir von ganzem Herzen lachten. Meine Teresa hatte nur für ihn und für mich Augen; von Zeit zu Zeit aber umarmte sie ihren Gemahl und rief: »Man ist nur glücklich, wenn man liebt.« Dieser Tag gehört zu den glücklichsten meines Lebens, und ich zähle deren viele. Neuntes Kapitel Die Corticelli. – Der jüdische Theaterdirektor bekommt Prügel. – Der falsche Karl Iwanoff spielt mir einen bösen Streich, – Willkürlicher Befehl, Toskana zu verlassen. – Meine Ankunft in Rom. – Mein Bruder Giovanni. Am nächsten Morgen um neun Uhr meldete man mir den Abbate Gama. Als er eintrat, rief er aus: »Ich weine Freudentränen, daß ich Sie nach so vielen Jahren der Trennung bei so guter Gesundheit und in so angenehmen Verhältnissen wiedersehe.« Wie der Leser sich leicht wird denken können, hielt der Abbate eine große Lobrede auf mich, und er wird vielleicht wissen, daß trotz aller Klugheit und Welterfahrenheit und trotz allem Mißtrauen gegen die Ohrenkitzler die Eitelkeit doch ihnen lauscht und sie sogar angenehm findet; freilich will die Eitelkeit dies nicht eingestehen, denn damit wird sie sich selbst verletzen. Der Abbate war sanft, geistreich, liebenswürdig und sehr schlau, weil er stets unter den Großwürdenträgern der Diener Gottes gelebt und damit die allerfeinste Schule der List durchgemacht hatte. Er war durchaus nicht boshaft; mit einem Wort, er war so, wie ich ihn im ersten Bande dieser Erinnerungen geschildert habe. Er wünschte meine Abenteuer kennen zu lernen und wartete daher nicht ab, daß ich ihn bäte, mir die seinigen zu erzählen, sondern schilderte mir sehr weitschweifig sein Leben in den siebzehn Jahren, die seit unserer Trennung verflossen waren. Er war aus dem spanischen Dienst in den Seiner Allergetreuesten Majestät übergetreten und war Gesandtschaftssekretär beim Komtur Almada. Er hatte Rom verlassen müssen, weil Papst Rezzonico dem König von Portugal nicht erlauben wollte, die Jesuiten zu bestrafen – treue ehrliche Mörder, die ihm allerdings nur einen Arm zerschmettert, aber doch die gute Absicht gehabt hatten, ihm das Leben zu nehmen. Gama irrte in Italien umher; er verkehrte brieflich mit Almada und dem berühmten Carvalho, und wartete darauf, daß dieser Krieg beigelegt würde, um nach Rom zurückkehren zu können. Dies war eigentlich das einzige Tatsächliche an seiner Erzählung; aber der Abbate wußte sie durch Nebenumstände so sehr auszuschmücken, daß sie länger als eine Stunde dauerte. Ohne Zweifel wollte er mich dadurch zur Dankbarkeit veranlassen, damit ich ihm nichts von meinen Verhältnissen verschwiege. Aber wir zeigten beide ein schönes diplomatisches Talent; er, indem er seine Erzählung verlängerte, ich, indem ich die meinige verkürzte. Ich empfand dabei ein geheimes Vergnügen, die Neugier im Priesterrock zu bestrafen. »Was wollen Sie in Rom?« fragte er scheinbar gleichgültig. »Ich will mich dem Papst vorstellen und ihn bitten, bei den venetianischen Staatsinquisitoren meine Begnadigung zu befürworten.« Dies war nicht wahr; aber es war eine Antwort wie eine andere, wenn man nicht die Wahrheit sagen will. Hätte ich ihm übrigens gesagt, ich ginge nach Rom nur, um mich zu amüsieren, so hätte er mir auch nicht geglaubt. Wer einem Ungläubigen die Wahrheit sagt, prostituiert sie, und dies ist nach meiner Meinung so schlimm wie ein Mord. Er bat mich hierauf, ich möchte ihm das Vergnügen machen, mit ihm einen Briefwechsel zu unterhalten; und da dies mich zu nichts verpflichtete, so versprach ich es ihm. »Ich kann,« sagte er mir, »Ihnen einen Freundschaftsbeweis geben, indem ich Sie dem Gouverneur von Toskana, Marchese Botta-Adamo, vorstelle, der für den Freund des regierenden Herrn gilt« (des späteren Kaisers Franz). Ich nahm sein Anerbieten dankbar an, hierauf brachte er das Gespräch auf Teresa; aber er fand mich verschlossen wie den Geldschrank eines Geizhalses. Ich sagte ihm, sie wäre noch ein Kind gewesen, als ich in Bologna ihre Familie kennen gelernt hatte, und die Ähnlichkeit zwischen ihrem Bruder und mir wäre nur ein Spiel der Natur oder des Schicksals, wobei nichts weiter auffällig wäre, als daß wir zusammengetroffen wären. Als er auf meinem Schreibtisch ein sehr gut geschriebenes Papier sah, fragte er mich, ob diese herrliche Handschrift die meines Sekretärs sei. Costa, der im Zimmer anwesend war, antwortete ihm auf spanisch, die Schrift sei von ihm. Gama überbot sich nun in Komplimenten und bat mich schließlich, ich möchte ihm meinen Costa zuschicken, um für ihn einige Briefe zu schreiben. Ich erriet, daß er ihn nur über mich ausholen wollte, und sagte ihm, der junge Mann sei mir den ganzen Tag unentbehrlich. »Nun, dann also ein anderes Mal!« sagte der Abbate. Ich antwortete nicht. So sind die Neugierigen. Die Moralphilosophen wollen die Neugier nicht zu den Leidenschaften rechnen; aber sie haben unrecht. Die Neugier gehört zu den schönen Eigenschaften des Geistes, wenn sie von der gesunden Vernunft gelenkt wird und sich auf die ganze Natur erstreckt: Nihil dulcius quam omnia scire – Nichts ist süßer als alles zu wissen. Sie ist von den Sinnen abhängig; denn sie kann nur durch sinnliche Wahrnehmungen entstehen und sich befriedigen. Aber diese Leidenschaft ist, wie alle ihre Schwestern, ein Ungeheuer, wenn sie nicht mehr von der Weisheit gezügelt wird. Sie ist ein abscheuliches Laster, wenn sie nur bezweckt, mittelbar oder unmittelbar in die Angelegenheiten anderer Menschen einzudringen. Einerlei ob der Neugierige ein Geheimnis nur zu erhaschen sucht, um sich dem Nächsten nützlich zu machen, sei es, daß er diesen auszuholen sucht, um die Herzensergießungen, zu denen er ihn zu verlocken weiß, zu seinem eigenen Vorteil auszubeuten. Aber mag sie, je nach der Richtung, die sie nimmt, Laster oder Tugend sein – die Neugier ist stets eine Krankheit; denn sie hat die eigentümliche Eigenschaft, daß sie das Herz oder den Geist eines Menschen, den sie unterjocht, unruhig macht. Ein Geheimnis durch Überraschung zu erfahren, heißt stets einen Diebstahl begehen. Ich spreche nicht von jener edlen Neugier, die den abstrakten Wissenschaften entstammt und sich zum Ziele setzt, die Zukunft zu erforschen, das heißt, das Unmögliche zu erreichen. Bei der Neugier, die die Tochter der Unwissenheit oder des Aberglaubens ist, verweilen nur Narren oder Dummköpfe. Abbate Gama aber war weder verrückt, noch unwissend, noch dumm: er war neugierig von Charakter und von Beruf; denn er wurde dafür bezahlt, alles zu entdecken. Er war Diplomat; in einer weniger hohen Sphäre würde man ihn als Spion behandelt haben. Er verließ mich, um Besuche zu machen, und versprach mir, zum Mittagessen wiederzukommen. Doktor Vannini stellte mir einen anderen Bedienten von der Gestalt des ersten vor, einen Parmesaner; er versprach mir, dieser würde nur gehorchen und niemals versuchen, etwas zu erraten. Ich dankte dem akademischen Gastwirt und bestellte bei ihm eine üppige Mahlzeit. Zuerst erschien die Corticelli mit ihrem Bruder, einem weibischen jungen Mann und mittelmäßigen Violinspieler, sowie mit ihrer Mutter, die mir sagte, sie würde ihrer Tochter niemals erlauben, ohne sie und ohne ihren Bruder bei Fremden zu essen. »Dann können Sie,« sagte ich zu ihr, »sie sofort wieder mitnehmen oder diesen Dukaten annehmen, um mit ihrem Sohne zu essen, wo Sie wollen; denn ich will weder von ihm noch von Ihnen etwas wissen.« Sie nahm den Dukaten, indem sie zu mir sagte, sie sei sicher, ihre Tochter in guten Händen zu lassen. »Darauf können Sie sich verlassen,« antwortete ich ihr; »gehen Sie nur!« Das Mädchen machte über mein Gespräch mit ihrer Mutter so scherzhafte Bemerkungen, daß ich unwillkürlich lachen mußte und mich in sie zu verlieben anfing. Die Corticelli war erst dreizehn Jahre alt, aber sie war so zart, daß man sie für zehnjährig gehalten hätte. Im übrigen war sie sehr hübsch gewachsen, lustig, lebhaft, witzig, geistreich und hatte eine weiße Haut, wie man sie in Italien selten findet. Trotz alledem kann ich noch jetzt nicht begreifen, wie ich mich in sie verlieben konnte. Das ausgelassene junge Mädchen bat mich um meinen Schutz gegen den Operndirektor, einen Juden. Er hatte sich in dem mit ihr abgeschlossenen Vertrage verpflichtet, sie in der zweiten Oper einen Pas de deux tanzen zu lassen, aber er hatte sie getäuscht. Sie bat mich, den Juden zu zwingen, daß er seine Verpflichtungen einhielte, und ich versprach es ihr. Der zweite Gast war die Parmesanerin Redegonda, ein großes schönes Mädchen, das, wie Costa mir sagte, die Schwester meines Lohndieners war; nachdem ich mich zwei oder drei Minuten mit ihr unterhalten hatte, fand ich sie meiner Aufmerksamkeit sehr würdig. Sodann kam der Abbate Gama; er gratulierte mir, als er mich zwischen zwei hübschen Mädchen sitzen sah. Ich nötigte ihn, meinen Platz einzunehmen, und er begann ihnen mit großer Zungengewandtheit Schmeicheleien zu sagen; daß die Nymphen sich über ihn lustig machten, brachte ihn nicht im geringsten aus der Fassung. Er glaubte ihnen zu gefallen; das sah ich und begriff sehr wohl, daß seine Eitelkeit ihn abhielt, zu bemerken, wie er sich lächerlich machte; aber ich ahnte nicht, daß ich selber in seinem Alter in den gleichen Fehler verfallen könnte. Wehe dem Greise, der nicht sich selber zu erkennen vermag! Weh ihm, wenn er verabsäumt, sich mit dem Gedanken vertraut zu machen, daß die Weiber, die er als Jüngling verführt hat, ihn in seinem Alter verachten werden, wenn er noch nach ihrer Gunst zu streben wagt! – Zuletzt erschien meine schöne Teresa mit ihrem Gatten und meinem Sohn, den ich zärtlich umarmte, nachdem ich diese süße Pflicht seiner Mutter gegenüber erfüllt hatte. Bei Tisch setzte ich mich zwischen beide, indem ich Teresa zuflüsterte, eine so teure und geheimnisvolle Dreifaltigkeit dürfe nicht getrennt werden; diese Bemerkung trug mir das liebenswürdigste Lächeln ein. Der Abbate setzte sich zwischen Redegonda und die Corticelli und wußte uns durch reizende Bemerkungen während der ganzen Mahlzeit zu erheitern. Ich lachte im stillen über den ehrfurchtsvollen Ernst, womit mein großer Lakai seiner Schwester Redegonda den Teller wechselte; sie schien eitel darauf zu sein, eine Ehre beanspruchen zu können, die für ihren Bruder unerreichbar war. Sie war nicht großmütig; denn sie benutzte den Augenblick, um mir, ohne daß er es hören konnte, zu sagen: »Er ist ein guter Junge; unglücklicherweise versteht er gar nichts.« Ich hatte absichtlich mir eine prachtvolle Tabaksdose in die Tasche gesteckt; sie war reich emailliert und mit einem Bildnis von vollkommener Ähnlichkeit geschmückt. Ich hatte sie in Paris anfertigen lassen in der Absicht, sie der Frau d'Urfé zu schenken; aber ich hatte sie ihr nicht gegeben, weil der Maler mich zu jung gemacht hatte. Diese Dose war mit ausgezeichnetem Havannatabak gefüllt, den Herr von Chavigny mir geschenkt hatte und den Teresa sehr gerne mochte; um sie aus meiner Tasche zu ziehen, wartete ich, bis sie mich um Tabak bäte. Abbate Gama, der sehr guten Tabak in seiner Origoneladose hatte, schickte Teresa eine Prise; sie sandte ihm darauf den ihrigen in einer mit goldenen Arabesken eingelegten Schildpattdose. Man konnte nichts Schöneres sehen. Gama kritisierte Teresas Tabak; ich tat, als fände ich ihn köstlich, erlaubte mir jedoch die Bemerkung, mein Tabak sei besser. Ich zog meine Dose aus der Tasche, reichte sie ihr offen hin und bot ihr eine Prise an. Das Portrait konnte sie nicht sehen. Sie gab zu, daß der Tabak köstlich und dem ihrigen weit überlegen sei. »Nun, meine Gnädige, ist es Ihnen recht, wenn wir tauschen?« »Gern! Geben Sie mir Papier!« »Das ist nicht nötig. Wir tauschen den Tabak und die Dosen, worin er ist.« Mit diesen Worten steckte ich Teresas Dose in die Tasche und reichte ihr die meinige geschlossen. Als sie das Bildnis sah, stieß sie einen Schrei aus, der die ganze Gesellschaft neugierig machte, und küßte, ohne sich zu besinnen, das Portrait. »Sieh!« sagte sie zu Cesarino, »dein Bild!« Cesarino sah sie ganz erstaunt an, und die Dose ging von Hand zu Hand. Jeder fand, daß es mich selber darstellte, wie ich vor zehn Jahren ausgesehen hätte, daß es aber auch für das Portrait Cesarinos gelten könnte. Teresa war vor Freude darüber ganz toll. Sie schwor, sie werde diese Dose niemals wieder aus den Händen lassen, stand auf und umarmte ihren Sohn zu wiederholten Malen. Unterdessen verlor ich den Abbate Gama nicht aus den Augen, und ich sah, daß er in seinem Schädel allerlei Erklärungen über diesen Auftritt zurechtzimmerte, der das volle Interesse einer unvorhergesehenen Erkennungsszene hatte. Der gute Abbate ging gegen Abend fort, indem er mir sagte, er erwarte mich am anderen Morgen zum Frühstück. Den Rest des Tages brachte ich damit zu, mit Redegonda schön zu tun; als Teresa sah, daß das Mädchen mir gefiel, riet sie mir, mich ihr zu erklären, und versprach mir, sie einzuladen, so oft ich wolle. Aber Teresa kannte sie nicht. Am andern Morgen sagte Gama mir, er habe dem Marschall Botta meinen Besuch angemeldet und werde mich um vier Uhr in meinem Gasthof abholen, um mich dem Herrn vorzustellen. Immer Sklave seiner Neugier, machte der gute Abbate mir hierauf im Tone freundschaftlichster Teilnahme Vorwürfe, daß ich ihm kein Wort von dem Stande meines Vermögens gesagt hätte. »Ich glaubte, dies sei nicht erwähnenswert, Herr Abbate; da Sie es aber interessiert, so will ich Ihnen sagen, daß mein Vermögen nicht beträchtlich ist, daß ich aber Freunde habe, deren Börsen mir offen stehen.« »Wenn Sie wahre Freunde haben, so sind Sie reich; aber wahre Freunde sind selten.« Von dem Abbate begab ich mich zu Redegonda, von der mein ganzes Herz voll war und die ich gern der jungen Corticelli vorgezogen hätte. Ich wollte ihr einen Besuch machen; aber welche traurige Aufnahme fand ich! Sie empfing mich in einem Zimmer, worin ihre Mutter, ihr Oheim und drei oder vier unsaubere, schlechtgekleidete Bälge, ihre Brüder, sich befanden. »Haben Sie denn kein anständiges Zimmer, um Ihre Freunde zu empfangen?« fragte ich das Mädchen. »Ich brauche kein anderes Zimmer, denn ich habe keine Freunde, die ich empfangen könnte.« »Haben Sie nur das Zimmer, meine Liebe – die Freunde werden dann nicht ausbleiben. Dieses Zimmer ist ausgezeichnet, um Verwandte zu empfangen, aber es eignet sich nicht für Personen, die wie ich zu Ihnen kommen, um Ihren Reizen und Ihren Talenten zu huldigen.« »Mein Herr,« sagte die Mutter zu mir, »meine Tochter hat nur ein schwaches Talent und bildet sich durchaus nichts auf ihre Reize ein, denn sie weiß, daß diese sehr bescheiden sind.« »Es ist eine große Bescheidenheit von Ihnen, Signora, daß Sie so sprechen. Ich weiß diese Bescheidenheit zu schätzen; aber es sehen nicht alle Ihre Tochter mit denselben Augen an, und mir gefällt sie sehr.« »Das ist eine Ehre für sie, und wir sind dafür nach Gebühr dankbar; aber sie macht uns nicht stolz. Meine Tochter wird Sie empfangen, so oft Sie ihr die Ehre Ihres Besuches erweisen wollen; aber nur hier, niemals an einem anderen Ort.« »Hier, Signora, würde ich Sie zu belästigen befürchten.« »Die Anwesenheit eines Ehrenmannes ist niemals eine Belästigung.« Ich schämte mich; denn nichts beschämt einen Wüstling so, wie die Sprache der Scham im Munde der Armut; da ich nicht wußte, was ich der Mutter Vernünftiges antworten sollte, machte ich ihr eine Verbeugung und ging. Ich berichtete Teresa mein Mißgeschick, und wir lachten darüber; das war auch das beste, was wir tun konnten. »Ich werde mich freuen, dich in der Oper zu sehen,« sagte sie zu mir; »du kannst Zugang zu meinem Ankleidezimmer finden, wenn du dem Wächter an der kleinen Tür, die zur Bühne führt, ein Trinkgeld gibst.« Der Abbate Gama holte mich seinem Versprechen gemäß ab, um mich dem Marschall Botta vorzustellen. Dieser war ein verdienstvoller Mann, den der Aufstand von Genua berühmt gemacht hatte. Er befehligte das österreichische Heer, als das Volk, voller Zorn über den Anblick dieser Fremdlinge, die nur das Land unterjochen wollten, sich erhob und sie zwang, die Stadt zu räumen. Dieser patriotische Aufruhr rettete die Republik. Ich fand den Marschall inmitten einer zahlreichen Gesellschaft von Damen und Herren, die er verließ, um mich zu begrüßen. Er sprach mit mir über Venedig, das er ausgezeichnet kannte; dann ließ er sich von mir ausführlich über Frankreich erzählen, und ich durfte annehmen, daß meine Mitteilungen ihn befriedigten. Er selber erzählte mir darauf vom russischen Hof, an welchem er sich aufhielt, als Elisabeth Petrowna, die zur Zeit meiner Erzählung noch regierte, mit solcher Leichtigkeit den Thron ihres Vaters, Peter des Großen, bestieg. »Nur in Rußland,« sagte er mir, »weiß die Politik Gifte zweckmäßig zu benutzen.« Als die Stunde der Oper gekommen war, zog der Marschall sich zurück, und alle entfernten sich. Nachdem ich den Abbate, der mir natürlich versicherte, daß ich dem Gouverneur gefallen habe, in meinem Wagen nach Hause gebracht hatte, begab ich mich ins Theater und gelangte mittels eines Testone in Teresas Ankleidezimmer, wo ich sie unter den Händen ihrer hübschen Kammerjungfer fand. »Ich rate dir,« sagte sie zu mir, »Redegonda in ihrem Ankleidezimmer aufzusuchen; da sie sich als Mann zu kleiden hat, wird sie dich vielleicht ihrer Toilette beiwohnen lassen.« Ich folgte ihrem Rat; aber die Mutter wollte mir den Eintritt nicht erlauben, weil ihre Tochter im Begriff sei, sich anzukleiden. Ich versicherte ihr, ich würde während der ganzen Zeit, die sie zum Umkleiden brauchte, ihr den Rücken zuwenden; unter dieser Bedingung erlaubte sie mir einzutreten, und ließ mich vor dem Tisch Platz nehmen, auf welchem ein großer Spiegel stand, dank welchem ich ausgezeichnet Redegondas geheimste Reize gratis sehen konnte, besonders in dem Augenblick, wo sie eine Hose anzog und dabei die Beine auf höchst ungeschickte oder höchst geschickte Weise hochhob – je nach den Absichten, die sie dabei gehabt haben mag. Übrigens schadete dieses Manöver ihr nichts; denn was ich sah, gefiel mir dermaßen, daß ich jede Bedingung angenommen hätte, um mich in ihren Besitz zu setzen. Unmöglich, sagte ich mir, kann Redegonda nicht wissen, daß ich vor einem Spiegel sitzend alles sehen muß. Dieser Gedanke entflammte mich. Ich drehte mich erst wieder um, als die Mutter mir die Erlaubnis gab, und nun bewunderte ich die Schönheit im Anzuge eines schönen Jünglings von fünf Fuß und einem Zoll, dessen Verhältnisse nichts zu wünschen übrig ließen. Redegonda ging hinaus; ich folgte ihr, und es gelang mir, in den Kulissen mit ihr zu sprechen. Ich sagte zu ihr: »Meine Liebe, ich will ohne alle Umstände mit Ihnen reden. Sie haben mich entflammt, und ich werde sterben, wenn Sie sich weigern, mich glücklich zu machen.« »Sie sagen nichts davon, ob Sie auch sterben würden, wenn Sie mich unglücklich machten.« »Dies kann ich nicht sagen, weil ich den Gedanken gar nicht fassen kann. Keine Verstellung, liebe Redegonda! Es kann Ihnen nicht unbekannt sein, daß Ihr Spiegel mich instand setzte, alles zu sehen; und ich kann nicht annehmen, daß Sie die Absicht gehabt haben sollten, mich in Feuer und Flammen zu setzen, um mich hierauf der Verzweiflung zu überlassen.« »Was können Sie gesehen haben? Ich weiß davon nichts.« »Das kann wohl sein; aber ich habe Sie ganz und gar gesehen. Antworten Sie mir – das ist die Hauptsache. Wie habe ich es anzufangen, um in Ihren Besitz zu gelangen?« »Um in meinen Besitz zu gelangen? Ich verstehe Sie nicht, mein Herr! Ich bin ein anständiges Mädchen.« »Das glaube ich. Aber Sie müssen ebenfalls überzeugt sein, daß Sie nicht weniger anständig sein werden, wenn Sie mich glücklich gemacht haben. Lassen Sie mich nicht schmachten, meine liebe Redegonda! Ich muß mein Schicksal augenblicklich erfahren!« »Ich weiß nicht, was ich Ihnen anders sagen soll, als daß es Ihnen frei steht, mich zu besuchen, so oft Sie Lust haben.« »Wann werden Sie allein sein?« »Allein? Es ist kaum denkbar, daß ich jemals allein bin.« »Nun, was tut es denn auch? Mag Ihre Mutter anwesend sein; das ist mir einerlei. Wenn sie vernünftig ist, wird sie tun, als ob sie nichts sähe, und ich werde Ihnen jedesmal hundert Dukaten geben.« »Wahrhaftig! Sie sind entweder verrückt oder Sie kennen uns nicht.« Mit diesen Worten betrat sie die Bühne; ich aber ging zu Teresa und erzählte ihr dies Gespräch. Sie sagte mir: »Biete nur zunächst die hundert Dukaten der Mutter selber an; wenn sie sie ausschlägt, so lache die beiden aus und versuche dein Heil bei einer anderen.« Ich ging in Redegondas Ankleidezimmer zurück, wo die Mutter jetzt allein war, und sagte ohne weitere Vorreden: »Guten Abend, Signora. Ich bin Fremder. Ich bleibe nur acht Tage hier. Ich bin in Ihre Tochter verliebt und schlage Ihnen vor, mit ihr bei mir zu soupieren. Vorausgesetzt, daß Sie gut sind, werde ich Ihnen hundert Zechinen geben, und es liegt nur an Ihnen, mich zugrunde zu richten.« »Mein Herr, mit wem glauben Sie zu tun zu haben? Ihre Schamlosigkeit überrascht mich mit Fug und Recht. Erkundigen Sie sich, wer ich bin; erkundigen Sie sich nach der Aufführung meiner Tochter, und Sie werden sich in Zukunft dergleichen Anträge ersparen.« »Leben Sie wohl, Signora.« »Leben Sie wohl, Signor.« Als ich das Zimmer verließ, begegnete ich Redegonden. Ich erzählte ihr Wort für Wort das Gespräch, das ich mit ihrer Mutter gehabt hatte, und sie lachte laut auf. »Hab' ich's gut oder schlecht gemacht?« »Eher gut als schlecht. Aber wenn Sie mich lieben, so besuchen Sie mich doch!« »Ich soll Sie besuchen? Nach den Worten Ihrer Mutter?« »Ei, warum denn nicht? Wer weiß?« »Wer weiß! Redegonda, Sie kennen mich nicht. Leere Hoffnung vergiftet mich, und darum habe ich so geradezu mit Ihnen gesprochen.« Ärgerlich beschloß ich, an das eigentümliche Mädchen nicht mehr zu denken. Ich ging zu Teresa zum Abendessen und verbrachte bei ihr drei entzückende Stunden. Da ich viel zu schreiben hatte, ging ich den ganzen nächsten Tag nicht aus; gegen Abend aber besuchte mich die junge Corticelli mit ihrer Mutter und ihrem Bruder. Sie wollte mich bitten, ihr mein Versprechen zu halten in bezug auf den jüdischen Theaterdirektor, der sie den im Vertrage vereinbarten Pas de deux nicht tanzen lassen wollte. »Besuchen Sie mich morgen früh,« antwortete ich ihr; »Sie werden mit mir frühstücken, und ich werde in Ihrer Gegenwart mit Ihrem Hebräer sprechen – das heißt, wenn er kommt. Jedenfalls verspreche ich Ihnen, ihn holen zu lassen.« »Dafür werde ich Sie sehr lieb haben,« sagte das ausgelassene kleine Mädchen zu mir; »aber kann ich denn nicht ein bißchen hier bleiben?« »Im Gegenteil, solange Sie wollen; da ich jedoch einige Briefe fertig schreiben muß, so muß ich Sie bitten, allein zu bleiben.« »O! Ganz wie Sie wollen.« Ich sagte Costa, er solle ihnen ein Abendessen geben. Als meine Briefe fertig waren, bekam ich Lust, ein wenig zu scherzen. Ich ließ die Kleine sich neben mich setzen und begann mit ihr zu schäkern, jedoch auf eine Weise, daß ihre Mutter Laura nichts dagegen einwenden konnte. Plötzlich mischte sich der Bruder mit ein, worüber ich einigermaßen erstaunt war. »Gehen Sie!« sagte ich zu ihm; »Sie sind kein Mädchen.« Zur Antwort hierauf zeigte der kleine Halunke mir sein Geschlecht und zwar auf so unanständige Weise, daß seine Schwester, die auf meinem Schoß saß, laut auflachte und sich zu ihrer Mutter flüchtete, die aus Dankbarkeit für das gute Abendessen, womit ich sie bewirtet hatte, sich im Hintergrunde des Zimmers aufhielt. Ich stand auf, gab dem unverschämten Lustknaben eine Ohrfeige und fragte die Mutter, in welcher Absicht sie mir diesen Burschen zugeführt habe. Die niederträchtige Mutter antwortete darauf nur: »Ist er nicht ein hübscher Junge?« Ich gab ihm als Schmerzensgeld für die Ohrfeige einen Dukaten und sagte zur Mutter: »Gehen Sie! Sie ekeln mich an!« Der Bursche nahm meinen Dukaten, küßte mir die Hand, und alle drei entfernten sich. Als ich zu Bett ging, mußte ich über das Abenteuer lachen. Ich dachte noch lange über die Verderbtheit einer Mutter nach, die sich ohne Bedenken so weit erniedrigt, ihren eigenen Sohn zum allergemeinsten Laster zu prostituieren. Am nächsten Morgen ließ ich den Juden bitten, bei mir vorzusprechen. Die Corticelli kam mit ihrer Mutter, und einige Augenblicke darauf, als wir uns gerade zu Tisch setzen wollten, kam auch der Direktor. Nachdem ich ihm die Beschwerde der jungen Tänzerin mitgeteilt hatte, las ich ihm den Vertrag vor, den er mit ihr abgeschlossen hatte, und sagte ihm in freundlichem Tone, ich würde es leicht dahinbringen, ihn zur Erfüllung seiner Versprechung anzuhalten. Der Jude brachte mehrere Entschuldigungen vor, deren Nichtigkeit die Corticelli nachwies. Seines Unrechtes überführt, versprach der Sohn Judas endlich, er wolle noch am gleichen Tage mit dem Ballettmeister sprechen, damit dieser sie den beanspruchten Tanz mit dem von ihr bezeichneten Tänzer tanzen ließe. Er hoffe hierdurch das Glück zu haben, Seiner Exzellenz zu gefallen. Diese Titelverleihung begleitete er mit einer tiefen Verbeugung – ein Umstand, der besonders bei einem Juden selten ein Zeichen von Aufrichtigkeit ist. Als die Leute sich entfernt hatten, begab ich mich zu Abbate Gama, um mit ihm zum Marschall Botta zu gehen, der uns zum Mittagessen hatte einladen lassen. Ich machte bei Tisch die Bekanntschaft des englischen Residenten Ritters Man. Er war der Abgott von ganz Florenz, sehr reich, liebenswürdig, obgleich Engländer, voll Geist und Geschmack und großer Kunstliebhaber. Auf seine Einladung besuchte ich ihn am nächsten Tage in seinem Hause, zu welchem ein hübscher Garten gehörte. In dieser Wohnung, die er selber geschaffen hatte, verriet die ganze Ausstattung: Möbel, Gemälde, ausgewählte Bücher – den geistvollen Mann. Herr Man erwiderte meinen Besuch, lud sich bei mir zum Essen ein und hatte die liebenswürdige Aufmerksamkeit, auch Teresa, ihren Gemahl und Cesarino einladen zu lassen. Nach Tisch setzte dieser sich ans Klavier und riß die ganze Gesellschaft zu Bewunderung und Entzücken hin. Als wir auf Ähnlichkeiten zu sprechen kamen, zeigte der Ritter uns Miniaturportraits von überraschender Schönheit. Bevor sie ging, sagte Teresa mir, sie habe ernstlich an mich gedacht. »Wieso?« »Ich habe Redegonda gesagt, ich würde sie abholen, zum Abendessen bei mir behalten und sie in meinem Wagen nach Hause fahren lassen. Dieses letztere wirst du übernehmen. Komm ebenfalls zum Essen und richte es so ein, daß dein Wagen vor der Tür wartet. Das übrige wird von selber gehen. Du wirst zwar nur einige Minuten mit ihr zusammen sein; aber das ist doch immerhin schon etwas, und ist erst mal der erste Schritt getan, so wirst du das übrige nach deinem Belieben einrichten.« »Ausgezeichnet! Ich werde bei dir zu Abend speisen, und mein Wagen wird zur Stelle sein. Morgen sollst du alles erfahren.« Um neun Uhr begab ich mich zu ihr. Ich wurde empfangen wie ein lieber Gast, auf den man nicht gerechnet hat. Ich sagte zu Redegonda, ich wünsche mir Glück, sie an diesem Ort zu finden, und sie antwortete mir, sie habe nicht gehofft, daß sie das Vergnügen haben werde, mich zu sehen. Beim Abendessen hatte keiner von uns Appetit, außer Redegonda; diese aß sehr gut und lachte viel über alle Anekdoten, die ich ihr erzählte. Nach dem Abendessen fragte Teresa die schöne Parmesanerin, ob sie wünsche, daß sie einen Tragstuhl holen lasse, oder ob sie lieber von mir in meinem Wagen nach Hause gebracht sein wollte. »Wenn der Herr die Gefälligkeit haben will, ist der Tragstuhl nicht nötig.« Diese Antwort erschien mir so günstig, daß ich nicht mehr an meinem Glück zweifelte. Man wünscht sich gute Nacht, man umarmt sich; sie nimmt meinen Arm und gibt ihm mit ihrer Hand einen Druck; wir gehen die Treppe hinunter, und sie steigt in den Wagen. Ich steige nach ihr ein, und als ich mich setzen will, finde ich den Platz besetzt. »Wer ist da?« rufe ich. Redegonda lacht laut auf und antwortet mir: »Meine Mutter.« Ich war angeführt. Ich besaß nicht den Geist, die Sache scherzhaft zu nehmen. Die Überraschung macht den Menschen dumm; sie benimmt ihm für einen Augenblick alle seine Geisteskräfte; die verletzte Eitelkeit läßt nur für den Zorn Raum. Ich setzte mich auf den Vordersitz und fragte in kaltem Ton die Mutter, warum sie nicht heraufgekommen wäre, um mit uns zu Abend zu essen. Sie antwortete nicht. Als der Wagen vor ihrer Tür hielt, lud die Mutter mich ein, hereinzukommen; ich antwortete ihr jedoch, ich hätte keine Lust dazu. Ich fühlte, daß ich der Mutter, wenn sie mich noch ein bißchen weiter geärgert hätte, Ohrfeigen gegeben haben würde, und der Mann, den sie bei sich hatte, sah mir nach einem Halsabschneider aus. Ich war wütend. Meine körperliche Aufregung war ebenso groß wie meine seelische. Ich war niemals bei der Corticelli gewesen; aber überzeugt, daß ich sie gefällig finden würde, ließ ich mich zu ihr fahren. Alles lag schon zu Bett. Ich klopfte; man antwortet; ich nenne meinen Namen; man öffnet, und ich trete im Dunkeln ein. Signora Laura sagte mir, sie würde die Kerze anzünden; wenn ich ihr Bescheid gesagt hätte, würde sie trotz der Kälte auf mich gewartet haben. Es kam mir vor, als wäre ich in einem Eiskeller. Ich hörte die Kleine lachen, ging leise an das Bett heran, suchte und fand die deutlichsten Zeichen der Männlichkeit, es war ihr Bruder. Unterdessen hatte die Mutter Licht gemacht, und ich sah die Tochter, bis ans Kinn in ihre Decke gewickelt, im Bett liegen; sie war wie ihr Bruder splitternackt. Obgleich ich in solchen Sachen sehr frei denke, fand ich doch diese Niederträchtigkeit empörend. »Warum,« fragte ich die Mutter, »erlauben Sie ein so abscheuliches Beisammenschlafen?« »Was ist dabei? Sie sind Bruder und Schwester.« »Gerade dies macht ihren Verkehr verbrecherisch.« »Ihr Verkehr ist sehr unschuldig.« »Das mag sein; aber so etwas schickt sich nicht.« Der Junge schlüpfte aus dem Bett und kroch in das Bett seiner Mutter, während die ausgelassene kleine Närrin zu mir sagte, es mache gar nichts, denn sie liebe ihren Bruder nur wie einen Bruder und er liebe sie nur wie eine Schwester; wenn ich wünschte, daß sie allein schliefe, so brauchte ich ihr nur ein Bett zu kaufen. Ich mußte über diese naiven Bemerkungen, die sie in ihrer Bologneser Mundart vorbrachte, herzlich lachen; denn beim Sprechen und Gestikulieren hatte sie die Hälfte ihrer Schönheiten enthüllt, und ich sah nichts, was der Mühe wert war. Trotzdem war es offenbar vom Schicksal bestimmt, daß ich mich in ihre Haut verlieben sollte; denn außerdem hatte sie nichts Schönes. Wäre sie allein gewesen, so hätte ich mich sofort über sie hergemacht; aber die Gegenwart ihrer Mutter und ihres frechen Bruders flößte mir Abscheu ein; ich befürchtete Szenen, die mein Blut in Wallung gebracht haben würden. Ich gab ihr zehn Zechinen, um sich ein Bett zu kaufen, wünschte ihr gute Nacht und entfernte mich. Auf die zimperlichen und gewissenhaften Mütter von Opernnymphen fluchend, kehrte ich nach meinem Gasthof zurück. Den ganzen nächsten Vormittag verbrachte ich beim Ritter Man in seiner Galerie, welche wunderbare Gemälde, Bildhauerarbeiten, Mosaiksachen und geschliffene Steine enthielt. Von ihm begab ich mich zu meiner Teresa, um ihr mein Mißgeschick von der letzten Nacht zu erzählen. Sie lachte herzlich darüber, und ich lachte mit ihr, obwohl meine Eitelkeit sich eines gewissen Verdrusses nicht erwehren konnte. »Du mußt dich darüber trösten, lieber Freund,« sagte sie mir, »und du wirst leicht einen Ersatz für sie finden.« »Warum bist du verheiratet?« »Ich habe auch daran gedacht; aber es ist einmal geschehen und daher nichts mehr zu machen. Weißt du, da du durchaus eine Frau haben mußt, so folge meinem Rat und nimm die Corticelli, die schließlich so gut ist wie eine andere. Sie wird dich nicht schmachten lassen.« In meinem Gasthof fand ich den Abbate Gama, den ich zum Mittagessen eingeladen hatte. Er fragte mich, ob ich die Vertretung des portugiesischen Hofes auf dem Kongreß übernehmen wolle, der nach der damaligen Meinung von ganz Europa in Augsburg abgehalten werden solle. Er sagte mir, wenn ich den Auftrag, den er mir verschaffen würde, geschickt erledigte, würde ich in Lissabon alles erreichen, was ich nur wünschen könnte. Ich antwortete ihm: »Ich bin bereit, alles zu tun, was in meinen Kräften steht. Sie brauchen mir nur zu schreiben, und zu diesem Zweck werde ich Ihnen die Orte nennen, an denen Ihre Briefe mich bestimmt erreichen werden.« Diese Eröffnung erregte in mir die größte Lust, Gesandter zu werden. Am Abend in der Oper sprach ich mit dem Ballettmeister, mit dem Tänzer, der in dem Pas de deux den Partner spielen sollte, und mit dem Juden, der mir sein Versprechen wiederholte, daß mein Schützling in drei oder vier Tagen zufriedengestellt sein und daß sie während der ganzen übrigen Dauer des Karnevals ihren Lieblingstanz tanzen sollte. Ich sah die Corticelli; sie sagte mir, sie habe bereits ein Bett, und lud mich zum Abendessen ein. Ich nahm an und ging nach der Vorstellung zu ihr. Überzeugt, daß ich bezahlen würde, hatte ihre Mutter bei einem Garkoch ein ausgezeichnetes Abendessen für vier Personen und mehrere Flaschen vom besten Florentiner Wein bestellt. Sie gab mir außerdem einen Wein, den man Aleatico nennt; ich fand ihn vortrefflich und trank reichlich davon. Meine drei Gäste, die an gutes Essen und Wein nicht gewöhnt waren, aßen für vier und betranken sich. Hierauf gingen Mutter und Tochter ohne Umstände zu Bett, und die kleine Närrin lud mich ein, ihrem Beispiel zu folgen. Ich hatte wohl Lust dazu; aber ich wagte es nicht. Es war sehr kalt, und in dem Zimmer war kein Feuer. Da sie nur eine einzige Decke hatte, so befürchtete ich, mich zu erkälten, und meine Gesundheit war mir zu lieb, um mich dieser Gefahr auszusetzen, Ich begnügte mich damit, sie auf meinen Schoß zu nehmen, und nach einigen Vorspielen überließ sie sich meiner Glut. Sie suchte mich zu überzeugen, daß ich ihre Erstlinge erhielte, und ich tat, wie wenn ich dies glaubte, da ich in Wirklichkeit wenig Wert darauf legte. Nachdem ich die Dosis drei- oder viermal erneuert hatte, verließ ich sie; ich gab ihr fünfzig Zechinen und sagte ihr, sie möchte eine gute wattierte Steppdecke kaufen und ein gutes Kohlenbecken anzünden lassen, weil ich die nächste Nacht bei ihr schlafen wollte. Am nächsten Tage erhielt ich aus Grenoble einen Brief, der mich aufs höchste interessierte. Herr von Valenglard schrieb mir, die schöne Roman sei zu der Überzeugung gekommen, daß mein Horoskop niemals in Erfüllung gehen könne, wenn sie nicht nach Paris reise, und habe sich mit ihrer Tante nach der Hauptstadt begeben. Wie eigentümlich verband sich das Schicksal dieses reizenden Mädchens mit der Neigung, die ihre Schönheit mir eingeflößt hatte, und mit meiner Abneigung gegen die Ehe! Denn es hätte nur von mir abgehangen, die Schönste Frankreichs zu heiraten, und es ist nicht wahrscheinlich, daß sie dann die Geliebte Ludwigs des Fünfzehnten geworden wäre. Und welche Fügung, daß ich den sonderbaren Einfall hatte, in meinem Horoskope zu sagen, daß sie notwendig nach Paris gehen müsse! Denn selbst wenn die Astrologie eine Wissenschaft gewesen wäre, so beherrschte ich diese nicht. Ihr Schicksal wurde durch eine große Abgeschmacktheit bestimmt. Übrigens bietet die Geschichte ja sehr viele Beispiele von außerordentlichen Ereignissen, die niemals eingetreten wären, wenn sie nicht prophezeit gewesen wären! Wir sind, fast immer ohne unser Wissen, die Urheber unseres eigenen Geschickes, und die bedingenden Notwendigkeiten der Stoiker sind bloße Chimären; der Beweis für die Macht des Schicksals erscheint nur darum stark, weil er sophistisch ist; einem eindringenden Urteil und einer vorurteilsfreien Vernunft vermag er nicht standzuhalten. Cicero machte sich mit Recht über die Stoiker und die Fatalisten lustig; aber Cicero war ein Weiser, und dies sind wenige Menschen; selbst Sokrates war es nicht, als er dem Gott der Wohlschmeckerei einen Fasan zu opfern empfahl. Ein Mann, den Cicero zum Essen eingeladen hatte, der aber nicht kommen konnte, schrieb an den großen Römer: »Wenn ich nicht gekommen bin, so ist das ein Beweis, daß das Schicksal es nicht gewollt hat.« – Cicero antwortete ihm: »Wenn du hättest kommen wollen, wärest du gekommen; und dann wäre dies ein Beweis gewesen, daß das Schicksal es gewollt hätte.« Es sind nicht die lateinischen Worte, lieber Leser; aber ich glaube, wenn diese Römer in unserer Zeit gelebt hätten, würden sie sich so ausgedrückt haben. Wenn die Fatalisten ihres Systems wegen gezwungen sind, die Verkettung aller Ereignisse zu behaupten, so bleibt für die moralische Freiheit des Menschen durchaus nichts übrig: die Willensfreiheit wäre eine Abgeschmacktheit, und den Menschen könnte dann weder ein Lob wegen guter noch ein Tadel wegen schlechter Handlungen treffen. Ich für meine Person verwerfe das Dogma von der Schicksalsbestimmung, und wäre es auch nur aus Selbstbewußtsein; denn ich bin durchaus nicht geneigt, in mir nur eine Maschine zu sehen. Am Abend ging ich ins Theater, wo ich meine Corticelli in einem schönen Pelz fand. Die anderen Tänzerinnen betrachteten mich mit verächtlichen Mienen; denn sie sahen mit Verdruß, daß der Platz besetzt war; meine neue Favorite dagegen war stolz auf ihren neuen Erfolg und liebkoste mich mit einer triumphierenden Miene, die ihr zum Entzücken stand. Am Abend fand ich bei ihr ein gutes Nachtmahl und ein gutes Kohlenbecken nebst einer warmen Decke. Die Mutter zeigte mir alles, was ihre Tochter sich gekauft hatte, und beklagte sich, daß sie ihren Bruder nicht eingekleidet hätte. Ich machte sie ganz vergnügt, indem ich ihr ein paar Louis schenkte. Als wir im Bett lagen, fand ich meine Schöne weder verliebt noch hingerissen, aber sie war lustig und scherzhaft. Ich mußte über sie lachen, und da sie sonst in allen Dingen gefällig war, so war dies genug, um mich zu fesseln. Als ich fortging, schenkte ich ihr eine Uhr und versprach ihr, am nächsten Abend zum Essen zu kommen. Sie sollte ihren Pas de deux tanzen, und ich ging infolgedessen ins Theater; aber zu meiner großen Überraschung sah ich sie nur unter den Figurantinnen. Beim Essen war sie untröstlich. Sie sagte mir weinend, ich müsse sie wegen dieser Beschimpfung rächen; der Jude schiebe die Schuld auf den Schneider, aber er lüge. Um sie zu beruhigen, versprach ich ihr alles, und nachdem ich einige Stunden mit ihr verbracht hatte, ging ich mit dem festen Entschluß nach Hause, dem Juden ein böses Viertelstündlein zu bereiten. Ich schickte daher, sobald ich aufwachte, Costa zu ihm und ließ ihn bitten, bei mir vorzusprechen; der Flegel ließ mir jedoch nur antworten, er wisse, was ich von ihm wolle, aber er werde nicht kommen; wenn die Corticelli nicht in diesem Ballett tanzte, so würde sie in einem anderen tanzen. Ich war entrüstet; aber ich begriff, daß ich mich verstellen müßte, und lachte nur. Sein Urteil war indessen bereits gesprochen; denn ein Italiener verzichtet nicht auf die Rache, er weiß zu gut, daß sie ein Vergnügen der Götter ist. Nachdem ich Costa fortgeschickt hatte, rief ich Leduc, erzählte ihm die Geschichte und sagte ihm, ich wäre entehrt, wenn er mich nicht räche; nur er könnte mir die Genugtuung verschaffen, den Schelm durchzuprügeln, um ihn für sein freches Benehmen zu bestrafen. »Aber du begreifst, mein lieber Leduc, wie außerordentlich wichtig es ist, die Sache geheim zu halten.« »Ich bitte Sie nur um vierundzwanzig Stunden Zeit, gnädiger Herr; dann werde ich Ihnen eine bestimmte Antwort geben.« Ich wußte, was er damit sagen wollte, und war zufrieden. Am anderen Morgen sagte Leduc mir, er habe sich am vorhergehenden Tage nur damit beschäftigt, die Person des Juden und dessen Wohnung kennen zu lernen, ohne einen anderen Menschen danach zu fragen. »Heute werde ich ihn nicht aus den Augen verlieren; ich werde erfahren, um welche Stunde er nach Hause kommt, morgen sollen Sie weiteres hören.« »Sei vorsichtig und vertraue dich keinem Menschen an.« »Unbesorgt!« Am folgenden Tage sagte er mir: »Wenn der Jude zur selben Stunde und auf demselben Wege nach Hause geht, hat er heute Abend seine Prügel, bevor er sich ins Bett legt.« »Wen hast du für diese Unternehmung ausgesucht?« »Mich selber. Solche Sachen müssen geheim gehalten werden, und ein Geheimnis darf nicht mehr als zwei Menschen bekannt sein. Ich bin meiner Sache sicher; aber sobald Sie sicher sind, daß dem Esel die Haut gegerbt worden ist – was schaut dabei heraus?« »Fünfundzwanzig Zechinen.« »Famos! Sobald ich die Sache gemacht habe, hole ich meinen Überrock an dem Ort, wo ich ihn zurücklassen werde, und trete durch die Hintertür wieder ein, ohne daß ein Mensch mich sieht. Selbst Costa wird nötigenfalls mit gutem Gewissen schwören können, daß ich nicht ausgegangen sei und unmöglich den Juden verprügelt haben könne. Indessen werde ich für alle Fälle meine Taschenpistolen bei mir haben, und sollte man mich festnehmen wollen, so würde ich mich zu verteidigen wissen.« Am andern Morgen trat er mit ganz ruhigem Gesicht ein, während Costa mir meinen Schlafrock anzog; sobald wir aber allein waren, sagte er zu mir: »Die Sache ist abgemacht. Anstatt davonzulaufen, warf der Jude sich schreiend auf die Erde, sobald er den ersten Schlag erhalten hatte. Ich gerbte ihm die Haut; als ich aber Leute herbei eilen hörte, machte ich mich aus dem Staube. Ich weiß nicht, ob ich ihn totgeschlagen habe; jedenfalls habe ich ihm zwei kräftige Hiebe auf den Kopf versetzt. Sollte er tot sein, so würde mir das leid tun; denn dann könnte er sich nicht an den Tanz erinnern.« Ich konnte über diesen schlechten Witz nicht lachen, denn die Sache war ernst. Ich war bei Teresa zum Essen eingeladen. Außer mir waren noch der Abbate Gama da und Herr Sassi, ein sehr liebenswürdiger Mann, wenn man anders den Namen Mann einem Wesen beilegen darf, das durch eine Barbarei von der Menschheit getrennt worden ist. Er war der erste Kastrat an der Oper. Natürlich wurde über das Mißgeschick des Juden gesprochen. »Sein Unglück tut mir leid,« bemerkte ich, »obgleich er ein unanständiger Mensch ist.« »Mir tut er ganz und gar nicht leid,« sagte Sassi; »denn er ist ein Spitzbube. Ich wette, alle Welt wird sagen, daß ich ihn auf diese Weise getauft habe.« »Nein,« sagte der Abbate, »man sagt, Herr Casanova habe ihn mit Recht so behandeln lassen.« »Man wird wohl schwerlich die Wahrheit erraten,« versetzte ich, »denn der Schelm hat so viele anständige Leute geärgert, daß eine Tracht Prügel von dem einen oder dem anderen ihm nicht erspart bleiben konnte.« Schließlich kam das Gespräch auf andere Gegenstände, und wir speisten sehr heiter. Einige Tage darauf verließ der Jude das Bett, mit einem großen Pflaster auf der Nase. Obgleich man im allgemeinen mir die Tat zuschrieb, so sprach man doch schließlich nicht mehr davon, weil eben doch nur ein unbestimmter Verdacht vorlag. Nur die Corticelli sprach in dem Übermaß ihrer Freude und ihrer Unbesonnenheit überall, wie wenn sie sicher wäre, daß ich sie gerächt hätte; sie war wütend darüber, daß ich dies nicht zugeben wollte; wie man sich wohl denken kann, war ich zu vorsichtig, um dies zu tun; denn sie hätte mich durch ihre Unbesonnenheit an den Galgen bringen können. Ich unterhielt mich in Florenz so gut, daß ich nicht daran dachte, so bald wieder fortzugehen. Eines Tages überbrachte Vannini mir einen Brief, den jemand bei ihm für mich zurückgelassen hatte. Ich öffnete ihn in seiner Gegenwart und fand darin einen Wechsel von zweihundert Florentiner Talern auf Sasso Sassi. Vannini sah den Wechsel und sagte mir, er wäre gut. Ich ging in mein Zimmer, um den Brief zu lesen, und sah zu meiner Überraschung, daß er Charles Iwanoff unterzeichnet war. Er schrieb mir vom Gasthof zur Post in Pistoia und teilte mir mit, er befinde sich immer noch im Unglück und ohne Geld; er habe sich daher einem Engländer eröffnet, der von Florenz nach Lucca reise; dieser habe ihm großmütig zweihundert Taler geschenkt, indem er in seiner Gegenwart den Wechsel geschrieben habe, der an den Vorzeiger zahlbar sei. »Ich wage nicht,« fuhr er fort, »diesen Betrag in Florenz einzukassieren, weil ich befürchten müßte, dort wegen meiner unglückseligen Angelegenheit von Genua verhaftet zu werden. Ich bitte Sie daher, Mitleid mit mir zu haben, den Betrag einkassieren zu lassen und ihn mir nach Pistoia zu schicken, damit ich meinen Wirt bezahlen und abreisen kann.« Der Dienst, den der unglückliche Mensch von mir verlangte, war dem Anschein nach sehr einfach. Aber ich konnte mich bloßstellen. Denn es konnte nicht nur der Wechsel falsch sein, sondern auch im Falle des Gegenteils erklärte ich mich, wenn auch nicht für einen Freund, so doch zum mindesten für einen Korrespondenten eines Mannes, dessen Name und Beschreibung in den Zeitungen gestanden waren. In dieser Verlegenheit beschloß ich, ihm den Wechsel persönlich zurückzugeben. Ich begab mich allein nach der Post, nahm zwei Pferde und war bald vor dem Gasthof in Pistoia angelangt. Der Wirt selber führte mich in das Zimmer des Gauners und ließ mich dann mit diesem allein. Ich blieb höchstens drei Minuten und sagte ihm: »Der Bankier Sassi kennt mich; ich wünsche nicht, daß man glauben könnte, ich stünde in irgendwelchen Beziehungen zu Ihnen. Ich rate Ihnen, das Papier ihrem Wirt zu geben; dieser kann es Herrn Sassi vorlegen und Ihnen den Betrag überbringen.« Er antwortete mir: »Ich werde Ihren Rat befolgen.« Ich fühl nach Florenz zurück. Ich dachte schon nicht mehr an diese Geschichte, als ich am dritten Tage Herrn Sasso Sassi und den Wirt von Pistoia bei mir eintreten sah. Der Bankier zeigte mir den Wechsel und sagte, derjenige, der ihn mir gegeben, hätte mich betrogen; erstens trüge der Wechsel nicht die Unterschrift des Engländers, auf dessen Namen er lautete; zweitens aber, selbst wenn dies der Fall wäre, so hätte der Lord kein Guthaben bei ihm und könnte daher auch keinen Wechsel auf sein Haus ziehen. »Dieser Mann«, fuhr er fort, »hat den Wechsel diskontiert; der Russe ist abgereist. Als ich ihm erklärte, daß der Wechsel falsch sei, sagte er mir, er habe gewußt, daß Iwanoff den Wechsel von Ihnen habe, und da er Sie kenne, so habe er keinen Anstand genommen, ihm den Betrag sofort zu geben. Nun aber verlangt er, daß Sie ihm die zweihundert Taler wieder erstatten.« »Das ist ein wahnsinniges Verlangen!« Ich erzählte nun Herrn Sassi die Geschichte in allen Einzelheiten, zeigte ihm den Brief des Gauners und ließ den Doktor Vannini heraufkommen, der ihn mir überbracht hatte; dieser erklärte sich bereit, vor Gericht zu beschwören, daß er den Wechsel gesehen und geprüft und daß er ihn für gut gehalten habe. Der Bankier sagte nun dem Wirt von Pistoia, er habe unrecht, von mir zu verlangen, daß ich ihm das Geld ersetze; der Mann war jedoch hartnäckig und erlaubte sich, mir zu sagen, ich spiele mit dem Russen unter einer Decke, um ihn zu betrügen. Entrüstet lief ich nach meinem Stock; da jedoch der Bankier mich zurückhielt, so konnte der Unverschämte entfliehen, ohne Prügel zu bekommen. »Sie sind völlig im Recht,« sagte Herr Sassi; »aber Sie müssen nichts auf das geben, was der arme Teufel in seinem Zorn gesagt hat.« Er schüttelte mir die Hand und ging. Am nächsten Morgen schickte der Polizeivorsteher, den man Auditor nennt, mir einen Brief und bat mich, bei ihm vorzusprechen. Ich konnte keinen Augenblick zweifelhaft sein, was ich zu tun hatte; denn als Fremder mußte ich seiner Einladung folgen und diese als eine Vorladung betrachten. Er empfing mich sehr höflich, erklärte mir jedoch, ich müsse dem Wirt die zweihundert Taler ersetzen; denn dieser würde niemals diesen falschen Wechsel diskontiert haben, wenn er nicht gesehen hätte, daß der Wechsel von mir überbracht wurde. Ich antwortete ihm, er könne mich als Richter nur verurteilen, wenn er mich als Mitwirkenden an dem Gaunerstreich ansehe. Statt auf meinen berechtigten Einwand zu antworten, wiederholte er mir, ich müsse zahlen. »Herr Auditor, ich werde nicht bezahlen.« Er klingelte und machte mir eine Verbeugung. Ich ging hinaus und begab mich nach dem Hause des Bankiers, dem ich meine Unterredung mit dem Auditor erzählte. Er war sehr erstaunt darüber und begab sich auf meine Bitte zu dem Herrn, um ihm Vernunft beizubringen. Beim Abschied sagte ich ihm, ich würde bei Gama speisen. Ich erzählte dem Abbé, was mir zugestoßen war; er erhob ein großes Geschrei darüber und sagte: »Ich sehe voraus, der Auditor wird bei seiner Meinung bleiben; wenn es Herrn Sassi nicht gelingt, ihn davon abzubringen, so rate ich Ihnen, den Marschall Botta von allem in Kenntnis zu setzen.« »Ich glaube nicht, daß dies notwendig ist, denn schließlich kann der Auditor mich nicht zum Zahlen zwingen.« »Er kann Ihnen noch Schlimmeres antun.« »Nun, was kann er denn tun?« »Er kann Sie ausweisen.« »Wenn er diese Macht besitzt, so werde ich allerdings erstaunt sein, falls er unter solchen Umständen davon Gebrauch zu machen wagen sollte; aber lieber werde ich abreisen, als daß ich zahle. Gehen wir zum Marschall!« Es war vier Uhr, als wir in das Haus des Marschalls kamen, und wir fanden bei ihm den Bankier, der ihm bereits alles mitgeteilt hatte. »Zu meiner großen Beschämung muß ich Ihnen mitteilen,« sagte Herr Sassi zu mir, »daß der Auditor keine Vernunft annehmen will; wenn Sie in Florenz bleiben wollen, müssen Sie zahlen.« »Ich werde abreisen, sobald ich Befehl dazu erhalte; sobald ich in einer anderen Stadt bin, werde ich die Geschichte dieser schreienden Ungerechtigkeit drucken lassen.« »Der Urteilsspruch ist entsetzlich; er ist geradezu unglaublich!« rief der Marschall; »es tut mir wirklich leid, mich in diese Sache nicht einmischen zu können.« Nach einer kurzen Weile fuhr er fort: »Sie haben vollkommen recht, mein Herr, wenn Sie lieber abreisen als bezahlen.« Am anderen Morgen in aller Frühe brachte ein Polizeigefreiter mir einen Brief von dem Auditor; der parteiische Beamte teilte mir darin mit, da meine Angelegenheit nicht der Art sei, daß er mich zwingen könne, den Wechsel zu bezahlen, so sehe er sich gezwungen, mir anzuzeigen, daß ich Florenz in drei Tagen und Toskana in fünf zu verlassen hätte. Er gebe mir diesen Befehl kraft seines Amtes, das ihm zur Pflicht mache, die Staatspolizei zu überwachen; ich könne jedoch zurückkehren, sobald Seine Kaiserliche Hoheit der Großherzog, an den ich gegen das Urteil appellieren könne, seinen Spruch verworfen habe. Ich nahm ein Blatt Papier und schrieb darauf: »Ihr Befehl ist ungerecht, aber er wird buchstäblich ausgeführt werden.« Im selben Augenblick gab ich meine Befehle, um meine Koffer zu packen und alles für die Abreise zurecht zu machen. Die drei Tage der Gnadenfrist verbrachte ich bei Teresa; den dummen Brief des Auditors hatte ich immer bei mir in der Tasche. Ich besuchte auch den liebenswürdigen Ritter Man und verabredete mit der Corticelli, sie während der Fastenzeit abzuholen und einige Zeit mit ihr in Bologna zu verbringen. Abbate Gama wich mir während dieser drei Tage nicht von der Seite und zeigte sich als mein wahrer Freund. Es war überhaupt eine Art Triumph für mich, denn überall wurde ich bedauert, wurde der Auditor verwünscht. Der Marschall Botta schien mir seine volle Billigung aussprechen zu wollen, indem er mir zu Ehren am vorletzten Tage vor meiner Abreise ein prachtvolles Diner von dreißig Gedecken gab; ich traf bei dieser Gelegenheit die vornehmste Gesellschaft von Florenz. Es war eine zarte Aufmerksamkeit, die meinem Herzen sehr wohl tat. Den letzten Tag weihte ich meiner teuren Teresa, doch konnte ich leider keinen günstigen Augenblick finden, um sie um einen letzten Trost zu bitten, den sie mir unter den Umständen nicht verweigert haben und der mir noch jetzt eine liebe Erinnerung sein würde. Wir versprachen einander sehr oft zu schreiben und küßten uns zum Abschied mit einer Glut, daß dem Gatten wohl unbehaglich dabei werden mochte. Am nächsten Tage reiste ich ab; sechsunddreißig Stunden später war ich in Rom. Es war gerade Mitternacht, als ich durch die Porta del Popolo fuhr; denn man kann zu jeder Stunde in die Ewige Stadt hinein. Man führte mich sofort nach der Zollwache, die immer geöffnet ist, und durchsuchte meine Koffer. Streng ist man nur in bezug auf Bücher, wie wenn man den Einfluß der Aufklärung fürchtete. Ich besaß etwa dreißig Bände, die sich alle mehr oder weniger gegen die Religion oder die päpstliche Lehre oder gegen die von dieser gelehrten Tugenden richteten. Ich wußte dies und hatte mich bereits darauf gefaßt gemacht, sie zu opfern, ohne einen Widerstand zu versuchen; denn ich hatte Ruhe nötig. Der durchsuchende Beamte sagte mir jedoch sehr höflich, ich möchte sie zählen und ihm dalassen; er würde sie mir schon am nächsten Morgen in den Gasthof bringen, wo ich abstiege. Ich tat dies, und er hielt sein Wort; er war sehr zufrieden, als er zwei Zechinen sah, die ich ihm als Belohnung reichte. Ich stieg in der Stadt Paris an der Piazza di Spagna ab; dies war der beste Gasthof in Rom. Alle Leute lagen im Schlaf; als man mir endlich geöffnet hatte, bat man mich, in ein Zimmer im Erdgeschoß einzutreten und dort zu warten, bis man in dem für mich bestimmten Zimmer Feuer gemacht hätte. Auf allen Stühlen lagen Röcke, Unterröcke oder Hemden; während ich nach einem freien Platz suchte, hörte ich eine weibliche Stimme sagen, ich möchte mich auf das Bett setzen. Ich trat heran und sah einen lachenden Mund und zwei schwarze Augen, die wie zwei Karfunkel glänzten. »Was für schöne Augen!« sagte ich zu ihr; »erlauben Sie mir, sie zu küssen.« Anstatt zu antworten, verbarg sie ihren Kopf unter der Decke; sofort glitt meine unbescheidene Hand unter die Decke und berührte den Mittelpunkt; da ich sie jedoch völlig nackt fand, zog ich meine Hand zurück und bat sie wegen meiner Kühnheit um Entschuldigung. Sie machte ihren Kopf frei, und ich glaubte in ihren Blicken Dankbarkeit und Freude über meine Mäßigung zu lesen. »Wer sind Sie, mein schöner Engel?« »Ich bin Teresa, die Tochter des Wirtes, und dies hier ist meine Schwester.« Es lag noch ein anderes junges Mädchen neben ihr, aber ich hatte dieses nicht bemerkt, weil es den Kopf in die Kissen vergraben hatte. »Wie alt sind Sie?« »Bald siebzehn.« »Ich freue mich darauf, Sie morgen früh in meinem Zimmer zu sehen.« »Haben Sie Damen?« »Nein.« »Schade; wir gehen niemals zu Herren.« »Schieben Sie doch die Decke etwas weiter hinunter; sie hindert Sie ja am Sprechen.« »Es ist zu kalt.« »Reizende Teresa, Ihre schönen Augen entflammen mich!« Als sie bei diesen Worten ihren Kopf wieder zudeckte, wurde ich kühn und überzeugte mich, daß sie ein wahrer Engel zum Anbeißen war. Nach einigen etwas lebhaften Liebkosungen zog ich meine Hand zurück, indem ich fortwährend wegen meiner Kühnheit um Verzeihung bat; als sie die Decke wieder zurückgeschoben hatte, las ich in ihren Augen mehr Glück als Zorn, und ich faßte die Hoffnung, daß sie mir noch andere Gefälligkeiten gewähren würde. Ich wollte von neuem beginnen, denn ich stand in Flammen; in diesem Augenblick kam jedoch eine sehr schöne Magd und sagte mir, mein Zimmer sei bereit und das Feuer angezündet. »Leben Sie wohl! Auf Wiedersehen morgen!« sagte ich zu Teresa; sie antwortete mir nicht, sondern drehte sich um und schlief weiter. Nachdem ich mein Mittagessen auf ein Uhr bestellt hatte, ging ich zu Bett und schlief bis Mittag, von Teresa träumend. Als ich erwachte, meldete Costa mir, er habe das Haus meines Bruders ausfindig gemacht und meinen Brief dagelassen. Es war mein Bruder Giovanni Casanova, der damals etwa dreißig Jahre alt sein mochte und ein Schüler des berühmten Raphael Mengs war. Der Künstler hatte damals seine Pension verloren, weil der König von Polen wegen des Krieges in Warschau leben mußte; denn die Preußen hielten das ganze Kurfürstentum Sachsen besetzt. Ich hatte meinen Bruder seit zehn Jahren nicht gesehen und freute mich auf das Wiedersehen. Ich saß bei Tisch, als er kam, und wir umarmten uns mit herzlicher Freude. Nachdem wir eine Stunde lang uns unsere Abenteuer erzählt hatten, er seine kleinen und ich meine großen, sagte er mir, ich solle nicht im Gasthof bleiben, wo das Leben so teuer sei, sondern solle beim Ritter Mengs mich einquartieren; dieser habe eine leerstehende Wohnung, für die ich gar nichts zu bezahlen brauche. Außerdem wohne im Hause ein Garkoch, bei dem man sehr gut esse. »Lieber Freund,« antwortete ich ihm, »deine Ratschläge sind ausgezeichnet; aber ich habe nicht den Mut, sie zu befolgen, denn ich bin in die Wirtstochter verliebt.« Hierauf erzählte ich ihm die Geschichte der vorigen Nacht. »Das ist nur eine Liebelei!« rief er lachend. »Du kannst sie fortsetzen ohne hier zu wohnen.« Ich ließ mich überreden und versprach ihm, schon am nächsten Tage zu ihm zu ziehen; hierauf gingen wir aus, um uns Rom anzusehen. Ich hatte viele Erinnerungen mitgenommen, als ich die Stadt verließ, und ich wünschte sehnlichst die Bekanntschaft mit den meisten Personen zu erneuern, die in dem glücklichen Alter der Jugend meine Teilnahme erregt hatten, wo die Eindrücke so dauerhaft sind, weil mehr das Herz sie empfängt als der Geist; aber ich mußte auf viele Enttäuschungen gefaßt sein, denn zwischen meiner Abreise und meiner Rückkehr war eine lange Zeit verflossen. Ich eilte nach der Minerva, um Donna Cecilia aufzusuchen; sie weilte nicht mehr unter den Lebenden. Ich erkundigte mich nach der Wohnung ihrer Tochter Angelica und suchte diese auf; aber sie empfing mich schlecht und sagte, sie erinnere sich kaum noch, mich gekannt zu haben. »Als ich Sie sah,« antwortete ich ihr, »ging es mir beinahe wie Ihnen; denn Sie sind nicht mehr die Angelica von ehedem. Leben Sie wohl, Signora!« Die Jahre hatten eine Macht auf ihr Gesicht ausgeübt, die nicht zu ihrem Vorteil war. Nachdem ich erfahren hatte, wo der Sohn des Buchdruckers wohnte, der Barbaruccia geheiratet hatte, sparte ich mir das Vergnügen, sie zu sehen, für einen anderen Tag auf; ebenso auch das Wiedersehen mit dem ehrwürdigen Pater Georgi, der in Rom in hohem Ansehen stand. Gasparo Vivaldi hatte sich auf das Land zurückgezogen. Mein Bruder führte mich zu Signora Cherubini. Ich fand ein Haus von großem Ton, dessen Dame mich nach römischer Art empfing. Ich fand sie anziehend, und ihre Tochter noch mehr; aber es kam mir vor, als ob die Anbeter aller Art zu zahlreich seien. Überall herrschte ein Scheinluxus, der auf mich einen unangenehmen Eindruck machte; die Töchter, von denen die eine bildschön war, schienen mir zu höflich gegen alle Anwesenden zu sein. Man richtete eine interessante Frage an mich, auf die ich so antwortete, daß man eine zweite Frage hätte stellen müssen; ich sah mich in meiner Erwartung getäuscht, doch machte ich mir nicht viel daraus. Ich bemerkte, daß die Stellung der Person, die mich vorgestellt hatte, einen falschen Begriff von meiner Bedeutung gab. Als ich nun einen Abbate sagen hörte: »Es ist Casanovas Bruder«, wendete ich mich zu ihm mit den Worten: »Der Ausdruck ist nicht richtig; Sie hätten sagen müssen, Casanova sei mein Bruder.« »Das kommt auf dasselbe hinaus.« »Durchaus nicht, Herr Abbate.« Der Ton, worin ich diese Worte sprach, erregte Aufmerksamkeit, und ein anderer Abbate sagte: »Der Herr hat vollkommen recht; es kommt nicht auf dasselbe hinaus.« Der erste Abbate antwortete nicht. Derjenige, der meine Partei ergriffen hatte und mit dem ich mich von diesem Augenblick an befreundete, war der berühmte Winkelmann, der zwölf Jahre später so unglücklich in Triest ermordet wurde. Wählend ich mich mit ihm unterhielt, trat der Kardinal Alessandro Albani ein. Winkelmann stellte mich dieser fast blinden Eminenz vor; sie sprach viel mit mir, sagte mir aber nichts, was der Mühe wert gewesen wäre. Als er erfuhr, daß ich der Casanova sei, der aus den Bleikammern entflohen war, beging er die Dummheit, mir in einem wenig höflichen Ton zu sagen, er wäre erstaunt, daß ich die Kühnheit besäße, nach Rom zu kommen, wo auf Veranlassung der Venetianischen Staats-Inquisitoren ein Ordine Santissimo mich sofort zur Abreise nötigen würde. Ärgerlich über diese unpassende Bemerkung, antwortete ich ihm in würdevollem Ton: »Aus meinem Erscheinen in Rom dürfen Eure Eminenz nicht auf meine Kühnheit schließen, denn ich habe ja nichts zu befürchten; wohl aber würde ein Mensch von gesunder Vernunft über die Kühnheit der Inquisitoren erstaunt sein, wenn sie sich so weit vergessen sollten, einen Ordine Santissimo gegen mich zu beantragen; denn sie würden in großer Verlegenheit sein, wenn sie sagen sollten, wegen welchen Verbrechens sie mich niederträchtigerweise meiner Freiheit beraubt haben.« Diese etwas derbe Antwort brachte die Eminenz zum Schweigen. Er schämte sich, mich für einen Dummkopf gehalten zu haben und zu sehen, daß ich ihm den Dummkopf zurückgab. Wenige Augenblicke darauf verließ ich das Haus, das ich nicht wieder betreten habe. Abbate Winkelmann ging mit mir und meinem Bruder; er begleitete mich nach meinem Gasthof und erwies mir die Ehre, zum Abendessen zu bleiben. Winkelmann war der zweite Band des berühmten Abbé de Voisenon. Am nächsten Morgen holte er mich ab, und wir gingen in die Villa Albani, um den Ritter Mengs aufzusuchen, der damals dort wohnte, um ein Deckengemälde zu verfertigen. Mein Wirt Roland, der meinen Bruder kannte, machte mir eincn Besuch, als wir beim Abendessen saßen. Roland stammte aus Avignon und war ein Lebemann. Ich sagte ihm, ich müßte zu meinem Bedauern sein Haus verlassen und bei meinem Bruder wohnen, weil ich mich in seine Tochter Teresa verliebt hätte, obgleich ich mit ihr nur wenige Minuten gesprochen und weiter nichts als ihren Kopf gesehen hätte. »Ich wette. Sie haben sie im Bett gesehen.« »Ganz recht, und ich habe große Lust, ihre ganze Figur zu sehen. Wollen Sie sie in allen Ehren einen Augenblick kommen lassen?« »Recht gern!« Sie kam herauf, sehr erfreut, von ihrem Vater gerufen worden zu sein. Sie hatte eine schlanke und elegante Figur; ihre Karfunkelaugen waren stets der schönsten Wirkung sicher; ihre Gesichtszüge waren schön, ihr Mund außerordentlich anmutig. Im ganzen jedoch zerstörte sie den Eindruck, den sie in dem Halbdunkel auf mich hervorgebracht hatte, worin der Zufall sie meinen Augen zum erstenmal dargeboten hatte. Dagegen warf mein armer Bruder sein Auge auf sie und wurde ihr Sklave. Er heiratete sie im nächsten Jahr und nahm sie zwei Jahre später mit sich nach Dresden. Dort sah ich sie fünf Jahre später mit einem hübschen Püppchen; aber nach einer zehnjährigen Ehe starb sie an der Schwindsucht. Ich fand Mengs in der Villa Albani; er war in seiner Kunst unermüdlich und ein großes Original in seinem Beruf. Er nahm mich freundlich auf und sagte mir, er sei glücklich, mich in Rom in seiner Wohnung aufnehmen zu können; er hoffe in wenigen Tagen mit seiner ganzen Familie nach der Stadt zurückkehren zu können. Die Villa Albani setzte mich in Erstaunen. Kardinal Alessandro hatte dieses Haus erbauen lassen und hatte dazu, um seinen Geschmack an Altertümern zu befriedigen, nur antikes Material verwandt; denn nicht nur Statuen und Vasen, sondern auch Säulen und Piedestale waren griechisch – mit einem Wort, alles war griechisch. Er war selber ein feiner Grieche und ausgezeichneter Kenner und soll für dieses Meisterwerk, das seine Kunst geschaffen hat, verhältnismäßig sehr wenig Geld ausgegeben haben, übrigens kaufte er sehr häufig auf Kredit wie Damasippus, und so konnte man nicht sagen, daß er sich zugrunde richtete. Hätte ein Monarch diese Villa bauen lassen, so würde sie ihm fünfzig Millionen gekostet haben; aber der Kardinal wußte es viel billiger einzurichten. Da er sich keine antiken Wand- und Deckengemälde verschaffen konnte, mußte er sie sich wohl malen lassen, und Mengs war unbestritten der größte Maler und fleißigste Mensch seines Zeitalters. Es ist sehr bedauerlich, daß der Tod ihn mitten aus seiner Laufbahn hinweggerissen hat, denn er würde seiner Kunst noch eine Menge schöner Werke geschenkt haben. Mein Bruder hat niemals etwas hervorgebracht, um den Namen eines Schülers dieses großen Künstlers zu rechtfertigen. Wenn ich wieder zu meinen Erlebnissen in Spanien im Jahre siebzehnhundertundsechzig komme, werde ich mich ausführlich mit Mengs beschäftigen. Sobald ich mich bei meinem Bruder eingerichtet hatte, nahm ich einen Wagen, einen Kutscher und einen Bedienten, die ich in eine Phantasielivree kleiden ließ. Dann stellte ich mich dem Auditore della Ruota, Monsignore Cornaro, vor, um durch ihn Eingang in die hohe Gesellschaft zu finden. Er fürchtete jedoch sich in seiner Eigenschaft als Venetianer bloßzustellen und stellte mich dem Kardinal Passionei vor, der mit dem erhabenen Pontifex über mich sprach. Bevor ich jedoch hierüber berichte, muß ich meinen Lesern erzählen, was mir begegnete, als ich bei diesem seltsamen Kardinal, der ein großer Feind der Jesuiten, ein geistvoller Mann und ein ausgezeichneter Kenner der Literatur war, meinen zweiten Besuch machte. Zehntes Kapitel Kardinal Passionei. – Der Papst. – Mariuccia. – Ankunft in Neapel Kardinal Passionei empfing mich in einem großen Zimmer, wo er mit Schreiben beschäftigt war. Er bat mich, eine Minute zu warten, bis er fertig wäre; aber einen Stuhl zu nehmen, konnte er mich nicht auffordern, denn auf dem einzigen, der sich in dem ungeheuren Raum befand, saß er selber. Als er seine Feder hingelegt hatte, stand er auf, kam auf mich zu und sagte: »Ich werde den Papst benachrichtigen. Mein Kollege Cornaro hätte übrigens eine bessere Wahl treffen können; denn er weiß, daß der Papst mich nicht liebt.« »Er hat den Mann, der geachtet wird, dem Mann, der geliebt wird, vorgezogen.« »Ich weiß nicht, ob der Papst mich achtet; aber ich weiß, daß er weiß, daß ich ihn nicht achte. Ich habe ihn geliebt und geachtet, als er Kardinal war, und habe zu seiner Erwählung zum Papste beigetragen; aber seitdem er die Tiara hat, ist er ganz anders geworden; er hat sich als ein zu großer Coglione gezeigt.« »Das Konklave hätte Eure Eminenz wählen sollen.« »Durchaus nicht; denn bei meiner Unduldsamkeit gegen alles, was mir als Mißbrauch erscheint, würde ich ohne Rücksicht auf den Schuldigen dreingeschlagen haben; und Gott weiß, was für Folgen daraus entstanden wären. Der einzige Kardinal, der würdig war, Papst zu werden, war Tamburini. Aber es ist nun einmal geschehen. Ich höre Leute kommen; leben Sie wohl, kommen Sie morgen wieder.« Welches Vergnügen für mich, einen Kardinal den Papst Coglione (Tölpel) nennen zu hören und ihn für Tamburini eintreten zu sehen! Ich bewahrte diese Anekdote sofort in meinem Tagebuch auf; ein so kostbarer Bissen durfte nicht verschmäht werden. Aber wer war denn dieser Tamburini? Ich hatte niemals von ihm gehört. Ich fragte Winkelmann danach, als er zu mir zum Abendessen kam. Der Philosoph antwortete mir: »Tamburini ist ein Mann, der durch seine Tugenden, seinen Charakter, seine Festigkeit und seinen hellsehenden Geist achtungswert ist. Er hat aus seinen feindseligen Gefühlen gegen die Jesuiten niemals ein Hehl gemacht; er nennt sie die Väter des Betruges, der Ränke und der Lüge. Darum eben singt Passionei sein Lob. Ich glaube wie er, daß Tamburini ein großer und ein würdiger Papst sein würde.« Ich will bei dieser Gelegenheit vorgreifend berichten, was ich neun Jahre später beim Fürsten Santa Croce in Rom einen blindlings ergebenen Anhänger der Jesuiten sagen hörte. Kardinal Tamburini lag im Sterben; im Gespräch darüber sagte jemand: »Dieser Benediktinerkardinal ist ein Frevler an Gott; er liegt auf dem Totenbett und hat die heilige Wegzehrung verlangt, ohne sich vorher durch die Beichte zu reinigen.« Ich sagte kein Wort; da ich aber gerne wissen wollte, was daran war, so erkundigte ich mich gleich am nächsten Morgen bei einem, der die Wahrheit wissen mußte und keinen Grund haben konnte, sie mir zu verschweigen. Er sagte mir, der Kardinal habe erst vor drei Tagen Messe gelesen, und wenn er keinen Beichtvater gerufen habe, so sei dies ohne Zweifel unterblieben, weil er ihm nichts zu sagen gehabt habe. Wehe denen, die die Wahrheit lieben und ihr nicht bis an die Quelle nachzugehen wissen! Der Leser verzeihe mir eine Abschweifung, die nicht ohne ein gewisses Interesse ist. Am nächsten Morgen ging ich also zum Kardinal Passionei, der mich mit den Worten empfing, es sei recht von mir, daß ich so früh gekommen sei, um ihm die Geschichte meiner Flucht aus den Bleikammern zu erzählen, von der er mit Bewunderung habe sprechen hören. »Monsignore, ich bin bereit, Eure Eminenz zufriedenzustellen; aber die Geschichte ist lang.« »Um so besser; denn man hat mir gesagt, Sie erzählen gut.« »Aber, Euer Gnaden, soll ich mich auf den Fußboden setzen?« »O nein, dazu ist Ihr Anzug zu schön.« Er klingelte und sagte einem Kammerherrn, er möchte einen Stuhl besorgen. Ein Bedienter brachte einen Schemel. Ein Sitz ohne Rücken- und Armlehnen! Der Anblick machte mich verdrießlich; ich erzählte schnell und schlecht, und in einer Viertelstunde war ich mit allem fertig. »Ich schreibe besser, als Sie sprechen,« sagte der Kardinal. »Monsignore, ich spreche nur gut, wenn ich mich behaglich fühle.« »Aber Sie tun sich doch meinetwegen keinen Zwang an?« »Nein, gnädiger Herr, wegen eines Menschen, zumal wegen eines Weisen, tue ich das niemals; aber Ihr Schemel ...« »Sie lieben Ihre Bequemlichkeit?« »Über alles.« »Sehen Sie, dies ist meine Leichenrede auf den Prinzen Eugen. Ich schenke sie Ihnen. Ich hoffe, Sie werden meinen lateinischen Stil nicht schlecht finden. Sie können morgen um zehn Uhr dem Heiligen Vater den Pantoffel küssen.« In meiner Wohnung angekommen, dachte ich über den Charakter dieses sonderbaren Kardinals nach. Ich erkannte in ihm einen geistvollen, hochmütigen, eitlen und schwatzhaften Mann und beschloß, ihm ein schönes Geschenk zu machen. Es war der Band Pandectorum liber unicus , den Herr von F. mir in Bern geschenkt hatte und mit welchem ich nichts anzufangen wußte. Es war ein Folioband auf schönem Papier gut gedruckt, herrlich gebunden und ausgezeichnet erhalten. Als Großbibliothekar des Vatikans mußte er dies Geschenk kostbar finden, um so mehr, da er eine reiche Privatbücherei besaß, die von meinem Freunde, dem Abbate Winkelmann, verwaltet wurde. Ich schrieb demgemäß einen kurzen lateinischen Brief und sandte diesen an Winkelmann, den ich beauftragte, meine Gabe Seiner Eminenz darzubieten. Mich dünkte, dieses seltene Werk sei wohl so viel wert wie seine Leichenrede, und ich hoffte, daß er mir ein anderes Mal nicht nur die Ehren des Schemels würde zuteil werden lassen. Am nächsten Morgen begab ich mich zur festgesetzten Stunde nach »Monte Cavallo.« Eigentlich müßte man »Monte Cavalli« sagen, denn der Name stammt von den beiden schönen Rossen, die den Platz vor dem Portal des päpstlichen Palastes schmücken. Um mich dem Heiligen Vater vorzustellen, hatte ich mich durch niemanden anmelden zu lassen nötig gehabt; denn jeder Christ kann sich vorstellen, sobald er die Tür offen sieht. Übrigens hatte ich Seine Heiligkeit in Padua gekannt, als sie den dortigen Bischofssitz einnahm; aber es lag mir an der Ehre, durch einen Kardinal angemeldet zu verden. Nachdem ich vor dem Oberhaupt der Gläubigen eine Verbeugung gemacht und das auf den heiligen Pantoffel gestickte heilige Kreuz geküßt hatte, sagte der Papst zu mir, indem er seine Rechte auf meine linke Schulter legte, er erinnere sich, daß ich in Padua stets die Kirche verlassen, sobald er den Rosenkranz angestimmt habe. »Allerheiligster Vater, ich habe mir viel größere Sünden vorzuwerfen; darum habe ich mich vor Ihren heiligen Füßen niedergeworfen, um Vergebung zu erlangen.« Er gab mir hierauf seinen Segen – eine sehr gangbare Münze in Rom – und fragte mich sehr freundlich, welche Gnade er mir erweisen könne. »Ihre heilige Fürsprache, um mit sicherem Geleit nach Venedig zurückkehren zu können.« »Wir werden mit dem Botschafter sprechen und Ihnen dann Antwort geben. Gehen Sie oft zum Kardinal Passionei?« »Ich bin dreimal bei ihm gewesen. Er hat mir seine Leichenrede auf den Prinzen Eugen geschenkt. Um ihm meine Erkenntlichkeit zu zeigen, habe ich ihm den Pandektenband gesandt.« »Hat er ihn angenommen?« »Ich glaube: ja, Allerheiligster Vater.« »Wenn er ihn angenommen hat, wird er Winkelmann zu Ihnen schicken, um ihn zu bezahlen.« »Damit würde er mich als Büchertrödler behandeln; Bezahlung werde ich nicht annehmen.« »Dann wird er Ihnen den Kodex zurückschicken. Davon sind wir überzeugt, denn es ist seine Gewohnheit.« »Wenn Seine Eminenz den Kodex zurückschickt, sende ich ihm seine Leichenrede zurück.« über diese Antwort lachte der Papst so, daß er sich schüttelte. »Es wird uns angenehm sein, den Ausgang dieser Geschichte zu hören, ohne daß die Welt etwas von unserer unschuldigen Neugier hört.« Nach diesen Worten zeigte ein salbungsvoller Segen mir an, daß meine Audienz beendigt sei. Als ich den Palast Seiner Heiligkeit verließ, wurde ich von einem alten Abbate angeredet, der mich mit großer Ehrfurcht grüßte und mich fragte, ob ich nicht der Herr Casanova sei, der die glückliche Flucht aus den Bleikammern bewerkstelligt habe. »Allerdings; der bin ich.« »Ei, liebster Herr! Der Himmel sei gepriesen, daß ich Sie in so gutem Zustande wiedersehe.« »Aber mit wem habe ich denn die Ehre zu sprechen.« »Was? Sie erkennen mich nicht wieder? Ich bin der frühere Barkarole Momolo von Venedig.« »Sie sind also Priester geworden!« »O nein, gewiß nicht! Hier in Rom ist aber die Sutane die Allerweltsuniform. Ich bin erster Scopatore unseres Heiligen Vaters, des Papstes.« »Ich wünsche Ihnen Glück dazu. Aber nehmen Sie mir's nicht übel, wenn Sie mich lachen sehen.« »O, lachen Sie nur! Lachen Sie nur! Meine Frau und meine Töchter lachen auch, so oft sie mich mit Sutane und Bäffchen sehen, und ich lache selber darüber; aber hier setzt einen dieses Kleid in Achtung. Besuchen Sie uns doch mal!« »Wo wohnen Sie?« »Hinter der Trinità de' Monti; hier meine Adresse!« »Ich werde heute Abend das Vergnügen haben.« Hocherfreut über dies Zusammentreffen ging ich nach Hause; es war mir ein Fest, den Abend in einer venetianischen Barkarolenfamilie verbringen zu können. Ich lud meinen Bruder ein, mich zu begleiten, und erzählte ihm von dem Empfang, den ich beim Papst gefunden hatte. Am Nachmittag kam Winkelmann und sagte mir, ich habe das Glück, bei seinem Kardinal in höchster Gunst zu stehen, denn der ihm von mir gesandte Kodex sei ein sehr kostbares Buch; er sei sehr selten und mein Exemplar sei besser erhalten als das in der Vatikanischen Bücherei befindliche. Er sei beauftragt, es mir zu bezahlen. »Ich habe Seiner Eminenz geschrieben, daß ich es ihm schenke.« »Er nimmt keine Bücher als Geschenk an, denn er wünscht Ihren Kodex für seine Privatbücherei, und da er Bibliothekar der Vatikanischen ist, so fürchtet er die Verleumdung.« »Das ist ganz schön und gut, aber ich bin kein Büchertrödler, und dieses Buch hat mir weiter nichts gekostet, als die Mühe, es anzunehmen; ich kann es nur zu demselben Preis weitergeben. Sagen Sie bitte dem Kardinal, daß er mir eine Ehre erweisen wird, indem er es annimmt.« »Er wird es Ihnen zurückschicken.« »Das steht ihm frei, aber dann werde ich ihm seine Leichenrede zurückschicken, denn ich wünsche kein Geschenk von jemandem, der ein Geschenk von mir zurückweist.« So kam es auch wirklich. Am anderen Tage schickte der schnurrige Kardinal mir meinen Kodex zurück, und ich sandte ihm im selben Augenblick seine Leichenrede wieder; obgleich ich sie kaum flüchtig durchgeblättert hatte, schrieb ich ihm, ich hätte in ihr ein Meisterwerk gefunden. Mein Bruder tadelte mich; aber ich ließ ihn reden, da ich durchaus keine Lust hatte, mich nach seinen irrigen Ansichten zu richten. Am Abend begab ich mich also mit meinem Bruder zum » Scopatore Santissimo «, der schon auf mich wartete und mich seiner Familie als einen Wundermann angekündigt hatte. Nachdem ich ihm meinen Bruder vorgestellt hatte, sah ich mir alle Anwesenden an. Ich sah eine alte Frau, vier Mädchen, von denen die älteste vierundzwanzig Jahre alt war, und zwei kleine Knaben. Alle waren häßlich; dies war nicht einladend für einen wollüstigen Menschen, aber ich war einmal da, und so mußte ich höflich sein und, wie man sagt, gute Miene zum bösen Spiel machen; ich blieb und lachte. Abgesehen von der Häßlichkeit ihrer Mitglieder bot diese brave Familie auch noch ein Bild der Armut dar, denn der Scopatore Santissimo mußte mit seiner zahlreichen Familie von zweihundert römischen Talern im Jahre leben, und da der apostolische Kehricht nicht denselben Wert hat wie die Darmentleerungen des Dalai Lama, so mußte er mit dieser geringen Summe alle Bedürfnisse bestreiten. Trotzdem war der brave Mann außerordentlich herzlich; sobald er mich sitzen sah, sagte er, er werde mir ein Abendessen geben, aber er habe nur eine Polenta und frische Schweinsrippchen. »Das ist ein köstliches Essen,« antwortete ich ihm; »aber erlauben Sie, daß ich aus meiner Wohnung sechs Fiaschi Orvietowein holen lasse?« »Sie haben hier zu befehlen.« Ich schrieb an Costa einen Zettel und befahl ihm, mir sofort die sechs Flaschen und einen gekochten Schinken zu bringen. Eine halbe Stunde darauf kam er mit dem Lohndiener, der den Korb trug, und bei seinem Anblick riefen die vier Mädchen: »Ei, das ist ein hübscher Junge!« Da ich sah, daß Costa von diesem Empfang entzückt war, sagte ich Momolo: »Wenn er Ihnen so gut gefällt wie Ihren Töchtern, will ich ihm erlauben, zu bleiben.« Costa war hocherfreut über soviel Ehre, bedankte sich und ging in die Küche, um der Mutter bei der Zubereitung der Polenta zu helfen. Ein großer Tisch wurde mit einem sehr sauberen Tuch gedeckt; und darauf wurden zwei riesige Schüsseln Polenta und eine ebenso große Pfanne mit Schweinsrippchen aufgesetzt. Wir wollten uns gerade über die Speisen hermachen, als an der Straßentür geklopft wurde. »Es ist Signora Maria mit ihrer Mutter,« sagte der Junge. Bei dieser Ankündigung sah ich Momolos vier Töchter Gesichter schneiden. »Wer hat sie gerufen?« sagte die eine; »Was wollen sie hier?« die andere; »Die Zudringlichen!« rief die Dritte; »Sie konnten wohl auch zu Hause bleiben!« bemerkte die vierte. »Liebe Kinder,« sagte der brave Vater, »sie haben Hunger und werden mit uns teilen, was die Vorsehung uns beschert hat.« Dieser großmütige Ausspruch des guten Mannes rührte mich. Ich sah, daß die wahre christliche Liebe öfter im Herzen des Armen zu finden ist als bei demjenigen, den das Glück mit seinen Gaben überschüttet und den es gleichgültig gegen die Leiden des Nächsten macht, indem es ihm alles gibt, was sein Herz begehrt. Während ich diesen Betrachtungen nachhing, die der Seele so unendlich wohltun, sah ich die beiden Hungrigen eintreten. Die eine war ein hübsches junges Mädchen von bescheidener und anmutiger Miene; ihre Mutter war ebenfalls bescheiden und schien sich ihrer Armut zu schämen. Die Tochter grüßte mit jener natürlichen Anmut, die ein Gottesgeschenk ist, und entschuldigte sich, indem sie schüchtern und verlegen sagte, sie würde sich nicht die Freiheit genommen haben, zu ihnen zu kommen, wenn sie hätte ahnen können, daß Fremde da seien. Nur der gute Momolo antwortete auf ihr Kompliment, indem er im herzlichen Tone zu ihr sagte, es wäre sehr nett von ihr, daß sie gekommen wäre; mit diesen Worten schob er zwischen meinen Bruder und mich einen Stuhl für sie ein. Ich sah sie näher an und fand in ihr eine vollendete Schönheit. Man begann zu essen und sprach nicht mehr. Die Polenta war ausgezeichnet, die Schweinsrippchen köstlich, der Schinken tadellos; in weniger als einer Stunde war der Tisch geräumt, wie wenn gar nichts darauf gewesen wäre, aber beim Orvieto blieb die Gesellschaft fröhlich beisammen. Es wurde von der Lotterieziehung gesprochen, die zwei Tage darauf stattfinden sollte, und alle Mädchen nannten die Nummer, auf die sie einige Bajocchi gesetzt hatten. »Wenn ich nur einer einzigen Nummer sicher sein könnte,« sagte ich zu ihnen, »so würde ich mich freuen.« Die junge Mariuccia sagte mir, wenn ich an einer einzigen Nummer genug hätte, so könnte sie mir diese nennen. Ich lachte über ihr Anerbieten; sie aber nannte mir mit dem ernstesten Gesicht Nummer siebenundzwanzig. »Kann man noch spielen?« fragte ich den Abbate Momolo. »Es wird erst um Mitternacht geschlossen, und wenn Sie wollen, werde ich die Nummer für Sie holen.« »Hier haben Sie vierzig Taler; setzen Sie zwanzig auf Nummer siebenundzwanzig Auszug; ich schenke diese den fünf jungen Damen; die anderen zwanzig Taler setzen Sie auf dieselbe Nummer und ebenfalls auf Auszug, aber auf die fünfte Stelle; diese behalte ich für mich.« Er ging augenblicklich fort und kam bald mit den beiden Losen wieder. Meine hübsche Nachbarin dankte mir und sagte, sie sei vollkommen sicher, daß sie gewinnen werde; aber an meinem Lose zweifle sie, denn es sei nicht wahrscheinlich, daß die Siebenundzwanzig als fünfte Nummer herauskomme. »Ich aber bin dessen sicher,« antwortete ich ihr, »denn Sie sind das fünfte Mädchen, das ich in diesem Hause gesehen habe.« Über diese Bemerkung lachte die ganze Gesellschaft laut auf. Mutter Momolo sagte mir, ich hätte das Geld lieber den Armen geben sollen; ihr Mann aber hieß sie schweigen; sie wisse nicht, was für einen klugen Kopf ich hätte. Mein Bruder lachte, sagte mir aber auch, ich hätte eine Dummheit gemacht. »Ich mache gern einmal eine Dummheit,« antwortete ich ihm, »übrigens werden wir ja sehen: ich habe gespielt, und wenn man spielt, gewinnt oder verliert man.« Bei diesen Worten drückte ich meiner schönen Nachbarin unbemerkt die Hand, und sie gab mir den Druck mit aller Kraft zurück. Mir war sofort klar, wie es zwischen Mariuccia und mir kommen würde. Gegen Mitternacht verließ ich die Gesellschaft, indem ich den guten Momolo bat, am übernächsten Tage wieder ein solches Abendessen zu veranstalten, damit wir uns über den Lotteriegewinn freuen könnten, den wir machen würden. Auf dem Heimwege sagte mein Bruder zu mir: wenn ich nicht ein Krösus geworden wäre, müßte ich verrückt sein. Ich antwortete ihm, ich sei weder das eine noch das andere, aber Mariuccia sei schön wie ein Engel. Dies gab er zu. Am nächsten Tage kam Mengs nach Rom zurück, und ich speiste in seiner Familie. Er hatte eine Schwester, die sehr häßlich, aber gut und talentvoll war; sie hatte sich leidenschaftlich in meinen Bruder verliebt, und man konnte leicht merken, daß ihre Flamme nicht erloschen war; aber wenn sie mit ihm sprach – und das tat sie so oft, wie die Gelegenheit sich bot, – sah Giovanni sie nicht an. Sie war eine ausgezeichnete Miniaturmalerin, die ganz besonders glücklich die Ähnlichkeit zu treffen wußte. Ich glaube, sie lebt noch jetzt in Rom mit ihrem Gatten, einem gewissen Maroni. Sie sprach mit mir oft über meinen Bruder, dessen Abneigung sie kannte, und sagte mir eines Tages, er würde sie nicht mißachten, wenn er nicht der undankbarste aller Menschen wäre. Ich war nicht neugierig, zu erfahren, welche Anrechte auf seine Dankbarkeit sie besaß. Die Gattin von Mengs war hübsch, anständig, ihren Pflichten treu ergeben, eine gute Mutter und ihrem Manne sehr ergeben, obwohl sie ihn schwerlich lieben konnte, denn er war nichts weniger als liebenswürdig. Er war eigensinnig und grausam, und wenn er zu Hause speiste, stand er nie vom Tische auf, ohne betrunken zu sein; außer dem Hause war er mäßig, da er nur Wasser trank. Seine Frau trieb die Selbstüberwindung so weit, daß sie ihm für alle nackten Frauenkörper als Modell diente. Als ich eines Tages mit ihr darüber sprach, wie peinlich es ihr sein müsse, eine so unangenehme Aufgabe zu erfüllen, sagte sie zu mir, ihr Beichtvater habe dies von ihr verlangt; er habe zu ihr gesagt: »Wenn Ihr Mann ein anderes Weib zum Modell nimmt, wird er mit ihr fleischlich verkehren, ehe er sie malt, und diese Sünde werden Sie sich vorzuwerfen haben.« Nach dem Abendessen schoß Winkelmann, der wie alle anderen männlichen Gäste betrunken war, mit Mengs Kindern Purzelbäume. Der gelehrte Philosoph hatte nichts Pedantisches an sich; er liebte Kinder und Jugend, und sein heiteres Gemüt ließ ihn Freude an allen Vergnügen finden. Als ich am nächsten Tage zum Papst ging, um diesem meine Aufwartung zu machen, sah ich Momolo im ersten Vorzimmer; ich verfehlte nicht, ihn an die Polenta für den Abend zu erinnern. Der Heilige Vater sagte bei meinem Anblick: »Der venetianische Gesandte hat uns gesagt, Sie müssen sich dem Sekretär des Tribunals vorstellen, wenn Sie gern in Ihr Vaterland zurückkehren wollen.« »Allerheiligster Vater, ich bin vollkommen bereit, diesen Schritt zu tun, wenn Eure Heiligkeit mir einen eigenhändigen Empfehlungbrief geben wollen. Ohne diese schützende Ägide werde ich mich niemals der Gefahr aussetzen, wieder an einen Ort gebracht zu werden, aus welchem mich sichtlich Gottes Hand durch ein Wunder befreit hat.« »Sie tragen ein sehr reiches Kleid, das Sie gewiß nicht in der Absicht angezogen haben, um zu Gott zu beten.« »Allerdings nicht, Allerheiligster Vater; doch auch nicht in der Absicht, auf den Ball zu gehen.« »Wir kennen die ganze Geschichte von der Rücksendung der Geschenke. Gestehen Sie, Sie haben es getan, um Ihrem Stolz zu schmeicheln.« »Ja, aber indem ich einen größeren Stolz demütigte.« Als ich den Papst über meine Antwort lachen sah, beugte ich ein Knie zur Erde und bat ihn, mir zu gestatten, daß ich meine Pandekten der Vatikanischen Bibliothek schenken dürfe. Statt einer Antwort empfing ich einen Segen, was in der päpstlichen Sprache bedeutet: Stehen Sie auf, die Gnade ist bewilligt. »Wir werden Ihnen,« sagte er zu mir, »die Zeichen ›unseres ganz besonderen Wohlwollens‹ zusenden, ohne daß Sie nötig haben, die Einschreibgebühren an die Kammer zu zahlen.« Ein zweiter Segen hieß mich gehen. Ich habe oft gewünscht, daß diese Sprache überall angewandt werden könnte, um Zudringliche los zu werden, von denen wir belästigt werden und denen man nicht zu sagen wagt: Gehen Sie! Ich war sehr neugierig, welcher Art die Zeichen ›des besonderen Wohlwollens‹ sein würden, von denen der Papst gesprochen hatte; ich fürchtete, sie würden sich nach dem gewöhnlichen Brauch auf einen geweihten Rosenkranz beschränken, mit welchem ich nichts hätte anfangen können. Sobald ich zu Hause war, schickte ich durch Costa meinen Kodex nach dem Vatikan; hierauf ging ich zu Mengs zum Mittagessen. Als wir bei der Suppe waren, wurden die Nummern der Lotterie gebracht. Mein Bruder warf einen Blick darauf und sah mich voll Erstaunen an. Ich dachte in diesem Augenblick an etwas anderes, und sein erstauntes Gesicht überraschte mich. »Die Siebenundzwanzig«, rief er, »ist als fünfte Zahl herausgekommen!« »Um so besser; da werden wir lachen.« Als Mengs die Geschichte gehört hatte, sagte er: »Es ist eine glückliche Dummheit, aber eine Dummheit bleibt es.« Er hatte recht, und ich gab dies zu. »Aber,« sagte ich, »um einen würdigen Gebrauch von den fünfzehnhundert römischen Talern zu machen, die dieser Zufall mir verschafft hat, werde ich auf vierzehn Tage nach Neapel fahren.« »Ich mache die Reise mit,« rief der Abbate Alfani, »und werde mich für Ihren Sekretär ausgeben.« »Sehr angenehm, halten Sie nur Wort.« Ich lud Winkelmann ein, beim Abbate Scopatore Santissimo die Polenta zu essen, und beauftragte meinen Bruder, ihn hinzuführen; hierauf machte ich meinem Bankier, dem Marchese Belloni, einen Besuch, um meine Rechnung in Ordnung zu bringen und einen Kreditbrief auf seinen Geschäftsfreund in Neapel zu nehmen. Ich besaß noch zweihunderttausend Franken, hatte Juwelen für dreißigtausend und fünfzigtausend Gulden in Amsterdam. In der Dämmerung kam ich bei Momolo an und fand dort Winkelmann und meinen Bruder schon vor; aber anstatt die Familie fröhlich zu sehen, fand ich lauter traurige Gesichter. »Was haben denn Ihre Töchter?« fragte ich Momolo. »Sie sind ärgerlich, daß Sie nicht auch für sie auf den bestimmten Auszug gesetzt haben, wie für sich selber.« »Man ist niemals zufrieden. Hätte ich auch für sie wie für mich gespielt, und wäre die Nummer nicht als fünfte, sondern als erste Zahl herausgekommen, so hätten sie nichts gewonnen und würden sich geärgert haben. Vor zwei Tagen hatten sie keinen Soldo, und jetzt hat jede von ihnen fünfzig Taler; da müssen sie doch sehr zufrieden sein.« »Das sage ich ihnen auch; aber die Weiber sind nun mal so.« »Die Männer auch, mein lieber Landsmann, wenn sie nicht vernünftig sind. Geld macht nicht glücklich, und Fröhlichkeit wohnt nur in sorglosen Herzen. Sprechen wir nicht mehr davon und laßt uns lustig sein!« Costa stellte einen Korb mit zehn Düten voll Zuckerwerk auf den Tisch. »Ich werde sie austeilen,« sagte ich, »wenn die ganze Gesellschaft bei Tisch ist.« Da sagte mir Momolos zweite Tochter, Mariuccia und ihre Mutter würden nicht kommen, aber sie würde ihnen die beiden Düten hinbringen. »Warum werden sie denn nicht kommen?« »Sie haben gestern einen Streit gehabt!« sagte der Vater, »und Mariuccia, die im Grunde recht hat, ist fortgegangen und hat gesagt, sie würde nicht wiederkommen.« »Wie undankbar!« sagte ich mit sanftem Vorwurf zu den Töchtern meines Wirtes; »bedenken Sie, daß nur sie Ihnen Glück gebracht hat; denn sie hat mir die Nummer siebenundzwanzig gegeben, an die ich niemals gedacht haben würde. Kurz und gut, sehen Sie zu, daß sie wiederkommt; sonst geh ich fort und nehme die zehn Düten mit.« »Daran tun Sie vollkommen recht!« sagte Momolo. Die Mädchen machten gekränkte Mienen, sahen einander an und baten dann ihren Vater, er möchte sie holen. »Nein,« antwortete dieser ihnen; »das schickt sich nicht; ihr seid schuld, daß sie nicht mehr kommen will, und darum müßt ihr für die Versöhnung sorgen.« Sie berieten sich einen Augenblick; dann baten sie Costa, sie zu begleiten und gingen zu Mariuccia. Eine halbe Stunde später kamen sie triumphierend zurück, Costa strahlte vor Stolz, daß seine Vermittlung die Aussöhnung der jungen Mädchen zustande gebracht hatte. Ich teilte die Zuckerdüten aus, und die schöne Maria bekam die beiden besten. Die edle Polenta erschien auf dem Tisch, von zwei großen Schüsseln mit Schweinsrippchen begleitet. Aber Momolo, der meinen Geschmack kannte und den ich durch seine Töchter reich gemacht hatte, fügte noch einige Schüsseln mit feinen Speisen und mehrere Fiaschi ausgezeichneten Weines hinzu. Mariuccia war einfach gekleidet, aber ihre Schönheit machte den Anzug elegant, und ihr Benehmen war ausgezeichnet; sie verführte mich. Ich hatte ihr meine Leidenschaft nur dadurch zu erkennen gegeben, daß ich ihr die Hand drückte, und sie konnte mir nur in derselben Sprache antworten; aber diese war so ausdrucksvoll, daß ich nicht an ihrer Liebe zweifeln konnte. Als wir uns entfernten, richtete ich es so ein, daß ich mit ihr die Treppe herunterging; ich fragte sie, ob ich sie irgendwo sprechen könnte, und sie bestellte mich für den nächsten Tag auf acht Uhr nach der Trinità de' Monti. Mariuccia war groß, von eleganter und anmutiger Haltung, zum malen schön, weiß wie ein blasses Rosenblatt, und ihre Weiße, die durch die dunklen Adern noch gehoben wurde, gab ihrer Haut jenen Reiz, der zur Wollust stimmt. Ihre blonden Haare waren von seltener Schönheit, und über ihren dunkelblauen, fast schwarzen Augen wölbten sich zwei Bogen von vollkommener Regelmäßigkeit. Niemals ist ein so regelmäßiger Mund von zwei röteren Lippen eingefaßt, noch mit einem schöneren Gebiß geziert gewesen. Ihre hohe und herrlich gerundete Stirn gab ihr ein majestätisches Aussehen, das die Vollendung des Ganzen noch erhöhte. Ihr sanftes und liebenswürdiges Lächeln stand in harmonischem Einklang mit ihren funkensprühenden großen Augen; eine weiße, fleischige Hand, fein gerundete Finger, rosige Nägel, ein von den Grazien geformter Busen, den ein neidisches Mieder nur mit Mühe gefangen hielt, ein außerordentlich kleiner Fuß und starke Hüften – dies alles machte Mariuccia zu einer Schönheit, die des Meißels eines Praxiteles würdig war. Das junge Mädchen war noch nicht achtzehn Jahre alt, und obgleich sie in Rom wohnte, war sie doch bis dahin den Blicken der Kenner entgangen. Der glücklichste Zufall führte sie mir in einer der abgelegensten Straßen zu, wo sie arm und unbekannt lebte, und mir war das Glück beschieden, sie glücklich zu machen. Wie man sich denken kann, erschien ich pünktlich zum Stelldichein, sie verließ die Kirche, sobald sie sicher war, daß ich sie gesehen hatte. Ich folgte ihr von ferne, bis ich sie in ein großes verfallenes Gebäude eintreten sah. Ich trat ebenfalls ein, und sie blieb stehen, als sie das obere Ende einer Treppe erreicht hatte, die mir in der Luft zu schweben schien. »Hier«, sagte sie zu mir, »wird es keinem Menschen einfallen, mich zu suchen; Sie können also ungestört mit mir reden.« Ich setzte mich neben sie auf den Stein und machte ihr eine leidenschaftlichste Liebeserklärung. »Sagen Sie mir,« so schloß ich, »was ich für Ihr Glück tun kann; denn ich schmachte nach Ihrem Besitz, aber ich will diesen vorher verdienen.« »Machen Sie mich glücklich, und ich werde mich von Herzen gern Ihren Wünschen ergeben, denn ich liebe Sie ebenfalls.« »Sagen Sie mir, was ich tun soll.« »Erretten Sie mich aus der Armut, die mich zu Boden drückt! Ich muß bei meiner Mutter leben; sie ist eine gute Frau, aber fromm bis zum Aberglauben und wird mich durch ihre Bemühungen um mein Seelenheil noch in die Hölle bringen. Sie schilt mich wegen meiner Sauberkeit, weil beim Waschen meine Hand meinen Körper berühren muß und weil meine Reinlichkeit ein Anlaß werden kann, Männern zu gefallen. Wenn Sie mir das Geld, das ich durch Sie in der Lotterie gewonnen habe, als einfaches Almosen gegeben hätten, so würde sie mich gezwungen haben, es zurückzuweisen, weil Sie vielleicht schlechte Absichten dabei hätten haben können. Sie erlaubt mir, allein in die Messe zu gehen, weil unser Beichtvater ihr gesagt hat, sie könne dies; aber ich würde nicht wagen, auch nur eine einzige Minute länger auszubleiben, ausgenommen an Festtagen. An diesen Tagen verrichte ich meine Andacht, und es ist mir erlaubt, zwei oder drei Stunden lang zu beten. Infolgedessen können wir uns nur hier sehen; aber wenn Sie bereit sind, etwas zur Erleichterung meiner Lage zu tun, so kann ich Ihnen hiermit angeben, auf welche Weise dies möglich wäre: ein sehr hübscher junger Mann von ausgezeichnetem Betragen, seines Standes Perückenmacher, hat mich vor etwa vierzehn Tagen bei Momolos gesehen. Am nächsten Tage gab er mir an der Kirchentür einen Brief, erklärte mir seine Liebe und schrieb, wenn ich ihm nur eine kleine Mitgift von vierhundert Talern bringen könnte, würde er mich heiraten. Er würde einen Laden aufmachen und die notwendigen Möbel für unseren Hausstand anschaffen. Ich antwortete ihm: ich sei arm und besitze nur hundertundfünfzig Taler in Gnadenscheinen, die mein Beichtvater mir aufbewahre. – Jetzt besitze ich zweihundert; denn wenn ich mich verheiraten kann, wird meine Mutter mir gern ihren Anteil von dem Gewinne geben, den wir Ihnen verdanken. Sie könnten mich also glücklich machen, indem Sie mir für zweihundert Taler Gnadenscheine besorgten. Sie würden diese Zettel meinem Beichtvater bringen; er ist ein frommer Mann, hat mich lieb und würde meiner Mutter nichts davon sagen.« »Ich brauche mich nicht um Almosenzettel zu bemühen, mein Engel. Gleich heute werde ich Ihrem Beichtvater zweihundert Piaster bringen, das übrige werden Sie besorgen. Sagen Sie mir seinen Namen; morgen werde ich Ihnen über meine Bemühungen Bericht erstatten, aber nicht hier; denn die Kälte und der Wind töten mich, überlassen Sie mir die Sorge, eine Wohnung zu finden, wo wir in aller Bequemlichkeit zusammen sein können und nicht zu befürchten brauchen, daß irgend ein Mensch von unserem Zusammensein etwas merkt. Ich werde Sie morgen zur selben Stunde in der Kirche sehen, sobald Sie mich bemerkt haben, folgen Sie mir!« Mariuccia nannte mir den Namen ihres Beichtvaters und gestattete mir alle Liebkosungen, die ich an jenem traurigen Ort von ihr verlangen konnte. Die Küsse, mit denen sie die meinigen erwiderte, ließen mich nicht daran zweifeln, daß sie die Liebe teilte, die sie mir eingeflößt hatte. Mit dem Glockenschlage neun verließ ich sie, fast erstarrt, aber liebeglühend. Es galt vor allen Dingen, mir eine passende Wohnung zu verschaffen, um mich schon am nächsten Tage in den Besitz dieses Schatzes setzen zu können. Ich verließ den verfallenen Palast, aber anstatt mich nach der Piazza di Spagna zu begeben, wandte ich mich nach links und betrat eine enge, schmutzige Straße, die nur von sehr geringen Leuten bewohnt war. Da ich sehr langsam ging, kam eine Frau aus einem Hause heraus und fragte mich höflich, ob ich jemanden suche. »Ich suche ein Zimmer zu mieten.« »Hier gibt es keine, mein Herr, aber auf der Piazza werden Sie hundert für eins finden.« »Das weiß ich, aber ich wünsche ein Zimmer in dieser Straße, nicht der Ersparnis wegen, sondern um sicher zu sein, daß ich morgens hier eine Stunde mit einer Person verbringen kann, für die ich mich interessiere. Ich würde jeden geforderten Preis dafür zahlen.« »Ich verstehe; ich würde Ihnen zu Diensten sein, wenn ich zwei Zimmer hätte. Aber eine Nachbarin hat ein Zimmer im Erdgeschoß, und wenn Sie einen Augenblick warten wollen, kann ich mit ihr sprechen.« »Sie werden mir ein großes Vergnügen machen.« »Haben Sie die Güte einzutreten.« Ich trat in ein armseliges Loch ein, das von großer Armut zeugte, und sah dort zwei Kinder, die ihre Schulaufgaben schrieben. Nach einem kurzen Augenblick kam die gute Frau wieder herein und bat mich, ihr zu folgen. Ich zog mehrere Münzen aus der Tasche und legte sie auf den einzigen kleinen Tisch, der in dem armseligen Zimmer war. Ich mußte ihr wohl sehr freigiebig erscheinen, denn die arme Mutter küßte mir voller Glück und Dankbarkeit die Hand. Es ist so süß, Gutes zu tun, daß heute, wo ich nichts mehr habe, die Erinnerung daran, daß ich oft mit geringen Kosten Menschen glücklich gemacht habe, fast die einzige Lust ist, die mich noch erfreut. Ich ging in ein nahes Haus, wo eine Frau mich in einem leeren Zimmer empfing und nur sagte, sie würde es mir billig vermieten, wenn ich ihr für drei Monate vorausbezahlte und die von mir gewünschten Möbel selber besorgen wollte. »Wieviel verlangen Sie für diese drei Monate?« »Drei römische Taler.« »Lassen Sie das Zimmer noch heute bis drei Uhr möblieren, und ich werde Ihnen zwölf Taler geben.« »Zwölf Taler! Und was für Möbel wünschen Sie denn, mein Herr?« »Ein sehr sauberes Bett, einen Tisch mit einem recht weißen Tuch, vier gute Stühle und eine Kohlenpfanne mit einem guten Feuer, denn man stirbt vor Kälte in diesem Zimmer. Ich werde nur ein paarmal morgens kommen und stets spätestens zu Mittag wieder fortgehen.« »Wenn es so ist, kommen Sie um drei Uhr; Sie werden alles nach Ihrem Wunsch bereit finden.« »Hier haben Sie die drei Taler für die Miete. Um drei Uhr werde ich wiederkommen. Wenn alles in Ordnung ist, bekommen Sie den Rest.« Ich ging und begab mich stracks zum Beichtvater. Dieser war ein französischer Mönch von etwa sechzig Jahren und von edlem und wohlwollendem Aussehen; er flößte Vertrauen und Ehrfurcht ein. »Hochwürdiger Vater,« sagte ich zu ihm, »ich habe beim Scopatore Santissimo Abbate Momolo ein junges Mädchen Namens Maria gesehen, dessen Beichtvater Sie sind. Ich verliebte mich in sie und benutzte eine Gelegenheit, ihr Geld anzubieten, um sie zu verführen. Sie antwortete mir: statt ihr zur Sünde zu raten, solle ich mich lieber bemühen, ihr Gnadenbriefe zu verschaffen, damit sie einen jungen Mann heiraten könne, der um sie angehalten habe und sie glücklich machen werde. – Diese Zurechtweisung rührte mich, doch heilte sie mich nicht von meiner Leidenschaft. Ich sprach daher noch einmal mit ihr und sagte zu ihr, ich wolle ihr zweihundert römische Taler umsonst geben und werde diese Summe ihrer Mutter bringen. – ›Dies‹, antwortete sie mir, ›würde genügen, um mich unglücklich zu machen, denn meine Mutter würde glauben, dieses Geld sei Sündenlohn; sie würde es nicht annehmen. Wenn Sie aber diese großmütige Absicht haben, so seien Sie so gütig, das Geld meinem Beichtvater zu bringen und mich ihm zu empfehlen, damit er sich meiner Heirat annimmt.‹ Hier bringe ich Ihnen nun, hochwürdiger Vater, das Geld, das ich für dieses ehrbare Mädchen bestimmt habe; übernehmen Sie gütigst die ganze Angelegenheit, denn ich will nichts mehr damit zu tun haben. Ich reise übermorgen nach Neapel ab und hoffe, sie nach meiner Rückkehr verheiratet zu finden.« Der wackere Beichtvater nahm hundert Zechinen, die ich ihm übergab, erteilte Quittung darüber und sagte mir: indem ich mich für Mariuccia interessiere, mache ich eine unschuldige, reine Taube glücklich; sie gehe seit fünf Jahren bei ihm zur Beichte und oft befehle er ihr, an der Kommunion teilzunehmen, ohne sie auch nur anzuhören, denn er kenne sie zu gut und wisse, daß sie unfähig sei, eine Hauptsünde zu begehen. »Ihre Mutter«, fuhr er fort, »ist eine fromme Frau, und es wird mir eine leichte Mühe sein, die Heirat zustande zu bringen, sobald ich mich nach dem Lebenswandel des jungen Bewerbers erkundigt habe. Im übrigen wird kein Mensch jemals erfahren, von wem sie diese edelmütige Gabe erhalten hat.« Nachdem ich diese Sache in Ordnung gebracht hatte, ging ich zum Ritter Mengs zum Mittagessen. Ich nahm sehr gern eine Einladung an, am gleichen Abend mit der ganzen Familie ins Theater Aliberti zu gehen, vergaß aber dabei die Besichtigung des kleinen Zimmers nicht. Ich fand dort alles, wie ich es angeordnet hatte, gab der Vermieterin zwölf Taler und ließ mir den Schlüssel geben, nachdem ich befohlen hatte, daß das Kohlenbecken jeden Tag schon um sieben Uhr morgens angezündet werden solle. Vor ungeduldiger Erwartung des nächsten Morgens fand ich die Oper scheußlich und konnte die ganze Nacht nicht schlafen. Ich war in aller Frühe schon vor der verabredeten Stunde in der Kirche, die ich verließ, als ich sicher war, daß Mariuccia mich gesehen hatte. Sie folgte mir von ferne, und als ich auf der Türschwelle meines neuen Tempels war, blieb ich einen Augenblick stehen, damit sie Bescheid wußte; dann trat ich in das Zimmer ein, das ich gut erwärmt fand. Bald darauf kam Mariuccia, schüchtern, verwirrt und entmutigt, wie eine Person, die im Zweifel ist. Ich schloß sie in meine Arme, beruhigte sie durch meine Liebkosungen und sah sie neue Zuversicht gewinnen, als ich ihr die Quittung ihres Beichtvaters zeigte und ihr sagte, der wackere Mann habe mir versprochen, sich um das Zustandekommen ihrer Heirat zu bemühen. In überschwänglicher Freude küßte sie mir die Hand und versicherte mich ihrer ewigen Dankbarkeit. Als ich nun in sie drang, mich glücklich zu machen, sagte sie zu mir: »Wir haben drei Stunden vor uns, denn ich habe meiner Mutter gesagt, ich würde meine Andacht verrichten, um Gott für meinen Lotteriegewinst zu danken.« Durch die Kenntnis dieser Liebeslist beruhigt, ließ ich mir Zeit, schnürte ihr gemächlich das Mieder auf und entblößte einen nach dem anderen alle ihre Reize, wobei ich zu meinem Entzücken nicht den geringsten Widerstand fand. Aber sie hielt ihre Augen unausgesetzt auf die meinigen geheftet, wie wenn sie ihre erlöschende Scham hätte schonen wollen; doch meine verstohlenen Blicke verdoppelten meinen Genuß, während sich meine Hand nach allen Richtungen verirrte. Welch ein Leib! Welche Schönheiten! Es war nicht die geringste Unvollkommenheit an ihr. Sie war wie Venus, als sie zum erstenmal dem Meeresschaum entstieg. Ich trug sie sanft auf das Bett und beeilte mich, meine lästigen Kleider abzuwerfen, während ihre hübschen Hände zwei alabasterne Halbkugeln und ein Vließ, das den Eingang des Tempels bedeckte, meinen Blicken zu entziehen suchten. Ich vollbrachte das süßeste Opfer, ohne einen Augenblick an ihrer Reinheit zweifeln zu können. Bei diesem ersten Opfer entlockte allerdings der Schmerz der entzückenden jungen Priesterin einen Seufzer, aber sie trieb das Zartgefühl so weit, mir zu versichern, daß sie keinen Schmerz empfunden habe; beim zweiten Angriff war sie von der gleichen Glut beseelt wie ich. Ich wollte das dritte Opfer vollziehen, als die Uhr den gebieterischen Klang der zehnten Stunde vernehmen ließ. Sie wurde unruhig, und wir kleideten uns in aller Eile an. Ich hatte mich verabredet, am nächsten Tage nach Neapel abzureisen; aber ich versicherte meiner lieben Mariuccia, daß schon die Hoffnung, sie vor ihrer Heirat noch einmal in meine Arme zu schließen, meine Rückkehr nach Rom beschleunigen würde. Ich versprach ihr, an demselben Tage ihrem Beichtvater noch hundert Taler zu bringen, und bat sie, das in der Lotterie gewonnene Geld zu ihrer kleinen Aussteuer zu verwenden. »Ich werde heute Abend zu Momolo gehen, liebes Herz. Richte es so ein, daß du ebenfalls dort bist; aber während unsere Herzen voller Freude sein werden, wollen wir uns gleichgültig zeigen, damit seine boshaften Mädchen nichts von unserem Einvernehmen ahnen.« »Dies ist allerdings sehr notwendig; denn ich habe bereits bemerkt, daß sie unsere Liebe argwöhnen.« Bevor wir uns trennten, dankte sie mir für alles, was ich für ihre Verheiratung getan habe, und bat mich, ihr zu glauben, daß sie trotz ihrer Armut im Herzen fühle, daß sie sich nur der Liebe ergeben habe. Ich verließ das Zimmer einige Zeit nach ihr und sagte der Wirtin, ich würde in den nächsten zehn oder zwölf Tagen nicht kommen. Unverzüglich begab ich mich hierauf zum Beichtvater und brachte ihm die hundert Taler, die ich dem schönen Mädchen versprochen hatte. Als der gute alte Franzose hörte, daß ich dieses neue Opfer bringe, damit Mariuccia ihren Lotteriegewinn auf die Anschaffung von Wäsche und Kleider verwenden könne, sagte er mir, er werde am selben Tage noch zu ihrer Mutter gehen, um sie für die Verheiratung ihrer Tochter günstig zu stimmen und um sich bei Mariuccia nach der Wohnung des jungen Mannes zu erkundigen, den sie heiraten wolle. Wie ich nach meiner Rückkehr von Neapel erfuhr, hatte er alles getreulich ausgerichtet. Während ich bei Mengs noch zu Tische saß, ließ ein Kammerherr unseres Allerheiligsten Vaters sich melden. Er trat ein, fragte Herrn Mengs, ob ich bei ihm wohne, und übergab mir, als dieser mich nannte, im Namen »Seines Allerheiligsten Herrn« das Kreuz des Ordens vom Goldenen Sporn nebst dem Diplom und einem Patent mit dem großen päpstlichen Siegel, das mich in meiner Eigenschaft als Doktor der Rechte zum »Apostolischen Protonotar extra urbem « erklärte. Dankbar für diese außerordentliche Gunstbezeigung, sagte ich dem Überbringer, ich würde gleich am nächsten Tage meinem neuen Herrscher Dank sagen und ihn um seinen Segen bitten. Ritter Mengs umarmte mich als seinen Ordensgenossen; aber ich hatte vor ihm den Vorzug, daß ich nichts zu bezahlen hatte, während der große Künstler für die Ausfertigung seines Diploms fünfundzwanzig Taler hatte zahlen müssen. Man sagt in Rom: sine effusione sanguinis non fit remissio – Ohne Blut zu lassen, erreicht man nichts. Mit Gold erreicht man in der Tat in der heiligen Stadt alles. Sehr geschmeichelt von der Gunstbezeigung des Heiligen Vaters hängte ich mir das Kreuz an einem breiten, karmesinroten Band um den Hals; dies ist die Farbe des Ordens der mit dem goldenen Sporn gezierten Streiter des heiligen Johannes vom Lateran, der »Palastgenossen, comites palatini «, in der Übersetzung »Pfalzgrafen«. Zur selben Zeit erhielt der arme Cahusac, der Verfasser der Oper Zoroaster, aus den Händen des Apostolischen Nuntius die gleiche Würde des Pfalzgrafen und verlor vor Freude darüber den Verstand. So schlimm erging es mir nicht; aber wie ich zu meiner Schande gestehen muß, machte die Auszeichnung mir soviel Vergnügen, daß ich die Dummheit beging, Winkelmann zu fragen, ob ich mein Kreuz mit Diamanten und Rubinen besetzen lassen könne. Er sagte mir, das könne ich ganz nach meinem Belieben machen, und wenn ich mir ein solches Kreuz zu verschaffen wünsche, könne er mir zu einem vorteilhaften Kauf behilflich sein. Hoch erfreut über diese Gelegenheit kaufte ich das Kreuz gleich am nächsten Tage, um mich in Neapel damit brüsten zu können; doch besaß ich nicht die Kühnheit, es in Rom zu tragen. Als ich mich dem Papst vorstellte, um ihm meinen Dank abzustatten, hängte ich bescheidenerweise das Kreuz ins Knopfloch. Fünf Jahre später veranlaßte der Palatin von Rußland, Fürst Czartoryski, in Warschau mich, es abzulegen, indem er zu mir sagte: »Was machen Sie mit diesem Bettel? Nur Scharlatane wagen dieses Ding zu tragen.« Die Päpste wissen dies sehr wohl, fahren aber trotzdem fort, dieses Kreuz den Gesandten zu verleihen, obgleich es ihnen nicht unbekannt sein kann, daß diese ihre Kammerdiener damit schmücken. Man stellt sich in Rom in vielen Dingen unwissend und geht den alten Schlendrian weiter. Am Abend gab Momolo mir ein Essen, um meine neue Würde zu feiern. Ich entschädigte ihn dafür, indem ich eine Pharaobank auflegte und in geschickter Weise vierzig Taler verlor, die ich alle Mitglieder der Familie gewinnen ließ, ohne die geringste Parteilichkeit für Mariuccia zu zeigen; denn diese gewann wie alle anderen. Sie wußte eine Gelegenheit zu finden, um mir zu sagen, daß der Beichtvater bei ihr gewesen sei; sie habe ihm die nötigen Angaben gemacht, um sich über ihren Freier erkundigen zu können, und der brave Mönch habe ihre Mutter zur Einwilligung vermocht, daß die hundert Taler für ihre Ausstattung ausgegeben werden dürften. Da ich bemerkte, daß Momolos zweite Tochter Costa liebte, sagte ich ihr, ich müsse nach Neapel reisen, lasse aber meinen Diener ihr zurück, und wenn ich bei meiner Rückkehr ein Heiratsabkommen fände, würde ich mit Vergnügen die Kosten der Hochzeit tragen. Costa liebte das Mädchen ebenfalls, aber er heiratete sie damals nicht, weil er fürchtete, ich würde mir das Herrenrecht anmaßen. Er war ein Narr ganz eigener Art, obwohl die Narren aller Arten sehr gewöhnlich sind. Er heiratete sie im nächsten Jahre, nachdem er mich bestohlen hatte; aber davon werde ich später sprechen. Nachdem ich am nächsten Tage gut gefrühstückt und meinen Bruder herzlich umarmt hatte, reiste ich mit dem Abbate Alfani in meinem schönen Wagen ab, während Leduc als Kurier vorausritt. Ich kam in Neapel in einem Augenblick an, wo die ganze Stadt in Aufregung war, weil ein Ausbruch des Vesuvs drohte. Auf der letzten Station zeigte der Postmeister mir das Testament seines Vaters, der während des Ausbruchs vom Jahre 1754 gestorben war; er schrieb, im Winter 1761 würde der Ausbruch erfolgen, durch welchen Gott die Sündenstadt Neapel bestrafen würde. Infolgedessen riet der gute Mann mir, lieber nach Rom zurückzufahren. Alfani fand die Sache ganz klar und sagte mir allen Ernstes, wir müßten einer Warnung folgen, welche Gott uns auf eine so wunderbare Art zukommen ließe. Das Ereignis war prophezeit, also mußte es eintreffen. So folgern viele Leute; ich dachte anders und setzte meinen Weg fort. Elftes Kapitel Mein kurzer, aber glücklicher Aufenthalt in Neapel. – Der Herzog von Matalone. – Meine Tochter und Donna Lucrezia. – Meine Abreise. Ich will, mein lieber Leser, nicht das Unmögliche versuchen, so große Lust ich auch habe, dir die Freude, das Glück, ja ich möchte sagen das Rauschgefühl, zu schildern, das ich empfand, als ich mich in jener geliebten Parthenopolis wiedersah, die mir so süße Erinnerungen zurückgelassen und wo ich vor achtzehn Jahren zum erstenmal mein Glück gemacht hatte, als ich von Morterano zurückkehrte. Da ich zum zweitenmal Neapel nur besuchte, um das Versprechen zu halten, das ich während meines Aufenthaltes in Paris dem Herzog von Matalone gegeben hatte, so hätte ich mich sofort zu diesem hohen Herrn begeben sollen; da ich jedoch voraussah, daß er mir wenig Freiheit lassen würde, sobald ich ihn aufgesucht hätte, so erkundigte ich mich zunächst nach allen meinen Bekannten. Ich ging in aller Frühe zu Fuß aus und stellte mich zunächst dem Bankier vor, an den Belloni mich gewiesen hatte. Er nahm meinen Kreditbrief entgegen, gab mir so viele Banknoten, wie ich wünschte, und versprach mir auf sein Ehrenwort, daß kein Mensch von unseren geschäftlichen Beziehungen erfahren solle. Von ihm begab ich mich nach der Wohnung des Don Casanova; man sagte mir aber, er lebe in der Nähe von Salerno auf einem Landgut, das er gekauft und wodurch er den Titel eines Marchese erlangt habe. Dies war mir verdrießlich; indessen durfte ich nicht erwarten, in Neapel den Status quo zu finden, der ja nirgends zu finden ist. Polo war tot, und sein Sohn wohnte in Santa Lucia mit seiner Frau und seinen Kindern; bei meiner Abreise damals war er ein Kind gewesen. Obwohl ich ihn gerne gesehen hätte, fand ich doch keine Zeit dazu. Wie man sich denken kann, vergaß ich nicht den Advokaten Castelli, den Gatten meiner teuren Lucrezia, die ich in Rom so sehr geliebt und mit der ich in Tivoli so süße Augenblicke verbracht hatte. Ich sehnte mich danach, sie wiederzusehen, und fühlte einen süßen Schauer bei dem Gedanken an den Genuß, womit wir uns einer zu früh entschwundenen Zeit erinnern würden, die mir ewig unvergeßlich bleiben wird. Aber Castelli war schon lange tot, und seine Witwe wohnte zwanzig Miglien von Neapel. Ich nahm mir vor, nicht wieder abzureisen, ohne sie umarmt zu haben. Von Don Lelio Caraffa wußte ich, daß er noch lebte und daß er im Mataloneschen Palast wohnte. Ermüdet von meinen Gängen kam ich nach Hause. Ich speiste gut zu Mittag, machte Toilette, stieg in meinen Mietwagen und begab mich nach dem Palazzo Matalone, wo man mir sagte, der Herzog sei bei Tisch. Trotzdem ließ ich mich anmelden. Der Herzog kam mir entgegen und erwies mir die Ehre, mich zu umarmen und mich zu duzen; hierauf stellte er mich seiner Gemahlin, einer Tochter des Herzogs von Bovino, sowie der zahlreichen Gesellschaft vor, die er bei Tisch hatte. Ich sagte ihm, ich wäre nur nach Neapel gekommen, um ihm den Besuch zu machen, den ich ihm in Paris versprochen hätte. »Dann, lieber Freund, ist es nicht mehr als recht, daß ich dich beherberge.« Und ohne meine Antwort abzuwarten, rief er: »Man gehe schnell in den Gasthof, wo Herr Casanova abgestiegen ist, und bringe sein ganzes Gepäck hierher! Wenn er einen eigenen Wagen hat, soll dieser bei mir untergestellt werden.« Ich nahm die Einladung an. Ein schöner Mann, der sich unter den Gästen befand, sagte, als er meinen Namen hörte, mit fröhlichem Lachen: »Wenn du meinen Namen trägst, kannst du nur ein Bankert meines Vaters sein.« »Nicht deines Vaters,« versetzte ich augenblicklich, »sondern deiner Mutter.« Die Gesellschaft lachte laut auf und klatschte meiner Antwort Beifall; mein Gegner aber fühlte sich dadurch keineswegs beleidigt, sondern stand auf, um mich zu umarmen. Man erklärte mir das Mißverständnis. Statt Casanova hatte der Herr »Casalnovo« verstanden; er war Herzog und Besitzer des gleichnamigen Lehens. »Weißt du,« fragte mich der Herzog von Madalone, »daß ich einen Sohn habe?« »Man hat es mir gesagt, und ich habe es nicht glauben wollen; aber ich tue Abbitte wegen meiner Ungläubigkeit, denn ich sehe einen Engel, der gewiß dieses Wunder bewirkt hat.« Die Herzogin errötete, belohnte aber mein Kompliment nicht mit einem einzigen Blick; doch die Gesellschaft gab mir Genugtuung, indem sie in die Hände klatschte. Es war allgemein bekannt, daß der Herzog vor seiner Verheiratung für unvermögend galt. Der Herzog ließ seinen Sohn hereinkommen; ich bewunderte ihn und sagte, er sehe ihm vollkommen ähnlich. Ein gutgelaunter Mönch, der an der rechten Seite der Herzogin saß, war aufrichtiger und sagte, der Knabe sähe dem Herzog nicht ähnlich. Kaum hatte er diese Worte gesprochen, als die Herzogin mit der größten Kaltblütigkeit ihm eine Ohrfeige gab, die der Mönch mit der besten Manier hinnahm. Tausend heitere Bemerkungen machten mich in weniger als einer halben Stunde bei der ganzen Gesellschaft beliebt. Nur die Herzogin suchte durch hoheitsvollen Ton mich in Schranken zu halten. Sie war schön, aber ungeheuer hochmütig, wußte zur rechten und unrechten Zeit stumm und taub zu sein und hatte stets ihre Augen in der Gewalt. Zwei Tage lang bot ich alles Mögliche auf, um sie zu einem Gespräch zu bringen; es wollte mir nicht gelingen. Da ich keine Absichten auf sie hatte – und es mag wohl gut gewesen sein, daß dies nicht der Fall war –, so überließ ich sie ihrem Stolz. Der Herzog führte mich selber nach den Zimmern, die er für mich bestimmt hatte; als er bei dieser Gelegenheit meinen Spanier sah, fragte er mich, wo mein Sekretär sei, und als er sah, daß dies der Abbate Alfani war, der sich für meinen Sekretär ausgegeben hatte, um in Neapel unbeachtet zu bleiben, sagte er zu mir: »Daran hat der Abbate sehr gut getan; denn mit seinen angeblichen Antiken hat er so viele Leute betrogen, daß ihm recht wohl irgend jemand einen bösen Streich hätte spielen können.« Er zeigte mir seinen Marstall, worin er herrliche Pferde von den schönsten Rassen, Araber, Andalusier und Engländer, hielt; sodann seine Galerie, die sehr reich war, und seine zahlreiche und gutgewählte Bibliothek; endlich seine Privatgemächer, in denen sich eine reiche Sammlung verbotener Bücher befand. Nachdem ich mehrere Titel angesehen und in einigen Bänden geblättert hatte, sagte er: »Ich will dir etwas zeigen; aber versprich mir strengste Geheimhaltung.« Dies versprach ich ihm gerne. Ich erwartete irgendein Wunder zu sehen, aber was er mir zeigte, war eine Satire, von der ich nichts verstand, die aber den ganzen Hof lächerlich machen sollte. Niemals ist es mir leichter geworden, ein Geheimnis zu bewahren. Sodann sagte er: »Du wirst in das Theater San Carlo gehen; ich werde dich den schönsten Damen von Neapel vorstellen, und du kannst dann hingehen, so oft du Lust hast; denn meine Loge steht allen meinen Freunden offen. Ich werde dich auch meiner Geliebten in ihrer Loge vorstellen, und sie wird dich mit Vergnügen empfangen, so oft du sie besuchen willst.« »Wie, mein lieber Herzog? Du hast eine Maitresse?« »Ja, lieber Freund; aber nur der Form wegen, denn ich liebe meine Frau. Trotzdem glaubt man, daß ich in meine Maitresse verliebt und sogar eifersüchtig auf sie sei, weil ich ihr keinen Menschen vorstelle und ihr nicht erlaube, einen Besuch zu empfangen.« »Und nimmt denn die junge Herzogin es nicht übel, daß du eine Geliebte hast?« »Meine Frau kann nicht eifersüchtig auf sie sein, denn sie weiß, daß ich bei allen Frauen impotent bin ..... außer bei ihr.« »Ich verstehe; aber die Geschichte ist wirklich spaßhaft und zugleich unglaublich; denn kann man eine Maitresse unterhalten, die man nicht liebt?« »Ich habe ja nicht gesagt, daß ich sie nicht liebe; ich liebe sie im Gegenteil sehr, denn sie ist geistvoll wie ein Engel; sie erheitert mich, aber sie interessiert nur meinen Geist.« »Ich verstehe; dann wird sie wohl häßlich sein.« »Häßlich? Du wirst sie heute Abend sehen und kannst mir dann berichten. Sie ist schön, siebzehn Jahre alt und hochgebildet.« »Spricht sie französisch?« »Wie eine Französin.« »Du machst mir die größte Lust, sie zu sehen.« Im Theater San Carlo stellte er mich mehreren Damen vor; keine einzige davon war jedoch nur leidlich hübsch. Der sehr junge König saß in seiner Loge, umgeben von einem sehr reich, aber geschmacklos gekleideten Hofstaat. Das Parkett und die Logen waren vollbesetzt; letztere sind mit Spiegelgläsern geschmückt; sie waren an diesem Abend aus Anlaß irgendeiner Gedenkfeier glänzend beleuchtet. Es war ein zauberhafter Anblick, aber ein solcher Glanz beeinträchtigt die Wirkung des Bühnenbildes. Nachdem ich einige Augenblicke dieses Schauspiel bewundert hatte, das man wohl nur in Neapel findet, führte der Herzog mich in seine Loge und stellte mich allen seinen Freunden vor; es waren die Schöngeister der Hauptstadt. Ich habe oft gelacht, wenn ich Gelehrte behaupten hörte, der Geist einer Nation hänge viel weniger von dem Einfluß des Klimas als von der Erziehung ab. Man muß diese Gelehrten erst nach Neapel und dann nach St. Petersburg schicken, damit sie nachdenken oder auch nur einfach sehen. Wäre der große Boerhave in Neapel gewesen, so hätte er die Natur des Schwefels besser erkannt, indem er dessen Wirkungen auf Pflanzen und noch mehr auf Tiere beobachtet hätte. Nur in diesem Lande ist das Wasser das einzige Heilmittel, zum mindesten gegen eine Anzahl von Krankheiten, die in allen anderen Ländern den Kranken töten, der mit Arzneien und Ärzten zu tun haben muß. Der Herzog hatte mich einen Augenblick in dieser ausgezeichneten Gesellschaft gelassen; bald kam er wieder und führte mich in die Loge seiner Geliebten, die ich in Gesellschaft einer alten Dame von anständigem Aussehen fand. Er sagte ihr beim Eintreten: » Leonilda mia, ti presento il cavalier Don Giacomo Casanova, Veneziano, amico mio – Liebe Leonilda, ich stelle dir den Ritter Don Giacomo Casanova aus Venedig, meinen Freund, vor.« Sie empfing mich mit liebenswürdigem und bescheidenem Wesen und wandte ihre Aufmerksamkeit von der Musik ab, um ein Gespräch mit mir zu beginnen. Wenn eine Frau hübsch ist, braucht man nur einen Augenblick, um sie hübsch zu finden; wenn sie, um günstig beurteilt zu werden, erst näher betrachtet werden muß, werden die Reize ihres Gesichtes problematisch. Donna Leonilda machte augenblicklich Eindruck. Ich lächelte und zwinkerte dem Herzog zu, der mir gesagt hatte, er liebe sie wie ein Vater seine Tochter und halte sie nur des Luxus wegen. Er verstand mich und sagte: »Du kannst mir's glauben.« »Es ist unglaublich,« versetzte ich. Leonilda, die ohne Zweifel unsere rätselhaften Bemerkungen verstanden hatte, mischte sich in unser Gespräch ein und sagte mit einem feinen Lächeln: »Was möglich ist, ist auch glaublich.« »Das gebe ich zu; aber man kann glauben oder nicht glauben, je nachdem einem die Sache mehr oder weniger schwierig erscheint.« »Außerordentlich richtig; aber mich dünkt, in solchen Fällen soll man lieber glauben. Sie sind gestern in Neapel angekommen; das ist unglaublich und doch wahr.« »Warum soll denn das unglaublich sein?« »Kann man glauben, daß ein Fremder in dem Augenblick nach Neapel kommt, wo alle Einheimischen vor Furcht zittern?« »Ich habe allerdings bis jetzt Furcht gehabt; nun aber fühle ich mich vollkommen ruhig; denn da Sie hier sind, muß der heilige Januarius die Stadt beschützen.« »Warum?« »Weil ich überzeugt bin, daß er Sie liebt; aber Sie lachen?« »Ja, über einen recht komischen Gedanken; mir fällt nämlich ein: wenn ich einen Liebhaber hätte, der dem heiligen Januarius gliche, so wäre der recht unglücklich.« »Der Heilige ist also wohl sehr häßlich?« »Wenn sein Bild ähnlich ist – ja. Sie können sich davon überzeugen, wenn Sie seine Statue sehen.« Solch ein heiterer Ton führt leicht zur Offenherzigkeit, und Offenherzigkeit führt zur Freundschaft. Anmut des Geistes ist noch sieghafter als alle Schönheit. Leonildas liebenswürdige Laune flößte mir Vertrauen ein; ich brachte das Gespräch auf die Liebe, und sie machte über dieses Thema ausgezeichnete Bemerkungen. »Wenn die Liebe nicht zum Besitze des geliebten Gegenstandes führt, so muß sie eine Qual sein; wenn es verboten ist, sich einer Leidenschaft hinzugeben, muß man nicht lieben.« »Sie haben recht – um so mehr, da der Besitz einer schönen Person kein wahrer Genuß ist, wenn man sie nicht schon vorher geliebt hat.« »Wenn die Liebe vorher da war, begleitet sie ohne Zweifel auch den Genuß; aber ob sie nachher noch da ist, das ist fraglich.« »Allerdings, denn oft tötet der Genuß die Liebe.« »Er ist ein eigensüchtiger Knabe, der seine Mutter tötet; wenn aber nach dem Genuß die Liebe nur in dem einen der beiden Beteiligten weiterlebt, so ist das schlimmer als ein Mord; denn was ohne Gegenliebe noch weiter liebt, ist unglücklich.« »Außerordentlich richtig bemerkt, meine Gnädige! Aber wenn Sie diesen Schluß ziehen, der ja den Regeln der strengsten Dialektik entspricht, muß ich annehmen, daß Sie die Sinne zu ewigem Fasten verdammen. Das ist grausam.« »Gott soll mich vor solchem Platonismus ohne Liebe bewahren! Aber ich überlasse es Ihnen selber, den Schluß zu ziehen.« »Lieben und genießen und dann wieder genießen und lieben!« »Ganz recht.« Bei diesen letzten Worten mußte Leonilda unwillkürlich lachen, und der Herzog küßte ihr die Hand. Ihre Gesellschafterin, die kein Französisch verstand, beschäftigte sich mit der Oper. Ich aber hatte nur für Leonilda Augen, denn ich hatte Feuer gefangen. Leonilda war erst siebzehn Jahre alt; sie war mehr als schön: sie war zum Anbeißen hübsch. Der Herzog zitierte ein etwas schlüpfriges Epigramm über den Genuß von Lafontaine; man findet es nur in der ersten Ausgabe. Es beginnt mit den Versen: La jouissance et les désirs Sont ce que l'homme a de plus rare; Mais ce ne sont pas vrais plaisirs Dès le moment qu'on les sépare. Ich habe dieses Epigramm ins Italienische und ins Lateinische übersetzt: in dieser letzteren Sprache konnte ich Lafontaine so einigermaßen Vers für Vers wiedergeben; aber ich brauchte zwanzig italienische Verse für die ersten zehn Verse des französischen Dichters – was übrigens nichts für den Vorzug der einen vor der anderen Sprache beweist. In Neapel erfordert der gute Ton, besonders in der hohen Gesellschaft, als erstes Freundschaftszeichen, einen Neuankömmling, den man besonders auszeichnen will, zu duzen. Beide Teile fühlen sich hierdurch behaglicher, doch schließt dieser vertraute Ton nicht die Rücksichten aus, die man sich gegenseitig schuldet. Meine Bewunderung für Leonilda war bereits einem süßeren und zugleich innigerem Gefühl gewichen; so kam es, daß die Oper, die fünf Stunden dauerte, mir in einem Augenblick vergangen zu sein schien. Als die beiden Damen sich entfernt hatten, sagte der Herzog zu mir: »Wir müssen uns jetzt trennen, wenn du nicht etwa ein Freund des Glücksspieles bist.« »Ich habe durchaus nichts dagegen, wenn ich mit angenehmen Spielern zu tun habe.« »Nun, dann bitte ich dich, mich zu begleiten: du wirst zehn oder zwölf Herren meines Standes bei einer Pharaobank versammelt finden; später wird ein gutes Abendessen eingenommen. Ich muß dich jedoch darauf aufmerksam machen, daß die Sache geheim bleiben muß; denn das Spiel ist verboten. Ich bürge für dich.« »Das kannst du.« Er führte mich zum Herzog von Monte Leone, wo wir im dritten Stock, nachdem wir ein Dutzend Zimmer durchschritten hatten, den Spielsaal betraten. Ein Bankhalter von freundlichem Aussehen, der ungefähr vierhundert Zechinen vor sich liegen hatte, gab die Karten. Der Herzog stellte mich als seinen Freund vor und ließ mich an seiner Seite Platz nehmen. Ich zog meine Börse; man machte mich jedoch darauf aufmerksam, daß nur auf Wort gespielt und binnen vierundzwanzig Stunden bezahlt werde. Der Bankhalter gab mir ein Spiel Karten und ein Körbchen mit tausend Marken. Ich kündigte an, daß jede Marke einen neapolitanischen Dukaten gelten solle, und in weniger als zwei Stunden war mein Korb leer. Ich hörte auf zu spielen und speiste in heiterer Laune zu Abend. Es war ein Nachtmahl auf neapolitanische Art, bestehend aus einer riesigen Schüssel Makkaroni und zehn oder zwölf Gerichten aus verschiedenen Muscheln, die das Meer an jenen Küsten in verschwenderischer Fülle bietet. Als wir fortgingen, ließ ich dem Herzog keine Zeit, mir in der herkömmlichen Weise sein Beileid wegen des Verlustes auszusprechen, sondern unterhielt ihn auf angenehme Weise von seiner Leonilda. Am nächsten Morgen ließ er mir in aller Frühe durch seinen Pagen sagen, wenn ich mit ihm zu Hofe gehen wolle, um dem König die Hand zu küssen, müsse ich Gala anlegen. Ich zog einen rosafarbenen, mit Gold gestickten Samtrock an und hatte die ungeheuere Ehre, eine kleine, neunjährige, ganz mit Frostbeulen bedeckte Hand zu küssen. Der Fürst von San Nicandro hat den jungen König erzogen, so gut er es verstand; die Natur aber hat aus ihm einen leutseligen, duldsamen, gerechten und freigebigen Monarchen gemacht. Er wäre vollkommen gewesen, hätte er mehr Würde gehabt; aber er ist ein König ohne Umstände, und dies ist nach meiner Meinung an einem Manne, der dazu bestimmt ist, allen anderen zu gebieten, ein Fehler. Ich hatte die Ehre, beim Mittagessen der Herzogin zur Rechten zu sitzen; sie geruhte, mir zu sagen, sie habe niemals einen eleganteren Anzug gesehen. »Auf diese Weise, Madame,« antwortete ich ihr, »suche ich meiner Person einer zu strengen Prüfung zu entziehen.« Sie lächelte; aber hierauf beschränkte sich auch so ziemlich ihre Artigkeit gegen mich. Nach Tisch führte der Herzog mich in die Gemächer seines Oheims Don Lelio, der mich sofort erkannte. Ich küßte dem würdigen Greise die Hand und bat ihn wegen meiner Jugendstreiche um Entschuldigung. »Vor achtzehn Jahren,« sagte er zum Herzog, »hatte ich Herrn Casanova zu deinem Studiengenossen ausersehen.« Ich machte ihm großes Vergnügen, indem ich ihm in aller Kürze erzählte, wie es mir in Rom beim Kardinal Acquaviva ergangen war. Als ich fort ging, bat er mich, ihn oft zu besuchen. Gegen Abend sagte der Herzog zu mir: »Wenn du in die Komische Oper gehen willst, wirst du Leonilda ein Vergnügen machen.« Er nannte mir die Nummer ihrer Loge und fuhr fort: »Ich werde dich gegen Ende des Stückes abholen, und dann werden wir wie gestern zum Souper gehen.« Ich brauchte nicht erst anspannen zu lassen; denn ein Wagen mit zwei prachtvollen Pferden stand beständig im Hofe für mich bereit. Die Oper hatte bereits begonnen, als ich bei den Florentinern ankam. Ich stellte mich Leonilda vor, die mit honigsüßer Stimme zu mir sagte: » Caro Don Giacomo , ich sehe Sie mit großem Vergnügen wieder.« Ohne Zweifel hielt sie es für angemessen, mich nicht zu duzen, aber der freundliche Ton ihrer Stimme und der Ausdruck ihrer Augen waren mehr wert als das »Du«, mit welchem man in Neapel so verschwenderisch umgeht, daß es oft keinen Wert mehr hat. Das verführerische Gesicht der reizenden Person war mir nicht unbekannt; aber ich konnte mich nicht darauf besinnen, an welche Frau es mich erinnerte. Leonilda war eine Schönheit, ja, wie ich bereits sagte, mehr als eine Schönheit, wenn dieses überhaupt möglich ist. Sie hatte prachtvolle hellbraune Haare, und ihre schöngeschnittenen großen schwarzen Augen von einem Glanze, der durch ihre langen Wimpern gedämpft wurde, hörten, fragten und sprachen gleichzeitig. Am meisten aber entzückte sie mich durch den Ausdruck, den sie ihren Erzählungen zu geben wußte, indem sie sie mit den anmutigsten, stets den Umständen angemessenen Bewegungen begleitete. Es war, wie wenn ihre Zunge nicht ausreichte, um die Gedanken auszudrücken, die in ihrem von Natur glänzend gestalteten und durch eine glänzende Erziehung noch mehr entwickelten Geiste sich drängten. Das Gespräch kam auf das Epigramm Lafontaines, von dem ich nur die ersten zehn Verse hergesagt hatte, weil die übrigen zu frei sind. Sie sagte: »Es ist gewiß nur eine Dichterlaune, und über eine solche kann man nur lachen.« »Das mag sein; aber ich wollte Ihre Ohren nicht verletzen.« »Du bist sehr freundlich,« sagte sie, das angenehme »Du« wieder aufnehmend, »ich danke dir dafür. Indessen machen bloße Worte nicht so leicht Eindruck auf mich, denn ich habe ein Kabinett, das der Herzog mit chinesischen Tapeten hat ausschlagen lassen, worauf eine Menge verliebter Stellungen abgebildet sind. Wir besuchen es zuweilen, und ich kann dir versichern, daß diese Bilder nicht im geringsten Eindruck auf mich machen.« »Vielleicht ist daran ein Mangel an Temperament schuld; denn wenn ich erotische Bilder sehe, die gut gemacht sind, so gerate ich in Feuer und Flamme. Ich wundere mich, daß ihr bei der Betrachtung derselben nicht zuweilen Lust bekommt, einige von ihnen darzustellen.« »Wir haben nur freundschaftliche Gefühle füreinander.« »Das glaube, wer will.« »Ich könnte allerdings darauf schwören, daß er ein Mann ist; aber ich könnte nicht sagen, ob er imstande ist, einer Frau Beweise tatsächlicher Zärtlichkeit zu geben.« »Er hat aber doch einen Sohn.« »Ja, er hat ein Kind, das ihn Vater nennt; aber er gesteht selber, daß er nur bei seiner Frau Mann sein kann.« »Das ist ein Märchen; denn Sie sind ganz danach angetan, Begierden einzuflößen, und ein Mann, der mit Ihnen zusammen lebte, ohne Sie zu besitzen, dürfte eigentlich nicht mehr leben.« »Denken Sie wirklich so?« »Teuere Leonilda, wenn ich an seiner Stelle wäre, würde ich Ihnen beweisen, was ein Mann vermag, der Sie liebt.« » Caro Don Giacomo , ich bin entzückt, zu hören, daß du mich liebst; da du jedoch nicht in Neapel bleiben kannst, wirst du mich bald vergessen.« »Verdammtes Spiel! Denn müßte ich nicht zum Spiel gehen, so könnten wir köstliche Abende miteinander verbringen.« »Der Herzog hat mir erzählt, du habest mit dem vornehmsten Anstand gestern Abend tausend Dukaten verloren. Du bist wohl ein unglücklicher Spieler?« »Nicht immer; aber wenn ich an dem Tage spiele, wo ich mich verliebt habe, verliere ich ganz gewiß.« »Du wirst dein Geld heute Abend wieder gewinnen.« »Heute ist der Tag der Erklärung; ich werde abermals verlieren.« »So spiele doch heute nicht!« »Man würde sagen, ich hätte Angst vor dem Verlust oder ich hätte kein Geld.« »So hoffe ich doch, du wirst ein anderes Mal deinen Verlust wieder hereinbringen und mir in meinem Hause Nachricht davon geben. Besuche mich doch morgen früh mit dem Herzog.« In diesem Augenblick trat der Herzog ein und fragte mich, ob die Oper mir gefallen habe. Leonilda kam mir zuvor und rief: »Wir wissen gar nicht, was gespielt wurde, denn wir haben die ganze Zeit über Liebe gesprochen.« »Das war recht!« »Ich bitte Sie, morgen mit Herrn Casanova zu mir zu kommen; denn ich hoffe, er wird mir mitteilen, daß er heute Abend gewonnen hat.« »Heute Abend, meine Liebe, ist an mir die Reihe, Bank zu halten; aber ich werde dir meinen Freund zuführen, einerlei, ob er verliert oder gewinnt. Du wirst uns ein Frühstück geben.« »O, mit großem Vergnügen.« Wir küßten dem reizenden Mädchen die Hand und begaben uns dann an denselben Ort wie am Abend vorher. Die Gesellschaft war bereits versammelt und wartete auf den Herzog. Sie bestand aus zwölf Mitgliedern, die abwechselnd Bank hielten. Sie behaupteten, dadurch gliche das Spiel sich aus; aber ich mußte über diese Behauptung lachen, denn nichts ist schwieriger, als gleiche Aussichten für alle Spieler herzustellen. Der Herzog von Matalone nahm seinen Platz ein, zog seine Börse und seine Brieftasche hervor und legte zweitausend Dukaten in die Bank, indem er die Gesellschaft um Verzeihung bat, daß er zugunsten des Gastes die Bank verdoppele; sonst betrug nämlich die Bank stets nur tausend Dukaten. »Ich werde also,« bemerkte ich, »ebenfalls zweitausend Dukaten aufs Spiel setzen und nicht mehr, denn man sagt in Venedig, ein kluger Spieler dürfe nicht mehr riskieren, als was er gewinnen kann. Meine Marken werden also je zwei Dukaten gelten.« Mit diesen Worten zog ich zehn Banknoten von je hundert Dukaten aus der Tasche und gab sie dem Spieler, der sie mir am Abend vorher abgewonnen hatte. Das Spiel begann. Obgleich ich nur auf eine einzige Karte und sehr vorsichtig spielte, war doch nach drei Stunden mein Körbchen leer. Ich hörte auf, obgleich ich noch fünfundzwanzigtausend Dukaten besaß; ich hatte aber gesagt, daß ich nicht höher spielen würde, und ich wollte nicht gerne mein Wort brechen. Ich bin gegen Spielverluste stets sehr empfindlich gewesen; da ich mich jedoch immer zu beherrschen wußte, hat man niemals meinen Ärger bemerken können, eben weil ich mir stets Mühe gab, meine natürliche Heiterkeit zu verdoppeln und dadurch meine Stimmung zu verdecken. Dadurch gefiel ich in allen Gesellschaften, in die ich kam, und fand leicht neue Mittel. Ich speiste mit gutem Appetit, und eine gewisse Aufregung, in der ich mich befand, gab mir so glückliche Bemerkungen ein, daß die ganze Gesellschaft in die heiterste Stimmung versetzt wurde. Es gelang mir sogar; die Traurigkeit des Herzogs von Matalone zu verscheuchen, der in Verzweiflung war, daß er einem Fremden, der bei ihm wohnte und den er seinen Freund nannte, eine so große Summe abgewonnen hatte. Er befürchtete, mich in Geldverlegenheiten gebracht zu haben, noch mehr aber, daß man glauben könnte, er habe mich in seinem Hause aufgenommen, um mir mein Geld abzugewinnen; denn er war reich, edel, prachtliebend, freigebig und von anständiger Gesinnung. Unsere Unterhaltung auf der Heimfahrt war von seiner Seite teilnehmend, von der meinigen aber lustig. Ich bemerkte wohl, daß ihn irgend etwas bedrückte, und erriet auch, was es war; er fürchtete mein Zartgefühl zu verletzen und wagte mir darum nicht zu sagen, daß er mir zur Bezahlung gerne Zeit lassen wollte. Aber nachdem er sich in seine Gemächer zurückgezogen hatte, konnte er sich nicht enthalten, mir in freundlicher Weise zu schreiben: wenn ich Kredit brauche, möge ich nur zu seinem Bankier gehen; dieser werde mir soviel Geld geben, wie ich nötig habe. Ich antwortete ihm sofort: ich fühlte den vollen Wert seines großmütigen Verhaltens; sollte ich in die Lage kommen, Geld nötig zu haben, so würde ich von seinem großmütigen Anerbieten Gebrauch machen. Am nächsten Morgen ging ich in aller Frühe in sein Zimmer, umarmte ihn herzlich und bat ihn, nicht zu vergessen, daß wir bei seiner schönen Geliebten frühstücken sollten. Er zog wie ich einen Morgenrock an, und wir gingen zu Fuß nach der Fontana Medina, wo Leonilda in einem hübschen Hause wohnte. Wir fanden sie noch im Bett; sie empfing uns aufrechtsitzend in einer anständigen Bettoilette mit einem Basinleibchen, das vorne von rosenfarbenen Schleifen zusammengehalten wurde. Sie war entzückend schön, und ihre anmutige Stellung vermehrte noch ihre Reize. Sie las das »Sofa« vom eleganten jüngeren Crébillon. Der Herzog setzte sich auf das Fußende ihres Bettes, ich aber blieb wie betäubt vor Bewunderung stehen und sah sie nur immer an; vergeblich bemühte ich mich, das Urbild dieses zauberhaften Gesichtes, das ich, wie mich dünkte, schon einmal geliebt haben müßte, in mein Gedächtnis zurückzurufen. Ich sah sie zum erstenmal ohne den trügerischen Glanz des Kerzenlichtes. Sie lachte darüber, daß ich so zerstreut war, und bat mich im freundlichsten Ton, mich in den Lehnstuhl zu setzen, der am Kopfende ihres Bettes stand. Der Herzog sagte ihr, ich sei sehr erfreut, zweitausend Dukaten an seine Bank verloren zu haben, denn dieser Verlust gebe mir die Überzeugung, daß sie mich liebe. » Caro mio Don Giacomo , wie leid tut mir das! Es wäre besser gewesen, du hättest gar nicht gespielt; denn darum würde ich dich ja doch lieben, und du hättest zweitausend Dukaten mehr.« »Die ich weniger hätte!« rief der Herzog lachend. »Tröste dich, reizende Leonilda, heute Abend werde ich gewinnen, wenn du mir heute irgendeine Gunst gewährst. Sonst aber werde ich meine Seele verlieren, und in ein paar Tagen wirst du meinem Leichenbegängnisse beiwohnen.« »So gewähre doch, liebe Leonilda, meinem Freunde irgendeine Gunst.« »Das ist unmöglich.« Der Herzog bat sie, sich anzukleiden und mit uns im chinesischen Kabinett zu frühstücken. Sie tat es sofort und war weder zu freigebig mit dem, was sie uns sehen ließ, noch geizig mit dem, was sie uns verbergen zu müssen glaubte; sie hielt gerade die richtige Mitte, um einen Mann zu entflammen, den ihr Gesicht, ihr Geist und ihr Benehmen bereits verführt hatten. Immerhin konnte ich einen unbescheidenen Blick auf ihren Busen werfen, und dieser Anblick wirkte, wie wenn Öl ins Feuer gegossen wird. Ich gestehe, daß ich mir diesen Genuß nur durch eine Art Diebstahl verschaffte; doch würde mir dieser niemals gelungen sein, wenn nicht auch ein bißchen Absicht von ihrer Seite dabei gewesen wäre. Ich tat, wie wenn ich nichts gesehen hätte. Wir sprachen über die Zerstreutheit, die eine Frau sich beim Ankleiden erlauben dürfe, und sie vertrat sehr geistreich die Ansicht, daß ein anständiges junges Mädchen gegen einen Mann, den sie liebe, viel zurückhaltender sein müsse als gegen einen anderen, den sie nicht liebe, und zwar aus dem einfachen Grunde, daß sie den ersteren zu verlieren fürchten muß, während sie sich aus dem zweiten nichts macht. »Bei mir, reizende Leonilda,« sagte ich, »würde das Entgegengesetzte zutreffen.« »Ich bin überzeugt, du irrst dich.« Die chinesischen Bilder, mit denen das Frühstückskabinett ausgeschlagen war, waren wundervoll, mehr wegen der Schönheit der Farben und Zeichnung als durch die Darstellung der abgebildeten Liebesszenen. »Auf mich macht so etwas gar keinen Eindruck,« sagte der Herzog; zugleich zeigte er es uns. Leonilda wandte ihren Blick ab; mich ärgerte der Zynismus, doch wußte ich meine Gefühle zu verbergen und sagte: »Ich befinde mich in demselben Zustand wie Sie, doch wünsche ich durchaus nicht, Sie davon zu überzeugen.« »Das ist nicht möglich!« rief er; zugleich überzeugte er sich durch eine schnelle Handbewegung. »Erstaunlich!« sagte er; »du mußt auch impotent sein wie ich.« »Um diese Behauptung zu widerlegen, brauche ich nur Leonilda in die Augen zu sehen.« »O Leonilda, mein Herz, sieh doch bitte meinen Freund an, damit ich mich davon überzeugen kann.« Leonilda sah mich mit einem zärtlichen Blick an, und dieser brachte sofort die von mir erwartete Wirkung hervor. »Fassen Sie hin!« sagte ich zum armen Herzog; er tat es und rief: »Ich habe unrecht.« Als er sich jedoch anschickte, den Gegenstand seiner Überraschung zu entblößen, widersetzte ich mich; er blieb hartnäckig, und dies brachte mich auf den Gedanken, ihm einen Streich zu spielen. Ich ergriff Leonildas Hand, preßte meine Lippen darauf und überströmte in dem Augenblick, wo der Herzog zu triumphieren glaubte, seine Hand mit dem Lebenssaft, indem ich laut auflachte. Er lachte ebenfalls und stand auf, um ein Tuch zu holen. Von dem ganzen Vorgang hatte das entzückende Mädchen nichts sehen können, denn ein Tischchen trennte uns; aber während meine glühenden Lippen auf ihrer schönen Hand ruhten, waren meine Augen auf die ihrigen geheftet, und ihr Atem vermischte sich beinahe mit dem meinigen. Dieser Berührung verdanke ich das Feuer, das nötig gewesen war, um den Herzog zu bespritzen. Als nun auch sie vom Lachen ergriffen wurde, bildeten wir ein Trio, das des Pinsels eines Albano oder der Feder eines Aretino würdig gewesen wäre. Es war eine entzückende Partie, obgleich wir gewisse Grenzen überschritten, die der Anstand uns hätte setzen sollen; doch blieb Leonilda so unschuldig dabei, wie die Lage es erlaubte. Wir beendigten den Auftritt, indem wir uns gegenseitig umarmten; aber als ich mich von Leonildas wonnigen Lippen loslöste, verzehrte mich eine Glut, die ich nicht mehr dämpfen konnte. Als wir das Haus verlassen hatten, sagte ich dem Herzog, ich würde seine Geliebte nicht mehr wiedersehen, wenn er sie mir nicht abträte; ich wäre bereit, sie zu heiraten und ihr ein Witwengeld von fünftausend Dukaten auszusetzen. »Sprich mit ihr; wenn du ihr recht bist, werde ich mich nicht widersetzen. Du wirst von ihr selber erfahren, was sie besitzt.« Ich kleidete mich um und begab mich zum Mittagessen. Ich fand die Herzogin in zahlreicher Gesellschaft, und sie sagte mir mit gütiger Miene, mein Unglück tue ihr leid. »Nichts ist unbeständiger als das Glück, Madame! Dennoch beklage ich mich nicht über meinen Verlust, denn der freundliche Anteil, den Sie deswegen an mir nehmen, macht ihn mir angenehm; ich glaube sogar, ich werde infolgedessen heute Abend gewinnen.« »Ich wünsche es, doch zweifle ich daran; denn du hast heute Abend gegen Monte-Leone zu kämpfen, und dieser ist ein sehr glücklicher Spieler.« Im Laufe des Nachmittags überlegte ich mir meine Lage und beschloß, nur bar zu spielen, zunächst, um mich nicht der Gefahr der Entehrung auszusetzen, indem ich, von der Spielwut fortgerissen, mehr verlöre als ich besäße; außerdem aber, damit der Bankhalter, nachdem ich zweimal verloren, nicht befürchtete, daß ich kein Geld mehr hätte; endlich aber auch, wie ich gestehen muß, aus einem gewissen Spieleraberglauben, der von einer Änderung der Spielweise einen Umschwung des Glückes bestimmt erwartet oder doch wenigstens erhofft. Ich verbrachte im Theater San Carlo vier Stunden in der Loge meiner schönen Leonilda; ich fand sie fröhlich, reicher gekleidet und glänzender als an den vorhergehenden Tagen. »Teure Leonilda,« sagte ich zu ihr, »die Liebe, die du mir eingeflößt hast, ist derart, daß sie weder Aufschub noch Nebenbuhler duldet, ja daß sie nicht einmal den geringsten Anschein einer künftigen Unbeständigkeit verträgt. Ich habe dem Herzog gesagt, ich sei bereit, dich zu heiraten und dir ein Witwengeld von fünftausend Dukaten auszusetzen.« »Was hat er dir geantwortet?« »Ich solle dir den Vorschlag machen; er hat durchaus nichts dagegen.« »Wir werden also zusammen abreisen?« »Auf der Stelle, mein Herz, und nur der Tod soll uns trennen.« »Wir werden morgen früh darüber sprechen, caro Don Giacomo; du wirst mich glücklich machen, wenn ich dich glücklich machen kann.« Diese Worte erfüllten mich mit hoher Freude; in demselben Augenblick trat der Herzog ein, und Leonilda sagte zu ihm: »Lieber Freund, zwischen Don Giacomo und mir ist nur noch von einer richtigen Heirat die Rede.« »Eine Heirat, mia carissima , muß man sich so lange wie möglich überlegen, bevor man sie schließt.« »Ja, so lange wie möglich, wenn man Zeit dazu hat; mein lieber Giacomo kann aber nicht warten, weil er abreisen will; darum müssen wir nachher darüber nachdenken.« »Lieber Freund,« sagte der Herzog zu mir, »da es sich um eine Heirat handelt, könntest du deine Abreise aufschieben oder später wiederkommen und dich jetzt mit Leonilda nur verloben.« »Ich kann sie nicht aufschieben, mein lieber Herzog, und kann nicht wiederkommen. Wir sind entschlossen, und wenn wir uns täuschen, werden wir nachher Zeit genug haben, es zu bereuen.« Er lachte und sagte, wir würden am nächsten Tage darüber sprechen. Ich umarmte meine künftige Gattin, die mir beglückt meinen Kuß zurückgab. Hierauf gingen wir in unsere Spielergesellschaft, wo wir den Herzog von Monte-Leone als Bankhalter trafen. »Herr Herzog,« sagte ich zu ihm, »ich habe Pech, wenn ich auf Wort spiele; ich hoffe daher, Sie werden mir erlauben, mit barem Gelde zu spielen.« »Ganz wie Sie wollen; mir ist es einerlei, tun Sie sich nur keinen Zwang an. Ich habe eine Bank von viertausend Dukaten gelegt, damit Sie Ihren Verlust wieder einholen können.« »Nun, ich verspreche Ihnen, die Bank zu sprengen oder ebensoviel zu verlieren.« Ich legte sechstausend Dukaten auf den Tisch, von denen ich zweitausend dem Herzog von Matalone gab; hierauf spielte ich mit Sätzen von hundert Dukaten. Der Herzog entfernte sich, nachdem er einigemal gesetzt hatte. Nach einem langen Kampfe sprengte ich die Bank. Ich fuhr allein nach dem Palast des Herzogs zurück, und als ich ihm am nächsten Tage meinen Sieg meldete, umarmte er mich mit Freudentränen in den Augen und riet mir, nur noch gegen bar zu spielen. Da die Fürstin della Valle ein großes Souper gab, fand an diesem Tage keine Spielpartie statt. Es war Ruhetag. Wir gingen zu Leonilda, um ihr guten Tag zu sagen, verschoben jedoch eine Aussprache über unseren Heiratsplan bis zum nächsten Morgen und verbrachten den Tag damit, die Naturwunder der Umgegend von Neapel zu besehen. Am Abend wurde ich von meinem Freunde der Fürstin vorgestellt und sah bei ihr den vornehmsten Adel der Stadt. Am nächsten Morgen sagte der Herzog mir, er habe einige Geschäfte zu ordnen; ich könne daher allein zu Leonilda gehen, er werde mich abholen. Ich ging zu ihr; da der Herzog jedoch nicht kam, konnten wir über unsere künftige Heirat keine Beschlüsse fassen. Ich verbrachte mehrere Stunden bei ihr, doch konnte ich mich nur in Worten verliebt zeigen, da ich mich ihrem Willen anbequemen mußte. Bevor ich sie verließ, wiederholte ich die Versicherung, daß es nur von ihr abhänge, durch unlösliche Bande ihr Geschick an das meinige zu knüpfen und binnen kürzester Frist mit mir abzureisen. Als ich den Herzog wiedersah, empfing er mich mit den Worten: »Nun, Don Giacomo? Du hast den ganzen Morgen mit meiner Geliebten unter vier Augen verbracht; hast du immer noch Lust, sie zu heiraten?« »Mehr denn je; aber was ist denn deine Meinung davon?« »Ich habe gar keine, lieber Freund; ich habe dich mit Absicht auf diese Probe gestellt, und da die Sache nun einmal so steht, so wollen wir morgen darüber sprechen, und ich hoffe, du wirst das reizende Mädchen glücklich machen. Sie hat alles, was nötig ist, um einen wackeren Mann glücklich zu machen.« »Ich bin ganz deiner Meinung.« Am Abend fand ich bei Monte-Leone einen Bankhalter, der viel Gold vor sich liegen hatte. Mein Freund sagte mir, es sei Don Marco Ottoboni. Er war ein anständig aussehender Kavalier, aber er hielt die Karten so fest in der linken Hand, daß ich sie nicht sehen konnte. Dies flößte mir kein Vertrauen ein, und ich setzte immer nur mit einem Dukaten. Obwohl ich entschiedenes Unglück hatte, verlor ich nur etwa zwanzig Dukaten. Nach fünf oder sechs Taillen fragte der Bankhalter mich mit vornehmer Höflichkeit, warum ich gegen ihn so klein spiele. Ich antwortete ihm:»Wenn ich nicht mindestens die Hälfte des Kartenspieles sehe, fürchte ich zu verlieren!« über diese Bemerkung lachten mehrere von den Spielern. In der nächsten Nacht sprengte ich die Bank des Fürsten von Cessaro. Dieser liebenswürdige, reiche Herr verlangte von mir Revanche, indem er mich zum Abendessen nach seinem hübschen Hause am Pausilippo einlud, wo er mit einer Sängerin lebte, in die er sich in Palermo verliebt hatte. Er lud außer mir auch den Herzog von Matalone und noch drei oder vier andere Herren ein. Ich habe in Neapel nur dieses eine Mal Bank gehalten. Ich legte eine Bank von sechstausend Dukaten, nachdem ich gesagt hatte, daß ich am nächsten Tage abreisen und daher nur gegen bar spielen würde. Der Herzog von Cessaro verlor zehntausend Dukaten und gab die Partie nur auf, weil er kein bares Geld mehr hatte. Alle entfernten sich, und auch ich wäre gegangen, wenn nicht die Geliebte des Fürsten, die nach einem Verlust von etwa vierzig Unzen auf Wort gespielt hatte, mir etwa hundert Unzen schuldig gewesen wäre. In der Hoffnung, daß sie ihr Geld zurückgewinnen würde, zog ich weiter ab; da ich jedoch sah, daß sie immer mehr verlor, legte ich die Karten hin und sagte ihr, sie würde mir ihre Schuld in Rom bezahlen. Sie war schön und angenehm; trotzdem flößte sie mir keine Begierde ein, ohne Zweifel, weil ich von einer anderen stark in Anspruch genommen war. Sonst hätte ich einen Wechsel auf Sicht gezogen und mich bezahlt gemacht, ohne daß sie hätte in die Börse zu greifen brauchen. Es war zwei Uhr morgens, als ich fortging. Ich wollte Neapel nicht verlassen, ohne Caserta gesehen zu haben, und da Donna Leonilda denselben Wunsch hatte, ließ der Herzog uns in einem bequemen Wagen hinfahren, der mit sechs schönen Maultieren bespannt war, deren gleichmäßiger, schöner Trab den gewöhnlichen Galopp von Pferden übertraf. Leonildas Gesellschaftsdame nahm ebenfalls an dem Ausflug teil. Am nächsten Tage setzten wir in einer zweistündigen Unterredung die Bedingungen unserer künftigen Vereinigung fest. »Leonilda«, sagte der Herzog zu mir, »hat noch ihre Mutter, die auf einem nicht weit entfernten Landgut von einem jährlichen Einkommen von sechshundert Dukaten lebt, die ich ihr auf Lebenszeit ausgesetzt habe; es ist die Entschädigung für ein ihr von ihrem Gatten hinterlassenes Landgut, das ich von ihr übernahm. Leonilda hängt jedoch nicht von ihr ab. Sie hat sie vor sieben Jahren mir abgetreten, und ich habe ihr eine lebenslängliche Rente von fünfhundert Dukaten sichergestellt; diese wird sie dir nebst allen ihren Diamanten und einer reichen Aussteuer als Mitgift zubringen. Ihre Mutter überließ sie gänzlich meiner Zärtlichkeit und meinem Ehrenwort, daß ich für eine vorteilhafte Heirat sorgen würde. Ich habe besondere Sorgfalt auf ihre Erziehung verwandt; als ich ihren Geist sich entwickeln sah, bestrebte ich mich, sie vor allen Vorurteilen zu bewahren, mit Ausnahme desjenigen, das einer Frau gebietet, sich ausschließlich für den Mann zu bewahren, den der Himmel ihr zum Gatten bestimmt. Du kannst überzeugt sein, du wirst der erste Mann sein, den Leonilda, die ich wie meine Tochter liebe, an ihr Herz gedrückt hat.« Ich bat den Herzog, den Heiratsvertrag fertig machen zu lassen und der Mitgift meiner Braut fünftausend Reichsdukaten hinzuzufügen, die ich ihr bei der Unterzeichnung des Vertrages auszahlen würde. »Ich werde«, sagte er, »diese Summe als Hypothek auf ein Haus eintragen lassen, das das Doppelte wert ist.« Hierauf wandte er sich zu Leonilda, die vor Glück weinte, und sagte zu ihr: »Ich werde deine Mutter holen lassen; sie wird hochbeglückt sein, den Ehevertrag zu unterzeichnen und die Bekanntschaft eines Mannes zu machen, der dich gewiß glücklich machen wird. Die Mutter lebt eine Tagesreise von Neapel in der Familie des Marchese Galiani. Ich werde ihr morgen einen Wagen schicken, und übermorgen werden wir zusammen zu Abend speisen. Am dritten Tage bringen wir alles vor einem Notar in Ordnung; hierauf gehen wir in die kleine Kirche von Portici, wo ein Priester euch vermählen wild. Die Kosten übernehme ich. Hierauf bringen wir deine Mutter nach Santa Agata zurück, speisen bei ihr zu Mittag, und ihr setzt, begleitet von ihrem Segen, eure Reise fort.« Bei diesen Schlußworten überlief mich unwillkürlich ein Schauer. Leonilda sank ohnmachtig in die Arme des Herzogs, der sie seine teure Tochter nannte und sie mit Liebkosungen überhäufte, bis sie wieder zu sich kam. Zum Schluß dieses Auftrittes mußten wir alle unsere Tränen trocknen, denn wir alle waren gerührt. Da ich mich als verheiratet ansah und infolgedessen mich verpflichtet hielt, einen anderen Lebenswandel zu beginnen – denn ich bin überzeugt, ich würde alles aufgeopfert haben, um eine Frau, die es verdiente, glücklich zu machen –, so spielte ich nicht mehr. Ich hatte mehr als fünfzehntausend Dukaten gewonnen. Diese Summe nebst dem Gelde, das ich bereits besaß, und Leonildas Mitgift mußten zu einer anständigen Existenz ausreichen; es würde mir leicht geworden sein, ein vernünftiges Leben zu führen. Als ich am nächsten Abend mit dem Herzog und Leonilda speiste, sagte meine Braut zu mir: »Was wird meine Mutter sagen, wenn sie dich morgen Abend sieht?« »Sie wird sagen, du machst eine Dummheit, daß du einen Fremden heiratest, den du erst seit acht Tagen kennst. Hast du ihr meinen Namen, meine Heimat, mein Land, mein Alter mitgeteilt?« »Ich habe nur ein paar Zeilen geschrieben: Kommen Sie sofort, liebe Mama, und unterzeichnen Sie meinen Ehevertrag mit einem Manne, den ich aus den Händen des Herrn Herzogs empfangen und mit welchem ich morgen nach Rom abreisen werde!« »Und ich«, sagte der Herzog, »habe ihr folgendes mitgeteilt: Komme unverzüglich, liebe Freundin, unterzeichne den Heiratsvertrag deiner Tochter und gib ihr deinen Segen; sie hat mit klugem Sinne einen Gatten gewählt, der ihr Vater sein könnte und mein Freund ist!« »Das ist nicht wahr!« rief Leonilda, indem sie sich in meine Arme warf, »sie wird dich für alt halten, und das ärgert mich.« »Ist deine Mutter alt?« »Ihre Mutter«, sagte der Herzog, »ist eine reizende, geistvolle Frau, die noch nicht achtunddreißig Jahre alt ist.« »Was macht sie bei Galiani?« »Sie ist die vertraute Freundin der Marchesa; sie lebt bei ihnen in der Familie, bezahlt aber ihre Pension.« Da ich am nächsten Tag die Rechnung mit meinem Bankier abzuschließen hatte, bat ich den Herzog, mich erst zum Abendessen bei Leonilda zu erwarten. Ich kam erst gegen acht Uhr und fand sie alle vor dem Kamin sitzen. »Ah, da ist er!« rief der Herzog. Die Mutter stieß bei meinem Anblick einen Schrei aus und sank halb ohnmächtig in einen Lehnstuhl. Ich sah sie einen Augenblick an und rief: »Donna Lucrezia! Wie bin ich glücklich!« »Lassen Sie mich einen Augenblick Atem schöpfen, lieber Freund, und setzen Sie sich neben mich. Sie wollen also meine Tochter heiraten?« Ich setzte mich auf einen Stuhl. Ich erriet alles. Die Haare sträubten sich mir auf dem Kopf, und ich versank in ein düsteres Schweigen. Unmöglich wäre es mir, die Bestürzung Leonildas und des Herzogs zu schildern. Sie begriffen wohl, daß wir uns bereits kannten, aber das Weitere konnten sie nicht erraten. In meine traurigen Gedanken versunken, verglich ich Leonidas Alter mit dem Zeitpunkt, da ich Lucrezia Castelli gekannt hatte, und ich erkannte, daß sie recht wohl meine Tochter sein konnte. Ich sagte mir jedoch, die Mutter könne unmöglich die Gewißheit haben, denn sie lebte im ehelichen Verkehr mit ihrem Gatten, der damals kaum fünfzig Jahre alt war und sie liebte. Ich konnte die Ungewißheit nicht länger ertragen, stand auf, ergriff einen Leuchter, bat den Herzog und Leouilda um Verzeihung und ersuchte Lucrezia, mit mir in ein Nebenzimmer zu gehen. Lucrezia setzte sich, zog mich an ihre Seite und sprach: »O, mein lieber Freund, den ich so sehr geliebt habe, – muß ich dich so sehr betrüben! Leonilda ist deine Tochter, dessen bin ich gewiß. Ich habe sie stets als deine Tochter angesehen, und mein Mann wußte es; aber er war darob nicht böse, im Gegenteil, er betete sie an. Ich werde dir ihren Geburtsschein zeigen; du kannst dann selber nachrechnen. Mein Mann hat mich in Rom nur ein einziges Mal besucht, und meine Tochter ist zur rechten Zeit geboren worden. Du wirst dich eines Briefes erinnern, den meine Mutter dir mitgeteilt haben muß und worin ich ihr schrieb, ich sei schwanger. Dies war im Januar 1744, und in sechs Monaten wird meine Tochter siebzehn Jahre alt. Mein seliger Mann gab ihr in der Taufe die Namen Leonilda Giacomina, und im Scherz rief er sie immer bei diesem letzteren Namen. Diese Heirat, mein lieber Freund, erfüllt mich mit Entsetzen; aber du wirst begreifen, daß ich mich ihr nicht widersetzen werde, denn ich könnte mich nicht entschließen, den Grund meines Widerspruches anzugeben. Wie denkst du darüber? Hast du jetzt noch den Mut, sie zu heiraten? Du zögerst. Solltet ihr bereits einen Abschlag auf die Zukunft genommen haben?« »Nein,geliebte Lucrezia, nein! Deine Tochter ist rein wie eine Perle!« »Ich atme auf!« »Ja, aber du zerreißest mir das Herz.« »Ich bin in Verzweiflung darüber.« »Sie sieht mir nicht im geringsten ähnlich.« »Allerdings nicht; aber das beweist nichts, denn sie sieht mir ähnlich. Du weinst, lieber Freund; du durchbohrst mir das Herz.« »Wer sollte da nicht weinen! Ich werde den Herzog zu dir schicken; nach meinem Gefühl müssen wir ihnen alles sagen.« Ich ließ Lucrezia allein und bat meinen Freund, mit ihr zu sprechen. Die zärtliche Leonilda setzte sich ganz erschreckt auf meinen Schoß und bat mich, ihr zu sagen, was das für ein Geheimnis sei, das sie schon ganz unglücklich mache. Ich konnte ihr nicht antworten, denn mir war das Herz zusammengeschnürt; sie küßte mich, und wir brachen in Tränen aus. So saßen wir in traurigem Schweigen, bis der Herzog und die Mutter wieder eintraten. Donna Lucrezia war die einzige unter uns, die bei klarer Vernunft war. Sie sagte: »Meine liebe Leonilda, du mußt in dieses unangenehme Geheimnis eingeweiht werden, und von deiner Mutter mußt du alles erfahren. Erinnerst du dich, mein liebes Kind, welchen Namen dir oft mein seliger Mann gab, wenn er dich liebkoste?« »Er nannte mich seine reizende Giacomina.« »Du hast diesen Namen nach Herrn Casanova; es ist der Name deines Vaters. Umarme ihn, meine Tochter; sein Blut fließt in deinen Adern, und wenn er dein Liebhaber gewesen ist, so bereue deine Sünde, die glücklicherweise unbeabsichtigt war.« Es war eine rührende Szene, die uns alle tief bewegte. Leonilda umklammerte die Knie ihrer Mutter und sagte mit tränenerstickter Stimme: »Mutter, ich habe für meinen Vater nur Gefühle kindlicher Zärtlichkeit empfunden!« Hierauf schwiegen wir alle; die Stille wurde nur durch das Schluchzen der beiden schönen Geschöpfe unterbrochen, die sich eng umschlungen hielten; der Herzog und ich standen unbeweglich wie zwei Bildsäulen, gesenkten Hauptes und mit gekreuzten Armen, ohne auch nur einen Blick zu wechseln. Das Abendessen wurde aufgetragen. Wir saßen drei Stunden bei Tisch in trauriger Unterhaltung und ohne zu essen. Wir sprachen nur über diese dramatische, mehr unglückliche als glückliche Wiederfindungsszene und trennten uns erst um Mitternacht, Bitterkeit im Herzen und sehnsüchtig dem nächsten Morgen entgegensehend; denn wir hofften, dann würden wir ruhiger sein und den einzigen Entschluß fassen können, der uns übrig blieb. Als wir nach Hause fuhren, stellte der Herzog eine Menge Betrachtungen an über alles, was man in der Moralphilosophie Vorurteil nennen kann. Kein Philosoph wird anzunehmen oder gar zu behaupten wagen, daß die Verbindung eines Vaters mit seiner Tochter vom natürlichen Standpunkt aus etwas Schreckliches sei, denn die Abneigung dagegen ist ein rein gesellschaftliches Vorurteil; aber es ist so weit verbreitet, und die Erziehung hat es so tief in unsere Herzen eingewurzelt, daß nur ein gänzlich verderbter Geist sich darüber hinwegsetzen könnte. Dieses Vorurteil ist eine Frucht der Achtung vor den Gesetzen; es entspricht der gesellschaftlichen Ordnung, bürgerlicher Sitte, politischer Gewohnheit, einer guten Erziehung und der Moral der Völker; wird es so aufgefaßt, so ist es kein Vorurteil mehr, sondern wird Grundsatz, unbedingte Pflicht. Diese Pflicht kann als eine natürliche angesehen werden, insofern die Natur uns antreibt, denen, die wir lieben, alles Gute zuzuwenden, das wir uns selber wünschen. Wie es scheint, erheischt gegenseitige Liebe vollkommene Gleichheit in allem: Alter, Stand, Charakter. Man sieht auf den ersten Blick, daß eine solche Gleichheit zwischen Vater und Tochter nicht vorhanden ist. Die Ehrfurcht, welche man Kindern vor ihren Erzeugern einflößen muß, ist bereits ein Hindernis für die Zärtlichkeit, wie zwei Liebende sie füreinander empfinden müssen. Und wenn ein Vater vermöge der Gewalt, welche Natur und Kraft ihm verleihen, sich seiner Tochter zu bemächtigen wagt, so begeht er einen abscheulichen Willkürakt, den die Natur und die gesellschaftliche Ordnung in gleicher Weise verdammen müssen. Die natürliche Liebe zur Ordnung bewirkt auch, daß die Vernunft eine solche Verbindung ungeheuerlich findet. Die Früchte einer so übelpassenden Ehe können nur Liederlichkeit und Auflehnung sein. Kurz und gut, obgleich ich selber recht vorurteilsfrei bin, finde ich eine solche Verbindung in jeder Beziehung abscheulich; doch ist sie es nicht, wenn Vater und Tochter sich lieben, ohne von ihrem Verhältnis etwas zu wissen, über die Blutschande, die den immer wiederkehrenden Stoff der griechischen Tragödie bildet, kann ich nicht weinen, sondern nur lachen; über Phädra dagegen muß ich Tränen vergießen, aber daran ist Racine schuld. Ich ging zu Bett; aber wie immer, wenn ich sehr aufgeregt bin, konnte ich kein Auge schließen. Der erzwungene schnelle und unerwartete Übergang von fleischlicher zu väterlicher Liebe versetzte alle meine körperlichen und geistigen Kräfte in eine solche Aufregung, daß ich kaum dem starken Widerstreit aller meiner Gefühle standhalten konnte. Gegen Morgen beschloß ich endlich, am nächsten Morgen abzureisen; dann schlief ich einen Augenblick ein; als ich erwachte, war ich abgemattet wie ein Liebender, der eine lange Winternacht hindurch sich der Wollust ergeben hat. Als ich aufgestanden war, teilte ich dem Herzog meinen Vorsatz mit. Er machte mich darauf aufmerksam, daß ja meine demnächstige Abreise allgemein bekannt sei, daß aber eine solche Überstürzung Anlaß zu hämischen Bemerkungen geben werde. »Trinke mit mir eine Tasse Fleischbrühe,« fuhr er fort; »laß uns deinen gescheiterten Heiratsplan als einen der tausend Schwänke ansehen, die du in deinem Leben verübt hast. Wir wollen die letzten drei oder vier Tage in heiterer Laune zubringen und uns Mühe geben, diesem Mißverständnis alles Traurige zu benehmen; vielleicht finden wir es zuletzt nur noch komisch. Laß dir von mir raten: die Mutter ist so gut wie die Tochter; Erinnerung ist oft besser als Hoffnung; tröste dich mit Lucrezia! Du mußt sie wenig anders gefunden haben, als sie vor achtzehn Jahren war; denn es scheint unmöglich, daß sie damals schöner war als jetzt.« Diese kleine Zurechtweisung brachte mich zur Vernunft. Ich fühlte, daß es das beste Heilmittel war, eine Schimäre zu vergessen, die mich vier oder fünf Tage lang in Hoffnungen eingewiegt hatte. Es konnte mir nicht schwer werden, denn mein Selbstgefühl war nicht verletzt; aber ich war verliebt, und die Geliebte konnte nicht die Leidenschaft dämpfen, die sie in mir hervorgerufen hatte. Die Liebe ist nicht wie eine Ware, die man begehrt und an Stelle deren man eine andere, mehr oder weniger ähnliche wählt, wenn man die gewünschte nicht haben kann. Die Liebe ist ein Gefühl oder eine Laune der Sympathie; nur das Wesen, das sie eingeflößt hat, kann sie verlöschen oder zu größerer Glut anfachen. Wir begaben uns zu meiner Tochter. Der Herzog war in seiner gewöhnlichen Stimmung; ich aber war bleich, niedergeschlagen und verstört wie ein Schüler, der eine Züchtigung erhalten soll. Zu meiner großen Überraschung fand ich Mutter und Tochter in fröhlicher Stimmung; dies trug nicht wenig zu meiner schnellen Heilung bei. Leonilda fiel mir um den Hals, nannte mich »lieber Papa« und küßte mich mit der ganzen Hingebung einer Tochter, Donna Lucrezia streckte mir ihre Hand entgegen und nannte mich ihren lieben Freund. Ich heftete meine Blicke auf sie und konnte nicht umhin, anzuerkennen, daß die achtzehn Jahre, die zwischen Tivoli und Neapel lagen, ihren Reizen keinen Eintrag getan hatten. Es war derselbe lebhafte Blick, dieselbe rosige Haut, dieselbe vollendete Schönheit der Formen, dieselbe Frische der Lippen, mit einem Wort, alles, was mich in meiner Jugend bezaubert hatte. Ohne ein Wort zu sagen, liebkosten wir uns aufs zärtlichste. Leonilda gab und empfing die zärtlichsten Küsse; sie schien nicht zu bemerken, daß sie Begierden erregen konnte. Ohne Zweifel wußte sie, daß ich in meiner neuen Eigenschaft als Vater Kraft zum Widerstand haben würde, und sie hatte recht. Man gewöhnt sich an alles; ich schämte mich und war nicht mehr traurig. Ich erzählte Donna Lucrezia, wie eigentümlich mich ihre Schwester in Rom empfangen hätte, und sie lachte herzlich darüber. Dann gedachten wir der Nacht in Tivoli, und diese Erinnerungen rührten uns. Von Rührung zur Liebe ist ein kurzer Weg; aber der Ort, an dem wir uns befanden, war nicht günstig; darum taten wir, wie wenn wir nicht daran dächten. Nach einem kurzen Schweigen, das wir nötig hatten, um unsere Sinne zu beruhigen, sagte ich ihr, wenn sie mit mir nach Rom reisen wolle, um ihre Schwester Angelika zu besuchen, wolle ich mich verpflichten, sie zu Anfang der Fastenzeit wieder nach Neapel zu bringen. Sie versprach mir eine Antwort für den nächsten Tag. Beim Essen saß ich zwischen ihr und Leonilda. Da ich an meine Tochter nicht mehr denken konnte, so war es natürlich, daß meine alte Leidenschaft für Lucrezia wieder erwachte. Ihre Heiterkeit, Liebenswürdigkeit und Schönheit, vielleicht auch mein Liebesbedürfnis und die Güte der Weine bewirkten, daß ich beim Nachtisch völlig verliebt war und ihr den Vorschlag machte, den Platz einzunehmen, der ihrer Tochter bestimmt gewesen war. »Ich heirate dich,« rief ich, »und Montag reisen wir alle drei nach Rom; denn da Leonilda meine Tochter ist, will ich sie nicht in Neapel lassen.« Meine drei Tafelgenossen sahen einander an, und niemand sprach ein Wort. Ich ließ das Thema fallen und brachte das Gespräch auf einen anderen Gegenstand. Nach dem Essen fühlte ich mich schläfrig und mußte mich auf ein Bett werfen; ich erwachte erst um acht Uhr und sah zu meiner Überraschung nur Lucrezia, die mit Schreiben beschäftigt war. Als sie hörte, daß ich mich bewegte, trat sie an mein Bett und sagte zärtlich: »Mein lieber Freund, du hast fünf Stunden geschlafen; um dich nicht allein zu lassen, habe ich die Aufforderung, den Herzog und unser liebes Kind in die Oper zu begleiten, abgelehnt.« Die Erinnerung an alte Liebe erwacht gar schnell, wenn man sich in der Nähe des Wesens befindet, das sie einst in uns entzündete; die Begierden werden unwiderstehlich, wenn die Illusion nicht durch die Abwesenheit aller Reize gestört wird. Wenn in zwei Wesen die gleiche Erinnerung erwacht, kommt eines dem anderen entgegen. Es ist dann, als setze man sich in den Besitz eines Gutes, das einem gehört und dessen man nur durch grausame Schicksalsfügungen lange Zeit beraubt war. In diesem Falle befanden wir uns, und ohne Umschweife, ohne eitle Worte, ohne verstellte Angriffe, bei denen stets der eine der beiden Parteien seine eigenen Begierden belügen muß, überließen wir uns der wahren, der einzigen Schöpferin der Natur: der Liebe. Nach dem ersten Akt brach ich das Schweigen. Wenn ein Mensch von Natur zum Scherzen geneigt ist, wie könnte er wohl seiner Anlage gerade während jener köstlichen Ruhe widerstehen, die einem siegreichen Liebeskampfe folgt? »So bin ich also wieder«, rief ich, »in jenem reizenden Lande, in das ich zum erstenmal bei Trommelwirbel und Flintengeknatter im Dunkel der Nacht eindrang!« Über diesen Witz mußte sie lachen; er frischte ihr Gedächtnis auf. Mit Entzücken erinnerten wir uns an alle unsere Erlebnisse auf Monte Testaccio, in Frascati, in Tivoli. Wir taten diesen Rückblick nur zu unserer Ergötzung; aber wenn zwei Liebende beieinander sind, werden alle solche Ergötzlichkeiten nur zum Anlaß, das köstliche Opfer Cytherens immer von neuem zu beginnen! Am Schlusse des zweiten Aktes rief ich in der Begeisterung, die eine glückliche Liebe einflößt: »Laß uns einander fürs Leben angehören! Wir stehen im gleichen Alter; wir lieben uns, unser Vermögen ist hinreichend, wir dürfen hoffen, glücklich miteinander zu leben, ja zu sterben.« »Es ist der innigste Wunsch meines Herzens,« antwortete Lucrezia mir; »aber wir wollen in Neapel bleiben und Leonilda dem Herzog lassen. Wir werden in trauter Gemeinschaft leben, werden einen würdigen Gatten für sie finden, und unser Glück wird vollkommen sein.« »Ich kann mich nicht in Neapel niederlassen, meine liebe Freundin; wie du weißt, war deine Tochter bereit, mit mir fortzureisen.« »Meine Tochter! Sage doch: Unsere Tochter. Ich sehe, du möchtest lieber nicht ihr Vater sein; du liebst sie.« »Leider! Ja, ich bin sicher, daß meine Leidenschaft schweigen wird, solange ich mit dir leben kann; aber ich würde für nichts einstehen, wenn du nicht da wärest. Ich würde fliehen; aber Flucht ist kein Glück. Leonilda ist reizend, und ihr Geist verführt mich noch mehr als ihre Schönheit. Ich war sicher, daß sie mich liebte; nur darum habe ich sie nicht verführt, weil ich fürchtete, sie mißtrauisch zu machen, denn wenn ich sie beunruhigt hätte, würde ich vielleicht ihre Zärtlichkeit geschwächt haben. Ich wollte sie glücklich machen, darum wollte ich mir ihre Achtung verdienen und ihre Unschuld schonen. Ich wollte gleiche Rechte für uns beide. Wir haben einen Engel in die Welt gesetzt, meine liebe Lucrezia, und ich kann nicht begreifen, wie der Herzog ...« »Der Herzog, lieber Freund, ist ganz und gar ein Unmann. Begreifst du jetzt, wie ich ihm meine Tochter habe anvertrauen können?« »Unmann? Ich habe es, wie alle Welt, geglaubt; aber er hat einen Sohn.« »Seine Frau könnte dir sagen, wie das zugegangen ist. Glaube mir nur, der arme Herzog wird jungfräulich sterben müssen, und er ist davon mehr als jeder überzeugt.« »Sprechen wir nicht mehr davon! Laß mich mit dir sein, wie einst in Tivoli.« »Nicht jetzt! Ich höre einen Wagen.« Im selben Augenblick öffnete sich die Tür, und Leonilda lachte laut auf, als sie ihre Mutter in meinen Armen sah. Sie warf sich auf uns und bedeckte uns mit Küssen. Gleich darauf kam der Herzog, und wir speisten sehr fröhlich zu Abend. Er erklärte mich für den glücklichsten aller Sterblichen, als ich ihm sagte, ich würde die Nacht in allen Ehren mit meiner Frau und meiner Tochter verbringen. Er hatte recht; denn in jenem Augenblick war ich es. Nachdem der prächtige Mensch sich entfernt hatte, gingen wir zu Bett. Doch ich muß einen Schleier über die wollüstigste Nacht ziehen, die ich in meinem ganzen Leben verbracht habe. Wenn ich alles sagte, würde ich Ohren verletzen, die sich für keusch zu halten gewohnt sind. Übrigens hat keine Palette Farben genug, ist keine Dichtkunst bilderreich genug, um würdig wiederzugeben, was in jener Nacht wollüstiger Raserei, verliebter Ausgelassenheit und Zurückhaltung das schwache Licht zweier Kerzen beschien, die auf einem Tischchen brannten, wie ein von frommer Hand angezündetes Lichtstümpfchen vor dem Bilde eines Heiligen glimmt. Die Sonne hatte uns schon lange geleuchtet, als wir den Schauplatz der Liebe verließen, den ich mit meinem Blute benetzt hatte. Kaum waren wir angekleidet, so kam der Herzog. Leonilda schilderte ihm unsere nächtlichen Arbeiten; aber bei seiner traurigen Nichtigkeit mußte er sich glücklich schätzen, daß er nicht dabei gewesen war. Ich hatte beschlossen, am nächsten Tage abzureisen, weil ich die letzte Woche des Karnevals in Rom verbringen wollte; ich bat daher den Herzog um Erlaubnis, Leonilda die fünftausend Dukaten schenken zu dürfen, die ich ihr als Witwengeld zugedacht hätte, wenn sie meine Frau geworden wäre. »Da sie deine Tochter ist,« antwortete der Herzog, »darf und muß sie dieses Geschenk von ihrem Vater annehmen; wir können es ja als Mitgift bezeichnen.« »Machst du mir das Vergnügen, meine Gabe anzunehmen, liebe Leonilda?« »Ja, lieber Papa,« sagte sie mit einer zärtlichen Umarmung, »aber nur unter der Bedingung, daß du nach Neapel zurückkommst und mich besuchst, sobald du vernimmst, daß ich verheiratet bin.« Ich versprach ihr dieses und habe Wort gehalten. »Da du morgen abreisen willst, lieber Freund,« sagte der Herzog zu mir, »so will ich dir zu Ehren heute Abend den ganzen Adel Neapels bei mir sehen. Ich lasse dich bei deiner Tochter; bei Tisch sehen wir uns wieder.« Er ging, und ich speiste mit meiner Frau und mit meiner Tochter in ungetrübter Fröhlichkeit. Fast den ganzen Nachmittag verbrachte ich mit Leonilda; ich hielt mich in den Grenzen väterlicher Ehrbarkeit; doch geschah dieses vielleicht weniger aus Achtung vor der guten Sitte als infolge meiner nächtlichen Anstrengungen. Wir küßten uns erst im Augenblick unserer Trennung, und Mutter und Tochter zeigten mir, wie schmerzlich ihnen meine Abreise war. Nachdem ich auf das sorgfältigste Toilette gemacht hatte, begab ich mich zum Souper; ich fand etwa hundert Herren und Damen vom vornehmsten Adel versammelt. Die Herzogin war sehr liebenswürdig; als ich ihr zum Abschied die Hand küßte, war sie so gütig, mir zu sagen: »Ich hoffe, Don Giacomo, Ihr kurzer Aufenthalt in Neapel hat Ihnen keine unangenehmen Erinnerungen zurückgelassen, und Sie werden zuweilen mit Vergnügen an diese Tage denken.« Ich erwiderte, ich könne nur mit Entzücken daran zurückdenken, besonders, nachdem sie sich an diesem Abend so gütig gegen mich gezeigt habe. In der Tat konnte niemand daran zweifeln, daß Neapel mir glückliche Erinnerungen zurücklassen müsse. Nachdem ich die Dienerschaft des Herzogs auf das freigebigste beschenkt hatte, begleitete dieser vornehme Herr, den das Glück so gut, aber die Natur, die ihm die süßesten Genüsse verwehrte, so schlecht behandelt hatte, mich bis an meinen Wagen, und ich reiste ab. Zwölftes Kapitel Mein Wagen zerbricht. – Mariuccias Heirat. – Flucht des Lord Limore. – Meine Rückkehr nach Florenz und meine Abreise mit der Corticelli. Ich schlief fest an Don Ciccio Alfanis Seite in einem ausgezeichneten vierspännigen Wagen, dem mein Spanier vorausritt, als plötzlich ein heftiger Stoß mich weckte. Man hatte mich um Mitternacht, mitten auf der Landstraße, vier Meilen von Sant' Agata, jenseits Francolisa, umgeworfen. Alfani lag unter mir und schrie aus vollem Halse, denn er glaubte den linken Arm gebrochen zu haben; glücklicherweise war dieser aber nur verrenkt. Leduc war umgekehrt und sagte mir, die Postillone seien geflohen, und es sei wohl möglich, daß sie Straßenräuber herbeiriefen, wie es ja im Kirchenstaat und im Königreich Neapel so oft vorkommt. Es gelang mir leicht, aus dem Wagen herauszukommen; der arme Alfani jedoch, ein dicker alter Herr, dazu verwundet und halbtot vor Angst, vermochte sich nicht ohne Hilfe zu befreien. Wir brauchten eine Viertelstunde, bis es uns gelang. Ich mußte über den Unglücklichen lachen, als er mitten unter Geschrei und Flüchen heiße Gebete an seinen Schutzpatron, den heiligen Franz von Assisi, richtete. Ich war an derartige Unfälle gewöhnt und hatte nicht den geringsten Schaden genommen; denn es kommt viel darauf an, wie man im Wagen sitzt. Don Ciccio hatte sich wahrscheinlich den Arm verrenkt, indem er ihn im Augenblick des Sturzes ausstreckte. Ich holte meinen Degen, meinen Karabiner und meine Sattelpistolen aus dem Wagen und legte diese Waffen nebst meinen Taschenpistolen so zurecht, daß ich den Räubern, falls welche kommen sollten, kräftigen Widerstand leisten konnte; hierauf befahl ich Leduc wieder zu Pferde zu steigen und in der Umgegend für Geld bewaffnete Bauern zu suchen, die uns aus der Verlegenheit helfen könnten. Während Don Ciccio über das Unglück stöhnte, spannte ich die vier Pferde aus. Ich war entschlossen, mein Geld und mein Leben teuer zu verkaufen. Mein Wagen stand neben einem Graben; ich band die Pferde mit Stricken an die Räder der rechten Seite, an die Deichsel und an das Hinterteil des Wagens fest, und stellte mich mit meinem Wagen so auf, daß die Pferde einen Wall bildeten. Nachdem ich mich auf diese Weise auf alle Möglichkeiten vorbereitet hatte, war ich ganz ruhig; mein unglücklicher Reisegefährte aber fuhr fort zu stöhnen, zu beten und zu fluchen; denn in Neapel wie in Rom schließt das eine das andere nicht aus. Da ich ihm keine Erleichterung verschaffen konnte, so beklagte ich ihn; zugleich aber lachte ich unwillkürlich zum großen Ärger meines armen Abbate, der einem auf den Strand geworfenen Delphin glich, denn er lag unbeweglich am Grabenrande. Man denke sich seinen Zustand, als die eine Stute, deren Hinterteil ihm zugewendet war, einem natürlichen Drange folgend, die ganze Flüssigkeit, womit ihre Blase überfüllt war, über seinen armen Leichnam auslehrte! Hiergegen gab es keine Abhilfe, und die Sache war so komisch, daß ich wider meinen Willen laut lachen mußte. Ein starker Nordwind machte indessen unsere Lage außerordentlich unangenehm. Beim geringsten Geräusch rief ich: Wer da? und drohte auf jeden, der sich nähern würde, Feuer zu geben. Ich hatte in dieser tragikomischen Lage zwei lange Stunden verbracht, als endlich Leduc herangaloppierte und mir schon von weitem zurief, daß ein Trupp bewaffneter Bauern mit Laternen herannahe. In weniger als einer Stunde waren der Wagen, die Pferde und Alfani wieder in gehörigen Stand versetzt. Zwei von den Bauern behielt ich als Postillone bei mir; die anderen gingen, sehr zufrieden mit der Störung ihres Schlafes, nach Hause. Bei Tagesanbruch kam ich in Sant' Agata an; ich machte einen Höllenlärm vor der Tür des Postmeisters, forderte einen Notar, um ein Protokoll aufzunehmen, und drohte die Postillone hängen zu lassen, die mich absichtlich mitten auf einer breiten und schönen Landstraße umgeworfen hätten. Ein Stellmacher, der herbeigerufen wurde, besichtigte meinen Wagen, fand die Achse gebrochen und sagte mir, ich müßte mindestens einen Tag an dem Ort verweilen. Don Ciccio, der einen Wundarzt nötig hatte, suchte, ohne mir ein Wort zu sagen, den ihm bekannten Marchese Galiani auf. Dieser beeilte sich mich aufzusuchen und bat mich, bei ihm zu verweilen, bis ich meine Reise fortsetzen könnte. Ich nahm sein Anerbieten mit großem Vergnügen an, und diese Einladung trug viel dazu bei, meine üble Laune zu verscheuchen, die im Grunde weiter nichts war als ein gewisses Bedürfnis, wie ein großer Herr Spektakel zu machen. Der Marchese befahl zunächst meinen Wagen in seinen Schuppen zu schaffen; dann nahm er mich unter den Arm und führte mich nach seinem Hause. Er war ein ebenso gelehrter wie höflicher Kavalier und durch und durch Neapolitaner, das heißt: ohne alle Umstände. Er hatte nicht den glänzenden Geist seines Bruders, den ich in Paris gekannt hatte, als er unter dem Grafen Cantillana-Montdragon Gesandtschaftssekretär war; aber er hatte ein gesundes Urteil, das er durch ein eindringliches Studium der alten und neuen Klassiker weiter gebildet hatte. Besonders war er ein guter Mathematiker; er schrieb damals einen Kommentar zum Vitruv, den er später erscheinen ließ. Der Marchese stellte mich seiner Frau vor, von der ich bereits wußte, daß sie die vertraute Freundin meiner Lucrezia war. Sie hatte etwas Engelhaftes an sich, und umgeben von drei oder vier kleinen Kindern bot sie den Anblick einer heiligen Familie. Don Ciccio wurde sofort zu Bett gebracht, dann ließ man einen Wundarzt rufen, der ihn untersuchte und mit der Versicherung tröstete, es sei eine einfache Verrenkung und er werde in wenigen Tagen wiederhergestellt sein. Um die Mittagsstunde hielt ein Wagen vor der Tür, und Lucrezia stieg aus. Nachdem sie die Marchesa umarmt hatte, wandte sie sich auf die ungezwungenste Weise zu mir, streckte mir die Hand entgegen und rief: »Durch welchen glücklichen Zufall sind Sie hier, mein lieber Don Giacomo?« Hierauf sagte sie ihrer Freundin, ich sei ein Freund ihres verstorbenen Gatten und sie habe mich mit dem größten Vergnügen bei dem Herzog von Matalone wiedergesehen. Als ich mich nach Tisch mit diesem reizenden, zur Liebe geschaffenen Weibe allein befand, fragte ich sie, ob es nicht möglich wäre, uns eine glückliche Nacht zu verschaffen. Sie wies mir nach, daß dies unmöglich sei, und ich mußte mich darein ergeben. Noch einmal bot ich ihr an, sie zu heiraten. Sie antwortete: »Kaufe dir ein Gut im Königreich Neapel, und ich will mein Leben bei dir verbringen, ohne daß wir den Beistand eines Priesters nötig haben; es wäre denn, daß wir Kinder bekämen.« Ich konnte mir nicht verhehlen, daß Lucrezia sehr vernünftig dachte; ich hätte mir leicht ein Landgut in Neapel kaufen und dort reich und glücklich leben können; aber der Gedanke, mich irgendwo unwiderruflich festzusetzen, war mir so widerwärtig, ein verständiger Lebenswandel war so gegen meine Natur, daß ich unvernünftigerweise mein törichtes Landstreichertum allen Vorteilen vorzog, die unsere Vereinigung mir verschafft hätte. Und auch Lucrezia hatte im Grunde nichts dagegen. Nach dem Abendessen verabschiedete ich mich von allen, und mit Tagesanbruch reiste ich ab, um am nächsten Tage in Rom zu sein. Ich hatte auf einer sehr schönen Straße nur fünfzehn Poststationen zurückzulegen. Als ich in Carigliano ankam, sah ich einen jener zweiräderigen Karren, die im ganzen Lande unter dem Namen Mantice bekannt sind; man bespannt sie mit zwei Pferden, ich brauchte jedoch vier. Als ich aufstieg, hörte ich meinen Namen rufen und drehte mich um. Zu meiner nicht geringen Überraschung sah ich in dieser Mantice ein hübsches junges Mädchen und die Signora Diana, die Sängerin des Fürsten von Cassaro, die mir dreihundert Unzen schuldig war. Sie sagte mir, sie reise nach Rom und sehe mit großem Vergnügen, daß wir zusammenreisen würden. »Wir werden die Nacht in Piperno verbringen, nicht wahr, mein Herr?« »Nein, meine Gnädige, ich habe die Absicht, ohne Aufenthalt bis Rom zu fahren.« »Aber wir kommen ebenfalls morgen dort an.« »Das weiß ich; aber ich schlafe besser in meinem Wagen als in den schlechten Betten, die man in den Herbergen findet.« »Ich wage nicht bei Nacht zu reisen.« »Nun, Signora, so werden wir uns in Rom wiedersehen.« »Das ist grausam. Wie Sie sehen, habe ich nur einen einfältigen Bedienten und mein Kammermädchen bei mir, die nicht mutiger ist als ich; außerdem ist es so kalt, und ich habe einen offenen Wagen. Ich werde Ihnen in dem Ihrigen Gesellschaft leisten.« »Es ist mir unmöglich, Sie aufzunehmen, denn den Rücksitz nimmt mein alter Sekretär ein, der sich vorgestern den Arm gebrochen hat.« »Ist es Ihnen recht, wenn wir zusammen in Terracina zu Mittag essen? Wir können dort plaudern.« »Gern.« Wir hielten eine gute Mahlzeit in diesem Städtchen, das hart an der Grenze des Kirchenstaates liegt. Da wir erst tief in der Nacht in Piperno ankommen konnten, bat die Künstlerin mich von neuem auf das dringendste, mit ihr dort den Tag abzuwarten. Sie war jung und schön; trotzdem aber gefiel sie mir nicht; sie war sehr blond und zu fett. Ihr Kammermädchen dagegen, eine schöne schlanke Brünette mit runden Formen und lebhaften Augen, erregte in hohem Maße meine Begehrlichkeit. Eine unbestimmte Hoffnung auf ihren Besitz milderte meinen Widerstand, und schließlich versprach ich der Signora, mit ihr zu Abend zu speisen und sie vor meiner Abreise dem Wirt zu empfehlen. In Piperno fand ich Gelegenheit, der jungen Schwarzäugigen zu sagen: wenn sie mir erlauben wolle, in aller Stille zu ihr zu kommen, würde ich nicht weiter reisen. Sie versprach mir, mich zu erwarten, und ließ mich eine Anzahlung nehmen, die gewöhnlich ein Unterpfand vollständiger Gefälligkeit zu sein pflegt, wenn man weiter nichts wünscht. Wir speisten zu Abend; hierauf wünschte ich den Damen gute Nacht und begleitete sie in ihr Zimmer. Ich merkte mir das Bett der Schönen; ich konnte mich nicht täuschen. Ich verließ sie und kam eine Viertelstunde darauf wieder. Da ich die Tür offen fand, glaubte ich meiner Sache sicher zu sein; ich trat heran, aber statt meiner appetitlichen Zofe fühlte ich die Signora. Offenbar hatte die junge Schelmin ihrer Herrin die Geschichte erzählt, und diese hatte es für gut befunden, deren Stelle einzunehmen. Eine Täuschung meinerseits war ausgeschlossen; denn wenn ich auch nichts sehen konnte, so genügten doch meine Hände, mich zu überzeugen. Sofort schossen zwei verschiedene Gedanken mir durch den Sinn: entweder mich ins Bett zu legen und von der einen zur anderen zu gehen, oder augenblicklich nach Rom abzureisen. Dieser zweite Gedanke behielt die Oberhand. Ich weckte Leduc, gab ihm meine Befehle und war unmittelbar darauf unterwegs; ich weidete mich an der Enttäuschung der beiden Spitzbübinnen, denen es jedenfalls sehr leid tun mußte, daß sie mich nicht hatten anführen können. In Rom sah ich die Signora Diana drei- oder viermal von ferne; wir grüßten uns, sprachen aber nicht miteinander. Hätte ich glauben können, daß sie mir die vierhundert Louis bezahlen würde, die sie mir schuldete, so würde ich mir die Mühe genommen haben, ihr einen Besuch zu machen; aber ich wußte, daß Kulissenköniginnen die schlechtesten Schuldnerinnen in der Welt sind. Meinen Bruder fand ich munter und guter Dinge, desgleichen auch den Ritter Mengs und den Abbate Winkelmann. Costa war hoch erfreut, mich wiederzusehen. Ich schickte ihn sofort zum Scopatore maggiore Seiner Heiligkeit, um ihm Bescheid zu sagen, daß ich bei ihm die Polenta essen würde; er brauchte sich um weiter nichts zu bekümmern, als daß er ein gutes Abendessen für zwölf Personen besorgte. Ich war sicher, Mariuccia bei ihm zu finden, denn Momolo hatte, wie ich wußte, bemerkt, daß ich sie gerne sah. Da am nächsten Tage der Karneval begann, so mietete ich für die ganzen acht Tage einen prachtvollen Landauer. Die Landauer sind in Rom viersitzige Wagen, deren Verdeck nach Belieben heruntergelassen werden kann. Man fährt in ihnen, maskiert oder unmaskiert, während der acht Tage des Karnevals von einundzwanzig bis vierundzwanzig Uhr immerzu den Korso auf und ab. Seit Jahrhunderten ist während dieser Narrenswoche der römische Korso das eigentümlichste, seltsamste und ergötzlichste Ding von der Welt. Die barberi sprengen in sausendem Galopp von der Piazza del Popolo den Korso entlang bis zur Trajanssäule, zwischen zwei Reihen von Wagen, die gegen die viel zu engen, mit Masken und Neugierigen aller Stände überfüllten Bürgersteige gedrängt sind. Alle Fenster sind besetzt. Sobald die barberi vorüber sind, fahren die Wagen im Schritt; die Mitte der Straße wimmelt von Masken zu Fuß und zu Pferde. Man bewirft sich mit Konfetti aus Zucker oder aus Gips, mit Pamphleten und Paskinaden; man schleudert sich tausend schlechte Witze zu. Die größte Freiheit herrscht in dieser Menge, die aus den feinsten und den niedrigsten Kreisen Roms zusammengesetzt ist. Sobald um vierundzwanzig Uhr der dritte Kanonenschuß von der Engelsburg den Tagesschluß angekündigt hat, würde man nach fünf Minuten auf dem Korso vergeblich einen einzigen Wagen oder eine Maske suchen. Die ganze Menge hat sich in die anliegenden Straßen ergossen und erfüllt nun die Theater, die ernste und komische Oper, die Komödie, die Seiltänzer- und Puppentheaterbuden, nicht zu vergessen Speisewirtschaften und Schenken. Alles ist überfüllt; denn während dieser acht Tage tun die Römer nichts anderes als essen, trinken und ihr Leben auf alle Art genießen. Ich trug zunächst mein Geld zu Herrn Belloni und nahm bei ihm einen Kreditbrief auf Turin, wo ich den Abbate Gama finden und den Auftrag des Portugiesischen Hofes für den von ganz Europa bestimmt erwarteten Kongreß erhalten sollte. Hierauf besichtigte ich mein Stübchen hinter der Trinità de'Monti, wo ich am nächsten Morgen die schöne Mariuccia zu sehen hoffte. Ich fand alles in guter Ordnung. Am Abend empfingen Momolo und seine ganze Familie mich mit Freudengeschrei. Die älteste Tochter sagte mir lachend, sie sei überzeugt, mir ein Vergnügen zu machen, indem sie Mariuccia holen lasse. »Da täuschen Sie sich nicht,« antwortete ich ihr; »ich sehe die schöne Mariuccia mit Vergnügen.« Einige Minuten darauf trat sie mit ihrer frommen Mutter ein; diese grüßte mich ehrerbietig und sagte mir, ich solle mich nicht wundern, wenn ich ihre Tochter besser gekleidet sehe; sie werde sich nämlich in drei oder vier Tagen verheiraten. Ich wünschte ihr Glück dazu, und Momolos Töchter fragten sie sofort, mit wem? Errötend ergriff Maria das Wort und sagte bescheiden zu einer von ihnen: »Es ist einer, den ihr kennt, der Soundso; er hat mich hier gesehen und wird einen Friseurladen aufmachen.« »Der würdige Vater Barnabas«, fuhr die Mutter fort, »hat diese Heirat zustande gebracht; er hat vierhundert Skudi in Verwahrung, die meine Tochter ihrem künftigen Gatten als Mitgift zubringt.« »Er ist ein anständiger Junge,« sagte Momolo; »ich schätze ihn sehr hoch, und er würde eine von meinen Töchtern geheiratet haben, wenn ich ihr eine solche Mitgift hätte geben können.« Bei diesen Worten senkte die Tochter, von der die Rede war, errötend die Augen. »Trösten Sie sich, meine Liebe,« sagte ich zu ihr, »die Reihe wird auch an Sie kommen.« Sie nahm diese Worte für bare Münze, und ihr ganzes Gesicht strahlte vor Freude. Sie dachte, ich hätte erraten, daß sie in Costa verliebt war, und sie wurde in diesem Gedanken bestärkt, als ich meinem Bedienten sagte, er solle am nächsten Tage meinen Landauer nehmen und Momolos Töchter gut vermummt auf den Korso führen. Da niemand sie in einem Wagen erkennen dürfe, dessen ich mich selber bedienen wolle, so solle er bei einem Juden schöne Kostüme leihen; ich würde diese bezahlen. Hierüber war die ganze Familie fröhlich. »Und Signora Maria?« fragte die Eifersüchtige mich. »Signora Maria«, antwortete ich ihr, »wird sich verheiraten; sie darf an keinem Fest ohne ihren Mann teilnehmen.« Die Mutter gab mir Beifall, und die schlaue Maria stellte sich, als ob sie gekränkt wäre. Ich wandte mich nun an den Vater Momolo und bat ihn, er möchte mir das Vergnügen machen und Marias Bräutigam znm Abendessen einladen. Hierüber war die Mutter sehr erfreut. Da ich sehr müde war und bei Momolos nichts mehr zu tun hatte – denn Manuccia hatte mich ja gesehen –, so bat ich die Gesellschaft, mich zu entschuldigen, wünschte ihr guten Appetit und ging. Am nächsten Morgen war ich schon in aller Frühe auf den Beinen. Ich begab mich gegen sieben Uhr nach der Kirche, brauchte jedoch nicht einzutreten; denn Mariuccia hatte mich von weitem bemerkt, folgte mir, und bald waren wir beisammen in unserem Stübchen, das Liebe und Wollust zu einem prachtvollen Palast machten. Gern hätten wir uns süßem Geplauder überlassen; da wir jedoch nur eine einzige Stunde der Liebeslust widmen konnten, so gingen wir sofort ans Werk, ohne auch nur unsere Kleider abzulegen. Nach dem letzten Kuß, der den dritten Angriff besiegelte, sagte sie mir, sie werde sich am Rosenmontag verheiraten. Ihr Beichtvater habe alle Anordnungen getroffen. Sie dankte mir dafür, daß ich Momolo gebeten hätte, ihren Bräutigam einzuladen. »Wann werden wir uns wiedersehen, mein Engel?« »Am Sonntag, den Tag vor meiner Hochzeit; wir werden vier Stunden beieinander sein.« »Köstlich! Ich verspreche dir, du sollst ohne Verlegenheit die Liebkosungen deines Gatten empfangen können.« Lächelnd entfernte sie sich, und ich warf mich auf das Bett, um mich eine gute Stunde auszuruhen. Auf dem Heimwege begegnete ich einem schnellfahrenden vierspännigen Wagen, dem ein Läufer vorauseilte, ein junger Herr saß darin. Ein blaues Ordensband zog meine Blicke auf sich; ich sah ihn an, er rief meinen Namen und ließ halten. Zu meiner großen Überraschung erkannte ich Lord Talon, den ich in Paris bei seiner Mutter, der Gräfin Limore, kennen gelernt hatte. Sie lebte von ihrem Gatten getrennt und wurde vom Erzbischof von Cambray, Herrn von St.-Albin, unterhalten. Er war ein sehr wenig würdiger Nachfolger des tugendhaften Fénélon, aber er hatte den Vorzug, ein Bankert des Herzogs von Orléans, Regenten von Frankreich, zu sein. Lord Talon war ein hübscher Junge, voll Geist und Talent; aber er hatte alle zügellosen Leidenschaften und alle Laster. Ich wußte, daß er wohl den Titel, aber nicht das Vermögen eines Lords hatte, und war daher überrascht, ihn in einer so glänzenden Equipage zu sehen; noch mehr wunderte ich mich über sein blaues Band. Er sagte mir in aller Eile, er fahre zum Diner beim Prätendenten, werde aber zu Hause zu Abend speisen. Ich nahm seine Einladung an. Nach Tisch machte ich einen Spaziergang und ging dann zu meiner Ergötzung in die Komödie Giordinana, wo Momolos Töchter sich mit Costa brüsteten; dann begab ich mich zum Lord Talon, wo ich zu meiner angenehmen Überraschung den Dichter Poinsinet traf. Er war ein kleiner, junger Mann, häßlich, aber voll Feuer und guter Laune und von großer Begabung für die Bühne. Fünf oder sechs Jahre später fiel der Unglückliche in den Guadalquivir und ertrank. Er war nach Madrid in der Hoffnung gegangen, dort sein Glück zu machen. Ich hatte ihn in Paris gekannt und redete ihn daher als alten Bekannten an: »Ei, was machen Sie denn in Rom, lieber Freund? Wo ist Lord Talon?« »Er ist im Nebenzimmer; aber er ist nicht mehr Lord Talon, denn sein Vater ist gestorben, und er ist jetzt Graf Limore. Wie Sie wissen, war er Anhänger des Prätendenten. Ich bin mit ihm von Paris gekommen, denn es war mir sehr angenehm, ohne Kosten nach Rom reisen zu können.« »Der Graf ist also reich geworden?« »Noch nicht, aber er wird es sein; denn er ist der Erbe seines Vaters, der unermeßliche Reichtümer hinterlassen hat. Allerdings ist alles mit Beschlag belegt; aber das tut nichts, denn seine Ansprüche sind unbestreitbar.« »Er ist also reich an Ansprüchen und Aussichten. Aber wie ist er denn Ritter des Ordens von Frankreich geworden?« »Sie scherzen. Es ist das blaue Band des Michaelsordens, dessen Großmeister der verstorbene Kurfürst von Köln war. Milord,der, wie Sie wissen, ausgezeichnet Geige spielt, hat bei seinem Aufenthalt in Bonn dem Kurfürsten ein Konzert von Tartini vorgespielt. Der Fürst wußte nicht, wie er ihm seine Anerkennung für den erhaltenen Genuß ausdrücken sollte, und schenkte ihm das Ordensband, das Sie sahen.« »Ohne Zweifel ein schönes Geschenk.« »Sie glauben nicht, welches Vergnügen Milord daran hat! Wenn wir nach Paris zurückkommen, werden alle, die es sehen, glauben, er trage den Orden vom heiligen Geist.« Wir betraten den Saal, worin sich der Lord mit der Gesellschaft befand, die er zum Abendessen eingeladen hatte. Sobald er mich sah, ging er mir entgegen, umarmte mich, nannte mich seinen lieben Freund und stellte mir alle Gäste vor. Es waren sieben oder acht schöne Mädchen, drei oder vier Kastraten, die auf den römischen Theatern Frauenrollen spielten, und fünf oder sechs Abbaten, die die Männer aller Frauen und die Frauen aller Männer waren, sich damit brüsteten und an Unzüchtigkeit mit den Mädchen wetteiferten. Diese Mädchen waren allerdings keine öffentlichen Dirnen, sondern vollendete Dilettantinnen in unzüchtiger Musik, Malerei und Philosophie. Der Leser wird sich von der Art der Gesellschaft einen Begriff machen können, wenn ich ihm sage, daß ich mich in ihr als Neuling fühlte. »Wohin, Fürst?« fragte der Lord einen Herrn von anständigem Aussehen, der nach der Tür ging. »Ich befinde mich nicht wohl, Milord, und muß mich entfernen.« »Was ist das für ein Fürst?« fragte ich ihn. »Es ist der Subdiakonus Fürst Chimay, der, um seine mit dem Erlöschen bedrohte Familie zu erhalten, sich um eine Heiratserlaubnis bemüht.« Ich bewunderte seine Vorsicht oder sein Zartgefühl, hatte aber nicht die Kraft, es ihm nachzutun. Wir waren vierundzwanzig bei Tisch, und es ist keine Übertreibung, wenn ich sage, daß hundert Flaschen vom besten Wein geleert wurden. Alle Gäste waren betrunken, außer mir und Poinsinet, der nur Wasser getrunken hatte. Nach der Mahlzeit begann eine wüste unflätige Orgie, wie ich sie mir nie hätte träumen lassen, und die keine Feder getreulich schildern könnte; nur ein großer Wüstling könnte sich eine Vorstellung davon machen, indem er die wollüstigsten Farben wählte, die die Palette bietet. Ein Kastrat und ein Mädchen von ungefähr gleichem Wuchs machten den Vorschlag, sie wollten sich im Nebenzimmer, nackt und das Gesicht bis zum Halse zugedeckt, nebeneinander auf den Rücken legen. Sie forderten alle Anwesenden heraus, sie anzusehen und ihr Geschlecht zu erraten. Wir traten alle ein, niemand wagte jedoch ein Urteil abzugeben, da man nur auf seine Augen angewiesen war. Ich schlug dem Lord eine Wette um fünfzig Taler vor, daß ich das Weib herausfinden würde. Er nahm sie an, und ich riet richtig; aber von Bezahlung war keine Rede. Dieser erste Akt der Orgie endete mit der Preisgebung der beiden Individuen, welche alle Anwesenden zum großen Werk herausforderten. Mit Ausnahme von Poinsinet und mir versuchten alle es, aber vergeblich. Im zweiten Akt gab man uns das Schauspiel von vier oder fünf Paarungen auf der Kehrseite der Medaille. Bei diesen schamlosen Kämpfen glänzten am meisten die Abbaten, indem sie bald die aktive, bald die passive Rolle spielten. Ich war der einzige, der verschont blieb. Der Lord, der während der ganzen Orgie kein Lebenszeichen gegeben hatte, griff plötzlich den armen Poinsinet an, der sich vergeblich verteidigte; er mußte sich entkleiden lassen und neben ihn legen, der nackt wie alle anderen war. Wir bildeten einen Kreis um sie herum; plötzlich nahm der Lord seine Uhr und versprach sie demjenigen, dem es zuerst gelingen würde, ein gewisses Zeichen des Gefühls bei Poinsinet hervorzurufen. Die Lust, diesen Preis zu gewinnen, brachte die ganze schmutzige Bande in Aufruhr: Kastraten, Dirnen und Abbaten bemühten sich um die Wette. Jeder wollte der erste sein, schließlich mußte gelost werden. Dies war für mich der interessanteste Teil des Stückes. Ich hatte bei dieser ganzen unglaublichen Orgie nicht die geringste Erregung an mir bemerkt, obwohl ich bei jeder anderen Gelegenheit sicherlich einem jeden dieser Mädchen meine Huldigung dargebracht haben würde. Aber ich lachte, besonders als ich sah, wie der arme Dichter sich fürchten mußte, den Stachel des Fleisches zu verspüren; denn der schamlose Lord hatte geschworen, ihn der viehischen Lust aller Abbaten zu überlassen, wenn er durch seine Schuld die Wette verlieren sollte. Er kam mit der Furcht davon, und wahrscheinlich schützte ihn gerade seine Furcht. Die unzüchtige Szene nahm ein Ende, als niemand mehr da war, der sich Hoffnung auf den Gewinn der Uhr machen konnte. Die Kunst der Lesbierinnen wurde indessen nur von den Abbaten und Kastraten in Anwendung gebracht. Die Mädchen machten keinen Gebrauch davon, um die anderen, die sich dieses Mittels bedienten, verachten zu können. Ohne Zweifel handelten sie mehr aus Stolz als aus Schamgefühl; denn ich vermute, daß sie es erfolglos anzuwenden fürchteten. Mein Gewinn bei dieser elenden Ausschweifung war Ekel und eine größere Selbsterkenntnis. Ich konnte mir nicht verhehlen, daß mein Leben in Gefahr gewesen war; denn ich hatte nur meinen Degen bei mir, aber ich hätte mich sicher desselben bedient, wenn es dem Lord in seiner bacchantischen Wut eingefallen wäre, mich zur Teilnahme zu nötigen, wie den armen Poinsinet. Ich habe niemals begreifen können, warum er sich bewogen fühlte, mich zu verschonen, denn er war betrunken und in einem Zustand von Raserei. Beim Abschied versprach ich ihm, ihn zu besuchen, sowie er mir Bescheid sagen ließe, aber ich nahm mir selber fest vor, seine Wohnung nicht wieder zu betreten. Am nächsten Nachmittag kam er zu Fuß zu mir, und da wir keine Lust hatten den Wettlauf der barberi zu sehen, so lud er mich ein, einen Spaziergang nach der Villa Medici zu machen. Ich gratulierte ihm zu den ungeheuren Reichtümern, die er geerbt haben müßte, um so glänzend leben zu können; er lachte aber und antwortete mir, er besitze nur etwa fünfzig Taler; sein Vater habe nur Schulden hinterlassen, und er selber sei bereits drei- oder viertausend Scudi schuldig. »Ich wundere mich, daß man Ihnen Kredit gibt.« »Man gibt mir Kredit, weil alle Welt weiß, daß ich einen Wechsel von zweihunderttausend Franken auf Paris gezogen habe. Aber in vier oder fünf Tagen wird der Wechsel mit Protest zurückkommen, und dann werde ich mich schleunigst aus dem Staube machen.« »Wenn Sie bestimmt wissen, daß der Wechsel protestiert werden wird, so rate ich Ihnen, noch heute abzureisen; denn da es sich um eine so große Summe handelt, so wäre es möglich, daß die Nachricht durch besondere Boten geschickt würde.« »Nein, denn ich habe noch eine kleine Hoffnung. Ich habe meiner Mutter geschrieben, ich sei verloren, wenn sie es nicht möglich mache, dem Bankier, auf den ich gezogen habe, die erforderlichen Mittel zu liefern; in diesem Fall würde der Wechsel honoriert werden. Wie Sie wissen, liebt meine Mutter mich.« »Ja; aber ich weiß auch, daß sie nicht reich ist.« »Allerdings nicht; aber Herr von St.-Albin ist reich, und ich halte ihn, unter uns gesagt, für meinen Vater. Unterdessen sind meine Gläubiger beinahe ebenso ruhig wie ich. Alle jene Mädchen, die Sie bei mir gesehen haben, würden mir auf meinen Wunsch all ihr Hab und Gut geben, denn sie erwarten alle, im Laufe der Woche ein reiches Geschenk von mir zu erhalten. Ich will jedoch ihr Vertrauen nicht mißbrauchen. Betrügen – da ich nun einmal betrügen muß – werde ich nur einen Juden, der mir diesen Ring für dreitausend Zechinen abkaufen will, während ich weiß, daß er nur tausend wert ist.« »Er wird Sie verfolgen lassen.« »Das soll er nur tun.« Dieser Ring trug einen strohfarbenen Solitär von neun bis zehn Karat. Der Lord verließ mich mit der Bitte, nichts davon zu sagen. Der törichte Verschwender erregte in mir kein Gefühl des Mitleids, denn ich sah in ihm nur einen freiwilligen Unglücklichen, der sein Leben in einem Gefängnis beschließen mußte, wenn er nicht den Mut hatte, sich eine Kugel vor den Kopf zu schießen. Ich ging zu Momolo, bei dem ich den Bräutigam meiner schönen Mariuccia fand; sie selber war nicht da. Sie hatte dem Scopatore Santissimo sagen lassen, ihr Vater sei von Palestrina gekommen, um ihrer Hochzeit beizuwohnen, und deshalb könne sie nicht das Vergnügen haben, zum Abendessen zu kommen. Ich bewunderte ihre Klugheit; ein junges Mädchen braucht nicht studiert zu haben, um eine gute Politikerin zu sein, wenn ihr Herz es verlangt: die Natur zeichnet ihr den Weg vor, und sie folgt diesem mit der Gewißheit, sich nicht zu täuschen. Beim Essen beschäftigte ich mich ausschließlich mit dem jungen Mann; ich fand in ihm einen in jeder Beziehung passenden Gatten für Mariuccia: er war hübsch, bescheiden und verständig; alle seine Worte trugen das Gepräge der Aufrichtigkeit und der Vernunft. Er sagte mir in Gegenwart von Momolos Tochter Tecla, diese würde ihn glücklich gemacht haben, wenn sie imstande gewesen wäre, ihm zur Begründung eines Geschäftes zu verhelfen; er müsse Gott danken, daß er Maria kennen gelernt habe, die in ihrem Beichtvater einen wahren Vater in Gott gefunden habe. Ich fragte ihn, wo er die Hochzeit feiern würde. Er antwortete mir: »Bei meinem Vater, einem Gärtner, der auf der anderen Seite des Tibers wohnt; da er arm ist, so werde ich ihm zehn Skudi geben, um die Kosten zu bestreiten.« Ich bekam sofort Lust, ihm die zehn Taler zu geben. Aber wie sollte ich dies anfangen? Ich würde mich verraten haben. »Ist Ihres Vaters Garten hübsch?« fragte ich ihn. »Man kann ihn nicht hübsch nennen; aber er ist sehr gut gehalten. Da er den Platz besaß, hat er einen Garten daraus gemacht, der ihm jährlich zwanzig Skudi einbringt. Er möchte ihn gern verkaufen, und ich wäre glücklicher als ein Kardinal, wenn ich ihn kaufen könnte.« »Wieviel kostet er?« »O, viel, gnädiger Herr! Zweihundert Taler.« »Das ist billig. Hören Sie mich an: Ich habe hier Ihre Braut kennen gelernt und gefunden, daß sie in jeder Beziehung wert ist, glücklich zu sein. Sie verdient einen ehrenwerten jungen Mann wie Sie. Sagen Sie mir, was würden Sie machen, wenn ich Ihnen auf der Stelle zweihundert Taler schenkte, um Ihres Vaters Garten zu kaufen?« »Ich würde ihn als Witwengut zur Mitgift meiner Frau hinzufügen.« »Hier sind zweihundert Taler, die ich dem Abbate Momolo anvertraue, weil ich Sie nicht gut genug kenne, obgleich Sie mir viel Vertrauen einflößen. Der Garten gehört Ihnen als Mitgift Ihrer künftigen Gattin.« Momolo nahm das Geld und verpflichtete sich, den Garten gleich am nächsten Tag zu kaufen. Der junge Mann vergoß Tränen der Freude und Dankbarkeit, fiel vor mir auf die Knie und küßte mir die Hand. Alle Mädchen weinten und ich auch, denn Tränen, die aus dem Herzen kommen, wirken ansteckend. Indessen flossen nicht alle diese Tränen aus der gleichen Quelle, sie waren aus einer Mischung von Laster und Tugend hervorgegangen, und rein waren nur die des jungen Mannes. Ich hob ihn auf, umarmte ihn und wünschte ihm eine glückliche Ehe. Er faßte sich den Mut, mich zur Hochzeit einzuladen, aber ich lehnte ab, indem ich ihm herzlich dankte. Ich sagte ihm: wenn er mir ein Vergnügen machen wollte, käme er am Sonntag vor seiner Hochzeit zu Momolo zum Essen, und ich bat den ehrenwerten Scopatore, Mariuccia nebst ihrem Vater und ihrer Mutter einzuladen. Ich war sicher, daß ich sie am Sonntag früh noch ein letztes Mal sehen würde. Am Sonntag lagen wir schon um sieben Uhr einander in den Armen; wir hatten vier Stunden vor uns. Nach dem ersten Ergusse unserer gegenseitigen Zärtlichkeit sagte sie mir: »Gestern ist in unserem Hause in Gegenwart meines Beichtvaters und Momolos alles vor einem Notar abgeschlossen worden. Nach Aushändigung der Quittung hat der Notar den Garten in den Heiratsvertrag aufgenommen; der gute Vater Barnabas hat mir zwanzig Piaster geschenkt, um die Kosten für den Notar und die Hochzeit zu decken. So steht alles vortrefflich, und ich bin gewiß, daß ich glücklich sein werde. Mein Bräutigam betet mich an, aber du hast sehr wohl daran getan, seine Einladung nicht anzunehmen, denn du wärest an einen gar zu armseligen Ort gekommen; außerdem würde man über mich geklagt haben, und dies hätte mich vielleicht des Glückes beraubt, auf das ich hoffen darf.« »Du hast vollkommen recht, reizende Freundin; aber sage mir, wie wirst du dich aus der Verlegenheit ziehen, wenn dein Gatte findet, daß die Tür schon vor deiner Heirat geöffnet worden ist; denn möglicherweise erwartet er, in dir eine reine Jungfrau zu finden.« »Ich glaube nicht, daß er mehr davon versteht als ich, bevor du mich zum erstenmal erkanntest. Meine Liebkosungen, meine Zärtlichkeit und mein reines Gewissen – denn dieses hast du nicht befleckt – erlauben mir nicht einmal daran zu denken, und ich bin überzeugt, er wird ebenso wenig daran denken.« »Aber wenn er es doch täte?« »Das wäre kein Zeichen von Zartgefühl; aber warum sollte ich ihm nicht einfach mit der wahren und aufrichtigen Miene der Unschuld antworten, ich wisse nicht, wovon er spreche, und verstehe mich nicht darauf?« »Du hast recht; dies ist das beste Mittel. Aber hast du unsere Liebesfreuden gebeichtet?« »Nein, lieber Freund; denn da ich mich dir nicht in sündiger Absicht ergeben habe, glaube ich Gott nicht beleidigt zu haben.« »Du bist ein Engel, meine Liebe, und ich bewundere die Klarheit deines Verstandes. Doch höre jetzt: möglicherweise bist du bereits schwanger oder wirst es noch, bevor wir uns trennen; versprich mir, meinem Kinde meinen Namen zu geben.« »Ich verspreche es dir.« Vier Stunden vergingen sehr schnell. Nach dem sechsten Sturm waren wir erschöpft, ohne gesättigt zu sein. Wir trennten uns unter strömenden Tränen und schworen uns, einander die zärtlichsten Gefühle eines Bruders und einer Schwester zu bewahren. Ich ging nach Hause, nahm ein Bad und ruhte eine Stunde. Dann stand ich auf, machte Toilette und speiste fröhlich am Familientisch. Am Abend fuhr ich die Familie Mengs in meinem Landauer spazieren; hierauf gingen wir in das Theater Aliberti, in das die ganze Stadt strömte, um den Kastraten zu sehen, der die Rolle der Primadonna spielte. Er war der gefällige Liebling des Kardinals Borghese und speiste jeden Abend mit Seiner Eminenz allein. Die Stimme des Kastraten war herrlich; noch herrlicher aber war seine Schönheit. Ich hatte ihn als Mann auf der Promenade gesehen; aber obwohl er sehr hübsch war, hatte sein Gesicht auf mich keinen Eindruck gemacht, denn man sah sofort, daß er ein verstümmelter Mann war. Auf der Bühne dagegen war die Täuschung vollkommen; er entflammte. In ein gut gearbeitetes Mieder eingeschnürt, hatte er eine Nymphentaille, und sein Busen – es ist fast unglaublich – nahm es an Form und Schönheit mit jedem Frauenbusen auf. Besonders hierdurch richtete das Ungeheuer Verheerungen an. Obwohl man die negative Natur des Unglücklichen kannte, so übte er doch einen unbeschreiblichen Zauber aus, wenn man aus Neugier seinen Busen ansah: man war wahnsinnig verliebt, bevor man überhaupt merkte, daß man etwas empfunden hatte. Um ihm zu widerstehen oder nichts zu fühlen, hätte man kalt oder prosaisch sein müssen wie ein Deutscher. Wenn er, auf das Ritornell seiner Arie wartend, auf der Bühne auf und ab ging, hatte sein Gang etwas Majestätisches und zugleich Wollüstiges; wenn er die Logen huldvoll mit seinen Blicken beglückte, dann entzückte der zärtliche und bescheidene Ausdruck seiner schwarzen Augen alle Herzen. Offenbar wollte er die Liebe derjenigen nähren, die ihn als Mann liebten und die ihn wahrscheinlich nicht geliebt haben würden, wenn er ein Weib gewesen wäre. Das heilige Rom, das auf diese Weise alle Männer nötigt, Päderasten zu werden, will dies nicht zugeben und stellt sich, als glaube es nicht an die Wirkungen einer Illusion, die es mit allen Kräften zu erwecken sich bemüht. Als ich im Parkett diese Betrachtungen anstellte, sagte ein Monsignore zu mir, um mich auf eine falsche Fährte zu bringen: »Sie haben ganz recht. Warum erlaubt man diesem Kastraten einen Busen zur Schau zu stellen, auf den die schönste Römerin stolz sein könnte, während ein jeder wissen muß, daß er ein Mann und nicht ein Weib ist? Wenn man die Bühne dem schönen Geschlecht verbietet, weil man fürchtet, daß seine Reize unzüchtige Begierden erwecken können, warum sucht man dann Männer aus, die durch ihre körperliche Mißbildung eine vollständige Illusion hervorbringen und noch viel sündigere Begierden erregen? Man behauptet hartnäckig, die Päderastie werde mit Unrecht für weit verbreitet gehalten; lächerlich gering sei die Zahl derjenigen, die durch die Illusion verführt werden; denn sie sähen sich angeführt, wenn es zur Aufklärung komme. Aber viele kluge Leute verfallen dieser Täuschung und finden sie zuletzt so süß, daß sie nicht daran denken, darauf zu verzichten, sondern vielmehr diese Ungeheuer den schönsten Frauen vorziehen.« »Der Papst würde sich den Himmel verdienen, wenn er diesen lächerlichen Mißbrauch abschaffte.« »Das ist nicht meine Meinung. Man könnte nicht, ohne Anstoß zu erregen, mit einer schönen Sängerin unter vier Augen soupieren; aber mit einem Kastraten kann man es. Man weiß freilich, daß nach dem Abendessen dasselbe Kissen ihre Köpfe aufnimmt, aber was alle Welt weiß, wird von aller Welt ignoriert. Man kann freundschaftlich bei einem Mann schlafen, bei einem Weibe nicht.« »Das ist wahr, Monsignore: man rettet den Schein, und geheime Sünde ist halb vergeben, wie man in Paris sagt.« »In Rom sagt man, es ist überhaupt keine. Peccato nascosto non offende – Geheime Sünde erregt keinen Anstoß.« Diese jesuitische Unterhaltung interessierte mich, denn ich wußte von dem Herrn, daß er ein erklärter Freund der verbotenen Frucht war. Da ich in einer Loge die Marchesa Passarini, die ich in Dresden gekannt hatte, und den Fürsten Don Antonio Borghese bemerkte, suchte ich sie auf, um ihnen meine Aufwartung zu machen. Der Fürst, den ich vor etwa zehn Jahren in Paris gesehen hatte, erkannte mich wieder und lud mich für den nächsten Tag zum Essen ein. Ich ging hin, aber der gnädige Herr war nicht zu Hause. Ein Page sagte mir, es sei für mich gedeckt und ich könne trotzdem speisen; ich drehte ihm den Rücken zu und ging. Am Aschermittwoch schickte er seinen Kammerdiener zu mir und lud mich zum Abendessen bei der Marchesa ein, die er aushielt. Ich ließ ihm sagen, ich würde die Ehre haben, mich pünktlich einzufinden; aber er wartete vergeblich auf mich. Der Stolz ist das Kind der Dummheit und schlägt nie aus der Art seiner Mutter. Von der Oper Aliberti ging ich zu Momolo, bei dem ich Mariuccia mit ihren Eltern und ihrem Bräutigam fand. Man erwartete mich voller Ungeduld. Es ist nicht schwer, Glückliche zu machen, wenn man aus der Klasse der Wenigbegüterten Menschen auswählt, die es verdienen. Ich befand mich in einer Gesellschaft armer, aber ehrlicher Leute, und ich kann sagen, daß ich köstlich bei ihnen speiste. Es ist möglich, daß meine Befriedigung zum Teil meiner Eitelkeit entsprang, denn ich wußte, daß ich der Urheber der Freude und Seligkeit war, die auf allen Gesichtern strahlten, ich meine auf den Gesichtern des künftigen Paares und der Eltern der jungen Maria; aber die Eitelkeit ist eine Tugend, wenn sie Gutes bewirkt. Doch bin ich mir selber schuldig, meinen Lesern zu sagen, daß meine Freude rein und von keinem Laster befleckt war. Nach dem Essen legte ich eine kleine Pharaobank auf, indem ich alle Anwesenden mit Marken spielen ließ, denn niemand von ihnen hatte einen Soldo; ich spielte so unglücklich, daß zu meiner größten Befriedigung jeder von meinen Gästen ein paar Dukaten gewann. Nach dem Essen tanzten wir, trotz dem Verbot des Papstes, den in Rom niemand für unfehlbar hält; denn er verbietet den Tanz und erlaubt die Glücksspiele. Sein Nachfolger Ganganelli tat genau das Gegenteil und fand keinen besseren Gehorsam. Um mich nicht verdächtig zu machen, gab ich dem Brautpaare kein Geschenk; aber ich überließ ihnen meinen Landauer, damit sie auf dem Korso den Karneval mitmachen könnten, und befahl Costa, ihnen eine Loge im Capranica-Theater zu mieten. Momolo lud uns alle auf Fastnacht zum Abendessen ein. Da ich am zweiten Fastentage von Rom abreisen wollte, ging ich zum Heiligen Vater um zweiundzwanzig Uhr, als die ganze Stadt auf dem Korso war. Seine Heiligkeit empfing mich auf das freundlichste und sagte mir, sie sei überrascht, daß ich nicht wie alle Welt bei der großen Lustbarkeit sei. Ich erwiderte ihm, ich sei ein großer Freund des Vergnügens und habe daher auf alles andere verzichtet, um mir das größte Vergnügen für einen Christen zu verschaffen, nämlich dem wahren Vertreter Jesu Christi meine tiefe Ehrfurcht zu bezeigen. Er neigte sein Haupt mit einer Miene majestätischer Demut, die die Befriedigung über mein Kompliment durchblicken ließ. Er behielt mich länger als eine Viertelstunde bei sich und sprach von Venedig, von Padua und sogar von Paris, das der gute Mann gerne kennen gelernt hätte. Als ich mich endlich abermals seinem apostolischen Schutze empfahl, um die Gnade der Rückkehr in mein Vaterland zu erlangen, sagte er mir: »Lieber Sohn, wenden Sie sich an Gott, dessen Gnade wirksamer sein wird als unser Gebet!« Hierauf gab er mir seinen Segen und wünschte mir gute Reise. Ich sah, daß dieses Haupt der Kirche nicht übermäßig an seine eigene Macht glaubte. Am Fastnachtstage erschien ich auf einem sehr schönen Pferde, reich als Pulcinella gekleidet, auf dem Korso mit einem riesigen Korb voll Zuckerwerk und zwei Beuteln voll Konfetti, mit denen ich alle schönen Weiber, die ich sah, bombardierte. Als ich an meinem Landauer vorbeikam, schüttete ich meinen Korb über die Töchter des guten und ehrenwerten päpstlichen Scopatore aus, die Costa mit der Würde eines Paschas spazieren fuhr. Bei Anbruch der Nacht demaskierte ich mich und ging hierauf zu Momolo, in dessen Hause ich die liebenswürdige und schöne Mariuccia zum letzten Male sehen sollte. Unser Fest glich so ziemlich dem vom vorigen Sonntag; neu aber und interessant war für mich, daß ich das Mädchen, das mich als Geliebte so sehr interessiert hatte, nun als Gattin sah. Ihr Mann schien mir an diesem Tage viel zurückhaltender gegen mich zu sein als bei unserem ersten Zusammentreffen. Dies war mir peinlich, und ich benutzte daher einen günstigen Augenblick, um mich neben Mariuccia zu setzen und ungestört mit ihr zu plaudern. Sie erzählte mir ausführlich, wie die erste Nacht vergangen war, und war unermüdlich in Lobpreisungen der Eigenschaften ihres schönen Gatten. Er war sanft, verliebt, von immer gleichem Wesen und sehr zartfühlend. Ohne Zweifel hatte er bemerkt, daß die Blume bereits gepflückt war, aber er hatte nichts darüber gesagt. Er hatte sie veranlaßt, von mir zu sprechen, und sie hatte sich das Vergnügen nicht versagen können, ihm zu erzählen, daß ich ihr einziger Wohltäter sei. Diese Mitteilung hatte ihn nicht beleidigt, sondern ihr im Gegenteil sein volles Vertrauen gewonnen. »Aber,« fragte ich sie, »hat er keine versteckten Fragen über unser Verhältnis an dich gerichtet?« »Nicht die mindeste. Ich habe ihm gesagt, du hättest dich, um mein Glück zu begründen, unmittelbar an meinen Beichtvater gewandt; du hättest mit mir nur ein einziges Mal in der Kirche gesprochen und ich hätte dir dabei mitgeteilt, welch eine gute Gelegenheit ich hätte, mich mit ihm zu verheiraten.« »Und meinst du, er hat dir dies geglaubt?« »Dessen bin ich sicher; aber selbst wenn es nicht der Fall sein sollte, so genügt es, wenn er sich nur so stellt; denn ich werde ihn nötigen, mich zu achten.« »Vortrefflich gedacht! Ich selber werde ihn darum noch höher achten; denn es ist besser, du bist mit einem klugen Mann verheiratet als mit einem Tölpel.« Dies Gespräch machte mir Vergnügen, und als ich mich von der Gesellschaft verabschiedete, da ich am übernächsten Tage abreisen mußte, umarmte ich den Friseur und bat ihn, zum Andenken eine sehr schöne goldene Uhr anzunehmen, die ich aus meiner Westentasche zog, und die er mit allen Zeichen aufrichtiger Dankbarkeit empfing. Dann zog ich von meinem Finger einen Ring, der mindestens sechshundert Franken wert war, und steckte diesen seiner Frau an den Finger, indem ich ihnen eine glückliche Nachkommenschaft und viel Segen wünschte. Hierauf ging ich zu Bett, nachdem ich Leduc und Costa gesagt hatte, daß wir gleich am nächsten Morgen anfangen wollten, meine Sachen zu packen. Als ich eben aufgestanden war, erhielt ich einen Brief vom Lord Limore, der mich bat, um die Mittagsstunde allein nach der Villa Borghese zu kommen. Ich konnte mir denken, was er mir zu sagen hatte, und ging hin. Ich konnte ihm einen guten Rat geben, und die Freundschaft, die ich für seine Mutter empfand, machte mir dies zur Pflicht. Er erwartete mich an einem Ort, wo ich vorüberkommen mußte, ging mir entgegen und gab mir einen Brief zu lesen, den er am Tage vorher von seiner Mutter erhalten hatte. Paris de Montmartel habe ihr mitgeteilt, er habe aus Rom eine Tratte auf zweihunderttausend Franken erhalten; er werde diese honorieren, wenn sie ihm den Betrag anweisen wolle. Sie habe ihm geantwortet, sie werde ihm in drei oder vier Tagen mitteilen, ob sie imstande sei, diese Summe zu beschaffen. Sie teilte jedoch ihrem Sohn mit, sie habe diesen Aufschub nur verlangt, damit er Zeit gewinne, sich in Sicherheit zu bringen; denn sein Wechsel werde ganz bestimmt mit Protest zurückkommen, da es ihr völlig unmöglich sei, das erforderliche Geld zu beschaffen. Ich gab ihm den Brief zurück und sagte: »Sie müssen schleunigst verschwinden!« »Liefern Sie mir die Mittel dazu, indem Sie mir diesen Ring abkaufen. Sie würden nicht wissen, daß er mir nicht gehört, wenn ich Ihnen dieses nicht selber anvertraut hätte.« Ich verabredete mit ihm ein neues Zusammentreffen und ließ inzwischen den aus der Fassung genommenen Stein von einem der ersten Juweliere Roms schätzen. »Ich kenne diesen Stein,« sagte er zu mir; »er ist zweitausend römische Taler wert.« Um vier Uhr brachte ich dem Lord fünfhundert Skudi in Gold und fünfzehnhundert in Anweisungen auf einen Bankier, der ihm dafür einen Wechsel auf die Amsterdamer Bank geben sollte. »Sobald es Nacht wird,« sagte er mir, »werde ich allein zu Pferde nach Livorno abreisen; ich nehme in meinem Mantelsack nur die Sachen mit, die ich durchaus brauche, und mein geliebtes blaues Band.« »Gute Reise!« Zehn Tage darauf ließ ich den Stein in Bologna fassen. Am selben Tage erhielt ich einen Empfehlungsbrief vom Kardinal Albani an den Nuntius Onorati in Florenz und einen zweiten von Herrn Mengs an den Ritter Man, den er bat, mich in seinem Hause aufzunehmen. Ich ging nach Florenz, um die Corticelli und meine liebe Teresa zu sehen, und ich rechnete darauf, daß der Auditor meine Rückkehr nach Toskana trotz seinem ungerechten Ausweisungsbefehl nicht beachten würde, zumal wenn der Ritter Man mich in seinem Hause hätte. Am zweiten Fastentage bildete das Verschwinden des Lord Limore das allgemeine Stadtgespräch. Der englische Schneider war zugrunde gerichtet, der Jude, dem der Ring gehörte, war in Verzweiflung, und alle Bedienten des verrückten Menschen waren in einer trostlosen Lage; denn sie wurden beinahe nackt auf die Straße gesetzt, da der Schneider sich gewaltsam aller Kleider bemächtigte, die er dem Lord, den er einen Gauner nannte, geliefert hatte. Der arme Poinsinet kam in einem mitleiderregenden Zustand zu mir; denn er trug nur einen Überzieher über seinem Hemd. Der Wirt hatte sich aller seiner eigenen Sachen bemächtigt und ihm sogar gedroht, ihn ins Gefängnis stecken zu lassen, als er ihm gesagt hatte, er wäre nicht im Dienst des Flüchtigen gewesen. »Ich habe keinen Heller,« sagte der arme Musensohn zu mir; »ich besitze nicht einmal ein zweites Hemd und kenne hier in Rom keinen Menschen. Am liebsten möchte ich mich in den Tiber stürzen!« Es war ihm vom Schicksal nicht bestimmt, in diesem Flusse zu sterben, sondern im Guadalquivir. Ich beruhigte seine Verzweiflung, indem ich ihm anbot, ihn mit mir nach Florenz zu nehmen; doch machte ich ihn darauf aufmerksam, daß ich ihn dort sich selber überlassen müßte, weil ich erwartet würde. Er quartierte sich sofort bei mir ein und tat bis zum Augenblick der Abreise nichts als Verse machen. Mein Bruder Giovanni schenkte mir einen sehr schönen Onyx. Es war eine Kamee, die eine Venus im Bade darstellte – eine echte Antike, denn mit einer sehr scharfen Lupe las man darauf den Namen des Steinschneiders Sostrates, der vor dreiundzwanzighundert Jahren lebte. Zwei Jahre später verkaufte ich sie in London dem Doktor Masti für dreihundert Pfund Sterling; vielleicht ist sie noch jetzt im Britischen Museum. Ich reiste mit Poinsinet ab, der mich in seiner Traurigkeit durch die spaßhaftesten Einfälle ergötzte. Am nächstfolgenden Tage stieg ich in Florenz beim Doktor Vannini ab, der bei meinem Anblick kaum seine Überraschung zu verbergen wußte. Unverzüglich begab ich mich zum Ritter Man, den ich allein bei Tisch fand. Er nahm mich sehr freundschaftlich auf, doch sah ich ihn bestürzt, als ich auf seine Frage ihm mitteilte, daß meine Angelegenheit noch nicht in Ordnung sei. Ei sagte mir aufrichtig, ich hätte nicht gut daran getan, nach Florenz zu kommen, und er würde sich bloßstellen, wenn er mir in seinem Hause Unterkunft gäbe. Ich machte ihn darauf aufmerksam, daß ich nur auf der Durchreise in Florenz sei. »Das ist ganz schön und gut,« antwortete er mir; »aber Sie werden begreifen, daß Sie nicht umhin können, sich dem Auditor vorzustellen.« Ich versprach ihm dies zu tun und ging nach meinem Gasthof zurück. Kaum war ich auf meinem Zimmer, so erschien ein Polizeibeamter und sagte mir, der Auditor wolle mit mir sprechen und erwarte mich am nächsten Morgen in der Frühe. Entrüstet über diesen beleidigenden Befehl, beschloß ich, lieber sofort abzureisen als zu gehorchen. Von diesem festen Vorsatze erfüllt, ging ich zu Teresa; sie war nach Pisa gereist. Ich begab mich zur Corticelli, die mir um den Hals fiel und als echte Bologneserin alle den Umständen angemessenen Grimassen schnitt. Das Mädchen war zwar schön, aber sie hatte tatsächlich in meinen Augen kein anderes Verdienst, als daß ich gern über sie lachte. Ich gab der Mutter Geld, um ein gutes Abendessen zurecht zu machen, und nahm die Tochter mit, um mit ihr spazieren zu gehen. Ich führte sie in meinen Gasthof zu Poinsinet; dann ging ich in das Nebenzimmer und ließ Costa und Vannini kommen. In Gegenwart des Doktors befahl ich Costa, am nächsten Tage mit Leduc und meinem Gepäck abzureisen und mich in Bologna im Gasthof »Zum Pilger« aufzusuchen. Der Wirt entfernte sich, nachdem er meine Befehle erhalten hatte. Hierauf befahl ich Costa, mit der Signora Laura und ihrem Sohn von Florenz abzureisen und ihnen zu sagen, ich sei mit der Tochter vorausgereist. Nachdem ich Leduc dieselbe Instruktion gegeben hatte, rief ich Poinsinet, gab ihm zehn Zechinen und bat ihn, am selben Abend noch eine andere Unterkunft zu suchen. Der ebenso anständige wie unglückliche junge Mann weinte Tränen der Dankbarkeit und sagte mir, er werde am nächsten Tage zu Fuß nach Parma aufbrechen, wo Herr du Tillot ihn nicht im Stich lassen werde. Hierauf ging ich in mein Zimmer zurück und sagte der Corticelli, sie möchte mit mir kommen. Sie folgte mir, in dem Glauben, wir würden zu ihrer Mutter zurückgehen; ich beließ sie dabei, führte sie aber nach der Post, ließ zwei Pferde vor einen Stuhlwagen spannen und befahl dem Postillon, mich nach Uccellatoio, die erste Station auf der Straße nach Bologna, zu fahren. »Wohin fahren wir denn?« fragte sie. »Nach Bologna.« »Und Mama?« »Wird morgen kommen.« »Weiß sie es?« »Nein; aber sie wird es morgen erfahren, wenn Costa es ihr sagt, und wird mit ihm und deinem Bruder uns nachreisen.« Sie fand den Streich scherzhaft, lachte und stieg in den Wagen. Bald waren wir unterwegs. Dreizehntes Kapitel Ankunft in Bologna. – Meine Ausweisung aus Modena. – Reise nach Parma und Turin. – Die schöne Jüdin Lia. – Die Modistin R. Die Corticelli hatte einen warmen Mantel, mit Pelz gefüttert; aber der Narr, der sie entführte, hatte nicht einmal einen Überrock. Dabei herrschte eine schneidende Kälte, die noch durch einen sehr beißenden Wind vermehrt wurde, der uns ins Gesicht blies, und dem wir in einem zweisitzigen, vorne offenen Stuhlwagen schutzlos ausgesetzt waren. Trotzdem ließ ich nirgends anhalten, denn ich fürchtete, verfolgt zu werden und umkehren zu müssen, und dieses würde mich sehr geärgert haben. Wenn ich sah, daß der Postillon langsamer fuhr, spornte eine Vermehrung des Trinkgeldes ihn zu immer größerer Eile an. Ich dachte, der Wind würde mich über den Apennin blasen; ich war vor Kälte erstarrt. Die Postillone, die mich so leicht bekleidet meine Taler verschwenden sahen, um die Fahrt zu beschleunigen, bildeten sich ein, ich sei ein Prinz, der eine junge Erbin aus irgendeiner vornehmen Familie entführte. In unserem Wägelchen zusammengekauert, hörten wir sie ihre Gedanken über uns austauschen, während die Pferde gewechselt wurden. Meine Corticelli fand diese Vermutung so komisch, daß sie während der ganzen übrigen Fahrt aus vollem Halse darüber lachte. In fünf Stunden legten wir eine Entfernung von vierzig Miglien zurück, denn wir waren um acht von Florenz abgefahren, und um ein Uhr hielten wir vor einem Posthause auf päpstlichem Gebiet, wo ich nichts mehr zu fürchten hatte. Man nennt dieses Posthaus den »Abgeladenen Esel«. Der seltsame Name des Gasthofes war für meine Schöne ein Anlaß zu neuer Heiterkeit. Alles schlief; aber nachdem wir einen Höllenlärm gemacht hatten, bewirkten einige Paoli, die ich an die Bediensteten verteilte, daß ich ein gutes Feuer bekam, dessen ich vor allem bedurfte. Ich hatte einen Wolfshunger, aber man sagte mir, es sei nichts zu essen da. Vom Gegenteil überzeugt, lachte ich dem Wirt ins Gesicht und sagte ihm, er möchte mir seine Butter, seine Eier, seinen Makkaroni, einen Schinken und Parmesankäse bringen; denn ich wußte, daß dieses alles überall in Italien zu haben ist. Bald wurde ich bedient und zeigte dem guten Wirt, daß wir genug hatten, um eine ausgezeichnete Mahlzeit zu halten. Wir aßen für vier; hierauf ließ ich mir ein reines Bett aus Matratzen herrichten, die für Betten ausgereicht hätten, und wir legten uns nieder, nachdem ich befohlen hatte, uns zu wecken, sobald eine vierspännige englische Kutsche ankäme. Mit Makkaroni und Schinken vollgestopft, ein wenig erhitzt vom Chianti und Monte-Pulciano und ermüdet von unserer Fahrt, bedurften wir mehr des Schlafes als der Liebe; wir dachten daher auch nicht an die Wollust, sondern überließen uns der Ruhe, bis wir aufwachten. Dann widmeten wir einen Augenblick dem Vergnügen, aber es war so wenig, daß es nicht der Mühe wert ist, davon zu reden. Gegen ein Uhr machte der Hunger sich lebhaft bemerkbar; wir standen auf, und der Wirt setzte uns ein ausgezeichnetes, von mir angeordnetes Mittagessen vor. Ich wunderte mich, daß mein Wagen nicht kam, doch faßte ich mich in Geduld. Als aber bis zum Einbruch der Nacht immer noch nichts kam, begann ich Befürchtungen zu hegen. Die Corticelli jedoch, die fortwährend lachte, wollte nichts Trauriges hören. Wir legten uns zu Bett, nachdem wir beschlossen hatten, den Sohn des Postmeisters nach Florenz fahren zu lassen, wenn meine Kutsche während der Nacht nicht ankommen würde. Als wir aufwachten, war der Wagen immer noch nicht da. Der Sohn des Postmeisters konnte mir nicht dienen; ich ließ mir einen sicheren Boten besorgen und schickte ihn mit genauen Weisungen an Costa. Für den Fall eines gewalttätigen Verfahrens war ich entschlossen, nach Florenz zurückzukehren, wo ich unter allen Umständen mit dem Verluste von zweihundert Skudi davongekommen wäre. Der Bote, der um zwölf Uhr abgegangen war, kam schon um zwei Uhr zurück und meldete mir, meine Leute würden sofort kommen. Meine Kutsche war mit Fuhrmannspferden bespannt, und hinter ihr fuhr eine zweispännige Kalesche, worin eine alte Frau und ein junger Mann saßen. »Das ist die Mama!« rief die Corticelli. »Ha ha, da wird's was zu lachen geben. Wir müssen ihnen etwas zu essen machen lassen, und sie muß uns recht weitläufig diese wunderbare Geschichte erzählen, an die sie bis zu ihrem Tode denken wird.« Costa sagte mir, der Auditor habe, um sich wegen meiner Mißachtung seiner Befehle zu rächen, der Post verbieten lassen, mir Pferde für meinen Wagen zu liefern. Infolgedessen habe er einen Vetturino nehmen müssen, und dadurch sei die Reise verzögert worden. Dann begann Signora Laura ihre Geschichte: »Ich hatte ein gutes Abendessen zurechtgemacht, wie Sie es mir befohlen hatten. Es hat, wie Sie sehen werden, mir mehr als zehn Paoli gekostet, die Sie mir gütigst wiedererstatten werden, denn ich bin eine arme Frau. Als alles zurecht war, freute ich mich, daß Sie bald kommen würden; aber vergebens. Ich war in Verzweiflung. Um Mitternacht schickte ich endlich meinen Sohn in Ihren Gasthof, um nach Ihnen zu fragen; stellen Sie sich meinen Schmerz vor, als er zurückkam und mir sagte, man wisse nicht, was aus Ihnen geworden sei. Ich verbrachte in Tränen eine schlaflose Nacht. Am Morgen ging ich aufs Gericht, um Sie wegen der Entführung meiner Tochter anzuklagen. Ich flehte die Beamten an, sie möchten Sie verfolgen lassen und Sie zwingen, mir meine Tochter zurückzugeben. Aber denken Sie sich: man hat sich über mich lustig gemacht! Man lachte mir ins Gesicht und sagte: ›Warum haben Sie sie allein ausgehen lassen? Ihre Tochter ist in guten Händen, und Sie wissen wohl, bei wem sie ist und warum sie dort ist.‹ Solche Verleumdung!« »Verleumdung?« fragte die Corticelli. »Ganz gewiß! Damit sagten sie mir doch, ich hätte sozusagen der Entführung zugestimmt, und das konnten die Kerle doch nicht annehmen! Denn wenn ich eingewilligt hätte, wäre ich doch nicht zu ihnen gegangen, um mein Recht zu verlangen. Wütend ging ich dann zum Doktor Vannini; bei ihm traf ich Ihren Kammerdiener, der mir sagte, Sie wären nach Bologna abgereist und ich würde Sie dort finden, wenn ich hinter Ihrer Kutsche herfahren wollte. Ich erklärte mich dazu bereit, und ich hoffe, Sie werden den Fuhrlohn bezahlen, den ich mit dem Vetturino ausbedungen habe. Aber gestatten Sie mir. Ihnen zu sagen: was Sie getan haben, geht denn doch über den Spaß.« Ich tröstete die habsüchtige Mutter mit dem Versprechen, alles zu bezahlen und ihr alles zu vergüten, was sie ausgegeben oder in Florenz zurückgelassen hatte. Am nächsten Tage reisten wir nach Bologna ab, wo wir bei guter Zeit ankamen. Ich schickte meinen Bedienten mit meinem Wagen in den Gasthof und stieg selber bei der Corticelli ab. Acht Tage verbrachte ich bei dem Mädchen. Ich ließ mir das Essen aus dem Wirtshause kommen und genoß recht abwechslungsreiche Freuden, deren ich mich mein Leben lang erinnern werde; denn das ausgelassene Mädchen hatte eine Menge von jungen Freundinnen, die alle hübsch und recht gefällig waren. Wie ein Sultan lebte ich während dieser kurzen Woche, die ich noch jetzt gerne in mein altes Gedächtnis zurückrufe, indem ich mit einem Seufzer sage: Tempi passsati! Es gibt in Italien mehr als eine Stadt, wo man sich alle sinnlichen Vergnügen verschaffen kann, die man in Bologna findet; aber man erhält sie nirgends so billig, noch so bequem, noch so ungestört. Außerdem lebt man in Bologna so gut: man geht unter den schönen Steinlauben im Schatten spazieren, und man findet dort Geist und Gelehrsamkeit. Es ist sehr schade, daß entweder die Luft, oder das Wasser, oder der Wein – denn die Sache ist noch nicht ausgemacht – eine leichte Krätze verursachen. Indessen ist dies für die Bologneser durchaus nichts Unangenehmes, sondern vielmehr ein Vorzug, den sie allem Anschein nach sehr hoch schätzen: man kratzt sich. Besonders die Damen wissen zur Frühlingszeit ihre Finger mit großer Anmut in Bewegung zu setzen. Gegen Mittfasten verließ ich die Corticelli, indem ich ihr gute Reise wünschte; denn sie wollte nach Prag abreisen, wohin sie auf ein Jahr als zweite Tänzerin engagiert war. Ich versprach ihr, sie persönlich abzuholen und nebst ihrer Mutter nach Paris zu bringen; meine Leser werden sehen, wie ich ihr Wort hielt. Am Tage meiner Abfahrt von Bologna kam ich abends in Modena an; ich hielt hier infolge einer jener plötzlichen Launen an, denen ich stets unterworfen war. Am nächsten Morgen ging ich aus, um mir die Gemäldegalerie anzusehen. Als ich zum Mittagessen in meinen Gasthof kam, sah ich dort einen großen Flegel, der mir im Namen der Regierung den Befehl überbrachte, spätestens am nächsten Tage meine Reise fortzusetzen. Ich rief den Wirt und ließ mir in seiner Gegenwart den Befehl wiederholen. Hierauf sagte ich: »'s ist gut«, und der Kerl entfernte sich. »Was ist das für ein Mensch?« fragte ich den Wirt. »Ein Sbirre.« »Ein Sbirre? Und die Regierung wagt es, mir einen solchen Menschen zu schicken!« »Der Bargello kann ihn geschickt haben.« »Der Bargello ist also Gouverneur von Modena? Ein solcher Niederträchtiger?« »Niederträchtiger? ... Schweigen Sie! Der ganze Adel verkehrt mit ihm.« »Der Adel ist hier also sehr gemein?« »Nicht gemeiner als anderswo. Der Bargello ist der Unternehmer der Oper; die vornehmsten Herren speisen bei ihm und gewinnen auf diese Weise seine Freundschaft.« »Das ist unglaublich! Aber warum weist mich denn dieser gnädige Herr Bargello aus Modena aus?« »Das weiß ich nicht; aber wenn ich Ihnen raten darf, sprechen Sie mit ihm; Sie werden in ihm einen vollendeten Kavalier finden.« Anstatt zu diesem Hans A .... zu gehen, begab ich mich zum Abbate Testa-Grossa. Ich hatte ihn im Jahre 1753 in Wien kennen gelernt. Er war ein Mann von niederer Herkunft, aber von bedeutendem Geist; nun war er alt und ruhte auf seinen Lorbeeren aus. Er hatte das Glück gehabt, durch sein Verdienst die Gunst des Glückes erschwungen zu haben, und sein Herr, der Herzog von Modena, hatte ihn würdig befunden, sich lange Jahre von ihm bei auswärtigen Herrschern vertreten zu lassen. Der Abbate Testa-Grossa erkannte mich und nahm mich auf das freundlichste auf; als er jedoch von meinem Erlebnis hörte, wurde er sehr verstimmt. »Was kann ich tun?« fragte ich ihn. »Abreisen; denn dieser Mann könnte Ihnen einen noch viel größeren Schimpf antun.« »Ich werde gehen, aber könnten Sie mir das Vergnügen machen, mich über den Grund eines so verletzenden Verfahrens aufzuklären?« »Kommen Sie heute Abend wieder. Wahrscheinlich werde ich Ihren Wunsch erfüllen können.« In der Dämmerung stellte ich mich pünktlich bei ihm ein, denn ich war mehr neugierig als unruhig, wodurch ich mir die Feindschaft des Herrn Bargello zugezogen haben könnte, von dem ich überhaupt nicht gekannt zu sein glaubte. Der Abbate befreite mich von meiner Unruhe, indem er sagte: »Der Bargello hat Ihren Namen auf der ihm jeden Tag überbrachten Liste der ankommenden oder abreisenden Fremden gesehen. Er hat sich erinnert, daß Sie die Kühnheit besaßen, aus den Bleikammern zu entfliehen; und da er so etwas für höchst verdammenswert hält, hat er beschlossen, ein so schlimmes Beispiel der Verletzung der Gerechtigkeit, mag diese auch noch so ungerecht sein, nicht in Modena zu lassen. Kraft seiner allerhöchsten Gewalt hat er Ihnen daher den Befehl zugestellt, die Stadt zu verlassen.« »Diese Mitteilung erleichtert mich; aber ich wundere mich, Herr Abbate, daß Sie mir dies erzählen, ohne darüber zu erröten, daß Sie Untertan des Herzogs von Modena sind. Wie unwürdig! Solche Polizei läuft ja der Moral, dem Menschenrecht und dem Staatswohl zuwider!« »Sie haben wohl recht, so zu denken, mein lieber Herr; aber die Menschen sind noch weit davon entfernt, die Einrichtungen zu kennen, die ihrer Würde entsprechen.« »Ohne Zweifel, weil es so viele Unwürdige gibt.« »Das will ich nicht bestreiten.« »Leben Sie wohl, Herr Abbate.« »Leben Sie wohl, Herr Casanova.« Am nächsten Tage sah ich in dem Augenblick, wo ich in meinen Wagen steigen wollte, einen Mann von fünfundzwanzig bis dreißig Jahren, von hohem kräftigen Wuchs und breiten Schultern, mit düsteren, funkelnden Augen und merkwürdig dichten Augenbrauen, der wie ein richtiger Halsabschneider aussah. Er sprach mich an und bat mich höflich, mit ihm einen Augenblick auf die Seite zu gehen und ihn anzuhören. »Wenn Sie drei Tage in Parma bleiben wollen und mir hier Ihr Wort geben, daß Sie mir fünfzig Zechinen schenken, sobald ich sie von Ihnen verlange, und Sie die Gewißheit haben, daß der Bargello tot ist, so verspreche ich Ihnen, ihn vor Ablauf von vierundzwanzig Stunden durch einen Büchsenschuß zu töten.« »Ich danke Ihnen. Er ist ein Vieh, das man seines natürlichen Todes sterben lassen muß. Da haben Sie einen Taler; trinken Sie auf meine Gesundheit.« Heute freue ich mich, daß ich so gehandelt habe; aber ich gestehe: wäre ich sicher gewesen, daß der schlechte Kerl mir keine Falle stellte, so hätte ich ihm das gewünschte Versprechen gegeben. Die Furcht, mich bloßzustellen, ersparte mir ein Verbrechen. Am nächsten Tage kam ich in Parma an und stieg im Gasthof »Zur Post« unter dem Namen eines Chevaliers de Seingalt ab; diesen Namen trage ich noch; denn wenn ein Ehrenmann einen Namen annimmt, der keinem Menschen gehört, hat niemand das Recht, ihm diesen zu bestreiten, und es ist seine Pflicht, ihn nicht wieder abzulegen. Ich trug ihn bereits seit zwei Jahren, aber ich vereinigte ihn oft mit meinem Familiennamen. Sobald ich in Parma angekommen war, entließ ich Costa; aber zu meinem Unglück nahm ich ihn eine Woche später, zwei Tage vor meiner Abreise, wieder an. Sein Vater war ein armer Violinspieler, wie auch ich es gewesen war; er hatte eine zahlreiche Familie zu ernähren und tat mir leid. Ich erkundigte mich nach Herrn Antoine; er war nicht mehr da. Herr Dubois Châtelereux, der Münzdirektor, befand sich mit Erlaubnis des Infanten-Herzogs von Parma in Venedig, um dort den Prägestempel einzurichten, dessen man sich niemals bedient hat. Die venetianischen Münzen sind nicht geändert. Republiken hängen abergläubisch an den alten Gewohnheiten; sie fürchten, daß Verbesserungen zu Änderungen führen, die der Festigkeit der Staatsverfassung schaden könnten. Die Regierung des aristokratischen Venedigs bewahrt noch immer den griechischen Charakter, den sie bei der Geburt der Republik hatte. Mein Spanier hatte sich gefreut, als ich Costa entließ; er ärgerte sich, als ich ihn wieder nahm, und sagte zu mir: »Er ist kein ausschweifender Mensch; er ist nüchtern und liebt schlechte Gesellschaft nicht; aber ich halte ihn für einen Dieb und zwar für einen gefährlichen Dieb, gerade weil er sich ein Gewissen daraus macht, Sie in Kleinigkeiten zu betrügen. Gnädiger Herr, denken Sie an mich: er wird Sie übers Ohr hauen. Er wartet, um den großen Schlag zu machen, nur auf den Augenblick, wo er Ihr Vertrauen gewonnen hat. Ich mache es anders, ich bin ja so eine Art Spitzbube, aber Sie kennen mich.« Er sah richtiger als ich; denn fünf oder sechs Monate darauf stahl der Italiener mir fünfzigtausend Taler. Dreiundzwanzig Jahre später, im Jahre 1784, fand ich ihn in Wien als Kammerdiener des Grafen Hardegg wieder. Da ich sah, daß er von dem Gelde nichts mehr besaß, bekam ich Lust, ihn hängen zu lassen. Ich bewies ihm schwarz auf weiß, daß dies nur von mir abhängen würde; aber er flehte mich unter Tränen um Schonung an und ihn rettete das Mitleid, das ein braver Mann, namens Bertrand, der beim sardinischen Gesandten wohnte, mit ihm hatte. Dieser Mann, den ich hoch schätzte, veranlaßte mich zu der heroischen Handlung, ihm zu vergeben. Auf meine Frage, was er mit all dem mir gestohlenen Gelde und mit den Juwelen gemacht hätte, antwortete der Elende mir, er hätte alles verloren, indem er das Kapital zu einem Biribispiel hergegeben hätte; seine eigenen Teilhaber hätten ihn ausgeplündert, und seitdem hätte er arm und unglücklich gelebt. Er hatte im selben Jahre Momolos Tochter geheiratet und verließ sie, nachdem er sie zur Mutter gemacht hatte. Doch weiter: In Turin stieg ich in einem Privathause ab, wo Abbate Gama wohnte, der mich bereits erwartete. Trotz der Predigt über die Sparsamkeit, die der gute Abbate mir hielt, nahm ich das ganze erste Stockwerk; es war eine sehr schöne Wohnung. In bezug auf unsere diplomatischen Angelegenheiten versicherte er mir, ich würde im Mai meine Beglaubigungsschreiben erhalten und dann würde er mich unterrichten, wie ich mich zu verhalten hätte. Dieser Auftrag war mir sehr angenehm, und ich sagte ihm daher, ich wäre bereit, nach Augsburg zu gehen, sobald die Gesandten der kriegführenden Mächte dort zusammenkommen würden. Nachdem ich der Wirtin die nötigen Anweisungen in bezug auf meinen Tisch gegeben hatte, ging ich aus. Ich trat in ein Kaffeehaus, um die Zeitungen zu lesen, und der erste, den ich dort sah, war der Marquis Desarmoises, den ich in Savoyen kennen gelernt hatte. Er sagte mir: »Vor allen Dingen habe ich Ihnen mitzuteilen, daß die Hasardspiele verboten sind. Die Damen, die Sie in Aix gekannt haben, werden ohne Zweifel entzückt sein, Sie wieder zu sehen. Ich selber lebe vom Tricktrackspiel, obgleich ich im Würfeln nicht glücklich bin; aber es kommt bei diesem Spiel mehr auf Talent als auf Glück an.« Ich begriff sehr wohl, daß bei gleichem Glück derjenige gewinnen muß, der besser zu rechnen versteht; aber das Gegenteil war mir unbegreiflich. Wir machten einen Spaziergang in der schönen Allee, die nach der Zitadelle führt. Ich bemerkte eine Menge sehr hübscher Personen. In Turin hat das weibliche Geschlecht alle Reize, die die Liebe nur wünschen kann, aber in keiner Stadt Italiens ist die Polizei so unbequem. Da die Stadt klein und sehr bevölkert ist, sind Spione überall. Man kann daher eine gewisse Freiheit nur unter außerordentlichen Vorsichtsmaßregeln genießen, und nur mit Hilfe von sehr geschickten Kupplerinnen, die man gut bezahlen muß; denn sie riskieren, wenn sie entdeckt werden, eine barbarische Strafe. Man duldet weder öffentliche Dirnen noch Privat-Mätressen; dies ist den verheirateten Frauen sehr angenehm, und die unwissende Polizei hätte das doch wohl übrigens sehen müssen. Man begreift, welch leichtes Spiel infolgedessen die Päderastie in einer Stadt hat, wo die Leidenschaften sehr lebhaft sind. Unter den Schönheiten, die meine Blicke auf sich gelenkt hatten, fesselte mich besonders eine. Ich fragte Desarmoises, der sie alle kannte, nach ihrem Namen. Er sagte mir: »Sie ist die berühmte Lia, eine unbesiegliche Jüdin, die den Angriffen der berühmtesten Liebhaber von Turin widerstanden hat. Ihr Vater ist ein bekannter Roßtäuscher; es ist nicht schwierig, sie zu besuchen, aber es ist nichts bei ihr zu machen.« Ich fühlte mich um so mehr aufgelegt, die Sache zu wagen, da sie für so schwierig galt, und sagte daher zu Desarmoises: »Führen Sie mich zu ihr.« »Sobald Sie wollen.« Ich lud ihn ein, mit mir zu speisen, und als wir nach meinem Gasthause gingen, begegneten wir Herrn Zeroli und zwei oder drei anderen Herrn von der Spielgesellschaft von Aix. Ich machte und empfing Komplimente; da ich aber keine Lust hatte, einen von ihnen zu besuchen, so verabschiedete ich mich höflich unter dem Vorwande, daß ich Geschäfte hätte. Gleich nach dem Essen führte Desarmoises mich nach der Porta del' Po zu Lias Vater, dem Roßkamm. Ich fragte ihn, ob er ein gutes Reitpferd zu verkaufen hätte. Er rief einen Stalljungen und gab ihm seine Befehle; während er mit mir sprach, trat seine reizende Tochter hinzu. Sie war blendend. Sie konnte höchstens zweiundzwanzig Jahre alt sein. Ein schlanker Nymphenwuchs, herrliche Haare vom schönsten Schwarz, eine Haut von Lilien und Rosen, die schönsten Augen voll Geist und Feuer, lange Wimpern und schön gewölbte Brauen, die allen, die an die Erlangung so herrlicher Reize dachten, den Krieg erklären zu wollen schienen – dies waren ihre Vorzüge. Ihr Benehmen verriet eine gute Erziehung und Weltgewandtheit. In die Betrachtung der Reize dieses schönen Mädchens versunken, sah ich anfangs nicht das Pferd, das vor mir stand. Endlich aber prüfte ich es, indem ich den Kenner spielte: nachdem ich Knie und Beine befühlt, die Ohren bewegt und das Maul untersucht hatte, ließ ich es mir im Schritt, im Trab und im Galopp vorreiten; hierauf sagte ich dem Juden, ich würde am nächsten Morgen in Stiefeln wiederkommen, um es selber zu reiten. Das Pferd war ein schöner Apfelschimmel; es kostete vierzig Piemonteser Pistolen, ungefähr hundert Zechinen. »Es ist die Sanftmut selbst,« sagte Lia, »und hat einen so vortrefflichen Paßgang, daß es in dieser Gangart es mit dem Trabe jedes anderen Pferdes aufnimmt.« »Sie haben es also geritten, mein Fräulein?« »Mehrere Male, mein Herr; und wenn ich reich wäre, würde ich es niemals verkaufen.« »Sie würden zwei Glückliche machen; denn das Pferd muß Sie lieben, seitdem Sie es geritten haben. Ich werde es nur kaufen, wenn ich Sie es habe reiten sehen.« Sie errötete. Ihr Vater sagte zu ihr: »Du mußt dem Herrn den Gefallen tun.« Sie erklärte sich bereit, und ich versprach ihnen, am nächsten Morgen um neun Uhr wiederzukommen. Wie man sich denken kann, war ich pünktlich. Ich fand Lia in Kuriertracht. Was für ein Körper! Welche Formen der Venus Kallipygos! Ich war durch diesen Eindruck bereits besiegt. Zwei Pferde standen bereit; sie schwang sich anmutig und leicht wie der geschickteste Reitknecht auf das ihrige, und ich bestieg das andere. Wir machten einen ziemlich langen Spazierritt. Das Pferd ging sehr gut, aber was machte ich mir aus dem Tier! Ich hatte nur für sie Augen und Gedanken. Auf dem Rückwege sagte ich zu ihr: »Schöne Lia, ich werde das Pferd kaufen, aber nur, um es Ihnen zu schenken; wenn Sie es nicht annehmen, verlasse ich Turin noch heutigen Tages. Ich knüpfe an mein Geschenk keine andere Bedingung, als daß Sie die Gefälligkeit haben, mit mir auszureiten, sooft ich Sie darum bitte.« Da ich ihrem Gesicht ansah, daß sie meine Worte günstig aufnahm, so sagte ich ihr weiter, ich würde sechs Wochen in Turin bleiben; ich hätte mich auf der Promenade in sie verliebt, und der Kauf des Pferdes wäre nur ein Vorwand gewesen, um Gelegenheit zu finden, ihr meine Gefühle kundzugeben. Sie antwortete mir mit sehr bescheidenem Wesen, die Freundschaft, die sie mir eingeflößt hätte, sei unendlich schmeichelhaft für sie, und das großmütige Geschenk, das ich ihr mache, sei nicht nötig, um mir ihre Freundschaft zu gewinnen. Sie fuhr fort: »Die Bedingung, die Sie mir auferlegen, ist mir außerordentlich angenehm, und ich bin überzeugt, ich mache meinem Vater ein Vergnügen, indem ich sie annehme. Ich bitte Sie nur um die Gefälligkeit, mir dieses Geschenk in seiner Gegenwart zu machen und zu wiederholen, daß Sie das Pferd nur kaufen werden, wenn ich es annehme.« Ich sah mich leichter, als ich geglaubt hatte, auf gutem Wege und tat nach ihrem Begehren. Ihr Vater, namens Moses, fand das Geschäft sehr gut. Er wünschte seiner Tochter Glück, bekam die vierzig Pistolen, über die er mir eine Quittung gab, und bat mich ihm die Ehre zu erweisen, am nächsten Tage bei ihm zu frühstücken. Dies wünschte ich gerade. Am nächsten Tage empfing Moses mich mit großer Ehrerbietung. Die schöne Lia trug Frauenkleider, aber sie sagte mir, wenn ich ausreiten wollte, würde sie sich augenblicklich umkleiden. »Wir werden ein anderes Mal ausreiten, liebenswürdige Lia; heute bin ich glücklich, Sie in Ihrem Hause unterhalten zu dürfen.« Ihr Vater aber, habgierig wie alle seine Glaubensgenossen, sagte mir: wenn ich gerne spazieren führe, könnte er mir einen sehr hübschen Phaethon mit zwei ausgezeichneten Pferden verkaufen. »Sie können sie dem Herrn zeigen«, sagte Lia, die vielleicht mit ihrem Vater im Einverständnis war. Moses antwortete nicht und ging hinaus, um anspannen zu lassen. »Ich will mir den Wagen ansehen,« sagte ich zu Lia; »aber ich werde ihn nicht kaufen, denn ich wüßte nicht, was ich damit anfangen sollte.« »Sie können mit der Dame, die Sie lieben, darin spazieren fahren.« »Also mit Ihnen! Aber vielleicht würden Sie es nicht wagen?« »Ei warum denn nicht? Wir können ja aufs Land, in die Umgebung von Turin fahren.« »Gut, Lia; ich werde mir die Pferde ansehen.« Der Vater kam, und wir gingen in den Hof. Wagen und Pferde gefielen mir, und ich sagte Lia dies. »Nun,« sagte Moses, »alles zusammen kostet nur vierhundert Zechinen; aber wenn einer das Gespann nach Ostern haben will, so muß er mindestens fünfhundert dafür geben.« Lia stieg ein, ich setzte mich neben sie, und wir fuhren eine Stunde lang in der Umgegend spazieren. Dann fuhren wir nach Hause; ich sagte Moses, ich würde ihm am nächsten Tage Antwort geben, er entfernte sich, und ich ging mit der schönen Lia ins Haus. Als wir im Zimmer waren, sagte ich zu ihr: »Wagen und Pferde sind gewiß vierhundert Zechinen wert, und ich werde sie morgen mit Vergnügen bezahlen; aber ich nehme sie unter denselben Bedingungen wie das Pferd und unter einer Bedingung außerdem: daß Sie mir alle Gunst gewähren, die man von einer zärtlichen gegenseitigen Liebe erwarten kann.« »Sie sprechen klar und deutlich; ich muß Ihnen ebenso antworten: Ich bin ein anständiges Mädchen und verkaufe mich nicht.« »Schöne Lia! Alle Frauen, anständig oder nicht, verkaufen sich. Wenn ein Mann Zeit hat, kauft er die Frau, die seine Liebe begehrt, durch eifrige Bewerbung; wenn er es eilig hat, wie ich, bedient er sich der Geschenke und sogar des Goldes.« »Ein solcher Mann ist ungeschickt; er täte besser daran, dem Gefühl Zeit zu lassen, für ihn zu sprechen.« »Dies wäre für mich der Gipfel des Glücks, Lia; aber ich habe es eilig.« Da in diesem Augenblick ihr Vater eintrat, so ging ich, indem ich ihm sagte: »Wenn ich morgen nicht kommen kann, werde ich übermorgen kommen, und dann werden wir vom Phaeton sprechen.« Offenbar hatte Lia mich für einen Verschwender genommen, den sie anführen könnte: sie hätte gerne den Wagen auf dieselbe Art bekommen wie das Pferd; aber ich war ja kein Neuling mehr. Ich hatte mich leicht dazu entschlossen, auf gut Glück hundert Zechinen zu opfern; weiter aber konnte meine Verschwendung ohne bestimmte Aussichten nicht gehen. Ich beschloß, meine Besuche einzustellen und zu warten, wie die Sache mit ihr und ihrem Vater enden würde. Ich rechnete stark auf die Habsucht des Juden: er liebte das Geld und mußte sich ärgern, wenn seine Tochter es nicht möglich zu machen wußte, mich zum Ankauf des Wagens zu veranlassen, einerlei ob sie sich mir hingab oder nicht; denn dies mußte ihm vollkommen gleichgültig sein. Ich war beinahe gewiß, daß sie mir von selber kommen würden. Am nächsten Sonnabend bemerkte ich die schöne Jüdin auf der Promenade. Wir gingen so nahe aneinander vorbei, daß ich sie anreden konnte, ohne daß es nach Absicht von meiner Seite aussah, zumal da ihre Blicke mir zu sagen schienen: Kommen Sie! »Man sieht Sie ja gar nicht mehr, mein Herr!« sagte sie zu mir; »aber kommen Sie morgen und frühstücken Sie mit mir, oder ich schicke Ihnen das Pferd zurück.« Ich versprach ihr, recht früh zu kommen; selbstverständlich hielt ich ihr Wort. Wir frühstückten sozusagen unter vier Augen; denn obgleich noch ihre Tante als dritte dabei war, so war diese doch nur des Anstandes wegen da. Nach dem Frühstück verabredeten wir, miteinander auszureiten, und sie zog sich in meiner Gegenwart als Mann an; aber auch die Tante war dabei. Da sie ihre Lederhosen schon vorher angezogen hatte, so ließ sie ihre Röcke fallen; hierauf legte sie ihr Mieder ab und zog eine Jacke an. Ohne dem Anschein nach darauf zu achten, sah ich einen prachtvollen Busen; die listige Jüdin wußte aber wohl, was sie von meiner Gleichgültigkeit zu halten habe. »Wollen Sie mir wohl meine Busenkrause in Ordnung bringen?« fragte sie mich. Sie entflammte mich hierdurch, und meine Hand war recht unbescheiden. Ich glaubte jedoch in diesem ganzen Manöver einen abgekarteten Plan zu erraten und war daher auf meiner Hut, um diesen zu vereiteln. In dem Augenblick, wo wir zu Pferde stiegen, kam ihr Vater und sagte zu mir: »Wenn Sie Phaeton und Wagen mir abkaufen wollen, lasse ich zwanzig Zechinen ab.« Ich antwortete ihm: »Ihre Tochter hat es in der Gewalt, mich nach unserer Rückkehr vom Spazierritt zur Erfüllung aller Ihrer Wünsche zu veranlassen.« Wir ritten im Schritt ab. Im Laufe des Gespräches sagte Lia mir, sie habe unvorsichtigerweise ihrem Vater gesagt, es stehe bei ihr, mich zum Ankauf des Wagens zu veranlassen, und wenn ich sie nicht mit ihrem Vater entzweien wolle, müsse ich die Güte haben, ihn zu kaufen. »Schließen Sie das Geschäft ab,« fuhr sie fort; »und behalten Sie sich vor, mir den Wagen erst dann zu schenken, wenn Sie überzeugt sind, daß ich Sie liebe.« »Meine liebe Lia, es steht in Ihrer Macht, Ihren Willen durchzusetzen; aber Sie wissen, unter welcher Bedingung.« »Ich verspreche Ihnen, mit Ihnen allein auszureiten, so oft Sie wollen – allerdings, ohne einzukehren; aber ich glaube, daraus machen Sie sich auch nichts. Ihre Neigung ist sehr flüchtig gewesen; es war nur eine einfache Laune.« »Um Sie vom Gegenteil zu überzeugen, werde ich den Phaeton kaufen und in eine Remise stellen lassen. Die Pferde werde ich füttern lassen, ohne mich ihrer zu bedienen. Aber wenn Sie mich nicht binnen acht Tagen glücklich machen, werde ich Wagen und Pferde wieder verkaufen.« »Kommen Sie morgen!« »Ich werde kommen; aber ich verlange heute Morgen schon ein Unterpfand Ihrer Zärtlichkeit.« »Heute Morgen? Das wäre mir unmöglich.« »Verzeihen Sie – ich gehe mit Ihnen auf Ihr Zimmer, und beim Umkleiden können Sie mir mehr als eine Gunst bewilligen.« Wir kamen nach Hause, und zu meiner Überraschung hörte ich sie ihrem Vater sagen, der Phaeton sei mein; er brauche ihn nur anspannen zu lassen. Der Jude lächelte; wir gingen alle drei ins Haus, und Lia sagte zu mir mit siegesbewußter Miene: »Zählen Sie das Geld auf!« »Ich habe es nicht bei mir; aber ich will Ihnen eine Anweisung geben.« »Hier ist Papier.« Ohne Zögern schrieb ich dem Bankier Zappata, er möchte bei Sicht dreihundertundachtzig Zechinen zahlen. Der Jude ging, um das Geld zu holen, und Lia blieb mit mir allein. »Indem Sie mir vertraut haben, lieber Freund,« sagte sie zu mir, »haben Sie sich meines Herzens würdig gemacht.« »Also schnell, entkleiden Sie sich!« »Nein, meine Tante ist im Hause, und da ich die Tür nicht schließen kann, könnte sie eintreten; aber ich verspreche Ihnen, morgen werden Sie mit mir zufrieden sein. Ich will mich jetzt umkleiden, aber treten Sie bitte in diese Kammer! Sobald ich wieder die Kleider meines Geschlechts trage, können Sie hereinkommen.« Ich erklärte mich einverstanden, und sie schloß mich ein. Ich sah mir die Türe an und erblickte eine schmale Spalte zwischen den beiden Flügeln. Ich stieg auf einen Schemel, sah durch die Spalte und bemerkte Lia der Tür gegenüber auf einem Sofa sitzen und sich auskleiden. Sie zog ihr Hemd aus, nahm ein Handtuch, das neben ihr lag, und trocknete ihre Brüste und hierauf ihre Füße ab. Als sie ihre Reithose ausgezogen hatte und ganz nackt dastand, fiel scheinbar zufällig einer ihrer Ringe zur Erde und rollte unter das Kanapee. Sofort stand sie auf, sah nach rechts und links und bückte sich dann, um unter dem Sofa zu suchen. Um den Ring zu erfassen, mußte sie sich auf die Knie niederlassen und den Kopf nach vorne neigen. Nachdem sie sich wieder auf das Kanapee gesetzt hatte, mußte sie sich abermals abtrocknen. Sie tat dies so gründlich, daß meinen, von allen diesen Reizen entflammten Augen nicht der kleinste Teil ihres Körpers mehr ein Geheimnis blieb. Ich war überzeugt, sie wußte, daß ich dieses ganze Manöver mit ansah; wahrscheinlich erriet sie auch, welche Verheerungen sie in meiner leicht entzündlichen Natur anrichtete. Als sie endlich fertig war, befreite sie mich aus meiner Kammer. Ich schloß sie in meine Arme und sagte ihr: »Ich habe alles gesehen!« Sie spielte die Ungläubige, ich zeigte ihr den Spalt und schickte mich an, von meinen Rechten Gebrauch zu machen; da trat der verfluchte Moses ein. Wenn er nicht blind war, mußte er sehen, in welchen Zustand seine Tochter mich versetzt hatte; aber er dankte mir, gab mir die Quittung über das Geld, das er einkassiert hatte, und sagte: »Mein ganzes Haus gehört Ihnen.« Ich verabschiedete mich von ihnen und ging ärgerlich fort. Ich stieg in meinen Phaeton und fuhr nach Haus; den Kutscher behielt ich, indem ich ihn beauftragte, sofort einen Stall und eine Remise zu besorgen. Ich nahm mir vor, Lia nicht wiederzusehen, denn ich ärgerte mich über sie. Sie hatte mir in ihren wollüstigen Stellungen nur zu sehr gefallen; aber sie hatte in mir eine Aufregung hervorgerufen, die eine Todfeindin der Liebe ist. Sie hatte Amor gezwungen, zum Dieb zu werden, und in seiner hungrigen Gier hatte sich das Kind dazu herbeigelassen; als es jedoch nachher das Recht zu haben glaubte, eine kräftigere Nahrung zu verlangen, dann aber sich zurückgewiesen sah, wich die Glut einem Gefühl der Verachtung. Lia wollte sich ihre eigenen Gefühle nicht gestehen, und meine Liebe wollte sich nicht offen zum Diebstahl bekennen. Ich machte die Bekanntschaft eines sehr liebenswürdigen Kavaliers, der Soldat, Gelehrter und großer Pferdekenner war. Er führte mich bei mehreren hübschen Damen ein, doch pflegte ich den Verkehr mit diesen nicht; denn ich hätte bei ihnen allen Gefühl aufwenden müssen; ich wollte jedoch nur solide Genüsse, selbst wenn ich sie mit schwerem Gelde erkaufen mußte. Der Chevalier de Brézé war nicht der richtige Mann für mich: er war zu tugendhaft für einen Wüstling wie mich. Er kaufte von mir den Phaeton und die Pferde, die ich Lia versprochen hatte, und ich verlor nur dreißig Zechinen daran. Ein gewisser Baretti, der mich in Aix in Savoyen gekannt hatte und dem Marquis de Prié als Croupier diente, führte mich bei der Mazzoli ein. Sie war eine frühere Tänzerin, zurzeit Geliebte des Chevaliers Raiberti, eines kalten aber sehr ehrenwerten Mannes, der damals das Portefeuille der auswärtigen Angelegenheiten Seiner Allergetreuesten Majestät innehatte. Die Dame war durchaus nicht hübsch, aber sehr gefällig; sie ließ für mich Mädchen in ihr Haus kommen, von denen jedoch nicht eine einzige mir würdig erschien, Lia zu ersetzen. Ich glaubte diese nicht mehr zu lieben; aber ich täuschte mich. Der Chevalier Cocona, der in jenem Augenblick das Unglück hatte, der heiligen Veronika geweiht zu sein, überließ mir seine Geliebte, eine sehr hübsche Soubrette; aber obwohl meine Augen sich überzeugten und trotz allen Versicherungen, die sie mir gab, hatte ich nicht den Mut, sie anzurühren; aus Angst enthielt ich mich ihrer. Graf Trana, ein Bruder des Chevaliers und alter Bekannter von Aix her, stellte mich der Frau von Sc. vor; sie war eine Dame der hohen Gesellschaft und ein sehr schönes Weib, aber sie wollte mich zu einem verbrecherischen Schritt verleiten, vor dem mein guter Schutzgeist mich bewahrte; ich besuchte sie daher nicht mehr. Graf Trana rechtfertigte sich. Kurze Zeit nachher starb sein Onkel, und er wurde reich; aber er verheiratete sich und wurde unglücklich. Ich langweilte mich, und Desarmoises, der stets mit mir speiste, fand seine Rechnung nicht dabei. Er riet mir, die Bekanntschaft einer Französin zu machen, die in Turin ein sehr berühmtes Putzgeschäft hatte. Sie nannte sich Madame R. Sie hatte in ihrem Dienst sieben oder acht junge Mädchen, die sie in einem an ihren Laden anstoßenden Saal arbeiten ließ. Er glaubte, bei richtigem Benehmen könnte ich eine nach meinem Geschmack für mich gewinnen. Da meine Börse gut gespickt war, so hielt auch ich die Sache für nicht allzu schwierig und folgte seinem Rat. Ich trat bei der Dame ein und fand bei ihr zu meiner angenehmen Überraschung Lia, die um eine Menge von allerhand Sachen feilschte, die sie sämtlich zu teuer fand. Sie sagte mir in einem Tone freundschaftlichen Vorwurfes, sie habe mich für krank gehalten. Ich fühlte meine Liebesglut von neuem erwachen und antwortete ihr: »Ich bin sehr beschäftigt gewesen; doch werde ich morgen das Vergnügen haben, Sie zu sehen.« Sie lud mich zu einer jüdischen Hochzeit ein, wo ich zahlreiche Gesellschaft und mehrere hübsche junge Damen finden würde. Ich wußte, daß derartige Feierlichkeiten sehr ergötzlich sind, und versprach ihr daher, zu erscheinen. Nachdem sie lange gehandelt hatte, fand sie alles zu teuer und entfernte sich. Madame R. wollte alle die sieben Sachen wieder wegräumen, ich sagte jedoch: »Ich nehme das Ganze für meine Rechnung.« Sie lächelte; ich zog meine Börse und zählte ihr das Geld auf. »Wo wohnen Sie, mein Herr?« fragte sie mich, »und wann soll ich Ihnen die Waren zuschicken?« »Sie könnten, Madame, mir die Ehre erweisen, morgen früh um neun Uhr die Sachen selber zu mir bringen und mit mir frühstücken.« »Ich kann nicht einen Augenblick von hier abkommen, mein Herr.« Frau R. war trotz ihren fünfunddreißig Jahre noch ein sogenannter leckerer Bissen und hatte gewisse Gefühle in mir erregt. »Ich wünsche schwarze Blonden,« sagte ich. »Wollen Sie mir bitte folgen, mein Herr.« Zu meiner großen Freude sah ich im Saal eine Menge junger Arbeiterinnen. Sie waren alle reizend, aber sehr eifrig mit ihrer Arbeit beschäftigt und wagten mich kaum anzusehen. Frau R. öffnete mehrere Schränke und zeigte mir prachtvolle Blonden. Der Anblick dieser ganzen Schar von Nymphen machte mich zerstreut; ich sagte ihr, ich wünschte Blonden für zwei Baütten nach venetianischer Art. Sie wußte sofort Bescheid. Mit diesen Baütten wurde zu meiner Zeit in Venedig der größte Luxus getrieben. Die Blonden kosteten mir mehr als hundert Zechinen. Frau R. rief zwei von ihren jungen Mädchen bei Namen und befahl ihnen, am nächsten Morgen die Spitzen und die von Lia ausgesuchten und zu teuer gefundenen Waren zu mir zu bringen. Ein »Ja, Mama« war ihre Antwort. Sie standen auf und küßten ihrer Mama die Hand; ich fand diese Zeremonie spaßhaft, aber angenehm, weil sie mir Gelegenheit gab, sie näher zu betrachten. Ich fand sie reizend. Wir gingen wieder in den Laden; ich setzte mich neben den Ladentisch und lobte die Schönheit der jungen Madchen; außerdem sagte ich – was allerdings nicht wahr war – ich würde sie selber den Mädchen vorgezogen haben. Sie dankte mir, sagte mir jedoch unumwunden, sie habe einen Liebhaber. Einen Augenblick darauf nannte sie mir auch dessen Namen. Es war der Graf von St. Giles, ein Schwächling, der sich sehr wenig zur Galanterie eignete. Ich glaubte, Frau R. scherze; doch erfuhr ich am nächsten Tage, daß sie mir die Wahrheit gesagt hatte. Jeder nach seinem Geschmack! Ich vermute, diese Frau, die recht wohl noch imstande war, eine Laune zu erregen, war mehr in die Börse als in die Person des Graubarts verliebt. Ich hatte ihn im »Café du Change« kennen gelernt. Am nächsten Morgen brachten die beiden hübschen Zöfchen mir die Ware. Ich bot ihnen Schokolade an, war jedoch nicht imstande, sie zur Annahme meiner Einladung zu bewegen. Ich kam auf den Einfall, die von Lia ausgesuchten Sachen von ihnen hintragen zu lassen, und bat sie, sie möchten wiederkommen und mir sagen, wie sie mein Geschenk aufgenommen hätte. Sie erklärten sich bereit und warteten, bis ich ein Briefchen geschrieben hatte. Es war mir unmöglich, ihnen auf irgendeine Art meine Zärtlichkeit zu beweisen; denn ich hatte nicht gewagt, die Tür zu schließen, meine Wirtin und die häßlichen Töchter des Hauses gingen fortwährend aus und ein. Bei ihrer Rückkehr jedoch fing ich sie auf der Treppe ab, gab jeder von ihnen eine Zechine und sagte, es hänge nur von ihnen ab, sich meines Herzens zu bemächtigen. Lia hatte mein schönes Geschenk angenommen und ließ mir sagen, sie erwarte mich. Am nächsten Nachmittag ging ich aufs Geratewohl spazieren. Ich kam zufällig an dem Modesalon vorbei; Frau R. sah mich, lud mich ein, hereinzukommen, und bat mich, neben ihr Platz zu nehmen. »Mein Herr,« sagte sie zu mir, »ich danke Ihnen vielmals für Ihre Freigebigkeit gegen meine jungen Damen. Sie sind ganz entzückt nach Hause gekommen. Sagen Sie mir offen heraus, ob Sie in die schöne Jüdin sehr verliebt sind.« »Ich bin bis über die Ohren in sie verliebt; aber ich bin nicht glücklich gewesen und habe mich nun mit meinem Schicksal abgefunden.« »Daran haben Sie recht getan. Lia ist eine Spitzbübin, die nur alle Herren, die sich in ihre Reize verlieben, zum besten halten will.« »Sollten nicht auch vielleicht Ihre reizenden Zöglinge diesem Grundsatz huldigen?« »Nein; aber sie sind nur gefällig, wenn ich es ihnen erlaube.« »So empfehle ich mich also Ihrer Güte; denn sie wollten nicht einmal eine Tasse Schokolade von mir annehmen.« »Das dürfen sie auch nicht. Ich sehe, Sie kennen Turin nicht. Befinden Sie sich in Ihrer Wohnung wohl?« »Ausgezeichnet.« »Haben Sie dort vollkommene Freiheit?« »Ich denke, ja,« »Können Sie jeder beliebigen Dame ein Abendessen geben und können Sie in Ihren Räumen machen, was Sie wollen? Ich bin überzeugt, Sie können es nicht.« »Ich habe bis jetzt noch keine Gelegenheit gehabt, einen Versuch zu machen; aber ich glaube ...« »Geben Sie sich keinen Täuschungen hin; die Leute in Ihrem Hause sind Polizeispione.« »Sie glauben also, es wäre mir nicht möglich, Sie und zwei oder drei Ihrer Schülerinnen zum Abendessen bei mir zu haben?« »Jedenfalls weiß ich ganz genau, daß ich mich hüten würde, hinzugehen. Am nächsten Morgen würde die ganze Stadt es wissen, vor allen anderen die Polizei.« »Und wenn ich anderswo eine Wohnung nähme?« »Es wäre überall das gleiche; denn Turin ist ein Nest von Spionen; aber ich kenne ein Haus, wo Sie nach Ihrer Bequemlichkeit leben könnten und wohin meine Mädchen, unter gewissen Vorsichtsmaßregeln, Ihnen alles bringen könnten, was Sie bei mir kaufen würden.« »Wo ist das Haus? Ich werde Ihre Ratschläge getreulich befolgen.« »Vertrauen Sie keinem Piemontesen, das ist die Hauptsache.« Hierauf gab sie mir die Adresse eines gut möblierten Hauses, das nur von einem alten Hausmeister und seiner Frau bewohnt wurde. »Man wird Ihnen das Haus monatsweise vermieten,« sagte sie zu mir; »und wenn Sie die Monatsmiete vorausbezahlen, wird man Sie nicht einmal nach Ihrem Namen fragen.« Das hübsche Häuschen lag zweihundert Schritte von der Zitadelle in einer stillen Straße; durch eine Tür, die nach der Campagna hinaus ging, konnte ich sogar mit meinem Wagen einfahren. Ich fand alles, wie Frau R. es mir geschildert hatte, bezahlte ohne Feilschen für einen Monat voraus und zog schon am nächsten Morgen ein. Frau R. bewunderte meine Schnelligkeit. Ich besuchte die jüdische Hochzeit und unterhielt mich dabei; denn die Zeremonie hat etwas Symbolisches und zugleich lächerlich Groteskes; ich widerstand jedoch allen Künsten, die Lia aufbot, um mich wieder in ihre Netze zu locken. Ich mietete von ihrem Vater einen geschlossenen Wagen, den ich ebenso wie die Pferde in meinem Häuschen unterbrachte. So konnte ich ganz nach meinem Belieben durch die Vorder- oder durch die Hintertür, bei Tage oder bei Nacht gehen oder kommen, wie ich wollte; denn ich wohnte tatsächlich in der Stadt und zugleich auf dem Lande. Ich mußte dem neugierigen Gama meine Wohnung angeben; auch glaubte ich Desarmoises sie nicht verbergen zu dürfen, denn dieser hing wegen seiner Bedürftigkeit ganzlich von mir ab. Trotzdem war auf meinen Befehl auch für sie, wie für alle anderen, meine Tür verschlossen, wenn ich nicht besondere Anweisungen gegeben hatte, den von mir erwarteten Personen zu öffnen. Ich hatte keinen Anlaß, an der Treue meiner beiden Bedienten zu zweifeln. In diesem Hause der Seligkeit musterte ich sämtliche jungen Mädchen der Madame R. Diejenige, die ich näher kennen zu lernen wünschte, kam stets in Begleitung einer anderen, die ihr als Ehrenwächterin diente und die ich gewöhnlich nach Hause schickte, nachdem ich ihr ihren Anteil am Kuchen gegeben hatte. Die letzte, namens Victorine, bildhübsch und zärtlich wie eine Taube, hatte das Unglück, versperrt zu sein; sie wußte jedoch nichts davon. Madame R., die es ebenfalls nicht wußte, hatte sie nur als Jungfer zugeschickt; auch ich hielt sie dafür zwei Stunden lang, während welcher ich mich fortwährend bemühte, den Zauber zu brechen oder vielmehr die Schale zu sprengen. Aber alle meine Anstrengungen waren vergebens. Endlich, als ich völlig erschöpft war, wollte ich sehen, was der Grund sei. Ich brachte sie in eine geeignete Lage, versah mich mit einer Kerze und begann die Untersuchung. Ich sah ein fleischiges Häutchen mit einem so kleinen Loch, daß kaum die Spitze einer dicken Nadel hindurchdringen konnte. Victorine ermutigte mich, den Eingang mit meinem kleinen Finger zu erzwingen; aber ich mühte mich vergeblich, diese Mauer zu durchbrechen, die von der Natur für gewöhnliche Mittel undurchdringlich gemacht war. Ich geriet in Versuchung, mit einem Messer das Hindernis zu beseitigen, und das junge Mädchen forderte mich dringend dazu auf; ich fürchtete jedoch eine Blutung, die mich vielleicht in böse Verlegenheit gebracht hätte. Deshalb stand ich davon ab, und daran tat ich wohl. Die arme Victorine war dazu verurteilt, als Jungfrau zu sterben, wenn nicht ein geschickter Chirurg die Operation an ihr vornahm, die an Fräulein Cheroffini kurze Zeit nach ihrer Verheiratung mit Herrn Lepri vollzogen wurde. Sie weinte vor Kummer, als ich sagte: »Mein liebes Kind, dein kleiner Gott Hymen trotzt dem kräftigsten Amor und macht es ihm unmöglich, in deinen Tempel einzudringen.« Ich beruhigte sie jedoch mit der Versicherung, daß ein guter Wundarzt sie leicht zu einem vollkommenen Weibe machen könne. Am nächsten Tage erzählte ich den Vorfall der Frau R. Sie rief lachend: »Aber das ist ja für Victorine sehr günstig! Sie kann dadurch ihr Glück machen.« Der Graf von Padua ließ sie einige Jahre später operieren und machte ihr Glück. Als ich aus Spanien zurückkehrte, fand ich sie schwanger und wurde dadurch verhindert, mich für meine erfolglosen Bemühungen bezahlt zu machen. Am Gründonnerstag meldete man mir in aller Frühe Moses und Lia. Ich hatte ihren Besuch nicht erwartet, doch empfing ich sie aufs beste. Während der Karwoche wagten die Juden sich nicht in den Straßen von Turin sehen zu lassen; ich riet ihnen daher, die drei Tage bei mir zu verbringen, und als der Schelm mir einen schönen Ring zum Verkauf anbot, sah ich, daß es mir keine große Mühe kosten würde, sie zu überreden. »Ich werde,« antwortete ich ihm, »diesen Ring nur aus Lias Händen kaufen können.« Er lächelte; ohne Zweifel bildete er sich ein, ich würde ihr den Ring schenken; ich hatte mir jedoch bereits vorgenommen, sie in ihrer Erwartung zu täuschen. Ich bewirtete sie vornehm zu Mittag und Abend; hierauf gingen sie für die Nacht in ein hübsches Zimmer mit zwei Betten, das nicht weit von dem meinigen entfernt war. Ich hätte sie getrennt schlafen lassen können, indem ich Lia in einem Zimmer unterbrachte, das an das meinige anstieß, so daß ich sehr leicht einen nächtlichen Ausflug zu ihr machen konnte; aber ich hatte bereits für Lia zu viel getan und wollte daher nichts einer Überraschung oder auch nur einer Heimlichkeit zu verdanken haben. Sie sollte von selber zu mir kommen. Als Moses am nächsten Morgen sah, daß ich den Ring noch nicht gekauft hatte, sagte er mir, er müsse in Geschäften ausgehen; er bat mich um meinen Wagen für den ganzen Tag und versprach, am Abend wiederzukommen und seine Tochter abzuholen. Ich ließ anspannen und kaufte ihm, bevor er abfuhr, den Ring für sechshundert Zechinen ab; aber ich stellte meine Bedingungen dabei. Ich war in meinem eigenen Hause; Lia konnte mich nicht betrügen. Sobald der Vater fort war, bemächtigte ich mich der Tochter. Sie war den ganzen Tag gefügig und verliebt. Ich hatte sie in den Naturzustand versetzt, und obwohl ihr Leib das Vollkommenste war, was man sich denken kann, brauchte und mißbrauchte ich ihn auf jede Art. Am Abend fand der Vater sie etwas ermüdet, aber er war ebenso zufrieden wie ich. Lia war weniger zufrieden, denn sie hatte erwartet, ich würde ihr zum Abschied den Ring schenken. Ich beschränkte mich jedoch darauf, ihr zu sagen, ich wolle mir das Vergnügen vorbehalten, ihr den Ring in ihre Wohnung zu bringen. Am Ostermontag brachte ein Mann mir ein Schreiben, das mich vor die Polizei lud. Vierzehntes Kapitel Mein Sieg über den Polizeivikar. – Meine Abreise. – Chambery. – Desarmoises' Tochter. – Herr Morin. – M. M. von Aix. – Die Pensionärin. – Lyon. – Paris. Diese Vorladung ließ mich nichts Angenehmes ahnen; sie überraschte mich und mißfiel mir sehr. Da ich mich ihr jedoch nicht entziehen konnte, so ließ ich anspannen und begab mich nach der Amtsstube des Polizeivikars. Ich fand ihn an einem großen Tisch sitzen; um ihn herum standen etwa zwanzig Personen. Er war ein Mann von ungefähr sechzig Jahren und über alle Maße häßlich; denn seine Riesennase war zur Hälfte von einem Geschwür angefressen, das von einem großen Pflaster aus schwarzer Seide bedeckt wurde. Sein Mund war ungeheuer groß mit dicken Lippen; er hatte ganz kleine Katzenaugen und darüber sehr dichte Brauen, die zur Hälfte weiß waren. Sobald dieser ekelhafte Mensch mich sah, sagte er: »Sie sind der Chevalier de Seingalt?« »So heiße ich, und ich komme, um mich zu erkundigen, was Ihnen zu Diensten steht.« »Ich habe Sie kommen lassen, um Ihnen zu befehlen, spätestens in drei Tagen abzureisen.« »Und da Sie nicht das Recht haben, mir einen solchen Befehl zu geben, so bin ich gekommen, um Ihnen zu sagen, daß ich nicht früher abreisen werde, als ich Lust habe.« »Ich werde Sie mit Gewalt vors Tor bringen lassen.« »Das ist etwas anderes. Der Gewalt kann ich nicht widerstehen; aber ich hoffe, Sie werden sich das zweimal überlegen, denn man weist nicht aus einer gutverwalteten Stadt einen Mann aus, der nicht gegen die Gesetze des Landes verstößt und bei einem Bankier ein Guthaben von hunderttausend Franken hat.« »Das ist alles ganz schön und gut; aber in drei Tagen haben Sie Zeit genug, Ihre Sachen zu packen und Ihre Rechnung mit Ihrem Bankier in Ordnung zu bringen. Ich rate Ihnen, zu gehorchen; der König befiehlt es Ihnen.« »Wenn ich abreiste, würde ich mich zum Mitschuldigen Ihrer Ungerechtigkeit machen. Ich werde Ihnen daher nicht gehorchen; aber da Sie den Namen des Königs vorschieben, so werde ich mich auf der Stelle Seiner Majestät vorstellen. Der König wird Ihre Worte verleugnen oder den ungerechten Befehl zurücknehmen, den Sie mir so vor allen Leuten erteilt haben.« »Ist etwa der König nicht berechtigt, Sie auszuweisen?« »Ja, mit Gewalt, aber nicht mit Recht. Es steht auch in seinem Belieben, mich mit Gewalt hinrichten zu lassen; aber er muß mir dazu den Henker liefern; denn er hat nicht die Macht, mich zum Selbstmord zu zwingen.« »Sie reden sehr gut; aber Sie werden gehorchen.« »Ich rede gut, ohne es von Ihnen gelernt zu haben, und ich werde nicht gehorchen.« Mit diesen Worten drehte ich ihm den Rücken zu und ging ohne Gruß hinaus. Ich war wütend. Ich hatte Lust, allen Polizeibütteln des niederträchtigen Vikars offenen Widerstand zu leisten. Ich beruhigte mich jedoch bald und rief die Klugheit zu Hilfe. Da ich mich erinnerte, den Chevalier Raiberti bei seiner Tänzerin kennen gelernt zu haben, so beschloß ich, diesen um Rat zu fragen. Er war erster Geheimrat im Ministerium des Auswärtigen. Ich ließ meinen Kutscher zu ihm fahren und erzählte ihm die ganze Geschichte; zum Schlusse sagte ich ihm, ich müsse den König sprechen, denn ich sei entschlossen, nur der Gewalt zu weichen. Der brave Mann riet mir, mich lieber an den damaligen Minister des Auswärtigen, Chevalier Osorio, zu wenden, der zu jeder Stunde mit dem König sprechen könnte. Sein Rat leuchtete mir ein, und ich begab mich augenblicklich zu dem Minister, einem Sizilianer von Geburt und sehr geistvollen Manne. Er nahm mich recht freundlich auf. Nachdem ich ihm den Sachverhalt erzählt hatte, bat ich ihn, Seine Majestät davon unterrichten zu wollen; da der Befehl des Vikars mir abscheulich ungerecht erscheine, sei ich entschlossen, nur der Gewalt zu gehorchen. Er versprach mir, meinen Wunsch zu erfüllen, und sagte, ich möchte am nächsten Tage wiederkommen. Um mich zu beruhigen, machte ich einen Spaziergang; hierauf begab ich mich zum Abbate Gama, in der Hoffnung, der erste zu sein, der ihm mein lächerliches Abenteuer mitteilte. Ich täuschte mich; er wußte bereits, daß ich den Ausweisungsbefehl erhalten und wie ich dem Vikar geantwortet hatte. Als er hörte, daß ich bei meinem Entschluß verharrte, wagte er meine Festigkeit nicht zu tadeln, obgleich sie ihm unbegreiflich war; denn der gute Abbate verstand nicht, wie man sich weigern könnte, einem Befehl der Obrigkeit zu gehorchen. Er versicherte mir, auf alle Fälle würde er, wenn ich abreisen müßte, die notwendigen Weisungen an jeden von mir ihm angegebenen Ort mir nachschicken. Am nächsten Morgen empfing der Chevalier Osorio mich auf die liebenswürdigste Weise. Ich deutete dies als ein gutes Zeichen. Chevalier Raiberti hatte mit ihm über mich gesprochen; er sagte mir, er habe dem König meine Angelegenheit vorgetragen. Er habe auch mit dem Grafen d'Aglié gesprochen und ich könne so lange bleiben, wie ich wolle. Dieser Graf d'Aglié war kein anderer als der ekelhafte Vikar. Der Minister sagte mir, ich müsse zu ihm hingehen, und er würde mir eine so lange Frist bewilligen, wie ich nötig hätte, um meine Angelegenheiten in Turin in Ordnung zu bringen. »Ich habe hier keine anderen Geschäfte,« antwortete ich ihm, »als Geld auszugeben und auf die Instruktion zu warten, die der portugiesische Hof mir für den bevorstehenden Augsburger Kongreß geben will, auf welchem ich Seine Allergetreueste Majestät vertreten soll.« »Sie glauben also, daß dieser Kongreß stattfinden wird?« »Niemand zweifelt daran.« »Jemand ist der Meinung, er werde in Rauch aufgehen. Übrigens bin ich sehr erfreut, daß ich Ihnen habe nützlich sein können, und ich werde mit Vergnügen erfahren, welche Aufnahme Ihnen der Vikar bereitet hat.« Ich war außer mir vor Freude. Glücklich, als Sieger auftreten zu können, und neugierig, was für ein Gesicht er bei meinem Anblick machen würde, ging ich sofort zum Vikar. Allerdings konnte ich mir nicht schmeicheln, daß ich ihn aus der Fassung bringen würde, denn derartige Leute haben die Stirn eines Kerkermeisters; sie werden niemals rot. Sobald er mich sah, sagte er: »Der Chevalier Osorio hat mir gesagt, Sie hätten Geschäfte, die Sie zwängen, noch einige Tage in Turin zu bleiben. Sie können daher bleiben, doch müssen Sie mir sagen, wieviele Tage Sie ungefähr brauchen.« »Das kann ich Ihnen unmöglich sagen.« »Und warum nicht, bitte?« »Ich erwarte vom portugiesischen Hof Instruktion für den bevorstehenden Augsburger Kongreß; um den Zeitpunkt meiner Abreise bestimmen zu können, müßte ich daher Seine Allergetreueste Majestät befragen können. Doch glaube ich, ich werde in etwa einem Monat nach Paris abreisen können. Sollte diese Zeit mir nicht genügen, so würde ich die Ehre haben, Sie zu benachrichtigen.« »Sie werden mir ein Vergnügen machen.« Diesmal machte ich ihm eine Verbeugung, die er erwiderte; ich ging hinaus und begab mich sofort wieder zum Chevalier Osorio, der mir lächelnd sagte, ich hätte den Vikar angeführt, denn ich hätte mir eine unbestimmte Frist geben lassen, die mir volle Bequemlichkeit ließe. Der große Politiker Gama glaubte fest an das Zusammentreten des Kongresses; er freute sich daher königlich, als ich ihm sagte, der Chevalier Osorio glaube nicht an das Zustandekommen desselben. Er war entzückt, klüger zu sein als ein Minister; dieser Gedanke erhob ihn in seinen eigenen Augen. Die Menschen lieben so sehr, sich selber zu schmeicheln, indem sie eine Lieblingsidee hätscheln. Ich sagte ihm, die Meinungen des Chevaliers wären mir gleichgültig; ich würde nach Augsburg gehen, und zwar würde ich in drei oder vier Wochen abreisen. Madame R. machte mir die größten Komplimente; sie war entzückt, daß ich den Vikar gedemütigt hatte; indessen hielten wir es doch für angebracht, unsere kleinen Abendessen mit ihren Mädchen einstweilen einzustellen. Da ich alle bereits genossen hatte, fiel dieses Opfer mir nicht übermäßig schwer. So lebte ich bis zur Mitte des Monats Mai. Dann verließ ich Turin, nachdem ich vom Abbate Gama einen Brief für Lord Stormon erhalten hatte, der in Augsburg Bevollmächtigter des Königs von England sein sollte. Mit diesem edlen Insulaner sollte ich mich über meinen Auftrag ins Einvernehmen setzen. Da ich den Wunsch hatte, Frau von Urfé vor meiner Reise nach Deutschland zu besuchen, so schrieb ich ihr, sie möchte mir für Herrn von Rochebaron, den ich vielleicht nötig haben konnte, einen Brief nach Lyon schicken. Ferner bat ich Herrn Raiberti um einen Empfehlungsbrief für Chambéry, wo ich drei oder vier Tage mich aufhalten wollte, um die göttliche M. M., an die ich stets mit lebhafter Zärtlichkeit dachte, am Sprechgitter ihres Klosters zu besuchen. Ich schrieb an meinen Freund Valenglard und bat ihn, Frau Morin daran zu erinnern, daß sie mir versprochen hätte, mir in Chambéry eine Dame zu zeigen, die einem Portrait ähnlich sähe. Doch hier muß ich ein Ereignis berichten, das der Erwähnung wert ist, da es mir sehr nachteilig wurde. Fünf oder sechs Tage vor meiner Abreise kam Desarmoises traurig und niedergeschlagen zu mir und sagte zu mir, man habe ihm Befehl erteilt, binnen vierundzwanzig Stunden Turin zu verlassen. »Wissen Sie, warum?« fragte ich ihn. »Gestern, im ›Café du Commerce‹ erlaubte sich Graf Scarnafisch zu sagen, Frankreich besolde den Berner Zeitungsschreiber, damit er im französischen Sinne schreibe. Ich sagte ihm, dies sei nicht wahr; er wurde wütend, verließ zornig das Kaffeehaus und warf mir einen Blick zu, der nicht zweideutig war. Ich ging ihm nach, um ihn zur Vernunft zu bringen oder ihm Genugtuung zu geben; er hat aber weder genug Vernunft noch genug Mut; er wollte nicht auf mich hören, und ich vermute, er hat sich über mich beklagt. Morgen in aller Frühe muß ich mich auf die Beine machen.« »Sie sind Franzose und können den Schutz Ihres Gesandten beanspruchen; Sie würden daher unrecht tun, wenn Sie so plötzlich abreisten.« »Erstens ist der Gesandte abwesend; zweitens verleugnet mich mein grausamer Vater. Ich will lieber abreisen und in Lyon auf Sie warten. Ich bitte Sie nur, mir noch hundert Taler zu leihen; ich werde sie Ihnen in Rechnung stellen.« »Die Rechnung wird leicht sein, aber mit bei Begleichung wird es lange dauern.« »Das ist wohl möglich; aber glauben Sie mir, ich werde für Ihre Güte erkenntlich sein, wenn ich kann.« Ich gab ihm hundert Taler, wünschte ihm gute Reise und sagte ihm, ich würde mich einige Tage in Chambéry aufhalten. Nachdem ich einen Kreditbrief auf Augsburg genommen hatte, verließ ich Turin; nach drei Tagen kam ich in Chambéry an. Da zu meiner Zeit nur ein einziger Gasthof dort war, so machte die Wahl mir keine Qual; indessen bekam ich eine gute Unterkunft. Als ich in mein Zimmer trat, begegnete mir eine überraschend hübsche Person, die aus einem Nebenzimmer trat. »Wer ist diese junge Dame?« fragte ich das Mädchen, das mich begleitete. Sie antwortete mir: »Sie ist die Frau eines jungen Herrn, der hier bettlägrig ist, um von einem Degenstich geheilt zu werden, den er vor vier Tagen auf der Reise von Frankreich hierher erhalten hat.« Ich hatte die schöne Frau nicht sehen können, ohne den Stachel der Begierde zu verspüren. Als ich ausging, um etwas auf der Post zu besorgen, sah ich ihre Tür halb offen stehen. Ich blieb stehen und bot ihr als Nachbar meine Dienste an. Sie dankte mir höflich und lud mich ein, einzutreten. Da ich einen schönen jungen Mann im Bette aufrecht sitzen sah, so trat ich näher und erkundigte mich nach seinem Befinden. »Der Wundarzt,« sagte die junge Dame, »hat ihm verboten, zu sprechen, weil er eine halbe Meile von hier einen Degenstich in die Brust erhalten hat. Wir hoffen, er wird in wenigen Tagen geheilt sein, damit wir unsere Reise fortsetzen können.« »Und wohin wollen Sie, meine Gnädige?« »Nach Genf.« Im Augenblick, wo ich hinausgehen wollte, trat die Tochter des Gastwirts ein und fragte mich, ob ich allein auf meinem Zimmer speisen wolle oder ob ich mit der gnädigen Frau soupieren würde. Über ihre Dummheit lachend, sagte ich ihr, ich würde auf meinem Zimmer speisen, da ich nicht die Ehre hätte, die gnädige Frau zu kennen. Hierauf sagte die junge Dame zu mir: wenn ich ihr die Ehre erweisen wollte, bei ihr zu speisen, so würde ich ihr ein Vergnügen machen; der Mann wiederholte mir leise die Versicherung. Ich nahm die Einladung dankbar an und glaubte zu bemerken, daß ihnen dies angenehm war. Als die junge Dame mich hierauf bis an die Treppe begleitete, nahm ich mir die Freiheit, ihr die Hand zu küssen; dies ist in Frankreich eine ebenso ehrerbietige wie zarte Liebeserklärung. Ich fand auf der Post einen Brief von Valenglard, der mir mitleilte, Frau Morin sei bereit, nach Chambéry zu kommen, wenn ich ihr einen Wagen schicken wolle. Desarmoises schrieb nur in einem Brief aus Lyon, er habe seine Tochter mit einem Schelm, der sie entführt, in einem Wagen getroffen; er habe ihm seinen Degen durch den Leib gerannt und würde ihn getötet haben, wenn er den Wagen hätte anhalten können, der sie nach Chambéry gebracht hätte. Er bezweifle nicht, daß sie in Chambéry halt gemacht hätten, und bitte mich, ich möchte versuchen, seine Tochter zur Rückkehr nach Lyon zu überreden. Wenn sie nicht wollte, so müßte ich ihm den Dienst erweisen, bewaffneten Beistand zu verlangen; ich möchte mich doch eines unglücklichen Vaters annehmen, der seine geliebte Tochter zurückhaben wollte. Er versicherte mir, sie sei nicht verheiratet, schickte mir seine Adresse und bat mich, ihm durch einen Eilboten zu antworten. Es war nicht schwer zu erraten, daß dieses Mädchen keine andere war als meine Nachbarin; aber ich verspürte durchaus keine Neigung, den Wünschen des Vaters zu entsprechen. Sobald ich nach Hause gekommen war, ließ ich Leduc mit einer viersitzigen Berline abreisen; ich schickte diese der Frau Morin und schrieb ihr: da ich nur ihretwegen in Chambéry wäre, so würde ich sie dort erwarten; sie möchte nach ihrer Bequemlichkeit reisen. Hierauf überließ ich mich der Freude über das eigentümliche Abenteuer, das ich dem Schicksal und einem seltsamen Zusammentreffen von lauter romanhaften Umständen verdankte. Fräulein Desarmoises und ihr Entführer hatten mir Freundschaft eingeflößt; ich bemühte mich nicht, ausfindig zu machen, ob das Gefühl, das mich leitete, Laster oder Tugend war; aber ich fühlte unbewußt, daß es ein Gemisch von beiden war; denn wenn ich einerseits verliebt war, so empfand ich andererseits eine wahre Befriedigung, dem jungen Liebespaar helfen zu können, um so mehr, da ich die sündhafte Leidenschaft des meuchelmörderischen Vaters kannte. Ich trat bei ihnen ein und fand den Kranken unter den Händen des Wundarztes. Die Wunde war zwar tief, aber nicht gefährlich: die Eiterung war ohne Entzündung eingetreten, und der junge Mann brauchte nur Zeit und Ruhe. Als der Doktor fortgegangen war, wünschte ich ihm Glück zu seinem Zustande und riet ihm, zu fasten und zu schweigen. Hierauf übergab ich dem Fräulein Desarmoises den Brief, den ich von ihrem Vater erhalten hatte, machte ihnen eine Verbeugung und sagte, ich würde auf meinem Zimmer die Stunde des Abendessens erwarten. Ich war sicher, daß sie zu mir kommen würde, um mit mir zu sprechen, sobald sie den Brief ihres Vaters gelesen hätte. Eine Viertelstunde darauf klopfte es bescheiden an die Tür; ich ließ sie eintreten, und sie gab mir schüchtern meinen Brief zurück, indem sie mich fragte, was ich zu tun gedächte. »Nichts! Ich werde mich glücklich schätzen, wenn Sie es mir ermöglichen, Ihnen nützlich zu sein.« »Ich atme auf!« »Haben Sie das Gegenteil glauben können? Sie haben beim ersten Anblick meine lebhafte Teilnahme erregt und können völlig über mich verfügen. Sind Sie schon verheiratet?« »Nein; aber wir werden uns heiraten, sobald wir in Genf ankommen.« »Setzen Sie sich und erzählen Sie mir ausführlich, wie Ihre Sachen stehen. Ich weiß, daß Ihr Vater unglücklicherweise in Sie verliebt ist, und daß Sie ihn fliehen.« »Wie ich sehe, hat er es Ihnen gesagt, und dies ist mir sehr angenehm. Vor einem Jahre kam er nach Lyon, und sobald ich seine Ankunft erfuhr, zog ich mich zu einer Freundin meiner Mutter zurück; denn ich könnte nicht eine Stunde in Gegenwart meines Vaters bleiben, ohne mich der ungeheuerlichsten Vergewaltigung auszusetzen. Der junge Mann, den Sie im Bett gesehen haben, ist der einzige Sohn eines reichen Genfer Kaufherrn. Mein Vater selbst führte ihn vor zwei Jahren bei uns ein. Bald liebten wir uns. Als mein Vater wieder abgereist war, wandte mein Liebhaber sich an meine Mutter und hielt um meine Hand an; da jedoch mein Vater sich in Marseille befand, glaubte meine Mutter nicht ohne seine Einwilligung über mich verfügen zu können. Sie schrieb an ihn; er antwortete jedoch nur, er werde, sobald er wieder in Lyon sei, ihr seine Entschließung bekannt geben. Mein Geliebter reiste nach Genf, und da sein Vater seine Zustimmung zu unserer Heirat gab, so kehrte er mit allen erforderlichen Papieren und mit einer warmen Empfehlung des Herrn Tolosan zurück. Als mein Vater von Marseille zurückkam, entfernte ich mich, wie ich Ihnen bereits sagte, und mein Freund ließ durch Herrn Tolosan um meine Hand anhalten. Mein Vater sagte: ›Ich werde nicht eher antworten, als bis meine Tochter in mein Haus zurückgekehrt ist.‹ Herr Tolosan überbrachte mir die Antwort meines Vaters. Ich sagte ihm, ich sei bereit, zu gehorchen, wenn meine Mutter mich abholen und unter ihren Schutz nehmen wolle. Als jedoch der gute Herr ihr diesen Vorschlag machte, sagte sie ihm, sie kenne ihren Gatten zu gut und wage es daher nicht, mich unter einem Dach mit ihm wohnen zu lassen. Herr Tolosan sprach noch einmal mit meinem Vater, um dessen Einwilligung zu erlangen; aber vergeblich. Einige Tage darauf reiste er ab, und wir erfuhren, er sei in Aix in Savoyen, später in Turin. Mein Liebhaber sah, daß mein Vater sich nicht entschließen wollte, und schlug mir vor, ich möchte mit ihm abreisen; er ließ mir durch Herrn Tolosan versichern, er würde mich sofort nach unserer Ankunft in Genf heiraten. Meine Mutter war damit einverstanden, und vor acht Tagen reisten wir ab. Unser Unglück wollte, daß wir durch Savoyen reisten und daß wir kurz vor Chambéry meinem Vater begegneten. Kaum hatte er uns erkannt, so ließ er den Wagen halten; er wollte mich zum Aussteigen zwingen. Ich fing an zu schreien, und da mein Liebhaber mich in seine Arme genommen hatte, um mich zu schützen, ergriff mein Vater seinen Degen und stieß ihm diesen in die Brust. Ohne Zweifel hätte er noch einen zweiten Stoß geführt; da er aber Leute sah, die auf mein Geschrei und das des Fuhrmannes herbeieilten, außerdem wahrscheinlich meinen Freund für tot hielt, so stieg er wieder zu Pferde und sprengte mit verhängten Zügeln davon. Ich werde Ihnen den Degen zeigen; er ist noch ganz blutig.« »Ich muß seinen Brief beantworten und will darüber nachdenken, wie ich seine Zustimmung zu Ihrer Ehe erlangen kann.« »Dies ist nicht nötig; denn wir können uns auch ohne sie verheiraten und glücklich sein.« »Ohne allen Zweifel; aber Sie können doch nicht Ihre Mitgift in Stich lassen?« »Was für eine Mitgift, lieber Gott? Er hat nichts.« »Aber wenn sein Vater, der Marquis Desarmoises, stirbt ...« »Das ist ein Märchen. Mein Vater hat nur eine kleine lebenslängliche Rente wegen seiner dreißigjährigen Dienste als Kurier. Sein Vater ist seit zwanzig Jahren tot, und meine Mutter und meine Schwester leben nur von ihrer Hände Arbeit.« Mich empörte die schamlose Frechheit dieses Menschen, der mich so lange belogen hatte und nun selber mich instand setzte, seinen Betrug aufzudecken. Aber ich schwieg. Man meldete uns, daß das Abendessen aufgetragen sei; wir blieben drei Stunden bei Tisch und sprachen unaufhörlich über diese Geschichte. Der arme Verwundete brauchte mich nur zu hören, um meine Gefühle zu kennen. Seine junge Freundin, die ebenso geistreich wie hübsch war, scherzte über die wahnsinnige Leidenschaft ihres Vaters und sagte mir, er sei von ihrem elften Jahre an leidenschaftlich in sie verliebt gewesen. »Aber Sie haben ihm immer Widerstand leisten können?« »Ja, stets, wenn er den Spaß zu weit treiben wollte.« »Und hat der Spaß lange gedauert?« »Zwei Jahre. Als ich dreizehn Jahre alt war, hielt er mich für reif und versuchte mich zu pflücken; aber ich fing an zu schreien, sprang nackt aus seinem Bett und flüchtete in das meiner Mutter, die seit jenem Tage nicht mehr erlaubte, daß ich bei ihm schlief.« »Sie schliefen bei ihm? Wie konnte Ihre Mutter das dulden?« »Sie konnte nicht ahnen, daß seine Liebe verbrecherisch sei, und ich dachte mir überhaupt nichts Schlimmes dabei. Ich glaubte, was er mit mir machte und mich machen ließ, wären nur Kleinigkeiten.« »Aber Ihr Kleinod – das haben Sie doch gerettet?« »Ich habe es für meinen Liebhaber aufbewahrt.« Der arme Liebhaber, der mehr vom Hunger als von seiner Wunde zu leiden hatte, lachte bei diesen Worten laut auf, und sie lief zu ihm und bedeckte ihn mit ihren Küssen. Ich selber war aufs höchste erregt. Die Erzählung war zu naiv gewesen, als daß ich hätte kalt bleiben können, besonders, wenn ich sie ansah. Denn sie besaß alles, was man an einem Weibe begehren kann, und ich verzieh beinahe ihrem Vater, sich in sie verliebt und vergessen zu haben, daß sie seine Tochter war. Als sie mich an meine Tür begleitete, ließ ich sie fühlen, wie sie mich erregt hatte, und sie lachte; da aber meine Bedienten dabei waren, so mußte ich sie gehen lassen. Am anderen Morgen schrieb ich in aller Frühe an ihren Vater: seine Tochter sei entschlossen, ihren Liebhaber nicht mehr zu verlassen; dieser sei nur leicht verwundet; sie seien in Chambéry in Sicherheit unter dem Schutz der Gesetze. Da ich ihre Geschichte kenne und das Paar nach meiner Ansicht sehr gut zusammenpasse, so könne ich es nur billigen, daß sie füreinander leben wollten. Sobald mein Brief fertig war, ging ich in ihr Zimmer, damit sie ihn lesen könnten. Als ich die schöne Durchgängenin in Verlegenheit sah, wie sie mir ihre Gefühle der Dankbarkeit ausdrücken solle, bat ich den Kranken um Erlaubnis, sie umarmen zu dürfen. »Fangen Sie mit mir an!« sagte er, indem er seine Arme ausbreitete. Meine heuchlerische Liebe bedeckte sich mit dem Mantel väterlicher Zärtlichkeit. Nachdem ich den Liebhaber umarmt hatte, küßte ich liebevoll die Geliebte, nannte sie meine Kinder und bot ihnen meine mit Gold gefüllte Börse an, falls sie derselben bedürfen sollten. Da unterdessen der Wundarzt gekommen war, begab ich mich wieder auf mein Zimmer. Gegen elf Uhr kam Frau Morin mit ihrer Tochter an. Leduc, der als Kurier voraufgeritten war, kündigte mit Peitschenknall ihre Ankunft an. Ich empfing sie mit offenen Armen und dankte ihr herzlich für das Vergnügen, das sie mir mache. Sie erzählte mir, Fräulein Romans sei die Geliebte des Königs; sie bewohne ein schönes Haus in Passy, und da sie im fünften Monat schwanger sei, so sei sie auf dem Wege, Königin von Frankreich zu werden, wie mein göttliches Orakel prophezeit habe. »In Grenoble,« fuhr sie fort, »spricht man nur von Ihnen, und ich rate Ihnen, kommen Sie lieber nicht wieder, wenn Sie sich nicht etwa entschlossen haben, einer der Unsrigen zu werden; denn man würde Sie nicht wieder fortlassen. Der ganze Adel würde Ihnen zu Füßen liegen, und besonders die Frauen würden eifersüchtig und neugierig sein, das Schicksal ihrer Töchter zu erfahren. Es gibt jetzt in Grenoble keinen Menschen mehr, der nicht an die Unfehlbarkeit der Astrologie glaubt, und Valenglard triumphiert. Er hat hundert Louis gegen fünfzig gewettet, daß meine Nichte einen Prinzen zur Welt bringen wird. Er ist sicher, zu gewinnen; aber wenn er verliert, wird man sich über ihn lustig machen.« »Er wird nicht verlieren, verlassen Sie sich darauf!« »Ist das ganz gewiß?« »Hat das Horoskop nicht in der Hauptsache die Wahrheit gesagt? Ich müßte einen großen Fehler in der Berechnung gemacht haben, wenn das Ende nicht dem Anfang entspräche.« »Sie entzücken mich!« »Ich gehe nach Paris und ich hoffe, Sie werden mir einen Brief an Frau Varnier mitgeben, die mir das Vergnügen verschaffen wird, Ihre Nichte zu sehen.« »Selbstverständlich! Schon morgen sollen Sie den Brief haben.« Ich stellte ihr Fräulein Desarmoises unter dem Familiennamen ihres Liebhabers vor, nachdem ich mich versichert hatte, daß sie mit uns speisen würde. Nach dem Essen gingen wir zusammen in das Kloster, wo M. M. war. Als man ihr ihre Tante meldete, kam sie an das Sprechgitter, sehr überrascht über solchen unerwarteten Besuch; aber sie bedurfte ihrer ganzen Geistesgegenwart, um sich nicht zu verraten, als sie mich sah. Als ihre Tante ihr meinen Namen sagte, bemerkte sie mit jenem Takt, der den Frauen eigen ist, sie habe mich während ihres Aufenthaltes in Aix fünf- oder sechsmal am Brunnen gesehen; aber ich könne sie nicht wieder erkennen, denn sie sei stets verschleiert gewesen. Ich bewunderte ebenso ihre Klugheit und ihren Geist wie ihr entzückendes Gesicht. Sie erschien mir schöner, und ohne Zweifel sagten meine bewundernden Blicke ihr dies. Wir unterhielten uns eine Stunde lang über Grenoble und ihre alten Bekannten, an die sie sich mit Vergnügen erinnerte; hierauf verließ sie uns, um eine junge Pensionärin zu holen, die sie liebte und ihrer Tante vorzustellen wünschte. Ich benutzte diesen Augenblick, um Frau Morin zu sagen, ich sei im höchsten Grade verwundert über die Ähnlichkeit; sie habe sogar denselben Klang der Stimme wie meine venetianische M. M. Ich bat sie, mir das Glück zu verschaffen und sie zur Annahme von zwölf Pfund ausgezeichneter Schokolade zu bewegen, die ich von Genua mitgebracht hätte. »Ich rate Ihnen,« antwortete sie mir, »ihr dieses Geschenk selber anzubieten: denn ist sie auch Nonne, so ist sie doch Frau, und ein Geschenk macht uns mehr Vergnügen, wenn wir es von einem Manne, als wenn wir es von einer Frau erhalten.« M. M. kam mit der Oberin, zwei anderen Nonnen und der jungen Pensionärin, einer entzückenden jungen Lyonerin, zurück. Ich mußte mit allen diesen frommen Damen schön tun, und Frau Morin sagte ihrer Nichte, ich möchte gerne eine ausgezeichnete Schokolade probieren, die ich von Genua mitgebracht hätte, aber ich hätte den Wunsch, daß sie von ihrer Laienschwester zubereitet würde. »Mein Herr,« sagte M. M. zu mir, »haben Sie die Güte, mir die Schokolade zu schicken, und wir werden morgen mit unseren lieben Schwestern zusammen frühstücken.« In meinen Gasthof zurückgekehrt, schickte ich sofort die Schokolade mit einem sehr ehrerbietigen Briefchen. Ich soupierte im Zimmer der Frau Morin mit ihrer Tochter und Fräulein Desarmoises, in die ich mich immer mehr verliebte; ich sprach jedoch nur von M. M., und es kam mir vor, als ob die Tante erriete, daß die schöne Nonne mir nicht fremd war. Ich frühstückte im Kloster und erinnere mich noch, daß die Schokolade nebst Zwiebäcken und Zuckerwerk mit einer recht koketten Appetitlichkeit aufgetragen wurde. Nach dem Frühstück sagte ich zu M. M., es würde ihr wohl nicht so leicht sein, mir ein Diner zu zwölf Personen an einem Tische zu geben, so daß die Gesellschaft im Klosterraum und die andere Hälfte, durch ein dünnes Gitter getrennt, im Sprechzimmer säße. »Ich wäre neugierig, dies zu sehen,« sagte ich, »wenn Sie mir erlauben wollten, die Kosten zu bestreiten.« »Gern!« antwortete M. M., und dieses halb geistliche, halb weltliche Diner wurde auf den nächsten Tag festgesetzt. M. M. übernahm alle Anordnungen und versprach mir, sechs Nonnen einzuladen. Frau Morin, die meinen Geschmack kannte, sagte ihr, sie möchte nichts sparen, und ich teilte ihr mit, daß ich die erforderlichen Weine schicken würde. Nachdem ich Frau Morin, ihre Tochter und Fräulein Desarmoises nach Hause gebracht hatte, begab ich mich zu Herrn Magnan, dem ich durch Chevalier Raiberti empfohlen war. Ich sagte ihm, er möchte so freundlich sein, mir ausgezeichnete Weine zu verschaffen, und er bat mich, alles was ich wünschte, aus seinem Keller holen zu lassen. Ich wurde nach Wunsch bedient. Dieser Herr Magnan war ein geistvoller Mann mit angenehmen Zügen und sehr wohlhabend. Er bewohnte außerhalb der Stadt ein großes bequemes Haus, worin seine Gattin, eine liebenswürdige und noch sehr appetitliche Frau, inmitten von zehn Kindern waltete; darunter waren vier sehr hübsche Fräuleins, von denen besonders die älteste, damals neunzehn Jahre alt, liebreizend war. Magnan war ein großer Gastronom und tat sich etwas darauf zugute; um es mir zu beweisen, lud er mich für den übernächsten Tag zum Essen ein. Gegen elf Uhr gingen wir ins Kloster; nachdem wir uns eine Stunde unterhalten hatten, meldete man uns im Augenblick, wo die Uhr zwölf schlug, daß das Mittagessen angerichtet sei. Die Tafel bot einen hübschen Anblick; sie war mit blendendweißer schöner Wäsche bedeckt und mit mehreren kleinen Gefäßen voll künstlicher Blumen geschmückt, die je nach ihrer Art parfümiert waren, so daß das ganze Sprechzimmer danach duftete. Das leidige Gitter war weniger leicht, als ich gehofft hatte; so hatte ich keinen Vorteil davon, daß ich zur Linken von M. M. saß. Zu meiner Linken hatte ich die schöne Desarmoises; das reizende Mädchen hielt uns in lustiger Stimmung, indem sie uns eine Menge niedlicher Geschichten erzählte. Leduc und Costa bedienten uns draußen, während die Nonnen von ihren Laienschwestern bedient wurden. Die Fülle der Gerichte, die ausgezeichneten mannigfaltigen Weine, tausend liebenswürdige Bemerkungen, die oft zweideutig waren und immer Stoff zum Lachen gaben, ließen das Mahl drei Stunden dauern. Wir waren alle ein bißchen angeheitert, oder um es deutlicher zu sagen: wir waren alle betrunken, und ohne das leidige Gitter hätte ich bei meinen elf weiblichen Gästen leichtes Spiel gehabt. Besonders meine junge Desarmoises war so ausgelassen lustig, daß sie, wenn ich sie nicht zurückgehalten hätte, wahrscheinlich allen Nonnen Anstoß gegeben haben würde, denen sie damit freilich einen Gefallen getan hätte. Nach dem Kaffee gingen wir in ein anderes Sprechzimmer und blieben dort bis zum Anbruch der Nacht. Frau Morin nahm Abschied von ihrer Nichte, und der Austausch von Danksagungen, Händedrücken und Versprechungen ewigen Angedenkens dauerte zwischen mir und den Nonnen eine volle Viertelstunde. Nachdem ich M. M. zugerufen hatte, daß ich vor meiner Abreise noch die Ehre haben würde, sie zu sehen, kehrten wir in den Gasthof zurück. Wir waren sehr zufrieden mit dieser in ihrer Art einzigen Vergnügungspartie, die mich noch jetzt ergötzt, sooft ich mich ihrer erinnere. Die gute Frau Morin gab mir einen Brief für ihre Base, Madame Varnier; ich versprach ihr, von Paris aus einen ganz ausführlichen Bericht über die Verhältnisse der schönen Roman an sie zu schicken. Ich schenkte ihrer Tochter ein Paar schöner Ohrringe und ihr selber zwölf Pfund gute Schokolade, die Herr Magnan mir besorgte, die aber Frau Morin als angebliche Genueser Schokolade erhielt. Um acht Uhr reiste sie ab; Leduc, dem ich aufgetragen hatte, der Familie des Hausmeisters Grüße von mir zu bestellen, ritt als Kurier voraus. Ich fand bei dem Lebemann Magnan ein Essen, das eines Lukullus würdig war, und versprach ihm, bei ihm zu wohnen, sooft ich nach Chambéry kommen würde; ich habe ihm Wort gehalten. Von dem Hause des Gastronomen ging ich nach dem Kloster, um M. M. einen Besuch zu machen; sie kam ganz allein an das Sprechgitter. Sie sprach mir ihre Dankbarkeit über den glänzenden Besuch aus, den ich unter dem Schutze ihrer Tante ihr in so unauffälliger Weise gemacht hätte; aber sie sagte, ich sei gekommen, um ihre Ruhe zu stören. »Ich bin bereit, mein Herz, leichtfüßiger als dein schlimmer Buckliger deine Gartenmauer zu übersteigen.« »Ach, das ist nicht möglich, denn glaube mir, du hast bereits Spione hinter dir. Man ist hier überzeugt, daß wir uns in Aix gekannt haben. Laß uns alles vergessen, mein lieber Freund, um uns die Qual vergeblicher Wünsche zu ersparen.« »Gib mir deine Hand.« »Nein; es ist aus. Ich liebe dich noch; ich werde dich wahrscheinlich immer lieben, aber ich sehne mich danach, daß du abreisest; durch deine Abreise wirst du mir einen Beweis deiner Liebe geben.« »Entsetzlich! Du erstaunst mich. Du erfreust dich allem Anscheine nach einer vollkommenen Gesundheit; du scheinst mir schöner geworden zu sein; ich weiß, daß du für den Kultus des liebenswürdigsten aller Götter geschaffen bist; ich begreife nicht, daß du mit deinem Temperament bei ewiger Enthaltsamkeit zufrieden leben kannst.« »Ach, in Ermangelung der Wirklichkeit befriedigen wir uns mit kleinen Scherzen. Ich will dir nicht verhehlen, daß ich meine junge Pensionärin liebe. Diese Liebe erhält meine Ruhe. Es ist eine unschuldige Leidenschaft. Ihre Liebkosungen dämpfen ein Feuer, woran ich sterben würde, wenn ich nicht seine Gewalt durch unsere Zärtlichkeiten milderte.« »Und leidet nicht dein Gewissen dabei?« »Ich beunruhige mich nicht.« »Aber du weißt doch, daß du sündigst?« »Darum beichte ich auch.« »Und was sagt der Beichtvater?« »Nichts. Er spricht mich frei, und ich bin glücklich.« »Und beichtet deine hübsche Pensionärin ebenfalls?« »Selbstverständlich; aber es fällt ihr nicht ein, dem Beichtvater etwas zu sagen, was sie nicht für eine Sünde hält.« »Ich wundere mich, daß der Beichtvater sie nicht belehrt hat; denn eine Belehrung dieser Art ist ein großer Genuß.« »Unser Beichtvater ist ein weiser alter Mann.« »Ich soll also abreisen, ohne von dir einen einzigen Kuß erhalten zu haben?« »Nichts.« »Kann ich morgen wiederkommen? Übermorgen werde ich abreisen.« »Komm, aber ich werde nicht allein herunterkommen, denn man könnte auf Mutmaßungen geraten. Ich werde mit meiner Kleinen kommen. Dadurch bleibt der Schein gewahrt. Komm nach Tisch, aber ins andere Sprechzimmer.« Hätte ich M. M. nicht in Aix gekannt, so würde mich ihre Religion überrascht haben; aber so war nun einmal ihr Charakter. Sie liebte Gott und glaubte nicht, daß dieser großmütige Vater, der uns mit Leidenschaften erschuf, unnachsichtig gegen sie sein würde, weil sie nicht die Kraft hatte, ihre Natur zu bändigen. Ich ging nach meinem Gasthof zurück; mich ärgerte, daß die schöne Nonne nichts mehr von mir wissen wollte, aber ich war überzeugt, daß die Desarmoises mich schadlos halten würde. Ich fand die Schöne auf dem Bett ihres Liebhabers sitzen, der durch Fasten und Fieber außerordentlich schwach geworden war. Sie sagte mir, sie werde zum Abendessen in mein Zimmer kommen, damit der Kranke Ruhe habe; der gute junge Mann schüttelte mir die Hand, um mir seine Dankbarkeit zu bekunden. Da ich bei Magnan reichlich zu Mittag gegessen hatte, rührte ich beim Abendessen fast nichts an; meine Gesellschafterin aber, die nur ein leichtes Mittagessen zu sich genommen hatte, aß und trank mit einem wahren Heißhunger. Ich sah sie mit einer Art von Bewunderung an, und sie freute sich über mein Erstaunen. Als meine Bedienten hinausgegangen waren, forderte ich die Schöne auf, mit mir zusammen einer Bowle Punsch die Spitze zu bieten. Der heiße Trank versetzte sie in jene Heiterkeit, die nur lachen will und die darüber lacht, wenn Widerstandskraft und Vernunft dahin sind. Indessen kann ich mir nicht den Vorwurf machen, ihren trunkenen Zustand mißbraucht zu haben; denn in der ganzen Wollust ihrer Seele verlangte sie zuerst nach den Genüssen, zu denen ich sie bis zwei Uhr in der Frühe anreizte. Wir waren völlig erschöpft, als wir uns trennten. Ich schlief bis elf Uhr, und als ich ihr guten Morgen sagen ging, fand ich sie fröhlich und frisch wie eine Rose. Ich fragte sie, wie sie den Rest der Nacht verbracht habe, »Wie den Anfang,« antwortete sie mir, »ganz ausgezeichnet.« »Wann wollen Sie zu Mittag essen?« »Gar nicht; ich will lieber meinen ganzen Appetit fürs Abendessen aufsparen.« Hier mischte ihr Liebhaber sich ins Gespräch und sagte zu mir mit schwacher Stimme, aber mit höflichem und ruhigem Ton: »Ihr kann man unmöglich standhalten.« »Im Essen oder im Trinken?« »Im Essen, im Trinken und in noch etwas anderem,« antwortete er mit einem Lächeln. Sie lachte und umarmte ihn zärtlich. Dieses kleine Gespräch überzeugte mich, daß die Desarmoises ihren Liebhaber anbeten mußte; denn er war nicht nur ein sehr hübscher Junge, sondern hatte auch gerade den Charakter, der für ihre Neigungen außerordentlich passend war. Ich aß allein zu Mittag. Als ich beim Nachtisch saß, kam Leduc an. Er sagte mir, die Töchter des Hausmeisters und die hübsche Base hätten ihn genötigt, seine Abreise aufzuschieben, um mir zu schreiben; er überbrachte mir von ihnen drei Briefe und drei Dutzend Handschuhe, die sie mir schenkten. Ihre Briefe enthielten weiter nichts als dringende Einladungen, einen Monat bei ihnen zu verbringen; sie gaben mir dabei mit genügender Deutlichkeit zu verstehen, daß ich mit ihnen zufrieden sein würde. Ich hatte jedoch nicht den Mut, in eine Stadt zurückzukehren, wo ich bei dem Rufe, den ich mir erworben hatte, allen Töchtern guter Familien das Horoskop hätte stellen müssen, wenn ich mir nicht durch Unhöflichkeit Feinde machen wollte. Nachdem ich gegessen und meine Briefe von Grenoble gelesen hatte, ging ich nach dem Kloster, wo ich mich bei M. M. melden ließ und dann das mir von ihr bezeichnete Sprechzimmer betrat. Sie kam sehr bald mit der schönen jungen Pensionärin, die mich nur unvollkommen bei ihren Liebesekstasen vertrat. Sie hatte noch nicht ihre zwölf Jahre vollendet, war aber groß, kräftig und für ihr Alter sehr stark entwickelt. Sanftmut, Lebhaftigkeit, Unschuld und Klugheit vermählten sich auf ihrem schönen Antlitz und verliehen ihr einen entzückenden Zauber. Ein gutsitzendes Mieder ließ eine weiße wohlgeformte Brust bloß, auf der die Phantasie leicht schon die Halbkugeln erblickte, die sie bald schmücken mußten. Dieser interessante Kopf, an welchem zwei herrliche ebenholzfarbige Zöpfe herunterhingen, und diese Brust ließen alles übrige erraten, und meine Einbildungskraft schuf mir aus ihr eine heranblühende Venus. Ich sagte ihr, sie sei sehr hübsch und werde den von Gott ihr bestimmten Gatten glücklich machen. Ich wußte, daß sie über dieses Kompliment erröten mußte. Das ist grausam, aber so beginnt stets die Sprache der Verführung. Ein junges Mädchen ihres Alters, das nicht erröten würde, wenn man ihm von Heiraten spräche, wäre entweder dumm oder bereits eine erfahrene Meisterin in den Ausschweifungen der Liebe. Und doch ist der Ursprung der Röte, womit sich bei einem beunruhigenden Gedanken das Gesicht eines jungen Mädchens überzieht, ein wahres Rätsel; denn sie kann ein Zeichen reiner Schamhaftigkeit oder ein Zeichen der Schande sein, und oft ist sie eine Mischung von beiden. Dann findet ein Kampf zwischen Laster und Tugend statt, bei welchem gewöhnlich die Tugend unterliegt. Die Begierden sind Trabanten des Lasters und erfechten leicht den Sieg über die Tugend. Da ich die Pensionärin aus den Erzählungen meiner M. M. bereits kannte, so wußte ich, woher die Röte kam, die ihre jungen Reize noch schöner machte. Ich tat, wie wenn ich nichts bemerkt hätte, und unterhielt mich einen Augenblick mit M. M.; dann erneuerte ich den Angriff. Sie hatte bereits ihre Fassung wiedergewonnen. »Wie alt sind Sie, mein schönes Kind?« »Dreizehn Jahre.« »Du irrst, mein Herz,« sagte ihre Freundin zu ihr, »du hast dein zwölftes Jahr noch nicht vollendet.« »Die Zeit wird kommen,« bemerkte ich, »wo Sie die Zahl Ihrer Jahre vermindern werden, anstatt sie zu vergrößern.« »Ich werde niemals lügen; das weiß ich ganz gewiß.« »Sie wollen also Nonne werden, meine schöne Freundin?« »Ich fühle mich noch nicht dazu berufen; aber nichts soll mich veranlassen, zu lügen, selbst wenn ich in der Welt leben werde.« »Sie irren sich; denn Sie werden zu lügen anfangen, sobald Sie einen Geliebten haben.« »Mein Geliebter wird also ebenfalls lügen?« »Ganz gewiß.« »Wenn es so wäre, wäre die Liebe etwas recht Häßliches. Aber ich glaube es nicht; denn ich liebe meine gute Freundin und verhehle ihr doch niemals die Wahrheit.« »Aber Sie werden einen Mann nicht so lieben, wie Sie eine Frau lieben.« »Ganz genau ebenso.« »Nein. Denn Sie schlafen nicht bei ihr; bei Ihrem Gatten aber werden Sie schlafen.« »Das ist einerlei; meine Liebe würde die gleiche sein.« »Wie? Sie würden nicht lieber bei mir als bei M. M. schlafen?« »Nein, gewiß nicht! Denn Sie sind ein Mann und würden mich sehen.« »Sie wollen also nicht, daß ein Mann Sie sieht?« »Nein.« »Sie wissen also, daß Sie häßlich sind?« Bei diesen Worten drehte sie sich mit einem Ausdruck tiefen Verdrusses zu ihrer Freundin und fragte diese: »Ist es wahr, daß ich häßlich bin?« »Nein, mein Herz,« antwortete M. M. ihr mit ausgelassenem Lachen; »nein, du bist im Gegenteil sehr hübsch.« Mit diesen Worten zog sie sie auf ihren Schoß und umarmte sie zärtlich. »Ihr Mieder ist zu eng geschnürt, mein Fräulein; unmöglich können Sie eine so schlanke Taille haben.« »Sie irren, mein Herr! Sie könnten die Hand hineinstecken.« »Das glaube ich nicht.« M. M. führte sie an das Gitter, drehte sie seitwärts, und sagte mir, ich solle mich überzeugen. Zugleich hob sie ihr den Rock hoch. »Es ist wahr,« sagte ich zu ihr, »ich widerrufe alles.« Zugleich aber verfluchte ich innerlich das Hemd und das Gitter. «Ich glaube,« sagte ich zu M. M., »sie ist ein kleiner Mann.« Ohne ihre Antwort abzuwarten, arbeitete ich so eifrig, daß ich mich mit meinen Fingern von ihrem Geschlecht überzeugte. Ich konnte dabei bemerken, daß es der Kleinen sowohl wie ihrer Lehrmeisterin viel Vergnügen machte, mir diese Gewißheit zu verschaffen. Nachdem ich meine Hand zurückgezogen hatte, küßte die Kleine M. M., deren lachendes Gesicht sie beruhigte, und bat ihre Freundin um Erlaubnis, sich einen Augenblick entfernen zu dürfen. Jedenfalls hatte ich sie in die Notwendigkeit versetzt, einen Augenblick allein zu sein; auch ich befand mich in einem Zustand höchster Erregung. Als die Kleine hinausgegangen war, sagte ich zu M. M.: »Weißt du auch, daß die Aufklärung, die du mir verschafft hast, mich unglücklich macht?« »Ei warum denn?« »Weil ich deine Pensionärin reizend gefunden habe. Ich sterbe vor Verlangen, sie zu besitzen.« »Das tut mir leid; denn du kannst nicht weiter gehen, als du es bereits getan hast. Und dann, mein Freund, ich kenne dich, selbst wenn du ohne Gefahr für sie dich befriedigen könntest, würde ich sie dir nicht lassen; denn du würdest sie mir verderben.« »Wieso?« »Denkst du, sie könnte mit mir glücklich sein, nachdem sie es mit dir gewesen wäre? Ich würde bei dem Vergleich zu viel verlieren.« »Gib mir deine Hand!« »Oh nein.« »Sieh!« »Ich will nichts sehen.« »Nicht ein bißchen?« »Nein.« »Aber bist du meiner Hand und meinen Augen böse?« »Im Gegenteil. Wenn du genossen hast, freue ich mich darüber; und wenn du Begierden in ihr erregt hast, wird sie mich um so mehr lieben.« »Welch ein Glück wäre es, mein Engel, wenn wir zu dritt in aller Freiheit beisammen sein könnten.« »Ich fühle es wohl; aber es ist nicht möglich.« »Bist du sicher, daß wir vor jedem neugierigen Blick geschützt sind?« »Vollkommen sicher.« »Die Brustwehr des abscheulichen Gitters hat mir viele Reize entzogen.« »Warum bist du nicht an das andere Sprechgitter gegangen? Es ist viel niedriger.« »Laß uns hingehen!« »Nein, heute nicht; denn ich wüßte keine Entschuldigung für diesen Wechsel.« »Ich werde morgen wiederkommen; am Abend reise ich nach Lyon ab.« Die Kleine trat wieder ein; ich stellte mich aufrecht vor sie hin. Ich hatte an meinen Uhrketten eine Menge herrliche Berlocken hängen, und ich hatte noch nicht Zeit gehabt, meine Beinkleider wieder in eine anständige Ordnung zu bringen. Sie bemerkte dies, benutzte meine Berlocken als Vorwand für ihre Neugier und fragte mich, ob sie sie besehen dürfe. »Soviel Sie wollen, mein Gold! Sie können sie sehen und auch anfassen.« M. M. sah voraus, wie es kommen würde, und sagte, sie werde gleich wiederkommen. Ich beeilte mich, der allzu neugierigen Pensionärin jedes Interesse an meinen Berlocken zu benehmen, indem ich ihr ein Geschmeide anderer Art in die Hand drückte. Sie verhehlte nicht ihr Entzücken und ihre Freude, ihre Neugierde an einem für sie ganz neuen Gegenstand befriedigen zu können, den sie zum erstenmal in ihrem Leben von allen Seiten ganz genau untersuchen durfte. Bald aber verwandelte ein Erguß von Lebenssaft ihre Neugier in Erstaunen; doch unterbrach ich sie damit nicht in ihrer entzückenden Beschäftigung des Bewunderns. Da ich M. M. langsam zurückkommen sah, ließ ich den Vorhang herunter und setzte mich. Meine Uhren lagen noch auf der Brustwehr, und M. M. fragte ihre junge Freundin, ob sie die Berlocken hübsch gefunden habe. Die Kleine bejahte diese Frage, aber in einem traurigen und träumerischen Ton. Sie hatte in weniger als zwei Stunden einen so weiten Weg zurückgelegt, daß sie wohl Stoff zum Nachdenken hatte. Den übrigen Teil des Tages verbrachte ich damit, M. M. meine Abenteuer seit meinem Abschied von ihr zu erzählen; da es jedoch zu spät wurde, um meine Erzählung an demselben Tage zu Ende zu bringen, versprach ich ihr am nächsten Tage zur selben Stunde wiederzukommen und ihr den Rest zu erzählen. Die Kleine, die alles gehört hatte, obgleich ich mir den Anschein gab, nur mit ihrer Freundin zu sprechen, sagte mir, sie sei sterbensneugierig, wie die Geschichte mit der Geliebten des Herzogs von Matalone ausgegangen sei. Ich aß mit meiner jungen Desarmoises zu Abend und ging erst zu Bett, nachdem ich ihr bis Mitternacht meine Zärtlichkeit bewiesen und ihr versichert hatte, daß ich meine Abreise nur aus Liebe zu ihr aufschöbe. Am folgenden Tage ging ich gleich nach dem Mittagessen nach dem Kloster, ließ mich bei M. M. melden und begab mich an das andere Sprechgitter, das eine viel bequemere Brustwehr hatte als das, woran ich sie am Tage vorher gesehen hatte. Bald erschien M. M.; da sie sich aber meine Ungeduld wohl denken konnte, so sagte sie mir, ihre hübsche Freundin werde gleich kommen. »Du hast ihre Phantasie entflammt! Sie hat mir alles erzählt, und sie machte dabei tausend tolle Streiche und nannte mich ihren lieben Mann. Du hast sie verführt, und ich bin sehr froh, daß du abreisest; denn ich glaube, sonst würde sie den Verstand darüber verlieren. Du wirst sehen, wie sie sich angezogen hat.« »Bist du ihrer Verschwiegenheit sicher?« »Ja, vollkommen; ich bitte dich nur, in meiner Gegenwart nichts mit ihr vorzunehmen. Ich werde mich entfernen, wenn ich sehe, daß der Augenblick da ist.« »Du bist eine Göttin, liebes Herz! Aber du wärest noch mehr als das, wolltest du ...« »Ich will nichts für mich, lieber Freund, weil es nicht möglich ist.« »Du könntest ...« »Nein; ich könnte mich bei dir nicht mit einem leeren Spiel begnügen, das ein kaum erloschenes Feuer zu neuer Glut anfachen würde. Ich habe dir schon gesagt, daß ich leide; aber laß uns niemals mehr davon sprechen!« Plötzlich trat die junge Priesterin der Venus ein. Ihr Mund lachte, ihre Augen funkelten. Sie trug ein kurzes, vorne offenes seidenes Jäckchen und ein gesticktes Musselinröckchen, das nur bis an die Waden ging. Sie sah wie eine Sylphide aus. Kaum hatte sie Platz genommen, so erinnerte sie mich an die Stelle, bei der ich meine Erzählung unterbrochen hatte. Ich fuhr fort, und als ich an die Szene kam, wo Donna Lucrezia mir Leonilda nackt zeigte, ging M. M. hinaus, und die kleine Spitzbübin fragte mich sofort, wie ich es angefangen hätte, um mich davon zu überzeugen, daß meine Tochter Jungfrau wäre. Ich griff durch das unangenehme Gitter hindurch, gegen das sie ihren hübschen Leib preßte, und zeigte ihr, wie ich mir die Überzeugung hatte verschaffen können. Die Kleine fand an diesem Spiel so viel Vergnügen, daß sie nicht nur keinen Schmerz verspürte, sondern vielmehr zweimal in Verzückung geriet und mir die hilfreiche Hand drückte. Hierauf reichte sie mir die ihrige, um die Lust, die ich ihr bereitet hatte, zu vergelten. Als während dieser süßen Beschäftigung die M. M. wieder eintrat, sagte die Kleine schnell zu mir: »Das macht nichts; ich habe ihr alles gesagt. Meine Freundin ist gut; sie wird uns nicht böse sein.« M. M. stellte sich in der Tat, wie wenn sie nichts sähe, und die frühreife Kleine trocknete ihre Hand mit einer wollüstigen Miene ab, die mir verriet, wie sehr sie mit sich selber zufrieden war. Ich fuhr in meiner Geschichte fort; als ich aber an die arme Versperrte von Turin kam und ihnen schilderte, wie ich mich vergeblich angestrengt hatte, um sie zu befriedigen, da wurde die Kleine so neugierig, daß sie sich mir in der verführerischen Stellung darbot, damit ich sie besser belehren könnte. Als M. M. mich aufstehen sah, lief sie hinaus; denn sie sah voraus, daß ich mich nicht würde enthalten können, mein ihr gegebenes Wort zu brechen. »Knieen Sie auf die Brüstung nieder,« rief die kleine Spitzbübin, »und lassen Sie mich machen!« Du errätst ihre Absicht, Leser! Ohne Zweifel würde es ihr ja auch gelungen sein, hätte nicht das Feuer, das mich verzehrte, meine Kraft schon an der Mündung entladen. Die reizende Novize fühlte sich besprengt. Als sie aber bald sich von meiner Ohnmacht überzeugte, zog sie sich ein wenig verdrießlich zurück. Meine diensteifrigen Finger bemühten sich, sie zu entschädigen, und ich hatte das Glück, sie glücklich zu sehen. Ich verließ die reizenden Mädchen, als es Nacht wurde, und versprach ihnen, in einem Jahre wiederzukommen. Als ich nach Hause ging, konnte ich mich nicht enthalten, darüber nachzudenken, wie viele Keime der Verderbnis diese Zufluchtsstätten enthalten, die man nur dem Gebet und der Sittenreinheit geweiht glaubt, und wie sehr eine oftmals ängstliche, leichtgläubige und vertrauensvolle Mutter betrogen ist, wenn sie glaubt, ihr geliebtes Kind werde in der Zelle eines Nönnchens dem bösen Beispiel des Lasters und der Verführung entrinnen, deren Einfluß sie gerade im Getriebe der Welt befürchtet hat. Hinter Schloß und Riegel werden Wünsche zu rasenden Begierden; und welche Wünsche wären heißer als diejenigen, die aus dem Liebesbedürfnis entstehen! In meinem Gasthof verabschiedete ich mich von dem Verwundeten, der zu meiner großen Freude außer Gefahr war. Vergebens bat ich ihn, über meine Börse zu verfügen; er umarmte mich und sagte mir, er habe genug Geld bei sich und brauche übrigens nur an seinen Vater zu schreiben, um so viel zu erhalten, wie er wolle. Ich versprach ihm, in Lyon haltzumachen und Desarmoises zu veranlassen, von jeder Verfolgung abzustehen. Ich sagte ihm, er habe Verpflichtungen gegen mich, die es ihm unmöglich machen würden, sich zu weigern. Ich hielt ihm Wort. Nachdem wir uns den Abschiedskuß gegeben hatten, führte ich seine Braut zum Souper und scherzte mit ihr bis Mitternacht. Da dies unser Abschied war, so war sie gewiß nicht zufrieden mit mir; denn ich unterhielt sie nur ein einziges Mal von meiner Zärtlichkeit; M. M.'s junge Freundin hatte mich beinahe völlig ausgepumpt. Bei Tagesanbruch reiste ich ab. Am nächsten Tage kam ich in Lyon an, wo ich im Gasthof zum Park abstieg. Ich ließ Desarmoises zu einer Unterredung einladen und sagte ihm ohne Umschweife, die Reize seiner Tochter hätten mich verführt, ihr Liebhaber wäre ein ganz reizender, völlig ihrer würdiger Junge, und ich erwarte von seiner Freundschaft, daß er bedingungslos seine Zustimmung zu ihrer Heirat gebe. Er tat, was ich wollte, als ich ihm erklärte, ich könnte nur dann sein Freund bleiben, wenn er augenblicklich mit allem einverstanden wäre. Er gab mir in Gegenwart zweier Zeugen eine schrifliche Erklärung, die ich unverzüglich durch besonderen Boten nach Chambéry schickte. Dieser falsche Marquis, wie es deren so viele gibt, lud mich in seine armselige Wohnung zum Essen ein. Seine jüngere Tochter hatte nichts von ihrer älteren Schwester, und seine Frau erregte mein Mitleid. Beim Weggehen wickelte ich sechs Louis in ein Stück Papier und drückte sie ihr geschickt in die Hand, ohne daß ihr Mann etwas davon merkte. Ein dankbarer Blick sagte mir, daß das Geschenk willkommen war. Da ich nach Paris reisen mußte, gab ich Desarmoises das nötige Geld, um mit meinem Spanier nach Straßburg zu reisen, wo er mich erwarten sollte. Ich glaubte klug daran zu tun, daß ich nur Costa mitnahm; aber diesen Rat hatte mir mein böser Geist eingegeben. Ich reiste durch das Bourbonnais, kam am dritten Tage in Paris an und stieg im Gasthof zum Heiligen Geist in der gleichnamigen Straße ab. Bevor ich zu Bett ging, schrieb ich ein Briefchen an Madame d'Urfé und schickte es ihr durch Costa. Ich versprach, am nächsten Tage bei ihr zu Mittag zu essen. Costa war ein recht hübscher Junge; und da er schlecht französisch sprach und ein bißchen dumm war, so war ich sicher, daß Frau von Urfé ihn für ein außerordentliches Wesen halten würde. Sie antwortete mir, sie erwarte mich mit der lebhaftesten Ungeduld. »Sage mir, Costa: Wie hat die Dame dich empfangen und wie hat sie meinen Brief gelesen?« »Gnädiger Herr, sie hat mich durch einen Spiegel angesehen und dabei Worte gesprochen, die ich nicht verstanden habe. Hierauf ist sie dreimal um das Zimmer herumgegangen und hat dabei Räucherwerk verbrannt; dann ist sie in majestätischer Haltung auf mich zugegangen und hat mich aufmerksam betrachtet; schließlich hat sie mit sehr freundlichem Gesicht mir gesagt, ich solle im Vorzimmer auf Antwort warten.« Fünfzehntes Kapitel Mein Aufenthalt in Paris und meine Abreise nach Straßburg, wo ich die Renaud finde. – Mein Unglück in München und trauriger Aufenthalt in Augsburg. Erfrischt durch das angenehme Gefühl, wieder in dem so unvollkommenen Paris zu sein, das aber doch so anziehend ist, daß keine Stadt der Welt ihm den Namen der Stadt der Städte streitig machen kann, begab ich mich um zehn Uhr morgens zu meiner lieben Frau von Urfé, die mich mit offenen Armen empfing. Sie sagte mir, der junge d'Aranda befinde sich wohl, und wenn es mir recht sei, werde sie ihn am nächsten Tage mit uns speisen lassen. Ich sagte, dies werde mir angenehm sein, und versicherte ihr hierauf, die Operation, durch die sie zum Mann werden solle, werde vollzogen werden, sobald Quérilinte, eines der drei Häupter der Rosenkreuzer, aus den Gefängnissen der Lissaboner Inquisition befreit sein werde. »Aus diesem Grunde,« fuhr ich fort, »muß ich im Laufe des nächsten Monats nach Augsburg gehen, wo ich unter dem Vorwande eines Auftrages, den ich mir von der portugiesischen Regierung verschafft habe, Verhandlungen mit dem Grafen Stormon zu führen habe, um die Befreiung des Adepten zu bewirken. Zu diesem Zweck, Madame, werde ich einen Kreditbrief auf Uhren und Tabaksdosen brauchen, um zu rechter Zeit Geschenke machen zu können; denn wir werden Profane bestechen müssen.« »Dieses alles nehme ich recht gerne auf mich, mein lieber Freund; aber Sie brauchen sich nicht zu beeilen, denn der Kongreß wird erst im September zusammentreten.« »Er wird niemals stattfinden, Madame, glauben Sie mir! Aber die Gesandten der kriegführenden Mächte werden sich trotzdem versammeln. Sollte gegen meine Erwartung der Kongreß gehalten werden, so würde ich mich genötigt sehen, eine Reise nach Lissabon zu machen. Für alle Fälle verspreche ich Ihnen, daß wir uns diesen Winter wiedersehen werden. Die vierzehn Tage, die ich hier verbringen werde, sind notwendig, um eine Kabale des Grafen St.-Germain zunichte zu machen.« »St.-Germain! Der wird niemals wagen, nach Paris zurückzukehren.« »Ich bin im Gegenteil gewiß, daß er in diesem Augenblick hier ist; aber er hält sich verborgen. Der Regierungsbote, der ihm befahl, London zu verlassen, hat ihn überzeugt, daß der englische Minister sich von dem Auslieferungsbegehren, das Graf d'Affry im Namen des Königs an die Generalstaaten lichtete, sich nicht hat täuschen lassen.« Diese ganze Erzählung war aus der Luft gegriffen, aber sie gründete sich auf Wahrscheinlichkeiten; wie man sehen wird, hatte ich richtig geraten. Frau von Urfé machte mir hierauf ein Kompliment wegen des reizenden Mädchens, das ich aus Grenoble nach Paris geschickt hätte. Valenglard hatte ihr alles geschrieben. »Der König betet sie an, und sie wird ihn binnen kurzem zum Vater machen. Ich habe ihr mit der Herzogin von Lauraguais in Passy einen Besuch gemacht.« »Sie wird einen Sohn zur Welt bringen, der Frankreich glücklich machen wird. Nach dreißig Jahren werden Sie wunderbare Sachen sehen, die ich leider vor Ihrer Mannwerdung nicht sagen darf. Haben Sie mit ihr über mich gesprochen?« »Das nicht; aber ich bin überzeugt, Sie werden es möglich machen, sie zu sehen, wäre es auch nur bei Frau Varnier.« »Sie täuschen sich nicht.« Ein merkwürdiger Zufall trat ein, um die Verrücktheit der ausgezeichneten Dame immer noch mehr zu steigern. Nachdem wir bis vier Uhr von meiner Reise und unseren Plänen geplaudert hatten, bekam sie Lust, ins Boulogner Wäldchen zu fahren. Sie bat mich, sie zu begleiten, und ich kam ihren Wünschen nach. In der Umgegend von Madrid stiegen wir aus, gingen in den Wald hinein und setzten uns dann unter einen Baum. »Heute vor achtzehn Jahren,« erzählte sie mir, »schlief ich auf diesem selben Platze, wo wir uns jetzt befinden, allein ein. Während meines Schlummers stieg der göttliche Horosmadis von der Sonne herab und leistete mir bis zu meinem Erwachen Gesellschaft. Als ich die Augen aufschlug, sah ich ihn mich verlassen und wieder zum Himmel emporschweben. Er ließ mich mit einem Mädchen schwanger zurück, das er mir vor zehn Jahren geraubt hat, ohne Zweifel, um mich dafür zu bestrafen, daß ich mich einen Augenblick so weit vergessen habe, mich in einen Sterblichen zu verlieben. Meine göttliche Iriasis ähnelte ihm.« »Sie sind vollkommen sicher, daß Herr von Urfé nicht ihr Vater war?« »Herr von Urfé hat mich nicht mehr erkannt, seitdem er mich an der Seite des göttlichen Anael ruhen sah.« »Er ist der Genius der Venus. Schielte er?« »Außerordentlich. Sie wissen also, daß er schielt?« »Ich weiß auch, daß er in der Liebesekstase nicht mehr schielt.« »Darauf habe ich nicht geachtet. Er verließ mich ebenfalls wegen eines Fehltrittes, den ich mit einem Araber beging.« »Dieser war Ihnen durch den Genius des Merkur zugesandt worden, der Anaeis Feind ist.« »So muß es wohl sein. Ich habe viel Unglück gehabt.« »Nein; dieses Zusammentreffen hat Sie zur Mannwerdung tauglich gemacht.« Wir begaben uns nach unserem Wagen, als plötzlich St.-Germain sich unseren Blicken zeigte; aber sobald er uns bemerkte, verschwand er in einem anderen Baumgang. »Haben Sie ihn gesehen?« rief ich. »Er arbeitet gegen uns, aber unsere Genien haben ihm Furcht eingejagt.« »Ich bin starr vor Erstaunen. Morgen früh werde ich nach Versailles fahren, um dem Herzog von Choiseul diese Nachricht zu bringen. Ich bin neugierig, was er dazu sagen wird.« Am Eingang vor Paris verließ ich die Dame und ging zu Fuß zu meinem Bruder, der an der Porte St. Denis wohnte. Er empfing mich mit Freudengeschrei; nicht minder freute sich seine Frau, die ich sehr hübsch, aber auch sehr unglücklich fand, denn der Himmel hatte ihrem Gatten die Gabe versagt, ihr zu beweisen, daß er ein Mann war, und sie hatte das Unglück, in ihn verliebt zu sein. Ich sage das Unglück – denn weil sie ihn liebte, blieb sie ihm treu; sonst hätte sie leicht ein Heilmittel gegen ihr Unglück finden können, da ihr Mann sie sehr gut behandelte und ihr volle Freiheit ließ. – Sie wurde von Kummer verzehrt, weil sie die Ohnmacht meines Bruders nicht ahnte und sich einbildete, er erfülle ihre Wünsche nur darum nicht, weil er ihre Liebe nicht erwidere. Sie war zu entschuldigen, denn ihr Mann glich einem Herkules, und er war es in allem, nur in dem Punkte nicht, worin sie ihn gern als solchen erkannt hätte. Vor Kummer bekam sie die Schwindsucht, an der sie fünf oder sechs Jahre später starb. Sie starb nicht, um ihren Gatten zu bestrafen, aber ihr Tod war, wie wir später sehen werden, für ihn eine wahre Strafe. Am nächsten Tage besuchte ich Frau Varnier, um ihr den Brief der Frau Morin zu überbringen. Sie empfing mich ausgezeichnet und hatte die Güte, mir zu sagen, es gebe auf der ganzen Welt keinen Menschen, dessen Bekanntschaft sie so sehr gewünscht habe wie die meinige, denn ihre Nichte habe ihr so viel erzählt, daß sie im höchsten Grade neugierig geworden sei. Bekanntlich ist die Neugier die am meisten verbreitete Frauenkrankheit. Sie schloß mit den Worten: »Sie werden meine junge Nichte sehen, mein Herr, und von ihr selber erfahren, wie es mit ihren Angelegenheiten und mit ihrem Herzen steht.« Sie schrieb ihr sofort einen Brief, in welchen sie das Schreiben der Frau Morin einlegte. »Wenn Sie die Antwort zu erfahren wünschen, die ich von meiner Nichte erhalten werde,« sagte Frau Varnier zu mir, »so lade ich Sie hiermit zum Mittagessen ein.« Ich nahm an, und sie ließ sofort hinaussagen, daß sie für niemanden zu sprechen sei. Der kleine Savoyarde, der den Brief nach Passy getragen hatte, kam um vier Uhr mit der Antwort wieder, die folgendermaßen lautete: »Der Augenblick, wo ich den Herrn Chevalier de Seingalt wiedersehen werde, wird einer der glücklichsten meines Lebens sein. Veranlassen Sie, daß er übermorgen um zehn bei Ihnen ist, und teilen Sie mir bitte mit, falls er um diese Stunde nicht sollte kommen können.« Nachdem ich dieses Briefchen gelesen hatte, versprach ich der Frau Varnier, pünktlich zu kommen, und begab mich dann zu Madame du Rumain, die mich nötigte, ihr einen ganzen Tag zu versprechen, um eine Menge Fragen zu beantworten, die sie an mich zu richten hatte und zu deren Beantwortung der Beistand meines Orakels erforderlich war. Am nächsten Tage erzählte mir Madame d'Urfé die scherzhafte Antwort, die der Herzog von Choiseul ihr gegeben hatte, als sie ihm ihr Zusammentreffen mit dem Grafen St.-Germain mitgeteilt hatte. »Das wundert mich nicht,« hatte der Minister zu ihr gesagt, »denn er hat die Nacht in meinem Kabinett verbracht.« Der Herzog, ein geistreicher Mann und vor allen Dingen ein Weltmann, war von mitteilsamer Natur und wußte ein Geheimnis nur zu bewahren, wenn es sich um Sachen von hoher Wichtigkeit handelte. Er war in dieser Hinsicht sehr verschieden von den Durchschnittsdiplomaten, die sich wichtig zu machen glauben, indem sie mit allerlei Erbärmlichkeiten geheimnisvoll tun, deren Geheimhaltung ebenso gleichgültig ist wie ihre Verbreitung. Allerdings kam es selten vor, daß Herrn von Choiseul eine Angelegenheit wichtig erschien; und in der Tat: wenn die Diplomatie nicht die Kunst des Ränkeschmiedens und des schlauen Lügens wäre, wenn die Staatsangelegenheiten auf Sittlichkeit und Wahrheiten beruhten – wie es von Rechts wegen sein müßte – so wäre die Geheimtuerei mehr lästig als notwendig. Der Herzog von Choiseul hatte zum Schein St.-Germain in Frankreich in Ungnade fallen lassen, um ihn in London als Spion zu halten; aber Lord Halifax ließ sich davon nicht anführen, er fand sogar die List zu plump. Dies sind aber so gewisse kleine Liebenswürdigkeiten, die die Regierungen sich gegenseitig erweisen und vergelten, damit sie einander nichts vorzuwerfen haben. Der kleine Aranda überhäufte mich mit Liebkosungen und bat mich, mit ihm in seinem Pensionat zu frühstücken; er versicherte mir, Fräulein Viard werde mich mit Vergnügen sehen. Am nächsten Morgen verfehlte ich natürlich nicht, pünktlich zu der von der schönen Roman angesetzten Stunde zu erscheinen. Eine Viertelstunde vor der Ankunft der blendend schönen Brünette war ich bei Madame Varnier. Ich erwartete sie mit einem Herzklopfen, das mir bewies, daß die kleinen Gunstbezeigungen, die ich mir hatte verschaffen können, nicht genügt hatten, um das Feuer zu löschen, das sie in mir angefacht hatte. Als sie erschien, erfüllte ihr gesegneter Leib mich mit Ehrfurcht. Eine Art von Achtung, die ich einer fruchtbaren Sultanin schuldig zu sein meinte, verhinderte mich, ihr mit Bezeigungen von Zärtlichkeiten zu nahen. Aber sie dachte nicht daran, sich für achtungswürdiger zu halten als zu jener Zeit, da ich sie arm, aber unbemakelt in Grenoble gekannt hatte. Sie sagte mir dies in deutlichen Worten, nachdem sie mich herzlich umarmt hatte. »Man hält mich für glücklich, alle Welt beneidet mich um mein Los; aber kann man glücklich sein, wenn man seine Selbstachtung verloren hat? Seit sechs Monaten lächle ich nur mit den Mundwinkeln, während ich in Grenoble, als ich arm war und beinahe das Notwendigste entbehrte, mit offener Fröhlichkeit und ohne jeden Zwang lachte. Ich habe Diamanten und Spitzen, einen prachtvollen Palast, Wagen und Pferde, einen schönen Garten, Dienerinnen, eine Gesellschaftsdame, die mich vielleicht verachtet – aber obwohl ich von den ersten Damen des Hofes, die mich freundschaftlich besuchen, wie eine Prinzessin behandelt werde, vergeht kein Tag, daß mir nicht irgendeine Kränkung zuteil würde.« »Kränkungen?« »Ja; man überreicht mir Eingaben, worin man um Gnadenbeweise nachsucht. Ich muß diese zurückweisen und mich mit meiner Einflußlosigkeit entschuldigen; denn ich wage nichts vom König zu verlangen.« »Aber warum wagen Sie dieses nicht?« »Weil es mir nicht möglich ist, mit meinem Geliebten zu sprechen, ohne den Herrscher vor Augen zu haben. Ach! nur Einfachheit macht glücklich, Luxus nicht!« »Man ist glücklich, wenn man an der richtigen Stelle steht, und Sie müssen sich bemühen, sich zur Höhe jener Stelle emporzuschwingen, die das Schicksal Ihnen angewiesen hat.« »Das kann ich nicht; ich liebe den König und fürchte stets, ihm zu mißfallen. Ich finde immer, er gibt mir zu viel für mich, und darum wage ich ihn für andere um nichts zu bitten.« »Aber ich bin überzeugt, der König würde glücklich sein, Ihnen seine Liebe zu beweisen, indem er ihnen für Leute, an denen Sie Anteil zu nehmen scheinen, Gnaden bewilligte.« »Ich glaube es wohl, und es würde mich glücklich machen, aber ich kann mich nicht überwinden. Ich habe monatlich hundert Louis Nadelgeld; diese verteile ich als Almosen und Geschenke, aber mit sparsamer Einteilung, um bis zum Ende des Monats zu reichen. Ich habe mir eine Idee in den Kopf gesetzt, die ohne Zweifel falsch ist, mich aber wider meinen Willen beherrscht: ich denke nämlich, der König liebt mich nur, weil ich ihn nicht belästige.« »Und lieben Sie ihn?« »Wie wäre es möglich, ihn nicht zu lieben! Er ist über alle Maße höflich, gut, sanft, schön, an jeder Kleinigkeit Anteil nehmend und zärtlich; er besitzt alle Eigenschaften; um das Herz einer Frau zu besiegen. Unaufhörlich fragt er mich, ob ich mit meiner Einrichtung, mit meinen Kleidern, mit meinen Leuten, mit meinem Garten zufrieden bin; ob ich irgendwelche Veränderungen wünsche. Ich umarme ihn, danke ihm und sage, alles sei ganz vortrefflich, und bin glücklich, wenn ich ihn dann zufrieden sehe.« »Spricht er mit Ihnen niemals über den Sprößling, mit dem Sie ihn beschenken werden?« »Er sagt mir oft, in meinem Zustande müsse ich vor allen Dingen sorgfältig auf meine Gesundheit achten. Ich hoffe, er wird meinen Sohn als Prinzen von Geblüt anerkennen; da die Königin tot ist, muß er als gewissenhafter Mann dies tun!« »Zweifeln Sie nicht daran!« »Oh! Wie teuer wird mein Sohn mir sein! Welches Glück für mich, sicher zu sein, daß es nicht ein Mädchen sein wird! Aber ich sage zu keinem Menschen ein Wort davon. Wenn ich dem König vom Horoskop zu erzählen wagte, so bin ich überzeugt, er würde Sie kennen lernen wollen; aber ich fürchte die Verleumdung.« »Ich auch, meine liebe Freundin; schweigen Sie auch fernerhin davon. Möge nichts ein Glück stören, das sich nur immer noch steigern kann. Ich bin glücklich, es Ihnen verschafft zu haben.« Als wir uns trennten, konnten wir unsere Tränen nicht zurückhalten. Sie entfernte sich zuerst, nachem sie mich umarmt und ihren besten Freund genannt hatte. Ich blieb allein bei Frau Varnier, um mich etwas zu erholen, und sagte zu ihr: »Anstatt ihr das Horoskop zu stellen, hätte ich sie heiraten sollen.« »Sie wäre glücklicher geworden. Sie hat vielleicht ihre Schüchternheit und ihren Mangel an Ehrgeiz nicht vorausgesehen.« »Ich kann Ihnen versichern, gnädige Frau, ich habe weder auf ihren Mut noch auf ihre Engherzigkeit gerechnet. Ich habe mein eigenes Glück außer acht gelassen, um nur an das ihrige zu denken. Aber es ist nun einmal geschehen. Ein Trost würde es allerdings für mich sein, wenn ich sie vollkommen glücklich sähe. Ich hoffe, auch dieses Glück wird noch kommen, besonders, wenn sie einen Sohn zur Welt bringt.« Nachdem ich bei Frau von Urfé gespeist hatte, beschlossen wir, d'Aranda in seine Pension zurückzuschicken, um uns ungestört unseren kabbalistischen Arbeiten widmen zu können. Hierauf ging ich in die Oper, wohin mein Bruder mich bestellt hatte, um mit mir zum Abendessen zu Madame Vanloo zu gehen. Diese empfing mich mit lauten Beteuerungen ihrer Freundschaft und sagte zu mir: »Sie werden das Vergnügen haben, mit Frau Blondel und ihrem Gemahl zu speisen.« Dies war, wie der Leser sich erinnern wird, Manon Baletti, die ich hätte heiraten sollen. »Weiß sie, daß ich hier bin?« fragte ich. »Nein, ich wollte mir das Vergnügen vorbehalten, ihre Überraschung zu sehen.« »Ich danke Ihnen, daß Sie nicht auch an der meinigen sich haben weiden wollen. Wir werden uns wiedersehen, meine Gnädige; aber für heute sage ich Ihnen Lebewohl; denn als Ehrenmann glaube ich mich niemals freiwilig an einem Ort befinden zu dürfen, wo Frau Blondel sein wird.« Alle Anwesenden waren stumm vor Überraschung. Ich verließ das Haus, und da ich nicht wußte, wohin ich gehen sollte, nahm ich einen Fiaker und fuhr zu meiner Schwägerin, die sich außerordentlich freute, mich zu sehen. Aber während des ganzen Abendessens beklagte die reizende Frau sich fortwährend über ihren Mann, der sie nicht hätte heiraten dürfen, da er gewußt hätte, daß er nicht imstande wäre, sich bei einer Frau als Mann zu zeigen. »Warum haben Sie nicht einen Versuch mit ihm gemacht, bevor Sie ihn heirateten?« »Wäre es denn schicklich gewesen, wenn ich die ersten Schritte getan hätte? Wie hätte ich denn auch glauben können, daß ein so schöner Mann zu gar nichts gut ist? Die Geschichte kam so: Wie Sie wissen, war ich Tänzerin bei der Italienischen Komödie und wurde von Herrn de Sauci, dem Schatzmeister der geistlichen Pfründen, unterhalten. Dieser führte Ihren Bruder bei mir ein. Er gefiel mir, und es dauerte nicht lange, so bemerkte ich, daß er mich liebte. Mein Liebhaber machte mich darauf aufmerksam, daß der Augenblick gekommen sei, durch eine Heirat mein Glück zu machen. Infolgedessen beschloß ich, ihm nichts zu bewilligen. Er kam morgens zu mir und fand mich oft allein im Bett; wir plauderten; er schien in Feuer zu geraten; aber zum Schluß gab's nichts als Küsse. Ich erwartete von ihm eine Erklärung in aller Form, um dadurch den Zweck zu erreichen, den ich damals sehnlichst wünschte. Herr de Sauci setzte mir eine lebenslängliche Rente von tausend Talern aus; infolgedessen zog ich mich vom Theater zurück. Als die schöne Sommerzeit herankam, lud Herr de Sauci Ihren Bruder ein, einen Monat auf dem Lande zu verbringen. Er nahm auch mich mit, und damit alles in anständiger Form vor sich ginge, wurde abgemacht, daß ich als seine Frau vorgestellt werden sollte. Casanova gefiel dieser Vorschlag; er sah darin nur einen Scherz und dachte vielleicht nicht, daß Folgen daraus entstehen könnten. Er stellte mich also der ganzen Familie meines Liebhabers sowie auch dessen Verwandten als seine Frau vor. Diese Verwandten waren Parlamentsräte, Offiziere, Lebemänner, und ihre Damen gehörten zur großen Welt. Er fand es scherzhaft, daß er im Geiste unserer Komödie verlangen könnte, mit mir zusammen zu schlafen. Ich konnte mich dessen nicht weigern, wenn ich nicht eine sehr traurige Figur spielen wollte; außerdem verspürte ich durchaus keine Abneigung gegen solches Zugeständnis, sondern sah darin nur ein Mittel, schnell an das Ziel aller meiner Wünsche zu gelangen. Was soll ich Ihnen weiter sagen? Ihr Bruder war zärtlich und gab mir tausendfach seine Liebe zu erkennen; aber obgleich er mich dreißig Nächte hintereinander in seinem Besitz hatte, kam er niemals zu dem Schluß, der unter derartigen Verhältnissen nur natürlich erscheinen konnte.« »Da hätten Sie merken müssen, daß er nicht dazu imstande war; denn wenn er nicht von Marmor war oder ein Keuschheitsgelübde getan hatte, das ihn zwang, sich den heftigsten Versuchungen auszusetzen, war sein Verhalten unmöglich.« »Das glauben Sie; tatsächlich aber war es so, daß er sich weder fähig noch auch unfähig zeigte, tatsächliche Beweise seiner Liebe zu geben.« »Warum haben Sie sich nicht selber davon überzeugt!« »Ein Gefühl von Eitelkeit, ja von falschem Stolz erlaubte mir nicht, mir Gewißheit zu verschaffen. Ich ahnte die Wahrheit gar nicht, sondern machte mir tausend Ideen, die meiner Eitelkeit schmeichelten. Ich glaubte, wenn er mich wirklich liebte, so wäre es wohl möglich, daß er sich scheute, mit mir zu verkehren, bevor ich seine Frau wäre. Dies hielt mich davon ab, den demütigenden Versuch zu machen, mir Aufklärung zu verschaffen.« »Es hätte, liebe Schwägerin, wenn es auch recht ungewöhnlich gewesen wäre, wohl so sein können, wenn Sie ein junges unschuldiges Mädchen gewesen wären, aber mein Bruder wußte recht gut, daß Sie Ihr Noviziat längst hinter sich hatten.« »Das ist ja wahr; aber was setzt sich nicht eine verliebte Frau in den Kopf, wenn sie von Eitelkeit ebensosehr angestachelt wird wie von Liebe?« »Sie denken sehr richtig, aber es ist ein bißchen spät.« »Das weiß ich leider nur zu gut – kurz und gut, wir kehrten nach Paris zurück, er in seine Wohnung, ich in mein Häuschen. Er machte mir immer noch den Hof; ich empfing ihn und begriff sein sonderbares Benehmen nicht. Herr de Sauci wußte, daß nichts Ernstliches zwischen uns stattgefunden hatte; er stellte alle möglichen Vermutungen an, konnte aber das Rätsel nicht lösen. ›Ohne Zweifel fürchtete er, dir ein Kind zu machen‹, sagte er zu mir, ›und dadurch gezwungen zu sein, dich zu heiraten.‹ – Ich begann dies ebenfalls zu glauben, aber ich fand solche Denkweise seltsam für einen Verliebten. – Ein Offizier der französischen Garde, Herr de Nesle, Gatte einer hübschen Frau, die mich auf dem Lande kennen gelernt hatte, ging zu Ihrem Bruder, um mir einen Besuch zu machen. Als er mich nicht fand, fragte er ihn, warum ich nicht mit ihm zusammen lebte. Er antwortete ihm in aller Unschuld, ich sei nicht seine Frau, und die ganze Geschichte sei nur ein Spaß gewesen. Herr de Nesle kam zu mir und erkundigte sich, ob dies wahr sei; und als er den Sachverhalt erfuhr, fragte er mich, ob es mir unangenehm sein würde, wenn er Casanova nötigte, mich zu heiraten. Ich antwortete ihm, er werde mir im Gegenteil einen großen Gefallen damit tun. Mehr wollte er nicht. Er ging zu Ihrem Bruder und sagte ihm, seine Frau würde niemals eingewilligt haben, mit mir als ihresgleichen zu verkehren, wenn ich ihr nicht von ihm selber als seine Gattin vorgestellt wäre; durch diesen Titel hätte ich alle Vorrechte der guten Gesellschaft erlangt; seine Täuschung wäre eine Beschimpfung für die ganze Gesellschaft, und er müßte sein Unrecht wieder gut machen, indem er mich binnen acht Tagen heiratete, oder er müsse sich mit ihm auf Leben und Tod schlagen. Sollte er in diesem Kampf unterliegen, so würde er durch alle Männer gerächt werden, die durch sein Verhalten in gleicher Weise beleidigt wären wie er. Casanova antwortete ihm lachend: er dächte nicht daran, sich zu schlagen, um mich nicht heiraten zu müssen, sondern wäre im Gegenteil bereit, eine Lanze zu brechen, um mich zu gewinnen. ›Ich liebe sie‹, sagte er zu dem Offizier, ›und wenn ich ihr gefalle, bin ich gerne bereit, ihr meine Hand zu reichen. Wollen Sie nur die Sache anbahnen! Ich stehe Ihnen zur Verfügung, sobald es Ihnen beliebt.‹ Herr de Nesle umarmte ihn, versprach ihm, alles zu besorgen, und überbrachte mir die gute Nachricht, die mich mit hoher Freude erfüllte; binnen einer Woche war alles in Ordnung. Herr de Nesle gab uns an unserm Hochzeitstage ein prachtvolles Souper. Seit jenem Tage bin ich dem Namen nach Ehefrau; aber dies ist ein leerer Titel, denn trotz der feierlichen Einsegnung und dem verhängnisvollen Ja bin ich nicht verheiratet, weil ja Ihr Bruder vollständig impotent ist. Ich bin unglücklich, und daran ist er ganz allein schuld, denn er mußte sich kennen. Er hat mich in abscheulicher Weise betrogen.« »Aber er ist dazu gezwungen worden! Er ist mehr zu beklagen als zu verurteilen. Ich beklage auch Sie von Herzen; und doch müßte ich Ihnen unrecht geben; denn nachdem Sie einen ganzen Monat bei ihm geschlafen hatten, ohne daß er eine einzige Probe seiner Mannheit ablegte, konnten Sie nicht umhin, die Wahrheit zu mutmaßen. Selbst wenn Sie vollkommen unerfahren gewesen wären, hätte de Sauci Ihnen den Sachverhalt erklären müssen; denn er muß doch wissen, daß es einem Mann nicht möglich ist, so lange Zeit im Bett neben einer hübschen Frau zu liegen, sie nackt in seine Arme zu schließen, ohne in einen solchen körperlichen Zustand zu geraten, daß er selbst gegen seinen Willen gezwungen ist, jeden Schleier fallen zu lassen, wenn er nicht gänzlich der Fähigkeit beraubt ist, die das Wesen der Mannheit ausmacht.« »Wenn Sie es so sagen, erscheint das alles mir vollkommen wahr; aber wir haben tatsächlich alle beide nicht daran gedacht; denn wenn man ihn sieht, muß man ihn für einen Herkules halten.« »Ich sehe gegen Ihr Unglück nur ein einziges Mittel, meine liebe Schwägerin; entweder lassen Sie Ihre Heirat für ungültig erklären oder nehmen Sie einen Liebhaber. Ich halte meinen Bruder für zu vernünftig, als daß er Ihnen Hindernisse in den Weg legen sollte.« »Ich bin vollkommen frei, aber ich kann weder an einen Liebhaber noch an eine Scheidung denken, denn der abscheuliche Mensch behandelt mich so gut, daß meine Liebe zu ihm immer größer wird, wodurch sich ohne Zweifel auch mein Unglück vermehrt.« Ich sah die arme Frau so unglücklich, daß ich gerne bereit gewesen wäre, sie zu trösten; aber daran durfte ich nicht denken. Durch ihre Beichte hatte sie immerhin für den Augenblick ihren Schmerz erleichtert; ich wünschte ihr Glück dazu, und nachdem ich sie auf eine Art umarmt hatte, die ihr bewies, daß ich nicht mein Bruder war, wünschte ich ihr gute Nacht. Am andern Tage besuchte ich Frau Vanloo; sie sagte mir, Frau Blondel habe sie beauftragt, mir dafür zu danken, daß ich nicht geblieben sei; der Gatte dagegen habe sie gebeten, mir zu sagen, es tue ihm sehr leid, mich nicht gesehen zu haben, um mir seine volle Dankbarkeit ausdrücken zu können. »Offenbar hat er seine Frau vollkommen jungfräulich gefunden; aber das ist nicht mein Verdienst; er ist dafür nur Manon Valetti Dank schuldig. Man hat mir erzählt, er habe ein hübsches Kindchen und wohne im Louvre, während sie in einem anderen Hause an der Rue Neuve des Petits-Champs wohne.« »Das ist richtig; aber er speist jeden Abend bei ihr.« »Eine sonderbare Ehe!« »Eine sehr gute, kann ich Ihnen versichern. Blondel will seine Frau nur als Liebhaber besitzen. Er sagt, das mache die Liebe dauerhaft; da er niemals eine Geliebte gehabt habe, die würdig gewesen sei, seine Frau zu sein, so sei er sehr froh, eine Frau gefunden zu haben, die würdig sei, seine Geliebte zu sein.« Den ganzen nächsten Tag widmete ich der Frau du Romain, die mich bis zum Abend mit sehr heiklen Fragen in Anspruch nahm. Sie war sehr zufrieden mit meiner Arbeit. Die Heirat ihrer Tochter, Mademoiselle Cotenfau, mit Herrn de Polignac, die fünf oder sechs Jahre später vollzogen wurde, war die Folge unserer kabbalistischen Berechnung. Die schöne Strumpfstrickerin aus der Rue des Prouvères, die ich so sehr geliebt hatte, war nicht mehr in Paris. Ein gewisser Herr de Langlade hatte sie entführt; ihr Mann befand sich im Elend. Camilla war krank; Corallina war Marquise und anerkannte Maitresse des Grafen de la Marche, Sohnes des Prinzen von Conti, geworden. Sie hat ihm einen Sohn geschenkt, den ich zwanzig Jahre später als Malteserritter unter dem Namen eines Chevalier de Montreal gekannt habe. Mehrere andere junge Mädchen, die ich früher gekannt hatte, hatten sich als angebliche Witwen nach der Provinz zurückgezogen oder waren unzugänglich geworden. So war Paris zu meiner Zeit. Mädchen, Liebesverhältnisse, Prinzipien wechselten ebensoschnell wie die Moden. Einen ganzen Tag widmete ich meinem alten Freund Baletti; er hatte nach dem Tode seines Vaters eine hübsche Figurantin geheiratet und sich von der Bühne zurückgezogen. Er arbeitete mit Melissenkraut und hoffte den Stein der Weisen zu finden. Zu meiner angenehmen Überraschung sah ich im Foyer der Comédie Française den Dichter Poinsinet, der mich wiederholt umarmte und mir erzählte, daß in Parma du Tillot ihn mit Wohltaten überhäuft habe. Einen Platz habe er ihm allerdings nicht gegeben, weil man in Italien mit einem französischen Dichter nichts anzufangen wisse. »Wissen Sie etwas von Lord Limore?« »Ja; er hat von Livorno aus seiner Mutter geschrieben, er wolle sich nach Indien einschiffen; wenn Sie nicht die Güte gehabt hätten, ihm tausend Louis zu geben, würde er jetzt in den römischen Gefängnissen sein.« »Ich nehme großen Anteil an seinem Schicksal und würde gerne mit Ihnen bei Mylady einen Besuch machen.« »Ich werde Sie melden, und ich bin überzeugt, sie wird Sie zum Souper dabehalten, denn sie hat die größte Lust, mit Ihnen zu sprechen.« »Wie geht es Ihnen hier; sind Sie zufrieden mit Ihrem Apoll?« »Er ist nicht der Gott des Paktolus; ich besitze keinen Heller, ich habe nicht einmal ein Zimmer und werde gern ein Souper annehmen, wenn Sie mich einladen wollen. Ich werde Ihnen den Cercle vorlesen, den die Schauspieler angenommen haben. Ich habe das Stück in der Tasche und bin sicher, daß es Erfolg haben wird.« Dieser Cercle war ein kleines Stück in Prosa, worin der Dichter sich über die Sprechweise des Arztes Herrenschwand lustig machte, dessen Bruder ich in Solothurn gekannt hatte. Das Stück hatte wirklich einen großen Augenblickserfolg. Ich nahm ihn mit zum Abendessen, und der arme Musensohn aß für vier. Am nächsten Tage meldete er mir, die Gräfin Limore erwarte mich zum Souper. Ich fand diese noch immer schöne Dame in Gesellschaft des Erzbischofs von Cambray, Herrn de St. Albin, ihres bejahrten Liebhabers, der für sie die ganzen Einkünfte des Erzbistums ausgab. Dieser würdige Kirchenfürst war ein natürlicher Sohn des Herzogs von Orléans, des berühmten Regenten von Frankreich, und einer Schauspielerin. Er speiste mit uns, öffnete jedoch den Mund nur zum Essen, und seine Geliebte sprach mit mir nur über ihren Sohn, dessen Geist und Talente sie bis in den Himmel hob, während Lord Limore in Wirklichkeit nur ein Taugenichts war. Ich glaubte jedoch in ihr Lob einstimmen zu müssen, denn es wäre grausam gewesen, ihr zu widersprechen. Beim Abschied versprach ich ihr zu schreiben, wenn ich ihrem Sohn irgendwo begegnen sollte. Poinsinet, der obdachlos war, verbrachte die Nacht in meinem Zimmer; am nächsten Morgen ließ ich ihn zwei Tassen Schokolade trinken und gab ihm Geld, um sich ein Zimmer zu mieten. Ich habe ihn nicht wiedergesehen; denn ein paar Jahre später ertrank er, nicht in der Hippokrene, sondern im Guadalquivir. Er sagte mir, er habe acht Tage bei Herrn von Voltaire zugebracht und sei dann schleunigst nach Paris zurückgekehrt, um den Abbé Morellet aus der Bastille zu befreien. Ich hatte in Paris nichts mehr zu tun und wartete, um abzureisen, nur auf die Kleider, die ich mir bestellt hatte, und auf ein mit Diamanten und Rubinen besetztes Kreuz des Ordens, womit der Heilige Vater mich ausgezeichnet hatte. Dies alles sollte ich binnen fünf oder sechs Tagen erhalten; aber ein Unfall nötigte mich, Hals über Kopf abzureisen. Ich beschreibe dieses Ereignis nur widerwillig, denn es war eine Unvorsichtigkeit von meiner Seite, die mir beinahe Leben und Ehre gekostet hätte, mehr als hunderttausend Franken gar nicht zu rechnen. Ich beklage die Dummköpfe, die mit dem Schicksal hadern, wenn sie ins Unglück geraten, während sie sich doch nur an sich selber halten sollten. Ich ging gegen zehn Uhr morgens im Tuileriengarten spazieren, als ich unglücklicherweise der Dangenancour mit einem anderen Mädchen begegnete. Diese Dangenancour war eine Opernfigurantin, mit der ich vor meiner letzten Abreise von Paris vergeblich eine Bekanntschaft anzuknüpfen gesucht hatte. Ich freute mich des glücklichen Zufalls, der sie mir so zu gelegener Stunde in den Weg führte, sprach sie an und brauchte sie nicht lange zu bitten, um sie zur Annahme eines Diners in Choisy zu bewegen. Ich ging nach dem Pont-Royal und nahm dort einen Fiaker. Nachdem ich das Essen bestellt hatte, gingen wir in den Garten, um einen kleinen Spaziergang zu machen. Nach einer kurzen Weile kamen in einem anderen Fiaker zwei Abenteurer, die ich kannte, und zwei Mädchen, die mit meinen Begleiterinnen befreundet waren. Die unglückselige Wirtin, die in der Tür stand, sagte uns: Wenn wir zusammen speisen wollten, würde sie uns eine ausgezeichnete Mahlzeit bereiten. Ich sagte nichts, oder vielmehr ich fügte mich in das Ja meiner beiden lockeren Mädchen. Wir aßen wirklich ausgezeichnet; nachdem ich bezahlt hatte, bemerkte ich in dem Augenblick, wo wir nach Paris zurückfahren wollten, daß ich einen Ring nicht hatte, den ich während des Essens vom Finger gezogen hatte, um ihn einem von den beiden Abenteurern, namens Santis, auf seinen Wunsch zu zeigen. Es war eine sehr hübsche Miniatur, deren Brillanteneinfassung mir fünfundzwanzig Louis gekostet hatte. Ich bat Santis sehr höflich, mir meinen Ring wiederzugeben; er antwortete mir sehr kaltblütig, er habe ihn mir zurückgegeben. »Wenn Sie ihn mir zurückgegeben hätten,« versetzte ich, »so hätte ich ihn; ich habe ihn aber nicht.« Er bestand auf seiner Behauptung; die Mädchen sagten nichts, aber der Freund des Santis, ein Portugiese namens Xavier, wagte mir zu sagen, er habe gesehen, wie er ihn mir zurückgegeben habe. »Sie lügen!« rief ich; zugleich packte ich Santis an der Halsbinde und sagte ihm, er würde nicht herauskommen, bevor er mir meinen Ring zurückgegeben hätte. Da zu gleicher Zeit der Portugiese aufsprang, um seinem Freund zu Hilfe zu kommen, so trat ich einen Schritt zurück und wiederholte meine Drohung mit dem Degen in der Hand. Als die Wirtin dazu kam und ein großes Geschrei erhob, sagte Santis mir, wenn ich zwei Worte unter vier Augen anhören wollte, würde er mich überzeugen. Ich glaubte einfältigerweise, er schämte sich, mir meinen Ring in Gegenwart von all den Leuten zurückzugeben, werde ihn aber unter vier Augen mir zurückerstatten; ich steckte daher den Degen ein und rief ihm zu: »Gehen wir hinaus!« Xavier stieg mit den vier Dämchen in den Fiaker und fuhr mit ihnen nach Paris zurück. Santis folgte mir hinter das Schloß, dort fing er plötzlich an zu lachen und sagte, er habe, um einen Spaß zu machen, seinem Freunde meinen Ring in die Tasche gesteckt; aber er werde ihn mir in Paris wiedergeben. »Das ist ein Märchen! Ihr Freund behauptet, gesehen zu haben, wie Sie ihn mir wiedergaben, und Sie haben ihn abfahren lassen. Halten Sie mich für so grün, mich von einem solchen Spaß anführen zu lassen? Sie sind alle beide Spitzbuben!« Mit diesen Worten streckte ich die Hand aus, um seine Uhrkette zu ergreifen; er wich zurück und zog seinen Degen. Ich zog ebenfalls und hatte kaum ausgelegt, so machte er einen Ausfall und führte einen Stoß, den ich parierte; ich stürzte mich auf ihn und durchbohrte ihn durch und durch. Er fiel und schrie um Hilfe. Ich steckte meinen Degen wieder ein, ohne mich weiter um ihn zu bekümmern, ging nach meinem Fiaker und fuhr nach Paris zurück. Auf der Placc Maubert stieg ich aus und ging zu Fuß auf einem Umwege nach meinem Gasthof. Ich war sicher, daß mich niemand in meiner Wohnung suchen würde, denn nicht einmal mein Wirt wußte meinen Namen. Den Rest des Tages war ich damit beschäftigt, meine Koffer zu packen; nachdem ich Costa befohlen hatte, sie auf meinen Wagen zu schnallen, ging ich zu Frau von Urfé. Ich erzählte ihr mein Abenteuer und bat sie, die für mich bestimmten Sachen, sobald sie fertig wären, meinem Diener Costa zu übergeben, der mir nach Augsburg nachreisen würde. Ich hätte sie bitten sollen, mir alles durch einen ihrer Diener zu schicken; aber an jenem Tage hatte mein guter Geist mich verlassen, übrigens hielt ich Costa nicht für einen Dieb. Ich kehrte hierauf in den Gasthof zum Heiligen Geist zurück und gab dem Schelm meine Instruktionen; ich legte ihm ans Herz, schnell zu reisen und verschwiegen zu sein; zugleich gab ich ihm das nötige Reisegeld. Ich ließ meinen Wagen mit vier Lohnpferden bespannen, die mich nach der zweiten Poststation brachten; so reiste ich von Paris ab und ohne Aufenthalt weiter nach Straßburg, wo ich Desarmoises mit meinem Spanier fand. Da ich in Straßburg nichts zu tun hatte, wollte ich sofort über den Rhein fahren, Desarmoises überredete mich jedoch, mit ihm nach dem Gasthof zum Heiligen Geist zu gehen und eine hübsche Dame zu besuchen, die ihre Abreise nach Augsburg nur in der Hoffnung, wir könnten zusammen reisen, so lange aufgeschoben habe. »Sie kennen die Dame,« sagte der falsche Marquis; »aber ich habe ihr mein Ehrenwort geben müssen, Ihnen nicht ihren Namen zu nennen. Sie hat nur ihr Kammermädchen bei sich, und ich bin überzeugt, Sie werden sich freuen, sie zu sehen.« Aus Neugier gab ich nach. Ich folgte Desarmoises und trat in ein Zimmer, wo ich eine hübsche Frau sah, die ich jedoch anfangs nicht erkannte. Bald aber kam mir eine Erinnerung, und ich sah, daß es eine Tänzerin war, die ich vor acht Jahren am Dresdener Theater reizend gefunden hatte. Sie gehörte damals dem Grafen Brühl, dem Oberhofstallmeister des Königs von Polen und Kurfürsten von Sachsen; ich hatte nicht einmal versucht, ihr den Hof zu machen. Da sie mit einer reichen Ausstattung versehen und bereit war sofort nach Augsburg abzureisen, so malte ich mir aus, daß diese Begegnung mir viel Vergnügen verschaffen müßte. Nachdem wir in der üblichen Weise gegenseitig unsere Freude über das angenehme Zusammentreffen ausgesprochen hatten, vereinbarten wir, daß wir am nächsten Morgen zusammen nach Augsburg abreisen wollten. Die Schöne wollte nach München; da ich jedoch in dieser kleinen Hauptstadt nichts zu tun hatte, so setzten wir fest, daß sie von Augsburg an allein reisen sollte. »Ich bin fest überzeugt,« sagte sie hierauf, »daß Sie sich selber entschließen werden, dorthin zu kommen; denn die Gesandten der Mächte, die den Kongreß halten sollen, werden erst im Laufe des Septembers sich nach Augsburg begeben.« Wir aßen zusammen zu Abend. Am nächsten Morgen fuhren wir ab; sie in ihrem Wagen mit der Kammerfrau, ich in dem meinigen mit Desarmoises, während Leduc als Kurier vorausritt. In Rastatt aber änderten wir die Fahrordnung: die Renaud glaubte weniger Neugier zu erregen, wenn sie in meinen Wagen käme, als wenn sie in dem ihrigen bliebe, und Desarmoises nahm gern ihren Platz bei der Zofe ein. Bald waren wir miteinander bekannt. Sie weihte mich in ihre Angelegenheiten ein oder tat wenigstens so, und ich vertraute ihr alles an, was ich nicht für besser hielt, ihr zu verschweigen. Ich sagte ihr, ich hätte einen Auftrag vom Lissaboner Hof; sie glaubte mir, und ich glaubte ebenfalls, daß sie nur nach München und Augsburg gehe, um dort ihre Diamanten zu verkaufen. Als das Gespräch auf Desarmoises kam, sagte sie mir, ich könne ihn recht gern in meiner Gesellschaft behalten, dürfe ihm jedoch nicht erlauben, sich den Titel Marquis beizulegen. »Aber er ist ja der Sohn des Marquis Desarmoises von Nancy.« »Er ist weiter nichts als ein früherer Kurier, dem das Ministerium des Auswärtigen eine ganz kleine Pension auszahlt. Ich kenne den Marquis Desarmoises, der in Nancy wohnt; er ist nicht so alt wie dieser.« »Dann kann er allerdings schwerlich sein Vater sein.« »Der Wirt vom Heiligen Geist hat ihn als Kurier gekannt.« »Wie haben Sie ihn kennen gelernt?« »Wir speisten zusammen an der Table d'hôte. Nach dem Essen suchte er mich in meinem Zimmer auf und sagte mir, er erwarte einen Herrn, der nach Augsburg reisen wolle, und wir könnten die Reise miteinander machen. Er nannte Ihren Namen, und nachdem ich ihm einige Fragen gestellt hatte, sah ich, daß nur Sie dieser Chevalier de Seingalt sein könnten. So haben wir uns also getroffen, und ich freue mich sehr darüber. Aber hören Sie – ich rate Ihnen, auf falsche Namen und Titel zu verzichten; warum lassen Sie sich Seingalt nennen?« »Dies ist mein Name, meine Liebe; das schließt aber nicht aus, daß meine alten Bekannten mich auch Casanova nennen können; denn ich bin eines wie das andere. Das können Sie doch wohl begreifen.« »Ja, ich begreife es. Ihre Mutter lebt in Prag, und da sie wegen des Krieges ihre Pension nicht ausgezahlt erhält, so glaube ich, daß es ihr vielleicht nicht zum besten geht.« »Ich weiß es; aber ich vergesse nicht meine Pflichten als guter Sohn: ich habe ihr Geld geschickt.« »Das freut mich. Wo werden Sie in Augsburg wohnen?« »Ich werde ein Haus mieten, und wenn es Ihnen Spaß macht, werde ich Sie zur Herrin selber machen, und Sie werden die Wirtin spielen.« »Das ist reizend, lieber Freund! Wir werden gute Soupers machen, und die Nächte hindurch werden wir spielen.« »Der Plan ist köstlich.« »Ich erbiete mich, Ihnen eine ausgezeichnete Köchin zu besorgen: die bayrischen Köchinnen sind mit Recht berühmt. Wir werden auf dem Kongreß eine gute Figur machen, und man wird sagen, wir seien bis über die Ohren ineinander verliebt.« »Aber merke dir, liebes Herz, hinsichtlich der Treue verstehe ich keinen Spaß.« »In diesem Punkte, mein Freund, verlassen Sie sich nur auf mich! Sie wissen doch, wie ich in Dresden lebte.« »Ich werde mich darauf verlassen, aber nicht wie ein Blinder, das merke dir. Wir wollen aber doch auf gleichem Fuße miteinander verkehren; nenne mich darum du. Diese Anrede paßt besser für ein Liebespaar.« »Schön! So umarme mich!« Meine schöne Renaud reiste nicht gerne nachts; denn sie liebte reichlich zu Abend zu speisen und erst zu Bett zu gehen, wenn sie etwas benebelt war. Der Weinrausch machte aus ihr eine Bacchantin, die schwer zu befriedigen war; aber wenn ich nicht mehr konnte, bat ich sie, mich in Ruhe zu lassen, und sie mußte mir wohl oder übel gehorchen. In Augsburg wollten wir im Gasthof Zu den drei Mohren absteigen; der Wirt sagte mir, er werde uns ein gutes Mittagessen auftragen lassen, könne mir jedoch keine Wohnung geben, weil der französische Gesandte das ganze Haus für sich bestellt habe. Ich beschloß, den Bankier Carli aufzusuchen, bei dem ich ein Guthaben hatte, und dieser besorgte mir sofort ein hübsches möbliertes Haus mit einem Garten; ich mietete es auf sechs Monate, und die Renaud fand es sehr nach ihrem Geschmack. In Augsburg war noch kein Mensch. Da die Renaud nach München mußte, so überzeugte sie mich, ich würde mich während ihrer Abwesenheit langweilen, ich täte daher besser, sie zu begleiten. Wir stiegen im Gasthof Zum Hirsch ab, wo wir sehr gut untergebracht waren. Desarmoises wohnte in einem anderen Wirtshaus. Da ich andere Geschäfte vorhatte als meine neue Begleiterin, so gab ich ihr einen Wagen und einen Lohndiener für ihre eigene Person und nahm für mich ebenfalls Wagen und Diener. Abbate Gama hatte mir einen Brief vom Kommandanten Almada an den englischen Gesandten beim Bayrischen Hofe, Lord Stormon, mitgegeben. Da der Herr in München war, beeilte ich mich, meinen Auftrag auszurichten. Er empfing mich sehr freundlich und versicherte mir, er würde, sobald es Zeit wäre, alles tun, was in seinen Kräften stünde; Lord Halifax hatte ihn von der ganzen Angelegenheit unterrichtet. Nachdem ich meinen Auftrag bei dem britischen Lord ausgerichtet hatte, machte ich dem französischen Gesandten Herrn de Folard meine Aufwartung und überreichte ihm einen Brief, den Herr de Choiseul mir durch Madame d'Urfé hatte zustellen lassen. Herr de Folard war überaus liebenswürdig; er lud mich für den nächsten Tag zum Mittagessen ein und stellte mich den Tag darauf dem Kurfürsten vor. Während der verhängnisvollen vier Wochen, die ich in München verbrachte, war das Haus des französischen Gesandten das einzige, das ich besuchte. Ich nenne diese vier Wochen verhängnisvoll, und mit gutem Recht; denn während dieser Zeit verlor ich all mein Geld, versetzte für mehr als vierzigtausend Franken Schmucksachen, die ich niemals eingelöst habe, und verlor endlich – das war das Schlimmste – meine Gesundheit. Meine Mörder waren die Renaud und dieser Desarmoises, der mir so viel verdankte und es mir so übel lohnte. Am dritten Tage nach meiner Ankunft in München mußte ich der Kurfürstin-Witwe von Sachsen einen Besuch machen. Mein Schwager, der zum Gefolge der Fürstin gehörte, forderte mich dazu auf, und er sagte mir, ich dürfe diesen Besuch nicht unterlassen, denn die Prinzessin kenne mich und habe sich außerdem bereits nach mir erkundigt. Ich erklärte mich infolgedessen bereit und hatte diesen Besuch nicht zu bereuen, denn die Kurfürstin nahm mich gut auf und ließ sich viel von mir erzählen; sie war neugierig wie alle müßigen Leute, die sich nicht selbst genügen, weil sie weder in ihrem Geist noch in ihrer Bildung hinlängliche Hilfsquellen finden. Ich habe in meinem Leben viele Dummheiten gemacht; dies gestehe ich mit gleicher Aufrichtigkeit wie Rousseau, aber mit geringerer Eitelkeit als der unglückliche große Mann; ich habe aber wenig so große und törichte Dummheiten gemacht, als daß ich nach München ging, wo ich nichts zu tun hatte. Ich war in einer Krisis; es war eine Epoche, wo mein böser Geist mich seit meiner Abreise aus Turin, ja sogar seit meiner Abreise aus Neapel crescendo von Dummheit zu Dummheit trieb. Der nächtliche Sturz aus dem Wagen, die Abendgesellschaft bei Limore, die Verbindung mit Desarmoises, die Lustpartie nach Choisy, mein Vertrauen zu Costa, meine Verbindung mit der Renaud, und mehr als alles meine unbegreifbare Dummheit, mich auf das Pharaospiel einzulassen an einem Hofe, wo die Bankhalter für die geschicktesten Verbesserer des Glücks in ganz Europa galten – dies waren die Stufen meiner Dummheit. Dort in München befand sich unter anderen auch der berüchtigte, der niederträchtige Affliso, der Teilhaber des Herzogs Friedrich von Zweibrücken, den dieser Fürst mit dem Titel seines Adjutanten schmückte und den alle Welt als den geschicktesten Spitzbuben kannte, den man sich nur denken konnte. Ich spielte alle Tage, und da ich oft auf Wort verlor, so verursachte die Verlegenheit, am nächsten Tage bezahlen zu müssen, mir bittere Sorgen. Als ich meinen Kredit bei den Bankiers erschöpft hatte, mußte ich mich an die Juden wenden, die nur auf Pfänder leihen; mein Vermittler war Desarmoises und mit ihm die Renaud, die schließlich alles in ihren Besitz brachte. Aber das war noch nicht der schändlichste Dienst, den sie mir erwies: sie teilte mir ein Leiden mit, das sie verzehrte, das aber seine Zerstörungen nur im Innern anrichtete und ihr Äußeres völlig unberührt ließ, das daher um so gefährlicher war, da ihre Frische vollkommenste Gesundheit zu zeigen schien. Diese Schlange, die aus der Hölle hervorgekrochen war, um mich zugrunde zu richten, hatte mich dermaßen bezaubert, daß ich einen Monat lang die Krankheit vernachlässigte, weil sie mich zu überzeugen wußte, sie würde entehrt sein, wenn ich während unseres Aufenthaltes in München einen Wundarzt in Anspruch nähme, da die ganze Hofclique wüßte, daß wir wie Mann und Frau zusammen lebten. Wenn ich darüber nachdenke, begreife ich selber nicht meine unglaubliche Nachgiebigkeit, besonders nicht, da ich jeden Tag das Gift erneuerte, das sie meinen Adern eingeflößt hatte! Mein Aufenthalt in München war für mich eine Art Verdammnis. Ich sah während dieses verhängnisvollen Monats alle Schrecknisse der Hölle vereint, um mir einen Vorgeschmack von den Qualen zu geben, die die Seelen der Verdammten leiden. Die Renaud liebte das Spiel, und Desarmoises hielt als ihr Partner die Bank. Ich weigerte mich stets, mich daran zu beteiligen, denn der falsche Marquis betrog ohne jede Rücksicht und oft mehr unverschämt als geschickt. Er lud schlechte Gesellschaft zu mir ein und bewirtete sie auf meine Kosten; an ihrem Spieltische kamen jeden Abend ärgerliche Auftritte vor. Die Kurfürstin-Witwe von Sachsen kränkte mich auf das empfindlichste bei Gelegenheit der beiden letzten Male, wo ich die Ehre hatte, mit ihr zu sprechen. »Man weiß hier, mein Herr, wie Sie mit der Renaud leben,« sagte die Fürstin zu mir, »und welchen Lebenswandel sie bei Ihnen, vielleicht ohne Ihr Wissen, führt; dies schadet Ihnen sehr, und ich rate Ihnen, ein Ende damit zu machen.« Sie wußte nicht, daß ich aus allen möglichen Gründen zum Dulden gezwungen war. Seit einem Monat war ich schon aus Paris fort und hatte keine einzige Nachricht weder von Frau von Urfé noch von Costa erhalten. Ich hatte den Grund nicht erraten, aber ich begann die Treue meines Italieners zu beargwöhnen. Auch befürchtete ich, meine gute Madame d'Urfé wäre gestorben oder vernünftig geworden, was für mich auf dasselbe hinausgekommen wäre; der Zustand, worin ich mich befand, machte es mir unmöglich, nach Paris zurückzufahren, um mich nach dem zu erkundigen, was ich so notwendig wissen mußte, um meine Lebensruhe wiederherzustellen und meine Börse wieder zu füllen. Ich fand mich also in großer Not. Am meisten Kummer bereitete es mir, daß ich mir selber einen Beginn von Abspannung eingestehen mußte, die gewöhnlich mit dem herannahenden Alter verbunden ist; ich besaß nicht mehr jene sorglose Zuversicht, welche Jugend und Kraftbewußtsein verleihen; andererseits aber hatte mich die Erfahrung noch nicht reif genug gemacht, um mich zu bessern. Ein Überrest der Gewohnheit, entschlossen zu handeln, veranlaßte mich jedoch, mich plötzlich von der Renaud zu verabschieden und ihr zu sagen, ich würde in Augsburg auf sie warten. Sie gab sich keine Mühe, mich zurückzuhalten, versprach mir jedoch, sobald wie möglich mir nachzukommen, da sie im Begriff stehe, ihre Edelsteine vorteilhaft zu verkaufen. Ich reiste mit Leduc ab und war froh, daß Desarmoises es für gut befand, bei der unwürdigen Kreatur zu bleiben, deren unglückliche Bekanntschaft ich ihm verdankte. In Augsburg angekommen, legte ich mich in meinem hübschen Hause ins Bett, das ich entschlossen war, nicht eher zu verlassen, als bis ich tot oder von dem mich verzehrenden Gift befreit wäre. Mein Bankier Carli, den ich bei mir vorzusprechen bat, empfahl mir einen gewissen Kefalides, einen Schüler des berühmten Fayet, der mich einige Jahre vorher von dem gleichen Leiden in Paris geheilt hatte. Dieser Doktor galt für den besten Chirurgen von Augsburg. Nachdem er mich untersucht hatte, versicherte er mir, er würde mich durch schweißtreibende Mittel heilen, ohne zu dem bösen Messer greifen zu müssen. Infolgedessen setzte er mich zunächst auf strengste Diät, verordnete mir Bäder und ließ mir Quecksilbereinreibungen machen. Ich fügte mich dieser Behandlung sechs Wochen lang. Statt aber geheilt zu sein, fühlte ich mich in einem schlimmeren Zustande als zu Anfang der Behandlung. Ich war von einer schreckenerregenden Magerkeit und hatte zwei Leistengeschwüre von entsetzlicher Größe. Ich mußte mich entschließen, sie öffnen zu lassen, aber diese sehr schmerzliche Operation, die mir beinahe das Leben gekostet hätte, half mir gar nichts. Kefalides schnitt aus Ungeschicklichkeit die Arterie an und verursachte dadurch eine Blutung, die nur mit großer Mühe gestillt werden konnte und die mir das Leben gekostet hätte, wenn sich nicht der bolognesische Arzt Algaldi, der Leibarzt des Fürstbischofs von Augsburg, meiner angenommen hätte. Da ich von Kefalides nichts mehr wissen wollte, machte Doktor Algaldi in meiner Gegenwart neunzig Pillen aus achtzehn Gran Manna. Ich nahm jeden Morgen eine Pille, trank hierauf ein großes Glas verdünnter Milch; eine zweite Pille nahm ich abends und aß nachher eine Gerstensuppe. Dies war meine ganze Nahrung. Dieses heroische Heilmittel gab mir in zweieinhalb Monaten meine Gesundheit wieder. Ich verbrachte diese Zeit unter großen Leiden und gewann mein gutes Aussehen und meine Kräfte erst gegen Ende des Jahres wieder. Während dieser Leidenszeit erfuhr ich die näheren Umstände von Costas Flucht. Er war mit den Diamanten, Uhren, Tabaksdosen nebst der Wäsche und den gestickten Kleidern verschwunden, die Frau von Urfé ihm in einem großen Koffer nebst hundert Louis Reisegeld gegeben hatte. Die gute Dame schickte mir einen Wechsel von fünfzigtausend Franken, den sie zum großen Glück nicht mehr Zeit gehabt hatte, dem Spitzbuben zu übergeben. Diese Summe kam mir sehr gelegen, denn ich war durch mein unvernünftiges Benehmen geradezu in eine gewisse Not geraten. Zu gleicher Zeit hatte ich einen andern Kummer, der mir sehr zu Herzen ging: ich entdeckte, daß Leduc mich bestahl. Ich hätte ihm dies verziehen, wenn er mich nicht gezwungen hätte, die Sache in die Öffentlichkeit zu bringen, die ich nur vermeiden konnte, indem ich mich selber bloßgestellt hätte. Trotzdem behielt ich ihn, bis ich zu Beginn des nächsten Jahres zurückkehrte. Als gegen Ende September feststand, daß der Kongreß nicht zusammentreten würde, reiste die Renaud mit Desarmoises über Augsburg nach Paris zurück; sie wagte nicht, mich zu besuchen, weil sie fürchtete, ich möchte sie zwingen, meine Sachen herauszugeben, deren sie sich ohne weiteres bemächtigt hatte. Ohne Zweifel nahm sie an, daß ich von dieser Spitzbüberei unterrichtet wäre. Vier oder fünf Jahre später heiratete sie in Paris einen gewissen Böhmer, jenen Juwelier, der dem Kardinal Rohan das berühmte Halsband gab, das er für die unglückliche Königin Marie Antoinette bestimmt glaubte. Sie war in Paris, als ich dorthin zurückkehrte, aber ich bemühte mich nicht, sie zu sehen; denn ich wollte, wenn es möglich war, alles vergessen. Ich mußte so handeln, denn von allem, was ich während dieses unglückseligen Jahres tat, fand ich am verächtlichsten meine traurige Aufführung und überhaupt mich selber. Den infamen Desarmoises hätte ich allerdings nicht genügend verachtet, um mir das Vergnügen zu versagen, ihm die Ohren abzuschneiden, wenn er mir Zeit gelassen hätte; aber der alte Schuft machte sich aus dem Staube – ohne Zweifel, weil er voraussah, wie ich ihn behandeln würde. Er ist kurze Zeit darauf in der Normandie im tiefsten Elend an der Schwindsucht gestorben. Kaum war meine Gesundheit wiederhergestellt, so vergaß ich alles vergangene Unglück und fing wieder an, mich zu amüsieren. Meine ausgezeichnete Köchin, Anna Midel, die so lange Zeit müßig gegangen war, mußte sich an die Arbeit machen, um meinen gefräßigen Hunger zu befriedigen; drei Wochen lang verzehrte mich ein rasender Hunger, der übrigens meinem Temperament entsprach und notwendig war, um mir die frühere Gestalt wiederzugeben. Mein Wirt, der Kupferstecher, und seine hübsche Gertrud, die ich erst mit mir essen ließ, sahen mich mit einer Art von Erstaunen an und fürchteten böse Folgen meiner Unmäßigkeit. Mein lieber Doktor Algardi, der mir das Leben gerettet hatte, sagte mir eine Verdauungsstörung voraus, die mich ins Grab bringen würde; ich hörte nicht auf ihn und ich tat recht daran; denn durch das gute Essen gewann ich meine frühere Gesundheit wieder und fühlte mich bald imstande, dem Gotte, um dessenwillen ich so viel gelitten hatte, neue Opfer zu bringen. Meine Köchin und Gertrud waren beide jung und hübsch. Ich verliebte mich in sie. Und da ich ihnen zugleich auch dankbar war, so machte ich ihnen meine Liebeserklärung gleichzeitig, denn ich hatte vorausgesehen, daß ich keine von ihnen besiegt haben würde, wenn ich sie einzeln angegriffen hätte. Außerdem wußte ich, daß ich nicht viel Zeit zu verlieren hatte; denn ich hatte mich der Frau von Urfé gegenüber verpflichtet, am Neujahrstag 1762 mit ihr in einer Wohnung zu speisen, die sie in der Rue du Bac für mich eingerichtet hatte. Sie hatte sie mit prachtvollen Gobelins geschmückt, die René von Savoyen hatte anfertigen lassen und auf denen alle Operationen des Großen Werkes dargestellt waren. Sie hatte mir geschrieben, sie sei in Choisy gewesen und habe dort erfahren, der Italiener Santis, den ich mit einem Degenstich durchbohrt hatte, sei von seiner Wunde genesen und später wegen Gaunerei in Bicètre eingesperrt worden. Gertrud und Anna Midel beschäftigten mich angenehm während meines übrigen Aufenthaltes in Augsburg, aber sie fesselten mich nicht in dem Grade, daß ich ihretwegen die gute Gesellschaft vernachlässigt hätte. Ich verbrachte meine Abende auf sehr angenehme Weise beim Grafen Max von Lamberg, der dort als Oberhofmarschall des Fürstbischofs lebte. Seine Gemahlin, eine reizende Frau, besaß alle Eigenschaften, um eine gute und zahlreiche Gesellschaft anzuziehen. Ich machte bei dem Grafen die Bekanntschaft des Barons von Sellentin, der als preußischer Hauptmann in Augsburg wohnte, um Rekruten für seinen König zu werben. Besonders fesselte mich an dem Grafen Lamberg seine literarische Begabung. Er war ein Gelehrter ersten Ranges und besaß eine umfassende Bildung; er hat mehrere sehr geschätzte Werke veröffentlicht. Er hat mit mir einen brieflichen Verkehr unterhalten, der erst mit seinem Tode aufhörte, als er durch eigene Schuld vor vier Jahren 1792 starb. Ich sage: durch seine eigene Schuld; aber ich hätte eigentlich sagen sollen: durch Schuld seiner Ärzte, die eine Krankheit, woran Venus keinen Anteil hatte, mit Quecksilber behandelten; sie zogen ihm dadurch nur Verleumdungen nach seinem Tode zu. Seine liebenswürdige Witwe lebt noch in Bayern, geliebt von ihren Freunden und von ihren Töchtern, die sie an ausgezeichnete Männer verheiratet hat. Um jene Zeit kam eine armselige kleine italienische Komödiantentruppe in Augsburg an, und ich verschaffte meinen Landsleuten die Erlaubnis, uns in einem schlechten kleinen Theater Vorstellungen zu geben. Da ich bei dieser Gelegenheit eine kleine Geschichte erlebte, die mich ergötzte, weil ich der Held derselben war, so werde ich sie meinen Lesern berichten und hoffe, ihnen dadurch angenehm zu sein. Sechzehntes Kapitel Die Komödianten und die Komödie. – Bassi. – Die Straßburgerin. – Der weibliche Graf. – Meine Rückkehr nach Paris. – Ankunft in Metz. – Die hübsche Raton und die falsche Gräfin von Lascaris. Eine häßliche Frau, die aber gewandt und redselig war, wie nur eine Italienerin, suchte mich auf und bat mich um meine Verwendung bei den Behörden, damit der Truppe, der sie angehöre, die Erlaubnis gegeben werde, Komödie zu spielen. Sie war häßlich, aber eine Italienerin und arm; ohne sie nach ihrem Namen zu fragen, ohne mich zu erkundigen, ob die Truppe etwas tauge, versprach ich ihr, mich für sie zu verwenden. Ich erlangte ohne Mühe die von ihr erbetene Gunst. Als ich die erste Vorstellung besuchte, erkannte ich zu meiner Überraschung in dem ersten Helden einen Venetianer, mit dem ich vor zwanzig Jahren im Kollegium San Cipriano zusammen studiert hatte. Er hieß Bassi und hatte, wie ich, den Priesterstand aufgegeben. Sein Schicksal hatte es gefügt, daß er Schauspieler wurde und allem Anschein nach sich im Elend befand, wahrend ich, den der Zufall in eine abenteuerliche Laufbahn geschleudert hatte, wie ein reicher Mann aussah. Neugierig, seine Abenteuer kennen zu lernen, und angezogen durch jenes Gefühl des Wohlwollens, das uns zu einem Jugendfreund, zumal einem Schulkameraden zieht, beschloß ich mich an seiner Überraschung zu weiden, wenn er mich wiedererkennen würde, und suchte ihn auf der Bühne auf, sobald der Vorhang gefallen war. Er erkannte mich auf den ersten Blick, stieß einen Freudenschrei aus, umarmte mich und stellte mich seiner Frau vor – derselben, die mich in meiner Wohnung aufgesucht hatte – und seiner sehr hübschen Tochter, die etwa dreizehn bis vierzehn Jahre alt sein mochte und die ich mit Vergnügen hatte tanzen sehen. Dies war aber noch nicht alles: als er sah, daß ich zu ihm und seiner Familie freundlich war, wandte er sich zu seinen Kameraden, deren Direktor er war, und stellte mich ohne Umstände als seinen besten Freund vor. Als die guten Leute mich wie einen großen Mann gekleidet und mit einem Orden um den Hals geschmückt sahen, hielten sie diesen Freund ihres Direktors für einen berühmten kosmopolitanischen Scharlatan, den man in Augsburg erwartete. Bassi versuchte nicht, ihnen ihre Täuschung zu benehmen, und dies kam mir sonderbar vor. Als die Truppe ihre Theaterkleider abgelegt und ihre Alltagslumpen angezogen hatte, hängte die häßliche Bassi sich an meinen Arm und zog mich mit sich fort, indem sie sagte, ich würde mit ihr soupieren gehen. Ich ließ mich von ihr führen, und wir kamen bald in eine Wohnung, die gerade so aussah, wie ich sie mir vorgestellt hatte. Es war ein riesiges Zimmer im Erdgeschoß und diente gleichzeitig als Küche, Speisezimmer und Schlafsaal. Ein langer Tisch war zur Hälfte mit einem zerfetzten Laken bedeckt, das die Spuren einer monatlichen Benutzung trug, während am anderen Ende in einem schmutzigen Spülgefäß einige irdene Schüsseln abgewaschen wurden, die seit dem Mittagessen dastanden und zum Abendessen wieder benutzt werden sollten. Eine einzige Kerze, in den Hals einer zerbrochenen Flasche gesteckt, beleuchtete diese Höhle; da keine Lichtputzschere da war, ersetzte die häßliche Bassi diese sehr geschickt mit Daumen und Zeigefinger; die Schnuppe warf sie auf die Erde und wischte hierauf ohne Umstände ihre Finger am Tischtuch ab. Einer von den Schauspielern war der Diener der Truppe; er trug einen langen Schnurrbart, weil er nur die Rollen von Mördern oder Straßenräubern spielte. Er trug eine riesige Schüssel mit aufgewärmtem Fleisch auf, das in einer großen Menge trüben Wassers schwamm, welches man mit dem Namen Sauce schmückte. Die hungrige Familie tunkte Brot hinein und riß das Fleisch mit den Fingern oder mit den Zähnen auseinander, denn Messer und Gabeln gab es nicht; da aber jeder den gleichen Anteil bekam, so hatte keiner das Recht, den Eklen zu spielen. Ein großer Krug Bier ging von Mund zu Mund. Aber in all diesem Elend sah ich nur fröhliche Gesichter, so daß ich mich fragen mußte: Was ist denn das Glück? Zum Schluß setzte der Tafelgenosse, der den Koch machte, eine zweite Schüssel mit gebratenem Schweinefleisch auf den Tisch. Alles wurde mit großem Appetit vertilgt. Bassi war so freundlich, mich von der Teilnahme an diesem leckeren Male zu entbinden, und ich war ihm dankbar dafür. Nach diesem Kasernen-Festessen erzählte er mir in aller Kürze seine Abenteuer. Sie waren sehr gewöhnlicher Art, wie es die Erlebnisse eines armen Teufels zu sein pflegen. Unterdessen saß seine hübsche Tochter auf meinem Schoß und ermunterte mich nach besten Kräften, sie als Unschuldige zu behandeln. Bassi schloß seine Erzählung mit der Mitteilung, daß er nach Venedig gehe, wo er gewiß sei, während des Karnevals viel Geld zu verdienen. Ich wünschte ihm alles mögliche Glück, und als er mich fragte, welchen Beruf ich hätte, kam ich auf den Einfall, ihm zu antworten, ich sei Arzt. »Dies Geschäft ist besser als das meinige,« sagt« er, »und ich bin glücklich, Ihnen ein bedeutendes Geschenk machen zu können.« »Was ist das für ein Geschenk?« »Das Rezept zum venetianischen Theriak, den Sie zu zwei Gulden das Pfund verkaufen können, während er Ihnen nur vier Groschen kostet.« »Ihr Geschenk wird mir sehr angenehm sein. Aber sagen Sie mir, sind Sie mit Ihren Einnahmen zufrieden?« »Für einen ersten Tag kann ich mich nicht beklagen; denn nach Deckung aller Kosten habe ich jedem Schauspieler einen Gulden geben können. Aber ich bin in großer Verlegenheit wegen der Aufführung für morgen; denn meine Truppe befindet sich im Zustande der Empörung und will nicht spielen, wenn ich nicht jedem einen Gulden vorausbezahle.« »Dies Verlangen ist aber doch recht bescheiden.« »Das weiß ich; aber ich besitze keinen Heller und habe nichts mehr zu versetzen; sonst würde ich auf ihr Verlangen eingehen, und hinterher würde ihnen ihr Benehmen leid tun, denn ich bin sicher, daß ich morgen mindestens fünfzig Gulden einnehmen werde.« »Wie viele sind Sie?« »Vierzehn, meine Familie eingerechnet. Können Sie mir zehn Gulden leihen? Ich werde sie Ihnen morgen nach der Vorstellung wiedergeben.« »Gern. Aber ich möchte das Vergnügen haben, Ihnen allen im nächsten Wirtshause beim Theater ein Abendessen zu geben. Hier sind zehn Gulden.« Der arme Teufel wußte gar nicht, wie er mir danken sollte, und übernahm es, das Abendessen zu einem Gulden für die Person zu bestellen, wie ich ihm gesagt hatte. Ich fühlte ein Bedürfnis, mich zu erheitern und über den Anblick zu lachen, wie vierzehn Hungrige ihren Riesenappetit befriedigten. Am nächsten Tage fand die Vorstellung statt; da aber höchstens dreißig oder vierzig Zuschauer gekommen waren, hatte der arme Bassi kaum so viel, daß er die Musik und die Beleuchtung bezahlen konnte. Er war in Verzweiflung. Natürlich konnte er nicht bezahlen, sondern bat vielmehr, ich möchte ihm noch zehn Gulden leihen, immer auf die Hoffnung hin, daß der nächste Tag eine gute Einnahme bringen werde. Ich tröstete ihn, indem ich ihm sagte, darüber würden wir nach dem Essen sprechen; ich würde ihn mit seiner ganzen Truppe im Gasthof erwarten. Ich ließ das Abendessen drei Stunden lang dauern, indem ich reichlich Markgräfler Wein einschenkte. Ich tat dies, weil eine junge Straßburgerin, die Soubrette der Truppe, mich auf den ersten Blick interessierte und in mir die Begierde erregte, sie zu besitzen. Das Mädchen hatte ein höchst anziehendes Gesicht und dazu eine köstliche Stimme; ich kam gar nicht aus dem Lachen heraus, wenn sie mit dem sonderbaren Elsässer Akzent italienisch sprach und dazu ihre anmutigen und komischen Gesten machte, die ihrem ganzen Wesen einen schwer zu beschreibenden Reiz gaben. Ich beschloß, diese junge Schauspielerin gleich am nächsten Tage in meinen Besitz zu bringen, und sagte daher, bevor ich den Gasthof verließ, zur versammelten Truppe: »Meine Damen und Herren, ich nehme Sie für acht Tage, zu fünfzig Gulden täglich, in meinen Dienst, jedoch unter der Bedingung, daß Sie für meine Rechnung spielen und daß Sie die Kosten des Theaters tragen. Ich mache zur Bedingung, daß Sie die Preise der Plätze so ansetzen, wie ich es wünsche, und daß jeden Abend fünf Mitglieder der Truppe, die ich nach meinem Belieben bezeichnen werde, mit mir speisen. Wenn die Einnahme fünfzig Gulden übersteigt, so teilen Sie sich in den Überschuß.« Mein Vorschlag wurde mit einem Freudengeschrei begrüßt, ich ließ Tinte, Feder und Papier kommen, und wir verpflichteten uns gegenseitig. »Für morgen,« sagte ich zu Bassi, »lasse ich den Preis der Eintrittskarten so, wie er gestern und heute war; für übermorgen wollen wir einmal sehen. Zum Abendessen für morgen lade ich Sie nebst Ihrer Familie und der jungen Straßburgerin ein, die ich nicht von ihrem lieben Harlekin trennen will.« Er kündigte für den nächsten Tag ein Stück an, das geeignet war, eine Menge Leute anzulocken; trotzdem waren im Parkett nur etwa zwanzig Leute niederen Standes, und die Logen blieben beinahe leer. Beim Abendessen kam Bassi, der eine sehr hübsche Vorstellung gegeben hatte, ganz verwirrt auf mich zu und übergab mir zehn oder zwölf Gulden, Ich sagte ihm, er solle nur Mut haben, nahm das Geld und verteilte es unter die anwesenden Gäste. Wir bekamen ein gutes Abendessen, das ich ohne ihr Wissen bestellt hatte, und wir blieben bis Mitternacht bei Tisch. Ich gab ihnen einen guten Wein zu trinken und machte tausend Scherze mit der kleinen Bassi und der hübschen Straßburgerin, die zu meinen Seiten saßen. Ich kümmerte mich wenig um den eifersüchtigen Harlekin, der wegen der Freiheiten, die ich mir mit seiner Schönen herausnahm, böse Gesichter schnitt. Diese ließ sich meine Liebkosungen anscheinend nur ungern gefallen; denn sie hoffte, Harlekin würde sie heiraten, und wollte ihm deshalb keinen Anlaß zum Ärger geben. Als wir mit dem Essen fertig waren, standen wir auf, und ich schloß sie lachend in meine Arme und erwies ihr einige Liebkosungen, die ihrem Liebhaber ohne Zweifel etwas zu weit gingen, denn er riß sie von mir fort. Diese Unduldsamkeit fand ich nun meinerseits ein wenig grob; ich packte ihn an den Schultern und warf ihn mit Fußtritten zur Tür hinaus, was er sich sehr demütig gefallen ließ. Hierdurch wurde jedoch die Geschichte sehr traurig, denn die schöne Straßburgerin weinte heiße Tränen. Bassi und sein häßliches Weib, die in ihrem Gewerbe abgehärtet waren, machten sich über die arme Weinende lustig, und die junge Bassi sagte zu ihr, ihr Liebhaber sei zuerst unhöflich gegen mich gewesen; aber sie schluchzte weiter und sagte mir schließlich, sie würde nicht mehr mit mir zu Abend essen, wenn ich nicht ein Mittel fände, ihren Liebhaber zu versöhnen. »Ich verspreche Ihnen,« antwortete ich, »alles zur allgemeinen Zufriedenheit zu ordnen!« Dabei drückte ich ihr vier Zechinen in die Hand und stimmte sie dadurch so heiter, daß bald nicht mehr das kleinste Wölkchen zu sehen war. Sie wollte mich sogar überzeugen, daß sie nicht grausam sei und es noch weniger sein würde, wenn ich so gut wäre, auf Harlekins Eifersucht Rücksicht zu nehmen, Ich versprach ihr alles, was sie wollte, und sie tat ihr Bestes, um mich zu überzeugen, daß sie bei der ersten Gelegenheit vollkommen gefügig sein würde. Ich befahl Bassi, auf dem Anschlagzettel für den nächsten Tag anzuzeigen, daß die Parkettplätze zwei Gulden und die Logenplätze einen Dukaten kosten, daß dagegen der Olymp für die, die zuerst kamen, gratis eröffnet sein würde. »Wir werden keinen Menschen sehen!« sagte er entsetzt. »Das ist möglich; aber wir wollen's abwarten. Verlangen Sie von der Polizei zwölf Soldaten zur Aufrechterhaltung der Ordnung; ich werde sie bezahlen.« »Die werden wir brauchen, um den Pöbel in Schranken zu halten, der die Gratisplätze stürmen wird; aber die übrigen Plätze ...« »Nochmals: wir wollen's abwarten. Machen Sie es, wie ich es wünsche; ob wir Erfolg haben oder nicht, beim Abendessen werden wir lustig sein wie immer.« Am nächsten Tage suchte ich Harlekin in seinem Dachkämmerchen auf; ich gab ihm zwei Louis und das feierliche Versprechen, seine Geliebte zu respektieren, und machte ihn dadurch geschmeidig wie einen Handschuh. Über Bassis Theaterzettel lachte die ganze Stadt. Man sagte, er sei verrückt, als man aber erfuhr, die Spekulation gehe vom Unternehmer aus, und als der Unternehmer bekannt wurde, da wurde ich für verrückt erklärt. Aber was fragte ich danach! Am Abend war der Olymp schon eine Stunde vor Beginn der Vorstellung überfüllt, aber das Parkett war leer, und in den Logen saßen nur drei Personen: Graf Bamberg, der genuesische Abbate Bolo und ein junger Mann, den ich für eine verkleidete Frau hielt. Die Schauspieler übertrafen sich selber, und der Beifall des Olymps machte die Vorstellung sehr lustig. Im Gasthof bot Bassi mir die eingenommenen drei Dukaten an; natürlich schenkte ich sie ihm, was für ihn den Anfang zu einem gewissen Wohlstand bedeutete. Bei Tisch setzte ich mich zwischen Mutter und Tochter Bassi und ließ meine schöne Straßburgerin neben ihrem Liebhaber sitzen. Ich sagte dem Direktor, er solle nur in gleicher Weise fortfahren, die Leute ruhig lachen lassen und immer seine besten Stücke aufführen. Als das Abendessen und der Wein mich lustig gemacht hatten, ließ ich mich nach meiner Laune mit der jungen Bassi gehen, da ich mit der Straßburgerin wegen ihres Liebhabers nichts anfangen konnte. Die Bassi tat mit Vergnügen alles, was ich wollte; ihr Vater und ihre Mutter lachten nur darüber, während der dumme Harlekin wütend war, daß er es nicht mit seiner Dulzinea ebenso machen konnte. Als ich aber nach dem Essen die Kleine in ihren Naturzustand versetzte und mich selbst im Schmucke Adams zeigte, bevor er den verhängnisvollen Apfel gegessen hatte, da ging der Dummkopf auf die Tür zu, nahm die Straßburgerin am Arm und forderte sie auf, mitzukommen. Nun aber befahl ich ihm mit ernster und gebieterischer Stimme, vernünftig zu sein und dazubleiben. Er war darüber ganz verblüfft und begnügte sich damit, uns den Rücken zuzudrehen. Seine Schöne machte es jedoch nicht wie er: unter dem Vorwande die Kleine zu verteidigen, bei der ich schon ein bequemes Unterkommen gefunden hatte, stellte sie sich so geschickt, daß sie meinen Genuß vermehrte und sich selber einen so großen Genuß verschaffte, wie meine umherschweifende Hand ihr bereiten konnte. Dieses Bacchanal setzte die alte Bassi in Feuer und Flammen; sie trieb ihren Mann an, ihr einen Beweis seiner ehelichen Zärtlichkeit zu geben, und er tat ihr den Willen, während der bescheidene Harlekin, der ans Feuer getreten war, den Kopf in seinen Händen hielt und unbeweglich dastand. Diese Stellung machte die Straßburgerin, die ganz in Feuer war, sich zunutze: sie gab der Natur nach, ließ mich machen, was ich wollte, und trat am Tischrand an die Stelle der kleinen Bassi, die ich soeben verlassen hatte. Ich vollführte das große Werk in der höchsten Vollendung, und ihr heftiges Drücken bewies mir, daß sie zum mindesten ebenso eifrig bei der Sache war wie ich. Zum Schluß der Orgie leerte ich meine Börse auf den Tisch aus und weidete mich an der Gier, womit man sich in einige zwanzig Zechinen teilte. Die Ermüdung infolge der Ausschweifung zu einer Zeit, wo ich meine Kräfte noch nicht vollständig wiedererlangt hatte, hatten mir einen langen Schlaf verschafft. In dem Augenblick, wo ich aufstand, erhielt ich eine Vorladung, im Rathause vor dem Bürgermeister zu erscheinen. Ich war überaus neugierig, zu erfahren, was man von mir wollte, zog mich daher schnell an und ging hin. Ich wußte, daß ich nichts zu befürchten hatte. Als ich vor dem Bürgermeister erschien, redete er mich auf deutsch an; ich spielte jedoch den Tauben, und zwar aus guten Gründen: denn ich konnte kaum ein paar Worte, um das Allernotwendigste fordern zu können. Als er erfahren hatte, daß ich nicht deutsch verstand, sprach er zu mir lateinisch, kein ciceronianisches, sondern Gelehrtenlatein, wie man es überall auf den deutschen Universitäten zu finden pflegt. »Warum,« fragte er mich, »tragen Sie einen falschen Namen?« »Mein Name ist nicht falsch. Erkundigen Sie sich danach bei dem Bankier Carli, der mir fünfzigtausend Gulden ausgezahlt hat.« »Das weiß ich, aber Sie heißen Casanova und nicht Seingalt; warum nahmen Sie diesen letzteren Namen an?« »Ich nehme diesen Namen an, oder vielmehr ich habe ihn angenommen, weil er mir gehört. Er gehört mir vollkommen rechtmäßig, und wenn jemand wagen sollte, ihn zu führen, so würde ich mit allen Mitteln und auf jede Weise ihm dieses Recht bestreiten.« »Ei, wieso gehört Ihnen denn dieser Name?« »Weil er von mir selber stammt; dieses hindert indessen nicht, daß ich Casanova bin.« »Mein Herr, Sie sind entweder der eine oder andere. Sie können nicht zwei Namen zu gleicher Zeit haben.« »Die Spanier und die Portugiesen haben oft ein halbes Dutzend.« »Sie sind aber weder Spanier noch Portugiese, sondern Italiener. Wie kann man sich überhaupt selber einen Namen machen?« »Das ist das einfachste und das leichteste Ding von der Welt.« »Erklären Sie mir das.« »Das Alphabet ist jedermanns Eigentum; das ist unbestreitbar. Ich habe acht Buchstaben genommen und habe sie so zusammengesetzt, daß sie das Wort Seingalt ergeben. Dieses so gebildete Wort hat mir gefallen, und ich habe es als meinen Zunamen angenommen. Da ich die feste Überzeugung habe, daß niemand vor mir diesen Namen getragen hat, so hat niemand das Recht, ihn mir streitig zu machen, und noch weniger das Recht, ihn ohne meine Einwilligung zu führen.« »Es ist ein sehr seltsamer Einfall; aber die Gründe, auf die Sie sich stützen, sind ziemlich gesucht; denn Ihr Name kann nur der Ihres Vaters sein.« »Ich denke, Sie irren sich; denn Ihr eigener Name, den Sie ererbt haben, ist nicht von Ewigkeit her dagewesen; er hat von einem Ihrer Vorfahren gemacht werden müssen, der ihn nicht von seinem Vater empfangen hatte, selbst wenn Sie Adam heißen sollten. Geben Sie dies zu, Herr Bürgermeister?« »Ich muß es zugeben; aber es ist etwas ganz Neues.« »Auch da irren Sie sich wieder. Es ist durchaus nichts Neues, sondern im Gegenteil etwas sehr Altes; ich erbiete mich, Ihnen morgen eine ganze Litanei von Namen zu nennen, die sämtlich von sehr ehrenwerten Leuten erfunden wurden, die noch am Leben sind und sich in aller Ruhe dieses Besitzes erfreuen, ohne daß es einem Menschen einfällt, sie aufs Rathaus zu zitieren, um Rechenschaft darüber abzulegen. Voraussetzung ist natürlich, daß sie den Namen nicht nach ihrem Belieben wieder ablegen, denn dadurch würden sie die Gesellschaft schädigen.« »Sie werden doch zugeben, daß es Gesetze gegen falsche Namen gibt?« »Gewiß: gegen falsche Namen; aber ich wiederhole Ihnen: mein Name ist vollkommen echt. Der Ihrige, den ich achte, ohne ihn zu kennen, kann nicht echter sein als der meinige; denn möglicherweise sind Sie nicht der Sohn desjenigen, den Sie für Ihren Vater halten. Er lächelte, stand auf und begleitete mich an die Tür, wo er mir sagte, er werde sich bei Herrn Carli nach mir erkundigen. Da ich ebenfalls zu diesem gehen mußte, so tat ich es sofort. Er lachte über die Geschichte und sagte mir, der Bürgermeister sei Katholik, ein braver und reicher Mann, aber ein bißchen dumm; im ganzen eine gute Haut, mit der man alles machen könnte. Am nächsten Morgen bat Herr Carli mich um ein Frühstück und lud mich ein, mit ihm bei demselben Bürgermeister zu Mittag zu essen. »Ich habe ihn gestern gesehen,« sagte er, »und in einer langen Besprechung, die ich mit ihm hatte, habe ich seine Bedenken in bezug auf Namen so gründlich widerlegt, daß er jetzt vollkommen Ihrer Ansicht ist.« Ich nahm die Einladung mit Vergnügen an; denn ich sah voraus, daß ich gute Gesellschaft finden würde. Ich täuschte mich nicht; es waren reizende Frauen und mehrere liebenswürdige Herren da. Unter anderen fand ich auch die verkleidete Dame, die ich in der Komödie gesehen hatte. Ich ließ es mir angelegen sein, sie während des Essens zu beobachten, und überzeugte mich bald, daß mein Urteil richtig gewesen war. Alle Anwesenden sprachen jedoch mit ihr, wie wenn sie ein Mann gewesen wäre, und sie führte ihre Rolle sehr gut durch. Ich war in heiterer Stimmung und wollte nicht für einen Dummkopf gelten; darum griff ich sie höflichst in schonendem Tone an, richtete nur galante Bemerkungen an sie, wie an eine Frau; in meinen Anspielungen und zweideutigen Bemerkungen drückte ich, wenn auch nicht die sichere Überzeugung von ihrem Geschlecht, so doch mehr als Zweifel aus. Sie tat, wie wenn sie nichts davon merkte und die Gesellschaft lachte verstohlen über meinen vermeintlichen Irrtum. Als wir nach Tisch den Kaffee einnahmen, zeigte der angebliche Herr einem Kanonikus ein Porträt an einem Ringe, den er am Finger trug. Dieses Porträt stellte ein in der Gesellschaft anwesendes Fräulein dar und war sehr ähnlich, was nicht schwer war, da das Original häßlich war. Meine Überzeugung wurde hierdurch erschüttert, aber ich wurde nachdenklich, als ich sah, wie er ihr mit achtungsvoller Zärtlichkeit die Hand küßte; ich unterließ von nun an meine Scherze. Herr Carli benutzte einen günstigen Augenblick, um mir zu sagen, daß er trotz seinem weiblichen Aussehen ein Mann sei und im Begriff stehe, das Fräulein zu heiraten, dem er die Hand geküßt habe. »Das kann sein,« antwortete ich; »aber ich kann es kaum begreifen.« Tatsächlich heiratete er sie jedoch während des Karnevals und erhielt eine glänzende Mitgift; aber nach einem Jahr starb das arme betrogene Mädchen vor Kummer, dessen Grund sie erst auf dem Totenbette angab. Ihre dummen Eltern schämten sich, daß sie sich auf so plumpe Weise hatten betrügen lassen, und wagten nichts zu sagen. Sie ließen das betrügerische Frauenzimmer verschwinden, das so vorsichtig gewesen war, die Mitgift zur rechten Zeit in Sicherheit zu bringen. Noch jetzt lacht die gute Stadt Augsburg über diese Geschichte, die bald bekannt wurde; sie verschaffte mir, allerdings ein bißchen zu spät, einen Ruf von großem Scharfsinn. Ich genoß mein Leben mit meinen beiden Tischgenossinnen und mit der schönen Straßburgerin, die mir etwa hundert Louis kostete. Nach acht Tagen entließ ich Bassi aus seinem Vertrage, der ihm inzwischen einiges Geld eingebracht hatte. Er spielte weiter, indem er die Plätze wieder für den gewöhnlichen Preis hergab und den freien Eintritt zum Olymp wieder aufhob. Er machte ziemlich gute Geschäfte. Gegen Mitte Dezember verließ ich Augsburg. Ich war sehr traurig wegen der reizenden Gertrud, die sich für schwanger hielt, sich aber nicht entschließen konnte, mit mir nach Frankreich zu reisen. Ich hätte sie gerne mitgenommen, und ihr Vater wäre damit einverstanden gewesen; da er nicht daran dachte, ihr einen Mann zu verschaffen, hätte er sich gefreut, wenn er sie mir hätte zur Freundin geben und dadurch los werden können. In fünf oder sechs Jahren später werden wir wieder von diesem guten Mädchen wie auch von der ausgezeichneten Köchin Anna Midel sprechen, der ich vierhundert Gulden schenkte. Sie verheiratete sich nach einiger Zeit, und als ich zum zweiten Male nach Augsburg kam, hatte ich den Schmerz, sie unglücklich zu finden. Leduc, dem ich nicht hatte verzeihen können, reiste auf dem Kutscherbock; als wir in Paris waren, ließ ich ihn mitten in der Rue St. Antoine mit seinem Koffer absteigen und auf der Straße stehen, ohne ihm ein Zeugnis zu geben, so sehr er mich auch bat. Ich habe niemals wieder etwas von ihm gehört und bedaure seinen Verlust noch jetzt, denn er war ein ausgezeichneter Diener, obgleich er sehr große Fehler hatte. Vielleicht hätte ich mich der wichtigen Dienste erinnern sollen, die er mir in Stuttgart, Solothurn, Neapel, Florenz und Paris geleistet hatte; aber ich war entrüstet über die Frechheit, womit er mich vor dem Augsburger Magistrat bloßgestellt hatte. Ich wäre entehrt gewesen, wenn mein Geist mir nicht das Mittel eingegeben hätte, ihn eines Diebstahls zu überführen, dessen man sonst mich für schuldig gehalten hätte. Ich hatte viel für ihn getan, indem ich ihn aus den Händen der Gerechtigkeit errettete; übrigens hatte ich ihn in freigebigster Weise jedesmal belohnt, so oft ich mich seiner Treue oder seines Gehorsams zu erfreuen gehabt hatte. Von Augsburg reiste ich über Konstanz nach Basel, wo ich im teuersten Gasthof der Schweiz abstieg. Der Besitzer Imhoff war ein Schinder allerersten Ranges; ich fand jedoch seine Töchter liebenswürdig, und nachdem ich mich drei Tage amüsiert hatte, setzte ich meinen Weg fort. Am letzten Tage des Jahres 1761 kam ich in Paris an und stieg in der Rue du Bac in der Wohnung ab, die meine Vorsehung, Frau von Urfé, mit ausgesuchter Eleganz für mich hatte einrichten lassen. In dieser hübschen Wohnung verbrachte ich volle drei Wochen, ohne irgendwohin zu gehen, um die gute Dame zu überzeugen, daß ich nur nach Paris zurückgekehrt wäre, um mein Wort einzulösen und ihre Wiedergeburt als Mann zu bewirken. Wir machten während dieser drei Wochen die nötigen Vorbereitungen für die göttliche Operation. Diese bestand darin, jedem der Genien der sieben Planeten an den ihnen geweihten Tagen einen besonderen Kultus darzubringen. Nach diesen Vorbereitungen sollte ich an einem Ort, der mir durch Eingebung der Genien bekannt werden würde, eine Jungfrau, Tochter eines Adepten, abholen und diese durch ein Mittel, das nur den Rosenkreuzern bekannt wäre, mit einem Knaben befruchten. Dieser Sohn sollte lebend geboren werden, aber nur mit einer sensitiven Seele begabt sein. Frau von Urfé sollte ihn im Augenblick seiner Geburt in ihren Armen empfangen und ihn sieben Tage lang in ihrem eigenen Bett bei sich behalten. Nach Ablauf dieser sieben Tage sollte sie sterben und dabei ihren Mund auf den des Kindes gepreßt halten, das auf diese Weise ihre intelligente Seele empfangen würde. Nach dieser Seelenvertauschung sollte mir die Aufgabe zufallen, das Kind mit dem mir bekannten Zaubermittel aufzuziehen; sobald das Kind das dritte Jahr erreicht hätte, sollte Frau von Urfé in ihm wieder zum Bewußtsein gelangen, und alsdann sollte ich beginnen, sie in die vollkommensten Kenntnisse der Großen Wissenschaft einzuweihen. Die Operation sollte während des Vollmondes im April, Mai oder Juni stattfinden. Vor allen Dingen sollte Frau von Urfé ein Testament in aller Form machen, um das Kind, dessen Vormund ich bis zu seinem dreizehnten Jahre sein sollte, als Universalerben einzusetzen. Die erhabene Wahnsinnige fand, die Operation sei von einer in die Augen springenden Wahrheit; sie brannte vor Ungeduld, die Jungfrau zu sehen, die das auserwählte Gefäß sein sollte, und bat mich dringend, meine Reise zu beschleunigen. Indem ich mein Orakel in dieser Weise sprechen ließ, hatte ich gehofft, ihr einigen Widerwillen einzuflößen; denn schließlich mußte sie doch dabei sterben, und ich rechnete auf die natürliche Lebenslust, um die Sache in die Länge zu ziehen. Da ich jedoch fand, daß genau das Gegenteil der Fall war, so sah ich mich in die Notwendigkeit versetzt, ihr wenigstens dem Anschein nach Wort zu halten und die geheimnisvolle Jungfrau herbeizuschaffen. Ich sah, daß ich eine Spitzbübin brauchte, die ich abrichten mußte, und ich warf meine Augen auf die Corticelli. Sie mußte seit neun Monaten in Prag sein, und ich hatte ihr in Bologna versprochen, sie vor Ablauf des Jahres zu besuchen. Aber ich kam aus Deutschland, von wo ich nicht allzu angenehme Erinnerungen mitgebracht hatte, und die Reise erschien mir zu lang für die Jahreszeit, besonders wegen einer so unbedeutenden Sache. Ich beschloß daher, mir die Mühe dieser Reise zu ersparen und sie nach Frankreich kommen zu lassen, indem ich ihr das nötige Reisegeld schickte und ihr den Ort bezeichnete, wo ich sie erwarten würde. Ein Freund der Frau von Urfé, Herr von Fouquet, war Intendant von Metz; ich war überzeugt, daß dieser hohe Herr mir einen ausgezeichneten Empfang bereiten würde, wenn ich mich ihm mit einem Briefe seiner Freundin vorstellte. Außerdem war sein Neffe, Graf von Lastic, den ich sehr gut kannte, dort bei seinem Regiment. Aus diesen Gründen wählte ich Metz, um dort die Jungfrau Corticelli zu erwarten, die wohl kaum erwartete, daß ich sie zu einer solchen Rolle bestimmte. Nachdem mir Frau von Urfé so viele Empfehlungen gegeben hatte, wie ich wünschte, verließ ich Paris am 25. Januar 1762, reich beladen mit Geschenken und mit starken Kreditbriefen versehen, von welchen ich keinen Gebrauch machte, weil meine Börse überreichlich gefüllt war. Ich nahm keinen Bedienten, denn nach Costas Diebstahl und Leducs Gaunerei hatte ich das Gefühl, daß ich mich keinem mehr anvertrauen dürfte. In zwei Tagen gelangte ich nach Metz, wo ich in dem ausgezeichneten Gasthof Zum König Dagobert abstieg. Ich fand dort den schwedischen Grafen Löwenhaupt, den ich bei der in Paris lebenden Fürstin von Anhalt-Zerbst, der Mutter der Kaiserin von Rußland, kennen gelernt hatte. Er lud mich zum Abendessen mit dem Herzog von Zweibrücken ein, der allein und inkognito nach Paris reiste, um Ludwig dem Fünfzehnten, dessen treuer Freund er bis zu seinem Tode war, einen Besuch zu machen. Am Tage nach meiner Ankunft gab ich meinen Brief beim Intendanten ab, der mich für alle Tage zum Mittagessen einlud. Herr von Lastic war nicht in Metz; dieses tat mir leid, denn er würde viel dazu beigetragen haben, meinen Aufenthalt in der schönen Stadt angenehm zu machen. Am selben Tage schickte ich fünzig Louis an die Corticelli und schrieb ihr, sie möchte mit ihrer Mutter zu mir kommen, sobald sie frei wäre, und sich von einem des Weges kundigen Mann begleiten lassen. Sie konnte Prag erst zu Beginn der Fastenzeit verlassen; um sicher zu sein, daß sie mich nicht im Stich lassen würde, versprach ich ihr in meinem Brief, ihr Glück zu machen. In vier oder fünf Tagen war ich in der Stadt sehr gut bekannt, ich vermied jedoch Gesellschaften, um ins Theater zu gehen, wo eine Dame der komischen Oper mich gefesselt hatte. Sie hieß Raton und war fünfzehn Jahre alt, das heißt, nach der Mode der Bühnenkünstlerinnen, die stets mindestens zwei oder drei Jahre unterschlagen – eine Schwäche übrigens, die allen Frauen gemeinsam ist, und die man ihnen wohl vergeben muß, da für sie Jugend der höchste Vorzug ist. Raton war nicht eigentlich schön, aber sehr anziehend; besonders aber wurde sie deshalb begehrt, weil sie ihre Jungfernschaft zum Preise von fünfundzwanzig Louis ausgeboten hatte. Für einen Louis konnte man eine Nacht mit ihr zubringen, um den Versuch zu machen; die fünfundzwanzig sollten erst fällig sein, wenn es dem Neugierigen gelingen würde, das Werk zu vollbringen. Es war stadtkundig, daß mehrere Offiziere und junge Parlamentsräte den Versuch erfolglos gemacht hatten; jeder hatte seinen Louis bezahlt. Die Geschichte war zu pikant, als daß ich dem Wunsch hätte widerstehen können, einen Versuch zu machen. Ich ließ mich also sofort vormerken; da ich mich aber nicht anführen lassen wollte, traf ich meine Vorsichtsmaßregeln. Ich sagte der Schönen, sie solle zu mir zum Souper kommen; ich würde ihr fünfundzwanzig Louis geben, wenn ich vollständig glücklich wäre; im entgegengesetzten Fall jedoch sollte sie sechs Louis statt einen erhalten, vorausgesetzt, daß sie nicht versperrt wäre. Ihre Tante versicherte mir, diesen Mangel würde ich nicht an ihr finden. Ich erinnerte mich Victorinens. Raton kam mit ihrer Tante, die uns nach Tisch verließ, um die Nacht in einer Nebenkammer zu verbringen. Das Mädchen war ein Meisterwerk vollendeter Formen, und mich berauschte der Gedanke, das liebliche, lachende Geschöpf ganz zu meiner Verfügung zu haben und für die Eroberung dieses, nicht goldenen, sondern ebenholzschwarzen Vlieses zu streiten, das die glänzendste Jugend von Metz vergeblich zu erringen sich bemüht hatte. Der Leser wird vielleicht denken, daß mich, der ich nicht mehr in der ersten Jugendkraft stand, die vergeblichen Bemühungen so vieler anderer hätten entmutigen sollen; aber ganz im Gegenteil: ich kannte mich und lachte nur darüber. Die Herren, die den Versuch unternommen hatten, waren Franzosen, die es besser verstanden, Festungen mit Sturm zu nehmen als die List einer jungen Spitzbübin zu vereiteln, die sich beiseite zu stehlen weiß. Als Italiener kannte ich das, und ich hatte meine Vorbereitungen getroffen, so daß ich nicht am Siege zweifelte. Aber meine Vorbereitungen waren überflüssig, denn sobald Raton in meinen Armen lag und an der Art meines Angriffs merkte, daß ihre List wirkungslos war, kam sie meinen Wünschen entgegen, ohne den Betrug zu versuchen, der sie in den Augen unerfahrener Kämpfer als etwas erscheinen ließ, was sie nicht mehr war. Sie gab sich ehrlich hin, und als ich ihr Geheimhaltung versprach, erwiderte sie Glut mit Glut. Sie war nicht mehr bei ihrem ersten Probestück, und ich hätte folglich nicht mehr nötig gehabt, ihr die fünfundzwanzig Louis zu geben; aber ich war zufrieden, und da mir an der Erstlingsschaft wenig lag, so belohnte ich sie, wie wenn ich der erste gewesen wäre, der von dieser Traube naschte. Ich behielt Raton bis zur Ankunft der Corticelli für einen Louis täglich bei mir, und sie mußte mir wohl treu bleiben, denn ich ließ sie nicht aus den Augen. Der Umgang mit diesem jungen Mädchen, das einen durchaus liebenswürdigen Charakter hatte, bekam mir so wohl, daß es mir sehr leid tat, meine Italienerin erwarten zu müssen, deren Ankunft man mir eines Tages in dem Augenblick meldete, als ich aus meiner Loge trat, um mich nach Hause zu begeben. Mein Lohndiener sagte mir laut, meine Frau Gemahlin mit meiner Tochter und einem Herrn sei soeben aus Frankfurt angekommen und erwarte mich im Gasthof. »Dummkopf,« sagte ich zu ihm, »ich habe weder Frau noch Tochter.« Trotzdem wußte am nächsten Tage ganz Metz, daß meine Familie angekommen sei. Die Corticelli fiel mir nach ihrer Gewohnheit lachend um den Hals, und die Alte stellte mir den ehrenwerten Herrn vor, der sie von Prag nach Metz begleitet hatte. Es war ein Italiener, namens Monti, der seit langen Jahren in Prag wohnte, wo er italienischen Unterricht gab. Ich ließ Herrn Monti und der Alten eine anständige Wohnung geben, und dann führte ich den jungen Tollkopf auf mein Zimmer. Ich fand sie zu ihrem Vorteil verändert: sie war größer geworden, ihre Formen hatten sich mehr entwickelt, und ihre anmutigen Manieren machten vollends aus ihr ein sehr hübsches Mädchen. Siebzehntes Kapitel Ich kehre mit der zur Gräfin Lascaris gemachten Corticelli nach Paris zurück. – Mißlungene Geschlechtsverwandlung. – Aachen. – Zweikampf. – Mimi d'Ache. – Verrat der Corticelli, der jedoch auf sie selbst zurückfällt. – Reise nach Sulzbach. »Und warum, du Närrin, hast du deiner Mutter erlaubt, sich für meine Frau auszugeben; glaubst du, dies sei für mich sehr schmeichelhaft? Sie hätte sich für deine Gesellschaftsdame ausgeben müssen, wenn sie dich für meine Tochter gelten lassen wollte.« »Meine Mutter ist eigensinnig; sie würde sich lieber prügeln lassen als für meine Gesellschaftsdame gelten. Denn in ihrem beschränkten Verstande verwechselt sie die Bedeutung von Gesellschaftsdame und Kupplerin.« »Das ist dumm und verrückt; aber ich werde sie mit Güte oder mit Gewalt zur Vernunft bringen. Du bist ja, wie ich sehe, gut ausgestattet; es ist dir also gut ergangen?« »Ich hatte in Prag den Grafen N... gewonnen, und dieser war freigebig. Vor allem aber, lieber Freund, bitte ich dich, Herrn Monti nach Hause zu schicken. Der brave Mann hat seine Familie in Prag: er kann nicht lange hier bleiben.« »Du hast recht, ich werde ihn sofort heimschicken.« Der Postwagen fuhr am selben Abend nach Frankfurt ab; ich ließ Monti rufen, dankte ihm für seine Gefälligkeit und belohnte ihn reichlich; er reiste sehr zufrieden ab. Da ich in Metz nichts mehr zu tun hatte, verabschiedete ich mich von meinen neugewonnenen Bekannten. Die zweite Nacht schlief ich in Nancy und schrieb von dort aus an Frau von Urfé, ich käme mit meiner Jungfrau, dem letzten Sproß der Familie Lascaris, die in Konstantinopel regiert hätte. Ich bat sie, das junge Mädchen aus meinen Händen in einem Landhause zu empfangen, das ihrer Familie gehörte, und wo wir notwendigerweise einige Tage bleiben müßten, um uns mit etlichen kabbalistischen Zeremonien zu beschäftigen. Sie antwortete mir, sie erwarte mich in Pont-Carré, einem alten Schloß, vier Stunden von Paris, und werde dort die junge Prinzessin mit aller Freundschaft empfangen, die sie nur wünschen könne. »Ich schulde ihr dies um so mehr,« schrieb die großartige Närrin, »da die Familie Lascaris mit der Familie Urfé verschwägert ist, und da ich aus der Frucht wiedererstehen soll, die dem Schoße dieser glücklichen Jungfrau entsprießen wird.« Ich fühlte, daß ich ihre Begeisterung zwar nicht abkühlen, wohl aber in Zaum halten konnte und von Ausbrüchen abhalten mußte. Ich schrieb ihr daher sofort über dieses Kapitel und setzte ihr auseinander, warum sie sich damit begnügen müsse, das Mädchen als Gräfin zu behandeln. Zum Schluß meldete ich ihr, wir würden mit der Gesellschaftsdame der jungen Lascaris am Montag der Karwoche eintreffen. Ich verbrachte in Nancy ein Dutzend Tage damit, meinem jungen Tollkopf Instruktionen zu geben und ihre Mutter davon zu überzeugen, daß sie sich damit begnügen müßte, die bescheidene Dienerin der Gräfin Lascaris zu sein. Dies gelang mir mit großer Mühe; ich mußte ihr nicht nur vorstellen, daß ihr Glück von ihrem unbedingten Gehorsam abhänge, sondern ich mußte ihr sogar drohen, sie allein nach Bologna zurückzuschicken. Ich habe meine Hartnäckigkeit tief bereut. Der Eigensinn der alten Frau war eine Eingebung meines guten Geistes, der mir den schwersten Fehler ersparen wollte, den ich je in meinem Leben begangen habe! Am verabredeten Tage kamen wir in Pont-Carré an. Frau von Urfé, der ich die Stunde unserer Ankunft angezeigt hatte, ließ die Zugbrücke des Schlosses herunter und stand über dem Tor inmitten aller ihrer Leute, wie ein General, der uns die Festung mit allen Kriegsehren hätte übergeben wollen. Die liebe Dame, die nur darum verrückt war, weil sie zu viel Geist hatte, empfing die falsche Prinzessin so ausgezeichnet, daß diese sehr erstaunt darüber gewesen wäre, hätte ich sie nicht vorsichtigerweise darauf vorbereitet. Sie drückte sie mit überströmender mütterlicher Zärtlichkeit dreimal in ihre Arme, nannte sie ihre herzlich geliebte Nichte und erzählte ihr die ganze Genealogie der Häuser Urfé und Lascaris, um ihr nachzuweisen, inwiefern sie ihre Tante wäre. Es überraschte mich sehr angenehm, daß die ausgelassene Italienerin ihr mit einer Miene herablassender Würde zuhörte und nicht einen Augenblick lachte, obgleich ihr diese Komödie sehr lächerlich erscheinen mußte. Sobald wir das Haus betreten hatten, brachte die Fee geheimnisvolle Rauchopfer; sie beräucherte die Neuangekommene, die diese Ehre mit der ganzen Bescheidenheit einer Operngöttin hinnahm und sich hierauf in die Arme der Priesterin stürzte, die sie mit der größten Begeisterung empfing. Bei Tisch war die Gräfin lustig, anmutig und unterhaltsam; dies gewann ihr die Liebe von Frau von Urfé, die durchaus nicht erstaunt war, daß sie nur gebrochen französisch sprach. Dame Laura, die nur italienisch verstand, kam gar nicht in Betracht. Man gab ihr ein gutes Zimmer; sie aß dort und verließ es nur, um in die Messe zu gehen. Schloß Pont-Carré war eine Art Festung, die zur Zeit der Bürgerkriege mehrere Belagerungen bestanden hatte. Das Schloß war viereckig, wie schon sein Name besagt; an den vier Ecken befanden sich zinnengekrönte Türme, und es war von einem breiten Graben umgeben. Die Gemächer waren groß und reich, aber altertümlich möbliert. Die Luft wurde von giftigen Mücken verpestet, die uns beinahe aufaßen und uns sehr schmerzhafte Beulen im Gesicht verursachten; ich hatte mich jedoch verpflichtet, acht Tage dort zu verbringen, und es wäre für mich sehr schwer gewesen, einen Vorwand zu finden, um diese Zeit abzukürzen. Die Schloßherrin ließ neben ihrem Bett ein zweites für ihre Nichte aufschlagen; ich hatte jedoch nicht zu befürchten, daß sie versuchen würde, sich von ihrer Jungfernschaft zu überzeugen, denn das Orakel hatte ihr dies verboten, mit der Drohung, daß dadurch die Operation, die wir auf den vierzehnten Tag des Aprilmondes angesetzt hatten, wirkungslos bleiben würde. An jenem Tag nahmen wir ein einfaches Abendessen ein, worauf ich mich zu Bett legte. Eine Viertelstunde darauf fühlte Frau von Urfé mir die Jungfrau Lascaris zu. Sie entkleidete sie, parfümierte sie und legte ihr einen herrlichen Schleier an. Nachdem sie sie an meine Seite gelegt hatte, blieb sie; denn sie wollte bei der Operation anwesend sein, deren Ergebnis neun Monate später ihre Wiedergeburt sein sollte. Der Akt wurde in aller Form vollzogen; als dies geschehen war, ließ die Schloßherrin uns für die Nacht allein, die wir aufs beste anwendeten. Hierauf schlief die Gräfin bis zum letzten Tage des Mondes bei ihrer Tante. An diesem Tage mußte ich das Orakel befragen, um zu erfahren, ob die junge Lascaris nach meiner Operation, empfangen habe. Dies konnte wohl sein, denn es war nichts versäumt worden, um dieses Ziel zu erreichen; ich hielt es jedoch für vorsichtiger, ihr antworten zu lassen, die Operation sei mißlungen, weil der kleine d'Aranda hinter einem Bettschirm alles gesehen habe. Frau von Urfé war in Verzweiflung darüber; ich tröstete sie jedoch durch eine zweite Antwort, worin das Orakel ihr sagte, was im Aprilmonat in Frankreich nicht gelungen sei, könne wohl im Maimonat außerhalb des Königreichs gelingen; sie müsse jedoch den neugierigen Knaben, dessen Einfluß so verhängnisvoll gewesen sei, mindestens auf ein Jahr hundert Meilen von Paris fortschaffen. Das Orakel gab zugleich an, wie d'Aranda reisen sollte: er müßte einen Hofmeister, einen Bedienten und eine gute Ausstattung haben. Das Orakel hatte gesprochen, mehr war nicht nötig. Frau von Urfé dachte sofort an einen Abbé, den sie liebte, und der junge d'Aranda wurde mit dringenden Empfehlungen an ihren Verwandten Herrn von Rochebaron nach Lyon geschickt. Der Jüngling war hocherfreut, daß er auf Reisen gehen solle, und hat niemals die geringste Ahnung von der kleinen Verleumdung gehabt, die ich mir erlaubte, um ihn zu entfernen. Daß ich so handelte, geschah nicht aus reiner Laune. Ich hatte auf das deutlichste bemerkt, daß die Corticelli in ihn verliebt war und daß ihre Mutter das Verhältnis begünstigte. Ich hatte sie zweimal auf ihrem Zimmer mit dem jungen Mann überrascht, der sich aus ihr nicht mehr machte, als ein heranwachsender Jüngling sich überhaupt aus Mädchen macht. Da ich die Absichten meiner Italienerin nicht billigte, so ärgerte Signora Laura sich, daß ich mich der Neigung ihrer Tochter widersetzte. Die Hauptsache war nun, den Ort im Auslande zu bestimmen, wohin wir uns begeben sollten, um die geheimnisvolle Operation zu erneuern. Wir entschieden uns für Aachen, und in fünf oder sechs Tagen war alles zu unserer Reise bereitet. Die Corticelli war böse auf mich, daß ich ihr den Gegenstand ihrer Liebe entrissen hatte. Sie machte mir heftige Vorwürfe darüber und begann sich ungezogen gegen mich zu benehmen; sie verstieg sich sogar zu Drohungen, falls ich den hübschen Jungen, wie sie ihn nannte, nicht zurückkommen ließe. »Es kommt Ihnen nicht zu, eifersüchtig zu sein,« sagte sie zu mir, »ich bin meine eigene Herrin.« »Zugegeben, meine Schöne; aber in der Lage, in die ich dich versetzt habe, kommt es mir zu, dich davon abzuhalten, daß du dich wie eine Prostituierte beträgst.« Die Mutter wurde wütend und sagte nur, sie wolle mit ihrer Tochter nach Bologna zurückkehren; um sie zu beruhigen, versprach ich ihr, ich würde sie nach unserer Aachener Reise selber hinbringen. Trotz dieser scheinbaren Aussöhnung war ich nicht ruhig; ich befürchtete Scherereien und beschleunigte daher meine Abreise. Im Mai fuhren wir ab. In einer Berline saß ich mit Frau von Urfé, der falschen Lascaris und einem Kammermädchen namens Brognole. Ein zweisitziges Kabriolett folgte; in ihm fuhren Signora Laura und eine Kammerzofe. Zwei Bediente in großer Livree saßen auf dem Bock der Berline. Wir ruhten uns einen Tag in Brüssel aus und einen zweiten in Lüttich. In Aachen fanden wir eine große Menge sehr vornehmer Fremde, und auf dem ersten Ball stellte Frau von Urfé meine Lascaris zwei mecklenburgischen Prinzessinen als ihre Nichte vor. Die falsche Gräfin empfing ihre Freundlichkeiten mit bescheidener Anmut; sie erregte die besondere Aufmerksamkeit des Markgrafen von Bayreuth und seiner Tochter, der Herzogin von Württemberg, die sie völlig in Beschlag nahmen und sie erst am Ende des Balles wieder freigaben. Ich stand wie auf Dornen, denn ich hatte Angst, meine Heldin möchte sich durch irgendeinen Kulissenstreich verraten. Sie tanzte mit einer Anmut, die ihr die Aufmerksamkeit und den Beifall der ganzen Gesellschafft verschaffte. Man machte mir Komplimente darüber. Ich litt Höllenqualen, denn diese Komplimente kamen mir boshaft vor; ich glaubte, jeder hätte in der Gräfin die verkleidete Operntänzerin erraten, und ich hielt mich für entehrt. Als ich einen Augenblick Gelegenheit hatte, mit dem ausgelassenen Mädchen unter vier Augen zu sprechen, beschwor ich sie, wie ein Fräulein von Stande und nicht wie eine Ballettfigurantin zu tanzen; sie aber war stolz auf ihre Erfolge und wagte mir zu antworten, ein Fräulein von Stande könne recht wohl wie eine Tänzerin tanzen; sie würde niemals sich dazu herbeilassen, mir zuliebe schlecht zu tanzen. Dieses Benehmen machte mir die Schamlose so zum Ekel, daß ich mich ihrer sofort entledigt haben würde, hätte ich nur gewußt, wie ich es anfangen sollte. Innerlich gelobte ich ihr jedoch, aufgeschoben sollte nicht aufgehoben sein. Mag es ein Laster oder eine Tugend sein – die Rache erlischt in meinem Herzen erst, wenn sie befriedigt ist. Am Tage nach diesem Ball schenkte Frau von Urfé ihr ein Schmuckkästchen mit einer sehr schönen brillantenbesetzten Uhr, ein paar Ohrringen mit Diamanten und einen Ring, dessen Kasten eine fünfzehnkarätige Diamantrose trug. Das Ganze hatte einen Wert von sechzigtausend Franken. Ich nahm den Schmuck an mich, damit sie nicht auf den Einfall käme, ohne meine Einwilligung abzureisen. Um mir die Langeweile zu vertreiben, spielte ich; ich verlor mein Geld und machte schlechte Bekanntschaften. Die schlechteste von allen aber war die eines jungen Offiziers d'Aché, der eine hübsche Frau und noch hübschere Tochter hatte. Diese Tochter bemächtigte sich bald des Platzes, den die Corticelli bereits nur noch sehr oberflächlich in meinem Herzen eingenommen hatte; sobald jedoch Frau von Aché bemerkte, daß ich ihre Tochter ihr vorzog, nahm sie meine Besuche nicht mehr an. Ich hatte d'Aché zehn Louis geliehen und glaubte mich daher bei ihm über das Benehmen seiner Frau beklagen zu dürfen; er antwortete mir jedoch in scharfem Ton: da ich nur wegen der Tochter in seine Wohnung komme, so habe seine Frau recht. Seine Tochter könne Anspruch darauf machen, einen Gatten zu finden, und wenn ich gute Absichten habe, brauche ich mich nur ihrer Mutter zu erklären. An diesen Worten war allerdings weiter nichts beleidigend als der Ton, aber ich fühlte mich durch diesen wirklich verletzt; da ich jedoch den Mann als einen rohen Grobian und Trunkenbold kannte, der stets bereit war, um ein Ja oder Nein die Klinge zu kreuzen, so entschloß ich mich, zu schweigen und die Tochter zu vergessen; denn ich wollte mich nicht mit einem solchen Menschen bloßstellen. Ich war von meiner Phantasie für die Tochter einigermaßen geheilt, als ich vier Tage nach diesem Gespräch einen Billardsaal betrat, wo d'Aché mit einem Schweizer Offizier in schwedischen Diensten, namens Schmitt, spielte. Als d'Aché mich erblickte, fragte er mich, ob ich um die zehn Louis wetten wolle, die er mir schuldig sei. Da die Partie gerade begann, so antwortete ich ihm: »Topp! Also zwanzig oder nichts!« Als gegen Ende der Partie d'Aché sich im Nachteil sah, machte er einen so offenbar unredlichen Stoß, daß der Billardkellner es ihm sagte; d'Aché aber, der durch diesen Stoß gewonnen hatte, bemächtigte sich des Goldes, das im Beutel lag, und steckte es in die Tasche, ohne auf die Bemerkungen des Kellners und seines Gegners zu achten. Als dieser sich angeführt sah, versetzte er dem Gauner mit dem Queue einen Schlag übers Gesicht. D'Aché hatte den Schlag gemildert, indem er ihn zum Teil mit dem Arm parierte, er zog den Degen und stürzte sich auf Schmitt, der waffenlos war. Der Kellner, ein kräftiger junger Mensch, packte d'Aché um den Leib und verhinderte den Mord. Der Schweizer ging hinaus und sagte: »Auf Wiedersehen.« Der Spitzbube war inzwischen ruhig geworden, er sah mich an und sagte: »Wir sind also quitt.« »Sehr quitt.« »Das ist alles ganz schön, aber zum Teufel nochmal, Sie waren in der Lage, mir eine Beschimpfung zu ersparen, die mich entehrt.« »Ich hätte das gekonnt, aber mich zwang nichts dazu, übrigens müssen Sie Ihre Rechte kennen. Schmitt hatte seinen Degen nicht bei sich; aber ich halte ihn für einen beherzten Mann, und er wird Ihnen Genugtuung geben, wenn Sie Mut genug haben, ihm sein Geld wiederzugeben, da Sie nun doch mal verloren haben.« Ein Offizier, namens de Pyène, nahm mich auf die Seite und sagte mir, er würde mir selber die zwanzig Louis bezahlen, die d'Aché in die Tasche gesteckt hätte; aber Schmitt müßte ihm mit dem Degen in der Hand Genugtuung geben. Ich versprach ihm ohne Zaudern, daß der Schweizer diese Pflicht erfüllen würde, und erbot mich, ihm am nächsten Tage eine bejahende Antwort nach derselben Stelle zu überbringen. Ich konnte nicht daran zweifeln, daß Schmitt mich nicht Lügen strafen würde: ein Ehrenmann, der eine Waffe trägt, muß stets bereit sein, sich ihrer zu bedienen, um eine Beleidigung zurückzuweisen, die seine Ehre verletzt, oder um für eine Beleidigung, die er etwa zugefügt hat, Genugtuung zu geben. Ich weiß, dies ist ein Vorurteil, das man, vielleicht mit Recht, barbarisch nennt. Aber es gibt gesellschaftliche Vorurteile, denen ein Mann von Ehre sich nicht entziehen kann, und ich hielt Schmitt für einen tadellosen Mann. Bei Tagesanbruch begab ich mich zu ihm; er lag noch im Bett und sagte, sobald er mich sah: »Ich bin überzeugt, Sie wollen mich einladen, mich mit d'Aché zu schlagen. Ich bin gern bereit, einen Schuß loszuknallen, wenn ihm das Vergnügen macht, aber nur unter der Bedingung, daß er mir die zwanzig Louis bezahlt, die er mir gestohlen hat.« »Sie bekommen sie morgen früh; ich werde Ihnen zur Seite stehen. D'Achés Sekundant wirb Herr von Pyène sein.« »Abgemacht. Ich werde Sie mit Tagesanbruch hier erwarten.« Zwei Stunden später kam ich mit Pyène zusammen, und wir verabredeten, daß das Zusammentreffen am nächsten Morgen sechs Uhr mit zwei Pistolen stattfinden sollte. Als Ort wählten wir einen Garten, der eine halbe Stunde von der Stadt lag. Mit Tagesanbruch fand ich meinen Schweizer vor der Tür seiner Wohnung; er summte den Kuhreigen, der seinen Landsleuten so teuer ist. Dies schien mir ein gutes Vorzeichen zu sein. »Da sind Sie ja! Gehen wir.« Unterwegs sagte er: »Ich habe mich stets nur mit anständigen Leuten geschlagen, und es kommt mir hart an, daß ich einen Spitzbuben töten soll; das wäre ein Henkersgeschäft.« »Ich begreife,« erwiderte ich, »daß es sehr unangenehm ist, sein Leben gegen solche Leute zu wagen.« »Ich wage nichts dabei,« sagte Schmitt lachend; »denn ich bin sicher, daß ich ihn töten werde.« »Sicher? Warum?« »Vollkommen sicher; denn ich werde ihm Angst machen.« Er hatte recht. Dieses Mittel ist unfehlbar, wenn man sich desselben zu bedienen weiß und wenn man es mit einem Feigling zu tun hat. Wir fanden d'Aché und Pyène bereits an Ort und Stelle und sahen außerdem fünf oder sechs Leute da, die nur aus Neugier gekommen sein konnten. D'Aché zog zwanzig Louis aus seiner Tasche, gab sie seinem Gegner und sagte ihm: »Ich kann mich getäuscht haben; aber ich werde Sie Ihre Roheit teuer bezahlen lassen.« Hierauf wandte er sich zu mir und sagte: »Ich schulde Ihnen zwanzig Louis.« Ich antwortete ihm nicht. Schmitt steckte mit dem ruhigsten Gesicht und ohne dem Prahlhans ein Wort zu erwidern, das Gold in seine Börse, stellte sich zwischen zwei Bäume, die etwa vier Schritte weit voneinander entfernt waren, zog zwei Mensurpistolen aus der Tasche und sagte zu d'Aché: »Sie können sich in einer Entfernung von zehn Schritten aufstellen und zuerst schießen. Die Entfernung zwischen diesen zwei Bäumen bestimme ich zu meinem Spaziergang. Sie können, wenn Sie Lust haben, ebenfalls hin und hergehen, wenn ich an der Reihe bin, zu schießen.« Man konnte sich nicht deutlicher und ruhiger ausdrücken. »Aber,« sagte ich, »es müßte doch erst entschieden werden, wer den ersten Schuß haben soll.« »Das ist überflüssig,« sagte Schmitt, »ich schieße niemals zuerst; übrigens hat der Herr ein Recht auf den ersten Schuß.« De Pyène wies seinem Freund einen Platz in der angegebenen Entfernung an und trat dann mit mir zur Seite. D'Aché schoß auf seinen Gegner, der langsam hin- und herging, ohne ihn anzusehen. Schmitt drehte sich mit der größten Kaltblütigkeit um und sagte zu ihm: »Sie haben mich gefehlt, mein Herr; ich war dessen sicher; schießen Sie noch einmal.« Ich glaubte, er wäre verrückt geworden, und dachte, es würde zu Vergleichsverhandlungen kommen. Aber nein: d'Aché machte von der Erlaubnis Gebrauch und feuerte seinen zweiten Schuß ab, fehlte aber zum zweitenmal seinen Gegner. Dieser sagte kein Wort, feuerte mit fester und entschlossener Miene seinen ersten Schuß in die Luft ab, schlug dann die zweite Pistole auf d'Aché an und traf ihn mitten vor die Stirn, so daß er tot zu Boden stürzte. Schmitt steckte seine Pistolen wieder in die Tasche und entfernte sich sofort allein, wie wenn er seinen Spaziergang fortsetzte. Zwei Minuten später ging ich ebenfalls, als ich mich überzeugt hatte, daß der unglückliche d'Aché leblos war. Ich war starr vor Erstaunen; ein derartiger Zweikampf kam mir wie ein Traum vor, mehr wie ein Vorkommnis eines Romans als wie eine wirkliche Begebenheit. Es blieb mir völlig unbegreiflich; ich hatte auf Schmitts unbeweglichem Gesicht nicht die geringste Veränderung des Ausdrucks bemerkt. Ich ging zum Frühstück zu Frau von Urfé, die ich untröstlich fand, weil gerade an dem Tage Vollmond war und ich um vier Uhr drei Minuten die geheimnisvolle Erschaffung des Kindes bewirken sollte, durch welches sie wiedergeboren zu werden hoffte. Die göttliche Lascaris aber, die das auserwählte Gefäß sein sollte, krümmte sich in ihrem Bett vor angeblichen Krämpfen, die es mir unmöglich machen mußten, das Zeugungswerk zu vollziehen. Als Frau von Urfé untröstlich mir dieses Mißgeschick berichtete, heuchelte ich großes Bedauern; in Wirklichkeit war der boshafte Streich meiner Tänzerin mir sehr erwünscht, erstens weil sie mir durchaus keine Begierde mehr einflößte, zweitens weil ich sah, daß ich diesen Umstand benutzen konnte, um mich zu rächen und sie zu bestrafen. Ich spendete der Frau von Urfé wortreichen Trost; dann zog ich das Orakel zu Rate und fand, die kleine Lascaris sei durch einen schwarzen Dämon verdorben worden, und ich müsse von neuem das vom Schicksal bestimmte Mädchen suchen, dessen Reinheit unter dem Schutze der oberen Geister stände. Als ich die Närrin von den Versprechungen des Orakels vollständig beglückt sah, verließ ich sie und suchte die Corticelli auf, die ich auf ihrem Bett liegend fand; ihre Mutter saß neben ihr. »Du hast also Krämpfe, meine Liebe?« »Nein, ich befinde mich sehr wohl; aber ich werde so lange Krämpfe haben, bis du mir mein Schmuckkästchen herausgibst.« »Du bist unartig geworden, arme Kleine, und das kommt davon, daß du den Ratschlägen deiner Mutter folgst. Das Schmuckkästchen wirst du vielleicht niemals bekommen, wenn du dich so aufführst.« »Dann werde ich alles entdecken.« »Man wird dir nicht glauben, und ich werde dich nach Bologna zurückschicken und lasse dir kein einziges von den Geschenken, die Frau von Urfé dir gemacht hat.« »Du mußt mir das Schmuckkästchen augenblicklich herausgeben, oder ich erkläre mich für schwanger. Ich bin es. Wenn du mein Verlangen nicht erfüllst, sage ich deiner alten Verrückten alles, und was danach kommt, ist mir einerlei.« Sehr überrascht sah ich sie an, ohne ein Wort zu sprechen; aber ich dachte bereits über die Mittel nach, wie ich mir das freche Geschöpf vom Halse schaffen könnte. Signora Laura sagte mir ganz ruhig, ihre Tochter sei wirklich schwanger, aber sie sei es nicht von mir. »Von wem denn?« »Vom Grafen von N., dessen Geliebte sie in Prag war.« Dies schien mir nicht möglich, denn es war kein äußeres Anzeichen von Schwangerschaft an ihr zu entdecken; aber immerhin konnte es doch sein. Da ich einen Entschluß fassen mußte, um die Pläne der beiden Spitzbübinnen zu vereiteln, so entfernte ich mich, ohne ein Wort zu sagen, und schloß mich mit Frau von Urfé ein, um das Orakel wegen der Operation zu befragen, die sie glücklich machen sollte. Nachdem das Orakel eine Menge Antworten gegeben hatte, welche dunkler waren als die Weissagungen der Pythia auf dem Dreifuß von Delphi, und deren Auslegung ich infolgedessen meiner armen betörten Frau von Urfé überließ, fand sie selber – und ich hütete mich wohl, ihr zu widersprechen –, daß die kleine Lascaris wahnsinnig geworden wäre. In dieser Befürchtung bestärkte ich sie, und es gelang mir, sie aus einer kabbalistischen Zahlenreihe die Antwort finden zu lassen: die Prinzessin habe den Erwartungen nicht entsprechen können, weil sie durch einen dem Rosenkreuzerorden feindlichen schwarzen Dämon befleckt sei; und da sie einmal so schön auf dem Wege war, so fügte sie aus eigenem Antrieb hinzu, das junge Mädchen müsse mit einem Gnomen schwanger gehen. Hierauf bildete sie eine andere Zahlensäule, um zu erfahren, wie wir uns benehmen müßten, um unser Ziel sicher zu erreichen, und dank meiner Leitung fand sie die Antwort, sie müsse an den Mond schreiben. Dieser Unsinn, der sie hätte zur Vernunft bringen müssen, erfüllte sie mit höchster Freude. Sie war vor Begeisterung ganz verzückt, und ich gewann die Überzeugung, daß alle meine Mühe vergeblich gewesen wäre, selbst wenn ich ihr die Nichtigkeit ihrer Hoffnungen hätte dartun wollen. Sie hätte höchstens geglaubt, ein feindlicher Genius habe mich beherrscht und ich sei kein vollkommener Rosenkreuzer mehr. Ich dachte jedoch nicht daran, eine Heilung zu versuchen, die für mich so unvorteilhaft gewesen wäre, ohne ihr zu nützen. Ihre Chimäre machte sie glücklich, und die Wahrheit würde sie ohne Zweifel unglücklich gemacht haben. Sie empfing also den Befehl, an den Mond zu schreiben, mit um so größerer Freude, da sie den Kultus, der diesem Planeten gefällt, und die Zeremonien, die dabei erforderlich waren, genau kannte; sie konnte jedoch die Vorschriften nur mit dem Beistand eines Adepten ausführen, und ich wußte, daß sie auf mich rechnete. Ich sagte ihr, ich stände vollkommen zu ihrem Befehle; wir müßten jedoch die erste Phase des nächsten Mondes abwarten – was sie ebensogut wußte wie ich. Es war mir sehr angenehm, Zeit zu gewinnen, denn da ich im Spiel viel Geld verloren hatte, so war es mir unmöglich, Aachen vor dem Empfang einer Summe zu verlassen, die ich durch einen Wechsel auf Herrn d'O. in Amsterdam gezogen hatte. Unterdessen kamen wir überein, daß wir auf alles, was die Lascaris in ihren Wahnsinnsanfällen sagen würde, nicht achten wollten; denn da ihr Geist sich in der Gewalt eines bösen Geistes befände, der sie besessen hielte, so wurden ihre Worte ihr ja von diesem eingeflößt. Da jedoch ihr Zustand bemitleidenswert sei, so beschlossen wir, um ihr ihr Los so erträglich wie möglich zu machen, sie auch in Zukunft mit uns essen zu lassen; abends jedoch sollte sie sofort nach Tisch und im Zimmer ihrer Gesellschaftsdame zu Bett gehen. Nachdem ich auf diese Weise den Geist der Frau von Urfé dahin bearbeitet hatte, daß sie von allen Mitteilungen, die die Corticelli ihr etwa machen konnte, nichts glaubte, sondern sich nur mit dem Brief beschäftigte, den sie dem Geiste Selenis, der den Mond bewohnt, schreiben sollte, beschäftigte ich mich erstlich mit den Mitteln, das verlorene Geld wiederzugewinnen, was nicht auf dem Wege der Kabbala geschehen konnte. Ich versetzte das Schmuckkästchen der Corticelli für tausend Louis und hielt eine Bank in einem Klub von Engländern, von denen ich viel mehr gewinnen konnte als von Franzosen oder Deutschen. Drei oder vier Tage nach dem Tode d'Achés schrieb seine Witwe mir ein Briefchen und bat mich, bei ihr vorzusprechen, Ich fand Pyène bei ihr vor. Sie sagte mir in traurigem Ton, ihr Mann hätte viele Schulden gehabt und seine Gläubiger hätten sich daher aller ihrer Sachen bemächtigt; es sei ihr infolgedessen unmöglich, die Reisekosten zu bestreiten, um sich mit ihrer Tochter zu ihrer Familie nach Colmar zu begeben. »Sie sind schuld an dem Tode meines Gatten; ich verlange von Ihnen tausend Taler. Wenn Sie mir diese verweigern, werde ich Sie verklagen; denn da der Schweizer Offizier abgereist ist, kann ich mich nur an Sie halten.« »Ihre Sprache überrascht mich, gnädige Frau,« antwortete ich ihr in kaltem Ton. »Wenn ich nicht vor Ihrem Unglück Achtung hätte, so würde ich darauf mit der ganzen Bitterkeit antworten, die Ihr Vorgehen mir einflößen muß. Zunächst besitze ich überhaupt keine tausend Taler, um sie zum Fenster hinauszuwerfen; und selbst wenn ich sie hätte, so wäre Ihr drohender Ton wenig geeignet, mich zu einem solchen Opfer zu veranlassen, übrigens bin ich neugierig, wie Sie es anfangen wollen, mich zu verklagen. Herr Schmitt hat sich als tapferer und rechtlicher Mann geschlagen, und ich weiß noch nicht recht, ob es Ihnen wirklich großen Vorteil bringen würde, ihn zu verklagen, wenn er hier geblieben wäre. Leben Sie wohl, Madame!« Ich war kaum fünfzig Schritte von dem Hause entfernt, als Pyène mir nachkam und mir sagte, bevor Frau von Aché die Klage gegen mich einreichte, müßten wir an einem abgelegenen Ort uns die Kehle abschneiden. Wir hatten alle beide keinen Degen bei uns. »Ihre Absicht ist schmeichelhaft,« sagte ich ruhig zu ihm; »es liegt darin etwas Brutales, das mir durchaus keine Lust macht, mich mit einem Mann bloßzustellen, den ich nicht kenne, und dem ich nichts schuldig bin.« »Sie sind ein Feigling!« »Ich wäre es vielleicht, wenn ich wäre wie Sie. Welche Meinung Sie von mir haben, ist mir höchst gleichgültig.« »Es wird Ihnen leid tun!« »Vielleicht; einstweilen mache ich Sie als ehrlicher Mann darauf aufmerksam, daß ich niemals ohne zwei gut geladene Pistolen ausgehe und daß ich mich derselben zu bedienen weiß. Hier sind sie!« Mit diesen Worten zog ich meine Pistolen aus der Tasche und spannte die eine, die ich in der rechten Hand hielt. Bei diesem Anblick stieß der freche Raufbold einen Fluch aus und verschwand; ich entfernte mich nach der anderen Seite. Dicht bei dem Ort, wo dieser Auftritt vorgefallen war, traf ich einen Neapolitaner namens Maliterni, der damals Oberstleutnant und Adjutant des kommandierenden Generals der französischen Armee, Prinzen Condé, war. Dieser Maliterni war ein Lebemann, stets zu Diensten bereit und stets ohne Geld. Wir waren Freunde; ich erzählte ihm, was mir zugestoßen war, und sagte zu ihm: es wäre mir unangenehm, mich mit dem de Pyène einlassen zu müssen, und wenn er ihn mir vom Halse schaffen könne, verspreche ich ihm hundert Taler. »Das wird nicht unmöglich sein,« antwortete er; »ich werde Ihnen morgen Bescheid sagen.« Wirklich kam er am nächsten Vormittag zu mir und sagte mir, mein Halsabschneider sei bei Tagesanbruch auf höheren Befehl von Aachen abgereist; zugleich übergab er mir einen guten Paß vom Herrn Prinzen Condé. Ich gestehe, daß diese Nachricht mir angenehm war. Ich habe mich niemals gefürchtet, mit dem ersten Besten den Degen zu kreuzen, obgleich ich auch niemals das barbarische Vergnügen geliebt habe, Menschenblut zu vergießen; diesesmal aber widerstrebte es mir im höchsten Grade, mich mit einem Menschen bloßzustellen, den ich nicht für zartfühlender halten konnte als seinen Freund d'Aché. Ich dankte also Maliterni recht herzlich und übergab ihm die versprochenen hundert Taler, die nach meiner Meinung sehr gut angewandt waren, so daß mir diese Ausgabe nicht leid tat. Maliterni war ein Zechkumpan des Marschalls d'Estrées, ein Lustigmacher ersten Ranges, es fehlte ihm weder an Geist noch an Kenntnissen, wohl aber an Ordentlichkeit und vielleicht auch ein bißchen an Zartgefühl. Übrigens verkehrte es sich sehr angenehm mit ihm, denn er besaß eine unverwüstliche Fröhlichkeit und war ein sehr gewandter Weltmann. Nachdem er im Jahre 1768 zum Range eines Generalmajors emporgestiegen war, heiratete er in Neapel eine reiche Erbin, die er schon nach dem ersten Jahr seiner Heirat als Witwe zurückließ. Am Tage nach Pyènes Abreise erhielt ich von Fräulein d'Aché ein Briefchen, worin sie mich im Auftrage ihrer kranken Mutter bat, sie zu besuchen. Ich antwortete ihr, ich würde mich um die und die Stunde da und da einfinden, und sie könnte mir dort sagen, was sie wünschte. Ich fand sie am bestimmten Ort mit ihrer Mutter, die trotz ihrer angeblichen Krankheit gekommen war. Da gab es Klagen, Tränen, Vorwürfe! Sie nannte mich ihren Verfolger und sagte mir, die Abreise ihres einzigen Freundes Pyène bringe sie zur Verzweiflung; sie habe alle ihre Sachen versetzt und besitze keine Hilfsmittel mehr; ich dagegen sei reich und müsse ihr beispringen, wenn ich nicht ein ganz verworfener Mensch wäre. »Ich bin durchaus nicht unempfindlich gegen Ihr Schicksal, Madame. Ich bin auch nicht unempfindlich gegen Ihre Beleidigungen, aber ich kann mich nicht enthalten, Ihnen zu sagen, daß Sie sich als verworfenes Weib gezeigt haben, indem Sie Pyène, der ja sonst vielleicht ein ganz anständiger Mensch ist, aufgehetzt haben, mich zu ermorden. Kurz und gut – mag ich reich sein oder nicht, ich bin Ihnen nichts schuldig, aber ich werde Ihnen das Geld geben, um Ihre Sachen auszulösen, und vielleicht werde ich selber Sie nach Colmar bringen; aber Sie müssen damit einverstanden sein, daß ich gleich hier Ihrer reizenden Tochter Beweise meiner Liebe zu geben beginne.« »Und Sie wagen es, mir solchen abscheulichen Vorschlag zu machen?« »Abscheulich oder nicht – ich mache ihn.« »Niemals!« »Leben Sie wohl, Madame!« Ich rief den Kellner, um die Erfrischungen zu bezahlen, die ich hatte kommen lassen, und drückte dem jungen Mädchen sechs doppelte Louisdor in die Hand; die stolze Mutter bemerkte es jedoch und verbot ihr, das Geld anzunehmen. Mich überraschte dies nicht, trotz der Not, worin sie sich befand; denn diese Mutter war reizend und mehr wert als ihre Tochter. Dies wußte sie. Ich hätte sie vorziehen und auf diese Weise jedem Streit ein Ende machen sollen. Aber die Launen! Wenn man verliebt ist, fragt man sich nach so etwas nicht. Ich fühlte, daß sie mich hassen mußte, um so mehr, da sie ihre Tochter nicht liebte und daher ihr Stolz gedemütigt war, indem sie in ihr die bevorzugte Nebenbuhlerin sehen mußte. Ich behielt die sechs doppelten Louisdor, die der Stolz oder der Ärger zurückgewiesen hatte, in der Hand, ging damit an die Pharaobank und beschloß, sie dem Glück zu opfern; aber die launenhafte Göttin war nicht weniger stolz als die hochmütige Witwe und verweigerte wie diese ihre Annahme. Ich ließ sie fünfmal auf einer Karte stehen und hätte mit diesem einzigen Satz beinahe die Bank gesprengt. Ein Engländer, namens Martin, bot mir eine Teilhaberschaft an; ich nahm diese an, weil ich ihn als guten Spieler kannte, und in acht oder zehn Tagen machten wir so gute Geschäfte, daß ich nach der Auslösung des Schmuckkästchens nicht nur meine anderen Verluste gedeckt hatte, sondern noch mit einer ziemlich großen Summe im Gewinn war. Wütend auf mich, hatte die Corticelli unterdessen der Frau von Urfé alles entdeckt; sie hatte ihr eine Beschreibung ihres Lebens und unserer Bekanntschaft gegeben und ihre Schwangerschaft mitgeteilt. Aber je mehr Wahrheit ihre Erzählung enthielt, desto fester bestärkte die gute Dame sich in dem guten Glauben, daß das Mädchen wahnsinnig sei. Sie lachte mit mir nur über den vermeintlichen Wahnsinn meiner Verräterin und setzte ihr ganzes Vertrauen auf die Unterweisungen, welche Selenis ihr in seiner Antwort geben würde. Da mir jedoch das Benehmen des Mädchens nicht gleichgültig sein konnte, so beschloß ich, sie künftighin im Zimmer ihrer Mutter essen zu lassen. So blieb ich allein mit Frau von Urfé, der ich versicherte, wir würden leicht ein anderes ausgewähltes Gefäß finden, da die Lascaris wegen ihres Wahnsinnes durchaus nicht imstande sei, an unseren Mysterien teilzunehmen. Von der Not getrieben, sah d'Achés Witwe sich bald gezwungen, mir ihre Mimi abzutreten; aber ich versöhnte sie durch freundliches Benehmen und rettete im Anfang den Schein, so daß sie tun konnte, wie wenn sie nichts merkte. Ich löste alle von ihr versetzten Sachen aus; mit ihrem Verhalten zufrieden, obgleich ihre Tochter sich noch nicht meiner Glut ganz hingegeben hatte, beschloß ich, die beiden Damen mit Madame d'Urfé nach Colmar zu begleiten. Um die Dame zu diesem guten Werke zu bestimmen, ohne daß sie etwas von dem Beweggrund bemerkte, kam ich auf den Gedanken, sie diesen Befehl in dem Briefe empfangen zu lassen, den sie vom Mond erwartete; ich war gewiß, daß sie alsdann blindlings gehorchen würde. Den Briefwechsel zwischen Selenis und Frau von Urfé brachte ich folgendermaßen zustande. Am Tage des Vollmondes speisten wir zusammen in einem Garten vor der Stadt zu Abend. Ich hatte in einem Zimmer zu ebener Erde alles vorbereitet, was für den Kultus notwendig war. In meiner Tasche hatte ich den Brief, der vom Monde herabschweben sollte, um den von Frau von Urfé mit großer Sorgfalt vorbereiteten Brief zu beantworten, den wir an seine Adresse befördern wollten. Dicht neben dem Zimmer, wo die Feierlichkeit stattfand, hatte ich eine große Badewanne aufgestellt, die mit lauem Wasser gefüllt war und von würzigen Kräutern duftete, wie sie dem Gestirn der Nacht gefallen. In dieses Wasser sollten wir gemeinsam hineinsteigen, sobald der Mond unterging. Dieser Untergang fand an jenem Tage um ein Uhr nach Mitternacht statt. Nachdem wir die würzigen Kräuter verbrannt und die Essenzen versprengt hatten, die dem Kultus des Gottes Selenis angemessen sind, sagten wir die geheimnisvollen Gebete. Dann zogen wir uns vollständig aus. Meinen Brief in der linken Hand verborgen haltend, führte ich mit der rechten in feierlichem Ernst Frau von Urfé bis an den Rand der Badewanne, in welcher sich eine Alabasterschale voll Wacholdergeist befand. Ich zündete diesen an, indem ich kabbalistische Worte sprach, die ich nicht verstand und die sie wiederholte, indem sie mir den an Selenis geschriebenen Brief gab. Diesen Brief verbrannte ich an der Wacholderflamme, auf die der Mond mit vollem Schein fiel, und die gläubige Frau von Urfé versicherte mir, sie habe die von ihrer Hand geschriebenen Buchstaben auf den Strahlen des Gestirns zum Himmel emporschweben sehen. Hierauf stiegen wir in die Badewanne, und der in meiner Hand verborgen gehaltene Brief, der mit silbernen Buchstaben im Kreise auf grünes Glanzpapier geschrieben war, erschien zehn Minuten später auf der Oberfläche des Wassers. Sobald Frau von Urfé ihn sah, ergriff sie ihn salbungsvoll und verließ mit mir das Bad. Nachdem wir uns abgetrocknet und parfümiert hatten, zogen wir unsere Kleider wieder an. Sobald wir in anständiger Verfassung waren, sagte ich der gnädigen Frau, sie könne den Brief lesen; sie hatte diesen auf ein parfümiertes weißes Atlaskissen gelegt. Sie gehorchte, und eine sichtbare Traurigkeit bemächtigte sich ihrer, als sie las, ihre Mannwerdung sei bis zur Ankunft Querilints verschoben, den sie im Frühling des nächsten Jahres bei mir in Marseille sehen würde. Der Genius schrieb ihr außerdem, die junge Lascaris könne ihr nur schaden und sie müsse meine Anordnungen befolgen, um sich ihrer zu entledigen. Zum Schluß befahl ich ihr, mich zu bitten, ich möchte eine Frau, die ihren Mann verloren hätte, nicht in Aachen lassen; diese Frau habe eine Tochter, die von den Genien bestimmt sei, unserem Orden große Dienste zu leisten. Sie solle sie nebst ihrer Tochter nach dem Elsaß befördern und sie bis zu ihrer Ankunft nicht aus den Augen lassen, damit unser Einfluß sie vor den Gefahren schütze, die ihnen drohen würden, wenn sie sich selber überlassen blieben. Frau von Urfé war, abgesehen von ihrer Verrücktheit, sehr wohltätig; sie empfahl mir diese Witwe mit aller Wärme fanatischer Leichtgläubigkeit und menschlicher Teilnahme und war sehr ungeduldig, ihre ganze Geschichte zu erfahren. Ich sagte ihr in kühlem Ton so viel, wie mir gut schien, um sie in ihrem Entschluß zu bestärken, und versprach ihr, die Damen sobald wie möglich vorzustellen. Wir fuhren nach Aachen zurück und verbrachten die Nacht zusammen in Gesprächen über alles, was unsere Phantasie beschäftigte. Da alles nach Wunsch stand, so beschäftigte ich mich nur noch mit der Reise nach dem Elsaß und traf meine Vorbereitungen, um mir den vollen Genuß meiner Mimi zu sichern, nachdem ich durch den ihr geleisteten Dienst ihre Gunst so reichlich verdient hatte. Am nächsten Tage war ich glücklich im Spiel, und um dem Tage einen guten Abschluß zu geben, ging ich zu Frau d'Aché, um mich an ihrer angenehmen Überraschung zu weiden, indem ich ihr mitteilte, daß ich beschlossen hätte, sie nebst ihrer Mimi selbst nach Colmar zu bringen. Ich sagte ihr, zunächst müsse ich sie der Dame vorstellen, die zu begleiten ich die Ehre habe; ich bat sie, sich für den nächsten Tag bereit zu halten, weil die Marquise ungeduldig sei, sie kennen zu lernen. Ich sah deutlich, daß sie kaum an die Wahrheit meiner Worte zu glauben vermochte; denn sie bildete sich ein, die Marquise sei in mich verliebt, und dieser Gedanke vertrug sich nicht mit dem von Frau von Urfé bekundeten Eifer, mich mit zwei Frauen zusammen zu bringen, welche sehr gefährliche Nebenbuhlerinnen werden konnten. Am nächsten Tage holte ich sie zur vereinbarten Stunde ab, und Frau von Urfé empfing sie mit Freudenbezeigungen, über die sie sehr erstaunt sein mußten; denn sie konnten nicht wissen, daß sie diesen Empfang einer Empfehlung verdankten, die vom Monde gekommen war. Wir speisten selbviert, und die beiden Damen unterhielten sich als Frauen, die die Welt kennen; Mimi war reizend, und ich beschäftigte mich ganz besonders mit ihr; warum, das wußte ihre Mutter sehr wohl; die Marquise jedoch schrieb den Grund der Liebe zu, die die Rosenkreuzer für dieses Mädchen hegten. Am Abend gingen wir alle auf den Ball. Die Corticelli, die stets darauf bedacht war, mir jeden möglichen Ärger anzutun, tanzte, wie ein junges Mädchen von guter Herkunft nicht tanzen darf. Sie machte achtfache Entrechats, Pirouetten, Kapriolen und Battements à mijambe, mit einem Wort, alle Grimassen einer Opernspringerin. Ich stand Folterqualen aus. Ein Offizier, der vielleicht wußte, daß ich für ihren Oheim galt, vielleicht auch nur so tat, fragte mich, ob sie eine berufsmäßige Tänzerin sei. Einen anderen Herrn hörte ich hinter mir sagen, er glaube sie im letzten Karneval in Prag auf dem Theater tanzen gesehen zu haben. Ich mußte meine Abreise beschleunigen, denn ich sah, daß das unglückselige Weib mir schließlich noch das Leben kosten würde, wenn wir noch länger in Aachen blieben. Frau d'Aché, die, wie gesagt, den Ton der guten Gesellschaft beherrschte, nahm Frau von Urfé vollständig für sich ein, denn diese glaubte in ihrer Liebenswürdigkeit eine neue Gunst von Selenis zu sehen. Frau d'Aché fühlte, daß sie nach den Diensten, die ich ihr in so vornehmer Weise erwies, mir einige Dankbarkeit schuldete; sie stellte sich daher, wie wenn sie ein wenig unwohl wäre, und verließ den Ball zuerst, so daß ich ihre Tochter nach Hause bringen mußte und in voller Freiheit mit ihr zusammen war. Ich machte mir diesen absichtlich herbeigeführten Zufall zunutze und blieb zwei Stunden bei Mimi, die sich sanft, gefällig und leidenschaftlich verliebt zeigte, so daß ich nichts mehr zu wünschen hatte, als ich sie verließ. Am dritten Tage gab ich Mutter und Tochter neue Reisekleider, und nachdem ich mir eine elegante und bequeme Berline verschafft hatte, verließen wir Aachen in fröhlicher Stimmung. Eine halbe Stunde vor der Abreise hatte ich ein Zusammentreffen, das durch seine späteren Folgen verhängnisvoll wurde. Ein belgischer Offizier, den ich nicht kannte, redete mich an und schilderte mir seine traurige Lage, so daß ich nicht umhin konnte, ihm zwölf Louis zu geben. Zehn Minuten später brachte er mir einen Schein, wodurch er seine Schuld anerkannte und sich verpflichtete, zu einem bestimmten Termin zu bezahlen. Ich erfuhr durch diesen Schein, daß er sich Malingan nannte. Das weitere wird der Leser in zehn Monaten erfahren. Im Augenblick der Abreise wies ich der Corticelli einen viersitzigen Wagen an, worin sie mit ihrer Mutter und zwei Kammermädchen reisen sollte. Sie zitterte bei diesem Anblick; ihr Stolz war verletzt, und ich glaubte einen Augenblick, sie würde den Verstand verlieren: es gab Tränen, Beleidigungen, Verwünschungen! Mich rührte dies alles nicht, und Frau von Urfé lachte nur über die tollen Reden ihrer angeblichen Nichte und schien sehr erfreut zu sein, daß sie mir gegenüber saß und zu ihrer Seite den Schützling des mächtigen Selenis hatte, während Mimi mir auf tausenderlei Art das Glück bezeugte, das sie empfand, weil sie an meiner Seite sitzen durfte. Am nächsten Tage kamen wir bei Anbruch der Nacht in Lüttich an; ich überredete Frau von Urfé, den nächsten Tag noch dazubleiben, weil ich Pferde nehmen wollte, um auf dem Wege durch die Ardennen nach Luxemburg zu fahren; diesen Umweg machte ich absichtlich, um meine reizende Mimi länger besitzen zu können. Nachdem ich in aller Frühe aufgestanden war, ging ich aus, um mir die Stadt anzusehen. Als ich die große Brücke entlang ging, sprach mich eine Frau an, die so dicht in einen schwarzen Mantel gehüllt war, daß man nur ihre Nasenspitze sehen konnte. Sie bat mich, ihr in ein Haus zu folgen, dessen offene Tür sie mir zeigte. Ich antwortete ihr: »Da ich nicht den Vorzug habe, Sie zu kennen, erlaubt die Vorsicht mir nicht, Ihre Einladung anzunehmen.« »Sie kennen mich!« antwortete sie mir; zugleich zog sie mich an die Ecke der nächsten Straße und enthüllte ihr Gesicht. Der Leser stelle sich meine Überraschung vor: es war die schöne Stuard von Avignon, die gefühllose Statue von der Quelle von Vaucluse. Es machte mir Vergnügen, sie wieder zu treffen. Neugierig folgte ich ihr und ging mit ihr in ein Zimmer im ersten Stock, wo sie mir den zärtlichsten Empfang bereitete. Aber dies war verlorene Mühe; denn trotz ihrer Schönheit hatte ich einen Groll gegen sie. Ich verschmähte daher, ihr entgegenzukommen, ohne Zweifel, weil ich Mimi liebte, die mich glücklich machte und die ich zufriedenstellen wollte, indem ich mich ganz für sie aufbewahrte. Indessen zog ich drei Louis aus meiner Börse und bot sie ihr an, indem ich sie zugleich bat, mir ihre Geschichte zu erzählen. »Stuard,« berichtete sie, »war nur mein Begleiter; ich heiße Ranson und werde von einem reichen Grundbesitzer unterhalten. Nach vielen Leiden bin ich nach Lüttich zurückgekehrt.« »Es freut mich, daß es Ihnen jetzt gut geht; aber Sie müssen gestehen, daß Ihr Benehmen in Avignon ebenso unbegreiflich wie lächerlich war. Doch sprechen wir nicht mehr davon. Leben Sie wohl, gnädige Frau!« Ich ging in meinen Gasthof zurück, um diese Begegnung dem Marchese Grimaldi mitzuteilen. Am nächsten Tage reisten wir ab. Wir brauchten zwei Tage für die Reise durch die Ardennen. Dies ist die eigentümlichste Landschaft Europas: ein riesiger Wald, dessen Sagen von altem Ritterwesen dem Ariosto so schönen Stoff über den Helden Bayard geliefert haben. In diesem ungeheuren Walde, der keine einzige Stadt enthält, den man jedoch durchqueren muß, um von dem einen Lande in das andere zu gelangen, findet man fast nichts von dem, was zu einem behaglichen Leben notwendig ist. Vergeblich würde man dort Laster oder Tugenden suchen oder was wir Sitten nennen. Die Bewohner haben keinen Ehrgeiz, und da sie von der Wahrheit keine richtige Vorstellung haben können, hecken sie ungeheuerliche Ideen aus und denken sich sonderbare Sachen über die Natur, über die Wissenschaften und über die Macht gewisser Menschen, die nach ihrer Meinung den Namen weiser Männer verdienen. Es genügt, sich mit Naturwissenschaften zu beschäftigen, um für einen Astrologen, ja für einen Zauberer zu gelten. Trotzdem sind die Ardennen ziemlich stark bevölkert; denn wie man mir versichert hat, enthalten sie zwölfhundert Kirchspiele. Die Menschen sind gut, ja sogar gefällig, besonders die jungen Mädchen; aber im allgemeinen ist das weibliche Geschlecht dort nicht schön. Mitten in diesem großen Bezirk, der seiner ganzen Ausdehnung nach von der Maas durchströmt wird, liegt die Stadt Bouillon, ein richtiges Loch. Aber es war zu meiner Zeit der freieste Ort in ganz Europa. Der Herzog von Bouillon war so eifersüchtig auf seine Gerichtsbarkeit, daß er sein Vorrecht allen Ehren vorzog, deren er am französischen Hofe hätte genießen können. Wir hielten uns einen Tag in Metz auf, wo wir jedoch keine Besuche machten; in drei Tagen gelangten wir dann nach Colmar, wo wir Frau d'Aché ließen, deren Gunst ich völlig gewonnen hatte. Ihre sehr wohlhabende Familie empfing Mutter und Tochter mit größter Zärtlichkeit. Mimi weinte sehr, als sie von mir Abschied nahm; aber ich tröstete sie durch das Versprechen, daß ich sie bald wiedersehen würde. Frau von Urfé, die ich auf diese Trennung bereits vorbereitet hatte, machte sich nicht viel daraus, und auch ich tröstete mich ziemlich leicht. Indem ich mich freute, zum Glück der Mutter und der Tochter beigetragen zu haben, betete ich zugleich die tiefen Geheimnisse der Vorsehung an. Am nächsten Tage fuhren wir nach Sulzbach, wo ein Bekannter der Frau von Urfé, Baron von Schaumburg, uns sehr freundlich empfing. Ohne das Spiel würde ich mich in diesem traurigen Nest sehr gelangweilt haben. Frau von Urfé hatte Gesellschaft nötig und ermunterte daher die Corticelli, auf eine Wiedergewinnung meiner Huld und damit auch der ihrigen zu hoffen. Das unglückselige Mädchen hatte alles aufgeboten, um mir zu schaden; als sie aber sah, wie leicht ich ihre Anschläge zunichte gemacht und wie tief ich sie gedemütigt hatte, da änderte sie ihr Benehmen: sie war sanft, gefügig und unterwürfig geworden. Sie hoffte den vollständig verlorenen Einfluß wenigstens teilweise wiederzugewinnen und glaubte bereits Siegerin zu sein, als sie sah, daß Frau d'Aché und ihre Tochter in Colmar geblieben waren. Was ihr jedoch am meisten am Herzen lag, war weder meine Freundschaft, noch die der Marquise, sondern das Schmuckkästchen, das sie von mir nicht mehr zu verlangen wagte und das sie in der Tat nicht wiedersehen sollte. Durch ihre hübschen, ausgelassenen Scherze bei Tisch, worüber Frau von Urfé gerne lachte, gelang es ihr, auch mir einige Liebesanwandlungen einzuflößen; aber die Höflichkeiten, die ich ihr in dieser Hinsicht erwies, konnten mich nicht veranlassen, meine Strenge zu mildern; sie schlief stets bei ihrer Mutter. Acht Tage nach unserer Ankunft in Sulzbach überließ ich Frau von Urfé der Sorgfalt des Barons von Schaumburg und fuhr nach Colmar, wo ich Liebesfreuden zu finden hoffte. Ich wurde enttäuscht, denn ich fand Mutter und Tochter in Begriff, sich zu verheiraten. Ein reicher Kaufherr, der vor achtzehn Jahren die Mutter geliebt hatte, fühlte die alte Glut wieder erwachen, als er sie als Witwe und immer noch schön sah; er bot ihr seine Hand an, und seine Werbung wurde angenommen. Ein junger Advokat fand Mimi nach seinem Geschmack und machte ihr einen Heiratsantrag. Mutter und Tochter befürchteten die Folgen meiner Zärtlichkeiten; außerdem fanden sie die Partie gut und gaben daher ihre Zustimmung. Ich wurde in der Familie mit großen Ehren aufgenommen und soupierte in zahlreicher, gewählter Gesellschaft. Da ich jedoch sah, daß ich, um eine flüchtige Gunst zu erhaschen, die Damen nur stören und mich selber unbehaglich fühlen konnte, so verabschiedete ich mich von ihnen und fuhr schon am nächsten Tage nach Sulzbach zurück. Ich fand dort eine reizende Straßburgerin namens Salzmann und drei oder vier Spieler, die angeblich zur Brunnenkur gekommen waren und uns die Ankunft mehrerer weiblicher Gäste ankündigten, die der Leser im nächsten Kapitel kennen lernen wird. Achtzehntes Kapitel Ich schicke die Corticelli nach Turin. – Helenens Einweihung in die Mysterien der Liebe. – Abstecher nach Lyon. – Ankunft in Turin. Madame Saxe war ganz danach angetan, die Huldigungen eines Verliebten anzuziehen, und wenn sie nicht einen eifersüchtigen Offizier gehabt hätte, der sie niemals aus dem Auge verlor und immer so aussah, wie wenn er jedem, der sie schön zu finden und ihr zu gefallen wagte, die Gurgel abschneiden würde, so würde es ihr wahrscheinlich an Anbetern nicht gefehlt haben. Der Offizier liebte das Pikettspiel, aber Madame mußte dabei beständig ihm zur Seite sitzen, was sie übrigens mit Vergnügen zu tun schien. Ich machte nach Tisch meine Partie mit ihm, und zwar fünf oder sechs Tage lang. Dann wurde ich der Sache überdrüssig, weil er aufstand, sobald er zehn oder zwölf Louis gewonnen hatte. Der Offizier hieß d'Entragues, war ein schöner Mann, obwohl mager, und besaß sowohl Geist wie auch gewandte Umgangsformen. Wir hatten zwei Tage lang nicht gespielt, als er nach dem Mittagessen mich fragte, ob ich nicht wünsche, daß er mir Revanche gebe. »Ich mache mir nichts daraus,« antwortete ich ihm, »denn wir sind als Spieler zu verschieden. Ich spiele nur zu meinem Vergnügen, weil das Spiel mir Spaß macht; Sie dagegen spielen nur, um zu gewinnen.« »Wieso? Sie beleidigen mich.« »Das ist nicht meine Absicht; aber jedesmal, wenn wir miteinander gespielt haben, ließen Sie mich nach einer Stunde im Stich.« »Das kann Ihnen doch nur angenehm sein; denn da Sie nicht so gut spielen wie ich, so würden Sie notwendigerweise viel verlieren.« »Das ist möglich, aber ich glaube es nicht.« »Ich kann es Ihnen beweisen.« »Einverstanden! Aber der erste, der die Partie aufgibt, verliert fünfzig Louis.« »Mir ist es recht, aber nur um bares Geld!« »Ich spiele niemals anders.« Ich befahl dem Kellner, Karten zu bringen, und holte vier oder fünf Rollen von hundert Louis. Wir begannen das Hundert zu fünf Louis zu spielen, nachdem jeder fünfzig Louis für die Wette beiseite gelegt hatte. Es war drei Uhr, als wir zu spielen anfingen, und um neun Uhr sagte d'Entragues zu mir, wir könnten zum Abendessen gehen. »Ich habe keinen Hunger,« antwortete ich; »aber es steht Ihnen frei, aufzustehen, wenn Sie gestatten, daß ich die hundert Louis in meine Tasche stecke.« Er lachte und spielte weiter; die schöne Dame aber schmollte mit mir. Dieses rührte mich jedoch nicht. Alle Zuschauer gingen zum Abendessen und kamen dann wieder, um uns bis Mitternacht Gesellschaft zu leisten; dann blieben wir allein. D'Entragues sah nun, worauf er sich eingelassen hatte, und sprach kein Wort; auch ich öffnete meine Lippen nur, um zu zählen; wir spielten mit vollkommener Ruhe. Um sechs Uhr in der Frühe begannen die Brunnentrinker und -trinkerinnen zu erscheinen. Alle beglückwünschten uns zu unserer Ausdauer, wir aber saßen mit verdrießlichen Gesichtern da. Die Louis lagen haufenweise auf dem Tisch; ich hatte ungefähr hundert Louis verloren, obwohl ich gute Karten gehabt hatte. Um neun Uhr kam die schöne Saxe, und wenige Augenblicke später erschien Frau von Urfé mit Herrn von Schaumburg. Die Damen rieten uns beiden, eine Tasse Schokolade zu trinken. D'Entragues erklärte sich zuerst damit einverstanden; er glaubte, ich sei mit meiner Kraft zu Ende, und sagte zu mir: »Wir wollen abmachen, daß der die Wette verloren haben soll, der zuerst etwas zu essen bestellt oder sich auf länger als eine Viertelstunde entfernt oder auf seinem Stuhl einschläft.« »Ich nehme Sie beim Wort!« rief ich, »und bin mit jeder anderen erschwerenden Bedingung einverstanden, die Sie vorschlagen mögen.« Die Schokolade kam; wir tranken sie und spielten dann weiter. Mittags wurden wir zum Essen gerufen, aber wir antworteten gleichzeitig, wir hätten keinen Hunger. Gegen vier Uhr ließen wir uns überreden, eine Tasse Fleischbrühe zu trinken. Als es Zeit zum Abendessen wurde, fingen alle an zu merken, daß die Sache ernst wurde. Madame Saxe schlug uns vor, die Wette zu teilen. D'Entragues, der hundert Louis von mir gewonnen hatte, wäre gern auf den Vorschlag eingegangen; ich widersetzte mich jedoch, und Baron von Schaumburg fand, daß ich nicht unrecht hätte. Mein Gegner hätte seine Wette im Stich lassen und aufhören können; er wäre immer noch im Gewinn gewesen. Ihn hielt jedoch mehr Habsucht als Eitelkeit davon ab. Mir war der Verlust nicht gleichgültig; aber es handelte sich für mich viel mehr um die Ehre. Ich sah frisch aus, während mein Gegner das Aussehen eines ausgegrabenen Leichnams hatte; dieser Eindruck wurde besonders durch seine Magerkeit hervorgerufen. Als Madame Saxe in mich drang, sagte ich ihr, ich sei in Verzweiflung, die Wünsche einer reizenden Frau nicht erfüllen zu können, die in jeder Hinsicht viel größerer Opfer würdig sei; im vorliegenden Fall handele es sich aber darum, wer recht behalten solle, und infolgedessen sei ich entschlossen, entweder zu siegen oder meinem Gegner den Sieg erst in dem Augenblick zu überlassen, wo ich tot hinsinken würde. Indem ich so sprach, hatte ich eine doppelte Absicht; ich wollte d'Entragues durch meine Entschlossenheit einschüchtern, und ich wollte ihn ärgern, indem ich ihn eifersüchtig machte; da ein Eifersüchtiger alles doppelt sieht, so hoffte ich, er werde schlechter spielen. Wenn ich die fünfzig Louis der Wette gewann, so brauchte ich mich nicht darüber zu ärgern, daß ich hundert durch sein überlegenes Spiel verlor. Die schöne Madame Saxe warf mir einen verächtlichen Blick zu und ging; Madame d'Urfé aber, die mich für unfehlbar hielt, rächte mich, indem sie im Tone tiefster Überzeugung zu Herrn d'Entragues sagte: »Mein Gott, lieber Herr, wie bedaure ich Sie!« Bis zum Abendessen kam die Gesellschaft nicht wieder in den Saal; man ließ uns unseren Handel unter vier Augen austragen. Wir spielten die ganze Nacht, und ich gab ebenso aufmerksam auf das Gesicht meines Gegners acht wie auf das Spiel. Seine Züge wurden allmählich verstört, und er machte Fehler; er brachte seine Karten durcheinander, zählte falsch und legte oft verkehrt weg. Ich war wohl kaum weniger erschöpft als er; ich fühlte, wie ich immer schwächer wurde, und hoffte jeden Augenblick, ihn tot hinsinken zu sehen, denn ich fürchtete, trotz meiner starken Körperbeschaffenheit besiegt zu werden. Bei Tagesanbruch hatte ich mein Geld wiedergewonnen; als d'Entragues einmal hinausgegangen war, stritt ich mit ihm darüber, daß er länger als eine Viertelstunde fortgewesen sei. Dieser vom Zaune gebrochene Streit machte ihn wütend und munterte mich auf; dies war eine natürliche Wirkung der Verschiedenheit unserer Temperamente. Es war ein Spielerkniff, der wohl wert ist, daß Ethiker und Psychologen ihn studieren. Meine List gelang mir, weil sie nicht vorher überlegt war und daher nicht vorausgesehen werden konnte. Bei Armeebefehlshabern ist es nicht anders: eine Kriegslist muß im Kopfe eines Feldherrn entspringen; es ergibt sich aus den Umständen, aus dem Zufall und aus der Gewohnheit, schnell die Beziehungen von Menschen und Dingen zu erfassen. Um neun Uhr erschien Madame Saxe; ihr Liebhaber war im Verlust. »Jetzt, mein Herr,« sagte sie zu mir, »könnten Sie wohl nachgeben.« »Meine Gnädige, in der Hoffnung, Ihnen zu gefallen, bin ich bereit, meine Wette zurückzuziehen und auf das übrige zu verzichten.« Diese Worte, die ich in einem Ton gezierter Galanterie sprach, erregten den Zorn des Herrn d'Entragues; er sagte ärgerlich, er würde nicht eher aufhören, als bis einer von uns beiden zu Boden sänke. »Sie sehen, sehr liebenswürdige Dame, daß nicht ich der Eigensinnige bin.« Dabei machte ich verliebte Augen, deren Blick in meinem Zustande wohl nicht sehr durchdringend sein mochte. Man ließ uns eine Fleischbrühe bringen; d'Entragues aber, der auf dem höchsten Grade der Schwäche angelangt war, wurde nach dem Genuß des Getränkes so unwohl, daß er auf seinem Stuhl hin- und herschwankte und schweißüberströmt in Ohnmacht sank. Man trug ihn schnell hinaus. Ich gab dem Kellner, der zweiundvierzig Stunden lang Dienst gehabt hatte, sechs Louis, steckte mein Gold in die Taschen und ging dann, nicht zu Bett, sondern zu einem Apotheker, von dem ich mir ein leichtes Brechmittel geben ließ. Hierauf ging ich zu Bett und schlummerte ein paar Stunden; gegen drei Uhr speiste ich mit dem besten Appetit zu Mittag. D'Entragues ging erst den nächsten Tag aus. Ich war darauf gefaßt, daß er Händel mit mir anfangen würde; aber ich hatte mich geirrt: guter Rat kommt über Nacht. Sobald er mich sah, kam er auf mich zu, umarmte mich und sagte: »Ich hatte eine wahnwitzige Wette angenommen, aber Sie haben mir eine Lehre gegeben, deren ich mich mein Leben lang erinnern werde, und ich bin Ihnen dankbar dafür.« »Das freut mich; ich hoffe nur, die Anstrengung hat Ihrer Gesundheit nicht geschadet.« »Nein, ich befinde mich sehr wohl; aber wir werden nicht mehr miteinander spielen.« »Hoffentlich wenigstens nicht mehr gegeneinander.« Acht oder zehn Tage später machte ich der Frau von Urfé das Vergnügen, mit ihr und der falschen Lascaris nach Basel zu fahren. Wir wohnten bei dem berüchtigten Imhoff, der uns die Haut über die Ohren zog; aber »Die drei Könige« waren der beste Gasthof der Stadt. Ich erwähnte wohl bereits eine der Eigentümlichkeiten der Stadt Basel: nämlich daß dort um elf Uhr Mittag ist. Dieser Unsinn beruht auf einem historischen Ereignis, das der Fürst von Pruntrut mir erzählt hat, das ich aber vergessen habe. Die Baseler sollen an einer Art von Verrücktheit leiden, von der die Quellen von Sulzbach sie befreien, die sie aber bald wieder befällt, wenn sie zu Hause sind. Wir wären einige Zeit in Basel geblieben, wenn ich mich nicht über einen Vorfall geärgert und infolgedessen unsere Abreise beschleunigt hätte. Ich hatte notgedrungen der Corticelli halb und halb verziehen, und wenn ich früh nach Hause kam, aß ich mit dem törichten Mädchen und Frau von Urfé zu Abend; hierauf brachte ich die Nacht mit ihr zu; wenn ich dagegen später nach Hause kam, was ziemlich häufig der Fall war, so schlief ich allein in meinem Zimmer. Die Spitzbübin schlief ebenfalls allein in einer Kammer, die an das Zimmer ihrer Mutter anstieß, und man mußte durch dieses Zimmer hindurchgehen, wenn man zur Tochter wollte. Eines Nachts kam ich um ein Uhr nach Hause. Ich hatte keine Lust, zu schlafen, zog meinen Schlafrock an, nahm eine Kerze und suchte meine Schöne auf. Ich war ein wenig überrascht, die Zimmertür der Signora Laura halb offen zu finden. Im Augenblick, wo ich eintreten wollte, streckte die Alte ihren Arm aus, packte mich am Schlafrock und bat mich, nicht bei ihrer Tochter einzutreten. »Warum nicht?« »Sie ist den ganzen Abend sehr krank gewesen und hat Schlaf nötig.« »Schön! Ich werde ebenfalls schlafen.« Mit diesen Worten stieß ich die Alte zurück, trat bei der Tochter ein und fand diese mit einem Mann im Bett liegen, der sich unter der Decke versteckte. Nachdem ich einen Augenblick dieses Gemälde angesehen hatte, lachte ich laut auf, setzte mich auf das Bett und fragte sie, wer der glückliche Sterbliche sei, den ich aus dem Fenster werfen müsse. Ich sah neben ihr auf einem Stuhl Rock, Hose, Hut und Stock des Besuchers; da ich gute Pistolen in meinen Taschen hatte, so wußte ich, daß für mich nichts zu befürchten war; aber ich wollte keinen Lärm machen. An allen Gliedern zitternd, die Augen voller Tränen, ergriff sie meine Hand und rief: »Ich beschwöre Sie, verzeihen Sie: es ist ein junger Kavalier, dessen Namen ich nicht kenne.« »Ein junger Herr, dessen Namen du nicht kennst, Spitzbübin? Nun, so wird er mir seinen Namen selber sagen.« Mit diesen Worten nahm ich eine Pistole und entblößte mit einem Ruck den Kuckuck, der nicht ungestraft seine Eier in mein Nest gelegt haben sollte. Ich sah einen jungen Mann, den ich nicht kannte. Sein Kopf war mit einem seidenen Tuch umwickelt, im übrigen war er nackt wie ein kleiner Adam. Ebenso nackt war die schamlose Corticelli. Er drehte mir den Rücken zu und langte nach seinem Hemd, das er in das Bettgäßchen geworfen hatte; ich packte ihn jedoch am Arm und verhinderte ihn, irgendeine Bewegung zu machen, denn die Mündung meiner Pistole sprach eine unwiderstehliche Sprache. »Wer sind Sie, schöner Herr, wenn ich bitten darf?« »Ich bin der Baseler Domherr Graf B.« »Glauben Sie hier eine geistliche Verrichtung zu vollziehen?« »O nein! Ich bitte Sie, mein Herr, verzeihen Sie mir und verzeihen Sie auch Madame; denn ich bin der einzige Schuldige.« »Danach habe ich Sie nicht gefragt.« »Mein Herr, die Frau Gräfin ist vollkommen unschuldig.« Ich war in glücklicher Stimmung; infolgedessen war ich durchaus nicht zornig, sondern konnte mich kaum des Lachens enthalten; das Gemälde hatte in meinen Augen etwas Anziehendes, weil es komisch und zugleich wollüstig war. Das Gesamtbild dieser beiden zusammengekauerten nackten Leiber war im höchsten Grade sinnlich anregend; ich betrachtete es eine gute Viertelstunde lang, ohne ein Wort zu sagen, und bemühte mich während dieser ganzen Zeit, eine starke Versuchung zu bekämpfen, die ich empfand, nämlich die, mich zu ihnen zu legen. Ich überwand sie nur, weil ich befürchtete, in dem Domherrn einen Dummkopf zu finden, der nicht imstande war, würdig eine Rolle zu spielen, die ich an seiner Stelle wunderbar durchgeführt haben würde. Die Corticelli, der ein Übergang vom Weinen zum Lachen keine Mühe machte, würde ihre Rolle entzückend gespielt haben; hätte ich mich aber, und das befürchtete ich, an einen Dummkopf gewandt, so würde ich mich erniedrigt haben. Überzeugt, daß weder er noch sie erraten hatte, was in mir vorging, stand ich auf und befahl dem Domherrn, sich anzukleiden. Ich sagte zu ihm: »Diese Geschichte muß stillschweigend begraben werden; aber wir werden miteinander ein paar hundert Schritte von hier an einen stillen Ort gehen und uns mit diesen Pistolen übers Schnupftuch schießen.« »Ach, mein verehrter Herr,« rief der Ritter von der traurigen Gestalt, »führen Sie mich, wohin Sie wollen, und schießen Sie mich tot, wenn Sie es durchaus wollen; aber mich mit Ihnen zu schlagen, dazu bin ich nicht der Mann.« »Wirklich nicht?« »Nein, mein verehrter Herr; ich bin nur Priester geworden, um mich dieser unangenehmen Verpflichtung zu entziehen.« »Sie sind also ein Feigling und bereit, Prügel zu bekommen?« »Was Sie wollen! Aber es wäre barbarisch von Ihnen, denn die Liebe hat mich blind gemacht. Ich bin erst vor einer Viertelstunde in diese Kammer eingetreten; Madame schlief und ihre Gesellschaftsdame ebenfalls.« »Das lügen Sie andern vor!« »Ich hatte eben gerade mein Hemd ausgezogen, als Sie eintraten, und vorher war ich niemals mit diesem Engel zusammengewesen.« »Das ist so wahr wie das Evangelium!« rief das Frauenzimmer. »Wissen Sie was? Sie sind beide freche, schamlose Menschen. Und Sie, mein schöner Domherr und Mädchenverführer, Sie verdienten wohl, daß ich Sie wie einen kleinen Laurentius rösten ließe.« Unterdessen hatte der unglückselige Domherr sich in seine Kleider geworfen. »Folgen Sie mir, mein Herr!« sagte ich in eisigkaltem Ton zu ihm. Ich führte ihn auf mein Zimmer. Dort sagte ich zu ihm: »Was werden Sie tun, wenn ich Ihnen verzeihe und Ihnen gestatte, das Haus zu verlassen, ohne Sie zu entehren?« »Ach, mein Herr, ich werde spätestens in einer Stunde abreisen, und Sie werden mich nicht mehr hier sehen; wo Sie mir auch in Zukunft begegnen mögen, Sie können sich darauf verlassen, in mir einen Mann zu finden, der bereit ist, alles für Sie zu tun.« »Schön! Gehen Sie und sehen Sie sich in Zukunft besser vor, wenn Sie auf Liebesabenteuer ausziehen!« Sehr zufrieden mit dem, was ich gesehen und was ich getan hatte, legte ich mich zu Bett; denn ich gewann hierdurch völlige Freiheit, nach meinem Belieben mit der Spitzbübin zu verfahren. Am nächsten Morgen ging ich gleich nach dem Aufstehen zur Corticelli und bedeutete ihr in ruhigem aber gebieterischem Ton, sie solle sofort ihre Sachen packen; zugleich verbot ich ihr, bis zum Augenblick, wo sie in den Wagen steigen würde, ihr Zimmer zu verlassen. »Ich werde sagen, ich sei krank.« »Sage, was du willst; aber man wird deinen Bemerkungen nicht die geringste Beachtung schenken.« Ohne weiter Einwände abzuwarten, suchte ich Frau von Urfé auf und erzählte ihr mit scherzhaften Ausschmückungen die Geschichte der Nacht, worüber sie herzlich lachte. Diese Stimmung brauchte ich gerade, um das Orakel zu fragen, was wir tun sollten, nachdem wir den schlagenden Beweis erhalten hätten, daß die junge Lascaris von dem als Priester verkleideten schwarzen Dämon geschändet war. Das Orakel antwortete, wir müßten am nächsten Tage nach Besançon abreisen; von dort müsse sie mit ihrer Kammerfrau und Bedienten nach Lyon fahren, wo sie mich zu erwarten hätte. Ich dagegen würde die junge Gräfin und ihre Gesellschaftsdame nach Genf bringen und dort die nötigen Anordnungen treffen, um sie in ihre Heimat zurückzuschicken. Die gute Geisterseherin war entzückt über diese Verordnung; sie sah darin nur einen Beweis des Wohlwollens vonseiten des guten Selenis, der ihr auf diese Weise das Glück verschaffen wollte, den kleinen d'Aranda wiederzusehen. Wir kamen überein, daß ich im Frühling des nächsten Jahres wieder mit ihr zusammentreffen sollte, um die große Operation zu vollziehen, durch die sie als Mann wiedergeboren werden sollte. Sie fand diese Operation unfehlbar und vollkommen vernunftgemäß. Am nächsten Tage war alles fertig, und wir fuhren ab: Frau von Urfé und ich in der Berline, die Corticelli, ihre Mutter und die beiden Kammerzofen in dem anderen Wagen. Von Besançon aus fuhr Frau von Urfé mit ihren Bediensteten weiter; ich aber reiste am nächsten Tage mit Mutter und Tochter nach Genf. Dort stieg ich wie immer in der »Wage« ab. Während der ganzen Reise sprach ich nicht nur kein Wort mit meiner Begleiterin, sondern würdigte sie nicht mal eines einzigen Blickes. Ich ließ sie mit einem Bedienten aus der Freigrafschaft essen, den ich auf die Empfehlung des Herrn von Schaumburg angenommen hatte. In Genf ging ich zu meinem Bankier und bat ihn, mir einen sicheren Fuhrmann zu besorgen, der zwei alleinstehende Frauen, für die ich mich interessierte, nach Turin bringen könnte. Zugleich übergab ich ihm fünfzig Louis für einen Wechsel auf Turin. In meinen Gasthof zurückgekehrt, schrieb ich an den Chevalier Raiberti und schickte ihm den Wechsel. Ich teilte ihm mit, er werde drei oder vier Tage nach dem Empfang meines Briefes eine bolognesische Tänzerin mit ihrer Mutter ankommen sehen, die ihm einen Empfehlungsbrief geben werde. Ich bat ihn, die beiden Frauen in einem anständigen Hause unterzubringen und für meine Rechnung ihren Unterhalt zu bezahlen. Zugleich schrieb ich ihm, er werde mich zu großem Dank verpflichten, wenn er es durchsetzen könne, daß sie während des Karnevals als Tänzerin auftrete, wäre es auch ohne Bezahlung, und wenn er ihr sagen wolle, daß ich mich von ihr lossagen würde, wenn ich bei meiner Ankunft in Turin etwas Ungünstiges über sie hören sollte. Am nächsten Tage stellte ein Schreiber des Herrn Tronchin mir den Fuhrmann vor, der mir sagte, er sei bereit, gleich nach dem Essen abzureisen. Nachdem ich die zwischen ihm und dem Bankier getroffene Vereinbarung bestätigt hatte, ließ ich die beiden Corticelli kommen und sagte zum Fuhrmann: »Dies sind die beiden Personen, die Sie zu befördern haben; sie werden Ihnen den Fuhrlohn bezahlen, sobald Sie in vier und einem halben Tag mit ihrem Gepäck sicher in Turin angekommen sind, wie es in dem Vertrage geschrieben steht, von dem sie eine Ausfertigung bei sich haben und Sie die andere.« Eine Stunde darauf fuhr er vor und lud das Gepäck auf den Wagen. Die Corticelli zerfloß in Tränen. Ich konnte nicht so grausam sein, sie ohne einen kleinen Trost abreisen zu lassen. Sie war für ihre schlechte Aufführung hart genug bestraft. Ich ließ sie mit mir essen. Hierauf übergab ich ihr den Empfehlungsbrief für Herrn Raiberti und fünfundzwanzig Louis, von denen acht für die Auslagen, und sagte ihr, ich hätte an den Herrn geschrieben, daß er es ihr auf meine Anordnung an nichts fehlen lassen würde. Sie verlangte von mir einen Koffer mit drei Kleidern und einem prachtvollen Mantel; diese Sachen hatte Frau von Urfé für sie bestimmt, bevor sie verrückt wurde. Ich sagte ihr jedoch, darüber würden wir in Turin sprechen. Von dem Schmuckkästchen wagte sie gar nicht zu sprechen. Sie weinte nur; aber dadurch rührte sie mich nicht. Sie befand sich in viel besseren Umständen als bei ihrer Ankunft; denn sie hatte schöne Kleider, Wäsche, Schmucksachen und eine sehr schöne Uhr, die ich ihr geschenkt hatte. Das war mehr, als sie verdiente. Im Augenblick der Abreise führte ich sie an den Wagen, weniger aus Höflichkeit, als um sie noch einmal dem Fuhrmann zu empfehlen. Als sie abgereist war, fühlte ich mich von einer schweren Last befreit. Ich suchte meinen Syndikus auf, den mein Leser noch nicht vergessen haben wird. Ich hatte ihm seit meinem Aufenthalt in Florenz nicht geschrieben; wahrscheinlich dachte er gar nicht mehr an mich, und ich wollte mich an seiner Überraschung weiden. Diese war wirklich sehr groß; aber nachdem er einen Augenblick gestutzt hatte, fiel er mir um den Hals, küßte mich zehnmal unter Freudentränen und sagte mir endlich, er habe schon alle Hoffnung aufgegeben, meine Gestalt wiederzusehen. »Wie geht es unseren lieben Freundinnen?« »Ausgezeichnet. Sie sind stets der Gegenstand ihrer Unterhaltungen und ihres zärtlichen Bedauerns; sie werden vor Freude toll werden, wenn sie erfahren, daß Sie hier sind.« »Wir müssen es ihnen sofort mitteilen.« »Gewiß! Ich werde ihnen Bescheid sagen, daß wir heute Abend zusammen speisen werden. Wissen Sie schon? Herr von Voltaire hat die Délices dem Herzog von Villars überlassen und wohnt jetzt auf Ferney.« »Das ist mir einerlei; ich gedenke ihn diesmal nicht aufzusuchen. Ich werde hier zwei oder drei Wochen bleiben, die ich ganz und gar Ihnen widme.« »Sie werden Glückliche machen!« »Bevor Sie gehen, geben Sie mir bitte Schreibpapier; ich habe drei oder vier Briefe zu schreiben und möchte dazu die Zeit bis zu Ihrer Rückkunft benutzen.« Er überließ mir seinen Schreibtisch, und ich schrieb sofort an meine frühere Haushälterin Frau Lebel, daß ich etwa drei Wochen in Genf zubringen und daß ich gern nach Lausanne gehen würde, wenn ich sicher wäre, sie wiederzusehen. Zu meinem Unglück schrieb ich auch nach Bern an jenen Genueser Ascanio Pogomas oder Giacomo Passano, den schlechten Dichter und Feind des Abbate Chiari, den ich in Livorno kennen gelernt hatte. Ich forderte ihn auf, mich in Turin zu erwarten. Zugleich schrieb ich an meinen Freund M. F., an den ich ihn empfohlen hatte, und beauftragte diesen, ihm zwölf Louis Reisegeld zu geben. Mein böser Geist trieb mich, an diesen Menschen zu denken, der eine imponierende Gestalt und ein wahres Astrologengesicht hatte, um ihn der Frau von Urfé als einen großen Adepten vorzustellen. Ein Jahr weiter, mein lieber Leser, wirst du sehen, wie ich es zu bereuen hatte, dieser unheilvollen Eingebung gefolgt zu sein. Als der Syndikus und ich abends zu unseren hübschen Cousinen gingen, sah ich einen schönen englischen Wagen, der zum Verkauf stand; ich vertauschte ihn gegen meinen eigenen, indem ich hundert Louis draufzahlte. Während ich mit dem Verkäufer handelte, sah mich der Oheim der schönen Theologin, die so gut über biblische Thesen disputierte, und der ich so süßen Unterricht in der Naturlehre gegeben hatte; er erkannte mich, umarmte mich und lud mich ein, am nächsten Mittag bei ihm zu speisen. Ehe wir zu unseren liebenswürdigen Freundinnen kamen, sagte der Syndikus mir, wir würden bei ihnen ein sehr hübsches Mädchen finden, das noch nicht in die süßen Mysterien eingeweiht wäre. »Um so besser!« rief ich, »ich werde mich entsprechend benehmen, und vielleicht werde ich der Einführer sein.« Ich hatte ein Schmuckkästchen in die Tasche gesteckt, in das ich ein Dutzend sehr hübscher Ringe hineingetan hatte. Ich wußte seit langer Zeit, daß man durch solche Kleinigkeiten schnell weiterkommt. Der Augenblick, da ich diese reizenden Mädchen wiedersah, war wirklich einer der angenehmsten meines Lebens. Ich erkannte in ihrem Empfang Freude, Genugtuung, aufrichtige Dankbarkeit und Sinnlichkeit. Sie liebten sich ohne Eifersucht und ohne Neid; fern waren ihnen alle Gedanken, die ihre gute Meinung von sich selber hätten beeinträchtigen können. Sie zeigten sich meiner Achtung würdig, gerade weil sie mir ohne erniedrigende Hintergedanken, einer Eingebung des gleichen Gefühles folgend, das auch mich zu ihnen hingezogen hatte, ihre Gunst geschenkt hatten. Die Anwesenheit ihrer neuen Freundin nötigte uns, unsere ersten Umarmungen auf die Formen des sogenannten Anstandes zu beschränken; errötend und ohne die Augen aufzuschlagen, bewilligte die junge Novize mir die gleiche Gunst. Nachdem wir die üblichen Redensarten nach langer Abwesenheit ausgetauscht hatten, wechselten wir auch einige Zweideutigkeiten, über die wir lachten und die der jungen Einfalt zu denken gaben. Ich sagte dieser, ich fände sie schön wie die Göttin der Liebe und möchte darauf wetten, daß ihr Geist ebenso schön sei wie ihr entzückendes Gesicht und für gewisse Vorurteile nicht empfänglich sei. »Ich habe,« sagte sie in bescheidenem Ton zu mir, »alle Vorurteile, die die Ehre und die Religion uns auferlegen.« Ich sah, daß ich sie schonen und daß ich mit Zartgefühl langsam vorgehen mußte. Sie war keine Festung, die durch einen Handstreich im Sturmlauf genommen werden konnte. Aber nach meiner Gewohnheit verliebte ich mich in sie. Als der Syndikus gelegentlich meinen Namen nannte, rief das junge Mädchen: »Ach! dann sind Sie also der Herr, der vor zwei Jahren mit meiner Base, der Nichte des Pastors, über so eigentümliche Fragen disputiert hatte! Es freut mich sehr, daß ich Gelegenheit habe, Ihre Bekanntschaft zu machen.« »Ich bin glücklich, die Ihrige zu machen, mein Fräulein, und ich wünsche, daß Ihre Base, indem sie Ihnen von mir erzählt hat, Sie nicht gegen mich eingenommen hat.« »Ganz im Gegenteil! Sie hält große Stücke auf Sie.« »Ich werde morgen die Ehre haben, mit ihr zusammen zu speisen, und werde nicht verfehlen, ihr meinen Dank abzustatten.« »Morgen? Ich werde es so einrichten, daß ich an diesem Essen teilnehme, denn ich habe eine große Vorliebe für philosophische Erörterungen, obwohl ich es nicht wage, selber ein Sterbenswörtchen dazu zu sagen.« Der Syndikus pries ihre Vorsicht und lobte sehr warm ihre Verschwiegenheit. Ich bemerkte deutlich, daß er in sie verliebt war und daß er sicherlich auf alle Weise versuchen würde, sie zu verführen, wenn er es nicht bereits getan hatte. Das schöne Mädchen hieß Helene. Ich fragte die Fräuleins, ob die schöne Helene unsere Schwester sei. Die älteste antwortete mir mit einem feinen Lächeln, Schwester sei sie, aber sie habe keinen Bruder. Nachdem sie diese Erklärung gegeben hatte, lief sie auf sie zu und umarmte sie. Der Syndikus und ich machten ihr nun die allerschönsten Komplimente; er sagte, wir hofften, ihre Brüder zu werden. Helene errötete, antwortete aber auf alle anderen galanten Bemerkungen nicht ein Wort. Ich brachte hierauf mein Juwelenkästchen zum Vorschein, und als ich die jungen Damen von der Schönheit meiner Ringe entzückt sah, wußte ich sie zu veranlassen, sich diejenigen auszusuchen, die ihnen am besten gefielen. Die reizende Helene folgte dem Beispiel der Freundinnen und belohnte mich durch einen bescheidenen Kuß. Bald darauf entfernte sie sich, und wir hatten unsere frühere Freiheit wieder. Der Syndikus hatte recht, wenn er in Helene verliebt war, denn das junge Mädchen besaß alle Eigenschaften, um nicht nur zu gefallen, sondern sogar die heftigste Leidenschaft zu erregen. Die drei Freundinnen gaben sich jedoch nicht der Hoffnung hin, sie zur Teilnahme an unseren Freuden bewegen zu können; denn sie hatte, wie sie sagten, Männern gegenüber ein unüberwindliches Schamgefühl. Wir waren beim Abendessen sehr lustig und begannen nach Tisch unsere alten Spiele, wobei der Syndikus nach seiner Gewohnheit einfacher Zuschauer unserer Heldentaten blieb. Er war jedoch sehr damit zufrieden, nichts weiter zu sein als dies. Ich nahm jede der drei Nymphen ein paarmal vor, indem ich sie zu ihrem Vorteil betrog und sie schonte, wenn ich gezwungen war, der Natur nachzugeben. Um Mitternacht trennten wir uns, und der gute Syndikus begleitete mich bis an die Tür meines Gasthofes. Am nächsten Mittag ging ich zum Pastor, bei welchem ich zahlreiche Gesellschaft fand, unter anderen auch Herrn d'Harcourt und Herrn von Ximénès, der mir sagte, Herr von Voltaire wisse, daß ich in Genf sei, und hoffe, mich zu sehen. Ich begnügte mich, ihm durch eine tiefe Verneigung zu antworten. Die Nichte des Pastors, Fräulein Hedwig, machte mir ein sehr schmeichelhaftes Kompliment, das mir jedoch weniger gefiel als der Anblick ihrer Base Helene, die neben ihr stand und die sie mir mit den Worten vorstellte, wir könnten doch miteinander zusammenkommen, da wir jetzt Bekanntschaft gemacht hätten. Dies war mein sehnlichster Wunsch. Die zweiundzwanzigjährige Theologin war schön und appetitlich, aber sie besaß nicht jenes gewisse Etwas, das einen eigentümlichen Reiz gibt und sowohl die Hoffnung auf Genuß wie den Genuß selber erhöht – jenes »Sauersüße«, das die höchste Wollust noch steigert. Ihre Freundschaft mit ihrer Base war aber gerade das, was ich gebrauchte, um dieser letzteren eine günstige Meinung von mir einzuflößen. Das Essen war ausgezeichnet. Während der Mahlzeit wurde nur von gleichgültigen Dingen gesprochen; beim Nachtisch aber bat der Pastor Herrn von Ximénès, einige Fragen an seine Nichte zu stellen. Da ich den gelehrten Herrn seinem Rufe nach kannte, so erwartete ich irgendeine mathematische Aufgabe zu hören, aber ich täuschte mich. Er fragte sie nämlich, ob sie glaube, daß der innerliche Vorbehalt genüge, um eine Lüge zu rechtfertigen. Hedwig antwortete bescheiden, daß zwar eine Lüge notwendig werden könne, daß jedoch der innerliche Vorbehalt stets ein Betrug sei. »Dann sagen Sie mir doch, wie Jesus Christus behaupten konnte, der Zeitpunkt des Weltendes sei ihm unbekannt.« »Er hat dies nicht sagen können, weil er es nicht wußte.« »So war er also nicht Gott?« »Die Schlußfolgerung ist falsch, denn da Gott allmächtig ist, so steht es auch in seiner Macht, eine Futurität nicht zu wissen.« Dies Wort »Futurität«, das sie so passend gebildet hatte, dünkte mich erhaben. Hedwig erhielt lebhaften Beifall, und ihr Oheim ging um den Tisch herum, um sie zu umarmen. Mir schwebte ein sehr natürlicher Einwand auf den Lippen, der aus der Frage selbst hervorging und der sie wohl hätte in Verlegenheit setzen können; ich wollte ihr jedoch gefallen und schwieg daher. Nun wurde Herr d'Harcourt aufgefordert, eine Frage zu stellen; er antwortete jedoch mit Horaz: nulla mihi religio est – »ich habe keine Religion.« Hierauf wandte Hedwig sich zu mir und sagte: »Ich erinnere mich der Amphidromie ; es war ein heidnisches Fest. Ich möchte jedoch, daß Sie mich nach irgend etwas fragen, was das Christentum betrifft, irgend etwas Schwieriges, was Sie selber nicht entscheiden können.« »Sie machen es mir leicht, mein Fräulein.« »Um so besser, dann brauchen Sie nicht so viel nachzudenken.« »Ich denke nach, um etwas Neues zu finden. Halt – da habe ich etwas! Geben Sie mir zu, daß Jesus Christus alle menschlichen Eigenschaften im höchsten Grade besaß?« »Gewiß – alle, mit Ausnahme der Schwächen.« »Zählen Sie die Zeugungsfähigkeit zu den Schwächen?« »Nein.« »Wollen Sie mir also sagen, von welcher Art das Geschöpf gewesen wäre, das geboren sein würde, wenn Jesus Christus die Absicht gehabt hätte, der Samariterin ein Kind zu machen?« Hedwig wurde feuerrot. Der Pastor und die ganze Gesellschaft sahen einander an; ich aber blickte unverwandt auf die Theologin, die eifrig nachdachte. Herr von Harcourt sagte, um eine so kniffliche Frage zu entscheiden, müsse man Herrn von Voltaire holen; als aber Hedwig mit ruhiger Miene die Augen aufschlug, wie wenn sie zur Antwort bereit wäre, da schwiegen alle anderen. »Jesus Christus,« sagte sie, »hatte zwei vollkommene Naturen, die einander vollkommen das Gleichgewicht hielten; sie waren unzertrennlich voneinander. Wenn also die Samariterin mit unserem Erlöser fleischlichen Verkehr gehabt hätte, so würde sie ganz gewiß empfangen haben, denn es wäre albern, anzunehmen, daß ein Gott eine so wichtige Handlung vollziehen sollte, ohne daß diese ihre natürliche Folge hätte. Die Samariterin würde nach neun Monaten ein Kind zur Welt gebracht haben, und zwar ein männliches, nicht ein weibliches, und dieses Geschöpf, von einem menschlichen Weibe und einem Gottmann geboren, würde ein Viertel Gott und drei Viertel Mensch gewesen sein.« Bei diesen Worten klatschten alle Gäste in die Hände, und Herr von Ximénès bewunderte die vernünftige Berechnung; hierauf sagte er: »Wenn der Sohn der Samariterin sich verheiratet hätte, so würden natürlich die Kinder, die aus dieser Ehe hervorgegangen wären, sieben Teile Menschlichkeit und ein Teil Göttlichkeit gehabt haben.« »Wenn er nicht etwa eine Göttin geheiratet hätte,« fügte ich hinzu; »denn dadurch würden sich die Beziehungen wesentlich geändert haben.« »Sagen Sie mir ganz genau,« begann Hedwig wieder, »wieviel Göttliches ein Kind in der sechzehnten Generation gehabt haben würde?« »Warten Sie einen Augenblick und geben Sie mir einen Bleistift!« sagte Herr von Ximénès. »Es ist nicht nötig, das auszurechnen,« sagte ich; »es hätte ein Teilchen des Geistes gehabt, der Sie beseelt.« Alle Anwesenden zollten dieser Galanterie Beifall, die der damit Bedachten nicht mißfiel. Die schöne Blonde entflammte mich durch die Reize ihres Geistes. Wir erhoben uns vom Tisch, um sie zu umringen, und sie zerstäubte alle unsere Komplimente auf die vornehmste Weise. Ich nahm Helenen auf die Seite und bat sie, ihre Base zu veranlassen, daß sie einen Ring aus meinem Schmuckkästchen wähle; die am vorigen Tag entstandene Lücke hatte ich wieder ausgefüllt. Das reizende Mädchen übernahm sehr gern diesen Auftrag. Eine Viertelstunde darauf zeigte Hedwig mir ihre Hand, und ich sah daran mit Vergnügen den Ring, welchen sie sich ausgesucht hatte; ich küßte voll Entzücken diese Hand, und ohne Zweifel fühlte sie an der Glut meiner Küsse, welche Gefühle sie mir eingeflößt hatte. Am Abend erzählte Helene dem Syndikus und den drei Freundinnen von den Fragen, die beim Mittagessen gestellt worden waren, ohne auch nur den kleinsten Umstand auszulassen. Sie erzählte gewandt und anmutig; ich brauchte ihr nicht ein einzigesmal zu Hilfe zu kommen. Wir baten sie, zum Abendessen zu bleiben, sie nahm jedoch ihre Freundinnen beiseite und machte ihnen klar, daß dies unmöglich wäre; aber sie sagte ihnen zugleich, vielleicht könnte sie zwei Tage auf einem Landgut verbringen, das sie am See besäßen, wenn sie persönlich ihre Mutter um Erlaubnis fragen wollten. Auf Wunsch des Syndikus gingen die drei Freundinnen schon am nächsten Tage zu der Mutter; den übernächsten Tag reisten sie mit Helene ab. Am selben Abend fuhren wir hinaus, um mit ihnen zu soupieren; wir konnten jedoch nicht dort übernachten. Es wurde vereinbart, daß der Syndikus mich nach einem nicht weit entfernt gelegenen Hause bringen sollte, wo wir sehr gut aufgehoben sein würden. Unter diesen Umständen brauchten wir uns nicht zu beeilen; die älteste, die ihrem Freunde gern einen Gefallen tun wollte, sagte ihm, er könne mit mir fortgehen, wenn er wolle; sie würden sich zu Bett legen. Mit diesen Worten nahm sie Helene unter den Arm und führte sie in ihr Zimmer; die beiden andern begaben sich in das ihrige. Wenige Augenblicke später betrat der Syndikus das Zimmer, worin Helene sich befand, und ich suchte die beiden anderen auf. Ich lag kaum seit einer Stunde zwischen meinen beiden Freundinnen, als der Syndikus meine erotischen Arbeiten unterbrach, indem er mich bat, mit ihm fortzugehen. »Was haben Sie mit Helene gemacht?« fragte ich ihn. »Sie versteckte sich unter die Decke und wollte sich die Scherze, die ich mit ihrer Freundin machte, nicht einmal ansehen.« »Sie hätten sich an sie selber wenden müssen.« »Das habe ich getan, aber sie stieß mich mehrere Male zurück. Ich kann nicht mehr, denn ich bin völlig erschöpft; außerdem bin ich überzeugt, daß ich bei dieser Wilden niemals etwas erreichen werde, wenn Sie sie mir nicht zähmen.« »Wie soll ich das machen?« »Gehen Sie morgen zum Mittagessen hin; ich werde nicht da sein, denn ich muß den ganzen Tag in Genf verbringen. Aber zum Abendessen werde ich kommen. Wenn wir sie vielleicht betrunken machen könnten?« »Das wäre schade. Lassen Sie mich nur machen.« Am nächsten Tage lud ich mich also allein bei ihnen zum Mittagessen ein, und sie empfingen mich auf eine wirklich herzliche Weise. Als wir nach Tisch einen Spaziergang machten, kamen die drei Freundinnen meinen Wünschen zuvor und ließen mich mit der schönen Widerspenstigen allein; aber diese widerstand meinen Liebkosungen und meinen Bitten, so daß ich fast alle Hoffnung verlor sie zu bändigen. »Der Syndikus,« sagte ich zu ihr, »ist in Sie verliebt; diese Nacht ...« »Diese Nacht«, antwortete sie mir, »diese Nacht hat er sich mit seiner alten Freundin erlustigt. Ich habe nichts dagegen, daß jeder nach seinem Vergnügen handelt; aber ich verlange, daß man mir die Freiheit läßt, meinem eigenen Geschmack zu folgen.« »Wenn es mir gelingen könnte, Ihr Herz zu besitzen, so würde ich mich glücklich schätzen.« »Warum laden Sie nicht den Pastor und meine Base irgendwo zum Mittagessen ein; sie würden mich mitnehmen, denn mein Oheim liebt alle, die seine Nichte lieben.« »Es freut mich, das zu hören. Hat sie einen Liebhaber?« »Nein!« »Wie ist das möglich? Sie ist jung, hübsch, fröhlich und außerdem sehr geistvoll.« »Sie kennen Genf nicht. Gerade ihr Geist ist schuld, daß kein junger Mann ihr seine Liebe zu erklären wagt. Diejenigen, die an ihr ein persönliches Wohlgefallen finden, bleiben ihr fern, weil sie so viel Geist hat, denn sie würden es in der Unterhaltung nicht mit ihr aufnehmen können.« »Aber sind denn die jungen Genfer so ungebildet?« »Im allgemeinen, ja. Doch muß man gerechterweise sagen, daß viele eine gute Erziehung genossen und etwas Tüchtiges gelernt haben; aber im Durchschnitt genommen haben sie sehr viele Vorurteile. Niemand will für dumm oder albern gelten; außerdem suchen die jungen Leute hier bei einer Frau durchaus keinen Geist und keine gute Erziehung. Im Gegenteil: wenn ein junges Mädchen geistvoll oder gebildet ist, so muß sie dies sorgfältig verbergen, wenigstens wenn sie die Absicht hat, sich zu verheiraten.« »Jetzt begreife ich, reizende Helene, warum Sie während des Essens bei Ihrem Oheim nicht ein einzigesmal den Mund aufgetan haben.« »Ich weiß, daß ich nicht nötig habe, mich zu verbergen. Ich habe also nicht aus diesem Grunde an jenem Tage geschwiegen, und ich kann Ihnen ohne Eitelkeit und ohne mich zu schämen gern sagen, daß ich vor lauter Vergnügen den Mund nicht geöffnet habe. Ich habe mein Base bewundert, die von Jesus Christus sprach, wie ich von meinem Vater sprechen würde, und die sich nicht fürchtete, sich auf einem Gebiete beschlagen zu zeigen, wo ein anderes Mädchen sich gestellt haben würde, wie wenn sie die Frage gar nicht verstanden hätte.« »Sie würden sich so gestellt haben, und wenn Sie so gut davon Bescheid gewußt hätten wie ihre Großmutter.« »Das bringt die Sitte so mit sich oder vielmehr das Vorurteil.« »Sie sprechen zum Entzücken, meine liebe Helene, und ich sehne mich bereits nach der Partie, die Sie mir vorgeschlagen haben. Das war ein höchst glücklicher Einfall von Ihnen.« »Sie werden das Vergnügen haben, mit meiner Base zusammen zu sein.« »Ich lasse Ihnen volle Gerechtigkeit widerfahren, schöne Helene: Hedwig ist liebenswürdig und interessant; aber glauben Sie mir: gerade darum, weil Sie daran teilnehmen werden, entzückt mich der Gedanke an diese Gesellschaft.« »Und wenn ich Ihnen dies nicht glaubte?« »Das wäre unrecht von Ihnen, und Sie würden mir damit sehr weh tun, denn ich liebe Sie zärtlich.« »Trotzdem haben Sie versucht, mich zu täuschen. Ich bin überzeugt, Sie haben den drei jungen Damen Beweise von Ihrer Zärtlichkeit gegeben; sie tun mir sehr leid.« »Warum?« »Weil keine von ihnen sich einbilden kann, daß Sie sie allein lieben.« »Und glauben Sie, dieses Zartgefühl mache Sie glücklicher als jene?« »Ja, das glaube ich, obgleich ich in dieser Hinsicht durchaus keine Erfahrung habe. Sagen Sie mir aufrichtig, ob Sie der Meinung sind, daß ich recht habe.« »Ja, ich bin dieser Meinung.« »Sie beglücken mich. Aber wenn ich recht habe, so kann ich mich nicht zu diesen Dreien gesellen; denn geben Sie zu: Sie würden mir keinen Beweis solcher Liebe geben, wie ich ihn wünschen müßte, um von Ihrer Liebe überzeugt zu sein.« »Ja, ich gebe auch dies zu und bitte Sie aufrichtig um Verzeihung. Jetzt aber, göttliche Helene, sagen Sie mir, wie ich es anfangen muß, um den Pastor zum Mittagessen einzuladen.« »Das ist nicht schwer. Gehen Sie zu ihm und laden Sie ihn ganz einfach ein; und wenn Sie sicher sein wollen, daß auch ich daran teilnehme, so bitten Sie ihn, mich mit meiner Mutter einzuladen.« »Weshalb mit Ihrer Mutter?« »Weil er vor zwanzig Jahren sehr verliebt in sie war und weil er sie noch immer liebt.« »Und wo kann ich dieses Mittagessen veranstalten?« »Ist nicht Herr Tronchin Ihr Bankier?« »Ja.« »Er hat ein schönes Lusthaus am See; bitten Sie ihn, es Ihnen für einen Tag zu überlassen; er wird es Ihnen mit Vergnügen leihen. Tun Sie dies, aber sagen Sie weder dem Syndikus noch seinen drei Freundinnen etwas davon; wir wollen es ihnen später sagen.« »Aber glauben Sie, daß Ihre gelehrte Base gerne zu mir kommen wird?« »Mehr als gern – verlassen Sie sich darauf.« »Gut; morgen werde ich alles in Ordnung bringen. Übermorgen kehren Sie nach der Stadt zurück und die Gesellschaft soll dann zwei oder drei Tage darauf stattfinden.« In der Dämmerung fand der Syndikus sich wieder ein; wir verbrachten den Abend sehr fröhlich. Nach dem Abendessen gingen die jungen Mädchen wie am Tage vorher zu Bett; ich ging in das Zimmer der älteren, während mein Freund die beiden jüngsten aufsuchte. Ich wußte, daß jede Bemühung, Helenen zu verführen, zwecklos sein würde; ich begnügte mich daher mit einigen Küssen, wünschte ihr gute Nacht und ging sofort zu den beiden jüngeren. Ich fand sie im tiefsten Schlafe liegen; der Syndikus langweilte sich ganz allein. Es machte ihm nicht eben Vergnügen, als ich ihm sagte, ich hätte keine einzige Gunstbezeigung erlangen können. »Ich sehe wohl,« rief er, »ich werde bei dieser dummen Kleinen meine Zeit verlieren, und ich werde mich wohl mit diesem Gedanken abfinden müssen.« »Ich glaube wohl,« antwortete ich ihm, »das ist das einfachste und vielleicht das beste, was Sie tun können, denn wenn man nach einer unempfindlichen oder launenhaften Schönen schmachtet, so ist man dumm. Das Glück darf weder zu leicht noch zu schwer zu erlangen sein.« Am nächsten Tage fuhren wir zusammen nach Genf, und Herr Tronchin war entzückt, mir den erbetenen Gefallen tun zu können. Der Pastor nahm meine Einladung an und sagte mir, er sei überzeugt, es werde mir viel Vergnügen machen, Helenens Mutter kennen zu lernen. Man konnte leicht sehen, daß der wackere Mann noch immer ein zärtliches Gefühl für sie hatte, und wenn sie dies nur ein bißchen erwiderte, konnte das meinen Absichten nur günstig sein. Ich gedachte an dem Abend mit den Freundinnen und der reizenden Helene in dem Hause am See zu speisen, aber ein Brief, den ich durch besonderen Boten erhielt, nötigte mich, sofort nach Lausanne zu reisen: meine frühere Haushälterin, Frau Lebel, die ich noch heute liebe, lud mich ein, mit ihr und ihrem Mann zu Abend zu essen. Sie schrieb mir, sie habe sofort nach Empfang meines Briefes ihren Gatten veranlaßt, mit ihr nach Lausanne zu reisen, und sie sei überzeugt, ich würde alles andere im Stich lassen, um ihr das Vergnügen des Wiedersehens zu bereiten. Zugleich teilte sie mir mit, zu welcher Stunde sie bei ihrer Mutter eintreffen würde. Frau Lebel ist eine von den zehn oder zwölf Frauen, die ich in meiner glücklichen Jugendzeit auf das zärtlichste geliebt habe. Sie besaß alle Eigenschaften, die ich wünschen konnte, um in einer glücklichen Ehe zu leben, wenn es mir vergönnt gewesen wäre, dieses Glück kennen zu lernen. Aber bei meinem Charakter habe ich vielleicht gut getan, mich nicht unwiderruflich zu binden, obgleich in meinem Alter Unabhängigkeit eine Art von Sklaverei ist. Hätte ich mich mit einer Frau verheiratet, die es verstanden hätte, mich geschickt zu lenken, ohne daß ich ihr Regiment bemerkt hätte, so hätte ich mich um mein Vermögen bekümmert, hätte Kinder gehabt und stände jetzt nicht allein und arm in der Welt da. Aber lassen wir diese Abschweifungen in eine Vergangenheit, die sich doch nicht zurückrufen läßt; da ich durch meine Erinnerungen glücklich bin, so wäre ich töricht, wollte ich mich mit unnützem Bedauern abplagen! Ich berechnete, daß ich eine Stunde vor meiner lieben Dubois in Lausanne ankommen könnte, wenn ich sofort abreiste; ich zögerte daher nicht, ihr diesen Beweis meiner Achtung zu geben. Dabei muß ich folgendes bemerken: obgleich ich diese Frau liebte, so hatte doch keinerlei Hoffnung auf wollüstige Genüsse etwas mit meinem Eifer zu tun. Ich war in jenem Augenblick von einer anderen Leidenschaft in Anspruch genommen. Schon meine Achtung vor ihr hätte genügt, um meine Liebe im Zaum zu halten; aber ich achtete auch Lebel, und es wäre mir niemals eingefallen, diese beiden Freunde in ihrem Glück stören zu wollen. Ich schrieb in aller Eile dem Syndikus einen Brief, worin ich ihm meldete, eine unvorhergesehene, sehr wichtige Angelegenheit nötige mich, nach Lausanne zu fahren, aber am übernächsten Tage würde ich das Vergnügen haben, in Genf mit den drei Freundinnen und ihm zu Abend zu speisen. Um fünf Uhr traf ich bei der guten Dubois mit einem Riesenhunger ein. Die gute Frau war außerordentlich überrascht, als sie mich sah, denn sie wußte nicht, daß ihre Tochter sie besuchen würde. Ohne viele Komplimente zu machen, gab ich ihr zwei Louis und bat sie, uns ein gutes Abendessen zu besorgen, wie ich es brauchte. Um sieben Uhr kam Frau Lebel mit ihrem Gatten und einem achtzehn Monate alten Kinde, das ich ohne Mühe als das meinige erkannte, ohne daß die Mutter es mir sagte. Unser Beisammensein war reines Glück. Während der zehn Stunden, die wir bei Tisch verbrachten, schwammen wir in Wonnen. Mit Tagesanbruch reisten sie wieder nach Solothurn, wo Lebel zu tun hatte. Herr von Chavigny ließ mir tausend Grüße bestellen. Lebel sagte mir, der Botschafter sei außerordentlich freundlich gegen seine Frau; er dankte mir für das Geschenk, das ich ihm gemacht hätte, indem ich sie ihm überlassen hätte. Ich konnte mich mit eigenen Augen überzeugen, daß er glücklich war und auch seine Gemahlin glücklich machte. Meine liebe Haushälterin erzählte mir von ihrem Sohn. Sie sagte mir, niemand habe eine Ahnung von der Wahrheit; sie aber und Lebel wären ihrer Sache gewiß, denn sie hätten die Bedingung, erst nach Ablauf von zwei Monaten die Ehe zu vollziehen, pünktlich eingehalten. »Und das Geheimnis«, sagte Lebel zu mir, »wird niemals bekannt werden; Ihr Sohn wird mein einziger Erbe sein, oder er wird sich mit meinen Kindern in mein Vermögen teilen, wenn ich welche bekommen sollte, woran ich zweifele.« »Lieber Freund,« sagte seine Frau, »es ist allerdings jemand da, der die Wahrheit vermutet, besonders, je mehr das Kind sich entwickelt; aber wir haben von dieser Seite nichts zu befürchten; denn die betreffende Person hat ein Interesse daran, die Sache geheim zu halten.« »Und was ist denn das für eine Person, meine liebe Lebel?« fragte ich. »Frau von ***, die Sie nicht vergessen hat, denn sie spricht oft von Ihnen.« »Wollen Sie, meine Liebe, ihr meine Komplimente überbringen?« »O sehr gern, lieber Freund; ich bin gewiß, ich werde ihr damit ein großes Vergnügen bereiten.« Lebel zeigte mir meinen Ring, und ich zeigte ihm den seinigen; zugleich gab ich ihm für meinen Sohn eine herrliche Uhr mit meinem Porträt. »Geben Sie ihm diese Uhr, lieber Freund,« sagte ich zu ihm, »wenn Sie es für angemessen halten.« Wir werden dieses Kind einundzwanzig Jahre später in Fontainebleau wiederfinden. Mehr als drei Stunden lang erzählte ich ihnen, was mir in den siebenundzwanzig Monaten seit unserer Trennung zugestoßen war. Ihre Geschichte dagegen war nicht lang; ihr Leben war einförmig, wie es einem friedlichen Glück entspricht. Madame Lebel war immer noch schön; ich fand sie nicht verändert; aber ich war es. Sie fand mich weniger frisch und weniger fröhlich als zur Zeit unserer Trennung. Sie hatte recht: die unglückselige Renaud hatte mich vergiftet und die falsche Lascaris hatte mir viel Kummer gemacht. Nachdem wir uns aufs zärtlichste umarmt hatten, reiste das Ehepaar nach Solothurn ab. Ich fuhr nach Genf zurück, um dort zu Mittag zu essen; da ich aber der Ruhe sehr bedürftig war, so ging ich abends nicht zu dem Syndikus und seinen Freundinnen, sondern schrieb ihnen, mir sei nicht wohl und ich könne daher erst am nächsten Tage das Vergnügen haben, sie zu sehen. Hierauf legte ich mich zu Bett. Am anderen Morgen befahl ich meinem Wirt, für den nächsten Tag, an welchem mein Diner in Tronchins Landhaus stattfinden sollte, eine Mahlzeit zurecht zu machen, bei welcher nichts gespart werden sollte. Besonders machte ich ihn darauf aufmerksam, daß er die besten Weine, die feinsten Liköre, Eis und alle Zutaten zu einem Punsch besorgen solle. Ich bestellte das Essen für sechs Personen, denn ich sah voraus, daß Herr Tronchin ebenfalls daran teilnehmen würde. Ich täuschte mich nicht, denn er war in seinem hübschen Hause, um uns zu empfangen, und es kostete mir keine große Mühe, ihn zum Bleiben zu überreden. Am Abend glaubte ich dem Syndikus und seinen drei Freundinnen von diesem Diner Mitteilung machen zu müssen. Ich tat dies in Helenens Gegenwart, die sich stellte, wie wenn sie nichts davon wüßte. Sie sagte: »Meine Mutter hat mir mitgeteilt, daß wir zum Mittagessen eingeladen sind. Ich vernehme es mit größter Freude, da dies nur in Herrn Tronchins hübschem Hause sein kann.« Mein Mittagessen war von einer Güte, wie der größte Feinschmecker es sich nur wünschen kann. Hedwig war in der Tat die Zierde dieses Mahles. Das erstaunliche Mädchen spielte die Theologin mit solcher Anmut und machte die Vernunft so ungemein reizvoll, daß man hingerissen wurde, auch wenn man sich nicht überzeugt fühlte. Ich habe niemals einen Theologen gesehen, der imstande gewesen wäre, unvorbereitet die abstraktesten Fragen dieser Wissenschaft mit solcher Leichtigkeit, Gedankenfülle und wahrhaften Würde zu behandeln, wie dieses junge Mädchen, das mich während des Essens vollständig entflammte. Herr Tronchin, der Hedwig niemals gehört hatte, dankte mir tausendmal dafür, daß ich ihm dieses Vergnügen verschafft hätte. Er mußte uns verlassen, als wir von Tisch aufstanden, und lud uns ein, am dritten Tage die Partie zu wiederholen. Beim Nachtisch erregte es meine ganz besondere Teilnahme, daß der Pastor sich seiner alten Liebe zu Helenens Mutter erinnerte. Seine verliebte Beredsamkeit wuchs, je reichlicher er seine Kehle mit Champagner, Zyperwein und süßen Likören befeuchtete. Die Mutter hörte ihm freundlich zu und trank mit ihm, während die jungen Mädchen und ich nur mäßig getrunken hatten. Doch hatten immerhin die verschiedensten Getränke und der Punsch ihre Wirkung hervorgebracht, und meine Schönen waren ein bißchen beschwipst. Sie waren ungeheuer lustig, dabei aber reizend. Ich benutzte die allgemeine gute Laune, um das bejahrte Liebespaar um Erlaubnis zu bitten, mit den jungen Damen in den Garten, der am See lag, gehen zu dürfen. Diese Erlaubnis wurde mir auf das freundlichste gewährt. Wir gingen Arm in Arm hinaus und waren in wenigen Minuten von keinem Menschen mehr zu sehen. »Wissen Sie,« fragte ich Hedwig, »daß Sie Herrn Tronchins Herz gewonnen haben?« »Ich weiß nichts damit anzufangen, übrigens hat der brave Bankier dumme Fragen an mich gerichtet.« »Glauben Sie nur ja nicht, daß jeder junge Mann imstande ist, Ihnen Fragen zu stellen, die Ihrem Geist angemessen sind.« »Ich muß Ihnen sagen, daß niemals ein Mensch eine Frage an mich richtete, die mir so gefallen hätte wie die Ihrige. Ein dummer, frömmelnder Theologe, der am anderen Ende des Tisches saß, schien an der Frage und noch mehr an der Antwort Anstoß zu nehmen.« »Und warum?« »Er behauptet, ich hätte Ihnen antworten müssen, Jesus Christus habe die Samariterin nicht befruchten können. Er sagte, er würde mir den Grund auseinandersetzen, wenn ich ein Mann wäre; da ich jedoch ein Weib und sogar ein Mädchen wäre, so könnte er sich nicht erlauben, mir etwas zu sagen, was mich durch das Nachdenken über die gottmenschliche Zusammensetzung auf gewisse Ideen bringen könnte. Ich möchte gerne, daß Sie mir sagten, was der Dummkopf mir nicht sagen wollte.« »Gern; aber Sie müssen mir erlauben, klar und deutlich zu sprechen; außerdem muß ich voraussetzen, daß Ihnen die Körperbildung des Mannes bekannt ist.« »Ja, sprechen Sie nur deutlich, denn niemand kann uns hier hören; ich bin jedoch genötigt, Ihnen zu gestehen, daß ich die Bildung eines Mannes nur theoretisch und aus Büchern kenne. Praktische Erfahrung besitze ich gar nicht. Ich habe wohl Statuen gesehen, aber einen richtigen Mann habe ich noch niemals gesehen noch weniger untersucht. Und du, Helene?« »Ich habe es nicht gewollt.« »Warum nicht? Es ist gut, wenn man alles weiß.« »Nun, reizende Hedwig, er hat Ihnen sagen wollen, daß Jesus Christus keiner Erektion fähig gewesen sei.« »Was ist das?« »Geben Sie mir die Hand.« »Ich fühle es; ich hatte es mir auch bereits gedacht, denn ohne diese Naturerscheinung könnte der Mann seine Gefährtin nicht befruchten. Und dieser dumme Theologe behauptet, daß das eine Unvollkommenheit sei!« »Ja; denn diese Erscheinung wird durch Begierde hervorgerufen. Sie würde auch bei mir nicht eingetreten sein, schöne Hedwig, wenn ich Sie nicht reizend gefunden hätte und wenn nicht das, was ich von Ihnen sehe, mir einen höchst verführerischen Begriff von den Schönheiten gäbe, die ich nicht sehe. Sagen Sie mir nur frei heraus, ob nicht auch Sie, indem Sie diesen steifen Gegenstand fühlen, ein angenehmes Jucken empfinden?« »Ich gestehe es; und zwar verspüre ich es gerade an der Stelle, die Sie drücken. Fühlst du nicht auch wie ich, liebe Helene, ein Jucken an dieser Stelle, indem du die sehr richtige Erklärung des Herrn hörst?« »Ja, ich fühle es; aber ich fühle es überhaupt sehr oft, ohne daß es durch irgendwelche Worte erregt wird.« »Und dann«, fragte ich sie, »nötigt die Natur Sie wohl, es zu beschwichtigen?« »O nein!« »O doch!« rief Hedwig. »Sogar im Schlaf greift unsere Hand instinktmäßig dahin; ich habe gelesen, wir würden uns entsetzliche Krankheiten zuziehen, wenn wir nicht dieses Erleichterungsmittel hätten.« Unter diesen philosophischen Gesprächen, wobei die junge Theologin einen ernsten, lebhaften Ton bewahrte und die schöne Haut ihrer Base sich mit der Röte der Lust belebte, kamen wir an ein prachtvolles Wasserbecken, in das man auf einer Marmortreppe hinabsteigen konnte, um sich zu baden. Es war allerdings kalt, aber unsere Köpfe waren erhitzt, und ich kam auf den Einfall, ihnen den Vorschlag zu machen, sie möchten die Füße ins Wasser stellen. Ich sagte ihnen, dies würde ihnen wohltun, und wenn sie mir erlauben wollten, so würde ich die Ehre haben, ihnen Schuhe und Strümpfe auszuziehen. »Vorwärts!« rief die Nichte; »mir ist es recht.« »Mir auch!« sagte Helene. »Also setzen Sie sich, meine Damen, auf die erste Stufe!« Sie setzten sich; ich stellte mich auf die vierte Stufe und zog ihnen die Schuhe und Strümpfe aus; dabei rühmte ich die Schönheit ihrer Beine, zeigte mich jedoch für den Augenblick nicht neugierig, von dem, was oberhalb des Knies war, etwas zu sehen. Nachdem ich sie hierauf bis an das Wasser hinuntergeführt hatte, mußten sie wohl die Röcke hochheben; ich ermutigte sie, dies zu tun. »Na,« sagte Hedwig, »Männer haben auch Beine.« Helene schämte sich, weniger tapfer zu sein als ihre Base, und blieb nicht zurück. »Kommen Sie, meine reizenden Najaden,« sagte ich zu ihnen, »jetzt ist es genug; wenn Sie noch länger im Wasser bleiben, könnten Sie sich erkälten.« Sie gingen rücklings aus dem Wasser, wobei sie die Röcke fortwährend aufgeschürzt hielten, um sie nicht naß zu machen. Meine Aufgabe war es dann, sie mit allen Taschentüchern abzutrocknen, die ich bei mir hatte. Diese angenehme Beschäftigung erlaubte mir, nach Herzenslust alles zu besehen und zu befühlen, und ich brauche dem Leser wohl nicht unter Eid zu versichern, daß ich dies mit großem Eifer tat. Die schöne Nichte sagte mir, ich sei zu neugierig; Helene aber ließ mich mit so zärtlicher und schmachtender Miene gewähren, daß ich mich mit Gewalt zurückhalten mußte, um nicht weiter zu gehen. Nachdem ich ihnen ihre Schuhe wieder angezogen hatte, rief ich aus, ich sei entzückt, die geheimen Schönheiten der beiden schönsten Mädchen von Genf gesehen zu haben. »Welche Wirkung hat dies auf Sie hervorgebracht?« fragte Hedwig mich. »Ich wage es nicht, Sie aufzufordern, sich das anzusehen; aber fühlen Sie nur alle beide.« »Gehen Sie doch auch ins Bad!« »Das ist nicht möglich; für einen Mann sind die Vorbereitungen zu umständlich.« »Aber wir können ja noch zwei Stunden hierbleiben; wir brauchen nicht zu befürchten, daß irgend jemand hierherkommt.« Diese Antwort zeigte mir das volle Glück, das meiner wartete; ich hielt es jedoch für nicht angebracht, mich der Gefahr einer Krankheit auszusetzen und in dem Zustand, worin ich mich befand, ins Wasser zu gehen. Ich sah in geringer Entfernung ein Gartenhäuschen, und da ich überzeugt war, daß Herr Tronchin es offen gelassen hatte, so nahm ich meine Schönen unter die Arme und führte sie dorthin, ohne sie meine Absichten ahnen zu lassen. Das Gartenhäuschen war voll von Töpfen mit wohlriechenden Pflanzen; die Wände waren mit hübschen Kupferstichen geziert; besser als dies alles aber war ein breiter Diwan, der für Ruhe und Genuß bereit stand. Auf diesen setzte ich mich zwischen die beiden Schönen und sagte ihnen nach tausend Liebkosungen, ich wolle ihnen zeigen, was sie noch nie gesehen hätten. Zugleich enthüllte ich ihren Blicken das Hauptwerkzeug der Menschheit. Sie standen auf, um mich zu bewundern; ich nahm von jeder eine Hand und verschaffte ihnen einen flüchtigen Genuß; als bei dieser Arbeit reichlicher Saft sich ergoß, gerieten sie in größtes Erstaunen. »Das ist das ›Verbum‹,« sagte ich zu ihnen, »der große Schöpfer der Menschen.« »Das ist köstlich!« rief Helene, über das Wort »Verbum« lachend. »Aber das ›Verbum‹ habe ich auch!« rief Hedwig, »und ich werde es Ihnen zeigen, wenn Sie einen Augenblick warten wollen.« »Setzen Sie sich auf mich, schöne Hedwig, ich werde Ihnen die Mühe ersparen, das ›Verbum‹ selber hervorzurufen, und ich werde es besser machen als Sie.« »Das glaube ich wohl, aber ich habe das noch nie mit einem Manne getan.« »Ich auch nicht,« sagte Helene. Ich ließ sie nun vor mich hinstellen, und während ihre Arme mich umschlungen hielten, versetzte ich sie abermals in Verzückung. Dann setzten wir uns, und während meine Hände alle ihre Reize betasteten, ließ ich sie sich daran ergötzen, mich nach Herzenslust zu befühlen, bis ich endlich ihre Hände durch eine zweite Entladung des Lebenssaftes befeuchtete, den sie neugierig an ihren Fingern untersuchten. Als wir wieder in einer anständigen Verfassung waren, verbrachten wir noch eine halbe Stunde damit, uns Küsse zu geben. Hierauf sagte ich zu ihnen: »Sie haben mich zur Hälfte glücklich gemacht; um aber Ihr Werk zu vollenden, werden Sie, hoffe ich, daran denken, auf welche Weise Sie mir Ihre Gunst gewähren können.« Hierauf zeigte ich ihnen jene kleinen Schutzbeutelchen, die die Engländer erfunden haben, um dem schönen Geschlecht jede Furcht zu benehmen. Diese kleinen Börsen, deren Gebrauch ich ihnen erklärte, erregten ihre Bewunderung, und die Theologin sagte zu ihrer Base, sie würde daran denken. Wir waren vertraute Freunde geworden und auf dem besten Wege, noch vertrauter zu werden. Wir gingen nach dem Hause zurück und begegneten Helenens Mutter und dem Pastor, die am Strande des Sees spazierten. Nach Genf zurückgekehrt, verbrachte ich den Abend bei den drei Freundinnen. Ich hütete mich wohl, dem Syndikus etwas von meinem Siege über Helene zu sagen; denn diese Nachricht hätte nur seine Hoffnungen wieder angeregt, und er würde doch alle Liebesbemühungen verloren haben. Auch ich würde ohne die Theologin nichts erreicht haben; aber sie bewunderte ihre Base und würde befürchtet haben, daß sie sie für töricht hielte, wenn sie sich nicht ebenso frei benommen hätte wie jene, bei welcher freie Handlungen nur der Freiheit ihres Geistes entsprachen. Helene kam an diesem Abend nicht; aber ich sah sie am nächsten Tage bei ihrer Mutter, denn die Höflichkeit erforderte, daß ich der Witwe für die mir erwiesene Ehre meinen Dank abstattete. Sie empfing mich auf das freundlichste und stellte mir zwei sehr hübsche junge Mädchen vor, die bei ihr in Pension waren; sie würden meine Teilnahme erregt haben, wenn ich länger hätte in Genf bleiben wollen; da ich jedoch nur einige Tage dort zubringen konnte, so verdiente Helene meine ungeteilte Liebe. »Morgen,« sagte das reizende Mädchen zu mir, »wenn wir bei Herrn Tronchin speisen, werde ich Ihnen etwas Neues sagen können. Ich denke, Hedwig wird das Mittel gefunden haben, Ihre Wünsche in vollem Maße zu befriedigen.« Das Essen des Bankiers war sehr gut. Seine Eitelkeit trieb ihn an, mir zu zeigen, daß eine Mahlzeit, die von einem Gastwirt bezogen ist, niemals mit derjenigen wetteifern kann, die ein reicher Hausbesitzer veranstaltet, der einen guten Koch, einen ausgewählten Keller, schönes Silbergeschirr und Porzellan von bestem Gute hat. Wir waren zwanzig Personen bei Tisch. Das Fest galt der gelehrten Theologin und mir, als reichem Fremden, der mit vollen Händen sein Geld ausgab. Ich fand bei diesem Essen Herrn von Ximénès, der eigens dazu von Ferney herübergekommen war; er sagte mir, ich werde bei Herrn von Voltaire erwartet; ich hatte aber den törichten Entschluß gefaßt, nicht hinzugehen. Hedwig glänzte. Die Gäste legten nur mit geistreichen Fragen Ehre ein. Herr von Ximénès bat sie, unsere Elternmutter nach besten Kräften deswegen zu rechtfertigen, daß sie ihren Mann getäuscht hatte, indem sie ihn veranlaßte, den verhängnisvollen Apfel zu essen. »Eva«, antwortete sie, »hat ihren Mann überhaupt nicht getäuscht; sie hat ihn nur verführt und zwar in der Hoffnung, ihn noch vollkommener zu machen. Übrigens hatte Eva das Verbot nicht von Gott selber erhalten, sondern hatte es nur von Adam gehört; man kann ihr also nur Verführung, aber keinen Betrug zur Last legen; außerdem erlaubte wahrscheinlich ihr gesunder Frauenverstand ihr nicht, das Verbot für ernst zu halten.« Nach dieser Antwort, die nach meiner Meinung vernünftig, geistreich und zart war, fingen zwei Genfer Gelehrte und sogar der Oheim der jungen Theologin zu murren an. Frau Tronchin sagte ernsten Tones zu Hedwig, Eva habe das Verbot ebenso gut wie ihr Mann von Gott selber erhalten; das junge Mädchen antwortete ihr jedoch nur mit einem demütigen: »Ich bitte Sie um Vergebung, gnädige Frau.« Diese wandte sich nun beunruhigt an den Pastor und fragte ihn: »Was sagen Sie dazu, Herr Pastor?« »Gnädige Frau, meine Nichte ist nicht unfehlbar.« »Ich bitte um Verzeihung, lieber Onkel: wenn ich mit den Worten der Heiligen Schrift spreche, bin ich so unfehlbar wie diese.« »Schnell eine Bibel! Wir wollen nachsehen ... Hedwig, meine liebe Hedwig... wahrhaftig, du hast recht. Hier ist die Stelle. Das Verbot ging der Erschaffung der Frau voraus.« Alle Anwesenden klatschten Beifall; Hedwig aber blieb ruhig und bescheiden und änderte ihr Benehmen nicht, nur die beiden Gelehrten und Frau Tronchin konnten sich gar nicht beruhigen. Als eine Dame sie fragte, ob man mit gutem Gewissen glauben könne, daß die Geschichte von dem Apfel nur symbolisch sei, sagte sie: »Das glaube ich nicht, Madame; denn man könnte das Symbolische nur auf die Begattung anwenden, und es steht fest, daß zwischen Adam und Eva im Garten Eden eine solche nicht stattgefunden hat.« »Aber darübet sind die Meinungen der Gelehrten geteilt.« »Um so schlimmer für die Gelehrten, die anderer Meinung sind, Madame; denn die Heilige Schrift spricht sich deutlich darüber aus. Sie sagt im ersten Vers des vierten Kapitels: Adam hat Eva nach ihrer Austreibung aus dem Paradiese erkannt, und sie hat Kain empfangen.« »Allerdings; aber in dem Verse steht nicht, daß Adam bis dahin Eva nicht erkannt hätte; es ist folglich wohl möglich, daß er sie vorher erkannt hat.« »Das lann ich nicht zugeben; wenn er sie vorher erkannt hätte, würde sie empfangen haben: denn nach meiner Meinung wäre es eine törichte Annahme, daß der Zeugungsakt zwischen zwei Geschöpfen, die unmittelbar aus den Händen Gottes hervorgegangen und daher so vollkommen waren, wie ein Mann und eine Frau es nur sein können, ohne seine natürliche Wirkung geblieben wäre.« Diese Antwort wurde von der ganzen Gesellschaft mit Händeklatschen aufgenommen, und jeder flüsterte seinem Nachbar die schmeichelhaftesten Bemerkungen über Hedwig ins Ohr. Herr Tronchin fragte sie, ob man aus dem Alten Testament allein die Unsterblichkeit der Seele nachweisen könne? »Das Alte Testament«, antwortete sie, »lehrt dieses Dogma nicht; aber wenn es auch nicht davon spricht, so stellt die Vernunft es auf, denn alles Existierende muß notwendigerweise unsterblich sein, da die Zerstörung einer wirklich vorhandenen Substanz der Natur sowohl wie dem Denken widerspricht.« »So möchte ich denn fragen,« begann der Bankier von neuem, »ob in der Bibel das Vorhandensein der Seele festgestellt ist?« »Der Gedanke springt in die Augen: wo Rauch ist, muß auch Feuer sein.« »Sagen Sie mir, ob die Materie denken kann?« »Das werde ich Ihnen nicht sagen, denn auf diesem Gebiete bin ich nicht zu Hause. Wohl aber will ich Ihnen sagen, daß ich Gott für allmächtig halte und daher keinen genügenden Grund finde, warum er nicht imstande gewesen sein sollte, der Materie Denkfähigkeit zu verleihen.« »Was glauben Sie denn aber von sich selber?« »Ich glaube, daß ich eine Seele habe, durch die ich denke; aber ich weiß nicht, ob ich nach meinem Tode vermöge meiner Seele mich erinnern werde, daß ich die Ehre gehabt habe, heute bei Ihnen zu speisen.« »Sie glauben also, es wäre möglich, daß Ihr Gedächtnis nicht zu Ihrer Seele gehörte? Aber dann wären Sie keine Theologin mehr.« »Man kann wohl Theologe und zugleich Philosoph sein, denn die Philosophie verdirbt nichts. Wenn ich sage: Ich weiß nicht, so heißt das nicht: Ich weiß.« Dreiviertel der Gäste äußerten ihre Bewunderung durch laute Beifallsrufe; die schöne Philosophin freute sich, als sie mich vor Vergnügen über den Beifall lachen sah. Der Pastor weinte vor Freude und sagte leise etwas zu Helenens Mutter. Plötzlich wandte er sich an mich und sagte: »Stellen Sie doch meiner Nichte irgend eine Frage.« »Ja,« rief Hedwig, »aber eine ganz neue oder gar keine!« »Sie bringen mich in Verlegenheit; denn wie kann ich bestimmt wissen, ob ich Sie etwas Neues frage? Indessen sagen Sie mir doch, mein Fräulein, ob man, um ein Ding zu verstehen, von dem Grundbegriffe desselben ausgehen muß?« »Das ist unbedingt notwendig; eben aus diesem Grunde ist Gott unbegreiflich, denn es gibt keinen Grundbegriff von Gott.« »Gott sei gelobt, mein Fräulein. Ihre Antwort ist gerade so, wie ich es wünschte. Wollen Sie mir also jetzt sagen, ob Gott seine eigene Existenz wissen kann?« »Ja – da bin ich mit meinem Latein zu Ende. Ich weiß nicht, was ich Ihnen antworten soll. Das ist aber jedenfalls nicht höflich von Ihnen, mein Herr!« »Warum haben Sie eine ganz neue Frage von mir verlangt?« »Das ist aber doch ganz natürlich,« »Ich habe geglaubt, mein Fräulein, das Neueste wäre, Sie in Verlegenheit zu setzen.« »Sehr galant! Meine Herren, haben Sie die Güte, für mich zu antworten und mich zu belehren!« Alle redeten hin und her, aber keiner brachte etwas Befriedigendes zutage. Endlich ergriff Hedwig wieder das Wort und sagte: »Ich bin aber doch der Ansicht, daß Gott, der alles weiß, auch seine Existenz wissen muß; aber fragen Sie mich bitte nicht, wie dies möglich ist.« »Gut! Ausgezeichnet! Mehr kann kein Mensch darüber sagen.« Alle Gäste sahen mich als einen galanten Atheisten an, denn in der Welt ist man ja gewöhnt, oberflächlich zu urteilen. Ich machte mir aber wenig daraus, ob sie mich für einen Atheisten oder gläubigen Christen hielten. Herr von Ximénès fragte Hedwig, ob die Materie erschaffen sei. »Das Wort ›erschaffen‹ kenne ich nicht«, antwortete sie. »Fragen Sie mich, ob die Materie gestaltet worden ist, und meine Antwort wird bejahend lauten. Das Wort ›erschaffen‹ kann nicht existiert haben; denn die Existenz eines Dinges muß der Bildung des Wortes, das es bezeichnet, vorangehen.« »In welchem Sinne verstehen Sie das Wort ›erschaffen‹?« »Aus nichts machen. Sie sehen die Ungerechtigkeit; denn Sie müssen annehmen, das Nichts sei eher vorhanden gewesen als... Es freut mich sehr, Sie lachen zu sehen. Glauben Sie, das Nichts sei etwas, was erschaffen werden kann?« »Sehr richtig, mein Fräulein!« »Oho!« sagte einer der Gäste mit gerunzelter Stirn, »doch nicht ganz, doch nicht ganz!« Alle lachten laut auf, denn der Widersprechende schien nicht zu wissen, was er sagen sollte. »Sagen Sie mir bitte, mein Fräulein, wer ist hier in Genf Ihr Lehrer gewesen?« fragte Herr von Ximénès. »Mein Onkel hier.« »O nein, liebe Nichte; denn ich will sterben, wenn ich dir jemals etwas von alledem gesagt habe, was du heute hier vorgebracht hast. Aber, meine Herrschaften, meine Nichte hat nichts zu tun; sie liest und vielleicht denkt sie etwas kühn; ich liebe sie aber, weil sie zuletzt immer sagt, sie weiß nichts.« Eine Dame, die bis dahin kein Wort gesagt hatte, bat sie sehr höflich um eine Erklärung des Geistes. »Madame, Ihre Frage ist rein philosophisch; ich muß Ihnen daher sagen, daß ich weder Geist noch Materie genügend kenne, um eine befriedigende Erklärung geben zu können.« »Sie müssen aber doch eine abstrakte Vorstellung von dem wirklichen Vorhandensein haben, und da Sie das Dasein Gottes zugeben, so müssen Sie unbedingt auch einen Begriff von diesem Wesen haben. Sagen Sie mir nun, wie Sie sich die Möglichkeit seiner Einwirkung auf den Stoff vorstellen.« »Man kann auf eine abstrakte Idee kein festes Gebäude gründen, Hobbes nannte diese Ideen leere; man kann wohl solche haben, aber man muß sie in Ruhe lassen, denn wenn man sie ergründen will, geht die Vernunft irre. Ich weiß, daß Gott mich sieht; aber ich würde mich unglücklich machen, wenn ich durch Vernunftschlüsse mich davon überzeugen wollte; denn nach unseren sinnlichen Wahrnehmungen müssen wir zugeben, daß man ohne Organe nichts machen kann. Da nun Gott keine Organe haben kann, weil wir ihn als einen reinen Geist im philosophischen Sinne auffassen, so kann Gott uns ebensowenig sehen, wie wir ihn sehen. Aber Moses und mehrere andere haben ihn gesehen, und ich glaube dies, ohne die Sache zu untersuchen.« »Daran tun Sie sehr gut,« sagte ich zu ihr; »denn wenn Sie dieses untersuchen wollten, so würden Sie es unmöglich finden. Aber wenn Sie Hobbes lesen,laufen Sie Gefahr, Atheistin zu werden.« »Das befürchte ich nicht, denn ich begreife nicht einmal die Möglichkeit des Atheismus.« Nach Tisch überhäufte die ganze Gesellschaft das wirklich erstaunliche junge Mädchen mit Liebkosungen, so daß es mir unmöglich war, sie auch nur einen ruhigen Augenblick allein zu sprechen, um ihr meine zärtliche Liebe zu erklären; aber ich ging mit Helenen beiseite, und sie sagte mir, ihre Base werde mit dem Pastor am nächsten Tage bei ihrer Mutter zu Abend essen. »Hedwig«, fuhr sie fort, »wird bei uns bleiben, und wir werden zusammen schlafen, wie es jedesmal der Fall ist, wenn sie mit ihrem Onkel abends zum Essen kommt. Es kommt also darauf an, ob Sie, um die Nacht mit uns zu verbringen, sich entschließen können, sich an einem Ort zu verstecken, den ich Ihnen morgen früh um elf Uhr zeigen werde. Machen Sie um diese Stunde meiner Mutter einen Besuch, und ich werde einen günstigen Augenblick benutzen, um Ihnen den Winkel zu zeigen. Sie werden es dort nicht bequem haben, aber Sie sind vollkommen in Sicherheit, und wenn Sie sich langweilen, so denken Sie zu Ihrer Zerstreuung daran, daß wir viel an Sie denken.« »Werde ich lange in dem Versteck sein?« »Höchstens vier Stunden; denn um sieben Uhr wird die Haustür geschlossen und dann nur noch auf Klingeln geöffnet.« »Würde man mich hören können, wenn ich an dem Orte husten müßte?« »Ja, das wäre wohl möglich.« »Das ist eine große Schwierigkeit. Alles übrige ist ohne Bedeutung; aber einerlei, ich werde alles wagen, um mir das größte Glück zu verschaffen, das mir je entgegengebracht wurde. Am nächsten Morgen machte ich meinen Besuch bei der Witwe, und Helene zeigte mir, als sie mich an die Tür brachte, zwischen den beiden Treppen eine geschlossene Tür. »Um sieben Uhr«, sagte sie, »werden Sie sie offen finden. Sobald Sie eingetreten sind, schließen Sie sich ein, indem Sie den Riegel vorschieben. Wenn Sie kommen, müssen Sie aufpassen, daß im Augenblick des Eintretens niemand Sie sieht.« Um ein Viertel vor sieben Uhr war ich bereits in der Nische eingeschlossen. Ich fand darin einen Stuhl, und dies war ein sehr glücklicher Umstand, denn sonst hätte ich mich weder hinlegen noch aufrecht stehen können. Es war ein richtiges Loch, und ich erkannte am Geruch, daß man dort Schinken und Käse aufbewahrte; in jenem Augenblick waren allerdings keine solchen Sachen darin; wie ich merkte, als ich rechts und links umhertastete, um mich in der tiefen Dunkelheit zurecht zu finden. Als ich vorsichtig mit den Füßen nach allen Seiten herumfühlte, traf ich auf etwas Weiches, das mir Widerstand leistete. Ich griff mit der Hand danach und merkte, daß es ein Handtuch war. In diesem Tuch befand sich ein zweites Tuch und darin zwischen zwei Tellern ein schönes gebratenes Huhn und Brot. Dicht daneben fand ich eine Flasche und ein Glas. Ich war meinen schönen Freundinnen dankbar, daß sie an meinen Magen gedacht hatten, aber ich hatte reichlich zu Mittag gegessen und zwar aus Vorsicht ein bißchen spät; ich beschloß daher dem Imbiß nicht eher Ehre anzutun, als bis die Schäferstunde nahe wäre. Um neun Uhr ging ich ans Werk, und da ich weder Pfropfenzieher noch Messer hatte, so mußte ich mit einem Ziegel, den ich zum Glück aus dem schadhaften Boden losmachen konnte, den Flaschenhals zerschlagen. Es war köstlicher alter Neuenburger Wein. Außerdem war das Huhn ganz nach meinem Geschmack getrüffelt, und diese beiden Reizmittel zeigten mir, daß entweder meine beiden Nymphen einige Begriffe hatten, oder daß der Zufall sich in Unkosten gesetzt hatte, um mich nach Wunsch zu bedienen. Ich hätte meine Zeit ziemlich geduldig in diesem Loch verbracht, wenn ich nicht ab und zu von Ratten besucht worden wäre, die sich durch ihren ekelhaften Geruch ankündigten, der mir übel machte. Ich erinnerte mich, daß ich in Köln unter ähnlichen Umständen dieselbe Unannehmlichkeit zu dulden hatte. Endlich schlug es zehn, und eine halbe Stunde später hörte ich die Stimme des Pastors, der plaudernd die Treppe herabkam; er legte Helenen ans Herz, während der Nacht keinen Unsinn mit seiner Nichte zu machen, sondern ruhig zu schlafen. Ich erinnerte mich jenes Herrn Rosa, der vor zweiundzwanzig Jahren um dieselbe Stunde das Haus der Frau Orio in Venedig verlassen hatte; indem ich einen Blick auf mich selber warf, fand ich mich sehr verändert, aber nicht vernünftiger geworden. Doch wenn ich auch nicht mehr so empfänglich für den Genuß war, so schienen mir doch die beiden Schönheiten, die mich erwarteten, hoch über den Nichten der Frau Orio zu stehen. Während meiner langen Wüstlingslaufbahn hat mein unbesieglicher Hang zum weiblichen Geschlecht mich dazu getrieben, alle Künste der Verführung anzuwenden. Ich habe etlichen hundert Frauen, deren Reize meine Vernunft überwältigt hatten, den Kopf verdreht. Die besten Erfolge aber habe ich beständig dadurch erzielt, daß ich Neulinge, deren moralische Grundsätze und Vorurteile dem Gelingen meiner Absichten hinderlich waren, nur in Gesellschaft einer anderen Frau angriff. Ich wußte bereits in jungen Jahren, daß ein Mädchen sich zwar verführen läßt, eben weil es ihm an Mut fehlt; wenn sie dagegen mit einer Freundin zusammen ist, so ergibt sie sich ziemlich leicht: jede Schwachheit der einen veranlaßt den Fall der andern. Väter und Mütter glauben das Gegenteil; aber sie haben unrecht. Sie weigern sich gewöhnlich, einem jungen Mann ihre Tochter anzuvertrauen, um sie auf einen Ball zu führen oder mit ihr einen Spaziergang zu machen. Sie geben jedoch nach, wenn das junge Mädchen eine ihrer Freundinnen zur Obhut hat. Ich wiederhole ihnen: sie haben unrecht; denn wenn der junge Mann es richtig anzufangen weiß, ist ihre Tochter verloren. Ihre falsche Scham hält alle beide ab, der Verführung einen unerschütterlichen Widerstand zu leisten; sobald aber der erste Schritt einmal getan ist, ist der Sturz unvermeidlich und ungeheuer schnell. Sobald die Freundin sich die geringste Gunst entreißen läßt, wird sie, um nicht erröten zu müssen, die erste sein, die ihre Freundin dazu antreibt, eine größere Gunst zu gewähren; und wenn der Verführer geschickt ist, wird die Unschuldige, ohne eine Ahnung zu haben, zu weit gegangen sein, um noch zurück zu können. Je unschuldiger übrigens ein junges Mädchen ist, desto weniger weiß sie von den Wegen und der Absicht der Verführung. Ihr völlig unbewußt, zieht der Reiz eines Vergnügens sie an, die Neugier mischt sich hinein, und die Gelegenheit tut das übrige. Es ist zum Beispiel wohl möglich, daß es mir ohne Helene gelungen sein würde, die gelehrte Hedwig zu verführen; aber ich bin überzeugt, daß ich mit Helene niemals fertig geworden wäre, wenn diese nicht gesehen hätte, daß ihre Base mir Freiheiten gewährte und sich selber Freiheiten mit mir herausnahm, die nach der Ansicht der beiden Mädchen zweifellos gegen die Schamhaftigkeit eines wohlerzogenen Fräuleins und gegen alle Anstandsbegriffe verstießen. Ohne meine Liebesabenteuer im geringsten zu bereuen, wünsche ich doch durchaus nicht, daß mein Beispiel dazu dienen könnte, das schöne Geschlecht zu verderben, das aus so vielen Gründen unsere Huldigungen verdient. Ich wünsche lediglich, daß meine Beobachtungen vorsichtigen Vätern und Müttern nützlich sein und mir dadurch zum mindesten deren Achtung eintragen können. Kurz nach dem Fortgehen des Pastors hörte ich dreimal leicht an die Tür meines Verstecks klopfen. Ich öffnete, und eine atlasweiche Hand ergriff die meinige. Alle meine Nerven erbebten. Es war Helenens Hand; sie hatte mich elektrisiert, und dieser Augenblick des Glücks war schon Lohn genug für mein langes Warten. »Folgen Sie mir leise!« flüsterte sie, sobald sie die kleine Tür wieder verschlossen hatte. Aber in meiner glücklichen Ungeduld schloß ich sie zärtlich in meine Arme, und ich ließ sie die Wirkung fühlen, die ihre bloße Gegenwart auf mich ausgeübt hatte, und vergewisserte mich zugleich ihrer vollständigen Fügsamkeit. »Seien Sie vernünftig, lieber Freund!« flüsterte sie; »wir müssen sachte nach oben gehen.« Ich folgte ihr, um mich herum tastend, und am Ende eines langen Ganges führte sie mich in ein unbeleuchtetes Zimmer, dessen Tür sie hinter uns verschloß; hierauf öffnete sie ein anderes Zimmer, worin Licht war. Ich sah darin Hedwig, die beinahe schon ausgekleidet war. Sie kam mit offenen Armen auf mich zu, sobald sie mich sah, umarmte mich voller Glut und dankte mir auf das herzlichste daß ich in einem so traurigen Loch so geduldig ausgehalten hätte. »Meine göttliche Hedwig,« sagte ich zu ihr, »wenn ich Sie nicht rasend geliebt hätte, wäre ich keine Viertelstunde in dem Versteck geblieben; aber Sie brauchen nur zu befehlen, und ich bringe jeden Tag, den ich noch hier in Genf verweile, vier Stunden darin zu. Aber lassen Sie uns keine Zeit verlieren, liebe Freundinnen! Gehen wir zu Bett!« »Geht nur beide zu Bett,« sagte Helene; »ich werde die Nacht auf dem Kanapee zubringen.« »Oh, das gibt es nicht,« rief Hedwig, »daran ist nicht zu denken, unser Los muß vollkommen gleich sein.« »Ja, göttliche Helene, ja!« rief ich, indem ich auf sie zueilte und sie umarmte, »ich liebe euch beide gleich sehr. Alle diese Förmlichkeiten dienen nur dazu, uns eine kostbare Zeit verlieren zu lassen, während welcher ich euch meine glühende Zärtlichkeit beweisen könnte. Macht es wie ich! Ich werde mich ausziehen und in die Mitte des Bettes legen. Kommt schnell an meine Seiten! Ihr werdet sehen, ob ich euch liebe, wie ihr geliebt zu werden verdient. Wenn wir hier sicher sind, so werde ich euch Gesellschaft leisten, bis ihr mir sagt, daß ich gehen muß; aber ich bitte euch: Löscht das Licht nicht aus!« Während ich mit der gelehrten Theologin über die Schamhaftigkeit philosophierte, war ich im Handumdrehen ausgezogen und bot mich ihren Augen nackt wie Adam dar. Hedwig errötete, aber sie fürchtete vielleicht, daß eine größere Zurückhaltung mir einen schlechten Begriff von ihr geben würde, und ließ die letzte Hülle der Scham fallen, indem sie das Wort des heiligen Klemens von Alexandria zitierte, daß die Scham nur im Hemde liegt. Ich pries laut ihre Schönheiten und die Vollendung ihrer Formen, um dadurch Helenen zu ermutigen, die sich langsam auskleidete. Als ihr aber Hedwig ihre falsche Scham vorwarf, wirkte dieses mehr als alle meine Lobreden. Endlich war diese Venus im Naturzustande; sie wußte nicht, wo sie mit ihren Händen hin sollte, und bedeckte mit der einen einen Teil ihrer geheimsten Reize, mit der anderen ihre Brust; daß sie nicht alles verbergen konnte, schien sie bestürzt zu machen. Ihre schamhafte Verlegenheit, dieser Kampf zwischen erliegender Scham und Wollust entzückte mich. Hedwig war größer als Helene, ihre Haut weißer und ihr Busen doppelt so stark; aber Helenens Schönheit war inniger beseelt, ihre Formen waren lieblicher und ihr Busen glich dem der Venus von Medici. Als sie durch das Beispiel ihrer Base allmählich mutiger geworden war, verbrachten wir einige Augenblicke damit, uns gegenseitig zu bewundern; dann legten wir uns zu Bett. Die Natur sprach gebieterisch, und wir mußten ihrem Rufe folgen. Nachdem ich mich mit einem Sicherheitskäppchen versehen hatte, dessen Zerplatzen ich nicht zu befürchten brauchte, machte ich Hedwig zur Frau. Als das Opfer vollzogen war, bedeckte sie mich mit Küssen und sagte, der Augenblick des Schmerzes sei nichts im Vergleich mit dem Genuß. Helene, die sechs Jahre jünger war als Hedwig, kam bald an die Reihe. Das schönste Vlies, das ich jemals gesehen habe, war ein wenig hinderlich; sie strich es mit ihren beiden Händen zur Seite. Eifersüchtig auf die Erfolge ihrer Base, stieß sie nur Seufzer des Glückes aus, obgleich sie nicht ohne eine schmerzhafte Gewaltanstrengung in das Geheimnis der Liebe eingeweiht werden konnte; sie erwiderte alle meine Anstrengungen und schien an Zärtlichkeit und Glut mit mir wetteifern zu wollen. Die Bewegungen des schönen Mädchens kürzten das süße Opfer ab, und als ich das Heiligtum verließ, sahen meine beiden Schönen, daß ich der Ruhe bedurfte. Der Altar wurde vom Blute der Opfer gesäubert; hierauf wurde eine gemeinsame Abspülung vorgenommen, wobei wir uns mit Freuden gegenseitig bedienten. Unter ihren eifrigen und neugierigen Händen erwachte ich zu neuem Leben, und dieser Anblick erfüllte sie mit Freude. Ich sagte ihnen, ich müßte unbedingt während der Zeit, die ich noch in Genf verbringen würde, dieses Glück recht oft genießen; aber sie antworteten mir seufzend, dies sei unmöglich. »In fünf oder sechs Tagen können wir uns vielleicht wieder ein solches Fest verschaffen, das wird aber auch alles sein.« »Laden Sie uns,« sagte Hedwig, »morgen zum Abendessen in Ihren Gasthof ein, vielleicht bietet der Zufall uns Gelegenheit, einen süßen Raub zu begehen.« Ich nahm diesen Rat an. Wir fingen wieder an. Da ich meine Natur kannte und sie nach Belieben täuschen konnte, machte ich sie mehrere Stunden lang glücklich, indem ich fünf- oder sechsmal von der einen zur andern ging, bevor ich meine Kraft erschöpfte und auf den Höhepunkt des Genusses gelangte. Da ich sie gelehrig und genußbegierig sah, ließ ich sie in den Zwischenräumen die schwierigsten Stellungen des Aretino ausführen; dies ergötzte sie über alle Maßen. Alles, was wir bewunderten, überschütteten wir mit unsern Küssen; in einem Augenblick, wo Hedwig gerade ihre Lippen auf die Mündung des Pistols preßte, ging der Schuß los und überströmte ihr Gesicht und ihren Busen. Sie strahlte vor Freude darüber und betrachtete diesen Erguß, den die beiden Mädchen wunderbar fanden, mit dem Lerneifer einer Schülerin der Naturwissenschaften. Die Nacht erschien uns kurz, obgleich wir keine Minute verloren hatten; aber am Morgen mußten wir uns trennen, sobald der Tag anbrach. Ich ließ sie in ihrem Bett liegen, und es glückte mir, das Haus zu verlassen, ohne von einem Menschen gesehen zu werden. Nachdem ich bis Mittag geschlafen hatte, stand ich auf, zog mich sorgfältig an und machte dem Pastor einen Besuch. Ich kargte ihm gegenüber nicht mit dem Lobe seiner reizenden Nichte. Dies war das sicherste Mittel, um ihn zu der Zusage zu veranlassen, daß er am nächsten Tage bei mir in der Wage zu Abend essen würde. »Wir sind ja in der Stadt,« sagte ich ihm, »können also beisammen bleiben, so lange wir wollen; aber sehen Sie doch zu, daß Sie auch die liebenswürdige Witwe und ihre reizende Tochter mitbringen können.« Er versprach mir dies. Am Abend besuchte ich den Syndikus und die drei Freundinnen, die mich begreiflicherweise ein wenig kalt fanden. Ich schützte starkes Kopfweh vor und sagte ihnen, ich hätte die gelehrte Theologin zum Abendessen eingeladen. Ich forderte sie und den Syndikus auf, doch ebenfalls zu kommen; ich hatte jedoch vorausgesehen, daß dieser Einspruch dagegen tun würde, weil die Leute darüber reden konnten. Meine Hauptsorge war, die auserlesensten Weine zum Wichtigsten an der ganzen Mahlzeit zu machen. Der Pastor und seine Freundin tranken viel, und ich kam ihrem Geschmack nach besten Kräften entgegen. Als ich sah, daß alles nach Wunsch ging, daß sie ein bißchen benebelt und ganz mit ihren alten Erinnerungen beschäftigt waren, winkte ich den beiden Schönen, und sie gingen hinaus, wie wenn sie eine gewisse Örtlichkeit suchen wollten. Ich ging mit ihnen hinaus, wie wenn ich ihnen Bescheid sagen wollte, ließ sie aber in ein anderes Zimmer eintreten und sagte ihnen, sie möchten auf mich warten. Ich ging wieder hinein, und da die beiden Alten ganz mit sich selber beschäftigt waren und kaum bemerkten, daß ich da war, so machte ich Punsch zurecht, setzte ihnen diesen vor und sagte dann, ich würde auch den jungen Damen welchen bringen; diese unterhielten sich damit, Kupferstiche zu besehen. Ich verlor keinen Augenblick und machte ihnen mehrere Besuche, die sie interessant fanden. Solche gestohlenen Genüsse haben einen unaussprechlichen Reiz. Als wir einigermaßen befriedigt waren, gingen wir zusammen wieder in das Zimmer, und ich machte noch einmal Punsch. Helene rühmte ihrer Mutter die Kupferstiche und forderte sie auf, sich diese mit uns anzusehen. »Ich mache mir nichts daraus,« sagte die alte Dame. »Na, dann wollen wir sie noch einmal besehen!« rief Helene. Ich fand die List köstlich und ging mit meinen beiden Heldinnen hinaus. Wir vollbrachten Wunder. Hedwig philosophierte über den Genuß und sagte, sie würde ihn niemals gekannt haben, wenn ich nicht zufällig ihren Oheim kennen gelernt hätte. Helene sprach nicht; aber wollüstiger als ihre Base, geriet sie in Verzückung wie eine Taube und belebte sich dann von neuem, um einen Augenblick darauf wieder zu sterben. Ich bewunderte diese erstaunliche Fruchtbarkeit, obwohl dies ziemlich häufig vorkommt: vierzehnmal wechselte sie in der Zeit, die ich zu einer einzigen Operation brauchte, zwischen Leben und Tod. Allerdings machte ich bereits den sechsten Ritt und verlangsamte zuweilen mein Tempo, um mich an ihrem Glücke zu weiden. Bevor wir uns trennten, versprach ich ihnen, Helenens Mutter jeden Tag zu besuchen, um bei dieser Gelegenheit erfahren zu können, wann ich vor meiner Abreise noch eine Nacht mit ihnen würde verbringen können. Um zwei Uhr morgens trennten wir uns. Drei oder vier Tage später sagte Helene mir in zwei Worten, Hedwig werde an diesem Tage bei ihr schlafen, sie werde daher zur selben Stunde die Tür offen lassen. »Ich werde kommen.« »Und ich werde Sie einschließen; aber Sie müssen im Dunklen bleiben, weil sonst die Magd das Licht sehen könnte.« Ich war pünktlich, und mit dem Schlage zehn Uhr sah ich sie freudestrahlend ankommen. »Ich habe vergessen, Ihnen vorher zu sagen,« sagte Helene zu mir, »daß Sie hier ein Huhn finden würden.« Ich hatte Hunger; ich verschlang es in einem Augenblick, und dann überließen wir uns dem Glück. Am zweiten Tage darauf mußte ich abreisen. Ich hatte von Herrn Raiberti zwei Briefe erhalten. In dem einen schrieb er mir, er habe meine Vorschriften hinsichtlich der Corticelli befolgt; im zweiten teilte er mir mit, sie würde wahrscheinlich im Karneval als erste Figurantin auftreten und Gehalt bekommen. Ich hatte in Genf nichts mehr zu tun, und Frau von Urfé erwartete mich nach unserer Verabredung in Lyon. Ich mußte also dorthin. Unter diesen Umständen war die Nacht, die ich mit den beiden reizenden Mädchen verbringen sollte, mein letztes Geschäft. Mein Unterricht hatte Früchte gezeitigt: meine beiden Schülerinnen waren bereits Meisterinnen in der Kunst, das Glück zu genießen und mitzuteilen, aber in den Pausen wich die Freude der Traurigkeit. »Wir werden unglücklich sein, lieber Freund,« sagte Hedwig zu mir, »und wir wären bereit, dir zu folgen, wenn du dich unserer annehmen wolltest.« »Ich verspreche euch, liebe Freundinnen, vor Ablauf von zwei Jahren wiederzukommen.« Sie brauchten nicht einmal so lange zu warten. Gegen Mitternacht schliefen wir ein; um vier Uhr wachten wir auf und setzten unsere Liebeskämpfe bis sechs Uhr fort. Eine halbe Stunde darauf verließ ich sie; ich war völlig erschöpft und blieb den ganzen Tag im Bett liegen. Am Abend suchte ich den Syndikus und seine Freundinnen auf. Ich fand dort Helene; sie stellte sich heuchlerischerweise, wie wenn sie über meine Abreise nicht tiefer betrübt wäre als die andern. Um sich nicht zu verraten, erlaubte sie dem Syndikus, sie ebenso zu küssen wie die andern. Ich ahmte ihre List nach und bat sie, ihrer gelehrten Base in meinem Namen Lebewohl zu sagen, indem ich mich entschuldigte, daß ich nicht persönlich käme, um Abschied zu nehmen. Am folgenden Tage reiste ich in aller Frühe ab, und am Abend des zweiten Tages kam ich in Lyon an. Ich fand Frau von Urfé nicht dort; sie war nach der Landschaft Bresse gefahren, wo sie ein Gut besaß. Aber ich fand einen Brief, worin sie mir mitteilte, es werde ihr sehr angenehm sein, mich dort zu sehen. Ich verlor keinen Augenblick und fuhr dorthin. Sie empfing mich auf ihre gewöhnliche Art, und ich sagte ihr, ich müsse nach Turin fahren und dort auf Frederigo Gualdo warten, das damalige Oberhaupt der Rosenkreuzer. Ich ließ ihr durch das Orakel enthüllen, er werde mit mir nach Versailles kommen; dort werde er sie glücklich machen. Nach diesem Orakel konnte sie also nicht daran denken, nach Paris zurückzukehren, bevor wir uns gesehen hatten. Das Orakel sagte ihr ferner, sie müsse in Lyon auf Nachrichten von mir warten und den jungen d'Aranda mit hinnehmen. Der Kleine überhäufte mich mit Liebkosungen und bat mich, ihn mit mir nach Turin zu nehmen. Wie man sich wohl denken kann, wußte ich seinen Bitten auszuweichen. Als wir wieder in Lyon waren, brauchte Frau von Urfé vierzehn Tage, um für mich fünfzigtausend Franken aufzutreiben, die ich vielleicht für diese glückliche Reise nötig haben konnte. Während dieser vierzehn Tage machte ich gute Bekanntschaft mit einer Frau Pernon. Ich gab bei ihrem Gemahl, einem reichen Fabrikanten, viel Geld aus, um mir eine elegante Garderobe anfertigen zu lassen. Frau Pernon war schön und geistreich. Ihr Liebhaber war ein Mailänder, namens Bono, Geschäftsführer eines Schweizer Bankiers Sacco. Durch Vermittlung der Frau Pernon ließ Bono der Frau von Urfé durch seinen Bankier fünfzigtausend Franken geben. Sie übergab mir diese Summe und zugleich die drei Kleider, die sie der Lascaris versprochen hatte; die Corticelli aber hat sie niemals zu sehen bekommen. Eins von diesen Kleidern war mit Zobelmarder besetzt und von seltener Schönheit. Ausgestattet wie ein Fürst veiließ ich Lyon und reiste nach Turin, wo ich den berühmten Gualdo finden sollte, der kein anderer war als der treulose Ascanio Pogomas, den ich von Bern hatte kommen lassen. Ich dachte, es würde für mich leicht sein, diesem Komödianten die Rolle einzustudieren, für die ich ihn bestimmt hatte. Wie man sehen wird, wurde ich in grausamer Weise getäuscht. Ich konnte mich nicht enthalten, einen Tag in Chambéry zu bleiben, um dort meine schöne Klostergefangene zu sehen. Ich fand sie schön, ruhig und zufrieden; aber sie trauerte noch um den Verlust ihrer jungen Pensionärin, die man verheiratet hatte. Zu Anfang Dezember in Turin angekommen, fand ich in Rivoli die Corticelli, die der Chevalier von Raiberti von meinem Eintreffen in Kenntnis gesetzt hatte. Sie überbrachte mir einen Brief von diesem liebenswürdigen Herrn; er schrieb mir die Adresse des Hauses, das er für mich gemietet hatte, da ich nicht im Gasthof absteigen wollte. Ich richtete mich unverzüglich in meiner Wohnung ein. Neunzehntes Kapitel Meine alten Bekannten.–Dame Pazienza.–Agata.–Graf Borromeo.–Ein Ball.–Lord Percy. Die Corticelli war sanft wie ein Lamm; sie verabschiedete sich von mir, als wir in Turin einfuhren. Ich versprach, sie zu besuchen, und begab mich in meine Wohnung, die ich in jeder Hinsicht angenehm fand. Der liebenswürdige Chevalier de Raiberti suchte mich sofort auf; nachdem er über seine Auslagen für die Corticelli Rechenschaft abgelegt hatte, übergab er mir den Rest des von mir gesandten Geldes. »Ich bin reich an Mitteln,« sagte ich zu ihm, »und habe die Absicht, meine Freunde oft zum Souper einzuladen; hätten Sie vielleicht einen guten Koch an der Hand?« »Ich habe die Perle aller Kochkünstler,« antwortete er mir, »und Sie können diese sofort haben.« »Sie sind die Perle aller Menschen, Herr Chevalier! Besorgen Sie mir dieses Wunder, sagen Sie ihm, daß ich große Ansprüche mache, und vereinbaren Sie den Preis, den er monatlich erhalten muß.« Ich bekam in der Tat noch am gleichen Abend einen ausgezeichneten Koch. »Es wird sehr gut sein,« sagte Raiberti zu mir, »wenn Sie dem Grafen d'Aglié einen Besuch machen. Er weiß bereits, daß die Corticelli zu Ihnen gehört, und ich muß Sie darauf aufmerksam machen, daß die Pazienza, bei der sie wohnt, den gemessenen Befehl hat, Sie niemals mit dem jungen Mädchen allein zu lassen, wenn Sie dieses besuchen.« Ich fand diesen Befehl sehr scherzhaft; da ich mich aber für die Corticelli nicht mehr interessierte, so beklagte ich mich nicht darüber; der wackere Chevalier dagegen, der mich für verliebt hielt, sah aus, wie wenn ich ihm sehr leid täte. »Bis jetzt,« sagte er, »ist ihre Aufführung hier tadellos gewesen.« »Das freut mich.« »Sie könnten ihr einige Unterrichtsstunden von Dupré geben lassen; er ist Ballettmeister und wird sie infolgedessen sicherlich während des Karnevals irgend einen pas de deux tanzen lassen.« Ich versprach dem prächtigen alten Herrn, seinen Rat zu befolgen, und begab mich hierauf zum Vikar. Dieser empfing mich sehr höflich und sagte, er freue sich, daß ich nach Turin zurückgekehrt sei. Hierauf fuhr er lachenden Mundes fort: »Ich bin davon unterrichtet, daß Sie eine Tänzerin unterhalten; ich mache Sie jedoch darauf aufmerksam, daß die ehrenwerte Frau, bei der sie Kost und Wohnung hat, den strengsten Befehl hat, ihr den Empfang von Besuchern nur in ihrer Gegenwart zu gestatten.« »Dies ist mir sehr angenehm, Herr Graf,« antwortete ich ihm, »um so angenehmer, da ich ihre Mutter nicht für sehr strenge halte. Herr Chevalier de Raiberti, an den ich das junge Mädchen empfohlen habe, kannte meine Absichten, und ich bin entzückt, daß er sie so ausgezeichnet ausgeführt hat. Ich wünsche, daß das Mädchen sich Ihres Schutzes würdig zeigen möge.« »Gedenken Sie hier den Karneval zu verbringen?« »So ziemlich – das heißt, wenn es Eurer Exzellenz recht ist.« »Das hängt durchaus nur von Ihrer guten Aufführung ab.« »Abgesehen von einigen kleinen Sünden ist mein Verhalten stets vorwurfsfrei.« »Es gibt kleine Sünden, die wir hier nicht dulden. Haben Sie den Chevalier Osorio schon gesehen?« »Ich gedenke ihm heute oder morgen meine Aufwartung zu machen.« »Überbringen Sie ihm bitte meine Komplimente.« Nach diesen Worten klingelte er und machte mir eine Verbeugung. Ich ging. Chevalier Osorio empfing mich im Ministerium des Auswärtigen auf die liebenswürdigste Weise. Nachdem ich ihm über meinen Besuch beim Vikar berichtet hatte, fragte er mich, ob ich willens wäre, mich fügsam dem Gesetz zu unterwerfen, das mir verböte, meine Geliebte ohne Zwang zu sehen. »Ja,« antwortete ich, »denn ich mache mir nichts aus dem Gegenstand.« Er sah mich mit einem philosophischen Gesicht an und sagte: »Ihre Gleichgültigkeit wird vielleicht der ehrenwerten Hüterin, die mit der Überwachung beauftragt ist, gar nicht sehr gefallen.« Dies war deutlich genug gesprochen; aber es war mir wirklich sehr angenehm, daß ich mich genötigt fand, die Corticelli stets nur in Gegenwart des Cerberus zu sehen. Ein bißchen Skandal war mir nicht unlieb, und ich wußte, daß die Leute darüber reden würden, und war neugierig, wie die Folgen sein würden. In meiner Wohnung fand ich den Genuesen Passano, den schlechten Dichter und schlechten Maler, den ich zur Rosenkreuzerrolle bestimmt hatte, weil er eines jener eigentümlichen Gesichter hatte, die auf den ersten Blick, wenn auch nicht Ehrfurcht, so doch eine gewisse Furcht, ein unbeschreibliches Gefühl von Unbehaglichkeit einflößen, das im Grunde nichts anderes ist als das natürliche Vorgefühl, unter dieser Gestalt entweder einen geschickten Spitzbuben oder einen Gelehrten mit vertrocknetem Herzen und verdrießlichem Gemüt zu finden. Ich ließ ihn mit mir zu Abend essen und wies ihm eine Wohnung im dritten Stock an, indem ich ihm die Verpflichtung auferlegte, sein Zimmer nur zu verlassen, wenn ich ihn würde rufen lassen. Beim Essen fand ich in ihm einen albernen Anekdotenerzähler, einen unwissenden boshaften Trunkenbold; es tat mir bereits leid, ihn mir aufgeladen zu haben. Aber es war einmal geschehen. Ich war neugierig, wie die Corticelli untergebracht wäre, und machte ihr daher am nächsten Tage meinen ersten Besuch. Ich brachte ihr ein Stück Lyoner Seidenstoff zu Winterkleidern mit. Ich fand sie und ihre Mutter im Zimmer der Wirtin. Diese sagte mir, als sie mich eintreten sah, es sei für sie sehr schmeichelhaft, mich bei sich zu sehen, und es würde ihr eine große Freude sein, mich oft bei Tisch zu sehen. Ich dankte ihr, ohne allzuviele Komplimente zu machen, und wandte mich dann ziemlich gleichgültig an das Mädchen. »Zeigen Sie mir Ihr Zimmer,« sagte ich zu ihr. Sie führte mich hin, ihre Mutter begleitete uns und die Wächterin ließ nicht auf sich warten. »Hier haben Sie Stoff, um sich Winterkleider machen zu lassen,« sagte ich zu ihr. »Ist das ein Geschenk der Marquise?« »Nein, dieses Geschenk mache ich Ihnen.« »Aber ich soll drei Kleider erhalten, die sie mir gegeben hat.« »Sie haben wohl vergessen, unter welchen Bedingungen dies geschah. Wir werden ein anderes Mal darüber sprechen.« Sie breitete den Stoff aus und fand ihn nach ihrem Geschmack; es fehlte ihr aber an dem Besatz dazu. Die Pazienza bot ihre guten Dienste an und sagte: »Wenn Sie wünschen, werde ich die Modistin kommen lassen; sie wohnt gleich nebenan.« Ich gab durch ein Kopfnicken meine Zustimmung zu erkennen. Sobald sie hinaus war, um ihre Aufträge zu erteilen, sagte Signora Laura zu mir, es tue ihr sehr leid, daß sie mich nur in dem Zimmer der Wirtin empfangen könne. »Ich glaubte,« versetzte ich, »dies würde für Ihre Tugend eine große Freude sein.« »Ich danke Gott morgens und abends dafür.« »Schamlose Heuchlerin,« sagte ich mit einem verächtlichen Blick; »wer Sie nicht kennt, könnte sich von diesen Worten betrügen lassen.« Einige Minuten darauf kamen Victorine und ein anderes junges Mädchen mit Putzschachteln herein, »Sind Sie noch bei Frau R.?« fragte ich sie. »Ja, mein Herr!« antwortete sie errötend. Als die Corticelli ausgesucht hatte, was sie haben wollte, bat ich Victorine, ihre Herrin von mir zu grüßen und ihr zu sagen, ich würde selber kommen, um zu bezahlen. Die Wirtin hatte auch eine Schneiderin holen lassen, und während sie Maß nahm, sagte die Corticelli zu mir, indem sie mir ihre Hüften zeigte, sie brauche ein Mieder. Ich machte eine scherzhafte Bemerkung über die auf einmal wieder verschwundene Schwangerschaft, womit sie mich bedroht hatte, und beklagte den Grafen N., daß er der süßen Vaterfreuden beraubt wäre. Hierauf gab ich ihr so viel Geld, wie sie etwa nötig haben konnte, und entfernte mich. Sie geleitete mich an die Tür und fragte mich natürlich, ob sie bald das Vergnügen haben würde, mich wiederzusehen. »Wenn dies ein Vergnügen ist« antwortete ich, »so weiß ich nicht, wann ich Lust haben werde, es Ihnen zu verschaffen; das hängt von Laune und Gelegenheit ab.« Ganz gewiß würde ich die Corticelli nicht einen Augenblick in diesem Hause gelassen haben, wenn ich noch in sie verliebt oder auch nur neugierig auf sie gewesen wäre. Aber ich wiederhole, dies war durchaus nicht der Fall. Nur eins ärgerte mich im höchsten Grade: daß nämlich die junge Spitzbübin mich trotz meiner Miene noch für so duldsam halten konnte, um zu glauben, ich hätte ihr früheres Benehmen vergessen. Nachdem dieser Besuch bei der Corticelli erledigt war, suchte ich meine Bankiers auf, unter anderen auch Herrn Martin, dessen Frau durch ihren Geist und ihre Schönheit berühmt war. Unterwegs begegnete ich dem jüdischen Pferdehändler, der mich zu seiner Tochter Lia schleppte. Ich fand sie noch schön, aber sie war verheiratet, und ihr Leib war zu umfangreich geworden. Ihr Mann empfing mich, wie auch sie selber, mit großen Freudenbezeigungen; sie flößte mir jedoch keine Neugier mehr ein, und ich machte keinen Versuch, sie wiederzusehen. Ich fand Frau R. ungeduldig, mich wiederzusehen, seitdem Victorine ihr gesagt hatte, daß ich da sei. Ich setzte mich an ihren Schreibtisch und hatte das Vergnügen, mir alle galanten Geschichten von Turin erzählen zu lassen. »Von allen jungen Mädchen, die Sie bei mir gesehen haben,« sagte sie zu mir, »bleiben mir nur noch Victorine und Raton; aber ich habe die andern ersetzt.« »Hat Victorine jemanden gefunden, der die Operation an ihr vollzogen hat?« »Nein, sie ist immer noch, wie Sie sie gelassen haben; aber ein Herr, der in sie verliebt ist, will sie nach Mailand reisen lassen.« Dieser Herr war der Graf de Pérouse, mit dem ich drei Jahre später in Wien bekannt wurde. Ich werde von ihm sprechen, wenn ich so weit bin. Frau R. sagte mir mit betrübtem Gesicht, sie habe infolge einiger ärgerlicher Verwickelungen mit der Polizei dem Grafen d'Aglié versprechen müssen, ihre Arbeiterinnen nur noch zu Damen zu schicken; wenn ich also irgend eine nach meinem Geschmack fände, so könnte ich sie mir nur dadurch verschaffen, daß ich sie zu irgend einer Festlichkeit mitnähme, nachdem ich mich vor dieser bei ihren Eltern eingeführt hätte. Sie zeigte sie mir in dem Saal, worin sie arbeiteten; aber keine von ihnen schien mir besonderer Anstrengungen wert zu sein. Sie sprach auch von der Dame Pazienza, und als ich ihr erzählte, daß ich für die Corticelli den Unterhalt bezahlte, und welchen harten Bedingungen ich mich unterworfen hätte, da erhob sie ein lautes Geschrei; ich mußte herzlich lachen über eine Menge boshafter Witze, die sie über dieses Thema machte. »Sie sind da in guten Händen, mein Herr,« sagte sie zu mir; »ich kenne das Frauenzimmer. Glauben Sie mir, sie ist nicht nur eine Spionin des Grafen d'Aglié, sondern auch eine gewerbsmäßige Kupplerin. Sie ist in der ganzen Stadt berüchtigt, und ich wundere mich, daß der Chevalier de Raiberti Ihre Geliebte solchen Händen anvertraut hat.« Sie besänftigte sich, als ich ihr sagte, der Chevalier habe gute Gründe gehabt, um so zu handeln, und ich habe die meinigen, um recht froh zu sein, daß die Corticelli dort sei und nicht anderswo. Unsere Unterhaltung wurde durch einen Kunden unterbrochen, der seidene Strümpfe verlangte. Da ich vom Tanzen sprechen hörte, so fragte ich ihn, ob er mir sagen könnte, wo der Ballettmeister Herr Dupré wohne. »Das kann niemand so gut wie ich, mein Herr, denn ich bin Dupré, Ihr ergebener Diener.« »Ich bin dem Zufall dankbar, der dieses Zusammentreffen herbeigeführt hat. Herr Chevalier de Raiberti hat heute früh mit mir über Sie gesprochen; er hat mir Hoffnung gegeben, Sie würden so gefällig sein, einer jungen Figurantin, die ich kenne, Tanzstunden zu geben.« »Herr von Raiberti hat heute vormittag schon mit mir darüber gesprochen; Sie sind gewiß Herr Chevalier de Seingalt.« »Ganz recht.« »Das Fräulein kann jeden Morgen um neun Uhr zu mir kommen.« »Nein, Sie werden die Güte haben, zu ihr zu gehen; aber zu einer Zeit, die Ihnen paßt. Ich werde Sie bezahlen, und ich hoffe, Sie bringen sie dahin, eine von Ihren besten Schülerinnen zu werden. Ich mache Sie darauf aufmerksam, daß sie keine Anfängerin mehr ist.« »Mein Herr, ich werde sie noch heute aufsuchen, und morgen werde ich Ihnen sagen, was ich aus ihr machen kann; aber Sie werden es nicht unangemessen finden, wenn ich Ihnen meinen Preis sage: ich nehme für die Stunde drei Piemontesische Livres.« »Ich finde Ihren Preis sehr bescheiden. Morgen werde ich bei Ihnen vorsprechen.« »Es wird mir eine Ehre sein. Hier ist meine Adresse. Wenn Sie am Nachmittag kommen, werden Sie eine Ballettprobe sehen.« »Wird denn die Probe nicht im Theater abgehalten?« »Oh, bitte sehr, gewiß! Aber im Theater hat niemand Zutritt zur Probe. Das ist besonderer Befehl des Vikars.« »Dieser Vikar steckt seine Nase in sehr viele Sachen.« »In zu viele.« »Aber in Ihrer Wohnung dürfen Sie empfangen, wen Sie wollen?« »Ganz gewiß! Aber ich könnte meine Tänzerinnen nicht empfangen, wenn ich nicht meine Frau hätte; der Herr Vikar kennt sie und hat viel Vertrauen zu ihr.« »Sie werden mich auf der Probe sehen.« Dieser unglückselige Vikar mit der bepflasterten Nase hatte gegen alle, die das Vergnügen lieben, ein schreckliches Spioniersystem ersonnen; man muß jedoch einräumen, daß Amor hinter seinem Rücken ihm recht gelungene Streiche spielte. Die Wollust verlor durchaus nicht durch den Zwang, den der Tyrann ihr auferlegte, sondern gewann die ganze Würze, um die die Lust durch Geschicklichkeit vermehrt wird. So wird es sein, so lange die Männer Leidenschaften und die Frauen Begierden haben. Lieben und genießen, begehren und seine Begierde zu befriedigen trachten: dies ist der Kreislauf, worin die Menschheit sich bewegt und aus welchem man sie nicht herausbringen kann; denn wenn ihr auf den natürlichen Wegen Zwang angetan wird, wie z. B. in der Türkei, so schlägt sie Umwege ein, die zum selben Ziel führen, aber zum Schaden der Moral und der Sitte. Ich traf bei der guten Mazzoli zwei Herren, die sie mir vorstellte, nachdem sie ihnen meinen Namen genannt hatte. Der eine war sehr alt und sehr häßlich; er war mit dem weißen Adlerorden dekoriert und hieß Graf Borromeo; der andere, noch jung und lebenslustig, war ein Graf A. B. von Mailand. Als sie fort waren, erfuhr ich von ihr, die beiden Kavaliere machten ihr sehr eifrig den Hof, um dadurch dem Chevalier Raiberti zu gefallen, den sie nötig hatten, um für ihre der Sardinischen Gerichtsbarkeit unterworfenen Landgüter Privilegien zu erhalten. Der Mailänder Graf besaß keinen Heller, und der Beherrscher der Borromeischen Inseln war nicht viel reicher als er. Nachdem er sich für und durch die Frauen zugrunde gerichtet hatte, konnte er nicht mehr in Mailand leben und hatte sich auf die schönste seiner Inseln im Lago maggiore zurückgezogen, wo er sich eines ewigen Frühlings, und sehr geringer Bequemlichkeit erfreute. Ich habe ihm nach meiner Rückkehr aus Spanien einen Besuch gemacht; von diesem werde ich jedoch erst erzählen, wenn ich mit der Beschreibung meiner Abenteuer, meiner angenehmen Bekanntschaften, meiner Freuden, meiner Leiden und vor allen Dingen meiner Unvorsichtigkeiten so weit gekommen bin! Denn alle diese Dinge sind in meinem Leben durcheinander gemischt, den ersten Rang aber nehmen meine Unklugheiten ein. Als das Gespräch auf meine Wohnung kam, fragte die quecksilberne Mazzoli mich, ob ich mit meinem Koch zufrieden sei. Ich antwortete ihr, ich hätte ihn noch nicht auf die Probe gestellt, gedächte dies jedoch den nächsten Tag zu tun, wenn sie mir die Ehre erweisen wollte, mit den beiden Herren bei mir zu Abend zu essen. Die Einladung wurde angenommen, und sie versprach mir, ihren lieben Chevalier mitzubringen, der dann nicht zu Mittag essen würde, wenn er es rechtzeitig vorher wüßte; er dürfe nämlich seiner Gesundheit wegen täglich nur eine Mahlzeit halten. Meinem Versprechen gemäß ging ich zu Dupré. Ich sah dort die Tänzer und Tänzerinnen der Oper, von denen die letzteren von ihren Müttern begleitet waren, die in Mäntel und Muffe gehüllt im Hintergrunde saßen. Als ich sie mit der Miene eines großen Herrn musterte, bemerkte ich unter ihnen etwas recht Seltenes, nämlich eine, die noch frisch und schön war; ich zog daraus einen günstigen Schluß auf die Tochter, obgleich die Frucht nicht immer dem Baum gleicht, der sie getragen hat. Dupré stellte mich seiner Frau vor; sie war jung und hübsch wie ein Engel, hatte aber vom Theater abgehen müssen, weil sie schwindsüchtig war. Sie sagte mir: wenn die Corticelli fleißig sei und sich Mühe geben wollte, würde ihr Mann eine Virtuosa aus ihr machen, denn sie schiene die Anlagen zu haben, eine ausgezeichnete Tänzerin zu werden. Während ich mich mit ihr unterhielt, lief die selige Lascaris, indem sie sich die Miene einer Favoritin gab, auf mich zu und sagte mir, sie brauche Bänder und Blonden, um sich Hauben zu machen. Die jungen Tänzerinnen flüsterten untereinander; ich erriet wohl, welche Bemerkungen sie austauschten, sagte jedoch kein Wort zu dem jungen Tollkopf, sondern zog zwölf Piemontesische Pistolen aus meiner Börse. Ich gab sie Dupré und sagte ihm, dieses Geld sei für drei Monate Unterricht, die ich ihm mit Vergnügen vorausbezahlen wolle, indem ich hoffe, daß er seine neue Schülerin vorwärts bringen werde. Die Vorausbezahlung einer so großen Summe rief allgemeines Erstaunen hervor; dies machte mir Spaß, ich ließ mir jedoch nichts merken. Heute fühle ich, daß es eine Schwäche war; aber ich habe versprochen, in diesen Erinnerungen, die erst nach meinem Tode ans Licht kommen werden, nur die Wahrheit zu sagen, und ich halte mein Versprechen. Ich bin stets nach Auszeichnung begierig gewesen und habe stets die Aufmerksamkeit auf mich zu lenken geliebt. Aber ich bin es mir selber schuldig, hinzuzusetzen, daß ich niemals einen Menschen habe demütigen wollen, außer dummen oder hochmütigen Laffen; denn für gewöhnlich wollte ich dadurch nur den Genuß auf bequeme Weise erlangen. Ich setzte mich abseits, um den Schwarm von jungen Mädchen besser beobachten zu können. Bald sah ich unter ihnen eine, deren ganze Erscheinung einen tiefen Eindruck auf mich machte. Sie hatte eine schöne Gestalt, feine und zarte Züge, eine edle und anständige Miene, und dabei lag in ihrer Haltung ein Ausdruck von Geduld, der meine Teilnahme im höchsten Grade erregte. Sie war die Partnerin eines Tänzers, der ihr, wenn er nicht zufrieden war, Grobheiten sagte; sie ertrug diese, ohne zu antworten, man konnte jedoch auf ihren beweglichen Zügen den Ausdruck der Verachtung erkennen, der nur durch die über ihr ganzes Wesen ausgegossene Sanftmut gemildert wurde. Mein Instinkt zog mich zu der hübschen Frau hin, die ich unter den Müttern bemerkt hatte; ich fragte sie nach der hübschen Tänzerin, die meine Teilnahme erregt hatte. »Ich bin ihre Mutter, mein Herr,« antwortete sie mir. »Sie, Madame? Sie sehen nicht so aus.« »Ich war sehr jung, als ich sie gebar.« »Das glaube ich gern. Woher sind Sie?« »Aus Lucca, mein Herr; ich bin Witwe und arm.« »Wie können Sie arm sein? Sie sind noch schön und jung, und Ihre Tochter ist ein Engel!« Sie sah mich mit einem bedeutungsvollen Blick an, antwortete aber nicht. Ich begriff ihre Zurückhaltung und blieb, ohne noch weiter zu sprechen, neben ihr sitzen. Einen Augenblick darauf kam Agata, so hieß ihre Tochter, und bat sie um ein Taschentuch, um sich das Gesicht abzuwischen. »Erlauben Sie mir, mein Fräulein, Ihnen das meinige anzubieten,« sagte ich. Es war blütenweiß und mit Rosenessenz parfümiert; dieser letztere Umstand veranlaßte sie, es anzunehmen; nachdem sie aber daran gerochen hatte, wollte sie es mir wieder geben. »Sie haben es ja nicht benutzt,« sagte ich; »tun Sie es doch!« Sie tat es und überreichte es mir hierauf mit einer dankenden Verneigung. »Sie können es mir erst wiedergeben, schöne Agata, wenn Sie es haben waschen lassen.« Sie lächelte und gab das Tuch ihrer Mutter; diese sah mich mit einem dankbaren Blick an, den ich für ein gutes Zeichen hielt. »Erlauben Sie mir, mein Fräulein, Sie in Ihrer Wohnung zu besuchen?« »Ich könnte Sie, mein Herr, nur in Gegenwart der Frau empfangen, bei der wir wohnen.« »Ist denn dieser verfluchte Zwang in ganz Turin eingeführt?« »Jawohl; so macht der Herr Vikar es mit allen.« »So werde ich denn das Vergnügen haben, Sie hier wiederzusehen.« Am Abend erhielt ich die beste Mahlzeit, die ich vielleicht überhaupt in meinem ganzen Leben gehabt habe, ausgenommen die, die ich sonst in Turin erhielt. Mein Koch war eines Lukullus würdig; aber ohne ihm den Ruhm seiner Geschicklichkeit schmälern zu wollen, muß ich auch dem Lande Gerechtigkeit widerfahren lassen; alle Erzeugnisse sind von ausgezeichneter Güte: Wild, Fische, Geflügel, Schlachtfleisch, Gemüse aller Art, Obst, Käse, Trüffeln – alles ist würdig, auf der Tafel des leckersten Gastronomen zu erscheinen, und selbst der größte Feinschmecker kann die einheimischen Weine fremden vorziehen. Schade, daß eine Stadt wie Turin den Fremden keine vollkommene Freiheit bietet! Allerdings könnte man wohl noch einen etwas vornehmeren Ton in der guten Gesellschaft wünschen, mehr Ehrlichkeit in allen Ständen und jenen angenehmen Umgangston, den man in mehreren Städten Italiens, besonders aber in Frankreich findet. Offenbar verdanken die Frauen, die in Turin durchweg schön sind, ihre Schönheit zum großen Teil der reinen Luft, die man dort atmet, und der Vorzüglichkeit der Nahrungsmittel. Es wurde mir nicht schwer, Fräulein Mazzoli und die beiden Grafen zu der Zusage zu bewegen, daß sie mir jeden Tag dieselbe Ehre erweisen würden; der Chevalier Raiberti konnte sich zu nichts verpflichten; er versprach mir nur, mich freundschaftlich zu besuchen. Im Carignan-Theater, wo komische Opern aufgeführt wurden, sah ich die Parmesanerin Redegonda, mit der ich in Florenz kein Verhältnis hatte anknüpfen können. Sie bemerkte mich im Parkett und begrüßte mich mit einem Lächeln, das mir die Ermächtigung gab, ihr am nächsten Tage brieflich meine Dienste anzubieten, wenn ihre Mutter sich inzwischen anders besonnen hätte. Sie antwortete mir, ihre Mutter sei immer noch die gleiche, aber wenn ich die Corticelli zum Abendessen bei mir einladen könnte, so würde es ihr möglich sein, mit ihr zu kommen; selbstverständlich müßten aber die Mütter dabei sein. Ich antwortete ihr nicht, denn ich fand die Bedingungen zu wenig nach meinem Geschmack. Ich erhielt einen Brief von Madame du Rumain, und als Einlage ein Schreiben des Herzogs von Choiseul an den französischen Botschafter in Turin, Herrn de Chauvelin. Der Leser erinnert sich vielleicht, daß ich diesen liebenswürdigen Kavalier in Solothurn kennen gelernt hatte und von ihm sehr freundlich behandelt worden war, ich wollte aber, daß er einen noch besseren Begriff von mir bekommen sollte, und darum hatte ich Frau du Rumain gebeten, mir diesen Brief zu schicken. Herr von Chauvelin empfing mich auf das allerbeste. Nachdem er mir die verbindlichsten Vorwürfe gemacht hatte, daß ich einen Empfehlungsbrief an ihn für notwendig gehalten hätte, stellte er mir seine reizende Gattin vor, die mich mit der schmeichelhaftesten Herzlichkeit empfing. Drei oder vier Tage darauf lud er mich zum Essen ein, und ich fand bei ihm den venetianischen Geschäftsführer Herrn Imberti, der mir sagte, es tue ihm sehr leid, mich nicht bei Hofe vorstellen zu können. Als Herr de Chauvelin den Grund erfuhr, erbot er sich, selber mich vorzustellen; ich glaubte jedoch sein Anerbieten dankbar ablehnen zu müssen. Es würde ohne Zweifel mir viel Ehre machen, aber das Ergebnis würde sein, daß man mich noch schärfer beobachten würde. Ich wäre daher in dieser Stadt, wo tausend Argusaugen die gleichgültigsten Handlungen belauern, in meinen Vergnügungen noch mehr beengt gewesen. Graf Borromeo beehrte jeden Abend meinen Tisch, bewahrte jedoch dabei eine gewisse Würde; denn da er mit dem Fräulein Mazzoli kam, so machte es nicht den Eindruck, wie wenn er erschiene, weil er es nötig hätte; Graf A. B. aber gab offen zu, daß er des Essens wegen kam, und dies gefiel mir. Er sagte mir eines Tages, meine Gefälligkeit, ihn zu dulden, erfülle ihn mit einem Gefühl tiefer Dankbarkeit gegen die Vorsehung; denn da seine Frau nicht imstande sei, ihm Geld zu schicken, so könne er sein Essen im Gasthof nicht bezahlen und würde ohne meine Güte oft Hunger leiden müssen. Er zeigte mir die Briefe seiner Frau und pries sie hoch; er sagte mir ferner, er hoffe, ich werde in Mailand bei ihm wohnen und an seiner Frau Gefallen finden. Er hatte in Spanien gedient, und seine Frau war eine Spanierin, nach seiner Schilderung eine pikante Brünette von 25 oder 26 Jahren. Der Graf hatte ihr geschrieben, daß ich ihm mehrere Male mit meiner Börse ausgeholfen hätte und ihm vielfach gefällig gewesen wäre; dies veranlaßte sie, mir brieflich ihren Dank auszusprechen und mich zu bitten, bei ihr zu wohnen, wenn ich nach Mailand käme. Sie schrieb einen geistvollen Stil, und der Briefwechsel mit ihr erregte bald in so hohem Grade meine Teilnahme, daß ich ihr in aller Form versprach, nach Mailand zu reisen, wäre es auch nur, um die Ehre zu haben, ihr meine Aufwartung zu machen. Ich gestehe, daß meine Neugier mich zu diesem Versprechen trieb; denn da ich wußte, daß die Familie arm war, hätte ich mich niemals in die Lage bringen dürfen, entweder ihr zur Last zu fallen oder ihre Gastfreundschaft teuer bezahlen zu müssen. Ich möchte jedoch hier zu meiner Entschuldigung anführen, daß die Neugier in solchen Fällen eine Art von Liebe ist. In meiner Phantasie war diese Gräfin mit allen Eigenschaften begabt, die einen Mann glücklich machen können: ich stellte sie mir empfindsam wie eine Engländerin vor, lebhaft und leidenschaftlich wie eine Spanierin, anmutig und schmeichelnd wie eine Französin, und da ich von mir selber eine ziemlich gute Meinung hatte, so zweifelte ich keinen Augenblick daran, daß sie meine Liebe erwidern würde. Ich träumte davon, die Herren und Damen von Mailand eifersüchtig zu machen; übrigens hatte ich viel Geld und brannte darauf, es auszugeben, um eine glänzende Rolle zu spielen. Ich fehlte keinen einzigen Tag bei Duprés Ballettproben und war bald bis über die Ohren in die junge Agata verliebt. Ich verführte Frau Dupré durch mehrere Geschenke, und sie nahm es ganz gut auf, als ich ihr meine Leidenschaft anvertraute: indem sie Agata und ihre Mutter zum Abendessen bei sich behielt, hatte sie mir die Gelegenheit verschafft, das reizende Mädchen unter vier Augen sprechen zu können. Ich hatte mir dies zunutze gemacht, um meinen Gefühlen Ausdruck zu geben, und ich hatte auch einige unbedeutende Gunstbezeigungen erlangt; aber dies war so wenig und die Augenblicke des Beisammenseins waren so kurz, daß meine Begierden nur immer größer wurden, anstatt sich zu besänftigen. Agata sagte mir unaufhörlich, alle Welt wisse, daß ich die Corticelli unterhalte, und sie wolle um alles Gold der Welt nicht, daß man sagen könnte, sie sei für mich nur ein Lückenbüßer, weil ich meine Geliebte nur in Gegenwart ihrer Wirtin sehen könne. Vergebens schwor ich ihr, daß ich die Corticelli nicht liebe und sie nur unterhalte, um Herrn Raiberti nicht bloßzustellen. Es war mir unmöglich, sie zur Vernunft zu bringen; sie hatte ihre bestimmten Pläne; sie wollte einen Bruch in aller Form; sie wollte, daß ganz Turin wissen sollte, daß ich nur sie liebe und daß ich um ihretwillen ihre Nebenbuhlerin, aufgeopfert habe. Unter dieser Bedingung versprach sie mir ihr Herz und was dazu gehört. Ich liebte sie zu sehr, als daß ich nicht hätte versuchen sollen, sie zufrieden zu stellen, zumal da meine Zufriedenheit von der ihrigen abhing. In dieser Absicht veranlaßte ich Dupré, in irgend einem Hause vor der Stadt einen Ball auf meine Kosten zu geben und alle Tänzer und Tänzerinnen, die für den Karneval engagiert wären, dort hinkommen zu lassen. Nur Tänzerinnen von Beruf dürften tanzen, und die Tänzer sollten für die Eintrittskarte einen Dukaten bezahlen. Jeder Kavalier sollte das Recht haben, eine Dame mitzubringen; diese sollte aber nur zusehen und am Abendessen teilnehmen dürfen. Um Dupré zur Ausführung meines Planes anzureizen, sagte ich ihm, daß ich das Büfett und alle Erfrischungen übernehmen würde; damit er recht viele Gäste fände, könnte er anzeigen, es würde nicht gespart werden, um die Gesellschaft zufrieden zu stellen. Ich übernahm auch die Besorgung von Wagen und Tragstühlen für alle Künstlerinnen; niemand aber dürfe wissen, daß ich irgend etwas mit diesen Ausgaben zu tun hätte. In der Hoffnung auf einen guten Überschuß machte Dupré sich sofort ans Werk. Er fand ein passendes Haus, lud die Tänzerinnen ein und verteilte etwa fünfzig Eintrittskarten. Nur Agata und ihre Mutter wußten, daß der Plan von mir ausging, und daß ich zum großen Teil die Kosten bezahlte; am Tage nach dem Ball aber wußte die ganze Stadt Bescheid. Agata hatte kein passendes Kleid, um sich sehen lassen zu können; ich beauftragte Frau Dupré, auf meine Kosten eins zu besorgen, und ich wurde gut bedient. Bekanntlich kennen diese Art Leute kein Maß, wenn ihnen die Börse eines anderen zur Verfügung steht; aber das wollte ich ja gerade. Agata verpflichtete sich, die Kontertänze mit mir zu tanzen und nur in Begleitung von Frau Dupré nach Turin zurückzufahren. Am Ballabend blieb ich bei Frau Dupré zum Mittagessen, um dabei zu sein, wie Agata sich herausputzte, denn sie mußte sich dort ankleiden. Ihr Kleid war von sehr reichem Seidenstoff nach der allerneuesten Lyoner Mode; der Besatz, dessen Wert das junge Mädchen nicht kannte, bestand aus wunderbar schönen Alençon-Spitzen. Frau R., die diesen Besatz aufgelegt hatte, und Frau Dupré hatten Befehl erhalten, nichts zu sagen. Als Agata zum Ausgehen fertig war, sagte ich ihr, die Ohrringe, die sie trüge, paßten nicht zu ihrem schönen Kleide. »Das ist wahr,« sagte die Dupré; »und es ist sehr schade.« »Leider hat meine arme Tochter keine anderen,« sagte die Mutter. »Ich habe hier schöne Ohrbommeln aus Straß, die ich Ihnen leihen kann; sie sind sehr glänzend.« Ich hatte absichtlich die Ohrgehänge eingesteckt, welche Frau von Urfé für die Lascaris bestimmt hatte, als sie sie noch ihre Nichte nannte. Ich zeigte die Juwelen und las Bewunderung auf allen Gesichtern. »Man möchte darauf schwören, daß es herrliche Diamanten sind!« rief die Dupré. Ich steckte sie Agaten in die Ohren; sie bewunderte sich im Spiegel und rief, alle Tänzerinnen würden sie beneiden; denn man würde ganz gewiß ihre Ohrbommeln für echte Brillanten halten. Ich sagte nichts. Ich ging nach Hause, machte glänzende Toilette und begab mich dann auf den Ball, wo ich die schöne Agata fand; sie tanzte mit Lord Percy, dem Sohn der Herzogin von Northumberland, einem jungen Tollkopf, der auf die verrückteste Art ungeheure Summen verschwendete. Ich bemerkte mit Vergnügen mehrere junge Damen von Turin, die nur Zuschauerinnen waren. Sie konnten sich einbilden, man gebe den Ball ihnen zu Ehren – wie jene Fliege glaubte, sie ziehe die Kutsche ganz allein. Alle fremden Gesandten waren anwesend, unter anderen auch Herr von Chauvelin, der mir sagte, er hätte gerne meine schöne Haushälterin von Solothurn gesehen, damit das Fest ganz vollständig wäre. Der Marquis und die Marquise de Prié waren ebenfalls da. Der Marquis, der sich nichts aus dem Tanz machte, spielte eine Partie Quinze mit einem unhöflichen Spieler, der seiner Maitresse nicht erlaubte, in seine Karten zu sehen. Sie bemerkte mich, tat aber, wie wenn sie mich nicht kenne; der Streich, den ich ihr in Aix gespielt hatte, war allerdings wohl danach angetan, in ihrer Erinnerung zu bleiben. Nachdem die Menuetts getanzt waren, kündigte Dupré den Kontertanz an, und ich sah mit Vergnügen Chevalier de Ville-Follet mit der Corticelli an die Spitze treten. Ich tanzte mit Agata, die nur mit größter Mühe den Lord Percy los werden konnte; er bestand darauf, daß sie mit ihm tanzen solle, obgleich sie ihm immer wieder sagte, daß sie für die ganze Nacht anderweitig verpflichtet sei. Sie sagte mir lachend, man halte allgemein die Ohrbommeln für echte Diamanten und sie habe dies bestätigt. Man tanzte abwechselnd Menuett und Kontertanz; hierauf wurden für die Damen Erfrischungen in reichlicher Menge herumgereicht. Ich sah mit Vergnügen ein Büfett, das mit fürstlicher Verschwendung ausgestattet war. Die Piemonteser sind gute Rechner und fanden, Dupré müsse Geld zusetzen; denn die Champagnerpfropfen knallten wie Schützenfeuer. Da ich etwas ermüdet war, bat ich Agata, sich neben mich zu setzen; ich sprach mit ihr von meiner Liebe, als Frau von Chauvelin mit einer anderen Dame dazu kam. Ich stand auf, um ihr Platz zu machen, und Agata erhob sich ebenfalls; aber die liebenswürdige Dame ließ sie neben sich sitzen bleiben. Sie war entzückt von ihrer Schönheit und lobte ihr Kleid, besonders aber den Besatz. Die Dame, die bei ihr war, lobte die Ohrbommeln und sagte, es sei recht schade, daß diese Steine nach Ablauf einer gewissen Zeit ihren Glanz verlören. Frau von Chauvelin war Kennerin und sagte: »Diese Steine werden ihren Glanz niemals verlieren, denn sie sind echt und vom reinsten Wasser, man kann sich nicht darüber täuschen; nicht wahr, Fräulein, Ihre Girandolen sind echte Brillanten?« Agata war noch zu unschuldig; sie wagte nicht zu lügen und sagte, die Steine seien von Straß und ich habe sie ihr geliehen. Frau von Chauvelin lachte laut auf und sagte: »Herr von Seingalt hat Sie getäuscht, liebe Kleine; man leiht einem jungen Mädchen wie Ihnen keine falschen Ohrbommeln, und besonders der Herr Chevalier tut das nicht. Ihre Girandolen sind herrliche Diamanten.« Agata errötete, denn mein Schweigen bestätigte die Behauptung der Dame, und das junge Mädchen mußte fühlen, wie sehr ihre Stellung durch diesen Schmuck gehoben wurde; denn er bewies, daß ich großen Wert auf sie legte. Frau von Chauvelin bat mich, mit Agata ein Menuett zu tanzen; ich gehorchte, und meine hübsche Partnerin tanzte zum Entzücken. Nach dem Tanz dankte die gnädige Frau mir und sagte, sie erinnere sich stets mit Vergnügen, daß wir in Solothurn miteinander getanzt hätten, und hoffe, wir würden am Dreikönigstage in ihrem Palais wieder zusammen tanzen. Eine tiefe Verbeugung zeigte ihr zur Genüge, wie sehr ich mich geschmeichelt fühlte. Der Ball dauerte bis vier Uhr morgens; ich verließ ihn erst, als ich Agata mit ihrer Mutter und Frau Dupré hatte fortgehen sehen. Am anderen Morgen lag ich noch im Bett, als mein Kammerdiener mir meldete, daß eine hübsche Dame die Ehre erbitte, mit mir sprechen zu dürfen. Ich ließ sie eintreten und sah mit Vergnügen, daß es Agatas Mutter war. Ich bat sie, sich neben mein Bett zu setzen, und lud sie ein, eine Tasse Schokolade zu trinken. Als wir allein waren, zog sie die Ohrbommeln, die ich ihrer Tochter gegeben hatte, aus der Tasche und sagte mir lachend, sie habe sie einem Juwelier gezeigt, der ihr tausend Zechinen dafür geboten habe. »Er ist verrückt!« rief ich ebenfalls lachend; »Sie hätten sie ihm lassen sollen, denn sie sind keine vier wert.« Zugleich ergriff ich ihre Hand, zog sie an mich und umarmte sie. Da ich fühlte, daß sie meinen Kuß erwiderte und gefügig war, so ging ich weiter und schließlich verbrachten wir ein paar Stunden damit, uns gegenseitig zu beweisen, wie hoch wir einander schätzten. Nach dieser entzückenden Szene sahen wir alle beide ein bißchen erstaunt aus; die reizende Mutter brach zuerst das Schweigen und fragte mich lächelnd: »Soll ich meiner Tochter erzählen, auf welche Weise Sie mich überzeugt haben, daß Sie sie lieben?« »Das überlasse ich Ihrer Klugheit, meine Liebe; ich habe Ihnen soeben bewiesen, daß ich Sie liebe, und dies beweist nicht, daß ich nicht auch Ihre Tochter anbete. Im Gegenteil, ich glühe für sie; trotzdem wird eine Wiederholung des eben Vorgefallenen sich schwerlich verhüten lassen, wenn Sie nicht etwa ein Zusammensein mit mir vermeiden.« »Es ist sehr schwer, Ihnen zu widerstehen, und möglicherweise habe ich noch öfter das Bedürfnis, mit Ihnen beisammen zu sein.« »Sie können sich darauf verlassen, daß Sie stets willkommen sein werden; ich bitte Sie nur, dem Glück, Agata zu besitzen, keine Hindernisse in den Weg zu legen.« »Auch ich bitte Sie um eine Gunst.« »Wenn ich sie Ihnen bewilligen kann, so brauchen Sie keine Weigerung zu befürchten.« »Sehr gut! Sagen Sie mir also, ob die Girandolen echt sind und welche Absicht Sie gehabt haben, als Sie die Ohren meiner Tochter damit schmückten?« »Die Girandolen sind sehr echt, meine Liebe, und es wäre meine Absicht, sie Ihrer Tochter als einen Beweis meiner Zärtlichkeit zu überlassen.« Ein Seufzer entrang sich ihrem Busen; hierauf sagte sie mir, ich möchte sie mit Dupré und seiner Frau zum Abendessen einladen, so oft ich Lust hätte. Ich dankte ihr und drückte ihr zehn Zechinen in die Hand; ganz glücklich entfernte sie sich. Über das Vorgefallene nachdenkend, fand ich, daß diese Frau die vernünftigste aller Tänzerinnenmütter sei. Sie konnte mir mein Glück nicht auf eine zartere und zugleich bestimmtere Art verkündigen. Meine Leser können sich wohl denken, daß ich die Zeit ausnützte und das Eintreten eines mir so sehr am Herzen liegenden Ereignisses möglichst beschleunigte. Noch am gleichen Tage lud ich Dupré und seine Frau, Agata und ihre Mutter für den nächsten Tag ein, mit der Gesellschaft, die sich jeden Abend einfand, bei mir zusammen zu speisen. Als ich Duprés Haus verließ, hatte ich folgendes Erlebnis: Mein Lakai, ein großer Spitzbube, aber in diesem Augenblick ein braver Bursche, kam ganz außer Atem angelaufen und sagte mit triumphierendem Gesicht: »Gnädiger Herr, ich wollte Sie suchen, um Ihnen mitzuteilen, daß ich in diesem Augenblick den Chevalier de Ville-Follet in den Hausflur der Dame Pazienza hineinschlüpfen sah; ich vermute, daß er der Corticelli einen Liebesbesuch macht.« In der fröhlichen Hoffnung, daß mein Diener den Besuch des Chevaliers richtig aufgefaßt hätte, ging ich sofort nach der Wohnung der ehrenwerten Tugendwächterin. Ich trat ein und fand die Mutter mit der Wirtin zusammen. Ohne ein Wort zu sagen, ging ich auf das Zimmer ihrer Tochter zu; die beiden Alten ergriffen mich jedoch bei den Armen und wollten mich zurückhalten, indem sie sagten, die Signora sei unwohl und bedürfe der Ruhe. Ich stieß sie zurück, riß die Tür auf und fand den galanten Herrn damit beschäftigt, sich sehr eilig wieder in einen anständigen Zustand zu versetzen, während die Schöne, wie versteinert über mein plötzliches Erscheinen, auf dem Bett ausgestreckt liegen blieb, ohne ein Wort zu sagen. »Mein Herr,« sagte ich zum Chevalier, »entschuldigen Sie, daß ich ohne anzuklopfen eingetreten bin!« »Warten Sie! Warten Sie!« Aber anstatt zu warten, machte ich mich, hochentzückt über dieses Abenteuer, aus dem Staube und lief mit der Geschichte zum Chevalier Raiberti, der in meine Heiterkeit einstimmte und aus vollem Halse darüber lachte. Ich bat ihn, der Pazienza sagen zu lassen, daß ich von diesem Tage an nichts mehr für die Corticelli bezahlen würde, da sie mir nicht mehr angehörte. Er fand diesen Entschluß sehr vernünftig und sagte mir: »Sie werden sich doch wohl nicht beim Grafen d'Aglié beklagen?« »Nur Dummköpfe, mein lieber Chevalier, beklagen sich, besonders unter solchen Umständen.« Diese Skandalgeschichte würde gänzlich unbekannt geblieben sein, wenn sie nicht durch die Unklugheit des Chevaliers de Ville-Follet in die Öffentlichkeit gedrungen wäre; er ärgerte sich, daß er aus dem Sattel gehoben worden war, bevor er noch mit seinem Ritt fertig war; er erinnerte sich, daß er vor dem Hause der Pazienza meinem Lakaien begegnet war, und erriet, daß dieser mir Meldung gemacht haben müsse. Als er ihm eines Tages auf der Straße begegnete, machte er ihm Vorwürfe, daß er ihn ausspioniert habe; der unverschämte Bediente antwortete ihm ganz frech, er sei nur seinem Herrn Rechenschaft schuldig: es sei seine Pflicht, mir in allen Dingen zu dienen. Der Chevalier prügelte ihn mit seinem Stock, und der Lakai beklagte sich, um sich zu rächen, beim Vikar, der den Chevalier vorladen ließ, um ihn nach den Beweggründen seiner Handlungsweise zu befragen. Ville-Follet erzählte ihm die Geschichte mit allen Einzelheiten, denn er hatte nichts zu befürchten. Der Chevalier Raiberti ging zur Pazienza und sagte ihr, daß ihre Pensionärin künftighin weder von ihm noch von mir unterstützt werden würde. Sie empfing ihn sehr schlecht, er wollte aber von allen Entschuldigungsreden der Frau nichts hören. Am Abend war der Chevalier bei mir zum Essen, um mir über seinen Besuch Bericht zu erstatten; er sagte mir, er habe beim Hinausgehen einen Polizeigefreiten getroffen, der offenbar der Frau eine Vorladung überbracht habe, vor dem Grafen d'Aglié zu erscheinen. Am nächsten Tage erhielt ich in dem Augenblick, wo ich auf den Ball des Herrn von Chauvelin gehen wollte, zu meiner großen Überraschung einen Brief vom Grafen d'Aglié, der mich sehr höflich bat, bei ihm vorzusprechen, da er mir etwas mitzuteilen habe. Ohne Zögern befahl ich meinen Trägern, mich nach der Wohnung des hohen Herrn zu bringen. Herr d'Aglié empfing mich sehr höflich unter vier Augen; er bot mir einen Stuhl an und hielt mir dann eine lange pathetische Rede, um mich zu überzeugen, daß meine Ehre erfordere, den kleinen Seitensprung meiner Schönen großmütig zu vergessen. »Herr Graf, das ist gerade meine Absicht; denn ich bin entschlossen, in meinem Leben niemals mehr zur Corticelli zu gehen und mich mit ihr weder im Guten noch im Bösen zu beschäftigen; übrigens bin ich der ganz ergebenste Diener des Herrn Chevalier de Ville-Follet.« »Ah, ich sehe, Sie sind ärgerlich. Hören Sie, um dieser Geschichte willen dürfen Sie sich nicht von ihr lossagen. Ich werde Ihnen in bezug auf die Pazienza eine angemessene Genugtuung verschaffen, und für das junge Mädchen werde ich eine gute Pension in einer anständigen Familie besorgen, für die ich bürgen kann und bei der Sie sie in voller Freiheit besuchen können.« »Herr Graf, Ihre Güte rührt mich tief und erfüllt mich mit der größten Dankbarkeit; aber ich verachte die Pazienza zu sehr, um von einem solchen Weibe eine Genugtuung zu verlangen. Die Corticelli und ihre Mutter sind zwei Spitzbübinnen, die mir zu viele Unannehmlichkeiten verursacht haben und die ich durchaus nicht mehr sehen will.« »Sie müssen aber doch zugeben, daß Sie nicht das Recht hatten, in einem Hause, wo Sie nicht der Herr waren, gewaltsam in ein verschlossenes Zimmer einzudringen.« »Ich gestehe, dieses Recht hatte ich allerdings nicht, obgleich ich bezahlte; aber wenn ich mir dieses Recht nicht angemaßt hätte, würde ich nicht den sicheren Beweis für die Untreue eines Mädchens erlangt haben, das ich unterhielt, ohne über sie verfügen zu können, und das ich gewiß nicht zu unterhalten brauchte, damit sie einem anderen Kunden zur Verfügung stände.« »Die Corticelli behauptet, sie habe keine Verpflichtungen gegen Sie, sondern Sie seien im Gegenteil ihr Schuldner. Sie behauptet sogar, die Diamantenbommeln, die Sie einer anderen Tänzerin gegeben haben, gehören ihr und seien ein Geschenk von der Frau Marquise d'Urfé, die ich die Ehre habe zu kennen.« »Die Corticelli lügt, Herr Graf. Da Sie die Frau Marquise d'Urfé kennen, die in diesem Augenblick in Lyon ist, so haben Sie doch die Güte, ihr zu schreiben: wenn die edle Dame Ihnen antwortet, ich sei der elenden Person irgend etwas schuldig, so verlassen Sie sich darauf, daß ich meine Pflicht tun werde. Ich habe bei angesehenen Bankiers hier am Ort hunderttausend Franken stehen. Diese decken zur Genüge den Wert der Girandolen, über die ich anderweitig verfügt habe.« »Ich bedauere das Vorgefallene recht sehr.« »Und ich bin sehr erfreut darüber; denn ich werde dadurch eine unangenehme Last los.« Hierauf machten wir uns gegenseitig eine tiefe Verbeugung, und ich entfernte mich. Auf dem Ball beim franzosischen Botschafter sprach man so viel von dieser Geschichte, daß ich schließlich der Sache überdrüssig wurde und auf keine Frage mehr antwortete. Man war im allgemeinen der Ansicht, die Geschichte sei doch nur eine Kleinigkeit, aus der ich mir nichts machen dürfe, wenn ich mich nicht entehren wolle. Ich glaubte jedoch mit Recht, allein Richter über meine Ehre zu sein, und legte auf das Urteil anderer geringen Wert. Der Chevalier de Ville-Follet sagte mir: Wenn ich wegen dieser Läpperei mich von der Corticelli lossagte, so würde er sich für verpflichtet halten, mir Genugtuung zu geben. Ich antwortete ihm, indem ich ihm die Hand schüttelte: »Mein lieber Chevalier, es genügt, wenn Sie keine von mir verlangen.« Er verstand mich und sagte kein Wort mehr. Seine Schwester dagegen, die Marquise de Prié, setzte mir sehr heftig zu, nachdem sie einen Kontertanz mit mir getanzt hatte. Sie war schön, und es stand lediglich bei ihr, den Sieg zu erringen; glücklicherweise dachte sie nicht daran, oder sie erriet nicht, wie sehr ich ihren Reizen Gerechtigkeit widerfahren ließ, und so erlangte sie nichts. Frau von St.-Giles, die in Turin Regen und Sonnenschein machte und eine Art Oberaufsicht über alle Kulissenintrigen führte, und um deren Protektion alle Künstlerinnen sich bemühten, ließ mich zu sich bestellen. Die Aufforderung wurde mir durch einen Lakaien in Livree überbracht; ich erriet, um was es sich handelte, und ging ohne Umstände im Morgenrock zu ihr. Sie empfing mich sehr höflich und sprach in außerordentlich liebenswürdigem Tone von der Angelegenheit; aber sie gefiel mir nicht, und ich antwortete ihr ziemlich kurz angebunden, ich finde durchaus keinen Geschmack mehr an der Corticelli und überließe sie daher bereitwillig dem galanten Chevalier, mit dem ich sie auf frischer Tat ertappt hätte. Sie entfernte sich mit den Worten, ich würde es bereuen, denn sie würde eine kleine Geschichte veröffentlichen, die sie bereits gelesen hätte, und die mir keine Ehre machte. Ich antwortete ihr, es sei meine Gewohnheit, niemals etwas zu bereuen; ich hätte keine Furcht, und Drohungen machten keinen Eindruck auf mich. Hierauf entfernte ich mich. Ich dachte kaum noch an diese Klatschgeschichte, als mir etwa acht Tage später ein Manuskript zuging, das eine Art Geschichte des zwischen der Corticelli, Frau von Urfé und mir Vorgefallenen enthielt; aber diese Geschichte war schlecht geschrieben, voll von allerlei dummen Albernheiten und so ungeschickt entworfen, daß man sie unmöglich zu Ende lesen konnte, ohne sich zu langweilen. Sie interessierte mich denn auch nicht im geringsten, und vierzehn Tage später verließ ich Turin, ohne mich in irgend einer Weise darum bekümmert zu haben. Ich sah die Corticelli erst sechs Monate nach dieser Geschichte in Paris wieder, wie ich später erzählen werde. Am Tage nach dem Ball des Herrn de Chauvelin waren meine liebe Agata, ihre Mutter, Dupré und seine Frau mit meiner Gesellschaft bei mir zum Essen. Es war Sache der Mutter, es so einzurichten, daß Agata die Ohrgehänge mit gutem Recht erwarb; ich war völlig bereit, das Opfer zu bringen, und überließ der liebenswürdigen Priesterin die Zeremonie dieser Handlung. Ich wußte, daß es so kommen würde, und sie führte in der Tat während der Mahlzeit geschickt eine Gelegenheit herbei, indem sie sagte, man behaupte in Turin allgemein, ich hätte ihrer Tochter ein Paar Ohrringe geschenkt, die fünfhundert Louis wert wären und nach der Behauptung der Corticelli dieser gehörten. »Ich weiß nicht,« fügte sie hinzu, »ob die Ohrringe echt sind, und ebensowenig, ob sie der Corticelli gehören. Aber ich weiß, daß es falsch ist, wenn man behauptet, meine Agata habe sie von dem Herrn geschenkt erhalten.« Ich zog die Ohrbommeln aus der Tasche und sagte: »Nun wird man nicht mehr daran zweifeln können.« Hierauf hängte ich dem jungen Mädchen die Girandolen ein und fuhr fort: »Meine reizende Agata, ich mache Ihnen dieses Geschenk in Gegenwart der ganzen Gesellschaft und beweise dadurch, daß die Ohrringe bis zu diesem Augenblick mir gehört haben.« Die ganze Gesellschaft klatschte Beifall, und das junge Mädchen ließ mich voller Dankbarkeit in ihren Augen lesen, daß sie mir mit ihrer ganzen Person dankbar sein würde. Wir sprachen hierauf über den Fall Corticelli-Ville-Follet und von den Bemühungen, die mich veranlassen sollten, sie noch weiterhin auszuhalten. Der Chevalier Raiberti sagte, an meiner Stelle würde er der Frau von St.-Giles und sogar dem Vikar angeboten haben, das Kostgeld für das Mädchen noch weiter zu bezahlen, aber ausdrücklich nur als Almosen, und die Summe bei ihr oder bei ihm niederzulegen. »Dazu bin ich gerne bereit,« antwortete ich ihm, »und Sie können auf mein Wort rechnen.« Der wackere Mann ging schon am nächsten Tage zu Frau von St.-Giles, um die Geschichte in Ordnung zu bringen, und ich übergab ihm das nötige Geld. Trotz dieser guten Handlung erschien das unglückselige Manuskript, wovon ich vorhin sprach; es schadete mir jedoch in keiner Weise, wie ich bereits gesagt habe. Der Vikar ließ die Corticelli in das Haus bringen, wo Redegonda wohnte; Dame Pazienza blieb unbehelligt. Nach dem Essen zogen wir alle, außer dem Chevalier Raiberti, Dominos an und gingen zusammen auf den Opernball. Diesen verließ ich sehr bald heimlich mit Agata. Ich führte sie in meine Wohnung, und sie gewährte mir alles, was die Liebe wünschen kann. Von diesem Augenblick an war aller Zwang geschwunden; sie war meine anerkannte Geliebte, und wir waren stolz darauf, einander anzugehören, denn wir liebten uns. Die Soupers, die ich in meinem Hause gab, hatten mir völlige Freiheit verschafft, so daß der Vikar unsere Liebe nicht hindern konnte, obgleich sie ihm ganz genau bekannt war, denn das Spioniersystem war in Turin gut organisiert. Die Vorsehung bediente sich meiner, um Agatas Glück zu machen. Man wird vielleicht sagen, sie hätte sich einen Weg wählen können, der nach der landläufigen Ansicht moralischer gewesen wäre. Aber warum will man die Wege der Vorsehung in den engen Kreis unserer Vorurteile, unserer Sitten und unserer von der Gesellschaft herausgebildeten Anstandsregeln einschließen? Die Vorsehung hat ihre natürlichen Wege, die uns nur deshalb dunkel erscheinen, weil wir uns von der Natur entfernt haben. Jedenfalls wird der Leser – wenn ich es nicht vorher müde werde, diese Erinnerungen fortzusetzen – in fünf oder sechs Jahren sehen, daß Agata sich ihres Glückes würdig zeigte. Doch zurück zu unserer Geschichte! Wir fanden unsere Genüsse so süß, wir verbrachten so glückliche Nächte und so angenehme Tage, Agata war so zärtlich, und ich war so verliebt, daß wir uns ganz gewiß noch lange nicht freiwillig getrennt haben würden, wenn nicht ein Ereignis eingetreten wäre, das mich veranlaßte, Turin viel früher zu verlassen, als ich beabsichtigt hatte; denn ich wollte eigentlich erst während der Fastenzeit nach Mailand gehen, um die spanische Gräfin zu besuchen, die ich mir als ein Naturwunder vorstellte. Der Mann der Spanierin hatte die Angelegenheit, die ihn in Turin festhielt, zu einem glücklichen Ende gebracht. Er war unter Tränen der Dankbarkeit abgereist; denn er hätte Turin nicht verlassen und nach Mailand reisen können, wenn ich ihm nicht das Geld zur Bezahlung seiner kleinen Schulden und zur Reise gegeben hätte. So verbündet das Laster sich oft mit der Tugend oder verkleidet sich als solche; aber einerlei! ich betrog mich selber und blieb freiwillig in meiner Täuschung gefangen. Ich bin niemals blind gegen meine Fehler gewesen: ich war mein ganzes Leben lang ein richtiger Wüstling, und ich war nicht immer zartfühlend in der Wahl der Mittel, die ich anwandte, um meine Leidenschaften zu befriedigen; aber mitten in meinem lasterhaften Lebenswandel war ich stets ein leidenschaftlicher Freund der Tugend. Dies gestehe ich mit Vergnügen zu. Besonders die Wohltätigkeit hat stets Reiz für mich gehabt, und ich habe niemals versäumt, sie auszuüben, sobald sich die Gelegenheit bot; es sei denn, daß ich durch Rachsucht zurückgehalten worden wäre, denn dieses Laster hat stets alle meine guten und schlechten Eigenschaften überragt. Lord Percy, von dem ich bereits sprach, war in meine Agata verliebt; er ging ihr überall nach; er wartete auf sie hinter den Kulissen, war bei allen Proben anwesend und machte ihr jeden Tag Besuche, obgleich seine Wirtin, eine Duenna von der Art der Pazienza, ihn niemals allein ließ. Er sparte nicht mit den größten Verführungsmitteln: reichen Geschenken; aber Agata hatte diese stets zurückgewiesen und ihrer Wächterin ausdrücklich verboten, von dem, was der junge Engländer ihr schenkte, etwas anzunehmen. Agata war zufrieden und empfand keine Neigung für ihn; sie erzählte mir alles, und wir lachten darüber. Da ich sicher war, das Herz des reizenden Mädchens zu besitzen, so sah ich Percys Bemühungen ohne Ärger und Eifersucht; im Gegenteil sie schmeichelten meiner Eitelkeit, denn dieser verschmähte Liebhaber verlieh meinem Glück noch höheren Glanz. Die ganze Stadt wußte, daß Agata mir treu war, und schließlich war auch Percy so überzeugt davon, daß er einsah, er könnte nur dadurch zu seinem Ziel gelangen, daß er sich um meine Freundschaft bewürbe und mich auf seine Seite brächte. In dieser Absicht kam er, kühn und offen wie ein Engländer, eines Morgens zu mir und lud sich bei mir zum Frühstück ein. Ich nahm ihn nach französischer Sitte auf, das heißt, mit ungezwungener und freimütiger Höflichkeit, die ihm sofort alle Verlegenheit benahm. In seiner Denkweise ganz und gar Engländer, glaubte er mir schon bei diesem ersten Zusammentreffen seine Leidenschaft für Agata erklären und mir einen Tausch vorschlagen zu können, über den ich herzlich lachen mußte, der mich aber nicht beleidigte, da ich wußte, daß ein derartiger Vorschlag ganz den englischen Sitten entsprach. »Ich weiß,« sagte er zu mir, »daß Sie schon seit langer Zeit die schöne Tänzerin Redegonda lieben, und daß Sie vergeblich versucht haben, sie zu bekommen. Ich biete sie Ihnen im Tausch für Agata an; sagen Sie mir, was Sie obendrein haben wollen.« »Sie sind ebenso liebenswürdig wie scherzhaft, mein lieber Lord; aber Sie werden zugeben, man müßte ein geschickter Mathematiker sein, um den Mehrwert meiner Agata auszurechnen. Redegonda hat ihre Verdienste, sie hat mir Neugier eingeflößt; aber wie könnte man sie mit Agata vergleichen!« »Das weiß ich; darum biete ich Ihnen auch so viel als Zugabe an, wie Sie verlangen.« Percy war Besitzer eines ungeheuren Vermögens, und er war ein leidenschaftlicher Mensch. Ich hätte von ihm fünfundzwanzigtausend Guineen als Draufgeld verlangen können, oder vielmehr als Tauschgeld; denn aus Redegonda machte ich mir nichts; ich bin überzeugt, er würde frohen Herzens dem Geschäft zugestimmt haben. Ich tat es nicht und habe dies niemals bereut. Sogar heute noch, wo hunderttausend Franken mir als ein Schatz erscheinen würden, wünsche ich mir zu meinem Zartgefühl Glück. Nachdem wir während des Frühstücks viel gelacht hatten, sagte ich ihm, er flöße mir Freundschaft ein und es könne daher wohl sein, daß ich die Sache möglich fände; vor allen Dingen aber müßten wir uns überzeugen, daß die Waren mit dem Wechsel des Besitzers einverstanden wären: Si come amor si regga a questa guisa Che vender la sua donna o permutarla Possa l'amante, nè a ragion si attristi, Se quando una ne perde una n'acquisti. Da es der Liebe eigen ist, daß du Dein Liebchen tauschen kannst, ja gar verkaufen – So wahre dir nur deines Herzens Ruh: Kriegst du 'ne neue, laß die alte laufen! »Der Einwilligung Redegondas bin ich sicher«, sagte Percy. »Das ist ja sehr schön; ich dagegen bin durchaus nicht sicher, daß Agata einverstanden ist.« »Zweifeln Sie nicht daran!« »Ich zweifle im Gegenteil sehr daran. Welchen Grund haben Sie für Ihre Meinung?« »Sie wird vernünftig sein.« »Sie liebt mich.« »Aber Redegonda liebt mich auch.« »Das ist sehr wohl möglich; aber glauben Sie, daß sie auch mich liebt?« »Das weiß ich nicht, aber sie wird Sie lieben.« »Haben Sie sie darüber befragt?« »Nein, aber das ist ganz einerlei; das werde ich schon machen. Für jetzt handelt es sich nur darum, mir zu sagen, ob mein Plan Ihnen gefällt und welches Draufgeld Sie verlangen, denn Ihre Agata ist mehr wert als meine Redegonda.« »Ich bin entzückt, daß Sie meiner Geliebten Gerechtigkeit widerfahren lassen. Vom Draufgeld werden wir übrigens später sprechen. Gestatten Sie, daß ich zunächst meine Geliebte befrage; morgen früh werde ich Ihnen persönlich meine Antwort überbringen.« Diesel Plan ergötzte mich. Obwohl ich leidenschaftlich in Agata verliebt war, so kannte ich doch die Unbeständigkeit meiner Natur, und bezweifelte nicht, daß ein neuer Gegenstand, wäre er auch weniger schön als sie, sie bald in Vergessenheit bringen würde. Ich beschloß, die Geschichte zu einem guten Ende zu führen, wenn ich dies auf eine für das junge Mädchen vorteilhafte Art tun könnte. Überraschend war für mich, daß es dem jungen Lord gelungen war, Redegonda in seinen Besitz zu bringen, deren Mutter sich gegen mich so halsstarrig gezeigt hatte; aber ich wußte, daß Frauen oft nach Launen handeln, und dies erklärte mir das Rätsel. Am Abend kam Agata wie gewöhnlich zu mir; sie lachte herzlich, als ich ihr über den Vorschlag des Lord Percy berichtete. »Sage mir, meine Liebe, ob du diesem Tausch zustimmen würdest?« »Ich werde alles tun, was du willst, und wenn du bei der Entschädigung, die er dir anbietet, deine Rechnung findest, so rate ich dir, den Vorschlag anzunehmen.« An dem Ton, womit Agata diese Worte sprach, erkannte ich deutlich, daß sie scherzte; trotzdem hätte ich eine andere Antwort gewünscht: eine Weigerung, die meinem Selbstgefühl geschmeichelt haben würde. Ich war folglich nicht zufrieden. Ich wurde ernst, und Agata wurde nachdenklich. »Wir werden ja sehen,« sagte ich zu ihr, »welchen Ausgang die Sache nehmen wird.« Am nächsten Morgen ging ich zu meinem Engländer zum Frühstück und sagte ihm, Agata nehme den Vorschlag an; ich wolle jedoch überzeugt sein, daß Redegonda ihn ebenfalls annehme. »Das ist nicht mehr als recht und billig.« »Ich muß wissen, wie wir es anfangen, miteinander zu reden.« »Ich schlage vor, daß wir alle vier, gut maskiert, den ersten Ball im Carignan-Theater besuchen; wir werden ihn verlassen, um miteinander in einem mir gehörenden Hause zu Nacht zu essen, und dort werden wir den Handel abschließen.« Die Partie fand der Verabredung gemäß statt. Sobald wir uns auf dem Ball am vereinbarten Zeichen erkannt hatten, verließen wir den Saal. Der Wagen des Lords erwartete uns vor der Tür; wir stiegen alle vier ein und fuhren nach einem Hause, das ich kannte. Ich trat in einen Saal ein, und das erste, worauf mein Blick fiel, war die Corticelli. Entrüstet über dieses Vorgehen rief ich Percy beiseite und sagte ihm, es sei eines Edelmannes unwürdig, mir einen solchen Streich zu spielen. Er antwortete mir lachend, er habe mir ein Vergnügen zu machen geglaubt, indem er sie mir als Draufgeld gäbe, denn nach seiner Schätzung sei Agata zwei hübsche Mädchen wert. Ich fand die Antwort spaßhaft, und sie mäßigte meinen Zorn. »Sie sind ein Narr!« sagte ich zu ihm; zugleich ergriff ich Agatas Hand, und wir verließen das Haus, ohne auf seine Worte zu hören. Ich lehnte es ab, mich seines Wagens zu bedienen, sondern nahm Tragstühle; statt wieder auf den Ball zu gehen, führte ich meine Geliebte in meine Wohnung, und wir verbrachten eine köstliche Nacht in den Wonnen der Liebe. Zwanzigstes Kapitel Ich trete Agata dem Lord Percy ab. – Abreise nach Mailand. – Die Pilgerin in Pavia. – Gräfin A. B. – Enttäuschung. – Marchese Triulzi. – Zenobia. – Die beiden schönen Marchesinnen Q. – Der Venetianer Barbaro. Indem Graf d'Aglié die Corticelli bei der Matrone unterbrachte, in deren Haus Redegonda wohnte, hatte er sie keineswegs bestraft, sondern im Gegenteil allem Anschein nach ihr eine Aufmunterungsprämie gegeben. Ich, ärgerte mich jedoch keineswegs darüber; denn ich beneidete sie nicht um ihr Glück, wenn ich nur nichts mehr mit ihr zu tun hatte. Sie war Redegondas vertraute Freundin geworden und tat was sie wollte; denn ihre Duenna war viel nachsichtiger als die Pazienza. Niemand wußte etwas von dem argen Streich, den Percy mir gespielt hatte, und ich sagte natürlich keinem Menschen etwas davon. Der Lord gab jedoch seinen Plan, Agata in seinen Besitz zu bringen, keineswegs auf; er war zu heftig in sie verliebt. Um nun seinen Zweck zu erreichen, machte er folgendes: wie ich bereits gesagt habe, war Percy sehr reich und gab sein Geld auf wahnsinnige Weise aus; wenn er seine Leidenschaften befriedigen wollte, kannte er kein Sparen. Ich gestehe, daß ich in dieser Beziehung ihm nichts vorzuwerfen hatte; natürlich öffneten in einem Lande, wo das Geld immer selten ist, seine Guineen ihm alle Türen. Vier oder fünf Tage nach jenem Ballabend kam Agata zu mir und sagte mir, der Theaterdirektor von Alessandria sei bei ihr gewesen und habe ihr vorgeschlagen, sie für die ganze Zeit der Messe als zweite Tänzerin zu engagieren. »Er hat mir sechzig Zechinen geboten, und ich habe ihm eine Antwort für morgen früh versprochen. Rätst du mir, sein Anerbieten anzunehmen?« »Wenn du mich liebst, liebe Agata, wirst du mir dies beweisen, indem du ein Jahr lang keinen Vertrag irgend welcher Art annimmst. Du bist doch überzeugt, daß ich es dir an nichts werde fehlen lassen. Ich werde den besten Lehrer bezahlen, um dich in deiner Kunst zu vervollkommnen, so daß du mit Recht eine Stellung als erste Tänzerin mit einem Jahresgehalt von fünfhundert Zechinen wirst beanspruchen können.« »Mama meint, wenn ich den Vorschlag annehme, so wird der Tanz auf der Bühne meine Fähigkeiten weiter ausbilden; dieses hindert ja nicht, daß ich bei einem guten Lehrer weiter studiere, übrigens glaube auch ich, daß das Auftreten vor dem Publikum mich vorwärts bringen würde.« »Was du da sagst, liebe Freundin, ist ganz richtig, aber du hast keine sechzig Zechinen nötig. Wenn du dieses geringe Gehalt annimmst, entehrst du mich; außerdem schadest du dir selber für deine Zukunft; denn du wirst nicht wagen können, viel zu verlangen, nachdem du so wenig angenommen hast.« »Aber sechzig Zechinen sind gar nicht so wenig für einen kurzen Karneval.« »Du kannst sagen, was du willst; aber die sechzig Zechinen kannst du bekommen, ohne zu tanzen. Kurz und gut, wenn du mich lieb hast, sagst du dem Direktor, du wollest ein Jahr lang nicht tanzen.« »Es soll geschehen wie du willst, lieber Freund, aber mich dünkt, ich täte besser, ihn abzuschrecken, indem ich eine übertriebene Summe von ihm verlangte.« »Du hast recht. Dein Vorschlag gefällt mir. Sage ihm also, du wollest erste Tänzerin sein, und verlange fünfhundert Zechinen.« »Dein Wunsch soll morgen erfüllt werden; ich bin überglücklich, dir gehorchen zu können und dadurch dir zu beweisen, daß ich dich von ganzem Herzen liebe.« Agata hatte viel natürlichen Geist und ein gesundes Urteil, das nur durch Belehrung und Weltkenntnis entwickelt zu werden brauchte. Mit diesen Gaben und mit der Schönheit, die der Himmel ihr verliehen hatte, mußte sie unter allen Umständen das Glück fesseln. Man wird sehen, daß sie glücklich wurde, und gewiß, sie verdiente es! Der Abrede gemäß kam sie am nächsten Morgen. Sie sagte mit lautem Lachen: »Der Direktor war allem Anschein nach über meine Ansprüche gar nicht erstaunt. Nachdem er zwei Minuten sich besonnen hatte, sagte er zu mir, er müsse sich die Sache überlegen und werde mich wiedersehen. Es wäre spaßhaft, lieber Freund, wenn der gute Mann mich beim Worte nähme.« »Allerdings! Aber dann müßte man sich erkundigen, ob er nicht etwa verrückt oder ein Lump ist, der die Absicht hat, Bankerott zu machen.« »Du hast vollkommen recht. Wenn er nun aber im Gegenteil ein solider Mann ist?« »Dann wirst du annehmen müssen.« »Das ist bald gesagt und bald getan; wenn ich nun aber den Antrag annehme, werde ich dann auch Talent genug haben, um meine Stellung auszufüllen? Kein Tänzer wird mit mir tanzen wollen.« »Der Tänzer wird im Gegenteil nicht schwer zu finden sein, dies nehme ich auf mich. Talent hast du mit deiner Figur und mit deiner Anmut mehr als nötig sein wird, um das Publikum zufrieden zu stellen; aber du wirst sehen, aus der Sache wird nichts.« Eine gewisse Ahnung sagte mir, daß ich mich täuschte, und so war es auch. Der Direktor kam am nächsten Tage zu ihr und bot ihr den Vertrag an. Sie erschrak darüber und ließ mich holen. Ich hatte sofort den wohlbegründeten Verdacht, daß das Engagement der Person Agatas gelte und nicht ihrem Talent. Ich ging zu ihr und fragte den Unternehmer, den ich bei ihr fand, welche Kaution er als Sicherheit für den Vertrag anbiete. Er antwortete, der mir bekannte Bankier Martin würde den Vertrag unterzeichnen und sein Bürge sein. Ich konnte hiergegen keinen Einwand erheben. Der Vertrag wurde in aller Form doppelt ausgefertigt. Das Herz ein wenig traurig, verließ ich Agata und ging zum Chevalier Raiberti, um ihm die Geschichte zu erzählen. Er war ebenso erstaunt wie ich, daß Herr Martin für diesen Unternehmer bürgte, den er kannte und der keine sehr guten Geschäfte machte. Aber am nächsten Tage fand sich des Rätsels Lösung; denn obwohl Percy Geheimhaltung verlangt hatte, erfuhren wir, daß der Unternehmer auf seine Veranlassung gehandelt hatte. Ich konnte dem Engländer sein Glück zerstören, indem ich mit Agata weiterlebte, trotz den fünfhundert Zechinen, die er zahlen mußte. Ich war jedoch genötigt, gleich nach Ostern wieder nach Frankreich zu reisen, wo Frau von Urfé mich erwartete; außerdem wollte ich mir den Friedensschluß zunutze machen, um England zu besuchen. Ich beschloß also Agata frei zu geben und ihr von ihrem neuen Liebhaber eine beträchtliche Summe aussetzen zu lassen. Ich gewann mir die Freundschaft des Lords, indem ich ihn in meine Gesellschaft zog. Übrigens war ich auch neugierig, wie er es anfangen würde, um die Huld des jungen Mädchens zu gewinnen, das ihn nicht liebte; denn er war nicht von verführerischem Aussehen. In weniger als acht Tagen waren wir sehr gute Freunde; wir speisten jeden Abend zusammen entweder bei ihm oder bei mir, und stets waren Agata und ihre Mutter bei uns. Ich erkannte bald, daß Percys Aufmerksamkeiten Agata endlich rühren würden und daß auch sie ihn schließlich lieben würde, wenn sie sich geliebt und glücklich sähe. Dies war für mich genug, um nicht dem Glücke des einen und dem Vorteil der anderen in den Weg zu treten, und ich entschloß mich, viel früher, als ich eigentlich beabsichtigt hatte, nach Mailand zu reisen. Infolgedessen sagte ich dem Lord, als ich eines Tages mit ihm allein frühstückte: »Wie Sie wissen, Mylord, liebe ich Agata zärtlich und mache sie glücklich; ich bin jedoch Ihr Freund geworden, und da Sie sie anbeten, so will ich Ihnen schnell zu Ihrem Glücke verhelfen, und zwar ohne Tausch und ohne Draufgeld. Ich werde Ihnen nächster Tage meinen Schatz überlassen; aber Sie müssen mir versprechen, Agata unter keinen Umständen zu verlassen, ohne ihr zweitausend Guineen zu schenken.« Er schloß mich in seine Arme und rief: »Mein lieber Freund, wenn Sie wünschen, werde ich sie ihr sofort geben.« »Nein, Mylord, ich wünsche sogar, daß sie von unserer Abrede nichts erfährt, so lange sie Sie glücklich macht.« »Es soll nach Ihrem Wunsch geschehen; ich werde Ihnen eine Verschreibung übergeben, durch die ich mich verpflichte, ihr diese Summe auszuzahlen, wenn ich mich von ihr trenne.« »Auch das ist überflüssig; Ihr Engländerwort genügt. Da wir jedoch den Ereignissen nicht zu gebieten vermögen und sterben können, bevor wir unsere Angelegenheiten in Ordnung gebracht haben, so treffen Sie bitte die Maßnahmen, die Ihnen geeignet erscheinen, damit für den Fall Ihres Todes ihre Lage gesichert ist.« »Ich gebe Ihnen mein Wort darauf.« »Das genügt; aber ich habe an diese für mich schmerzliche Abtretung noch eine Bedingung zu knüpfen.« »Welche?« »Daß Sie zu Agata vor meiner Abreise nichts davon sagen.« »Ich schwöre es Ihnen.« »Gut! Übrigens verspreche ich Ihnen, sie vorzubereiten.« »Ausgezeichnet!« Gleich an demselben Tage machte der Engländer, der immer mehr verliebt wurde, Agaten und ihrer Mutter Geschenke, was ich unter anderen Umständen durchaus nicht geduldet haben würde. Ich zögerte nicht lange, Agata und ihre Mutter auf das bevorstehende Ereignis vorzubereiten; es ging ihnen nahe, aber ich wußte wohl, daß sie sich bald in ihre neue Lage finden würden. Agata gab mir nicht den geringsten Anlaß zur Klage, sondern wurde immer zärtlicher gegen mich, je eifriger sich der Engländer um sie bewarb. Aufmerksam hörte sie alle Ratschläge an, die ich ihr hinsichtlich ihres Verhaltens gegen ihren neuen Liebhaber und gegen die Leute gab, und versprach mir, sie zu befolgen. Diesen Ratschlägen verdankte sie zum Teil ihr Glück, denn Percy machte sie reich. Die Bühne verließ sie jedoch erst in Neapel, wo wir sie einige Jahre später wiederfinden werden. Ich war nicht der Mann, von meinesgleichen Geschenke anzunehmen; Percy erriet dies ohne Zweifel, fand aber ein Mittel, mir auf eigentümliche Art ein ganz herrliches Geschenk zu machen. Als ich ihm eines Tages sagte, ich gedächte zum ersten Mal England zu besuchen und er würde mir einen großen Gefallen tun, indem er mir einen Brief an seine Mutter, die Herzogin, mitgäbe, zog er ein in wundervolle Brillanten gefaßtes Bild der Dame aus der Tasche und reichte es mir mit den Worten: »Hier, lieber Freund, haben Sie den besten Empfehlungsbrief, den ich Ihnen geben kann; morgen werde ich meiner Mutter schreiben, Sie werden ihr das Portrait persönlich geben, vorausgesetzt, daß sie es Ihnen nicht lassen wolle.« »Mylady wird sehen, daß ich nach dieser ehrenvollen Gunst strebe.« Es gibt gewisse Ideen, die nur in englischen Köpfen entstehen können. Graf A. B. rief mich nach Mailand, und seine Frau bat mich in einem reizenden Brief, ihr zwei Stücke Taft mitzubringen, deren Muster sie mir schickte. Nachdem ich mich von allen Bekannten verabschiedet hatte, nahm ich einen Kreditbrief auf den Bankier Greppi und reiste nach der Hauptstadt der Lombardei. Bei der Trennung von Agata vergoß ich Tränen, aber nicht so viele wie sie. Ihre Mutter weinte ebenfalls sehr heftig, denn sie liebte mich und war dankbar für alles Gute, das Agata mir verdankte. Sie sagte mir oft, sie hätte niemals eine andere Nebenbuhlerin als ihre eigene Tochter dulden können, während diese mir unter Schluchzen versicherte, sie wäre glücklich gewesen, wenn sie sich niemals von mir hätte zu trennen brauchen. Passano, den ich nicht liebte, hatte seine Familie in Genua; ich schickte ihn dorthin, indem ich ihn mit Mitteln zu seinem Unterhalt bis zu meiner Ankunft versah. Meinen Kammerdiener entließ ich aus guten Gründen; da ich einen brauchte, so nahm ich einen anderen; aber seitdem ich meinen Spanier verloren hatte, konnte keiner mir jenes Vertrauen einflößen, das die notwendigen Beziehungen zwischen einem Herrn und seinem Diener weniger unangenehm macht. Ich reiste mit einem gewissen Chevalier von Rossignan, dessen Bekanntschaft ich gemacht hatte, und wir fuhren über Casale, um dort die Komische Oper zu besuchen. Rossignan war ein sehr schöner Mann, ein guter Offizier, Liebhaber von Weinen und Weibern, und obgleich er keinen Anspruch auf Gelehrsamkeit machte, wußte er doch die ganze göttliche Komödie von Dante auswendig; weiter wußte er aber auch nichts, denn er hatte niemals ein anderes Buch gelesen. Die göttliche Komödie war denn auch sein Schlachtroß, das er bei allen Gelegenheiten tummelte, indem er die Verse in dem Sinne auslegte, der auf die augenblickliche Gelegenheit paßte. Diese Manie machte ihn in Gesellschaft unausstehlich lächerlich; unter vier Augen aber wurde er sehr unterhaltend für Leute, die den großen Dichter kannten und dessen zahlreiche erhabene Schönheiten zu bewundern wußten. Indessen nötigte er mich doch, innerlich die Wahrheit des Sprichwortes zuzugestehen, welches besagt: Hüte dich vor dem Menschen, der nur ein einziges Buch gelesen hat! Übrigens war der Chevalier Rossignan ein kluger Kopf, ein Staatsmann und ein liebenswürdiger Mensch. In Berlin, wo er als Gesandter des Königs von Sardinien war, stand er in gutem Ruf. Da ich in der Oper von Casale nichts Interessantes fand, reiste ich gleich nach Pavia weiter; obwohl ich dort keinen Menschen kannte, wurde ich sofort der Marchesa Corti in ihrer großen und schönen Loge vorgestellt, in der sie alle Fremden empfing, die nach etwas aussahen. Im Jahre 1786 lernte ich ihren würdigen Sohn kennen, einen ausgezeichneten Mann, der mich mit seiner Freundschaft beehrte; er ist schon in jungen Jahren in Flandern als Generalmajor gestorben. Ich habe bitterlich um ihn geweint; aber Tränen sind nur eine leere Huldigung; sie geben uns die Teuren, um die sie fließen, nicht zurück. Seine Tugenden hatten ihn allen, die ihn kannten, wert gemacht. Wäre er am Leben geblieben, so hätte seine Tüchtigkeit ihn zu den höchsten Stufen der militärischen Ehren emporgehoben. Ich hielt mich in Pavia nur zwei Tage auf; aber es war vom Schicksal bestimmt, daß ich trotz dieser kurzen Zeit von mir sollte reden machen. Im zweiten Ballett der Qpernaufführung reichte eine als Pilgerin gekleidete Tänzerin bei ihrem pas de deux ihren Hut zu den Logen empor, wie wenn sie um ein Almosen bitten wolle. Ich saß in der Loge der Marchesa Corti. Als die junge Tänzerin mir ihren Hut hinstreckte, zog ich meine Börse und ließ sie in einer Anwandlung von Prahlsucht und Wohltätigkeit, deren Wirkung ich natürlich vorher nicht berechnet hatte, in den Hut hineinfallen. Die Börse enthielt etwa zwanzig Dukaten. Die Pilgerin nahm sie, dankte mir mit einem Lächeln, und das Parkett klatschte stürmischen Beifall. Ich fragte den Marchese Belcredi, der neben mir saß, ob sie einen Geliebten habe. »Sie hat«, antwortete er mir, »einen französischen Offizier, der keinen Heller besitzt.« Zugleich zeigte er mir diesen im Parkett. In meinen Gasthof zurückgekehrt, speiste ich mit Herrn Basili, einem Oberst im Dienste des Herzogs von Modena, zu Abend, als die Tänzerin in Begleitung ihrer Mutter und einer jüngeren Schwester kam, um sich bei mir zu bedanken, daß ich für ihre Familie ein Bote der Vorsehung gewesen sei; »denn«, sagte die Pilgerin, »wir sind sehr arm.« Da ich mit dem Essen beinahe fertig war, lud ich sie alle drei für den nächsten Abend nach der Vorstellung zum Essen ein. Ich hatte dabei keine weitere Absicht, als ihnen etwas Gutes zu tun. Sie versprachen mir zu kommen. Es freute mich, daß ich ein Mädchen mit so geringen Kosten hatte glücklich machen können, ohne die geringsten Nebenabsichten auf sie zu haben. Der Wirt, bei dem ich das Essen für mich und die drei Armen bestellt hatte, war gerade eben hinausgegangen, als mein Kammerdiener Clairmont eintrat und mir sagte, ein französischer Offizier verlange mich zu sprechen. Ich ließ ihn eintreten und fragte ihn, was ihm zu Diensten stehe. »Herr Venetianer, ich will Ihnen drei Vorschläge machen, unter denen Sie nach Ihrem Belieben die Wahl treffen können: bestellen Sie das für heute Abend angesetzte Souper ab, oder laden Sie mich dazu ein, oder gehen Sie mit mir hinaus, um unsere Degen zu messen.« Clairmont, der gerade beim Feueranmachen war, ließ mir keine Zeit, dem verrückten Menschen zu antworten: er ergriff ein brennendes Scheit und stürzte sich auf den Offizier, der es nicht für ratsam hielt, ihn zu erwarten. Zum Glück für ihn war meine Zimmertür offen geblieben. Der Lärm, den er machte, als er die Treppe hinunterpolterte, rief den Kellner herbei; dieser glaubte, er hätte etwas gestohlen, und hielt ihn fest; Clairmont, der ihn mit seinem Feuerbrand verfolgte, ließ ihn in Freiheit setzen. Diese Geschichte wurde sofort Stadtgespräch. Mein Diener war stolz auf seine Heldentat und kam, meiner Billigung sicher, zu mir. Er sagte mir, ich könne ohne Furcht ausgehen; der Offizier könne nur ein feiger Prahlhans sein, denn sonst würde er seinen Degen gezogen haben, als der Kellner ihn so derb am Kragen packte; dieser hätte nur das landesübliche Messer im Gürtel getragen. Für alle Fälle werde er mich aber begleiten, wenn ich ausgehe. Ich sagte ihm, er habe in diesem Falle recht gehandelt; in Zukunft solle er sich jedoch nicht wieder in meine Angelegenheiten einmischen. »Gnädiger Herr, Ihre Angelegenheiten dieser Art sind auch die meinigen; in allen übrigen werde ich niemals über die Grenzen meiner Pflicht hinausgehen.« Ich fand diese Worte sehr vernünftig, obgleich ich es ihm nicht sagte. Er nahm meine Pistolen, und als er die Pfanne der einen ohne Zündkraut fand, schüttete er neues auf, wobei er mich mit einem lächelnden Blick ansah. Die französischen Bedienten – ich meine: die guten, und ich muß anerkennen, daß sie im allgemeinen besser sind als andere – alle guten französischen Bedienten, sage ich, gleichen Clairmont; sie sind intelligent und treu, aber sie halten sich alle für klüger als ihre Herren, was sie oft genug auch sind; wenn sie ihrer Sache sicher sind, werden sie die Herren ihrer Herren, tyrannisieren diese und behandeln sie oftmals sogar auf eine verächtliche Art, was Dummköpfe übersehen zu müssen glauben. Wenn der Herr sich Respekt zu verschaffen weiß, sind die Clairmonts ausgezeichnet. Der Wirt des Gasthofes von San Marco, wo ich wohnte, machte einen ausführlichen Bericht an die Polizei, und der französische Offizier wurde noch an demselben Tage ausgewiesen. Beim Mittagessen ließ der Oberst Basili sich die Geschichte von mir erzählen; er sagte, nur ein französischer Offizier sei imstande, einen fremden Menschen aus so nichtigem Anlaß in seiner Wohnung anzugreifen. Ich war nicht derselben Meinung und antwortete: »Die Franzosen sind tapfer; aber sie sind im allgemeinen höflich und haben ein ausgezeichnetes Taktgefühl. Armut und Liebe, mit falscher Tapferkeit vereint, führen in der ganzen Welt zu Ausschreitungen.« Beim Abendessen dankte die Pilgerin mir dafür, daß ich sie von dem lästigen armen Teufel befreit hätte, der sie langweilte und erschreckte, indem er ihr fortwährend drohte, sich das Leben zu nehmen. Sie war eigentlich nicht schön, konnte aber wohl fesseln; denn sie war anmutig, freundlich und klug, hatte einen reizenden Mund und sehr lebhafte große Augen. Ich glaube, ich hätte sie billig bekommen können, denn die Dankbarkeit hatte bereits der Liebe den Weg gebahnt; da ich jedoch meinen Aufenthalt in Pavia nicht verlängern wollte, vielleicht auch mir ein bißchen darauf zugute tat, ohne Hintergedanken freigebig gewesen zu sein, so ließ ich sie nach dem Abendessen gehen, indem ich ihr vielmals für ihre Gefälligkeit dankte. Sie schien über meine Höflichkeit ein wenig verlegen zu sein, entfernte sich jedoch unter wiederholten Versicherungen ihrer Dankbarkeit. Am nächsten Tage speiste ich in der berühmten Certosa bei Pavia; gegen Abend kam ich in Mailand an, wo ich beim Grafen A. B. abstieg, der mich erst für den folgenden Tag erwartet hatte. Die Gräfin, deren Bild ich in meiner Phantasie mit den allervollkommensten Reizen geschmückt hatte, täuschte meine Erwartung auf das bitterste. So geht es fast immer, wenn die Leidenschaft der Phantasie die Zügel schießen läßt. Die Gräfin war hübsch, wenn auch zu klein, und ich hätte sie trotz meiner Enttäuschung wohl lieben können; aber sie hatte beim ersten Anblick etwas Ernstes, das zu meiner Stimmung nicht paßte und mich gegen sie einnahm. Nach den üblichen Komplimenten sagte ich ihr, man werde ihr die beiden Stücke Taft zustellen, mit deren Besorgung sie mich freundschaftlichst beauftragt habe. Sie dankte mir und sagte, ihr Priester werde mir sofort den Preis erstatten, den ich dafür bezahlt habe. Hierauf führte der Graf mich auf mein Zimmer, wo er mich bis zum Abendessen allein ließ. Das Zimmer war schön und gut eingerichtet; aber ich fühlte mich nicht behaglich darin und war entschlossen, gleich am nächsten Tage auszuziehen, wenn die Spanierin nicht einen anderen Ton anschlüge. Ich konnte ihr nur vierundzwanzig Stunden bewilligen. Beim Abendessen waren wir zu vieren. Der Graf war heiter; er war bemüht, mich zur Geltung zu bringen und mir die verdrießliche Laune seiner Frau zu verbergen; er sprach darum unaufhörlich mit mir. Ich ging auf alles ein, richtete aber stets das Wort an seine Frau, um diese einem Schweigen zu entreißen, das ihr in meinen Augen nur schaden konnte. Verlorene Mühe! Die kleine Frau hatte für meine Bemerkungen nur ab und zu ein Lächeln, das kaum ihre Lippen kräuselte, oder eine einsilbige Antwort, von einer Kürze, die mich zur Verzweiflung brachte. Sie erhob ihre Augen nicht von ihrem Essen, das sie schlecht zubereitet fand. Ihre Klagen darüber richtete sie an den Priester, der der vierte bei Tisch war; doch brachte sie ihre Beschwerden in liebenswürdigem Ton vor. Obgleich ich den Grafen sehr gern hatte, war ich doch genötigt, seine Frau allzu mürrisch zu finden, und dies tat mir leid. Ich betrachtete sie aufmerksam, in der Hoffnung wenigstens in ihrer Schönheit einen Grund zu finden, um ihr ihre unangenehme Laune zu verzeihen. Ich sah jedoch, daß sie ihr Gesicht dem Abbate zuwandte, um ihm irgend etwas Belangloses zu sagen, sobald sie merkte, daß ich ihr Profil studierte; sie entzog sich also meinen Blicken mit einer zur Schau getragenen Absichtlichkeit. Dies ärgerte mich nicht wenig, aber ich lachte innerlich über ihre Geringschätzung sowohl wie über ihre etwaigen Absichten, denn da sie mir keine herzliche Teilnahme eingeflößt hatte, so fühlte ich mich sicher vor der Qual, die eine tyrannische Behandlung mir sonst vielleicht hätte verursachen können. Nach dem Essen wurden die beiden Stücke Taft gebracht, woraus sie sich einen Reifrock-Domino nach der damaligen übertriebenen Mode machen lassen wollte. Der Graf sah mit Schmerz, daß seine Frau seinen Lobsprüchen so wenig Ehre machte; er begleitete mich auf mein Zimmer, bat mich, ihr ihre spanische Laune zu verzeihen, und versicherte mir, ich würde sie freundlich finden, sobald wir besser bekannt geworden wären. Der Graf war arm, sein Haus war klein, dessen Einrichtung schäbig, die Livree seines Lakaien war fadenscheinig, seine Tischwäsche abgenutzt, das Geschirr war von Fayence, und eine von den Mägden der Gräfin versah die Stelle des Küchenmeisters. Er hatte keine Equipage, nicht einmal ein Reitpferd. Ich erfuhr dies alles von Clairmont, der mir sagte, er sei in einem Kämmerchen neben der Küche untergebracht und teile diesen Raum mit dem Bedienten, der bei Tisch aufwarte. Ich selber war, da ich nur ein einziges Zimmer hatte, mit meinen drei großen Koffern sehr schlecht untergebracht; ich beschloß daher, mir anderswo eine Unterkunft zu suchen, die meinen Lebensgewohnheiten besser entsprach. Am nächsten Tage kam der Graf, um mir guten Morgen zu sagen und mich zu fragen, was ich gewöhnlich zum Frühstück nähme. »Mein lieber Graf, ich habe ausgezeichnete Turiner Schokolade für die ganze Familie. Trinkt die Frau Gräfin sie gerne?« »Sehr gerne; aber sie trinkt sie nur, wenn sie von ihrer Kammerfrau zubereitet ist.« »Hier sind sechs Pfund; machen Sie mir das Vergnügen, sie zu deren Annahme zu bewegen; aber sagen Sie ihr bitte, ich würde die Schokolade wieder nehmen, wenn sie etwa den Versuch machen sollte, sie mir zu bezahlen.« »Sie wird sie annehmen, und ich bin überzeugt, sie wird Ihnen dafür danken. Ist es Ihnen recht, wenn ich dafür sorge, daß Ihr Wagen in einer Remise untergebracht wird?« »Sie tun mir einen Gefallen damit, und ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mir einen schönen Mietswagen besorgen wollten und außerdem einen Lohndiener, für den Sie bürgen könnten.« »Sie werden das Gewünschte erhalten.« Kaum war der Graf hinaus, so kam der Abbate, der mit uns zu Abend gegessen hatte, und machte mir seine Aufwartung. Er war ein Mann von etwa vierzig Jahren, ein Hausgeistlicher, wie man deren in Italien findet, der zum Lohn für die Beaufsichtigung des Haushaltes bei seiner Herrschaft wohnte und aß. Morgens las er in einer benachbarten Kirche die Messe; den Rest des Tages beschäftigte er sich mit dem Haushalt oder machte den ganz ergebenen Diener der gnädigen Frau. Sobald der Abbate allein mit mir war, bat er mich ohne Umstände, ich möchte der Frau Gräfin sagen, er hätte die dreihundert Mailänder Lire, die die beiden Stücke Taft kosteten, an mich bezahlt, falls sie mich fragen sollte, ob ich das Geld erhalten hätte. »Alle Wetter, Herr Abbate,« antwortete ich ihm lachend, »Sie begehen da eine Handlung, die in starkem Widerspruch zu ihrem Amte steht. Wie? Sie raten mir zu lügen? Nein, mein werter Herr, wenn die gnädige Frau diese ungezogene Frage an mich stellen sollte, werde ich ihr die Wahrheit antworten, und es soll mir Spaß machen, dies zu tun.« »Sie wird danach fragen, das weiß ich bestimmt, und Sie werden schuld sein, daß sie mich auszankt.« »Dies, Herr Abbate, wird kein großes Unglück sein, wenn sie recht hat.« »Leider wird sie aber unrecht haben.« »Nun, so sagen Sie ihr, ich schenke ihr den Stoff; sollte sie ihn aber nicht annehmen wollen, so sei es mit der Bezahlung nicht eilig.« »Ich sehe, mein Herr, Sie kennen die Dame nicht und haben von den Verhältnissen des Hauses keine Ahnung. Ich werde mit ihrem Mann sprechen.« Eine Viertelstunde darauf kam der Graf mit traurigem Gesicht und sagte mir, er sei mir viel Geld schuldig, er hoffe mir dieses im Laufe der Fastenzeit zurückgeben zu können und bitte mich, den Preis der beiden Stück Taft noch hinzuzurechnen. Ich umarmte ihn und antwortete, er solle sie nur selber auf die Rechnung setzen, denn es sei nicht meine Gewohnheit, Geldbeträge anzuschreiben, die ich mit dem größten Vergnügen ausgebe, um meinen Freunden gefällig zu sein. »Und wenn die gnädige Frau mich fragt, ob ich dieses Geld erhalten habe, so werde ich sagen, Sie hätten mich zufriedengestellt. Darauf können Sie sich verlassen.« Er entfernte sich mit Tränen der Freude und Dankbarkeit; ich dagegen glaubte ihm Dank schuldig zu sein für das Vergnügen, das es mir machte, ihm einen Dienst erweisen zu können; denn er verdiente es, und ich hatte ihn gern. Da ich wußte, daß die Gräfin vor dem Mittagessen nicht sichtbar sein würde, so setzte ich mich an ein Tischchen, um zu schreiben. Unterdessen breitete Clairmont eine Anzahl meiner Sachen auf den Stühlen aus: es waren mehrere Anzüge von mir, Damenmäntel und ein prachtvolles Kleid von weinrotem Grosgrain von Tours, das reich mit Zobelpelz besetzt war; es war ursprünglich für die unglückselige Corticelli bestimmt gewesen. Ich würde es meiner Agata geschenkt haben, wenn ich noch länger mit ihr zusammengelebt hätte; dies wäre aber unrichtig gewesen, denn ein so prachtvolles Kleid paßte nur für eine vornehme Dame. Um ein Uhr erhielt ich abermals einen Besuch des Grafen, der mir meldete, daß seine Frau mir den besten Freund des Hauses vorstellen wolle. Dies war der Marchese Triulzi, ein großer stattlicher Herr, ungefähr von meinem Alter; er schielte ein wenig, hatte aber gewandte Manieren und trat durchaus wie ein vornehmer Herr auf. Er sagte mir, er komme nicht nur, um die Ehre zu haben, meine Bekanntschaft zu machen, sondern auch, um sich ein bißchen zu wärmen, denn im ganzen Hause sei nur ein einziger Kamin, und zwar in meinem Zimmer. Da alle Stühle mit Sachen belegt waren, zog der Marchese die Gräfin an sich und setzte sie wie eine Puppe auf seinen Schoß; sie aber wehrte sich errötend, und es gelang ihr schließlich, sich loszumachen. Als der Marchese laut über die Verlegenheit der Gräfin lachte, sagte sie zu ihm: »Ist es möglich, daß ein Mann in Ihrem Alter noch nicht gelernt hat, eine Frau wie mich zu respektieren?« »Aber ich respektiere Sie ja sehr, Gräfin, wenn ich Sie nicht stehen lasse, während ich sitze.« Während Clairmont die Stühle freimachte, betrachtete der Marchese die Mäntel und das schöne Kleid; hierauf fragte er mich, ob ich irgend eine Frau erwarte. »Nein, aber ich hoffe in Mailand die Frau zu finden, die dieser Geschenke würdig sein wird. – Ich kannte in Venedig den Fürsten Triulzi. Ich denke mir, er gehört zu Ihrer Familie?« »Er sagt es, und es ist wohl möglich; aber ich glaube nicht zu der seinigen zu gehören.« Dieser Witz deutete nur an, daß ich den Fürsten nicht mehr erwähnen dürfte. »Sie sollten zum Essen bleiben, Marchese!« sagte Graf A. B. zu ihm; »und da Sie nur Speisen essen wollen, die von Ihrem Koch zubereitet sind, so lassen Sie doch Ihr Essen holen.« Der Marchese erklärte sich einverstanden, und wir erhielten ein gutes Essen. Der Tisch war mit schöner Wäsche gedeckt und mit schönem Silbergeschirr besetzt; es wurden zahlreiche Flaschen von guten Marken aufgetragen, und die Bedienten waren flink und gut gekleidet. Dies genügte für mich, um zu merken, welche Stellung der Marchese im Hause einnahm. Er leitete geistvoll und heiter die ganze Unterhaltung und verschonte auch die Gräfin nicht mit seinen Scherzen; sie warf ihm fortwährend die Vertraulichkeit vor, womit er sie behandelte. Der Marchese hatte jedoch keineswegs die Absicht, sie zu demütigen, denn er liebte sie; er wollte sie nur wegen ihres übel angebrachten Hochmutes zurechtweisen. Als er sah, daß ein Ausbruch ihres Zornes nahe bevorstand, beruhigte er sie mit den Worten, es gäbe in ganz Mailand niemanden, der ihr treuer ergeben wäre als er und größere Ehrfurcht vor ihrer Schönheit und vor ihrer vornehmen Geburt hätte. Nach Tisch meldete man einen Schneider, der der Gräfin das Maß zu dem Domino nehmen sollte, den sie zwei Tage später auf dem Ball tragen wollte. Als der Marchese die Farben und die Schönheit der Stoffe lobte, sagte die Gräfin ihm, ich hätte ihr die beiden Stücke von Turin mitgebracht; bei diesem Anlaß fragte sie mich, ob man mir das Geld gegeben habe. »Ihr Gatte hat die Angelegenheit erledigt, gnädige Frau; aber Sie haben mir eine Lektion gegeben, die ich nicht vergessen werde.« »Was für eine Lektion«, fragte der Marchese mich. »Ich hatte gehofft, Frau Gräfin würde mich für würdig halten, ihr dieses bescheidene Geschenk zu machen.« »Und sie hat es zurückgewiesen? Hahaha! Das ist lächerlich!« »Darüber sollten Sie nicht lachen,« rief die Gräfin, »aber Sie lachen ja über alles.« Während der Schneider ihr Maß nahm, stand sie im Mieder mit entblößtem Busen da. Sie beklagte sich über die Kälte. Um sie zu erwärmen, legte der Marchese mit ganz natürlicher Miene und wie wenn er an derartige Vertraulichkeiten gewöhnt wäre, seine Hände auf ihre Brust. Die Spanierin, die sich ohne Zweifel in meiner Gegenwart schämte, wurde wütend und schalt ihn auf eine schreckliche Weise aus. Der Marchese ließ diese Flut von Schimpfworten lachend über sich ergehen; offenbar war er der Mann, die Gewitter nach seinem Belieben zu beschwichtigen. Ich wußte nun zur Genüge, in welchem Verhältnis sie zueinander standen. Wir blieben bis zum Abend beisammen. Der Marchese führte die Gräfin in die Oper, und ich ging mit dem Grafen auf mein Zimmer, um dort zu warten, bis mein Wagen bereit wäre, um uns ebenfalls dorthin zu bringen. Die Oper hatte bereits begonnen, als wir ankamen. Das erste, worauf mein Blick fiel, als ich auf die Bühne sah, war meine teure Teresa Palesi, die ich in Florenz gelassen hatte. Dieses Wiedersehen war mir angenehm, denn ich sah voraus, daß wir während unseres Aufenthaltes neue süße Zusammenkünfte haben würden. Aus Zartgefühl sprach ich mit dem Grafen weder über die Schönheit seiner Frau, noch über seine häuslichen Angelegenheiten. Ich sah, daß der Platz schon besetzt war, und das launische Wesen der Gräfin bewahrte mich davor, mich in sie zu verlieben. Nach dem zweiten Akt gingen wir auf den Ridotto, wo ich fünf oder sechs Pharaotische sah; ich spielte, hörte aber auf, nachdem ich, gewissermaßen zum Willkommen, etwa hundert Dukaten verloren hatte. Beim Abendessen schien die Gräfin weniger mürrisch zu sein. Sie bedauerte mich wegen meines Verlustes, und ich antwortete ihr, ich wünsche mir zu diesem Verluste Glück, da ich ihm ein Kompliment von ihr verdanke. Als ich am nächsten Morgen nach dem Erwachen klingelte, meldete Clairmont mir, daß eine Frau mich zu sprechen wünsche. «Ist sie jung?« »Jung und schön, gnädiger Herr.« »Vortrefflich, laß sie hereinkommen.« Ich sah ein einfach gekleidetes Mädchen, das mich an Lia erinnerte. Sie war so schön wie diese, groß und wohlgebaut, aber ihr Wesen war nicht so anspruchsvoll wie das der Jüdin, denn sie kam nur in der Absicht, sich mir zur Besorgung meiner Wäsche und zur Ausbesserung und Reinigung meiner Spitzen anzubieten. Ich verliebte mich sofort in sie. Da ich meine Schokolade trank, die Clairmont mir gerade gebracht hatte, so lud ich das schöne Mädchen ein, sich auf mein Bett zu setzen; sie antwortete mir jedoch bescheiden, sie wolle mir nicht lästig fallen und werde wiederkommen, wenn ich aufgestanden sei. »Wohnen Sie weit von hier, Fräulein?« »Ich wohne hier im Hause, im Erdgeschoß.« »Sind Sie allein?« »Nein, gnädiger Herr; ich lebe bei meinen Eltern.« »Wie heißen Sie?« »Zenobia.« »Ihr Name ist ebenso hübsch wie Sie. Wollen Sie mir Ihre Hand zum Küssen geben?« »Nein, mein Herr!« rief sie lachend; »denn meine Hand ist bereits vergeben.« »Sie sind verlobt?« »Ja, mit einem Schneider, der mich vor Ablauf des Karnevals heiraten wird.« »Ist Ihr Bräutigam reich und schön?« »Weder schön noch reich.« »Warum heiraten Sie ihn denn?« »Um Herrin im eigenen Hause zu sein.« »Das begreife ich. Ich biete Ihnen meine Freundschaft an. Holen Sie mir schnell Ihren Schneider; ich will ihm Arbeit geben.« Sobald sie hinaus war, stand ich auf und befahl Clairmont, meine Wäsche auf einen Stuhl zu legen. Kaum war ich angezogen, so trat bereits Zenobia mit ihrem Schneider ein. Ich war erstaunt über den Kontrast, denn er war ein kleines verkümmertes Männchen, dessen Anblick unwillkürlich zum Lachen reizte. »Nun, Herr Schneider, Sie wollen dieses reizende Mädchen heiraten?« »Jawohl, gnädiger Herr. Das Aufgebot ist bereits erlassen.« »Sie müssen mit einer Glückshaube geboren sein. Wann heiraten Sie sie?« »In zehn oder zwölf Tagen.« »Warum nicht morgen?« »Sie haben es sehr eilig, Illustrissimo.« »Jedenfalls würde ich es in Ihrer Stelle sehr eilig haben«, rief ich lachend. »Sie werden mir zu morgen für den Ball einen Domino machen.« »Gerne, gnädiger Herr; aber Euer Exzellenz müssen mir den Taft geben, denn in ganz Mailand ist kein Kaufmann, der mir Kredit geben würde, und ich bin nicht reich genug, um so viel Geld auslegen zu können.« »Wenn Sie verheiratet sind, werden Sie Geld und Kredit haben; einstweilen nehmen Sie diese zehn Zechinen.« Er entfernte sich freudestrahlend über dieses unverhoffte Glück. Nachdem ich Zenobia Spitzen zum Ausbessern gegeben hatte, fragte ich sie, ob sie hoffe, daß ihr Gatte nicht eifersüchtig sein werde. »Er ist weder eifersüchtig noch verliebt; er heiratet mich nur, weil ich mehr verdiene als er.« »So, wie die Natur Sie geschaffen hat, hätten Sie Anspruch auf ein besseres Glück machen können.« »Ich bin zweiundzwanzig Jahre alt und habe lange genug gewartet. Ich bin meines Mädchenstandes müde. Übrigens ist mein Schneider allerdings ja nicht schön, aber er ist klug, und das ist vielleicht mehr wert als schöne Glieder.« »Sie zeigen selber sehr viel Geist. Aber warum schiebt er die Heirat mit Ihnen hinaus?« »Weil er kein Geld hat; er will aber seiner Verwandten wegen eine schöne Heirat machen. Die Wahrheit zu sagen, gefällt mir das.« »Auch darin gebe ich Ihnen wieder recht; aber ich begreife nicht, welches Vorurteil Sie veranlassen kann, einem ehrenwerten Mann auf seine Bitte einen Handkuß zu verweigern.« »Dies war nur so eine Wendung von mir, um Ihnen bei der Gelegenheit sagen zu können, daß ich mich verheirate. Im übrigen bin ich von dummen Vorurteilen frei.« »Das ist recht. Ich achte Sie jetzt um so höher. Sagen Sie Ihrem Bräutigam, wenn er mich zum Brautvater nehme, wolle ich alle Kosten bezahlen.« »Im Ernst?« »Ja, im Ernst. Ich werde ihm fünfundzwanzig Zechinen geben, aber unter der Bedingung, daß das ganze Geld für die Hochzeit ausgegeben wird.« »Fünfundzwanzig Zechinen! Da werden die Leute reden; aber daraus machen wir uns nichts. Ich werde Ihnen morgen die Antwort geben.« »Und jetzt gleich einen herzlichen Kuß!« »Sehr gern!« Zenobia entfernte sich freudestrahlend; hierauf ging ich aus, um mich mit meinem Bankier bekannt zu machen und um meine liebe Teresa aufzusuchen. Als ich bei dieser reizenden Frau eintrat, die ich stets zärtlich geliebt habe, nahm ihre hübsche Kammerzofe, die mich erkannt hatte, mich bei der Hand und führte mich an das Bett ihrer Herrin, die gerade aufstehen wollte. Sie empfing mich mit jener Zärtlichkeit und Rührung, die uns des Wortes beraubt und uns nur so viel Kraft läßt, um uns umarmen zu können. Nachdem unsere gegenseitigen Entzückungen sich besänftigt hatten, sagte Teresa mir, seit sechs Monaten lebe sie nicht mehr mit ihrem Gatten, der ihr unerträglich geworden sei; um ihn los zu werden, zahle sie ihm ein Jahrgeld, und er lebe jetzt in Rom. »Wo ist Cesarino?« fragte ich sie. »Er ist hier in Pension, mein lieber Freund, und du wirst ihn sehen, sobald du willst.« «Bist du glücklich?« »Sehr glücklich. Man sagt, ich habe einen Liebhaber; aber das ist unwahr, und du kannst mich in voller Freiheit besuchen, so oft du Lust hast.« Wir verbrachten zwei köstliche Stunden damit, uns unsere Abenteuer seit unserem letzten Beisammensein zu erzählen. Ich fand sie frisch und schön, wie in den ersten Zeiten unserer Liebe, und fragte sie, ob sie ein Gelübde getan habe, ihrem Gatten treu zu sein. »In Florenz«, antwortete sie mir, »war ich noch verliebt in ihn; hier aber können wir, wenn ich dir noch gefalle, unsere Beziehungen erneuern und bis in den Tod zusammen bleiben.« »Ich kann, meine teure Teresa, dir auf der Stelle beweisen, daß du in meinem Herzen nichts verloren hast.« Statt aller Antwort überließ sie sich meinen Liebkosungen. Nachdem ich mich ausgeruht hatte, verließ ich sie verliebt, wie vor achtzehn Jahren; aber meine Glut fand zu viele Ablenkungen, um lange dauern zu können. Die Gräfin A. B. begann zartere Töne aufzuziehen. »Ich weiß,« sagte sie mit einer Miene der Befriedigung, »wo Sie zwei Stunden zugebracht haben; aber wenn Sie diese Dame lieben, so dürfen Sie sie nicht mehr besuchen, denn ihr Liebhaber würde sie verlassen.« »Wenn er sie verließe, gnädige Frau, so würde ich seine Stelle einnehmen.« »Sie haben ganz recht, daß Sie sich vergnügen, indem Sie Frauen suchen, die Ihre Geschenke zu verdienen wissen. Ich weiß, daß Sie solche Geschenke erst machen, nachdem Sie deutliche Beweise ihrer Zärtlichkeit empfangen haben.« »Das ist mein Grundsatz, Frau Gräfin.« »Es ist das beste Mittel, niemals betrogen zu werden. Der Liebhaber der Dame, der Sie einen Besuch gemacht haben, hatte früher eine Dame unserer Gesellschaft. Sie ist durch ihn sehr wohlhabend geworden, aber wir verachten sie.« »Warum, wenn ich bitten darf.« »Finden Sie nicht, daß sie sich weggeworfen hat? Greppi ist ein Mann von niedrigster Geburt.« Ohne mich über den Namen Greppi zu wundern, antwortete ich ihr, ein Mann brauche nicht von Adel zu sein, um ein ausgezeichneter Liebhaber zu sein; dazu sei nur ein schönes Äußeres und Gold nötig. Frauen, die aus solchen Gründen eine ihresgleichen verachteten, wären entweder durch ihren Stolz lächerlich, oder würden von Neid verzehrt; ich sei überzeugt, sie alle würden sich glücklich schätzen, sich wegwerfen zu können, wenn sie einen Greppi fänden. Ohne Zweifel wollte sie mir ärgerlich antworten, denn meine Bemerkung hatte sie allerdings verletzt; aber sie wurde daran durch die Ankunft des Marchese Triulzi verhindert. Sie fuhr mit diesem aus, während ich mit ihrem Manne in ein Haus ging, wo wir einen Mann fanden, der etwa hundert Zechinen vor sich liegen hatte und mit dieser kleinen Summe eine Pharaobank hielt. Ich nahm ein Buch Karten und spielte wie die anderen mit kleinen Einsätzen. Nachdem ich zwanzig Dukaten verloren hatte, hörte ich auf. Als wir nach der Oper gingen, sagte mein armer Graf zu mir, ich sei die Veranlassung, daß er zehn Dukaten auf Wort verloren habe, und er wisse nicht, wie er es anfangen solle, um diese am nächsten Tage zu bezahlen. Er tat mir leid, und ich gab ihm die Dukaten, ohne ein Wort zu sagen, denn Armut hat mir stets Achtung eingeflößt. In der Oper verlor ich noch zweihundert Dukaten an derselben Bank, wo ich am Tage vorher hundert verloren hatte. Ich lachte über die Betrübnis meines armen Grafen, der nicht wußte, daß ich hunderttausend Franken bei jenem Greppi hatte, der in den Augen seiner hochmütigen Frau zur niedrigsten Klasse des Volkes gehörte. Ebensowenig wußte er, daß ich für mehr als hunderttausend Franken Schmucksachen besaß. Die Gräfin, die mich hatte verlieren sehen, glaubte mich fragen zu dürfen, ob ich mein schönes Zobelkleid verkaufen wolle. »Man sagt, es sei tausend Zechinen wert.« »Das ist richtig, gnädige Frau, aber ich würde eher alles andere verkaufen, als Sachen anrühren, die ich Ihrem schönen Geschlecht bestimmt habe.« »Marchese Triulzi hätte große Lust, es zu kaufen, um jemandem ein Geschenk damit zu machen.« »Es tut mir aufrichtig leid, Frau Gräfin, Ihnen das Kleid nicht verkaufen zu können.« Sie sagte nichts mehr, ich sah aber an ihrem Gesicht, daß meine abschlägige Antwort ihr sehr ärgerlich war. Als ich die Oper verließ, traf ich Teresa, die gerade in ihre Sänfte einsteigen wollte. Ich ließ den Grafen stehen, um ihr zu sagen, ich sei überzeugt, daß sie mit ihrem Freunde zu Abend speisen werde. Sie flüsterte mir ins Ohr, sie würde allein zu Abend essen oder mit mir, wenn ich den Mut hätte zu kommen. Es war für sie eine angenehme Überraschung, als ich die Einladung annahm, und sie sagte mir, sie werde mich erwarten. Ich lud den Grafen ein, sich meines Wagens zu bedienen, nahm einen Tragstuhl und traf bei Teresa in dem Augenblick ein, wo sie ihre Wohnung betrat. Welch glücklicher Abend! Wir lachten von ganzem Herzen, indem wir unsere Gedanken austauschten. »Ich weiß,« sagte sie zu mir, »daß du in die Gräfin A. B. verliebt bist, und ich war sicher, daß du es nicht wagen würdest, bei mir zu Abend zu essen.« »Und ich, meine Liebe, weiß, daß Greppi dein Liebhaber ist, und habe dich in Verlegenheit zu bringen geglaubt, indem ich deine Einladung annahm.« »Greppi ist mein Freund, und wenn er für mich etwas anderes empfindet als eine freundschaftliche Liebe, so bedaure ich ihn, denn bis jetzt hat er noch nicht das Geheimnis gefunden, mich zu verführen.« »Glaubst du, daß ihm dies je gelingen könnte?« »Schwerlich; denn ich bin reich.« »Aber Greppi ist noch reicher als du.« »Allerdings, aber ich bezweifle, daß er mich mehr liebt als sein Geld.« »Ich verstehe dich, wundervolles Weib! Du wirst ihn glücklich machen, wenn er hinlänglich verliebt ist, um sich zugrunde zu richten.« »Du hast es erraten; aber dieser Fall wird nicht eintreten. – So sind wir also, mein lieber Freund, nach einer Trennung von fast zwanzig Jahren wieder beisammen! Du wirst mich unverändert finden, davon bin ich überzeugt.« »Es ist ein Vorrecht, das die Natur nur deinem Geschlecht bewilligt hat. Mich wirst du verändert finden; nur mein Herz hat sich nicht verändert. Es wird die Veränderung beklagen; aber du wirst Wunder wirken.« Dies war nur eine galante Schmeichelei; denn Wunder wirkte sie nicht. Nach einem leckeren Mahle verbrachten wir zwei Stunden im süßesten Sinnestaumel; dann aber bemächtigte Morpheus sich unserer Sinne. Als wir erwachten, erneuten wir mit Erfolg unsere Liebeskämpfe; ich verließ sie erst nach einem Morgengruß, der ebenso kräftig war wie der Gutenachtgruß, der uns fünf oder sechs Stunden Schlaf verschafft hatte. In meiner Wohnung fand ich die schöne Zenobia. Sie sagte mir, ihr Schneider sei bereit, sie am nächsten Sonntag zu heiraten, wenn mein Anerbieten kein bloßer Scherz sei. »Um dich vom Gegenteil zu überzeugen, schöne Freundin, nimm diese fünfundzwanzig Zechinen!« Voll Dankbarkeit ließ sie sich in meine Arme sinken, und ich verzehrte mit meinen Feuerküssen ihren Mund und ihren herrlichen Busen. Teresa hatte mich erschöpft; ich suchte daher den Scherz nicht weiter zu treiben. Zenobia aber mußte wohl meine Zurückhaltung der offenen Tür zuschreiben. Eine sorgfältige Toilette erfrischte mich wieder, und um meine Kräfte völlig wieder herzustellen, machte ich eine lange Spazierfahrt in einem offenen Wagen. Bei meiner Rückkehr fand ich bei dem Grafen A. B. den Marchese Triulzi, der nach seiner Gewohnheit die Gräfin ärgerte. Die Tafel war an diesem Tage von ihm bestellt worden; das Mahl war daher reichlich und fröhlich. Das Gespräch kam auf mein Kleid, und die Gräfin machte die unvorsichtige Bemerkung, ich hätte es für die Dame bestimmt, die mich verliebt und glücklich machen würde. Der Marchese erwiderte hierauf mit ausgesuchter Höflichkeit, ich verdiene die Huld schöner Frauen um billigeren Preis. »Allem Anschein nach,« sagte die Gräfin zu mir, »werden Sie es der Dame schenken, bei der Sie die Nacht verbracht haben.« »Unmöglich, Frau Gräfin, denn ich habe die Nacht am Spieltisch verbracht.« In diesem Augenblick trat Clairmont ein und meldete mir, daß ein Offizier mich zu sprechen wünsche. Ich ging hinaus und sah einen schönen Jüngling, der mich sofort umarmte. Ich erkannte in ihm Barbaro, den Sohn eines venetianischen Nobile und Bruder der schönen und berühmten Frau Gritti Sgombro, von der ich vor zehn Jahren sprach, und deren unglücklicher Gatte in der Zitadelle von Cattaro starb, wohin er als Staatsgefangener gebracht worden war. Mein junger Landsmann war ebenfalls in Ungnade bei diesen despotischen Staatsinquisitoren. Wir waren in Venedig in dem Jahr vor meiner Gefangenschaft Freunde gewesen, aber ich hatte nichts mehr von ihm gehört. Barbaro erzählte mir die hauptsächlichsten Ereignisse seines ziemlich abenteuerlichen Lebens und sagte mir dann, er stehe augenblicklich im Dienste des Herzogs von Modena, der in Mailand als Gouverneur residierte. »Ich habe Sie an Cananos Bank unglücklich spielen sehen, und die Erinnerung an unsere alte Freundschaft hat mich veranlaßt, Ihnen ein sicheres Mittel vorzuschlagen, um viel Geld zu verdienen. Zu diesem Zweck müssen Sie mir erlauben, Sie einer zahlreichen Gesellschaft von reichen jungen Leuten vorzustellen, die das Spiel lieben und nur verlieren können.« »Wo ist diese Gesellschaft?« »In einem sehr angenehmen Hause. Wenn Ihnen mein Vorschlag recht ist, werde ich selber abziehen, und ich bin sicher zu gewinnen. Ich brauche Sie nur, um die Betriebsmittel für die Bank zu liefern, von deren Gewinn Sie mir nur ein Viertel abgeben sollen.« »Ich errate: Sie verstehen es, die Karten zu halten.« »Da irren Sie sich nicht.« Mit anderen Worten also, Barbaro schlug geschickte Volte oder verbesserte das Glück, wie man es auch zu nennen pflegt. Zum Schluß sagte er mir, ich würde in dem Hause Damen finden, die meiner Aufmerksamkeiten würdig wären. »Mein lieber Landsmann, ich werde mich bezüglich Ihres Vorschlages erst entscheiden, wenn ich die Gesellschaft gesehen habe, der Sie mich vorstellen wollen.« »Wollen Sie sich morgen um drei Uhr im Theatercafé einfinden?« »Gern; aber ich hoffe die Ehre zu haben, Sie heute Nacht auf dem Ball zu sehen.« Zenobias Bräutigam brachte mir meinen Domino; die Gräfin hatte bereits den ihrigen. Da der Ball erst nach der Oper begann, so besuchte ich diese, um Teresa singen zu hören. Nachdem ich im Zwischenakt abermals zweihundert Zechinen verloren hatte, ging ich nach Hause, um mich umzukleiden und dann auf den Ball zu fahren. Die Gräfin, die bereits fertig war, sagte mir, wenn ich die Gefälligkeit haben wolle, sie in meinem Wagen auf den Ball zu führen und auch wieder nach Hause zu bringen, würde sie den Wagen des Marchese Triulzi nicht holen lassen. Ich antwortete ihr, ich stände ganz zu ihren Diensten. Ich dachte, die schöne Spanierin hätte mir nur darum den Vorzug gegeben, um mir Gelegenheit zu freiem Vorgehen zu verschaffen; ich sagte ihr daher, sobald wir in dem Wagen nebeneinander saßen: es liege nur an ihr, mein Kleid zu bekommen, und ich verlange dafür weiter nichts als die Ehre, eine Nacht bei ihr zu schlafen. »Sie beschimpfen mich auf eine unerhörte Weise, mein Herr; ich wundere mich um so mehr darüber, da es nicht aus Unwissenheit geschehen kann.« »Ich weiß alles, schöne Gräfin, aber wenn Sie klug sind, können Sie über die Beleidigung hinwegsehen, sie mir sogar verzeihen, indem Sie ein dummes Vorurteil beiseite schieben, sich mein Kleid verdienen und mich eine ganze Nacht hindurch glücklich machen.« »Man kann das alles tun, wenn man liebt; aber Sie müssen zugeben, daß Ihre rohe Sprache mehr dazu angetan ist, Haß als Liebe zu erregen.« »Ich habe diese Sprache angenommen, weil ich nicht gerne wie ein dummer Affe warte; langes Lauern ist mir zuwider. Geben Sie Ihrerseits zu, liebenswürdige Gräfin, daß es Ihnen Spaß machen würde, mich als schüchternen Liebhaber zu sehen.« »Das wäre mir einerlei; denn, wie Sie sind, würde ich Sie niemals lieben können.« »In dieser Hinsicht sind wir also vollkommen einig, denn ich liebe Sie ebensowenig wie Sie mich.« »Bravo! Und trotzdem wollten Sie tausend Zechinen ausgeben, um eine einzige Nacht mit mir zu verbringen?« »Nicht des Vergnügens wegen; denn ich möchte nur darum bei Ihnen schlafen, um Sie zu demütigen und um Ihren unerträglichen, übelangebrachten Stolz zu ducken.« Gott weiß, was die stolze Spanierin mir geantwortet haben würde, wenn nicht in diesem Augenblick der Wagen vor der Tür des Theaters gehalten hätte. Wir trennten uns, und nachdem ich mich eine Weile in der Menge herumgetrieben hatte, ging ich nach dem Spielsaal hinauf, in der Hoffnung, meine Verluste von dem vorhergehenden Tage wieder einzuholen. Ich hatte mehr als fünfhundert Zechinen bei mir. Ich besaß ja reichliche Mittel, aber wenn es in diesem Tempo weiterging, war ich bald dem Abgrund nahe. Ich setzte mich an Cananos Tisch, und da ich bemerkte, daß niemand mich kannte außer meinem armen Grafen, der überall hinter mir herlief, so sah ich es als ein gutes Zeichen für den Abend an. Vier Stunden lang setzte ich immer wieder auf eine Karte, konnte aber weder das Geld verlieren, das ich bei mir hatte, noch tausend Zechinen gewinnen, wie es meine Absicht war. Als ich zuletzt das Glück zwingen wollte, wandte es sich gegen mich, und ich ließ all mein Gold der Bank. Ich ging in den Ballsaal zurück; dort traf ich die Gräfin, und wir fuhren nach Hause. Sobald wir im Wagen saßen, sagte sie zu mir: »Ich habe Sie ein Vermögen verlieren sehen, und das freut mich. Der Marchese wird Ihnen tausend Zechinen für Ihr Kleid geben, und diese Summe wird Ihnen Glück bringen.« »Und auch Ihnen; denn Sie werden doch mein Kleid bekommen?« »Das kann wohl sein.« »Gnädige Frau, durch dieses Mittel werden Sie es niemals erhalten; das andere kennen Sie. Tausend Zechinen verachte ich.« »Und ich verachte Ihre Geschenke und Ihre Person.« »Das steht Ihnen frei, mir aber steht es frei, Ihnen Gleiches mit Gleichem zu vergelten.« Unter diesen lieblichen Reden kamen wir zu Hause an. Als ich mein Zimmer betrat, fand ich dort den Grafen mit langem Gesicht. Offenbar hatte er Lust, mich zu beklagen; aber er wagte es nicht. Meine gute Laune machte ihm Mut, und er sagte zu mir: »Sie können tausend Zechinen von Triulzi haben; dadurch werden Sie Ihren Verlust ausgleichen.« »Für mein Kleid, nicht wahr?« »Ja.« »Ich möchte es lieber Ihrer Frau schenken; aber sie hat mir gesagt, sie würde es verschmähen, wenn sie es aus meinen Händen empfangen müßte.« »Das wundert mich, denn sie ist ganz verrückt auf das Kleid. Ich weiß nicht, wodurch Sie ihren hochmütigen Sinn verletzt haben. Lassen Sie sich raten: verkaufen Sie das Kleid und nehmen Sie die tausend Zechinen.« »Ich werde Ihnen morgen antworten.« Nachdem ich vier oder fünf Stunden geschlafen hatte, zog ich meinen Überrock an und ging zu Greppi; denn ich hatte kein Geld mehr. Ich nahm tausend Zechinen, indem ich ihn bat, über meine Verhältnisse mit keinem Menschen zu sprechen. Er antwortete mir, meine Geschäfte wären auch die seinigen; ich könne mich auf seine Geheimhaltung verlassen. Er beglückwünschte mich wegen der guten Meinung, die Frau Palesi von mir habe, und sagte mir, er hoffe, wir würden miteinander bei ihr zu Abend essen. Ich antwortete, dies würde mir viel Vergnügen machen. Von Greppi begab ich mich zu Teresa, um ihr einen Besuch zu machen; da aber Leute bei ihr waren, so blieb ich nur wenige Augenblicke. Es war mir angenehm, zu bemerken, daß sie weder von meinen Verlusten, noch von meinen Geschäften überhaupt etwas wußte. Sie sagte mir, es sei Greppis Wunsch, mit mir bei ihr zu Abend zu essen; sie würde mir den Tag noch bekannt geben. Als ich nach Hause kam, fand ich den Grafen neben meinem Kaminfeuer sitzen. »Meine Frau ist wütend auf Sie,« sagte er zu mir; »aber sie will mir den Grund nicht sagen.« »Der Grund, mein lieber Graf, ist der, daß ich nicht will, daß sie das Kleid von einem anderen bekommt als von mir. Sie hat mir gesagt, sie würde es verschmähen, wenn ich es ihr schenken wollte; ist dies wohl ein Grund, um wütend zu sein?« »Sie muß verrückt sein; sonst begreife ich nichts davon. Aber beachten Sie, bitte, was ich Ihnen sage: Sie verachten tausend Zechinen und ich wünsche Ihnen Glück dazu. Wenn Sie imstande sind, eine Summe zu verschmähen, die mich glücklich machen würde, so opfern Sie der Freundschaft eine, wie ich glaube, übel verstandene Eitelkeit. Nehmen Sie vom Marchese die tausend Zechinen; leihen Sie diese mir und gestatten Sie, daß meine Frau das Kleid bekommt, denn er wird es ihr ganz sicherlich schenken.« Über diesen Vorschlag mußte ich laut auflachen; er war gewiß danach angetan, die Fröhlichkeit eines Hypochonders zu erregen, und ich war nichts weniger als ein Hypochonder. Ich wurde jedoch wieder ernst, als ich den armen Grafen ganz schamrot werden sah. Um ihn zu beruhigen, umarmte ich ihn herzlich; dann aber sagte ich ihm mit barbarischer Aufrichtigkeit: »Ich bin bereit, ohne die allergeringste Eitelkeit auf diesen Vorschlag einzugehen. Ich werde das Kleid dem Marchese verkaufen, sobald Sie wollen, aber ich werde Ihnen nicht tausend Zechinen leihen; ich werde sie Ihnen schenken, oder vielmehr: ich werde sie Ihrer Frau unter vier Augen geben. Aber wenn sie sie bekommt, muß sie nicht nur gut und gefällig, sondern auch sanft wie ein Lamm sein. Sehen Sie zu, mein lieber Graf, wie Sie die Geschichte in Ordnung bringen; dies ist mein letztes Wort.« »Ich will's versuchen«, sagte der arme Ehemann; damit ging er. Barbaro war pünktlich; er erwartete mich bereits am verabredeten Ort. Ich ließ ihn in meinen Wagen steigen, und er führte mich in ein Haus, das am anderen Ende von Mailand lag. Wir gingen in das erste Stockwerk, wo er mich einem schönen Greise und einer Dame von sehr ehrenwertem Aussehen, sowie zwei reizenden Basen vorstellte. Er sagte, ich sei ein Venetianer, der wie er das Unglück habe, bei den Staatsinquisitoren in Ungnade gefallen zu sein; da ich jedoch reich und Junggeselle sei, so könne ich mich über Gunst oder Ungunst der hohen Herren hinwegsetzen. Er gab mich für reich aus, und ich sah allerdings so aus. Mein Luxus war blendend. Meine Ringe, Tabaksdosen, diamantenbesetzten Uhrketten, mein Kreuz von Diamanten und Rubinen, das ich an einem breiten dunkelroten Band um den Hals trug, gaben mir das Aussehen eines Mannes von Bedeutung. Dieses Kreuz war der Orden vom goldenen Sporn, den ich vom Papst erhalten hatte; da ich jedoch den Sporn hatte herausnehmen lassen, so erriet man nicht, was es bedeutete, und dies schmeichelte meiner Eitelkeit. Neugierige wagten es nicht, sich bei mir selber zu erkundigen; denn man fragt einen Kavalier ebensowenig, was das für ein Orden sei, den er trage, wie man eine Dame fragt: Wie alt sind Sie? Ich hörte 1765 auf, dieses dumme Kreuz zu tragen, als in Warschau der Fürst Palatin von Rußland mir unter vier Augen sagte, ich würde wohl daran tun, diesen Bettel abzulegen. »Es dient nur dazu, Dummköpfe zu blenden,« sagte er zu mir, »hier aber brauchen Sie mit solchen nichts zu tun zu haben.« Ich folgte seinem Rat, denn er war ein großer Denker. Trotzdem war er es, der den ersten Stein aus dem Sockel brach, worauf das Königreich Polen ruhte. Er stürzte es eben durch die Mittel, durch die er es größer machen wollte. Der alte Herr, welchem Barbara mich vorstellte, war ein Marchese. Er sagte mir, er kenne Venedig, und da ich nicht von patrizischem Range sei, könne ich in anderen Ländern nur glücklicher leben. Er stellte mir sein Haus zur Verfügung und bot mir alle Dienste an, die in seinen Kräften ständen. Die beiden jungen Damen hatten mich entzückt; sie waren zwei vollkommene, beinahe ideale Schönheiten. Ich beschloß, mich bei jemandem zu erkundigen, der sie näher kannte; denn zu Barbara hatte ich kein Vertrauen. Eine halbe Stunde darauf begannen Besucher zu Fuß und im Wagen anzukommen. Unter ihnen waren mehrere sehr hübsche und gut angezogene junge Damen; gut gekleidete junge Herren wetteiferten, den beiden Basen den Hof zu machen, die einen dieser, die anderen jener, je nachdem sie aus Liebe oder aus Höflichkeit der einen oder der anderen den Vorzug gaben. Wir waren alles in allem etwa zwanzig Personen. Die Gesellschaft setzte sich an einen großen Tisch und begann ein Spiel, das Bankerott genannt wurde. Nachdem ich mich ein paar Stunden unterhalten und einige Zechinen verloren hatte, entfernte ich mich mit Barbaro, und wir gingen in die Oper. »Die beiden jungen Marchesinen«, sagte ich zu meinem Landsmann, »kommen mir vor wie zwei Engel von Fleisch und Blut. Ich werde ihnen meine Huldigungen darbringen und in ein paar Tagen werde ich sehen, ob sie für mich erreichbar sind. Für das Spiel will ich Ihnen zweihundert Zechinen leihen; aber ich will diese nicht verlieren, Sie müssen mir daher in gesetzlicher Form Bürgschaft dafür leisten.« »Damit bin ich herzlich gern einverstanden; ich bin völlig sicher, sie Ihnen mit starken Zinsen wiedergeben zu können.« »Außerdem will ich, daß Sie nicht fünfundzwanzig vom hundert des Gewinnes, sondern die Hälfte erhalten; ich mache jedoch zur Bedingung, daß niemand von meiner Beteiligung an dem Spiel eine Ahnung haben kann; denn wenn ich den geringsten Verdacht bemerke, werde ich für meine eigene Rechnung starke Sätze machen.« »Sie können sich auf meine Verschwiegenheit um so sicherer verlassen, da ich ein Interesse daran habe, daß die Spieler glauben, das Kapital der Bank sei mein eigenes Geld.« »Ich verstehe. Kommen Sie also morgen früh bei guter Zeit, bringen Sie mir annehmbare Sicherheit, und ich werde Ihnen das Geld geben.« Er umarmte mich in der Freude seines Herzens. Die Bilder der beiden schönen Marchesinen gingen mir im Kopf herum; ich gedachte mich bei Greppi nach ihnen zu erkundigen, als ich Triulzi im Parkett der Oper bemerkte. Zu gleicher Zeit sah er auch mich, und da ich allein war, so kam er heran und sagte fröhlich zu mir, er sei überzeugt, daß ich schlecht zu Mittag gegessen habe, und ich werde ihm ein Vergnügen machen, wenn ich alle Tage bei ihm speise. »Ich muß erröten, Herr Marchese, daß ich noch nicht bei Ihnen war, um Ihnen meine Aufwartung zu machen, wie es meine Pflicht gewesen wäre.« »Es gibt keine Verpflichtungen unter Lebemännern, die die Welt nach ihrem wahren Wert zu schätzen wissen.« »Darin gebe ich Ihnen vollkommen recht.« »Da fällt mir ein – ich habe gehört, Sie seien bereit, mir das Kleid abzulassen; ich bin Ihnen sehr dankbar dafür und werde Ihnen die fünfzehntausend Lire, die es kostet, geben, sobald Sie es wünschen.« »Sie können das Kleid morgen früh abholen lassen.« Er erzählte mir noch in aller Kürze mehrere Anekdoten in bezug auf Damen, die wir in den ersten Logen sahen und nach denen ich ihn gefragt hatte. Ich benutzte diesen günstigen Umstand und sagte: »Ich habe in einer Kirche zwei junge Schönheiten im höchsten Sinne des Wortes gesehen. Jemand, der neben mir stand, sagte mir, es seien zwei Basen, die Marchesina Q. und die Marchesina F. Kennen Sie sie? Die jungen Damen haben mich sehr neugierig gemacht.« »Ich kenne sie; sie sind reizend. Es ist nicht schwer, in ihrem Hause eingeführt zu werden, und ich glaube, sie sind tugendhaft, denn bis jetzt ist über sie noch nicht geredet worden. Ich weiß allerdings, daß Fräulein F. einen Liebhaber hat; aber dies ist ein tiefes Geheimnis, denn er ist der einzige Sohn einer unserer ersten Familien. Unglücklicherweise sind die jungen Damen nicht reich; da sie aber, wie man mir versichert hat, viel Geist besitzen, so können sie erwarten, gute Partien zu machen. Wenn Sie neugierig sind, werde ich Sie mit jemandem bekannt machen, der Sie bei ihnen einführt.« »Ich bin noch nicht fest entschlossen; denn möglicherweise vergesse ich sie leicht wieder, da ich sie nur flüchtig gesehen habe. Übrigens bin ich Ihnen unendlich verbunden für Ihr liebenswürdiges Anerbieten.« Nach dem Ballett ging ich in den Spielsaal hinauf. Ich hörte drei oder vier Stimmen sagen: »Da ist er!« Der Bankhalter nickte mit dem Kopf und bot mir einen Platz an seiner Seite an. Ich setzte mich, und statt eines Buches gab er mir ein ganzes Spiel Karten. Ich begann zu setzen und zwar mit einem so beständigen Unglück, daß ich in weniger als einer Stunde siebenhundert Zechinen verlor. Wahrscheinlich hätte ich auch den Rest verloren, wenn nicht Canano, der aufstehen mußte, die Karten einem Mann gegeben hätte, dessen Gesicht mir mißfiel. Ich stand auf, ging nach Hause und legte mich sofort zu Bett, um nicht genötigt zu sein, meine üble Laune zu verbergen. Am anderen Morgen in aller Frühe holte Barbaro sich die zweihundert Zechinen, die ich ihm versprochen hatte. Er gab mir Sicherheit für diese Summe, indem ich das Recht erhielt, bis zur vollständigen Tilgung seiner Schuld seine Einkünfte in Beschlag zu nehmen. Ich glaube nicht, daß ich im Fall des Unglücks mich hätte entschließen können, von meinen Rechten Gebrauch zu machen; aber ich wollte ihn im Zaum halten. Hierauf ging ich aus und begab mich zu Greppi, bei dem ich zweitausend Zechinen in Gold nahm. Einundzwanzigstes Kapitel Demütigung der Gräfin. – Zenobias Hochzeit im Apfelkasino. – Pharao. – Eroberung der schönen Irene. – Plan zur Maskerade. Als ich nach Hause kam, fand ich den Grafen mit einem Bedienten des Marchese Triulzi, der mir einen Brief von seinem Herrn übergab, worin dieser mich bat, ihm das Kleid zu schicken. Ich tat dies sofort. »Der Marchese wird mit uns speisen,« sagte der Graf, »und wird Ihnen ohne Zweifel den Betrag für dieses herrliche Schmuckstück mitbringen.« »Sie finden also, es ist ein Schmuckstück?« »Ja, einer Königin würdig.« »Ich wünschte, mein lieber Graf, dieses Schmuckstück besäße die Kraft, Ihnen eine Krone zu geben; dieser Kopfschmuck wäre besser als ein gewisser anderer.« Der arme Teufel verstand die Anspielung; und da ich ihn gern hatte, so machte ich mir Vorwürfe, ihn gekränkt zu haben; aber ich hatte ohne Überlegung dem Vergnügen nachgegeben, einen Witz zu machen. Ich beeilte mich, einen etwaigen schmerzlichen Eindruck zu verwischen, indem ich ihm sagte, ich würde der Gräfin das Geld bringen, sobald der Marchese es mir bezahlt hätte. »Ich habe mit ihr darüber gesprochen,« antwortete der Graf, »und sie hat über Ihren Vorschlag gelacht; aber ich bin überzeugt, sie wird sich entschließen, ja zu sagen, sobald sie das Kleid in ihrem Besitz sieht.« Es war ein Freitag. Der Marchese schickte ein ausgezeichnetes Mittagessen von lauter Fischgerichten; bald darauf kam er selbst mit dem Kleide, das in einem Korb lag. Die stolze Spanierin erhielt das Geschenk in aller Form und dankte ihm auf das lebhafteste dafür. Der Geber nahm diese Danksagungen lachend auf, wie ein Mann, der an dergleichen gewöhnt ist; schließlich aber machte er die wenig schmeichelhafte Bemerkung, wenn sie vernünftig wäre, würde sie das Kleid verkaufen; denn da jedermann wüßte, daß sie nicht reich wäre, so würde man sie allgemein tadeln, wenn sie es trüge. Der Rat wurde nicht gut aufgenommen: sie sagte ihm tausend Beleidigungen, und unter anderem auch, er müsse ein großer Narr sein, da er so töricht gewesen sei, ihr das Kleid zu schenken, obgleich er der Meinung sei, daß es nicht für sie passe. Als sie im besten Streiten waren, ließ die Marchesa Menafoglio sich melden. Sobald sie eingetreten war, zog das Kleid, das auf einem Tische ausgebreitet lag, ihre Blicke auf sich. Sie fand es prachtvoll und rief: »Dieses Kleid würde ich gerne kaufen!« »Ich habe es nicht gekauft, um es wieder zu verkaufen,« sagte die Gräfin ärgerlich. »Verzeihen Sie, Frau Gräfin,« sagte die Marchesa, »ich habe geglaubt, es sei zu verkaufen, und es tut mir leid, daß ich mich getäuscht habe.« Der Marchese, der nicht gerne heuchelte, lachte laut auf; die Gräfin begriff, daß sie sich lächerlich gemacht hatte, und hielt an sich. Die Unterhaltung wandte sich einem anderen Thema zu. Aber kaum war die Marchesa fort, so ließ die Spanierin ihrem Zorn freien Lauf, indem sie den Marchese wegen seines Lachens mit Schimpfworten und Vorwürfen überschüttete. Als der Marchese auf ihr Schimpfen nur mit feinen Bosheiten antwortete, die in die Formen ausgesuchter Höflichkeit gekleidet waren, sagte die Gräfin schließlich, sie sei müde und wolle zu Bett gehen. Als sie fort war, übergab der Marchese nur die fünfzehntausend Lire. Er sagte mir, sie würden mir an Cananos Bank Glück bringen; Herr Canano habe mich sehr gern und habe ihn gebeten, mit mir bei ihm zu Mittag zu speisen; zum Abendessen könne er mich nicht einladen, da er genötigt sei, die Nächte auf dem Ridotto zu verbringen. »Ich werde Ihnen sehr verbunden sein, Herr Marchese, wenn Sie Canano sagen wollen, ich werde an jedem von ihm gewünschten Tage bei ihm zu Mittag essen, nur übermorgen nicht; denn da bin ich zu einer Hochzeit im Apfelkasino eingeladen.« »Dazu wünsche ich Ihnen Glück!« riefen der Graf und der Marchese gleichzeitig; »ganz gewiß wird es dort sehr nett sein.« »Daran zweifle ich nicht; ich bin überzeugt, ich werde mich gut unterhalten.« »Könnten wir nicht auch dabei sein?« »Ist das allen Ernstes Ihr Wunsch?« »Gewiß.« »Nun, ich verpflichte mich, Sie durch die schöne Braut in eigener Person einladen zu lassen; aber dies geschieht unter der Bedingung, daß die Gräfin sich bereit erklärt, ebenfalls zu erscheinen. Ich mache Sie darauf aufmerksam, daß die Gesellschaft nur aus braven Leuten der allerniedrigsten Klasse besteht; ich würde auf keinen Fall dulden, daß sie gekränkt würden.« »Ich erbiete mich, die Gräfin zu überreden,« sagte der Marchese. »Vortrefflich; und um Ihnen Ihre Aufgabe zu erleichtern, will ich Ihnen sagen, daß es sich um die Hochzeit der schönen Zenobia handelt.« »Bravo!« rief er, »jetzt habe ich keinen Zweifel mehr, daß die Gräfin mitkommen wird.« Der Graf, der hinausgegangen war, kam gleich nachher mit Zenobia zurück. Der Marchese machte ihr Komplimente und redete ihr zu, die Gräfin einzuladen; als sie zu zögern schien, ergriff er ihre Hand und führte sie in das Zimmer der stolzen Spanierin. Eine halbe Stunde darauf kamen sie wieder und sagten uns, die Gräfin sei so freundlich gewesen, die Einladung anzunehmen. Als der Marchese fort war, sagte der Graf zu mir, wenn ich nichts Besseres zu tun hätte, könnte ich seiner Frau Gesellschaft leisten, während er einige Geschäfte besorgen würde. »Mein Lieber,« antwortete ich ihm, »ich habe die tausend Zechinen in meiner Tasche, und wenn ich sie vernünftig finde, bin ich bereit, sie ihr dazulassen.« »Warten Sie – ich will mit ihr sprechen.« »Tun Sie das!« Während der Graf bei seiner Frau war, ging ich in mein Zimmer und legte das Gold fort, das der Marchese Triulzi mir gegeben hatte; ich nahm dafür fünfzehntausend Lire in Banknoten, die ich von Greppi erhalten hatte. Im Augenblick, wo ich meine Kassette wieder verschloß, brachte Zenobia mir meine Manschetten. Sie fragte mich, ob ich ein Stück schönen Batist kaufen wolle; als ich diese Frage bejahte, ging sie hinaus und kam gleich darauf mit einem Leuchter und dem Batist wieder herein. Da ich den Stoff schön fand, kaufte ich ihn für zehn Zechinen. Dann sagte ich: »Der Batist gehört dir, meine liebe Zenobia, wenn du bereit bist, mich auf der Stelle glücklich zu machen.« »Ich liebe Sie,« antwortete sie mir, »aber Sie täten mir einen Gefallen, wenn Sie bis nach der Hochzeit warten wollten.« »Nein, meine teure Freundin, ich habe es außerordentlich eilig. Sofort oder niemals, denn ich sterbe. Sieh, in welchem Zustande ich bin!« »Ich sehe es wohl; aber es ist unmöglich.« »Ei, warum denn unmöglich? Glaubst du, dein Bräutigam könne etwas merken?« »Nein! Und selbst wenn er es merken sollte, so würde ich es sehr komisch finden, wenn er empfindlich wäre; wenn er es wagen sollte, mir Vorwürfe zu machen, würde ich ihm niemals angehören.« »Sehr richtig, meine Liebe, denn deine Reste werden immer noch besser sein als seine ganze Person. So komm also!« »Aber ich glaube, wir müssen doch mindestens die Tür schließen.« »Nein; man könnte das Umdrehen des Schlüssels hören und würde Gott weiß welchen Argwohn haben. Verlaß dich darauf, es wird kein Mensch kommen.« Unterdessen hatte ich sie an mich gezogen, und da ich sie sanft wie ein Lamm und verliebt wie eine Taube fand, so wurde von beiden Seiten ein reichliches Opfer dargebracht. In der Pause, die nach dem ersten Ansturm notwendig wurde, verschlang ich alle ihre Reize; rasend verliebt, wie ich es hundertmal gewesen war, sagte ich zu ihr, sie allein sei wert, mich zu fesseln, und sie solle ihren Schneider fortschicken, um mit mir zu leben. Zum Glück für mich glaubte sie nicht an die Ewigkeit meiner Glut. Nach einem zweiten Sturm, der mit der ganzen Wollust zweier leidenschaftlich verliebter Herzen ausgeführt wurde, machte ich Halt; ich war erstaunt, aber auch entzückt, daß der Graf mich nicht in meinem Genuß gestört hatte. Ich glaubte, er sei ausgegangen, und sagte dies zu Zenobia, die ebenfalls dieser Meinung war und mich mit Liebkosungen überschüttete. Ich machte es mir nun bequem, und nachdem ich ihre lästigen Kleider von ihr abgestreift hatte, überließ ich mich allen Spielen, die die Liebe uns lehrt, um unsere Sinne wieder aufzuwecken. Dann ergab ich mich zum drittenmal allen Verzückungen heißer Liebe, indem ich meine Schöne alle Stellungen einnehmen ließ, die mir durch lange Erfahrung vertraut waren und von denen ich wußte, daß sie am meisten geeignet seien, die Wollust vollständig zu machen. Eine volle Stunde lang bewiesen wir uns gegenseitig unsere Glut: Zenobia, die in der Blüte der Jahre stand und vollkommen unerfahren war, konnte ihre häufigen Niederlagen nicht verhehlen, während ich das Glück verlängerte, bevor ich zum drittenmal ans Ziel gelangte. Im Augenblick, wo ich zum drittenmal mein Leben verlor und Zenobia zum vierzehntenmal ihre Existenz verhauchte, hörte ich die Stimme des Grafen. Ich sagte es zu Zenobia, die ihn ebenfalls gehört hatte; nachdem wir uns in aller Eile zurecht gemacht hatten, gab ich ihr die zehn Zechinen, und sie ging. Gleich darauf trat der Graf lachend ein; er wünschte mir Glück und sagte, er habe durch eine Ritze, die er mir zeigte, alles gesehen und habe sich durchaus nicht gelangweilt. »Das freut mich, lieber Graf; aber Sie werden verschwiegen sein!« »Selbstverständlich. – Meiner Frau«, fuhr er fort, »wird es sehr angenehm sein, wenn Sie ihr Gesellschaft leisten – und ich«, rief er lachend, »bin ebenfalls sehr zufrieden.« »Sie sind ja ein sehr philosophischer Ehemann; aber ich fürchte, nach dem, was Sie selber gesehen haben, werde ich bei der Gräfin ein bißchen matt sein.« »Im Gegenteil, die süße Erinnerung an das Glück wird Sie liebenswürdig machen.« »In Worten vielleicht – aber sonst ...« »Sie werden sich als erfahrener Mann schon mit der Sache abfinden.« »Mein Wagen steht zu Ihrer Verfügung, mein lieber Graf; nehmen Sie ihn nur, denn ich werde heute nicht mehr ausgehen.« Leise trat ich bei der Gräfin ein, die ich im Bett fand; ich erkundigte mich zärtlich nach ihrer Gesundheit. Mit einem höchst angenehmen Lachen antwortete sie mir: »Ich befinde mich ausgezeichnet; mein Mann hat mir die Gesundheit wiedergegeben.« Während des Sprechens hatte ich mich auf ihr Bett gesetzt. Da sie anscheinend nicht verdrießlich darüber war, so hielt ich dies für ein gutes Zeichen. »Werden Sie nicht mehr ausgehen?« fragte sie mich; »Sie sind ja im Schlafrock, und Ihr Haar ist ganz aufgelöst.« »Ich war auf meinem Bett eingeschlafen; als ich erwachte, beschloß ich, Ihnen Gesellschaft zu leisten, wenn Sie ebenso gut und lieb sein wollen, wie Sie schön sind.« »Wenn Sie anständig gegen mich sind, können Sie sich darauf verlassen, mich stets freundlich zu finden.« »Und Sie werden mich lieben?« »Das kommt auf Sie an. Sie opfern mir heute Abend den Grafen Canano.« »Ja, sehr gern. Er hat schon viel Gold von mir gewonnen, und ich sehe voraus, er wird mir morgen fünfzehntausend Lire abnehmen, die der Marchese Triulzi mir für das Kleid gegeben hat, das Sie nicht von mir annehmen wollten.« »Es wäre recht schade, wenn Sie diese hübsche Summe verloren.« »Da haben Sie recht. Es kommt aber gewiß nicht dazu, wenn Sie gefällig sind; denn ich habe das Geld für Sie bestimmt. Erlauben Sie mir, Ihre Tür zu schließen!« »Warum?« »Weil ich vor Frost und Begierde halbtot bin, meine schöne Gräfin, und weil ich mich unter Ihrer Decke wärmen möchte.« »Das werde ich niemals dulden.« »Ich will Ihnen durchaus nicht Gewalt antun. Leben Sie wohl, meine Gnädige; ich werde mich vor meinem Feuer wärmen, und morgen werde ich Cananos Bank den Krieg erklären.« »Sie sind wirklich ein schlechter Mensch! Bleiben Sie, Ihre Unterhaltung ist mir angenehm.« Ohne noch länger zu reden, schloß ich die Tür, und da ich sah, daß sie mir den Rücken zugedreht hatte, entledigte ich mich schnell meiner Kleider; im Nu lag ich neben ihr. Sie hatte sich in ihr Schicksal ergeben und ließ mich alles machen, was ich wollte; aber Zenobia hatte mich erschöpft. Mit gesenkten Augen ließ sie sich in alle Stellungen bringen, die der Kodex der Wollust nur kennt, während ihre beiden Hände, die sie mir überlassen hatte, mich nach allen Richtungen hin magnetisierten. Aber es geschah nichts; ich war völlig gelähmt, und der Besitz aller ihrer Reize war nicht imstande, das Werkzeug, ohne welches die Operation unmöglich war, in Tätigkeit zu setzen. Ohne Zweifel fühlte die boshafte Spanierin aufs tiefste den Schimpf, den meine Schwäche ihren Schönheiten antat; ohne Zweifel täuschte ich in grausamster Weise die Begierden, die meine Berührungen vielleicht gegen ihren Willen in ihr erweckten; denn mehr als einmal fühlte ich meine Finger von einem Saft überströmt, der deutlich bezeugte, daß sie nicht gleichgültig war; aber sie besaß die Kraft, sich zu verstellen, indem sie tat, wie wenn sie schliefe. Es ärgerte mich, daß sie in solchem Grade Gefühllosigkeit heucheln konnte, und ich machte mich über ihren Kopf her; aber ihre Lippen, die sie mir zum Gebrauch überließ und die ich über alle Maßen mißbrauchte, übten nicht mehr Wirkung als die anderen Teile ihres Körpers. Aus Verdruß, daß ich das Wunder der Auferstehung nicht an mir bewirken konnte, entschloß ich mich, einen Versuch aufzugeben, wobei ich eine so klägliche Rolle spielte; aber es war mir nicht möglich, großmütig zu sein, und um meine eigene Schande zu mildern, beschimpfte ich noch zuletzt die Gräfin mit den Worten, die ich mir später glücklicherweise oft selber vorgeworfen habe: »Es ist nicht meine Schuld, Madame, wenn Ihre Reize so wenig Macht über meine Sinne haben. Hier sind fünfzehntausend Franken, um Sie zu trösten.« Nach dieser schönen Rede entfernte ich mich. Meine Leser müssen mich verabscheuen, besonders meine Leserinnen, wenn ich deren jemals haben sollte; ich fühle dies und ich gebe ihnen recht, denn ich begreife sie; aber mögen sie die Güte haben, mit ihrem Haß noch etwas zu warten. Sie werden später sehen, daß der Instinkt mir auf eine fast prophetische Weise gedient hatte. Am anderen Morgen kam der Graf schon in aller Frühe mit sehr zufriedenem Gesicht auf mein Zimmer. »Meine Frau«, sagte er, »befindet sich sehr wohl und hat mich beauftragt, Ihnen guten Morgen zu sagen.« Ich hatte so etwas durchaus nicht erwartet und war daher einigermaßen erstaunt. »Ich bin entzückt,« fuhr er fort, »daß die fünfzehntausend Lire, die Sie ihr gegeben haben, nicht dieselben sind, die Sie vom Marchese empfingen. Ich hoffe, wie Triulzi selber, daß sein Geld Ihnen heute Nacht Glück bringen wird. »Ich werde nicht in die Oper gehen,« antwortete ich ihm, »sondern auf den Ball; ich werde alles aufbieten, um von niemandem erkannt zu werden.« Ich bat ihn demgemäß, mir einen ganz neuen Domino zu kaufen und auf dem Ball nicht in meine Nähe zu kommen, denn ich hoffte, nur von ihm allein erkannt zu werden. Als er fort war, setzte ich mich an meinen Schreibtisch; ich hatte eine Menge unerledigter Briefe. Gegen Mittag brachte der Graf mir meinen Domino; nachdem ich diesen sorgfältig eingeschlossen hatte, speisten wir mit der Gräfin, deren Miene und Ton mich in Erstaunen setzten. Ein heiteres Wesen, ein sanftes, höfliches und liebenswürdiges Benehmen, das vollkommen natürlich erschien, ließen sie mir so schön vorkommen, daß ich Gewissensbisse empfand, sie so beleidigend behandelt zu haben. Es erschien mir unbegreiflich, daß sie am Tage zuvor so gefühllos gewesen war, und ich fragte mich, ob die von mir selber bemerkten Anzeichen vom Gegenteil nicht etwa körperlichen Ursachen zuzuschreiben seien, die oft ohne Vorwissen wirken, besonders während des Schlafes. Sollte sie wirklich geschlafen haben, während ich sie so schmählich beschimpfte? Der Gedanke, daß dies so sein könnte, bereitete mir ein gewisses Vergnügen. Nachdem ihr Gatte uns allein gelassen hatte, sagte ich in zärtlichem und reuigem Ton zu ihr: »Ich erkenne an, daß ich ein Ungeheuer bin. Sie müssen mich verabscheuen!« »Sie ein Ungeheuer!« antwortete sie; »ich fühle mich aufs tiefste verpflichtet, und ich wüßte nicht, inwiefern Sie es an Rücksicht hätten fehlen lassen; Sie brauchen sich daher keine Vorwürfe zu machen.« Zärtlich und verwirrt bat ich sie um ihre Hand; aber im Augenblick, wo ich diese an meine Lippen führte, zog sie sie sanft zurück und gab mir einen Kuß. Die Reue trieb mir das Blut ins Gesicht. Nachdem ich wieder auf mein Zimmer gegangen war und meine Briefe versiegelt hatte, maskierte ich mich und ging auf den Ball. Ich trug nichts an mir, woran man mich hätte erkennen können. Ich hatte Uhren und Tabaksdosen eingesteckt, die bisher niemand bei mir gesehen hatte; ich wechselte sogar die Börsen, damit diese mich nicht verraten möchten. Nachdem ich mich so verkleidet hatte, um die Neugierigen auf eine falsche Fährte zu bringen, setzte ich mich an Cananos Tisch und begann auf eine ganz andere Weise zu setzen als an den vorhergehenden Tagen. Ich hatte in einer Börse hundert spanische Quadrupeln, soviel wie siebenhundert venetianische Zechinen. Es war das Gold, was ich von Greppi erhalten hatte; denn des von Triulzi empfangenen wollte ich mich nicht bedienen, damit der Marchese mich nicht erkennen könnte. Ich leerte meine Börse mit den Quadrupeln vor mir aus und hatte nach weniger als einer Stunde nicht eine einzige mehr vor mir. Ich stand auf, und alle Zuschauer traten zur Seite in dem Glauben, daß ich wie ein geschlagenes Heer den Rückzug antreten würde. Ich aber zog meine zweite Börse, schüttete sie vor mir aus und setzte, ohne wieder Platz zu nehmen, hundert Zechinen auf eine Karte. Ich fand sie günstig mit »Paroli« und dem »Sept-et-la-va.« Der Bankier gab mir mit freundlichem Gesicht meine hundert Quadrupeln zurück. Voller Hoffnung setzte ich mich wieder neben den Grafen Canano und begann von neuem zu spielen. Canano sah mich prüfend an. Ich hatte die Dose bei mir, die ich vom Kurfürsten von Cöln erhalten hatte und die auf dem Deckel das Bildnis des Fürsten trug. Als ich eine Prise nahm, machte der Bankier mir ein Zeichen, daß er auch eine wünschte. Ich gab ihm die Dose, die von mehreren Neugierigen angesehen wurde. Eine Frauenstimme, die ich nicht kannte, sagte, es sei das Porträt des Kurfürsten von Cöln in der Tracht des Großmeisters des Deutschen Ritterordens. Man gab mir das Kleinod zurück, und ich bemerkte, daß diese Dose mir Achtung verschaffte. Es gehört ja so wenig dazu, der Menge zu imponieren! Ich begann nun auf eine andere Art zu spielen: ich setzte fünfzig Zechinen auf eine Karte und spielte Paroli und Paix de Paroli. Mit Tagesanbruch hatte ich die Bank gesprengt. Canano sagte mir sehr höflich: wenn ich mir die Mühe sparen wolle, das ganze Gold mitzuschleppen, werde er es wiegen lassen und mir eine Anweisung für seinen Kassierer geben. Man brachte eine Wage, und es stellte sich heraus, daß ich vierunddreißig Pfund Gold gewonnen hatte – zweitausendachthundertsechsundfünfzig Zechinen. Canano schrieb mir eine Anweisung, ich entfernte mich mit langsamen Schritten und trat in den Ballsaal. Barbaro besaß die allen Venetianern eigentümliche Gabe, Menschen zu erkennen. Er hatte mich erkannt, redete mich an und wünschte mir Glück; als er jedoch sah, daß ich ihm nicht antwortete, erriet er, daß ich nicht erkannt sein wolle, und entfernte sich. Eine Frau, die als Griechin verkleidet war, sagte mir mit Falsettstimme, sie wünsche einen Kontertanz mit mir zu tanzen; sie trug eine orientalische Mütze, die mit herrlichen Brillanten bedeckt war, und einen Gürtel, der reich mit ebensolchen Edelsteinen so besetzt war, daß er einen Busen hervorhob, der einer Zirkassierin würdig war. Ich gab ihr durch ein Kopfnicken zu verstehen, daß ihr Wunsch mir angenehm sei. Als sie hierauf einen Handschuh auszog, sah ich eine alabasterweiße, weiche Hand, die mit einem herrlichen Solitär geschmückt war. Es war allem Anschein nach keine gewöhnliche Begegnung. Ich war sehr neugierig, suchte aber vergeblich zu erraten, wer die Dame sein könnte. Sie tanzte ausgezeichnet, aber wie eine Dame der großen Welt, und ich gab mir große Mühe, es ihr gleich zu tun. Ich war daher ganz in Schweiß gebadet, als der Kontertanz aufhörte. »Ihnen ist warm, schöner Tänzer!« sagte meine Partnerin, ihre süße Stimme verstellend; »Sie können sich in meiner Loge ausruhen.« Mir hüpfte das Herz vor Freude, und ich folgte ihr mit Vergnügen; als ich jedoch Greppi in der Loge fand, in die sie mich führte, zweifelte ich nicht, daß die zauberische Schönheit meine Teresa war. Dies ernüchterte mich ein wenig. Es war wirklich Teresa; sie demaskierte sich und wünschte mir Glück zu meinem Siege. »Aber, meine Liebe, wie haben Sie mich denn erkannt?« »An Ihrer Tabaksdose. Diese ist so indiskret gewesen, Sie meinen Augen zu enthüllen; denn sonst hätte ich niemals daran gedacht, Sie in dieser Verkleidung zu suchen.« »Sie glauben also, daß niemand erraten hat, wer ich bin?« »Niemand; es müßte denn die Dose auch anderen bekannt sein.« »Hier in Mailand hat kein Mensch die Dose gesehen.« Ich benutzte die Gelegenheit, Herrn Greppi die Cananosche Anweisung zu geben; ich erhielt eine Quittung dafür. Teresa lud uns für den nächsten Tag zum Abendessen ein, indem sie zu mir sagte: »Wir werden zu vieren sein.« Greppi war neugierig und wollte wissen, wer dieser vierte sei; ich aber erriet, daß es mein lieber Sohn Cesarino war, und ich täuschte mich nicht. Nachdem ich wieder in den Ballsaal hinuntergegangen war, griffen zwei hübsche Damen in Dominos mich von rechts und links an, indem sie mir sagten, Messer-grande erwarte mich vor der Tür. Als sie mich hierauf um Tabak baten, reichte ich ihnen eine Dose, worin sich ein unanständiges Bild befand. Ich besaß die Unverschämtheit, auf die Feder zu drücken und es ihnen zu zeigen. Sie sahen es sich an und sagten dann: »Pfui! Zur Strafe für Ihre Ungezogenheit sollen Sie niemals erfahren, wer wir sind!« Es tat mir leid, diesen schönen Masken mißfallen zu haben, denn sie schienen mir der Mühe wert zu sein, ihre Bekanntschaft zu machen; ich folgte ihnen, und als ich Barbaro sah, der alle Welt kannte, zeigte ich sie ihm und erfuhr mit großem Vergnügen, daß es die beiden schönen Marchesinnen Q. und F. waren. Ich versprach Barbaro, sie am nächsten Tage zu besuchen. Er sagte mir, der ganze Ball kenne mich jetzt; unsere Bank gehe hoch, doch werde wohl eine solche Kleinigkeit mir nicht der Mühe wert erscheinen. Gegen Ende des Balles, als es bereits heller Tag war, wurde ein venetianischer Barkarole von einer weiblichen Maske, die sehr hübsch mit Baute und schwarzem Mantel auf echt venetianische Art gekleidet war, angesprochen. Sie forderte den Barkarole heraus, sie zu überzeugen, daß er Venetianer sei, indem er die Furlana mit ihr tanze. Der Barkarole nahm an; man befahl der Musik, den Tanz zu spielen, aber die Maske, offenbar ein Mailänder, wurde ausgepfiffen, während die Hübsche mit der Laute zum Entzücken tanzte. Da dieser Tanz zu meinen Leidenschaften gehörte, lud ich die Unbekannte ein, ihn mit mir zu wiederholen. Sie war bereit; man bildete einen Kreis um uns, und da alle Welt Beifall klatschte, tanzten wir ihn noch einmal. Dies wäre genug gewesen; aber ein bildhübsches junges Mädchen, das als Schäferin gekleidet war und keine Maske trug, forderte mich auf, noch ein drittesmal mit ihr zu tanzen. Ich hatte nicht den Mut, ihr diese Bitte abzuschlagen, und sie tanzte wundervoll. Dreimal tanzte sie den Kreis doppelt herum und schien dabei zu schweben. Sie machte mich ganz atemlos. Zum Schluß flüsterte sie mir meinen Namen ins Ohr. Überrascht, aber bezaubert fragte ich sie nach dem ihrigen. Sie antwortete mir venetianisch, ich würde ihn erfahren, wenn ich sie in den »Drei Königen« aufsuchen wollte. »Sind Sie allein?« »Ich lebe mit meinen Eltern zusammen, und diese sind alte Freunde von Ihnen.« »Sie werden mich Montag sehen.« Wieviele Abenteuer in einer einzigen Nacht! Todmüde ging ich nach Hause; aber man ließ mich nur ein paar Stunden schlafen. Ich wurde geweckt und mit Gewalt gezwungen, mich anzuziehen. Die Gräfin, der Marchese, der Graf, die alle schon für Zenobias Hochzeit fertig waren, hetzten mich, indem sie sagten, es sei unhöflich, ein junges Ehepaar warten zu lassen. Alle drei machten mir die größten Komplimente über die Tapferkeit, womit ich das Glück gebändigt hätte. Ich sagte dem Marchese, sein Geld habe mir Glück gebracht, aber er antwortete mir, er wisse wohl, in wessen Hände das Geld gekommen sei. Diese Indiskretion des Grafen oder seiner Frau überraschte mich; denn sie schien mir allen Regeln zu widersprechen, die für derartige Intrigen gelten. »Canano«, fuhr der Marchese fort, »hat Sie an der Art erkannt, wie Sie Ihre Tabaksdose öffnen. Er erwartet uns zum Mittagessen. Er wünscht, daß Sie ihm hundert Pfund Gold abgewinnen, denn er hat eine Schwäche für Sie.« »Canano«, antwortete ich ihm, »ist ein feiner Beobachter und ein vornehmer Spieler. Ich wünsche durchaus nicht, ihm sein Geld abzugewinnen.« Wir gingen ins »Apfelkasino«; dort fanden wir etwa zwanzig brave Leute, die schon auf uns warteten, und das junge Paar, das sich an Komplimenten gar nicht genug tun konnte. Es kostete uns keine Mühe, die Gesellschaft in eine behagliche Stimmung zu bringen; im ersten Anfang hatte unser Erscheinen sie etwas aus der Fassung gebracht; aber ein bißchen Vertraulichkeit gab ihnen bald ihre Ungezwungenheit wieder. Wir gingen zu Tisch. Unter den Gästen waren fünf hübsche Mädchen; aber ich war zu sehr von Zenobia eingenommen, um an andere zu denken. Das Festmahl dauerte drei Stunden; es war so reichlich und die fremden Weine waren so ausgezeichnet, daß ich mir leicht denken konnte, meine fünfundzwanzig Zechinen würden wohl nicht gereicht haben. Es wurde sehr lustig, denn nachdem einige volle Gläser geleert waren, brachte ein jeder Gesundheiten aus; und da ein jeder seinen Nachbarn überbieten wollte, so wurde der größte Blödsinn mit Begeisterung vorgebracht. Hierauf hielt ein jeder sich für verpflichtet, uns etwas vorzusingen, und nicht alle waren Künstler. Wir lachten herzlich, aber auch wir erregten Heiterkeit durch unsere Improvisationen und Gesänge, in denen es uns gelang, Plumpheiten vorzubringen, die den derben Späßen der guten Leute nichts nachgaben. Als wir vom Tische aufstanden, gab es eine allgemeine Umarmung. Die Gräfin konnte sich nicht enthalten, laut aufzulachen, als sie ihre Wange den Lippen des Schneiders darbieten mußte, dem das Lachen der Gräfin als eine ganz besondere Huld erschien. Eine gute Musik ließ sich hören, und der Tanz begann. Nach den Regeln der Etikette wurde der Ball durch ein Menuett der schönen Neuvermählten mit dem jungen Ehemann eröffnet. Zenobia tanzte, wenn auch nicht gut, so doch wenigstens anmutig und nach dem Takt; der Schneider dagegen, der immer nur mit gekreuzten Beinen auf seinem Tisch gesessen war, tanzte auf eine so lächerliche Art, daß der Gräfin vor Lachen beinahe unwohl geworden wäre. Trotzdem mußte die stolze Spanierin mit dem Pavian tanzen, als ich mich nach dem Menuett Zenobias bemächtigte. Als das Menuett zu Ende war, begannen die Kontertänze. Diese dauerten bis zum Schluß des Balles, und zwischendurch wurden eine Menge Getränke und Erfrischungen aufgetragen. Die »Konfetti«, bunte Zuckerkügelchen, die man in Mailand noch besser als in Verdun macht, waren in verschwenderischem Überfluß vorhanden. Als wir fortgehen wollten, machte ich dem Ehemann meine Komplimente und erbot mich, seine Frau in meinem Wagen nach Hause zu bringen; er fand dies sehr ehrenvoll. Ich reichte also Zenobia meine Hand, um sie an den Wagen zu geleiten. Nachdem ich dem Kutscher befohlen hatte, im Schritt zu fahren, setzte ich die Neuvermählte wie ein Löschhorn auf mich und behielt sie in dieser Stellung bis an die Tür des Hauses. Zenobia stieg zuerst aus, und ich folgte ihr. Da ich jedoch bemerkte, daß meine Hosen von grauem Samt verdorben waren, so bat ich Zenobia, sie möchte ins Haus gehen, ich würde in einem Augenblick wieder bei ihr sein. In zwei Minuten hatte ich eine schwarze Atlashose angezogen; ich war wieder bei der Schönen, bevor ihr Mann angekommen war. Sie fragte mich, warum ich mich entfernt hätte, und als ich ihr sagte, die allzu sichtbaren Spuren unserer Liebestaten hätten einen schnellen Kleiderwechsel notwendig gemacht, dankte sie mir und küßte mich. Bald darauf kam der Mann mit seiner Schwester. Er dankte mir, indem er mich Gevatter nannte; und als er die so plötzlich eingetretene Veränderung meines Anzuges bemerkte, fragte er mich, wie ich diese Umwandlung so schnell habe vollziehen können. »Indem ich nach Hause gefahren bin und ihre liebe Frau allein habe in ihre Wohnung gehen lassen; ich bitte Sie dieserhalb um Verzeihung.« »Hast du denn nicht bemerkt,« sagte Zenobia schnell, »daß der Herr eine Tasse Kaffee über seine schönen Hosen ausgegossen hatte?« Der schlaue Schneider antwortete: »O, meine liebe Frau, ich bemerke nicht alles; das ist auch gar nicht notwendig. Aber du hättest den gnädigen Herrn nach seiner Wohnung begleiten sollen.« Über seinen eigenen Witz lachend, fuhr er dann fort: »Sind Sie mit der Hochzeit zufrieden gewesen?« »Sehr zufrieden, wie auch meine Freunde. Aber ich muß Ihnen noch Geld geben, lieber Gevatter, denn Sie haben mehr als fünfundzwanzig Zechinen ausgegeben. Sagen Sie mir, wieviel es macht.« »Nicht viel, eine Kleinigkeit. Ich werde Ihnen die Rechnung durch Zenobia schicken.« Es ärgerte mich, nicht daran gedacht zu haben, daß der Bursche den Hosenwechsel bemerken und daß er sich den Grund desselben denken würde. Indessen tröstete ich mich mit dem Gedanken, daß der Schneider ein kluger Mann war und daß er allem Anschein nach sich in sein Schicksal gefunden hatte. Weniger ehrgeizig als Cäsar wußte er sich damit zu begnügen, bei einer schönen Frau der zweite zu sein. Ich fuhr nach Hause. Nachdem ich dem Grafen, dem Marchese und der Gräfin, die mir für das gehabte Vergnügen dankten, gute Nacht gesagt hatte, ging ich zu Bett. Als ich aufwachte, erinnerte ich mich der Schäferin, die auf dem Opernball die Furlana so gut getanzt hatte. Ich beschloß, ihr einen Besuch zu machen. Ihre Schönheit hatte meine Teilnahme erregt; außerdem aber war ich neugierig, was das für ein Vater und eine Mutter wären, welche alte Bekannte von mir sein sollten. Ich machte meine Morgentoilette und ging zu Fuß nach den Drei Königen. Ohne einen Menschen zu fragen, ging ich in das Zimmer mit der Nummer, die das junge Mädchen mir genannt hatte. Ich stand starr vor Erstaunen, als ich mich jener Gräfin Rinaldi gegenüber befand, mit der vor sechzehn Jahren Zavoiski mich in der Locanda von Castelletto bekannt gemacht hatte. Der Leser wird sich erinnern, auf welche Weise Herr von Bragadino ihrem Gatten die Summe bezahlt hatte, die er mir im Spiel abgewonnen hatte. Frau Rinaldi war älter geworden; sie war aber noch ganz gut zu erkennen. Da ich für sie nur eine flüchtige Laune empfunden hatte, so überließ ich mich keinen Erinnerungen, die uns beiden keine Ehre machten, sondern sagte nur: »Ich bin entzückt, Sie wiederzusehen, gnädige Frau; leben Sie noch mit Ihrem Gatten zusammen?« »Sie werden ihn in einer halben Stunde sehen, mein Herr; er wird die Ehre haben, Ihnen seine Achtung zu bezeigen.« »Daraus mache ich mir nicht das Geringste, gnädige Frau; wir haben alte Händel miteinander, an die ich mich durchaus nicht erinnern möchte; also leben Sie wohl, meine Gnädige.« »Nein, nein! Ich bitte Sie, setzen Sie sich.« »Sie werden mir gütigst erlauben, dies nicht zu tun.« »Irene, suche den Herrn zurückzuhalten.« Auf diesen Befehl hin klammerte die reizende Irene sich an den Türgriff an, nicht mit der Miene eines knurrenden Kettenhundes, sondern wie ein Engel, der mit jenem innigen, furchtsamen und hoffnungsvollen Blick bittet, dessen Allmacht zärtliche Seelen so gut kennen. Ich fühlte mich in Fesseln geschlagen und sagte zu ihr: »Lassen Sie mich gehen, schöne Irene! Wir können uns anderswo wiedersehen.« »Oh! ich bitte Sie, warten Sie, bis mein Vater kommt! Schlagen Sie mir diese Bitte nicht ab!« Diese Worte waren von einem so zärtlichen Blick begleitet, daß meine Lippen sich auf die ihrigen pressen mußten. Irene hatte gesiegt. Was kann man einem jungen Mädchen abschlagen, das zu bitten versteht und dessen süßen Atem man in der sympathischen Berührung des Kusses einsaugt! Ich nahm einen Stuhl, und die junge Irene, ganz stolz auf ihren Sieg, setzte sich auf meinen Schoß und überschüttete mich mit Liebkosungen. Ich fragte die Gräfin, wann und wo Irene geboren sei. »In Mantua,« antwortete sie, »drei Monate nach meiner Abreise von Venedig.« »Und wann reisten Sie von Venedig ab?« »Sechs Monate, nachdem ich Ihre Bekanntschaft gemacht hatte.« »Das ist ein eigentümliches Zusammentreffen, meine Gnädige; wenn ich ein zärtliches Verhältnis mit Ihnen gehabt hätte, so könnten Sie mir sagen, Irene sei meine Tochter; ich möchte dies glauben, denn die Leidenschaft, die sie mir einflößt, klingt wie die Stimme des Blutes.« »Ihr Gedächtnis ist nicht sehr treu, mein Herr; das wundert mich.« »Oh! gewisse Sachen vergesse ich niemals; dafür kann ich Ihnen bürgen. Aber ich errate Ihre Absicht: Sie wollen, daß ich die Gefühle niederhalte, die Ihre Tochter mir einflößt; ich bin damit einverstanden, aber es wird Ihr Schade sein.« Irene war bei diesem kurzen Gespräch verstummt; gleich darauf aber faßte sie neuen Mut und sagte mir, sie sehe mir ähnlich. »Dabei würden Sie schlecht wegkommen, Irene; wenn Sie mir ähnlich sähen, wären Sie weniger hübsch.« »Das glaube ich nicht; denn ich für meinen Teil finde Sie sehr schön.« »Das ist schmeichelhaft für mich.« »Bleiben Sie bei uns zum Essen!« »Nein, wenn ich bliebe, könnte ich in Sie verliebt werden, und dies würde mich unglücklich machen, wenn ich, wie Ihre Mutter behauptet, Ihr Vater wäre.« »Ich habe nur gespaßt,« sagte die Gräfin; »Sie können Irene mit ruhigem Gewissen lieben.« »Das ist was anderes.« Irene ging hinaus, und ich sagte zu der Mutter: »Ihre Tochter gefällt mir; aber ich will nicht lange schmachten und auch nicht angeführt werden.« »Sprechen Sie mit meinem Mann darüber. Wir sind in Not, und man erwartet uns in Cremona.« »Aber Ihre Tochter hat doch gewiß einen Liebhaber?« »Nein.« »Aber sie hat doch einen gehabt?« »Das waren immer nur Tändeleien.« »Das ist unglaublich.« »Aber vollkommen wahr. Irene ist unberührt.« In diesem Augenblick trat Irene mit ihrem Vater ein. Der Graf war so alt geworden, daß ich ihn sonst gewiß nicht erkannt hätte. Er umarmte mich und bat mich, das Vergangene zu vergessen und nicht darüber zu sprechen. »Nur Sie«, fuhr er fort, »können mich aus der Verlegenheit retten, indem Sie mir die Mittel verschaffen, nach Cremona zu reisen. Ich habe alles versetzt, habe Schulden und schwebe in Gefahr, ins Schuldgefängnis geworfen zu werden. Kein Mensch kommt zu mir; die einzigen Besucher sind bettelhafte Lumpen, die meiner Tochter nachstellen. Das liebe Kind ist das einzige Gut, das ich noch habe. Diese Uhr von Pinsbeck wollte ich verkaufen; darum war ich ausgegangen. Ich habe die Hälfte ihres Wertes verlangt – sechs Zechinen; man hat mir nur zwei geboten. Wenn ein Mensch einmal im Unglück ist, verschwört alles sich, um ihn zu Boden zu drücken.« Ich gab ihm sechs Zechinen, nahm dafür die Uhr und schenkte diese Irenen. Sie sagte mir lachend: »Ich kann Ihnen nicht dafür danken, denn Sie geben mir nur mein Eigentum wieder; aber ich danke Ihnen für das Geschenk, das Sie meinem Vater gemacht haben. Hier!« fuhr sie, ernst werdend, fort, indem sie sich an ihren Vater wandte: »Sie können sie noch einmal verkaufen.« Über diese Wendung mußte ich herzlich lachen. Ich umarmte und küßte Irene, gab hierauf dem Grafen noch zehn Zechinen und sagte ihm, ich hätte eilige Geschäfte und würde ihn in drei oder vier Tagen wiedersehen. Irene begleitete mich die Treppe hinunter, und nachdem sie mir erlaubt hatte, mich zu vergewissern, daß sie noch im Besitze ihrer Rose war, schenkte ich ihr noch zehn Zechinen und sagte ihr, ich würde ihr hundert geben, wenn sie das erstemal allein mit mir auf den Ball ginge. Sie antwortete mir, sie würde es ihrem Vater sagen. Ich war gewiß, daß der arme Teufel schon vor dem ersten Ball Irene zu meiner Verfügung stellen würde, und da ich nicht wußte, wohin ich sie führen sollte, um ohne Zwang mit ihr beisammen zu sein, so blieb ich vor einem Anhängeschild stehen, das neben dem Laden eines Pastetenbäckers hing. Dort war eine Wohnung zu vermieten. Die Straße war einsam und ganz für eine geheimnisvolle Liebe geschaffen. Dies gefiel mir. Ich wandte mich an den Pastetenbäcker; er sagte mir, das Haus gehöre ihm, und seine sehr hübsche Frau, die ein Püppchen an der Brust hatte, sagte mir, sie würde die Ehre haben, mit mir hinauf zu gehen, um mir die Zimmer zu zeigen. Wir gingen nach dem dritten Stock; aber das waren lauter armselige Löcher, die mir nicht passen konnten. »Der erste Stock«, sagt die Frau zu mir, »besteht aus vier untereinander zusammenhängenden Zimmern, aber wir können diese nur zusammen vermieten.« »Zeigen Sie sie mal! – Gut, meine Liebe; das ist gerade, was ich suche. Und der Preis?« »Den können Sie mit meinem Mann abmachen.« »Und mit Ihnen kann man nichts abmachen?« Mit diesen Worten gab ich ihr einen Kuß, den sie auf das liebenswürdigste hinnahm; aber sie roch nach Milch; dies war mir immer ekelhaft, und ich ging daher trotz der blühenden Schönheit meiner neuen Wirtin nicht weiter. Nachdem ich mit dem Hauswirt die Bedingungen vereinbart hatte, bezahlte ich ihm gegen Quittung einen Monat im voraus. Wir vereinbarten, daß ich völlig ungestört ein- und ausgehen könnte und daß er mir nach meinem Wunsch Essen liefern sollte, übrigens gab ich ihm irgendeinen gewöhnlichen Namen an, so daß er nicht einmal wußte, mit wem er zu tun hatte; aber daraus schien er sich auch sehr wenig zu machen. Da ich mit Barbaro verabredet hatte, die schönen Marchesinnen zu besuchen, so machte ich eine glänzende Toilette. Ich speiste hierauf recht mäßig mit der Gräfin zusammen, die sich gut und liebenswürdig zeigte, mir aber trotzdem nicht ganz gefiel. Dann suchte ich meinen Landsmann auf, und wir begaben uns zusammen zu den beiden jungen Damen. Ich sagte zu ihnen: »Ich möchte Sie um Verzeihung bitten, daß ich Ihnen das geheime Bild meiner Tabaksdose gezeigt habe.« Sie erröteten und schalten Barbaro aus, denn sie konnten sich wohl denken, daß er sie verraten hatte. Ich fand die beiden Basen, abgesehen von jedem Vorurteil, weit schöner als Irene, die mich in diesem Augenblick beschäftigte; nur erschreckte mich ihr vornehmer Ton, die ehrfurchtsvolle Achtung, die sie zu fordern schienen. Ich hatte keine Lust, lange zu schmachten. Irenes Lage dagegen war für mich sehr bequem; ich konnte sie in meinen Besitz bringen und dadurch zugleich ihren Eltern einen sehr bedeutenden Dienst erweisen; hier dagegen hatte ich zwei sehr vornehme Fräuleins vor mir, die den üblichen Adelsstolz besaßen – ein Stolz, der sie unter die niedrigsten Klassen erniedrigt, aber auf die Dummen, deren es überall so viele gibt, stets großen Eindruck macht. Außerdem war ich nicht mehr in jenem glänzenden Alter, wo man niemals an sich selber zweifelt, und ich fürchtete, mein Äußeres hätte nicht die Macht, sie zu besiegen. Barbaro hatte mir allerdings Hoffnung gemacht, daß ich vielleicht mit dem großen Mittel der Geschenke zum Ziel kommen könnte; wenn ich jedoch an die Worte des Marchese Triulzi dachte, so fürchtete ich, die Bemerkung meines Landsmannes sei weiter nichts als eine Vermutung gewesen. Als die Gesellschaft zahlreich geworden war, wurde der Vorschlag gemacht, zu spielen. Ich machte kleine Einsätze wie Fräulein von Q., an deren Seite ich saß. Ihre Tante, die Dame des Hauses, hatte mich einem sehr hübschen jungen Herrn in österreichischer Offiziersuniform vorgestellt; dieser setzte sich an meine andere Seite. Mein lieber Landsmann hielt die Karten wie ein richtiger Spitzbube; das gefiel mir nicht. Nachdem das Spiel vier Stunden gedauert hatte, sah meine schöne Nachbarin sich zum Schlusse im Besitze einiger gewonnener Zechinen; mein Nachbar dagegen, der all sein bares Geld verloren und hierauf auf Wort gespielt hatte, war etwa zehn Louis schuldig. Die Bank hatte einschließlich der Schuld des jungen Offiziers fünfzig Zechinen gewonnen. Als wir uns entfernten, erwies der junge Herr, der einen weiten Weg nach Hause hatte, mir die Ehre, in meinen Wagen zu steigen. Unterwegs sagte Barbaro uns, er wolle uns mit einer kürzlich angekommenen jungen Venetianerin bekannt machen. Der junge Offizier fing Feuer und drang in ihn, er solle uns sofort hinführen. Er tat dies. Sie war eine ziemlich gut gewachsene junge Person, interessierte aber weder mich noch den hübschen Offizier. Während Kaffee für uns gemacht wurde und Barbaro die Schöne unterhielt, nahm ich ein Spiel Karten und zog zwanzig Zechinen aus meiner Börse. Es kostete mir keine große Mühe, um den jungen Offizier zu überreden, eine gleiche Summe auf Wort einzusetzen. Während er spielte, sprach ich von der Leidenschaft, die die junge Marchesina mir eingeflößt habe. Er sagte mir, sie sei seine Schwester. Ich wußte dies, stellte mich aber, wie wenn ich überrascht wäre, und fuhr in meinen Lobpreisungen fort. Als er ganz mit seinem Spiel beschäftigt war, sagte ich ihm, ich sei in Verlegenheit, wie ich der Marchesina meine Liebe ausdrücken solle, und wisse keinen anderen, als ihn, um mich zu empfehlen. Er lachte über meine Dringlichkeit und gab mir nur eine ausweichende Antwort, da er wohl glaubte, daß ich nur scherzte. Als er jedoch bald bemerkte, daß ich, von meiner Leidenschaft sprechend, nicht an mein Spiel dachte, versprach er mir, er wolle mir behilflich sein, und es dauerte nicht lange, so hatte er nur die zwanzig Zechinen abgewonnen; er bezahlte sie sofort an Barbaro. Im Übermaß seiner Freude umarmte er mich so herzlich, wie wenn ich ihm das Geld geschenkt hätte. Er sagte mir, er werde nach besten Kräften für meine Interessen eintreten, und als wir uns trennten, versprach er mir freiwillig, er wolle mir bei unserem nächsten Zusammentreffen günstigen Bescheid geben. Ich sollte mit Greppi und meinem Sohn bei Teresa zu Abend speisen; da ich aber noch einen Augenblick Zeit hatte, so ging ich in die Oper. Es wurde bereits der dritte Akt gegeben, und ich ging daher in den Spielsaal. Ich konnte der Versuchung nicht widerstehen und verlor in einer einzigen Taille zweihundert Zechinen. Ich hörte auf und lief in fast fluchtähnlicher Eile aus dem Saal. Canano schüttelte mir die Hand und sagte mir, er erwarte jeden Tag, das Glück zu haben, mich mit dem Marchese bei sich zu sehen; ich versprach ihm, an einem der nächsten Tage zu kommen. Bei Teresa fand ich Greppi, der auf sie wartete. Eine Viertelstunde darauf kam sie mit Don Cesarino. Ich bedeckte ihn mit Küssen, während Greppi starr vor Verwunderung den schönen Jungen ansah, in dem er nur meinen Bruder oder meinen Sohn erblicken konnte. Teresa sagte ihm jedoch, Cesarino sei ihr Bruder. Dies machte den Bankier vollends irre, und er fragte mich, ob ich ihre Mutter besonders gut gekannt hätte. Ich bejahte diese Frage, und nun war er zufrieden. Das Abendessen war ausgezeichnet zubereitet; aber ich hatte nur für meinen Sohn Augen. Ich fand den jungen Mann verständig, wohl unterrichtet und ausgezeichnet erzogen. Er war viel größer geworden, seitdem ich ihn zuletzt in Florenz gesehen hatte, und hatte sich geistig ebensosehr entwickelt wie körperlich. Cesarinos Gegenwart machte unser Abendessen ernst, aber angenehm. Schönheit und reine Jugend breitet einen unaussprechlichen Zauber über unser Leben aus; ihre Unschuld flößt Achtung und Zurückhaltung ein. Um ein Uhr morgens entfernten wir uns; sehr zufrieden mit meinem Tagewerk legte ich mich zu Bett, denn aus dem Verlust der zweihundert Zechinen machte ich mir nichts. Beim Aufstehen erhielt ich ein Briefchen von Irene, die mich beschwor, bei ihr vorzusprechen. Ihr Vater hätte ihr erlaubt, mit mir auf den Ball zu gehen; sie hätte auch bereits einen Domino, aber sie müßte unbedingt mit mir sprechen. Ich schrieb ihr, ich würde sie im Laufe des Tages besuchen. Ich hatte dem Marchese Triulzi gemeldet, ich würde an diesem Tage zu Canano gehen, und er hatte mir sagen lassen, er erwarte mich in seiner Wohnung. Wir fanden den edlen Spieler in einem schönen Hause, das mit Eleganz eingerichtet war und in allem den Geschmack und den Reichtum des Besitzers verriet. Er stellte mich zwei sehr hübschen Damen vor, von denen die eine seine Geliebte war, sowie fünf oder sechs Marchesen; denn in Mailand ist ein Adeliger zum mindesten Marchese, wie in Vicenza lauter Grafen sind. Er gab uns ein prachtvolles Mahl, das durch die geistreichste Unterhaltung belebt wurde. In einem heiteren Augenblick sagte er mir, er habe schon vor siebzehn Jahren die Ehre gehabt, mich kennen zu lernen, und zwar gelegentlich eines Handels, den ich mit einem gewerbsmäßigen Spieler, einem angeblichen Grafen Celi gehabt habe; ich habe diesem eine hübsche Tänzerin entführt und mit mir nach Mantua genommen. Ich gab die Tatsache zu und erheiterte die Gesellschaft, indem ich erzählte, was mir in Mantua mit O'Neilan und später in Cesena passiert war, wo ich den Grafen Celi wiedergefunden hatte, der inzwischen Graf Alfani geworden war. Man sprach von dem Ball, der am nächsten Tage stattfinden sollte, und lachte, als ich sagte, ich würde nicht hingehen. »Ich wette mit Ihnen,« sagte Canano zu mir, »daß ich Sie erkennen werde, wenn Sie zu meiner Bank kommen.« »Ich will nicht mehr spielen, mein lieber Graf,« antwortete ich ihm. »Um so besser,« versetzte Canano, »denn obgleich Sie im Setzen nicht glücklich sind, so gewinnen Sie mir doch Geld ab. Übrigens ist dies nur scherzhaft gemeint. Kommen Sie nur! Ich will gern die Hälfte meines Vermögens an Sie verlieren.« Graf Canano trug am Finger einen strohfarbenen Diamanten, der fast ebenso schön wie der meinige war; er hatte ihm zweitausend Zechinen gekostet, während ich für den meinigen dreitausend bezahlt hatte. Er machte mir den Vorschlag, die beiden Ringe gegeneinander auszuspielen, vorher aber sie aus der Fassung nehmen und abschätzen zu lassen. »Wann?« »Bevor wir in die Oper gehen.« »Mir ist es recht; aber nur in zwei Abzügen und indem wir jeder eine Taille halten.« »Nein, ich setze niemals.« »Dann schlage ich vor, das Spiel gleich zu machen.« »Auf welche Weise?« »Indem wir die Doppelschläge ungültig machen und die beiden letzten Karten nicht abziehen. »Dann würden Sie den Vorteil haben.« »Beweisen Sie mir dies, und ich will hundert Zechinen verloren haben. Außerdem wette ich so hoch wie man will, daß trotz der Annullierung der Doppelschläge und dem Weglassen der beiden letzten Karten das Spiel doch vorteilhaft für den Bankhalter ist.« »Können Sie dies beweisen?« »Ja, ich werde es unwiderleglich beweisen, und ich überlasse die Entscheidung dem Marchese Triulzi.« Man bat mich, den Beweis ohne Wette zu führen, und ich sagte nun: »Der Vorteil des Bankhalters ist ein doppelter: der eine, und zwar der kleinere besieht darin, daß Sie, indem Sie die Karte halten, auf nichts anderes zu achten brauchen, als daß Sie niemals verkehrt abziehen; diese Aufmerksamkeit stört nicht im mindesten die Ruhe, die ein jeder bedarf; wer dagegen setzt, verliert den Kopf, indem er sich das Gehirn abmartert, um die Karten zu erraten, die die größeren Aussichten haben, günstig für ihn zu schlagen. Der zweite Vorteil liegt in der Zeit. Der Bankhalter zieht seine Karte mindestens eine Sekunde früher ab als die des Spielers; so geht also sein Glück dem des Gegners vorauf.« Niemand antwortete; aber nach kurzem Überlegen sagte Marchese Triulzi, um bei Glücksspielen vollkommene Gleichheit herzustellen, müßten beide Spieler einander völlig gleich sein, und dies sei beinahe unmöglich. »Dies alles ist für mich zu hoch,« sagte Canano; »ich bekenne, daß ich nichts davon verstehe.« Im Grunde war die Sache nicht schwer zu verstehen. Nach dem Essen ging ich in die Drei Könige, um zu hören, was Irene mir zusagen hatte, zugleich auch, um mich an ihrer Gesellschaft zu freuen und um ihren Charakter kennen zu lernen, ehe sie die meinige würde. Als sie mich erblickte, lief sie auf mich zu, fiel mir um den Hals und küßte mich; aber ihr Eifer war zu groß, und ich nahm daher ihre Liebkosungen nicht für bare Münze. Ich wußte jedoch seit langer Zeit, daß man nicht lange vorher philosophieren darf, wenn man genießen will; denn man läuft Gefahr, dadurch dem Genuß die Hälfte seiner Süße zu rauben. Wenn Irene beim Tanz der Furlana einen tiefen Eindruck auf mich gemacht hatte, warum konnte nicht auch ich ihr gefallen haben, wenngleich ich zwanzig Jahre älter war als sie? Ich sah keinen Grund zu unbedingtem Zweifel und mußte mir an der Möglichkeit genügen lassen, da ich ja nicht beabsichtigte, sie zu meiner Frau zu machen. Vater und Mutter empfingen mich als ihren Retter, und ich durfte ihre Freundlichkeit für aufrichtig halten. Der Graf bat mich, einen Augenblick mit ihm hinauszugehen. Draußen vor der Tür sagte er zu mir: »Verzeihen Sie einem alten Mann, den das Glück mißhandelt hat; verzeihen Sie vor allen Dingen einem Vater, der sich einiges Unrecht Ihnen gegenüber vorzuwerfen hat, eine unbescheidene Frage: Ist es wahr, daß Sie Irenen hundert Zechinen versprochen haben, wenn ich ihr erlaube, allein mit Ihnen auf den Ball zu gehen?« »Das ist vollkommen wahr, und Sie begreifen wohl, welche Folgen dies haben wird.« Kaum hatte ich dies gesagt, so packte der arme alte Gauner mich auf eine Weise beim Kopf, daß ich Angst bekommen hätte, wenn ich nicht doppelt so stark gewesen wäre als er; ich hatte jedoch nichts zu befürchten, denn er wollte mich nur umarmen. Wir gingen wieder ins Zimmer; ich lachte, er aber vergoß Freudentränen. Er eilte auf seine Frau zu, die gleich ihm an ein so großes Glück nicht glauben konnte. Irene aber machte den Auftritt vollends komisch, indem sie in sentimentalem Ton zu mir sagte: »Sie müssen mich nicht für lügenhaft halten und müssen nicht denken, meine Eltern hätten geglaubt, daß ich ihnen etwas vorgelogen hätte. Sie haben nur gedacht, ich hätte aus Versehen hundert anstatt fünfzig verstanden, wie wenn ich eine so große Summe nicht wert wäre.« »Du bist tausend wert, reizende Irene! Du hast die Tür zugehalten, damit ich nicht fortgehen sollte, und dein Mut hat mir gefallen. Aber ich möchte dich im Domino sehen, denn ich will nicht, daß man an deinem Anzug etwas auszusetzen findet.« »Oh! Sie werden meinen Domino sehr hübsch finden.« »Sind dies deine Schuhe und deine Schnallen? Hast du keine anderen Strümpfe? Und hast du Handschuhe?« »Mein Gott, ich habe nichts.« »Schnell! Laß alles holen, was du brauchst. Laß Waren kommen; wir werden aussuchen, und ich bezahle.« Rinaldi ging fort, um einen Juwelier, einen Strumpfhändler, einen Schuster und einen Parfümeriekrämer kommen zu lassen. Ich gab etwa dreißig Zechinen aus und kaufte alles, was sie nach meiner Ansicht notwendig haben mußte; als ich aber sah, daß an ihrer Maske keine englische Spitze war, machte ich Lärm. Ihr Vater ließ auf meinen Befehl eine Modistin heraufkommen, und ich ließ von dieser die Maske mit einer Elle Blonden besetzen, die mir zwölf Zechinen kostete. Irene war stumm vor Überraschung; ihre Eltern aber hätten es lieber gesehen, wenn das viele Geld in ihre eigene Tasche gekommen wäre; im Grunde dachten sie darin ganz vernünftig. Als ich Irene angezogen sah, fand ich sie entzückend; ich begriff, wie wichtig es für Frauen ist, gut angezogen zu sein. »Halte dich morgen vor dem Beginn der Opernvorstellung bereit,« sagte ich zu ihr; »denn ehe wir auf den Ball gehen, werden wir allein miteinander in einer Wohnung speisen, die mir gehört, und wo wir völlig ungestört sein werden. Du weißt, was dich erwartet!« rief ich, indem ich sie umarmte. Ihre Antwort war ein feuriger Kuß. Als ich mich vom Vater verabschiedete, fragte er mich, wohin ich von Mailand aus zu gehen gedächte. »Nach Marseille; von dort nach Paris und dann nach London, wo ich ein Jahr zu verbringen gedenke.« »Glückliche Flucht aus den Bleikammern!« »Allerdings; aber ich habe dabei mein Leben aufs Spiel gesetzt.« »Gewiß haben Sie Ihr Glück verdient.« »Glauben Sie? Ich mache nur davon Gebrauch, um ein lustiges Leben zu führen.« »Es wundert mich, daß Sie nicht eine Geliebte haben, die mit Ihnen reist.« »Ich will mein eigener Herr sein. Wenn ich eine Geliebte auf dem Halse hätte, wäre das viel unbequemer für mich als eine Frau; sie würde mich verhindern, den tausend Liebschaften nachzugehen, die ich in allen Städten finde, wo ich mich aufhalte. Sehen Sie: wenn ich eine Geliebte hätte, würde diese mich verhindern, morgen Ihre reizende Irene auf den Ball zu führen.« »Sie denken wie ein Weiser.« »Gewiß; allerdings ist meine Weisheit nicht allzu sittenstreng.« Am Abend ging ich in die Oper; ich würde jedenfalls gespielt haben, traf jedoch Cesarino im Parkett und verbrachte zwei entzückende Stunden mit ihm. Er eröffnete mir sein Herz und bat mich, mit seiner Schwester zu sprechen, sie möchte ihn doch seiner Neigung folgen lassen. Er fühlte sich unwiderstehlich berufen, Seemann zu werden. Er sagte mir, wenn er Handel treibe, könne diese Neigung ihm ein großes Vermögen einbringen. Ich versprach ihm, seinen Wunsch zu erfüllen. Nachdem ich mit dem prächtigen Jüngling ein mäßiges Abendessen eingenommen hatte, ging ich zu Bett. Am nächsten Morgen lud der junge Offizier, der Bruder der Marchesina Q., sich bei mir zum Frühstück ein; er sagte mir, er habe mit seiner Schwester gesprochen und diese habe ihm geantwortet, ich hätte mich ganz gewiß nur über ihn lustig gemacht; denn es sei nicht glaublich, daß ich bei solchem Lebenswandel, wie ich ihn führte, an Heiraten dächte. »Ich habe Ihnen ja nicht gesagt, daß ich nach der Ehre strebe, ihr Gatte zu werden.« »Nein; ich habe ihr das auch nicht gesagt; aber darauf wollen die jungen Mädchen immer hinaus.« »Die Ehre gebietet mir, ihr unverzüglich diesen Irrtum zu benehmen.« »Daran werden Sie gut tun; in solchen Fällen kommt man immer allein am weitesten. Gehen Sie um zwei Uhr hin; ich bin zum Mittagessen dort, und da ich etwas mit meiner Base zu besprechen habe, so werde ich Sie mit der anderen ungestört allein lassen.« Diese Anordnung konnte mir nur angenehm sein. Als ich sah, daß mein Schwager in spe ein kleines, goldenes Büchschen bewunderte, das auf meinem Nachttisch lag, bat ich ihn, es als freundschaftliche Erinnerungsgabe anzunehmen. Er umarmte mich, steckte die Büchse in die Tasche und versicherte mir, er werde sie sein Leben lang behalten. »Ja, bis sie Ihnen die Huld irgend einer Schönen verschaffen kann.« Da ich die Gewißheit hatte, mit Irene sehr gut zu Abend zu speisen; so aß ich nicht zu Mittag. Der Graf war am Tage vorher nach Sant' Angelo gereist, fünfzehn Miglien von Mailand; da die Gräfin allein zurückgeblieben war, konnte ich nicht umhin, ihr einen Besuch auf ihrem Zimmer zu machen, um mich zu entschuldigen, daß ich nicht die Ehre haben werde, ihr bei Tisch Gesellschaft zu leisten. Sie war sehr liebenswürdig und antwortete mir auf das freundlichste, ich solle mir nur ja keinen Zwang antun. Ich durchschaute wohl ihre Falschheit; aber sie sollte glauben, daß ich mich dadurch irre führen ließe. Denn dies war für mich von Vorteil. Ich machte mir nichts daraus, von ihr für einen Gecken gehalten zu werden, und sagte daher, ich sei nicht undankbar und werde sie in der Fastenzeit dafür entschädigen, daß mein ausschweifendes Leben mich während des Karnevals verhindere, ihr fleißiger den Hof zu machen. Glücklicherweise sei ja die Fastenzeit nicht mehr fern. »Ich hoffe es,« sagte die hinterlistige Spanierin mit einem bezaubernden Lächeln, dessen nur eine Frau fähig ist, wenn ihr Herz von giftiger Rachsucht verzehrt wird. Mit diesen Worten bot sie mir eine Prise Tabak an und nahm selber eine. »Aber was ist denn das, liebenswürdige Gräfin? Dies ist ja kein Tabak.« »Nein, es ist ein ausgezeichnetes Pulver gegen Kopfschmerzen; es verursacht Nasenbluten.« Ich ärgerte mich, das Pulver genommen zu haben, sagte ihr aber lachend, ich hätte keine Kopfschmerzen und blutete nicht gerne aus der Nase. »Man blutet nicht sehr stark,« antwortete sie lächelnd, »und das Mittel kann nur angenehm wirken.« Kaum hatte sie diese Worte gesagt, so niesten wir beide vier- oder fünfmal gleichzeitig; ich wäre nun allen Ernstes böse geworden, wenn ich sie nicht hätte lachen sehen. Da ich die Eigenschaft aller Niespulver kannte, so glaubte ich nicht, daß wir bluten würden; aber ich irrte mich. Einen Augenblick darauf fühlte ich einen Blutstropfen, und sie nahm eine silberne Waschschüssel, die auf ihrem Nachttisch stand. »Treten Sie näher,« sagte sie zu mir, »denn ich fange ebenfalls an zu bluten.« So bluteten wir denn nun, Stirn an Stirn gelehnt, in einer höchst komischen Stellung in dieselbe Schüssel hinein. Nachdem auf beiden Seiten etwa dreißig Tropfen geflossen waren, hörte das Bluten auf. Da ich sie immer noch lachen sah, so glaubte ich wohl daran zu tun, wenn ich darin einstimmte. Wir wuschen uns mit kaltem Wasser in einer anderen Schüssel. »Die Vermischung unseres Blutes«, sagte sie, fortwährend lachend, »wird eine süße Sympathie zwischen uns beiden hervorrufen, und wahrscheinlich eine Freundschaft, die ›nur mit dem Tode des einen von uns enden wird‹.« Ich maß diesen Worten keine Bedeutung bei, aber die hinterlistige Spanierin hoffte, wie der Leser bald sehen wird, daß diese Freundschaft nicht lange dauern würde. Ich bat mir ein wenig von dem Pulver aus; als sie mir jedoch meine Bitte abschlug, begnügte ich mich, sie nach dem Namen desselben zu fragen. »Ich kenne ihn nicht,« sagte sie, »eine Freundin hat mir das Pulver geschenkt.« Beunruhigt durch die Wirkung dieses Pulvers, die ich für unglaublich gehalten haben würde, wenn ich nicht selbst die Erfahrung damit gemacht hätte – denn ich hatte nie vorher von einem solchen etwas gehört – ging ich sofort zu einem Apotheker; aber dieser Diaphorus war nicht klüger als ich. Er sagte mir allerdings, die Euphorbia könne zuweilen ein Nasenbluten hervorbringen. Aber es handelte sich nicht um ein »Zuweilen«, sondern um eine beständige Wirkung. Das geringfügige Ereignis veranlaßte mich zu ernsthaftem Nachdenken. Die Gräfin war Spanierin, und sie mußte mich hassen; dies waren zwei Gründe, die einem Nasenbluten eine Bedeutung geben konnten, deren Tragweite ich nicht ahnte. Ich ging zu den schönen Marchesinen und fand den reizenden jungen Mann im Gartensaal bei seiner Base, die mit Schreiben beschäftigt war. Fräulein von Q. war im Garten. Sie hatten bereits zu Mittag gegessen. Unter dem Vorwande, die Schreiberin nicht stören zu wollen, ging ich zur Schwester des jungen Offiziers. Ich machte ihr eine Verbeugung und sagte: »Ich bedauere recht sehr eine Verwechslung, die mich in Ihren Augen als einen urteilslosen Gecken erscheinen lassen könnte. Ich komme zu Ihnen in der Hoffnung, mich rechtfertigen zu können.« »Ich errate, worum es sich handelt; aber seien Sie überzeugt, mein Bruder hat sich nichts Böses dabei gedacht, lassen Sie ihn glauben, was er will. Meinen Sie, ich hätte Sie eines solchen Schrittes für fähig gehalten, während wir uns doch kaum kennen?« »Sie beruhigen mich.« »Ich glaubte, Ihrer Galanterie die Wendung geben zu müssen, wie wenn ich an eine Heirat dächte, weil mein Bruder, der noch zu jung ist, sie sonst ungünstig hätte auslegen können.« »Ich bewundere Ihren Geist und habe nichts mehr zu sagen. Indessen bin ich Ihrem Herrn Bruder doch Dank schuldig, denn durch ihn haben Sie erfahren, daß Ihre Reize einen tiefen Eindruck auf mein Herz gemacht haben. Ich bin bereit, alles zu tun, um Sie von meiner zärtlichen Neigung zu überzeugen.« »Diese Erklärung mißfällt mir nicht; aber Sie hätten besser getan, meinen Bruder nicht in die Geheimnisse Ihrer Gefühle einzuweihen; ja, Sie hätten sogar – gestatten Sie mir, Ihnen dies zu sagen – mir Ihre Gefühle verschweigen müssen. Sie hätten mich lieben können, ohne daß ich etwas davon merkte, oder ich hätte wenigstens tun können, wie wenn ich es nicht merkte. Dadurch hätte ich meine Unbefangenheit bewahrt, während ich jetzt mich in acht nehmen und auf der Hut sein muß. Geben Sie dies zu?« »Sie sehen mich starr, schöne Marchesina; niemals hat mich ein Mensch gründlicher von meiner Dummheit überzeugt. Eigentümlich finde ich nur, daß alles, was Sie mir soeben gesagt haben, mir vollkommen bekannt war; aber Sie haben mir den Kopf verdreht; darf ich hoffen, daß Sie nicht die Grausamkeit haben werden, mich dafür zu bestrafen?« »Aber ich bitte Sie, wie könnte ich Sie dafür bestrafen?« »Indem Sie mich nicht lieben.« »Ach! Hängt es denn von uns ab, ob wir lieben oder nicht lieben? Man zwingt uns zu lieben, und da sind wir verloren.« Ich legte diese letzten Worte zu meinem Vorteil aus und glaubte, von etwas anderem sprechen zu müssen. Ich fragte sie, ob sie am Abend auf den Ball gehen würde. »Nein.« »Vielleicht würden Sie unerkannt gehen?« »Das möchte ich gern, aber es ist unmöglich. Es findet sich stets jemand, der uns kennt.« »Wenn ich den Vorzug hätte, Ihnen zu dienen, so würde ich meinen Kopf zum Pfände setzen, daß kein Mensch Sie erkennen sollte.« »Ich glaube nicht, daß Sie bereit sein würden, sich mit uns zu beschäftigen.« »Es freut mich, daß Sie ein bißchen ungläubig sind, aber geruhen Sie, mich auf die Probe zu stellen. Wenn Sie allein ausgehen können, werden wir uns so maskieren, daß wir alle Welt neugierig machen und trotzdem diese Neugierigen nicht zu befriedigen brauchen.« »Wir können mit unserem Bruder und einer anderen jungen Dame ausgehen, die er liebt; wir sind sicher, daß er verschwiegen sein wird.« »Ich freue mich Ihres Auftrages! Aber es wird erst am nächsten Sonntagsball vor sich gehen können. Ich werde mich mit Ihrem Bruder verständigen. Sagen Sie ihm gütigst, er möge mich besuchen; Barbaro dürfe aber nichts wissen. Sie werden sich an einem Ort maskieren, den ich Ihnen noch näher bezeichne; denn wir werden uns wiedersehen. Unterdessen werde ich mich in aller Stille mit dieser wichtigen Sache befassen. Wollen Sie mir gestatten, Ihnen die Hand zu küssen?« Ich zog ihre Hand an meine Lippen und dann an mein Herz, und dort fühlte ich einen sanften Händedruck der Marchesina. Ich hatte noch keine Verkleidung im Sinne; aber ich war sicher, daß ich etwas Passendes finden würde, und verschob es daher auf den nächsten Tag, mich damit zu beschäftigen. Irene nahm für diesen Tag alle meine Gedanken in Anspruch. Nachdem ich einen Domino übergeworfen hatte, fuhr ich nach den Drei Königen und fand Irene vor der Tür; sie war heruntergekommen, sobald sie meinen Wagen bemerkt hatte. Dieser Eifer freute mich. Wir gingen in meine schöne Wohnung und bestellten beim Pastetenbäcker ein leckeres Abendessen zu Mitternacht. Wir hatten sechs Stunden vor uns, und der Leser wird mir wohl erlassen, ihm zu sagen, wie sie angewandt wurden. Der Kanal wurde mit Gewalt eröffnet und die Operation lachend erduldet, denn Irene war mit allen Anlagen zur Wollust geboren. Um Mitternacht standen wir auf; wir hatten einen Riesenhunger und waren erstaunt und zugleich entzückt, ein höchst appetitliches Essen vor uns zu sehen. Irene sagte mir, ihr Vater habe sie gelehrt, beim Pharao so abzuziehen, daß sie nicht verlieren könne. Ich war neugierig, wie sie das machte, und gab ihr ein Spiel Karten. Während sie plauderte, um meine Aufmerksamkeit abzulenken, legte sie binnen wenigen Minuten die Karten zurecht. Ich gab ihr die hundert Zechinen, die ich ihr schuldig war, und sagte, sie möchte so spielen, wie wenn es Ernst wäre. »Lieber Freund,« sagte sie sanft, »wenn Sie nur eine einzige Karte spielen, bin ich sicher, daß Sie sie stets verlieren werden.« »Einerlei, es gilt.« Sie hielt Wort. Ich mußte ihr zugeben, daß ich niemals etwas von ihrer Manipulation hätte merken können, wenn sie mich nicht vorher darauf aufmerksam gemacht hätte. Ich sah nun, wie wertvoll dem alten Gauner Rinaldi seine Tochter sein mußte. Sie war ein wahrer Schatz in ihrer Art; denn mit ihrer unschuldigen und aufrichtigen Miene, mit ihrem fröhlichen Wesen und reizenden Gesicht war sie ganz dazu angetan, die abgefeimtesten Spieler hinters Licht zu führen. Sie sagte mir mit einer gewissen Betrübnis, ihr Talent nütze ihr nichts, weil sie immer nur mit armseligen Bettlern zu tun habe. Mit einem zärtlichen Blick fügte sie hinzu: wenn ich sie mitnehmen wollte, würde sie ihren Eltern durchbrennen; sie würde glücklich sein, für mich Schätze zu gewinnen. »Wenn ich nicht mit falschen Spielern zu tun habe,« fuhr sie fort, »bin ich auch sehr geschickt im Setzen.« »Nun, liebes Kind, so spiele mit den hundert Zechinen, die du hast, an Cananos Bank. Ich werde dich hinführen. Setze zwanzig Zechinen auf eine Karte; wenn du gewinnst, spielst du Paroli und Sept-et-le-va : sobald dir der Schlag gelungen ist, hörst du auf. Wenn du nicht drei glückliche Karten finden kannst, wirst du verlieren; aber dann werde ich dir das Geld wiedergeben.« Sie umarmte mich und fragte mich, ob sie mir die Hälfte vom Gewinn abgeben müsse. »Nein, alles soll dir gehören.« Ich glaubte, sie würde vor Freude toll werden. Wir ließen uns in Sänften nach der Oper tragen, und da der Ball noch nicht im Gange war, so traten wir in den Spielsaal ein. Canano, der noch nicht angefangen hatte, packte ein Spiel Karten aus. Er tat, wie wenn er mich nicht kennte, und lächelte, als er sah, daß die hübsche Maske, die bei mir war, statt meiner spielen würde. Irene machte ihm eine tiefe Verbeugung, als er ihr einen Platz an seiner Seite anbot; sie legte die hundert Zechinen vor sich hin und gewann zunächst nur hundertundzwanzig, weil sie, anstatt das Sept-et-le-va zu spielen, beim drittenmal ihren Einsatz zurückzog und nur den Gewinn stehen ließ. Ihre Sparsamkeit gefiel mir, und ich ließ sie weiter spielen. In der nächsten Taille verlor sie drei Karten hintereinander; hierauf gewann sie mehrere Male ein Paix de Paroli ; dann grüßte sie den Bankhalter, raffte ihr Gold zusammen, und wir entfernten uns. Kaum aber hatten wir den Saal verlassen, so drehte ich mich um, um zu sehen, woher ein Schluchzen käme, das an mein Ohr schlug. Irene sagte mir: »Ich bin sicher, es ist mein Vater, der vor Freuden weint.« Sie hatte in ihrer Tasche dreihundert Zechinen, die sie ihm brachte, nachdem sie sich drei Stunden lang erlustigt hatte. Ich tanzte nur ein einziges Menuett mit ihr, denn meine Liebestaten und das ausgezeichnete Abendessen hatten mich so ermüdet, daß ich mich nach Ruhe sehnte. Ich ließ Irene tanzen, soviel sie wollte, setzte mich in eine Ecke und schlief ein. Als ich erwachte, sah ich zu meiner großen Überraschung Irene, die mich ängstlich suchte; ich hatte drei Stunden lang geschlafen. Ich brachte sie nach den Drei Königen zurück, wo ich sie ihren Eltern ablieferte. Der arme Mann war ganz verblüfft über den Anblick des Goldes, das seine Tochter auf den Tisch legte; er sagte mir, ich möchte ihr gute Nacht wünschen, denn er würde in wenigen Stunden abreisen. Ich konnte mich nicht widersetzen und fühlte auch keine Lust dazu; aber Irene wurde wütend und rief: »Ich werde nicht abreisen, ich will bei meinem Liebsten bleiben. Ihr werdet mich noch unglücklich machen; denn kaum habe ich das Glück, einen Menschen zu haben, der Neigung für mich empfindet, so reißt ihr mich von seiner Seite. Ich gehöre dem Herrn und will ihn nicht mehr verlassen.« Als sie jedoch sah, daß ich nichts zu ihrer Unterstützung sagte, fing sie an zu weinen. Dann umarmte sie mich mehrere Male. Als sie endlich müde und verzweifelt sich hinsetzte, benutzte ich diesen Augenblick und entfernte mich, indem ich ihr gute Reise wünschte und Irenen versprach, daß wir uns wiedersehen würden. Ich habe sie auch wirklich wiedergesehen; das Nähere wird der Leser erfahren, sobald ich soweit bin. Ich legte mich zu Bett. Es war erst acht Uhr, da kam der schöne Leutnant und weckte mich. »Meine Schwester«, sagte er, »hat mir von der Maskerade erzählt, die Sie planen. Ich habe Ihnen nun ein großes Geheimnis anzuvertrauen.« »Sprechen Sie, lieber Freund, und verlassen Sie sich auf meine Verschwiegenheit.« »Einer der liebenswürdigsten Kavaliere unserer Stadt, mein Freund und der Anbeter meiner Base, ein junger Herr, der wegen seiner Stellung das größte Interesse daran hat, nicht gegen die Verpflichtungen der Verschwiegenheit zu verstoßen, wird sich beteiligen, wenn Sie nichts dagegen haben. Dies würde meine Base und meine Schwester glücklich machen.« »Haben Sie an meiner Einwilligung zweifeln können? Ich hatte an fünf gedacht; jetzt werde ich an sechs denken.« »Sie sind unvergleichlich.« »Sonntag müssen Sie in der Dämmerung sich an einem Ort einfinden, den ich Ihnen bezeichnen werde. Wir werden zu Abend speisen und uns hierauf maskieren. Dann werden wir auf den Ball gehen. Morgen um fünf Uhr werden wir uns bei Ihrer Schwester sehen. Beschreiben Sie mir nur den Wuchs Ihrer Geliebten und des Freundes Ihrer reizenden Base.« »Meine Freundin ist zwei Zoll kleiner als meine Schwester und etwas weniger schlank; mein Freund ist ganz genau so gewachsen wie Sie, und man könnte Sie miteinander verwechseln, wenn Sie gleich gekleidet wären.« »Das genügt. Überlassen Sie es nun mir, an alles zu denken, und leben Sie einstweilen wohl; denn ich bin neugierig, zu erfahren, was der Kapuziner will, der draußen wartet.« Ein Kapuziner hatte sich bei mir melden lassen, und ich hatte Clairmont gesagt, er solle ihm ein Almosen reichen; er hatte aber dieses zurückgewiesen und gesagt, er müsse ganz im Geheimen mit mir sprechen. Dies machte mich neugierig; denn was konnte ein Kapuziner mir unter dem Siegel des Geheimnisses zu sagen haben? Ich ließ ihn eintreten und sah ein ehrwürdiges, bedeutendes Gesicht. Ich ging ihm entgegen und bot ihm mit einer tiefen Verbeugung einen Stuhl an; ohne meine Höflichkeit zu beachten, blieb er stehen und sagte: »Mein Herr, beachten Sie, was ich Ihnen sagen werde, und hüten Sie sich, meinen Rat leicht zu nehmen; es könnte Ihnen das Leben kosten. Sie würden es ohne Zweifel bereuen, aber dies würde zu spät sein. Hören Sie mich an und tun Sie unverzüglich, was ich Ihnen raten werde; aber enthalten Sie sich jeder Frage, denn es ist mir unmöglich, Ihnen zu antworten. Sie werden vielleicht erraten, daß der Grund, der mich zum Schweigen zwingt, eine heilige Pflicht ist, die mein Stand mir auferlegt und die jeder Christ anerkennen muß. Es ist das unverletzliche Beichtsiegel. Bedenken Sie, daß mein Wort und meine Aufrichtigkeit Ihnen nicht verdächtig sein können, denn kein niedriges Interesse führt mich zu Ihnen. Nur ein mächtiger, innerer Antrieb zwingt mich, zu Ihnen zu sprechen, und ich muß glauben, daß Ihr Schutzengel sich meiner bedient, um Ihnen das Leben zu retten, da er nicht unmittelbar mit Ihnen in Verbindung treten kann. Gott will Sie nicht verlassen, Sagen Sie mir, ob Sie sich bewegt fühlen und ob ich Ihnen den heilsamen Rat geben darf, den ich in meinem Herzen verschlossen halte?« »Zweifeln Sie nicht daran, ehrwürdiger Vater; ich habe Ihnen aufmerksam und ehrfurchtsvoll zugehört. Sprechen Sie, geben Sie mit diesen Rat! Ihre Worte haben mich nicht nur bewegt, sondern mich sogar gewissermaßen erschreckt. Ich verspreche Ihnen, Ihrem Rat zu folgen, wenn die Ausführung nicht meiner Ehre und der klaren Vernunft widerspricht.« »Gut! Ein Gefühl des Mitleids wird Sie abhalten, mich durch eine Unvorsichtigkeit bloßzustellen, einerlei, wie die Geschichte ausgeht, von der Sie nunmehr erfahren werden. Sie werden keinen Menschen etwas von mir sagen? Sie werden keiner Menschenseele sagen, daß Sie mich kennen oder daß Sie mich nicht kennen?« »Ich schwöre Ihnen dies auf meinen christlichen Glauben. Aber ich bitte Sie, sprechen Sie! Ihre lange Vorrede erfüllt mich mit einer Ungeduld, die mich verzehrt.« »Gehen Sie heute vormittag nach dem Xplatz in das Haus Nr. ..., in den zweiten Stock und klingeln Sie an der Tür zur Linken. Sagen Sie der Person, die Ihnen öffnen wird, Sie möchten Frau Y. sprechen. Man wird keine Schwierigkeiten machen, Sie in ihr Zimmer zu führen; ich bin sogar überzeugt, man wird Sie nicht einmal nach Ihrem Namen fragen. Sollte dies aber doch der Fall sein, so geben Sie irgend einen beliebigen Namen an. Wenn Sie sich der Frau gegenüber befinden, so bitten Sie sie, freundlich Sie anzuhören, und verlangen Sie von ihr Verschwiegenheit über alles, was Sie ihr anvertrauen würden. Um ihr Vertrauen einzuflößen, drücken Sie ihr ein oder zwei Zechinen in die Hand. Sie ist arm, und ich bin gewiß, daß Sie durch diese Freigebigkeit sie sofort für sich gewinnen werden. Sie wird ihre Türe schließen und Ihnen natürlich sagen, Sie möchten sprechen. Nehmen Sie alsdann eine ernste und eindrucksvolle Miene an und bedeuten Sie ihr, Sie würden ihr Zimmer nicht eher verlassen, als bis sie Ihnen das Fläschchen übergeben hätte, das eine Magd gestern bei Beginn der Nacht ihr mit einem Brief gebracht haben müßte. Wenn sie sich weigert, so bleiben Sie standhaft; machen Sie aber keinen Lärm; lassen Sie sie nicht aus dem Zimmer heraus und verhindern Sie sie, irgend jemanden zu rufen, überreden Sie sie schließlich, indem Sie ihr für den Verkauf der Flasche mit allem Zubehör das Doppelte des Geldes versprechen, das sie sonst erhalten würde. Erinnern Sie sich wohl meiner Worte: ›mit allem Zubehör‹. Sie wird alles tun, was Sie verlangen. Es wird Ihnen eine unbeträchtliche Summe kosten; aber selbst wenn Sie viel Geld ausgeben müßten, Ihr Leben muß Ihnen teurer sein als alles Geld von Peru. Mehr kann ich Ihnen nicht sagen. Bevor ich Sie jedoch verlasse, bitte ich Sie, mir zu sagen, ob ich hoffen kann, daß Sie hingehen werden.« »Ja, hochehrwürdiger Vater; ich werde der Eingebung des Engels folgen, der Sie hierhergefühlt hat.« »So möge denn Gott Sie segnen!« Als der würdige Priester hinausgegangen war, fühlte ich durchaus keine Lust, zu lachen. Allerdings sagte meine Vernunft nur, ich solle diese lächerliche Verschwörung verachten und nicht hingehen; aber ein Rest von Aberglauben, von welchem ich mich niemals gänzlich habe befreien können, hielt mich ab, auf die Stimme der Vernunft zu hören. Außerdem hatte der Kapuziner mir gefallen. Er sah wie ein braver Mann aus und hatte etwas so Ehrwürdiges an sich, daß ich mich durch mein Versprechen gewissermaßen für gebunden hielt. Er hatte mich überzeugt, und meine Vernunft sagte mir, daß der Mensch niemals gegen seine Überzeugung handeln soll. Kurz und gut, ich entschloß mich, hinzugehen. Ich nahm den Zettel, worauf ich die Worte aufgeschrieben hatte, die er mir gesagt hatte, steckte zwei kleine Terzerole in die Tasche und begab mich nach dem geheimnisvollen Hause, nachdem ich Clairmont befohlen hatte, mich auf dem Platze zu erwarten, woran es lag. Diese Vorsicht konnte nicht schaden. Alles ging vor sich, wie der gute Kapuziner es mir vorhergesagt hatte. Das greuliche alte Weib bekam Mut beim Anblick von zwei Zechinen und schob den Riegel vor die Tür. Lachend sagte sie mir, sie wisse, daß ich verliebt sei, und es sei meine eigene Schuld, wenn ich nicht glücklich sei; sie werde mir jedoch das Mittel geben, es zu werden. Ich merkte, daß ich bei einer angeblichen Hexe war. Die berühmte Bontems in Paris hatte ungefähr dieselbe Sprache geführt, als ich sie einmal besuchte. Als ich jedoch der Frau bedeutet hatte, ich würde ihr Zimmer nicht ohne die geheimnisvolle Flasche »mit allem Zubehör« verlassen, da verzerrte ihr Gesicht sich auf eine schreckliche Weise. Sie zitterte am ganzen Leibe, als ich mit einem offenen Taschenmesser in der Hand sie verhinderte, das Zimmer zu verlassen. Als ich ihr dann gesagt hatte, ich würde ihr das Doppelte von dem geben, was man ihr versprochen hätte, um die Schandtat auszuführen, sie würde also nicht nur nichts verlieren, sondern noch Geld dazu verdienen, indem sie mir die gewünschten Gegenstände gäbe, da wurde sie wieder ruhig. »Ich werde sechs Zechinen verlieren,« sagte sie, »aber Sie werden mir gern das Doppelte bezahlen, wenn Sie sich sehen; denn jetzt erkenne ich Sie.« »So sagen Sie mir, wer ich bin?« »Sie sind Giacomo Casanova aus Venedig.« Infolge dieser Worte glaubte ich die zwölf Zechinen aus meiner Börse ziehen zu müssen. Bei ihrem Anblick wurde die Alte zu Tränen gerührt und sagte zu mir: »Ich hätte Sie sicherlich nicht sterben lassen, aber ich würde Sie verliebt und unglücklich gemacht haben.« »Erklären Sie mir dies!« »Kommen Sie mit!« Ich trat mit ihr in eine Kammer und war ganz verblüfft über den Anblick von tausend Dingen, deren Gebrauch der gesunde Menschenverstand nicht zu erklären vermöchte. Phiolen von allen Größen, Steine von allen Farben, Metalle, Minerale, große und kleine Nägel, Zangen, Öfen, Kohlen, mißgestaltete Statuen und tausend andere Sachen. »Hier ist Ihre Flasche,« sagte das alte Weib zu mir. »Was ist darin?« »Ihr Blut, mit dem der Gräfin vermischt, wie Sie in diesem Brief lesen können.« Ich sah nun, worum es sich handelte, und wundere mich noch jetzt, daß ich nicht laut auflachte. Statt dessen sträubten sich meine Haare bei dem Gedanken an die Verruchtheit der Gräfin. Ein kalter Schweiß überströmte meinen ganzen Leib. »Was würden Sie mit diesem Blut gemacht haben?« »Ich hätte Sie damit überzogen.« »Was verstehen Sie unter ›überzogen‹? Ich begreife Sie nicht.« »Sie werden es gleich sehen.« Ich war erschrocken; aber gleich darauf erhielt ich die Erklärung. Die Alte öffnete ein Kästchen von der Länge einer Elle; in diesem lag ein ganz nacktes Bild aus Wachs auf dem Rücken. Mein Name war der Länge nach darauf geschrieben und meine Züge waren, wenn auch schlecht ausgeführt, so doch erkennbar. Dieses Bildwerk trug auch mein Ordenskreuz um den Hals. Die Geschlechtsteile waren mit ungeheuerer Übertreibung vergrößert. Bei diesem ungeheuer komischen Anblick bemächtigte sich meiner eine wahnsinnige Lachlust, und ich mußte mich auf einen Lehnstuhl werfen, bis ich mich wieder erholt hatte. Als ich endlich wieder Atem schöpfen konnte, sagte das Zauberweib zu mir: »Sie lachen? Wehe Ihnen, wenn ich Sie in diesem Blute, das nach den Regeln meiner Wissenschaft gemischt ist, gebadet hätte! Und dreimal wehe Ihnen, wenn ich Sie ›überzogen‹ und dann dieses Bild auf glühende Kohlen gelegt hätte!« »Ist dies alles?« »Ja.« »Der ganze Kram gehört mir; hier sind Ihre zwölf Zechinen. Und nun schnell, zünden Sie mir Feuer an, denn ich will dieses Ungeheuer schmelzen. Das Blut gestatten Sie mir zum Fenster hinaus zu werfen!« In einem Augenblick war das gemacht. Die Alte, welche jedenfalls befürchtete, ich könnte die Sachen mit nach Hause nehmen, um sie zu ihrem Verderben zu gebrauchen, war hocherfreut, als sie mich das Wachs schmelzen sah. Sie nannte mich einen Engel an Güte und bat mich, ihr zu versprechen, keinem Menschen etwas von dem zwischen uns Vorgefallenen zu sagen. Ich schwor ihr dies und versprach ihr sogar, die Gräfin solle nichts davon erfahren. Am meisten überraschte es mich, als das schändliche Weib sich erbot, die Gräfin rasend in mich verliebt zu machen, wenn ich ihr noch zwölf Zechinen versprechen wolle. Ich sagte ihr, ich mache mir nichts daraus, und entfernte mich, indem ich ihr den Rat gab, ihr abscheuliches Gewerbe aufzugeben, das sie früher oder später auf den Scheiterhaufen führen müsse. Ich fand Clairmont auf seinem Posten und schickte ihn nach Hause. Obgleich diese Niederträchtigkeit mir ziemlich viel Geld gekostet hatte, tat es mir doch nicht leid, um diese Lehre bereichert zu sein und den Rat des guten Kapuziners befolgt zu haben, der in vollem Ernst mich für einen verlorenen Mann gehalten hatte. Ich denke mir, er hatte alles durch die Beichte von der Magd erfahren, die das Blut zur Hexe gebracht hatte. Solche Wunder werden von der Ohrenbeichte oft bewirkt. Ich beschloß, die Gräfin niemals ahnen zu lassen, daß ich ihren verführerischen Anschlag entdeckt hätte, sondern mich vielmehr gegen sie in einer Weise zu benehmen, die geeignet wäre, sie zu beruhigen und sie den grausamen Schimpf, den ich ihr angetan, vergessen zu machen. Ich mußte mich glücklich schätzen, daß die Frau an Hexerei glaubte, denn sonst würde sie Männer gedungen haben, die ihre Rache jedenfalls besser vollzogen hätten. Zu Hause angekommen, nahm ich den schönsten von den beiden Mänteln, die ich besaß, und schenkte ihr diesen, indem ich ihr die Hand küßte. Sie nahm ihn mit der größten Liebenswürdigkeit an und fragte mich, aus welchem Anlaß ich ihr ein so hübsches Geschenk mache? Ich antwortete: »Ich habe geträumt, Sie wären so erzürnt auf mich, daß Sie mit Meuchelmördern gesprochen hätten, mich zu töten.« Sie antwortete mir errötend, sie wäre nicht wahnsinnig geworden. Als ich hinausging, sah ich sie in düstere Träume versinken. Ich hatte mich jedoch während meines übrigen Aufenthaltes in Mailand nicht mehr über sie zu beklagen, sei es, daß sie alles vergessen hatte, sei es, daß sie kein sicheres Mittel fand, sich zu rächen. Der Graf war von seinem Lehen zurückgekehrt. Er sagte mir, wir müßten unbedingt einen Ausflug dahin machen, sobald die Fastenzeit begonnen hätte. Ich versprach es ihm. Die Gräfin erklärte, daß sie nicht mitreisen würde. Ich tat, wie wenn mir dies sehr leid täte; in Wirklichkeit tat sie mir jedoch den größten Gefallen. Zweiundzwanzigstes Kapitel Originelle Maskerade. – Glückliche Liebschaft mit der schönen Marchesina Q. – Die verlassene Marseillerin; ich werde ihr Retter. – Meine Abreise nach Sant' Angelo. Da ich mich verpflichtet hatte, eine Verkleidung zu beschaffen, die uns nicht der Gefahr aussetzte, erkannt zu werden, so wollte ich sowohl durch die Originalität der Idee wie durch den Reichtum der Ausführung Ehre einlegen. Ich hatte daher, wie man zu sagen pflegt, meinen Kopf in die Weiche gelegt, und meine Leser werden sehen, ob mein Einfall gut war. Ich hatte zur Durchführung meines Planes einige Vertraute nötig; vor allen Dingen brauchte ich einen Schneider, und wie man sich denken kann, glaubte ich meinem Gevatter Schneider den Vorzug geben zu müssen. Zenobia war für mich nicht weniger nützlich als ihr Gatte, teils um gewisse Frauenarbeiten anzufertigen, teils um die drei jungen Damen zu bedienen, die ich verkleiden sollte. Ich ging zu Fuß aus und begab mich zu meinem Gevatter. Ich befahl ihm, seine Arbeit liegen zu lassen und mich zum reichsten Trödler von Mailand zu führen. »Mein guter Mann, ich brauche das Schönste, was Sie für Herren und für Damen haben.« »Wünscht der Herr neue Sachen?« »Gewiß! Wenn Sie solche haben.« »Ich bin reich versehen.« »Suchen Sie zunächst einen schönen Samtrock für meine Größe; er muß einfarbig sein, und in Mailand darf ihn kein Mensch kennen.« Statt eines einzigen legte er mir ein Dutzend vor, alle vom schönsten Samt und sehr gut gemacht. Ich wählte einen blauen Samtrock mit weißem Atlasfutter. Nachdem der Schneider um den Preis gefeilscht hatte, wurden wir einig, und ich legte den Rock auf die Seite; er war für den Liebhaber der schönen Base bestimmt. Ich wählte einen zweiten, weniger groß, von schwefelgelbem, geschorenem Samt mit Atlasfutter von derselben Farbe. Diesen bestimmte ich für den jungen Offizier. Ferner nahm ich zwei schöne Hosen von geschorenem Samt und zwei Westen von prachtvollem Seidenstoff. Hierauf wählte ich zwei herrliche Atlaskleider, das eine feuerfarben, das andere lila; dazu ein drittes von gestreifter Halbseide. Dieses letztere war für die Geliebte des reizenden Offiziers bestimmt. Sodann kaufte ich Batisthemden, zwei für Männer und drei für Frauen, außerdem dazu passende Taschentücher und mehrere halbe Ellen Samt, Atlas und gestreifte Stoffe, alles in verschiedenen Farben. Ich bezahlte für alle diese Waren zweihundert Dukaten in Gold, aber unter der Bedingung, daß der Händler mir mein Gold wiedergeben und die Waren zurücknehmen müsse, einerlei, in welchem Zustande sie wären, wenn durch seine Schuld bekannt werden sollte, daß ich sie bei ihm gekauft hätte. Diese Bedingung wurde schriftlich niedergelegt, der Händler unterzeichnete, und ich ging mit meinem Gevatter, der den ganzen Packen trug, zu dem Pastetenbäcker. Als alles in meinem Zimmer war, schloß ich mich mit dem Schneider ein und sagte ihm, ich würde ihm eine Kugel vor den Kopf schießen, wenn er das Unglück haben sollte, zu irgend einem Menschen ein Wort von der ihm übertragenen Arbeit zu sagen. Hierauf breitete ich alle Kleider auf einem Tisch aus und machte mit einem Stilett etwa sechzig Löcher in jedes Kleid. Ebenso behandelte ich die Hosen und die Westen. Ich lachte aus vollem Halse über das klägliche Gesicht, das der Schneider machte, als er mich die herrlichen Sachen auf diese Weise verderben sah. Er glaubte, ich sei verrückt geworden. Nach dieser Operation, über die ich in Gedanken noch jetzt lache, nahm ich die Seiden- und Samtflicken, die ich gekauft hatte, und sagte zum Schneider: »Hier, mein guter Gevatter, habe ich Euch Arbeit zugeschnitten; Ihr müßt nun alles wieder ausbessern und Eure Gedanken tüchtig anstrengen, damit die Flicken durch den Kontrast der Farben eine schöne Wirkung hervorbringen. Wie Ihr seht, habt Ihr Arbeit genug und dürft keinen Augenblick verlieren. Ich werde meine Befehle erteilen, damit Ihr in einem anderen Zimmer etwas Ordentliches zu essen bekommt; aber Ihr werdet diese Wohnung nicht verlassen, bevor alles fertig ist. Ich werde Eure Frau holen, damit sie mit euch arbeitet, und Ihr könnt bei einander schlafen.« »Aber um Gotteswillen, gnädiger Herr, wollen Sie denn die Kleider ebenso behandeln wie die Röcke?« »Genau ebenso.« »Wie schade! Meine Frau wird bitterlich darüber weinen.« »Ich werde sie trösten.« Auf dem Wege zu Zenobia kaufte ich sechs Paar perlgraue, seidene Strümpfe, Herren- und Damenhandschuhe, zwei Hüte vom feinsten Biber, zwei Karikatur-Männermasken und drei Frauenmasken von natürlicher Form, aber mit ernstem Ausdruck. Auch kaufte ich zwei schöne Porzellanteller. Das Ganze brachte ich in einem Tragstuhl zu Zenobia. Ich fand das reizende Weib dabei, sich anzuziehen. Ihre schönen Haare hingen über ihren Alabasternacken herab, und ihr von einem kleinen Mieder hochgehaltener Busen bot sich meinen Blicken ohne die lästige Hülle eines Halstuches dar. So viele Reize verdienten meine Huldigung; ich brachte sie ihr dar, indem ich sie mit meinen Küssen verschlang. Ich verbrachte eine halbe Stunde bei Zenobia, und mein Leser wird erraten, daß diese Zeit von uns beiden aufs beste angewandt wurde. Nachdem ich hierauf meiner schönen Schneiderin geholfen hatte, sich fertig anzukleiden, ließ ich sie in den Tragstuhl steigen und befahl den Trägern, mir auf dem Fuße zu folgen. Wir fanden ihren Mann damit beschäftigt, die Flicken auszuwählen und zurecht zu schneiden, die er auf die von mir gemachten Löcher setzen sollte. Zenobia sah sprachlos vor Erstaunen auf die sonderbare Arbeit; als sie mich die Kleider ebenso behandeln sah wie die Röcke, erbleichte sie und trat unwillkürlich einen Schritt zur Seite; sie hatte allen Ernstes Angst, denn da sie von meinen Absichten nichts wußte, so konnte sie wohl annehmen, daß ich in einer augenblicklichen Geistesabwesenheit handelte. Ihr Mann hatte sich inzwischen an den Gedanken gewöhnt; er beruhigte sie, und als sie wußte, worum es sich handelte, begriff sie, daß ich wohl recht haben möchte, obgleich mein Einfall ihr immer noch im höchsten Grade sonderbar erschien. Die Phantasie einer Frau geht immer weiter als die eines Mannes, wenn es sich um Herzensangelegenheiten, um Leidenschaften und um Vergnügungen handelt. Als Zenobia erfuhr, daß diese Kleider für drei schöne Frauen bestimmt seien und daß diese dadurch nach meinem Wunsche alle Ballbesucher begierig machen sollten, erweiterte sie mehrere der Risse und ordnete diese so an, daß sie zur Liebe reizten, ohne doch allzusehr den Anstand zu verletzen. Die Kleider wurden besondere am Busen, an den Schultern und an den Ärmeln mißhandelt: man sollte das Batisthemd sehen, das Batisthemd selber sollte einige Körperteile unbedeckt lassen und die zerfetzten Falbeln sollten die halben Waden sehen lassen. Als ich zu meiner Freude sah, daß sie mich vollkommen verstanden hatte und daß sie den Geschmack ihres Mannes günstig beeinflussen würde, befahl ich ihnen Eifer und ging. Ich besuchte sie jedoch täglich drei- oder viermal und war jedesmal, wenn ich wieder ging, mit meinem Gedanken und mit ihrer Arbeit immer zufriedener. Die Arbeit war erst am Sonnabend nachmittag fertig. Ich schickte den Mann fort, indem ich ihm sechs Zechinen gab, und behielt Zenobia; denn diese war nötig, um den drei schönen Bettlerinnen beim Ankleiden zu helfen. Ich stellte auf einen Tisch Pulver, Pomade, Kämme, Nadeln und überhaupt alles, was vornehme Damen wünschen können; ich vergaß auch nicht Bänder und Bindfaden, der bei der Verkleidung gebraucht wurde. Am nächsten Tage fand ich das Spiel im lebhaften Gang, aber die beiden Basen waren nicht dabei. Ich suchte sie bei ihrer Tante auf, und sie sagten mir, sie spielten nicht, weil Barbaro zu glücklich wäre. »Sie haben also verloren, meine jungen Damen?« »Ja, aber mein Bruder gewinnt,« sagte die liebenswürdige Q. »Ich hoffe, das Glück wird auch Ihnen hold sein.« »Wir haben kein Glück.« Nachdem die Tante hinausgegangen war, fragten sie mich, ob der Leutnant mir gesagt hätte, daß sie mit einer ihrer Freundinnen auf den Ball gehen würden. »Ich weiß alles,« antwortete ich, »und ich hoffe, Sie werden zufrieden sein, jedoch nicht zufriedener als ich, denn ich verspreche mir sehr viel Vergnügen. Ich muß morgen früh mit Ihrem schönen Offizier sprechen.« »Sagen Sie uns doch, wie wir maskiert sein werden.« »So, daß Sie sicherlich von keinem Menschen erkannt werden können und daß Sie alle Anwesenden neugierig machen müssen.« »Aber was werden wir denn anhaben?« »Was sehr Schönes.« »Aber was für ein Kostüm werden Sie uns geben?« »Das ist mein Geheimnis, meine jungen Damen. So gern ich Ihnen auch einen Gefallen tue, so werden Sie doch nichts erfahren, bis Sie sich ankleiden. Fragen Sie mich nicht, denn ich will meine Freude an Ihrer Überraschung haben. Ich liebe Theatereffekte, das ist nun mal eine Leidenschaft von mir. Nach dem Abendessen werden Sie alles erfahren.« »Wir sollen also zu Abend speisen?« »Ganz gewiß – wenn es Ihnen Vergnügen macht. Ich bin ein großer Esser, und ich hoffe, Sie werden doch nicht so grausam sein, mich allein essen zu lassen.« »Natürlich werden wir zu Abend speisen, da wir Ihnen einen Gefallen damit tun können. Ich werde absichtlich wenig zu Mittag essen, damit wir Ihnen die Spitze bieten können.« »Es tut mir nur leid,« fügte Fräulein von Q. hinzu, »daß Sie so viel Geld ausgeben.« »Auch das ist eine meiner besonderen Freuden; wenn ich von Mailand fortgehe, werde ich in dem Glück schwelgen, mit den beiden schönsten Damen der Stadt soupiert zu haben.« »Wie werden Sie vom Glück behandelt?« »Canano gewinnt mir jeden Abend zweihundert Zechinen ab.« »Und Sie gewinnen von ihm zweitausend in einer Nacht?« »Allerdings; indessen bin ich noch im Verlust.« »Sonntag werden Sie die Bank sprengen. Wir werden Ihnen Glück bringen.« »Wünschen Sie, daß ich Ihnen dieses Schauspiel biete?« »Es würde mir eine große Freude sein; mein Bruder hat mir jedoch gesagt, Sie würden nicht mit uns zusammen sein.« »Allerdings nicht, dies geschieht jedoch nur deshalb, weil man mich erkennen würde. Ihr Bruder hat mir aber gesagt, der Kavalier, der Sie begleiten wird, sehe mir ähnlich.« »Auffallend ähnlich,« sagte die Base; »nur ist er blond.« »Da ist er sehr glücklich; denn blonde Herren gewinnen leicht die Gunst brauner Damen.« »Nicht immer!« sagte die Schwester; »aber sagen Sie uns doch wenigstens, ob wir uns etwa als Männer verkleiden werden?« »Pfui! Ich würde es mir nicht verzeihen können, auf einen solchen Gedanken verfallen zu sein.« »Warum?« »Ich kann es nicht ausstehen, wenn ein hübsches Mädchen als Mann verkleidet ist.« »Das ist sonderbar; warum denn nicht?« »Wenn eine als Mann verkleidete junge Frau wirklich eine Täuschung erregt, so stößt sie mich ab; denn dies ist ein Beweis, daß sie nicht die Vollkommenheiten einer schönen Frau besitzt. Die Formen einer solchen müssen viel stärker ausgebildet sein als die eines Mannes.« »Aber dadurch zeigt ja ein schönes Mädchen Ihnen gerade, daß sie die Vorzüge besitzt, die die Schönheiten eines Weibes ausmachen.« »Das ist richtig; aber dann nehme ich es ihr übel, daß sie mich aus der Illusion reißt; denn ich liebe es, nur Gesicht und Wuchs zu sehen und das übrige zu erraten.« »Die Phantasie täuscht aber doch oft.« »Das gebe ich zu; aber ich verliebe mich immer in das Gesicht, und da dieses mich niemals täuschen kann, so fühle ich mich stets bereit, etwaige Mängel des übrigen Körpers zu verzeihen, wenn ich die Gunst erlange, diesen zu sehen. Sie lachen?« »Ich lache über den feurigen Eifer, womit Sie Ihre Meinung vorbringen.« »Wäre es Ihnen angenehm, als Kavalier verkleidet zu sein?« »O, ich hatte mich darauf gefaßt gemacht; aber nach dem, was Sie soeben gesagt haben, können wir Ihnen nicht mehr antworten.« »Ich kann einen Teil Ihrer Antwort Ihnen selber sagen: Ihre Verkleidung würde keine Illusionen erregen; weiter sage ich nichts.« Sie sahen lächelnd einander an, und ihre schönen Gesichter überzogen sich mit einer lebhaften Röte, als sie meine Blicke auf gewissen Hügeln ruhen sahen, die niemals das Attribut meines Geschlechtes sind. Wir brachen das Gespräch ab, und zwei volle Stunden lang erfreute ich mich an ihrem liebenswürdigen, natürlichen und gebildeten Geist. Nachdem ich die beiden Zauberinnen verlassen hatte, eilte ich zu meinem Pastetenbäcker und hierauf in die Oper, wo ich beinahe zweihundert Zechinen verlor. Dann speiste ich mit meiner Spanierin zu Abend; sie war liebenswürdig und zuvorkommend geworden, verfiel aber bald wieder in ihre frühere schlechte Laune, als sie bemerkte, daß ich mich auf die Formen der Höflichkeit beschränkte und offenbar keine Absichten mehr auf ihr Schlafzimmer hatte. Am Samstag morgen kam der junge Offizier zu mir. Ich sagte zu ihm, ich hätte für ihn nur einen einzigen Auftrag; diesen müßte er aber buchstäblich ausführen, und ich müßte im voraus sicher sein, daß er dies tun würde. Nachdem er mir versprochen hatte, daß er alles pünktlich erledigen werde, sagte ich folgendes zu ihm: »Sie müssen, Herr Leutnant, einen vierspännigen Wagen beschaffen; sobald Sie alle fünf diesen bestiegen haben, muß er Sie, so schnell die Pferde laufen können, an das Tor der Stadt bringen; hierauf müssen Sie durch ein anderes Tor wieder hineinfahren und vor der Tür des Ihnen bekannten Hauses halten. Dort steigen Sie aus, sagen dem Kutscher, daß er schweigen solle, schicken den Wagen fort und gehen ins Haus. Nach dem Ball werden Sie sich umkleiden und in Tragstühlen sich nach Hause bringen lassen. Auf diese Art werden wir die Neugierigen auf eine falsche Fährte bringen; ich sage Ihnen vorher, es wird deren sehr viele geben.« Der Offizier antwortete mir: »Mein Freund, der Marchese, wird dies alles besorgen, und er wird es aufs beste machen, das verspreche ich Ihnen, denn er brennt vor Verlangen, Ihre Bekanntschaft zu machen.« »Ich erwarte Sie also morgen um sieben Uhr. Sagen Sie Ihrem Freund, die Hauptsache sei, daß kein Mensch den Kutscher kenne, und nehmen Sie keinen Bedienten mit.« Nachdem dies alles abgemacht war, entschloß ich mich, selber als Pierrot zu erscheinen. Keine andere Maskierung ist eine so gute Verkleidung; denn sie verbirgt nicht nur vollständig alle Formen, sondern verdeckt auch die Farbe der Haut. Mein Leser erinnert sich vielleicht, was mir in diesem Kostüm vor zehn Jahren passiert war. Ich beauftragte den Schneider, mir ein neues Pierrotkostüm zu besorgen, das ich zu den übrigen Anzügen legte. Mit zwei neuen Börsen versehen, deren jede mit fünfhundert Zechinen gefüllt war, begab ich mich am Sonntag vor sieben Uhr zu meinem Pastetenbäcker. Ich fand den Tisch gedeckt und das Essen fertig. Ich schloß Zenobia in das Zimmer ein, das zum Ankleiden für die Damen bestimmt war, und erwartete die fröhliche Gesellschaft. Sie kam fünf Minuten nach sieben. Ich fand den Marchese entzückt, meine Bekanntschaft zu machen, und empfing ihn nach Gebühr; er war ein vollendeter Kavalier, schön, jung, reich und sehr verliebt in die schöne Base, die er mit großer Achtung behandelte. Die Geliebte des Leutnants war ein wahres Juwel und wahnsinnig in ihren Anbeter verliebt. Da alle wußten, daß ich ihnen erst nach dem Abendessen ihre Verkleidung bekannt geben wollte, so wurde nicht davon gesprochen, und wir setzten uns zu Tisch. Das Abendessen war ausgezeichnet; ich hatte es nach meinem Geschmack bestellt, das heißt: üppig und lecker. Nachdem wir reichlich gegessen und getrunken hatten, sprach ich: »Da ich nicht mit Ihnen gehen will, so muß ich Ihnen zunächst sagen, welche Rolle Sie spielen sollen. Sie werden fünf Bettler vorstellen, zwei Männer und drei Frauen in Lumpen.« Ich werdete mich an dem Anblick der langen Gesichter, die sie bei diesen Worten machten. »Sie werden jeder einen Teller in der Hand halten, um Almosen zu sammeln, und werden alle zusammen im Ballsaal herumgehen und Ihr Bettlergewerbe betreiben. Folgen Sie mir jetzt, um Ihre Lumpen in Besitz zu nehmen.« Ich bewahrte einen unerschütterlichen Ernst, obwohl ich die größte Lust hatte, laut aufzulachen, als ich den Verdruß und die Enttäuschung bemerkte, die sich auf ihren Zügen malten. Da sie sich keineswegs beeilten, mir zu folgen, so rief ich: »Ich erwarte Sie!« Sie standen auf, ich öffnete die Tür, und alle waren erstaunt über die Schönheit Zenobias, die vor dem Tische stand, worauf die in Lumpen verwandelten reichen Kleider lagen, und ihnen mit vollendeter Anmut eine Verbeugung machte. »Meine Damen,« sagte ich zu den beiden Basen, »dies sind Ihre Kleider, und dieses hier, mein gnädiges Fräulein, ist für Sie; es ist ein bißchen kleiner. Hier liegen Ihre Hemden, Ihre Taschentücher und Ihre Strümpfe; auf diesem Ankleidetisch befinden sich alle anderen Gegenstände, deren Sie vielleicht bedürfen können. Hier sind Ihre Masken, deren Züge nicht so frisch sind wie die Ihrigen, und hier drei Teller für die Almosen, die Sie erbetteln werden. Die Strumpfbänder werden von Ihrer Armut zeugen, wenn zufällig jemand sie sehen sollte, und diese durchlöcherten Strümpfe bezeugen, daß Sie nicht so viel Geld haben, um ein bißchen Seide zum Stopfen zu kaufen. Diese Bindfäden werden statt Schnallen dienen, und wir werden einige Löcher in Ihre Schuhe machen, die Sie gütigst als Pantoffeln tragen werden. Die Handschuhe werden ebenfalls einige Löcher bekommen, und da alles im Einklang stehen muß, so werden, sobald Sie Ihre Hemden angezogen haben, die Spitzen, die den Busen einfassen, ebenfalls hier und da zerrissen werden.« Während ich wohlgefällig dies alles auseinandersetzte, sah ich Überraschung und Bewunderung den Anflug von Verdruß verdrängen, der sich noch unmittelbar vorher auf ihren Zügen gemalt hatte. Sie sahen, wie reich die Verkleidung war, und wagten nicht zu sagen: »Wie schade!« »Nun zu Ihnen, meine Herren! Hier sind Ihre Bettleranzüge; ich habe vergessen, die zwei Biberhüte zu durchlöchern; aber das wird bald gemacht sein. Wie finden Sie dies alles? – Und nun, meine Damen, werden wir Sie allein lassen, denn Sie müssen Ihre Hemden wechseln. Kommen Sie, meine Herren!« Der Marchese war begeistert. Er rief: »Welches Aufsehen werden wir machen! Etwas Prachtvolleres kann man sich ja gar nicht denken!« Man sah absichtlich zerrissene prachtvolle Kleider, deren Löcher mit großem Geschmack ausgebessert waren: burleske Komik war mit dem größten Reichtum verbunden. In einer halben Stunde waren wir fertig. Absichtlich durchlöcherte Strümpfe, absichtlich zerrissene Schuhe, absichtlich zerfetzte Manschetten von echten Spitzen, aufgelöste Haare, Masken mit dem Ausdruck der Verzweiflung, absichtlich zerbrochene Teller von schönem Porzellan – dieses alles bidete ein Ganzes, von dessen prunkvollem Elend man sich keinen Begriff machen kann. Die jungen Damen brauchten ihrer Haare wegen längere Zeit zum Anziehen. Ihre Haare waren in der schönsten Unordnung und wallten aufgelöst über ihre Schultern hernieder. Besonders Fräulein von Q. glänzte vor den beiden anderen; denn ihr Haar reichte bis zu den Waden. Als sie fertig waren, öffneten sie die Tür, und wir sahen alles, was drei entzückende, schöne junge Mädchen sehen lassen können, um Begierden zu erregen, ohne den Anstand zu verletzen. Ich bewunderte Zenobias Geschicklichkeit. Die zerrissenen Hemden und Kleider ließen Teile von ihren Schultern, ihren Brüsten und ihren Armen sehen, während man durch die Löcher der Strümpfe die weiße Haut ihrer Beine sehen konnte. Ich zeigte ihnen, wie sie gehen mußten, wie sie die Köpfe zu bewegen hatten, um Mitleid zu erregen, ohne ihrer Anmut zu schaden, und wie sie sich ihrer Taschentücher bedienen mußten, so daß man die Löcher und die Feinheit des Batistes bemerken konnte. Sie waren hoch entzückt und konnten es kaum erwarten, ihre Rollen zu spielen. Ich wollte jedoch vor ihnen auf dem Ball sein, denn ich wünschte mich an dem Anblick ihres Eintritts zu ergötzen. Nachdem ich meine Maske angelegt hatte, forderte ich Zenobia auf, zu Bett zu gehen, da wir nicht vor Tagesanbruch zurückkehren würden. Hierauf ging ich. Ich trat in den Ballsaal ein, und da mehr als zwanzig Pierrots anwesend waren, so achtete kein Mensch auf mich. Fünf Minuten später sah ich die Menge sich herandrängen, um neu ankommende Masken zu sehen; ich stellte mich so auf, daß ich bequem alles sehen konnte. Der Marchese ging zwischen den beiden Basen. Ihr langsamer, kläglicher Gang paßte ausgezeichnet zu ihrer Rolle. Fräulein von Q. mit ihrem feuerroten Kleid, ihrem prachtvollen Haar und der Schönheit ihrer Formen lenkte alle Blicke auf sich. Die schaulustige, neugierige, erstaunte Menge begann erst eine Viertelstunde nach ihrem Eintritt zu sprechen; dann aber hörte man von allen Seiten: Welche Maskerade! Welche Maskerade! Wer sind sie? Wer können sie sein? Ich weiß es nicht. Ich weiß es auch nicht. Ich werde es gleich erfahren. Ich freute mich meines Werkes. Da die Musik zu spielen begann, so traten drei schöne Masken in Dominos auf meine drei Bettlerinnen zu und forderten sie auf, ein Menuett zu tanzen. Sie entschuldigten sich jedoch, indem sie auf ihre Schuhe zeigten, deren Absätze sie niedergetreten hatten. Es freute mich sehr, denn es zeigte mir, daß sie den Geist ihrer Rolle vollkommen begriffen hatten. Nachdem ich ihnen länger als eine Stunde gefolgt war und mich überzeugt hatte, daß die Neugier der Ballgäste stetig steigen würde, suchte ich Canano auf, bei dem an diesem Abend ein großes Spiel im Gange war. Eine Maske in venetianischer Tracht mit Baute und Mantel spielte auf eine einzige Karte, setzte fünfzig Zechinen, bot Paroli und Paix-de-Paroli, ganz nach meiner Art. Er hatte meine Gestalt und verlor dreihundert Zechinen. Man behauptete, ich sei es; nur Canano versicherte, ich sei es nicht. Um am Spieltisch bleiben zu dürfen, nahm ich Karten und machte wie ein Anfänger Sätze von drei und vier Dukaten. In der nächsten Taille hatte die venetianische Maske eine glückliche Serie: er gewann Paroli und Paix-de-Paroli und ließ noch einmal mit Erfolg stehen. Hierdurch gewann er alles Gold zurück, das er verloren hatte. Als noch eine zweite Taille ihm ebenfalls günstig war, strich er sein Gold ein und ging. Da sein Stuhl frei blieb, so nahm ich ihn mir. Hierauf sagte eine Dame: »Ich wette, dies ist der Chevalier de Seingalt.« »Nein,« sagte ein Herr, »ich habe ihn soeben erkannt, er ist als Bettler verkleidet und es sind vier andere Personen bei ihm, die kein Mensch kennt.« »Als Bettler? Wieso?« fragte Canano. »Als Bettler, in Lumpen gekleidet wie die vier anderen, trotzdem aber prachtvoll und höchst komisch. Sie sammeln Almosen.« »Man sollte sie hinausweisen!« sagte ein anderer. Ich freute mich, daß ich meinen Zweck erreicht hatte, denn es war ja ein Irrtum, daß man mich erkannt zu haben glaubte. Ich begann nun Haufen von Zechinen, ohne sie abzuzählen, auf eine Karte zu setzen und verlor fünf- oder sechsmal hintereinander. Canano beobachtete mich, ich las aber Unsicherheit auf seinen Zügen. Auf allen Seiten flüsterte man sich zu: »Das ist er nicht!« – »So spielt er nicht!« – »Außerdem ist er auf dem Ball!« – Das Glück wandte sich: in drei glücklichen Taillen gewann ich reichlich zurück, was ich verloren hatte, und ich spielte weiter mit einem Haufen Gold, der vor mir lag. Ich setzte eine große Hand, voll Zechinen auf eine Karte; diese kam zuerst heraus. Ich bot Paroli und Paix-de-Paroli. Ich gewann, und da ich sah, daß die Bank in den letzten Zügen lag, so hörte ich auf. Canano zahlte aus und verlangte tausend Zechinen von seinem Kassierer. Während er die Karten mischte, hörte ich sagen: »Da kommen sie! Da kommen die Bettler!« Die Bettler kamen und stellten sich an den Tisch. Canano musterte den Marchese und bat ihn um eine Prise. Man stelle sich meine Freude vor, als ich den Marchese ganz bescheiden eine Papierdüte mit Tabak aus der Tasche ziehen und dem Grafen Canano hinreichen sah! Diesen schönen Einfall hatte ich nicht vorausgesehen; er erregte die laute Heiterkeit aller Zuschauer. Fräulein von Q. streckte ihren Teller aus und heischte vom Bankhalter ein Almosen; dieser aber sagte: »Mit so schönen Haaren erregen Sie mir kein Mitleid; wollen Sie sie auf eine Karte setzen, so bin ich bereit, sie für tausend Zechinen gelten zu lassen.« Sie antwortete auf diese Galanterie nichts, sondern reichte mir ihren Teller hin; ich legte eine Prise Zechinen darauf und gab den beiden anderen dasselbe. »Pierrot scheint die Bettlerinnen zu lieben!« sagte Canano lachend. Die drei Bettlerinnen machten mir eine tiefe Verbeugung und entfernten sich. Marchese Triulzi, der neben Canano saß, sagte zu diesem: »Der Bettler in dem gelben Anzug ist ganz gewiß Casanova.« »Daran ist nicht zu zweifeln,« sagte Canano; »ich habe ihn sofort erkannt; aber wer sind die anderen?« »Wir werden es schon erfahren.« »Es ist die teuerste Maskerade, die man sich denken kann; denn die Kleider sind vollkommen neu.« Die tausend Zechinen kamen; ich nahm sie ihm in zwei Taillen ab. »Wollen Sie noch spielen?« fragte Canano mich. Ich verneinte durch ein Zeichen und deutete hierauf mit der Hand an, daß ich eine Anweisung von dem Kassierer wünschte. Dieser nahm eine Wage, wog das ganze Gold und schrieb mir eine Anweisung auf neunundzwanzig Pfund Gold, mehr als zweitausendfünfhundert Zechinen. Ich steckte meine Anweisung ein, schüttelte dem Grafen Canano die Hand und ging mit schlenkerndem Gang, meiner Pierrotrolle gemäß, einmal um den Ballsaal herum. Dann ging ich in eine Loge des dritten Ranges hinauf, zu der ich dem jungen Offizier den Schlüssel gegeben hatte. Dort fand ich alle meine liebenswürdigen Bettler beieinander. Nachdem wir nun ohne Maske versammelt waren, wünschten wir uns Glück zu unserem Erfolge und erzählten uns unsere Abenteuer. Neugierige brauchten wir nicht zu befürchten, denn die beiden Nebenlogen waren leer. Ich hatte sie gemietet und trug die Schlüssel bei mir. Die jungen Bettlerinnen wollten mir ihre Almosen wieder geben; ich antwortete ihnen jedoch auf eine Weise, daß sie nicht darauf bestehen konnten. »Man hält mich für Sie, Herr Chevalier,« sagte der Marchese zu mir, »und dieser Irrtum könnte dazu führen, daß man etwas erriete. Das würde mir unserer liebenswürdigen Bettlerinnen wegen sehr leid tun.« »Ich werde diesem Unglück vorbeugen, indem ich mich vor dem Schluß des Balles demaskiere. Dadurch müssen alle Vermutungen hinfällig werden und kein Mensch wird die Wahrheit erraten.« »Wir haben alle Taschen voll von Zuckerwerk,« sagte das reizende Fräulein von Q. zu mir. »Jeder packte unsere Teller voll.« »Ja,« rief die Base, »alle Welt bewunderte uns; die Damen kamen aus ihren Logen heraus, um uns in der Nähe anzusehen, und überall rief man, man könne nichts Reizenderes sehen, als eine solche Maskerade.« »Sie haben also viel Vergnügen gehabt?« »O, sehr viel!« »Ich auch. Ich bilde mir beinahe etwas darauf ein, ein Kostüm ausgedacht zu haben, das Sie unkenntlich gemacht hat und trotzdem alle Blicke auf Sie lenkte.« »Sie haben uns alle glücklich gemacht!« sagte der hübsche Schatz des Leutnants; »besonders mich; denn ich hätte niemals auf eine so köstliche Nacht zu hoffen gewagt.« »Das Ende krönt das Werk, mein gnädiges Fräulein, und ich hoffe, das Ende wird den Anfang noch übertreffen.« Bei diesen Worten drückte ich meiner Schönen verliebt die Hand; ich weiß nicht, ob sie mich erriet, aber ich fühlte ihre Hand in der meinigen zittern. »Wir wollen in den Saal gehen,« sagte sie zu mir. »Ich auch, denn ich habe Lust, zu tanzen, und ich bin sicher, daß ich als Pierrot Sie zum Lachen bringen werde.« »Wissen Sie, wieviel Sie einer jeden von uns gegeben haben?« »Genau kann ich es nicht sagen; aber ich bin überzeugt, daß ich Sie alle drei ungefähr gleich behandelt habe.« »Das stimmt, und wir haben uns sehr darüber gewundert.« »Ich habe das tausendmal erlebt. Wenn man mir ein Paroli von zehn Zechinen abgewinnt, strecke ich drei Finger aus, und ich bin sicher, dreißig Zechinen zu fassen. Ich möchte wetten, daß ich jeder von Ihnen achtunddreißig bis vierzig gegeben habe.« »Vierzig; keine mehr oder weniger. Das ist erstaunlich. An diese Maskerade werden wir denken.« »Ich wette,« sagte der Marchese, »kein Mensch wird sie uns nachmachen.« »Nein,« sagte die Base; »aber wir selber würden nicht ein zweites Mal so zu erscheinen wagen.« Wir legten unsere Masken wieder an, und ich ging zuerst hinaus. Nachdem ich mir tausend Ungezogenheiten gegen die Harlekins und besonders gegen die Harlekinen erlaubt hatte, erkannte ich Teresa im Domino und lud sie ganz linkisch zum Kontertanz ein. »Sie sind der Pierrot, der die Bank gesprengt hat?« Ich bejahte durch ein Kopfnicken. Dann tanzte ich wie ein Besessener, ohne jemals aus dem Takt zu kommen und ohne die Figuren des Tanzes zu stören; es sah aus, wie wenn ich jeden Augenblick hinfallen würde, und doch fiel ich nie. Nach dem Kontertanz bot ich ihr meinen Arm und führte sie in ihre Loge, worin Greppi ganz allein saß. Sie bat mich, einzutreten, und die Überraschung des Pärchens war nicht gering, als ich die Maske abnahm. Sie glaubten, ich sei einer von den Bettlern. Ich gab Herrn Greppi Cananos Anweisung, und nachdem er mir Quittung darüber gegeben hatte, ging ich unmaskiert wieder in den Saal, zur großen Überraschung der Neugierigen, die mich ganz sicher in dem Marchese erkannt zu haben glaubten. Gegen Morgen entfernte ich mich in einer Sänfte, die ich zweihundert Schritte weiter vor der Tür eines Logierhauses halten ließ. Ein kleines Stückchen weiter nahm ich einen zweiten Tragstuhl, der mich zu meinem Pastetenbäcker brachte. Ich fand Zenobia im Bett. Sie sagte mir, sie sei überzeugt gewesen, daß ich allein vor den anderen heimkommen werde. Ich kleidete mich aus und lag gar bald an der Seite dieser Venus. Man konnte nichts Vollkommeneres sehen als dieses Weib. Hätte Praxiteles sie als Modell gehabt, so hätte er nicht mehrerer griechischer Schönheiten bedurft, um den Körper seiner Venus zu bilden. Wie schade, daß so reine Formen einem Pavian gehörten! Ich zog sie nackt aus, und nachdem ich sie lange betrachtet hatte, erwies ich ihr die unzweifelhaftesten Huldigungen meiner Bewunderung; ich beglückte sie, und sie zeigte sich nicht undankbar. Es war das erstemal, daß ich sie wirklich ganz und gar in meinem Besitz hatte. Als wir den Trab von vier Pferden hörten, standen wir schnell auf und waren im Handumdrehen angezogen. Meine liebenswürdigen Bettlerinnen traten ein, und ich sagte ihnen, ich könne beim Umkleiden zugegen sein, da sie ja nicht das Hemd zu wechseln brauchten. Und sie waren denn auch nicht zimperlich. Bei dieser köstlichen Beschäftigung beschränkte ich jedoch meine Blicke auf Fräulein von Q. Ich bewunderte alle ihre Schönheiten und sah mit Vergnügen, daß sie sich nicht geizig zeigte. Zenobia band ihre Haare auf und wandte sich dann zu den beiden anderen, um diesen zu helfen. Ich erbot mich, sie zu ersetzen, und sie erlaubte mir, ihr beim Anziehen des Kleides zu helfen. Sie verhinderte nicht, daß meine Augen durch einen großen Riß drangen, der mir erlaubte, die eine der beiden Halbkugeln, die ihren herrlichen Busen zierten, beinahe ganz zu sehen. »Was wollen Sie mit diesem Hemde machen, mein Fräulein?« »Sie werden über die Kinderei lachen! Wir haben beschlossen, zur Erinnerung an den schönen Abend, den wir Ihnen verdanken, alle diese Sachen wie eine Reliquie aufzubewahren. Überlassen Sie bitte meinem Bruder die Mühe, die Sachen zu uns schaffen zu lassen. Wir wollen jetzt zu Bett gehen, werden Sie uns heute Abend besuchen?« »Wenn ich vernünftig wäre, müßte ich Ihre Gegenwart vermeiden.« »Wenn ich selber vernünftig wäre, dürfte ich Sie nicht einladen, zu uns zu kommen.« »Was für eine Antwort! Natürlich werden Sie mich sehen; aber darf ich, bevor wir uns trennen, einen Kuß von Ihnen erbitten?« »Zwei.« Ihr Bruder und der Marchese entfernten sich. Zwei Tragstühle, die ich vor die Tür bestellt hatte, brachten die beiden Basen nach Hause. Zwei andere, die ein bißchen später kamen, dienten dem Leutnant und seiner Freundin. Der Marchese, der bei mir geblieben war, sagte mir mit der größten Höflichkeit, er wünsche mir die Hälfte meiner Auslagen zu erstatten. »Ich habe mir wohl gedacht, daß Sie mich demütigen würden.« »Das ist nicht meine Absicht; ich bestehe daher nicht auf meinem Wunsche, aber Sie begreifen wohl, daß ich dann der Gedemütigte bin.« »Nein; denn ich rechne auf Ihren Geist. Wie Sie sehen, kostet das Geld mir nichts, übrigens gebe ich Ihnen mein Ehrenwort, daß ich Sie auf allen Vergnügungspartien, bei denen wir uns während des Karnevals noch treffen könnten, für mich werde bezahlen lassen. Wir können hier soupieren, so oft es Ihnen beliebt; ich bin hier zu Hause. Sie geben die Gesellschaft, und ich werde Sie die Rechnung bezahlen lassen.« »Ausgezeichnet! Diese Anordnung gefällt mir. Lassen Sie uns gute Freunde sein. Ich lasse Sie mit dieser reizenden Kammerzofe allein, und ich begreife nicht, daß eine solche Schönheit ungekannt von aller Welt, ausgenommen von Ihnen, in Mailand hat leben können.« »Sie ist eine Bürgersfiau, die ein Geheimnis zu bewahren weiß. Habe ich recht, Signora?« »Ich würde lieber sterben, als irgend einem Menschen sagen, daß der Herr der Marchese F. ist.« »Vortrefflich, meine reizende und schöne Signora; halten Sie stets Ihr Wort und nehmen Sie, bitte, dieses kleine Andenken an.« Es war ein schöner Ring. Zenobia nahm ihn mit reizendem Anstand an; er mochte etwa fünfzig Zechinen wert sein. Als der Marchese fort war, kleidete Zenobia mich für die Nacht an. Ich legte mich zu Bett, nachdem ich ihr vierundzwanzig Zechinen gegeben und sie umarmt hatte; dann sagte ich ihr, sie könne nach Hause gehen, um ihren Mann zu trösten. »Er ist nicht unruhig,« sagte sie; »denn er ist Philosoph.« »Das muß er allerdings sein, da er eine so schöne Frau hat. Gib mir noch einen Kuß, Zenobia, und dann wollen wir scheiden.« Sie warf sich auf mich, bedeckte mich mit Küssen und nannte mich ihr Glück und ihre Vorsehung. Ihre heißen Küsse brachten die natürliche Wirkung hervor, und nachdem ich ihr einen neuen Beweis von der Macht ihrer Reize gegeben hatte, ging sie fort, und ich schlief ein. Es war zwei Uhr, als ich mit einem Wolfshunger erwachte. Ich aß ausgezeichnet zu Mittag und kleidete mich dann an, um die schöne Marchesina Q. zu besuchen, die ich, nach dem, was sie mir gesagt hatte, kaum spröde finden konnte. Alle Anwesenden außer ihr saßen am Spieltisch. Sie stand an einer Fensterbrüstung und schien so aufmerksam zu lesen, daß sie mich nicht bemerkte; sobald sie mich aber gesehen hatte, wurde sie rot, klappte ihr Buch zu und steckte es in die Tasche. »O, ich bin nicht schwatzhaft, mein gnädiges Fräulein; ich werde keinem Menschen sagen, daß ich Sie dabei überrascht habe, wie Sie in einem Gebetbuch lasen.« »Das freut mich; denn es wäre um meinen guten Ruf geschehen, wenn man wüßte, daß ich fromm bin.« »Hat man von der Maskerade gesprochen? Weiß man, wer die Masken waren?« »Man spricht von nichts anderem und bedauert uns, daß wir nicht auf dem Ball gewesen seien; aber man hat die Hoffnung aufgegeben, zu erfahren, wer die Masken waren; denn man sagt, eine unbekannte Kutsche mit vier Pferden habe sie blitzgeschwind nach der zehnten Poststation gebracht, von wo sie Gott weiß welchen Weg eingeschlagen haben. Man sagt auch, meine Haare seien falsch gewesen; ich habe wirklich Lust bekommen, ihnen das Gegenteil zu beweisen. Ferner sagt man, Sie müßten die Masken kennen, denn sonst hätten Sie ihnen nicht ganze Hände voll Dukaten gegeben.« »Man muß die Leute reden und glauben lassen, was sie wollen; die Hauptsache ist, daß man sich selber nicht verrät.« »Da haben Sie recht; aber soviel ist wahr: wir haben ein sehr großes Vergnügen gehabt. Wenn Sie alle Aufträge, die man Ihnen gibt, ebenso erledigen, sind Sie einzig in Ihrer Art.« »Aber ich hätte einen solchen Auftrag nur von Ihnen selber in Empfang nehmen können.« »Heute von mir, morgen von einer anderen.« »Ich sehe. Sie halten mich für unbeständig, aber ich schwöre Ihnen, wenn Sie mich Ihres Herzens würdig fänden, würde Ihr Bild unauslöschlich in meinem Herzen bleiben.« »Ich bin überzeugt, das haben Sie tausend Mädchen gesagt; ich bin ferner überzeugt, Sie haben sie verachtet, nachdem Sie sie Ihres Herzens würdig gefunden haben.« »Ich bitte Sie, brauchen Sie doch nicht das Wort ›verachtet‹; denn dann müßte ich ja glauben, Sie halten mich für ein Ungeheuer. Die Schönheit verführt mich, ich strebe sie zu besitzen, und ich verachte sie, wenn es nicht Liebe ist, die mir ihren Genuß verschafft. Aber wie wäre es mir möglich, ihr keinen ehrfurchtsvollen Kultus zu weihen, wenn sie sich mir aus Liebe hingibt? Da müßte ich mich ja vor allen Dingen selber verachten. Sie sind schön und ich bete Sie an; aber Sie würden sich sehr täuschen, wenn Sie glauben könnten, ich wäre damit zufrieden, daß Sie sich mir aus Gefälligkeit hingäben.« »Ich sehe, Sie verlangen mein Herz.« »Ganz recht; nach Ihrem Herzen strebe ich.« »Um mich in vierzehn Tagen unglücklich zu machen.« »Um Sie bis in den Tod zu lieben und alle Ihre Wünsche zu erfüllen.« »Alle meine Wünsche?« »Ja, sie wären für mich unverletzliche Gesetze.« »Sie würden sich in Mailand niederlassen?« »Ganz gewiß, wenn Sie mich unter dieser Bedingung glücklich machten.« »Spaßhaft ist es bei alledem, daß Sie mich betrügen, ohne es selber zu wissen, wenn es wahr ist, daß Sie mich lieben.« »Jemanden betrügen, ohne es selber zu wissen, – das ist für mich etwas Neues. Wenn ich es nicht weiß, so bin ich unschuldig.« »Unschuldig – meinetwegen. Aber Sie täuschen nicht minder auch mich. Denn es wird nicht in Ihrer Macht stehen, mich noch zu lieben, wenn die Liebe zu mir in Ihnen erloschen ist.« »Das wäre allerdings möglich; aber ich weise einen so abscheulichen Gedanken weit von mir! Lieber will ich glauben, daß ich in alle Ewigkeit in Sie verliebt sein werde. So viel ist sicher: seitdem ich in Mailand bin, habe ich dort nicht ein einziges Frauengesicht gefunden, das mir gefallen hätte.« »Auch nicht das reizende junge Weib, das uns bedient hat, das Sie vielleicht bis vor wenigen Augenblicken in Ihren Armen gehalten haben?« »Was sagen Sie da, göttliche Marchesa! Sie ist die Frau des Schneiders, der unsere Kleider gemacht hat. Sie ist gleich nach Ihnen fortgegangen, und ihr Mann würde sie nicht bei mir gelassen haben, wenn er nicht gewußt hätte, daß ich sie brauchte, um die drei Damen zu bedienen, für die er die Kleider gemacht hatte.« »Sie ist bildhübsch. Ist es möglich, daß Sie sie nicht lieben?« »Wie kann man eine Frau lieben, wenn man weiß, daß ein Pavian sich mit ihr vergnügt, so oft er Lust hat? Das einzige Vergnügen, das die Frau mir heute früh gemacht hat, bestand darin, daß sie mit mir über Sie sprach.« »über mich?« »Ja. Werden Sie mir verzeihen, wenn ich Ihnen gestehe, daß ich in meiner Neugierde sie gefragt habe, welche der drei jungen Damen, die sie doch ohne Hemd gesehen haben müßte, die schönste wäre?« »Solche Frage kann nur ein Wüstling stellen. Nun? Was hat sie Ihnen geantwortet?« »Die Dame, die die schönen Haare hat, sei überhaupt in jeder Beziehung schön.« »Das glaube ich nicht; denn ich habe gelernt, anständig das Hemd zu wechseln, und sie kann wohl kaum mehr gesehen haben, als was ich auch einen Mann ohne Gefahr hätte sehen lassen können. Sie hat Ihrer indiskreten Neugier schmeicheln wollen. Wenn ich eine Kammerzofe hätte wie diese, würde ich sie sofort entlassen.« »Sie sind ärgerlich.« »Nein.« »Wenn Sie auch nein sagen – ich habe bei dieser flüchtigen Aufwallung Ihre Seele erkannt. Ich bin in Verzweiflung, Ihnen diese Worte gesagt zu haben.« »Ei was; das ist nichts. Ich weiß, die Männer fragen Kammerzofen immer nach solchen Sachen, und diese antworten ihnen stets wie Ihre Schöne, die vielleicht nur gerne Ihre Neugier auf sie selber lenken möchte.« »Aber wie sollte sie wohl hoffen, das ihr dies gelingen könnte, indem sie Ihre Schönheiten auf Kosten der beiden anderen pries? Sie konnte ja doch nicht wissen, daß ich Sie vorziehe.« »Wenn sie das nicht weiß, so habe ich unrecht; aber trotzdem hat sie gelogen.« »Sie kann vielleicht etwas erfunden haben, aber ich glaube nicht, daß sie gelogen hat. Sie lachen! Das entzückt mich.« »Ich lache, weil es mir Vergnügen macht, Sie glauben zu lassen, was Sie wollen.« »Sie erlauben mir also, zu glauben, daß Sie mich nicht hassen?« »Sie hassen? Was für ein häßliches Wort! Wenn ich Sie haßte, würde ich Sie dann noch sehen? Aber sprechen wir jetzt von etwas anderem. Ich möchte Sie bitten, mir ein Vergnügen zu erweisen. Hier sind zwei Zechinen. Setzen Sie sie in der Lotterie auf eine Ambe; geben Sie mir den Zettel, wenn Sie Ihren nächsten Besuch machen, oder schicken Sie ihn mir zu. Aber lassen Sie nur ja keinen Menschen etwas davon erfahren.« »Sie sollen ihn morgen ganz bestimmt erhalten; aber warum befehlen Sie mir, Ihnen den Zettel zu schicken?« »Weil Sie vielleicht nicht kämen, wenn Sie sich mit mir langweilen.« »Sagen Sie offen, mein Fräulein, macht es den Eindruck, wie wenn ich mich in Ihrer Gesellschaft langweile? Da bin ich recht unglücklich! Wie heißen Ihre Nummern?« »Die drei und die vierzig, sie selber haben Sie mir gegeben.« »Ich? Wieso denn?« »Drei Prisen Zechinen und jedesmal vierzig. Ich bin abergläubisch; Sie werden mich deshalb aufziehen, aber es kommt mir wirklich so vor, als ob Sie nur nach Mailand gekommen seien, um mich glücklich zu machen.« »Sie schenken mir das Leben wieder! Ihre Worte erfüllen mich mit inniger Freude. Sie sagen, Sie seien abergläubisch; aber wenn Sie diese Ambe nicht gewinnen, so ziehen Sie daraus nur ja nicht die Folgerung, daß ich Sie nicht liebe: das wäre ein haarsträubender Sophismus.« »Mein Aberglaube geht nicht so weit; so unvernünftig denke ich nicht.« »Glauben Sie, daß ich Sie liebe?« »Ja.« »Erlauben Sie mir, Ihnen das hundertmal zu sagen?« »Ja.« »Und es Ihnen auf alle Arten zu beweisen?« »Die Arten will ich vorher kennen; denn es wäre möglich, daß diejenigen, die Sie für die wirksamsten halten, mir sehr überflüssig erscheinen.« »Ich sehe voraus, Sie werden mich lange schmachten lassen.« »So lange, wie ich kann.« »Und wenn Sie nicht mehr können?« »So werde ich mich ergeben. Sind Sie damit zufrieden?« »Ja, gewiß; aber ich werde alle meine Kraft aufbieten, um Ihren Widerstand zu vermindern.« »Tun Sie das nur. Ihre Bemühungen werden mir angenehm sein.« »Werden Sie mir helfen, zum Ziele zu gelangen?« »Vielleicht.« »Ach, reizende Marchesina, Sie brauchen nur zu sprechen, um einen Menschen glücklich zu machen. Ich bin wirklich glücklich, und ich verlasse Sie, in heißer Liebe entbrannt.« Nach dieser reizenden Plauderei ging ich ins Theater und besuchte hierauf den Spieltisch, wo ich die Maske sah, die am Abend vorher dreihundert Zechinen gewonnen hatte. Er spielte sehr unglücklich, denn er hatte in Marken bereits mehr als zweitausend Zechinen verloren. In weniger als einer Stunde verlor er noch das doppelte dazu; dann sagte Canano: »Jetzt ist es genug!« und legte die Karten hin. Er stand auf, und die Maske entfernte sich. Es war ein Genueser, namens Spinola. »Sie haben eine glückliche Bank gehabt,« sagte ich zu Canano. »Ja; aber mit Ihnen habe ich schlechte Geschäfte gemacht. Pierrot ist glücklich gewesen.« »Na, wenn ich gewettet hätte, würden Sie verloren haben, denn Sie haben mich in dem Pierrotkostüm nicht erkannt.« »Allerdings nicht; ich war auf den einen Bettler versessen, den ich für Sie hielt. Sie wissen doch, wer er ist?« »Nicht im geringsten. Ich hatte ihn nie zuvor gesehen.« Dies war keine Lüge von mir. »Man sagt, es seien lauter Venetianer, und sie seien von hier nach Bergamo gefahren.« »Das kann wohl sein; aber ich weiß nichts davon. Ich hatte den Ball bereits verlassen, als sie gingen.« Am Abend speiste ich mit der Gräfin A. B., ihrem Gatten und Triulzi. Sie waren derselben Meinung wie Canano. Triulzi sagte zu mir, ich hätte mich verraten, indem ich den Bettlerinnen ganze Hände voll Zechinen gegeben hätte. »Da irrt man sich,« antwortete ich; »man kennt mich nicht. – Ich bin abergläubisch beim Spiel und würde glauben, daß ich verlieren müßte, wenn ich nicht denen, die mich darum bitten, ein paar Dukaten gebe; vorausgesetzt natürlich, daß ich im Gewinn bin. Ich habe dreißig Pfund Gold gewonnen und lasse die Narren schwätzen.« Am nächsten Tage kaufte ich einen Lotteriezettel und brachte ihn meiner schönen Marchesa. Ich war vollständig in sie verliebt, weil alles mir sagte, daß sie mich liebte. Auch ihre Base spielte an diesem Tage nicht, und ich verbrachte drei Stunden mit ihnen, von nichts als Liebe sprechend. Ich fand in ihren Bemerkungen einen unbeschreiblichen Zauber, denn sie hatten unendlich viel Geist. Als ich sie verließ, fühlte ich, daß ich, wenn der Zufall mich mit der Base statt mit Fräulein von Q. zusammengebracht hätte, mich in die erstere ebenso verliebt haben würde. Der Karneval dauert in Mailand vier Tage länger als an allen anderen Orten, wodurch die Fastenzeit um eine halbe Woche abgekürzt wird. Er näherte sich seinem Ende. Es sollten noch drei Bälle stattfinden. Ich spielte und verlor jeden Tag zwei- oder dreihundert Zechinen. Alle Welt wunderte sich noch mehr über meine Bedachtsamkeit als über mein Unglück. Jeden Tag ging ich zu den schönen Basen und redete mit ihnen von meiner Liebe; aber ich kam nicht weiter: es gab nur Hoffnungen, aber nichts Gewisses. Die schöne Marchesina bewilligte mir ein paar Küsse; diese sind eine Kost für Rekonvaleszenten: es ist weder Saft noch Kraft darin. Ich brauchte Besseres. Allerdings hatte ich mich noch nicht erkühnt, sie um ein Stelldichein zu bitten. Ich mußte dies aber doch schließlich tun; denn wenn ich bei meiner respektvollen Zurückhaltung verblieb, lief ich Gefahr, an Entkräftung zu sterben. Daher fragte ich sie drei Tage vor dem Ball, ob ich hoffen könnte, sie mit ihren beiden Freundinnen, ihrem Bruder und dem Marchese zum Abendessen einladen zu dürfen. »Mein Bruder«, antwortete sie mir, »wird Sie morgen aufsuchen, um mit Ihnen das Nötige zu verabreden.« Dies war ein gutes Zeichen. Der Leutnant kam wirklich. Ich hatte gerade die herausgekommene Lotterienummer erhalten, und man denke sich meine Freude, als ich die drei und die vierzig sah. Ich war himmelhoch erfreut über diesen Erfolg! Dem jungen Marchese sagte ich nichts, weil seine Schwester mir dies verboten hatte; aber ich sah voraus, daß diese Fügung des Zufalls meiner Liebe günstig sein würde. »Marchese F.«, sagte der liebenswürdige Botschafter zu mir, »ladet Sie nebst der ganzen Bettlergesellschaft für den Ballabend zum Abendessen in Ihrer Wohnung ein; da er uns jedoch eine Überraschung bereiten will, so bedarf er Ihrer Wohnung, um die Maskenkleider anfertigen zu lassen. Da er sicher sein möchte, daß die Sache geheim bleibt, bittet er Sie auch, dieselbe Kammerfrau zu bestellen, die Sie neulich hatten.« »Gern, sehr gern, mein junger Freund! Sagen Sie dem liebenswürdigen Marchese, ihm stehe alles zu Diensten.« »Sorgen Sie dafür, daß das Mädchen heute um drei Uhr dort ist, und sagen Sie dem Pastetenbäcker Bescheid, daß Sie dem Marchese freie Verfügung gegeben haben.« »Alles soll nach den Wünschen Ihres Freundes geschehen.« Es war mir nicht schwer, zu erraten, daß der Marchese Lust hatte, Zenobia zu besitzen; aber ich fand dies so natürlich, daß ich mich durchaus nicht darüber ärgerte, sondern im Gegenteil geneigt war, seine zärtlichen Gefühle zu begünstigen. »Leben und leben lassen« war stets mein Wahlspruch und wird bis zu meinem Tode mein Wahlspruch sein, obgleich augenblicklich unglücklicherweise der Genuß für mich nur noch in meinen Erinnerungen besteht. Sobald ich mich angezogen hatte, ging ich aus; ich sagte dem Pastetenbäcker Bescheid und ging dann zu dem Schneider, der sich sehr freute, daß ich seiner Frau Arbeit verschaffte. Er wußte aus Erfahrung, daß seiner Kasse ihre Abwesenheiten gut zustatten kamen. »Ihrer selbst bedarf ich nicht,« sagte ich zu ihm, »weil es sich nur um Frauenkleider handelt; ich habe nur meine Gevatterin nötig.« »Punkt drei werde ich ihr für drei Tage Urlaub geben.« Nachdem ich zu Mittag gegessen hatte, machte ich mich auf den gewohnten Weg; ich fand meine liebenswürdige Marchesina Q. überglücklich. Ihre Ambe hatte ihr fünfhundert Zechinen eingebracht. »Dies macht Sie glücklich?« fragte ich sie. »Es macht mir Vergnügen; aber obwohl ich nicht reich bin, so freue ich mich doch nicht über den Gewinn, sondern über den herrlichen Einfall, den ich mir zu eigen machte; das Vergnügen, das ich empfinde, beruht in dem Gedanken, daß ich dieses Glück Ihnen verdanke. Diese Fügung des Zufalls spricht gebieterisch zu Ihren Gunsten.« »Was sagt sie Ihnen?« »Sie sagt mir: Sie verdienen, daß ich Sie liebe.« »Sagt sie Ihnen auch, daß Sie mich wirklich lieben?« »Nein; dies sagt mir mein Herz.« »Sie machen mich überglücklich; aber sagt Ihr Herz Ihnen auch, daß Sie es mir beweisen müssen?« »Lieber Freund! Können Sie daran zweifeln?« Mit diesen Worten streckte sie mir ihre Hand hin. Es war das erste Mal. Ich preßte meine Lippen darauf. »Anfangs«, sagte sie, »dachte ich daran, die ganzen vierzig Zechinen auf die Ambe zu setzen.« »Hatten Sie nicht den Mut dazu?« »Das war es nicht; ich schämte mich. Ich fürchtete, Sie möchten etwas denken, was Sie mir gewiß nicht gesagt haben würden. Ich fürchtete nämlich, wenn ich Ihnen die vierzig Zechinen gäbe, um sie für mich in die Lotterie zu stecken, könnten Sie sich vielleicht einbilden, ich wollte Ihnen dadurch andeuten, daß ich dies Geschenk verachtete. Dies hätte Ihnen eine schlechte Meinung von mir gegeben; aber wenn Sie mir zugeredet hätten, wäre ich sofort bereit gewesen.« »Ich bin in Verzweiflung, nicht daran gedacht zu haben. Sie würden jetzt zehntausend Zechinen besitzen, und dies würde mich glücklich machen.« »Sprechen wir nicht mehr davon.« »Wie Ihr Bruder mir gesagt hat, werden wir unter der Leitung des Marchese den Maskenball besuchen. Sie können sich wohl denken, wie sehr mich die Aussicht freut, daß ich eine ganze Nacht mit Ihnen verbringen werde. Nur eins beunruhigt mich.« »Was denn?« »Ich fürchte, es wird nicht so gut gehen, wie das erste Mal.« »Seien Sie unbesorgt: der Marchese ist ein sehr kluger Mann. Er liebt meine Schwester ebenso wie seine eigene Ehre. Ganz gewiß wird man uns nicht erkennen.« »Er kann nichts Besseres tun, als es ebenso zu machen wie Sie.« Am Abend des Balles ging ich schon sehr früh zu meinem Pastetenbäcker, wo ich den Marchese fand. Er war sehr befriedigt, daß alles nach seinem Wunsche ging. Das Zimmer mit den Maskenanzügen war verschlossen. Ich fragte ihn mit zweideutiger Betonung, ob er mit Zenobia zufrieden gewesen sei. »Ich kann nur mit ihrer Arbeit zufrieden sein,« antwortete er mir, »denn ich habe weiter nichts von ihr verlangt.« »Ich will dies gerne glauben; aber ich befürchte, Ihre schöne Freundin wird in dieser Hinsicht nicht eben so leichtgläubig sein.« »Sie weiß, daß ich nur sie lieben kann.« »Sprechen wir nicht mehr davon.« Nachdem die Gäste gekommen waren, sagte der Marchese zu uns, die Verkleidung werde uns in Heiterkeit versetzen und es sei daher zu empfehlen, wenn wir uns vor dem Abendessen umzögen. Wir folgten ihm in die Kammer, wo wir zwei große Pakete sahen. »Meine Damen,« sagte er zu den drei Schönen, »dieses Paket ist für Sie. Die Signora wird Sie ankleiden; wir werden dasselbe in einem anderen Zimmer tun.« Er nahm das größere Paket. Als wir in unserem Zimmer eingeschlossen waren, öffnete er es und gab mir sowie dem Leutnant die für uns bestimmten Sachen, indem er ausrief: »Vorwärts, meine Freunde, beeilen wir uns!« Wir lachten laut auf, als wir Frauenkleider sahen. Nichts fehlte: Hemden, mit Flitter bestickte Schuhe mit Absätzen, die uns zwei Zoll größer machten, prachtvolle Strumpfbänder und kostbare Nachthäubchen, um uns die Mühe des Frisierens zu ersparen; die herrlichen Spitzen, mit denen sie benäht waren, fielen uns über die Augen. Ich war überrascht, daß die Schuhe, die er für mich bestimmt hatte, mir wie angegossen paßten; wie ich jedoch später erfuhr, hatte ich denselben Schuster wie er. Mieder, Unterröcke, Kleid, Busentuch, Fächer, Arbeitstasche, Schminkdöschen, Masken, Handschuhe – alles war von tadelloser Beschaffenheit. Wir halfen uns gegenseitig die Hauben aufsetzen; als wir jedoch angezogen waren, sahen wir aus wie Vogelscheuchen, mit Ausnahme des jungen Offiziers, den man wohl für eine sehr hübsche Frau hätte halten können; denn ein falscher Busen und ein cul de Paris ersetzten die Schönheiten, die er als Mann nicht haben konnte. Ohne uns verabredet zu haben, zogen wir alle drei keine Hosen an. »Ihre schönen Strumpfbänder«, sagte ich zum Marchese, »zeigen mir, daß Sie die Hosen für überflüssig halten.« »Der Gedanke ist sehr gut,« sagte er; »leider aber wird es niemandem einfallen, sich von der Sache zu überzeugen, denn zwei Fräuleins von fünf Fuß zehn Zoll werden keine sehr lebhaften Begierden einflößen.« Ich hatte mir gedacht, daß unsere reizenden Freundinnen als Männer erscheinen würden, und ich hatte mich nicht getäuscht. Da sie vor uns fertig geworden waren, so sahen wir sie beim Eintreten vor dem Kaminfeuer stehen. Sie sahen wie drei junge Pagen aus, aber ohne deren Unverschämtheit; denn sie fühlten sich in ihrer Kleidung offenbar ein wenig verlegen, obgleich sie so taten, wie wenn sie sich sehr wohl darin befänden. Wir stellten uns ihnen vor, indem wir die Bescheidenheit des schönen Geschlechts mit einer schamhaften Zurückhaltung nachäfften, die zu unseren Rollen paßte. Sie hielten sich infolgedessen für verpflichtet, das Benehmen von Männern nachzuahmen; ihr Anzug war aber nicht von der Art, wie er für junge Leute paßt, bei denen man ein ehrfurchtsvolles Benehmen gegen Damen voraussetzt. Sie waren als Läufer gekleidet, trugen enge Hosen, kurze, festanliegende Westen, offene Jäckchen, Strumpfbänder mit silbernen Franzen, Tressengürtel und hübsche, silberbestickte Mützen mit vergoldetem Wappen. Ihre Batisthemden waren mit sehr großen Brustkrausen von Alençonspitzen geschmückt. In dieser Kleidung, worin sie notwendigerweise ihre schönen Formen durch einen fast durchsichtigen Schleier zeigten, hätten sie die Sinne eines an allen Gliedern Gelähmten aufregen können; wir aber waren nichts weniger als das. Indessen liebten wir sie zu sehr, um sie scheu zu machen. Nach den ersten gezierten Redensarten, wie sie bei solchen Gelegenheiten üblich sind, begannen wir auf unsere gewöhnliche Art zu plaudern, bis man das Abendessen auftragen würde. Sie sagten uns: da sie zum erstenmal in ihrem Leben Männerkleidung trügen, so wären sie nicht ohne Furcht wegen der Gefahren, denen sie sich aussetzten, wenn sie auf den Ball zu gehen wagten. »Wenn uns unglücklicherweise jemand erkennen sollte, so wären wir verloren«, rief die Base. Sie hatten recht, unsere Aufgabe erforderte jedoch, sie zu beruhigen, obwohl wir, besonders ich, gerne in unserem kleinen Kreise geblieben wären. Wir gingen zu Tisch, jeder saß neben seinem Liebchen, und gegen meine Erwartung war die Geliebte des Leutnants die erste, die einen fröhlichen Ton anschlug. Sie glaubte ihre Männerrolle nur richtig spielen zu können, wenn sie sich kühn zeigte; infolgedessen ging sie dem weiblichen Leutnant zu Leibe, der sich wie ein sprödes Mädchen verteidigte. Die beiden Basen schämten sich, weniger tapfer zu sein als ihre Freundin, und erwiesen uns einige Liebkosungen, die schon ziemlich ausgelassen waren. Zenobia, die uns bei Tisch bediente, konnte sich des Lachens nicht enthalten, als meine angebetete Q. ihr vorwarf, sie hätte mein Kleid zu eng über die Brust gemacht. Als sie ihre hübsche Hand ausstreckte, wie wenn sie mir Gewalt antun wollte, gab ich ihr eine leichte Ohrfeige; sie dagegen ergriff mit der Höflichkeit eines reuigen Kavaliers meine Hand und küßte sie, indem sie mich um Verzeihung bat. Ich konnte es kaum noch aushalten! Als der Marchese sagte, ihn fröre, fragte die Base ihn, ob er seine Hose anhabe. Sie streckte ihre Hand aus, um sich zu vergewissern, zog sie aber sofort errötend zurück. Wir brachen hierauf in ein lautes Gelächter aus, in das sie klugerweise mit einstimmte, indem sie ihre Rolle eines unverzagten Liebhabers mit entzückendem Geist weiterspielte. Das Abendessen hatte nichts zu wünschen übrig gelassen; es war lecker, abwechslungsvoll und reichlich. Von Liebe und Wein erhitzt, standen wir auf, nachdem wir mehr als zwei Stunden bei Tisch verbracht hatten. Als wir aufstanden, malte sich Traurigkeit auf den Zügen der beiden schönen Basen. Sie wußten nicht, wie sie auf den Ball gehen könnten, wo ihre Kleidung ihnen alle ausgelassenen Masken auf den Hals hetzen müßte. Der Marchese begriff dies ebensogut wie wir und fand ihr Widerstreben sehr natürlich. »Wir müssen aber doch zu einer Entscheidung kommen,« rief der Leutnant; »entweder fahren wir auf den Ball oder nach Hause.« »Keins von beiden!« sagte der Marchese; »tanzen wir hier!« »Wo sind die Geiger?« sagte seine Geliebte. »Heute Nacht sind um alles Gold der Welt keine aufzutreiben.« »Ei, so behelfen wir uns ohne sie!« rief ich. »Wir machen Punsch, spielen allerlei kleine Spiele, plaudern und sind glücklich; werden wir müde, so schlafen wir. Wir haben drei Betten.« »Zwei genügen«, sagte die Base. »Allerdings; aber zuviel des Guten schadet nie.« Zenobia war zur Frau des Pastetenbackers gegangen, um zu Abend zu essen; sie sollte erst wieder heraufkommen, wenn wir sie riefen. Nachdem wir zwei Stunden lang allerlei Scherzchen getrieben hatten, die für die Liebe nicht verloren waren, ging die Geliebte des Leutnants, die ein bißchen beschwipst war, in ein anderes Zimmer und warf sich auf das Bett. Ihr Geliebter folgte ihr bald. Fräulein von Q. befand sich in derselben Lage; sie sagte mir, sie wünsche sich einen Augenblick auszuruhen. Ich führte sie in ein Zimmer, worin sie sich einschließen konnte, und schlug ihr vor, dies zu tun. »Ich glaube nicht, daß ich mich vor jemandem in acht zu nehmen brauche«, antwortete sie mir. »Dann lassen wir also den Marchese mit Ihrer liebenswürdigen Base allein; sie können sich ebenfalls ausruhen, und ich werde bei Ihnen Wache halten.« »Nein, lieber Freund, Sie müssen ebenfalls schlafen.« Mit diesen Worten ging sie in das Ankleidezimmer, indem sie mich bat, ihr ihren Unterrock zu holen. Als sie wieder eintrat, rief sie: »Ah, ich atme wieder auf. Diese verdammte Hose ist zu eng: sie rieb mich wund.« Nur mit ihrem Unterrock bekleidet, legte sie sich auf das Bett. »Wo tat Ihnen denn die abscheuliche Hose weh, liebes Herz?« »Das mag ich Ihnen nicht sagen, aber mir scheint, dieses Kleidungsstück muß Ihnen doch sehr unbequem sein?« »Aber, mein Engel, wir sind doch ganz anders gebaut; die Hose kann uns an der Stelle, wo sie Sie gedrückt hat, nicht wund reiben.« Während ich dies sagte, hielt ich sie an meine Brust gepreßt in den Armen. Ich ließ mich sanft an ihre Seite gleiten. Eine volle Viertelstunde blieben wir so, ohne ein Wort zu sprechen; wir hielten uns umschlungen, und unser Lippen verschmolzen in einem langen Kuß. Um sie ungestört zu lassen, ging ich einen Augenblick in das Ankleidezimmer. Als ich wieder hereinkam, fand ich sie unter der Bettdecke. Sie sagte nur, sie habe sich ausgezogen, um besser schlafen zu können; dann schloß sie die Augen und drehte sich um. Ich begriff, daß die Schäferstunde geschlagen hatte; im Handumdrehen warf ich meine Frauenkleider ab und schlüpfte leise neben sie, denn die ersterbende Scham muß man schonen. Ich umschlang sie mit meinen Armen; bald brachte ein gewisser Druck ihre Sinne in Aufregung, sie wandte sich zu mir und überließ mir den Genuß aller ihrer Reize. Nach dem ersten Opfer schlug ich eine Abwaschung vor, die notwendig war; denn wenn ich mir auch nicht gerade schmeicheln konnte, das Schloß erbrochen zu haben, so hatte doch das Opfer ehrenvolle Spuren auf dem Altar gelassen. Mein Vorschlag wurde freudig angenommen, und als wir uns gegenseitig diesen Dienst erwiesen hatten, erlaubte sie mir, mich am Anblick aller ihrer Schönheiten zu weiden und diese mit meinen Küssen zu bedecken. Durch meine Liebkosungen ermutigt, nahm sie für sich das Vorrecht der Gleichheit in Anspruch. »Welch ein Abstand«, rief sie, »zwischen Bild und Wirklichkeit!« »Aber der Vergleich, mein Engel, fällt wohl zu Gunsten des Bildes aus?« »Was sagst du da! Kann man der Kunst den Vorzug vor der Natur geben?« »Die Natur kann doch Unvollkommenheiten haben.« »Ich weiß nicht, ob an dem, was ich sehe, irgend etwas unvollkommen ist; jedenfalls habe ich niemals etwas Schöneres gesehen.« Allerdings bot ich ihr in diesem Augenblick das Werkzeug der Liebe in seiner ganzen Schönheit dar und ließ sie seine ganze Macht verspüren. Sie blieb nicht hinter mir zurück, und ich habe selten bei einer Frau mehr Feuer, Schmiegsamkeit und Reziprozität gefunden. »Wenn wir vernünftig sind,« sagte sie, »so gehen wir auf gar keinen Ball mehr, sondern kehren an diesen Ort zurück, wo so süße Genüsse unser harren.« Ich küßte liebeglühend den Mund, der mir so bestimmt mein Glück versprach, und überzeugte sie durch meine Entzückungen, daß niemals ein Mann sie glühender lieben könnte als ich. Es kostete mir keine Mühe, sie vom Schlafen abzuhalten; denn ihre schönen Augen machten nicht ein einzigesmal Miene, sich zu schließen. Wir waren beständig in Tätigkeit oder in wonnigen gegenseitigen Betrachtungen, die wir mit verliebten Reden begleiteten. Zuweilen täuschte ich sie, aber nur zu ihrem Vorteil, denn das Temperament eines jungen Weibes ist stets feuriger als das eines jungen Mannes. Wir hörten erst auf, als der Tag zu dämmern begann. Wir brauchten uns nicht voreinander zu verbergen, denn alle hatten in Freuden genossen, und nur eine gegenseitige Bescheidenheit hielt uns ab, uns zu beglückwünschen. Wir sprachen nicht von unserem Glück, aber indem wir schwiegen, leugneten wir es auch nicht. Als wir angezogen waren, dankte ich dem Marchese und lud ihn, ohne daß von Maskerade die Rede gewesen wäre, für die Nacht des nächsten Balles zum Abendessen ein, wenn es den Damen recht wäre. Der Leutnant sagte in ihrem Namen zu, und seine Geliebte fiel ihm vor Freude um den Hals, dankte ihm und warf ihm zugleich vor, daß er die ganze Nacht geschlafen hatte. Der Marchese sagte, er habe dasselbe getan; ich wiederholte diese Worte wie einen Glaubensartikel, und die Damen umarmten uns, indem sie uns für unser anständiges Verhalten dankten. Wir trennten uns wie das erstemal; nur der Marchese blieb allein bei Zenobia. Ich begab mich nach Hause und ging sofort zu Bett; da ich erst um drei Uhr aufstand, so fand ich keinen Menschen im Hause. Ich ging also allein zu meinem Pastetenbäcker, um dort zu Mittag zu essen, und fand Zenobia mit ihrem Mann, der sich eingefunden hatte, um sich an den Resten unseres Abendessens gütlich zu tun. Er sagte mir, ich hätte sein Glück gemacht; denn der Marchese hätte seiner Frau vierundzwanzig Zechinen und seine Weiberkleider geschenkt. Ich gab ihr auch die meinigen. Als ich meiner Gevatterin sagte, sie solle mir etwas zu essen besorgen, entfernte sich der Schneider, mit überschwenglichen Versicherungen seiner Dankbarkeit. Als ich mit der schönen Zenobia allein war, bat ich sie, mir zu sagen, ob sie mit dem Marchese zufrieden gewesen sei. »Er hat mich reichlich belohnt«, sagte sie, indem sie leicht errötete. »Mehr will ich nicht wissen, meine liebe Zenobia, denn es ist unmöglich, dich zu sehen, ohne dich zu lieben, und wenn man dich liebt, wünscht man dich zu besitzen.« »Der Marchese hat nur das nicht bewiesen.« »Das ist möglich, aber sehr zu verwundern.« Sobald ich gegessen hatte, eilte ich zu meiner schönen Marchesina, die ich jetzt viel mehr liebte als vor der köstlichen Nacht, die ich mit ihr verbracht hatte; ich konnte es kaum erwarten, sie zu sehen, um zu erfahren, welchen Eindruck sie auf mich machen würde, nachdem sie mich so rückhaltslos beglückt hatte. Ich fand sie noch schöner. Sie empfing mich mit dem Ton und dem Benehmen einer Geliebten, die glücklich ist, ein Recht auf das Herz ihres Geliebten erworben zu haben. Die Schöne sagte mir, sie sei sicher gewesen, daß ich sie besuchen werde; trotz der Anwesenheit ihrer Base empfing und gab sie tausend feurige Küsse, die keinen Zweifel mehr darüber ließen, wie wir uns unter vier Augen beschäftigt hatten. Ich verbrachte mit ihnen fünf Stunden, die mir sehr kurz vorkamen; so sehr verkürzt das Vergnügen die Zeit. Wenn man von Liebe spricht und sich von den eigenen Angelegenheiten unterhält, machen Eigenliebe und Gefühl dieses Thema unerschöpflich. Dieser fünfstündige Besuch am Tage nach der Hochzeit bewies mir, daß ich in meine neue Eroberung heftig verliebt war, und ich mußte zugleich meine schöne Marchesina überzeugen, daß ich ihrer Zärtlichkeit würdig war. Gräfin A. B. hatte mich brieflich eingeladen, mit ihr, ihrem Gatten und dem Marchese Triulzi zu Abend zu speisen; der Marchese hatte alle Freunde des Hauses eingeladen. Infolgedessen ging ich nicht zu Canano, der seit meinem Siege als Pierrot etwa tausend Zechinen von mir gewonnen hatte. Ich wußte, daß er sich rühmte, mich fest zu haben; ich nahm mir aber im geheimen das Gegenteil vor und womöglich noch etwas Besseres. Beim Abendessen setzte die Spanierin mir heftig zu: ich schlafe außer dem Hause, man sehe mich nur selten. Man gab sich alle Mühe, mir mein Geheimnis zu entreißen; man behauptete, meine Liebesabenteuer zu kennen. Man wußte, daß ich zuweilen bei Teresa mit Greppi speiste; über diesen machte man sich lustig, weil er die geckenhafte Äußerung getan hatte, ich hätte nichts zu bedeuten. Um meine Gedanken besser zu verbergen, sagte ich, er habe vollkommen recht und ich führe das glücklichste Leben. Am nächsten Morgen besuchte mich Barbaro, der ehrlich war wie alle Falschspieler. Er gab mir meine zweihundert Zechinen mit einer gleichen Summe als Gewinnanteil zurück, und sagte mir, er habe einen kleinen Streit mit dem Leutnant gehabt und werde deshalb nicht mehr spielen. Ich dankte ihm, daß er mich mit der schönen Marchesina bekannt gemacht habe, und sagte ihm, ich sei ganz verliebt in sie und hoffe ihre strenge Tugend noch zu besiegen. Er lächelte, lobte meine Verschwiegenheit und gab mir zu verstehen, daß er sich nicht täuschen lasse. Mir kam es aber nur darauf an, nichts einzugestehen. Gegen drei Uhr suchte ich das reizende Weib auf; ich verbrachte bei ihr, wie am Tage vorher, fünf höchst angenehme Stunden. Da Barbaro nicht mehr spielte, hatte man der Dienerschaft Befehl gegeben, zu sagen, daß niemand zu Hause sei. Da ich erklärter Liebhaber der schönen Marchesina war, sprach die Base zu mir wie zu einem Freund. Sie bat mich, so lange wie möglich in Mailand zu bleiben; dies würde nicht nur das Glück der Base verlängern, sondern auch ihr eigenes; denn ohne mich würde es ihr unmöglich sein, stundenlang mit ihrem geliebten Marchese zusammen zu sein, der sie niemals ungestört besuchen könnte, so lange sein Vater noch am Leben wäre. Sie glaubte bestimmt, daß sie seine Frau werden würde, sobald der alte Herr im Grabe läge. Ihre Hoffnungen waren eitel; denn der junge Marchese beging bald darauf Torheiten, die ihn zugrunde richteten. Am nächsten Abend kamen die fünf liebenswürdigen Menschen, statt auf den Ball zu gehen, zum Abendessen zu mir. Nach einem köstlichen Mahle überließen wir uns ohne Umstände den Freuden der Liebe. Es war eine reizende Nacht, doch wurden unsere Freuden durch den traurigen Gedanken gestört, daß mit dem Ende des Karnevals auch die Möglichkeit einer Fortsetzung aufhörte. Da am Rosenmontag kein Ball stattfand, so spielte ich; da ich nicht ein einzigesmal drei Gewinnkarten traf, so verlor ich alles Gold, das ich bei mir hatte. Ich wäre wie gewöhnlich fortgegangen, wenn nicht eine als Mann verkleidete Frau mir eine Karte gegeben und mich durch Zeichen aufgefordert hätte, auf diese zu setzen. Ich legte sie vor den Bankier und hielt hundert Zechinen auf mein Wort. Ich verlor, und um meine Schuld zurückzugewinnen, verlor ich tausend Zechinen, die ich am nächsten Tage bezahlen ließ. Als ich hinausgehen wollte, um mich bei meiner schönen Marchesina zu trösten, sah ich die Unglücksmaske in Begleitung eines anderen maskierten Mannes. Dieser trat auf mich zu, gab mir die Hand und bat mich flüsternd, ich möchte ihn um zehn Uhr in den Drei Königen in Nummer soundso aufsuchen, wenn mir die Ehre eines alten Freundes am Herzen läge. »Wer ist dieser Freund?« »Ich selber.« »Wer sind Sie?« »Das kann ich Ihnen nicht sagen.« »Ich bitte Sie, nicht auf mich zu warten; denn wenn Sie mein Freund sind, so kann nichts Sie abhalten, mir Ihren Namen zu nennen.« Ich ging hinaus, und er folgte mir, indem er mich bat, bis an das Ende der Arkaden zu gehen. Dort nahm er seine Maske ab, und ich sah jenen Croce, dessen meine Leser sich vielleicht noch erinnern. Ich wußte, daß er aus Mailand verbannt war, und ich begriff seine Gründe, warum er nicht vor anderen Leuten seinen Namen nennen wollte; aber ich wünschte mir Glück, daß ich seine Bitte, ihn in seinem Gasthof aufzusuchen, ihm abgeschlagen hatte. »Ich bin überrascht, Sie hier zu sehen«, sagte ich ihm. »Das glaube ich. Ich bin hierhergekommen, weil ich in dieser Jahreszeit maskiert ausgehen kann. Ich will meine Verwandten zur Herausgabe meines Eigentums nötigen; sie halten mich aber hin, um mir nichts geben zu müssen; denn sie sind überzeugt, daß ich aus Furcht vor dem Erkanntwerden mich entfernen muß, sobald die Fastenzeit angebrochen ist.« »Aber willst du denn in der Fastenzeit unter allen Umständen abreisen, selbst wenn du das erwartete Geld noch nicht erhalten hast?« »Ich werde wohl müssen. Da du mich nicht aufsuchen willst, so bitte ich dich, mich zu retten, indem du mir zwanzig Zechinen gibst. Dies wird mich instand setzen, Sonntag früh abzureisen, selbst wenn mein Vetter, der mir zehntausend Lire schuldet, mir den zehnten Teil, um den ich ihn gebeten habe, verweigern sollte. Aber bevor ich abreise, töte ich ihn.« »Ich habe keinen Soldo, und deine Maske da kostet mir tausend Zechinen; ich weiß noch gar nicht, wovon ich die bezahlen soll.« »Ich weiß, ich bin ein Unglücklicher, der allen seinen Freunden Unglück bringt. Ich habe ihr gesagt, sie solle dir eine Karte geben, weil ich hoffte, dadurch würde das Glück umschlagen.« »Ist das Mädchen aus Mailand?« »Nein, aus Marseille; sie ist die Tochter eines reichen Maklers. Ich habe mich in sie verliebt, habe sie verführt und zu ihrem Unglück auch entführt. Ich hatte damals viel Geld; aber ich Unglücksmensch habe in Genua alles verloren. Ich mußte dort alles verkaufen, was ich hatte, um nach Mailand zu gelangen, wo ich seit acht Tagen bin. Ich bitte dich, gib mir die Mittel, mich durch die Flucht retten zu können.« Von Mitleid gerührt, kehrte ich um und bat Canano um zwanzig Zechinen, die ich dem Unglücklichen gab, zugleich bat ich ihn, mir zu schreiben. Dieses Almosen tat mir gut; denn dadurch verschwand meine üble Laune wegen meines Verlustes, und ich konnte bei meiner schönen Marchesa einen köstlichen Abend verbringen. Am nächsten Tage speisten wir bei mir zu Abend; dann verbrachten wir den Rest der Nacht in den Armen der Liebe. Dies war am Samstag, dem letzten Tage des Mailänder Karneval. Sonntag, den ersten Fastensonntag, verbrachte ich in meinem Bett; denn ich hatte bei der Marchesa meine Kräfte völlig erschöpft und wußte, daß ein langer Schlaf mich wieder herstellen würde. Am Sonntag Morgen zu sehr früher Stunde überbrachte Clairmont mir einen Brief, den ein Lohndiener abgegeben hatte. Dieser Brief ohne Unterschrift lautete folgendermaßen: »Mein Herr, haben Sie Mitleid mit dem unglücklichsten Geschöpf unter dem Himmel. Herr de la Croix ist ganz gewiß in Verzweiflung davongegangen. Er hat mich in diesem Gasthof zurückgelassen, wo er nichts bezahlt hat. Mein Gott, was soll aus mir werden! Kommen Sie, mein Herr, ich beschwöre Sie, wäre es auch nur, um mir einen Rat zu geben.« Ich besann mich einen Augenblick. Es war weder Liebe noch Sinnlichkeit, was mich bewog, dem unglücklichen Mädchen zu Hilfe zu eilen; mich trieb nur ein Gefühl von Menschlichkeit und Tugend. Ich zog meinen Überrock an und eilte in die Drei Könige. In demselben Zimmer, wo ich Irene gesehen hatte, fand ich ein junges, schönes Mädchen mit edelsten und interessantesten Zügen. Ich glaubte auf diesen Schamhaftigkeit, Aufrichtigkeit und leidende Unschuld zu lesen. Als sie mich erblickte, ging sie mir mit bescheidenster Miene entgegen und bat mich um Verzeihung, daß sie es gewagt habe, mich zu belästigen. »Ich bitte Sie, sagen Sie der Frau, die hier im Zimmer steht, auf italienisch, daß sie gehen möge. Seit einer Stunde belästigt sie mich. Ich verstehe ihre Sprache nicht, doch habe ich verstanden, daß sie mir nützlich zu sein wünscht. Ich fühle mich jedoch nicht geneigt, ihre Hilfe anzunehmen.« »Wer hat Ihnen gesagt, daß Sie zu diesem Fräulein kommen sollen?« fragte ich das Weib. »Ein Lohndiener hat mir mitgeteilt, daß eine fremde junge Dame hier ganz allein zurückgeblieben und daß sie sehr zu bedauern sei. Die Menschlichkeit hat mich veranlaßt, sie aufzusuchen, um zu sehen, ob ich ihr irgendwie nützlich sein könnte. Ich freue mich, daß mein guter Wille überflüssig war. Ich kann nun gehen, denn ich lasse sie in guten Händen und wünsche ihr Glück dazu.« Ich sah, daß das Weib eine Kupplerin war, und antwortete ihr nur durch ein verächtliches Lächeln. Die arme Verlassene erzählte mir nun in wenigen Worten, was ich bereits wußte; sodann fügte sie noch hinzu: »Croce, der sich de Ste.- Croix nennen ließ, ging mit den zwanzig Zechinen sofort an die Spielbank; dann führte er mich nach dem Gasthof zurück und verbrachte hier in einem Zustande der Verzweiflung den ganzen nächsten Tag, weil er bei Tage nicht auszugehen wagte. Am Abend ging er mit einem maskierten Herrn aus und kehrte erst am nächsten Morgen zurück. Einige Augenblicke darauf hüllte er sich in seinen Mantel und ging aus, indem er mir sagte: wenn er nicht wiederkäme, würde er mir durch Sie Bescheid geben; zugleich gab er mir Ihre Adresse, von der ich mir erlaubte, Gebrauch zu machen. Er ist nicht wiedergekommen«, setzte sie mit einem Seufzer hinzu, »und wenn Sie ihn nicht gesehen haben, bin ich überzeugt, er ist zu Fuß und ohne einen Heller in der Tasche fortgegangen. Der Wirt verlangt Bezahlung. Wenn ich alles verkaufe, kann ich ihn befriedigen, aber großer Gott, was soll dann aus mir werden!« »Würden Sie es wagen, zü Ihrem Vater zurückzukehren?« »Ja. Gewiß werde ich dies wagen. Mein Vater wird mir verzeihen, wenn ich auf den Knien und unter Tränen ihm sage, daß ich bereit bin, mich lebendig in einem Kloster zu begraben.« »Gut! Ich werde Sie selber nach Marseille bringen; einstweilen werde ich Ihnen hier in Mailand ein Zimmer bei anständigen Leuten verschaffen. Bis zur Abreise schließen Sie sich in diesem Zimmer ein und empfangen Sie keinen Menschen; dann werde ich für Sie sorgen.« Ich rief den Wirt, der nur die sehr unbedeutende Rechnung brachte, und bezahlte, indem ich Befehl gab, man solle Madame alles liefern, was sie bis zu meiner Rückkehr etwa verlangen würde. Das arme Mädchen war stumm vor Überraschung und Dankbarkeit. Ich verließ sie, indem ich sie herzlich grüßte, ohne auch nur ihre Hand zu berühren. Nicht etwa, als ob der Teufel Eremit geworden wäre, aber ich habe stets Ehrfurcht vor dem Unglück gehabt. Ich hatte bereits an Zenobia gedacht und ging sofort zu ihr. Ich sagte ihr in Gegenwart ihres Mannes, welchen Dienst ich von ihr erhoffte, wenn sie meinem Schützling ein Eckchen geben könnte. »Ich werde ihr meinen Platz abtreten,« rief der gutmütige Schneider, »wenn sie bei meiner Frau schlafen will. Ich nehme ein kleines Zimmer hier ganz in der Nähe und bleibe dort so lange, wie das Fräulein mich bei Zenobia vertritt.« »Das ist sehr anständig von Euch, Gevatter; aber Eure Frau wird bei dem Tausch verlieren.« »Sehr wenig!« sagte Zenobia. Der Schneider lachte laut heraus und sagte: »Wegen des Essens mag sie sich einrichten, wie sie Lust hat.« »Das ist das leichteste,« sagte ich; »Zenobia wird dafür sorgen, und ich bezahle.« Ich schrieb dem jungen Mädchen zwei Zeilen, teilte ihr die getroffene Anordnung mit und beauftragte Zenobia, ihr das Briefchen zu bringen. Am nächsten Tage fand ich sie bei den guten Leuten heimisch; sie war zwar schlecht untergebracht, aber zufrieden und entzückend hübsch. Ich fühlte mich ganz vernünftig, aber ich seufzte bei dem Gedanken, wie schwer es mir fallen würde, dies auch auf der Reise zu bleiben. Ich hatte in Mailand nichts mehr zu tun, aber ich hatte mich dem Grafen gegenüber verpflichtet, vierzehn Tage mit ihm in Sant' Angelo zu verbringen. Dies war ein Lehen, das seinem Hause gehörte; es lag fünfzehn Miglien von Mailand, und der liebe Graf sprach mit Begeisterung davon. Ich hätte ihn zu sehr gekränkt, wenn ich abgereist wäre, ohne ihn dorthin zu begleiten. Er hatte einen verheirateten Bruder, der in dem Schloß wohnte, und er sagte mir unaufhörlich, wie sehr dieser Bruder sich freuen würde, meine Bekanntschaft zu machen. Sobald wir wieder in Mailand wären, möchte ich nach meinem Belieben abreisen; er würde mir für meine Gefälligkeit dankbar sein und mir gute Reise wünschen. Um die Gastfreundschaft des guten Grafen durch diese Gefälligkeit anzuerkennen, stimmte ich ihm zu. Am vierten Tage der Fastenzeit verabschiedete ich mich auf zwei Wochen von Teresa, Greppi, der zärtlichen Marchesa, und wir reisten ab. Die Gräfin hatte zu meiner großen Freude keine Lust, mitzukommen. Sie blieb viel lieber in Mailand bei Triulzi, der es ihr an nichts fehlen ließ. In drei Stunden waren wir in Sant' Angelo, wo man uns zum Mittagessen erwartet hatte.